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Udo Reinhold Jeck (Bochum)

SELBST – EMPFINDUNG – NERVENNETZ.


HEGELS THEORIE DES NERVENSYSTEMS IN DEN BERLI-
NER VORLESUNGEN ZUR NATURPHILOSOPHIE
1. Einleitung
Die Erkundung des Gehirns steht gegenwärtig im Mittelpunkt der Forschung.
Auch die Philosophie ignoriert keineswegs diese Erkenntnisse, denn schon seit
den Griechen existiert eine Beziehung zwischen Neurowissenschaft und Philo-
sophie: Ihrem anfänglichen Denken erwuchs erstmals ein Wissen um die Be-
deutung des Nervensystems für den menschlichen Geist. Seit dieser Zeit kon-
stituierte sich die ‚Philosophie des Gehirns‘ (Neurophilosophie).1 Die gegen-
wärtigen Philosophen reagieren unterschiedlich auf den unaufhaltsamen Auf-
stieg dieser Disziplin: Viele erstreben eine Integration neurowissenschaftlicher
Erkenntnisse in die Philosophie des Geistes,2 manche sprechen jedoch ab-
schätzig von ‚Neurozentrismus‘ und wollen den Einfluss der Neurowissen-
schaften auf die Philosophie zurückdrängen.3 In dieser Situation erscheint ein
Rückblick auf jene großen Denker der Vergangenheit sinnvoll, die sich weder
dem Fortschritt der Neurowissenschaften verschlossen noch ihm unkritisch
folgten. Dazu gehört Hegel.

2. Hegels Neurophilosophie
Hegel blieb zwar an den Entwicklungsstand der Anatomie- und Physiologie
des Nervensystems seiner Zeit gebunden, erkannte jedoch, dass der menschli-
che Geist zu seiner Existenz eines hoch entwickelten Organismus bedarf, und
dazu gehört ein differenziertes Nervensystem: Keine Philosophie des Geistes
ohne eine Philosophie des Nervensystems. Da ein Nervensystem Welt-Of-
fenheit garantiert, bearbeitet die Philosophie des Nervensystems zwei Grund-
fragen: Wie erlangt und verarbeitet ein Organismus durch Nervensysteme ex-
terne Daten? Was ermöglicht es ihm gezielte Eingriffe in seine Umwelt? Diese
basalen Fragen ziehen weitere nach sich: Welchen Aufbau zeigen die einzel-
nen Nerven? Warum schließen sie sich zu Nervensträngen zusammen und
verzweigen sich netzartig? Stimmen die traditionellen Hypothesen zur Leitung
nervöser Impulse? Welche Rolle spielt das Zentralnervensystem? Wie entste-
hen aus netzartigen neuronalen Mannigfaltigkeiten singuläre Empfindungen

1
Vgl. U.R. Jeck, „Systematische Einleitung in die Geschichte der Philosophie des Gehirns
(Neurophilosophie)“, in: Natur und Geist. Die Philosophie entdeckt das Gehirn, hg. v. C.
Jamme u. U.R. Jeck, München 2013, S. 33–50.
2
Vgl. M.R. Bennett, P.M.S. Hacker, Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaf-
ten. Aus dem Engl. übers. v. A. Walter. Mit einem Vorw. v. A. Gethmann-Siefert, Darmstadt
2010.
3
Vgl. M. Gabriel, Ich ist nicht Gehirn Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert, 2.
Aufl., Berlin 2016.
2

und zuletzt sogar ein Selbst? Hegel hat – so gut es ging – Antworten auf diese
Fragen gesucht und gab seiner Philosophie des Geistes insofern ein neurowis-
senschaftliches Fundament; das zeichnet ihn aus.

