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Mittlere freie Weglänge

Die mittlere freie Weglänge ist die Weglänge, die ein Teilchen (z. B. Atom, Molekül, Ion oder Elektron)
in einem gegebenen Material im Durchschnitt zurücklegt, bevor es zum Stoß (irgendeiner Art) mit einem
anderen Teilchen kommt. Hat ein Teilchenstrom in einem Material die mittlere freie Weglänge durchlaufen,
so haben knapp 2/3 der Teilchen bereits einen Stoß ausgeführt, das übrige Drittel (genau ein Bruchteil 1/e)
noch keinen.

Inhaltsverzeichnis
Berechnung aus Wirkungsquerschnitt und Teilchendichte
Abschätzung bei Gasen
Definition für zwei Arten von Teilchen
Abschätzung für den Stoß von zwei Arten von Teilchen
Stöße von Neutronen und Atomkernen
Beispiele
Gasmoleküle
Elektronen
Einzelnachweise

Berechnung aus Wirkungsquerschnitt und Teilchendichte


Die mittlere freie Weglänge hängt mit der Teilchendichte (Anzahl der Teilchen pro Volumen) und dem
totalen Wirkungsquerschnitt zusammen:

Anschaulich ist die Größe der Zielscheibe, die ein Teilchen den anderen Teilchen für einen Stoß bietet.
Nachdem es eine freie Weglänge geflogen ist, hat es mit dieser Fläche das Volumen
überstrichen, das ist das Volumen, in dem sich durchschnittlich ein Teilchen befindet. Das Teilchen ist also
im Durchschnitt einmal mit einem anderen Teilchen zusammengestoßen.

Abschätzung bei Gasen

Der geometrische Wirkungsquerschnitt beim Stoß zweier kugelförmiger Teilchen mit gleichem Durchmesser
ergibt sich zu

Daraus folgt die geometrische mittlere freie Weglänge zu


Die oben gegebene Deutung gilt, wenn die Stoßpartner des fliegenden Teilchens in Ruhe sind.

Wenn sich aber alle Teilchen ungeordnet bewegen (d. h. auch die Stoßpartner des fliegenden Teilchens),
führen Gleichgewichtsbetrachtungen unter Annahme einer Maxwellschen Geschwindigkeitsverteilung zu
einer freien Weglänge, die um den Faktor kürzer ist:[1]

Definition für zwei Arten von Teilchen


In einem Raumbereich, der zwei Arten von Teilchen enthält, sind drei Arten von Stößen möglich:

zwei Teilchen vom Typ 1 stoßen aneinander


zwei Teilchen vom Typ 2 stoßen aneinander
am Stoß sind ein Teilchen vom Typ 1 und ein Teilchen vom Typ 2 beteiligt.

Die Teilchendichten der Teilchenarten seien bzw. und die Wirkungsquerschnitte , und .

Die mittleren freien Weglängen für Stöße von Teilchen jeweils an ihresgleichen sind schon mit obiger
Formel definiert:

bzw.

Entsprechend definiert man die mittlere freie Weglänge[2] eines Teilchens vom Typ 2 im Medium vom
Typ 1:

bzw. analog beim Stoß eines Teilchens vom Typ 1 im Medium vom Typ 2:

wobei in beiden Fällen der Wirkungsquerschnitt gleich ist.

Der Wirkungsquerschnitt und die mittlere freie Weglänge zweier unterschiedlicher Teilchen werden meist
ohne Index oder andere Auszeichnungszeichen geschrieben, also und :
Der Index der Anzahldichte wird in der Regel ebenfalls weggelassen, wenn es nur um die mittlere freie
Weglänge von Teilchen in irgendeinem Medium mit Teilchen vom Typ 1 geht. Dann scheinen die eingangs
dieses Artikels gegebene Definition der mittleren freien Weglänge und die zuletzt gegebene Gleichung
formelmäßig gleich zu sein (und werden deshalb auch manchmal verwechselt). Die Anzahldichten der
Teilchen und sind in Wirklichkeit aber unterschiedliche Größen: bei handelt es sich um die
Anzahldichte der Teilchen von nur einem Typ, bei aber um die Anzahldichte der Teilchen des Mediums.

