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Ekbert Hering · Rolf Martin · Martin Stohrer

Physik
für Ingenieure
12. Auflage
Physik für Ingenieure
Ekbert Hering  Rolf Martin 
Martin Stohrer

Physik für Ingenieure


12. Auflage
Ekbert Hering Martin Stohrer Ž
Hochschule für angewandte
Wissenschaften Aalen
Aalen, Deutschland

Rolf Martin
Köngen, Deutschland

Unter Mitarbeit von: Prof. Dr. Hanno Käß, Hochschule Esslingen Prof. Dr. G. Kurz, Hochschule
Esslingen Dr. rer. nat. Wolfgang Schulz, Zweckverband Landeswasserversorgung Stuttgart

ISBN 978-3-662-49354-0 ISBN 978-3-662-49355-7 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-662-49355-7

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Zum Geleit

Physikalische Grundlagen sind für den Ingenieur unerlässlich, weil sie so-
wohl prinzipielle Grenzen aufzeigen als auch eine klare Orientierung im
schneller werdenden technischen Wandel bieten. Quantentheorie und Fest-
körperphysik sind derzeit die Schrittmacher des technischen Fortschritts;
deshalb wird ihnen in diesem Buch der gebührende Platz eingeräumt. Mein
Wunsch ist, dass die Erkenntnisse aus der physikalischen Grundlagenfor-
schung einen erkennbaren praktischen Nutzen zeigen. So wie der Quanten-
Hall-Effekt nicht nur die physikalischen Grundlagen gefördert hat, sondern
auch in der Präzisionsmesstechnik als Widerstandsnormal von Bedeutung ist,
sollte die Verbindung zwischen physikalischen Grundlagen und ingenieurmä-
ßiger Umsetzung enger und effektiver werden.
Möge dieses Buch einen Beitrag dazu leisten.

Prof. Dr. Klaus von Klitzing


Nobelpreisträger der Physik 1985

Vorwort zur zwölften, aktualisierten Auflage

Mit der vergangenen 11. Auflage wurden bereits umfangreiche Aktuali-


sierungen und Verbesserungen vorgenommen. Diese wurden von unserer
Leserschaft sehr begrüßt. Sie haben uns auch ermuntert, die Struktur des
Werkes beizubehalten, die Zusammenhänge in Übersichten zu verdichten,
Vergleiche und praxisrelevante Zahlenwerte und Informationen in Tabellen-
form zusammenzustellen, viele praktische Beispiele aus dem Ingenieuralltag
vorzustellen und die physikalischen Zusammenhänge kompakt und klar
strukturiert darzustellen. Vor allem aber die Übungsaufgaben und die aus-
führliche Darlegung der Lösungswege fanden überall großes Lob. Auf
Anregung unserer Leserschaft haben wir für die am häufigsten gelesenen oder
heruntergeladenen Kapitel zusätzliche Übungsaufgaben erstellt und deren
Lösungen beschrieben. Dies betrifft die Kapitel Mechanik, Thermodyna-
mik, Elektrizitätslehre und Magnetismus, Schwingungen und Wellen sowie
Optik und Akustik. Auf den Innenseiten des Werkes wurden die Werte
der physikalischen Naturkonstanten, die häufig gebrauchte Umrechnung von
Energiemaßen und Energieäquivalenten sowie alte oder außerhalb des SI ver-

V
VI Zum Geleit

wendete Maßeinheiten aufgeführt. Dadurch kann die Leserschaft schnell auf


diese häufig benötigten Informationen zugreifen.
Ein Markenzeichen des Werkes ist auch, dass wir die aktuellen DIN-
Normen benennen und uns auch strikt daran halten. Damit geben wir unseren
Lesern für den praktischen Einsatz wichtige aktuelle und verlässliche Hin-
weise. Auch in der 12. Auflage haben wir deshalb die neuesten Normen
eingepflegt und die international neu festgelegten Zahlenwerte für Konstan-
ten aktualisiert sowie die Liste der Nobelpreisträger ergänzt. Viele Bilder
wurden durch aktuellere ersetzt und Formulierungen komplexer Zusammen-
hänge noch treffender vorgenommen. Um Physikvorlesungen in der Struktur
dieses Buches schnell vorbereiten und darbieten zu können, hat Herr Prof. Dr.
Axel Löffler zusätzlich Folien in Power-Point erstellt. Diese sind für Dozen-
ten gedacht und können passwortgeschützt von dieser Seite heruntergeladen
werden: http://www.springer.com/de/book/9783662493540
Unser Mitherausgeber und Koautor Prof. Dr. Martin Stohrer lebt leider
nicht mehr. Er war für uns ein langjähriger, liebenswerter Freund und für
unsere Leserschaft ein exzellenter Fachmann auf dem Gebiet der Akustik
und der Wärme- und Stoffübertragung sowie ein maßgebender und engagier-
ter Verfechter der erfolgreichen Struktur dieses Werkes. Weil dieses Werk
mit der Bezeichnung „HMS“ (Hering, Martin, Stohrer) seit vielen Jahren
ein Markenzeichen ist, haben wir den Titel beibehalten. Gleichwohl haben
wir mit Prof. Dr. Hanno Käß von der Hochschule Esslingen einen jungen,
engagierten Physiker mit praktischer Erfahrung in der Industrie und Lehr-
erfahrung an Hochschulen gewinnen können. Er wird mit seiner aktuellen
Erfahrung in Lehre, Forschung und Transfer das Werk qualitätvoll weiterent-
wickeln. Darauf freuen wir uns sehr.
Dank sagen möchten wir vor allem Herrn Dr. Hubertus von Riedesel
und Frau Eva Hestermann-Beyerle vom Springer Verlag. Sie geben uns mit
jeder Auflage aufs Neue die Chance, das erfolgreiche Standardwerk den neu-
en Bedürfnissen der Leserschaft anzupassen. Mit ihrer professionellen und
freundlichen Betreuung haben sie uns immer motiviert, mit großem Energie-
einsatz an diesem Werk zu arbeiten. Die außerordentlich positive Resonanz
von Studierenden, Kollegen aus den Hochschulen und Persönlichkeiten aus
der Industrie und der Wissenschaft sowie die vielen ermunternden Zuschrif-
ten und Verbesserungsvorschläge haben dieses Werk zusätzlich aktualisiert.
In alter Verbundenheit möchten wir die Kollegen aus der Universität Mün-
chen erwähnen: Prof. Dr. J. de Boer, Prof. Dr. K.E.G. Löbner und Prof. Dr.
K.-H.Speidel sowie die Kollegen Prof. Dr. J. Massig und Prof. Dr. D. Weber
von der Hochschule Aalen. Stellvertretend für die vielen Persönlichkeiten,
die uns beim Gelingen dieses aktuellen Werkes unterstützt haben, möchten
wir nennen: Herrn Dr. Norbert Südland von der Universität Ulm für die
Durchrechnung vieler Übungsaufgaben und die wertvollen Hinweise, Prof.
Dr. U. Weiss von der Universität Stuttgart, Prof. Dr. G. Prillinger und Frau
Prof. Dr. R. Hiesgen von der Hochschule Esslingen, Herrn Dr. R. Behr von
der Physikalisch Technischen Bundesanstalt sowie Herrn Dr. H. D. Rüter von
der Universität Hamburg, der uns bei der Darstellung der Quantenmechanik
sehr geholfen hat. Ausgezeichnete Unterstützung erhielten wir wieder von
Fachleuten aus der Industrie, denen wir allen ganz herzlich danken möchten.
Zum Geleit VII

Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern beim Arbeiten mit die-
sem Werk gute Erkenntnisse in der faszinierenden Welt der Physik und viel
Freude beim Lernen. Sehr gerne nehmen wir konstruktive Hinweise aus dem
sachkundigen Leserkreis auf und freuen uns auf Ihre Hinweise.

Aalen, Esslingen Ekbert Hering


Frühjahr 2017 Rolf Martin

Vorwort zur ersten Auflage

Das vorliegende Lehrbuch gibt eine Einführung in die physikalischen Grund-


lagen der Ingenieurwissenschaften. Es ist das Anliegen des Buches, eine
Brücke zu schlagen zwischen grundlegenden physikalischen Effekten und
den Anwendungsfeldern der Ingenieurpraxis. Es ist deshalb selbstverständ-
lich, dass ausschließlich SI-Maßeinheiten verwendet werden und in den
entsprechenden Abschnitten auf DIN- bzw. ISO-Normen hingewiesen wird.
Bei der Stoffauswahl sind besonders die modernen Teilgebiete berücksich-
tigt, wie beispielsweise Festkörperphysik (einschließlich Halbleiterphysik
und Optoelektronik), technische Akustik, Lasertechnik, Holografie, Klima-
technik und Wärmeübertragung sowie in der Atom- und Kernphysik der
quantisierte Hall-Effekt. Ein Sonderabschnitt Strahlenschutz informiert über
die Strahlenbelastung aus Kernkraftwerken, über die physikalische und bio-
logische Wirksamkeit radioaktiver Stoffe, die Strahlenmesstechnik sowie
über die neuen gesetzlichen Vorschriften zum Strahlenschutz.
Zum mathematischen Verständnis sind die Verfahren der Differenzial-,
Integral- und Vektorrechnung notwendig; allerdings sind die entsprechenden
Herleitungen so ausführlich, dass auch der Leser mit geringen Vorkennt-
nissen zu folgen vermag. Das Buch ist so konzipiert, dass es sich nicht
nur an Studenten wendet, sondern auch praktizierenden Ingenieuren die
physikalischen Grundlagen zur Einarbeitung in neue Fachgebiete und zur
Weiterbildung liefert. Somit ist es auch eine Basis für eine flexible berufli-
che Entwicklung.
Im ersten Abschnitt sind die Methode physikalischen Erkennens und der
Aufbau der Physik erläutert. Die Physik soll in ihren Zusammenhängen
begriffen und nicht als bloße Aneinanderreihung spezieller physikalischer
Gesetze missdeutet werden. Der Stoff ist in die Abschnitte Mechanik,
Thermodynamik, Elektrizität und Magnetismus, Schwingungen und Wellen,
Optik, Akustik, Atom- und Kernphysik, Festkörperphysik sowie Relativitäts-
theorie eingeteilt. Jedem Abschnitt ist ein Strukturbild vorangestellt, das die
jeweiligen Teilbereiche und ihre gesetzmäßigen Zusammenhänge aufzeigt.
Damit soll das Denken in Zusammenhängen gefördert und den Details ihr
Platz im Gesamtgefüge zugewiesen werden. Übergreifende Darstellungen
(z. B. beim Feldbegriff in der Mechanik, Thermodynamik und Elektrizitäts-
lehre) sollen dem Leser darüber hinaus das universelle Denkkonzept der
Physik vor Augen führen. Komplizierte Zusammenhänge sind in zweifarbi-
gen Skizzen oder durch Rechnerausdrucke veranschaulicht; zahlreiche Bilder
aus der Technik vermitteln einen aktuellen Praxisbezug.
VIII Zum Geleit

Um zu zeigen, wie sich die physikalische Erkenntnis durch die Geniali-


tät einzelner Physiker sprunghaft entwickelt hat, sind in den entsprechenden
Abschnitten die Meilensteine der Physik und ihre Wegbereiter genannt und
im Anhang die Physik-Nobelpreisträger aufgeführt.
Zur Vertiefung des Verständnisses enthalten viele Unterabschnitte aus der
Ingenieurpraxis stammende Berechnungsbeispiele. Aufgaben (mit Lösun-
gen im Anhang) ermöglichen es dem Leser, selbst den Stoff zu üben und
sein physikalisches Wissen zu vertiefen. Um alternative Fragestellungen zu
untersuchen und physikalische Sachverhalte grafisch zu veranschaulichen,
wurden programmierbare Rechner verwendet. Den Firmen Casio und Sharp,
insbesondere den Herren Newerkla und Wachter, möchten wir für die Bereit-
stellung programmierbarer Taschenrechner danken.
Wir danken unseren akademischen Lehrern und Vorbildern, die uns zur
physikalischen Erkenntnis geführt haben, vor allem den Professoren U. Deh-
linger, H. Haken, M. Pilkuhn, A. Seeger und C. F. von Weizsäcker. Für
konstruktive Kritik bedanken wir uns bei unseren Kollegen H. Bauer, M. Käß,
P. Kleinheins, G. Kneer, J. Linser und R. Schempp. Frau G. Folz und den
Herren K. Schmid und A. Plath danken wir für ihre tatkräftige Mithilfe. Der
Unterstützung vieler Firmen ist es zu verdanken, dass aktuelles Anschau-
ungsmaterial bereitgestellt werden konnte. Hierbei sind besonders folgende
Firmenmitarbeiter zu erwähnen: B. Imb (BBC), P. Gradischnig (BMW),
D. Stöckel und P. Tautzenberger (Rau), M. Mayer (Osram), F. Schreiber
(Siemens), H. Garrels (Varta) und H. Schweikart (Voith). Ganz besonderer
Dank gebührt dem VDI-Verlag, speziell Herrn Dipl.-Ing. H. Kurt, der das
Lektorieren übernahm und für die reibungslose Abwicklung in erfreulicher
Atmosphäre sorgte. Dabei wurde er in den Abschnitten 2, 3 und 6 von Pro-
fessor F. Hell in besonders sachkundiger Weise unterstützt. Zuletzt möchten
wir unseren Familien für ihre Geduld, ihre moralische Unterstützung und ihr
großes Verständnis danken.
Wir hoffen, dass dieses Buch den Ingenieurstudenten eine gute Hilfe beim
Erarbeiten physikalischer Zusammenhänge und den Ingenieuren in der Praxis
ein brauchbares Nachschlagewerk ist. Gern nehmen wir Kritik und Verbes-
serungsvorschläge entgegen.

Aalen, Esslingen und Stuttgart, Ekbert Hering


Januar 1988 Rolf Martin
Martin Stohrer
Verwendete physikalische Symbole

(Symbole, die in nachfolgenden Abschnitten die gleiche Bedeutung haben,


sind nur einmal angegeben.)

2. Mechanik

A Fläche
a Beschleunigung
c Lichtgeschwindigkeit; Schallgeschwindigkeit
cA Auftriebsbeiwert
cD Druckwiderstandsbeiwert
cM Momentenbeiwert
cW Widerstandsbeiwert
d Abstand; Dickenänderung
E Energie; Elastizitätsmodul
e Einheitsvektor
F Kraft
Fr Froudezahl
G Schubmodul, Gravitationskonstante
g Gravitationsfeldstärke
g Fallbeschleunigung
H Fallhöhe; Förderhöhe
h Höhe
I Flächenträgheitsmoment
J Massenträgheitsmoment
j Transportflussdichte;
Massenstromdichte
K Kompressionsmodul
k Federsteifigkeit; Rauigkeit
kt Drehfedersteifigkeit
L Drehimpuls
l Länge
M Drehmoment
Ma Mach’sche Zahl
m Masse
mP Massenstrom
n Drehzahl
IX
X Verwendete physikalische Symbole

P Leistung
p Impuls
p Druck; Anteil
Q Förderstrom (Pumpen);
Volumenstrom (Turbinen)
R Gaskonstante; Krümmungsradius
r Ortsvektor
Re Reynoldszahl
s Ortskoordinate
s Weg; Bogenlänge
T Kelvin-Temperatur; Periodendauer
t Zeit
V Volumen
VP Volumenstrom
v Geschwindigkeit
W Arbeit
w spezifische (massebezogene) Arbeit

˛ Durchflusszahl; Kontraktionszahl; Winkelbeschleunigung


ˇ Winkel
 Zirkulation
 Schiebung; Scherwinkel; Raumausdehnungskoeffizient
 Differenz
" Neigungswinkel; Dehnung; Expansionszahl; Gleitzahl
 dynamische Viskosität; Wirkungsgrad
# Celsius-Temperatur
~ Kompressibilität
 Rohrreibungszahl
 Reibungszahl; Ausflusszahl; Poissonzahl
 kinematische Viskosität
% Dichte
Spannung; Normalspannung

Schubspannung
˚ Transportgröße
' Drehwinkel; Potenzialfunktion; Geschwindigkeitsziffer; Fluidität
'G Gravitationspotenzial
! Winkelgeschwindigkeit

3. Thermodynamik

a Temperaturleitfähigkeit
C; Cm ; c Wärmekapazität, molare bzw. spezifische Wärmekapazität
Cmp , cp isobare molare bzw. isobare spezifische Wärmekapazität
CmV , cV isochore molare bzw. isochore spezifische Wärmekapazität
C12 Strahlungsaustauschkoeffizient
c Schallgeschwindigkeit
EA Aktivierungsenergie
Verwendete physikalische Symbole XI

EN kin mittlere kinetische Energie eines Moleküls


F; Fm ; f freie Energie, freie molare bzw. freie spezifische Energie
f Anzahl der Freiheitsgrade; Wärmequellendichte
G; Gm ; g freie Enthalpie, freie molare bzw. freie spezifische Enthalpie
gi statistisches Gewicht des Zustandes i
H; Hm ; h Enthalpie, molare bzw. spezifische Enthalpie
jq Wärmestromdichte
k Boltzmann-Konstante; Wärmedurchgangskoeffizient
M Molmasse
Me spezifische Ausstrahlung
mM Masse eines Moleküls
N Teilchenanzahl eines Systems
n Polytropenexponent, Teilchenzahldichte
NA Avogadro-Konstante
Pi Wahrscheinlichkeit der Besetzung des Zustands i
p Druck
Q; Qm ; q Wärme, molare bzw. spezifische Wärme
QP Wärmestrom
Ri ; Rm individuelle bzw. allgemeine (molare) Gaskonstante
S; Sm ; s Entropie, molare bzw. spezifische Entropie
T thermodynamische Temperatur
U; Um ; u innere Energie, molare bzw. spezifische innere Energie
V; Vm ; v Volumen, molares bzw. spezifisches Volumen
vm ; v;N vw mittlere, durchschnittliche bzw. wahrscheinlichste Geschwindig-
keit von Gasmolekülen
W thermodynamische Wahrscheinlichkeit
x Feuchtegrad
Z Realgasfaktor

˛ Längenausdehnungskoeffizient; Absorptionsgrad
˛ Wärmeübergangskoeffizient
 Raumausdehnungskoeffizient
" Emissionsgrad; Kompressionsverhältnis
"K ; "W Leistungszahl einer Kältemaschine bzw. einer Wärmepumpe
th thermischer Wirkungsgrad
~ Isentropen-(Adiabaten-)Exponent
 Wärmeleitfähigkeit
 Stoffmenge (Teilchenmenge)
% Dichte; Reflexionsgrad

Transmissionsgrad
˚e Strahlungsleistung
' relative Luftfeuchte
'a absolute Luftfeuchte
'12 Einstrahlzahl
XII Verwendete physikalische Symbole

4. Elektrizität und Magnetismus

Ar relative Atommasse
Ä elektrochemisches Äquivalent
AH Hall-Koeffizient
B magnetische Induktion, Flussdichte
B Blindleitwert, Suszeptanz
BR Remanenzinduktion
BS Sättigungsinduktion
C Kapazität
D elektrische Verschiebungsdichte
E elektrische Feldstärke
EH Hall-Feldstärke
e Elementarladung
FL Lorentz-Kraft
F Faraday-Konstante
f Spulenformfaktor
G Leitwert, Konduktanz
H magnetische Feldstärke
HC Koerzitivfeldstärke
I; i elektrische Stromstärke
iO Amplitude der elektrischen Stromstärke
I; ieff Effektivwert der Wechselstromstärke
J magnetische Polarisation
j elektrische Stromdichte
L Induktivität
M Magnetisierung
m Ampere’sches magnetisches Moment
mC Coulomb’sches magnetisches Moment
N Windungszahl
P elektrische Polarisation
P; p Leistung
p elektrisches Dipolmoment
Q elektrische Ladung; Blindleistung
R elektrischer Widerstand
Rm magnetischer Widerstand
S Scheinleistung
TC Curie-Temperatur
TN Néel-Temperatur
U; u elektrische Spannung
uO Amplitude der elektrischen Spannung
U; ueff Effektivwert der elektrischen Spannung
UH Hall-Spannung
uind induzierte Spannung
WA Austrittsarbeit
Wel elektrische Arbeit und Feldenergie
wel elektrische Energiedichte
Wmagn magnetische Arbeit und Feldenergie
Verwendete physikalische Symbole XIII

wmagn magnetische Energiedichte


X Blindwiderstand, Reaktanz
Z Scheinwiderstand, Impedanz
z Wertigkeit

˛ Temperaturkoeffizient des elektrischen Widerstandes


 Spannungsfaktor
" Permittivität
"0 elektrische Feldkonstante
"r Permittivitätszahl
~ elektrische Leitfähigkeit, Konduktivität
 Permeabilität
0 magnetische Feldkonstante
r Permeabilitätszahl
% spezifischer elektrischer Widerstand, Resistivität
% Raumladungsdichte
Streufaktor; elektrische Flächenladungsdichte

Zeitkonstante
' elektrisches Potenzial; Verlustwinkel
e elektrische Suszeptibilität
m magnetische Suszeptibilität
elektrische Durchflutung
˚ magnetischer Fluss
elektrischer Fluss

5. Schwingungen und Wellen

c Phasengeschwindigkeit
cgr Gruppengeschwindigkeit
d Dämpfungskoeffizient
f Frequenz
f0 ; fd Eigenfrequenz der freien ungedämpften bzw. gedämpften Schwin-
gung
fRes Resonanzfrequenz
fS Schwebungsfrequenz
p
j 1
k Federsteifigkeit; Wellenzahl
kt Drehfedersteifigkeit
Q Güte
I; S Intensität
T Periodendauer
T0 ; Td Periodendauer der freien ungedämpften bzw. gedämpften Schwin-
gung
TS Periodendauer der Schwebung
w Energiedichte
y Auslenkung
yO Amplitude
XIV Verwendete physikalische Symbole

ˇ Auslenkungswinkel
ˇO Amplitude des Auslenkungswinkels
 Phasenverschiebung zwischen Erreger und Schwinger
Gangunterschied
ı Abklingkoeffizient
 Kreisfrequenzverhältnis
# Dämpfungsgrad
 logarithmisches Dekrement
 Wellenlänge
' Phasenwinkel
'0 Nullphasenwinkel
' Phasenverschiebung zwischen zwei Schwingungen
! Kreisfrequenz
!0 ; !d Kreisfrequenz der freien ungedämpften bzw. gedämpften Schwin-
gung
˝ Erregerkreisfrequenz
!Res Resonanzkreisfrequenz

6. Optik

AN numerische Apertur
a; a0 Gegenstands- bzw. Bildweite
A; B Einstein-Koeffizienten
b Spaltbreite
D0 Brechkraft
DAP ; DEP Durchmesser von Austritts- bzw. Eintrittspupille
Ee Bestrahlungsstärke
Ev Beleuchtungsstärke
Eph Energie eines Photons
e Abstand zweier Linsen
f; f 0 gegenstandsseitige bzw. bildseitige Brennweite
g Gitterkonstante
He Bestrahlung
Hv Beleuchtung
h Planck’sche Konstante
I Intensität
Ie Strahlstärke
Iv Lichtstärke
Km fotometrisches Strahlungsäquivalent
k Blendenzahl
l Kohärenzlänge
Le Strahldichte
Lv Leuchtdichte
Me spezifische Ausstrahlung
Mv spezifische Lichtausstrahlung
m Ordnungszahl bei Interferenzen
Ni Besetzungszahl des Niveaus i
Verwendete physikalische Symbole XV

n Brechungsindex
p Gitterstrichzahl
Qe Strahlungsenergie
Qv Lichtmenge
r Krümmungsradius
s; s 0 gegenstandsseitige bzw. bildseitige Schnittweite
u0 Durchmesser des Unschärfekreises
V Hellempfindlichkeitsgrad
y; y 0 Gegenstands- bzw. Bildgröße
Z Dämmerungszahl
z; z 0 Abstand vom Gegenstand bzw. Bild zum jeweiligen Brennpunkt

˛ brechender Winkel eines Prismas


ˇ0 Abbildungsmaßstab
0 Vergrößerung
ı Ablenkungswinkel
" Einfallswinkel
"r Reflexionswinkel
"0 Brechungswinkel
"p Polarisationswinkel
Glanzwinkel
Winkel zwischen Strahl und optischer Achse

Lebensdauer
˚e Strahlungsleistung
˚v Lichtstrom
' Zentriwinkel
˝ Raumwinkel

7. Akustik

A äquivalente Schallabsorptionsfläche
B Biegesteifigkeit
d Absorberdicke
fG Grenzfrequenz der Spuranpassung
GpU Übertragungsmaß elektroakustischer Wandler
I Schallintensität
L Schallpegel
LS Lautstärke
Ln Norm-Trittschallpegel
m00 flächenbezogene Masse
P Schallleistung
p Schalldruck
R Schalldämm-Maß
r Reflexionsfaktor
S Lautheit; Fläche
T Nachhallzeit
v Schallschnelle
XVI Verwendete physikalische Symbole

w Schallenergiedichte
y Elongation
Z Schallkennimpedanz

˛ Schallausbreitungs-Dämpfungskoeffizient
˛s Schallabsorptionsgrad
ı Einfallswinkel
Bewertungsfaktor
%s Schallreflexionsgrad

s Schalltransmissionsgrad

8. Atom- und Kernphysik

A Nukleonenzahl; Aktivität
AS spezifische Aktivität
a0 Bohr’scher Radius des Wasserstoffatoms im Grundzustand
B Baryonenzahl
D; DP Energiedosis, Energiedosisleistung
Dq ; DP q Äquivalentdosis, Äquivalentdosisleistung
d Flächenmasse
E Energie-Eigenwert
EB Bindungsenergie
ES Schwellenenergie
F; F Gesamtdrehimpuls des Atoms einschließlich Kerndrehimpuls, zu-
gehörige Quantenzahl
g Faktor nach Landé
H Hamilton-Funktion
HO Hamilton-Operator
h Planck’sches Wirkungsquantum („ D h=.2 /)
I; I Kerndrehimpuls, zugehörige Quantenzahl
J; J Gesamtdrehimpuls der Elektronenhülle, zugehörige Quantenzahl
j; j Gesamtdrehimpuls eines Elektrons, zugehörige Quantenzahl
L; L Gesamtbahndrehimpuls der Elektronenhülle, zugehörige Quan-
tenzahl
L Leptonenzahl
l; l Bahndrehimpuls eines Elektrons, zugehörige Quantenzahl
m1 magnetische Quantenzahl des Drehimpulses
ms magnetische Quantenzahl des Spins
mj magnetische Quantenzahl des Gesamtdrehimpulses
m0 Ruhemasse
N Neutronenzahl
n Hauptquantenzahl
Q Kern-Quadrupolmoment
R Reichweite
RH Rydberg-Konstante
S Gesamtspinmoment
Verwendete physikalische Symbole XVII

s; s Elektronenspin, zugehörige
Quantenzahl (Spinquantenzahl)
t1=2 Halbwertszeit
u atomare Masseneinheit
x Schichtdicke
Z Kernladungszahl (Ordnungszahl, Protonenzahl)

˛ Feinstrukturkonstante
 gyromagnetisches Verhältnis
 Zerfallskonstante; Wellenlänge
;  magnetisches Moment
 Absorptionskoeffizient
K Kern-Magneton
B Bohr’sches Magneton
 Frequenz
˘ Paritätsquantenzahl
˙ makroskopischer Wirkungsquerschnitt
Wirkungsquerschnitt
˚ Flussdichte
 zeitabhängige Wellenfunktion
Wellenfunktion

9. Festkörperphysik

A Fläche; Transistor-Stromverstärkung in Basisschaltung


a Gitterkonstante
B Transistor-Stromverstärkung in Emitterschaltung
Bc kritische magnetische Flussdichte
cgr Gruppengeschwindigkeit
cph Phasengeschwindigkeit
D.E/ Zustandsdichte
D Detektivität
EB Bindungsenergie
Ee Bestrahlungsstärke
EF Fermi-Energie
Eg Breite der verbotenen Zone
f .E/ Fermi-Dirac-Verteilungsfunktion
IB ; IC ; IE Basis-, Kollektor- bzw. Emitterstrom
IF Flussstrom
Iph Fotostrom
IS Sperrsättigungsstrom
Ith Schwellstrom
jc kritische Stromdichte
k Wellenzahl
kF Fermi-Vektor
L Kristall-Länge; Lorenz’sche Zahl
l mittlere freie Weglänge
XVIII Verwendete physikalische Symbole

M Molmasse; Multiplikationsfaktor
NL ; Nv effektive Zustandsdichte im Leitungsband bzw. im Valenzband
n Elektronenkonzentration
nA ; nD Akzeptoren- bzw. Donatorenkonzentration
ni Eigenleitungsdichte
nph Phononendichte
nN Brechungsindex
p Löcherkonzentration
S Empfindlichkeit
Tc kritische Temperatur
TD Debye-Temperatur
TE Einstein-Temperatur
TF Fermi-Temperatur
T0 charakteristische Temperatur
Ud Diffusionsspannung
UF Flussspannung
UK Kontaktspannung
UL Leerlaufspannung
Uth Thermospannung
V ./ Hellempfindlichkeitsgrad
vd Driftgeschwindigkeit
vF Fermi-Geschwindigkeit

˛ Absorptionskoeffizient; Madelung-Konstante; thermischer Aus-


dehnungskoeffizient
"N mittlere Energie eines Atoms
 Quantenausbeute
; n ; p Beweglichkeit, Elektronen- bzw. Löcherbeweglichkeit
˚0 magnetisches Flussquantum

10. Spezielle Relativitätstheorie

l; l 0 Länge im System S bzw. S0


m; m0 bewegte Masse bzw. Ruhemasse
t; t 0 Zeit im System S bzw. S0
u Geschwindigkeit

v Systemgeschwindigkeit
 relativistischer Faktor
Inhaltsverzeichnis

1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.1 Physikalischer Erkenntnisprozess . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . 3
1.3 Physikalische Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.3.1 Definition und Maßeinheit . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.3.2 Messgenauigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.3.3 Fehlerfortpflanzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.3.4 Kurvenanpassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.3.5 Ausgleichsgeradenkonstruktion . . . . . . . . . . . . 15
1.3.6 Korrelationsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.3.7 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

2 Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
2.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
2.2 Kinematik des Punktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.2.1 Eindimensionale Kinematik . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.2.2 Dreidimensionale Kinematik . . . . . . . . . . . . . . 26
2.2.3 Kreisbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
2.2.4 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik . . . . . . . . . . . . 32
2.3.1 Konzept der klassischen Dynamik . . . . . . . . . . . 32
2.3.2 Newton’sche Axiome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.3.3 Masse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.3.4 Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.3.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen . . . . . . . . . . . . . 38
2.4.1 Relativ zueinander geradlinig bewegte
Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.4.2 Gleichförmig rotierende Bezugssysteme . . . . . . . 40
2.4.3 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.5 Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.5.1 Impuls eines materiellen Punktes . . . . . . . . . . . 44
2.5.2 Impuls eines Systems materieller Punkte . . . . . . . 45
2.5.3 Raketengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
2.5.4 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
2.6 Arbeit und Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

XIX
XX Inhaltsverzeichnis

2.6.1 Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.6.2 Leistung, Wirkungsgrad . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.6.3 Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
2.6.4 Energieerhaltungssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
2.6.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
2.7 Stoßprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
2.7.1 Übersicht und Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . 55
2.7.2 Gerader, zentraler, elastischer Stoß . . . . . . . . . . 56
2.7.3 Gerader, zentraler, unelastischer Stoß . . . . . . . . . 58
2.7.4 Schiefe, zentrale Stöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.7.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
2.8 Drehbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
2.8.1 Drehmoment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
2.8.2 Newton’sches Aktionsgesetz der Drehbewegung . . 62
2.8.3 Arbeit, Leistung und Energie bei der Drehbewegung 63
2.8.4 Drehbewegungen von Systemen materieller Punkte 64
2.8.5 Analogie Translation und Rotation . . . . . . . . . . 65
2.8.6 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2.9 Mechanik starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2.9.1 Freiheitsgrade und Kinematik . . . . . . . . . . . . . 67
2.9.2 Kräfte am starren Körper . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.9.3 Schwerpunkt und potenzielle Energie eines starren
Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
2.9.4 Kinetische Energie eines starren Körpers . . . . . . 72
2.9.5 Massenträgheitsmomente starrer Körper . . . . . . . 74
2.9.6 Kreisel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.9.7 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.10 Gravitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.10.1 Beobachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.10.2 Newton’sches Gravitationsgesetz . . . . . . . . . . . 87
2.10.3 Hubarbeit und potenzielle Energie . . . . . . . . . . . 89
2.10.4 Satellitenbahnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
2.10.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik . 92
2.11.1 Elastische Verformung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
2.11.2 Plastische Verformung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
2.11.3 Härte fester Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.11.4 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und
Aeromechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
2.12.1 Ruhende Flüssigkeiten (Hydrostatik) und ruhende
Gase (Aerostatik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
2.12.2 Fluide – strömende Flüssigkeiten (Hydrodynamik)
und Gase (Aerodynamik) . . . . . . . . . . . . . . . . 117

3 Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
3.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
3.1.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
3.1.2 Thermodynamische Grundbegriffe . . . . . . . . . . 155
Inhaltsverzeichnis XXI

3.1.3 Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156


3.1.4 Thermische Ausdehnung . . . . . . . . . . . . . . . . 158
3.1.5 Allgemeine Zustandsgleichung idealer Gase . . . . 162
3.1.6 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
3.2 Kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
3.2.1 Gasdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
3.2.2 Thermische Energie und Temperatur . . . . . . . . . 166
3.2.3 Geschwindigkeitsverteilung der Gasmoleküle . . . . 168
3.2.4 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
3.3 Hauptsätze der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
3.3.1 Wärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
3.3.2 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
3.3.3 Erster Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . 173
3.3.4 Berechnung der Wärmekapazitäten . . . . . . . . . . 176
3.3.5 Spezielle Zustandsänderungen idealer Gase . . . . . 179
3.3.6 Kreisprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
3.3.7 Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . 195
3.3.8 Thermodynamische Potenziale . . . . . . . . . . . . . 203
3.3.9 Dritter Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . 204
3.4 Zustandsänderungen realer Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
3.4.1 Van-der-Waals’sche Zustandsgleichung . . . . . . . 205
3.4.2 Gasverflüssigung (Joule-Thomson-Effekt) . . . . . . 208
3.4.3 Phasenumwandlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
3.4.4 Dämpfe und Luftfeuchtigkeit . . . . . . . . . . . . . . 216
3.5 Wärmeübertragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
3.5.1 Wärmeleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
3.5.2 Konvektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
3.5.3 Wärmestrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
3.5.4 Wärmedurchgang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
3.5.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236

4 Elektrizität und Magnetismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237


4.1 Physikalische Gesetze und Definitionen . . . . . . . . . . . . . 238
4.1.1 Ladung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
4.1.2 Stromstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
4.1.3 Spannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
4.1.4 Widerstand und Leitwert . . . . . . . . . . . . . . . . 242
4.1.5 Ohm’sches Gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
4.1.6 Kirchhoff’sche Regeln im verzweigten Stromkreis . 246
4.1.7 Schaltung von Widerständen . . . . . . . . . . . . . . 248
4.1.8 Messbereichserweiterung . . . . . . . . . . . . . . . . 251
4.1.9 Ausgewählte Messanordnungen . . . . . . . . . . . . 252
4.1.10 Klemmenspannung und innerer Widerstand . . . . . 254
4.1.11 Schaltung von Spannungsquellen . . . . . . . . . . . 255
4.1.12 Elektrische Leistung und elektrische Arbeit . . . . . 257
4.1.13 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
4.2 Ladungstransport in Flüssigkeiten und Gasen . . . . . . . . . 259
4.2.1 Ladungstransport in Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . 259
XXII Inhaltsverzeichnis

4.2.2 Ladungstransport im Vakuum und in Gasen . . . . . 274


4.2.3 Plasmaströme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
4.2.4 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
4.3 Elektrisches Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
4.3.1 Allgemeiner Feldbegriff . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
4.3.2 Beschreibung des elektrischen Feldes . . . . . . . . . 282
4.3.3 Elektrische Feldstärke und Kraft . . . . . . . . . . . . 283
4.3.4 Elektrische Feldstärke und elektrostatisches
Potenzial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
4.3.5 Bewegung geladener Teilchen im elektrischen Feld 290
4.3.6 Leiter im elektrischen Feld . . . . . . . . . . . . . . . 295
4.3.7 Nichtleiter im elektrischen Feld, elektrische
Polarisation und Permittivitätszahl . . . . . . . . . . 303
4.3.8 Energieinhalt des elektrischen Feldes . . . . . . . . . 312
4.3.9 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
4.4 Magnetisches Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314
4.4.1 Beschreibung des magnetischen Feldes . . . . . . . . 314
4.4.2 Magnetische Feldstärke und Durchflutungsgesetz . 315
4.4.3 Magnetische Flussdichte und Kraftwirkungen im
Magnetfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320
4.4.4 Materie im Magnetfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
4.4.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
4.5 Instationäre Felder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344
4.5.1 Elektromagnetische Induktion . . . . . . . . . . . . . 344
4.5.2 Periodische Felder (Wechselstromkreis) . . . . . . . 350
4.5.3 Ein- und Ausschaltvorgänge in Stromkreisen . . . . 363
4.5.4 Messgeräte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
4.5.5 Zusammenhang elektrischer und magnetischer
Größen – Maxwell’sche Gleichungen . . . . . . . . . 371
4.5.6 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374

5 Schwingungen und Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377


5.1 Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
5.1.1 Physikalische Grundlagen schwingungsfähiger
Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
5.1.2 Freie Schwingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381
5.1.3 Erzwungene Schwingung . . . . . . . . . . . . . . . . 400
5.1.4 Überlagerung von Schwingungen . . . . . . . . . . . 405
5.1.5 Schwingungen mit mehreren Freiheitsgraden
(gekoppeltes Schwingungssystem) . . . . . . . . . . 414
5.1.6 Nichtlineare Schwinger . . . . . . . . . . . . . . . . . 417
5.1.7 Parametrisch erregte Schwingungen . . . . . . . . . . 418
5.1.8 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418
5.2 Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
5.2.1 Physikalische Grundlagen der Wellenausbreitung . 419
5.2.2 Harmonische Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422
5.2.3 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426
5.2.4 Doppler-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427
5.2.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430
Inhaltsverzeichnis XXIII

