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Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft,

Abfalltechnik
Konrad Zilch • Claus Jürgen Diederichs
Rolf Katzenbach • Klaus J. Beckmann (Hrsg.)

Wasserbau,
Siedlungswasserwirtschaft,
Abfalltechnik
Herausgeber
Konrad Zilch Rolf Katzenbach
Lehrstuhl für Massivbau Institut und Versuchsanstalt für Geotechnik
Technische Universität München Technische Universität Darmstadt
München, Deutschland Darmstadt, Deutschland

Claus Jürgen Diederichs Klaus J. Beckmann


DSB + IG-Bau Gbr Berlin, Deutschland
Eichenau, Deutschland

Der Inhalt der vorliegenden Ausgabe ist Teil des Werkes „Handbuch für Bauingenieure“, 2. Auflage

ISBN 978-3-642-41873-0 ISBN 978-3-642-41874-7 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-642-41874-7

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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Vorwort des Verlages

Teilausgaben großer Werke dienen der Lehre und Praxis. Studierende können für
ihre Vertiefungsrichtung die richtige Selektion wählen und erhalten ebenso wie
Praktiker die fachliche Bündelung der Themen, die in ihrer Fachrichtung relevant
sind.
Die nun vorliegende Ausgabe des „Handbuchs für Bauingenieure“, 2. AuÀage,
erscheint in 6 Teilausgaben mit durchlaufenden Seitennummern. Das Sachverzeich-
nis verweist entsprechend dieser Logik auch auf Begriffe aus anderen Teilbänden.
Damit wird der Zusammenhang des Werkes gewahrt.
Der Verlag bietet mit diesen Teilausgaben eine einzeln erhältliche Fassung aller
Kapitel des Standardwerkes für Bauingenieure an.

Übersicht der Teilbände:


1) Grundlagen des Bauingenieurwesens (Seiten 1 – 378)
2) Bauwirtschaft und Baubetrieb (Seiten 379 – 965)
3) Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau (Seiten 966 – 1490)
4) Geotechnik (Seiten 1491 – 1738)
5) Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik (Seiten 1739 – 2030)
6) Raumordnung und Städtebau, Öffentliches Baurecht (Seiten 2031 – 2096) und
Verkehrssysteme und Verkehrsanlagen (Seiten 2097 – 2303).

Berlin/Heidelberg, im November 2013


Inhaltsverzeichnis

5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik . . . . . . . . . . . 1739


5.1 Technische Hydraulik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1739
5.1.1 Allgemeine Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1739
5.1.2 Hydrostatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1741
5.1.3 Kinematik der Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1747
5.1.4 Grundgleichungen der Hydromechanik . . . . . . . . . . . . . . 1750
5.1.5 Berücksichtigung der Randbedingungen . . . . . . . . . . . . . . 1763
5.1.6 Potentialströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1771
5.1.7 Grundwasserströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1777
5.1.8 Ausfluss und Überfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1781
5.1.9 Rohrhydraulik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1788
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1816
5.2.1 Hydrologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1816
5.2.2 Wasserwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1835
5.3 Wasserbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1855
5.3.1 Stauanlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1855
5.3.2 Flussbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1880
5.3.3 Wasserkraftanlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1885
5.4 Wasserversorgung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1895
5.4.1 Rechtliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1895
5.4.2 Wasserbeschaffenheit, Wassergüte . . . . . . . . . . . . . . . . . 1896
5.4.3 Wasserdargebot, Wassergewinnung . . . . . . . . . . . . . . . . . 1899
5.4.4 Wasseraufbereitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1908
5.4.5 Wasserbedarf, Wasserverbrauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1922
5.4.6 Wasserförderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1925
5.4.7 Wasserspeicherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1927
5.4.8 Wassertransport, Wasserverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . 1931
5.4.9 Energieoptimierung und Kosteneinsparpotentiale . . . . . . . . . 1935
5.4.10 Automatisierungstechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1936
5.4.11 Trinkwasserinstallation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1937
5.5 Abwassertechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1943
5.5.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1943
5.5.2 Naturnahe Abwasserbehandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1944
5.5.3 Mechanische Reinigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1946
5.5.4 Biologische Reinigungsanlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1953
5.5.5 Abwasserfiltration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1964
5.5.6 Gemeinsame Behandlung von gewerblichem bzw. industriellem
mit häuslichem Abwasser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1965
5.5.7 Bemessungsbeispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1968
5.5.8 Entwässerungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1969
5.5.9 Abwasseranfall und Kanalnetzberechnung . . . . . . . . . . . . . 1970
5.5.10 Kanaldimensionierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1978
5.5.11 Sonderbauwerke der Ortsentwässerung . . . . . . . . . . . . . . . 1983
5.5.12 Erhaltung von Entwässerungsanlagen . . . . . . . . . . . . . . . 1993
5.6 Abfalltechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2002
5.6.1 Abfallrechtliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2002
5.6.2 Abfallwirtschaftliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 2004
5.6.3 Biologische Abfallbehandlungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . 2006
5.6.4 Thermische Abfallbehandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2012
VIII Inhaltsverzeichnis

5.6.5 Deponierung von Abfällen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2018


5.6.6 Behandlung von Bauabfällen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2025

Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2305
Autorenverzeichnis

Arslan, Ulvi, Prof. Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut für Werkstoffe und Mechanik
im Bauwesen, Abschn. 4.1, arslan@iwmb.tu-darmstadt.de

Bandmann, Manfred, Prof. Dipl.-Ing., Gröbenzell, Abschn. 2.5.4,


manfred.bandmann@online.de

Bauer, Konrad, Abteilungspräsident a.D., Bundesanstalt für Straßenwesen/Zentralabtei-


lung, Bergisch Gladbach, Abschn. 6.5, kkubauer@t-online.de

Beckedahl, Hartmut Johannes, Prof. Dr.-Ing., Bergische Universität Wuppertal,


Lehr- und Forschungsgebiet Straßenentwurf und Straßenbau, Abschn. 7.3.2,
beckedahl@uni-wuppertal.de

Beckmann, Klaus J., Univ.-Prof. Dr.-Ing., Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH,
Berlin, Abschn. 7.1 und 7.3.1, kj.beckmann@difu.de

Bockreis, Anke, Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut WAR, Fachgebiet Abfalltechnik,


Abschn. 5.6, a.bockreis@iwar.tu-darmstadt.de

Böttcher, Peter, Prof. Dr.-Ing., HTW des Saarlandes, Baubetrieb und Baumanagement
Saarbrücken, Abschn. 2.5.3, boettcher@htw-saarland.de

Brameshuber, Wolfgang, Prof. Dr.-Ing., RWTH Aachen, Institut für Bauforschung,


Abschn. 3.6.1, brameshuber@ibac.rwth-aachen.de

Büsing, Michael, Dipl.-Ing., Fughafen Hannover-Langenhagen GmbH, Abschn. 7.5,


m.buesing@hannover-airport.de

Cangahuala Janampa, Ana, Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut WAR, Fachgebiet, Wasser-


versorgung und Grundwasserschutz, Abschn. 5.4, a.cangahuala@iwar.tu-darmstadt.de

Corsten, Bernhard, Dipl.-Ing., Fachhochschule Koblenz/FB Bauingenieurwesen,


Abschn. 2.6.4, b.corsten@web.de

Dichtl, Norbert, Prof. Dr.-Ing., TU Braunschweig, Institut für Siedlungswasserwirtschaft,


Abschn. 5.5, n.dichtl@tu-braunschweig.de

Diederichs, Claus Jürgen, Prof. Dr.-Ing., FRICS, DSB + IQ-Bau,


Sachverständige Bau + Institut für Baumanagement, Eichenau b. München,
Abschn. 2.1 bis 2.4, cjd@dsb-diederichs.de

Dreßen, Tobias, Dipl.-Ing., RWTH Aachen, Lehrstuhl und Institut für Massivbau,
Abschn. 3.2.2, tdressen@imb.rwth-aachen.de

Eligehausen, Rolf, Prof. Dr.-Ing., Universität Stuttgart, Institut für Werkstoffe


im Bauwesen, Abschn. 3.9, eligehausen@iwb.uni-stuttgart.de
X Autorenverzeichnis

Franke, Horst, Prof. , HFK Rechtsanwälte LLP, Frankfurt am Main, Abschn. 2.4,
franke@hfk.de

Freitag, Claudia, Dipl.-Ing., TU Darmstadt, Institut für Werkstoffe und Mechanik


im Bauwesen, Abschn. 3.8, freitag@iwmb.tu-darmstadt.de

Fuchs, Werner, Dr.-Ing., Universität Stuttgart, Institut für Werkstoffe im Bauwesen,


Abschn. 3.9, fuchs@iwb.uni-stuttgart.de

Giere, Johannes, Dr.-Ing., Prof. Dr.-Ing. E. Vees und Partner Baugrundinstitut GmbH,
Leinfelden-Echterdingen, Abschn. 4.4

Grebe, Wilhelm, Prof. Dr.-Ing., Flughafendirektor i.R., Isernhagen, Abschn. 7.5,


dr.grebe@arcor.de

Gutwald, Jörg, Dipl.-Ing., TU Darmstadt, Institut und Versuchsanstalt für Geotechnik,


Abschn. 4.4, gutwald@geotechnik.tu-darmstadt.de

Hager, Martin, Prof. Dr.-Ing. †, Bonn, Abschn. 7.4

Hanswille, Gerhard, Prof. Dr.-Ing., Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet


Stahlbau und Verbundkonstruktionen, Abschn. 3.5, hanswill@uni-wuppertal.de

Hauer, Bruno, Dr. rer. nat., Verein Deutscher Zementwerke e.V., Düsseldorf,
Abschn. 3.2.2

Hegger, Josef, Univ.-Prof. Dr.-Ing., RWTH Aachen, Lehrstuhl und Institut für Massivbau,
Abschn. 3.2.2, heg@imb.rwth-aachen.de

Hegner, Hans-Dieter, Ministerialrat, Dipl.-Ing., Bundesministerium für Verkehr,


Bau und Stadtentwicklung, Berlin, Abschn, 3.2.1, hans.hegner@bmvbs.bund.de

Helmus, Manfred, Univ.-Prof. Dr.-Ing., Bergische Universität Wuppertal,


Lehr- und Forschungsgebiet Baubetrieb und Bauwirtschaft, Abschn. 2.5.1 und 2.5.2,
helmus@uni-wuppertal.de

Hohnecker, Eberhard, Prof. Dr.-Ing., KIT Karlsruhe, Lehrstuhl Eisenbahnwesen Karlsruhe,


Abschn. 7.2, eisenbahn@ise.kit.edu

Jager, Johannes, Prof. Dr., TU Darmstadt, Institut WAR, Fachgebiet Wasserversorgung


und Grundwasserschutz, Abschn. 5.6, j.jager@iwar.tu-darmstadt.de

Kahmen, Heribert, Univ.-Prof. (em.) Dr.-Ing., TU Wien, Insititut für Geodäsie und
Geophysik, Abschn. 1.2, heribert.kahmen@tuwien-ac-at

Katzenbach, Rolf, Prof. Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut und Versuchsansalt für


Geotechnik, Abschn. 3.10, 4.4 und 4.5, katzenbach@geotechnik.tu-darmstadt.de

Köhl, Werner W., Prof. Dr.-Ing., ehem. Leiter des Instituts f. Städtebau und Landesplanung
der Universität Karlsruhe (TH), Freier Stadtplaner ARL, FGSV, RSAI/GfR, SRL,
Reutlingen, Abschn. 6.1 und 6.2, werner-koehl@t-online.de

Könke, Carsten, Prof. Dr.-Ing., Bauhaus-Universität Weimar,


Institut für Strukturmechanik, Abschn. 1.5, carsten.koenke@uni-weimar.de
Autorenverzeichnis XI

Krätzig, Wilfried B., Prof. Dr.-Ing. habil. Dr.-Ing. E.h., Ruhr-Universität Bochum,
Lehrstuhl für Statik und Dynamik, Abschn. 1.5, wilfried.kraetzig@rub.de

Krautzberger, Michael, Prof. Dr., Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung,
Präsident, Bonn/Berlin, Abschn. 6.3, michael.krautzberger@gmx.de

Kreuzinger, Heinrich, Univ.-Prof. i.R., Dr.-Ing., TU München, Abschn. 3.7,


rh.kreuzinger@t-online.de

Maidl, Bernhard, Prof. Dr.-Ing., Maidl Tunnelconsultants GmbH & Co. KG, Duisburg,
Abschn. 4.6, office@maidl-tc.de

Maidl, Ulrich, Dr.-Ing., Maidl Tunnelconsultants GmbH & Co. KG, Duisburg,
Abschn. 4.6, u.maidl@maidl-tc.de

Meißner, Udo F., Prof. Dr.-Ing., habil., TU Darmstadt, Institut für Numerische Methoden
und Informatik im Bauwesen, Abschn. 1.1, sekretariat@iib.tu-darmstadt.de

Meng, Birgit, Prof. Dr. rer. nat., Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung,
Berlin, Abschn. 3.1, birgit.meng@bam.de

Meskouris, Konstantin, Prof. Dr.-Ing. habil., RWTH Aachen, Lehrstuhl für Baustatik und
Baudynamik, Abschn. 1.5, meskouris@lbb.rwth-aachen.de

Moormann, Christian, Prof. Dr.-Ing. habil., Universität Stuttgart, Institut für Geotechnik,
Abschn. 3.10, info@igs.uni-stuttgart.de

Petryna, Yuri, S., Prof. Dr.-Ing. habil., TU Berlin, Lehrstuhl für Statik und Dynamik,
Abschn. 1.5, yuriy.petryna@tu-berlin.de

Petzschmann, Eberhard, Prof. Dr.-Ing., BTU Cottbus, Lehrstuhl für Baubetrieb und Bau-
wirtschaft, Abschn. 2.6.1–2.6.3, 2.6.5, 2.6.6, petzschmann@yahoo.de

Plank, Johann, Prof. Dr. rer. nat., TU München, Lehrstuhl für Bauchemie, Garching,
Abschn. 1.4, johann.plank@bauchemie.ch.tum.de

Pulsfort, Matthias, Prof. Dr.-Ing., Bergische Universität Wuppertal,


Lehr- und Forschungsgebiet Geotechnik, Abschn. 4.3, pulsfort@uni-wuppertal.de

Rackwitz, Rüdiger, Prof. Dr.-Ing. habil., TU München, Lehrstuhl für Massivbau,


Abschn. 1.6, rackwitz@mb.bv.tum.de

Rank, Ernst, Prof. Dr. rer. nat., TU München, Lehrstuhl für Computation in Engineering,
Abschn. 1.1, rank@bv.tum.de

Rößler, Günther, Dipl.-Ing., RWTH Aachen, Institut für Bauforschung, Abschn. 3.1,
roessler@ibac.rwth-aachen.de

Rüppel, Uwe, Prof. Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut für Numerische Methoden


und Informatik im Bauwesen, Abschn. 1.1, rueppel@iib.tu-darmstadt.de

Savidis, Stavros, Univ.-Prof. Dr.-Ing., TU Berlin, FG Grundbau und Bodenmechanik –


DEGEBO, Abschn. 4.2, savidis@tu-berlin.de
XII Autorenverzeichnis

Schermer, Detleff, Dr.-Ing., TU München, Lehrstuhl für Massivbau, Abschn. 3.6.2,


schermer@mytum.de

Schießl, Peter, Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h., Ingenieurbüro Schießl Gehlen Sodeikat GmbH
München, Abschn. 3.1, schiessl@ib-schiessl.de

Schlotterbeck, Karlheinz, Prof., Vorsitzender Richter a. D., Abschn. 6.4,


karlheinz.schlotterbeck0220@orange.fr

Schmidt, Peter, Prof. Dr.-Ing., Universität Siegen, Arbeitsgruppe Baukonstruktion,


Ingenieurholzbau und Bauphysik, Abschn. 1.3, schmidt@bauwesen.uni-siegen.de

Schneider, Ralf, Dr.-Ing., Prof. Feix Ingenieure GmbH, München, Abschn. 3.3,
ralf.schneider@feix-ing.de

Scholbeck, Rudolf, Prof. Dipl.-Ing., Unterhaching, Abschn. 2.5.4, scholbeck@aol.com

Schröder, Petra, Dipl.-Ing., Deutsches Institut für Bautechnik, Berlin, Abschn. 3.1,
psh@dibt.de

Schultz, Gert A., Prof. (em.) Dr.-Ing., Ruhr-Universität Bochum,


Lehrstuhl für Hydrologie, Wasserwirtschaft und Umwelttechnik, Abschn. 5.2,
gert_schultz@yahoo.de

Schumann, Andreas, Prof. Dr. rer. nat., Ruhr-Universität Bochum,


Lehrstuhl für Hydrologie, Wasserwirtschaft und Umwelttechnik, Abschn. 5.2,
andreas.schumann@rub.de

Schwamborn, Bernd, Dr.-Ing., Aachen, Abschn. 3.1, b.schwamborn@t-online.de

Sedlacek, Gerhard, Prof. Dr.-Ing., RWTH Aachen, Lehrstuhl für Stahlbau und
Leichtmetallbau, Abschn, 3.4, sed@stb.rwth-aachen.de

Spengler, Annette, Dr.-Ing., TU München, Centrum Baustoffe und Materialprüfung,


Abschn. 3.1, spengler@cbm.bv.tum.de

Stein, Dietrich, Prof. Dr.-Ing., Prof. Dr.-Ing. Stein & Partner GmbH, Bochum,
Abschn. 2.6.7 und 7.6, dietrich.stein@stein.de

Straube, Edeltraud, Univ.-Prof. Dr.-Ing., Universität Duisburg-Essen, Institut für


Straßenbau und Verkehrswesen, Abschn. 7.3.2, edeltraud-straube@uni-due.de

Strobl, Theodor, Prof. (em.) Dr.-Ing., TU München, Lehrstuhl für Wasserbau und
Wasserwirtschaft, Abschn. 5.3, t.strobl@bv.tum.de

Urban, Wilhelm, Prof. Dipl.-Ing. Dr. nat. techn., TU Darmstadt, Institut WAR, Fachgebiet
Wasserversorgung und Grundwasserschutz, Abschn. 5.4, w.urban@iwar.tu-darmstadt.de

Valentin, Franz, Univ.-Prof. Dr.-Ing., TU München, Lehrstuhl für Hydraulik und


Gewässerkunde, Abschn. 5.1, valentin@bv.tum.de

Vrettos, Christos, Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil., TU Kaiserslautern,


Fachgebiet Bodenmechanik und Grundbau, Abschn. 4.2, vrettos@rhrk.uni-kl.de
Autorenverzeichnis XIII

Wagner, Isabel M., Dipl.-Ing., TU Darmstadt, Institut und Versuchsanstalt für


Geotechnik, Abschn. 4.5, wagner@geotechnik.tu-darmstadt.de

Wallner, Bernd, Dr.-Ing., TU München, Centrum Baustoffe und Materialprüfung,


Abschn. 3.1, wallner@cmb.bv.tum.de

Weigel, Michael, Dipl.-Ing., KIT Karlsruhe, Lehrstuhl Eisenbahnwesen Karlsruhe,


Abschn 7.2, michael-weigel@kit.edu

Wiens, Udo, Dr.-Ing., Deutscher Ausschuss für Stahlbeton e.V., Berlin, Abschn. 3.2.2,
udo.wiens@dafstb.de

Wörner, Johann-Dietrich, Prof. Dr.-Ing., TU Darmstadt, Institut für Werkstoffe


und Mechanik im Bauwesen, Abschn. 3.8, jan.woerner@dlr.de

Zilch, Konrad, Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h., TU München, em. Ordinarius für Massivbau,
Abschn. 1.6, 3.3 und 3.10, konrad.zilch@tum.de

Zunic, Franz, Dr.-Ing., TU München, Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft,


Abschn. 5.3, f.zunic@bv.tum.de
5.1 Technische Hydraulik 1739

5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Inhalt 5.1 Technische Hydraulik


Franz Valentin
5.1 Technische Hydraulik . . . . . . . . . . . . . 1739
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft . . . . . . 1816 5.1.1 Allgemeine Einführung
5.3 Wasserbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1855
5.4 Wasserversorgung . . . . . . . . . . . . . . . 1895 5.1.1.1 Anmerkungen zur Darstellung
5.5 Abwassertechnik . . . . . . . . . . . . . . . . 1943
Neue Erkenntnisse über die Eigenschaften turbu-
5.6 Abfalltechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2002
lenter Strömungen und die Verbesserung der Re-
chentechnik haben die Entwicklung der technischen
Hydraulik in den vergangenen Jahrzehnten ent-
scheidend geprägt. Auch in der gedrängten Darstel-
lung für ein Handbuch kann die alleinige Wiederga-
be einer eindimensionalen Stromfadentheorie als
Anwendung der Bernoulli-Gleichung in Verbindung
mit Verlustansätzen den heutigen Anforderungen
und den verfügbaren Lösungsmöglichkeiten nicht
mehr genügen. Die gewählte Darstellung dieses
Fachgebiets ist daher ein Kompromiss, bei dem
mehr auf die konsequente Aufbereitung der Grund-
lagen als auf eine vollständige Wiedergabe der pra-
xisrelevanten Beiwerte geachtet wurde.
Die verwendeten Einheiten sind dem internatio-
nalen Einheitensystem angepasst. Es wurden die
international üblichen Zeichen verwendet, die
nicht immer mit DIN 4044 übereinstimmen.

5.1.1.2 Physikalische Eigenschaften


von Wasser
Allgemein ist die Dichte U als Quotient aus Masse
m und Volumen V, also

U= m/V (in kg/m3), (5.1.1)

definiert. Die Dichte von Wasser ist v. a. tempera-


turabhängig: ȡ = ȡ(T).
Für viele Vorgänge in der Natur ist die Dichte-
anomalie des Wassers entscheidend. Bei T = 4°C hat
reines Wasser seine größte Dichte mit ȡ = 999,97 kg/
m3. Dies hat zur Folge, dass sich z. B. in Seen bei
Lufttemperaturen oberhalb und unterhalb des Ge-
frierpunktes von Wasser eine stabile Schichtung ein-

K. Zilch et al. (Hrsg.), Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik,


DOI 10.1007/978-3-642-41874-7_1, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
1740 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Tabelle 5.1-1 Physikalische Eigenschaften von reinem Bei der Bewegung einer ebenen Platte mit der Ge-
Wasser schwindigkeit v über einen Wasserfilm der Höhe h
Temperatur ȡ Ș Ȟ = Ș/ȡ hd = pd/ ist dieser Gradient v/h. Der Proportionalitätsfaktor
in °C in g/cm3 ×10–3 in ×10–6 (ȡ · g) Ș ist die dynamische Viskosität in Pa·s. Auf die
Ns/m2 in m2/s in m Dichte bezogen, kann die dynamische Viskosität in
die kinematische Viskosität übergeführt werden.
0 0,999840 1,7921 1,7924 0,06
5 0,999964 1,5108 1,5189 0,09
10 0,999700 1,3077 1,3081 0,12 (5.1.3)
15 0,999101 1,1404 1,1414 0,17
20 0,998206 1,0050 1,0068 0,24 Leider hat der Newton’sche Ansatz nur Gültigkeit
20 0,995650 0,8007 0,8042 0,43 für die sog. „laminare“ Bewegung (Schichten-
50 0,988050 0,5494 0,5560 1,25 strömung). Oberhalb bestimmter Grenzen erfah-
100 0,958350 0,2838 0,2961 10,33 ren Flüssigkeitsballen, deren Durchmesser um
Zehnerpotenzen oberhalb des Molekülabstands
von etwa 3·10–8 m liegt, Eigenbewegungen in
stellen kann. In Tabelle 5.1-1 ist die Dichte von Form von unregelmäßigen Schwankungen, wel-
reinem Wasser für den Temperaturbereich 0°C bis che den Impulsaustausch wesentlich verstärken.
100°C angegeben. Die Dichte ist allerdings sehr stark Man spricht dann von der „turbulenten“ Fließbe-
von gelösten und suspendierten Stoffen abhängig. wegung. Flüssigkeiten (z. B. Suspensionen), die
Eine Erwärmung über 4°C oder eine Abkühlung keine lineare Abhängigkeit nach Gl. (5.1.2) auf-
unter 4°C führt zur Volumenausdehnung. Ebenfalls weisen, werden als „nichtNewton’sche Flüssig-
von großer physikalischer Bedeutung ist die Unste- keiten“ bezeichnet.
tigkeit der Dichte beim Übergang zum festen Ag- Bei Erreichen des Dampfdruckes pd wird Was-
gregatzustand (Eis). Diese Änderung ist mit einer ser zu Wasserdampf. Dieser Wechsel zum gasför-
Volumenvergrößerung von etwa 9% verbunden. migen Aggregatzustand ist zusätzlich vom Gehalt
Der Elastizitätsmodul von Wasser kann mit EW an gelösten Gasen und vom Druck im Strömungs-
= 2,1·103 MPa = 2,1·109 N/m2 angesetzt werden. feld abhängig. In Unterdruckgebieten sind daher
Ein Vergleich mit dem E-Modul von Stahl zeigt, Grenzen für den Druck unterhalb des Atmosphä-
dass Wasser etwa um den Faktor 102 kompressib- rendrucks zu beachten (s. auch 5.1.2). Nur so wird
ler ist. Bei großen Druckunterschieden ist zu be- die Bildung von Wasserdampfblasen (Kavitation)
achten, dass mit ȡ = ȡ(p,T) die Dichte auch vom verhindert. In Gebieten höheren Druckes implo-
Druck p abhängt. Dieser Umstand ist bei ge- dieren diese Blasen, und es kommt zur Material
spannten Grundwasservorkommen in der Grund- zerstörenden Kavitationserosion. In Tabelle 5.1-1
wasserhydraulik und bei Kompressionswellen in ist die Dampfdruckhöhe hd in Abhängigkeit von
der instationären Rohrhydraulik von Bedeutung. der Temperatur bei Atmosphärendruck angegeben.
Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit von Druck- Hierfür gilt
wellen im Medium Wasser beträgt
hd = pd/(ȡ · g).

Die Oberflächenspannung ist eine Grenzflächen-


Die Viskosität ist ein Maß für die innere Reibung, spannung an der Phasentrennfläche gegen Luft,
deren Ursache die molekulare Impulsübertragung hervorgerufen durch Adhäsionskräfte zwischen
ist. Nach dem Newton’schen Ansatz ist die Schub- den Flüssigkeitsmolekülen. Definiert wird die
spannung IJ, die als innere Reibung in einem Fluid Oberflächenspannung zu ı = Arbeit/ Fläche mit
auftritt, abhängig vom Geschwindigkeitsgradien- der Einheit Nm/m2. Für T = 20°C ist ı = 73·10–3 N/
ten dv/dn: m an der Trennfläche Wasser/Luft.
Von praktischer Bedeutung ist die kapillare
(5.1.2) Steighöhe hk für runde Kapillaren vom Durchmes-
ser dk.
5.1 Technische Hydraulik 1741

In der Hydraulik ist nicht der absolute Druck, son-


(5.1.4) dern der Atmosphärendruck pa der Bezugsdruck.
Auf den absoluten Druck muss bezogen werden,
Die kapillare Steighöhe ist zu beachten an der wenn die Kompressibilität von Luft berücksichtigt
Grenze des Grundwasserkörpers zu den luftge- werden muss. Dies ist bei Wasserspiegelände-
füllten Hohlräumen des Untergrunds im Bereich rungen in Druckbehältern mit Luftpolstern der
der Grundwasserhydraulik. Fall. Hier gilt z. B. unter der Voraussetzung kons-
tanter Temperatur das Boyle-Mariotte’sche Gesetz

5.1.2 Hydrostatik p · V = const.

Hydrostatik ist die Lehre von der ruhenden Flüs- Von „Druck“ wird somit nur gesprochen, wenn die-
sigkeit. Ihre Hauptanwendung findet die Hydrosta- ser den Atmosphärendruck übersteigt. Bei einem
tik bei der Ermittlung von Kräften auf Bauwerke Abfall unter diesen Wert herrscht Unterdruck. Der
unter Einwirkung des Wasserdrucks. Abnahme des Druckes sind allerdings physikalische
Grenzen gesetzt. Ursache ist die begrenzte Aufnah-
me von Zugspannungen im Inneren der Flüssigkeit.
5.1.2.1 Allgemeine Angaben zum Begriff
Bei einer Überschreitung kommt es zum Abreißen
des Druckes
der Flüssigkeitssäule. Dabei erfolgt ein Übergang
Im Inneren einer ruhenden Flüssigkeit können nur vom flüssigen zum gasförmigen Aggregatzustand.
Normalspannungen auftreten. Die dort wirksam Angaben zum temperaturabhängigen Dampf-
werdenden Spannungen sind daher isotrop und druck pd sind in Tabelle 5.1-1 für die zugehörige
bilden ein skalares Druckfeld. Auf der Grundlage Druckhöhe hd zu finden. Gelöste Luft in Wasser
des Internationalen Einheitensystems (SI) ist der erniedrigt diesen Wert, der bei 20°C für destil-
Druck eine abgeleitete Größe. Seine Einheit ist liertes Wasser in Meereshöhe min h § –10 m be-
das Pascal (Pa), wobei 1 Pa = 1 N/m2. Bei größe- trägt. Eine praktikable Größe für die minimale
ren Drücken wird die Einheit bar verwendet. Es Druckhöhe ohne Gefahr des Abreißens der Was-
gilt 1 bar = 105 Pa. In der Hydraulik ist die Re- sersäule ist h § –7,5 m.
duktion auf den anschaulichen Begriff der Druck-
höhe (in Meter Wassersäule) üblich. Hierbei ent-
5.1.2.2 Gleichgewichtsbedingungen in einer
spricht 1mWS = 9,81 kPa.
ruhenden Flüssigkeit
Zwischen der aus der offiziellen Einheit Pascal
abgeleiteten Größe 1 bar = 105 Pa und der Druck- Zur Ableitung der Gleichgewichtsbedingung wird
höhe besteht die Beziehung 1 bar = 10,20 m WS. ein infinitesimal kleiner Flüssigkeitsquader in
Der Gesamtdruck im Inneren einer Flüssigkeit mit einem kartesischen Koordinatensystem betrachtet,
freier Oberfläche setzt sich aus dem Atmosphären- bei dem ausnahmsweise die z-Achse in Richtung
druck und dem Druck infolge der Überdeckung der Fallbeschleunigung weist. Dieser Quader nach
mit Flüssigkeit zusammen. Der Atmosphärendruck Abb. 5.1-1 hat die Masse dm = ȡ·dx·dy·dz. In ru-
ist der Fluiddruck der Luft, welcher wiederum ab- hender Flüssigkeit sind nur Druckkräfte als Ober-
hängig ist von der überlagerten Luftsäule und da- flächenkräfte denkbar. Im Schwerpunkt des Qua-
mit vom Bezugsniveau. Für die internationale Norm- ders wirken wegen dessen träger Masse Massen-
atmosphäre beträgt der Luftdruck auf Meereshöhe kräfte nach dem Newton’schen Grundgesetz
(z = 0)
(5.1.5)
pa,0 = 1,01325 bar = 1013,25 mbar.
wobei der Beschleunigungsvektor a die Kom-
Dem entspricht eine Druckhöhe von ponten ax, ay und az aufweist. In z-Richtung muss
der Zuwachs der Oberflächenkraft durch die ent-
ha,0 = 10,33 m (WS). sprechende Komponente der Massenkraft ausge-
1742 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Im Normalfall ist im Inneren der Flüssigkeit le-


diglich die in z-Richtung wirkende Fallbeschleuni-
gung g zu berücksichtigen. Somit gilt für die Be-
schleunigungen im kartesischen Koordinatensystem

Von den drei Komponenten in Gl. (5.1.6) bleibt so-


mit nur diejenige für die z-Richtung erhalten.

(5.1.8)

Abb. 5.1-1 Gleichgewichtsbedingungen


Nach Integration dieses Ausdrucks ist für die Be-
stimmung der Integrationskonstanten die Randbe-
glichen werden. Für das Gleichgewicht in z-Rich- dingung am Wasserspiegel z = 0 maßgebend. Wird
tung wird somit der absolute Druck benötigt, so ist p = pa am Ort
z = 0 und damit

(5.1.9)

Sinngemäß gilt für die drei zu betrachtenden Rich- Nach Gl. (5.1.9) setzt sich der absolute Druck in
tungen der Tiefe z unter dem Wasserspiegel zusammen
aus dem Druck infolge der Luftsäule über dem
Wasserspiegel und der Druckzunahme infolge der
Überdeckung mit Wasser. Interessiert dagegen nur
die relative Zunahme des Druckes, so ist für z = 0
(5.1.6) auch p = 0, somit ist

p=ȡgz. (5.1.10)

Aus den Veränderungen in den drei vorgegebenen Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen
Richtungen folgt das totale Differential des Dru- (Abb. 5.1-2).
ckes zu
5.1.2.3 Druckkraft
Die auf das Flächenelement ausgeübte Druckkraft
wirkt normal zur Fläche, da in der ruhenden Flüs-
sigkeit nur Normalkräfte, nicht jedoch Scherkräfte,
Für Flächen gleichen Druckes wird dieses totale übertragen werden können. Die differentiellen
Differential zu Null. Somit gilt für die sog. Druckkräfte dF stehen daher immer senkrecht auf
„Niveauflächen“ (Flächen gleichen Druckes) dem Flächenelement dS der festen Berandung. Die
dp = 0 und wegen p = const Richtung des gekrümmten Flächenelements dS wird
durch den Normalenvektor n festgelegt. An der
(5.1.7) Berandung von Behältern weist er grundsätzlich in
den Bereich der Flüssigkeit. Die in Richtung der
Bei ebenen Druckfeldern entfällt die Ableitung festen Berandung wirkende Druckkraft bildet daher
nach einer dieser Richtungen. Man spricht dann mit der Flächennormalen einen Winkel von 180°
von „Niveaulinien“. und wird damit negativ. Dadurch wird berücksich-
5.1 Technische Hydraulik 1743

dAx Schnittfläche der Projektion des Flächenele-


ments dS in die y-z-Ebene,
dAy Schnittfläche der Projektion des Flächenele-
ments dS in die x-z-Ebene,
dAz Schnittfläche der Projektion des Flächenele-
ments dS in die x-y-Ebene.
Im kartesischen Koordinatensystem für diese Pro-
jektionen wird dann z. B. für die x-Richtung

Abb. 5.1-2 Gefäß gefüllt mit Flüssigkeiten der Dichte U1


und U2

tigt, dass das Innere einer Flüssigkeit einer Kom-


(zSx Abstand des Schwerpunkts S der Projektions-
pression ausgesetzt ist. Da in der Hydrostatik aus-
fläche Ax vom Wasserspiegel (z = 0)).
schließlich Druckkräfte von Bedeutung sind, wird
Für die drei Komponenten gelten dann die Glei-
dieses Vorzeichen hier nicht weiter beachtet.
chungen
Die Druckkraft auf ein Flächenelement ist
dF = p·n·dS und wegen Gl. (5.1.10)

dF = ȡ g z n dS . (5.1.11) (5.1.12)

Im allgemeinsten Fall der Bestimmung der Druck-


kraft F auf ein räumlich gekrümmtes Flächen-
Der Betrag der resultierenden Druckkraft kann
element S ist die Bestimmung der Komponenten
dann aus den drei Einzelkomponenten durch
der Druckkraft über die in die Koordinatenebenen
projizierten Teilflächen erforderlich, bei denen die
Richtungen der Kräfte mit denen der Flächen- (5.1.13)
normalen zusammenfallen (Abb. 5.1-3). Folgende
Bezeichnungen werden verwendet berechnet werden.

Abb. 5.1-3 Druckkraft auf eine beliebig gekrümmte Fläche


1744 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Die horizontale Komponente der Druckkraft in


x-Richtung Fx ist demnach gleich dem Produkt aus
der Projektion der Fläche in die z-y-Ebene und
dem im Flächenschwerpunkt herrschenden Druck
UgzSx. Die Vertikalkomponente ist gleich dem mit
U·g multiplizierten Volumen senkrecht über der Flä-
che bis in die Höhe des Wasserspiegels (Gewichts-
kraft). Da der Druck über die Fläche nicht gleich
verteilt ist, gehen die Druckkraft und ebenso ihre
Komponenten nicht durch den Flächenschwer-
punkt S. Die Angriffspunkte der Horizontalkom-
ponenten Fx und Fy liegen tiefer als die jeweiligen Abb. 5.1-4 Auftrieb auf einen eingetauchten Körper
Flächenschwerpunkte im Druckmittelpunkt D. Die
Komponente Fx hat die Koordinaten zDx und yDx.
Deren Lage wird über das statische Moment ermit-
telt. Es gelten

(5.1.14)
Abb. 5.1-5 Druckkraft auf eine geneigte Wand

In den Gln. 5.1.14 ist Iy das Trägheitsmoment der Der Gesamtauftrieb des Körpers ist somit
Fläche Ax bezüglich der y-Achse und Iyz das Zentri-
fugalmoment bezüglich der Achsen y und z. Für die (5.1.15)
Komponente Fy sind in analoger Weise Beziehungen
für die Koordinaten zDy und xDy abzuleiten.
Die Auftriebswirkung ist auch für die Ermittlung
Auftrieb der Druckkraft auf eine beliebig geformte Beran-
Auf einen eingetauchten Körper wirkt der Wasser- dung von Bedeutung.
druck von allen Seiten. Während sich die Horizon-
talkomponenten der Druckkraft gegenseitig aufhe- Druckkraft auf die ebene Wand
ben, resultiert aus den Vertikalkomponenten der Betrachtet wird der allgemeine Fall einer um den
sog. „Auftrieb“. Da die an der Körperoberseite an- Winkel İ gegen die Horizontale geneigten Wand
greifende Druckkraft stets geringer ist als diejeni- (Abb. 5.1-5). Nach Gl. (5.1.13) ist F = ȡg œœzndA.
ge an der Körperunterseite, entsteht eine Auftriebs- Da bei der ebenen Wand die Richtung der
kraft FA. Während in ruhendem Wasser die Rich- Druckkraft bekannt ist, werden nur noch die Beträ-
tung der Auftriebskraft entgegen der Richtung der ge bestimmt. Demnach ist
Fallbeschleunigung vorgegeben ist, sind bei be-
wegtem Wasser mit freier Oberfläche auch für die F = ȡ ·g ·zS·A = ȡ ·g ·sin İ ·ȗS A.
Auftriebswirkung die Niveauflächen maßgebend,
welche i. d. R. nicht waagerecht verlaufen. Ganz Dies entspricht dem Gewicht der Flüssigkeitssäule
allgemein gilt (Abb. 5.1-4) für einen eingetauchten mit der Grundfläche A und dem lotrechten Abstand
Körper dFA = dFzu – dFzo = ȡ·g·z·dAz mit zo – zu = z zs ihres Schwerpunktes von der Oberfläche als
und dAz als zugehörige Projektionsfläche eines in- Höhe. Nach Gl. (5.1.14) gilt für den Druckmittel-
finitesimal schmalen Streifens. punkt
5.1 Technische Hydraulik 1745

Nach dem Satz von Steiner ist I = IS + ȗS2 · A und


demnach

Für den Abstand zwischen Flächenschwerpunkt Abb. 5.1-7 Druckfiguren bei Auftriebswirkung
und Druckmittelpunkt gilt daher

(5.1.16)

Beispiel 5.1-1: Druckkraft auf eine Rechteckfläche


mit A = b · h entsprechend Abb. 5.1-6. Nach
Gl. (5.1.13) ist

Abb. 5.1-8 Druckkräfte auf eine Stauwand


Der Abstand zwischen S und Druckmittelpunkt D
ist
Besondere Bedeutung kommt dem Sonderfall
der geneigten Wand zu, bei dem İ > 90° beträgt.
Auch hier steht die resultierende Druckkraft F
senkrecht auf der Berandung und weist somit eine
Mit vertikal nach oben gerichtete Komponente Fz auf.
Damit wird die Auftriebswirkung angedeutet. In
Abb. 5.1-7 sind die Druckfiguren für die x- und z-
Komponente der Druckkraft eingezeichnet.
Von Bedeutung ist auch der Angriffspunkt der
ist in Abb. 5.1-6 die Druckfigur bezeichnet, da mit Druckkraft auf eine Seitenwand im Abstand von
f die Fläche aus Druckhöhen und Grundlinie in der zwei Dritteln der Wassertiefe von der Wasserober-
Schnittebene gebildet wird. fläche aus (Abb. 5.1-8).

F = ȡ·g ·zS ·b·y mit zS = y/2,

F = ȡ ·g ·b·y2/2,

Beispiel 5.1-2: Kraftwirkung auf eine Wand nach


Abb. 5.1-8, die auf beiden Seiten eingestaut ist. In
Abb. 5.1-6 Druckkraft auf eine Rechteckfläche in einer diesem Fall ist die resultierende Druckkraft zu be-
geneigten Wand stimmen.
1746 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Angriffspunkt der resultierenden Druckkraft von


der Sohle yD oder vom Wasserspiegel zD wird über
Momentenansatz ermittelt.
5.1.2.4 Spiegellagen in bewegten Gefäßen
Bei der Betrachtung der Kraftwirkung im be-
Druckkraft auf einfach gekrümmte Flächen wegten, beschleunigten Bezugssystem gilt grund-
Für die resultierende Druckkraft ist auch hier sätzlich, dass sich für den bewegten Beobachter
Gl. (5.1.13) anzuwenden. Im Sonderfall der einfach ein dynamisches Gleichgewicht zwischen der An-
gekrümmten Fläche bleibt die Betrachtung auf die triebskraft F und der Trägheitskraft FT einstellt
y-Ebene mit den Koordinaten z und x beschränkt. (d’Alembert’sches Prinzip). Die Trägheitskraft FT
Es sind daher nur die Komponenten Fx und Fz zu ist der Antriebskraft entgegengerichtet, gleiches
bestimmen, die nach Gl. (5.1.12) definiert sind. gilt auch für die Beschleunigungen.
Bei der Drehung des Gefäßes mit einer konstan-
ten Umfangsgeschwindigkeit muss jedes Flüs-
sigkeitsteilchen nach innen beschleunigt werden
(Zentripetalbeschleunigung), da es sich sonst unter
Zweckmäßigerweise werden die Komponenten der der Wirkung der als Fliehkraft wirkenden Träg-
Druckkraft über die Druckfiguren bestimmt heitskraft nach außen bewegen würde. Es wirken
(Abb. 5.1-9). die von der Umfangsgeschwindigkeit vM abhängige
Bei der x-Komponente ist diese unabhängig von radiale Beschleunigung ar und die in z-Richtung
der Gestalt der betrachteten Wand. Für die Breite b vorhandene Fallbeschleunigung az = g. Die Glei-
ist chung für die Niveaufläche ist somit

ar · dr + az · dz = 0.

Bei der z-Komponente sind wasserseitige Auflast- Die infolge der Trägheitskraft wirkende Fliehbe-
und luftseitige Auftriebskräfte gegeneinander auf- schleunigung kann mit Hilfe der Winkelgeschwin-
zuaddieren. Hierbei spielt der Fußpunkt der Wand digkeit Z oder durch die Umfangsgeschwindigkeit vM
eine besondere Rolle. Die zugehörigen Druckfi- dargestellt werden. Für die Winkelgeschwindigkeit
guren fz = œzdx sind ggf. planimetrisch zu ermitteln. ist Z= M· = dM/dt = const. Die Umfangsgeschwindig-
keit ist mit der Winkelgeschwindigkeit über die Be-
ziehung vM= Z· r verknüpft. Die Fliehbeschleuni-
gung ist dann durch ar = Z2 · r = v2M/r gegeben. Für
die Niveaufläche gilt somit Z2 · r · dr + g · dz = 0.
Nach der Integration ist (r2/2)Z2 = –g · z + C. Wegen
z = z2 für r = 0 folgt (Abb. 5.1-10)

. (5.1.17)

Der Neigungswinkel E der Niveaulinie gegenüber


der Senkrechten ist an jedem Punkt durch das Ver-
hältnis der beiden Beschleunigungen gegeben.

Abb. 5.1-9 Resultierende Druckkraft auf eine einfach ge-


krümmte Fläche
5.1 Technische Hydraulik 1747

befindet sich am gleichen Ort ein anderes Flüssig-


keitsteilchen. In einem kartesischen Koordinaten-
system kann die Geschwindigkeit bei dieser
Methode als Funktion v = v(t,x,y,z) angegeben
werden, wobei mit x,y,z die Feldkoordinaten des
betrachteten Punktes des Strömungsfeldes bezeich-
net sind.
Ortsfeste Sonden im Strömungsfeld ermitteln
die Geschwindigkeit nach der Euler’schen Methode.
Zur Beschreibung des Strömungsfeldes wird eine
beliebige Fläche innerhalb des Feldes laufend von
Abb. 5.1-10 Flussigkeit in einem rotierenden Behälter neuen Flüssigkeitsteilchen durchströmt. Man
spricht dabei von einem „Fluss“ oder „Strom“.
5.1.3 Kinematik der Flüssigkeiten Beispiele dafür sind der Volumenstrom, der Tem-
peraturfluss oder der Impulsstrom. Der diffusive
Kinematik ist die Lehre von der Bewegung ohne Transport wird dabei geprägt vom Gradienten, also
Berücksichtigung von Kräften. der partiellen Ableitung nach den Feldkoordinaten.
Als „Strömungsfeld“ wird für diese Anwendun- Der diffuse Wärmefluss z. B. ist vom Temperatur-
gen der jeweils von der Flüssigkeit eingenommene gradienten abhängig. Transportvorgänge im Strö-
Raum bezeichnet. Die Behandlung der Strömung mungsfeld werden allerdings in erster Linie ge-
unter variablen Bedingungen setzt voraus, dass die prägt von der Bewegung der Flüssigkeitsteilchen,
Anwendung entsprechender Rechenregeln den Ab- dem konvektiven Transport.
messungen des jeweiligen Strömungsfeldes ge-
recht wird. Ein Flüssigkeitsteilchen mit dem Volu-
5.1.3.2 Geschwindigkeit und Beschleunigung
men V wird demnach so definiert, dass seine Ab-
messungen klein sind im Vergleich zum zu be- Definitionsgemäß ist die momentane Geschwin-
schreibenden Strömungsfeld. Gleichzeitig muss digkeit am Ort mit dem Ortsvektor r durch das in
diese Abmessung noch groß sein im Vergleich zum der Zeiteinheit durchlaufene Wegelement für den
Molekülabstand. Grenzübergang ds o 0

5.1.3.1 Beschreibung der Bewegung (5.1.18)


innerhalb des Strömungsfeldes
Bei der materiellen Betrachtung (Lagrange’sche Im Fall des kartesischen Koordinatensystems sind
Methode) folgt man der Bewegung eines Flüssig- für die x-, y- und z-Richtung die Komponenten vx,
keitsteilchens. Seine Anfangslage ist zum Zeit- vy und vz vorhanden.
punkt t = t0 durch die Festlegung des Ortsvektors Im allgemeinsten Fall zeigt wegen der Abhän-
r(t = t0) = r0 und des an diesem Ort vorhandenen gigkeit der Geschwindigkeit von Ort und Zeit auch
Geschwindigkeitsvektors v(t = t0) gegeben. Die jede der Geschwindigkeitskomponenten diese Ei-
Bewegung des Teilchens ist dann durch die Anga- genschaft, z. B. gilt für die x-Komponente
be des zeitabhängigen Ortsvektors im Hinblick auf
ein gewähltes Koordinatensystem zum jeweiligen vx = f(x,y,z,t).
Zeitpunkt t bestimmt.
Da die Verfolgung von einzelnen Flüssigkeits- Wegen dieser funktionalen Abhängigkeit wird auch
teilchen wenig aussagekräftig ist, hat sich in der die Veränderung der einzelnen Geschwindigkeits-
Strömungsmechanik die Feldbeschreibung oder komponente durch das totale Differential
Euler’sche Methode durchgesetzt. Nach ihr wird
die Geschwindigkeit v(r,t) an einem bestimmten
Punkt beschrieben. Zu einem späteren Zeitpunkt
1748 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

die Geschwindigkeit orts- und zeitabhängig. Man


spricht hier von einer instationären Strömung.
Entfällt die zeitliche Abhängigkeit, ist also

v = v(s),

so ist die Strömung stationär.


Entfällt bei einer stationären Strömung überdies
die konvektive Beschleunigung eines Teilchens längs
Abb. 5.1-11 Beschleunigung eines Flüssigkeitsteilchens seines Weges s wegen ˜v/˜s = 0, so ist die Strö-
bei instationärer Bewegung mung stationär gleichförmig. Dieser Sonderfall,
der in der Natur streng genommen nie auftritt,
spielt bei der Formulierung der Grundgleichungen
bestimmt. Dadurch wird berücksichtigt, dass so- eine wichtige Rolle. Eine Strömung ist daher
wohl an einem festen Ort eine Veränderung der Ge-
schwindigkeit in Abhängigkeit von der Zeit erfolgt gleichförmig für ˜v/˜s = 0,
als auch die Bewegung des Teilchens innerhalb des
Geschwindigkeitsfeldes zu Geschwindigkeitsän- ungleichförmig für ˜v/˜s  0.
derungen führen kann (Abb. 5.1-11). Die Beschleu-
nigung in x-Richtung wird deshalb durch Für die Bewegung auf gekrümmten Bahnen spielt die
durch Gl. (5.1.21) wiedergegebene Zentripetalbe-
(5.1.19) schleunigung eine wichtige Rolle.

an = –v2/r. (5.1.21)
beschrieben. Hierbei werden mit
5.1.3.3 Ausgezeichnete Linien eines
Strömungsfeldes
Eine Strömung ist dann ausreichend beschrieben,
die lokale Beschleunigung, d. h. die Veränderung von wenn an jedem Punkt des Strömungsfeldes Druck
vx mit der Zeit an einem bestimmten Ort, und mit und Geschwindigkeit bekannt sind. Im skalaren
Druckfeld bilden Linien gleichen Druckes die
Niveaulinien. Die Feldlinien eines Vektorfeldes
sind im Fall des Geschwindigkeitsfeldes die Strom-
linien (Abb. 5.1-12). In jedem Punkt einer Strom-
die konvektiven Beschleunigungen, hervorgerufen linie gibt die Tangente die Richtung der örtlichen
durch die Ungleichförmigkeit in der Geschwindig- Geschwindigkeit an. Nachdem nach dieser Defini-
keitsverteilung, bezeichnet. tion s und v gleichgerichtet sind, ist
Unter Berücksichtigung von Gl. (5.1.19) kann
die Beschleunigung in der verkürzten Vektor- v uds = 0 (5.1.22)
schreibweise durch

(5.1.20)

wiedergegeben werden. Im allgemeinsten Fall ei-


ner Strömung ist demnach wegen

v = v(s, t) Abb. 5.1-12 Stromlinie


5.1 Technische Hydraulik 1749

Für das Vektorprodukt aus dem Linienelement ds


und dem Geschwindigkeitsvektor v gilt

Für die Stromlinie wird folglich nach der Berech-


nung der Determinante

i(vy ·dz–vz ·dy) + j(vz · dx–vx ·dz) Abb. 5.1-13 Begleitendes Dreibein
(5.1.23)
+k(vx ·dy–vy ·dx) = 0.

Aus dem Begriff der Stromlinie abgeleitet sind die Wegen der Behandlung vieler Strömungsvor-
Stromröhre und der Stromfaden. Die Stromröhre gänge mit Hilfe der eindimensionalen Stromfaden-
wird von Stromlinien begrenzt, so dass senkrecht theorie ist es hilfreich, die Gesamtbeschleunigung
zu dieser Berandung keine Flüssigkeit ausfließen auch auf die natürlichen Koordinaten des die Bahn-
kann. Längs des Umfangs der Stromröhre können linie begleitenden Dreibeines (Abb. 5.1-13) zu be-
in einem beliebigen Schnitt die Geschwindigkeiten ziehen.
unterschiedlich groß sein. Beim Stromfaden ist die Da das Koordinatensystem der Bewegung der
Stromröhre auf ihre Achse zusammengeschrumpft. Fluidteilchen folgt, wird von einer Lagrange’schen
Damit ist beim Schnitt durch den Stromfaden nur Betrachtung ausgegangen. Nur im Fall der stati-
noch eine Geschwindigkeit maßgebend. onären Strömung gelten diese Beziehungen auch
Die Rohrhydraulik kann weitestgehend in An- für die Stromlinie bzw. den Stromfaden. In einem
lehnung an die Vorstellung des Stromfadens be- beliebigen Punkt der Stromlinie spannen der Tan-
handelt werden: Als maßgebliche Geschwindigkeit gentenvektor und der Normalenvektor die Schmie-
wird die mittlere Geschwindigkeit im Querschnitt gungsebene auf. Die Projektion der Kurve in diese
herangezogen. Auch die Gerinnehydraulik wird Ebene hinein erlaubt es, einen Krümmungsradius r
vorwiegend eindimensional behandelt, die zu tref- für die Stromlinie in diesem Punkt anzugeben. Die
fenden Vereinfachungen sind hier jedoch schwer- zugehörige Geschwindigkeit in Richtung der Tan-
wiegender als bei der Rohrströmung. gente ist v, in Normalenrichtung vn und in Rich-
Die Bahnlinie beschreibt den Weg eines Flüs- tung der Binormalen vb. Definitionsgemäß können
sigkeitsteilchens und steht somit unmittelbar für nur lokale Beschleunigungen in den Normalen-
die Anwendung der Lagrange’schen Methode zur richtungen auftreten. Für den Beschleunigungs-
Beschreibung der Bewegung. Bei einer räumlichen vektor gilt
Bewegung ist wegen ds = v·dt

ds = ivx · dt + jvy · dt + kvz · dt. (5.1.24)

In der Zeiteinheit werden vom Flüssigkeitsteilchen (5.1.25)


daher die Wegstrecken

dx = vx · dt,
dy = vy · dt,
Die Beschleunigungskomponente in Tangenten-
dz = vz · dt richtung, die Tangentialbeschleunigung, kann noch
wie folgt umgeformt werden:
zurückgelegt, aus denen der Betrag ds errechnet
werden kann.
1750 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

(5.1.26)

Vor allem für die stationäre Strömung folgen aus


diesen Beziehungen wesentliche Vorteile für die
Behandlung der Strömung längs der Bahn- bzw. Abb. 5.1-14 Volumenstrom durch eine beliebige Schnitt-
Stromlinie. Zugleich geht aus diesen Beziehungen fläche einer Stromröhre
hervor, dass bei gekrümmten Bahnlinien grund-
sätzlich mit Beschleunigungen normal zur Fließ- Das Ergebnis des Skalarprodukts dieser beiden
richtung gerechnet werden muss. Die Zentripe- Vektoren ist die skalare Größe Volumenstrom. In
talbeschleunigung beeinflusst insbesondere die der Hydraulik wird der skalare Volumenstrom all-
Druckverteilung im Strömungsfeld. gemein als „Durchfluss“ bzw. bei der Betrachtung
Neben der Strom- und Bahnlinie ist als dritte am Kontrollvolumen als „Zu- bzw. Abfluss“ be-
Linie die Streichlinie von Bedeutung. Sie stellt die zeichnet. Die Einheit des Volumenstroms ist l3·t–1,
momentane Verbindung aller Teilchen dar, die vor- allgemein angegeben in m3/s oder bei kleinen Ab-
her einen bestimmten Punkt durchlaufen haben. So flüssen (z. B. in Rohrleitungssystemen) in l/s.
gibt die photographische Aufnahme der Spur eines Die mittlere Geschwindigkeit in der Stromröhre
Tracers, der an einem Punkt der Strömung konti- erhält man über die Division durch die Quer-
nuierlich zugegeben wird, eine momentane Streich- schnittsfläche zu
linie wieder.
(5.1.28)
5.1.3.4 Volumenstrom und Durchfluss
Betrachtet wird die Stromröhre für eine stationäre Wird der Betrachtung ein Stromfaden zugrunde
Bewegung. In der Zeiteinheit dt würde ein Teil- gelegt, so gilt wegen v = const
chen an der äußeren Berandung einer beliebig de-
finierten Schnittfläche A den Weg ds = v·dt zu- (5.1.29)
rücklegen. Da die Geschwindigkeit sich über den
Umfang der Stromröhre ändert, sind die zurückge- Durch Multiplikation mit der Dichte U kann der
legten Wege unterschiedlich lang (Abb. 5.1-14). Massenstrom berechnet werden.
Soll das Volumen des in der Zeiteinheit dt gebil-
deten Flüssigkeitskörpers ermittelt werden, so ist
dafür die Projektion der ortsabhängigen Richtung 5.1.4 Grundgleichungen
der jeweils vorherrschenden Geschwindigkeit auf der Hydromechanik
die unter dem Winkel D gegen die Achse der Strom-
röhre geneigten Flächennormale erforderlich. Ma- In der Hydrodynamik sind die Kräfte in Bezug zum
thematisch läuft dies auf die Bildung des Skalar- Bewegungsvorgang zu setzen. Ein Ungleichgewicht
produkts zwischen dem Geschwindigkeitsvektor v zwischen den äußeren Kräften und den Massen-
und dem Normalenvektor n der Fläche A hinaus. kräften führt z. B. zu einer Beschleunigung der trä-
Der Normalenvektor wurde hierbei an der Schnitt- gen Masse des Volumenelements.
fläche in Strömungsrichtung orientiert.
Der Volumenstrom durch eine beliebige Quer-
5.1.4.1 Erhaltungssätze der Hydromechanik
schnittsfläche A pro Zeiteinheit ist somit
Die Erhaltungssätze werden im Bauingenieurwe-
(5.1.27) sen allgemein angesetzt für die Erhaltung der Mas-
se, des Impulses und der Energie. Je nach dem da-
5.1 Technische Hydraulik 1751

bei zugrunde gelegten Kontrollvolumen können


sie in ihrer lokalen Form für unendlich kleine oder
in der integralen Form für anwendungsbezogene
größere Bereiche des Strömungsfeldes wiederge-
geben werden.

Gesetz der Massenerhaltung für


die Flüssigkeitsbewegung
Abb. 5.1-15 Volumenelement mit Teiloberfläche dS
Allgemein kann ein beliebig geformtes Volumen V
im Inneren des Strömungsfeldes betrachtet wer-
den, das durch eine geschlossene Oberfläche S be-
grenzt ist (Abb. 5.1-15).
Dieses Volumen wird laufend durchströmt, so
dass durch seine Oberfläche sowohl Flüssigkeit ein-
als auch austritt. Der Einheitsvektor für die Normale
zur Oberfläche ist dabei stets nach außen gerichtet.
Dies bedeutet, dass – für sich betrachtet – die Zu-
flüsse negativ und die Abflüsse positiv sind. Die
Änderung der Gesamtmasse innerhalb des Volu-
mens kann nur von der zeitlichen Änderung der
Dichte abhängen, da das Volumen selbst als unver-
änderlich vorgegeben ist. Unter diesen Vorausset- Abb. 5.1-16 Bilanzierung des Volumenstroms am orts-
zungen muss die zeitliche Änderung der Masse in- festen Volumenelement
nerhalb des Volumens vom Massenfluss durch die
Oberfläche ausgeglichen werden, wobei die Summe
dieser beiden Terme zu Null werden muss. in gespannten Grundwasserleitern beachtet wer-
den. Kann man dagegen im gesamten betrachteten
(5.1.30) Strömungsfeld die Änderung der Dichte vernach-
lässigen, so wird die Flüssigkeit als inkompressibel
angesehen. Die Kontinuitätsbedingung vereinfacht
Ist die Dichte allein von der Zeit abhängig, kann sich dann zu
über den Integralsatz von Gauß die Massenbilanz
an einem beliebigen Volumen allein durch ein Vo- div v = 0. (5.1.33)
lumenintegral in der Form
In dieser lokalen Form kann sie auch aus der Bilan-
(5.1.31) zierung des Volumenstroms am einfachen Volumen-
element der Abb. 5.1-16 abgeleitet werden.
Für die x-Richtung gilt dann beispielsweise für
angeschrieben werden. Dies ist die integrale Form den Unterschied zwischen Zufluss und Abfluss
der Kontinuitätsbedingung. Wird für das betrach-
tete Volumen der Grenzübergang dVo 0 vollzo-
gen, so ergibt sich die lokale Form der Kontinui-
tätsbedingung zu
Analoge Betrachtungen für die beiden anderen
(5.1.32) Koordinatenrichtungen und die Division durch das
Volumen dV = dx · dy · dz führen dann zu

Änderungen der Dichte müssen z. B. bei instati-


onären Strömungen in Rohrleitungssystemen und
1752 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Bei ausreichend großen Kontrollvolumen ist es


möglich, dass innerhalb des Volumens Quellen
oder Senken auftreten. Direkt zu ersehen ist dies
am Beispiel der Grundwasserströmungen. Dort
sind Senken in Gestalt von Förderbrunnen oder
Quellen als Schluckbrunnen Bestandteile des zu
simulierenden Strömungsfeldes. Die Aufsummie-
rung der Volumenströme über die freie Schnittflä- Abb. 5.1-17 Stationäre Strömung durch eine Düse
che muss dann ausgeglichen werden durch die Ver-
änderung im umschlossenen Volumen selbst. An-
stelle der Masse wird hierbei das Volumen bilan- Beispiel 5.1-3: Stationäre Strömung durch eine
ziert, sodass mit Düse (Abb. 5.1-17)
Kontinuitätsbedingung:
(5.1.34)
Q = const = v · A.

quellen- bzw. senkenbehaftete Kontrollvolumen er- Anwendung auf die freien Schnittflächen (1) und (2).
fasst werden können. Von Bedeutung ist diese Art Bilanzierung nach Gl. (5.1.35):
der Kontinuitätsbedingung auch für die Gerinne-
hydraulik, bei der als obere Berandung des betrach- –v1 · A1 + v2 · A2 = 0,
teten Kontrollvolumens die freie Oberfläche ange- v 1 · A 1 = v 2 · A 2.
setzt wird. Instationäre Strömungen wie ein Hoch-
wasserereignis in einem Fluss bedingen eine Verän- Geschwindigkeit nach der Verengung:
derung der Oberfläche. Bei der Betrachtung eines
beliebigen Gerinneabschnitts wird mit dem linken v2 = (A1/A2) · v1.
Term die Speicherung oder Abgabe von Flusswas-
ser berücksichtigt, je nachdem, ob der Wasserspie- In diesem Fall kann durch die Anwendung der
gel steigt oder fällt. Wesentlich ist hierbei, dass das Kontinuitätsbedingung die Veränderung der mitt-
Kontrollvolumen selbst zeitlich veränderlich ist. leren Geschwindigkeit infolge des vorgegebenen
In der lokalen Form führt die Kontinuitätsbe- Strömungsfeldes berechnet werden.
dingung für inkompressible Flüssigkeiten zu der
anschaulichen Erklärung, dass wegen Impulssatz
Nach dem zweiten Newton’schen Gesetz der Me-
div v = 0 chanik ist die erste zeitliche Ableitung des Im-
pulses I des Massenpunktes m gleich der auf ihn
die Zuflüsse zum Kontrollvolumen durch die Ab- einwirkenden Kraft F.
flüsse ausgeglichen werden müssen, das Innere des
Kontrollvolumens demnach quellen- und senken- (5.1.36)
frei bleibt. Besonders einfach ist die Anwendung
für den Abfluss innerhalb einer Stromröhre, wie er
in 5.1.3.4 bereits angedeutet wurde, wenn die Ge- Im Klammerausdruck ist der Impuls als das Pro-
schwindigkeitsverteilung durch die mittlere Fließ- dukt der Masse m mit ihrer Geschwindigkeit v dar-
geschwindigkeit ersetzt werden kann. Dann gilt gestellt. In Anlehnung an den Begriff des Volu-
menstroms als v· = dV/dt kann die zeitliche Ände-
Q = v · A = const. (5.1.35) rung des Impulses als „Impulsstrom“ bezeichnet
werden. Da Gl. (5.1.36) den Zusammenhang zwi-
Praktisch angewendet wird diese Beziehung v. a. schen einer Kraft und der Bewegung des Massen-
bei der Rohrhydraulik, wie das folgende Beispiel punktes beschreibt, wird sie auch als „Bewegungs-
zeigt. gleichung“ bezeichnet.
5.1 Technische Hydraulik 1753

Im Strömungsfeld kann der Impuls eines größe- natensystem bezogen wird. Die in der Anwendung
ren Flüssigkeitsbereichs zunächst nur für ein abge- wichtigste Scheinkraft ist die Zentrifugalkraft bei
schlossenes mitbewegtes Volumen V(t) mit der Bewegung auf einer gekrümmten Bahn. Allge-
mein wird der auf die Masse eines Flüssigkeitsteil-
(5.1.37) chens innerhalb des betrachteten Volumens wirken-
de Vektor der Massenkraft mit k bezeichnet.
Zum anderen werden auf das betrachtete Flüssig-
abgeleitet werden. Für ein beliebiges raumfestes keitsvolumen Oberflächenkräfte von der umge-
Kontrollvolumen V mit der Oberfläche S gilt dann benden Flüssigkeit ausgeübt. Die dabei auf ein belie-
für den Impulsstrom biges Element dS der Oberfläche wirkenden Kraft dF
resultiert aus dem im Strömungsfeld veränderlichen
(5.1.38) Spannungszustand; sie ist für jedes betrachtete Ele-
ment eine vom Ort und der Zeit abhängige Größe.
Der resultierende Spannungsvektor t ist auch von der
wobei die lokale Veränderung ˜I/˜t über das ge- Orientierung des betrachteten Flächenelements ab-
samte Kontrollvolumen ermittelt werden muss, hängig und i. Allg. nicht parallel zum Normalenvek-
während beim zweiten Term der rechten Seite der tor n der Fläche. Normalspannungen entstehen durch
Volumenstrom dQ = (v · n)dS über den freien Rand die Projektion des Spannungsvektors auf die Flä-
der Kontrollfläche erfasst wird. Die Kontrollfläche chennormale; in der Ebene senkrecht zu den Nor-
besteht allgemein aus einem festen Anteil, wenn malspannungen wirken die Schubspannungen.
sie mit einer Berandung zusammenfällt, und einem Die Gesamtkraft auf das betrachtete Kontroll-
freien Anteil, der sich im Strömungsfeld befindet. volumen wird demnach durch die Integration über
Für den Sonderfall der stationären Strömung das Volumen und über dessen Oberfläche als
entfällt der zeitabhängige Term auf der rechten
Seite. Dann gilt für den Impulsstrom (5.1.40)

(5.1.39)
angegeben. Hierbei wurde gleich auf das ortsfeste
Kontrollvolumen bezogen, da im Hinblick auf die
Im Strömungsfeld sind für das betrachtete Kon- Kräfte nicht zwischen dem bewegten und dem
trollvolumen grundsätzlich zwei Arten von Kräf- ortsfesten Volumen zu unterscheiden ist. Somit
ten anzusetzen. Zum einen sind dies die Volumen- nimmt der Impulssatz in seiner integralen Form
oder Massenkräfte, welche auf jedes einzelne Flüs- folgendes Aussehen an:
sigkeitsteilchen innerhalb des Kontrollvolumens
wirken (Abb. 5.1-18).
Ihr wichtigster Vertreter ist die Schwerkraft in- (5.1.41)
folge der Fallbeschleunigung. Daneben sind aller-
dings auch die sog. „Scheinkräfte“ zu beachten,
wenn die Bewegung auf ein beschleunigtes Koordi-
Für die stationäre Strömung verschwindet das Vo-
lumenintegral auf der linken Gleichungsseite. Da-
mit ist nur noch der Impulsstrom durch die freien
Ränder des Kontrollvolumens anzusetzen. Die
große Bedeutung des Impulssatzes besteht darin,
dass das Strömungsfeld im Inneren des frei wähl-
baren Kontrollvolumens nicht bekannt sein muss.
Durch die geschickte Wahl des Kontrollvolumens,
das an den erforderlichen Angaben für die Vertei-
Abb. 5.1-18 Volumen- und Oberflächenkräfte lung der Oberflächenkräfte ausgerichtet wird, kön-
1754 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

nen auch ohne die Kenntnis der oft komplexen Strö-


mungsvorgänge im Inneren des betrachteten Volu-
mens wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden.
Dies weist bereits darauf hin, dass der Impuls-
satz meist in der hier wiedergegebenen integralen
Form angewendet wird. Grundsätzlich ist auch
eine Angabe in der differentiellen oder lokalen
Form möglich. Voraussetzung dafür ist, dass eine
Stetigkeit der Terme der einzelnen Integrale gege-
ben ist. Dann können die beiden Oberflächeninteg-
rale nach dem Gauß’schen Satz in Volumeninteg- Abb. 5.1-19 Impulsströme und Kräfte im Bereich einer
rale umgewandelt werden. In der Schreibweise Stromröhre

(5.1.42) Bei der Bilanzierung am Kontrollvolumen gilt,


dass der Überschuss an austretendem Impulsstrom
kann dann auf ein beliebig kleines Volumen bezo- über den eintretenden durch die Summe der ein-
gen werden, sodass schließlich wirkenden Kräfte hervorgerufen werden muss.
Als Beispiel für eine stationäre Strömung wird
(5.1.43) als Kontrollvolumen ein Abschnitt einer Stromröh-
re betrachtet (Abb. 5.1-19).
Ein Volumenstrom ist nur im Bereich der freien
entsteht. Darin wird mit W der Spannungstensor be- Ränder durch die Schnittflächen A1 und A2 mög-
zeichnet, der sich aus dem Spannungsvektor t und lich. Es gilt dann nach Gl. (5.1.42)
dem Normalenvektor n errechnet. In diesem Span-
nungstensor verkörpern die Elemente der Hauptdia-
gonalen die Normalspannungen und die Kreuzterme
die Schubspannungen. Für dV o 0 ist dann mit
Bei der Summe der äußeren Kräfte 6F müssen an-
(5.1.44) gesetzt werden:
– Eigengewicht FG,
– Druckkräfte –p1 · n1 · A1, –p1 · n1 · A2,
die differentielle Darstellungsform des Impuls-
– Widerstandskraft FW,
satzes gewonnen, welche allgemein als die
– Reaktionskraft FR.
Cauchy’sche Bewegungsgleichung bekannt ist.
Ähnlich wie bei der integralen Form ausgeführt, 6F = F R+ F G – p 1 · n 1 · A 1 – p 2 · n 2 · A 2 + F W
sind auch hier je nach den vorliegenden Strö- = U · Q · (v2–v1) .
mungsverhältnissen Vereinfachungen möglich. (5.1.45)
Hierbei ist zu unterscheiden zwischen der Abso-
lutgeschwindigkeit va im Inertialsystem und der Re- Die Impulsströme sind vektorielle Größen und ha-
lativgeschwindigkeit vr im beschleunigten System. ben als solche die gleichen Richtungen wie die Ge-
Der Unterschied zwischen beiden gibt die Füh- schwindigkeiten, durch die sie geprägt werden (s.
rungsgeschwindigkeit vf wieder, mit der sich der Abb. 5.1-19). Da für den Impulssatz analog zur
Ursprung des Koordinatensystems bewegt. Bei den Kontinuitätsbetrachtung die Bilanzierung der Im-
Kräften sind die daraus resultierenden Beschleuni- pulsströme notwendig ist, zählt der in das Kon-
gungen zu beachten. Für die Anwendung im Bauin- trollvolumen eintretende Impulsstrom U·Q·v1 ne-
genieurwesen sind v. a. die Beschleunigungen bei gativ; Gl. (5.1.45). Die Impulsströme haben die
der Bewegung auf gekrümmten Bahnen und die Dimension einer Kraft (nicht jedoch von der Be-
Behandlung von Störungen mit einer zugehörigen deutung her!). Die Impulsgleichung lässt sich des-
Ausbreitungsgeschwindigkeit wichtig. halb auch in eine Gleichgewichtsbetrachtung um-
5.1 Technische Hydraulik 1755

schreiben. Hierzu werden die Impulsströme mit


umgekehrten Vorzeichen auf die linke Seite ge-
bracht. Gleichung (5.1.45) wird dann zu

Abb. 5.1-20 Vektoraddition der Impulsströme und Kräfte


Die Summe aus der Druckkraft und dem negativen aus Abb.5.1-19
Anteil der Impulsstrombilanz in einem Querschnitt
wird in der Bauingenieurliteratur als die „Stütz-
kraft“ FS bezeichnet; sie ist immer zum Querschnitt
hin gerichtet. Dem Betrag nach ist die Stützkraft
von der Größe

FS = p · A + U · Q · v . (5.1.46)

Für die reibungsfreie Strömung steht die Reaktions-


kraft mit der resultierenden Stützkraft und der Ge- Abb. 5.1-21 Kraftwirkung eines Freistrahls auf einem Keil
wichtskraft im Gleichgewicht. Für die Verhältnisse
an der betrachteten Stromröhre erhält man mit Hilfe
der Stützkräfte die dargestellte Vektoraddition der
einzelnen Kräfte. Die Widerstandskraft ist nicht be-
rücksichtigt (Abb. 5.1-20). Die Reaktionskraft ent-
spricht der vom Auflager aufzunehmenden Kraft.

Beispiel 5.1-4: Anwendung des Impulssatzes zur


Berechnung der Kraftwirkung eines Freistrahles
(Abb. 5.1-21)

Abb. 5.1-22 Impulssatzanwendung auf die Grenz-


schichtströmung
Da U·Q·v·cos D< U· Q · v, ist erwartungsgemäß
die Reaktionskraft mit anderem Vorzeichen behaf-
tet. Weiter gelten für Nicht immer ist es möglich, bei der ebenen oder
auch räumlichen Strömung die freien Ränder durch
D= 90° cos-D= 0 F = - UQv, Stromlinien bzw. Stromröhren zu begrenzen. We-
D= 180° cos-D= - 1 F = - 2UQv. gen der vektoriellen Eigenschaften der einzelnen
Kräfte ist es dann zweckmäßig, diese in ihre Kom-
Bei Turbinenschaufeln der Pelton-Turbine gilt Do ponenten zu zerlegen. Dies soll am Beispiel der
180°. Bei dieser Freistrahlturbine bewegt sich die ebenen Grenzschichtströmung gezeigt werden
Turbinenschaufel relativ zur Anströmgeschwindig- (Abb. 5.1-22).
keit: Infolge der Reibung kommt es im Bereich der
Relativgeschwindigkeit v – u (u Schaufelbewe- ebenen Platte zu einer Verringerung der Geschwin-
gung). digkeit. In die durch ABCD gekennzeichnete Kon-
Größte Leistung für u = v/2. trollfläche tritt im Bereich AB wegen vx = const ein
größerer Volumenstrom ein als bei CD austritt. Die
1756 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Differenz dQ tritt demnach längs der Linie BD aus der Gesamtenergie eines Flüssigkeitsteilchens wird
der Kontrollfläche aus. daher unterschieden zwischen der inneren Energie
Bei der Berechnung der zugehörigen Impuls- E und der kinetischen Energie K, welche in dem
ströme ist zu beachten, dass die skalare Größe mit der Strömung bewegten Flüssigkeitsvolumen
Massenstrom U·Q mit der vektoriellen Größe Ge- V(t) zu
schwindigkeit v multipliziert und die Richtung der
zeitlichen Änderung des Impulses durch die Rich- (5.1.50)
tung der betrachteten Geschwindigkeitskompo-
nente festgelegt wird.
Die Bilanzierung der x-Komponente des Im- berechnet wird. Die Leistung der äußeren Kräfte
pulsstromes für die angegebene Kontrollfläche lässt sich anhand der Oberflächen- und Volumen-
wird dann kräfte bestimmen. Für die Oberflächenkraft t·dS
ist die zugehörige Leistung v·t·dS, entsprechend
ist für die Volumenkraft U·k·dV die Leistung
(5.1.47) v·k·U·dV. Die Gesamtleistung der äußeren Kräfte
am Kontrollvolumen ist daher

Über die Berandung BD wird wegen der dort auf- (5.1.51)


tretenden Geschwindigkeitskomponente in y-Rich-
tung auch eine y-Komponente des Impulsstromes
erzeugt. Allgemein gilt für die skalare Größe Mas- Die von außen zugeführte Energie kann durch einen
·
senstrom U·Q durch das Flächenelement dA Wärmestrom Q W beschrieben werden, bei dem im
Vergleich zum Volumenstrom anstelle der Ge-
U· dQ = U· v · n · dA. (5.1.48) schwindigkeit die einfließende Energie betrachtet
wird. Der Satz für die Energieerhaltung lautet dann
Die zugehörigen Komponenten der Impulsströme
sind im ebenen Fall (5.1.52)

Wichtig an diesem Energieerhaltungssatz ist, dass


(5.1.49) eine direkte Beziehung zwischen der Energieände-
rung und den äußeren Kräften formuliert wird. Die
Schubspannungen im Spannungstensor W, also die
nichtdiagonalen Terme des Tensors, verrichten
Gesetz für die Energieerhaltung bei eine irreversible Arbeit. Die durch die Reibung
der Flüssigkeitsbewegung hervorgerufenen Spannungen führen zur irrever-
Wenn von der Energieerhaltung gesprochen wird, siblen Umwandlung von mechanischer Energie in
so kann sich dies nur auf die gesamte Energie, also Wärme. Die dabei erzeugte Deformationsarbeit
auf die Summe von mechanischer Energie und pro Zeit- und Volumeneinheit wird als die „Dissi-
Wärmeenergie (innerer Energie) beziehen. Tatsäch- pationsfunktion“ bezeichnet [Spurk 1996].
lich wird der Strömung durch die unvermeidbare
Reibung auch mechanische Energie entzogen und
5.1.4.2 Erfassung der Oberflächenkräfte
diese in Wärme umgewandelt. Für die Energiebi-
lanz gilt folgender Erfahrungssatz: Die zeitliche Die bisher behandelten Erhaltungssätze reichen
Änderung der gesamten Energie eines Körpers ist zur Beschreibung einer Strömung nicht aus, da die
gleich der Leistung der äußeren Kräfte plus der pro Zahl der verfügbaren Gleichungen kleiner ist als
Zeiteinheit von außen zugeführten Energie. die der unbekannten Funktionen. Da das Flüssig-
Bei der Bewegung von Flüssigkeiten ist die ki- keitsteilchen bei der Bewegung verformt wird,
netische Energie von besonderem Interesse. Bei fehlen noch Gleichungen, welche diese Deformati-
5.1 Technische Hydraulik 1757

on in eine Beziehung zum Material setzen, aus durch den Spannungstensor Wji beschrieben wird.
dem das Flüssigkeitsteilchen besteht. Aus diesem Da infolge des hydrostatischen Druckes auch in
Grund werden diese Gleichungen „Materialglei- der ruhenden Flüssigkeit Normalspannungen vor-
chungen“ genannt. handen sind, ist es üblich, den Spannungstensor
Aus 5.1.1.2 sind als maßgebliche Eigenschaften wie folgt aufzuspalten:
von Flüssigkeiten bereits deren dynamische Zähig-
keit K und die Dichte U bekannt, deren Quotient (5.1.54)
die kinematische Zähigkeit Q= K/U darstellt. Mit
Hilfe der kinematischen Zähigkeit wird über die Dabei kennzeichnet p den Druck und Gij das Krone-
Reynolds-Zahl Re – der wichtigsten dimensions- cker-Symbol, welches für i = j den Wert Gij = 1 an-
losen Kennzahl der Strömungsmechanik – ein Be- nimmt. Für die mittlere Normalspannung gilt dann
zug zu den Abmessungen des Strömungsfeldes in
Gestalt einer charakteristischen Länge l und zu der (5.1.55)
im Strömungsfeld vorhandenen Geschwindigkeit v
geschaffen. Berechnet wird die Reynolds-Zahl zu
Sie ist im bewegten Strömungsfeld i. Allg. ungleich
dem negativen Druck. Mit Wijc ist der Reibungs-
(5.1.53)
spannungstensor gekennzeichnet. Dies ist derjeni-
ge Anteil des Spannungstensors, welcher die Sche-
In dieser Form lässt die Reynolds-Zahl verschie- rung der Fluidelemente bewirkt. Er kann aus die-
dene Deutungen zu. Meist wird sie als das Verhält- sem Grund nur mit dem symmetrischen Anteil des
nis der Trägheitskräfte zu den Widerstandskräften Geschwindigkeitsgradienten-Tensors zusammen-
definiert. Ebenso kann sie als das Verhältnis vom hängen.
konvektiven Impulstransport zum diffusiven ange- Mit Gl. (5.1.2) wurde für die zweidimensionale
sehen werden. Schließlich stellt sie auch noch das Bewegung ein linearer Zusammenhang zwischen
Verhältnis der charakteristischen Länge l zur sog. der Schubspannung und dem Geschwindigkeitsgra-
„viskosen Länge“ Q/v dar. Formal wird der Wert dienten für die Newton’schen Fluide vorgestellt. Im
der Reynolds-Zahl sehr hoch, wenn die Abmes- allgemeinen Fall der dreidimensionalen, inkom-
sungen des Strömungsfeldes groß sind. So errech- pressiblen, laminaren Strömung einer Newton’schen
net sich für eine charakteristische Länge l = 1m Flüssigkeit bleibt diese lineare Abhängigkeit von
und eine mittlere Geschwindigkeit v > 1m/s für der dynamischen Zähigkeit erhalten. Die Reibungs-
das Fluid Wasser eine Reynolds-Zahl Re > 106. spannungen können deshalb durch die Gleichung
Andererseits können hohe Reynolds-Zahlen auch
für Qo 0 erreicht werden. (5.1.56)
Tatsache ist, dass sich die laminare Strömung,
bei welcher die Zähigkeit dominiert, nur unterhalb
von bestimmten Reynolds-Zahlen ausbildet. Ober- wiedergegeben werden. Bei kompressiblen Flüs-
halb dieser kritischen Reynolds-Zahl stellt sich sigkeiten ist neben der dynamischen Zähigkeit
eine völlig andere Strömung ein, bei der Druck- noch die von der Kompression abhängige Druck-
und Geschwindigkeitsschwankungen im Strö- zähigkeit zu beachten. Für nicht-Newton’sche Flüs-
mungsfeld auftreten, welche zufälliger Natur sind. sigkeiten gelten diese einfachen linearen Zusam-
Derartige Strömungen werden als turbulent be- menhänge nicht.
zeichnet. Dieser Umstand bedingt, dass je nach Art
der Strömung auch unterschiedliche Materialglei- Turbulente Strömung
chungen benötigt werden. Die turbulente Strömung unterscheidet sich von
der laminaren im Wesentlichen dadurch, dass ne-
Laminare Strömung ben der viskosen Reibung, welche auf den Schwin-
Die Oberflächenkräfte an einem Volumenelement gungen der einzelnen Moleküle beruht, im Strö-
werden über den Spannungszustand ermittelt, der mungsfeld zufällige Schwankungsbewegungen grö-
1758 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

ßerer Flüssigkeitsballen zu beobachten sind. Der


Impulsaustausch im molekularen Bereich wird
überlagert von dem durch die Schwankungen der
Flüssigkeitsballen ausgelösten. Allein dies macht
deutlich, dass das Widerstandsverhalten durch das
Phänomen Turbulenz erheblich beeinflusst wird.

Schwankungsbewegungen. Bei ausreichendem


Energiegehalt sind den zeitlichen Mittelwerten der
Geschwindigkeit v– Schwankungsbewegungen vc
Abb. 5.1-23 Turbulente Schwankungen der Geschwindig-
überlagert, sodass z. B. die Momentangeschwin- keitskomponente vx
digkeit vx in x-Richtung erfasst wird durch

(5.1.57)

Die ungeordneten Schwankungsbewegungen erzeu-


gen aufgrund des vermehrten Impulstransports zu-
sätzliche Normal- und Schubspannungen, welche
als „scheinbare Spannungen“ der turbulenten Strö-
mung bezeichnet werden. Mit Hilfe des Ansatzes
von Boussinesq wird analog zum Newton’schen
Reibungsgesetz für die turbulente Bewegung
Abb. 5.1-24 Momentane Geschwindigkeitsverteilung einer
(5.1.58) ebenen Strömung in x-Richtung

formuliert. Der kinematischen Zähigkeit Q KUist wobei der zeitliche Mittelwert der Schwankungs-
deshalb eine „scheinbare“ kinematische Zähigkeit bewegung v–xc voraussetzungsgemäß Null sein
muss. Die Stärke der Schwankungen wird deshalb
(5.1.59) z. B. durch angegeben.
Für den verstärkten Impulstransport quer zur
zugeordnet, wobei Ht im Gegensatz zu Q keine phy- Strömungsrichtung sind die Schwankungsbewe-
sikalische Eigenschaft des Fluids ist. Der mit gungen ursächlich. In einer ebenen Strömung in
Gl. (5.1.59) geschilderte Zusammenhang ist zu- x-Richtung gilt (Abb. 5.1-24)
nächst rein formal und muss durch die Turbulenz-
eigenschaften ausgedrückt werden. Die Schwan-
kungsbewegungen sind zeitabhängig, sodass eine
turbulente Strömung grundsätzlich nur bezüglich
ihrer zeitlichen Mittelwerte als stationär angesehen Maßgeblich für den Impulstransport und damit für
werden kann. die scheinbaren Schubspannungen ist der zeitliche
Der zeitliche Mittelwert der Strömung wird Mittelwert des Produkts der Schwankungsbewe-
durch Integration über den Momentanwert vx über gungen. So gilt z. B. für die in Abb. 5.1-24 gezeigte
einen ausreichend großen Zeitraum 't gewonnen ebene Bewegung
(Abb. 5.1-23).
(5.1.61)

(5.1.60) Da selbst in diesem ebenen Strömungsfeld die


Schwankungsbewegungen in allen drei Koordina-
5.1 Technische Hydraulik 1759

tenrichtungen auftreten, sind die sog. „Reynolds- bulenten Strömung sind wegen der Haftbedingung
Spannungen“ in allgemeingültiger Form darzustel- an der Wand auch die Schwankungskomponenten
len, wozu hier auf die Zeigerschreibweise zurück- in unmittelbarer Wandnähe Null. In der Nähe der
gegriffen wird. Es gelten allgemein Wand ist daher, zumindest bei glatter Wand, nach
wie vor auch die Zähigkeit wirksam, sodass ganz
(5.1.62) allgemein

Sind die Schwankungskomponenten für einen (5.1.65)


Punkt des Strömungsfeldes bekannt, so kann damit
die scheinbare kinematische Zähigkeit Ht nach dem
Boussinesq-Ansatz wegen gilt oder aber unter Verwendung der kinematischen
Zähigkeiten
(5.1.63)
(5.1.66)
berechnet werden. Neben diesem rein formalen
Ansatz in Anlehnung an die Formulierung des Wi- Die Geschwindigkeitsgradienten führen zum Im-
derstandsverhaltens der laminaren Strömung wird pulsaustausch. Im Mikrobereich (molekular) ist
stellvertretend für viele Ansätze der Prandtl’sche für die innere Reibung die Zähigkeit, im Makrobe-
Mischungsweg vorgestellt, bei dem die Schwan- reich (Flüssigkeitsballen) der verstärkte Impuls-
kungsbewegungen im Strömungsfeld berücksich- austausch aufgrund der turbulenten Schwankungs-
tigt werden. bewegungen maßgebend. Diese werden allein
Ein Flüssigkeitsballen muss den Mischungsweg durch die Eigenschaften des Strömungsfeldes be-
l zurücklegen, bis der Unterschied zwischen seiner stimmt und sind deshalb nur mittels entsprechender
ursprünglichen Geschwindigkeit und derjenigen Modellvorstellungen quantifizierbar. Eines der be-
des neuen Ortes gleich der mittleren Schwankung kanntesten Turbulenzmodelle ist das sog. „k-H-Mo-
der Längsgeschwindigkeit ist. Für die ebene Be- dell“, bei dem die kinetische Energie k der turbu-
wegung der Abb. 5.1-24 führt dies zu lenten Schwankungsbewegungen mit der viskosen
Dissipation H von turbulenter kinetischer Energie
(5.1.64) in einem sog. „2-Gleichungs-Modell“ in Bezie-
hung gesetzt wird. Ein Materialgesetz ähnlich dem
für die laminare Strömung ist deshalb für die tur-
Diese Gleichung ist die Prandtl’sche Mischungs- bulente Strömung nicht verfügbar.
wegformel. Sie steht für einen von vielen theore-
tischen Ansätzen zur Berechnung von turbulenten
5.1.4.3 Bewegungsgleichungen
Strömungen. Unbekannt in der Mischungsweg-
formel ist die Größe l des Mischungsweges. Für Die Kombination der Erhaltungssätze mit den Ma-
eine Reihe von Strömungen kann der Mischungs- terialgesetzen führt zu den auf dem Impulssatz be-
weg als eine Funktion des Ortes bestimmt wer- ruhenden speziellen Bewegungsgleichungen. Hier
den. Wichtigstes Beispiel dafür ist die Rohrströ- wird auf die wichtigsten dieser Gleichungen einge-
mung, welche auch in ihrer Turbulenzstruktur gangen. Im Hinblick auf die bereits geschilderten
voll erfasst ist. Probleme mit der turbulenten Strömung wird Wert
Die im Inneren der Strömung erzeugten Schub- darauf gelegt, die Grenzen für die Anwendbarkeit
spannungen müssen wegen des Kräftegleichge- zu zeigen.
wichts über die Wandschubspannung W0 in Form
eines Reibungswiderstands abgetragen werden. In Navier-Stokes-Gleichungen
der Rohrströmung ist z. B. wegen dv–x/dy = 0 die Ausgangspunkt der Überlegungen ist die differen-
Schubspannung in Rohrachse gleich Null; sie er- tielle Form des Impulssatzes in Gestalt der
reicht an der Wand mit W0 ihr Maximum. In der tur- Cauchy’schen Bewegungsgl. (5.1.44),
1760 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

rung der Turbulenzeigenschaften wurden die Navi-


er-Stokes-Gleichungen durch die Erhöhung der ki-
nematischen Zähigkeit um einige Zehnerpotenzen
in welcher der zweite Term der rechten Gleichungs- für die Berechnung turbulenter Strömungen nutz-
seite mit den partiellen Ableitungen aller Span- bar gemacht. Dies bedeutet allerdings, dass im ge-
nungen nach den drei Koordinatenrichtungen samten Strömungsfeld eine isotrope Turbulenz-
durch ein verfügbares Materialgesetz zu ersetzen struktur vorliegen muss, was nur näherungsweise
ist. Dies liegt in Gestalt der Gl. (5.1.56) nur für die zutrifft.
laminare Strömung vor. Damit werden allerdings
nur die Reibungsspannungen in Abhängigkeit von Reynolds-Gleichungen
den Geschwindigkeitsgradienten dargestellt. Des- Setzt man in die Navier-Stokes-Gleichungen die
wegen ist noch die mit Gl. (5.1.54) vorgenommene Mittelwerte für die Geschwindigkeiten der turbu-
Aufspaltung in die Normal- und Reibungsspan- lenten Strömung ein, so können die einzelnen Ter-
nungen durchzuführen. Dies ergibt me durch die Mittelwerte ersetzt werden. Bei den
nichtlinearen Termen fallen allerdings die zeit-
(5.1.67) lichen Mittelwerte der Produkte der einzelnen
Schwankungskomponenten nicht heraus, aus ihnen
resultieren die turbulenten Schubspannungen. We-
Nach Ableitung des Reibungsspannungsterms ver- gen der Verknüpfung der Mittelwerte und der
bleiben für die inkompressible Strömung wegen Schwankungskomponenten sind die daraus abge-
’·v = 0 nur die zweiten Ableitungen der Ge- leiteten Gleichungen in Zeigerschreibweise wie-
schwindigkeitskomponenten, so dass sich nach dergegeben. Sie lauten
Umformung die Beziehung

(5.1.68)
(5.1.69)

ergibt. Beim letzten Term der rechten Gleichungs-


seite ist die Geschwindigkeit v mit dem Laplace’schen
Operator verknüpft. Die Gln. (5.1.68) sind die Navi- und werden als „Reynolds-Gleichungen“ bezeich-
er-Stokes-Gleichungen für die inkompressible lami- net. Mit den Ableitungen der zeitlichen Mittelwerte
nare Strömung. In ihr sind neben dem Vektor der auf der Produkte der Schwankungsgeschwindigkeiten
die Masseneinheit bezogenen Volumenkraft nur noch entstehen weitere neun Terme, von denen wegen der
die Funktionen des Strömungsfeldes mit den unab- Symmetrie des sog. „Reynolds-Spannungstensors“
hängigen Veränderlichen der Zeit und des Raumes allerdings nur sechs unbekannt sind. Sie zu elimi-
verknüpft. Den vier Unbekannten v und p stehen hier nieren ist Aufgabe der Turbulenzmodelle. Dies
die drei Gleichungen für die jeweiligen Richtungen zeigt, welcher Aufwand nötig ist, damit die turbu-
gegenüber. Die vierte Gleichung liefert die Kontinu- lente Strömung einer Berechnung zugänglich wird.
itätsbedingung in Gestalt von Gl. (5.1.33).
Die Lösungsmöglichkeit von Gl. (5.1.68) für Euler’sche Bewegungsgleichungen
räumliche Strömungen wird besonders durch die Die Euler’schen Bewegungsgleichungen sind ein
nichtlinearen Terme der konvektiven Beschleuni- Sonderfall von Gl. (5.1.68), der die reibungsfreie
gung erschwert. Für sehr kleine Reynolds-Zahlen Strömung beschreibt. Hier werden die im Strö-
ist allerdings die Wirkung der Trägheitskräfte ge- mungsfeld normalerweise vorhandenen Schub-
genüber den zähigkeitsbedingten Reibungskräften spannungen vernachlässigt. Dann entfällt der letzte
vernachlässigbar. Für diesen Sonderfall kann die Term in Gl. (5.1.68), und es ergibt sich mit
linke Gleichungsseite gleich Null gesetzt werden.
Dies erleichtert die Lösung der Dgln. wesentlich. (5.1.70)
Angesichts der Schwierigkeiten mit der Modellie-
5.1 Technische Hydraulik 1761

eine Form der Bewegungsgleichung, in der die


Auswirkung der Viskosität auf den Strömungs- (5.1.71)
vorgang keine Berücksichtigung findet. Dies er-
scheint zunächst widersinnig, da jede Flüssigkeit Im Schwerefeld der Erde hat im Inertialsystem die
eine gewisse Zähigkeit aufweist. Auch hier muss Massenkraft das Potential )= –g·z, da die Fallbe-
jedoch darauf geachtet werden, welchen Einfluss schleunigung antiparallel zur Richtung der z-Ach-
die Reibung tatsächlich auf das Strömungsge- se ist. Da die räumliche Veränderung allein durch
schehen nimmt. Es gibt viele Anwendungsfälle, die natürliche Koordinate s beschrieben wird, kann
bei denen die Wirkung der Reibung auf einen die partielle Differentiation durch die totale ersetzt
kleinen Bereich des Strömungsfeldes, z. B. in werden. Somit wird
Wandnähe, beschränkt bleibt. Dann kann bei ho-
hen Reynolds-Zahlen sogar eine turbulente Strö- (5.1.72)
mung mit gutem Erfolg beschrieben werden. Dies
gilt beispielsweise für die Anwendung der Poten-
tialtheorie. Diese Gleichung kann, da nur noch von s und t ab-
hängig, einfach längs der Stromlinie integriert
Bernoulli-Gleichung werden. Dies führt zu dem Ergebnis
Normalerweise wird die Bernoulli-Gleichung über
die Integration der Euler’schen Gleichung längs (5.1.73)
einer Stromlinie hergeleitet. In diesem Fall ist die
Bewegung auf die natürlichen Koordinaten bezo-
gen, eine Geschwindigkeitskomponente liegt nur Wenn als Massenkraft allein die Schwerkraft auf-
in Tangentenrichtung vor. Nach Gl. (5.1.26) gilt tritt und die Dichte als konstant angenommen
für die Tangentialbeschleunigung wird, kann der vierte Term auf der linken Seite
durch p/U ersetzt werden. In diesem Zusammen-
hang ist der Hinweis wichtig, dass mit der Ber-
noulli-Gleichung i. Allg. keine Aussage über den
örtlichen Druck möglich ist. Besonders wichtig ist
sodass wegen des Bezugs auf die Lagrange’sche dies bei gekrümmten Strombahnen, da entspre-
Methode der Beschreibung der Strömung anstelle chend Gl. (5.1.25) in der Normalenrichtung zu-
der konvektiven Beschleunigungen nur noch die sätzliche Beschleunigungen auftreten, demnach
Ableitung des Quadrats der Geschwindigkeit nach nicht mehr allein die Schwerkraft als Massenkraft
der Richtung vorhanden ist. Dieser quadratische wirkt. Wird zwischen zwei Punkten 1 und 2 auf
Term ist leicht mit der kinetischen Energie der der Stromlinie integriert, gilt
Strömung zu verknüpfen, welche ja für das Mas-
senelement dm durch

(5.1.74)

definiert ist. Dieses Vorgehen wird der späteren


Anwendung nicht vollständig gerecht, weil die Für die stationäre Strömung entfällt das Integral
Bernoulli-Gleichung auch auf Stromlinien übertra- mit der lokalen Beschleunigung. Wird gleichzeitig
gen wird, bei denen ein Verlust an mechanischer durch die Fallbeschleunigung dividiert, nimmt die
Energie zu verzeichnen ist. Bernoulli-Gleichung für jeden Ort der Stromlinie
Ausgehend von den Euler’schen Bewegungs- folgendes Aussehen an:
gleichungen nach Gl. (5.1.70), wird mit Hilfe der
eindimensionalen Betrachtung der Beschleuni- (5.1.75)
gungsterme nach Gl. (5.1.26)
1762 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Die Integrationskonstante der rechten Gleichungssei-


te wird als „Bernoulli’sche Konstante“ bezeichnet.
Wird für sie die Bezeichnung H eingeführt, so ist

(5.1.76)

Sämtliche Terme dieser Gleichung verkörpern ska-


lare Größen und haben die Einheit einer Länge.
Neben den bekannten Bezeichnungen z für die Abb. 5.1-25 Umströmung eines Körpers
Ortshöhe und p/(U·g) für die Druckhöhe werden
v2/(2·g) als „Geschwindigkeitshöhe“ und H als
„Energiehöhe“ bezeichnet. Die Summe aus Orts- Punkt aufweisen, an dem sich die Stromlinie teilt.
und Druckhöhe z + p/(U·g) wird „piezometrische Zu bestimmen ist der Druckunterschied zwischen
Höhe“ genannt. In der Grundwasserhydraulik ist einem Punkt O im ungestörten Bereich des Strö-
hierfür die Bezeichnung „Standrohrspiegelhöhe“ mungsfeldes und dem Punkt S an der Verzweigung
gebräuchlich. Es ist diejenige Höhe, in welcher der Stromlinien.
sich in einem vertikalen Standrohr mit einer Öff- Am Verzweigungspunkt weisen die Stromlinien
nung an der Unterseite der Wasserspiegel im Grund- eine vertikale Tangente auf, da die Flüssigkeit nach
wasserleiter einstellt. beiden Seiten abgelenkt wird. Im Punkt S muss da-
Da nur noch skalare Größen in der Bernoulli- her die Geschwindigkeit gleich Null sein, da der
Gl. (5.1.76) erscheinen, muss der Zusammenhang Körper nicht durchströmt wird. Die Anwendung
mit den mechanischen Teilenergien noch einmal von Gl. (5.1.76) zeigt
dargestellt werden. Ausgegangen wurde von den
Euler’schen Bewegungsgln. (5.1.70), in denen zO + pO/(U·g) + v2/(2·g) = zS + pS/(U·g) + 0 .
ausschließlich Beschleunigungsterme der Einheit
m2/s aufgeführt sind. Das bedeutet, dass sämtliche Wegen z0 = zS wird mit 'p = pS – pO schließlich
Terme der Bernoulli-Gleichung in der Schreibwei-
se der Gl. (5.1.76) durch den Ausdruck m·g divi-
diert worden sind. Multipliziert man die Ortshöhe
z mit m·g, so ergibt sich mit m·g·z die Lageenergie
des betrachteten Flüssigkeitsteilchens und bei Be- Dies entspricht genau dem Staudruck. Der Punkt S
trachtung der Geschwindigkeitshöhe die kinetische wird daher als „Staupunkt“ bezeichnet.
Energie.
Die Druckhöhe wurde aus dem Druck p über In einem Röhrchen mit der Öffnung entgegen der
die Division durch das Produkt U·g gewonnen. Anströmrichtung wird die Energiehöhe oder der
Wird die Geschwindigkeitshöhe v2/(2·g) mit U·g Gesamtdruck (= statischer Druck + Geschwindig-
multipliziert, erhält man mit keitsdruck im Strömungsfeld) angezeigt. Ein der-
artiges Röhrchen wird als „Staurohr“ oder „Pitot-
rohr“ bezeichnet. Mit der Bestimmung des Ge-
samtdrucks kann die Lage der Energiehöhe in
einem Querschnitt bestimmt werden.
den Staudruck oder Geschwindigkeitsdruck. Ist die durchflossene Querschnittsfläche be-
kannt, so kann durch Abtragen der Geschwindig-
Beispiel 5.1-5: In einer gleichförmigen Strömung keitshöhe von der Energiehöhe auch die Lage der
mit der Geschwindigkeit v wird ein strömungs- Druckhöhe im betrachteten Querschnitt gewonnen
günstig geformter Körper umströmt. Eingezeich- werden. Verbindet man die einzelnen Druckhöhen
net sind in Abb. 5.1-25 die zugehörigen Stromli- miteinander, so lässt sich der Druckhöhenverlauf in
nien, die an der Körpervorderseite einen singulären Strömungsrichtung – die sog. „Drucklinie“ – zeich-
5.1 Technische Hydraulik 1763

Abb. 5.1-26 Energie- und Drucklinienverlauf für eine ge- Abb. 5.1-27 Energiehöhenvergleich unter Berücksichti-
rade Stromröhre bei Reibungsfreiheit gung der Rohrreibung

nen. Bei reibungsfreier Strömung weist die Ener- abgeleitet werden. Kann die Veränderung der Tan-
giehöhe längs dieser Strömung keine Veränderung gentialgeschwindigkeit v wegen Veränderungen des
auf. Sie ist demnach horizontal (Abb. 5.1-26). Radius r der Strombahnenkrümmung im Strö-
In Wirklichkeit sind – z. B. in einer Rohrleitung mungsfeld nicht explizit beschrieben werden, so
– infolge der Rohrreibung Energiehöhenverluste ist eine Integration längs einer Äquipotentiallinie
nicht zu vermeiden. Diese Verluste können durch vorzunehmen. Sind die Stromlinien im einfachsten
Messungen des Gesamtdrucks längs der Leitung Fall konzentrische Kreise in einer Ebene, so weist
direkt gemessen werden. Damit ist längs einer Lei- die Richtung der Normalen zum Kreismittelpunkt.
tung auch der Verlauf der Energiehöhen in den ein- Für diesen Sonderfall kann die Geschwindigkeits-
zelnen Messpunkten bekannt. Ihre Verbindung verteilung zu
zeigt dann den Verlauf der sog. „Energielinie“ an.
Sie weist grundsätzlich ein Gefälle in Strömungs- (5.1.79)
richtung auf. Das Vorgehen bei der Anwendung
der Bernoulli-Gleichung für reibungsbehaftete direkt angegeben werden.
Strömungen modifiziert deshalb lediglich den
Energiehöhenvergleich. Zwischen den Querschnit-
ten (1) und (2) wird berücksichtigt, dass in Strö- 5.1.5 Berücksichtigung
mungsrichtung ein Energiehöhenverlust 'e auftritt der Randbedingungen
(Abb. 5.1-27).
Der Energiehöhenvergleich liefert dann Mit den Bewegungsgleichungen sind die beschrei-
benden Differentialgleichungen (Dgln.) zur Be-
H1 = H2 + 'e . (5.1.77) rechnung von Strömungen in allgemeinster Form
gegeben. Soweit es die darin eingearbeiteten Mate-
Bei der Ableitung der Bernoulli-Gl. (5.1.76) wurde rialgesetze zulassen, könnten diese Gleichungen
bereits darauf hingewiesen, dass bei gekrümmten unter Beachtung der Randbedingungen des zuge-
Strombahnen im Strömungsfeld eine Aussage über hörigen Strömungsfeldes gelöst werden. Der über-
die örtliche Druckhöhe mit den Beschleunigungen wiegende Teil der Strömungen unterliegt der Wir-
in Normalrichtung verknüpft werden muss. Nach kung der Schwerkraft. Bewegungen in Gewässern
Gl. (5.1.25) kann unter der Annahme ˜H/˜n = 0 mit freier Oberfläche können jedoch auch durch
normal zur Tangentialgeschwindigkeit v die Be- die Wirkung von Schubspannungen an der Phasen-
dingung trennfläche zwischen Luft und Wasser angeregt
werden. Beispiele hierfür sind die windinduzierten
(5.1.78) Strömungen in Binnenseen oder des Ozeans. Mit
die bekannteste schubspannungsinduzierte Strö-
1764 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

mung ist die Couette-Strömung in einem Flüssig-


keitsspalt (s. 5.1.5.1).

