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Nacht der Welt

nung von dem, was deren Pfeifen man erst hört, wenn man schon tot Selbst" und versunken in einer Nacht "jenseits der
einmal als Tekkno-Party bezeichnet wer- ist; ebenso wenig wie man sich heute unter der Welt" ("Ultraworld" nennen sich diese Tanzaben-
den wird, findet sich in Hegels sogenann- Flugbahn einer Kanonenkugel postieren muß, de), sieht sich das Tekkno-Subjekt, auch wenn es
ter 'Jenaer Realphilosophie'. Dort wird ein tech- um zu spüren, was eine Druckwelle ist. Die vielleicht nur mal kurz aufs Klo wollte, wieder
nisch-therapeutisches Verfahren vorgestellt, das Tekknoparty löst solche einst der Fronterfahrung ganz dem strengen Regiment jenes "Reichs des
das in den Ritualen der Gewohnheit befangene vorbehaltenen Schockmomente moderner Tech- Namen" unterworfen, das die Freizeitindustrie
Individuum kräftig durcheinander zu bringen nikaus ihrem kriegerischen Zusammenhang und im Namen der "neuen Münchner Hallenkultur"
verspricht. Worum es geht, das ist die Geburt der integriert sie in der friedlichen Prozedur einer der aufgelösten Ordnung des Flughafens aufge-
Tekkno-Party aus dem Geist des Geschützdon- hochinstrumentierten Ekstasetechnik. Unter Ver- pfropft hat. Wie sich des alten Adams "erste
ners. Um es nicht so spannend zu machen: was meidung ihrer realen Entfesselung beschwört sie Schöpferkraft" zunächst mal darin geäußert hat,
im Leben faul gewordener Völker und Nationen die ungeheure Wirkung neuzeitlicher Destruk- "allen Dingen einen Namen" zu geben , so
der Krieg bewirkt (nämlich eine gewaltige Er- tivkräfte: Was dem Grabenkrieg sein Trommel- machen auch die neuen Herren über die alten
schütterung, die alles Festgewordene und Er- feuer, ist der Tekknoparty die non-stop-Behage- Terminals ihr "Majestätsrecht und erste Besitzer-
starrte wieder in die Flüssigkeit des historischen lung des Trommelfells; Schwaden künstlichen greifung" geltend, indem sie symbolisch Bezirke
Prozesses überführt) leistet für den Bereich des Nebels lassen Freund und Feind ununterscheid- abstecken, eine ganze Ordnung der Trennungen,
modernen Freizeitlebens die Tekkno-Party. Die bar werden; Bässe im Infraschall parodieren den der Absperrungen und der kanalisierten Bewe-
Destruktivkräfte des neuzeitlichen Krieges fin- Geschützdonner von Jena. Über die Wirkung des gungen entwerfen, die dann allabendlich nur
den - pazifistisch gewendet - Eingang ins musika- Stroboskop-Effekts, der dem Tekkno-Subjekt das noch von austauschbaren Konsumenten-Subjek-
lisch-technische Gesamtkunstwerk. Wie gestern Schauspiel aufblitzenden Mündungsfeuers er- ten ausgefüllt zu werden braucht. Wegweisende
im Kugelhagel kommt heute der Mensch im setzt, hat bereits Hegel sich kennerhaft geäußert: Schilder lenken dich in deine Warteschlange:
Stroboskopgewitter zu sich selbst, erfährt sich als Er schafft eine "Nacht der Aufbewahrung", in der "Orange disco", "Kontaktparty", "Fangoparty",
das, was er jenseits seiner vom bürgerlichen "ein Reichtum unendlich vieler Vorstellungen" "Bundymania" oder eben Ultraworld; Security-
System des Wohlseins diktierten Rolle eigentlich nur auftaucht, um gleich wieder zu verschwin- Schergen checken deinen body auf mögliche
ist: ein Nichts, eine tabula rasa, die sich jederzeit den: wie "in phantasmagorischen Vorstellungen Sicherheitsrisiken ab, schlagstockbewehrte Uni-
neuer Beschriftung zu öffnen hat. Wenn, wie ist es ringsum Nacht; hier schießt dann ein formierte verwehren deinem unbefugten, schon
Hegel meint, der Prozeß der Subjektivität großer blutiger Kopf, dort eine andere weiße Gestalt nicht mehr träumenden Geist den Zutritt zu
erschütternder Erfahrungen bedarf, die "alles plötzlich hervor und verschwinden ebenso"4. einem "V.I.P.-Lounge" genannten Sperrbezirk,
Fixe" beben und alles Bestehende absolut flüssig Sanitäter patrouillieren durch die Wartehallen,
werden lassen1, so kann die Tekkno-Party hier
ähnlich zuverlässige Dienste leisten wie das
Erlebnis der Bewährung im Kampfe. 4 Der Zustand, den die archaischen Ekstase-
techniken der Naturreligionen hervorzu-
rufen suchen, besteht, wie Hegel in einer
sehr abfälligen Bemerkung über den 'Kultus in
und vor den Klos wacht ein schläfriger Student
über die Einhaltung der symbolischen Grenze
zwischen Damen und Herren.