5.2.6 Interferenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430


5.2.7 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439

6 Optik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441
6.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441
6.2 Geometrische Optik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442
6.2.1 Lichtstrahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442
6.2.2 Reflexion des Lichtes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443
6.2.3 Brechung des Lichtes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449
6.2.4 Abbildung durch Linsen . . . . . . . . . . . . . . . . . 459
6.2.5 Blenden im Strahlengang . . . . . . . . . . . . . . . . 471
6.2.6 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471
6.2.7 Abbildungsfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 472
6.2.8 Optische Instrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 472
6.3 Radio- und Fotometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481
6.3.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481
6.3.2 Strahlungsphysikalische Größen . . . . . . . . . . . . 482
6.3.3 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 488
6.3.4 Lichttechnische Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . 489
6.3.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491
6.3.6 Farbmetrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491
6.3.7 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 495
6.4 Wellenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 495
6.4.1 Interferenz und Beugung . . . . . . . . . . . . . . . . 495
6.4.2 Polarisation des Lichtes . . . . . . . . . . . . . . . . . 521
6.5 Quantenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 530
6.5.1 Lichtquanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 530
6.5.2 Dualismus Teilchen–Welle . . . . . . . . . . . . . . . 534
6.5.3 Wärmestrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 535
6.5.4 Laser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 537
6.5.5 Materiewellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 541
6.6 Abbildung mikroskopischer Objekte . . . . . . . . . . . . . . . 544
6.6.1 Beugungsbegrenzte Abbildung . . . . . . . . . . . . . 544
6.6.2 Überwindung der Beugungsbegrenzung . . . . . . . 546

7 Akustik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 553
7.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 553
7.2 Schallwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 554
7.2.1 Schallausbreitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 554
7.2.2 Schallwandler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 559
7.2.3 Schallwellen an Grenzflächen . . . . . . . . . . . . . 563
7.2.4 zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 568
7.3 Schallempfindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 569
7.3.1 Physiologische Akustik . . . . . . . . . . . . . . . . . 569
7.3.2 Musikalische Akustik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 572
7.3.3 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 575
7.4 Technische Akustik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 576
7.4.1 Raumakustik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 576
7.4.2 Luftschalldämmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 578
7.4.3 Körperschalldämmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 579
XXIV Inhaltsverzeichnis

7.4.4 Strömungsgeräusche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 582


7.4.5 Ultraschall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 584
7.4.6 Schalleinsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 584
7.4.7 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 586

8 Atom- und Kernphysik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 589


8.1 Bohr’sches Atommodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 590
8.1.1 Optisches Spektrum des Wasserstoffatoms . . . . . . 590
8.1.2 Bohr’sche Postulate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
8.1.3 Quantenbedingungen nach Bohr/Sommerfeld . . . . 593
8.2 Quantentheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 595
8.2.1 Hamilton-Operator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597
8.2.2 Schrödinger-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . 599
8.2.3 Unschärferelation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 603
8.2.4 Quantenmechanik des Wasserstoffatoms . . . . . . . 606
8.2.5 Quanten-Hall-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 609
8.2.6 Tunneleffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614
8.3 Bahn- und Spinmagnetismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 617
8.3.1 Zeeman- und Stark-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . 619
8.3.2 Elektronen- und Kernspinresonanz . . . . . . . . . . 619
8.4 Systematik des Atombaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 621
8.4.1 Periodensystem der Elemente . . . . . . . . . . . . . 621
8.4.2 Aufbau der Elektronenhülle . . . . . . . . . . . . . . . 622
8.5 Röntgenstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 623
8.5.1 Bremsstrahlung und charakteristische Strahlung . . 623
8.5.2 Absorption von Röntgenstrahlung,
Computertomografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 624
8.6 Molekülspektren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 627
8.6.1 Potenzialkurve . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 627
8.6.2 Rotations-Schwingungs-Spektrum . . . . . . . . . . . 628
8.6.3 Raman-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 631
8.7 Aufbau der Atomkerne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 632
8.7.1 Größe und Ladungsverteilung . . . . . . . . . . . . . 632
8.7.2 Kernmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 635
8.8 Kernumwandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 642
8.8.1 Radioaktiver Zerfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 642
8.8.2 Kernreaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 653
8.8.3 Kernspaltung und Kernreaktoren . . . . . . . . . . . . 658
8.8.4 Kernfusion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 663
8.9 Elementarteilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 670
8.9.1 Einteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 671
8.9.2 Erhaltungssätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 675
8.9.3 Fundamentale Wechselwirkungen . . . . . . . . . . . 676
8.10 Strahlenschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 678
8.10.1 Wechselwirkung der Strahlung mit Materie . . . . . 679
8.10.2 Dosisgrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 687
8.10.3 Biologische Wirkung der Strahlung . . . . . . . . . . 689
8.10.4 Dosismessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 692
Inhaltsverzeichnis XXV

8.10.5 Strahlenschutzmaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . 696


8.10.6 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 700

9 Festkörperphysik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 703
9.1 Struktur fester Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 703
9.1.1 Kristallbindungsarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 703
9.1.2 Kristalline Strukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 706
9.1.3 Gitterfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 709
9.1.4 Amorphe Werkstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 712
9.1.5 Makromolekulare Festkörper . . . . . . . . . . . . . . 713
9.1.6 Ausgewählte Werkstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . 717
9.1.7 Flüssigkristalle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 722
9.2 Elektronen in Festkörpern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 725
9.2.1 Energiebänder-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . 725
9.2.2 Metalle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 728
9.2.3 Halbleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 734
9.2.4 Supraleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 745
9.2.5 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 749
9.3 Thermodynamik fester Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . 750
9.3.1 Gitterschwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 750
9.3.2 Effekte im Zusammenhang mit Wärmefluss und
elektrischem Strom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 757
9.3.3 Piezoelektrizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 759
9.3.4 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 761
9.4 Optoelektronische Halbleiter-Bauelemente . . . . . . . . . . . 762
9.4.1 Strahlungsquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 762
9.4.2 Empfänger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 766

10 Spezielle Relativitätstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 775


10.1 Relativität des Bezugssystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . 775
10.2 Lorentz-Transformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 777
10.3 Relativistische Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 780
10.3.1 Längenkontraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 780
10.3.2 Zeitdilatation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 780
10.3.3 Relativistische Addition der Geschwindigkeiten . . 782
10.4 Relativistische Dynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 783
10.5 Spezielle Relativitätstheorie in der Elektrodynamik . . . . . 786
10.5.1 Elektrodynamische Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . 786
10.5.2 Doppler-Effekt des Lichtes . . . . . . . . . . . . . . . 787
10.5.3 Zur Übung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 788

11 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 789
11.1 Lösungen der Übungsaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . 789
11.1.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 789
11.1.2 Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 792
11.1.3 Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 813
11.1.4 Elektrizität und Magnetismus . . . . . . . . . . . . . . 824
11.1.5 Schwingungen und Wellen . . . . . . . . . . . . . . . 831
11.1.6 Optik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 840
XXVI Inhaltsverzeichnis

11.1.7 Akustik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 864


11.1.8 Atom- und Kernphysik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 869
11.1.9 Festkörperphysik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 870
11.1.10 Spezielle Relativitätstheorie . . . . . . . . . . . . . . . 875
11.2 Nobelpreisträger der Physik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 878

Sachwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 887
Einführung
1

Auf geniale und faszinierende Weise ist


1.1 Physikalischer Erkenntnisprozess
es dem menschlichen Geist gelungen, alle
denkbaren physikalischen Erscheinungen auf
Die Physik ist ein Teilgebiet der Naturwissen-
höchstens sieben physikalische Grundgrößen
schaften. Sie beschäftigt sich im Gegensatz zur
(Basisgrößen) zurückzuführen (Zeit, Masse,
Medizin oder Biologie mit der leblosen Umwelt.
Länge, Temperatur, Stromstärke, Lichtstärke
Dieser eingeengte Betrachtungsbereich muss be-
und Stoffmenge, Abschn. 1.3.1). Diese Re-
achtet werden, wenn es um die Frage geht, ob die
duktion der Komplexität auf verhältnismäßig
Methoden der physikalischen Erkenntnis auch
wenige relevante Faktoren ist ein Grund für
auf andere Wissenschaftsgebiete direkt übertrag-
den Erfolg bei der ingenieurmäßigen Umset-
bar sind.
zung physikalischer Erkenntnisse in der Tech-
In der Physik versucht man, die Gesetzmäßig-
nik.
keiten der unbelebten Umwelt zu erfassen. Sind
In der Ingenieurpraxis können physikalische
diese bekannt, so kann man die physikalischen
Zusammenhänge jedoch auch so komplex
Gesetze für technische Zwecke ausnützen. Die
sein, dass empirisch gefundene Beziehungen
Ingenieurwissenschaft ist ein Beispiel hierfür,
in Tabellen und Grafiken niedergelegt wer-
weil man in allen ihren Bereichen, beispielswei-
den müssen, weil sie theoretisch nicht exakt
se im Maschinenbau, in der Feinwerktechnik und
in der Elektrotechnik, erfolgreich physikalische
Gesetze in der industriellen Praxis angewendet. b
Der Prozess der physikalischen Erkenntnis ist in
Abb. 1.1 als geschlossener Regelkreis dargestellt.
Er umfasst vier Stationen:

a) Experiment a c
Im ersten Schritt werden Merkmale der leb-
losen Umwelt, die physikalischen Größen,
gesucht. Zur präziseren Beschreibung müssen
auch Merkmale durch physikalische Defini-
tionen festgelegt werden (z. B. die Definiti- d
on der Kraft). In einem Experiment werden
durch Messungen zwei oder mehr physikali-
sche Größen miteinander verglichen und die
dabei aufgestellten Zusammenhänge aufge-
schrieben. Abb. 1.1 Regelkreis der physikalischen Erkenntnis

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2016 1


E. Hering, R. Martin, M. Stohrer, Physik für Ingenieure, DOI 10.1007/978-3-662-49355-7_1
2 1 Einführung

genug vorhergesagt werden können (z. B. der des sich bewegenden Körpers vorhergesagt
Einfluss der Reibung bei der Strömung realer werden.
Flüssigkeiten und Gase). Der große Erfolg der physikalischen Erkennt-
b) Induktionsschluss nismethode beruht hauptsächlich auf der Ge-
Werden physikalische Zusammenhänge im- nauigkeit und Zuverlässigkeit der Vorhersa-
mer wieder experimentell bestätigt, dann ge. Zum Beispiel wäre die Mondlandung
kann gefolgert werden, dass sie zu jeder Zeit nicht möglich gewesen, wenn auf der Erde
und an jedem Ort gültig sind. Dieser Schluss, nicht alle Gesetzmäßigkeiten bekannt gewe-
der eine Verallgemeinerung darstellt, wird in sen wären, sodass alle möglichen Ereignis-
der Mathematik Induktionsschluss (Schluss se während des Fluges auf der Erde simu-
von n auf n C 1) genannt. Eine derartige Ver- liert werden konnten. Es war möglich, die
allgemeinerung ist nur zulässig, wenn sich Mondlandung gleichsam im Geist vorweg-
die physikalischen Konstanten nicht ändern. zunehmen, weil die physikalischen Theorien
Diese wichtige Forderung nach der Konstanz richtig und zuverlässig sind und eine gülti-
der Naturereignisse äußert sich in der Phy- ge Aussage im konkreten Fall erlauben. Ein
sik in der Existenz von Naturkonstanten (z. B. wichtiger Bestandteil der ingenieurmäßigen
Lichtgeschwindigkeit c). Beim Übertragen Denkweise besteht nämlich darin, zukünfti-
des physikalischen Erkenntnisprozesses auf ges Verhalten beispielsweise von Maschinen
andere Disziplinen, z. B. auf die Psycholo- oder elektronischen Schaltungen durch die
gie, muss daher genau geprüft werden, ob die gültigen physikalischen Gesetze vorauszuse-
Konstanz der Aussageparameter gegeben und hen. Diese Methode wird vor allem auf dem
damit eine Verallgemeinerung der Beziehun- Gebiet der Schadensverhütung außerordent-
gen zulässig ist. lich wirkungsvoll eingesetzt.
c) Physikalische Gesetze a) Experiment
Mit der Verallgemeinerung durch den Induk- Auch die sorgfältigste Vorhersage physikali-
tionsschluss ist ein physikalisches Gesetz for- scher Zustände kann fehlerhaft sein, weil be-
muliert (z. B. die Kraft ist proportional zur stimmte Einflussgrößen nicht berücksichtigt
Masse und Beschleunigung). Das physika- sind. Aus diesem Grund muss die Vorhersage
lische Gesetz wird für die weitere Analyse eines physikalischen Gesetzes durch ein Ex-
und die Anwendung mathematisch formuliert periment auf ihre Richtigkeit überprüft wer-
(z. B. F D ma). Bildet die Vielzahl an phy- den (Verifikation). Voraussetzung dafür ist,
sikalischen Gesetzen ein widerspruchsfreies dass mit dem physikalischen Gesetz ein realer
System wissenschaftlicher Aussagen über die Messaufbau definiert ist, der die Verifizierung
gesetzmäßigen Zusammenhänge eines physi- der Prognose erlaubt. Diese harte Forderung
kalischen Bereiches, so wird dieses System von Albert Einstein, dass jedes physikalische
Theorie genannt. Die Theorie ermöglicht ei- Gesetz zugleich eine Messvorschrift für ei-
nerseits eine Vorhersage durch die Deduktion ne reproduzierbare Messung darstellen muss,
(d) und andererseits die Überprüfung ihres ei- hat die Physik davor bewahrt, in geistreiche
genen Wahrheits- bzw. Gültigkeitsanspruches Phantastereien abzugleiten. Mit der Prüfung
durch das Experiment (a). der Prognose am Experiment ist der physika-
d) Deduktion lische Erkenntnisprozess wie in einem Regel-
Aus den physikalischen Theorien oder Geset- kreis geschlossen. Die Wirklichkeit korrigiert
zen können mit Hilfe der Logik spezielle, auf damit im Verifikationstest den physikalischen
ein konkretes Problem bezogene Aussagen Erkenntnisprozess. Auf diese Weise ist aus-
hergeleitet werden. In der klassischen Mecha- geschlossen, dass dieser auf das rein geisti-
nik kann beispielsweise aus der Bahnkurve ge Denkvermögen des Menschen beschränkt
für den schiefen Wurf zu jeder Zeit jeder Ort bleibt.
1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis 3

1.2 Bereiche der physikalischen  Erfahrbarkeit


Erkenntnis Makrophysikalische Vorgänge sind unmittel-
bar erfahrbar, mikrophysikalische dagegen
Wie Abb. 1.2 zeigt, lässt sich die Physik in zwei nicht. Dies bedeutet, dass die Mikrophysik im
Hauptbereiche einteilen, in die Makrophysik und Prinzip nicht anschaulich sein kann, weil sie
in die Mikrophysik. Entscheidend für die Zuord- sich der Anschauung entzieht.
nung ist die Größe der Wirkung (Wirkung D  Zerlegung
Energie  Zeit). Sind die Wirkungen sehr groß Die Makrophysik beschäftigt sich mit Phäno-
im Vergleich zum Planck’schen Wirkungsquan- menen, die in kleinere Teile zerlegbar sind und
tum h D 6;6260693  1034 J s, dann handelt nach ihrer Zerlegung getrennt untersucht wer-
es sich um Vorgänge in der Makrophysik. Sind den können. In der Mikrophysik handelt es
die Wirkungen dagegen in der Größenordnung sich grundsätzlich um unzerlegbare Teilchen
von h, so liegt die Mikrophysik vor. Anschaulich (Quanten). Aufgrund dieser Tatsache müssen
könnte diese Einteilung auch in dieser Weise vor- die praktizierten analytischen, auf Zerlegung
genommen werden: Die Mikrophysik beschäftigt basierenden Experimente versagen. Dies hat
sich mit Phänomenen im atomaren und subato- zur Folge, dass unser experimenteller Zugriff
maren Bereich (Längen in der Größenordnung auf die unzerlegbaren Teile völlig anders gear-
. 1010 m), während sich die Makrophysik mit tet sein muss.
bis zu lichtmikroskopisch sichtbaren Phänome-  Ablaufstruktur
nen auseinandersetzt (Längen in der Größenord- Während die Makrophysik kontinuierliche,
nung & 106 m). Die wesentlichen Unterschiede stetige Abläufe zum Inhalt hat, die es gestat-
zwischen Makro- und Mikrophysik gehen aus ten, die zeitliche Entwicklung physikalischer
Abb. 1.2 hervor: Vorgänge genau zu verfolgen, spielen sich mi-

Abb. 1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis


4 1 Einführung

krophysikalische Vorgänge diskontinuierlich Beide Theorien wurden durch P.A.M. D IRAC


und unstetig ab. miteinander verknüpft.
Die klassische Physik hat vier Hauptbereiche:
Die klassische Physik beschreibt die Phänomene
der Makrophysik, die Quantenphysik die Effekte  Mechanik
der Mikrophysik. Klassische Physik und Quan- Sie beschreibt die Zustandsänderungen eines
tenphysik haben in ihrer Beschreibungsmethodik massebehafteten Körpers in Raum und Zeit.
in drei Punkten fundamentale Unterschiede:  Thermodynamik
In der Thermodynamik beschreibt man physi-
 Anschaulichkeit kalische Erscheinungen, bei denen die Tempe-
Weil die Quantenphysik nicht unmittelbar er- ratur eine wichtige zusätzliche Zustandsgröße
fahrbare Effekte beschreibt, ist sie im Gegen- ist.
satz zur klassischen Physik unanschaulich und  Elektrizität und Magnetismus
abstrakt. Die Elektrizität und für bewegte Ladungen
 Determiniertheit die Theorie des Magnetismus befassen sich
In der Quantenphysik laufen keine streng vor- mit den Effekten eines physikalischen Sys-
herbestimmten (deterministischen) Prozesse tems, wenn zusätzlich zu den mechanischen
ab wie in der klassischen Physik. Die Abläufe Grundgrößen (Masse, Länge und Zeit) noch
sind deshalb nicht chaotisch, sondern sie ge- die Eigenschaft der Ladung vorhanden ist.
horchen einer statistischen Gesetzmäßigkeit.  Wellenlehre
 Messgenauigkeit In diesem Lehrgebiet werden periodische Zu-
In der Quantenphysik können im Gegensatz standsänderungen beschrieben. Wellen kön-
zur klassischen Physik bestimmte physikali- nen sowohl materiegebunden (z. B. Akustik)
sche Zustände (z. B. Ort und Geschwindigkeit als auch nicht an Materie gebunden sein (z. B.
eines Teilchens) nicht exakt, sondern nur in- Optik).
nerhalb bestimmter Unschärfen experimentell
bestimmt werden: Durch die Messung eines Bis zum ersten Viertel des zwanzigsten Jahr-
Wertes u wird ein anderer Messwert v so hunderts herrschte das streng kausale und deter-
beeinflusst, dass dieser nicht mehr exakt mess- ministische Denkprinzip der klassischen Physik
bar ist (Abschn. 6.5.5.2). Der physikalische Newton’scher Prägung vor. Da es sehr erfolg-
Zustand ist deshalb nicht mehr durch einen reich war, wurde es von anderen Wissenschaften
genauen Wert beschreibbar, sondern durch ei- übernommen. Beispielsweise erklärt der Darwi-
ne statistische Wahrscheinlichkeit, bestimmte nismus in klaren, kausalen Gedankenketten die
Werte vorzufinden. Entwicklung der Arten (Evolutionstheorie). Ge-
mäß der Schulmedizin wird die Krankheit von
In Abb. 1.3 sind die Gebiete der Physik darge- isolierbaren Einflüssen verursacht (z. B. Bak-
stellt. In der Mitte befindet sich das Gebiet der terien, Viren oder Organdefekten); durch Be-
klassischen Physik. Ihre Erscheinungen können seitigung dieser einzelnen Krankheitsursachen
völlig gleichwertig entweder durch das Wellen- wird der Mensch gesund. In der geschichtlichen
bild oder durch das Partikelbild erklärt werden. Beurteilung durch den Marxismus (historischer
Die klassische Physik wird durch zwei Erfah- Materialismus) wird eine kausale Argumentati-
rungen erweitert: Zum einen führt die Tatsache on verwendet und die Determiniertheit des ge-
der endlichen Signalgeschwindigkeit zur Relati- schichtlichen Ablaufes postuliert. Die kausalde-
vitätstheorie (links) und zum andern führen die terministische Denkweise Newton’scher Prägung
Unschärferelationen zur Quantentheorie (rechts), nach dem Regelkreis physikalischen Erkennens
die die Gebiete Molekül- und Atomphysik so- (Abb. 1.1) auf andere Gebiete zu übertragen, ist
wie Kern- und Elementarteilchenphysik umfasst. aber bedenklich, wenn
1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis 5

Abb. 1.3 Gebiete der Physik

 die für den Induktionsschluss geforderte Kon- Quantenphysik ist. Damit wurde in der Physik
stanz der Systemvariablen nicht gegeben ist, erstmalig die deterministische Denkweise in ih-
weil diese je nach Situation unterschiedliche rer generellen Gültigkeit in Frage gestellt. Dies
Werte einnehmen (z. B. hängt die Antwort in bedeutet freilich nicht, dass der in Abb. 1.1 darge-
einem Interview auch von der Art der Frage- stellte Regelkreis der physikalischen Erkenntnis
stellung ab) und wenn in der Quantenphysik falsch wird. Er ist nach wie
 die für einen Deduktionsschluss notwendige, vor gültig. Es wird beim Induktionsschluss die
vollständige Kenntnis der Anfangsbedingun- Konstanz der Variablen ersetzt durch die Kon-
gen eines Systems nicht gegeben ist. stanz der statistischen Zusammenhänge, weshalb
die Deduktion keine determinierten, sondern le-
Die heute beklagte „Unmenschlichkeit“ der diglich wahrscheinliche Vorhersagen erlaubt.
Technik und die Zukunftslosigkeit vieler Men- Weil in quantenmechanischen Systemen die
schen hat ihren Grund auch darin, dass die Elemente unteilbar sind, sind sie ganzheitlich und
rein kausale, deterministische Denkweise von der dürfen nicht analytisch betrachtet werden. Zudem
klassischen Physik ausgehend weite Bereiche der besteht zwischen den quantenmechanischen Sys-
geistigen Welt erfasst hat. In letzter Konsequenz temkomponenten eine so starke Wechselwirkung,
führt dieses Denken zu dem Schluss, das mensch- dass bei einer Trennung der Komponenten für
liche Leben sei ein sinnloses, vorherbestimmtes eine Einzelanalyse diese erheblich verändert wer-
Existieren. Der Begriff Freiheit als Gegenteil von den; somit ist ein Denken in wechselwirkenden
Determiniertheit wird dann ebenso sinnlos wie Zusammenhängen (Regelkreisen) bei quanten-
ein Moralbegriff, da vorherbestimmte Abläufe mechanischen Systemen notwendig.
keinen Schuldigen kennen. Das für viele Probleme unserer Zeit (z. B. Um-
Mit der Begründung der Quantenphysik Mitte weltzerstörung) notwendige vernetzte Denken in
der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts wur- ganzheitlichen Kategorien als erforderliche Kor-
de deutlich, dass sich atomare und subatomare rektur zur isolierten, analytischen Denkweise war
Strukturen nicht mehr deterministisch verhalten in der Physik bereits vor achtzig Jahren notwen-
und die klassische Physik ein Spezialfall der dig, um quantenphysikalische Effekte erklären
6 1 Einführung

zu können. Sicherlich wird ein über die statisti- nur noch die SI-Einheiten benutzt werden. Durch
sche Determiniertheit hinausgehendes Denkkon- Vorsätze oder Präfixe können dezimale Vielfa-
zept benötigt, um soziale und lebendige Syste- che oder Teile der Einheiten gebildet und damit
me in ihrem Verhalten richtig beschreiben zu umständlich zu schreibende Zehnerpotenzen der
können. Aus diesem Grund wird von einigen Maßzahlen vermieden werden. In Tab. 1.1 sind
Physikern versucht, die Quantenphysik in ihrer die Vorsilben und Kurzzeichen für die Vorsät-
ganzheitlichen, auf Regelkreisen beruhenden Be- ze zusammengestellt. Doppelvorsätze wie z. B.
trachtungsweise als Denkmodell beispielsweise mm, sind nicht zulässig.
für gesellschaftliche Strukturen und deren Ver- Hohe Anforderungen an die Genauigkeit des
änderungen oder zur ästhetischen Beurteilung Vergleichs mit der Einheit, d. h. an die Mess-
von Kunstwerken heranzuziehen. Es bleibt ab- genauigkeit, können nur mit sehr aufwändigen
zuwarten, inwieweit diese Übertragungsversuche Apparaturen erfüllt werden, bei denen Störein-
quantenmechanischer Denkkonzepte auf andere flüsse auf den Vergleichsmaßstab weitgehend
Wissenschaften erfolgreich sind. ausgeschlossen und die Ablesung des Vergleichs-
maßstabs hochverfeinert ist. Weltweit kann ein
solcher messtechnischer Aufwand nur in wenigen
1.3 Physikalische Größen Mess- und Eichlaboratorien getrieben werden.
In der Bundesrepublik Deutschland ist dafür die
1.3.1 Definition und Maßeinheit Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in
Braunschweig zuständig. Abb. 1.4 zeigt das pri-
Eine physikalische Größe kennzeichnet Eigen- märe Zeitnormal der PTB Braunschweig, die
schaften und beschreibt Zustände sowie Zu- Atomuhr. Schon wegen dieses messtechnischen
standsänderungen von Objekten der Umwelt. Sie Aufwandes wurde in den SI-Vereinbarungen
muss nach der Forderung Einsteins (Abb. 1.1) darauf geachtet, die Einheiten der physikali-
messbar sein, d. h. ein Messverfahren definie- schen Größen auf möglichst wenige, voneinan-
ren. Die Vereinbarung, nach der die beobachtete der unabhängige Basiseinheiten zurückzuführen.
physikalische Einheit quantifiziert wird, ist die Von deren absoluter Messgenauigkeit sind unse-
Einheit der physikalischen Größe. Beispielsweise re physikalischen Beobachtungen bestimmt. In
wurde für die Temperatur T als Einheit K (Kel-
vin) der 273,16-te Teil der Temperatur des Tripel-
punktes von Wasser festgelegt (Abschn. 3.1.3). Tab. 1.1 Bezeichnung der dezimalen Vielfachen und Teile
von Einheiten
Der Zahlenwert vor der Einheit gibt an, wie oft
der Vergleichsmaßstab der Einheit angelegt wer- Zehnerpotenz Vorsilbe Kurzzeichen Beispiel
1018 Exa E Em, EJ
den kann. Somit besteht eine physikalische Größe
1015 Peta P Pm, PJ
G immer aus einer quantitativen Aussage fGg
1012 Tera T Tm, TJ
(ausgedrückt durch den Zahlenwert) und einer 109 Giga G Gm, GJ
qualitativen Aussage ŒG (ausgedrückt durch die 106 Mega M Mm, MJ
Einheit): 103 Kilo k km, kJ
G D fGg  ŒG: (1.1) 102 Hekto h hPa, hJ
101 Deka da dam, daJ
Durch das Gesetz über Einheiten im Messwe-
101 Dezi d dm, dJ
sen vom 2. Juli 1969 (BGBl. I S. 709) wurden 102 Zenti c cm, cJ
ab 1.1.1978 die Vereinbarungen der Internatio- 103 Milli m mm, mJ
nalen Organisation für Standardisation (ISO), 106 Mikro  m, J
die sogenannten SI-Einheiten (Systeme Interna- 109 Nano n nm, nJ
tional d’Unités), in der Bundesrepublik Deutsch- 1012 Piko p pm, pJ
land eingeführt. Im amtlichen und geschäftlichen 1015 Femto f fm, fJ
Verkehr dürfen seither für physikalische Größen 1018 Atto a am, aJ
1.3 Physikalische Größen 7

Abb. 1.4 Die Cäsium-Atomuhren CS1, CS2 und CS3 der PTB Braunschweig, aufgestellt in der abgeschirmten und
klimatisierten Atomuhrenhalle

Tab. 1.2 sind die sieben Basisgrößen im SI- ihrer Definitionsgleichung abgeleitet. Eine Aus-
Einheitensystem wiedergegeben, ihre Definitio- wahl abgeleiteter Einheiten zeigt Tab. 1.3.
nen und ihre relative Messunsicherheit angege- Bei der theoretischen Beschreibung der ermit-
ben. telten Zusammenhänge zwischen den physikali-
Durch die ISO-Festlegung der Vakuum- schen Größen ergeben sich universelle Proportio-
Lichtgeschwindigkeit vom 20.10.1983 auf c D nalitätskonstanten, die Naturkonstanten. Einige
299:792:458 m=s ist das Meter von der Sekunde dieser Naturkonstanten sind in Tab. 1.4 aufge-
metrologisch abhängig geworden. Durch die Be- führt.
ziehung c 2 D 1=0 "0 ist bei Kenntnis der Licht-
geschwindigkeit c und der magnetischen Feld-
konstanten 0 der Wert für die elektrische Feld- 1.3.2 Messgenauigkeit
konstante "0 exakt festgelegt (Abschn. 4.5.5).
Nach dem von K. von Klitzing 1980 entdeck- Die Messung einer physikalischen Größe er-
ten quantisierten Hall-Effekt lässt sich auch ei- folgt durch den Vergleich der Einheit dieser
ne aus Naturkonstanten sehr exakt bestimmba- Größe nach der Messmethode der SI-Vereinba-
re Basisgröße für den elektrischen Widerstand rung oder einem darauf geeichten Messverfahren.
R D h=.ie2 / bestimmen .i D 1; 2; 3; : : :/. Oft werden die Messwerte von Wiederholungs-
Die SI-Einheiten der übrigen physikalischen Grö- messungen Abweichungen untereinander haben,
ßen werden aus den Basiseinheiten entsprechend die kennzeichnend für die Messgenauigkeit sind.
8 1 Einführung

Tab. 1.2 Basisgrößen, Basiseinheiten und Definitionen im SI-Maßsystem


Basisgröße Basiseinheit Symbol Definition relative
Unsicherheit
Zeit Sekunde s 1 Sekunde ist das 9.192.631.770-fache der Periodendauer der 1014
dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus
des Grundzustands von Atomen des Nuklids 133 Cs entsprechen-
den Strahlung
Länge Meter m 1 Meter ist die Länge der Strecke, die Licht im Vakuum wäh- 1014
rend der Dauer von 1=299:792:458 Sekunden durchläuft
Masse Kilogramm kg 1 Kilogramm ist die Masse des internationalen Kilogrammpro- 109
totyps
elektrische Ampere A 1 Ampere ist die Stärke eines zeitlich unveränderlichen Stroms, 106
Stromstärke der, durch zwei im Vakuum parallel im Abstand von 1 Meter
voneinander angeordnete, geradlinige, unendlich lange Leiter
von vernachlässigbar kleinem kreisförmigem Querschnitt flie-
ßend, zwischen diesen Leitern je 1 Meter Leiterlänge die Kraft
2  107 Newton hervorruft
Temperatur Kelvin K 1 Kelvin ist der 273,16-te Teil der thermodynamischen Tempe- 106
ratur des Tripelpunktes des Wassers
Lichtstärke Candela cd 1 Candela ist die Lichtstärke in einer bestimmten Richtung 5  103
einer Strahlungsquelle, die monochromatische Strahlung der
Frequenz 540 THz aussendet und deren Strahlstärke in dieser
Richtung 1=683 W=sr beträgt
Stoffmenge Mol mol 1 Mol ist die Stoffmenge eines Systems, das aus ebenso viel 106
Einzelteilchen besteht, wie Atome in 12=1000 Kilogramm des
Kohlenstoffnuklids 12 C enthalten sind

Wie Tab. 1.5 zeigt, ist dabei zwischen den sys- DIN 55 303-2: Statistische Auswertung
tematischen, für das Messverfahren charakteris- von Daten,
tischen Abweichungen und den zufälligen oder DIN 55 350-21 bis 24: Qualitätssicherung und
statistischen, vom Experimentator abhängigen Statistik.
Abweichungen zu unterscheiden.
Um systematische Abweichungen aufzude- Zur grafischen Analyse der Messwertschwankun-
cken, werden in der Prüfpraxis Ringversuche gen dient das Histogramm. Ein Beispiel hierfür
durchgeführt, bei denen dieselbe Probe von ver- zeigt Abb. 1.5. In dieses wird balkenförmig über
schiedenen Prüfstellen gemessen und die Ergeb- dem Messwert x die relative Häufigkeit hj des
nisse anschließend verglichen werden. Aus den Messwerts aufgetragen:
zufälligen Abweichungen wird durch die Fehler-
Nj
rechnung die Messgenauigkeit des angewandten hj D : (1.2)
Messverfahrens bestimmt. Die mathematischen N
Grundlagen für diese Analyse der Messgenauig- Nj ist die Anzahl des Messwerts xj bei N Mes-
keit sind in Lehrbüchern der Statistik und Wahr- sungen der Messgröße x.
scheinlichkeitstheorie beschrieben. Die praxisge- Bei zufälligen Messabweichungen ist die Häu-
rechten Verfahren sind in Normen zusammenge- figkeitsverteilung symmetrisch zu einem häu-
fasst: figsten Wert, dem Erwartungswert . Bei einer
Wiederholungsmessung wird dieser Erwartungs-
DIN 1 319: Grundbegriffe der Mess- wert mit größter Wahrscheinlichkeit gemessen.
technik, Vom häufigsten Wert abweichende Messwerte xj
DIN ISO 3534-1: Statistik – Begriffe und werden umso seltener gemessen, je größer ihre
Formelzeichen, Abweichung dj D xj   vom Erwartungswert 
DIN 53 804-1: Statistische Auswertung, ist.
1.3 Physikalische Größen 9

Tab. 1.3 Zusammenstellung einiger physikalischer Größen mit ihren SI-Einheiten, die von den Basiseinheiten abge-
leitet sind
Physikalische Größe Formel- Berechnung Einheit
zeichen
Fläche A A D Länge  Breite m2
Bogen m
Winkel ' 'D D rad Radiant
Radius m
2
Fläche des Kugelabschnitts m
Raumwinkel ˝ ˝D D sr Steradiant
Quadrat des Kugelradius m2
1 1
Frequenz ; f f D D Hz Hertz
Periodendauer s
Wegintervall m
Geschwindigkeit v vD
Zeitintervall s
Geschwindigkeitsänderung m
Beschleunigung a aD
Zeitintervall s2
m
Kraft F F D Masse  Beschleunigung kg  2 D N Newton
s
m2
Arbeit, Energie W; E W D Kraft  Weg kg  2 D J Joule
s
Arbeit m2
Leistung P P D kg  3 D W Watt
Zeitintervall s
m2
Wärme Q Q D Energie kg  2 D Ws D J Joule
s
Wärme kg  m2 J
Wärmekapazität C C D D
Temperaturintervall s2  K K
elektrische Ladung Q Q D elektr. Stromstärke  Zeit As DC Coulomb
elektrische Kraft kg  m N V
elektrische Feldstärke E ED D D
elektrische Ladung s3  A As m
elektrische Arbeit kg  m2 W
elektrische Spannung U U D D DV Volt
elektrische Ladung A  s3 A
elektrische Spannung kg  m 2
V
elektrischer Widerstand R RD D D Ohm
elektrische Stromstärke A2  s3 A
elektr. Stromstärke  Windungszahl A
magnetische Feldstärke H H D
Spulenlänge m
kg  m2
magnetischer Fluss ˚ ˚ D magnetische Induktion  Fläche D V  s D Wb Weber
A  s2
kg Wb
magnetische Induktion B B D Permeabilität  magnetische Feldstärke D 2 DT Tesla
A  s2 m
Lichtstrom cd  sr
Beleuchtungsstärke E ED D lx Lux
Fläche m2

Wird die Anzahl der Wiederholungsmessun- h.x/dx ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei ei-
gen stark erhöht, so geht die Häufigkeitsver- ner Wiederholungsmessung der Messwert x zwi-
teilung h.xj / in eine glockenförmige Normal- schen x und x C dx liegt. Die Funktion h.x/ ist
Verteilung der Messwerte über. Im Grenzfall symmetrisch p zum Erwartungswert  und durch
liegen die Werte des Histogramms auf der von den Faktor 1= 2  2 so normiert, dass die Wahr-
C.F. Gauß aufgestellten Verteilungsfunktion scheinlichkeit 1 ist, bei einer Wiederholungsmes-
sung einen Wert x im Bereich 1 < x < C1
2
1  .x/ zu finden. Die Varianz 2 ist ein Maß für die
h.x/ D p e 2 2 : (1.3)
2  2 Breite der Verteilungsfunktion h.x/W 68;3 % der
10 1 Einführung

Tab. 1.4 Wichtige Naturkonstanten (international empfohlene CODATA-Werte von 2014)


Bezeichnung Symbol Wert relative Unsicherheit
m
Vakuum-Lichtgeschwindigkeit c 2;99792458  108 0
s
N m2
Gravitationskonstante G 6;67408  1011 4;7  105
kg2
Avogadro-Konstante NA 6;022140857  1023 mol1 1;2  108
Elementarladung e 1;6021766208  1019 A s 6;1  109
Ruhemasse des Elektrons m0e 9;10938356  1031 kg 1;2  108
Ruhemasse des Protons m0p 1;672621898  1027 kg 1;2  108
Planck’sches Wirkungsquantum h 6;62607004  1034 J s 1;2  108
Sommerfeld’sche Feinstrukturkonstante ˛ 7;2973525664  103 2;3  1010
As
elektrische Feldkonstante "0 8;854187817  1012 0
Vm
Vs
magnetische Feldkonstante 0 4   107 0
Am
As
Faraday-Konstante F 9;648533289  104 6;2  109
mol
J
universelle Gaskonstante Rm 8;3144598 5;7  107
mol K
J
Boltzmann-Konstante k 1;38064852  1023 5;7  107
K
W
Stefan-Boltzmann-Konstante 5;670367  108 2 4 2;3  106
m K

