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Neuzeit

Die Neuzeit ist in dem europäisch geprägten


geschichtswissenschaftlichen Gliederungsschema nach
Frühgeschichte, Altertum und Mittelalter eine weitere historische
Großepoche. Ihr Anfang wird häufig vereinfacht mit der runden
Jahreszahl 1500 angegeben, und sie reicht bis in die Gegenwart.

Die Waldseemüller-Karte von 1507


Inhaltsverzeichnis ist die erste Karte, die die Neue Welt
Periodisierung mit dem Namen „America“ zeigt, und
die erste, die Nord- und Südamerika
Beginn
von Asien getrennt darstellt.
Unterteilung
Kritik
Bedeutung
Soziologie
Der Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit
Gesellschaft
Herrschaft
Religion
Mentalität
Individualität
Körper und Sexualität
Sterben und Tod
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Periodisierung

Beginn

Als Beginn der Neuzeit wird meist die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert angesetzt. Dies entspricht mit
einer gewissen zeitlichen Bandbreite der zeitgenössischen Wahrnehmung.

Als epochale Zäsuren angeführt werden zum Beispiel die osmanische Eroberung Konstantinopels im Jahr
1453 (schon bei Philipp Melanchthon), die Erfindung des Buchdrucks um 1450, die Entdeckung Amerikas
1492, die 1517 von Martin Luther auf den Weg gebrachte Reformation und die mit Nikolaus Kopernikus
1543 beginnende kopernikanische Wende, in der das geozentrische Weltbild durch das heliozentrische
ersetzt wurde. Unter geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten sind Renaissance und Humanismus als
Wendemarken in Europa anzusehen.

Ideengeschichtlich bestimmten einige historisch arbeitende Philosophen wie Wilhelm Kamlah und Jürgen
Mittelstraß den Beginn der Neuzeit sehr viel später auf die Zeit um 1600. Ihr Ausgangspunkt ist die bis
dahin etablierte Ausbildung der neuzeitlichen Wissenschaft im Sinne der modernen, prototypisch in der
Physik ausgebildeten wissenschaftlichen Forschung als methodisch durchgeklärte Verbindung von
mathematischer Theorie und technischer Empirie (Kamlah), die in der oberitalienischen
Werkstättentradition entwickelt und Grundlage des modernen Szientismus wurde.

Unterteilung

An ein einleitendes Zeitalter der Entdeckungen schließt sich in Europa ein Zeitalter der Glaubenskriege, die
Ära des Dreißigjährigen Krieges und das Zeitalter der Aufklärung an. Auf globaler Ebene folgen die Ära der
industriellen Revolution, das „lange“ 19. und das „kurze“ 20. Jahrhundert, mit dem die zeitgeschichtliche
Ebene erreicht wird.

Die Frühe Neuzeit reicht bis zur Französischen Revolution ab dem Jahre 1789.

Es schließt sich die (Neuere und) Neueste Geschichte an. Sie reicht bis in die Gegenwart. Gleichbedeutend
werden auch die Begriffe „jüngere Neuzeit“,[1] selten „Späte Neuzeit“ verwendet. In geistesgeschichtlichen
Kontexten wird diese Epoche oft „Moderne“ genannt.

Als Zeitgeschichte wird die jüngste Geschichte bezeichnet, zu der es noch Zeitzeugen gibt.[2]

Kritik

Die Unterteilung in Antike, Mittelalter und Neuzeit ist tief in der


Geschichtswissenschaft verwurzelt. Dennoch wurde sie auch
wiederholt kritisiert und hat daher ihre absolute Trennwirkung
verloren. Überhaupt ist es fraglich, inwieweit sie außerhalb der
europäischen Geschichte von Bedeutung ist. Viele Entwicklungen
ziehen sich lange hin und überschneiden sich mit früher oder später
verorteten.

