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BeNeLux € 6,60 Finnland € 8,50 Griechenland € 7,30 Norwegen NOK 89,– Polen (ISSN00387452) ZL 34,– Schweiz sfr 8,10

8,10 Slowakei € 7,– Spanien € 7,– Tschechien Kc 200,-


Dänemark dkr 59,95 Frankreich € 7,– Italien € 7,50 Österreich € 6,20 Portugal (cont) € 6,90 Slowenien € 6,70 Spanien/Kanaren € 7,20 Ungarn Ft 2750,- Printed in Germany

Eine Klinik im
Ausnahmezustand
IN DER TODESZONE
JO-JO-SHUTDOWN

wiederkommen wird
Warum das Virus immer
die Chance auf eine bessere Welt
Jetzt oder nie: Der Corona-Schock birgt
Der Aufbruch

Was Merkel zum


Krisenprofi macht
DIE ALTERNATIVLOSE
Nr. 17 / 18.4.2020
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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Mehr Entlastung?
Hausmitteilung Mit durchgängig digitalen
Betr.: Corona-Station, Evangelikale in den USA, Boateng
kaufmännischen Abläufen.
Seit Wochen ist das Ernst von Bergmann Klinikum in
Potsdam in den Schlagzeilen: viele Corona-Infizierte und
-Todesfälle, ein Aufnahmestopp, die Staatsanwaltschaft prüft,
ob es Verstöße gegen Meldepflichten, Fehler beim Krisen-
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

management und bei der Krankenhaushygiene gab. Redak-


teur Jonathan Stock und Fotograf Maurice Weiss haben das
Klinikum über mehr als drei Wochen hinweg immer wieder
besucht. Sie erhielten Zutritt zum Krisenstab und zur Corona-
Station des Hauses, wo die am schwersten Erkrankten be-
atmet werden. Sie unterhielten sich mit Patienten, begleiteten
Operationen und dokumentierten Nachtschichten. Sie wurden
Weiss, Stock Zeuge, wie immer mehr Ärzte und Pfleger erkrankten, wie
Patienten starben. Und sie erlebten, wie sehr der Vorwurf,
in einer »Todesklinik« (»Bild«-Zeitung) zu arbeiten, die Mitarbeiter trifft. Vor Ort
hatten Stock und Weiss einen ganz anderen Eindruck. »Das Bergmann-Klinikum ist
kein Skandalkrankenhaus«, sagt Stock, der am Ende der Recherche selbst an Covid-
19 erkrankte. Dass die Potsdamer Klinik so viele Infizierte melde, liege auch daran,
dass jeder Patient und jeder Mitarbeiter getestet worden sei. »In Potsdam sind sie
sehr transparent mit ihren Zahlen«, sagt Stock, »eigentlich müsste das Standard sein;
aber andere Krankenhäuser trauen sich das nicht.« Seite 56

Die weißen Evangelikalen in den USA gelten als ein-


geschworene Gemeinschaft. In der Coronakrise allerdings
geraten selbst sie in Streit. Viele der erzkonservativen
SCOTT DALTON / DER SPIEGEL

Christen weigerten sich zunächst, ihre Kirchen wegen der


Pandemie zu schließen, berichtet Redakteurin Katrin Kuntz.
»Es gibt jene, die das Virus ernst nehmen, und jene, die es
als göttliche Strafe sehen oder als Erfindung der Demo-
kraten, um ihren Präsidenten zu schwächen.« Die Gläu-
bigen zählen zu den treuesten Unterstützern Donald
Trumps. Er hat zahlreiche ihrer Interessen politisch durch- Kuntz in den USA
gesetzt. Und er braucht sie für seine Wiederwahl. Warum
das Band zwischen Trump und den Evangelikalen so fest ist, erlebte Kuntz, als sie
noch vor der Coronakrise auf deren Spuren durch die USA reiste. Bei einem Auftritt
von Trumps spiritueller Beraterin Paula White in Miami erzählte diese, wie sie vor
Jahren Trump persönlich mit Gott zusammengebracht habe. Seine Macht sei göttlich
legitimiert. Dass Trump moralisch nicht immer gefestigt wirkt, störe die Christen
deshalb auch nicht, sagt Kuntz. Sie sähen in ihm trotzdem den Retter des Christentums,
der sie vor einer liberalen Gesellschaft bewahre. Seite 80

Es gibt kaum einen Fußballprofi, der bei so vielen


großen Klubs in den wichtigsten europäischen Die digitalen DATEV-Lösungen unterstützen Sie bei
SONJA OCH / DER SPIEGEL

Ligen gespielt hat, wie Kevin-Prince Boateng. allen kaufmännischen Aufgaben – vom Angebot über
Kurz vor den Reisebeschränkungen traf Reporter die Kassenführung bis hin zur Buchführung. So ge-
Marc Hujer den gebürtigen Berliner zu einem winnen Sie Freiräume und mehr Zeit für die Betreuung
Gespräch in Istanbul, wo Boateng in dieser Saison Ihrer Kunden. Informieren Sie sich im Internet oder bei
für Beşiktaş spielt – die zwölfte Station seiner Ihrem Steuerberater.
Profikarriere. Boateng verriet Hujer, dass er nach
Hujer, Boateng seiner aktiven Zeit als Spieler gern als Trainer
arbeiten wolle, dafür allerdings noch lernen
Digital-schafft-Perspektive.de
müsse, geduldiger zu sein. Er habe deswegen mit dem Klavierspielen begonnen. Als
ihn Hujer in der vergangenen Woche anrief, um letzte Fragen zu klären, meldete
sich Boateng von seinem Handy aus Mailand, der Heimat seiner Frau. Es falle ihm
zurzeit nicht leicht mit der Geduld, erklärte er. Er habe Istanbul vor einer Woche
verlassen und sei nun froh, wieder »zu Hause« zu sein; der »Tapetenwechsel« habe
ihm gutgetan. Seite 92

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 3


Inhalt
74. Jahrgang | Heft 17 | 18. April 2020

Titel Helden Helmut Schmidt wird


als Krisenmanager verehrt –
Epochenbruch Warum die und überschätzt . . . . . . . . . . . . 44
Coronakrise unsere
Welt langfristig besser Sicherheit Wie Ermittler vier
machen kann . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 mutmaßliche IS-Terroristen
aufspürten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

Deutschland Terrorismus Neue Erkennt-


nisse zum Mord am CDU-
Leitartikel Ungeduld Politiker Walter Lübcke . . . . 48
ist in Pandemie-Zeiten
gefährlich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Reporter
Deutsche trinken mehr

HARTMUT BOESENER / IMAGO IMAGES


Alkohol im Shutdown / Kiel Familienalbum / Wer heiratet
will Folgeschäden des noch in diesen Zeiten? . . . . . . 54
Virus erforschen / Grünen-
fraktionschef Hofreiter gegen Eine Meldung und ihre
Wildtierhandel / Die Gegen- Geschichte Warum sich
darstellung / So gesehen: ein Südafrikaner in seinem
Pause aus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Mercedes beerdigen ließ . . . . 55

Regierung Aus der Wirtschaft Dramen An der Belastungs-


kommt Kritik an den
Beschlüssen zum langsamen
Kleine Freiheit grenze – drei Wochen
im Ernst von Bergmann
Exit, die Schulen sind schlecht Die neuen Regeln von Bund und Ländern sorgen Klinikum in Potsdam . . . . . . . 56
vorbereitet . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
für Ärger. Ladenbesitzer fühlen sich ungerecht Homestory Haustiere als
Verbote NRW-Minister- behandelt. Den Schulen fehlt es an Personal, um Krisenbegleiter ............. 64
präsident Armin Laschet Unterricht in Kleingruppen zu leisten – und
erklärt im SPIEGEL-Gespräch, wenn die Infiziertenzahlen steigen? Dann droht Wirtschaft
warum das Virus
den Alltag noch lange
der Jo-Jo-Shutdown. Seite 20 Fast eine Milliarde für Regie-
bestimmen wird . . . . . . . . . . . . 25 rungsberater / IWF genehmigt
sich Gehaltserhöhung . . . . . . . 66
Bundeskanzlerin Das Come-
back von Angela Merkel Arbeitsmarkt Die Angst
in der Coronakrise . . . . . . . . . . 28 vor der Massenarbeitslosigkeit
ist zurück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Parteien Die AfD kämpft
gegen ihren Bedeutungs- Staatshilfen Wie das Finanz-
verlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 amt Unternehmen um
Milliarden entlasten könnte 70
Kommentar Eine gute Pflege
sollte uns Milliarden Luftfahrt Airbus-Chef
wert sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Guillaume Faury im SPIEGEL-
Gespräch über die Zukunft
Parlamente Die Ohnmacht des Fliegens . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
der Landtage . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Patriarch in Not Karriere Machtspiele
Krankenhäuser Neue zwischen Homeoffice und
Vorwürfe im Corona- Eugen Block hat in Jahrzehnten ein Gastronomie- Videokonferenz . . . . . . . . . . . . . 75
Skandal an der Uniklinik Imperium aufgebaut. Nun bedroht Corona
Hamburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Gastronomie Die Restaurant-
sein Lebenswerk. Sein Geschäftsführer versucht kette Block House
Patienten Hausbesuche per es mit Bedacht zu retten, derweil kämpft sich durch den
Corona-Taxi ................ 42 wütet der Chef gegen die Regierung. Seite 76 Lockdown . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76

4 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Ausland Im Nachkriegsdeutschland
töteten zwei Grippewellen
Die USA verschärfen die Zehntausende Menschen 102
Sanktionen gegen Kuba und

EVERETT COLLECTION / IMAGO IMAGES


Venezuela / Im Nahen Seuchenbekämpfung Der
Osten setzen ölreiche Staaten Epidemiologe Gabriel Leung
auf Atomkraft . . . . . . . . . . . . . . . 78 warnt vor einer zu
schnellen Lockerung des
USA Die evangelikalen Lockdowns . . . . . . . . . . . . . . . . 106
Christen gehören zu Donald
Trumps treuesten Wählern 80 Biologie Warum auch
jugendliche Tiere pubertäres
Europa SPIEGEL-Gespräch Verhalten zeigen . . . . . . . . . . . 108
mit dem früheren EU-
Ratspräsidenten Donald Tusk Die Jahrhundertseuche
über das Versagen Europas Kultur
in der Krise . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Wieso konnte das Coronavirus die Welt aus den
Angeln heben? Warum war die Reaktion Enzensberger dementiert
Österreich Bundeskanzler Todesmeldung – und macht
Sebastian Kurz gefällt sich in
auf die Grippe von 1957 viel weniger aufgeregt? daraus für den SPIEGEL
der Rolle des Taktgebers Der seuchenhistorische Vergleich offenbart, ein Gedicht / US-Museen
in Europa – in seiner Heimat was Sars-CoV-2 so gefährlich macht. Seiten 100, 102 in Not . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
ist er beliebt wie nie . . . . . . . . 86
Autorinnen Jeanine Cummins’
Syrien Die Opfer des Diktators umstrittener Roman
Baschar al-Assad machen »American Dirt« . . . . . . . . . . . 112
mithilfe der Justiz international Missbrauch trotz #MeToo
Jagd auf seine Schergen . . . . . 88 Kunst In Niedersachsen
Wo Chefs noch Fürsten sind und der Drink nach soll ein deutschnationaler
dem Dreh Normalität ist – ein SPIEGEL-Gespräch Kulturtempel mit
Sport Steuergeldern gefördert
mit zwei Mitarbeiterinnen von Themis, die werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
Betrügereien unter dem Opfer sexueller Gewalt aus Film, Fernsehen und
Dach der Fifa / Gut zu wissen: Theater beraten. Seite 120 Pop Comeback der Song-
Wie läuft ein virtueller writerin Fiona Apple ...... 119
Marathon ab? . . . . . . . . . . . . . . . 91
#MeToo Wie groß ist das
Fußball SPIEGEL-Gespräch Ausmaß sexueller Belästigung
mit Kevin-Prince Boateng im Kulturbetrieb? Ein
über die Kunst, ein SPIEGEL-Gespräch über
guter Trainer zu sein . . . . . . . . 92 eine Branche, die kaum
Grenzen zwischen Privatem
Sportmedizin Die ernüchternde und Job kennt . . . . . . . . . . . . . 120
SONJA OCH / DER SPIEGEL

Bilanz der Covid-19-


Schnelltests im Fußball . . . . . 96 Serienkritik Die neue Staffel
von »Das Boot« . . . . . . . . . . . 123

Wissen

Strom gegen Salz / Mehr


illegale Autorennen auf unseren Traum vom schönen Fußball
Straßen? / Analyse: Der Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
Shutdown könnte gegen die Der Berliner Kevin-Prince Boateng hat als Profi SPIEGEL-TV-Programm . . . . . . 115
Taubenplage helfen . . . . . . . . 98 in fünf Ländern gespielt. Im SPIEGEL-Gespräch Impressum, Leserservice . . . 124
Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Medizingeschichte Was die
erzählt er, wie es unter Trainer Klopp war, Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
Corona-Pandemie von früheren warum Kovač in München gescheitert ist. Und Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
Seuchen unterscheidet . . . . 100 warum er jetzt Klavier spielen lernt. Seite 92 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titelillustration: [M] Science Photo Library; Getty Images 5


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Die ewige Seuche


Leitartikel Wissenschaftlich betrachtet ist es fatal, den Shutdown
jetzt zu lockern. Er müsste sogar verschärft werden.

W
er seinen betagten Eltern bislang nicht Skype bad news nicht gern gehört. Manche Politiker sind deshalb
oder Facetime erklärt hat, sollte es demnächst in Versuchung, das wissenschaftliche Fundament für die
tun. Es lohnt sich. Leider. Die lieben Großeltern vom Wahlvolk erwarteten Lockerungen selbst zu bestellen.
werden noch lange in Isolation leben. Und So geschah es zuletzt mit der Heinsberg-Studie des Bon-
womöglich müssen sie sich in den kommenden Jahren wie- ner Virologen Hendrik Streeck. Im Dienste seines ehrgei-
der und wieder zurückziehen. Für Monate. Ohne Enkel, zigen Landesvaters Armin Laschet ließ Streeck sich dazu
ohne Umarmungen, ohne Nähe. hinreißen, seine Ergebnisse zu eilig und ohne Absicherung
Solange wir ein Inferno wie in Italien oder Spanien ver- durch kritische Kollegen zu verkünden. Politisch wurde die
hindern wollen, müssen wir eine Isolierung, wie wir sie bis- nur im Testgebiet relativ hohe Durchseuchung – und damit
her hatten, aufrechterhalten. Dass wir bis 2022 damit leben erhoffte Immunität – missbraucht als Argument für Wege
müssen, ist keine Panikmache, sondern ein realistisches aus dem Lockdown für ganz Deutschland.
Szenario. Forscher um den Harvard-Professor Stephen Die Bundeskanzlerin ist selbst Naturwissenschaftlerin;
Kissler haben das jetzt für die USA berechnet. Die zugrun- lässig referiert sie über die Reproduktionszahl »R«, die
de liegenden Zahlen unterscheiden sich von den deutschen, Zahl derjenigen, die ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Ihr
aber die Dynamik dürfte sich dürfte auch klar sein, dass
ähneln. die nun mit den Minister-
Kisslers Kurven zeichnen präsidenten beschlossenen
das Katastrophenszenario Lockerungen des Shutdowns
eines Alltags im Shutdown, wissenschaftlicher Unsinn
der immer wieder neu ver- sind.
hängt werden muss, sollten Nehmen wir nur die in
die Regierungen zwischen- Aussicht gestellte Öffnung
zeitlich Lockerungen wagen. von Grundschulen unter der
MATTHIAS RIETSCHEL / REUTERS

Je nach Verlauf müssten die Maßgabe, dass die Kinder


Bürger bis zu einem Drei- die Hygieneregeln beachten.
vierteljahr in Isolation ver- Im Ernst? Wer soll Neun-
bringen, um das Gesund- jährige daran hindern zu rau-
heitssystem nicht zu über- fen, zu tanzen, zu toben? Im
fordern. Noch im Jahr 2024 Nu verwandeln die Kleinen
könnte die Seuche erneut ihre Schulen in Virus-Hot-
aufflammen. Medizinisches Personal in Corona-Teststation in Dresden spots; die Infektionszahlen
Wir stehen erst am Anfang steigen, ein neuer Shutdown
der Pandemie. Und jetzt à la Kissler wird fällig.
schon hat das Virus die Welt vor dieses unerträgliche Vor allem dann, wenn Kinder ansteckender sind als
Dilemma gestellt: Ein Leben im Lockdown mit allen so- gedacht. Bei der Influenza, die uns alljährlich heimsucht,
zialen, wirtschaftlichen, psychologischen Folgen steht gelten sie als »Drivers of Infection«, als maßgeblich für
gegen das Risiko, der Seuche freien Lauf zu lassen. die Seuchenverbreitung. Aber gilt das auch für Corona?
Sie würde Millionen Menschen töten. Nicht nur Gebrech- Das müsste erforscht werden, und es ist nur ein Beispiel
liche, auch Ärzte, Krankenpfleger, junge Menschen. dafür, dass wir über diese Pandemie noch viel zu wenig
»Wie kommen wir da raus?«, fragen die Bürger und wissen. Für alle Lockerungsideen sollte gelten: erst prüfen,
erwarten Antworten von der Politik. »Wie kommen wir dann anwenden. Sind flächendeckende Virus- oder
da raus?«, fragen die Politiker und erwarten Antworten Antikörpertests Teil der Lösung? Wie tief muss R gedrückt
von der Wissenschaft. Schnelle Antworten. Denn die werden? Wie lange hält die Immunität? Und: Wird der
Sonne scheint, die Kirschbäume blühen, und die Leute ersehnte Impfstoff je gefunden?
haben den Shutdown satt. Forscher der Helmholtz-Gesellschaft haben ein Szenario
Die Wissenschaft wird diese Antworten liefern, aber skizziert, das den Covid-19-Erreger vielleicht einhegen
nicht jetzt. Es wird dauern, lange sogar. Gute Wissenschaft könnte: den kompletten Shutdown. Schärfer als bisher. Aller
braucht Akribie, Zweifel, Unermüdlichkeit. Und manchmal Voraussicht nach würde die Seuche in vier, fünf Wochen nur
liefert sie bad news wie Kisslers Studie: Es kann noch vie- noch köcheln. Mit so wenigen Infizierten, dass wir lokale
ler Monate, vielleicht Jahre des Shutdowns bedürfen, um Experimente wie Schulöffnungen wagen könnten. Aber
das Virus zu bezwingen. Aber weil die Sonne scheint dafür müsste die Politik geduldiger sein und auf die Wissen-
und die Menschen den Shutdown satthaben, werden die schaft hören. Nicht nur mit einem Ohr. Rafaela von Bredow

6 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


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DER NEUE MINI COOPER SE.


CHARGED WITH PASSION.

MINI Cooper SE: Offizieller Stromverbrauch kombiniert: 16,8 –14,8 kWh/100 km. Die Angaben zum Strom-
verbrauch wurden nach dem vorgeschriebenen Messverfahren VO (EU) 715/2007 in der jeweils geltenden
Fassung ermittelt. Die Angaben berücksichtigen bei Spannbreiten Unterschiede in der gewählten Rad- und
Reifengröße. Die Angaben sind bereits auf Basis des neuen WLTP-Testzyklus ermittelt und zur Vergleichbarkeit
auf NEFZ zurückgerechnet.
Titel

Am Anfang war das Virus


Epochenbruch Die Menschheit steckte schon vor Covid-19 in der Krise,
und sie wusste es. Der gegenwärtige Schock könnte heilsam sein und einen Neuanfang einleiten,
der in eine bessere, nachhaltigere Welt führt. Von Ullrich Fichtner

I.
Die Welt, wie wir sie noch im Februar für »normal« Unsicherheit zieht ein in die bislang so streng durchgetakteten
gehalten haben, geht unter in einem Krach, wie es in Businesspläne des total globalen Kapitalismus. Der »schwarze
der Geschichte noch keinen gegeben hat. Für die Hälf- Schwan«, der als Metapher für ein extrem unwahrscheinliches
te der Menschheit gelten dieser Tage mehr oder min- Ereignis während der Finanzkrise von 2008 Karriere machte,
der strenge Ausgangssperren. Alle Kontinente sind betroffen, wird durch die Coronakrise zum neuen Wappentier der Welt-
arme wie reiche Regionen, Metropolen wie entlegene Provinzen. wirtschaft. »Radikale Unsicherheit«, bis vor Kurzem lediglich
Große Teile der Weltwirtschaft stehen still. 180 Länder der Erde, eine in Gesprächen geäußerte Sorge, meint Columbia-Forscher
die noch vor wenigen Wochen mit steigendem Wachstum und Tooze, sei von nun an die neue, »stets präsente Wirklichkeit«.
Wohlstand rechneten, stürzen in tiefe Rezession. Man könnte auf die Idee kommen, dass es besser wäre, ganz
Der Kollaps des Tourismus, die Ausdünnung des globalen neu anzufangen, statt den Versuch zu machen, das zerbrochene
Transportwesens, die Unterdrückung städtischen Lebens trifft Alte noch einmal zu reparieren.
vielerorts das gesamte Spektrum menschlicher Aktivität, den
Einzelhandel, das produzierende Gewerbe, die Dienstleister,

II.
den Sport-, Kunst- und Kulturbetrieb, die Freizeitindustrie. Nichts ist mehr, wie es war, alle sagen und schrei-
Die Welthandelsorganisation WTO schätzt, dass der globale ben es jetzt. Joschka Fischer hat in der »FAZ« »die
Warenaustausch in diesem Jahr zwischen 13 und 32 Prozent erste Menschheitskrise des 21. Jahrhunderts« aus-
schrumpft. Das sind Zahlen, so unerhört, dass einem der Atem gerufen. Der für den Binnenmarkt zuständige EU-
stockt. Firmen- und Staatsbankrotte werden die Folge sein. Revol- Kommissar Thierry Breton geht davon aus, dass die so eng ver-
ten. Womöglich Revolutionen. netzten Kontinente nun wieder unabhängiger werden. Die Che-
Dass der amerikanische Arbeitsmarkt von heute auf morgen fin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgiewa,
von historisch positiven in historisch negative Rekordzahlen spricht von »der dunkelsten Stunde der Menschheit«. Papst Fran-
umschlägt, ist in der Geschichte ohne Vergleich. Fast 22 Millionen ziskus sieht die Zeit für eine Umkehr gekommen, weg von der
Amerikaner haben im Verlauf der vergangenen vier Wochen Heuchelei. Und auch der CEO des Investmentgiganten Black-
ihre Jobs verloren, Ökonomen halten eine Arbeitslosenquote rock, Larry Fink, stimmt seine Kunden in einem Brief auf eine
von 32 Prozent in den USA im Sommer für nicht ausgeschlossen. neue Welt auf wackligem Boden ein.
Der Historiker Adam Tooze von der Columbia-Universität Alles, was Rang und Namen, Macht und Kapital hat, konsta-
geht davon aus, dass die US-Wirtschaft bei fortgesetztem Nie- tiert jetzt radikale Veränderung, den Beginn einer neuen Welt.
dergang um ein Viertel schrumpfen könnte, wie nach dem Krach Aber was ist damit eigentlich gemeint? Und ist es überhaupt
von 1929 – mit dem Unterschied, dass sich die Kontraktion damals ernst gemeint? Ist es möglich, dass der Tod, der große Gleich-
über vier Jahre hinzog, während sich die heutige Implosion inner- macher, die Menschheit irgendwie bessert? Ist es möglich, dass
halb von Monaten abspielen könnte. »Eine solche Bruchlandung«, das Virus ein globales Innehalten bewirkt, eine gedehnte Schreck-
schreibt Tooze im Magazin »Foreign Policy«, »hat es nie zuvor sekunde, in der nicht nur die Gefahr, sondern auch das Rettende
gegeben.« Und dieser Befund gilt für die ganze Welt. wächst? In der sich Unwesentliches vom Wesentlichen trennt?
Reiche Länder werfen nun mit Billionen um sich, um erste, Nach der die wichtigen Aufgaben wirklich angegangen werden?
unmittelbare Folgen der Krise zu dämpfen, um die Masse der Das Virus wäre dann ein universaler, heilsamer Schock, ein
unverschuldet Arbeitslosen abzusichern und Unternehmen am weltumspannender Moment des Memento mori, das heißt:
Leben zu erhalten. Das ist gewiss vernünftig, nur wird sich aus Bedenke, dass du sterben wirst. Kann es davon eine Corona-
den strukturellen Brüchen, die sich gerade auftun, niemand Version geben? Eine Neuauflage für das 21. Jahrhundert? Sind
herauskaufen können. Viele, sehr viele Läden und Lokale, die wir bereit für die Einsicht, dass wir unser Leben ändern müssen?
nun geschlossen sind, werden nicht wieder öffnen. Viele Fabriken Dass die bisherige Form unseres Wirtschaftens zu viele Fehler
überall auf der Welt, in denen die Produktion gestern noch auf hatte? Dass der Wahnsinn des modernen Massenkonsums und
Hochtouren lief, haben für immer zugemacht. Ressourcenverbrauchs so nicht weitergehen kann?
Die Debatte, wann Beschränkungen zu lockern und die Pro- Die Anfänge sind nicht ermutigend. Das Hickhack der euro-
duktion wieder hochzufahren sei, wird sich schnell als unter- päischen Finanzminister, die sich erst nach langen Brüsseler
komplex erweisen. Es ist offenkundig eine Sache, ganze Bran- Nächten vor Bildschirmen auf komplex gestückelte Hilfen ver-
chen per Dekret von jetzt auf gleich anzuhalten; eine ganz andere ständigten, wirkte nicht wie der Beginn einer neuen Zeit. Die
ist es, sie nach Wochen und vielleicht Monaten einer Zwangs- von Niederländern forcierte und von Deutschen nicht verhin-
pause neu zu starten. Es gibt dafür keinen Schalter. Es gibt dafür derte Zumutung, den von Covid-19 schwer betroffenen Ländern,
keinen erprobten Plan. Im kleinteiligen Puzzle moderner Fabri- allen voran Italien, Bedingungen für Nothilfen aufzwingen zu
kation wird nun fürs Erste häufig ein Stück zur Herstellung des wollen, war ein Musterbeispiel alter Unzulänglichkeit.
Endprodukts fehlen. Es wird Zeit brauchen, Lücken zu schließen, Auch sonst sind die ersten Eindrücke vom Umgang mit der
es wird nötig sein, Produktionsweisen grundsätzlich zu überden- angeblich so weltverändernden Krise ernüchternd. Die hässli-
ken. In der globalisierten Wirtschaft mit ihren berühmten langen chen internationalen Rivalitäten um Schutzmasken und Gerät,
Lieferketten kann nicht ein Land allein neu durchstarten, noch die nationalen Alleingänge bei Grenzschließungen und Hilfspro-
nicht einmal, wenn es Deutschland heißt. grammen entstammten keiner neuen Epoche, jedenfalls keiner

8 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


ROBIN UTRECHT / ECHOES WIRE / BARCROFT MEDIA VIA GETTY IMAGES

Fußgängerin auf Pariser Boulevard im April: Bedenke, dass du sterben wirst

9
Titel

guten. Und dass in London einzelne Hedgefonds aus dem Es zeigt sich an Kleinigkeiten, daran zum Beispiel, dass die
Corona-Börsencrash Milliardenprofite schlugen, erinnert an die Ausbreitung der Krankheit immerfort auf politische Landkarten
übelsten Auswüchse des Kasinokapitalismus. übertragen wird, als wäre sie ein nationales Problem. Und die
Der Nationalstaat ist, ausgerechnet in Europa, in seiner ganzen zugehörigen Farbschattierungen scheinen anzuzeigen, wie sich
dunklen Pracht wieder da, und er leistet sich gleich wieder natio- die Nationen jeweils im Kampf gegen die Krankheit schlagen.
nalistische Fehlleistungen. In Angela Merkels historischer Fern- Kurvendiagramme weisen Musterschüler aus (Südkorea) und
sehansprache fehlte jeder Hinweis auf die EU, jeder Gedanke Sorgenkinder (USA). Die jeweiligen Bestände an Schutzmasken
an Nachbarn oder internationale Zusammenarbeit, das Wort werden gezählt, die nationalen Maschinenparks der Intensiv-
»Europa« fiel überhaupt nicht. Die Kanzlerin war mit dem deut- medizin mehr oder minder stolz verglichen. Es ist eine zynische
schen Volk allein zu Haus, und Ähnliches stimmt für den ganzen Bemerkung, aber die täglichen Tabellen der Infizierten- und
Kontinent. Die Franzosen regeln ihre Krise, die Spanier die ihre, Totenzahlen können einem vorkommen wie der Medaillenspie-
die Österreicher, die Schweden, die Briten und die Ungarn sowie- gel eines makabren Olympias. Mut macht das alles nicht.
so. Von gemeinsamem Handeln: keine Spur. Gemeinsame Ziele: Wenn das Coronavirus einen Wendepunkt der Menschheits-
eher wenige. Man hält, in Europa, den Ausblick vom eigenen geschichte markiert, dann ist er offenkundig noch nicht erreicht.
Kirchturm gerade wieder für ein weltweites Panorama. Dann muss die Post-Corona-Zeit erst noch beginnen. Der allge-
meine Eindruck derzeit ist nicht, dass die Planung einer neuen,
besseren Zukunft begonnen hätte. Im Augenblick sieht es eher
Covid-19 ist in eine danach aus, dass alle Kräfte darauf gerichtet sind, das Leben wie-
derherzustellen, das bis Januar oder Februar als das normale galt.
Welt hineingefahren, die in vielen Die Programme der Regierungen, das deutsche allein ist mit
Krisen gleichzeitig steckte. 750 Milliarden Euro ausgestattet, zielen auf eine rasche Rückkehr
in die Prä-Corona-Zeit und ihre anschließende Fortschreibung.
Als wäre nichts gewesen. Es wird die Hoffnung genährt, die
Der Rat internationaler Gesundheitsexperten, die Bitte der Covid-19-Schäden seien reparierbar, und danach könne endlich
WHO, Ländergrenzen nicht zu schließen, wurde geradezu lustvoll wieder alles weitergehen wie gehabt. Es ist unwahrscheinlich,
übergangen. Nun sind Grenzen zu, als könnten Zöllner und Grenz- dass das gelingen kann. Aber wenn es gelänge, dann hätte die
schützer nicht nur Migranten, sondern auch Mikroben aufhalten. Welt auch von diesem Desaster nichts gelernt.
Aber die wesentlichen Fragen bleiben offen: Wie viel Leid wäre Finanzminister und Notenbanken bewegen gerade Geld in
zu verhindern gewesen, hätten sich ostfranzösische und westdeut- nie gekanntem Umfang, Millionen, Milliarden, Billionen. Um
sche Regionen nicht als Ränder ihrer jeweiligen Nationalstaaten sich vorstellen zu können, worum es geht, hilft ein Vergleich mit
verstanden? Wenn sie sich stattdessen als ein und dasselbe Krisen- dem berühmten Marshallplan, mit dem Amerika nach dem Zwei-
gebiet empfunden hätten, das sie de facto waren? Ein Landstrich, ten Weltkrieg einer ganzen Reihe europäischer Länder Wieder-
konfrontiert mit demselben Problem? Mit ähnlichen Engpässen? aufbauhilfe leistete. Er hatte ein Volumen von etwa 13 Milliarden
Dass im Elsass anfangs schwer kranke Patienten in weit ent- Dollar, in heutigen Werten entspräche das ungefähr einer Summe
fernte – französische – Krankenhäuser transportiert werden von 130 Milliarden Euro.
mussten, obwohl freie – deutsche – Intensivbetten ganz in der Die Bundesregierung setzt mit ihren 750 Milliarden allein für
Nähe lagen, gehört zu den schlechten Gewohnheiten einer alten Deutschland jetzt sechsmal so viel Geld ein. Darf man an solche
Welt, deren Untergang wirklich kein Schaden wäre. Dass von finanziellen Quantitäten auch qualitative Hoffnungen knüpfen?
Deutschland, Europas mächtigstem Land, auch diesmal keine Muss man es nicht sogar? Soll der Staat jetzt bei vielen Firmen
Impulse für die Union ausgingen, ist beschämend. Dass die Brüs- nur als stiller Teilhaber einsteigen – oder sollte er sich nicht auch
seler EU-Zentrale keine Macht hat und nach Meinung der Mit- hier und da mit lauter Stimme einmischen?
gliedstaaten auch keine haben soll, wurde erneut offensichtlich. Worum es geht, hat Helen Mountford vom renommierten US-
Das alte, nationale Denken sitzt sehr tief. Thinktank World Resources Institute formuliert. Die Regierungen

Ein neuer Protektionismus seit der Finanzkrise 2008 abzeichnen,


weiter vertiefen. Wir werden eine Zunah-
den besten unserer Geschichte, die Ar-
mut ging stark zurück. Wir brauchen den
Shivshankar Menon war Indiens Natio- me des Protektionismus sehen, der Pola- Rest der Welt. Ich erwarte nicht das
naler Sicherheitsberater unter Premier risierung der Gesellschaften, einen weite- Ende der Globalisierung, aber wir wer-
Manmohan Singh und lehrt an der ren Ruck nach rechts. Was vom Multi- den eine neue Art der Globalisierung er-
Ashoka-Universität nahe Neu-Delhi. lateralismus noch übrig war, hat versagt. leben. Eine, die weniger offen ist für
Für Indien wird es schwieriger werden, Waren und Investitionen und nahezu ge-
Die Welt, in der wir uns nach Corona in dieser neuen Welt seine Ziele zu ver- schlossen für Ideen und Arbeitskräfte.
wiederfinden werden, wird ärmer, gemei- wirklichen. Unser Antrieb kann nicht Neu-Delhi muss jetzt seine Nachbarn
ner und kleiner sein. Sie ist es schon Ruhm oder Macht sein, nicht solange es unterstützen, Indien muss in der Region
jetzt. Die Weltwirtschaft dürfte schrump- derart viele arme Menschen gibt. Wir wol- ein Anker für Sicherheit, Stabilität und
fen. Länder streiten um Medikamente len Indien transformieren, hin zu einem Wohlstand sein. Die Pandemie könnte
SEBASTIAN WIDMANN / DDP IMAGES

und Schutzkleidung. Anstatt anzuerken- Land, in dem jeder Inder sein Poten- eine Chance sein. Wir sind gut im
nen, dass sie die Pandemie nur gemein- zial entfalten kann. Dabei ist In- Umgang mit Krisen, das haben
sam besiegen können, beschuldigen die dien auf eine offene Welt und auf wir oft bewiesen. Unsere gro-
Nationen einander und schließen Gren- Frieden angewiesen. An beidem ßen Reformen, die Liberalisie-
zen. Es gilt: jeder für sich, jeder allein. könnte es künftig mangeln. rung unserer Wirtschaft und
Die Pandemie hätte ein heilsamer Indien konnte die Chancen der damit verbundene Aufstieg
Schock sein können. Stattdessen wird der Globalisierung nutzen. Die Indiens, all das ist aus einer
Covid-19 die Bruchlinien, die sich bereits vergangenen 30 Jahre gehören zu Krise heraus geboren.

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KATE MUNSCH / REUTERS
Klimaproteste in San Francisco im September 2019: Radikale Unsicherheit

und Unternehmen, die nun darüber nachdenken, wie die Krise eine Welt, in der ein großes Unbehagen über den Gang der Dinge
zu bewältigen sei, hätten nur zwei Optionen, schreibt Mountford längst zu Hause war. Es wäre gut, das jetzt nicht zu verdrängen.
in ihrem Blog. Entweder sie verlängerten nun für mehrere Jahr- Es wäre richtig, wenn der Einschnitt so tief ausfiele, dass ein
zehnte das alte Modell »der ineffizienten, verschmutzenden, »Weiter so!« im Schlechten unmöglich würde. Dass sich wirklich
nicht nachhaltigen, kohleintensiven Entwicklung« oder sie ergrif- neue Perspektiven eröffneten. Die Chance auf eine andere
fen die Chance zum schnellen Umstieg. Zukunft. Auf ein Nicht-mehr-weiter-so.
Solche Hoffnungen hegen Umweltaktivisten. Es gibt aber noch

III.
zahllose andere Großbaustellen. Denn die Welt, in die das Corona-
virus kam, war nicht »normal«, sie war nicht in einer guten Ord- Es haben sich in der Geschichte immer wieder
nung, wie es uns ein paar Wochen später scheinen mag. Tatsäch- Katastrophen ereignet, die die Zeitgenossen
lich ist Covid-19 in eine Welt hineingefahren, die längst in der als Wendepunkte oder wenigstens Weckrufe
Krise steckte, in vielen Krisen gleichzeitig. Schon vergessen? empfunden haben. Das Erdbeben von Lissa-
Die rechtsstaatlich verfassten Demokratien sahen sich vor bon im Jahr 1755 hat Epoche gemacht und darf als einer der
Corona von äußeren und inneren Feinden attackiert, von inter- Auslöser der Aufklärung in Europa gelten. Der Ausbruch des
nationalen Populisten wie von nationalen Extremisten. Vulkans Krakatau in Indonesien 1883 war – dank telegrafischer
Die multilaterale Nachkriegsordnung mit ihren vielen Welt- Übermittlung – eine der ersten apokalyptischen Weltnachrichten.
Organisationen war nur noch ein Schatten, teils mutwillig zer- Die Fragen der Zeitgenossen zielten damals noch nicht auf die
stört vom Mann im Weißen Haus, teils zerfallen durch das Des- Verantwortung des Menschen hinter allem, sondern darauf, wie
interesse der großen Staaten. ein allmächtiger Gott so viel Leid zulassen konnte.
Die internationale Staatengemeinschaft sah sich außerstande, Das Coronavirus könnte ähnliche Wucht entfalten. So wie im
Kriege und Krisen beizulegen, die in Syrien, Afghanistan, im 18. Jahrhundert die Vorstellung dieses allmächtigen Gottes zu
Jemen, in Mali, Venezuela weiter lodern. zerbröseln begann, so lässt sich am Beginn des 21. Jahrhunderts
Flucht, Vertreibung und Wanderung sorgten auf allen Konti- die Frage nach dem Menschen und seinem Wirken endgültig
nenten, und zumal zwischen Afrika und Europa, für immer neue nicht mehr verdrängen. Es ist, als machte der Corona-Schock
menschliche Tragödien. die multiplen Krisen begreiflich, in die sich die Menschheit mehr
Das kapitalistische Wirtschaften und Konsumieren wirkte wie oder minder bewusstlos selbst hineinmanövriert hat.
in eine Dekadenzphase geraten. Der WWF erinnert aus gegebenem Anlass an Themen, die
Das Internet und seine Plattformen entfalteten eine zerset- das Virus und die Krankheit betreffen. Dazu zählen die fort-
zende Kraft, die weit in die Politik, in die Gesellschaft und bis in schreitende Entwaldung, das Vordringen des Menschen in die
die Familien hinein wirkte. Lebensräume wilder Tiere, der Verkauf und Konsum von exoti-
Es gibt, so gesehen, viele Gründe, sich nicht in die Zeit vor schen Arten, Praktiken, die endlich ein Ende haben müssten,
der Covid-19-Pandemie zurückzuwünschen. Das Virus kam in erklärt der WWF. Nur dann ließen sich gefährliche Virenüber-

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TAHA JAWASHI / AFP
Flüchtlinge vor der libyschen Küste im Juni 2017: Prüfung für die Menschlichkeit

tragungen von Tieren auf Menschen, die gefürchteten »Zoono- flüchtet, wenn sie – zumal in Umweltfragen – behauptet, nicht
sen«, und künftige Pandemien verhindern. Die Hygiene auf so handeln zu können, wie sie müsste.
Wochen- und Straßenmärkten vor allem in Asien muss den Die Bilder des globalen Lockdowns, die menschenleeren
Behörden dort schon aus Eigeninteresse ein vorrangiges Anliegen Metropolen, die stillen Boulevards, sie werden die Politik ver-
werden. Es muss auch die Frage erlaubt sein, ohne kulturelle folgen: Wie will eine Kanzlerin, wie wollen Präsidenten und
Lektionen erteilen zu wollen, ob der hochriskante Verzehr Premierministerinnen, die ganze Völker unter Hausarrest stellen
bestimmter Wildtiere zwingend zu einer Kultur gehören muss. können, den Bürgerinnen und Bürgern künftig erklären, dass
Auch die traditionelle chinesische Medizin, die Tiere zu Pasten, sie ein schnelles Verbot von Plastiktüten leider, leider nicht hin-
Pulver und Tinkturen verarbeitet, braucht eine selbstkritische bekommen? Dass es unmöglich sei, schärfere Grenzwerte für
Auseinandersetzung mit ihrem Tun. dieses oder jenes Gift durchzusetzen? Wer soll künftig noch
Aber dies ist kein Schwarzer-Peter-Spiel, die Suche nach Schul- daran glauben, dass es keine einfache Handhabe gäbe gegen
digen ist Zeitverschwendung, und nur die Frage nach eigener industrielle Tierquälerei, gegen Pestizide, gegen Lärm, schlechte
Verantwortung bringt weiter. Wenn sich etwa Studien bestätigen Luft, schlechtes Essen? Wer wird Politiker wiederwählen, die
sollten, die zeigen, dass größere Luftverschmutzung deutlich jetzt beim Klimaschutz nicht liefern?
höhere Sterberaten durch Covid-19 verursacht, dann bekommen

IV.
Städte und Industrieregionen auf der ganzen Welt gerade viele
neue Hausaufgaben. Es gehen jetzt viele große Fragen um. Aber Covid-19 wird die Welt verändern, weil sie be-
sie zielen nicht mehr auf Gott. Sie lauten jetzt: Wieso zerstört reits vor dem Auftauchen der Krankheit mitten
der Mensch, wieso zerstören wir sehenden Auges unsere Lebens- im Prozess einer tief greifenden Veränderung
grundlagen? Wieso sind wir – im Weltmaßstab – seit Jahren so steckte. Bester Beleg dafür ist ein Buch mit
unfähig, das Falsche zu lassen und das Richtige zu tun? dem Titel »Das Ende der Illusionen«, in dem es um nichts ande-
Solche Fragen können – in einem Schock, wie ihn das Virus res als um einen nahen Epochenbruch geht. Das Buch ist im ver-
darstellt – neue Dringlichkeit bekommen. Bereits laufende Ver- gangenen Oktober, zwei Monate vor dem Auftauchen des neuen
änderungen erfahren eine Beschleunigung. Und diffuses Wissen Coronavirus, erschienen, und sein Autor, der deutsche Soziologe
wird plötzlich zu einem Bild, das jedes Kind versteht. Die Gra- Andreas Reckwitz, beschreibt darin, wie gesellschaftliche Um-
fiken und Bilder über den deutlichen Rückgang der Luftver- brüche ablaufen, wie sich kollektives Denken verändert, wie
schmutzung dank Corona-Lockdown etwa gehören dazu. Sie sich ein jahrzehntelang gültiges und nützliches »Paradigma« am
werden nicht so schnell wieder verschwinden und künftig zum Ende doch auflöst und durch ein neues ersetzt wird.
Bestand der Gedanken gehören, die nicht mehr zurückgenom- In einem solchen Moment der Geschichte waren unsere west-
men werden können. Diese bunten Karten und Fotos sagen viel. lich-kapitalistischen Gesellschaften laut Reckwitz im Herbst ver-
Zuerst, dass eben doch nicht alles vergebens ist. Dass Handeln gangenen Jahres angelangt. Sein Buch zeigt, dass die Globalisie-
zum Ziel führen kann. Dann, dass die Politik sich in Ausreden rung spätestens seit 2010, nach dem Finanzkrach, in eine »Über-

12 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Titel

dynamisierungskrise« geraten war, deren unangenehme Folge- sieht alles danach aus, dann durchlief unsere Lebenswelt der
erscheinungen immer zahlreicher wurden. Und nun, 2019/20, Prä-Corona-Zeit schon seit Längerem eine Dekadenzphase. Der
geht diese »Spätmoderne« zu Ende, das wäre auch ohne Covid- Neoliberalismus war außerstande, die sozialen Ungleichheiten
19 so gekommen, nur langsamer. Das Virus wirkt wie der zu dämpfen, die er selbst schuf, und war spürbar dabei, sein eige-
Beschleuniger eines großen kulturellen Wandels. nes Grab zu schaufeln: eine Gesellschaft, in der sich unfähige
Was zu Ende geht, haben wir Zeitgenossen in den vergange- Bankiers Millionen-Boni auszahlen dürfen, während Hundert-
nen Jahren diffus immer wieder gespürt. Die radikale Globali- tausenden Rentnern die kalte Altersarmut droht, wird zwangs-
sierung, der »neoliberale Wettbewerbsstaat«, wie Reckwitz sagt, läufig instabil.
verloren die Attraktivität, die sie in den 1990er Jahren noch ver- Aber auch die linke, progressive Strömung des »dynamisie-
strömten. Die wachsenden sozialen Ungleichheiten, die skanda- renden Liberalismus« hat ihre Verlierer produziert, schreibt
löse Kluft zwischen armen Arbeitenden und steinreichen Besit- Reckwitz. Als eine eigene Klasse städtischer, in der Regel gut
zenden wurden zur Quelle für ein nagendes Unwohlsein in einer gebildeter Eliten sorgte sie für einen kulturellen Ausschluss, eine
nicht nachhaltigen Umwelt. Die Argumente, auch die Wut sozia- subtile Abwertung derer, die sich durch die multikulturelle und
ler Bewegungen wie »Occupy Wall Street«, dem »Weltsozial- durchökologisierte Gesellschaft nicht bereichert, sondern
forum« oder zuletzt den Gelbwesten und »Fridays for Future« bedroht fühlten. Inmitten des allgemeinen Kosmopolitismus ging
sickerten – trotz aller Skepsis gegen die Aktivisten – in den
Gefühlshaushalt des Mainstreams ein.
Es geht aber nun nicht nur darum, im üblichen Rechts-links- Es geht zurück zu
Schema auf die böse »rechte« Globalisierung in Form des Neo-
liberalismus einzudreschen, das zeigt Reckwitz auf meisterhafte Zügelung, Zähmung und dem
Weise. Die ablaufende Epoche, versteht man, habe sich nicht
allein in ökonomischer Radikalität erschöpft. Sie habe auch große
Wunsch nach Ordnung.
Zugewinne an individueller Freiheit gebracht, holte Minderhei-
ten aus Stigmatisierung, verschaffte randständigen Kulturen eine alte Mittelklasse verloren, »die zwischen Statuserhalt, Sta-
Rechte auf Anerkennung. tusverlust und kulturellen Entwertungserfahrungen schwankt«.
Das Paradigma, das sich gerade überlebt, befreite mithin nicht Dass ihre Angehörigen besonders anfällig sind für die polemi-
allein die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft. Es wurden schen Angebote rechter Populisten, kann man sich leicht vor-
nicht nur Arbeitsrecht und Kündigungsschutz dereguliert, son- stellen. Dass ihre Abstiegsängste von der herrschenden Kultur
dern auch die Bindung an einengende Traditionen, die Schranken der umfassenden Globalisierung unterschätzt wurde, war ein
geschlechtlicher Prägung. Eine neue Mittelklasse konnte entste- wesentliches Element der Krise, die kurz vor Auftauchen des
hen, die die Gestaltung der eigenen Biografie, von Beruf, Freizeit Coronavirus reif wurde.
und Familienleben zu einer erfüllenden Herausforderung machte. Es braucht ein neues politisches Paradigma, eine neue »Tie-
Dass es dabei nicht um die Schonung von Ressourcen ging, mag fenstruktur des politischen Denkens und Handelns«, das besser
man an der weltweit wachsenden SUV-Flotte ablesen oder an zu den jetzigen Herausforderungen passt als das alte. Die gesell-
den Dumpingpreisen der Billigfluggesellschaften. Airbnb und schaftlichen Werte und die »Utopien des Wünschenswerten«
Uber wurden zu Symbolmarken einer Welt, in der sozioökono- haben sich erst unmerklich, dann spürbar geändert. Und nun
mische und soziokulturelle Gewinner Hand in Hand gingen. Die geht es wieder weg von Öffnung und Liberalisierung und Selbst-
politisch Rechten feierten ihre – ökonomische – Befreiung, die verwirklichung. Und es geht ein Stück zurück zu Beschrän-
Linken profitierten von der neuen – kulturellen – Freiheit. kungen, zu einem mehr einhegenden Staat, zurück zu Versiche-
Gemeinsam brachten die Kapitalisten und die Hedonisten rung, Zügelung, Zähmung, und dem Wunsch nach Ordnung.
aber letztlich eine zu große Zahl an Verlierern hervor, und Der »einbettende« Liberalismus sei die Zukunft, schrieb Andreas
deshalb geriet das herrschende Paradigma am Ende in die Reckwitz vor nunmehr sechs Monaten, das kommt einem
Krise. Wenn die These vom Ende der Epoche stimmt, und es gerade vor wie eine weit entlegene Vergangenheit. Es war aber

Der Kaiser ist nackt Nordens zeigt sich auch darin, dass kein
Land in der Lage ist, eine Führungsrolle
zum ersten Mal, dass ihre Regierungen
sich um das Gemeinwohl sorgen und es
Marta Lagos ist die Gründerin einzunehmen. Die USA sind keine Welt- nicht wie sonst um die Interessen einer
des Meinungsforschungsinstituts macht mehr, und China ist kein Vorbild. kleinen Elite geht. Die Nationen Latein-
Latinobarómetro in Chile. Was wir stattdessen sehen, sind National- amerikas werden mehr Freiheit und
staaten, die eigene Wege gehen. Die Fra- Gleichheit fordern, mehr Demokratie.
Wenn wir auf diese Krise blicken, dann ge, wie sie aus dieser Krise herauskom- Das kann zu Aufständen führen, aber
haben wir das Gefühl, dass die sogenann- men, wird darüber entscheiden, an wem nicht in der Form von Revolutionen, son-
te Erste Welt gescheitert ist. Die Bilder wir uns in Zukunft orientieren werden. dern als Neudefinition demokratischer
aus New York oder Bergamo zeigen uns, Ich glaube, dass unsere Demokratien, Machtausübung. Wir werden unsere Wirt-
dass die USA und Europa nicht diese so fehlerhaft sie sind, langfristig von schaftssysteme neu aufstellen und soziale
perfekt funkelnden Edelsteine sind, für der Krise profitieren. Denn die Schutzsysteme errichten müssen für Ar-
die wir sie gehalten haben. Der Norden Beschränkungen, die wir gerade beitslose und Menschen, die kaum
ging immer sehr hart mit uns ins Gericht. sehen, betreffen erstmals die bis zum Monatsende kommen.
Jetzt stellt sich heraus: Der Kaiser ist gesamte Bevölkerung, nicht nur Die wichtigsten Menschen im
nackt. Viele der Migranten, die kürzlich einen Teil. Und sie werden Kampf gegen das Virus sind
noch nach Norden wollten, werden nicht autoritär verhängt, son- Müllarbeiter und Kranken-
ihre Richtung ändern. Die Migrations- dern erfolgen innerhalb rechts- schwestern – all jene, die unver-
routen werden innerhalb des Südens staatlicher Normen. In vielen zichtbar sind. Das wird zu einem
verlaufen. Dieser Ansehensverlust des Ländern erleben die Menschen neuen Gleichgewicht führen.

13
Titel

V.
damals schon dieselbe Welt, und sie steckte auch schon in tief Thesen über die Zeit sind immer auch Glückssache.
greifenden Prozessen der Veränderung. Das Virus hat sie sicht- Die Behauptung großer Veränderung ist trotz aller
barer gemacht und dadurch beschleunigt. Einfacher wird dadurch Argumente ein Spiel. In seiner monumentalen
nichts. »Kulturgeschichte der Neuzeit« hat der ebenso ge-
Solange die Krise läuft, und niemand kann ihr Ende vorher- niale wie amüsante Österreicher Egon Friedell die Beobachtung
sagen, konkurrieren diverse Untergangsszenarien miteinander, festgehalten, dass der Mensch zu allen Zeiten sowieso unfähig
die wir seit Langem kennen. Im rechten politischen Spektrum war, die eigene Gegenwart zu verstehen. »Der Zeitgenosse«,
wird der Untergang des Abendlandes beschworen, und die linke schrieb Friedell im frühen 20. Jahrhundert, »sieht ein historisches
Kapitalismuskritik sammelt Argumente für den Zusammenbruch Ereignis nie im Ganzen, immer nur in Stücken; er empfängt den
des Kapitalismus. Greta Thunberg wird, in ihrer Nische, nicht Roman in lauter willkürlich abgeteilten Lieferungen.«
aufhören, den Weltuntergang an die Wand zu malen. So ist es. Unbegreiflich flimmern die Erscheinungen in diesen
Aber auch die Mainstream-Kultur pflegt ihre Untergangs- Zeiten einer dramatischen Pandemie. Die Eindrücke schwanken
fantasien und sehnt sich nach Erlösung. Die unbedarfte Internet- zwischen Weltkrise und gehortetem Klopapier, zwischen Wei-
euphorie war schon vor Corona vorbei, das weltweite Netz nenden in Ecuador und singenden Italienern auf Balkonen.
wirkte längst wie zerfressen von der Angst vor Cyberkrimina- Wovon handelt der Roman dieser Zeit? Wann hat die Geschichte
begonnen? Wie viele Kapitel sind schon erzählt? Was sind die
Stücke, die irgendwann zum Ganzen gehören werden?
Die Sorge um die Gesund- Der französische Ökonom Jacques Attali hat schon im Jahr
1998 ein Wörterbuch des 21. Jahrhunderts geschrieben, »Dic-
heit wird zu einem dominanten tionnaire du XXIe siècle«. Von A wie Aktivität bis Z wie Zen
Element der Gegenwart. machte sich Attali, in Frankreich bekannt als Ideengeber diverser
Präsidenten, quer durch den Garten so seine Gedanken und
pflegte dabei seinen Ruf als Futurologe.
lität und ständiger Ausspähung durch Großkonzerne und In vielem lag Attali völlig richtig. Als ein wesentliches Muster
Staaten. Politische Kampagnen, Filterblasen und der Geist der zukünftigen Welt erkannte er den »Nomadismus«, die gren-
des Dauermobbings, der die sozialen Netzwerke durchzog, zenlose Beweglichkeit von Menschen und Waren, Informationen,
beschädigten das einstige digitale Heilsversprechen, dass Institutionen und Fabriken, das war damals noch gar nicht so
dank Internet Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erblühen selbstverständlich. Eine neue, prekäre Zivilisation ziehe herauf,
würden. Die Fake-News-Schwemme der Corona-Zeit hat den meinte Attali, die mit neuen Gefahren konfrontiert sei, und er
Zweifel am Segen des World Wide Web weiter verstärkt. Auch widmete auch dem Stichwort »Epidemie« einen Eintrag.
hier wird schärfere Regulierung erfolgen, mehr Kontrolle, nicht Die Globalisierung könne die Wiederkehr der großen Epide-
weniger. mien befördern, heißt es da. Virale Krankheiten könnten sich
Noch einmal: Die modernen, westlich-kapitalistischen Gesell- als ähnlich gefährlich erweisen wie die Spanische Grippe im Win-
schaften waren, als Corona kam, bereits in einer tiefen Krise. ter 1918/19. Im neuen Jahrtausend würden Seuchen auch durch
Und sie wussten es. »Was als willkommene emanzipatorische die Zerstörung der Lebensräume bestimmter Tierarten ausgelöst.
Ermächtigung der mündigen Bürger begonnen hat«, formuliert »Im Süden ist mit Massensterben zu rechnen«, formulierte Attali,
Reckwitz, »droht sich in der Kultur der Spätmoderne schluss- und: Man werde gegen neue Krankheiten weltweite Maßnahmen
endlich in einen Egoismus der Einzelnen gegen die Institutionen der Eingrenzung ergreifen, die die gesamte Kultur des Noma-
zu verkehren.« Das war der Stand im Oktober. Im April 2020 dentums, aber auch die Demokratie infrage stellen würden.
wirkt dieser Satz bereits wie von vorgestern. Der Staat hat den An dieser Schwelle stehen wir jetzt. Noch gilt die größte Sorge
Egoismus der Einzelnen mit ein paar Federstrichen kassiert. Und den Kranken und Sterbenden, noch haben Furcht und Trauer die
kaum einer hat sich gewehrt. Weil sich in der Welt gerade etwas stark betroffenen Gegenden fest im Griff. Tausende Menschen
grundlegend verändert. sind tot, Zehntausende erkranken weiterhin, und niemand vermag

Unfähige Populisten Pandemie abzeichnet, wird man sehen,


dass populistische Regierungen im Ver-
Relokalisierung profitieren. National-
staaten werden dazu neigen, sich auf sich
Bruno Tertrais ist stellvertretender gleich zu anderen die schlechteren Kri- selbst zurückzuziehen und einen ver-
Direktor des außenpolitischen senmanager waren. Die Mehrheit der Po- stärkten Schutz gegen äußere Bedrohun-
Thinktanks Fondation pour la pulisten, Donald Trump an erster Stelle, gen einzufordern. Das könnte zulasten
Recherche Stratégique in Paris. haben bisher eine erstaunliche Un- des Schengensystems gehen.
fähigkeit an den Tag gelegt, auf die Sor- Werden wir in eine Ära des digitalen
Eine der Folgen dieser Krise wird ein gen ihrer Bürger zu antworten und zu- Autoritarismus eintreten und Freiheiten
Rückgang der Globalisierung sein. Das mindest ein Maß an Empathie zu zeigen. opfern? Ich bin da pessimistisch. Wahr-
hatte schon vor der Pandemie begonnen: Das Ganze birgt aber auch eine Ge- scheinlich ist, dass die Bevölkerung wie
Aus wirtschaftlichen und sicherheitspoli- fahr: Gelingt uns der Aufschwung nach nach dem 11. September mehrheitlich
tischen Gründen wollten westliche Staa- der Krise nicht, werden die Populisten bereit sein wird, Einschränkungen ihrer
ten ihre Abhängigkeit von China verrin- Zulauf erfahren. Die Rückkehr einer Freiheit zu akzeptieren.
gern. Die Covid-19-Krise beschleunigt Hyperinflation beispielsweise Werden einige Großmächte als
das. Die interessante Frage ist: Lösen wir könnte zu Unruhen führen. Sieger aus der Pandemie hervor-
DPA PICTURE-ALLIANCE

dies national oder Der Nationalstaat dürfte gehen? Ich glaube nicht. Wir
in Kooperation mit anderen Ländern? einer der großen Gewinner der beerdigen auch Europa immer
Eine andere Folge wird ein Rückgang Krise sein. Wie der Gesund- viel zu schnell. Denn dieses
des Populismus sein und ein Anstieg des heitssektor wird auch unsere Le- Europa zeigt ein gewisses Talent
Souveränismus. Wenn sich ein Ende der bensmittelversorgung von einer darin, sich Krisen anzupassen.

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fließen, weil Lieferketten anders geknüpft werden und die Indus-
trieproduktion anders organisiert wird. Neue Normen im Regime
der Lebensmittelsicherheit werden den »Vorsorgestaat« zemen-
tieren, den Joschka Fischer heraufziehen sieht. Die landwirtschaft-
liche Produktion, die Fleischerzeugung, der Umgang mit Frisch-
ware jeder Art wird weiter entliberalisiert und reguliert werden.
Die Bevorzugung des Lokalen vor dem Internationalen, des Hei-
mischen vor dem Exotischen wird sich verstärken.
Die EU und was von ihr übrig bleibt, wird sich aufstellen als
ein »Europa, das schützt«. Die Behörden der Vereinten Nationen
werden sich neue Rollen suchen und daran erinnern, dass der
Fahrplan in eine bessere, gerechtere, gesündere, sicherere Welt
in Form der »Millennium Goals« bereits geschrieben ist. Inter-
national agierende Unternehmen werden sich anders aufstellen
und organisieren. Der Wanderzirkus der Konferenzen und Mee-
JONATHAN ERNST / REUTERS

tings wird sehr viel kleiner werden, das Reden und Verhandeln
via Bildschirm wird zunehmen.
Die Internetkonzerne werden in neue Geschäftsfelder wachsen
und vor allem in unserem Arbeitsleben noch wichtigere Rollen
spielen als bislang schon. Unternehmer werden sich gut überle-
gen, ob sie Fabriken umsiedeln, und wenn sie es tun, werden sie
lieber fünf Produktionsstätten in drei Ländern unterhalten als
Lehman-Chef Richard Fuld im Oktober 2008 nur eine riesige in China. Das wird Kosten treiben und Effizienz
Wovon handelt der Roman dieser Zeit? senken, aber es wird das Risiko minimieren und die Produktion
nachhaltiger machen; und nachhaltig ist gut. Nachhaltigkeit wird
das Schlüsselwort der Epoche sein, die mit Corona beginnt.
mit Sicherheit zu sagen, wie die Seuche weiter verlaufen und Es wird sehr breit verstanden werden, und es wird angewandt
wann ein Gegenmittel gefunden sein wird. Zweite und sogar dritte werden auf alle menschliche Aktivität, auch im Privaten. Die
Wellen sind möglich. Neue Ausgangsbeschränkungen. Die Mel- USA werden, wenn sie ihren maßlos verschwenderischen Lebens-
dungen aus Südkorea, dass bereits genesene Menschen neuerlich stil nicht korrigieren, von der Weltgemeinschaft bald als Schur-
an Covid-19 erkranken können, geben Anlass zu größter Sorge. kenstaat behandelt. Europa und China werden sich, als Partner
Nüchtern betrachtet, markiert diese Pandemie sehr wahr- in Fragen des Umweltschutzes, annähern.
scheinlich den historischen Moment, in dem die ständige Sorge Es wird spannend sein, an dieser neuen Welt mitzutun. Es
um die Gesundheit zu einem neuen, dominanten Element der wird wohltuend sein, falsche Entwicklungen, die sich immer wei-
Gegenwart wird. Der Wunsch nach einer Rückkehr in die Sorg- terschleppten, fürs Erste zu stoppen. Es wird faszinierend sein
losigkeit der Prä-Corona-Zeit wird ein Traum bleiben. Von nun zu bezeugen, wie sich ein neues Paradigma entfaltet, wie alte
an gilt: Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. So wie die Ideen ableben und neue an Gestaltungskraft gewinnen. Es wird
Menschheit früher mit der Angst vor dem Atomkrieg lebte, sagte guttun, die Prä-Corona-Zeit zu überwinden. Es war ein Ende
Bill Gates in einem Vortrag vor fünf Jahren, so wird sie von nun erreicht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat es in
an mit der Angst vor tödlichen Viren leben müssen. seiner Osteransprache so formuliert: »Vielleicht haben wir zu
Sie wird die Gefahr künftig jedenfalls ernster nehmen, als sie lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur
es bis vor Kurzem tat. Das allein wird viele konkrete Folgen haben: schneller, höher, weiter geht. Das war ein Irrtum.« Die Korrektur
Warenströme werden nicht mehr so reibungslos über den Erdball kann nun beginnen. I

China als Partner sind das keine guten Nachrichten. Zu


Beginn des Ausbruchs dachten viele, die
Selbst in der Weltöffentlichkeit herrscht
nicht der Eindruck vor, dass westliche
Yanzhong Huang ist Senior Fellow für Epidemie lege die Pathologien des chine- Demokratien die Pandemie besser in den
Weltgesundheit am New Yorker Think- sischen Systems offen, die Legitimität Griff bekommen hätten als China. Diese
tank Council on Foreign Relations. der chinesischen Führer stehe auf dem Wahrnehmung kann das sogenannte
Spiel. Mittlerweile scheint China nicht China-Modell – Einparteienherrschaft
Meiner Ansicht nach wird diese Pande- mehr in der Defensive zu sein. plus staatsdominierte Wirtschaft – für
mie die geoökonomische Machtbalance Die USA folgen dem Ansatz des »Ame- Entwicklungsländer attraktiver machen.
zwischen den USA und China nicht fun- rica First«. Sie hamstern medizinische China hat seine Bevölkerung vom
damental verändern – vorausgesetzt, Güter, aber haben darin versagt, eine Virus abgeschirmt – dadurch sind weni-
sie dauert nicht wesentlich länger als ein Hilfsinitiative für die Entwicklungsländer ger Menschen immun geworden als in
Jahr. Beide Länder werden sich wirt- anzustoßen. Im Vergleich dazu erscheint stärker durchseuchten Gesellschaften.
schaftlich erholen. Wozu die Pandemie China wie ein mildtätiger Partner, Eine mögliche zweite Infektionswel-
ZHANG MOC / PICTURE ALLIANCE

hingegen sehr wohl beitragen könnte, wenn nicht Führer der internatio- le besorgt Peking zutiefst. Wäh-
ist eine Abwärtsspirale in der Beziehung nalen Gemeinschaft. Präsident rend andere Nationen ihre Lock-
zwischen China und den westlichen Xi Jinping ist aus dieser Krise downs aufheben, müsste Peking
Demokratien. Es könnte sogar zu einem mit größerer Machtfülle hervor- seine drakonischen Maßnah-
neuen Kalten Krieg zwischen den USA gegangen. Aus manchem Chine- men fortsetzen. Als aufstreben-
und China führen. Für Chinas Ziel, eine sen, der die Regierung kritisch de Führungsmacht kann China
globale Führungsrolle zu beanspruchen, sah, wurde ein Unterstützer. aber keine Festung bleiben.

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 15


Deutschland

MORITZ MÖLLER / IMAGO IMAGES


Fans als Pappkameraden Die Anhänger von Borussia Mönchengladbach rüsten das Stadion ihres Vereins schon mal
für die anstehenden Geisterspiele aus: mit lebensgroßen Porträtfotos von sich selbst, aufgezogen auf Hartpappe. Die
Aktion hilft nicht nur den Spielern – sondern auch den Herstellern, zwei durch die Krise gebeutelten lokalen Firmen.

Im Corona-Rausch
Alkohol Bürger kaufen während der Ausgangsbeschränkungen deutlich mehr Wein, Gin und Korn.

 Die Deutschen haben offenbar wegen 87,1 Prozent, allerdings machen diese Ge- des öffentlichen Konsums fällt also weg.
der Ausgangsbeschränkungen deutlich tränke nur einen geringen Anteil am Ge- Getrunken wird hinter verschlossenen
mehr alkoholhaltige Getränke im Einzel- samtmarkt aus. Ihre Biervorräte steigerten Türen.« Auch Mediziner warnen vor den
handel gekauft, wie dem SPIEGEL vor- die Bürger etwas weniger, um 11,5 Prozent. Folgen alkoholbedingten Rausches. »Der
liegende Daten der GfK-Konsumforscher Für die GfK-Zahlen scannen 30 000 Haus- Corona-Blues lässt sich nicht wegtrinken.
zeigen. Von Ende Februar bis Ende März halte regelmäßig ihre Einkäufe ein. Alkohol in höheren Mengen kann das
wurde gut ein Drittel mehr Wein gekauft Die Drogenbeauftragte der Bundes- Immunsystem massiv schädigen, was
als im gleichen Zeitraum 2019. Auch bei regierung Daniela Ludwig (CSU) Infektionen Tür und Tor öffnet wie bei-
klaren Spirituosen wie Gin oder Korn beobachtet die Entwicklung mit Sorge: spielsweise viraler und bakterieller Lungen-
beträgt die Steigerung 31,2 Prozent gegen- »Corona treibt viele suchtkranke Men- entzündung, Herzmuskelentzündung und
über dem Vorjahr. Der Verkauf von schen noch mehr in die Isolation. Kneipen auch Tuberkulose«, warnt Helmut Karl
Alkoholmischgetränken wuchs sogar um und Restaurants haben zu, diese Form Seitz von der Universität Heidelberg. JKR

16 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Stasi-Unterlagen im Laufe des Jahres erwartet. Alexander Neubacher Die Gegendarstellung
Nach einem Beschluss des

Dicke Luft
Neue Akten-Heimat Bundestags soll Jahns Stasi-
 Nach jahrelangem Gezerre Unterlagen-Behörde 2021 im
steht nun weitgehend fest, an Bundesarchiv aufgehen. Aus
welchen Standorten in Ost- bisher zwölf Außenstellen sol- Die Natur erobert gerade Berlin zurück. In Tempel-
deutschland künftig Stasi- len fünf werden. Die Auswahl hof nistet die Feldlerche, durch Schöneberg
Unterlagen archiviert werden der Standorte war heftig schnürt der Fuchs, in Frohnau soll es Rehe geben.
sollen. Nach »Abstimmungen umstritten, in Brandenburg Nur vom Himmel droht weiter das Anthropozän:
des Bundesbeauftragten mit dauert der Streit noch an. Es gibt Feinstaubalarm, auch bei mir in Steglitz.
den Landesregierungen«, heißt »Die Beauftragung einer Mach- Zwei Tage in Folge wurde der zulässige Grenzwert
es in einem Schreiben des Bun- barkeitsstudie für Branden- an der Messstation Schildhornstraße überschritten. So
desbeauftragten Roland Jahn burg ist nach Abschluss der habe ich es den Daten der Berliner Senatsverwaltung für Ende
an den Bundestag, prüfe man entsprechenden Abstimmun- März entnommen.
die Eignung von Liegenschaf- gen mit der Landesregierung Wie ist das möglich? Müsste die Berliner Luft nicht frisch
ten »aktuell für die Standorte geplant«, schreibt Jahn. Noch und klar sein, seitdem sich das Land im Shutdown befindet?
Rostock, Halle, Leipzig und ist offen, ob Cottbus oder Büros, Schulen und Geschäfte sind geschlossen, Zigtausende
Erfurt«. Die Ergebnisse der Frankfurt (Oder) den Zuschlag im Homeoffice. So leer wie jetzt sind die Straßen sonst nur
Machbarkeitsstudien würden erhalten wird. HAM an Heiligabend.
Doch bei der Luftqualität zeigt sich deutschlandweit kein
eindeutig positives Bild: Der Verkehr ist weg, der Dunst bleibt.
Mal liegt’s am Feinstaub, mal am Stickstoffdioxid. Hier einige
1. Mai Szeneobjekte wie die Rigaer Stichproben. Dresden: Stickstoffdioxid gegenüber dem Vor-
Straße im Stadtteil Friedrichs- jahr gleich geblieben, Feinstaub gestiegen. Halle: mehr Fein-
Krawalle gegen das hain. Neben Flashmobs seien staub als vor einem Jahr. Hamburg: Erst gingen die Werte
Virus Kapitalismus zudem wohl Gewaltaktionen runter, dann lagen plötzlich drei von vier Messstationen über
von »klandestin handelnden dem Stickstoffdioxid-Grenzwert. Weiter im Süden in Gelsen-
 Die Berliner Polizei rechnet Kleinstgruppen« geplant. kirchen: die ganze erste Aprilwoche dicke Luft.
trotz der Coronakrise mit Kra- Mit Attacken gegen Polizisten Ich erinnere mich gut daran, wie erbit-
wallen von Linksextremisten und Sachbeschädigungen an tert in den vergangenen Jahren darüber
rund um den 1. Mai. Das geht Gebäuden, Autos und Bau- Alle Straßen gestritten wurde, was gegen Feinstaub
aus einer vertraulichen Ana- stellen sei »mit hoher Wahr- leer wie sonst und Stickoxide zu tun sei. Erst wurden
lyse des Landeskriminalamts scheinlichkeit zu rechnen«. an Heilig- nur die alten Schrottkisten aus vielen
hervor. Sollten die aktuellen Als mögliches Leitmotiv der Innenstädten verbannt. Dann mussten
Beschränkungen des öffent- diesjährigen Maiproteste abend: Müsste auch neuere Dieselautos draußen bleiben.
lichen Lebens über den 1. Mai kommt laut Lagebild eine Ver- die Luft nicht In mehreren Städten wurden Fahrverbots-
hinaus Bestand haben, seien bindung der Corona-Pande- frisch und zonen eingerichtet, sogar in den Zentren
größere Versammlungen zwar mie mit bekannten Reizthe- der deutschen Automobilindustrie wie
eher unwahrscheinlich. men infrage. Als Beispiel klar sein? Stuttgart und München. Vertreter der
»Scheinbar spontane« Flash- führen die Staatsschützer ein Konzerne fühlten sich weggemobbt aus
mobs von Personen der linken im Netz veröffentlichtes Ban- dem eigenen Land. Allerdings hatten sie durch ihre Betrügereien
Szene seien aber durchaus zu ner an mit der Aufschrift: bei der Abgasmessung selbst ihre Glaubwürdigkeit verspielt.
erwarten, heißt es in dem »Die Krise war schon immer In Teilen war der Autokrieg schon damals reichlich übertrie-
Lagebild. Dies gelte beson- da – Kapitalismus ist das ben. Während die Deutsche Umwelthilfe eine Stadt nach
ders für die Gegend um linke Virus«. JDL, ROL der anderen verklagte, weil sie angeblich zu wenig gegen die
Vergiftung ihrer Bewohner unternahmen, lösten sich einige
Probleme bereits von selbst. Die Autos wurden sauberer, der
Schadstoffausstoß sank.
Nachgezählt
Nun zeigt sich, dass der Feinstaub oft ganz andere Ursachen
Marktanteile von Elektrofahrzeugen in Deutschland 2019
hat als den Autoverkehr. Mal sind es Stürme mit Saharasand,
die den Alarm auslösen, so war es kürzlich in Dresden und
Halle. Mal sind es ausgerechnet die Holzpelletöfen der ökolo-
gisch bewussten Nachbarn, die ihren Ruß verteilen. Auch
2% wenn die Bauern auf dem Land ihre Böden beackern, spielen
32 %
aller verkauften Fahrräder
aller neu zugelassenen
Pkw waren E-Autos.*
die Messstationen in den Städten verrückt, ohne dass ein Auto-
fahrer dafür verantwortlich wäre. Zwei entscheidende Größen
scheinen hier Wind und Wetter zu sein. Wenn es aus der fal-
waren E-Bikes. schen Richtung bläst, hilft auch keine Umweltzone.
Es wird derzeit viel darüber diskutiert, welche Lehren
wir aus der Coronakrise ziehen können. Ich würde es nicht auf
1,4 Mio. Elektrofahrräder Platz eins der Prioritätenliste setzen, aber weniger Panik-
+380 000 gegenüber 2018 mache bei manchen Umweltthemen wäre für Deutschland
gewiss kein Nachteil.