2 Schon Hegel war sich im Klaren darüber,


daß die Läuterung des Spießers zu einem
von jeder Bestimmtheit befreiten Selbst,
zur "reinen abstrakten Negativität", sich nur in
einem hochtechnisierten Fegefeuer angemessen
der Religion der Zauberei' bemerkt, in "sinnli-
che[r] Betäubung, wo der besondere Wille ver-
gessen, ausgelöscht und das abstrakt sinnliche
Bewußtsein aufs höchste gesteigert wird. Die
Mittel, diese Betäubung hervorzubringen, sind
6 Alles verhält sich ganz so, als müßte hier
der Gefahr einer im Tekkno-Rausch er-
zeugten Zerfalls-Energie durch die pro-
phylaktische Identitätsfixierung des Subjekts
Tanz, Musik, Geschrei, Fressen, selbst Mischung und die ordnungsmäßige Begrenzung seiner
verwirklichen läßt. Nicht in der heißen Wut eines Handlungsmöglichkeiten begegnet werden; es
Kampfs von Mann gegen Mann, "wo der Einzelne der Geschlechter."5 Von solcher Naturhaftigkeit
ist allerdings die Tekknoparty weit entfernt. In ist, als ob der in der stroboskop-durchzuckten
den Gegner ins Auge faßt und in unmittelbarem "Nacht der Welt" bloß simulierte Zusammen-
Hasse denselben tötet"2, sondern nur in der ganz ihr gelangen Trance- und Ekstasetechniken zu
bruch der symbolischen Ordnung sogleich eine
und gar nackten Angst, in dem von jedem einer abstrakt-technischen Perfektion, die mit der
Sinnlichkeit naturreligiöser Verschmelzung paranoid-despotische Überproduktion von sym-
persönlichen Haß gereinigten abstrakten Stahl- bolischen Begrenzungen und Einschränkungen
gewitter des modernen Krieges, erfährt das nichts mehr zu tun hat. Die Auflösung, die das
Subjekt im Tekkno-Kult erfährt, hat eher den ins Leben rufen müßte. Wenn's wahr ist: denn es
Subjekt seine wirkliche innerliche Auflösung, das ist ja nicht gesagt, daß die Repression und die
absolute Flüssigwerden all seiner Be- Charakter der Zerlegung als der Vermischung;
die Körpergrenzen zerfließen nicht, sie werden Leidenschaft der Unschädlichmachung noch ei-
stimmungen. Die vollkommenste Negativitätser- nen Indikator für eine geheime subversive Kraft
fahrung, die sich Hegel denken "konnte, ist das zerhackt. Die Dekomposition des Ich im Stakkato
des Tekknobeats, die maschinelle Zerstückelung abgeben. Jedenfalls: wenn Tekkno sich der He-
Abfallprodukt einer Kriegstechnik, die die Ge- gelschen Tradition als würdig erweisen will, muß
fahr des Todes zu einer ebenso abstrakten wie des Körpers in Partialobjekte unterm Stroboskop-
gewitter, das ist Negativitätserfahrung auf dem es (wie der Hegeische "Krieg") die Subjekte "von
allgegenwärtigen macht: Zeitgemäß erfährt das Zeit zu Zeit" durch Tekknoparties erschüttern,
Ich die äußerste Erschütterung seiner selbst nur heutigen Stand der Produktivkräfte. In der ehe-
maligen Charterhalle des alten Flughafens kön- "ihre [...] zurechtgemachte Ordnung (...) verlet-
in der abstrakten Angst vor einem ungreifbaren, zen und verwirren" . Richtig ist, daß es dazu
kalten und gleichsam maschinellen Tod, der "leer nen alle, die fünfzehn Mark zu opfern bereit sind,
ohne Gefahr des Todes in die Nacht ihrer einen Schauplatz braucht: irgendwo muß sich
gegeben und empfangen wird, unpersönlich, aus schließlich die Ultra-Welt in unser Universum
dem Pulverdampf" . Subjektivität eintreten.
hineinstülpen, irgendwo müssen die Boxen ste-

5
hen. Der Riemer Freizeitknast der Ordnungs-

3 War für Hegel die Erfahrung der Ichlosig-


keit an die "wirkliche Aufopferung des
Selbst" in "Soldatenstand und Krieg" ge-
koppelt, so erlaubt der heutige Stand der Produk-
tiv- und Simulationskräfte ein zivileres Vorge-
Der Blick in die "Nacht der Welt" gehört
allerdings, wie Hegel betont, dem "träu-
menden Geiste" an: dieser kommt nicht
umhin, irgendwann zu erwachen, d.h.: das
magische Viereck der Tanzfläche zu verlassen.
wächter und Jugendingenieure aber ist der
übelste Landeplatz für alles, was ein wenig
Fremdheit bewahren will: hier ist der trance- und
traumhapperte Weltuntergang nichts anderes als
hen: Rein technisch ist beispielsweise die Erfah- Nicht umsonst aber spricht Hegel von diesem ein theatralischer Schein, eine folgenlose Illusion;
rung von Hochgeschwindigkeit längst nicht Erwachen als dem Eintauchen in "das Reich der die "Nacht der Welt" nur eine profitable Geister-
mehr ans Paradigma der Gewehrkugel geknüpft, Namen". Und tatsächlich: eben noch ganz "reines bahn, xxx