5.1.5.1 Berandungen des Strömungsfeldes


Für die Beurteilung von Strömungen ist es wichtig,
wie antreibende und hemmende Kräfte sich im
Strömungsfeld auswirken. Dabei spielt das Vor-
handensein einer festen, flüssigen oder gasför- Abb. 5.1-28 Couette-Strömung
migen Berandung eine nicht unwesentliche Rolle.
Strömungen werden von den Vorgängen in der
Nähe der Berandung und deren physikalischen Ei- digkeit v0 in x-Richtung bewegte Wand gebildet
genschaften beeinflusst. wird (Abb. 5.1-28). Ferner wird angenommen, dass
die Bewegung der oberen Wand die Strömung al-
Feste Berandung lein verursacht, demnach kein Druckgradient in
Eine entscheidende Bedeutung für den Abfluss im Strömungsrichtung vorliegt.
Bereich von festen Berandungen hat die Haftbedin- Die sich einstellende Geschwindigkeitsvertei-
gung. Sie besagt, dass die Geschwindigkeit mit An- lung im Spalt kann aufgrund dieser Vorgabe nur ho-
näherung an die feste Wand auf den Wert Null ab- rizontale Komponenten in x-Richtung aufweisen.
nehmen muss, wenn die Wand selbst in Ruhe ist. Beschrieben wird die Strömung, bei der allein die
Stromlinien in Wandnähe verlaufen parallel zur molekulare Zähigkeit wirkt, mit den Navier-Stokes-
Wand. Die Wand selbst ist eine Stromlinie mit der Gleichungen nach Gl. (5.1.68). Für die vorgegebene
Geschwindigkeit Null; wegen der Definition der Couette-Strömung entfallen die lokale Beschleuni-
Stromlinie fällt die Tangentialgeschwindigkeit vS gung, die konvektiven Beschleunigungen und die
auf den Wert Null ab. Die kinematische Randbe- Massenkraft. Ein Druckgefälle ist nicht vorhanden,
dingung vS z 0 wird durch die Haftbedingung der so dass auch die beiden ersten Terme auf der rechten
realen Strömung mit vS = 0 ersetzt. Die dyna- Seite verschwinden. Damit wird diese Strömung
mische Randbedingung nimmt Rücksicht auf die ausreichend beschrieben durch
in Wandnähe vorhandenen Kräfte. Mit Annäherung
an die Wand ändern sich bei turbulenter Strömung (5.1.80)
die Schwankungsbewegungen schon deshalb, weil
sie senkrecht zur Wand stärker behindert werden
als wandparallel. Die Wandnähe bedingt demnach Nach zweimaliger Integration und dem Anpassen
anisotrope Turbulenzeigenschaften. an die Randbedingungen ergibt sich daraus die Ge-
In Wandnähe treten sehr große Geschwindig- schwindigkeitsverteilung im Spalt zu
keitsgradienten auf. Demnach nehmen auch die
Schubspannungen im Inneren der Flüssigkeit mit (5.1.81)
Annäherung an die Wand zu; sie werden als sog.
„Wandschubspannung“ auf die feste Berandung Der konstante Geschwindigkeitsgradient dvx/dz
abgetragen. Der Bereich, in dem das Strömungs- = v0/h bedeutet gleichzeitig, dass die Schubspan-
feld durch die Anwesenheit der festen Berandung nung über die gesamte Spalthöhe konstant ist. Im
beeinflusst wird, die Geschwindigkeit also ab- Bereich des Spaltes steht dem von der Höhe ab-
nimmt, wird nach L. Prandtl als „Grenzschicht“ hängigen konvektiven Impulsstrom U·vx2 der dif-
bezeichnet. fusive höhenunabhängige –K·dvx/dz = –K·v0/h ge-
genüber. Der diffuse Impulsstrom in z-Richtung
Couette-Strömung. Zunächst wird die laminare erfolgt von der antreibenden Wand in Richtung zur
Strömung einer Flüssigkeit in einem horizontalen festen Wand.
Spalt betrachtet, der unten durch eine feste Wand Die Geschwindigkeitsverteilung einer Couette-
und oben durch eine mit der konstanten Geschwin- Strömung unter zusätzlicher Einwirkung eines
5.1 Technische Hydraulik 1765

Druckgradienten ˜p/˜x in Strömungsrichtung wird folgt. In unmittelbarer Wandnähe kann die Schub-
durch spannung als nahezu konstant angenommen wer-
den. Dies ist für die Behandlung der Grenzschicht
eine ungemein wichtige Erkenntnis. In dieser wand-
nahen Schicht spielen die übrigen Abmessungen des
(5.1.82) betrachteten Strömungsfeldes keine Rolle. Eine
Umformung von Gl. (5.1.84) durch Division der
Wandschubspannung durch die Dichte U führt auf
beschrieben.
Die Aussagen über die laminare Scherströ- (5.1.86)
mung können in ihrer Konsequenz auch auf die
turbulente übertragen werden. In diesem Fall
müssen die viskosen Spannungen um die Rey- Aus dem Produkt der beiden Schwankungsge-
nolds-Spannungen ergänzt werden. Ohne Wir- schwindigkeiten auf der rechten Gleichungsseite
kung eines Druckgradienten gilt dann in Anleh- ist zu ersehen, dass der Ausdruck W0/U das Quadrat
nung an Gl. (5.1.80) einer Geschwindigkeit ausdrückt. Für die Grenz-
schichtbetrachtung kann daraus die wichtige Grö-
ße der Schubspannungsgeschwindigkeit v* abge-
(5.1.83)
leitet werden:

Aus der Integration dieser Gleichung über die (5.1.87)


Spalthöhe folgt, dass die gesamte Schubspannung,
die sich jetzt aus den viskosen und den
Reynolds’schen Anteilen zusammensetzt, eben- Diese Größe wird u. a. herangezogen, um Ge-
falls von z unabhängig ist. schwindigkeitsverteilungen dimensionslos darzu-
stellen.
(5.1.84)
Grenzschichtentwicklung an der ebenen Platte.
Die Einsicht in die komplizierten Zusammenhänge
Der Index 0 für die Schubspannung soll in diesem der Strömung in Wandnähe wurde aus Experi-
Fall die über die Wand eingetragene Schubspan- menten mit der sog. „längsangeströmten ebenen
nung bezeichnen, die sog. „Wandschubspannung“. Platte“ gewonnen. Hierbei wird die Entwicklung
Wegen der Haftbedingung an der bewegten Wand der Grenzschicht in einer Grundströmung in Rich-
müssen andererseits für z = h die Reynolds’schen tung der Platte beobachtet (Abb. 5.1-29).
Spannungen verschwinden. In Wandnähe bleibt Die Haftbedingung an der Plattenoberfläche
dann allein der viskose Anteil zurück. kann erst mit Beginn der Platte bei x = 0 wirksam
Bei Strömungen unter Einwirkung von Druckgra- werden. Von da an bildet sich eine anwachsende
dienten sind die Schubspannungen linear mit der Grenzschicht G1 aus, welche mit Hilfe von
Entfernung von der Wand veränderlich. Sie ver-
schwinden dort, wo ein Maximum in der Ge-
schwindigkeit erreicht wird und nehmen in Wand-
nähe ihr Maximum an. Ganz allgemein kann für
die laminare und die turbulente Strömung im Spalt
eine lineare Schubspannungsverteilung abgeleitet
werden, welche bei nicht verschwindendem Druck-
gradienten der Beziehung

(5.1.85)
Abb. 5.1-29 Längsangeströmte ebene Platte
1766 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

(5.1.88) (5.1.91)

angegeben werden kann. Die Reynolds-Zahl ist in Auf die Lauflänge bezogene relative Verdrängungs-
dieser Gleichung unter Verwendung der Entfer- dicken können in Abhängigkeit der Reynolds-Zahl
nung von der Plattenvorderkante als charakteristi- und der Wandrauheit berechnet werden.
scher Länge angegeben. In einer bestimmten Ent-
fernung xt von der Vorderkante wird plötzlich ein Grenzschicht unter Einwirkung
wesentlich schnelleres Anwachsen der Grenz- von Druckgradienten
schicht beobachtet. Formelmäßig kann dies durch Die Entwicklung der Grenzschicht wird durch vor-
die Beziehung handene Druckgradienten stark beeinflusst. Insbe-
sondere sind Gebiete mit Druckanstieg (dp/dx > 0)
mit großer Vorsicht zu behandeln, da es hier zu
(5.1.89) Ablösungen der Strömung von der Wand kommen
kann. Aus Gl. (5.1.88) ist ersichtlich, dass für
einen bestimmten Ort die laminare Grenzschicht
ausgedrückt werden. Ursache für diese Erscheinung mit wachsender Reynolds-Zahl kleiner wird. In
ist ein plötzliches Umschlagen der Strömung inner- einer beschleunigten Strömung (dv/dx > 0) wird
halb der Grenzschicht von laminar zu turbulent. Of- daher allgemein die Grenzschichtdicke abnehmen
fensichtlich sind nach der Lauflänge xt die Ab- (Abb. 5.1-30). Dies folgt allein aus einer Ähnlich-
messungen in der Grenzschicht so groß, dass sich keitsbetrachtung und der Kontinuitätsbedingung.
dort Schwankungsbewegungen quer zur Haupt- Ein einprägsames Beispiel für die gravierenden
strömungsrichtung ausbilden können. Auch in die- Unterschiede im Verhalten der Strömung in den
ser turbulenten Grenzschicht ist in unmittelbarer Bereichen mit Druckanstieg oder -abfall ist das
Wandnähe eine viskose Unterschicht vorhanden. Anströmen eines strömungsgünstig geformten Ein-
Aus Messungen ist bekannt, dass in dem an die laufs (Abb. 5.1-31). Ihm folgt die Strömung ablö-
viskose Unterschicht anschließenden Bereich die
Schwankungsbewegungen am größten sind. Zur
Kennzeichnung der Grenzschichtdicken, z. B. der
viskosen Unterschicht, in Wandnähe wird eine
Reynolds-Zahl

(5.1.90)

verwendet, in der neben dem Wandabstand y die Abb. 5.1-30 Grenzschichtentwicklung bei beschleunigter
Schubspannungsgeschwindigkeit eingeht. Die vis- Strömung
kose Unterschicht wird durch eine abstandsabhän-
gige Reynolds-Zahl Re = 5 begrenzt. Unmittelbar
außerhalb dieser Schicht ist die größte Produktion
an turbulenter kinetischer Energie infolge der
Schwankungsbewegungen anzusetzen. Infolge der
Scherwirkung entstehen sehr kleine Wirbel mit ho-
her kinetischer Energie. Zugleich ist hier ein Maxi-
mum an Dissipation von mechanischer Energie in
Wärmeenergie vorhanden.
Die Abdrängung der Strömung von der festen
Berandung durch die Grenzschichtentwicklung Abb. 5.1-31 Verhalten der Strömung in einem strömungs-
wird anschaulich durch die Verdrängungsdicke G* günstig geformten Einlauf bei Umkehr der Strömungsrich-
beschrieben. Hierfür gilt tung
5.1 Technische Hydraulik 1767

sungsfrei. Bei einer Umkehr der Strömungsrich- nungen am Rande der Rückströmungszonen sind
tung kann die Strömung dieser Berandung nicht wegen der Grenze flüssig/flüssig wesentlich höher
folgen und löst sich ab. als in der Nähe der festen Wand.
Bei einer verzögerten Bewegung steigt der
Druck in Strömungsrichtung an. In einer Verzöge- Freie Trennflächen
rungsstrecke haben nur die Fluidteilchen außerhalb Mit der Rückströmungszone wurde bereits eine
der Grenzschicht die erforderliche kinetische Ener- Randbedingung angesprochen, bei der sich die
gie, die sie befähigt, in Gebiete höheren Druckes Strömung außerhalb der vorgegebenen festen
einzudringen. Die Flüssigkeitsteilchen innerhalb Berandung ihre Begrenzung innerhalb des Strö-
der Grenzschicht haben mit Annäherung an die mungsfeldes sucht. Die feste Wand als richtungs-
Wand zunehmend ihre kinetische Energie einge- weisende Begrenzung, welche normalerweise die
büßt. Dabei wird dem Strömungsvorgang mecha- Eigenschaft einer Stromlinie aufweist, verliert
nische Energie als Wärmeenergie entzogen. dann ihre Bedeutung. Es ist einleuchtend, dass die
Die Teilchen innerhalb der Grenzschicht kom- Vorhersage dieser durch die Strömung selbst ge-
men daher zum Stillstand, noch ehe sie das Gebiet suchten Grenzen schwierig ist. Zum Unterschied
höheren Druckes, z. B. am Ende einer Aufweitung, zur festen Wand werden derartige Abgrenzungen
erreicht haben. Damit kommt es in der Geschwin- als „freie Trennflächen“ bezeichnet. Eine einfache
digkeitsverteilung im Bereich einer Verzögerungs- zweidimensionale Struktur einer solchen Trennflä-
strecke irgendwann zu einer senkrechten Tangente che bildet die Stufe im Bereich einer Querschnitts-
an der Wand (Abb. 5.1-32). Die abgetrennten Flu- erweiterung.
idteilchen im stromab gelegenen Gebiet kommen Charakteristisch für diese Trennfläche ist ihr in-
in den Wirkungsbereich eines Druckgradienten stationäres Verhalten. Starke Fluktuationen weisen
entgegen der Fließrichtung. Sie werden deshalb nicht nur die Geschwindigkeiten im Bereich der
unterstrom der Stelle mit der vertikalen Tangente Strahlgrenze, sondern auch die Länge der Ablö-
nach oberstrom beschleunigt: Rückströmung! Inner- sungszone auf. Die Schwankungsbewegungen
halb der Grenzschicht kommt es dabei zu einer werden hierbei durch die starke Wirbelbildung im
Scherströmung, wobei die Trennungslinie nicht Bereich der instabilen Trennfläche ausgelöst. Bei
stabil ist und in Wirbel zerfällt. derartigen turbulenten Strömungen, bei denen ohne
Für die verzögerte Strömung ergeben sich daher die Anwesenheit von festen Berandungen Ge-
einige wichtige Definitionen. Der Ablösungspunkt schwindigkeitsgradienten auftreten, spricht man
ist der Ort mit einer vertikalen Tangente der Ge- von „freier Turbulenz“. Nach [Schlichting 1965]
schwindigkeitsverteilung an der Wand. Unterstrom sind drei Arten zu unterscheiden:
dieses Punktes kommt es zu einer Rückströmung.
– Als freie Strahlgrenze wird das Berührungsgebiet
Hierbei wird dem System dadurch kinetische Ener-
gleichgerichteter Strahlen unterschiedlicher Ge-
gie entzogen, dass infolge der Reibung die Teil-
schwindigkeiten bezeichnet. Besonders ausge-
chen innerhalb der Rückströmungszone in Bewe-
prägt ist dabei die Instabilität der Trennfläche.
gung gehalten werden müssen. Die Schubspan-
– Der Freistrahl entsteht beim Ausströmen aus ei-
ner Düse. Über seinen Umfang erfolgt die Vermi-
schung mit der ruhenden oder schwach bewegten
Umgebung.
– Schließlich bildet sich eine Nachlaufströmung
hinter bewegten Objekten.
Strahlhydraulik. Für die Anwendungen im Bau-
ingenieurwesen sind die durch Strahlen ausgelösten
Bewegungen in großräumigen Strömungsfeldern
von besonderem Interesse. In der Strahlhydraulik
wird nach einer Einteilung von [Kraatz 1989] unter-
Abb. 5.1-32 Geschwindigkeitsprofil am Ablösungspunkt schieden nach dem Oberflächenstrahl, dem Tauch-
1768 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-33 Strahlformen [Kraatz 1989]

strahl und dem Wandstrahl. Deren charakteristische gradienten vorliegen. Dort treten infolge der indu-
Erscheinungsformen sind in Abb. 5.1-33 dargestellt. zierten Schwankungsbewegungen sehr hohe turbu-
Der Oberflächenstrahl vermischt sich an seiner lente Schubspannungen auf. Im Gegensatz zur
Strahlunterseite mit der umgebenden Flüssigkeit. Wandgrenzschicht haben an der freien Strahlgren-
An seiner oberen Berandung kommt es wegen des ze die viskosen Schubspannungen keinerlei Be-
Kontakts mit der Luft aufgrund der geringeren deutung.
Dichte des gasförmigen Mediums nur bei sehr ho-
hen Abflussgeschwindigkeiten zu einer Vermi- Eigenschaften des Tauchstrahls. Die Kernzone
schung. Der Tauchstrahl ist z. B. beim Auslauf ei- gibt an, über welche Länge im Strahl die ursprüng-
ner Rohrleitung in einen Speicherbehälter anzu- liche Austrittsgeschwindigkeit erhalten bleibt. Au-
treffen. Beim Wandstrahl wird die Strahlunterseite ßerhalb der Kernzone weisen alle Strahlformen
durch eine feste Berandung geführt, sodass nur die ähnliche Geschwindigkeitsprofile auf (Abb. 5.1-34).
Strahloberseite eine freie Trennfläche aufweist. Innerhalb der Strahlgrenzen nimmt der Volu-
Charakteristisch für alle Arten von Strahlen ist, menstrom infolge der Einmischung zu. Der Im-
dass sie über eine bestimmte Lauflänge im sog. pulssatz ermöglicht den theoretischen Zugang zu
„Strahlkern“ ihre ursprüngliche Geschwindigkeit diesem Phänomen. Der Eintrittsimpuls bleibt er-
bewahren. Durch die Einmischung mit der umge- halten, sodass trotz abnehmender Geschwindigkeit
benden Flüssigkeit nimmt der in Strahlrichtung be- der Volumenstrom in Strömungsrichtung innerhalb
wegte Volumenstrom in Fließrichtung zu, während der Strahlgrenzen zunimmt. Die Rückströmung au-
die Strahlgeschwindigkeit gleichzeitig verringert ßerhalb der Strahlgrenzen sorgt für die Einhaltung
wird. Die Einmischung an den Kontaktzonen führt der Kontinuitätsbedingung. Die Zunahme des Vo-
zu einer großräumigen Sekundärströmung in der lumenstroms wird begleitet von einer Abnahme
Umgebung, welche die zur Einmischung benötigte der kinetischen Energie. Die gesamte kinetische
Flüssigkeitsmenge in die Einmischzone transpor- Energie wird letztlich durch die immer langsamer
tiert. Als Strahlgrenze ist der Bereich des Strahles werdende Bewegung von immer größeren Berei-
definiert, in dem statistisch der Mittelwert dieser chen des Strömungsfeldes abgebaut. Die hohen
hochturbulenten Strömung den Wert Null erreicht. Schubspannungen in den freien Trennflächen wer-
Die freie Strahlgrenze hat Grenzschichtcharak- den über die Zirkulationsbewegungen an die feste
ter, da in Querrichtung große Geschwindigkeits- Berandung weitergegeben.
5.1 Technische Hydraulik 1769

Abb. 5.1-34 Strahlausbreitung beim Tauchstrahl

– Angaben zum runden Strahl mit einem Durch-


messer d und einer Austrittsgeschwindigkeit v0: (5.1.97)
Länge der Kernzone:

(5.1.92) Die Theorie vom konstanten Eintrittsimpuls gilt


nur für den Nahbereich der Einleitung. Da die ki-
Verhältnis der maximalen Geschwindigkeit vmax netische Energie dem System entzogen wird, sind
außerhalb der Kernzone zur Austrittsgeschwin- auch dem Einmischungsvorgang Grenzen gesetzt.
digkeit v0: Eine lineare Zunahme des Volumenstroms mit der
Lauflänge entsprechend Gl. (5.1.94) findet nicht
(5.1.93) statt. Abhängig von den Randbedingungen erreicht
Qx einen Maximalwert und nimmt dann wieder ab
Verhältnis der Volumenströme in Abhängigkeit [Rinaldi 2003]. Leider sind über diese Vorgänge zu
von der Lauflänge: wenig Daten verfügbar. Zur Beurteilung von kons-
truktiven Maßnahmen in Reaktoren sind hier wei-
(5.1.94) tere experimentelle Studien anzumahnen.

– Ebener Strahl mit der Austrittsbreite b:


5.1.5.2 Widerstand umströmter Körper
Länge der Kernzone:
Als Beispiel für die Auswirkung unterschiedlicher
(5.1.95) Berandungen wird der Widerstand umströmter
Körper gewählt. Bei der Umströmung von Körpern
Verhältnis der maximalen Geschwindigkeit vmax hängt der Widerstandsbeiwert cw von der Geomet-
außerhalb der Kernzone zur Austrittsgeschwin- rie des Körpers und von der Anströmgeschwindig-
digkeit v0: keit ab. Der Reibungswiderstand infolge der Haft-
bedingung an der Körperoberfläche und der Druck-
(5.1.96) widerstand infolge der Druckverteilung bestimmen
den Gesamtwiderstand. Bei strömungsgünstig ge-
formten Körpern überwiegt der Reibungswider-
Verhältnis der Volumenströme in Abhängigkeit stand, bei stumpfen Körpern (z. B. senkrecht ange-
von der Lauflänge: strömte quadratische Platte) tritt an den Rändern
1770 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-35 Widerstandsbeiwerte für rotationssymmetrische Körper

Ablösung ein, sodass der Widerstand nahezu aus- Stokes: (5.1.99)


schließlich Druckwiderstand ist.
Die Widerstandskraft wird allgemein in Abhän- Newton: cW § 0,44 für 103 < Re < 105, (5.1.100)
gigkeit der senkrecht zur Strömung projizierten Kör-
perangriffsfläche A und der Anströmgeschwindig-
keit v angegeben. Übergang: (5.1.101)

(5.1.98) Kenntnisse über den Kugelwiderstand werden be-


nötigt zur Bestimmung der Fallgeschwindigkeit von
Regentropfen in Luft oder von Kugeln (Sandkör-
Für die umströmte Kugel ist der cw-Wert in nern) in Flüssigkeit. Für den großen Anwendungs-
Abb. 5.1-35 in Abhängigkeit von der Reynolds- bereich der Sedimentation (z. B. in Kläranlagen)
Zahl aufgetragen. Auffallend ist v. a. der plötzliche sind Kenntnisse über das Absetzverhalten der zu se-
Abfall des cw-Wertes im Bereich der Reynolds- dimentierenden Partikel notwendig. Häufig handelt
Zahlen Re > 105. Hierfür ist der Umschlag der es sich dabei um unregelmäßig geformte Partikel,
Grenzschicht an der Kugeloberfläche von der la- deren Dichte sich aufgrund des hohen Wasserge-
minaren zur turbulenten ursächlich. halts nur unwesentlich von derjenigen des Wassers
Durch die einsetzenden Schwankungsbewe- unterscheidet.
gungen kommt es zu einem Quertransport des Von noch größerer Bedeutung für technische An-
Grenzschichtmaterials und damit zu einer Verlage- wendungen ist die Umströmung des Zylinders mit
rung des Ablösungspunktes zur Kugelrückseite. Kreisquerschnitt. Wie aus Abb. 5.1-36 zu ersehen
Dies führt zu einer beträchtlichen Verringerung ist, zeigt das Widerstandsverhalten einen ähnlichen
des Druckwiderstands. Verlauf wie bei der Umströmung der Kugel.
Die Widerstandsbeiwerte für die umströmte Wesentlich an der Umströmung von Zylindern
Kugel können in Anlehnung an Abb. 5.1-35 in fol- großer Länge (Schornsteine, Drähte) ist, dass in-
gende Bereiche unterteilt werden: folge einer fehlenden Abrisskante die Wirbelablö-
5.1 Technische Hydraulik 1771

Abb. 5.1-36 Widerstandsbeiwerte für zylindrische Körper

sung an Ober- und Unterseite alternierend erfolgt. druck geprägt wird und an der Plattenrückseite ein
Dadurch werden jeweils Querkräfte auf den Zylin- Unterdruck in etwa gleicher Größenordnung ent-
der ausgeübt, der unter der Frequenz der Wirbel- steht. Dieser wird durch die erhöhte Geschwindig-
ablösung zum Schwingen senkrecht zur Anström- keit an der Plattenkante erzeugt.
richtung angeregt wird.
Für große Reynolds-Zahlen kann beim Zylinder
die Wirbelablösefrequenz f mit Hilfe einer dimen- 5.1.6 Potentialströmung
sionslosen Kennzahl
Gegenstand der Potentialtheorie ist die zweidi-
(5.1.102) mensionale Behandlung der reibungs- und dre-
hungsfreien Strömung eines idealen Fluids. Trotz
nach Strouhal berechnet werden. Für Reynolds- dieser weitgehenden Einschränkungen sind die
Zahlen Re > 103 bleibt mit Str = 0,2 diese Kenn- Voraussetzungen des idealen Fluids für große Be-
zahl konstant. reiche des realen Strömungsfeldes erfüllt. Sie sind
Weitere Widerstandsbeiwerte von praktischer nicht erfüllt in Wandnähe, weil hier die sog. „Haft-
Bedeutung sind: bedingung“ greift. Eine Unterteilung des Strö-
mungsfeldes in Bereiche, die als Potentialströmung
– quadratische Platte cw = 1,0;
betrachtet werden können, und solche, in denen
– Rechteck (bo ’) cw = 2,01;
die Reibungsfreiheit nicht toleriert werden kann,
– Kreisplatte cw = 1,11.
ist zur Abgrenzung wichtig.
Bei der Ablösung an vorgegebenen Kanten wie bei
den vorstehend angeführten Platten kann der cw-
5.1.6.1 Potentialtheorie
Wert mit Hilfe der Potentialtheorie (s. 5.1.6) be-
stimmt werden. Beim Rechteck unendlicher Breite Reibungslose und drehungsfreie Strömungen sind
ist der erhöhte cw-Wert dadurch erklärbar, dass in- Potentialströmungen im Sinne der mathematischen
folge der behinderten seitlichen Umströmung an Strömungslehre. Für sie existiert die von Helm-
der Plattenvorderseite der Druck durch den Stau- holtz eingeführte Potentialfunktion ), das Ge-
1772 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

schwindigkeitspotential. Für die Geschwindigkeits- Die Stromlinien können durch die Stromfunkti-
komponenten gilt on < beschrieben werden. Bezüglich der Strom-
funktion gilt
v = grad ) (5.1.103)

In der zweidimensionalen Strömung sind z. B. im


kartesischen Koordinatensystem mit den Richtungen
x und y die Geschwindigkeitskomponenten vx und Werden diese Ausdrücke in Gl. (5.1.23) für die
vy durch die partielle Ableitung von ) gegeben: Stromlinie eingesetzt, so ist

(5.1.104) vx · dy – vy · dx = 0 ,

Auf den Äquipotentiallinien ist die Größe des Po-


tentials konstant; es gilt also )(x,y) = const. Im
quellenfreien Strömungsfeld gilt zudem die Konti- und damit <= const. Das Strömungsbild besteht
nuitätsbedingung nach Gl. (5.1.33), also demnach aus Linien )= const und \= const. Da
die Potentialströmung voraussetzungsgemäß dre-
div v = 0 , hungsfrei ist, gilt

welche für das ebene Geschwindigkeitsfeld wie rot v = 0 ,


folgt lautet:

und mit den o. g. Geschwindigkeitskomponenten


Nach dem Einsetzen von Gl. (5.1.104) in die Kon- aus der Stromfunktion dann auch
tinuitätsbedingung erhält man über

div (grad )) = ')= 0

die Laplace’sche Differentialgleichung, welche in Für die ebene drehungsfreie Strömung erfüllt auch
der Komponentendarstellung auf die Stromfunktion < die Laplace’sche Gleichung.
) und < sind austauschbar.
(5.1.105)
5.1.6.2 Einfache Potentialströmungen
führt. Diese Dgl. beschreibt ein Strömungsfeld, in Die denkbar einfachste Strömung ist eine Parallel-
dem zwei ausgezeichnete Linienscharen, die Strom- strömung, bei der lediglich eine Translationsbewe-
und Äquipotentiallinien, senkrecht aufeinander ste- gung ausgeführt wird. Für die zweidimensionale
hen. Strom- und Potentiallinien bilden das sog. „Strö- Bewegung in der x-y-Ebene sei dafür vorgegeben,
mungsbild“ aus einander rechtwinklig sich kreu- dass die Bewegung lediglich in Richtung der posi-
zenden Linienscharen. Da senkrecht zur Berandung tiven x-Achse stattfindet. Die Komponenten des
keine Strömung erfolgt, muss dort ˜)/˜n = 0 sein. Strömungsfeldes sind damit nach Abb. 5.1-37
Die Berandung ist demnach zugleich eine Stromli-
vx = v, vy = 0.
nie. Ein Strömungsfeld ist dann bestimmt, wenn
Nach Gl. (5.1.104) gelten dann für die Strom-und
) )(x,y)
Äquipotentiallinien in diesem Feld folgende Be-
bekannt ist. ziehungen:
5.1 Technische Hydraulik 1773

kehrt. Über den Vorzeichenwechsel für die Quel-


lenstärke q ergeben sich die Gleichungen für die
Senkenströmung. Die Einspeisung im Nullpunkt
des Koordinatensystems kann man sich durch eine
von unten angeordnete Rohrleitung vorstellen.
In Polarkoordinaten können für die Quelle die
Geschwindigkeiten wie folgt dargestellt werden:

(5.1.109)
Abb. 5.1-37 Parallelströmung

Bei der Übertragung in das kartesische Koordi-


natensystem sind die Geschwindigkeitskompo-
nenten

vx = vr ·cos M = [q/(2·S·r)]·cos M,
vy = vr ·sin M . (5.1.110)

Abb. 5.1-38 Quellen- und Senkenströmung


Die Gleichung für die Radialkomponente wurde
über die Kontinuitätsbedingung aus der Quellen-
stärke q = vr·2·S·r ermittelt. Da die Quellenstärke
als Randbedingung vorgegeben und 2S eine kons-
tante Größe ist, gilt

q/(2S) = c = vr·r = const. (5.1.111)

Integriert wird hier wieder über die Beziehungen


Die Integration führt direkt zu allgemeinen Lö- mit den Geschwindigkeitskomponenten vx und vy
sungen, wobei hier die Integrationskonstanten nach Gl. (5.1.110), wobei eine kleine Umformung
nicht bestimmt werden, da keine näheren Angaben wegen r vorgenommen wird.
vorliegen.

) = vx · x + c1 , (5.1.107)
\ = vx · y + c2 . (5.1.108) (5.1.112)

Äquipotentiallinien sind damit Parallelen zur y-


Achse, Stromlinien Parallelen zur x-Achse.
Quellen und Senken sind Begriffe der mathema-
tischen Strömungslehre, welche in Strömungsfeldern (5.1.113)
singuläre Punkte markieren, aus denen heraus eine
radiale Strömung ihren Anfang (Quelle) oder ihr
Ende (Senke) nimmt. Beide Strömungsarten sind
Grundlagen für die Simulation von Grundwasser- Nach der Integration folgen auch hier wieder die
strömungen. Die ebene Senkenströmung entspricht Beziehungen für die Äquipotential- und Stromli-
der Anströmung des Vertikalbrunnens, die ebene nien zu
Quellenströmung der Abströmung aus dem Schluck-
brunnen. Bei der Quellenströmung nach Abb. 5.1-
38 ist die Radialkomponente vr vom Nullpunkt
weggerichtet, bei der Senkenströmung ist es umge- (5.1.114)
1774 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-39 Strom- und Äquipotentiallinien für die Quel- Abb. 5.1-40 Potentialwirbel
lenströmung

längs r1=const auch vM=const, somit ist


(5.1.115)

(5.1.119)
In Abb. 5.1-39 sind die beiden Linienscharen in
einem kartesischen Koordinatensystem eingetra-
gen. Die Stromlinien laufen vom Ursprung radial Infolge der Überlagerung des Potentialwirbels
nach außen, die Äquipotentiallinien sind konzent- mit der Quellen- oder Senkenströmung entstehen
rische Kreise. Wirbelquellen bzw. -senken. Mit der Kombinati-
Die Überlagerung der Translations- mit der on von Translationsströmung und Potentialwirbel
Quellen- oder Senkenströmung führt zu wichtigen wird die Umströmung des drehenden Zylinders
Strömungsbildern für die Grundwasserhydraulik. simuliert. Dabei wird wegen der unterschiedlichen
Durch Vertauschen von Strom- und Potential- Geschwindigkeiten an Ober- und Unterseite des
funktion wird die Quellenströmung in die Strö- Zylinders eine Querkraft erzeugt (Magnus-Ef-
mung für den (geraden) Potentialwirbel überge- fekt).
führt. Da dieser der Laplace’schen Gleichung ge-
nügt, ist die dabei entstehende Strömung voraus-
5.1.6.3 Strömungsbilder für vorgegebene
setzungsgemäß rotationsfrei. In Anlehnung an die
Randbedingungen
Gln. (5.1.114) und (5.1.115) ergeben sich folgende
Funktionen: Die in 5.1.6.2 behandelten einfachen Strömungen
beschreiben Äquipotential- und Stromlinien für
)=c·M, (5.1.116) ein unbegrenztes Strömungsfeld. Allgemein ist je-
doch ein Geschwindigkeitsfeld zu bestimmen, bei
\ = c · ln-r . (5.1.117) dem die Geometrie (Randstromlinien) vorgegeben
ist. Analytische Lösungen für ein vorgegebenes Strö-
Zu beachten ist, dass in Abb. 5.1-40 die Drehung mungsfeld sind schwierig und Gegenstand der
des Potentialwirbels mathematisch positiv, also Funktionentheorie (konforme Abbildung). Es lie-
entgegen den Uhrzeigersinn, angegeben ist. Die gen allerdings für eine große Zahl von Strömungen
Geschwindigkeitsverteilung im Potentialwirbel ist Strömungsbilder vor. Abbildung 5.1-41 zeigt einen
Ausschnitt aus einem Strömungsbild.
(5.1.118) Das Strömungsbild lässt wichtige Rückschlüsse
auf die Geschwindigkeiten im Strömungsfeld zu.
Die Wirbelstärke wird durch die Zirkulation aus- Da senkrecht zu den Stromlinien kein Volumen-
gedrückt. Für den Potentialwirbel ist wegen strom stattfinden kann, gilt für die Richtung nor-
mal zu den Stromlinien allgemein
5.1 Technische Hydraulik 1775

reicht. Dies kann ein wesentliches Hilfsmittel für


die Konstruktion dieser Linienscharen sein, da
auch bei gekrümmten Linien krummlinige Quad-
rate gebildet werden. Unter dieser Voraussetzung
gilt die Identität

(5.1.122)

Die daraus zu folgernden Rückschlüsse auf Eigen-


schaften der so gekennzeichneten Strömung sind
anhand von Abb. 5.1-42 dargestellt [Rouse 1950].
Abb. 5.1-41 Strom- und Äquipotentiallinien In diesem Strömungsbild sind für den Abfluss
über ein scharfkantiges Messwehr Strom- und Äqui-
potentiallinien so eingezeichnet, dass ein Netz von
krummlinigen Quadraten gebildet wird. Die Strö-
(5.1.120)
mung weist eine freie Oberfläche bei der Anströ-
mung zum Wehr auf. Nach dem Verlassen der Wehr-
Zwischen zwei Stromlinien <2 und <1 gilt dem- kante bildet sich ein freier Überfallstrahl aus.
nach für den Durchfluss Wichtig ist, dass in jedem Punkt des Strömungs-
feldes die Gleichung von Bernoulli erfüllt ist. Die
d\= q = v · dn . (5.1.121) Summe aus Ortshöhe, Druckhöhe und Geschwin-
digkeitshöhe ergibt jeweils eine konstante Größe.
In einem Strömungsbild, bei dem die Abstände Ist somit an einem Punkt des Strömungsfeldes (z. B.
zwischen den einzelnen Stromlinien < mit dn und an der Oberfläche des Überfallstrahls) die Ge-
diejenigen zwischen den Äquipotentiallinien ) schwindigkeit bekannt, so ist auch die Bernoulli’sche
mit ds bezeichnet werden, wird ein quadratisches Konstante, in diesem Fall die Lage der Energiehö-
Gitter aus den beiden Linienscharen für dn = ds er- he, gegeben. Denn an der freien Oberfläche ist die

Abb. 5.1-42 Abfluss über ein Messwehr [Rouse 1950]


1776 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Druckhöhe identisch mit der Ortshöhe. Damit ist


zugleich auch im Inneren des Strömungsfeldes die
Zuordnung der drei Terme der Bernoulli-Gleichung
zueinander bekannt.
Je geringer in diesem Strömungsbild die Ab-
stände zwischen den Stromlinien sind, desto grö-
ßer ist die jeweilige Geschwindigkeit. An der
Strahlunterseite ist in Abb. 5.1-42 beispielsweise
der Abstand zwischen den Stromlinien am gerings-
ten. Nach Gl. (5.1.120) sind deshalb dort die Ge-
schwindigkeiten am größten. Über die Geschwin-
digkeitsverteilung kann die Druckverteilung im Abb. 5.1-43 Geschwindigkeitsverteilung in einem Wirbel
Inneren des Strömungsfeldes errechnet werden. Im
Beispiel sind die Druckverteilungen angetragen im
Strahl über der Wehrkante und über die Höhe des Strömungsfeld sind deshalb auch die Druckvertei-
Wehrs. Da unmittelbar an der Wehrkante als Rand- lungen längs der Vorder- und Rückseite identisch,
bedingung der Atmosphärendruck herrscht, ist ein so dass potentialtheoretisch kein Widerstand auf-
entsprechender Druckabfall zu verzeichnen. Die tritt (d’Alambert’sches Paradoxon).
nichtlineare Druckverteilung über der Wehrkante Die Potentialtheorie ist demnach nicht in der
ist typisch für ein Strömungsfeld mit gekrümmten Lage, Einflüsse der Körpergeometrie richtig zu in-
Strombahnen. terpretieren. Die infolge der Druckanstiege in der
Das Strömungsbild weist auch unmittelbar an Grenzschicht ausgelöste Umlagerung wird im
der Wand endliche Geschwindigkeiten auf, die in Strömungsfeld nicht erkannt.
der vom Wehr unbeeinflussten Zone am linken Bild- Auf die Bedeutung des Potentialwirbels wurde
rand der mittleren Anströmgeschwindigkeit v0 ent- bereits hingewiesen. Nach Gl. (5.1.118) nimmt die
sprechen. Der feste Rand als Stromlinie genügt der Tangentialgeschwindigkeit mit kleiner werdendem
Randbedingung vn = 0; die Tangentialgeschwindig- Radius zu. Da für ro 0 die Geschwindigkeit vMo ’
keit vs ist allein durch die Richtung der Berandung gehen müsste, kann die Wirbelbewegung nur bis zu
bestimmt und von endlicher Größe, also vs! 0. einem Grenzwert für r aufrecht erhalten werden.
Zur Konstruktion derartiger Strömungsbilder Weil die viskosen Schubspannungen im realen Fluid
bediente man sich früher unterschiedlichster, auch proportional dem Geschwindigkeitsgradienten sind,
graphischer, Verfahren. Heute ist das zweidimensi- würden sie mit Annäherung an die Drehachse auch
onale Strömungsfeld auch numerisch nachzuvoll- unendlich groß.
ziehen. In Abb. 5.1-43 ist die Geschwindigkeitsvertei-
lung in einem Wirbel gezeigt. Dieser dreht in einer
x-y-Ebene, seine Drehachse ist demnach die z-Ach-
5.1.6.4 Grenzen der Anwendbarkeit
se. Im Außenbereich folgt die Geschwindigkeitsver-
der Potentialtheorie
teilung dem durch Gl. (5.1.118) beschriebenen Po-
Die reibungsfreie Behandlung von Strömungs- tentialwirbel. Mit Annäherung an die Drehachse
problemen hat ihre Grenzen dort, wo die Beschrei- werden die Geschwindigkeitsgradienten so hoch,
bung der Strömung mit Hilfe der Potentialtheorie dass sich der Wirbelkern wie ein Festkörper dreht.
zu Ergebnissen führt, die im Widerspruch zur Er- Dann entspricht die Geschwindigkeitsverteilung mit
fahrung stehen. Besonders deutlich wurde dies bei vM= r·Z der erzwungenen Rotation. Der Potential-
der Simulation der Umströmung eines Kreiszylin- wirbel mit rotierendem Wirbelkern wird als „Oseen-
ders. Hier zeigt das potentialtheoretisch ermittelte Wirbel“, in der englischsprachigen Literatur als
Strömungsbild eine symmetrische Umströmung „Rankine-Wirbel“ bezeichnet.
des Kreisprofils. Die Strömung weist nach diesem Bei Wirbeln, die an der freien Oberfläche zu
Ergebnis an der Vorder- und Rückseite des Profils beobachten sind, senkt sich die Wasseroberfläche
einen Staupunkt auf. Wegen der Symmetrie im mit zunehmender Umfangsgeschwindigkeit immer
5.1 Technische Hydraulik 1777

weiter. Findet gleichzeitig ein Wasserabfluss senk- are Widerstandsgesetz kann aus den Navier-
recht zur Oberfläche statt – dies gilt z. B. für den Stokes’schen Bewegungsgleichungen für die lami-
Badewannenwirbel –, wird der Wirbelbewegung nare Strömung im Porenraum ohne Einwirkung
eine Längskomponente der Geschwindigkeit auf- von Trägheitskräften abgeleitet werden.
gezwungen. Dies ist demnach ein dreidimensio- Die denkbar einfache Form der Bewegungs-
naler Strömungsvorgang. gl. (5.1.123) für die eindimensionale Strömung
wird durch den Ausdruck

5.1.7 Grundwasserströmung v = –grad (kij·h) (5.1.125)

Zugang zur Strömung des Grundwassers bietet die für die allgemeine Anwendung erweitert. In dieser
in einem Pegelrohr gemessene Standrohrspiegel- Gleichung wird auf die Wiedergabe der Indizes f
höhe, welche die Summe aus geodätischer Höhe verzichtet und einer möglichen Abhängigkeit der
und Druckhöhe für einen Punkt des Grundwasser- Durchlässigkeit von Ort und Richtung Rechnung
leiters wiedergibt. Die Strömung im Grundwasser- getragen.
leiter ist grundsätzlich laminar. Ihr Widerstands- Zur Behandlung von Grundwasserströmungen
verhalten wird durch das Darcy’sche Gesetz ist die Verknüpfung mit der Kontinuitätsgleichung
erforderlich. Wegen der Einteilung der Grundwas-
(5.1.123) serleiter in gespannte, halbgespannte und unge-
spannte sind nicht nur die Eigenschaften von Bo-
denkörper und Fluid, sondern auch die Berandung
beschrieben. Hierbei sind vf die Filtergeschwindig- des betrachteten Volumenelements bei ihrer Formu-
keit, J das Gefälle der Standrohrspiegelhöhe h in lierung von Bedeutung. Im gespannten Leiter ist
Strömungsrichtung und kf die Durchlässigkeit nach wegen der Kompressibilität von Fluid und Boden-
Darcy. Im Filterversuch wird dabei die Filterge- körper der Massenstrom zu bilanzieren, während
schwindigkeit aus dem Quotienten zwischen dem Zu- bzw. Aussickerungen im halbgespannten und
Durchfluss und der Bruttofläche des Bodenkörpers Veränderungen der Grundwasseroberfläche sowie
ermittelt. Die Filtergeschwindigkeit ist demnach die Grundwasserneubildung im ungespannten Lei-
eine fiktive Größe; die in den Hohlräumen des Bo- ter beim Volumenstrom berücksichtigt werden müs-
denkörpers auftretenden tatsächlichen Geschwin- sen. In lokaler Form gilt für den gespannten Leiter
digkeiten sind entsprechend dem Hohlraumanteil
größer. Die Durchlässigkeit nach Gl. (5.1.123) hat (5.1.126)
die Dimension einer Geschwindigkeit. Eine Anpas-
sung an einen Kennwert für ein poröses Medium ist
durch die Einführung der Permeabilität mit S0 als spezifischen Speicherkoeffizienten, wel-
cher die Änderung des gespeicherten Wasservolu-
(5.1.124) mens je Volumeneinheit bei Änderung der Stand-
rohrspiegelhöhe um 1 m angibt. Für die unge-
spannte Grundwasserströmung mit freier Oberflä-
möglich. Mit der kinematischen Zähigkeit Q wird che folgt unter Verwendung der Annahmen von
hierbei auch eine Eigenschaft des strömenden Flu- Dupuit, bei der u. a. die Vertikalkomponente der
ids berücksichtigt. Eine charakteristische Länge Filtergeschwindigkeit vernachlässigt wird, für die
für ein betrachtetes poröses Medium wird durch Bilanzierung des Volumenstroms
den Ausdruck erreicht, da die Permeabilität
(5.1.127)
nach Gl. (5.1.124) die Dimension einer Fläche hat.
Die für praktische Berechnungen verwendete
Durchlässigkeit ist nur im Labor- oder Feldversuch In dieser Darstellung ist durch eine Integration der
bestimmbar. Das in Gl. (5.1.123) formulierte line- Komponenten der Filtergeschwindigkeit über die
1778 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Höhe h zwischen der Sohle der Grundwasser füh- Multiplikation mit der Mächtigkeit gewonnene di-
renden Schicht und der Grundwasseroberfläche mensionslose Speicherkoeffizient. Im Fall der sta-
ein Abfluss q pro Flächeneinheit definiert worden. tionären Strömung wird daraus
Mit vN ist die Neubildung bzw. die Entnahme, be-
zogen auf den Grundriss des Kontrollvolumens, 'h = 0 . (5.1.130)
bezeichnet; nsp ist der speichernutzbare Hohlraum-
anteil des Grundwasserkörpers. Die Einführung Diese Art der Grundwasserströmung genügt also
der Grundwasseroberfläche definiert deren verti- der Laplace’schen Dgl. Für die horizontale Strö-
kale Begrenzung an dem Ort, an dem der hydrosta- mung im halbgespannten Leiter ist unter den sonst
tische Druck dem Atmosphärendruck entspricht. gleichen Voraussetzungen die rechte Gleichungs-
Wegen der Grenzflächeneffekte ist dieser Ort nicht seite durch den Ausdruck vz/T zu ersetzen, wobei
identisch mit dem Übergang zur ungesättigten vz die als vertikal angenommene Geschwindigkeit
Zone. Da bei Veränderungen der freien Oberfläche der Zu- bzw. Aussickerung kennzeichnet. Im unge-
eine Auffüllung bzw. Entleerung des Porenraums spannten Grundwasserleiter wird unter Anwen-
erfolgt, im gespannten Leiter dagegen die Freiset- dung der Vereinfachungen nach Dupuit eine zwei-
zung von Wasser allein durch die Entspannung in- dimensionale Bewegung ohne Vertikalkomponen-
folge Druckänderung bedingt ist, gilt allgemein ten beschrieben. Bei nicht horizontaler Sohle ist
nsp >> S0·h. zs = zs(x,y). Daraus folgt
Durch Einsetzen der Bewegungsgl. (5.1.125) in
die entsprechende Kontinuitätsbedingung erhält
man für die verschiedenen Grundwasserleiter die
beschreibenden Dgln. Im allgemeinsten Fall gilt
für den gespannten Leiter
(5.1.131)
(5.1.128)
Für die stationäre Strömung über einer horizon-
talen Sohle wird
Da die Dichteänderung im spezifischen Speicher-
koeffizienten mit erfasst ist, kann für den Sonder- '(h2) = 0 . (5.1.132)
fall des homogenen isotropen Grundwasserleiters
die Beziehung Diese nichtlineare Beziehung erschwert die Lö-
sung der Gleichung, deshalb wird versucht, durch
(5.1.129) eine Linearisierung einen Gleichungstyp nach
Gl. (5.1.130) zu erhalten.
Diese Dgln. sind den Randbedingungen des
abgeleitet werden. Mit T wird die Transmissivität vorgegebenen Strömungsfeldes anzupassen. Bei
eingeführt, die das Produkt aus mittlerer Durchläs- instationären Strömungen sind zudem die Anfangs-
sigkeit und Mächtigkeit der Grundwasser führen- bedingungen zu beachten. Die wichtigsten Rand-
den Schicht darstellt. S ist der ebenfalls durch bedingungen sind in Abb. 5.1-44 wiedergegeben:

Abb. 5.1-44 Kennzeichnung von Randbedingungen


5.1 Technische Hydraulik 1779

– undurchlässige Ränder, die zugleich Stromlinien


sind, da die Strömung parallel zu ihnen verläuft
(Strecke AE), zugleich ist ˜h/˜n = 0 und vn = 0
(Neumann-Randbedingung),
– Ränder mit vorgegebener Standrohrspiegelhöhe
h = const bzw. h = h(t) wie die Strecken AB und
DE (Dirichlet-Randbedingung),
– freie Oberflächen wie die Strecke BC, die nur
bei stationärer Strömung ohne Zusickerung auch
Stromlinien sind, auf denen jedoch der Druck Abb. 5.1-45 Schematische Darstellung der Brunnenan-
dem Atmosphärendruck entspricht (p = pa), strömung im gespannten Leiter
– Sickerflächen längs der Strecke CD, an denen
das Grundwasser am Punkt C als Hangquelle
austritt, was eine Strömung mit freier Oberfläche h = C1· ln – r + C2 . (5.1.134)
unter v > 0 bedingt.
Mit Hilfe der sog. „Inselbedingung“ (Abb. 5.1-45),
Eine direkte Lösung der angegebenen Dgln. durch die für den Inselradius r1 die unveränderliche
Integration ist nur für einfache Strömungszustände Standrohrspiegelhöhe h1 festlegt, werden die Inte-
möglich. Vereinfachungen des Strömungsfeldes grationskonstanten berechnet. Nach Einführung
wie die Vorgabe von geradlinig verlaufenden der Geschwindigkeit vr im Abstand r erhält man
Stromlinien begünstigen diese Lösung. Bei statio- schließlich die bekannte Gleichung
nären Strömungen erhält man den Verlauf der
Standrohrspiegelhöhen im betrachteten Strömungs- (5.1.135)
feld. Die zugehörigen Geschwindigkeiten sind
durch die Ableitung der Standrohrspiegelhöhen
nach den interessierenden Richtungen im Nachlauf In Analogie zu den Verhältnissen im gespannten
zu berechnen. Für zweidimensionale Strömungs- Leiter wird mit Hilfe der Dupuit-Annahmen für
felder wurden mit Hilfe der konformen Abbildung den ungespannten Leiter
auch analytische Lösungen für die krummlinige
Bewegung abgeleitet. Für charakteristische Rand- (5.1.136)
bedingungen sind daraus sog. „Formbeiwerte“ ab-
geleitet worden, mit deren Hilfe z. B. die Unter-
strömung von Bauwerken berechnet werden kann. Die Lösung der Gl. (5.1.130) für die instationäre
Numerische Methoden werden diese Verfahren all- Strömung im gespannten Leiter geht auf Theis zu-
mählich verdrängen. rück. Für die Absenkung s(r,t) = h1 – h(r,t) sowie
Von den analytischen Lösungen für geradlinige die Anfangsbedingungen s(r,0) = 0 und s(’,t) = 0
Strömungen werden hier nur die wichtigsten Brun- wird als Randbedingung eine konstante Entnahme
nengleichungen angegeben, welche der Anströmung Q für t > 0 vorgegeben. Nach der Einführung einer
einer Senke entsprechen. Im gespannten Leiter wird neuen Variablen
für die stationäre Strömung auf Gl. (5.1.130) zu-
rückgegriffen, welche im homogenen Leiter für Zy- (5.1.137)
linderkoordinaten wie folgt lautet:

(5.1.133) lautet die Lösung für die raum-zeitliche Absen-


kung

Zweimalige Integration führt zu einer allgemeinen (5.1.138)


Beziehung für den Verlauf der Standrohrspiegel-
höhe:
1780 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

wobei die sog. „Brunnenfunktion“ W(u) durch


eine Reihenentwicklung

(5.1.139)

wiedergegeben werden kann.


Wichtige praktische Grundwasserströmungen
mit krummlinigen Strombahnen lassen sich durch
Überlagerung von Einzellösungen für die geradli-
nige Bewegung mit Hilfe der Potentialtheorie lö-
sen. Für die ebene Strömung im homogenen und
isotropen Leiter ist nach der verallgemeinerten
Form der Bewegungsgl. (5.1.125)
Abb. 5.1-46 Srömungsbild für die Wasserentnahme aus
v = –grad (k·h) = –grad M. einem gleichförmigen Grundwasserstrom

Daraus lassen sich die Geschwindigkeitskompo- bzw. Potentialfunktion kann als weitere vollgültige
nenten vx und vy durch partielle Differentiation Lösung das Strömungsfeld im Bereich eines Brun-
von M als sog. „Geschwindigkeitspotential“ be- nens in einer gleichförmigen Grundströmung gewon-
stimmen. Eingesetzt in die zugehörige Konti- nen werden (Abb. 5.1-46). Die entsprechenden Glei-
nuitätsbedingung div v = 0 resultiert daraus die chungen für die Äquipotentiallinien sind
Laplace’sche Dgl.
(5.1.141)
(5.1.140)

Die Stromlinien werden durch


Wesentliche Eigenschaft dieser Gleichung ist, dass
in der x-y-Ebene Linien M= const. gezeichnet wer- (5.1.142)
den können. Diese Äquipotentiallinien entsprechen
Linien gleicher Standrohrspiegelhöhe. Im Gegen-
satz zum Geschwindigkeitspotential in der allge- wiedergegeben.
meinen Strömungslehre kommt den Äquipotential- In Abb. 5.1-46 bildet sich im Abstand xo unter-
linien hier eine nachvollziehbare Bedeutung zu. strom des Entnahmebrunnens ein Staupunkt, wel-
Ebenfalls im Gegensatz zur allgemeinen Potential- cher den Einflussbereich des Brunnens in Strö-
strömung ist der Zusammenhang mit dem Strö- mungsrichtung der Grundströmung angibt. Zusam-
mungsfeld hier ein rein formaler, da die Grund- men mit der ebenfalls dargestellten Entnahme-
wasserbewegung nicht reibungsfrei ist. Senkrecht breite ist dieser Staupunktabstand die als einzig
zu den Äquipotentiallinien stehen auch hier die sinnvoll zu bezeichnende Reichweite eines Brun-
Stromlinien, welche einer Stromfunktion \ genü- nens. Im Gegensatz zu den immer noch verwende-
gen. Auch diese lässt sich, wie bereits in 5.1.6 ge- ten empirischen Reichweitenformeln beinhaltet sie
zeigt, als Laplace’sche Gleichung darstellen. eine physikalisch begründete Aussage. Bei einer
Die ebenfalls in 5.1.6 wiedergegebenen Beispiele Entnahme Q aus dem Brunnen ist die auf die Mäch-
für die Parallelströmung und die Senkenströmung tigkeit bezogene Entnahme q. Mit der Filterge-
können unverändert auf die Grundwasserströmung schwindigkeit vo der Grundströmung gilt für den
übertragen werden. Linien M= const und \= const Staupunktabstand
kennzeichnen die Strömungsbilder für die jeweils
geradlinige gleichförmige Strömung und Brunnenan- (5.1.143)
strömung. Durch Überlagerung der jeweiligen Strom-
5.1 Technische Hydraulik 1781

und für die Entnahmebreite, innerhalb derer die samen Hohlraumanteil nf ermittelt wird, ermög-
Grundströmung vollständig in den Einflussbereich licht eine pauschale Beschreibung der Ausbreitung
des Brunnens gerät, eines konservativen Tracers. Für die auf die Mäch-
tigkeit bezogene Entnahme q aus einem Brunnen
bo = –2·S·xo . (5.1.144) in einem Grundwasserstrom im gespannten Leiter
mit der ungestörten Geschwindigkeit vo lassen sich
Für praktische Abschätzungen sind Aussagen über Linien gleicher Verweilzeit
die gegenseitige Beeinflussung von Brunnen wich-
tig. Auch hier bietet die Potentialtheorie einfache t* = 2·S·vo2t/(q·nf) (5.1.147)
Berechnungsmöglichkeiten. Wichtig sind hierbei
die Anordnung von Entnahme- und Schluckbrunnen bestimmen, welche in Abb. 5.1-47 zusammen mit
in einer Grundströmung und gegenseitige Überlage- dem Strömungsbild für diese Strömung in einer di-
rungen in einem Brunnenfeld. Der Schluckbrunnen mensionslosen Darstellung wiedergegeben sind
entspricht der Quelle in der Strömungslehre und [Spitz 1980].
kann durch einfaches Vertauschen des Vorzeichens Für den Staupunktabstand xo unterstrom des
simuliert werden. Absenkungen sind bei Entnah- Entnahmebrunnens, der mit Hilfe von Gl. (5.1.143)
mebrunnen positiv, bei Schluckbrunnen negativ, da berechnet wird, ist die dimensionslose Größe
die Standrohrspiegelhöhe an der Einleitstelle erhöht xo* = 1 eingeführt. Für die Entnahmebreite bo nach
wird. Durch Umformung von Gl. (5.1.135) wird die Gl. (5.1.144) ergibt sich demzufolge die dimen-
Absenkung s im Abstand r von einem Entnah- sionslose Größe bo* = 2S. Angetragen sind in
mebrunnen Abb. 5.1-47 die dimensionslosen Größen x* und y*
für Abszisse und Ordinate.
s = h1 – h = Q·ln(r1/r)/(2·S·k·b) . (5.1.145) Über das Ausbreitungsverhalten beliebiger In-
haltsstoffe wird auf Spezialliteratur [Kobus/Kin-
Für einen beliebigen Punkt A im Strömungsfeld zelbach 1989] verwiesen.
kann die dort zu erwartende Absenkung sA = h1–hA
infolge von unterschiedlichen Entnahmen und Ein-
speisungen berechnet werden zu 5.1.8 Ausfluss und Überfall

(5.1.146) Diesen Strömungsvorgängen ist ein begrenztes


Strömungsfeld gemeinsam, in dem wegen der
kurzen Entwicklungslängen im Bereich der festen
Das in Abb 5.1-46 wiedergegebene Strömungsbild Berandung Reibungsverluste eine untergeordnete
ist eine idealisierte Darstellung, welche auf dem Rolle spielen.
formalen Zusammenhang zwischen Grundwasser-
strömung und Potentialtheorie beruht und auf die
5.1.8.1 Ausfluss aus Öffnungen
fiktive Größe der Filtergeschwindigkeit abgestellt
ist. Für die Berechnung von Fließzeiten sind die Ausfluss aus Behältern
Verhältnisse innerhalb des porösen Mediums ent- Ein Behälter mit großer Oberfläche hat in der Sei-
scheidend. Ein konservativer Tracer breitet sich tenwand eine gut ausgerundete Öffnung (Abb. 5.1-
unterstrom einer punktförmigen Zugabe über ei- 48). Die Höhe der Öffnung ist dabei klein im Ver-
nen immer größer werdenden Bereich aus. Diese gleich zur Überdeckung. Bleibt wegen der großen
hydrodynamische Dispersion beruht auf der me- Oberfläche der Wasserstand im Behälter im be-
chanischen Dispersion infolge der Strömung in trachteten Zeitraum konstant, liegt eine stationäre
der Porenstruktur und der molekularen Diffusion; Strömung vor. Unter der Voraussetzung der Rei-
er ist deshalb auch in starkem Maße von den Ei- bungsfreiheit gilt die Bernoulli-Gl. (5.1.76) im ge-
genschaften des Tracers abhängig. samten Strömungsfeld. Damit ist für die mit den
Die Abstandsgeschwindigkeit va, die über die Zahlen 1 und 4 gekennzeichneten Punkte des Strö-
Filtergeschwindigkeit und den Durchflusswirk- mungsfeldes
1782 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-47 Dimensionslose Verweilzeiten; Brunnenentnahme aus Grundströmung

Abb. 5.1-48 Ausfluss aus einem Behälter Abb. 5.1-49 Kontraktion des Ausflussstrahls

(5.1.148)

Für nicht ausgerundete Öffnungen ist die Kontrak-


Sowohl am Ort 1 als auch im Bereich des Ausfluss- tion des Ausflussstrahles zu berücksichtigen.
strahles bei Punkt 4 ist der Druck gleich dem At- Unter Kontraktion versteht man die Zusammen-
mosphärendruck, also p1 = p4 = pa. Im Hinblick auf schnürung des Ausflussstrahles nach dem Durchtritt
die Randbedingungen ist gleichzeitig z1 – z4 = h durch die Austrittsöffnung (Abb. 5.1-49). Be-
und wegen der als groß angenommenen Fläche des schrieben wird sie durch die Kontraktionsziffer
Behälters auch v1 = 0. Der Energiehöhenvergleich
wird deshalb auf die Beziehung (5.1.149)

Die Größe der Kontraktionsziffer wird durch die


Randstromlinien unmittelbar an der Öffnung be-
reduziert. Dies ist das Ausflussgesetz von E. Torri- stimmt. Für den ebenen Spalt kann in Abhängig-
celli aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. keit von der Geometrie theoretisch ein Minimal-
Allgemein gilt demnach wert \= 0,611 nachgewiesen werden.
5.1 Technische Hydraulik 1783

Abb. 5.1-50 Abhängigkeit der Ausflussziffer von der Gestalt der Bodenöffnung

Ein möglicher Einfluss der Reibung im Bereich


des Kontakts der Strömung mit der Ausflussöff-
nung wird berücksichtigt, indem eine Geschwin-
digkeitsziffer M zur Minderung der Ausflussge-
schwindigkeit eingeführt wird. Diese Ziffer ist
kleiner Eins, wobei 0,99 • M• 0,96 angenommen
werden kann. Ihre Kombination mit der Kontrakti-
onsziffer \ führt zur Ausflussziffer

— = M·\ . (5.1.150)

Die Ausflussziffer ist von der Gestalt der Öffnung ab- Abb. 5.1-51 Prinzipskizze für Behälterentleerung
hängig. In Abb. 5.1-50 sind für die häufigsten Anord-
nungen die zugehörigen Ausflussziffern wiedergege-
ben. Beim Ansatzstutzen führt das Wiederanliegen tegration und Einsetzen der Anfangsbedingung
der Strömung im Anschluss an die Kontraktion zu ei- v = v0 für h = h0 wird dann
ner starken Zunahme von — (Unterdruckwirkung).
Für große Öffnungen A ist die Geschwindigkeit (5.1.151)
eine Funktion der Öffnungshöhe: Q= f(z). Bei der
Bestimmung des Ausflusses ist daher die Geschwin-
digkeit über die Höhe der Öffnung zu integrieren. Bei einer mit der Höhe veränderlichen Behälterflä-
Beim Entleeren eines Behälters mit der Behäl- che ist die Fläche A0 = A0(z). Sie muss bei der Inte-
terfläche A0 = const ist wegen der Abhängigkeit gration berücksichtigt werden. Gleichung (5.1.151)
von der Zeit die Anfangsbedingung (Abb. 5.1-51) kann nur angewendet werden, so lange die Sinkge-
t = t0:h = h0. Beim Auslaufen gilt dann schwindigkeit im Behälter klein ist im Vergleich
zur Ausflussgeschwindigkeit und der über der
h = h(z). Oberkante der Ausflussöffnung anstehende Was-
serstand eine vollständige Füllung der Ausflussöff-
Nach der Kontinuitätsbedingung wird der über ei- nung gewährleistet.
nen Zeitabschnitt dt erfolgte Ausfluss dem freige- Bei großer Überdeckung kann der momentane
setzten Volumen infolge der Wasserspiegelände- Ausfluss wie beim Vorliegen stationärer Verhält-
rung dz gleichgesetzt (Abb. 5.1-50): nisse behandelt werden. Maßgebend ist dann der
Spiegelunterschied h zwischen dem Wasserstand
–A0·dz = Q·dt. links und rechts. Im weiterhin kontrahierten Strahl
gilt (Abb. 5.1-52)
Durch Einsetzen der Formel für den Ausfluss Q,
Trennen der Variablen und Auflösung nach dt, In-
1784 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-53 Freier Ausfluss unter einer Planschütze

Abb. 5.1-52 Ausfluss unter Wasser

Ausfluss unter Planschützen


Die Planschütze ist eine ebene Stauwand zum Er-
zeugen eines Aufstaus in einer Gerinneströmung.
Im Unterschied zum Ausfluss aus Behältern erfolgt
die Anströmung der Schütze von oberstrom mit der
endlichen Geschwindigkeit v0. Für die verlustfreie
Strömung gilt für den Energiehöhenvergleich zwi- Abb. 5.1-54 Grenze zwischen freiem und rückgestautem
schen dem Querschnitt 0 oberstrom der Schütze und Ausfluss
dem Querschnitt s unterstrom (Abb. 5.1-53)

H0 = const = Hs . Der Ausfluss unter Planschützen kann auch als


Ausfluss aus einer Öffnung gedeutet werden. We-
Auf der Grundlage von Kontinuitätsbedingung und gen der nicht zu vernachlässigenden Anströmge-
Bernoulli-Gleichung ist der Ausfluss schwindigkeit sind hier anstelle der Oberwasser-
tiefe die Energiehöhe H0 und der hydrostatische
(5.1.152) Druck in der Senke zu berücksichtigen. Dann gilt

Bei Verwendung der dimensionslosen Kennzahlen


für das Öffnungsverhältnis n = y0/a und der Kon- Gleichung (5.1.152) ist für den freien, vom Unter-
traktionsziffer \ kann der Durchfluss pro Breiten- wasser (UW) unbehinderten Ausfluss abgeleitet.
meter q auf den Schützenhub a bezogen werden, so Als Kriterium für den Beginn des Rückstaus kann
dass sich eine dimensionslose Darstellung für den die Druckverteilung im Kontraktionsquerschnitt s
Ausfluss ergibt: herangezogen werden. Beim freien Ausfluss ist
hier der Überdruck im Strahlinneren abgebaut. Bei
Überdeckung dieses Querschnitts durch Einflüsse
(5.1.153) aus dem UW erfolgt demnach eine Druckübertra-
gung ins Oberwasser (OW). Damit wird ein zu-
sätzlicher Aufstau im OW erforderlich, um z. B.
In vielen experimentellen Untersuchungen wurde den Gegendruck im UW bei einer konstanten Was-
eine gegenseitige Abhängigkeit \= \(n) festge- serführung auszugleichen.
stellt, wobei die Schwankung der Kontraktionszif- Der Grenzfall zwischen freiem Ausfluss und
fer im Bereich 0,61 ” \” 0,63 für Öffnungs- dem vom UW beeinträchtigten Ausfluss ist er-
verhältnisse n > 2,0 beschränkt ist. In guter Nähe- reicht, wenn der Fuß der Deckwalze maximal bis
rung kann bei Verwendung von Gl. (5.1.153) für in die Senke reicht (Abb. 5.1-54). Wandert der Fuß
die Kontraktionsziffer \= 0,61 gesetzt werden. der Deckwalze über den Querschnitt s hinaus nach
5.1 Technische Hydraulik 1785

geschehen. Werden nur Druckkräfte als Schnitt-


kräfte angesetzt, genügt der Stützkraftansatz zwi-
schen den Querschnitten s und u:

Bei gleich bleibendem Durchfluss kann über einen


vorgegebenen Unterwasseranstieg die zugehörige
Druckhöhenänderung ysc im Querschnitt s errech-
Abb. 5.1-55 Rückgestauter Ausfluss net werden. Für die Veränderung des Sohlendrucks
in diesem Querschnitt wird dann

oberstrom, so führt der Überdruck in diesem Quer-


schnitt zu einem Anstieg des Wasserstands im OW,
sodass sich dort eine neue Energiehöhe H0c einstellt
(Abb. 5.1-55). Man spricht dann vom rückge- Ein Energiehöhenvergleich zwischen den Quer-
stauten Ausfluss, da die Oberwassertiefe von den schnitten s und 0 führt dann zur gesuchten neuen
Verhältnissen unterstrom der Schütze beeinflusst Energiehöhe H0c und damit auch zum neuen Ober-
wird. wasserstand y0c.
Bleibt der Ausfluss auch unter Rückstau kons-
tant, so muss der Oberwasserstand zum Ausgleich
5.1.8.2 Abfluss über Wehre und Überfälle
für den erhöhten Druck im Ausflussquerschnitt
steigen. Die dort vorhandene Geschwindigkeit ist Im Mittelpunkt stehen hier die Grundlagen für die
identisch mit der rückstaufreien und wird jetzt be- hydraulische Berechnung, weniger eine detail-
stimmt zu genaue Unterscheidung in einzelne Arten von
Wehren. Zu diesem Fragenkomplex gibt DIN 19700
(5.1.154) über Stauanlagen mit ihren zahlreichen Untergrup-
pen Aufschluss.
Bezüglich der Kronenform wird unterschieden
Im Bereich zwischen den Querschnitten s und u in rundkronige, scharfkantige und breitkronige
kommt es wegen der Deckwalze zu Energiehöhen- Wehre (Abb. 5.1-56). In diesen Fällen stehen kons-
verlusten. truktive Merkmale im Zusammenhang mit dem
Zur Bestimmung des Anstiegs im OW muss zu- hydraulischen Verhalten.
nächst die Druckhöhenänderung im Querschnitt s Das anstehende UW hat großen Einfluss auf
ermittelt werden. Da im Bereich des rückgestauten den Überfall. Ist der Unterwasserstand so niedrig,
Wechselsprungs deutliche Energiehöhenverluste dass der Wasserstand vor dem Wehr davon unbe-
auftreten, kann dies nur mit Hilfe des Impulssatzes einflusst bleibt, so ist der Überfall vollkommen.

Abb. 5.1-56 Kronenform von Wehren


1786 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Bei Bauwerken mit tief liegender Krone, z. B. bei Überfallhöhe. Unbekannt ist zudem die Druckver-
Sohlschwellen, kann das Unterwasser Einfluss auf teilung in diesem Querschnitt wegen der ge-
den Wasserstand oberstrom des Bauwerks nehmen. krümmten Strombahnen.
In diesem Fall ist der Abfluss unvollkommen. In Gebrauch sind daher Abflussformeln, bei de-
Normalerweise werden Wehre frontal ange- nen der Abfluss als Funktion der bekannten Grö-
strömt. In Sonderfällen steht der Wehrkörper ßen h bzw. H ermittelt wird. Für die frontale An-
schräg zur Anströmrichtung. Bei Streichwehren ist strömung einer Wehrkrone mit der Breite b wird
diese Schrägstellung extrem: Der Wehrkörper kann nach Du Buat unter Bezug auf die Energiehöhe H
parallel zur Hauptströmungsrichtung angeordnet
sein. Bei einer radialen Anströmung der Wehrkro-
ne liegt ein Schachtüberfall vor. Als Besonderheit
kann noch das sog. „Tiroler Wehr“ angeführt wer- (5.1.155)
den, bei dem es sich um den Abzug über einen
Sohlenrechen handelt. Wird der Abfluss in Abhängigkeit von der Über-
fallhöhe h ausgedrückt, so wird nach Poleni
Abflussformeln
Die verfügbare Energiehöhe wird hier auf die hori- (5.1.156)
zontale Sohle bezogen. Sie hängt von den An-
strömbedingungen im OW ab. Beträgt der Abfluss
Q, so gilt bezüglich der Sohle Abflussziffern für unterschiedliche
Wehrformen
Die scharfkantige Ausbildung des Überfalls fin-
det sich v. a. bei der Anwendung für Messwehre.
Diese werden wegen der geringen Messabwei-
Charakteristisch für die Aufstellung einer Abfluss- chungen auch heute noch für Kontrollmessungen
formel ist, dass die Oberwassertiefe in Wehrhöhe w verwendet.
und Überfallhöhe h aufgeteilt wird (Abb. 5.1-57). Typisch für diese Wehrform ist das Ansteigen
In ausreichender Entfernung von der Wehrkrone – der Unterseite des Überfallstrahles über die Wehr-
(3…4)·h – gilt in Bezug auf die Wehrkrone kante hinaus. Für die rechteckige Ausbildung des
scharfkantigen Überfalls ohne Seitenkontraktion
liegen die Abflussziffern, bezogen auf die Poleni-
Formel, im Bereich 0,60 ” — ” 0,63;

Im Gegensatz zum Ausfluss aus einer Öffnung ist


beim Abfluss über die Wehrkrone die Form des
Überfallstrahles zunächst nicht bekannt, demzu-
folge auch nicht die Absenkung des Überfallstrah-
les unmittelbar über der Krone im Vergleich zur

Für das Rechteck mit Seitenkontraktion haben


nach Hamilton-Smith Sohle und Breite keinen
Einfluss auf die Kontraktion:

Für das Messwehr mit Dreieckausschnitt gilt allge-


Abb. 5.1-57 Prinzipskizze Wehrüberfall mein bei einem Öffnungswinkel 2D
5.1 Technische Hydraulik 1787

(5.1.157)

Für den Öffnungswinkel 2D= 90° erhält man daher

Die Abflussziffer bestimmt sich bei einem Öff-


nungswinkel von 90°
Abb. 5.1-58 Druck- und Geschwindigkeitsverteilung über
nach BS 3680 0,608 • — • 0,585, einer abgerundeten Krone beim Bemessungsabfluss
nach Strickland — = 0,565 + 0,0087·h–0,5 .

Bei der abgerundeten Krone liegt der Strahl an, die wobei zugleich ist.
Druckverteilung an der Strahlunterseite ist dem-
nach nicht bekannt. Damit ist die Abflussziffer ab- Für den Abfluss über das Wehr ist dann wegen
hängig von der Geometrie der Überfallkrone. Wird
ein Überfall nach der unteren Strahlbegrenzung
des belüfteten Strahles für ein vorgegebenes Q ge- (5.1.159)
staltet, so ist kein Unter- bzw. Überdruck zu erwar-
ten. Aus diesem Gedankenexperiment leitet sich
der Begriff „Standardkrone“ ab.
Dieser Art von Bemessung ist ein Maximalab- Ein Vergleich mit der Formel von Du Buat,
fluss QE zugeordnet. Für Q > QE wird h > hE und Gl. (5.1.155), zeigt, dass man für die verlustfreie
damit eine andere Druckverteilung (p/(U·g) < p0 Strömung über ein Wehr mit breiter Krone eine op-
längs der Krone) verursacht. Für große Wehrhö- timale Abflussziffer erhält.
hen wird die Abflussziffer nach Gl. (5.1.155) mit Versuchstechnisch lässt sich nachweisen, dass
—E = 0,745 bestimmt. Für endliche Zuströmge- ein Unterwassereinfluss erst dann zu beobachten
schwindigkeiten wird ist, wenn es zu einer Strahlablösung vom Wehr-
rücken kommt. Hierbei wird durch das steigende
Unterwasser zunächst die Druckverteilung im Kro-
nenbereich verändert. Typisch für das Ablösen des
Strahles ist das Auftreten eines gewellten Abflusses
(5.1.158) (Abb. 5.1-59).
Je nach Wehrform können unterschiedliche
Wegen der Form des Überfallstrahls mit den ge- Werte für 'hu/h den unvollkommenen Abfluss ein-
geneinander geneigten Ober- und Unterseiten des leiten. Der höchste Einstaugrad mit 'hu/h |0,8 ist
Strahles ist im Strahlinneren immer ein leichter beim breitkronigen Wehr erzielbar. Der geringste
Überdruck zu erwarten (Abb. 5.1-58). Wert wird für den scharfkantigen Überfall beob-
Bei breitkronigen Wehren kann sich wegen der achtet, der auf Störungen an der Strahlunterseite
Längenausdehnung (l > 3 h) über dem Wehrrücken sehr empfindlich reagiert.
ein Abfluss mit bereichsweise parallelen Strom-
bahnen einstellen. Unter der Annahme hydrosta-
5.1.8.3 Unter- und überströmte
tischer Druckverteilung gilt beim Rechteckquer-
Wehrverschlüsse
schnitt für die zugehörige kritische Wassertiefe
Wehrverschlüsse an Staueinrichtungen sind häufig
so gestaltet, dass sie gleichzeitig unter- und über-
strömt werden können. Die Grundlagen der Be-
1788 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

5.1.9 Rohrhydraulik

5.1.9.1 Allgemeine Angaben


Beim Kreisrohr ist die Berandung des Strömungs-
feldes mit dem Innendurchmesser gegeben. Mit
dem Durchmesser d gelten die bekannten geomet-
rischen Beziehungen:
Abb. 5.1-59 Unvollkommener Abfluss über ein Wehr
Querschnittsfläche A = S(d2/4) ,
benetzter Umfang U = S·d .

Beim Abfluss in Druckrohrleitungen ist der Quer-


schnitt immer gefüllt. Bei bekanntem Abfluss Q ist
die mittlere Geschwindigkeit

Ändert sich der Rohrdurchmesser längs einer Lei-


tung nicht, so sind die mittlere Geschwindigkeit
und die Geschwindigkeitshöhe unveränderlich.
Die Darstellung des Energieplanes in Gestalt des
Abb. 5.1-60 Unter- und Überströmung einer vertikalen Energie- und Drucklinienverlaufs ist daher in der
Stauplatte Rohrströmung denkbar einfach.
Die Ortshöhe der Rohrleitung ist allein maßge-
bend für den örtlichen Druck, da Energie- und
rechnung sind nachstehend am Beispiel einer ver- Drucklinie durch die Randbedingungen festgelegt
tikalen Stauplatte (Abb. 5.1-60) genannt, die an sind (Abb. 5.1-61).
ihrer Ober- und Unterseite scharfkantig ausgebil- Aus diesem Grund können Teile einer Rohrlei-
det ist. In diesem zweidimensionalen Strömungs- tung sogar höher als die Energielinie liegen, solan-
feld bildet sich je nach dem Verhältnis der Volu- ge der sich einstellende Unterdruck nicht zu einem
menströme von Überfall zu Ausfluss eine hori- Abreißen der Wassersäule führt. Bei der Dimensi-
zontale Trennstromlinie aus, welche für die Fest- onierung ist deswegen der längs der Leitungstrasse
legung von Wehrhöhe bzw. Öffnungsverhältnis maßgebliche größte Unterdruck unter allen denk-
maßgeblich ist. Der Gesamtabfluss q je Breiten- baren Betriebsbedingungen zu untersuchen.
meter setzt sich zusammen aus dem Anteil qü für Die geometrischen Randbedingungen der Rohr-
den Überfall und dem Anteil qa für den Ausfluss. strömung erlauben wegen l >> d die Betrachtung
Damit wird als quasi-eindimensionale Bewegung. Es ist daher

(5.1.160)

Voraussetzung für die Anwendung dieser Glei-


chung ist allerdings, dass der Überfallstrahl den
Ausfluss nicht behindert und unmittelbar hinter
der Stauwand der Atmosphärendruck angesetzt
werden kann. Der Rückstaueinfluss muss mit Hilfe Abb. 5.1-61 Druckhöhen für unterschiedliche Leitungs-
des Impulssatzes abgeschätzt werden. trassen
5.1 Technische Hydraulik 1789

nahe liegend, ohne Bezug auf ein starres Koordi- ven Impulstransport der Reibungseinfluss bis zur
natensystem nur mit der mittleren Geschwindig- Rohrachse der Strömung aufgeprägt.
keit v und der Lauflänge 1 zu rechnen. Wegen der Bei der stationären Rohrströmung ist deshalb
Haftbedingung an der Rohrwand liegt in Wirklich- die Änderung des Impulsstromes Null. Damit muss
keit eine Geschwindigkeitsverteilung vor, die von ein Gleichgewicht zwischen den Massen- und den
der Wandbeschaffenheit beeinflusst wird. Allge- Oberflächenkräften bestehen. Betrachtet wird hier-
mein wird daher unterschieden zwischen mittlerer zu ein aus dem Strömungsfeld des Kreisrohres he-
Geschwindigkeit rausgeschnittener Zylinder vom Durchmesser 2r
und der Länge 1, der gegen die Horizontale um den
Winkel D geneigt ist und von links nach rechts durch-
strömt wird (Abb. 5.1-63). Bilanziert werden die in
Fließrichtung wirkenden Kräfte.
örtlicher Geschwindigkeit u = u(r) und maximaler An diesem Zylinder wirken als Oberflächen-
Geschwindigkeit umax für r = 0 im Bereich der kräfte in Fließrichtung die über die Normal (Druck-)
Rohrachse. spannungen zu bestimmenden Druckkräfte FD an
Zur Beschreibung der Geschwindigkeitsvertei- den Stirnseiten und die Widerstandskraft FW aus
lung im Rohr (Abb. 5.1-62) wird als Laufvariable den längs des Umfangs angreifenden Schubspan-
zweckmäßigerweise die Entfernung von der Rohr- nungen. In Strömungsrichtung herrscht ein Ener-
achse herangezogen, welche an der Rohrwand den gieliniengefälle JE und parallel dazu das Drucklini-
Wert R annimmt. Für die Grenzschichtentwicklung engefälle. Dies bedeutet, dass der Druck p1 auf der
in Wandnähe wird als weitere Laufvariable die Einströmseite höher ist als der Druck p2 auf der
Entfernung y von der Rohrwand gewählt, deren Abströmseite. In Strömungsrichtung liegt also eine
Wert in Rohrmitte y = d/2 beträgt. positive Differenz der Druckkräfte vor.

FW = 2·r·S·l·W ,
5.1.9.2 Widerstandsverhalten des geraden
FD = r2·S·(p1–p2) .
Kreisrohres bei stationärer Strömung
Für die stationäre Rohrströmung existiert definiti- Als Massenkraft ist die in Strömungsrichtung fal-
onsgemäß keine lokale Beschleunigung im gesam- lende Komponente der Gewichtskraft FG zu be-
ten Strömungsfeld, so dass ˜v/˜t = 0 wird. Außer- rücksichtigen.
dem wird vorausgesetzt, dass ein voll entwickeltes
Geschwindigkeitsprofil vorliegt. Da dann keine
Trägheitskräfte wirksam werden, treten auch keine
konvektiven Beschleunigungen auf und dv/dt = 0.
Dazu muss der betrachtete Querschnitt genügend
weit vom Rohreinlauf entfernt sein. In der davor
liegenden Anlaufstrecke hat sich über den diffusi-

Abb. 5.1-62 Laufvariable zur Beschreibung der Geschwin- Abb. 5.1-63 Kräftegleichgewicht an einem zylindrischen
digkeit im Rohrquerschnitt Kontrollvolumen
1790 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

(5.1.162)

Die Bilanzierung der Kräfte in Bezug auf die Strö- Zwischen der Wandschubspannung W0 und dem
mungsrichtung liefert dann Energieliniengefälle JE besteht die Beziehung

–FW + FD – FG·sin D= 0 , (5.1.163)


2·r·S·l·W= r2·S·('p–U·g·'z) .

Für den Fall, dass die Geschwindigkeit Null ist, Die Reibungsverluste werden mit Hilfe des Rei-
wird W= 0. Dann folgt aus der rechten Gleichungs- bungsbeiwertes O berechnet. Bei dieser dimensi-
seite die hydrostatische Druckverteilung onslosen Größe werden das Verhältnis zweier Drü-
cke, nämlich der gemessene Druckabfall 'p und
'p = U·g·'z . der Staudruck U·v2/2 für die mittlere Geschwindig-
keit, sowie zwei geometrische Größen, der Rohr-
Bei einer Bewegung mit vz 0 liegt ein Energielini- durchmesser d und die betrachtete Länge l, zuein-
engefälle JE in Fließrichtung vor, und wegen ander in Bezug gesetzt:
v = const ist dieses identisch mit dem Drucklinien-
gefälle JD. Der Energiehöhenunterschied im be- (5.1.164)
trachteten Abschnitt entsteht ausschließlich auf-
grund der Reibung und wird deshalb mit 'er be-
zeichnet. Für die beiden Gefälle gilt Mit der Beziehung zwischen Druckabfall 'p und
dem Reibungsverlust 'er ,

'p = U·g·'er ,
Mit Hilfe der Druckhöhen in den Punkten 1 und 2
wird
auf der Achse des zylindrischen Kontrollvolumens
kann über einen Energiehöhenvergleich eine Be-
ziehung zwischen den Ortshöhen, Druckhöhen und
der Verlusthöhe 'er hergestellt werden:
Für die Berechnung der Rohrreibungsverluste er-
h1–h2–'z = 'er . hält man dann die Gleichung von Darcy-Weisbach

Die unbekannte Größe der Schubspannungen in (5.1.165)


der Entfernung r von der Achse kann deshalb in
Bezug gesetzt werden zu den messbaren Druck-
höhen bzw. zum beobachteten Energiehöhenver- Mit ihr werden die Verluste infolge Wandreibung
lust 'er: unabhängig von der Art der Strömung für das gera-
de Kreisrohr berechnet.
Aus den Gleichgewichtsbedingungen lässt sich
durch Kombination der Gleichungen für
Daraus folgt für die Schubspannung
– die Schubspannung, Gl. (5.1.161),
– die Reibungsverluste, Gl. (5.1.165), und
(5.1.161)
– die Schubspannungsgeschwindigkeit, Gl. (5.1.87),
Wird diese Betrachtung mit einem anderen Zylin- ein Zusammenhang zwischen mittlerer Geschwin-
der mit r = R durchgeführt und die Schubspannung digkeit v, Schubspannungsgeschwindigkeit v* und
an der Wand als Wandschubspannung W0 bezeich- Reibungsbeiwert O ableiten.
net, so folgt für die Schubspannungsverteilung
5.1 Technische Hydraulik 1791

(5.1.167)
Wegen
Für die Rohrachse ist r = 0. Die örtliche Geschwin-
ist digkeit in Rohrachse ist u(0) = umax ,
wobei

und (5.1.168)

Kombiniert ist Zur Berechnung der mittleren Geschwindigkeit v


ist u(r) über die Querschnittsfläche zu integrieren.
Es folgt

(5.1.166)
(5.1.169)
Diese Gleichung eröffnet die Möglichkeit, über
gemessene Wandschubspannungen direkt den Rei- Da die mittlere Geschwindigkeit und die Wand-
bungsbeiwert zu bestimmen. schubspannung W0 und somit vE bekannt sind, kann
der Reibungsbeiwert O direkt berechnet werden. In
Laminare Strömung Verbindung von Gl. (5.1.165) mit Gl. (5.1.169)
Bei der laminaren Strömung ist infolge der allei- und Einführung von Re = v·d/Q wird für den Rei-
nigen Wirkung der Zähigkeit der Zusammenhang bungsbeiwert bei laminarer Strömung
zwischen der Schubspannung W und dem Ge-
schwindigkeitsgradienten dv/dn in Form des (5.1.170)
Newton’schen Ansatzes, Gl. (5.1.2), bekannt. An-
gewandt auf den Geschwindigkeitsgradienten der
örtlichen Geschwindigkeit du/dr in radialer Rich- Rein laminare Bewegungen treten lediglich bei der
tung, wird Grundwasserbewegung auf. Veränderliche Poren-
durchmesser können die Ursache für konvektive
Beschleunigungen sein, so dass auch dort letztlich
ein vom geraden Kreisrohr unterschiedliches Wi-
derstandsverhalten vorliegt.
In Verbindung mit der aus der Gleichgewichts-
betrachtung gefundenen Beziehung für W, Gl. Turbulente Strömung
(5.1.161), wird Turbulenzeigenschaften der Rohrströmung. Beim
Ansatz Prandtls für den Mischungsweg ist die
Schubspannung als Ableitung der mittleren ört-
lichen Geschwindigkeit –u (r) dargestellt. Aus ge-
messenen Geschwindigkeitsverteilungen kann um-
somit gekehrt auf die Länge l des Mischungsweges ge-
schlossen werden. In gleicher Weise lässt sich auch
die scheinbare kinematische Zähigkeit H berechnen.
integriert Nach Messungen von Nikuradse nimmt der Mi-
schungsweg vom Wert „Null“ an der Wand bis auf
einen Maximalwert 1/R = 0,14 in Rohrmitte zu.
Unter Berücksichtigung der Randbedingungen Messungen der Schwankungsgrößen mit Hilfe
r = R für u = 0 ergibt sich die Geschwindigkeits- von Hitzdrahtsonden bei einer Luftströmung ha-
verteilung zu ben ergeben, dass in Rohrmitte die Längsschwan-
1792 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

kung uxc die Radialschwankung urc und die Um- nicht einstellen. Im Allgemeinen ist die Wandbe-
fangsschwankungskomponente uMc etwa gleich groß schaffenheit so, dass ein hydraulisches Verhalten
sind. Man spricht hier von „isotroper Turbulenz“. zwischen glatt und rau beobachtet wird.
Die Größe der Schwankungsbewegungen be- Die Rauheit ist wegen ihrer Auswirkung auf das
trägt hier etwa 3% der mittleren Maximalgeschwin- Geschwindigkeitsprofil keine direkt messbare
digkeit in Rohrachse. In unmittelbarer Wandnähe Größe, sondern nur über einen Versuch bestimm-
weist die Längsschwankung einen Maximalwert bar. Da Messungen über sandraue Rohre vorliegen,
wird einer Oberfläche entsprechend ihrem Wider-
standsverhalten eine äquivalente Sandrauheit ks
zugeordnet.

auf, wobei der Ort mit y/R < 0,002 angegeben wer- Geschwindigkeitsverteilung. Für den vollturbu-
den kann. lenten Wandbereich außerhalb der viskosen Unter-
schicht und des Übergangsbereichs (s. Beispiel
Bedeutung der Rauheit der Rohrwand. Wegen der 5.1.6) hat Prandtl ein universelles Wandgesetz der
Haftbedingung an der Wand ist die Ausbildung der Form
viskosen Unterschicht nur an der glatten Wand
möglich. Bei einer rauen Wand ragen die Rauheits-
erhebungen über die viskose Unterschicht hinaus
in die turbulente Strömung. Die viskose Unter-
schicht, in welcher allein die Zähigkeit wirksam aufgestellt. Die Konstante A wurde über den Mi-
ist, wird durch die abstandsabhängige Reynolds- schungswegansatz in Wandnähe l = N·y mit A = 1/
Zahl Re = (y·v*)/Q= 5 begrenzt. In einem Über- N für N= 0,4 bestimmt. Mit B = 5,5 erhält man
gangsbereich kommen die kinematische und die
scheinbare kinematische Zähigkeit gleichzeitig zur (5.1.171)
Wirkung. Für Re = (y·v*)/Q> 50 herrschen allein
die scheinbaren Schubspannungen vor.
In Experimenten wurde festgestellt, dass auch im
Beispiel 5.1-6: Grenzschichtberechnung für eine Außenbereich, d. h. im Bereich zur Rohrmitte hin,
Rohrströmung diese logarithmische Geschwindigkeitsverteilung
Gegeben: d = 1,60 m, Q = 2,5 m3/s, angesetzt werden kann.
v = 1,25 m/s, O= 0,015;
Rohrmitte: u = umax für y = R .

