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Virtuelles Filtermaterialdesign mit GeoDict / FilterDict

Article · January 2004

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Andreas Wiegmann
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Virtuelles Filtermaterialdesign mit GeoDict / FilterDict

Priv-Doz. Dr. Arnulf Latz und Dr. Andreas Wiegmann


Fraunhofer Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik, Kaiserslautern

Zusammenfassung

Die Entwicklung neuer Filtermedien kann durch realistische Computersimulationen erheblich


beschleunigt werden. Am Fraunhofer Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik
(ITWM) wurden dazu mathematische Modelle und Technologien entwickelt, die es
ermöglichen im Voraus --- ohne Herstellung eines Prototypen --- Filtereffizienzen,
Fraktionsabscheidgrad, Druckabfall, Standzeit und andere wichtige Filtrationsparameter, in
Abhängigkeit von der dreidimensionalen, mikroskopischen Struktur des Filtermediums und
seinen Wechselwirkungen mit Schmutzpartikeln, zu berechnen. Dadurch wird virtuelles
Materialdesign von Filtermedien Wirklichkeit.

Materialmodelle

Die mikroskopische Struktur des Filtermediums ist entscheidend für den Abscheidgrad und
die Filterstandzeit. Die Grundlage unserer Filtrationssimulation ist ein realistisches Modell
dieser Struktur. Auf der Basis von Computertomografien und weiterer Mikroskopieverfahren
wurden am ITWM Modelle entwickelt, welche die Geometrie vieler technischer Materialien
in 3 Dimensionen abbilden [1,2,3]. Von besonderem Interesse für Filteranwendungen sind
Vliesstoffe, Membranen, gesinterte Werkstoffe und ähnliche Materialien mit komplexen
Mikrostrukturen. Abb. 1 zeigt Beispiele solcher modellierten Werkstoffe. Dabei gehen als
Parameter technisch relevante mittlere Größen wie Porosität, Flächendichte, Faserdicken,
Faserform, Porenform, Porenverteilung, Porendurchmesser, Korngrößenverteilung oder
Packungsdichten ein. Auch geschichtete Materialien oder Verbundwerkstoffe (z.B. Faser-
Kugelmischungen) können leicht virtuell im Computer generiert und auf ihre Strömungs- und
Filtrationseigenschaften getestet werden.