Tab. 1.5 Abgrenzung zwischen systematischen und statistischen Abweichungen


systematische Abweichungen statistische Abweichungen
Hinweise unsymmetrische Häufung der Messwerte von symmetrische Häufung der Messwerte um
Wiederholungsmessungen einen häufigsten Wert
Ursachen falsche Kalibrierung der Messgeräte (z. B. Schwankungen beim Anlegen von Maßstäben
falsch eingestellter Nullpunkt) (z. B. mangelnde Geschicklichkeit, elektroni-
Ablesefehler (z. B. Parallaxenfehler bei Zei- sche Triggerschwankungen)
gerinstrumenten) Schätzung von Zwischenwerten auf Maßstäben
falsche Messgerätejustierung (z. B. nicht hori-
zontale Aufstellung)
Messwertdriften (z. B. Messverfahren verän-
dert die Messgröße)
Abhilfen Konsistenzmessungen (z. B. Eichpunkte, Mess- keine (Messgenauigkeit des Messverfahrens
bereichsumschaltung) entspricht Messfehler)
stabilisierende Maßnahmen (z. B. Thermostati-
sierung, Vakuumschutz)
Einsatz unterschiedlicher Messverfahren
Charakterisierung Angabe von Namen, Institut (amtliche Zulas- Angabe der Abweichung nach mathematischer
sung, Prüfstelle), Messdatum und verwendeten Analyse der Messwerte (Fehlerrechnung)
Messgeräten

Messwerte liegen im Bereich x D  ˙ und ximums der Gauß-Verteilung, bestimmt werden;


95;4 % im Bereich x D  ˙ 2 . Die Varianz 2 es ist
2
kann auch aus der Halbwertsbreite b1=2 , d. h. der b1=2
2 D D 0;18b1=2
2
: (1.4)
Breite der Glockenkurve in halber Höhe des Ma- 8 ln 2
1.3 Physikalische Größen 11

Die Genauigkeit eines Messverfahrens be-


stimmt die Breite der Häufigkeitsverteilung. Die
Standardabweichung s charakterisiert somit die
Messgenauigkeit des verwendeten Messverfah-
rens und kann deshalb durch Wiederholungs-
messungen nicht erhöht werden; dazu muss das
Messverfahren geändert werden.
Dagegen erhöhen Wiederholungsmessungen
die Genauigkeit, sodass der berechnete arithme-
tische Mittelwert xN mit dem Erwartungswert 
als wahrem häufigsten Wert der Messgröße über-
einstimmt. Die Standardabweichung des arithme-
Abb. 1.5 Histogramm der Häufigkeitsverteilung hj (T )
tischen Mittelwerts xN in Tab. 1.6 ist ein Maß
bei einer Schwingungsdauermessung sowie die Normal- für die Abweichung zwischen Schätzwert xN und
verteilungskurve nach (1.3) für  D TN und 2 D sT2 mit wahrem Wert .
TN D 1;2116 s und sT D 0;0172 s Häufig liegt bei Messungen die Anzahl der
Wiederholungsmessungen, d. h. die Anzahl der
Aus der Häufigkeitsverteilung h.xj / einer endli- Messungen N abzüglich der Anzahl der gesuch-
chen Anzahl N von Messungen der m diskreten ten Erwartungswerte unter zehn. Bei einer sol-
Messwerte x1 ; : : : ; xm lassen sich für den Erwar- chen kleinen Anzahl von Messungen ähnelt in
tungswert  und die Varianz 2 nach der Theorie der Regel das Histogramm Abb. 1.5 nur sehr ent-
der Beobachtungsfehler von Gauß Schätzwer- fernt einer Normalverteilungskurve nach (1.3).
te berechnen. Demnach ist die beste Näherung Dementsprechend ungenau ist die Abschätzung
für  der arithmetische Mittelwert xN aus den des Erwartungswertes der Messgröße durch das
Messwerten. Die theoretischen Beziehungen zur arithmetische Mittel der Messwerte. Die Güte
Berechnung der Schätzwerte sind in Tab. 1.6 zu- dieser Abschätzung wird durch einen Vertrau-
sammengestellt. ensbereich um den arithmetischen Mittelwert ge-
Charakteristisch für die Varianz 2 und da- kennzeichnet, in dem der Erwartungswert der
mit die Breite der Häufigkeitsverteilung ist die Messgröße mit einer vom Experimentator vor-
Summe der quadratischen Abweichungen .xi  zugebenden Wahrscheinlichkeit, der statistischen
x0 /2 von einem Festwert x0 ; die Fehlersum- Sicherheit P , liegt.
me FS. Die Fehlersumme hat den minimalen Nach der Theorie der Beobachtungsfehler
Wert FSmin , wenn für den Festwert der arithme- (t-Verteilung nach Student, alias W.S. G OS -
tische Mittelwert xN eingesetzt wird. Mit Hilfe der SET , 1876 bis 1937) sind bei normalverteilten

minimalen Fehlersumme lässt sich als Breiten- Messgrößen die Vertrauensgrenzen für den Er-
maß der Häufigkeitsverteilung die Standardab- wartungswert abhängig von der Anzahl N der
weichung s berechnen; s ist die minimale Feh- Messungen und der Standardabweichung s des
lersumme FSmin , normiert auf die Anzahl nw D Messverfahrens:
N  1 der Wiederholungsmessungen. Die Stan-
dardabweichung s hat dieselbe Maßeinheit wie obere Vertrauensgrenze: xo D xN C uz ;
die Messgröße x. Nach der Theorie der Beob- untere Vertrauensgrenze: xu D xN  uz :
achtungsfehler ist s 2 der beste Schätzwert für die
Varianz 2 . In Abb. 1.5 ist in das Histogramm Die Messunsicherheit uz , die den Vertrauensbe-
die Verteilungsfunktion h.x/ nach (1.3) einge- reich des statischen Messwerts abgrenzt, berech-
zeichnet, wenn an Stelle von  und 2 die nach net sich nach (5) in Tab. 1.6 und hängt von der
Tab. 1.6 berechneten Werte xN und s 2 gesetzt wer- Standardabweichung xN des arithmetischen Mit-
den. telwerts ab.
12 1 Einführung

Tab. 1.6 Beziehungen zur Berechnung der Kennwerte der Fehlerrechnung


Kennwerte der Fehlerrechnung Beziehungen
1 X
N
xN arithmetischer Mittelwert; Schätzwert für den Erwartungswert xN D xi (1)
N iD1
X
N
FSmin minimale Fehlersumme einer Anzahl von N Messwerten FSmin D .xi  x/
N 2
iD1
X
N
D xi2  N xN 2 (2)
r iD1
FSmin
s Standardabweichung des Messwerts bzw. Messverfahrens; Schätzwert für sD (3)
die Varianz N 1
s
xN Standardabweichung des arithmetischen Mittelwerts xN D p (4)
N
uz Zufallskomponente der Messunsicherheit mit tP -Faktor der Student- uz D xt
N P (5)
Verteilung

Der Faktor t folgt aus der Student-t-Verteilung Tab. 1.7 Zahlenwerte nach DIN 1319-3 und Anpassungs-
und ist abhängig von der Anzahl der Wieder- polynom des t -Faktors der Vertrauensgrenzen für ver-
schiedene statistische Sicherheiten
holungsmessungen und der geforderten statisti-
schen Sicherheit P . In Tab. 1.7 sind für verschie- Anzahl der Statistische Sicherheit P
Wiederholungs- 68,3 % 95,4 %
dene Werte der statistischen Sicherheit P Werte messungen
für den t-Faktor aufgeführt. In der Physik und nw D N  k t 0;68 t0;95
in der Vermessungstechnik rechnet man mit der 1 1,84 12,71
statistischen Sicherheit P D 68;3 %. In diesem 2 1,32 4,30
Fall entspricht die Messunsicherheit uz gerade 3 1,20 3,18
der Standardabweichung xN des arithmetischen 4 1,15 2,78
Mittelwerts. In der Industrie dagegen bevorzugt 5 1,11 2,57
man die höhere statistische Sicherheit von P D 7 1,08 2,37
95;4 %. Deshalb muss bei der Angabe der Mess- 10 1,06 2,25
20 1,03 2,09
unsicherheit bzw. des Vertrauensbereichs stets
50 1,01 2,01
die gewählte statistische Sicherheit P angegeben
100 1,00 1,98
werden.
> 100 1,00 1,96
Liegt neben der statistischen Messunsicher- Anpassungs- t0;68 D 1 t0;95 D 1;96
heit uz auch noch eine systematische Messunsi- polynom 0;584 3;012
C C
cherheit us vor, so ist als Gesamt-Messunsicher- nw nw
heit die Summe, also der Wert ug D uz C us , 0;032 1;273
 
n2w n2w
anzugeben. 0;288 8;992
Das Ergebnis von N Messungen der Mess- C C 3
n3w nw
größe x mit einem Messverfahren, dessen Mess-
genauigkeit durch die Standardabweichung s ge-
kennzeichnet ist, wird in der Form
wird allerdings in der Praxis oft weggelassen.
s Dies kann zu Verwirrungen führen. So kann bei-
xP D xN ˙ tP p (1.5) spielsweise die Temperaturmessung mit einem
N
Thermometer mit 1=10 ıC Teilung bei einer Ka-
angegeben. Der Index P kennzeichnet bei sehr librierung mit der statistischen Sicherheit von
genauen Messungen die gewählte statistische Si- 68;3 % eine Messgenauigkeit von ug D 0;1 K
cherheit. Die Angabe der statistischen Sicherheit aufweisen. Für den Einsatz in der Industrie mit
1.3 Physikalische Größen 13

einer Anforderung an die statistische Sicherheit 1.3.4 Kurvenanpassung


von 95;4 % muss für dieses Thermometer die
doppelte Messungenauigkeit ug D 0;2 K ange- Außer der direkten Bestimmung von Mess-
geben werden. werten für einzelne physikalische Größen f ,
Wie aus (1.5) hervorgeht, nimmt die Mess- beispielsweise der Länge oder der Masse ei-
unsicherheit von x nur mit der Wurzel der nes Körpers, wird in Physik und Technik die
Messungen ab. Deshalb steigern viele Wiederho- Messtechnik dazu eingesetzt, Theorien von Na-
lungsmessungen die Messgenauigkeit des Erwar- turvorgängen zu überprüfen und die Parameter
tungswertes der Messgröße nur noch wenig. dieser Theorien experimentell zu bestimmen.
In Tab. 1.6 sind die absoluten Standardab- Dabei werden für unterschiedliche Messvaria-
weichungen zusammengestellt. Zum Vergleich blen x1 ; x2 ; x3 ; : : : die Messwerte f1 ; f2 ; f3 ; : : :
der Genauigkeiten verschiedener Messverfahren der physikalischen Größe f gemessen, mit
werden häufig die relativen Standardabweichun- den theoretischen Werten f .x1 I a0 ; a1 ; : : :/,
gen des Messverfahrens s=xN bzw. des arith- f .x2 I a0 ; a1 ; : : :/, f .x3 I a0 ; a1 ; : : :/ : : : vergli-
metischen Mittelwerts x=N xN herangezogen. Die chen und die Parameter a0 ; a1 ; : : : der Theorie
Relativwerte werden dabei jeweils auf den arith- so gewählt, dass die theoretischen Werte der
metischen Mittelwert xN bezogen und in Prozent- physikalischen Größe f im Rahmen der Messge-
werten (1 % D 102 ), Promille (1  D 103 ) nauigkeit mit den Messwerten übereinstimmen.
oder parts per million (1 ppm D 106 ) angege- Lassen sich die Messwerte nicht durch die theo-
ben. retischen Kurven anpassen, so ist entweder die
zugrunde liegende Theorie falsch oder die Mes-
sung mit systematischen Messfehlern behaftet.
1.3.3 Fehlerfortpflanzung Eine für die theoretische Elementarteilchenphy-
sik bahnbrechende experimentelle Untersuchung
Oft werden die physikalischen Größen mit Fehleranalyse zeigt Abb. 1.6.
f .x; y; z; : : :/ nicht direkt gemessen, sondern Sind die Messfehler der Messwerte f1 ; f2 ; : : :
indirekt aus den Messungen der Teilgrößen zufällig und unterliegen sie dem Normalver-
x; y; z; : : : bestimmt, beispielsweise die Dichte % teilungsgesetz, so sind nach der Theorie der
eines zylindrischen Körpers aus den Messungen Beobachtungsfehler von Gauß die Parameter
der Masse, des Durchmessers und der Höhe. Als a0 ; a1 ; : : : der Theorie am wahrscheinlichsten, für
Messergebnisse liegen also die arithmetischen
Mittelwerte und die Standardabweichungen der
Teilgrößen vor. Nach dem Fehlerfortpflanzungs-
gesetz von Gauß lassen sich aus diesen Werten
der Teilgrößen der wahrscheinliche Wert fN der
indirekt gemessenen Größe f .x; y; z; : : :/ und
deren Standardabweichungen nach den Bezie-
hungen in Tab. 1.8 errechnen.
Häufig wird (2) in Tab. 1.8 für die Standard-
abweichung mit Hilfe des absoluten Größtfehlers
f nach (3) in Tab. 1.8 abgeschätzt. Besonders
einfach lässt sich der relative Größtfehler f =fN
einer Größe f D a  x k y m z n berechnen, die über
Abb. 1.6 PETRA-Experimente am Deutschen Elektro-
Potenzprodukte von den Teilgrößen abhängt: nen-Synchrotron (DESY) bewiesen 1983 das Versagen
ˇ ˇ ˇ ˇ ˇ ˇ der reinen Quanten-Elektrodynamik (QED) bei der Er-
f ˇ xN ˇ ˇ yN ˇ ˇ Nz ˇ zeugung von Myonen und bestätigten im Rahmen der
D jkjˇ ˇ ˇ ˇ
C jmjˇ ˇ ˇ
C jnjˇ ˇ : (1.6) Messgenauigkeit die Theorie der elektroschwachen Wech-
fN N
x ˇ N
y ˇ zN ˇ
selwirkung (QED C WEAK)
14 1 Einführung

Tab. 1.8 Beziehungen für die Kennwerte der Fehlerrechnung indirekt gemessener physikalischer Größen
Kennwerte der Fehlerfortpflanzung der Fehlerrechnung Beziehungen
fN wahrscheinlichster Wert der indirekt fN D f .x;
N y;
N zN ; : : :/ (1)
gemessenen physikalischen Größe f
s 2  2  2
@f @f @f
sf Standardabweichung der Größe f sf D sx2 C sy2 C sz2 C : : : (2)
bzw. des indirekten Messverfahrens @x @y @z
für f
ˇ ˇ ˇ ˇ ˇ ˇ
ˇ @f ˇ ˇ @f ˇ ˇ @f ˇ
f absoluter Größtfehler der Größe f f D ˇˇ ˇˇ xN C ˇˇ ˇˇ yN C ˇˇ ˇˇ Nz C : : : (3)
bzw. des Messverfahrens für f @x @y @z
N y;
x; N zN ; : : : arithmetische Mittelwerte der Teilmessgrößen x; y; z; : : :
x;N y; N Nz ; : : : Standardabweichungen der Mittelwerte x; N y;
N zN ; : : :
@f @f @f
; ; ; : : : partielle Ableitungen der Funktion f .x; y; z; : : :/ nach den Teilgrößen x; y; z; : : : an der Stelle
@x @y @z N y;
x; N zN ; : : :

die die Fehlersumme, d. h. die Summe der Qua- über Funktionen f mit linearen Normalgleichun-
drate der Abweichungen, ein Minimum ist: gen. Die Standardabweichungen sa0 ; sa1 ; : : : der
Parameter lassen sich aus dem Wert des Mini-
X N mums der Fehlersumme FSmin , der Anzahl der
FS D gi Œfi  f .xi I a0 ; a1 ; : : :/2 Wiederholungsmessungen nw und aus den Ge-
i D1
wichten g1 ; g2 ; : : : der Messwerte ermitteln.
! Minimum: (1.7) Oft lässt sich eine theoretische Beziehung y D
f .xI a0 ; a1 / durch eine Transformation v D v.y/
Mit den Gewichten gi können die Beiträge ein- in eine Geradendarstellung v D mx C a umfor-
zelner Messwerte zur Fehlersumme unterschied- men. Die Parameter Steigung m und Achsenab-
lich gewichtet werden. schnitt a dieser Geradendarstellung v.x/ können
Es wird bei diesem Ansatz vorausgesetzt, dass dann entweder rechnerisch oder grafisch durch
die Abweichungen fi  f .xi I a0 ; a1 ; : : :/ vonein- eine Regressionsgerade ermittelt werden. Durch
ander unabhängig sind und die Standardabwei- die Umformung von y D f .x/ in v D v.x/ än-
chung der Messungen fi für alle Maßvariablen dern sich jedoch die Gewichte gi der einzelnen
xi , denselben Wert s hat. Messwerte; die Fehlersumme lautet dann
Die Forderung dieser Methode der kleinsten
Quadrate führt auf ein System von Normalglei- X
N

chungen für die Parameter a0 ; a1 ; : : :: FS D gi .vi  m xi  a/2 : (1.9)


i D1

X
N
@f Ist die Standardabweichung sy für alle Werte yi
2 gi Œfi  f .xi I a0 ; a1 ; : : :/ D 0;
@a0 gleich und kann die Messungenauigkeit der Wer-
i D1
(1.8a) te xi vernachlässigt werden, so ergeben sich die
Gewichte gi aus
X
N
@f
2 gi Œfi  f .xi I a0 ; a1 ; : : :/ D0 1
i D1
@a1 gi D  2 : (1.10)
@v.yi /
(1.8b) sy2
@yi
und so fort:
In Abb. 1.8 sind für die Spezialfälle der linearen,
Für Linearkombinationen der Parameter a0 ; a1 ; logarithmischen und exponentiellen Regression
: : : ist das Normalgleichungssystem linear und die Lösungen für die Mittelwerte und Standard-
geschlossen lösbar. Abb. 1.7 gibt einen Überblick abweichungen der Parameter zusammengestellt.
1.3 Physikalische Größen 15

Abb. 1.7 Funktionen mit einem linearen Normalgleichungssystem für die Parameter der Kurvenanpassung

Die Vertrauensgrenzen uz , die die statistische le Beurteilung, ob die Theorie im Rahmen der
Messungenauigkeit begrenzen, ergeben sich je Messgenauigkeit mit den Messwerten überein-
nach geforderter statistischer Sicherheit aus dem stimmt. Wird ein linearer Zusammenhang y D
Faktor t von Tab. 1.7. Es ist zu beachten, dass bei mx C a zwischen der Messvariablen x und der
k Parametern und N Messungen die Anzahl der Messgröße y erwartet, so kann im Messdia-
Wiederholungsmessungen nw D N  k beträgt. gramm die Ausgleichsgerade auch grafisch durch
So ist bei der Regressionsgeraden die Anzahl der die Messwerte gelegt werden. Der Parameter aN
Wiederholungsmessungen nw D N  2. Das Er- ergibt sich aus dem Achsenabschnitt der Aus-
gebnis der Kurvenanpassung ist gleichsgerade, m N aus der Steigung.
Die Standardabweichungen m und a der
sa
a D aN ˙ t.nw / p : (1.11) Parameter lassen sich durch 2 Grenzgeraden
N I und II an die Messwerte abschätzen, die
durch den Schwerpunkt der Messwerte ys D
1 PN 1 PN
N i D1 yi und xs D N i D1 xi zu legen sind.
1.3.5 Ausgleichsgeradenkonstruktion Eine der Grenzgeraden ist die steilste, die andere
die flachste mögliche Gerade durch die Messwer-
Eine zeichnerische Darstellung der Messpunkte te, wie Abb. 1.9 zeigt. Aus den der Zeichnung
und des Verlaufs der angepassten theoretischen entnommenen Parametern mI ; aI sowie mII und
Kurve eignet sich besonders gut für die schnel- aII der Grenzgeraden werden die Anpassungsfeh-
16 1 Einführung

ys ist die geschätzte Standardabweichung der


Ordinate ys des Schwerpunkts der Messwerte.
Die grafische Bestimmung der Ausgleichsgera-
den und die Analyse der Anpassungsgenauigkeit
über Randgeraden sind naturgemäß sehr sub-
jektiv. Doch bei einiger Messerfahrung gelingt
es, die rechnerisch ermittelten wahrscheinlichs-
ten Werte und den Vertrauensbereich für eine
statistische Sicherheit von 68,3 % in guter Annä-
herung auch auf grafischem Weg wiederzugeben.

1.3.6 Korrelationsanalyse

In der Messwertanalyse wird die Methode der Re-


gressionsgeraden benutzt, um zu untersuchen, ob
zwischen den N Messwerten oder Merkmalen yi
und xi einer zweidimensionalen Häufigkeitsver-
teilung yi D y.xi / ein Zusammenhang besteht.
Ist der Zusammenhang linear bzw. ist eine Pro-
portionalität zwischen den Werten yi und xi vor-
handen, dann liegen diese Wertepaare auf einer
Abb. 1.8 Kurvenanpassung durch lineare, logarithmische Regressionsgeraden. Sind die Werte yi und xi da-
und exponentielle Regression gegen voneinander unabhängig, dann streuen die
Punkte in der yi .xi )-Darstellung regellos, sodass
sich ein „Sternenhimmel“ gemäß Abb. 1.10a er-
gibt.
Ein Maß für die Wahrscheinlichkeit, dass ein
linearer Zusammenhang zwischen yi und xi be-
steht, ist der Betrag des Korrelationskoeffizien-
ten r:
ˇ ˇ
ˇ PN ˇ
ˇ  N  N ˇ
ˇ .x x/.y y/ ˇ
r D ˇ qP i D1
i i
P ˇ;
ˇ N N ˇ
ˇ i D1 .xi  x/N 2 i D1 .yi  y/
N 2ˇ
(1.13a)
ˇ v ˇ
ˇ u PN ˇ
Abb. 1.9 Grafische Kurvenanpassung für das Thermoele- ˇ ut x 2
 N N
x 2ˇ
ˇ
r D ˇmN PNi D1 i ˇ (1.13b)
ment Cu–CuNi an die Eichkurve 2
 N 2ˇ
ˇ y
i D1 i N y ˇ

mit
ler in folgender Weise bestimmt:
1 X
N
ˇ I ˇ xN D
als dem Mittelwert der
ˇ m  mII ˇ xi
m D ˙ ˇˇ ˇ;
ˇ (1.12a) N i D1 Merkmale xi ;
2
ˇ I ˇ  1 X
N
ˇ a  aII ˇ yN D
als dem Mittelwert des
a D ˙ ˇ ˇ ˇ C j ys j : (1.12b) yi
2 ˇ N i D1 Merkmals yi
1.3 Physikalische Größen 17

Abb. 1.10 Korrelationsanalyse der mittleren täglichen Heizleistung und äquivalenter Außentemperatur (unter
Heizleistung eines Wohnhauses: a) Zusammenhang zwi- Berücksichtigung von Sonnenzustrahlung und Windein-
schen Heizleistung und Außenlufttemperatur; Korrelation fluss); Korrelation wahrscheinlich (r > 0;9)
unwahrscheinlich (r < 0;5); b) Zusammenhang zwischen

und Es ergeben sich folgende Messwerte:


PN
T D 1;21 sI 1;20 sI 1;23 sI 1;19 sI 1;21 sI 1;22 sI
i D1 xi yi  N x
N  yN als der Steigung der
N D
m PN 1;18 sI 1;21 sI 1;24 sI 1;20 sI 1;21 sI 1; 25 sI
i D1 xi  N x
N2
2 Regressionsgeraden:
1;19 sI 1;20 sI 1;22 sI 1;21 sI 1;19 sI 1;23 sI
Der Korrelationskoeffizient r ist also proportio-
1;21 sI 1;22 sI 1;20 sI 1;24 sI 1;21 sI 1;22 sI
nal zur Steigung m der Regressionsgeraden durch
die Messwerte xi ; yi . Nach (1.13b) berechnet ei- 1;20 s:
ne Reihe von Taschenrechnerprogrammen den a) Berechnet werden soll der wahrscheinlichste
Korrelationskoeffizienten r. Liegt der Korrelati- Wert der Schwingungsdauer.
onskoeffizient nahe bei r D 1 (also 0;8 < r  b) Wie groß ist die Standardabweichung und da-
1;0), etwa entsprechend Abb. 1.10b, dann be- mit die Genauigkeit des Messverfahrens?
steht mit großer Wahrscheinlichkeit eine lineare c) Wie groß ist die Standardabweichung des
Beziehung zwischen den Messwerten bzw. Merk- arithmetischen Mittelwerts?
malen yi , und xi . Ein Zusammenhang zwischen d) Welchen Wert hat die Grenze uz des Vertrau-
den beiden Merkmalen yi und xi ist unwahr- ensbereichs, wenn eine statistische Sicherheit
scheinlich, wenn der Korrelationskoeffizient wie von P D 95 % verlangt wird?
in Abb. 1.10a im Bereich 0  r < 0;5 liegt.
Ü 1-2 Die Wärmeleitfähigkeit  eines Stoffes
wird im Plattengerät nach DIN 52 612 unter sta-
1.3.7 Zur Übung tionären Temperaturbedingungen aus der Mes-
sung der Probendicke s, der Kantenlängen a
Ü 1-1 Die Schwingungsdauer eines Fadenpen- und b der plattenförmigen Probe, aus den Ober-
dels wird mit einer Stoppuhr 25-mal gemessen. flächentemperaturen T1 und T2 auf der Kalt- und
18 1 Einführung

Warmseite sowie aus dem Wärmestrom ˚ durch von der mittleren Außenlufttemperatur unter-
die Probe bestimmt. Es gilt sucht. In einem weiteren Schritt wird zum Ver-
gleich der Zusammenhang der Heizleistung mit
˚s einer äquivalenten Außentemperatur analysiert.
D :
ab.T2  T1 / Diese berücksichtigt die Einflüsse der Sonnen-
zustrahlung, der mittleren Windgeschwindigkeit
Die Messwerte bei einer Leichtbetonprobe sind an den Außenflächen und die Wärmespeicherfä-
higkeit der Auenwandkonstruktion und wird aus
˚ D .16 ˙ 0;1/ W; b D .495 ˙ 1/ mm; den lokalen Klimadaten berechnet. Für einen 17-
s D .80 ˙ 1/ mm; T2 D .15 ˙ 0;1/ ı C; tägigen Messzyklus ergeben sich folgende Daten:
ı
a D .500 ˙ 1/ mm; T1 D .6 ˙ 0;1/ C:
Tag-Nr. mittlere mittlere äquivalente
tägliche Außenluft- Außentem-
a) Wie groß ist der wahrscheinlichste Wert der Heizleistung temperatur peratur
ı ı
Wärmeleitfähigkeit? kW C C
b) Wie groß ist die Standardabweichung s der 1 85 2,3 0,8
Wärmeleitfähigkeit? 2 81 1,5 0,4
c) Wie groß ist der relative Größtfehler der Wär- 3 67 0,6 3,2
meleitfähigkeitmessung? 4 93 0,6 3;0
5 81 3,2 1,2
6 88 2,8 0;7
Ü 1-3 Für das Thermoelement-Material Cu–
7 102 2,2 2
CuNi soll die thermoelektrische Beziehung für
8 73 6,0 0,6
die Bezugstemperatur #0 D 0 ı C 9 65 6,2 4,2
10 64 3,4 3,5
Uth D a1 # C a2 # 2 11 78 1,0 0,2
12 65 0,5 2,0
an die Werte der folgenden Wertetabelle rech- 13 81 1,8 0,7
nerisch und grafisch angepasst werden. Zu be- 14 74 3,0 1,4
stimmen sind die wahrscheinlichsten Werte der 15 65 4,0 2,6
Thermomaterialkonstanten a1 und a2 und der 16 52 4,4 4,4
Vertrauensbereich für eine statistische Sicherheit 17 59 5,3 3,4
P D 68;3 %.
a) Wie groß sind die Steigung und der Ach-
senabschnitt der Regressionsgeraden bei der
Wertetabelle für Cu–CuNi: Abhängigkeit der mittleren Heizleistung von
der Außenlufttemperatur bzw. von der äqui-
#=ı C 40 30 20 10
valenten Außentemperatur (Abb. 1.10)?
Uth =mV 1;50 1;14 0;77 0;39 b) Beurteilt werden soll anhand der Korrelati-
#=ı C 0 C10 C20 C30 C40 onskoeffizienten die Abhängigkeit der mittle-
Uth =mV 0 C0;40 C0;80 C1;21 C1;63 ren Heizleistung von den beiden Parametern
ı
#= C C50 C60 C70 C80 Außenlufttemperatur und äquivalenter Au-
ßentemperatur.
Uth =mV C2;05 C2;48 C2;91 C3;35
c) Wie groß sind die Standardabweichungen der
#=ı C C90 C100 C110 C120 Steigung und des Achsenabschnitts bei den
Uth =mV C3;80 C4;25 C4;71 C5;18 beiden Regressionsgeraden?
d) Wie groß sind die Vertrauensbereiche für die
Ü 1-4 Bei der energetischen Analyse eines Steigung und den Achsenabschnitt der Re-
Mehrfamilienhauses mit Zentralheizung wird die gressionsgeraden bei der statistischen Sicher-
Abhängigkeit der mittleren Heizleistung je Tag heit P D 68;3 %?
Mechanik
2

de der klassischen Mechanik, die ihm zu Eh-


2.1 Einführung
ren auch als Newton’sche Mechanik bezeichnet
Die Mechanik ist der Teil der Physik, der sich mit wird.
der Zusammensetzung und dem Gleichgewicht Die allgemeinen Begriffe der Mechanik, wie
von Kräften, die auf einen ruhenden Körper wir- z. B. Masse, Kraft, Arbeit, Energie und Impuls,
ken (Statik), mit Bewegungsvorgängen (Kinema- und ihre mathematischen Methoden, wie z. B. die
tik) und den Kräften als Ursache der Bewegung Beschreibung von Bewegungsabläufen mit Hilfe
(Dynamik) befasst. Die Dynamik wird auch als von Differenzial- und Integralgleichungen, sind
Kinetik bezeichnet oder dient als Sammelbegriff für die ganze Physik von grundlegender Bedeu-
für Statik und Kinetik. tung. Die außerordentlichen Erfolge der New-
Eine Übersicht über die Bereiche der Mecha- ton’schen Mechanik beispielsweise auch in den
nik, die Zusammenhänge zwischen ihren Teilge- Gebieten Astronomie und Wärmelehre nährten
bieten und ihren wichtigsten Beziehungen ver- lange Zeit den Glauben, dass sich alle Natur-
mittelt Abb. 2.1. erscheinungen auf die Mechanik zurückführen
Die Mechanik nimmt unter den Teilgebie- ließen. Um die Wende vom 19. ins 20. Jahr-
ten der Physik eine besondere Stellung ein. Die hundert wurde klar, dass dies bei der Elek-
planmäßige Erforschung der Naturgesetze be- trodynamik nicht möglich ist. Ferner erkannte
gann im 16. und 17. Jahrhundert in der Mechanik. man, dass die Newton’sche Mechanik ganz kla-
So wurde beispielsweise durch die Fallversu- re Gültigkeitsgrenzen hat. So liefert die klassi-
che von Galilei (G. G ALILEI, 1564 bis 1642) sche Mechanik falsche Voraussagen, wenn sich
erstmals das gezielte Experiment als Hilfsmit- Objekte mit sehr großer Geschwindigkeit (ins-
tel wissenschaftlicher Erkenntnis in der Physik besondere nahe Lichtgeschwindigkeit) bewegen.
eingeführt (Abschn. 1.1, Abb. 1.1). Galileis Un- Dort wird sie abgelöst von der durch Einstein
tersuchungen zur Dynamik wurden von Huygens (A. E INSTEIN, 1879 bis 1955) begründeten rela-
(C HR . H UYGENS, 1629 bis 1695) fortgeführt tivistischen Mechanik. Im Bereich der atomaren
und von Newton (I. N EWTON, 1643 bis 1727) Dimensionen versagt die klassische Mechanik
zu einem gewissen Abschluss gebracht. Auf den ebenfalls: Mikroobjekte gehorchen der Quanten-
Newton’schen Axiomen fußt das ganze Gebäu- mechanik (Abschn. 1.2, Abb. 1.3).

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2016 19


E. Hering, R. Martin, M. Stohrer, Physik für Ingenieure, DOI 10.1007/978-3-662-49355-7_2
20 2 Mechanik

Abb. 2.1 Strukturbild der Mechanik

In diesem Abschnitt werden lediglich Ge- Punktes auf einem Reifen. Für die vollständi-
setze der klassischen Mechanik beschrieben ge Beschreibung des Bewegungszustands eines
(Abb. 2.1). Systems sind demnach unter Umständen vie-
le Angaben erforderlich. Da aber jedes System
aus einzelnen Punkten zusammengesetzt ist, hat
2.2 Kinematik des Punktes die Beschreibung der Bewegung eines einzelnen
Punktes eine vorrangige Bedeutung. In diesem
Die Kinematik hat zur Aufgabe, die Bewegung Abschnitt ist deshalb ausschließlich die Kinema-
von Körpern zu beschreiben. Dies geschieht tik des einzelnen Punktes beschrieben. Die Kine-
durch die Angabe von Ortskoordinaten und de- matik der starren Körper wird in Abschn. 2.9.1
ren Zeitabhängigkeit. Bei komplizierten Gebil- erläutert.
den können einzelne Teile ganz verschiedene Die Kinematik befasst sich nicht mit der Frage
Bewegungen ausführen. So ist etwa bei einem nach der Ursache einer bestimmten Bewegung.
fahrenden Auto die Bewegung eines Punktes der Dies ist Aufgabe der Dynamik oder Kinetik. Die
Karosserie völlig verschieden von jener eines Kinematik ist eine reine Bewegungsgeometrie.
2.2 Kinematik des Punktes 21

2.2.1 Eindimensionale Kinematik

2.2.1.1 Geschwindigkeit
Eindimensional ist die Kinematik eines Punktes,
wenn die Bewegung nur auf einer vorgegebenen
Bahn erfolgt, wie es beispielsweise bei Schienen-
fahrzeugen und Werkzeugschlitten der Fall ist.
Eindimensional wird die Bewegung deshalb ge-
nannt, weil zur eindeutigen Ortsbestimmung die Abb. 2.3 Zur Definition der Geschwindigkeit, t Zeit
Angabe einer Koordinate ausreicht, ein solcher (sonstige Bezeichnungen wie in Abb. 2.1)
spurgeführter Punkt also nur einen Freiheitsgrad
hat. Die Lage eines Punktes P ist eindeutig be-
schrieben, wenn gemäß Abb. 2.2 die längs der halt durch den Grenzübergang t ! 0 aus:
Bahn gemessene Entfernung s von einem An- s ds
fangspunkt A angegeben ist. v D lim D D sP : (2.2)
t !0 t dt
Eine wichtige Grundgröße der Kinematik ist
die Geschwindigkeit. Je größer die Geschwin- Der Differenzialquotient nach der Zeit wird in der
digkeit eines Punktes ist, umso größer ist der Mechanik häufig mit einem aufgesetzten Punkt
zurückgelegte Weg innerhalb einer bestimmten symbolisiert. Der Differenzialquotient ds=dt hat
Zeitspanne. Befindet sich nach Abb. 2.3 ein Punkt eine anschauliche Bedeutung:
zur Zeit t am Ort P1 , charakterisiert durch die
Entfernung s.t/ vom Ausgangspunkt A, und zur Die Geschwindigkeit ist die Steigung der
Zeit t C t am Ort P2 mit der Entfernung s.t C Kurve in einem Weg-Zeit-Diagramm.
t/, dann ist die mittlere Geschwindigkeit

s.t C t/  s.t/ s


vm D D : (2.1) Beispiel 2.2-1
.t C t/  t t
Abb. 2.4a zeigt ein Weg-Zeit-Diagramm eines
Die abgeleitete SI-Maßeinheit der Geschwindig- Fahrzeugs. Wie groß ist dessen minimale, ma-
keit v ist 1 m=s. Andere Quotienten gesetzlich zu- ximale und mittlere Geschwindigkeit?
gelassener Längen- und Zeiteinheiten, wie z. B.
km=h, sind ebenfalls möglich. Lösung
Wird die Zeitdifferenz t zu groß gewählt, Am Anfang und Ende des s; t-Diagramms hat
dann kann die tatsächliche Momentangeschwin- die Kurve eine waagrechte Tangente; hier liegt
digkeit v von der mittleren Geschwindigkeit also die minimale Geschwindigkeit v D 0
vm erheblich abweichen. Um die Momentange- vor. Der Punkt P auf der Kurve kennzeichnet
schwindigkeit zu erhalten, muss nach (2.1) ein den Ort maximaler Steigung. Der Betrag der
Quotient aus der Weg- und Zeitdifferenz bei ver- Steigung lässt sich aus dem eingezeichneten
schwindend kurzem Zeitintervall gebildet wer- Steigungsdreieck ablesen, dessen Hypotenuse
den. Mathematisch drückt man diesen Sachver- eine Tangente zur Kurve in P ist. Man erhält
30 km
vmax D D 2;36 km=min
12;7 min
D 142 km=h:

Die mittlere Geschwindigkeit für den Gesamt-


vorgang beträgt
Abb. 2.2 Ortskoordinate eines Punktes P auf vorgegebe- 30 km
ner Bahn s Weg vom Anfangspunkt A vm D D 0;75 km=min D 45 km=h:
40 min
22 2 Mechanik

a Weil dieses Integral die Bedeutung der Fläche


unter einer Kurve hat, kann der zurückgeleg-
te Weg durch Flächenbestimmung aus dem
v; t-Diagramm gewonnen werden. Sehr häu-
fig liegen in der Praxis gemessene Kurven vor,
die nicht analytisch beschrieben werden kön-
nen. Bei solchen Kurven muss die Integration
bzw. Flächenbestimmung „numerisch“ durch-
geführt werden.