In Abhängigkeit von r ist daher allgemein


viskose Unterschicht:
(G1·v*)/Q< 5, y = G1 für Re = 5,
G1 = (5·Q)/v* = 1,2·10–4m = 0,12 mm;

vollturbulent außerhalb Durch Integration über den Rohrquerschnitt wird


(y·v*)/Q> 50: G> 1,2 mm. für die mittlere Geschwindigkeit v die Beziehung

Ein Rohr zeigt hydraulisch glattes Verhalten, wenn


die Rauheiten geringer sind als die Dicke der vis-
kosen Unterschicht. Es wird sich hydraulisch rau
verhalten, wenn die Erhebungen an der Wand bis und mit C = 3/(2N) schließlich
in die zähigkeitsunbeeinflusste turbulente Kern-
strömung reichen. Denn dann können sich die vis- (5.1.172)
kose Unterschicht und der Übergangsbereich gar
5.1 Technische Hydraulik 1793

gefunden. Diese Gleichung gibt für hydraulisch


glatte Rohre das Verhältnis mittlere Geschwindig- (5.1.176)
keit/Schubspannungsgeschwindigkeit an.
Unter Annahme einer konstanten Wandschub-
spannung gilt nach dem Newton’schen Reibungsan- und für das hydraulisch raue Rohr
satz innerhalb der viskosen Unterschicht (s. Bei-
spiel 5.1-6) (5.1.177)

(5.1.173)
Der für die technische Anwendung wichtige Über-
gangsbereich wird nach einem Vorschlag [Co-
Rauheiten an der Rohrwand verhindern die Ausbil- lebrook 1939] zur Prandtl-Colebrook-Gleichung
dung der viskosen Unterschicht, wenn diese im
Vergleich zur Schichtdicke groß sind. Wird nach
(5.1.178)
Gl. (5.1.173) die Wandrauheit k ~ Q/v* gesetzt,
dann ist
zusammengefasst. In diesem Übergangsbereich
sind die experimentell ermittelten Werte für O für
die Sandrauheit geringer.
Die Auftragung des Reibungsbeiwertes O in Ab-
Mit B*=8,5 wird daraus hängigkeit von der Reynoldszahl Re mit dem Para-
meter ks/d nach der Interpolationsformel ist als
(5.1.174) Moody-Diagramm bekannt (Abb. 5.1-64). Die Zu-
sammenstellung äquivalenter Sandrauheiten kS für
unterschiedliche Rohrmaterialien ist Tabelle 5.1-2
Die Zahlenwerte in den Gln. (5.1.172) und zu entnehmen.
(5.1.173) wurden durch zahlreiche Messungen von Gleichung (5.1.178) wird letztlich als mathe-
Nikuradse korrigiert, wobei die Veränderungen ge- matisches Modell benützt, um das Widerstands-
genüber den theoretisch gefundenen Zusammen- verhalten der Rohroberfläche zu kennzeichnen. Da
hängen angesichts deren Unvollkommenheit ge- die hiermit bestimmte Rauheit mit messbaren Rau-
ringfügig blieben. heitserhebungen an der Wand nicht identisch ist,
wird ihr eine sog. „äquivalente Sandrauheit“ unter
Reibungsbeiwerte. Für den Reibungsbeiwert be- Bezug auf die Experimente von Nikuradse zuge-
steht aufgrund der Gleichgewichtsbetrachtung nach ordnet. Zum Vergleich wird auf die Messergeb-
Gl. (5.1.166) die einfache Beziehung nisse von Nikuradse an sandrauen Rohren hinge-
wiesen. Für große Werte der Reynolds-Zahlen wird
der Reibungsbeiwert unabhängig von der Zähig-
keit. Dann ist der Reibungsbeiwert für Werte

Rers¥O > 200 nach Gl. (5.1.177) bestimmbar.
Mit Hilfe der dimensionslosen Größen Sind der Rohrdurchmesser d, ein verfügbares
Gefälle J und für den Rohrwerkstoff die äquiva-
lente Sandrauheit ks bekannt, so ist der unter diesen
Voraussetzungen erzielbare Durchfluss Q direkt
und
berechenbar. Eine Umformung von Gl. (5.1.165)
führt zu
(5.1.175)

ergibt sich für das hydraulisch glatte Rohr


1794 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-64 Moody-Diagramm zur Bestimmung der Reibungsbeiwerte


5.1 Technische Hydraulik 1795

Tabelle 5.1-2 Zusammenstellung von äquivalenten Sand- se Sekundärströmungen rufen z. B. im quadra-


rauheiten für unterschiedliche Rohrmaterialien tischen Querschnitt eine Strömung in den Ecken
Art ks in m hervor. Mit Hilfe von Turbulenzmodellen lassen
sich diese Strömungen simulieren.
Gezogene Stahlrohre (1…5) ·10–5
Geschweißte Stahlrohre
– neue Leitungen mit glatten Verbindungen (5…10) ·10–5 5.1.9.3 Sonstige Verluste
– leicht angerostete oder verkrustete (4…5) ·10–4
Leitungen Mit Hilfe des Reibungsbeiwertes können allein die
– stark angerostete oder verkrustete (2…3) ·10–3 Reibungsverluste für die vollständig ausgebildete
Leitungen turbulente Strömung im geraden Kreisrohr erfasst
Gusseiserne Rohre werden. Alle Einflüsse, welche zu Änderungen des
– neue Leitungen (1…5) ·10–4 Geschwindigkeitsprofils Anlass geben, führen zu
– alte oder verkrustete Leitungen 1…5 ·10–3
zusätzlichen Verlusten. Letztere werden proportio-
Betonrohre oder Druckstollen
– glatter Beton (1…5) ·10–4
nal zur Geschwindigkeitshöhe (i. Allg. nach der
– rauer Beton (1…5) ·10–3 Störung) in der Form
Asbestzementrohre (1…10) ·10–5
Verzinkte Rohre (2…4) ·10–5 (5.1.180)
Steinzeugrohre (2…3) ·10–4

angesetzt. Beim Energienhöhenvergleich sind da-


Mit dem Reibungsbeiwert nach Gl. (5.1.178) und her die Gesamtverluste längs einer Rohrleitung
der zugehörigen Fläche A wird dann mit durch

(5.1.181)

die sog. „Vollaufwassermenge“ errechnet, bei der zu berücksichtigen.


unter der Vorraussetzung J = JE der Abfluss im Zusätzlich zur Reibung sind
vollgefüllten Rohr erfolgt. In Tabellenwerten sind
– Ein- und Auslaufverluste,
die Abflüsse Q und die zugehörigen mittleren
– Verluste infolge Querschnittsveränderungen,
Geschwindigkeiten v in Abhängigkeit der vorge-
– Richtungsänderungen und
gebenen Nennwerte, Gefälle und Rauheiten wieder-
– Verluste durch Armaturen
gegeben.
Eine für hydraulisch glatte Rohre häufig ver- durch entsprechende ]-Werte zu berücksichtigen.
wendete Formel ist die von Blasius, mit der O ex- Als einziger Verlustbeiwert ist mit Hilfe des Impuls-
plizit zu satzes der sog. „Borda-Carnot’sche Stoßverlust“ für
die plötzliche Erweiterung berechenbar. Es ist
(5.1.179)
(5.1.182)

berechnet werden kann. Ihr Gültigkeitsbereich wobei A1 die Querschnittsfläche vor und A2 dieje-
bleibt allerdings auf Re < 105 beschränkt. nige nach der Erweiterung ist.
Bei nichtkreisförmigen Querschnitten fehlt die Alle anderen Verlustbeiwerte sind experimen-
Symmetrie der Turbulenzentstehung an der Beran- tell bestimmt und können der Spezialliteratur (z. B.
dung des Strömungsfeldes. Als Folge davon kommt [Miller 1990; Preißler und Bollrich 1992]) ent-
es längs der Berandung zu einer anisotropen Tur- nommen werden. Bei der Berechnung von Rohr-
bulenzstruktur, die im Querschnitt Sekundärströ- leitungen empfiehlt sich die Darstellung im Ener-
mungen auslöst (Sekundärströmungen 2. Art). Die- gieplan, der die Lage von Energie- und Drucklinie
1796 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

angesetzt werden, da nur so unterschiedliche Öff-


nungsabstände berücksichtigt werden können. Da-
neben sind zusätzliche Verluste anzusetzen, welche
dem dreidimensionalen Strömungsfeld Rechnung
tragen. Verlustbeiwerte liegen lediglich für Rohr-
verzweigungen und -vereinigungen vor. Diese sind
nur in Sonderfällen direkt für diese Berechnungen
ansetzbar. Für das Tauchrohr wurden entsprechende
Abb. 5.1-65 Gefälleleitung mit d1 > d2 Verlustbeiwerte ermittelt [Valentin 1997].
Die Grundzüge der Berechnung von Rohrlei-
tungen mit diskontinuierlicher Beaufschlagung ge-
mit der Rohrleitung wiedergibt. Entscheidend für stalten sich wie folgt: Der Anteil der Reibungs-
die Güte des Energieplans ist die richtige Anbin- verluste zwischen den Aus- bzw. Einleitungen für
dung von Druck- und Energielinie an die vorgege- mittlere Geschwindigkeit für den jeweils vorhan-
benen Randbedingungen. Als solche sind am Rohr- denen Durchfluss beträgt
leitungsbeginn Behälter bzw. eine mögliche Druck-
steigerung durch eine Pumpe zu beachten. Am
Rohrleitungsende kann ein freier Ausfluss vorherr-
schen oder aufgrund eines Auslaufbehälters ein
bestimmter Gegendruck wirksam sein. Konstanter Der hierbei einzusetzende Reibungsbeiwert kann bei
Durchfluss bedingt bei veränderlichen Rohrdurch- Überschlagsberechnungen in guter Annäherung
messern unterschiedliche Geschwindigkeitshöhen durch einen Mittelwert O= const für das System
und Reibungsgefälle. Zusätzliche Verluste werden ersetzt werden. Bei der Verwendung von Berech-
örtlich konzentriert als Sprung in der Energielinie nungsprogrammen bereitet die Einarbeitung der
und der Drucklinie angedeutet. Als Beispiel ist in Abhängigkeit O= f(Re,rs) keine Schwierigkeit.
Abb. 5.1-65 der Energieplan für eine Gefällelei- Zusätzliche Verluste werden bei Sammelrohren
tung zwischen zwei Behältern mit einem Durch- durch den allgemein gebräuchlichen Ansatz nach
messerwechsel dargestellt. Gl. (5.1.180),
Bei der diskontinuierlichen Strömung liegt eine
Veränderung des Durchflusses längs des Rohres
vor. Im Hinblick darauf sind demnach Verteiler-
rohre mit abnehmendem und Sammelrohre mit in
Fließrichtung zunehmendem Durchfluss zu unter- ebenfalls abschnittsweise berücksichtigt. Bei Ver-
scheiden. Wasserversorgungsnetze, Beregnungs- teilerrohren können sie i. d. R. vernachlässigt wer-
anlagen, Betropfungsrohre, Ausleitbauwerke und den. Charakteristisch für Verteilerrohre ist, dass
gelochte Rohre bei Behälterzuläufen sind Anwen- bei konstantem Rohrdurchmesser der Ausfluss
dungsbeispiele für Verteilerrohre. Sammelrohre längs des Rohres zunimmt und am Rohrende ein
sind zu finden als Brunnensammelleitung im Rein- Maximum erreicht. Bei Sammelrohren in Becken
wasserbereich und – ein Beispiel für den Bereich kommt es wegen des zunehmenden Druckunter-
Abwasserreinigung – als sog. „Tauchrohr“ zum schieds zu einem wachsenden Zufluss in Abfluss-
Klarwasserabzug aus Sedimentationsbecken. richtung. Die extrem nichtlinearen Verhältnisse
Bei der diskontinuierlichen Strömung kann sich längs eines Sammelrohres sind in Abb. 5.1-66 für
nur bei sehr großer Entfernung zwischen den Einzel- das Tauchrohr wiedergegeben.
öffnungen ein voll entwickeltes turbulentes Ge-
schwindigkeitsprofil einstellen. Normalerweise sind
5.1.9.4 Instationäre Rohrströmung
die Abstände zwischen den Öffnungen so gering,
dass dies nicht der Fall ist. Zwischen den Einzelöff- Im Wesentlichen sind im Bereich von Rohrlei-
nungen muss trotzdem ein Reibungsverlust für die tungssystemen zwei Schwingungserscheinungen
zwischen den Öffnungen kontinuierliche Strömung zu beobachten:
5.1 Technische Hydraulik 1797

Abb. 5.1-66 Energieplan für ein Tauchrohr mit d = const

– eine niederfrequente Massenschwingung, bei


welcher die Spiegelbewegungen im Wasser-
schloss eine Schwingung mit freier Oberfläche
darstellt: Wasserschlossschwingung;
– eine hochfrequente Schwingung, bei der infolge
der Kompressibilität des Gesamtsystems Ände-
rungen im Durchsatz Verdichtungsstöße auslö-
sen, die sich mit hoher Geschwindigkeit aus-
breiten: Druckstoßerscheinungen.
Abb. 5.1-67 Beharrungswasserspiegel bei stationärem Be-
Beide Vorgänge sind durch die Veränderlichkeit
trieb
der Strömungskenngrößen Druck und Geschwin-
digkeit mit der Zeit gekennzeichnet.

Spiegelbewegungen in Wasserschlössern
Ein Wasserschloss ist ein Konstruktionselement, das
beim Bau von Wasserkraftanlagen als Dämpfungs- Mit c = Q/A wird daraus
glied bei Betriebsmanövern verwendet wird. Ähn-
liche Vorgänge sind auch beim Betrieb großer Klär- (5.1.184)
anlagen im Bereich der Pumpwerke zu beobachten.
Für einen stationären Durchfluss kann die Lage
des Beharrungswasserspiegels im Wasserschloss In der Bewegungsgleichung sind die Druckkraft
mit Hilfe der Bernoulli-Gleichung unter Berück- aus dem momentanen Spiegelunterschied zwi-
sichtigung der Verluste nach Abb. 5.1-67 leicht er- schen Wasserschloss und Speicher als antreibende
mittelt werden. Es gilt Kraft und die der Bewegungsrichtung entgegenge-
setzt wirkende Reibungskraft als Widerstandskraft
(5.1.183) anzusetzen.
Bei Auslenkung aus der Ruhelage beeinflusst
das Wasserschloss die im Stollen bewegte Masse
Bei einem Betriebsmanöver wird der stationäre m = U·l·A, sodass sich über
Zustand unterbrochen und eine Wasserschloss-
schwingung ausgelöst. Der dabei vorhandene Un-
terschied zwischen dem Zufluss A·v aus dem Stol-
len und dem Abfluss Q aus dem Wasserschloss
wird in der Kontinuitätsbedingung berücksichtigt: für die Bewegungsgleichung
1798 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

(5.1.185)

ergibt. Die numerische Lösung für das über die


beiden Gln. (5.1.184) und (5.1.185) gebildete ge-
koppelte System von Dgln. ist auch für die Vielfalt
an möglichen konstruktiven Ausbildungen kein
Problem mehr [Evangelisti 1969].
Abb. 5.1-68 Ausbreitung einer Störung in einem horizon-
talen Rohr nach einem Behälter
Behandlung des Druckstoßes
Als Druckstoß wird die Ausbreitung einer Störung
in einem Druckrohrsystem ohne freie Oberfläche be- berechnet werden. Für eine feste Einspannung wird
zeichnet. Es besteht eine Analogie zur Ausbreitung c = 1 gesetzt. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeiten
von Schallwellen, hier allerdings im begrenzten einer Störung sind für Stahlleitungen mit EStahl =
Raum. Erste theoretische Ansätze zur Beschrei- 2,1·1011 N/m2 demnach a > 1000 m/s. Für Kunst-
bung des Druckstoßes gehen auf eine 1912 von stoffrohre (z. B. PVC) wird a § 400m/s wegen EPVC =
Allievi entwickelte Theorie zurück. Betrachtet 3·109 N/m2 und damit wesentlich geringer.
wird hierbei eine horizontale Leitung, in der Ver- Zur Beschreibung der zeit- und ortsabhängigen
luste und die Geschwindigkeitshöhe vernachlässigt Veränderungen der Strömungsgrößen p und v steht
und ein konstanter Durchmesser vorausgesetzt das System der partiellen Dgln. zur Verfügung.
werden. In der Bewegungsgleichung sind deswe- Eine Störung breitet sich mit der Geschwindigkeit
gen als Oberflächenkräfte nur Druckkräfte zu be-
rücksichtigen, die in Bezug zur lokalen Beschleu- (5.1.189)
nigung gesetzt werden.
aus.
(5.1.186) Nach Abb. 5.1-68 ist die Laufzeit t einer Welle
vom Ort der Entstehung bis zur Reflexion am frei-
en Wasserspiegel t = l/a. Bis zur Wiederankunft
Bei der Kontinuitätsbedingung ist die Kompressi- am Ort der Entstehung wird die Reflexionszeit
bilität des Systems aus Rohrleitung und Transport-
fluid zu beachten. So löst eine Drucksteigerung (5.1.190)
eine Volumenverringerung des Fluids und eine
Rohrdehnung aus. Dies führt zu
benötigt. Mit den Ausgangsgrößen ho, vo für den
(5.1.187) stationären Zustand werden in Abhängigkeit von
den Randbedingungen nach Abb. 5.1-68 die zu er-
wartenden Änderungen in h und v
In dieser Dgl. bezeichnet a die Fortpflanzungsge-
schwindigkeit einer Störung in dem vorhandenen (5.1.191)
System. Sie ist kleiner als die Schallgeschwindig-
keit as = 1450 m/s und kann in Abhängigkeit von
den Elastizitätsmoduln Ef für das Fluid und Er für Für den völligen Abschluss (v = 0) ist dann die
das Rohrmaterial zu maximale Druckhöhe

(5.1.192)

(5.1.188)
Die Druckhöhenänderung infolge der Verzögerung
von v = v0 auf v = 0 ist daher
5.1 Technische Hydraulik 1799

Im Weg-Zeit-Diagramm muss längs der Charakte-


(5.1.193)
ristiken an diskreten Punkten und an den Rändern
die Verträglichkeitsbedingung
sie wird als „Joukowsky-Stoß“ bezeichnet. Dieser
maximale Anstieg tritt nur beim direkten Stoß auf. (5.1.195)
Hierfür muss

erfüllt sein. Bei der Fernleitung Oberau-München


mit mehr als 60 km Länge z. B. beträgt die Reflexi-
sein. Daraus ist abzuleiten, dass die zeitliche Ver- onszeit tR > 2 min. Derart lange Leitungen verlangen
änderung des Durchflusses am Verschlussorgan eine sorgfältige Abstimmung der Schließgesetze der
eine bedeutende Rolle spielt. Regelorgane bei Gesamtschließzeiten bis 10 min.
Ebenso wichtig sind die Randbedingungen. Wird Diese wurden mit Hilfe des Charakteristikenverfah-
in Abb. 5.1-68 vor dem Eintritt in den Behälter ein rens für jede einzelne Armatur angepasst.
Rückflussverhinderer installiert, so erfolgt die Re-
flexion der Druckwelle nicht am freien Wasser-
spiegel mit dem entsprechenden Druckabbau, son- 5.1.10 Gerinneströmung
dern am „festen Ende“, was einer Verdoppelung
der Druckhöhenänderung entsprechen würde. Da 5.1.10.1 Besonderheiten der
auch Rückflussverhinderer eine endliche Zeit be- Gerinneströmung
nötigen, um den Rückfluss zu unterbinden, wird Charakteristisch für die Gerinneströmung ist die
diese Verdoppelung praktisch nicht erreicht. Dieses Phasentrennfläche Wasser/Luft (flüssig/gasförmig)
Beispiel soll zeigen, dass bei Druckstoßuntersu- am Wasserspiegel. Als wesentliche Randbedin-
chungen eine sorgfältige Analyse des Rohrleitungs- gung gilt für den Druck am Wasserspiegel, dass er
systems mit seinen Einzelkomponenten unerlässlich identisch ist mit dem Atmosphärendruck. Diese
ist. Druckstoßdämpfende Maßnahmen sind zu errei- Phasentrennfläche kann als Linie konstanten Dru-
chen durch ckes und damit als Niveaulinie angesehen werden.
Dies ist eine wichtige Hilfe auch für die Darstel-
– Verlängerung von Gesamtschließzeiten,
lung im Energieplan, da der Wasserspiegel iden-
– Anpassung von mehrstufigen Schließgesetzen,
tisch ist mit der Drucklinie im Energieplan.
– Einbau von Druckbehältern,
Bei den zu behandelnden Gerinnearten ist zwi-
– Integration von Wasserschlössern bei langen
schen überdeckten und offenen Gerinnen zu unter-
Zuleitungen.
scheiden. Zu ersteren zählen künstliche Kanäle
(z. B. Freispiegelstollen im Kraftwerkbau) ebenso
Charakteristiken – Verfahren mit Berücksichti- wie die z. T. riesigen Stollen zur Trinkwasserbei-
gung von Verlusten leitung und die Abwasserkanäle der Entwässerung.
Bei langen Leitungen treffen die Voraussetzungen Natürliche Gerinne haben eine bewegliche Sohle.
der Theorie von Allievi nicht mehr zu. Vor allem Damit sind auch Veränderungen an der Grenzflä-
bei Fernwasserleitungen führen Reibungsverluste che flüssig/fest zu beachten. Bei der Überschrei-
zu einem vollständigen oder teilweisen Abbau der tung kritischer Wandschubspannungen kann das
Ausgangsdruckhöhe. Die Bewegungsgleichung und Sohlenmaterial in Bewegung geraten. Mit dem Ab-
die Kontinuitätsbedingung müssen hier vollständig lauf von Hochwässern ist immer eine Umgestal-
ausformuliert werden. Zur Lösung der beiden Glei- tung der Gerinnesohle verbunden. In diesem Rah-
chungen dient das Charakteristikenverfahren. Bei men werden allerdings nur Gerinne mit fester Soh-
Leitungen aus Stahl und Spannbeton ist a >> v. Als le behandelt.
Gleichung für die Charakteristiken gilt Bei der Beschreibung des Strömungsfeldes in
der Gerinneströmung spielt der Begriff der Was-
(5.1.194) sertiefe eine große Rolle. Als Wassertiefe y wird
die in der Vertikalen gemessene Entfernung zwi-
1800 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-70 Wassertiefe und Druckverteilung im offenen


Gerinne

folgt, dass R o y tendiert. Ein Extremfall ist der


Abb. 5.1-69 Quer- und Längsschnitt durch ein offenes
Schichtenabfluss auf der Straßenoberfläche, wel-
Gerinne cher bei Starkregen zum Aquaplaning führen kann.
Ein offenes Gerinne ist unbegrenzt leistungsfä-
hig, da dem Fließquerschnitt nach oben keine Gren-
schen dem Wasserspiegel und der Gerinnesohle be- zen gesetzt sind. Im Gegensatz dazu ist die Leis-
zeichnet (Abb. 5.1-69). Die Fixierung des Wasser- tungsfähigkeit des überdeckten Gerinnes durch die
spiegels in einem Querschnitt und ihr Bezug auf die Querschnittsform begrenzt. Das in der Stadtentwäs-
Höhenlage ist durch den Begriff des Wasserstands serung am häufigsten verwendete Rohr mit Kreis-
beschrieben. Beim natürlichen Gerinne ist die Was- querschnitt wird beim Trockenwetterabfluss nur
sertiefe über die Breite variabel, bei beweglicher teilweise beansprucht, nach Regenereignissen kann
Sohle zusätzlich von Umlagerungen der Sohle be- jedoch schnell die Leistungsfähigkeit des Quer-
troffen. Die Bezeichnung „Wassertiefe“ ist nur sinn- schnitts erschöpft sein. Dann folgt ein Wechsel vom
voll für das Medium Wasser, für andere Medien eig- Freispiegelabfluss zum Abfluss unter Druck.
net sich der Begriff der Fließtiefe besser. In einer Reihe von Lehrbüchern wird postuliert,
Die Durchflussfläche A ist mit der Wassertiefe y dass die Wassertiefe grundsätzlich senkrecht zur
veränderlich. Sämtliche Querschnittskenngrößen Gerinnesohle anzugeben ist. Dies mag für künstli-
zur Beschreibung des Strömungsfeldes sind daher che Gerinne mit geradlinigem Sohlenverlauf zweck-
abhängig vom Wasserstand. Dieser ist i. Allg. längs mäßig sein, bei natürlichen Gerinnen mit unregel-
des Gerinnes veränderlich. Neben der Querschnitts- mäßigem Verlauf der Sohle ist dies nicht durchführ-
fläche A sind die Wasserspiegelbreite b und der be- bar. Bei Wasserspiegelberechnungen, welche längs
netzte Umfang U von Bedeutung (Abb. 5.1-69). eines Gerinnes erfolgen, ist ohnehin nur die Verän-
Allgemein gelten für diese geometrischen Größen derung des Wasserstands von Interesse.
zur Kennzeichnung der Querschnittsabmessungen Da der geneigte Wasserspiegel die Eigenschaft
einer Niveaufläche hat, kann die Druckhöhe nicht
A = A(y), der Wassertiefe entsprechen. Im Extremfall eines an
U = U(y), einer senkrechten Wand herabfließenden Was-
b = b(y). serfilms ist der vom Wasserfilm auf die Wand aus-
geübte Druck Null. Wird die senkrecht zur Sohle
Der Begriff des hydraulischen Radius bringt eine gemessene Entfernung zum Wasserspiegel mit h be-
Beziehung zwischen Querschnittsfläche und Um- zeichnet (Abb. 5.1-70), so ist die dort messbare
fang: Druckhöhe

(5.1.196)

Für breite Gerinne, denen fast alle natürlichen Ge- Ist die Druckhöhe im Bereich zwischen Sohle und
rinne zugeordnet werden können, ist b >> y. Daraus Wasserspiegel von Interesse, dann gilt für jede be-
5.1 Technische Hydraulik 1801

liebige Höhe z über der Sohle unter der Vorausset- Wassertiefe enthalten ist. Für vorgegebene Werte
zung hydrostatischer Druckverteilung die Bezie- von Q und H sind zwei charakteristische Dia-
hung gramme für jede beliebige Querschnittsform ab-
leitbar.
Für einen vorgegebenen konstanten Abfluss Q
ist eine minimale Energiehöhe Hmin erforderlich,
damit Q abfließen kann (Abb. 5.1-71). Diese Aus-
Wegen der kleinen Sohlengefälle Js sind die Nei- sage ist als Extremalprinzip bekannt. Für jeden
gungswinkel H der Gerinnesohle gegen die Hori- Wert H > Hmin kann dieses Q unter zwei Wassertie-
zontale meist so klein, dass für die Winkelfunktion fen abgeführt werden. Bei überdeckten Gerinnen
cos H= 1 gesetzt werden kann. Dies läuft darauf sind theoretisch sogar vier Lösungen möglich. In
hinaus, dass zwischen Wassertiefe und zugehöriger der dargestellten Funktion H = H(y) tritt unter ei-
Druckhöhe bei kleinen Gefällen nicht zu unter- ner Wassertiefe yc ein Extremwert für H, in diesem
scheiden ist. Fall ein Minimum, auf.
Bei vorgegebener konstanter Energiehöhe H
Beispiel 5.1-7: In einer steil geneigten Rinne be- kann in jedem Querschnitt ein maximaler Abfluss
trägt das Sohlengefälle JS = 10%. Um welchen Qmax erfolgen (Abb. 5.1-72). Jedes Q < Qmax kann
Faktor unterscheiden sich die Wassertiefe y und wiederum unter zwei Wassertiefen abgeführt wer-
die an der Sohle gemessene Druckhöhe? den. Die hier wiedergegebene Funktion Q = Q(y)
weist wiederum für die Wassertiefe yc einen
Sohlengefälle:
Extremwert für Q, in diesem Fall ein Maximum,
JS = 'z/'l = 0,1 = sin H, H= 5,74° ;
auf.
cos H= 0,995 ;
Die Wassertiefe, bei welcher die Extremwerte
p/U·g = y·cos2 H= 0,990·y .
Qmax und Hmin auftreten, wird als „Grenztiefe“ yc
Selbst bei diesem extrem großen Gefälle beträgt bezeichnet. Der Index c ist international gebräuch-
die Abweichung zwischen Druckhöhe und der in lich und ist eine Abkürzung des englischen Wortes
der Vertikalen gemessenen Wassertiefe y nur 1%! „critical“. In DIN 4044 wird anstelle des Index c
der Index gr verwendet. In einem Querschnitt, in
dem ein vorgegebenes Q unter der minimalen
Energiehöhe Hmin abgeführt wird, werden die
5.1.10.2 Fließzustand und Grenzverhältnisse
Grenzverhältnisse durchlaufen.
Für Querschnittsbetrachtungen in künstlichen Ge- Außerhalb der Grenzverhältnisse kann jeder
rinnen ist es ausreichend, die Lage der Energiehö- Durchfluss Q unter zwei Wassertiefen abgeführt
he über der Gerinnesohle zu betrachten (Abb. 5.1- werden. Eine ist dabei größer, die andere kleiner
69). Damit entfällt bei der Anwendung der Ber- als die Grenztiefe. Jeder beliebigen Energiehöhe
noulli-Gleichung die Berücksichtigung der Orts- H, welche größer als Hmin ist, sind ebenfalls zwei
höhe. Wassertiefen zugeordnet. Da beide die gleiche
Energiehöhe bedingen, spricht man von „korres-
(5.1.197) pondierenden Wassertiefen“. Eine Gerinneströmung,
bei der die Wassertiefe geringer ist als die Grenz-
tiefe, kennzeichnet einen Abfluss im Schießen. Ist
(5.1.198) die Wassertiefe größer als die Grenztiefe, so er-
folgt der Abfluss im Strömen.
Da die Druckhöhe in diesen Gleichungen durch die Für die in den Abb. 5.1-71 und 5.1-72 darge-
Wassertiefe ersetzt ist, sind beide Formeln an die stellten Verhältnisse lassen sich die Extremwerte
Voraussetzung paralleler Strombahnen und damit rein formal über die Kurvendiskussion bestimmen.
einer hydrostatischen Druckverteilung gekoppelt. So gilt z. B. für die H-Linie
Die Beziehungen H = H(y) und Q = Q(y) sind
nichtlinear, da in der Querschnittsfläche A auch die dH/dy = 0.
1802 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-71 H-Linie für Q = const Abb. 5.1-72 Q-Linie für H = const

tersuchungen kommt bei der Forderung nach dyna-


mischer Ähnlichkeit der Froude-Zahl als Verhält-
niszahl zwischen den Trägheits- und Schwere-
kräften eine besondere Bedeutung zu.
Dies ist ein Minimum, da Rechnerisch einfach erfassbar ist der Rechteck-
querschnitt mit der Breite b. Da hier die Wassertie-
fe über den Querschnitt konstant ist, kann der Ab-
daraus folgt (5.1.199) fluss Q auf den Abfluss je Breitenmeter bezogen
werden.

Unter Berücksichtigung von dA/dy = b und v = Q/


A ergibt sich ein Ausdruck für die der Grenztiefe
zugeordnete Grenzgeschwindigkeit vc
Aus Gl. (5.1.200) folgt für das Rechteckprofil
(5.1.200)
(5.1.202)

Für jeden Abfluss außerhalb der Grenzverhältnisse Die Grenzgeschwindigkeit für das Rechteckprofil
herrscht eine von der Grenzgeschwindigkeit unter- entspricht der Ausbreitungsgeschwindigkeit klei-
schiedliche Geschwindigkeit. Wird diese Geschwin- ner Störungen.
digkeit zur Grenzgeschwindigkeit ins Verhältnis Wegen q = v·y kann über Gl. (5.1.202) direkt
gesetzt, so erhält man eine dimensionslose Kenn- eine Beziehung zwischen der Grenztiefe und dem
zahl, welche zur Beurteilung herangezogen werden Abfluss pro Breitenmeter hergeleitet werden:
kann, ob ein strömender oder schießender Abfluss
vorliegt. Diese Kennzahl ist die Froude-Zahl
(5.1.203)

(5.1.201) Bereits bei geometrisch einfach beschreibbaren Pro-


filformen wie dem Dreieck, Trapez oder teilgefüllten
Kreis sind wegen der nichtlinearen Beziehungen die
Für die Grenzverhältnisse ist v = vc und deshalb kritischen Größen nicht mehr explizit darstellbar.
Fr = 1. Für den strömenden Abfluss ist v < vc, Behelfen kann man sich bei der Suche nach Lö-
somit wird Fr < 1. Umgekehrt gelten für den schie- sungen, indem Methoden für die Nullstellensuche
ßenden Abfluss v > vc und Fr > 1. Für Modellun- oder graphische Verfahren herangezogen werden.
5.1 Technische Hydraulik 1803

Die Betrachtung des Abflusses unter Grenzver-


hältnissen beruht auf einer Extremwertberechnung
der beiden Funktionen H = H(y) und Q = Q(y). Vo-
raussetzung für die Ableitbarkeit dieser Funktionen
ist ihre Stetigkeit. Eine Übertragung der dabei ge-
wonnenen Erkenntnisse auf Querschnitte, bei denen
z. B. die Querschnittsfläche eine nichtstetige Funk-
tion der Wassertiefe darstellt, ist aus diesem Grund
nicht möglich. Dies ist immer dann der Fall, wenn
der Umfang einen Knick oder Sprung aufweist.
Abb. 5.1-73 Stationär gleichförmige Strömung auf ebener
5.1.10.3 Stationär gleichförmige Bewegung Sohle

Der Begriff der gleichförmigen Bewegung steht für


eine Strömung, die in Fließrichtung keine Beschleu-
nigung erfährt. Die konvektive Beschleunigung
v·˜v/˜x ist neben der lokalen ˜v/˜t gleich Null.
Der Energieplan für die stationär gleichförmige
Gerinneströmung ist denkbar einfach, da der Ver-
lauf des Wasserspiegels das gleiche Gefälle auf-
weist wie die Gerinnesohle und damit auch die
Energielinie.
Die stationär gleichförmige Strömung ist nach
Abb. 5.1-74 Anwendung des Impulssatzes für die gleich-
Abb. 5.1-73 durch die Identität zwischen den hier förmige Gerinneströmung
angeführten Gefällen JE für die Energielinie, JW für
den Wasserspiegel und JS für die Sohle gekenn-
zeichnet: malfall kleinen Fließgeschwindigkeiten verbleibt
allein die Wandreibung längs des benetzten Um-
JE = JW = JS (5.1.204) fangs. Wird hier eine mittlere Wandschubspannung
W0 angenommen, so folgt für die Widerstandskraft
Wegen der unveränderlichen Wassertiefe ergibt
sich als Dgl. für die Spiegellinie FW = W0·U·l .

(5.1.205) Bei gleicher Wassertiefe in den Endquerschnitten


heben sich auch die in Fließrichtung fallenden An-
teile der Druckkräfte gegenseitig auf, sodass bei
Für die gleichförmige Strömung ist die Gesamtbe- Anwendung des Impulssatzes für die gleichförmige
schleunigung Null, sodass nach Abb. 5.1-74 ein Gerinneströmung eine Gleichgewichtsbedingung
Gleichgewicht zwischen Massenkraft und den
Oberflächenkräften herrscht. Wird in Strömungsrich- FG·sin H= FW
tung bilanziert, so ist die für die Bewegung maß-
gebliche Massenkraft die in Fließrichtung wirken- formuliert werden kann. Für die mittlere Wand-
de Hangabtriebskomponente schubspannung folgt daraus

FG·sin H= U·g·A·l·sin H= U·g·A·'er . W0 = U·g·R·JS. (5.1.206)

An Oberflächenkräften sind die Druckkräfte an den Hierbei wurde von der Beziehung JE = JS Gebrauch
freien Rändern und die Widerstandskräfte an den gemacht. In der Flusshydraulik kommt dieser Glei-
Phasentrennflächen anzusetzen. Wegen der im Nor- chung besondere Bedeutung zu, da daraus die sog.
1804 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

„Schleppspannung“ berechnet wird. Sie ist mit der abgeleitet werden, sodass für den vollrauen Be-
mittleren Wandschubspannung identisch. Über einen reich die Geschwindigkeitsformel
Zusammenhang zwischen der mittleren Wandschub-
spannung und der mittleren Fließgeschwindigkeit (5.1.210)
wurde bisher keine Aussage getroffen. Aus den Un-
tersuchungen mit unterschiedlichen Wandrauheiten
in der Rohrhydraulik ist allerdings bekannt, dass im angegeben werden kann. Darin ist das Gefälle J
vollrauen Bereich das Widerstandsverhalten allein bewusst ohne Index aufgeführt, da für die nicht-
durch die Rauheit gesteuert wird, die Zähigkeit und gleichförmige Bewegung das Energieliniengefälle
damit die Reynolds-Zahl also keinen Einfluss mehr anstelle des Sohlengefälles zu verwenden ist.
ausüben. Unter der Annahme Für die Bestimmung des Geschwindigkeitsbei-
wertes C in der Fließformel von Brahms-de Chézy
W0D|v 2 existiert eine Reihe von empirischen Ansätzen.
Noch heute im Gebrauch ist eine Geschwindig-
wird daraus die Geschwindigkeitsformel nach keitsformel, in der im Gegensatz zu Gl. (5.1.207)
Brahms-de Chézy der Einfluss des hydraulischen Radius über eine an-
dere Potenz berücksichtigt wird. Die Potenz 1/2
(5.1.207) wird hierbei durch 2/3 ersetzt. Diese Gleichung ist
im deutschen Sprachraum als Strickler-Formel, im
In der Rohrhydraulik besteht für die mittlere Wand- englischen Sprachraum als Manning-Formel be-
schubspannung W0 und die mittlere Geschwindig- kannt.
keit v im Rohr die Beziehung
(5.1.211)

wobei mit kSt der sog. „Strickler-Beiwert“ bezeich-


Wird berücksichtigt, dass wegen der gleichför- net wird, welcher die Dimension m1/3/s hat. In der
migen Bewegung im Gerinne JE = JS ist, dann kann amerikanischen Literatur ersetzt der Manning-Bei-
eine Beziehung zwischen dem Reibungsbeiwert O wert 1/n den Strickler-Beiwert kSt.
für die Rohrströmung und dem Beiwert C nach
Gl. (5.1.207) hergestellt werden.

Nehmen die Strickler-Beiwerte mit zunehmender


(5.1.208) Rauheit der Gerinnewand ab, so zeigen die n-Wer-
te mit geringer werdenden Rauheiten eine abneh-
C ist der sog. „Geschwindigkeitsbeiwert“, der di- mende Tendenz. Mit Hilfe der Gl. (5.1.207) und
mensionsbehaftet ist. (5.1.211) kann eine direkte Beziehung zwischen
Für den hydraulisch rauen Bereich ist es mög- dem Geschwindigkeitsbeiwert und dem Strickler-
lich, den Geschwindigkeitsbeiwert C direkt durch bzw. Manning-Beiwert in der Form
den Reibungsbeiwert O zu ersetzen. Wegen d = 4·R
ist rs = ks/(4·R) und somit (5.1.212)

abgeleitet werden. Gleichung (5.1.211) wurde aus


Untersuchungen an rauen natürlichen Gerinnen ab-
geleitet. Sie ist aus diesem Grund nicht für die An-
Mit Hilfe von Gl. (5.1.208) kann daraus eine Glei- wendung auf Gerinne mit kleinen Rauheiten wie
chung für den Geschwindigkeitsbeiwert künstliche Kanäle, bei denen die Zähigkeit noch
von Bedeutung ist, gedacht. Eine Zuordnung zwi-
(5.1.209) schen der äquivalenten Sandrauheit und der Wand-
beschaffenheit ist aus Abb. 5.1-75 zu ersehen.
5.1 Technische Hydraulik 1805

Abb. 5.1-75 Äquivalente Sandrauhheiten (nach [Schröder 1990])

Durch die Geschwindigkeitsformel gewinnt der C = f(R,kSt,ks)


hydraulische Radius für das Widerstandsverhalten
überragende Bedeutung. Schwächen des Konzepts ausgedrückt. Diese Gleichung ist i. Allg. explizit
offenbaren sich allerdings in der fehlenden Be- nicht lösbar, da sie eine nichtlineare Beziehung im
rücksichtigung der tatsächlichen Randbedingun- Hinblick auf die gesuchte Wassertiefe darstellt. Sie
gen. Bei turbulenter Strömung geht der Reibungs- ist erfüllt für bestimmte Werte für y, die je nach
eintrag von der festen Berandung aus. Der Impuls- vorgegebenem Sohlengefälle einen Abfluss im
austausch ist entlang der festen Berandung und an Schießen oder Strömen kennzeichnen.
der freien Oberfläche behindert. Nur für kreis- Durch Vergleich der Normalwassertiefe yn mit
ähnliche Querschnitte ist das Konzept des hydrau- der Grenztiefe yc lässt sich feststellen, ob der Nor-
lischen Radius daher sinnvoll, da hier symmet- malabfluss im Strömen oder im Schießen erfolgt:
rische Randbedingungen vorliegen. Für beliebige
Querschnitte ist deshalb die Simulation der Ge- yn > yc: Strömen Fr < 1 ,
schwindigkeitsverteilung über aufwendige Turbu- yn < yc: Schießen Fr > 1 .
lenzmodelle erforderlich.
Unter der Normalwassertiefe wird die Wassertie- Besondere Bedeutung hat diese Kontrolle auf die
fe verstanden, die sich unter vorgegebenen Randbe- Art der Strömung in überdeckten Gerinnen der Ab-
dingungen bei einer gleichförmigen Strömung ein- wasserentsorgung. Diese Problematik wird anhand
stellt. In Verbindung mit der Kontinuitätsbedingung des teilgefüllten Kreisrohres gezeigt. Für das Wi-
nach Gl. (5.1.207) ergibt sich daraus für den Abfluss derstandsverhalten im Kreisrohr gilt zwischen dem
unter der Normalwassertiefe die Beziehung Geschwindigkeitsbeiwert C und dem Reibungsbei-
wert O
(5.1.213)

Je nach dem verwendetem Rauheitsansatz ist darin


der Geschwindigkeitsbeiwert als Funktion des hy-
draulischen Radius mit einem die Sohlenrauheit Unter Bezug auf die Verhältnisse bei Vollfüllung
kennzeichnenden Parameter kann der Abfluss für JE = JS nach Gl. (5.1.179) be-
1806 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

rechnet werden. Im Folgenden wird der Abfluss un-


ter Vollfüllung mit QV bezeichnet. Für den Vergleich
mit den Verhältnissen unter Teilfüllung wird

angesetzt. Nach einer empirischen Beziehung wird


zwischen den Verhältnissen der Geschwindigkeits-
beiwerte und denen der Reibungsbeiwerte eine ein-
fache Abhängigkeit vom hydraulischen Radius zu

(5.1.214)

formuliert, sodass Abb. 5.1-76 Teilfüllungskurven für das Kreisprofil

(5.1.215)
und nach Gl. (5.1.208) mit JS = Jc

Damit können Normalabflüsse unter Teilfüllung


allein durch die Querschnittskennwerte und ent-
sprechende Relativzahlen dargestellt werden.
Mit den heutigen Rechenhilfen sind Teilfül- Im Fall des breiten Rechteckgerinnes gilt R o y,
lungskurven auch ohne die empirische Gl. (5.1.214) sodass sich diese Beziehung zu
direkt unter Verwendung der tatsächlichen Rei-
bungsbeiwerte berechenbar. Der Maximalwert für (5.1.216)
das Verhältnis der hydraulischen Radien R/RV im
Bereich eines Füllungsgrades von 83% führt dazu,
dass beim überdeckten Gerinne im oberen Bereich vereinfacht. Wird noch die bereits mehrfach be-
des Querschnittes Q > QV wird. Somit können in nützte Beziehung zwischen Reibungsbeiwert und
diesem Bereich zusätzliche Lösungen für die Nor- Geschwindigkeitsbeiwert nach Gl. (5.1.208) in
malwassertiefe bei vorgegebenem Q gefunden dieser Gleichung berücksichtigt, dann gilt
werden. In Abb. 5.1-76 sind für das Kreisprofil die
Teilfüllungskurven wiedergegeben, in welchen die
Verhältniswerte Q/QV und v/vV über den Füllungs-
grad aufgetragen sind.
Da die Normalwassertiefe je nach Sohlengefäl-
5.1.10.4 Stationär ungleichförmige
le JS und Rauheit einem Abfluss im Strömen oder
Bewegung
im Schießen zugeordnet werden kann, ist ein Ge-
fälle denkbar, das den Maximalabfluss unter Längs des Gerinnes kommt es auch bei der konti-
Grenzverhältnissen ermöglicht. Für diesen Fall nuierlichen Strömung (˜Q/˜x = 0) zu Verände-
kann dann das Grenzgefälle mit JS = Jc definiert rungen in der Wassertiefe. Für die Beurteilung des
werden, bei dem die Normalwassertiefe der Grenz- Abflusszustands ist es wichtig, den Wasserspiegel-
tiefe yc entspricht. verlauf längs des Gerinnes zu kennen. Dies erfor-
Für den Sonderfall des Rechteckgerinnes ist dert eine Spiegellinienberechnung. Der Spiegelbe-
nach Gl. (5.1.202) rechnung liegt die Integration einer Dgl. in der
Form dy/dx  0 zugrunde, welche bisher im We-
sentlichen auf eine eindimensionale Betrachtung
5.1 Technische Hydraulik 1807

Abb. 5.1-77 Kontrollvolumen für die ungleichförmige Gerinneströmung

der einzelnen Terme der Bernoulli-Gleichung zu- Auf der Grundlage von Gl. (5.1.208) besteht ein
rückgeführt wurde. Als Grundlage für heute ge- Zusammenhang zwischen dem Reibungsgefälle Jr
bräuchliche mehrdimensionale Berechnungen ist und der Wandschubspannung:
dies nicht mehr ausreichend. Die Ableitung der Dgl.
für die Spiegellinie bedingt die Anwendung des Im-
pulssatzes an einem Kontrollvolumen in seiner inte-
gralen Form. Die Wiedergabe der einzelnen Terme
in ihrer differentiellen Veränderung soll die hierbei Eingesetzt und umgestellt entsteht dann
getroffenen Vereinfachungen deutlich machen.
Mit den Bezeichnungen der Abb. 5.1-77 erhält (5.1.217)
man für die Oberflächenkräfte
– die Widerstandskraft FW infolge Wandreibung
Unter der Voraussetzung sehr kleiner Sohlengefäl-
W0·U·ds,
le JS ist dx |ds und cos H= 1. Mit der Identität
– die resultierende Druckkraft U·g·A·dy·cos2 H
und
– für die Volumenkraft die Gewichtskomponente
in Fließrichtung FĜ ·sin H= U·g·A·dz.
Aus diesen Kräften resultiert die Änderung des folgt dann unmittelbar für die Veränderung der
Impulsstromes U·Q·dv, der umgeformt eine Im- Wassertiefe längs des Gerinnes mit
pulsstromänderung
(5.1.218)

ermöglicht. Die Bilanzierung in Strömungsrich- die Dgl. für die Spiegellinie. Hierbei wurde das
tung führt dann zu Reibungsgefälle Jr durch das Energieliniengefälle
JE ersetzt, das auch andere Verluste einschließt.
Bei der Lösung von Gl. (5.1.218) sind berech-
nete Spiegellagen den Randbedingungen anzupas-
sen. Zur Orientierung sind zwei Klassen von Spie-
Eine Division durch die Gewichtskraft des Kontroll- gellinien wichtig:
volumens U·g·A·ds verändert diesen Ausdruck zu
– Normalabfluss im Strömen: JS < Jc (Abb 5.1-78),
– Normalabfluss im Schießen: JS > Jc (Abb. 5.1-79).
1808 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-78 Wasserspiegellagen für strömenden Normal- Abb. 5.1-79 Wasserspiegellagen für den schießenden
abfluss JS < Jc Normalabfluss JS < Jc

Daneben sind selbstverständlich auch Spiegellini- Wegen der Mehrdeutigkeit der die Spiellage be-
enberechnungen für JS = 0 und JS < 0 möglich. In schreibenden Gl. (5.1.218) sind im Gerinne-
natürlichen Gerinnen kann die unregelmäßige Soh- längsschnitt die Stellen ausfindig zu machen, an
le ohnehin nur durch die Angabe von diskreten denen der Wasserspiegel eindeutig bestimmt wer-
Sohlenkoten erfasst werden. den kann. In diesem Zusammenhang ist der Begriff
Drei Bereiche sind im Strömungsfeld der „Kontrollquerschnitt“ zu sehen, bei dem eine ein-
Abb. 5.1-78 durch die sohlenparallelen Geraden deutige Beziehung zwischen Wasserstand und
für y = yn und y = yc definiert. Die in diesen Be- Durchfluss hergestellt werden kann. Als Kontroll-
reichen befindlichen Spiegellagen sind wie folgt querschnitte können herangezogen werden:
charakterisiert:
– Gefällewechsel,
– Abstürze,
y • y n: Staukurve,
– Staueinrichtungen und
y n • y • y c: Senkungskurve,
– Querschnittsänderungen.
y < y c: verzögerter Schussstrahl.
Die Kontrollfunktion im vorstehend dargelegten
Die Wasserspiegellagen für den schießenden Nor- Sinn können diese Querschnitte nur erfüllen, wenn
malabfluss mit JS > Jc sind in Abb. 5.1-79 darge- sie unter allen denkbaren Belastungen rückstaufrei
stellt. Da beim schießenden Abfluss zugleich yn < yc bleiben. Kontrollquerschnitte können nach der
ist, liegt bei den hier wiederum eingezeichneten Aufzählung naturgegeben sein wie der Gefälle-
sohlenparallelen Geraden die Linie für die Grenztie- wechsel oder durch Bauwerke künstlich herbeige-
fe oberhalb derjenigen für die Normalwassertiefe. führt werden. Man spricht dann von „Kontrollbau-
In steilen Gerinnen werden für die drei in werken“. Solche Kontrollbauwerke sind z. B. der
Abb. 5.1-79 gekennzeichneten Bereiche für die Venturi-Kanal mit symmetrischen seitlichen Ein-
einzelnen Wasserspiegellagen die gleichen Be- engungen des Querschnitts zum Erzielen eines
zeichnungen wie beim strömenden Abfluss ver- Fließwechsels vom Strömen zum Schießen oder
wendet. ein Stauwehr, dessen Funktion darin besteht, einen
bestimmten Wasserstand zu halten.
y > y c: Staukurve, Für jeden beliebigen vorgegebenen Gerinne-
y c • y • y n: Senkungskurve, querschnitt sind immer berechenbar:
y < y n: verzögerter Schussstrahl.
– Grenztiefe yc über eine Querschnittsbetrachtung
und
Bei Berechnungen von Wasserspiegellagen ist es
– Normalwassertiefe yn über die Fließformel un-
immer zweckmäßig, anhand des Gerinnelängspro-
ter Verwendung des Sohlengefälles JS.
fils eine Zuordnung der zu erwartenden Spiegel-
lagen in Abhängigkeit der vorliegenden Randbe- Für die Wassertiefe am Gefälleknick, bei dem ober-
dingungen vorzunehmen. strom ein strömender, unterstrom ein schießender
5.1 Technische Hydraulik 1809

Abb. 5.1-80 Rechnerischer Verlauf des Wasserspiegels im Abb. 5.1-81 Wechselsprung mit freier Deckwalze in einem
Bereich eines Gefälleknicks Gerinne mit strömendem Normalabfluss

Abfluss unter Normalabflussbedingungen vorlie- Kontinuität: vL·yL = vR·yR ,


gen würde, weist die Spiegellinie am Gefälleknick Impulssatz: U·q·(vR–vL) = U·q·(yL2–yR2)/2 .
eine vertikale Tangente auf (Abb. 5.1-80). Tatsäch-
lich ist in der Natur hier ein kontinuierlicher Ver- Mit der Einführung der Froude-Zahl FrL für die
lauf des Wasserspiegels zu beobachten, wobei die Wassertiefe oberstrom mit
Wassertiefe am Gefälleknick den berechneten Wert
für die Grenztiefe unterschreitet. Ursache für die-
sen scheinbaren Widerspruch ist die Tatsache, dass
bei der Ableitung von Gl. (5.1.218) eine hydrosta-
tische Druckverteilung und damit parallele Strom- kann daraus eine Beziehung für die Wassertiefe yR
bahnen vorausgesetzt wurden. Die starke Verände- gewonnen werden:
rung des Wasserspiegels im Bereich des Gefälle-
knicks bedingt jedoch gekrümmte Strombahnen.
Eine physikalisch bedingte Unstetigkeit im Was- (5.1.219)
serspiegelverlauf ist durch das Phänomen des
Wechselsprungs gegeben. Ursache hierfür ist, dass Mit Hilfe der Kontinuitätsbedingung und des Im-
ein Übergang vom Schießen zum Strömen nicht pulssatzes ist der Wechselsprung grundsätzlich für
kontinuierlich möglich ist. Dies würde wegen des jede Querschnittsform berechenbar. Die Druck-
Durchlaufens der Grenzverhältnisse einen physi- kräfte und Impulsströme sind in der allgemeingül-
kalisch unmöglichen Energielinienanstieg in Fließ- tigen Darstellung
richtung bedingen. Den Schnitt durch einen Wech-
selsprung mit freier Deckwalze in einem Gerinne- FD = U·g·zS·A
abschnitt mit strömendem Normalabfluss zeigt U·Q·v
Abb. 5.1-81.
Die Berechnung des Wechselsprungs ist das zu formulieren.
klassische Beispiel für die Anwendung des Im- Beim Abfluss im Schießen ist die Ausbreitungs-
pulssatzes, bei dem bekanntlich die komplexen geschwindigkeit einer Störung kleiner als die
Vorgänge im Inneren des Strömungsfeldes nicht Fließgeschwindigkeit. Deshalb können sich Stö-
bekannt sein müssen, wenn die Verhältnisse an den rungen nicht nach oberstrom ausbreiten. Bei der
freien Rändern des Kontrollvolumens ausreichend Spiegellagenberechnung auf der Grundlage von
beschrieben werden können. Nachstehend wird Gl. (5.1.218) ist daher auch die Festlegung der Be-
diese Berechnung für den ebenen Wechselsprung rechnungsrichtung nach Abb. 5.1-82 zu beachten.
in einem Rechteckgerinne mit horizontaler Sohle Die Integration der Gleichung unter Annahme ei-
durchgeführt. Dabei sind die betrachteten Größen ner eindimensionalen Strömung wird zwischen
auf die freien Ränder links (L) und rechts (R) ent- diskreten Punkten eines Gerinneabschnitts ab-
sprechend Abb. 5.1-81 bezogen. schnittsweise vorgenommen.
1810 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-82 Vorgabe der Berechungsrichtung in Abhän- Abb. 5.1-83 Berechungsabschnitt nach dem Böß-Verfahren
gigkeit von der Fr-Zahl

Die abschnittsweise Berechnung ist als Böß-


Beispiel 5.1-8:
Verfahren bekannt und beruht auf der Annahme
Ausgangsdaten: Q, ’WR, ’SR, AR, Rauheit
eines Wasserspiegelgefälles 'h/'x bei einer vorge-
Startwerte: vR = Q/AR, yR
gebenen Abschnittslänge 'x. Die Kontrolle der
Annahme: 'h.
Annahme erfolgt durch eine Nachberechnung mit
Energiehöhenvergleich. Dieser lautet an einem Berechnung:
vorgegebenen Abschnitt, in dem die Berechnungs-
richtung entgegen der Strömungsrichtung für Mittelbildung für die Berechnung von 'er:
Fr < 1 angegeben ist (Abb. 5.1-83),

Bestimmung des Geschwindigkeitsbeiwertes aus


Rm und der Rauheitsangabe (empirisch) oder über
'e = 'z+'y+'k = 'h+'k die relative Rauheit (künstliches Gerinne):
mit 'y = yL–yR.

Der angenommene Unterschied 'h in der Wasser- Berechnung des Energieliniengefälles:


spiegellage stimmt dann mit den tatsächlichen Ver-
hältnissen überein, wenn

'h = 'e–'k. (5.1.220)

Treten im Berechnungsabschnitt nur Reibungsver-


Berechnung von
luste auf, so ist 'e = 'er.

Berechnung

Gegebenenfalls muss eine Verbesserung von 'h


zur Abstimmung führen.

(5.1.221) Der eindimensionalen abschnittsweisen Berech-


nung sind enge Grenzen gesetzt. Dies beginnt mit
Der Gang der Berechnung im Einzelnen ist nach- unterschiedlichen Rauheiten des Gerinneumfangs
stehend wiedergegeben. Zugleich wird damit die und wird bei gegliederten Querschnitten verstärkt.
Grundlage für eine numerische Berechnung ge- Deshalb wurde immer wieder versucht, Verbesse-
zeigt. rungen vorzunehmen. So werden den verschie-
denen Rauheitsbereichen Einflussflächen zugeord-
5.1 Technische Hydraulik 1811

Abb. 5.1-84 Sekundärströmungen und Verteilung der axialen Fließgeschwindigkeiten in einem gegliederten Quer-
schnitt

net, deren Abgrenzungen im Querschnitt schub- 5.1.10.5 Zusätzliche Einflüsse auf die
spannungsfrei bleiben müssen. Die Beeinflussung Wasserspiegellage
zwischen Flussschlauch und Vorland wird durch Bei den Verlustansätzen wurden bisher nur die
die Einführung von Trennflächen simuliert, die bei Reibungsverluste infolge der Wandschubspannung
der Berechnung des Abflusses im Flussschlauch längs des benetzten Umfangs berücksichtigt. Für
mit einer hohen Rauheit belegt werden. Nähere die ungleichförmige Strömung wurde dabei das
Angaben zu diesem Verfahren sind im DVWK- Reibungsgefälle in Anlehnung an das Fließgesetz
Merkblatt 220 festgehalten. Inzwischen ist es mög- für die gleichförmige Bewegung formuliert. Jede
lich, mit Hilfe von Turbulenzmodellen die Ge- Veränderung in der Gerinnegeometrie hat Rück-
schwindigkeitsverteilung in beliebigen Querschnit- wirkungen auf das Geschwindigkeitsprofil. Des-
ten über die Simulation der Sekundärströmungen wegen sind auch in der Gerinnehydraulik zusätz-
[Kölling 1995] sehr genau zu berechnen. Als Bei- liche Verluste anzusetzen, welche die Abwei-
spiel sind in Abb. 5.1-84 die Sekundärströmung chungen gegenüber dem Normalabflusszustand
und die Isotachen für die Axialgeschwindigkeiten ausdrücken. Wie in der Rohrhydraulik sind hierfür
wiedergegeben. geeignete Verlustbeiwerte zu wählen. Richtungsän-
Die Grenze der eindimensionalen Berechnung ist derungen führen zu Verformungen der freien Ober-
endgültig erreicht, wenn bei hohen Abflüssen der fläche, die bei strömendem Abfluss eine Wasser-
Stromstrich aus dem Flussschlauch in den Bereich spiegelanhebung an der Krümmeraußenseite be-
der Vorländer ausweicht. Für diese Fälle kann eine wirken. Sohlennah kommt es zu einer Sekundär-
zuverlässige Berechnung des Wasserspiegelverlaufs strömung in Richtung Krümmungsmittelpunkt
nur durch die numerische Simulation mit Hilfe eines (Abb. 5.1-85).
tiefengemittelten 2D-Modells vorgenommen wer- Bei schießendem Abfluss kann es durch Diskon-
den [Ammer 1998]. Die Entwicklung führt in Ge- tinuitäten an der Berandung oder infolge anderer
rinneabschnitten, bei denen die Annahme der hy- Störungsquellen zur Ausbildung von stehenden
drostatischen Druckverteilung nicht mehr gerecht- Wellen kommen. Die Ursache dafür liegt im Me-
fertigt ist, zu 3D-Modellen, welche nicht an diese chanismus der Ausbreitung von Störungen im
Voraussetzung gebunden sind [Bürgisser 1999]. Schussstrahl.
1812 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.1-85 Wasserspiegellage und Sekundärströmungen


im Krümmungsbereich

Eine punktförmige Störung löst grundsätzlich


kreisförmige Wellen aus, die sich mit einer Wel-
lenausbreitungsgeschwindigkeit

(5.1.222)

ausbreiten. Diese Geschwindigkeit überlagert sich


mit der Fließgeschwindigkeit v, wobei im Schießen Abb. 5.1-86 Stau- und Sunkwellen infolge von Diskonti-
c < v gilt, weswegen sich eine Störung nicht nach nuitäten der Gerinnewand für Fr > 1
oberstrom ausbreiten kann. Sofern die Störung statio-
nären Charakter hat, führt der Mechanismus auf die und den Wassertiefen
Ausbildung einer geradlinigen Wellenfront. Modell-
haft kann sie als Umhüllende der sich ausbreitenden (5.1.224)
kreisförmigen Wellen gedeutet werden.
Der Ausbreitungswinkel E der Wellenfront er-
gibt sich in Abhängigkeit von der Fließgeschwin- berechnet. Das schlagartige Entstehen einer Wel-
digkeit v und der Ausbreitungsgeschwindigkeit c lenfront weist Ähnlichkeiten zum gewöhnlichen
für einen Rechteckquerschnitt zu Wechselsprung auf und wird aufgrund des Verlaufs
der Wellenfront als „schräger Wechselsprung“ be-
(5.1.223) zeichnet. Für den Ausbreitungswinkel E der Wel-
lenfront gilt

Im Gegensatz zu Störungswellen sind Stau- und (5.1.225)


Sunkwellen durch Änderungen der Fließtiefe,
-richtung und -geschwindigkeit gekennzeichnet.
Die sich einstellende Wellenfront (WF) trennt ein- In Gerinnen mit gekrümmten Berandungen entste-
deutig zwei unterschiedliche Fließzustände. Stau- hen Stoßwellen als Interferenzbild von Stau- und
und Sunkwellen werden durch erzwungene Um- Sunkwellen. Der rechnerische Zugang erfolgt
lenkungen der Strömung verursacht, die beispiels- durch das Auffassen der Wand als Polygonzug mit
weise an Diskontinuitäten im Wandverlauf auftre- anschließender Diskretisierung. Je nach Ablen-
ten (Abb. 5.1-86). kungswinkel entstehen dabei in jedem Polygon-
Aus den bekannten Größen y1 und v1 vor der punkt Stau- oder Sunkwellen.
Störung wird der Fließzustand unterstrom der Wel- Beim Abfluss mit hohen Geschwindigkeiten,
lenfront mit der Geschwindigkeit v2 und der Fließ- wie er in Schussrinnen oder in steil geneigten Rohr-
tiefe y2 mit Hilfe von Kontinuitätsbedingung und leitungen mit Freispiegelabfluss bei Regenwas-
Impulssatz über eine Beziehung zwischen den Ge- serentlastungen vorkommt, wird Luft im Bereich
schwindigkeiten v1 und v2 der Oberfläche eingetragen und eine Grenzschicht
gebildet, die von der gasförmigen Phase eingeleitet
wird. Dabei bewirkt die geringere Dichte des Was-
ser-Luft-Gemisches eine Zunahme der Fließtiefe.
5.1 Technische Hydraulik 1813

5.1.10.6 Diskontinuierliche Strömung


Anwendungsfälle sind Sammel- und Verteiler-
rinnen, wie sie z. B. auf jeder Abwasserreinigungs-
anlage vorkommen. In natürlichen Gerinnen ist die
Beeinflussung der Oberflächenströmung durch den
Grundwasserstrom zu beachten. Grundsätzlich
gelten für diese Art von Strömung

Der Impulssatz ist hier anzuwenden, da durch den Abb. 5.1-87 Diskontinuierliche Strömung bei senkrech-
seitlichen Zu- bzw. Abfluss die Kraftwirkung auch tem Zufluss
senkrecht zu Transportrichtung im Hauptgerinne
betrachtet werden muss. Wird der seitliche Zufluss
mit dQ bezeichnet, so gilt für den Sonderfall der
senkrechten Zuströmung für den Impulsstrom in x-
Richtung mit den Bezeichnungen von Abb. 5.1-87
nimmt für die diskontinuierliche die Form

(5.1.226)

an. Nach einigen Umformungen ergibt sich daraus


für die Dgl. der Spiegellinie
Hierbei sind wegen der Kontinuitätsbedingung

(5.1.228)

In dieser Gleichung sind die Größen v, A und Fr für


Nach Division durch die Gewichtskraft des be- die mittleren Verhältnisse im Abschnitt anzuset-
trachteten Bereichs wird zen. Die Gleichung gilt in gleicher Weise auch für
den seitlichen Abfluss, wegen der Kontinuitätsbe-
dingung ist dann allerdings

–dQ = Qi+1–Qi .

Wegen dQ/dx z0 ist die Änderung der Geschwindig- Ähnlich wie die Dgl. der Spiegellinie für die kon-
keitshöhe zwischen den betrachteten Querschnitten tinuierliche Strömung kann Gl. (5.1.228) durch ab-
schnittsweise Berechnung oder numerische In-
tegration (z. B. Runge-Kutta-Verfahren) gelöst
werden.
(5.1.227)
5.1.10.7 Instationäre Gerinneströmung
Wegen der zeitlichen Veränderlichkeit von y=y(x,t)
Die differentielle Form des Impulssatzes für die und v=v(x,t) sind die lokale Beschleunigung ˜v/˜t
kontinuierliche Strömung in der Bewegungsgleichung und ˜y/˜t in der Kon-
1814 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

tinuitätsbedingung zu beachten. Bei den praxisre- wegungen jede Störung im System mit der Wellen-
levanten Fällen kann je nach Art der Veränderung ausbreitungsgeschwindigkeit fortpflanzt.
dieser Größen in sprunghafte und allmähliche Än- Für die Berechnung in natürlichen Gerinnen ist
derungen untergliedert werden. Wegen der freien die eindimensionale Beschreibung nicht ausrei-
Oberfläche ist bei der instationären Strömung nicht chend. Hier wird auf die Flachwassergleichungen
nur v = v(x,t), sondern auch die Querschnittsfläche zurückgegriffen, in welchen die zweidimensionale
A = A(x,y,t). Strömung für tiefengemittelte Horizontalgeschwin-
Grundgleichungen sind wie immer am Volu- digkeiten formuliert ist. Auf diese Weise können
menelement abzuleiten. Auch hier bilden die Kon- unter Vernachlässigung der Vertikalgeschwindig-
tinuitätsbedingung und der Impulssatz die Grund- keit die unvermeidlichen Querbewegungen beim
gleichungen zur Beschreibung der instationären Ausufern berücksichtigt werden. Auf die Weiter-
Strömung mit freier Oberfläche. Als Kontrollvolu- entwicklung zur 3D-Anwendung wurde bereits
men wird ein Gerinneabschnitt betrachtet, dessen 5.1.10.5 hingewiesen.
Wasserspiegellage sich in Abhängigkeit von der Beispiele für plötzliche Veränderungen der
Zeit verändert. Für die Querschnittsfläche gilt da- Wasserspiegellage sind Schwall- und Sunkerschei-
her A = A(x,y(x,t)). In der Kontinuitätsbedingung nungen in Stauhaltungen und die Dammbruchwel-
für die kontinuierliche Strömung le. Bei einer Durchflusserhöhung in einem Fluss-
kraftwerk entstehen oberstrom ein Entnahmesunk
(5.1.229) und unterstrom ein Füllschwall. Für die Dimensio-
nierung sind Vorausberechnungen der dabei zu er-
wartenden Änderungen der Spiegellagen und de-
sind wegen Q = v·A die zusätzlichen partiellen ren zeitlicher Verlauf wichtig. Wird mit c die Fort-
Ableitungen zu beachten. pflanzungsgeschwindigkeit der Störung im Was-
Beim Impulssatz taucht im Term für den Im- serspiegel bezeichnet, so gilt
pulsstrom zusätzlich die lokale Beschleunigung
auf, während beim Ansatz der Volumen- und Ober-
flächenkräfte keine Änderungen gegenüber der un- (5.1.231)
gleichförmigen Bewegung vorzunehmen sind. So-
mit wird
wobei vo und Ao auf die Verhältnisse vor der Stö-
(5.1.230) rung bezogen sind, s die Höhe der Diskontinuität
bedeutet und b die zugehörige mittlere Wasserspie-
gelbreite im Bereich der Störung darstellt. Bezo-
Für die diskontinuierliche Strömung sind in den gen auf die Veränderung des Durchflusses 'Q gilt
beiden vorgenannten Gleichungen die bereits be- für die Größe der Störung
kannten Zusatzterme mit aufzunehmen. Die Kom-
bination der Gln. (5.1.229) und (5.1.230) sind als
St.-Venant’sche Dgln. bekannt. Numerische Ver-
fahren und moderne Rechner ermöglichen inzwi-
schen die Lösung dieses Dgl.-Systems. Da die Diese erreicht ein Maximum bei einem vollständi-
Grundgleichungen der Hydromechanik zugrunde gen Abschluss. Die Höhe des dabei zu beobachten-
liegen, wird hierbei von „hydrodynamischen Mo- den Füllschwalls ist
dellen“ gesprochen. Letztlich beschreiben die
St. Vernant’schen Gleichungen einen eindimensio-
nalen Strömungsvorgang. Eine Anwendung ist nur (5.1.232)
in künstlichen Gerinnen wie dem Abfluss in
Entwässerungsleitungen näherungsweise gegeben.
Aber selbst hier bereitet die numerische Aufberei- Über größere Entfernungen löst sich der Schwallkopf
tung Schwierigkeiten, da sich bei instationären Be- allerdings in Einzelwellen auf.
5.1 Technische Hydraulik 1815

Bei der Dammbruchwelle muss für die Berech- Die Simulationserfolge nehmen ab mit kleiner
nung der Störungen nach oberstrom und unter- werdenden Geschwindigkeiten bei großräumigen
strom eine Annahme über die Größe der zu erwar- Strömungsfeldern. Dabei auftretende Phänomene
tenden Bresche getroffen werden. Eindeutige Ver- können nicht mehr stationär behandelt werden, da
hältnisse liegen bei der Vorgabe einer vollständigen beim Zerfall von Wirbelstrukturen in diesen Strö-
plötzlichen Entfernung einer Stauwand vor. Dabei mungsfeldern auch der Zufallsanteil zu simulie-
muss das die Sperrenstelle durchströmende Volu- ren ist. Ein Beispiel hierfür sind die überaus kom-
men durch eine nach oberstrom laufende Sunkwel- plexen Strömungsstrukturen, welche unter Betei-
le freigesetzt werden. An der Sperrenstelle ist unter ligung mehrerer Phasen in Nachklärbecken zu
diesen Voraussetzungen eine maximale Absenkung beobachten sind. Hier gewinnt für künftige Ent-
des Wasserspiegels beim Ausfluss aus großen Stau- wicklungen der Einsatz von Feldmessmethoden
haltungen von zunehmend an Bedeutung. Strömungssonden auf
der Basis der Ultraschallmessung erlauben heute
(5.1.233) detaillierte Aussagen über Strömungsstrukturen
auch bei kleinen mittleren Fließgeschwindig-
keiten.
zu beobachten. Der zugehörige Ausfluss ist Die weitere Entwicklung auch der Nume-
rischen Modelle wird davon abhängen, wie stark
(5.1.234) durch die Fortentwicklung der physikalischen
Grundlagen des Strömungsgeschehens auch eine
gesicherte Basis für deren Simulation geschaffen
werden kann. Physikalische Modelle und Feldmes-
5.1.11 Physikalische und Numerische sungen werden zur Anpassung der Simulation an
Modelle die Wirklichkeit diese Entwicklung noch lange be-
gleiten. Auch in Zukunft wird die komplexe Struk-
Trotz der stürmischen Entwicklung der rechen- tur turbulenter Strömungen noch manche Hürde
technischen Möglichkeiten und der damit verbun- auf dem langen Weg zu deren numerischer Simula-
denen permanenten Verbesserung der Aussagefä- tion darstellen.
higkeit von Numerischen Modellen ist das Physi-
kalische Modell nach wie eine Standardmethode Abkürzungen zu 5.1
für die Behandlung schwieriger strömungstech- BHRA British Hydromechanics Research Asso-
nische Fragestellungen. Eine hervorragende Ab- ciation
bildung der realen Vorgänge wird z. B. bei der BS British Standards
Simulation Druckstoßerscheinungen in Druck- Dgl. Differentialgleichung
rohrsystemen unter der Annahme einer eindimen- DVWK Deutsche Verband für Wasserwirtschaft
sionalen Strömung erreicht. Auch die Simulation und Kulturbau e.V.
von Grundwasserströmungen ist wegen des line- OW Oberwasser
aren Widerstandsverhaltens der Strömung von der UW Unterwasser
Hydraulik her unproblematisch. Erfolgreiche Si- WF Wellenfront
mulationen bedingen allerdings umfassende In- WS Wassersäule
formationen über die hydrologischen und geo-
hydraulischen Randbedingungen. Bei der Gerin- Literaturverzeichnis Kap. 5.1
neströmung wurde bereits auf den Einsatz von
Ammer M, Lerch A (1998) Wasserspiegellagenberechnung
mehrdimensionalen Strömungsmodellen hinge-
mit einem 2D-Fließgewässermodell bei komplizierten
wiesen. Gegenwärtige Entwicklungen lassen ver- Fluss-Vorland-Bedingungen. Wasserwirtschaft 88 (1998)
muten, dass in wenigen Jahren bereichsweise pp 500–505
auch 3D-Simulationen, z. B. im Bereich von Bürgisser M (1999) Numerische Simulation der freien
Kontrollquerschnitten, diese Modelle ergänzen Wasseroberfläche bei Ingenieurbauten. Mitteilungen
werden. VAW der ETH Zürich Nr. 162
1816 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Colebrook CF (1938/1939) Turbulent flow in pipes with 5.2 Hydrologie und


particular reference to the transition region bdtween the Wasserwirtschaft
smooth and rough pipe law. J. Inst. Civ. Eng. 11
(1938/39) pp 133–156 Andreas Schumann, Gert A. Schultz
Evangelisti G (1969) Water hammer analysis by the me-
thod of characteristics. L’Energia Elletrica 46 (1969) pp 5.2.1 Hydrologie
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Kobus H, Kinzelbach W (1989) Contaminant transport in 5.2.1.1 Einleitung
groundwater. Balkema, Rotterdam
Kölling C, Valentin F (1995) SIMK-Durchflussmessungen. Nach DIN 4049 bezeichnet der Begriff „Hydrolo-
Wasserwirtschaft 85 (1995) pp 494–499 gie“ die Wissenschaft vom Wasser, seinen Eigen-
Kraatz W (1989) Flüssigkeitsstrahlen. In: Bollrich G (Hrsg) schaften und seinen Erscheinungsformen auf und
Technische Hydromechanik. Bd 2. VEB Verlag für unter der Landoberfläche. Die Aufgabe der Hydro-
Bauwesen, Berlin, pp 237–323 logie im Bereich des Bauingenieurwesens besteht
Miller DS (1990) Internal flow systems. 2. Edn. BHRA,
darin, die Bemessungs- und Bestimmungsgrößen
Cranfield
bereitzustellen, die für die Planung und den Betrieb
Preißler G, Bollrich A (1992) Technische Hydromechanik.
Bd. 1: Grundlagen. 3. Aufl. Verlag für Bauwesen, wasserwirtschaftlicher Anlagen und Bauwerke in,
Berlin an oder über den Gewässern benötigt werden. Die
Rinaldi P (2003) Über das Verhalten turbulenter Freistrah- Hydrologie ist eine angewandte Wissenschaft, die
len im begrenzten Raum. Mitteilungen Hydraulik und dem Gebiet der Geophysik zugerechnet wird.
Gewässerkunde der TU München Nr. 71 Die räumliche und zeitliche Verteilung des Was-
Rouse H (1950) Engineering hydraulics. John Wiley & sers wird vom Wasserkreislauf der Erde bestimmt.
Sons, New York Als periodischer, von der Sonne angetriebener
Schlichting H (1965) Grenzschichttheorie. 5. Aufl. Braun, Prozess führt die Verdunstung von der Erdoberflä-
Karlsruhe
che der Atmosphäre Wasser zu, das in dieser über
Schröder RCM (1990) Hydraulische Methoden zur Erfas-
sung von Rauheiten. DVWK-Schrift Nr. 92. Parey, mehr oder weniger große Entfernungen transpor-
Hamburg tiert wird und dann als Niederschlag auf die Erd-
Spitz K (1980) Ein Beitrag zur Bemessung der engeren oberfläche zurückfällt, dort erneut verdunstet oder
Schutzzone in Porengrundwasserleitern. Wasserwirt- nach zwischenzeitlicher Speicherung als Abfluss
schaft 70 (1980) pp 365–369 zurück in die Ozeane fließt. Die langfristige Was-
Spurk J (1996) Strömungslehre. 4. Aufl. Springer, Berlin/ serhaushaltsbilanz der Kontinente lautet somit
Heidelberg/New York
Valentin F (1997) Widerstandsverhalten der diskontinuier- Niederschlag = Abfluss + Verdunstung.
lichen Strömung – Beispiel Tauchrohr. Wasserwirtschaft
Bei der Betrachtung einer Zeitspanne und eines
87 (1997) pp 448–453
Gebiets (z. B. eines Jahres und eines Flussgebiets)
Normen, Merkblätter ist die zeitliche Speicherung zu berücksichtigen:
BS 3680: Methods of measurement of flow in open chan- Niederschlag = Abfluss + Verdunstung
nels. Part 4: Weirs and flumes. 4A: Thin plate weirs and r Speicherung.
venturi flumes (1965)
DIN 4044: Hydromechanik im Wasserbau; Begriffe (5.2.1)
(Juli/1980)
DIN 19700-10: Stauanlagen; Gemeinsame Festlegungen Die Speicherung kann dabei unterirdisch im
(Januar/1986) Grundwasser, als Bodenfeuchte oder oberirdisch
DVWK-Merkblatt 220: Hydraulische Berechnung von in Seen, Talsperren, Flüssen, als Schnee oder Eis
Fließgewässern. DVWK, Bonn (1991) und in den Pflanzen erfolgen.
Die mittlere jährliche Wasserhaushaltsbilanz
Deutschlands wird im Hydrologischen Atlas
Deutschlands (HAD 2003) wie folgt charakteri-
siert: der mittlere Niederschlag beträgt N=859 mm/
Jahr, der Abfluss Q=327 mm/Jahr und die Ver-
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1817

dunstung 532 mm/Jahr. Etwa 71% der Verduns- Luftmassen zum Aufsteigen gezwungen sind
tung in Deutschland ist durch die Transpiration der (Gewitter).
Pflanzen bedingt [Keller 1978]. – Konvektive Niederschläge entstehen durch auf-
steigende, erwärmte Luft in einer kälteren, dich-
teren Umgebung und sind durch begrenzte Flä-
5.2.1.2 Komponenten des Wasserhaushalts
chenausdehnung, hohe Intensität und kurze Dau-
und ihre Messung
er gekennzeichnet (Gewitter).
Niederschlag
Als Niederschlag werden die verschiedenen For- Niederschlagsmessung. Niederschlag wird punkt-
men des atmosphärischen Wassers bezeichnet, die förmig mit standardisierten Auffanggeräten gemes-
auf die Erdoberfläche fallen bzw. auf dieser kon- sen. In Deutschland wird der Niederschlagsmesser
densieren. Es kann zwischen fallendem Nieder- nach Hellmann mit einer Auffangfläche von 200 cm2
schlag (in flüssigem Aggregatzustand als Regen, in einer Auffanghöhe von 1 m über Gelände verwen-
in fester Form als Schnee, Graupel oder Hagel) det. Die Messung erfolgt in mm Niederschlagshöhe
und zwischen abgesetztem Niederschlag (flüssig (1 mm entspricht 1 Liter pro m2). Registrierende
als Tau oder Nebelniederschlag, fest als Reif, Niederschlagsmesser (z. B. der nach dem Heber-
Glatteis oder Nebelfrost) unterschieden werden. prinzip arbeitende Niederschlagsschreiber nach Hell-
Niederschlag entsteht im Ergebnis der Konden- mann und Niederschlagsregistriergeräte auf der
sation des in der Atmosphäre enthaltenen Wasser- Grundlage der Kippwaage oder der elektronischen
dampfes. Mit abnehmender Lufttemperatur erhöht Wägung) ermöglichen eine Erhöhung der zeitlichen
sich die relative Luftfeuchte. Falls der absolute Auflösung. Für die Auswertung sind Zeitintervalle
Wassergehalt der Luft seinen Maximalwert erreicht von 5 Minuten an sinnvoll.
und Kondensationskerne vorhanden sind, kommt Fehler der Niederschlagsmessung ergeben sich
es zur Tropfenbildung. Nach ihrer Bildung fallen aus dem Windeinfluss, der zur Minderung der in
die Wassertropfen unter Wirkung der Gravitation das Auffanggefäß gelangten Niederschlagsmenge
auf die Erdoberfläche. Die Abkühlung der Luft ist führt, den Benetzungsverlusten des Auffangtrich-
i. d. R. durch die Druckabnahme aufsteigender Luft ters, die ebenfalls den gemessenen Niederschlag
mit der Höhe bedingt (adiabatische Abkühlung). verringern, und in geringerem Maße durch die Ver-
Entsprechend den drei verschiedenen Formen der dunstungsverluste aus der Sammelkanne. Der Ge-
adiabatischen Abkühlung sind folgende Nieder- samtfehler der Niederschlagsmessung – zu geringe
schlagsformen zu unterscheiden: Messwerte – liegt in Deutschland in der Größen-
ordnung von 10%, er variiert aber zwischen ver-
– Frontenniederschläge entstehen bei zyklonaler schiedenen Standorten der Niederschlagsmessge-
Abkühlung durch Konvergenz im Zentrum von räte sowie saisonal stark. Für Schnee kann der
Tiefdruckgebieten und bei Aufgleitvorgängen an Messfehler infolge der Windverfrachtung an freien
Luftmassengrenzen unterschiedlicher Tempera- Stationen etwa 30% betragen. Im Sommer ist da-
tur (Kalt- oder Warmfronten). Hinsichtlich der gegen mit etwa 12% zu rechnen. Details zur Nie-
Niederschlagsbildung weisen Warm- und Kalt- derschlagskorrektur finden sich im ATV-DVWK
fronten Unterschiede auf. Warmfronten bewirken Merkblatt M-504, [ATV-DVWK 2002]. Bei Ver-
durch das Aufgleiten der warmen Luftmassen wendung von langjährigen Niederschlagsreihen soll-
auf kalte Luft ihre Abkühlung und damit groß- te ein Stationaritätstest durchgeführt werden.
räumige, gleichmäßige Niederschläge (Landre- Die Niederschlagshöhe bezeichnet die Nieder-
gen). Kaltfronten zwingen dagegen warme Luft schlagsmenge, die in einem betrachteten Zeitab-
zum Aufsteigen. Sie haben eine höhere Zugge- schnitt gefallen ist. Sie wird meist in mm pro Tag
schwindigkeit, was i. Allg. zu wesentlich höheren angegeben, wobei der Tag nicht dem Kalendertag,
Niederschlagsintensitäten als bei Warmfronten sondern dem Zeitraum zwischen zwei Ablesungen
führt. im Abstand von 24 Stunden entspricht. Die Nieder-
– Orographische Niederschläge entstehen im Stau schlagsintensität ist der Quotient aus der Nieder-
an der Luvseite von Gebirgen, an denen feuchte schlagsmenge und der Niederschlagsdauer (Angabe
1818 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

meist in mm pro Stunde). Die Niederschlagsdauer


bezeichnet die Zeit, die ein Niederschlagsereignis bis
zur nächsten Unterbrechung andauert.
Wasserwirtschaftlich werden hauptsächlich Ge-
bietsniederschläge, d. h. auf die Fläche (z. B. eines
Einzugsgebiets) bezogene Niederschlagswerte be-
nötigt. Gebietsniederschläge werden für vorgege-
bene Zeitintervalle (z. B. Stunden, Tag) als Flä- Abb. 5.2-1 Gebietsniederschlag mit Thiessen-Polygonver-
chenmittel aus den punktförmig vorliegenden Sta- fahren
tionswerten berechnet. Nur bei kleinen Einzugsge-
bieten (” 10 km2) kann ein Stationswert als Wert von m (m>1) bedingt ein geringes Gewicht
Gebietsniederschlag betrachtet werden. Eine arith- entfernter Stationen. Der Gebietsniederschlag ergibt
metische Mittelbildung ist nur in ebenem Gelände sich dann durch arithmetische Mittelbildung der be-
und bei gleichmäßiger Verteilung der Nieder- rechneten Werte aller Gitterpunkte. Neben den dis-
schlagsmessstellen sowie des Niederschlags über tanzabhängigen Verfahren werden zunehmend geo-
das betrachtete Gebiet möglich. statistische Ansätze, insbesondere das Kriging-Ver-
Das Thiessen-Polygon-Verfahren beruht auf ei- fahren, zur Ermittlung räumlich verteilter Nieder-
ner einfachen geometrischen Gebietsaufteilung, schlagswerte aus Punktmessungen genutzt.
bei der jedem Punkt des Einzugsgebietes der Nie- Für Planungszwecke werden Starkniederschläge
derschlag der jeweils nächsten Station zugewiesen mit statistischer Zuordnung über die Eintrittswahr-
wird. Um die repräsentative Fläche für jede Nie- scheinlichkeit benötigt. Dabei ist die Abhängigkeit
derschlagsstation zu ermitteln, werden die Statio- zwischen Niederschlagsmenge N und -dauer zu
nen gradlinig verbunden und die Mittelsenkrechten berücksichtigen. Bei der statistischen Auswertung
auf diesen Verbindungslinien errichtet, die um jede werden für gewählte Dauerstufen (üblicherweise
Station ein Polygon bilden (Abb. 5.2-1). zwischen 5 Minuten und 72 Stunden) die Jahres-
Der vom jeweiligen Polygon bestimmte Anteil und Halbjahresmaxima der Niederschlagshöhe be-
der Fläche am betrachteten Gebiet Ai/AE entspricht trachtet und durch Überschreitungshäufigkeiten
dem Gewicht der Station i bei der Mittelbildung: charakterisiert. Im Ergebnis des vom Deutschen
Wetterdienst bearbeiteten Projekts „Koordinierte
(5.2.2) Starkniederschlagsregionalisierung (KOSTRA)“
wurden für die Bundesrepublik Deutschland (alte
und neue Bundesländer) flächendeckend regio-
Um gemessene Stationsniederschläge rasterbasiert nalisierte Starkniederschlagshöhen mit statisti-
(z. B. bei der Wasserhaushaltsmodellierung auf scher Charakterisierung als Karten im Maßstab
GIS-Basis) über die Fläche zu interpolieren, kön- 1:2,5 Mio. veröffentlicht [DWD 1997]. Die einzel-
nen die Niederschlagswerte in den Knotenpunkten nen Niederschlagswerte sind jeweils einem von
dieses Rasters aus den jeweils umliegenden Stati- 5343 Rasterfeldern mit Flächen von je 71,5 km2
onswerten unter Verwendung der euklidischen zugeordnet. Seit 2006 ist eine aktualisierte, nun-
Distanzwerte zur entfernungsbezogenen Wichtung mehr auf den Beobachtungszeitraum 1951 bis 2000
ermittelt werden: bezogene Version in Form einer digitalen Daten-
bank (Kostra-DWD 2000) verfügbar, die Starkre-
gen mit Dauerstufen zwischen 5 Minuten und 72
Stunden und statistischen Wiederkehrintervallen
(5.2.3) zwischen 0,5 und 100 Jahren ausweist.
Schnee als eine besondere Niederschlagsform
hat eine erhebliche wasserwirtschaftliche Bedeu-
tung. Er beeinflusst den Wasserhaushalt eines Ein-
Durch den Exponenten m wird die Distanzabhän- zugsgebietes über die Wasserspeicherung im Win-
gigkeit des Niederschlages variiert. Ein höherer terhalbjahr und die mehr oder weniger kurzfristige
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1819

Freisetzung dieses Wasservorrats bei der Schnee- querschnitt in der Zeiteinheit durchfließt und einem
schmelze im Frühjahr. Die Schneeschmelze kann zur Einzugsgebiet zugeordnet ist. Der Abfluss Q an
Hochwasserentstehung führen, füllt aber i. d. R. einem Gewässerquerschnitt wird indirekt über das
auch den Grundwasserspeicher auf, was zur Ver- Produkt aus durchflossener Fläche A und mittlerer
gleichmäßigung des Abflusses in den Folgemona- Fließgeschwindigkeit vm ermittelt. Das Wasservolu-
ten führt. Schnee besteht aus einer Mischung aus men oder die Abflussmenge Q pro Zeiteinheit (An-
Eiskristallen (10 bis 40 Vol.%), Luft (60 bis gabe in m3/s oder l/s) berechnet sich zu
90 Vol.%) und Wasser (0 bis 30 Vol.%).
(5.2.5)
Der Zustand der Schneedecke lässt sich mit fol-
genden Messgrößen beschreiben: Schneehöhe d, die wobei A=f(w) und w Wasserstand.
mit dem Schneepegel (Lattenpegel) gemessen wird, Die mittlere Geschwindigkeit ergibt sich ma-
Schneedichte rs, d. h. die Masse des Schnees je Vo- thematisch aus der Integration der ortsabhängigen
lumeneinheit (kg/dm3), Wasservorrat w (Wasser- Fließgeschwindigkeit über die Breite B und die
menge, die in der Schneedecke als Eis oder Wasser Wassertiefe T.
gespeichert ist), der auch als „Wasseräquivalent“
bezeichnet wird (Angabe in mm), die Schneede- (5.2.6)
ckendauer und die Zahl der Tage eines Jahres mit
Schneedecke (wichtig für den Wärmehaushalt). Das Um die mittlere Geschwindigkeit zu bestimmen,
Wasseräquivalent w berechnet sich zu werden punktuelle Geschwindigkeitsmessungen
gewichtet gemittelt. Diese Messungen erfolgen
(5.2.4)
meist mit hydrometrischen Flügeln. Es handelt
mit rs in mm/cm, d in cm, w in mm oder rs in kg/ sich dabei um einen Propeller mit horizontaler
dm3, d in cm, w in mm (1 kg/dm3=10 mm Wasser/ Drehachse (Abb. 5.2-2). Entsprechend Anström-
cm Schnee). geschwindigkeit und Steigung der verwendeten
Die Schneedichte hängt wesentlich vom Alter Flügelschaufel steht die Zahl der Umdrehungen
der Schneedecke ab. Sie beträgt bei Neuschnee pro Zeiteinheit in einer (durch Eichung in einem
etwa 0,5 bis 1,7 mm Wasser pro cm Schnee, bei definierten Messgerinne mit bekannter Geschwin-
Pulverschnee 1 bis 2, bei gelagertem Schnee 3,5 digkeit) bekannten Relation zur Fließgeschwindig-
bis 6 und bei extrem nassem Neuschnee 4 bis keit des anströmenden Wassers.
8 mm/cm Schnee. Damit weist die Schneedecke Da sowohl die Wassertiefe als auch die Fließge-
ein beträchtliches Retentionsvermögen auf. schwindigkeit über einen Gewässerquerschnitt sehr
Für die Berechnung der Wasserabgabe kann die unterschiedlich sein können, wird der Querschnitt
Energiebilanz der Schneedecke verwendet werden, in einzelne Lamellen (Abb. 5.2-3) unterteilt, für
aus der sich die Energiemenge für das Schmelzen die jeweils eine mittlere Fließgeschwindigkeit vm,i
der Eiskristalle ergibt. Das Aufstellen der Energie- und die durchflossene Fläche Ai erfasst werden.
bilanz erfordert jedoch umfangreiche Messdaten Je nach Regelmäßigkeit des Profils werden
von Temperatur, Feuchtigkeit, Wind, Strahlung hierzu meist n=10…20 Lamellen betrachtet. In die
und Temperaturverteilung in der Schneedecke, die
meist nicht verfügbar sind. Man behilft sich des-
halb mit vereinfachten Wärmehaushaltsverfahren
wie dem Tagesgradverfahren [Maniak 1997], bei
dem die positiven Tagesmittelwerte der Lufttem-
peratur summiert und über einen Umrechnungs-
faktor in Tageswerte der Wasserabgabe der Schnee-
decke umgerechnet werden.