Ähnlich wie beim Billardspiel bewirkt der elastische Stoß zweier Teilchen Richtungsänderungen beider
Teilchen, allerdings, im Unterschied zum Billardspiel, im dreidimensionalen physikalischen Raum und mit
Teilchen unterschiedlicher Größe. Häufig bedeutet ein Stoß zweier unterschiedlicher Teilchenarten auch,
dass sie eine Reaktion miteinander eingehen. Sind die Stoßpartner zum Beispiel zwei Atome, kann ein
Molekül gebildet werden, sind die Stoßpartner ein Neutron und ein Atomkern, kann ein anderes Nuklid
entstehen oder ein Atomkern gespalten werden.

Implizit gehen wir davon aus, dass beide Stoßpartner Teilchen eines Gases sind, denn nur dort können sich
beide Stoßpartner frei bewegen, was überhaupt erst nahelegt, von einer freien Weglänge zu sprechen. Es gibt
aber auch Stöße und mittlere freie Weglängen, wenn ein Stoßpartner ein Teilchen eines Festkörpers oder
einer Flüssigkeit ist (Teilchen vom Typ 1), und sich nur der zweite Stoßpartner wie ein Teilchen eines Gases
verhält (Teilchen vom Typ 2). Dabei sind in der Regel Stöße von Teilchen vom Typ 1 mit Teilchen vom
Typ 2 von Interesse (und nicht Stöße der beiden jeweiligen Teilchen-Typen mit ihresgleichen).

Abschätzung für den Stoß von zwei Arten von Teilchen

Der geometrische Wirkungsquerschnitt beim elastischen Stoß zweier starrer Kugeln mit den Radien bzw.
ist

Damit wird die geometrische mittlere freie Weglänge:

Der geometrische Wirkungsquerschnitt und damit die geometrische mittlere freie Weglänge der elastischen
Streuung hängen also nicht von den kinetischen Energien der Kugeln ab. Reale Wirkungsquerschnitte und
damit die mittleren freien Weglängen können dagegen stark von der kinetischen Energie der Stoßpartner
abhängen und sind folglich nicht unbedingt durch das o. g. einfache geometrische Modell zu berechnen.
Auch im Fall realer Wirkungsquerschnitte kann es jedoch hilfreich sein, den geometrischen
Wirkungsquerschnitt als Bezugsgröße zu verwenden, in der Art: der reale Wirkungsquerschnitt ist 10-mal
größer als der geometrische, dann ist die reale mittlere freie Weglänge nur ein Zehntel der geometrischen.

Stöße von Neutronen und Atomkernen

Stöße von Neutronen und Atomkernen sind (gegenwärtig) der wichtigste Fall in der Physik für Stöße von
zwei Arten von Teilchen, sie prägen die Reaktorphysik.

Wenn in der Reaktorphysik von mittlerer freier Weglänge die Rede ist, ist stets die zweite Definition dieser
Größe gemeint, also die mittlere freie Weglänge von Neutronen in Materie. Dabei bewegen sich freie
Neutronen (Teilchen vom Typ 2 mit einer Teilchendichte ) in einem Festkörper oder einer Flüssigkeit
(„Wirtsmedium“) i. allg. so chaotisch wie Moleküle in einem Gas. Wir nehmen an, das Wirtsmedium
bestehe aus nur einer Teilchen- bzw. einer Atomart (Teilchen von Typ 1), man denke etwa an Graphitatome.
Da jedes Atom nur einen Atomkern besitzt, ist die Teilchendichte der Atome gleich der ihrer Atomkerne.

Der Kehrwert der mittleren freien Weglänge diese Typs ist unter dem Namen Makroskopischer
Wirkungsquerschnitt eine der wichtigsten Größen der Reaktorphysik:

Wirkungsquerschnitte von Kernreaktionen hängen extrem stark von der Energie ab und sind somit auch
nicht mehr geometrisch zu erklären. Nur im Fall der elastischen Streuung von Neutronen an den
Atomkernen gebräuchlicher Moderatoren führt das oben angegebene geometrische Modell auf mittlere freie
Weglängen, die in der Größenordnung der gemessenen Werte liegen; dies zumindest für Neutronen mit
kinetischen Energien in einem gewissen mittleren Intervall.