3. Quellen
Wer Hegels Theorie des Nervensystems studieren will, stößt mehrfach auf
Hindernisse: Dazu gehört zunächst, dass heute nicht mehr alles einst vorhan-
dene Material vorliegt. Eine Rekonstruktion der Berliner Neurophilosophie
Hegels kann sich nur noch auf folgende Materialien stützen:
I. An erster Stelle stehen die entsprechenden Ausführungen der Enzyklopä-
die. Hegel hat seinen Vorträgen in Berlin zunächst die Heidelberger Fassung
von 1817,4 dann jedoch die Berliner Umarbeitung von 1827 zugrunde gelegt.5
Beide dokumentieren nicht nur das Fundament seiner Neurophilosophie, son-
dern auch ihren systematischen Kontext.
II. Allerdings äußerte sich Hegel dort nur sehr knapp zur Neurologie, er
überliess Details dem mündlichen Vortrag. Im Hinblick darauf stützte er sich
auf zusätzliche Unterlagen, über die zuerst Michelet berichtet und die er in den
von ihm konstituierten Zusätzen zur enzyklopädischen Naturphilosophie pub-
liziert hat.6 Ihm lagen heute verschollene eigenhändige Manuskripte Hegels zu
seinen Vorlesungen über die Naturphilosophie vor.7 Leider hat er diese Texte
im Druck nicht näher gekennzeichnet. Bestimmte Indizien deuten jedoch da-
rauf hin, dass manche Sentenz zur Nervenlehre in Michelets Zusätzen aus ori-
ginären Quellen stammen
III. Vergleichbares gilt auch für die indirekten Zeugnisse zur Nerven-
theorie der Berliner Vorlesungen,8 das heißt, für jenes neurowissenschaftliche
Material in den Zusätzen, das auf heute verlorenen Nachschriften zurückgeht.9
Insofern besitzen die neu edierten Vorlesungen zur Berliner Naturphilosophie
eine große Bedeutung;10 sie überliefern ebenfalls Reflexionen Hegels zur Ge-
hirn- und Nervenlehre. Einerseits bestätigen sie manchmal das bisher bekannte
Material, andererseits gewähren sie jedoch nur in einigen wenigen Fällen Ein-
blicke über das hinaus, was schon Michelet bot.

4
Vgl. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1817), Ham-
burg 2000, § 278, S. 161,20–162,2.
5
Vgl. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1827) Ham-
burg 1989, § 354, S. 268,4–269,3; ders., Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften
im Grundrisse (1830), Hamburg 1992, § 354, S. 354,17–355,27.
6
Vgl. G.W.F. Hegel’s Vorlesungen über die Naturphilosophie als der Encyclopädie der philo-
sophischen Wissenschaften im Grundrisse. Zweiter Theil. Hg. v. C.L. Michelet, Berlin 1842.
7
Vgl. Michelet, a.a.O. (Anm. 6), S. XVIII.
8
Vgl. ebd.
9
Vgl. ebd., S. XVIII-XIX.
10
Vgl. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Natur. Nachschriften zu den Kollegien der
Jahre 1819/22, 1821/22 und 1823/24, Hamburg 2012; ders., Vorlesungen über die Philoso-
phie der Natur. Nachschriften zu den Kollegien der Jahre 1825/26 und 1828, Hamburg 2014.
3

Die Informationen zu Hegels Berliner Neurophilosophie fliessen insofern


aus differenten Quellen. Ihre Sammlung führt jedoch zu einem weiteren Prob-
lem: Hegel verfasste lediglich in der Phänomenologie des Geistes (1807) eine
längere Untersuchung zum Nervensystem.11 Sonst fasste er sich, wenn er in-
nerhalb seiner Texte gezielt neurowissenschaftliche Informationen einsetzte,
stets kurz. Die Forschung muss daher die Berliner Neurophilosophie aus
knappen und kryptischen Äußerungen rekonstruieren. Dennoch ergeben sie
ein zuverlässiges Bild seiner neurophilosophischen Begründung der Philoso-
phie des Geistes.