Abfluss
Mit „Abfluss“ wird nach DIN 4049 das Wasservo-
lumen bezeichnet, das einen bestimmten Gewässer- Abb. 5.2-2 Messflügel mit horizontaler Achse
1820 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.2-3 Räumliches Geschwindigkeitsprofil eines Flussquerschnitts

Mitte jeder Lamelle wird eine Messlotrechte für bleiben. Die Pegellatten müssen so am Gewässer
die Erfassung der Geschwindigkeit gelegt. Die angebracht werden, dass der Wasserstand möglichst
Zahl der Messpunkte der Geschwindigkeit je wenig beeinflusst wird und in seinem gesamten
Messlotrechte hängt von der Turbulenz und der Schwankungsbereich abgelesen werden kann. Falls
vertikalen Verteilung der Fließgeschwindigkeit ab. dies mit einer Pegellatte nicht möglich ist, sind meh-
Gebräuchliche Verfahren verwenden zwei bis rere Pegellatten höhenversetzt anzubringen (Staffel-
sechs über die Wassertiefe verteilte Messpunkte pegel). Pegellatten werden senkrecht oder geneigt
mit gewichteter Mittelbildung zur Berechnung der (dann mit einer entsprechend der Böschungsnei-
mittleren Lamellengeschwindigkeit vm,i. Durch gung verzerrten Skalierung) angebracht. Wasser-
Summation der Abflüsse der verschiedenen La- stände werden auf Zentimeter genau abgelesen.
mellen (Produkt aus der mittleren Geschwindigkeit Geeignete Pegelstandorte befinden sich in grad-
der Lamelle vmi und der Fläche dieser Lamelle Ai) linigen Fließstrecken ohne Rückstau, mit stabiler
erhält man den Gesamtabfluss Gewässersohle und strömendem Fließzustand im
gesamten zu erwartenden Abflussbereich.
(5.2.7) Zur automatischen Registrierung von Wasser-
standsschwankungen dienen meist Schwimmer-
schreibpegel oder Druckluftpegel. Schwimmer-
Aus parallelen Messungen von Wasserstand w, pegel (Abb. 5.2-5) bestehen aus einem Schwim-
durchflossener Querschnittsfläche A und mittlerer mer als Messwertaufnehmer, einer Übertragung
Fließgeschwindigkeit vm zu verschiedenen Termi- (Schwimmerseil, Umlenkrolle mit Getriebe) und
nen wird die – i. d. R. nichtlineare – Beziehung einer Registriereinrichtung (Schreibgerät oder elek-
zwischen Abfluss und Wasserstand an einem Gewäs- tronische Datenspeichereinheit). Wasserstandsän-
serquerschnitt ermittelt. Diese Wasserstand-Ab- derungen werden als vertikale Bewegungen des
flussbeziehung, die auch als „Abflusskurve“ be- Schwimmers über Drahtseile oder Stahllochbänder
zeichnet wird, kann verwendet werden, um aus
Wasserstandsbeobachtungen Abflusswerte abzu-
leiten. Abflusskurven müssen ständig überprüft
und ggf. neu aufgestellt werden, da sich durch Ero-
sion, Sedimentation, Verkrautung und Eis Verän-
derungen dieser Beziehung ergeben.
Der Wasserstand lässt sich einfach erfassen, z. B.
an einem Lattenpegel (Abb. 5.2-4). Der Pegel-
nullpunkt muss dabei eine definierte Höhenlage ha-
ben, die mit drei Festpunkten zu sichern ist. Damit
ist zu gewährleisten, dass Wasserstandsaufzeich-
nungen über einen längeren Zeitraum vergleichbar Abb. 5.2-4 Lattenpegel
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1821

Abb. 5.2-5 Prinzipskizze einer Pegelanlage (Schwimmersystem)

auf eine Rolle übertragen, deren Auslenkungen Verdunstung


dann auf das Registriergerät oder einen Messwert- Als „Verdunstung“ wird der Übergang des Wassers
wandler übertragen werden. Der Schwimmer wird vom flüssigen oder festen in den gasförmigen Ag-
zum Schutz vor Wind, Wellenschlag, Strömung, gregatzustand bei Temperaturen unterhalb des Sie-
Treibzeug und Eis in einem Schacht oder in einem depunktes bezeichnet. Die Verdunstung wird wie
Rohr eingesetzt. Schwimmerschacht oder Schwim- der Niederschlag als Wasserhöhe in mm in Verbin-
merschutzrohr stehen mit dem offenen Gewässer dung mit einem Bezugszeitraum (Tag, Monat,
durch Rohrleitungen oder Zulauföffnungen in Ver- Jahr) angegeben. Man unterscheidet folgende Ar-
bindung. ten der Verdunstung:
Neben der Wasserstandserfassung über Schwim-
mer kann auch der hydrostatische Druck als Maß – Die Evaporation, auch als „unproduktive Ver-
für die Wasserstandshöhe verwendet werden. Ge- dunstung“ bezeichnet, stellt die Verdunstung von
bräuchlich sind hierfür zwei Verfahren, der Druck- der unbewachsenen Erdoberfläche, von freien
luftpegel und die Anwendung von Druckmessdo- Wasserflächen und von zeitweilig infolge des
sen mit elektrischer Übertragung. Niederschlags auf der Pflanzenoberfläche gespei-
Zur Charakterisierung der Wasserstands- und cherten Wassers dar.
Abflussverhältnisse an einem Pegel werden ge- – Die Transpiration bezeichnet die Wasserdampf-
wässerkundliche Hauptzahlen verwendet, die abgabe der Pflanzen an die Atmosphäre über die
Grenz- oder Mittelwerte bezeichnen. Die Auswer- Spaltöffnungen und die Blattoberflächen im Zuge
tung der Wasserstandsaufzeichnungen erfolgt für ihrer Stofftransport- und Umsetzungsprozesse.
einen Jahreszeitraum, wobei statt des Kalender- – Die Evapotranspiration ist die Summe von Eva-
jahres häufig noch das Abflussjahr vom 1. Novem- poration und Transpiration.
ber bis zum 31. Oktober verwendet wird. Haupt-
zahlen werden für den Wasserstand, den Abfluss Zusätzlich unterscheidet man zwischen der potenti-
und die Abflussspende ermittelt. Die Abflussspen- ellen und der realen Verdunstung. Die erstere be-
de bezeichnet den auf die Einzugsgebietsfläche zeichnet die aufgrund der meteorologischen Ver-
bezogenen Abfluss. hältnisse energetisch mögliche Verdunstung bei un-
1822 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

begrenzt verfügbarem Wasser. Entsprechend den als Produkt von Schwankungen der spezifischen
drei genannten Verdunstungsarten unterscheidet Luftfeuchte und der vertikalen Windgeschwindig-
man somit die potentielle Evaporation, die potenti- keitskomponente um ihre Mittelwerte erfasst.
elle Transpiration und die potentielle Evapotranspi- Je nach betrachteter Art der Verdunstung (Eva-
ration. Die jeweils reale Verdunstungsform bezeich- poration oder Evapotranspiration, reale oder po-
net die Verdunstungsgröße, die bei gegebenen mete- tentielle Verdunstung, Verdunstung von Land- oder
orologischen Bedingungen und dem tatsächlich ak- Wasserflächen), nach der Anzahl der berücksichtig-
tuell verfügbaren Wasservorrat auftritt. ten Einflussfaktoren (Verfügbarkeit von Wasser
Die Messung der Verdunstung kann je nach be- und Energie, Eigenschaften der bodennahen Luft-
trachteter Verdunstungsart direkt oder indirekt vor- schicht, der Boden- und Vegetationsoberfläche)
genommen werden: und nach der erforderlichen Auflösung sind ver-
schiedene Ansätze zur Berechnung der Verdun-
– Evaporimeter (Verdunstungsmessgeräte) ermit- stung möglich. Eine Zusammenstellung der in
teln Verdunstungswerte von stets feuchtgehal- Deutschland gebräuchlichen Verfahren enthält das
tenen Flächen (Filterpapier oder Keramikschei- DVWK-Merkblatt 238 [DVWK 1996]. In Anleh-
be) oder mit offenen, mit Wasser gefüllten Ver- nung an dieses Merkblatt sind in Tabelle 5.2-1 die
dunstungsgefäßen, bei denen der Wasserverlust wichtigsten Ansätze hinsichtlich ihres Anwen-
über die Änderung der Wasserspiegelhöhe im dungsbereiches und der erforderlichen Eingangs-
Gefäß gemessen wird. größen charakterisiert.
– Lysimeter dienen der Ermittlung des Wasser- Im Folgenden wird exemplarisch die Grund-
haushaltes eines Bodenkörpers mit bekannten gleichung des häufig verwendeten Penman-Ver-
Abmessungen, Eigenschaften und Vegetations- fahrens angeführt, bei dem die Energiebilanz mit
verhältnissen. Bei wägbaren Lysimetern wird die aerodynamischen Faktoren verknüpft wird, um die
Änderung des Wassergehalts des Bodenkörpers Verdunstung einer stets feuchten, bewachsenen
infolge des Niederschlags auf die Bodenoberflä- Landfläche zu berechnen.
che (als Gewichtszunahme) bzw. infolge der Ver-
dunstung (Gewichtsabnahme) durch kontinuier-
liche Wägung des Bodenkörpers registriert. Zu- (5.2.8)
sätzlich wird die Sickerwassermenge aus dem
Bodenkörper gemessen. Die reale Verdunstung
ergibt sich somit aus der Differenz zwischen dem mit Rn Nettostrahlung, G Bodenwärmestrom, L
Niederschlag auf die Bodenoberfläche, der Si- spezielle Verdunstungswärme (für 1 mm Verdun-
ckerwassermenge und der Änderung des Wasser- stungshöhe/cm2 sind etwa 247 J/cm2 erforderlich),
vorrats. Bei nicht wägbaren Lysimetern werden f(v) von Windgeschwindigkeit und Bewuchshöhe
nur die Sickerwassermenge und der Niederschlag abhängige Funktion, es(T)-e Sättigungsdefizit (ab-
gemessen, womit sich die Berechnungsmöglich- hängig von Lufttemperatur T und Dampfdruck e) s
keiten auf die mittlere Jahressumme der Verduns- Steigung der Sättigungsdampfdruckkurve in hPa/
tung als Differenz aus Niederschlag und Sicker- K, g Psychrometerkonstante (0,655 hPa/K).
wassermenge beschränken. Die Anwendung des Penman-Verfahrens in der
Praxis erfordert die aufwendige Aufbereitung der
Auf die Verdunstung kann auch geschlossen werden, Eingangsdaten, die möglichst als Zeitreihen vorlie-
indem der Bodenwassergehalt zu unterschiedlichen gen sollten. So wird z. B. die Nettostrahlung aus der
Zeitpunkten ermittelt wird. Die Bodenfeuchte ist da- Strahlungsbilanz an der Erdoberfläche unter Berück-
bei möglichst kontinuierlich und ohne Störung des sichtigung der Tageslänge und der Bewölkung ermit-
Bodenprofils zu bestimmen. Hierzu können Tensio- telt. Hier wird deshalb auf die Literatur verwiesen
meter oder TDR-Sonden verwendet werden. Bei der [Maniak 1997; DVWK 1996, ATV-DVWK 2002].
Wasserdampfstrommethode, auch als „Turbulenz-
Korrelationsmethode“ (engl.: eddy flux correlation)
bezeichnet, wird der vertikale Wasserdampfstrom
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1823

Tabelle 5.2-1 Ausgewählte Berechnungsverfahren der Verdunstung (nach [DVWK 1996]

5.2.1.3 Hydrologische Modelle: Daten- funden. Unter Nutzung digitaler Karten wie z. B.
verarbeitung, GIS, Fernerkundung, CORINE Land Cover 2000, einem europaweit
digitale Geländemodelle einheitlichen Informationssystem zur Landnut-
In den letzten zwei Jahrzehnten wurden hydrolo- zung, das für Deutschland im Maßstab 1:100.000
gische Daten im Rahmen von Umweltinformati- 37 Landnutzungsklassen ausweist, den Boden-
onssystemen vielfältig über das Internet verfügbar übersichtskarten (BÜK) oder Digitalen Höhenmo-
gemacht (z. B. http://www.dgj.de). Dabei sind ne- dellen können hydrologische Prozesse flächende-
ben hydrologischen Hauptzahlen auch Abfluss- tailliert simuliert werden. Viele dieser Informati-
daten in Echtzeit abrufbar. Insbesondere in Hoch- onen basieren auf Fernerkundungsdaten. Neben
wassersituationen sind derartige Informationen der hohen räumlichen Auflösung haben Ferner-
von großer Bedeutung. kundungsdaten insbesondere den Vorteil einer ho-
Mit der Einführung von leistungsfähigen Com- hen Aktualität. Dieser Vorteil wird zunehmend für
putersystemen und der Bereitstellung von Geoin- die Erfassung hydrologisch relevanter Variablen
formationssystemen haben mathematische Model- wie z. B. der Schneebedeckung oder der Boden-
le in der Hydrologie eine breite Anwendung ge- feuchte genutzt. Derartige Daten können in Echt-
1824 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

zeit übertragen werden und erlauben somit eine der Abflüsse und der Bodenfeuchte wird es mög-
unmittelbare Umsetzung in wasserwirtschaftlich lich, aktuelle Messdaten im Rahmen der Hochwas-
relevante Parameter, z. B. bei der landwirtschaft- servorhersage zu nutzen und die Vorhersagen mit
lichen Bewässerung. Allerdings ist zu beachten, den tatsächlichen Zustandsdaten abzugleichen.
dass Fernerkundungsdaten stets nur Informationen Hierzu wurden in einer Reihe von Bundesländern
zu elektromagnetischen Strahlungsgrößen beinhal- Hochwasservorhersagezentralen eingerichtet.
ten, die nur indirekt Rückschlüsse auf hydrolo-
gische Variable (z. B. über die Absorption oder Re-
5.2.1.4 Hochwasserberechnungsverfahren
flexion von Wellen ausgewählter Spektralbereiche)
ermöglichen. Eine Klassifikation dieser Daten mit In der Hydrologie unterscheidet man zwischen
Hilfe von Zusatzinformationen, d. h. zeitgleich ge- zwei Typen von mathematischen Berechnungsver-
messener hydrologischer Variablen, ist i. d. R. die fahren, nämlich deterministischen und stocha-
Voraussetzung für die Anwendung von Fernerkun- stischen Methoden. Mit ersteren berechnet man
dungsdaten. Da es oft hinreichend ist, eine derar- hydrologische Variablen (z. B. HW-Ganglinien aus
tige Klassifikation an einigen Stützstellen durch- Niederschlag und ggf. Schneeschmelze) auf der
zuführen, die Fernerkundung jedoch ein großräu- Basis geophysikalischer Gesetze nach dem Kausa-
miges, flächendifferenziertes Bild liefert, erschlie- litätsprinzip, letztere dienen zur Berechnung stati-
ßen sich zunehmend neue Anwendungsgebiete. So stischer Größen (z. B. des „Jahrhunderthochwas-
wurde vom DWD ein bundesweites Netz von 17 sers“ mit Hilfe von Verfahren der Wahrscheinlich-
Wetterradarsystemen, verbunden mit einer Online- keitstheorie und der mathematischen Statistik).
Aneichung der Radarniederschlagsdaten mit Hilfe
von automatischen Bodenniederschlagsstationen, Hochwasserstatistik
eingerichtet, das eine nahezu flächendeckende Er- Für wasserbauliche und wasserwirtschaftliche Fra-
mittlung der räumlichen Niederschlagsverteilung gen werden folgende Kenngrößen von Hochwasse-
in Deutschland ermöglicht. rereignissen benötigt: Hochwasserstand, HW-
Hydrologische Modelle können je nach Verwen- Scheitelabfluss, Abflusssumme, Abflussfülle,
dungszweck als Kontinuumsmodelle, bei denen der Hochwasserdauer, Ganglinie des Hochwassers. Der
gesamte Wasserhaushalt eines Gebietes über einen HW-Scheitelabfluss und die HW-Fülle werden sta-
längeren Zeitraum (z. B. von mehreren Jahren) si- tistisch bewertet. Hierzu dient das Wiederkehrinter-
muliert wird (5.1.2.6), oder als Ereignismodellen, vall T eines Hochwassers (HW). Es gibt an, alle wie
die insbesondere Hochwasserphasen abbilden, auf- viel Jahre ein Hochwasserkennwert (z. B. der Schei-
gebaut werden. Kontinuumsmodelle arbeiten i. d. R. telabfluss) im statistischen Mittel erreicht oder
auf der Grundlage von Tageswerten, Ereignismo- überschritten wird. Zwischen dem Wiederkehrin-
delle auf der Basis von Stundenwerten, wobei in der tervall und der Überschreitungs- bzw. Unterschrei-
Stadtentwässerung auch deutlich geringere Zeit- tungswahrscheinlichkeit besteht bei Verwendung
schritte (z. B. 5 Minuten) gebräuchlich sind. Eine von Jahreshöchstabflüssen die Beziehung
andere Differenzierung hydrologischer Modelle be-
zieht sich auf die Zielsetzung der Modellierung. So (5.2.9)
wird zwischen Planungsmodellen und operationell
nutzbaren Vorhersagemodellen unterschieden. Pla-
nungsmodelle dienen zur Prognose von langfris- mit Pü und Pu Über- bzw. Unterschreitungswahr-
tigen Veränderungen der hydrologischen Verhält- scheinlichkeit des HW-Abflusses.
nisse, z. B. in Folge von Landnutzungs- oder Klima- Ein HW-Scheitelabfluss mit einem Wieder-
änderungen, während Vorhersagemodelle die wei- kehrintervall von 20 Jahren wird somit in etwa 5%
tere kurzfristige Entwicklung der Abflüsse auf der aller Beobachtungsjahre einer langen Reihe über-
Grundlage gemessener oder vorhergesagter Nieder- schritten und in 95% der Beobachtungsjahre er-
schlagsdaten beschreiben. reicht oder unterschritten.
Durch die Kopplung von Fernübertragungssyste- Ausgehend von einer Beobachtungsreihe der
men mit Sensoren zur Erfassung des Niederschlages, Jahreshöchstabflüsse an einem Pegel können die
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1825

empirischen Unterschreitungswahrscheinlichkeiten mogorov-Smirnov-Test, der Chi-Quadrat-Test und


wie folgt ermittelt werden: der nw2-Test [DVWK 1998].
– die Stichprobe vom Umfang n wird, beginnend
Anpassen einer Verteilungsfunktion. Im Folgen-
mit dem kleinsten Wert, (Xmin,…,Xmax) geordnet,
den wird als Beispiel die Anpassung der Pearson-III-
– jedem Wert wird eine Rangzahl m zugewiesen
Verteilung mit Hilfe des Momentenverfahrens dar-
(für Xmin ist m=1, für Xmax gilt m=n),
gestellt. Die Verteilung wird durch drei Parameter
– die empirische Unterschreitungswahrscheinlich-
beschrieben, die im Weiteren mit a, b und d bezeich-
keit eines HW-Abflusses ergibt sich zu
net werden. Die Verteilungsfunktion hat die Form

(5.2.10)
(5.2.11)

Damit ist die Wahrscheinlichkeitsaussage jedoch


mit
auf die Länge der Beobachtungsreihe beschränkt.
Es ist somit i. d. R. erforderlich, der Stichprobe ge-
messener Hochwasserereignisse eine statistische
Verteilungsfunktion anzupassen, die dann die Mög-
der vollständigen Gammafunktion, und
lichkeit der Extrapolation auf seltene Ereignisse,
d. h. hohe Unterschreitungswahrscheinlichkeit bzw.
geringe Überschreitungswahrscheinlichkeit, bietet.
Die Anpassung einer Verteilungsfunktion kann
der unvollständigen Gammafunktion.
– graphisch erfolgen (freie Anpassung), indem die
Der Parameter d bezeichnet den unteren bzw.
gemessenen Hochwasserwerte über den empi-
den oberen Grenzwert des Merkmalbereichs der
rischen Unterschreitungswahrscheinlichkeiten ge-
Verteilungsfunktion. Für die Parameter a und b
mäß Gl. (5.2.10) graphisch dargestellt werden
gelten folgende Bedingungen: a>–1 und b>0.
und eine Ausgleichskurve eingetragen wird. Bei
Für die Anpassung der Pearson-III-Verteilung
Verwendung eines Netzdruckes für eine Vertei-
an eine Stichprobe von Jahreshöchstabflüssen
lungsfunktion (Wahrscheinlichkeitspapier) kann
HQ(a) werden neben dem Mittelwert und der Stan-
der Ausgleich statt mit einer Kurve durch eine
dardabweichung s(x) noch der Schiefe – und der
Gerade vorgenommen werden.
Variationskoeffizient cs(x) und cv(x) als Parameter
– mathematisch erfolgen, indem aus der Stichpro-
benötigt. Sie berechnen sich aus der Stichprobe (x1
be die Parameter einer Verteilungsfunktion be-
… xn) wie folgt:
rechnet („geschätzt“) werden (z. B. mit Hilfe der
Momentenmethode oder der Maximum-Likeli-
hood-Methode) [Plate 1993]. (5.2.12)

Für hochwasserstatistische Analysen geeignete


Gruppen von Verteilungsfunktionen sind die Extre-
malverteilung und die Familie der Gamma-Vertei- (5.2.13)
lung. Aus der Gruppe der Extremwertverteilungen
sind besonders die Allgemeine Extremwertvertei-
lung und (als deren Sonderfall) die Extremwertver- (5.2.14)
teilung Typ 1 (Gumbel-Verteilung) gebräuchlich.
Aus der Familie der Gamma-Verteilung werden ins- Die Pearson-III-Verteilung ist einseitig begrenzt.
besondere die Pearson-III-Verteilung, die Weibull- Die Grenze des Merkmalbereichs d kann wie folgt
Verteilung mit drei Parametern und die Log-Pear- aus den Stichprobenparametern geschätzt werden:
son-III-Verteilung genutzt. Die Anpassung der
Verteilungsfunktion(en) an eine Stichprobe kann in
(5.2.15)
folgenden statistischen Tests geprüft werden: Kol-
1826 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Bei einem negativen Schiefekoeffizient ergibt sich die untere Grenze d kleiner als Null ist, so muss
somit eine (für hochwasserstatistische Betrachtungen statt des Wertes für cs(x), der aus der Stichprobe
anzuzweifelnde) obere Grenze der Verteilungsfunkti- ermittelt wurde, ein korrigierter Wert cs korr(x
on. Bei kleinen positiven Werten der Schiefe kann =2·cv(x) verwendet werden. In diesem Fall wird die
sich für die berechnete untere Grenze ein negativer Gamma-Verteilung angewandt. Der gesuchte HW-
Wert ergeben. In diesem Fall wird die untere Grenze Scheitelabfluss mit vorgegebenem statistischen
der Verteilung in den Nullpunkt gelegt (d=0). Wiederkehrintervall berechnet sich dann zu
Die Parameter a und b sind nach der Momenten-
(5.2.20)
methode wie folgt aus dem Mittelwert, dem Varia-
tions- und dem Schiefekoeffizienten zu schätzen: Der Wert des Häufigkeitsfaktors k ist Tabelle 5.2-2
zu entnehmen.
(5.2.16) Damit eine Beobachtungsreihe eine brauchbare
statistische Aussage liefert, sollte sie mindestens
30 Jahre umfassen. In Ausnahmefällen können
Häufig wird die Pearson-III-Verteilung in der auch kürzere Reihen verwendet werden, der Rei-
Hochwasserstatistik in logarithmischer Form an- henumfang sollte jedoch generell nicht kürzer als
gewendet. Vor Anpassung der Pearson-III-Vertei- 20 Jahre sein. Bei der Aufbereitung der verfüg-
lung an eine Stichprobe der Jahreshöchstabflüsse baren Abflussdaten muss die Unsicherheit der Ab-
empfiehlt sich deshalb als erstes die Prüfung einer flusskurve im Hochwasserbereich berücksichtigt
Anpassung der logarithmischen Pearson-III-Ver- werden, da für hohe Wasserstände meist keine Ab-
teilung. Hierzu werden die Werte der Stichprobe flussmessungen vorliegen. Die Stichprobe soll sich
der Jahreshöchstabflüsse logarithmiert. aus voneinander unabhängigen Elementen zusam-
mensetzen und nicht durch Veränderungen im Ge-
(5.2.17)
biet oder am Gewässer beeinflusst sein.
Aus den logarithmierten Werten werden dann die
Stichprobenparameter y–, s(y), cs(y) und cv(y) be- Anwendung von
rechnet. Für einen Wert von cs(y)•0 kann in Ab- Niederschlag-Abfluss-Modellen
hängigkeit vom statistischen Wiederkehrintervall Niederschlag-Abfluss-Modelle (N-A-Modelle) be-
der logarithmierte Wert des HW-Scheitelabflusses schreiben die kausalen Zusammenhänge zwischen
wie folgt berechnet werden: einem Niederschlagsereignis und dem aus diesem
unmittelbar gebildeten Abfluss (Direktabfluss) aus
(5.2.18)
einem Einzugsgebiet. Mit einem derartigen mathe-
matischen Modell wird die aus einem Nieder-
schlagsereignis resultierende Abflussganglinie be-
rechnet. Der Abflussprozess wird hierzu meist in
Die Werte von k sind in Abhängigkeit vom Schie- zwei Hauptphasen unterteilt:
fekoeffizient cs und dem Wiederkehrintervall T Ta-
belle 5.2-2 zu entnehmen. Der gesuchte Bemes- – Die Abflussbildung bestimmt den Anteil des Nie-
sungsabfluss ergibt sich dann zu derschlags, der unmittelbar im Ergebnis eines
Niederschlagsereignisses zum Abfluss gelangt
(5.2.19)
und damit die Fülle des Direktabflusses. Sie wird
Im vorstehenden Beispiel ergibt sich k=2,686 und durch Prozesse auf der Bodenoberfläche und der
somit HQ100=258 m3/s. Falls sich ein cs(y)-Wert oberen Bodenzone bestimmt.
kleiner Null ergibt, sollte statt der logarithmischen – Die Abflusskonzentration bestimmt die zeitliche
Pearson-III-Verteilung die Pearson-III-Verteilung Verteilung (die Ganglinie) des Direktabflusses
angewandt werden. Hierzu sind die Stichprobenpa- am Auslassquerschnitt eines Gebiets. Sie ergibt
rameter x̄, s(x), cs(x) und cv(x) aus der Reihe der sich im Ergebnis von Retentions- und Transla-
Jahreshöchstabflüsse zu ermitteln. Falls sich für tionsprozessen im Hangbereich und im Entwäs-
cs(x) ein Wert kleiner Null ergibt oder der Wert für serungsnetz.
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1827

Tabelle 5.2-2 k-Werte für die Pearson-III-Verteilung

Abflussbildung. Bei niederschlagshöhenabhängigen nisses schwankt von Ereignis zu Ereignis stark. Für
Ansätzen (Abflussbeiwertansätze) wird der effek- extreme Starkniederschläge kann er bei kleinen Ge-
tive Niederschlag in Abhängigkeit von der Nieder- bieten 0,6 bis 0,8 betragen; er nimmt mit wachsender
schlagshöhe ermittelt. Hierbei werden unterschied- Gebietsgröße jedoch bis auf 0,5 bis 0,7 ab (Angaben
liche Kenngrößen der jeweiligen Teilfläche berück- zum Abflussbeiwert z. B. bei [Imhoff 1993]).
sichtigt (z. B. Bodenart, Bodennutzung, Anfangs- Bei niederschlagsintensitätsabhängigen Ansät-
feuchte). Der Anteil des effektiven Niederschlags zen wird der zeitliche Verlauf des Niederschlags
an der Niederschlagsmenge wird durch den Ab- berücksichtigt, indem das Infiltrationsvermögen
flussbeiwert ausgedrückt: des Bodens als zeitlich mit der Niederschlagsdauer
variierende Größe betrachtet wird. Da die Infiltra-
tionsrate für den Direktabfluss als „Verlustgröße“
(5.2.21)
betrachtet wird, verwendet man auch die Bezeich-
Häufig werden zusätzlich Anfangsverluste in der nung „Verlustraten-Ansätze“. Gebräuchlich ist der
Größenordnung von 5 bis 15 mm zu Beginn eines Ansatz von Horton (Abb. 5.2-6):
Niederschlagsereignisses pauschal berücksichtigt.
Der Abflussbeiwert eines Extremniederschlagsereig- (5.2.22)
1828 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.2-6 Verlauf der Infiltrationsrate beim Horton-Ansatz

mit f(t) zeitlicher Verlauf der Infiltrationsrate, fc durch Speicherungseffekte auf (Retention). Ein Ein-
Endinfiltrationsrate für t o’, f0 Anfangsinfiltrati- zugsgebiet kann als lineares zeitinvariantes System
onsrate, k Rückgangskonstante. aufgefasst werden, in dem eine Eingangsgröße p(t)
Die drei Parameter dieses Ansatzes werden in – der Effektivniederschlag – in eine Ausgangsgröße
Abhängigkeit von der betrachteten Bodenart ge- q(t) – den Direktabfluss am Gebietsauslass – trans-
wählt. Für den Fall, dass die Niederschlagsintensi- formiert wird. Diese Transformation lässt sich mit
tät die Infiltrationsintensität unterschreitet, sind der Impulsantwortfunktion h(t) beschreiben. Die
gesonderte Überlegungen notwendig. Eingabefunktion wird hierzu in einzelne Impulse
Die Abflussbildung kann in Annäherung an die der Dauer dIJ unterteilt. Zu jedem Einzelimpuls wird
ablaufenden physikalischen Prozesse durch Boden- dann eine Einheitsimpulsantwort betrachtet. Das
speichermodelle beschrieben werden. In Bodenspei- Produkt des Impulses p(IJ) dIJ und der bis zum Zeit-
chermodellen sind neben der Infiltration als wasser- punkt t verschobenen Einheits-Impulsantwortfunk-
zuführender Prozess die Perkolation, d. h. die Tiefen- tion liefert dann die Ausflussfunktion (Abb. 5.2-7).
versickerung, und der laterale Abfluss in Form des Die gesamte Ausflussfunktion q(t) ergibt sich somit
hangparallelen Zwischenabflusses als Wasserabgabe nach dem Faltungsintegral zu
zu beachten. Damit wird es möglich, die Infiltration
in Abhängigkeit vom aktuellen Wassergehalt des (5.2.23)
Bodens zu berechnen. Geeignete Modelle hierzu
sind z. B. das Infiltrationsmodell nach Green-Ampt Da der Effektivniederschlag meist als Folge von
[Maniak 1993] oder das 2-Stufen-Infiltrationsmodell Rechteckimpulsen gleicher Dauer ¨t mit der inter-
nach Peschke [Dyck/Peschke 1995]. vallweise konstanten Intensität pi (in mm/h) vor-
liegt, wird das Faltungsintegral in der diskreten
Abflusskonzentrationsmodelle. Der Weg vom Ent- Form verwendet:
stehungsort bis zum Gebietsauslass verzögert die in
der Abflussbildungsphase ermittelte effektive Nie- . (5.2.24)
derschlagsganglinie zeitlich. Falls sich die Form
der Ganglinie des effektiven Niederschlags dabei Mit n wird dabei die Zahl der Ordinaten der Impuls-
nicht ändert, handelt es sich um eine zeitliche Ver- antwortfunktion bezeichnet. Die Impulsantwort-
schiebung (Translation). In der Regel tritt aber auch funktion h(¨t) ist als Ganglinie des direkten Ab-
eine Dämpfung der entstehenden Hochwasserwelle flusses definiert, die sich aus dem Effektivnieder-
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1829

Abb. 5.2-7 Schema der Ermittlung einer Abflussganglinie aus Effektivniederschlag und Einheitsganglinie (nach [Dyck/
Peschke 1995])

schlag der Höhe von 1 mm und der Dauer ¨t ergibt. – Bestimmung des Unit-Hydrographs mit Hilfe
Diese Funktion, auch als „Einheitsganglinie“ oder von Gl. (5.2.24) entsprechend Abb. 5.2-7. Glei-
„Unit-Hydrograph“ bezeichnet, kann – wie im Fol- chung (5.2.24) ergibt ein System von insgesamt
genden dargestellt – aus gemessenen Nieder- m+n-1 Gleichungen (m+n-1 Anzahl der gemes-
schlagsabflussereignissen ermittelt werden. senen Abflussordinaten) mit n Unbekannten
Die Anwendung des Unit-Hydrograph-Verfah- (Anzahl der Ordinaten des Unit-Hydrographs).
rens für die Ermittlung von HW-Abflussganglinien Die Anzahl der Niederschlagsordinaten beträgt
erfolgt in zwei konsekutiven Schritten: m. Gleichung (5.2.24) ergibt damit ein überbe-
1830 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

stimmtes Gleichungssystem, das mit Hilfe des wurde – um ein überbestimmtes Gleichungssystem,
Prinzips der kleinsten Fehlerquadratsumme opti- das mit Hilfe des Prinzips der kleinsten Fehlerqua-
mal gelöst werden kann [Maniak 1997; Dyck/ drate optimal gelöst werden kann [Maniak 1997].
Peschke 1995]; Der berechnete Wert Q bk wird um einen Fehler
g
– Bestimmung der HW-Ganglinie mit Hilfe des Fk vom gemessenen Wert Q k abweichen. Nach
vorstehend ermittelten Unit-Hydrographs und dem Prinzip der Summe der kleinsten Fehlerquad-
eines vorgegebenen Bemessungsniederschlags. rate kann man diesen Fehler über alle Ordinaten k
Diese Berechnung der einzelnen Bemessungs- minimieren:
ganglinien erfolgt wiederum nach Gl. (5.2.24),
was nun keine Probleme mehr macht, da sowohl (5.2.26)
die Niederschlagswerte p als auch die Unit-Hy-
drograph-Ordinaten h bekannt sind.
(5.2.27)
Zur Bestimmung des Unit-Hydrographs wird der Ef-
fektivniederschlag und der Direktabfluss eines Hoch-
wasserereignisses benötigt. Erforderlich sind die Dies ist ein System von n partiellen Differential-
gleichungen mit n Unbekannten. Setzt man die
– Messung der Niederschlagswerte (-intensitäten
Gln. (5.2.25) und (5.2.26) in Gl. (5.2.27) ein, so
für Zeitintervalle ¨t),
ergibt sich
– Ermittlung des Effektivniederschlags z. B. mit
dem Abflussbeiwertverfahren,
– aus Messungen hervorgegangene Abflussgangli- (5.2.28)
nie für das zugehörige Hochwasserereignis,
– Ermittlung des Direktabflusses durch Abtrennung
Dieses Gleichungssystem von nunmehr n Glei-
des Basisabflusses (der berechnete Effektivnie-
chungen mit n unbekannten Ordinaten Uk kann –
derschlag muss gleich der Direktabflusssumme
z. B. nach Gauß-Jordan – gelöst werden. Die auf
sein und ist ggf. entsprechend zu korrigieren).
diese Weise gefundene Einheitsganglinie ist häufig
Bezeichnet man den Effektivniederschlag mit N, ereignisabhängig, weshalb es sich empfiehlt, sie
den Unit-Hydrograph mit U und den Abfluss mit aus mehreren Ereignissen (Hochwässern) zu be-
Q, so gilt entsprechend Gl. (5.2.24) für die Ab- stimmen und die Ergebnisse zu mitteln.
flussganglinien-Ordinate zum Zeitpunkt k Unter Annahme von Modellvorstellungen (z. B.
eines Einzellinearspeichers oder einer Speicherkas-
kade) kann man eine Impulsantwortfunktion auch in
(5.2.25)
Abhängigkeit von Modellparametern als analytische
Funktion beschreiben. Die Modellparameter kön-
mit n Anzahl der Ordinaten des Unit-Hydrographs nen wiederum aus gemessenen Niederschlag-Ab-
und m Anzahl der Niederschlagsordinaten. fluss-Ereignissen – z. B. nach der Momentenmetho-
Da Ui=0 für i>n und Ni=0 für i>m ist, kann auf de – ermittelt werden [Maniak 1997].
die Berechnung der Abflussordinaten für k>(m+n)
verzichtet werden. Der Maximalwert für k, für den Hochwasserablauf in Fließgewässern
noch Qk>0 gilt, ergibt sich zu r=m+n-1. Da die Im- (Flood Routing)
pulsantwort eine Funktion ist, gibt es nach dem letz- Der Ablauf einer Hochwasserwelle in einer Fluss-
ten Niederschlagsintervall noch eine Reihe von Ab- strecke, auch „Flood Routing“ genannt, lässt sich
flussintervallen infolge des zuletzt gefallenen Nie- mit hydraulischen oder hydrologischen Verfahren
derschlags. Für k=1 bis k=m+n-1 kann ein Glei- mathematisch beschreiben. Die hydraulischen An-
chungssystem nach Gl. (5.2.25) aus r=m+n-1 sätze lösen die hier anzuwendenden Saint-Venant-
Gleichungen mit n Unbekannten, den Unit-Hydro- Gleichungen numerisch, da explizite mathema-
graph-Ordinaten, aufgestellt werden. Es handelt tische Lösungen für praktische Anwendungen so
sich dabei – wie vorstehend bereits kurz erwähnt gut wie nie möglich sind. Die numerischen Lö-
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1831

Abb. 5.2-8 Hochwasserganglinien an zwei Pegeln eines Flusses

sungsansätze basieren auf Finiten Elementen bzw. Durch Einsetzen von Gl. (5.2.29) in Gl. (5.2.30)
expliziten und impliziten Differenzenverfahren und Umformen erhält man die Rekursionsglei-
[Ven te Chow et al. 1988]. chung für die Ermittlung von QA(t+1).
Hydrologische Verfahren beschränken sich auf
die Anwendung der Kontinuitätsgleichung. Ge-
bräuchlich sind verschiedene Ansätze, von welchen
hier nur das Muskingum-Verfahren und das Kali-
nin-Miljukov-Verfahren kurz beschrieben werden.
Beim Muskingum-Verfahren werden zeitgleiche
Abflussganglinien an einem Oberpegel QZ(t) und (5.2.31)
an einem Unterpegel QA(t) benötigt, um für den
betrachteten Flussabschnitt eine Übertragungs- Die Parameter K und x können graphisch aus ge-
funktion der Zu- in die Abflüsse zu identifizieren messenen Ganglinien von Hochwasserwellen am
(Abb. 5.2-8). Die lineare Speicherbeziehung (Spei- Zufluss- und Abflusspegel bestimmt werden [Ma-
cherkonstante K) wird um einen instationären niak 1997]. Danach lässt sich der jeweils folgende
Speicheranteil erweitert, dessen Größe mit einem Abfluss QA(t+1) rekursiv aus bekanntem QZ und
Gewichtsfaktor x (0<x<1) angepasst wird. Damit QA nach Gl. (5.2.31) berechnen.
ist das Speichervolumen zwischen den Pegeln 1 Beim Verfahren von Kalinin und Miljukov [Ma-
und 2 eine lineare Funktion von Zufluss und Ab- niak 1997] wird ein betrachteter Flussabschnitt in
fluss. eine Reihe charakteristischer Teilabschnitte glei-
cher Länge L unterteilt. Die Länge L jedes charak-
(5.2.29) teristischen Abschnitts ergibt sich aus einer ein-
deutigen Beziehung zwischen dem Wasserstand h
und dem Abfluss Q zu
Die zeitliche Änderung der Speicherung ergibt
sich nach der Kontinuitätsgleichung für diskrete (5.2.32)
Zeitintervalle 't zu

mit Iw Wasserspiegelgefälle.
(5.2.30) Die Beziehung zwischen dem Wasserstand h
und dem Abfluss Q wird mit Hilfe der Fließformel
für stationäre Abflussbedingungen von Manning-
1832 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Strickler beschrieben. Jeder Abschnitt der Länge L ist dabei, dass Abflussmessungen bei Niedrigwas-
wird dann als ein Einzellinearspeicher mit der ser sehr empfindlich gegenüber Störungen durch
Speicherkonstanten K betrachtet. Die Anzahl der kurzzeitige menschliche Eingriffe (Wehre u. Ä.)
Einzellinearspeicher ergibt sich aus dem Quoti- sowie gegenüber natürlichen Veränderungen im
enten der Gesamtlänge des betrachteten Flussab- Gewässer (Verkrautung, Sedimentation, Erosion)
schnitts und der Länge des charakteristischen Ab- sind. Weiterhin sind Niedrigwasserabflüsse häufig
schnitts. Den Parameter K erhält man unter Annah- anthropogen beeinflusst (Einleitung von Abwasser,
me stationärer Abflussverhältnisse zu Entnahme von Brauchwasser).
Zur Beschreibung von Niedrigwasserereignis-
(5.2.33) sen werden mehrere Kenngrößen verwendet
(Abb. 5.2-9) [DVWK 1983]:

mit bm mittlere Wasserspiegelbreite. – der Niedrigwasserabfluss NMxQ in m3/s als nied-


Gegenüber dem Muskingum-Verfahren erfordert rigstes arithmetisches Mittel von x aufeinander-
das Verfahren von Kalinin und Miljukov einen hö- folgenden Tageswerten des Abflusses innerhalb
heren Aufwand, da Querprofile und Wasserspiegel- eines betrachteten Zeitabschnitts (z. B. der Som-
lagen benötigt werden. Da jedoch meist die erfor- mer- oder Winterhalbjahre),
derlichen Zu- und Abflusspegel des Muskingum- – die Dauer der Unterschreitung eines Schwellen-
Verfahrens fehlen, wird das Verfahren von Kalinin wertes entweder als längste Unterschreitungsdau-
und Miljukov häufiger angewandt, da es den Vorteil er oder als Summe aller Unterschreitungsdauern
der Verwendung hydraulischer Kenngrößen (Rau- eines Schwellenwertes QS innerhalb des Zeitab-
heiten, Profile) hat und so für die Abschätzung der schnitts,
Veränderungen von Hochwasserabläufen bei Ge- – das Abflussdefizit entweder als größte Fehlmenge
wässeraus- und -umbauten dienen kann. zwischen dem Schwellenwert QS und der Gangli-
nie Q(t) oder als Summe aller Fehlmengen zwi-
schen QS und Q(t) innerhalb des Zeitabschnitts.
5.2.1.5 Niedrigwasserstatistik
Als Niedrigwasser (NW) bezeichnet man die Un- Bei der statistischen Niedrigwasseranalyse interes-
terschreitung eines spezifischen Grenz- oder siert im Gegensatz zur Hochwasseranalyse das Ex-
Schwellenabflusses, der sich aus der Art der Nut- tremereignis mit einer großen Überschreitungs-
zungen, der stofflichen Belastung oder statistischen wahrscheinlichkeit. In der aus der Hochwassersta-
Kenngrößen des Abflussgeschehens ergibt. Um ex- tistik bekannten Jährlichkeitsangabe (statistisches
treme Niedrigwasser zu beschreiben, kann man Wiederkehrintervall) nutzt man deshalb die Bezie-
sich statistischer Methoden bedienen. Zu beachten hung

Abb. 5.2-9 Kenngrößen eines Niedrigwasserereignisses


5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1833

(5.2.34) intervallen beschrieben werden. Hier beschränken


sich die weiteren Ausführungen auf Wasserhaus-
haltsmodelle.
Das zehnjährliche Niedrigwasser wird somit in Neben den betrachteten Zeitintervallen ist die
90% aller Jahre überschritten, in 10% aller Jahre räumliche Detaillierung ein wesentliches Merkmal
erreicht bzw. unterschritten. Das 50-jährliche von Wasserhaushaltsmodellen. Generell kann zwi-
Niedrigwasser wird in 2% aller Jahre (Pu = 0,02) schen Blockmodellen, bei denen die Gebietscha-
unterschritten, in 98% aller Jahre überschritten. rakteristika summarisch durch effektive Parameter
Für die statistische Analyse von Niedrigwas- ohne örtliche Differenzierung berücksichtigt wer-
serereignissen eignen sich insbesondere folgende den, und räumlich differenzierten Modellen (engl.:
Verteilungsfunktionen [Maniak 1997; Dyck/Pesch- distributed models) unterschieden werden. Räum-
ke 1995]: lich differenzierte Modellansätze können entweder
auf der Grundlage eines orthogonalen Rasters er-
– logarithmische Normalverteilung,
stellt werden, oder man fasst hydrologisch ähnliche
– logarithmische Extremwertverteilung Typ III
Gebiete zu Hydrotop-Einheiten zusammen.
(Weibull-Verteilung),
Bei rasterbasierten Ansätzen werden die Ge-
– logarithmische Pearson-III-Verteilung.
bietseigenschaften nur zwischen den Rasterflächen
differenziert. Bei heterogenen Gebieten sollte des-
halb die Rasterweite enger als bei homogenen Ge-
5.2.1.6 Berechnung und Simulation
bieten gewählt werden. Da rasterbasierte Modelle
des Wasserhaushalts
den realen Ortsbezug der einzelnen Flächenelemente
Wasserhaushaltsmodelle werden insbesondere zur erhalten, eignen sich diese Modelle besonders für
Berechnung einzelner Komponenten des Wasser- Einzugsgebiete mit orographisch bedingt hetero-
kreislaufes, z. B. der Verdunstung oder der Grund- genen Niederschlagsverteilungen. Allerdings ist
wasserneubildung, verwendet. Unter Vorgabe von der numerische Aufwand für rasterbasierte Mo-
Szenarien wird versucht, auf dieser Grundlage die dellrechnungen infolge der meist großen Zahl der
Wirkung von Veränderungen (Landnutzung, Kli- Flächenelemente hoch.
ma) abzuschätzen. Die Bildung von hydrologisch ähnlichen Flä-
Gegenüber der ereignisbezogenen Betrachtung cheneinheiten reduziert die Zahl der differenziert zu
in Niederschlag-Abfluss-Modellen, bei denen ein- betrachtenden Teilgebiete. Dies setzt jedoch die De-
zelne Prozesse (z. B. die Verdunstung) vernachläs- finition von Ähnlichkeitskriterien für die hydrolo-
sigt bzw. summarisch beschrieben werden (z. B. gisch relevanten Gebietseigenschaften voraus, die
mit Verlustratenansätzen), ist bei Wasserhaushalts- von den betrachteten Teilprozessen und Modellan-
berechnungen die Gesamtbilanz der Wasserhaus- sätzen abhängen. Es kann z. B. – je nach verwende-
haltskomponenten zu betrachten. Je nach Zielset- ter Verdunstungsmodellkomponente – eine Diffe-
zung erfolgt eine Bilanzierung der Komponenten renzierung in Wald und landwirtschaftliche Nutzflä-
Niederschlag, Verdunstung, Abfluss und Speiche- che oder aber in Nadelwald, Laubwald, Grünland,
rung mit unterschiedlicher Berücksichtigung von Getreideanbauflächen, Flächen mit Hackfruchtan-
Teilprozessen (z. B. der Speicherung in der unge- bau usw. erforderlich sein. Für die Aufbereitung der
sättigten und der gesättigten Bodenzone) und für Eingangsdaten und die Visualisierung der Ergeb-
unterschiedliche Bilanzzeitintervalle (Jahre, Halb- nisse flächendetaillierter Modelle finden i. d. R. Geo-
jahre, Monate, Dekaden, Tag, Stunde). Die not- informationssysteme (GIS) Anwendung.
wendige zeitliche Auflösung hängt dabei von der
prozessbezogenen Detaillierung ab. Wasserbi-
5.2.1.7 Stochastische Generierung
lanzen sind einerseits als mittlere Bilanzen (z. B.
von Abflüssen
als mittlere Jahresbilanzen der Grundwasserneu-
bildung) oder als aktuelle Wasserbilanzen aufzu- Da hydrologische Beobachtungsreihen häufig rela-
stellen, mit denen für einen Untersuchungszeitraum tiv kurz sind und somit wenig gravierende Hoch-
die dynamischen Prozesse in den einzelnen Bilanz- bzw. Niedrigwasserereignisse aufweisen, ist es in
1834 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

solchen Fällen sinnvoll, „künstliche Daten“ mit mit ĭj Parameter des Modells, —=E(yt) Erwar-
Hilfe stochastischer Generierungsmethoden für tungswert von y, İt Zufallsvariable mit dem Mittel-
lange Zeitperioden zu berechnen. Auf diese Weise wert 0 und der Varianz ı İ2.
lassen sich Zuverlässigkeiten wasserwirtschaft- Falls man sich auf die Berücksichtigung der
licher Systeme bzw. deren Versagenswahrschein- Autokorrelation erster Ordnung beschränkt, lautet
lichkeiten besser berechnen. das Autoregressionsmodell
Bei stochastischen Analysen in der Hydrologie
wird der Abflussprozess als ein Zufallsprozess be- (5.2.37)
trachtet. Die Realisierungen dieses stochastischen
Prozesses werden als Zeitreihe hinsichtlich ihrer Bei Verwendung der Momentenmethode können
stochastischen Eigenschaften analysiert, um insbe- die Parameter dieses Modells wie folgt geschätzt
sondere ihr Schwankungsverhalten und etwaige werden:
langfristige Veränderungen (Trend, Sprünge) zu
ermitteln. Auf der Grundlage dieser Analyse lassen (5.2.38)
sich stochastische Zeitreihenmodelle aufstellen,
mit denen die wichtigsten stochastischen Eigen- wobei mit ȳ der Mittelwert der Stichprobe, mit s2
schaften dieser Zeitreihen wiedergegeben werden deren Varianz und mit r1 der Autokorrelationsko-
können. Damit kann man neue, „synthetische“ Ab- effizient erster Ordnung bezeichnet wird. Die Zu-
flussreihen (i. d. R. Monatswerte) generieren, die fallsvariable kann dann mit der Beziehung
in ihren wesentlichen statistischen Eigenschaften
beschrieben werden, wobei ut
mit der Ausgangsreihe übereinstimmen. Statt einer
gemessenen Realisierung liegen dann viele stochas- eine Zufallszahl mit dem Mittelwert 0 und der Va-
tisch generierte Reihen vor, wodurch sich v. a. bei rianz 1 bezeichnet, deren Verteilungsfunktion der
Anwendung von Simulationsverfahren die Aussa- Verteilung von yt entspricht. Bei Abflussreihen
gefähigkeit der Ergebnisse erhöht. sind die statistischen Parameter je nach betrachte-
Allen stochastischen Zeitreihenmodellen ist die ter Realisierung (z. B. Monat) des Abflusses unter-
Berücksichtigung eines Zufallsterms İ(t), der durch schiedlich. Man verwendet deshalb meist stocha-
eine Zufallszahl beschrieben wird, gemeinsam. stische Modelle mit saisonal variablen Parame-
Die statistischen Eigenschaften der betrachteten tern.
Zeitreihe werden mit ihren statistischen Parame- Komplexere stochastische Zeitreihenmodelle
tern Mittelwert yǦ und Varianz s2 sowie der Auto- berücksichtigen zusätzlich die Abweichung der
korrelationsfunktion rk beschrieben: vorhergehenden Realisierung vom Mittelwert Null
durch ein gewichtetes Gleitmittel:

(5.2.39)
(5.2.35)

mit ĭj Parameter des Autoregressionsteils und Ĭj


Parameter zur Ermittlung des Gleitmittels.
Falls stochastische Daten für mehrere Pegel gene- Derartige Modelle werden international als
riert werden sollen, müssen auch die Kreuzkorrela- „ARMA-Modelle“ (Autoregression-moving-ave-
tionskoeffizienten zwischen diesen Pegeln bekannt rage-Modelle) bezeichnet. Die theoretischen Grund-
sein. Beschränkt man sich hier auf einen Pegel- lagen zur Datengenerierung sind keineswegs trivial,
standort, so sind unterschiedliche Zeitreihenmo- weshalb hier nur auf die Literatur verwiesen wer-
delle möglich. Der einfachste Fall stellt ein Auto- den kann [Hipel/McLeod 1995].
regressionsmodell der Ordnung p dar:

(5.2.36)
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1835

5.2.2 Wasserwirtschaft In Deutschland bildet das Wasserhaushaltsge-


setz [WHG 1996] des Bundes den Rahmen für fö-
5.2.2.1 Einführung derative Landeswassergesetze. Die EU vereinheit-
licht durch Richtlinien wie die 2000 erlassene
Mit dem Begriff „Wasserwirtschaft“ wird die zielbe- Wasserrahmenrichtlinie [EU 2000] oder die Hoch-
wusste Ordnung aller menschlichen Einwirkungen wasserrichtlinie [EU 2007] aus dem Jahr 2007 die
auf das ober- und unterirdische Wasser bezeichnet. Wasserpolitik der Mitgliedsländer. Diese Richtli-
Die Wasserwirtschaft hat folgende Aufgaben: nien definieren die wesentlichen Zielsetzungen
– mengen- und gütemäßige Sicherung der mensch- und die Planungsabläufe in den Mitgliedsstaaten.
lichen Nutzungsansprüche an das natürliche
Wasserdargebot, 5.2.2.2 Wasserwirtschaftliche
– Gewässerschutz zur Erhaltung der Selbstreini- Projektbewertung
gungskraft der Gewässer sowie der Erhaltung
und Wiederherstellung regenerationsfähiger Öko- Bevor eine Detailplanung wasserwirtschaftlicher
systeme, Maßnahmen in Angriff genommen wird, ist es er-
– Schutz vor Schädigungen durch das Wasser. forderlich, die Auswirkung derartiger Projekte zu
bewerten. Aus den USA kommend, wurde auch in
Bei allen wasserwirtschaftlichen Aktivitäten sind Deutschland das sog. „Vier-Konten-System“ ein-
die zeitliche und räumliche veränderlichen physika- geführt [Senatskommission für Wasserforschung
lischen, chemischen und biologischen Eigenschaften 1992], welches als Hauptziel wasserwirtschaft-
des Wassers maßgebend. Das Leitbild einer integra- licher Projekte die Verbesserung der Lebensquali-
tiven Wasserbewirtschaftung (IWRM: Integrated tät fordert. Diese wird über eine Projektfolge-
Water Resources Management) geht von einer För- abschätzung in den folgenden vier Bereichen spe-
derung der sozialen und wirtschaftlichen Entwick- zifiziert: volkswirtschaftliche Entwicklung, Um-
lung durch wasserwirtschaftliche Maßnahmen aus, weltqualität, Regionalentwicklung und soziales
bei der zugleich die Funktionsfähigkeit wasserab- Wohlbefinden. Diese Bereiche werden als „Bewer-
hängiger Ökosysteme gesichert und verbessert wer- tungskonten“ bezeichnet. Projektbewertungen die-
den soll. Nach einer Definition von Savenije und nen der Entscheidungsfindung sowohl im Hinblick
Van der Zaag (2000) erfordert dies einen integra- auf eine „Ja/Nein-Entscheidung“ als auch hinsicht-
tiven Ansatz, bei dem folgende vier Aspekte ge- lich der Wahl der optimalen Alternative aus mehre-
meinsam berücksichtigt werden müssen: ren möglichen Projekten.
– die verschiedenen, zusammenhängenden Kom-
Ökonomische Projektbewertung
ponenten des Wasserkreislaufs und der Wasser-
Die Frage der Wirtschaftlichkeit eines wasserwirt-
beschaffenheit in ihren unterschiedlichen Zeit-
schaftlichen Projekts kann über vier Maßzahlen er-
und Raumskalen,
mittelt werden, nämlich die Nutzen/Kosten-Analyse
– die unterschiedlichen sektoriellen Ansprüche,
sowie die Berechnung des Kapitalwerts, des internen
d. h. die verschiedenen Interessen der unter-
Zinssatzes und der Annuität. Alle vier Maßzahlen ba-
schiedlichen Wassernutzer (einschließlich der
sieren auf einer Betrachtung von Kosten, Nutzen und
Umweltanforderungen sowie sozialer und kultu-
Zinssatz. Hier kann nur exemplarisch kurz die Nut-
reller Anforderungen),
zen/Kosten-Analyse (NKA) angesprochen werden.
– die Nachhaltigkeit von Wassernutzungen und
Da die verschiedenen Nutzen und Kosten zu
die Rechte zukünftiger Generationen,
unterschiedlichen Zeitpunkten anfallen, erfordert
– die verschiedenen Interessenvertreter in allen
ihre Vergleichbarkeit eine Umrechnung auf eine
Ebenen des Entscheidungsprozesses.
einheitliche Zeitbasis. Hierzu werden durch Dis-
Wasserwirtschaftliche Planungen sind ein wesent- kontierung mit dem inflationsbereinigten Zinssatz
liches Element der Strukturpolitik eines Landes Nutzen- bzw. Kostenbarwerte ermittelt. Das Nut-
und somit integrierter Bestandteil der Raumord- zen/Kosten-Verhältnis errechnet sich aus der Sum-
nung und Landesplanung. me aller Nutzenbarwerte N, geteilt durch die Sum-
1836 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

me der Kostenbarwerte K, also werden meist verbal argumentativ dargestellt [Se-


natskommission für Wasserforschung 1992].
Das soziale Wohlbefinden (soziale Sicherheit,
Einkommensverteilung) lässt sich häufig durch so-
(5.2.40) ziale Kenngrößen (z. B. Arbeitslosenziffer) aus-
drücken und beurteilen [Senatskommission für
Wasserforschung 1992]. Hierbei spielt auch die
Versorgungssicherheit (z. B. Trinkwasser) oder die
wobei Bt Nutzen im Jahre t, Rt Ersatzkosten in t, Ct Reduktion von Hochwassergefahren über Risiko-
Investitionskosten in t, T Planungshorizont, OMt berechnungen eine Rolle. Auch die potentielle
Betriebs- und Unterhaltskosten in t, i inflationsbe- Nutzung wasserwirtschaftlicher Anlagen (z. B.
reinigter Zinssatz. Talsperren) für Freizeit und Erholung [Tiedt 1994],
Ein Projekt ist wirtschaftlich, wenn das Nutzen/ die u. a. über die Erhöhung des Bruttosozialpro-
Kosten-Verhältnis N/K>1 ist. Unter verschiedenen dukts, den Individualnutzen und den regionalen
Alternativen ist dasjenige Projekt am wirtschaftlichs- Einkommenstransfer monetär quantifiziert werden
ten, welches das größte Nutzen/Kosten-Verhältnis kann, zählt zu diesem Konto.
aufweist.
Mehrdimensionale Bewertungsverfahren
Ökologische Projektbewertung Die beschriebenen Bewertungsprinzipien sind ein-
Bisher konnten auf dem Gebiet der Ökologie noch dimensional in dem Sinne, dass sie jeweils ledig-
keine so griffigen quantifizierbaren Kriterien ent- lich ein Konto bewerten können. Da jedoch zur
wickelt werden wie im Bereich der Ökonomie. Entscheidung über Projekte häufig verschiedene
Hier greift im Wesentlichen die Umweltverträg- relevante Aspekte in einer Gesamtschau bewertet
lichkeitsprüfung (UVP), die gemäß UVPG [UVPG werden müssen, empfehlen sich mehrdimensionale
1990] für die dort definierten neun Schutzgüter Be- Bewertungsverfahren. Diese Verfahren zur multi-
einträchtigungen (oder Gewinne) als Entschei- kriteriellen Entscheidungsunterstützung („Multi-
dungshilfe spezifiziert. Criteria Decision Making“) dienen bei wasserwirt-
Ein weiteres ökologisches Bewertungsprinzip schaftlichen Planungen meist zum Vergleich zwi-
existiert in Form der „Ökologischen Risikoanaly- schen einigen, im Voraus bekannten Alternativen,
se“ [BfG 1996], die es erlaubt, ökologische Beein- die jeweils durch Attribute (Kriterien) charakteri-
trächtigungen infolge eines Projekts unter Berück- siert werden können. Durch Ansätze des „Multi-
sichtigung der ökologischen Wertigkeit des Ist-Zu- Attribute Decision Making (MADM)“ werden prä-
stands und des Grades der Schädigung durch Ordi- ferentielle Alternativen ausgewählt. Neben den
nalzahlen flächendetailliert im betroffenen Gebiet zu gewichteten Linearkombinationen von Kriterien,
quantifizieren. Sie ist getrennt für jedes relevante die am Beispiel der Nutzwertanalyse nachfolgend
Schutzgut (Wasser, Boden, Tiere, Pflanzen usw.) beschrieben werden, sind paarweise „outranking“-
durchzuführen. Die Ergebnisse ermöglichen die Vergleiche zwischen Alternativen gebräuchlich, in
Darstellung der ökologischen Schädigung durch deren Ergebnis einzelne Alternativen ausgesondert
ein Projekt und den Vergleich von Projektalterna- werden. Ein verbreiteter Ansatz, bei dem die Prio-
tiven im Hinblick auf ihre ökologischen Auswir- ritäten des Entscheidungsträgers zur hierarchischen
kungen mit dem Ziel, die ökologisch verträglichste Gliederung der Attribute und, in deren Folge, der
Alternative zu wählen [Giers 1998]. Alternativen genutzt werden, ist das AHP-Verfah-
ren von Saaty [2001].
Regionale und sozialpolitische Aspekte Die Nutzwertanalyse [Bretschneider et al. 1993]
Neben der volkswirtschaftlichen Entwicklung ist ein mehrdimensionales Verfahren, das auch
spielen auch die Auswirkungen eines Projekts auf nichtmonetäre Auswirkungen berücksichtigen
die regionalen Entwicklungsmöglichkeiten (Ar- kann. Mit ihm lässt sich keine absolute Abwägung
beitsmarkt, regionales Einkommen, Infrastruktur, (Ja/Nein) vornehmen, sondern nur unter verschie-
Bevölkerungsentwicklung usw.) eine Rolle. Sie denen Alternativen die günstigste aussuchen. Für
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1837

jedes Projektziel (Trinkwasser, Hochwasserschutz Speicherplanung und -betrieb


usw.) werden Zielgewichte (z. B. 0,5; 0,1; 0,3) Für die Oberflächenwasserbewirtschaftung ist der
festgelegt. Nun wird für jede Projektalternative der Speicher (Talsperre, Flussstaustufe, HW-Rückhal-
Nutzwert im Sinne von Ordinalzahlen (z. B. wie tebecken, Sedimentationsbecken, Pumpspeicher-
Schulnoten 1 bis 5) für jedes Projektziel in Form system) das wichtigste technische Bewirtschaf-
einer Matrix festgelegt und mit dem zugehörigen tungsinstrument. In 5.2.2.3 werden Versorgungs-
Zielgewicht multipliziert. Auf diese Weise entste- speichersysteme behandelt, in 5.2.2.4 HW-Schutz-
hen für jedes Ziel und jede Projektalternative Teil- systeme.
nutzwerte, deren Summe für jedes Projekt den Ge-
samtnutzwert ergibt. Das Projekt mit dem höchsten Grundbegriffe. Für Speicher in Versorgungssyste-
Gesamtnutzwert ist zu wählen. men sind bei Annahme von bekannten Zufluss-
Die Kostenwirksamkeitsanalyse [Bretschneider werten drei Parameter von besonderer Bedeutung:
et al. 1993] ist eine Kombination von Nutzen/Kos- die Speicherkapazität S, die Entnahme QE aus dem
ten-Analyse und Nutzwertanalyse. Für mehrere Speicher sowie die Sicherheit p, mit der eine Ent-
Projektalternativen werden nach der NWA berech- nahme langfristig aus dem Speicher gewährleistet
nete Nutzwerte den nach der NKA ermittelten Kos- werden kann. Abb. 5.2-10 zeigt den Zusammen-
ten gegenübergestellt. Der Entscheidungsträger hang zwischen S, QE und p. Hohe Entnahmen er-
muss durch Abwägung zwischen Nutzwerten und fordern große Speicherkapazitäten; bei gegebener
Kosten seine optimale Alternative finden. Speicherkapazität führen hohe Entnahmen zu ge-
ringen Sicherheiten.
Um z. B. verschiedene Talsperrenstandorte zu
5.2.2.3 Bewirtschaftung von
vergleichen, werden zwei wasserwirtschaftliche
Oberflächenwasser-Ressourcen
Kenngrößen verwendet: der Ausbaugrad und der
Die Bewirtschaftung von Oberflächenwasser-Res- Ausgleichsgrad. Der Ausbaugrad b ist das Verhält-
sourcen erfordert die Planung und den Betrieb von nis der Speicherkapazität S (in Mio. m3) zur mittle-
wasserwirtschaftlichen Systemen. Diese Systeme ren jährlichen Zuflusssumme SMQ (in Mio. m3):
werden zum einen nach den Zwecken, denen sie
dienen, zum anderen nach der Anordnung ihrer (5.2.41)
Elemente unterschieden. Die Zwecke sind übli-
cherweise Trink- und Brauchwasserversorgung,
Wasserkraft, Bewässerung, Schifffahrt, Niedrig- Falls E!1 ist, handelt es sich um einen Überjahres-
wasseranreicherung, ökologisch orientierte Abga- speicher, bei dem es länger als ein Jahr mit mittle-
ben und Hochwasserschutz. Erfüllt ein wasserwirt- rem Zufluss dauert, bis der Speicher gefüllt ist,
schaftliches System nur einen dieser Zwecke, han- wenn in dieser Zeit keine Abgabe erfolgt.
delt es sich um eine Einzweckanlage, anderenfalls Der Ausgleichsgrad D bezeichnet die Relation
um Mehrzwecksysteme. zwischen der möglichen konstanten Entnahme QE
Zur Erfüllung eines (oder mehrerer Zwecke) (in m3/s) und dem langjährigen Mittel des Zu-
kann ein wasserwirtschaftliches System aus nur flusses MQ (in m3/s):
einem Element (z. B. einer Talsperre) bestehen, an-
derenfalls handelt es sich um wasserwirtschaftliche (5.2.42)
Systeme mit mehreren Elementen. Ein einfaches
System wäre ein Einzelspeicher für einen Zweck
(z. B. HW-Rückhaltebecken), ein komplexes Sy- Die mögliche konstante Entnahme hängt dabei
stem würde viele Elemente enthalten, die gemein- vom verfügbaren Speicherraum S ab (Abb. 5.2-
sam vielen Zwecken dienen. Ein derartig kom- 11a). Zwischen Ausgleichs- und Ausbaugrad
plexes wasserwirtschaftliches System ist z. B. das besteht somit die in Abb. 5.2-11b dargestellte
des Ruhrverbands, das u. a. aus zahlreichen Tal- Beziehung. a=1,0 bedeutet Vollausgleich, d. h. al-
sperren, Uferfiltratentnahmeanlagen, Kläranlagen les langfristig zufließende Wasser wird entnom-
und Flussstaustufen besteht. men.
1838 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

bewirtschaftet wird. Die Bemessung des Reser-


veraumes erfolgt auf der Grundlage wasserwirt-
schaftlicher und ökologischer Gesichtspunkte. Ins-
besondere wassergütewirtschaftliche Ansprüche
im Zusammenhang mit der wasserwirtschaftlichen
Nutzung können die erforderliche Größe des Re-
serveraums maßgeblich bestimmen.
Der Betriebsraum IBR dient zur Realisierung der
nutzungsorientierten Wasserbereitstellung der Tal-
sperre. Das Stauziel und das Absenkziel können aus
Gründen des Betriebs, insbesondere unter Berück-
sichtigung der saisonal bedingt veränderlichen
Hochwasserrisiken oder unter gütewirtschaftlichen
Abb. 5.2-10 Zusammenhang zwischen Speicherkapazität Gesichtspunkten, jahreszeitlich variabel gestaltet
S, Entnahmemenge QE und Versorgungssicherheit p für
werden.
einen Versorgungsspeicher bei gegebenen Zuflüssen
Der gewöhnliche Hochwasserschutzraum IGHR
bezeichnet den Speicherraum, der für den Rückhalt
Im Folgenden werden zunächst Methoden zur von Hochwasserwellen verwendet wird und deshalb
Planung von Versorgungsspeichern, schließlich im Normalbetrieb frei bleibt. Er wird mit einem
aber auch die Methoden zur Gestaltung des über die Eintrittswahrscheinlichkeit definierten
Speicherbetriebs beschrieben. Hochwasserereignis, bei dem die HW-Entlastungs-
Der Speicherraum einer Talsperre wird konstruk- anlage der Talsperre nicht anspringen soll, bestimmt.
tiv durch die Höhe des Absperrbauwerkes sowie die Die Größe des gewöhnlichen HW-Schutzraumes
Anordnung der Entnahme- und HW-Entlastungsan- definiert die HW-Schutzwirkung der Talsperre.
lagen bestimmt. Die oberen bzw. unteren Begren- Der außergewöhnliche Hochwasserschutz- oder
zungen der Stauräume werden durch Stauhöhen be- -rückhalteraum IAHR wird bei einem Hochwas-
zeichnet. Sie werden nach DIN 19700 [2004] in fol- serereignis eingestaut, das zu einem Anspringen
gende Bereiche (Abb. 5.2-12) unterteilt (je nach Art der HW-Entlastungsanlage führt. Die Größe dieses
und Nutzung der Stauanlage können einzelne Stau- Stauraumes wird durch das höchste Stauziel be-
raumanteile und Ziele aus Abb. 5.2-12 entfallen): stimmt, das sich bei Durchlauf des Bemessungs-
Die Speicherlamelle zwischen der Unterkante hochwassers entsprechend der hydraulischen Leis-
der Einlauföffnung des Grundablasses (tiefstes tungsfähigkeit der HW-Entlastungsanlage, etwai-
Absenkziel) und dem tiefsten Punkt des Stau- gen Parallelentlastungen sowie der Retentionswir-
raumes wird als Totraum bezeichnet. Er dient zur kung in der Talsperre einstellt. Je nach betrachtetem
Aufnahme von abgesetzten Stoffen (Sediment). Bemessungshochwasser unterscheidet man dabei
Der Reserveraum IR bezeichnet einen Teil des zwei höchste Stauziele: Das höchste Stauziel ZH1
Stauraumes, der nur in außergewöhnlichen Fällen ergibt sich beim Durchlauf der Hochwasserwelle

Abb. 5.2-11 a Speicherwirkungslinie und b Beziehung zwischen Ausgleichsgrad D und Ausbaugrad E


5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1839

Abb. 5.2-12 Speicherräume und Stauziele (nach DIN 19700)

im Bemessungsfall 1 (dient zur Bemessung der Die wasserwirtschaftliche Bemessung einer Tal-
HW-Entlastungsanlage), das höchste Stauziel ZH2 sperre kann nach zwei Gesichtspunkten erfolgen:
dagegen im Bemessungsfall 2, der für den Nach-
weis der Standsicherheit zugrunde gelegt wird. In – die Größe des Nutzraumes ist gesucht, mit dem
diesem (extremen) Bemessungsfall kann auch der eine geforderte Sollabgabe QS mit einer be-
Freiraum eingestaut werden. Das gewählte Frei- stimmten vorgegebenen Sicherheit zu gewährleis-
bordmaß bestimmt die Größe des Freiraumes. Bei ten ist, oder
der Bemessung des Freibordes (DIN 19700 Teil 10 – die mögliche Sollabgabe QS wird gesucht, die
[2004]) ist bei Staudämmen der Sicherheitszu- aus einem Speicher vorgegebener Größe mit
schlag grundsätzlich mindestens so festzulegen, einer bestimmten Sicherheit abgegeben werden
dass er einen Höhenunterschied zwischen Stau- kann.
dammkrone und Staudammdichtung abdeckt.
Für Planungszwecke ist neben der Speicherkapa- Bei beiden Betrachtungsweisen wird die Relation
zität der zu den einzelnen Speicherfüllungen S ge- von Speicherraum und Abgabe über die Sicherheit
hörende Wasserstand h von Bedeutung, da er die der Sollabgabe bestimmt. Es sind verschiedene
Sperrenhöhe und somit die Bauwerkkubatur be- Definitionen für diese Sicherheit denkbar. So un-
dingt. Der Zusammenhang zwischen Speicherinhalt terscheidet man folgende Sicherheiten, die jeweils
und zugehörigen Wasserstandshöhen ist aufgrund auf den einen Betriebszeitraum bezogen sind:
der topographischen Gegebenheiten nicht linear.
Abbildung 5.2-13 zeigt typische Beziehungen zwi- (5.2.44)
schen Wasserstand und Speicherinhalt bzw. Was-
seroberfläche, die sog. „Speicherkennlinien“.
Für verschiedene Speicher konnte gezeigt wer- mit der Gesamtzahl N+ der betrachteten Zeitinter-
den, dass die Speicherinhaltslinie Parabelform hat. valle (Monate, Jahrzehnte oder Tage), in denen
Mathematisch gilt dann eine Sollabgabe gewährleistet ist, bezogen auf die
Zahl der Zeitintervalle des Gesamtzeitraumes,
(5.2.43)
(5.2.45)
wobei a und b Parameter sind.
1840 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.2-13 Speicherkennlinien eines Hochwasserrückhaltebeckens in einem Lahn-Nebenfluss

mit der Gesamtmenge ¦Qa·'t, die geregelt abgegeben Diese Bemessungsaufgabe kann mit Hilfe des
wird, bezogen auf die gesamte Sollabgabemenge. Summenlinienverfahrens gelöst werden. Die Sum-
Es gilt PH”PM. Je länger der betrachtete Be- menlinie SL(t) wird aus einer Ganglinie (z. B. Q(t))
zugszeitraum ist, desto aussagefähiger sind die er- berechnet, indem Q(t) über die Zeit t integriert
mittelten Sicherheiten. wird:
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass eine
100%-ige Sicherheit infolge des stochastischen (5.2.46)
Charakters des Abflussprozesses bei der Bemes-
sung anhand einer – zwangsläufig vom Informa-
tionsgehalt her beschränkten – Zeitreihe nicht ge- Für diskrete Abflusswerte Qi ergibt sich
währleistet werden kann, ergibt sich die dritte Frage-
stellung der wasserwirtschaftlichen Bemessung: Die (5.2.47)
Sicherheit ist gesucht, mit der aus einer Talsperre
vorgegebener Größe eine bestimmte Sollabgabe
bereitgestellt werden kann. Das Summenlinienverfahren kann sowohl gra-
phisch als auch numerisch (sinnvollerweise mit
Summenlinienverfahren. Die beiden „klassischen“ EDV) angewandt werden. Wegen der leichteren
Aufgaben bei der Bemessung eines Versorgungs- Verständlichkeit wird hier das graphische Verfah-
speichers wurden vorstehend genannt: ren dargestellt.
Zunächst wird der Fall des Vollausgleichs
– die Größe des Nutzraumes S ist gesucht, mit dem (Į=1,0) behandelt, d. h. langfristig gesehen wird
eine geforderte Sollabgabe QS für eine bestimmte die Entnahme gleich dem Zufluss sein. Abbildung
vorgegebene Sicherheit p gewährleistet werden 5.2-14 zeigt für eine Sperrstelle eine Zuflusssum-
kann, menlinie zusammen mit einer Bedarfssummenli-
– die mögliche Sollabgabe QS wird gesucht, die nie, die einem über die Zeit konstanten Bedarf in
aus einem Speicher vorgegebener Größe S mit Höhe des langjährigen mittleren Zuflusses ent-
einer bestimmten Sicherheit p gewährleistet wer- spricht. In den Zeiten, in denen die Zuflusssumme
den kann. über der Bedarfssumme liegt (z. B. t0 bis t1, t2 bis
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1841

t3, t4 bis t5) muss Wasser in der Talsperre gespei- gischen oder infrastrukturellen Gründen), ergibt
chert werden, während zu Zeiten, in denen die Zu- sich die gesuchte maximale Entnahme aus diesem
fluss-SL unter der Bedarfs-SL liegt (z. B. t1 bis t2 Speicher ebenfalls aus Abb. 5.2-15: Man trägt die
und t3 bis t4), Wasser aus dem Speicher abgegeben bekannte Speicherkapazität D in den Mulden der
werden muss. Die erforderliche Speicherkapazität, Zufluss-SL vertikal auf und bestimmt die Nei-
die bei gegebenen Zuflüssen (ausgedrückt durch gungen zum linksseitigen Hochpunkt, deren Mini-
die Zufluss-SL) den Wasserbedarf gerade deckt, mum die gesuchte maximale Entnahme identifi-
ergibt sich als Summe des größten Überschusses ziert (QE=tanĮ). Auch für nichtkonstanten Bedarf
(in Abb. 5.2-14 ist dies ü3) und des größten Defi- kann das Summenlinienverfahren in analoger Wei-
zits (in Abb. 5.2-14 ist dies D1) der Zuflusssummen- se angewandt werden.
linie gegenüber der Bedarfssummenlinie. Beweis: Das Prinzip des Summenlinienverfahrens geht
Wenn zur Zeit t0 eine Speicherfüllung von D1 vor- davon aus, dass die beobachtete Abflussganglinie,
handen wäre, so würde der Speicher zur Zeit tD für aus der die Zufluss-SL berechnet wurde, für das
einen Moment vollständig entleert sein, zur Zeit tÜ Einzugsgebiet repräsentativ ist. Falls sich die his-
randvoll werden und am Schluss (tS) wären Zu- torische Ganglinie wiederholen würde, würde der
fluss- und Bedarfssumme ausgeglichen. Nutzraum der Talsperre je einmal randvoll bzw.
In der Praxis werden Talsperren immer für ei- ganz entleert werden. Träten in der künftigen Zeit-
nen Teilausgleich (Į<1) gebaut, d. h. der Bedarf ist reihe extremere Bedingungen auf, würde der Spei-
kleiner als das Wasserdargebot. In diesem Fall ist cher versagen. Die Versagenswahrscheinlichkeit
die Bedarfs-SL flacher als im vorigen Beispiel des Versorgungsspeichers ist somit unbekannt. Bei
(D 1), und die erforderliche Speicherkapazität einer sehr langen Zuflussganglinie kann davon
wird kleiner. Die Bemessung der Talsperre (Be- ausgegangen werden, dass die wesentlichen Cha-
stimmung der erforderlichen Speicherkapazität) rakteristika der Zuflussreihe repräsentiert werden
geschieht nach Abb. 5.2-15 folgendermaßen: Auf und das Verfahren zumindest näherungsweise zur
den Hochpunkten der Zufluss-SL wird die Neigung Ermittlung der Beziehung zwischen Stauinhalt und
der Bedarfs-SL jeweils tangential angetragen, und Abgabe geeignet ist. Falls keine lange Zeitreihe
die maximal auftretenden Differenzen zur Zufluss- der Zuflüsse zur Verfügung steht, empfiehlt sich
SL werden ermittelt (in Abb. 5.2-15 sind dies D1 die Anwendung der stochastischen Datengenerie-
und D2). Ihr Maximum entspricht der erforder- rung (s. 5.2.1.7). Die Transformation der Summen-
lichen Speicherkapazität. linien in sog. „Summen-Differenzenlinien“ ver-
Für den Bemessungsfall, dass die Speicherka- meidet die unsichere Ermittlung der Bemessungs-
pazität vorgegeben ist (z. B. aus geomorpholo- größen infolge schleifender Schnitte bei der gra-

Abb. 5.2-14 Bemessung der erforderlichen Kapazität Abb. 5.2-15 Summenlinienverfahren bei Teilausgleich
eines Versorgungsspeichers mit Hilfe des Summenlinien-
verfahrens (für Vollausgleich)
1842 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

phischen Anwendung des Summenlinienverfahrens


[Maniak 1997].

Speicherbemessung auf der Grundlage von Simu-


lationsverfahren. Simulation beinhaltet die wirklich-
keitsäquivalente Nachahmung von Systemen der
realen Welt und von Prozessen, die sich in diesen
Systemen abspielen, im Modell. Für die Bemes-
sung eines Versorgungsspeichers wird dieses Prin-
zip wie folgt angewandt: Für eine gegebene Zu-
flussganglinie an der Sperrstelle und für eine vor-
gegebene Speicherbetriebsregel wird die Kapazität Abb. 5.2-16 Komponenten einer Speicherbetriebssimulation
des Nutzraumes zunächst hypothetisch angenom-
men. Dann wird für jedes Zeitintervall (Tag bzw.
Monat) der vorhandenen (oder künstlich gene-
rierten) Zuflussganglinie (möglichst über Jahr- Betrieb wasserwirtschaftlicher Systeme. Eine strikte
zehnte) die Speicherbilanzgleichung gemäß Trennung von Planung und Betrieb wasserwirt-
Abb. 5.2-16 und Gl. 5.2.47 sukzessive gelöst. schaftlicher Systeme ist insofern nicht möglich, als
Als Ergebnis erhält man die Ganglinien von Zu- sich beide gegenseitig beeinflussen. Die vorste-
fluss, Abgaben und Speicherfüllung gemäß Abb. 5.2- hend beschriebene Speicherbemessung basierte
17. Das in der Mitte dargestellte Abgabeziel kann auf einer vorgegebenen Betriebsregel. Wird diese
Niedrigwasseraufhöhung, Trinkwasser, Turbinen- geändert, ändert sich auch die Kapazität des ge-
wasser usw. sein. Von Interesse ist der Verlauf der planten Speichers.
Abgabeganglinie (s. Abb. 5.2-17 Mitte) und der Nach Ermittlung der erforderlichen Speicherka-
Speicherfüllungsganglinie (s. Abb. 5.2-17 unten). pazität bzw. der möglichen Sollabgabe muss das
Man erkennt, dass 1963 eine Trockenperiode war, eigentliche Betriebsregime der Talsperre, d. h. die
die zur Entleerung der Talsperre und zum Versagen Abgaberegelung in Abhängigkeit von saisonalen
der Anlage führte (hier: Einhaltung des Abgabe- Schwankungen des Bedarfs bzw. der Zielgrößen
zieles). Ist die aus einer solchen Simulation ermit- des Talsperrenbetriebs und der Variabilität des Zu-
telte Versagenswahrscheinlichkeit nicht akzeptabel, flusses, ermittelt werden. Hierzu werden meist Si-
muss die gewählte Speicherkapazität geändert und mulationsrechnungen durchgeführt, bei denen eine
ein neuer Simulationslauf durchgeführt werden. Auf saisonal variable Abgabe in Abhängigkeit vom be-
diese Weise kann iterativ diejenige Speicherkapazi- trachteten Zeitraum, dem aktuellen Speicherinhalt
tät gefunden werden, die zu einer akzeptablen Ver- und dem Zufluss solange variiert wird, bis eine
sagenswahrscheinlichkeit führt. möglichst hohe Sicherheit der Realisierung der
Betriebsziele erreicht wird.
(5.2.48) Der Vorteil dieser Methodik besteht darin, dass
komplexe Betriebsregeln, bei denen z. B. Mindest-
inhalte und saisonal variable Hochwasserschutz-
Während die Simulationstechnik nicht direkt zu räume ebenso wie zuflussabhängige Abgabeziele
einer adäquaten Speichergröße führt, sondern nur berücksichtigt werden müssen, untersucht werden
auf iterativem Wege, können Optimierungsverfah- können. Der Arbeitsaufwand für diese iterative
ren den gesuchten Bemessungsparameter in gewis- Vorgehensweise ist relativ hoch, und eine optima-
sen Fällen direkt optimal bestimmen. Eine Darstel- le Betriebsregel kann nicht mit Sicherheit gefun-
lung dieser Verfahren (z. B. Lineare Programmie- den werden. Unter bestimmten Gegebenheiten
rung, Dynamische Programmierung, Nichtlineare können daher hierfür auch Verfahren zur Optimie-
Optimierungsmethoden, Suchtechniken) würde rung der Betriebsregeln genutzt werden, wobei
den Rahmen dieses Beitrags sprengen [Bretschnei- das – allerdings rechenintensive – Verfahren der
der et al. 1993]. Stochastischen Dynamischen Programmierung
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1843

Abb. 5.2-17 Ergebnisse der Speicherbetriebssimulation (Monatswerte) für eine vorgegebene (angenommene) Speicher-
kapazität (Stauziel: 707 m ü. N.N.)
1844 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

(SDP) die meisten Möglichkeiten bietet [Loucks dern eine Aufgabe, die mit einer periodisch zu wie-
et al. 1981]. derholenden Risikoanalyse beginnt und mit den
Die Formulierung einer adäquaten Speicherbe- immer neu zu prüfenden technischen und plane-
triebsregel erfordert als Bewertungskriterium die rischen Maßnahmen zur Schadensminimierung en-
Berechnung der Zuverlässigkeit für die Deckung det. Es handelt sich hierbei um die Kombination
eines vorhandenen oder künftigen Wasserbedarfs, der Phasen „Risikoermittlung“ und „Risikohand-
die die Betriebsregel gewährleisten kann, und zwar: habung“. Die vier unteren Kästchen von Abb. 5.2-
18 bilden die Kette der aufeinanderfolgenden Stu-
– nach der Zeit (Dauer),
fen, die bei einem effizienten Hochwassermanage-
– nach der Größe des möglichen Gesamtdefizits
ment durchlaufen werden müssen [Plate 1997].
(in m3) gegenüber dem Bedarf bzw.
Für den Bauingenieur sind in diesem Zusammen-
– dem maximal auftretenden Einzeldefizit gegen-
hang die Feststellung der Hochwassergefährdung
über dem Bedarf (in m3/s).
als hydrologische Aufgabe und die Risikominde-
Diese Größen lassen sich ebenfalls mit Hilfe von rung durch Planung von Maßnahmen (vornehmlich
Simulationsberechnungen ermitteln. Baumaßnahmen) von Bedeutung. So fordert die
Für die Echtzeitsteuerung einer Talsperre (oder Hochwasserrichtlinie der EU z. B. die Beurteilung
einer Gruppe von Talsperren im Verbund) von Tag des Hochwasserrisikos durch die Erstellung von
zu Tag müssen derartige generelle Betriebsregeln Überflutungskarten für Hochwasserereignisse ver-
noch verfeinert werden und sich adaptiv am jewei- schiedener Größe (Jährlichkeit T=100a und ein
ligen Systemzustand orientieren. Dies geschieht darüberliegendes „extremes“ Hochwasser) bis
üblicherweise unter Nutzung eines Hardware-Soft- 2013 und die Aufstellung von Risikomanagement-
waresystems, das im Dialogbetrieb wichtige Ent- plänen bis 2015.
scheidungshilfen leisten kann, v. a. dann, wenn Der bauliche Hochwasserschutz gliedert sich
entsprechende Computer-Expertensysteme Ein- im Wesentlichen in drei verschiedene Typen auf,
gang finden [Wolbring et al. 1996]. die alternativ oder im Verbund verwirklicht wer-
den können:
5.2.2.4 Hochwasserschutz
– Hochwasserfreilegung von Städten und Gebieten
Im Rahmen der Aufgaben des Hochwasserschutzes durch flussbauliche Maßnahmen, z. B. Eindei-
obliegen dem Bauingenieur Planung, Bau und Be- chung, Beseitigung von hydraulischen Engstellen,
trieb von HW-Schutzanlagen. Diese Aufgaben um- Bau von Hochwasserentlastungskanälen etc.,
fassen jedoch nur einen Teil des HW-Risikoma- – Hochwasserschutz ganzer Gebiete durch Bau
nagements (Abb. 5.2-18). In diesem Sinne ist von HW-Rückhaltebecken (einzeln oder in
Hochwasserschutz keine einmalige Aufgabe, son- Gruppen),

Abb. 5.2-18 Schema des HW-Risikomanagements [Plate 1997]


5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1845

– Rückgabe ehemaliger Ausuferungsflächen an lung, Erhöhung der Rauheit und Änderung


den Fluss durch Rückverlegung oder vollstän- des Fließweges, Deiche, Gewässerausbau);
digen Rückbau von Deichen. – Beeinflussung der Hochwasserschäden durch
– administrative Maßnahmen im Überflutungs-
Gerade die letztgenannte Maßnahme gewinnt im
gebiet (Nutzungsbeschränkungen, Freima-
Hinblick auf ihren ökologischen Nutzen in den
chen gefährdeter Flächen, Bauvorschriften,
Flussauen stark an Bedeutung [LAWA 1995].
Information und Übungen),
Grundsätzliches – lokale Baumaßnahmen und Objektschutz (lo-
Hochwasserschutz bedeutet nicht die völlige Be- kale Eindeichung, äußere und innere Schutz-
seitigung jeglicher Hochwassergefährdung, son- vorkehrungen bei Einzelobjekten wie Rück-
dern lediglich eine Reduktion des Hochwasserrisi- stauklappen, überflutungs- und auftriebssi-
kos und der zu erwartenden Schäden. Eine absolu- chere Gestaltung),
te Sicherheit ist aufgrund des stochastischen – Hochwasserverteidigung (HW-Warndienst, Ma-
Charakters des Abflussprozesses und infolge wirt- terialbereitstellung, Sicherungsmaßnahmen,
schaftlicher Grenzen nicht zu gewährleisten, d. h. Evakuierung).
ein Restrisiko bleibt.
Für die Planung des Hochwasserschutzes sind Ermittlung von Hochwasserschäden
je nach Aufgabenstellung unterschiedliche Hoch- Wie in 5.2.1.4 dargestellt, lassen sich Hochwasser-
wassermerkmale relevant: gefahren an Fließgewässern durch ihre Wahr-
scheinlichkeitsverteilung charakterisieren. Bei
– Hochwasserscheitelabfluss bzw. -wasserstand
großen Hochwässern sind erwartungsgemäß die
für die Dimensionierung von Deichen, Dämmen,
Schäden größer als bei kleinen, d. h. zu großen
Entlastungskanälen und ggf. HW-Entlastungsan-
Hochwasserschäden gehören kleine Überschrei-
lagen,
tungswahrscheinlichkeiten. Lässt sich für ein
– Hochwasserfülle zur Planung von Rückhalte-
Flussgebiet eine monetäre Schadensfunktion in
maßnahmen, insbesondere für Talsperren und
Abhängigkeit von der Größe des Hochwassers (in
HW-Rückhaltebecken (HRB),
m3/s) aufstellen, so kann man durch Kombination
– Dauer der Überschreitung eines bestimmten
dieser Schadensfunktion mit der zugehörigen HW-
Wasserstands für die Ermittlung möglicher Ge-
Wahrscheinlichkeitsverteilung den Erwartungs-
fährdungen infolge von Durchsickerungen an
wert des Hochwasserschadens pro Jahr bestimmen.
Deichen und Dämmen sowie für die Planung von
Abbildung 5.2-19 zeigt eine derartige Schadens-
Binnenentwässerungen,
funktion und die HW-Häufigkeitsanalyse dazu.
– Hochwasserganglinien zur Ermittlung der reten-
Der jährliche Schadenserwartungswert ergibt sich
tionsabhängigen Speicherung und für die Be-
zu
messung von HW-Speicherräumen sowie ggf.
HW-Entlastungsanlagen.
(5.2.49)
In Anlehnung an das DVWK-Merkblatt 209
[DVWK 1989a] sind folgende HW-Schutzkon-
zepte zu unterscheiden: Für die praktische Anwendung empfiehlt sich eine
intervallweise Berechnung (s. Abb. 5.2-19):
– Beeinflussung des Hochwassers
– im Einzugsgebiet durch Förderung der Versi- (5.2.50)
ckerung und des Rückhalts (Änderung der
Landnutzung, Erhöhung der Geländeretenti-
on, Rückhalt von Niederschlagswasser in mit S Schaden in € und P Auftretenswahrschein-
Siedlungsgebieten), lichkeit. Die Berechnung kann etwa bei P =
– am Gewässer (Hochwasserspeicherung mit 0,001(HQ1000) abgebrochen werden, da geringere
HRB und Talsperren, Hochwasserum- und Jährlichkeiten kaum noch einen Beitrag zu den
-ableitung z. B. durch Flutmulden, Flussrege- Schadenskosten leisten.
1846 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Für eine HW-Schutzmaßnahme lässt sich der die den größten Teil der ankommenden Hochwäs-
Nutzen gemäß 5.2.2.2 dadurch berechnen, dass der ser im Scheitelbereich speichern können. Für die
Barwert des Schadens (über die Lebensdauer eines Lösung dieses Interessenkonflikts gibt es keine ge-
Projekts, z. B. 80 Jahre) auf der Basis der jähr- nerelle Methodik; sie muss jeweils im Einzelfall
lichen Schadenserwartungswerte für die Alterna- durch Konsens erarbeitet werden.
tiven vor und nach dem Bau der HW-Schutzmaß- Die Berechnung der Hochwasserminderung
nahme (z. B. HRB) berechnet und die Differenz durch Rückverlegen von Deichen oder vollständiges
zwischen beiden Werten als Nutzen der Baumaß- Zur-Verfügung-Stellen der Talauen erfolgt mit Me-
nahme gewertet wird. Stellt man diese in Relation thoden der in 5.2.1.4 dargestellten Flood-routing-
zu Bau- und Betriebskosten der Anlage (über z. B. Methodik für die erweiterten Durchflussprofile.
80 Jahre), so ergibt sich daraus das Nutzen/Kos-
ten-Verhältnis für die Baumaßnahme als ein mög- Arten von Hochwasserrückhaltebecken. HRB stel-
liches Bewertungskriterium. len im Gegensatz zu Talsperren Speicher für den
kurzzeitigen Rückhalt eines spezifischen Abfluss-
Hochwasserrückhaltebecken (HRB) anteils des niederschlagsbedingten Direktabflusses
Während aus ökologischer Sicht das gelegentliche dar. Die Notwendigkeit des Baues von HRB ergibt
Auftreten von Hochwässern (auch größeren) im sich aus der Schadwirkung von Hochwasserereig-
Gewässerbett und in Talauen durchaus erwünscht nissen im Flusstal und dabei besonders auch zum
ist, streben die dort lebenden Menschen einen Ausgleich hochwasserverschärfender Maßnahmen
möglichst sicheren Hochwasserschutz auf nied- wie Flächenbebauung oder Minderung der Reten-
rigem Abflussniveau an. Der ökologischen Zielset- tionswirkung des Gewässers durch Eindeichung.
zung dient am besten die weitgehende Rückgabe HRB können nach verschiedenen Gesichts-
der Talauen an den Fluss (Entsiedelung der Auen punkten unterteilt werden. Hinsichtlich der Nut-
oder weitgehende Zurückverlegung der Deiche), zung kann unterschieden werden zwischen
während den Ansprüchen der im Tal lebenden
– Becken mit Dauerstauraum, in welchen Wasser
Menschen am besten dadurch Rechnung getragen
ständig oder zeitweilig unabhängig vom Auftre-
wird, dass genügend große HW-Schutzspeicher
ten eines Hochwassers gespeichert wird, um da-
(Rückhaltebecken oder Talsperren) gebaut werden,

Abb. 5.2-19 Aufstellen der Schaden-Häufigkeitsbeziehung als Basis der Berechnung der Schadenreduzierung durch eine
HW-Schutzmaßnahme
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1847

mit z. B. ökologischen Zielstellungen und Anfor- flusswerten schrittweise angepasst, um noch


derungen von Freizeit und Erholung zu entspre- Speicherraum für die Kappung des Scheitels der
chen, sowie Welle freizuhalten (Abb. 5.2-20, Fall 3a). Diese
– Becken ohne Dauerstau, die nur im Hochwasser- Steuerung setzt jedoch eine Echtzeitvorhersage
fall eingestaut werden. Die Vor- und Nachteile der Zuflussganglinie voraus. Wird der schadlose
beider Lösungen werden z. B. bei [DVWK 1991] Abfluss als Abgabeziel dagegen solange beibe-
diskutiert. halten, bis die Hochwasserentlastung des HRB
anspringt, kann eine Minderung des Hochwas-
Eine andere Unterscheidungsmöglichkeit ist durch
serscheitels nur noch durch die Retentionswir-
die Lage zum Gewässer gegeben. Hier sind direkt
kung des außergewöhnlichen HW-Schutzraumes
durchflossene HRB (Hauptschluss) von Anlagen
erreicht werden (Abb 5.2-20, Fall 3b), was meist
im Nebenschluss zu unterscheiden (HW-Rückhal-
zu ungünstigeren Ergebnissen führt.
tepolder), die über Zuleitungskanäle und -bau-
werke gefüllt werden. Bemessung von Hochwasserrückhaltebecken. HRB
Nach der Betriebsform sind ungesteuerte und haben die Aufgabe, Hochwassergefahren und Hoch-
gesteuerte HRB zu unterscheiden. Ungesteuerte wasserschäden unterhalb des Speichers deutlich zu
Becken verfügen über einen Auslass, der in Ab- reduzieren. Dies kann nach zwei Zielkriterien ge-
hängigkeit vom Füllungsstand des Beckens und schehen: Minimierung des Scheitelabflusses der
entsprechend seiner hydraulischen Dimensionie- aus dem Speicher abgegebenen Hochwassergang-
rung unkontrolliert eine Wassermenge an den Un- linie (meist in dicht besiedelten Gebieten) und Mi-
terlauf abgibt. Die Höhe dieser Abgabe ist durch nimierung der Überflutungsdauer in den Talauen
die Retentionswirkung des HRB bedingt. Der Vor- unterstrom des HRB (zumeist in landwirtschaftlich
teil dieser Betriebsweise besteht in der direkten genutzten Gebieten). Maßgebend für Planung, Bau
Anpassung der Abgabe an den Zufluss ohne Rege- und Betrieb von HRB ist DIN 19700, Teil 12.
lungserfordernis, der Nachteil in einer vergleichs-
weise geringen HW-Schutzwirkung, die sich zu- Bemessung ungesteuerter Hochwasserrückhalte-
dem relativ zur Größe des auftretenden Hochwas- becken. Bei ungesteuerten HRB befinden sich im
sers abschwächt. Absperrbauwerk ständig offene Auslässe. Der Ab-
Um den optimalen Betrieb eines HRB zu si- fluss aus dem HRB richtet sich somit nach der
chern, ist die Abgabe QA bei Hochwasser auf den Zuflussganglinie, der Retention im verfügbaren
schadlos abführbaren Abfluss QS (z. B. bordvoller Speicherraum und den Durchmessern der Auslass-
Abfluss zwischen Deichen) zu beschränken. Bei öffnungen. Die Dimensionierung dieser Auslässe
der Abgabesteuerung sind drei Fälle zu unterschei- erfolgt sinnvollerweise so, dass der Scheitel der
den, die nach der Relation der freien Speicherka- Ausflussganglinie (max QA) den schadlosen Ab-
pazität S des HRB und der Fülle des zufließenden fluss (QS in Abb. 5.2-20) nicht übersteigt. Die
Hochwassers SHQ zu unterscheiden sind: Speicherbemessung erfolgt dadurch, dass eine sol-
che Kombination von Speicherkapazität Serf und
1. S>SHQ: Die zulässige Maximalabgabe QS aus
Auslassdurchmesser D ermittelt wird, die gerade die-
dem HRB kann unterschritten werden (Abb. 5.2-
se Bedingung (max QA”QS) erfüllt. Dieser Nach-
20, Fall 1).
weis ist durch Retentionsberechnungen im Sinne
2. S = SHQ: Die Abgabe entspricht der zulässigen
einer doppelten Iteration (Variation von Dammhöhe
Maximalabgabe, das Becken wird gefüllt
sowie Durchmesser des Auslasses) zu führen.
(Abb. 5.2-20, Fall 2). Dieser Sonderfall wird der
Der Verlauf einer Hochwasserwelle in einem
Bemessung des HRB zugrunde gelegt, tritt im
Speicher kann mit der Speichergleichung beschrie-
praktischen Betrieb jedoch sehr selten auf.
ben werden:
3. S < SHQ: Infolge der ungünstigen Relation zwi-
schen der Zuflusssumme und der Speicherkapa-
(5.2.51)
zität ist der schadlose Abfluss als Abgabeziel
nicht zu gewährleisten. Bei der optimalen Steue-
mit QZ(t) Zuflussganglinie, QA(t,S) Abflussgang-
rung wird die Abgabe den größer werdenden Zu-
linie aus dem Betriebs- bzw. Grundablass und über
1848 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.2-20 Betriebsweisen von HW-Rückhaltebecken

die HW-Entlastungsanlage, die sich entsprechend die erwartete Speicherfüllung (bzw. Stauhöhe) an-
den hydraulischen Gegebenheiten füllungsabhän- genommen wird und die Gültigkeit von Gl. (5.2.52)
gig einstellt, dS/dt=Speicherinhaltsänderung. überprüft wird. Die Annahme des Endwasserstands
Für endliche Zeitintervalle 't gilt wird dann solange iterativ korrigiert, bis Gl. (5.2.52)
tatsächlich erfüllt ist.
Je nach Dimensionierung des Betriebsauslasses
(5.2.52) wird sich eine mehr oder weniger große Retenti-
onswirkung ergeben, derzufolge jeweils eine un-
terschiedlich große Speicherkapazität benötigt
mit S1, S2 Speicherinhalt am Anfang bzw. Ende des wird. Das Berechnungsergebnis kann anhand von
Zeitintervalls 't. QZ(t) und QA(t) kontrolliert werden: Der Scheitel
Die hydraulische Wirkungsweise des Betriebs- von QA(t) muss im Schnittpunkt der Abflussgang-
bzw. Grundablasses und der Entlastungsanlage be- linie mit dem abfallenden Ast der Zuflussganglinie
dingt die Abhängigkeit der Speicherabgabe vom QZ(t) liegen (Abb. 5.2-21). Dies ergibt sich aus
Speicherinhalt über die zugehörige Druck- bzw. der Bedingung, dass zu dem Zeitpunkt, an dem der
Überfallhöhe. Somit erfordert die Lösung von Zufluss in den Speicher kleiner als der Abfluss
Gl. (5.2.52) die Kenntnis der Beziehung zwischen wird, der größte Speicherinhalt im Becken und da-
Stauhöhe und Ausfluss aus dem Speicher (Aus- mit das Maximum des Abflusses erreicht wird.
flusskurve QA=f(H)) sowie zwischen Speicherin- Die Größe der HW-Entlastungsanlage muss für
halt S und der Stauhöhe H (Speicherinhaltslinie das Auftreten eines größeren Hochwasserereignisses
gemäß Abb. 5.2-4). Beispiele für diese Zusammen- (Bemessungsfall 1 nach DIN 19700 Teil 12) ggf. bei
hänge sowie eine Darstellung von Zufluss- und Versagen des leistungsfähigsten Verschlusses so di-
Abgabeganglinie finden sich in Abb. 5.2-21. mensioniert werden, dass die zulässige Überstauhö-
Die erforderliche Speicherkapazität Serf und der he im HRB nicht überschritten wird. Einzelheiten
Auslassdurchmesser D werden in einer Simulati- hierzu sind in DIN 19700 Teil 12 [2004] geregelt.
onsrechnung des Speicherbetriebs mit der Bemes-
sungszuflussganglinie QZ als Input und in Kenntnis Bemessung gesteuerter Hochwasserrückhaltebe-
der Speicherwirkung gemäß Abb. 5.2-21 bemessen. cken. HRB können effizienter eingesetzt werden,
Hierzu müssen Speicherkapazität und Auslassprofil wenn die Abgaben ins Unterwasser aus dem HRB
zunächst sinnvoll angenommen werden. Die Simu- für jede Zuflussganglinie adaptiv geregelt werden.
lationsberechnung erfolgt in jedem Zeitschritt itera- Ist der Abfluss QS, der im Unterwasser eines HRB
tiv, indem zunächst zum Ende des Zeitintervalls 't schadlos abgeführt werden kann, bekannt (ggf.
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1849

Abb. 5.2-21 Grundlagen der Speicher-Retentionsberechnung

Abb. 5.2-22 Bemessung eines HRB für konstante Regelabgabe QS (schadloser Abfluss im Unterwasser)

durch die Höhe der seitlichen HW-Schutzdeiche Anwendung der Langzeitsimulation des Spei-
determiniert), so wäre es sinnvoll, das HRB im cherbetriebs möglich. Für eine vorgegebene, an
Falle eines Hochwassers so zu steuern, dass der Sperrstelle gültige Langzeit-Zuflussganglinie
QA=QS ist. Die Bemessung eines derartigen HRB (über viele Jahre), die entweder einer Messreihe
erfolgt sinnvollerweise auf der Basis einer Bemes- entspricht oder mit Hilfe deterministischer oder
sungswelle (DIN 19700 Teil 12, 2004). Die erfor- stochastischer hydrologischer Verfahren (Kontinu-
derliche Speicherkapazität ergibt sich gemäß umsimulation) erzeugt werden kann, wird eine
Abb. 5.2-22 zu Langzeitsimulation des Speicherbetriebs durchge-
führt. Hierfür müssen zunächst die Speicherkapa-
(5.2.53) zität und die Speicherbetriebsregel vorgegeben
werden. Als Ergebnis erhält man die zur Langzeit-
ganglinie gehörige Abgabeganglinie aus dem Spei-
Die erforderliche Speicherkapazität entspricht der cher. Hierfür wird eine HW-Häufigkeitsanalyse
schraffierten Fläche in Abb. 5.2-22. Je kleiner die durchgeführt und deren Ergebnis getestet. Ist die
schadlose Abgabe QS ist, desto größer ist die er- Versagenshäufigkeit im Hochwasserfall zu groß
forderliche Speicherkapazität. (Versagen bedeutet Überlauf der HW-Entlastungs-
anlage), müssen die Bemessungsparameter (Spei-
Stochastische HRB-Bemessung. Neben der HRB- cherkapazität, Betriebsregel) solange sinnvoll va-
Bemessung auf Basis von deterministischen Be- riiert werden und für jede Variante eine neue Simu-
messungswellen ist auch eine Bemessung durch lation durchgeführt werden, bis das Ergebnis (Ver-
1850 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

sagenswahrscheinlichkeit) akzeptabel wird. Mehr der Paragraphen 1 der Wasserhaushaltsgesetze


hierzu findet sich in [Bretschneider et al. 1993]. (WHG) 1996 und 2010 belegen. War §1 des WHG
vom 12.11.1996 noch deutlich nutzungsbezogen:
Flussparallele Hochwasserdeiche „Die Gewässer sind als Bestandteil des Naturhaus-
Zur Hochwasserfreilegung von Talauen werden haltes und als Lebensraum für Tiere und Pflanzen
Flüsse häufig mit seitlichen Führungsdeichen ver- zu sichern. Sie sind so zu bewirtschaften, dass sie
sehen. Die Höhe dieser Deiche ist so zu bemessen, dem Wohl der Allgemeinheit und im Einklang mit
dass ein extremer Hochwasserabfluss vorgege- ihm auch dem Nutzen einzelner dienen und ver-
bener Überschreitungswahrscheinlichkeit (z. B. meidbare Beeinträchtigungen ihrer ökologischen
HQ100) zwischen den Deichen abgeführt werden Funktionen unterbleiben“, so stellt das am
kann. Die Deichhöhe ist nun so zu bestimmen, dass 01.03.2010 in Kraft getreten Wasserhaushaltsge-
das HQx stationär durch das verfügbare Durch- setz den Schutz der Gewässer in den Vordergrund:
flussprofil abgeführt werden kann. Hierbei gilt „Zweck dieses Gesetzes ist es, durch eine nachhal-
tige Gewässerbewirtschaftung die Gewässer als
(5.2.54) Bestandteil des Naturhaushalts, als Lebensgrund-
lage des Menschen, als Lebensraum für Tiere und
mit v mittlere Fließgeschwindigkeit und A durch- Pflanzen sowie als nutzbares Gut zu schützen“.
strömter Querschnitt zwischen den Deichen (z. B. Mit der Neufassung des WHG entfallen ver-
Doppeltrapezprofil). Die Geschwindigkeit v muss schiedene Planungsinstrumente wie die wasser-
mit einer entsprechenden hydraulischen Formel be- wirtschaftlichen Rahmenpläne (§36 WHG von
rechnet werden (z. B. Manning-Strickler-Formel). 1996) oder die Bewirtschaftungspläne (§36b WHG
Mit dem Anlegen der Deiche wird nicht nur die von 1996). Stattdessen werden zwei wasserwirt-
ökologische Situation (s. 5.2.2.4) in den Talauen schaftliche Planungsvorgaben der EU umgesetzt:
verschlechtert, sondern die hierdurch bewirkte Re- die im Jahr 2000 erlassene Wasserrahmenrichtlinie
duzierung natürlicher Retentionsflächen in den 2000/60/EG und die Hochwasserrichtlinie 2007/60/
Talauen führt zu Hochwasserverschärfungen, wo- EG, die im Jahr 2007 veröffentlicht wurde. In bei-
durch die verbleibenden Talauen häufiger und hö- den Richtlinien werden flussgebietsbezogene Pla-
her überflutet werden. Hierdurch entstehen auch nungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen ge-
größere Hochwasserschäden und eine verstärkte fordert. In der Wasserrahmenrichtlinie stellt die
Gefährdung von Menschenleben. Verbesserung und Erhaltung eines guten ökologi-
Hinsichtlich einer teilweise vorkommenden schen Zustandes das Planungsziel dar. Dagegen
Durchfeuchtung von Deichen oder ihrer völligen fordert die Hochwasserrichtlinie die Minderung
Durchsickerung ist die Sickerströmung für den Be- nachteiliger Hochwasserfolgen durch Hochwas-
messungshochwasserstand (stationärer Zustand) serrisikomanagement. Die Umsetzungen beider
zu ermitteln [DVWK 1986]. EU-Richtlinien sind in unterschiedlicher Art und
Aufgrund der bekannten wasserwirtschaftlichen Weise im WHG 2010 geregelt. Für die Wasserrah-
und ökologischen Nachteile von Deichen ist man menrichtlinie finden sich Regelungen im Abschnitt
zunehmend bemüht, den Neubau von Flussdeichen 7 („Wasserwirtschaftliche Planung und Dokumen-
zu vermeiden bzw. naturnahe Gestaltungsweisen tation“), die Umsetzung der EU-Hochwasserricht-
zu nutzen (z. B. Fließpolder). linie wird dagegen im Abschnitt 6 („Hochwasser-
schutz“) geregelt [WHG 2010].
5.2.2.5 Wasserwirtschaftliche Pläne Bewirtschaftungspläne für Flussgebiete in
Das im August 2009 verkündete Wasserhaushalts- Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie der EU
gesetz des Bundes [WHG 2010] trat zum 1.3.2010 Die Wasserrahmenrichtlinie 2000/60/EG [EU 2000]
in Kraft und löste das WHG aus dem Jahre 1996 definiert einen Ordnungsrahmen für den Schutz und
[WHG 1996] ab. Die zeitabhängigen Verände- die Verbesserung des Zustandes aquatischer Ökosys-
rungen der Rahmenbedingungen wasserwirtschaft- teme einschließlich der direkt von ihnen abhängigen
licher Planungen lassen sich durch den Vergleich Landökosysteme. Sie beinhaltet die Forderung der
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1851

Nachhaltigkeit der Wassernutzungen durch den pläne sind in den §§82, 83 und 84 des WHG [2010]
langfristigen Schutzes der vorhandenen Ressourcen bezeichnet. Die bis Ende 2009 zu erstellenden und
und folgt in ihrem Planungsansatz dem DPSIR- danach alle 6 Jahre zu aktualisierenden Bewirt-
Schema der European Environment Agency [EEA, schaftungspläne beinhalten, neben der allgemeinen
1996]. Die allgemeine Vorgehensweise in der Um- Beschreibung der Flussgebietseinheit, eine Zusam-
weltplanung kann danach durch eine Ursachen-Wir- menfassung aller signifikanten Belastungen und
kungskette zwischen den Verursachern von Um- anthropogenen Einwirkungen, eine Liste der Um-
weltbelastungen (Driving Forces), den resultie- weltziele für die Gewässer, eine wirtschaftlichen
renden Umweltbelastungen (Pressures), dem Zu- Analyse der Wassernutzungen, die Zusammenfas-
stand (State), der sich aus diesen Belastungen ergibt, sung der Maßnahmenprogramme zur Erreichung
und den spezifischen Wirkungen (Impact) von Um- der Umweltziele und Maßnahmen zur Information
weltbelastungen beschrieben werden (Abb. 5.2-23). und Anhörung der Öffentlichkeit. Die Maßnahme-
Die gesellschaftlichen Reaktion (Response) bein- programme dienen dazu, die Vorgaben, die in den
haltet dabei nicht nur Einwirkungen auf die einzel- §§27 bis 31, 44 und 47 des WHG bezeichnet sind,
nen Elemente dieser Kette z. B. durch die Umwelt- zu erreichen. §27 gibt die Bewirtschaftungsziele
gesetzgebung, die Maßnahmen zur Reduzierung für oberirdische Gewässer an, §28 bezeichnet die
von Belastungen initiiert, sondern auch die Umwelt- Einstufung künstlicher und erheblich veränderter
forschung, mit der die kausalen Zusammenhänge in Gewässer, §29 die Fristen, §30 abweichende Be-
dieser Kette erfasst werden. wirtschaftungsziele und §31 Ausnahmen von den
Für Oberflächengewässer werden ein guter öko- Bewirtschaftungszielen. Die Paragraphen 44 und
logischer und ein guter chemischer Zustand ange- 47 beinhalten die Bewirtschaftungsziele für Küs-
strebt. Für die ökologische Qualität sind hierzu tengewässer und das Grundwasser.
Bewertungen anhand biologischer, morphologi- Für stark anthropogen überprägte Oberflächen-
scher und chemischer Parameter erforderlich. Zur gewässer („heavily modified“) sind geringere Ziel-
Bestimmung der chemischen Qualität werden Qua- setzungen möglich, die die jeweiligen Nutzungen
litätsstandards für 30 prioritäre Stoffe vorgegeben. berücksichtigen. Regelungen hierzu finden sich in
Die Erreichung des guten ökologischen Zustandes §83 des WHG [2010]. Für Einstufungen als „er-
soll auf der Grundlage von flussgebietsbezogenen heblich veränderte Gewässer“ werden Angaben zu
Bewirtschaftungsplänen und Maßnahmeprogram- etwaigen Fristverlängerungen mit Gründen und
men gewährleistet werden. Die Inhalte und Fristen Maßnahmen, die zur Erreichung der Bewirtschaf-
der Maßnahmeprogramme und Bewirtschaftungs- tungsziele innerhalb der verlängerten Frist erfor-

Abb. 5.2-23 Das DPSIR-Schema der Umweltplanung [EEA 1996]


1852 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

derlich sind, gefordert. Die Zielvorgabe des „guten lagen, die im Falle der Überflutung Umweltver-
ökologischen Zustandes“ kann in derartigen Fällen schmutzungen verursachen können, sowie potentiell
durch das „gute ökologische Potential“ ersetzt betroffene Schutzgebiete. Gefahren- und Risikokar-
werden, das sich möglichst eng an vergleichbaren ten sind in Deutschland bis zum 22.12.2013 zu er-
naturnahen Gewässern orientieren soll. stellen. Auf ihrer Grundlage werden bis Dezember
Für das Grundwasser wird in der Wasserrah- 2015 Hochwasserrisikomanagementpläne erstellt,
menrichtlinie ein guter qualitativer und ein guter in denen Maßnahmen zur Verringerung nachteiliger
chemischer Zustand gefordert. Hier erfolgt keine Hochwasserfolgen für die menschliche Gesundheit,
Ausweisung von Qualitätszielen jedoch soll ein die Umwelt, das Kulturerbe und wirtschaftliche Tä-
Gleichgewicht zwischen Grundwasserentnahme tigkeiten aufgeführt werden. Sofern angebracht wird
und -neubildung erreicht werden. auf nicht-bauliche Maßnahmen der Hochwasservor-
Der gute ökologische und gute chemische Zu- sorge und/oder einer Verminderung der Hochwas-
stand soll EU-weit bis Dezember 2015 erreicht serwahrscheinlichkeit orientiert. Der Schwerpunkt
werden. Fristverlängerungen bis 2021 bzw. 2027 der Planung liegt auf Schadensvermeidung, Schutz
sind möglich. Maßnahmeprogramme und Bewirt- und Vorsorge. Kosten und Nutzen sind zu berück-
schaftungspläne sind in Deutschland erstmals bis sichtigen. Sie sind bis zum 22.12.2015 zu erstellen.
zum 22.12.2015 und anschließend alle sechs Jahre Die Pläne sind alle sechs Jahre zu überprüfen und
zu überprüfen. erforderlichenfalls zu aktualisieren.

