Sie sind auf Seite 1von 2

44 Kultur NZZ am Sonntag 24.

Mai 2020

In einer Stadt ohne Natur lebt es sich


nicht gut: Ein neu bepflanzter Innenhof
an der Hohlstrasse Zürich wird vom

Asphalt-
Parkplatz zum Lebensraum.

W
enn die Nächte milder
werden, wächst der
Wunsch, das Sommer-
erwachen durch das
offene Fenster zu ver-
nehmen und es zu
atmen. Glück hat, in wessen Hof ein grosser,
alter Baum lebt, ein richtiger, der Schatten

Dschungel
wirft, die Jahreszeiten und Windstärken
anzeigt, blüht und Früchte trägt.
Stehen anstelle des Baums aber Autos
unter dem Schlafzimmerfenster, dann bleibt
dieses auch in Tropennächten besser zu,
denn Parkiergeräusche und Abgas verderben
den Schlafenden die Ankunft im neuen Tag.
Wer Kinder hat, eine Katze, oder wer bei
einem Feierabendbier mit seinen Nachbarn
ins Gespräch kommen möchte, statt abge-
hoben auf dem Balkon zu stehen, wer im
Vorübergehen mit der Nachbarin eine kleine
Freundlichkeit austauschen möchte, der
braucht einen menschenwürdigen Hof.
Bis in die siebziger Jahre werden Wohn-
zimmer und Balkone zur Strassenseite hin Zu viele Höfe dienen als Parkplatz, grosse Bäume fehlen.
gebaut, man ist neugierig, wer sich dort
zeigen würde, und zeigt sich selbst von der Das muss sich ändern, wenn die Hitzesommer in Städten
besten Seite. Als der Verkehr allmählich von
der Attraktion zur Plage wird, zwingt dies die
Architekten zur Umorientierung des Wohn-
erträglich bleiben sollen. Von Andreas Diethelm
und Schlafbereichs gegen den Hof, der meist
einen kleinen Handwerksbetrieb beherbergt,
und wo Teppiche geklopft werden und
Wäsche trocknet. Gleichzeitig beginnt der Lückenfüller zu pflanzen. Leider lässt sich sentlich verbessern. Der Mythos des Hoch-
automobile Verkehr sich auch in die Höfe aus der im Februar verabschiedeten Strategie
Zürich kämpft gegen Sommerhitze hauses als bauliches Verdichtungs-Tool ist
hineinzufressen. In der Schweiz wurden in Baukultur für Bauten des Bundes keine kon- längst widerlegt.
Geschäftshäusern in den dreissiger Jahren
die ersten Tiefgaragen gebaut, seit den Fünf-
krete Massnahme in dieser Richtung heraus-
lesen. Der bundesrätliche Aktionsplan zur Aktionsplan vorgestellt Ein Meer aus Stein
zigern liess man auch in Wohnsiedlungen die Anpassung an den Klimawandel (2014) sieht «Les matériaux de l’urbanisme sont le soleil,
Autos im Boden verschwinden, erkauft mit für die Städte neue Pärke und Alleen vor, die l’espace, les arbres, l’acier et le ciment armé,
viel Hoffläche für die Rampe, den offenen Erhaltung und Aufwertung von bestehenden Spätestens der Hitzesommer durch Brunnen, Wasserflächen dans cet ordre et dans cette hiérarchie»,
Schlund in die Unterwelt. Grünräumen, die Vermeidung von zusätz- 2018 hat deutlich gemacht, wie und die Begrünung mit Bäumen stellte Le Corbusier 1933 am Internationalen
lichen Bodenversiegelungen. Aber davon ist sehr die Kernstädte unter dem oder Fassadenbewuchs, aber Kongress der modernen Architektur in Athen
Eine Stadt braucht Bäume in Zürich, der grössten Stadt des Landes, die Klimawandel leiden. Die Stadt auch durch neue, helle Strassen- klar. Diese unmittelbar einleuchtende Hier-
Viele dieser oberflächlich autofreien Höfe sich gerne als Impulsgeberin darstellt, noch Zürich geht gegen die Über- beläge und Fassaden um bis zu archie haben die heutigen Siedlungsgestalter
sind gerade im Sommer wenig einladend. Es nichts zu bemerken, im Gegenteil. So wird hitzung mit einem Aktionsplan zehn Prozent gekühlt werden. vielerorts gründlich durcheinandergebracht.
fehlt der Baum. Aber wo sollten seine Wur- den Medien die Aufgabe erhalten bleiben, vor, dessen Massnahmen der Und schliesslich soll die ganze Man braucht Corbusier wirklich nicht in