4. Konfiguration und Funktion des Nervensystems


Vor allem der Zusatz zu § 354 der Enzyklopädie – vermutlich eine Kompositi-
on Michelets aus differenten Materialien – enthält wichtige Reflexionen He-
gels zur Anatomie und Physiologie des Nervensystems.12 Ausgehend vom
Zentralnervensystem unterstrich er, dass sich die Nerven im Gehirn zen-
trieren.13 Über die zerebrale „Organisation“ besaß die damalige Wissenschaft
nach Hegels Ansicht jedoch kaum sichere Erkenntnisse.14 Die sich im Leib
ausbreitenden Nerven differieren hinsichtlich ihrer Funktion: Einige dienen
der Empfindung, andere der Bewegung;15 jene entspringen dem Gehirn und
erhalten ihre Bestimmung durch die Sinnesorgane, diese stammen aus dem
Rückenmark. Das Nervensystem besitzt daher eine praktische und eine theo-
retische Komponente;16 es ist die „Bedingung“ der Möglichkeit der „Empfin-
dung“ und des sich eigene Zwecke setzenden „Willens“.17
11
Vgl. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1980, S. 180,37–181,16.
12
Vgl. Hegel, Vorl. Naturphil., a.a.O. (Anm. 6), § 354 Zus., S. 568.
13
Vgl. ebd.: „Überhaupt aber concentriren sich die Nerven im Gehirn, und dirimiren sich auch
wieder von ihm aus, indem sie sich in alle Theile des Körpers verteilen“; ders., Vorl. Phil. d.
Natur, a.a.O. (Anm.10), 1819/20, S. 160,19–20: „Andrerseits ist das Concentrirt im Gehirn –
es ist diese Samlung diese concentration der Empfindung“; S. 161,30–31: „Das Herz ist der
Mittelpunkt wie das Hirn von dem Empfindenden Nerven System“; 1823/24, S. 722,7-8: „das
dritte, das eigentliche Gehirn, die in sich gegangene Sensibilität, das dumpfe Empfinden in
sich“; 1828, S. 1152,30–33: „die Mittelpunkte der Systeme Gehirn Herz und Unterleib – je-
des dieser Systeme ist auch als zu den andern Systemen sich verhaltend diffundirt durch das
Ganze; überall ist eine Arterie und Vene und Nerv.“
14
Vgl. ebd.
15
Vgl. Hegel, Enz. 1830, a.a.O. (Anm. 5), § 354, S. 355,2–3: „Systeme des Gehirns und dessen
weiterem Auseinandergehen in den Nerven, die ebenso nach Innen Nerven der Empfindung,
nach Außen des Bewegens sind.“
16
Vgl. Hegel, Vorl. Naturphil., a.a.O. (Anm. 6), § 354 Zus., S. 568: „Vom Rückenmark gehen
mehr die Nerven der Bewegung aus, von dem Gehirn vornehmlich die der Empfindung: jene
sind das Nervensystem, insofern es praktisch ist, – diese dasselbe als Bestimmtwerden, wozu
die Sinneswerkzeuge gehören“; ders., Vorl. Phil. d. Natur, a.a.O. (Anm. 10), 1825/26, S.
926,9–13: „Das 2te ist entwickelte Sensibilität. Dazu gehört Gehirn, Rückenmark, Ausbrei-
tung der Nerven“; 927,17–18: „Gehirn ist wesentlich der Sensibilität angehörig, sofern sie
theoretisch nach außen geht, und ist getheiltes.“
17
Vgl. ebd.: „Der Nerv ist die Bedingung dazu, daß Empfindung vorhanden ist, wo der Körper
berührt wird; ebenso ist er die Bedingung des Willens, überhaupt jedes selbstbestimmenden
Zwecks.“
4

5. Neuronale Kommunikation und ihre empirische Bestätigung


Zur Bestätigung dieser Thesen griff Hegel auf Sekundärliteratur zurück. Im
Zusatz zu § 354 finden sich nämlich drei Zitate aus dem Handbuch der empi-
rischen menschlichen Physiologie von Autenrieth,18 der dort die Lehre von der
Natur des erwachsenen Menschen im gesunden Zustande thematisierte.19 Viel-
leicht entnahm Michelet diese Zitate einem Exzerpt Hegels, das sich in dessen
autographischen Heften zur Naturphilosophie befand.20 Nach Autenrieth ruht
das Leben eines Organismus nicht nur auf Bewegung und Empfindung,21 son-
dern auch auf Bewusstsein und Seele. Deshalb stellte sich ihm die Frage nach
der Beziehung des Bewusstseins zum Leib.22 Qualitativ hoch stehende Lebe-
wesen besitzen bestimmte Organe, die einerseits Empfindungen konstituieren,
andererseits freie Aktivitäten ermöglichen;23 während die Sinnesorgane aus der
externen körperlichen Welt Signale aufnehmen, die in der Seele Empfindun-
gen hervorrufen, vollziehen die Bewegungsorgane den praktischen Zugriff auf
die Umwelt.24 Diese Organe besitzen eine spezifische Beziehung zum Ner-
vensystem, denn es treten Bewegungs- und Empfindungsstörungen auf, wenn
die damit in Verbindung stehenden Nerven oder Rückenmark, Kleinhirn und
Großhirn Schaden erleiden25. Das zeigen medizinische Experimente ganz deut-
lich; ein Hinweis, den sich Hegel notierte.26