Als Beispiel einer solchen Integration ist in


Abb. 2.4b die Fläche zwischen 0 5 t 5 15 min
rot eingezeichnet. Durch Auszählen von Karos
auf Millimeterpapier ergibt sich die „Fläche“
6,7 km. Zur Zeit t D 15 min ist also s.15 min/ D
6;7 km. Dieses Ergebnis stimmt mit der Abb. 2.4a
b
gut überein.

2.2.1.2 Beschleunigung
Eine beschleunigte Bewegung liegt vor, wenn
sich die Geschwindigkeit im Lauf der Zeit ändert.
Die Beschleunigung ist umso größer, je stärker
sich die Geschwindigkeit innerhalb einer Zeit-
spanne t ändert. Sind v.t/ die Geschwindigkeit
eines Punktes zur Zeit t und v.t C t/ die Ge-
schwindigkeit zur späteren Zeit t C t, so ist die
mittlere Beschleunigung
v.t C t/  v.t/ v
am D D : (2.4)
.t C t/  t t
Abb. 2.4 Bewegung mit ungleichförmiger Geschwindig- Die abgeleitete SI-Maßeinheit der Beschleuni-
keit (Beispiel 2.2-1). a Weg-Zeit-Diagramm, b Geschwin-
digkeit-Zeit-Diagramm gung a ist 1 m=s2 . Wie bei der Geschwindigkeit
weicht im Allgemeinen die Momentanbeschleu-
nigung a von der mittleren Beschleunigung am
Bestimmt man nun im s; t-Diagramm von ab. Die Momentanbeschleunigung erhält man
Abb. 2.4a an jedem Punkt die Steigung, so nach einem Grenzübergang für verschwindend
erhält man das kontinuierliche Geschwindig- kurze Messzeiten aus
keit-Zeit-Diagramm von Abb. 2.4b. Liegt aber v dv
das v; t-Diagramm durch eine Messung be- a D lim D D v:
P (2.5)
t !0 t dt
reits vor, dann kann das zugehörige s; t-
Die Beschleunigung kann anschaulich interpre-
Diagramm durch Integration ermittelt werden.
tiert werden:
Ist s0 der Ort zur Zeit t0 , dann ist der Ort s.t1 /
zur Zeit t1 gegeben durch das Integral
Die Beschleunigung ist die Steigung der
Zt
Kurve in einem Geschwindigkeit-Zeit-Dia-
s.t/ D s0 C v.
/d
: (2.3) gramm.
t0
2.2 Kinematik des Punktes 23

a sich daraus die v; t-Kurve durch Integration:

Zt
v.t/ D v0 C a.
/d
(2.6)
t0

mit v0 als der Geschwindigkeit zur Zeit t0 .


Die rot eingezeichnete Fläche in Abb. 2.5b
b stellt beispielsweise die Geschwindigkeit zur Zeit
t1 D 0;5 s dar. Weil die Beschleunigung analy-
tisch vorliegt, kann sofort integriert werden. Man
erhält
Z0;5 s
v.0;5 s/ D 0;79 m=s2  cos.3;14 s1 t/dt
0
D 0;25 m=s:

2.2.1.3 Einfache Spezialfälle


Von Bedeutung sind die Spezialfälle der gleich-
Abb. 2.5 Beschleunigte Bewegung (Beispiel 2.2-2). mäßigen Geschwindigkeit v D konstant und der
a Geschwindigkeit-Zeit-Diagramm, b Beschleunigung- gleichmäßigen Beschleunigung a D konstant.
Zeit-Diagramm Für diese Fälle liefern die allgemeinen Gleichun-
gen verhältnismäßig einfache Ausdrücke, die in
Abb. 2.6 zusammengefasst sind. Sehr einfache
Beispiel 2.2-2 Beschreibungen ergeben sich, wenn die jeweili-
Bei einem mathematischen Pendel hängt an gen Integrationskonstanten v0 und s0 gleich null
einem Faden ein kleiner Körper mit vernach- gesetzt werden.
lässigbarer Ausdehnung. Die Geschwindigkeit Ein allgemein bekanntes Beispiel für die Be-
dieses Massenpunktes wird durch die Bezie- wegung mit konstanter Beschleunigung ist der
hung v.t/ D 0;25 m=s  sin.3;14 s1 t/ be- freie Fall an der Erdoberfläche. Alle Körper er-
schrieben und ist in Abb. 2.5a dargestellt in fahren beim Fall im Vakuum die Fallbeschleu-
der Zeitspanne 0 5 t 5 1 s. Wie lautet der nigung g D 9;81 m=s2 . Beim Fall in der Luft
Ausdruck für die Beschleunigung des Punk- wirkt sich der Strömungswiderstand störend aus,
tes? Wie groß sind die Extremwerte? der aber in vielen Fällen vernachlässigt werden
kann.
Lösung
Für die Beschleunigung gilt Beispiel 2.2-3
Von einem h D 10 m hohen Turm wird eine
a D dv=dt D 0;79 m=s2  cos.3;14 s1 t/: kleine Stahlkugel mit der Anfangsgeschwin-
digkeit v0 D 5 m=s senkrecht nach oben
Die Extremwerte sind amax D ˙0;79 m=s2 geworfen. Für diesen Fall sind die v; t- und
bei t D 0 bzw. t D 1 s. Den Verlauf zeigt y; t-Diagramme zu zeichnen. Zu berechnen
Abb. 2.5b. sind die maximale Steighöhe, die Gesamtzeit,
die vergeht, bis die Kugel auf der Erde auf-
Liegt die a; t-Kurve vor (z. B. mit einem Be- schlägt, und die Endgeschwindigkeit, mit der
schleunigungsaufnehmer gemessen), dann ergibt die Kugel auf der Erde ankommt.
24

Abb. 2.6 Translationsbewegung


2 Mechanik
2.2 Kinematik des Punktes 25

Lösung a
Abb. 2.7a zeigt die gewählte Höhenkoordina-
te. Die y-Achse weist senkrecht nach oben;
y D 0 entspricht der Erdoberfläche. Die An-
fangsbedingungen zur Zeit t D 0 sind y.0/ D
h und v.0/ D Cv0 . Die Beschleunigung ist
a D g D konstant. Das Minuszeichen bringt
zum Ausdruck, dass die Beschleunigung der
positiven y-Richtung entgegengesetzt ist.
Aus (2.6) bzw. Abb. 2.6 folgt für die Ge-
schwindigkeit

v.t/ D v0  gt: (I)

Der Ort der Kugel ergibt sich aus (2.3) bzw.


Abb. 2.6 zu
1
y.t/ D h C v0 t  gt 2 : (II) b
2
Die Gleichungen (I) und (II) sind in den ki-
nematischen Diagrammen Abb. 2.7b und 2.7c
dargestellt. Die maximale Steighöhe ist erreicht,
wenn v D 0 geworden ist (Umkehrpunkt). Aus
(I) folgt für diesen Zeitpunkt t.ymax / D v0 =g D
0;51 s.
Aus (II) erhält man die zugehörige Ortskoor-
dinate
1
ymax D h C v02 =g D 11;27 m:
2
Der Fall ist beendet, wenn y D 0 wird. Die
zugehörige Zeit tf folgt aus der quadratischen
Gleichung (II):

1 2
gt  v0 tf  h D 0:
2 f
Für die Fallzeit des freien Falls ergibt sich allge-
mein q
v0 C v02 C 2gh
tf D : (2.7)
g
In Beispiel 2.2-3 ist tf D 2;03 s (Abb. 2.7c). Die
Geschwindigkeit vf der Kugel am Ende des Falls
ergibt sich aus (I) mit der Zeit tf zu
q
vf D  v02 C 2gh: (2.8)
Abb. 2.7 Zu Beispiel 2.2-3: Senkrechter Wurf nach oben.
In Beispiel 2.2-3 ist jvf j D 14;9 m=s (Abb. 2.7b). a Höhenkoordinate, b Geschwindigkeit-Zeit-Diagramm,
c Weg-Zeit-Diagramm
26 2 Mechanik

Der freie Fall aus der Ruhe ist als Spezialfall


für v0 D 0 in den vorgenannten Herleitungen
enthalten. So gelten z. B. für die Fallzeit aus der
Höhe h s
2h
tf D (2.9)
g
und für die Endgeschwindigkeit
p
jvf j D 2gh: (2.10)

2.2.2 Dreidimensionale Kinematik

2.2.2.1 Ortsvektor und Bahnkurve


Die Bewegung eines Punktes im dreidimensiona- Abb. 2.8 Ortsvektor und Bahnkurve. x, y, z Raumkoor-
dinaten, t Zeit
len Raum hat drei Freiheitsgrade; zu seiner ein-
deutigen Lagebestimmung ist die Kenntnis von
drei Koordinaten erforderlich. Dazu können bei-
spielsweise die Komponenten eines Ortsvektors
r, der vom Ursprung eines Koordinatensytems
bis zum Ort des betreffenden Punktes zeigt, be-
nutzt werden. Wird gemäß Abb. 2.8 ein karte-
sisches Koordinatensystem verwendet, dann hat
der Ortsvektor r.t/, als Spaltenmatrix geschrie-
ben, die Komponenten
0 1
x.t/
B C
r.t/ D @ y.t/ A :
z.t/
Abb. 2.9 Zur Definition des Geschwindigkeitsvektors v.
Werden die Ortsvektoren zu verschiedenen Zei- x, y, z Raumkoordinaten, t Zeit, s Weg, r Ortsvektor
ten aufgezeichnet, wandert die Spitze der Orts-
vektoren auf der Bahnkurve des Punktes.
In diesem Abschnitt wird ausschließlich mit der mittleren Geschwindigkeit definiert:
kartesischen Koordinaten gearbeitet. Bei be-
stimmten Bewegungsabläufen ist jedoch die Ver- r.t C t/  r.t/ r
vm D D : (2.11)
wendung anderer Koordinatensysteme (z. B. Ku- .t C t/  t t
gelkoordinaten oder Zylinderkoordinaten) vor-
teilhaft. Dieser Vektor hat die Richtung des Differenzvek-
tors r und gibt grob die Bewegungsrichtung an.
2.2.2.2 Geschwindigkeitsvektor Wenn die Zeitspanne t genügend klein ist, gilt
Abb. 2.9 zeigt die Bewegung eines Punktes auf jrj  s. Damit ist der Betrag des Vektors
einer gekrümmten Bahnkurve. Es sind zwei Orts- vm ungefähr gleich der mittleren Geschwindig-
vektoren r zu den Zeiten t und t Ct eingezeich- keit, wie sie in (2.1) definiert ist.
net. In Analogie zur Definitionsgleichung (2.1) Der Vektor der Momentangeschwindigkeit v
für die mittlere Geschwindigkeit wird ein Vektor ergibt sich wieder durch den Grenzübergang
2.2 Kinematik des Punktes 27

t ! 0:
1 0
xP
r dr B C
v D lim D D @ yP A : (2.12)
t !0 t dt
zP

Der Betrag des Vektors v ist exakt gleich der frü-


her in (2.2) eingeführten Geschwindigkeit, denn
nach dem Grenzübergang besteht zwischen Bo-
gen und Sehne kein Unterschied mehr. Für die
Richtung des Vektors gilt (Abb. 2.9):
Abb. 2.10 Tangential- und Normalkomponenten des Be-
schleunigungsvektors
Der Vektor v der Momentangeschwindig-
keit liegt stets tangential zur Bahnkurve.
dar. Der Betrag der Tangentialbeschleunigung
dv=dt ist identisch mit der Beschleunigung, die
Mit Hilfe des Tangenteneinheitsvektors e tan bei der eindimensionalen Bewegung durch (2.5)
(Betrag eins, Richtung der Tangente an die Bahn- definiert wurde.
kurve) kann der Vektor der Geschwindigkeit auch Zur Bestimmung der Normalkomponente
so geschrieben werden: anorm muss die Differenziation de tan =dt durch-
geführt werden. Dazu wird zuerst der Differen-
v D ve tan : (2.13) zenquotient e tan =t bestimmt. Abb. 2.11 zeigt
die Konstruktion des Differenzvektors e tan D
2.2.2.3 Beschleunigungsvektor e tan .t Ct/e tan .t/. Jede gekrümmte Bahn lässt
Der Vektor der Beschleunigung wird als Ablei-
sich auf einem mehr oder weniger langen Bogen-
tung des Geschwindigkeitsvektors nach der Zeit
stück s als Kreis mit dem Krümmungsradius R
definiert:
annähern. e tan steht senkrecht auf der Bahnkur-
0 1 0 1 ve in Richtung Krümmungsmittelpunkt M. Für
vP x xR
dv B C B C die Beträge gilt
aD D @ vPy A D @ yR A : (2.14)
dt
vPz zR s je tan j
 D je tan j:
R je tan j
Dieser Vektor steht, wie in Abb. 2.10 gezeigt, im
Allgemeinen schief zur Bahnkurve. Seine Tan- Damit ist der Betrag des Differenzenquotienten
ˇ ˇ
gential- und Normalkomponenten atan und anorm ˇ e tan ˇ s vm
ˇ ˇ
können berechnet werden, indem der Geschwin- ˇ t ˇ  tR D R :
digkeitsvektor v D ve tan nach der Zeit differen-
ziert wird. Dies ergibt mit Hilfe der Produktregel Nach dem Grenzübergang t ! 0 ergibt sich
der Differenzialrechnung ˇ ˇ
ˇ de tan ˇ
ˇ ˇD v:
dv de tan ˇ dt ˇ R
a D atan C anorm D e tan C v :
dt dt
Somit ist die Normalkomponente der Beschleu-
Das erste Glied hat die Richtung der Tangen- nigung
te und stellt die Tangentialkomponente der Be-
de tan
schleunigung anorm D v oder
dt
dv v2
atan D e tan (2.15) anorm D e norm (2.16)
dt R
28 2 Mechanik

Abb. 2.12 Zu Beispiel 2.2-4: Wurfparabel

Abb. 2.11 Zur Bestimmung des Differenzialquotienten


de tan =dt Wurfparabel:
g
y D tan ˇ0 x  x2: (2.17)
2v02 cos2 ˇ0
mit e norm als dem Normaleinheitsvektor an der
Bahnkurve. b) An welchem Punkt P1 befindet sich die
Kugel zur Zeit t1 D 2 s?
Beispiel 2.2-4 Der zugehörige Ortsvektor lautet r 1 D
!
Eine kleine Kugel wird zur Zeit t D 0 mit der 30;00 m
Anfangsgeschwindigkeit v0 D 30 m=s unter .
32;34 m
dem Winkel ˇ0 D 60ı gegen die Horizonta-
c) Wie groß sind Betrag und Richtung der
le abgeschossen. Unter Vernachlässigung des
Geschwindigkeit v1 zur Zeit t1 ?
Luftwiderstands soll die Bewegung diskutiert
Der Geschwindigkeitsvektor
! lautet v1 D
werden.
15;00 m=s
.
a) Wie lauten die allgemeinen Ausdrücke für 6;36 m=s
a.t/; v.t/ und r.t/? Der Betrag der Geschwindigkeit ist
Abb. 2.12 zeigt das verwendete Koordi- jv1 j D 16;3 m=s. Der Geschwindigkeits-
natensystem. Beschleunigt wird die Ku- vektor liegt tangential an der Parabel,
gel infolge der Schwerkraft nur senkrecht sein Winkel gegen die x-Achse folgt aus
ı
nach unten, tan ˇ1 D 6;36
15 D 0;424 zu ˇ1 D 23 .
! also ist die Beschleunigung
0 d) Wie groß sind Normal- und Tangentialbe-
aD . Für die Geschwindigkeit gilt schleunigung anorm .t1 / und atan .t1 /?
g
Abb. 2.12 zeigt die Komponentenzerle-
! gung von a. Es ergeben sich
v0 cos ˇ0
v.t/ D :
v0 sin ˇ0  gt janorm .t1 /j D g cos ˇ1 D 9;03 m=s2 und
jatan .t1 /j D g sin ˇ1 D 3;83 m=s : 2
Der Ortsvektor hat die Form
! e) Zu welchem Zeitpunkt ts erreicht die Ku-
v0 t cos ˇ0 gel den Scheitel S?
r.t/ D :
v0 t sin ˇ0  12 gt 2 Am Scheitel ist vy D 0 bzw. v0 sin ˇ0 
gts D 0; daraus folgt
Wird aus der x- und y-Komponente des
Ortsvektors die Zeit t eliminiert, so er- v0 sin ˇ0
ts D D 2;65 s:
hält man die Gleichung der Bahnkurve, die g
2.2 Kinematik des Punktes 29

f) Wie groß ist der Krümmungsradius Rs der


Wurfparabel im Scheitel?
Die Geschwindigkeit im Scheitel beträgt
vs D v0 cos ˇ0 D 15 m=s. Nach (2.16) gilt
janorm j D v 2 =R; somit ist Rs D vs2 =g D
22;94 m.

2.2.3 Kreisbewegungen

Bei einer Kreisbewegung ist die Normalkompo-


nente der Beschleunigung stets zum Kreismit-
telpunkt gerichtet; man nennt sie deshalb auch
Zentripetalbeschleunigung. Ist r der Radius des
Kreises und v die Bahngeschwindigkeit, so gilt
für die Zentripetalbeschleunigung
Abb. 2.13 Definition des Drehwinkels ' der Kreisbewe-
v2
jazp j D : (2.18) gung. r Radius, s Bogenlänge
r
Die Tangentialbeschleunigung jatan j D dv=dt
Der Winkelgeschwindigkeit ! wird der Cha-
hängt davon ab, ob sich die Geschwindigkeit
rakter eines axialen Vektors zugeschrieben. Die-
betragsmäßig ändert. Für Kreisbewegungen mit
ser steht senkrecht auf der Ebene der Kreisbahn.
konstanter Geschwindigkeit ist atan D 0.
Die Richtung von ! ist nach Abb. 2.14 der Dreh-
Bei der Kreisbewegung ist es häufig vorteil-
richtung einer Rechtsschraube zugeordnet. Liegt,
haft, anstatt der Größen r; v und a andere, spe-
wie in der oberen Hälfte von Abb. 2.14 darge-
ziell auf die Kreisbewegung angepasste Größen
stellt ist, die Kreisbahn in der Zeichenebene, wird
zur Beschreibung des Bewegungsablaufs zu ver-
die Richtung von ! durch die Symbole für die
wenden. Nach Abb. 2.13 lässt sich der Ort eines
Pfeilspitze ˇ oder das Pfeilende ˝ angezeigt.
Punktes P auf einem Kreis sowohl durch den
Die Winkelgeschwindigkeit hängt mit der Dreh-
Drehwinkel ' als auch durch die Bogenlänge s
zahl oder Drehfrequenz n und der Periodendauer
angeben. In der Kinematik empfiehlt es sich, den
T zusammen:
Winkel im Bogenmaß als Bogenlänge, bezogen
auf den Radius, zu verwenden: 2 
! D 2 n D : (2.21)
s T
'D : (2.19)
r Mit der Winkelgeschwindigkeit ! schreibt man
die Zentripetalbeschleunigung azp nach (2.18) in
Die SI-Maßeinheit für ' ist 1 m=m D 1 rad
vektorieller Form:
(Radiant). Der Winkel wird von der positiven
x-Achse aus im mathematisch positiven Sinn azp D ! 2 r: (2.22)
(Gegenuhrzeigersinn) gemessen.
Ändert sich der Winkel mit der Zeit, dann Bei beschleunigter Kreisbewegung gibt die Win-
gibt die Winkelgeschwindigkeit an, welcher Dreh- kelbeschleunigung ˛ an, wie sich die Winkelge-
winkel in der Zeiteinheit überstrichen wird. Die schwindigkeit mit der Zeit ändert:
Winkelgeschwindigkeit
d! d2 '
' d' ˛D D 2: (2.23)
! D lim D (2.20) dt dt
t !0 t dt
Die SI-Maßeinheit für ˛ ist 1 rad=s2 oder kurz
1
hat die Maßeinheit 1 rad=s oder kurz 1 s . 1 s2 . Auch die Winkelbeschleunigung ist ein
30 2 Mechanik

Abb. 2.14 Zur Definition der vektoriellen Winkelgeschwindigkeit ! bei verschiedenen Drehrichtungen

axialer Vektor. Bei positiver Beschleunigung ist beschreibt, und b) vom Standpunkt eines Be-
˛ gleichsinnig parallel zu !. Bei Bremsvorgän- obachters auf der Straße, von dem aus der
gen sind ˛ und ! entgegengesetzt gerichtet. Punkt auf der in Abb. 2.15 gezeigten Zykloide
Da die Größen '; ! und ˛ genauso miteinan- läuft. Die Parameterdarstellung der Zykloide
der verknüpft sind wie die Größen s, v und a ist x D r.!t  sin !t/ und y D r.1 
der eindimensionalen Kinematik, sind alle Glei- cos !t/.
chungen in Abb. 2.6 direkt auf Kreisbewegungen
anwendbar, wenn jeweils einander zugeordnete a 1) Wie groß ist die Winkelgeschwindigkeit
Größen nach dem Schema s ! ', v ! !, !?
a ! ˛ ausgetauscht werden. Beim Abrollen eines Rads ohne Schlupf
Die Vektoren v und a der allgemeinen dreidi- ist die Geschwindigkeit des Mittelpunk-
mensionalen Kinematik sind auf einfache Weise tes identisch mit der Umfangsgeschwin-
mit den entsprechenden Größen ! und ˛ ver- digkeit. Deshalb gilt ! D v0 =r D
knüpft. Eine Zusammenstellung der Beziehungen 99;2 rad=s.
enthält Tab. 2.1. a 2) Wie groß ist die Beschleunigung des
Punktes und welche Richtung hat sie?
Beispiel 2.2-5 Da es sich um eine gleichförmige Kreis-
Ein Autoreifen mit dem Radius r D 0;28 m bewegung handelt, besteht die Beschleu-
rollt auf einer Ebene mit der Geschwindigkeit nigung lediglich aus der Zentripetalbe-
v0 D 100 km=h. Die Bewegung eines Punk- schleunigung, die zum Kreismittelpunkt
tes auf der Lauffläche soll diskutiert werden, weist. Sie beträgt azp D ! 2 r D
und zwar a) vom Standpunkt eines mitfahren- 2756 m=s2 oder das 281-fache der Erd-
den Beobachters, wo der Punkt eine Kreisbahn beschleunigung.
2.2 Kinematik des Punktes 31

Tab. 2.1 Kreisbewegungsgleichungen (r Radius, t Zeit, N Anzahl Umdrehungen)


Bewegungsgrößen gleichmäßige gleichmäßig beschleunigte gleichmäßig beschleunigte
Kreisbewegung Kreisbewegung Kreisbewegung
'.t0 / D '0 '.t0 / D '0 ; !.t0 / D !0 '0 D 0; !0 D 0; t0 D 0
Winkelbeschleunigung ˛D0 ˛ D ˛0 ˛ D ˛0
p
Winkelgeschwindigkeit ! D !0 ! D !0 C ˛0 .t  t0 / ! D ˛0 t D 2˛0 '
!2
Drehwinkel ' D '0 C !0 .t  t0 / ' D '0 C !0 .t  t0 / ' D 12 ˛0 t 2 D D 2 N
2˛0
C 12 ˛0 .t  t0 /2
Umfangsgeschwindigkeit v D r!0 v D rŒ!0 C ˛0 .t  t0 / v D r˛0 t
v D!r
Zentripetalbeschleunigung azp D r!20 azp D rŒ!0 C ˛0 .t  t0 /2 azp D r˛02 t 2
azp D !  v D ! 2 r
Tangentialbeschleunigung atan D 0 atan D ˛0 r atan D ˛0 r
atan D ˛  r

Umkehrpunkte liegen bei t D


0; T; 2T; : : : In ! einem Umkehrpunkt
0
ist v.0/ D ; der Punkt ruht mo-
0
mentan auf der Fahrbahn. Nach einer
Viertelumdrehung ist die !Geschwin-
Abb. 2.15 Zykloide als Bahnkurve eines Punktes auf der
1
Lauffläche eines Rads (Beispiel 2.2-5) digkeit v.T =4/ D v0
, verläuft
1
ı
a 3) Wie groß sind Drehzahl und Perioden- p unter 45 und hat den Betrag
also
2v0 D 141 km=h.
dauer? Scheitelpunkte sind gegeben durch t D
Nach (2.21) ergeben sich n D !=2  D T =2; 3=2T; : : : In einem Scheitelpunkt
15;8 s1 D 947 min1 und T D 63;3 ms.
b 1) Wie lautet der Vektor der Geschwindig-
ist die! Geschwindigkeit v.T =2/ D
2
keit v.t/? Welchen Betrag und welche v0 , also jvj D 200 km=h. Sie
0
Richtung hat v in den Umkehrpunkten
U, in der gezeichneten Stellung zur Zeit ist waagerecht gerichtet und doppelt so
t D T =4 und in den Scheitelpunkten S? groß wie die Geschwindigkeit der Ach-
Der Ortsvektor lautet se.
! b 2) Wie lautet der Vektor der Beschleuni-
x.t/
r.t/ D gung a.t/?
y.t/
! !
!t  sin !t dv sin !t
Dr : aD D r! 2 :
1  cos !t dt cos !t

Daraus ergibt sich durch Ableiten nach Dieser Vektor läuft auf einem Kreis um
der Zeit ! und ist stets zum Radmittelpunkt gerich-
1  cos !t tet. Sein Betrag ist jaj D r! 2 D azp .
v D r! b 3) Wie groß ist der Krümmungsradius der
sin !t
! Zykloide im Scheitelpunkt?
1  cos !t Nach (2.16) ist R D v 2 =anorm D 4r D
D v0 :
sin !t 1;12 m.
32 2 Mechanik

2.2.4 Zur Übung mit dem Radius r D 2 km. Dabei legt er die
Strecke s D 1200 m zurück. Zu Beginn der
Ü 2-1 Ein Fahrzeug wird aus dem Stand wech- betrachteten Bewegung hat er die Geschwindig-
selnd beschleunigt und zwar keit v1 D 30 km=h, am Ende v2 D 100 km=h.
a) Wie lange dauert der Beschleunigungsvor-
für 0 5 t 5 2 s mit a D 1 m=s2 , gang? b) Wie groß ist die Tangentialbeschleuni-
für 2 s < t < 4 s mit a D 0 und gung? c) Berechnen Sie die Winkelbeschleuni-
für 4 s 5 t 5 5 s mit a D 2 m=s2 . gung. d) Wie groß ist die Zentripetalbeschleuni-
gung zu Beginn und am Ende des Vorgangs?
a) Zeichnen Sie die kinematischen Diagramme,
d. h. das a; t-Diagramm, das v; t-Diagramm und Ü 2-6 Die Erde benötigt für eine vollständi-
das s; t-Diagramm für 0 5 t 5 5 s. b) Wie ge Umdrehung die Zeit T D 86:163 s (einen
groß ist die maximale Geschwindigkeit? c) Wel- Sternentag). a) Wie groß ist die Winkelgeschwin-
che Geschwindigkeit hat das Fahrzeug zur Zeit digkeit !E der Erde? b) Welche Richtung hat
t D 5 s? d) Wie groß ist der insgesamt zurückge- der Vektor !E ? c) Wie groß ist die Umfangsge-
legte Weg? schwindigkeit an einem Ort mit dem Breitenwin-
kel '? Berechnen Sie die Umfangsgeschwindig-
Ü 2-2 Ein Bauteil wird ungleichmäßig aus der keit am Äquator und in Stuttgart mit ' D 48ı 410
Ruhe beschleunigt. In kurzen Zeitabständen wird nördlicher Breite (Erdradius R D 6370 km).
die Geschwindigkeit gemessen; es ergibt sich ei- d) Wie groß ist die Zentripetalbeschleunigung am
ne Wertetabelle: Äquator und in Stuttgart?

t in s 0 1 2 3 4 5
v in m=s 0 0,2 0,7 1,6 3,2 6,0 2.3 Grundgesetze der klassischen
Mechanik
a) Zeichnen Sie maßstäblich das v; t-
Diagramm (Millimeterpapier). b) Ermitteln Sie 2.3.1 Konzept der klassischen Dynamik
aus dem v; t-Diagramm das a; t-Diagramm. Wie
groß ist die Beschleunigung zur Zeit t1 D 4 s? Die Kinematik (Abschn. 2.2) hat die Bewe-
c) Bestimmen Sie durch grafische bzw. numeri- gung materieller Punkte geometrisch-analytisch
sche Integration den zurückgelegten Weg nach beschrieben, ohne die Frage zu stellen: „Was ist
t2 D 5 s. die Ursache für die Bewegung?“ Die Dynamik
untersucht die Ursachen für die Bewegung eines
Ü 2-3 Ein Ball rollt auf einem waagerechten Körpers. Jeder Körper besteht aus Materie; er hat
Tisch von der Höhe h D 0;75 m über die Kante eine Masse und eine geometrische Ausdehnung,
und fällt zu Boden. Der Auftreffpunkt ist in ho- d. h. ein Volumen. Einfache Verhältnisse liegen
rizontaler Richtung s D 0;40 m von der Kante dann vor, wenn die geometrische Ausdehnung
entfernt. Wie groß war die Geschwindigkeit des des Körpers klein ist im Vergleich zu den Di-
Balls auf dem Tisch? mensionen (Abmessungen, Abstände), in denen
sich der Körper bewegt. In höchster Idealisierung
Ü 2-4 Ein Elektromotor läuft mit der Drehzahl ist die Masse des Körpers in einem materiellen
n0 D 1400 min1 . Nach dem Abschalten wird er Punkt vereinigt, der keine räumliche Ausdehnung
mit konstanter Winkelverzögerung ˛ abgebremst, mehr hat. Mit der Modellvorstellung des mate-
bis er nach N D 50 Umdrehungen stehen bleibt. riellen Punktes werden einfachste Verhältnisse
a) Wie groß ist die Winkelverzögerung ˛? b) Wie geschaffen, denn ein materieller Punkt kann nicht
lange dauert der Bremsvorgang? rotieren und sich nicht verformen.
Wie ein Körper ist auch ein materieller Punkt
Ü 2-5 Ein Eisenbahnzug fährt mit gleichmäßiger Einwirkungen von außen ausgesetzt; physika-
Tangentialbeschleunigung auf einem Kreisbogen lisch bezeichnet man dies als die Einwirkung der
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik 33

Tab. 2.2 Die Newton’schen Axiome


Newton’sche Axiome Formulierung Beziehung
1. Axiom Jeder Körper behält seine Geschwindigkeit nach Betrag und Richtung
Trägheitsgesetz so lange bei, wie er nicht durch äußere Kräfte gezwungen wird, seinen
Bewegungszustand zu ändern.
2. Axiom Die zeitliche Änderung der Bewegungsgröße, des Impulses p D mv, ist allgemein:
Aktionsgesetz gleich der resultierenden Kraft F . Um einen Körper konstanter Masse zu d
Grundgesetz der beschleunigen, ist eine Kraft F erforderlich, die gleich dem Produkt aus F D .mv/
dt
Mechanik Masse m und Beschleunigung a ist. speziell:
F D ma
3. Axiom Wirkt ein Körper 1 auf einen Körper 2 mit der Kraft F12 , so wirkt der F12 D F21
Wechselwirkungsgesetz Körper 2 auf den Körper 1 mit der Kraft F21 ; beide Kräfte haben den
actio = reactio gleichen Betrag, aber entgegengesetzte Richtungen.

Umgebung auf das System oder – noch allge- Es gibt beliebig viele Inertialsysteme; sie alle
meiner – als die Wechselwirkung zweier Systeme. haben die Eigenschaft, sich gegen den Fixstern-
Die Kraft ist die physikalische Größe, welche die himmel geradlinig und gleichförmig zu bewegen.
Einwirkung beschreibt, die den Bewegungszu- Absolute Ruhe lässt sich nicht feststellen, es gibt
stand des Körpers ändert. Dabei werden Körper deshalb kein ausgezeichnetes Inertialsystem.
unterschiedlicher Masse durch die gleiche Kraft Die Erde rotiert relativ zum Fixsternhimmel,
unterschiedlich beschleunigt. das Bezugssystem Erde stellt deshalb kein Iner-
Begründet auf Erfahrung und durch kühne Ex- tialsystem dar. Ist die Erdrotation im Vergleich
trapolation erfasste Newton die Wechselwirkun- zum Zeitablauf eines Experiments vernachlässig-
gen zwischen beschleunigendem und beschleu- bar langsam, dann ist ein mit der Erde verbun-
nigtem System und formulierte drei Axiome zur denes Bezugssystem in sehr guter Näherung ein
Mechanik, welche die Begriffe Kraft und Mas- Inertialsystem.
se definieren, ihre Verknüpfung angeben und ein Das zweite Newton’sche Axiom heißt Aktions-
Maßsystem festlegen. prinzip, weil es den Zusammenhang zwischen
der Bewegungsänderung eines Körpers und der
Einwirkung von Kräften herstellt. Newton ver-
2.3.2 Newton’sche Axiome stand unter Bewegungsänderung nicht nur die
Beschleunigung; seine mathematische Formulie-
In Tab. 2.2 sind die drei Axiome in moderner rung umfasste bereits den Impuls p D mv
Schreibweise zusammengefasst, wie sie I. N EW- (Abschn. 2.5). Somit lässt sich das Aktionsgesetz
TON (1643 bis 1727) im Jahr 1687 veröffentlich- schreiben:
te. Die Newton’schen Axiome beschreiben die
dp d dv dm
makroskopische Welt der klassischen Physik ex- F D D .mv/ D m Cv : (2.24)
akt; sie versagen jedoch bei der Beschreibung der dt dt dt dt
mikroskopischen Welt der Atome (Quantenphy- Für den im täglichen Leben häufigen Fall einer
sik, Abschn. 8.2) und bei Geschwindigkeiten, die konstanten Masse ergibt sich daraus das New-
nicht mehr klein gegen die Lichtgeschwindigkeit ton’sche Grundgesetz
c sind (Relativitätstheorie, Kap. 10).
Das erste Axiom definiert ein Bezugssystem, F D ma: (2.25)
in dem die drei Axiome gelten. Die physikali-
schen Gesetzmäßigkeiten der Mechanik nehmen Wenn die Summe der äußeren Kräfte gleich null
ihre einfachste mathematische Form an, wenn ist, dann ist auch die Beschleunigung null und da-
sie für ein Bezugssystem aufgeschrieben werden, mit die Geschwindigkeit konstant, entsprechend
in dem die Geschwindigkeit eines Körpers ohne der Forderung des ersten Axioms.
äußere Einwirkungen konstant ist. Man nennt sol- Das dritte Axiom, das Axiom über die Wech-
che Systeme Inertialsysteme. selwirkungen, sagt aus, dass es eine einzelne,
34 2 Mechanik

isolierte Kraft nicht gibt. Es wirkt immer ein Kör- Die physikalische Größe Masse hat außer
per (oder ein System 1) auf einen zweiten Körper der Eigenschaft Trägheit auch die Eigenschaft
(oder System 2). Wird eine Systemgrenze vorge- Schwere. Auf Körper im Wirkungsbereich der
geben, dann kann zwischen äußeren Kräften, die Riesenmassen kosmischer Körper (z. B. der Son-
von einem Körper außerhalb des Systems her- ne oder der Erde) wirken Gravitationskräfte (Ab-
rühren, und inneren Kräften, die nur innerhalb schn. 2.10), die proportional zu den Massen der
des Systems wirken, unterschieden werden. Die- beteiligten Körper sind. Die Schwere einer Masse
se Systemgrenzen können nach Zweckmäßigkeit ist also ein Kennzeichen für die Kraft des Zentral-
gewählt werden. gestirns auf diesen Körper. Experimentell lässt
Das dritte Axiom setzt voraus, dass die Kräfte sich kein Unterschied zwischen träger und schwe-
gleichzeitig, d. h. ohne Zeitverzögerung, wahrge- rer Masse nachweisen. Die Identität von träger
nommen werden. Weil die Lichtgeschwindigkeit und schwerer Masse ist die Grundlage für die
die Grenzgeschwindigkeit für die Ausbreitung ei- Einstein’sche Relativitätstheorie (Kap. 10).
nes Signals oder einer Information ist, dauert es
eine endliche Zeitspanne, bis ein Körper die Än-
derung einer Kraftwirkung spürt, die von einem 2.3.4 Kraft
zweiten Körper ausgeübt wird. Für dieses Pro-
blem der Gleichzeitigkeit hat Einstein die Lösung Nach dem zweiten Newton’schen Axiom ist die
in den Grundgesetzen der relativistischen Mecha- Kraft F für Körper mit konstanter Masse propor-
nik angegeben (Kap. 10). tional zur Momentanbeschleunigung a. Die Kraft
ist also eine vektorielle physikalische Größe, de-
ren Richtung parallel zur Beschleunigung a und
2.3.3 Masse deren Betrag F D ma ist. Im SI-System ist die
Einheit für die Kraft 1 kg m s2 D 1 N (Newton).
Trägheit ist der Widerstand eines Körpers gegen Für die Addition von Kräften und die Zerle-
eine Bewegungsänderung. Das Maß für die Träg- gung einer Kraft in verschiedene Kraftrichtun-
heit ist die Masse. Die Masse ist unabhängig vom gen gelten die Regeln der Vektorrechnung. In
Ort, an dem sich ein Körper befindet und in der Abb. 2.16 sind für die Addition von zwei Kräf-
klassischen Mechanik unabhängig vom Bewe- ten und für die Zerlegung einer Kraft in zwei
gungszustand des Körpers. Damit ist die Masse Richtungen die grafischen Lösungswege im Kräf-
auch ein geeignetes Maß für die Menge, d. h. für teparallelogramm und die trigonometrischen Lö-
die Anzahl der Teilchen (Atome, Moleküle) in ei- sungen angegeben. Die Addition von mehr als
nem Körper. Die Addition von Massen entspricht zwei Kräften erfolgt zweckmäßigerweise durch
der Addition von Mengen. Die Maßeinheit der die Methode der Komponentenzerlegung in ei-
Masse ist durch einen Eichkörper festgelegt (Ab- nem kartesischen Koordinatensystem.
schn. 1.3). Ist die Beschleunigung eines Körpers a D 0,
Eine Möglichkeit zum Vergleich von Massen so ist auch die resultierende Kraft auf den Kör-
gibt das Newton’sche Aktionsgesetz. Man las- per nach dem Newton’schen Aktionsprinzip null.
se auf zwei Körper mit den Massen m1 und m2 Dies ist die Bedingung des statischen Kräfte-
jeweils die gleiche Kraft wirken und bestimme gleichgewichts:
experimentell die Beschleunigungen a1 und a2 ,
die den beiden Körpern erteilt werden. Dann gilt X
N
Fj D F1 C F2 C : : : D 0: (2.27)
im eindimensionalen Fall nach (2.25)
j D1
m1 a2
D : (2.26) Körper fallen auf der Erde mit einer konstan-
m2 a1
ten Fallbeschleunigung g D 9;81 m=s2 (Ab-
Damit ist das Verhältnis zweier Massen durch ei- schn. 2.2.1.3). Die Ursache dieser gleichmäßig
ne dynamische Messung bestimmbar. beschleunigten Bewegung ist die Schwerkraft
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik 35

Abb. 2.16 Kräfteaddition und Kraftzerlegung

oder Gewichtskraft auf die Masse m der Körper.


