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Geschichte der prähistorischen Forschung

Author(s): Ernst Wähle


Source: Anthropos, Bd. 45, H. 4./6. (Jul. - Dec., 1950), pp. 497-538
Published by: Anthropos Institut
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40449326
Accessed: 02-12-2015 21:03 UTC

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Geschichteder prähistorischen
Forschung.
Von Ernst Wähle.

Inhalt :
Vorbemerkung.
Einleitung.
I. Aus Stoffund Fragestellung wird ein selbständiges Arbeitsgebiet.
1. OberirdischsichtbarerNachlaß wird beobachtet.
2. Dieser Nachlaß ist noch wesentlich umfangreicherals heute.
3. Doch regt zunächst nur das Besondere zum Nachdenken an.
4. Dem Streben nach seiner Nutzung stehen entgegen:
a) Bücherwissenund Wortgläubigkeit.
b) das Fehlen des kritischenDenkens.
c) das Fehlen der Erinnerungan die Frühzeit.
5. Die Aussagekraftder Funde deutet sich durch die Urnengräberan.
6. Auf diesen Fundstoffwerden angewendet
a) völkerkundlicherVergleich und erdachter Urzustand.
b) die antike Vorstellungvon den drei Perioden.
c) Völkertafelund Standesgliederungnach den Schriftquellen.
d) die verschiedenenBewertungender Vergangenheit.
7. Der Anteil der verschiedenenNationen an dieser Arbeit.
8. Das selbständige Arbeitsgebiet.
II. Die Prähistorieunter dem Einfluß der Romantik.
1. Ursache und Wirkung.
a) Voraussetzungen.
b) die Nutzbarmachungdes Uralt-Monumentalenin der Kunst.
c) die Altertümerstellen eine nationale Aufgabe.
d) die einzelnen Nationen fassen die Aufgabe verschiedenan.
e) die gesellschaftlicheGrundlage der Arbeit.
/) das Forschungsgebietin Raum und Zeit.
2. Die Methode
a) gebunden durch das Nachklingen religiöserDeutungen.
b) gehindertdurch die Phantasie.
c) Umfang, Beobachtung, Deutung und Ordnung des Stoffes,
3. Die Probleme der Fundprovinzen.
a) ihre räumliche Abgrenzung.
b) die Frage der Stände.
c) die ethnische Deutung.
d) die zeitliche Abfolge.
<x)im nordischenKreis.
ß) in Süddeutschland, Frankreich und England.
e) die absolute Chronologie.
4. Das Ergebnis.

(i)
XLV. 1950.
Anthropoß 32

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III. Die Prähistoriedes naturwissenschaftlichen Zeitalters.


1. Die geologische Tiefe der Frühzeit und das Problem der Entwicklung.
a) paläolithische Funde und Muschelhaufen.
b) der Anschluß der Prähistorie an die Naturwissenschaften.
oc)die Entwicklungslehrenimmt von der PrähistorieBesitz.
ß) die typologischeMethode.
y) die Erweiterung der Quellengrundlage und ihre naturwissenschaftliche
Analyse.
2. Aufbau der neuen Plattform.
a) Die Ausweitungdes Arbeitsgebietesin Raum und Zeit,
oc)allgemein.
ß) die Einordnung überseeischerBeobachtungen in das bekannte Schema.
y) die Forschung greiftvom Norden nach dem Orient.
8) sie geht weiter von Vorderasien bis nach China.
e) selbständige Entwicklungen in Rußland, Sibirien und den Vereinigten
Staaten.
b) die neuen Forschungsorganisationen.
c) die personelle Grundlage der Arbeit.
3. Die Forschungsinhalte.
a) relative Chronologieund Fundprovinzenin Nord- und Mitteleuropa.
b) die Herkunftder Kulturgüter.
c) die relative Chronologieaußerhalb des Gebietes ihrer Entstehung.
d) die absolute Chronologie.
e) Kulturgüterund natürliche Daseinsbedingungen.
4. Auffassungund Darstellung der menschlichenFrühzeit.
a) Boucher de Perthes und Sven Nilsson als Vorläufer.
b) die kulturgeschichtlich-materialistische
Darstellung.
5. Das Ergebnis.
IV. Die Hervorkehrungdes historischenGesichtspunktes.
1. Die Verselbständigungder Prähistorie.
a) die leitenden Gedanken.
oc)die landesgeschichtlicheFragestellung,
ß) die frühgeschichtlicheEthnographie.
Y) das Zeitalter des Nationalstaates.
b) die Träger und Räume dieser Entwicklung.
2. Die Frage nach den gestaltenden Kräften.
a) Kulturprovinzund Volk.
b) der handelnde Mensch.
oc)die Überwindungdes Denkens in Kategorien.
ß) die Ermittlungdes historischMöglichen.
Y) die Herausstellung der Lebenskraft.
3. Die Bewertung der Frühzeit.
a) als Einleitung der nationalen Geschichte.
oc)im Sinne eines in sich ruhenden Patriotismus.
ß) unter dem Gesichtswinkeldes betonten Patriotismus.
Y) hineingezogenin den Kampf um die politischen Grenzen.
8) im Dienste des Nationalismus.
b) von der Antike her.
4. Die Form der Darstellung.
5. Das Ergebnis.
Ausblick.
Auswahl der Literatur.

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Vorbemerkung.
Der Arbeitliegt ein Vortragzugrunde,den ich am 6. 3. 1943 vor der
Philosophisch-historischen Klasse der HeidelbergerAkademie der Wissen-
schaftengehaltenhabe (Deutsche Literaturzeitung 1944, Sp. 28 f.). Die
weitereBeschäftigungmit dem Thema in der Folgezeit ist insbesondere
seinerAusgestaltung in den Einzelheitenzugute gekommen.Zugleichaber
wurdendie treibendenKräfte derjenigenEntwicklungschärferumrissen,
welchedenGegenstand desviertenKapitelsbildet,undes ergabsichimZusam-
menhang hiermit die Notwendigkeit, den „Ausblick"etwasanderszu gestalten.
In der nunmehrvorgelegtenDarstellungsind die Ergebnisseeiner
längerenArbeitan demThema zusammengefaßt, das von 1924 an wiederholt
der GegenstandeigenerVorträgeund Vorlesungenwar, einen literarischen
Niederschlag bisherjedoch nur in der BehandlungeinigerTeilgebietegefun-
den hat. Was ich von diesen älterenFormulierungen heute noch aufrecht
erhaltenkann, ist in die Arbeit aufgenommen.
Ich war überallbestrebt,mich auf die primärenQuellenzu gründen,
und hoffesehr,daß die Darstellungdies ebenso zu erkennengibt wie den
Versuch,die jeweiligenAnschauungen und Interessenaus ihrerZeit heraus
zu verstehen.Bei der Gestaltungdes so gewonnenen Stoffeswollteich zum
Ausdruckbringen,daß die großengeistigenStrömungen das Interesseauch
an der Prähistoriemitbestimmen, und daß umgekehrt die Ergebnissedieser
Wissenschaft in derLage sind,in gewissemUmfangdie Formungeinesneuen
Weltbildeszu beeinflussen.
MitderZusammenstellung einigerLiteratur(sieheam SchlußderArbeit)
entsprecheich gerneeinemausdrücklichen Wunscheder Schriftleitung. Die
Titel sollen dem die Möglichkeitdes Eindringensin das Stoffgebiet geben,
der in der ArbeitBelege oder Fußnotenvermißt. Die zu dem Thema bis
heutevorliegenden Untersuchungen entspringen zumeisteinernur gelegent-
lichenBeschäftigung mit der Geschichte der Forschung; auch sind sie viel-
fachgeleitetvon dem Streben,in der älterenLiteraturbrauchbarearchäo-
logischeTatbeständezu finden. So beurteilensie die Leistungder Ver-
gangenheitgewöhnlichunterdem Gesichtswinkel des heutigenStandes der
Erkenntnis. Trotzdem war es relativleicht,aus diesem sehrungleichwertigen
Schrifttum eine Reihe von Titelnauszuwählen, in der sich sowohlder Kreis
der an dieserAufgabebesondersInteressierten, wie auch die in Betracht
kommenden Stoffgebiete spiegeln. Es bedarf wohl kaum des Hinweises,daß
die Liste dieser Arbeiten,welche einzelnen Räumen und Stoffgebieten
gewidmetsind, wesentlichvergrößertwerden könnte,und daß auch an
Biographienund Darstellungendes Werdensder verschiedenen Forschungs-
einrichtungen noch vieles andere vorliegt, das aus Mangel an Raum hier
nichtgenanntwird. Doch denke ich, daß die Zusammenstellung trotzdem
ein Bild der auf diesemGebietegeleistetenArbeitgibt.
Es findenja in ihmauch derGangderForschungund die Eigenständig-
keit der Prähistorieselbst ihrenAusdruck. Eine Geschichtedieses Faches

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kann nur dort geschrieben werden,wo eine solchebereitsvorliegt,und wo


mansichdiesesWerdeganges bewußtist. So ergibtsichaus derBeschäftigung
mit älterenPeriodender Forschungder Tatbestandeiner gewissenReife,
welche das Fach erreichthat. Betrachtetman die Liste unter diesem
Gesichtswinkel, dannzeigtes sich,daß nureinebegrenzteReihevon Nationen
in ihr vertreten ist, und daß diesenforschungsgeschichtlichen
Studienledig-
lich in Skandinavienund Deutschlandeine nennenswerte Aufmerksamkeit
gewidmetwird. Zugleichaber geht aus der Zusammenstellung hervor,daß
diese Aufgabeschon seit Jahrzehnten zu lockenvermag,und daß die Prä-
historikerganz von sich aus begonnenhaben, sie in Angriff zu nehmen.
Die frühgeschichtliche Forschung wird gerneals einejunge Wissenschaft
bezeichnet,und selbstetlicheihrerVertreter bekennensich nichtseltenzu
dieserVorstellung.Tatsächlichaber zeigt das StudiumihresEntwicklungs-
ganges, daß sie in bestimmtenRäumen schon auf eine lange Geschichte
zurückblickt, die sichmitderjenigen andererWissenschaften durchausmessen
kann. Nicht minderwichtigaber dürftedie Selbständigkeit dieses Wachs-
tums sein, das, auf die besondereNatur <JerQuellen gegründet,zu einem
eigenenZweigean demBaume der geschichtlichen Wissenschaften führt.So
unterstreicht die Literaturübersicht noch einmal das Ergebnisder ganzen
Untersuchung.
Sie ist in DankbarkeitmeinentreuenWegbegleitern in schwererZeit
gewidmet. E. W.

Einleitung.
Unter Frühgeschichtswissenschaft (Prähistorie)ist die Beschäftigung
mit derjenigenMenschheitzu verstehen,welcheihreGeschehnisse entweder
gar nichtoder in nur geringemAusmaß vermittels schriftlicherDokumente
festhält.Ihr Arbeitsgebiet beginntim Grenzbereich gegendie Paläontologie
mitden ältestenZeugnissendes Menschenwie seinerWerktätigkeit. Es endet
dort, wo die Schriftquellenden Aufbau eines selbständigen Bildes der Ver-
gangenheitgestatten. Demgemäß liegt diese Grenze im vorderen Orient
wesentlichfrüherals in Europa, und innerhalbdiesesletzterenErdteilsauch
wiedersehrverschieden ; in seinemNordenverharrtder Menschviel länger
in frühgeschichtlichen
Zuständenals etwa am Rhein oder gar in Griechen-
land. Viele außereuropäische Länder, ja, ganze Erdteiletretenerstmit der
Europäisierung der Erde in das Blickfeldder Geschichtswissenschaft, und es
gibt dortGebiete,derenBewohnernoch heuteunterfrühgeschichtlichen Zu-
ständenleben.
Nirgendwoauf der Erde setzen die Schriftquellen unvermittelt ein oder
gestattenvon einem bestimmten Zeitpunkt an eine geschlossene Vorstellung
derGeschehnisse.Indemsie zunächstspärlichfließen, kommthiereineGrenz-
zone fürdie BetätigungbeiderWissenschaften zustande,die in den einzelnen
Teilender Erde eine Zeitspannevon wechselnder Größeumfaßt.Die schrift-
lichenZeugnisseüberdie merowingische Weltwie diejenigeetwaderWikinger
bedürfendringendder Ergänzungdurch den Fundstoff ; in Ägyptensowohl

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wie im AltenOrientbietendie in Stein gehauenenoderin Ton eingegrabenen


Texte ein Gerüstder auf die Altertümer gegründeten Forschung.
Hieraus ergebensich die Beziehungender Frühgeschichtswissenschaft
zur Geschichtedes Mittelalters und der Antike,des nahen wie des fernen
Orients,und weiterzur Ethnologie.Diese letzteregehtaus von den Rassen,
Sprachenund Sachen der Gegenwart,und ist als historischeVölkerkunde
bestrebt,das räumlicheNebeneinanderder verschiedenen Erscheinungen in
ein zeitlichesNacheinanderaufzulösen. In den Bereichen der altamerika-
nischenKulturendrangsie erstmalsin die Tiefeder Vergangenheit ein, und
heute sieht sie sich in zunehmendem Maße dazu veranlaßt,vermittelsder
archäologischen Beobachtungdie historischeDeutungdes Bildes der Gegen-
wartzu vertiefen.Da anderseitsdas Studiumder sogen.Naturvölkerviele
Einblickebesondersin das gesellschaftliche und geistigeLeben bietet,welche
der Archäologieversagtsind,so wirdder soziologische Zweigder Ethnologie
fürdie Prähistorieimmernotwendiger.In Richtungauf das ihnengemein-
same letzte Ziel, eine Weltgeschichte der menschlichen Frühzeit,hin, wer-
den sich beide Wissenschaften im Laufe ihrerweiterenEntwicklungimmer
näher kommen.
Zusammenmit der messendenAnthropologie ist die Frühgeschichte
bald nach der Mittedes 19. Jahrhunderts schoneinmaleine Verbindung mit
der Völkerkunde eingegangen. Die anthropologischen Vereinigungen, welche
Anthropologie im engerenSinne,Ethnologieund Urgeschichte gleichermaßen
pflegten, sind Jahrzehnte hindurch wichtigeTräger dieser Wissenschaften
gewesen.Da sich diese letzterenaber auf die Betrachtungsweisen des natur-
wissenschaftlichen Zeitaltersgründeten, so genügtensie auf die Dauer nicht
hinsichtlichihrergeschichtlichenFragestellung.In derBezeichnung derFrüh-
geschichteals Palethnologie, wie sie in den romanischen Ländernseit dieser
Zeit begegnet,findetdie Vorstellung ihrerengenBeziehungzur Völkerkunde
lebendigenAusdruck. Aber erst heute kommendie beiden Disziplinenauf
derangedeuteten neuenGrundlagezusammen,währendbei den Angelsachsen
und im romanischen Kulturkreisedie Anthropologie mehrnoch im Stile der
alten Vereinigungen betriebenwird.
Die Selbständigkeitder Frühgeschichtswissenschaft gegenüberden
anderenTeilgebietender Historie folgtaus der BesonderheitihrerQuellen.
Diese bestehenin Sachaltertümern, welchevermittels eigener,undzwararchäo-
logischerMethodenzum Sprechengebrachtwerden. Es handeltsich hier
im wesentlichen um Grabbeigaben> Siedelungsreste und Schätze,die einstder
Erde anvertrautwordensind,bzw. in ihr oder oberirdisch die Einflüsseder
Verwitterung überstanden haben. Eine solche Auswahl von Zeugnissendes
Lebensund Denkensder frühgeschichtlichen Vergangenheit also von ganz
ist
zufälligerNatur. Diesem Nachlaß fehltdie Subjektivitätder Schriftquelle,
aber die Grenzenseinergeschichtlichen Aussagekraft sind deshalbdoch nicht
minderklar. Niemals war ihm die Aufgabezugedacht,der Nachwelteine
Kunde zu übermitteln.Einheitlichist dieserheterogeneStoffallein unter
dem Gesichtspunkt, daß seineehemaligenBesitzerihn nichtzur Verwendung
durchuns Nachfahrenbestimmthaben.