6. Neuronale Kommunikation durch Nervennetze


Die Konfiguration des Nervensystems dient der Kommunikation. Im Hinblick
darauf bündeln sich Nervenfasern: Nervenstränge entstehen.27 Auch diese In-
18
Vgl. Anm. 13; Handbuch der empirischen menschlichen Physiologie. Zum Gebrauche seiner
Vorlesungen. Hg. v. J.H.F. Autenrieth. Dritter und letzter Theil, nebst Register über das Gan-
ze, Tübingen 1802.
19
Vgl. ebd., S. III: „Lehre von der Natur des erwachsenen Menschen im gesunden Zustande.
Zweyte Abtheilung. Thierisches Leben.“
20
Vgl. Anm. 7.
21
Autenrieth, Handbuch, a.a.O. (Anm. 18), § 817, S. 1.
22
Vgl. ebd., § 823, S. 7.
23
Vgl. ebd., S. 8: „Bey den Thieren der höhern Ordnungen aber zeigen sich bald, nur gewisse
Organe, von denen insbesondere gehandelt werden wird, bestimmt zur Ausübung willkührli-
cher Handlungen und zur Erregung von Empfindung.“
24
Vgl. ebd., §. 824, S. 8: „Von diesen Werkzeugen haben am auffallendsten diejenigen, welche
bestimmt sind, theils durch Handlung auf die äussere Körperwelt einzuwirken, theils von die-
ser äussern Körperwelt Eindrücke so anzunehen, dass dadurch in der Seele Empfindung er-
regt wird, ihre Thätigkeit einem andern, im Allgemeinen in seinen Theilen gleichförmigen,
äusserst wichtigen System, das mit ihnen verbunden ist, zu danken.“
25
Vgl. ebd.: „Die Erfahrung lehrt nemlich, dass Bewegung der bestimmten Organe, um will-
kührliche Handlungen zu vollbringen, und Erregung von Empfindung von diesen Organen
aus, leidet oder ganz aufhört; wenn die aus diesen Theilen ausgehenden Nerven, oder das Rü-
ckenmark, das kleine Gehirn, oder das grosse Hirn, welche mit jenen Nerven zusammenhän-
gen, verletzt oder zerstört werden.“
26
Vgl. Hegel, Vorl. Naturphil., § 354 Zus. (Anm. 6), S. 568
27
Vgl. Autenrieth, Handbuch, a.a.O. (Anm. 19), § 866, S. 45: „Die einzelnen Nervenfasern mit
ihren Scheiden werden durch Zellgewebe in Bündel, und diese in einen grössern fühlbaren
Strang lockerer oder fester vereinigt.“
5

formation übernahm Hegel von Autenrieth.28 Besondere Aufmerksamkeit wid-


mete der Physiologe jedoch den netzartigen Verzweigungen des Nervensys-
tems und verwies darauf, dass singuläre und markige Fasern Ausläufer bilden,
die als „Nebencanäle“ den Zusammenhang der größeren Nerven sichern. Lei-
tende bzw. kanalisierende „Fäden“, bilden dort, wo sie zusammentreffen,
„sehr feine Knötchen“. Liegen mehrere, durch diese „Nebencanäle“ verbunde-
ne Markfasern parallel, gleichen sie einem in die Länge gezogenen Netz.29
Dass Hegel diese Beobachtung Autenrieths ebenfalls registrierte, bezeugt
nicht nur der von Michelet konstituierte Zusatz zu § 354,30 sondern dokumen-
tieren auch die neu edierten Texte:31 Dort findet sich eine kurze Reflexion zur
netzartigen Struktur des Nervensystems, die Autenrieths Formulierungen auf-
nimmt, ohne sie allerdings detailliert wiederzugeben.32