An dieser Stelle schreiben Alexander Neubacher und


* ohne Plug-in-Hybride; Quellen: Zweirad-Industrie-Verband, Kraftfahrtbundesamt Markus Feldenkirchen im Wechsel.

17
So gesehen Chappattes Welt

Pause aus
Endlich wieder Unterricht
G Guten Morgen, liebe Klasse! Ich
freue mich sehr, dass wir heute wieder
mit dem Unterricht beginnen können,
das war bestimmt auch für euch eine
schwere … Lena, lässt du bitte die Mas-
ke auf? … Nein, auch in der Pause …
Zuerst möchte ich euch mit ein paar
neuen Regeln vertraut machen. Wir
müssen gemeinsam darauf achten, dass
… sag mal, Hannes, was steht denn
da auf deiner Maske? So eine Unver-
schämtheit, die nimmst du sofort …
ähm … dann lass sie eben auf. Da rufe
ich später deine Eltern an. Ach, du bist
gar nicht Hannes … ich kann dich nicht
erkennen, zieh mal die Maske … ähm …
na gut … Also, wie gesagt: neue Regeln.
Ihr wisst, wir müssen jetzt besonders
auf Hygiene … Ihr müsst euch nach
jeder Stunde die Hände mit warmem
Wasser und Seife waschen. Ja, Songül? Coronavirus SPIEGEL: Heißt das, wenn ich Jahre nach
Du bist doch Songül? Ich weiß auch, »Schädigung des Herzens« einer Corona-Infektion einen Herzinfarkt
dass es auf unserem Schulklo kein war- oder einen Schlaganfall erleide, könnte
mes Wasser und keine Seife gibt. Des- Joachim Thiery, 67, Vorstand das Virus dahinterstecken?
halb muss ja auch jedes Kind pro Tag für Forschung und Lehre am Thiery: Das ist zu befürchten. Die über-
zwei Liter warmes Wasser mitbringen. Universitätsklinikum Schles- schießende Entzündung verursacht bei
Nein, in Thermoskannen. Also weiter, wig-Holstein, über die geplan- manchen Corona-Patienten schwere Schä-
mal sehen … Toilettenpapier musstet te Erforschung der Langzeitfol- digungen der inneren Aderhaut, die Mikro-
ihr ja schon vorher gen von Corona-Infektionen gerinnsel auslösen könnten, auch Blut-
mitbringen, da druckregulation und Leber sind betroffen.
Das ist ja ändert sich nichts … SPIEGEL: Die Bundesregierung ruft ein SPIEGEL: Die Biobank konzentriert sich
der Sinn Ach ja, ganz wichtig, Covid-19-Forschungsnetz der deutschen auf Schleswig-Holsteiner. Warum?
der Sache: die Pausen: Damit Universitätsmedizin ins Leben – Ihr Kli- Thiery: Die Bevölkerung hier eignet sich
wir die Abstands- nikum hat dafür den Aufbau einer Coro- besonders für hochstandardisierte Samm-
Ihr sollt regeln einhalten na-Biobank konzipiert. Worum geht es? lungen, da wir mit Dänemark im Norden,
nicht mit- können, verteilen Thiery: Wir vermuten, dass Covid-19 den Meeren im Westen und Osten natür-
einander wir die Pausen so, nicht nur zu fürchterlichen Akutschäden, liche Barrieren bei der Krankenversorgung
dass nicht alle sondern auch zu Folgeerkrankungen und wenig Abwanderung von Patienten
spielen. gleichzeitig auf dem führt. Wir wollen daher möglichst alle haben. Unser einziger Maximalversorger
Hof sind, sondern Patienten aus Schleswig-Holstein mit ist das UKSH in Kiel und Lübeck. Wir
immer nur fünf Kinder. Ja, während die überstandener Corona-Infektion über haben zudem jahrzehntelange Erfahrung
anderen Unterricht haben. Den Anfang einen Zeitraum von mindestens zehn Jah- in der Abbildung chronischer Krankheiten
machen Thorsten, Jasmin, Erik, Sanne ren nachuntersuchen, sie um Blutproben auf Populationsebene mit der international
und Thilo. Jetzt mault nicht, ich weiß, bitten und mit modernster Technik unter- bekannten Biobank »popgen«.
dass ihr euch nicht leiden könnt. Das suchen, um Spätfolgen der Infektion früh SPIEGEL: Was kostet das Projekt?
ist ja der Sinn der Sache: Ihr sollt nicht erkennen und behandeln zu können. Die Thiery: Verglichen mit den unübersehba-
miteinander spielen. Jetzt raus mit Gesundheitsämter sollen dazu alle Infi- ren Kosten von Corona-Folgeerkrankun-
euch. Weiß jemand noch, wo wir ste- zierten bitten, sich bei unserer Biobank gen – möglicherweise in Milliardenhöhe,
hen geblieben waren? Wirklich nie- »popgen« zu melden. Parallel dazu sollen wenn wir zu spät kommen – liegt unser
mand? Wer? Ich? Ich weiß es ja auch spezielle Covid-19-Fälle aus anderen Projekt im Bereich weniger Millionen pro
nicht. Stefan Kuzmany deutschen Unikliniken verfolgt werden. Jahr. Wir sind in der Abstimmung über
SPIEGEL: Mit welchen Folgeschäden müs- die passende Förderung. Das, was wir hier
sen Corona-Patienten rechnen? in Schleswig-Holstein machen, passiert in
Thiery: Wir wissen, dass Covid-19 eine enger Kooperation mit allen deutschen
Systemerkrankung ist; es mehren sich Universitätskliniken – koordiniert von der
Berichte beispielsweise zu neurologi- Berliner Charité. Ich bin optimistisch,
schen Störungen und Schädigungen des dass wir die geballte Expertise von Ärztin-
Herzens. Über die Ursachen und die nen und Forschern über die Fachgrenzen
Bekämpfung dieser Folgeschäden wissen hinweg gewinnen und die nötigen Erfolge
wir praktisch noch nichts. gegen die Pandemie erzielen. AB

18 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Soziales sehe nicht, wie man zeitgleich
ein verwaltungsintensives
Union will Grund- Projekt wie die Grundrente
rente verschieben vorbereiten will.« Bleibe es
bei dem bisherigen Konzept,
 Angesichts der Pandemie sei es klüger, die Einführung
stellt die Union den Koali- um ein Jahr auf den 1. Januar
tionskompromiss zur Grund- 2022 zu verschieben. Zuvor
rente infrage. »Wir sollten uns hatte auch der Unions-Sozial-
ehrlich machen: Die Grund- experte Peter Weiß gefordert,
rente wird bis auf Weiteres die Grundrente zu überden-
nicht kommen«, sagt Carsten ken. Damit steht die Koalition
Linnemann, Chef der Mittel- vor einer Belastungsprobe.
standsvereinigung von CDU Das Projekt gilt als Herzens-
und CSU. »Frühestens nach anliegen der SPD. Der Refe-
Ende der Coronakrise sollten rentenentwurf von Bundes-
wir darüber wieder diskutie- arbeitsminister Hubertus Heil
ren.« Auch CDU-Arbeitsex- (SPD) sieht vor, langjährig Die Augenzeugin
perte Kay Whittaker mahnt, beschäftigten Geringverdie-
das Projekt zu überdenken:
»Die Coronakrise zwingt uns
dazu, alle Gesetzesvorhaben
nern von 2021 an einen Ren-
tenzuschlag auszuzahlen.
Bedingung ist eine Einkom-
»Neuer Lebensmut«
auf den Prüfstand zu stellen.« mensprüfung. Die Abwick- Am Städtischen Krankenhaus in Kiel erhalten die in
Steuern- und Beitragseinnah- lung soll über die Rentenkas- der Coronakrise isolierten Patienten neuerdings Tablets
men brächen weg, die Mit- se erfolgen, was als aufwendig
arbeiter der Rentenversiche- gilt. Der Bundestag wird in zur Videotelefonie. Gerda Theel, 85, hat das Gerät
rung seien durch Homeoffice der nächsten Woche erstmals zum ersten Mal benutzt. Ihr Onkologe Roland Repp hat
und Mehrarbeit belastet. »Ich über das Projekt beraten. COS das Projekt auch für die Begleitung von Patienten
durch den Hospiz- und Palliativverband Schleswig-
Holstein gegründet.
Zoonose lungsbedarf an. Mit Maßnah-
men hält sie sich aber bedeckt.  »Gestern habe ich meine Tochter in Berlin mit diesem
Gefährlich exotisch Sie »plane«, die Verfolgung Tablet angerufen. Mein siebenjähriger Enkel war dabei, hüpfte
 Die Deutschen hegen ein des illegalen Artenhandels aufgeregt herum und präsentierte mir stolz seine neuen
Faible für exotische Haus- »zu stärken«, und werde »prü- Zahnlücken. Das ist wirklich eine tolle Sache, ihn so lebendig
tiere. Eine Studie des Bundes- fen«, wie sich die Nachfrage erleben zu können, zumal ich die zwei seit Weihnachten
amts für Naturschutz weist nach exotischen Heimtieren nicht mehr gesehen habe. Meine Tochter möchte mich besu-
Deutschland als eines der reduzieren ließe, heißt es in chen, aber es ist hier im Krankenhaus wegen Corona nicht
Hauptabnehmerländer exoti- ihrer Antwort. Hofreiter erlaubt. Ich darf nicht einmal das Zimmer verlassen. Für mich
scher Arten für die heimische reicht das nicht: Er fordert ein ist das eine neue Technik, mit der ich mich noch vertraut
Haltung aus. Der Onlinehan- Importverbot von Wildfängen machen muss. Das Gerät geht an, wenn man es in die Hand
del über Facebook oder Ebay in die EU. Der kommerzielle nimmt, und aus, wenn man es hinlegt. Man ist dann gleich im
boomt. Für Papuawarane wer- Handel müsse auf Tiere, de- Videoprogramm und muss nichts mehr einstellen. Allerdings
den bis zu 4000 Euro ver- ren Haltung aus Arten-, Tier- muss der andere das auch beherrschen. Meinen jüngsten Sohn
langt, ein China-Alligator kos- und Gesundheitsschutzgrün- habe ich versucht zu erreichen, das hat nicht geklappt, und
tet um die 7000 Euro. Repti- den unbedenklich sei, be- meine Tochter hat mich anfangs nicht gehört. Aber jetzt läuft’s.
lien und Amphibien sind in schränkt werden, verlangt der Es ist viel besser, als nur zu telefonieren, besonders mit Kin-
ihren Ursprungsländern auch Grünenpolitiker. So ließen dern. Wenn mein Enkel jetzt herkäme, das würde ich nicht aus-
deshalb gefährdet, weil man sich zwar »Pandemien auch in halten, weil ich ihn ja nicht knuddeln dürfte. Meine Familie
sie von Passau bis Flensburg Zukunft nicht ausschließen, gibt mir Kraft. Hier, schauen Sie mal, mein Sohn und seine
offenbar gern im Wohnzim- aber das Risiko zumindest ver- Partnerin haben mir einen geschnitzten Osterhasen geschickt.
mer oder Vorgarten um sich ringern«. HEY, HÖH Ich habe seit zwölf Jahren Krebs, aber seit dem Winter
hat. Nicht nur Artenschützer geht es sehr schlecht. Heiligabend dachte ich schon, ich müsste
sind entsetzt. In Corona-Zei- sterben, da wog ich nur noch 39 Kilogramm. Jetzt hat man
ten bekommt das Thema eine mich wieder aufgepäppelt, ich habe neuen Lebensmut, obwohl
gesundheitspolitische Dimen- ich immer noch Palliativpatientin bin.
sion. In einer Antwort auf die Ich bin sehr christlich aufgewachsen. Vor diesem schlimmen
Frage des grünen Bundestags- Winter war ich jeden Sonntag in der Dietrich-Bonhoeffer-
fraktionsvorsitzenden Anton Kirche. In Kiel-Schilksee, da wohne ich mit meinem Mann. Ich
Hofreiter nach dem Pan- vermisse den Pastor. Vielleicht kann er mich auf diesem Gerät
IMAGEBROKER / DPA

demierisiko durch Zoonosen mal anrufen. Gottesdienste kann er ja jetzt nicht abhalten.
– vom Tier auf den Men- Schön wäre auch ein Familientreffen per Video, mit meinem
schen übertragbare Krankhei- Mann, unseren Kindern und den Enkeln. Wir könnten so unser
ten – erkennt die Bundes- ausgefallenes Osterfest nachholen.«
regierung zwar einen Hand- Papuawaran Aufgezeichnet von Annette Bruhns

19
Coronakrise

Eine andere Normalität


Regierung Die zaghaften Lockerungen der Krisenregeln passen vielen Bürgern nicht.
Wissenschaftlern gehen sie zu weit, die Wirtschaft fordert mehr.
Und die Schulen sind auf die zurückkehrenden Schüler schlecht vorbereitet.

A
ngela Merkel neigt nicht zu Pa- Die Strategie der Bundesregierung derjenigen, die von einem Infizierten an-
thos, und so ist es wohl als Aus- heißt weiterhin »Fahren auf Sicht«, ein gesteckt werden.
druck ehrlicher Begeisterung zu Experiment, dessen Ausgang niemand Liegt sie nicht höher als 1, ist das Virus
verstehen, wenn die Kanzlerin vorhersagen kann. Sie werde, so kündigte beherrschbar. Steigt sie darüber hinaus,
zu ungewohnten Worten der Übertrei- die Kanzlerin an, mit den Ministerprä- könnten bald die Krankenhauskapazitäten
bung greift. »Vom Geist, von dem ganzen sidenten nun alle zwei Wochen beraten erschöpft sein, bei einer Rate von 1,1 im
Herangehen haben wir ein hohes Maß an und überprüfen, wie die Maßnahmen Oktober, bei 1,2 im Juli, bei 1,3 im Juni.
Einheitlichkeit erreicht, was für einen fö- wirken. Die Zahlen schickte das Kanzleramt den
deralen Staat schon fast an ein Wunder Eine Entwicklung ist für sie entschei- verblüfften Teilnehmern während der
grenzt«, sagte sie am Mittwoch nach ihrer dend: die Reproduktionsrate, also die Zahl Schalte als Chart auf alle Bildschirme, wie
Videokonferenz mit den Ministerpräsiden-
ten. In trauter Eintracht saßen neben ihr
der bayerische Ministerpräsident Markus
Söder (CSU), Hamburgs Erster Bürger-
meister Peter Tschentscher und Vizekanz-
ler Olaf Scholz (beide SPD).
Ein Wunder also.
Rund vier Stunden lang hatten die Mi-
nisterpräsidenten mit der Kanzlerin und
ihren wichtigsten Ministern über die wei-
teren Maßnahmen im Kampf gegen die
Corona-Pandemie diskutiert. Am Ende
stand tatsächlich ein Papier mit konkreten
Beschlüssen.
Die Kontaktsperren werden bis 3. Mai
verlängert, Autohäuser, Fahrradläden und
Buchhändler können unter Auflagen öff-
nen, auch andere Geschäfte mit einer Grö-
ße von bis zu 800 Quadratmetern. Die
Abschlussklassen dürfen zuerst zurück in
die Schulen, Großveranstaltungen werden
bis 31. August verboten, das Tragen von
einfachen Masken in Bus und Laden wird
empfohlen, nicht verordnet.
Zuckerbrot und Peitsche, nicht ganz so
streng wie in Frankreich, wo die radikale
Ausgangssperre verlängert wurde, aber
längst nicht so großzügig wie in Dänemark,
wo selbst die Kitas wieder aufhaben. Ein
Shutdown light, beschlossen im länder-
übergreifenden Konsens.
Doch viele Fragen bleiben offen: Wa-
rum ausgerechnet 800 Quadratmeter? Wa-
rum gilt die Ausnahme für das Auto-, nicht
aber für das Möbelhaus? Warum werden
THE NEWYORKTIMES / REDUX / LAIF

Buchläden, nicht aber Elektronikmärkte


bevorzugt? Es wird Klagen geben.
Auch die beschworene Einheit stand am
Tag nach der Schalte schon wieder infrage.
Viele Bundesländer werden ihre Schulen
vor dem 4. Mai öffnen, andere wollen bei
den Ladenöffnungen weitere Ausnahmen
zulassen. Die einen öffnen die Zoos, die
anderen nicht. Es zeichnet sich erneut ein Passanten auf dem Münchner Platz Am Harras
föderaler Flickenteppich ab.

20
eine Mahnung an jene, die auf mehr Frei- Szenarien, diese Normalität zu beschrei- Der nordrhein-westfälische Minister-
zügigkeit pochen. Merkel bleibt eine Kanz- ben und zu gestalten. Wie sieht der Un- präsident Armin Laschet (CDU) wirbt seit
lerin der Vorsicht. terricht in den Schulen unter strengem In- Wochen dafür, die Debatte über den
So beherzt die vier Politiker am Mitt- fektionsschutz aus, und vor allem: Woher »Exit« öffentlich und nicht im Verborge-
woch die Deutschen auf die weitere Reise sollen die Ressourcen kommen? Wie lange nen zu führen. Für ihn war dieser Mitt-
ins Ungewisse mitzunehmen versuchten, kann die Wirtschaft die Beschränkungen woch ein entscheidender Tag. Würden die
so verzagt waren ihre Appelle. Sie verpass- noch ertragen, und wie sieht eine Arbeits- Lockerungen nicht weit genug gehen, sähe
ten es, den Blick zu weiten und das Land welt mit dauerhaften Kontaktsperren aus? es aus, als hätten sich andere gegen ihn
mit einer Realität zu konfrontieren, die Wie können Eltern unterstützt werden, durchgesetzt, Hardliner wie Markus Söder
höchst unbequem ist: Das Leben mit dem die noch monatelang Kinderbetreuung etwa.
Virus kann noch sehr lange dauern. Denn und Homeoffice unter einen Hut bringen Das ist die machtpolitische Ebene, die
wann es einen Impfstoff geben wird, kann müssen, solange ihr Nachwuchs nicht auch in diesen Tagen mitschwingt. Schließ-
niemand sagen. In nächster Zeit wird das für die Notbetreuung in den Kitas vorge- lich will Laschet CDU-Chef werden – und
jedenfalls nicht der Fall sein. Eine Studie sehen ist? dann Kanzler.
der Harvard-Universität prognostiziert, Und wann dürfen die Bürger ihre Zu einer Kontroverse zwischen ihm und
dass die Menschen womöglich bis ins Jahr Grundrechte wieder wahrnehmen, wie anderen Teilnehmern kam es beim Thema
2022 zumindest immer wieder mit Ab- den Besuch der Heiligen Messe oder einer Religion. Laschet ist Katholik, gemeinsam
standsregeln leben müssen. Demo? mit dem thüringischen Ministerpräsiden-
Die Rückkehr in die Normalität wird Diese Fragen bestimmten auch die Debat- ten Bodo Ramelow (Linke) plädierte er
kommen, aber es wird die Rückkehr in te in der Videokonferenz. Sie war nicht nur für eine Öffnung: Unter Beachtung aller
eine andere Normalität sein. Der Politik von der Einigkeit geprägt, die Merkel so Vorschriften solle es doch möglich sein,
fehlt es bislang an Worten, Konzepten und pries. Es wurde bisweilen heftig gestritten. Gottesdienste zu feiern.
Andere wiesen darauf hin, dass es vor
allem die Älteren, also die Gefährdeten
seien, die in die Kirche gingen. Im Gottes-
Auf dem Weg aus der Krise? dienst werde gesungen, was die Gefahr für
täglich registrierte Neuinfektionen eine Übertragung per Tröpfchen erhöhe.
laufender 7-Tage-Durchschnitt Laschet war in der Defensive.
Doch den entscheidenden Schlag führte
Deutschland
Schul- Beginn des
Söder – ausgerechnet Söder, der zwar pro-
schließungen Lockdowns in Tausend testantischer Franke ist, aber dem katholi-
16.3. 22.3. 10 schen Bayern vorsteht: Man habe schließ-
lich selbst dem Papst zugemutet, an Ostern
allein die Messe zu feiern, sagte er. Was
Febr. März April soll man dagegen noch vorbringen?
Laschet und Söder haben in den vergan-
zum Vergleich: genen Wochen mehrfach Konflikte ausge-
Italien tragen, der Bayer preschte mit harten Maß-
erste Schul- nationale nahmen voran, der Rheinländer mahnte
schließungen Quarantäne 10
ab dem 23.2. 9.3. mehr Rücksicht auf die wirtschaftlichen
und sozialen Kosten an. Diesmal aber ge-
riet Laschet mit einem anderen in der Run-
Febr. März April
de aneinander: Wirtschaftsminister Peter
Spanien Altmaier (CDU).
erste Schul- Ausnahmezustand Es ging um die Frage der Läden. Noch
schließungen mit Ausgangsperre am Morgen hatte das Corona-Kabinett be-
ab dem 9.3. 14.3. 10
schlossen, Geschäfte bis zu einer Größe
von 800 Quadratmetern baldmöglichst
wieder zu öffnen. Eigentlich hatte Merkel
Febr. März April
400 Quadratmeter bevorzugt, Finanzmi-
Großbritannien nister Scholz dagegen wollte auch Shop-
Lockdown und
pingmalls öffnen, man traf sich irgendwo
Schulschließungen 10 in der Mitte.
23.3.
Daran gab es nun Kritik von einzelnen
Ministerpräsidenten, worauf Altmaier sag-
Febr. März April te: Er habe das zwar im Kabinett mitbe-
schlossen, komme aber doch ins Nachden-
USA ken, so wird er von Teilnehmern zitiert.
Ausgangs- 30
sperren in Stattdessen brachte er den 15. Mai als Da-
Kalifornien
die ersten 19.3. tum für Ladenöffnungen ins Spiel. Da
20
Bundesstaaten platzte Laschet der Kragen: Dann seien
ordnen Schul-
schließungen an viele der Läden, über die man hier gerade
16.3. 10 rede, gar nicht mehr da. Insbesondere vom
Stand: 15. Apr.
Quelle: Johns Wirtschaftsminister erwarte er eine andere
Hopkins CSSE Sensibilität.
Febr. März April Andere gaben Laschet recht, als er die
800-Quadratmeter-Lösung verteidigte,

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 21


Coronakrise

selbst Söder unterstützte ihn: »Der Armin Unterm Strich sei es einfacher, jetzt kon-
und ich waren in den vergangenen Tagen sequent zu bleiben, zumindest für einige
nicht so oft einer Meinung, aber da brau- Wochen. So würde die Zahl der Anste-
Düstere Prognose 2021*

chen wir den Kompromiss.« Die Kanzlerin ckungsfälle weiter sinken. Deutsches Bruttoinlands- + 5,2 %
schaltete sich ein, doch der nordrhein- Wenn nur noch wenige Menschen er- produkt, Veränderung
westfälische Ministerpräsident verlieh sei- krankten, vielleicht um die 100 am Tag, gegenüber dem Vorjahr
nem Unmut weiter mit zornigen Gesten so die Idee, könnte jeder einzelne Fall
Ausdruck. Merkel bemerkte das. »Armin, nachverfolgt werden. Die Patienten wür-
alle können sehen, wie du dich aufregst. den isoliert, ihre Kontaktpersonen getes- 2018
Peter trägt den Kompromiss ja mit«, sagte tet. Die Verbreitung des Virus ließe sich + 1,5% 2019
sie. Am Ende einigte sich die Runde auf quasi per Detektivarbeit unterbinden – + 0,6 %
die Kabinettsvorlage. während die Maßregeln für die übrige Ge-
Dem Wunsch Laschets, die Ausnahme sellschaft deutlich zurückgefahren werden
auch für Möbelhäuser gelten zu lassen, ent- könnten.
Voraussetzung
sprach man allerdings nicht. Dafür gebe Wer hingegen zu früh lockert, kann aus
Weitgehendes
es keinen Bedarf, sagte Winfried Kretsch- dieser Sicht bestenfalls den jetzigen Stand
mann (Grüne), der Ministerpräsident aus halten, es bliebe beim Patt. Weiterhin wür- Ende der pan-
Baden-Württemberg. »Jeder hat einen den täglich Tausende erkranken, der demiebedingten
Stuhl. Keiner sitzt am Boden.« Die Aus- Kampf zöge sich womöglich über Jahre wirtschaftlichen
nahme setzte Laschet allerdings am nächs- hin – und das bei erheblichen Einschrän- Beschränkungen
ten Tag durch – für sein Bundesland. kungen des Soziallebens. im 2. Quartal 2020
Auch die Vorschläge anderer Länderchefs, Doch über die richtige Strategie gibt es
etwa Spielplätze wieder zu öffnen, fanden auch in der Wissenschaft keine Einigkeit. 2020*

keine Mehrheit. Manuela Schwesig (SPD), Meyer-Hermanns Braunschweiger Kollege * Prognosen;


Quelle: IWF
–7,0%
die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vor- Gérard Krause zum Beispiel sieht die Lage
pommerns, schlug vor, bei dem jetzt schö- optimistischer. Der Epidemiologe glaubt,
neren Wetter Bereiche der Außengastrono- dass geringere Infektionszahlen auch mit
mie zu öffnen, doch vor allem Söder lehnte den jetzt beschlossenen Lockerungen er- des Ifo-Instituts. »Da darf man sich nichts
das ab. Schwesig, die auch gern größere Lä- reichbar seien. »Wir müssen aber genau vormachen.«
den geöffnet hätte, spricht dennoch von ei- überwachen, wie sie sich auswirken«, Vor der Videokonferenz mit den Minis-
nem »akzeptablen Kompromiss«. Ihr, die sagt er. »Wichtig ist auch, dass wir im Ge- terpräsidenten stand besonders Peter Alt-
als Krebspatientin zur Risikogruppe gehört, genzug andere Bereiche der Pandemie- maier unter dem Druck der Wirtschafts-
sei vor allem wichtig gewesen, dass das Tra- bekämpfung massiv stärken.« verbände, allen voran der Autoindustrie
gen von Masken empfohlen werde. »Das ist Krauses Zuversicht speist sich auch aus und deren Präsidentin Hildegard Müller.
uns in Deutschland bisher fremd, aber wir dem Beschluss von Bund und Ländern, die Die hatte noch einmal deutlich gemacht,
müssen das machen, es ist ein einfaches Mit- Gesundheitsämter besser auszustatten. dass die Regierung unbedingt die Verkaufs-
tel, uns gegenseitig zu schützen.« »Da sind jetzt erhebliche Investitionen räume der Autohändler öffnen müsse. Ge-
Diejenigen, die das Land noch weiter nötig, sowohl ins Personal als auch in die rade die deutschen Premiumhersteller pro-
öffnen wollten, waren an diesem Mittwoch Technik«, sagt er. »Die Gesundheitsämter duzieren Autos vor allem auf Bestellung.
die Verlierer. Gewonnen haben die Vor- sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Wenn niemand eins kaufe, müsse man
sichtigen. Ein weiteres Mal folgte die Poli- Strategie gegen das Virus. Sie müssen in auch keine Werke öffnen, erklärte Müller,
tik damit weitgehend der Wissenschaft, der Lage sein, neue Infektionen sofort auf- die lange als Vertraute Angela Merkels im
wenn auch mit riskanten Ausnahmen. zuspüren und die häusliche Quarantäne Kanzleramt arbeitete.
Fachleute rieten zuletzt sogar zu noch der Kontaktpersonen voll umzusetzen.« Ökonomen drängten den Wirtschafts-
mehr Vorsicht. Es komme darauf an, das Die mahnende Wissenschaft auf der ei- minister ebenfalls zu einer Lockerung des
Erreichte nicht gleich wieder mit verfrüh- nen Seite, die fordernde Wirtschaft auf der Shutdowns. »Wenn die Wirtschaft bis An-
ten Lockerungen zu verspielen. anderen: Zwischen diesen Polen steht die fang Mai nicht wieder anläuft, dann wird
Das Virus ist vorerst halbwegs unter Politik, wenn sie jeden Schritt abwägt, der aus der schnellen Erholung nichts«, sagte
Kontrolle. Nach letztem Stand bleibt die das Land aus der Krise führen soll. der Direktor des wirtschaftsnahen Instituts
Zahl der Erkrankten einigermaßen stabil. 42 Milliarden Euro. Diese astronomi- der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther.
Zwar kommen noch täglich rund 3000 be- sche Summe kostet jede weitere Woche, Der Kölner Wirtschaftswissenschaftler hat
stätigte Infektionen hinzu, aber ähnlich die der Shutdown anhält, so hat es das in einer Stellungnahme eindrücklich be-
viele Menschen genesen. Im Kampf gegen Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsfor- schrieben, wie Nachfrageeinbruch, abrei-
Sars-CoV-2 steht es also unentschieden. schung errechnet. Wie viele Milliarden we- ßende Lieferketten und fehlende Mitarbei-
Müsste man in dieser Lage nicht auf niger werden es nach den nun beschlosse- ter in den Betrieben eine Schockstarre in
Sieg setzen? Eben das empfiehlt eine Ar- nen Maßnahmen zur Lockerung des Shut- Industrie und Handel bewirken.
beitsgruppe der Helmholtz-Gemeinschaft. downs sein? »Was jetzt passiert, wird nicht Der Autoindustrie kommt dabei eine
In einer Stellungnahme haben die Forscher viel ändern«, sagt Clemens Fuest, der Chef Schlüsselfunktion zu. Von ihr hängen nicht
durchgerechnet, wie sich die Epidemie in nur 800 000 Arbeitsplätze unmittelbar ab,
wenigen Wochen niederzwingen ließe. Vo- die mangelnde Nachfrage hindert auch
raussetzung: Die Kontaktsperre bleibt voll-
ständig in Kraft.
Das Hotel- und eine große Zahl von Zulieferern daran,
ihren Betrieb wieder anzuwerfen. Die Bun-
»Aus rein epidemiologischer Sicht müss-
te man die Maßnahmen eher verstärken
Gaststättengewerbe desregierung hat dem Druck nun nach-
gegeben: Autohäuser dürfen öffnen.
als zurücknehmen«, sagt Michael Meyer-
Hermann vom Braunschweiger Helm-
bleibt weiter Daimler und Volkswagen haben ange-
kündigt, die Arbeit in einzelnen Werken
holtz-Zentrum für Infektionsforschung. komplett lahmgelegt. ab nächster Woche langsam zu starten, ab

22
flug. Es sei aber essenziell, meint Fuest,
»dass das Tasten vorangeht und weitere
Maßnahmen folgen«.
Es braucht nun kluge Konzepte, wenn
einzelne Bereiche trotz anhaltender Seu-
chengefahr wieder zum Leben erweckt
werden sollen. Das Bildungssystem gehört
dazu, vor allem wenn in den kommenden
Wochen die ersten Klassen in den Unter-
richt zurückkehren. Die Verantwortlichen
benötigten dafür noch Zeit, hieß es des-
halb am Mittwoch nach der Videokonfe-
renz. Obwohl die Schulen seit Wochen ge-
schlossen sind – und die Verantwortlichen
bereits Zeit zur Vorbereitung gehabt ha-
ben. Nun rächt sich auch, dass das Bil-
dungssystem unterfinanziert und reform-
bedürftig ist.
Die Wissenschaftsakademie Leopoldina
hat in ihren Empfehlungen für eine lang-

IMAGO IMAGES
same Lockerung klar aufgezeigt, was die
Schulen nun leisten müssen, damit in
ihren Räumen wieder Unterricht stattfin-
Geschlossene Geschäfte in Kölner Innenstadt den kann: gestaffelte Schulstunden, Kon-
zentration auf die Kernfächer, Unterricht
in Gruppen von maximal 15 Kindern.
Dazu das reguläre Abstandsgebot, Mund-
Mai folgen Ford und BMW. Eine Rückkehr Kunden werden tatsächlich kommen, und Nasenschutz, das Einhalten der Hy-
zur Normalität ist für die Branche jedoch wenn ringsherum die Restaurants und Ca- gienevorschriften wie regelmäßiges Hände-
weit entfernt. Werksarbeiter mit Kindern fés geschlossen bleiben? Und wenn die gro- waschen.
werden wohl noch lange zu Hause bleiben ßen Geschäfte und Kaufhäuser zu sind? Wenn eine Grundschule drei vierte Klas-
müssen, solange der Schulbetrieb einge- Genau darum ging es der Regierung mit sen mit jeweils 25 Schülern hat und in
schränkt und Kitas geschlossen bleiben. In ihrer umstrittenen 800-Quadratmeter-Re- einem Klassenraum nun nicht mehr als
den Fabriken wird deshalb nicht in voller gel offenbar. Sie will verhindern, dass Mas- 8 oder 9 Kinder sitzen dürfen, wie viele
Besetzung gearbeitet. Hinzu kommt, dass sen von Konsumenten in Bussen und Bah- Klassenräume werden dann benötigt? Was
die Konzerne auf Partnerfirmen in Län- nen in die Innenstädte strömen und sich wie eine Aufgabe aus einem Mathematik-
dern wie Italien angewiesen sind. Wann durch die Fußgängerzonen wälzen. Daher buch klingt, hat Martina Reiske, Schul-
deren Betriebe wieder liefern können, fand ein Alternativvorschlag aus der Run- leiterin der Sudbrackgrundschule in Bie-
weiß niemand. de, alle Läden zu öffnen und nur die An- lefeld, ausgerechnet. Weil dieses Szenario
Gemeinsam mit der Bundesregierung zahl der Kunden auf einen pro 20 Qua- bald Realität werden könnte.
wollen sich die Autokonzerne nun darum dratmeter zu beschränken, am Ende keine Das Ergebnis: neun Klassenräume.
bemühen, den Hochlauf der Industrie bun- Zustimmung: Die Schlangen vor den Tü- »Wenn ich berücksichtige, dass ich zusätz-
desweit und international zu koordinieren ren wären zu lang. lich zwei Räume für Kinder in der Notbe-
– und zugleich sicherzustellen, dass die Lie- Bei vielen Händlern trifft diese Rege- treuung brauche, komme ich auf elf«, er-
ferungen nicht an geschlossenen europäi- lung auf Unverständnis. Als »reines Mar- zählt Reiske am Telefon. 15 Klassenräume
schen Landesgrenzen hängen bleiben. keting für die Bundesregierung« kritisiert habe die Schule insgesamt, dazu einen
Das größte Problem der Autokonzerne sie Marcus Diekmann, Geschäftsführer des Musikraum und einen Spieleraum. Werde
ist jedoch, dass niemand weiß, ob sie ihre Fahrradhändlers Rose Bikes. Diekmann nur ein Jahrgang in Kleingruppen unter-
Autos nach den Lockerungen überhaupt sitzt auch im Beirat des Babyausstatters richtet, um die Abstandsregeln einzuhal-
noch loswerden. Die Autohersteller fordern Babyone, der mit seinen für die Ausstel- ten, würde es also passen, sagt die Schul-
deshalb staatliche Programme, um die Nach- lung von Kinderbetten bis Kinderwagen leiterin. Es gibt aber noch drei weitere
frage anzuheizen – so schnell wie möglich. eher großen Läden nicht öffnen darf. Jahrgänge.
Andere Branchen wären froh, wenn sie »Jetzt darf man Blumen verkaufen, aber Auch die Personallage ist prekär.
ihre Produkte und Dienstleistungen über- notwendige Produkte für werdende Eltern 33 Lehrkräfte hat Reiske in ihrem Kolle-
haupt anbieten könnten. Der Tourismus nicht. Das ist pure Willkür und absolut un- gium, darunter etliche in Teilzeit, dazu
und das Hotel- und Gaststättengewerbe verständlich«, kritisiert Diekmann. eine Sozialpädagogin und zwei Schulsozial-
bleiben weiter komplett lahmgelegt und Grundsätzlich hat der Ökonom Fuest arbeiter. Aber: Eine Lehrerin ist schwan-
können nur hoffen, dass in der nächsten für die vorsichtige Haltung der Regierung ger, zwei Lehrkräfte haben eine Behinde-
Videokonferenz von Kanzlerin und Län- Verständnis. Für eine weitere Lockerung rung. Beide fallen deshalb für den Unter-
derchefs am 30. April auch für sie Erleich- brauchte es Voraussetzungen, die bislang richt vor Ort in Corona-Zeiten aus, ebenso
terungen beschlossen werden. Damit die nicht gegeben seien: ausreichend Masken drei Kolleginnen, die um die 60 Jahre alt
Betriebe überhaupt so lange durchhalten, und Schutzanzüge zum Beispiel, vor allem sind. Sie gehören zur Risikogruppe und
fordert der Hotel- und Gaststättenverband aber genügend Tests, um zu wissen, wie sollten keiner Infektionsgefahr ausgesetzt
ein Rettungspaket für die Branche. viele Menschen infiziert, wie viele immun werden. Macht also 33 minus 6.
Für kleine Händler gibt es dagegen Hoff- und wie viele tatsächlich an Covid-19 ge- Das sind noch viele im Vergleich zu
nung, sie dürfen ihre Läden unter strengen storben sind. Solange solche Daten nicht manch anderen Schulen. Nach Schätzun-
Auflagen wieder öffnen. Aber wie viele vorlägen, gleiche die Öffnung einem Blind- gen der Gewerkschaft Erziehung und Wis-

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Rückkehr in die Schule
Schülerzahlen in Abschlussklassen nach
einzelnen Schularten* in Deutschland,
Schuljahr 2019/2020, in Tausend

Gymnasium
279

Integrierte Gesamtschule mit 9. Klasse

214 369

Schule mit mehreren Bildungsgängen


186

WERNER SCHMITT / IMAGO IMAGES


Realschule
139

Hauptschule
116

* ohne Abschlussklassen von Waldorf-, Förder-


und Abendschulen, ohne berufliche Schulen
Quelle: Schätzung Statistisches Bundesamt Klassenzimmer einer Grundschule in Rheinland-Pfalz

senschaft gehört rund ein Drittel der Lehr- Kind abgeholt, das wir hier für alle zusam- Kabinett, seien es rund 10 000 freie Beat-
kräfte zu einer Risikogruppe, viele allein mengestellt hatten.« mungsplätze und 10 000 weitere freie In-
aufgrund ihres Alters. Ein Gutes aber habe diese Zeit, sagt tensivbetten gewesen. Um die Zahl aktuell
Angesichts sinkender Schülerzahlen hat Reiske. »Wenn künftig immer so gut ge- ablesen zu können, hat er die Kliniken in
die Politik in vielen Bundesländern über putzt wird wie in Zeiten von Corona, wäre der vergangenen Woche per Verordnung
Jahrzehnte zu wenig neue Lehrkräfte ein- das zumindest ein Fortschritt.« Für das verdonnert, freie Kapazitäten in ein On-
gestellt, sie investierte wenig Geld in die Reinigungspersonal gebe es seit dem Shut- lineregister einzutragen.
Ausbildung. Stattdessen hoffte sie auf eine down offenbar strengere Vorgaben der Auch bei der Beschaffung von Schutz-
»demografische Rendite«, weil weniger Schulbehörde, vielleicht auch mehr Geld. masken konnte Spahn kleine Erfolge
Kinder zur Welt kamen. Es sei jedenfalls deutlich sauberer als sonst. melden: Sein Ministerium habe bis zum
Weil aber die Geburtenrate unerwartet Allerdings sind auch nur fünf Kinder im vergangenen Wochenende 80 Millionen
stieg und es in Deutschland mehr Zuwan- Gebäude und nicht 360 wie üblich. Masken beschafft. Sie bleiben Ärzten und
derung gab, fehlt heute dringend Personal. Eigentlich müsste die Politik nun groß Pflegefachkräften vorbehalten – und wer-
Mancherorts kann der Unterricht nicht in denken, um Probleme wie die an den Schu- den schon dafür nicht ausreichen. Wollte
vollem Umfang angeboten werden. len schnell und kreativ zu lösen und einen man alle Bürger mit Schutzausrüstung aus-
In der Krise nun steigt der Bedarf. Neue besseren Alltag trotz Corona zu ermög- statten, brauchte es Milliarden.
Pädagogen lassen sich aber nicht spontan lichen. Doch die Bundesregierung befindet Den Ministerpräsidenten blieb daher
heranschaffen. sich noch immer im akuten Krisenmodus. nichts anderes übrig, als den Gebrauch von
An der Bielefelder Sudbrackschule sind »Wir denken derzeit nicht weiter als bis Masken im öffentlichen Raum lediglich zu
immerhin gerade alle Stellen besetzt, zum nächsten Monat«, sagt ein Kabinetts- empfehlen. Eine Maskenpflicht wäre kaum
wie Schulleiterin Reiske sagt. Trotzdem: mitglied. Nun gehe es darum, mit den Kir- realisierbar. Wer mit Bus oder Bahn unter-
Mit den verbliebenen Lehrkräften und chen eine Vereinbarung zu treffen, damit wegs ist, soll Mund und Nase im Zweifel
einigen Erziehern kann sie zwar die bald Gottesdienste möglich seien. Auch mit einer selbst genähten Maske bedecken.
vierten Klassen aufteilen und in Kleingrup- gewisse Sportstätten, etwa für Tennis oder Die Kanzlerin selbst teilte nach der
pen im Schichtsystem von jeweils vier Reiten, könnten in Kürze geöffnet werden. Schalte mit den Ministerpräsidenten Pfle-
Stunden pro Tag unterrichten lassen, von Gesundheitsminister Jens Spahn aller- getipps mit. Die Masken müssten »regel-
8 bis 12 und 9 bis 13 Uhr. Zudem könne sie dings plagen derzeit ganz andere Fragen, mäßig gewaschen werden«, erklärte sie
noch die Notbetreuung gewähren, »aber etwa die nach der tatsächlichen Infizier- vor laufenden Kameras. »Beziehungs-
für sehr viel mehr Kinder reicht es nicht«. tenzahl. Wie hoch die Dunkelziffer der Co- weise gebügelt, in den Backofen oder in
Dabei ist der Unterricht mit 10 bis vid-19-Fälle ist, lässt sich bislang nur schät- die Mikrowelle gelegt werden.«
15 Kindern, wie er nun gefordert wird, aus zen. Vermutlich hätten sich insgesamt erst Wenn es doch für all die Probleme so
pädagogischer Sicht »ein Traum«, wie 1,5 Prozent der Bevölkerung angesteckt, einfache Lösungen gäbe.
Reiske sagt. Der familiäre Hintergrund der so das Bundesgesundheitsministerium.
Manfred Dworschak, Silke Fokken,
Kinder, so erzählt die Schulleiterin, sei sehr Was bedeute: Das Land stehe immer noch
Jan Friedmann, Florian Gathmann,
verschieden. Einige Kinder würden bes- am Anfang der Epidemie. Kristina Gnirke, Annette Großbongardt,
tens im Homeschooling gefördert, andere Für Spahn gibt es deshalb vor allem Hubert Gude, Simon Hage, Christoph
Eltern hätten Mühe mit der deutschen zwei Variablen, die entscheidend sind. Die Hickmann, Armin Himmelrath, Valerie
Sprache oder müssten beide arbeiten. Zahl der freien Intensivbetten. Und die Höhne, Martin Knobbe, Armin Mahler,
»Eine Mutter hat erst in der dritten Woche Zahl der Schutzmasken. Am Mittwoch- Cornelia Schmergal, Gerald Traufetter
der Schließzeit das Aufgabenpaket für ihr morgen, so berichtete Spahn im Corona-

24
Coronakrise

»Wir werden unser altes Leben


noch lange nicht leben können«
SPIEGEL-Gespräch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, 59,
über die zaghafte deutsche Wiedereröffnung und seine Konkurrenz zu Markus Söder

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, mit der Laschet: Natürlich führen die verschiede- zu behandeln, also etwa Risikogruppen zu
Kanzlerin und den anderen Ministerprä- nen Lagen in den Ländern zu verschiede- isolieren?
sidenten haben Sie entschieden, Geschäfte nen Akzenten. Ich führe ein großes Indus- Laschet: Nein. Wir dürfen keine Spaltung
bis zu einer gewissen Größe wieder zu öff- trieland, in dem bereits mehr als 100 000 zwischen Alt und Jung erzeugen. Alle
nen und den Schulunterricht langsam an- Betriebe Kurzarbeit angemeldet haben Maßnahmen gelten für alle. Die ganze
laufen zu lassen. Sie fordern seit Wochen und in dem wir das Infektionsgeschehen Gesellschaft geht diesen Weg, nicht
eine Rückkehr in den Alltag, reichen Ihnen recht gut im Griff haben. Da sehe ich man- nur eine Gruppe. Das ändert natürlich
die Beschlüsse? che Dinge anders als jemand, der zum nichts daran, dass die Pflegebedürftigen,
Laschet: Es ist gelungen, gemeinsam erste Beispiel ein Land mit wenig Industrie- ältere Kranke besonders schützenswert
Schritte in eine verantwortungsvolle arbeitsplätzen führt. Trotzdem haben wir sind.
Normalität zu machen. Die Infektions- in dieser Woche einen guten Kompromiss SPIEGEL: Warum haben Sie keine Masken-
zahlen entwickeln sich in Deutschland hinbekommen. pflicht für den öffentlichen Nahverkehr
noch immer sehr unterschiedlich. Wir in SPIEGEL: Ist es eine Option, verschiedene und den Einkauf im Einzelhandel beschlos-
Nordrhein-Westfalen haben in dieser Gruppen der Bevölkerung unterschiedlich sen wie in Österreich?
Woche mehr Intensivpatienten Laschet: Auch die Wissenschaft
entlassen als neue aufgenom- war sich nicht immer einig bei
men – zum ersten Mal in der der Wirksamkeit von Masken.
ganzen Zeit. Das ist ein gutes Mittlerweile empfiehlt das Ro-
Signal, da müssen wir weiter- bert Koch-Institut, im öffentli-
machen. chen Raum dann Schutzmasken
SPIEGEL: Sie hatten Lockerun- zu tragen, wenn ein Mindest-
gen der Corona-Maßnahmen abstand von eineinhalb Metern
verlangt. Das Ergebnis kann Sie nicht eingehalten werden kann,
doch nicht zufriedenstellen. also etwa im öffentlichen Nah-
Laschet: Es war uns allen wich- verkehr. Dieser Empfehlung fol-
tig, gemeinsam zu handeln. Al- gen wir und appellieren an das
les, was wir entscheiden, hat Verantwortungsgefühl der Men-
Konsequenzen, auch gesundheit- schen. Man muss nicht immer
liche. Wenn Rehakliniken ge- alles staatlich anordnen, regeln
schlossen sind, hat das gesund- oder verbieten. Die letzten Wo-
heitliche Folgen für Patienten. chen haben doch vor allem ge-
Für Depressive, für Einsame zeigt, wie verantwortungsvoll
bestehen in der derzeitigen La- die Menschen in Deutschland in
ge ganz besondere Gefahren. dieser schwierigen Lage handeln.
Wenn wir in eine Massenarbeits- Dieses Zutrauen in verantwor-
losigkeit hineinschlitterten, gäbe tete Freiheit macht unser Land
es Opfer unter den Schwächsten. stark.
Und jede Woche, die wir Schu- SPIEGEL: Die Politik hat jetzt
len geschlossen lassen, bedeutet, die dringende Empfehlung aus-
dass Kinder aus bildungsfernen gesprochen, Masken zu tragen.
Schichten Aufstiegschancen ver- Können Sie sich vorstellen, mit
lieren, ihnen das kostenlose gute einer Maske im Gesicht ein Ge-
Mittagessen fehlt. Wir machen schäft zu betreten?
es trotzdem. Aber wir müssen Laschet: Natürlich ist das eine
die Folgen ganzheitlich im Blick Vorstellung, an die man sich ge-
OLIVER TJADEN / DER SPIEGEL

haben und dürfen uns nicht aus- wöhnen muss, das gilt für jeden
schließlich von Infektionszahlen Menschen. Es wird sicher Mo-
leiten lassen. Darüber herrschte mente geben, in denen ich eine
in der Runde mit der Kanzlerin Maske tragen werde, wenn es im
übrigens auch Konsens. öffentlichen Raum sinnvoll und
SPIEGEL: Nach Konsens sah es angezeigt ist.
in den vergangenen Wochen SPIEGEL: Die Kanzlerin hat bis
nicht oft aus. CDU-Politiker Laschet: »Nicht immer alles verbieten« zuletzt die Erwartungen an

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 25


Coronakrise

schnelle Lockerungen gedämpft. Sie da- gut abschneidet. Ich freue mich auch über
gegen wollten früh darüber reden. War unsere guten Ergebnisse. In einem Land
das verantwortlich von Ihnen? wie Nordrhein-Westfalen müssen manche
Laschet: Es gibt unterschiedliche Denk- Themen anders angegangen werden als
ansätze. Ich finde es wichtig, Perspektiven zum Beispiel in einem Land wie Bayern.

OLIVER TJADEN / DER SPIEGEL


aufzuzeigen. Ich traue den Bürgern etwas Da sind wir uns völlig einig.
zu. Und ich glaube, dass die Leute besser SPIEGEL: Warum das?
mitmachen, wenn man ihnen eine Perspek- Laschet: Wir haben landsmannschaftliche
tive gibt und öffentlich transparente Krite- Unterschiede. Nordrhein-Westfalen ist das
rien der Entscheidungsfindung diskutiert. Land der Gegensätze, ländliche Kreise und
Ich bin positiv überrascht, wie viele Men- große Metropolregionen wie das Ruhr-
schen unseren Ideen folgen, flächendeckend. gebiet, Kapital und Arbeit …
SPIEGEL: Einzelne Bundesländer riegelten Laschet beim SPIEGEL-Gespräch* SPIEGEL: … Rheinländer und Westfalen …
sich gegen Reisende aus anderen Bundes- »Geradezu historische Aufgaben« Laschet: Es war immer die Aufgabe der
ländern ab. Teilweise wurden Besitzer von Ministerpräsidenten, das zusammenzu-
Zweitwohnungen zur Heimreise aufge- der Nähe Bayerns zu Österreich und halten. Bayern hingegen hat seit 1806 eine
fordert. War so etwas wirklich nötig? Italien resultiert. Wir setzen auch andere viel längere Staatstradition, ein eigenes
Laschet: Wir haben entschieden, massiv Akzente, aber die Bewältigung der Krise Selbstbewusstsein.
alles herunterzufahren. Es war richtig so, ist kein Wettbewerb um Geschwindigkeit. SPIEGEL: Bayern muss hart regiert und in
wie wir es gemacht haben. Ob jede einzel- Den darf es nicht geben. Alleingänge hel- Nordrhein-Westfalen muss viel geredet
ne Maßnahme jedes Landes wirklich not- fen niemandem. werden?
wendig war, ist schwer zu sagen. Es geht SPIEGEL: Söder hat auf Alleingänge nicht Laschet: Nein. Ich finde es von Vorteil,
um den grundsätzlichen Kurs. Wir haben verzichtet, als er Ausgangsbeschränkun- noch einmal innezuhalten, abzuwägen
die Grenzen zu Belgien und den Nieder- gen in Bayern verkündete. und dann zu entscheiden.
landen offen gehalten. Wir kooperieren Laschet: Das haben wir miteinander be- SPIEGEL: Die Folgen der Krise könnten
mit Brüssel und Den Haag bei der Be- sprochen, das ist abgehakt. Markus Söder für die nordrhein-westfälische Wirtschaft
kämpfung des Virus. Manche denken, steht unter einem besonderen Druck: die verheerend sein. Wie schlimm wird es?
Grenzschließungen trügen zum Kampf Nähe zu Österreich, Ischgl, Südtirol, dann Laschet: Wir sehen alle, dass wir vor sehr
gegen das Virus bei. Unser Problem waren kam das Starkbierfest im Kreis Tirschen- großen, geradezu historischen Aufgaben
aber vor allem deutsche Rückkehrer aus reuth dazu, wo die Zahl der Infizierten ra- stehen. Falls wir in Deutschland gut durch
Ischgl. Da half keine Grenzkontrolle. Und sant anstieg. So hat jeder seine speziellen die Krise kommen sollten, hilft uns das
in Deutschland gibt es höher belastete Belastungen. Trotzdem braucht es in den nicht, wenn der Weltmarkt am Boden liegt.
Gebiete als an manchen Orten in Belgien Grundregeln ein gemeinsames Vorgehen. Deshalb brauchen wir eine große europäi-
und den Niederlanden. Mein Maßstab ist: Vor diesem Hintergrund begrüße ich es sche Kraftanstrengung, zu der wir Deut-
Was ist effektiv? Was muss wirklich sein? ausdrücklich, dass Bayern in dieser Woche schen einen erheblichen Beitrag leisten
Was bekämpft zielgerichtet das Virus? unsere bundesweiten Regelungen der Kon- werden müssen. Auch die anderen müssen
SPIEGEL: Haben Sie entschlossen genug taktbeschränkungen übernommen hat, wieder auf die Füße kommen. Das betrifft
gehandelt, was das Epizentrum in Heins- indem sich zwei Personen außerhalb des insbesondere Italien, Spanien und Frank-
berg angeht? eigenen Hausstands treffen dürfen. Mir reich. Wir brauchen neue Instrumente und
Laschet: Der erste Infektionsfall trat dort war immer bewusst, dass Markus Söder sehr viel Geld. Es geht um Hunderte Mil-
am 25. Februar auf. Wir waren mit dem ein verantwortungsvoller Politiker ist, der liarden Euro.
Kreis eng im Kontakt, es wurde sofort am Ende stets auf das gute Sachargument SPIEGEL: Kriminelle versuchen derzeit,
durchgegriffen, etwa indem wir vor Ort zu hören bereit ist. Auch ich gebe ihm Staatsgelder abzugreifen, indem sie falsche
flächendeckend die Schulen geschlossen recht, wenn er richtig liegt. Antragsseiten ins Netz stellen. So haben
haben. Wenige Tage danach war ich per- SPIEGEL: Wäre Söder ein guter Kanzler- Betrüger die nordrhein-westfälischen So-
sönlich vor Ort im Krisenstab, um über kandidat? forthilfen offenbar in erheblichem Umfang
das weitere Vorgehen zu beraten. Schon Laschet: Er ist ein erfolgreicher Minister- missbraucht. Wie konnte das geschehen?
gut eine Woche später haben wir in Nord- präsident. Ich schätze ihn sowohl persön- Laschet: Das ist wirklich ein besonderes
rhein-Westfalen nur noch Geisterspiele in lich als auch als Politiker sehr. Ich kenne Maß an krimineller Energie, das in man-
der Fußballbundesliga zugelassen. Das aber niemanden, der derzeit ernsthaft chen Menschen steckt und hier zutage tritt.
waren schnelle Entscheidungen – und sie über Kanzlerkandidaturen nachdenkt – Und ich halte es für moralisch besonders
waren hart. weder in der CDU noch in der CSU. verwerflich, sich in einer solchen Notlage
SPIEGEL: Wir hatten zwischendurch den SPIEGEL: Sie waren einer der ersten Poli- zu bereichern und der Allgemeinheit zu
Eindruck, Sie lieferten sich mit Markus tiker, der sich öffentlich für Lockerungen schaden. Wir werden darauf mit aller
Söder ein Fernduell: Wer hat was schneller ausgesprochen hat. Wollten Sie damit rechtlichen Härte reagieren.
verkündet, wer steht besser da? Nicht einen Rückstand auf Söder wettmachen? SPIEGEL: Haben Sie es Verbrechern zu
immer schien es um die Sache zu gehen, Laschet: Klares Nein. Ich freue mich, wenn leicht gemacht?
sondern auch oft um die Profilierung. Markus Söder in Umfragen und bei Wahlen Laschet: Wir haben ein komplett digitales
Laschet: Nein. Ich teile diese Einschät- Verfahren aufgesetzt, das sehr vielen
zung nicht. Wir liefern uns kein Duell, das Unternehmen und Selbstständigen sehr
wäre auch angesichts der Lage komplett
unangemessen. Markus Söder hat eine
»Wir brauchen schnell Hilfen ermöglicht hat. Als es Hin-
weise auf diese Verbrechen gab, haben
ganz andere Gefahrenlage, die auch aus sehr viel Geld. Es wir schnell reagiert und die Vergabe der
Soforthilfen neu aufgesetzt.
* Mit den Redakteuren Jörg Diehl, Lukas Eberle und geht um Hunderte SPIEGEL: Ihr Gesundheitsminister Karl-
Christoph Hickmann sowie Regierungssprecher Josef Laumann sagt, jeder Minister, der in
Christian Wiermer (links) in Düsseldorf. Milliarden Euro.« der Krise überzeuge, müsse hinterher den

26
»Landesrechnungshof am Arsch« haben.
Blicken Sie schon sorgenvoll hinter sich?
Laschet: Karl-Josef Laumann hat eine be-
sonders klare Sprache, die jeder versteht.
Bund, Länder und Kommunen haben viele
Entscheidungen sehr schnell treffen müs-
sen, in einer Situation, wie wir sie noch
nie erlebt haben. Manche Entscheidungen
halten den üblichen Vergabekriterien viel-
leicht nicht stand, insbesondere bei der Be-
schaffung von Schutzmasken. Da können
Sie nicht nach den bisherigen Regeln bü-
rokratisch europaweit ausschreiben. Den-
noch müssen wir alles tun, um ausreichend
Schutzmasken zu organisieren. Da befin-
den wir uns in einem weltweiten harten
Kampf.
SPIEGEL: Sie haben ihre Forderungen nach
Lockerungen auch mit einer Studie be-
gründet, die in Heinsberg gemacht und
von der Landesregierung finanziert wird.
Die Studie ist noch nicht fertig, gleichwohl
präsentierten die Forscher bereits in der
vergangenen Woche Zwischenergebnisse.
Haben Sie die Wissenschaftler unter
Druck gesetzt?
Laschet: Der Bonner Professor Hendrik
Streeck ist im Kreis Heinsberg unterwegs.
Wir haben ihn beauftragt, eine Studie über
die Dunkelziffer zu erstellen, was im Kreis
FORSCHER
Heinsberg besser als überall sonst gelingen
kann, weil der Ausgangspunkt der Infek-
tion ein Landkreis war. Streeck sagte von
Anfang an, er erwarte, nach zwei Wochen
VERPACKUNGS-
einen Zwischenbericht vorlegen zu kön-
nen. Es steht völlig außer Frage, dass die
Wissenschaft hier frei und unabhängig
KÜNSTLER
agiert.
SPIEGEL: Können Sie uns verraten, wann
wir unser normales Leben zurückbe-
kommen?
Laschet: Wir werden unser altes Leben ALTANA – global führend in reiner Spezialchemie. Wir setzen
noch lange nicht leben können. In der ab- weltweit auf die Kunst, genau auf den Kundenbedarf zuge-
sehbaren Zeit, mindestens bis es einen
schnittene Produkte zu entwickeln. Deswegen entwickeln un-
Impfstoff gibt, werden wir in einem Zu-
stand besonderer Rücksichtnahme und sere Experten an rund 50 Standorten weltweit nicht nur die
Distanz verharren müssen. Abstand und passende chemische Formel, sondern die optimale Lösung,
Schutz werden Regel und Maßstab unseres damit zum Beispiel Verpackungen nicht nur schön aussehen,
Alltags bleiben. Es wird auch weiterhin sondern jeder nur denkbaren Belastung standhalten.
Einschränkungen geben müssen, sicher
bis zum Ende des Jahres, wahrscheinlich Entdecken Sie dieses Plus für Ihr Geschäft:
darüber hinaus.
www.altana.de/plus
SPIEGEL: Wie wird die Welt nach Corona
aussehen?
Laschet: Es wäre schön, wenn all die Soli-
darität, das Engagement der Jüngeren, die
für Ältere einkaufen, der Zusammenhalt,
erhalten bliebe. Genauso wie die Kreativi-
tät, mit der viele die Krise bewältigen. MARCEL ALTENBURG, FORSCHER IM GESCHÄFTSBEREICH ACTEGA
SPIEGEL: Wäre das ein solidarisches
Deutschland, das Sie gern regieren würden?
Laschet: Darüber denkt aktuell wirklich
kein Mensch nach. Ich regiere ein sehr
solidarisches Land Nordrhein-Westfalen.
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir dan-
ken Ihnen für dieses Gespräch.