In der Mediävistik wird vor allem auf die Wende um 1300


hingewiesen, nach der die Phase der Städtegründungen in Europa
vorläufig beendet war. Damit einher gingen eine Ausbreitung der
Schriftlichkeit, technische Innovationen und der Beginn moderner
Verwaltung. Der Kulturhistoriker Egon Friedell sah beispielsweise
die Pestpandemie seit 1348 als „Inkubationszeit der Neuzeit“ an. Der
Nationalökonom und Soziologe Ferdinand Tönnies urteilte,[3] dass Titelblatt von Galileis Dialog:
die Wurzeln der Neuzeit viel weiter ins Mittelalter zurückreichen; Aristoteles, Ptolemäus und
für ihn war der Beginn des lombardischen Fernhandels bereits Copernicus diskutieren
frühneuzeitlich (vgl. die damalige Erfindung der Doppelten
Buchführung).

Bedeutung
Kennzeichnend für den Beginn der Neuzeit ist auch das markante Anwachsen des Welthandels nach
Amerika (entdeckt 1492), sowie nach Indien und Ostasien (Entdeckung des Seewegs 1498). Damit begann
auch der von Europa ausgehende überseeische Kolonialismus, der zunehmend zu einer Vorherrschaft
Westeuropas wurde und als Übergang zu einer neuen Zeit angesehen wird.

In der Geistesgeschichte bedeutet die Kopernikanische Wende nicht nur das Ende des geozentrischen
Weltbildes nach Claudius Ptolemäus (ca. 150 n. Chr.) in der Astronomie, sondern auch das Ende seiner im
Wesentlichen auf Aristoteles (4. Jahrhundert v. Chr.) zurückgehenden philosophisch-theologischen
Begründung, die sich die katholische Kirche im ausgehenden Mittelalter weitgehend zu eigen gemacht hatte.
Dies stellte eine Revolution des geographisch-astronomischen Weltbilds dar, die das Ende jenes
ideologischen Monopols einläutete, das die Kirche im Mittelalter innegehabt hatte. Das Deutungsmonopol
ging von der Kirche schrittweise zu den Naturwissenschaften über. In diesem Zusammenhang ist auch die
Flucht vieler griechischer Gelehrter in den Westen nach der Eroberung Konstantinopels durch das
Osmanische Reich zu sehen.

Die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen wiederum (Krise des Feudalsystems) erlaubten den Beginn
der Reformation, die ebenfalls die beiden Epochen voneinander abgrenzt.

Der starke soziale Wandel zur Neuzeit führte dazu, dass eintretende Katastrophen ein bedeutendes Moment
der religiösen und Meinungskämpfe wurden. Noch die Aufklärung musste sich neuartiger religiöser Kritik
erwehren. Einige Beispiele:

Ab 1348 wütete die Pest (vgl. dazu oben Friedell). Die hohe Sterblichkeit wirkte stark auf die
Sozialverfassung vieler Gesellschaften ein (siehe auch Flagellanten). Auch begann nach der
Entdeckung der Neuen Welt, vermutlich ab 1493, die Syphilis ihren verheerenden Zug durch
Europa und veränderte das Sexualleben stark.
Ferner fiel die „Kleine Eiszeit“ in die frühe Neuzeit. So kam es zu vielen Hungerjahren und
entsprechenden Migrationen, zuletzt noch nach der Hungersnot 1845–49 aus Irland.
Das große Erdbeben 1755 von Lissabon wurde geradezu ein Argument der jesuitischen
Gegenreformation: Gott bestrafe die Reformpolitik Pombals.

Soziologie
Die Soziologie führt die Debatte um eine Analyse dieser Prozesse meist mit dem Begriff der „Moderne“,
auch „reflexive Moderne“ usw. (statt „Neuzeit“), mit oft wechselnder Bedeutung (selbst z. B. im Werk Max
Webers). Von Soziologen werden weniger Ereignisse als gesellschaftliche Prozesse betrachtet, mit
Ausnahme entscheidender Dokumente wie dem Einsetzen der Moderne in den Schriften der Aufklärung und
der Französischen Revolution 1789.