zeln Halt und Wasser finden, wenn unter alljährlich die sommerliche Wärmeinsel Stadtrat vor kurzem vorgestellt Stadt, etwa durch einen Ausbau allem zu folgen, in Athen aber sprach – sech-
dem Rasen kein Boden ist, sondern nur das Stadt rituell zu beklagen und über neue Stu- hat. Sie betreffen drei Bereiche. und die bessere Verbindung der zig Jahre vor der Entdeckung der Stadt als
Dach der Autoeinstellhalle? Darauf stehen dien zu berichten, die das Übel akademisch Zum einen soll das natürliche Grünräume, kühler werden. Reservat für Biodiversität und siebzig Jahre
dann kümmerliche Legföhren, Birken oder bestätigen. Kaltluftsystem nicht weiterhin In Hotspots wie Zürich-West vor dem grossen Staunen über die «Wärme-
exotische Liliputbäumchen, auf die sich Neuerdings wird gar der Blockrandwohn- durch quer zu den Hängen ste- wurde bereits mit Massnahmen insel» – ein Visionär.
gerade mal eine Katze wagt. Sie laden kein bau vom Zürcher Hochbaudepartement-Chef hende Bauten gestört werden, wie der Entsiegelung von In Zürich hingegen, um ein gegenwärtiges
Kind zum Kräftemessen mit der Schwerkraft verunglimpft. Das ist ein Bückling vor Hoch- so dass nachts vertikale kühle Flächen oder dem Test heller Beispiel misslungener Stadtentwicklung zu
ein, und ihr Halbschatten kühlt auch nicht. hausinvestitions- und -bauwilligen, und Luft von den Hügeln in die Stadt Beläge begonnen. Angespro- nennen, sind Spekulanten, ihre behördlichen
Zwar werden heute da und dort auch stand- bescheinigt dieser Protzarchitektur wider strömen kann. Bei der Erneue- chen ist zunächst einmal die Wasserträger und Facility-Manager am Werk,
ortgerecht Wildstauden und -sträucher ange- jede Evidenz einen segensreichen Einfluss rung des Schulhauses Borrweg Stadt selbst, aber auch die Pri- die es gerne maschinengängig, also total-
pflanzt oder eine Blumenwiese geduldet, auf die Kühlung der Stadt – die laufende wurde das bereits berücksich- vaten sollen in die Planungen versiegelt haben. Man könnte diese «Wärme-
seltener findet man, wie früher, an einer Revision der Hochhausrichtlinien wirft ihre tigt. Sodann sollen Hitzeinseln einbezogen werden. (gm.) insel» Euphemia nennen, weil sie gar keine
sonnigen Stelle ein Gemüsebeet. Aber die Schatten voraus. Der Magistrat ignoriert Insel ist, sondern in Wirklichkeit ein Binnen-
bedeutendsten Garanten der Aussenraum- dabei, dass die (Kapital-)Flucht in die Verti- meer aus Stein und Asphalt, das sich zwi-
qualität und eines angenehmen Lokalklimas, kale keinen Nachhaltigkeitskriterien genügt. schen Genf und Rorschach ausbreitet.
ausgewachsene Bäume, werden durch fort- Das Luftzirkulationsargument ist nicht Gefährlicher als in peripheren Wohnsied-
schreitende Unterbauung aus den Zwischen- mehr als heisse Luft. Ein Augenschein im lungen ist das Leben in zentrumsnahen
räumen ausgesperrt. Zurück bleibt soge- Aussenraum von Hochhäusern zeigt den Altliegenschaften. In sieben von zehn dieser
nanntes Abstandsgrün. Betrug: Er ist in aller Regel verlorener, versie- Höfe kann kein Kind spielen. Die jüngere
Eine integrale Baukultur würde Bäume gelter, unwirtlicher Raum. Der geschlossene Geschichte dieser Höfe ist die Geschichte
einschliessen. Aber diese sind von Anfang an oder offene Hof samt den Dächern dagegen ihres Wandels vom Werkplatz zum Parkplatz.
einzuplanen, nicht erst nachträglich als kann, richtig begrünt, das Lokalklima we- Je länger man hinschaut auf diese zweckent-
45

Den Vögeln
FOTOS: ANDREAS DIETHELM

sind wir
ziemlich egal
Wie gehen wir mit der Erde
um? Welche Zukunft schaffen
wir mit unserem Verhalten?
Eine Ausstellung in Zürich
sucht nach Antworten.