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Coronakrise

Die Merkel-Matrix
Bundeskanzlerin Erst tat sie sich schwer, auf das Virus zu reagieren. Dann passte
sie ihre Koordinaten und ihre Worte an. Es scheint, als wäre Angela Merkel
eher für große Krisen als für den politischen Alltag geschaffen. Von Dirk Kurbjuweit

D
anke, sagt die Bundeskanzlerin, Was für ein Comeback. Was für eine Deutschen mehren. So war sie ins Rennen
danke, danke, danke. Sie möchte Verantwortung. Kein Bundeskanzler vor um die Kanzlerschaft gestartet, auf dem
sich »ganz herzlich bedanken«, ihr musste einen solchen Druck aushalten, Leipziger Parteitag 2003, als sie mit einer
sie ist mal »froh und dankbar«, konnte so viel falsch machen mit solch dra- neoliberalen Politik liebäugelte, mit der
mal »unendlich dankbar«, sie sagt »Danke, matischen Folgen. Oder so viel richtig. sie bei der Bundestagswahl 2005 beinahe
von ganzem Herzen Danke«. Da sind die Wissenschaftler, die sie be- unterging.
Angela Merkel braucht die Bürger für raten, da ist ihr politischer Instinkt, aber Sie verfolgte ihr Projekt der »Ertüchti-
den Erfolg ihrer Politik, sie müssen Ab- da sind vor allem ihre politischen Koordi- gung« anschließend vorsichtiger, mehr auf
stand halten und zu Hause bleiben. Ande- naten, die ihre Entscheidungen prägen. Im sozialen Ausgleich bedacht, ließ aber im-
re leisten außerordentliche Arbeit in den Wesentlichen sind das: Wirtschaft, Frei- mer mal wieder erkennen, wo ihre Prio-
Kliniken, Pflegeheimen, Lebensmittel- heit, Humanität, Biedermeier. rität liegt, prägte zum Beispiel das unsäg-
läden. Auch die überschüttet Merkel mit In diesem System bewegt sich Merkel liche Wort von der »marktkonformen De-
Dank. Kaum ein Wort sagt sie in diesen gedanklich, in normalen Zeiten wie in der mokratie«. Sogar die Staatsform sollte sich
Tagen häufiger. Krise. Was sich je nach Lage verändert, ist der Wirtschaft unterordnen. Merkel hatte
Aber war das vorher anders? Nicht die Bedeutung der Koordinaten, ist ihr Ver- daher auch keine Scheu, sich einem Staat
ganz. Merkel ist schon länger ein Danke- hältnis zueinander. Man könnte das auch wie China anzunähern, um dort Wohl-
Mensch. Das hat Andreas Rinke ermittelt, tabellarisch anordnen, als Matrix, und stand für Deutschland einzusammeln.
Journalist bei Reuters, der die Bundes- man sähe auf einen Blick, wie bei Merkel Auch ihr Verhältnis zu Europa ist öko-
kanzlerin ständig begleitet und auf der in der Krise die Humanität zur Wirtschaft nomisch dominiert. Sie nimmt die Absatz-
Website »Riff-Reporter« ein Merkel-Lexi- steht oder zur Freiheit. So lassen sich ihre chancen für die deutsche Industrie gern
kon führt. Unter dem Stichwort »Danken« Entscheidungen erklären, auch Fehler. mit, fürchtet aber das Haushaltsgebaren
trug er schon vor der Krise ein: »Vielleicht In normalen Zeiten hatte Merkel allen- südlicher Länder. Deshalb hat sie den Grie-
liegt es an ihrer christlichen Erziehung, falls eine durchwachsene Bilanz. Jetzt chen in der Finanzkrise Eurobonds ver-
vielleicht ist es ein kluger pädagogischer muss sie richtig gut sein. Kann sie das mit weigert, und deshalb sperrt sie sich bislang
Trick, vielleicht auch der Versuch des Ein- ihren politischen Koordinaten und mit auch gegen Corona-Bonds. Gemeinschafts-
schmeichelns: Noch nie hat ein deutscher ihren persönlichen Eigenschaften? schulden sind Merkel zu unberechenbar,
Regierungschef seinen Dank so oft und an Antworten finden sich leider nicht in ei- zu bedrohlich für ihr Wohlstandsprojekt.
so viele Gruppen von Menschen ausge- nem Gespräch mit Angela Merkel. So läuft Alles in allem hat ihre Wirtschaftspolitik
drückt wie Angela Merkel.« das nicht mit ihr. Sie finden sich in ihrer funktioniert, was natürlich nicht nur ihr
Sie habe sich selbst schon darüber amü- Geschichte als Politikerin und in den vie- Verdienst ist. Das Land erlebte in ihrer
siert, sei genervt gewesen von Bundes- len Auftritten, die sie nun hat. Plötzlich Ära einen langen Aufschwung, der dem
kanzler Helmut Kohl, der sich ständig be- spricht die Kanzlerin zur Bevölkerung, Staat Haushaltsüberschüsse bescherte.
dankt habe. Doch dann machte sie den redet und redet. Schon das ist neu. Das zusammen ist Merkels größter Er-
Dank auch zum Mittel ihrer Politik. folg. Und es ist ihre Tragik, dass Corona
Insofern war sie ganz gut vorbereitet Wirtschaft diesen Erfolg nun auslöscht. Sie spricht
auf diese Krise. Aber sonst? Mitte Januar gab Merkel der »Financial noch immer viel von »Wertschöpfungs-
Vor wenigen Wochen schien Angela Times« ein Interview, das vorerst letzte ketten«, aber die Prioritäten auf der Ma-
Merkel schon fast aufs Abstellgleis gescho- mit einer Zeitung. Auf die Frage nach ih- trix haben sich verschoben, vielleicht ein
ben. Sie störte beim Wettbewerb um ihre rem großen Projekt reagierte sie unwirsch, bisschen zu spät, auch weil es so schwer
Nachfolge, sie blockierte den Neuanfang ließ sich dann aber hinreißen, eine Ant- war, das Wohlstandsprojekt aufzugeben.
mit einer viel zu langen Übergangszeit, sie wort zu geben. Und nannte als Erstes den
trat nur wenig in Erscheinung. Irgendwie Aspekt, »dass Deutschland und Europa Freiheit
war sie noch da, aber das politische Inte- ökonomisch stark sein sollen«. Bei einer Pressekonferenz am 6. April
resse lag eher auf der Zeit, wenn sie weg So war das bislang, ganz oben, ganz nannte sich Angela Merkel eine »freiheits-
sein würde. Man redete über die Zukunft, vorn in der Matrix: die Wirtschaft. Merkel liebende Bürgerin im dreißigsten Jahr der
und das war nicht sie. wollte in erster Linie den Wohlstand der deutschen Einheit«. Und fügte hinzu:
Nun beherrscht die Gegenwart die Ge- »Glauben Sie doch nicht, dass es mir als
danken, die härteste in der Geschichte der Politikerin leichtfällt, mit anderen gemein-
Bundesrepublik. Es geht gleichzeitig um
Leben und Tod sowie um einen Einbruch
»Glauben Sie doch sam so etwas anordnen zu müssen.« Sie
meinte Beschränkungen der Freiheit, wie
der Wirtschaft, und diese Gegenwart hat
Angela Merkel zurück ins Zentrum ge-
nicht, dass es es sie in der Bundesrepublik bislang nicht
gegeben hat.
spült. Alle Bürger sind nun abhängig von mir leichtfällt, das an- Freiheit, das wird manchmal unter-
ihr und den Ministerpräsidenten, und sie schätzt, ist ein wichtiger Punkt auf Merkels
ist abhängig von allen Bürgern. ordnen zu müssen.« Matrix. Sie hat die Unfreiheit erlebt, durfte

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DPA PICTURE-ABERND VON JUTRCZENKA / PICTURE ALLIANCE / DPA
Krisenpolitikerin Merkel: »Bügeln oder in den Backofen legen«

nicht machen, was sie wollte, zum Beispiel folgt. In ihrer Fernsehansprache vom sperren wurden verhängt, in Deutschland
reisen und ihre Amerikasehnsucht stillen. 18. März forderte sie die Bürgerinnen und später als zum Beispiel in Österreich.
In ihrer Fernsehansprache vom 18. März Bürger eindringlich auf, Abstand zu halten, Auch die Koordinate Freiheit war zu-
erinnerte sie daran, »dass die Reise- und Verantwortung zu übernehmen. Sie flehte nächst ein hemmender Faktor in Merkels
Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes fast. Bewahrt eure Freiheit, indem ihr ver- Matrix. Ein honoriger Grund, aber Zeit
Recht war«. Nicht von ihr selbst allerdings. nünftig seid. wurde dennoch verloren.
Merkel stand in innerer Distanz zum SED- Zufällig ist der 18. März ein großes deut-
Regime, aber nicht im Widerstand. sches Freiheitsdatum. 1848 gingen Berli- Humanität
Als sie im September 2015 die Flücht- ner Arbeiter und Bürger an diesem Tag Angela Merkel ist auf dem Gelände eines
linge, die in Ungarn gestrandet waren, ein- auf die Straßen, um gegen staatlichen Behindertenheims aufgewachsen, dem
reisen ließ, ging es ihr auch um die Freiheit, Zwang zu kämpfen. Genau 152 Jahre spä- Waldhof bei Templin. Ihr Vater war Pfar-
die offene Grenzen bedeuten. ter sollen sie freiwillig zu Hause bleiben, rer, christliche Werte hat sie früh verinner-
Eine Liberale im engeren Sinne ist sie um staatlichen Zwang zu verhindern. licht. Wenn sie sich an diese Zeit erinnerte,
allerdings nicht. Auch ihre Regierungen Das Wort Ausgangssperre kam Merkel hat sie einen Punkt oft betont: dass sie da-
haben Sicherheitsgesetze erlassen, die Frei- nicht über die Lippen, nicht einmal als mals gelernt habe, in Behinderungen eine
heiten beschränken. Und ihr Einsatz für Drohung. Das hätte ihr zu sehr nach Dik- Normalität zu sehen. Mitschülern, die
die Freiheit anderer Völker ist etwas er- tatur geklungen. Scheu hatten, den Waldhof zu besuchen,
lahmt, weil hier zwei Koordinaten ihrer Aber die Deutschen haben diese Chance sagte sie: »Ihr braucht keine Angst zu ha-
Matrix in Konflikt gerieten. Im Fall Chinas nicht genutzt, und Merkel ist mit ihrem ben. Das ist ganz prima.« Ihr Waldhof-
entschied sie sich für die Wirtschaft. freiheitlichen Ansatz gescheitert. Sie muss- Credo: »Wir gehören alle zusammen.«
In der Coronakrise hat Angela Merkel te bald einsehen, dass Appelle nicht genü- Humanität war lange eine unbekannte
zunächst einen freiheitlichen Ansatz ver- gen, dass Zwang notwendig ist. Kontakt- Koordinate im System Merkel. Sie hat

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 29


Coronakrise

keinen großen Punkt daraus gemacht, und drückt und Widersprüche einschließt. Ge- Seit ein paar Wochen ist die Stille zu-
wegen ihrer distanzierten Art war sie meinschaft betont die Einheit. Merkels rück, tiefe Stille, Biedermeier hoch zwei.
nicht gleich als große Menschenfreundin Humanität gilt allen. So hat sich Merkel das natürlich nicht vor-
erkennbar. gestellt. Ironie der Geschichte.
Erst durch die Flüchtlingskrise 2015 Biedermeier Biedermeier und Freiheit sind Koordi-
wurde vielen klar, dass die Kanzlerin ein Was in Merkels Matrix grundsätzlich fehlt, naten, die sich grundsätzlich widerspre-
Herz für Schwache hat, dass ihr das Leid ist ein genuin politisches Projekt wie die chen. Das erste deutsche Biedermeier, die
anderer nahegeht. Der Film »Die Getrie- Vertiefung der Europäischen Union oder Jahre nach dem Wiener Kongress 1815,
benen«, der am Mittwochabend in der die nachhaltige Gesellschaft oder der war eine Zeit massiver Repression, geprägt
ARD ausgestrahlt wurde, zeigt zweimal, Kampf gegen Rechtsextremismus. Merkel von Zensur und Spitzelei.
wie sich Merkel, wunderbar eckig gespielt hat ein solches Projekt nicht. Sie stand mal Kein Vergleich zu heute. Aber eine leben-
von Imogen Kogge, auf ihrem iPad Bilder im Ruf, sich ums Klima verdient zu ma- dige Demokratie ist das derzeit auch nicht.
von herumirrenden, elenden Flüchtlingen chen, aber das ist lange her, 2007, und bald Deutschland wirkt einig wie nie, 64 Prozent
anschaut. wollte sie diese Rolle nicht mehr einneh- der Bürger stimmen Merkels Krisenpolitik
Auch in der Realität können Bilder des men, weil der Ölpreis stieg und sie fand, zu. Wahrscheinlich sind sogar AfD-Sympa-
Leids Merkel berühren. »Wir sind ein dass den Deutschen weitere Kosten für thisanten dabei. Opposition findet nur noch
Land, das die Würde jedes einzelnen Men- den Klimaschutz nicht zuzumuten seien. leise statt. Das wäre ein Problem, falls Mer-
schen in den Mittelpunkt stellt«, sagte sie Und das ist typisch, weshalb die vierte kel und die meisten anderen grundsätzlich
zum Thema Flüchtlinge. Der Sound des Koordinate von Merkels Matrix ihr etwas falschlägen mit dem derzeitigen Kurs. Doch
Waldhofs. eigentümliches Verhältnis zum Bürger ist. das wird man erst später wissen.
In der Coronakrise setzt sich die Huma- Lange wurde es unter der Überschrift Derzeit wirkt Merkels Politik »alterna-
nität vor die Wirtschaft und die Freiheit. »neues Biedermeier« geführt, eine Ära der tivlos«, ein weiteres Unwort ihrer Kanz-
Merkel sagte, man müsse »den Gesund- Stille also. Kaum Streit, wenig Debatten. lerschaft, von ihr selbst geprägt. Demokra-
heitsschutz voranstellen«. Sie sprach von Wie kam es dazu? Hinter dem Eisernen tie lebt vom Streit der Alternativen.
der »menschlichen Gesellschaft«, von Vorhang hatte Merkel die Westdeutschen Allerdings haben sich in der Corona-
»Fürsorge«, von »den Schwachen« und er- idealisiert. Sie vermutete, in der Bundes- krise nicht nur die Koordinaten in Merkels

Feste Größe 80 %
80 Finanz- Lehman- Eurokrise Fukushima
Umfrage: »Wie krise Pleite Beschluss
zufrieden sind Sie zum Atom-
70 ausstieg
mit der politischen
Arbeit von Bundes-
kanzlerin Angela
60
Merkel?«
Nennungen:
sehr zufrieden/
50
zufrieden
Quelle: Infratest dimap 1. Amtszeit
für ARD-Deutschlandtrend;
Angaben in Prozent
Koalition mit der SPD 2. Amtszeit
40
RAINER JENSEN / DPA

40
2006 2011

Koalitionspartner Merkel,
Peer Steinbrück 2008
wähnt Artikel 1 des Grundgesetzes, der Matrix verschoben, auch das politische
die Würde des Menschen für unantastbar System hat sich verändert.
erklärt. Die Würde aller Menschen. republik vibriere eine effiziente, mutige, Eigentlich ist die Bundesrepublik als mil-
Aus Fürsorge für die Schwachen sollen dem Neuen aufgeschlossene Gesellschaft. de Konkurrenzdemokratie gedacht. Regie-
Freiheit und Wirtschaft erst mal zurück- Als Politikerin nahm sie dann eine zau- rung und Opposition stehen sich gegen-
stehen. Das ist die Grundbotschaft ihrer dernde, im Prinzip ängstliche Bevölkerung über, ihr Streit ist der Treibstoff der Politik.
Krisenmatrix. Auch in anderen Staaten ist wahr, im Westen wie im Osten. Auch aus Merkel wollte da nie richtig mitmachen.
das so, aber mit jeweils anderen Nuancie- ihrem schwachen Wahlergebnis von 2005 Als Typ ist sie eher für eine Konkor-
rungen. Italien hat seine Wirtschaft weit zog sie den Schluss, dass den Deutschen danzdemokratie geeignet. Hier sind alle
stärker runtergefahren, Frankreich die nicht viel zuzumuten sei. ernst zu nehmenden Parteien an der Re-
Freiheiten noch drastischer eingeschränkt. Sie mied weitgehend fordernde Politik gierung beteiligt, wie traditionell in der
Großbritannien legte zunächst weniger und hielt sich mit Worten zurück, stieß kei- Schweiz, Opposition spielt eine geringere
Wert auf die Humanität. Man wollte vor ne Debatten an. Allmählich zog das neue Rolle, damit auch der Streit. Merkel hat
allem die Alten und Schwachen isolieren, Biedermeier ins Land ein. Man war be- versucht, ein bisschen mehr Konkordanz-
damit die Jüngeren und Gesunden weitge- sänftigt von dieser Kanzlerin. demokratie in das deutsche Konkurrenz-
hend weitermachen können wie bisher. Im Spätsommer 2015 kollidierten dann system zu implantieren, das war ihr heim-
Mit Merkels Erfahrungen aus dem Humanität und Biedermeier in der Matrix. liches Projekt. Und ein schwerwiegender
Waldhof erscheint das undenkbar. In der Merkel entschied sich für die Flüchtlinge, Fehler, wenn man politischen Streit und
Coronakrise spricht sie von Gemeinschaft, und seither ist es vorbei mit der Stille im eine lebendige Debatte für sinnvoll hält.
bislang ein eher verpönter Begriff für Poli- Land. Ein Teil der Bevölkerung, der klei- Aber jetzt sind das andere Zeiten. In
tiker von links bis zur Mitte. Man spricht nere, zürnt gegen die Zuwanderung und großen Krisen, in Kriegen zum Beispiel,
von Gesellschaft, weil das Vielfalt aus- hat sich der AfD zugewandt. üben sich selbst scharfe Konkurrenzdemo-

30
kratien wie Großbritannien bisweilen in lerin in der Flüchtlingskrise ermuntern, nicht Erhabene. Merkel hat ihre Politik
Konkordanz, und das ist sinnvoll. Herz zu zeigen, nicht nur zu haben. um Emotionen erweitert, nicht aber um
Deshalb handelt Merkel gerade in dem In der Realität hielt Merkel am Tag nach Überbau. Die Deutschen scheinen es nicht
System, in dem sie sich besonders wohl- der holprigen Pressekonferenz ihre Fern- zu vermissen.
fühlt, das sie beherrscht. Interessen aus- sehansprache, und da klang sie anders.
gleichen, moderieren, einen Grundkon- »Wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Zwischenbilanz
sens geschickt verwalten. Was sie in gro- Leben und jeder Mensch zählt«, sagte sie Merkel fand spät in diese Krise hinein,
ßen Koalitionen gelernt hat, kann sie nun und versprach, »herzlich und vernünftig« hielt sich öffentlich zu lange zurück und
bei den Ministerpräsidenten der Bundes- zu handeln. Das Herz rückte an die Seite brauchte eine Weile, um ihre Matrix an-
länder anwenden. Und kaum jemand er- der Vernunft und Merkel näher an die Bür- zupassen. Das ging vielen so, bei ihr wiegt
wartet von ihr, dass sie Debatten anstößt, ger heran. es am schwersten. Gleichwohl kann sie, im
Treibstoff liefert. Sie soll regieren. Danach half ihr, dass sie selbst in die Vergleich mit den Politikern, die da sind,
Quarantäne verbannt wurde, weil sie Kon- die richtige Kanzlerin für Corona-Zeiten
Mutter takt zu einem infizierten Arzt hatte. Nun sein, weil ihr das politische System der Kri-
Auch persönlich kommt Merkel die neue teilte sie das Schicksal ihrer Bürger, die zu se so gut passt und weil sie persönlich mit
Lage entgegen. Sie ist ohnehin eine Schritt- Hause bleiben mussten. Sie wirkte wärmer ihrer Ruhe und Intelligenz krisenfest ist.
für-Schritt-Politikerin, eine Frau der Vor- als sonst, blieb aber auch Merkel. Sie re- Nun ist die Frage, wann und wie sie ihre
sicht, nicht des großen Wurfs. Was in nor- dete nicht frei, schaffte es auch nicht, so Koordinaten neu mischt, um die Deut-
malen Zeiten behäbig wirkt, passt zu Ta- zu tun, als würde sie frei reden, sondern schen aus dem Lockdown zu führen.
gen der Angst. wandte sich in ihrem Podcast an die Bür- Als sie am Mittwoch erste Lockerungen
Etwas befremdlich wirkte dagegen in ger als Deutschlands führende Vorleserin. verkündete, hat sie ihren Vortrag wie be-
den ersten Wochen der Krise ihre Art zu Wenn sie von zu Hause per Telefon Presse- gonnen? Mit Dank natürlich. Zunächst bei
reden, dieses Unterkühlte, Umständliche, den Bundesländern für die gute Rolle, die
Bürokratische. sie spielten. Dann wollte sie »allen Men-
Als sie am 17. März die Presse über in- schen in Deutschland noch einmal ganz

BERND VON JUTRCZENKA / DPA


ternationale Videokonferenzen mit ande- herzlich danken«. Später den Pflegern und

80 %
75
Bei Selfie mit Flüchtling 2015
70

Flüchtlingskrise Coronakrise 64

60

50

Koalition 3. Amtszeit 4.
mit der FDP Koalition mit der SPD 45 Amts- Koalition mit der SPD
40
zeit
2014 2017 2020

ren Spitzenpolitikern informierte, wurde konferenzen gab, krächzte ihre Stimme, anderen, die jetzt wichtig sind, schließlich
»begrüßt«, »betont«, »darauf eingegan- als meldete sie sich von sehr weit weg, aus den Kirchen. Kohls Schülerin.
gen«, »gehandhabt«, »agiert«, »minimiert«, dem All vielleicht. Einmal war die Verbin- Heftig in ihren Sprechzetteln blätternd,
»Abhilfe geschaffen«, »modifiziert«. Man- dung ganz unterbrochen. Deutschland verkündete sie ein langsames, vorsichtiges
ches war »zu verzeichnen gewesen«, »ge- ohne Kanzlerin. Programm. »Nicht vorpreschen«, jetzt sei
genstandslos«, »reziprok«. Das Kauder- Nur für einen Moment. In Wahrheit ist »Vorsicht das Gebot und nicht Übermut«.
welsch der politischen Sprechzettel floss Merkel so präsent wie nie zuvor. Neben Merkel pur. Humanität bleibt vorerst ganz
in einem breiten Strom durch Merkels dem Danken sieht sie im Mahnen eine oben, ganz vorn in der Matrix.
Lippen. ihrer Hauptaufgaben. Dabei dringt sie tief Die Resonanz in den Medien war fast
Zwischendurch erlaubte sie sich das in die Details vor: »Vergessen wir auch einhellig positiv. Es passt.
Wort »Gestrandete«. Hoppla, sie musste nicht, an gründliches und häufiges Hände- Etwas schief ist allerdings, dass Merkel
leise lächeln, dass sie sich diese Frivolität waschen zu denken.« Vorratshaltung ja, für ihre Entscheidungen nicht mehr in
erlaubt hatte, und erklärte, dass sie damit aber »mit Maß«. Und Alltagsmasken müss- einer Wahl geradestehen muss. Aber des-
Menschen meine, die sich außerhalb der ten unbedingt »regelmäßig gewaschen wer- halb muss sie nicht gleich eine fünfte Amts-
EU aufhalten und nicht nach Hause kön- den beziehungsweise gebügelt, in den zeit ins Auge fassen, wie von manchen spe-
nen. Dann ging es weiter in der Sprache Backofen gelegt oder in die Mikrowelle«. kuliert oder gewünscht. Denn es kann
der abgeklärten Vernunft. So kann man Journalisten ermahnte sie bei einer Presse- durchaus sein, dass das Virus bis zur nächs-
mit der Priorität Wirtschaft reden, aber konferenz süffisant, sich nicht so oft ins ten Bundestagswahl im Herbst 2021 be-
nicht mit der Priorität Humanität. Gesicht zu fassen. Die Mutter der Nation. herrschbar sein wird. Die Politik würde
Vielleicht hat ihr danach mal jemand Was fehlt, ist die »hauteur«, auf die zum Alltag zurückkehren, und der ist eher
ins Gewissen geredet. So wie die Berater Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nicht Merkels Stärke.
in dem Film »Die Getriebenen« die Kanz- so großen Wert legt, das Höhere, wenn

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 31


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Coronakrise

gehe von dem Virus »eine höhere Anste-

Wie auf dem Basar ckungsgefahr und ein größeres Mortali-


tätsrisiko aus als von der gewöhnlichen
Grippe«, so Weidel.
Doch das sorgte für Unruhe in der Frak-
Parteien Das Virus sorgt bei der AfD für schlechte Umfragewerte tion. Dort gibt es viele, die Weidels Posi-
und Chaos: Während die Fraktionsspitze tion nicht teilen, auch diejenigen nicht,
Verantwortung zeigen will, reden viele Abgeordnete die Gefahr klein. die für das Thema zuständig sind: Der
Gesundheitsexperte der Fraktion, Axel
Gehrke, ein habilitierter Reha-Arzt, spricht

A
m Mittwoch vergangener Woche er-
schien auf dem Facebook-Profil von
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel
eine Grafik: »Corona: 10-Punkte-Plan der
zu positionieren. Während Weidel und
der Großteil der Partei- und Fraktions-
führung die Gefahr der Seuche sehen und
auf eine verhältnismäßig maßvolle Hal-
von »Panikmache«. Er behauptet gar,
der Bevölkerung werde »das Coronavirus,
das nachweislich milder verläuft als In-
fluenzaviren, als Killervirus verkauft«. Die
AfD-Fraktion« stand dort. Im Hintergrund tung drängen, fordern ihre Gegner eine Sprecher des Arbeitskreises Gesundheit
überdimensionierte Viren, unten rechts radikalere Position. der Fraktion, Detlev Spangenberg und
das Logo der Partei. Eigentlich nichts Un- Ähnlich wie extrem rechte Parteien im Robby Schlund, ein Orthopäde, sehen
gewöhnliches. Doch am Donnerstag war Ausland verharmlosen sie die Bedrohung, das ähnlich.
der Beitrag plötzlich verschwunden. die von Covid-19 ausgeht, und wollen der Nicht nur Weidel, auch andere in der
Weidel hatte ihn selbst wieder gelöscht, Regierung Panikmache vorwerfen. Wäh- Fraktionsspitze halten eine solche Position
auf Druck der eigenen Abgeordneten. Die rend sie die Seuche kleinreden und Fake für unverantwortlich. Für sie sind die Vor-
hatten sich in der WhatsApp-Gruppe der News über deren vermeintliche Harm- sichtsmaßnahmen der Bundesregierung
Fraktion wütend über den Alleingang losigkeit verbreiten, warnen andere vor im Kern angemessen. Und sie befürchten,
der Chefin beschwert. der tödlichen Gefahr. dass die Relativierung der Gefahr der
Schließlich habe Weidel weder die Einigkeit besteht bislang nur auf zwei Partei massiv schaden könnte, sollten die
Sondersitzung gewollt, auf der endlich Feldern: Die strikten Grenzkontrollen wur- Opferzahlen beträchtlich steigen.
eine gemeinsame Position der Fraktion den gelobt, Corona-Bonds, die ärmeren Sie haben auch genau beobachtet, wie
zur Coronakrise und den Maßnahmen EU-Ländern helfen sollen, verdammt. In rechte Parteien anderer Länder mit Coro-
der Bundesregierung gefunden werden allen anderen Fragen herrscht Chaos. Der na umgehen. Das Beispiel von Lega-Chef
sollte. Noch hatte sie wichtige Positio- innerparteiliche Streit eskaliert auch unter Matteo Salvini, den AfDler sonst als gro-
nen dieses Zehnpunkteplans unterstützt. dem Eindruck sinkender Umfrageergeb- ßen Macher feiern, ist ihnen eine Warnung:
»Erst arbeitete Alice Weidel knallhart ge- nisse. Die AfD ist von rund 14 Prozent im Die Lombardei, die von Salvinis Lega re-
gen unsere Sonderfraktionssitzung und Januar auf unter 10 Prozent abgesackt. giert wird, ist nun die Region Italiens mit
den dort getroffenen Beschluss, dann be- Dabei hatte sich Alice Weidel zu Beginn den meisten Todesopfern. Salvini hatte
saß sie die Chuzpe, unseren Plan als an- der Coronakrise eigentlich klar positio- Corona zunächst verharmlost, und die
geblich ihren zu veröffentlichen und sich niert. Im Bundestag griff sie die Regierung regionale Lega-Regierung hatte Infizierte
an die Spitze der Bewegung zu stellen. dafür an, die Seuche nicht hinreichend fatalerweise in Seniorenheimen unterbrin-
Das ist dreist«, sagt der Abgeordnete ernst genommen zu haben. Sie sprach gen lassen.
Hansjörg Müller. von »Versagen« und »fahrlässigem Spiel Damit sich die Position der Möchte-
Die Episode zeigt, dass es der Partei mit dem Leben und der Gesundheit unse- gern-Salvinis in der AfD nicht durchsetzt,
extrem schwerfällt, sich zur Coronakrise rer Bürger«. Nach allem, was man wisse, beauftragte die Fraktionsspitze noch An-
FABIAN BIMMER / REUTERS

JOSE GIRIBAS

Politikerin Weidel, AfD-Kollegen im Bundestag: »Das ist dreist«

34
Sonntagsfrage So trumpften die Kritiker wieder auf.
Man wolle sich nicht bange machen lassen,
»Welche Partei würden Sie wählen,
stärker auftreten, so ihre Meinung. Der
wenn am kommenden Sonntag Abgeordnete Armin-Paulus Hampel bei-
Bundestagswahl wäre?« spielsweise sprach von Inszenierung und
sagte: »Es ist keine Epidemie wie Pest
38 % oder Cholera, sondern es ist eine ver-
hältnismäßig leichte Grippe.« Und: »Viel-
leicht spricht das ja auch für die AfD,
dass wir uns so schnell erst mal nicht
19
17 einschüchtern lassen.«
Rund ein Drittel der Fraktion fand sich
9
7 schließlich zusammen, um eine Sonder-
5
sitzung der Fraktion vor Ostern einzube-
rufen – gegen den Willen des Vorstands.
Union Grüne SPD AfD Linke FDP Die Abweichler verlangten eine 180-Grad-
Veränderung in Prozentpunkten gegenüber 6. Feb. 2020: Wende in der Coronapolitik: das Virus
+ 11 –3 +3 –5 –2 –3
weniger ernst nehmen. Die Regierung
schärfer angreifen. Endlich wieder Op-
Quelle: Infratest dimap für ARD Deutschlandtrend vom 14. position sein!
und 15. April; 1057 Befragte; Schwankungsbreite bei einem
Anteilswert von 30 Prozent rund +/– 2,8 Prozentpunkte
Um das zu verhindern, bereiteten die
Getreuen der Fraktionsspitze, Springer
Taschenbuch. € (D) 11,–
und Münzenmaier, ein Papier vor, in dem
fang März zwei Abgeordnete mit der die Einschätzung, wie gefährlich Corona Verfügbar auch als E-Book
Einrichtung eines Krisenstabs: René Sprin- denn nun sei, keine Rolle spielte. In der
ger und Sebastian Münzenmaier neigen Sitzung argumentierten sie, dass man das

IM
eher nicht zu Verschwörungstheorien. Die schlicht nicht wissen könne. Deswegen
beiden verschicken seither täglich eine wolle man sich über Maßnahmen unter-
»Lageanalyse«. halten, nicht über Zahlen.
Doch weil sich die Umfragen verschlech- Die Kritiker, die sich selbst als »Re-
terten und nicht verbesserten, schossen
einzelne Abgeordnete immer wieder quer.
Bundesvorstandsmitglied Stephan Brand-
bellen« bezeichnen, ließen sich darauf
ein, bestanden aber zugleich auf einem
konkreten Datum für die »Wiederauf-
ZICKZACK
DURCH
ner etwa twitterte Mitte März ein Foto nahme wirtschaftlicher Aktivitäten«: den
von einem Infostand, an dem er mit rund 14. April. Alice Weidel und ihre Unter-
einem Dutzend Parteifreunden dicht an stützer wollten dies verhindern. Es musste

DIE
dicht stand. Dazu schrieb er: »Corona hin, abgestimmt werden, und die »Rebellen«
Covid her.« setzten sich durch. Der Schluss der Son-
Dann veröffentlichte Weidel gemein- dersitzung erinnert an einen Basar: Gibst
sam mit Parteichef Tino Chrupalla einen du mir dies, geb ich dir das. Für die Auf-
»5-Punkte-Plan zur Corona-Krise« – auf
eigene Faust. Es war ein Versuch, die ver-
gleichsweise staatstragende Position der
nahme des Datums in den Zehnpunkte-
plan erklärten sich die Kritiker im Ge-
genzug bereit, eine Mundschutzpflicht
WELT-
Fraktionsspitze als offizielle Haltung der
AfD festzulegen. Die Forderungen gingen
dabei kaum über das hinaus, was die Bun-
mitzutragen.
Am Ende stand ein höchst widersprüch-
liches Positionspapier. Zum einen sagt
GESCHICHTE
desregierung längst umgesetzt oder an- die AfD nun, die Bundesregierung habe
gekündigt hatte. Der Versuch, endlich wie- zu spät gehandelt. Und zum anderen, sie
der wahrgenommen zu werden, misslang. habe dann zu strikt gehandelt. Nun gelte In sieben Schritten
Und die innerparteilichen Kritiker waren es, mehr zu testen, mehr Schutzkleidung
noch wütender als zuvor. herzustellen – und Mund-und-Nasen- entstehen die verblüffendsten
Als Nächster versuchte Alexander Gau- schutzmasken »konsequent« zu tragen,
land, die Wogen zu glätten. Der Fraktions-
vorsitzende gilt immer noch als der mäch-
wie es in dem Papier heißt.
Vor allem aber legt das Papier den
Zusammenhänge – so
tigste Mann in der AfD, auch wenn sein
Einfluss seit seinem Rückzug von der Par-
Fokus auf die Wirtschaft. Es gebe »die
zwingende Notwendigkeit, das Wirt-
überraschend, vergnüglich
teispitze etwas gelitten hat. Ende März
erklärte er im Bundestag, warum man die
schaftsleben so schnell wie möglich wie-
der aufzunehmen«. Der Schaden für die
und unterhaltsam war
Entscheidungen der Bundesregierung mit- Wirtschaft solle »so gering wie möglich«
trage, solange sie auf die Corona-Zeit be- gehalten werden. Geschichte noch nie.
fristet seien. Er sagte: »Zusammenstehen Zufall ist das nicht. Denn eines haben
ist jetzt erste Bürgerpflicht.« sie in der Fraktion gemeinsam: die Hoff-
Das sei an der Basis nicht gut angekom- nung, dass eine coronabedingte Wirt-
men, berichten Kritiker aus der Fraktion. schaftskrise ihnen endlich wieder Kon-
Selbst in Pandemiezeiten dürfe man nicht junktur verleihen könnte, wenn sie als die
mit der Regierung und den Altparteien Retter aufträten. Ann-Katrin Müller
stimmen – komme, was wolle.

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 35 www.spiegel.de www.kiwi-verlag.de


Coronakrise

Kommentar gekräften fast unmöglich, eigene Interessen durchzusetzen.


Wer auf die Straße ginge, um zu streiken, würde Kranke
oder Demente sich selbst überlassen. Und wer am Bett der

Arme Helden Bedürftigen bleibt, den sieht man nicht.


Jetzt hat die Coronakrise das Pflegepersonal in Heimen
und Kliniken in den Fokus gerückt, sie sichtbar gemacht:
Wer es mit der Anerkennung für Pflegekräfte Plötzlich sind sie Helden, die Menschenleben retten, trotz
niedriger Löhne. Dafür werden sie zwar von Balkonen aus
ernst meint, muss für höhere Löhne und beklatscht, doch von der Politik kam nur eine mickrige
mehr Personal sorgen – auch nach Covid-19. Geste. Bund und Länder versprechen den Pflegekräften
Applaus allein reicht nicht. einen steuerfreien Bonus. Bayern etwa bietet 500 Euro
zusätzlich, einige Arbeitgeber haben sich auf bis zu 1500
Euro eingelassen. Fürs ganze Jahr, nicht etwa pro Monat.
Monatlich bleiben 167 Euro mehr. Dafür, dass Beschäftig-
te in Kliniken und Heimen ein überproportional hohes
Risiko tragen, sich mit dem Virus zu infizieren, und viele
ohnehin die Nächte durcharbeiten, ist das ein Witz. Was
es braucht, sind dauerhaft gute Löhne. Auch nach der Krise.
In Altenheimen stehen Helferinnen bislang im Bundes-
durchschnitt mit 2040 Euro am unteren Rand der Skala. Aus-
gebildete Fachkräfte kommen selbst mit Nachtzuschlägen
nur auf einen Bruttolohn von durchschnittlich 2880 Euro im
Monat. In Kliniken liegt das Lohnniveau mit durchschnittlich
3400 Euro etwas höher. Allerdings leiden die Fachkräfte dort
vor allem unter fatalen Arbeitsbedingungen – auch die sind
Folge mangelnder Wertschätzung: Im gewinnorientierten
FELIX KÄSTLE / DPA

Krankenhaussystem konnten Manager Profite steigern, in-


dem sie zwar möglichst viel operieren ließen, aber möglichst
wenige Pfleger an den Betten einsetzten. Um die Lage der
Pflege grundsätzlich zu verbessern, braucht es daher zweier-
Pflegekraft, Heimbewohner: Von Balkonen aus beklatscht lei: höhere Löhne. Und mehr Personal. Beides wird kosten.
Zur Ehrlichkeit gehört deshalb auch, genau zu definie-

D
ren, wer für die Mehrausgaben bezahlt. Schon einmal hat
er Tag wird hoffentlich kommen, an dem wir uns sich die Bundesregierung vor dieser Frage gedrückt. Weil
nicht mehr die Frage stellen müssen, ob wir sie per Gesetz für höhere Tariflöhne in der Altenpflege
Omas Leben aufs Spiel setzen, wenn wir sie im sorgte, sind die Eigenanteile für greise Heimbewohner ex-
Pflegeheim besuchen. Irgendwann wird das plodiert. Inzwischen müssen sie im Schnitt pro Monat fast
Land wohl zum Alltag zurückkehren. Die Sehnsucht nach 2000 Euro aus eigener Tasche für ihren Heimplatz zuzah-
Normalität ist jedenfalls groß. len, weil die Große Koalition der Pflegekasse keine Mehr-
Doch mindestens in einem Bereich unserer Gesellschaft ausgaben aufbürden wollte. Es ist paradox, dass Bundes-
darf es keinen Weg zurück geben: Was wir über Jahre als gesundheitsminister Jens Spahn die versäumte Kosten-
normale – nämlich bescheidene – Entlohnung von Pflege- debatte in diesem Frühjahr nachholen wollte – und das Pro-
fachkräften angesehen haben, sollte nie wieder normal jekt ausgerechnet wegen Corona bislang auf Eis liegt.
sein. Das ist schon jetzt eine der wichtigsten Lehren aus Will man die richtigen Lehren aus der Krise ziehen,
der Coronakrise. wird das Milliarden kosten. Diesmal sollten wir sofort
In Deutschland hat man sich daran gewöhnt, dass vor darüber reden, wie viel uns gute Pflege wert ist. Jedenfalls
allem diejenigen einen guten Lohn verdienen, deren Pro- wäre es keine gute Idee, für die Mehrausgaben die Reser-
duktivität sich in exportierbaren Gütern messen lässt. ven von AOK, Barmer und Co. zu plündern und irgend-
Dass eine ausgebildete Fachkraft in der Automobilindustrie wann die Beitragssätze von Gesundheits- und Pflegever-
fast doppelt so viel an Jahresbrutto erhalten kann wie sicherung zu erhöhen. So würden nur die Mitglieder der ge-
eine examinierte Fachkraft in der Altenpflege – wir hielten setzlichen Kassen bessere Pflegebedingungen finanzieren –
das für üblich. Dabei ist es nicht weniger als ein Skandal. und höhere Einkommen blieben verschont, weil die Bei-
Und wir alle haben ihn mitverschuldet. Das neue Auto gilt träge nach oben gedeckelt sind. Überproportional getroffen
weiten Teilen der Bevölkerung auch heute noch als Status- würden dagegen kleinere Einkommen – und damit ausge-
symbol, für das man gern einen Euro mehr zahlt. Wer rechnet alle Pflegekräfte und Supermarktkassierer, denen
aber hätte das bis vor Kurzem über Omas Heimplatz ge- die Gesellschaft in der Krise mehr Respekt verspricht.
sagt? Pflege sollte vor allem eines sein: nicht zu teuer. Um gesetzlich und privat Versicherte gleichermaßen
Wir haben die These verinnerlicht, dass Sorgearbeit so zu beteiligen, um schwächere Schultern zu entlasten,
gut wie gar nichts kosten darf, weil sie seit Menschengeden- gibt es nur einen Weg: In das Gesundheitssystem müssen
ken unentgeltlich erbracht wurde. Fast immer mehr Steuermittel fließen, die Pflegekasse
von Frauen. Selbst als sich die Pflege zur Pro- sollte ebenfalls durch einen Steuerzuschuss
fession wandelte, war sie beinahe umsonst zu gestärkt werden. Die Coronakrise definiert
haben, weil sie zuerst von Ordensschwestern Fatale Arbeits- neu, was uns als Gesellschaft wirklich wichtig
übernommen wurde. Heute ist die Pflege ein bedingungen sind ist. Die Sicherheit, im Falle eines Falles
komplexer Beruf, der mit der Vorstellung von gut gepflegt zu werden, gehört dazu. Wir
»Oma den Hintern abwischen« längst nichts Folge mangelnder sollten uns Oma so viel kosten lassen.
mehr zu tun hat. Doch noch immer ist es Pfle- Wertschätzung. Cornelia Schmergal

36 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Unter Partnerschaftlichkeit verstehen wir,
gemeinsam an einem großen Ziel zu
arbeiten.
Kennen Sie Michael Collins? Die wenigstens tun das. Er hat als Pilot der
Apollo-11-Kapsel Buzz Aldrin und Neil Armstrong 1969 zur ersten Mond-
landung geflogen – und wieder zurück. Für uns ist Collins eine Inspiration.
Denn als Spitzeninstitut der rund 850 Genossenschaftsbanken in Deutsch-
land glauben wir an Partnerschaften, bei denen jeder sich in den Dienst
einer großen Sache stellt, damit das gemeinsame Ziel erreicht wird.
Mehr über Partnerschaftlichkeit erfahren Sie unter: dzbank.de/haltung
Coronakrise

»Blind vor Macht«


Parlamente Noch nie haben Regierungen so weitgehend in Grundrechte eingegriffen.
In vielen Landtagen wird die Opposition zum Zuschauer degradiert.

D
er Kieler SPD-Fraktionsvorsit- In Magdeburg tagte der Landtag aus alles aufgeschoben wegen Corona. Deshalb
zende Ralf Stegner ist bekannt Angst vor Corona am 20. März ganze sind erst drei Fachausschüsse gebildet. Da-
dafür, dass er austeilen kann. 32 Minuten lang, Reden durften nicht ge- für habe er »kein Verständnis«, kritisiert
Lange gab er in der SPD den halten werden. Im Münchner Maximilia- Dennis Gladiator, Parlamentarischer Ge-
linken Miesepeter, der nörgelte und kriti- neum traf sich vor der Osterpause nur ein schäftsführer der CDU. Vor allem der Haus-
sierte, wo es nur ging. Nun, mitten in der Fünftel der bayerischen Abgeordneten zur halts- und der Gesundheitsausschuss müss-
Coronakrise, zeigt er sich plötzlich gut Plenarsitzung, streng nach Proporz. Die ten dringend eingesetzt werden, das sei
gelaunt und versöhnlich. Fraktionen haben vereinbart, nicht an- auch vor einem Koalitionsvertrag möglich.
»What a wonderful world«, twitterte er zuzweifeln, dass die Entscheidungen des »Wir haben trotz Schuldenbremse neuen
zu Ostern als Musiktipp an seine Follower. Miniparlaments gültig sind. Krediten über 1,5 Milliarden Euro zuge-
Das mag damit zusammenhängen, dass er Im Saarland haben die Parlamentarier stimmt, wir müssen jetzt begleiten können,
wieder gefragt ist. Voriges Jahr scheiterte freiwillig ihre Kontrollfunktion auf ein wie das Geld verteilt wird«, sagt Gladiator.
er mit seiner Kandidatur für den SPD-Bun- Mindestmaß beschnitten. Die für Anfang Die Linken-Fraktionsvorsitzende Cansu
desvorsitz und musste den Landesvorsitz April geplante Landtagssitzung ließen sie Özdemir fordert: »Wir wünschen uns einen
abgeben, jetzt sitzt er mit im Krisenkabinett ausfallen, das Parlament soll erst wieder regelmäßigen Austausch mit dem Senat,
der Landesregierung. Er habe Ministerprä- im Mai zusammenkommen. Stattdessen wir brauchen die Informationen, damit wir
sident Daniel Günther (CDU) angeboten, tagt hin und wieder ein Rumpfgremium weiter kritische Opposition sein können.«
nötige Corona-Maßnahmen öffentlich mit- aus sieben Abgeordneten aller Fraktionen, Ihre Fraktion fordert einen Krisenstab, in
zutragen – worauf der ihn ins Kabinett bat. das sich »Corona-Ausschuss« nennt. Re- dem auch die Opposition sitzen soll.
Für Günther zahlt es sich aus, den gierungsvertreter oder Sachverständige Manche Parlamentarier sehen es kritisch,
notorischen Kritiker einzubinden. Hand- werden per Video zugeschaltet. »Die dass nur eine Auswahl der Abgeordneten
zahm lobt der Oppositionsführer nun die an den Sitzungen teilnehmen darf. »Ich bin
Arbeit der Landesregierung. »Es läuft ver- frei gewählt und soll für Zehntausende Bür-
nünftig in Schleswig-Holstein, auch wenn
manche Bundesländer eine forschere Öf-
»Hunderte von ger aus meinem Wahlkreis sprechen, das
kann ich aber nicht, wenn ich zu Hause blei-
fentlichkeitsarbeit betreiben«, sagt Stegner.
»Markus Söder etwa hatte seine Biergärten
Fragen, die man gar ben muss«, sagt ein SPD-Abgeordneter.
Die Parlamentarier hätten jetzt »Hunderte
in Bayern noch offen, als wir Gastronomie- nicht stellen kann.« von Fragen, die man aber gar nicht stellen
betriebe schon geschlossen hatten.« kann, weil es keine Ausschüsse gibt«. Er
Für knallharte Oppositionsarbeit, findet spricht von einer »gefährlichen Mischung:
Stegner, würde man zurzeit ohnehin eher Regierung steht im Moment naturgemäß Beschränkte Grundrechte und eine be-
bestraft. Denn Krisen gelten als Stunde im Mittelpunkt«, so begründet Parlaments- schränkte parlamentarische Vertretung.«
der Exekutive. In vielen Bundesländern präsident Stephan Toscani (CDU) die ge- Der baden-württembergische Landtag
rutschen Parlamentarier vor allem in der drosselte Aktivität des Landtags. hat zuletzt am 19. März getagt, damit die
Opposition jetzt ins Abseits. Ihr Konflikt: In Hamburg konstituierte sich die neue grün-schwarze Regierung von Winfried
Sie sollen, im Kampf gegen die Pandemie, Bürgerschaft am 18. März nur mit gut der Kretschmann Kredite in Höhe von fünf
die Regierungen unterstützen und gleich- Hälfte der Abgeordneten, das reicht, um Milliarden Euro aufnehmen kann. Dafür
zeitig kontrollieren. beschlussfähig zu sein. So sollten unnötige wurde die Schuldenbremse umgangen,
Unternehmen schicken Mitarbeiter in Kontakte reduziert werden. Präsidentin indem die Abgeordneten die Coronakrise
Kurzarbeit, Selbstständigen droht die Plei- Carola Veit (SPD) verbat sich in ihrer An- als »Naturkatastrophe« einstuften.
te – wer will da Hilfspakete und Rettungs- trittsrede »Genöle« und sagte: »Es ist die »Ab diesem Zeitpunkt waren wir für die
schirme verweigern? Wer gegen strenge Zeit des Vertrauens in Expertenwissen und Landesregierung uninteressant«, sagt der
Maßnahmen sein, die Menschen vor dem in eine kompetente Verwaltung.« CDU- SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Stoch.
Corona-Tod bewahren sollen? Oppositionsführer Dennis Thering sekun- Das Kabinett habe die Opposition anfangs
Doch in einer Demokratie geht es noch dierte, es sei »unser aller Verantwortung, viel zu wenig über die Corona-Maßnah-
um mehr. Wer sonst soll überwachen, was die Beschlüsse und deren Umsetzung mit- men informiert. Der Landtag hätte bislang
mit den Milliarden geschieht, die gerade zutragen und zu unterstützten«. keine Möglichkeit gehabt, über die weit-
überall ausgereicht werden? Wer soll stopp Die meisten Fraktionen versuchen, Par- reichenden Einschränkungen zu disku-
sagen, wenn Einschnitte in die Grundrechte lamentsanfragen zu vermeiden, um die Ver- tieren, geschweige denn zu entscheiden,
unverhältnismäßig werden? waltung nicht zu überlasten, dabei ist das so Stoch. »Wir Abgeordnete wurden zu
Die Parlamente, in der Krise gefordert, Fragerecht ein wichtiges parlamentarisches Zuschauern degradiert.«
tagen derzeit nur eingeschränkt. Sitzungs- Kontrollinstrument. Dafür hätten sie der- Die Parlamentarier verfügten nur über
zeiten werden gekürzt, um die Abgeord- zeit einen direkten Draht in den Senat, sa- Informationen, die sie »aus den Medien«
neten zu schützen, Tagesordnungen auf gen Abgeordnete. Seit der Bürgerschafts- oder »mit erheblicher Verzögerung« von
Corona-Themen zusammengestrichen. So- wahl am 23. Februar haben noch keine der Landesregierung« erhielten, kritisierte
gar Anfragen von Abgeordneten werden Koalitionsverhandlungen zwischen den der SPD-Mann in einem Brief an die an-
mancherorts zurückgehalten. Wahlsiegern SPD und Grüne stattgefunden, deren Fraktionsvorsitzenden und forderte

38 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


ken und Bauchschmerzen«, sagte der Fi-
nanzpolitiker der Linken, Jan Schalauske.
Die Regierung dürfe das keinesfalls als
Blankoscheck verstehen, mahnten Abge-
ordnete von SPD und FDP.
Wie wichtig eine wache Opposition ge-
rade in Krisenzeiten ist, ließ sich zuletzt
in Nordrhein-Westfalen beobachten. Vor
drei Wochen legte die schwarz-gelbe
Regierung von Armin Laschet (CDU) im
Eiltempo ein »Gesetz zur konsequenten
und solidarischen Bewältigung der Covid-
19-Pandemie« vor, mit weitreichenden
Ermächtigungen.
An einem Samstagabend habe er den
Gesetzentwurf aus der Staatskanzlei per
Mail erhalten, »47 Seiten, ohne jede Vor-
ankündigung«, erzählt Oppositionsführer
Thomas Kutschaty (SPD). »Als ich das las,
ging mir erst einmal die Kinnlade runter.«
Der Entwurf sei »stümperhaft« gewesen,
»juristische Grütze«, und ein Beispiel dafür,
»was man machen muss, um mit einem
Gesetz vor dem Verfassungsgericht zu
scheitern«. So redet Kutschaty heute.
An jenem Abend jedoch, als er be-
schloss, das Gesetz hart anzugehen,
»dachte ich aber auch, wenn du das
machst, bist du dann der Quengler, der
die Unterstützung verweigert?«. Kutscha-
ty schickte Laschet einen 14-seitigen Brief
mit Änderungsvorschlägen, unter ande-
rem zum Passus, mit dem medizinisches
Personal bei Epidemien zwangsverpflich-
tet werden sollte, auch Experten kriti-
sierten das. Krisenzeiten müssten »auch
Zeiten der Opposition« sein, damit »die
Regierenden nicht blind werden vor
Macht«, sagt Kutschaty.
Diese Woche wurde das Epidemie-
Gesetz verabschiedet, mit Korrekturen.
Statt Zwangsverpflichtungen gibt es nun
eine Art Freiwilligenregister für Kranken-
häuser oder Pflegeheime. Die Regierung
zeigte sich kompromissbereit und kippte
auch den Plan, im Notfall Medikamente
und Geräte bei Privatpersonen beschlag-
CHRISTIAN CHARISIUS / DPA

nahmen zu können.
So manches wird da derzeit schnell ge-
strickt – und geht schief. Niedersachsens
Gesundheitsministerin Carola Reimann
(SPD) erließ am 2. April eine Neufassung
ihrer Corona-Verordnung. Eigentlich ging
Großer Festsaal im Hamburger Rathaus vor Bürgerschaftssitzung: »Gefährliche Mischung« es darum, die Baumärkte wieder zu öff-
nen. Doch im Text stand nun auch: »Kon-
takte innerhalb der eigenen Wohnung und
Sondersitzungen der Ausschüsse für Inne- gestrichen wird? Auch hier lockerten die auf dem eigenen Grundstück sind auf die
res, Soziales und Wirtschaft. Nach seiner Abgeordneten die Schuldenbremse, um Angehörigen des eigenen Hausstandes
Intervention tagten die Ausschüsse für das Corona-Hilfspaket der Landes- beschränkt.« Sollte nun auch der Besuch
schließlich per Videoschalte. »Die kri- regierung Bürgschaften und Sofortpro- enger Angehöriger untersagt werden?
tische Bewertung der Regierungsarbeit gramme in Höhe von 8,5 Milliarden Euro Die Opposition lief Sturm, die Ministe-
durch das Parlament muss möglich sein«, freizumachen. rin nahm das Verbot zurück. »Diese Ver-
sagt Stoch. Die Opposition wollte nicht als Verhin- ordnung war ganz offensichtlich verfas-
Doch wie geht das, wenn wie in Hessen derer dastehen. Doch vielen Abgeordne- sungswidrig«, sagt FDP-Fraktionschef
die letzte reguläre Sitzungswoche vor den ten fiel es schwer, der Landesregierung so Stefan Birkner. Die Politik regiere derzeit
Osterferien von vier Tagen auf einen Tag viel Geld zum weitgehend freihändigen mittels Verordnungen, dadurch habe die
verkürzt und der Großteil der Debatten Verteilen zu überlassen. Er habe »Beden- Landesregierung nun Gesetzesvollmacht,

39
Coronakrise

»ohne sich einer kritischen Debatte stellen


zu müssen«, sagt Birkner.
»Vieles, was die Regierung macht, ist
nachvollziehbar«, sagt der Grüne Stefan
»Titanic« des Fortschritts
Wenzel, Vorsitzender des Haushaltsaus- Krankenhäuser Sars-CoV-2 kann einen überall erwischen –
schusses, »aber vieles ist auch fragwürdig.«
Deshalb brauche es »gerade jetzt hand- sogar auf der Hochsicherheitsstation der Hamburger Uniklinik.
lungsfähige Parlamente«. Insider berichten von Leichtsinn und Schlamperei.
In Berlin hat kürzlich Bundestagspräsi-
dent Wolfgang Schäuble (CDU) für Auf-
sehen gesorgt: Er wollte die Verfassung
ändern, damit auch im Fall einer Pandemie
ein »Notparlament« tätig sein könne. Das
Grundgesetz sieht einen solchen »Gemein-
S ie ist der Stolz des Hamburger Uni-
klinikums (UKE), die Leukämie-
station C5A: ein Hightech-Trakt für
Menschen, die um ihr Leben kämpfen.
te. Wenn stimmt, was sie aus der Onkolo-
gie und anderen Abteilungen berichten,
herrschten Schlamperei und Leichtsinn im
Alltag der Hamburger Uniklinik.
samen Ausschuss« mit 48 Mitgliedern aus Spezialfilter reinigen die Luft von Keimen, Mit ihrem Namen wollen sie im
Bundestag und Bundesrat bislang nur für auch das Wasser wird eigens aufbereitet. SPIEGEL nicht auftauchen – Mitarbeiter
den Fall eines Krieges vor. Die Hygienestandards sind, so die UKE- aus Angst vor beruflichen Konsequenzen,
In manchen Bundesländern werden ähn- Website, verschärft. Nichts schien hier zu Krebspatienten aus Sorge, dass sie bei
liche Diskussionen geführt. In Sachsen- gut, zu streng, zu teuer; José Carreras, spa- ihren nächsten Behandlungszyklen im
Anhalt streitet sich die Keniakoalition über nischer Startenor, einst selbst an Blutkrebs UKE nicht mehr gut gelitten sein könnten.
die Idee, den Ältestenrat als Notparlament erkrankt, hatte mit seiner Stiftung die C5A Ein UKE-Bediensteter berichtet vom
für Pandemiebeschlüsse einzusetzen, sollte großherzig gesponsert und kam 2011 zur Wochenende des 14. und 15. März. Ein
der Landtag nicht mehr beschlussfähig sein. Eröffnung. Patient sei mit Verdacht auf Lungen-
Die CDU-Fraktion unterstützt den Vor- Nun aber ist der Stolz angeknackst, der entzündung und Fieber in die Notaufnah-
schlag, ebenso die Grünen, auch die AfD ist gute Ruf auch. In der Onkologie waren me gekommen. Der Mann sei auf Covid-
dafür. Doch der Koalitionspartner SPD lehnt 20 Patienten mit Corona infiziert, außer- 19 getestet worden, das Ergebnis habe
ihn ohne eine Verfassungsänderung ab. dem rund 20 Mitarbeiter – Ärzte, Pfleger, noch nicht vorgelegen. Trotzdem habe die
In Sachsen wollte Landtagspräsident eine Putzfrau. Der Skandal: Das Virus Ärztin der Notaufnahme den Mann auf
Matthias Rößler (CDU) ein nur 21-köpfiges hat es auch in den fünften Stock geschafft, die Lungenstation weiterschicken wollen,
Notparlament zusammenkommen lassen, auf die C5A. Plötzlich wirkt diese Wun- die im selben Haus wie die Onkologie
als im März die Corona-Infektionen nach derwelt der Keimfreiheit wie eine »Tita- sitzt.
oben schnellten und im Land Veranstaltun- nic« des medizinischen Fortschritts – an- Auch auf der Lungenstation liegen Pa-
gen mit mehr als hundert Personen unter- geblich über alle Zweifel erhaben, aber im tienten, die einem Virus kaum etwas ent-
sagt wurden. Alle Parteien fanden das Ernstfall nicht zu retten. Wie konnte das gegenzusetzen haben, etwa nach einer
gut, nur die AfD bestand darauf, dass alle passieren? Lungentransplantation. Nur weil die Ärz-
119 Abgeordneten zur Sitzung erscheinen. Um eine Antwort bemühten sich am tin dieser Station sich geweigert habe, den
»Perfide« sei es, »angesichts der Corona- Mittwochnachmittag zwei leitende Ärzte Notfall ohne negativen Covid-Test auf-
Pandemie Tausende Bürger weiter in ihren und ein Klinikmanager in einer Presse- zunehmen, sei er nicht dort gelandet, sagt
Betrieben arbeiten zu lassen und gesund- konferenz. Am Abend vorher hatte der der Mitarbeiter.
heitlichen Gefahren auszusetzen«, sagte SPIEGEL die Infektionswelle publik ge- Um den 18. März habe es dann die ersten
AfD-Fraktionschef Jörg Urban. »Gleich- macht. Offenbar hatte sich das UKE, das beiden Patienten mit Covid-19 in diesem
zeitig soll sich das sächsische Parlament seit neun Tagen das Desaster kannte, still Haus gegeben. Zu diesem Zeitpunkt seien
abducken, bei vollem Bezug der Gehälter?« aus der Affäre ziehen wollen. So klangen immer noch Patienten in die Onkologie ge-
25 Politiker ließen sich an diesem auch die Erklärungen keineswegs zer- kommen, ohne getestet zu werden. Eine
18. März entschuldigen, Ministerpräsident knirscht, sondern so krisenfest wie die weitere UKE-Kraft bestätigt das. Sie berich-
Michael Kretschmer (CDU) sagte, die Bordkapelle auf der sinkenden »Titanic«. tet von einem Krebspatienten, der um den
Sitzung sei »unverantwortlich«. Die AfD Von Fehlern keine Rede, das UKE habe 20. März auf der Station 4C lag, der Station
solle das Wohl der Mehrheit sehen, statt professionell reagiert, die infizierten Pa- für Privatpatienten. Er habe sich gewun-
ihr eigenes Spiel zu machen. Im Protokoll tienten auf eine spezielle Station für co- dert, dass er bei der Aufnahme nicht getes-
steht: »lebhafter Beifall«. Vorige Woche vid-positive Tumorpatienten verlegt und tet wurde, und zwei Schwestern gefragt, ob
tagte das Parlament nun im benachbarten sie auch weiter gegen Krebs behandelt. so ein Test nicht Standard sei. Die Schwes-
Congress-Center, damit genügend Abstand Den meisten gehe es gut, nur drei Patien- tern hätten ihn abgewimmelt. Er solle sich
zwischen den Parlamentariern eingehalten ten seien noch auf der Intensivstation. nicht in ärztliche Belange einmischen, bei
werden konnte. Mindestens zwei Drittel Carsten Bokemeyer, Direktor der On- Symptomen werde getestet. Sonst nicht.
von ihnen mussten zustimmen, um die kologie, stellte das Wüten des Virus sogar Der neue Patient sei in ein Zweibett-
Schuldenbremse zu lockern. So gab es eine als Chance dar: Künftig werde man mehr zimmer gekommen, zusammen mit einem
Premiere: die erste Parlamentssitzung in und mehr Patienten sehen, die beides hät- älteren Mann, der ständig gehustet habe.
einem deutschen Landtag komplett mit ten, Covid-19 und Krebs. »Wir bauen die Wie es heißt, empörte sich der Neuzugang,
Mundschutz. Aus Stoff, so hatte es der Expertise für covid-positive Krebspatien-
Landtag bestimmt, damit keine Masken ten auf.« Wie das Virus in die Onkologie
verschwendet würden, die Kliniken und
Altenheime so dringend brauchen.
kam, ist bislang ungeklärt. Dazu könne
man nichts Genaues sagen, so Johannes
Sie wussten nun,
Matthias Bartsch, Felix Bohr, Annette Knobloch, Leiter der Krankenhaushygie-
ne.
wie die Lage war:
Bruhns, Lukas Eberle, Jan Friedmann,
Annette Großbongardt, Hubert Gude, Mehrere Mitarbeiter, Patienten, Ange- möglicherweise
Christopher Piltz, Steffen Winter hörige haben dagegen eine recht genaue
Vorstellung, wie es so weit kommen konn- lebensgefährlich.
40
CHRISTIAN CHARISIUS / DPA
Direktor Bokemeyer (r.) auf Pressekonferenz: »Wir bauen Expertise auf«

er schlafe nachts mit einem Schal um den ben gegen 21 Uhr, war klar: Die C5A hatte kontrolliert und ruhig«. Über den Ausbruch
Kopf, weil er Angst um sein Leben habe. sieben Fälle. in eigenen Haus verlor sie hingegen kein
Eine Schutzmaske sei ihm verweigert wor- Sie kamen auf eine eigene Isolations- Wort.
den. Wieder habe er eine Schwester ge- station für Krebskranke mit Covid-19, wie Wer wann was wusste und wer mög-
fragt, ob wenigstens sein hustender Bett- auch die infizierten Patienten aus anderen licherweise nicht, könnte ebenfalls zu der
nachbar getestet worden sei; wieder habe UKE-Krebsstationen. Sie wussten nun, vom Senat angekündigten Prüfung gehö-
er zu hören bekommen, er solle sich nicht wie die Lage war: möglicherweise lebens- ren. Auf die Frage des SPIEGEL, wann und
in ärztliche Dinge einmischen. gefährlich. Doch offenbar nicht jeder, der durch wen Peter Tschentscher, Regierungs-
Erst nachdem die Klinik am 5. April die sich der Gefahr bewusst sein sollte, wurde chef der Hansestadt, von der Infektions-
Infektionswelle bemerkt hatte, änderte sie vom UKE informiert. welle im UKE erfahren habe, antwortete
ihre Praxis. Heute, sagte Onkologiedirek- Eine Frau, die kurz vor der Infektions- Senatssprecher Marcel Schweitzer: »Der
tor Bokemeyer in der Pressekonferenz, welle aus der Hochsicherheitsstation ent- Erste Bürgermeister wurde am Abend des
werde jeder Neuzugang »konsequent« auf lassen worden war und nachweislich Kon- Dienstag, 14. April, vom Senatssprecher
Covid-19 untersucht. Warum nicht früher, takt zu später Infizierten hatte, erfuhr per auf einen Artikel des SPIEGEL aufmerk-
das erklärte Bokemeyer nicht. Zufall von dem Corona-Ausbruch auf der sam gemacht.«
Der Ehemann einer Patientin von der Leukämiestation: als sie eine Mitpatientin Und die grüne Wissenschaftssenatorin
Station C5A berichtet, dass die Hygiene- anrufen wollte, die inzwischen mit Covid- Katharina Fegebank ging gegenüber dem
regeln lange nicht besonders streng ge- 19 auf der Intensivstation lag. SPIEGEL auf Distanz zur UKE-Führung:
wesen seien. Er habe seine Hände desinfi- Das UKE ließ einen Fragenkatalog zu »Die Senatorin war über die zuletzt berich-
zieren und eine Schutzmaske tragen müs- den Vorwürfen bis Redaktionsschluss tete Häufung der Fälle nicht informiert«,
sen. Aber keinen Schutzanzug, die Schuhe unbeantwortet. Auf der Pressekonferenz so ihr Sprecher am Donnerstag. Dabei
ohne Überzug. am Mittwoch hatten die Verantwortlichen stand sie, auch in Sachen Corona, »in
Am 19. März erließ das UKE dann ein betont, dass sie standardisiert vorgegangen laufendem Austausch mit dem Ärztlichen
strenges Besuchsverbot für das gesamte seien, auf Basis der hygienischen Regelun- Direktor des UKE«. Eine entsprechende
Klinikum. Noch am 18. März sei ein Ama- gen des Robert Koch-Instituts. Information wäre jedoch «wünschens-
zon-Bote ungehindert bis vor die Stations- Das dürfte auch den Hamburger Senat wert« gewesen.
tür in den fünften Stock gekommen, um noch beschäftigen. Der ließ nach der UKE- Die UKE-Ärzte hatten in ihrer Presse-
seiner Frau ein Paket zu bringen, berichtet Pressekonferenz mitteilen, man werde die- konferenz am Mittwoch betont, dass das
der Ehemann. se Umstände prüfen. Gesundheitsamt korrekt und sofort infor-
Schon am 30. März hätten seine Frau Die Politiker wird wohl auch beschäfti- miert worden sei, über jeden Fall und auch
und andere Patienten zu husten begonnen, gen, was am 8. April passierte, zu einem darüber, dass es sich um eine Häufung von
sie sei aber nicht getestet worden. Erst Zeitpunkt, als die Infektionen intern schon Fällen handle. Auch das will sich der Senat
als sich am 5. April herausstellte, dass ein seit drei Tagen bekannt waren. An diesem nun genau anschauen.
Pfleger infiziert war, ließ die Klinik die Tag trat die UKE-Chefinfektiologin Mary- Annette Bruhns, Jürgen Dahlkamp,
ganze Leukämiestation auf Covid-19 tes- lyn Addo vor die Presse und bezeichnete Gunther Latsch
ten. Am selben Abend, nach UKE-Anga- die Corona-Lage in Hamburg als »stabil,

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 41


Coronakrise

Hilfe für
daheim
Patienten Um Kranke zu
versorgen, setzt die Uniklinik
Heidelberg auf ein neues
Konzept: die Corona-Taxis.

D ie Untersuchung hat gut zehn Mi-


nuten gedauert, mit dem Ergebnis
ist Maria Lommatzsch zufrieden.
»Die Symptome sind zurückgegangen«,

PETER JUELICH / DER SPIEGEL


sagt die Stationsleiterin am Universitäts-
klinikum Heidelberg.
Lommatzsch steht unter der geöffneten
Heckklappe eines Kleinbusses am Straßen-
rand und steckt zwei Röhrchen mit Blut-
proben in einen Reagenzglasständer. Dann
schält sie sich aus ihrer Schutzkleidung. Pflegerin Lommatzsch, Studentin Eisenhart Rothe: »Noch nicht über den Berg«
Einwegkittel, Gummihandschuhe und OP-
Haube fliegen in einen schwarzen Abfall-
eimer im Wagen. »Der Patientin geht es tomen genau beobachten und ihre Blut- Lommatzsch und die Studentin Franziska
besser als gestern, aber sie ist noch nicht werte kontrollieren, so Kräusslich. So von Eisenhart Rothe fährt.
über den Berg«, sagt Lommatzsch. könnten gefährdete Patienten rechtzeitig Manges hat die Vermessungsgeräte aus
Lommatzsch war zusammen mit einer in die Klinik eingewiesen werden. dem VW-Bus geräumt, Körbe mit medi-
Medizinstudentin in der Wohnung einer Innerhalb weniger Tage bauten der zinischem Material und Schutzkleidung
jungen Frau in einem Vorort von Heidel- Virologe und sein Team ein ambulantes kamen hinein. Die Studentin kann sich
berg. Die Patientin hatte vor gut einer Versorgungs- und Früherkennungssystem den Einsatz im Corona-Taxi als prakti-
Woche erste Anzeichen einer Covid-19- auf. Das Gesundheitsamt des Rhein- schen Teil ihres Studiums anerkennen las-
Erkrankung bemerkt. Einige Tage später Neckar-Kreises liefert die Daten der Per- sen. Viele Studierende aus höheren Semes-
wurden die Symptome heftig: extreme sonen, die in Heidelberg und Umgebung tern seien nach einigen Tagen Einweisung
Kraftlosigkeit, Schwindel, trockener Hus- positiv auf das Coronavirus getestet wer- so fit, dass sie auch allein auf Tour gehen
ten, sie konnte nichts mehr schmecken. den. Studierende der Medizin, die sich laut könnten, sagt Lommatzsch.
Wäre niemand vorbeigekommen, hätte Kräusslich zu Hunderten freiwillig gemel- Im Moment schaffe es die Uniklinik, mit
sich die Frau wohl in eine Klinik bringen praktisch allen positiv Getesteten aus
lassen, glaubt Lommatzsch. Die Unter- Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis
suchung in der eigenen Wohnung habe sie
beruhigt und dafür gesorgt, dass ein Klinik-
Wem es sehr in Kontakt zu bleiben. Sollten die Infek-
tionszahlen stark steigen, werde man sich
bett für schwerere Fälle frei bleiben konn-
te. »Sie ist erleichtert, dass wir jeden Tag
schlecht geht, erhält vor allem auf die über Siebzigjährigen kon-
zentrieren, sagt die Klinikärztin Theresa
kommen«, sagt Lommatzsch. sofort Besuch. Hippchen. Sie und eine Kollegin koordi-
Die Hausbesuche der erfahrenen Kran- nieren die Einsätze und entscheiden zu-
kenpflegerin sind Teil eines improvisierten sammen mit den Taxiteams, ob ein Trans-
Versorgungsmodells, über das schon die det haben, wurden für den Einsatz in port in die Klinik nötig wird.
»New York Times« berichtet hat – als einem Callcenter geschult. Sie sollen mit Die bisherigen Erfahrungen seien posi-
Beispiel für die Leistungen des deutschen den Infizierten telefonieren, nach Vorer- tiv, sagt Hippchen. Die Ressourcen in der
Gesundheitssystems in der Coronakrise. krankungen fragen und täglich mithilfe Klinik würden auf diejenigen Kranken
Inzwischen sind bereits Anfragen von Kli- einer Checkliste den Krankheitsverlauf konzentriert, die eine stationäre Versor-
niken und Behörden aus vielen Teilen der abklären. gung wirklich benötigten. Zugleich habe
Welt in Heidelberg eingetroffen. Wem es sehr schlecht geht, der erhält man auch Patientinnen und Patienten im
Ausgangspunkt der Initiative war eine sofort Besuch von den Helfern. Zu allen Blick, die trotz Luftnot und Fieber zu
Beobachtung zum Krankheitsverlauf: »In anderen fährt das »Corona-Taxi« in der Hause blieben und in der kritischen Pha-
einer signifikanten Zahl von Fällen verän- kritischen Phase am Ende der ersten se keinen Kontakt zu ihren Hausärzten
dert sich das Krankheitsbild nach ungefähr Krankheitswoche. hätten.
sieben Tagen sehr rasch und gravierend«, Das Projekt startete am 17. März mit Gerade ältere Patienten neigten dazu,
sagt der Heidelberger Virologe Hans- einem Kleinbus, nun seien täglich bis zu ihren Zustand besser einzuschätzen, als er
Georg Kräusslich. Manche Patienten, die acht Fahrzeuge unterwegs, sagt Kranken- sei. Manche interpretierten ihre Atemnot
sich am Morgen noch halbwegs fit fühlten, pflegerin Lommatzsch. Das Vermessungs- als harmloses Erkältungssymptom. »Wenn
seien am Abend schon ein Fall für das amt des Landkreises stellt Fahrzeuge und wir die nicht aktiv aufsuchen, kommen sie
Beatmungsgerät. Fahrer. »Unser Außendienst ist wegen im Zweifel erst viel zu spät in die Klinik.«
Deshalb müsse man die Infizierten Corona sowieso unterbrochen«, sagt der Matthias Bartsch
etwa eine Woche nach den ersten Symp- Vermessungshelfer Frank Manges, der

42 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


vr.de

möglich.
Und
Wir finden, die Welt braucht mehr Zuversicht.
Deshalb unterstützen wir alle, die den Mut haben,
ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.
Die Anpacker und Fortschritt-in-Gang-Bringer, die
Unternehmen gründen und führen und die das
Tal zum Valley machen – oder zur Weide.
Gemeinsam schauen wir nach vorn und sagen:
Morgen kann kommen. Wir machen den Weg frei.
Deutschland

Erfunden und
übertrieben
Helden Helmut Schmidt erlebt eine Renaissance. Der verstorbene
Altkanzler steht seit der Hamburger Flutkatastrophe
im Ruf, Deutschlands bester Krisenmanager gewesen zu sein.
Doch daran kommen Zweifel auf.

K napp fünf Jahre nach dem Tod Hel-


mut Schmidts spüren viele eine
Sehnsucht nach dem Altkanzler.
Seitdem die Corona-Pandemie Deutsch-
oder DDR-Flüchtlinge untergekommen
waren. Die Menschen krallten sich an
Schornsteinen und Dächern fest oder
kletterten auf Bäume. Rund 20 000 Ham-
land im Griff hat, ist der »Großmeister burger wurden obdachlos, 315 starben.
deutschen Krisenmanagements« (»Tages- Doch es hätte noch schlimmer kommen
spiegel«) omnipräsent. Das Publikum de- können. Und der 43 Jahre alte Polizei-
battiert via Twitter, wer vom gerade han- senator Helmut Schmidt (SPD) erwarb
delnden Politikerpersonal sich wohl mit sich den Ruhm, eine größere Katastrophe
dem Regierungschef der alten Bundesre- verhindert zu haben.
publik messen könnte. Er war in der Nacht von einer Konfe-
Leitartikler erinnern voll Wehmut an renz aus West-Berlin zurückgekommen;
den Mann, »der nicht lange gefackelt« von der Sturmflut erfuhr er erst am frühen
habe (»Frankfurter Allgemeine«), den »kri- Morgen durch den Anruf eines Beamten.
sengestählten und besonnenen« Sozial- Sofort brauste Schmidt am Steuer seines
demokraten (»Welt«), den »großen Retter Dienstwagens »unter Verletzung sämt-
Hamburgs« (»Handelsblatt«). Und sobald licher Verkehrsregeln« (Schmidt) in die
die Corona-Bekämpfung hakt, steht die Polizeibehörde. Dort fand er den provi-
Frage im Raum: »Wo ist der neue Helmut sorischen Katastrophendienststab vor, der
Schmidt?« (»Wirtschaftswoche«). Schmidt zufolge völlig überfordert war
Aber war Schmidt wirklich so großartig, (»lauter aufgeregte Hühner«).
wie er auch selbst gern erzählte? Oder hat Um sich einen Überblick zu verschaffen,
er heftig angegeben? schwang er sich in einen Hubschrauber Polizeisenator Schmidt (r.) beim Rundflug
Der Blick geht zurück in die kalten Fe- und flog das Katastrophengebiet ab, in
bruartage 1962, als der Orkan »Vincinette« dem laut Schmidt Tausende auf den Dä-
über die Nordsee hinwegfegte und gigan- chern in eisiger Kälte ausharrten. So hat es Helmut Schmidt im Kern im-
tische Wassermassen in die Elbmündung Da Bürgermeister Paul Nevermann auf mer wieder geschildert, so haben es be-
drückte. Auch damals ging es um Leben Kur war, zog Schmidt – einst Oberleutnant geisterte Wegbegleiter, Wissenschaftler,
und Tod, um den Kampf gegen eine tücki- der Wehrmacht – das Krisenmanagement Journalisten aufgeschrieben, auch für
sche Natur, um Behörden, die schlecht vor- an sich. Er rief Admiral Bernhard Rogge den SPIEGEL. Schließlich wünscht man
bereitet waren, um den Verlust des »Glau- an, dem in Kiel das Wehrbereichskomman- sich einen solchen Politiker in einer
bens an die Sekurität«, wie der SPIEGEL do I unterstand. Schmidt ließ sich auch mit Krise: zupackend, entschlusskräftig, un-
schrieb, weil eine moderne Millionen- Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad erschrocken, wenn es um Menschen-
metropole sich als so wehrlos erwiesen verbinden und bat beide Militärs um Hilfe: leben geht. »Charakter zeigt sich in der
hatte »wie ein Pfahldorf«. Er brauche Hubschrauber, Schlauchboote, Krise«, lautet ein viel zitiertes Bonmot
Am Abend des 16. Februar, einem Frei- Sturmboote, Pioniere. Beide lieferten. Schmidts.
tag, war die mit fast sechs Metern höchste Laut Schmidt verstieß ein solcher Ein- Aber war es auch so?
Flut seit Beginn der Pegelmessungen den satz der Bundeswehr im Innern zwar ge- Der Historiker Helmut Stubbe da Luz
Elbstrom hinaufgerollt. Die Behörden hat- gen gültiges Recht, doch das habe er in von der Helmut-Schmidt-Universität der
ten Warnungen nicht ernst genommen. Kauf genommen: »Wir haben ganz sicher- Bundeswehr in Hamburg forscht und
Bald nach Mitternacht begann das Rennen lich das Grundgesetz verletzt, wir haben publiziert seit Jahren über Schmidt und
ums nackte Leben. An rund 60 Stellen bra- ganz sicherlich – bewusst – die Hambur- die Flutkatastrophe. Im Herbst plant er
chen in den folgenden Stunden die Deiche gische Verfassung verletzt, und wir haben eine Ausstellung zum Krisenmanagement
und Dämme der Hansestadt, ungefähr ein auch das Strafgesetzbuch übertreten.« des verstorbenen Regierungschefs.
Fünftel des Stadtgebiets wurde von den Stubbe da Luz hat in Archiven recher-
braunen Fluten überschwemmt. chiert, die interne Aufarbeitung der Kata-
Am schlimmsten traf es den Stadtteil strophe rekonstruiert, die Rechtslage 1962
Wilhelmsburg, Europas größte Flussinsel. Kaum etwas lief so analysiert. Sein Befund ist ernüchternd.
Das Wasser schoss in die Keller der Wohn- dramatisch ab, wie es Die Schmidt-Saga hält einer kritischen
blocks und zermalmte die Gartenhäuschen Überprüfung nicht stand. »Vieles ist stark
und provisorischen Behausungen, in de-
die schmidtsche übertrieben, manche Angaben sind erfun-
nen Ausgebombte des Zweiten Weltkriegs Heldensaga darstellt. den«, sagt er.