Ferdinand Tönnies hingegen benutzte „Neuzeit“ genau im Sinne seines theoretischen Werks Gemeinschaft
und Gesellschaft als exakten Gegenbegriff zum „Mittelalter“: In Letzterem seien die Menschen geneigt
gewesen, alle sozialen Kollektive als „Gemeinschaften“ zu verstehen, ganz anders als in der Neuzeit, wo sie
diese sämtlich eher als „Gesellschaften“ wahrnähmen. Im Mittelalter sei also ein großer Fernhandels- und
Bankkonzern wie der Templerorden eher als religiöse „Gemeinschaft“ aufgefasst worden, in der Neuzeit
sogar die Ehe als rein „gesellschaftliches“ Geschöpf eines Vertrages.

Der Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit

Gesellschaft
Die Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat und das Leben in seinen Grenzen sind in der Frühen Neuzeit nicht
das zentrale Kriterium der Unterscheidung unter den Menschen. Als rechtlicher und sozialer
Deutungsrahmen gilt die Ständeordnung, die bis zur Französischen Revolution existiert hat. Sie teilte
Menschen in drei Gruppen mit unterschiedlichen Funktionen ein. Diese sind der Klerus, der Adel und die
Bauern. Diese Vorstellung, das Grundprinzip der Verfassungs- und Rechtsverhältnisse sei eine gottgewollte
Dreiteilung der Menschen, hat sich im Laufe des Mittelalters herausgebildet. Doch sind in dem
Übergangszeitraum vom Mittelalter zur Neuzeit, bis ins 18. Jahrhundert hinein, eine Reihe von
Veränderungen eingetreten. Zu Anfang der Frühen Neuzeit ist mit dem Begriff „Stand“ eine sich oft
überschneidende und im Laufe des Lebens verändernde Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen gemeint
(Altersgruppe, Lebensform, Minderheiten usw.).

Auch das Leben auf dem Land veränderte sich grundlegend. Während im Mittelalter noch der Grundherr die
zentrale Rolle auf dem Land erfüllte, wurde gegen Ende des Mittelalters diese Rolle mehr und mehr von der
dörflichen Gemeinde übernommen. An die Stelle des komplizierten Systems von Abhängigkeiten zwischen
Herr und Knecht traten die Familien und Haushalte, die ihre Angelegenheiten weitgehend selbstständig
regelten.

Auch verlagerten sich langsam die Machtstrukturen. Während im Mittelalter die Höfe die Zentren für die
administrativen Aktivitäten der zahlreichen Adeligen Herren darstellten, verlagerte sich in der Frühen
Neuzeit die Macht auf wenige, meist städtische Orte. Es entstanden neue bürokratische Institutionen. Ein
typisches Phänomen der Neuzeit ist auch der starke Anstieg der lohnarbeitenden Stadtbevölkerung.
Begünstigt durch den expandierenden Handel mit der Neuen Welt, entwickelten sich in den Küstenregionen
große Wirtschaftsmetropolen, die die Menschen in großen Massen anzogen. Aus diesem Trend resultierten
auch viele neue Gewerbezweige, die meist aus der Spezialisierung bereits vorhandener Handwerkerberufe
hervorgingen. So entstanden z. B. neben dem traditionellen Bäcker von Brot, auch Bäcker von Kuchen,
Zuckerwerk, Oblaten oder Pasteten. Nicht alle Einwohner der Städte erfüllten aber die Bedingungen für den
Bürgerstatus, was für die Neuzeit größtenteils als typisches Phänomen bezeichnet werden kann. Typisch für
die neuzeitliche Stadt ist auch eine abgestufte Ordnung der Einwohner mit verschiedenen rechtlichen
Ansprüchen und Pflichten. So verfügte die Mehrheit der Stadtbewohner nur über eine begrenzte
Partizipation am Bürgerstatus. Ein weiteres Phänomen im Zuge des Bevölkerungswachstums ist das soziale
Gefälle innerhalb der Städte. Je größer eine Stadt war, desto erheblicher waren auch die sozialen
Differenzen.