Planungen zur Reduzierung der 5.2.2.6 Künftige Entwicklungen


Hochwasserrisikos
Die Hochwasserrichtlinie 2007/60/EG (EU 2007) Im Zusammenhang mit der Diskussion zu Klima-
sieht drei Umsetzungsphasen vor. Zunächst ist eine änderungen hat sich in den letzten Jahren das Be-
vorläufige Bewertung des Hochwasserrisikos erfor- wusstsein für die begrenzte Informationsbasis der
derlich. Bis Dezember 2013 sind Hochwasserge- wasserwirtschaftlichen Grundlagen erhöht. Wenn
fahrenkarten und Hochwasserrisikokarten zu erstel- die zeitliche Veränderlichkeit der Planungsgrund-
len. Hochwassergefahrenkarten bezeichnen die lagen, die Instationarität, akzeptiert ist, stellt sich
Überflutungsgebiete bei unterschiedlichen Hochwas- die Frage nach angepassten Planungsmethoden.
serereignissen, Hochwasserrisikokarten potenzielle Wie eingangs bereits erwähnt (s. 5.2.2.1), werden
hochwasserbedingte nachteilige Auswirkungen. Die die herkömmlichen Planungsprinzipien (ökono-
Umsetzung der EU-Hochwasserrichtlinie wird im mischer Nutzen, technische Effizienz, Funktions-
Abschnitt 6 „Hochwasserschutz“ des Wasserhaus- zuverlässigkeit) in Zukunft nicht mehr ausreichen.
haltsgesetzes [WHG 2010] geregelt. Dort finden Stärker werden das in der UNO-Agenda 21 (Kapi-
sich Vorgaben zu den Gefahren- und Risikokarten, tel 18) [UNCED 1993] festgeschriebene Prinzip
die zu erstellen sind (§74) und zu den Risikoma- der Nachhaltigen Entwicklung (Sustainable Deve-
nagementplänen (§75). Wie bei der Umsetzung der lopment) sowie das z. B. in der EU-Wasserrahmen-
Wasserrahmenrichtlinie sind auch hier Flussgebiets- richtlinie [EU 2000] festgelegte Prinzip der Inte-
einheiten zu berücksichtigen. Gefahrenkarten sind grierten Flussgebietsbewirtschaftung berücksichtigt
für Hochwasser mit niedriger Wahrscheinlichkeit werden müssen. Neben der klimatischen Variabili-
(Extremereignisse) und Hochwasser mit mittlerer tät werden auch demografische und wirtschaftliche
Wahrscheinlichkeit (Wiederkehrintervall mindestens Veränderungen maßgebend.
100 Jahre) aufzustellen. Sie müssen das jeweilige Das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung er-
Ausmaß der Überflutung, Wassertiefe und soweit fordert Planungen, welche die Bedürfnisse der ge-
erforderlich Wasserstand und Fließgeschwindigkeit genwärtigen Generation erfüllen, ohne künftigen
darstellen. Risikokarten basieren auf den Gefahren- Generationen die Möglichkeit zu nehmen, ihre ei-
karten und bezeichnen die nachteiligen Folgen der genen Bedürfnisse zu befriedigen. Auf die Wasser-
Überflutungen. Die erforderlichen Angaben bein- wirtschaft bezogen bedeutet dies, dass künftige
halten die Anzahl der betroffenen Einwohner, die Entwicklungen über lange Zeitperioden in der Pla-
wirtschaftliche Tätigkeit im betroffenen Gebiet, An- nung berücksichtigt werden, und dies nicht nur –
5.2 Hydrologie und Wasserwirtschaft 1853

wie bisher meist geschehen – im Hinblick auf den len: Geographische Informationssysteme (GIS),
künftigen Wasserbedarf. Vielmehr erfordert es digitale Geländemodelle, digitale Karten, Ferner-
Vorhersagen künftiger Entwicklungen aller Para- kundungsdaten (Satelliten, Wetterradar, Überflie-
meter, die für die beiden Hauptkomponenten was- gungen), Computer-Expertensysteme sowie kom-
serwirtschaftlicher Planung, nämlich Wasserbedarf plexe Optimierungen bei Planung und Betrieb
und -verfügbarkeit, relevant sind. In Hinblick auf wasserwirtschaftlicher Systeme.
die Instationarität der Planungsgrundlagen sollte
nicht nur eine einzelne Vorhersage, sondern eine Abkürzungen zu 5.2
größere Zahl von Szenarien künftiger Entwicklun- ARMA-Modell Autoregressives Moving Average
gen für jeden relevanten Parameter bestimmt wer- Model
den, um auf diese Weise der Planungsunsicherheit AVwV Allgemeine Verwaltungsvorschriften
derartiger Vorhersagen Rechnung zu tragen. BfG Bundesanstalt für Gewässerkunde
Das in der EU-Wasserrahmenrichtlinie festge- BGBl. Bundesgesetzblatt
legte Prinzip der integrierten Flussgebietsbewirt- DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft
schaftung erfordert bei der Planung wasserwirt- DVWK Deutscher Verband für Wasserwirt-
schaftlicher Maßnahmen die Betrachtung des ge- schaft und Kulturbau e.V.
samten Flusseinzugsgebietes und Gewässersys- DWD Deutscher Wetterdienst
tems. Berücksichtigt werden müssen Wassermenge EDV Elektronische Datenverarbeitung
und Wassergüte simultan, Hochwasser- und Nied- GIS Geoinformationssystem
rigwasserverhältnisse sowie erwartete sozioöko- HRB Hochwasserrückhaltebecken
nomische Entwicklungen im Einzugsgebiet. Ma- HW Hochwasser
kroskalige und globale Prozesse gehen über die KWA Kostenwirksamkeitsanalyse
Einzugsgebietsbetrachtung hinaus, da sie großräu- LAI Leaf Area Index
mig angelegt sind. Extreme Hochwasser sowie LAWA Länderarbeitsgemeinschaft Wasser
gravierende Trockenperioden basieren meist auf NKA Nutzen/Kosten-Analyse
großräumigen meteorologischen und anderen Pro- NW Niedrigwasser
zessen. Typisches Beispiel für diese Effekte ist das NWA Nutzwertanalyse
bekannte El-Niño-Phänomen. SDP Stochastische Dynamische Program-
Die Betrachtung von Langzeitentwicklungen mierung
gehört zur Thematik der nachhaltigen Entwick- SL Summenlinie
lung, soll aber noch einmal erwähnt werden, um UNCED United Nations Conference on Envi-
deutlich zu machen, dass es sich hier nicht nur um ronment and Development
sozioökonomische Entwicklungen (im Hinblick UVP Umweltverträglichkeitsprüfung
auf den künftigen Wasserbedarf), sondern auch um UVPG Umweltverträglichkeitsprüfungsge-
Natur- und anthropogene Prozesse handelt. Bei- setz
spiele für langfristige Entwicklungen in der Natur UVU Umweltverträglichkeitsuntersuchung
sind Prozesse möglicher Klimaänderungen; Bei- UW Unterwasser
spiele für langfristige anthropogene Veränderungen WHG Wasserhaushaltsgesetz
finden sich in der Veränderung von Landnutzungen WKUE Weltkommission für Umwelt und
(Landwirtschaft, Urbanisierung, Ausdehnung von Entwicklung
Wüsten, Vernichtung von Wäldern). Diese Verän- WWRP Wasserwirtschaftliche Rahmenpläne
derungen haben z. T. erhebliche hydrologisch-was-
serwirtschaftliche Auswirkungen. Literaturverzeichnis Kap. 5.2
Damit wird es erforderlich, die Planung wasser- ATV-DVWK (2002) ATV-DVWK-Regelwerk M 504 Verdun-
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Bretschneider H, Lecher K, Schmidt M (Hrsg) (1993) Ta-
isoliert zu betrachten, sondern im Rahmen einer
schenbuch der Wasserwirtschaft 1993. Verlag Paul Parey,
integrierten Umweltplanung vorzunehmen. Hamburg
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1854 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

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5.3 Wasserbau 1855

5.3 Wasserbau das Gewässer wird bis zu den Talflanken hin auf-
gestaut. Bei einer Flusssperre begrenzen parallel
Theodor Strobl, Franz Zunic zum Fluss verlaufende Stauhaltungsdämme den
Aufstau seitlich im Tal (Abb. 5.3-1).
In den folgenden Abschnitten werden vorwiegend Während Talsperren i. d. R. über ein großes Be-
Fragen des konstruktiven Wasserbaus behandelt. Da- ckenvolumen verfügen und damit in der Lage sind,
bei liegt der Schwerpunkt bei der Gestaltung und einen hohen Anteil des Abflusses über einen lan-
konstruktiven Durchbildung von Stauanlagen (Fluss- gen Zeitraum zu speichern und nach Bedarf abzu-
und Talsperren) und deren Betriebseinrichtungen und geben, spielt bei Flusssperren die Wasserspeiche-
Nebenanlagen. Daneben werden die Zielsetzungen rung eine untergeordnete Rolle. Nur bei Anlagen
und aktuellen Aufgaben des Flussbaus umrissen. Zu- mit größerem Stauvolumen kann durch Zwischen-
letzt wird ein Überblick in die Grundlagen der Strom- speicherung der Abfluss zeitweise zurückgehalten
gewinnung aus Wasserkraft gegeben. Dabei werden werden (Schwellbetrieb).
die wichtigsten Bauformen von Wasserkraftanlagen Sonderformen von Stauanlagen sind Hochwas-
vorgestellt und der Einsatz und die Anordnung von ser- (HW-)Rückhaltebecken zum Auffangen bzw.
Turbinen und Generatoren beschrieben. zur Dämpfung von Hochwasserabflüssen, Pump-
Die hydrologischen und wasserwirtschaftlichen speicherbecken in Verbindung mit Hochdruck-
Grundlagen zur Bemessung wasserbaulicher Anla- Wasserkraftanlagen, Sedimentationsbecken zum
gen sowie die hydraulischen Beziehungen zur Be- Rückhalt absetzbarer Schwebstoffe und Geschie-
schreibung der vielfach komplexen Strömungsvor- besperren zum Rückhalt von Geschiebefrachten.
gänge an und in wasserbaulichen Anlagenteilen Wichtige Normen sind DIN 4048 Teil 1 (Wasser-
sind in den vorangehenden Abschnitten dieses Ka- bau – Begriffe – Stauanlagen) und Teil 2 (Wasserbau
pitels bereits behandelt worden. – Begriffe – Wasserkraftanlagen) sowie DIN 19700
Wasserbauliche Anlagen der See- und Binnen- (Stauanlagen) mit den Teilen 10 bis 15.
schifffahrt sowie der Hafenbau sind im Kapitel Zu beachten sind weiterhin die Veröffentli-
„Verkehrssysteme und Verkehrsanlagen“ zu finden. chungen und Regelwerke der nationalen und
internationalen Verbände, z. B. der Deutschen
5.3.1 Stauanlagen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und
Abfall e.V. (DWA, früher DVWK) und des Deut-
Stauanlagen sind Wasserbauwerke, mit deren Hilfe schen Nationalen Komitees für Große Talsperren
Bäche und Flüsse aufgestaut werden. Man unter- (DNK), welches Deutschland in der International
scheidet zwischen Tal- und Flusssperren. Eine Tal- Commission on Large Dams (ICOLD) vertritt.
sperre riegelt den gesamten Talquerschnitt ab, und In dieser Organisation sind fast alle im Talsper-

Abb. 5.3-1 Grundsätzlicher Unterschied zwischen Talsperre und Flusssperre


1856 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

renbau tätigen Länder der Welt zusammenge- Da eine wasserbauliche Maßnahme weitrei-
schlossen. chende Auswirkungen auf das Flusssystem hat, ist
ein Gesamtkonzept für den jeweiligen Flussausbau
notwendig. Hierbei sind v. a. folgenden Einflüsse
5.3.1.1 Flusssperren (Staustufen)
zu berücksichtigen:
An einer Flusssperre wird der gewünschte Aufstau
– Veränderung der Geschiebefracht, häufig ver-
durch Wehrbauwerke bewirkt. Dient die Staustufe
bunden mit einem Rückhalt von Kies und Sand
auch der Erzeugung elektrischer Energie, wird ne-
im Staubecken und Eintiefungstendenzen im
ben dem Wehr eine Wasserkraftanlage errichtet.
Unterwasser,
Als weitere Bauwerke kommen bei schiffbaren
– Sedimentation von Schwebstoffen vor dem
Flüssen Schleusen hinzu. Wehr, Wasserkraftwerk
Wehr,
und Schleusen bilden das Absperrbauwerk und zu-
– Anhebung des Grundwasserspiegels im ober-
sammen mit den Stauhaltungsdämmen die Stau-
stromigen und Absenken im unterstromigen
stufe (Abb. 5.3-2).
Bereich,
Flusssperren erfüllen im Wesentlichen folgende
– Änderung der Wasserqualität wegen geringerer
Aufgaben:
Fließgeschwindigkeit,
– Aufstau nach oberstrom für Ausleitungen (Be- – Auswirkungen auf die standorttypische Lebens-
wässerung, Trinkwasserversorgung, Energieer- gemeinschaft des Gewässers.
zeugung und Schifffahrt),
Grundsätzlich gilt, dass die Veränderungen im
– Erhöhung der Fahrwassertiefe für die Schiff-
Flusslauf umso geringer ausfallen, je niedriger der
fahrt,
Aufstau ist. Wird die Fließgeschwindigkeit im
– Sohlstabilisierung durch Verringerung des Ener-
Stauraum von v=0,3 m/s nicht unterschritten,
gieliniengefälles und damit der Schleppkraft der
spricht man von einem „ökologisch vertretbaren
Strömung (Schutz des Flussbettes vor Eintie-
Aufstau“.
fung),
Die Wehranlage stellt das Hauptbauwerk einer
– Anhebung des Grundwasserstandes,
Flusssperre dar. Das Wehr staut den Fluss auf und
– Gewinnung von Fallhöhe zur Erzeugung elek-
gibt den Fließquerschnitt bei Hochwasser wieder
trischer Energie,
frei. Besteht das Sperrenbauwerk aus einer mas-
– Schaffung von Naherholungsräumen,
siven Stauwand ohne bewegliche Teile, spricht
– Landschaftsgestaltung (z. B. Kulturwehre in
man von einem „festen Wehr“. Wenn der Aufstau
Städten).
überwiegend durch bewegliche Verschlussorgane
Die meisten Flusssperren erfüllen gleichzeitig erzeugt wird, handelt es sich um ein bewegliches
mehrere dieser Aufgaben und werden daher als Wehr. Eine Kombination aus einem festen Bauteil
Mehrzweckanlagen bezeichnet. und beweglichen Verschlussteilen nennt man
„kombiniertes Wehr“.
Der Absturz ist eine Sonderform des Wehres.
Bei diesem Bauwerk ragt die Wehrkrone nur ge-
ringfügig – bis zu 15% der Wassertiefe – über die
Flusssohle. Abstürze erzeugen daher keinen Auf-
stau, sondern stützen lediglich die Flusssohle.

Feste Wehre
Feste Wehre sind die einfachste Möglichkeit, einen
Fluss aufzustauen. Allerdings erlauben sie keine
Abflussregelung. Der Wasserstand kann nicht vor-
gegeben werden, sondern stellt sich einzig auf-
grund des jeweiligen Abflusses ein. Feste Wehre
Abb. 5.3-2 Teile einer Flusssperre werden vorwiegend als Stützwehre zur Sohlstabili-
5.3 Wasserbau 1857

Abb. 5.3-3 Bestandteile des festen Wehres (nach DIN 4048 Teil 1)

Abb. 5.3-4 Grunddreieck

sierung und bei HW-Entlastungsanlagen von Tal- delt es sich um eine Betonkonstruktion, muss die
sperren verwendet. Neigung des Grunddreiecks und damit des Wehrrü-
ckens etwa bei 0,75<b/h<0,85 liegen, damit die an-
Bestandteile eines festen Wehres. Die Bestandtei- greifenden Momente aus Wasserdruck und Sohlen-
le eines festen Wehres sind in Abb. 5.3-3 darge- wasserdruck von der Gewichtskraft des Stützkör-
stellt. Oberhalb des massiven Staukörpers schützt pers aufgenommen werden können. Eine konstruk-
der Vorboden aus großen Wasserbausteinen oder tive Fuge zwischen Wehrkörper und anschließendem
einer Betonplatte die Sohle vor Erosion. Tosbecken bildet den fiktiven Drehpunkt beim
Das Wehr selbst besteht aus einem massiven Nachweis der Kippsicherheit des Bauwerks.
Staukörper, der allein durch sein Gewicht die Kräfte Bei geschiebeführenden Flüssen empfiehlt es
aus dem Wasserdruck in den Untergrund ableitet. sich, Wehrrücken und Tosbecken mit einer mindes-
Daraus ergibt sich ein einfaches Grundkonzept für tens 15 cm dicken Schicht aus verschleißfestem Be-
die konstruktive Gestaltung des Wehrkörpers ton nach DIN 1045 zu versehen. Störkörper sollten
(Abb. 5.3-4). Die äußeren Umrisse des Wehres ent- in diesem Fall mit einem Stahlmantel vor Erosion,
sprechen größtenteils einem Grunddreieck, dessen Abrasion und Kavitation geschützt werden.
Spitze in Höhe des Höchsten Stauzieles ZH liegt. Ein besonderes Augenmerk verdient das Über-
In dieses Grunddreieck wird ein hydrodynamisch laufprofil. Es ist so zu gestalten, dass Strahlablö-
günstig geformtes Überlaufprofil eingepasst. Han- sungen (Minderung der Abflussleistung) und zu
1858 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

große Unterdrücke (Kavitationsgefahr) vermieden auch bei weiter steigendem Wasserstand kaum zu,
werden. Je strömungsgünstiger dieses Profil aus- da die Gesetze des Druckabflusses zugrunde lie-
gebildet wird, desto leistungsfähiger ist das Wehr. gen. Nimmt der Zufluss in die Stauhaltung wieder
Die Abflussleistung Q eines Wehres mit der Breite ab und erreicht der Wasserstand die Einlaufkante
B bestimmt sich ohne Rückstaueinfluss zu der Heberhaube, reißt der Wasserstrom infolge der
eingesaugten Luft abrupt ab. Sonderkonstrukti-
onen mit bedienbaren Belüftungsvorrichtungen er-
lauben eine frühere Einstellung des Abflusses.
Aufgrund der geschilderten Abflusscharakteristik
Wenn die Fließgeschwindigkeit v im Oberwasser ist ein Heberwehr nur eingeschränkt steuerbar und
kleiner als etwa 1 m/s ist, kann die Geschwindig- auch nicht überlastbar. Es bietet damit keine Reser-
keitshöhe v2/(2·g) i. d. R. vernachlässigt werden. ven für extreme Hochwasserabflüsse. Dennoch wur-
Der dimensionslose Überfallbeiwert — ist von der den Heberwehre früher vielfach als HW-Entlastungs-
Form der Überlaufkrone abhängig. Strömungs- anlagen bei Fluss- und Talsperren verwendet, weil
günstig ausgerundete Profile erreichen —-Beiwerte sie eine hohe spezifische Abflussleistung aufweisen.
zwischen etwa 0,65 und 0,75.
Nach dem Wehrrücken folgt das Tosbecken. Bewegliche Wehre
Hier findet die Energieumwandlung des Abflusses Bewegliche Wehre sind Stauvorrichtungen, bei de-
statt. Um die Flusssohle hinter dem Tosbecken vor nen ein Aufstau durch bewegliche Stahlverschlüs-
Erosion zu schützen, bedarf es i. Allg. einer Sohl- se bewirkt wird. Diese können ganz oder teilweise
befestigung in Form eines Kolkschutzes. geöffnet werden; auf diese Weise ist eine Beein-
flussung des Oberwasserstandes durch Regulie-
Heberwehr. Weil Heberwehre keine beweglichen rung der Durchflussleistung möglich.
Verschlussteile haben, zählt man sie zu den festen Bei schwierigen Randbedingungen wie Schräg-
Wehren. Das hydraulische Prinzip und die Abfluss- anströmung oder Einstau vom Unterwasser sollten
charakteristik dieser Sonderform ist in Abb. 5.3-5 anhand wasserbaulicher Modelluntersuchungen die
dargestellt. Bei Erreichen eines Wasserstandes hydrodynamischen Kräfte auf die Verschlüsse ge-
knapp über der innen liegenden Wehrschwelle nau ermittelt werden, damit die Antriebsorgane
springt der Heber an. Die Anspringnase lenkt den ausreichend sicher dimensioniert werden können.
Wasserstrahl an die Heberhaube, die dadurch Dabei lässt sich auch die Formgebung der Ver-
schnell evakuiert wird. Hierdurch kommt es zu schlüsse optimieren.
einem raschen Übergang vom Freispiegel- zum Das Öffnen und Schließen der Verschlüsse kann
Druckabfluss, und der Heber erreicht sehr schnell mechanisch, hydraulisch, elektrisch oder selbsttä-
eine hohe Abflussleistung. Dieser Abfluss nimmt tig durch das Wasser erfolgen. Die Randbedin-

Abb. 5.3-5 Heberwehr und Abflusscharakteristik


5.3 Wasserbau 1859

gungen – Bemessungshochwasserabfluss, Eis und diese durch die Bewegung beim Öffnen und Schlie-
Geschiebe, Untergrundverhältnisse und optische Er- ßen und die Art, wie der Abfluss freigegeben wird.
scheinung – bestimmen die Art der Verschlüsse, Verschlüsse werden entweder durch Heben und
die Anzahl der Wehrfelder und deren lichte Weite Senken oder über eine Drehbewegung des Ver-
sowie die Stauhöhe. schlussorgans verstellt und dadurch über- oder un-
terströmt. Die Kombinationen von unterschied-
(n-1)-Bedingung. Bei Hochwasser muss die Stau- lichen Verschlusstypen ermöglicht die gleichzei-
wirkung des Wehres eingeschränkt oder ggf. aufge- tige Über- und Unterströmung.
hoben werden. Die Verschlüsse müssen sicher geöff- Bei der Wahl der Verschlüsse ist besonders auf
net, und der ursprüngliche Flussquerschnitt muss eine gute Abfuhr von Eis, Geschiebe und Ge-
freigegeben werden können. DIN 19700 Teil 13 schwemmsel zu achten. Eine Einteilung verschie-
schreibt hierzu die Einhaltung der sog. (n-1)-Bedin- dener Verschlusstypen zeigt Abb. 5.3-6.
gung vor. Diese Vorschrift verlangt, dass Wehre mit
beweglichen Verschlüssen so zu dimensionieren Hubverschlüsse. Das Dammbalkenwehr besteht aus
sind, dass das Bemessungshochwasser BHQ1 auch einzelnen Balken, die horizontal übereinander in
bei Ausfall eines Wehrfeldes schadlos und unter seitlich in den Pfeilern eingelassene Dammbalken-
Einhaltung des festgelegten Hochwasserstauziels nuten eingeführt werden. Sie geben dort die Was-
abgeführt werden kann. Nur bei kleinen einfeldrigen serdruckkräfte an die Pfeiler ab. Die Abdichtung
Wehren darf u. U. statt der (n-1)-Regel die (n-a)-Re- zwischen den Balken gewährleisten längs der Be-
gel angewendet werden. Dabei bewegt sich der Wert rührungsflächen eingelassene oder aufgeschraubte
a zwischen 0 und 1 [DVWK 1990b]. Bei unter- Gummileisten. Da das Bedienen dieses Ver-
schiedlichen Wehrfeldern muss jenes mit der größ- schlusses sehr umständlich und zeitraubend ist,
ten Abflussleistung als nicht zu öffnen unterstellt wird er heute nur noch als temporärer Revisions-
werden. Bei Wehrfeldern mit mehreren Verschlüs- verschluss verwendet. Häufig werden hierzu grö-
sen übereinander (z. B. Staubalkenwehre) genügt es, ßere Dammtafeln eingesetzt. Mit Hilfe eines Por-
die leistungsfähigste Öffnung als geschlossen anzu- tal- oder Autokranes lassen sich die Elemente
setzen, wenn im Revisions- oder Reparaturfall auch ober- und unterwasserseitig eines Wehrverschlusses
tatsächlich nur ein Verschluss und nicht ein ganzes einführen und ermöglichen so die Inspektion des
Wehrfeld abgeschlossen wird. Wehrkörpers und der Wehrverschlüsse.
Die (n-1)-Bedingung muss somit sowohl die Beim Nadelwehr bilden dicht nebeneinander-
Möglichkeit des Ausfalls eines Verschlusses durch stehende Bohlen, stählerne Rohre oder Spundboh-
Reparatur- und Wartungsarbeiten als auch das un- len den Verschluss. Die so entstehende Staufläche
vorhergesehene Blockieren des Verschlusses oder wird leicht geneigt an eine Brücke oder einen Steg
Versagen der Antriebsaggregate abdecken. Zusätz- angelehnt. Eine Aussparung am Wehrboden
lich ist noch folgendes zu beachten: (Schloss) sorgt für die Arretierung der einzelnen
Nadeln am Fußpunkt. Zum Regulieren werden ein-
– Revisions- und Reparaturarbeiten sollten nur in
zelne Nadeln entfernt. Umständliche Bedienung
Niedrig- oder Mittelwasserzeiten durchgeführt
und Wasserdurchlässigkeit sind die Gründe, war-
werden,
um auch dieser Verschluss praktisch nur noch für
– Minimierung des Öffnungsrisikos durch Wahl
Revisionszwecke verwendet wird.
bewährter Verschlusssysteme wie Klappe, Seg-
Die früher weit verbreiteten Hubschützen fin-
mentverschluss oder Schütz,
den heute im Bereich der Flusssperren fast keine
– Bevorzugung von Wehrverschlüssen, die sich
Verwendung mehr, allenfalls bei kleinen unterge-
allein aus dem Wasserdruck (z. B. Stauklappen)
ordneten Anlagen oder aus Gründen des Denkmal-
oder mit nur geringer Antriebskraft (z. B. Sek-
schutzes. Zu begründen ist dies zum einen durch
toren und Segmentverschlüsse) öffnen lassen.
die hydraulisch ungünstige Energieumwandlung
Einteilung der beweglichen Wehre. Am zweckmä- infolge der fehlenden Möglichkeit einer gleichzei-
ßigsten unterteilt man bewegliche Wehre anhand tigen Über- und Unterströmung. Zum anderen er-
ihrer Verschlüsse. Grundsätzlich unterscheiden sich fordern die aus dem Wasserdruck resultierenden
1860 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.3-6 Einteilung wichtiger Verschlüsse bezüglich ihrer Bewegung und der Art der Abflussfreigabe

Abb. 5.3-7 Schütz mit Aufsatzklappe

Reibungskräfte in den Auflagernischen große Hub- eingesetzt. Das Regelorgan sollte dabei als Roll-
kräfte und stellen damit im Vergleich zum Dreh- schütz geplant werden. Für Revisionsverschlüsse
verschluss ein erhöhtes Öffnungsrisiko dar. In den sind wegen des vorhandenen Druckausgleichs
Pfeilern sind v. a. bei Rollschützen große Nischen Gleitschützen verwendbar, da hier keine großen
für das Auflager notwendig, was statisch und hy- Hubkräfte aus Wasserdruck vorhanden sind.
drodynamisch ungünstig ist. Aufsatzklappen können die Sicherheit und die
Bei großen Kräften aus Wasserdruck empfiehlt Wirtschaftlichkeit von Hubschützen wesentlich ver-
sich die Verwendung von Rollschützen statt Gleit- bessern. Außerdem wird die Energieumwandlung
schützen, da die Rollreibung nur 10% der Gleitrei- positiv beeinflusst. Diese kombinierten Verschlüsse
bung beträgt (—gleit=0,3; —roll=0,03). Bei kleinen werden bei Stauhöhen bis etwa 10 m und lichten
Verschlussflächen stellen die Hubkräfte i. d. R. Weiten zwischen 20 und 30 m eingesetzt, wobei die
kein Problem dar. Daher werden Schützen auch als Klappenhöhe je nach Anlagengröße üblicherweise
Absperrorgane beim Grundablass einer Talsperre zwischen 1,0 und 3,5 m beträgt (Abb. 5.3-7).
5.3 Wasserbau 1861

Beim Hakendoppelschütz handelt es sich um


eine Kombination von zwei Hubschützen (vgl.
Abb. 5.3-6). Dieser Wehrverschluss wird bei Stau-
höhen von 8 bis 16 m und lichten Weiten bis 40 m
eingesetzt. Kleinere Abflüsse werden durch ein
Absenken der Oberschütze abgeführt; ist unter-
wasserseitig ein ausreichend großes Wasserpolster
vorhanden, kann das Unterschütz angehoben und
schließlich der zusammengefahrene Verschluss
ganz aus dem Wasser herausgehoben werden. Ne-
ben den großen Hubkräften sind die benötigten
vier Antriebe und der erhöhte Verschleiß der Dich-
tungen wesentliche Nachteile. Daneben kommt es
leicht zu Spritzstrahlen, die im Winter vereisen
und den Antrieb blockieren können. Außerdem er- Abb. 5.3-8 Kräfte am Drucksegment
fordern diese Verschlüsse wegen der großen Hub-
höhen und tiefen Nischen breite und hohe Pfeiler, auf Druck beansprucht. Die Blechhaut des Ver-
die im Landschaftsbild eines Flusstales heute als schlusses ist kreiszylindrisch geformt. Ein Nach-
störend empfunden werden. teil beim Drucksegment ist, dass die Segmentarme
auf Druck und die Wehrpfeiler im Bereich der
Drehverschlüsse. Beim Segmentwehr besteht der Krafteintragung auf Zug beansprucht werden. Dies
Staukörper aus einer geraden oder kreiszylind- bedingt eine zusätzliche Pfeilerbewehrung hinter
rischen Blechhaut mit entsprechenden Aussteifun- dem Drehgelenk zur Rückverankerung der aufzu-
gen. Durch Drehen um eine feste horizontale Ach- nehmenden Kräfte. Wegen der Konzentration des
se wird er aus dem Wasser gehoben. Der Staukör- Wasserdruckes auf nur zwei Lagerpunkte ist die
per wird meist so gestaltet, dass der resultierende Breite der Wehrfelder (in Abhängigkeit von der
Wasserdruck durch das Gelenk geht oder mit einer Stauhöhe) auf maximal etwa 25 m begrenzt. Ein
kleinen Exzentrizität am Gelenk vorbeigeht (um besonderer Vorteil des Drucksegments ist die leich-
das Eigengewicht beim Öffnen zu kompensieren) te Zugänglichkeit des Verschlusses und der An-
und somit nur geringe Hubkräfte notwendig sind. triebe für Revisionszwecke.
Segmente sind daher ideale Verschlusskörper für Bei Zugsegmenten liegen die Segmentarme und
Wehranlagen mit hohem Wasserdruck bzw. großer das Lager auf der Oberwasserseite (Abb. 5.3-9).
Stauhöhe (Abb. 5.3-8). Der Verschlusskörper wird aus einer ebenen Stau-
Zu den Vorteilen des Segmentwehres gehören wand hergestellt. Als Vorteil ist die optimale Aus-
neben den geringen Hubkräften die schmalen Pfei- nutzung der Baustoffe zu nennen: Die Segment-
ler, da keine Nischen benötigt werden. Weil genü- arme erhalten Zug, die Krafteinleitung in den Be-
gend Platz für das Herausdrehen des Verschlusses ton erfolgt auf Druck im oberstromigen Pfeilerbe-
vorgesehen werden muss, bereitet allerdings die reich. Die Lager liegen unter dem Wasserspiegel
Positionierung von Wehrbrücken manchmal Schwie- und können nicht wie bei Drucksegmenten infolge
rigkeiten. Spritzwassers vereisen. Auch sind bei zusätzlichen
Beim alleinigen Einsatz von Segmenten findet Aufsatzklappen, anders als bei Drucksegmenten,
eine schlechte Energieumwandlung statt, da der keine konstruktiven Schutzmaßnahmen für die
Verschluss nur unterströmt wird. Die Kombination Segmentarme gegen den Überfallstrahl notwendig.
mit überströmbaren Aufsatzklappen hebt diesen Ein Nachteil ist die notwendige Reduzierung der
Nachteil auf. Gleichzeitig erleichtert die Klappe Überfallbreite durch Leitbleche zum Schutz der
die Feinregulierung des Abflusses und damit die Antriebe, da diese unmittelbar in der Strömung lie-
Einhaltung des Stauzieles. gen würden.
Beim Drucksegment liegen die Segmentarme Wegen der geschilderten Probleme mit den Zu-
und Lager auf der Unterwasserseite, werden also leitungen zu den Hydraulikarmen wird der Antrieb
1862 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.3-9 Beispiel für ein Wehr mit Zugsegment und Aufsatzklappe

Abb. 5.3-10 Geometrie von Druck- und Zugsegment

mitunter auf der Unterwasserseite des Verschlusses Konstruktive Empfehlungen für Segmente: Die
angeordnet. Die Kraftübertragung ist dann jedoch Länge der Stahlarme eines Zug- und Druckseg-
nur möglich, wenn der Pfeiler hinter dem Zugseg- ments sollte etwa das 1- bis 1,3-fache der Ver-
ment ausreichend hoch ausgeführt wird und die schlusshöhe (einschließlich der Höhe der Aufsatz-
Lagerpunkte der Zylinder damit höher positioniert klappe) betragen (Abb. 5.3-10). Aus strömungs-
werden können. Nur dann kann ein Zugsegment technischen Gründen ist die Stauwand beim
weit genug angehoben werden. Zum Bewegen der Drucksegment rund, beim Zugsegment gerade. Als
Verschlüsse dienen elektromechanische (Ketten) Anhaltsgröße für das Gewicht eines Segmentver-
oder hydraulische Antriebe (Zylinder). schlusses kann man etwa 3 bis 5 kN/m2 Staufläche
Ein Vergleich zwischen Drucksegment und ansetzen.
Zugsegment geht zugunsten des Drucksegmentes Der Aufsetzpunkt der Verschlüsse ist etwa 5 cm
aus. Da der Materialpreis i. d. R. eine untergeord- unter der Wehrschwelle anzuordnen, damit eine
nete Rolle spielt und das Drucksegment sowohl bessere Anströmung des Wehrrückens ermöglicht
beim Antrieb als auch bei Wartungsarbeiten viele wird. Beim Drucksegment sollte die Neigung des
Vorteile gegenüber dem Zugsegment aufweist, Wehrrückens nicht steiler als b/h=2:1 und beim
werden heute fast ausschließlich Drucksegmente Zugsegment möglichst flacher als b/h=1:1 gewählt
gebaut. werden, damit sich die Strömung an die Kontur
5.3 Wasserbau 1863

des Wehrrückens anlegt. Da beim Zugsegment die Kombination mit anderen Wehrverschlüssen (Hub-
Wehrschwelle steiler ausgeführt werden kann, ist schützen, Segmenten, Staubalken) lassen sich auch
die Längenentwicklung der Wehranlage kürzer als größere Stauhöhen erzielen.
bei einem Drucksegment. Konstruktionshinweise: Die Sekantenneigung
Klappenwehre sind Drehverschlüsse, die an einer in Staustellung sollte etwa 60° betragen. Der Klap-
Wehrschwelle oder auf beweglichen Verschlüssen penrücken ist so zu formen, dass Strahlablösungen
gelagert sind (Abb. 5.3-11). Die Pfeiler können re- und größere Unterdrücke beim Überfall vermieden
lativ schmal gehalten werden, da Klappen keine werden. Der Klappenradius ist daher in Abhängig-
Nischen beanspruchen. Ein einseitiger Antrieb keit von der Verschlusshöhe zu wählen und sollte
über ein Torsionsrohr ist ebenso unproblematisch etwa das 1,7- bis 2,8-fache der Verschlusshöhe be-
wie ein seitlicher Antrieb mittels Hydraulikzylin- tragen.
der. Der Wasserabfluss ist sehr gut regelbar und die Der Raum zwischen Verschluss und Überfall-
Funktionstüchtigkeit im Hochwasserfall auch beim strahl muss ausreichend belüftet sein, um Schwin-
Ausfall der Antriebsorgane gewährleistet, da der gungen zu vermeiden. Dies lässt sich durch
Wasserdruck das Öffnen unterstützt. Darüber hin- Strahlaufreißer erreichen, die allerdings nur bei
aus können Eis und Geschiebe gut abgeführt wer- kleinen Überströmungshöhen wirkungsvoll sind,
den. Bei stark geschiebeführenden Gewässern ist sowie durch Belüftungskanäle, die in den Pfeilern
allerdings eine erhöhte Verschleißwirkung am Ver- bzw. Wehrwangen liegen und unter dem Drehpunkt
schlussrücken und an der Horizontaldichtung zu der Stauklappe ausmünden.
berücksichtigen. Beim Antrieb über ein Torsionsrohr wird dieses
Klappen sind dann gut einsetzbar, wenn der Un- in das Innere der Wehrpfeiler geführt, wo sich die
terwasserstand auch beim Bemessungshochwas- Antriebskammer befindet. Auf ausreichende Brei-
serabfluss unter dem Klappengelenk bleibt. Steigt te der Pfeiler ist in diesem Fall zu achten. Auch ein
das Unterwasser über den Klappendrehpunkt an, Antrieb von unten aus dem Wehrrücken heraus ist
resultieren durch den Einstau der Belüftungsöff- mit Hilfe von Druckzylindern möglich, wenn im
nungen pulsierende dynamische Kräfte auf die Wehrkörper genügend Raum vorhanden ist.
Klappenunterseite. Lässt sich der Einstau der Klap- Ein Sektorwehr besteht aus einer kreisförmigen
pe von Unterwasser nicht vermeiden, so empfiehlt Stauwand, die mit einem Ablaufrücken verbunden
sich ein Ausbetonieren der Hohlkörper der Klappe, ist. Dieser Verschluss (meist aus Stahl) wird dreh-
um ihre stabile Lage unter Wasser sicherzustellen. bar gelagert. Die Wehrschwelle muss gegen die
Die Antriebskräfte müssen dann entsprechend groß Stauwand abgedichtet werden. Durch eine hydrau-
dimensioniert werden. lische Verbindung der Sektorkammer mit dem
Zum Aufrichten von Klappen sind ebenfalls Oberwasser wird das Sektorwehr infolge des ent-
große Kräfte notwendig, da der gesamte Wasser- stehenden Überdrucks angehoben; werden die
druck zu überwinden ist. Werden Klappen einseitig Ventile zum Unterwasser geöffnet, senkt sich der
angetrieben, können sie bei Stauhöhen von bis zu Staukörper infolge des Druckabbaus wieder ab
6 m mit Lichtweiten bis 20 m und bei Stauhöhen (Abb. 5.3-12). Dieser Staukörper wird somit nur
kleiner als 2 m bis zu 40 m verwendet werden. In hydraulisch – ohne Fremdenergie – bewegt. Es

Abb. 5.3-11 Klappenwehr im Schnitt


1864 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.3-12 Sektorwehr

sind Lichtweiten bis 60 m möglich, da die Kraft Feste Betonteile kleiner als etwa 15% der Ober-
linienförmig in den Wehrkörper abgetragen wird. wassertiefe nennt man „Höcker“, und die Anlage
Die Pfeiler benötigen keine Nischen und Antriebs- wird noch den beweglichen Wehren zugeordnet. Erst
vorrichtungen und können dadurch sehr niedrig, bei einem höheren Anteil am Aufstau handelt es sich
schmal und ohne Aufbauten gehalten werden, was um einen festen Staukörper, und man ordnet die An-
eine optisch ansprechende Gestaltung der Wehran- lage den kombinierten Wehren zu. In Verbindung mit
lage bewirkt. In den Pfeilern sind nur die Füll- und festen Staukörpern lassen sich sowohl Klappen als
Entleerungsleitungen untergebracht. Da große auch Zug- und Drucksegmente sinnvoll einsetzen.
Stauhöhen tiefe Sektorgruben zur Folge haben, Der feste Staukörper wird in seiner Größe und
werden Sektorwehre nur bei Stauhöhen zwischen Form genauso wie bei den festen Wehren mit Hilfe
6 und 9 m eingesetzt. eines Grunddreiecks konstruiert. Dieser Wehrtyp
ist jedoch ungeeignet, wenn ein Anlandungskeil
Kombinierte Wehre vor der Schwelle vermieden werden muss (z. B.
Kombinierte Wehre ohne festen Staukörper. Bei wegen eines tiefliegenden seitlichen Kraftwerkein-
einem Segmentwehr bringen zusätzliche Klappen laufs), da sich die Beseitigung des Geschiebes nur
(vgl. Abb. 5.3-9) den Vorteil, dass dieser Wehrtyp mit zusätzlichen Einrichtungen (z. B. Kiesschleu-
sowohl über- als auch unterströmt werden kann. sen) durchführen lässt.
Dies ermöglicht eine bessere Energieumwandlung Beim Staubalkenwehr wird der für den Abfluss
und gestattet die Feinregulierung der Abflüsse. Bei nicht benötigte Durchflussquerschnitt durch einen
Drucksegmenten mit Aufsatzklappe müssen die festen Staubalken aus Stahlbeton abgeschlossen, der
Segmentarme vor dem Überfallstrahl geschützt sowohl über- als auch unterströmt wird. Der Beton-
werden. Dies ist z. B. durch Leitbleche auf den körper kann bei kleineren Abmessungen massiv aus-
Stauklappen möglich. Bei Zugsegmenten mit Auf- gebildet werden. Bei größeren Anlagen bietet er
satzklappen ist dieser zusätzliche Schutz nicht not- Raum für einen Betriebsgang (Wehrgang) und für die
wendig, jedoch müssen bei Kettenantrieb kleine Unterbringung der Antriebsaggregate (Abb. 5.3-13).
Abweisbleche auf den Klappen zum Schutz der Die maßgeblichen Vorteile von Staubalkenweh-
Ketten angebracht werden. ren sind:

Kombinierte Wehre mit festem Staukörper. Da ein – große Stauhöhen sind wirtschaftlich erreichbar
fester Staukörper aus Beton i. d. R. billiger ist als durch einen hohen Anteil an Beton und relativ
ein entsprechend hohes Stahlbauteil, kann es bei kleine Stahlverschlüsse,
Stauhöhen ab 10 m wirtschaftlicher sein, die Stau- – günstige Auswirkung auf die (n-1)-Bedingung,
höhe durch eine Kombination aus festem und be- da nur eine Öffnung angesetzt zu werden braucht
weglichem Wehr zu erzielen. und nicht das ganze Wehrfeld,
5.3 Wasserbau 1865

Abb. 5.3-13 Staubalkenwehr mit Drucksegement und Klappe

– gute Energieumwandlung durch gleichzeitige Weitere Vorteile der Schlauchwehre sind die
Über- und Unterströmung des Staubalkens, gute Einpassung in die Flusslandschaft und die –
– optisch ansprechend wirkender Überfallstrahl verglichen mit Stahlkonstruktionen – deutlich
und günstiger Einfluss auf den Sauerstoffeintrag, niedrigeren Investitionskosten. Allerdings liegen
– Geschiebeabzug durch die tiefliegenden Aus- noch keine Langzeiterfahrungen vor, insbesondere
lässe (Tiefablässe) möglich, was die Haltbarkeit des Schlauchmaterials anbe-
– sicherer Winterbetrieb, da keine Vereisungsge- langt, da Schlauchwehre erst seit etwa Mitte der
fahr der Tiefablassverschlüsse. 70er-Jahre gebaut werden.
Schlauchwehre eignen sich insbesondere an
Als Nachteil ist allenfalls die schlechte Zugäng- kleineren Flüssen bei geringen Stauhöhen. Es wur-
lichkeit der unteren Verschlüsse und Dichtungen den aber auch schon Stauhöhen von über 3 m er-
zu nennen. reicht (Gries/Salzach 1992: Zwei Felder mit
Als obere Verschlüsse verwendet man heute Schlauchhöhen von 3,50 m und Feldbreiten von je
praktisch nur noch Klappen und bei den Tief- 19,50 m). Bei kleineren Stauhöhen wurden Längen
ablässen Drucksegmente. Die Tiefablässe werden von über 50 m erreicht. Es sind auch größere Län-
bei großen Öffnungsweiten durch Zwischenpfeiler gen realisierbar, jedoch steigt das Betriebsrisiko
unterteilt, um die Kräfte aus Wasserdruck auf die bei Revisionsarbeiten.
Verschlüsse zu begrenzen. Der Staubalken sollte Schlauchwehre können auch mit Luft statt Was-
strömungsgünstig ausgebildet werden um für bei- ser gefüllt werden, jedoch sprechen bei bestimm-
de Verschlüsse eine gute Anströmung zu gewähr- ten Randbedingungen einige Gründe für die Befül-
leisten (s. Abb. 5.3-13). lung mit Wasser:

Schlauchwehre. Schlauchwehre bestehen aus – Bei luftgefüllten Wehren muss wegen der Gefahr
Gummigewebematten. Die Aufwölbung der Gum- des Aufschwimmens infolge Auftriebs ein mög-
mimatten wird durch eine Wasserfüllung – seltener licher Einstau von Unterwasser ausgeschlossen
Luftfüllung – erreicht, deren Druck höher ist als werden.
der vom Oberwasser angreifende Wasserdruck – Bei schräger Anströmung (z. B. Streichwehr) er-
(Abb. 5.3-14). Mit der Änderung des Innendrucks geben sich beim luftgefüllten Schlauch höhere
kann man den Oberwasserstand verändern oder bei Schwingungen an der Wehrkrone.
Hochwasser den Abflussquerschnitt vergrößern. – Der wassergefüllte Schlauch ist vom vollge-
Schlauchwehre haben sich auch bei geschiebefüh- füllten bis zum liegenden Schlauch stufenlos re-
renden Flüssen und bei Geschwemmselanfall dank gulierbar.
ihrer hohen Elastizität bewährt und bieten eine Al- – Beim luftgefüllten Schlauch bilden sich unter-
ternative zu den konventionellen Wehrtypen, ins- halb von etwa zwei Drittel der Maximalhöhe V-
besondere zu Klappenwehren. förmige Einbuchtungen. Dies führt zu Abfluss-
1866 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.3-14 Beispiel für ein luftgefülltes Schlauchwehr (Wehr Türkheim/Wertach, Blick von unterstrom)

konzentrationen in Teilbereichen des Wehres. Übergang vom Wehrrücken zur Tosbeckenplatte


Als Folge davon können lokale Auskolkungen sollte ausgerundet und die Fuge außerhalb der
im Unterwasser auftreten. Ausrundung angeordnet werden.
– Bei dauernd überströmten Wehren (z. B. Kultur- Tosbeckenbemessung: Damit ein Tosbecken
wehren) kann es bei Luftfüllung zu Schwin- hydraulisch wirksam ist, muss es in bezug auf Ein-
gungen kommen, was zum Scheuern des tiefung und Tosbeckenlänge dimensioniert wer-
Schlauches am Betonsockel führt und Abnut- den. Nur dann ist eine ausreichende Energieum-
zungserscheinungen zur Folge hat. wandlung möglich und die anschließende Fluss-
sohle vor Erosion geschützt. Grundlage der Be-
Tosbecken messung ist die Ermittlung der Tiefe des
An ein Wehr schließt immer ein Tosbecken an. Eingangsschussstrahles h1 in das Tosbecken (s.
Hier findet die Energieumwandlung statt (sog. Abb. 5.3-15). Diese ergibt sich aus einem Ver-
Wechselsprung). Dabei wird die potentielle und ki- gleich der Energiehöhen vor dem Wehr (Abfluss
netische Energie des überfallenden Wassers durch im Strömen) und im Tosbecken (schießender Ab-
heftige Verwirbelung in Schall- und (vornehmlich) fluss). Mit Hilfe einer iterativen Berechnung kann
Wärmeenergie umgewandelt. der Eingangsschussstrahl, der abhängig ist von der
Das Tosbecken wird vom Wehrkörper durch gewählten Tosbeckeneintiefung e, berechnet wer-
eine speziell ausgebildete Fuge getrennt (Abb. 5.3- den. Aus ihm lässt sich die Eingangs-Froudezahl
15), die verhindert, dass der massive und schwere Fr1 bestimmen zu
Staukörper aufgrund seiner stärkeren Setzungen
tiefer zu liegen kommt als die Tosbeckenplatte und
dadurch hydrodynamische Kräfte in der Fuge und
unter der Tosbeckenplatte wirken. Selbstverständ-
lich kann bei Gründung auf Fels auf diese aufwen- (v1 Geschwindigkeit des Eingangsschussstrahles,
dige Fugenkonstruktion verzichtet werden. Der g Fallbeschleunigung).
5.3 Wasserbau 1867

Abb. 5.3-15 Angaben zur Tosbeckenbemessung

Eine gute Energieumwandlung findet bei Frou- Bei Einhaltung der Kriterien für die Froudezahl
dezahlen zwischen etwa 4,0 und 8,0 statt. Damit und den Einstaugrad sowie bei der berechneten
der Wechselsprung ausschließlich im Tosbecken Länge kann eine hinreichende Energieumwand-
stattfindet und nicht nach unterstrom abwandert, lung innerhalb des Tosbeckens angenommen wer-
ist eine ausreichende Stützkraft von unterstrom er- den. In diesem Fall sind keine Einbauten in das
forderlich. Die Betrachtung des hydrodynamischen Tosbecken erforderlich.
Gleichgewichtes ergibt eine zum Eingangsschuss- Zu beachten ist jedoch, dass die Dimensionie-
strahl korrespondierende Fließtiefe von rung nach den vorgenannten Kriterien nur für einen
bestimmten konstanten Abfluss vorgenommen wird.
Für alle anderen Abflüsse wäre die Energieumwand-
lung nicht optimal. Um eine hydraulische Wirksam-
keit auch bei einem erweiterten Abflussbereich zu
erreichen, können Tosbeckeneinbauten wie Strahl-
Daraus lässt sich die erforderliche Mindestfließtie- teiler und Störkörper vorgesehen werden.
fe im Unterwasser, gerechnet von der Flusssohle, Das Tosbecken wird zur unterstromigen Fluss-
berechnen zu sohle i. d. R. über eine Anrampung im letzten Tos-
beckendrittel angehoben. Hierbei ist eine End-
hu erf = h2 – e. schwelle vorzusehen. Diese Endschwelle sowie die
darauf aufgesetzte Zahnschwelle verringern den
Den Einstaugrad H erhält man bei Ansatz der tat- Strömungsangriff auf die Flusssohle unmittelbar
sächlichen Unterwasserfließtiefe hu zu hinter dem Tosbecken (s. Abb. 5.3-3).
Neuere Entwicklungen sind Muldentosbecken,
H = (hu + e)/h2. die eine kürzere Bauform erlauben, allerdings tie-
fer in den Untergrund reichen. Ein Muldentosbe-
Dieser sollte größer sein als etwa 1,05, um ein Ab- cken sollte jedoch auf der Basis eines hydrau-
wandern der Deckwalze nach unterstrom zu ver- lischen Modellversuchs geplant werden.
hindern. Höhere Werte als 1,25 führen zu einem
rückgestauten Wechselsprung, was die Energieum- Kolkschutz
wandlung negativ beeinflusst. Die Tosbeckenlänge Der Abfluss hinter einem Tosbecken ist gekennzeich-
LT sollte etwa net durch starke Turbulenzen, verbunden mit großen
Sohlschubspannungen, welche die Flusssohle hinter
LT = 5 · (h2 – h1) dem Tosbecken angreifen und zu Kolkbildung führen
können. Die Verteilung der Fließgeschwindigkeit
betragen. über die Fließtiefe entspricht hier noch nicht der bei
1868 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Normalabfluss mehrere hundert Meter unterhalb des Fließquerschnitts unmittelbar vor dem Wehr kommt
Tosbeckens. Aus Stabilitätsgründen ist es daher er- es im Bereich der Uferanschlüsse zu Strömungswir-
forderlich, den unmittelbaren Bereich hinter dem beln, die das Ufer angreifen. Daher ist dieser Bereich
Tosbecken vor Erosion bzw. Auskolkung durch Was- durch ein Steinpflaster und einen Betonkeil zu schüt-
serbausteine zu schützen (vgl. Abb. 5.3-3). zen. Die Wehrwangen werden zweckmäßigerweise
Wie weit der Kolkschutz nach unterstrom auf- als Winkelstützmauern ausgebildet. Bei beweglichen
gebracht werden muss, hängt von der Beschaffen- Verschlüssen ist beim geraden Mittelteil der Wehr-
heit bzw. Stabilität der natürlichen Flusssohle ab. wange darauf zu achten, dass keine Verschiebungen
Bei schwierigen Verhältnissen empfiehlt sich der aus Erddruck oder Wasserdruck auftreten, weil sonst
wasserbauliche Modellversuch. Für Vorentwürfe die Verschlüsse klemmen könnten.
kann von einer Belegung der Sohle ausgegangen Die Wehrpfeiler sind oberstromig auszurunden.
werden, die etwa der Tosbeckenlänge entspricht. In der Regel genügt es, einen Halbkreis zu wählen.
An den Ufern ist wegen der stärkeren Turbulenzen Das Pfeilerende ist stumpf und schafft damit ein-
der Kolkschutz ggf. zu verlängern. Die erforder- deutige Abrisskanten. Die Pfeilerrücken sind meist
liche Steingröße ist abhängig von der Fließge- schräg, die Kopfseite senkrecht, wobei jedoch eine
schwindigkeit v in der Nähe der Flusssohle hinter leichte Neigung zur Unterwasserseite hin empfeh-
dem Tosbecken. Erfahrungsgemäß ergeben sich lenswert ist.
Wasserbausteine der Klassen II bis IV [TLW 2003, Die Breite der Wehrpfeiler hängt von den Auf-
DIN EN 13383-1]. Häufig wird der Kolkschutz gaben ab, die der Pfeiler zu erfüllen hat. Die Wehr-
zweilagig ausgeführt. Die Steine sind möglichst pfeiler sind meist nicht massiv, sondern mit Kam-
auf einem filterfest ausgebildeten Untergrund zu mern versehen, die Platz für Antriebsaggregate
verlegen, um ein Ausspülen von Feinmaterial in- und Messeinrichtungen bieten. Als Faustformel für
folge Sickerströmung unter dem Wehr zu verhin- die Wahl der Breite kann in Abhängigkeit von der
dern. Gegebenenfalls ist ein Geotextil vorzusehen. Wehrfeldbreite etwa
Das unterstromige Ende des Kolkschutzes wird
gegen Verrutschen und Abwandern gesichert, in- BPfeiler = (0,15…0,30) · BFeld
dem einzelne Steine im Flussbett (z. B. durch ge-
rammte Eisenbahnschienen) fixiert werden. angesetzt werden, wobei das kleinere Maß bei
Zug- und Drucksegmenten und das größere bei
Wehrwangen und Wehrpfeiler Schützen vorzusehen ist.
Bei einem Wehrbauwerk spielt die hydraulisch Ist neben dem Wehr ein Kraftwerk angeordnet,
günstige An- und Abströmung eine wesentliche kann ein günstig geformter Trennpfeiler wesent-
Rolle. Im Oberwasser erreicht man dadurch eine lich dazu beitragen, dass die Turbinen möglichst
optimale Leistungsfähigkeit des Wehres, und im gleichmäßig und verlustarm angeströmt werden.
Unterwasser reduziert man damit weitgehend ei- Dies zahlt sich mittelfristig durch höhere Energie-
nen Uferangriff durch das abströmende Wasser. ausbeute aus. Vorteilhaft ist eine großzügige Aus-
Abbildung 5.3-16 zeigt den Regelanschluss eines rundung der kraftwerkseitigen Berandung des
landseitigen Wehrfeldes an die Uferböschung. Eine Pfeilers. Abbildung 5.3-17 zeigt ein Beispiel mit
besonders günstige Anströmung des Wehres wird Korbbögen. Für die wehrseitige Ausrundung ist
erreicht, wenn sowohl die oberstromige als auch ein Viertelkreis ausreichend.
die unterstromige Wehrwange ausgerundet ist.
Gute Ergebnisse werden erzielt, wenn die ober- Weitere Elemente an Wehren
stromige Wehrwange als Viertelkreis, die unter- Grundablass. Liegt die feste Wehrkrone deutlich
stromige als Viertelellipse ausgebildet wird. über der Flusssohle, so ist ein Grundablass erfor-
Der Radius des Viertelkreises ergibt sich aus der derlich, um den Stauraum bei Inspektionen und für
Höhe des Stauhaltungsdammes und der Neigung der Reparaturen ganz entleeren zu können, um Ge-
Böschung. Bei der Konstruktion der Ellipse emp- schiebe und Schwebstoffe aus dem Staubereich zu
fiehlt sich ein Verhältnis der Halbachsen zwischen entfernen (Kiesschleuse) und ggf. auch, um den
etwa 1,5 und 2,0. Auf Grund der Verengung des Fluss während der Bauzeit umzuleiten.
5.3 Wasserbau 1869

Abb. 5.3-16 Regelanschluss eines Wehres an das Flussufer


1870 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Modernisierung und Sanierung


von Wehranlagen
Da viele Wehrbauwerke inzwischen 50 bis 80 Jah-
re alt sind, gehören die Modernisierung und die
Sanierung bestehender Wehranlagen zu den vor-
rangigen Aufgaben des konstruktiven Wasserbaus.
Hinzu kommt, dass veränderte Bemessungsgrundla-
gen infolge neuer Erkenntnisse Eingang in die gel-
tenden Normen und Richtlinien gefunden haben.
Dementsprechend besteht Bedarf an einer Anpas-
sung bestehender Wehranlagen an diese neuen
Vorgaben (z. B. (n-1)-Regel).
Aus diesem Anlass hat der Deutsche Verband
für Wasserwirtschaft und Kulturbau das Merkblatt
241/1996 „Modernisierung von Wehren“ heraus-
Abb. 5.3-17 Wehrpfeiler (a) und Trennpfeiler (b) gegeben [DVWK 1996b]. Darin werden grund-
sätzliche Beurteilungskriterien und Lösungsvor-
schläge zur baulichen und betrieblichen Moderni-
Floß- oder Bootsgassen. Sie sind Gerinne mit sierung von Wehrbauwerken angegeben.
einem Gefälle von etwa 1:100 bis 1:200, die nur Zu den wichtigsten Maßnahmen der baulichen
bei Bedarf freigegeben werden oder von Boots- und betrieblichen Modernisierung gehören:
fahrern selbsttätig bedient werden können.
– Erhöhung der Abflussleistung durch Verbesse-
rung der Anströmung und Optimierung des
Fischaufstiegshilfen. Damit Wanderfische eine
Überlaufprofils,
Wehranlage nach oberstrom überwinden können,
– Verbesserung der Standsicherheit (gegen Gleiten)
wurden häufig Fischaufstiegshilfen als Gerinne
mit Hilfe von Verankerungen, Auflasten und
von 0,75 bis 1,50 m Breite geschaffen, die mit
Reduzierung des Sohlenwasserdrucks,
Stufen oder Hindernissen bis zu 30 cm Höhe ver-
– Abdichtungsmaßnahmen zur Verbesserung der
sehen sind und vom Wasser ständig durchströmt
Dichtheit des Wehrkörpers,
werden. Heute bemüht man sich, der Natur nach-
– Ertüchtigungsmaßnahmen für das Tosbecken
empfundene Aufstiegshilfen zu realisieren, meist
zur Verbesserung der Energieumwandlung,
in Form von naturnah gestalteten Umleitungsge-
– Beseitigung und Verhinderung von Kolken nach
wässern, die einen ständigen Wasserstrom aus
dem Tosbecken,
dem Oberwasser zum Unterwasser erlauben und
– Instandsetzung von Betonteilen durch Zement-
damit die ökologische Durchgängigkeit des
injektionen oder Vorsatzbeton,
Flusses bewirken.
– Erfüllung der (n-1)- oder (n-a)-Bedingung,
Der unterwasserseitige Zugang (Einstieg) zu
– Automatisierung des Wehrbetriebs zur Verbes-
einem Fischpass oder einem Umleitungsgewässer
serung der Abfluss- und Stauzielregelung.
sollte möglichst nah am Wehrbauwerk liegen und
eine ausreichende Lockströmung aufweisen, damit Oft sind die erforderlichen Maßnahmen so um-
Fische den Zugang finden können. Weitere Hin- fangreich, dass die Modernisierung in Umfang und
weise sind [DVWK 1996a] zu entnehmen. Aufgabenstellung einem Neubau gleichkommt.

Fischabstiegshilfen. Aale, aber auch andere Fisch-


5.3.1.2 Talsperren
arten, wollen zu bestimmten Zeiten flussabwärts
wandern. Bis heute gibt es hierfür jedoch keine Eine Talsperre schließt ein Tal in seiner ganzen
wissenschaftlich abgesicherten Anlagen, die zu- Breite ab und schafft damit einen Stauraum zur
dem auch mit finanziell vertretbarem Aufwand Wasserspeicherung. Sie besteht aus einem Ab-
hergestellt werden könnten. sperrbauwerk und den zugehörigen Betriebsanla-
5.3 Wasserbau 1871

gen. Im Bereich der Stauwurzel sind gelegentlich Auswirkungen von Talsperren:


Vorsperren vorhanden, die dann zur Talsperre ge-
– Unterbrechung des Fließkontinuums und damit
hören. Eine Vorsperre soll bei der Absenkung des
der ökologischen Durchgängigkeit,
Wasserspiegels in der Hauptsperre diesen im Stau-
– Veränderung der Fließverhältnisse eines Flusses
wurzelbereich konstant halten, um den Belangen
mit Geschiebe- und Schwebstoffrückhalt,
des Landschaftsbildes und der Naherholung Rech-
– Veränderung der Grundwasserverhältnisse,
nung zu tragen (Abb. 5.3-18). Die wichtigste Norm
– Veränderung des Landschaftsbildes,
für Talsperren ist DIN 19700 Teil 10 und 11. Dane-
– Veränderung der Region durch mögliche Se-
ben definiert auch DIN 4048 Teil 1 die wichtigsten
kundärnutzung (z. B. Tourismus),
Begriffe bzgl. der Speicherräume bei Talsperren
– Umsiedlung der Talbewohner.
(Abb. 5.3-19).

Aufgaben und Auswirkungen von Talsperren Wahl des Absperrbauwerks


Aufgaben von Talsperren: Das Absperrbauwerk einer Talsperre ist eine Stau-
mauer oder ein Staudamm (in beiden Fällen engl.:
– Hochwasserschutz,
dam). Staumauern werden heute aus Beton oder
– Niedrigwassererhöhung,
auch aus Walzbeton (Roller Compacted Concrete,
– Bewässerung,
RCC) gebaut [Strobl/Zunic 2006]. Der Wasser-
– Trinkwasserspeicherung,
druck auf das Bauwerk wird entweder durch sein
– Erzeugung von Wasserkraft,
Eigengewicht (Gewichtsmauer) oder durch Pfeiler
– Erholung.
(Pfeilerstaumauer) auf die Talsohle übertragen
oder über Bogenwirkung in die Talflanken geleitet
(Bogenstaumauer).
Staudämme werden als Erd- oder Steinschütt-
dämme ausgeführt. Sie wirken statisch allein auf-
grund ihres Gewichts und übertragen die aus dem
Wasserdruck resultierenden Kräfte über Reibung
in den Untergrund.
Die Art des gewählten Absperrbauwerks hängt
im Wesentlichen von der Topographie und Geolo-
Abb. 5.3-18 Teile einer Talsperre gie des Sperrenstandortes ab. So müssen Staumau-

Abb. 5.3-19 Speicherräume und Stauziele bei Talsperren (nach DIN 4048 Teil 1)
1872 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

ern stets auf Fels gegründet werden, während Stau- besteht jedoch aus einer dichten Zone mit beidsei-
dämme grundsätzlich auf jedem Untergrund gebaut tigen Stützkörpern.
werden können. Ein weiterer Gesichtspunkt bei Als Erdschüttdamm bezeichnet man ein Ab-
der Wahl des Bauwerktyps kann die Verfügbarkeit sperrbauwerk, wenn der verdichtete Boden mehr
geeigneten Dammschüttmaterials sein sowie das als die Hälfte des Gesamtvolumens beträgt. Quer-
Vorhandensein brauchbarer Dichtungsstoffe bzw. schnitte von üblichen Varianten des Erdschütt-
Betonzuschlagstoffe. dammes sind Abb. 5.3-20 zu entnehmen.
Sowohl mit Mauern als auch mit Dämmen sind Ein Steinschüttdamm enthält ein Dichtungsele-
Sperrenhöhen von rund 300 m erreicht worden. ment aus natürlichen Erdstoffen oder künstlichen
Beispiele: Steinschüttdamm Nurek (Tadschi- Materialien (Beton, Asphalt). Mindestens 50% des
kistan): 300 m; Gewichtsmauer Grand Dixence restlichen Dammquerschnitts bestehen aus Kies
(Schweiz): 285 m; Bogenstaumauer Mauvoisin oder Steinen zwischen 2 und 600 mm Korndurch-
(Schweiz): 250 m. messer. Querschnitte üblicher Varianten des Stein-
schüttdammes sind in Abb. 5.3-20 dargestellt.
Staudämme Die Vorteile eines Staudammes sind mannigfal-
Ein Staudamm wird aus natürlichem Material, das tig. Weltweit wurden daher über 80% der Talsper-
in der Nähe der Sperrenstelle gewonnen werden ren als Steinschüttdämme gebaut. Die wichtigsten
kann, nach erdbautechnischen Grundsätzen ge- Eigenschaften können wie folgt zusammengefasst
baut. Staudämme lassen sich im weitesten Sinn in werden:
Erd- oder Steinschüttdämme unterteilen. Kleinere
Staudämme können als homogene Dämme ge- – Staudämme können sowohl in weiten und en-
schüttet werden; das übliche Konstruktionsprinzip gen als auch in steilen Tälern gebaut werden.

Abb. 5.3-20 Verschiedene Typen von a Erd-/Steinschüttdämmen und b Steinschüttdämmen


5.3 Wasserbau 1873

– Staudämme lassen sich auf fast allen geolo- luftseitigen Dammböschung der Dammfuß beson-
gischen Gegebenheiten gründen. ders geschützt werden.
– Durch Verwendung von weitgehend natürlichen In Abb. 5.3-21 sind die wichtigsten Teile des
Baustoffen müssen nur wenige Fremdstoffe wie Regelquerschnitts einer Dammkonstruktion ange-
Zement zur Baustelle gebracht werden. geben. Übergangszonen zwischen dem Kern und
– Der Entwurf kann sich den örtlich vorhandenen den Stützkörpern sind erforderlich, wenn sich die
Gegebenheiten sehr gut anpassen und somit Durchlässigkeit der verschiedenen Zonen um den
technisch wie preislich optimiert werden. Faktor 100 bis 1000 unterscheidet. Im allgemeinen
– Die Herstellung des Staudammes ist mit einem gelten bindige Erdstoffe (Kern) bis zu einem hy-
hohen Mechanisierungsgrad möglich. draulischen Gradienten i”5 als in sich erosionssta-
– Die Einheitspreise bei Erd- und Steinschütt- bil. Daher kann in begründeten Fällen von der Ein-
dämmen haben sich in der Vergangenheit viel haltung der Filterregeln abgewichen werden. Je-
weniger erhöht als die für Massenbeton. doch muss die erforderliche Filterkapazität durch
eine ausreichende Dicke der Filterschicht (•2 m)
Dämme mit einer Unterscheidung in Stützkörper sichergestellt sein. Weiterhin sollen Übergangszo-
und Dichtungsbereich nennt man Zonendämme. nen große Steifigkeitsunterschiede zwischen dem
Bei dauerhaft eingestauten Speicherbecken sind Kern (ES§15MN/m2) und den Stützkörpern
sie die Regel. Bei Dämmen geringer Höhe (kleiner (ES•100 MN/m2) ausgleichen.
etwa 20 m) ist es gelegentlich wirtschaftlicher, ei-
nen homogenen Damm zu schütten. Hier besteht Gründung von Dämmen – Kontrollgang. Grund-
der gesamte Damm aus einheitlichem, wenig sätzlich können Dämme auf Lockergestein ge-
durchlässigem Schüttmaterial mit k=10–6 m/s. Sol- gründet werden, nach Möglichkeit sollten jedoch
che Dämme eignen sich besonders für zeitweise stark setzungsempfindliche Schichten mit geringer
vorkommenden Einstau (z. B. bei HW-Rückhalte- Scherfestigkeit oder Verflüssigungseigenschaften
becken) und Flussdeiche. Da diese Dämme wäh- ausgetauscht werden. Ist der Damm auf Fels ge-
rend eines Einstaus durchströmt werden, muss im gründet, empfiehlt sich ab einer Dammhöhe von
Bereich eines möglichen Wasseraustritts an der 50 m als Übergangskonstruktion zwischen Dich-

Abb. 5.3-21 Regelquerschnitt eines Dammes mit Alternative für Kontrollinjektionsgang


1874 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.3-22 Lage der kritischen Gleitkörper in Abhängigkeit der Randbedingungen

tung und Felsuntergrund ein Kontrollgang. Dieser terschiedlichen Konstruktionsteile abgeschätzt wer-
stellt die Verbindung zwischen dem Dichtungskern den. Berechnungen nach der Methode der Finiten
und der Untergrundabdichtung (z. B. Injektion) her Elemente (FEM) sind hier v. a. zur Abschätzung
und kann auch die Messinstrumente zur Damm- des Einflusses verschiedener Annahmen für die Bo-
überwachung – v. a. für die Messung des Sicker- denkennwerte hilfreich. Hierdurch können Schwach-
wassers des Dichtungskerns – aufnehmen. Üblicher- stellen rechtzeitig erkannt werden.
weise wird die Abdichtungsinjektion vom Kon-
trollgang aus nach einer Mindestüberschüttung Staumauern
durchgeführt. Darüber hinaus können von ihm aus Ist eine Gründung auf ausreichend tragfähigem
eventuell nötige Nachinjektionen des Untergrunds Fels möglich (E-Modul>3 MPa), sind Staumauern
vorgenommen werden. Aus Gründen des Bauab- eine Alternative zu Dammbauwerken. Staumauern
laufs kann es auch günstig sein, die Felsinjektion haben folgende Vorteile:
von einem bergmännisch aufgefahrenen Injektions-
– Bei extremen Hochwasserereignissen können sie
stollen auszuführen.
ohne Gefahr für die Talsperre überströmt werden.
Ist der Felshorizont zu tief, muss der Bereich
– Möglicherweise entfallen die Kosten für eine se-
zwischen Dammaufstandsfläche und Fels – am
parate HW-Entlastungsanlage, wenn die Entlas-
zweckmäßigsten mit einer Schlitzwand – abgedich-
tung über die Mauerkrone erfolgen kann.
tet werden. Notwendige Felsinjektionen können von
– Entnahmeleitungen können einfach durch die
der Dammaufstandsfläche oder von einem Injekti-
Mauer geführt werden.
onsstollen ausgeführt werden. Nur in Ausnahmefäl-
– Insbesondere Gewichtsstaumauern widerstehen
len wurden bisher Kontrollgänge auf Lockerboden
Erdbeben ohne Schäden, die zum sofortigen Ver-
gegründet. Große konstruktive Probleme müssen
lust der Standfestigkeit führen.
hierbei gelöst werden. Ist der Fels fräsbar, so kön-
nen Überlagerungsboden und Fels in einem Arbeits- Im Wesentlichen unterscheidet man zwischen
gang mit einer Schlitzwandfräse (bis etwa 100 m (Abb. 5.3-23)
Tiefe) abgedichtet werden. Angaben zur Felsab-
– Gewichtsstaumauern,
dichtung sind [DVWK 1990a] zu entnehmen.
– Bogenstaumauern und
– Pfeilerstaumauern.
Standsicherheitsnachweise. Um die dauerhafte Sta-
bilität eines Dammes zu gewährleisten, ist eine Wahl des Mauertyps. Staumauern wurden traditio-
Reihe von statischen und hydraulischen Standsicher- nell aus Bruchstein oder Ziegel hergestellt. Heute
heitsnachweisen zu führen. Abbildung 5.3-22 zeigt verwendet man wegen der hohen Festigkeit, der
die Lage von kritischen Gleitkreisen, wie sie sich Dichtigkeit und des möglichen schnellen Baufort-
bei unterschiedlichen Randbedingungen ergeben schritts fast ausschließlich Beton.
können. Beim Entwurf eines Staudammes sollen Entscheidend bei der Wahl des Mauertyps ist
jedoch auch die möglichen Verformungen der un- neben der Geologie insbesondere die Talform (Ta-
5.3 Wasserbau 1875

Bei breiten Tälern ist eine Abgabe der Kräfte in die


Talflanken nicht möglich. Hier werden Gewichts-
staumauern und Pfeilerstaumauern geplant. Kombi-
nationen aus verschiedenen Mauertypen sind gele-
gentlich bei sehr breiten Tälern mit uneinheitlichem
Querschnitt gebaut worden.

Gewichtsstaumauern. Wie im Fall der festen


Wehre tragen Gewichtsstaumauern die Kräfte aus
Wasserdruck durch ihr Gewicht in den Untergrund
ab. Die äußere Form entspricht auch hier einem
Grunddreieck, das bis zum Höchsten Stauziel
reicht (vgl. Abb. 5.3-4).
Als Bemessungskriterium sollen bei einer Ge-
wichtsstaumauer im Bereich der Gründung keine
Zugspannungen auftreten. Das bedeutet, dass auch
bei Vollstau und ggf. zu berücksichtigendem Soh-
lenwasserdruck der wasserseitige Mauerfuß noch
überdrückt sein muss. Diese zwingende Forderung
ergibt sich aus dem Sachverhalt, dass die auf der
Wasserseite vorgenommene Abdichtung zwischen
Abb. 5.3-23 Staumauertypen Mauer und Fels nicht aufreißen darf.
Als Konsequenz dieser Forderung ergeben sich
die zulässigen luftseitigen Neigungen zu b/h=0,85
belle 5.3-1). Bei tief eingeschnittenen engen Tälern bei vollem Sohlenwasserdruck und b/h=0,67 bei An-
bevorzugt man wegen der geringen Betonkubatur satz eines Injektionsschleiers und einer Abminderung
Bogenstaumauern. Voraussetzung ist allerdings, des Sohlenwasserdrucks auf 20% des Staudrucks.
dass die Talflanken in der Lage sind, die enormen Bei Gewichtsstaumauern werden Standsicher-
Druckkräfte aus der Bogenwirkung aufzunehmen. heitsnachweise mit dem sog. „Kragträgermodell“

Tabelle 5.3-1 Wahl des Staumauertyps in Abhängigkeit von der Talform


1876 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

oder mit einem kontinuumsmechanischen Modell wirkung der Mauer besonders günstig. Als Ergebnis
durchgeführt. Zwar wird bei dem vereinfachten der Konstruktion ergibt sich allerdings eine Mauer,
Nachweis mit dem Kragträgermodell die Beteili- die auch in der Vertikalen gekrümmt ist und daher
gung des Untergrunds am Tragverhalten nur unge- einen hohen Schalungsaufwand erfordert. Günstige
nau erfasst, jedoch sind die nach der FEM ermit- Öffnungswinkel liegen zwischen 100° und 130°.
telten Spannungen und Verformungen von der
Qualität der Eingabewerte zur Erfassung des Ma- Pfeilerstaumauer. Bezüglich der Lastabtragung ent-
terialverhaltens abhängig. Eine ausführliche Zu- sprechen Pfeilerstaumauern Gewichtsstaumauern.
sammenstellung der Einwirkung (Lasten) und Eine wasserseitige Stauwand stützt sich auf den
Lastfälle, der Widerlagerzustände und der Bemes- Mauerpfeilern ab, welche die Kräfte in den Unter-
sungsfälle ist in DIN 19700 enthalten. Weitere grund abtragen. Der besondere Vorteil dieser Kons-
Hinweise sind [DVWK 1996a] zu entnehmen. truktion gegenüber den Gewichtsmauern liegt im
reduzierten Betonbedarf, gleichzeitig erhöht sich je-
Bogenstaumauern. Anders als Gewichtsmauern, doch der Schalungsaufwand erheblich. Zusätzlich
die wie vertikale Scheiben die Kräfte in den Unter- muss die Stauwand sorgfältig abgedichtet werden,
grund übertragen, wirken Bogenstaumauern wie was bei unterschiedlichen Verformungen bzw. Ver-
horizontale Ringscheiben, welche die Druckkräfte schiebungen der einzelnen Pfeiler Probleme berei-
in die Talflanken ableiten. Zu den ursprünglichen ten kann.
Formen zählen Zylinder- und Gleichwinkelmau- Wegen der reduzierten Masse einer Pfeilerstau-
ern. Sie werden bei einfachen, annähernd symmet- mauer im Vergleich zu einer massiv ausgeführten
rischen Talformen realisiert. Gewichtsstaumauer wird die Stauwand zur Was-
Mit Hilfe moderner Rechenverfahren lassen serseite hin geneigt ausgebildet. Dadurch kann die
sich heute auch komplexe Mauerformen statisch nun wirkende Wasserauflast einen Teil des fehlen-
berechnen. Dadurch wird eine optimale Anpassung den Eigengewichts der Mauer ersetzen. Hinzu
an die jeweilige Topographie sowie an das Trag- kommt, dass der Sohlenwasserdruck unter der
verhalten des Untergrunds und der Talflanken er- Mauer erheblich reduziert ist, weil er sich unmit-
reicht. Das Ergebnis sind Bogenstaumauern, die telbar hinter der Stauwand entspannen kann. An
auch in der Vertikalen gekrümmt sind und über die die Dichtigkeit und Erosionsbeständigkeit des Fels-
Höhe veränderliche Krümmungen aufweisen. untergrundes müssen jedoch erhöhte Anforderun-
Kennzeichnendes Merkmal der Zylindermauer gen gestellt werden.
ist der gleichbleibende Radius über die Höhe, be-
zogen auf die Wasserseite der Mauer. Daraus er- Untergrundabdichtung
gibt sich wasserseitig eine senkrechte Wand. We- Der unmittelbare Felsbereich unter einem Absperr-
gen des nach unten zunehmenden Wasserdrucks bauwerk ist i. Allg. klüftig und muss gegen Durch-
vergrößert sich die Wanddicke linear mit der Was- strömung abgedichtet werden. Dieser Aufwand
sertiefe. lohnt sich i. d. R. immer, weil damit eine Verringe-
Mit der für die Tragwirkung zugrunde liegen- rung der Sohlenwasserdrücke einhergeht, die eine
den Ringformel ergibt sich bei Minimierung der Reduzierung des erforderlichen Mauerquerschnitts
Querschnittsfläche ein optimaler Öffnungswinkel ermöglicht. Zudem werden die Wasserverluste aus
der Zylindermauer zu 133°. Ein leichtes Abwei- dem Staubecken geringer.
chen von diesem Optimalwert schlägt allerdings Die erforderliche Tiefe der Abdichtung im Fels
kaum zu Buche (bei 120° erhöht sich der Massen- hängt von seiner Durchlässigkeit ab. Meist reichen
bedarf um 1%), sodass Winkel zwischen etwa 120° Dichtungsschirme bis in eine Tiefe, die der jewei-
und 140° anwendbar sind. Dies gibt eine gewisse ligen Höhe der Staumauer über der Gründungssoh-
Freiheit bei der Anpassung an die topographischen le entspricht. Der Abdichtungsumfang wird anhand
Gegebenheiten des Tales. der Wasseraufnahmefähigkeit des Felsuntergrundes
Bei der Gleichwinkelmauer bleibt der Winkel, festgelegt. Dabei wird in ein mit einer Kernboh-
unter dem die Druckkraft in die Talflanken eingetra- rung (Ø>56 mm) hergestelltes Bohrloch auf eine
gen wird, annähernd konstant. Dies ist für die Trag- Prüfstrecke zwischen 2,0 und 5,0 m Wasser mit
5.3 Wasserbau 1877

Tabelle 5.3-2 Vorgeschlagene Abdichtung des Untergrunds (nach [Houlsby 1985])

einem Druck bis zu 10 bar eingepresst (WAP-Ver- geräte, die in den folgenden Tabellen angegeben
such). Der maximale Prüfdruck hängt dabei von sind, getrennt für Staudamm und Staumauer. In der
dem zukünftigen Wasserdruck im Gebirge ab. Da- Übersicht ist auch das erforderliche Messprogramm
bei empfiehlt sich ein Sicherheitszuschlag von 1,5 wiedergegeben. Tabelle 5.3-3 gilt zusammen mit der
bis 2,0. Bezogen auf einen Druck von 10 bar und zugehörigen Abb. 5.3-24 beispielhaft für Staudäm-
der Prüflänge von 1,0 m, entspricht eine Wasser- me mit Erdkerndichtung mit einer Höhe bis zu 60 m
aufnahme von 1 l/min der Einheit 1 Lugeon. Ta- und einer Kronenlänge bis 1000 m.
belle 5.3-2 gibt Hilfestellung bei der Planung. Tabelle 5.3-4 gibt zusammen mit Abb. 5.3-25
Alternativ zur Injektion kann bei Festigkeiten ein Ausstattungsbeispiel für das Messprogramm
qu•100 MPa auch der Einsatz einer Schlitz- einer Gewichtsstaumauer mit 60 m Höhe oder ei-
wandfräse erwogen werden. ner Bogenstaumauer bis 100 m Höhe, jeweils bis
zu einer Kronenlänge von 400 m. Weitere Einzel-
Mess- und Kontrolleinrichtungen heiten sind [DVWK 1991] zu entnehmen.
bei Talsperren
Eine Talsperre muss so geplant, gebaut und über- Hinweis: Im Dezember 2008 erschien der Gelb-
wacht werden, dass ein Versagen nach menschlichem druck einer neuen Fassung des DVWK-Merkblattes
Ermessen auszuschließen ist. Der Überwachung ei- 222/1991. Dieses neue Merkblatt DWA-M 514 trägt
ner Talsperre kommt daher zentrale Bedeutung zu. den Titel „Bauwerksüberwachung an Talsperren“
Zur Regelausstattung einer Talsperre gehören Mess- und ersetzt das alte DVWK-Merkblatt.

Tabelle 5.3-3 Regelausstattung mit Messprogramm bei Staudämmen bis 60 m Höhe und 1000 m Kronenlänge
1878 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Tabelle 5.3-4 Regelausstattung mit Messprogramm bei Gewichtsstaumauern (H ” 60 m) und Bogenstaumauern (H ” 100 m)
sowie bis 400 m Kronenlänge

Abb. 5.3-24 Meßprogramm bei einem Damm (nach [DVWK 1991])


5.3 Wasserbau 1879

Abb. 5.3-25 Beispiel für die Regelausstattung von Staumauern mit Mess- und Kontrolleinrichtungen (nach [DVWK 1991])

Betriebseinrichtungen Entlastungsanlagen. Der nicht speicherbare Teil


Zu einer Talsperre gehören auch Nebenbauwerke, eines Hochwasserzuflusses muss schadlos abge-
die der Nutzung und der Sicherheit der Anlage die- führt werden. Für Staudämme gilt der Grundsatz,
nen. Entnahmeanlagen erlauben die gezielte Ab- dass sie ohne einen besonderen Schutz der Damm-
gabe des gespeicherten Wassers und bei Bedarf die krone und Böschung nicht überströmt werden dür-
Entleerung des Betriebsraumes. Entlastungsanla- fen, da der Damm sonst zerstört werden könnte.
gen führen den nicht speicherbaren Zufluss bei Bei Dämmen bedient man sich überwiegend Über-
Hochwasser schadlos ab. laufkonstruktionen, die an der Talflanke angeord-
net sind, also eines Hangkanals mit anschließender
Entnahmeanlagen. Mit Hilfe von Betriebsausläs- Schussrinne und Tosbecken. Diese Anlagen verfü-
sen wird das Wasser aus dem Speicherbecken für gen über große Abflussreserven, da die Leistung
die jeweilige Nutzung (Trinkwasser, Energieerzeu- des Überfalls bei zunehmendem Wasserstand über-
gung) entnommen. Die Entnahmebauwerke beste- proportional steigt.
hen aus verschließbaren Einlaufkonstruktionen, Eine Alternative sind Turmbauwerke im Stau-
die das Wasser in Druckstollen oder -leitungen ein- see mit einem Einlauftrichter (Abb. 5.3-26). Der
strömen lassen. Bei instabilen Hängen oder bei Abfluss mündet bei diesen Entlastungsanlagen in
schwebstoffhaltigen Speicherzuflüssen mit Verlan- einem Freispiegelstollen, der bei Überlastung als
dungsgefahr haben sich besonders bei Trinkwas- Druckstollen wirkt und somit keine Abflussreser-
sertalsperren Einlauftürme bewährt. Über den ven hat. Aufgrund dieser Gegebenheit werden
Rohwasserabzug aus unterschiedlichen Höhen HW-Entlastungstürme nur bei Talsperren mit rela-
lässt sich die Qualität des späteren Trinkwassers tiv kleinen und genau berechenbaren Hochwasser-
maßgeblich beeinflussen. zuflüssen vorgesehen. Zusätzlich verfügen Trink-
Mit dem Grundablass kann das Speicherbe- wassertalsperren meist über eine große Retentions-
cken bis auf den sog. „Totraum“ entleert werden. wirkung.
Unter Beachtung der (n-1)-Regel lässt sich der Weiterhin sind Entlastungsanlagen direkt über
Grundablass auch zur Ableitung von Hochwasser dem Damm als Betongerinne und bei Stauhöhen
nutzen. bis 15 m als Raugerinne (Landschaftsgestaltung)
möglich.
1880 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

gunsten von Landgewinnung und lokalem Hoch-


wasserschutz. Der Wasserbauingenieur wirkte hier
im Sinne der Daseinssicherung im Auftrag der Ge-
sellschaft. Erkenntnisse über die großräumigen
flussmorphologischen und ökologischen Zusam-
menhänge des Flusssystems, wie sie heute vorlie-
gen, gab es damals noch nicht.