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Ein weiterer wesentlicher Unterschied gegenüber der andernGeschichts-


wissenschaft ergibt sich daraus, daß der Fundnachlaß nur sehr selten die
Ermittelung eines handelnden Menschen gestattet, und daß selbst diesem
Bilde der Einzelgestaltdie persönliche Note fehlt, indem allein die Leistung,
nichtaber das Ringenum sie in den Funden begegnet.Ansonstenist der
MenschhierlediglichGliedeinesin Zuständenverharrenden Kollektivs,und
es bedarfeinerbesonderenBetrachtungsweise, um aus seinemNachlaß die
treibendenKräftedes geschichtlichen Lebens herauszulesen.
Da die Methodeder Frühgeschichtswissenschaft die archäologische ist,
so wird diese Disziplin mitunterals ein TeilgebietderjenigenArchäologie
angesprochen, welchezuerstan den Denkmälerndes klassischenAltertums
herangebildet worden sei, und sich von hier aus auf benachbarteBezirke
ausgebreitet habe. Aber es gibtim internationalen Sprachgebrauch nebender
als „klassisch"gekennzeichneten nochvieleandere,selbständige Archäologien,
welcheauf Religionenund Völker,einzelneZeitabschnitte, Kulturgebiete und
geographische Räume bezogen werden. Hieraus erhellt,daß das Wesen der
Archäologie nicht in der wissenschaftlichen Fragestellung, sondern in der Art
derQuellenund damitderMethodebegründet ist. Es hat einefrühgeschicht-
licheArchäologieschonlange vor der Zeit gegeben,da die ursprünglich nur
als Kunstwissenschaft betriebeneklassischeArchäologiebegann,sich auch
dem schlichteren Nachlaß des Altertumszuzuwenden.
Der selbständige Ursprungder Frühgeschichtswissenschaft kommtauch
darinzumAusdruck, daß mannursehrseltenvoneinervor-oderfrühgeschicht-
lichenArchäologiespricht*Ihre bevorzugtin GebrauchgewesenenBezeich-
nungenUrgeschichte und Vorgeschichte (Prähistorie) zeigendas Strebennach
Anschlußan die übrigeGeschichte.Infolgeder fortgesetzten Mehrungdes
Fundstoffes gewinnt das Bild der vor den SchriftquellenliegendenGeschichte
der Menschheitan Leben ; auch trittdas historische Ziel langsamin greif-
bare Nähe. So erscheint es besser,anstattvon Vorgeschichte jetzt von Früh-
geschichte zu reden. Doch hält sich neben dieser letzteren Bezeichnung
mancherortsder Begriffder Urgeschichte, welchersich nunmehrauf die
ältesten Zeitabschnittebeschränkt.Was die einen als Ur- und Frühge-
schichtebenennen,ist für die anderenin dem einen Wort Frühgeschichte
zusammengefaßt.
Die GeschichtedieserDisziplinkannin viergroßeAbschnitte gegliedert
werden,welche zum Teil internationalenStrömungendes Geisteslebens
parallelgehen. Die erstePeriodestelltinsofern eine solcheder Vorbereitung
dar, als sie noch kein eigeneshistorisches Ziel vor sich hat. Aber ohne ihre
Arbeit,welchein der Fühlungnahme mit dem Stoffund seinerEinordnung
in das von den Schriftquellen geboteneBild besteht,ist die zweite nicht
denkbar,die sich aus der romantischen Bewegungergibt.Dank planmäßiger
Vermehrung der Funde vermagsie diese im Sinne einesgeschichtlichen Ab-
laufeszu ordnen,und greiftsie zu diesemZweckbesondersnach der antiken
Vorstellung der dreiPeriodenStein-,Bronze-und Eisenzeit. Damit bestätigt
sich der selbständigehistorische Quellenwert diesesMaterials,auch wennzu-
nächstnochnichtdie Möglichkeit gegebenist,ihn mit eigenenMethodenzu

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bearbeiten.Sodann schafftdieserZeitabschnittaus seinerBegeisterungfür


die von ihm so genannteVorzeitund aus seinerOpferwilligkeit herauseine
organisatorische Grundlage der Arbeit, welche in späterer Zeit zur vollen
Auswirkung kommt.Die drittePeriodefälltnichtzufälligmit dem natur-
wissenschaftlichen Zeitalterzusammen. Man überträgtdie Vorstellungvon
derallmählichen Entwicklung derOrganismen aufden Fundstoff, und kommt
so zu der formen vergleichenden Methode, welche nicht nur das Dreiperioden-
systembeweist,sondernauch ein weitläufiges Gerüstdes Nacheinanders und
Nebeneinanders der Fundtypenaufbaut. Jetztist die zeitlicheTiefe eines
Werdegangeserkannt,der den Menschenvon körperlicher Primitivitätund
geistigerRoheit zu dem vollkommenen Zustand der Gegenwartaufsteigen
läßt. In der kulturgeschichtlichen DarstellungdieserZeit spiegeltsich der
Materialismuswider. Der vierte Abschnittdieses Werdegangeskehrtdie
geschichtliche Fragestellungwieder hervor. Man identifiziert die Kultur-
provinzen mit bestimmten ethnischen Einheiten, und sucht weiterhinnach
ihrenLebensäußerungen. So ist die Typologie der Funde jetzt nur mehr die
Voraussetzung zur Ermittelung einerDynamik. Die Prähistorielöst sich aus
ihrernaturwissenschaftlichen, auf die ErkenntniseinerGesetzmäßigkeit der
Entwicklung abzielenden Umklammerung. Noch bevor dies aber geschieht,
wirdsie zur Waffein dem Kampfder Nationalitäten.Hier kommtauch die
Darstellungder Frühzeitzum Einsatz,die jetzt im übrigensehrverschiedene
Formen annimmt,und in einer kausalen Auffassungdes archäologischen
Stoffesgipfelt.Ein neuerAbschnittdeutetsichheutemitder Einflußnahme
dervergleichenden Völkerkunde an, die in denletztenJahrzehnten ihreeigenen
Methodenherangebildet hat und jetzt eine Prähistorie zu ergänzenvermag,
welcherin zunehmendem Maße die Grabungsergebnisse aus Überseezur Ver-
fügungstehen.
Das heutigeBild der frühgeschichtlichen Menschheitist ein Ergebnis
der abendländischen Wissenschaft. Die Völker Europas sind in sehr ver-
schiedenemAusmaß an ihm beteiligt, einzelne so gut wie gar nicht,andere
in besonderemUmfang. Urzeitund Frühzeitkönnenim Bildungslebender
Nationeneine großeRolle spielen,müssenes aber nicht. Wohl drängtsich
frühgeschichtlicher Fundstofffast überall dem kritischenBeobachterauf,
ohne daß er erstlange nach ihm suchenmuß ; vielerortsaber begnügtman
sich mit den Tatbeständenund der musealenBehandlungder Objekte. An
der Verarbeitung des Materialsim Sinne des skizziertenWerdegangeshat
wedef der Süden, noch der OstenEuropas teilgenommen ; die entscheidenden
Beiträge kommen aus den skandinavischen Ländern und Deutschland,denen
sich zeitweiligFrankreichund England zur Seite stellen. Sie werdenin
zwischenstaatlichem Zusammenwirken zu einer allgemeinenLinie der Ent-
wicklungzusammengefügt, und den an dieserArbeitwenigeroder gar nicht
beteiligten Nationen weitergegeben.

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I. Aus Stoffund Fragestellungwird ein selbständigesArbeitsgebiet.


1. OberirdischsichtbarerNachlaß wird beobachtet

Der Nachlaß der frühgeschichtlichen Vergangenheit hat zum Unter-


schied von der schriftlichen Aufzeichnung nicht die Aufgabe,irgendwelche
Geschehnisse festzuhalten.Die Erkenntnis, daß man ihn trotzdemals histo-
rischesZeugnisverwendenkann, ist das Ergebniseinerlangen,sich über
mehrereJahrhunderte erstreckenden Beschäftigung mit ihm.
Ein Teil dieses Stoffessteht, oberirdischsichtbar,demjenigenohne
weitereszur Verfügung, dermitoffenem AugeüberLand gehtund das Beob-
achtetein geschichtlichem Sinn zu verarbeitentrachtet.Er bietetsich vor
den Toren der Universitätsstädte dar, und trittdamit in den Gesichtskreis
derjenigen historischen Bestrebungen, welcheaus humanistischen Antrieben
erwachsen.Ein megalithisches Denkmalnahe Poitiers,La pierrelevéegenannt,
findetgegen 1530 das Interessevon Rabelais. Der Rechtslehrer Conring
in Helmstedt(Braunschweig)behandelt1665 ausführlich die Lübbensteine,
welchein Sichtweiteder Stadt liegen und den Rest von zwei neolithischen
Grabkammern darstellen.Wer in Upsala über ältereschwedischeGeschichte
schreibt, vergißtnichtdie Erwähnungder Mora stenarwie der großen
der
Grabhügelin dem nahenAlt-Upsala,des durchRunen-und Wappensteine
angezeigten Platzes deraltenKönigswahlwie derBegräbnisstätten dersagen-
haftenfrühgeschichtlichen Könige des Landes ; schon Olaus Magnus flicht
$ie in seineHistoriaseptentrionalis von 1555 mit ein,und auf den bildlichen
Wiedergabender Mora stenaraus dem 17. Jahrhundert schließtdas Land-
schaftsbild mit den Türmender Universitätsstadt und den drei Hügelnvon
Alt-Upsalaim Hintergrunde ab.
Denkmaledieserund ähnlicherArtkönnennun'auch anderwärts beob-
achtetwerden,und es ist fernerdie Möglichkeit gegeben, daß die Gedanken
über sie einen literarischen Niederschlagfinden. Zu den Großsteingräbern
undsonstigen megalithischen Monumenten gesellensichdie Erdwerke.Bereits
im Jahre1630 wird auf der Insel öland ein Ringwallvermessenund auf-
gezeichnet ; schonvorher(1599) begegnetdie Wittekindsburg bei Osnabrück
in einerlandesgeschichtlichen Darstellung. Camden bringt in seiner Britannia,
also am Ausgangdes 16. Jahrhunderts, die drei Hurlers,d.h. die bedeu-
tendsteGruppevon Steinkreisen im östlichenCornwall; der in Oxfordtätige
WalliserAntiquarLlwyd gibt um 1700 die erste Kunde von dem großen
Grabhügelbei New Grangein Irland, den er auf einer Reise besuchthat.
In das Blickfeldeinesanderengelehrten Wandererskommtbereitsim 16. Jahr-
hundertein slawischesBildwerk,welchesin das Gotteshausvon Altenkirchen
auf Rügen eingemauertist, und damit Eingang in die Literaturfindet.
Neben Ermittelungen solcherArt trittdie Auffindung von Kleinalter-
tümern, unter denen Steinbeile und Tongefäße auf lange Zeit hinaus die
wichtigsten sind. Auch sie begegnendem Menschen,ohne daß er planmäßig
nach ihnen suchen muß. Zufallsfundevon Steingerätenwie Urnengräbern

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werdenschon im 16. Jahrhundert so oft gemacht,daß sie, wenigstensin


Nord-und Ostdeutschland, beginnen,einen feststehenden Begriffzu bilden.
Und da bei einem Urnengrabegewöhnlichweitereliegen,so ist hier dem
Grabungseifer ein bequemerWeg gewiesen. Auf solcheArt hat auch der als
SammlerbekannteKaiser RudolfII. um 1600 einigesMaterialin Schlesien
zusammenbekommen .
Wie diese frühgeschichtlichenDenkmäler,so tretenauch diejenigendes
klassischenAltertums dem suchendenAuge vielerorts bequementgegen.Aus
derVerbreitung dieseroberirdischerhaltenenBauten und Ruinenergibtsich
die Ausdehnungdes RömischenReiches; sind sie doch am Rhein und in
England genau so zu findenwie etwa in Gallien und Italien. Sie werden,
ihrerMenge entsprechend und als Zeugnisse einer Glanzzeitmenschlicher
Geschichte, der GegenstandeinesbesonderenInteresses,das in allen Ländern
seine eifrigenDiener findet.Als Beispiel für sie sei der JesuitAlexander
Wiltheim genannt,der im 17. Jahrhundert im Luxemburgischen fast alle
Zweige der Archäologiepflegte,
provinzial-römischen und dessenhandschrift-
licher,mit Ansichtsskizzen ausgestatteterNachlaß heute eine Fundgrube
erstenRanges darstellt.

als heute.
2. DieserNachlaß ist noch wesentlichumfangreicher

Denn dieserStoff,der neben den Schriftquellen langsameitienPlatz


gewinnt und immer häufigerin der Literatur begegnet,ist noch in wesent-
lich größeremUmfangvorhandenals heute. Die Industrialisierung hat noch
nichtbegonnen,und die landwirtschaftliche Nutzung des damaligenEuropas
wirdvielerorts rechtextensivbetrieben.So erscheintder Bestand an Denk-
mälernverhältnismäßig unversehrtund verdichtetsich mancherorts, wie
in der Bretagneoder der LüneburgerHeide, zu dem eindrucksvollen Bruch-
stückeinerfrühgeschichtlichenKulturlandschaft. NatürlichhabendieBauten
der Antikedas ganze Mittelalterhindurchals Steinbruch gedient; aber auch
sie sindnochin vielgrößererZahl vorhandenals in unserenTagen. Zu diesem
Stoff,der wedermühseligausgegrabennochlangwierig gesuchtwerdenmuß,
geselltsich,nicht minderbequem greifbar, das Materialvolkskundlicher Art.
In den urtümlichen Zuständendes Landvolkesist die Frühzeitbis in die
Gegenwart hineinlebendig,undselbstderintimeBereichdes geistigenLebens,
der den Angriffen Eifererstetsbesondersausgesetztwar,hat sich
kirchlicher
bis zu einemgewissenGrade erhalten.
In dieselbenJahrhunderte, welchedurchdie stetigeZunahmedes Inter-
esses an den frühgeschichtlichen Überrestengekennzeichnet sind, fälltnun
aber auch ihrstarkerVerlust. Wohl verdichtetsich die Erkenntnisvon der
Bedeutungdieses Stoffesim Laufe der Zeit zu verschiedenen Maßnahmen,
welchein den heutigenGesetzenzum Denkmalschutzgipfeln.Doch erweisen
sich wirtschaftlicheEntwicklungund langsameVerstädterung des flachen
Landes langeZeit hindurchals die mächtigeren Faktoren. Neben ihnendarf
auch nichtdie Wirksamkeit der natürlichenKräftevergessenwerden.
und genau so wie sie
An den Bauten aus Stein zehrtder Spaltenfrost,

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unterliegen auch die megalithischen Denkmaleden Gesetzender Mechanik.


Stükeley hat die Anlagevon Stonehengevor zwei Jahrhunderten noch in
anderemZustandgesehenals wirHeutigen; viele Großsteingräber sind „von
selbst" zusammengestürzt. Der eine der beiden römischenLeuchttürme,
welche den Hafen von Dover flankierten, fiel im 18. Jahrhundert in sich
zusammen,obwohl er sich noch als , ein recht stattlichesBauwerk dar-
gebotenhatte.
Eine zuverlässigeÜbersichtüber die Großsteingräber des Kreises
Ülzen (Hannover),in dem heute noch 14 Bauten dieserArt liegen,weist
fürdas Jahr 1846 nichtwenigerals 129 vollständigerhalteneund minde-
stens90 weiterein beschädigtem Zustandenach. In dem an Steinenarmen
Gebiethat man gernezu ihnengegriffen, wennes galt, Häuser zu fundieren
und Wege zu verbessern.Aberauch anderwärts ist die megalithische Anlage
eine beliebte Rohstoffquelle; steht sie doch heute zumeist nur noch in
unvollständigem Zustande vor uns. Ein Teil der Barbarathermen in Trier,
der erhaltenwar und sogar ein Bild von der ehemaligenGestaltungihrer
Fassade bot, wurde 1610 abgetragen,um als Baumaterialfürdas Jesuiten-
kolleg zu dienen. Und in Bordeaux hat man noch 1677 einen fast voll-
ständigerhaltenenrömischen Tempelniedergelegt, weil er einerVerstärkung
der Stadtbefestigung im Wege stand; dabei wußte diese Zeit, daß sie einen
der prächtigstenRömerbautenauf französischem Boden vor sich hatte,
und veranstaltetedeshalb noch eine maßstäblicheAufnahmevon ihm.
Auch die Intensivierungdes Anbaueshat viel vernichtet.Ursprünglich
warendie künstlichen Aufwürfe geschontworden,und man hattedie römer-
zeitlichenBautrümmergemieden. Späterhinaber werdendie letzterenab-
gebrochenund ihrePlätze zu Ackerlandgemacht. Auch ebnetman größere
Hügel, sowie Landwehrenund Ringwälleein, verwendetihr Materialals
Dungerde,und führtüber die kleinerenHügel den Pflug.
Die Mitteilung, daß um 1600 in Dalarne noch in Runen geschrieben
wurde,betrifft offenbarnureinenvereinzelten Fall ; aber zur Zeit des Olaus
Magnus um 1550 scheintman sieh in Schwedennoch vielerortsdaraufver-
standenzu haben, die von alters her in den Haushaltungenvorhandenen
Runenkalenderzu benutzen. Jedenfallshat damals für die gelehrteWelt
noch die Möglichkeitbestanden,das Lesen der Runen bei den ländlichen
Hüternder Überlieferung zu erlernen.AufgleicheArtwar schongegenAus-
gang des 14. Jahrhunderts die Kenntnisder Ogham-Schrift in dem spät-
keltischenRaum derBritischenInselnfestgehalten worden,und konntedort
J. Macpherson noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Denkmäler
gälischerDichtkunst aus dem Munde des Volkes unmittelbar entgegennehmen.

3. Doch regtzunächstnur das Besonderezum Nachdenkenan.

An vielenStellenunseresErdteils,undnichtnurin seinenRandgebieten,
warman also vorzweibis dreiJahrhunderten demAltertumnochverhältnis-
mäßig nahe. Doch darf hierüber nicht vergessenwerden,daß es für die
Menschenjener Zeit ein Stück ihrergewohntenUmweltbildeteund somit

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Geschichte der prähistorischenForschung. 507

nur sehrlangsamzum Gegenstandder Aufmerksamkeit werdenkonnte. So


verstehtman, wennzunächstnur das Besondereanregendwirkte,und von
ihm aus die Verbindungzu den frühenSchriftquellen gesuchtwurde.
In den Urnengräbern bestätigtsich die bei Tacitus erwähnte,der
eigenenVorstellungswelt aber fremdeSitte der Leichenverbrennung. Der im
Jahre 1620 nahe bei Xanten am Niederrhein gefundene Grabstein des
Marcus Caelius fällt nicht nur wegen seiner Größe und etlicherEinzel-
heitenauf,dennder hierinschriftlich begegnendeOffizier der XVIII. Legion
damiteinEreignisderdeutschenFrüh-
„ceciditbelloVariano",und illustriert
zeit, von dem die patriotischeDichtungbereitsBesitz ergriffen hat.
NebenBeobachtungen dieserArt,welche"dieAussagederSchriftquellen
bestätigen,tretenbald solche,die sie irgendwieerweitern.In den Funda-
mentenvon Notre Dame kommt1711 ein Reliefzutage, das in Bild und
Schriftein bis dahin unbekanntesElement der einheimischen Götterwelt
bietet. UnterderBezeichnungCernunnoszeigtes einenibärtigen, mit einem
Hirschgeweih Menschenkopf
ausgestatteten ; die Anbringung*je einesTorques
an den beidenÄstendes Geweiheserhöhtnoch das Absonderliche der Dar-
stellung,und man verstehtes, besondersauch im Hinblickauf den Fundort,
daß sie sehrbald auch außerhalbvon Frankreichanregendwirkt.Eine erste
Brückevom alten Britanniennach dem Limes im Odenwaldschlägtschon
1600 W. Camden; findeter doch in der SammlungrömischerInschriften
des Appian einen „BrittonesTriputienses"als StifternennendenWeihestein,
den er ganz richtigseinerReihe von Fällen beifügt,in denen von Briten
oder ßritonenBerichtetwird.
Wie hier plastischeDarstellungund lateinischeInschriftein Stück
früherVergangenheit vorführen,so ist das auch bei dem kleinenFundgegen-
stand. Er entfaltetdieselbe anziehendeKraft des Gegenständlichen, des
Objektes,das genau so als Gerät oder Schmuckverwendetwordenist, wie
man es heute noch in die Hand nehmenoder anlegenkann. Indem aber
lediglichein Armbandoderein Dolch richtigbestimmt werdenkönnen,bleibt
die Deutungdoch eben in demBereichdes Bekannten. Der Schildbuckelist
so wenigein Begriffwie das Megalithgrab ; der in der älterenLiteraturöfters
begegnende„Schreibgriffel des Childerich"kommtnurdadurchzustande,daß
das betreffende Fundstücknoch nichtals „Zwiebelknopffibèl" hat bestimmt
werdenkönnen.

4. Dem Strebennach seinerNutzungstehenentgegen:


a) Bücherwissenund Wortgläubigkeit.