Herrschaft

Beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit vollzogen sich entscheidende Schritte von dem
mittelalterlichen Personenverband zu einem neuzeitlichen Territorial- und Nationalstaat. Die separaten
Rechtsverhältnisse des Spätmittelalters wurden vereinheitlicht und gebündelt. Die Macht zentralisierte sich
in den Residenzen. Die monarchischen Anfänge, die relativ fest um eine einzelne Person herum geknüpft
waren, wurden ausgebaut. Somit kam es zu einer Verdichtung der Herrschaft. Während Herrschaft zuvor
eher spirituell gedacht war, entstand in der Neuzeit ein klar definiertes „Territorium“, das zu der konkreten
Basis von Herrschaft aufgewertet wurde. Gefördert wurde dieser Prozess vor allem durch die Spaltung der
Kirche im Zuge der Reformation. Die Herrscher verfügten somit über die zentrale Entscheidungsmacht
sowohl über weltliche als auch religiöse Fragen und standen über den persönlichsten Bedürfnissen ihrer
Untertanen. Im Zuge dieser Veränderungen entschieden Herrscher z. B. über die Konfessionszugehörigkeit
ihrer Untertanen.

Ein weiterer damit verbundener, neuzeitlicher Prozess war die Herausbildung pluraler Staatenwelten. Es
kristallisierten sich Staaten mit einheitlicher Sprache, Religion und Kultur heraus. Zwar gab es auch im
Mittelalter Nationen mit festen Staatsgrenzen, die Staatsgebiete voneinander abgrenzten, die Grenzen waren
aber mehr oder weniger fließend und es erfolgte eine geringere Abgrenzung nach außen. Die Staaten in der
Neuzeit grenzten sich jedoch immer mehr voneinander ab, was zu vermehrten kriegerischen
Auseinandersetzungen führte. Die Staaten der Neuzeit waren somit ständig mit der Neudefinition ihres
Herrschaftsraumes und mit Abgrenzungen gegenüber Nachbarn beschäftigt. Dieser Prozess hatte auch auf
das Leben im Inneren zahlreiche Folgen, wie z. B. Steuererhöhungen oder die Zusammenstellung stehender
Heere.

Religion

Die Reformation mit ihren Folgen für Europa bildete ein konstituierendes Element für die Neuzeit. Im Zuge
der Reformationsbewegung kam es zu einer Spaltung des Christentums in verschiedene Konfessionen.
Während im Mittelalter die römisch-katholische und die griechisch-orthodoxe Kirche ein Monopol für die
Sinndeutung des Menschen innehatte, kam es im 15. Jahrhundert zu einer Ausdifferenzierung des religiösen
Milieus. Der universale Glaubenskosmos, der im Mittelalter prägend war, ist durch die Reformation in Teile
zerbrochen. Antiklerikale Feindseligkeiten gab es aber auch schon vor der Reformation im Mittelalter und
speziell dann in der Zeit der beginnenden Glaubensspaltung, sie richteten sich gegen den Papst, die reichen
Bischöfe und die Ordensleute, waren aber nicht religionskritisch in einer Weise, die das Glaubensgebäude in
seiner Gesamtheit infrage stellte. Somit wurden die Grundsteine der Reformation bereits im Mittelalter
gelegt.