7. Der konkrete Prozess der neuronalen Kommunikation


Autenrieht hob die Füllung der Nerven „mit Mark“33 hervor. Dieser Frage wid-
mete Hegel ebenfalls Aufmerksamkeit. Er kannte sogar den Unterschied zwi-
schen grauer und weißer Nervensubstanz und hielt fest, dass in den Nerven
mehr graue, im Gehirn eher weiße Substanz existiert.34 In den Scheiden der
Nerven sollte sich eine „indifferente breiartige Maße“35 befinden. Im SS 1828
sprach Hegel ebenfalls von einer „feine(n) breiartige(n)“36 Nervensubstanz.
Zwar ließ er offen, wie derartige Materialitäten die informelle Funktion eines
Nervens unterstützen, berichtete aber über verschiedene Hypothesen zur Sig-
nalfortpflanzung: Nach Treviranus übernehmen „Nervenhäute“ die Leitung
der Willensimpulse zum Muskelsystem, während sich der Transport externer
Informationen zum Gehirn angeblich im „Nervenmark“ vollziehen soll.37 An-
dere betrachteten die nervöse Datenverarbeitung als Vibration der nach Art

28
Vgl. Hegel, Vorl. Naturphil., a.a.O. (Anm. 6), § 354 Zus., S. 568.
29
Vgl. Autenrieth, Handbuch, a.a.O. (Anm. 19), § 868, S. 47–48: „Schon die einzelnen Markfa-
sern der Nerven hängen überall durch kleine mit Mark gefüllte Nebencanäle, die bey ihrem
Zusammenstossen sehr feine Knötchen zu bilden scheinen, vielfach unter sich zusammen;
und in dieser Hinsicht gleicht ein Nervenbündel einem sehr gedehnten Netze, das strickartig
in die Länge gezogen ist, und dessen Fäden nun beynahe parallel liegen.“
30
Vgl. Hegel, Vorl. Naturphil., a.a.O. (Anm. 6), § 354 Zus., S. 568.
31
Vgl. Anm. 10.
32
Vgl. Hegel, Vorl. Phil. d. Natur, a.a.O. (Anm. 10), 1819/20, S. 160,23–25: „Man sieht
zugleich fasern, die jedoch oft parallel, durch ein ander gehen etc. man hat sie mit einem
langgezognen nez verglichen – wo alles durch ein ander geht – und zuweilen kleine Knötchen
bildet.“
33
Vgl. Anm. 32
34
Vgl. Hegel, Vorl. Phil. d. Natur, a.a.O. (Anm. 10), 1819/20, S. 160,4–7: „Diese nerven haben
mehr gräuliche Substanz. die vom Gehirn komen mehr weise. Eben so sind diese nerven von
äußerster Dünne. Ihr Gewebe zeigt die Große Weichheit. Es Herrscht bei den verschiednen
Subjekten, eine große Mannigfaltigkeit.“
35
Vgl. ebd., 1819/20, S. 160,22–23.
36
Ebd., 1828, S. 1151,25–27.
37
Vgl. Hegel, Vorl. Naturphil., a.a.O. (Anm. 6), § 354 Zus., S. 572.
6

von „Saiten“ leiblich „gespannte(n)“ Nerven.38 Manche deuteten den Prozess


der Signalfortpflanzung sogar als mechanischen Kontakt neuronaler Partikel.39
Hegel kritisierte derartige Auffassungen deutlich:40 Weil die Seele ubiquitär
im Leib existiert, verwarf er alle Lokalisationstheorien; eine räumliche Exten-
sion besitzt für ihren „Idealismus“ keine Bedeutung; es gibt keinen Punkt, an
dem sie ein Nervensignal erreichen könnte.41
Zwar skizzierte Hegel sein Konzept zur neuronalen Kommunikation eben-
falls durch einen Blick auf den Informationsfluss zwischen Gehirn und Rest-
leib, aber dass, nachdem ein signifikanter Körperteil eine „Affection“ erlitten
hat, eine „bestimmte Nervenfaser“ diese zum Gehirn weiterleitet, oder umge-
kehrt vom Gehirn eine Einwirkung durch das Nervennetz zu leiblichen Seg-
menten zustande käme, wies er strikt zurück.42 Er vertrat eine andere Auffas-
sung: „die Mitteilung geschieht durch den gemeinschaftlichen Stamm und ist
noch determiniert wegen der allgemeinen Gegenwart des Willens und Be-
wußtseins“.43 Einen Beweis dafür sah er einerseits darin, dass, obwohl der
Nerv vernetzt ist, bei der äußeren Affektion eines Nervenstamms nur eine sin-
guläre Empfindung entsteht, andererseits setzt ein vom Gehirn ausgehendes
Signal nicht das gesamte Nervensystem in Aktivität.44