5.3.2.1 Zielsetzungen und Aufgaben


des modernen Flussbaus
Der heutige Flussbau unterscheidet sich wesent-
lich von diesen Anfängen neuzeitlicher wasserbau-
licher Eingriffe in den Fluss. Die Erfahrungen der
zurückliegenden Jahrzehnte zeigen, dass durch
punktuelle Veränderungen einer Flusslandschaft
Abb. 5.3-26 Einlaufbauwerk einer HW-Entlastungsanlage zwar lokaler Nutzen entsteht, aber dem Flusssys-
(Einlauftrichter) tem unterstrom der Maßnahmen nachhaltiger
Schaden zugefügt werden kann.
Hochwasserschutz und die Verhinderung einer
Bei Staumauern sind grundsätzlich die gleichen weiteren Eintiefung der Flüsse sind heute die
Konstruktionen wie bei Dämmen möglich. Aller- Hauptaufgaben des Flussbaus. Daneben gilt es, die
dings bietet sich hier auch die Möglichkeit, das Funktion der Tallandschaft als Verbindung von Bio-
Hochwasser direkt über die Mauer zu leiten (Über- topen zu erhalten und zu verbessern. Weiter gibt
fall) oder durch Öffnungen in der Mauer abzufüh- es spezielle Aufgaben wie den Wildbachverbau
ren (Druckabfluss). Bei Staumauern aus Walzbe- oder den Ausbau von Flüssen zu Schifffahrtsstra-
ton (RCC) werden meist Treppenschussrinnen ßen. Zudem spielen Flüsse eine zunehmende Rolle
(sog. stepped spillways) am Mauerrücken ausge- bei Fragen der Naherholung, auf die der Wasser-
bildet. Hier wird ein großer Teil der Energiehöhe bauingenieur bautechnisch und gestalterisch Rück-
bereits am Mauerrücken umgewandelt [Strobl/Zu- sicht nehmen muss.
nic 2006].
EU-WRRL: Auf Drängen des Europäischen Parla-
ments und der EU-Mitgliedstaaten ist im Dezem-
5.3.2 Flussbau ber 2000 die Europäische Wasserrahmenrichtlinie
(kurz WRRL) in Kraft getreten [Europäische Kom-
Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Ein- mission 2002]. Darin ist insbesondere ein Ver-
griffe des Menschen in das System Fluss-Tal nur schlechterungsverbot für alle Oberflächengewäs-
kleinräumig und ohne nennenswerte Änderung des ser und das Grundwasser festgelegt worden. Darü-
über viele Jahrtausende entstandenen Gleichge- ber hinaus wird, – wo möglich – ein Verbesse-
wichts. Mit der zunehmenden Bevölkerungsdichte rungsgebot gefordert; demnach soll bis zum Jahr
und der stärkeren Nutzung der Flüsse als Trans- 2015 für alle europäischen Gewässer ein „guter
portweg gewannen die Flusstäler weiter an Bedeu- Zustand“ bzw. bei stark veränderten Gewässern
tung. Um diese Regionen zu besiedeln, wurden die ein „gutes ökologisches Potenzial“ erreicht wer-
meisten größeren Flüsse einer sog. „Correction“ den. Damit soll in der Zukunft europaweit eine
unterzogen. Die vom Karlsruher Bauingenieur Jo- nachhaltige Wassernutzung gewährleistet werden.
hann Gottfried Tulla begonnene Regulierung des Die Ziele der WWRL sind ausführlich bei [Strobl/
Oberrheins ist hierfür ein markantes Beispiel. In Zunic 2006] beschrieben.
der Regel bedeuteten diese „Correctionen“ die Be- Ein Flusslauf ist kein statisches Gebilde, das
gradigung der stark mäandrierenden Flussläufe zu- geometrisch und morphologisch unveränderlich
5.3 Wasserbau 1881

bleibt. Eine Gleichgewichtslage kann sich jedoch kann der Fluss sein Bett zur Seite ausdehnen. Es
nur einstellen, wenn die Abflussverhältnisse kons- münden weniger Nebenflüsse ein; sie führen
tant bleiben und die Sohle dauerhaft gegen Erosion aber mitunter hohe Abflüsse. Im Mittellauf trans-
geschützt ist. Im Regelfall trifft beides nicht zu. portiert der Fluss Kies und Sand. Bei ausgegli-
Daher gibt es eine Reihe von Situationen, die fluss- chenen und ungestörten Verhältnissen findet
bauliche Maßnahmen begründen: kaum Erosion und Auflandung statt.
– Der Unterlauf eines Flusses ist geprägt durch ein
– Der Fluss ufert bei Hochwasser aus und über-
breites Tal. Der Fluss hat ein geringes Gefälle
schwemmt Wohngebiete.
(J<1‰), und sein Querschnitt ist breit. Er mä-
– Aufgrund zu hoher Schleppspannung erodiert
andriert in weiten Windungen und beansprucht
die Flusssohle, das Flussbett tieft sich ein, und
bei Hochwasser weite Teile des Talraumes. Die
der Grundwasserspiegel sinkt.
Flusssohle ist von Sand und Schluff bedeckt.
– Wegen mangelndem Transportvermögen des
– Im Mündungsgebiet wird das Fließgefälle so
Flusses landet das Flussbett auf und die Über-
klein, dass selbst Feinstteile nicht mehr transpor-
schwemmungsgefahr nimmt zu.
tiert werden können. Es findet eine ständige Auf-
– Fortschreitende Uferanbrüche in Krümmungen
landung statt, i. d. R. verbunden mit der Bildung
bedrohen Siedlungen oder Verkehrswege in ih-
eines Flussdeltas, das sich allmählich als
rem Bestand.
Schwemmland in das Meer vorschiebt.
Im weiteren Sinne können flussbauliche Maßnah-
men nötig werden, wenn nach Ausbau eines Flusses Diese allgemeine Einteilung gilt für lange Flüsse,
(Wehre, Wasserkraftwerke, Schifffahrtsstraßen die im Gebirge entspringen und einem See oder
usw.) das bisher zufriedenstellend stabile Regime Meer zufließen. Die Mehrzahl der Flüsse erreicht
des Flusses gestört wird. allerdings keinen See, sondern mündet in einen
Um die richtigen Maßnahmen zu treffen und die größeren Hauptfluss. Auf diese Nebenflüsse ist die
Eingriffe am Fluss nicht nur als „Zähmung des geschilderte morphologische Einteilung nur be-
Flusses mit baulichen Maßnahmen“ zu verstehen, schränkt anwendbar.
sollen im folgenden die wesentlichen Berech-
nungsgrundlagen zusammengefasst werden. Dabei
5.3.2.3 Flusslauf im Grundriss
muss die Stabilität des Flussbettes bei Hochwasser
v. a. in Siedlungsgebieten und in der Nähe von Ver- Fließendes Wasser bewegt sich – den physikalischen
kehrswegen sichergestellt werden. Gesetzen der Erdanziehung folgend – stets den tie-
ferliegenden Gebieten eines Tales zu. Der so entste-
hende Flusslauf ist jedoch keineswegs eine gerade
5.3.2.2 Flussmorphologie
Linie; vielmehr bewirken geomorphologische Unre-
Ein Flusslauf verändert seine Gestalt von der Quel- gelmäßigkeiten, dass sich die Strömung diesen äu-
le bis zur Mündung. Gewöhnlich kann ein Fluss in ßeren Randbedingungen anpasst und den Widerstän-
vier Bereiche unterteilt werden (Abb. 5.3-27): den ausweicht. Gleichzeitig gestaltet ein Fluss durch
seine Schleppkraft und infolge der Trägheitskräfte in
– Der Oberlauf eines Flusses beginnt im Gebirge. Krümmungen das Aussehen eines Tales maßgeblich
Er hat einen engen Talboden und wird von klei- mit. Aufgrund dieses Wechselspiels entsteht in der
nen Nebenflüssen gespeist. Das Fließgefälle ist Natur nur selten ein gestreckter Flusslauf. Stattdes-
groß (J>1%) und stark wechselnd, daher erodiert sen wechselt ein Fluss häufig seine Richtung und
die Sohle, und der Fluss befördert Steine und bildet Windungen und Flussschleifen aus.
Felsbrocken. Über lange Zeiträume betrachtet Selbst ein Fluss, der durch technische Maßnah-
befindet sich der Oberlauf eines Flusses in einer men in ein gerades Bett gezwungen wird, entwi-
Phase der Eintiefung. ckelt bei beweglicher Sohle nach einer Weile diese
– Im Mittellauf verbreitert sich der Talboden, und mäandrierende Bewegung innerhalb des ihm zur
das Gefälle wird geringer (1‰<J<1%). Der Verfügung stehenden Raumes. Dabei wirft er Sand-
Flusslauf ist gestreckter als im Oberlauf, dadurch und Kiesbänke auf, die abwechselnd an den Fluss-
1882 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.3-27 Entwicklung eines Flusslaufes in Querschnitt, Längsschnitt und Grundriss von der Quelle bis zur Mündung

ufern abgelagert werden (Abb. 5.3-28). Vielfach Die Geschiebebilanz ist ausgeglichen, und die
kann man in begradigten Ausleitungsstrecken die- Sohle bleibt in einer stabilen Höhenlage.
se Entwicklung vom „Fluss im Fluss“ beobachten. – Erosionszustand. Wird aus einem Gewässerab-
schnitt mehr Geschiebe abtransportiert als von
oberstrom nachgeführt wird, ist der Fluss in einer
5.3.2.4 Flusssohle
Erosionsphase. Die Sohle sinkt allmählich ab.
Die Sohle eines Flusses ist i. Allg. beweglich, da Ein Geschiebedefizit stellt sich häufig ein, wenn
der Untergrund aus Ablagerungen von Sedimenten oberstromige Flusssperren das ankommende Ge-
und Lockergestein (Alluvionen) besteht. Abhängig schiebe zurückhalten.
von der Beanspruchung der Sohle durch das strö- – Auflandungszustand. Im umgekehrten Fall, wenn
mende Wasser, gibt es mehrere mögliche Zustände der Fluss viel Geschiebe mit sich führt, dieses
der Flusssohle: aber nicht weiterbewegen kann, ist der Fluss im
Auflandungszustand, und die Sohle hebt sich an.
– Gleichgewichtszustand. Die Sohle des Flusses Gründe für einen verringerten Geschiebetrieb
befindet sich bezüglich des Geschiebetransports können eine Abnahme des Fließgefälles und/oder
in einem Gleichgewicht. Das von oberstrom mit- eine Verbreiterung des Flussbettes sein.
geführte Geschiebe entspricht der Menge, die – Beim geschiebetriebfreien Zustand ist die
nach unterstrom weitertransportiert werden kann. Schleppspannung so klein, dass kein Geschiebe-
5.3 Wasserbau 1883

Abb. 5.3-28 Mäandrierender Fluss im Naturzustand und Abb. 5.3-29 Koaxialdiagramm zur Ermittlung der Jahres-
in einem begradigten Flussbett geschiebefracht

trieb einsetzen kann. Die Sohle bleibt dauerhaft hang zwischen dem Abfluss Q (in m3/s) und der
in ihrer ursprünglichen Lage. zugehörigen resultierenden Fließtiefe h (in m).
– Die Geschiebefunktion gibt an, welche Geschie-
Alle genannten Zustände hängen sehr vom jewei- bemenge G (in kg/s) beim jeweiligen Wasserstand
ligen Abfluss im Flussbett ab. Der Wechsel zwi- h von der Strömung transportiert werden kann.
schen Hochwasser- und Niedrigwasserzeiten ver- – Aus diesen Angaben lässt sich die Überschrei-
mag den jeweiligen Zustand in einen anderen über- tungsdauerlinie des Geschiebetransports ge-
zuführen. Von einem Geschiebegleichgewicht winnen. Aus ihr erhält man durch Integration
kann daher selbst bei ausgewogener Geschiebebi- über die Zeit die Jahresgeschiebefracht.
lanz nur gesprochen werden, wenn man größere
Zeiträume von mehreren Jahren betrachtet. Für die Herleitung der Geschiebefunktion ist die
Kenntnis der Schleppspannung nötig, die von der
Strömung auf die Sohle ausgeübt wird. Bei Ansatz
5.3.2.5 Ermittlung des Geschiebetriebes
des Kräftegleichgewichts an einem endlichen
und der Geschiebefracht
Flussabschnitt ergibt sich die theoretische Schlepp-
Für die Planung flussbaulicher Maßnahmen ist spannung Ww (in N/m2) zu
eine möglichst genaue Kenntnis über den Geschie-
betransport an einem Fluss nötig. Hierbei sind so- Ww = U · g · R · J
wohl Einzelereignisse von Bedeutung (z. B. Hoch-
wasser) als auch längerfristige Aussagen über die mit den variablen Größen
Entwicklung der Sohle. Als geeignetes Maß zur R hydraulischer Radius (in m) – bei breiten Flüs-
langfristigen Beurteilung der Geschiebebilanz eig- sen RDh,
net sich die Jahresgeschiebefracht. Um diese zu J Fließgefälle (= Sohlgefälle),
ermitteln, werden in einem Koaxialdiagramm fol- und den konstanten Werten
gende Kurven eingezeichnet (Abb. 5.3-29): U Dichte von Wasser (in kg/m3),
g Fallbeschleunigung (in m/s2).
– Die Überschreitungsdauerlinie der Abflüsse
gibt an, an wie vielen Tagen ein bestimmter Ab- Diese theoretische Formel zur Ermittlung der
fluss erreicht oder überschritten wird. Schleppspannung wurde von zahlreichen Autoren
– Die Abflusskurve beschreibt den Zusammen- praktischen Situationen angepasst. Sehr verbreitet
1884 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

ist die Modifikation von Meyer-Peter und Müller, kSt = 21/dm1/6,


die bei ihrem Ansatz berücksichtigen, dass i. d. R.
nur ein Teil der Sohle beweglich ist (z. B. bei be- es sei denn, genauere Werte stehen aus Wasser-
festigten Ufern). Damit ergibt sich die wirksame spiegelfixierungen zur Verfügung. In diesen bei-
Schleppspannung zu den empirischen Formeln wird der maßgebende
mittlere Korndurchmesser der Sohle dm in m ein-
Ww = U· g · RS(kSt/kr)3/2. gesetzt. Ist eine durchgehende Deckschicht über
der Flusssohle ausgebildet, wird deren mittlerer
Darin ist RS der hydraulische Radius, diesmal aber Korndurchmesser angesetzt (Abb. 5.3-31).
bezogen auf den beweglichen Teil der Sohle. Es Eine möglichst genaue Kenntnis der Flusssohle
gilt RS=AS/bS, wobei der wirksame Abflussquer- ist für die Beurteilung der Geschiebetätigkeit eines
schnitt AS nach Abb. 5.3-30 mit Hilfe der Isota- Flusses von größter Bedeutung. Daher ist es bei
chen (Linien gleicher Geschwindigkeiten) ermit- Projektierungsmaßnahmen unverzichtbar, an meh-
telt werden kann. Die Breite der beweglichen Soh- reren Stellen des Flusses Geschiebeproben der Un-
le ist bS. Für die Kornrauheit kr setzt Müller terschicht sowie der Deckschicht zu entnehmen
und Siebanalysen durchzuführen.
kr = 26/dm1/6 (in m1/3/s). Ist die wirksame Schleppspannung der Strö-
mung bekannt, muss sie der kritischen Schlepp-
Analog kann der Strickler-Beiwert gesetzt werden spannung tc gegenübergestellt werden. Diese ist
zu eine Sohlschubspannung und muss erst überwun-
den werden, bevor sich Geschiebetrieb entwickeln
kann. Die Differenz zwischen wirksamer Schlepp-
spannung und kritischer Sohlschubspannung steht
dem Geschiebetrieb zur Verfügung. Meyer-Peter
bzw. Müller haben aus zahlreichen Versuchen fol-
genden Zusammenhang entwickelt:

U·g·RS·(kSt/kr)3/2·J = A·(US –U)·g·dm +


B·U1/3·g2/3·gSÝ2/3
Abb. 5.3-30 Ermittlung des wirksamen Abflussquer-
schnitts AS mit Hilfe der Isotachen bzw.

Abb. 5.3-31 Sieblinie der Deckschicht und der Unterschicht am Beispiel der Unteren Isar
5.3 Wasserbau 1885

Ww = Wc+Wg In den Feldern zwischen den Buhnen bildet sich


eine Rückströmung aus (Kehrwasser), wodurch die-
Neben den bereits erwähnten Größen bedeuten se Bereiche allmählich verlanden. Dies ist durch-
US Dichte des Geschiebes (in kg/m3), aus erwünscht, weil dadurch zum einen die Ufer
g Geschiebetrieb, unter Wasser gewogen des Flusses vor Erosion und Einbrüchen geschützt

(in kg/(m · s)), werden können, zum anderen, weil diese Zonen
A⬙, B⬙ Beiwerte aus Versuchen. wertvolle ökologische Bereiche darstellen.
Zur Verhinderung weiterer Eintiefungen des
Meyer-Peter und Müller fanden für B⬙ einen kons- Flusses sind folgende Maßnahmen denkbar:
tanten Wert von 0,25. Der Beiwert A⬙ ist gleich 0,047
– Sohlrampen aus Wasserbausteinen mit konzent-
bei entwickeltem Geschiebetrieb und 0,03 bei abso-
rierter Energieumwandlung zur Reduzierung
luter Ruhe der Sohle. Daraus können drei Bereiche
des Sohlgefälles;
für den Geschiebetrieb unterschieden werden:
– ökologisch vertretbarer Aufstau des Flusses
– Sohle befindet sich in absoluter Ruhe, wenn durch Wehranlagen zur Reduzierung der Fließ-
Ww/(US–U)·g·dm<0,03. geschwindigkeit;
– Sohle beginnt sich zu bewegen, wenn 0,03<Ww/ – in Ausnahmefällen Geschiebezugabe zur Erhö-
(US–U)·g·dm<0,047. hung der Sohlschubfestigkeit des vorhandenen
– Geschiebetransport ist voll entwickelt, wenn Flussbettes; Beispiele hierfür sind der Rhein bei
Ww/(US–U)·g·dm>0,047. Iffezheim und die Donau bei Wien mit jeweils
150 000 m3 Kies pro Jahr, der unter günstigen Be-
dingungen gewonnen und verklappt werden kann;
5.3.2.6 Flussbauliche Maßnahmen – offenes Deckwerk, eine neue Entwicklung, ge-
kennzeichnet durch die Belegung der Flusssoh-
Eine der wichtigsten flussbaulichen Maßnahmen
le mit Wasserbausteinen der Klasse II bis III,
ist die Flussregelung durch Buhnen und Leitwerke.
die eine Fläche von etwa 30% bis 50% der
Buhnen sind Querbauwerke, die vom Ufer aus
Flusssohle bedecken [Hartlieb 1999].
senkrecht oder leicht schräg in den Fluss ragen, so-
mit den Abflussquerschnitt einschnüren und damit
im verbleibenden Strömungsquerschnitt die Fließ-
tiefe und -geschwindigkeit erhöhen. Sie dienen 5.3.3 Wasserkraftanlagen
heute vorwiegend als Bauwerke zur Niedrigwas-
serregulierung an Wasserstraßen, um für die Schiff- Wasserkraft ist eine ideale Kombination aus Solar-
fahrt die Fahrwassertiefe zu verbessern. und Windenergie: Die Sonne lässt das Wasser ver-
Leitwerke dienen demselben Zweck wie dampfen, es bilden sich Wolken, die vom Wind
Buhnen, sind jedoch Längsbauwerke, die parallel landeinwärts getrieben werden und an den Berg-
zum Ufer eingebaut sind. Aus ökologischen Gründen hängen abregnen. In den so entstehenden Bächen
sind Buhnen zu bevorzugen, da die Totwasserzone und Flüssen ist diese regenerative Wasserkraft
hinter einem Leitwerk bei Niedrigwasser nicht konzentriert gespeichert.
durchflossen wird. Allerdings heben Buhnen bei Wasserkraftanlagen dienen schon seit Jahrtau-
Hochwasser den Wasserspiegel im Vergleich zum senden der umweltverträglichen Energieerzeu-
ursprünglichen Zustand an. gung. Die potentielle Energie herabfallenden Was-
Buhnen und Leitwerke bestehen aus massiven sers und die kinetische Energie des Wasserstromes
Steinschüttungen, um auch bei Überflutung im von Bächen und Flüssen wurden zunächst direkt in
Hochwasserfall eine stabile Lage zu bewahren. mechanische Arbeit umgewandelt. Zum Antrieb
Auf die Standfestigkeit der Buhnen ist besonders von Mühlrädern und in Hammerschmieden ver-
zu achten; Nachversteinungen sind meist erforder- wendete man sehr früh das Stoßrad, später unter-
lich. Der Abstand der Buhnen beträgt erfahrungs- und oberschlächtige Wasserräder.
gemäß zwischen der halben und zweifachen Fluss- Die Erfindung von Generatoren zur Erzeugung
breite. elektrischer Energie führte im 19. Jahrhundert zur
1886 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Entwicklung von unterschiedlichen Wasserturbi- nutzbaren Nettofallhöhe Hn berücksichtigt bei


nen. Damit war es möglich, die mechanische Ar- Hochdruckanlagen die Reibungs- und Krüm-
beit des Wasserstromes an der Turbine in elek- mungsverluste in den Triebwasserleitungen sowie
trischen Strom umzuwandeln und diese Energie die Einlaufverluste an der Triebwasserfassung.
über Hochspannungsleitungen an vom Fluss ent- Bei modernen Anlagen liegt der Anlagenwir-
fernte Orte mit Strombedarf zu leiten (1891 vom kungsgrad, der Verluste zwischen Turbineneinlauf
Kraftwerk Lauffen mit einer 175 km langen Lei- und -auslauf einschließt, zwischen 0,80 und 0,85.
tung nach Frankfurt/Main). Damit ergibt sich für eine Abschätzung der erziel-
Heute dienen Wasserkraftanlagen fast aus- baren Leistung P die nicht dimensionsreine Bezie-
schließlich der Erzeugung elektrischer Energie. In hung
Deutschland werden gegenwärtig etwa 3% des
Strombedarfs aus Wasserkraft gewonnen. Im was- P | 8·Q·Hn (in kW).
serreichen Bayern sind es rund 20% und in den Al-
penländern Österreich und Schweiz sogar 60% Diese Ausbauleistung ist die maximale elektrische
bzw. 70%. Leistung eines Kraftwerks und wird nur beim Aus-
Von besonderem wirtschaftlichen aber auch bauzufluss Qa erreicht. Wegen naturbedingter Ab-
ökologischen Interesse ist, dass Wasserkraftanla- flussschwankungen steht dieser Zufluss allerdings
gen einen im Vergleich mit anderen Stromerzeu- nicht kontinuierlich zur Verfügung. Wasserkraftan-
gern unerreicht hohen Erntefaktor (EF>50) auf- lagen an mitteleuropäischen Flüssen erreichen
weisen. Der Erntefaktor ist das Verhältnis zwischen oder überschreiten den gewählten Ausbauzufluss
erzeugbarer elektrischer Arbeit und der für Bau nur an etwa 30 bis 60 Tagen im Jahr.
und Betrieb investierten Energie. Hinzu kommt, Zur Beurteilung der mittleren jährlichen Ener-
dass die Stromerzeugung CO2-frei ist. gieausbeute (Regelarbeitsvermögen) muss die
mittlere Unterschreitungsdauerlinie des Zuflusses
bekannt sein. Aus dieser und aus weiteren Kenn-
5.3.3.1 Ausbauleistung und Energieermittlung
kurven kann die Leistungsdauerlinie über ein Jahr
Die Energieausbeute einer Wasserkraftanlage aufgestellt werden (Abb. 5.3-32).
hängt im wesentlichen vom Zufluss Q und der Die gegenwärtig leistungsstärkste Wasserkraft-
Nettofallhöhe Hn ab. Die zur Verfügung stehende anlage der Erde ist die chinesische Anlage Three
Energie des Wasserstromes U·Q mit dem Potential Gorges am Jangtekiang mit einer Ausbauleistung
g·Hn wird an einer Turbine in Drehleistung umge- von 18.200 MW. Ihre 26 Turbinen besitzen damit
wandelt. Die Leistung P einer Turbine entspricht ein Regelarbeitsvermögen von 84 Mio kWh. Über-
dem Drehmoment Md, multipliziert mit der Win- troffen wird die jährliche Stromproduktion nur
kelgeschwindigkeit Z der sich drehenden Turbine. noch von der Wasserkraftanlage Itaipu Binacional
am Rio Paraná an der Grenze zwischen Brasilien
P = Md · Z (in Nm/s) und Paraguay. Diese Anlage kann aufgrund gleich-
mäßiger Zuflüsse jährlich etwa 10% mehr Strom
oder
produzieren (in 2008: 94,68 Mio kWh). Die ge-
P = K·U·Q·g·Hn (in kW) samte Stromproduktion beider Anlagen zusammen
entspricht etwa der Energieerzeugung von 20 Re-
mit aktorblöcken modernen Kernkraftwerke (Tabelle
K Wirkungsgrad der Wasserkraftanlage, 5.3-5).
U Dichte des Wassers (in t/m3),
g Fallbeschleunigung (in m/s2),
5.3.3.2 Nieder- und Hochdruckanlagen
Q Wasserstrom (in m3/s),
Hn Nettofallhöhe (in m). Verfügen Kraftwerke über eine Fallhöhe von 50 m
und mehr, spricht man von „Hochdruckanlagen“.
Der Unterschied zwischen der geodätisch vorhan- Flusskraftwerke haben i. d. R. kleinere Fallhöhen
denen Rohfallhöhe und der zur Energieerzeugung und sind Niederdruckanlagen.
5.3 Wasserbau 1887

Abb. 5.3-32 Leistungsplan einer Niederdruck-Wasserkraftanlage

Tabelle 5.3-5 Beispiele für die Ausbauleistung von Wasserkraftanlagen

Niederdruckanlagen – Bei der Blockbauweise (a) werden Kraftwerk


An Flüssen werden Flusskraftwerke (Wasserkraft- und Wehr nebeneinander in getrennten Baukör-
anlagen) immer in Verbindung mit Wehren gebaut. pern angeordnet. Zwischen Wehr und Kraftwerk
Das Wehr staut den Fluss auf die gewünschte Höhe sorgt der Wehrpfeiler für eine hydraulisch güns-
(Stauziel) und bewirkt dadurch den für die Ener- tige Anströmung des Kraftwerks. Ist die erfor-
gieerzeugung nutzbaren Unterschied zwischen derliche Breite des Absperrbauwerks (Kraftwerk
Ober- und Unterwasser. Das Wehr führt darüber und Wehr) größer als die Flussbreite, wird das
hinaus auch Hochwasser ab. Kraftwerk in einer Bucht des aufgeweiteten
Die Flusssohle im Unterwasser des Kraftwerks Flusses angeordnet. Bei ausreichend langer Ver-
wird ausgebaggert und dadurch tiefer gelegt. Da- ziehung stört dies die Kraftwerkanströmung
mit erreicht man eine Erhöhung der Fallhöhe und kaum, ermöglicht aber bei Hochwasser einen un-
stellt gleichzeitig sicher, dass auch in Zeiten nied- gestörten Abfluss über das Wehr (Abb. 5.3-34).
riger Wasserführung der Auslauf des Kraftwerks – Zweiseitige Kraftwerke (b) werden gelegentlich
stets eingestaut bleibt. Dies ist aus betrieblichen an Grenzflüssen zwischen zwei Ländern gebaut.
Gründen unabdingbar. Jeder Betreiber hat seine Kraftanlage am eigenen
Die Anordnung eines Kraftwerks im Fluss un- Ufer; das Wehr ist ein bilaterales Projekt.
terscheidet sich in Bezug auf die Lage des Kraft- – Seltener sind Inselkraftwerke (c), weil die Zu-
werks zum Wehr (Abb. 5.3-33): gänglichkeit zum Kraftwerk erschwert ist. Findet
1888 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.3-33 Anordnung von Wasserkraftanlagen im Fluss

Abb. 5.3-34 Beispiel für die Blockbauweise (Staustufe Vohburg/Donau)

man in Ausnahmefällen in Flussmitte besonders – Bei überströmbaren Kraftwerken (e) fehlen Auf-
günstige geologische Verhältnisse für die Grün- bauten; sie können daher sehr gut in die Fluss-
dung des im Vergleich zum Wehr massiveren landschaft eingegliedert werden. Im Hochwas-
Kraftwerkblocks, mag diese Lösung wirtschaft- serfall ist die gesamte Anlage überströmt.
licher sein als die Blockbauweise.
– Eine besonders interessante Bauform stellen Umleitungskraftwerk. Bei ihm sind Wehr und Kraft-
Pfeilerkraftwerke (d) dar. Hier sind die Wehr- werk oft viele Kilometer voneinander getrennt
pfeiler zu einzelnen breiten Kraftwerkblöcken (Abb. 5.3-35). Das Kraftwerk wird außerhalb des
ausgebaut, in denen je ein Maschinensatz (Tur- Flusses errichtet, was v. a. in der Vergangenheit
bine und Generator) untergebracht ist. hinsichtlich bautechnischer Erleichterungen wich-
5.3 Wasserbau 1889

Lauflänge nur mit einer sog. „Pflichtwasserabga-


be“ bedacht wird.

Gestaltung im Längsschnitt und Aufriss. Beim Ufer-


anschluss des Kraftwerks gelten die Konstruktions-
hinweise für Wehre sinngemäß. Besondere Beach-
Abb. 5.3-35 Ausleitungskraftwerk tung verdient der Einlaufbereich. Er muss mög-
lichst strömungsgünstig ausgebildet sein, damit
Energieverluste infolge Strömungsumlenkung und
tig war. Ein weiterer Vorteil ist die hohe Ener- Wirbelbildung weitgehend vermieden werden.
giedichte, die man bei speziellen topographischen Für Vorentwürfe können die in Abb. 5.3-36 und
Voraussetzungen durch große Fallhöhen erreichen 5.3-37 angegebenen Maße verwendet werden. Die
kann. Abmessungen beziehen sich auf den vom Turbi-
Problematisch ist die Ausleitung des Wassers nenhersteller vorgegebenen Wert für den Laufrad-
aus dem Fluss, der dann auf viele Kilometer durchmesser d1.

Abb. 5.3-36 Schnitt durch ein Kraftwerk mit Kaplanturbine (nach [Blind 1987])
1890 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.3-37 Schnitt durch ein Kraftwerk mit Rohrturbine (nach [Blind 1987])

Abb. 5.3-38 Hydraulisches System einer Hochdruckanlage

Hochdruckanlage gen. Beim Schnellschluss der Turbinen entsteht im


Wasserkraftwerke mit Fallhöhen über 50 m zählt Zuleitungsrohr ein Druckstoß, auf den die Rohrlei-
man zu den Hochdruckanlagen. Man findet sie tung bemessen werden muss. Bei langen Zuleitungen
überwiegend im Gebirge, wenn in hochgelegenen ist es wirtschaftlich, ein Wasserschloss anzuordnen,
Talsperren das zufließende Wasser gesammelt und das den Zuleitungsstollen vom Druckstoß entlastet
über Triebwasserstollen einem Kraftwerk im Tal (Wasserschlosstypen s. Abb. 5.3-39). Abbildung 5.3-
zugeführt wird. 40 zeigt ein Talsperrenkraftwerk. Hier befindet sich
In Abb. 5.3-38 ist das hydraulische System einer das Maschinenhaus am Fuß der Staumauer.
klassischen Hochdruckanlage skizziert, wenn Tal- Zu den Hochdruckanlagen gehören auch Pump-
sperre und Krafthaus räumlich weit auseinander lie- speicherwerke. Diese mit Pumpturbinen ausgestat-
5.3 Wasserbau 1891

Abb. 5.3-39 Wasserschlosstypen

teten Kraftwerke ermöglichen eine schnelle An-


passung der Stromproduktion an einen erhöhten
Strombedarf während der Spitzenzeiten des täg-
lichen Verbrauchs. Innerhalb von wenigen Sekun-
den lassen sich Pumpturbinen von Pumpbetrieb
auf Turbinenbetrieb umstellen und können damit
teuren Spitzenstrom erzeugen.

5.3.3.3 Turbine und Generator


Je nach Fallhöhe und Abfluss kommen unter-
schiedliche Turbinentypen zur Anwendung
(Abb. 5.3-41 und 5.3-42). Man unterscheidet im
Abb. 5.3-40 Beispiel für ein Talsperrenkraftwerk Wesentlichen zwischen

Abb. 5.3-41 Einsatzbereiche für Turbinen bei Kleinwasserkraftanlagen (P<2 MW)


1892 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

– Überdruckturbinen (Kaplan-Turbine, Francis- unter sehr hoher Geschwindigkeit verlässt und un-
Turbine), ter atmosphärischem Druck auf die Turbinen-
– Gleichdruckturbinen (Pelton-Turbine), schaufeln stößt. Diese Turbinen heißen daher auch
– Durchströmturbinen (Ossberger-Turbine). „Freistrahlturbinen“. Der starke Impuls des auf-
prallenden Wassers versetzt die Turbine in Drehbe-
Bei Hochdruckanlagen kommen ausschließlich wegung. Bei diesem Prinzip wird demnach nicht
Francis- und Pelton-Turbinen zum Einsatz. Bei mit Überdruck gearbeitet, sondern die Druckhöhe
Fallhöhen ab etwa 100 m und kleinen Durchflüs- des Wassers, seine potentielle Energie, wird voll-
sen wird die Pelton-Turbine verwendet. Größere ständig in kinetische Energie umgewandelt. Frei-
Durchflüsse verarbeitet die Francis-Turbine bes- strahlturbinen arbeiten besonders effizient bei ho-
ser; ihr idealer Druckbereich liegt unter 100 m. hen Drücken und – damit verbunden – großen Aus-
Die jeweiligen Einsatzbereiche für Wasserkraftan- trittsgeschwindigkeiten (>100 m/s).
lagen gibt Abb. 5.3-42 wieder. Die Bereiche bei Die heutige Bauform der Freistrahlturbine wird
Kleinwasserkraftanlagen sind in Abb. 5.3-41 ent- nach ihrem Entwickler meist „Pelton-Turbine“ ge-
halten. nannt. Es gibt sie mit ein oder mehreren Düsen.
Bei der Wahl von mehr als drei Düsen empfiehlt
Überdruckturbinen. Bei Kaplan- und Francis-Turbi- sich wegen der einfacheren Führung der Zulei-
nen handelt es sich um geschlossene Systeme, die tungsrohre eine vertikale Anordnung der Turbinen-
sich vollständig im Wasser befinden. Der Druck- achse.
unterschied zwischen Turbinenoberseite und -un-
terseite versetzt das Laufrad in Drehbewegung. Durchströmturbinen. Insbesondere bei Kleinwasser-
Besonders zu beachten ist die Höhenlage der Tur- kraftanlagen im Nieder- und Mitteldruckbereich hat
binenschaufel. Bei zu hoher Anordnung in bezug sich die Durchströmturbine (Ossberger-Turbine)
zum Unterwasser besteht die Gefahr der Kavitati- bewährt (Abb. 5.3-43). Das walzenförmige Lauf-
on, d. h. der Dampfblasenbildung, verbunden mit rad ähnelt einem Wasserrad. Es ist in mehrere Zel-
einem erodierendem Angriff auf die Turbinen. len aufgeteilt, die je nach Wasserdargebot beauf-
schlagt werden können. Damit erreicht die Durch-
Gleichdruckturbinen. Von „Gleichdruckturbinen“ strömturbine auch bei Teilbeaufschlagung einen
spricht man, wenn das Triebwasser die Zuleitung guten Wirkungsgrad. Das Laufrad hat etwa 30 ge-
krümmte Schaufeln, die über den Leitapparat radi-
al beaufschlagt werden. Die Anströmung ist so-
wohl horizontal als auch vertikal möglich. Der
Einsatzbereich der Turbine liegt zwischen wenigen
Litern pro Sekunde und etwas über 10 m3/s. Bei
einem Fallhöhenbereich zwischen 1 und 200 m
sind Leistungen bis etwa 1500 kW erzielbar.
Systembedingt tritt bei der Durchströmturbine
keine Kavitation auf. Auch ist sie relativ unemp-
findlich gegen Verunreinigungen und Treibgut im
Triebwasser. Die Robustheit der Durchströmturbi-
ne, verbunden mit geringem Wartungsbedarf, ha-
ben für eine rasche Verbreitung v. a. in Entwick-
lungsländern gesorgt.

5.3.3.4 Ökologie und Wasserkraft


Die Wasserkraftnutzung ist immer mit einem Ein-
Abb. 5.3-42 Einsatzbereich für Turbinen bei großen Was- griff in das Ökosystem der Flusslandschaft ver-
serkraftanlagen bunden. Daher muss in den Abwägungsprozess der
5.3 Wasserbau 1893

Abb. 5.3-43 Durchströmturbine [Ossberger-Turbinenfabrik 1990]

Vor- und Nachteile auch der Eingriff in den Natur- Abkürzungen zu 5.3
haushalt berücksichtigt werden. In den Ländern
der Europäischen Gemeinschaft ist eine Umwelt- DNK Deutsches Nationales Komitee für Große
verträglichkeitsprüfung (UVP) vorgeschrieben. Talsperren
Den positiven Aspekten wie DWA Deutsche Vereinigung für Wasserwirt-
schaft, Abwasser und Abfall e.V., Hennef
– regenerative und CO2-freie Energieerzeugung, FEM Finite-Element-Methode
– hoher Erntefaktor im Vergleich zu anderen Ener- GW Grundwasserstand
gieträgern und HW Hochwasser
– ausgereifte Technik mit hohem Wirkungsgrad ICOLD International Commission on Large Dams,
stehen die Eingriffe in den Naturhaushalt gegen- Lausanne (Schweiz)
über wie OW Oberwasser
RCC Roller Compacted Concrete
– Aufstau des Gewässers, verbunden mit geringe- UVP Umweltverträglichkeitsprüfung
rer Fließgeschwindigkeit und verstärkter Sedi- UW Unterwasser
mentation, WAP Wasserabpressversuch
– Ausleitung des Wassers bei Umleitungskraft-
werken und
– Unterbrechung des Fließkontinuums. Literaturverzeichnis Kap. 5.3

Beschränkungen in der Stauhöhe, ökologisch ver- Blind H (1987) Wasserkraftanlagen. In: Blind H (Hrsg)
Wasserbauten aus Beton. Ernst & Sohn, Berlin
tretbare Mindestwasserregelungen und Umge-
Blind H, Linse D, Knauss J (1987) Talsperren. In: Blind H
hungsgewässer können diese Eingriffe minimie- (Hrsg) Wasserbauten aus Beton. Ernst & Sohn, Berlin
ren. Konkrete Angaben über Höhen und Abfluss Breth H (1994) Zur Anwendung der Sicherheitstheorie im
hängen jedoch sehr stark von den jeweiligen Rand- Staudammbau. Mitteilungen des Instituts und der Ver-
bedingungen ab und sind aus Fachliteratur zu ent- suchsanstalt für Geotechnik der TH Darmstadt, 32,
nehmen. pp 13–20, 1–191
1894 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

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5.4 Wasserversorgung 1895

5.4 Wasserversorgung dieses Gesetzes stammt vom 22.12.2008. Das Ge-


setz darf nach der nächsten Änderung, jedoch spä-
Wilhelm Urban, Ana Cangahuala testens ab 2010 von den Ländern im Rahmen der
konkurrierenden Gesetzgebung mit eigenen Geset-
5.4.1 Rechtliche Grundlagen zen abgeändert werden. Das neue Wasserrecht-Ge-
setz zur Neuregelung des Wasserrechts, Art. 1
5.4.1.1 EG-Vertrag
„Gesetz zur Ordnung des Wasserhaushalts (Was-
Etwa zeitgleich mit der Einführung eines bundes- serhaushaltsgesetz – WHG) vom 6. August 2009 –
einheitlichen Wasserrechts wurde der Vertrag zur tritt am 1. März 2010 in Kraft.
Gründung der Europäischen Gemeinschaft in der
Fassung vom 25.03.1957 angenommen. Mit die-
5.4.1.4 Trinkwasserverordnung
sem Vertrag verpflichtete sich auch Deutschland,
EG-Recht und damit EG-Richtlinien in Deutsches Die Trinkwasserverordnung (Verordnung über
Recht aufzunehmen. Trinkwasser und über Brauchwasser für Lebens-
Als Beispiel sei hier die EG-Richtlinie über die mittelbetriebe) wurde 1976 auf der Grundlage des
Qualität von Wasser für den menschlichen Ge- Bundesseuchengesetzes vom 18.07.1961 verfasst.
brauch vom 15.07.1980 (80/778/EWG) genannt, Außerdem ist nach dem Lebensmittel- und Be-
die mit der Richtlinie 98/83/EG des Rates der darfsgegenständegesetz vom 21.12.1958 die „Ver-
europäischen Union vom 03.11.1998 novelliert ordnung über die Verwendung von Zusatzstoffen
und somit dem wissenschaftlichen und technischen bei der Aufbereitung von Trinkwasser“ (Trinkwas-
Fortschritt angepasst worden ist. ser-Aufbereitungs-Verordnung) erlassen worden.
In der Trinkwasserverordnung in der Fassung vom
05.12.1990 wurden die einschlägigen Vorschriften
5.4.1.2 Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)
der Trinkwasser-Aufbereitungs-Verordnung einge-
Die Wasserrahmenrichtlinie (2000/60/EG) bildet arbeitet. (TrinkwV, 2. Abschnitt mit den §5 und §6
den neuen Rahmen für das gesamte Wasserrecht. sowie den zugehörigen Anlagen).
Sie vereint u.a. Trinkwasser-, Badegewässer- und Die aktuell gültige Novelle der Trinkwasserver-
Grundwasserrichtlinie als Tochterrichtlinien und ordnung 2001 vom 31.10.2006 setzt die Vorgaben
gibt einen gemeinsamen europäischen Ordnungs- der EU-Richtlinie über die Qualität von Wasser für
rahmen. Daraus ergibt sich erstmals auf euro- den menschlichen Gebrauch von 1998 um (s.
päischer Ebene eine Verzahnung aller wasser- 5.4.1.2.). Der Bundesrat hat am 26. November
relevanter Themengebiete. Hauptziel ist das Er- 2010 einige Änderungen für die Novelle der Trink-
reichen eines guten Zustands für alle Wasser- wasserverordnung 2001 akzeptiert.
körper bis 2015. Maßnahmen zur Zielerreichung Die TrinkwV regelt die Anforderungen an die
sind ein Verschlechterungsverbot und ein Ein- Beschaffenheit von Trinkwasser und Wasser für
leiteverbot für Schadstoffe. Wesentlich ist hier- Lebensmittelbetriebe. Sie beinhaltet:
bei die Einteilung der Oberflächen- und Grund-
wasserkörper nach geografischen und geologi- – Anforderungen an die mikrobiologische Be-
schen Gesichtspunkten über Staatsgrenzen hinweg, schaffenheit,
denn es werden ausschließlich Einzugsgebiete be- – Grenzwerte für chemische (toxische) Stoffe,
trachtet. – Kenngrößen und Grenzwerte zur Beurteilung
der Beschaffenheit des Trinkwassers (senso-
rische und physikalisch-chemische Kenngrö-
5.4.1.3 Wasserhaushaltsgesetz (WHG)
ßen), Grenzwerte für chemische (nichttoxische)
Rahmengesetz des Bundes für den Bereich des Stoffe,
Gewässerschutzes ist das Gesetz zur Ordnung – Zusatzstoffe für die Trinkwasseraufbereitung,
des Wasserhaushalts. Das Wasserhaushaltsgesetz – Umfang und Häufigkeit der Untersuchungen,
(WHG) wurde am 27.07.1957 verabschiedet und – Richtwerte für Kupfer und Zink am Zapfhahn
am 19.08.2002 neu gefasst. Die letzte Änderung der Hausinstallationen.
1896 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

5.4.1.5 Infektionsschutzgesetz 5.4.2 Wasserbeschaffenheit,


Wassergüte
Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) in der Fassung
der Bekanntmachung vom 20.07.2000, zuletzt ge-
5.4.2.1 Beschaffenheit natürlicher Wässer
ändert am 13.12.2007, dient der Verhütung und Be-
kämpfung übertragbarer Krankheiten beim Men- Wasser ist ein ausgezeichnetes Lösungsmittel und
schen. Es ersetzt u. a. das Bundesseuchengesetz. liegt als solches in der Natur nicht chemisch rein
Der siebte Abschnitt des IfSGs beschäftigt sich mit vor. Auf den unterschiedlichen Wegen des natür-
Wasser. lichen Wasserkreislaufs werden im Wasser in Ab-
hängigkeit von den Boden- und Gesteinsverhält-
nissen sowie der Zusammensetzung der atmosphä-
5.4.1.6 DIN 2000
rischen Luft verschiedene Stoffe angereichert. Diese
Die DIN 2000 in der aktuellen Ausgabe von Wasserinhaltsstoffe können in anorganische und or-
10/2000 enthält alle maßgebenden Leitsätze für ganische sowie nach Art des Lösungssystems in sus-
die Trinkwasserversorgung, die Anforderungen an pendierte, Kolloide oder echt gelöste Stoffe unter-
Trinkwasser sowie für die Planung, den Bau und schieden werden, wobei die echt gelösten Salze und
den Betrieb der Anlagen. In dieser Norm sind die Gase den Hauptanteil ausmachen. Die Tabelle 5.4-1
allgemeinen Anforderungen an Trinkwasser hin- gibt einen Überblick über die wichtigsten Inhalts-
sichtlich Güte, Beschaffenheit und Verfügbarkeit stoffe natürlicher Wässer.
sowie die Aufgaben der öffentlichen Wasserver-
sorgung geregelt.

Tabelle 5.4-1 In natürlichen Wässern vorkommende Inhaltsstoffe [Grombach et al. 2000, S. 35]
Lösungssystem Echte Lösung Kolloide Lösung Suspension
Lösungsform molekulardispers kolloiddispers grobdispers
Häufigster Teilchendurch- 10-8-10-6 10-7-10-5 >10-5
messer in cm
Elektrolyte Nichtelektrolyte
Kationen Anionen Gase Feststoffe
Hauptinhaltsstoffe Na+ Cl- O2 SiO2 ˜ nH2O Tone, Feinsand,
häufig > 10 mg/l K+ NO3- N2 organische Boden-
Mg2+ HCO3- CO2 bestandteile
Ca2+ SO42-
Begleitstoffe Sr2+ F- H 2S Organische Oxidhydrate von Oxidhydrate
meist << 10 mg/l Fe2+ Br- NH3 Verbindungen Metallen, z. B. Fe u. Mn
häufig > 0,1 mg/l Mn2+ J- CH4 (Stoffwechsel- von Fe, Mn,
NH4+ NO2- He produkte) Kieselsäure u. Öle u. Fette
H2PO4- Silicate
HPO42- Sonstige organische
HBO2 Huminstoffe Stoffe
Spurenstoffe Li+ HS- Rn
< 0,1 mg/l Rb+
Ba2+
As3+
Cu2+
Zn2+
Pb2+
5.4 Wasserversorgung 1897

5.4.2.2 Trinkwasseruntersuchungen Die Konzentration ist aufgrund von Ionenwechsel-


wirkungen geringfügig größer als die Aktivität.
Mikrobiologische Kenngrößen Ist die H3O+-Ionen-Aktivität größer als jene der
Nach der TrinkwV dürfen keine Krankheitserreger OH--Ionen, bezeichnet man die Lösung als „sauer“,
im Trinkwasser nachweisbar sein. Da dieser Nach- umgekehrt als „basisch“. Bei einer Wassertempe-
weis äußerst schwierig ist, nimmt man die Prüfung ratur von 25 °C sind bei einem pH-Wert von 7
mit Keimen vor, die selbst keine Krankheitserreger ebenso viele H3O+- wie OH--Ionen im Wasser ent-
sind (Escherichia coli, coliforme Keime). Das Auf- halten. Zu beachten ist, dass sich bei einer pH-
treten dieser im Darm von Warmblütern vorkom- Wert-Änderung von 1 die Konzentration um den
menden Bakterien in 100-ml einer Wasserprobe Faktor 10 ändert.
gilt als Indikator für möglicherweise vorhandene Der pH-Wert hat einen maßgeblichen Einfluss
pathogene Keime im Trinkwasser. Zudem ist die auf die chemischen und biologischen Reaktions-
Koloniezahl unter genormten Vermehrungsbedin- prozesse im Wasser. Seine Kontrolle und Einstel-
gungen zu ermitteln. Hierbei soll im Rohwasser lung wirken daher entscheidend auf die Wasserauf-
ein Richtwert von 100 Kolonien pro Milliliter (ml) bereitung ein. Trinkwasser sollte sich nach Anlage
und im Reinwasser nach einer Desinfektion von 20 3 der TrinkwV in einem pH-Bereich von 6,5 bis
Kolonien pro ml nicht überschritten werden. Darü- 9,5 befinden.
ber hinaus kann von der zuständigen Gesundheitsbe-
hörde eine Untersuchung auf Fäkalstreptokokken, Leitfähigkeit. Die elektrische Leitfähigkeit ist ein
sulfitreduzierende und/oder sporenbildende Anae- Maß für die Summe der gelösten Salze im Wasser.
robier usw. angeordnet werden. Die verwendete Einheit ist Mikrosiemens pro Zen-
timeter (—S/cm). Die Leitfähigkeit ist temperatur-
Sensorische Kenngrößen abhängig. Bei einer Temperaturerhöhung um 1 °C
Trinkwasser soll farblos, klar, kühl, geruchlos und steigt die Leitfähigkeit um 2%. Typische Wertebe-
geschmacklich einwandfrei sein. Diese sinnfäl- reiche verschiedener Wässer sind
ligen Merkmale des Wassers sollten in ihrer Aus-
sagekraft nicht unterschätzt werden. Eine Vorun- – destilliertes Wasser < 3,
tersuchung von Farbe, Trübung, Geruch und – Regen-, Schneewasser 10…100,
Geschmack kann zu wesentlichen Erkenntnissen – Grundwasser 500…2000,
führen und die folgenden Untersuchungen erleich- – Mineralwasser >1000.
tern.
Summe der Erdalkalien (Härte). Die Summe der
Physikalisch-chemische Kenngrößen gelösten Erdalkalien wird als „Härte“ bezeichnet.
Temperatur. Die Temperatur des Trinkwassers soll Bei den meisten Wässern sind dies in Abhängigkeit
nach DIN 2000 zwischen 5 °C und 15 °C liegen. ihrer geogenen Herkunft Calcium- und Magnesium-
Zu kaltes Wasser kann gesundheitsgefährdend wir- ionen, selten ist noch Barium und Strontium in ge-
ken, zu warmes Wasser schmeckt fade, verschafft ringen Anteilen enthalten. Die Karbonate und Bi-
keine Abkühlung und neigt stärker zur Wiederver- karbonate des Calciums und Magnesiums bilden die
keimung. sog. „Karbonat-Härte“ oder „vorübergehende Här-
te“, während die Chloride, Nitrate, Sulfate, Phos-
pH-Wert. Der negative dekadische Logarithmus phate und Silikate des Calciums und Magnesiums
der Hydroniumionenaktivität wird als „pH-Wert“ die Nichtkarbonat-Härte oder bleibende Härte aus-
bezeichnet: machen. Beide zusammen ergeben die Gesamthärte.
Die Unterscheidung erfolgt aufgrund des Vorgangs,
(5.4.1)
nach dem die Calcium- und Magnesiumkarbonate
(vorübergehende Härte) beim Kochen des Wassers
mit a Aktivität in mol/l und H3O+ Hydroniumi- durch Austreiben der Kohlensäure als Kalkstein
onen. Oft wird der Wert auch vereinfacht als Maß ausgefällt werden, während die Nichtkarbonat-Här-
für die Wasserstoffionenkonzentration verwendet. te (bleibende Härte) erhalten bleibt.
1898 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Der günstige Härtebereich für Trinkwasser liegt mit eine unzulässige Abgabe von Stoffen an das
zwischen 10°dH und 20°dH. Gesundheitlich be- Trinkwasser unterbindet. Darüber hinaus ist die
sitzt die Härte keine Relevanz; zu hartes Wasser Ausbildung dichter Deckschichten Voraussetzung
erhöht jedoch den Waschmittelverbrauch und fällt für das Erreichen der üblichen Betriebs- bzw. Le-
beim Erhitzen aus (Karbonathärte), wodurch der bensdauer der Materialien.
Energieverbrauch zu- und die Anlagenlebensdauer Gesundheitlich ist Kohlensäure unbedenklich.
rapide abnimmt. Gemäß Waschmittelgesetz sind Häufig wird sie Mineralwässern zugesetzt, um ih-
die Wasserversorgungsunternehmen verpflichtet, nen einen erfrischenden Geschmack zu verleihen.
den Härtebereich des abgegebenen Wassers anzu-
geben Der Begriff „Härte“ ist zwar allgemein üb- Chemische Stoffe
lich, aber seit dem 01.01.1978 nicht mehr zulässig. In zunehmendem Maße werden Rohwasservorkom-
Die gültige Einheit ist „Summe Erdalkalien“ in men durch anthropogene Einwirkungen beeinträch-
mmol/l. tigt. In zunehmendem Maße werden Rohwasservor-
kommen durch anthropogene Einwirkungen beein-
Kohlensäure. Kohlensäure (H2CO3) ist in allen trächtigt. Es handelt sich hierbei um ein verbreitetes
natürlichen Wässern in Form von Kohlenstoffdio- Auftreten von Arzneimittelrückständen wie z. B. das
xid (CO2), Hydrogenkarbonat (HCO3–) und Kar- Antiepileptikum Carbamazepin, das Antirheumati-
bonat (CO32-) enthalten. Es stammt aus der Atmo- kum Diclofenac, den Lipidsenker Bezafibrat, das
sphäre, Mineralien oder biologischen Abbaupro- Antibiotikum Sulfomethoxazol oder die Röntgen-
zessen. Die Anteile der einzelnen Formen im Was- kontrastmittel Amidotrizoesäure und Iopamidol.
ser sind vorrangig vom pH-Wert abhängig. Aber auch synthetische organische Komplex-
Die Konzentration des Kohlenstoffdioxids be- bildner wie z. B. Nitrilotriessigsäure (NTA), Ethy-
stimmt – unter Einfluss der Temperatur – im We- lendiamintetraessigsäure (EDTA), Diethylentria-
sentlichen die Löslichkeit von Calciumkarbonat minpentaessigsäure (DTPA) oder die Gruppe der
im Wasser. Wird das Löslichkeitsprodukt des hochresistenten perfluorierten Chemikalien (z. B.
Calciumkarbonats im Wasser überschritten (Über- Perfluoroctansulfonsäure PFOS, Perfluoroctansäu-
sättigung), kann es in Anlagen und Leitungen zur re PFOA) sowie Pestizidwirkstoffe (Atrazin, Diu-
Ausfällung von Kalk kommen. Umgekehrt führt ron, Simazin, Isoprotureon) und deren Metabolite
eine Untersättigung an Calciumkarbonat im Was- (z. B. Desethylatrazin) sind hier zu nennen.
ser zur Kalk-Aggressivität d. h. zur Lösung von An den Ländermessstellen untersucht man die
vorhandenem Calciumkarbonat und damit zum Nitratbelastung der Gewässer und dokumentiert
Angriff von zementhaltigen Werkstoffen. diese in Berichten. Die Oberflächen- und Küstenge-
Das chemische Gleichgewicht zwischen den wässer weisen in den letzten Jahren eine leicht ab-
verschiedenen Formen der Kohlensäure und Calci- nehmende Nitratbelastung auf. Auch im Grundwas-
umkarbonat wird als „Kalk-Kohlensäure-Gleich- ser sind überwiegend sinkende Nitratwerte festzu-
gewicht“ bezeichnet. Im Gleichgewichtszustand stellen, dies gilt besonders an Messstellen mit bisher
kann sich bei entsprechender Härte und ausrei- sehr hohen Nitratkonzentrationen. Dennoch steigen
chendem Sauerstoffgehalt des Wassers eine Deck- an einigen Messstellen die Nitratgehalte nach wie
schicht bilden (z. B. an den Rohrinnenwandungen), vor. Gemäß den Trendberechnungen und Modellbe-
welche die Korrosion des Rohrwerkstoffs und da- trachtungen kann auch in den nächsten Jahren ein
Rückgang der Nitratbelastungen erwartet werden.
[Nitratbericht 2008, Bundesministerium für Um-
Tabelle 5.4-2 Härtebereiche (nach Wasch- und Reini-
gungsmittelgesetz vom 29.04.2007) welt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2008].
Eine neue Problematik ergibt sich seit 10 bis 15
Härtebereich Calciumkarbonat [mmol/l] Jahren mit dem Auftreten endokrin (hormonell)
Weich <1,5 wirkender Substanzen in der aquatischen Umwelt,
Mittel 1,5…2,5 die das Potenzial besitzen in das Hormonsystem
Hart >2,5 von Mensch und Tier einzugreifen (endokrine Dis-
ruption).
5.4 Wasserversorgung 1899

Substanzen mit östrogener Wirkung sind natür- verfügbar. Trotz vielfacher Nutzung nimmt die
liche und synthetische Östrogene wie z. B. der Menge nicht ab, es verändern sich lediglich die Art
Wirkstoff der Antibabypille, das synthetische Ös- und das Ausmaß der Inhaltsstoffe.
trogen 17-Į-Ethinylöstradiol, so wie das natürliche Der natürliche Kreislauf des Wassers wird im
weibliche Sexualhormon 17-ȕ-Östradiol und seine Wesentlichen angetrieben von der Sonnenenergie
Metaboliten Östron und Östriol, Phytoöstroge- und der Erdanziehungskraft. Das Wasser gelangt
ne, die Industriechemikalien Alkylphenole (z. B. in Form des Niederschlags (Regen, Schnee) auf
Nonylphenole, Octylphenole) und Tributylzinn die Erde. Ein Teil wird von dort sofort wieder ver-
(TBTO), die vielproduzierte Alltagschemikalie dunstet, der andere Teil fließt entweder den Ober-
Bisphenol A, polychlorierte Biphenyle (PCBs) flächengewässern als Regen- oder Tauwasser zu
Phthalate und die Pestizidwirkstoffe DDT, Metho- oder versickert im Boden. Teile des Sickerwassers
xychlor und Atrazin. werden von den Pflanzen aufgenommen, andere
Die EU untersucht vor allem die Folgen der en- bleiben in geeigneten Porenräumen des Bodens re-
dokrinen Disruption auf das menschliche Hormon- versibel haften, während die restlichen Wässer
system und Schäden an Organen im Menschen. Es zum Grundwasser perkolieren und von dort als un-
gibt Untersuchungen, die auf eine Verringerung terirdischer Abfluss zu den Oberflächengewässern
der Spermienzahl und -qualität von Männern gelangen. Von der Gewässeroberfläche, vom Bo-
[Scharpe/Skakkeback 1993 ] hinweisen. Weiterhin den, von befestigten Flächen und über die Pflanzen
gibt es Hinweise, dass es zu einer Zunahme von steigt Wasser in Form von Wasserdampf durch
Missbildungen der männlichen Fortpflanzungsor- Verdunstung in die Atmosphäre auf und lässt dort
gane und einem gehäuften Auftreten bestimmter bei ausreichender Abkühlung Wolken entstehen.
hormonabhängiger Krebsarten wie Brust- und Ho- Der Niederschlag aus den Wolken schließt den Was-
denkrebs kommt, was mit der Exposition mit öst- serkreislauf (Abbildung 5.4-1).
rogenen Substanzen in Verbindung gebracht wird. Das langjährige Mittel des gesamten theoretisch
Nach wie vor befinden sich die meisten Tests für verfügbaren Wasserdargebots in Deutschland von
endokrine Wirkungen noch in Entwicklung und im etwa 188 Mrd. m3 wird von der öffentlichen Was-
internationalen Standardisierungsprozess. Dem- serversorgung (2,7%), der Bergbau und Verarbei-
entsprechend sollen vorhandene Testergebnisse tendes Gewerbe (3,8%) und den Wärmekraft-
von Fall zu Fall auf ihre Validität und Relevanz ge- werken (10,4%) zu insgesamt etwa 17% in An-
prüft werden. Grundsätzlich können und sollen en- spruch genommen. [Unweltbundesamt nach Daten
dokrine – wie andere ökotoxikologische Endpunkte des Statistischen Bundesamtes (2007) und der
– im Verfahren für die Ableitung von Umweltqua- Bundesanstalt für Gewässerkunde (2006)].
litätsnormen verwendet werden [Moltmann et al. Nach der BDEW-Wasserstatistik von 2011 ent-
2007]. fielen in der öffentlichen Wasserförderung etwa
Die Anforderungen bezüglich chemischer In- 61,5% auf die Grundwasser-, 8,2% auf die Quell-
haltsstoffe wurde in der Trinkwasserverordnung wasser- und 30,3% auf die Oberflächenwasserge-
vom Mai 2001 (Anlage 2 TrinkwV) umgesetzt und winnung [BDEW-Wasserstatistik von 2011].
Häufigkeit und Umfang der Untersuchungen (An-
lage 4 TrinkwV) festgelegt.
5.4.3.2 Oberflächenwasser
5.4.3 Wasserdargebot, Fließende Gewässer
Wassergewinnung Fließende Gewässer mit ausreichender Niederwas-
serführung sind fast überall in Deutschland für die
Wassergewinnung nutzbar. Besonders in Ballungs-
5.4.3.1 Allgemeines
zentren – also in Gebieten, in denen die Grundwas-
Betrachtet man das Wasser als natürliche Ressour- servorräte den Bedarf nicht decken können – muss
ce der Erde, so stellt es sich als eine unerschöpf- häufig auf Flusswasser zurückgegriffen werden.
liche Rohstoffquelle dar: Das Wasser unterliegt Die jahreszeitlich bedingten Schwankungen der
einem ständigen Kreislauf und ist immer wieder Wasserführung und der Wassertemperatur, aber
1900 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.4-1 Schematische Darstellung des Wasserkreislaufs mit Zahlen der mittleren Wasserbilanz für Deutschland 1961–
1990 (nach BfG 2008, Niederschlagswert korrigiert) (Quelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR))

auch der von Niederschlagsereignissen im Ein- indirekt, sollte immer die Möglichkeit einer kurz-
zugsgebiet abhängigen Schwebstoffführung, er- fristigen Stilllegung der Rohwasser-Pumpanlagen
schweren die Entnahme eines Wassers ausrei- einbeziehen, um Störfälle und Hochwasserereig-
chender Güte für Trinkwasserzwecke. Beeinträch- nisse, die die Wassergüte erheblich beeinträchti-
tigungen entstehen außerdem durch Einleitungen gen, ausgleichen zu können.
organischer Stoffe, von Medikamenten und Nähr- Eine gezielte Auswahl der Entnahmestellen
stoffen aus kommunalen und industriellen Abwas- kann die Gefährdung reduzieren. Entnahmestellen
serreinigungsanlagen, durch den Eintrag von sind möglichst oberhalb von Siedlungen und in
Pflanzenbehandlungsmitteln und Dünger von land- ausreichender Entfernung von den nächsten fluss-
wirtschaftlichen Flächen sowie weiteren Einlei- aufwärts gelegenen Abwassereinleitungen einzu-
tungen aus punktförmigen und diffusen Quellen richten. Stau- und Hafenanlagen sowie Bade- und
(z. B. Altlasten, Arzneimittelwirkstoffe, Verkehrs- andere Freizeiteinrichtungen sollten in diesem Be-
flächen). Zukünftig ist in Oberflächengewässern reich vermieden werden.
auch mit hormonellen Belastungen, Arzneimittel- Im Wasserwerk Schierstein bei Wiesbaden wur-
wirkstoffen und Resten von Röntgenkontrastmit- de das Entnahmebauwerk allerdings über der
teln zu rechnen. Rheinsohle in Strommitte positioniert, um der stär-
Flusswasser für den Trinkwassergebrauch muss ker belasteten Mainfahne am rechten Rheinufer
grundsätzlich, für den Brauchwassergebrauch auszuweichen.
i. d. R., aufbereitet werden. Oft ist es sinnvoll, das Für das Oberflächenwasser als Rohwasser für
Oberflächenwasser erst nach Filtration durch eine die Trinkwasserversorgung wurde [DVGW-W 151
natürliche Bodenpassage in Form einer Uferfiltrat- 1975] erstellt. Das Arbeitsblatt enthält Grenzwerte
nutzung oder künstlichen Grundwasseranreiche- zu allgemeinen Gütemerkmalen sowie anorga-
rung zu nutzen. Die Gewinnung, ob direkt oder nischen und organischen Parametern. Das Arbeits-
5.4 Wasserversorgung 1901

blatt war als Leitlinie für den Gewässerschutz ge- tionsprozesse auftreten. Eine sorgfältige Entfer-
dacht, an dem Maßnahmen zur Sanierung oder nung von mikrobiologischen und organischen Ver-
Qualitätserhaltung von Oberflächenwässern aus- unreinigungen ist bei eutrophen und mesotrophen
gerichtet werden. Entsprechend den Erkenntnisge- Seen daher immer notwendig.
winnen wurde es durch [DVGW-W 251 1996] er- Gewässerbelastungen können – wie bei Fließ-
setzt. gewässern – von unterschiedlicher Herkunft, Art,
Ausmaß und jahreszeitlicher Variabilität sein.
Stehende Gewässer Grundsätzlich sind bei Seen, die zur Trinkwasser-
Seen, Talsperren. gewinnung genutzt werden, umfangreiche Gewäs-
Die Trinkwassergewinnung aus Talsperren und serschutzmaßnahmen für die Einzugsgebiete an-
Seen ist wesentlich vorteilhafter als aus Flüssen, zustreben. Dies können z.B. legislative Maßnah-
weil durch die Stauhaltung rasche und hohe Ab- men zur Vermeidung von Abwassereinleitungen,
fluss- und Qualitätsschwankungen ausgeglichen zur Begrenzung des landwirtschaftlichen Dünge-
werden. In den neuen Ländern werden aufgrund mittel-, Pestizid- und Biozideintrags oder zur
ungünstiger Grund- und Oberflächenwasserver- Begrenzung des Phosphorgehalts in Wasch- und
hältnisse durchschnittliche Anteile der Talsperren Reinigungsmitteln sein. Die weit reichenden An-
von 66,4% – in den alten Bundesländern bei ca. forderungen an die Trinkwassergüte lassen sich
23,4% erreicht. darüber hinaus nur durch eine intensive Wasser-
In Deutschland ist die Nutzung von Seewasser aufbereitung erreichen, die besonders auf die
zu Trinkwassergewinnung praktisch zur Gänze weitgehende Entnahme gelöster und partikulärer
(etwa 99%) auf den Bodensee durch den Zweck- organischer Stoffe sowie Mikroorganismen (Vi-
verband Bodenseewasserversorgung beschränkt ren, Bakterien, Algen, Parasiten) abgestimmt sein
[DVGW 1996]. Zu den Vorzügen des Bodensees muss.
gehört seine große Tiefe. Für die Wassergewin- Trinkwassertalsperren gelten als die günstigste
nung eignen sich tiefe Seen besser als flache, da Form der Oberflächenwassergewinnung. Sie wer-
nahezu alle maßgebend auf die Wasserqualität den an relativ unbelasteten Oberläufen von geeig-
Einfluss nehmenden biologischen Prozesse an der neten Bächen und Flüssen angelegt. Bei der
Oberfläche ablaufen. Tiefe Seen bilden eine Tem- Speicherbewirtschaftung ist zu beachten, dass
peraturschichtung aus, die sich aus den Bereichen Trinkwassertalsperren meist auch zur Energiege-
Epilimnion, Metalimnion und Hypolimnion (von winnung genutzt werden. Hierbei werden am
oben nach unten) zusammensetzen. Das Hypo- Grundauslass der Talsperrenmauer Turbinen ange-
limnion eignet sich aufgrund seiner gleich bleibend ordnet, die die Wasserkraft in elektrische Energie
niedrigen Temperaturen und des gleichzeitigen umwandeln. Zeitliche Bedarfsschwankungen der
Lichtmangels hervorragend zur Wasserentnahme, benötigten Trinkwassermenge stehen daher in
da bei diesen Bedingungen biologische Prozesse Konkurrenz zur Wasserkraftnutzung des Elektrizi-
nur eine untergeordnete Rolle spielen. tätswerkes. Die letzte große in Deutschland errich-
Neben der Temperaturschichtung treten in vie- tete Trinkwassertalsperre befindet sich in Leibis-
len Seen chemisch oder biologisch bedingte Lichte und wurde im Sommer 2006 in Betrieb ge-
Schichtungen auf. Seen können aufgrund dieser nommen. Der Neubau großer Talsperren ist in
Verhältnisse in oligotrophe, mesotrophe und eutro- Deutschland aufgrund geografischer und poli-
phe Seen unterteilt werden. Oligotrophe (nährstoff- tischer Rahmenbedingungen eher selten [Landes-
arme) Seen bieten die besten Voraussetzungen für amt für Umwelt Sachsen-Anhalt, 2008].
die Trinkwassernutzung, eutrophe (nährstoffreiche) Die Wasserentnahme erfolgt bei Trinkwasser-
Seen sind nur bedingt für die Trinkwassergewin- talsperren häufig über Türme mit Entnahme-
nung geeignet. Durch das Überangebot an Nahrung möglichkeiten in verschiedenen Wassertiefen, um
wird in der oberen Schicht eine große Menge an so an dem jeweils vorherrschenden Speicherbe-
organischem Material erzeugt. Beim mikrobiellen ckenfüllgrad die beste Wasserqualität fördern zu
Abbau der Organik in der Tiefe wird der gelöste können. An Seen befindet sich die Fassungsanlage
Sauerstoff verbraucht, so dass anaerobe Reak- meist uferfern etwa 5 m über dem Seegrund (z. B.
1902 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Bodensee), damit ein Einziehen von Sedimenten denen Bundesländern in örtlichen Satzungen vor-
ausgeschlossen ist. geschrieben werden. Wasser für diese Nutzung
muss i. d. R. abgesehen von einer Filtration vor
Meerwasser dem Regenwasserspeicher nicht weiter aufbereitet
Meerwasser steht in beinahe unbegrenzter Menge werden. Die Nutzung von Regenwasser zum Wä-
zur Verfügung. Doch aufgrund seines hohen Salz- sche waschen wird in Deutschland nicht empfoh-
gehaltes von durchschnittlich rund 35.000 mg/l len, ist aber auch nicht verboten [DVGW 2002].
TDS (total dissolved solids) ist es für den Men- Der Bau von Anlagen zur Bewirtschaftung von Re-
schen nicht genießbar. Die aufwendigen und kost- genwasser ist in DIN 1989 Regenwassernutzungs-
spieligen Aufbereitungsverfahren (z. B. Umkehr- anlagen, Teil 1-4 (Planung, Bau, Filter, Speiche-
osmose) sind nur in ariden Gebieten sinnvoll, wenn rung, Steuerung, 2002-2005) genormt.
kein Süßwasser gefördert werden kann. Regenwasserbewirtschaftung reduziert den di-
Bei der Planung von Meerwasserentsalzungs- rekten Abwasseranfall bei Regenereignissen und
anlagen ist darauf zu achten, dass diese nicht in mindert somit anfallende Spitzen bei der Abwas-
Hafengebieten, an Schiffsanlegeplätzen oder ande- serableitung. Dies kann Auswirkungen auf die Ka-
ren Bereichen mit hoher Verschmutzungswahr- naldimensionierung und die Bemessung der Re-
scheinlichkeit gebaut werden. Daneben sind die Aus- genwasser-Behandlungsanlagen haben sowie die
wirkungen der Gezeiten und des Wellenschlags bei ökologische Funktionsfähigkeit von Vorflutern
der Bemessung küstennaher Entnahmen zu be- verbessern helfen. Kanäle können durch die Nut-
rücksichtigen. zung von Regenwasser oft kleiner und angepasster
dimensioniert werden, da der Regen den Spitzen-
lastfall bei der Kanaldimensionierung darstellt.
5.4.3.3 Regenwasser
Durch regional bedingte geringe Niederschlags-
Regenwasser wird als Rohwasser nur dann für die und damit Grundwasserneubildungsraten oder
Trinkwasserversorgung verwendet, wenn anderes qualitative Beeinträchtigungen des vorhandenen
Wasser nicht zur Verfügung steht. Dies kann in ari- Grund- und Oberflächenwassers können Probleme
den Gebieten von besonderer Bedeutung sein. Das bei der quantitativen und qualitativen Sicherstel-
Niederschlagswasser wird auf zweckmäßigen Flä- lung der Trinkwasserversorgung entstehen. Als be-
chen, zum Beispiel auf Dächern, aufgefangen und schränkte Alternative bzw. Ergänzung zu Fernwas-
in meist unterirdischen Behältern gesammelt. serversorgungssystemen unter maximaler Umset-
Da die Speichermenge von der zeitlichen Vertei- zung des rationellen Wassergebrauchs bietet sich
lung des Jahresniederschlags und der Intensität der hier die Regenwassernutzung an.
Einzelereignisse abhängt, ergeben sich bei der Be-
messung erhebliche Unsicherheiten. Überdies ist zu
5.4.3.4 Grundwasser
berücksichtigen, dass Regenwasser keineswegs un-
belastet ist, sondern auf seinem Weg durch die Atmo- Hydrogeologische Grundbegriffe
sphäre neben den natürlichen Gasen verschiedenste Die hydrogeologischen Grundbegriffe für das
anthropogene Luftschadstoffe aufnehmen kann. Grundwasser sind in DIN 4049-l bis DIN 4049-3
Der Aufwand für die Speicherung und Aufberei- festgelegt.
tung sowie die daraus entstehenden Kosten lassen Grundwasser entsteht durch Versickerung von
die Nutzung von Regenwasser in der öffentlichen Niederschlagswasser im Boden. Nach DIN-4049
Trinkwasserversorgung in Deutschland häufig als wird Grundwasser definiert als „unterirdisches
nicht rentabel erscheinen. Sie muss jedoch im Zu- Wasser, das die Hohlräume der Erdrinde zusam-
sammenhang mit der gesamten Wasser- und Ab- menhängend ausfüllt und dessen Bewegung maß-
wasserwirtschaft eines hydrologischen Einzugsge- geblich von der Schwerkraft und den durch die
biets gesehen werden und regionale Besonderheiten Bewegung selbst ausgelösten Reibungskräften be-
mit einbeziehen. Die Nutzung von Regenwasser in stimmt wird“.
Gebäuden z. B. zur Toilettenspülung hat sich in den Wasserführende Gesteinsschichten werden als
letzten Jahren stark verbreitet und kann in verschie- „Grundwasserleiter“ oder „Aquifere“ bezeichnet.
5.4 Wasserversorgung 1903

Zu den grundwasserleitenden Gesteinen gehören ser als „artesisch gespannt“. Bei freiem oder unge-
Lockergesteine (z. B. Sand, Kies), in denen das spanntem Grundwasser sind Luft- und Wasser-
Wasser durch die Gesteinsporen zirkuliert, aber druck an der Wasseroberfläche identisch.
auch Festgesteine (z. B. Sandstein, Kalkstein, Ba- Das Sicker- und Grundwasser wird auf seinem
salt), die mit Poren, Rissen und Hohlräumen durch- Weg durch den Boden und das Gestein durch Lö-
zogen sind. sungsprozesse, Adsorption bzw. Ionenaustausch,
Werden mehrere Grundwasserleiter durch un- Oxidation bzw. Reduktion sowie biologische Vor-
durchlässige, nichtleitende Gesteine (z. B. Fels, gänge mit wasserlöslichen Stoffen angereichert.
Ton, Lehm) getrennt, spricht man bei den einzelnen Aufgrund der physikalischen und chemischen
Grundwasserleitern auch von „Grundwasser-Stock- Wechselwirkungen zwischen dem Grundwasser
werken“. Die nichtleitenden Gesteine werden als und dem anstehenden Gestein werden Mineralien
„Grundwasserstauer“ oder, bezogen auf die untere im Wasser gelöst. Zu den am häufigsten im Unter-
Begrenzung des Grundwasserleiters, als „Grund- grund vorkommenden gelösten Salzen gehören
wassersohle“ bezeichnet (siehe Abbildung 5.4-2 in karbonatische, sulfatische und chloridische Ver-
der sind weitere typische Begriffe zu entnehmen). bindungen wie Kalkstein, Dolomit, Magnesit, An-
Wenn das Grundwasser durch eine undurchläs- hydrit, Gips und Steinsalz.
sige Schicht so begrenzt wird, dass der Wasser- Adsorptionsvorgänge führen dazu, dass im
druck an der betrachteten Stelle größer als der Wasser gelöste Ionen und Moleküle an der Ober-
Luftdruck ist, so bezeichnet man das Grundwasser fläche von Gesteinen oder Kolloiden (Teilchen-
als „gespannt“. Ist der Wasserdruck des gespannten durchmesser 10-9 bis 10-7 m) gebunden werden.
Grundwassers so hoch, dass das Wasser in einer Bei Ionenaustauschvorgängen zwischen Wasser-
Bohrung über die Geländeoberkante hinaus fließt inhaltsstoffen und Gesteinen werden Ionen im
oder eine Fontäne bildet, bezeichnet man das Was- Kristallgitter der Gesteine gebunden, dafür wird

Abb. 5.4-2 Grundbegriffe für das Grundwasser GW [Karger et al. 2008, S. 26]
1904 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

eine äquivalente Menge an gebundenen Ionen an freiem Grundwasserleiter


das Wasser abgegeben. Wichtige adsorbierend wir-
kende Stoffe sind Tonminerale, Metallhydroxide
(5.4.3)
und organische Substanzen (Pflanzenreste, Humus,
Mikroorganismen); als Ionenaustauscher sind v.a.
Tonminerale zu nennen. Für die horizontale Fassung mit Sickerleitung bei
Mit dem Sickerwasser wird gelöster Sauerstoff gespanntem Grundwasserleiter
in das Grundwasser eingetragen, so dass in vie-
len juvenilen Grundwässern Sauerstoffsättigung (5.4.4)
herrscht (etwa 11,3 mg O2/l, 10oC, 1013 hPa). Stark
sauerstoffhaltige Wässer wirken oxidierend. So freiem Grundwasserleiter
werden z. B. gelöste zweiwertige Eisen- und Man-
ganverbindungen zu gering löslichen dreiwertigen (5.4.5)
Eisen- bzw. vierwertigen Manganverbindungen oxi-
diert; organische Verbindungen unterliegen eben- mit
falls der chemischen Oxidation. Sauerstoffarme QE Brunnenergiebigkeit (m3/s),
Wässer wirken dagegen reduzierend, d. h., die kf Durchlässigkeitsbeiwert (m/s),
schwer löslichen Eisen- und Manganverbindungen m Mächtigkeit (gespannt) (m),
werden zu leicht löslichen Verbindungen reduziert H Grundwassermächtigkeit bzw. Abstand der
und gelangen in das Grundwasser. GW-Sohle zum Ruhe-GW-Spiegel (m),
Bei der Oxidation und Reduktion von Eisen h Wassertiefe über der GW-Sohle im Brunnen
sind häufig Mikroorganismen (Bakterien, Pilze, (m),
Algen) beteiligt, die als Katalysatoren wirken. Mi- R Reichweite des Absenkungsbereichs (m),
krobielle Prozesse kommen im Untergrund eine r Brunnenradius (m).
ebenso große Bedeutung zu wie den chemisch-physi-
kalischen Prozessen. Neben den Oxidations-Re- Die Reichweite R wird häufig aus der empirischen
duktions-Prozessen von Eisen sind hierbei v.a. die Formel von Sichardt berechnet:
Sulfat- und Nitratreduktion zu nennen. Der Groß- )
teil der organischen Substanzen wird durch Mikro- (5.4.6
organismen im Untergrund abgebaut. Das aus den mit
Abbauprozessen entstehende Endprodukt Kohlen- s Absenkung (m),
stoffdioxid kann wiederum zu Lösungsprozessen kf Durchlässigkeit (m/s).
(z. B. der Auflösung und Verkarstung von Kalk-
stein) im Untergrund führen. Die Eintrittsgeschwindigkeit am Bohrlochrand
Die Beschaffenheit des Grundwassers hängt darf eine bestimmte Höhe nicht überschreiten, um
also wesentlich von der Zusammensetzung und Sandfreiheit zu garantieren.
den Eigenschaften des anstehenden Bodens und Mit dem Erfahrungswert der maximalen Ge-
der Gesteine sowie von dessen Verweilzeit ab. schwindigkeit nach Sichardt

Brunnenformeln
Dupuit und Thiem entwickelten die Brunnenfor- (5.4.7)
meln für freien und gespannten Grundwasserspie- und der Eintrittsfläche des Filters
gel auf der Basis eines Ansatzes von Darcy zwi-
(5.4.8)
schen 1863 und 1870. Für die vertikale Fassung
bei gespanntem Grundwasserleiter ergibt sich die Formel für das Fassungsvermögen
des Brunnens zu
(5.4.2)
(5.4.9)
5.4 Wasserversorgung 1905

Abb. 5.4-3 Ermittlung der größtmöglichen Entnahme bei ungespanntem Grundwasserleiter (nach [Martz 1993, S. 88])

Aus dem Schnittpunkt der Brunnenergiebigkeit QE Wegen seiner Vielseitigkeit ist der vertikale
und dem Fassungsvermögen QF als Funktion der Bohrbrunnen die am weitesten verbreitete Bau-
Absenkung s lässt sich der sinnvolle Betriebsbe- form zur Gewinnung von Grundwasser. Der Bohr-
reich des Brunnens graphisch ermitteln (Abbildung brunnen kann in porösen Lockergesteinen oder
5.4-3). klüftigen Festgesteinen größere Mengen an Grund-
wasser auch aus großen Tiefen (mehrere 100 m)
Grundwasserentnahme fördern. Der Bohrbrunnen kann neben der Gewin-
Senkrechte Fassungsanlagen. Man unterscheidet nung von Grundwasser z. B. für Baugrunderkun-
Schlagbrunnen, Schachtbrunnen und Bohrbrunnen. dungen, zur Erkundung des hydrogeologischen
Schlagbrunnen wurden in der Vergangenheit Aufbaus, zur Beobachtung des Grundwasserspie-
häufig für Einzelversorgungsanlagen verwendet. gels oder für Versuchsbohrungen (Pumpversuch)
Schlagbrunnen stellen nur für hochliegende Grund- verwendet werden [Mutschmann J, Stimmelmayr
wasserspiegel bis maximal 5 m unter Gelände- F 2007].
oberkante (GOK) eine Alternative dar. Das Ein- Bohrbrunnen für Wassergewinnungsanlagen
rammen des Filter- und Aufsatzrohres in den Bo- sind fast ausnahmslos als Filterkiesbrunnen ausge-
den ist nur in sandig-kiesigem Lockergestein mög- bildet.
lich. Die Wasserentnahme erfolgt i. Allg. mit
Handpumpen [Martz 1993; Mutschmann/Stimmel- Horizontale Fassungsanlagen. Bei Grundwas-
mayr 2007]. Auch Schachtbrunnen werden nur serleitern mit wasserführenden Schichten von
noch vereinzelt für kleinere Anlagen (Hausanla- geringer Mächtigkeit oder mit einem Grundwas-
gen) mit hochliegendem Grundwasserspiegel aus- serspiegel nahe der Geländeoberkante können
geführt. Der Schachtdurchmesser beträgt 1 bis 2 horizontale Wasserfassungen in Form von offe-
m, die Schachttiefe liegt bei 5 bis 20 m. Der Was- nen Gräben, Sickergräben, Sickerrohren und Si-
sereintritt erfolgt im Grundwasserbereich durch ckerstollen eingesetzt werden. Sickerleitungen
Schlitze an der seitlichen Wandung sowie durch kommen heute meist bei künstlicher Grundwasser-
die Sohle. Das Wasser wird mittels Pumpen ma- anreicherung und in Gebirgsstollen vor [Martz
schinell gefördert. 1993].
1906 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Die wichtigste Bauform horizontaler Fassungen wasser wieder zu Tage gefördert. Zur Infiltration
stellt der Horizontalfilterbrunnen dar. Mit ihm werden Infiltrationsbecken, Sickerschlitzgräben
werden – ausgehend von einem im Durchmesser 2 oder Infiltrationsbrunnen verwendet. Die mög-
bis 5 m weiten senkrechten Sammelschacht – etwa lichst weitgehende Erfassung des infiltrierten Was-
1 bis 2 m über dem Grundwasserstauer mehrere sers wird durch die Absenkung in den Entnahme-
Filterrohre mit einer Länge bis zu 30 oder 40 m brunnen bzw. die Aufhöhung des Wasserspiegels
sternförmig in die wasserführenden Lockerge- an der Infiltrationsstelle erreicht [DVGW 1987].
steinsschichten vorgetrieben. Das Verfahren eignet Die Grundwasseranreicherung dient nicht nur
sich nur für Lockergesteine; der Durchlässigkeits- der Trinkwassergewinnung, sondern auch fol-
beiwert kf sollte möglichst hoch sein. gender Maßnahmen:
Das Verfahren ist wegen der vergleichsweise
hohen Kosten des Schachtes gegenüber dem Ver- – landwirtschaftliche Bewässerung,
tikalfilterbrunnen i. d. R. erst bei Entnahmemen- – Hochwasserschutz,
gen größer als 100 l/s, bei Entnahmetiefen nicht – Abflussregulierung,
größer als 30 bis 40 m, wirtschaftlich [Mutsch- – hydraulische Sperre gegen Zufluss von Wasser
mann J, Stimmelmayr F 2007]. ungeeigneter Beschaffenheit (z. B. von Altla-
Im Bedarfsfall ist eine konkrete, auf die betrieb- sten verunreinigtes Grundwasser),
liche Lebensdauer der Brunnen ausgerichtete Nut- – Zufluss von saniertem Wasser nach einer Alt-
zen/Kosten-Ermittlung unter etwaiger Einbezie- lastensanierung,
hung ökologischer Kriterien durchzuführen. – Verhinderung des Zufließens von Wasser aus
tieferen Bodenschichten (z. B. mit hohem Salz-
Grundwasseranreicherung gehalt) [DVGW 1987].
Uferfiltration. Bei der Uferfiltration wird Fluss-
oder Seewasser über die Gewässersohle und die 5.4.3.5 Quellwasser
Uferbereiche in den Untergrund infiltriert. Dies Als „Quelle“ bezeichnet man Orte, an denen
geschieht durch Erzeugung eines hydraulischen Grundwasser natürlicherweise an der Oberfläche
Gefälles zwischen dem Wasserspiegel im Oberflä- austritt. Je nach Art der Überdeckung, der Mäch-
chengewässer und in der Fassungsanlage. Als Fas- tigkeit und den Filtereigenschaften der wasserfüh-
sungsanlagen werden meist Brunnengalerien oder renden Schichten weicht die Beschaffenheit des
Längsdrainagen verwendet. Das entnommene Quellwassers erheblich von der des Grundwassers
Wasser enthält wechselnde Anteile von Uferfiltrat ab.
und echtem Grundwasser. Neben der Erhöhung Die Güte des Quellwassers lässt sich anhand
des nutzbaren Grundwasserdargebots bietet die von Messungen der Temperatur, der Schüttung
Uferfiltration gegenüber der Direktentnahme den (pro Zeiteinheit austretende Wassermenge) und der
Vorteil einer wesentlichen Qualitätsverbesserung Trübung feststellen. Eine starke Trübung nach län-
des Oberflächenwassers durch die filtrierende Wir- geren Niederschlägen, nach Starkregenereignissen
kung der Bodenpassage; sie kann bis zur Trink- oder während der Schneeschmelze ist ein Zeichen
wasserqualität reichen. Im Allgemeinen erfordert für eine geringe Filterwirkung der wasserführen-
die Rohwasserqualität des geförderten Uferfiltrats den Schicht bzw. der Bodenpassage. Kurze Sicker-
eine (bisweilen recht komplexe) Aufbereitung ein- wege können auch auf starke Schwankungen der
schließlich Desinfektion für die Verwendung zu Quellwassertemperatur zurückgeführt werden.
Trinkwasserzwecken. Aufschluss über die Ertragsschwankungen der
Quelle gibt die Schüttung, die über mehrere Jahre,
Künstliche Grundwasseranreicherung. Bei der möglichst auch innerhalb von Trockenjahren, zu
künstlichen Grundwasseranreicherung erfolgt die erfassen ist. Quellwasser ist häufig bakteriologisch
künstliche Versickerung von Oberflächenwasser in einwandfrei [Martz 1993]. Für eine Verwendung
den Untergrund. Nach einer mittleren Verweil- als Trinkwasser muss das Quellwasser nach physi-
bzw. Fließzeit im Untergrund von i. Allg. 50 Tagen kalisch-chemischen und bakteriologischen Eigen-
wird dieses zusammen mit anstehendem Grund- schaften der Trinkwasserverordnung entsprechen,
5.4 Wasserversorgung 1907

was durch regelmäßige Untersuchungen zu bele- Grundwasser


gen ist. Um das Grundwasser frei vor nachteiligen Einwir-
Die Fassung des Quellwassers ist bautechnisch kungen zu halten, ist es vor Verunreinigungen und
einfach und erfolgt grundsätzlich unter Gelände. sonstigen Beeinträchtigungen, wie chemischen
Es ist jedoch darauf zu achten, die natürlichen Ver- (z. B. Nitrate, Sulfate, Schwermetalle, Pestizid-
hältnisse im Quellbereich nicht zu stören, um die wirkstoffe), physikalischen (z. B. Wärmeeintrag
Rohwasserqualität, v. a. jedoch die Quellschüt- und -entzug) und biologischen (z. B. Mikroorga-
tung, nicht zu beeinträchtigen. Erforderliche Be- nismen, Stoffwechsel- und Abbauprodukte), wir-
triebseinrichtungen, Armaturen und Leitungsver- kungsvoll zu schützen. Die Schutzzuweisung muss
bindungen werden im Sammelschacht (Quellstube) zum einen das unterirdische, zum anderen das
in einiger Entfernung vom Quellaustritt (Quellfas- oberirdische Einzugsgebiet einschließen und je
sung) eingebaut. nach Art, Ort und Dauer der möglichen Wasserge-
fährdung eine Gliederung nach Schutzzonen ent-
halten [DVGW-W 101 2006]. Mit der Annahme,
5.4.3.6 Wasserschutzgebiet
dass die Gefährdung einer Grundwasser-Entnah-
Die gesetzliche Grundlage für die Errichtung von mestelle durch einen Gefahrenherd, wie z. B. in-
Wasserschutzgebieten bildet das Wasserhaushaltsge- dustrielle und gewerbliche Nutzung, Abwasser,
setz (WHG). Nach § 19 WHG können zum Wohl der Abfallanlagen, Altlasten, Landwirtschaft, Verkehr,
Allgemeinheit Wasserschutzgebiete als Sonderrechts- Bergbau und weitere, mit zunehmendem Abstand
gebiete ausgewiesen werden. Dies hat vielfach Be- abnimmt, wird allgemein die folgende Einteilung
schränkungen der Bodennutzung bis zu Handlungs- der Schutzzonen vorgenommen:
verboten in Grundwasserschutzgebieten zur Folge.
Ausgeführt wird das Gesetz durch die Ländergesetz- – Zone I Fassungsbereich,
gebung und letztlich per Verordnung durch die Was- – Zone II engere Schutzzone,
serwirtschaftsbehörden der Länder, die sich im Re- – Zone III weitere Schutzzone.
gelfall an den „Richtlinien für Trinkwasserschutzge-
biete“ des DVGW orientieren. Zone I. Sie soll den unmittelbaren Fassungsbe-
In den Arbeitsblättern „DVGW-W 101 2006: reich der Wassergewinnungsanlage vor Verunrei-
Schutzgebiete für Grundwasser“ und „DVGW-W nigungen und Beeinträchtigungen aller Art schüt-
102 2002: Schutzgebiete für Talsperren“ werden zen. Der Schutzbereich umfasst mindestens einen
die Schutzgebiete entsprechend ihrer Gewässerart Umkreis von 10-m um die Anlage und ist in der
deklariert. Regel vor Zutritt geschützt.
Seen lassen sich im Regelfall aufgrund ihrer na-
türlichen Verhältnisse nicht unter den gleichen Zone II. Die engere Schutzzone soll vor einer mik-
nachhaltigen Schutz stellen wie z. B. Talsperren. robiologischen Gefährdung des Trinkwassers
Neben der Trinkwassergewinnung unterliegt der schützen. Die Zone bemisst sich nach der mittleren
See häufig noch anderen Nutzungen. Die Beein- Verweildauer des Grundwassers im Boden, die
trächtigungen der Wassergüte durch Zuflüsse und vom Rand der Schutzzone II bis zum Fassungs-
die Gefahr der Eutrophierung des Sees ist deshalb bereich mindestens 50 Tage betragen soll.
erheblich größer als bei Trinkwassertalsperren.
Die Planung und Ausweisung von Trinkwasser- Zone III. Sie soll Schutz bieten vor weit reichenden
schutzgebieten für Seen muss sich an dieser Mehr- Beeinträchtigungen, vor schwer oder nicht ab-
fachnutzung orientieren und ist aus diesem Grund baubaren chemischen und radioaktiven Stoffen
nur sinngemäß in Anlehnung an die Regelungen [DVWG-W 101 2006]. Bei einer Abstandsge-
für Talsperren durchführbar. Daher wurde das schwindigkeit von über 5 m/d sollte die Wasserge-
frühere DVGW-Arbeitsblatt W 103 1975: „Schutz- winnungsanlage ca. 3 km entfernt liegen [DVWG-
gebiete für Seen“ mit Erscheinen des überarbei- W 101 2006]. Nutzungsbeschränkungen oder Ver-
teten Arbeitsblattes W 102 2002 zurückgezogen. bote können daher beispielsweise für Industrie-
und Straßenverkehrsanlagen, Deponien sowie die
1908 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Land- und Forstwirtschaft festgelegt werden. Bei Seen


ausgedehnten Einzugsgebieten kann die Zone III Seen sind aufgrund der natürlichen Verhältnisse
in die Bereiche IIIA und IIIB aufgeteilt werden, nur bedingt zu schützen und daher für die Trink-
deren Grenze ungefähr 2 km von der Fassung ent- wasserversorgung nur begrenzt nutzbar. Neben
fernt verläuft. der Wassergewinnung unterliegt der See häufig
Für die Bemessung der Schutzzonen müssen noch anderen Nutzungen. Die Beeinträchtigungen
die Morphologie des Einzugsgebietes, die geolo- der Wassergüte durch Zuflüsse und die Gefahr
gischen, hydrogeologischen, hydrologischen und der Eutrophierung des Sees ist aufgrund dieser
hydraulischen Verhältnisse, die mehrjährigen Da- Mehrfachnutzungen erheblich größer als bei Trink-
ten über chemische, physikalische und bakterio- wassertalsperren. Die Ausweisung des Schutz-
logische Untersuchungen, die wasserrechtlich ge- gebiets muss sich an dieser Mehrfachnutzung
nehmigte Entnahmemenge sowie die Grundwas- orientieren. Das Wasserschutzgebiet, das ebenfalls
sernutzung durch Dritte herangezogen werden. aus drei Zonen besteht orientiert sich an den Krite-
rien für Talsperren.
Trinkwassertalsperren
Talsperren, die für die Trinkwasserversorgung er-
5.4.3.7 Überwachung von Grund-
richtet oder eingerichtet werden, bedürfen eines
und Oberflächenwasser
besonderen Schutzes vor Beeinträchtigungen jeg-
licher Art. Neben der Sicherung des unterirdischen Zum Schutz der Ressource Wasser gehört nicht nur
Einzugsgebiets und der eigentlichen Talsperre ist die Ausweisung von Schutzgebieten, sondern auch
bei der Planung und Bewirtschaftung auf besonde- deren Überwachung. Dieser vorbeugende Ge-
ren Schutz der oberirdischen Zuläufe im Einzugs- wässerschutz erfordert die Erhebung, Erfassung
gebiet unter besonderer Beachtung des Waldes und Verwaltung der Daten möglicher Gewässer-
[DVGW-W 105 2002] zu achten. gefährdungspotentiale, deren Überwachung und
Je intensiver das Einzugsgebiet einer Talsperre Auswertung.
genutzt wird, desto größer ist die Gefahr einer Be- Es empfiehlt sich, dass die zuständigen Behör-
einträchtigung, vor allem durch Krankheitserreger, den gemeinsam mit den Wasserversorgungsunter-
wasser- und gesundheitsgefährdende Stoffe, Nähr- nehmen Überwachungspläne aufstellen [DVGW
stoffe, die Trinkwassergewinnung beeinträchti- W 101 2006].
gende Stoffe (z. B. algenbürtige Stoffwechselpro- Aufgrund der Unterschiedlichkeit der Objekte
dukte durch Eutrophierung) und absetzbare und gibt es je nach zu überwachendem Objekt und
suspendierte Stoffe. Überwachungsziel verschiedene Überwachungs-
Wie beim Grundwasserschutz erfolgt die methoden, z. B. Boden- und Gewässerbeprobung,
Schutzgebietszuweisung in drei Zonen [DVGW-W Grundwasserbeprobung (Bohrbrunnen), Ferner-
102 2002]: kundung, Luftbildaufnahmen, Lichtscanner, Radar
oder Satelliten.
– Schutzzone I: umfasst Speicherbecken, Stausee, Die Erfassung der Daten sowie ihre Verwaltung
Vorsperren sowie den Uferbereich mit den an- und Auswertung können mittels moderner Infor-
grenzenden Flächen bis zu einer Entfernung von mationssysteme automatisiert werden. Raumbezo-
100 m. gene Daten sind sinnvoll mit einem Geoinforma-
– Schutzzone II: umfasst die oberirdischen Zu- tionssystem zu bearbeiten.
läufe, deren Quellbereiche sowie das im Ab-
stand von 100 m um diese und um die Schutzzo- 5.4.4 Wasseraufbereitung
ne I gelegene Gebiet.
– Schutzzone III: umfasst das verbleibende Ein- Wässer, die von Natur aus den Anforderungen der
zugsgebiet und entfällt, falls das Einzugsgebiet Trinkwasserverordnung genügen, sind bei der Was-
bereits von Schutzzone I und II abgedeckt ist. sergewinnung zu bevorzugen. Häufig stehen solche
Wässer jedoch nicht überall und in ausreichender
Menge zur Verfügung, so dass auf Wassergewin-
5.4 Wasserversorgung 1909

nungen zurückgegriffen werden muss, die einer nische Einzelkomponenten führt zu einem besse-
Aufbereitung bedürfen. Nach DVGW W 202 (A) ren Verständnis der Verfahren und zu einer Verbes-
2010 wird Trinkwasseraufbereitung wie folgt defi- serung der Prozesskontrolle der einzelnen Aufbe-
niert: Das Ziel der Wasseraufbereitung ist es, die reitungsstufen. Im DVGW-Arbeitsblatt W 202
Beschaffenheit eines Wassers an die für Trinkwas- 2010 ist festgelegt, welchen Anforderungen hin-
ser geltenden Anforderungen anzupassen und/oder sichtlich Qualität, Aufbereitungskapazität, Einhal-
die Trinkwasserbeschaffenheit dahin gehend zu ver- tung gesetzlicher und normativer Bestimmungen,
ändern, dass sich die korrosionschemischen Eigen- Qualifikation, Wirtschaftlichkeit und Prozessstabi-
schaften und die Gebrauchstauglichkeit verbessern. lität die Aufbereitung genügen sollte.
Ziel der Aufbereitung ist die Elimination von
Stoffen und Stoffgruppen aus Rohwässern, die
5.4.4.1 Physikalische Verfahren
z. B.:
Flockung
– die Gesundheit beeinträchtigen (z. B. Krank- Nach DVWG-Arbeitsblatt W 218-1998, die Flo-
heitserreger, humantoxische Stoffe: Nitrat, Pes- ckung eines der Grundverfahren der Wasserauf-
tizide, Chlorierte Kohlenwasserstoffe) bereitung. Sie kommt vor allem zur Aggregation
– den Genuss beeinträchtigen (z. B. Geruchs- von dispersen Feststoffen (einschießlich Mikro-
oder Geschmacksstoffe) organismen) zum Einsatz. In Oberflächenwäs-
– betriebstechnisch störend wirken (z. B. Kohlen- sern treten häufig fein verteilte Feststoffe unter-
säure, Eisen). schiedlichster Zusammensetzung mit organischen
(z. B. Pflanzenreste, Algen) und anorganischen
Zur Aufbereitung eines Wassers muss Energie auf- (z. B. Metallhydroxide, Tonteilchen) Bestandteilen
gewendet werden. Häufig ist der Einsatz von Auf- auf. Feststoffteilchen, deren Durchmesser unter
bereitungsstoffen (Feststoffe, Lösungen, Gase) zu- 0,5 mm liegen, können in wirtschaftlich vertret-
sätzlich erforderlich. Es entstehen meist Rückstän- baren Absetzzeiten nicht in ausreichendem Maße
de, die entsorgt werden müssen. In speziellen Fäl- aus dem Wasser abgeschieden werden.
len kann der Prozess so geführt werden, dass die Die Stabilität der Teilchen resultiert aus Absto-
Rückstände als Nebenprodukte in einer Form an- ßungskräften, die im Wesentlichen durch gleich-
fallen, die eine Verwertung und oder einen Verkauf sinnige, negative Teilchenladungen hervorgerufen
ermöglicht. werden.
Dazu werden spezielle Reinigungsverfahren Mit der Zugabe von Flockungsmitteln auf Me-
eingesetzt. Der Gesamtprozess der Wasseraufbe- tallsalzbasis (z. B. Aluminiumsulfat, Eisen-III-
reitung setzt sich oft aus diversen Einzelverfahren Chlorid) erreicht man eine Entstabilisierung der
zusammen. Es ist daher sinnvoll, derartig kom- Teilchenoberflächen und somit eine Aggregation
plexe Reinigungsverfahren in Grundoperationen einzelner Teilchen (Mikroflockung) woraus die
zu zerlegen. Diese Grundoperationen basieren Bildung von absetzbaren Flocken (Makroflockung)
auf mathematischen und naturwissenschaftlichen resultiert. Die gebildeten Flocken können mittels
Grundlagen, die nach physikalischen, chemischen nachgeschalteter mechanischer Abtrennverfahren
und biologischen Reaktionsprozessen differenziert (Sedimentation, Filtration, Flotation) entfernt wer-
werden können. Die Aufteilung in verfahrenstech- den.