Nach dem zweiten Newton’schen Axiom beträgt
die Schwerkraft

FG D mg (2.28)

und wirkt in Richtung der Fallbeschleunigung


(näherungsweise zum Erdmittelpunkt). Die Mas-
senanziehung durch die Erdmasse ist die Ursache
der Schwerkraft (Abschn. 2.10). Die Schwerkraft
auf Körper an der Erdoberfläche führt bei Kör-
pern auf einer schiefen Ebene mit dem Neigungs-
winkel " gemäß Abb. 2.17 zu einer hangabwärts,
parallel zur schiefen Ebene gerichteten beschleu- Abb. 2.17 Kräfte auf schiefer Ebene. " Neigungswinkel
nigenden Kraft, der Hangabtriebskraft FH , mit
dem Betrag
FH D mg sin " (2.29)
Kräfte aus, die elastischen Kräfte oder Feder-
und zu einer senkrecht auf die Ebene wirkenden kräfte. Abb. 2.18 gibt hierzu Erläuterungen. Nach
Kraft, der Normalkraft FN , mit dem Betrag dem dritten Newton’schen Axiom ist die der De-
formation entgegenwirkende, elastische Kraft Fel
FN D mg cos ": (2.30) entgegengesetzt gleich der von außen wirkenden
Kraft Fa ; die Längenänderung s ist also ein Maß
Die beschleunigende Kraft, die einen Körper für die verursachende Kraft.
bei der gleichförmigen Kreisbewegung auf einer Alle Festkörper zeigen innerhalb maximaler
Kreisbahn hält und die Zentripetalbeschleuni- Deformationsgrenzen ein elastisches Verhalten
gung azp nach (2.22) verursacht, ist nach dem (Abschn. 2.11), das durch das Hooke’sche Gesetz
Newton’schen Grundgesetz die Zentripetalkraft (Abb. 2.18b) beschrieben wird:

Fzp D m! 2 r: (2.31) Fel D ks: (2.32)

Sie ist zum Mittelpunkt der Kreisbahn gerichtet. Die Proportionalitätskonstante k wird als Feder-
Kräfte verursachen nicht nur beschleunigte konstante oder Richtgröße bezeichnet.
Bewegungen (dynamische Kraftwirkung), son- Große elastische Längenänderungen, hervor-
dern ändern auch die geometrische Form von gerufen schon durch kleine Kräfte, weisen Me-
Körpern. Umgekehrt üben deformierte Körper tallfedern auf; Federwaagen werden deshalb in
36 2 Mechanik

der Praxis als Kraftmesser eingesetzt. Abb. 2.19


zeigt eine Übersicht über den Aufbau von Kraft-
messern entsprechend DIN EN ISO 376 51 301
und den VDI/VDE/GESA-Richtlinien 2635 und
VDI/VDE 2637.
Werden mehrere Federn gekoppelt, so ist die
resultierende Richtgröße kres bei der Parallel-
schaltung (verschiedene Kräfte, gleicher Weg)

F1 =s C F2 =s C : : : D k1 C k2 C k3 : : : D kres;p

und bei der Serienschaltung (verschiedene Wege,


gleiche Kraft)

s1 =F C s2 =F C : : : D 1=k1 C 1=k2
C : : : D 1=kres;s :

Unter realen Bedingungen wird die Bewegung


Abb. 2.18 Elastische Deformation a äußere Kraft Fa und von Körpern durch Reibung an der Unterlage,
elastische Rückstellkraft Fel , b Federkonstante k der umgebenden Flüssigkeit oder dem umgeben-

Abb. 2.19 Methoden der Kraftmessung


2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik 37

Abb. 2.20 Reibungskräfte

den Gas beeinflusst. Nach dem Newton’schen Tab. 2.3 Haft- und Gleitreibungszahlen (H und G )
Aktionsprinzip ist die Ursache der Bewegungsän- Stoffpaar H G
derung durch Reibung eine Kraft, die Reibungs- Stahl auf Stahl 0,15 0,12
kraft FR . Die Richtung der Reibungskraft FR ist Stahl auf Holz 0,5 bis 0,6 0,2 bis 0,5
der Bewegungsrichtung, also der Momentange- Stahl auf Eis 0,027 0,014
schwindigkeit v des Körpers stets entgegenge- Holz auf Holz 0,65 0,2 bis 0,4
richtet: FR  v. Der Betrag von FR setzt sich Holz auf Leder 0,47 0,27
je nach Situation in unterschiedlicher Weise aus Gummi auf Asphalt 0,9 0,85
Gummi auf Beton 0,65 0,5
den drei Grenzfällen in Abb. 2.20 zusammen.
Gummi auf Eis 0,2 0,15
Die Festkörperreibung hängt von der Oberflä-
chenbeschaffenheit der reibenden Körper ab; die
Reibungszahlen für die Haft- und Gleitreibungs- ist R D 0;002; Straßenfahrzeuge haben Werte
kraft unterscheiden sich stark. In Tab. 2.3 sind von etwa R D 0;02 bis R D 0;05.
die Werte einiger Stoffpaare zusammengestellt. Die Reibungskraft bei der Bewegung von Kör-
Der Laufwiderstand beim Abrollen eines Rades pern in Flüssigkeiten und Gasen hängt von der
auf einer Unterlage hängt nicht nur von der Ver- Dichte und Viskosität der Medien, der Geome-
formung des Bodens durch die Normalkraft und trie (Stromlinienform, Spoiler) der Körper und
vom Raddurchmesser ab, sondern auch noch von dem Strömungstyp (laminar, turbulent) ab (Ab-
den Reibungsverhältnissen in der Radnabe. schn. 2.12.2.4). In laminaren Strömungen ist der
Bei niedrigen Geschwindigkeiten ist die Lauf- Strömungswiderstand FR proportional zur Ge-
widerstandskraft näherungsweise proportional schwindigkeit: FR v. Kommt es durch die
zur Normalkraft. Die Proportionalitätskonstante Reibungskraft an der Körperoberfläche in der
ist die Rollreibungszahl R . Bei Eisenbahnrädern Strömung zu Rotationsbewegungen (Wirbel), so
38 2 Mechanik

nimmt der Strömungswiderstand erheblich zu Ü 2-10 Auf einen Körper (Masse m D 2;0 kg)
und die Reibungskraft ist FR v 2 . wirken drei Kräfte (F1 ; F2 und F3 ). Unter ihrem
Nur Bewegungen mit Festkörperreibung ver- Einfluss bewegt er sich mit der konstanten Be-
laufen gleichmäßig beschleunigt oder verzögert; schleunigung a D 1 ms2 nach Süden. Die Kraft
dominieren die anderen Reibungsarten, dann sind F1 weist nach Norden, ihr Betrag ist F1 D 3;0 N.
die Bewegungsgesetze kompliziert. Die Kraft F2 weist nach Osten, ihr Betrag ist
F2 D 2;0 N. Wie groß ist F3 nach Betrag und
Richtung?
2.3.5 Zur Übung
Ü 2-11 Eine Aufzugskabine hat die Masse
Ü 2-7 Zwei Körper (Masse m1 < m2 ) hängen mA D 1200 kg, die Masse des Gegengewichts ist
an einem dünnen, masselosen Faden, der über ei- mG D 1100 kg. In der Kabine befindet sich eine
ne masselose Rolle läuft. Zwischen der Rolle und Person (Masse mM D 75 kg).
dem Faden soll es keine Reibung geben. a) Wie a) Mit welcher Beschleunigung a fiele die Ka-
groß ist die Beschleunigung a der beiden Körper? bine, wenn die Bremseinrichtungen versagten?
b) Wie groß ist die Kraft FF im Faden? (Vereinfachend seien z. B. die Trägheit der Seil-
trommeln und die Reibung vernachlässigt.) b)
Ü 2-8 Ein Radiergummi (m D 40 g) liegt auf Welches wäre unter diesen Fallbedingungen das
einer Metallscheibe (Radius r D 20 cm). Die scheinbare Gewicht der Person? c) Nach einer
Scheibe rotiert mit konstanter Winkelgeschwin- Fallhöhe von h D 15 m wird die Kabine durch
digkeit !. Die Haftreibungszahl zwischen Schei- Federn aufgefangen und nach einem Bremsweg
be und Radiergummi ist H D 0;5. von s D 20 cm zum Stillstand gebracht. Welche
a) Welche Kräfte wirken auf den Radiergum- mittlere Kraft Fm spürt die Person beim Brems-
mi (Skizze)? b) Welche Kraft oder welche Kräfte vorgang in den Beinen?
bringt die Zentripetalkraft auf den Radiergum-
mi auf? c) Der Radiergummi wird r1 D 5 cm Ü 2-12 Eine schwere Last soll an einem Stahlseil
vom Drehzentrum positioniert. Wie groß muss hochgezogen werden. In Ruhestellung zeigt ein
die Drehzahl n1 mindestens sein, damit der Ra- Kraftmesser eine Gewichtskraft FG D 8  104 N
dierer zu rutschen anfängt? d) Die Scheibe rotiere an; die zulässige Höchstbelastung des Seils ist
mit der Drehzahl n2 D 70 min1 . In welchem Fmax D 105 N. Welches ist die größte erlaubte
Radius-Bereich bleibt der Radiergummi liegen? Beschleunigung beim Hochziehen der Last?

Ü 2-9 Aus einem Maschinengewehr treten in


einer Sekunde sechs Geschosse (Masse jeweils 2.4 Dynamik in bewegten
m D 25 g) aus. Die Geschwindigkeit der Kugeln Bezugssystemen
ist v D 800 m s1 .
a) Die Kugeln treffen auf einen fest im Boden 2.4.1 Relativ zueinander geradlinig
verankerten großen Holzklotz und bleiben in ihm bewegte Bezugssysteme
stecken. Welche mittlere Kraft Fm1 wird auf den
Klotz ausgeübt? b) Welche mittlere Kraft Fm2 ist Betrachtet sei die Bewegung zweier Bezugssys-
aufzuwenden, um einen Rückstoß des Gewehres teme gegeneinander, wobei eines der beiden Sys-
zu unterdrücken? c) Angenommen, die Kugeln teme vereinfachend als ruhend (Inertialsystem)
bleiben nicht stecken; sie sollen abprallen und mit angenommen wird. Die Koordinaten des materi-
einem Zehntel ihrer Anfangsgeschwindigkeit auf ellen Punkts P im ruhenden System S sind x; y; z,
der alten Flugbahn zurückfliegen. Welche mittle- die im bewegten System S0 dagegen x 0 ; y 0 ; z 0 .
re Kraft Fm wird unter diesen Bedingungen auf Zur Zeit t D 0 sollen die beiden Systeme
den Klotz ausgeübt? zusammenfallen. Für den Fall, dass die Relativ-
2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen 39

Abb. 2.21 Galilei-Transformation in gleichmäßig gegeneinander beschleunigten Bezugssystemen

bewegung der beiden Bezugssysteme gleichmä- Werden beispielsweise in einem mit konstanter
ßig beschleunigt, aS also konstant ist, sind die Geschwindigkeit fahrenden Zug Fallexperimente
sich ergebenden Transformationen der Koordina- durchgeführt, dann sind die Messergebnisse, wie
ten, Geschwindigkeiten und Beschleunigungen in z. B. Fallzeit und Endgeschwindigkeit, dieselben
Abb. 2.21 angegeben. wie auf dem Bahnsteig.
In der klassischen Physik wird der Zeitmaß-
stab in beiden Bezugssystemen als gleich ange-
Beispiel 2.4-1
nommen, die Zeitkoordinaten also mit t D t 0
Es soll gezeigt werden, dass der Abstand zwei-
transformiert und damit eine absolute Zeit vor-
er Punkte P1 und P2 Galilei-invariant ist, d. h.
ausgesetzt. Wie die Relativitätstheorie (Kap. 10)
nicht von der Relativbewegung zweier Be-
zeigt, gilt diese Annahme nur in der klassischen
zugssysteme gegeneinander abhängt. Verein-
Näherung, dass die Relativgeschwindigkeit vS im
fachend sollen die beiden Punkte in der x; y-
Vergleich zur Lichtgeschwindigkeit c klein ist.
Ebene liegen und sich das System S0 längs der
Ist die Geschwindigkeit des bewegten Sys-
x-Richtung bewegen.
tems vS D konstant, dann ist die Beschleuni-
gung aS D 0 und damit a D a0 ; die Be-
schleunigung eines Körpers ist also in beiden Lösung
Systemen gleich. In diesem Spezialfall Galilei- Die Koordinaten der beiden Punkte sind
Transformation ist auch die Kraft, die eine Be-
schleunigung bewirkt, in beiden Systemen gleich. im ruhenden System S: P1 .x1 ; y1 ; 0/ und
Sämtliche Gleichungen der Mechanik haben im P2 .x2 ; y2 ; 0/,
bewegten Bezugssystem dieselbe Struktur wie im bewegten System S0 : P1 .x10 ; y10 ; 0/ und
im ruhenden, die Gesetze sind Galilei-invariant. P2 .x20 ; y20 ; 0/.
40 2 Mechanik

Für die Abstandsquadrate ergeben sich nach beschleunigten System S0 ist der Körper im sta-
dem Satz des Pythagoras tischen Gleichgewicht, wenn gemäß (2.27) die
Summe aller Kräfte (einschließlich der Trägheits-
s 2 D .x2  x1 /2 C .y2  y1 /2 und kraft) null ist:
s 02 D .x20  x10 /2 C .y20  y10 /2
Fres C Ft D 0: (2.35)
D Œ.x2  vs t/  .x1  vs t/2 C Œy2  y1 2
D .x2  x1 /2 C .y2  y1 /2 D s 2 :
Beispiel 2.4-2
Ein Beobachter im bewegten Koordinatensys- Welche Kräfte wirken auf eine Person, die sich
tem S0 misst also den gleichen Abstand wie ein in einem an der Erdoberfläche frei fallenden
Beobachter im ruhenden System S. Bewegt sich Aufzug befindet?
das System S0 gegenüber S beschleunigt mit der
Beschleunigung aS , dann gilt nach Abb. 2.21 für Lösung
die Beschleunigung im bewegten System a0 D Es wird ein ruhendes, mit der Erde verbun-
a  aS . In jedem System wird ein Beobachter die denes Koordinatensystem gewählt, in dem
Beschleunigung auf die Wirkung einer Kraft zu- der Vektor der Fallbeschleunigung nach un-
rückführen: im Bezugssystem S auf F D ma und ten zeigt. In diesem ruhenden System ist die
in S0 auf F 0 D ma0 D ma  maS . Die Diffe- Kraft auf die Person gleich der Gravitations-
renz der beiden Kräfte ist die Trägheitskraft oder kraft F D mg.
Scheinkraft Das beschleunigte Koordinatensystem ist
Ft D maS : (2.33) fest mit der Aufzugskabine verbunden. Dieses
System beschleunigt mit as D g gegen das
Diese Trägheitskraft muss zusätzlich zu den rea- ruhende System. Deshalb wirkt auf die Person
len physikalischen Kräften, wie beispielsweise im beschleunigten System zusätzlich zur Gra-
der Gravitation oder elektrostatischen Kraft, die vitationskraft noch die Trägheitskraft
im ruhenden System S die Beschleunigung a
verursachen, im beschleunigten System S0 in Ft D mas D mg:
Rechnung gesetzt werden, damit auch in S0 das
Newton’sche Grundgesetz F 0 D ma0 angewen- Für die Kraft im beschleunigten System der
det werden kann. Aufzugskabine gilt

Prinzip von d’Alembert F 0 D F C Ft D mg  mg D 0:


Kräfte auf einen Körper bewirken eine Beschleu-
nigung. Schreibt man das Newton’sche Aktions- Der beschleunigte – also mitfallende – Beob-
gesetz (2.25) um, so lautet es achter spürt keine resultierende Kraft, er fühlt
sich kräftefrei! – Auf dieselbe Weise entsteht
F C .ma/ D 0: (2.34) die Kräftefreiheit in Raumstationen.

J. d’A LEMBERT (1717 bis 1783) interpretierte


den Ausdruck (ma) als die von (2.33) bekannte 2.4.2 Gleichförmig rotierende
Trägheitskraft Ft D maS . Bezugssysteme
Mit der d’Alembert’schen Trägheitskraft kön-
nen dynamische Probleme auf statische zurück- In rotierenden Bezugssystemen treten zusätzlich
geführt werden. Hierbei wird zusätzlich zu realen zu den realen physikalischen Kräften weitere
physikalischen Kräften, die auf einen Körper wir- Trägheits- oder Scheinkräfte auf, die der mit-
ken und durch ihre Resultierende Fres beschrie- bewegte Beobachter benötigt, um die Beschleu-
ben werden, eine Trägheitskraft Ft eingeführt. Im nigung eines Körpers erklären zu können: die
2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen 41

Abb. 2.22 Rotierendes Koordinatensystem

Zentrifugalkraft und die Coriolis-Kraft (G. G. daher


C ORIOLIS, 1792 bis 1843).
dr dx 0 0 dy 0 0 dz 0 0 di 0
Fallen die Nullpunkte 0 des ruhenden Systems vD D i C j C k C x0
dt dt dt dt dt
S und des mit der konstanten Winkelgeschwin- 0 0
dj dk
digkeit ! rotierenden Systems S0 zusammen, C y0 C z0 :
0
dann sind die Abstände r und r vom Nullpunkt dt dt
in beiden Koordinatensystemen gleich: Im rotierenden System wird die Geschwindigkeit
0 0 dy 0 0
v0 D dx dt i C dt j gemessen. Für die zeit-
0
r D r D xi C yj C zk lichen Änderungen der Einheitsvektoren gelten
D x 0 i 0 C y 0 j 0 C z 0 k0 : (2.36) nach Abb. 2.22
di 0
Dabei sind i , j und k die Einheitsvektoren des D !  i0
und
0 0 0 dt
ruhenden Koordinatensystems und i , j und k dj 0
diejenigen des rotierenden. D !  j 0:
dt
Abb. 2.22 zeigt den grafisch leichter darstell-
baren Fall einer Rotation, bei der die z- und Entsprechend ist im dreidimensionalen Fall
z 0 -Achsen zusammenfallen und die z-Achse Ro-
dk0
tationsachse ist. D !  k0 :
dt
Die Einheitsvektoren im rotierenden Koordi-
natensystem ändern ihre Richtung relativ zum Zwischen der im ruhenden Koordinatensystem
ruhenden und sind zeitlich nicht konstant; es ist gemessenen Geschwindigkeit v D .dx=dt/i C
42 2 Mechanik

.dy=dt/j und der Geschwindigkeit v0 des rotie- senkrecht zur Drehachse. Die Zentrifugalbe-
renden Systems besteht der Zusammenhang schleunigung ist betragsmäßig gleich groß wie
die Zentripetalbeschleunigung azp nach (2.22),
v D v0 C !  r: (2.37) dieser aber entgegengesetzt gerichtet.

Eine nochmalige Differenziation der Geschwin- Beispiel 2.4-3


digkeit v ergibt die Beschleunigung a D dv=dt. Wegen der Eigenrotation der Erde addiert sich
Wird diese Differenziation nach dem Mus- zur Fallbeschleunigung g die ortsabhängige
ter der Differenziation von r zur Herleitung Zentrifugalbeschleunigung azf . Deshalb ist die
von (2.37) ausgeführt, dann gilt effektive Fallbeschleunigung g eff nach Betrag
dv d0 v und Richtung abhängig von der geografischen
D C !  v: (2.38) Breite ". Wie groß ist der Korrekturterm g
dt dt
für den Betrag der Fallbeschleunigung?
dv=dt ist die Ableitung im Inertialsystem, d0 v=dt
im rotierenden System. Der erste Teil in (2.38) Lösung
beschreibt die Geschwindigkeitsänderung im ro- Mit den Bezeichnungen in Abb. 2.23 gilt R D
tierenden System, der zweite Teil kommt durch rE cos " und mit (2.42) und (2.21)
die Drehbewegung des Koordinatensystems S0
 2
zustande. Gleichung (2.37) in (2.38) eingesetzt, 2 
azf D ! 2 R D rE cos "
ergibt TE
d0 0 mit TE als der Periodendauer. Aus Abb. 2.23
aD .v C !  r/ C !  .v0 C !  r/
dt folgt durch Anwendung des Kosinussatzes für
d0 v 0 d0 r die effektive Erdbeschleunigung
D C! C !  v0 C !  .!  r/:
dt dt p
geff D g 1 C .azf =g/2  2.azf =g/ cos ":
In einem rotierenden Koordinatensystem nach
Abb. 2.22 ist die Beschleunigung Der Korrekturterm für den Betrag der Erd-
beschleunigung ist g D g  geff . Mit
a0 D a  2!  v0  !  .!  r/: (2.39)

Wird der Ortsvektor r in eine Komponente R


senkrecht zur Winkelgeschwindigkeit ! (!R D
0) und eine Komponente A parallel dazu (! 
A D 0) zerlegt, so wird !  .!  r/ D !  .! 
R/ D .!R/!  .!!/R D ! 2 R. Somit ist die
Beschleunigung

a0 D a C 2v0  ! C ! 2 R: (2.40)

Im gleichförmig rotierenden Bezugssystem tre-


ten also zwei zusätzliche Beschleunigungen auf,
nämlich die Coriolis-Beschleunigung

ac D 2v0  ! D 2!  v0 (2.41)

senkrecht auf der Bewegungsrichtung v0 und der


Drehachse ! und die Zentrifugalbeschleunigung

azf D .!  r/  ! D ! 2 R D azp (2.42) Abb. 2.23 Zu Beispiel 2.4-3


2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen 43

rE D 6370 km und TE D 23;93 h (Sternen-


tag) errechnet sich der Korrekturterm bei der
mittleren geografischen Breite " D 50ı der
Bundesrepublik Deutschland zu g.50ı / D
0;014 m s2 .
Ein Lot zeigt also nicht zum Massenmit-
telpunkt der Erde, sondern nach Abb. 2.23 in
Richtung g eff .

Nach dem Newton’schen Grundgesetz führen


die Beschleunigungen nach (2.41) und (2.42) im
rotierenden Bezugssystem zu zwei Trägheitskräf-
ten, der Zentrifugalkraft

Fzf D m.!  r/  ! D m! 2 R (2.43)


Abb. 2.24 Coriolis-Kraft Fc auf der Nordhalbkugel der
und der Coriolis-Kraft Erde. v0 Geschwindigkeit, " nördliche Breite, !E Winkel-
geschwindigkeit
FC D 2mv0  !: (2.44)

Die Coriolis-Kraft hängt nicht vom Ort r 0 des der Hoch- und Tiefdruckgebiete sind (spiralför-
materiellen Punktes ab und tritt immer auf, wenn mig) gekrümmt. Bei Drehbewegungen von Ma-
der !-Vektor nicht parallel zum Geschwindig- schinenteilen mit großen Winkel- und Arbeits-
keitsvektor v0 verläuft. Die Coriolis-Kraft ist null, geschwindigkeiten kann sich die Coriolis-Kraft
wenn die Relativbewegung parallel zur Drehach- deutlich auf die Beanspruchung von Lagern und
se erfolgt. Führungen auswirken.
Alle mit der Erde starr verbundenen Koordi- Im Vergleich zu den anderen, die Bewegung
natensysteme sind wegen der Rotation um die beeinflussenden Kräften, wie z. B. die Gravitati-
Erdachse streng genommen keine Inertialsyste- onskraft, die Antriebskraft oder der Fahrwider-
me. Relativbewegungen auf der Erdoberfläche stand, ist die Coriolis-Kraft in der Regel vernach-
erfolgen in einer Tangentialebene an die Erdku- lässigbar.
gel, wie Abb. 2.24 zeigt. Auf der Nordhalbkugel
bewirkt die Coriolis-Kraft für alle nicht geführten Beispiel 2.4-4
Bewegungen eine Abweichung nach rechts. Ein Fahrzeug mit der Masse m D 1000 kg
Die Rotation der Erde lässt sich mit dem fährt mit der Geschwindigkeit v 0 D 72 km=h
Foucault’schen Pendel nachweisen. Wegen der von Süden nach Norden. Wie groß ist
Coriolis-Kraft dreht sich die Schwingungsebene bei der geografischen Breite " D 50ı
des Pendels im rotierenden System. Die Winkel- Nord die Coriolis-Kraft und die Coriolis-
geschwindigkeit, mit der sich die Erde unter dem Beschleunigung (TE  24 h)?
schwingenden Pendel wegdreht, ist gleich der
Azimutalkomponente !a der Winkelgeschwin- Lösung
digkeit der Erddrehung am Ort der geografischen Nach (2.44) ist die Coriolis-Kraft
Breite ":
2  Fc D 2mv 0 !E sin.v0 ; !/
!a D sin ":
TE D 2  103 kg  20 m=s  7;2  105 s1
Bei " D 50ı beträgt die Winkelgeschwindigkeit  sin 50ı
!a D 11;5ı =h. D 2;2 NI
Auch bei atmosphärischen Strömungen macht
sich die Coriolis-Kraft bemerkbar: Die Bahnen sie wirkt nach Osten.
44 2 Mechanik

(l D 50 m) auf und markiert den Endpunkt des


Lots auf einem horizontalen Messtisch. Danach
lässt man vom Aufhängepunkt des Lots aus eine
kleine Kugel fallen und beobachtet den Auftreff-
punkt auf der Platte.
a) Wodurch ist die Richtung des Lots an einem
Ort mit " D 50ı nördlicher Breite bestimmt; b) In
welche Himmelsrichtung wird die fallende Kugel
abgelenkt, und wie weit entfernt ist der Auftreff-
punkt der Kugel vom Endpunkt des Lots?

Ü 2-16 Bei einem Kettenantrieb entsprechend


Abb. 2.25 werden die Kettengliederbolzen bei der
Kettenumlenkung durch die Zentrifugalkraft Fzf
belastet. Wie groß ist die daraus bedingte Zug-
kraft F , wenn das Kettenglied die Masse m D 4 g
und den Bolzenabstand d D 12;6 mm hat, der
Kettenradius R D 116 mm beträgt und sich das
Kettenrad mit der Drehzahl n D 3500 min1
dreht?

2.5 Impuls

Abb. 2.25 Zu Ü 2-16


2.5.1 Impuls eines materiellen Punktes

Nach dem zweiten Newton’schen Axiom ändert


Aus (2.41) und (2.44) ergibt sich für die sich der Bewegungszustand eines Körpers unter
Coriolis-Beschleunigung ac D Fc =m D 2;2  dem Einfluss einer Kraft; seine Momentange-
103 m=s2 . schwindigkeit erhöht oder erniedrigt sich. Nach
der Newton’schen Formulierung (2.24) ist die
Bewegungsgröße eines Körpers der Impuls:
2.4.3 Zur Übung
p D mv: (2.45)
Ü 2-13 An einem Ort der geografischen Breite Die abgeleitete Einheit des Impulses ist
" D 50ı fällt ein Körper mit der Masse m D 1 kg m s1 D 1 N s.
10 kg mit der Geschwindigkeit v 0 D 100 m=s Der Impuls p ändert sich unter dem Einfluss
auf die Erdoberfläche. Berechnen Sie für den einer Kraft F gemäß
Aufprall nach Betrag und Richtung jeweils die
Zentrifugalkraft und die Coriolis-Kraft. dp
F D : (2.24)
dt
Ü 2-14 Wie groß ist die Coriolis-Beschleuni-
gung für ein Flugzeug, das horizontal über einen Die Kraft ist gleich der zeitlichen Ände-
Ort der geografischen Breite " D 50ı in jeweils rung des Impulses.
eine der vier Himmelsrichtungen fliegt?

Ü 2-15 Um die Rotation der Erde zu demons- Die Wirkung einer Kraft F auf einen Kör-
trieren, führt man in einem Bergwerksschacht per im Zeitintervall t wird als Kraftstoß be-
folgenden Versuch aus: Man hängt ein langes Lot zeichnet. Dieser führt zu einer Änderung des
2.5 Impuls 45

Abb. 2.27 Zu Beispiel 2.5-1

Schläger auf den Ball ausgeübten Kraft ist nä-


herungsweise eine Dreiecksfunktion entspre-
chend Abb. 2.27. Mit welcher Geschwindig-
keit ve bewegt sich der Ball fort?
Abb. 2.26 Kraftstöße mit a zeitabhängigem Kraftverlauf
und b zeitlich konstanter Kraft
Lösung
Nach (2.46) ist der ausgeübte Kraftstoß gleich
Impulses p eines materiellen Punktes mit der der Impulsänderung. Weil der Ball anfangs in
konstanten Masse m. Gleiche Kraftstöße führen Ruhe war, ist der Anfangsimpuls null. Aus
zu gleichen Impulsänderungen; die Geschwin- dem Endimpuls lässt sich bei bekannter Masse
digkeitsänderungen sind jedoch unterschiedlich sofort die Endgeschwindigkeit angeben:
und hängen von der Masse des Körpers ab.
Z
8ms
Der Kraftstoß
F .t/dt D mve  0:
Zt2 Zp2 0
F .t/dt D dp D p 2  p 1 D p (2.46)
Die Fläche unter der Dreiecksfunktion reprä-
t1 p1
sentiert das Integral; also errechnet man
ist gleich dem Zeitintegral der Kraft und gleich Z
8ms
der Impulsänderung des materiellen Punktes. Im 1
F .t/dt D  200 N  8  103 s D 0;80 N s;
Allgemeinen hängt die wirkende Kraft F von 2
0
der Zeit ab, wie es in Abb. 2.26 zum Ausdruck
kommt. Ist die Kraft jedoch während der Kon- 0;80 kg m=s
ve D D 8;0 m=s:
taktzeit konstant, dann vereinfacht sich (2.46) zu 0;1 kg

p D F .t2  t1 / D F t: (2.47)


2.5.2 Impuls eines Systems materieller
Punkte
Beispiel 2.5-1
Beim Minigolfspiel wird ein ursprünglich ru- Bisher wurde ein einzelner materieller Punkt be-
hender Ball der Masse m D 0;1 kg weg- trachtet. Kräfte, die auf ihn wirken, müssen not-
geschlagen. Der zeitliche Verlauf der vom wendigerweise von außen kommen. Im Folgen-
46 2 Mechanik

und so fort;

Fk D Fak C Fi1k C Fi2k C Fi3k C Fi4k C : : :


dp k
C Fink D
dt
und so fort. Zusammenfassend ergibt sich

X
n X
n X
n X
n
dp k
Fk D Fak C Fji k D :
Abb. 2.28 Kräfte auf Punkt k in einem System materiel- dt
kD1 kD1 j;kD1 kD1
ler Punkte j ¤k
(2.48)
Bei der Summation sind die nicht existierenden
den wird ein System betrachtet, das aus mehreren Kräfte Fkki
wegzulassen.
materiellen Punkten aufgebaut ist. Zu den Kräf- Nach dem dritten Newton’schen Axiom gibt
ten, die von außen, also über die Systemgrenze, es für jede auftretende innere Kraft Fji k eine ent-
an den materiellen Punkten des Systems angrei- sprechende Gegenkraft Fikj . Diese beiden Kräfte
fen, kommen noch innere Kräfte, die zwischen kompensieren sich; deshalb vereinfacht sich das
den materiellen Punkten innerhalb des Systems Gleichungssystem (2.48) erheblich. Die Gesamt-
wirken. Das System ist ein abgeschlossenes Sys- summe der inneren Kräfte verschwindet:
tem, wenn nur innere Kräfte wirken.
X
n
Fikj D 0: (2.49)
2.5.2.1 Impulssatz
k;j D1
Es liege ein abgegrenztes System materieller k¤j
Punkte vor, das insgesamt n Teilchen enthalte,
deren Koordinaten r k .t/ von einem beliebigen Werden die Summe der äußeren Kräfte zur resul-
Pn
Koordinatennullpunkt O aus gemessen werden, tierenden Kraft Fa D a
kD1 Fk und die Sum-
wie es Abb. 2.28 verdeutlicht. Auf jeden Punkt me der Einzelimpulse zum Gesamtimpuls p D
P n
k des Systems wirken eine äußere Kraft Fak , die kD1 pk zusammengefasst, dann entspricht der
ihren Ursprung außerhalb des Systems hat, und Impulssatz für ein System materieller Punkte
innere Kräfte Fji k , die von der Wechselwirkung
dp
des k-ten materiellen Punktes mit allen übrigen Fa D (2.50)
dt
materiellen Punkten j.j ¤ k/ herrühren. Die
Gesamtkraft Fk auf den k-ten materiellen Punkt völlig dem für einen einzelnen materiellen Punkt.
ist gleich seiner Impulsänderung dp k =dt.
Die Bewegungsgleichungen für sämtliche n 2.5.2.2 Massenmittelpunkt und
materiellen Punkte des Systems sind Schwerpunktsatz
Der Impulssatz erhält eine besonders einfache
F1 D Fa1 C CFi21 C Fi31 C Fi41 C : : : Form, wenn für ein System materieller Punkte
dp 1 der Massenmittelpunkt oder Schwerpunkt S ein-
C F in1 D ; geführt wird. Für ein System materieller Punkte
dt
F2 D Fa2 C Fi12 C CFi32 C Fi42 C : : : ist der Ortsvektor dieses speziellen Punktes S
Pn
dp2 mk  r k .t/
C Fin2 D r s .t/ D kD1 : (2.51)
dt m
2.5 Impuls 47

P
Hierbei ist m D nkD1 mk die Gesamtmasse des kurz vor und kurz nach dem Stoß –, wenn die
Systems und r k der Ortsvektor des einzelnen ma- Wirkung der äußeren Kräfte im Stoßintervall ver-
teriellen Punktes. Weisen Systeme aus gleichen nachlässigbar ist.
Massenpunkten eine Symmetrieachse auf, dann
liegt der Massenmittelpunkt auf dieser Achse. Beispiel 2.5-2
Die Geschwindigkeit des Schwerpunktes er- Ein Pkw mit der Masse m1 D 1;3 t fährt
gibt sich durch die Differenziation von (2.51) zu auf einer abschüssigen Straße mit dem Nei-
Pn gungswinkel ˇ D 5ı auf einen stehenden
dr S .t/ kD1 mk vk .t/
D vS .t/ D Wagen mit der Masse m2 D 1 t auf. Nach
dt Pn m dem Aufprall rutscht der gestoßene Wagen
p .t/ p vollgebremst s2 D 8 m weit. Die Brems-
D kD1 k D :
m m spur des auffahrenden Wagens ist s1 D 5 m
Bezogen auf die Schwerpunktsbewegung vS lässt lang. Bei den Straßenverhältnissen beträgt die
sich der Impulssatz aus (2.50) umformen in den Gleitreibungszahl G D 0;8. Mit welcher Ge-
Schwerpunktsatz Fa D dp=dt D mdvS =dt oder schwindigkeit v1 fuhr der Pkw auf, wenn ein
gleichmäßig verzögerter Bremsvorgang ange-
F D ma : (2.52) nommen wird?
S

Lösung
Der Schwerpunkt eines beliebigen Systems Aus den Bremsspurlängen werden die Ge-
materieller Punkte bewegt sich so, als sei schwindigkeiten v10 und v20 kurz nach dem
im Schwerpunkt die Gesamtmasse m des Aufprall berechnet:
Körpers vereinigt und als griffen die äuße-
Bremsverzögerung:
ren Kräfte im Schwerpunkt an.
aB D .FR  FH /=m
D g.G cos ˇ  sin ˇ/
Wirken auf ein System von Massenpunkten Bremsweg:
keine äußeren Kräfte, dann bleibt der Massenmit-
sB D v 02 =2aB ;
telpunkt nach dem Newton’schen Trägheitsgesetz
in Ruhe oder er bewegt sich gleichförmig gerad- Geschwindigkeiten nach dem Stoß:
linig. p
v10 D 2s1 aB D 8;3 m=sI
2.5.2.3 Impulserhaltungssatz p
v20 D 2s2 aB D 10;6 m=s:
Wirkt auf ein System materieller Punkte keine re-
P
sultierende äußere Kraft, ist also nkD1 Fka D 0, Mit dem Impulserhaltungssatz nach (2.54) be-
dann ist nach (2.50) dp=dt D 0. Der Gesamtim- rechnet man die Auffahrgeschwindigkeit v1 :
puls des Systems p ist konstant. Für die Summe
der Einzelimpulse des Systems gilt der Impulser- m1 v10 C m2 v20
haltungssatz v1 D
m1
D 16;4 m=s D 59 km=h:
p 1 Cp 2 C : : : C p n D konstant (2.53)
oder m1 v1 C m2 v2 C : : : C mn vn
D m1 v01 C m2 v02 C : : : C mn v0n : (2.54) 2.5.3 Raketengleichung