Diese religiösen Veränderungen der Frühen Neuzeit brachten viele


Probleme mit sich. Die frühneuzeitliche Gesellschaft war nicht auf
Toleranz aufgebaut, so dass religiösem Anderssein mit
Unverständnis, Verfolgung und Gewalt begegnet wurde. Viele
Kriege der Frühen Neuzeit waren religiös motiviert. Diese
Einstellung entsprach der des Mittelalters. Erst mit der Aufklärung
entwickelte sich der Gedanke der Toleranz, besonders der religiösen
Toleranz und wurde zu einem Leitgedanken dieser Geisteshaltung
und einem Maßstab für das Durchdringen aufklärerischer Ideen in Tod für den Glauben: Gemälde der
Bartholomäusnacht, die 23./24.
den einzelnen Staaten.
August 1572 in Paris zahlreiche
Eine weitere bedeutsame religiöse Gruppe, neben dem Christentum, Flüchtlingsströme auslöste.
war das Judentum, dessen Schicksal von Ablehnung und Verfolgung
geprägt war. So gab es sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit
Phasen der relativen Toleranz, die zur Entfaltung und Blüte der jüdischen Kultur führten (z. B. Südspanien
im frühen und hohen Mittelalter). Diese Phasen wechselten mit Perioden der Vertreibung und Verfolgung,
wie z. B. am Beginn der Neuzeit, wo Juden aus Spanien und England, aber auch aus Mitteleuropa vertrieben
wurden. Zu einer vollen Emanzipation der Juden kam es im Zuge der Französischen Revolution 1791, diese
rechtliche Grundlage wurde durch den Code civil unter Napoleon in Europa verbreitet.

Der Islam war eine weitere religiöse Gruppe des frühneuzeitlichen Epochenabschnittes. Beim Wandel vom
Mittelalter zur Neuzeit spielte der Islam eine zentrale Rolle. Die erste Epoche der Ausbreitung des Islam
fällt ins frühe und hohe Mittelalter, wo im Süden der Iberischen Halbinsel Staaten der Araber bestanden.
Diese kulturell blühenden Gesellschaften, deren Kulturtransfer in den Westen Europas nicht zu
unterschätzen ist, wurden durch die Reconquista zurückgedrängt und vernichtet. Das Ende dieser
Rückeroberung, die Einnahme von Granada 1492, kann als Epochenjahr des Beginns der Neuzeit gesehen
werden, weil der Auftrag an Christoph Kolumbus unmittelbar damit zusammenhängt. Die
Zwangsbekehrung, Vertreibung und Vernichtung der Muslime und ihrer Kultur waren eine Folge dieser
Reconquista. Im Laufe des späteren Mittelalters drang im Südosten Europas ein anderer islamischer Staat
vor, das Osmanische Reich. Im Zuge dieser Ausbreitung wurde der Islam in der Neuzeit mit dem
Osmanischen Reich identifiziert, Türke und Muslim waren gewissermaßen Synonyme. Das Bild des Islam
war daher furchterregend, geprägt vom Fanatismus beider Seiten, die Auseinandersetzung zwischen dem
Kaiser, Italien und Spanien auf der einen und dem Osmanischen Reich auf der anderen Seite war
ideologisch überhöht, man bekämpfte nicht nur den weltlichen Gegner, sondern auch die „Ungläubigen“, die
„falsche Religion“ der anderen Seite.

Mentalität

Individualität

In der Phase um 1500 erfolgte ein Individualisierungsprozess auf der Grundlage breiterer Bildungschancen
und höherer Alphabetisierungsraten. Man geht in der Geschichtswissenschaft davon aus, dass in der
Renaissance unter Rückbezug auf die Antike, die Individualität „erfunden“ wurde. In einer für die Zukunft
Europas bestimmenden Weise habe eine diesseitsorientierte Wahrnehmung des einzelnen Menschen und
seines besonderen Eigenwertes die mittelalterliche Tradition kollektiver und jenseitsorientierter Muster des
Selbst überwunden. Der Anfang einer solchen Haltung wird in der Frühen Neuzeit vermutet; sie wird als
eine Abgrenzung zur Vergangenheit gesehen. So galt im Mittelalter ein exzessiver Selbstbezug nicht als
Tugend. Vielmehr definierte die Person sich primär über ihre Zugehörigkeit zu verschiedenen
Gemeinschaften. Von einem gottgefälligen Menschen wurde ein Leben in Demut und Bescheidenheit
erwartet und die Bereitschaft, sich in sein ihm bestimmtes Schicksal zu fügen. Somit stellte die sich neu
entwickelnde Individualität der Neuzeit einen Kontrast dar zur mittelalterlichen Einstellung zur eigenen
Persönlichkeit.