44
Auch dem Hilferuf an die Bundeswehr
kam nicht die Bedeutung zu, die Schmidt
behauptete. Als er zum Hörer griff, halfen
bereits Tausende Soldaten in Bremen, Nie-
dersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg.
Schmidt war weder der erste noch einzige
Politiker, der bei der Bundeswehr anfragte.
Immerhin sorgte er dafür, dass die Militärs
ihre Hilfe für Hamburg verstärkten.
Und wer immer auch in der Corona-
krise das Grundgesetz umgehen wollte,
könnte Schmidts Handeln in der Flutkata-
strophe nicht als Präzedenzfall ins Feld
führen, dessen nonchalanten Erzählungen
zum Trotz (»Ich habe das Grundgesetz
nicht angeguckt in jenen Tagen«).
Denn für den Einsatz der Bundeswehr
gab es 1962 sehr wohl Regeln. Eine Zen-
trale Dienstvorschrift der Bundeswehr
bestimmte, dass »alle Truppenteile und
Dienststellen zur Hilfeleistung bei Kata-
strophen eingesetzt werden« können. Sol-
daten hatten denn auch vor 1962 bei Über-
schwemmungen des Rheins oder Wald-
bränden in Niedersachsen angepackt.
Unmittelbar nach der Flutkatastrophe

GUNNAR BRUMSHAGEN / HAMBURGER ABENDBLATT


betonte Schmidt noch, er habe sich an
Recht und Gesetz gehalten. Erst später
rückte er von dieser Version ab. Die De-
batte über die Notstandsverfassung hatte
Tempo aufgenommen, und Schmidt – ein
Befürworter der Notstandsgesetze – ver-
wies nun auf seine angeblichen Erfahrun-
gen mit der Bundeswehr in einer Katastro-
phensituation. Damit ließ sich anscheinend
schlüssig begründen, dass eine Änderung
des Grundgesetzes notwendig sei.
am 17. Februar 1962: »Lauter aufgeregte Hühner« Die Entdeckungen von Stubbe da Luz
passen in ein Bild, das sich zuletzt heraus-
kristallisiert hat. Schmidt ist als Zeuge in
Der Anruf des Hamburger Senators bei noch Jahrzehnte später dagegen verwahr- eigener Geschichte nicht sonderlich ver-
Nato-Oberbefehlshaber Norstad etwa ist te, dass Schmidt ihn und seine Leute öf- lässlich; erst vor einigen Jahren stellte sich
demnach eine Mär. Schmidt hatte unter- fentlich als unfähig darstellte. heraus, dass manche Angaben zu seinem
schiedliche Versionen verbreitet. Mal er- Machte Schmidt seine Mitarbeiter run- Leben in der Nazizeit nicht stimmen kön-
zählte er, er habe das Hauptquartier der ter, um selbst zu glänzen? nen (SPIEGEL 49/2014).
US-Streitkräfte in Heidelberg angerufen. Der Senatssyndikus Johannes Birck- Bei der Flutkatastrophe sind seine Mo-
Dann wollte er »alle Befehlshaber in Mit- holtz, ein langjähriger Begleiter Schmidts tive leicht zu durchschauen. Er hatte we-
teleuropa« auf Trab gebracht haben. Nach und dessen Verwaltungschef, räumte in nige Wochen vor der Flut den Posten als
Jahrzehnten tauchte der Name Norstad nicht öffentlicher Sitzung vor dem Sonder- Polizeisenator übernommen. Niemand
auf, mit dem sei er lose befreundet gewe- ausschuss der Hamburger Bürgerschaft machte ihn für den schlechten Zustand
sen, sagte der Politiker. später ein, die Krisenkoordination habe der Deiche verantwortlich, warf ihm vor,
100 Hubschrauber wollte Schmidt ver- bereits funktioniert, als Schmidt am Mor- dass die Katastrophenschutzpläne nichts
langt haben, 90 habe er auch erhalten. gen aufschlug; dieser habe lediglich »die getaugt hatten, fragte nach, warum es in
Dabei flogen in Hamburg gerade einmal ganze Sache etwas mehr in Schwung Bremen besser gelaufen war. Stattdessen
21 US-Helikopter Einsätze. Und nichts gebracht«. erwarb er in wenigen Tagen den Ruf eines
weist in den vielen Dokumenten, die die- So sieht es auch Historiker Stubbe da Machers, der ihn fortan begleitete und
sen Einsatz begleiteten, auf ein Eingreifen Luz. Schmidt leitete den Katastrophen- 1974 ins Kanzleramt trug.
Norstads und Schmidts hin. einsatzstab erfolgreich, »nicht weniger, Gelegentlich allerdings scheint ihm die
Im Fall des provisorischen Katastrophen- aber auch nicht mehr«. selbst verursachte Verehrung doch etwas
dienststabs wirft Stubbe da Luz Schmidt Kaum etwas lief so dramatisch ab, wie zu viel geworden zu sein. Als zwei Abitu-
sogar »üble Nachrede« vor. Die Schutz- es die schmidtsche Heldensaga darstellt. rientinnen ihn Jahrzehnte später fragten,
polizei habe getan, was sie in der Nacht Der Hubschrauberflug etwa, der dem wie er sein Verhalten während der Flut-
habe tun können. Der Historiker hat das Senator am frühen Morgen das Ausmaß katastrophe einordne, schließlich sei er
Katastrophentagebuch des Einsatzstabs der Katastrophe vor Augen geführt haben seinerzeit als Held gefeiert worden, ant-
ausgewertet und verweist auf Briefe des soll, fand laut Bundeswehrakten am Spät- wortete Schmidt: »Der Ausdruck Held ist
Kommandeurs der Schutzpolizei Otto nachmittag statt – als sich die Lage bereits abwegig.« Klaus Wiegrefe
Grot, eines Widerstandskämpfers, der sich zu entspannen begann.

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 45


Deutschland

Traum Im Dezember 2018 hörten Polizisten


das Handy eines Mannes aus Mönchen-
gladbach ab, der als Gefährder eingestuft
B. hatte, wie die Auswertung seines
Handys ergab, dem damaligen IS-Anfüh-
rer Abu Bakr al-Baghdadi offenbar die

vom Fliegen war. Die örtliche Kripo stellte auffällige


Kontakte des Syrienrückkehrers zu türki-
schen Glaubensbrüdern fest und wunderte
Treue geschworen. Auf einem anderen
Telefon der Gruppe fanden sich Anleitun-
gen zum Bombenbau und verdächtige
sich über die Gesprächsthemen. Die Män- Bestellungen im Internet. Es ging etwa um
Sicherheit Wie Fahnder ner redeten am Telefon davon, eine »Fuß- einen Gasdruckregler und einen Schweiß-
aus Nordrhein-Westfalen ballmannschaft« zu gründen, mit der man kleber. Die Ermittler erfuhren auch, dass
vier mutmaßlichen zum »Märtyrer« werden könne. die Männer zwei US-Militäreinrichtungen
Die Beamten interpretierten die Aus- ausgespäht hatten, darunter den Nato-
IS-Terroristen auf die sagen als verklausulierte Terrorplanungen Flugplatz Geilenkirchen bei Aachen.
Spur kamen und weiteten die Ermittlungen aus. So stie- Die Beamten wurden nervös, als die
ßen sie auf ein Netzwerk tadschikischer strenggläubige Ehefrau eines Verdächtigen
Fanatiker, die offenbar Zugang zu Schuss- plötzlich ihre Leidenschaft fürs Gleit-

D er unbekannte Auftraggeber mit der


schwedischen Handynummer kam
schnell zur Sache. Per Sprachnach-
richt fragte er Anfang Januar 2019, ob
waffen hatten. Darunter war Ravsan B.,
der im Jahr 2011 als Asylbewerber nach
Deutschland gekommen war.
Als seine Wohnung im März 2019
schirmfliegen entdeckte. Per Telefon er-
kundigte sich die Frau bei einer Flugschule
in Bitburg nach Kursen. Plante die Gruppe
Anschläge aus der Luft? Nach einer Razzia
Ravsan B. jemanden für ihn umbringen durchsucht wurde, fanden Beamte eine gegen das Netzwerk wenige Tage später
könne. Es gehe darum, »einen Dreckigen scharfe Waffe. B. kam in Untersuchungs- endete der Traum vom Fliegen, ein Kurs
zu Grabe zu tragen«. haft. Auch in Neuss wurde die Polizei fün- wurde nie gebucht.
Ravsan B., ein tadschikischer Flüchtling dig. Ein anderer Tadschike bunkerte dort Die Tadschiken wurden fortan noch kon-
in Wuppertal, erklärte sich bereit, einen eine Waffe samt Munition. spirativer, die Beobachtung wurde schwie-
albanischen Geschäftsmann zu töten. Da- Keine zwei Wochen später hörten die riger. Hilfe bekamen die Staatsschützer um
von sind Ermittler überzeugt, die Monate Gladbacher Fahnder mit, wie sich weitere die Jahreswende von unerwarteter Seite:
später sein Handy auswerteten. B. verlang-
te demnach 40 000 US-Dollar für den
Mord. Die Hälfte des Geldes sei »für die
Brüder«, damit meinte er offenbar den
»Islamischen Staat« (IS) in Syrien. Den
Rest wollte er für sich und seine Gefährten
in Deutschland behalten.
B. und seine Glaubensbrüder in Nord-
rhein-Westfalen hatten wohl große Pläne,
für die man Geld brauchte. Anderthalb
Jahre lang beschäftigten sie eine Sonder-

ULI DECK / DPA / PA


kommission mit rund 20 Mitgliedern, be-
DER SPIEGEL

vor Beamte des Polizeipräsidiums Düssel-


dorf am Mittwoch zuschlugen. Im Auftrag
des Generalbundesanwalts nahmen sie vier
Landsmänner aus dem Umfeld von B. fest. Verdächtiger Ravsan B., BGH-Eingang: Codename »Takim«
Insgesamt ermittelt die Behörde gegen
sieben Tadschiken wegen Mitgliedschaft
in einer terroristischen Vereinigung. Zwei Verdächtige aus dem Tadschikennetzwerk Ravsan B. begann in der Untersuchungs-
wurden bereits in ihr Heimatland abge- am Telefon über eine angeblich unmittel- haft zu reden, ein bisschen zumindest. Das
schoben. Ravsan B., der als Kontaktmann bar bevorstehende Explosion unterhielten. Verfahren kam wieder voran, der General-
der Zelle zum IS fungiert haben soll, sitzt Ein Gesprächsteilnehmer lud hörbar eine bundesanwalt übernahm die Ermittlungen.
bereits seit 2019 in Untersuchungshaft. Pistole durch. Die Staatsschützer entschie- Der Rechtsanwalt von Ravsan B. ließ
Die Bedrohung durch den Islamismus den sich zum Zugriff. Da einer der Männer eine SPIEGEL-Anfrage zu den Vorwürfen
ist zuletzt in den Hintergrund gerückt. Der aus der Telefonüberwachung gerade auf bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Den
Zerfall des IS in Syrien, rechte Terror- dem Weg nach Ulm war, wurde sogar die albanischen Geschäftsmann jedenfalls hat
anschläge, Corona: In der Öffentlichkeit Ulmer Innenstadt zeitweise abgeriegelt. B. nicht ermordet. Die Daten aus dem
haben sich die Prioritäten verschoben. Doch Beweise für mögliche Terrorpläne Handy zeigen, dass B. zusammen mit drei
Doch das Verfahren gegen die Tadschiken- entdeckten die Ermittler nicht. Komplizen im Januar 2019 nach Albanien
Zelle, Codename »Takim«, zeigt, dass die Der Durchbruch gelang ihnen, als sie in reiste. Sie kundschafteten Adressen aus,
Gefahr weiterhin real ist. den folgenden Monaten die beschlagnahm- machten Fotos. Zunächst glaubten sie, ihr
Es dauerte eine Weile, bis die Staats- ten Handys von Ravsan B. und weiteren Opfer in einem Café erkannt zu haben,
schützer das Milieu der Terrorverdächti- Beschuldigten auswerteten. So zeigte sich, dann waren sie sich wohl nicht mehr sicher,
gen durchdringen konnten. »Extremisten dass B. wohl mit hochrangigen IS-Funk- den Richtigen im Visier zu haben.
aus Tadschikistan hatte vorher niemand tionären in Syrien und Afghanistan in Ravsan B. und seine Begleiter reisten
auf dem Schirm«, sagt ein Ermittler. »Die Kontakt gestanden hatte, die B. und seine unverrichteter Dinge nach Deutschland
hatten uns noch gefehlt.« So sei es schwie- Mitstreiter zu Anschlägen in Deutschland zurück. Die Identität des Auftraggebers
rig gewesen, Übersetzer für abgefangene ermutigten. »So Gott will, in der Gegend, konnte bis heute nicht ermittelt werden.
Chats und Telefonate zu finden. Dabei wo ihr euch befindet, macht da den Matthias Gebauer, Roman Lehberger,
habe es viele Tadschiken in den Reihen Dschihad«, empfahl der IS-Kommandeur Fidelius Schmid
des IS in Syrien gegeben. in Syrien in einer Sprachnachricht.

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Deutschland

»Ein richtig böser Mensch«


Terrorismus Vor zehn Monaten wurde der CDU-Politiker Walter Lübcke erschossen. Nun wird
sein mutmaßlicher Mörder angeklagt. Eine Rekonstruktion des Anschlags zeigt, wie
gefährlich Stephan Ernst war. Die Behörden hätten den Rechtsextremisten überwachen müssen.

A
m Tag nachdem er Walter Lüb- stochen hat. Auch für diese Tat wird er
cke erschossen habe, so erzählte nun angeklagt.
Stephan Ernst in seiner ersten Die Rekonstruktion des Attentats auf
Vernehmung, sei er um sieben Lübcke belegt, dass Politik und Sicherheits-
Uhr aufgestanden. Später habe er seinen behörden trotz des Schocks nach der
Sohn geweckt und sei mit ihm zum Bogen- Mordserie des »Nationalsozialistischen
schießen gegangen, wie immer am Sonn- Untergrunds« (NSU) die rechtsextreme
tag. Zu Mittag hätten sie einen Burger ge- Gefahr unterschätzt haben. Ernst galt den
gessen, dann legte er sich noch mal hin, Behörden als »abgekühlter« Extremist,
um für die Nachtschicht fit zu sein. als einer, der sich aus der Neonaziszene
Die Tatwaffe, einen Revolver Kaliber gelöst hatte und als braver Familienvater
.38, habe er in einen grünen Seesack ge- in Kassel-Forstfeld lebte, samt Kaninchen-
packt und zur Arbeit mitgenommen, um stall im Garten.
sie auf dem Gelände des Betriebs zu ver- Der Mord an Lübcke, so lautet die bit-
graben. Am Ende der Schicht sprach er ei- tere Lektion jetzt, hätte verhindert wer-
nen Kollegen an: Er habe Scheiße gebaut. den können – wenn der Staat, dem er
Falls die Polizei frage, wo er am späten diente, wachsamer gewesen wäre.
Samstagabend war, solle der Kollege sa- Adolf Bremer, 85, hatte den Namen

DER SPIEGEL
gen, sie seien Bier trinken gewesen. Das Stephan Ernst ein Vierteljahrhundert
war der Zeitpunkt, an dem der Kasseler lang nicht gehört. Als er nach dem Tod
Regierungspräsident getötet wurde. von Lübcke Ernsts Fotos in den Zeitungen
Sein Geständnis nahm der Tatverdäch- Mordverdächtiger Ernst sah, erinnerte sich der pensionierte Poli-
tige später zurück, doch in Kürze wird der zist sofort.
Generalbundesanwalt vor dem Frankfur- In der Nacht vor Heiligabend 1993
ter Oberlandesgericht voraussichtlich An- klingelte Bremers Telefon, er war damals
klage gegen Ernst wegen Mord erheben. Dienststellenleiter im südhessischen Bad
Der Todesschuss auf Lübcke hat das Schwalbach. Gegen 22 Uhr hatte es einen
Land erbeben lassen. Es war der mutmaß- versuchten Anschlag auf eine Asylbewer-
lich erste rechtsextreme Mord an einem Kassel- berunterkunft gegeben. Der Täter hatte
Politiker in der Bundesrepublik. Der An- Forstfeld eine Rohrbombe und einen Plastikbeutel
schlag hat dazu beigetragen, dass der Staat KASSEL Benzin in einen Opel Kadett geworfen, der
im Kampf gegen Rechtsextremismus auf- 4 zwischen zwei Wohncontainern stand. An-
gerüstet hat, mit mehr Polizisten und Ver- Wolfhagen- schließend zündete er das Benzin an.
Istha 31
fassungsschützern, strengeren Gesetzen, 2 Es war die Zeit, als in ganz Deutschland
Vereinsverboten und Razzien. Zugleich Flüchtlingsheime brannten. Ernst war da-
haben Politik und Behörden damit offen- mals 20, hatte Ausbildungen zum Maurer
bart, dass sie in den Jahren zuvor zu wenig Lohfelden und Holzmechaniker abgebrochen, zu
unternommen haben. 5 km
mehr als einem Aushilfsjob reichte es nicht.
Auch zehn Monate nach dem Attentat Als Jugendlicher hatte er bereits im Keller
stellt sich die Frage, wie Ernst, 46, vom eines von Türken bewohnten Hauses Feu-
Radar der Behörden verschwinden konn- Auf den Spuren von Stephan Ernst er gelegt, durch Glück beschädigte der
te – und ob man seiner nicht früher hätte Brand nur zwei Kinderfahrräder. Wenn er
habhaft werden müssen. 1 Wohnort des mutmaßlichen Lübcke-Mörders Ausländer sehe, habe er »automatisch ne-
Neue Erkenntnisse der Ermittler zeigen, Stephan Ernst in Kassel-Forstfeld gative Gedanken«, rechtfertigte Ernst vor
dass Ernst offenbar schon vor dem Mord der Polizei die Tat. 80 Sozialstunden ver-
2 Am 14. Oktober 2015 tritt Regierungspräsident
an dem CDU-Politiker mit dem Gedanken hängte der Richter, mehr nicht.
Walter Lübcke bei einer Bürgerversammlung in
spielte, Anschläge zu verüben. So habe er Lohfelden auf, Ernst sitzt im Publikum. Bei dem Anschlag auf die Flüchtlings-
eine Synagoge in Kassel ausgespäht und container, so erinnert sich Ex-Polizist Bre-
Dossiers über Dutzende vermeintliche 3 In der Nähe einer Flüchtlingsunterkunft soll mer, sei Nachbarn ein Auto in Tatortnähe
Feinde angelegt. Ziele für Terror, so stand Ernst am 6. Januar 2016 einen Iraker aufgefallen. So kamen die Ermittler auf
es in seinen Notizen, könnten Beamte oder niedergestochen haben. Ernsts Spur. Bremer kannte ihn vom Fuß-
Lokalpolitiker sein. 4 Lübcke wird am 1. Juni 2019 vor seinem ballverein, nach einigem Lamentieren
Außerdem spricht inzwischen vieles da- Haus erschossen, Hauptverdächtiger über sein sinnloses Leben habe Ernst den
für, dass Ernst bereits drei Jahre vor dem ist Ernst. Anschlag zugegeben. Auf die Frage, was
Mord an Lübcke einen Flüchtling fast er- gewesen wäre, wenn die Bombe Flüchtlin-

48 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


ge getötet hätte, sagte er später: »Mir wäre
es scheißegal gewesen, solange es keine
Kinder gewesen wären.«
Einige Monate danach bekam Bremer
einen Anruf aus dem Gefängnis: Ernst wol-
le reden. Als er ihn in Untersuchungshaft
besuchte, gestand Ernst eine weitere Tat.
Auf einer Bahnhofstoilette hatte er einen
türkischen Imam fast umgebracht. Der
Mann stand an der Pinkelrinne, als Ernst
ihm von hinten ein 25 Zentimeter langes
Messer zwischen die Rippen rammte, nur
durch eine Notoperation überlebte der
Imam. Er sei in solchen Situationen »plötz-
lich ein anderer Mensch«, sagte Ernst über
sich, »ein richtig böser Mensch«.
Die Richter allerdings sahen in dem An-
griff keinen versuchten Mord. Strafmil-
dernd werteten sie, dass ein Gutachter
Ernst eine Borderline-Störung attestiert
hatte. Er wurde zu sechs Jahren Jugend-
strafe verurteilt. Sein früherer Verteidiger
sagt im Rückblick: »Ich dachte mir schon
damals, der ist gefährlich. Er war unglaub-
lich aggressiv, ging sofort hoch und zeigte

HEIKO MEYER / LAIF


null Reue.«
Am 5. April 1999 zog Walter Lübcke in
den Landtag ein, die konservative Hessen-
CDU von Roland Koch hatte die Regie-
rung übernommen. Lübckes Themen wur- Lübcke-Haus in Wolfhagen-Istha: Erdrückende Beweislage
den die Verkehrspolitik, die Windkraft und
der Einsatz für die schwächelnde Wirt-
schaft in seiner nordhessischen Heimat. hatte. Einer davon war der linke Lehrer, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde.
Im selben Jahr wurde Ernst aus dem Ge- auch ein Foto hatte er von dem Mann ab- Manche Mitglieder lebten in Angst.
fängnis entlassen. Er zog nach Kassel und gespeichert. In dem Datenwust entdeckten die Fahn-
schloss sich bald der organisierten Neo- Der Generalbundesanwalt hat deswe- der auch Anleitungen zum Bau von Bom-
naziszene an. Einer seiner besten Kumpel gen ein weiteres Ermittlungsverfahren ben sowie Texte, die sich mit dem Unter-
war Führungskader der NPD-Jugendorga- gegen Ernst wegen versuchten Mordes ein- grundkampf beschäftigen, nach dem Vor-
nisation. Ernst wurde Mitglied der rechts- geleitet. Die Beweislage ist jedoch schwie- bild der sogenannten Werwolf-Einheiten
extremen Partei, bis er angeblich wegen rig. Die Kugel wurde vernichtet, Ernst be- der SS. »Alles was der Vernichtung der
unbezahlter Beiträge rausflog. streitet den Schuss auf den Lehrer. Feinde dient, ist gut«, notierte Ernst. Als
Ernst und seine Neonazikameraden fuh- Die Funde der Fahnder zeigen aber, Terrorziele kämen Beamte, Stadtratsmit-
ren zu Rudolf-Heß-Gedenkmärschen und dass Ernst in dieser Zeit wieder an der glieder oder »manchmal ein Bürgermeis-
Demonstrationen zum Jahrestag der Schwelle zum Rechtsterrorismus stand. Er ter« infrage.
Dresdner Bombennacht. Immer wieder hatte auch Dossiers über örtliche Politiker Wo es Ärger gab, war Ernst nicht weit.
geriet Ernst mit dem Gesetz in Konflikt, von SPD, Grünen und PDS sowie Mitglie- Am 1. Mai 2009 hielten in Dortmund
mal wegen Diebstahl, mal wegen Körper- der der jüdischen Gemeinde erstellt. Gewerkschafter eine Kundgebung ab, als
verletzung. Im schleswig-holsteinischen Die Dateiordner auf dem USB-Stick hie- 400 Rechtsextremisten durch die Stadt
Neumünster kam es bei einer Demo zu ßen »Juden Kassel« oder »Daten Synago- zogen und mit Steinen und Böllern Men-
Krawallen. Bei einem Handgemenge vor ge«. Darin speicherte er Namen, Kfz- schen angriffen. Für seine Beteiligung an
einem Penny-Markt ging eine Frau dazwi- Kennzeichen, Telefonnummern, Adressen den Ausschreitungen wurde er wegen
schen, Ernst packte sie am Hals und würg- und archivierte Zeitungsartikel über seine Landfriedensbruch zu sieben Monaten auf
te sie, bis sie kaum noch Luft bekam. vermeintlichen Feinde. Bewährung verurteilt. Es war das inzwi-
An einem dunklen Wintermorgen im Die Einträge, die vor allem aus den Jah- schen 39. Ermittlungsverfahren gegen ihn.
Februar 2003 durchschlug eine Sechs-Mil- ren 2001 bis 2007 stammen, lassen darauf Um nicht wieder ins Gefängnis zu müs-
limeter-Kugel das Küchenfenster eines An- schließen, dass Ernst die Kasseler Synago- sen, entschied Ernst sich, fortan unauf-
tifa-Aktivisten im Kasseler Westen. Das Ge- ge ausspähte: »Donnerstag, ab 17 Uhr re- fälliger zu sein. Er führte ein scheinbar
schoss verfehlte den Geschichtslehrer nur ger Betrieb«, notierte er, »Jugendliche bürgerliches Leben, mit Frau und zwei
knapp. Wer hinter dem Anschlag steckte, kommen aus Synagoge«. Kindern, sein Geld verdiente er in einer
konnte damals nicht geklärt werden. Etwa 60 Namen und Institutionen fan- Bahntechnikfirma.
16 Jahre später, nach Ernsts Festnahme, den sich in den Aufzeichnungen. Die hes- Obwohl der hessische Verfassungsschutz
fanden die Ermittler in dessen Keller einen sische Polizei hat alle Betroffenen inzwi- ihn noch 2009 in einem Vermerk als
verschlüsselten USB-Stick. Er war ver- schen vorsorglich informiert und die Kon- »brandgefährlich« bezeichnet hatte, schien
steckt in einer Schokoladenpackung. Die trollen an der Kasseler Synagoge erhöht. sich nun niemand darum zu kümmern,
Fahnder konnten die Daten lesbar machen »Auch wenn die Liste schon alt ist, können was aus dem Gewalttäter Ernst wurde.
und entdeckten mehrere Dossiers, die wir nicht wissen, ob sie bei anderen Ex- Eine systematische Kontrolle von angebli-
Ernst über vermeintliche Feinde angelegt tremisten noch kursiert«, sagt Ilana Katz, chen Ex-Rechtsextremisten hat der Verfas-

49
Deutschland

sungsschutz erst nach dem Lübcke-Mord land müsse man für Werte eintreten, sagt Es ist die Zeit, in der sich in Deutschland
eingeführt. er mit heiserer Stimme: »Und wer diese viele radikalisieren. Die Zahl der Angrif-
So verschwand Stephan Ernst vor gut Werte nicht vertritt, der kann jederzeit die- fe auf Flüchtlinge und Asylunterkünfte
zehn Jahren vom Radar der Sicherheits- ses Land verlassen.« schnellt in die Höhe, 1031 Straftaten zählt
behörden. Ein fataler Fehler. Hinten im Saal sitzt Stephan Ernst. Er das Bundeskriminalamt bis Ende 2015.
Im Januar 2013 kam ein alter Freund wohnt nur zwei Kilometer von der Flücht- Die Polizisten, die am 6. Januar 2016 in
aus der Neonaziszene als Leiharbeiter in lingsunterkunft entfernt und ist mit Mar- das Industriegebiet in Lohfelden ausrück-
Ernsts Betrieb, Markus H. Die beiden wur- kus H. zur Versammlung gekommen. Der ten, gingen erst von einem Verkehrsunfall
den in den folgenden Jahren zu Kompli- filmt Lübckes entscheidenden Satz mit aus. Gegen 22 Uhr hatte ein Autofahrer
zen, so zumindest sehen es die Ermittler. dem Handy. Auf der Aufnahme ruft je- einen blutenden Mann auf der Straße ent-
Deshalb sitzt der 43-Jährige wegen mut- mand laut: »Verschwinde!« – es ist Ernst. deckt. Die Stelle lag nicht weit entfernt von
maßlicher Beihilfe zum Mord in Unter- Markus H. schneidet die Szene aus dem der Erstaufnahme für Flüchtlinge im alten
suchungshaft. Sein Anwalt teilt mit, die Kontext und lädt sie auf YouTube hoch. Hornbach-Gartenmarkt, der Unterkunft,
»bisherigen Ermittlungsergebnisse« beleg- Das 1:06 Minuten lange Video entfacht für die Lübcke angefeindet wurde.
ten keine Beteiligung an der Tat, er rechne eine Welle des Hasses. Noch am Abend Der Verletzte war Ahmad E., ein 22-jäh-
mit einem Freispruch. der Bürgerversammlung, als Lübcke mit riger Flüchtling aus dem Irak. Erst als ein
Ein Bekannter aus der Gartenkolonie einem Freund in einer Gaststätte sitzt, ge- Dolmetscher am Tatort auftauchte, wurde
sagte der Polizei, Markus H. habe zwei hen die ersten Morddrohungen ein. klar, was geschehen war: Ein Radfahrer
Gesichter: Er könne ganz normal sein, hatte ihn mit einem Messer angegriffen.
aber wenn es um Ausländer gehe, werde Ein Brustwirbel und das Rückenmark
er ausfallend. Seine Ex-Partnerin berich- Auf YouTube schrieb er, waren verletzt, zwei Nervenstränge durch-
tete, er habe zu Hause allerlei Waffen ge- entweder die Regierung trennt. Eine Rechtsmedizinerin der Uni-
hortet, um sich auf einen nahenden Bür- versität Kassel stufte die Verletzung als
gerkrieg vorzubereiten. In der Garage la- danke bald ab, »oder »potenziell lebensbedrohlich« ein.
gerten Büsten von Hitler und Göring. es wird Tote geben«. Ahmad E. gab an, er habe Nachrichten
An einem Mittwochabend im Oktober in sein Handy getippt, als er von hinten
2015 lädt Walter Lübcke ins Bürgerhaus etwas auf Deutsch gehört habe. Er habe
von Lohfelden, kurz hinter der Stadtgren- Ernst scheint wie berauscht. Am Tag einen Radfahrer mit blonden Haaren und
ze von Kassel. Es ist die Hochphase der nach der Versammlung schickt er seiner hellen Augen gesehen. Dann habe er einen
Flüchtlingskrise. Lübcke ist als Regierungs- Mutter einen Link zu dem Clip: Da könne Schlag bemerkt und sei hingefallen, das
präsident für die Unterbringung von Asyl- sie sehen, wie weit sich »dieser Abschaum linke Bein habe er nicht mehr gespürt. Er
suchenden zuständig. Als Christ ist es von Volksverrätern« vom Volk entfernt kroch auf die Straße, um Autos anzuhalten,
selbstverständlich für ihn, Menschen in habe. Aufgeregt schreibt er ihr kurz darauf mehrere Fahrzeuge brausten vorbei.
Not zu helfen. An jenem Abend will er noch mal, das Video sei schon mehr als Betreuer vermuteten früh, dass ein Ras-
800 Bürger informieren, dass Flüchtlinge 100 000-mal angeklickt worden. sist ihn attackiert haben könnte. Die Poli-
in einem leer stehenden Gartenmarkt un- Von jenem Augenblick an, sagte Ernst zei beschloss, bekannte Rechtsextremisten
tergebracht werden. in seiner ersten Vernehmung, habe sich in auf Alibis zu überprüfen.
Die Stimmung ist aggressiv. In die erste ihm der Hass auf Lübcke immer weiter So tauchten Beamte in Zivil auch bei
Reihe haben sich Aktivisten des Kasseler aufgebaut. Er habe im Internet nach der Ernst auf, dessen Haare hellbraun und
Pegida-Ablegers gesetzt. Zwischenrufe Adresse des CDU-Politikers gesucht und dessen Augen blau sind. Er gab an, am Tag
werden laut, »Scheißstaat!«, »Scheißregie- zu Markus H. gesagt: »Vielleicht kann man der Messerattacke Urlaub gehabt zu ha-
rung!«. Lübcke hält dagegen. In Deutsch- da mal was machen.« ben, das schien ihn zu entlasten. Ernst ging
mit den Ermittlern auch in den Schuppen,
Fahrräder wurden fotografiert.
In einem Vermerk hielt die Polizei fest,
die Rechtsextremistenbefragung habe »kei-
ne weiteren Anhaltspunkte für Ermittlun-
gen aufgetan«. Die Fahnder verfolgten
andere Spuren, alle endeten im Nichts.
Erst ein Brief einer Beratungsstelle für
Opfer rechter Gewalt brachte die Ermittler
wieder auf Ernst. Der Verein Response
schrieb der Staatsanwaltschaft Kassel am
25. Juni 2019, dass Ernst in Tatortnähe
gearbeitet und nicht weit entfernt gewohnt
habe. Das Opfer Ahmad E. bitte die Er-
mittler, die Sache zu prüfen.
Am selben Tag legte Ernst in Untersu-
chungshaft ein Geständnis im Fall Lübcke
SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

ab. Dabei schilderte er einen Vorfall nach


der Kölner Silvesternacht. Er sei wutent-
brannt in Kassel durch die Straßen gelau-
fen und habe einen Ausländer angeblafft.
Als Datum nannte er den 6. Januar 2016 –
den Tag des Angriffs auf Ahmad E.
Hessische Fahnder durchsuchten noch
Lübcke-Trauergottesdienst in Kassel: »Für Werte eintreten« einmal Ernsts Haus. Nach der Erinnerung

50
Immer wieder, so gestand Ernst der Poli-
zei, fuhr er mit seinem VW Caddy nach
Wolfhagen-Istha, 20 Kilometer westlich
von Kassel. Am Dorfrand starrte er auf
ein weißes Einfamilienhaus.
Das Haus von Walter Lübcke.
Ernst war von Hass auf ihn tief erfüllt.
Laut seiner ersten Vernehmung machte
er »einzig und allein« ihn verantwortlich:
für die Flüchtlingskrise, den islamistischen
Anschlag von Nizza, die Morde an einer
Freiburger Studentin und zwei Rucksack-
touristinnen in Marokko. Der Gedanke,

NSU-WATCH
dem CDU-Politiker Gewalt anzutun, habe
ihn wie manisch beschäftigt.
Am 1. Juni 2019 geht Lübcke gegen
Neonazi Ernst (r.) 2002 in Kassel 23.20 Uhr noch mal nach draußen auf die
»Vielleicht kann man da mal was machen« Terrasse. Es ist ein warmer Samstag im
Frühsommer. Zum Ausklang des Tages
seiner Frau nahmen sie alle Messer mit, setzt sich Lübcke auf einen Gartenstuhl
die sie finden konnten. Monate später und zündet sich eine Zigarette an. Von der
konnten Gutachter an einem Klappmesser nahen Weizenkirmes weht Musik herüber,
tatsächlich eine DNA-Spur des Irakers Schlagerpop der Band Tollhaus.
nachweisen. Ernst bestreitet die Tat. In seiner ersten Vernehmung hat Ernst
Vermutlich 2016 kaufte der Rechtsextre- nachgestellt, wie er sich in diesem Moment
mist einen schwarzen Revolver des Fabri- mit gezogenem Revolver anschlich und
kats Rossi. Es ist die Waffe, mit der Walter aus knapp zwei Meter Entfernung Lübcke
Lübcke erschossen wird. Ernst soll sie für in den Kopf schoss. Eine Videokamera
1100 Euro von einem Militariahändler er- zeichnete sein Geständnis auf. Doch nach
standen haben. Den Kontakt zu dem Händ- wenigen Tagen nahm Ernst die Aussage
ler, der das Waffengeschäft bestreitet, hatte zurück. Nach einem Verteidigerwechsel
angeblich sein alter Kamerad Markus H. präsentierte er im Januar eine andere Ver-
vermittelt. Ermittlungsrichter am Bundes- sion, wonach er nicht allein am Tatort war,
gerichtshof gehen davon aus, dass Markus sondern mit seinem Kameraden Markus BAND 2 · 576 Seiten
H. seinen Freund in dem Plan bestärkte, H. Der habe die Waffe gehalten. Paperback · c 20,00 (D)
Lübcke zu ermorden. Gemeinsam übten Die beiden, so behauptete Ernst nun, Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich
die beiden das Schießen, im Wald und im hätten Lübcke nur einschüchtern, ihm viel-
Schützenverein SSG Germania Cassel. leicht ins Gesicht schlagen oder ihn treten
In ihrem neuen Buch geben die
Immer wieder fuhren die Rechtsextre- wollen, als Denkzettel. Da habe der CDU-
misten zu Demonstrationen. Fotos zeigen Politiker »Verschwinden Sie!« gerufen und SPIEGEL Journalisten
SPIEGEL-J ournalisteen Rafael Buschmann
die beiden bei einer Kundgebung des vom Stuhl aufspringen wollen. Darauf und Michael Wuulzinger wieder
AfD-Politikers Björn Höcke in Erfurt und habe sich versehentlich der Schuss gelöst. exklusive Einblicke in die zunehmend
am 1. September 2018 bei einem »Trauer- Panisch seien sie geflohen.
marsch« in Chemnitz, nachdem mutmaß- Die Ermittlungsrichter am Bundesge- mafiösen Strukturen im Spitzenfußball.
lich ein Iraker einen Mann erstochen hatte. richtshof hegen große Zweifel an dieser Dabei erzählen sie auch die Geschichte
Es braute sich etwas zusammen, doch Variante. Der wahre Todesschütze, schrei- des Whistleblowers, der die spekta-
statt der Bekämpfung des Rechtsextremis- ben sie in einem Haftbeschluss, sei sehr
kulären Enthüllungen möglich gemacht
mus die volle Kraft zu widmen, lähmte wahrscheinlich Ernst. So sieht es auch
der damalige Verfassungsschutzchef Hans- der Generalbundesanwalt. Ernsts Rechts- hat – und dafür nun im Gefängnis sitzt.
Georg Maaßen das Land mit einer Debat- anwalt Frank Hannig will »im derzeitigen Sein Schicksal zeigt, wie gnadenlos
te, ob ein Video aus Chemnitz »Hetzjag- Stadium« keine Stellungnahmen abgeben. die Branche gegen n jeden vorgeht,
vorgeht der
den« auf Flüchtlinge zeige oder nicht. Die Beweislage scheint allerdings erdrü-
In Kassel engagierte sich Ernst für die ckend. Auf Lübckes Hemd entdeckten die ihr gefährlich werden kann ...
AfD. Mehrmals wurde er bei Stamm- Ermittler zwei Hautschuppen von Ernst.
tischen und anderen Veranstaltungen ge- Am Lenkrad seines VW Caddy befanden
sichtet, vor der hessischen Landtagswahl sich Schmauchspuren. Auch an der Tatwaffe
2018 half er der Partei beim Plakatieren. und zwei zu dem Revolver gehörenden Pa- BAND 1
BA
Die »Identitäre Bewegung« unterstützte tronen stellten Fahnder seine DNA sicher, 3552 Seiten aktualisier t
Ernst mit Spenden, dreimal überwies er aber keine seines mutmaßlichen Komplizen. unnd erweitert 2018
den rechtsextremen Aktivisten 100 Euro. Im Fall einer Verurteilung muss Stephan Brroschur
o · c 10,00 (D)
Wie radikal Ernst war, machte er auf Ernst mit einer lebenslangen Freiheits- Aucch als E-Book und
YouTube deutlich. Unter dem Pseudonym strafe rechnen – mit anschließender Si- Hörbuch erhältlich
»Game Over« schrieb er: »Schluss mit re- cherungsverwahrung.
den«. Entweder die Regierung danke bald Matthias Bartsch, Sven Röbel,
ab, »oder es wird Tote geben«. In den Be- Fidelius Schmid, Wolf Wiedmann-
hörden registrierte keiner, wie überhitzt Schmidt, Steffen Winter
der Rechtsextremist längst wieder war.

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 51 www.dva.de


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von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrags verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.
Reporter
Familienalbum »Poesie der Strafe« zu ver-
arbeiten versucht – mit
Strafarbeit, mantrahaft wiederholten
Verboten und Regeln, mit
1963 Sätzen wie »Ich soll keine
Negermusik hören«, was in
Klaus Illi, 66: den Sechzigerjahren wohl in
Es muss in der vierten Klasse vielen Familien zu hören
gewesen sein, ich erinnere mich war. Oder »Ich bin der Sarg-
gut an den Lehrer, der mir die nagel meines Vaters«, ein
Strafarbeit gab: ein älterer, der Satz, der mich manchmal
selbst Schwäbisch sprach, aber wie ein albtraumhafter
uns wurde es ausgetrieben. Es Widerklang meiner Kindheit
war sicher gut gemeint, aber ich heimsucht. Wenn Menschen
freue mich, dass man das heute eine solche verquere,
anders sieht, dass man Dialekt- schmerzhafte »Poesie« zum
sprecher nicht mehr für ungebil- ersten Mal lesen, ist es oft
det hält. Die Strafarbeit hing bei berührend. Ihnen fallen
meiner Mutter eingerahmt über eigene Strafarbeiten, eigene
dem Sofa bei den Familienfotos, Demütigungen ein, die auch
so ist sie dem Vergessen entris- im Alter noch unvergessen
sen worden. Ich bin in einer pie- sind. Manche erzählen, sie
tistischen Familie groß gewor- hätten erst »ich ich ich ich«
den, das Selbstverständnis als untereinander geschrieben
sündiger Mensch wurde ein und dann »darf darf darf
fruchtbarer Boden für Schuld- darf«, weil es schneller ging.
gefühle. Von Traumatisierung Ich glaube, dass das eher ein
zu sprechen wäre zu stark, Akt der Auflehnung war –
aber es sind Kindheitsgeschich- eine Dekonstruktion der Straf-
ten, die sich tief bei mir einge- arbeit, die verhindert, dass
graben haben. Später, als bil- ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns man sich gemeinmacht mit
dender Künstler, habe ich die Ihre Geschichte erzählen möchten? der strafenden Botschaft.
Thematik in meinem Zyklus Schreiben Sie an: familienalbum@spiegel.de Aufgezeichnet von Barbara Supp

Liebe ten Termine werden mit langem Vorlauf Dolmetscher kann noch zugelassen
gemacht. Für April und Mai hatten wir werden.
Wer heiratet in diesen Zeiten 23 Anmeldungen, 15 Paare haben ihre SPIEGEL: Erstaunlich, dass Menschen hei-
noch, Frau Ehresmann? Termine verschoben. raten, obwohl sie nicht feiern können.
SPIEGEL: Auf wann? Ehresmann: So erstaunlich ist es nicht,
SPIEGEL: Frau Ehresmann, wann haben Ehresmann: Ein Paar will jetzt am wir haben auch sonst viele Paare, die
Sie das letzte Mal ein Paar getraut? 19. Juni heiraten. sagen: Wir wollen für uns heiraten, ohne
Ehresmann: Die letzte Trauung bei uns SPIEGEL: Optimistisch. Brimborium am Helenesee oder auf
war am Freitag, ich persönlich traute ein Ehresmann: Einige peilen November an. der Insel Ziegenwerder. Deswegen the-
Paar am 20. März. Andere schieben gleich um ein Jahr, weil matisieren wir Corona nicht in unseren
SPIEGEL: Ein jüngeres vermutlich, ohne sie an einem bestimmten Tag heiraten Traureden. Es geht um Liebe, nicht um
Corona-Angst? wollen, oft am Tag des Kennenlernens. Corona. Seit dem 16. März nehmen wir
Ehresmann: Er geschieden, sie verwitwet. SPIEGEL: Was empfehlen Sie? allerdings keine Anmeldungen mehr an.
SPIEGEL: Mit Mundschutz? Ehresmann: Nichts, die Entscheidung ist Es müssen schon Ausnahmefälle sein.
Ehresmann: Nein, aber mit gebühren- eine sehr persönliche, keine leichte, viele SPIEGEL: Liebe reicht nicht mehr?
dem Abstand, ohne Trauzeugen, ohne rufen mehrmals an. Wir informieren Ehresmann: Eine Nottrauung bei
Gäste. Wir reichen den Brautleuten lediglich über den eingeschränkten lebensgefährlicher Erkrankung wäre
CCLICKCLICK / GETTY IMAGES

vorübergehend nicht die Hand, aber Rahmen, in dem eine Trauung so ein Fall. Oder wenn die Frist
küssen dürfen sie sich noch! momentan möglich ist. von Ehefähigkeitszeugnissen bei
SPIEGEL: Mai ist der Hochzeitsmonat. SPIEGEL: Es ist nur das Brautpaar ausländischen Bürgern ausläuft. NESH
Wie viele Paare haben schon abgesagt? plus jemand vom Standesamt?
Ehresmann: Bei uns geht die Haupt- Ehresmann: Genau, es sind drei Heike Ehresmann, 57, leitet das
saison immer nach Ostern los, die meis- Personen im Raum, höchstens ein Standesamt Frankfurt (Oder).

54 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


ging er zu Fuß. Vor etwa drei Jahren begann er in der Familie
Eine Meldung und ihre Geschichte
anzumerken, das Leben dauere schließlich nicht ewig. Vor

Pitsos
zwei Jahren kaufte er sich die weiße Limousine, gebraucht,
einen Rechtslenker. Seinen letzten Mercedes.
»Man kann auf unseren Kiesstraßen nicht schnell fahren«,

Himmelfahrt
sagt seine Tochter. »Papa fuhr immer so, dass man eine Staub-
wolke sah. Er redete von deutschen Autobahnen.« Die kannte
der Chief aus dem Fernsehen.
Nach etwa einem halben Jahr fuhr seine weiße Limousine
nicht mehr. Pitso setzte sich allerdings weiterhin jeden Mor-
Warum ein Mann in Südafrika in seinem gen ans Steuer. Für eine halbe Stunde, für einen halben Tag,
Mercedes beerdigt wurde manchmal für einen ganzen Tag, je nach Terminkalender. Er
erledigte im Auto seine Amtsgeschäfte, aß seinen Haferbrei,
trank Kaffee, hielt Mittagsschlaf, hörte Gospelmusik.

A m Morgen des 24. März stieg Tshekede Pitso, Vorsteher


des Dorfes Jozana in der südafrikanischen Provinz Ost-
kap, in seine weiße Mercedes-Limousine. Er steckte
den Schlüssel in die Zündung, legte seine Hände auf das Lenk-
»Das Wichtigste waren die Sonnenaufgänge und die Son-
nenuntergänge«, sagt seine Tochter. »Er fuhr in den Sonnen-
untergang und machte Motorgeräusche mit dem Mund.«
Tshekede Pitso hatte ein Haus mit Wohnzimmer und
rad. Über dem Berg vor ihm ging die Sonne auf. ein Büro. Aber Freunde, Verwandte, Bittsteller empfing
Der Vorsteher, im Dorf Chief genannt, fuhr nirgendwohin. er lieber im Auto. Er wischte mit seinem Taschentuch über
Sein Mercedes E 220, Baujahr 1996, war kaputt. Seit andert- Leder und Holz, bat seine Besucher, im Auto nicht zu rau-
halb Jahren schon. Das Lenkrad wackelte. Ersatzteile sind chen, keinen Alkohol zu trinken, nachts schloss er den
schwer zu finden in der Gegend. Chief Pitso zog den Schlüssel Wagen ab. Jeden, der außerhalb des Dorfs zu tun hatte, bat
wieder aus der Zündung und ging in sein Haus aus gelben er, nach Ersatzteilen Ausschau zu halten. »Er gab die Hoff-
Ziegelsteinen. Er legte sich hin. nung nicht auf«, sagt seine Tochter.
Eine halbe Stunde später war Das letzte Projekt, an dem Chief
er tot. Pitso in seinem Auto arbeitete, war
Seine Adoptivtochter Sefora Pit- eine Ferienlodge am nahe gelege-
so erzählt von diesem Morgen am nen Stausee. Das Dorf sollte zu ei-
Telefon, sie sagt, ihr Vater sei am nem Ausflugsort ausgebaut wer-
Alter gestorben, kurz vor seinem den mit Bergwanderungen und
75. Geburtstag. »Er war nicht Fahrradtouren.
krank. Er starb friedlich.« Der Hydraulikbagger, der das
Am Tag nach seinem Tod ging Grab von Chief Pitso aushob,
sie zum Bestattungsinstitut Phomo- QUELLE: FACEBOOK / MFUNDO NQATA BONGELA
brauchte sechs Stunden. Eine
long, um den letzten Wunsch ihres Pumpe scheiterte am harten Lehm
Vaters zu erfüllen. Phomolong und musste ausgetauscht werden.
heißt auf Deutsch Urlaub. Währenddessen setzten vier Mitar-
»Können Sie ihn in seinem Mer- beiter des Bestattungsinstituts Pho-
cedes begraben?«, habe sie gefragt. molong den toten Dorfvorsteher in
»Sie meinen in einer Limousine den Fahrersitz seines Mercedes.
zum Grab fahren?«, fragte der Be- Er trug einen cremeweißen An-
statter. »Wir mieten gern eine, su- zug mit Weste, ein weißes Hemd,
chen Sie sich ein Modell aus.« dazu eine weiße Krawatte. An den
»Nein«, sagte die Tochter des Pitsos letzte Ruhestätte Füßen trug er schwarze Socken,
Chiefs. »Beerdigen Sie ihn bitte in ohne Schuhe, wie so oft, wenn er
seinem Auto.« in seinem Auto Musik hörte.
Chiefs werden in Südafrika nicht Sie legten ihm den Sicherheits-
gewählt. Sie stimmen sich mit den gurt an, banden seine Hände mit
Bürgermeistern ab, aber ihr obers- Kabelbinder an das Lenkrad, luden
ter Dienstherr ist der König, in die- Von der Website Sowetanlive.co.za den Mercedes auf einen Anhänger.
sem Fall der König der Ethnie Hlu- Sie bedeckten ihn mit einer grauen
bi. Pitso war beliebt im Dorf, 300 Haushalte, er hatte gegen Plane, fuhren zehn Kilometer, durch das Dorf, an grünen
die Apartheid gekämpft, die erste weiterführende Schule Weiden vorbei. Am Grab angekommen, unweit des Grabs
nach Jozana geholt. von Pitsos Eltern, nahmen sie die Plane kurz ab. Fünf Dut-
Pitso liebte Autos. Genauer gesagt eine Marke. »Für ihn zend Dorfbewohner nahmen Abschied von ihrem Chief.
gab es zwei Sorten von Autos«, sagt seine Tochter. »Merce- Auf dem Handyvideo, das Pitsos Tochter von der Beerdi-
des-Benz und den Rest.« Seinen ersten habe er Anfang der gung machte, sieht man, wie der Mercedes von dem Anhän-
Siebzigerjahre gekauft. ger in das acht Meter lange, zwei Meter tiefe Erdloch hinab-
Nach dem Ende der Apartheid besaß Pitso mehrere Super- gelassen wird. Der Wagen rutscht und ruckelt, eine halbe
märkte in Ostkap. Vor seinem Haus standen vier Wagen. Minute lang, die Rampe scheppert.
Er fuhr damit zu seinen Geschäftsterminen, zu den Spielen Dann kommt ein Blumenstrauß auf das Autodach. Der
des Fußballvereins, den er finanzierte, hielt Reden auf Hoch- Priester sagt: »In unseren letzten Tagen kennt Gott unsere
zeiten und Beerdigungen, schlichtete Streits, unterschrieb Herzen und unsere Sünden. Herr, überlasse uns nicht der
Urkunden. Ewigkeit des Todes.«
Dann kamen die Supermarktketten nach Südafrika. Pitso Die ungewöhnliche Beisetzung war nicht teuer. Die Bag-
verlor sein Geschäft. Er musste seine Autos verkaufen. Er gerarbeiten kosteten am Ende nicht mehr, als ein Sarg gekos-
wollte keinen Wagen aus der Kategorie »der Rest«, lieber tet hätte. Timofey Neshitov

55
Coronakrise

Die schwarze
Station
Dramen Innerhalb von drei Wochen wird eines der größten
Krankenhäuser Brandenburgs zur »Todesklinik
von Potsdam«. Infizierte Ärzte, durchseuchte Stationen,
die Staatsanwaltschaft prüft. Wie konnte es dazu
kommen? Von Jonathan Stock und Maurice Weiss (Fotos)

I
n Zimmer 106, im Bett mit der Num- wirklich auf der Sonnenseite des Lebens
mer 12, liegt Dirk Awe. Der Monitor unterwegs.«
über ihm zeigt den Takt seines Her- Am nächsten Tag wird er von der Inten-
zens, den Druck seines Blutes, die sivstation gefahren werden mit einem Roll-
Sauerstoffsättigung in seinen Arterien. stuhl, aber er wird darin sitzen wie ein Kö-
Über den Rand seiner grünen Maske nig. Wenn er in ein paar Tagen das Kran-
schaut Awe einen unsicher an. Er setzt sich kenhaus verlässt, wird er die Schlangen
auf, Kabel hängen von seiner Brust, sei- vor den Supermärkten sehen, die geschlos-
nem Oberarm, seinem rechten Zeigefinger. senen Restaurants und die ängstlichen Ge-
Die Fenster sind mit Folie zugeklebt, die sichter. Dirk Awe wird durch eine Welt
Klinik ist geschlossen, niemand darf ihn schreiten, die auf Distanz gegangen ist. Er
besuchen, auch seine Frau nicht. Awe ist wird die Geschichte des Genesenen, des
laut Infektionsschutzgesetz ein Risiko Überlebenden erzählen, denn er kann
für die Allgemeinheit. Diagnose: Corona- schon bald über die Zeit denken wie viel-
positiv. Er hustet, trocken und kurz. »Set- leicht alle einmal: ein Albtraum, der lang-
zen Sie sich doch«, sagt er und deutet auf sam verwischt.
das Nachbarbett. Doch noch ist es Montag, der 6. April,
Dirk Awe ist 48 Jahre alt, ein Karosse- 18.45 Uhr, Spätschicht auf der Corona-In-
riebauer aus Potsdam. Sein Blick gleitet tensivstation.
über den Linoleumboden und bleibt an Im Potsdamer Ernst von Bergmann Kli-
seinem grünen Bademantel hängen. Er nikum liegen zu diesem Zeitpunkt 92 in-
trägt Adidas-Latschen, die ihm seine Frau fizierte Patienten, 17 Menschen sind bis-
noch eingepackt hat, bevor seine Erinne- her hier gestorben, 120 Mitarbeiter haben
rung im Krankenhaus über Tage ver- sich angesteckt, Ärzte, Pfleger, Reinigungs-
schwamm und sie eine Sonde an seiner personal. Keine Klinik in Berlin oder
Nase befestigten, die mit 40 Litern pro Mi- Brandenburg hat so hohe Zahlen an Co- Medizinisches Personal
nute Sauerstoff in seine Lungen blies. rona-Toten in ihrer Statistik aufzuweisen.
Awe hat die vergangenen Wochen hier Die »Bild«-Zeitung schrieb: »Die Todes-
in einer Art Zeitkapsel gelebt, eingeschlos- klinik von Potsdam«. Ein Aufnahmestopp für den großen Ansturm von außen rüsten,
sen auf der Intensivstation, mit dem Blick ist verhängt. Die Staatsanwaltschaft prüft, beginnt der Ausbruch im Inneren.
auf eine weiße Tapete aus Glasfasergewe- ob ein strafbarer Verstoß gegen das In-
be. Er hatte kein WhatsApp, keinen Fern- fektionsschutzgesetz vorliegt. Oder ist im +++ Sonntag, 22. März, 12 Uhr +++
seher und keine Zeitung. Seine Freunde Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus nur Potsdam, Ernst von Bergmann Klinikum,
riefen nicht an, auf Bitten seiner Frau, um früh bemerkt und gezählt worden, was in Haus Q, Ebene 3 +++ 3 infizierte
ihn nicht nervös zu machen. Er kennt nur anderen Kliniken schon unbemerkt be- Patienten, 4 infizierte Mitarbeiter,
flüchtig einige Bilder aus New York oder gonnen hat? 0 Tote +++
Italien, er hat die Armeelaster nicht gese- Auch in Dachau wurde vor wenigen
hen, die Tote abtransportieren, die über- Tagen eine Klinik geschlossen, das Ham- An diesem Sonntag im März sieht man
füllten Krankenhäuser in Brooklyn. Er hat burger Universitätsklinikum UKE bestä- durch die Fenster des Bergmann-Saals die
in den vergangenen Tagen ein Buch gele- tigte diese Woche einen Ausbruch auf der kahlen Lindenäste durch den blauen Him-
sen. Vielleicht ist Awe deshalb gerade so Krebsstation. Auch die Berliner Charité mel schwanken, draußen krächzen die Krä-
ruhig. Hier, auf der schwarzen Station, wie meldet infizierte Mitarbeiter. Ihnen pas- hen im Geäst. Drinnen, im halbdunklen
die Ärzte sie nennen, muss er keine Angst siert das, was bundesweit in den kommen- Saal, setzen sich zwölf Menschen um einen
mehr vor dem Unbekannten haben. Er hat den Wochen Ärzten, Pflegern und Patien- Konferenztisch aus kanadischem Ahorn.
es hinter sich. Awe sagt dazu: »Ich bin ten drohen könnte. Während sich Kliniken Es ist der Krisenstab des Ernst-von-Berg-

56
auf der Corona-Station im brandenburgischen Ernst von Bergmann Klinikum: »OP-Handschuhe sind in drei Tagen alle«

mann-Krankenhauses in Potsdam. Ihre genommen wurden, keiner liegt auf der Krankenhaus braucht, vom Dichtungs-
Klinik ist eines der beiden großen und Intensivstation. Es sind 84 Tote bisher in ring für flexible Endoskope, nur einen
wichtigen Krankenhäuser Brandenburgs, Deutschland, 22 000 Infizierte. »Das sieht Millimeter klein, bis zum raumgroßen
sie versorgen 500 000 Menschen im Jahr. noch relativ gut aus«, sagt einer der Ge- radiologischen Linearbeschleuniger. Er
Dialysepatienten kommen hierher, Kinder schäftsführer. wirft im Krisenstab eine Liste an die
mit Atemnot, Krebspatienten für eine Strah- Es sei die Ruhe vor dem Sturm, heißt Wand mit 600 besonders wichtigen Din-
lentherapie, Frauen mit Risikoschwanger- es hier oft. Als ob das Krankenhaus ein gen, die Ärzte als entscheidend für die
schaften, Patienten der Psychiatrie mit aku- großes Schiff wäre, das sich vorbereitet Arbeit mit dem Coronavirus betrachten.
ter Selbstmordgefährdung. Das Kranken- auf einen Orkan, der aus der Ferne anrollt. Rot hat er alle markiert, die nur noch eine
haus hat etwa 1100 Betten, 2000 Geburten Es kann sein, dass das Unwetter knapp Woche lang reichen. »OP-Handschuhe
im Jahr, 50 000 Notfälle. Für alle müssen vorbeizieht, aber es ist wahrscheinlicher, sind in drei Tagen alle«, sagt er. Die letzte
sie heute Entscheidungen treffen. dass es das Boot voll trifft. Damit rechnen Ware hat sich das Krankenhaus schon aus
Auf dem schwarzen Brett in der Ecke eigentlich alle. Die Frage ist nur: Wie viele der Charité geborgt. Kann man mit Haus-
schreibt eine Frau auf bunte Karteikarten Menschen werden sterben? Und wie be- haltshandschuhen strecken? Beim Be-
die Zahlen der Corona-Kranken auf den reiten wir uns vor? atmungszubehör wird es knapp werden,
Stationen, die Kinder, die Verdachtsfälle. Der Leiter des Einkaufs verwaltet zählt er weiter auf, Seifen sind ebenfalls
Es gibt bislang nur drei Infizierte, die auf- 30 000 unterschiedliche Dinge, die ein kritisch, Desinfektionstücher bekommt

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 57


man nicht mehr. Der Mann sagt, er werde schlecht. Ich fühle mich als Gefangener nicht, sie wollen, dass wir machen, machen,
Eimer und Lappen organisieren. Infusio- eines Systems. Ich möchte mitentscheiden, machen. Manche sind überrascht, wenn
nen und Ernährungsmittel sind eng. Die aber ich muss mich dem Druck von außen ein 100-Jähriger stirbt.«
Opiate, sagt er und schaut in die Runde, beugen. Das Team ist kleiner geworden,
die haben wir im Blick. die Arbeit zu viel. Jeder arbeitet für sich. +++ Dienstag, 24. März, 11 Uhr +++
Im Kreißsaal ist Besuchsverbot, berich- Wir machen Spätschichten, Wochenend- K-Trakt, Ebene 2, Geriatrie +++
tet die Chefärztin. Ein Mann habe ange- schichten, Nachtschichten. Das ist in Ord- 3 in fizierte Patienten, 7 infizierte
fragt, ob die Geburt seines Kindes per Vi- nung. Aber ich war früher einfach nicht so Mitarbeiter, 0 Tote +++
deochat übertragen werden könne, live. kaputt nach der Arbeit. Irgendwann wurde
Die Ärzte im Krisenstab überlegen kurz, nach Fallpauschalen abgerechnet, und die An diesem Vormittag trifft die Chefärztin
ob man die Geburt von der Seite filmen Kaufleute fingen an, die Häuser zu regie- der Geriatrie bei der Visite einen demen-
könnte, finden das aber schwierig. Die ren. Jemand, der alt und krank ist, bringt ten Mann, der stark niest. Der Mann irrt
Runde entscheidet sich schließlich dage- in diesem System mehr Geld. Je schneller durch die Zimmer der Station, er hat
gen, das Paar soll die Übertragung privat wir also viele alte, kranke Leute operieren, vergessen, wo er ist. Die Geriatrie ist die
regeln. je höher der Durchlauf, desto besser. Und größte Station im Klinikum mit 88 Betten,
Weitere Fragen: Wo werden die Ange- das alles mit demselben Personal. So wie sie hatte bis dahin keinen Corona-Fall.
hörigen trauern, wenn sie nicht in die Iso- er jetzt ist, hätte ich den Job damals nicht Die Chefärztin, so erzählt sie später am
lierzimmer dürfen? Werden sie dann vor angefangen. Telefon, selbst inzwischen in Quarantäne,
der Tür beten? Oder werden sie sich un- Wir haben hier Menschen auf Station, wartete schon seit Wochen darauf, dass
erlaubt vor dem Krankenhaus versam- die hätten wir vor einem Jahr nicht mehr es losgeht. Sie ist sich der besonderen
meln? Der Krisenstab beschließt, iPads intubiert. Eine 90-Jährige mit Krebs wäre Gefahr für ihre Station bewusst, sie hat
für die Kommunikation mit den Sterben- früher in Ruhe in einem Pflegeheim ge- Angst um ihre Patienten. Über die Emp-
den zu kaufen. Die Versammlungsleitung storben. Heute hat die einen Tubus im fehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI)
wünscht einen schönen Sonntag. Drau- Mund und wird beatmet, weil sie Corona hinaus hat sie jeden Patientenbesuch
ßen, auf dem Markt, wird Brot verkauft, hat. Als kleiner Junge habe ich meine schon seit elf Tagen untersagt. Wer kein
im Park spielen junge Menschen Fußball. Oma gefragt: Wann ist ein Mensch tot? Handy hat, dem ermöglicht sie kosten-
Sie hat geantwortet: Tot ist einer, wenn lose Telefonate mit den Verwandten. Die
Ein Intensivpfleger er ganz kalt ist. Heute weiß ich, dass das Geriatrie, das ist wichtig, ist ein Ort, der
»Ich bin jetzt seit mehr als 20 Jahren Pfle- nicht stimmt. Der Tod ist nicht einfach. Das die Nähe zwischen Patienten und Ärzten
ger. Die Bezahlung ist mir scheißegal, friedliche Sterben, das sieht man hier sel- braucht. Hier soll keiner allein in seinem
aber die Arbeitsbedingungen sind wirklich ten. Angehörige akzeptieren den Tod oft Zimmer liegen. Patienten essen zusam-

Krankenpflegerinnen vor der Corona-Station: »Müssen wir weiterarbeiten, wenn wir positiv sind?«

58
Coronakrise

men, sie machen Gruppengymnastik. Ein- Familie nicht anstecken wollen, sie seien Tote? Zwei Patienten.
samkeit, das sagt die Chefärztin, mache ausgebrannt, traumatisiert, sehen Kolle- Kurze Pause im Konferenzraum.
krank. Wer im Bett liegt, der verkümmert. gen sterben. Die Frage, die er sich schon Wer?
Es ist gegen ihre Ethik, einen alten, ver- lange stellt, ist: Wie lässt sich das ver- Ein 88-jähriger, schwer krebskranker
wirrten Mann mit Medikamenten ruhig- hindern? Mann und ein 80-Jähriger, ebenfalls krebs-
zustellen und ans Bett zu fixieren. Instink- In Kraftwerken hat man begonnen, krank, der auf intensivmedizinische Hilfe
tiv nimmt sie also bei ihrer Visite den De- Mitarbeiter unter Quarantäne zu stellen. verzichtet hatte. Nachfrage: an Corona
menzkranken am Arm und geleitet ihn Sie übernachten am Leitstand, essen dort. oder mit Corona gestorben? An Corona,
vorsichtig in sein Zimmer. Sie desinfiziert Keiner darf hinein, keiner darf hinaus. sagt der Arzt. Die Patienten hätten viel-
sich die Hände. Auch in Pflegeheimen ist das möglich. leicht noch drei Monate leben können.
Gerade erst hat das Robert Koch-Insti- Schulen kann man schließen und Kinder- Kurze Diskussion über die Zählweise.
tut seine Empfehlungen für medizinisches gärten. Politiker können über Videochat Wer gilt als Corona-Toter? Antwort: alle,
Personal gelockert. Masken sind zu die- beraten. Ein Krankenhaus aber kann nicht die eine positive Diagnose haben. Also
sem Zeitpunkt noch nicht für das ganze im Homeoffice arbeiten. auch ein Unfalltoter, jemand mit Bauch-
Personal vorgeschrieben, sie sind schwer Ripberger zeigt auf die drei Stockwerke speicheldrüsenkrebs im Endstadium, ein
zu beschaffen, Corona-Tests dauern noch an weißen Containern, die sie hier schon Hundertjähriger mit Multiorganversagen.
mehrere Tage. Die Möglichkeit, dass Ärz- vor ein paar Jahren aufgestellt haben, in Wenn sie einen positiven Test auf Corona
te, Patienten und Pfleger, die bisher keine der Nähe des alten Pesthauses. Er erklärt hatten, dann fließen sie in die Todessta-
Symptome haben, aber infiziert sind, wei- den abgetrennten Eingang, das Schleusen- tistik ein. Das ist die offizielle Zählweise
tere Menschen im Krankenhaus anste- system, die Anschlüsse für die Druckluft, des Robert Koch-Instituts. Um eine ge-
cken – sie ist jedem klar, eine gute Lösung den Strom, die Fahrstühle zu den Compu- naue Todesursache festzustellen, müsste
dafür gibt es bisher nicht. tertomografen. Sie haben zwar schon eine man die Leichen obduzieren, davon riet
Seuchenstation, aber die ist zu klein für das RKI lange ab. Das Ansteckungsrisiko
+++ Mittwoch, 25. März, 15 Uhr +++ alle Patienten. Hier bauen sie eine große sei zu hoch.
LL-Trakt, Ebene 1, Gastroenterologie Station, etwa 200 Betten, in der sich Co- Am Abend, gegen 23 Uhr, kommen die
+++ am Morgen 8, nach mehreren rona-Fälle und Verdachtsfälle aufhalten Laborergebnisse von sieben positiv getes-
Aufnahmen 17 infizierte Patienten, sollen, mit eigenem Intensivbereich, mit teten Patienten im Krankenhaus per Fax
9 infizierte Mitarbeiter, 0 Tote +++ Küche und Lager: die schwarze Station. an, die meisten Betroffenen waren oder
Das Virus darf sich von hier aus nicht auf sind noch auf der Geriatrie. »Wir haben
Gerald Ripberger geht durch den Flur der den Rest des Krankenhauses ausbreiten, einen Ausbruch«, erklärt die Chefärztin
alten Gastroenterologie, um den Plan des nicht in die weiße Station gelangen. Das der Station am nächsten Morgen.
Krisenstabs zu erklären, wie sie den ist der Plan. Ripberger und der Chefarzt schlagen im
Sturm abwettern wollen. Schleifgeräusche Ab der darauffolgenden Woche, wenn Krisenstab einen ungewöhnlichen Plan
dringen aus den Patientenzimmern, Hand- in Deutschland der Ansturm auf die Kran- vor, um ihre Mitarbeiter und Patienten
werker bohren Löcher in die Wand, ver- kenhäuser befürchtet wird, wären sie be- besser zu schützen. Alle im Krankenhaus
legen Leitungen. Unter Gefechtsbedin- reit, früher als die meisten. sollen getestet werden, ob mit oder ohne
gungen, sagt einer der Männer, würden Am selben Tag identifiziert die Chefärz- Symptome. Das Robert Koch-Institut emp-
sie hier innerhalb von Tagen etwas bauen, tin der Geriatrie den ersten offiziellen Co- fiehlt das Krankenhäusern nicht. Labor-
was sonst Monate dauert: eine neue rona-Patienten auf ihrer Station. Erneut kapazitäten sind knapp. Getestet werden
Station. verschärft sie die Maßnahmen. Alle Patien- soll nur, wer auch Symptome hat. Bis zu
Ripberger bewegt sich langsam, leicht ten müssen in ihren Zimmern bleiben, Pfle- diesem Zeitpunkt hat kein Krankenhaus
nach vorn gebeugt, als würde er eine Ret- ger und Patienten müssen Mundschutz tra- in Deutschland alle Patienten und Mitar-
tungstrage schieben. Er ist 45 Jahre alt, In- gen. Es ist ein schwerer Schritt für sie. Die beiter getestet. Gut möglich, dass anders-
ternist und Notfallmediziner mit 8000 Ein- dementen oder verwirrten Patienten, etwa wo die Situation gleich ist, die Toten aber
sätzen, Oberfeldarzt, Unterfranke. Heute die Hälfte der Station, verstehen nicht, was nicht als Corona-Tote gelten, Patienten,
hat er vergessen, welcher Wochentag ist. passiert. Sie reißen ihre Maske ab, haben Besucher und Mitarbeiter weitere Men-
Er ist für den Pandemieplan des Kranken- Angst. Die Nähe zum Patienten, sagt die schen anstecken, ohne es zu wissen.
hauses zuständig, er arbeitet jeden Tag Chefärztin, sei Fluch und Segen zugleich. Das ganze Wochenende arbeitet Ripber-
hier, meist 12, 13 Stunden, aber auch da- Sie lässt weitere Tests anordnen und orga- ger durch, mehr als 400 Abstriche werden
nach klingelt noch das Telefon. An freien nisiert Sportgeräte für die Patientenzimmer. gemacht. Das Labor sendet automatisch
Tagen fährt er trotzdem wieder rein. Er alle positiven Bescheide ans Gesundheits-
ist als Arzt zu den Erdbebenopfern von +++ Freitag, 27. März, 8.30 Uhr +++ amt. Die Daten aller Infizierten müssen
Haiti gereist, er kennt die Krankenhäuser M-Flügel, Ebene 2, Raum 209 +++ aber zusätzlich von einem Arzt von Hand
in Somalia, war im Kosovo und in Bangla- 16 in fizierte Patienten, 18 infizierte in ein Formular eingetragen werden und
desch, in New Orleans nach dem Hurrikan Mitarbeiter, 2 Tote +++ innerhalb von 24 Stunden an die Gesund-
und an der libyschen Grenze während des heitsbehörde gefaxt werden. Erst am Sonn-
Krieges. Als im Krisenstab kurz Heiterkeit Der Krisenstab tagt jetzt in einem grö- tagabend teilt das Klinikum der Amtsärz-
aufkam, als es um ein allgemeines Rasier- ßeren Raum, Konferenzraum 1, direkt tin den Ausbruch mit.
gebot für die gesamte Belegschaft ging, neben der Kantine. Hier können sie
lachte Ripberger nicht. Sein Gesicht ist seit mehr Abstand zueinander halten. Einige +++ Montag, 30. März, 7 Uhr +++
Wochen glatt rasiert, damit die Maske bes- tragen Mundschutz. Immer noch wird LL-Trakt, Ebene 1, Corona-Station +++
ser abschließt. in Deutschland debattiert, wie viel ein 60 infizierte Patienten, 36 infizierte
Er weiß: Krankenhäuser sind beson- einfacher Mund-Nasen-Schutz wirklich Mitarbeiter, 3 Tote +++
ders gefährdet. Gesunde Menschen kön- bringt. Die Bundeswehr soll Masken an-
nen sich dort das Virus holen. Ripberger liefern, voraussichtlich. Und Anbieter für »Zutritt verboten« steht draußen auf den
erzählt, seine Kollegen in Italien hätten Testgeräte haben in der Zwischenzeit ihre Schildern, »Infektionsgefahr. Nicht betre-
Angst, nach Hause zu gehen, weil sie ihre Preise erhöht. ten!«. Besucher starren durch die Fenster-