Strömungs- und Filtrationssimulation

Ist die Mikrostruktur generiert bzw. als Tomographie gegeben, wird zunächst die Strömung
durch die Struktur berechnet. Dies erfolgt durch eine am ITWM speziell für komplexe
Mikrostrukturen entwickelte Software zur Lösung der hydrodynamischen Gleichungen [4].
Neben dem Strömungsfeld werden auch die Druckverteilung sowie Durchlässigkeiten in alle
Raumrichtungen berechnet.
Bei der Schmutzpartikelbewegung werden Trägheitseffekte, Einflüsse der Brown’schen
Bewegung der Flüssigkeit auf die Teilchen sowie Adhäsions- und Siebeffekte im Medium
berücksichtigt. Durch explizite Modellierung der Adhäsionskraft zwischen Mikrostruktur und
Teilchen, kann ein Teilchen wieder abgelöst und von der Strömung weiter transportiert
werden. Auf diese Weise werden kleine Teilchen mit großer Wahrscheinlichkeit schon beim
ersten Kontakt mit der Mikrostruktur aus der Strömung gefiltert, während große Teilchen sich
leichter ablösen können. In der Modellierung wird auch berücksichtigt, dass ein Teilchen
mehrfachen Kontakt mit dem Material gleichzeitig haben kann. Deshalb werden vor allem
große Teilchen wie in einem Sieb in der Mikrostruktur zurückgehalten. Durch Mittelung der
Simulationsergebnisse erhält man Eigenschaften wie Fraktionsabscheidgrad, Druckabfall und
Filterstandzeiten. Die detaillierte Beschreibung der Bewegung von Teilchen generiert darüber
hinaus Informationen, die nicht oder nur schwer messbar sind. So kann z.B. durch die genaue
Kenntnis der Verteilung der abgeschiedenen Teilchen im Filter ein räumlicher Eindruck des
Einflusses der Mikrostruktur auf die Filtrationseigenschafen geschaffen werden. Die daraus
gewonnen Einsichten erlauben es, neuartige Filtermedien mit optimierter Funktionalität zu
kreieren. Abb. 2 zeigt, wie sich die Filtrationseffizienz als Funktion des Partikelradius ändert
wenn bei gleicher Porosität einer Faserstruktur (Abb. 1b) erst die Anströmgeschwindigkeit
und dann die bevorzugte Orientierung der Fasern geändert wird. Die berechneten
Filtrationseffizienzen verhalten sich für die beschriebenen Änderungen wie erwartet [5].
Durch die Einfluss des Trägheitsmechanismus für große Teilchen und der
Diffusionsabscheidung für kleine Teilchen gibt es bei allen 3 Kurven ein Minimum bei dem
Teilchenradius mit der größten Eindringtiefe in den Filter. Dieses Minimum liegt bei einer
Strömungsgeschwindigkeit von ca. 4 cm/s bei etwa 0.3 µm (unterste Kurve). Es verschiebt
sich zu kleineren Radien bei Anstieg auf 60 cm/s. Die Filtrationseffizienz ist für senkrecht zur
Hauptsströmungsrichtung ausgerichtete Fasern am größten (oberste Kurve). Abb. 3 zeigt die
inhomogene Beladung eines Filtermediums, wenn die Faserstruktur bei gegebenem
Partikeldurchmesser ungünstig gewählt ist. In der Simulation kann sowohl der Druckabfall
über die Gesamtstruktur als auch der dem Experiment nicht zugängliche Druckabfall nur über
den mit Schmutz beladenen Teil des Filters berechnet werden. Diese Information ist
wesentlich, da die inhomogene Druckverteilung zu einer inhomogenen mechanischen
Belastung des Filters führt.
GeoDict und FilterDict
Große Teile der beschriebenen Innovationen sind bereits in die kommerziell erhältliche
Software GeoDict (Abb.4) eingeflossen. Mit Hilfe dieser Software können Geometrien
erzeugt und Strömungen und Druckabfälle berechnet werden. Die aus solchen Simulationen
gewonnenen richtungsabhängigen Permeabilitäten können auch als Eingabegrößen für das
Filterauslegungswerkzeug SuFiS (Suction Filter Simulator) benutzt werden. SuFiS wurde
vom ITWM für die Firma IBS Filtran entwickelt, um die Strömungseigenschaften von Filtern
einschließlich Filtergehäusen zu optimieren. Außerdem sind mechanische und akustische
Eigenschaften von Vliesen mit Hilfe der Ergebnisse aus GeoDict Simulationen berechenbar
[6]. Statische Filtrationseigenschaften, wie z.B. die Veränderung des Druckabfalls aufgrund
der homogen verteilten Einlagerung einer bekannten Schmutzmenge, kann schon in der
vorliegenden Version von GeoDict mit Hilfe des FilterDict-Static Moduls berechnet werden.
Die eigentliche Filtrationssimulationssoftware wird zur Zeit von Forschern des Fraunhofer
ITWM zusammen mit Industriepartnern zum Filtermediendesign eingesetzt. Gleichzeitig wird
durch GeoDict / FilterDict eine bedienerfreundliche Oberfläche geschaffen, die
Entwicklungsingenieuren das gesamte Potential des virtuellen Filtermaterialdesigns
zugänglich macht.

[1] J. Ohser u. F. Mücklich, “Statistical Analysis of Microstructures in Materials Science”,


John Wiley & Sons (2000)
[2] Fraunhofer Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik, Jahresberichte 2000 -
2002.
[3] „The optimal stuff“', Fraunhofer Gesellschaft Research News No.4 (2003).
[4] I. Ginzburg, P. Klein, C. Lojewski, D. Reinel-Bitzer, K. Steiner, „Parallele
Partikelcodes für industrielle Anwendungen“, Verbundprojekt im Rahmen des HPSC,
Abschlussbericht, ITWM Kaiserslautern, März 2001.
[5] R.C. Brown, “Air Filtration, An Integrated approach to the Theory and Application of
Fibrous Filters”, Pergamon Press, Oxford (1993).
[6] U. Hornfeck, “Simulation of acoustic properties of textile materials”, Technical
Textiles Vol 46, August 2003.
Abb. 1: Beispiele für Mikrostrukturmodelle. Von rechts nach links: Nickelschaum, Stapelvlies
mit Schmutzteilchen, Membran.
Abb2: Filtrationseffizienzen für
3 verschiedene physikalische
Bedingungen. Alle Kurven sind
für gleiche Porosität und gleiche
Faserdicke. Die grüne Kurve ist
für Strömungsgeschwindigkeit v
= 4 cm/s. Die blaue und rote
Kurve für v = 60 cm/s. Die
Fasern sind in der blauen Kurve
bevorzugt parallel bzw. für die
rote Kurve senkrecht zur
Strömung orientiert.

Abb3. : Endzustand einer Verschmutzungssimulation.


Faserdurchmesser und Teilchendurchmesser sind 6 bzw. 12
µm. Der Feststoffanteil (Schmutz und Fasern) beträgt 19%

Abb4.: Schnappschuss der


GeoDict Benutzeroberfläche

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