Neutronen untereinander stoßen sich auch. Dies ist ein Fall für die erste Definition der mittleren freien
Weglänge. Die Anzahldichte der Neutronen ist selbst im Hochflussreaktor vergleichsweise gering. Klein ist
auch der Wirkungsquerschnitt für den Stoß zweier Neutronen. Deshalb wird vermutlich in keinem Lehrbuch
der Reaktor- oder Neutronenphysik die mittlere freie Weglänge für diesen Typ von Stoß auch nur erwähnt.

Atomkerne untereinander können sich nicht stoßen. Selbst im Fall, dass die Neutronen sich in Helium-Gas
bewegen, wie im Hochtemperaturreaktor, stoßen allenfalls Helium-Atome aufeinander. Allerdings lässt sich,
falls erforderlich, die mittlere freie Weglänge für solche Atomstöße mit der o. g. ersten Definitionsformel
und dem geometrischen Wirkungsquerschnitt berechnen, der denjenigen der Atomkerne um
Größenordnungen übertrifft.

Beispiele

Gasmoleküle

Die mittlere freie Weglänge eines Gasmoleküls beträgt in Luft unter Standardbedingungen etwa
68 Nanometer.

Nachfolgende Tabelle listet ungefähre Zahlen für freie Weglängen für Gasmoleküle bei verschiedenen
Drücken auf:

Teilchendichte
Druckbereich Druck in hPa mittlere freie Weglänge
in Moleküle pro cm³

Umgebungsdruck 1013 2,7·1019 68 nm

Grobvakuum 300 … 1 1019 … 1016 0,1 … 100 μm

Feinvakuum 1 … 10−3 1016 … 1013 0,1 … 100 mm

Hochvakuum (HV) 10−3 … 10−7 1013 … 109 10 cm … 1 km

Ultrahochvakuum (UHV) 10−7 … 10−12 109 … 104 1 km … 105 km

extr. Ultrahochv. (XHV) <10−12 <104 >105 km

Elektronen
Die mittlere freie Weglänge freier Elektronen ist wichtig bei
Anwendungen von Elektronenstrahlen im Vakuum (z. B. bei
bestimmten oberflächensensitiven analytischen Methoden oder in
Braunschen Röhren). Sie hängt ab von der kinetischen Energie des
Elektrons.

Die inelastische freie Weglänge im Festkörper kann für die meisten


Metalle mit einer „Universellen Kurve“ abgeschätzt werden
Universelle Kurve für die inelastische
(s. Abb.):[3] bei Energien um 100 eV ist sie für die meisten Metalle mittlere freie Weglänge von
am geringsten, da hier Prozesse im Festkörper angeregt werden Elektronen in Elementen basierend
können, z. B. Plasmonen; bei höheren und niedrigeren Energien sind auf Gleichung (5) in [3]
die mittleren freien Weglängen im Festkörper größer. Der
Wirkungsquerschnitt für elastische Stöße ist meist kleiner als der für
inelastische Stöße,[4] damit ist bei gleicher Teilchendichte die elastische freie Weglänge größer als die
inelastische.

In gasförmigen Isolierstoffen (z. B. Schwefelhexafluorid) beeinflusst die mittlere freie Weglänge die
elektrische Durchschlagfestigkeit.

Für Elektronen im Impulsraum (siehe Fermi-Kugel) betrachtet man statt der Weglänge die mittlere freie
Flugzeit.

Einzelnachweise
1. William C. Hinds: Aerosol Technology: Properties, Behavior, and Measurement of Airborne
Particles. Wiley-Interscience, New York 1999, ISBN 0-471-19410-7
2. Paul Reuss: Neutron physics. EDP Sciences, Les Ulis, France 2008, ISBN 978-2-7598-0041-
4, S. xxvi, 669., S. 50
3. M. P. Seah, W. A. Dench: Quantitative electron spectroscopy of surfaces: A standard data
base for electron inelastic mean free paths in solids. In: Surface and Interface Analysis. 1,
1979, S. 2, doi:10.1002/sia.740010103.
4. Wolfgang S. M. Werner: Electron transport in solids for quantitative surface analysis. In:
Surface and Interface Analysis. 31, 2001, S. 141, doi:10.1002/sia.973.

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Diese Seite wurde zuletzt am 22. April 2020 um 09:12 Uhr bearbeitet.

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