Dem Versuch,diesenschriftlosen Denkmaleneine eigenegeschichtliche


Note zu geben,stehteine ganze Reihe von Schwierigkeiten entgegen.Zu-
nächst ist zu beachten,daß sich der greifbareGegenstandeinerWelt des
Bücherwissensund der Wortgläubigkeit, der theologischenund philoso-
phischenAbstraktiongegenüber sieht. Genau so wie das Beobachten im
Gelände muß die kritischeBetrachtungdes Objektes erst mühsamerlernt
werden.Es kann viel Zeit vergehen,bis eine bestimmteErscheinungeinem

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508 Ernst Wähle, [45, 1950]

Auge begegnet,das zu ihrerAufnahmebereitist,und es gehörtweiterdazu,


daß seine Beobachtungdann verarbeitetwird. Viel Zeit ist auch erforder-
lich, damit sich aus der Wiederholungeinundderselben Erkenntniseine Er-
fahrungergibt. Man verfälltnämlichviel eherdarauf,die Ansichtenälterer
Autorenabzuschreiben,anstatt eine persönlicheInaugenscheinnahme zur
Grundlage zu nehmen. So kommen manche Ansätze nichtzur Entwicklung,
und gehenviele Erkenntnisse wiederverloren.Auch ist der Kreis der zuver-
lässigenBeobachternochviel zu klein,als daß sich eine Traditionder neuen
Betrachtungsweisen herausbildenkönnte. Nikolaus Marschalk, der schon
um 1500zu einerGruppierung mecklenburgischerGräberformen gelangt,steht
nichtmindervereinzeltda wie etwa Ryff und Amerbach,die gegenden
Ausgangdes 16. Jahrhunderts in dem Ruinengelände vonAugustaEaurica bei
Basel vortrefflichbeobachten,oderwie J. Hadorph, derin den 1680erJahren
daraufausging,am Mälarseemit dem Spaten in der Hand die wikingische
Stadt Birka zu suchen. In allen diesen Fällen hat sich eine spätereZeit
genötigtgesehen,die gleichen Beobachtungennoch einmal zu machen.
b) Das Fehlen des kritischenDenkens.
Sodann gilt es zu berücksichtigen,daß sich das kritischeDenken noch
einertiefgehenden Neigung zur Phantasie gegenübersieht,und daß ihmoft-
mals die exakten Unterlagenfehlen,vermittelsdereres sich durchsetzen
könnte. Im Bereicheder Schrift quellen,in denen man die Frühgeschichte
der europäischenVölkerzu findentrachtet,klaffteine Lücke zwischenbib-
lischerund griechisch-römischer Überlieferung.So kommendie Konstruk-
tionenzustande,in denen Germanenund Kelten vom GebirgeArarather-
geleitetund die Stammväterder mittelalterlichen Fürstengeschlechterunter
den NachkommenJaphetsfestgestellt werden; sie gipfelnin dem „Pseudo-
Berosus" von 1498, der den DominikanerAnnius von Viterbo zum
Verfasserhat.
Ein Teil der stofflichenAltertümerläßt die Frage aufkommen, ob er
von den im Alten TestamentbegegnendenRiesen herrühre.Dies gilt von
den Großsteingräbern, derenLasten fürdie Kraftvon Menschenzu gewaltig
erscheinen,ebenso aber auch von diluvialenKnochenfunden.Diese Frage
der Riesen des Altertumswirdoft verbundenmit der biblischenNachricht
von der Sintflut,und diesewiederummit dem Nachweisvon fossilenMeeres-
bewohnernin geologischenAufschlüssendes Binnenlandes.Nach Conring
(1665)wurdendie großenSteingräber vorderSintflut erbaut,undScheuchzer
beweist(1731) vermittels einerheute als Riesensalamander gedeutetenVer-
steinerung,daß eine ältere Menschheit der Sintflutzum Opfergefallenist.
So verstehtman es auch,daß in derLiteraturdieserZeit nichtseltensteinerne
Artefakteneben Abbildungenvon Fossilien begegnen.
Man muß sichvergegenwärtigen, daß ein so guterNaturbeobachter wie
der EngländerMartin Lister (1638-1711)auf dem Standpunktvom anorga-
nischenUrsprungder Versteinerungen verharrte; man verstehtes also, daß
die Vorstellungvom selbständigen Wachsen der Töpfe im Erdbodeneifrige
Verfechter gehabthat, und der Glaube an die Entstehungvon Steinbeilen

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 509

durchden in die Erde einfahrenden Blitz nochim 18. Jahrhundert bekämpft


werdenmußte. Diese „Donnerkeile"haben genau so ihre eigene Literatur
wie die „ollae naturales",welchein den leichtenSandbödenOstdeutschlands
und Polens von Wasser und Wind freigelegt werden.
Noch zu Beginndes 19. Jahrhunderts siehtman sich als berechtigt an,
die Lückenim Stoffaus der eigenenVorstellung herausschließenzu dürfen.
Zunächstwar man daran gegangen,die historischen Gestaltender Frühzeit
darzustellen; Klüwer bringt ein Münzbild des Arminius (1616), und
Stukeley das Portraiteines keltischenGroßen(1740). Im Zusammenhang
mit den Versuchen,das religiöseLeben des heidnischenAltertumszu er-
läutern,werdengermanische und slawischeGötterin Kupfernoder kleinen
Figurendargestellt, und findensogar den Weg in die archäologische Enzyklo-
pädie des Altertumsvon Montfaucon (1722), werdenfernerdie Irmensul
und derheiligeHain der altenLitauerim Bilde vorgeführt. Eine Zeit,welche
dies alles als Ergebnisder Phantasie entlarvte,hielt sich fürbefugt,es als
Fälschungzu bezeichnen; tatsächlichaber hat der Mehrzahlder an diesen
ArbeitenBeteiligtendie Absicht,täuschenzu wollen,ferngelegen. Von der
gleichenBasis aus wurdenin Deutschlandder Osningin TeutobürgerWald
umgetauftund die hinterHomburggelegeneHöhe als Taunus bezeichnet,
insofern man hierwie dort einen in den Annalendes Tacitus begegnenden
Gebirgszugerkennenwollte. Die Umbenennung der beidenBerge Huhwald
und Schleifberg nahe bei Bautzen (Lausitz) in Bieleboh und Czornëbohist
gar erst unterdem Einflußder Romantikerfolgt.
Diese neuenNamen haben sich so eingebürgert, daß ihrewahreNatur
von der Allgemeinheit heute vergessenist. Man wird aber diesen jetzigen
Zustand auch da beibehalten,wo sich,wie in dem Beispieldes Taunus, in-
zwischenergab,daß das Altertummitderbetreffenden Bezeichnungoffenbar
eine ganz andere Höhe im Sinne gehabt hat. Auch diese Erzeugnisseder
Kombinationund Phantasie verwischendas ursprüngliche Bild, und so
bedürfensie der kritischen Aufhellung durch die späteren Generationen. Sie
sindlanglebig,und zum Teil setzensie den Versuchen, ihre Her-
tatsächliche
kunftzu ermitteln, besondereSchwierigkeiten entgegen.Ein bei Sonders-
hausen (Thüringen)gefundenesmenschengestaltiges Bildwerkschien einst
dazu berufen,einen frühgeschichtlichen Götterhimmel zu beleben,und hat
unterdem Namen „Püsterich"eine besondere Rolle in der Literaturgespielt.
Die früh aufgetretenen Zweifel an dieser Deutung -fanden aber erst in
unserenTagen ihre Bestätigung,als man in dem Gegenstandeine physi-
kalischeSpielereides späterenMittelalters erkannte.

an dieFrühzeit.
c) Das Fehlender Erinnerung
Auch solche Ortsbezeichnungenwie Römerstraßeoder Römerschanze
sind, wenigstensauf deutschem Boden, erst aus der Vorstellungsweltder
Gelehrtenin den Mund des Landvolkes gekommen. Denn dieses hat in
Mitteleuropakeine Erinnerungan die Römerzeitbewahrt, und ebenso fehlt
Vergangenheit.Damit
ihm eine solche an die eigene frühgeschichtliche

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510 Ernst Wähle, [45, 1950]

aber vermißt der kritischeBetrachterdes FundstoffesdenjenigenAn-


knüpfungspunkt, der ihm seine Deutung irgendwieerleichtern würde. In-
folge des Mangels irgendeinerÜberlieferung müssen die archäologischen
Befunde,Bautenwie Gegenstände, ganz aus sichselbstherauserklärtwerden.
Auch unterdiesemGesichtswinkel bedarfes also einerbesonderslangenZeit
undMühe,um die Sachaltertümer zu einergeschichtlichenAussagezu bringen.
Gewiß knüpfensich an manche FundorteSagen, und weisen dem
suchendenAuge den Weg. Aber selbstwenneine Ausgrabungdie Sage von
dem König bestätigt,der in dreifachem Sarge in einemHügel begrabensei,
dannist damitfürdie historische Einordnungeinesderartigen Befundesdoch
nochnichtsgewonnen.Eine Grenzeim altenHessenverläuft„indein antiqua
sepulcra",wie ihrevon derWende des 8. Jahrhunderts stammendeBeschrei-
bung sagt. In einer mecklenburgischen Urkunde von 1174 werden„anti-
quorumsepulcra"ebenfallsals topographisches Merkmalgenannt. Ebenso
neutralsind die Bezeichnungen„alte Stadt" oder „Schloß" füreinen Platz
mitrömerzeitlichen Bautrümmern.Der Ausdruck„Burgwall"ist in Schlesien
bereitsfür1362 belegt. Nicht minderfrühsetzt man sich aber von diesen
Stättender Altenab. Im PaderbornerKapitularvon 780 werdendie „cimi-
teriaecclesiae"von den „tumulispaganorum"geschieden.Die Bezeichnung
„Heidengraben"für eine frühgeschichtliche Wehranlagekommtöftersvor,
und der monumentaleRest eines römerzeitlichen Grabdenkmals im Bereich
des ehemaligenCarnuntum(an der Donau unterhalbvon Wien) ist unter
dem Namen „Heidentor"bekannt. Mehr auf französischem Boden als bei
uns wirdder Teufelzu den Denkmalenin Beziehunggebracht; etlichegroße
Grabhügelbei Bernburg(Anhalt)haben etwas Unerfreuliches an sich, und
so nenntman sie die Baiberge. Am weitestenverbreitetist offenbardie
Deutungder Monumenteals Werk der Riesen,welchesich in Skandinavien
ebenso findetwie in Frankreich,im Gebietder Slawen wie in Mitteleuropa
und in England. Die Anlage von Stonehengewirdschonum 1200 „Chorea
gigantum"genannt; aber die Riesen haben nicht nur Steindenkmaleauf-
getürmt,sondernauch Schanzen errichtetund im Odenwald aus Syenit
eine Säule kunstgerecht gefertigt.Von den Hünen rührendie vielen Erd-
hügelund Großsteingräber im Norddeutschen Tieflandeher,sowie manches
Erdwerk; im oberdeutschen Gebiet,wo die Bezeichnung„Heunengrab"im
Mittelalterrechtfrühund oft belegt ist, bezeichnetman römischeRuinen
auch als „Heunehaus".
Eine konkreteErinnerungan die Frühzeitist mit den Funden nicht
verknüpft, und so werdensie auch gerneals Zeugnisstattgehabter Kämpfe
gedeutet. In den Körpergräbern liegendie Gefallenen,und die megalithischen
Denkmale sind zum Gedächtnisdes Sieges errichtet.Diese Kombination
liegt dann besondersnahe, wenn in dem betreffenden Fundgebietohnehin
ein Schlachtfeldzu erwartenist. Und so findetman denn die Zeugnissedes
KampfeszwischenHermundurenund Chattenim Jahre59 n. Chr. da und
dortin Thüringen, wie solcheder SchlachtaufderBrâvallaheidein Schweden;
der Rest eines großen Steinkistengrabes im Sundgau wird für den einen
zum Denkmal des Erfolges,den Ariovistüber die Gallier errungenhat,

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 511

währender nach andererLesart von den Galliernherrührt, die so den Sieg


Caesars über die Germanenfeierten.
Zu der Wortgläubigkeit wie dem unkritischenDenken geselltsich also
die Unmöglichkeit, eine Rückerinnerung an die frühgeschichtliche
Zeit und
damit eine Basis zu finden. Wohl empfindetman den Fundstoffals eine
Bereicherung. AberderGedanke,mitihmeinselbständiges KapitelGeschichte
zu schreiben,könntedoch nicht verwirklicht werden, wenn er überhaupt
auftauchen sollte. mit
Ja, die Beschäftigung diesem Stoffbewirktzunächst
vielfachnur eine Komplizierung.

der Funde deutetsich durchdie Urnengräber


5. Die Aussagekraft an.

Genau so wie heute besagt der vereinzelteFund noch nichts,mag er


auch gut beobachtetund besondersausgestattetsein. Die zuverlässigeFest-
stellungeines ganz bestimmtenSachverhaltesbedarf vielmehrder fort-
gesetztenWiederholung ; erst dann, wenn sich der Stoffzu Gruppenvon
einheitlicherArt zusammenschließt, regter mehrals vordemzu einerhisto-
rischenDeutung an. Viele Jahrzehntedes Sammeinsvon Beobachtungen
sind nötig,damit eine ersteAbgrenzungvon Fundprovinzen möglichwird.
Man stellesicheinmaldie ganzeVielgestaltigkeit deruns Heutigenbekannten,
in langerArbeitzusammengekommenen prähistorisch-archäologischen Welt
vor,undmanwirdverstehen, wie der kleineund bis
zufällige, um das Jahr1800
etwa bekanntgewordeneAusschnittaus ihr auf den damaligenBetrachter
wirkenmußte. Dieses Materialhat insofern nichtverwirrend gewirkt, als man
eine selbständigegeschichtliche Aussage von ihm auch nicht verlangte; aber
es bliebihmimwesentlichen, nochversagt,konstruktiv zurGeltungzu kommen.
Bezeichnenderweise verhelfeninsbesonderedie zufälligenFunde von
Kleinaltertümern einmaligerArtnichtzu einerMethode,mitder man diesen
Stoffmeistert.Schon 1653 wird in Tournayein Grab mit wahrhaftfürst-
licherAusstattung angeschnitten, und die Inschriftaufdemzu ihrgehörenden
goldenenSiegelringweist es dem Frankenkönig Childerich zu. Gegen den
Ausgangdes gleichenJahrhunderts kommtin Somersetshire ein in Gold und
Zellenschmelz gearbeitetes Schmuckstück zutage, dessen Inschrift den König
Alfredals Auftraggeber nennt,unddas damitfürdenarchäologischen Formen-
vergleich einennicht minder wichtigenFestpunkt bietet. Hier wie dort aber
handeltes sich um besondereVorkommnisse, und ebensolcheliegenbeispiels-
weise in den zwei Goldhörnern von Gallehus bei Tondern (Jutland)vor,
die 1639 und 1734 gefundenwerden,wie auch in dem Grabhügelvon Kivik
in Schonen,dessen noch heute einzigartige Zeichnungenseit 1748 bekannt
sind. Funde wie diese,die sich aus der Masse des Stoffesherausheben, ver-
mögennicht auf den in ihnenschlummernden Quellenwertaufmerksam zu
machen. Auch Stonehengeist ohne Parallele und mahntuns Heutige,die
selbständigeGedankenwelt des schöpferischen Individuumsin Rechnungzu
setzen. Geradedeshalbaberhat diesesBauwerkseinenErklärerndie gleichen
Schwierigkeiten bereitet,wie etwa die Bilder in Kivik und auf den Gold-
hörnerndenen,die sich im Verlaufeder Jahrhunderte mit ihnenbefaßten.

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512 Ernst Wähle, [45, 1950]

Es bedarfkeinerbesonderenErklärung,wenn die Funde römischer


Inschriftenschonfrühim Zusammenhang behandeltwerden.Aus derersten,
von C. Peutinger veranstalteten Sammlung(1505), welche22 Augsburger
Stückeenthält,wirdin der kurzenSpanne einesJahrhunderts das mitseinen
24 IndicesgeradezumodernanmutendezweibändigeCorpusdes Jan Gruter
von 1602/03,„InscriptionsantiquaetotiusorbisRomani". Auchdie Runen-
denkmälerfügensich bald zu einerbesonderenGruppezusammen,die eines
zusammenhängenden Studiumswert erscheint,und dasselbe gilt auf den
BritischenInseln von den Ogham-Inschriften. Der bereitsgenannteLlwyd
notiertschon 1707 eine solche aus der,irischenGrafschaft Kerry. Diesen
Stoñgruppen, welche mehr wegen ihrer Aussage als um ihres
schriftlichen
sonstigenarchäologischen Gehalteswillen studiertwerden,schließensich auf
französischemBoden die Münzender Keltenund des Frankenreiches an. Bei
ihnenliegtder Schwerpunkt des numismatischen Werkesvon Petan (1610),
und fürBouteroue ist es selbstverständlich, seine Darstellungder franzö-
sischenMünzgeschichte (1666) mit den keltischenPrägungenzu beginnen.
Zum Unterschiedehiervonfügtsich nichteinmal eine so relativein-
heitlicheund bequemgreifbareFundgruppewie diejenigeder megalithischen
Denkmale zu einem,geschlossenen,von den Hügel- und Flachgräbernzu
scheidendenKreise zusammen. InfolgeihrerVielgestaltigkeit im einzelnen,
der Veränderungen ihrerursprünglichen Erscheinungsform des Fehlens
und
einergrößerenMengevon zuverlässigenBeobachtungenringtsich nur sehr
langsamdie Erkenntnisdurch,daß in vielen Gebietendie Großsteingräber
überhauptfehlen. Obwohl die frühgeschichtliche Archäologieschonum die
Wende zum 18. Jahrhundertvon der regionalenBetrachtungsweise zur
zwischenstaatlichenZusammenarbeit übergeht, Keysler und andere die Er-
gebnisseaus fremdenLändernheranziehen, gelangtman auch nichtzu einer
klarenTypologie,der megalithischen Erscheinungen und zu der Feststellung
der Grenzenihres Vorkommens.Es bleibt hier bei den schwachenAn-
sätzen,welcheO. Worm hinsichtlich des dänischenStoffes(1643) und der
jüngere Beckmann in seiner Geschichteder Kur und Mark Brandenburg
von 1752/54bieten.'
In diesemZusammenhang muß auch betontwerden,daß man auflange
Zeit hinaus noch nicht die Möglichkeithat, die Denkmale der provinzial-
römischenGesittungvon den nichtrömischen zu trennen. Selbst bei den
Bauten aus Stein herrschtUnklarheit,wie denn z. B. von dem Architekten
des KönigsJakobI. von England die Anlagevon Stonehengeals römischer
Tempelgedeutetwird(1620). Natürlichfindetdiese Zuweisungauch in der
ÜberlegenheitderantikenZivilisationüberdiejenigederNachbarnihreRecht-
fertigung,einem Gesichtspunkte, der dann in dem Bereicheder Kleinalter-
tümernurzu leichtdazu führt, jedes einigermaßen beachtenswerte Fundstück
den Römernzuzuschreiben.Mitdem skulptierten Steinvon Pfalzfeldist man
in Deutschland genau so verfahrenwie, ebenfallsim 18. Jahrhundert in
Frankreich, mit einem Depot von sieben bronzenen Schwertern ; hier wie
dort setzte man sich fürdie römischeHerkunftein, und erstim 19. Jahr-
hundertwirdmitden Plangrabungen in den Limeskastellenwie auch anderen

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 513

Wohnplätzen,und fernermit der Gewinnunggeschlossener Grabinventare,


eine Grundlagefürdie Abgrenzung der provinzialenErzeugnissegeschaffen.
Nur ein archäologischesGebiethebt sich im Laufe dieserZeit immer
deutlicherheraus,wirdselbständigbehandeltundzeitigteineeigeneLiteratur.
Es ist durchUrnengräber gekennzeichnet,und erstreckt sich von Westfalen
wie auch Hessen bis nach Ostpreußen,und von der Niederelbebis nach
Schlesien.Den frühenFundensolcherArtaus derMittedes 16. Jahrhunderts
reihensich ständigneue an, und mit dem Ende des 17. Jahrhunderts setzen
die Schriftenüber sie ein. Im Vergleichmit ihremAufwanderscheintuns
ihr
Heutigen Ergebnisverhältnismäßig gering,wie wirdiesenStoffjetzt auch
auf viele Jahrhunderte und etliche Kulturkreiseverteilen. Damals aber
wirkteer durchseine relativeEinheitlichkeit und auch durchseine Menge.
Hier stiegnun wirklicheine neue Welt aus der Erde empor,die nach einer
Deutungverlangte.Sie konntevon ihrenzahlreichenBearbeiternmit den
Angaben des Tacitus und weitererSchriftquellenin Einklang gebracht
werden; darüberhinaus zeigte sie eine Fülle archäologischer Einzelheiten,
undregtezumVergleich aus denverschiedenen
des Stoffes GebietenundFund-
verhältnissenan. Sodann aber bot sie sich als Basis fürdie Beurteilungdes
anders geartetenMaterials,der Steinbeileund Bronzefunde,der Körper-
bestattungen und Großsteingräber.