Corona-Pandemie, Umweltzerstörung, Tsu-


namis, Wirbelstürme – ganz gleich, was in
den letzten Jahren mediale Aufmerksamkeit
gefunden hat, stets hat es auch deutlich
gemacht: Mit unserem Verhältnis zur Natur
ist es nicht wirklich gut bestellt. Es herrscht
Endzeitatmosphäre, die der Konsumalltag
verdeckt hat, bis er während des Shutdown
zum Stillstand kam. Die Natur zeigt sich
einmal wieder von ihrer unberechenbaren
Seite. Dabei haben wir nichts lieber als
Berechenbarkeit. Nicht von ungefähr hängen
wir an den Lippen von Virologen, die wenigs-
tens eine Restphantasie von Logik und Nach-
vollziehbarkeit vermitteln können.
Wenn unser Unbehagen durch rationale
Verfahren nicht zu beruhigen ist, erhält die
Kunst eine Chance. Als hätte sie es geahnt,
hat Heike Munder, die Chefin des Migros-
Museums, eine Doppelausstellung ange-
setzt, deren erster Teil eine Woche vor dem
Shutdown öffnete und unseren Umgang mit
Natur zum Thema hat. «Planetary Memories»
heisst der Start des Projekts «Potential
Worlds», und er versammelt 16 Künstlerin-
nen und Künstler rund um den Globus, die
fremdeten Aussenräume, desto mehr wun- Ein ungeschliffenes Juwel unter den bald ernsthaft, bald spielerisch gegenwärtige
dert man sich: Für Freilandeier sind viele sanierten Höfen ist der Klingenhof im einsti-
Andreas Diethelm Probleme aufgreifen.
bereit, einen Aufpreis zu zahlen, aus gutem gen Industriequartier hinter dem Zürcher Missstände gibt es genug. Man denke nur
Grund. Aber die gleichen Leute nehmen es
hin, dass der Auslauf im Freien, den sie den
Hauptbahnhof. Die Stadt beschloss 1976, die
beiden Gewerbebauten abzubrechen, die
Singend die Höfe zurückerobern an die industrielle Landwirtschaft, die in den
USA riesige Flächen in Monokulturen ver-
Hühnern gönnen, ihnen selber verwehrt ist. einst einen Grossteil des Hofraums einnah- öden lässt. Der belgische Künstler Mishka
In Zeiten von eingeschränkter Bewegungs- men. Damit wollte man Luft und Licht an die Andreas Diethelm ist Biologe, Umweltberater Henner hat Satellitenfotos von Mastanlagen
freiheit, wie wir sie im Moment erleben, ist rückseitigen Fassaden lassen. Den Ideen- und Kulturvermittler. 2006 gründete er die vom Internet geladen und mit Farben in abs-
dieser Missstand leicht erkennbar, er besteht wettbewerb gewann der Architekt René Hau- Nachbarschaftsinitiative Hof-Gesang: Alle trakte Strukturen verändert, die aussehen,
aber schon seit fünfzig Jahren. bensak mit dem Vorschlag, die Gebäude zwei Jahre im Frühsommer verlassen 60 bis als wäre die Erde ein riesiger elektrischer
Wie konnte es zu dieser Fehlentwicklung nicht restlos verschwinden zu lassen, son- 80 Chöre die Konzertsäle, Schulstuben und Bausatz, den man verdrahten kann wie
in unseren Städten kommen? Die Zunahme dern Rudimente als Brücke in die Zeit der Kirchen, um unter Balkonen und Küchen- Spielzeug für kleine Jungs. Oder das Erdöl.
der Autodichte und der Niedergang der früheren Nutzung stehen zu lassen. fenstern zu singen. Gesangsformationen aller An ihm arbeiten sich viele Beiträge ab. Die
handwerklichen Kleinbetriebe eröffnete den Heute, wo Zürich dabei ist, den öffent- Sparten, Traditionen und Kulturen lassen Schweizerin Ursula Biemann schneidet Auf-
Liegenschaftsbesitzern eine neue Einnahme- lichen Raum touristenkonform zu stilisieren über hundert Höfe in verschiedenen Schwei- Andreas Diethelm nahmen von Landschaften, die die Ölgewin-
quelle: die Vermietung des Hofs als Auto- und rigoros für private Vermarkter und zer Städten erklingen. Das Ziel ist die Rück- nung aus Teersanden in Kanada zerstört hat,
abstellplatz, anstelle der ehemaligen Hof- Veranstalter von Grossanlässen auszuräu- eroberung zweckentfremdeter Höfe als gegen Bildszenen aus Bangladesh. Auf ihnen
gebäude oder auf der Restfläche. Der Boden men – so dass man sich fragt, was unter Lebensräume. Das Programm findet man auf tragen Arbeiter Erdsäcke ans Meer, um die
wurde den Anwohnern, und damit der guten «öffentlich» noch zu verstehen sei –, mutet www.hofgesang.ch. Dämme zu verstärken. Die Menschen sehen
Nachbarschaft, buchstäblich unter den die Ruine im Innenhof anachronistisch, ja aus wie Ameisen in einer Prozession der
Füssen weggezogen. anarchisch an. Der 2018 verstorbene René Vergeblichkeit. Ein Wirbelsturm hat diese
Warum erfolgte kein Aufschrei? Weil ih- Haubensak bemerkte dazu noch selber: «Das Woche wieder ganze Landstriche zerstört.