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Coronakrise

scheiben. Ein junges Team trifft sich hier schiebt, seinen Unterkiefer aufklappt, oh- sonst lang. Er habe Angst, sagt einer der
zum ersten Mal, aus anderen Stationen zu- ne einen Zahn auszubrechen, und einen leitenden Ärzte, aber er habe auch einen
sammengeklaubt. Einer von ihnen wird acht Millimeter dicken Silikonschlauch Arbeitsvertrag, er könne jetzt nicht ein-
bald die Toten durch die Gänge schieben. zwischen seinen Stimmritzen hindurch- fach zu Hause bleiben. Ein Assistenzarzt
Einer wird in der Nacht auf Karfreitag, schiebt, ohne sie zu verletzen, etwa 23 Zen- fährt mit seiner Tochter nur noch in den
morgens um fünf Uhr, einer alten, demen- timeter tief hinein, ohne in die Speiseröhre Wald und versucht, nichts mehr anzufas-
ten Frau über die Wange streichen und ihr oder in die Lungenflügel hineinzustoßen. sen. Ein anderer Assistenzarzt hat einen
sagen: »Keine Angst. Sie sind im Kranken- Nachdem sie dies geübt haben, fragen sich dreijährigen Sohn, der jeden Tag an seine
haus.« Einer wird weinen. Die meisten manche der Ärzte und Pfleger untereinan- Zimmertür klopft und spielen will, er
von ihnen haben Kinder oder bekommen der: »Wie heißt du eigentlich?« weiß, dass der Vater da ist. Wenn der Va-
gerade welche. Sie haben Eltern und Groß- Am Abend ist die Station fertig. 24 Bet- ter nicht aufmacht, weint das Kind. Ein
eltern. Einige haben Angst, das geben sie ten, 24 Beatmungsgeräte. Der erste Patient Pfleger hat einen Sohn mit Asthma. Er
offen zu. Die Stationsleiterin steht an der wird durch die Tür geschoben. 63 Jahre hofft, dass er ihn nicht ansteckt. Einer hat
Wand, die Hände hinter dem Rücken alt, Asthmatiker, Diabetiker. Diagnose: sich zu Hause eine Schleuse gebaut, wie
verschränkt, eine kleine tapfere Frau, die Covid-19-Pneumonie mit respiratorischer im Krankenhaus.
jeden Tag länger bleibt, als sie müsste, und Insuffizienz. Sechs Ärzte stehen jetzt um
dann mehr als 20 Kilometer mit dem Fahr- sein Bett, wechseln die Schläuche, schlie- Ein Assistenzarzt
rad nach Hause fährt. ßen ihn an die Maschinen an, die ihn am »In diesem Job lebt man immer mit einer
»Wir werden krank werden, wir werden Leben halten. »Das werden wir nicht lange gewissen Unzufriedenheit. Pflegeunterbe-
ausfallen. Wie wir das dann kompensieren, durchhalten, wenn man die Bilder aus setzung interessierte bisher keine Sau. Und
müssen wir sehen«, sagt die Stationsleite- Italien sieht«, sagt eine Schwester, »wir plötzlich soll es um jedes Menschenleben
rin. Es fehlt eigentlich noch an allem, an sind eh schon am Limit.« gehen, plötzlich wird für jeden gekämpft.
Absaugkanülen, an Gabeln in der Küche, Tausende Ärzte in Italien haben sich an- Ich höre: ›Ein 98-Jähriger ist gestorben, es
an Medikamenten in den richtigen Men- gesteckt. Auch die Ärzte in Potsdam wer- tut mir so leid.‹ Da frage ich mich: Wo wart
gen. Sie wissen noch nicht, wo die Bett- den sich anstecken, irgendwann, heute, ihr denn vorher? Ich weiß nicht, ob die Leu-
wäsche ist und wo sie ihre Masken hin- morgen, in drei Wochen, das wissen hier te zum ersten Mal Angst um ihren eigenen
hängen sollen. Und was sollen sie essen, eigentlich alle. Wer macht das freiwillig, Arsch haben oder ob das vorher ganz weit
wenn sie nicht in die Kantine dürfen und wer riskiert sein eigenes Leben oder, weg war, in den Pflegeheimen. Durch
auch nichts hineinbringen dürfen? schlimmer noch, das seiner Familie? schlechte Versorgung sind in den letzten
»Es geht nicht anders«, sagt die Sta- Der Küchenhelfer René zum Beispiel, Jahren immer Leute gestorben, das ist eine
tionsleiterin, »wir müssen jetzt erst mal der bei Stationseröffnung sagt, er sei hier knallharte Realität. Eine Intensivstation
so starten.« 25 Augenpaare über den Mädchen für alles. 33 Jahre alt, fast zwei mit 16 Betten kann man nicht mit vier
Masken, die sich unsicher mustern. Noch Meter groß, ein Mann, der oben im Pflegern fahren. Das geht nicht. Es reicht
Fragen? Schrank seine Uniform verwahrt mit der ein Medikament, das nicht richtig gewech-
»Müssen wir weiterarbeiten, wenn wir Medaille: »Für besonderen Mut im Ange- selt wird, und zack, ist es aus. Ich fand es
positiv sind?«, fragt eine der Schwestern. sicht des Feindes«. Er ist Soldat. Er hat immer komisch, dass Krankenhäuser wirt-
»Wenn man sich sonst gesund fühlt, sich freiwillig gemeldet, als er auf Face- schaftlich arbeiten sollen. Soll die Polizei
kann das irgendwann passieren«, sagt der book las, dass Mitarbeiter gesucht werden. wirtschaftlich arbeiten? Soll die Feuerwehr
Chefarzt. Er hat 23 Kampfeinsätze hinter sich, wirtschaftlich arbeiten?«
Im Laufe des Tages tragen Handwerker 12 000 Fallschirmsprünge und die Nah-
eine Osmoseanlage zur Wasserfilterung kampfausbildung in Gold. Jetzt bezieht Die Corona-Intensivstation
herein, die 48 000 Euro kostet, die Safes er Betten, wechselt Müllsäcke, holt Urin- Alle, die hier liegen, haben eine Pneumo-
für Betäubungsmittel werden in den Über- beutel aus dem Keller, und wenn ihm eine nie, eine Entzündung der Lunge. Bei alten
wachungsraum gewuchtet. Schwestern rol- Schwester sagt: »Pfefferminztee für Zim- Menschen kann sie oft tödlich verlaufen.
len Einkaufswagen mit Medikamenten mer 13«, dann sagt er freundlich: »Pfeffer- Eine schwere Lungenentzündung führt
durch die Gänge. Der Herr von der Firma minztee, sehr gern.« In seiner Küche er- dazu, dass die Lunge es nicht schafft, ge-
Dräger kommt und stellt seine Wunder- zählt er beim Ausräumen des Geschirr- nügend Sauerstoff ins Blut zu transportie-
maschinen vor, mehr als 20 000 Euro teu- spülers von einem Mädchen in Afghanis- ren. Also versuchen Ärzte nachzuhelfen,
er. Beatmungsgeräte tragen ausschließlich tan, das sechs Kilometer laufen musste, erst mit einer Sauerstoffmaske, wenn das
weibliche Vornamen: die Evita XL, die um jeden Tag für ihre Familie Wasser zu nicht hilft, drückt ein Beatmungsgerät die
Savina 300. holen. Sie nahm dafür einen Ölkanister. Luft in die Lungen.
»Können die auch drucken?«, fragt einer Ihr Vater war erschossen worden, ihre Deutsche Politiker erwähnen gern die
der Ärzte. Mutter krank. Als er vorbeikam, bot das hohe Zahl an Beatmungsgeräten. Ärzte
Drei Türen weiter klingt ein Röcheln Mädchen ihm eine halbe Schüssel Reis an. aber wollen eine Beatmung, wenn es
aus dem Zimmer. So klingt ein Mensch, Manchmal sitze er nach solchen Einsätzen geht, vermeiden. Denn sie hält einen Pa-
der erstickt, von tief unten kommt das in der Berliner U-Bahn und höre sich die tienten zwar am Leben, aber verzögert
Geräusch, ein Japsen, Kämpfen. »Herr Gespräche an. Er frage sich dann, was los oft nur den Tod. Ein alter Mensch mit
Rohner«, fragt der Arzt, »Herr Rohner, ist in Deutschland, wer eigentlich durch- Vorerkrankungen überlebt trotz einer
können Sie mich hören?« Doch Herr Roh- gedreht ist, er oder die anderen. »Was Beatmung nur schwer.
ner kann ihn nicht hören. Herr Rohner ist heißt denn schlimm?«, fragt der Küchen- Seine Atemmuskulatur verkümmert mit
eine Puppe und nur hier für Demonstra- helfer. Ist das Virus schlimm? Ist der Tod jedem Tag am Gerät. Je länger er daran
tionszwecke. Ein Team aus Ärzten und schlimm? Ist die Angst schlimm? hängt, desto schwieriger wird es, den Pa-
Intensivpflegern, das sich noch nicht Viele der Ärzte leben in häuslicher Qua- tienten wieder zu entwöhnen, desto anfäl-
kennt, übt das Intubieren. Sie haben nur rantäne. Einer der Ärzte hat seine Frau, liger wird sein Körper für Infektionen
Sekunden dafür Zeit, denn ein Mensch seinen kleinen Sohn und seine Tochter durch Bakterien. Dazu kommt ein Kreis-
kann nicht beatmet werden, während man ausquartiert. Er sei froh, dass er die Spät- lauf an Medikamenten mit starken Neben-
ihm einen Spatel aus Stahl in den Mund schicht habe, sagt er, die Abende wären wirkungen. Da man bei vollem Bewusst-

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»Doch. Sie kämpfen dagegen, und das
Virus geht weg.«
»Das glaube ich Ihnen nicht.«
»Glauben Sie mir.«
»Nein, ich glaube Ihnen nicht. Da sind
so viele Leute dran gestorben.«
»Wir können trotzdem zusammen
kämpfen. Wichtig ist, dass Sie keine
Schmerzen haben.«
»Das ist lieb, Herr Doktor. Ich möchte
auch keine lebensverlängernden Maß-
nahmen haben. Ich bin jetzt so lange im
Krankenhaus. Sie haben mir den Magen
ausgepumpt, ich kriege diese Spritzen
gegen die Thrombose. Ich will das nicht
mehr.«
»Gut, ich muss Sie das jetzt genau fra-
gen: Was wollen Sie nicht mehr? Möchten
Sie keine Dialyse mehr bekommen? Keine
Blutwäsche?«
»Das ist so anstrengend.«
»Ja, anstrengend ist das schon. Möchten
Sie es nicht weitermachen?«
»Doch, die Dialyse, ja, die möchte ich
weitermachen. Aber alles andere nicht
mehr.«
»Dürfen wir Sie durch die Maschine
beatmen?«
»Na ja, wenn Sie meinen, das lohnt nicht
mehr, dann …«
»Das weiß keiner. Nur Gott weiß das.«
»Wenn sich das nicht mehr lohnt, dann
können Sie das ja alles abstellen.«
»Ich weiß, dass es nicht einfach ist. Aber
das müssen Sie uns sagen. Wenn Sie be-
atmet werden wollen, dann können wir es
probieren, aber das kann lange dauern.
Und noch eine zweite Sache. Dürfen wir
Helfer René in einem Umkleidezimmer: »Pfefferminztee, sehr gern« Sie reanimieren? Das heißt Herzmassage
und Elektroschock? Oder wollen Sie das
nicht?«
sein keinen Tubus in der Luftröhre erträgt, kann, aber manchmal den Schwestern zu- »Herr Doktor, ich weiß es nicht«, sagt
wird man sediert mit Sufentanil und Pro- zwinkert, als plante er eine Verschwörung. die Frau.
pofol. Diese Medikamente senken aber Da ist der Mann, der einfach nichts mehr »Nehmen Sie sich Zeit. Wenn Ihr Herz
den Blutdruck, also wird irgendwann, macht, außer dass sein Herz schlägt, und aufhört zu schlagen, dann müssen wir eine
wenn der Kreislauf zu schwach wird, Nor- um den sich alle Sorgen machen. Und Entscheidung treffen. Wenn Sie meinen,
adrenalin gegeben, um den Blutdruck zu da ist die Frau in Bett 15, Zimmer 107. Sie Sie haben ein schönes Leben gehabt …«
steigern. Das aber wiederum verengt die ist 72 Jahre alt. Die Monitore rahmen sie »Ja, das hatte ich!«
Gefäße, kann Nasen, Ohren und Finger ein, wie ein Gemälde. Lungenentzündung, »Wenn Sie sagen: Mir reicht das, ich
blau oder schwarz werden lassen. Wenn Herzschrittmacher, chronisch kranke Lun- möchte nicht mehr leiden, dann werden
das Herz zu schwach ist, gibt man Dopu- ge. Manchmal guckt sie neugierig aus der wir Sie nicht künstlich beatmen. Dann fah-
tamin, um es zu stärken. Diese Medika- Tür, wer dort herumläuft. Sie hat nichts ren wir Sie auf die normale Station, dann
mente führen zu einer Tachykardie, das Persönliches mitgebracht. Auf ihrem Tisch kriegen Sie zu trinken, zu essen, Schmerz-
Herz schlägt schneller. Jetzt müsste man steht eine Schachtel mit Desinfektions- therapien. Und das war es. Aber wenn Sie
eigentlich Betablocker geben, die senken tüchern. Sie hat keine Kinder, keine An- sagen: ›Ich muss weiterleben‹, dann kön-
aber wiederum den Blutdruck. gehörigen, nur einen Betreuer, der ihr die nen wir alles machen.«
Der Intensivmediziner hat eine fast un- Entscheidung überlassen will, denn sie ist »Ja, da haben Sie recht«, sagt die Frau.
mögliche Aufgabe: Er muss ein komplexes, orientiert, wie Ärzte sagen, oder noch klar Es ist unklar, was sie damit meint.
labiles System unterstützen, das nach und im Kopf, wie die Pfleger sagen. Sie hatte Am nächsten Tag wird sie von der In-
nach in sich zusammenfällt. Irgendwann viel Zeit, sie hat nachgedacht in den letz- tensivstation auf die Normalstation verlegt.
kann die Niere aufhören zu arbeiten. Das ten Stunden, und sie hat jetzt ein paar Sie wird auf eigenen Wunsch, nach vielen
Herz hört auf zu schlagen, die Lunge ver- Fragen an den Assistenzarzt, der gerade Gesprächen, keine lebensverlängernden
sagt, die Leber. Der Körper gibt auf. den Flur herunterkommt. Maßnahmen erhalten. Der Assistenzarzt
Nach einer Weile kennt man jeden Pa- »Herr Doktor?« liegt zwei Tage später krank mit Fieber im
tienten auf der Corona-Intensivstation, in »Ja?« Bett. Diagnose: Corona-positiv.
jedem Zimmer, mit allen seinen Eigen- »Dieses Virus ist ja nicht mehr zu hei- Diese Entscheidung, die Ärzte am Ende
arten: Da ist der Herr, der nicht sprechen len.« treffen müssen, heißt in der abwägenden

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Leichenkühlraum im Keller: »Kann ich kurz Pause machen, ich muss mal eben weinen«

Sprache der Intensivmedizin End-of-Life +++ Donnerstag, 2. April, 8.30 Uhr +++ auch ihren Säugling nur eine Stunde am
Decision. Die Entscheidung, wann ein M-Flügel, Ebene 2, Raum 209 +++ Tag besuchen, um sich nicht anzustecken.
Mensch sterben darf. Es treibt viele Men- 79 infizierte Patienten, 64 infizierte Die Regel mache offensichtlich keinen
schen um, was da mit ihnen passiert, weil Mitarbeiter, 7 Tote +++ Sinn, sagt die Chefärztin.
es eine komplexe Welt ist, die man nur Am nächsten Tag soll das RKI ein Team
schwer versteht und in der Fremde über Alle im Konferenzsaal tragen jetzt Mund- ins Krankenhaus schicken und nach Ur-
das eigene Leben entscheiden. Es ist der schutz. Der Geschäftsführer hat seinen sachen forschen. Es läuft ein Ordnungs-
Vorwurf, der Ärzten gemacht wird: dass beim Sprechen heruntergezogen. »Mich widrigkeitsverfahren gegen drei Ärzte,
sie Gott spielen würden, dass sie wählen rufen jetzt Freunde an und fragen, ob ich weil sie Infizierte zu spät an das Gesund-
würden, wer lebt und wer stirbt. Und tat- auch Corona habe«, sagt er. »Habe ich heitsamt gemeldet haben sollen. Gemeldet
sächlich tun Ärzte etwas Ähnliches, auch natürlich nicht.« Kurze Pause. »Also hoffe werden muss der Verdacht, die Erkran-
wenn sie es nicht gern hören. Sie halten ich jetzt mal.« kung, die Genesung oder der Tod. Die
jeden Tag ein Leben in der Hand, sie ent- Es gab weitere Ausbrüche. Nicht nur Staatsanwaltschaft Potsdam prüft deshalb,
scheiden am Ende, ob und wie beatmet, in der Geriatrie, sondern auch in der Uro- ob ein strafbarer Verstoß von Ärzten und
ob reanimiert werden soll oder ob das alles logie und der Nephrologie. Schnelltests Geschäftsführung gegen das Infektions-
keinen Sinn mehr ergibt. Die Frage ist, wer gibt es immer noch nicht, bei vielen neuen schutzgesetz besteht. Die Gesundheits-
es sonst machen soll. Patienten weiß man über Stunden und ministerin von Brandenburg sagt, der Aus-
In Krankenhausserien kommt irgend- Tage nicht, ob sie das Virus in sich tragen bruch sei »im Moment die größte Sorge,
wann der Anruf mit der Frage: »Sollen oder nicht. Der Plan ist deshalb nicht die wir hier im Land Brandenburg haben«.
wir jetzt die Maschine abschalten oder mehr, zwei große Krankenhäuser in einem Niemand schreibt, dass keine andere Kli-
nicht?« Aber so sei das nicht, sagt eine zu bauen, sondern drei. Ein schwarzer nik alle Mitarbeiter und Patienten testet.
der Ärztinnen hier. Diese Verantwortung Bereich, ein weißer und einer mit un- Die Charité kündigt es an, veröffentlicht
könne man Angehörigen nicht aufbür- klaren Fällen: der graue Bereich. Dafür aber nicht ihre Ergebnisse.
den. Wer sagt Nein, wenn man fragt: müssen weitere Stationen umziehen, das
»Soll Ihre Mutter noch weiterleben?« Es Krankenhaus muss wieder umgebaut wer- +++ Donnerstag, 2. April, Spätschicht
gleiche eher einem Puzzle, das man unter den. Kann die Psychiatrie umziehen, und +++ LL-Trakt, Ebene 1, Corona-Station
Zeitdruck zusammensetzt. Welche Mei- was macht das mit den Patienten dort? +++ 80 infizierte Patienten, 64 infizierte
nung hätte der Patient in dieser Situa- Kann die Dialyse umziehen? Die Strah- Mitarbeiter, 8 Tote +++
tion? Wer kann für ihn sprechen, wenn lentherapie? Die Chemo? Was ist mit der
er es selbst nicht mehr kann? Manchmal Kindernotaufnahme? Wie kann im Kran- Die »Bild«-Zeitung hat an diesem Tag ge-
rufe die Frau an, der Sohn, dann auch kenhaus die Besuchsregel für stillende titelt: »Die Todesklinik von Potsdam!« Am
noch eine Geliebte. Am Ende entscheiden Mütter verändert werden, die ihr Kind Eingang steht ein Journalist und sammelt
die Ärzte. sehen wollen? Offiziell gilt: Mütter dürfen Zitate von Mitarbeitern ein. Die Eingänge

62
Coronakrise

sind für Besucher geschlossen. Mitarbeiter Drei Ärzte seien positiv getestet gewor- ge ab, prüft Wasseransammlungen in den
ziehen dahinter Wartenummern und lassen den, sagt der Schichtleiter der Spätschicht. Beinen, schallt die Lebervenen. Er macht
sich testen. Jeder trägt jetzt Mundschutz. Er verliere jeden Tag im Schnitt einen das so sorgsam, als könnte der Mann noch
»Respekt und Anerkennung für das, was Mann. Die Angehörigen eines Patienten hundert Jahre leben. Die Schwester putzt
ihr leistet! Danke« steht seit Wochen in rufen an und sagen, es solle alles versucht dem Patienten die Zähne. Er hat ein paar
blauer Schrift auf einem Banner am Zaun. werden, um ihn zu retten, er könne auch Muttermale unterhalb der rechten Achsel.
Ein paar Tage später fehlt das Banner, nur als Testperson für Studien eingesetzt wer- Er liegt dort wie ein kleines Kind. »Schön,
die abgerissenen Fäden wehen noch am den. Sie bieten den Ärzten persönlich einen oder?«, fragt die Schwester.
Zaun. Einer der Ärzte sagt, er sage Frem- sechsstelligen Betrag, nur um ihn zu retten. Es ist noch hell draußen, als der Patient
den nicht mehr, wo er arbeitet. Ein anderer Sie seien verzweifelt, sagt der Schichtleiter. stirbt. Später schließt der Küchenhelfer
hat seinen Krankenhausausweis, der sonst Ein Mann ruft an und fragt, ob sein Bruder René, der Soldat, die Augen des Toten
immer hinter der Windschutzscheibe liegt, heute gut gegessen habe. »Er wird künst- und faltet dessen Arme über der Brust. Er
aus Angst vor der Reaktion seiner Nach- lich beatmet«, sagt der Arzt am Telefon, legt ihn in einen weißen Nylonsack und
barn aus dem Auto geholt. Eine Schwester »er kann nichts essen.« rollt ihn vorsichtig auf den Leichenwagen,
sagt: »Kann ich kurz Pause machen, ich den er Silberblitz nennt. Er ruft das Des-
muss mal eben weinen.« Ein Arzt infektionsteam, fährt den Silberblitz den
Der Oberbürgermeister ließ bereits am »Ich möchte damit nicht zitiert werden, Flur entlang, vorbei an den anderen Pa-
Vortag das Krankenhaus schließen, das aber was wir auf der Intensivstation ma- tienten, die aus ihren Türen herausgucken,
erst wieder geöffnet werden soll, wenn der chen, ist vergleichbar mit einem Kriegsein- nimmt den Fahrstuhl in den Keller, schiebt
Ausbruch unter Kontrolle gebracht ist. Nur satz. Ein Drittel der Patienten stirbt. Ein den Silberblitz in die Kühlschleuse. H014.
noch Notfälle dürfen eingeliefert werden. Drittel hat später körperliche Probleme. Ein Leichenkühlraum. Dort nimmt er das
Das St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam Drittel psychische Probleme. Ganz grob ge- Schild »Belegt« vom Haken und auch das
soll ab jetzt die Versorgung aller Kranken sagt. Der Geräteeinsatz ist intensiv, aber Schild »Infektiös« und hängt es an den
der Region übernehmen. Unklar ist, wie das Ergebnis ist sehr frustrierend. Wenn Wagen. Die Kühlmaschine rauscht. Dann
dort ein Ausbruch vermieden werden soll. man das zu ernst nimmt, zerbricht man schließt er die Tür. »Wer seine Aufgabe
Es gibt nun häufig Pressekonferenzen im daran. Wir arbeiten in einem großen Team, erfüllt hat«, sagt er, »der kann abberufen
Rathaus. Der Bürgermeister wirkt jugend- das sich wirklich viel einsetzt. Wenn wir werden.«
lich und ist seit Kurzem im Amt. In dunk- lachen, dann lachen wir aus Selbstschutz.
lem Anzug mit Krawatte spricht er den Und manchmal können wir auch ein Le- +++ Gründonnerstag, 9. April +++
Angehörigen der Verstorbenen durch die ben zurückschenken, das man vor Jahren 84 infizierte Patienten, 161 infizierte
Kamera sein Beileid aus. Er schluckt, blickt aufgegeben hätte.« Mitarbeiter, 26 Tote +++
nach oben und trinkt Wasser. Er trägt dabei
keinen Mundschutz, zwischendurch schaut Es gibt Anzeichen dafür, dass ein Mensch Weitere Ärzte und Pfleger sind krank ge-
er auf sein iPad vor sich. Er spricht auch stirbt, aber die Zeichen sind unsicher. worden. Eine Mitarbeiterin der Hygiene;
darüber, wie belastend es für ihn persönlich Es gibt den 84-jährigen Patienten, der derjenige, der die Zimmer desinfiziert.
sei. »Die Situation, tagtäglich über den Tod keine Beatmung wünscht, für den alles Der Oberbürgermeister wird die Bundes-
von Mitmenschen zu sprechen«, sagt er, geregelt ist und der friedlich einschläft wehr um Hilfe bitten. Der Küchenhelfer
»ist für mich das Schwerste in dieser eh mit einer ordentlichen Ladung Mor - René hat ein Kratzen im Hals, arbeitet
schon schweren Zeit.« phium im Blut, um am nächsten Tag aber weiter. Er wird negativ getestet. Das
Mehr als 900 000 Menschen sterben in wieder aufzuwachen und nach dem Früh- zweite Krankenhaus in Potsdam, das
Deutschland jedes Jahr. Etwa 2600 jeden stück zu fragen. St. Josefs-Krankenhaus, wird die Aufnah-
Tag. Nur eine Minderheit von ihnen wird Die Zeichen verstecken sich in den me von Corona-Patienten und Verdachts-
öffentlich betrauert, den wenigsten öffent- Patientenkurven, die vor den Zimmern fällen stoppen. Es ist überlastet. Die Zahl
lich Beileid ausgesprochen. Die öffentliche liegen, deren Linien abrupt nach oben seiner infizierten Mitarbeiter wird sich
Trauer, sie ist meist dem öffentlichen Ver- verlaufen, sie werden deutlich in der An- verdoppeln. Das Ernst von Bergmann
lust vorbehalten, den Prominenten oder zahl der Ärzte, die vor einem Bett stehen. Klinikum braucht noch Wochen für die
dem Ausnahmezustand, den Opfern von Hier in Zimmer 108 ist es jetzt so weit. Beendigung des Aufnahmestopps und
Amokläufen, Unfällen und Katastrophen, Der Patient bewege sich rückwärts, sagt den Umbau. Man überlegt jetzt, den grau-
den Schockmomenten. der behandelnde Arzt. en Bereich in einen hellgrauen und einen
Als auf den Intensivstationen der Stadt Der Patient liegt im hinteren Bett mit dunkelgrauen Bereich aufzuteilen. Sie
vor drei Jahren Influenza-Kranke starben, der Nummer 15. Er hat die Maximalthe- brauchen für drei Krankenhäuser drei
wurde ihr Tod nicht öffentlich betrauert, rapie. Der Schichtleiter sagt: »Mehr als Computertomografen, drei Lager, drei-
keinem im Rathaus Beileid bekundet. Der hier machen wir nicht.« Im Zimmer ist mal Personal, drei Leichenkühlräume.
älteste Verstorbene mit Corona im Klini- es still, nur der Ventilator der Dialyse- Niemand sagt: Ein Krankenhaus lässt sich
kum Ernst von Bergmann war 98 Jahre alt. maschine rotiert leise. Der Mann liegt auf nicht schützen, solange jeder ansteckend
Wenn der Oberbürgermeister von den dem Rücken. Fast jede Funktion seines sein kann, zu jeder Zeit, ohne dass man
Verstorbenen spricht, dann wirkt es so, als Körpers wird von einer Maschine über- es weiß. Der Leiter des Einkaufs hat ir-
wäre der Tod etwas Vermeidbares. Letzt- nommen. Seine Nieren sind an die Dia- gendwoher fünf Tonnen Desinfektions-
lich geht es in diesen Tagen nicht um den lyse angeschlossen, seine Lunge an die mittel und 100 000 Masken besorgt. Rip-
Tod. Es geht um die Würde. Ein Patient Beatmungsmaschine. Besser kann ein berger wird zum neuen Leiter des Krisen-
kann würdevoll, sogar liebevoll behandelt Mensch nicht überwacht werden. Und stabs ernannt. Er trägt weiter beharrlich
werden, selbst wenn er nackt auf dem doch liegt er im Sterben. seine Maske. Er hustet nicht.
Bauch liegt und Kabel aus seinen Körper- Der Schichtleiter stülpt sich sein Visier
öffnungen ragen. Er kann würdevoll ster- über, zieht die Handschuhe an, den Kittel. +++ Donnerstag, 16. April +++
ben und würdelos leben. Verantwortlich Wenn man eine halbe Stunde damit arbei- 77 infizierte Patienten, 176 infizierte
dafür sind die Menschen, die ihn bis zum tet, ist man schweißüberströmt, so heiß ist Mitarbeiter, 34 Tote +++
Schluss begleiten. es darunter. Der Schichtleiter hört die Lun-

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 63


Reporter

Sie schläft ja nicht nur. Sondern verströmt dabei auch noch

Krisenmeisterin eine große Wohligkeit. Eine räkelnde, seufzende Genüsslich-


keit, die durch nichts zu erschüttern ist. Manchmal lege ich
mich daneben, stecke meine Nase in ihr warmes, weiches

Elfriede Jelinek Fell, das nadelholzig riecht, und dann fühle ich eine schöne
Corona-ferne Ruhe und möchte hier ewig liegen.
Meine Eltern sind beide über achtzig Jahre alt, sie gehören
zur Risikogruppe, weshalb ich sie seit Wochen nicht besucht
Homestory Unser Autor lebt mit einer Katze. habe, was schwierig ist für sie und für mich. Bei meiner Katze
Nie war er darüber glücklicher als jetzt. aber gibt es keine Kontaktsperre.
Seltsam ist das. Irgendwie verrückt.
Menschen nein, Tiere ja.

V or Kurzem las ich, dass der Modedesigner Wolfgang


Joop mehrere Hunde besitzt und deren Anwesenheit
als sehr tröstlich empfindet, vor allem jetzt, im Ange-
sicht der Seuche. »Nachts, wenn sich Lieschen neben mir zu-
In Hongkong hat sich ein Zwergspitz mit dem Virus ange-
steckt. In Belgien eine Hauskatze. In New York ein Zootiger.
Aber nach allem, was man zurzeit weiß, sind Haustiere an-
scheinend keine Corona-Überträger.
sammenrollt, lege ich manchmal meine Hand auf ihren Brust- Zum Glück. Selbst der eigene Ehepartner ist ja jetzt grund-
korb. Dann spüre ich unter ihrem drahtigen Kokosmattenhaar sätzlich verdächtig, das Virus in die Wohnung zu bringen.
ihren Herzschlag, dieses ruhige Atmen. Das überträgt sich Komme ich vom Einkaufen zurück, fragt meine Frau miss-
auf mich«, sagte Joop. trauisch: Und? Hast du dir schon die Hände gewaschen?
Ich habe keinen Hund mit Kokosmattenhaar. Ich habe eine In São Paulo wohnt die Großtante meiner Frau, eine 93-
Katze mit schwarzen Pfoten. Sie heißt Elfriede Jelinek, wie die jährige alte Dame. Sie ist seit Wochen in freiwilliger Qua-
Schriftstellerin, ein Name, den ich zuweilen bereue, wenn ich rantäne, allein in einer kleinen Wohnung, Hochhaus, neunter
beim Tierarzt sitze und die Durchsage höre: »Herr Gutsch und Stock. Zur Aufmunterung schickt ihr meine Frau oft Fotos
Elfriede Jelinek bitte zur Entwur- aus Deutschland: die Blumen
mung ins Sprechzimmer zwei!« auf unserem Balkon, der Früh-
Aber ich habe sofort verstan- ling in unserer Straße, meine
den, was Wolfgang Joop meinte. Frau und ich beim Kochen. Ja,
Nie war ein Haustier so wertvoll. danke, sehr schön, schreibt dann
Nie empfand ich seine Anwesen- die Großtante zurück. Aber habt
heit als so tröstlich, aufmunternd ihr noch Fotos von Elfriede
und angstlösend wie in diesen Jelinek?
seltsamen Corona-Wochen. Sie ist der Krisenstar. Trostmit-
Es ist einfach wunderbar, je- tel, Wärmespender, Ablenkungs-
manden an seiner Seite zu wis- stoff, Glücksbote bis ins ferne
sen, der komplett Virus-ignorant Südamerika. Und dabei so be-
ist. Schaue ich mir die Nachrich- scheiden. Ich sage zu ihr: »Alle
ten an oder eine Pressekonfe- lieben dich.« Sie reißt den Mund
renz des Robert Koch-Instituts, auf und gähnt.
dann liegt Elfriede Jelinek neben Wegen meines einsamen
mir auf dem Sofa und schläft. Homeoffice-Daseins rede ich
Oder leckt sich gelangweilt zwi- jetzt oft mit meiner Katze. Biss-
schen den Beinen. chen peinlich, ich weiß. Bislang
Das ist lässig. All die Debatten, hat Elfriede Jelinek nicht geant-
Johns-Hopkins-Zahlen, Lock- wortet, aber ich stelle mir immer
down-Diskussionen und düsteren öfter vor, was sie wohl sagen
Weltwirtschaft-Untergangsszena- würde zur Krise und so. Ich: »Im
rien prallen einfach an ihr ab. Supermarkt gab es heute schon
Viele Menschen bewundern wieder kein Toilettenpapier.«
jetzt den klugen Virologen Chris- Sie (gähnend): »Entspann
tian Drosten oder die unaufge- dich. Du kannst gern mein Kat-
regte Angela Merkel oder den zenklo benutzen, auch ohne
schneidigen Markus Söder. Und Papier. Mi casa es tu casa.«
ich? Bewundere meine Katze. Sie ist absolut krisenfest. El- Ich: »Beruflich ist die Lage gerade schwierig. Vielleicht
friede Jelinek schläft immer gut und immer viel. Man könnte bin ich bald auf Kurzarbeit.«
auch sagen: Die soziale Isolation, die wir Menschen jetzt be- Sie (gähnend): »Entspann dich. Kurzarbeit mache ich
klagen, ist für sie nur Alltag. Tagelang zu Hause abhängen, schon mein Leben lang. Also: Kurzarbeit null. Ist ganz wun-
ohne schlechtes Gewissen? Easy. Nicht in den Urlaub fahren? derbar.« Und dann entspanne ich mich, die Hand auf ihrem
Kein Problem. Im eigenen Revier ist es sowieso am schönsten. träge atmenden Katzenbauch.
Existenzangst? Null. Solange es noch Katzenfutter gibt. Es heißt ja jetzt oft: In Krisenzeiten soll man sich wieder
Während ich zum Runterkommen und als Corona-Ablen- auf das »Wesentliche« konzentrieren. Manchmal habe ich
kung jetzt abends mehr Wein trinke oder mir alte Fußball- mich gefragt, was das Wesentliche sein könnte. Die Quint-
spiele anschaue, dreht sich Elfriede Jelinek einfach auf den essenz des Lebens also.
Rücken und: entspannt. Nach fünf Minuten beginnt sie zu Dann sehe ich Elfriede Jelinek, die Krisenmeisterin, und
schnarchen. So ein leichtes Pfeifen wie bei einem Teekessel, denke: Womöglich besteht das Wesentliche ja wirklich aus
kurz bevor das Wasser kocht. Und ich denke: Wie machst Schlafen, Essen, Spielen, Lecken.
du das, Katze? In diesen irren Zeiten? In flexibler Reihenfolge. Jochen-Martin Gutsch

64 Illustration: Thilo Rothacker für den SPIEGEL


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Wirtschaft

PAUL LANGROCK
Regierungsviertel in Berlin

Fast eine Milliarde Euro für Berater


Digitale Verwaltung Bei der Modernisierung von Ministerien und Behörden explodieren die Kosten.

 Bei dem seit 2015 laufenden Krisen- rium und dessen IT-Dienstleister mehr im laufenden Jahr. Die bekannten Berater-
projekt, die Computerarbeitsplätze und Aufgaben übertragen. Dies sorgt nun für kosten bis 2025 summierten sich damit
Rechenzentren von Bundesministerien weitere Mehrkosten und Verzögerungen. auf fast 900 Millionen Euro, kritisieren
und Behörden zu modernisieren, explo- Für dieses Jahr sieht das Haus von Finanz- die Grünenabgeordneten Sven-Christian
dieren die Beraterkosten. Allein das minister Olaf Scholz (SPD) 238,7 Millio- Kindler und Tobias Lindner: »Für das
Bundesinnenministerium von Horst See- nen Euro für »externe Unterstützung« Geld, das die Bundesregierung in den
hofer (CSU), aus dem das Vorhaben bis vor, darunter auch Werkverträge für War- letzten Jahren im Projekt IT-Konsolidie-
vor Kurzem geleitet wurde, hat bis Ende tung oder Programmierung. Anders als rung des Bundes nur für Berater ver-
2019 für externe Berater rund 250 Millio- das Innenministerium will man dort über pulvert hat, hätte man wahrscheinlich die
nen Euro ausgegeben; bis 2025 sind dort die Beraterkosten in den kommenden gesamte IT aller Bundesbehörden kom-
weitere knapp 400 Millionen Euro ein- Jahren noch keine Auskunft geben, der- plett neu kaufen können.« Dabei habe das
geplant, wie aus einer Antwort der Bun- zeit würden »Grundlagendokumente für eingekaufte Wissen »nur wenig genützt«.
desregierung auf eine Anfrage der Grünen das weitere Vorgehen erarbeitet«. Das Auch die Neuplanung laufe »im Schne-
hervorgeht. Aufgrund der exorbitanten Kanzleramt, das im Herbst das Controlling ckentempo«. Unter diesen Umständen
Mehrkosten hatte das Kabinett das Not an sich gezogen hatte, will für seine neue werde es »noch mehr als zehn Jahre
leidende Megaprojekt im November 2019 Aufsichtsrolle ebenfalls Know-how von dauern, bis die IT der 130 Behörden kon-
neu organisiert und dem Finanzministe- außen einkaufen, für rund 590 000 Euro solidiert ist«. ROM

Währungsfonds Mitarbeitern eine kräftige Ge- der IWF sein Vorgehen für völ- und an Gehaltssteigerungen
IWF großzügig zu haltserhöhung. Die Löhne lig normal. »Die Gehälter in der Privatwirtschaft sowie
der weltweit 2700 Mitarbeiter der IWF-Beschäftigten werden vergleichbaren internationalen
Mitarbeitern sollen dieses Jahr um durch- jedes Jahr im Mai angepasst«, Institutionen. Der deutsche
schnittlich 3,6 Prozent steigen, erklärte ein IWF-Sprecher auf Vertreter im Exekutivdirekto-
 Trotz der von ihm selbst aus- beschloss das Exekutivdirek- Anfrage. Das Gehaltsplus wird rium stimmte für die Erhöhung,
gerufenen größten Wirtschafts- torium der Organisation mit nicht gleichmäßig auf alle Mit- der Abgesandte Italiens, das
krise seit den Dreißigerjahren Sitz in Washington am Mon- arbeiter verteilt. Es orientiert von der Coronakrise besonders
des vorigen Jahrhunderts tag. In einer Zeit, in der etliche sich vor allem an der Kosten- betroffen ist, lehnte sie ab.
genehmigt der Internationale Vorstandschefs und selbst entwicklung in der amerikani- Die Bezahlung beim IWF gilt
Währungsfonds (IWF) seinen Sportstars Verzicht üben, hält schen Hauptstadt Washington ohnehin als sehr großzügig. REI

66 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Umfragen um die Seuche zu stoppen, Antje von Dewitz Das Corona-Tagebuch (2)
Mehr Sorge um ihr Anteil ist fast doppelt

Klima als Corona


so hoch wie bei den Älteren.
»Wer sein ganzes Leben mit
dem Klimawandel leben muss,
»Auch das Wetter hilft«
 Der jüngeren Generation dem erscheint die Corona- »Wir gehen ins Ri- auch, ob die Leute schon wie-
bereitet trotz Pandemie krise vergleichsweise über- siko. Darauf der zum Einkaufsbummel
der Klimawandel weiter die windbar«, sagt Studienleiter haben wir uns in in die Stadt gehen, zumal die
größten Sorgen. So lautet Tilman Brück. Auch bei der unserem Coro- Kontaktbeschränkungen
ein Ergebnis der Studie »Le- Frage nach Hamsterkäufen na-Update am weiter gelten, was auch die
ben mit Corona« des Berliner zeigen sich Unterschiede. Je Donnerstagmor- Outdooraktivitäten hemmt.
International Security and größer die Sorge um Corona, gen geeinigt, nach- Also nehmen wir jetzt mit

PHILIP FROWEIN / DER SPIEGEL


Development Center und des desto mehr Vorräte werden dem die Bundesregierung vielen Kunden Kontakt auf,
Leibniz-Instituts IGZ. Dem- angelegt. Die Zahl der Hams- ihren Stufenplan für den Aus- um zu klären, ob sie öffnen
nach halten 50 Prozent der terkäufer hat sich gleichwohl stieg aus dem Lockdown vor- und was sie an Ware benö-
bis zu 25-Jährigen die Klima- seit Beginn der Studie am gestellt hatte. Er entspricht tigen. Die Kurzarbeit heben
veränderungen für die größte 23. März von fast 40 auf etwa unserem eher optimistischen wir schrittweise auf und gehen
Herausforderung in der 20 Prozent halbiert. In puncto Basisszenario. Darin hatten von der Annahme aus, dass
Geschichte des Landes. Die Lebenszufriedenheit äußern wir uns darauf eingestellt, Bund und Länder nach der
über 45-Jährigen nennen sich die Befragten seit Beginn dass die Geschäfte ab Anfang Überprüfung in zwei Wochen
dagegen mit 53 Prozent die der Coronakrise unverändert Mai schrittweise wieder öff- die großen Geschäfte ebenfalls
Pandemie an erster Stelle. positiv. »Der Kessel kocht nen. Allerdings bleiben Un- öffnen lassen. Auch die jetzt
Dennoch sagen die Jüngeren, nicht über, die Deutschen sicherheiten. Zunächst wer- reichliche Arbeit müssen wir
sie würden fast ein Drittel halten dem Druck noch gut den nur Läden mit maximal erst einmal organisieren:
ihres Einkommens opfern, stand«, sagt Brück. CAW 800 Quadratmeter Verkaufs- Schließlich bleiben die Kinder-
fläche aufmachen. Damit gärten und Schulen geschlos-
können etwa drei Viertel sen. Wir sprechen mit den
unserer Outdoor-, Sport- und betroffenen Kollegen, wie das
Taschenkunden wieder machbar ist. Wenn wir mit
verkaufen und zusätzlich die unserer Einschätzung auch
Fahrradhändler, die etwa diesmal richtig liegen, brauch-
45 Prozent unseres Sommer- ten wir keine Hilfskredite
F.BOILLOT / SNAPSHOT-PHOTOGRAPHY

umsatzes ausmachen. Aber bei der KfW zu beantragen.


gerade die umsatzstärksten Und das Wetter macht Lust
Ketten wie Globetrotter oder auf Wandern und Radfahren.
Sport Scheck haben weitaus Vielleicht hilft auch das.«
größere Flächen. Unsicher ist Aufgezeichnet von Martin Hesse

Dewitz, 47, ist Hauptgesellschafterin und Geschäftsführerin des Outdoor-


spezialisten Vaude. Für den SPIEGEL schildert sie in den kommenden Wochen,
»Fridays for Future«-Protestierende im September 2019 wie sie und ihre Kollegen die Coronakrise erleben.

Finanzkrise, lag die Schuldenquote bei über 80 Prozent. Damals

Viel Spielraum kam die Bundesregierung ohne Zusatzbelastung aus. Dank Aus-
gabendisziplin und eines kräftigen Wirtschaftswachstums schaffte
sie es, die Quote binnen zehn Jahren Richtung 60 Prozent zu
Samstagsfrage Soll der Staat wegen der Corona- drücken, der vom Maastricht-Vertrag vorgegebenen Größe. Aber
Lasten ein Sonderopfer erheben? führte die Bundesregierung den Solidaritätszuschlag zur Finan-
zierung der deutschen Einheit Anfang der Neunzigerjahre nicht
 Angesichts der explodierenden Staatsverschuldung, die der ein, obwohl der Schuldenstand damals deutlich unter heutigen
Kampf gegen das Coronavirus mit sich bringt, werden Vorschläge Verhältnissen rangierte, bei nicht einmal 50 Prozent? Das stimmt,
laut, die Regierung solle nach der Krise die Steuern erhöhen. aber damals handelte es sich um ein Rekordniveau, die Politiker
Die einen empfehlen einen Corona-Solidaritätszuschlag, andere der Wendezeit waren es schlicht nicht gewohnt, mit derart hohen
fordern eine Vermögensabgabe. Doch braucht der Staat solche Staatsschulden umzugehen. Mittlerweile haben sie gelernt, dass
Sonderopfer tatsächlich, um seine Verschuldung wieder in den hohe Schuldenquoten kein Problem sind, um weiterhin Geld an
Griff zu bekommen? Trotz des Billionenprogramms wird den Finanzmärkten zu bekommen. Das lehrt auch der Blick
Deutschlands Staatsverschuldung wohl vergleichsweise Deutsche ins Ausland. Die USA leisten sich eine Staatsschulden-
moderat steigen. Im vergangenen Jahr lag die Schul- Staatsverschuldung quote um die 100 Prozent, dennoch kam dort in den
denquote, also die Höhe der Staatsverschuldung in Prozent des BIP vergangenen Jahren niemand auf die Idee, allen
gemessen am Bruttoinlandsprodukt, bei knapp Steuerzahlern oder auch nur den reichsten ein Son-
60 Prozent. Dieses Jahr wird sie nach Schätzung der 70 deropfer abzuverlangen. Der Grund ist einfach: Es
59,8
führenden Wirtschaftsforschungsinstitute auf war nicht notwendig. Dasselbe gilt für Deutschland
70 Prozent steigen. Das reicht nicht, um ein Sonder- Prognose nach der Krise, auch wenn die Regierung ein zweites
opfer zu rechtfertigen. Vor zehn Jahren, nach der 2019 2020 oder drittes Rettungspaket auflegen müsste. REI
Prognose: Wirtschafts-
forschungsinstitute

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 67


derlassungen für den Publikumsverkehr
schloss, waren es in den ersten Tagen bis
zu 13 000 Anrufversuche in der Minute –
bis zu 220 pro Sekunde.
Wenn es neben den Krankenhäusern
eine Einrichtung gibt, die gerade nicht kol-
labieren darf, dann ist es die Bundesagen-
tur für Arbeit. Millionen Menschen wer-
den in den kommenden Monaten auf
Kurzarbeit, Arbeitslosengeld und Insol-
venzgeld angewiesen sein. Versagt die Be-
hörde, stehen sie ohne Einkommen da.
Auch an ihr hängt, wie tief die Krise für
den Einzelnen geht.
Eine Zahl reicht aus, um die Dimension
deutlich zu machen: Im Vergleich zum
März 2019 hat sich die Zahl der Anträge
auf Kurzarbeit vertausendfacht. »Wir ha-
ben noch nie einen solchen Schock auf
dem Arbeitsmarkt gesehen seit dem Zwei-
ten Weltkrieg«, sagt Enzo Weber, der am
Institut für Arbeitsmarkt und Berufsfor-
schung (IAB) den Bereich Prognosen und
gesamtwirtschaftliche Analysen leitet.
Selbst die Finanzkrise 2008 taugt nicht als
Vergleich. Damals wurden vor allem In-
dustrie und Exportwirtschaft erfasst. An-
sonsten wurde konsumiert und gereist wie

Letzte Rettung
immer, es wurden auch weiter Menschen
eingestellt. »Heute sind sehr viele Bereiche
gleichermaßen betroffen«, sagt Weber.
Nicht nur in Deutschland, die gesamte
Welt rutscht in eine Rezession.
Trotz der Einschläge sei »der Arbeits-
Arbeitsmarkt Hunderttausende Betriebe haben Kurzarbeit markt an sich in Deutschland robust und
stark, er wird nicht ins Bodenlose fallen
beantragt, so viele wie noch nie. Millionen Menschen wie in anderen Ländern«, sagt Weber. Wie
fürchten um ihre Jobs. Über Nacht hängen enorm viele etwa in den USA, wo in einem Monat
22 Millionen Menschen ihre Jobs verloren,
Schicksale an der Bundesagentur für Arbeit. Sie entscheidet wie in Großbritannien, wo statt der übli-
mit, wie schwer die Krise für den Einzelnen wird. chen 200 000 Menschen in vier Wochen
1,4 Millionen Sozialleistungen beantrag-

E
ten, wie in Österreich, wo binnen zwei
in fensterloser Betonbau irgendwo Wochen die Arbeitslosigkeit um 50 Pro-
in Nürnberg. Es gibt keinen Hin- zent auf den höchsten Stand seit 1946 stieg.
weis darauf, dass sich hinter die- Vor wenigen Wochen rechnete das
sen Mauern eine der wichtigsten Münchner Ifo-Institut verschiedene Sze-
Intensivstationen Deutschlands befindet. narien der Folgen des Shutdowns durch,
Nur wenige Menschen haben Zutritt zu je nachdem wie lange er anhält. Bei drei-
dem gesicherten Gebäude. Es beherbergt monatiger Dauer – dem aus Sicht der For-
das Rechenzentrum der Bundesagentur scher schlimmsten Fall – könnte die Zahl
für Arbeit (BA). Das, was man »kritische der Kurzarbeiter auf mehr als sechs Mil-
Infrastruktur« nennt. lionen steigen, könnten bis zu 1,8 Millio-
In zwei Räumen steht die »Server- nen sozialversicherungspflichtige Jobs und
Farm« der Behörde; hierüber laufen alle bis zu 780 000 Minijobs verschwinden.
Telefonate, sämtliche Daten aus zigtau-
send Homeoffices und die elektronische Besondere Angst geht bei den Menschen
Aktenführung eines riesigen Apparats mit um, die in der Luftfahrt arbeiten, wie
1500 Dienststellen und 100 000 Mitarbei- Alexander Sieling, 47. Das Ende der
SONJA OCH / DER SPIEGEL

tern. Im Keller steht das Notstromaggregat, Coronakrise wird nicht das Ende seiner
ein blauer MAN-Schiffsdiesel. Probleme sein.
»Wir arbeiten seit Anfang März in ei- Sieling ist Boeing-737-Kapitän bei Sun-
nem absoluten Ausnahmezustand«, sagt Express, einer Fluggesellschaft, die Luft-
Markus Schmitz, Generalbevollmächtigter hansa gemeinsam mit Turkish Airlines ge-
für die IT der BA. In normalen Zeiten be- hört und die neben verschiedenen Zielen
kam die Behörde an einem Arbeitstag BA-Chef Scheele in der Türkei auch nach Ägypten fliegt. Er
12 000 Anrufe pro Stunde; als sie ihre Nie- 220 Anrufe pro Sekunde lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kin-

68
Coronakrise

dern in Hannover; die Familie ist von sei- weit von 6500 auf derzeit 28 000 erhöht, Jezierski lebt in Lübeck, um zur Arbeit
nem Gehalt abhängig. Sein Kurzarbeiter- Ende April sollen es rund 50 000 ein. zu kommen, steht sie morgens um 2 Uhr
geld wird durch die Firma aufgestockt: auf Am dringlichsten sind derzeit die An- auf, um 4.13 Uhr sitzt sie in der Regional-
82 Prozent. träge auf Kurzarbeitergeld. 725 000 Un- bahn nach Hamburg. 230 Euro kostet sie
2013 war er schon einmal arbeitslos. Da- ternehmen haben bislang entsprechende die Monatskarte für die Bahn. »Ich will
mals war er Pilot bei der Regionalfluglinie Anträge gestellt, rund 8000 Mitarbeiter sie nicht abgeben, vielleicht braucht mich
Contact Air, die insolvent wurde. »Das arbeiten sie zurzeit ab, zehnmal so viele mein Chef ja kurzfristig, und dann will ich
kam eher vorbereitet, Corona trifft die wie sonst. Wie viele Menschen sich tat- sofort nach Hamburg kommen können.«
Branche hingegen aus heiterem Himmel«, sächlich hinter den Anträgen verbergen, Jezierskis Chef heißt René Feldtmann.
sagt Sieling. Seine Angst: Was soll er ohne wird man erst in Monaten wissen, wenn Ihm fällt es nicht leicht, seine einzige Mit-
seinen Job bei SunExpress tun? »Der abgerechnet wird. Pro Antrag werden es arbeitern in Kurzarbeit zu schicken: »Ich
Markt für Flugkapitäne ist übel, die Krise im Schnitt weniger sein als während der weiß sonst nicht, wie ich alles bezahlen
tobt weltweit.« In Europa könne man die Finanzkrise. Denn es sind vor allem kleine soll.« Er hat ihr geraten, die Fahrkarte ab-
Aussichten auf einen neuen Arbeitsplatz Unternehmen, die jetzt Anträge stellen. zugeben und vielleicht noch nach einer zu-
»total vergessen«. Er habe nie etwas ande- Knapp 89 Prozent haben zwischen einem sätzlichen Arbeit zu suchen, um ihr Ein-
res gemacht in seinem Leben, als Flugzeu- und 99 Beschäftigte, weniger als ein Pro- kommen aufzustocken. Doch Jessica Je-
ge zu fliegen. »Ich habe keine andere Aus- zent haben mehr als 250 Mitarbeiter. An- zierski kann wegen ihres Spenderherzens
bildung als diese.« ders als zur Lehman-Krise, als vor allem nicht jeden Job annehmen. »Ich würde
In der Branche stehen Millionen Jobs Großbetriebe aus dem verarbeitenden Ge- gern in einem Supermarkt helfen, aber das
weltweit auf der Kippe. Lufthansa-Chef werbe die Kurzarbeit nutzten, kommt jetzt ist für mich zu gefährlich«, sagt sie.
Carsten Spohr rechnet damit, dass der glo- ein Viertel der Anzeigen aus Gastronomie Was ihr am meisten fehlt? »Das Bügeln,
bale Luftverkehr stark und dauerhaft und Einzelhandel, wie eine interne Aus- die Kunden. Und natürlich das Trinkgeld.«
schrumpft. wertung der Bundesagentur von mehr als
230 000 Anträgen zeigt. Besonders betrof- Ihre Arbeitsvermittlung hat die Bundes-
So bleibt für viele am Ende nur die Bun- fen sind auch das Gesundheitswesen, etwa agentur auf systemkritische Bereiche wie
desagentur für Arbeit als letzte Rettung. Physiotherapeuten, das Baugewerbe, über- die Lebensmittelbranche oder das Gesund-
Vor der Krise war sie vor allem ein Dienst- wiegend persönliche Dienstleistungen, zu
leistungscenter mit vielen direkten Kun- denen Friseure und Wäschereien gehören,
denkontakten; fast 55 Prozent der Beleg- und der Kfz-Handel.
schaft beriet und vermittelte. Das hat sich Absoluter 13. April
radikal verändert. Fast 50 Prozent der Das Coronavirus erinnert Jessica Jeziers- 725000*
Mitarbeiter kümmern sich nun um die An- ki an 1996, die wohl schlimmste Zeit ihres
Ausnahmezustand
Betriebe, die
träge und Auszahlung von Kurzarbeiter- Lebens. Sie war elf Jahre alt, als sie durch
geld, Arbeitslosengeld und Insolvenzgeld. eine verschleppte Grippe schwer am Her- in Deutschland 6. April
Sie konzentrieren sich auf die Existenz- zen erkrankte. So schwer, dass sie ein Kurzarbeit 650 000*
sicherung von Millionen Menschen. Bin- Spenderherz transplantiert bekommen angemeldet
nen wenigen Wochen verwandelte sich die musste, um weiterleben zu können. »Ich haben
Behörde in eine andere Organisation, mit werde 35 Jahre alt, mein Herz ist ein Jahr
anderen Strukturen und Arbeitsweisen, älter«, sagt Jezierski. *Sonderauswertung
weniger zentralistisch, deutlich flexibler. Obwohl sie zur Hochrisikogruppe ge- der Bundesagentur
für Arbeit
In der Nürnberger Zentrale sitzt der ge- hört, ist ihre Angst, die Arbeit zu verlieren,
samte Vorstand im Interview. Der Vorsit- größer als die vor dem Virus. Jezierski ar-
zende Detlef Scheele und seine beiden Kol- beitet in einer Textilreinigung in der Ham- 27. März
legen, Christiane Schönefeld und Daniel burger Innenstadt. Ihr Chef darf seinen 470 000*
Terzenbach, sitzen an einem großen Kon- Laden offen halten, doch es kommen
ferenztisch in meterweitem Abstand zuei- kaum noch Kunden. Statt um 18 Uhr
nander. »Schon in der zweiten Woche war schließt er nun immer schon um 13 Uhr.
klar, dass wir eine Entscheidung treffen Er hat Jezierski deshalb auf Kurzarbeit
mussten, ob wir weiter wie bisher mit unse- gesetzt, sie bekommt nun noch 60 Prozent
ren Kunden arbeiten können«, sagt Scheele. ihres Nettogehalts von etwa 1200 Euro ge-
Als die Kitas und Schulen schlossen, wurde zahlt. Das reicht kaum zum Leben. »Ich
der Publikumsverkehr in den Jobcentern
und Arbeitsagenturen sofort beendet.
habe meinem Freund gesagt, dass wir die
teuren Instantnudeln für 1,50 Euro nicht
rund 33 %
aller Betriebe
»Innerhalb einer Woche haben wir Lern- mehr kaufen können. Da müssen jetzt die
medien und Onlineschulungen für unsere für 30 Cent reichen.« Auch bei Fleisch, mit mindestens
Mitarbeiter konzipiert, damit sie sich auf Obst und Gemüse muss sie jetzt genau auf einem sozial-
neue Aufgaben vorbereiten können«, sagt das Preisschild schauen. »Ich habe es vor- versicherungs-
Schönefeld, im Vorstand zuständig für Per- her genossen, einfach etwas in den Ein- pflichtig
sonal und Finanzen. Die Zahl der Home- kaufskorb legen zu können, ohne näher Beschäftigten
office-Arbeitsplätze wurde deutschland- darüber nachdenken zu müssen.«

März 2009

22913 (infolge der Finanzkrise 2008) Dezember 2019


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DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 69


Staatshilfen Die Finanzämter könnten krisengeschüttelten oder Gehälter zahlen. Insgesamt rechnen
die Beamten mit Rückzahlungen der
Unternehmen Mittel in Milliardenhöhe verschaffen. Einfach und Finanzämter an Unternehmen in Höhe
ohne große Kosten. Die Politik muss sich nur durchringen. von 15 Milliarden Euro.
Der Vorteil für Bundesfinanzminister
Olaf Scholz (SPD) und seine Länder-
Die Geld-zurück-Idee kollegen: Ihre aktuellen Verluste würden
die Firmen ohnehin mit künftigen
Gewinnen verrechnen, vorausgesetzt
sie bestehen dann noch. Die Steuer-
 Wenn sich die Steuerabteilungsleiter aus Steuerrückerstattung. Wirken würde sie ausfälle würden sich dennoch so oder so
den Finanzministerien von Bund und wie eine staatliche Liquiditätsspritze. in den Haushalten von Bund und Ländern
Ländern treffen, geht es zuweilen sehr spe- Frisches Geld kann derzeit jedes Unter- niederschlagen, nur eben später.
ziell zu. Viermal im Jahr hockt die Runde nehmen gut gebrauchen. Selbst wenn sich der pauschale Ver-
für gewöhnlich beisammen und diskutiert Gewerbetreibende dürfen schon heute lustrücktrag im Nachhinein als zu groß-
den Mehrwertsteuersatz auf Eselsalami Verluste in die Vergangenheit verschieben, zügig erweisen sollte, bliebe der Staat
oder Abschreibungsmethoden für Büro- das Instrument heißt Verlustrücktrag. nicht auf den Kosten sitzen. Denn würde
klammerbiegevorrichtungen. Steuern ver- Das Problem ist nur: Er ist auf ein Jahr sich bei der Steuererklärung heraus-
walten Bund und Länder gemeinsam, beschränkt und bei einer Million Euro stellen, dass doch Gewinne angefallen
da gibt es viel Kleinkram zu koordinieren. gedeckelt. Für Kapitalgesellschaften, also sind, müsste das Unternehmen Steuern
Das Coronavirus stört diese gemüt- GmbHs und AGs, gelten ähnliche Bestim- nachzahlen.
liche Routine ordentlich. Die Beamten mungen in der Körperschaftsteuer. Die Runde der Steuerabteilungsleiter
schalten sich nun wöchentlich per Video- Die Steuerexperten von Bund und hat weitere praktische Ideen entwickelt.
konferenz zusammen und grübeln gemein- Ländern überlegen nun, wie sie die Eine davon: Der nächste Termin, an
sam über die Frage, wie sich das Steuer- Verrechnungsmöglichkeiten großzügiger dem Unternehmen die Lohnsteuer für
recht gegen die Krise mobilisieren ließe. gestalten können. Denkbar wäre, den ihre Beschäftigten überweisen müssen,
Und sie kamen auf ein paar wuchtige Deckel anzuheben oder den Zeitraum, wird um einen Monat verschoben. Das
Ideen, die Unternehmen unmittelbar um in dem aktuelle Verluste verrechnet würde einen Liquiditätsgewinn in Höhe
Dutzende Milliarden Euro entlasten werden dürfen, zu verlängern, etwa auf von rund 20 Milliarden Euro bedeuten –
würden. Diese Summe käme zu den Kre- fünf Jahre. Auch eine Kombination aus so viel kommt monatlich an Lohnsteuer
diten und Garantien für die Wirtschaft beidem wird erwogen. für die rund 30 Millionen abhängig
sowie den Rettungsfonds noch hinzu. Einziges Problem: Um die Verluste Beschäftigten in der privaten Wirtschaft
Die neuen Ideen besitzen im Vergleich geltend machen zu können, müssten zusammen. Nordrhein-Westfalen und
zu den bisherigen Instrumenten einen die Unternehmen wissen, wie hoch sie Bayern setzten das Konzept schon im
entscheidenden Vorteil: Sie können direkt ausfallen. Das aber steht erst nach Alleingang um.
über die Finanzämter abgewickelt wer- Ablauf des Jahres fest. Kann das Minus Noch mehr Luft würde den Unterneh-
den, die eingespielte Transferkanäle zu erst im nächsten Jahr bei der Steuer- men verschaffen, wenn die Umsatz-
den Unternehmen haben. Das Geld erklärung geltend gemacht werden, steuerzahlungen großzügiger als bisher
fließt normalerweise von der Wirtschaft dürfte es für viele Firmen zu spät sein. behandelt würden. Verschöbe man sie
in Richtung Staatskasse, in der Krise soll Deshalb denken die Fachleute über pauschal um einen Monat, behielten
es nun andersrum gehen. eine Pauschale nach. 20 Prozent der die Betriebe sogar 25 Milliarden Euro in
Der Clou daran: Anders als bei Hilfs- gewerblichen Einkünfte aus dem Vorjahr den Kassen. Auch diese beiden Maß-
krediten müssten keine Banken dazwi- sollen die Betriebe als Verlust geltend nahmen kosten den Fiskus auf lange Sicht
schengeschaltet werden, auch der Gang machen dürfen, das sind riesige Milliar- nichts. Die Steuerforderungen werden
zum Lenkungsausschuss denbeträge (siehe Grafik). bloß gestundet.
des Wirtschaftsstabili- In welchem Umfang dann Angesichts der riesigen Summen
sierungsfonds wäre über- Einkünfte aus Steuerrückerstattungen schreckt die Politik vor den Maßnahmen
flüssig. Gewerbebetrieb fällig werden, hängt vom noch zurück. Kritiker stört zudem,
Das Konzept ist ein- und selbstständiger persönlichen Steuersatz dass die Finanzminister die Milliarden-
fach und gerade deshalb Arbeit in Deutschland, des Unternehmers ab. summen per Verordnung auf den Weg
überzeugend. Die Unter- in Mrd. € Ein Unternehmen bringen wollen, ohne dass sich der
nehmen sollen ihre Ver- mit einem Gewinn von Bundestag damit befasst. Außerdem
luste, die sie gegenwärtig 231 300 000 Euro im ver- will das ehrpusselige Wirtschaftsministe-
218
wegen der Pandemie 200 207 gangenen Jahr dürfte rium noch ein Wort mitreden. Mangels
einfahren, mit ihren also 60 000 Euro als Zuständigkeit nimmt es an den Steuer-
Gewinnen aus den ver- Verlust veranschlagen. runden nicht teil.
gangenen Jahren verrech- Bei einem Grenzsteuer- Doch derlei Sorgen und Bedenken
nen dürfen. Die fielen satz des Eigentümers lassen sich schnell zerstreuen, denn der
während des Dauer- von 40 Prozent ergäbe Fiskus verzichtet nur vorübergehend
booms üppig aus. sich eine Erstattung von auf Einnahmen, bleibende Entlastung
Not leidende Betriebe, 24 000 Euro. gewährt er nicht. Die zeitweiligen
die ihre aktuellen Ver- Diesen Betrag soll er vom Lücken im Haushalt kann der Staat mit
luste gegen versteuerte Finanzamt überwiesen zusätzlichen Schulden stopfen. Wenn
Gewinne aufrechnen 2012 2013 2014 2015 bekommen. Mit dem die Steuereinnahmen wieder sprudeln,
dürften, hätten auto- Quelle: Einkommensteuerstatistik;
Geld könnte er Rechnun- zahlt er sie zurück. So schmerzfrei war
matisch Anspruch auf jüngste veröffentlichte Zahlen gen begleichen Rettung selten. Christian Reiermann

70
PATRICK RUNTE / DER SPIEGEL
PATRICK RUNTE / DER SPIEGEL
Coronakrise

SONJA OCH / DER SPIEGEL


Kurzarbeiterin Jezierski, Gründerin Checa-Sauermann, Kontrollzentrum der Bundesagentur: Das Virus frisst sich in den Arbeitsmarkt

heitssystem reduziert. Überall sonst ist der verfahren für diese Gruppe, schulte rund Tausend Euro. »Damit kann ich meine
Markt ohnehin faktisch eingefroren. 2000 Beschäftigte und öffnete eine eigene Rechnungen vielleicht ein, zwei Monate
An den internen Statistiken kann man Service-Hotline. Die Inanspruchnahme bezahlen.« Alternativ könnte sie frei-
sehen, wie sich das Virus in den Arbeits- bleibt jedoch überschaubar, obwohl gera- beruflich Aufträge in ihrem alten Job an-
markt frisst. Zunächst kommen die Anträ- de viele Soloselbstständige unter massi- nehmen. Da aber keine Events stattfinden
ge für das Kurzarbeitergeld. Dann steigt vem Druck stehen. und keine Marketingbudgets ausgege-
die Arbeitslosigkeit, was erstmals an den ben werden, braucht gerade niemand
Aprilzahlen deutlich sichtbar werden wird. In einem fast menschenleeren Co-Wor- Designer.
Danach zieht das Insolvenzgeld an, weil king-Space in Hamburg wühlt sich Mar- Checa-Sauermann hofft auf einen
die Pleitewelle anrollt. Und weil der Ar- cela Checa-Sauermann mit spitzen Fin- Boom für die Zeit nach der Krise. »Die
beitsmarkt ruht, werden in den kommen- gern durch einen Haufen Hundefutter. Die Leute werden unruhig sein und rauswol-
den Monaten zunehmend Menschen nach Tiersnacks, abgepackt in 100 Einzeltüten, len, die werden verrückt nach Reisen sein.«
zwölf Monaten Arbeitslosigkeit in das Ar- waren für die Einweihungsfeier ihres Un- Wenn es so weit ist, will sie bereit sein.
beitslosengeld II rutschen, die Grundsiche- ternehmens vorgesehen. Pets Ahoi, ein Wann auch immer. Sie will nicht aufgeben.
rung, vulgo: Hartz IV. Onlineservice, der Haustiere mit Betreu-
In den kommenden Wochen wird die ern zusammenbringt, sollte Ende März Es lohnt sich, schon über das Ende der
Bundesagentur immer wieder Personal starten. Doch das Geschäftsmodell hat der- Krise nachzudenken, den Tag danach.
verschieben, je nachdem, welche Bereiche zeit keine Chance. »Wenn die Menschen Enzo Weber vom IAB fordert einen Ret-
an Bedeutung gewinnen oder verlieren nicht aus dem Haus gehen, braucht nie- tungsschirm für Neueinstellungen. Unter-
werden. »Wir schulen bereits zentral Mit- mand einen Haustiersitter«, sagt Checa- nehmen sollten – zeitlich befristet bis Ende
arbeiter für Anträge auf Insolvenzgeld«, Sauermann. des Jahres – von den Sozialbeiträgen für
sagt Vorstand Terzenbach, »noch sind die Die 33-Jährige hat über ein Jahr lang Mitarbeiter befreit werden, die sie neu ein-
Zugriffe im System unauffällig, aber wir an ihrem Unternehmen getüftelt, mehrere stellen. Der IAB-Forscher schätzt die Kos-
wissen, was auf uns zukommen könnte.« Tausend Euro Eigenkapital investiert. Ih- ten dafür auf 11,7 Milliarden Euro. »Es
Doch jede Krise ist anders. Das haben ren Job als Webdesignerin hat sie gekün- wäre gut angelegtes Geld«, sagt er. »Auch
auch die Experten der BA gespürt. Als die digt. »Die Urlaubszeit im Sommer hätte jeder Arbeitsplatz, der nicht neu entsteht,
Pandemie ausbrach, vermuteten nicht nur unser großer Durchbruch sein können.« ist ein verlorener Arbeitsplatz.«
sie, dass viele Soloselbstständige schnell Anfang April suchte sie beim Staat um Markus Dettmer, Martin U. Müller,
in der Grundsicherung landen würden. Soforthilfe an, als Selbstständige erhielt Anton Rainer
Die Behörde vereinfachte das Antrags- sie einen Zuschuss in Höhe von mehreren

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 71


Coronakrise

»Die Menschen werden


wieder fliegen«
SPIEGEL-Gespräch Airbus-Chef Guillaume Faury über die Vollbremsung der Luftfahrtindustrie,
klimafreundliche Flugzeuge und seinen Verzicht auf Boni

SPIEGEL: Wie sieht Ihre Prognose für die haben mit der aktuellen Situation schon
kommenden Monate aus? genug zu tun, sondern kümmern uns erst
Faury: Wir sollten die potenzielle Tragweite einmal selbst um uns. Wir handeln proak-
der Krise nicht unterschätzen. Und wir wis- tiv und haben uns zusätzliche Kreditlinien
sen noch nicht, wie eine Erholungsphase aus- gesichert und passen die Größe der Firma
MARMARA /LE FIGARO / LAIF

sehen könnte. Wir stehen erst am Anfang. an, etwa indem wir die Produktion herun-
SPIEGEL: Gibt es eine Art rote Linie, von tergefahren haben.
der an Sie zu drastischeren Maßnahmen SPIEGEL: Deutschland, Frankreich und
greifen müssen? Spanien halten derzeit 26 Prozent an Air-
Faury: Zwei Drittel der weltweiten Flug- bus. Ist es vorstellbar, dass die Staaten ihre
zeugflotte steht derzeit am Boden. Bis der Anteile in Zukunft doch noch aufstocken,
Passagierverkehr wenigstens teilweise wie- weil es nicht anders geht?
Faury, 52, ist seit April 2019 Chef des eu- der aufgenommen wird, kann es Wochen, Faury: Wir wollen das allein schaffen, vor-
ropäischen Luftfahrt- und Verteidigungs- Monate, ja womöglich bis Ende des Jahres zugsweise über zusätzliche Kreditlinien.
konzerns Airbus. Bevor er den Deutschen dauern. Wir führen mehrere marktbasierte Natürlich soll man niemals nie sagen. Wir
Tom Enders ablöste, war der gebürtige Modelle durch, um zu verstehen, wie mög- sprechen zurzeit mit den Regierungen,
Franzose unter anderem für die zivile liche Erholungsszenarien aussehen könnten. aber nicht über eine mögliche Beteiligung.
Flugzeugsparte und das Hubschrauber- Auf jeden Fall kommt die Erholungsphase Wir befürworten staatliche Hilfen für die
geschäft zuständig. Um die Balance zwi- für uns später als für den Passagierverkehr. gesamte Branche.
schen den beiden wichtigsten Hersteller- SPIEGEL: Wie schlecht muss es Airbus ge- SPIEGEL: Was würde Ihnen helfen?
und Eignerländern Deutschland und hen, damit Sie im Bundeskanzleramt oder Faury: Sinnvoll wären jetzt Programme,
Frankreich zu sichern, übernahm am Don- im Pariser Élysée-Palast vorstellig werden die einen Anreiz dafür schaffen würden,
nerstag der frühere Chef der Deutschen und um Staatshilfe bitten? dass die Unternehmen alte Flugzeuge aus-
Telekom, René Obermann, den Vorsitz des Faury: Wir wollen möglichst keine zusätz- mustern und neue CO2-sparende Maschi-
Airbus-Verwaltungsrats. liche Last für die Staaten darstellen, die nen einsetzen. Für uns hängt gerade alles
davon ab, welche Strategie die Fluglinien
SPIEGEL: Herr Faury, was würden Sie ei- jetzt einschlagen: Setzen sie lieber auf
nem besorgten Mitarbeiter antworten, der Produktion heruntergefahren ihre alten Jets oder auf neue, klimafreund-
Sie fragt, wie Airbus in zwei Jahren aus- Passagiermaschinen, 1. Quartal 2020 liche.
sieht? SPIEGEL: Man könnte die Airlines ja auch
Faury: Ich habe leider keine Kristallkugel. Bestellungen Auslieferungen von Kosten und Gebühren wie etwa der
Aber ich würde ihm sagen, dass wir alles gerade erst angehobenen Luftverkehr-
tun, um unsere Zukunft zu sichern. Wir steuer in Deutschland entlasten.
werden ganz sicher noch ein Luftfahrt- Faury: Das wäre gut. Steuern hemmen die
und Verteidigungskonzern sein, mit den 290 Branche eher als dass sie den Aufbruch in
besten Produkten, die es am Markt gibt. 122 die Zukunft fördern. Die Regierungen soll-
Und wir werden weiter investieren, etwa ten die Fluglinien lieber beim klimafreund-
in umweltfreundliche Flugzeuge. lichen Umbau ihrer Flotten unterstützen,
SPIEGEL: Ihr Konkurrent Boeing will an- davon im März: davon im März: als Steuern einzunehmen. Wir führen da-
geblich bis zu zehn Prozent seiner Beschäf- 21 36 rüber zurzeit Gespräche, und sie laufen in
tigten abbauen. Wann kommen Sie mit die richtige Richtung.
einer ähnlichen Ankündigung? SPIEGEL: Könnten die Regierungen Air-
Faury: Es ist zwar wichtig, in einer Krise Monatliche Stückzahlen bus unterstützen, indem sie mehr Rüs-
schnell zu handeln, aber wir müssen auch nach Baureihe tungsgüter wie den »Eurofighter« kaufen?
mit Umsicht vorgehen. Deswegen sind wir Faury: Die Verteidigungssparte spielt eine
noch nicht in der Lage, über mögliche zu- 60 wichtige Rolle, um Airbus zu stabilisieren
A320
sätzliche Maßnahmen zu entscheiden. Wir 40 Sie könnte als eine Art Schockabsorbierer
klären gerade, wie die Situation 2020 und wirken. Wir sprechen auch darüber mit
2021 aussehen könnte. Solange nutzen wir 3,5 den Regierungen. Aufträge oder künftige
Instrumente wie vorgezogenen Urlaub A330 Zahlungen könnten vorgezogen werden.
2 Quelle: Airbus
und erwägen auch Kurzarbeit. Die US-Regierung unterstützt unseren
10 vor Corona Hauptwettbewerber ja in ähnlicher Weise.
Das Gespräch führten die Redakteure Dinah Deckstein A350 ab April Bei ihm ist das Rüstungsgeschäft ohnehin
und Gerald Traufetter. 6 viel größer als bei uns und extrem rentabel.