6. Auf diesen Fundstoffwerden angewendet


a) Völkerkundlicher
Vergleich Urzustand.
underdachter
Auf diesenFundstoff wurdennun in zunehmendem Maße Erkenntnisse
angewendetund Überlegungen verschiedenster Art bezogen. Die Literatur
über ihn spiegeltedie langsameAusweitungdes menschlichen Geistes,und
zeichneteauch die verschiedenen Bewertungen ab, welchendie Vergangenheit
unterworfen war. Dieser Stoff,der von sich aus zunächstnur die Schrift-
quellen bestätigteund ergänzte,fiel damit unter eine derart vielseitige
Beleuchtung,daß seine historischeAussagekraftlangsam zutage trat. So
gewanndie Beschäftigung mit ihm im Laufe der Zeit an Boden, und das
Wissen um ihn war nicht mehr auf den Kreis der speziellen Interes-
sentenbeschränkt.
Die Entdeckungder überseeischenWelt führtzu der Beobachtung
urtümlicherKulturzustände. Man findet hier diejenigenSteingerätein
Gebrauch,welchein Europa zu den ZeugnisseneinerfernenVergangenheit
gehören,und siehtdamit eine früheForm menschlicher Gesittungnoch am
Leben. Vom Beginn des 18.. Jahrhunderts an begegnetdie Steinzeitder
nordamerikanischen Indianerin der archäologischen Literatur.Die Berichte
übersie bestätigennichtnurdie Erklärungder europäischen Fundstückeals
Kunstprodukte, sondernregendarüberhinaus zum Vergleichder dortigen
Vorstellungen,
religiösen der Sittenund Einrichtungen mitden Aussagender
Antikeüber die entsprechenden Verhältnissebei ihrenAngrenzern an. Die
Völker,die vor der Einführung des Eisens in Frankreich und Deutschland
wohnten,erscheinen danach auf der Stufeder „Wilden"der Gegenwart.Die

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AnthroposXLV. 1950. 33
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514 Ernst Wähle, [45, 1950]

welcheDefoe's RobinsonCrusoevon 1719 an erfährt,


weiteVerbreitung, ist
zusammenmit der Fülle der Robinsonaden ein beredtesZeugnisdamaliger
Entwicklungaus rohem
für die Idee der menschlichen
Aufgeschlossenheit
Naturzustandezu Bildungund Zivilisation.

b) Die antike Vorstellungvon den drei Perioden.

Die Vorstellungeines langsamenAufstiegesder Menschheitfindetin


den Anschauungen der Antikevon den verschiedenen StufendiesesWerde-
ganges feste Ansatzpunkte. Zwar unterscheidensich die Systemevon Hesiod
und Lukrez insofern,als das ersterein Richtung einer Entartungverläuft
und das letzterein derjenigeneiner positivenEntwicklung ; aber beiden
gemeinsam ist doch der Wandel von der Bronze- zur Eisenzeit. Vor die
ersterestelltLukrez eine solche,in der man Stein und Holz als Werkstoffe
verwendete.Neben den Äußerungendieserbeidengibt es noch andereHin-
weise auf diejenigenVorstellungen, welchedie Antikevon den frühenZu-
ständenhat ; fürden weit gereistenPaus anias ist die Zeit der Heroeneine
solche ausschließlichbronzenerWaffen.
Dieses Bild der AbfolgedreierStufen,und zwar zumindestsolcherdes
menschlichen Werkstoffes, wirdnun aus dem Studiumder antikenLiteratur
neu gewonnen, und,von der Wende zum 18. Jahrhundert an, auf den Fund-
stoffübertragen.Obwohl die Zahl der geschlossenenGrabinventare noch
rechtgeringist,besondersauch die ErzeugnisseeinerBronzezeitsehrzurück-
tretenund das in vielenFunden beobachteteNebeneinander von Bronze-und
Eisengeräten das Bild verwischt, scheint das Materialdie Anwendungdieses
Einteilungsprinzips zu erlauben. Zwar wirdvon manchendie Selbständigkeit
einer Bronzezeitbestrittenund anderseitsauch von einer Kupferzeitge-
sprochen,doch gewinntdie Vorstellunglangsaman Boden, daß diesesDrei-
periodensystem tatsächlichdie Entwicklungder europäischenMenschheit
veranschaulicht.
So wenig nun der völkerkundliche Vergleicheine Umschreibung der
Steinzeitfördert, so wenigwirdmit der Anwendungder antikenStufenfolge
eine scharfeAbgrenzung von stein-,bronze-und eisenzeitlichen Materialien
gewonnen. Noch liegt eine genügende Anzahl von Beobachtungen,welche
die Feststellung von Leitformen der Geräteund des Bestattungsbrauches für
die einzelnenEpochenermöglichen würden,nichtvor. Sodann verhilft diese
ersteTiefengliederung des Stoffesauch nicht dazu, den wirklichen Umfang
derfrühgeschichtlichen Zeit zu erkennen.Man setztden Übergangzur Eisen-
zeit in das ersteJahrhundert unsererZeitrechnung, und zwar auf Grundvon
Schlußfolgerungen, die an sichrichtigsind,abervon falschenVoraussetzungen
ausgehen; die kritischeBetrachtungder Funde ist noch ebensowenigent-
wickeltwie diejenigeetwa des Tacitus. Irgendwelche anderenZiffern werden
ganz selten genannt; solche für den Beginn der Bronzezeit sucht man ver-
gebens. Eine klare Vorstellungdavon, daß man vermittelsder Dreistufen-
folgedie Zeit vor dem Einsetzender Schriftquellen selbständigerschließen
kann, ist hier noch nichtzu erwarten.

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 515

c) Völkertafelund Standesgliederungnach den Schriftquellen.

Wenigerergiebigals der völkerkundliche Vergleichund die antike


Theorieist derVersuch,den Fundstoff bestimmten VölkernoderStändender
Frühzeitzuzuschreiben.Da er noch ganz denjenigenJahrhunderten zuge-
schriebenwird,welche durch die frühenSchriftquellen erhelltwerden,so
liegtes nahe, ihn mit derjenigenethnischenEinheitzu verknüpfen, die für
den betreffenden Raum in Betracht kommt. Demgemäß, sind für J. Oester-
ling die Urnengräberund Steingerätein Hessen ein Nachlaß der Chatten
(1714), und für L. D. Hermann die entsprechenden MaterialienNieder-
schlesiensein solcherderLygierund Quaden (1711). Keysler schreibt(1720)
die nordischenMegalithbauten den Germanenzu ; Dänen oder Angelsachsen
hättensie dann späterhinauch in England errichtet.Dieser Gedanke,eine
Grabform mit einem Volk wandernzu lassen,führtzu der Überlegung,ob
einer auf Grundder Schrift quellen nachweisbarenethnischenAbfolgeeine
solchedes Fundstoffes entspreche.SchonderbereitsgenannteN. Marschalk
siehtsich vor sie gestellt,insofern er in seinermecklenburgischen Geschichte
mitden germanischen Herulernund den zu den Slawengehörenden Obotriten
rechnenmuß. Er teilt die Megalithgräber den ersteren,die Grabhügelden
letzterenzu. Die Frage,was als slawischundwas als germanisch anzusprechen
sei, beschäftigtdie Archäologiein den Gebietenöstlichvon Saale und Elbe
auch weiterhin.Auf englischemBoden kompliziertsich das entsprechende
ProblemfürJ. Douglas (1793) insofern,als hier die Zahl der in Betracht
kommenden Nationalitäten wie auch der Grabformen größerist ; Keltenund
Briten,Römer, Sachsen und Dänen versucht er gegeneinander abzugrenzen.
Die Aussonderungdes römerzeitlichen Stoffesmacht ihm keine Schwierig-
keiten,und eine andereFundgruppewirdmit einleuchtenden Gründendsn
Sachsenzugeschrieben ; aberbei demStreben,die großenErdhügel,die Stein-
bauten und anderesauf die noch verbleibenden Nationalitätenzu verteilen,
kommensowohl der Mangel an Stoff wie das Fehlen einer archäologisch
begründeten Abfolgezur Geltung,denndas Dreiperiodensystem läßt sichhier
nochnichtanwenden,und ein Teil der megalithischen Anlagenwirdmit der
Einwanderungder Dänen (Wikinger)in Zusammenhanggebracht.
In den einfachenUrnengräbern, welcheer außer den Großsteingräbern
und den Erdhügeln noch feststellt,findetMarschalk die Untertanen.Zu
dieser Scheidungdes Stoffesin solchender Herren und der Hintersassen
sieht man sich in dem norddeutsch-südskandinavischen Raum besonders
angeregt; hier begegnetja dem Beobachter früher und häufigerals ander-
wärts die einfache Brandbestattung unter ebener Erde, und so sind hier
die Unterschiedein dem Aufwand,den die einzelnenGrabformen verlan-
gen, besondersgroß. Erst mit der Wende zum 19. Jahrhundert wird dem
Verlangen nach Feststellung einer gesellschaftlichenGliederung diese Basis
genommen, insofern sich da die Erkenntnis festigt,daß in der Verschie-
denheitder Grabformen in ersterLinie das religiöseLeben der einzelnen
ZeitabschnitteseinenAusdruckfindet,

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516 Ernst Wähle, [45, 1950]

d) Die verschiedenenBewertungender Vergangenheit.

Gemeinsamist diesenverschiedenen Versuchender Deutungdes Fund-


stoffes,daß sie die MethodeseinerBetrachtungnichtfördern.Dasselbe gilt
von denjenigen Bewertungen, welchendie Vergangenheit in denverschiedenen
Periodendes Geisteslebensunterliegt.Sie entspringen nicht dem archäo-
logischen Material ; indem sie aber die Frühzeitmit einbeziehen,regensie
zur Auseinandersetzung mit ihrem Stoffund zu seiner Vermehrungan.
Nur selten werdendie Germanenals Wilde bezeichnet,welche erst
von den Römern an mildereSitten gewöhntwerdenmüssen. Dieselben
Töpfe,welcheden einenbegeistern,erscheinendem anderenBetrachterals
Beweis fürRoheit und Unkultur.Diesem letzterenWerturteildes Nieder-
sachsen H. Nünningh (1714) steht dasjenige Montfaucon's (1719) zur
Seite, daß die Germanennach Ausweis der Funde noch in primitiven
Zuständenverharrten, als die Gallierschon unterden Einflußder antiken
Gesittunggekommen waren.
Häufigeraber bekundetman die innereVerbundenheit mit der Ver-
gangenheit. Ein patriotischgerichteter Humanismusist der Nährbodenso-
wohl der Arminiusdichtung wie auch eines Bürgerstolzes,der in Augsburg
und Basel den Städtegründern Denkmale errichtet,der LadenburgsBedeu-
tungals ältesterStadt in Germanienin einereigenenSchriftbetont.Klüwer
schreibtseinehistorische Geographiedes alten Germanien(1616) mit unver-
kennbarerWärme für den Gegenstand,und die „Schutzschriften für die
alten Deutschen, und NordischenVölker",welcheG. Schütze (ab 1746) ver-
faßt,sollender gerechten Beurteilungder eigenenVorfahren dienen. Etliche
Ausgaben der Germania des~Tacitus gehen unter dem Titel „Germanorum
laus", und E. v. Hertzberg schreibt(1780) eine „Abhandlung, worinman
die Ursachender Überlegenheit der Teutschenüberdie Römerzu entwickeln
und zu beweisensucht".
Eine Übersteigerungdes patriotischenGeschichtsbildeskommt in
Schwedenzustande,wo mitder Heroisierung derFrühzeitdie Großmachtder
Gegenwart ihren Adelsbrief erhält. Wennhierauf einemum 1560 gewebten
Bildteppichder ersteSchwedenkönig namensSven sich selbstals Sohn des
Magog,somitals ein Enkel des Noah, bezeichnet,so ist dies eine Ableitung
im RahmendesÜblichen; dasselbegiltvon derin derschwedischen Geschichte
des Johannes Magnus (1554) begegnenden Vorstellung,daß ein Bruderdes
Sven namensUbbe um das Jahr 246 nach der Sintflutdie Stadt Upsala
erbaut habe. Hier wird aber auch festgestellt, daß die Goten lange vor
Griechenund RömernihreeigeneSchriftbesessenhätten,und Olaus Magnus
behauptet (1555) nicht nur, daß Schwedendie Heimat der germanischen
Völkersei, sondernauch, daß die schwedischeGeschichteviel früher beginne
ab diejenigeder Dänen. Gustav II. Adolftrittin einemTurnieranläßlich
seinerKrönung(1617) als der sagenhafteKönigBericder Gotenauf,und die
Herolde zeigen an, er werde die Ansichtvon der Herkunftder Goten aus
Schwedenverteidigen.Im Jahre1626 erklärtOle Worm sein Heimatland
Dänemark zum Ursprungsgebiet von Runen und Runenforschung;auch

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 517

nennter es stolz und laut das Gebiet besterBewahrungdes germanischen^


Altertumsüberhaupt.Diese These löst den Befehldes schwedischen Königs
aus (1628),sie zu widerlegen und das höhereAlterdes schwedischen Volkes
nachzuweisen ; zu diesem Zweck geht man an die Sammlungder Runen-
denkmälerdes Landes. In der zweitenHälftedes 17. Jahrhunderts erreicht
Schwedeneinen HöhepunktpolitischerMacht; damit wird das Verlangen
nach einer entsprechend alten Geschichteund Kultur besonderslebendig.
Die Runen fürsich allein genügenhier nichtmehr,und ebensowenig,daß
der Codex argenteus1648 von Prag nach Schwedengebrachtwordenist ;
stelltsich doch geradejetzt heraus,daß das ulfilanische Alphabetnichtzu
den Runenalphabeten gehört. So wachsen sich die älteren Vorstellungen zu
dem dreibändigen Werk des Olaf Rudbec aus : „Atlantis sive Manheim"
(1675-98); Schwedenist hierdas Atlantisdes Plato, von welchemdie euro-
päischenVölkerihrenAusgangnehmen. Den Zweifelan diesemPhantasie-
gemäldeersticktdas autoritäreSystem,und wenn auch mit dem Sturz der
Alleinherrschaft der Glaube daran erschüttert wird,so hält sich der tiefin
das Volk eingedrungene „Rudbeckianismus" doch noch einigeZeit.
Entsprechend der herrschenden Stellung,welchedas religiösgerichtete
Denken bis zur Aufklärung in Leben und Wissenschaft einnimmt, wirddie
Frühzeitder Völkerauch unterseinenWerturteilen gesehen. Zahlreiche An-
gabenderSchriftsteller zur
regen Auseinandersetzung an, Leichenverbrennung
und Menschenopfer, die VielheitderGötterund die Verehrung von Gestirnen.
Darüberhinaus siqjit eine entsprechend orientierte Phantasiein.dem greif-
baren StoffgerneallerleiZeugnissedes Kultes; das absonderliche Gerätist
ein Opferinstrument und das steinerne Messer ein die
„Würgedolch", Plastik
von Wildberg(Württemberg) das Abbild eines Druiden. Solche nichtchrist-
lichenTatbeständekönnenabstoßendwirken,währenddas Gefühlder Ver-
bundenheitmit den eigenenAhnenvermittelnd tätig ist. Das Geheimnis-
volle der alten Priestermacht zieht an, und so wächsteine eigeneLiteratur
über das Druidentumheran; insbesondereaber betätigtsich die Phantasie
auf dem Gebieteder Götterbilder.
Der orthodoxen Anschauungist es unverständlich, daß es eine von der
eigenenabweichende religiöse Weltgibt. Hierwirddas „greuliche Heidentum"
grellgemalt, werden die „superstitiösen" Bräuche in abschreckenden Bildern
dargestellt.Doch findet sich dieses schroffeUrteil seltener als die Vorstellung,
daß in dem Heidentumein urchristlicher, durchspätereWucherungen über-
deckterKernzu findensei. Dieses Streben,- die frühgeschichtlichen Religionen
als ein verdorbenes Christentum zu deuten,begegnetin Deutschlandwie in
Westeuropa.Die Dreiheitder „germanischen Obergötzen"Thor, Odin und
Freya wirdder Dreifaltigkeit die
gleichgestellt, Übereinstimmung der „drui-
dischenGrundsätze"mit denen der „Patriarchen"gezeigt. Nur wenigen
Bearbeiterndieses Stoffesgelingtes, wederzu eifernnoch zu beschönigen.
Geradedeshalbaber fälltihreruhigeSachlichkeitauf und der Versuch,die
alten Vorstellungen aus ihrerZeit heraus zu verstehen.
Diese FragenzeitigeneineeigeneLiteratur; stärkernochals derarchäo-
logischeStoffführengeradesie zu einerzwischenstaatlichen Zusammenarbeit.

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518 Ernst Wähle, [45, 1.950]

Das Interessean den Druidenist in Skandinaviengenauso regewie in Frank-


reich,das als OpferaltargedeuteteGroßsteingrab ebensoein internationaler
Begriffwie der sogenannteSonnentempel Stonehenge.