nen der Boden schleichend entzogen wurde. Nichtfertige, das Unvollendete weckt schöp- nierend. Hier ist nicht von einer Marginalie Kann man sich der Wucht solcher Bilder
Das erste Auto im Hof bestaunte man noch. ferische Kräfte und Phantasien», und er die Rede, sondern von einem Viertel des entziehen? Darf man das überhaupt? Humor
Bewunderung und Stolz hielten an, als sich zitierte das Diktum: «Perfektion schafft gesamten Stadtraums. hilft, Distanz zu gewinnen, durchzuatmen
einige weitere dazugesellten. Wie der Frosch Aggression.» Diese Befunde von ihm entfal- Wespenalarm verbietet den Pflaumen- und genau hinzuschauen: Die in Nigeria
in der Pfanne, der nicht herausspringt, wenn teten im Zürcher Städtebau allerdings eine baum im Hof, die Undurchsichtigkeit einer geborene frühere BBC-Journalistin Zina Saro-
das Wasser immer wärmer wird, verpassten eng begrenzte Wirkungsgeschichte. Hecke reduziert diese auf eine Gefahren- Wiwa weist so auf die Ölförderung im Niger-
wir den Ausstieg. Zwar bilden wir uns viel Noch in den achtziger Jahren wenden sich zone, und obwohl Autoparkfelder im baum- delta hin. Sie lässt Performer Masken und
ein auf unser komplexes Hirn, aber hilft es Gestalter und Behörden wieder von den und menschenfreien Hof rentabler sind als Kleidung des lokalen Stammes tragen, der
uns auch? Wir heizen unsere Städte selber Höfen ab, weil die Erweiterung und Ver- Spiel- und Blumenwiesen, Sandhaufen und durch die Ölindustrie belastet wird, und auf
auf, und anders als der Frosch hätten wir es edlung des Strassennetzes Vorrang hatte. Gemüsebeete, schafft bisweilen aber eine Pipeline-Rohren und alten Tanks akrobati-
in der Hand, die Heizplatte auszuschalten. Die neunziger Jahre bringen uns den Graffiti- beherzte Einzeltat punktuelle Korrektur: Wie sche Bewegungen und Tänze vollführen. So
Die Möglichkeit gefahrlosen Auslaufs im und den Spielplatzbeauftragten, der das jene Mieterin etwa, die ihren Vermieter zwar deutlich ist die Skurrilität der Ölgewinnung
direkten Wohnumfeld ist Bestandteil art- Kinderspiel Suva-konform abfedert und über nicht vom Mehrwert eines autofreien Hofs an diesem Ort selten geworden.
gerechter Haltung von Stadtmenschen. Sie die EU-Norm EN 1176 wacht. Einst wurden überzeugen konnte, sich aber gleichwohl für Und die Natur selbst? «It doesn’t give
brauchen ein Stück Boden hinter dem Haus, die Auswüchse der US-Produktehaftung einen Wandel entschied: Sie mietete kurzer- a shit», macht Mark Dion gleich am Eingang
auf dem gute Nachbarschaft wachsen und hierzulande belächelt. Inzwischen ist die hand ein Parkfeld, wo den Autos nun Blu- der Ausstellung deutlich: Da hat er eine rie-
gedeihen kann. Disclaimer-Unkultur auch bei uns normal. mentöpfe im Weg stehen, zur unverhohle- sige Voliere aufgebaut. Ein Baum in der Mitte
Während besagte Suva-Norm die Kinder nen Freude der Anwohner/-innen. ist mit Büchern beladen, die von «Grzimeks
Normen statt Natur in ihrem kreativen Eifer beleidigt, führt das Tierleben», bis zu Schweizer Fachstudien
Mitte der siebziger Jahre, als viele realisier- Facility-Management unter der Flagge von Höfe warten auf Erste Hilfe alle möglichen Beschreibungen der Natur
ten, dass Lebensqualität noch mehr als Kon- DIN EN ISO 41 011 Krieg gegen die Natur, Währenddessen warten allein in Zürich Hun- abgeben. Und was machen die Sittiche, die
sum und Versicherung bedeuten könnte, auch die menschliche. Dem Primat der Kos- derte von Höfen noch immer auf Erste Hilfe. da herumflattern? Sie scheissen darauf und
entstanden zahlreiche Initiativen, die Quali- teneffizienz verpflichtet, fordert sie Mini- Es gibt ihn zwar nicht, «den guten» Hof, aber zwitschern vergnügt. Gerhard Mack
tät nicht als Industrienorm, sondern lebens- mierung des Unterhaltsaufwands, lieber es gibt den schlechten: Aus Anwohnersicht
nah interpretierten, so auch im Hinterhof. ohne umständliches Grünzeug. Die Norm ist sind das jene Orte, an denen ein Kind nicht Planetary Memories, Migros-Museum, Zürich,
In vielen europäischen Städten wurden Stein geworden. unbeaufsichtigt spielen kann oder sich ohne bis 11. 10. Katalog erscheint im Juni.
öffentliche Beratungsstellen für Hinterhof- Die Behörden können nicht länger im Norm-Spielmobiliar langweilen müsste.
erneuerung eingerichtet, so auch in Bern und Schneckenhaus verharren, sie müssen den Ruedi Bachmann, Architekt und Mitbe-
Zürich. Teils wurden die Behörden selber Faden wiederaufnehmen, den sie vor dreis- gründer der Genossenschaft Cohabitat sowie
LORENZO PUSTERLA