Körper und Sexualität

Zur alltäglichen Selbstwahrnehmung des Menschen gehörte auch seine Leiblichkeit. Das Verhältnis
zwischen Körper und Geist war im christlichen Mittelalter durch eine starke Abwertung des Körpers
gekennzeichnet. Der Leib galt lediglich als das irdische Gefäß für die Seele, die unsterblich ist. Im
Gegensatz zum Geist wurde der Körper als eine zu beherrschende Größe angesehen, deren Bedürfnisse
eingedämmt werden müssen, da sie als sündig galten. Das geistige Prinzip wurde durch die Keuschheit
repräsentiert. Es galt als christliches Ideal, die Sinne zu beherrschen, um eine Reinheit zu erlangen, die sich
auf die Gedanken bezieht. In der Renaissance wurde der menschliche Körper ebenfalls als ein Gefäß der
Seele gesehen, eine Vorstellung, die der des Mittelalters sehr ähnlich war. Unterschiedlich war, dass der
Körper in der Kunst als nackter Körper zunehmend ohne Vorwand dargestellt und von der Wissenschaft
(Anatomie) untersucht wurde. Zusammenhängend mit dieser Entwicklung ist auch die Sexualität anzusehen.
Der mittelalterliche Umgang mit körperlichen Begierden war zumindest theoretisch von asketischem
Gedankengut dominiert. Im Vergleich zum Mittelalter gab es in der Frühen Neuzeit, bezüglich der
Sexualität, eine Entkrampfung. Begünstigt wurde dieser Prozess durch die Reformation. Doch forderten
auch die neuen konfessionellen Gemeinschaften die Disziplinierung des Sexualtriebes, teilweise
verschärften sie diese asketische Haltung gegenüber dem Mittelalter sogar. Angesichts der reformatorischen
Herausforderung bemühte sich die katholische Kirche um eine neue Definition der Sexualität. Sie
bekräftigte dabei deutlich den Zölibat, z. B. auf dem Trienter Konzil (1545–1563). Trotzdem wurde in der
Frühen Neuzeit das asketische Gedankengut immer mehr zurückgedrängt und die Sexualität kam zur
Entfaltung.

Sterben und Tod

Der Tod war auch in der Neuzeit nicht nur eine Grundkonstante des Lebens, sondern ähnlich wie im
Mittelalter religiös und kulturell allgegenwärtig. Dazu trug auch die hohe Sterblichkeitsrate, besonders der
Kinder, bei, die ständig daran erinnerte, wie nahe der Tod war. Auch in der Frühen Neuzeit war die
Einstellung zum Sterben ähnlich wie im Mittelalter von der Vorstellung des guten Todes geprägt
(Vorstellung, dass man selbst seinen eigenen Tod gestalten und dadurch seine Schrecken „zähmen“ kann).
Man wusste, wann man starb, und regelte seine Angelegenheiten in der Welt und vor Gott. Durch die
Reformation wandelte sich diese Vorstellung. Das Sterben mit Beichte und Kommunion gehörte im
katholischen Bereich zum Ritual des Todes, daher fürchtete man den plötzlichen Tod, der einem keine
Möglichkeit ließ, seine Sünden zu beichten und sich die ewige Seligkeit zu sichern. Die Reformation
brachte einen klaren Bruch der Todes- und Jenseitsvorstellungen, was eine starke Mentalitätsveränderung
bedeutete. Die mittelalterliche Vorstellung des guten Todes war zwar auch noch in der Frühen Neuzeit
allgegenwärtig, ist aber im Verlauf der Epoche immer mehr zurückgegangen. Vielmehr habe sich die Angst
vor dem plötzlichen und unvorbereiteten Sterben durchgesetzt, das keine Gelegenheit mehr gab, Buße zu
tun. Erst im Laufe der späten Neuzeit kam es zu einer institutionellen und mentalen Verdrängung des Todes.
Im Zusammenhang mit der zunehmenden Säkularisierung der Welt wurde der Tod nicht mehr als Übergang
in ein anderes, besseres Leben gesehen, sondern als Ende des Daseins.