Nationenan dieserArbeit.
7. Der Anteilder verschiedenen

An dieserFühlungnahmemit dem Stoffsind die einzelnenNationen


sehrverschieden beteiligt,sowohlnach der Richtungder Interessenwie nach
demUmfangihrerArbeit.In Schwedenund Dänemarkstehtdie Erforschung
der Runendenkmäler im Vordergrund ; die Monumentadánica (1643) des
Ole Worm bleiben als groß angelegteDarstellungdes gesamtenarchäo-
logischenMaterialseine vereinzelteErscheinung,und es kommtauch nicht
zur Entstehungeiner Literatur,welchedie Mengeder dortigenGroßstein-
gräber,Grabhügelund sonstigenFunde spiegelnwürde. In Frankreichund
auf denBritischenInselnerkenntman den tatsächlichen Umfangdes megali-
thischenStoffgebietes offenbarnoch nicht. Als ein eigenes Arbeitsgebiet
deutetsichhiernebendemkeltischen Altertumund derangelsächsischen Zeit
dasjenigeder römischenHerrschaftan ; schon 1732 bietet John Horsley
in seiner„BritanniaRomana" ein Handbuchder provinzialen Altertümer des
Landes. Zwar berücksichtigt das aus 15 Bänden bestehendeSammelwerk
des Bernard de Montfaucon (L'Antiquité expliquée et représentéeen
figures,1719-24) auch die Randvölkerder Antike,doch ist das hier für
Mittel-,Nord-und WesteuropasprechendeMaterialnur zufälligzusammen-
gekommen,und läßt auch kein selbständigesUrteil erkennen.
Zum Unterschiedvon diesen Ländernist in etlichenTeilen Deutsch-
lands das Interesseam deutschenund nordischen Altertumwesentlich leben-
diger. Offenbar ergibt sich dies nichtnuraus dem archäologischen Stoff,der
namentlich in den Urnengräbern begegnet,sondernauch aus der Erkenntnis
heraus,daß die DeutschenzusammenmitanderenVölkernunmittelbare Nach-
fahrender einsthieransässigenGermanensind; diese letzterenstehensomit
am Eingangin die deutscheGeschichteund beeinflussen mit dem Sieg über
Varusund mitderVölkerwanderung den Gang der Folgezeitin großenTeilen
Europas. In Frankreichund England hingegen,wo mit der Römerzeitdie
Geschichtedes Keltentumsim wesentlichen beendetist, dann mit Franken
und Normannendas derzeitigeStaatsweseneinsetzt,fehlteine entsprechend
einheitliche,bei den BodenfundenbeginnendeLinie; hier ist es eine große
Frage, welche der verschiedenenPhasen das Antlitzder Gegenwartent-
scheidendbestimmt.
Der Schwerpunktder deutschenArbeit liegt unverkennbaran der
unterenElbe und im benachbarten Schleswig-Holstein.Major und Arnkiel,
der jüngereRhode und Keysler schreibenhier in der kurzenZeitspanne
zwischen1690und 1720jene Werke,welche,von demMaterialdiesesRaumes
ausgehend,das Gesamtgebiet dergermanischen Frühzeitumspannen, ein Bild
des bis dahinErreichtengebenund der Einzelforschung auf ein Jahrhundert
hinaus die Richtungweisen. WenigeJahrzehntenach ihnenwirktdann in
AltonaderVerfasser der„Schutzschriften", G. Schütze, derLehrerGersten-

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 519

berg's. Gegen den Ausgang des 18. Jahrhunderts hat die Literaturüber
das germanische und deutscheAltertumbereitseinen solchenUmfangan-
genommen,daß eine bibliographische Übersichtüber sie notwendigwird;
B. F. Hummel bietet sie in seiner„Bibliothekder deutschenAlterthümer,
systematischgeordnetund mit Anmerkungen versehen"(1787), die von
dem römischenNachlaß am Fuß der Alpen bis zu den Lappen, von den
Schriftquellen bis zu den frühesten ^christlichenKirchenals dem jüngsten
archäologischen Stoffreicht.
deutscheLiteraturdes 18. Jahrhunderts
Diese vielgestaltige zeigtmanche
Wiederholungen, und auf die genannten Darstellungen aus der Zeit um 1700
folgen,mit Ausnahme derjenigenEccard's von 1750,keine weiteren von ent-
sprechender Bedeutung; auch außerhalb Deutschlands scheint die Verarbei-
tungdes Fundstoffes in dieserZeit nichtentscheidend gefördertzu werden.
Immerhinwird die Basis der frühgeschichtlichen Forschungein wenigver-
breitert.Sie umfaßtjetzt auch die in Deutschlandund Westeuropains Leben
gerufenen Akademien,wie die gegendas Ende des Jahrhunderts gegründeten
wissenschaftlichen und gemeinnützigen Gesellschaften.In Nordwestdeutsch-
land, wo der Boden fürdieses Fach besondersvorbereitetist, belehrtman
um die Mittedes Jahrhunderts ein breiteresPublikum,was alles bei einer
Ausgrabung beachtet werden muß. Doch steht dieser Intensivierung der
Einzelarbeit eine Förderung durch neue Gesichtspunkte nichtzur Seite. Dazu
kommt,daß sie weiterhin im wesentlichenaufdie privateInitiativegegründet
bleibt. Die landesherrlichen Maßnahmenzum Schütze der Denkmälerer-
weisensichin der Regel als nurvon vorübergehender Wirkung; in Schweden
bestehtdas Amt des Reichsantiquarszwar schonseit 1630, doch ruhtseine
Tätigkeitein volles Jahrhundert hindurchfast ganz.

8. Das selbständigeArbeitsgebiet.

Eine Stagnationliegt hier aber nur scheinbarvor, denn bei einigen


Historikernkündetsichim Verlaufedes 18. Jahrhunderts die Vorstellung an,
und daß die
daß ein Teil der Funde älter sei als die frühenSchriftquellen,
vor diesenletzterenliegendeGeschichteder Menschheitauf archäologischem
Wege erhelltwerdenkönne. In die gleicheRichtungverweistdann die Aus-
wertungeineszunächstreinnaturwissenschaftlichen Befundesin der Gailen-
reutherHöhle (Oberfranken).
Montfaucon spricht(1719) von denjenigenGalliern,die schonvor Cae-
sarsZeit im Lande gelebthabenmüssen,und hat damiteinvor den Aufzeich-
nungenliegendesGeschehenvor Augen. An ihnlehntsichSchoepflin (1750)
an,derzudemunterrömerzeitlichen RuineneinennochälterenNachlaß findet.
Deutlicheraber als hierist bei dem durchLeibniz inspiriertenJ. G. Eccard
von der Frühzeit als einem selbständigenAbschnittdes geschichtlichen
Werdeganges die Rede. Die ersteseinerfünfgroßenEpochen der deutschen
Geschichteist die „Historiaobscura",die „ab initiomundiusque ad Julium
Caesarem"reicht(1712, 1737). In einereigenenBehandlungnur der germa-
nischenFrühgeschichte (1750) rechneter die Großsteingräberund die durch

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520 Ernst Wähle, [45, 1950]

je eine Typentafelerläutertensteinernenund bronzenenGeräte einer vor


den^Schriftquellen liegendenPeriode zu, in welcherdie Germanensich im
norddeutsch-südskandinavischen Raum befindenund noch nicht mit den
Römernin unmittelbareBerührungkommen. Ungleichweiteraber noch
dringtJ. F. Esper in die Tiefe der Frühzeitein (1774), indemer in einer
ungestörten fossilenSchicht,mit den Resten ausgestorbener Säugetierezu-
sammen, zwei sicher vom Menschen stammende Knochen findet und aus
diesemNebeneinanderauf ein entsprechendes Alter der letzterenschließt.
Immereindringlicher meldetder FundstoffseinenAnspruchauf wissen-
schaftlicheWürdigungan ; langsamgibtsich die Selbständigkeit seinerAus-
sage zu erkennen. Endlichwird den
jetzt,gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts,
das Vorhandenseineiner Frühzeitangedeutet,welche allein auf archäolo-
gischemWege erforscht werdenkann.

II. Die Prähistorieunter dem Einfluß der Romantik.


1. Ursacheund Wirkung.
a) Voraussetzungen.
In derTat setztnunauch um dieseZeit eineaußerordentliche Belebung
des Studiumsder Frühgeschichte und ihrerDenkmälerein. Sie ergibtsich
aber nichtnur aus dem Stoffeselbst,sondernist zugleicheine Fruchtder
Romantik,insofern etlicheIdeen dieserBewegungauf das Gebietder gegen-
ständlichenAltertumskunde angewandtwerden.Jedochgiltes zu beachten,
daß man von einer„romantischen" Prähistorienichtredenkann,weil sich
in ihrentsprechende Züge nur vorübergehend und in untergeordnetem Maße
feststellen
lassen. Die Realitätdes Fundstoffesdrängt vielmehr alle Empfin-
dungenraschin den Hintergrund ; die Fragen,welcheer seinemBearbeiter
vorlegt,führenzur nüchternen Kritikder Tatbestände.
Schon in den Vorformen der Romantikhebt sich das Interesseam
Mittelalterund der vorangegangenen nationalenGeschichtedeutlich ab.
Gottsched ist der altgermanischen Zeit gegenübersehr aufgeschlossen ; er
zieht die Urnen in den Kreis seinerBetrachtung,und bringtim „Neuen
Buchersaal"(1749) einenAufsatzüber die Marienburg, „ehe sie vollendsgar
zu Grundegeht". Klopstock sendetseine Hermanns-Bardiete hinaus und
wünscht,daß auf demWinfeldein Denkmalfürden Befreiererrichtet werde.
Herder betontden Wertder Volksüberlieferung, und Macphersongestaltet
aus den LiedernseinergälischenHeimatden Ossian. Man sprichtvon Barden
und von Skalden; neben Arminiuswerden Attila, Brennus und andere
Gestaltender Frühzeitzum Gegenstandder Dichtunggewählt. Oehlen-
schläger nimmtden Verlustder goldenenHörnervon Tondern,die soeben
aus der Kunstkammergestohlenund eingeschmolzen worden sind, zum
Gleichnisder Interesselosigkeit
seinerZeit an dem Glanz der Vergangenheit ;
„suchtdoch das Göttlichein dem Erbe entschwundener Zeiten!"

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 521

b) Die Nutzbarmachungdes Uralt-Monumentalenin der Kunst.

EtlicheTrägerdieserneuenHaltung,darunterKlopstock undGersten-
berg, treffen in Kopenhagenzusammen. Der ein knappes Jahrzehnthier
weilende,aus GenfstammendeHistoriker und Prinzen-Erzieher P. H. Mallet
ist dazu berufen,die GeschichteseinesGastlandesin etlichenBücherndar-
zustellen; er widmetdarinder FrühzeiteinenbreitenRaum, und findetdas
besondereInteressevon G. Schütze, welcherdie ÜbersetzungzweierWerke
Mallet's ins DeutschemiteinerVorredeversieht(1765). Einem Nährboden
solcherArt entspringtder Gedanke,das sich so mannigfachdarbietende
Uralt-Monumentale fürdie Gegenwartnutzbarzu machen.
Die stattlicheGruft Zeit,welchederErbprinzFriedrich
aus neolithischer
1776 im Gebiet des königlichenJagdschlossesJaegersprisauf Seeland aus-
gräbt,wirdzu demHerrscherhause inBeziehunggebracht,demseitMenschen-
gedenken dieses Stück Erde gehört.Man fügtdie steingebauteGrabkammer
dem vergrößerten Schloßparkmitein,aus welchemein den großenGestalten
der dänischenGeschichtegeweihterGedächtnishain entsteht; siebenSäulen,
die auf dem Erdhügelüberdem Grabeaufgestellt werden,tragendie Namen
der sagenhaftenKönige des Landes.
Der BesucherdieserAnlagesoll an demBeispielderihmhierBegegnen-
den wachsen.Das VorbildderElysäischenFeldervon Stowebei,Buckingham
ist hierausgebaut,und in der Walhalla König LudwigsI. wirddie tragende
Idee in eine andereForm gebracht.Es bleibtnatürlichoffen,wie weit bei
der im Anschlußan das seeländischeBeispielerfolgenden Heranziehung früh-
zeitlicherVorbilderin jedemFalle einebestimmte Wirkung auf den Beschauer
beabsichtigt ist. Aberselbstdann,wennes näherliegt,die Verwendung von
Findlingen,Runen und dem Motiv des Hügels auf einen anderen,weniger
tiefliegendenBeweggrund zurückzuführen, bleibtdoch der Tatbestandeiner
lebendigenKraft,die von den Monumenten der Frühzeitausstrahlt.
Im schwedischen Södermanland prägtman einemFindlingeineDrachen-
schlingemit Runeninschrift ein, die hier im Gutsparkan die 1798 ver-
storbeneGräfin Piper erinnernsoll. Vielgestaltiger ist das Bild, welches
der Gedächtnishain des Hofintendanten Pehr Tham auf Dagsnäs (Väster-
götland)bietet. Nicht verwirklicht wirdder Plan, dem MarschallBlücher
ein megalithisches Grabmal zu errichten ; der dafür bestimmte,mehrere
HundertZentnerschwereBlock liegtwohlim Jahre1823 bereit,findetaber
später eine andere Verwendung.Dagegen deckt man 1844 in der Mark
Brandenburgdas Grab des jüngerenZieten mit einemmächtigenFindling.
Zu den Elementendes WörlitzerParkes bei Dessau gehörtein mit einer
Steinrundeversehenerund mit Bäumen bepflanzterErdhügel; er kommt,
am Rande des Gartensaufgewölbt,im Profilzur Geltung,und trägt die
BezeichnungSkaldengrab.Aus diesemschlichtenHügel erwächstdas weit-
hin sichtbareMahnmal. Der Gedankebegegnetbei E. M. Arndt ; er plant
auf demGeländederVölkerschlacht einenErdhügelvon etwa 200 Fuß Höhe,
mit Feldsteinenund einem Kreuz aus Eisen auf seinem Gipfel. In nur
bescheidenenAbmessungenverwirklicht sich diese Idee in dem heute noch

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522 Ernst Wähle, [45, 1950]

in derHasenheidestehenden denBerlinerTurnerimJahre1817
Friesen-Hügel,
zur Aufnahmeder Gebeine ihres in FrankreichermordetenKameraden
errichten.Dagegen wird der Gedanke des Gedächtnishügels am westlichen
und östlichenRande des deutschenSiedelungsbodens aufgegriffenund hier
in wahrhaftmonumentaler Größe verwirklicht.Bei Waterloo erhebtsich
ein solcher,60 m hochund,gleichdem Hügel in Chäronea,von einemLöwen
gekrönt.Einen nichtmindereindrucksvollen Hügel errichtendie Polen in
den Jahrendes FreistaatesKrakau vor den TorendieserStadt. Er ist ihrem
Freiheitshelden Kosziusko gewidmet,und ein Teil der zu seinerErrichtung
verwendeten Erde stammtvon den Stättender Kämpfe. Aufbeherrschender
Höhe so über der Stadt gelegen,daß er auch von dem Königsschloßaus
erblicktwerdenkann,reihter sich hierden uraltenHügelndes Krakusund
der Wanda an, welchedie Überlieferung mit dem sagenhaften Gründerder
Stadt in Zusammenhangbringt.
mit diesenBemühungengeht das frühgeschichtliche
Gleichzeitig Motiv
in die Landschaftsmalerei ein. Dem Hügel freilichvermögendie Künstler
nichtviel abzugewinnen.Der VersuchBendixen's, eine Gruppevon solchen
in Steindruck wiederzugeben,hat wohlschondamalsnichtbefriedigt. Anders
das Großsteingrab, das Wilhelm Tischbein, Friedrich Preller und ins-
besondereC. D. Friedrich zum Vorwurfnehmen,und das auch noch auf
einigenGemäldenGottfried Keller's begegnet. Jetztist auch die Zeit
gekommen, in welcherdas Denkmal von Stonehengein einerArt aufgefaßt
wird wie vordemund späterhinnicht. Constable wählt als Hintergrund
eine blauschwarzeWolkenwandmit doppeltemRegenbogen; bei Turner
erhebtsichdas Bauwerkgespenstisch vor dervomBlitz zerrissenenGewitter-
wolke. Karl Blechen's großesGemälde,„Semnonenrüstenzum Aufbruch
gegen den Andrangder Römer",ist ein sehr bezeichnender Vorläuferder
Historienmalerei.
c) Die Altertümer
stelleneinenationale
Aufgabe.
Als diesesletztgenannte Bild 1828 irrder BerlinerAkademischen Aus-
stellunghing,„drängten sich vor ihm die Besucherzusammen. Man erinnerte
sichnicht,je ein ähnlichesWerk gesehenzu haben." Diese Kunst,die litera-
rischesowohlwie die monumentale, und auch die Malerei,entfaltetnun eine
werbendeKraft. Die Bildungsschicht wird eindringlichauf ihrepersönliche
Beziehung zu der Frühzeit verwiesen ; sie erkenntdie nationaleAufgabeund
wendet sich in einem alle bisherigeArbeit auf diesem Gebiet weit über-
treffenden Maße dem Studiumder Denkmälerzu. In Deutschlandhaben
schonHistoriker wie Maskov und Hertzberg diesePlattform bereitet,wenn
sie auf die altenBewohnerdes heimatlichen Bodensverwiesen, auf diejenigen
Ahnen, welche das Land gegenüber den Römern verteidigthatten,und deren
Beispiel damit die Gegenwartverpflichte.
Eine entsprechende Bewegungzeigt sich in Frankreich.Kurz nachdem
hier,in Zusammenhang mitderRevolution,die Zerstörung zahlreicherKultur-
denkmälereingesetzthat, wirdderBegriffdes nationalenAltertumsgeprägt.
Schon 1790 bemühtsich A. L. Millin, diese „documentsde notre histoire

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 523

nationale"in ihrerVielgestaltigkeit zu umreißen; bald daraufziehtLegrand


d'Aussy in seinemBuche über die „ancienssépulturesnationales"einigein
der BretagnegebräuchlicheBezeichnungenfür Steindenkmäler heran, um
mitden von ihnenabgeleiteten WortenDolmenund Menhirdie verschiedenen
Artender „gallischen"Monumenteauseinanderzu halten. Im Jahre 1804
wirdin Paris die „Académieceltique"gegründet ; eine 1806 von ihrgeprägte
MedaillezeigtaufderVorderseite, mitderInschrift „langueet usagesceltiques"
in keltischausgestattetund mit einem Grabhügelim Hintergrund, einen
Genius,der die vor einemGroßsteingrab verhülltsitzendeGallia entschleiert.
Eine im Jahre1831 fürden südlichenTeil Frankreichsins Leben gerufene
ArchäologischeGesellschaftarbeitetunter dem Wahlspruch„Gloriae Ma-
jorum". Ihr entsprichtin Dänemark die Kgl. Gesellschaftfür nordische
Altertumskunde, welche 1825 gegründetwird. Hier in Skandinavienist
außerdemder Tätigkeitdes „GotischenBundes" zu gedenken,einer1811 in
Stockholmentstandenenliterarisch-patriotischen Vereinigung,deren Mit-
glieder„Namen von Goten tragen" und in der eigenenZeitschrift „Iduna"
eine ganze Reihe archäologischer Beobachtungenzusammenbringen.
Dieser Welt entspringt der Begriffder „nationalenArchäologie",wie
er in Frankreichz. B. bei Batissier begegnet(1843). Es nimmtnichtwunder,
wennhierder Gegenstandaus dem Altertumzum Nationalbesitzwird. Mit
einemGesetz von 1834 erklärtals ersterStaat das junge Griechenland alle
auf seinemBoden gefundenen Altertümer„als von hellenischenVorfahren
herkommend, fürgemeinsamesNationalgutaller Hellenen".

d) Die einzelnenNationen fassen die Aufgabe verschiedenan.