72
KRISZTIAN BOCSI / BLOOMBERG / GETTY IMAGES
Mitarbeiter im Hamburger Airbus-Werk: »Gesundheitsvorsorge und eine funktionierende Produktion sind kein Widerspruch«

SPIEGEL: In Frankreich wurden die Aus- gerer und unnötiger Lockdown verursa- SPIEGEL: Lufthansa-Chef Carsten Spohr
gangsbeschränkungen im Zuge der Corona- chen würde. behauptet, der Luftfahrtmarkt werde
krise bis zum 11. Mai verlängert. Wie stark SPIEGEL: Airbus produziert auf drei Kon- schrumpfen.
ist Airbus davon betroffen? tinenten, bezieht vorgefertigte Komponen- Faury: Ja, und das wird womöglich noch
Faury: Wir müssen das Wirtschaftsleben ten aus fünf Kontinenten. Macht Sie das in bis zum Jahr 2021 weitergehen. Nicht alles
wieder in Gang bringen, nicht nur in Frank- einer Pandemie besonders verwundbar? wird so sein wie früher. Die Menschen wer-
reich, sondern in ganz Europa. Gesund- Faury: Unser Geschäftsmodell ist interna- den jedoch wieder fliegen. Der Austausch
heitsvorsorge und eine funktionierende tional, und das bringt Risiken und Chancen über die Kulturen hinweg, das hat für die
Produktion sind kein Widerspruch. Wir mit sich. Die Coronakrise hat zunächst Air- Menschheit eine überragende Bedeutung,
haben ja in unseren Werken in China bus in China erwischt, wo wir 100 Zuliefe- und wir waren mit fast 21 000 Verkehrs-
gezeigt, dass es durchaus möglich ist, die rer haben, von denen wir rund 500 wichti- flugzeugen auf der Welt noch weit davon
Mitarbeiter zu schützen und die Produk- ge Zulieferpakete für unsere Flugzeuge entfernt, diesen Bedarf zu befriedigen.
tion auf einem hohen Level zu halten. weltweit erhalten. Wir konnten den Nach- SPIEGEL: Die Liquiditätsprobleme der Air-
SPIEGEL: Wie geht das ? schub für unsere Produktion aufrechterhal- lines sind immens. Wie kommen Sie den
Faury: Etwa indem Menschen, die dicht ten. Jetzt, wo das Coronavirus unsere Wer- Unternehmen entgegen?
nebeneinander arbeiten, Masken tragen. ke in Europa und den USA trifft, ist es ein Faury: Die Krise trifft nicht alle gleich.
Wir haben übrigens zehn Millionen Stück Vorteil, dass die Wirtschaft in China wieder Manche wollen bei ihren Bestellungen blei-
aus China nach Europa geflogen und den hochgefahren ist. Nun können wir aus Chi- ben und hoffen, dass sie aus einer gestärk-
weitaus größten Teil davon an europäische na unsere Werke in Europa beliefern. ten Position heraus in die Post-Corona-
Regierungen weitergegeben. Mit dem Rest SPIEGEL: Denken Sie darüber nach, wie- Zeit starten können. Andere sind so
haben wir unsere eigenen Mitarbeiter ver- der mehr Komponenten selbst zu produ- schwer geschädigt, dass sie ihre Verträge
sorgt. Und es werden noch mehr solcher zieren oder Ihre Zulieferer näher an ihren nicht erfüllen können. Wir versuchen, das
Flüge stattfinden. Werken zu suchen? mit allen Kunden so gut wie möglich zu
SPIEGEL: Interessieren sich die Regierun- Faury: Wir werden weiterhin ein sehr lösen. Wir stecken gemeinsam in dieser Si-
gen in Berlin, Paris und Madrid für Ihre internationales Unternehmen sein mit tuation und sind Partner, dürfen aber nicht
Erfahrungen? Werken in den USA, in China und Europa, nur an deren Liquiditätsprobleme denken,
Faury: Erst einmal haben unsere eigenen gleichzeitig werden wir aber darauf achten, sondern müssen auch unsere eigenen im
Werke in anderen Ländern von unseren nicht mehr nur von einer Quelle abhängig Blick behalten.
Erfahrungen in China profitiert. Wir ha- zu sein. Wir müssen widerstandsfähiger SPIEGEL: Werden sich auf Ihrem Hof bald
ben die Erkenntnisse auch an unsere Zu- werden, uns schneller an eine sich verän- die fertigen Flugzeuge stauen?
lieferer weitergegeben. Inzwischen erklä- dernde Welt anpassen. Wir erleben schon Faury: Bislang haben wir keine sogenann-
ren wir auch den Regierungen genau, was seit geraumer Zeit, dass wir von einer Kri- ten Whitetails in Hamburg oder Toulouse
wir tun. Wir müssen gemeinsam die ge- se in die nächste stolpern: der Brexit, die herumstehen, also fertige Flugzeuge ohne
waltigen Schäden vermeiden, die ein län- US-Zölle, das Coronavirus. einen festen Kunden. Aber vermeiden

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 73


Flexibel bleiben. lassen wird sich das nicht, so schnell
können wir unsere Produktion nicht re-
Lesen Sie den SPIEGEL, duzieren. Das wird uns noch schwer be-
schäftigen.
SPIEGEL: Werden Sie die Fertigung weiter
solange Sie möchten. runterfahren?
Faury: Wir stellen in diesem Jahr statt 60
Frei Haus. nur noch 40 Exemplare des A320 pro Mo-
nat her. Das war der beste Kompromiss,
Der SPIEGEL jede Woche direkt nach Hause um nicht zu viele Flugzeuge auf Halde zu
7 % sparen. produzieren und dennoch die Abläufe am
Für nur € 5,10 pro Ausgabe statt € 5,50 im Einzelkauf Leben zu halten. Beim A380 haben wir
das Ende der Produktion bereits beschlos-
Ohne Risiko. sen. Wir bauen noch zehn dieser Flugzeu-
Jederzeit kündbar, Urlaubsservice möglich ge wie geplant zusammen.
SPIEGEL: Werden Sie bei Ihrem Plan blei-
Vergünstigte Tickets.
ben, ein grünes Flugzeug mit elektrischem
Für ausgewählte SPIEGEL-Veranstaltungen Antrieb bis 2025 herzustellen?
auf www.spiegel-live.de Faury: Wir wollen so ein Flugzeug kon-
struieren. Die Gesundheitskrise durch das
Coronavirus unterstreicht noch einmal,
dass wir nachhaltiger mit unserer Umwelt
umgehen müssen. Wir werden die Investi-
tionen allerdings ein paar Monate verschie-

Einfach jetzt anfordern: ben, um genug Bargeld zu haben. Wir küh-


len unsere Aktivitäten etwas herunter, kön-
nen aber schnell wieder loslegen, wenn
abo.spiegel.de/flexibel wir die Krise hinter uns haben, also im
Jahr 2021.
oder telefonisch unter 040 3007-2700 SPIEGEL: Wie wollen Sie verhindern, dass
Airlines wegen ihrer Geldprobleme und
(Bitte Aktionsnummer angeben: SP-FLEX)
den ohnehin billigen Kerosinpreisen nicht
ihre alten Flugzeuge weiternutzen?
Keine Faury: Das ist ein Risiko. Doch die meis-
Mindest- ten Airlines, mit denen wir sprechen, se-
hen das so wie wir: dass in der Zukunft
laufzeit Umwelt und Klima immer wichtiger wer-
den. Und wenn der Druck nicht von den
Regierungen kommt, dann von den Kun-
den. Die allergrößte Mehrheit will deshalb
ihre alte Flotte schneller stilllegen als ge-
plant.
SPIEGEL: Ihr neuer Verwaltungsratschef
ist René Obermann, der ehemalige Boss
der Deutschen Telekom. Allerdings ist er
kein ausgewiesener Luftfahrtexperte.
Faury: Herr Obermann ist seit zwei Jahren
Mitglied des Gremiums. Wir arbeiten sehr
gut zusammen. Er lernt ungemein schnell
und ist auch beratend tätig, weil er viel Er-
fahrung aus verschiedenen Situationen
mitbringt.
SPIEGEL: Rechnen Sie damit, dass er Ih-
nen das Gehalt und die Boni kürzt?
Faury: Ich habe den Mitarbeitern bereits
vor zwei Wochen in einer internen Infor-
mation angekündigt, dass ich meinen Bonus
aus 2019 an NGOs, die mit der Airbus-Stif-
tung zusammenarbeiten, spenden werde.
Wir haben in der obersten Führung einen
Ausschuss, der Empfehlungen zur Vergü-
tungspolitik für 2020 aussprechen wird. Es
ist wichtig, dass jeder einen Beitrag leistet,
auch das Topmanagement.
SPIEGEL: Herr Faury, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.

74
Schreier &
Schweiger
Karriere Zu Hause ist ein sicherer
Ort? Nicht, wenn von dort
aus gearbeitet wird. Ein Unter-
nehmensberater warnt vor
Machtspielen im Homeoffice.

I st doch urgemütlich: morgens in Pan-


toffeln an den Schreibtisch schlum-
peln, ungekämmt E-Mails checken,

SHUTTERSTOCK
sich im Nicki-Hausanzug warmlaufen für
einen weiteren Arbeitstag im Corona-
Homeoffice. Nach dem ersten Kaffee ruft
der digitale Kalender mit einem aufmun- Teilnehmerin einer Videokonferenz: Das Recht des Lautstärkeren
ternden Pling zur ersten Videokonferenz.
Spätestens jetzt sollte jeder Homeoffizier,
jede Heimarbeiterin den bettwarmen See- stellt. Wer vor versammelter Mannschaft Veranlagten sind Argumente und Botschaf-
lenzustand abstreifen, ein ordentliches aus einem Treffen entfernt wird, weiß, was ten der Zugehörigkeit wichtiger als Status.
Hemd anziehen und umschalten auf Hab- die Uhr geschlagen hat. Das Problem dieser inhaltsgetriebenen
achtmodus. Denn das so harmlos anmu- Doch selbst wenn keine düsteren Mäch- Gruppe ist es, im schnellen Talkshow-Set-
tende Digitalmeeting ist ein kalter, gefähr- te am Werk sind, ist die Videokonferenz ting überhaupt zu Wort zu kommen.
licher Ort. Einer, in dem Karrieren schnel- ein trickreiches Terrain. Damit die Horizontalen von den Verti-
ler enden können als in der realen Welt. Die meisten Teilnehmer unterschätzen kalen nicht ins Koma gelabert werden,
»Es ist unglaublich, mit welcher Naivität die übermächtige Wirkung der Bilder. Vor braucht es eine strenge Gesprächsmode-
sich Mitarbeiter in Videokonferenzen be- allem des Bildes, das man selbst abgibt. ration; eine Person, die dafür Sorge trägt,
geben«, sagt Peter Modler. Der Freiburger Da kann einer noch so gescheit parlieren: dass es gerecht und produktiv zugeht. Sie
Unternehmensberater, Coach und Best- Wenn er ein Micky-Maus-Shirt trägt oder vergibt Rederechte, ruft Leute auf, zwickt
sellerautor kann sich nur darüber wun- im Hintergrund ein röhrender Hirsch Quasselstrippen ab, domestiziert Chefs.
dern, wie unbekümmert und unreflektiert hängt, wird das, und nur das, ewig in Erin- Geschieht dies nicht, herrscht schnell das
mit der neuen Arbeitstechnik umgegangen nerung bleiben. Recht des Lautstärkeren. Wie in Präsenz-
wird. »Vielen ist gar nicht klar, dass die Modler rät im Homeoffice dringend zu Meetings setzen sich auch in unmoderier-
Karten schon verteilt sind, bevor sie sich einem neutralen Hintergrund, angemesse- ten Digitalkonferenzen oft diejenigen
überhaupt dazuschalten.« ner Businesskleidung und einem abge- durch, die nur stur genug immer dieselben
Das beginnt schon bei der Einladungs- schotteten Arbeitsraum. Der brillanteste Behauptungen aufstellen. Da können
politik, so Modler. Nie war es leichter, un- Redebeitrag kann durch den Auftritt eines selbst faktenstarke Silberrücken dem Typ
bequeme Mitarbeiter außen vor zu las- übellaunigen Pubertiers oder lautstarken kläffender Straßenköter unterliegen.
sen – man schickt den Nervensägen ein- Kleinkindes zunichtegemacht werden. All das Getöse in der schönen neuen
fach keinen Einwähl-Link, fertig. Später Auch geplante Gags halten Experten für Arbeitswelt dient einer nicht minder ge-
schiebt man das auf technische Probleme. keine gute Idee: Den Kater über die Tas- fährlichen Spezies zur Tarnung: den
Abteilungen, von denen Widerstand zu tatur laufen zu lassen macht einen zum Schweigern. Schweiger sind überall dabei,
erwarten ist, können per Videochat gesplit- Pausenclown, nicht zum Komiker. sie hören zu, aber reden nicht, nicht ein-
tet oder mit regierungstreuen Truppen zu- Entscheidend sei, das eigene Bild als mal, wenn es sie angeht. Sie agieren als
sammengesteckt werden. »Teile und herr- Profi zu kontrollieren, erst im Spiegel und Strippenzieher im Hintergrund. Alles, was
sche« sei nie einfacher durchzuziehen ge- dann auf dem Bildschirm. Sitzt der man von ihnen hört, ist das leise Kratzen
wesen als derzeit. Gegenwehr oder auch branchenübliche Schlips, stimmt die Fri- des Bleistifts beim Erstellen von Namens-
nur Solidarität unter den Mitarbeitern sur? Wer großen Eindruck hinterlassen listen.
müsse die Chefetage kaum fürchten, da will, hat keine Hemmungen, sein Gesicht Auch gegen absichtsvolle Schweiger
die Möglichkeit zum Austausch und der big-brother-groß in Szene zu setzen. Auch wirkt eine gute Moderation, sagt Modler,
kollektiven Empörung oft fehlt. bei Videomeetings gilt: Size matters. Hal- indem man sie aus dem Dunklen holt und
Diktatoren erblassen vor Neid angesichts tung, Mimik und Sprache sind die Macht- produktiv einbezieht.
der Rechte, die ein Gastgeber einer Video- instrumente, die es zu bedienen gilt. Das alles muss schnellstens gelernt wer-
konferenz hat. Je nach Software-Einstellung Wie in der physischen Welt treffen bei den, nun, da gerade die halbe Nation aus
kann der Einladende bestimmen, wer teil- einer virtuellen Konferenz zwei Sprach- den eigenen vier Wänden heraus arbeitet.
nimmt, wer Rederecht hat und wer mit Bild systeme aufeinander. Die Anhänger der Damit das nicht zur Karrierefalle wird, bie-
gezeigt wird. Vor allem aber: Er kann andere vertikalen Kommunikation müssen zuerst tet Modler jetzt Kurse an. Sie heißen:
stumm stellen. Im virtuellen Warteraum ver- Rang- und Revierfragen klären. Sie sind »Machtspiele im Homeoffice«. Der erste
rotten lassen. Oder eben ganz ausschließen. gestresst vom Rückzug ins Homeoffice, war in Rekordzeit ausgebucht.
Das klingt harmlos, bis man sich den weil ihnen der Raum für den wuchtigen Michaela Schießl
gleichen Vorgang für Präsenzmeetings vor- Ganzkörperauftritt fehlt. Den horizontal

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 75


gen, der Lockdown gab ihnen den Rest.
Nun suchen sie Geldgeber, dringend. Dass
Block House die Krise besser durchsteht,
dafür muss Stephan von Bülow sorgen.
Bülow, 62, leitet die Hamburger Block-
Gruppe seit neun Jahren. Damals hatte
Gründer Eugen Block gerade seinen Sohn
als Geschäftsführer abgesetzt. Corona hat
Bülow zum Krisenmanager gemacht. Er
muss mit kühlem Kopf agieren, Emotio-
nen gibt es in der Firma schon genug. Da
sind die 2600 Mitarbeiter, die um ihre Zu-
kunft fürchten; 15 Prozent von ihnen sind
noch im Einsatz. Die Mehrheit ist in Kurz-
arbeit, bei voller Bezahlung, aufgestockt
vom Unternehmen. Und dann ist da noch
Eigentümer Block.
Der 79-Jährige, der nach wie vor mehr-
mals pro Woche ins Büro hineinschneit,
ist voller Zorn, auf die Bundesregierung
und die von ihr verordneten Einschrän-
kungen. So sehr sie ihn im Betrieb schät-
zen, so froh sind manche gerade, dass nicht
mehr er das Unternehmen nach außen ver-
tritt, sondern Bülow. Gefragt ist diploma-
tisches Geschick, bisweilen Demut.
Bülow hat mit den drei Hausbanken der
Block-Gruppe Kredite ausgehandelt. Das
ROMAN PAWLOWSKI / DER SPIEGEL

Unternehmen sei zwar gut gepolstert, sagt


er, »aber wenn das Kerngeschäft auf null
heruntergefahren wird, kannst du zusehen,
wie das Eigenkapital zwischen den Fin-
gern zerrinnt.« Auch Vermieter seien ihm
Geschäftsführer Bülow entgegengekommen, »die meisten lassen
uns eine Monatsmiete aussetzen, die wir
später zurückzahlen«.

Der Wut-Burger
Fleisch ist da. 90 Prozent kommen aus
Südamerika, die Container laufen immer
noch im Hafen ein. Block House zerlegt
und verarbeitet selbst. Was dem Unterneh-
men hilft, ist ein Nebengeschäft, das nun
Gastronomie Die Restaurantkette Block House steuert umsichtig ein Haupterwerb wird: der Vertrieb von
durch die Krise, um nicht unterzugehen wie Vapiano Tiefkühlware und Rindfleisch für die
oder Maredo. Nur Eigentümer Eugen Block ist voller Zorn. Frischetheke. Schon in normalen Zeiten
stellt die Block-Gruppe täglich allein zehn
Tonnen Frikadellen für Burger her, die in

S olidarität ist jetzt wichtig, auch für


Steakrestaurants. Block House hat
sie sich auf Transparente drucken
lassen, um seinen Mitnehmservice zu be-
taurantbesuch könne das nicht mithalten,
»aber man nimmt, was man kriegt«.
Einen Monat ist es her, dass in Deutsch-
land alle Lokale schließen mussten. Unklar
Supermärkten verkauft werden. »Im März
haben wir eine Million Euro beim Steak-
verkauf in den Restaurants verloren«, sagt
Bülow. »Die haben wir im Lebensmittel-
werben. Sie hängen an den Fassaden der bleibt, wann sie wieder öffnen dürfen – einzelhandel wieder hereingeholt.«
Lokale und versichern dem jeweiligen und wie viele dazu dann noch in der Lage Weil das nicht reicht, um die Gruppe
Standort Beistand. In München: »Wir sind sind. Kleine Restaurants haben es beson- durch die Krise zu bringen, hat er sich in
für euch da, Schwabing!« In Berlin: »Wir ders schwer. Häufig werden sie von Ein- den vergangenen Wochen einiges ausge-
sind für euch da, Zehlendorf!« Und Ham- zelkämpfern betrieben, die vom Koch dacht. Manches hat nicht funktioniert.
burg: »Wir sind für euch da, Eppendorf!« oder Kellner zum Gastronomen aufgestie- Etwa Bülows Idee, gelernte Fleischer-
In Wahrheit ist das Gegenteil gemeint: gen oder noch alles drei zugleich sind. In meister, die sonst in den Restaurantküchen
Leute, lasst uns nicht hängen! Fragen von Bonität und Bürokratie sind arbeiten, bei der Zerlegung der Rinder-
Ostermontag zur Mittagszeit. Ein Tag, sie oft wenig versiert. Ketten wie Block hälften aushelfen zu lassen. Er musste ein-
an dem die Gäste dem Eppendorfer Block House haben für so etwas Fachleute. Doch sehen, »dass es eine ganz andere körper-
House in anderen Jahren die Bude ein- Größe schützt vor Schaden nicht. liche Herausforderung darstellt, in der Pro-
rennen. Jetzt ist der Andrang eher medium. Corona hatte Deutschland erst wenige duktion zu stehen als in der Küche«.
Koch und Restaurantleiter plaudern, Tage im Griff, da meldeten zwei einst Ein anderer Einfall: Bülow wollte Mit-
schauen zum Fenster hinaus, fegen vor der klangvolle Namen bereits Insolvenz an. arbeiter mit deren Einverständnis an Su-
Tür. Ein Ehepaar holt sein vorbestelltes Erst die Kölner Pizza-Pasta-Kette Vapiano, permärkte verleihen, die dringend Leute
Festmahl ab: Hacksteak und Putenmedail- dann der Düsseldorfer Steakbrater Ma- suchten. Das scheiterte am Arbeitsrecht.
lons. Der Mann sagt lustlos, mit einem Res- redo. Beide waren schon zuvor angeschla- Zuletzt trat er an Seniorenheime und Kli-

76
Coronakrise

niken heran mit dem Vorschlag, sie für die hat. Alles, was sich über Ostern bei ihm »Fangen Sie nicht auch noch an mit der
Krisenzeit mit Menüs zu beliefern. Doch angestaut hat. Er betont, dass er nicht für Panikmache! Dann sterbe ich eben drei
bisher wollen alle weiterhin selbst kochen. das Unternehmen spreche, sondern als Pri- Tage früher, na und? Ich habe Gottvertrau-
Die Essensausgabe in den Restaurants vatmann. Bereits im März habe er Briefe en. Ich gehe danach zum liebenden Gott.«
ist ein verhaltener Erfolg. Von den deutsch- verschickt. An Wirtschaftsminister Peter Block hat über Jahrzehnte seinen Besitz
landweit 42 Häusern haben 21 für Abholer Altmaier. An Finanzminister Olaf Scholz. zusammengehalten, Gewinne steckte er
geöffnet, mit deutlich weniger Personal. Zwei an Gesundheitsminister Jens Spahn. ins Unternehmen. Manchmal irrte er sich,
Damit kommen sie auf zehn Prozent des Zwei an das Robert Koch-Institut. »Ich wie Ende der Achtzigerjahre, als er eine
normalen Umsatzes. Einige Filialen hat habe klargemacht, dass das totale Einstel- Fluglinie gründete, Hamburg Airlines, die
Bülow nach zwei Tagen Testlauf wieder len des öffentlichen Lebens zum wirt- nur rote Zahlen schrieb. Es war sein größ-
geschlossen, vor allem in sonst lukrativen schaftlichen Niedergang führt.« Er habe ter Misserfolg, doch er haftete persönlich
Lagen, am Hamburger Hauptbahnhof bis heute keine Antwort erhalten. dafür, das ist ihm wichtig.
oder in Augsburg am Ulrichsplatz. Sie le- Block macht ein paar unflätige Bemer- In der Coronakrise aber zerbröselt alles,
ben von Reisenden, und die bleiben aus. kungen, schimpft über einzelne Minister. was er erschaffen hat, ohne dass er etwas
Block House ist ein vornehmlich nord- Er wird laut. »Die Herrschaften haben dagegen tun kann. Er will seiner Firma hel-
deutsches Phänomen. Das erste Restau- angstgetrieben Panik gemacht. Ich warte fen, nur wie? Block war immer ein Macher.
rant eröffnete 1968 in Hamburg, heute gibt immer noch auf den seit Langem an- Nun ist er weitgehend machtlos.
es dort 14 Filialen. Eugen Block gehört zur gekündigten Corona-Peak. Noch immer Er habe dem Finanzminister geschrie-
Lokalfolklore, die örtliche Presse hofiert stehen die Krankenhäuser halb leer. Mit ben, wie viel er in diesem Jahr bereits ver-
den »Steakhaus-König«. Bei Block House den entstehenden Kosten hätte Herr loren habe, sagt Block, und er werde ver-
hat alles seine Ordnung. Tischdecken sind Spahn seine Intensivabteilungen verdop- suchen, sich das entgangene Geld von der
immer rotkariert, Salz steht auf den Ti- peln können. Nein, er muss das ganze Regierung zurückzuholen. Geschäftsfüh-
schen links vom Pfeffer, die Zahl der Lö- Volk wegsperren und das Leben auf den rer Bülow sieht das anders: »In dieser
cher im Streuer hat Block einst selbst fest- Kopf stellen.« Krise muss jeder seinen Beitrag leisten.«
gelegt. Jede Servicekraft trägt eine rote Die Bilder aus Italien und New York sor- Uneins sind die beiden auch in der Fra-
Schürze mit Logo, wilde Frisuren sind gen Sie nicht, Herr Block? ge, wie es mit geplanten Investitionen wei-
tabu, Kellner müssen rasiert sein. Wer fünf »Nein, ich werde nicht ängstlich. Diese tergeht. Block sagt, er werde von ihnen
Jahre dabei ist, bekommt einen silbernen einseitigen Maßnahmen kosten uns eine nicht ablassen. Bülow sagt, man werde al-
Bullen an den Hemdkragen, nach zehn Billion Euro! Nachfolgende Generationen les überprüfen. Bisher ist Folgendes vor-
Jahren gibt es den goldenen. werden das in 30 Jahren noch abbezahlen. gesehen: Für 20 Millionen Euro sollen die
Evelyn Oldorff, 57, arbeitet seit 28 Jah- Am Ende werden vermutlich nicht mehr Fleischerei erweitert und ein neues Logis-
ren bei Block House, sie bedient im Lokal Tote gezählt werden als in den Jahren zu- tikgebäude errichtet werden. In diesem
am Hamburger Hauptbahnhof. Seit das ge- vor. Und alle reden nur von Gesundheit!« Jahr sollen zudem die Bauarbeiten für ein
schlossen ist, packt sie Tiefkühlware für den Ohne Gesundheit ist doch alles nichts, Viersternehotel in Berlin beginnen, 40 Mil-
Onlinehandel. Sie hat sich freiwillig gemel- oder? lionen Euro sind veranschlagt, dafür wird
det. Beginnt ihr Dienst sonst frühestens um »Das ist Quatsch – nur die halbe Wahr- auch Kapital von Banken notwendig sein.
11 Uhr, fängt sie nun um 6 Uhr an. Was sie heit, viel zu einfach, ein Totschlagargu- »Je länger die Krise dauert, desto schwie-
am meisten vermisst? Ihre Kollegen. Ihre ment. Es gibt auch andere Lebenswichtig- riger wird es sein zu investieren«, sagt
Stammgäste. Urlauber, die jährlich wieder- keiten. Wenn es nur um Gesundheit ginge, Bülow. »Dann haben wir bei den Banken
kommen, wie jene aus der Schweiz, die ihr dürften wir nicht mehr Auto fahren und womöglich ein anderes Rating.«
immer Schokolade mitbringen. Alte Da- müssten das Volk durch bessere Ernäh- Block versichert, er bange nicht um sei-
men, denen sie hilft, mit dem Rollator die rungsberatung vor Diabetes schützen.« nen Betrieb. »Herr von Bülow macht ein
Treppen hinunterzusteigen. »Wir machen Herr Block, Sie sind fast 80 Jahre alt. viel besseres Krisenmanagement als die
alles, damit unsere Gäste glücklich wieder Sie gehören zur Risikogruppe. Kanzlerin in Berlin.« Aber diese Sorglo-
gehen.« Oldorff sagt: »Wenn ich daran den- sigkeit muss man ihm nicht abnehmen.
ke, muss ich gleich weinen.« Von Patriarch Vielleicht wird die Block-Gruppe einst
Block spricht sie beinahe ehrfürchtig. wieder so gut dastehen wie vor der Krise.
Block kann ein herzlicher Chef sein, zu- Aber womöglich wird ihr Gründer das
gewandt. Zugleich ist er ein Pedant, der nicht mehr erleben. Diese Angst nährt sei-
mit dem Zollstock abmisst, ob Bilder in nen Furor. Und seinen unermüdlichen Ein-
der richtigen Höhe angebracht sind. Und satz. Auch wenn er andere Prioritäten
auch das ist Block: ein Grantler, Hitzkopf setzt als sein Geschäftsführer.
und Quertreiber. Mitarbeiter sagen, mit Mitte März, als Bülow bereits täglich
den Jahren sei er noch grummeliger ge- einen Krisenstab zur Coronakrise zusam-
worden. Halt so, wie er sich am vergange- menrief, fand er auf seinem Schreibtisch
nen Dienstag präsentierte. eine Rolle Klopapier. Es war die Zeit, als
Verabredet war ein Telefonat mit Ge- dies noch kein Luxus-, sondern ein Ge-
schäftsführer Bülow, das dritte und letzte brauchsgut war. Block hatte ihm die Rolle
für diesen Text. Block hingegen hatte An- hingelegt. Ein Gast hatte sich bei dem alten
fragen für ein Interview in den vergange- Herrn beschwert, dass im Hamburger
nen Wochen abschlägig beschieden. Das Grand Elysée Hotel, das ebenfalls ihm
THOMAS FEDRA

Telefongespräch hat schon begonnen, als gehört, das Klopapier nicht mehr vier-,
er überraschend dazustößt. Er setzt sich sondern nur noch zweilagig sei. Offenbar
und flüstert, er wolle nur zuhören, mischt ein Fehlkauf. Diesen Missstand, erklärte
sich dann aber doch ein. Block, solle Bülow dringend beheben.
Block hat einen Zettel dabei, DIN A4, Unternehmer Block Alexander Kühn
kariert, auf dem er sich Notizen gemacht »Dann sterbe ich eben drei Tage früher«

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 77


Ausland

LUIS TATO / AFP


Ausgestattet mit Schutzanzügen und Atemmasken machen sich Freiwillige und Bedienstete in Kenias Hauptstadt
Nairobi bereit, Straßen und Stände auf dem Einkaufsmarkt City Park mit Sprühgeräten zu desinfizieren, um die
Verbreitung des Sars-CoV-2-Virus zu stoppen. Kenias Regierung hat die Hauptstadt und Teile der Küste abgeriegelt
und eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Bis Donnerstagabend waren in Kenia 225 Corona-Fälle bekannt.

Hilfe statt Ideologie für den Elendsstaat Venezuela: Caracas hat keinen Zugriff auf
seine Guthaben in den USA. Der Weltwährungsfonds hatte jüngst
einen Corona-Notkredit für das Land mit der Begründung ab-
Analyse Zehntausende könnten sterben, weil die USA gelehnt, dass man nicht wisse, wer in Caracas der Ansprechpartner
sei – Machthaber Nicolás Maduro oder der selbst ernannte Inte-
Sanktionen für Kuba und Venezuela verschärfen. rimspräsident Juan Guaidó. Dieses Argument ist scheinheilig,
denn zweifellos regiert Maduro das Land. In dem Ölstaat steht
 Anfang des Monats weigerte sich die kolumbianische Airline gerade das Überleben Zehntausender Menschen auf dem Spiel.
Avianca, eine Ladung medizinischer Hilfsgüter aus China zur Venezolanische Emigranten haben daher ein Abkommen zwischen
Bekämpfung des Coronavirus nach Kuba zu transportieren. Die Maduro, Guaidó und den USA vorgeschlagen, um medizinische
Fluglinie fürchtete Vergeltungsmaßnahmen auf dem US-Markt, Hilfsgüter kaufen zu können. Die Vereinten Nationen sollen über-
weil die Lieferung als Verstoß gegen das US-Embargo gewertet wachen, dass die Milliarden nicht zweckentfremdet werden.
werden könnte. Medizinische Produkte sind zwar von den Sank- US-Präsident Donald Trump scheint das nicht zu kümmern,
tionen ausgenommen, doch in der Praxis erschweren sie die er hat die Sanktionen gegen Venezuela und Kuba verschärft.
ohnehin komplizierte Logistik bei der Entsendung von Hilfsgü- Einige seiner Berater bauen darauf, den Sturz der Regierungen
tern und Devisen. Die Avianca wollte kein Risiko eingehen. zu beschleunigen – selbst wenn das Regime in Havanna schon
Das Embargo gegen Kuba ist seit mehr als 60 Jahren in Kraft. den Zerfall der Sowjetunion und den Tod Fidel Castros überleb-
In normalen Zeiten ist es für die Kubaner eine Belastung, in te. Auch Maduro konnte nicht gestürzt werden. Das Virus unter-
der Coronakrise kann es Menschenleben kosten. Das gilt auch scheidet nicht zwischen Kapitalisten und Sozialisten. Jens Glüsing

78 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Naher Osten gehen. Dort bauen die Ver- Bereits 2019 hatte der Arabien bei einem IAEA-
Nuklearer Wettlauf einigten Arabischen Emirate
drei weitere Atommeiler.
Ex-Mitarbeiter der Internatio-
nalen Atomenergiebehörde
Treffen in Wien ein »intrans-
parentes Nuklearprogramm«
 Ausgerechnet im politisch Das führt in der Region zu IAEA Robert Kelley anhand vor. Teheran selbst nutzt seit
instabilen Nahen Osten setzen Spannungen in einer Phase, von Satellitenaufnahmen Jahren Atomenergie und wird
Regierungen vermehrt auf in der auch Saudi-Arabien auf den Baufortschritt eines verdächtigt, Nuklearwaffen
die Erforschung von Atomkraft sein Atomprogramm kraftvoll saudi-arabischen Forschungs- anzustreben. Das Königshaus
und den Bau von Reaktoren. vorantreibt. Unter anderem reaktors am Rande der in Riad hat keinen Zweifel
Auf der Arabischen Halbinsel Ägypten, die Türkei und Hauptstadt hingewiesen. daran gelassen, dass es sofort
wird wohl zuerst in Abu Dhabi Jordanien planen oder bauen Vor einem Monat warf Iran nachzieht, sollte Iran atomwaf-
eine Atomanlage ans Netz ebenfalls Kernkraftwerke. dem regionalen Rivalen Saudi- fenfähig werden. SUK

Israel Aufschwung, auch weil Griechenland SPIEGEL: In Moria leben


»Der beste Spieler« er in der Coronakrise mit
strikten, aber bislang wir-
»Wir hatten Angst« 20 000 Migranten und Flücht-
linge. Was geschieht dort,
 Die Koalitionsverhand- kungsvollen Maßnahmen Falls das Coro- wenn das Virus ausbricht?

S. BALTAGIANNIS / SPIEGEL
lungen zwischen Benjamin punktete. Doch Netanyahus navirus die Logothetis: Dort wollen
Netanyahu und seinem Gegner haben angedroht, Elendslager in wir den betroffenen Teil des
Herausforderer Benny Gantz im Fall von Neuwahlen der Ägäis Lagers sozusagen amputieren.
sind gescheitert – Israels mit einem Gesetz zu verhin- erreicht, droht Die Migranten werden schnell
Präsident hat deshalb den dern, dass er erneut Minis- eine Katastro- auf Schiffen oder in Hotels
anderen Parteien eine terpräsident werden kann. phe. Auf fünf unter Quarantäne gestellt.
Möglichkeit zur Regierungs- Netanyahu, der seit mehr als Inseln leben fast 40 000 Mi- Wenn das Virus sich weiter
bildung gegeben. Doch die zehn Jahren ununterbrochen granten und Flüchtlinge. ausbreitet, werden nur die
Chancen, dass dies gelingt, an Israels Spitze steht, ist Manos Logothetis, 43, ist negativ Getesteten aus dem
sind Beobachtern zufolge wegen Korruption angeklagt. Sekretär für die Erstaufnahme Lager evakuiert. Die Erkrank-
gering. »Es wird entweder Er selbst dementiert die im Athener Migrationsminis- ten lassen wir mit der not-
eine Große Koalition geben Vorwürfe. Der Prozess gegen terium. Er entscheidet, wie die wendigen medizinischen Hilfe
oder Neuwahlen«, sagt ihn soll im Mai beginnen. Behörden sich vorbereiten. in Quarantäne zurück.
Jonathan Rynhold, Politologe Netanyahu kämpft deshalb SPIEGEL: Sie bringen jetzt
an der Bar-Ilan-Universität vor allem für einen Koali- SPIEGEL: Herr Logothetis, 2300 besonders gefährdete
nahe Tel Aviv. »Die anderen tionsvertrag, der ihn vor dem bisher gibt es keinen bestätig- Migranten in Hotels unter.
Optionen sind sehr unwahr- Gefängnis bewahrt. Politik- ten Corona-Fall in Lagern in Warum evakuieren Sie die
scheinlich.« Keiner der ver- wissenschaftler Rynhold der Ägäis. Sind es Ihre Maß- Camps nicht vollständig, wie
bliebenen Parteiführer habe schließt nicht aus, dass ihm nahmen, oder ist es Glück? Flüchtlingsorganisationen es
genug Anhänger, um die das gelingen könnte: Viele Logothetis: Wir haben meh- schon lange fordern?
nötigen 61 Knesset-Mitglieder Israelis sähen in Netanyahu rere Verdachtsfälle getestet Logothetis: Weil wir die Men-
hinter sich zu versammeln. einen alternativlosen Garan- und alles getan, um das schen, die jetzt sicher sind,
Zudem hätten weder Netan- ten für Stabilität im Land. Virus vom Lager fernzuhal- nicht an andere Orte des Lan-
yahu noch Gantz ein klares »Er hat nicht die besten Kar- ten. Unser Plan ist aufge- des verlegen wollen, wo die
Interesse an Neuwahlen, sagt ten«, sagt Rynhold. »Aber gangen. Was auch hilft, ist Krankheit stärker verbreitet
Rynhold. Aktuelle Umfragen Netanyahu ist der beste Spie- die Insellage. Auf Samos ist. Auf den Inseln ist es
sehen Netanyahu zwar im ler.« ARV und Leros gibt es gar keine gegenwärtig weniger gefähr-
Fälle in der griechischen lich als auf dem Festland.
Bevölkerung. Auf Kos, Chios SPIEGEL: In zwei Lagern
und Lesbos gab es welche, auf dem Festland wurde das
aber das Virus hat sich bisher Virus schon eingeschleppt.
nicht verbreitet. Einige Infizierte weigerten
SPIEGEL: In den Lagern leben sich zunächst, sich in Isolation
die Menschen unter erbärm- zu begeben.
lichen Bedingungen, Distanz Logothetis: In den Lagern
ist selten möglich. Sollten kam es zu völlig unterschied-
Asylbewerber nicht dieselben lichen Reaktionen. In Mala-
Rechte haben wie Griechen? kasa leben Menschen aus
Logothetis: Das ist ein großes einem Land. Ritsona ist ein
Problem. Sie müssen in einer Lager mit Menschen aus allen
langen Essensschlange stehen. Teilen der Welt. Vom Virus
Wir hatten Angst, dass das waren aber nur Afrikaner
Virus eindringen würde. Wir betroffen, sie fühlten sich von
ODED BALILTY / AP

haben im Umfeld der Flücht- unseren Maßnahmen stigma-


lingslager früh harte Maß- tisiert. Inzwischen haben wir
nahmen ergriffen. Der Lock- sie überzeugen können, dass
down ist dort strenger als wir sie nicht diskriminieren
Wahlplakate von Gantz, Netanyahu für den Rest der Bevölkerung. wollen. GEC, SLÜ

79
Coronakrise

MICHAEL LAUGHLIN / POLARIS / LAIF


Pastorin White (3. v. l.), Präsident Trump am 3. Januar in Miami: Das Christentum aufleben lassen, bevor die Erde untergeht

Ihr Gott im Weißen Haus


USA Weiße Evangelikale gelten als treueste Unterstützer von US-Präsident
Donald Trump – trotz seiner Affäre mit einem Pornostar. Trump hört auf sie, und viele
ihrer Prediger verharmlosten das Virus zu lange. Von Katrin Kuntz

A
ls die Coronakrise im Land schon kale Christin und prominente Predigerin. sie bittet, zu beten und zu fasten, dann
in vollem Gange ist und die Bet- Seit Ende 2019 gehört sie Trumps Regie- können wir nicht auf unseren Stühlen sit-
ten in den New Yorker Kranken- rung als Beraterin an. Sie ist Teil der »Glau- zen bleiben und tun, als wäre es ein ge-
häusern sich mit Menschen fül- bensinitiative« des Präsidenten, sie soll wöhnlicher Sonntag.« Sie meint Trump.
len, bittet Trumps persönliche Pastorin die Wähler für ihn rekrutieren. Wie schon Das Virus sei »eine Plage«, ruft sie von
Massen in ihre Riesenkirche in Florida, um 2016 ist Trump auch diesmal darauf ange- der Bühne – vergleichbar mit den Plagen
gegen das Virus zu beten. wiesen, dass die rechten Christen zur Wahl aus der Bibel. Christen sollten für ein Ende
Es ist der 15. März 2020, der »Nationale gehen und für ihn stimmen. der Pandemie beten. Wer Geld an ihre Kir-
Gebetstag« für alle von der Pandemie be- Jetzt steht White im schwarzen Busi- che spende, sagt sie wenig später in einem
troffenen Menschen im Land. Trump hat nesskostüm und auf High Heels am Pult anderen Videoauftritt, werde Wohlstand
diesen Tag ausgerufen. ihrer Kirche »City of Destiny«. Ein kabel- und Gesundheit auf Erden erlangen.
Er will, dass die Gläubigen für die Kran- loses Mikrofon ragt neben ihrem Ohr her- Donald Trump stützt sich auf die Wäh-
ken beten, aber auch für die Corona-Stra- vor. In einem Video ihres Auftritts sieht lergruppe der Evangelikalen wie auf kaum
tegie der Regierung. man sie auf der Bühne die Hände empor- eine andere. Ein Viertel der Amerikaner
Paula White, 53 Jahre alt, eine Frau mit heben, von kühlem Neonlicht bestrahlt. zählt sich zu einer der evangelikalen Kir-
platinblondem Pagenkopf, schmalem Ge- White ruft: »Wenn ein ziviler Führer chen, rund 50 Millionen von ihnen sind
sicht und vollen Lippen ist eine evangeli- von großer Autorität die Kirche anruft und weiß. Was die Glaubensgemeinschaft –

80 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


eine theologische Richtung innerhalb des kale Christen. Kabinettsmitglieder finden »Mein Vater hat sich umgebracht, als ich
Protestantismus – zusammenhält, ist ihre sich zum wöchentlichen Bibelkreis im Wei- fünf Jahre alt war«, erzählt sie. White wur-
wörtliche Auslegung der Bibel, der Glaube ßen Haus zusammen – das gab es zuletzt de als Kind sexuell missbraucht, vernach-
an die nahende Endzeit und an die per- in der Art vor hundert Jahren. lässigt von der alkoholkranken Mutter.
sönliche Beziehung zwischen den Gläubi- Die US-Autorin und Religionsexpertin Die Schulkameraden nannten sie »trailer
gen und Jesus Christus; viele nennen sich Katherine Stewart, die die Bewegung seit trash«, »Müll aus dem Trailerpark«.
deshalb »wiedergeborene Christen«. Langem beobachtet, schreibt in der »New White lernte Gott kennen, wie sie sagt,
Sehr viele Evangelikale vertrauen zu- York Times«: Die Evangelikalen seien mit und begann die Bibel zu lesen. Pastoren
dem auf Donald Trump. Im Jahr 2016 ha- für Trumps inkompetentes Regierungs- wurden auf sie aufmerksam. Bald trat sie
ben 81 Prozent der weißen Evangelikalen personal verantwortlich, das sich für die im Regionalfernsehen auf. Nach einem die-
für Trump gestimmt. Und 77 Prozent von Interessen der religiösen Rechten stark- ser Auftritte 2002 habe sich »ein Mister
ihnen sind mit der Antwort des Präsiden- mache, aber keine Pandemie managen Trump« gemeldet. Trump besitzt ein An-
ten auf die Coronakrise zufrieden. könne. »Donald Trump ist mit der ent- wesen in Palm Beach in Südflorida.
Wie Trump spielten auch viele evan- schiedenen Hilfe einer Bewegung an die »Du bist fantastisch!«, habe er in den
gelikale Prediger das Virus anfangs herun- Macht gekommen, die Wissenschaft ab- Hörer gebrüllt. »Du hast den It-Faktor!«
ter. Ein Prediger erzählte, wie Gott ihn lehnt, Regierung verachtet und Loyalität White lächelt. »Das heißt Salbung, Sir«,
nachts aufgeweckt und ihm gesagt habe: über professionelle Expertise stellt.« habe sie ihm gesagt. Nachdem sie aufge-
»Dieses Virus ist nichts.« Ein anderer be- Diese Leute wollten Amerika in eine legt hatte, habe Gott zu ihr gesprochen
zeichnete es gar als Sünde, sich vor Corona »imaginierte Vergangenheit« zurückfüh- und ihr den Auftrag erteilt, Trump zu
zu fürchten. ren, in der das Land konservativ christlich helfen. »Ich führte den Auftrag aus, ohne
Als der Präsident im März noch seine gewesen sei. Stewart hält diese Entwick- zu wissen, dass jener Mann, dem ich hel-
Vision von »vollgepackten Kirchen im lung für demokratiegefährdend. »Wir se- fen sollte, Gott kennenzulernen, Präsident
ganzen Land« bis »Ostern« äußerte, für hen eine autoritäre Identitätskampagne, der Vereinigten Staaten werden würde!«,
die er von vielen massiv kritisiert wurde, die keinerlei Respekt vor der Trennung ruft sie. Die Menge johlt.
wollte er wohl insbesondere auch seiner von Staat und Kirche hat.« Pluralistische Die Geschichte ist perfekt: Paula White,
religiösen Basis gefallen. Werte, die Amerika getragen hätten, lehn- das Bindeglied zwischen Gott und dem
Seit Ende der Sechzigerjahre haben te die Bewegung ab. In der Coronakrise US-Präsidenten. In den Jahren danach
Evangelikale mehrheitlich republikanisch wird das extrem gefährlich. wird White Trumps persönliche Pastorin.
gewählt, insbesondere der frühere Präsi- Trump bezeichnet sich selbst als pres-
dent Ronald Reagan suchte wie kein Poli- Wer die Bewegung verstehen will, muss byterianisch, gibt seinen Lieblingsvers in
tiker vor ihm die Nähe zur Bewegung. zurück in den Februar zoomen, in eine der Bibel mit »Auge um Auge, Zahn um
Doch im Fall von Donald Trump warf evangelikale Megakirche in Miami. Dort, Zahn« an und verwechselte einmal ein
die christliche Unterstützung schon immer auf einem spirituellen Kongress, erzählt Tablett, auf dem die Kommunion gereicht
Fragen auf. Die Allianz zwischen rechten Paula White die Geschichte eines verlore- wird, mit einem Teller für die Kollekte.
Christen und kapitalistischem Lebemann nen Mädchens aus einem Trailerpark, das White gehört der »Prosperity Gospel«
wirkt nicht gerade natürlich. Schließlich Trump mit Gott zusammenbrachte und an, einer Randerscheinung des Evangeli-
handelt Trump regelmäßig entgegen christ- später seine religiöse Beraterin wurde. Es kalismus, die gegen Spende Wohlstand auf
licher Werte, sein Lebenswandel ist mora- ist ihre eigene Geschichte. Erden verspricht. Ein ziemlich kapitalis-
lisch alles andere als einwandfrei. Doch White steht auf einer Bühne im Innern tisches Religionsverständnis also, das auch
nicht einmal die Affäre um den Pornostar der Megakirche, das Scheinwerferlicht unter Evangelikalen umstritten ist, aber
Stormy Daniels hat die Allianz zwischen lässt ihren blonden Pagenkopf im Halb- zum Immobilienunternehmer Trump her-
dem Präsidenten und der religiösen Rech- dunkel leuchten. Tausende Gläubige ju- vorragend zu passen scheint.
ten zerstört. Das liegt mit daran, dass noch beln ihr zu. Sie kaufte nach dem Anruf ein Apart-
kein US-Präsident so viele politische Fak- ment in seinem Haus in der New Yorker
ten schaffte, die im Interesse der religiösen Park Avenue und besuchte seine Show
Wähler liegen. »The Apprentice«. Er nahm an ihren Bibel-
Seit Beginn seiner Amtszeit hat Trump kreisen teil, die sie gelegentlich in New
zwei streng konservative Richter am York leitete. 2016, und auch jetzt wieder,
Obersten Verfassungsgericht eingesetzt, hilft sie ihm im Wahlkampf.
weitere könnten folgen – und eines Tages »The Supernatural Ministry School«
das Recht auf Abtreibung kippen. Dutzen- heißt der dreitägige Kongress, auf dem
de Posten an Gerichten vergab er an jün- White Anfang Februar auftritt. Die Mega-
gere konservative Hardliner. kirche »King Jesus International Ministry«
Trump spricht sich nicht nur gegen im Süden Miamis ist von Palmen umge-
Abtreibungen aus, er sprach auch als ers- ben. In ihrem Innern finden 7000 Men-
ter US-Präsident im Februar beim soge- schen Platz.
nannten March for Life, der Parade der Hier lässt sich während einer sechsstün-
Abtreibungsgegner. Kurz darauf präsen- digen Endzeitpredigt erleben, wie schein-
SCOTT DALTON / DER SPIEGEL

tierte er einen Nahostplan, der Jerusalem bar der Heilige Geist in Gläubige fährt und
zur israelischen Hauptstadt macht – was sie zu einem Knall aus einer Soundmaschi-
auch stets ein Ziel der evangelikalen Be- ne zu Boden gehen. Prediger berichten
wegung war. von Karieszähnen, die sich in Gold ver-
Trumps Regierung ist eine der religiö- wandeln. Paula White sammelt am Ende
sesten der jüngeren US-Geschichte. Etliche ihres Auftritts Schecks ein, dafür ver-
Minister, wie Außenminister Mike Pom- spricht sie Seelenheil.
peo, Bildungsministerin Betsy DeVos und Gläubige Beightol (M.) mit Eltern Aber kurz vor Beginn des Wahljahrs
Vizepräsident Mike Pence, sind evangeli- »Eine Prüfung für uns Christen« 2020 erlebt die Allianz zwischen Trump

81
und den Evangelikalen eine Erschütterung.
Das konservative Magazin »Christianity
Today« veröffentlichte Ende Dezember
ein Editorial, in dem der Chefredakteur
Trumps Absetzung forderte. Schockwellen
gingen landesweit durch die Kirchen.
Schon länger wenden sich junge und
gebildete Evangelikale von Trump ab.
Nach Paula Whites Schulterschluss mit
dem Präsidenten sollen schwarze Gläu-
bige in Scharen aus ihrer Gemeinde ge-
flohen sein. Muss Trump um seine Wähler
fürchten?
Am 3. Januar 2020, kurz nach Erschei-
nen des kritischen Artikels, stand er selbst
in der Megakirche in Miami. 5000 Chris-
ten waren da. Wohl wissend, dass es zuerst SCOTT DALTON / DER SPIEGEL
die Latinos und Schwarzen sein könnten,
die sich abwenden, verkündete Trump den
Start seiner Kampagne »Evangelikale für
Trump« im »King Jesus Ministry« in der
Stadt Miami, wo vor allem Latinos leben.
Trump rief: »Evangelikale Christen je-
der Glaubensrichtung und Gläubige jeder Evangelikale bei Gottesdienst am 5. Februar in Miami: »Karieszähne in Gold verwandeln«
Religion hatten nie einen größeren Unter-
stützer im Weißen Haus als ihr jetzt!« Er
sprach über die angebliche Wiederbele- großen US-Medien gesprochen, als Nächs- Christen immer öfter darüber stritten, wer
bung des Ausdrucks »Merry Christmas« tes kommt eine TV-Crew aus Japan vorbei. ein richtiger Christ sei. Als Galli seine rech-
in Amerika, die er sich selbst zuschreibt. Sie alle wollen wissen, wie er es als ten Bekannten nach ihrer Meinung zum
»Wir werden gewinnen«, sagte Trump. Evangelikaler wagte, Trump zu kritisieren. Impeachment fragte, sagte einer nach dem
»Wir haben Gott an unserer Seite.« Galli erinnert sich an den Morgen, an dem anderen: »Eine Verschwörung der
Predigerin Paula White stand am 3. Ja- er überlegte, ob man das Amtsenthebungs- Demokraten.« Galli schrieb seinen Text.
nuar in Trumps Nähe und betete. An die- verfahren überhaupt kommentieren sollte. Kurz nach der Veröffentlichung brach
sem Tag entstand ein Foto, auf dem sie Drei Jahre lang hatte Galli damit ver- die Internetseite von »Christianity Today«
und andere Evangelikale Trump berühren, bracht, die evangelikalen Unterstützer des zusammen. Ein Proteststurm erreichte die
als bärge sein Körper etwas Heiliges. Präsidenten zu verstehen. Er sah mit Be- Redaktion. Aber es gab auch etliche Leser,
sorgnis, wie konservative und liberale die erleichtert waren.
»Die Evangelikalen haben Trump ihre Knapp zwei Wochen später sah Galli
Loyalität geschenkt, ohne anzuerkennen, Trumps Auftritt in der Megakirche in
dass er moralische Probleme hat«, sagt Gespanntes Verhältnis Miami. Die Vergötterung durch seine An-
Mark Galli in seinem Haus in Chicago. Umfrage unter weißen evangelikalen hänger sei »götzenhaft« gewesen. In den
Der 67-Jährige war einmal Pastor und Gebeten des »Prosperity Gospel« wurden
Protestanten in den USA, in Prozent
arbeitete 30 Jahre lang als Journalist. Beim die Feinde Trumps »satanisch« genannt.
konservativen, evangelikalen Magazin »Die Trump-Regierung hat den »Ich war schon immer sensibel für Spra-
»Christianity Today« war er Chefredak- Interessen evangelikaler Christen … che«, sagt Galli. Viele Christen hätten den
teur. Er hat den Leitartikel verfasst, der Sound von Trump übernommen. Dabei
wie eine Bombe einschlug. … geholfen.« gehe es in etlichen Bibelversen darum,
»Christianity Today« gilt als Flaggschiff 59% »mit welcher Zunge Menschen sprechen«.
der Evangelikalen. Es wurde 1956 von Bil- … geschadet.« Jetzt, in der Coronakrise, sagt Galli An-
ly Graham gegründet, der eng mit Präsi- fang April am Telefon, wiederhole sich die
dent Eisenhower war. Die Leser sind ge- 7% Geschichte. »Die evangelikale Rechte ver-
mäßigt, das Heft bislang wenig kontrovers. … weder geholfen noch geschadet.« harmlost das Virus. Sie denken, wenn man
»Trump sollte aus dem Amt entfernt die Kirchen schließt, zeige das einen man-
32%
werden«, schrieb Galli am 19. Dezember gelnden Glauben an Gott«, so Galli.
2019. Er beschreibt Trump als »moralisch Wer sich schütze, werde als schlechter
zum Vergleich:
verloren«. Das Impeachment-Verfahren »Trumps Verhalten alle befragten
Christ gebrandmarkt. »Wer krank wird,
beweise, dass er das Amt des Präsidenten bewerte ich … US-Bürger hat eben nicht genug geglaubt.« Das Miss-
beschädigt habe. Seine Absetzung müsse … positiv.« trauen gegenüber der Wissenschaft und
erfolgen aus einer »Loyalität gegenüber gegenüber Autoritäten, die ihre fundamen-
31% 15%
dem Schöpfer der Zehn Gebote«. talen Glaubenssätze infrage stellen, sei ein
Galli sitzt in seinem Wohnzimmersessel, … mit gemischten Gefühlen.« großes Problem.
in der Hand eine Tasse Tee. Ein nachdenk- 44% 30%
licher Mann mit stabilen Werten, der gern In einer der ältesten Megakirchen Ame-
Fliegenfischen geht und Bier braut. Eigent- … negativ.« rikas, der First Baptist Church Dallas, mit
lich wollte er jetzt seine Rente genießen, 22% 53% 13 000 Mitgliedern erscheint bei einer
stattdessen war er gerade für ein Fern- Quelle: Pew Research Center, 6395 befragte
Sonntagsmesse im Februar auf der zentra-
sehinterview in Kanada, hat mit allen US-Bürger, 4. bis 15. Feb. 2020 len Leinwand Trumps Konterfei. Ein Be-

82 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Coronakrise

such seiner ehemaligen Pressesprecherin, »Unsere Welt wird jeden Tag gottloser. Der len, hinter denen Swimmingpools glitzern.
Sarah Huckabee Sanders, wird angekün- Kurs der Erde geht abwärts.« So beschrei- Hier wohnt eine junge Evangelikale, die
digt. Pastor Robert Jeffress wird sie inter- be es die Schrift, bevor Jesus auf die Erde in ihrer konservativen Gemeinde oft erlebt
viewen. Er ist einer der prominentesten zurückkehre. hat, wie gläubige Christen an Trump zwei-
evangelikalen Trump-Unterstützer. »Ich weiß nicht, wann er kommt«, sagt felten und am Ende doch versuchten, sich
Der Campus, auf dem die Kirche steht, Jeffress. »Ob nächstes Jahr oder irgend- ihn schönzureden.
hat 130 Millionen US-Dollar gekostet. wann im 21. Jahrhundert.« Wenn es so weit Alexandria Beightol sitzt barfuß auf
Der Gottesdienst darin gleicht mit seinem sei, werde er jene mit ins Paradies nehmen, einem ausladenden Sofa in ihrer Villa,
Chor und seinen Livetaufen in einem pool- die ihn als Retter anerkannten. Die ande- zwei Autostunden von Miami entfernt.
artigen Becken einer Mischung aus Musi- ren schmorten in der Hölle. Trumps Regie- Ihre Eltern, mit denen sie hier lebt, sind
cal und Bibelseminar. Vor allem ältere rungszeit ermögliche es den Gläubigen Abtreibungsgegner. Der Vater Arzt, die
weiße Texanerinnen und Texaner sind ge- jetzt, »möglichst viele Seelen zu retten«, Mutter vertreibt Kosmetikprodukte im
kommen. Hier im sogenannten Bible Belt bevor alles Irdische verlösche. Netz, wobei Beightol, 24, ihr hilft.
ist die Unterstützung für den Präsidenten Anfang März hielt Jeffress eine Predigt »Alle in unserer Kirche wählen Trump«,
riesig. 2014 bezeichneten sich 31 Prozent mit dem Titel: »Ist das Coronavirus eine erzählt sie. »Wer sich unwohl fühlt, sagt,
aller Texaner als Evangelikale. Strafe Gottes?« Die Apokalypse und das dass Gott den Präsidenten als Prüfung für
»Ich bin ein Freund des Präsidenten.« Virus liegen für ihn eng beieinander. »Alle uns Christen geschickt habe.« Die Bibel
Robert Jeffress lächelt. Der 64-Jährige Naturkatastrophen sind letztlich auf Sün- besage, dass es schon immer schreckliche
trägt einen schwarzen Nadelstreifenanzug, den zurückzuführen«, sagte er. Männer auszuhalten gab, die am Ende für
dazu eine Trump-rote Krawatte. Er wartet Dass Trump als Bollwerk gegen den das Wohl der Gläubigen sorgten.
nach dem Gottesdienst in einem Hinter- Niedergang des Glaubens wirken soll, er- Die einen meinen, Trump sei wie jener
zimmer, reicht freundlich die Hand. Jef- scheint absurd. Doch es hat mit der Libe- wilde Mann Jehu, den Gott einsetzt, um
fress ist der erste Pastor, der Trump 2016 ralisierung der Gesellschaft zu tun. Viele die Stadt Jesreel zu befreien. Die anderen
in den Vorwahlen unterstützte. Über seine Christen fühlen sich unwohl, wenn wäh- vergleichen ihn mit dem persischen König
Auftritte beim konservativen TV-Sender rend der Superbowl-Übertragung halb Kyrus, der das Gesetz missachte, aber die
Fox-News, seine TV-Show »Pathway to nackte Frauen erscheinen, gleichge- vertriebenen Hebräer wieder nach Jeru-
Victory«, seine Radiosendung und Predig- schlechtliche Ehen vielerorts zum Alltag salem holte. Beightol hörte von Abraham,
ten erreicht er ein Millionenpublikum. gehören. Jetzt kommt die Angst vor dem der gezwungen worden sei, seinen Sohn
Zwei Monate später, zu Beginn der Coronavirus hinzu. zu opfern, um seine Loyalität zu Gott zu
Coronakrise, sollte er sich weigern, seine 2020 werde Trump ein noch höheres beweisen. »Viele glauben, dass sie an
Kirche zu schließen. Ergebnis einfahren, prophezeit Jeffress. Trump festhalten müssen, um zu beweisen,
Warum ist Trump unter Gläubigen so dass sie echte Christen sind.«
erfolgreich? Weniger als 20 Prozent der Evangelika- Bis vor wenigen Jahren seien ihre eige-
»Politische Enttäuschung«, sagt Robert len entschieden sich 2016 gegen Trump. nen Überzeugungen typisch republika-
Jeffress. Trump sei der erste Präsident, der Studien belegen, dass weiße, evangelikale nisch und nationalistisch gewesen. Sie
wirklich etwas für die Evangelikalen tue. Jugendliche genauso häufig für ihn stimm- habe sogar etwas gegen Muslime gehabt.
»Sein Bekenntnis zur Pro-Life-Bewe- ten wie ihre Eltern oder Großeltern. Ihre Zweifel kamen erst auf, als Beightol auf
gung, sein Einsatz für Religionsfreiheit« Positionen, was Abtreibung betrifft, unter- das Blog der inzwischen verstorbenen, li-
und seine »Unterstützung für Israel« – das schieden sich kaum voneinander. beralen Evangelikalen Rachel Held Evans
elektrisiere die evangelikale Gemeinde. Wie aber geht es Gläubigen, die nach stieß. Sie brachte viele junge Evangelikale
Vor Trump hatte Jeffress oft Hoffnung einer Alternative zu Trump suchen? dazu, ihre Werte zu überprüfen.
in andere Politiker gesetzt. Er stimmte An der Westküste Floridas, auf Marco Beightol, deren Mutter aus Trinidad
einst für den Demokraten Jimmy Carter, Island, stehen von Palmen umgebene Vil- stammt, las den Blog heimlich. »Ich fragte
der sich selbst als wiedergeborenen Chris- mich, was Pro Life bedeutet, außer vor
ten bezeichnete, Jeffress aber enttäuschte. Abtreibungskliniken zu protestieren«, er-
Er folgte dem Republikaner Ronald Reagan, zählt sie. Sie machte sich Gedanken über
der die Evangelikalen besonders fest um- die Gleichwertigkeit aller Menschen, und
armte. Doch aus den Versprechen, die sie über Müttersterblichkeit. Ihr Pro-Life-
während der Kampagnen gaben, so sieht Begriff weitete sich aus. »Trump wählen
es Jeffress, wurde selten Politik. würde ich nie«, sagt Beightol.
Trump fand eine evangelikale Gemein- Am Telefon Anfang April sagt sie, die
de vor, die zwar noch republikanisch wäh- evangelikale Welt sei auch jetzt, in der
len wollte, aber Ernüchterung empfand. Er Coronakrise, gespalten. Viele Evangelikale
schwang sich zu ihrem Retter auf. Jeffress hielten das Virus für eine Prüfung. »New
bot ihm die volle Unterstützung an. Heute York werde deshalb so hart getroffen, weil
DAVID KASNIC / THE NEW YORK TIMES / LAIF

betet er mit Trump, berät ihn in Glaubens- es ein solch liberaler Staat sei und demüti-
fragen. An Ostern hatte Trump angekün- ger werden solle«, erinnert sich Beightol
digt, sich in seine Messe einzuschalten. an die Worte einer gläubigen Freundin.
Als Trump einst drohte, Nordkorea aus- Doch viele Evangelikale nähmen die
zulöschen, schrieb Jeffress in einem Arti- Bedrohung auch ernst und verhielten
kel, dass er als Herrscher das Recht dazu sich entsprechend. Sie verstünden, dass
habe und zitierte einen Bibelvers. Covid-19 für eine Art »Enthüllung« sorge,
Trump, sagt Jeffress, biete den Evange- einen göttlichen Weckruf.
likalen die Gelegenheit, das Christentum »Wir haben jetzt Gelegenheit, uns zu
noch einmal aufleben zu lassen, bevor die überlegen, wie wir unsere Erde behan-
Erde untergehe. Wie die meisten Evan- Ehemaliger Pastor Galli deln«, sagt Beightol.
gelikalen glaubt Jeffress an die Endzeit. Misstrauen gegenüber Autoritäten

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AGENCJA GAZETA / REUTERS

EVP-Vorsitzender Tusk

»Wer mehr hat, muss


mehr geben«
SPIEGEL-Gespräch Der Chef der Europäischen Volkspartei und einstige Ratspräsident Donald Tusk, 62,
hält es für möglich, dass die EU zerbricht. Polens Ex-Ministerpräsident mahnt
Deutschland zur Solidarität und will Ungarns Abgleiten in eine Diktatur verhindern.