Literatur
Monografien, Sammelbände

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der
schwarzen Pest bis zum Weltkrieg. 3 Bände, Beck, München 1927–1931.
Ferdinand Tönnies: Geist der Neuzeit. EA 1935, de Gruyter, Berlin/New York 1998 In:
Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Band 22; erneut: Profil, München und Wien 2010 (hg.
von Rolf Fechner).
Wilhelm Kamlah: Der Aufbruch der Neuen Wissenschaft. In: Utopie Eschatologie
Geschichtsteleologie. Kritische Untersuchungen zum Ursprung und zum Futurischen Denken
der Neuzeit. Bibliographisches Institut, Mannheim 1969, (BI Htb 461), S. 73–88.
Jürgen Mittelstraß: Neuzeit und Aufklärung. de Gruyter, Berlin 1970.
S. Skalweit: Der Beginn der Neuzeit. Epochengrenze und Epochenbegriff. 1982.
Leonhard Bauer, Herbert Matis: Geburt der Neuzeit. Vom Feudalsystem zur Marktgesellschaft.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1988.
Jonathan Dewald u. a. (Hrsg.): Europe 1450 to 1789. Encyclopedia of the Early Modern World.
6 Bände. Charles Scribner’s Sons, New York u. a. 2004.
Friedrich Jaeger (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit. Metzler, Stuttgart 2005ff.
Bea Lundt: Europas Aufbruch in die Neuzeit 1500–1800. Eine Kultur- und
Mentalitätsgeschichte. Primus, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-89678-647-0.
Karl Vocelka: Geschichte der Neuzeit 1500-1918. Böhlau Verlag, Wien 2009, ISBN 978-3-205-
78421-0.
Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. 4 Bände. Beck, München 2009–2015: [zur
politischen Geschichte speziell ab dem 19. Jahrhundert].
Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2009 (3. Auflage 2012), ISBN
978-3-406-59235-5.
Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. 2011, ISBN 978-3-406-59236-2.
Vom Kalten Krieg zum Mauerfall. 2014, ISBN 978-3-406-66984-2.
Die Zeit der Gegenwart. 2015, ISBN 978-3-406-66986-6.

Zeitschriften

Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit


Urkunden des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

Weblinks
Wikiquote: Neuzeit – Zitate
Wiktionary: Neuzeit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Vistorica - Zeitleisten zur europäischen Neuzeit (http://www.vistorica.com/ger/persongroups/15
00,2000,european,all.html)
Artikel über die Entdeckung der Zentralperspektive als Initialmoment der Moderne (http://userp
age.fu-berlin.de/~miles/zp.htm)

Einzelnachweise
1. Neuzeit. In: Anke Braun: Bertelsmann-Jugend-Lexikon. Wissen-Media-Verlag, Gütersloh 2008,
S. 457.
2. Neuzeit. In: Konrad Raab, Heribert Fuchs: dtv-Wörterbuch zur Geschichte. 13. Auflage,
Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2002.
3. Geist der Neuzeit 1998 (1935)

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Diese Seite wurde zuletzt am 17. Mai 2020 um 17:33 Uhr bearbeitet.

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