aktiv, öfter aber wurden Initiativen von sig Jahren haben reissen lassen, und den der Stiftung Abendrot, sagte 2007 der Basler
Genossenschaften und Privaten ergriffen Dialog mit Betroffenen und Nutzniessern Zeitung: «Wenn heute von Mediterranisie-
und der «Sanierungsprozess» begleitet, teil- erneut suchen, um aus dieser sozialräum- rung gesprochen wird und man gern auf dem
weise die Projektierungskosten über kom- lichen Sackgasse herauszufinden; und um Balkon lebt, dient der Hinterhof als Auswei-
munale Sanierungsfonds vergütet. Auf diese auf der Vorder- und Rückseite der Stadt ein tung von ‹Balkonien›. Auf dem Balkon ist
Weise sind mehr oder weniger phantasie- besseres Klima zu schaffen, nicht planend, man allein, im Hof zusammen. Solche Nach-
volle Spielplätze entstanden, aber auch origi- sondern anregend, unterstützend, koordi- barschaft ist zwar nicht allen geheuer, für
nelle, heute noch beliebte Lebensräume. kommunikative Menschen jedoch bedeutet
Weiter ging die Basler Sanierungsgenos- sie einen Wert, der zählt.» Als er den Preis
senschaft Cohabitat, die den tristen Häusern Es fehlt der Baum. Aber der Basler «Gesellschaft für das Gute und
und ihrem unwirtlichen Umfeld mit viel
Handarbeit neues Leben einhauchte. Dazu
wo sollen seine Wurzeln Gemeinnützige» gewann, riet er: «Etwas
stehen lassen, bis es entsteht, oder c’est le
gehörte auch die Gründung der ersten Wohn- Halt finden, wenn provisoire, qui dure».
strasse der Schweiz, die Bärenfelserstrasse unter dem Rasen nur Dieses Zeitweilige brauchen Menschen in
in Kleinbasel, umgangssprachlich «Bä» ge- jeder Stadt: Höfe zum Entdecken, um zu
nannt. Von dort aus ging ein Ruck durch das das Dach einer lauschen, sich zu berauschen, zum Lachen, Sittiche und Bücher: Mark Dions «The
ganze Quartier. Autoeinstellhalle ist? Streiten und Ruhen, zum Leben eben. Library for the Birds of Zurich», 2016/2020.