8. Empfindung und Selbst


Viele Organismen reagieren auf externe Impulse, doch nur hoch entwickelte
organische Entitäten mit Sinnesorganen und Nervensystemen verfügen über
Empfindungen. Für Hegel gilt, wie schon gesagt, das Nervensystems als Be-
dingung der Möglichkeit von Empfindung.45 Aber Empfindungen ermöglichen
auch die Konstitution eines Selbst. Zwar findet sich in der unorganischen Na-
tur schon eine derartige Struktur schon als Licht,46 aber erst im Organismus
kommt das Wissen des Selbst vom Selbst zum Vorschein; allerdings nicht bei
jedem, denn obwohl auch der Erde den Status eines Organismus besitzt, ist sie

38
Vgl. ebd., § 363 Zus., S. 615.
39
Vgl. ebd.: „Auch sollen sie eine Reihe von Kügelchen seyn, die beim Druck sich stoßen und
schieben; und das letzte Kügelchen stoße die Seele an.“
40
Vgl. Hegel, Vorl. Phil. d. Natur (Anm. 10), 1819/20, S. 160,21–22: „Es sind weder Kügel-
chen noch Saiten.“
41
Vgl. Hegel, Vorl. Naturphil., a.a.O. (Anm. 6), § 363 Zus., S. 615.
42
Vgl. ebd., § 354 Zus., S. 568–569.
43
Ebd., S. 569.
44
Vgl. ebd.: „Die Nervenfaser steht mit vielen anderen in Verbindung, ihr Afficirtwerden affi-
cirt auch diese: ohne daß dadurch mehrere Empfindungen hervorgebracht würden, noch um-
gekehrt der vom Gehirn ausgehende allgemeine Stamm sämmtliche Nerven in Bewegung
setzte“; ders., Vorl. Phil. d. Natur, a.a.O. (Anm. 10), 1825/26, S. 926,28–33: „Wenn der Wille
den Einen Theil bewegen will, wird dies nicht als ein einzelnes Nervenfädchen vom Gehirn
aus erregt, sondern es geht mit seinem Hauptast zusammen. Das Ganze wird erregt, und doch
hat man die Empfindung und Bewegung nur in diesem einzelnen Theile, nicht in den andren
Theilen, die ihr Nervenfädchen erhalten von dem selben großen Nerven.“
45
Vgl. Anm. 18.
46
Vgl. Hegel, Enz. 1830, a.a.O. (Anm. 5), § 275, S. 277,17–19.
7

davon noch weit entfernt. Auch die pflanzliche Assimilation deutet auf eine
„Rückkehr-in-sich“; insofern besitzt die Pflanze ein Selbst, aber dieser Rück-
bezug führt nicht zu einem Selbst als „Selbstgefühl“.47 Erst der (tierische) Or-
ganismus individualisiert sich, „tritt sich in sich selbst gegenüber“.48 Zunächst
findet er jedoch eine von ihm differente Andersheit vor.49 Empfindend setzt er
sich dazu in Beziehung, so dass das „Andere“ den Status eines „Meinige(n)“
erhält: Etwas Externes wird als hart empfunden, ist aber zunächst unabhängig.
Durch die (vom Nervensystem vermittelte) Empfindung erleidet es jedoch ei-
ne Formveränderung, tritt idealisiert in eine Innen-Welt als Modifikation des
„Gefühls“ ein50, der Bezug des Bewusstseins auf eine externe Entität bedeutet
demnach auch Selbstbezug.51 Aber die empfindende Entität besitzt deshalb
auch ein „Selbst, das für das Selbst ist“, weil beim Empfinden ein Lebewesen
„nicht nur sich selbst“ empfindet, sondern sich auch als „Particularität“ emp-
findet, indem ihm das Wissen seiner Vereinzelung aufgeht; ein Vorzug gegen-
über jenen Entitäten, die als „Nicht-Empfindende“ – ohne Nervensystem – e-
xistieren.52

Prof. Dr. Udo Reinhold Jeck


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47
Vgl. ebd., § 347, S. 351,1–15.
48
Vgl. Hegel, Vorl. Naturphil., a.a.O. (Anm. 6), § 342 Zus., S. 466.
49
Vgl. ebd., § 357, S. 597.
50
Vgl. ebd.
51
Vgl. ebd.
52
Vgl. ebd.