Tabelle 5.4-3 Kennwerte der Flockungsmittel – Eintragung [Grombach et al. 2000, S. 539]

Mischung Flockenbildung Einheit


Geschwindigkeitsgradient 1000 30 – 80 s–1
Leistungseintrag per m3 s-1 30 – 60 0,3 – 0,6 kW (m3 s–1)–1
Energieeintrag per m3 0,01 – 0,02 10-4 kWh m–3
Gradient x Zeit (20 –100).103 (20 – 100)·103 –
Aufenthaltszeit 20 – 100 600 – 3000 s
1910 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.4-4 Daten Klassischer Flockungsanlagen [Tiessen, E. in DVGW-Schriftenreihe Wasser 206, 1983, S. 18-4]

Um die Flockung in technischen Anlagen an die ergeben eine praktische Begrenzung, weshalb vor-
jeweils gegebenen Rohwasserbedingungen anzu- her eine Flockung erfolgt.
passen, sind Flockungstests hilfreich, die Thema Sedimentationsbecken können je nach Sinkge-
des DVGW-Arbeitsblattes W 218-1998 sind. schwindigkeit der Partikel sehr viel Fläche benöti-
Der Flockungsprozess ist sehr komplex und ab- gen. Eine kompakte Alternative hierzu ist der La-
hängig von verschiedenen chemischen und physi- mellenabscheider. Durch Lamellen wird hierbei
kalischen Parametern. Verändert sich die Qualität das Sedimentationsbecken in viele kleinere paral-
von Oberflächenwässern müssen die Flockungsbe- lel betriebene Sedimentationsbecken unterteilt.
dingungen häufig neu definiert werden. Dies führt zu einem kleineren Flächenbedarf der
Im DVGW-Arbeitsblatt W 219 2010 wird Anlage bzw. einer höheren Oberflächenbelastung.
der Einsatz von anionischen und nichtionischen Die Sedimentation kommt in der Trinkwasserauf-
Polyacrylamiden als Flockungshilfsmittel darge- bereitung vor allem bei der Flockenabtrennung so-
stellt. wie der Behandlung von Filterspülwässern zum
In Abbildung 5.4-4 ist der schematische Aufbau Einsatz.
einer Flockungsanlage zu sehen. Die Schritte der
Flockung erfordern unterschiedliche verfahrens- Gasaustausch
technische Bedingungen siehe Tabelle 5.4.-3. Der Zweck des Gasaustausches ist es, uner-
wünschte Gase auszutreiben („Strippung“) oder
Sedimentation erwünschte Gase in das Wasser einzutragen.
Die Sedimentation gehört zu den mechanischen Zwischen den Gaskonzentrationen in der wäss-
Trennverfahren und hat die Abtrennung einer oder rigen Phase und der umgebenden Gasphase be-
mehrerer Komponenten aus dem Stoffsystem zur steht, in Abhängigkeit von Druck und Temperatur,
Aufgabe. Dabei setzen sich die Feststoffteilchen ein Gleichgewicht bei der Strippung (c1) und der
unter Wirkung der Schwerkraft ab (Abbildung 5.4- Absorption (c2), das die Grundlage des Gasaus-
5). tausches bildet (Abbildung 5.4-7). Beim Gasaus-
Die kritische Teilchengröße für die Sedimenta- tausch werden Gase in der wässrigen Phase gelöst
tion liegt bei etwa 0,5 mm. Kleinere Teilchen (z. B. oder gelöste Gase treten in die umgebende Gas-
Kolloide, Bakterien) bleiben in Schwebe und kön- phase über.
nen nur durch Zugabe von Flockungsmitteln (siehe Dieses Prinzip wird in der Wasseraufbereitung
Abbildung 5.4-6) sedimentiert werden. Die ge- zum Austrag von Gasen genutzt, die in der Luft
ringen Absetzgeschwindigkeiten kleiner Teilchen in nur sehr geringen Konzentrationen enthalten
5.4 Wasserversorgung 1911

Abb. 5.4-5 Gleichstrom-Lamellenabscheidern (links oben), Gegenstrom-Lamellenabscheidern (rechts oben), Diagonal-


strom-Lamellenabscheidern (links unten), Cross-Flow-Lamellenabscheidern (rechts unten) [Schade et. al. in Korrespon-
denz Abwasser Nr. 31 1984, S.106]

sind (z. B. Kohlenstoffdioxid) bzw. zum Gas-


eintrag (Sauerstoff), wenn dieses Gas im Wasser
weit unter der Sättigungskonzentration vorhanden
ist.
Bei der Ausgasung von Stoffen kommen offene,
drucklose Anlagen in umbauten Räumen zur An-
wendung, die ein Entweichen des Gases ermögli-
chen. Tabelle 5.4-4 zeigt Beispiele für Leistungs-
daten von Anlagen zum Gasaustausch.
Handelt es sich dagegen nur um eine Anreiche-
rung des Wassers mit Sauerstoff, und soll z. B.
Kohlenstoffdioxid nicht ausgasen, werden ge-
schlossene Anlagen bevorzugt.
Das DVGW W 250-1985 behandelt Maßnah-
men zur Sauerstoffanreicherung von Oberflächen-
gewässern.
Es ist zu berücksichtigen, dass in diesem Merk-
Abb. 5.4-6 Sedimentationszeiten verschiedener Wasserin- blatt vorrangig auf die grundsätzlichen Möglich-
haltsstoffe [DVGW-W 217 1987, S. 7] keiten der Sauerstoffanreicherung von stehenden
1912 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Tabelle 5.4-4 Beispiele für Leistungsdaten von Anlagen zum Gasaustausch [Mutschmann/Stimmelmayr 2007, S. 239]

Anlage zum Gasaustausch Flächenbelastung Energiebedarf CO2-Austrag


ca. m³(m²·h) ca. [Wh/m³] ca. [%]

Verdüsungsanlage von unten nach oben 10 75 70


Verdüsungsanlage von oben nach unten 30 25 65
Zerstäuberverdüsung 40 80 65
Verdüsungsanlage schräg zueinander 2–7 40 67
Turmverdüsung 45 130 80
Stahlapparat Nur zur Mischung von Wässern mit unterschiedlichem
CO2-Gehalt (und Teilentsäuerung)
Dispergatoren 50 30 80
Intensivbelüfter n. Erben 225 25–75 80
Flachbelüfter m. Lochboden (Inka-Belüftung) 15–30 100 80–95
Flachbelüfter m. Kerzen bzw. Keramikrohren 20 10–35 70–95
Kaskadenbelüftung 50–250 10–30 60–80
Wellbahnbelüftung im Gleichstrom 300–700 10 50–90
Wellbahnbelüftung im Gegenstrom 100 26 98
400 40 95
Mehrstufenwellbahnbelüftung im Kreuzstrom 600 je Stufe 8 90
Füllkörperkolonne (geschlossene Anlage) 40–100 25–55 70–95
(bei CKW auch <10)

Abb. 5.4-7 Zeitliche Änderung der Konzentration von Stoffen bei Absorption und Strippen (nach [Bächle in DVGW –
Schriftenreihe Wasser Nr. 206 1987, S. 3-6])
5.4 Wasserversorgung 1913

Abb. 5.4-8 Kaskadenbelüftung – hier als offene Kaskade [Bächle in DVGW-Schriftenreihe Wasser Nr. 206 1987,
S. 3-10]

Gewässern hingewiesen wird beziehungsweise Filter häufig für chemische und biologische Umset-
entsprechende Festlegungen getroffen werden. zungen unerwünschter Wasserinhaltsstoffe verwen-
Grundsätzlich ist der Sauerstoffeintrag mit ver- det (z. B. Nitrifikation, Entmanganung, Oxidation
schiedenen Belüftungsanlagen möglich; eine Kas- organischer Verbindungen, chemische Entsäue-
kadenbelüftung zeigt Abb. 5.4-8. rung). Triebkraft der Filtration ist ein Druckgefälle
Dp, das zwischen der Suspensions- und Filtratseite
Filtration des Filters besteht. Die Druckdifferenz erzeugt eine
Bei der Filtration werden feste Stoffe (Partikel, Kraft, die die Flüssigkeit durch den Filter drückt.
Schwebstoffe) durch ein poröses Filtermaterial aus Filter können nach ihren Merkmalen unter-
dem Rohwasser abgeschieden. Zusätzlich werden schieden werden [DVGW W 213-1 bis 6 2005]:

Abb. 5.4-9 Schema eines offenen Schnellfilters [Mutschmann/Stimmelmayr 2007, S. 244]


1914 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Wenn der Filterwiderstand während des Be-


triebs einen vorgegebenen Differenzdruck zwi-
schen Filterzu- und -ablauf (Druckfilter) oder eine
bestimmte Überstauhöhe (offener Filter) erreicht
hat oder wenn die zu entfernenden Wasserinhalts-
stoffe nicht mehr in ausreichendem Umfang im
Filtermedium zurückgehalten werden können bzw.
die Grenzkonzentration im Filterablauf erreichen,
muss die Filterwirksamkeit wieder hergestellt wer-
den. Bei Schnellfiltern geschieht dies durch Spü-
len, bei Langsamsandfiltern durch Abschälen der
oberen Filterschicht. Die Filterreinigung ist vor
dem Zeitpunkt der Filterverstopfung oder dem Fil-
terdurchbruch vorzunehmen.
Abb. 5.4-10 Bestandteile eines geschlossenen Filters Als Filtermedien werden Schüttungen aus ge-
[Mutschmann/Stimmelmayr 2007, S. 244] körnten Materialien (bei Schnell- und Langsamfil-
tration) oder poröse Membranen (Membranfiltra-
tion) eingesetzt, in Spezialfällen auch andere Sys-
teme (z. B. Filterkerzen, Filterkartuschen). Wich-
– Filtergeschwindigkeit (Langsamfilter, Schnell- tige Referenzliteratur zur Filtration ist unter
filter), anderem der erste Teil des DVGW-W 213-1-2005,
– Spülung (spülbare, nicht spülbare Filter), das Grundbegriffe und Grundsätze von Filtrations-
– Bauweise (offen, geschlossen Filter siehe: Abb. verfahren zur Partikelentfernung behandelt.
5.4-9 und Abb. 5.4-10) Dieses Arbeitsblatt gilt für die Partikelentfer-
– Stoffphasen (Nass- oder Überstaufilter, Trocken- nung bei der direkten Trinkwasseraufbereitung im
oder Rieselfilter), Bereich der öffentlichen Wasserversorgung. Ein
– Fließrichtung (aufwärts oder abwärts durch- Schwerpunkt wird auf die Aufbereitung von
strömt), Fluss-, See-, Talsperren-, Quell-, Karst- und Kluft-
– Schichtaufbau (Einschicht- oder Mehrschicht- wässern gelegt, bei denen sich hydrologische Er-
filter). eignisse auf den Partikelgehalt auswirken.
Der zweite Teil des Arbeitsblattes W 213-2-
Als (nicht reaktive) Filtermaterialien finden An- 2005 „Filtrationsverfahren zur Partikelentfernung“
thrazit, Bims, Filterkoks, Lava, Quarzsand oder handelt von der Beurteilung und Anwendung von
Kies Verwendung. gekörnten Filtermaterialien. Er gilt für die Par-
Die Filter in der Wasseraufbereitung werden tikelentfernung durch gekörnte Filtermaterialien
meist als Raumfilter betrieben, d. h. die abgeschie- bei der Aufbereitung von Wasser zu Trinkwasser.
denen Teilchen sind kleiner als die durchströmte Die Filtermaterialien können physikalisch und
Porenweite des Filtermediums (keine Siebwirkung). chemisch wirken, aber auch als Träger für Mikro-
Die Teilchen werden aufgrund verschiedener Me- organismen dienen. Der 3. Teil des Arbeitsblattes
chanismen (Massenträgheit, Sedimentation, Diffu- W 213-3-2005 behandelt die Schnellfiltration. Er
sion, Hydrodynamik) an die Oberfläche der Filter- gilt für die Partikelentfernung bei der direkten
körner transportiert und bleiben dort durch elektro- Aufbereitung von Wasser zu Trinkwasser mittels
statisch wirksame Kräfte bzw. Molekülen haften. Schnellfiltration. Das Arbeitsblatt legt die wesent-
Mit zunehmender Beladung des Filters durch ange- lichen Aspekte für die Planung und den Betrieb
lagerte Teilchen verändert sich dessen Wirksamkeit. von Anlagen zur Schnellfiltration dar. Außerdem
Die Anlagerung der Teilchen bewirkt eine Verklei- wird auf Störungen des Filterbetriebes und deren
nerung des durchflossenen Porenquerschnitts, wo- Vermeidung eingegangen. [DVGW-W 213 1-3
durch ein hydraulischer Druckverlust entsteht, der 2005]
als „Filterwiderstand“ bezeichnet wird.
5.4 Wasserversorgung 1915

Abb. 5.4-11 Prinzip des Molekularfilters (Umgekehrte Osmose) [Grombach et. al. 2000, S. 495]

Membranverfahren werden. Bei der Lösungs-Diffusions-Membran-


Membranverfahren sind physikalische Verfahren technik besteht die Trennschicht aus einem homo-
zur Stofftrennung molekulardisperser und kolloid- genen Material, das die Abtrennung von gelösten
disperser Wassergemische, bei denen das zu be- Ionen und Molekülen ermöglicht. Bei der Tren-
handelnde Rohwasser über eine Trennschicht nung durch Umkehrosmose muss der osmotische
(Membran) mehr oder weniger weitgehend in das Druck, der zu einem Konzentrationsausgleich zwi-
Lösungsmittel Wasser (Permeat) und eine aufkon- schen den beiden Seiten der Membran führt, durch
zentrierte Phase (Konzentrat) getrennt wird. Trieb- Schaffung einer ausreichenden Druckdifferenz
kraft der Trennung ist eine Druckdifferenz zwi- überwunden werden (Abb. 5.4-11).
schen der Rohlösung und dem Permeat. Membran- Die Selektivität der Nanofiltration beruht auf
verfahren erlauben im Gegensatz zur herkömm- negativen Ladungsgruppen, die sich auf oder
lichen Filtration eine Phasentrennung bis in den in der Membran befinden, die über elektrostati-
Molekülbereich. sche Wechselwirkungen mehrwertige Anionen an
Um die Trennungsoperationen besser zu verste- der Permeation hindern. Die Selektivität der
hen, kann die Membrantechnik in die beiden Prin- Porenmembranen, die eine poröse Struktur besit-
zipien der Lösungs-Diffusions-Membran (Um- zen, beruht auf einem Siebeffekt, der durch die
kehrosmose, Nanofiltration) und der Porenmem- Porengrößenverteilung der Membran bestimmt
bran (Ultrafiltration, Mikrofiltration) unterteilt wird.
1916 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.4-12 Abgrenzung der verschiedenen Membranfiltrationsverfahren hinsichtlich der Teilchengröße und der erfor-
derlichen Drucke [Grombach et. al. 2000 S. 562]

Abbildung 5.4-12 zeigt die abtrennbaren Parti- Mikroporen sind besonders für die große innere
kel- und Molekülgrößen durch die verschiedenen Oberfläche der Aktivkohle von 500 bis 1500 m²/g
Trennverfahren. verantwortlich. Die innere Oberfläche ist ein Maß
für die Aktivierung und für die gesamte Adsorp-
Adsorption
tionskapazität. [Grombach et al. 2000].
Bei der Adsorption werden Ionen oder Moleküle
Um an der Kornoberfläche zu adsorbieren, müs-
(Adsorbat) an der Oberfläche eines Feststoffes
sen die im Wasser gelösten Stoffe dorthin transpor-
(Adsorbens) infolge der Wirkung physikalischer
tiert werden. Dieser Transport kann in die beiden
Kräfte angelagert. Dieser in der Natur weit ver-
Phasen der Film- und Korndiffusion zerlegt wer-
breitete Prozess wird bei der Wasseraufbereitung
den. Die gelösten Stoffe werden zunächst durch
durch Verwendung eines technisch hergestellten
den Flüssigkeitsfilm an das Kohlekorn transpor-
Adsorbens genutzt, wobei am häufigsten Aktiv-
tiert und gelangen dann mittels Korndiffusion ins
kohle in Korn- oder Pulverform zum Einsatz
Innere der Aktivkohle, an deren innere Oberfläche
kommt. Die für die Adsorptionswirkung wesent-
die Stoffe schließlich adsorbieren.
liche hohe Porosität des Materials entsteht durch
Die Aktivkohle wirkt adsorbierend auf organi-
eine spezielle Behandlung (Aktivierung) verschie-
sche Mikroverunreinigungen, Farb-, Geruch- und
dener natürlicher Ausgangsmaterialien (z. B.
Geschmacksstoffe, auf Phenole, Kohlenwasser-
Steinkohle, Braunkohle, Torfkoks, Kokosnusskoh-
stoffe, Detergentien, bestimmte Pestizidwirkstoffe,
len). Unterschieden werden:
auf einzelne natürliche Radionuklide, auf manche
í Makroporen (Zuleitungsporen) d > 25 nm endokrin wirksamen Stoffe etc., die in Konzentra-
í Mesoporen 25 nm > d > 2 nm tionen von [—g/l ] in Rohwässern zur Trinkwasser-
í Mikroporen (Adsorptionsporen) d < 2 nm. gewinnung vorkommen können. Auf Korn-Aktiv-
5.4 Wasserversorgung 1917

kohle können sich unter bestimmten Milieubedin- der Wasseraufbereitung häufig nebeneinander ab,
gungen auch sessile Mikroorganismenpopulatio- so dass eine strenge Unterscheidung oft nicht mög-
nen ansiedeln, die den Abbau bestimmter lich ist.
organischer Mikroverunreinigungen oder die Nitri-
fikation von Ammonium vollziehen. Überschüs- Oxidation
sige Zusatzstoffe (z. B. Chlor, Ozon, Kaliumper- Oxidationsmittel werden u. a. verwendet, um redu-
manganat) können mit Hilfe von Aktivkohle aus zierte, gelöste Wasserinhaltsstoffe in ungelöste,
dem Wasser entfernt werden. abscheidbare Stoffe überzuführen. Allgemein defi-
An der Aktivkohle lagern sich auch natürliche niert ist unter Oxidation nicht nur die Reaktion mit
organische Wasserinhaltsstoffe (z. B. Huminstoffe) Sauerstoff zu verstehen. Bei der Oxidation nimmt
an, die vordergründig gar nicht aus dem Wasser das Oxidationsmittel Elektronen auf, die das zu
entfernt werden müssten, zum Teil sogar als soge- oxidierende Element (oder die Verbindung) abgibt
nannte Korrosions-Inhibitoren im Rohrleitungssys- und damit in eine höhere Wertigkeitsstufe über-
tem erwünscht sind, allerdings Adsorptionsplätze geht, die zumeist leichter entfernbar ist.
für zu adsorbierende Mikroverunreinigungen bele- Zielgruppen der Oxidation sind v. a. reduzierte
gen und damit den Aktivkohleverbrauch erheblich Eisen-, Mangan- und Stickstoffverbindungen, or-
vergrößern können. Eine der Aktivkohle vorge- ganische Kohlenstoffverbindungen sowie die Ab-
schaltete Ozonstufe, welche die organischen tötung oder Inaktivierung von Mikroorganismen.
Schadstoffe in schlechter adsorbierbare Verbin- Zur Aufbereitung von Wasser für menschlichen
dungen, aber zum Teil auch gleichzeitig in besser Gebrauch sowie Desinfektionsverfahren sind meh-
biologisch abbaubare, überführt, kann die Ge- rere Stoffe zugelassen, die in der Liste der Aufbe-
samteliminationsleistung der Aktivkohlestufe er- reitungsstoffe und Desinfektionsverfahren gemäß
höhen. § 11 Trinkwasserverordnung 2001 Stand: Juni
Die Anlagerung adsorbierbarer Wasserinhalts- 2009 des Umweltbundesamt enthalten sind. Es ist
stoffe an die Aktivkohle führt mit zunehmender zu beachten, dass Chlor und Chlordioxid in der
Betrieb zeit zur Belegung der verfügbaren Adsorp- Trinkwasseraufbereitung nur noch zur Desinfek-
tionsplätze. Dies führt zu einer Limitierung der tion, nicht aber als Oxidationsmittel für andere
Adsorptionskapazität und folglich zu einem Auf- Zwecke zugelassen sind, da besonders bei Chlor-
treten von Mikroverunreinigungen im Ablauf des gas und Hypochlorit krebserregende organische
Aktivkohlefilters. Damit wird eine externe Er- Chlorverbindungen (Haloforme, Trihalogenmetha-
neuerung (Regeneration) der Aktivkohle erforder- ne) gebildet werden können.
lich, wonach ein neuer Adsorptionszyklus für die Für Desinfektionszwecke hat sich in den letzten
Aufnahme der zu entfernenden Wasserinhaltsstoffe Jahren die photolytisch induzierte Oxidation mit
beginnt. Für Wasserwerkskohle hat sich bisher nur ultravioletter Strahlung (UV-Strahlung) durchge-
die thermische Regeneration bewährt. Die Entsor- setzt. Der kombinierte Einsatz von chemischen
gung der beladenen Pulverkohle erfolgt mit dem und photolytisch wirksamen Oxidationsmitteln
Filterschlamm. wie Ozon und UV-Strahlung oder Wasserstoffper-
oxid und UV-Strahlung hat bislang bei der Trink-
5.4.4.2 Chemische Verfahren wasseraufbereitung infolge der hohen Betriebskos-
ten und der vielfach ungeklärten Metabolitenbil-
Fällung dung wenig Bedeutung erlangt.
Bei der Fällung werden gelöste Wasserinhaltsstoffe
in absetzbare (ungelöste) Stoffe überführt, die in Neutralisation
Form eines meist schwer löslichen Niederschlags Laut Trinkwasserverordnung ist der pH-Wert des
ausfallen. Dies geschieht unter Zuhilfenahme von Trinkwassers in einem zulässigen Bereich zwi-
chemischen Fällmitteln, die mit dem gelösten Stoff schen 6,5 und 9,5 einzustellen. Als „Neutralisa-
unter Änderung des pH-Wertes und des chemischen tion“ wird die Anhebung des pH-Wertes durch Zu-
Lösungsgleichgewichts der beteiligten Stoffe rea- gabe von Alkalien (Kalkhydrat, Natronlauge) oder
gieren. Fällungs- und Flockungsvorgänge laufen in Filtration über alkalische Materialien (Kalkstein,
1918 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

dolomitisches Filtermaterial gemäß DIN 1962) auf 5.4.4.3 Technische Durchführung


einen zulässigen Wert der Trinkwasserverordnung der Wasseraufbereitung
bezeichnet. Hierbei wird freie, aggressive Kohlen-
säure im Wasser gebunden und somit das che- Entsäuerung
mische Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Ziel der Entsäuerung ist es, eine günstige korrosions-
Dissoziationsformen der Kohlensäure und Calcium- chemische Zusammensetzung des Wassers zu er-
karbonat hergestellt (Kalk-Kohlensäure-Gleichge- reichen. Dies wird durch die Anhebung des pH-
wicht). Wertes bewirkt. Physikalisch kann das durch das
Ausgasen von Kohlenstoffdioxid (Gasaustausch),
Ionenaustausch chemisch durch Zudosierung von Kalkhydrat oder
Beim Ionenaustausch wird die Fähigkeit eines Natronlauge bzw. durch Filtration über alkalische
meist in Kornform vorliegenden festen Stoffes ge- Materialen und durch Zugabe von Alkalien erfol-
nutzt, bestimmte Ionen aus dem umgebenden Was- gen. Abhängig ist die Anwendung des Verfahrens
ser aufzunehmen und dafür eine äquivalente Men- von der vorhandenen Karbonathärte und dem An-
ge anderer Ionen gleicher Ladungsvorzeichen ab- teil der zu entfernenden freien, so genannten
zugeben. Nach Erreichen des Gleichgewichts zwi- kalkagressiven Kohlensäure. Zudem ist eine sinn-
schen der Ionenkonzentration des inneren und des volle Reihenfolge im Aufbereitungsprozess zu be-
äußeren Teiles des Austauschermaterials ist der achten.
Austauschvorgang beendet. Im DVGW-W 214-1 2005 findet man Grundsät-
Die Ionenaustauscher bestehen meist aus Mate- ze und Verfahren der Entsäuerung des Wassers.
rialien auf Kunststoffbasis in gekörnter Form mit Im W 214-2 2009: „Planung und Betrieb von
Korngrößen zwischen 0,5 und 2 mm. Unterschie- Filteranlagen“ und im W 214-3 2007 Planung und
den werden, je nach Ladung der Ionen, Anionen- Betrieb von Anlagen zur Ausgasung von Kohlen-
(OH–, Cl–) und Kationenaustauscher (H+, Na+). Zu stoffdioxid.
den Ionenaustauschern werden häufig auch Adsor-
berharze gerechnet, da viele dieser Materialien io- Enteisenung
nenaustauschende Gruppen enthalten. Ähnlich wie Die Enteisenung ist technisch notwendig, um Ab-
Aktivkohle haben Adsorberharze eine große innere lagerungen zu vermeiden, sobald mehr als 0,05 mg/
Oberfläche, an der organische Moleküle adsorbie- l Eisen im Wasser enthalten sind, auch wenn nach
ren können. der Trinkwasserverordnung Werte bis 0,2 mg/l zu-
Da die Kapazität des Filters im Betrieb durch den lässig sind. Die im Wasser gelösten Eisenionen
Austausch der Ionen erschöpft wird, muss er rege- werden durch Oxidation in unlösliche, abtrennbare
neriert werden. Dazu spült man den Ionenaustau- Verbindungen überführt. Das Ausscheiden des Ei-
scher zunächst mit Wasser, um alle am Filterkorn sens wird erschwert, wenn organische Stoffe im
abgelagerten Partikel zu entfernen. Anschließend Wasser enthalten sind.
wird er mit einer die Austauscherionen enthaltenden Nach der Oxidation des Eisens werden die aus-
Lösung gespült und damit seine ursprüngliche Io- gefällten Verbindungen durch Filtration in einem
nenaustauschkapazität wieder hergestellt. offenen oder geschlossenen Schnellfilter entfernt.
Einsatzbereiche von Ionenaustauschverfahren Die Zugabe von Flockungsmittel kann hier unter-
in der Trinkwasseraufbereitung [DVGW 1987] stützend und leistungssteigernd wirken. Eingear-
sind die Entfernung von beitete Filter sind mit einer Eisenoxidhydrat-
Schicht überzogen, die die Oxidation katalytisch
– Calcium- und Magnesiumionen, erheblich beschleunigt. Eine völlige Entfernung
– Nitrat- und Sulfationen, dieser Schicht ist bei der Rückspülung zu vermei-
– Huminstoffen und den. Biologische Prozesse können zusätzlich die
– Schwermetallen. Eisenoxidhydrat-Fällung fördern.
Im DVGW W 223 2005: Teil 1 finden sich die
Grundsätze und Verfahren der Enteisenung und
Entmanganung für die zentrale Aufbereitung von
5.4 Wasserversorgung 1919

Wasser zu Trinkwasser. Teil 2 behandelt die Pla- Noch kleinere Inhaltsstoffe, beispielsweise Kollo-
nung und den Betrieb von Filteranlagen für die ide und Viren lassen sich mit Ultrafiltration entfer-
Enteisenung und Entmanganung durch Eisen(II)- nen. Mittels Nanofiltration ist mittlerweile selbst
und Mangan(II)-Filtration bei der zentralen Aufbe- die Entfernung von Pestizidwirkstoffen im Größen-
reitung von Wasser zu Trinkwasser. Im Teil 3 wird bereich von 1 nm möglich. Das Vorkommen von
auf die Planung und den Betrieb von Anlagen zur Detergentien oder Phenolen im Rohwasser ist auf-
unterirdischen Aufbereitung eingegangen. grund einer verbesserten Klärtechnik in den ver-
gangenen Jahren stark zurück gegangen und für die
Entmanganung Trinkwassergewinnung meist nicht mehr problema-
Eine Entmanganung wird ebenso aus technischen tisch. Geringe Mengen können durch Adsorption an
Gründen ab einer Mangankonzentration von Aktivkohle und durch im Bedarfsfall vorgeschaltete
0,02 mg/l Wasser empfohlen, wenn gleich der Pa- Oxidationsverfahren entfernt werden.
rameterwert gemäß TrinkwV bei 0,05 mg/l liegt.
Mangan tritt in gelöster Form in sauerstoffarmen Enthärtung
Gewässern auf, häufig bei gleichzeitigem Vorhan- In Deutschland ist eine generelle zentrale Enthär-
densein von gelöstem Eisen. Die Funktionsweise tung in Wasserwerken nicht üblich, da von den
der Entmanganung ist jener der Enteisenung sehr normalerweise auftretenden Wasserhärten keine
ähnlich. Das gelöste Mangan wird oxidiert und so- Gefährdung der menschlichen Gesundheit zu er-
mit in eine abtrennbare Form überführt. warten ist. Eine Teil-Enthärtung wird meist aus
Äußerst wichtig bei der nachgeschalteten Schnell- wasserpolitischen und technischen Gründen bei
filtration ist allerdings das eingearbeitete Filtermate- stark differierenden Rohwässern in einem Versor-
rial, das mit einer Mangandioxidschicht (Braunstein) gungsgebiet durchgeführt.
belegt ist. Diese Schicht wirkt katalytisch, d. h., sie Bei der Entfernung durch das Kalk-Soda-Ver-
beschleunigt die folgende chemische Oxidation des fahren besteht die Möglichkeit, zwischen Karbo-
Mangans, ohne selbst verändert zu werden. nat- und Nichtkarbonathärte zu unterscheiden. Die
Beim Rückspülen des Filters darf die Mangan- Zugabe von Kalkhydrat bewirkt das Ausfällen von
dioxidschicht nicht vollständig entfernt werden, da unlöslichem, kohlensaurem Kalk und unlöslichem
sehr lange Einarbeitungszeiten erforderlich sind. Magnesiumhydrat. Auf diese Weise kann die Kar-
Im Regelfall werden Entmanganungsfilter wie bonathärte entfernt werden. Wird auch noch Soda
Enteisenungsfilter von Eisen und Mangan verwer- zudosiert, so wird auch die Nichtkarbonathärte
tenden Organismen besiedelt. Auf eingearbeiteten entfernt.
Entmanganungsfiltern sind mikrobiologische und Die Schnellentkarbonisierung verläuft ähnlich
autokatalytische Effekte regelmäßig gemeinsam wie das Kalk-Soda-Verfahren. Da aber kein Soda
wirksam. zudosiert wird, kann nur die vorübergehende Härte
(Karbonathärte) entfernt werden.
Entfernung organischer Inhaltsstoffe Setzt man Mineralsäure (Salz- oder Schwefel-
Um Algen und Plankton zu entfernen, wird das Roh- säure) zu, wird bei der Säure-Entkarbonisierung
wasser meist oxidiert. Anschließend werden die ent- die Karbonathärte in Nichtkarbonathärte umge-
stehenden Verbindungen in einer Flockungs- oder wandelt, wobei das freiwerdende Kohlenstoff-
Sedimentationsstufe aus dem Wasser abgetrennt. dioxid bis zum Erreichen eines stabilen Wassers
Geschmack, Farbe und Geruch müssen je nach durch Belüftung ausgetrieben werden muss.
Herkunft unterschiedlich behandelt werden. Sind Durch Mischung eines schwach sauren Katio-
sie anorganischer Herkunft, so lassen sie sich durch nenaustauschers in H+-Form und eines schwach
einfachen Gasaustausch aus dem Wasser entfernen. basischen Anionenaustauschers in HCO–3-Form
Stammen sie jedoch von organischen Prozessen, so lassen sich beim Carix-Verfahren gemeinsam die
kommen starke Oxidationsmittel wie Kalium- Härtebildner Calcium (Ca2+) und Magnesium
permanganat und Ozon zum Einsatz. Bakterien mit (Mg2+) gegen H+-Ionen und die Anionen Sulfat,
einem ‡ > 0,01 —m (10-8 m) lassen sich physika- Nitrat und Chlorid gegen HCO–3-Form austau-
lisch mit Mikrofiltration aus dem Wasser entfernen. schen.
1920 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Entsalzung Chlordioxid. Eine zu hohe Dosierung ist zu


Ziel der Entsalzung ist das vollkommene Entfer- vermeiden, wenn dadurch organische Chlorver-
nen aller im Wasser gelösten Salze. Dabei muss bindungen (Haloforme, Trihalogenmethane) ent-
zwischen Brackwasser und Meerwasser unter- stehen können. An den Entnahmestellen im Ver-
schieden werden. Brackwasser ist ein Gemisch aus sorgungsnetz darf an keiner Stelle mehr als 0,1 mg/
Süß- und Salzwasser, wie es z. B. in Flussmün- l freies aktives Chlor im Trinkwasser enthalten
dungen anzutreffen ist. Demgegenüber enthält sein.
Meerwasser eine deutlich höhere Salzkonzentra- Das wirksamste Desinfektionsmittel ist Ozon.
tion (etwa 30 bis 36 g/l). Es wird rasch in die natürlichen Bestandteile des
Für die Brackwasseraufbereitung werden i.d.R. Wassers abgebaut, so dass kaum nachteilige
Ionenaustauscher oder die Membrantechnik (Um- Wirkungen von ihm ausgehen. Nachteilig wirken
kehrosmose) genutzt. Mittlerweile ist die Umkehr- sich die hohen Kosten für die Errichtung und den
osmose auch im großtechnischen Maßstab in der Betrieb einer Ozonanlage aus. Da das Restozon
Meerwasserentsalzung einsetzbar. Eine günstige sehr aggressiv ist, muss gewährleistet sein, dass es
Möglichkeit zur Meerwasserentsalzung stellt die nicht ins Versorgungsnetz gelangt. Daraus wird
solarthermische Destillation dar, bei der das salz- auch deutlich, dass Ozon keine Langzeitwirkung
haltige Wasser zunächst mit Hilfe von Sonnen- gegen Wiederverkeimung im Netz haben kann,
energie verdampft und dann kondensiert wird. Das diese unter bestimmten Bedingungen sogar initi-
Salz verbleibt im Verdampfungsrückstand, das iert. Hinweise über die Erzeugung und Dosierung
Kondensat ist salzfrei. von Ozon ist in DVGW-W 625 1999 zusammenge-
stellt [DVGW (1999a)].
Desinfektion Die Bestrahlung mit ultraviolettem Licht (UV-
Die Desinfektion dient dem Abtöten bzw. Inakti- Strahlung) im Wellenlängenbereich zwischen 200
vieren von Keimen im Wasser. Sie soll auch eine und 290 nm (Maximum bei 254 nm) ist eine wei-
Langzeitwirkung haben, d. h. eine Sicherheit ge- tere kostengünstige und effektive Variante zur In-
gen Wiederverkeimung im Trinkwassernetz ge- aktivierung von Keimen. Im Unterschied zur che-
ben. mischen Desinfektion mit Chlor hat die UV-Strah-
Laut TrinkwV dürfen im Trinkwasser nur fol- lung nur am Wirkungsort desinfizierende Wirkung.
gende Keime/Koloniezahlen auftreten: Eine Wiederverkeimung auf längeren Transport-
wegen ist unter ungünstigen Randbedingungen da-
í Keine coliformen Keime in einer 100 ml Was- her möglich. Die Anlage muss so konzipiert sein,
serprobe dass die Strahlen den gesamten Durchflusskörper
í Die Koloniezahl in einer 1 ml Trinkwasserpro- (Rohrleitung) durchdringen können. Die Wirksam-
be muss kleiner als 100 sein keit hängt somit wesentlich von der Geometrie der
í Die Koloniezahl in einer bereits desinfizierten Strahleranordnung und einer gleichmäßigen hy-
Trinkwasserprobe muss kleiner als 20 sein draulischen Verteilung des Wassers im Bestrah-
lungsreaktor ab.
Zur Desinfektion stehen verschiedene Verfahren Die DVGW legt Bestimmungen zu Anforde-
zur Verfügung. Das einfachste – das Abkochen von rungen und Prüfung von UV-Desinfektionsanlagen
Wasser – sollte nur in Notfallsituationen genutzt in den Arbeitsblättern W 294, Teil 1 bis 3, fest
werden. Bei der Entkeimung (Rückhalt und Ent- [DVGW W 294-1 bis 3 2006].
nahme aktiver und/oder inaktiver Mikroorganis-
men) in Filtern muss eine Langsamsandfiltration Entfernen von Stickstoffverbindungen
betrieben und auf bereits vorher keimarmes Was- Bei der Entfernung von Stickstoffverbindungen
ser geachtet werden. Das gebräuchlichste Verfah- muss zwischen der Entfernung von Ammonium
ren – die Chlorung – zeichnet sich durch eine und der von Nitrat unterschieden werden. Bei Am-
rasche und dauerhafte Wirkung sowie geringe moniumkonzentrationen größer als 0,5 mg/l (Para-
Kosten aus. Häufig verwendete Chlorzusätze sind meterwert) kann eine Eliminierung durch folgende
gasförmiges Chlor, Natriumhypochlorit und Verfahrenskombinationen erreicht werden:
5.4 Wasserversorgung 1921

– Belüftung und anschließende Bodenpassage, tereinander zu schalten. Die Tabelle 5.4-5 zeigt
– Belüftung und ein nachgeschalteter biologisch Beispiele von Verfahrenskombinationen der Trink-
wirksamer Filter. wasseraufbereitung aus Grund- und Oberflächen-
wässern.
Zur Nitratentfernung, nötig bei Nitratwerten grö-
ßer als 50 mg/l (Grenzwert), gibt es drei verschie-
5.4.4.5 Beseitigung von Abfällen
dene Vorgehensweisen. In der Praxis wird i. d. R.
das dritte Verfahren angewandt: Beim Betrieb von Wasserversorgungs- und Was-
seraufbereitungsverfahren fallen Abwässer und
– Ionenaustausch, Abfälle an, die nach geltendem Recht entsorgt
– Denitrifikation in biologisch aktiven Filtern, werden müssen. Die rechtlichen Anforderungen an
– Teilstromverfahren (Verschneiden mit nitrat- die Entsorgung von Abwässern und Abfällen sind
armem Wasser). in den letzten Jahren erheblich gestiegen.
Für die Behandlung von Abwässern stehen ver-
schiedene Verfahren zur Verfügung, die sich im
5.4.4.4 Verfahrenskombinationen
Wesentlichen an die Schlammbehandlung in Ab-
Die vielfältige Zusammensetzung der Rohwässer wasserbehandlungsanlagen anlehnen [DVGW-W
macht es erforderlich, verschiedene Verfahren hin- 221 1999]. Die aktuellen Hinweise zur Beseitigung

Tabelle 5.4-5 Beispiele von Verfahrenkombinationen [Grombach et al. 1993, S. 694]


Wiesbaden Zürich Mülheim Stuttgart Hannover Mainz Gelsenkirchen
WW Schierstein WW Lengg (Ruhr) WW Langenau WW Fuhrwerk WW Eich WW Witten
WW Styrum-W.
Rheinwasser Zürichsee- Ruhrwasser Donauwasser Grundwasser Grundwasser Uferfiltrat
wasser
Belüftung Vorozonung Vorozonung Flockung Belüftung Entkarbonisierung Sedimentation
Flockung Flockungs- Flockung Sedimentation Flockung Belüftung Flockung
filtration
pH-Anhebung Zweistufen- Sedimentation Vorozonung Sedimentation Ozonung KMnO4-Zugabe
filtration (zeitweise)
Sedimentation ph-Anhebung Ozonung Nitrifikation Schnellfiltration Zweischicht- Filtration
(biologisch) filtration
Filtration Ozonung Nitrifikation Ozonung Huminsäure- Aktivkohle Bodenpassage
elimination (Ani-
onenaustauscher)
Aktivkohle Aktivkohle- Zweischicht- Flockung Chlordioxid Ozonung
filtration filtration
Untergrund- Langsamfiltra- Aktivkohle Filtration Flockung
passage tion (zeitweise) (zeitweise)
Belüftung Chlordioxid Chlordioxid Aktivkohle A-Kohle/Sand-
filtration
Flockung Untergrund- pH-Anhebung Chlordioxid
(Pulverkohle- filtration
Dosierung)
Refiltration Chlor oder pH-Anhebung
Chlor und
Chlordioxid
Langsam-
filtration
Chlordioxid
1922 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

von Abfällen sind im DVGW-W 221 2010 Teil 1: lich, um daraus die künftige Entwicklung zu be-
„Grundsätze für Planung und Betrieb“ sowie Teil rechnen. Wesentliche Parameter sind die Bevölke-
2: „Behandlung“ und in Merkblatt W 222 2010 rungsentwicklung, die Branchen und das Wachs-
„Einleiten und Einbringen von Rückständen aus tum von Gewerbe und Industrie unter Berücksich-
Anlagen der Wasseraufbereitung in Abwasseranla- tigung der Produktionsverfahren (Schließung von
gen“ zu finden. Wasserkreisläufen, Mehrfachnutzung von Wasser),
aber auch die anderen genannten Faktoren sind zu
5.4.5 Wasserbedarf, Wasserverbrauch berücksichtigen.
Folgende Bedarfsarten sind zu unterscheiden,
Begrifflich muss zwischen Wasserbedarf und Was- die für Detailplanungen jeweils wieder unterglie-
serverbrauch unterschieden werden. Der Wasser- dert werden müssen:
bedarf ist eine Planungsgröße für das in einem be-
– Haushalt und Kleingewerbe,
stimmten Zeitraum für die Wasserversorgung be-
– Großgewerbe und Industrie,
nötigte Wasservolumen. Beim Wasserverbrauch
– Einzelverbraucher,
handelt es sich um den tatsächlichen, durch Mes-
– öffentliche Einrichtungen,
sung ermittelten Wert des in einer bestimmten
– Löschwasser,
Zeitspanne abgegebenen Wasservolumens an den
– Eigenverbrauch des Wasserwerks.
Verbraucher.
Der Wasserverbrauch ist von Faktoren wie Der Planungszeitraum, für den der zukünftige
z. B.: der sozialen Struktur der Bevölkerung, dem Wasserbedarf zu berechnen ist, hängt vom Pla-
Wohnkomfort, der technischen Ausstattung mit nungsprojekt ab. Im Allgemeinen sind Planungs-
wasserverbrauchenden Geräten, der Wirtschafts- zeiträume von 30 bis 40 Jahren für Bauwerke
struktur (z. B. Art der Industrie und Anteil der (Hauptleitungen, Tiefbehälter, Wassertürme) und
Landwirtschaft) sowie dem Wasserdargebot und zehn bis 15 Jahren für Installationen (Pumpen, Ar-
den klimatischen Verhältnissen (Temperaturen, maturen) aber auch Brunnenanlagen üblich.
Niederschlag, Grundwasserneubildung) abhängig.
Für die Ermittlung des Wasserbedarfs ist eine
genaue Erhebung der Einflussfaktoren erforder-

Abb. 5.4-13 Entwicklung des personenbezogenen Wassergebrauchs in Litern pro Einwohner und Tag in Deutschland
[BDEW-Wasserstatistik 2010; bezogen auf Haushalte und Kleingewerbe]
5.4 Wasserversorgung 1923

5.4.5.1 Haushalt und Kleingewerbe überträgt. Für Groß- und Mittelstädte ist der Lösch-
wasserbedarf i. d. R. durch die Auslegung des Rohr-
Für die Bestimmung des Haushaltsbedarfs ist die netzes abgedeckt. Nur in Leitungssträngen mit klei-
Bevölkerungsentwicklung des Versorgungsgebie- nen Anschlusszahlen kann der Feuerlöschwasser-
tes, d. h. die derzeitige und zukünftige Zahl der zu Bedarf für die Leitungsauslegung maßgebend wer-
versorgenden Einwohner, möglichst genau zu pro- den. Dies gilt besonders auch für Kleinstädte und
gnostizieren weshalb häufig Abschätzungen auf Siedlungen, bei denen die Löschwasserbereitstel-
Grundlage plausibler Szenarien gemacht werden. lung einen zusätzlichen Bemessungsfall darstellt.
Grundlage der Bevölkerungsentwicklung ist der Da die Löschwasserbereitstellung zur Deckung
Vergleich von Geburtenzahlen und Sterbefällen eines kurzzeitigen Spitzenbedarfs dient, führt eine
sowie von Zu- und Abwanderungen im Versor- Bemessung nach dem Brandfall zu Rohrnennwei-
gungsgebiet und dieser ist prinzipiell sehr schwer ten, die im Normalbetrieb sehr geringe Fließge-
vorherzusehen. schwindigkeiten und damit hohe Verweilzeiten im
Die Entwicklung des Wasserverbrauchs hat in Rohrnetz ergeben. In bestimmten Fällen ist es daher
Deutschland in den letzten Jahren einen Sätti- sinnvoll, den Löschwasserbedarf durch Entnahme-
gungswert erreicht. Vom steigenden Komfort (z. B. stellen außerhalb des Leitungsnetzes (z. B. Zister-
hygienische Ansprüche) und dem Trend zu nen, Löschteiche, Seen, Flüsse) bereitzustellen.
kleineren Haushalten (z. Z. 2,07 Einwohner pro Richtwerte für die Rohrnetzberechnung des
Wohneinheit) sind keine Steigerungen des Wasser- Löschwasserbedarfs finden sich in [DVGW-W 405
verbrauchs zu erwarten. Im Gegenteil: Aufgrund 2008]. Besonders gefährdete Standorte erfahren
der Modernisierung von Verbrauchsanlagen und über den Grundschutz hinaus eine besondere Be-
steigenden Wasserpreisen ist seit rund 20 Jahren rücksichtigung durch den Objektschutz, dessen
eine rückläufige Tendenz im Wasserverbrauch er- Löschwassermenge dem speziellen Bedarfsfall
kennbar. Der durchschnittliche Wasserverbrauch entsprechend über dem allgemeinen Grundschutz
betrug 2009 pro Einwohner und Tag weniger als nach [DVGW-W 405 2008] liegt. Das genannte
123 (Abb. 5.4-13). Arbeitsblatt wurde vor allem mit dem Ziel erstellt,
Hilfen für die Berücksichtigung des Löschwasser-
5.4.5.2 Der Wasserbedarf von Industrie, bedarfes bei der Projektierung neuer Rohrnetzteile
Gewerbe und Einzelverbrauchern zu bieten und bei der Prüfung, des Leistungsum-
fanges vorhandener Wasserversorgungsanlagen
Der Wasserbedarf von Industrie, Gewerbe und (Rohrnetzteile) zu helfen, damit diese den Lösch-
Einzelverbrauchern ist sinnvollerweise gezielt am wasserbedarf decken können.
Standort bzw. dem Verbrauchsort festzustellen. Bei
der Planung neuer Anlagen in der Industrie er-
5.4.5.4 Eigenverbrauch der Wasserwerke
weist sich die Bestimmung des Wasserbedarfs als
schwierig, da genaue Angaben über den Wasserbe- Der Eigenverbrauch der Wasserwerke setzt sich im
darf in der Produktion meist zu diesem Zeitpunkt Wesentlichen aus den Spülwassermengen für Aufbe-
nicht gemacht werden können. Es muss daher auf reitungsanlagen und Rohrnetzspülungen zusammen.
Erfahrungswerte zurückgegriffen werden, die für Der Verbrauch ist abhängig von der Größe des Ver-
eine überschlägige Bemessung geeignet sind (z. B. sorgungsgebietes (Länge der Versorgungsleitungen)
[DVGW-W 410 2008]). und der Art der Wasseraufbereitung. Im Mittel sind
1,3% bis 1,5% – ohne Aufbereitungsanlage 1,0% –
des durchschnittlichen Tagesbedarfs anzusetzen.
5.4.5.3. Löschwasserbedarf
Der Löschwasserbedarf ist die Gesamtmenge an
5.4.5.5 Wasserverluste
Wasser, die im Brandfall verfügbar sein muss. Der
Brandschutz gehört zum Aufgabenbereich der Ge- Gemäß DVGW W 392 2003: „Rohrnetzinspektion
meinde, die meist der örtlichen Wasserversorgung und Wasserverluste – Maßnahmen, Verfahren und
die Bereitstellung der erforderlichen Wassermengen Bewertungen“ lassen sich die Wasserverluste aus
1924 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

der Wassermengebilanz ermitteln. Die Differenz Ausflugsgebiet). Eine Berechnung des Wasserbe-
aus Rohnetzeinspeisung in das Rohrnetz und der darfs ist nach folgenden Formeln möglich:
Rohrnetzabgabe an die Verbraucher ergibt die ge- durchschnittlicher Tagesbedarf
samten Wasserverluste. Als Wasserverluste gehen
Zählerabweichungen, Abgrenzungsverluste bei (5.4.10)
Ablesung, Schleichverluste, Wasserdiebstahl, nicht
gemessene Abgaben und echte Leckverluste ein.
Wasserverluste durch Auslaufen an undichten Stel- maximaler Tagesbedarf
len sind nicht zu vermeiden. Selbst bei gut gewar-
teten Anlagen sind als Mittelwert Wasserverluste (5.4.11)
zwischen 5% und 10% der Jahresabgabe zu erwar-
ten. [DVGW W 392 2003]. durchschnittlicher Stundenbedarf bei durchschnitt-
lichem Tagesbedarf
5.4.5.6 Bedarfsberechnung
(5.4.12)
Bei der Bestimmung des Wasserbedarfs muss auf die
zeitlichen und örtlichen Besonderheiten geachtet
werden. Der Tagesbedarf ist jahreszeitlich bedingten maximaler Stundenbedarf am Tag des größten
klimatischen Schwankungen unterworfen – mit Ma- Wasserbedarfs
ximalwerten im Juli und August. Die Tagesverbräu-
(5.4.13)
che zeigen darüber hinaus einen typischen Wochen-
und Tagesgang in Abhängigkeit von der Siedlungs- mit
struktur (z. B. Gewerbe, Pendleranteil, Wohngebiet, Q Wasserabgabe pro Jahr (m3/a),

Tabelle 5.4-6 Einsatzbereiche von Kreiselpumpen [DVGW-W 612 1989, S.10]


Einsatzbereiche Laufradform – Pumpenbauart
radial halbaxial axial Sternrad
Förderung aus Brunnen, Unterwassermotorpumpe, Bohrlochwel-
Schächten lenpumpe, Tauchmotorpumpe
Förderung aus oberirdischen Gliederpumpe, Spiralgehäusepumpe
Gewässern (Direktentnahme)
Förderung aus oberirdischen Unterwassermotorpumpe, Tauchmotor-
Gewässern (Direktentnahme) pumpe
Gliederpumpe Rohrgehäusepumpe
Bohrlochwellenpumpe,
Spiralgehäusepumpe
Förderung in Rohrleitungssystemen Unterwassermotorpumpe,
Spiralgehäusepumpe
Gliederpumpe
Entwässerung, sofern Pumpe Tauchmotorpumpe Seitenkanal-
erforderlich pumpe
spez. Drehzahl nq in min-1 10–60 50–150 110–500 4–12
Förderhöhe einstufig bis ca. 250 m bis ca. 90 m bis ca. 18 m bis ca. 180 m
Förderhöhe mehrstufig bis ca. 1000 m bis ca. 40 m bis ca. 300 m
NPSH 1–20 3–12 3–12 1–3
(Net Positive Suction Head
Required)
5.4 Wasserversorgung 1925

Qdm durchschnittlicher Tagesbedarf m3/d, 5.4.6.2 Pumpenarten


Qdmax maximaler Tagesbedarf (m3/d),
Qhm durchschnittlicher Stundenbedarf (m3/h) Kreiselpumpen
bei durchschnittlichem Tagesbedarf, Kreiselpumpe sind Strömungsmaschinen zur Ener-
Qhmax maximaler Stundenbedarf (m3/h) am Tag gieerhöhung der Förderflüssigkeit mittels eines
des größten Wasserbedarfs, durch einen Motor angetriebenen rotierenden
fd Tagesspitzenfaktor, Laufrads.
fh Stundenspitzenfaktor. Kreiselpumpen nutzen die Zentrifugalkraft, um
das Wasser mit einer schnellen Drehbewegung an
Bei der Anlagenbemessung werden Zubringer-Ver- das Gehäuse der Pumpe zu treiben, von dem es in
sorgung Leitungen im Rohrnetz auf den maxima- die Druckleitung geführt wird. Dabei wird im För-
len Stundenbedarf am Tag des größten Wasserbe- dermedium Geschwindigkeitsenergie in Druck-
darfs Qhmax ausgelegt. Wassergewinnungs-, Aufbe- energie umgesetzt Sie bieten einige Vorteile, die
reitungs- und Speicheranlagen sowie Fernleitungen sie gegenüber anderen Pumpenarten favorisieren:
(bei vorhandenem Ausgleichsspeicher) werden auf Kreiselpumpen sind:
den maximalen Tagesbedarf Qdmax bemessen. Für
Anschlussleitungen, ist der Spitzendurchfluss QS – einfach zu handhaben,
für eine Bezugszeit tB von 10 s, für Zubringer-, – kostengünstig in Anschaffung und Betrieb,
Haupt- und Versorgungsleitungen, für Pumpen- – gering im Platzbedarf,
und Druckerhöhungsanlagen für 1 Stunde sowie – betriebssicher und langlebig.
für Behälter nach Maßgabe von DVGW-W 300 zu
berechnen [DVGW-W 410 2008]. Nachteilig wirkt sich die Empfindlichkeit gegen
Die Spitzenfaktoren berechnen sich in Abhän- sandhaltiges Wasser und ihr z. B. gegenüber Kol-
gigkeit von der Anzahl der versorgten Einwohner benpumpen geringerer Wirkungsgrad aus. Tabelle
E und gelten im Bereich von 1000 bis 1000000 E: 5.4-6 zeigt eine Zusammenstellung verschiedener
Bauformen und Schwerpunkte des Einsatzes von
fh = 18,1 × E–0,1682
Kreiselpumpen. Die in 5.4.6.3 folgenden Beschrei-
fd = 3,9 × E–0,0752 bungen beziehen sich auf die Anwendungsform
der Kreiselpumpe mit Radialrad.
5.4.6 Wasserförderung
Kolbenpumpen
5.4.6.1 Aufgabe Kolbenpumpen sind Verdränger-Apparate, bei de-
nen das im Zylinder befindliche Fördermedium
Nur in wenigen Fällen kann ein Wasserversor- durch einen beweglichen Kolben in eine Steiglei-
gungsgebiet durch freien Zulauf aus dem Gewin- tung hinaufgedrückt wird. Durch wechselseitiges
nungsgebiet gespeist werden. In der Regel müssen Öffnen und Schließen der Saug- und Druckventile
mechanische Hebeeinrichtungen dem Wasser so- wird bei zurücklaufendem Kolben neues Wasser in
viel Energie zuführen, dass jeder Punkt im Versor- den Zylinder gesaugt und das in die Steigleitung
gungsgebiet mit ausreichendem Druck und ausrei- geförderte Wasser am Zurückfließen gehindert
chender Wassermenge versorgt werden kann. (Grombach P, Haberer K u. a. 2000)
In der Wasserversorgung werden heute zum He- Sie werden vereinzelt noch in Hausanlagen oder
ben des Wassers beinahe ausschließlich Kreisel- Kleinwasserwerken eingesetzt für die Hebung
pumpen verwendet. Sie eignen sich für fast alle kleiner Wasserströme auf große Förderhöhen (bei
Aufgaben der Wasserversorgung. Andere Pum- Q/H < 1:50), für langsam oder nicht mit konstanter
penarten wie Kolbenpumpen, hydraulische Widder Drehzahl laufende Antriebsmaschinen und bei An-
oder Mammutpumpen werden vereinzelt bei Vor- lagen bei denen der Förderstrom unabhängig von
liegen spezieller Bedingungen oder Aufgaben ein- einer schwankenden Förderhöhe konstant gehalten
gesetzt. werden muss.
1926 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

5.4.6.3 Pumpenbetrieb Werte in so genannten Druckabfalltabellen


(DVGW-W 302, 1981) zusammengestellt.
Pumpenkennlinie
Die Kennlinie einer Kreiselpumpe stellt den funk- Zusammenwirken von Kreiselpumpe
tionalen Zusammenhang zwischen Förderstrom Q und Anlage
und Förderhöhe H sowie den weiteren Pumpen- Um hydraulische Systeme zu berechnen, bedient
kenngrößen P (Leistungsbedarf), Ș (Wirkungsgrad) man sich häufig graphischer Verfahren. Diese wer-
und HH (Haltedruckhöhe) dar. Bei einer mit kons- den zur Lösung nichtlinearer Gleichungssysteme
tanter Drehzahl angetriebenen Kreiselpumpe hän- anstelle von Iterationsverfahren verwendet. Sie
gen die genannten Größen vom Förderstrom Q ab. sind besonders anschaulich und gestatten auch die
Durch Veränderung der Pumpendrehzahl ver- Verarbeitung von Funktionen, die nicht mathema-
schiebt sich die Kennlinie nach der Beziehung tisch formuliert sind. Sie werden daher bevorzugt
zur Darstellung bzw. Ermittlung des Arbeitsbe-
(5.4.14) reiches von Kreiselpumpen eingesetzt.
Die graphische Lösung geschieht durch Überla-
gerung von Pumpenkennlinien mit Rohrleitungs-
nach oben oder unten. kennlinien. Dieser Superposition der Kurven lie-
Die Drehzahl kann bei den i. Allg. zur Anwen- gen das Kontinuitätsgesetz und die Bernoulli-Glei-
dung kommenden Drehstrommotoren (Asynchron- chung zugrunde. Deren logische Anwendung führt
motoren) nicht geregelt werden. Diese Möglichkeit zu folgenden Prinzipien:
bieten jedoch thyristor- oder frequenzgesteuerte
und damit in der Drehzahl regulierbare Motoren. – Bei Parallelbetrieb mehrerer Pumpen sind die
Bei anderen Antriebsaggregaten (Dampf- oder zu gleichen Förderhöhen gehörenden Förder-
Gasturbine, Verbrennungsmotor) erfolgt die Dreh- ströme zu addieren, d. h., die Pumpenkennlinien
zahlregelung i. d. R. über den Antrieb, seltener werden in Richtung Q überlagert. Voraussetzung
über das Getriebe. ist, dass die Pumpenkennlinien auf den gleichen
Punkt des Rohrleitungssystems und den glei-
Rohrkennlinie chen Energiehorizont bezogen sind.
Die Rohrkennlinie (Anlagenkennlinie) stellt den – Beim Hintereinanderschalten mehrerer Pumpen
Zusammenhang zwischen der Förderhöhe H und sind die zu gleichen Förderströmen gehörenden
dem Förderstrom Q dar. Dabei ist die Förderhöhe H Förderhöhen zu addieren, d. h., die Pumpen-
entsprechend dem Darcyschen Widerstandsgesetz kennlinien werden in Richtung H überlagert.
Auch hier sind die Pumpenkennlinien auf den
(5.4.15) gleichen Punkt des Rohrleitungssystems zu be-
ziehen.
mit
hv Rohrreibungsverlust (m),
l Widerstandsbeiwert,
L Rohrlänge (m),
D Rohrdurchmesser (m),
v Geschwindigkeit (m/s),
g Fallbeschleunigung (m/s2).

vom Förderstrom parabelförmig abhängig.


Die Ermittlung und Konstruktion einer Rohr-
kennlinie kann für eine in Bezug auf Durchmesser
und Länge definierte Rohrleitung mit Hilfe des
vorgenannten DARCY-WEISBACH-Widerstands-
gesetzes erfolgen. Zur Vereinfachung sind diese Abb. 5.4-14 Betriebspunkt
5.4 Wasserversorgung 1927

– Die eigentliche Pumpenkennlinie einer Pumpe 5.4.6.4 Kavitation und Haltedruckhöhe


kann auf einen beliebigen Punkt des Rohrlei- (NPSH-Wert)
tungssystems bezogen werden, indem die zu je-
dem Fördersystem gehörende Verlusthöhe hv Wird innerhalb der Wasserströmung an einer Stelle
(Rohrleitungskennlinie) bis zu diesem Punkt ab- der Dampfdruck unterschritten, entstehen Dampf-
gezogen bzw. abgetragen wird, d. h. negative blasen, die bei Anstieg des Druckes entlang der Lauf-
Überlagerung der Pumpenkennlinie und Rohr- radschaufeln schlagartig kondensieren. Dieser
leitungskennlinie in Richtung H. Vorgang, der mit „Kavitation“ bezeichnet wird,
– Basieren die Förderhöhen mehrerer Pumpen mindert die Pumpenleistung, erzeugt Geräusche,
saugseitig auf unterschiedlichen Wasserständen, beansprucht das Material sehr stark und reduziert
so sind die Pumpenkennlinien auf einen gemein- die Lebensdauer des Laufrades. Der Punkt nied-
samen Energiehorizont zu beziehen, z. B. auf rigsten Druckes liegt am Laufradeintritt. Dort
m ü. NN. muss, in Abhängigkeit vom Pumpen- und Laufrad-
typ, eine bestimmte Mindestenergiehöhe NPSH
Der mögliche Förderstrom für ein ausgewähltes (Net Positive Suction Head) zur Verfügung stehen,
System mit vorgegebener Pumpen- und Rohrkenn- um Kavitation zu vermeiden. Der NSPHvorh-Wert
linie ergibt sich aus dem Schnittpunkt dieser bei- der Anlage sollte möglichst groß sein, auf jeden
den Kennlinien im sog. „Betriebspunkt“ (Abbil- Fall aber größer als die erforderliche Haltedruck-
dung 5.4-14). Mit dem Betriebspunkt ergibt sich höhe NPSHerf der Pumpe.
die Förderhöhe der Anlage, die von hgeo der Pumpe NPSH erf. beschreibt die Summe aller Verluste
aufzubringen ist. Die Förderhöhe setzt sich aus (Gesamt-Druckabfall) vom Eintritt der Förderflüs-
dem geodätischen Höhenunterschied hstat und den sigkeit in den Saugstutzen bis zum Laufrad-Eintritt
Rohrreibungsverlusten hv zusammen. der Pumpe.
Die Auswahl der Pumpe erfolgt im Regelfall NPSH vorh oder Haltedruckhöhe der Anlage be-
nach dem Kriterium, dass die Kennlinie der Pumpe schreibt wieweit die Förderflüssigkeit beim Saug-
durch den Schnittpunkt mit der Rohrkennlinie ei- stutzen vom Verdampfungsdruck entfernt liegt;
nen Betriebspunkt ergibt, der größer oder gleich geht NPSH vorh gegen Null tritt Kavitation auf. Un-
dem erforderlichen Förderstrom ist. Der optimale ter Berücksichtigung von NPSH erf gilt NPSH vorh
Wirkungsgrad der Pumpe sollte in der Nähe des > NPSH erf.
Betriebspunktes liegen.
Die in der Pumpe zu installierende Leistung er-
gibt sich aus der Förderleistung und dem Pum- 5.4.7 Wasserspeicherung
penwirkungsgrad nach der Beziehung
5.4.7.1 Aufgabe
Wasserversorgungsunternehmen haben die Aufga-
(5.4.16)
be, zu jedem Zeitpunkt eine ausreichende Menge
an Trink- und Nutzwasser zur Verfügung zu stel-
mit len. Der Wasserverbrauch in einem Versorgungs-
P Leistungsbedarf (W), gebiet ist jedoch nicht konstant, sondern schwankt
ȡ Dichte des Fördermediums (kg/m3), in Abhängigkeit von der Tages- und Jahreszeit z. T.
g Fallbeschleunigung (m/s2), beträchtlich. Um diese zeitlichen Schwankungen
Q Förderstrom der Pumpe (m3/s), im Verbrauch auszugleichen, den erforderlichen
H Förderhöhe (m), Versorgungsdruck im Rohrnetz aufrechtzuerhalten
Ș Wirkungsgrad der Pumpe (etwa 0,7 bis 0,9). und Versorgungsunterbrechungen infolge von Be-
triebsstörungen zu vermeiden, sind Speicherräume
Bei der Bemessung des Antriebsmotors empfiehlt notwendig. Sie erlauben eine weitgehend unab-
es sich, zur Vermeidung von Überlastungen eine hängige Betriebsführung.
20%ige Leistungsreserve vorzusehen. Bei Speicherräumen lassen sich Anlagen unter-
scheiden, die einem Monats- oder Jahresausgleich
1928 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

dienen (z. B. Trinkwassertalsperren, künstliche Seen, Tiefbehälter


Teiche), die Bestandteil einer Wasseraufbereitung In Gebieten ohne topographisch geeignete Hoch-
sind (z. B. Flusswasserwerke), die speziell der punkte müssen Tiefbehälter bereitgestellt werden.
Löschwasservorhaltung dienen (Löschteiche) oder Sie speichern die für den Betrieb erforderlichen
Speicherbehälter für die Trinkwasserversorgung Wassermengen, ohne direkten Einfluss auf den
als Bestandteil der öffentlichen Wasserversor- Druck im Versorgungsnetz zu haben. Tiefbehälter
gungsanlagen. Die folgenden Ausführungen bezie- dienen als Vorlagebehälter für Pumpwerke und
hen sich allein auf die letztgenannten Anlagen als Druckerhöhungsanlagen. Bei der Versorgung des
wesentlichste Form der technischen Ausführung Gebiets müssen diese Förderanlagen den Schwan-
von Speicheranlagen in der Wasserversorgung. Sie kungen des Wasserbedarfs angepasst werden. Mit
dienen grundsätzlich dem Ausgleich von täglichen energetisch effizienten, drehzahlgeregelten Pum-
Bedarfsschwankungen in Versorgungsgebiet. Das penantrieben lässt sich die Druckhaltung des
Arbeitsblatt DVGW 300 2005 ist gültig für die Pumpwerks steuern. Bei Pumpbetrieb ist auf eine
Planung und den Bau sowie für den Betrieb und sichere Energieversorgung durch Bereitstellung ei-
die Instandhaltung von Wasserbehältern aus Beton ner Notstromversorgung zu achten.
(schlaff bewehrt bzw. vorgespannt) in der Trink-
wasserversorgung. Auch beim Einsatz von Beton- Turmbehälter
fertigteilen sowie bei Verwendung anderer Materi- Wenn in der Nähe des Versorgungsgebietes keine
alien gelten die Angaben sinngemäß. natürlichen Hochpunkte zur Verfügung stehen,
aber trotzdem ein ausreichender Ruhedruck ohne
Förderanlagen im System vorgehalten werden soll,
5.4.7.2 Arten der Wasserspeicherung
können als Hochbehälter auch Turmbehälter die-
Die Aufgaben der Wasserbehälter lassen sich nach nen. Die Konstruktion ist jedoch wesentlich teurer
der Lage im Netz und der Betriebsweise unter- als die von Tiefbehältern. Wassertürme verdienen
scheiden. Wasserbehälter werden nach ihrer topo- als Blickfang besondere Aufmerksamkeit bezüg-
graphischen Lage in Hochbehälter, mit der Son- lich der architektonischen Gestaltung und Einfü-
derform des Turmbehälters, und Tiefbehälter ein- gung in das Stadt- oder Landschaftsbild.
geteilt.
5.4.7.3 Druckregelung
Hochbehälter
Hochbehälter werden auf einem natürlichen Hoch- Auch bei stark abgesenktem Wasserspiegel im
punkt als Erdhochbehälter errichtet, oder es wird Hochbehälter muss im Versorgungsgebiet ein aus-
ein künstlicher Hochpunkt durch den Bau eines reichender Netzdruck vorhanden sein, um den üb-
Wasserturms geschaffen. Hochbehälter müssen lichen Bedarf des Versorgungsgebietes zu decken.
den erforderlichen Druck im Leitungsnetz bei ma- Um im Netz einen ausreichenden Druck zu ge-
ximalem Verbrauch auch an den topographisch un- währleisten, muss der Behälter hoch genug liegen.
günstigen Stellen des Wasserversorgungsgebietes Es ist daher im Hochbehälter eine Wasserspiegel-
aufrechterhalten. Der Ruhedruck ist mit der topo- lage von 40 bis 60 m über dem Versorgungsgebiet
graphischen Lage des Hochbehälters bereits vor- anzustreben. Tiefbehälter sind über den Pumpbe-
gegeben. Durch die Bildung eines festen Druck- trieb auf einen Ruhedruck von 5 bis 6 bar am Haus-
punktes im Netz entsteht eine hohe Versorgungs- anschluss zu regeln. Zu hohe Drücke sind zu ver-
sicherheit, da bei Betriebsstörungen oder im meiden, da die Verluste durch Leckstellen und die
Brandfall benötigtes Wasser ohne Einsatz von me- Gefahr von Rohrbrüchen mit zunehmendem Druck
chanischen Förderanlagen bereitgestellt werden ansteigen.
kann. Eine weitere maßgebliche Aufgabe der Be- Die Bestimmung des niedrigsten Betriebswas-
hälter besteht im Ausgleich der Schwankungen, serstands und weitere Anforderungen sind in der
die durch die Differenz zwischen Wasserzulauf Verordnung über „Allgemeine Bedingungen für
(Wassergewinnung) und Wasserentnahme (Was- die Versorgung mit Wasser“ (AVBWasserV) und in
serverbrauch) hervorgerufen werden. [DVGW 400-1 2004] festgelegt. Der Mindestdruck
5.4 Wasserversorgung 1929

im Netz richtet sich nach der Art der Bebauung Die Zirkulation durch den Behälter führt zu einer
und gliedert sich wie folgt (neue Netze): guten Wassererneuerung. Nachteilig können sich
lange Fließwege in der Wasserverteilung auswir-
– für Gebäude mit EG 2,0 bar, ken.
– für Gebäude mit EG und 1 OG 2,5 bar,
– für Gebäude mit EG und 2 OG 3,0 bar, Gegenbehälter
– für Gebäude mit EG und 3 OG 3,5 bar, Gegenbehälter liegen in Fließrichtung hinter dem
– für Gebäude mit EG und 4 OG 4,0 bar. Versorgungsgebiet oder im Nebenschluss der Zu-
bringerleitung; nur das nicht im Versorgungsgebiet
Bei normgerechter Bemessung und Ausführung aktuell benötigte Wasser erreicht den Behälter. Die
der Wasserverbrauchsanlagen steht an der am un- Vorteile liegen in den geringeren Druckverlusten
günstigsten gelegenen Zapfstelle ein Mindestdruck und der zweiseitigen Versorgung des Netzes. Al-
von 1 bar zur Verfügung. lerdings führt diese Regelung zu sehr unterschied-
Der maximale Versorgungsdruck, gemessen als lichen Druckverhältnissen im Netz und zu einer
Ruhedruck, sollte 8 bar nicht überschreiten. Ober- langsamen Wassererneuerung durch lange Ver-
halb eines Ruhedrucks von 6 bar sind zum Schutz weilzeiten im Behälter, womit die Gefahr einer Be-
von Armaturen und zur Einhaltung von Schall- einträchtigung der Wasserqualität gegeben ist.
schutzanforderungen Druckminderer an den Haus-
anschlüssen zu installieren. Zentralbehälter
Bei Höhenunterschieden von mehr als 50 m Zentralbehälter werden in Mischform als Durch-
sollte das Versorgungsgebiet in mehrere Druckzo- lauf- und/oder Gegenbehälter betrieben. Dadurch
nen eingeteilt werden. Die Zonen sind streng von- ergeben sich eine hohe Versorgungssicherheit sowie
einander zu trennen. Den Zonen werden üblicher- geringe Druckverluste und Druckschwankungen im
weise eigene Behälter und ggf. Förderanlagen zu- Netz, außerdem sind dadurch eventuell kleinere
geordnet. Rohrdurchmesser möglich. Die Wassererneuerung
Mehrgeschossige Bauten, die die übliche Be- ist schlechter als bei Durchlaufbehältern. In ebenem
bauungshöhe übersteigen, und Hochhäuser erhal- Gelände muss der Zentralbehälter als Turmbehälter
ten eigene, nach Bedarf mehrfach abgestufte ausgeführt werden [DVGW-W 400-1 2004].
Druckerhöhungsanlagen, welche im Rahmen des
Facility Managements verwaltet und betrieben Bemessung des Nutzinhalts
werden. Ziel der Behälterbewirtschaftung ist i. Allg. der
Ausgleich über den verbrauchsreichsten Tag des
Jahres. In Sonderfällen kann ein Wochenausgleich
5.4.7.4 Lage zum Versorgungsgebiet
Um die Druckverluste und die Kosten für die auf
den Spitzenbedarf bemessenen Versorgungslei-
tungen gering zu halten, sind Hochbehälter so nahe
wie möglich am Verbrauchsschwerpunkt zu errich-
ten. Tiefbehälter liegen meist in der Nähe der Was-
sergewinnung bzw. Wasseraufbereitungsanlage.
Nach der Lage zum Netz unterscheidet man Durch-
lauf-, Gegen- und Zentralbehälter.

Durchlaufbehälter
Der Durchlaufbehälter ist zwischen Wassergewin-
nung und Versorgungsgebiet angeordnet; das Was-
ser wird durch den Wasserbehälter geleitet. Diese
Variante zeichnet sich durch geringe Druckschwan- Abb. 5.4-15 Fluktuierende Wassermenge; graphische Be-
kungen und beinahe konstante Förderhöhen aus. stimmung mit Hilfe des Summenlinienverfahrens
1930 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Tabelle 5.4-7 Fluktuierende Wassermenge, Tabellenrechnung

Zeitabschnitt Verbrauch Summe Zulauf Fehlbetrag Überschuss Speicherinhalt


[Uhr] [%] [%] [%] [%] [%] [%]
0–1 0,82 0,82 –0,82 –0,82
1–2 0,82 1,64 –0,82 –1,64
2–3 0,41 2,05 –0,41 –2,05
3–4 0,41 2,46 –0,41 –2,46
4–5 0,82 3,28 5,56 +4,74 +2,28
5–6 4,89 8,17 5,56 +0,67 +2,95
6–7 11,08 19,25 5,56 –5,52 –2,57
7–8 7,82 27,07 5,56 –2,26 –4,83
8–9 5,38 32,45 5,56 +0,18 –4,65
9–10 3,75 36,20 5,56 +1,81 –2,84
10–11 3,75 39,95 5,56 +1,81 –1,03
11–12 5,38 45,33 5,56 +0,17 –0,86
12–13 10,27 55,60 5,56 –4,72 –5,58
13–14 9,45 65,05 5,56 –3,89 –9,47
14–15 2,12 67,17 5,56 +3,44 –6,03
15–16 2,52 69,69 5,56 +3,04 –2,99
16–17 2,52 72,21 5,56 +3,04 +0,05
17–18 2,94 75,15 5,56 +2,62 +2,67
18–19 3,80 78,95 5,56 +1,76 +4,43
19–20 5,78 84,73 5,56 –0,22 +4,21
20–21 7,84 92,57 5,56 –2,28 +1,93
21–22 5,79 98,36 5,56 –0,23 +1,70
22–23 0,82 99,18 –0,82 +0,88
23–24 0,82 100,00 –0,82 +0,06

in Betracht kommen, der aber einen wesentlich Für Wassertürme gilt als Richtwert:
größeren Behälterraum erfordert. Der Nutzinhalt
(0,20 – 0,35) · Qdmax.
des Behälters setzt sich aus dem Tagesausgleichs-
volumen und dem Sicherheits- und Löschwasser- Eine genauere Bestimmung des Behälterinhalts er-
vorrat zusammen. folgt über die Ermittlung der fluktuierenden Was-
Im Grundriss sollen Erweiterungen möglich sermenge für einen Tagesausgleich. Die fluktuie-
sein. Bei Wassertürmen ist dies i. Allg. ausge- rende Wassermenge kann über eine Tabellenrech-
schlossen; hier empfiehlt sich ein zeitlich größeres nung (Tabelle 5.4-7) oder graphisch (Abbildung
Planungsziel. Bei mehreren Behältern im Netz 5.4-15) mit Hilfe des Summenlinienverfahrens be-
lässt sich das Tagesausgleichsvolumen aufteilen. stimmt werden.
Richtwerte der Behältergröße sind für Versor- Der Speicherinhalt ergibt sich aus den größten
gungsgebiete bis 4000 m3/d Differenzen des Wasserspiegels im Speicherraum.
Nach Tabelle 5.4-7 (s. auch Abb. 5.4-15) ist V =
– bei Qdmax < 2000 m3: Nutzinhalt = Qdmax , y1 + y2 = |–9,47| + 4,43 = 13,9% von Qdmax.
– bei Qdmax > 2000 m3: Abminderungen bis 20% Der Sicherheitsvorrat ist vom System der Zu-
möglich; bringerleitung und von Betriebsstörungen abhän-
gig. Als Richtgröße kann für die Größe des not-
für Versorgungsgebiete >4000 m3/d
wendigen Sicherheitsvorrats folgende Formel an-
– Nutzinhalt etwa (0,3…0,8) · Qdmax. gesetzt werden:
5.4 Wasserversorgung 1931

Zur Planung eines Rohrnetzes gehört:


(5.4.17)
í die Erkundung der Trasse (das Trassieren)
í die bildhafte Darstellung (das Zeichnen von
mit
Plänen)
Vsi Sicherheitsvorrat (m3),
í das Bemessen der Rohrleitung
Qdm durchschnittlicher Tagesbedarf (m3/d),
í die Wahl der Rohrnetzwerkstoffe und der Art
nZ Anzahl der Zuleitungen,
der Einbauteile (Armaturen)
tA Ausfalldauer.
Hydraulische Berechnung von
Der Löschwasserbedarf wird gemäß Tabelle 1 des Druckrohrleitungen
DVGW-Arbeitsblattes W 405 2008 berechnet. Ab- In der Wasserverteilung können die meisten hy-
hängig von der baulichen Nutzung und der Größe draulischen Zustände stationär beschrieben wer-
der Gefahrenausbreitung beträgt die Löschwasser- den. Instationäre Zustände, das heißt Zustände, in
menge in der Regel 96 m3/h, in Ausnahmefällen denen sich der Druck oder der Durchfluss inner-
192 m3/h. halb kurzer Zeit (z. B. Druckstöße bei Abschiebern
einer Leitung, Pumpenausfall) ändert, werden im
Folgenden nicht behandelt.
5.4.8 Wassertransport, Die Verlusthöhe hv in Druckrohrleitungen kann
Wasserverteilung durch das Darcysche Widerstandsgesetz gut be-
schrieben werden (siehe Gleichung 5.4.15). Die
Formel gilt exakt nur für Strömungen in geraden,
Planung von Leitungen
kreisrunden Druckrohren. Je mehr Einzelwider-
Der Wassertransport und die Wasserverteilung wer- stände aus Krümmern, Abzweigungen und Ein-
den in der Wasserversorgung fast ohne Ausnahme in bauten hinzukommen, desto größer sind die zu er-
geschlossenen Rohrleitungen durchgeführt. wartenden Abweichungen. Untersuchungen haben
Man unterscheidet zwischen den Leitungen, die jedoch gezeigt, dass die Anwendung einer inte-
dem Transport des Trinkwassers von den Gewin- gralen Rauheit ki in folgenden Fällen zu einer ho-
nungs-, Aufbereitungs- und Speicheranlagen zum hen Übereinstimmung zwischen Rechnung und
Versorgungsgebiet dienen, und denen, die das Was- Messung führt:
ser innerhalb von Versorgungsgebieten bis zu den
einzelnen Verbrauchern verteilen. – ki = 0,1 mm: Fernleitungen und Zubringerlei-
Mit der europäischen Systemnorm DIN EN 805 tung mit gestreckter Leitungsführung,
„Anforderungen an Wasserversorgungssysteme und – ki = 0,4 mm: Hauptleitungen mit weitgehend
deren Bauteile außerhalb von Gebäuden“ im März gestreckter Leitungsführung,
2000 wurden vom DIN gleichzeitig die bisherigen – ki = 1,0 mm: neue, stark vermaschte Netze.
Normen für die Bauausführung und Druckprüfung
von Rohrleitungen DIN 19630 und DIN 4279 kom- Zu beachten ist, dass der ki-Wert werkstoffabhän-
plett bzw. teilweise zurückgezogen, obwohl deren gig ist und der von Kunststoffmaterialien über
Inhalte durch die DIN EN 805 nicht vollständig ab- Steinzeug, Gusseisen bis zu Beton hin zunimmt.
gedeckt werden. Die dadurch entstandenen Lücken Für ältere Rohrleitungen und Rohrnetze ist die
sowie die zur DIN EN 805 erforderlichen ergän- Messung und Bestimmung der Rauhigkeit vor Ort zu
zenden Konkretisierungen werden durch das DVGW empfehlen.
W 400 „TRWV Technische Regeln Wasservertei- Für die angegebenen Rauheiten ki sind Tabellen
lungsanlage“ in 3 Teilen abgedeckt. und Druckverlusttafeln in z. B. [DVGW-W 302
1981] für DN 40 bis DN 2000 enthalten.
í W 400 – 1 Planung (Okt. 2004)
í W 400 – 2 Bau und Prüfung (Sept. 2004) Transportleitungen
í W 400 – 3 Betrieb und Instandhaltung (Sept. Transportleitungen sind definitionsgemäß Rohrlei-
2006) tungen, die dem Transport von Wasser über größe-
1932 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

re Entfernungen, ohne Anschluss von einzelnen Um Schäden durch Frost bzw. zu hohen Was-
Abnehmern dienen. Im Allgemeinen werden unter- sertemperaturen zu vermeiden, sind Leitungen in
schieden: Deutschland unter Berücksichtigung regionaler
Klimadaten in einer Mindesttiefe von 1,0 bis 1,5 m
í Fernleitungen (im allgemeinen über 25 km Län- zu verlegen. Die Ermittlung der erforderlichen
ge, ab DN 500 und Q > 0,5 m3/s) Verlegetiefen von Wasseranschlussleitungen er-
í Zubringerleitungen (Leitungen zwischen Was- folgt im Detail nach [DVGW-W 397 2004].
serwerk und Versorgungsnetz) Entlüftungsventile müssen an den Hochpunkten
í Hauptleitungen (Leitungen im Versorgungsge- der Leitungen eingebaut werden. An den Hoch-
biet, ohne Anschlussleitungen). punkten sammelt sich Luft, die aus dem Wasser bei
steigender Temperatur und abnehmendem Druck
Üblicherweise werden Transportleitungen als ausgast, und führt zu Querschnittsverengungen
Druckleitungen ausgeführt. Freispiegelkanäle set- und unter Umständen zu erheblichen Druckver-
zen entsprechende Topographie voraus und sind lusten. Entleerungseinrichtungen sind an den Tief-
nicht für große Durchflussschwankungen geeignet. punkten vorzusehen. Absperreinrichtungen und
Die Leitungstrassierung ist mit der Raumpla- Rohrbruchsicherungen sollten zur Sicherung der
nung abzustimmen. Die Leitungen sind auf mög- Leitungen in ausreichenden Abständen eingebaut
lichst kurzem Weg durch freies Gelände zu führen. werden. Die Fließgeschwindigkeit sollte in den
Trassierungen durch Ortschaften, Verkehrsflächen Leitungen 2,0 bis 3,0 m/s nicht überschreiten.
und Waldgebiete sind zu vermeiden, da es sich um Kleinere Rohrdurchmesser mit hohen Durchfluss-
störende Eingriffe handelt bzw. unsichere Bau- geschwindigkeiten verringern zwar die Investitions-
grundfragen mit erhöhten Planungs- und Vorer- kosten der Rohrverlegung, durch die hohen Druck-
kundungsaufwendungen auftreten können. Steil- verluste steigen jedoch die Betriebskosten. Bei
hänge sind möglichst in der Falllinie zu überwin- längeren Leitungen und insbesondere bei Fernlei-
den. Verkehrsflächen (Straßen, Schienen) sind tungen sind die Wirkungen instationärer Strö-
rechtwinklig zu kreuzen. Gewässer werden in der mungsverhältnisse zu berücksichtigen. Dabei ist
Regel durch Düker oder an Brücken gekreuzt. die mehrfache Unterbrechung der Transportleitung
durch Zwischenbehälter oft sinnvoll [DVGW-GW
303-1 2006, DVGW-W 400-1 2004].

Versorgungsnetze
Die Wasserverteilung im Versorgungsgebiet er-
folgt über Rohrnetzsysteme.
Grundsätzlich lassen sich Verästelungsnetze,
Ringnetze und vermaschte Ringnetze unterschei-
den (Abb. 5.4-16).
Da die Versorgungsnetze meist historisch ge-
wachsen sind, herrschen häufig Mischformen der
einzelnen Systeme vor. Innerhalb der geschlos-
senen Bebauung finden sich meist vermaschte
Ringnetze, dessen Vorteile bezüglich der Betriebs-
sicherheit (hohe Versorgungssicherheit und Leis-
tungsreserven) offensichtlich sind.
In den Außenbereichen überwiegen die Vorteile
der Verästelung. Die Verweilzeiten sind bei ver-
maschten Netzen nicht zu hoch, Betriebsunterbre-
chungen betreffen nur wenige Abnehmer. Jedoch
Abb. 5.4-16 Versorgungsnetze (nach [DVGW-W 403 1998, kann in Diagonalsträngen Stagnation auftreten mit
S. 16]) entsprechenden Veränderungen der Wassergüte. In
5.4 Wasserversorgung 1933

den Endsträngen muss der Löschwasserbedarf sion. Zum Schutz gegen Rostbildung wurden die
nicht vorgehalten werden. anfangs unbeschichteten Rohre mit Bitumenlack,
später zusätzlich mit Spritzverzinkung bearbeitet.
In einem neutralen Sandbett ist diese Schutzart für
5.4.8.1 Rohre in der Wasserverteilung
alle nicht-aggressiven Böden geeignet. Eine Wei-
Das Rohrnetz der öffentlichen Wasserversorgung terentwicklung stellt die Zementmörtelauskleidung
umfasst in Deutschland rund 515.000 km. Der An- sowie Umhüllungen aus Polyethylen und/oder fa-
schlussgrad der Bevölkerung an die öffentliche serverstärktem Zementmörtel dar. Nach [DIN
Wasserversorgung beträgt zurzeit in Deutschland 30675-2 1993] sind diese Umhüllungen für alle
über 99% [BDEW Branchenbild der deutschen Bodenarten geeignet und bei der Faserzement-Um-
Wasserwirtschaft 2008]. hüllung kann sogar auf das Sandbett verzichtet
Zu den Bestandteilen des Rohrnetzes gehören werden. Dies spart erhebliche Kosten ein. [Roscher
die Rohre selbst sowie die Rohrverbindungen, 2000]. Die Rohrverbindungen sind entweder starr
Formstücke, Armaturen und andere Einbauten. Die (z. B. Stemmmuffenverbindungen) oder beweglich
unterschiedlichen Werkstoffe der Rohre lassen sich (z. B. Schraubmuffenverbindung – Abwinkelbar-
nach ihrer Festigkeit, Korrosionsbeständigkeit, keit 3°) lieferbar. Duktile Gussrohre gibt es für
den anfallenden Kosten und vielen anderen Krite- Nennweiten von DN 80 bis DN 2000 und Nenn-
rien unterscheiden. Jedes Rohrmaterial besitzt Vor- drücken zwischen 16 und 40 bar. Die Baulängen
und Nachteile und muss, entsprechend geeigneter liegen maximal bei 6–8 m.
Vorgabekriterien, vom Planer ausgewählt werden.
Folgende Werkstoffe werden im Rohrleitungs- Stahlrohre
bau der öffentlichen Wasserversorgung im Allge- Stahl ist ein Eisenwerkstoff mit einem Kohlen-
meinen verwendet, wobei Kunststoffrohre bei stoffgehalt von ca. 1,7%. Durch mehrere zusätz-
Neuverlegungen in den letzten Jahren den größten liche Begleitstoffe erhält der Stahl seine hohe Fes-
Anteil besitzen: tigkeit, große Bruchdehnung und gute Schweiß-
barkeit. Die maximalen Leitungslängen von Stahl-
í Gusseisen rohren liegen bei 16 bis 18 m, bei maximalen
í Stahl Durchmessern von DN 1200. Die Schweißbarkeit
í Zementgebundene Werkstoffe ermöglicht eine Strangverlegung. Das Schneiden
í Kunststoffe und Schweißen vor Ort ermöglicht eine lage- und
höhenmäßige Anpassung der einzelnen Rohre. (z.
Die Rohre besitzen in der Wasserversorgung aus- B. bei Düker und Kreuzungen). Die Rohre werden
schließlich kreisförmige Querschnitte. Die Be- meistens mit einer Stumpfschweißverbindung ver-
zeichnung erfolgt nach der Nennweite (DN), d. h. bunden.
im Allgemeinen dem Innendurchmesser des Rohres Es handelt sich um längskraftschlüssige Verbin-
in Millimeter. Eine weitere wesentliche Größe ist dungen. Von Nachteil ist die hohe Korrosionsemp-
der Nenndruck (PN) in bar, der dem zulässigen Be- findlichkeit. Typischerweise kommt es zu ebenmä-
triebsdruck in der Leitung entspricht. ßiger Korrosion oder zu Lochfraß. Bei der eben-
mäßigen Korrosion entsteht in der Praxis meist
Gussrohre eine narbig ausgebildete Oberfläche. Beim Loch-
Seit 1951 werden in Deutschland größtenteils duk- fraß kommt es zu einem örtlichen Korrosionsan-
tile Gussrohre verwendet. Sie sind eine Weiterent- griff. Die zu Beginn kraterförmigen Vertiefungen
wicklung der ursprünglichen Graugussrohre. Duk- führen am Ende zu Durchlöcherungen [Roscher
tiles Gusseisen ist im Gegensatz zu Grauguss plas- 2000]. Korrosionsschutzmaßnahmen sind daher
tisch verformbar. Überbeanspruchungen führen unumgänglich. Für den Innenschutz eignet sich
nicht zum Bruch, sondern werden durch Verfor- eine Zementmörtelauskleidung, für den Außen-
men abgebaut. Duktiles Gusseisen ist generell et- schutz eine Umhüllung aus Polyethylen. Längere
was korrosionsanfälliger als Grauguss. Hierbei Stahlleitungen werden häufig auch kathodisch ge-
kommt es besonders zur Mulden bzw. Lochkorro- schützt.
1934 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Betonrohre den von Anlagenteilen, schließlich der Entnahme


Stahlbeton- und Spannbetondruckrohre werden von Wasser, der Be- und Entlüftung und der Druck-
vorwiegend für größere Leitungsdurchmesser zwi- begrenzung. Die Auslegung von Armaturen in
schen DN 250 und DN 4000 verwendet. Die Rohre erdverlegten Leitungen soll eine Funktionsdauer
sind bis zu 5,0 m lang. Stahlbetonrohre werden für von 50 Jahren garantieren. In Trinkwassernetzen
geringe Drücke bis 2,5 bar (z. B. Entleerungslei- wird eine Nenndruckstufe von mindestens PN 10
tung) hergestellt. Spannbetonrohre hingegen für (10 bar) verlangt. Im Vergleich zu metallisch dicht-
Drücke bis 25 bar. Die Bemessung bestimmt sich enden früheren Bauarten werden heute bis PN 25
nach den Belastungsannahmen für Auflast und weichdichtende Bauarten in der Regel bevorzugt.
Rohrinnendruck. Als Rohrverbindungen werden Das Dichtungsmaterial muss den hygienischen
Glockenmuffen- und Rollringdichtungen verwen- Anforderungen nach der gesundheitlichen Beurtei-
det. lung von Kunststoffen und anderen nichtmetal-
Korrosionsschutzmaßnahmen sind selbst bei lischen Werkstoffen gemäß dem Lebensmittel- und
langer Nutzung nicht erforderlich. Kunststoffüber- Bedarfsgegenständegesetz für den Trinkwasserbe-
züge oder bituminöse Beschichtungen bieten aus- reich (KTW Empfehlungen) des Bundesgesund-
reichenden Schutz bei besonders aggressiven Wäs- heitsamtes und den Anforderungen des DVGW-W
sern oder Böden. 270 2007 genügen.

Kunststoffrohre
5.4.8.3 Wasserdurchflussmessung
In Deutschland werden in der Wasserversorgung
und Wasserzählung
vorwiegend Polyethylen (PE) und Polyvinylchlorid
(PVC) eingesetzt [Roscher 2000]. Inzwischen Die Wasserzählung bezeichnet die summarische
wurde PVC jedoch durch den moderneren Erfassung der Wassermenge für einen bestimmten
Kunststoff PE-HD (Polyethylen hoher Dichte) er- Zeitraum in der Einheit [m3] oder [l] (Liter). Die
setzt. Er zeichnet sich durch Korrosionsbeständig- Messgeräte werden daher als Wasserzähler be-
keit, hohe Elastizität sowie geringe hydraulische zeichnet. Der Wasser- bzw. Durchflussmesser zeigt
Rauhigkeit aus. Da PE-HD sehr leicht und gut den Wasserdurchfluss an, d. h. die Wassermenge,
schweißbar ist, kann der Werkstoff ausgezeichnet die pro Zeiteinheit eine Messstelle durchfließt, in
transportiert und verarbeitet werden. Laut [DVGW- der Einheit [m3/h] oder [l/s].
W 400-1 2004] ist PE-HD empfindlich gegenüber Wasserdurchflussmessungen und Wasserzäh-
örtlichen Spannungsspitzen, weshalb auf einen ex- lungen sind in Wasserversorgungsanlagen vorwie-
akten Einbau und eine Bettung in reinem Quarz- gend in Druckleitungen üblich.
sand geachtet werden sollte. Eine zunehmende Be- Typische Anwendungen sind:
deutung erlangt dieser Kunststoff durch das Reli-
ning-Verfahren, bei dem PE Rohre in schadhafte Ɣ Wasserdurchflussmesser
Altrohre eingezogen werden [DVGW-W 400-1 – im Rohrnetz, zur Erfassung der momentanen
2004]. Abgabe,
Die Rohre werden bis DN 1000, GFK-Rohre – im Wasserwerk, für den technischen und wirt-
sogar bis DN 2000 angeboten. PVC-Rohre sind schaftlichen Betrieb der Anlage,
ausgelegt auf Nenndrücke zwischen 4 und 16 bar,
PE-Rohre zwischen 2,5 und 10 bar. Die Rohrlänge Ɣ Wasserzähler
ist bei PE-Rohren beliebig wählbar, PVC-Rohre – am Pumpwerk, zur Ermittlung des geför-
sind zwischen 5 und 12 m lang. derten Wassers,
– an den Verbrauchsstellen, zur Ermittlung der
abgegebenen Wassermenge an den Verbrau-
5.4.8.2 Armaturen
cher,
Armaturen in Rohrleitungsanlagen dienen der Ein- – im Wasserwerk, für den technischen und wirt-
stellung von Volumenstrom und Druck, der Rück- schaftlichen Betrieb der Anlage.
flussverhinderung sowie dem Trennen und Verbin-
5.4 Wasserversorgung 1935

Die technischen Regeln für die Volumen- und 5.4.9 Energieoptimierung und
Durchflussmessung befinden sich im DVGW-W Kosteneinsparpotentiale
406 2003. Das Merkblatt behandelt alle Wasser-
zähler, magnetische und induktive Durchfluss-
5.4.9.1 Allgemeines
messgeräte (MID) und Ultraschall-Durchfluss-
messgeräte (USD). Wohnungswasserzähler werden Die öffentliche Wasserversorgung ist der Lieferant
nicht behandelt. Diesbezüglich sei auf das DVGW des wichtigsten Naturproduktes und sieht sich aus
Merkblatt W407 2001 verwiesen. diesem Grund trotz eines vergleichsweise geringen
Anteils am Gesamtenergieverbrauch in der Pflicht,
Messprinzipien und -geräte mit den Ressourcen Wasser und Energie sparsam
Volumetrische Zähler und Geschwindigkeitszäh- und verantwortungsvoll umzugehen.
ler. Den Durchfluss zerlegt man in einzelne Mess- Nicht zuletzt wegen dem Vorsorgegrundsatz
raumfüllungen (Kolbenhub, Kolbendrehung, Raum sollten Energieeinsparungsmöglichkeiten und da-
zwischen den Flügeln eines Messrades) und zählt mit nicht zuletzt auch Kosteneinsparpotenziale ab-
die Anzahl der Füllungen bzw. Umdrehungen des geleitet werden.
Rades. Energiesparpotentiale ergeben sich hauptsäch-
Die gebräuchlichste Form der Wasserzähler in lich für elektrische Energie, allerdings auch für
deutschen Haushalten ist der Flügelradzähler mit Gas und Heizöl. Durch die Einsparung von elek-
ca. 90% Anteilen. Wasserzähler mit Gewindean- trischer Energie wird die Freisetzung von CO2 re-
schluss und einem Nenndurchfluss von Qn ” 10 m3/ duziert [DVGW Wasser Information Nr. 77 2010].
h werden üblicherweise als Hauswasserzähler be- Die Optimierung der Energieumsetzung und
zeichnet. der damit einhergehenden Kostensenkung lassen
Auf Unterflurhydranten werden so genannte sich in den Anlagen der Wasserversorgung auf ver-
Standrohrzähler eingesetzt. Für die Messung von schiedenste Art und Weise sowohl in der Wasser-
großen Volumenströmen werden Großwasserzäh- förderung und -verteilung als auch in der Wasser-
ler (Woltmannzähler) oder Verbundzähler einge- aufbereitung realisieren.
setzt. Es sollte jedoch darauf geachtet werden, dass
Magnetisch induktive Wasserzähler (MID) er- die Versorgungssicherheit immer oberste Priorität
fassen die von einer elektrisch leitenden Flüssig- hat.
keit beim Durchfliesen eines Magnetfeldes eine Weiterhin ist darauf Wert zu legen, dass durch
der Fließgeschwindigkeit und in der Flüssigkeit die Maßnahmen keine Unfall- oder andere Ge-
vorhandenen Ladungsträgern proportional er- sundheitsgefahren entstehen.
zeugte Spannung. Vorteile sind Verschleißfreiheit Eine Erhebung in den Wasserversorgungsunter-
nahe zu Druckverlustfreiheit hohe Messgenauig- nehmen im Jahre 2005, die ca. 30% der gesamten
keit, Nachteile eine Mindestleitfähigkeit des För- Wasserabgabe 2005 des Landes ausmachten, er-
dermediums und ein Strombedarf im Betrieb. gab, dass der durchschnittliche Energiebedarf bei
Ultraschall Durchflussmesser basieren auf der Wassergewinnung und- Verteilung bei 0,38 kWh/
Messung der Strömungsgeschwindigkeit des Flu- m3 lag [Bodensee-Wasserversorgung, 2007].
ids mit Hilfe elektromagnetische Wellen be- Eine Energiebilanz im WVU sollte durchge-
stimmter Wellenlängen oberhalb der Hörschwelle führt werden um die Energieflüsse zu zeigen
des Menschen (20 kHz). Sie arbeiten druckverlust- [DVGW Information Wasser Nr. 77 2010].
frei, sind verschleißfrei und auch in nicht leitenden
Flüssigkeiten einsetzbar.
5.4.9.2 Wasserförderung
Die meiste Energie in der Wasserversorgung wird
für die Wasserförderung benötigt. Die höchsten
Optimierungspotentiale bieten sich in diesem Be-
reich:
1936 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

– durch die Anpassung der Pumpen an die Anla- – Filteranlagen: Filterlaufzeiten verlängern,
genkennlinie, wobei der Wirkungsgrad von – Chloranlagen: Beheizung optimieren durch Ein-
Pumpen (s. auch Abb. 5.4-14) und Antrieben be- haltung von Mindesttemperaturen,
rücksichtigt werden muss, – Ozonanlagen: Einbringungsenergie reduzieren
– durch die Abstimmung der wirtschaftlichsten durch Erhöhung der Ozonkonzentration im
Rohrnennweite (DN) unter Berücksichtigung Gas,
der anfallenden Energie- (Rohr- und Einzelver- – Chemikaliendosierung: Beheizung optimieren
luste) und Festkosten (Leitungsbau), sowie Lager- und Dosieranlagen bei tempera-
– durch die Minimierung von Leitungsverlusten turempfindlichen Chemikalien isolieren,
durch geeignete Wahl der Werkstoffe, Form- – Schlammentwässerung: Energietechnisch sinn-
stücke, Armaturen und Messeinrichtungen. vollstes Verfahren auswählen.