Wirken äußere Kräfte, wie beispielsweise beim Die Beschleunigung einer Rakete ist der be-
Stoß auf einer schiefen Ebene, so gilt der Impuls- sondere Bewegungsfall, bei dem die Masse des
erhaltungssatz – eingeschränkt auf die Zeitpunkte Körpers, der eine Bewegungsänderung erfährt,
48 2 Mechanik

nicht konstant ist. Durch den Massenausstoß hei- Tab. 2.4 Daten der Mondrakete Saturn V mit dem Treib-
ßer Gase gemäß Abb. 2.29 wird die Schubkraft satz der ersten Stufe
der Rakete erzeugt. In der Zeitspanne dt ändert Startmasse m0 2;9  106 kg
sich die Raketenmasse m um dm, die Geschwin- Leermasse mleer 0;82  106 kg
digkeit v ändert sich um dv. Brennschlusszeit tB 160 s
1
Mit dem Impulssatz nach (2.50) lässt sich der Relativgeschwindigkeit vrel 2;6  104 m s 1
3

Massenstrom mP 1;3  10 kg s
Verlauf der Raketengeschwindigkeit, die Rake-
Schub Fschub 3;4  107 N
tengleichung, ableiten. Die Impulsänderung des
Systems aus Rakete und Gas im Zeitintervall dt
ist
Mit folgenden Näherungen soll (2.56) integriert
dp D Œ.m C dm/.v C dv/ C dm v   mv werden:
T T

oder mit dmT D dm  Der Treibstoff wird im Zeitintervall 0 5 t 5


tB bis zur Brennschlusszeit tB ausgestoßen;
dp D mdv  dmŒvT  .v C dv/:  die Relativgeschwindigkeit vrel ist während
der Brennzeit konstant;
Mit der Strahlgeschwindigkeit  der Massenstrom m P der ausgestoßenen Treib-
gase ist konstant.
vrel D vT  .v C dv/;
Ist m0 die Anfangsmasse, bestehend aus Rakete
mit der sich das Treibgas relativ zur Rakete ent- und Treibstoff, und m
leer die Masse der ausge-
fernt, lautet der Impulssatz brannten Rakete, dann ist der Massenstrom
dp dv dm m0  mleer
Fa D Dm  vrel : P D
m
dt dt dt tB
Die für den Raketenantrieb charakteristische
und die Abnahme der Raketenmasse
Schubkraft ist

dm m.t/ D m0  mt:
P (2.57)
Fschub D vrel : (2.55)
dt
In Tab. 2.4 sind einige charakteristische Daten
Die Bewegungsgleichung der Rakete hängt von der Saturn-V-Rakete angegeben, mit der 1969 das
der Schubkraft Fschub und den äußeren Kräf- amerikanische Apollo-Raumschiff die erste be-
ten Fa , wie beispielsweise den Gravitationskräf- mannte Mondlandung durchführte.
ten, ab: Die erreichbare Endgeschwindigkeit hängt li-
dv near von der Ausströmgeschwindigkeit vrel ab.
m.t/ D Fa C Fschub : (2.56) Bei mehrstufigen Raketen wird die ausgebrann-
dt
te Stufe abgeworfen. Der Start der nächsten Stufe
erfolgt mit der Endgeschwindigkeit der Vorstufe
als Anfangsgeschwindigkeit v0 .
Erfolgt der Start der ersten Stufe der Rakete im
Schwerefeld der Erde, dann ist als äußere Kraft
die Gravitationskraft auf die Rakete zu berück-
sichtigen. Die Gravitationskraft ist der Schub-
kraft entgegengerichtet. Werden für die Start-
phase der Luftwiderstand und die Änderung der
Abb. 2.29 Massen und Geschwindigkeiten von Rakete Fallbeschleunigung mit der Steighöhe vernach-
und Treibstoff zur Zeit t und t C dt lässigt, rechnet man also mit g D g0 D konstant,
2.5 Impuls 49

dann ist die äußere Kraft Fa D m.t/g 0 . Für den


Betrag der Beschleunigung gilt
dv P
m
a.t/ D D vrel  g0 : (2.58)
dt m0  mt
P
Durch Integration ergibt sich für den Betrag der
Geschwindigkeit
 
m0
v.t/ D vrel ln  g0 t C v0 : (2.59)
m0  mt
P
Beim Start von der Erdoberfläche mit der An-
fangsgeschwindigkeit v0 D 0 erhält man für die
Brennschlusszeit tB die Endgeschwindigkeit
 
m0
v.tB / D vrel ln  g0 tB : (2.60) Abb. 2.30 Geschwindigkeit der Saturn-V-Rakete (1. Stu-
mleer fe) bei senkrechtem Start auf der Erde mit näherungsweise
(Raketengleichung nach K. Z IOLKOWSKIJ; 1857 konstantem Schwerefeld (I) und Zündung im Weltraum
ohne Einwirkung äußerer Kräfte (II)
bis 1935).
Durch eine weitere Integration folgt aus (2.59)
die Höhe h.t/ der Rakete über der Erdoberfläche:
Zahlenwerten liegen die Daten der Startstufe der
vrel .m0  mt/ P Saturn V-Rakete nach Tab. 2.4 zugrunde.
h.t/ D
 m P  
m0 m0
  1  ln
m0  mt P m0  mtP 2.5.4 Zur Übung
1 2
 g0 t : (2.61) Ü 2-17 Auf einer ebenen Unterlage liegt eine
2
Kugel (Masse m D 2;0 kg). Die Kugel wird
Bei Brennschluss tB ist die Höhe parallel zur Unterlage mit einem Hammer an-
  
vrel mleer m0 m0 geschlagen. Die Kontaktzeit ist t D 5 ms, die
hB D  1  ln mittlere Kraft F D 100 N. a) Wie groß sind Ge-
mP mleer mleer
1 schwindigkeit und Impuls der Kugel nach dem
 g0 tB2 : (2.62) Stoß? b) Wie groß ist die Beschleunigung wäh-
2
rend der Stoßzeit?
Mit der Geschwindigkeit v.tB / aus (2.60) erreicht
die Rakete nach Brennschluss noch eine Steig- Ü 2-18 Ein Auto hat die Masse m D 1000 kg.
höhe hs D v 2 .tB /=2g0 (2.10). Der Bahnschei- Es fährt mit v D 50 km=h geradeaus. Welche Im-
tel des senkrechten einstufigen Raketenaufstiegs pulsänderung p – nach Betrag und Richtung –
liegt nach dieser Näherungsrechnung in der Hö- muss aufgebracht werden, um eine Richtungsän-
he htotal über Startniveau gemäß derung von 120ı zu bewerkstelligen, ohne den
Betrag der Geschwindigkeit v zu ändern?
v 2 .tB /
htotal D hB C : (2.63)
2g0
Ü 2-19 Die Mondmasse mM beträgt etwa
In Abb. 2.30 ist jeweils der Verlauf der Geschwin- 0;0123mE (mE D Erdmasse). Der Abstand zwi-
digkeit für den Fall, dass – wie im Weltraum schen Erdmittelpunkt und Mondmittelpunkt ist
– keine äußere Kraft wirkt .g0 D 0/ und für REM D 3;8  105 km, der Erdradius RE D
den Fall, dass der Start gegen die Erdgravita- 6370 km. Wo liegt der Massenmittelpunkt S des
tion erfolgt, wiedergegeben. Den angegebenen Systems Erde und Mond?
50 2 Mechanik

Ü 2-20 Beim spontanen radioaktiven Zerfall


sendet ein U-238-Kern ein ˛-Teilchen gemäß fol-
gender Reaktion aus:

238
92 U ! 234
90 Th C 2 He:
4

Die Geschwindigkeit des ˛-Teilchens wird zu


v˛ D 1;4  107 m=s gemessen. Welches ist die Ge-
schwindigkeit vTh des Rückstoßkerns Thorium? Abb. 2.31 Zur Definition der Arbeit

Ü 2-21 Wie viel Treibstoff muss eine Einstu-


fenrakete aufnehmen, damit sie nach Verbrennen
des gesamten Treibstoffs die erste kosmische
Geschwindigkeit von v D 7;9 km=s erreicht?
Die Leermasse der Rakete ist mleer D 1000 kg,
die Ausströmgeschwindigkeit gegen die Rake-
te ist vrel D 3000 m=s, die Brennschlusszeit ist
tB D 120 s. Unterscheiden Sie zwischen einem
„Start“ im Weltraum außerhalb des Graviations-
bereichs eines Himmelskörpers und einem Start Abb. 2.32 Arbeit einer ortsabhängigen Kraft F .x; y/
im Schwerefeld der Erde. längs des Wegs von s1 .x1 ; y1 / nach s2 .x2 ; y2 /

2.6 Arbeit und Energie Nach der Definitionsgleichung (2.64) ist die
Maßeinheit der Arbeit 1 N m D 1 J (Joule).
2.6.1 Arbeit In Abb. 2.33 sind Fälle zusammengestellt, bei
denen die Kraft F Arbeit gegen ortsunabhän-
Wirkt eine Kraft F auf einen materiellen Punkt gige Kräfte verrichtet. Dazu zählen die im erd-
oder Körper und verschiebt ihn dabei um ein nahen Gravitationsfeld näherungsweise konstan-
Wegelement s, so hat die Kraft den Zustand des te Schwerkraft FG und die von ihr verursachte
Körpers verändert, sie hat Arbeit verrichtet. Die Hangabtriebskraft sowie die auf dem Verschie-
mechanische Arbeit ist definiert als bungsweg konstante Festkörperreibungskraft FR .
Mit aufgenommen ist die Beschleunigungsarbeit
W D jF jjsj cos.F ; s/ (2.64) gegen die Trägheitskraft Ft der beschleunigten
Masse (2.33):
entsprechend Abb. 2.31 oder in differenzieller Zs2
Schreibweise als Skalarprodukt W12 D F  ds
s1
dW D F  ds: (2.65)
Zs2   vZ2 .s2 /
dv
Die insgesamt längs eines Weges von s1 nach D  m  .vdt/ D m.v  dv/:
dt
s2 von einer Kraft F .r; t/ verrichtete Arbeit er- s1 v .s
1 1 /
gibt sich durch Integration der Einzelbeiträge,
Die Integration zeigt, dass die Beschleunigungs-
wie Abb. 2.32 verdeutlicht:
arbeit nur von der Differenz der Quadrate der
Z2s Z2s Geschwindigkeiten abhängt:
W12 D dW D F  ds: (2.66) 1  
W12 D m v22  v12 : (2.67)
s1 s1 2
2.6 Arbeit und Energie 51

Abb. 2.33 Arbeit gegen ortsunabhängige Kräfte

Die Beschleunigungsarbeit ist null, wenn, wie Lösung


bei der gleichförmigen Kreisbewegung, dv und v Nach (2.32) gilt als lineares Kraftgesetz für
senkrecht aufeinander stehen: sich der Geschwin- die Federauslenkung Frück D kx. Beim
digkeitsbetrag also nicht ändert. Stauchen oder Dehnen hält die Kraft F der
Die Arbeit beim Dehnen und Stauchen ei- rücktreibenden Systemkraft zu jedem Zeit-
ner Feder und beim Anheben eines Körpers ge- punkt das Gleichgewicht: F D Frück . Die
gen die Gravitationskraft über größere Strecken aufzuwendende Arbeit W12 beim Dehnen von
wird nicht mehr gegen konstante Kräfte geleistet. x1 auf x2 ist
Abb. 2.34 enthält für diese Fälle ortsabhängiger
Kräfte die Integration von (2.66). Die Arbeit ent- Zx2 Zx2
spricht dabei der Fläche zwischen der Kraftkurve W12 D F  dx D ./.kx/  dx:
und der Wegachse innerhalb der Integrations- x1 x1
grenzen.
x und dx sind parallel gerichtet, daher ergibt
Beispiel 2.6-1 sich
Wie groß ist der Arbeitsaufwand beim Dehnen 1  
W12 D k x22  x12 : (2.68)
oder Stauchen einer idealen Feder? 2
52 2 Mechanik

Abb. 2.34 Arbeit gegen ortsabhängige Kräfte

tung
Die aufzuwendende Verformungsarbeit Wg
Pm D : (2.71)
nimmt quadratisch mit der Auslenkung zu. tg
Leistungen von Antrieben misst man, indem die
in der Zeitspanne abgegebene Arbeit definiert
in messbare Reibungsarbeit oder Reibungswär-
2.6.2 Leistung, Wirkungsgrad
me umgewandelt wird. Die abgegebene effektive
Leistung Peff eines Antriebs oder mechanischen
Das Maß dafür, in welcher Zeitspanne eine Arbeit
Wandlers ist wegen der Reibungsverluste PV
verrichtet wird, ist die Leistung
kleiner als die zugeführte Nennleistung PN . Das
W Kennzeichen für die Effektivität der Leistungs-
P D : (2.69) wandler ist der Wirkungsgrad
t

Die Maßeinheit der Leistung ist 1 N m s1 D Peff PV


D D1 : (2.72)
1
1 J s D 1 W (Watt). Die Leistung hängt vom PN PN
Zeitintervall t ab. Die Momentanleistung P er-
Der Wirkungsgrad ist dimensionslos, der Werte-
gibt sich mit (2.65) zu
bereich liegt zwischen 0 5  5 1.
dW Stimmen die Zeitintervalle der Leistungszu-
P D D F v: (2.70) fuhr und Leistungsabgabe nicht überein, bei-
dt
spielsweise bei dem langsamen Anheben eines
Aus der über die Gesamtzeit tg verrichteten Ge- Rammbärs mit anschließendem raschem Auf-
samtarbeit Wg errechnet sich die mittlere Leis- prall, dann wird der Wirkungsgrad über das Ver-
2.6 Arbeit und Energie 53

hältnis von Nutzarbeit Wab zur zugeführten Ar-


beit Wzu definiert:
Zt1
Peff dt
Wab 0
D D t : (2.73)
Wzu Z2
PN dt
0

Werden mehrere Antriebe und Wandler hinterein-


andergeschaltet, dann ist der Gesamtwirkungs-
grad der Anlage das Produkt aus den Einzelwir-
kungsgraden:
Wab;n Wab;1
ges D D
Wzu;1 Wzu;1
Wab;2 Wab;n
 ::: oder
Wab;1 Wab;n1
ges D 1 2 : : : n : (2.74)

Beispiel 2.6-2
Ein Förderkorb, dessen Masse einschließlich
maximaler Nutzlast m1 D 1000 kg beträgt und
dessen Gegengewicht die Masse m2 D 450 kg
hat, fährt mit der Beschleunigung a1 D 1 m=s2
aufwärts, bis er die konstante Fördergeschwin-
digkeit v2 D 5 m=s erreicht. Die gesamte
Reibungskraft ist FR D 500 N. Abb. 2.35
verdeutlicht den Vorgang. Welche Spitzenleis-
tung und welche Dauerleistung benötigt der
Antrieb, wenn der Wirkungsgrad  D 0;9 be-
trägt?

Lösung
Die Kraft F1 an dem Umfang der Trommel
während des Anfahrens ergibt sich aus

F1 C m2 .g  a/ D m1 .g C a/ C FR

zu Abb. 2.35 Zu Beispiel 2.6-2


F1 D m1 .g C a/  m2 .g  a/ C FR
D 7450 N:
Die maximale Nennleistung während des An-
Im Bewegungsabschnitt mit konstanter För- fahrens beträgt
dergeschwindigkeit ist
F1 v2
PN;max D D 41;4 kW:
F2 D .m1  m2 /g C FR D 6000 N: 
54 2 Mechanik

Die Dauer-Nennleistung bei der anschließen- Energie


den gleichförmigen Bewegung des Förderkor- 1
Ekin D mv 2 (2.77)
bes ist 2
und der potenziellen Energie Epot , in der die
F2 v2
PN D D 33;3 kW: Energieanteile zusammengefasst sind, die nur

von einer Ortskoordinate abhängen. Hierzu gehö-
Antriebsaggregate müssen so ausgelegt wer- ren die von der Verformungsarbeit WV herrühren-
den, dass sie über die Dauerleistung hinaus de elastische Energie
kurzfristig eine wesentlich höhere Spitzenleis-
1 2
tung aufbringen können. Eelast D ks (2.78)
2
und die durch die Hubarbeit WH erzeugte Lage-
2.6.3 Energie energie
ELage D mgh: (2.79)
Führt man einem Körper mechanische Arbeit zu,
dann ändert sich der physikalische Zustand des Die Energieanteile hängen betragsmäßig davon
Körpers: Eine gespannte Feder kann einen an ihr ab, wo das Bezugsniveau h D 0 und der Aus-
befestigten Körper beschleunigen, also Beschleu- gangszustand s D 0 liegen und auf welches
nigungsarbeit verrichten; ein durch Arbeitsver- Koordinatensystem die Geschwindigkeit v bezo-
richtung beschleunigter Wagen kann eine schiefe gen ist.
Ebene bergauf fahren und damit Hubarbeit ver-
richten. Körper unterscheiden sich also dadurch,
in welchem Maß ihnen Arbeit zugeführt wurde. 2.6.4 Energieerhaltungssatz
Das Maß dafür ist die Energie E.
Die als Energie gespeicherte Arbeit muss nicht
in der Arbeitsform abgegeben werden, in der
Durch Zufuhr oder Abgabe von Arbeit wird sie aufgenommen wurde. Diese Abgabe ist auch
die Energie eines Körpers oder die Gesamt- in anderen Arbeitsformen möglich. Beim Bo-
energie eines Systems materieller Punkte genschießen wird beispielsweise die elastische
erhöht oder erniedrigt. Energie in Beschleunigungsarbeit des Pfeils und
eventuell beim Schuss bergauf in Hubarbeit um-
gewandelt. Alle Naturerscheinungen gehorchen
Die Energie wird in der gleichen Maßein- einem fundamentalen Gesetz, der Erhaltung der
heit 1 J angegeben wie die Arbeit, durch die sie Energie:
verändert wird. Es gilt also der Energiesatz der
Mechanik:
In einem abgeschlossenen System bleibt
E D Enachher  Evorher D W: (2.75) der Energieinhalt konstant. Energie kann
weder vernichtet werden noch aus nichts
Die Energieanteile eines Körpers werden durch entstehen; sie kann sich in verschiedene
die Arbeit, die sie erzeugt haben, beschrieben und Formen umwandeln oder zwischen ver-
ergeben wie diese additiv die Gesamtenergie. Die schiedenen Teilen des Systems ausge-
mechanische Energie eines Körpers ist tauscht werden.

E D Ekin C Epot : (2.76)


Es gibt kein Perpetuum mobile erster Art;
Sie setzt sich zusammen aus der durch die Be- d. h., es ist unmöglich, eine Maschine zu bau-
schleunigungsarbeit WB erzeugten kinetischen en, die dauernd Arbeit verrichtet, ohne dass ihr
2.7 Stoßprozesse 55

von außen ein entsprechender Energiebetrag zu- 2.6.5 Zur Übung


geführt wird (Abschn. 3.3.3).
Der Energieerhaltungssatz ist nicht beweis- Ü 2-22 Eine Stahlkugel (Masse m) fällt frei aus
bar; er fasst die jahrhundertelangen Erfahrun- der Höhe h auf eine Stahlplatte und springt da-
gen mit Energieumwandlungsexperimenten zu- nach auf eine Höhe h1 D 0;9h zurück. a) Wie
sammen. In seiner allgemeinen Form beinhaltet groß ist ihre Geschwindigkeit v0 unmittelbar vor
er außer den mechanischen Energieformen der dem Aufprall? b) Wie groß ist die Geschwin-
kinetischen und der potenziellen Energie auch digkeit unmittelbar nach dem Aufprall? c) Wie
thermische Energien, chemische Energien, elek- groß ist die Impulsänderung p der Stahlkugel
trische und magnetische Feldenergien. nach Betrag und Richtung? d) Welcher Anteil
Bleiben in Systemen die nichtmechanischen der ursprünglichen kinetischen Energie wurde in
Energien der Körper konstant, ist also in ideali- nicht-mechanische Energieformen umgesetzt?
sierten mechanischen Systemen die Reibungsar-
beit vernachlässigbar, dann gilt für die kinetische Ü 2-23 Eine Feder (Federkonstante k D
Energie und die potenzielle Energie des Systems 200 N=m) wird um y D 15 cm zusammenge-
materieller Punkte der Energieerhaltungssatz der drückt. Dann wird eine Kugel (Masse m D 80 g)
Mechanik auf sie gelegt. Wie hoch springt die Kugel, wenn
die Feder plötzlich entspannt wird?
Ekin C Epot D konstant: (2.80)
Ü 2-24 Eine Schraubenfeder ist durch eine Kraft
In diesem Fall hängen die mechanischen Energi- F1 D 50 N gespannt. Wirkt zusätzlich eine Kraft
en zu zwei Zeitpunkten t und t 0 folgendermaßen F D 30 N an der Feder, wird diese um l D
zusammen: 20 cm verlängert. a) Wie groß ist die für diese
Verlängerung erforderliche Arbeit? b) Wie groß
1  2  1  
m1 v1  v102 C m2 v22  v202 C : : : ist die Gesamtenergie der gespannten Feder?
2 2
1   1  
C k1 s12  s102 C k2 s22  s202 C : : : Ü 2-25 Bei großen Deformationen wird das
2   2   Kraftgesetz einer realen Feder nicht-linear. Für
C m1 g h1  h01 C m2 g h2  h02 C : : : eine Pufferfeder gilt k.x/ D k C k x 2 mit k D
1 2 1
D 0: (2.81) 103 N=m und k2 D 107 N=m3 . Wie weit wird die-
se Feder zusammengedrückt, wenn ein Körper,
Im mechanischen Energieerhaltungssatz ist die der die kinetische Energie Ekin D 0;3 N m hat,
potenzielle Energie des Systems durch die La- in x-Richtung aufprallt?
gekoordinaten s oder h eindeutig bestimmt; sie
hängt nicht vom Weg und den Wechselwirkun-
gen auf diesem Weg ab. Die elastische Kraft 2.7 Stoßprozesse
und die Gewichtskraft, die die potenzielle Ener-
gie bestimmen, werden als konservative Kräfte 2.7.1 Übersicht und Grundbegriffe
bezeichnet. Im Gegensatz dazu gilt (2.81) nicht
mehr, wenn Reibungsvorgänge und nichtelasti- Bei einem Stoßprozess berühren sich zwei (oder
sche Verformungen bewirken, dass der Energie- auch mehrere) Körper kurzzeitig unter Ände-
zustand vom gewählten Weg abhängt. In dieser rung ihres jeweiligen Bewegungszustands, wie
Weise vom Weg abhängige Kräfte sind dissipati- Abb. 2.36 verdeutlicht. Kennzeichnend ist die
ve Kräfte. Einmaligkeit und die im Vergleich zur gesam-
56 2 Mechanik

ten Beobachtungsdauer kurze Kontaktzeit der be-


teiligten Körper. In dieser Wechselwirkungszeit
treten verhältnismäßig große Kräfte auf. Die Be-
wegung wenigstens eines der beteiligten Körper
ändert sich abrupt.
Stoß-Beispiele sind Billard-, Tennis- oder Fuß-
ballstöße und Auto-Unfallversuche. Abb. 2.37
zeigt ein Beispiel hierfür. Stoßprozesse treten
auch bei atomaren Vorgängen auf. Bei Zusam-
menstößen zwischen Atomen und Molekülen
treten an die Stelle der elastischen Kräfte der
Mechanik elektrostatische Wechselwirkungs-
kräfte. Eine Klassifikation der Stöße zwischen
makroskopischen Körpern lässt sich nach den
geometrischen Verhältnissen und den Ände-
Abb. 2.36 Zeitlicher Verlauf des Stoßes zweier elasti-
rungen der kinetischen Energie der Stoßpartner scher Körper
treffen. Abb. 2.38 zeigt eine Übersicht.

2.7.2 Gerader, zentraler, elastischer


Stoß

Für ein Zeitintervall kurz vor und kurz nach


dem Stoß sind die Änderungen der potenziel-
len Energien der Stoßpartner und die Reibungs-
verluste vernachlässigbar gegenüber den kine-
tischen Energien; für den Stoßzeitraum ist das
System abgeschlossen und ohne Einwirkung äu-
ßerer Kräfte. Zwischen den Geschwindigkeiten
der Stoßpartner vor dem Stoß v1 sowie v2 und
nach dem Stoß v01 sowie v02 besteht nach dem
Impulserhaltungssatz gemäß (2.54) der Zusam-
menhang

m1 v1 C m2 v2 D m1 v01 C m2 v02 : (2.82)

Die Vektoren können algebraisch addiert wer-


den, weil der gerade zentrale Stoß eindimensional
ist, wie Abb. 2.39 verdeutlicht. Die zweite Be-
stimmungsgleichung ist der Energieerhaltungs-
satz nach (2.81):

1 1 1 1
m1 v12 C m2 v22 D m1 v 0 1 C m2 v 0 2 : (2.83)
2 2
2 2 2 2
Durch Umformung von (2.83) ergibt sich
Abb. 2.37 Crash-Test-Zeitverlauf. Auffahrgeschwindig-
      keit 64 km=h, Zeitspanne seit dem Aufprall: a 0 ms,
m1 v1 C v10 v1  v10 D m2 v20 C v2 v20  v2 b 75 ms, c 150 ms. Werkfoto: Daimler AG
2.7 Stoßprozesse 57

Abb. 2.38 Klassifikation der Stoßprozesse. Betrachtet werden nur Stöße, bei denen die Stoßpartner vor dem Stoß reine
Translationsbewegungen ausführen

Setzt man (2.84) in (2.82) ein, so führt dies auf


die Bestimmungsgleichungen für die Geschwin-
digkeiten nach dem Stoß:

.m1  m2 /v1 C 2m2 v2


v10 D ; (2.85)
m1 C m2
2m1 v1 C .m2  m1 /v2
Abb. 2.39 Gerader, zentraler Stoß v20 D : (2.86)
m1 C m2

Sind die Massen der Stoßpartner gleich, so tau-


und mit (2.82) schen die beiden Körper Geschwindigkeit, Im-
  puls und kinetische Energie aus; war vor dem
v1  v2 D  v10  v20 : (2.84) Stoß der gestoßene Körper in Ruhe, so ist nach
dem Stoß der stoßende Körper in Ruhe. Stößt
Vom Körper 2 aus gesehen, bewegt sich der ein schwerer Körper einen leichten, dann bewe-
Körper 1 nach dem Stoß mit derselben Relativge- gen sich beide nach dem Stoß in der gleichen
schwindigkeit weg, mit der er vor dem Stoß auf Richtung weiter. Ist dagegen die Masse des ge-
den Körper 2 zugelaufen ist. stoßenen Körpers größer als die des stoßenden,
58 2 Mechanik

so wird der stoßende Körper reflektiert und nach


dem Stoß laufen die Körper entgegengesetzt aus-
einander. Kollidieren Körper extrem unterschied-
licher Massen – prallt beispielsweise ein Ball auf
eine Wand –, dann wird beim elastischen Stoß
der stoßende Körper vollständig reflektiert. Er be-
hält seine kinetische Energie; der Impuls und die
Geschwindigkeit sind nach dem Stoß entgegen-
gesetzt zur Einfallsrichtung gerichtet.

Beispiel 2.7-1
Ein Neutron mit der Masse m1 D mN stößt
zentral auf einen ruhenden Atomkern mit der
Masse m2 D N mN . Die Kollision ist nähe-
rungsweise elastisch. Welcher Anteil f der
kinetischen Energie des Neutrons wird auf den
Atomkern übertragen?

Lösung
Die Energie des stoßenden Neutrons ist Abb. 2.40 Gerader, zentraler Stoß: Anteil f der Energie-
übertragung in Abhängigkeit vom Massenverhältnis der
1 Stoßpartner
Ekin, Nvor D m1 v12 :
2
Beim Stoß wird die Energie E übertragen: 2.7.3 Gerader, zentraler, unelastischer
Stoß
1  2 0

E D m1 v1  v12 :
2 Geht beim Stoßvorgang kinetische Energie bei-
spielsweise durch Reibungs- oder inelastische
Der Anteil f der übertragenen kinetischen
Verformungsarbeit verloren, dann muss der all-
Energie ist
gemeine Energiesatz nach (2.75) zur Berechnung
E v
02 der Geschwindigkeiten nach dem Stoß herange-
f D D 1  12 zogen und der Energieverlust W berücksichtigt
Ekin, N vor v1
  werden:
m1  m2 2 4m1 m2
D1 D 1 1 1
m1 C m2 .m1 C m2 /2 m1 v12 C m2 v22 D m1 v102 (2.87)
2 2 2
4N
D : 1
.1 C N /2 C m2 v202 C W:
2
Der Anteil f der Energieübertragung bei ei- Zusätzlich zum Impulserhaltungssatz nach (2.82)
nem geraden, zentralen, elastischen Stoß ei- ist eine weitere Bestimmungsgleichung notwen-
nes ruhenden Stoßpartners ist in Abhängigkeit dig, um die Geschwindigkeiten v10 und v20 nach
vom Massenverhältnis m1 W m2 in Abb. 2.40 dem Stoß und den Energieverlust W berechnen
aufgetragen. Der Energieübertrag ist umso hö- zu können (Beispiel 2.5-2).
her, je geringer der Massenunterschied zwi- Besonders interessant ist der unelastische
schen den Stoßpartnern ist. Zum Abbremsen Stoß, bei dem die beiden Körper miteinander ver-
schneller Neutronen in Kernreaktoren ist al- koppelt werden und sich nach dem Stoß mit der
so Wasser (H2 O) oder schweres Wasser (D2 O) gemeinsamen Geschwindigkeit
sehr viel effektiver als etwa eine Bleiabschir-
mung. v 0 D v10 D v20
2.7 Stoßprozesse 59

Der Verlust an kinetischer Energie ergibt sich


zu
m1 m2   2
W D 1  "2 v1  v2 : (2.90)
2.m1 C m2 /

Beispiel 2.7-2
Die Stoßzahl lässt sich aus Fallversuchen be-
stimmen. Dabei lässt man eine kleine Kugel
aus der Fallhöhe h auf einen schweren .m2

Abb. 2.41 Gerader, zentraler, unelastischer Stoß mit m1 / ruhenden Körper fallen (Abb. 2.42). Wie
Kopplung (vollplastischer Stoß) groß ist die Stoßzahl ", wenn die Fallhöhe
h D 70 cm beträgt und die Zeitspanne zwi-
schen dem ersten und dem zweiten Aufprall
gemäß Abb. 2.41 bewegen. Der Impulserhal- t D 0;72 s?
tungssatz dieses unelastischen Stoßes lautet
Lösung
m1 v1 C m2 v2 D .m1 C m2 /v 0 I Nach dem freien Fall kommt es zum ersten
Aufprall nach der Zeit
daraus folgt
s
0 m1 v1 C m2 v2 2h
v D : (2.88) t1 D D 0;378 s:
m1 C m2 g
Die für den elastischen Stoß gefundene Gl.
Die Aufprallgeschwindigkeit der kleinen Ku-
(2.84) für die Geschwindigkeitsdifferenzen vor
gel ist
und nach dem Stoß
p
v20  v10 D v1  v2 v1 D 2gh D gt1

gilt für den unelastischen Stoß nicht mehr. Viel- Nach (2.89) prallt die Kugel ab mit der Ge-
mehr gilt für den Stoß mit Kopplung, der auch als schwindigkeit
vollkommen plastischer Stoß bezeichnet wird
v10 D "v1 ;
v20  v10 D 0:
dabei sind v2 und v20 jeweils null.
Es liegt nahe, den teilplastischen Stoß zu definie-
ren, bei dem folgender Zusammenhang gilt:

v20  v10 D ".v1  v2 /: (2.89)

" wird als Stoßzahl bezeichnet und kann folgende


Werte annehmen:

"D1 elastischer Stoß,


"D0 vollkommen plastischer Stoß,
0<"<1 teilweise plastischer Stoß.

Die Stoßzahl kann experimentell bestimmt wer-


den. Beispielsweise beträgt sie für Körper aus
gehärtetem Stahl " D 0;95; für Blei gilt " D 0. Abb. 2.42 Zu Beispiel 2.7-2: Bestimmung der Stoßzahl
60 2 Mechanik

Die Zeitspanne bis zu einem erneuten Auf-


prall ist

2jv10 j 2"v1
t D D D 2"t1 :
g g

Damit wird die Stoßzahl

t
"D D 0;95:
2t1

2.7.4 Schiefe, zentrale Stöße

2.7.4.1 Elastische Stöße


Abb. 2.43 skizziert die Lage der Stoßpartner für
den Augenblick, in dem sie sich berühren. Die
Abb. 2.43 Schiefer, zentraler, elastischer Stoß
Verbindungslinie der beiden Massenmittelpunk-
te in diesem Augenblick ist die Stoßgerade; in Tab. 2.5 Schiefer, zentraler, elastischer Stoß
Abb. 2.43 ist es die y-Achse. Ohne Reibung kann Geschwindigkeiten
in die x-Richtung senkrecht zur Stoßgeraden kei- vor dem nach dem
ne Kraft übertragen werden. Die Komponenten Stoß Stoß
der Impulse in x-Richtung sind vor und nach dem Körper 1 v1x 0
v1x D v1x
Stoß gleich: Masse m1
0 .m1  m2 /v1y C 2m2 v2y
0 v1y v1y D
m1 v1x D m1 v1x ; (2.91) m1 C m2
0 0
D
m2 v2x D m2 v2x : (2.92) Körper 2 v 2x v 2x v 2x
Masse m2 2m1 v1y C .m2  m1 /v2y
0
v2y v2y D
Der Impulserhaltungssatz nach (2.54) in Rich- m1 C m2
tung der Stoßgeraden ergibt eine weitere skalare
Bestimmungsgleichung:
aus (2.94)
m1 v1y C m2 v2y D 0
m1 v1y C 0
m2 v2y : (2.93) v12 D v102 C v202 : (2.95)
Die Geschwindigkeitsrichtungen der Stoßpartner
Beim elastischen Stoß entsteht kein Energiever- stehen in diesem Fall nach dem Stoß senkrecht
lust; der Energieerhaltungssatz nach (2.81) lautet aufeinander. Erfolgt andererseits der schiefe, zen-
also trale, elastische Stoß gegen eine Wand .m2

1  2  1  2  m 1 /, dann folgt aus Tab. 2.5


m1 v1x C v1y 2
C m2 v2x C v2y 2
(2.94)
2 2 v1y D v01y : (2.96)
1  02 02
 1  02 02

D m1 v1x C v1y C m2 v2x C v2y :
2 2 Die Tangens der Winkel ˇ1 und ˇ2 sind gleich
groß. Es gilt: tan ˇ1 D .v1y =v1x / und tan ˇ10 D
Gleichungen (2.91) bis (2.94) sind vier Bestim- 0 0
.v1y =v1x /. Dies ist das Reflexionsgesetz für den
mungsgleichungen für die unbekannten Kompo-
0 0 0 0 schiefen elastischen Stoß eines Körpers an einer
nenten v1x , v1y , v2x und v2y der Stoßpartner nach
Wand:
dem Stoß. Die Lösungen des Gleichungssystems
ˇ10 D ˇ1 : (2.97)
sind in Tab. 2.5 dargestellt.
Sind die Massen der beiden Stoßpartner gleich Der Ausfallwinkel ist also gleich dem Einfallwin-
und ist der gestoßene Körper in Ruhe, dann folgt kel.
2.8 Drehbewegungen 61

2.7.4.2 Inelastische Stöße Ü 2-28 Ein Geschoss (Masse m1 D 20 g)


Wenn der Stoßvorgang nicht mehr elastisch er- fliegt horizontal mit der Geschwindigkeit v1 D
folgt, dann gilt der Energieerhaltungssatz der 200 m=s. Es trifft auf einen als Pendel an ei-
Mechanik nicht mehr. Zwar liefert der Impuls- nem langen Draht aufgehängten Holzklotz (Mas-
erhaltungssatz für die beiden kartesischen Ko- se m D 1;0 kg) und durchschlägt ihn. Nachdem
ordinaten zwei skalare Gleichungen, aber es die Kugel aus dem Klotz ausgetreten ist, hat das
sind zusätzlich noch zwei geometrische Bedin- Pendel eine Geschwindigkeit von vp D 2;0 m=s.
gungen für den Stoßvorgang notwendig. Diese a) Wie groß ist die Geschwindigkeit v10 des
können beobachtete Ablenkwinkel oder gemes- Geschosses nach Durchschlagen des Pendelklot-
sene Geschwindigkeitsbeträge sein. Hat man die zes? (Dabei darf die Bewegung des Pendels in
Geschwindigkeiten nach dem Stoßvorgang be- der Wechselwirkungszeit mit dem Geschoss ver-
stimmt, so kann man durch Vergleich der kine- nachlässigt werden.) b) Ist der Zusammenstoß
tischen Energien vor und nach dem Stoß den vollständig unelastisch? Welcher Anteil der kine-
Energieanteil ermitteln, der in nichtmechanische tischen Energie wird in nichtmechanische Ener-
Energieformen umgesetzt wurde. gien umgesetzt?
Ein grundlegendes Beispiel für einen inelas-
tischen Stoß ist der Franck-Hertz-Versuch (Ab- Ü 2-29 Ein Körper (Masse m1 D 50 g) hat eine
schn. 8.2, Abb. 8.6). Gasatome nehmen beim Geschwindigkeit v1 D 10 m=s. Er trifft auf ein
Stoß mit Elektronen nur diskrete Energien auf ruhendes Objekt (m2 D 100 g). Nach dem Zu-
und geben sie kurze Zeit später als Lichtquant ab. sammenstoß ist die Geschwindigkeit des ersten
Körpers auf v10 D 6 m=s vermindert; er fliegt in
eine Richtung, die um 45ı gegen seine ursprüng-
2.7.5 Zur Übung liche Flugrichtung abweicht.
a) Wie groß ist die Geschwindigkeit v20 – nach
Ü 2-26 Im Weltraum, wo äußere Kräfte vernach- Betrag und Richtung – des zweiten Körpers nach
lässigt werden dürfen, soll von einer Trägerrakete dem Stoß? b) Wie viel Energie wird beim Stoß in
(Masse m, Geschwindigkeit v) eine Raumkap- nichtmechanische Energieformen umgesetzt?
sel (Masse m=2) abgesprengt werden. Das nicht
mehr gebrauchte Bruchstück (Masse m=2) soll
dabei zur Ruhe kommen. Welcher Energiebetrag 2.8 Drehbewegungen
ist dem System zuzuführen?
2.8.1 Drehmoment
Ü 2-27 Ein Eisenbahnwaggon (Masse m1 D
24:000 kg) rollt mit einer Geschwindigkeit v1 D Um einen materiellen Punkt oder einen Körper in
3 m=s auf geraden, ebenen Schienen. Er stößt mit Rotation um eine vorgegebene Drehachse zu ver-
einem zweiten Waggon (Masse m2 D 20:000 kg), setzen, muss ein Drehmoment ausgeübt werden.
der sich mit der Geschwindigkeit v2 D 1;8 m=s in Das Drehmoment hängt gemäß Abb. 2.44 ab
derselben Richtung bewegt, zusammen. von Betrag und Richtung der Kraft F und dem
a) Nehmen Sie an, die Waggons kuppeln beim Abstand r des Angriffspunkts der Kraft von der
Stoß zusammen. Welches ist die gemeinsame Drehachse. Die Richtung des Drehmoments steht
Endgeschwindigkeit v 0 ? Welcher Betrag an Ener- senkrecht auf der von r und F aufgespannten
gie wurde in Wärme umgesetzt? b) Nehmen Sie Ebene. Das Drehmoment ist definiert als Vektor-
an, der Zusammenstoß sei vollständig elastisch produkt aus dem Radiusvektor r und der äußeren
und die Waggons trennen sich dann wieder. Wel- Kraft F :
ches sind dann die Endgeschwindigkeiten v10 und M D r F: (2.98)
v20 der beiden Waggons? c) Was ändert sich an
den Antworten zu den Teilfragen a) und b), wenn Ein Drehmoment hat seinen größten Wert, wenn
sich die beiden Waggons anfangs aufeinander zu der Radiusvektor r und die Kraft F senkrecht
bewegen? aufeinander stehen. Die Maßeinheit des Dreh-
62 2 Mechanik