Diese Entwicklunghat ihre Brennpunktein Deutschlandund Nord-
frankreich ; anderwärtsist sie schwächer,oder zumindestnicht so augen-
fällig,wie etwa in England. Getragenwirdsie im wesentlichen von den in
den Jahren1780 bis 1800 Geborenen, welchein ihrerJugenddie literarische
Romantikmiterlebthaben,doch sind mancheihrerVertreter, wie beispiels-
weise der in der NormandietätigeA. de Caumont,auch jünger. Um die
Mittedes 19. Jahrhunderts huldigtdiesemArbeitsstil nurnochdie
eigentlich
ältereGeneration.Die deutscheSchweiznimmtan ihr teil,und in beschei-
denemUmfangauch Holland,nichtaberdas Elsaß ; die Zürcherische Antiqua-
rischeGesellschaft, 1832 gegründet, nenntsich ursprünglich„Gesellschaftfür
vaterländische Altertümer".Den in Österreich entstehenden Vereinenbleibt,
offenbar infolge einer relativgeringen Ergiebigkeitdes Bodens an bequem
zu deutendemFundstoff, eine nennenswerte Mitarbeitim wesentlichen ver-
sagt. Anders ist dies im Gebiet der Baltendeutschenin den Ostseeprovinzen
Rußlands,trotzseinerAbgeschiedenheit, und obwohlman dortvon Anfang
dieserArbeitan weiß, daß es um die Erforschung der Frühzeiteiner als
nachgeordnet angesehenen Gesellschaftsschicht
geht
Hier im Osten greiftdie Romantikauch auf die benachbartenVölker
über,in ihnendas BewußtseinihrernationalenEigenartentwederüberhaupt
erst erweckend,oder es verstärkend.Der SiedlungsraumdieserVölkerist
zumeistein Stückdes deutschen,bzw. in Finnlanddes schwedischen Eultur-

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524 Ernst Wähle, [45, 1950]

bodens; so wirdhierein Schwerpunkt der nationalenGeschichtegernin der


Frühzeitgesuchtund die spätere Entwicklungals eine Überfremdung be-
trachtet.Die NutzungdiesernationalenVergangenheit fürdie Gegenwart
gestaltetsichbeijedemdieserVölker,entsprechend denjeweilsandersgearteten
Verhältnissen, sehrverschieden.Finnenund Esten begnügensichdamit,den
Sagenschatz Volkesnach dem Vorbilddes Ossian zu einemNationalepos
des
zusammenzustellen. In Litauen setzt eine Sammeltätigkeit ein, welcheleb-
haftan diejenigederdeutschenGeschichtsvereine erinnert.Die Beschäftigung
mitden in BöhmengehobenenFunden dientzwarnichtderErmittelung einer
slawischenFrühzeitvon besondererKulturhöhe,- von einem Kampf der
Nationalitäten istja in dieserZeithierverhältnismäßig wenigzu verspüren - ;
aber wenn sowohlKalina v. Jäthenstein (1836) wie auch Wocel (1845)
ihreBücherden „böhmischen Altertümern" widmen,dannbedeutetböhmisch,
entsprechend damaligemBrauche, so viel wie tschechisch, und in der Tat
wirdhierwie dorteinemslawischenUrvolkin Mitteleuropa das Wortgeredet
und die These vertreten,als „von deutschenFürstenbeherrschte Landes-
bevölkerung" hätten dieseSlawen die markomannische Zeit überdauert. Hier
deutetsich der späterhinviel geübteMißbrauchtatsächlicher odervermeint-
licherZuständeder Vergangenheit fürdie Begründung politischerAnsprüche
derGegenwart bereitsan. Und nebendiesemKeimstehtbereitsdie vollendete
Fälschung,welcheeine als schmerzlich empfundene Lücke in der Kette der
Leistungen der Nation ausfüllensoll. Man hat damals auch anderwärtsnach
einem Nationaleposverlangtund, in gutem Glauben an die Berechtigung
eines derartigenTuns, ein solches aus tatsächlichvorliegender mündlicher
Überlieferung zusammengestellt; dem Tschechen W. Hanka jedoch muß
von etlichenMitpatrioten vorgeworfen werden, daß er ein Fälscher sei und
die angeblichin Königinhof und Grünberg1817 und 1818 gefundenen „alt-
tschechischen Literaturdenkmäler" selbst verfaßthabe. Ebensowenigist die
steinerneSäule echt,welcheeinPole 1848 imFlußbettdes Zbruczbei Husiatyn
gefundenhaben will. Denn genau so wenigwie die Handschriften fügtsie
sich in das Bild des geschichtlichMöglichenein, und entsprichtvielmehr
etlichenVorstellungen, welchezur Zeit ihrerangeblichenAuffindung in der
Literaturvertretenwerden.
Hier wie dorterwächstaus der Bekanntgabeder Denkmaleein langer
Streitum ihre Echtheit,welchernicht nur der Heranbildungeiner Kritik
dient,sondernauch Leidenschaften entfacht.Die FälschungenHanka's gehen
in Fr. Palacky's „Geschichtevon Böhmen" (ab 1836), also in das Haupt-
werk der tschechischen Geschichtsschreibung ein. Das von ihnen herauf-
beschworene Trugbild bekommt somit einen Resonanzboden von ganz be-
sondererWirksamkeit.Der Gedanke,die frühgeschichtliche Vergangenheit
zu verlebendigen, entsprangeinem elementarenpatriotischenEmpfinden ;
aber schon jetzt sind vereinzelteEifererdabei, ihn in nationalistischem
Sinne zij mißbrauchen.

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 525

e) Die gesellschaftlicheGrundlageder Arbeit.

Diese Arbeithat ihre gesellschaftliche Grundlagein dem gebildeten


Bürgertum ; die Anteilnahmedes Adels an ihr bleibt nur gering. Erschei-
nungen wie Graf Münster-Langelage und Comte A. de Laborde sind
Ausnahmen.Lediglichin den Ostseeprovinzen zeigt der Adel ein stärkeres
Interesse,und hierhelfen die Ritterschaften auch mit Geld. An fürstlichen
Gönnernsindder Kronprinz, bzw. KönigFriedrich VII. von Dänemark,der
Prinzund spätereKönig Johann von Sachsenund der GrafWilhelm von
Württemberg zu nennen: Überall handeltes sich um ein freiwilliges Opfer
an Zeit, Geld und Arbeitskraft, das sich selbständigentfaltenund die ihm
richtigerscheinenden Formen annehmenkann. In Frankreichsteht der
Pariser Zentralismusder vollen Auswirkungdieser privatenInitiativeim
Wege; anderwärts beschränkt sich die Tätigkeitder Staatsgewaltim wesent-
lichenauf die Bewilligungvon Zuschüssen.
Als die gegebenenOrganisationen diesesInteressesbildensichjetzt die
Geschichts- und Altertumsy ereine. Der Unstrut- Verein,1817 im Weichbilde
des Naumburger Domes gegründet, ist derälteste. FranzösischeLokalvereine
in Caen (gegr.1825) und St. Omer(1833) entsprechen bis in die Einzelheiten
ihrerVeröffentlichungen hinein diesen deutschen Gründungen.Anderwärts,
wie in England und Skandinavien, sind diese Vereinigungen jüngererEnt-
stehung; die ältestevon hierhergehöriger Artin Schwedentrittgar erst1856
ins Leben. Ein Gegenstückzu der Société nationale des Antiquairesde
France, in welche 1814 die Académie celtique übergeführt wird, fehltin
Deutschland natürlich zunächst ; erst 1852 kommt es hier zu der Gründung
des Gesamtvereins der deutschenGeschichts- und Altertumsvereine. Jenseits
des Kanals genügendem dortwenigerlebendigenInteressedie seit 1770 ihre
Zeitschriftherausgebende SocietyofAntiquariesof Londonund die seit 1787
publizierende Irische Akademie ; es ist zji beachten,daß auch die späterhin
hierins Leben tretendenVereinigungen viel mehrein „archäologisches" Pro-
grammbetonenals ein solchesvon landesgeschichtlicher Art.
Diese Vereinesammelndie Altertümer ihresArbeitsgebietes ; sie graben
planmäßigaus, gründen Museen und drucken ihreZeitschriften. Neben diese
letzteren treten zahlreiche selbständigeVeröffentlichungen, schmale Hefte
wie umfangreichere Arbeiten,die sichbis zu stattlichen Tafelwerken steigern.
Die großformatigen Bücher der Engländer Stukeley (1740, 1743) und
Douglas (1793) erhaltenjetzt ihre Nachfolgein denjenigender Deutschen.
Die Werke von Buschino (1820-24), Schroeter-Lisch (1824-37) und
v. Estorff (1846) spiegelndas künstlerische EmpfindenihrerZeit genau
so wider wie die Vignettenauf den Titelblättern bescheidenerer Arbeiten.
Friedrich Kruse's Tafelwerk„Necrolivonica"erlebtsogar zwei Auflagen
(1842,1859). Als Gebrauchsgraphik ist in dieserLiteratur,überdie Grenzen
Deutschlandshinaus, der Steindruck weit verbreitet.
Die Prähistoriker selbst sind Dilettanten im gutenSinne des Wortes.
Ihre akademischeodersonstwiegearteteBerufsausbildung bietetkeinebeson-
derenVoraussetzungen fürdie Arbeitauf diesemneuenGebiet. Begeisterung

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526 Ernst Wähle, [45, 1950]

fürden Stoffund ein gewissesMaß wissenschaftlichen Sinnesmüssengenügen.


Wohl könnensie aus der älterenLiteraturüber die Funde lernen,und kom-
men auch rechtbald zu persönlicher Fühlungnahme Abersie
untereinander.
sind doch weitgehendauf sich selbst gestellt,und das umso mehr, auch
als
die größerenVereinegewöhnlichvon-"nureinigenwenigenwirklichInteres-
siertengetragenwerden. Entsprechenddem regenGeisteslebendes Bürger-
tumsjenerZeit wirdauch in mancherKleinstadtintensiveArbeitgeleistet.
Die in Salzwedel (Altmark),Schlieben und Großenhain(in Sachsen) da-
mals geschriebenen Bücher haben noch heute ihrenWert; auch W. Cun-
NiNGTON, der von 1794 bis 1810 in Wiltshireeifriggräbt,ist ein Beispiel
dieserselbständigen Arbeitin der Provinz.
Die Fühlung dieses Kreises mit den Universitätenund Akademien
beschränktsich im wesentlichen auf zufälligeBegegnungen.Es darf nicht
überschätztwerden,daß Büsching von 1815 bis 1829 in Breslau eine Pro-
fessurfürgeschichtliche Hilfswissenschaftenund deutscheAltertümer inne-
hat, daß die akademischeEinladungsschrift des FreiburgerProrektors
H. Schreiber im Jahre1842 „Die ehernenStreitkeile, zumalin Deutschland"
behandelt,daß in Lund N. H. Sjöborg (f 1838)über nordische
Frühgeschichte
liestund die Sammlungen demonstriert.Auch das Preisausschreiben,welches
die Göttinger Akademie1823 auf Anregungvon W. Grimmhin veranstaltet,
und das eine „genaue Untersuchungder altgermanischen Grabhügel"ver-
langt, bleibt ohne nennenswerte Wirkung. In Frankreich tretenin diesen
JahrzehntenSchriftsteller wie Victor Hugo und Montalembert, sowie
Historikerwie Thierry, Guizot und Thiers fürdie Maßnahmender Denk-
malpflegeein, und wenn sie natürlichin ersterLinie an den Nachlaß des
Mittelaltersdenken,so ist doch auch die frühgeschichtliche Forschungein
NutznießerihresInteresses.In Deutschlandfehltes an einementsprechenden
Streben; selbst ejif Mann wie Giesebrecht, der die Erneuerungder ver-
gangenenKaiserprachterstrebt,hat kein Verhältniszu ihrenDenkmälern.
in Raum'undZeit.
/) Das Forschungsgebiet
Eine Antwortauf das Preisausschreiben wäre damals auch dann noch
nichtmöglichgewesen,wenndie Prähistorieeine stärkereFörderungerlebt
hätte. Außerhalbdes Kreisesder Fachleutehat es wohlenttäuscht, daß sich
die zuverlässigenErgebnissenur langsam einstellten, und die Prähistoriker
selbstklagtendarüber,daß gegendie Mittedes Jahrhunderts das Interesse
an ihremStoffmerklichnachließ. Aber das war nur ein vorübergehender
Vorgang; in ihrerEinzelarbeitist die genannteGenerationeinen richtigen
Weg gegangen.
Die deutschenForscherblicken nicht nur über die innerdeutschen
Grenzenhinaus. Sie vergleichen ihrenStoffmit dem französischen und dem
von derThemse. Sie beschäftigen sich eingehendmitderaltnordischen Über-
lieferungwie den Funden aus dem skandinavischen Raum. In dem Land-
städtchenSinsheim(Baden)schreibt Wilhelmi seinBuch überdie Fahrtender
Wikinger nach Amerika „schonüber 500 Jahrevor Columbus",und er hat
auch diejenigendänischenSchriften zur Verfügung,welcheihmein Bild von

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 527

der nordischen Tierornamentik vermitteln.Ein gleichesInteressean Skandi-


navien äußert sich in Frankreichund England. Thomsen's „Leitfadenzur
nordischenAltertumskunde", der im Hinblickauf das damaligeVerhältnis
Schleswig-Holsteinszu Dänemarksowohldänischwie deutschherausgebracht
wird (1836, 1837), erscheint1848 in englischerÜbersetzung.Auch J. J.A.
Worsaae's Darstellungder dänischenFrühzeitist es wert,ins Englische
übertragen und mit Verweisenauf den entsprechenden Stoffaus Großbritan-
nien ausgestattetzu werden(1849). Daneben machenselbständigeArbeiten
kleinerenUmfangeszu beidenSeitendes Kanals auf die Besonderheiten des
nordischen Fundstoffes aufmerksam.Schonjetzt hebtsich so die Bedeutung
der KopenhagenerSammlungab ; zugleichaber zeigt es sich, daß diesem
Blick nach dem Nordenein solcherin umgekehrter Richtungnochnichtent-
spricht. Der Schwerpunktdes Interessengebietes der Gesellschaftfürnor-
discheAltertumskunde liegtunverkennbar bei den Wikingern ; sie verkörpern
die Heldenzeitdes Landes, derenTaten und Denkmalenichtnurin Skandi-
navienvon ihnenzeugen,sonderndenenman auch in Osteuropa,Labrador,
und Massachusettsnachspürenkann.
Das an dieserinternationalen Fühlungnahme beteiligteGebietist genau
dasselbe,welchesüberhauptin dieserZeit einefrühgeschichtliche Archäologie
betreibt.Es erstrecktsich von Dänemarkund Südschwedenbis zum Fuße
der Alpen, von Irland und der Bretagnebis zur Ostgrenzedes deutschen
Kulturbodens.Und bei allen historisch oderandersbedingtenUnterschieden
derbesonderenInteressenist in sämtlichen RäumendocheineEinheitlichkeit
in der zeitlichenAbgrenzungdes Arbeitsgebietes zu erkennen.
Die „Vorzeit"wird in eine heidnischeund eine christliche eingeteilt ;
doch bedeutetdiese Scheidungkeine mindereBewertungder ersteren.Der
Titeldes Sammelwerkes „Die Altertümerunsererheidnischen Vorzeit"(Bd. 1,
1864)bezeugtnocheinmalundnachdemeigentlichen Ende diesesForschungs-
abschnittes,daß auch die Denkmale der heidnischenPeriode zu „unserer
Vorzeit"gehören.Gelegentliche Versuche,sichmitderZuteilungvon Funden
in das heidnischeAltertumpersönlichvon diesemabzusetzen,begegnenzu
selten,als daß sie diesen Gesamteindruck veränderten.
Die Grenzen der Heidenzeit gegenüberder späterensind fließend.
Überall jedoch gehörtzu der „Vorzeit"noch das hohe Mittelalter ; Altäre
und Grabsteine,Siegel und Münzenin gotischemStil sind ein regelmäßig
wiederkehrender Bestandteilder SammlungendieserZeit. Wo sich in die
Frühgeschichte der einzelnenRäume eine römischePeriodeeinschiebt, ist sie
auch ein Teil der Landesgeschichte.Der Mehrzahlder hierTätigenerscheint
es selbstverständlich, Römischesund Nichtrömisches gleichermaßen zu be-
treuen; kaum irgendwotrittbei ihnendas eine hinterdem anderenzurück,
oder begegnetgar ein Werturteil, das dem eineneine größereBedeutungzu-
erkennt.Einunddieselben Forschergrabensowohlin Hügelnwie in Ruinen
steinerner Gebäude. Emele faßtdie römischen und „deutschen"Kleinfunde
aus Rheinhessenin einergeschlossenen Darstellunggenau so zusammenwie
Millin die römischenund mittelalterlichen Bauten Frankreichs.

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528 Ernst Wähle, [45, 1950]

2. Die Methode.

a) Gebundendurch das NachklingenreligiöserDeutungen.