SPIEGEL: Herr Tusk, droht die EU in der verbreiten Politiker den Eindruck, Brüssel Das ist doch ein Armutszeugnis für die EU.
Coronakrise zu scheitern? habe zu spät und zu zögerlich auf das Tusk: In der Politik sind Anmutungen oft
Tusk: Das ist nicht die erste Krise in der Coronavirus reagiert. Haben sie recht? wichtiger als Fakten. Ich hoffe, dass wir
Geschichte der Europäischen Union, ich Tusk: Wenn wir auf Südeuropa blicken, re- die Kurve noch kriegen, aber es gibt kei-
habe da meine eigenen Erfahrungen als den wir von einer Katastrophe. Da kommt nen Zweifel: Der Ansehensverlust Europas
Ratspräsident machen dürfen, denken Sie es auf schnelle Hilfe an, aber auch auf Mit- ist groß – in Italien, in Spanien, in Portugal,
nur an Griechenland und den Euro. Ich gefühl und Solidarität. Die Menschen wol- aber auch in unserer unmittelbaren Nach-
bin Krisen gewöhnt. Manchmal habe ich len in einer solchen Situation nicht Routine. barschaft, etwa auf dem Westbalkan. Das
den Eindruck, die EU ist nur dazu da, Kri- Sie wollen sehen, dass sich was bewegt. nutzen Länder wie China und Russland
sen zu bekämpfen. Wahr ist aber, dass wir Das hat in den ersten Tagen der Krise ge- eiskalt aus. Ihre Hilfeleistung ist im Ver-
so eine Herausforderung wie jetzt durch fehlt. Es gab keine Transporte mit medizi- gleich zu dem, was die EU-Mitglieder in-
die Pandemie noch nie zu bewältigen nischer Schutzkleidung, und auch die Wor- zwischen auf die Beine stellen, bestenfalls
hatten. Am ehesten erinnert sie mich an te aus der Europäischen Zentralbank (EZB) symbolisch. Aber ihre Kommunikation ist
die Flüchtlingskrise. Auch da ging es um wirkten kalt. So als hätte sie die Menschen, voller Mitgefühl. Das kommt an.
Emotionen, Ängste und Ungewissheiten. die leiden, einfach übersehen. SPIEGEL: Ausgerechnet in dieser Situation
SPIEGEL: Uns erscheint die Lage heute SPIEGEL: Christine Lagarde, die EZB- führt Europa den nächsten großen Streit.
weit dramatischer. Bürger in Italien und Präsidentin, vermittelte den Eindruck, als Es geht um die Frage, ob sogenannte Coro-
Spanien sind tief enttäuscht von der EU müsste Italien allein mit seinen Problemen nabonds, also gemeinsame Schuldentitel,
und wenden sich ab. In den Hauptstädten klarkommen. Zugleich inszenieren Länder der richtige Weg sind, um die wirtschaft-
wie Russland und China sich als Retter in lichen Folgen der Krise zu bewältigen.
Das Gespräch führten die Redakteure Peter Müller der Not. Die Autokraten helfen, die EU- Kommenden Donnerstag beraten die
und Jan Puhl. Mitglieder stehen als herzlose Geizlinge da. Staats- und Regierungschefs beim Video-

84 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Coronakrise

gipfel über einen entsprechenden Aufbau- Tusk: Orbán regiert in Ungarn seit der würde. Wir leben in der Zeit von Trump
fonds. Was ist Ihre Meinung? Flüchtlingskrise mit Notstandsmaßnahmen. und Brexit, der Kampf um die Demokratie
Tusk: Diese Pandemie betrifft uns alle und Er nutzt die Angst vor der Migration und ist global. Wir müssen alle achtsam sein.
kennt keine Schuldigen. Das ist der Unter- nun vor dem Virus, um seine Macht auszu- SPIEGEL: Sie sagten unlängst bei einer Par-
schied etwa zur Griechenlandkrise vor bauen. Manche seiner Maßnahmen sind teitagsrede: »Wer gegen Rechtsstaatlich-
einigen Jahren. Wir müssen Italien und wahrscheinlich gerechtfertigt. Sein Vorge- keit und gegen eine unabhängige Justiz ist,
Spanien retten und womöglich auch das hen mag auch rein formaljuristisch nicht zu ist kein Christdemokrat. Wer etwas gegen
Projekt Europa. Es ist nicht die Zeit für beanstanden sein. Es hat aber mit dem Geist die freie Presse und gegen Nichtregierungs-
Zahlenkrämerei. Wir brauchen, was die der Demokratie nichts mehr zu tun. Wie organisationen hat, ist kein Christdemo-
Wirtschaft angeht, einen Blitzkrieg. Wir oft haben wir in unserer Geschichte erlebt, krat.« Wenn man diese Maßstäbe anlegt,
dürfen jetzt nicht kleckern und zögern und dass Politiker Gesetze, die ordnungsgemäß kann es für Orbán doch beim besten Wil-
auch vor außergewöhnlichen Maßnahmen zustande gekommen sind, nutzen, um ihre len keinen Platz in der EVP geben.
nicht zurückschrecken. Macht auszudehnen? Sie kennen das aus Tusk: Heute ist nicht die Zeit für radikale
SPIEGEL: Das sind drastische Worte. Deutschland. Ich bin sicher: Carl Schmitt … Entscheidungen. In der Pandemie geht es
Deutschland und andere Länder weigern SPIEGEL: … der Staatsrechtler, der in der darum, die Einheit zu wahren. Aber es
sich jedoch, gemeinsame Schuldentitel aus- NS-Zeit das Regime rechtfertigte … gibt Grenzen. Ich weiß nicht, wann unsere
zugeben. Dafür müsse es eine gemeinsame Tusk: … Carl Schmitt wäre sehr stolz auf nächste Vorstandssitzung stattfinden kann,
Steuer- und Finanzpolitik geben. Über- Viktor Orbán. ob, wie geplant, im Juni oder erst im Sep-
zeugt Sie das Argument? SPIEGEL: Sie sind im Februar damit ge- tember. Aber dann ist die Zeit der Ent-
Tusk: Wer mehr hat, muss mehr geben. scheitert, eine Mehrheit für einen Aus- scheidung gekommen, ganz klar. Bis dahin
Das ist das Prinzip echter Solidarität. schluss der ungarischen Regierungspartei will ich die Kollegen in der EVP überzeu-
Deutschland ist finanziell stark und kann Fidesz aus der EVP zu organisieren. Nun gen, dass wir nicht zwischen Freiheit und
seine Industrie und seine Unternehmen fordern erneut mehr als ein Dutzend Mit- Sicherheit wählen müssen, sondern dass
schützen. Andere EU-Länder haben diese gliedsparteien den Rauswurf. Hätte Orbáns wir den Bürgern beides anbieten können.
Möglichkeit nicht. Der Wettbewerbsvor- Weg zum autokratischen Herrscher ge- Die illiberale Form der Demokratie ist
teil Deutschlands gegenüber anderen EU- bremst werden können, wenn die EVP nicht die Wahl der Mehrheit unserer Mit-
Ländern wird also nach der Krise noch rechtzeitig die rote Karte gezeigt hätte? glieder und ganz sicher nicht meine Wahl.
größer sein als zuvor. Das empfinden viele Tusk: Viktor Orbán ist der Meinung: Wer SPIEGEL: Orbán ist, ähnlich wie Sie, als
in Europa als ungerecht und auch als Folge die Mehrheit hat, kann machen, was er Politiker im Widerstand gegen das Regime
mangelnder Solidarität. Das darf nicht das will. Er will die EVP oder jedenfalls Teile in der Sowjetzeit groß geworden und hat
Ergebnis dieser Pandemie sein. davon in ein Bündnis nach nationalkon- nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als
SPIEGEL: In dieser Krise geht es nicht nur servativem, autoritärem Vorbild verwan- liberaler Politiker Karriere gemacht. Wie
darum, die wirtschaftlichen Folgen abzu- deln. Und es ist nicht so, dass es in der erklären Sie sich seine Wandlung?
federn, sondern auch um die Frage, wie EVP hundert zu eins gegen Orbán stehen Tusk: Als ich Premierminister in Polen
viele Einschränkungen der Bürger- und war, habe ich Viktor Orbán immer wieder
Freiheitsrechte eine Gesellschaft aushält. verteidigt, wir waren sogar befreundet.
Wird die Demokratie Schaden nehmen?
Profiteure der Krise Warum hat er sich verändert? Ich fürchte,
Tusk: Wenn jemand die Coronakrise aus- Zustimmungswerte in das ist die bekannte Geschichte: Viele jun-
nutzen will, um sich mehr Macht über sei- ausgewählten EU-Ländern zu: ge Freiheitskämpfer wurden durch die
ne Bürger oder Vorteile für seine Wirt- Regierungs- rechtspopulisti- Macht korrumpiert.
schaft zu verschaffen, dann wäre dies das parteien schen Oppositions- SPIEGEL: Auch in Ihrer Heimat Polen
Ende der EU. Daher sollte unser erstes Ge- parteien nutzt die Regierung die Pandemie, um die
bot lauten: Wir müssen besser koordinie- Veränderungen gegenüber 1. Februar, Demokratie zu unterminieren. Wo sehen
ren. Wenn es eines Tages in Deutschland in Prozent Sie Gemeinsamkeiten zur Lage in Ungarn?
und Österreich keine Ausgangsbeschrän- Tusk: Die Situation in Polen ist anders. Auf
gewichtete Summe Deutschland +24
kungen mehr geben sollte, in anderen Län- verschiedener Umfragen; der einen Seite haben wir eine starke Op-
dern aber schon – wie sollen wir dann un- Regierung = Summe position und starke Nichtregierungsorga-
aller Regierungsparteien
sere Binnengrenzen wieder öffnen? Quellen: IW, Politico nisationen. Auch wenn Herr Kaczyński
SPIEGEL: Es geht ja nicht nur um Grenz- und die PiS-Partei die staatlichen Medien
kontrollen. Mehrere Staaten nehmen den +15 Polen kontrollieren, gibt es genügend private,
Kampf gegen die Pandemie zum Vorwand, Österreich +12 freie Medien. Auf der anderen Seite haben
um Grundrechte außer Kraft zu setzen. wir Politiker, die entschlossen sind, sich
Italien +9
Tusk: Einige Staats- und Regierungschefs, alle Macht anzueignen. Ich halte Jarosław
auch solche, die zur Europäischen Volks- +5 Ungarn Kaczyński für gefährlicher als Viktor Or-
partei (EVP) gehören, sagen ihren Bürgern: +2 +3 bán. Orbán kann zynisch sein, aber er ist
Ihr müsst eure bürgerlichen Freiheiten, den auch pragmatisch. Kaczyński hingegen ist
Rechtsstaat und die Menschenrechte opfern, Italien: Lega auf geradezu krankhafte Art darauf aus,
um euch vor dem Virus zu schützen. Frei- –5
–3 so viel Macht zu bekommen wie möglich.
heit oder Sicherheit – ich bin sicher, dass SPIEGEL: Die Präsidentschaftswahl in Polen
Österreich: FPÖ
diese teuflische Alternative falsch ist. Es ist –8 soll trotz der Coronakrise am 10. Mai ab-
möglich, auf die Pandemie effizient zu rea- gehalten werden, um dem Amtsinhaber
gieren und die Demokratie zu erhalten. und PiS-Kandidaten Andrzej Duda einen
SPIEGEL: Sie meinen Viktor Orbán in –15 Vorteil zu verschaffen. Nun soll im ganzen
Ungarn. Nachdem das Parlament sein Land per Briefwahl abgestimmt werden.
Ermächtigungsgesetz gebilligt hat, kann Ist eine faire Wahl so überhaupt möglich?
er neuerdings per Dekret regieren. Ist Deutschland: AfD –23 Tusk: Ich halte das für inakzeptabel. Un-
Ungarn noch eine Demokratie? 1. Februar 1. März 6. April
sere Verfassung verbietet es, das Wahl-

85
Coronakrise

recht weniger als sechs Monate vor der


Wahl zu ändern. Nun geschieht genau das.
Dazu kommt, dass es logistisch nicht mög-
lich sein wird, 30 Millionen Polen per Brief
Sebastian der Große
wählen zu lassen. Demokratische Stan- Österreich Kanzler Kurz steuert sein Land mit harter Hand
dards können so nicht eingehalten werden.
SPIEGEL: Deutschland drängt jetzt bei den
durch die Pandemie. Bei den Wählern ist er beliebter denn je – obwohl
Verhandlungen über den Mehrjahreshaus- im Fall des durchseuchten Skiorts Ischgl schwer gepatzt wurde.
halt auf eine einfache Regel: Wer sich nicht
an rechtsstaatliche Prinzipien hält, be-
kommt kein Geld. Was halten Sie davon?
Tusk: Angesichts der Situation, in der sich
die EU befindet, bin ich emotional nicht
in der Lage, über Sanktionen nachzuden-
D ie »Wiederauferstehung nach Os-
tern«, die der Kanzler versprach,
klappt reibungslos. In Wien-Meid-
ling, wo Sebastian Kurz wohnt, kehrt
als andere Länder.« Im engen Austausch
mit Israels Premier Benjamin Netanyahu
und Experten in Asien habe er sich, so der
Kanzler, für die absehbare Katastrophe
ken. Europa braucht jetzt eine riesige An- schon morgens das Leben in die Straßen gerüstet: »Wir wussten recht früh, was auf
strengung, damit unsere Volkswirtschaften zurück: Bei Takko werden wieder Jeans uns zukommt, und haben im März dras-
und die EU selbst überleben. Beim künfti- verkauft, beim Asien-Discounter Räucher- tische Maßnahmen zur Eindämmung der
gen Mehrjahresbudget muss der Wieder- stäbchen und an der Tankstelle Jetons für Infektionen gesetzt, das war von entschei-
aufbau nach der Coronakrise im Mittel- die Autowaschanlage. dender Bedeutung.«
punkt stehen. Außerdem sind nicht die 29 Tage lang war Österreich im Kampf Weniger gern antwortet Kurz, wenn man
Bürger an den antidemokratischen Um- gegen die Corona-Pandemie zum Minimal- ihn nach dem Tiroler Skiort Ischgl fragt,
trieben in ihren Hauptstädten schuld. Da- betrieb verdammt. An diesem Dienstag von wo aus das Virus ab dem 13. März
her sollten wir sie auch nicht bestrafen. aber beginne, so Kurz, die »neue Norma- über Europa verbreitet wurde – obwohl
SPIEGEL: Verstehen Sie, dass Kritiker lität« mit der Wiederöffnung von Tausen- Warnhinweise aus Island bereits neun
16 Jahre nach der EU-Erweiterung zu der den Läden allein in der Hauptstadt. »Wir Tage zuvor in Wien eingetroffen waren.
Einschätzung kommen, Osteuropa sei der sind auf Kurs«, verkündet stolz der Regie- Auf den Vorwurf, es habe auch an Öster-
EU nur wegen des Geldes beigetreten? rungschef. Ab sofort gelte die Devise: »So reichs Behörden gelegen, dass das Virus
Tusk: Hier muss ich protestieren. Mit der viel Freiheit wie möglich, so viele Ein- sich auf dem ganzen Kontinent ausbreitete,
Behauptung, die EU sei in Ost und West ge- schränkungen wie nötig.« wollte der Kanzler nicht antworten.
spalten, beschreiben Sie die Gefahr für die Makellos im Auftreten, kontrolliert in Bevorzugt zieht der Regierungschef
Gemeinschaft nicht hinreichend genau. Es der Wortwahl, wie immer also, präsentiert Vergleiche mit Ländern, bei denen Öster-
gibt im Osten auch ermutigende Entwick- sich Kurz im Kanzleramt. Meinungsfor- reich deutlich besser abschneidet. Schon
lungen, in der Slowakei etwa, neuerdings in scher bescheinigen dem 33 Jahre jungen im Fall der Flüchtlingskrise nahm Kurz
Rumänien, auch in den baltischen Ländern. rückblickend für sich in Anspruch, durch
Und wir haben eine starke proeuropäische die Schließung der Balkanroute habe er
Bewegung in Polen. Auf der anderen Seite
erleben wir, dass radikale Parteien Teil der
»Wir wussten die Trendwende erzwungen – er, und nicht
Angela Merkel mit ihrem folgenden Türkei-
spanischen Regierung sind. Und in Italien
ist die Situation volatil. Entscheidend ist
recht früh, was auf deal. Eine Deutung, die umstritten ist.
Sieht Kurz sein Land in der Rolle eines
nun: Wie sieht es nach der Pandemie im uns zukommt.« Musterschülers, von dem andere lernen
Süden Europas aus? Wir müssen die Reputa- sollten? »Wir haben im europäischen Ver-
tion Europas in diesen Ländern reparieren. gleich sehr früh reagiert«, antwortet Kurz,
SPIEGEL: Ist die Frage, wie wir aus dieser Regierungschef weiter wachsende Popula- »aber leider haben gewisse Mitgliedsländer
Krise kommen, auch ein Wettbewerb zwi- rität: 73 Prozent aller Österreicher, ein nie zu Beginn der Krise Exportverbote für
schen Demokratien, Diktaturen wie China zuvor erreichter Wert, sehen seine Politik medizinisches Material erlassen, was auch
und Ländern, die autoritär regiert werden, positiv. Auch und gerade in der Corona- uns in eine schwierige Lage gebracht hat.
wie Russland oder Brasilien? krise – trotz der nun geltenden Masken- Darüber werden wir nach der Coronakrise
Tusk: Europa wird am Ende von der Pan- pflicht im Supermarkt wie in der U-Bahn, noch reden müssen.« Deutschland und
demie wohl weltweit mit am stärksten ge- trotz Tausender Strafzettel, die am Oster- Frankreich hatten vorübergehend die
troffen worden sein. Das muss ein Antrieb wochenende wegen Verstößen gegen das Lieferung medizinischer Schutzausrüstung
für uns sein, gemeinsam nach Impfstoffen Kontaktverbot verteilt wurden. nach Österreich verhindert.
zu suchen und der EU mehr Möglichkeiten Stünden Neuwahlen an, könnte die kon- Der Rüffel an die Adresse der nament-
beim Gesundheitsschutz zu verschaffen. servative ÖVP mit 41 Prozent der Stimmen lich nicht genannten Blockierer in Berlin
Auch wenn es derzeit schwierig ist und rechnen, fast vier Prozentpunkte mehr als und Paris passt zum Selbstverständnis des
viele Bürger es nicht hören wollen: Mehr bei der Wahl im September. Bevor Kurz Kanzlers. So verbindlich er daherkommt,
Europa und weniger Nationalismus ist die 2017 den Vorsitz übernahm, lag die Partei so eisern verfolgt er seinen Weg nach oben.
Lösung. Wir brauchen keine deutschen, bei weniger als der Hälfte. Das ist das Ver- »Kurz wirkt zurzeit wie in Drachenblut
keine italienischen, sondern europäische dienst eines Mannes, den die »Bild«-Zei- gebadet« – nichts könne ihm etwas anha-
Lösungen. Wenn wir uns in dieser Krise tung regelmäßig deutschen Konservativen ben, sagt ein hochrangiger Diplomat in der
weiter auseinandertreiben lassen, überle- als Leitstern andient (»So einen brauchen Uno-Metropole Wien. Die forschen Schrit-
ben wir das politisch nicht. Die Migrations- wir auch«) und den nun auch die »New te, die der Österreicher setze, brächten die
krise war der erste Warnschuss, die Pan- York Times« als Regierungschef des »ersten Nachbarstaaten in Zugzwang: »Das ist
demie ist der zweite. Es könnte der letzte europäischen Landes« würdigt, das nun dann wie bei den Dominosteinen, da pur-
Warnschuss für Europa sein. die Maßnahmen gegen die Ausbreitung zelt einer nach dem anderen um.«
SPIEGEL: Herr Tusk, wir danken Ihnen für der Pandemie lockert. Für die Popularität des Bundeskanzlers
dieses Gespräch. Kurz sagt dazu dem SPIEGEL: »Wir ha- gebe es verschiedene Gründe, sagt Peter
ben früher und konsequenter gehandelt Filzmaier, führender Politikwissenschaftler

86
Millionen Mitbürger, die Vorschriften zu
befolgen. Nur wenn ihr weiter brav seid,
so in etwa des Kanzlers Tenor, dürft ihr
vielleicht im Sommer wieder schwimmen
gehen und im Schanigarten sitzen. An-
dernfalls werde die »Notbremse« gezogen.
Immer wieder hat Kurz mit sorgsam
dosierter Skizzierung von Schreckens-
szenarien Gefolgschaft erzwungen: Mal
war ohne Beleg von der Gefahr die Rede,
bis zu hunderttausend Österreicher könn-
ten Opfer der Pandemie werden; dann wie-
der hieß es, das Land erlebe gerade die
»Ruhe vor dem Sturm«, schlimmstenfalls
werde »bald jeder einen Corona-Toten
kennen«. Bittere Pointe: Der frühere Chef
des ÖVP-Pressediensts erlag am Karfreitag
seiner Krankheit, die er sich beim Ski-
urlaub in Ischgl zugezogen hatte.
Als segensreich für Kurz erweist sich
der Bruch der Koalition mit der rechts-
nationalen Freiheitlichen Partei Öster-
reichs (FPÖ) im Mai 2019, ausgelöst durch
die Ibiza-Affäre. Wäre der FPÖ-Hardliner
Herbert Kickl noch Innenminister, hätten
die drastischen Maßnahmen, die in Öster-
reich verhängt wurden, wohl massive Pro-
teste ausgelöst. Nun aber, da sogar der
grüne Vizekanzler Werner Kogler befin-

ANDY WENZEL / DPA


det, der Regierung sei im Kampf gegen das
Virus »Herausragendes gelungen«, zeigt
sich auch der Kurz-kritische Teil der Presse
gnädig gestimmt. »Exzellente Öffentlich-
Bundeskanzler Kurz: »Wie in Drachenblut gebadet« keitsarbeit, die stets Sorge, nie aber Panik
schürte«, bescheinigt der »Falter« den
Regierenden; »international vorbildhaft«
des Landes: »Zum einen ist da das Phäno- kels Kabinett klingen da weniger gelassen: stehe Österreich da, urteilt der »Standard«.
men, das in den USA ›rallying around the Durch den umtriebigen Österreicher wach- Der Kanzler genießt das Lob und gönnt
flag‹ genannt wird – in der Krise versam- se der Druck auch in Deutschland. »In Hin- sich selten Pausen. Am Dienstag, dem Tag
melt sich das Volk hinter dem Anführer; blick auf Italien hat Kurz in der Krise früh der Lockerungen, konferiert er von mor-
hinzu kommt, dass es Kurz gelingt durch reagiert, da waren wir noch nicht so weit«, gens halb acht bis kurz vor Mitternacht
die Koalition der ÖVP mit den Grünen, räumt ein Regierungsmitglied ein: »Kurz nacheinander mit seinem Stab, mit Minis-
die politische Polarisierung zu durchbre- ist zweifelsohne klug und geschickt.« tern, mit Landeshauptleuten von Vorarl-
chen«, so Filzmaier. »Außerdem kennt er Die Rollen sind vertauscht: Anders als berg bis zum Burgenland und mit den
seine Österreicher und ihre historisch ge- früher prescht neuerdings Österreich vor, Fraktionsvorsitzenden. Per Telefon und
wachsene Obrigkeitshörigkeit, das hilft während die Deutschen neugierig die La- Videokonferenz läuft die Feinabstimmung
ihm beim Durchregieren.« borversuche im südlichen Nachbarland für den Neustart eines ganzen Landes nach
Mit Unterstützung von immerhin 59 Mit- beäugen. Was Kurz dabei entgegenkommt: gut vier Wochen Beinahestillstand. Es ist
arbeitern allein im Kanzleramt, die sich Weder Bildungsfragen noch Seuchen- ein Versuch, der misslingen und jederzeit
um Kommunikation kümmern, gelingt es schutz oder Polizeiangelegenheiten sind wieder abgebrochen werden kann.
Kurz, den landesweiten Diskurs zu be- in Österreich Bundesländersache. Um Wie kommt der Kanzler selbst, der
stimmen. Beim »framing« und »wording«, Differenzen, mit denen in der stärker Mensch Sebastian Kurz, durch diese Tage?
beim Arbeiten mit Textbausteinen, spiele föderal verfassten Bundesrepublik die Der kleine Emil, sechs Jahre alt, Kuschel-
das Wort »wir« eine zentrale Rolle als Aus- Zentralmacht zu tun hat, braucht sich der tier im Arm, versuchte, es in einer Frage-
weis einer Schicksalsgemeinschaft, sagt Regierungschef in Wien wenig zu scheren. stunde des ORF herauszufinden. Ihm fehle
Filzmaier. Gleichzeitig mogle sich Kurz Zwar gibt es Kritiker, die eine qualifi- seine Oma Hilde so sehr, sagte Emil zu
mit »Halbwahrheiten« durch – etwa wenn ziertere Diskussion über Corona-bedingte Kurz. »Jetzt wollt ich wissen, wie du das
er den Kampf gegen die Krise zur »Chef- Gesetze und Notverordnungen fordern. mit deiner Oma machst?« Der Kanzler gab
sache« erkläre, obwohl der Kanzler in Kurz kontert sie mit dem Hinweis, für zurück, ihm gehe es ähnlich.
Österreich, anders als in Deutschland, »juristisch spitzfindige« Argumente sei der Auch das gehört zur österreichischen
nicht über Richtlinienkompetenz verfüge. Zeitpunkt nicht passend. Oder er erklärt, Wirklichkeit in diesen Tagen: ein Re-
»Österreich war uns immer einen Schritt die im Eilverfahren verhängten Maßnah- gierungschef, der sein Land an die Kan-
voraus« in Sachen Coronavirus, urteilte men seien vermutlich schon wieder ob- dare nimmt – und gleichzeitig zugibt,
Angela Merkel ohne erkennbares Bedau- solet, bevor der Verfassungsgerichtshof seine Großmutter zu vermissen.
ern, nachdem der Kanzler in Wien den sie auf Rechtmäßigkeit überprüft habe. Walter Mayr
Fahrplan zum behutsamen Neustart vor- In strengem, väterlichem Ton ermahnt Mail: walter.mayr@spiegel.de
gestellt hatte. Einzelne Stimmen in Mer- der junge Regierungschef seine gut acht

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Ausland

Die große Jagd


Syrien Seit Jahren morden und schänden die Männer des Diktators dessen Gegner. Nun aber verfolgen
entkommene Opfer die Killer. Einer von Assads Folterknechten kommt in Deutschland vor Gericht.

D
er Weg zu Anwar al-Bunni führt nale Strafgerichtshof in Den Haag ist für ße, zu seiner Frau sagte er: »Ich kenne ihn,
in eine Berliner Fabriketage. Er Syrien nicht zuständig, und Russland und aber ich habe vergessen, wer er ist.«
sitzt dort am Schreibtisch, auf China werden im Uno-Sicherheitsrat noch Dann kehrte die Erinnerung zurück:
einem stumm gestellten Monitor lange verhindern, dass die Strafverfolger Der Mann war Anwar Raslan, der ihn
sind Livebilder von Protesten im Libanon ein Mandat bekommen. Ein Tribunal, wie 2006 als ein Befehlshaber des Regimes ins
zu sehen. Er schaut nicht hin, er telefoniert es etwa zu den Verbrechen im ehemaligen Gefängnis gesperrt hatte. »Er hat mich da-
und lacht und redet mit den Leuten, die Jugoslawien oder in Ruanda abgehalten mals festgenommen«, sagt Bunni.
ins Zimmer kommen, sich aufs Sofa setzen, wurde, hat bisher keine Chance. Jetzt wird Raslan der Prozess gemacht.
wieder gehen. Dennoch setzen Angehörige von Op- Die Bundesanwaltschaft hat im Oktober
Bunni ist Rechtsanwalt und stammt aus fern, Überlebende und ihre professionel- gegen ihn und einen weiteren Beschuldig-
Syrien, seinen Beruf darf er aber nicht len Unterstützer alles daran, die Befehls- ten Anklage erhoben. Am 23. April soll
ausüben, weil er keine deutsche Zulassung haber und Handlanger der Assad-Regie- die Verhandlung am Oberlandesgericht
besitzt. Stattdessen jagt Bunni Verbrecher rung einzukreisen. Beharrlich haben sie Koblenz beginnen. Raslan habe »ein Ver-
aus seinem Heimatland. Dazu hat der sich ein Wissen erarbeitet, mit dem sie vor brechen gegen die Menschlichkeit« be-
61-Jährige in Berlin eine Organisation ge- den Gerichten Erfolg haben können. Ihr gangen, heißt es in der Anklageschrift.
gründet, das Syrische Zentrum für Rechts- Gegenschlag mit den Waffen der Justiz Außerdem werden ihm »Mord in 58 Fäl-
studien und Forschung. Der Name klingt fängt gerade an. len«, Vergewaltigung und schwere sexuelle
akademisch, dabei verfolgen Bunni und Die Jagd auf Assads Helfer macht an Nötigung vorgeworfen. Raslan will sich
die übrigen Aktivisten Mörder und Folte- nationalen Grenzen nicht halt. Zum Netz- zurzeit nicht öffentlich äußern.
rer. Sie tragen Namen, Fotos, Dienstgrade werk der Verfolger zählen staatliche Er- Als 2011 die landesweiten Proteste ge-
und Anweisungen zusammen, alles, was mittler in mehreren Ländern, darunter gen das Assad-Regime anfingen, reagierte
sie finden können über die Täter, die Sy- Deutschland, Menschenrechtsorganisa- der Machtapparat mit exzessiver Gewalt.
rien zur Hölle gemacht haben. tionen und eine von der Uno gegründete Raslan gehörte damals, so die Ermittler,
Während Baschar al-Assad dabei ist, Informationsstelle mit Sitz in Genf. Sie zum Führungskreis der Geheimdienst-
den letzten Rest Syriens wieder unter seine haben Hunderttausende Dokumente aus abteilung 251, zuständig für den Raum
Kontrolle zu bringen, ist die Berliner Fa- Syrien herausgeschafft, tauschen Daten Damaskus. Unter seiner Verantwortung
briketage einer der Orte, an denen seine untereinander aus, befragen Zeugen, fahn- wurden bis September 2012 laut Anklage
Gegner nach Gerechtigkeit suchen. »Wir den nach Verdächtigen, finden Täter. »mindestens 4000 Gefangene« gefoltert.
senden eine Botschaft in die Welt«, sagt Einem von ihnen ist Bunni wiederbegeg- Ende 2012 soll Raslan aus Syrien aus-
Bunni, »die Botschaft, dass sich kein Täter net, kurz nachdem er zusammen mit seiner gereist sein. Nach Darstellung Bunnis
jemals sicher fühlen kann.« Frau 2014 in Berlin angekommen war. Auf wechselte er scheinbar die Seite und schloss
Bei dieser Aufgabe hat die globale Staa- dem Gelände des Übergangswohnheims sich syrischen Oppositionskreisen an. 2014
tengemeinschaft versagt. Der Internatio- Marienfelde sah er den Mann auf der Stra- kam er nach Berlin und erhielt humani-
tären Schutz, doch dann wurde er enttarnt.
Den deutschen Ermittlern habe Raslan
gesagt, dass er sich gegen das Regime ge-
stellt habe, berichtet Bunni. Er glaubt
jedoch: »Der Geheimdienst hat Raslan be-
auftragt, die Opposition auszuhorchen
und Berichte über ihre Vorhaben nach
Damaskus zu schicken.«
Zeugenaussagen und Recherchen wie
die von Bunni und seinen Mitarbeitern
haben den deutschen Ermittlern dabei
geholfen, Raslan festzunehmen und an-
zuklagen. Die juristische Grundlage da-
für ist das sogenannte Weltrechtsprinzip.
FOTOS: GENE GLOVER / DER SPIEGEL

Auch wenn es keinen Bezug zu Deutsch-


land gibt, können schwere Straftaten wie
Völkermord, Kriegsverbrechen oder Ver-
brechen gegen die Menschlichkeit hier
angeklagt und geahndet werden.
Ähnliche Ermittlungen gegen syrische
Täter laufen in Frankreich, Österreich,
Schweden und Norwegen. Aber die deut-
Jurist Bunni, Hinterbliebene Hallaq in Berlin sche Justiz hat die Strafverfolgung weiter
»Wir senden eine Botschaft in die Welt« als anderswo vorangetrieben, die deut-

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BRENDAN SMIALOWSKI / AFP
Fotograf »Caesar« (mit blauer Kapuze) bei Präsentation im US-Kongress 2014: Vermisste Söhne, Väter, Brüder, Ehemänner

schen Fälle werden weltweit beachtet. wolle er es schaffen, darauf zuzugreifen. Vor Gericht werden diejenigen, die da-
»Das Verfahren gegen Anwar Raslan ist Während seiner Arbeit am Fall Colvin rüber sprechen können, wichtige Zeugen
der Höhepunkt jahrelanger Bemühun- habe ihn eine Sache »besonders scho- sein. Wenn aber kein Opfer da ist, das er-
gen«, sagt der Menschenrechtsanwalt ckiert«, sagt Gilmore. Aus Dokumenten zählen kann? Dann gibt es jene Sammlung
Scott Gilmore von der Kanzlei Hausfeld der syrischen Regierung gehe hervor, wie von 53 000 Bilddateien, die der Regime-
in der US-Hauptstadt Washington. genau die Machthaber bereits zu Beginn gegner mit dem Decknamen »Caesar« aus
In Zusammenarbeit mit der privaten der Massenproteste »wussten, dass Men- dem Land geschmuggelt hat, ehemals ein
Commission for International Justice and schen Beweismaterial gegen das Regime Fotograf der syrischen Militärpolizei.
Accountability hat Gilmore im vorigen sammelten«. Aktivisten und oppositio- Fürchterliche Verbrechen sind darauf fest-
Jahr bereits einen zivilrechtlichen Erfolg nelle Anwälte seien intensiv drangsaliert gehalten. »Es ist wichtig, dass wir diese
erzielt. Das Bezirksgericht in Washington worden, denn: »Das Regime hatte Angst, Bilder haben«, sagt Bunni.
sprach den von Gilmore vertretenen An- dass diese Beweismittel eines Tages vor
gehörigen der Journalistin Marie Colvin Gericht landen würden.« Wer den Anblick erträgt, sieht auf »Cae-
rund 300 Millionen Dollar Entschädigung Einer, der die Verbrechen damals doku- sars« Bildern bis auf die Knochen abge-
zu. Die US-Amerikanerin war im Februar mentierte, ist Rechtsanwalt Bunni. Er magerte Leichen, manche verstümmelt,
2012 durch Artilleriebeschuss auf ihre stamme aus einer oppositionellen Familie, von Chemikalien verätzt, mit verbrannter
Unterkunft im syrischen Homs getötet sagt er. »Meine Brüder und Schwestern, Haut oder herausgedrückten Augen. Fast
worden, ein französischer Fotograf kam meine Schwägerin, mein Schwager und jeder Leichnam trägt eine Nummer, mit
ebenfalls ums Leben. ich, wir haben zusammengerechnet 73 Jah- Filzstift auf die Haut oder einen Aufkleber
Vor Gericht konnte Gilmore nachwei- re in den Gefängnissen der Assads ver- an der Stirn geschrieben. »Caesar«, der
sen, dass Colvin von der syrischen Regie- bracht.« Fünf Jahre nach seiner Verhaf- 2013 aus Syrien flüchten konnte, lebt in
rung überwacht und verfolgt worden war. tung 2006 kam er frei und nahm seine Europa und hält seine Identität geheim.
Diktator Assad sagte, sie habe »mit Terro- Anwaltstätigkeit wieder auf. Seine Aufnahmen sind Dokumente von
risten zusammengearbeitet« und sei an Bunni erzählt, dass die Lage in den Ge- historischem Rang, und sie könnten in
ihrem Tod selbst schuld. fängnissen mit Beginn des Aufstands 2011 künftigen Gerichtsverfahren zu einem
Gilmore versucht jetzt, zumindest einen schlimmer geworden sei: »Grauenhafte Fol- wichtigen Beweismittel werden.
Teil der Entschädigungssumme einzutrei- ter, sexuelle Gewalt, Häftlinge wurden da- Von dem Folteropfer Omar Alshogre
ben. »Es ist außerordentlich schwierig und bei getötet.« Seine Stimme wird leiser. »Nie- gibt es Fotos, die nicht viel weniger er-
zeitaufwendig, aber keineswegs unmög- mand kann sich diese Art der Folter vorstel- schreckend sind als die »Caesar«-Bilder.
lich«, sagt er. Der syrische Staat habe er- len.« Im Schlaf überkomme ihn manchmal Sie zeigen ihn 2015, er ist damals 20 Jahre
hebliche Vermögenswerte außer Landes das Gefühl, hilflos wie einst auf der schma- alt, sein Gesicht ist ausgemergelt, seine
transferiert. Mithilfe von Gerichtsurteilen len Pritsche im Gefängnis zu liegen. Arme sind dünn. Drei Jahre lang war

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 89


Ausland

Alshogre in syrischen Gefängnissen miss- hin trug er nicht so heftige Spuren von Fol-
handelt worden, er wog 35 Kilogramm ter wie viele andere.«
und hatte Tuberkulose. Aber er hatte über- Weil sie sich jahrelang bemühte, die
lebt und kam frei. Er sagt: »Ich hatte alles Wahrheit über den Verbleib ihres Sohnes
verloren. Das Einzige, was ich nicht ver- herauszufinden, gelangte sie an Dokumen-
loren hatte, war ich selbst.« te, die jetzt bei der Verfolgung der Verant-
Inzwischen lebt Alshogre in Schweden wortlichen helfen. Sie bekam eine Sterbe-
und hat mehrfach als Zeuge ausgesagt, vor urkunde, Todesursache: »Herzstillstand«.
schwedischen, deutschen und US-Strafver- Die Zahl auf der Urkunde ist 320, wie auf
folgern. In zehn verschiedenen Gefängnis- dem »Caesar«-Foto.
sen sei er gewesen. In einem, dem Kerker Es gibt viele Syrerinnen und Syrer, die
der Abteilung 215 des Militärgeheimdiens- ihre vermissten Söhne, Väter, Brüder oder
tes, habe er von den Wärtern eine Aufgabe Ehemänner auf »Caesar«-Fotos wieder-
bekommen: »Ich sollte die Leichen num- erkannten. Einige von ihnen haben sich
merieren.« im vergangenen Jahr zu einem Verein zu-
Er habe einen Filzstift genommen und sammengeschlossen, der »Caesar Families
geschrieben: die Zahlen, die auf den »Cae- Association« (CFA). Maryam Al-Hallaq
sar«-Fotos zu sehen sind. gehört zu den Gründerinnen.
Viele der Überlebenden, die es nach In Deutschland und anderen europäi-
Europa geschafft haben, würden gern schen Ländern setzen sich die CFA-Mit-
Zeugnis ablegen, sagt Alshogre. »Aber oft glieder dafür ein, dass die Verantwortlichen
haben sie Angst um sich oder ihre Fami- des Regimes zur Rechenschaft gezogen
lien, die noch in Syrien sind.« Es sei für werden. Eine Normalisierung der staatli-

AP
die meisten nach den Erfahrungen in Sy- Folteropfer Alshogre in Antakya, Türkei, 2015 chen Beziehungen zu Syrien dürfe es nicht
rien schwer, einem Polizisten ihre Ge- »Ich habe keine Angst« geben, findet Hallaq. »Solange es keinen
schichte zu erzählen, auch wenn er eine Frieden gibt, darf der Wiederaufbau nicht
schwedische oder deutsche Uniform trägt. beginnen«, sagt sie. »Wie kann man etwas
Mehrfach habe er Anrufe aus Syrien aber er wird wohl nie mehr ein Land be- Neues auf Leichen bauen?«
bekommen, von Mitarbeitern des Re- treten, das den Haftbefehl vollstreckt. Ihre Sorge um eine Normalisierung
gimes. Einer habe gedroht: »Warum hältst Kroker rechnet damit, dass es zu weite- scheint zwar verfrüht. Aber nach dem Grau-
du nicht den Mund? Willst du Geld? Soll ren Haftbefehlen gegen Männer aus dem en, das Assad und seine Helfer – außerdem
ich dich umbringen? Er wusste genau, wo Geheimdienstapparat kommt. Die Wir- auch manche seiner Gegner – angerichtet
ich in Schweden wohne.« Aber das habe kung sei nicht zu unterschätzen: »Das sind haben, wird es irgendwann zu Gesprächen
ihn nicht eingeschüchtert, sagt Alshogre. Leute, die wollen irgendwann mal ihre kommen. Die Frage, wer dann für Syrien
»Ich war ja schon gestorben, durch Folter, Nichte besuchen, die in Paris studiert, oder verhandeln darf, wird zum Teil schon heute
Schmerz, Hunger, Kälte, Hitze. Ich habe die wollen in Genf shoppen gehen oder durch die Justiz entschieden. Ein Mann wie
keine Angst, durch eine Kugel zu sterben.« sich in Stockholm in einer Klinik behan- der in Damaskus einst so mächtige Jamil
deln lassen.« Wer auf der internationalen Hassan, nach dem international gefahndet
Alshogre will, dass die Verantwortlichen Fahndungsliste steht, kann das nicht mehr. wird, scheidet als Gesprächspartner aus.
bestraft werden. Deshalb steht er mit meh- Eine Zeugin, die für das Verfahren ge- Anwar al-Bunni ist davon überzeugt,
reren Menschenrechtsorganisationen in gen Hassan vom ECCHR an die Bundes- dass es auch gegen Baschar al-Assad einen
Kontakt, darunter das European Center anwaltschaft vermittelt wurde, ist Maryam Haftbefehl geben müsse. Bunni hat dabei
for Constitutional and Human Rights Al-Hallaq. Über dem Sofa in ihrem Ber- geholfen, führende Männer des Regimes
(ECCHR) in Berlin. 2018 hat er sich in liner Wohnzimmer hängt ein gerahmtes bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe
Stockholm mit dem Rechtsanwalt Patrick Foto ihres jüngsten Sohns Ayham, aufge- anzuzeigen. Assad ist einer von ihnen.
Kroker getroffen, der das Syrienprojekt nommen bei einer friedlichen Demonstra- Bisher begann die Zeit der Justiz erst
der Organisation leitet. tion in Damaskus. dann, wenn ein Konflikt militärisch oder
Kroker ist auf Völkerstrafrecht spezia- Ayham kam nach seiner Festnahme im politisch gelöst war – im früheren Jugos-
lisiert. Beim ECCHR sieht er sich als Bin- November 2012 ins Gefängnis der Abtei- lawien ähnlich wie in Deutschland nach
deglied zwischen denen, die in Syrien ge- lung 215, dorthin, wo Omar Alshogre die dem Zweiten Weltkrieg. »Diesmal ist es
litten haben, und staatlichen Ermittlern. Toten nummerieren musste. Aber im Ge- anders, zum ersten Mal«, sagt Bunni,
Nicht nur Beweismittel und juristische gensatz zu Alshogre kam er nicht mehr »diesmal wird sich die Arbeit der Justiz da-
Strategien seien wichtig, sondern auch, lebend heraus. rauf auswirken, wie die Lösung aussieht.«
»dass die Überlebenden selbst die Leiten- Auf einem der »Caesar«-Bilder sah sei- Das sei ein historischer Schritt. Wenn
den ihrer Verfahren werden«. ne Mutter schließlich seine Leiche, auf der das Regime in Damaskus bereits auf allen
Gegen 26 Tatverdächtige hat Kroker bei Stirn ein Klebestreifen mit der Nummer Hierarchiestufen verfolgt werde, während
der Bundesanwaltschaft im Namen von 320. Bis dahin hatte sie gehofft, dass er es noch die Macht hat, dann werde jeder
zwei Dutzend Opfern Strafanzeige erstat- noch lebt. Als sie dann das Foto ihres Soh- andere Gewaltherrscher in Zukunft vor-
tet. Ein spektakuläres Signal war der Haft- nes sah, sei sie fast erleichtert gewesen, sichtiger sein. Das ist Bunnis Hoffnung.
befehl, der 2018 gegen Jamil Hassan sagt Hallaq. »Er war zwar tot, aber immer- Aber wenn nicht? »Dann wissen Männer
erging, den damaligen Chef des syrischen wie Abdel Fattah el-Sisi und Mohammed
Luftwaffengeheimdienstes. Weil unter sei- bin Salman: Wir können uns alles erlau-
ner Verantwortung Hunderte Menschen »Solange es keinen ben, wir müssen bloß gewinnen.« Darum
misshandelt und ermordet worden sein sol- Frieden gibt, dürfe Assad nicht unbehelligt bleiben.
len, ist Hassan jetzt international zur Fahn-
dung ausgeschrieben. In Syrien oder auch
darf der Wiederaufbau Hannah El-Hitami, Dietmar Pieper
Mail: dietmar.pieper@spiegel.de
im Libanon bleibt er zwar unbehelligt, nicht beginnen.«
90 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020
Sport
Der Fifa-Korruptionskomplex

EFE / IMAGO
Summe der verhängten Geldstrafen, Schadensersatzzahlungen und
rückzuerstattenden Bestechungsgelder aus Verfahren in New York 1 Angeklagter ist verstorben 1 Verurteilter

1 Urteil 1 Betrieb nach 6 Angeklagte sind verstorben


steht aus Zahlungen eingestellt

140 Mio. $
Medien- und Sport-
143 Mio. $
Fußballfunktionäre
188
Geschäftsleute aus
Mio. $
vermarktungsunternehmen und Angehörige Sportvermarktung, Agenturen,
Banken und Medien
Der ehemalige brasilianische
Verbandspräsident José
Maria Marin wurde im
August 2018 zu vier Jahren
2 Einigungen 2 Firmen verurteilt 18 Urteile stehen noch 8 Verurteilte 12 Urteile stehen noch
Gefängnis verurteilt.
auf Zahlungen aus (teilweise bereits aus (teilweise bereits
geleistete Zahlungen) geleistete Zahlungen)

Schmiergeldaffären unter dem Dach des Weltfußballverbands Fifa werden die Gerichte noch für Jahre beschäftigen. In
der vergangenen Woche hat die US-amerikanische Justiz eine dritte große Anklageschrift veröffentlicht, in der es unter
anderem um gekaufte Stimmen bei der WM-Vergabe an Russland und Katar geht. Bisher wurde etwa ein Dutzend
Amtsträger, Geschäftsleute und Firmen verurteilt. Die Fifa selbst sieht sich als Opfer der Betrügereien und fordert über
das zuständige New Yorker Gericht von ehemaligen Funktionären mehr als 28 Millionen Dollar Schadensersatz.

vier Wochen verteilen, oder er tritt nur


»Jeder kann eine Finisher- zum Halbmarathon an. »Wir hoffen, dass
wir so möglichst viele Läufer erreichen.
Medaille bekommen« Wir wollen diese schwere Zeit mit Inhalt
füllen«, sagt Oberem. Selbst Anfänger
haben somit die Chance auf das Ziel:
Gut zu wissen Wie läuft ein virtueller Marathon ab? »Jeder kann eine Finisher-Medaille be-
kommen.«
G 3,86 Kilometer in der Gegenstrom- einem Tag und womöglich die Original- Wichtig sei nur, sich ausreichend
anlage, 180 Kilometer auf der Fahrradrolle strecke laufen«, sagt Oberem. Ihr Rat: zu versorgen, Verpflegungsstationen gibt
und 42,195 Kilometer auf dem Lauf- allein laufen, auf der Lieblingsstrecke, mög- es ja leider nicht. »Mit einem Trink-
band – Weltklasse-Triathlet Jan Frodeno, lichst am Wohnort – der somit auch rucksack kann man sich vor Dehydrierung
38, hat mit seinem Homeoffice-Ironman in Hamburg, Leipzig oder Nürnberg sein schützen«, rät die zweimalige
im Livestream für Aufsehen gesorgt. kann. Wer noch nicht so fit ist, kann Olympiateilnehmerin.
Dabei sei die Teilnahme an virtuellen die 42,195-Kilometer-Distanz sogar auf Ergebnislisten wird es in Düsseldorf je-
Sportwettbewerben auch ohne größere doch nicht geben. »Die Zeiten wären
Ausstattung möglich, sagt Sonja Oberem, aufgrund der unterschiedlichen Strecken-
47. Die frühere Triathletin und Lang- profile nicht vergleichbar.« Damit schütze
streckenläuferin ist Renndirektorin des man sich auch vor Manipulationen der
Metro Marathon Düsseldorf, der für Leistungsdaten, die theoretisch nach dem
den 26. April geplant war und nun eben- Lauf geändert werden könnten. Ande-
falls virtuell stattfindet – und das sogar rerseits, sagt Oberem: »Wem würde es
an der frischen Luft. nützen? Es wäre ein Betrug, der ins Leere
Wie das geht? Die Teilnehmer müssen liefe.«
FELIX JASON / IMAGO SPORT

sich zunächst über die Veranstalter-Website Für Profiläufer könne die Marathon-
registrieren, ihr Rennen dann mit einer saison mit virtuellen Wettkämpfen
Smartwatch oder App aufzeichnen und aber nicht gerettet werden, sagt Oberem,
den Leistungsnachweis auf eine Plattform die während ihrer aktiven Karriere bei
hochladen. Für den Marathon selbst gibt 25 Marathonrennen an den Start gegangen
es ein Zeitfenster von vier Wochen. »Wir ist. »Schon die Aussicht auf eine offizielle
wollen dadurch verhindern, dass alle an Teilnehmer in Düsseldorf im April 2019 Zeit fehlt als Antrieb.« JAN

91
Sport

»Willst du einen Ferrari fahren,


musst du wie ein Ferrari spielen«
SPIEGEL-Gespräch Der Berliner Kevin-Prince Boateng, 33, hat als
Fußballprofi in fünf Ländern gespielt. Er erklärt, wie Jürgen Klopp tickt und warum
Niko Kovač in München gescheitert ist. Und wovon er jetzt träumt.

SONJA OCH / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Herr Boateng, Sie sind ein eher SPIEGEL: Was machen Sie dann den gan- Sachen, die ich einfach mal so festhalten
ungeduldiger Mensch. Wie schaffen Sie es, zen Tag über? will. Und ich habe Ruhe vor der Presse.
durch die Coronakrise zu kommen? Boateng: Ich trainiere, was ich trainieren SPIEGEL: Obwohl der Spielbetrieb ruht,
Boateng: Ich hab’s noch nicht geschafft. kann, Fahrrad fahren, auf dem Laufband, stehen auch jetzt vielerorts die Trainer in
Es fällt mir gerade sehr, sehr schwer. Wir im Kraftraum. Und dann spielen wir mit der Diskussion. Hertha BSC, Ihr Stamm-
sind vor ein paar Tagen von Istanbul der Familie: Monopoly, Versteckspielen verein, hat den Coach gewechselt, Bayern
nach Mailand geflogen, der Tapetenwech- oder mit Nerfs, den Kinderwaffen, mit de- München hat Hansi Flick einen Vertrag
sel hat ein bisschen geholfen, es ist schön, nen wir uns gegenseitig abschießen. Die bis 2023 gegeben. Sie haben in Ihrer Profi-
wieder einmal zu Hause zu sein. Es gibt Mama meiner Frau ist ja auch hier, und da karriere bei zwölf Vereinen gespielt und mit
Tage, an denen ich positiv eingestellt geht es richtig los, zwei gegen zwei, mein noch mehr Trainern zusammengearbeitet.
bin, aber dann wache ich auf und denke, Sohn und ich gegen die beiden Frauen. Einer von ihnen war Jürgen Klopp bei Bo-
das geht jetzt nicht mehr, ich hau die SPIEGEL: Gibt es denn auch Dinge, die russia Dortmund. Er gilt derzeit als einer
Wand kaputt. besser geworden sind? der besten Trainer der Welt. Zu Recht?
Boateng: Ich habe jetzt Zeit, ein bisschen Boateng: Klopp ist wahnsinnig cool, er
Das Gespräch führte der Redakteur Marc Hujer. zu schreiben, ob das nun Lieder sind oder gibt dir Vertrauen, er will, dass es dir gut

92 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


geht. Das gibt es ganz selten heutzutage, der genau das macht, was ich sage, statt meisterschaft 2014 war er ein National-
dass du dich freust, zum Training zu kom- einen Spieler, der auch Autorität ausstrahlt. held, Bundeskanzlerin Angela Merkel lud
men. Trainer sind ja selbst Stars und müssen SPIEGEL: Hätte Ihnen ein Trainer gut- ihn ins Kanzleramt ein. Dann wurde er
aufpassen, dass sie nicht gefeuert werden. getan, der Sie strenger erzogen hätte? ein schwer verkäuflicher Innenverteidiger.
SPIEGEL: Aber Spaß allein reicht nicht, Boateng: Mein Jugendtrainer Dirk Kunert Was ist da passiert?
auch Klopp muss mal streng werden. bei Hertha BSC war ein cooler Typ, das Boateng: Jérôme hat in den letzten Jahren
Boateng: Auf jeden Fall. Er war sogar hat mir gereicht. Er hat mir immer wieder angefangen, das auszuleben, was wir Dun-
extrem streng. Da hast du dann gedacht: erklärt, dass Fußball das Schönste auf der kelhäutige noch haben, dieses Extravagan-
Wo ist der Trainer hin, mit dem ich gestern Welt ist, er hat mich in diese Fantasiewelt te. Er hat mich als Vorbild gehabt, jeman-
gelacht habe? Es gibt zwei unterschied- gezogen. Er hat mir gesagt, was ich alles den, der gegen viele Wände gelaufen ist.
liche Kloppos. Einmal den Kloppo, der erreichen kann und wie schön und befrie- Daraus hat er gelernt und es sehr clever
lacht. Und dann den Kloppo, der auf gut digend es ist, einen Hackentrick zu ma- gemacht, viele Konflikte zu vermeiden,
Deutsch sagt: Du Drecksau, lauf! Mach chen. Auf dieser Ebene hat er mich er- indem er bestimmte Angriffsflächen nicht
mal, sonst ist das hier vorbei für dich! reicht. Ich durfte träumen. geliefert hat. Bis zu dem Moment, in dem
SPIEGEL: Wie geht Klopp mit Leuten um, SPIEGEL: Durften Sie machen, was Sie er gemerkt hat: Okay, ich bin vielleicht
die am Boden sind, wie sein ehemaliger wollten? der beste Innenverteidiger der Welt, ich
Torhüter Loris Karius, der dem FC Liver- Boateng: Nein! Ich konnte nie machen, habe alles gewonnen. Jetzt will ich auch
pool 2018 das Champions-League-Finale was ich wollte, weil mir entweder mein gro- mein Leben genießen. Aber wenn es dann
mit zwei groben Torwartfehlern vermas- ßer Bruder auf den Kopf gehauen hat oder sportlich nicht gut läuft, wird dir das Ex-
selte? Er ist heute Ihr Mannschaftskollege die Hertha. Aber wenn du einen Jungen travagante extrem vorgeworfen.
bei Beşiktaş Istanbul. Haben Sie mit ihm packen kannst, wie das Dirk Kunert ge- SPIEGEL: Und dafür hat er dann die Quit-
über Klopp gesprochen? macht hat, nämlich mit dieser Fantasie, mit tung bekommen?
Boateng: Ich habe kurz mit ihm darüber diesem Traum, diesem Schönen am Fuß- Boateng: Dann hat er halt gesehen, dass
geredet. Klopp war einer, der ihn öfter an- ball, bewahrt dich das viel eher vor Fehlern. es noch immer nicht akzeptiert wird, wenn
gerufen hat, der probiert hat, ihm auf diese wir Dunkelhäutigen mal eine schöne, di-
Weise beizustehen. Auch in so einem Mo- cke Kette haben oder ein schönes Auto
ment ist Klopp da – obwohl Karius nicht »Die Leute verstehen fahren. Ich kenne das.
mehr sein Spieler ist. Du musst die Spieler SPIEGEL: Einen Höhepunkt Ihrer Karriere
verstehen, du kannst nicht einfach nur nicht, dass Fußballer haben Sie vor zwei Jahren mit Niko Kovač
draufhauen, du musst wissen, wie sie ticken. auch nur Menschen erlebt, als Sie unter ihm mit Eintracht
Klopp weiß das von jedem seiner Spieler, Frankfurt deutscher Pokalsieger wurden.
er weiß, wie er jeden anpacken muss: Du, sind und keine Roboter.« Sie haben gesagt, Sie hätten sich selten mit
komm mal her, bist du bescheuert, baff, einem anderen Trainer so gut verstanden.
baff. Den anderen umarmt er, kuschelt ihn. Warum hat es zwischen ihm und Ihrem
Das meine ich. SPIEGEL: Ihr erster großer Konflikt mit ei- Bruder Jérôme beim FC Bayern offenbar
SPIEGEL: Was hat sich im Verhältnis zwi- nem Trainer war der mit Horst Hrubesch, nicht funktioniert?
schen Trainern und Spielern verändert? der damals Coach der deutschen U-21-Na- Boateng: Man hat mit Menschen einfach
Boateng: Trainer sind heute viel wichtiger, tionalmannschaft war und Sie aus dem Ka- einen guten Draht oder nicht, man spürt
auch weil die Vereine immer mehr junge der warf, nachdem Sie in einer Nacht nicht es sofort. Und vielleicht haben die beiden
Spieler verpflichten. Die Trainer sind da- rechtzeitig ins Mannschaftshotel gekom- sich nicht gefunden. Das passiert ja. Es
für verantwortlich, wie sich die Jungs ent- men waren. Da war es dann erst mal vor- gibt viele Freunde meines Bruders, zu
wickeln, nicht nur als Fußballer. Früher bei mit der Traumwelt. denen ich keinen Draht habe so wie er
standen wir Spieler ein bisschen mehr im Boateng: Das war ja eigentlich kein Kon- zu manchen meiner Freunde. Kovač und
Fokus und mussten auch mehr Verantwor- flikt mit dem Trainer. Horst Hrubesch ich, das ist wie die Faust aufs Auge gewe-
tung übernehmen. Heutzutage übernimmt meinte zumindest, der Befehl, mich raus- sen, bei den beiden offenbar nicht.
das der Trainer. Dafür fliegt er aber auch zuwerfen, sei von weiter oben im DFB ge- SPIEGEL: Warum ist Kovač in München
schneller, wenn etwas nicht läuft. kommen, nicht von ihm. gescheitert – hätten Sie gedacht, dass er
SPIEGEL: Ist es für Spieler, die anecken, SPIEGEL: Haben Sie daraus etwas gelernt? so schnell gehen muss?
schwieriger geworden? Boateng: Da habe ich die Fußballwelt ver- Boateng: Gar nicht. Ich muss ganz ehrlich
Boateng: Ich habe schon von zwei Ver- standen – dass es dort nie gerecht zugeht. sagen, dass ich sehr optimistisch war,
einen aus genau diesem Grund Absagen Als ich jung war, habe ich gedacht: Wenn dass das klappt. Ich habe gedacht, er wird
bekommen. Da haben die Trainer gesagt: du gut spielst, wirst du dafür belohnt. Aber da vier, fünf Jahre bleiben. Niko Kovač
Der hat mir zu viel Charakter, damit will das ist nicht so. Du brauchst Glück. Und spricht überragend Deutsch, er lebt wie
ich mich nicht auseinandersetzen. Sie hat- du brauchst die richtigen Leute. ein Deutscher, er ist organisiert wie ein
ten vielleicht nicht Angst, aber doch zu SPIEGEL: Ihr Halbbruder Jérôme Boateng Deutscher. Ich dachte, das reicht. Er ist
viel Respekt und haben sich gesagt: Okay, hat eine schwere Zeit beim FC Bayern sehr akribisch. Er ist einer, der will, dass
ich nehme mir lieber einen jungen Spieler, München durchgemacht. Nach der Welt- seine Spieler laufen, Daten sind wichtig

Wechselwillig Vereinshistorie von Kevin-Prince Boateng


Hertha BSC Borussia Dortmund FC Portsmouth Schalke 04 UD Las Palmas US Sassuolo AC Florenz
Bundesliga Bundesliga Premier League Bundesliga La Liga Serie A Serie A

2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020

Tottenham Hotspur AC Mailand AC Mailand Eintr. Frankfurt FC Barcelona Beşiktaş


Premier League Serie A Serie A Bundesliga La Liga Istanbul
Süper Lig

93
Sport

für ihn. Da kann es vielleicht ein Problem Boateng: Schon, aber ich hab keine Ge- SPIEGEL: Im vergangenen Jahr haben Sie
geben, weil Superstars wie Lewandowski, duld. Mein Berater sagt, wenn du es bis beim FC Barcelona gespielt. Dort wurde
Robben und Ribéry es so bisher nicht ge- zum Ende deiner Karriere hinbekommst, Ihre Geduld arg auf die Probe gestellt.
wohnt waren. Geduld zu haben, dann kann man darüber Boateng: Für meinen Lebenslauf war
SPIEGEL: Hatte er überhaupt eine realis- reden. Barcelona überragend. Auch wenn ich
tische Chance? SPIEGEL: Sind Sie geduldiger geworden jetzt lese, dass ich in Barcelona nur vier,
Boateng: Er hatte keine faire Chance, weil im Laufe Ihrer Karriere? fünf Spiele gemacht habe, ist das eine Sa-
es viele gab, die ihm das nicht gegönnt Boateng: Nee, deswegen will ich ja auch che, die mir keiner nehmen kann: Ich ge-
haben. Im Fußball gibt es immer ein paar Klavier lernen. Dafür brauchst du Geduld, hörte zum Stamm im Camp Nou in Bar-
Leute, die gegen einen sind, aber bei ihm ich habe schon sechs oder sieben Stunden celona. Ich habe mit einigen der besten
war es schon extrem! gehabt. Spieler der Welt zusammengespielt. In die-
SPIEGEL: Was Kovač nicht geschafft hat, SPIEGEL: Und – sind Sie schon geduldiger ser Hinsicht war das sehr, sehr positiv, auch
hat Hansi Flick bei Bayern München voll- geworden? wenn ich kaum gespielt habe.
bracht. Er hat die Mannschaft in den Griff Boateng: Es ist schon besser als früher. SPIEGEL: Haben Sie jemals versucht, zu
bekommen. Hat Sie das überrascht? Aber es ist immer noch nicht so, wie ich Ihrem Heimatverein nach Berlin zurück-
Boateng: Bei Bayern München war es lan- es will. Es gibt Momente, da dreh ich zukehren?
ge nicht so ruhig wie unter Hansi Flick, ob- durch, wenn ich zum Beispiel an ein Spiel Boateng: Ich hatte mal so ’ne Idee im Win-
wohl die Mannschaft gar nicht jedes Spiel denke und will, dass es beginnt, und wir ter, bevor ich nach Istanbul gegangen bin,
gewonnen hat. Wenn Flick etwas sagt, hat sind noch nicht einmal im Stadion. Ich will, da wollte ich eigentlich zur Hertha gehen.
das Hand und Fuß, er gibt ein klares Signal dass es dann sofort losgeht. Dann hätte ich im Sommer einfach das Te-
nach draußen, dass jetzt Ruhe ist, er hat SPIEGEL: Wie streng wären Sie als Trai- lefon genommen und den Götze angerufen
die Mannschaft zusammengeschweißt. Er ner? und den Draxler und gesagt: Kommt her,
hat das überragend gemacht. Seine Stärke Boateng: Früher wurde mir immer gesagt: Jungs, lasst uns hier was aufbauen. Das war
ist die Ruhe, seine Geduld. Ich glaube, dass Wenn du einen Range Rover fährst, musst so mein Plan, dass ich Hertha wieder attrak-
er sich alles in seinen Jahren als Co-Trainer du wie ein Range Rover spielen. Willst du tiv machen könnte. Und wir hätten dann
von den Besten abgeschaut hat. Das zahlt einen Ferrari fahren, musst du wie ein mit Berliner Rappern zusammengearbeitet,
sich jetzt aus. Ferrari spielen, das hab ich auch gemacht. die auch den Fußball lieben, und hätten so
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, selbst Spieler könnten bei mir gern ein dickes alle mit reingezogen, wir hätten ein neues
einmal Trainer zu werden? Auto fahren oder im Urlaub machen, was »Nach Hause«-Lied geschrieben, einen Re-
Boateng: Die Idee gefällt mir jeden Tag sie wollen, solange sie sich an Regeln mix der Stadionhymne. Wir haben so ein
mehr, Trainer zu werden, an der Seiten- halten. Aber es wird für Spieler immer bisschen rumgespielt mit den Gedanken.
linie zu stehen, eine junge Mannschaft zu schwieriger, sie selbst zu sein. Die Leute SPIEGEL: Und?
führen. Mein Berater sagt mir, nee, bleib verstehen nicht, dass Fußballer auch nur Boateng: Ich habe einen ganz guten Draht
weg, du musst dafür geboren sein. Er hat Menschen sind und keine Roboter. Wenn in die Hertha, und da habe ich gehört,
zwei Trainer, die er betreut, unter anderem du nicht funktionierst, wirst du ausge- dass sie auf jüngere Spieler setzen, dass
Quique Setién, den neuen Trainer von Bar- wechselt. Wenn du ein vergoldetes Steak mein Name kein Thema ist.
celona. Er sagt, die sind halt fanatisch. Um isst, bist du erledigt. Aber du musst als SPIEGEL: Da war Jürgen Klinsmann noch
ein guter Trainer zu sein, musst du fana- Spieler doch auch dein Leben leben. Du Trainer?
tisch sein. musst auch mal gegen die Wand laufen, Boateng: Klinsmann war noch da. Ich hab
SPIEGEL: Sind Sie das nicht? volle Kanne. ihm sogar eine Nachricht geschickt. Aber
es kam nie eine Antwort.
SPIEGEL: Wann rechnen Sie damit, dass
Sie wieder Fußball spielen können?
Boateng: Ich bin mir nicht sicher, ob die
Saison überhaupt zu Ende gespielt wird,
und eigentlich hoffe ich das auch nicht,
weil das ohne die Fans irgendwie traurig
ist. Geisterspiele kann man ein-, zweimal
machen, aber über einen längeren Zeit-
raum ist das kein Fußball. Jeder Fußballer
sitzt gerade zu Hause und kann es kaum
erwarten, dass es wieder losgeht. Wenn
die sagen, du sollst im Juli bei 40 Grad in
Istanbul spielen, dann spielen wir bei
40 Grad im Juli in Istanbul. Fußball wird
wieder der Sport sein, den wir alle lieben.
SPIEGEL: Sie glauben an einen besseren
Fußball nach Corona?
ANADOLU AGENCY / GETTY IMAGES

Boateng: Ja, weil es auch weniger Geld


geben wird. Der Fußball wird nicht mehr
so fokussiert sein aufs Geld, sondern aufs
Fußballspielen, elf gegen elf. Und wir wer-
den es sogar genießen, ausgepfiffen zu wer-
den. Das wird wieder schön.
SPIEGEL: Herr Boateng, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.
Profi Boateng in Istanbul im Februar: »Fußball wird wieder der Sport sein, den wir alle lieben«

94 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


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Coronakrise

aus der Fingerkuppe. Ob sich darin Anti-


körper finden, zeigt eine rote Linie im
Ergebnisfeld eines kleinen Untersuchungs-
gerätes an und das innerhalb weniger
Minuten.
In Frankfurt wurden 30 Spieler mit zwei
dieser Tests untersucht. Einer stammt von
einem europäischen Hersteller, der andere
von einem amerikanischen. Beide Firmen
reklamieren für sich, nahezu hundert Pro-
zent sichere Ergebnisse zu liefern. Das Re-
sultat in Frankfurt: In sieben Fällen – und
damit knapp bei einem Viertel der Pro-
ben – wichen die Ergebnisse voneinander

MICHAEL TITGEMEYER / ACTION PRESS


ab. Mannschaftsarzt Pfab: »Auch wenn un-
sere Untersuchung nicht repräsentativ ist,
mahnt sie doch zur Vorsicht, sich nicht al-
lein auf diese Schnelltests zu verlassen.«
Zudem hatten zwei unterschiedliche
Labors das Blut von 55 Probanden aus
dem Verein untersucht. »Hier gab es in
den Ergebnissen zarte Abweichungen, die
Eintracht-Spieler am 12. März in Frankfurt: »Ein sehr geschlossenes Kollektiv« sich aber durch die unterschiedlichen Zeit-
punkte der Abnahme erklären können«,
erklärt Sportmediziner Pfab.
verfügbaren Tests funktionieren und wie Diese könnten auch begründen, dass
Rote Linie die Durchseuchung der Kohorte im An-
schluss sein würde.«
es unter den ursprünglich positiv auf das
Coronavirus getesteten Personen zwei
Der Vorteil der Ministudie: Eine Fußball- Probanden gab, die kaum Antikörper
im Feld mannschaft sei »ein sehr geschlossenes Kol-
lektiv«, mit engem Kontakt. Und damit an-
hatten. Es ist somit fraglich ist, ob sie
tatsächlich immun sind. »Wertvolle
deren Gruppen wie in Altersheimen oder Informationen könnten uns an dieser Stel-
Sportmedizin Die Spieler in bestimmten Betrieben nicht unähnlich. le womöglich Tests liefern, die das Verhal-
von Eintracht Frankfurt wurden Mithilfe von zwei Schnelltests sowie ten der Zellen auf das Virus darstellen«,
auf Covid-19-Antikörper zwei Laboruntersuchungen wurden die sagt Pfab.
Eintracht-Angehörigen auf Antikörper In der Bundesliga zirkulierten schnell
getestet. Die Ergebnisse werfen getestet. Die Kosten, etwa 20 Euro pro Gerüchte, dass die Tests in der Frankfurter
neue Fragen auf. Labortest und rund 40 Euro pro Schnell- Mannschaft eine Coronavirus-Durch-
test, zahlte der Verein. seuchung von rund 40 Prozent gezeigt hät-
Seit dieser Woche stehen die Ergebnisse ten. Pfab verneint dies. Die Laborunter-

D ie Frankfurter Pilotstudie begann


mit einem positiven Rachenabstrich
Mitte März. Nach dem Europa-
League-Spiel gegen den FC Basel hatte ein
fest. Sie sind bemerkenswert, denn sie ver-
deutlichen, wie sehr die Medizin noch am
Anfang steht, was die Frage betrifft, wann
ein Mensch immun gegen den Covid-19-
suchungen ließen eher auf eine Rate von
etwa 15 Prozent schließen, was in etwa
den Untersuchungsergebnissen der Heins-
berger Gemeinde Gangelt entspricht. Der
Frankfurter Fußballprofi Covid-19-Symp- Erreger ist und wie sich das eigentlich Bonner Virologe Hendrik Streeck hatte
tome gezeigt: trockenen Husten, Fieber verlässlich nachweisen lässt. dort kürzlich die Bürger auf ihre Immuni-
und Übelkeit. Weil noch kein Impfstoff in Sicht ist, tät untersucht.
Die gesamte Mannschaft, das Trainer- wird derzeit weltweit große Hoffnung in Unabhängig von den Ergebnissen ihres
und Betreuerteam kamen daraufhin in die Antikörpertests gesetzt. Personen, die Pilotprojekts wird in Frankfurt nun weiter
Quarantäne, wurden ebenfalls getestet. bereits Kontakt mit dem Coronavirus hat- nach den Vorgaben der Behörden trainiert,
Fazit: Auch ein weiterer Spieler und zwei ten und somit immun sein könnten, so der in Zweierteams. Die Mixed Zone im Sta-
Betreuer waren infiziert. Alle vier Betrof- Gedanke dahinter, könnten schneller in die dion wurde in zehn Einzelkabinen mit
fenen hatten milde Verläufe, aus Daten- Normalität zurückkehren, da ihnen dann Duschen umfunktioniert.
schutz gab der Verein die Namen nicht das Virus nichts mehr anhaben könnte. Ob und wann die Bundesliga ihren Be-
bekannt. Gerade die Schnelltests, die interna- trieb wieder aufnehmen kann, ist bislang
Getestet wurden die Sportler und das tional in Eilverfahren entwickelt und auf noch unklar. Nach jetzigem Stand werden
Team in der Uniklinik Frankfurt, in der die Märkte gebracht werden, sollten dabei Antikörpertests bei den Spielern da aber
die Fußballprofis regelmäßig betreut wer- den Durchbruch bringen. Das Prinzip nur eine untergeordnete Bedeutung haben
den. Mit den Infektiologen sei dann be- ähnelt einem Schwangerschaftstest: Statt können.
sprochen worden, so Eintrachts Mann- Urin braucht es nur einen Tropfen Blut »Valide Antikörpertests bieten grund-
schaftsarzt Florian Pfab, nach der Quaran- sätzlich ein enormes Potenzial – auch für
täne den Antikörperstatus der Getesteten den Fußball«, sagt Pfab, »aber wir brau-
zu kontrollieren. Allen Beteiligten sei klar
gewesen, dass es zwar nur eine »sehr klei-
Bei vielen Proben chen hier noch mehr Sicherheit und ein-
heitliche Standards, damit die Ergebnisse
ne, explorative Fallstudie« sein würde,
sagt Pfab, »aber wir wollten die Chance
wichen die Resultate auch wirklich für alle Orientierung stiften.«
Antje Windmann
dennoch nutzen, um zu schauen, wie die voneinander ab.
96 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020
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Parkplatz haben Angestellte eines gemeinnützigen Forschungsunternehmens während der vergangenen Wochen
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Futter rein, Eier raus


Haag-Wackernagel hält nicht viel von derlei Notprogrammen.
»Weniger Nahrung bedeutet weniger Nachwuchs«, erklärt er,
so einfach sei das: »Oben Futter rein, unten Eier raus.« Auf Basis
jahrzehntelanger Forschung an Baseler Stadttauben fordert
Analyse Warum der Shutdown die Taubenplage in er schon länger genau das, was nun krisenbedingt geschieht: die
vielen Städten mildern könnte Vermehrung der Tauben nicht durch ein Überangebot an
Nahrung zu befeuern. Gesunde erwachsene Tiere würden auch
 In vielen Teilen der Welt läuft in diesen Tagen ein ungeplantes Phasen der Nahrungsknappheit überleben; harte Zeiten
Experiment. Es dürfte die Vorhersage von Taubenforschern wie hätten nur zur Folge, dass mehr schwache und kranke Tiere
Daniel Haag-Wackernagel von der Universität Basel bestätigen: als sonst stürben.
Nichts, so seine Erkenntnis, reduziert die Population der gefieder- Würde jetzt gefüttert, um den Wegfall der Freiluftgastronomie
ten Plagegeister so effektiv wie der Wegfall jener Nahrungs- zu kompensieren, träte ein Effekt ein, der auch in normalen Zeiten
grundlage, die ihnen die Menschen im Überfluss bieten. In Cafés zu beobachten ist: Im irrigen Vertrauen auf dauerhaft genug Fut-
und Restaurants, Imbissbuden und Bäckereien fallen normaler- ter würden die Tauben vermehrt brüten. Wenn aber ab Herbst
weise Essensreste ab, von denen sich Stadttauben maßgeblich weniger Menschen draußen essen, wird auch ohne Shutdown die
ernähren. Doch das Schlaraffenland hat derzeit zu, die Innen- Nahrung knapp, viele Jungtiere würden deshalb den Winter
städte sind verwaist, die Menschen essen zu Hause. Der Deutsche nicht überleben. Je mehr Menschen also in der warmen Jahreszeit
Tierschutzbund bangt sogar schon um den Fortbestand der draußen essen, desto mehr junge Tauben verhungern im Winter.
Stadttauben und fordert Futterstellen und das Ende der vielerorts Dieser Mechanismus könnte durch das Virus endlich durchbrochen
geltenden Fütterungsverbote. werden. Ein Segen für Tauben und Städter. Julia Koch

98 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Umwelt hoher Kraft durch eine Mem- Fußnote

1,7
bran gepumpt wird, sei der
Strom gegen Salz neue Prozess wesentlich ener-
 Mit einem neuen Verfahren giesparender. Auch komme er
zur Wasserentsalzung wollen ganz ohne chemische Zusätze
Forscher des Leibniz-Instituts aus. INM-Professor Volker
für Neue Materialien (INM) Presser spricht von einer neu- gemeldete Legionellen-
einen Durchbruch in der Klär- en Technologiefamilie, die infektionen pro 100 000 Ein-

MARC SCHÜLER / IMAGO


technologie erreicht haben. in der Lage sei, »Energiewen- wohner verzeichnete Deutsch-
Die Saarbrücker Wissen- de und nachhaltige Wasser- land im Jahr 2018. Die Bakte-
schaftler setzen auf eine Me- nutzung miteinander zu ver- rien, die Lungenentzündungen
thode, wie sie in ähnlicher binden«. Entsalzungstech- auslösen können, gedeihen in
Form auch in Stromspeichern niken werden nicht nur zur stehendem Wasser, etwa wenn
zur Anwendung kommt. Die Kläranlage in Büttelborn Umwandlung von Meer- in Leitungen lange unbenutzt
Salze werden nicht mecha- Trinkwasser benötigt. bleiben. Nun warnt der Ver-
nisch herausgefiltert, sondern zungsgrad war bislang aller- Auch manche Industrieab- band der Immobilienverwalter
an unter Strom stehenden dings relativ gering. Im wässer enthalten heute selbst Deutschland vor mehr Legio-
Elektroden abgeschieden. Vergleich zu der noch immer nach der Klärung noch Salz, nellenerkrankungen durch den
Solche elektrochemischen weitverbreiteten Methode das ohne Filterung in Flüsse, Corona-Shutdown. Wenn
Verfahren sind im Prinzip seit der Umkehrosmose, bei der Seen und sogar ins Grund- etwa Schulen wieder aufma-
1960 bekannt, der Entsal- das zu reinigende Wasser mit wasser dringt. CW chen, bestehe Keimgefahr.