Oft entzieht man überschüssige Restenergie aus Mittels Wärmepumpen kann die Abwärme aus An-
Fallleitungen durch Drosselung mit Armaturen triebsmotoren für die Beheizung von Räumen di-
oder Blenden einer weiteren Nutzung. Durch Ein- rekt genutzt werden. Bei Mehrschichtfiltern kön-
satz von Kreiselpumpen als Turbinen kann die hy- nen die Rückspülintervalle gegenüber Ein-
draulische Energie in mechanische Energie umge- schichtintervallen vergrößert werden [Wasserver-
formt und damit größtenteils als elektrische Energie sorgung, Heft 2, S. 48, 2007].
zurückgewonnen werden. Durch die geeignete Wahl des Wasservorkommens
Bei der Wassergewinnung kann durch Brunnenre- kann indirekt Energie eingespart werden. Dabei
generierung, d. h. Wiederherstellung der Leistungsfä- sollten sowohl die Qualität des Rohwassers als auch
higkeit (z. B. nach Versandung,Verockerung, Versin- die Wahl der Aufbereitungsverfahren unter energe-
terung) des Brunnens, der Energiebedarf erheblich tischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Energie-
gesenkt werden. Wasserverluste in Rohrleitungen intensive Verfahren, wie z. B. eine Ozonung oder UV
führen immer zu Energieverlusten , da auch dieses – Bestrahlung, sollten hinsichtlich energiesparender
Wasser gefördert, aufbereitet und transportiert wer- Alternativen überprüft werden [DVGW – Informa-
den muss. Deshalb ist der qualifizierte Bau und Be- tion Wasser 77 2010].
trieb der Leitungen genauso wichtig wie die Überwa-
chung und Instandhaltung der Anlagen. 5.4.10 Automatisierungstechnik
Im DVGW Information Wasser Nr. 77 2010
„Handbuch Energieeffizienz/Energieeinsparung in Ziel des Betriebes einer Wasserversorgungsanlage
der Wasserversorgung“ Abschnitt 3.7 sind mögliche ist es, ein optimales Zusammenwirken aller Be-
Energieeinsparpotenziale und entsprechende Maß- reiche von der Gewinnung bis zum Verbraucher si-
nahmen in der Wasserförderung aufgeführt. Im Be- cher zu stellen [Moser 1988]. Während ihres Be-
zug auf Pumpen wird auf deren korrekten Betrieb, triebs müssen maschinelle und elektrische Anlagen
Dimensionierung und die Rohrleitungsführung vor kontinuierlich auf ihre betriebsrelevanten Daten hin
und nach den Pumpen eingegangen. kontrolliert werden [Naumann 1984]. Früher wur-
den die erforderlichen Sollwerte manuell erreicht,
heute haben die meisten Wasserversorgungsunter-
5.4.9.3 Wasseraufbereitung
nehmen zumindest in Teilbereichen ihrer Anlagen
Ähnlich wie bei der Wasserförderung, stehen bei Automatisierungssysteme. Die rasche Weiterent-
der Wasseraufbereitung die verfahrenstechnischen wicklung von Hard- und Software führte in den letz-
Aspekte und die Versorgungssicherheit im Vorder- ten Jahren dazu, dass selbst einfache Steuerungen
grund. Aber auch hier gibt es mögliche Einsparpo- günstiger mit speicherprogrammierbaren Steue-
tentiale. rungen (SPS) zu verwirklichen sind als mit her-
Beispielhaft seien hier Empfehlungen in kömmlicher Relaistechnik. Die Entwicklung der
[DVGW-W 611 1996] für folgende Anlagen ge- Wasserwerksautomatisierung wurde bisher vorwie-
nannt: gend aus der Sicht der Prozessleittechnik betrachtet.
Die Verbesserung der Automatisierungskomponen-
5.4 Wasserversorgung 1937

ten und ihre gleichzeitige Verbilligung ermöglichen richtungen, die zum Steuern und Regeln in Was-
einen wirtschaftlichen Einsatz für die Prozessfüh- serversorgungsanlagen eingesetzt werden. Dieses
rung. Die Anforderungen der nächsten Jahrzehnte Arbeitsblatt ersetzt die DVGW-Merkblätter W 640
werden dagegen bestimmt durch: und W 641.
Das DVGW-Arbeitsblatt W 645-3 2006 (A),
í schwieriger werdende Umweltbedingungen mit „Überwachungs-, Mess-, Steuer- und Regelein-
Auswirkungen auch auf die Wasserwerksbe- richtungen in Wasserversorgungsanlagen – Teil 3:
triebe und Prozessleittechnik“ unterstützt bei der Planung
í den daraus resultierenden Zwang, über die Pro- und Einführung von Prozessleitsystemen, die so-
zessleittechnik hinauszudenken. wohl bei der Teil- als auch Vollautomatisierung
zum Einsatz kommen. Ein teilautomatisierter Be-
Nach der Verordnung über Allgemeine Bedin- triebszustand ist in der Regel mit geringem Auf-
gungen für die Versorgung mit Wasser (AVBWas- wand realisierbar. Eine vollautomatisierte Be-
serV) § 5 Umfang der Versorgung, Benachrichti- triebsweise ist nur bei Kenntnis aller maßgeblichen
gung bei Versorgungsunterbrechungen gilt (1): Einflussgrößen auf den Betriebsablauf und des je-
„Das Wasserversorgungsunternehmen ist ver- weils optimal angepassten Betriebszustand mög-
pflichtet, das Wasser unter dem Druck zu liefern, lich.
der für eine einwandfreie Deckung des üblichen
Bedarfs in dem betreffenden Versorgungsgebiet er- 5.4.11 Trinkwasserinstallation
forderlich ist“.
Dies wird durch den Einsatz von Einrichtungen In DIN 1988 sind in acht Teilen mit Anhängen die
zum Messen, Regeln, der Prozessleitung und technischen Regeln zum Erstellen und Betreiben
Steuerung in den Wasseranlagen gewährleistet. von Trinkwasserinstallationen festgelegt. Die DIN
Das DVGW-Arbeitsblatt W 645-1 2007 behandelt 1988 befasst sich mit Trinkwasseranlagen sowohl
Messeinrichtungen, die in Anlagen zur Erfassung in Gebäuden als auch auf Grundstücken. Dies
von Wassergüteparametern, wie z. B. pH-Wert, schließt die Anschlussleitungen, von der Versor-
Trübung, Leitfähigkeit und Chlor eingesetzt wer- gungsleitung bis zur Übergabestelle (Hauswasser-
den. Dieses Arbeitsblatt ersetzt die DVGW-Merk- zähler), die Wasserzählanlagen mit Absperr- und
blätter W 642 und W 643. Prüfvorrichtungen sowie die Verbrauchsleitungen
Das DVGW-Arbeitsblatt W 645-2 2009 (A), ein [Volger/Laasch 1994]. Seit 1989 arbeitet man
„Teil 2: Steuern und Regeln“ befasst sich mit Ein- daran, technische Regeln der DIN 1988 europaweit

Abb. 5.4-17 Verlegung von Anschlussleitungen [Soiné et al. 1988, S. 299]


1938 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

in Einklang zu bringen. Mittlerweile liegen vor: EN Hauseinführung im Anschlussraum eingebaut. Teil


806-1, Entwürfe zu Teil 2 und 3 zur formellen Ab- der Wasserzählanlage sind die Hauptabsperrarmatur
stimmung und Rohentwürfe zu Teil 4 und 5. Teil 4 vor und die Absperrarmatur mit Rückflussverhinderer
der DIN 1988: „Schutz des Trinkwassers, Einhal- hinter dem Wasserzähler. Der Einbau der Wasserzähl-
tung der Trinkwassergüte“ ist Gegenstand der Norm anlage erfolgt möglichst waagerecht, frostgeschützt
EN 1717. DVGW und DIN (Deutsches Institut für und leicht zugänglich.
Normung) haben sich darauf verständigt, dass bis Die Verbrauchsleitungen des Gebäudes beginnen
zum Erscheinen aller Teile der EN 806 die DIN hinter der Wasserzählanlage. Die Unterteilung erfolgt
1988 gültig bleibt, um für Planer und Betreiber der nach Verteilungsleitungen im Keller, Steig- und
Installationen Rechtssicherheit zu gewährleisten. Stockwerkleitungen sowie Einzelzuleitungen und
Bezüglich aktueller Informationen zum Stand der Zirkulationsleitungen. DIN 1988 Teil 3 regelt die Be-
Technik in der Hausinstallation sei auf das Buch: rechnung der Leitungen.
„Praxis der Trinkwasser-Installation“, DVGW
Fachbuchreihe Praxis, Bonn (2002).
5.4.11.3 Schutz des Trinkwassers, Erhaltung
der Trinkwassergüte
5.4.11.1 Zuständigkeit
Störende Einwirkungen auf Einrichtungen des
Das Verhältnis zwischen Wasserversorgungsunter- WVU oder Dritter und Rückwirkungen auf die
nehmen (WVU) und Kunden wird durch die „Ver- Trinkwassergüte dürfen nicht vorkommen. Zu Be-
ordnung über Allgemeine Bedingungen für die einträchtigungen kann es zum Beispiel durch Ver-
Versorgung mit Wasser“ (AVBWasserV) vom unreinigungen, Frost oder Erwärmung kommen.
20.06.1980 i. d. g. F. (s. Normen) geregelt. Laut Die Trinkwassergüte ist daher bis zum Ende der In-
AVBWasserV endet die Verantwortung des WVU stallationsanlage zu erhalten. Damit eine Trinkwas-
am Hausanschluss. Gemäß §12 (2) dürfen An- serverschmutzung mit ausreichender Sicherheit ver-
schlussnehmer nur unter Beachtung der gesetz- mieden wird, sind für Hausinstallationen eine Sam-
lichen Vorschriften, behördlicher Bestimmungen melsicherung (Rückflussverhinderer, Rohrunterbre-
und der anerkannten Regeln der Technik (DIN cher) und für die einzelnen Entnahmestellen im
1988) Anlagen errichten, erweitern, ändern und Bedarfsfall zusätzlich Einzelsicherungen einzubau-
unterhalten. Arbeiten an größeren Anlagen müssen en. Erdverlegte Leitungen können vor Frost ge-
vom WVU oder einer anerkannten Installationsfir- schützt werden, wenn sie in ausreichender Tiefe
ma durchgeführt werden. verlegt werden. Dämmmaterialien schützen Leitun-
Aus diesem Grund hat das WVU das Recht eine gen und Wasserzähler in Gebäuden. Frostgefährdete
Prüfung der Kundenanlagen bei Herstellung und Leitungen müssen Absperr- und Entleerungs-
Änderung vorzunehmen und bei besonders großen möglichkeiten bieten. Zu einer unerwünschten Er-
Mängeln den Anschluss an das Versorgungsnetz zu wärmung des Wassers kann es in Leitungen in un-
verweigern. mittelbarer Nähe von Heizungsanlagen oder Warm-
wasserleitungen v. a. bei längeren Stagnationszeiten
kommen. Derartige Leitungen sind am besten zu
5.4.11.2 Anschluss
vermeiden [Volger/Laasch 1994].
Anschlussleitungen werden an jedes Grundstück Trinkwasseranlagen (Hausinstallation) dürfen
gelegt. Sie zweigen von der Straßenleitung mög- nicht mit Nicht-Trinkwasseranlagen und Eigen-
lichst rechtwinklig ab, damit der Kunde auf dem wasserversorgungsanlagen verbunden werden
kürzesten Weg an das Versorgungssystem ange- (DIN 2000). Die Einspeisung von Trinkwasser aus
schlossen wird. Jede Anschlussleitung wird mit ei- dem öffentlichen Versorgungsnetz darf deshalb in
ner Absperreinrichtung ausgestattet (Abb. 5.4-17). diesem Fall nur über einen freien Auslauf in die
Bei der Hauseinführung der Anschlussleitung Hausanlage erfolgen. Dies erfolgt entweder über
muss die Leitung durch ein Schutzrohr gegen schäd- einen Hochbehälter oder über einen Tiefbehälter.
liche Beanspruchungen geschützt werden. Der Was- Gemäß DIN 1988-4 (TRWI) sind in DIN EN
serzähler des WVU wird meist direkt hinter der 1717 fünf Gefahrenklassen (Kategorien) bestimmt
5.4 Wasserversorgung 1939

worden, die den Maßstab der Absicherung von Ap- zen.Auf der anderen Seite kann es zu Schäden kom-
paraten in der Trinkwasserinstallation festlegen: men, zum Zuwachsen von Leitungen bzw. Arma-
turen oder zur Beeinträchtigung der Wasserqualität.
í Kategorie 1: Wasser für den menschlichen Ge- Ausschlaggebend für Korrosionsprozesse sind
brauch bei direkter Entnahme aus einer Trink-
wasserinstallation ohne Gefährdung der Ge- – Wasserbeschaffenheit,
sundheit oder Beeinträchtigungen – z. B. vo- – Art und Qualität des Werkstoffs,
rübergehende Trübung durch Luftbläschen. – Installationsbedingungen,
í Kategorie 2: Flüssigkeiten ohne Gesundheits- – Betriebsbedingungen.
gefährdung, für den menschlichen Gebrauch
geeignet z. B. Kaffee, stagnierendes oder er- Um Schäden zu vermeiden bzw. so gering wie
wärmtes Trinkwasser. möglich zu halten, ist bei der Planung auf die rich-
í Kategorie 3: Flüssigkeiten, die eine Gesund- tige Wahl des Werkstoffs und die Abfolge elektro-
heitsgefährdung durch Anwesenheit von weni- chemisch verschiedener Werkstoffe in Fließrich-
ger giftigen Stoffen darstellen – z. B. Ethylen- tung zu achten (DIN 1988 Teil 7). Bei Innenkorro-
glykol, Kupfersulfatlösung, Heizungswasser sion ist auch eine Nachbehandlung möglich.
ohne Zusatzstoffe oder mit Zusatzstoffen nach Beim Wassertransport sind zu hohe Tempera-
Kategorie 3. turen (>60°C) zu vermeiden, da sie Kalkabschei-
í Kategorie 4: Flüssigkeiten, die eine Gesund- dung begünstigen können (führt zu Steinbildung).
heitsgefährdung durch Anwesenheit von gif- In normalen Kaltwasserrohrleitungen tritt die
tigen, besonders giftigen, radioaktiven, muta- Steinbildung praktisch nicht auf. Die Steinbildung
genen oder kanzerogenen Stoffen darstellen – kann auch durch den Austausch von Calcium- ge-
z. B. Lindan, Parathion, Hydrazin. gen Natrium-Ionen verhindert werden, ist jedoch
í Kategorie 5: Flüssigkeiten, die eine Gesund- nur bedingt empfehlenswert.
heitsgefährdung durch mögliche Anwesenheit Zum Schutz vor Außenkorrosion bei elektrisch
von Erregern übertragbarer Krankheiten darstel- leitenden Verbindungen (z. B. Stahl) kann ein ka-
len –z. B. Hepatitisviren, Salmonellen. thodischer Korrosionsschutz verwendet werden.
Meist setzt man den kathodischen Schutz zusätz-
lich zu einem Schutzüberzug (z. B. PE-Umhüllung,
5.4.11.4 Druckerhöhungsanlagen
Bitumenumhüllung) ein [DIN 1988 Teil 7].
Wenn der vorhandene Wasserdruck nicht ausreicht,
um das gesamte Gebäude (z. B. Hochhäuser) mit
5.4.11.6 Feuerlösch- und Brandschutzanlagen
Trinkwasser zu versorgen, werden Druckerhö-
hungsanlagen (DEA) benötigt. In besonders hohen In der Regel werden Löschwasser- und Verbrauchs-
Gebäuden können verschiedene Druckzonen ein- leitungen eines Grundstücks durch eine gemein-
gerichtet werden. Möglichst gleichmäßige Druck- same Anschlussleitung versorgt. Die Richtwerte
verhältnisse in den Leitungen werden dann durch für den Löschwasserbedarf sind dem DVGW Ar-
Druckventile erreicht. Vor oder hinter der Pumpan- beitsblatt W405 zu entnehmen. In Leitungssträn-
lage sollten Druckbehälter angeordnet werden, um gen mit kleinen Durchflüssen kann der Feuerlösch-
die Anlagenteile vor Druckstößen zu sichern. wasserbedarf für die Auslegung maßgebend wer-
den, wodurch es zu großen Nennweiten und im
Normalbetrieb zu sehr langen Verweilzeiten kom-
5.4.11.5 Korrosion, Steinbildung,
men kann. In diesen Fällen ist zu überlegen, den
Nachbehandlung
Löschwasserbedarf durch Entnahmestellen außer-
Aufgrund chemisch-physikalischer Reaktionen tritt halb des Leitungsnetzes, zum Beispiel Flüsse, Seen
zwischen Werkstoff und tranportiertem Wasser Kor- oder Löschteiche, bereitzustellen. Hierbei ist da-
rosion auf. Im günstigsten Fall entstehen dabei rauf zu achten, dass keine Löschwassereinspei-
Deckschichten aus Korrosionsprodukten, die den sungen über Nichttrinkwasseranlagen (z. B. Lösch-
Werkstoff oft jahrzehntelang vor Angriffen schüt- teiche, Bäche) in das Leitungsnetz möglich sind.
1940 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Um Fehlanschlüsse und andere unsachgemäße VKU Der Verband kommunaler Unter-


Einbauten zu vermeiden, ist der Bau und Betrieb nehmen e. V.
von Feuerlösch- und Brandschutzanlagen mit der WHG Wasserhaushaltsgesetz
örtlichen Feuerwehr abzusprechen und vom WVU WRRL Wasserversorgungsunternehmen
zu genehmigen. WW Wasserwerk
In normalen Wohngebäuden ist keine Lösch-
wasserverteilung vorgesehen. Die Löschleitung Literaturverzeichnis Kap. 5.4
wird im Bedarfsfall von der Feuerwehr vorgenom-
AVBWasserV (1980) Verordnung über Allgemeine Bedin-
men. In besonderen Gebäuden (große Wohn-,
gungen für die Versorgung mit Wasser i.d.g.F.
Büro- und Industrieanlagen) erfolgt die Löschwas- Baur A (1992) Wasserspiele. Oldenbourg-Verlag, München
serverteilung innerhalb des Gebäudes über fest in- BGW (Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirt
stallierte Düsenanlagen (offene Düsen oder Sprink- schaft)(Hrsg.)(1995) 106. Wasserstatistik. Berichtsjahr
leranlage) oder Hydranten (Unterflur-, Überflur- 1994. Bundesverband der deutschen Gas- und Wasser-
oder Wandhydranten), die über Rohrleitungen mit- wirtschaft e.V., Bonn
einander verbunden sind. BDEW, ATT, DBVW, DVGW, DWA und VKU (2008)
Branchenbild der deutschen Wasserwirtschaft 2008.
Abkürzungen zu 5.4 wvgw Wirtschafts- und Verlagsgesellschaft Gas und
Wasser mbH, Bonn
BGW (1995) Entwicklung der öffentlichen Wasserversor-
AVBWasserV Verordnung über Allgemeine Be- gung 1990-1995. Bundesverband der deutschen Gas-
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Wasser Bischofsberger W (1983) Automatisierung in Wasserwer-
ATT Die Arbeitsgemeinschaft Trinkwas- ken. Berichte aus Wassergütewirtschaft und Gesund-
sertalsperren e.V. heitsingenieurwesen Nr-42, TU München
BDEW Bundesverband der Energie- und Bodensee-Wasserversorgung (2007) Fachveröffentlichung
Wasserwirtschaft e.V., Bonn Wissensdurst. Heft 2, S.48
BfG Bundesanstalt für Gewässerkunde Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktor-
sicherheit (2008) „Nitratbericht 2008“
BGR Bundesanstalt für Geowissenschaf-
Busch K-F, Luckner L (1974) Geohydraulik. Ferdinand
ten und Rohrstoffe Enke Verlag, Stuttgart
BGW Bundesverband der deutschen Gas- DVGW (1987) Wasseraufbereitungstechnik für Ingenieure.
und Wasserwirtschaft e.V., Bonn Schriftenreihe Bd-206, 3. Aufl, wvgw Wirtschafts- und
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Landwirtschaft und Verbraucher- DVGW (1989) Wassergewinnung. 2. Aufl. DVGW, Eschborn
schutz DVGW (1995) Lehr- und Handbuch Wasserversorgung. Bd
BMU Bundesministeriums für Umwelt, 3: Maschinelle und elektrische Anlagen in Wasserwer-
Naturschutz und Reaktorsicherheit ken. Oldenbourg-Verlag, München
DVGW (1996) Lehr- und Handbuch der Wasserversorgung.
DEA Druckerhöhungsanlagen
Bd 1: Wassergewinnung und Wasserwirtschaft. Olden-
DVGW Deutsche Vereinigung des Gas- und bourg-Verlag, München
Wasserfaches e.V. DVGW (2002) Fachbuchreihe „Praxis der Trinkwasser-In-
DWA Deutsche Vereinigung für Wasser- stallation Aktuelle Erläuterungen zur DIN 1988 und den
wirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. zugehörigen DVGW-Arbeitsblättern. Wirtschafts-Ver-
GOK Geländeoberkante lagsgesellschaft Gas und Wasser mbH, Bonn
GW Grundwasser DVGW-Information Wasser Nr. 77 (2010) Handbuch Ener-
IfSG Infektionsschutzgesetz gieeffizienz/ Energieeinsparung in der Wasserversor-
NPSH Net Positive Suction Head gung
DVGW-W 101 (2006) Richtlinien für Trinkwasserschutz-
SPS Speicherprogrammierbare Steuerung
gebiete – I. Teil: Schutzgebiete für Grundwasser
TDS Total dissolved solids DVGW-W 102 (2002) Richtlinien für Trinkwasserschutz-
TrinkwV Trinkwasser-Verordnung gebiete – II. Teil: Schutzgebiete für Talsperren
TRWI Technische Regeln für Trinkwas- DVGW-W 105 (2002) Behandlung des Waldes in Wasser-
ser-Installation schutzgebieten für Trinkwassertalsperren
5.4 Wasserversorgung 1941

DVGW-W 151 (1975) Eignung von Oberflächenwasser als DVGW-W 294-1 (2006) UV-Geräte zur Desinfektion in der
Rohstoff für die Trinkwasserversorgung Wasserversorgung; Teil 1: Anforderungen an Beschaf-
DVGW-W 202 (2010) Technische Regeln Wasseraufberei- fenheit, Funktion und Betrieb
tung (TRWA) – Planung, Bau, Betrieb und Instandhal- DVGW-W 294-2 (2006) UV-Geräte zur Desinfektion in der
tung Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung. Wasserversorgung; Teil 2: Prüfung von Beschaffenheit,
DVGW-W 210 (1983) Filtration in der Wasseraufbereitung. Funktion und Desinfektionswirksamkeit
Teil 1: Grundlagen DVGW-W 294-3 (2006) UV-Geräte zur Desinfektion in der
DVGW-W 211 (1987) Filtration in der Wasseraufbereitung. Wasserversorgung; Teil 3: Messfenster und Sensoren
Teil 2: Planung und Betrieb von Filteranlagen zur radiometrischen Überwachung von UV-Desinfek-
DVGW-W 213 -1 bis 6 (2005) Filtrationsverfahren zur Par- tionsgeräten; Anforderungen, Prüfung und Kalibrie-
tikelentfernung rung
DVGW-W 214-1 (2005) Entsäuerung von Wasser – Teil 1: DVGW-W 300 (2005) Wasserspeicherung – Planung, Bau,
Grundsätze und Verfahren Betrieb und Instandhaltung von Wasserbehältern in der
DVGW-W 214-2 (2009) Entsäuerung von Wasser – Teil 2: Trinkwasserversorgung
Planung und Betrieb von Filteranlagen DVGW-W 302 (1981) Hydraulische Berechnung von Rohr-
DVGW-W 214-3 (2007) Entsäuerung von Wasser – Teil 3: leitungen und Rohrnetzen; Druck-Verlust-Tafeln für
Planung und Betrieb von Anlagen zur Ausgasung von Rohrdurchmesser von 40-2000-mm
Kohlenstoffdioxid DVGW-W 303 (2005) Dynamische Druckänderungen in
DVGW-W 214-4 (2007) Entsäuerung von Wasser – Teil 4: Wasserversorgungsanlagen
Planung und Betrieb von Dosieranlagen DVGW-GW 303-1 (2006) Berechnung von Gas- und Was-
DVGW-W 217 (1987) Flockung in der Wasseraufberei- serrohrnetzen - Teil 1: Hydraulische Grundlagen, Netz-
tung; Teil 1: Grundlagen modellisierung und Berechnung
DVGW-W 218 (1998) Flockung in der Wasseraufberei- DVGW-W 311 (1988) Planung und Bau von Wasserbehäl-
tung; Teil 2: Flockungstestverfahren tern
DVGW-W 219 ( 2010) Einsatz von anionischen und nichti- DVGW-W 312 (1993) Wasserbehälter – Maßnahmen und
onischen Polyacrylamiden als Flockungshilfsmittel bei Instandhaltung
der Wasseraufbereitung DVGW-W 315 (1983) Bau von Wassertürmen – Grundla-
DVGW-W 221-1 (2010) Rückstände und Nebenprodukte gen und Ausführungsbeispiele
aus Wasseraufbereitungsanlagen; Teil 1: Grundsätze für DVGW-W 318 (1983) Wasserbehälter – Kontrolle und Rei-
Planung und Betrieb nigung
DVGW-W 221-2 (2010) Rückstände und Nebenpro- DVGW-W 319 (1990) Reinigungsmittel für Trinkwasser-
dukte aus Wasseraufbereitungsanlagen; Teil 2: Behand- behälter
lung DVGW-W 331 (1983) Hydranten
DVGW-W 221-3 (2000) Rückstände und Nebenprodukte DVGW-W 332 (1968) Hinweise und Richtlinien für Ab-
aus Wasseraufbereitungsanlagen; Teil 3: Vermeidung, sperr- und Regelarmaturen in der Wasserversorgung
Verwertung und Beseitigung DVGW-W 338 (1967) Hinweise und Richtlinien für den
DVGW-W 222 (2010) Einleiten und Einbringen von Rück- Frostschutz und das Auftauen von Rohrnetzanlagen
ständen aus Anlagen der Wasserversorgung in Abwas- DVGW-W 341 (1990) Rohre aus Spannbeton und Stahlbe-
seranlagen. ton in der Trinkwasserversorgung
DVGW-W 223 -1 bis 3 (2005) Enteisenung und Entmanga- DVGW-W 391 (1986) Wasserverluste in Wasservertei-
nung lungsanlagen; Feststellung und Beurteilung
DVGW-W 240 (1987) Beurteilung von Aktivkohlen zur DVGW-W 392 (2003) Rohrnetzinspektion und Wasserver-
Wasseraufbereitung luste - Maßnahmen, Verfahren und Bewertungen
DVGW-W 250 (1985) Maßnahmen zur Sauerstoffanreiche- DVGW-W 397 (2004) Ermittlung der erforderlichen Verle-
rung von Oberflächengewässern getiefen von Wasseranschlussleitungen
DVGW-W 251 (1996) Eignung von Fließgewässern für die DVGW-W 400-1 (2004) TRWV Technische Regeln Was-
Trinkwasserversorgung serverteilungsanlagen, Planung
DVGW-W 253 (1993) Trinkwasserversorgung und Radio- DVGW-W 400-2 (2004) TRWV Technische Regeln Was-
aktivität serverteilungsanlagen, Bau- und Prüfung
DVGW-W 270 (2007) Vermehrung von Mikroorganismen DVGW-W 400-3 (2006) TRWV Technische Regeln Was-
auf Materialien für den Trinkwasserbereich – Prüfung serverteilungsanlagen, Betrieb und Instandhaltung
und Bewertung DVGW-W 404 (1998) Wasseranschlussleitungen
DVGW-W 293 (1994) UV-Anlagen zur Desinfektion von DVGW-W 405 (2008) Bereitstellung von Löschwasser
Trinkwasser durch die öffentliche Wasserversorgung
1942 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

DVGW-W 406 (2003) Volumen- und Durchflussmessung Trinkwassergewinnung im Hinblick auf die Chlorzeh-
von kaltem Trinkwasser in Druckrohrleitungen rung. Schriftenreihe VFTV, Essen
DVGW-W 410 (2008) Wasserbedarf Karger R, Cord-Landwehr K, Hoffman F (2008) Wasser-
DVGW-W 503 (1966) Richtlinien für den Anschluss von versorgung. 13. Aufl. Vieweg + Teuber Verlag | GWV
das Trinkwasser gefährdenden Geräten und Anlagen Fachverlage Gmbh, Wiesbaden
(ersetzt durch DIN 1988-4) Liste der Aufbereitungsstoffe und Desinfektionsverfahren
DVGW-W 507 (1990) Gewerbliche Spülmaschinen gemäß § 11 Trinkwasserverordnung 2001, 11 Ände-
DVGW-W 510 (2004): Kalkschutzgeräte zum Einsatz in rung, Stand: Juni 2009.
Trinkwasserinstallationen; Anforderungen und Prüfungen Martz G (1993) Siedlungswasserbau Teil 1: Wasserversor-
DVGW-W 512 (1996) Verfahren zur Beurteilung der Wirk- gung. 4. Aufl. Werner-Verlag, Düsseldorf
samkeit von Wasserbehandlungsanlagen zur Verminde- Moser H (1988) Eröffnung. In: Automatisierung in der
rung von Steinbildung Wasserversorgung – auch für kleinere Unternehmen?
DVGW-W 545 (2005) Qualifikationskriterien für Fachfir- Schriftenreihe WAR (Wasserversorgung, Abwasser-
men zur Rohrinnensanierung von Trinkwasser-Installa- technik, Abfalltechnik, Umwelt- und Raumplanung),
tionen durch Beschichtung Bd-34, TH Darmstadt, S-1-4
DVGW-W 548 (2005) Rohrinnensanierung von Trinkwas- Moltmann J, Markus L, Knacker T, Keller M, Scheurer
ser-Installationen durch Beschichtung M,Ternes T (2007) Gewässerrelevanz endokriner Stoffe
DVGW-W 551 (2004) Trinkwassererwärmungs- und Trink- und Arzneimittel, Abschlussbericht F+E -Vorhaben –
wasserleitungsanlagen; technische Maßnahmen zur FKZ 205 24 205, Umwelt Bundes Amt
Verminderung des Legionellenwachstums; Planung, Er- Mutschmann J, Stimmelmayr F (2007) Taschenbuch der
richtung, Betrieb und Sanierung von Trinkwasser-In- Wasserversorgung. 14. Aufl. Braunschweig (Vieweg),
stallationen Wiesbaden
DVGW-W 553 (1998) Bemessung von Zirkulationssyste- Naumann J (1984) Automatisierung in Wasserwerken. gwf-
men in zentralen Trink wassererwärmungsanlagen Wasser/Abwasser 125 (1984) H 7, S-337-342
DVGW-W 555 (2002) Nutzung von Regenwasser (Dach- Roscher H u.a.(2000) Sanierung städtischer Wasserrohr-
ablaufwasser) im häuslichen Bereich netze mit CD-ROM Strategien – Verfahren – Fallbei-
DVGW-W 610 (1981) Förderanlagen – Bau und Betrieb spiele der Rehabilitation. Verlag für Bauwesen, Fach-
DVGW-W 611 (1996) Energieoptimierung und Kostensen- hochschule Erfurt
kung in Wasserwerksanlagen Schade, Hattingen, Sapulak, Krakow in Korrespondenz
DVGW-W 612 (1989) Planung und Gestaltung von Förder- Abwasser Nr. 31 1984
anlagen Scharpe R u.a.(1993) Are oestrogens involved in falling
DVGW-W 613 (1994) Energierückgewinnung durch Was- sperm count and disorders of the male reproduktive
serkraftanlagen in der Trinkwasserversorgung tract? Lancet 341: 1392 -1395
DVGW-W 625 (1999) Anlagen zur Erzeugung und Dosie- Soiné J, Baur A u.a. (1988) Handbuch für Wassermeister.
rung von Ozon Oldenbourg-Verlag, München
DVGW-W 630 (1996) Elektrische Antriebe in Wasserwer- Sontheimer H, Spindler P, Rohmann V (1980) Wasserche-
ken mie für Ingenieure. Eigenverlag Engler-Bunte-Institut
DVGW-W 641 (1991) Automatisierung in Wasserwerken der Universität Karlsruhe
Garbrecht G, Eck W u.a. (1989) Wasserversorgung im anti- Thaler S (1998) Endokrin wirkende Substanzen – Auswir-
ken Rom. Oldenbourg-Verlag, München kungen auf Gewässer und Boden. Korrespondenz Ab-
Grombach P, Haberer K, Merkl G, Trüeb E (2000) Hand- wasser 45 (1998) H 3, S 402-406
buch der Wasserversorgungstechnik. 2. Aufl. Olden- Verordnung über Trinkwasser und über Wasser für Lebens-
bourg-Verlag, München mittelbetriebe (Trinkwasserverordnung-TrinkwV (1990)
Haberer K (1987) Ziele der Wasseraufbereitung und deren Verordnung über die Qualität von Wasser für den mensch-
Verwirklichung im Wandel der Zeit. In: DVGW-Fort- lichen Gebrauch (Trinkwasserverordnung – TrinkwV
bildungskurse – Wasserversorgungstechnik für Inge- 2001) Vom 21. Mai 2001 Zuletzt geändert durch Art.
nieure und Naturwissenschaftler – Kurs 6: Wasserauf- 363 Neunte ZuständigkeitsanpassungsVO vom
bereitungstechnik für Ingenieure. DVGW-Schriftenrei- 31.10.2006 (BGBl. I S. 2407)
he, Bd-206, 3. Auflage WABAG (1996) Handbuch Wasser. 8. Aufl. Vulkan-Verlag,
Höll K (1986) Wasser. 7. Aufl. Gruyter Verlag, Berlin Essen
Hölting B (1989) Hydrogeologie. 3. Aufl. Ferdinand Enke Volger K, Laasch E (1994) Haustechnik. 9. Aufl. Teubner-
Verlag, Stuttgart Verlag, Stuttgart
Hölzel G (1997) Entwicklung eines Testverfahrens zur Op- Wüsthoff A (2001) Handbuch des Deutschen Wasser-
timierung der Flockung von Oberflächenwasser zur rechts. Lose-Blatt-Sammlung. E. Schmidt Verlag, Berlin
5.5 Abwassertechnik 1943

Zabern v P (1987) Die Wasserversorgung antiker Städte. 5.5 Abwassertechnik


Verlag Philipp von Zabern, Mainz
Norbert Dichtl
Normen
DIN 1988: Technische Regeln für Trinkwasser-Installa- 5.5.1 Grundlagen
tionen – Teile 1 bis 8 (12/88)
DIN 1988-7 (2004): Technische Regeln für Trinkwasser- 5.5.1.1 Definition Abwasser (DIN 4045)
Installationen (TRWI) - Teil 7: Vermeidung von Korro-
sionsschäden und Steinbildung; Technische Regel „Abwasser ist durch Gebrauch verändertes abflie-
des DVGW ßendes Wasser und jedes in die Kanalisation gelan-
DIN 1989-1 (2002): Regenwassernutzungsanlagen Teil 1: gende Wasser“. Folgende Abwasserarten sind zu
Planung, Ausführung, Betrieb und Wartung unterscheiden (Tabelle 5.5-1).
DIN 1989-2 (2004): Regenwassernutzungsanlagen Teil 2:
Filter
DIN 1989-3 (2003) Regenwassernutzungsanlagen Teil 3: 5.5.1.2 Abwassermenge
Regenwasserspeicher
Falls keine statistisch abgesicherte Auswertung
DIN 1989-4 (2005): Regenwassernutzungsanlagen Teil 4:
Bauteile zur Steuerung und Nachspeisung von Messungen über den Abwasseranfall möglich
DIN 2000 (1973): Zentrale Trinkwasserversorgung – Leit- ist, kann für den häuslichen Schmutzwasserzufluss
sätze für Anforderungen an Trinkwasser; Planung, Bau mit den Werten aus Tabelle 5.5-2 für den Tageszu-
und Betrieb von Anlagen fluss und den Zufluss in der Spitzenstunde (Qh)
DIN 3543 (1984): Anbohrarmaturen aus metallischen gerechnet werden, wobei der Abwasseranfall des
Werkstoffen mit Betriebsabsperrung Kleingewerbes enthalten ist. Der Zufluss in der
DIN 4049 Teil 1 (1979): Hydrologie; Begriffe quantitativ Spitzenstunde ist nahezu unabhängig von der An-
DIN 4279-3 (1990) Innendruckprüfung von Druckrohrlei-
tungen für Wasser; Druckrohre aus duktilem Gusseisen
Tabelle 5.5-1 Abwasserarten
und Stahlrohre mit Zementmörtelauskleidung
DIN 4753-3 (1993): Wassererwärmer und Wassererwär- Abwasserart Definition
mungsanlagen für Trink- und Betriebswasser; Wasser-
seitiger Korrosionsschutz durch Emaillierung; Anforde- Rohabwasser das einer Reinigungsanlage zufließende
rungen und Prüfung Abwasser
DIN 19630 (1982): Richtlinien für den. Bau von Wasser- Schmutzwasser durch Gebrauch verunreinigtes Wasser
rohrleitungen aus Haushaltungen, Gewerbebetrieben
DIN 19635-100 (2008): Dosiersysteme in der Trinkwasser- und Industrie
installation – Teil 100: Anforderungen zur Anwendung Regenwasser abfließender Regen
von Dosiersystemen nach DIN EN 14812 Fremdwasser in die Kanalisation eindringendes Grund-
DIN 30675-1 (1992): Äußerer Korrosionsschutz von erd- wasser (Undichtigkeiten, unerlaubt einge-
verlegten Rohrleitungen; Schutzmaßnahmen und Ein- leitetes Drän- oder Regenwasser (Fehlan-
satzbereiche bei Rohrleitungen aus Stahl. schlüsse) sowie einem Schmutzwasserka-
DIN EN 805 (2000): Anforderungen an Wasserversor- nal zufließendes Oberflächenwasser (z. B.
gungssysteme und deren Bauteile außerhalb von Ge- über Schachtabdeckungen)
bäuden
DIN EN 1717 (2001): Schutz des Trinkwassers vor Verun- Tabelle 5.5-2 Häuslicher Schmutzwasseranfall [ATV-
reinigungen in Trinkwasser-Installationen und allge- Handbuch 1995]
meine Anforderungen an Sicherheitseinrichtungen zur
Verhütung von Trinkwasserverunreinigungen durch Kläranlagen- Schmutz- Faktor x für die
Rückfließen anschlusswert wasseranfall Spitzenstunde
[E] [L/(E · d)] [-]
< 5 000 150 1/8
5 000 - 10 000 180 1/10
10 000 - 50 000 220 1/12
50 000 - 250 000 260 1/14
> 250 000 300 1/16
1944 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

schlussgroße der Kläranlage und beträgt etwa abschiedet (Tabelle 5.5-4), in der Fristen für die
0,005–l/(E·s). Das Abwasser aus Gewerbe- (Qg) Realisierung genannt werden. Es findet eine Ein-
und Industriegebieten (Qi) ist bei der Ermittlung teilung nach Größe und Einzugsgebiet („empfind-
der Schmutzwasserzuflusses zusätzlich mit 0,5 bis liche“ und „nicht empfindliche“ Gebiete) statt. Bis
1,0-l/(s·ha) zu berücksichtigen. Fremdwasser soll- auf wenige Ausnahmen ist Deutschland als emp-
te so weit wie möglich von der Kläranlage fernge- findliches Gebiet ausgewiesen. Die Mitgliedsstaa-
halten werden. Wenn keine Messergebnisse ver- ten der EG können eigene Vorschriften erlassen,
fügbar sind, ist der Fremdwasserzufluss mit sofern diese mindestens die Vorgaben der EG-
Qf = 0,05…0,15–l/ (s·ha) zu berechnen. Richtlinie erfüllen [Richtlinie des Rates].
Die nationalen Anforderungen für die Einlei-
Trockenwetterzufluss im Jahresmittel tung von Abwasser in Gewässer sind in [Abwas-
(Mischwasser): serverordnung, Anhang 1] in Abhängigkeit von der
QT,aM = QS,aM + QF,aM (in m3/h) (5.5.1) Größenklasse der Abwasserreinigungsanlage fest-
gelegt (Tabelle 5.5-5).
Regenwetterzufluss:
Qm = fS,QM ÂQS,aM + QF,aM (in m3/h) (5.5.2)
5.5.2 Naturnahe Abwasserbehandlung
mit dem Schmutzwasserzufluss:
QS,aM = QH,aM + QG,aM + QI,aM (in m3/h) (5.5.3) Bei der naturnahen Abwasserbehandlung wird in
erster Linie die Selbstreinigungskraft des Wassers
und des Bodens genutzt. Wegen des im Vergleich
5.5.1.3 Abwasserbelastung
mit technischen Verfahren größeren Platz- und
Die in Tabelle 5.5-3 angegebenen Werte sollten Raumbedarfs kommen diese Verfahren in den In-
mindestens verwendet werden, wenn keine Mess- dustrieländern v. a. für kleine Ausbaugrößen (unter
werte verfügbar sind. Infolge der Rückführung von 5000 EW) in Betracht. Vorteilhaft ist der geringere
Trüb-, Filtrat- oder Zentratwasser aus der Schlamm- Technik- und Maschineneinsatz sowie der nied-
behandlung können sich um bis zu 20% höhere rigere Wartungs- und Unterhaltungsaufwand. Des-
Werte ergeben. halb kann die naturnahe Abwasserbehandlung in
Abwässer aus Gewerbe- und Industriebetrieben den Entwicklungsländern auch heute noch für alle
sind in Einwohnerwerte umzurechnen. Falls mög- Ausbaugrößen sinnvoll sein.
lich, sind hierfür Messwerte zu verwenden, sonst
Näherungswerte aus der Literatur (z. B. [Imhoff/
5.5.2.1 Landbehandlung
Imhoff 2007]).
Die Landbehandlung kann zur Abwasserreinigung,
zur landwirtschaftlichen Abwasserverwertung oder
5.5.1.4 Reinigungsanforderungen
zur Grundwasseranreicherung genutzt werden. In
Der Rat der EG hat am 21.05.1991 eine Richtlinie der Regel ist eine biologische Vorreinigung durch-
über die Behandlung kommunalen Abwassers ver- zuführen. Bei der Grundwasseranreicherung ist so-
gar eine weitestgehende biologische Reinigung
Tabelle 5.5-3 Abwasserbelastung [ATV-A-131 2000] erforderlich. Planungsgrundlage ist die zulässige
jährliche Wassermenge, die pro Flächeneinheit
Parameter Einwohnerspezifische Konzentration bei
aufgebracht werden darf (Tabelle 5.5-6).
Schmutzfracht 150 L/(E ˜ d)
[g/(E ˜ d)] [mg/L] Geeignet sind flache und möglichst siedlungs-
ferne Flächen mit leichten bis mittelschweren Bö-
CSB 120 800 den (Durchlässigkeitsbeiwert kf = 10–3…10–5m/s)
BSB5 60 400 und einem Grundwasserstand von mindestens
abf. Stoffe 70 467
1,5 m unter GOK. Das Abwasser wird weiträumig
TKN 11 73
auf der Bodenoberfläche verteilt, wobei die Auf-
ges. P 1,8 12
bringung durch Hang- oder Furchenverrieselung
5.5 Abwassertechnik 1945

Tabelle 5.5-4 Zulässige Einleitungen kommunalen Abwassers in Gewässer [91/271/EWG]

Anforderungen für Anlagen > 15000 E ab 31.12.2000


2000…15000 E ab 31.12.2005
Einzuhalten in der 24-h-Mischprobe Konzentration in mg/l Verringerung in %
BSB5 25 70…90
CSB 125 75
zusätzliche Anforderugen bei Einleitungen in empfindlichen Gebieten ab 31.12.1998:
ges. P: 10000…100 000 E 2
>100 000 E 1 80
ges. P: 10000…100 000 E 15
>100 000 E 10 70…80

Tabelle 5.5-5 Deutsche Mindestanforderungen an das Einleiten von Abwasser in ein Gewässer [Abwasserverordnung
Anhang 1]

Größen- Einwohnerwerte Einzuhalten in der qualifizierten Stichprobe oder der 2 h Mischprobe


klasse (1 EW = 60 g BSB5/d) CSB BSB5 NH4-N1) anorg. N2) ges. P
[ mg/L ] [ mg/L ] [ mg/L ] [ mg/L ] [ mg/L ]
I < 1 000 150 40 – – –
II 1 000 – 5 000 110 25 – – –
III 5 000 – 20 000 90 20 10 –
IV 20 000 – 100 000 90 20 10 183) 2
V > 100 000 75 15 10 133) 1
1) NH4-N = Ammoniumstickstoff; T t 12 °C oder 1. Mai – 1. Okt.
2) anorg. N = NH4-N + NO3-N + NO2-N; T t 12 °C oder 1. Mai – 1. Okt.
3) kann im Bescheid auf bis zu 25 mg/L angehoben werden, wenn die Verminderung der Gesamtstickstofffracht mindestens
70% beträgt (24 h Frachtvergleich).

Tabelle 5.5-6 Zulässige Beschickung bei der Abwasserlandbehandlung nach [ATV-Handbuch 1997 b]

Art des Verfahren der Zulässige Beschickung in m2/m2 · a


Abwassers Landbehandlung Landwirtschaftliche Verwertung Grundwasser-
anreicherung
Vorrang: Landwirtschaft Vorrang: Verfahren der
(Niederschlag 600/1000 mm/a) Reinigung Landbehandlung
mechanisch gereinigt Verrieselung ohne Drän 0,5/0,2 – –
Verrieselung mit Drän 3,0/1,5 3,0 –
Verregnung ohne Drän 0,5/0,2 – –
Bodenfilter mit Drän –/– 5,0…20,0d –
weitgehend Verrieselung 2,0/1,0 3,0 3,5…7,0
biologisch gereinigt Verregnung > 0,5/0,2 – > 0,5
Versickerung –/– – 3,5…7,0

sowie Verregnung erfolgen kann. Im Bodenkörper Durchlüftung des Bodenkörpers ist auch eine
werden die eingetragenen Stoffe abgebaut, angela- Stickstoffoxidation, i. d. R. jedoch keine Stickstoff-
gert oder weitertransportiert. elimination möglich. Phosphor, Schwermetalle
Mit der Landbehandlung werden organische und organische Schadstoffe können adsorptiv ge-
Verbindungen gut abgebaut. Bei ausreichender bunden werden.
1946 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

5.5.2.2 Abwasserteichanlagen selstrecke ausgebildeten Verbindung zwischen den


Mit belüfteten oder unbelüfteten Abwasserteichen ist Teichen lässt sich die konstruktiv vorzusehende
eine vollbiologische Reinigung erreichbar, sodass Aufstaumöglichkeit realisieren.
die Einhaltung der Mindestanforderungen der Grö-
ßenklassen I und II (bis 5000 EW) möglich ist. Ab-
5.5.2.3 Pflanzenbeete
setzteiche dienen der Abtrennung absetzbarer Stoffe
und der Ausfaulung des abgesetzten Schlammes, Mechanisch oder biologisch vorbehandeltes Ab-
Schönungsteiche werden zur Nachbehandlung des wasser durchströmt einen mit Sumpfpflanzen wie
Abwassers nach technischen Kläranlagen verwen- Schilf oder Binsen bewachsenen und nach unten
det. Mit ihnen ist sowohl die Behandlung von kom- hin abgedichteten Bodenkörper in vertikaler oder
munalem Abwasser als auch von im Abbauverhalten horizontaler Richtung. Die Reinigungswirkung
vergleichbaren Industrieabwässern möglich. Die Be- beruht auf geochemisch-mechanischen, biologisch-
messung erfolgt gemäß [DWA A 201 2005] ATV chemischen und physikalisch-sorptiven Vorgängen
(Tabelle 5.5-7). Den Teichanlagen ist ein Rechen und ist ausreichend, um die Reinigungsanfor-
vorzuschalten, der bei Ausbaugrößen bis 500 EW derungen der Kläranlagengröße I zu erfüllen. Das
von Hand geräumt werden kann. Verfahren kann zwischen der Landbehandlung
Die Form der Teiche kann dem Gelände ange- und dem unbelüfteten Teich angeordnet werden.
passt werden. Böschungen sind bei bewachsenem Die Bemessung erfolgt bisher anhand von Er-
Boden mit einer Neigung von ” 1:2 und bei Ton- fahrungswerten, wobei für kommunales Abwasser
dichtung von ” 1:3 auszuführen, wobei für Absetz- mit den in Tabelle 5.5-8 genannten Ansätzen eine
teiche zusätzlich eine Rampe mit einer Neigung gute Reinigungswirkung zu erwarten ist. Die Rei-
” 1:5 für die maschinelle Räumung erforderlich nigungsleistung lässt sich langfristig sicherstellen,
ist. Das unbelüftete oder belüftete Teichvolumen wenn Grobstoffe und Schlamm vorher aus dem
sollte auf zwei bis drei nacheinander durchströmte Abwasser entfernt werden (z. B. mittels Dreikam-
Einheiten aufgeteilt werden. Eine gleichmäßige merabsetzgruben, Absetzteichen oder Emscherbe-
Durchströmung der Teiche wird erreicht, wenn ein cken). Bei der Mischwasserbehandlung ist ein
großes Länge/Breite-Verhältnis (z. B. 6:1) gewählt Aufstauraum über den Beeten erforderlich.
wird oder konstruktive Maßnahmen wie Leitdäm-
me bzw. -wände dafür sorgen.
Schlammaufwirbelungen lassen sich vermei- 5.5.3 Mechanische Reinigung
den, wenn an den Einläufen Verteilereinrichtungen
wie Prallwände angeordnet werden. Die Auslässe
5.5.3.1 Rechen
sind zum Rückhalt von Schwimm- und Schweb-
stoffen mit Tauchwänden zu versehen. Ziel ist die Entfernung von Grobstoffen, die in den
Den belüfteten Teichen ist ein Nachklärteich folgenden Reinigungsstufen zu Verstopfungen
oder eine Nachklärzone nachzuschalten. Den führen können. Zu unterscheiden sind
Übergang zu Belebungsanlagen bilden Anlagen,
– Stabrechen (Spaltweite Grobrechen: 20 bis
bei denen der abgesetzte Schlamm in die belüfte-
100 mm, Feinrechen 8 bis 20 mm),
ten Teiche zurückgeführt wird.
– Siebrechen (Öffnungsweite 1 bis 6 mm).
Klüftige Untergründe und Böden mit Durchläs-
sigkeitswerten kf • 10–8 m/s verlangen Dichtungs- Beim Stabrechen ist die Rechenkammerbreite so
maßnahmen. Bei Böden mit kf ” 10–8 m/s kann auf zu wählen, dass die Summe der Spaltweiten der
zusätzliche Verdichtungsmaßnahmen verzichtet Breite des zuführenden Gerinnes entspricht. Die
werden. Bei Schönungsteichen ist ein kf-Wert von Fließgeschwindigkeit zwischen den Stäben sollte
< 10-7 m/s ausreichend. bei einem Belegungsgrad von etwa 0,7 zwischen
Für die Mischwasserbehandlung sind die Grund- 0,8 und 1,1 m/s liegen. Um Ablagerungen zu ver-
sätze nach [ATV A 128 1992] anzuwenden. In der hindern, sollte vor dem Rechen eine Fließge-
Regel begrenzt ein Regenüberlauf die zu behan- schwindigkeit von 0,5 m/s möglichst nicht unter-
delnde Wassermenge auf Qkrit. Mit einer als Dros- schritten werden.
5.5 Abwassertechnik 1947

Tabelle 5.5-7 Bemessungswerte für Abwasserteichanlagen (60 g BSB5/(E˜d); 150 L/(E˜d)) [DWA-A-201 2005]

Kenngrößen Einheit Teichart


absetzen unbelüftet belüftet Nachklär Schönung
spezifisches Volumen VEW m³/E • 0,5
spezifische Oberfläche AEW m²/E
– Anlage ohne vorgeschalteten Absetzteich m²/E • 10
– Anlage mit vorgeschaltetem Absetzteich m²/E •8
– bei Mitbehandlung von Regenwasser AEW,Mi m²/E Zuschlag 5
– für teilweise nitrifizierten Ablauf m²/E • 15 20
Mindestgröße m²
Raumbelastung BR,BSB g/(m3 • d) ” 25
oder
Flächenbelastung BA,BSB g/(m2• d) BA = BR • h
für nitrifizierten Ablauf zusätzliche
Festbettein-
richtungen
Wassertiefe h m • 1,5 ~ 1,0 1,5 bis 3,5 • 1,2 1 bis 2
Sauerstoffverbrauch OVC,BSB Kg/kg • 1,5
Leistungsdichte PR W/m³ 1 bis 3
Durchflusszeit tR
– bei Trockenwetter d •1 •5 1 bis 2
– bei Maximalabfluss d •1
Schlammanfall
– mit vorgeschaltetem Absetzbecken l/(E•a) 130 70 70 5
– ohne vorgeschaltetem Absetzbecken l/(E•a) 200 200 5

Tabelle 5.5-8 Erfahrungswerte für die Bemessung von Pflanzenbeeten [DWA A 262 2006]

Horizontalfilter Vertikalfilter
kf des Filterkörpers m/s 10-3 – 10-4 10-3 – 10-5
spez. Beetfläche m²/EW •5 •4
mindeste Oberfläche m² 20 16
Tiefe des Bodenkörpers M • 0,5 • 0,5
organische Flächenbelastung g BSB5/(m²˜d) ” 16 ” 20
hydraulische Flächenbelastung (Trockenwetter) mm/d 40 ” 80

Tabelle 5.5-9 Rechengutanfall 5.5.3.2 Sandfang


Art des Rechens Rechengutanfall in I/V Â a Im Sandfang sollen Sande und absetzbare anorga-
nische Stoffe zurückgehalten werden, um betrieb-
Grobrechen 2…10
Feinrechen 5…20 liche Probleme wie versandete Belebungsbecken und
Siebrechen 15…35 erhöhten Verschleiß an Pumpen und Rührwerken in
nachgeschalteten Anlagenteilen zu minimieren. Or-
ganische Stoffe sollen den Sandfang möglichst pas-
Der Rechengutanfall hängt in erster Linie von sieren. Den Sandanfall bestimmen örtliche Verhält-
der Stab- bzw. Öffnungsweite ab (Tabelle 5.5-9). nisse (Topographie, Industrie, Bevölkerungsdichte
Eine mechanische Entwässerung kann das Volu- und Entwässerungssystem); er schwankt zwischen
men auf etwa 40% verringern. Rechengut wird 2-l/(E·a) für eine enge Bebauung und 5-l/(E·a) für
i. d. R. gemeinsam mit Hausmüll entsorgt. eine weitläufige Bebauung [Imhoff/Imhoff 2007].
1948 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Unbelüfteter Langsandfang
Die zur Erzielung eines gewählten Abscheide-
grades zulässige Oberflächenbeschickung qA wird
maßgeblich vom Sandkorndurchmesser bestimmt.
Die Oberflächenbeschickung des Sandfanges ist so
zu wählen, dass Sand mit einem Korndurchmesser
bis zu 0,2 mm abgetrennt werden kann (Tabelle
5.5-10).
Um das Absetzen von organischem Schlamm zu
verhindern, sollte die Fließgeschwindigkeit v zwi-
schen 0,2 und 0,3 m/s liegen. Die Oberfläche er-
gibt sich zu

A = Q/qa = L·B (in m2) (5.5.4)

mit
Q Abwasserzufluss (in m3/h), Abb. 5.5-1 Belüfteter Sandfang mit Fettfang
L Länge (in m),
B Breite (in m)
Tabelle 5.5-10 Oberflächenbeschickung Sandfang [Im-
hoff 2007]
und die Querschnittsfläche zu
Abscheidegrad [ % ] qA [ m/h ]
F = Q/v (in m2). (5.5.5) Sandkorndurchmesser [ mm ]
0,16 0,2 0,25
Eine annähernd konstante Fließgeschwindigkeit 100 12 17 27
bei unterschiedlichen Wassermengen ist erreich- 90 16 28 45
bar, wenn ein entsprechendes Kanalprofil (z. B. 85 20 36 58
parabel- oder trapezförmig) gewählt und ggf. eine
Rohrleitung als Drosselstrecke eingerichtet wird.
Für den abgesetzten Sand ist an der Beckensoh-
le ein Sammelraum vorzusehen. Die Räumung er- wird (Abb. 5.5-1). Die wichtigsten Bemessungsda-
folgt i. Allg. mit fahrbaren Räumerbrücken und ten sind in Tabelle 5.5-11 zusammengestellt.
Pumpen, Bandräumern mit Kratzern oder an der Die Sandräumung erfolgt wie beim unbelüfte-
Sohle angeordneten Räumschnecken. ten Langsandfang. Klassierer trennen die feinen
organischen Stoffe ab, und das Sandfanggut wird
Belüfteter Sandfang entwässert. Nach den Vorgaben der TA Siedlungs-
Der Querschnitt wird so groß gewählt, dass auch bei abfall 1994 darf Sandfanggut mit einem Glühver-
maximaler Wassermenge die Fließgeschwindigkeit lust > 5% nicht auf Deponien abgelagert werden,
unter 0,2 m/s liegt. Eine Umwälzströmung, die mit- daher wird dem Sandfang häufig eine Sandwasch-
tels Einblasen von Luft an der Beckensohle erzeugt anlage nachgeschaltet. Darüber hinaus ist die Wei-
wird, verhindert die Ablagerung organischer Stoffe terverwendung des Sandes als Baustoff möglich.
weitestgehend. Zur Vermeidung eines aeroben bio-
logischen Abbaus im Sandfang kann die Umwälz-
5.5.3.3 Absetzbecken
strömung auch hydraulisch durch Düsen mit auf-
wärtsgerichtetem Strahl erzeugt werden. Im Absetzbecken erfolgt die Abtrennung fester,
Da mit der Belüftung Geruchsstoffe ausgetragen absetzbarer Stoffe aus der flüssigen Phase. Dane-
werden, sind belüftete Sandfänge i. d. R. abgedeckt. ben finden auch Flockungsvorgänge und Eindick-
Meist wird seitlich ein Fettfang angeordnet, der prozesse sowie die Zwischenspeicherung des ab-
durch eine Tauchwand vom Sandfang abgetrennt gesetzten Materials statt.
5.5 Abwassertechnik 1949

Tabelle 5.5-11 Bemessungsdaten für belüftete Sandfänge [ATV-Handbuch 1997a]

Parameter Größe
Fließgeschwindigkeit < 0,2 m/s
Breite/Tiefe bei Trockenwetterzufluss < 1,0
Breite/Tiefe bei Regenwetterzufluss > 0,8
Querschnittsfläche 1…15 m2
Beckenlänge > 10 × Breite, max. 50 m
Durchflusszeit bei Regenwetterzufluss ca. 10 min
Einblastiefe 0,30 m über Rinnenoberkannte
Sohlneigung 35°…45°
spez. Lufteintrag, Querschnittsfläche < 3 m2 0,5…0,9 m3/(m3·h)
spez. Lufteintrag, Querschnittsfläche 3…5 m2 0,5…1,1 m3/(m3·h)
spez. Lufteintrag, Querschnittsfläche > 5 m2 0,5…1,3 m3/(m3·h)

Vorklärbecken – Rücklaufschlammstrom
Überwiegend werden horizontal durchströmte QRS ” 0,75·Qm (horizontal durchströmt), bzw.
Rechteck- oder Rundbecken mit einer Beckentiefe QRS ” 1,0·Qm (vertikal durchströmt),
hges=2…3 m gewählt. Für die Bemessung sind die – Trockensubstanzgehalt im Zulauf Nachklärbecken
Parameter Durchflusszeit tR und Oberflächenbe- TSBB bzw. TSAB > 1,0 kg/m3.
schickung qA relevant. Zwischen beiden besteht
die Beziehung Damit entfallen auf die absetzbaren Stoffe im Ab-
lauf weniger als 15 mg BSB5/l und 30 mg CSB/l
tR = hges/qA (in h). (5.5.6) sowie für den Fall, dass Phosphor durch Fällung
oder vermehrte biologische Phosphorentnahme
Die Oberflächenbeschickung qA sollte 2,5 bis (Bio-P) entfernt wird, max. 2 mg ges. P/l. Für wei-
4,0 m/h betragen. Die Durchflusszeit tR und die tergehende Anforderungen können Schönungs-
entsprechende Reduzierung der im Abwasser ver- teiche, Filter oder Siebe nachgeschaltet werden.
bleibenden Schmutzfrachten kann der Tabelle Die Bemessung der Nachklärung ist für den maxi-
5.5-12 entnommen werden, sofern keine Mes- malen Zufluss Qm bei Regenwetter durchzuführen.
sungen vorliegen. Bei der folgenden Denitrifika- Die Beckenoberfläche beträgt
tion ist eine kurze Durchflusszeit zu wählen, um
ANB = Qm/qA (in m2). (5.5.7)
den Rückhalt und Abbau organischer Stoffe zu
beschränken. Für Belebungsanlagen mit Schlamm- Die Flächenbeschickung qA wird aus der zuläs-
stabilisierung ist eine Vorklärung nicht not- sigen Schlammvolumenbeschickung qSV und dem
wendig. Vergleichsschlammvolumen VSV berechnet:

Nachklärbecken Tabelle 5.5-12 Einwohnerbezogene Frachten im Abwas-


Nachklärbecken von Belebungsanlagen ser ohne Berücksichtigung des Schlammwassers [ATV A
Mit den im Folgenden dargestellten Bemessungs- 131 2000]
regeln gemäß [ATV A 131 2000] lässt sich ein Ge-
Parameter Durchflusszeit tR in
halt an abfiltrierbaren Stoffen von ” 20-mg/l reali- der Vorklärung
sieren, wenn folgende Randbedingungen einge- [ g/(E˜d) ] Rohabwasser 0,5 – 1,0 h 1,5 – 2,0 h
halten werden:
BSB5 60 45 40
– Länge bzw. Durchmesser des Nachklärbeckens CSB 120 90 80
TSo 70 35 25
” 60 m
N 11 10 10
– Schlammindex 50 ml/g ” ISV ” 200 ml/g,
P 1,8 1,6 1,6
– Vergleichsschlammvolumen VSV ” 600 ml/l,
1950 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Tabelle 5.5-13 Richtwerte für den Schlammindex [ATV- zu Räumvolumenstrom der Rücklaufschlamm mit
A-131, 2000] dem dem Nachklärbecken zufließenden Wasser
Reinigungsziel Schlammindex [mL/g]
verdünnt wird. Ohne weiteren Nachweis kann an-
Gewerblicher Einfluss genommen werden:
günstig ungünstig – Schildräumer: TSRS ~ 0,7 · TSBS
ohne Nitrifikation 100 – 150 –120 – 180 (in kg/m3), (5.5.10)
Nitrifikation und Denitrifikation 100 – 150 –120 – 180 – Saugräumer: TSRS ~ (0,5…0,7) · TSBS
Schlammstabilisierung 75 – 120 100 – 150 (in kg/m3), (5.5.11)
– Trichterbecken: TSRS ~ TSBS (in kg/m3). (5.5.12)
Der Trockensubstanzgehalt an der Beckensohle
qA = qSV/VSV = qSV/(TSBB·ISV) (in m/h),(5.5.8) hängt vom Schlammindex sowie der Eindickzeit tE
ab und kann mit der empirischen Gleichung
wobei TSBB der Trockensubstanzgehalt im Bele-
bungsbecken (in kg/m3) ist. Sind keine Messergeb- (5.5.13)
nisse verfügbar, sollten für den Schlammindex ISV
die in Tabelle 5.5-13 angegebenen Werte angesetzt
werden. bestimmt werden. In Abb. 5.5-2 sind die damit be-
Die Flächen- und die Schlammvolumenbeschi- rechneten Schlammkonzentrationen TSBS an der
ckung werden beim vertikal durchströmten Nach- Beckensohle für Eindickzeiten von 1,0; 1,5; 2,0
klärbecken durch die Ausbildung eines Flockenfil- und 2,5 h dargestellt. Es wird empfohlen, für Bele-
ters positiv beeinflusst. Folgende Werte sollten bungsanlagen die tE-Werte der Tabelle 5.5-14 an-
nicht überschritten werden: zusetzen.
Die Räumeinrichtung muss diese Eindickzeiten
– horizontal durchströmt:
sicherstellen. Um Schlammauftrieb infolge Denit-
qSV ” 500 l/(m2·h), qA ” 1,6 m/h;
rifikation und die Rücklösung von Phosphor zu
– vertikal durchströmt:
begrenzen, sollten Eindickzeiten von über 2 h ver-
qSV ” 650 l/(m2·h), qA ” 2,0 m/h.
mieden werden.
Für vertikal durchströmte Becken liegt die maßge-
bende Fläche ANB auf halber Höhe zwischen Ein- Beckentiefe
laufebene und Wasserspiegel. Das Nachklärbecken wird in vier Zonen mit unter-
schiedlichen Funktionen gegliedert (Tabelle 5.5-
Rücklaufschlamm 15). Die Klarwasserzone dient dazu, eine von der
Der angestrebte Trockensubstanzgehalt TSBB im Wehrkante ausgehende Sogwirkung zu mildern
Belebungsbecken kann nur erreicht werden, wenn und Einflüsse aus Wind, Dichteunterschieden oder
für das gewählte Rückführverhältnis RV sich der ungleichmäßiger Flächenbeschickung auszuglei-
zur Einhaltung der Gleichung chen. In der Trennzone wird das zufließende
Schlamm-Wasser-Gemisch verteilt. Die Speicher-
TSBB = RV·TSRS/(1 + RV) (in kg/m3) (5.5.9) zone nimmt den bei Mischwasserzufluss in das
Nachklärbecken verlagerten Schlamm auf. Die
notwendige Trockensubstanzgehalt (Konzentration)
TSRS im Rücklaufschlamm einstellt. Bei horizontal
durchströmten Nachklärbecken kann die Bemes- Tabelle 5.5-14 Eindickzeit in Abhängigkeit von der Art
sung für maximal QRS = 0,75ÂQm, bei vertikal durch- der Abwasserreinigung [DWA A 131, 2000]
strömten Nachklärbecken QRS = 1,0ÂQm erfolgen. Art der Abwasserreinigung Eindickzeit tE
Der im Rücklaufschlamm erreichbare Trocken-
Belebungsanlagen ohne Nitrifikation 1,5 – 2,0 h
substanzgehalt liegt niedriger als der Trocken-
Belebungsanlagen mit Nitrifikation 1,0 – 1,5 h
substanzgehalt TSBS an der Beckensohle, da in Ab-
Belebungsanlagen mit Denitrifikation 2,0 – (2,5) h
hängigkeit vom Verhältnis Rücklaufschlammstrom
5.5 Abwassertechnik 1951

Tabelle 5.5-15 Zoneneinteilung im Nachklärbecken


[ATV-Handbuch 1997 a]

Funktion Teilhöhe [ m ]
Klarwasserzone h1 t 0,50 (5.14)
Trennzone h2 = 0,5˜qA˜(1 + RV)/(1-VSV/1000) (5.15)
Speicherzone h3 = qSV ˜(1 + RV)/1111 (5.16)
Eindick- und h4 = TSBB Â qAÂ (1 + RV) Â tE/TSBS (5.17)
Räumzone

wasserfließweges mindestens die Hälfte der hori-


zontalen Komponente beträgt. Es ist nachzuwei-
sen, dass die Teilvolumina, die sich aus der Multi-
plikation der wirksamen Oberfläche mit den
Teilhöhen h2 bis h4 ergeben, im Bereich des Trich-
ters vorhanden sind (Abb. 5.5-4).

Nachklärbecken von Tropf- und Tauchkörperan-


Abb. 5.5-2 Trockensubstanzgehalt TSBS an der Nachklär- lagen
beckensohle [ATV A 131 2000] Für die Bemessung wird die maximale stündliche
Abwassermenge angesetzt. Bei Anlagen mit < 500
EW ist hierfür von einem Zehntel der Tagesmenge
Eindick- und Räumzone dient zur Aufkonzentrie- auszugehen. Durchfließt der Rücklauf das Nach-
rung des abgesetzten Belebtschlammes. klärbecken, ist dieser ebenfalls zu berücksichtigen.
Aus der Summe der Teiltiefen h1 bis h4 ergibt Bei den Bemessungswerten nach ATV A 281 in Ta-
sich die Beckentiefe hges, wobei diese bei hori- belle 5.5-16 kann davon ausgegangen werden, dass
zontal durchströmten Becken mit geneigter Sohle die Ablaufgrenzwerte von TSe ” 20 mg/l eingehal-
auf zwei Drittel des Fließweges einzuhalten ist ten werden.
(Abb. 5.5-3) und dort mindestens 3 m betragen
soll. Die minimale Beckentiefe am Einlauf beträgt Konstruktive Hinweise
4 m und am Rand 2,5 m. Für vertikal durchströmte Becken beträgt die
Als vertikal durchströmt gelten Nachklärbe- Trichterneigung 60°. Die Abwasserzugabe erfolgt
cken, bei denen die vertikale Komponente des Ab- über einen zentrisch angeordneten Zylinder, der in

Abb. 5.5-3 Horizontal durchströmtes Rundbecken zur Nachklärung


1952 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Abb. 5.5-4 Vertikal durchströmtes Rundbecken zur Nachklärung

Tabelle 5.5-16 Bemessungswerte für Tropf- und Tauchkörpernachklärbecken (nach ATV und DIN)

Anlagengröße 50-500 EW < 50 EW


Richtlinie DWA A 281 2001 DWA A 122 1992 DIN 4261 T2
Flächenbeschickung qA [m/h] < 0,80 0,40 – 0,60 < 0,40
Aufenthaltszeit t [h] > 2,50 3,00 – 3,50 > 3,50
Beckentiefe [m] > 2,00 > 1,00
Beckenoberfläche [m²] > 0,70

etwa mit der Unterkante bis zur halben Höhe der zahnten Überfallwehren, die einen Abstand unter-
Speicherzone reicht und einen Durchmesser von einander und von der Beckenwand entsprechend
20% des Beckendurchmessers hat (s. Abb. 5.5-4). der Beckentiefe am Rand haben. Die Beschickung
Bei der Ermittlung der Oberfläche horizontal der Ablaufrinnen sollte für einseitige Anströmung
durchströmter Becken ist i. d. R. ein Zuschlag für nicht größer als 10 m3/(m·h) und bei beidseitiger
eine Einlaufstörzone mit einer Länge entsprechend Anströmung höchstens 6 m3/ (m·h) sein. Vor den
der Beckentiefe fällig. Auf eine effektive Vernich- Ablaufrinnen sind Tauchwände zum Rückhalt des
tung der kinetischen Energie des einlaufenden Ab- Schwimmschlammes vorzusehen. Bewährt haben
wassers ist zu achten. Günstig sind Becken mit ei- sich auch getauchte Rohre, die in Rundbecken ra-
ner Länge bzw. einem Durchmesser von über 30 m. dial angeordnet werden.
Die sinnvollen Obergrenzen liegen bei einer Länge Zur Schlammräumung werden in horizontal
von 60 m bzw. einem Durchmesser von 50 m. Das durchströmten Rundbecken Schild- und Saugräu-
Verhältnis von Länge zu Breite beträgt bei Recht- mer eingesetzt, bei Rechteckbecken kommen zu-
eckbecken üblicherweise 5:1 bis 10:1. sätzlich auch Bandräumer in Betracht. Bemes-
Günstig ist der flächige Abzug des Wassers sungshinweise gibt [ATV-Handbuch 1997a].
durch die Anordnung mehrerer Rinnen mit ge-
5.5 Abwassertechnik 1953

5.5.4 Biologische Reinigungsanlagen Regel findet simultan auch eine Denitrifikation


statt, die jedoch nur schwer zu steuern ist.
5.5.4.1 Festbettanlagen
Tropfkörper
Zu den für die Abwasserreinigung bedeutenden Das Abwasser wird über dem mit Mikroorganismen
Festbettverfahren zählen Tropfkörper, Rotations- besiedelten Füllmaterial aus Gesteins- oder Schla-
tauchkörper und Anlagen mit getauchtem Festbett ckenbrocken (spez. Oberfläche AR § 90 m2/m3,
(Abb. 5.5-5) sowie das Biofilterverfahren. Gemein- 50% Hohlraumanteil) oder Kunststoffelementen
sames Kennzeichen der Verfahren ist, dass Mikro- (AR ” 150 m2/m3, Hohlraumanteil ” 95%) verreg-
organismen ortsfest in einem Biofilm auf dem Trä- net. Zur Vermeidung von Verstopfungen ist die
germaterial wachsen. Daraus hat sich die ebenfalls Durchflusszeit in der Vorklärung bei brocken-
gebräuchliche Bezeichnung „Biofilmverfahren“ ab- gefüllten Tropfkörpern >1h zu wählen, während
geleitet. Als Vorteile dieser Anlagen sind zu nennen: bei Kunststoffelementen eine Grobentschlammung
ausreicht.
– einfach und stabil zu betreiben,
Bedingt durch den Kamineffekt durchströmt Luft
– keine Schlammrückführung erforderlich,
den Tropfkörper von unten nach oben und sorgt für
– begünstigte Elimination schwer abbaubarer Koh-
die Sauerstoffversorgung. Um Überschussschlamm
lenstoffverbindungen infolge Anreicherung von
abspülen zu können, muss ggf. durch Rückpumpen
Mikroorganismen mit langer Generationszeit,
aus der Nachklärung eine minimale hydraulische
– vergleichsweise hoher Raumumsatz,
Flächenbeschickung qA·(1 + RV) sichergestellt
– geringer Energiebedarf.
werden. Das Rücklaufverhältnis ist so zu wählen,
Die Festbettverfahren sind zum Abbau von orga- dass die Mischkonzentration CBSB,ZB,RF einen Wert
nischen Inhaltsstoffen und zur weitestgehenden von 150 mg BSB5/l nicht übersteigt. Dafür ist i. d. R.
Nitrifikation geeignet. Eine Denitrifikation ist in ein RV ” 1 ausreichend.
vor- oder nachgeschalteten Stufen möglich. In der
RV = CBSB,ZB /CBSB,ZB,RF – 1 (5.5.14)

Mit [ATV A 281 2001] kann die Bemessung über


die Raumbelastung BR und die erforderliche Ober-
flächenbeschickung qA · (1+RV) erfolgen (Tabelle
5.5-17). Für das Tropfkörpervolumen gilt

V = Bd,BSB,ZB/BR,BSB + Bd,TKN,ZB/BR,TKN (in m3)


(5.5.15)

Die BSB5- und TKN-Tagesfrachten Bd,BSB,ZB bzw.


Bd,TKN,ZB in kg/d können entweder über die Zahl
der Einwohnerwerte (EW) oder durch Messungen
der Wassermenge Qd und der entsprechenden Kon-
zentrationen von BSB5 und TKN in der abgesetz-
ten 24 h-Mischprobe errechnet werden.
Für den Nachweis der Oberflächenbeschickung
qA(1+RV) ist der maximale stündliche Trockenwet-
terzufluss (Qd/x mit dem Spitzenzuflussfaktor
x = 8…16) als Bemessungswert heranzuziehen.
Die Oberflächenbeschickung sollte mindestens 0,4
bis 0,8 m/h betragen. Über die zulässige Oberflä-
chenbeschickung kann die Höhe der Tropfkörper-
Abb. 5.5-5 Festbettverfahren zur Abwasserreinigung füllung ermittelt werden:
1954 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Tabelle 5.5-17 Bemessungswerte für Tropfkörper [ATV A ausgesetzt. Als Aufwuchsmaterial dienen Scheiben
281 2001] aus Polystyrol und mit profiliertem Kunststoff ge-
Ohne Nitrifikation Mit Nitrifikation füllte Walzen. Zusätzlich soll die Rotation sicher-
AR BR,BSB BR,BSB BR;TKN stellen, dass der Beckeninhalt durchmischt wird
[m²/m³] [kg/m³Âd] [kg/m³Âd] [kg/m³Âd] und sich der in Suspension befindliche belebte
Schlamm nicht absetzt.
Brockenfüllung 0,41) 0,4 0,1
Die Bemessung erfolgt über die Ermittlung der er-
100 0,41) 0,4 0,1
forderlichen Aufwuchsfläche A. In [ATV-A-281
150 0,61) 0,6 0,15
2002) 0,22)
2001] ist in Abhängigkeit vom Reinigungsziel die zu-
lässige Flächenbelastung festgelegt (Tabelle 5.5-18).
1) Anlagen mit 50–1000 EW: BR linear bis auf
0,2 kg BSB5/(m³˜d) abmindern. Anlagen mit d 50 EW A = Bd,BSB,ZB/BA,BSB + Bd,TKN,ZB/BA,TKN (in m²)
(Richtlinie des Deutschen Institutes für Bautechnik): BR
(5.5.17)
d 015 kg BSB5/(m³˜d) und V t 4 m³.
2) nur für die Nitrifikation in der zweiten Stufe
In [ATV-A-281 2001] werden für die Überschuss-
schlammproduktion wie beim Tropfkörper im Mit-
tel 0,75 kg/kg angegeben. Nach [Cheung/Krauth/
H = x·qA (1+RV) · CBSB,ZB,RF/(1000·BR) (in m) Roth 1980] kann mit den in Tabelle 5.5-19 genann-
(5.5.16) ten Werten der Überschussschlammanfall in Ab-
hängigkeit von der BSB5-Flächenbelastung ermit-
Bewährt haben sich Höhen zwischen 2,8 und 4,2 m. telt werden.
Die spezifische biologische Überschussschlamm-
produktion ÜSB = ÜSR/BR (ÜSR = raumbezogene Anlagen mit getauchtem Festbett
Überschussproduktion [kg Überschussschlamm/m3 Das Trägermaterial für die Mikroorganismen ist
Tropfkörper], BR = Raumbelastung [kg BSB5/m3 dauerhaft vom Abwasser überstaut. Die Aufwuchs-
Tropfkörper]) beträgt im Mittel 0,75 kg/kg (einschl. körper (Packungen aus geformtem Kunststoff) wer-
20% Erhöhung durch Regenwasserbehandlung). den in einem oder mehreren Reaktoren angeordnet.
Die verwendeten Materialien unterscheiden sich
Rotationstauchkörper z. T. erheblich hinsichtlich ihrer wirksamen Oberflä-
Der auf dem Trägermaterial haftende biologische che. Die Belüftung sorgt für die erforderliche Sauer-
Rasen wird durch Drehung abwechselnd dem in stoffzufuhr und die Spülung für die Aufrechterhal-
einer Wanne befindlichen Abwasser und der Luft tung der Wegsamkeit. Bei sehr hohen spezifischen

Tabelle 5.5-18 BSB5-Flächenbelastung für Rotationstauchkörper [ATV A 281 2001]

Anzahl der ohne Nitrifikation mit Nitrifikation


Kaskaden (TKN/BSB5 ”0,3)
Scheiben- Sonstige Scheibentauchkörper Sonstige Rotationstauchkörper
tauchkörper Rotationstauchkörper
BA,BSB BA,BSB BA,BSB BA,TKN BA,BSB BA,TKN
[ g/(m²˜d) ] [ g/(m²˜d) ] [ g/(m²˜d) ] [ g/(m²˜d) ] [ g/(m²˜d) ] [ g/(m²˜d) ]
•2 81) 5,62)
•3 101) 72) 83) 1,63) 5,64) 1,14)
•4 103) 23) 74) 1,44)
1) Anlagen mit 50–1000 EW:BA,BSB linear bis auf 4 g/m²Âd abmindern
2) Anlagen mit 50–1000 EW: BA,BSB linear bis auf 3 g/m²Âd abmindern
3) Anlagen mit 50–1000 EW: BA,BSB linear bis auf 4 g/m²Âd bzw. BA, TKN linear bis auf 1,2 g/m²Âd abmindern
4) Anlagen mit 50–1000 EW: BA,BSB linear bis auf 3 g/m²Âd bzw. BA, TKN linear bis auf 0,85 g/m²Âd abmindern
5.5 Abwassertechnik 1955

Tabelle 5.5-19 Überschussschlammproduktion in Abhän- – keine Betrachtung temperaturabhängiger Last-


gigkeit von der BSB5-Flächenbelastung [Cheung/Krauth/ fälle;
Roth 1980] – Stoßfaktoren fC = 1,2 und fN = 2,0 für die Koh-
BSB5-Flächenbelastung 2,5 5,0 7,5 10,0 15,0 lenstoff- bzw. Stickstoffbelastung;
[g/(m²˜d)] – Sauerstoffkonzentration Cx = 4,0 mg/l;
Überschussschlammpro- 0,24 0,49 0,76 1,03 1,58 – Eintragswerte bis zu 50% höher als beim Bele-
duktion [kg/kg BSB5,elim.] bungsverfahren.

Der biologischen Stufe ist eine Grobstoffentfer-


Oberflächen kann eine zusätzliche hydraulische nung sowie eine ausreichend groß dimensionierte
Rückspülung erforderlich werden. Vorklärung vorzuschalten. Zur Abtrennung der
Derzeit ist keine Bemessung anhand allgemein- Feststoffe ist eine Sedimentationsstufe erforder-
gültiger Größen möglich, sodass Vorversuche lich. Die Dimensionierung kann man analog zu
durchgeführt werden sollten. Nach [ATV-Hand- Tropfkörperanlagen vornehmen.
buch 1997b] deuten bisher vorliegende Messer-
gebnisse darauf hin, dass für die Flächenbelastung Biofilter
BA die Werte für Rotationstauchkörper aus [ATV A In Biofiltern (Abb. 5.5-6) wird die auf biologische
281 2001] angesetzt werden können, wobei jedoch Prozesse zurückzuführende Reinigungswirkung
für den Lastfall „Nitrifikation“ von Belastungs- (vergleichbar mit den übrigen Festbettverfahren)
werten über 4 g BSB5/(m2·d) abgeraten wird. Eine mit einem gezielten Feststoffrückhalt kombiniert.
Aufteilung in mehrere Kaskaden steigert den bio- Für die Sauerstoffversorgung wird üblicherweise
logischen Wirkungsgrad und mindert die Auswir- Luft in den oder unter dem Filter eingeblasen
kung von Belastungsstößen. (Luftbeaufschlagung i. d. R. zwischen 4 und
Die Sauerstoffzufuhr kann entsprechend [ATV 15 Nm3/(m2·h)).
A 131 2000] berechnet werden, wobei jedoch nach Zur Erzielung der Filtrationswirkung ist ein
[ATV-Handbuch 1997b] folgende Punkte zu be- entsprechend feinkörniges Trägermaterial (z. B.
achten sind: Blähton, Blähschiefer oder Polystyrol, Körnung
2,0 bis 8,0 mm) zu wählen. Biofilter werden i. Allg.
– spezifischer Sauerstoffverbrauch für den BSB5- überstaut im Gleich- oder Gegenstrom betrieben.
Abbau, bezogen auf den BSB5, OVC = 1,6 kg Um zurückgehaltene Feststoffe und Überschuss-
O2/kg-BSB5; schlamm zu entfernen, wird kontinuierlich oder

Abb. 5.5-6 Verfahrensschema eines Biofilters im Gegenstrombetrieb [ATV-Handbuch 1997b]


1956 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

diskontinuierlich mit Luft und Wasser gespült (In- 5.5.4.2 Belebungsverfahren


tervalle: 12 h bis 3 d; Rückspülgeschwindigkeiten
Die Biomasse ist im Belebungsbecken suspendiert
für Luft: 60 bis 100 Nm3/(m2·h), für Wasser 15 bis
und wird über Belüftungseinrichtungen mit dem für
80 m3/(m2·h); Gesamtdauer 30 bis 40 min).
die biologischen Prozesse erforderlichen Sauerstoff
Biofilteranlagen dienen als Haupt- oder als
versorgt. Der Beckeninhalt kann mit der Belüftungs-
Nachreinigungsstufe. Für die Bemessung sind die
einrichtung oder Rührwerken umgewälzt werden.
Parameter Filtergeschwindigkeit vF und biolo-
Über die Einstellung entsprechender Milieubedin-
gische Raumumsatzleistung BR maßgebend. Bei
gungen lassen sich mit dem Belebungsverfahren
Trockenwetter wird üblicherweise im Normalbe-
Kohlenstoff-, Stickstoff- und Phosphorverbindun-
trieb mit vF = 2,0…8,0 m3/(m2·h) gearbeitet, bei
gen aus dem Abwasser entfernen. Die organischen
Regenwetter oder Ausfall einzelner Einheiten kann
Stoffe werden von den Mikroorganismen zum Auf-
die Filtergeschwindigkeit auf 10 bis 15 m3/(m2·h)
bau neuer Biomasse aufgenommen und zum Ener-
gesteigert werden [ATV-Handbuch 1997b]. Die
giestoffwechsel veratmet.
Netto-Filterfläche wird mit A = Q/vF (in m2) be-
stimmt.
Aus der in Abhängigkeit vom Reinigungsziel zu Bemessungsgrundlagen
wählenden Raumbelastung (Tabelle 5.5-20) kann Für die Bemessung ist das vorhandene Datenmateri-
das erforderliche Netto-Schüttvolumen zu V = B/ al auszuwerten und u. U. in zusätzlichen Messungen
BR (in m3) berechnet werden. Als Bemessungs- zu ergänzen. Nur in Ausnahmefällen sollte auf die
fracht B ist der Maximalwert, z. B. der 2-h-Mittel- alleinige rechnerische Ermittlung der Belastungs-
wert der Tagesspitze, einzusetzen. Übliche Filter- zahlen zurückgegriffen werden. Auszuwerten sind
betthöhen liegen zwischen 2 und 4 m. – die Daten von mindestens drei aufeinanderfol-
Sowohl bei der Ermittlung der Netto-Filterflä- genden Monaten zur Zeit der höchsten Belas-
che A als auch des Netto-Schüttvolumens V sind tung,
Ausfallzeiten (z. B. für die Spülung) nicht enthal- – Wochengänge zu verschiedenen Jahreszeiten und
ten. Die Anzahl der Spülzyklen lässt sich begren- – für die Verschmutzungsparameter Tagesgangli-
zen, wenn in einer Vorbehandlung (z. B. Vorklä- nien als 2-h- Mischproben.
rung, evtl. kombiniert mit einer Vorfällung) sicher-
gestellt wird, dass der AFS-Gehalt im Zulauf im Bei Trennkanalisation ist der maximale Zufluss bei
Mittel unter 50 bis 75 mg/l liegt. Im Ablauf sind Regenwetter als 1-Stunden-Mittel (QTr,h,max) für
AFS-Werte unter 10 mg/l erreichbar. hydraulische Berechnungen der Kläranlagen maß-
Der Feststoffanfall setzt sich aus den zurückge- gebend. In allen anderen Fällen ist der Mischwas-
haltenen Stoffen des Zulaufs und dem Schlamman- serabfluss (QM) heranzuziehen. Der Mischwasser-
fall der biologischen Umsetzungen zusammen. abfluss ergibt sich aus dem in Abb. 5.5-7 gewähl-
Letzterer liegt in gleicher Größenordnung wie ten Faktor wie folgt:
beim Belebungsverfahren und kann zu 0,4 bis
0,6 kg/kg BSB5 abgeschätzt werden. QM = fS,QM ÂQS,aM + QF,aM (in m³/h) (5.5.18)

mit
Tabelle 5.5-20 Raumumsatzleistungen BR von Biofiltern
[ATV-Handbuch 1997b] QS,aM mittlerer jährlicher Schmutzwasserabfluss
(in l/s)
BR (stündl. Raten) BR (Tagesraten) QF,pM mittlerer jährlicher Fremdwasserabfluss
in kg/(m3·h) in kg/(m3·h) (in l/s)
BSB5 0,17…0,29 4…7
CSB 0,29…0,42 7…10 Als maßgebende Belastungen für Belebungsanla-
Nitrifikation 0,004…0,063 0,1…1,5 gen sind 2- (oder 4-) Wochenmittel der Frachten in
(NH4-N) (max. 0,083) (max. 2,0) der Periode, in der das 2-Wochenmittel der Tempe-
Denitrifikation 0,033…0,170 0,8…4,0 ratur im Bereich der Bemessungstemperatur TBem
(NO2-N, NO3-N) (max. 0,208) (max. 5,0)
liegt, heranzuziehen. Wenn das 2- (oder 4-) Wo-
5.5 Abwassertechnik 1957

x Spitzenstundenwert entsprechend der Ein-


wohnerzahl (s. Tabelle 5.5-2),
Qh täglicher Zufluss aus Wohngebieten und des
kleingewerblichen Anteils (in m3/h),

wobei
Qh = EZ·ws/24
mit
EZ angeschlossene Einwohner,
ws Wasserverbrauch (in m3/(E·d)),
a Arbeitsstunden pro Tag,
b Produktionstage pro Jahr,
Abb. 5.5-7 Bereich des Faktors f S,QM zur Ermittlung des Qg Jahresmittel des gewerblichen Abwasserzu-
optimalen Mischwasserabflusses zur Kläranlage auf der
flusses (in m3/h),
Basis des mittleren jährlichen Schmutzwasserabflusses
[DWA A 198 2003] Qi Jahresmittel des industriellen Abwasserzu-
flusses (in m3/h).

chenmittel der organischen Fracht in der Periode Sind die erforderlichen Angaben nicht verfügbar,
der tiefsten Temperatur um mehr als 10% höher ist kann der Spitzenzufluss nach 5.5.1.2 berechnet
als bei TBem, gelten die Frachten bei tiefster Tem- werden.
peratur als maßgebend. Sind diese Daten nicht vor- 2. Ermittlung der einwohnerspezifischen Ver-
handen, kann der 85%-Wert aller Messungen aus schmutzungswerte mit Tabelle 5.5-12.
den letzten zwei bis drei Jahren verwendet werden.
Das Datenkollektiv dafür sollte mindestens 40 Bemessung des Belebungsbeckens
gleichmäßig über diesen Zeitraum verteilte Tages- Das Volumen des Belebungsbeckens errechnet sich
frachten umfassen. zu
In Tabelle 5.5-21 sind die für die Bemessung
relevanten Parameter zusammengestellt. Rückbe- (5.5.20)
lastungen aus der Schlammbehandlung sind extra
zu erfassen. Für Anlagen zum ausschließlichen
Kohlenstoffabbau werden die N- und P-Frachten Mit der Bemessung des Nachklärbeckens wird der
nicht benötigt. Sind keine Messungen möglich, Trockensubstanzgehalt im Belebungsbecken fest-
kann wie folgt vorgegangen werden: gelegt. Richtwerte für den Trockensubstanzgehalt
1. Berechnung des Trockenwetterzuflusses nach sind in Abb. 5.5-8 dargestellt [ATV A 131 2000].
[ATV A 128 1992]: Bei Abwässern, die zu einem Belebtschlamm mit
hohem Schlammindex führen können, sind die je-
weils niedrigeren Werte zu wählen.
Für die Bemessung von einstufigen Belebungs-
(5.5.19) anlagen gilt grundsätzlich das Arbeitsblatt ATV
A 131. Wegen der Besonderheiten von kleineren
Kläranlagen wird bei der Bemessung der Anlagen
bis 5000 EW auf die Arbeitsblätter [ATV A 122]
mit und [ATV A 126] sowie [DIN 4261] verwiesen.
Qs Tagesspitze des Schmutzwasserzuflusses (in
m3/h), Bemessungsvorgang für Anlagen mit 500 bis
Qf Jahresmittelwert des Fremdwasserzuflusses 5000 EW
aus Misch- und Trenngebieten bei Trocken- [ATV A 126 1993] empfiehlt für diese Ausbaugrö-
wetter (in m3/h), ße Anlagen mit Schlammstabilisierung (Schlamm-
1958 5 Wasserbau, Siedlungswasserwirtschaft, Abfalltechnik

Tabelle 5.5-21 Für die Bemessung erforderliche Angaben

Parameter benötigt für


1. Qd bei Trockenwetter Berechnung der Konzentrationen aus Schmutzfrachten
2. Qm Bemessung Nachklärbecken
3. TBem Festlegung des Schlammalters
4. mittlere BSB5-Fracht bei TBem im maßgebenden Überschussschlammanfall und Sauerstoffverbrauch
Belastungszeitraum
5. mittlere Fracht an TS0 bei TBem im maßgebenden Überschussschlammanfall
Belastungszeitraum
6. mittlere TKN-Fracht bei TBem im maßgebenden Denitrifikationsvolumen und Sauerstoffbedarf
Belastungszeitraum
7. mittlere P-Fracht bei TBem im maßgebenden Ermittlung des Fällmittelbedarfes
Belastungszeitraum
8. Verhältnis von maximaler stündlicher BSB5-Fracht Ermittlung des Spitzen-Sauerstoffbedarfes
(aus 2–4 h Mischproben) zu mittlerer TKN-Fracht (siehe 4.)
9. Verhältnis von maximaler stündlicher TKN-Fracht Ermittlung des Sauerstoffbedarfes
(aus 2–4 h Mischproben) zu mittlerer TKN-Fracht (siehe 6.)
10. mittlere Säurekapazität KS;0 im maßgebenden Ermittlung der verbleibenden Säurekapazität
Belastungszeitraum

(5.5.21)

Solange TKN/BSB5 ” 1/3,5 liegt, wird damit der


Sauerstoffbedarf für den Kohlenstoffabbau und die
Stickstoffoxidation abgedeckt. Ist das TKN/ BSB5-
Verhältnis größer (z. B. durch Industrieeinfluss),
so ist der zusätzliche Sauerstoffbedarf nachzuwei-
sen. Je nach Art der Belüftungseinrichtung ist der
Sauerstoffzufuhrfaktor a zwischen 0,5 und 0,9 zu
wählen.
Für den spezifischen Überschussschlammanfall
ÜSB kann mit 1 kg/kg gerechnet werden. Dies ent-
spricht ohne Eindickung bei 1,0% Trockenrück-
stand (TR) etwa 5 l/(E·d), mit Voreindickung auf
2,5%-TR ca. 2 l/(E·d) und – wenn der Schlamm ge-
Abb. 5.5-8 Richtwerte für den Schlammtrockensubstanzge-
lagert wird – (TR = 5%) etwa 1 l/(E·d).
halt im Belebungsbecken in Abhängigkeit vom Schlamm-
index für TSRS = 0,7 x TSBS [DWA A 131 2000] = NEU Bemessungsvorgang für einstufige Belebungs-
anlagen nach [ATV A 131 2000]
alter tTS • 20 d, kein Vorklärbecken und keine Das Schlammalter beschreibt die mittlere Aufent-
Schlammfaulung) und gibt Bemessungswerte für haltszeit einer Belebtschlammflocke im Bele-
den Schlammindex ISV, den Trockensubstanzge- bungsbecken; es wird vom Reinigungsziel festge-
halt TSBB und die BSB5-Raumbelastung BR,BSB5 legt. Um bei Anlagen mit Nitrifikation ein Aus-
vor (Tabelle 5.5-22). Mit diesen Vorgaben an die spülen der sich nur im belüfteten Abwasser ver-
Bemessung ist die Einhaltung der Anforderungen mehrenden Nitrifikanten zu verhindern, ist das
der Kläranlagengrößen I und II erreichbar. aerobe Mindestschlammalter mit
Das erforderliche Sauerstoffzufuhrvermögen be-
rechnet sich für eine Sauerstofflast OB • 3 kg/kg zu (5.5.22)
5.5 Abwassertechnik 1959

Tabelle 5.5-22 Bemessungswerte nach [ATV A 126 1993]

Abwasser mit ISV in mL/g TSBB in kg/m3 BR,BSBS in kg/(m3·d)


geringem organisch-gewerblichem Anteil 75–100 ”5 ” 0,25
hohem organisch-gewerblichem Anteil 100–150 ”4 ” 0,20
hohem und stark schwankendem organisch-gewerblichem 150–200 ”3 ” 0,15
Anteil

Tabelle 5.5-23 Minimales Schlammalter tTS [ATV A 131 2000]

Reinigungsziel Anlage ” Anlage >


20 000 EW 100 000 EW
Bemessungstemperatur 10°C 12°C 10°C 12°C
ohne Nitrifikation 5 4
mit Nitrifikation 10 8,2 8 6,6
mit Nitrifikation und Denitrifikation
VD/VBB = 0,2
= 0,3 12,5 10,3 10,0 8,3
= 0,4 14,3 11,7 11,4 9,4
= 0,5 16,7 13,7 13,3 11,0
20,0 16,4 16,0 13,2
Mit Nitrifikation, Denitrifikation und Schlammstabilisierung 25 nicht empfohlen

zu bestimmen. SF wird als Sicherheitsfaktor be- Nitrifikation ist zusätzlich nachzuweisen, dass die
zeichnet. Für Anlagen mit mehr als 100000 EW Belüftungszeit bei Trockenwetterzufluss mindes-
muss SF • 2,3 sein, und für Anlagen ” 20000 EW tens 2 h und bei Regenwetterzufluss mindestens
gilt SF • 2,9. 1 h beträgt [ATV-Handbuch 1997b]. VD/VBB > 0,5
Wenn die Temperatur im Ablauf des Belebungs- sollte nicht gewählt werden.
beckens im Winter TÜW = 12°C unterschreitet, ist Liegt die Temperatur im Bemessungszeitraum
für Gl. (5.5.22) TÜW 2°C als Bemessungstempera- deutlich unter 12°C, muss – bei über 12°C kann – das
tur einzusetzen, um den Ablaufgrenzwert von Am- erforderliche Schlammalter angepasst werden:
monium sicher einzuhalten. Daher ergibt sich für
Anlagen mit mehr als 100.000-EW das aerobe tTS (T °C) = tTS (10 °C)