Abb. 2.44 Zur Definition des Drehmoments M


Abb. 2.45 Zur Definition des Drehimpulses L

moments ist 1 N m. Dies ist formal die gleiche


Einheit, die auch Arbeit und Energie haben; im läuft, ist die momentane Bahngeschwindigkeit
Gegensatz zu diesen skalaren Größen ist das nach Tab. 2.1 gegeben durch v D !  r. Der
Drehmoment jedoch eine Vektorgröße. Für die Drehimpuls L der Drehbewegung des materiel-
Berechnung von Gleichgewichten, besonders bei len Punktes ist somit
starren Körpern (Abschn. 2.9), spielt das Dreh-
moment eine zentrale Rolle. L D r  p D mr  .!  r/
D mŒ.r  r/!  .r!/r:
2.8.2 Newton’sches Aktionsgesetz der Weil r senkrecht auf ! steht, ist .r  !/ D 0 und
Drehbewegung
L D .mr 2 /!: (2.100)
2.8.2.1 Drehimpuls eines materiellen
Punktes Der Drehimpuls L ist proportional zur Winkel-
Der momentane Ort eines materiellen Punktes
geschwindigkeit ! der Drehbewegung. Die Pro-
der Masse m, der sich unter dem Einfluss einer
portionalitätskonstante ist das Massenträgheits-
Kraft F auf einer Bahnkurve bewegt, wird durch
moment J des materiellen Punktes im Abstand
den Radiusvektor r vom Ursprung eines Iner-
r von der Drehachse:
tialsystems aus beschrieben, wie aus Abb. 2.45
hervorgeht.
J D mr 2 : (2.101)
Seine Momentangeschwindigkeit ist v, der
Impuls p D mv. Der materielle Punkt führt ei-
Der Drehimpuls L als die Bewegungsgröße der
ne Drehbewegung aus, wenn sein Impuls p eine
Drehbewegung ergibt sich damit zu
Komponente senkrecht zum Ortsvektor r des ma-
teriellen Punkts hat, das Vektorprodukt r  p also
L D J !: (2.102)
nicht verschwindet. Diese für die Drehbewegung
charakteristische Größe wird als Drehimpuls L
Verglichen mit dem Impuls p der Trans-
definiert:
lationsbewegung tritt beim Drehimpuls L
L D r  p: (2.99)
der Rotationsbewegung an die Stelle der
Die Maßeinheit des Drehimpulses ergibt sich zu Masse m das geometrieabhängige Massen-
1 N m s. trägheitsmoment J und an die Stelle der
Für einen materiellen Punkt, der mit der Win- Bahngeschwindigkeit v die Winkelgeschwin-
kelgeschwindigkeit ! auf einer Kreisbahn um- digkeit !.
2.8 Drehbewegungen 63

2.8.2.2 Dynamisches Grundgesetz der


Rotation Die Winkelbeschleunigung ˛ der Dreh-
Aus (2.99) folgt für die zeitliche Änderung des bewegung ist der Ursache, dem äußeren
Drehimpulses Drehmoment M , proportional.
dL d dr dp
D .r  p/ D pCr  :
dt dt dt dt Die Integration von (2.103) ergibt den Dreh-
Die Bahngeschwindigkeit v D dr=dt und der momentenstoß:
Impuls p D mv sind gleichgerichtet, ihr Vektor-
produkt verschwindet. Nach dem Newton’schen Zt2
Aktionsprinzip (2.24) ist die Impulsänderung M dt D L: (2.105)
dp=dt gleich der äußeren Kraft F auf die Mas- t 1

se m und somit ist


Die Drehimpulsänderung L ist gleich dem In-
dL tegral des von den äußeren Kräften ausgeübten
D r  F D M: (2.103)
dt Drehmoments. Ist das äußere Drehmoment M D
M0 D konstant, dann ist die Drehimpulsän-
Die zeitliche Änderung des Drehimpulses derung durch den Drehmomentenstoß L D
ist gleich dem Drehmoment der äußeren M 0 t.

Kräfte auf den Körper.

2.8.3 Arbeit, Leistung und Energie bei


Wirken keine äußeren Momente, dann bleibt der Drehbewegung
der Drehimpuls L nach Betrag und Richtung
konstant, der Drehimpuls des materiellen Punkts Ein Drehmoment M , das einen Körper um eine
bleibt erhalten. Zentralkräfte, wie beispielswei- Achse in eine Drehbewegung versetzt, verrichtet
se die Gravitationskraft (Abschn. 2.10), die dem Arbeit. Die Arbeit W bei der Rotationsbewegung
Radiusvektor r des materiellen Punktes entge- ist nach Abb. 2.32
gengesetzt gerichtet sind, üben auf diesen kein Zs1 Z'1
Drehmoment aus; der Bahndrehimpuls der Kör- W D F .s/  ds D F .'/  .d'  r/
per ist konstant. Wird das Massenträgheitsmo-
s0 '0
ment durch eine Verkürzung des Abstands der
Masse zur Drehachse vermindert, so erhöht sich Z'1
die Winkel-geschwindigkeit des Körpers. D .r  F .'//  d'
Auf einer Kreisbahn ist das Massenträgheits- '0

moment J eines materiellen Punktes konstant.


Aus (2.102) folgt oder
Z'1
dL d d! W D M .'/  d': (2.106)
D .J !/ D J ; '0
dt dt dt
und mit (2.103) und der Winkelbeschleunigung Ist das Drehmoment konstant, dann gilt
˛ D d!=dt ergibt sich das dynamische Grundge-
setz der Rotation: W D M.'1  '0 /:

M D J ˛: (2.104) Das aufzuwendende Drehmoment M ist propor-


tional zum Drehwinkel ' bei der Torsion von
Wie bei der Newton’schen Grundglei- Körpern im elastischen Bereich oder bei Tor-
chung (2.25) gilt: sionsfedern. Die Proportionalitätskonstante wird
64 2 Mechanik

analog zum Hooke’schen Gesetz der longitudi- 2.8.4 Drehbewegungen von Systemen
nalen Dehnung als Drehfedersteifigkeit kt be- materieller Punkte
zeichnet. Die Arbeit gegen das winkelabhängige
Torsionsmoment ergibt sich aus der Integration 2.8.4.1 Drehimpulssatz
von (2.106): In einem System von N materiellen Punkten,
1   deren Koordinaten von einem beliebigen Koor-
W D kt '12  '22 : (2.107) dinatennullpunkt aus gemessen werden, wirken
2
auf jeden materiellen Punkt k am Ort r k .t/ eine
Die Torsionsarbeit wird in der elastischen Verfor- resultierende äußere Kraft F a und innere Kräfte
k
mung des deformierbaren Körpers gespeichert. F i , die von allen übrigen materiellen Punkten
jk
Die sehr kleinen Richtmomente von Torsions- j ¤ k des Systems ausgehen. Der Drehim-
fäden ermöglichen es, aus der Drehwinkelände- pulssatz (2.103) lautet dann für den materiellen
rung sehr kleine Energien, wie beispielsweise Punkt k
bei der Bestimmung der Gravitationskraft mit 0 1
der Torsionswaage (Abschn. 2.10.2), zu messen. dLk X N

Aus (2.106) folgt für die momentane Leistung der D r k  @F ak C F ji k A


dt
Kraft, die das Drehmoment bewirkt, j ¤k

dW XN
P D D M!: (2.108) D M ak C M ji k :
dt
j ¤k
Durch die Arbeitszufuhr oder -abfuhr ändert sich
die kinetische Energie eines im Abstand r um Es ergeben sich N Gleichungen für die materiel-
eine Drehachse rotierenden materiellen Punktes. len Punkte des Systems. Werden diese summiert,
Seine Rotationsenergie beträgt dann verschwindet die Summe der Momente der
inneren Kräfte:
1 1
rot
Ekin D mv 2 D mr 2 ! 2 oder
2 2 XN X N
1 M ji k D 0:
rot
Ekin D J ! 2: (2.109) kD1 j ¤k
2
Nach dem Energiesatz (2.75) ändert die Arbeit Nach (2.98) und dem dritten Newton’schen Axi-
der äußeren Kraft eines Drehmoments die Rota- om F i D F i ergibt sich
jk kj
tionsenergie. Mit (2.104) und (2.106) ergibt sich
der Energiesatz für Drehbewegungen: r 1  F i21 C r 2  F i12 D .r 2  r 1 /  F i12 D 0;
Z'1 tZ.'1 /
d! weil r 2  r 1 parallel zu F i12 ist, wie man in
W D J ˛d' D J !dt
dt Abb. 2.46 erkennt. Werden die Drehimpulse der
'0 t .'0 /
einzelnen materiellenPPunkte zu einem Gesamt-
!.'Z1 /D!1 N
drehimpuls L D kD1 Lk und die äußeren
DJ !d! Momente zu einemPresultierenden Gesamtdreh-
N
!.'0 /D!0 moment M D a
kD1 M k zusammengefasst,
dann folgt der Drehimpulssatz für ein System von
bzw.
1  2  materiellen Punkten:
W D J !1  !02 : (2.110)
2 dL
Die Differenz der Rotationsenergie in der End- D M: (2.111)
dt
und Anfangslage ist gleich der Arbeit, die von
dem am Körper angreifenden, äußeren Drehmo- Der Drehimpulssatz für ein System entspricht
ment bei der Drehung des Körpers um eine feste formal völlig dem für einen einzelnen materiel-
Drehachse verrichtet wird. len Punkt (2.103).
2.8 Drehbewegungen 65

Wie groß ist die neue Drehfrequenz n1 und


die mittlere Leistung, die sie aufbringt?

Lösung
Bei Vernachlässigung der Reibung zwischen
Schlittschuhen und Eis bleibt der Drehimpuls
erhalten: L0 D L1 oder n0 J0 D n1 J1 . Daraus
folgt n1 D n0 J0 =J1 D 10 s1 . Die mittlere
Leistung ist

W 1 J1 !12  J0 !02
Pm D D D 1;9 kW:
Abb. 2.46 Zum Drehimpulssatz: System aus drei materi- t 2 t
ellen Punkten

2.8.4.3 Energieerhaltungssatz
Wenn einem Systen materieller Punkte keine Ar-
2.8.4.2 Drehimpulserhaltungssatz beit zugeführt wird, bleibt die Energie der Ro-
Wirken auf ein System von N materiellen Punk- tationsbewegung konstant. Für das System gilt
PN
ten mit dem Gesamtdrehimpuls L D kD1 Lk nach (2.110) der Energieerhaltungssatz für die
keine äußeren Momente (M a D 0), dann ist Rotationsenergie der Massenpunkte:
nach dem Drehimpulssatz (2.111) die Drehim-
pulsänderung dL=dt D 0. Die Summe der Ein- X N
1
zeldrehimpulse des Massensystems ist konstant Jk !k2 D konstant: (2.114)
2
und der Gesamtdrehimpuls L bleibt nach Betrag kD1
und Richtung erhalten:
Nur bei starren Körpern sind die Winkelge-
L D L1 C L2 C : : : C LN D konstant: (2.112) schwindigkeiten der materiellen Punkte gleich;
dann gilt für die Rotationsenergie die einfachere
Gl. (2.130).
Verschwindet das Gesamtdrehmoment der
äußeren Kräfte auf ein System materiel-
ler Punkte, dann gilt der Drehimpulserhal- 2.8.5 Analogie Translation und
tungssatz. Rotation

Die mathematische Struktur der Bewegungsglei-


chungen und die Beziehungen für Arbeit und
J1 !1 .t1 / C J2 !2 .t1 / C : : : C JN !N .t1 /
Energie der Rotationsbewegung entsprechen völ-
D J1 !1 .t2 / C J2 !2 .t2 / C : : : C JN !N .t2 /: lig denjenigen der Translationsbewegung. An die
(2.113) Stelle der Kraft F , der Geschwindigkeit v, der
Beschleunigung a und der Masse m in den Be-
Beispiel 2.8-1 ziehungen für die Translation treten bei der Ro-
Eine Eiskunstläuferin dreht sich mit ausge- tation die physikalischen Größen Drehmoment
breiteten Armen mit der Drehfrequenz n0 D M , Winkelgeschwindigkeit !, Winkelbeschleu-
2 s1 . Zur Pirouette verkleinert sie ihr Mas- nigung ˛ und Massenträgheitsmoment J . In
senträgheitsmoment von J0 D 6 kg m2 auf Tab. 2.6 sind die entsprechenden Beziehungen
J1 D 1;2 kg m2 in der Zeit t D 1;0 s. und Gleichungen einander gegenübergestellt.
66 2 Mechanik

Tab. 2.6 Analogie Translation und Rotation


Translation Rotation
Größe, Formelzeichen Einheit Größe, Formelzeichen Einheit
Weg m Winkel rad D 1
s, ds '; d'
Geschwindigkeit m=s Winkelgeschwindigkeit rad=s D 1=s
ds d'
vD !D
dt dt
Beschleunigung m=s2 Winkelbeschleunigung rad=s2 D 1=s2
dv d2 s d! d2 '
aD D 2 ˛D D 2
dt dt dt dt
Masse kg Massenträgheitsmoment kg m2
m P
J D i mi ri2
Kraft kg m=s2 D N Drehmoment M D r  F Nm
dp dL
F D ma D M D J˛ D
dt dt
Impuls kg m=s D N s Drehimpuls kg m2 =s D N m s
p D mv L D J!
Federsteifigkeit N=m Drehfedersteifigkeit N m=rad D N m
ˇ ˇ ˇ ˇ
ˇF ˇ ˇM ˇ
k D ˇˇ ˇˇ kt D ˇˇ ˇˇ
s '
Arbeit Nm D J D Ws Arbeit Nm D J D Ws
dW D F ds dW D M d'
Spannarbeit J Spannarbeit N m rad2 D J
W D 12 ks 2 W D 12 kt ' 2
kinetische Energie J kinetische Energie J
trans
Ekin D 1
2
mv 2 rot
Ekin D 1
2
J !2
Leistung W D J=s Leistung W D J=s
dW dW
P D D Fv P D D M!
dt dt

2.8.6 Zur Übung vom Punkt A parallel zur y-Achse, wie Abb. 2.47
verdeutlicht. a) Wie groß ist das Drehmoment
Ü 2-30 Ein Körper der Masse m fällt aus der Ru- M bezüglich des Koordinatenursprungs? b) Wie
he im Gravitationsfeld der Erde. Er bewegt sich groß ist der Drehimpuls L bezüglich des Koor-
dinatenursprungs in Abhängigkeit von der Zeit?
c) Zeigen Sie, dass der Drehimpulssatz gilt, dass
also M D dL=dt ist.

Ü 2-31 Vier gleiche Massen befinden sich an den


Ecken eines Quadrats der Seitenlänge b gemäß
Abb. 2.48. Wie groß sind die vier Massenträg-
heitsmomente

a) JA bezüglich einer Achse senkrecht zur


Zeichenebene durch das Zentrum des Qua-
drats,
b) JB bezüglich einer Achse senkrecht zur
Abb. 2.47 Zu Ü 2-30 Zeichenebene durch einen Eckpunkt,
2.9 Mechanik starrer Körper 67

einzelnen Punkten fest sind, vermindert sich die


Anzahl der Freiheitsgrade erheblich, und zwar
auf sechs. Ein starrer Körper hat also f D 6
Freiheitsgrade. Die Kenntnis von sechs Größen
reicht demnach aus, um die Lage und Orientie-
rung eines starren Körpers im Raum eindeutig
zu beschreiben. So kann in einem kartesischen
Koordinatensystem ein Punkt des Körpers, bei-
spielsweise der Massenmittelpunkt, mit Hilfe von
drei Koordinaten festgelegt werden. Drehungen
des Körpers um diesen Punkt sind durch weitere
drei Winkel gegen die Koordinatenachsen voll-
ständig definiert.
Die sechs Freiheitsgrade des starren Körpers
lassen sich aufspalten in je drei Freiheitsgrade der
Translations- und der Rotationsbewegung.
Abb. 2.48 Zu Ü 2-31

Bei einer Translation werden alle Punkte


c) JC bezüglich einer Achse in der Zeichenebene des starren Körpers um die gleiche Strecke
in einer Diagonalen und parallel verschoben.
d) JD bezüglich einer Achse in der Zeichenebe-
ne längs einer Quadratseite?
Abb. 2.49a zeigt die Translation eines Kör-
pers in der x; y-Ebene. Verschiebungen in der z-
2.9 Mechanik starrer Körper Richtung sind selbstverständlich ebenfalls mög-
lich. Der Punkt P läuft auf der gestrichelten
Ein starrer Körper ist ein System aus N einzel- Bahnkurve. Die Bahnkurven der anderen Punkte
nen Massenpunkten, deren gegenseitige Abstän- des Körpers haben dieselbe Form, sie sind ledig-
de vollkommen unveränderlich sind. Auch unter lich parallel verschoben.
dem Einfluss äußerer Kräfte soll der starre Kör-
per seine Form nicht ändern. Obwohl ein solcher
idealisierter Körper in der Natur nicht existiert, Bei der Rotation eines starren Körpers
ist das Konzept des starren Körpers sehr hilfreich, rotieren sämtliche Massenpunkte mit der
um viele technische und physikalische Probleme gleichen Winkelgeschwindigkeit.
auf einfache Weise und mit genügender Genauig-
keit zu lösen.
Abb. 2.49b zeigt die Rotation um den festste-
henden Punkt P. Die Drehachse steht senkrecht
2.9.1 Freiheitsgrade und Kinematik zur Zeichenebene. Der Vektor ! der Winkelge-
schwindigkeit verläuft parallel zur z-Achse (Ab-
Ein einzelner Massenpunkt benötigt zu seiner schn. 2.2.3). Aus Abb. 2.49c geht hervor:
Lokalisierung in einem Koordinatensystem drei
Angaben, d. h., ein Massenpunkt hat f D 3
Freiheitsgrade. Ein System von N voneinander Die allgemeine Bewegung eines starren
unabhängigen Massenpunkten (etwa ein Gas) hat Körpers setzt sich aus Translation und Ro-
demnach f D 3N Freiheitsgrade. Da aber bei tation zusammen.
einem starren Körper die Abstände zwischen den
68 2 Mechanik

Abb. 2.50 Zu Beispiel 2.9-1: Abrollendes Rad

Umfangsgeschwindigkeit ist für alle Punkte


gleich, nämlich vU D !r. Die Größe folgt
aus der Forderung, dass die Geschwindigkeit
des Punktes A, der mit der ruhenden Fahr-
bahn in Kontakt ist, null sein muss. Dies ist
nur dann der Fall, wenn vM D vU ist. Die
Geschwindigkeit des Punktes B ist unter 45ı
nach
p oben gerichtet. Ihr Betrag ist vB D
2vM D 141 km=h. Die Geschwindigkeit des
Punktes C ist vC D 2vM D 200 km=h.

2.9.2 Kräfte am starren Körper


Abb. 2.49 Bewegung eines starren Körpers: a Translati-
on, b Rotation, c zusammengesetzte Bewegung
Kräfte, die am starren Körper angreifen, sind li-
nienflüchtig.
So entsteht z. B. die in Abb. 2.15 gezeigte Diese Eigenschaft sei anhand von Abb. 2.51
Zykloide durch Überlagerung einer geradlini- erläutert. An einem starren Körper greift im
gen Translationsbewegung konstanter Geschwin- Punkt P1 die Kraft F1 an. Im Punkt P2 , der auf
digkeit mit einer Rotationsbewegung konstanter der Wirkungslinie der Kraft F1 liegt, werden nun
Winkelgeschwindigkeit. die Kräfte F2 und F 02 angebracht, die entgegen-
gesetzt gleich groß sind (F2 C F 02 D 0) und
deshalb auf den Bewegungszustand des Körpers
Beispiel 2.9-1 keinen Einfluss haben. F1 und F2 sollen gleich
Ein Rad rollt entsprechend Abb. 2.50 auf ei- groß sein: F1 D F2 . Nun fasst man in Gedanken
ner ebenen Unterlage. Sein Radius beträgt r D F1 und F 02 zusammen. Die beiden Kräfte ha-
0;28 m. Die Geschwindigkeit des Mittelpunkts ben zwar keine Resultierende, würden aber einen
beträgt vM D 100 km=h. Wie groß sind die elastischen Körper (z. B. ein Gummiband) in die
Geschwindigkeiten der Punkte A, B und C re- Länge ziehen. Da der starre Körper keine Defor-
lativ zur Fahrbahn (s. auch Beispiel 2.2-5)?

Lösung
Die Geschwindigkeit der Punkte erhält man
durch Überlagerung der gemeinsamen Trans-
lationsgeschwindigkeit vM nach rechts mit ei-
ner Umfangsgeschwindigkeit, die jeweils tan-
gential zum Kreis verläuft. Der Betrag der Abb. 2.51 Linienflüchtigkeit der Kraft am starren Körper
2.9 Mechanik starrer Körper 69

Abb. 2.52 Resultierende Kraft am starren Körper

mation erleidet, heben sich diese beiden Kräfte


auf, ohne irgendeine Veränderung am Zustand
des Körpers zu bewirken. Als einzige Kraft bleibt Abb. 2.53 Drehmoment eines Kräftepaars
damit die Kraft F2 am Punkt P2 übrig, welche die
gleiche Wirkung hat wie die ursprüngliche Kraft
F1 am Punkt P1 . Daraus folgt: Die Resultierende eines solchen Kräftepaars
ist null: F1 C F2 D 0. Aus dem Impulssatz für
Systeme gemäß (2.50) folgt:
Man darf bei einem starren Körper eine
Kraft beliebig längs ihrer Wirkungslinie
verschieben, ohne dass sich sein Bewe- Ein starrer Körper erfährt unter der Wir-
gungszustand ändert. kung eines Kräftepaars keine Translations-
beschleunigung.

Der Begriff des Angriffspunktes einer Kraft ist


demnach beim starren Körper ohne Bedeutung. Mit anderen Worten: Wenn der Massenmittel-
Jeder Punkt des Körpers längs der Wirkungslinie punkt des Körpers (Abschn. 2.5.2.2) in Ruhe ist,
kann mit gleichem Recht als Angriffspunkt be- wird er diesen Zustand auch beibehalten, wenn
trachtet werden. ein Kräftepaar an ihm angreift.
Abb. 2.52 zeigt, wie von zwei an verschiede- Ein Kräftepaar versucht aber, den Körper in
nen Punkten A und B an einem starren Körper an- Rotation zu versetzen; es übt ein Drehmoment
greifenden Kräften, die in einer Ebene liegen, die aus.
Resultierende ermittelt wird. Im Schnittpunkt C Die beiden Einzelkräfte F1 und F2 haben be-
der beiden Wirkungslinien wird die Resultieren- züglich des willkürlich gewählten Nullpunkts 0
de FR z. B. mit Hilfe des Kräfteparallelogramms in Abb. 2.53 die Drehmomente
ermittelt. Der Angriffspunkt der Resultierenden
am starren Körper kann irgendwo längs ihrer M1 D r 1  F1 und M2 D r 2  F2 :
Wirkungslinie angenommen werden.
Mit F2 D F1 folgt für das gesamte Drehmo-
Von besonderem Interesse ist der Fall, wenn
ment M D M1 C M2 D r 1  F1  r 2  F1 oder
zwei gleich große entgegengesetzt gerichtete
Kräfte F1 und F2 an einem starren Körper an- M D .r 1  r 2 /  F1 : (2.115)
greifen, wobei die Wirkungslinien nicht auf einer
Geraden liegen. Ein solches Kräftesystem, das in Der Vektor M steht senkrecht auf der Ebene, die
Abb. 2.53 gezeigt ist, nennt man ein Kräftepaar. von den Kräften aufgespannt wird. Er weist in
70 2 Mechanik

Abb. 2.53 in die Zeichenebene hinein. Für den


Betrag des Drehmoments gilt

M D sF I (2.116)

dabei ist s der Abstand der beiden Wirkungsli-


nien, F der Betrag der Kräfte: F D jF1 j D
jF2 j. Das Drehmoment eines Kräftepaars ist
nach (2.116) unabhängig von der Lage des Be-
Abb. 2.54 Zu Beispiel 2.9-2: Belasteter Träger
zugspunkts 0. Es hängt nur von den Kräften selbst
und deren gegenseitigem Abstand ab. Dies be-
deutet:
Ein starrer Körper ist im statischen Gleich-
gewicht, wenn die Summe aller an ihm
Das Kräftepaar darf auf dem starren Kör-
angreifenden äußeren Kräfte und Drehmo-
per beliebig verschoben werden, ohne dass
mente null ist.
sich an der Wirkung des ausgeübten Dreh-
moments etwas ändert.

Beispiel 2.9-2
Die Ebene, in der die Kräfte liegen, darf da-
bei nicht gekippt werden. Der Vektor M des Der in Abb. 2.54 gezeigte Träger ist im
Drehmoments ist auch nicht an einen bestimmten Punkt A drehbar gelagert und wird im Punkt
Punkt gebunden, sondern beliebig parallel ver- C von einer Kette gehalten. Im Punkt B greift
schiebbar. Man bezeichnet diesen Vektor deshalb unter 45ı die Kraft F D 500 N an. Welche
als freien Vektor (im Gegensatz etwa zum gebun- Lagerkräfte FA und FC werden durch F ver-
denen Vektor der Kraft oder dem linienflüchtigen ursacht?
Kraftvektor am starren Körper).
Lösung
Wirkt ein Kräftepaar auf einen zunächst ru-
Wenn an einem Körper nur drei Kräfte angrei-
henden, frei beweglichen starren Körper, dann
fen, müssen die Wirkungslinien aller Kräfte
wird dieser in Drehung versetzt; d. h., er erfährt
durch einen Punkt gehen, denn nurPdann lässt
eine Winkelbeschleunigung. Dabei rotiert der
sich nach (2.118) die Bedingung Ma D 0
Körper um seinen Massenmittelpunkt; denn jener
erfüllen. Alle drei Kräfte dürfen bezüglich
wird nach obigen Aussagen nicht beschleunigt, er
des gemeinsamen Schnittpunkts kein Drehmo-
ist also der einzige Punkt, der in Ruhe bleibt.
ment besitzen.
Soll ein starrer Körper in Ruhe bleiben
Da eine Kette nur Kräfte in Längsrich-
(Grundaufgabe der Statik), dann muss das Dreh-
tung aufnehmen kann, ist die Wirkungslinie
moment eines Kräftepaars durch ein anderes
der Kettenkraft FC durch die Verlängerung
kompensiert werden, sodass insgesamt kein re-
der Kette gegeben. Durch ihren Schnittpunkt
sultierendes Drehmoment übrig bleibt. Eine
P mit der Wirkungslinie von F muss auch
Translationsbeschleunigung des Körpers unter-
die Wirkungslinie der Lagerkraft FA gehen.
bleibt, wenn keine resultierende Kraft auf ihn
Da nun die Richtungen der Kräfte bekannt
wirkt. Diese Forderungen werden zusammen-
sind, können die Beträge z. B. durch grafische
gefasst in den Gleichgewichtsbedingungen der
Konstruktion eines Kraftecks ermittelt wer-
Statik:
den.
X Aus dem Krafteck liest man mit einer ent-
Fa D 0; (2.117)
X sprechenden Ungenauigkeit ab FA D 390 N
Ma D 0: (2.118) und FC D 190 N. Eine rechnerische Lösung
2.9 Mechanik starrer Körper 71

Der Körper ist im statischen Gleichgewicht,


wenn er am Ort
PN
mk r k
r S D kD1 (2.120)
m
unterstützt wird. Der Schwerpunkt S eines starren
Körpers ist also der bei der Bewegung eines Sys-
tems materieller Punkte nach dem Schwerpunkt-
satz (2.51) ausgezeichnete Ort. Im kartesischen
Koordinatensystem sind die Schwerpunktskoor-
Abb. 2.55 Gleichgewicht eines starren Körpers dinaten
PN PN
mk x k mk yk
xS D kD1 ; yS D kD1 ;
des Problems durch systematische Anwen- m m
dung von (2.117) und (2.118) ist ebenfalls PN
mk z k
möglich. zS D kD1 : (2.121)
m
Bei starren Körpern mit kontinuierlicher Massen-
2.9.3 Schwerpunkt und potenzielle verteilung und homogener Dichte lässt sich die
Energie eines starren Körpers Schwerpunktskoordinate über das Volumeninte-
grale berechnen.
Der Schwerpunkt S eines starren Körpers ist Z Z Z
1
der Ort, an dem eine entgegengesetzt zur Fall- rS D r.x; y; z/dxdydz:
V
beschleunigung g wirkende Kraft FS angrei-
fen muss, damit dieser unter der Wirkung der Bei homogenen symmetrischen Körpern liegt der
Schwerkraft im statischen Gleichgewicht ist, wie Schwerpunkt auf den Symmetrieachsen.
Abb. 2.55 zeigt. Die Gleichgewichtsbedingun- Ein starrer Körper lässt sich nicht deformie-
gen der Statik nach (2.117) fordern das Kräf- ren; der elastische Anteil der potenziellen Energie
tegleichgewicht zwischen den Gewichtskräften ist also null. Ein starrer Körper hat als poten-
Fk D mk g der materiellen Punkte und der Stütz- zielle mechanische Energie nur die Lageenergie
kraft FS : des Schwerpunkts. Wird die z-Koordinate par-
allel zur Fallbeschleunigung g gelegt, dann gilt
XN
nach (2.121)
mk g C FS D 0I
kD1 XN

XN E pot D mk gzk D mgzS : (2.122)


FS D g mk D mg: (2.119) kD1
kD1
Die Höhe des Schwerpunkts S über dem Bezugs-
Nach (2.118) gilt für das Drehmomentengleich- niveau bestimmt die potenzielle Energie eines
gewicht bezüglich einer beliebigen Drehachse starren Körpers.
Die räumliche Änderung der potenziellen
XN Energie bei der Auslenkung des Körpers aus
r k  mk g C r S  F S D 0 oder der Gleichgewichtslage ist das Kennzeichen für
kD1 die drei Gleichgewichtslagen starrer Körper. In
!
X N Abb. 2.56 sind die Fälle des stabilen, labilen
mk r k  mr S  g D 0: und indifferenten Gleichgewichts einander gegen-
kD1 übergestellt.
72 2 Mechanik

Abb. 2.56 Gleichgewichtslagen

2.9.4 Kinetische Energie eines starren aus der kinetischen Energie der Schwerpunkts-
Körpers bewegung mit der Schwerpunktsgeschwindigkeit
PN
vS und der Gesamtmasse m D kD1 mk und
Werden die Geschwindigkeiten vk D dr k .t/=dt aus der kinetischen Energie der Bewegung relativ
der materiellen Punkte eines Systems zerlegt in zum Schwerpunkt:
eine Geschwindigkeit v0k D dr 0k .t/=dt relativ 1 2 1X
N
mk vk0 :
2
zum Schwerpunkt S und die Bahngeschwindig- Ekin D mvS C (2.123)
2 2
keit vS D dr S .t/=dt des Schwerpunktes, dann ist kD1

die kinetische Energie des Systems Bei starren Körpern sind wegen der Konstanz
X
N  2 der Abstände zwischen den Massenpunkten kei-
1 dr k .t/ ne radialen Bewegungen relativ zum Schwer-
Ekin D mk
2 dt punkt möglich, sondern nur Drehbewegungen um
kD1
  den Schwerpunkt (Abschn. 2.9.1). Die kinetische
1X
N
dr S .t/ dr 0k .t/ 2
D mk C Energie eines starren Körpers setzt sich also zu-
2 dt dt sammen aus dem Anteil Ekin trans
der Translation
kD1
  N des Schwerpunkts und dem Anteil Ekin rot
1 dr S .t/ 2 X der Ro-
Ekin D mk tation der Massenpunkte um den Schwerpunkt:
2 dt
kD1
 0  ges
Ekin D Ekin
trans
C Ekin
rot
1X : (2.124)
N
dr k .t/ 2
C mk
2 dt
kD1 Nach (2.123) ist die Translationsenergie des star-
dr S .t/ X ren Körpers mit der Gesamtmasse m
N
dr 0k .t/
C mk :
dt dt 1 2
kD1 trans
Ekin D mv : (2.125)
2 S
Der letzte Term ist der Gesamtimpuls der Mas-
senpunkte im Schwerpunkt-Koordinatensystem Die Rotationsenergie eines starren Körpers, des-
S0 , der nach der Schwerpunktsdefinition ge- sen Massenpunkte mk , wie in Abb. 2.57 skizziert,
mäß (2.120) null ist. Die kinetische Energie eines um eine Achse durch den Punkt P mit der ge-
Systems materieller Punkte ist also die Summe meinsamen Winkelgeschwindigkeit ! und der
2.9 Mechanik starrer Körper 73

Gleichung (2.130) für den starren Körper stimmt


mit (2.109) für die Rotationsenergie eines materi-
ellen Punktes auf einer Kreisbahn exakt überein.
Auch (2.102) für den Drehimpuls L eines ein-
P
zelnen materiellen Punktes und das dynamische
Grundgesetz nach (2.104) für die Drehbewe-
gung eines Massenpunktes gelten für den starren
Körper, wenn statt des Massenträgheitsmoments
des materiellen Punktes auf einer Kreisbahn das
Massenträgheitsmoment JP des starren Körpers
Abb. 2.57 Zur Berechnung der Rotationsenergie eines bezüglich der Drehachse durch P nach (2.127)
starren Körpers
eingesetzt wird.
Ein kräftefreier starrer Körper rotiert immer
Umlaufgeschwindigkeit vPk D !rPk rotieren, um den Schwerpunkt. Für die Berechnung der
wobei der Punkt P sich mit der Momentange- Rotationsenergie ist die Kenntnis des Massen-
schwindigkeit vP auf einer Bahnkurve bewegt, ist trägheitsmoments JS um die durch den Schwer-
nach (2.123) punkt gehende Rotationsachse erforderlich.