Mobilität wird. Außerdem kann das ge-


zeigte Fahrverhalten auch
»Die Autos sind ja oft ab Werk getunt« zu einer Freiheitsstrafe führen.
Wir reden von einem gravie-
Ulf Schröder, 57, jungen Menschen gefahren die Fahrer geben einander renden Straftatbestand.
Leiter der Ver- werden. Die tragen dann ihre entsprechende Zeichen. Und SPIEGEL: Wann ist der
kehrsdirektion Rennen nicht auf abgesperrten dann geht es los. erfüllt? Wer ist ein illegaler
bei der Hambur- Strecken aus, sondern im SPIEGEL: Wenn Sie die Raser Rennfahrer?
ger Polizei, über öffentlichen Verkehrsraum. gestellt haben: Wie beweisen Schröder: Nach dem relativ
freie Straßen als SPIEGEL: Haben Sie während Sie danach, dass hier ein jungen Paragrafen 315d des
Verlockung zum der Pandemie überhaupt die illegales Rennen stattgefunden Strafgesetzbuchs kann bereits
Rasen, illegale Rennen und Kapazitäten, illegale Rennen hat? ein Alleinfahrer sich als
lästige »Poser«, die mit röhren- nachzuweisen? Schröder: Die Polizeifahr- illegaler Rennfahrer schuldig
dem Motor in Innenstädten Schröder: Ja, die Kollegen zeuge haben Videokameras machen – bei entsprechend
auffallen von der Verkehrsstaffel an Bord, und die Filme, die typischen Verhaltensweisen
sind zu diesem Zweck mit wir den Beschuldigten später wie zum Beispiel extremen
SPIEGEL: Herr Schröder, ihren zivilen Dienstwagen vorführen, sind sehr über- Geschwindigkeitsübertre-
der Shutdown sorgt für freie unterwegs. Sie kennen die zeugend. Das Gesetz erlaubt tungen und häufigen Fahrspur-
Straßen in der ganzen Re- Hotspots auf den größeren uns unter anderem, eine so- wechseln.
publik, wie es sie seit Jahr- Ein- und Ausfallstraßen, die fortige Einziehung des Führer- SPIEGEL: Und nur bei solchen
zehnten nicht mehr gab. verdächtigen Autos, und sie scheins und des Fahrzeugs Straftaten ist am Ende das
Ein Fest für Raser und illegale wissen, wie so ein Rennen vorzunehmen. Ein Gericht Auto weg?
Rennfahrer? meist beginnt: Zwei Fahrzeuge entscheidet später, ob das Schröder: Nein. Es gibt auch
Schröder: Genau das zu ver- stehen an einer roten Ampel, Auto Eigentum des Staates das wachsende Phänomen der
hindern ist unsere Aufgabe. sogenannten Poser, die etwa
Wir beobachten absolut zwar mit manipuliertem Schall-
die gleiche Anzahl von dämpfer und entsprechendem
Geschwindigkeitsüberschrei- Lärm durch die Innenstadt
tungen. Die Raser fallen fahren. Diese Autos werden
allerdings etwas mehr auf, sichergestellt und von Gutach-
weil sich um sie herum weni- tern untersucht. Sie gehen
ger Verkehr abspielt und aber im Normalfall später an
sie derzeit auch besser voran- den Halter zurück.
kommen. SPIEGEL: Mussten Sie wegen
SPIEGEL: Illegale Rennen sind Corona die Verkehrsstaffeln
ein jüngeres Phänomen? aufstocken?
Schröder: Ja, und das hat Schröder: In jüngster Zeit
auch mit der höheren Motori- nicht. Die allermeisten Men-
KOHLS / DPA

sierung neuerer Fahrzeuge zu schen fahren entspannt und


tun, die ja oft schon ab Werk halten sich an die Verkehrs-
gewissermaßen serienmäßig regeln, auch in der aktuellen
getunt sind und oft von sehr Schauplatz eines von einem Raser verursachten Unfalls in Stuttgart Krise. CW

99
Coronakrise

Variante Creutzfeldt-
Asiatische Grippe weltweit Aids weltweit Jakob-Krankheit 12 Länder

Infizierte: Hunderte Mio.* Zeitraum: Infizierte: 74,9 Mio.* Zeitraum: Infizierte: 229 Zeitraum:

BETTMANN / GETTY IMAGES; THIES RAETZKE / VISUM; REX FEATURES / ACTION PRESS; PAULA BRONSTEIN / GETTY IMAGES; AFP; INGO WAGNER / PICTURE ALLIANCE / DPA;
Tote: mindestens 1 Mio.* 1957– 1958 Tote: 32,0 Mio.* seit 1980er ** Tote: 229 1995– 2016

SYLVAIN CHERKAOUI / COSMOS POUR MSF / AGENTUR FOCUS; G. KUNZ / PICTURE ALLIANCE / BLICKWINKEL; TIAGO PETINGA / EPA-EFE / SHUTTERSTOCK
Sars 29 Länder Vogelgrippe (H5N1) 17 Länder Ehec und Hus in Deutschland

Infizierte: 8096 Zeitraum: Infizierte: 861 Zeitraum: Infizierte: 3842 Zeitraum:


Tote: 774 2002– 2003 Tote: 455 2003– 2019 Tote: 53 2011

Ebolafieber in Westafrika Bornavirus in Deutschland Covid-19 *** weltweit

Infizierte: 28 616 Zeitraum: Infizierte: unbekannt Zeitraum: Infizierte: 2 101 164 Zeitraum:
Tote: 11 310 2013– 2016 Tote: 25 seit 2015 Tote: 140 773 seit 2019

Auswahl an Krankheiten, gemeldete Fälle, * Schätzung, ** Anfänge liegen in den 1950er/1960er Jahren, *** Stand: 16. April, 20 Uhr; Quellen: CDC, FLI, JHU, NCJDRSU, RKI, UNAIDS, WHO

Das Jahrhundertvirus
Medizingeschichte HIV, Ebola, Schweinegrippe: Immer wieder gelang es Erregern aus
dem Tierreich, auf den Menschen überzuspringen. Doch keiner bedrohte
die Gesellschaft so sehr wie das Coronavirus. Haben Forscher es unterschätzt?

100
V
or fünf Jahren kam Martin Beer Die Bornaviren fehlen in diesem Pan- bei Tollwut oder Ebola, in der Mehrzahl
einer neuen, für Menschen tödli- dämonium, denn dass sie den Menschen der Fälle milde.
chen Gefahr auf die Spur. Seither befallen können, war 2011 noch nicht Trotzdem hat gerade dieses Virus die
bekommt der Virologe aus ganz bekannt. Welt aus den Angeln gehoben. Warum?
Deutschland Maultupfer zugesandt. Die Das Ranking der Fachleute weist auch
Absender haben Bunthörnchen daran sonst eine aus heutiger Sicht erstaunliche Der Mensch lebt in einem Meer von Mi-
knabbern lassen, sodass Beer und seine Lücke auf: Die Experten benennen 26 Er- kroben. Sie siedeln auf Staub, wimmeln
Mitarbeiter am Friedrich-Loeffler-Institut reger, von denen ihrer Ansicht nach be- im Regenwasser, hocken auf Geldmünzen,
auf der Ostseeinsel Riems nun im Speichel sonders große Gefahr ausgeht, darunter Wasserhähnen und Türklinken. Milliarden
der Tiere nach einem unheimlichen Krank- die Grippeviren ebenso wie die Salmonel- von Viren finden sich in einem einzigen
heitserreger suchen können. len, außerdem die Erreger von Aids, He- Gramm menschlicher Fäkalien.
Das Bornavirus VSBV-1 ist für Hörn- patitis B, Masern und Tuberkulose. Aber Der stete Kontakt mit all den vielen
chen harmlos, für Menschen jedoch bedeu- auch weniger bekannte Mikroben finden Erregern hat den Menschen geprägt. Mi-
tet es fast immer den Tod. Fünf Tierpfleger sich in dieser Liste des Grauens: die von kroben haben Völkerwanderungen ausge-
und -züchter sind ihm bereits zum Opfer Nagetieren übertragenen Hantaviren zum löst, Kriege entschieden und Landstriche
gefallen. 20 weiteren Menschen wurde ein Beispiel oder das RS-Virus, das bevorzugt entvölkert. Die Pest gilt als ein Grund
enger Verwandter zum Verhängnis, eben- die Atemwege von Babys und Klein- für den Niedergang des mittelalterlichen
falls ein Bornavirus, doch dieses ist in Feld- kindern befällt. Feudalsystems und damit als Wegbereiter
spitzmäusen heimisch. »Diese Viren brei- Umso überraschender mutet es an, dass der Renaissance. Pocken und Masern raff-
ten sich im Gehirn aus«, erklärt Beer. Dort der Erreger von Sars, der neun Jahre zuvor ten große Teile der amerikanischen Ur-
lösen sie eine massive Immunantwort aus. weltweit Entsetzen verbreitet hatte, unter bevölkerung dahin und festigten so das
»In den meisten Fällen ist dies nicht mit europäische Kolonialsystem.

350
dem Überleben vereinbar.« Und wo immer der Mensch seine Kultur,
Das klingt bedrohlich. Beer hat nach- Mehr als seine Technik oder seinen Lebenswandel
gewiesen, dass Bornaviren auch Menschen veränderte, entdeckten die Mikroben neue
befallen können. Die Zahl der Human- ökologische Nischen. Nie ließ ihre Ant-
pathogene ist damit um eine Virenfamilie wort lange auf sich warten. Sie lautete:
reicher geworden. In so einem Fall fragt Syphilis, Tuberkulose, Polio.
sich: Könnte es sein, dass sich hier irgend- Und doch glaubten Forscher, Ärzte und
wann die nächste Pandemie anbahnt? Hygieniker, sie könnten einen dauerhaften
Wird womöglich der durch Bornaviren Sieg über die mikroskopischen Feinde des
verursachte Hirnbrand die Welt eines Ta- Menschen erringen. Ihre Erfolge waren
ges ebenso in Schrecken versetzen, wie es beachtlich: Die Kanalisation machte der
derzeit die Lungenkrankheit Covid-19 tut? Cholera den Garaus, Impfungen schützten
Das gilt als sehr unwahrscheinlich. So- neue Infektionskrankheiten vor Keuchhusten, Antibiotika nahmen
weit bekannt, ist Bornaviren erst in drei weltweit seit 1940 hat dem Scharlach den Schrecken.
Fällen der Sprung von Mensch zu Mensch In den Fünfzigerjahren des vergangenen
gelungen; bei den Opfern handelte es sich das EIDR* dokumentiert. Jahrhunderts schien es fast, als könnte
um drei Organempfänger eines durch *Emerging Infectious Disease Repository es den Infektionsmedizinern gelingen, sich
einen extrem unglücklichen Zufall infi- selbst überflüssig zu machen; ihre Diszi-
zierten Spenders. Ansonsten scheint der plin galt als aussterbendes Fach. Zwar star-
Mensch für diese Erreger eine Sackgasse den 26 bedrohlichsten Geißeln nicht auf- ben nach wie vor Kinder an Diphtherie,
zu sein. Sie können ihren Wirt nicht ver- taucht. »Offensichtlich eine Fehleinschät- die Kinderlähmung grassierte, und die
lassen, sie sterben zusammen mit ihrem zung«, urteilt heute der Epidemiologe Asiatische Grippe raffte weltweit mindes-
Opfer. Jürgen May vom Hamburger Bernhard- tens eine Million Menschen dahin (siehe
Um sich pandemisch ausbreiten zu kön- Nocht-Institut für Tropenmedizin. Seite 102). Doch die fortschrittstrunkene
nen, müssen Viren einen geeigneten Infek- Der Lapsus offenbart, wie schwer sich Medizin wollte sich von solchen Wieder-
tionsweg finden. Wie das den Bornaviren selbst Koryphäen tun, den nächsten Vor- gängern aus einer vergangenen Zeit nicht
gelingen sollte, ist schwer vorstellbar. An- stoß aus dem Reich der Mikroben voraus- die Laune verderben lassen. »Die Un-
dererseits: Heißt das auch, dass es sich aus- zuahnen. bekümmertheit, mit der die Grippewelle
schließen lässt? Inzwischen weiß die ganze Welt, wozu des Jahres 1957 hingenommen wurde, mu-
Das Schicksal einzelner Erreger vorher- Sarsviren fähig sind: Sars-CoV-2, ein sehr tet erstaunlich an«, konstatiert der Medi-
zusagen ist schwierig. Auf rund 700 000 enger Verwandter des 2002 aufgetauchten zinhistoriker Malte Thießen vom Institut
wird die Zahl der Säugetier- und Vogel- Sarsvirus, hat nicht nur bereits weit mehr für westfälische Regionalgeschichte in
viren geschätzt, die theoretisch auf den als 100 000 Menschenleben gefordert, es Münster.
Menschen überspringen könnten, gut 260 hat auch Millionen Arbeitsplätze und Ka- Der Fortschrittsrausch gipfelte im Jahr
haben diesen Sprung geschafft. Parasiten, pital in Billionenhöhe vernichtet. Ein nur 1980, als die Weltgesundheitsorganisation
Pilze und Bakterien sind hier noch gar 150 Nanometer kleines Virus hat mehr WHO die Erde für pockenfrei erklärte.
nicht mitgezählt. Wer wollte da mit Ge- Schaden angerichtet als die Terroristen Am Ende einer international koordinier-
wissheit sagen, von welcher Seite die des 11. September und die Fukushima- ten Impfkampagne war erstmals eine der
nächste große Gefahr droht? Katastrophe in Japan zusammen. großen Menschheitsplagen unwiderruflich
Vor neun Jahren haben dies 86 Experten Dabei scheint sich Sars-CoV-2 im Ver- ausgerottet – nur Sowjets und Amerikaner
im Auftrag des Robert Koch-Instituts ver- gleich zu anderen Erregern keineswegs konnten es nicht lassen, noch ein paar
sucht. Insgesamt 127 unterschiedliche Pa- durch besondere Bösartigkeit auszuzeich- letzte Stämme vom Variolavirus in ihren
thogene – vom Krankenhauskeim Acine- nen. Anders als Tuberkulose oder Malaria Biowaffenlabors zu hüten.
tobacter bis zum Pestbakterium Yersinia verschont es die Kinder; und bei Erwach- Doch während die WHO ihren Triumph
pestis – stuften sie in Gefahrenklassen ein. senen ist der Krankheitsverlauf, anders als über die Pocken feierte, war die nächste

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 101


Zeitgeschichte Nachkriegsdeutschland wurde von zwei Grippepan- in Gewächshäusern des Gartenbauamts
demien heimgesucht, die Parallelen zu heute sind frappierend. Damals Wedding oder in der Wilmersdorfer
Bezirksgärtnerei gelagert werden. In
starben knapp 100 000 Menschen – und die Politik nahm das hin. Augsburg erkrankten so viele Toten-
gräber, dass schließlich Mitarbeiter der

Kaltes Land
Müllabfuhr einsprangen.
Trotz der vielen Opfer sind beide
Epidemien heute weitgehend verges-
sen. Dabei haben Wissenschafts- und
Medizinhistoriker wie David Renge-
ling, Malte Thießen oder Wilfried
Witte die Aufarbeitung des Geschehens
in den vergangenen Jahren voran-
getrieben*.
Ihre Forschungsergebnisse werfen
einen Schatten auf die sonst so gefeierte
Erfolgsgeschichte der jungen Bundesrepu-
blik. Politiker und Behörden in Bund und
Ländern reagierten damals mit erstaun-
licher Empathielosigkeit auf die Seuche.
Thießen und Rengeling sprechen mit
Blick auf die Asiatische Grippe sogar von
»Fahrlässigkeit«.
Frühe Warnungen der Weltgesund-
heitsorganisation ignorierte Bonn
oder wies sie als »Dramatisierung«
zurück. Besorgte Bürger wurden von
Ministerien abgekanzelt. Der junge
SPD-Abgeordnete Hans-Jürgen
Wischnewski, später berühmt geworden
als Held von Mogadischu, bezeichnete
die Grippewelle 1958 im Bundestag als
»Naturereignis«.
DPA

Es war die Zeit des Wirtschaftswun-


Norddeutsche Schüler im Januar 1970: Ferien verschoben ders, die öffentliche Meinung empörte
sich nicht über Kranke und Tote,
sondern fürchtete um die Früchte des
 Der Heilige Abend 1969 hat sich in Jahre zuvor 30 000 Menschen in Bun- Wiederaufbaus. Im Sommer 1957 hatte
seine Erinnerung gebrannt. Adolf desrepublik und DDR dahingerafft. die Regierung von Kanzler Konrad
Albrecht, damals 38, war Chefarzt des Die Parallelen zur Gegenwart ver- Adenauer (CDU) die Lohnfortzahlung
Sankt Gertrauden-Krankenhauses in blüffen, Teile des öffentlichen Lebens im Krankheitsfall für Arbeiter eingeführt.
West-Berlin. Er hatte Rufbereitschaft kamen zum Stillstand. In einigen Bun- Reformkritiker wie der FDP-Politiker
und wollte den Tag mit seiner Familie desländern wurden Schulen geschlossen, Wolfgang Mischnick behaupteten, die
verbringen. Aber dann häuften sich alar- Klassenreisen verboten, Ferien verscho- Leute würden das neue Gesetz missbrau-
mierende Meldungen aus der Notauf- ben. Manche Wirtschaftsbereiche – wie chen und blaumachen.
nahme, immer mehr Erkrankte, die Blut der Bergbau – fuhren die Produktion Kaltes Deutschland.
husteten und hohes Fieber hatten. Der herunter. Beide Pandemien kamen in Wellen
Radiologe eilte sofort in die Klinik. Jede nach Deutschland; in manchen Regionen
zweite Röntgenaufnahme, die er an Damals stießen Krankenhäuser auch traf es jeden dritten Schüler und bis zu
diesem Tag machte, zeigte eine Lungen- an ihre Grenzen. Der Andrang der 40 Prozent der Belegschaften. In Ham-
entzündung. Das war »sehr heftig«, Patienten wuchs, zugleich meldeten burg hustete und fieberte mehr als die
erinnert sich Albrecht. Noch in der sich malade Schwestern und Ärzte ab. Hälfte der Einwohnerschaft.
Nacht starben die ersten Patienten. Bald Kranke lagen auf Fluren, auf fahrbaren Aus Sorge vor Ansteckung wurde ein
füllten Leichen die Pathologie. Tragen in Badezimmern, auf schmalen amerikanischer Truppentransporter in
Wie heute kam auch damals das Virus Notbetten. Es seien »nie da gewesene der Wesermündung unter Quarantäne
aus Asien. Bis zu 50 000 Westdeutsche Verhältnisse«, klagte ein Klinikpatholo- gestellt (allerdings nur für 24 Stunden).
sowie einige Tausend Ostdeutsche fie- ge 1970. In Hamburg forderten Hos- Und schon Adenauer wich ins Home-
len der sogenannten Hongkong-Grippe pitäler ehemalige Schwestern und Pfle- office aus, in sein prächtiges Anwesen in
zwischen 1968 und 1970 zum Opfer. ger auf auszuhelfen. Soldaten und Rhöndorf bei Bonn. Der 81-jährige
Benannt wurde sie nach der britischen Angehörige der freiwilligen Feuerwehr Regierungschef hatte sich infiziert und
Kronkolonie, in der die Krankheit in packten mit an. musste schließlich einen offiziellen
größerem Umfang aufgetreten war. Sie Zeitweise spielten sich gruselige Sze- Besuch in London absagen.
war eine von insgesamt zwei Pande- nen ab. In West-Berlin herrschte im Janu-
* David Rengeling: »Vom geduldigen Ausharren zur
mien, die Nachkriegsdeutschland heim- ar 1970 Bestattungsnotstand, auch weil allumfassenden Prävention. Grippe-Pandemien
suchten. Die andere – die sogenannte der Winter harsch ausfiel und der Boden im Spiegel von Wissenschaft, Politik und Öffentlich-
Asiatische Grippe – hatte rund zehn gefroren war. Särge mit Leichen mussten keit«. Nomos; 525 Seiten; 99 Euro.

102 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Doch anders als heute hechelten die Zumindest in der Theorie waren die Pandemie bereits im Anzug. Von Westafri-
Behörden den Ereignissen hinterher. Die Genossen der Zeit voraus. Die DDR- ka kommend hatte sie, mit Zwischen-
Schulen schlossen meist nicht, um Lehrer Epidemievorschriften setzten auf »social stationen in der Karibik und in New York,
und Schüler vorab zu schützen, sondern distancing« und Mundschutzpflicht für Kalifornien erreicht. Bald rätselten die
erst nachdem diese bereits in großer Zahl alle, die im Lebensmittelhandel arbeite- Ärzte dort über die eigenartige Zunahme
krank zu Hause geblieben waren. ten. Eine Expertenkommission entwarf des eigentlich sehr seltenen Kaposi-Sar-
Es fehlte an Grippekenntnis, wie Histo- 1970 infolge der Hongkong-Grippe ein koms unter jungen Homosexuellen.
riker Witte herausgefunden hat. Ärzte »Führungsdokument«, das mit klar defi- HIV war in der Welt. Langsam lässt die-
empfahlen zum Schutz Chinin, obwohl nierten Pandemiestufen und einem um- ses Virus seine Opfer dahinsiechen, indem
bekannt war, dass es selten half. fassenden Maßnahmenkatalog manches es ihr Immunsystem zerstört und sie so
vorwegnahm, was sich im ersten »Natio- wehrlos selbst gegen gemeinhin harmlose
Nun wirkte sich aus, dass die deutsche nalen Pandemieplan« der Bundesrepu- Infektionen macht. 32 Millionen Men-
Wissenschaft mit der Spanischen blik von 2005 fand. schen sind bis heute an der von HIV
Grippe 1918/19 den Anschluss verloren Wie die Ostdeutschen das Vorgehen verursachten Krankheit Aids gestorben.
hatte. Deutschlands Forscher führten der SED-Obrigkeit beurteilten, ist Noch heute sucht sie sich alljährlich rund
das damalige Massensterben, nach nicht erforscht. Von den Westdeutschen 750 000 weitere Opfer – ein Sterben, das
heutigen Schätzungen einige Hundert- ist hingegen bekannt, dass ihre Kritik in der westlichen Welt weitgehend un-
tausend Tote im Reich, fälschlicher- an den Zuständen in ihrer Republik beachtet bleibt, seit dort wirksame Medi-
weise auf ein Bakterium zurück milde ausfiel. kamente zur Verfügung stehen.
(SPIEGEL 12/2020). Und obwohl Kolle- Rezepte für angebliche oder tatsäch- Aids ist das Musterbeispiel einer Seu-
gen in London 1933 erstmals ein Grip- liche Hausmittel machten die Runde, che, die durch gesellschaftliche Verände-
pevirus isoliert hatten, hielt sich in etwa eine Mischung aus Fischeiern, Zwie- rungen befördert wurde: Der Lkw-Ver-
deutschen Praxen, Kliniken, Behörden beln, Zitronensaft und heißem Rum. kehr entlang neuer Urwaldtrassen erleich-
bis in die Nachkriegszeit der »bakte- terte dem HI-Virus den Auszug aus seiner
riologische Denkstil« (Historiker afrikanischen Heimat. Die von der sexu-
Rengeling) – mit gravierenden Folgen. Mindestens ellen Revolution vorangetriebene Schwu-

1 Mio.
Man verstand die Zusammenhänge lenkultur beförderte seine Verbreitung;
oft nicht, unterschätzte die Gefahren die wachsende Zahl der Fixer in den Groß-
einer Grippepandemie und die Chan- städten und das neu entdeckte Geschäft
cen einer Impfung. mit gepooltem Blutplasma beschleu-
Impfempfehlungen der WHO stießen nigten sie.
in der Bundesrepublik – anders als in Und Aids war nur die erste der neuen
den USA, Großbritannien oder Austra- Seuchen. Nachdem die Welt einmal sen-
lien – auf erheblichen Widerstand. Menschen weltweit fielen sibilisiert war für das Thema, flackerten
Das Bundesgesundheitsamt verzichtete jeweils der Asiatischen sie allerorten auf. Und wie unerhört viel-
auf Impfempfehlungen. Gesundheits- fältig waren die Erscheinungsformen: Mal
ministerin Käte Strobel (SPD) redete
Grippe und der Hongkong- schädigte das von Mücken übertragene
1969 die anlaufende Influenzawelle aus Grippe zum Opfer. Zikavirus die Gehirne von Föten im Leib
Hongkong klein. Quelle: CDC infizierter Schwangerer, mal führte eine
Hinzu kamen Abstimmungsschwierig- rätselhafte Infektion über Lebensmittel
keiten zwischen Bund und Ländern, zum Notstand in norddeutschen Kliniken.
die auf eine Meldepflicht für Grippe weit- Einige erlagen der Werbung der Pharma- Als Kühe auf britischen Weiden mit
gehend verzichtet hatten. Das Bonner industrie für Merfen-Tabletten, die in dem Rinderwahn BSE zusammenbrachen,
Innenministerium – zunächst zuständig der damaligen Zusammensetzung später zeigte sich, dass sogar Proteine infektiös
für Gesundheitspolitik – und das Bundes- verboten wurden, weil sie Quecksilber sein können. Wieder einmal erwies sich
gesundheitsamt versuchten, flächen- enthielten. eine Veränderung menschlicher Gewohn-
deckend Informationen über Todesfälle, Für seine Generation sei die Hong- heiten als ursächlich für den Ausbruch: Die
Krankheitsverläufe, Gegenmaßnahmen kong-Grippe »nicht so aufregend« Briten hatten die Bestimmungen zur Ste-
zusammenzutragen, es war vergebens. gewesen, sagt der ehemalige Klinikchef rilisation von Futtermitteln gelockert.
Während der Hongkong-Grippe konnten Albrecht und verweist auf die schreck- Zum Inbegriff der neuen Seuche wurde
sich die Beteiligten in Bund und Ländern lichen Erfahrungen von Krieg und Nach- das grässlich wütende Ebolavirus, das die
nicht einmal einigen, was als Grippe galt. kriegszeit mit Gefallenen, Vermissten, von ihm Befallenen aus fast allen Körper-
Und wie lief es im Osten Deutsch- Ermordeten. öffnungen bluten lässt. Die Gefahr einer
lands? Genaue Angaben zur Zahl der Auch sonst war der Tod damals präsen- Pandemie allerdings war hier nie gegeben.
Verstorbenen fehlen, aber Experten ter als heute. Die Deutschen starben deut- Denn die Ärzte hatten zwar Mühe, die
gehen davon aus, dass beide Pandemien lich früher, bis 1965 erreichten Männer Ebola-Ausbrüche in Afrika unter Kontrol-
auch den selbst ernannten Arbeiter-und- im Durchschnitt nicht einmal das gesetz- le zu bringen. Doch gerade weil dieses
Bauern-Staat heimsuchten. Die DDR- liche Rentenalter von 65 Jahren. Virus so rasch tötet und weil es blutig über-
Spitze um SED-Chef Walter Ulbricht Tausende erkrankten seinerzeit noch tragbar ist, fällt es vergleichsweise leicht,
setzte das Thema 1969/70 auf die Tages- an Tuberkulose oder Kinderlähmung. Da die Infektionswege zu verfolgen und die
ordnung. Sie startete Infokampagnen fiel die Influenza, die stetig wiederkehrte, Verbreitung einzudämmen.
(»Huste, puste, niese nicht / andern Leu- aus Sicht vieler nicht sonderlich ins Ge- Weitaus bedrohlicher sind die Influenza-
ten ins Gesicht«), sammelte Daten an wicht, auch wenn sie als Epidemie auftrat. viren, die in einer großen Vielfalt von Va-
zentraler Stelle, forderte die Menschen Die Leute waren es gewohnt, sagt rianten auftreten. Das Spektrum reicht
zum Impfen auf. Allerdings mangelte es Historiker Thießen, »mit den Toten der von der aggressiven, in vielen Fällen töd-
an Impfstoffen. Grippe zu leben«. Klaus Wiegrefe lich verlaufenden Vogelgrippe (H5N1), der
jedoch nur vereinzelt der Sprung vom

103
Coronakrise

Federvieh auf den Menschen gelang, bis »Die klassische Seuchenabwehr besteht stehen, das durch die staatlichen Maßnah-
hin zur pandemisch sich ausbreitenden darin, Erreger zu überwachen und einzu- men verhütet wurde. Um es herauszufin-
Schweinegrippe, die 2009 rasant um die dämmen«, sagt der Düsseldorfer Medizin- den, simuliert er Schocks.
Erde lief, sich jedoch als vergleichsweise historiker Alfons Labisch. Dazu gilt es, So nennt es der Ökonom des Kieler In-
glimpflich erwies. Infizierte so früh wie möglich zu identi- stituts für Weltwirtschaft, wenn er seine
fizieren und all ihre Kontaktpersonen in makroökonomischen Computermodelle
Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist mit den Quarantäne zu nehmen. Diese Strategie abrupten Veränderungen aussetzt und
Erregern der Influenza nicht verwandt, jedoch scheiterte daran, dass sich Sars- dann studiert, wie die virtuellen Gesell-
doch ähnelt es ihnen in seinem klinischen CoV-2 oftmals bereits verbreitet hatte, ehe schaften reagieren. »Schocks gibt es in der
Erscheinungsbild. Wie die Grippe äußert die Seuchenwächter seiner habhaft wur- Wirtschaft ständig«, erklärt Felbermayr.
es sich als Erkältungskrankheit, die sich den. »Wir haben das Virus unterschätzt«, Die meisten von ihnen seien jedoch un-
zu einer schweren Lungenentzündung aus- sagt Labisch. »Es war zu schnell für uns.« spektakulär: Steuererhöhungen, Ölpreis-
wachsen kann. Und noch eine weitere Tücke von Sars- sprünge, Einfuhrzölle. Nie zuvor hat der
So mild, dass es leicht zu unterschätzen CoV-2 erschwert es den Behörden, ange- Kieler Forscher es mit so radikalen Ein-
ist, und doch virulent genug, um jedes Ge- messen zu reagieren: Das Virus verheim- brüchen zu tun gehabt wie in den vergan-
sundheitssystem ins Wanken zu bringen: licht den Forschern bis heute seine wahre genen Wochen.
Das Virus vereint in sich Eigenschaften, Zerstörungskraft. Den Ausschlag dabei Noch, sagt Felbermayr, sei es zu früh,
die wie geschaffen sind, seinen Schaden gibt nicht die Zahl der Covid-19-Toten. Die den Schaden zu beziffern, der durch
zu maximieren. Geschäftsschließungen, Reisestopps und
»Die Wirkung dieses Virus beruht auf Kontaktverbot entstanden ist: »Es wird
der fatalen Mischung von Transmissibilität
und Virulenz«, erklärt Veterinär Beer vom
Bis heute verheim- entscheidend darauf ankommen, wie lan-
ge die Maßnahmen noch fortbestehen.«
Friedrich-Loeffler-Institut. Mit anderen
Worten: Sars-CoV-2 ist wesentlich infek-
licht das Corona- Vor allem aber wisse bisher niemand, wie
schlimm ein ungehinderter Seuchenzug
tiöser als die Vogelgrippe und erheblich virus seine wahre gewesen wäre. Epidemiologen vermuten,
aggressiver als die Schweinegrippe: Das dass die Letalität von Sars-CoV-2 irgend-
ist genau die richtige Kombination, um Zerstörungskraft. wo zwischen 0,1 und 1,0 Prozent der Infi-
eine moderne Gesellschaft zu überrollen. zierten liegt. Der Unterschied zwischen
Der Effekt wird noch verstärkt, weil das beiden Werten ist gewaltig.
Coronavirus, anders als die üblichen Grip- wird wohl, verglichen mit Malaria, Aids, »Ich wage nicht vorherzusagen, wie die
pestämme, im Körper der Infizierten auf Tuberkulose oder auch einer schweren Bilanz der staatlichen Intervention am
keine passenden Antikörper trifft. Nie zu- Grippewelle, eher moderat ausfallen. Ent- Ende aussehen wird«, sagt Felbermayr.
vor hatte das menschliche Immunsystem scheidend ist vielmehr die Zahl der poten- Eine tröstliche Botschaft aber hat er so-
Kontakt mit Sars-CoV-2. »Der Erreger ist ziellen Toten: Wie viele Opfer hätte Sars- eben von Kollegen aus den USA erhalten.
auf eine immunologisch völlig naive Be- CoV-2 dahingerafft, wenn es ungehindert Diese haben untersucht, wie sich die staat-
völkerung getroffen«, sagt Beer. um die Welt hätte ziehen können? Die Ant- lichen Quarantänemaßnahmen während
Erschwerend hinzu kommt die frühe wort auf diese Schlüsselfrage ist noch im- der Spanischen Grippe von 1918 auf die
Übertragbarkeit des Virus. Sars-CoV-2 ist mer unbekannt. Wirtschaft auswirkten.
bereits zwei oder drei Tage, bevor die ers- Gabriel Felbermayr würde gern wissen, Damals raste die schwerste Grippewelle
ten Symptome auftreten, ansteckend. Das in welchem Verhältnis die Schäden, die der Geschichte um die Welt. Binnen zwei
erlaubte es ihm vielerorts, die Gesund- durch das Abwürgen der deutschen Volks- Jahren fanden 50 Millionen Menschen
heitswächter zu überholen. wirtschaft entstanden sind, zu dem Unheil weltweit den Tod, 675 000 von ihnen in
den USA. Der Osten des Landes wurde un-
vorbereitet von der Pandemie überrascht,
im Westen dagegen blieb Zeit zur Vor-
bereitung. In Los Angeles, Oakland und
Seattle wurden frühzeitig öffentliche Ver-
sammlungen verboten, Kirchen geschlos-
sen und Schüler nach Hause geschickt.
Tatsächlich lag die Sterblichkeit dort nur
halb so hoch wie in den Ostküstenstädten,
etwa in Baltimore, Boston oder Philadel-
phia. Doch, so fragten nun die Studien-
FER CAPDEPON ARROYO / PACIFIC PRESS AGENCY / IMAGO

autoren, wie hoch war der ökonomische


Preis, den die Westküstenstädte für den
Shutdown der Wirtschaft zahlen mussten?
Der Befund ist überraschend, und er
dürfte Politikern wie Angela Merkel und
Markus Söder Bestätigung verschaffen:
Zwar wurde die gesamte US-Wirtschaft
nach der großen Grippepandemie von
einer Rezession heimgesucht. Doch erhol-
ten sich ausgerechnet jene Städte am
schnellsten, in denen die Geschäfte be-
sonders lang geschlossen blieben.
Johann Grolle
Covid-19-Behelfsklinik in Madrid: »Das Virus war zu schnell für uns«

104 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


LESE
P RO
BE

Wann, wenn nicht jetzt?


Neues aus der SPIEGEL-Welt: mit SPIEGEL COACHING die Coronakrise als
Anschub für Veränderungen nutzen

LÊMRICH / SPIEGEL COACHING


A
lles ist gerade anders, oft stressig und angstbelastet – 5 . Manche Menschen kommen gut mit festen Zielen
Familienalltag, Arbeit, Freizeitgestaltung. Dass und Zeitplänen klar und nehmen gern konkrete Ratschläge
das Leben aus dem Takt geraten ist, kann aber auch an. Andere lieben offene Formen, Fragen, Reflexions-
eine Chance sein, schlechte Gewohnheiten endlich möglichkeiten. Überlegen Sie, welchem Typ Sie eher ent-
aufzubrechen. Dabei hilft das Heft SPIEGEL COACHING mit sprechen. Schreiben Sie dazu ein oder zwei Sätze auf.
psychologischem Hintergrundwissen und konkreten Trai-
ningsprogrammen. Den ersten Schritt zur Veränderung finden 6 . Zielvorstellungen können eine Hilfe sein, um Vorhaben
Sie gleich hier auf dieser Seite: Machen Sie sich klar, in wel- umzusetzen. Schauen Sie noch mal auf Ihr Ziel aus Frage 2,
chem Bereich Sie wirklich einen Neustart wollen. Mit wenigen und überlegen Sie: Wohin will ich? Was wäre ein tolles
gezielten Fragen können Sie feststellen, welche Korrekturen Ergebnis, ein Wunschbild für die Zukunft? Schreiben Sie
in Ihrem Leben anstehen und warum. dazu ein paar Sätze auf. Wichtig: Sie müssen dieses Bild
nicht erreichen. Die Vision ist eine Orientierungshilfe, die
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105
Coronakrise

»Dies ist ein Marathon«


Seuchenbekämpfung Der Epidemiologe Gabriel Leung hält eine schnelle Lockerung des Lockdowns
für unverantwortlich – und sagt einen lang andauernden Ausnahmezustand voraus.

Leung, 47, ist Dekan an der Universität tabel sein. Und: Das Testen und Verfolgen für die Menschen offenbar akzeptabel.
Hongkong und gilt als einer der führenden von Kontakten muss stark verbessert wer- Niemand findet das gut, aber alle tolerie-
Seuchenexperten Asiens. Der Mediziner den. Wer nicht gut testet und Kontakte ren es. Wenn eine Gesellschaft jedoch den
berät die WHO, die Weltbank und die verfolgt, der muss mehr tun bei der sozia- Zusammenbruch ihrer Intensivmedizin er-
chinesische Regierung. An der Niederschla- len Distanzierung. Wer viel testet und lebt wie derzeit in New York City, dann
gung des ersten Sars-Ausbruchs 2003 war prüft, der kann die Kontaktsperren etwas ist eine rote Linie überschritten. Irgendwo
er maßgeblich beteiligt. lockern. dazwischen – der akzeptierten Mortalität
SPIEGEL: Sie empfehlen den Regierungen durch Influenza und dem großen Sterben
SPIEGEL: Herr Professor Leung, der Lock- der Welt einen strukturierten Kurs durch in New York – liegt das wahre Akzeptanz-
down dezimiert das Coronavirus – aber diese Krise. Wie sieht der aus? niveau der Gesellschaft.
er ruiniert auch die Wirtschaft und peinigt Leung: Jedes Land muss sich überlegen, SPIEGEL: Wie können wir die Pandemie
die Psyche der Menschen. Wie lange kann wie viele Fälle es sich leisten kann, und niederknüppeln?
eine Gesellschaft das durchhalten? seine Maßnahmen dementsprechend an- Leung: Wenn Sie einen so großen Aus-
Leung: Dies ist ein Marathon, kein Sprint. passen. Entscheidend dafür ist die Zahl bruch haben wie jetzt in Europa, dann
Ich glaube, wir werden für lange Zeit in
einem Tauziehen mit drei Gegnern sein –
hier geht es um Gesundheit einerseits, um
den Erhalt der wirtschaftlichen Leistungs-
kraft andererseits und um die soziale Ak-
zeptanz der notwendigen Maßnahmen.
SPIEGEL: Wie lange wird das Tauziehen
dauern?
Leung: So lange, bis mindestens die Hälfte
der Menschheit immun gegen das Virus
ist. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, Immu-
nität zu erreichen: entweder durch Infek-
tion und Genesung oder über eine Imp-
fung. Aber es dürften neun Monate, eher
anderthalb Jahre vergehen, bis ein sicherer,
wirksamer Impfstoff weithin verfügbar ist.
SPIEGEL: Können wir die Pandemie bis
dahin auf intelligente Weise handhaben
und so den Kollateralschaden verringern?

ISAAC LAWRENCE / AFP


Leung: Ich denke schon. Das oberste Ziel
muss aber immer sein, dass ein Land
sein Gesundheitssystem nicht überfordert.
Wenn dieses zusammenbricht, dann ster- Mediziner Leung
ben sehr, sehr viele Menschen völlig un-
nötig. Deswegen müssen wir den Aus-
bruch von Sars-CoV-2 so managen und der Beatmungsplätze auf den Intensiv- müssen Sie den Vorschlaghammer einset-
bekämpfen, dass die Zahl derer, die eine stationen und die Zahl der Ärzte und Pfle- zen. Dabei geht es vor allem darum, das
Intensivstation oder ein Beatmungsgerät ger. Aber das ist es nicht allein. Es geht sogenannte Rt, also die aktuelle Reproduk-
brauchen, immer dem entspricht, was ein auch um die Frage: Wie viele Infizierte, tionszahl, zu senken. Diese gibt an, an wie
Gesundheitssystem leisten kann. Schwerkranke, Beatmete und Tote ist die viele Menschen ein Infizierter das Virus
SPIEGEL: Können wir das Virus ausrotten? Gesellschaft bereit hinzunehmen? gerade weitergibt. Das Rt muss sehr weit
Leung: Nein. Die Strategie der Eindäm- SPIEGEL: Wie entscheiden wir das? unter 1 sinken, ehe die Zahl der Kranken
mung ist überall in der Welt gescheitert. Leung: Die Bevölkerung wird sich dazu auf ein akzeptables Niveau sinkt.
Was wir brauchen, das ist Niederschla- äußern, sie wird den Politikern mitteilen, SPIEGEL: Wie niedrig genau?
gung – oder realistischer: Wir brauchen wo ihre Toleranzgrenzen liegen. Diese Leung: Ein Rt von 1 bedeutet nichts ande-
viele Zyklen von Niederschlagung, auf die werden unterschiedlich sein von Land zu res als die Fortsetzung des Status quo. Je-
jeweils eine Phase der Lockerung der Maß- Land. Es gibt Staaten, die – aus welchen der, der gesundet oder stirbt, wird ersetzt
nahmen folgt, um die Wirtschaft und das Gründen auch immer – einen negativen durch einen neuen Erkrankungsfall. Wenn
soziale Leben wieder zu stärken. Verlauf weniger gut verkraften als andere. Sie in Ihrer Stadt 1000 neue Fälle am Tag
SPIEGEL: Ist ein solcher Jo-Jo-Lockdown SPIEGEL: Warum sollten wir großes Un- haben bei einem Rt von 1, dann haben Sie
realistisch? glück hinnehmen? 1000 neue Fälle bis in alle Ewigkeit. Es ist
Leung: Ja, wir können den Lockdown mil- Leung: Die Influenza tötet in Europa jedes darum entscheidend, dieses Rt über lange
dern – aber nur dann, wenn zwei Voraus- Jahr Tausende, sogar Zehntausende Men- Zeit so weit abzusenken, bis Sie täglich
setzungen erfüllt sind: Die Anzahl der täg- schen. Aber gibt es deswegen Ausschrei- nur noch 10 oder 20 neue Fälle haben, da-
lich neu erkrankten Patienten muss akzep- tungen? Dieses Niveau an Mortalität ist mit kann Ihr Gesundheitssystem umgehen.

106
Erst von da an können Sie sich wieder ein Leung: Wenn die Dynamik der Epidemie gen von körperlicher Distanzierung – von
Rt von 1 leisten. das erfordert – dann ja. In Frankfurt und Schulschließungen bis hin zur Ausgangs-
SPIEGEL: In Deutschland beträgt die ge- München könnten unterschiedliche Rege- sperre für die gesamte Bevölkerung. Die
schätzte Reproduktionszahl nach Anga- lungen gelten, weil der Verlauf der Epide- Hoffnung ist nun die, dass wir in Wuhan
ben des Robert Koch-Instituts derzeit rund mie eben andere Maßnahmen nötig macht. neue Infektionsketten so früh erkennen
1,0. Die Politik arbeitet jetzt an einer Lo- SPIEGEL: Gibt es dann ein Gerechtigkeits- werden, dass wir sie unterbrechen können.
ckerung der Maßnahmen. Ist das gerecht- problem? In der einen Stadt dürfen die Damit könnten wir einen neuen komplet-
fertigt? Menschen freier leben als in der anderen. ten Lockdown vermeiden.
Leung: Zumindest wenn die Zahl größer Leung: Nein. Es geht darum, gezielte und SPIEGEL: Weshalb kommt Hongkong so
ist als 1, ist es meiner Meinung nach un- wirksame Maßnahmen zu ergreifen an ver- gut durch die Krise? Sie haben kaum mehr
verantwortlich, auch nur über die gerings- schiedenen Orten und zu verschiedenen als tausend Fälle von Covid-19 und –
te Form der Lockerung zu spekulieren. Zeitpunkten dieser Pandemie. Die Gerech- Stand Donnerstag – nur vier Tote.
SPIEGEL: Wie können Behörden sich ein tigkeit besteht darin, überall möglichst vie- Leung: Ich möchte das Schicksal nicht he-
realistisches Bild der tatsächlichen Virus- le Menschenleben zu retten. rausfordern. Ich bleibe sehr, sehr wachsam
ausbreitung machen? SPIEGEL: Es gibt Hinweise darauf, dass ins- und besorgt über unsere Epidemie hier.
Leung: Sie haben in Deutschland hervor- besondere junge Erwachsene in Deutsch- Bisher sieht es aber wirklich so aus, als
ragende Epidemiologen. Ich habe über- land gegen die gebotene Kontaktsperre hätten wir sie unter Kontrolle.
haupt keinen Zweifel daran, dass sie das verstoßen. Ist das vielleicht sogar von Vor- SPIEGEL: Waren Sie besser vorbereitet als
Rt bestens einschätzen können. Der Hemm- teil, weil dieser Teil der Bevölkerung dann der Rest der Welt, weil Sie 2003 mit Sars-
schuh ist ein anderer. Um das tatsächliche umso schneller Immunität aufbaut? CoV-1 konfrontiert waren?
Rt genau zu erheben, brauchen Sie auch Leung: Nein, im Gegenteil, das sollte Sie Leung: Absolut. Das war ein Großereignis,
Daten über die aktuelle soziale Durch- beunruhigen, weil Sie ja doch noch in das sich tief in die Psyche der Bevölkerung
von Hongkong eingebrannt hat. Dies wird
sich nun im Rest der Welt fortsetzen.
Balanceakt Wenn diese Notsituation ausgestanden
Auswirkungen verschiedener Strategien zur Eindämmung der Pandemie ist, wird eine neue Ära des weltweiten In-
fektionsschutzes und der öffentlichen
Vorlage: Tomas Pueyo Gesundheitspflege beginnen.
keine geringfügige
Maßnahmen Maßnahmen SPIEGEL: Werden wir in Zukunft noch
am Händeschütteln festhalten?
Leung: Ich denke, ja. Das wird wieder-
kommen.
SPIEGEL: Sie waren an der Niederschla-
neue Covid-19-Fälle

gung von Sars 2003 sowie der Schweine-


grippe 2009 beteiligt, gefolgt von der Vo-
gelgrippe 2013. Was haben Sie daraus ge-
lernt, was jetzt dienlich sein kann?
Der Hammer Der Tanz Leung: Jede Epidemie ist anders. Aber
anfänglich restriktive Lockerungen der Maßnahmen
Maßnahmen, zur Wiederherstellung der
eine Lehre, die ich daraus ziehe, ist die:
ausgeprägte soziale Normalität, wenn nötig im Als Forscher müssen wir uns in Demut
Distanzierung und Wechsel mit Verschärfungen der üben angesichts der Natur.
Belastung der Wirtschaft Sicherheitsregeln SPIEGEL: Was empfehlen Sie Wissenschaft-
lern, die sich jetzt unter hoher Anspannung
auf die Suche nach Gegenmaßnahmen, Me-
Beginn der 3 bis 7 fortlaufend dikamenten und Impfstoffen machen?
kritischen Phase Wochen Leung: Wir müssen gefasst sein, erheb-
lichen externen Druck auszuhalten.
mischung, also beispielsweise anonymisier- der Wachstumsphase der Epidemie sind. SPIEGEL: Wie sieht der aus?
te Bewegungsdaten von Handys. Tech- Wenn Sie die Last von Morbidität und Leung: In Pandemien geht es nicht nur um
nisch ist das nicht weiter problematisch, Mortalität mindern wollen, dann ist es von Wissenschaft. Es geht ebenso um Politik.
aber Sie müssen dann die Behörden dazu größter Bedeutung, dass die Grundsätze Als Experten müssen wir Politikern ehrli-
bringen, diese Rt-Daten auch zu nutzen der körperlichen Distanzierung von allen che, unvoreingenommene, robuste Emp-
und auf ihrer Grundlage zu entscheiden. Mitgliedern der Gesellschaft akzeptiert fehlungen liefern. Politiker müssen auch
Ich denke, daran hapert es in vielen Län- werden, den Jungen wie den Alten. weitere Aspekte in ihren Erwägungen be-
dern. Diese Zahl ist viel wichtiger als die SPIEGEL: Unsere Zukunft sieht also so aus: rücksichtigen, es geht ihnen nicht nur um
der täglich verkündeten Fallzahlen. Phasen der harten Einschränkungen fol- Medizin oder Gesundheit. Für mich per-
SPIEGEL: Weshalb? gen auf Perioden der Lockerung? sönlich und für viele meiner Kollegen ist
Leung: Die täglichen Fallzahlen zeigen we- Leung: Bis ein Impfmittel kommt, ist das, das ein schwieriges Spannungsfeld.
gen der Inkubationszeit und der Zeit bis so fürchte ich, der neue Normalzustand. SPIEGEL: Es gibt nur einen guten Weg aus
zur Testung nur an, wie weit die Epidemie SPIEGEL: Die Stadt Wuhan hat gerade den der Krise, nämlich die Impfung. Können
in der nahen Vergangenheit vorangekom- Lockdown beendet. Die Menschen gehen wir sicher sein, dass eine Vakzine gefun-
men ist, aber nicht, was im Hier und Jetzt wieder raus, Restaurants und Läden öff- den wird?
passiert. Für die Zukunft sind diese Zahlen nen. Wird der nächste Lockdown auch Leung: Es sind weltweit mehr als hundert
kaum aussagefähig. dort unausweichlich sein? Projekte am Start. Wir können hoffnungs-
SPIEGEL: Können sich die Rt-Werte und Leung: Nein. Der totale Lockdown ist nur voll sein – aber nicht sicher.
damit die nötigen Pandemiemaßnahmen notwendig, wenn eine Epidemie völlig aus Interview: Marco Evers
von Ort zu Ort unterscheiden? dem Ruder läuft. Es gibt viele Abstufun-

DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020 107


Wissen

das Verhalten von Ursula. Wie einige ihrer

Wilde Zeiten Artgenossen auf der britischen Insel Süd-


georgien trug das Pinguinweibchen einen
Sender auf dem Rücken. »Tagsüber schloss
Biologie Auch jugendliche Tiere sind leichtsinnig, ruhelos sie sich mit anderen Heranwachsenden zu
schnatternden Pinguingangs zusammen«, so
und unsicher – Forscher entdecken an ihnen die Forscherinnen. Abends jedoch sei sie zu-
pubertäres Verhalten wie bei heranwachsenden Menschen. rückgekehrt »in die sichere Gesellschaft von
Mama, Papa und dem Rest der Kolonie«.
Eines Tages aber stürzten sich Ursula

I n diesen Wochen erlebt Barbara Nat-


terson-Horowitz eine unverhoffte Be-
stätigung ihrer Feldstudien. Die Me-
dizinerin und Evolutionsbiologin lehrt
den Frauen in einem Buch zusammen-
gefasst*. »Wenn ich es früher geschrieben
hätte«, sagt Natterson-Horowitz, »hätte
ich meine eigenen Kinder vielleicht besser
und ihre Gang in die See vor ihrer Heimat-
insel, sie brachen auf in eine Welt voller
Gefahren (im Fall der Pinguine vor allem
Seeleoparden).
abwechselnd an der Harvard University verstanden.« Die Frage nach der tierischen Adoles-
und an der University of California in Los Dass auch Tiere so etwas wie pubertäres zenz ließ die Forscherinnen nicht mehr los.
Angeles. Derzeit aber sitzt sie pandemie- Verhalten zeigen, fiel den Forscherinnen Sie reisten um die Welt, um junge Wölfe,
bedingt in ihrem Haus in Kalifornien fest – erstmals auf, als sie bei San Francisco eine Bisons und Pandabären zu beobachten.
und mit in Isolation befinden sich ihr Sohn Gruppe von Seeottern beobachteten. Dort Das Erwachsenwerden, erfuhren sie, kann
und ihre Tochter, 21 und 23 Jahre alt. im Pazifik liegt das sogenannte Dreieck ein paar Tage dauern wie bei der Taufliege,
»Die Kinder waren schon vor einer Wei- des Todes, ein Küstenbereich voller Wei- deren Leben wenige Monate währt, oder
le ausgezogen«, berichtet die Wissenschaft- ßer Haie. Wider jede Vernunft paddeln unfassbare 50 Jahre wie beim Grönlandhai.
lerin via Skype aus ihrer Küche, »es ist manche Otter immer wieder hinaus in die Er kann sich die Zeit nehmen – einige Exem-
toll, sie mal wieder hier zu haben.« Mutter Gefahrenzone. plare werden mindestens 400 Jahre alt.
Natterson-Horowitz beobachtet an ihnen »Die Irren, die rausschwimmen«, so die Für viele Arten ist das Todesrisiko wäh-
ein Phänomen, das auch in der Natur vor- Autorinnen, »sind die Heranwachsenden.« rend der Adoleszenz höher als in den meis-
kommt, womöglich sogar öfter als bisher Einige kostet das das Leben; die meisten ten anderen Lebensabschnitten. Was für
angenommen: »Wenn die Welt draußen aber »tauchen wieder auf, mit hart er- Kaliforniens Seeotter gilt, trifft auch auf
zu gefährlich ist, verlängern viele Tiere die kämpfter Erfahrung«. die Thomsongazellen in Ostafrika zu. Sind
Dauer der elterlichen Fürsorge.« Junge Königspinguine wiederum verlas- Löwen oder Geparden in der Nähe, ver-
Natterson-Horowitz weiß, wovon sie sen ihre Familien gleichzeitig und scharen- halten sich vor allem die halbwüchsigen
spricht. Mehrere Jahre lang hat sie gemein- weise. Die Abwanderung kündigt sich Mitglieder der Herde übermütig. Sie tän-
sam mit der Wissenschaftsjournalistin durch die sogenannte Zugunruhe an, eine zeln den Fressfeinden in den Weg, manch-
Kathryn Bowers ergründet, wann junge hektische Nervosität, die von den Heran- mal verfolgen sie sie sogar.
Vögel und Säugetiere, Fische und Insekten wachsenden einer Kolonie Besitz ergreift, Wenig überraschend: Pubertierende
ihre Eltern verlassen und, vor allem, wie kurz bevor sie ihre Elterntiere verlassen. Gazellen haben ein mehr als zehnmal so
sie sich mühsam vorbereiten müssen auf »Die Unruhe packte sie, und sie begann, hohes Risiko, von einem Geparden ver-
den Aufbruch in die Eigenständigkeit. sich immer weiter von ihren Eltern zu ent- speist zu werden, wie erwachsene Artge-
Gibt es universelle Lehren aus dieser fernen« – so beschreiben die Autorinnen nossen. Ähnlich wie bei Seeottern dient
Phase des Heranwachsens, lassen sich da- der jugendliche Leichtsinn vermutlich dem
raus gar Schlüsse für einen entspannteren * Barbara Natterson-Horowitz, Kathryn Bowers: »Junge
Sammeln von Erfahrung.
Umgang mit pubertierenden Jugendlichen Wilde. Was uns der Blick in die Tierwelt über das Halbwegs unversehrt durchs Leben
ziehen? Ihre Erkenntnisse haben die bei- Erwachsenwerden lehrt«. Penguin; 424 Seiten; 22 Euro. kommt eben nur, wer um Gefahren weiß.
Außerdem muss die eigene Stellung inner-
halb einer Gruppe gefunden und gefestigt
werden. Auch Selbstständigkeit und Nah-
rungsbeschaffung müssen geübt werden.
Und dann ist da noch die Sache mit dem
Sex. »Längst nicht alle Tiere paaren sich
mit Artgenossen, sobald sie in der Lage
sind, Nachwuchs zu zeugen«, erklärt Nat-
terson-Horowitz. Mitunter liegt viel Zeit
zwischen Geschlechtsreife und Fortpflan-
zung – manche adoleszente Albatrosse
trainieren ihre ausgefeilten Balztänze bis
zu vier Jahre lang.
»Alle Tiere«, so ihr Fazit, »brauchen
Zeit, Erfahrung, Übung und Niederlagen,
um zu Erwachsenen zu werden.« Der
DAVID MERRON / HGM-PRESS

Mensch bilde da keine Ausnahme. »Unse-


re Kinder müssen sich komisch benehmen,
wenn sie erwachsen werden«, so Natterson-
Horowitz, »es ist eine Phase, die seit Mil-
lionen Jahren und bei den meisten Lebe-
wesen vorkommt.« Dummerweise ist diese
Phase nur recht gefährlich. Julia Koch
Junge Königspinguine auf Südgeorgien: Schnatternde Gangs

108 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Kultur

RALF KÖNIG
König-Zeichnungen

Lachen unterm auf seiner Facebook-Seite seit einigen Wochen fast täglich wun-
derbar witzige neue Abenteuer aus seiner bewährten Reihe
»Konrad und Paul« – und bekommt dafür begeisterte Reaktio-
Mundschutz nen. »Eigentlich hatte ich schon den Stift in der Hand, weil ich
an einem neuen, 200 oder 300 Seiten langen Buch arbeiten woll-
Comics Der Zeichner Ralf König lässt sich von der te«, berichtet der Künstler, »dann kam der Shutdown, und plötz-
Krise inspirieren. lich fand ich wie die meisten Menschen ganz andere Dinge inte-
ressant.« Die mit mächtigen Nasen ausgestatteten Protagonisten
 Ist es in der Zeit der gesundheitlichen Bedrohung und der in Königs aktuellen Kurz-Episoden zur Coronakrise plagen sich
sozialen Distanzierungsgebote moralisch okay, dass sich erwach- amüsant mit Verwahrlosungsproblemen im Homeoffice und
sene Männer Hals über Kopf in den äußerst attraktiven örtlichen hormonellen Regungen zwischen Supermarktregalen. »Für mich
Supermarktfilialleiter verknallen? Was bringt es, wenn sich ist die Reihe ein Experiment, das mich selbst gut beschäftigt, um
Frauen und Männer beim Sonnenbad auf einem Kölner Balkon durch diese Tage zu kommen«, sagt König. Im Herbst sollen die
in diesen Frühlingstagen Gedanken über den Willen des lieben neuen »Konrad und Paul«-Comics im Rowohlt-Verlag als Buch
Gotts machen? Der Comiczeichner Ralf König präsentiert erscheinen. HÖB

Literatur Germanist Helmut Böttiger Herkunft jüdisch; seine Eltern mit der Huldigung eines ver-
den Fall Celan als ein ekla- wurden im Holocaust ermor- meintlich hohen, über den
Geschichte vieler tantes Beispiel dafür, »wie det. Er lebte in Wien, in Paris, grausamen Fakten schweben-
Missverständnisse sehr sich die öffentliche Vor- wurde geschmäht, verehrt, den Tons sich Schuld und
stellung einer Person von verleumdet. Böttiger zeichnet Verantwortung zu entziehen.
 Der Dichter Paul Celan ist ihrer realen Biografie lösen akribisch, zugleich so knapp »Celans Zerrissenheit« (Ga-
»ein Fall« – persönlich drama- kann«. Der Autor der »Todes- wie luzide nach, wie Celan liani Berlin) ist ein brillanter
tisch, historisch trostlos und fuge« – zeitweise das be- im Nachkriegsdeutschland Essay über Deutschland
kulturpolitisch brisant. Vor kannteste Gedicht in deut- nach Anerkennung und Ver- und seine Dichter, auch eine
50 Jahren, am 20. April 1970, scher Sprache – kam 1920 bindungen suchte und auf beunruhigende Studie über
beendete er sein Leben, im damals rumänischen Czer- paradoxe Art scheiterte. Und Projektion als alltäglichen
indem er in die Pariser Seine nowitz zur Welt. Seine Mut- wie sein Werk genutzt und Betriebsunfall in der Literatur-
ging. Nun beschreibt der tersprache war Deutsch, seine missverstanden wurde, um geschichte. ES

110 DER SPIEGEL Nr. 17 / 18. 4. 2020


Dichter und kostet viel Zeit und Geld,
die Küchen und die Labore
Ballade vom Staub staubfrei zu machen, denn allzu wenig
hilft es, zu kehren, zu wedeln.
 Als ein Witzbold auf Twitter ihn An- Kein Besen, kein Tuch, kein Pinsel
fang des Monats für tot erklärt hatte und und keine Maske kann verhindern,
die »Neue Zürcher Zeitung« daraufhin daß der Staub wiederkehrt.
blitzschnell ihren großen Nachruf online Er war immer unbesiegbar.
stellte, da hat der alte, große Dichter
Hans Magnus Enzensberger, 90, wohl Im Sonnenlicht glaubt man zunächst,
kurz gelacht, sich gefreut, dass er am daß diese Millionen von winzigen Tänzern
Leben ist und dass seine eigene Staub- einander gleichen. Aber das stimmt nicht.
werdung auf unabsehbare Zeit verschoben
wurde. Als der SPIEGEL ihn fragte, was Manche Staubkörner sind größer,
er so denke über seine vorzeitige Ver- länglicher oder weniger kugelförmig
abschiedung aus dem Leben, hat er diese und scheinen besonders bizarr zu sein.

ELIAS HASSOS / DER SPIEGEL


Ballade geschrieben und an die Redak-
tion geschickt. Über uns alle, den feinen Wenn man sie nur festhalten,
Schmutz, der wir sind. Für eine kurze wie Schmetterlinge fixieren
Zeitspanne in Menschenform verwandelt. und unters Mikroskop legen könnte!
Möge der Staubdompteur aus München Aber das ist unmöglich. Warum
noch viele Jahre leben und dichten. VW nennt man sie eigentlich Körner?
Ach, sie sind so flüchtig und schweben Enzensberger 2014
Was ist es denn, was da staubt? so leicht! Nicht wie die Früchte des Getreides,
Es ist ein feiner Schmutz. dick wie die Nüsse der Hasel oder der Palme. Es war der Arzt und Botaniker Mr. Brown
Ohne Luft geht es nicht. Ohne Luft aus Schottland, der entdeckt hat,
kann es nicht stauben. Im Psalm Gewiß gibt es ganz bestimmt Staubforscher, daß es solche kleinsten Teilchen gab,
heißt es Pulvis et umbra sumus, die ihr ganzes Leben lang damit zubringen, die ruckartige Zitterbewegungen machten
wir sollen, wenn es Zeit ist, die Bewegung, den Tanz und den Taumel und zufällig die eine oder andere Richtung
zu Staub und Asche werden, dieser Erscheinungen zu beobachten einschlugen. Das Ganze hängt von der
und zur Erde zurückkehren. und versuchen, sie zu erklären. Entwicklung
Wie ihre Wissenschaft heißt, der Wärme, also von der Thermodynamik ab.
Es ist möglich, jeden Staubflocken das wüßte ich nicht zu sagen, Aber von der haben Putz- und Hausfrauen
abzupflücken und zu verscheuchen. weil ich ein Laie bin. Vielleicht sind sie oder Leute wie ich keine Ahnung.
Man kehrt, man putzt, man wischt, Pulvisologen, obschon das Wort pulvis
schüttelt ihn aus, siebt und saugt. eigentlich besser zum Schießpulver Ich staune, bewundere und ärgere mich,
Aber es ist mühsam, anstrengend als zum Schweben des Staubes paßt. wie alle anderen Menschen, über den Staub.

Museen te eine Benefizgala 2019 drei private Geldgeber, so Biesen- der Pandemie gelten, verstär-
Verunsicherte Millionen Dollar ein, die
nächste Veranstaltung dieser
bach, legten sich mit gewissen
Summen für Jahre fest, be-
ke bei vielen im Land das