In dem Begriff der „heidnischen" Vorzeitlebt eine ältere,konfessionell


gebundeneDeutung nach. Sie zeigt sich auch in vielen Einzelheiten.Nur
langsam gewinntdie Erkenntnisan Boden, daß die Steinaltertümer als
Gebrauchsgegenstände zu deuten sind ; gerne werden sie noch als Opfermesser
und Opferbeilangesprochen.Überall wittertman die Druiden,im Grab-
brauchwie im Steindenkmal.Dorow setzt seinemaus zuverlässigen Fund-
berichtenbestehenden Buch überAltertümer der Gegendvon Wiesbadenein
Titelbildvoraus,das einen „Opfer- Altar der Teutschen"zeigen soll ; er ist
deutlichvon einem Megalithgrababgeleitet,aber so sehr der Gestalteines
Tisches angenähert,daß er mit allen tatsächlichenVorkommnissen nichts
mehrgemeinhat. Die Frage, ob nicht zumindest ein Teil der Großstein-
gräberals Altar anzusprechensei, bleibt noch längereZeit offen.Unver-
ändertgroß ist das Interessean den sogenanntenGötterbildern, bronzenen
oder aus anderemMaterialbestehendenStatuetten,die im Mittelalterals
Leuchteroder zu einem sonstigenZweck gefertigt wordensind. Zu den
originalenStücken gesellen sich auf diesem Gebiet viele zeitgenössische
Schöpfungen, zu deren Gestaltungin Anlehnungan die Nachrichtender.,
frühenSchriftsteller man sich berechtigtfühlt. Es wird ja beispielsweise
auch für ein Buch über den SpeyererDom eine Porträtgalerie der Kaiser
salischenGeschlechtesgefertigt, und es ist sinngemäßdasselbe,wenn man
in der gleichenZeit die ganze Vielgestaltigkeit der Götterbilder von Wenden
und Preußenin Steindruckvorführt(1842). Doch erreichtdiese Literatur
kaum mehr die Mitte des Jahrhunderts ; man erkennt,daß die Vorstel-
lung von der Verehrung des Götzen Crodo auf dem Platz der Harzburg
nicht haltbar ist, und es mehren sich die Zweifel an der Zuverlässigkeit
auch andererKonstruktionen.

b) Gehindertdurch die Phantasie.

Bevor jedoch hier eine strengereKritikzur Geltungkommt,erwächst


der romantischen Überschwänglichkeit deutscherPrägungin den erstendrei
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Literaturvon utopischerArt. Über
eine
„Truhtenund Truhtensteine" handelt(1802) W. Reynitzsch; der Frhr. v.
Donop widmetim Anschlußan den Fund einervereinzelten keltischenGold-
münze dem „magusanischen Europa" ein zweibändiges Werk (1819, 1821).
GrafWackerbarth fühltsich als wackererBarde, und schreibtin seiner
„Geschichteder großenTeutonen" alles, was groß ist im Abendland,den
Germanenzu ; sämtlicheEinzelheitendes vielgestaltigen Geschehensfügen
sich bei ihm zu einem bequem überschaubaren Bilde (1821). Ein Böhme
namensLegis, der mit Oehlenschläger und anderenVertretern der nor-
dischenRenaissancein Berührung kommt, räumtin seinen „Fundgrubendes
alten Nordens"den Runen eineneigenenBand ein (1829), und vertritthier

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Geschichte der prähistorischenForschung. 529

wegen der „durchgängigen Ähnlichkeitder Runen mit den Umrissender


Menschengestalt" „Idee einer mimischenRunenschrift".
die
Diese Neigungzum Geheimnisvollen und Absonderlichenäußertsich in
dieserZeitauchnochin andererWeise. Der Sargdesweitbekanntenhalleschen
ArztesJ. Chr.1Reil wird vor den Toren der Universitätsstadt
in ein sich
dortbietendesSteinkistengrab aus frühgeschichtlicher
Zeit gebettet(1813);
die sterblichenReste des Dichters H. W. von Thümmelmauertman in
Nöbdenitz(Sachsen) in einenlebendenEichbaum ein (1824).
c) Umfang, Beobachtung, DeutungundOrdnung des Stoffes.
Gegenüberderartigen Kräftenhat es das kritischeStudiumdes Stoffes
nichtleicht,Boden zu gewinnen.Tatsächlichgelangtes noch nicht dazu,
Siedelungsreste als solchezu erkennen,und auch die Deutungder Hortfunde
kommtnochnichtzustande. Das Stoffgebiet bestehtweiteraus Gräbernund
Wallburgen, denen sich, von den einzeln beobachteten Gegenständenab-
gesehen, die „Altäre" und sonstigenheiligenSteine, sowie die Götterhaine
und die anderenKultstättenanschließen.Eine Vermehrung der Kategorien
findetalso nichtstatt,doch bleibendie Grenzendes der Beobachtungfür
wertErachtetendurchausfließend.Im Anschlußan seineAbhandlung„Über
deutscheRunen" (1821) führtW. Grimmetliche„Steinemit Zeichen,aus
heidnischen Grabhügeln" lediglichdeshalbvor,weil aus ihnenvielleichtnoch
einmaleine Erkenntnisgeschöpftwerde.
Der Schwerpunkt des Interessesliegtbei den Grabinhalten.Es werden
nichtnur sehrviele Hügel planmäßiguntersucht, und, im Anschlußan den
Zufallsfund,etliche Reihengräberfelder planmäßigausgegraben ; man ist,
mehrnochals bisher,bestrebt,die InventaredereinzelnenBestattungen aus-
einanderzuhalten1. Eine Schule der Ausgrabungskunst bieten auch die Kom-
plizierungen der Fundverhältnisse durch Nachbestattungen in den Hügeln.
Aus dieserIntensivierung derBeobachtungenim Geländeerwachsenin Nord-
deutschland einigeInventarwerke, welcheden Stoffeinesbestimmten Gebietes
vorführen : eine Fundkarte der Insel Rügen (v. Hagenow, 1830), eine
„Statistikderim KönigreichHannovervorhandenen heidnischen Denkmäler"
(Wächter, 1841),unciinsbesondere die archäologische AufnahmederGegend
von Uelzen (Frhr.v. Estorff, 1846), in welcherden Denkmalenim Gelände
die gesamtenbekanntgewordenenKleinaltertümer angeschlossenwerden.
Der Gewinn dieser Fülle von Einzelarbeit liegt in der Möglichkeit des Ver-
gleiches,in der Feststellungvon Regeln und von Ausnahmen.Lisch faßt
(1837) die TendenzdieserGräberforschung treffend zusammen: „Soll aus den
Altertümern ein wahrerGewinnerwachsen,so hilftes nicht,die gefundenen
einzelnenStücke abgerissenund ohne Verbindungzu beschreiben, sondern
es muß eineGräberkunde gegeben werden. Erst wenn dem Forscher . . . eine
vollständige Ansichtdesgesamten, wennauchvergangenen undzertrümmerten
InhaltseinesGrabesvorAugenliegt,und ihmdannwo möglichganzeReihen
von Gräbernverschiedener Artmit ihremgesamtenInnernzur Vergleichung
zu Gebote stehen: erst dann kann er es sich erlauben1, die Altertümer zur
Altertumskunde zu benutzen".

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AnthroposXLV. 1950. 34
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530 Ernst Wähle, [45, 1950]

Diese Gräberkunde bestehtnichtnur in der Feststellunggeschlossener


Grabinventare, sondern darüber hinaus in der Erkenntnis,daß bestimmte
Geräte und teilweisesogar gewisseWerkstoffe an einzelneGrabformen ge-
bunden sind. Das vorliegendeMaterialerlaubtbereitsdie wichtigeFest-
stellung,daß dem Wandel des Bestattungsbrauches ein solcherder Geräte
parallel geht. Damit bieten sich Anhaltspunkte für die zeitlicheOrdnung
und die ethnischeDeutungdes Stoffes.Zugleicherwächstaus seinerMenge
die formenkundliche Studie. In Pommernund Hannoverwerdendie Groß-
steingräber etlicheTypen geschieden; langsam gibt sich die Welt der
in
Reihengräberfelder als eineselbständige Erscheinung zu erkennen.Bruzelius
in Lund versuchtes als erster,die Steinaltertümer zu ordnen (1816);
H. Schreiber in Freiburgi. Br. bieteteine Übersichtüber die Formender
bronzenen Beile (1842),undFr. Troyon in Lausannehandeltan demMaterial
eines kleinenRaumes über Armringe und Gürtelschnallen (1843). Der Auf-
stellungeinerEntwicklungsreihe kommtSchreiber aufseinenbeidenTypen-
tafelnschonrechtnahe, insofern er die fürsie ausgewählten Stückeim Hin-
blickauf die „Formen-Umbildungen" ordnet; auf der einenTafel hat er die
Rand-, Absatz-und Lappenbeilein der Art einerAbfolge,auf der anderen
die Tüllenäxte. Tro yon analysiertden Stil seiner Fundgegenstände;er
sprichtvonderälterenZeit des Armschmuckes mitgeometrischer Ornamentik,
und von der jüngeren,entwickelteren Periode,welchedurchGürtelschnallen
mit Menschenbildern daraufgekennzeichnet ist.
An diesemVergleichder Formenschultsich der Blick fürdas Wesent-
licheund fürden Sonderfall.TrotzallerVermehrung des Fundstoffesist das
Netz der zuverlässigen Beobachtungennoch immerso~weitmaschig und viel-
gestaltig,daß die Schwierigkeit ihrerOrdnungnicht unterschätztwerden
darf. Die Frage der ursprünglichen Verwendung vielerGegenständefördert
man jetzt auch vermittels der Feststellung,wie die Beigabenbei dem Skelett
angeordnet, also einstwohlgetragenwordensind. Es kommtnochvor,daß
man den eisernenSchildbuckelals Helm deutet, und den Beschlag eines
kleinen,hölzernenEimersdemSchädeleinesMannesaufsetztwie eineKrone.
Zu dem Fund des metallenenBuckels muß sich derjenigeeines Griffes und
des Randbeschlägesgesellen,damitderin seinemhölzernen Teil nichterhalten
gebliebeneSchild als solchererkanntwird. Die Auffindung einerhölzernen
Beilschäftung, welche dank besonderen Erhaltungsbedingungen durchausmög-
lich ist, weist der Deutung derjenigen„Streitkeile"den Weg, die man bis
dahin gleichder Lanzenspitzeauf einen Schaftgesteckthat.

3. Die Problemeder Fundprovinzen.


a) Ihreräumliche
Abgrenzung.
Die außerordentliche Vermehrung des Stoffesführtzu einerschärferen
Umreißungder bereitsbekanntenFundprovinzenund zu der Aufstellung
etlicherweiterer; insbesondere
aberkommtes zu einerwesentlichen Förderung
der Vorstellungen von der zeitlichenAbfolgeder Erscheinungen.
Die Grenzender von Großsteingräbern besetztenGebieteim Norden

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 531

und Westendes Erdteileskönnenjetzt im wesentlichen abgestecktwerden;


handeltes sich doch hierbeium eine zumeistoberirdischfeststellbare Er-
scheinung.Der bereits bekannte Raum der Grabhügel, der einen Schwer-
punktim Nordenzu habenscheint,vergrößert sichwesentlich.Doch gelangt
Wilhelmi's Versuch(1840-48)einervergleichenden Übersichtüber die Hügel
in der südlichenHälfteDeutschlandszu -keinemErgebnis; wohl weiß man
dortvon demnordischen Dreiperiodensystem, siehtsichaberso vielgestaltigen
und auch so komplizierten Befundengegenüber,daß man es nicht auf sie
anzuwendenwagt. Schonzwei JahrzehntezuvorwünschteW. Grimm(1821)
eine Übersichtüberdie Grabhügelin Deutschland„als derältestenZeugnisse
einervorgeschichtlichen Zeit",angeregteinerseits durchihrVorkommen auch
in Osteuropaund bis nach Indien, anderseitsdurch die Überlegung,daß
die eben erst ermittelteindogermanische Sprachverwandtschaft „auch in
diesemuralten,ohne Zweifelauf religiösenAnsichtenruhendenGebrauch
hervorzudringen scheint". Dies Problem von wahrhaftkontinentaler Weite
konntedamals nichtgemeistert werden; aber selbstder schonrelativzahl-
reicheStoffaus Süddeutschland entziehtsich noch der Erfassung.Wie sehr
es hierderAnhaltspunkte ermangelt, gehtauchdaraushervor,daß L. Linden-
schmitnoch 1852 eine Schichtrheinischer Grabhügelin das 5. Jahrhundert
n. Chr. setzt.
Etwas besser bestelltist es um die Abgrenzungdes römerzeitlichen
Materials.Das Studiumder Grenzanlagen, derBildsteineund der Inschriften
zeitigtin einerselbständigen Literatureine gewisseBasis. Doch bleibt,trotz
der Grabungenbesondersin Niederbieber(Westerwald)und auf der Saal-
burgim Taunus,der Typus des Kastells nochunbekannt,und werdensomit
auch manchevillae rusticaeals Wehrbautengedeutet. Fernersteht man
weitgehendim Banne der Vorstellung,daß jede Stadt auf ein Kastell
zurückgehtund jedes mittelalterliche Schloß auf einen „Wartturm".Noch
um die Mittedes Jahrhunderts muß die Ansichtbekämpftwerden,daß der
in Buckelquadernaufgeführte Turm der Ruine Steinsburgbei Sinsheim
(Baden) bis zum Gesims hinauf römerzeitlicherHerkunftsei. Jacob Burck-
hardt siehtsichin demFall der Kirchezu Ottmarsheim im Oberelsaß(1844)
der älterenAnschauunggegenüber,daß der Bau in die späte Römerzeit
gehöre; aus den architektonischen Einzelheitenherausmuß er seine.These
verteidigen, daß hier eine Nachbildungdes Aachener Münstersvorliegt.
Wenigerschwierig erscheintim ehemalsrömischenGebietdie Zuweisungder
Kleinfundezur provinzialenKultur; doch ergibtsie sich fürgewöhnlich nur
aus ihrerVergesellschaftung mit Bautrümmern, terrasigillataund Münzen.
Die Menge des römerzeitlichen Stoffeserlaubt seine Verarbeitung zu Dar-
von
stellungen regionaler Art, welche sich ziemlich gleichmäßig überEngland
und Frankreich,sowie die Länder vom Rhein bis zu den Ostalpenhin ver-
teilen. Doch ist das Materialnoch zu wenigeinheitlich und die Epigraphik
noch zu unvollkommen, als daß hier etwas anderesals eine antiquarische
Schilderunggebotenwerdenkönnte.
Wenigersicherals auf dem Boden der römischenProvinzenist die
Umschreibung des antikenGutes in den Funden innerhalbder Germania

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532 Ernst Wähle, [45, 1950]

magna. Hier wird ja gelegentlichEinfuhrwarein Form von Statuetten,


Münzenund bronzenenGefäßenmit Fabrikmarkezutage gefördert ; sie legt
die Frage nahe, was nun zweifellosals einheimischanzusehensei. Stärker
jedoch als dieses Fremdgut wirkt die allgemeine Unterschätzungder
Leistungsfähigkeit der nichtantiken Welt, die man selbst dort beobachtet,
wo die persönlicheVerbundenheit mit der germanischenFrühzeitbetont
wird. Es begegnetdie Vorstellung, die Römerhättennach dem Geschmack
der Fremdvölkerfür die Ausfuhrgearbeitet,oder etwa diejenige,daß erst
durchdie Berührungmit Rom sich im Nordeneine eigeneMetallindustrie
entwickelthabe. Begüristigt werdendiese Gedankengänge, die in der Zu-
weisung eines jeden in die Augen fallenden Fundstückes an die römische,
gelegentlich auch aftdie etruskischeoder Welt
phönikische gipfeln,durchdie
Vorstellung von dem geringen Alter der nordischenMetallzeit ; fühltman
sich in dieser Hinsicht doch noch ganz an die Zeit um ChristiGeburt
gebunden.. Diese Überlegungen sind aber auch deshalbmöglich,weil sowohl
aus den Provinzenwie dem Kerngebietder Antikeein erst sehr geringer
Bestandan Kleinaitertümern vorliegt,und damitdie Abgrenzung einesrömi-
schen Formenkreises gegen den außerantiken im Schöße der Zukunft ruht.
Zum Unterschied hiervonschließtsich das Materialder nachrömischen
Zeit auf provinzialemBoden wie in seinem Vorfeldbinnenkurzer, Zeit zu
der trotz aller weiten Verbreitungdoch außerordentlich einheitlichen Er-
der
scheinung ,Reihengräberfelder zusammen. Nichts kennzeichnet den Stand
des Wissensum sie besserals die Tatsache,daß K. Wilhelmi und L. Linden-
schmitschon 1852 zur Subskription auf ein von ihnengeplantesWerkein-
laden,welches„Die Grabaltertümer der Burgunden, Frankenund Alamannen
aus den erstenZeitendes Christentums" behandelnsoll. Einen nochweiteren
Rahmen spannt Graf Wilhelm von Württemberg in seinen diesem Stoff
gewidmeten„Graphisch-archäologischen Vergleichungen" (1861). Er bezieht
auchdie englischen Fundemitein,undso reichtseineKarte„dergermanischen
Begräbnisplätze dersogenanntenmerowingischen
aus Zeitperiode"vomSevern
bis zur Salzach,von der Loirebis in die Wetterauund nachWestfalenhinein.
b) Die Frfigt der Stände.
Die Versuche,das Materialeines begrenztenGebietesin den Nachlaß
von Herrenund Hintersassenzu scheiden,tretenjetzt zurück,obwohldas
Interessean der ständischenGliederungweiterhinvorhandenist. Man strebt
mehr als bisherdanach, die FundgruppenbestimmtenVölkernund Zeit-
stufenzuzuschreiben.Was vordem als ein räumlichesNebeneinanderer-
schien,wirdjetzt als zeitlichesNacheinanderaufgefaßt; damit aber nimmt
man dem älterenDeutungsversuch einen großenTeil seinerBasis.

c) Die ethnische
Deutung.
Das Inventarder Reihengräberfelder hat nichtsmit den Kleinalter-
tümernderrömischen Fundstellenoderder flachländischen
Urnengräber,auch
nichtsmit demjenigender Grabhügeloder der Großsteingräber gemeinsam.
Alle Hinweiseauf das Alterdieser Fundgruppelauten auf die Merowinger-

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 533

zeit, und man folgertaus ihrerVerbreitung, daß sie die germanische Land-
nahmeauf ehemalsrömischem Boden widerspiegeln. Der gleicheVorgangim
Kleinenergibtsich fürC. Einfeld aus der Paralleleeines Friedhofeslinks
der Niederelbemit denjenigender Angelsachsen im Gebietder Themse; für
die archäologische Umschreibung des festländischen Ausgangesder Wande-
rung ist damit ein ersterAnhaltspunkt gewonnen, wirdeineganzeAnzahl
und
paralleler Funde aus Niedersachsen sowohl ethnischbestimmtwie zeitlich
festgelegt(1857).
Ganz andersals in diesenFällen liegendie Verhältnisse dort,wo eine
derartig unmittelbare Nachbarschaft zu dem von den Schriftquellengebotenen
Tatbestandfehlt.Dem Versuch;zeitlichweiterzurückliegendeFundgruppen
ethnischzu deuten,stehtaber nicht nur der Mangeleinerarchäologischen
Methodeentgegen.Auchdie auf Ortsnamenund die Nachrichten derantiken
Schriftsteller gegründetehistorischeEthnographiebefindetsich erst in den
Anfängen. Die Vorstellungen von der geschichtlichen Rolle beispielsweise
der Keltensindnochsehrverschwommen, und ebensoist es um die Kenntnis
ihresSiedelungsraumes bestellt; trotzdemerwächsthiereine „Keltomanie",
und werdenalle Bronzebeileoder auch die Großsteingräber als Zeugniskel-
tischerAusbreitung angesprochen. Man findet Phönizier bis zu Weserund
Werra, und erklärt ein Grab von einer auch füruns Heutige noch besonderen
Art für dasjenige„eines Heerführers unter Attila". Viele Funde werden ein-
fach als „deutsch"angesprochen,wobei es aber oft zweifelhaft bleibt,ob
dies sovielbedeutetwie germanisch ; hält doch dieseZeit die beidenBegriffe
oft nichtauseinander.Im Norden rechnetman mit einerehemalsziemlich
weitenAusdehnungder Finnen,und schreibtgelegentlich diesen die Groß-
steingräber zu.
In Ostdeutschland ist die Frage, was man den Germfanen und was den
Slawen zuzuschreiben habe, bereits300 Jahrealt; man stehtihr weiterhin
gegenüber und kommt dochnichtüber N. Marschalk hinaus. Dabei erfährt
das Problem als solches jetzt noch eine gewisseBelebungdurchdie ersten
Ergebnisseder vergleichenden Sprachwissenschait.Seit dem Ausgangdes
18. Jahrhunderts begegnetim europäischenDenken auch Indien; man hält
seine Kultur für besondersalt, und sieht das Sanskritals Urspracheder
Menschheitan. Damit bekommtdie auf die Genesis zurückgehende Vor-
stellung von dem Osten als Völkerheimat neue Nahrung. Man welcher
fragt,
Fundstoff den von hierherzugewanderten Germanengehörthat, ob ein noch
älterervorhandensei,und welchemVolke dieserzugeschrieben werdenmüsse.
Die Göttinger Preisfrage ist nichtdas einzigeErgebnisdieserÜberlegungen ;
zum Beispiel regt auch die KopenhagenerGesellschaft(1837) zu Untersu-
chungenüber „den asiatischen,Ursprungder Einwohnerdes Nordens"an.
Aberwederhiernochdortkommteine Antwortzustande; bezeichnend, daß
sichdie Archäologie mitdiesenweitreichenden Problemennichtnäherbefaßt,
dafüraber im Grenzgebiet gegea die Schriftquellen hin erstmalsdie Träger
einigerFundgruppen mit Sicherheit bestimmt.

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534 Ernst Wähle, [45, 1950]

d) Die zeitliche Abfolge.


a) Im nordischen Kreis.
An diese Frage der ethnischenDeutung der Fundprovinzenschließt
sich diejenigeihrerzeitlichenAbfolgean. Der provinzialrömische Stoffgeht
der Periodeder Reihengräber voraus; in England überlegtman, was älter
ist als die fürangelsächsisch angesprochene Schichtund was jünger. Durch
das Wissenum das Nacheinander von Stein,Bronzeund Eisen erfahren diese
Versuche,eine relativeChronologieder archäologischen Erscheinungen auf-
zustellen,eine starkeBelebung. In den ehemalsrömischenGebietengibtdie
Fundschichtder Römerzeiteine festeBasis ; im Nordendagegenmuß das
zeitlicheNacheinandereines Stoffesermitteltwerden,dem die Verbindung
mit den Schriftquellen fast ganz fehlt.
In Kopenhagenund dem nichtweit davon entfernten Lund wirddie
Frage des Nacheinanders der drei Werkstoffe um die Wende zum 19. Jahr-
hundertlebhafter erörtertals bisherirgendwo.Der Däne V. Simonsenfindet
(1813) ebenso wie der Schwede N. H . Sjöborg (1815), daß die antike,d.h.
literarischeVorstellung tatsächlich auf das nordischeMaterialangewendet
werdenkann. So stelltim Jahre1830B. E. Hildebrand in Lund die dortige,
seit längerembestehendeund gepflegteSammlungnach diesemPrinzipauf;
in Kopenhagenlegt es C. J. Thomsen,der seit 1816 der Leiter des dort
soeben gegründeten Museumsist, seinem„Leitfadenzur nordischenAlter-
tumskunde"(1836/37)zugrunde.
Etwas andersist die Entwicklungin Norddeutschland, insofernman
hier die Grabformenzum Gegenstandder Einteilungnimmt und über-
haupt mehrmit der eigenenBeobachtungim Gelände arbeitetals mit den
in den Museumsschränken vereinigten Kleinfunden.Die Systemedes Justi-
tiars Jasperson in östergaardbei Flensburg(1828), des Gymnasialrektors
Danneil in Salzwedel(Altmark,1835) und des ArchivarsLisch in Schwerin
(Mecklenburg, 1837) stimmendarinüberein,daß sie die Großsteingräber an
den Anfangder Entwicklung stellenund die Urnengräber unterebenerErde
an ihrEnde. In den Versuchen,die Abfolgeder Grabformen als eine*solche
bestimmterVölker zu deuten, gehen ihre Ansichtenauseinander. Ent-
scheidendaber ist, daß den dreiso verschiedenen Grabformen -*-dem Gr^oß-
steingrab, dem Hügelgrab und dem Urnengrab unter ebener Erde - die
drei nicht minderverschiedenen Werkstoffe entsprechen, und zwar in dei-
Form, daß aus der Vergesellschaftung von beiden auf eine Parallelitätin
ihrerAblösunggeschlossenwerdenkann.
Grundlagedieses im NordenerzieltenFortschrittes ist die großeEin-
heitlichkeit eines relativreichenFundstoffes, hinterwelcherdie lokalenBe-
sonderheiten zurücktreten. Die Einzugsgebietedes Materials,welchesdiesen
Schlußfolgerungen zugrundeliegt,sindDänemarkundSchonen,dieLandschaft
Angeln(Schleswig),sowieMecklenburg und die Altmark.Diese Gebietesind
Teile einergroßen,heuteals nordischer Kulturkreisbezeichneten Fundprovinz,
die mit dem Neolithikumeinsetzt,eine reichentwickelte Bronzezeitbietet,
undeinenochlängerdauernde,mitdemwikingischen MaterialendendeEisen-

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Geschichteder prähistorischen
Forschung. 535

zeit. Nur ein solcherStoffkanndie Anwendung der antikenThese gestatten.


Indem er dazu einlud,fandensich AngehörigedreierNationenzusammen,
und dies geschahinnerhalbderjenigenkurzenZeitspanne,in der das Problem
offenzutagelag. Der in der Folgezeitum die Frage geführte Streit,welchem
der Genanntendas Hauptverdienstan der Aufstellungdes Dreiperioden-
systemszukomme,gehörtheute umso mehrder Vergangenheit an, als ja
keinervon ihnendie Richtigkeit dieserAbfolgevon Grabformen und Werk-
stoffenwirklichbewiesenhat. Sie konstruieren ja nur eine solche,und es
bleibteinerspäterenZeitvorbehalten, die GültigkeitihrerSystemedarzulegen.
Eine Gliederung des Stoffesnach den Grabformen liegtdieserZeit auch
insofernnahe, als die Entwicklungdanach mit dem Unförmlich-Primitiven
beginnt.Schondie internationale BezeichnungRiesenstubefürdas Megalith-
grabweistdaraufhin,daß nurganz besondereurzeitliche KräftedieseBlöcke
aufgetürmt habenkönnen.Und wiehierimNorden.30istes auchin Griechen-
land ; nach PausaniaS werdendie mächtigen Bauten in Mykenaiund Tiryns
seit altersden Zyklopenzugeschrieben.In den Stadtmauernund anderen
Bauten Etrurienshat die Renaissancedes Urtümlich-Gewaltige unmittelbar
vor Augen; in Perugiasetztsie eine zierlicheLoggia auf die 15 m hoheEin-
fassungsmauer des Augustus-Tores, deren Quaderwerknach der Basis hin
immergröberwird. Die Zeit um 1800weißnatürlichvon diesenDenkmälern;
sie kenntdas Löwentor,sowie die zahlreichen,vor die Zeit der römischen
Herrschaft gehörenden denenW. Abeken 1843 eine
Bauten in Mittelitalien,
eigeneDarstellungwidmet.Er stelltfest,daß sichin Etrurienaus den älteren
Gräbernlangsam„einezierlichere Form" entwickelt, und so deutetsich hier
an einemganz anderenStoffdieselbeErkenntnis1 an/ daß nämlicham Anfang
das Zyklopische steht.

ß) In Süddeutschland, Frankreich und England.


In Süddeutschland fehltdies,und es mangeltzu dieserZeit auch noch
an einfachenBrandgräbern unterebenerErde. Außer dem Römischenhat
man hier die Grabhügel und die Reihengräberfriedhöfe. Schon 1830 weiß
WiLHELMi um den großenUnterschied in den Beigabenaus beiden,und 1834
begründet er die Einordnung der letzterenin die Merowingerzeit. Er sieht
die Übereinstimmung ihresStoffesmit dem Inventardes Childerich-Grabes,
welchesauf das Jahrgenaudatiertwerdenkann,und damiteinenFestpunkt
erstenRanges bietet. Fernerbeobachteter die Übereinstimmung der Tier-
ornamentik eines SinsheimerSchmuckbrakteaten mit derjenigensowohlder
nordischenHeldenzeitwie einigerder als relativfrühangesehenenchrist-
lichen Kirchen. Die Grabhügeldürftenalso älter sein als dieser Stoff;
WiLHELMineigtzunächstdazu, die von ihm selbstuntersuchten in die un-
mittelbarvor der römischenHerrschaft liegendeZeit zu versetzenund den
Germanenzuzuschreiben.Späterhinsprichter sich hinsichtlich ihrerZeit-
stellung wie ethnischen Zugehörigkeit nicht mehr aus, denn er bejaht
das im Norden entwickelteSystem,kann es aber nicht auf den eigenen
Stoffanwenden.
Seine Datierungder Reihengräberfelder übernimmtCochet für die

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536 Ernst Wähle, [45, 1950]

Normandie(1854, 1857). Was weder hierhergehört,noch in die Römerzeit


des Landes, das verweistder Franzose teils in die gallischeund teils in die
normannischePeriode; doch kann die Richtigkeitseiner Ordnungnicht
darüberhinwegtäuschen, daß sie in etlichenTeilennurwahrscheinlich gemacht
wird. Cochet's Materialder vorrömischen Zeit ist außerordentlichspärlich,
und man vermißtbei ihminsbesonderedie Einbeziehungdes Megalithikums,
dessen Untersuchung hier noch kaum begonnenhat. Wesentlichmehran
Fundenaus vorrömischer ZeitbringtAkerman(1847)von jenseitsdes Kanals
zusammen.Aber er vermagnicht,aus Hügeln und Megalithischem, Flach-
gräbern und ein
Wehranlagen System zu errichten. Was nicht römerzeitlich
ist und auch nichtangelsächsisch,das wirddervorangegangenen „keltischen"
Zeit zugewiesen.Sah Cochet von der Anwendungdes Dreiperiodensystems
auf die Normandiedeshalbab, weil es ihm an vorrömischem Stofffehlte,so
Akerman infolgeder geringenÜbersichtlichkeit eines noch sehr spärlichen
und zudem heterogenen Materials. Es kommtwederhiernoch dortzu der
Aufstellung einererstenund zwar megalithischen Periodeder Frühzeit,weil
man den tatsächlichenReichtumder Gebietean entsprechendem Material
überhauptnoch nichtahnt.
e) Die absolute Chronologie.
Gerade an den Systemenvon Cochet und Akerman zeigt es sich,
wievielim Nordenmit der Tiefengliederung einer abseits des Lichtes von
Antikeund frühemMittelalter liegendenFrühzeitgewonnenwird. Trotzdem
sichnun aberhierStein-,Bronze-und Eisenzeitzu festeren Begriffen formen,
undsichaus ihneneineEntwicklungablesenläßt,wirddieZeitvordenSchrift-
quellenim ganzennochals ein Zustand gesehen.Die Vervollkommnung der
Geräteund die Verwendung neuer Werkstoffe genügenfürsich alleinnicht,
um hiereinegrößereZeitspanneahnen zu lassen. Manglaubtzwar,das Nach-
einanderverschiedener Völkerzu beobachten,doch fehltjede Möglichkeit,
ihneneine bestimmteLebensdauerzuzuerkennen.
Tacitus, der gegendenAusgang des erstenJahrhunderts n. Chr.seine
Germaniaschreibt,bietetinsoferneinen Festpunkt,als er von den eisernen
Waffender Germanenspricht. Nach landläufiger Auffassung der Zeit um
1800 sollen sie mit der Bronze erst durchdie Römer oder vermittelsder
Keltenin derunmittelbar vorrömischen Zeit bekanntgewordensein; danach
fälltdenndie Steinzeitin die letztenJahrhunderte vor BeginnunsererZeit-
rechnung.Diese Vorstellungder Frühzeit verharrtalso noch ganz in der
Gegendum ChristiGeburt.Selbstdie schärfere Erfassungvon südländischem
Einfuhrgut im Norden könnte an dieser Situationinsofernnichtsändern,als
die Archäologiedes Südens mit der Bearbeitungder Kleinaltertümer erst
ganz in den Anfängensteht.
Demgemäßerfolgtdie Darstellungder Frühzeitjetzt nochin derForm
einer Altertumskunde.In seinem „Abriß der deutschenAltertumskunde.
Zur Grundlagevon Vorlesungen bestimmt"(1824) bietetJ. G. G. Büsching
eine bis in die letztenEinzelheitenhineingegliederte Disposition,welchein
ihrenbeiden Hauptteilendie Nachrichtender Antikewie den archäologi-

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Geschichte der prähistorischenForschung. 537

sehen Stoffgleichwertig nebeneinanderstellt,und Natur wie Kultur im


Sinne eines Zustandes behandelt. Auch Thomsen's „Leitfaden"sieht die
Frühzeitdurchausstatisch,und sprichtnur in einem kleinenKapitel von
den „verschiedenen Perioden,in welchedie heidnischenAltertümer gesetzt
werdenkönnen". Vor allem aber ist dies in dem ebenfalls1836 erschie-
nenen,umfangreichen „Handbuch der germanischen Altertumskunde" von
G. Klemm der Fall. Es gründetsich „auf das, was die Alten melden,was
die Ausgrabungendarbietenund was das Volkslebennoch enthält",und
bietet sich schon damit als ein umfassendesNachschlagewerk dar. Indem
in diesemZustande der Forschungden anderenNationenetwas Entspre-
chendesfehlt,verkörpert es den besonderenStand der frühgeschichtlichen
im
Forschung germanisch-deutschen Kulturgebiet.

4. Das Ergebnis

Damals wurdeaber auch beanstandet,daß diesesHandbuchdie Schei-


dungderAltertümer nachdem Dreiperiodensystem vernachlässige,und damit
nichtberufensei, einer „neuen Gestaltungder deutschenAltertumswissen-
schaft"zu dienen; doch ändert diese auf die kommendeEntwicklungver-
weisendeStimmenichtsan dem Ausmaß des Erreichten.
Was bei Hesiod nur verschwommene Kunde ist und später gelehrte
Konstruktion, das hat jetzt greifbareGestaltangenommen^Man sieht mit
allerDeutlichkeiteine Frühzeit,die schriftlos ist und vor den Schriftquellen
liegt,und die sich aus sich selbst heraus gliedert.Der archäologische Stoff
hat eine ihm eigentümliche Aussagekraft, und die Selbständigkeit seiner Be-
trachtungsweise zeichnetsich bereitsab ; er ist auf dem Wege, eine Geschichts-
quelle zu werden. Noch fehltder Beweis dafür,daß die Bronze den Stein
ersetzt,und daß sichspäterdas Eisen zu derBronzegesellt,sowiedie Gräber-
formenvom Zyklopischen zum feinerGegliederten hin einanderablösen; es
fehltauch die Begründung fürdie Einordnung etlicherErscheinungen in Süd-
deutschland,Frankreichund England in die vorrömische Zeit. Doch wird
vermittels des Formenvergleiches undeinesFestpunktes derabsolutenChrono-
logiedie internationale der
Fundgruppe Reihengräberfelder in ganz bestimmte
Jahrhunderte verlegt.
Aus dem regen Interessean diesem Stoffergibtsich eine tragfähige
Grundlagefür die weitereArbeitmit ihm. Die auf die Geschichtsvereine
zurückgehende Literaturist in Deutschlandso weitschichtig, daß sie zu der
Herausgabe eines „Systematischen Repertoriums" anregt(Ph.-A.F. Walther,
1865); in einem „Handbuch der vorzüglichsten, in Deutschlandentdeckten
Altertümer aus heidnischer Zeit" sucht S. Chr. Wageneí; (1842) einenQuer-
schnittdurchden Fundstoff zu ziehen. Die vierBände der „DeutschenAlter-
tümer"Fr. Kruse's (1821-30)sind ein Jahrzehnt hindurchein Sammelplatz
der Interessen; ein gleichgerichtetes UnternehmenH. Schreiber's, das
„Taschenbuchfür Geschichteund Altertumin Süddeutschland",bringtes
von 1839-46auf fünfBände.
Die damals gegründetenVereinigungenbestehenzum größtenTeil

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538 Ernst Wähle. [45, 1950]

noch heute; diejenigenin Mitteleuropaschließensich 1852 zum Gesamt-


vereinder deutschenGeschichts- und Altertumsvereine zusammen. Aus der
von ihnenbetriebenen der
Aufklärung Bevölkerung über die Bedeutungdes
Fundstoffes erwachsenim Laufe der Zeit die staatlichenMaßnahmenzum
Schutz der Denkmäler,die heute in Kraftsind. Ihre Sammlungen,welche
neben die fürstlichenKunstkammerntreten,gehen später in öffentlichen
Besitz über und bilden somit den Grundstockstaatlicher* und städtischer
Museender Gegenwart.Hier kann sich das Materialsammeln,das vordem
floßund die wechselvollen
in die privatenAntiquitätenkabinette Schicksale
ihrerBesitzergroßenteilsnichtüberdauerthat. In Deutschlandund Frank-
reichkoipmtes zur Gründungvon Nationalmuseen, welcheden Altertümern
der Frühzeitvorbehaltensind. Das Germanische Nationalmuseum in Nürn-
berg findetseineErgänzungin dem ebenfalls1852 ins Leben gerufenen, als
Sammelstättedes frühgeschichtlichen StoffesgedachtenRömisch-Germa-
nischenZentralmuseum in Mainz; auf französischem Boden entsprichtihm
das 1862gegründete Musée des Nationales
Antiquités in St-Germain-en-Laye.

(Schluß folgt.)

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