!
1 X
N Beispiel 2.9-3
rot
Ekin D mk rPk ! 2 :
2
(2.126) Bei einer Reibungskupplung gemäß Abb. 2.58
2
kD1 rotiert die Kupplungsscheibe ohne Antrieb
mit der Drehzahl n1 D 3000 min1, ihr
Der Klammerausdruck wird analog zur Defini-
Massenträgheitsmoment ist J1 D 0;5 kg m2 .
tionsgleichung (2.101) als Massenträgheitsmo-
Sie wird auf die anfangs stillstehende Schei-
ment JP des starren Körpers bezüglich der Dreh-
be mit dem Massenträgheitsmoment J2 D
achse durch P bezeichnet:
0;4 kg m2 gedrückt. Die Lager- und Luftrei-
X
N bung soll vernachlässigt werden. Wie groß ist
JP D 2
mk rPk : (2.127) die Drehzahl n0 nach dem Kupplungsvorgang
kD1 und welcher Anteil der ursprünglichen Rotati-
onsenergie wurde in Wärme und Abriebarbeit
Für einen Körper mit kontinuierlicher Massen-
umgesetzt?
verteilung geht die Summe in das Integral
Z Z
Lösung
JP D r 2 dm D %.r/r 2 dV (2.128)
Ohne äußere Drehmomente gilt nach dem
V
Drehimpulserhaltungssatz nach (2.113)
über. Das Massenträgheitsmoment eines starren J1 !1 D J1 ! 0 CJ2 ! 0 . Mit ! D 2 n ergibt sich
Körpers mit homogener Dichte wird über das Vo- die Drehzahl nach dem Kupplungsvorgang:
lumenintegral
J1
Z Z Z n0 D n1 D 1667 min1:
J1 C J2
JP D % r 2 .x; y; z/; dxdydz (2.129)
V Die Verlustarbeit WV ist nach dem Energie-
satz (2.110)
berechnet. Die kinetische Energie der Rotation
eines starren Körpers um die Achse durch P mit 1 1
dem Massenträgheitsmoment JP ist also WV D J1 !12  .J1 C J2 /! 02
2 2  
1 J1
1 D J1 .2 n1 /2 1  D 11 kJI
rot
Ekin D JP ! 2 : (2.130) 2 J1 C J2
2
74 2 Mechanik

Abb. 2.58 Zu Beispiel 2.9-3

der Verlustanteil beläuft sich auf


WV J2
D D 44 %:
1
J !2
2 1 1
J1 C J2

Die Enddrehzahl n0 und der Energieverlust


Abb. 2.59 Zum Massenträgheitsmoment des dickwandi-
WV sind unabhängig von der Kupplungszeit. gen Hohlzylinders
Während der Kupplungsdauer wird der Dreh-
impuls der Kupplungsscheibe verändert; das
dabei am Kupplungsbelag auftretende Dreh- 2. Dickwandiger Hohlzylinder, Massenträg-
moment ist nach (2.105) von der Kupplungs- heitsmoment bezüglich Rotationssymmetrie-
dauer abhängig und bestimmt die maximale achse (Abb. 2.59).
Abriebkraft. Der dickwandige Hohlzylinder kann erzeugt
werden durch Ineinanderstellen von unend-
lich vielen dünnwandigen Hohlzylindern, von
2.9.5 Massenträgheitsmomente denen in Abb. 2.59 einer rot eingezeichnet
starrer Körper ist. Die Masse dieses Hohlzylinders der Dich-
te % mit Radius r und Wandstärke dr ist
Das Massenträgheitsmoment hängt außer von der dm D 2 rl% dr. Sein Massenträgheitsmo-
Masse selbst ganz wesentlich von der Form des ment ist nach (2.131)
Körpers und der Verteilung der Masse bezüglich
der Drehachse ab. An einigen Beispielen soll die dJ D dmr 2 D 2 l%r 3 dr:
Berechnung mit Hilfe von (2.129) gezeigt wer-
den. Das Massenträgheitsmoment des dickwandi-
gen Hohlzylinders erhält man durch Sum-
1. Dünnwandiger Hohlzylinder, Massenträg- mation (Integration) der Massenträgheitsmo-
heitsmoment bezüglich Rotationssymmetrie- mente aller dünnwandigen Hohlzylinder:
achse.
Zra ˇ
Ein Hohlzylinder wird dünnwandig genannt, r 4 ˇˇra
wenn die Wandstärke s gegenüber seinem Ra- J D 2 l% r dr D 2 l% ˇ
3
4 ri
dius r vernachlässigbar ist: s r. Alle ri
Masseteilchen haben dann praktisch den glei- 1  
D  l% ra4  ri4 :
chen Abstand r von der Drehachse, sodass die 2
Summation nach (2.127) ergibt
Dieser Ausdruck kann  mit Hilfe
 der Masse
J D mr 2 : (2.131) des Körpers m D   ra2  ri2 l% umgeschrie-
2.9 Mechanik starrer Körper 75

ben werden zu Steiner’scher Satz


1  2  Die in Abb. 2.60 angegebenen Massenträgheits-
J D m ra C ri2 : momente beziehen sich auf Achsen, die durch
2
den Schwerpunkt gehen. Aus diesen Massen-
3. Vollzylinder, Massenträgheitsmoment be- trägheitsmomenten JS lassen sich die Massen-
züglich Rotationssymmetrieachse. trägheitsmomente JP bezüglich anderer Achsen
Das Massenträgheitsmoment eines Vollzylin- schnell berechnen. Abb. 2.62 zeigt einen starren
ders mit dem Radius r und der Masse m folgt Körper, der um eine Achse durch den Punkt P ro-
sofort aus obiger Gleichung für ri D 0 und tiert, die im Abstand r parallel zu einer Achse
ra D r: durch den Schwerpunkt S verläuft. Die Bewe-
1
J D mr 2 : rot
gungsenergie des Körpers ist nach (2.130) Ekin D
2 1 2
J
2 P ! .
Abb. 2.60 zeigt eine Zusammenstellung von Bewegung des Körpers, nämlich die Rotation
Massenträgheitsmomenten einiger Körper. um die Achse durch P, kann auch dargestellt wer-
den als Translationsbewegung des Schwerpunkts
Beispiel 2.9-4 und Rotation des Körpers um den Schwerpunkt.
Ein Vollzylinder mit der Masse m und dem Interpretiert man die Bewegung auf diese Wei-
Radius r rollt eine schiefe Ebene mit dem se, dann setzt sich die kinetische Energie aus der
Neigungswinkel ˇ hinab, wie in Abb. 2.61 Translationsenergie des Schwerpunktes (Masse
verdeutlicht. Wie groß ist seine Beschleuni- m, Geschwindigkeit vS ) und der Rotationsener-
gung? gie um den Schwerpunkt zusammen:
Lösung 1 2 1
Vernachlässigt man die Rollreibungsverluste, Ekin D mv C JS ! 2 :
2 S 2
so läuft der Vorgang unter Energieerhaltung
ab. Wenn die Walze längs der schiefen Ebene Mit vS D r! erhält man
den Weg s zurücklegt, nimmt ihre potenziel-
le Energie um Epot D mgh D mgs sin ˇ 1
Ekin D .mr 2 C JS /! 2 :
ab. Um den gleichen Betrag nimmt die Be- 2
wegungsenergie zu, die sich als Summe von Beide Betrachtungsweisen müssen selbstver-
Translationsenergie und Rotationsenergie be- ständlich dieselbe Bewegungsenergie ergeben.
züglich der Symmetrieachse darstellen lässt: Ein Vergleich mit (2.130) liefert daher
1 2 1
Ekin D mv C JS ! 2 : JP D JS C mr 2 : (2.132)
2 2
Mit ! D v=r ergibt sich
Diese Gleichung ist als Steiner’scher Satz
1 1 v2 (J. S TEINER, 1796 bis 1863) bekannt. Aus dem
mgs sin ˇ D mv 2 C JS 2 oder Steiner’schen Satz folgt unmittelbar, dass für ei-
2 2 r
2mgs sin ˇ 4 ne Schar paralleler Achsen das Trägheitsmoment
v2 D D gs sin ˇ: minimal wird bezüglich der Achse, die durch den
m C JS =r 2 3
Schwerpunkt geht.
Aus der für gleichmäßige Beschleunigung Die in Abb. 2.60 gezeigten Körper sind hoch-
gültigen kinematischen Beziehung v 2 D 2as symmetrisch. Für kompliziert geformte Gebilde
folgt lässt sich das Trägheitsmoment i. Allg. nicht
2
a D g sin ˇ: mehr berechnen, sondern es muss experimentell
3 bestimmt werden. Dazu eignen sich beispiels-
Würde die Walze reibungsfrei abrutschen, oh- weise Drehschwingungen, bei denen die Schwin-
ne zu rotieren, dann wäre die Beschleunigung gungsdauer vom Massenträgheitsmoment um die
a D g sin ˇ. Drehachse abhängt (Abschn. 5.1).
76 2 Mechanik

Abb. 2.60 Massenträgheitsmomente einiger Körper


2.9 Mechanik starrer Körper 77

Kugel, Würfel und Tetraeder), nimmt das Träg-


heitsmoment bezüglich jeder Achse durch den
Schwerpunkt denselben Wert an.
Das Besondere an den Hauptträgheitsachsen
ist, dass bei der Rotation eines Körpers um eine
Hauptträgheitsachse keine Lagerreaktionen auf-
treten. Solche Drehachsen müssen also nicht im
Raum fixiert werden; deshalb bezeichnet man sie
als freie Achsen. Durch Hochwerfen eines qua-
derförmigen Kastens kann man sich leicht davon
überzeugen, dass die Rotation um die Achsen mit
dem kleinsten und größten Trägheitsmoment sta-
bil, um die Achse mit dem mittleren dagegen labil
ist. Abb. 2.63 zeigt einige Körper, die um freie
Abb. 2.61 Zu Beispiel 2.9-4: Walze auf schiefer Ebene
Achsen rotieren.
Das Auftreten der Lagerkräfte bei der Rotati-
on um eine Achse, die nicht Hauptträgheitsachse
ist, ist unmittelbar einleuchtend, wenn z. B. die
Rotation einer Hantel nach Abb. 2.64 betrachtet
wird. Vernachlässigt man die Masse des Stabes,
dann greift an jeder Kugel eine Zentrifugalkraft
Fzf an, die versucht, die Kugel nach außen zu zie-
hen (d’Alembert’sches Prinzip). Das Kräftepaar
der beiden Zentrifugalkräfte übt auf die Hantel
das Drehmoment Mzf aus, das versucht, die gan-
ze Anordnung im Gegenuhrzeigersinn zu drehen.
Von den Lagern müssen daher die Lagerkräfte
FL auf die Welle ausgeübt werden, deren Dreh-
moment ML das Kippmoment kompensiert. Für
Abb. 2.62 Zum Steiner’schen Satz den Betrag des Drehmoments Mzf ergibt sich (s.
Ü 2-35)

Freie Achsen Mzf D 2mr 2 sin # cos #! 2


Bestimmt man bezüglich aller Achsen durch den D mr 2 ! 2 sin 2#:
Schwerpunkt eines starren Körpers das Massen-
trägheitsmoment, dann stellt man fest, dass die Das Drehmoment und damit die erforderlichen
Achsen mit dem größten und dem kleinsten Träg- Führungskräfte verschwinden für # D 0 und # D
heitsmoment senkrecht aufeinander stehen. Diese 90ı . In diesen Extremlagen rotiert die Hantel um
beiden und die darauf senkrecht stehende drit- eine Hauptträgheitsachse bzw. freie Achse.
te Achse werden als Hauptträgheitsachsen be- Für den Maschinenbau ergibt sich hieraus die
zeichnet. Die Trägheitsmomente bezüglich die- Konsequenz, dass alle schnell rotierenden Teile
ser Achsen heißen Hauptträgheitsmomente. Bei ausgewuchtet sein müssen, um unnötige Lager-
rotationssymmetrischen Körpern (z. B. Zylinder, beanspruchungen zu vermeiden.
Scheibe und Ring) sind zwei Hauptträgheitsmo-
mente gleich. Alle zur Symmetrieachse senkrech- Trägheitstensor
ten Achsen durch den Schwerpunkt haben das Die Gleichung (2.102), L D J !, für den Zusam-
gleiche Trägheitsmoment. Bei einigen Körpern, menhang zwischen Drehimpuls L und Winkel-
deren Schwerpunkt Symmetriezentrum ist (z. B. geschwindigkeit ! suggeriert, dass die Richtung
78 2 Mechanik

Abb. 2.64 Rotation einer Hantel

Abb. 2.65 Rotation eines starren Körpers um die z-


Achse. Das x,y,z-Koordinatensystem ist körperfest, ro-
tiert also mit

Abb. 2.65 zeigt einen unsymmetrischen star-


ren Körper, der um die z-Achse rotieren soll.
Der Vektor der Winkelgeschwindigkeit weist in
z-Richtung. Der Drehimpuls Lk eines beliebigen
Massenpunktes mk am Ort r k beträgt
Abb. 2.63 Körper, die um freie Achsen (Symmetrie-
achsen mit größtem Massenträgheitsmoment) rotieren: Lk D r k  p k D m k r k  v k
a Scheibe, b Stab, c Perlenkette
D mk r k  .!  r k /:

Führt man die beiden Vektorprodukte aus, so er-


des Vektors L parallel ist zum Vektor !. Dies gibt sich
ist jedoch nur der Fall, wenn der rotierende Kör- 0 1
xk zk
per gewisse Symmetrieeigenschaften aufweist. B C
Lk D ! mk @ yk zk A :
Im Allgemeinen weisen L und ! in verschiedene
Richtungen. xk2 C yk2
2.9 Mechanik starrer Körper 79

Der Drehimpuls des kompletten starren Körpers wobei J und ! nach den Regeln der Matri-
wird durch Summation über alle Massenpunkte zenmultiplikation multipliziert werden. Für das
berechnet: 0 P 1 Beispiel von Abb. 2.65 ergibt sich
 mk x k z k 0 10 1 0 1
B P C
L D ! @  mk yk zk A : Jxx Jxy Jxz 0 Jxz
P   B CB C B C
mk xk2 C yk2 L D @Jyx Jyy Jyz A@ 0 A D ! @ Jyz A :
Jzx Jzy Jzz ! Jzz
L hat gewöhnlich drei von Null verschiedene
Komponenten, liegt also nicht parallel zum Vek- Die Deviationsmomente bewirken, dass der Kör-
tor !, der in z-Richtung schaut. Wenn der Körper per mit einem äußeren Drehmoment stabilisiert
rotiert, läuft L auf einem Kegelmantel um. Damit werden muss. Wenn sie verschwinden, sind keine
ist L nicht konstant und zur Führung des Körpers Lagermomente erforderlich und der Körper kann
ist ein äußeres Drehmoment M D dL=dt erfor- frei rotieren. Gewisse Symmetrieeigenschaften
derlich. führen zum Verschwinden von Deviationsmo-
Der Zusammenhang zwischen den beiden zu- menten. Ist beispielsweise die z-Achse eine Ro-
einander verdrehten Vektoren L und ! lässt sich tatiossymmetrieachse, dann gilt Jxz D Jyz D 0
elegant beschreiben, wenn das Massenträgheits- und der Drehimpulsvektor L verläuft parallel zu
moment J als Tensor definiert wird: !. Es tritt also kein Kippmoment auf.
0 1 Für jeden Körper gibt es ein Koordinatensys-
Jxx Jxy Jxz
B C tem, so dass alle Zentrifugalmomente verschwin-
J D @Jyx Jyy Jyz A ; den. Der Trägheitstensor lautet dann
Jzx Jzy Jzz 0 1
JI 0 0
mit den Trägheitsmomenten B C
J D @0 JII 0 A:
X Z
    0 0 JIII
Jxx D mk yk2 C zk2 bzw. y 2 C z 2 dm;
Vol
Z Die Trägheitsmomente JI , JII und JIII sind die
X     Hauptträgheitsmomente. Rotiert ein Körper um
Jyy D mk xk2 C zk bzw.
2
x Cz
2 2
dm;
eine Hauptträgheitsachse, so ist L parallel zu !
Vol
X Z und M D dL=dt D 0, es sind also keine Lager-
   
Jzz D mk xk2 C yk2 bzw. x 2 C y 2 dm reaktionen erforderlich.
Vol
(2.133) Beispiel 2.9-5
Wie lautet der Trägheitstensor für die Hantel
und den Deviations- oder Zentrifugalmomenten von Abb. 2.64 und welche Richtung hat der
X Z Vektor L des Drehimpulses? Die Zeichenebe-
Jxy D Jyx D  mk xk yk bzw.  xy dm; ne sei die x,z-Ebene.
Vol
X Z Lösung
Jxz D Jzx D  mk xk zk bzw.  xz dm; Im gezeichneten Moment, in dem die Hantel
Vol in der Zeichenebene liegt, ist der Trägheitsten-
X Z
sor
Jyz D Jzy D  mk yk zk bzw.  yz dm:
Vol J D 2mr 2
(2.134) 0 1
cos2 # 0  sin # cos #
B C
Der Drehimpuls berechnet sich nun gemäß @ 0 1 0 A:
L D J !;  sin # cos # 0 sin2 #
80 2 Mechanik

Der Drehimpulsvektor wird damit


0 1
 cos #
B C
L D J ! D 2mr 2 ! sin # @ 0 A:
sin #

L liegt in der Zeichenebene und steht senk-


recht auf der Hantelachse. Bei der Rotation
um die z-Achse läuft L auf einem Kegelman-
tel um. Das erforderliche Drehmoment müs-
sen die Lagerreaktionen aufbringen (s. auch
Ü 2-35).

Trägheitsellipsoid
Bestimmt man die Massenträgheitsmomente ei-
nes Körpers bezüglich verschiedener Achsen
durch den Schwerpunkt und trägt in Polarkoordi-
naten jeweils
p in Achsenrichtung die Länge R D
const= J ab, so liegen alle Endpunkte auf einem
Ellipsoid (Poinsot-Konstruktion). Die Hauptach-
sen des Ellipsoids werden durch die Hauptträg-
heitsachsen gebildet. Aus dem Trägheitsellipso- Abb. 2.66 Kräftefreier symmetrischer Kreisel in karda-
id kann das Massenträgheitsmoment bezüglich nischer Aufhängung
willkürlicher Schwerpunktsachsen grafisch oder
analytisch bestimmt werden. Bei rotationssym-
metrischen Körpern ist das Trägheitsellipsoid ein Kräftefreier Kreisel, Nutation
Rotationsellipsoid. Bei hochsymmetrischen Kör- Ein Kreisel, der in seinem Schwerpunkt unter-
pern wie Kugel, Würfel, Tetraeder usw. bekommt stützt wird und in allen Raumrichtungen drehbar
es Kugelform. Diese Körper haben keine Devia- ist, wird kräftefreier Kreisel genannt. Technisch
tionsmomente. kann dies z. B. durch eine kardanische Auf-
hängung entsprechend Abb. 2.66 realisiert wer-
den. Da auf einen solchen Kreisel von außen
2.9.6 Kreisel kein Drehmoment ausgeübt werden kann, muss
nach dem Drehimpulserhaltungssatz der Vektor
Jeder starre Körper, der eine Drehbewegung aus- L des Drehimpulses in einem Inertialsystem sei-
übt, ist ein Kreisel. Symmetrische Kreisel sind ne Richtung beibehalten. Rotiert der Kreisel so,
starre Körper, bei denen zwei Hauptträgheits- dass seine Figurenachse und die Drehimpulsach-
momente gleich groß sind. Diese Bedingung er- se zusammenfallen, dann bleibt auch die Rich-
füllen alle auf einer Drehmaschine hergestellten tung der Figurenachse im Raum fest. Der freie
Teile, aber auch andere, beispielsweise quadrati- Kreisel kann an seinem äußeren Rahmen beliebig
sche Scheiben. Beim abgeplatteten Kreisel (z. B. bewegt werden, ohne dass sich die einmal ein-
Scheibe) ist das Trägheitsmoment um die Figu- gestellte Richtung verändert. Dieser Effekt wird
renachse größer, beim verlängerten Kreisel (z. B. beim Kurskreisel zur Navigation ausgenutzt. Bei
Stab) kleiner als die äquatorialen Trägheitsmo- modernen Geräten weicht die Achse von der ein-
mente. gestellten Richtung um weniger als 0;1 ı =h ab.
2.9 Mechanik starrer Körper 81

Drehachse ! des Kreisels ist die Berührungsli-


nie der beiden Kegel. Sie steht ebenfalls nicht
fest im Raum, sondern läuft auf der Oberfläche
des Rastpolkegels um die Drehimpulsachse L.
Abb. 2.67 skizziert die Verhältnisse des abgeplat-
teten Kreisels. Beim verlängerten Kreisel rollt
der Gangpolkegel mit seiner Außenseite auf dem
Rastpolkegel ab.

Präzession
Abb. 2.68a zeigt einen rotierenden Kreisel, der
an einer Leine unsymmetrisch aufgehängt ist.
Während ein nicht rotierender starrer Körper bei
dieser Art der Aufhängung sofort herunterfallen
würde, dreht sich der rotierende Kreisel um den
Aufhängepunkt, wobei die horizontale Lage der
Kreiselachse erhalten bleibt. Diese höchst erstaun-
liche Bewegung wird als Präzession bezeichnet.
Die Ursache der Präzession ist das Drehmo-
ment, das infolge der unsymmetrischen Aufhän-
gung auf den Kreisel ausgeübt wird. Abb. 2.68b
zeigt, dass das Kräftepaar aus Gewichtskraft und
Stützkraft ein Drehmoment M erzeugt, das in
der Horizontalebene liegt und auf dem Vektor
L des Drehimpulses senkrecht steht. Ein solches
Drehmoment kann aber den Betrag des Drehim-
Abb. 2.67 Nutationsbewegung eines abgeplatteten Krei- pules nicht ändern, sondern nur seine Richtung,
sels wie Abb. 2.68c zeigt. Innerhalb einer kurzen
Zeitspanne t ändert sich der Drehimpuls um
L D M t. Der neue Drehimpuls L.t C t/
Versetzt man einem kräftefreien Kreisel einen steht wieder senkrecht zum ebenfalls kreisenden
kurzzeitigen Schlag, dann
R ändert sich der Dreh- Drehmoment M .t C t/. Unter der Wirkung
impuls L um L D M .t/dt, bleibt dann aber des Drehmoments M läuft daher die Spitze des
wieder konstant nach Größe und Richtung. Die Drehimpulsvektors L mit konstanter Winkelge-
Folge des Schlages aber ist, dass der Kreisel eine schwindigkeit auf einem Kreis. Dies ist völlig
Taumelbewegung ausführt, die als Nutation be- analog zur Kreisbewegung eines Körpers mit
zeichnet wird. konstanter Geschwindigkeit, wobei die Zentripe-
Die Nutationsbewegung kann nach Abb. 2.67 talkraft auch immer senkrecht auf der Geschwin-
anschaulich so erklärt werden, dass zwei Kegel digkeit steht und sich nur deren Richtung, nicht
aufeinander abrollen, wobei die Kegelspitzen im aber deren Betrag ändert.
festgehaltenen Schwerpunkt des Kreisels liegen. Die Winkelgeschwindigkeit der Präzession !p
Der Rastpolkegel, dessen Achse die Drehimpuls- kann aus Abb. 2.68c abgelesen werden. Innerhalb
achse ist, steht fest im Raum. Der Gangpolkegel der Zeitspanne t dreht sich der Drehimpulsvek-
ist mit dem Kreisel fest verbunden und wälzt sich tor um den Winkel
auf dem Rastpolkegel ab. Die Figurenachse als
Achse des Gangpolkegels läuft damit auf dem rot L Mt
' D D :
gestrichelten Nutationskegel um. Die momentane L L
82 2 Mechanik

a b

Abb. 2.68 Präzession eines Kreisels: a unsymmetrisch aufgehängter, horizontal präzedierender Fahrradkreisel, b Kräf-
te und Drehmomente auf den Kreisel, c Drehimpulsänderung durch das Drehmoment

Dann ist aber die Winkelgeschwindigkeit !p D


'=t oder hung) so, dass er versucht, die Richtung
M M seines Drehimpulsvektors auf kürzestem
!p D D : (2.135)
L J! Wege gleichsinnig parallel zum Vektor der
Die Richtung, in der die Kreiselachse wandert, Störung einzustellen.
wird durch den Satz vom gleichsinnigen Paralle-
lismus festgelegt:
Kreiselmomente
Erzwingt man bei einem rotierenden Kreisel von
Ein Kreisel verhält sich unter dem Einfluss außen her eine Richtungsänderung der Drehach-
einer Störung (Drehmoment, Zwangsdre- se, dann müssen die Lager bei dieser künstlichen
Präzession Kräfte und Momente aufnehmen. Die
2.9 Mechanik starrer Körper 83

Abb. 2.70 Kreiselhorizont. Werkfoto: Bodenseewerk

der Kanzel aufgehängt ist, erfüllt diesen Zweck


nicht, da es bei einem Kurvenflug nicht in Rich-
tung der Vertikalen, sondern in Richtung der
Resultierenden aus Schwerkraft und Zentrifugal-
kraft weist (Scheinlot).
Abb. 2.69 Kreiselmoment bei einer erzwungenen Prä-
Der freie Kreisel, der in Richtung der Horizon-
zession talen eingestellt wird, kann für eine bestimmte
Zeit den Horizont darstellen. Da er aber aufgrund
technischer Unzulänglichkeit mit der Zeit aus-
Kenntnis des wirkenden Drehmoments ist wich- wandert, wurden Geräte entwickelt, die selbst-
tig bei rotierenden Maschinenteilen, deren Dreh- tätig Abweichungen von der Horizontalrichtung
achse einer Richtungsänderung unterzogen wird. ausgleichen. Bei einer Methode bedient man sich
In Abb. 2.69 ist eine rotierende Scheibe ge- des Kreiselpendels, bei dem ein Kreisel etwas
zeigt, die um die Hochachse gedreht wird. Nach außerhalb des Schwerpunktes unterstützt wird.
dem Satz vom gleichsinnigen Parallelismus ver- Infolge des Schweremoments führt der Kreisel
sucht der Vektor L, sich parallel zum Vektor langsame Präzessionsbewegungen um die Verti-
!p der erzwungenen Präzession einzustellen. Die kale aus. Im Gegensatz zu einem einfachen Lot,
Kreiselachse drückt also im hinteren Lager nach das alle Schwankungen des Flugzeugs relativ
unten und im vorderen nach oben. Entsprechend rasch mitmacht, hat ein Kreiselpendel eine sehr
reagieren die Lager auf den Kreisel mit den ein- große Schwingungsdauer (bis zu einer Stunde)
gezeichneten Lagerkräften FL . Das Drehmoment und mittelt daher aus allen Richtungen die Ver-
M , das der Kreisel auf die Lager ausübt, ergibt tikalrichtung heraus. Abb. 2.70 zeigt eine techni-
sich sofort durch Umkehr von (2.135): sche Ausführung des Kreiselhorizonts.

M D L  !p : (2.136) Kreiselkompass
Der Kreiselkompass ist ein gefesselter Kreisel,
Von den zahlreichen Anwendungen des Kreisels dessen Achse sich nur in einer Horizontalebe-
seien einige Beispiele aus der Navigation kurz ne bewegen kann. Häufig wird dies dadurch
beschrieben. erreicht, dass das Rotorgehäuse in einer Flüssig-
keit schwimmt. Im Gegensatz zu einem freien
Kreiselhorizont Kreisel, der seine Achsenrichtung in einem In-
Bei einem Flugzeug, das in oder über den Wolken ertialsystem konstant hält, muss der gefesselte
fliegt, braucht der Pilot zur Orientierung einen Kreisel die Erdrotation mitmachen. Die Kreisel-
künstlichen Horizont. Ein einfaches Lot, das in achse erfährt also eine Zwangsdrehung mit der
84 2 Mechanik

bedienen sich aus diesem Grund der Trägheits-


navigation, die hier nicht erläutert sei.
Auf fahrenden Schiffen oder Flugzeugen zeigt
der Kreiselkompass nicht exakt nach Norden,
er weist einen Fahrtfehler (Missweisung) auf.
Fährt ein Schiff auf einem Meridian nach Norden,
dann entspricht dieser Bewegung eine zusätzliche
Winkelgeschwindigkeit !Z , die vektoriell zu !E
addiert wird. Der Kreiselkompass versucht dann,
seine Achse parallel zur resultierenden Winkel-
geschwindigkeit !R einzustellen, was zu einem
Anzeigefehler in westlicher Richtung führt. Bei
einer Bewegung auf einem Breitenkreis ist die zu-
sätzliche Winkelgeschwindigkeit !Z parallel zu
!E , sodass kein Fehler entsteht. Der Fahrtfehler
muss rechnerisch korrigiert werden.

Wendekreisel
Der Wendekreisel dient dazu, Drehungen und
Abb. 2.71 Einstellung des Kreiselkompasses in Nord- Drehgeschwindigkeiten zu messen. Soll z. B. die
richtung Drehung eines Schiffes um eine vertikale Ach-
se gemessen werden, dann wird ein Kreisel so
eingebaut, dass seine Achse horizontal liegt. Die
Winkelgeschwindigkeit der Erdrotation !E . Das horizontale Lage wird z. B. durch Federn erzwun-
auftretende Kreiselmoment dreht die Kreiselach- gen. Bei einer Drehung des Schiffs wird nach
se nach dem Satz vom gleichsinnigen Parallelis- dem Satz vom gleichsinnigen Parallelismus der
mus so, dass der Drehimpulsvektor L und die Kreisel versuchen, seine Achse senkrecht zu stel-
Richtung der Zwangsdrehung !E parallel wer- len. Dies wird aber durch die Federn verhindert.
den. Der Kreisel nimmt deshalb eine Schräglage ein,
Wie Abb. 2.71 zeigt, gelingt dies vollkom- bei der das von der Drehung verursachte Kreisel-
men für einen Kreiselkompass, der am Äquator moment vom rücktreibenden Moment der Federn
Ä aufgestellt ist. Befindet sich der Kreisel auf ei- im Gleichgewicht gehalten wird. Der Ausschlag
nem beliebigen Breitenkreis am Punkt P, dann des Kreisels ist damit porportional zur Drehge-
kann sich sein Drehimpuls L nicht parallel zu schwindigkeit des Schiffs. Geräte mittlerer Qua-
!E einstellen; denn die Kreiselachse ist ja an lität sind in der Lage, Drehgeschwindigkeiten bis
eine Tangentialebene zur Erde gefesselt. Immer- herab zu 0;01 ı =h nachzuweisen. Der Drehwinkel
hin ist eine Optimierung der Lage dann erreicht, wird von integrierenden Wendekreiseln gemes-
wenn die Kreiselachse tangential zu einem Me- sen.
ridian eingestellt ist, d. h., wenn sie nach Norden Optische Faserkreisel bzw. Laserkreisel ent-
weist. Befindet sich der Kreisel am Nord- oder halten keine rotierenden Teile, sind also im Grun-
Südpol N bzw. S, dann steht L immer senk- de keine Kreisel. Mit Hilfe des Sagnac-Effekts
recht auf !E . Jede Richtung der Kreiselachse ist (G. M. M. S AGNAC, 1869 bis 1928) werden
gleich ungünstig; der Kreisel hat keine Vorzugs- Drehungen eines Systems gegenüber einem Iner-
richtung. tialsystem nachgewiesen. Laserkreisel erreichen
Der Kreiselkompass versagt also wie der ma- die vorgenannte Genauigkeit bei einer Winkel-
gnetische Kompass an den Polen. U-Boote, die auflösung von 2 Winkelsekunden; sie werden
sich unter dem Packeis des Nordpols befinden, bereits in der Luftfahrt eingesetzt.
2.10 Gravitation 85

2.9.7 Zur Übung groß ist die Auflagerkraft zu Beginn der Bewe-
gung? c) Mit welcher Winkelgeschwindigkeit !
Ü 2-32 Lösen Sie das Problem von Bei- geht der Stab durch die vertikale Lage?
spiel 2.9-2 rechnerisch.
Ü 2-38 Ein Rad mit dem Radius r D 20 cm und
Ü 2-33 Eine starre Hantel besteht aus zwei Ku- der Masse m D 20 kg rollt nach Abb. 2.61 eine
geln mit jeweils der Masse m D 2 kg, die durch schiefe Ebene mit dem Neigungswinkel ˇ D 15ı
einen runden Stab mit dem Durchmesser dS D hinab. Aus dem Stand legt es nach t D 2 s den
10 mm verbunden sind. Der Abstand der bei- Weg s D 2;9 m zurück. a) Wie groß ist das
den Kugelmittelpunkte beträgt l D 1 m. Kugeln Massenträgheitsmoment JS bezüglich der Dreh-
und Stab bestehen aus Stahl der Dichte % D achse durch den Schwerpunkt? b) Wie groß muss
7;85 kg=dm3. Wie groß ist das Massenträgheits- der Haftreibungskoeffizient zwischen Rad und
moment JS bezüglich einer Achse, die auf der Unterlage mindestens sein, damit das Rad nicht
Stabachse senkrecht steht und durch den Schwer- rutscht?
punkt geht, wenn die Stabmasse und die Aus-
dehnung der Kugeln a) vernachlässigt, b) nicht Ü 2-39 Ein rotierendes Rad (Masse m D 2 kg,
vernachlässigt werden? Massenträgheitsmoment JS D 300 kg cm2, Dreh-
zahl n0 D 2800 min1, Radius r D 15 cm) wird
Ü 2-34 Zur experimentellen Bestimmung des auf den horizontalen Fußboden aufgesetzt. Infol-
Massenträgheitsmoments eines Rades wird ein ge Reibung zwischen Rad und Unterlage wird
Faden über dieses gelegt, an dem zwei Körper mit das Rad beschleunigt. a) Wie groß ist die End-
den Massen m1 D 1 kg und m2 D 1;5 kg befes- geschwindigkeit, die sich einstellt, nachdem der
tigt sind. Das Rad ist reibungsfrei gelagert, sein Rutschvorgang abgeschlossen ist? b) Wie lange
Radius beträgt r D 30 cm. Man beobachtet, dass rutscht das Rad, wenn der Reibungskoeffizient
die Körper in der Zeit t D 2 s aus dem Stand den zwischen Rad und Unterlage  D 0;2 beträgt?
Höhenunterschied h D 1 m zurücklegen.
a) Berechnen Sie die Beschleunigung a, mit Ü 2-40 Ein schwerer Kreisel sei wie in Abb. 2.68
der sich die angehängten Körper bewegen. b) Be- einseitig aufgehängt. Die Kreiselachse verlaufe
stimmen Sie die Kraft im Faden jeweils über nicht waagerecht sondern schließe mit der Ver-
den Körpern 1 und 2. c) Wie groß ist das Mas- tikalen den Winkel # ein. Zeigen Sie, dass die
senträgheitsmoment des Rades bezüglich seiner Winkelgeschwindigkeit der Präzession !p nicht
Drehachse? vom Winkel # abhängt.

Ü 2-35 Für die rotierende Hantel in Abb. 2.64


soll das Drehmoment auf die Lager berechnet 2.10 Gravitation
werden. Zeichnen Sie die Funktion M.#) auf.
Für welchen Winkel wird das Drehmoment ma- 2.10.1 Beobachtungen
ximal?
Bewegungen der Gestirne oder Erscheinungen am
Ü 2-36 Wie groß ist bei einem rollenden dünn- Himmel haben die Menschen schon immer faszi-
wandigen Zylinder das Verhältnis Translations- niert und zu einer Erklärung herausgefordert. Die
zu Rotationsenergie? Geschichte des Verstehens der Bewegungen am
Firmament, der Himmelsmechanik, ist verknüpft
Ü 2-37 Ein langer dünner Stab mit der Masse mit berühmten Namen und Theorien.
m D 1;4 kg und der Länge l D 1;8 m ist an einem C LAUDIUS P TOLEMÄUS (um 100 bis 160
Ende drehbar gelagert. Er wird aus waagrechter n. Chr.) begründete im 2. Jahrhundert das geozen-
Lage losgelassen. a) Wie groß ist die Winkelbe- trische Weltsystem, das philosophisch die Son-
schleunigung ˛ und die Beschleunigung aS des derstellung der Erde hervorhob. Eine richtige,
Schwerpunktes zu Beginn der Bewegung? b) Wie wenn auch komplizierte Beschreibung der Plane-
86 2 Mechanik

Abb. 2.72 Die Kepler’schen Gesetze

tenbahnen war durch Epizykeln möglich. Dieses I SAAC N EWTON (1643 bis 1727) stellte
Weltbild galt als Glaubenssatz über 14 Jahrhun- die allgemeinen Bewegungsgesetze für mecha-
derte lang. nische Systeme und das Gravitationsgesetz (Ab-
N IKOLAUS KOPERNIKUS (1473 bis 1543) schn. 2.10.2) auf. Damit konnte er die Kep-
konnte mit dem heliozentrischen Weltsystem, das ler’schen Gesetze herleiten.
die Sonne in den Mittelpunkt stellte, die Bewe- A LBERT E INSTEIN (1879 bis 1955) entwi-
gung der Planeten einfacher beschreiben. ckelte 1915 die allgemeine Relativitätstheorie,
T YCHO DE B RAHE (1546 bis 1601) lieferte die die Newton’sche Gravitationstheorie als Nä-
als letzter großer Astronom ohne Fernrohr exak- herung enthält. Damit konnten die mit der New-
tes Beobachtungsmaterial über die Bewegung der ton’schen Mechanik nicht erklärbare Periheldre-
Gestirne. hung der Merkurbahn und die Krümmung von
J OHANNES K EPLER (1571 bis 1630) leitete Lichtstrahlen unter dem Einfluss der Gravitation
aus der Analyse der Brahe’schen Messdaten des erklärt werden.
Mars drei empirische Gesetzmäßigkeiten über die Die aus diesen Beobachtungen und Theorien
Bewegung der Planeten her. Sie sind in Abb. 2.72 bestimmten Bahndaten und Planetenkenngrößen
aufgeführt und erläutert. sind in Tab. 2.7 zusammengestellt. Simulationen
2.10 Gravitation 87

Tab. 2.7 Planetendaten des Sonnensystems


Radius Masse
Planet große Umlauf- numeri- mittlere Fallbe- Rotations- Anzahl
Bahnhalb- zeit T sche Ex- Erdradius Erdmasse Dichte % schleu- dauer in s der
achse a in s zentrizität Erdradius Erdmasse in kg m3 nigung Monde
in m der Ellip- rE D mE D gÄquator
senbahn " 6;371  5;972  in m s2
106 m 1024 kg
Merkur 5;79  1010 7;60  106 0,206 0,383 0,055 5;4  103 3,7 5;07  106 0
Venus 1;08  1011 1;94  107 0,0067 0,950 0,815 5;2  103 8,9 2;10  107 0
Erde 1;50  1011 3;16  107 0,017 1,00 1,00 5;5  103 9,78 8;62  104 1
Mars 2;28  1011 5;94  107 0,093 0,532 0,107 3;9  103 3,7 8;86  104 2
Jupiter 7;78  1011 3;74  108 0,048 10,97 318 1;3  103 23 3;57  104 > 60
Saturn 1;43  1012 9;35  108 0,054 9,46 95,2 0;69  103 8,7 3;88  104 > 60
Uranus 2;87  1012 2;64  109 0,047 3,98 14,5 1;3  103 8,6 6;21  104 > 27
Neptun 4;50  1012 5;17  109 0,0086 3,87 17,1 1;6  103 11 5;80  104 13

2.10.2 Newton’sches
Gravitationsgesetz

Aus der Modellvorstellung elliptischer Planeten-


bahnen, als Kepler’sche Gesetze in Abb. 2.72 zu-
sammengestellt, leitete Newton eine Beziehung
über die gegenseitige Anziehung zweier Körper,
die Gravitation, her und verallgemeinerte dies
auf die Wechselwirkung zwischen allen materi-
ellen Körpern.
Zwischen zwei beliebigen materiellen Punk-
ten mit den Massen m1 und m2 wirkt eine anzie-
hende Kraft, die Gravitationskraft FG , die dem
Abstandsvektor r 12 der materiellen Punkte entge-
gengerichtet ist, wie Abb. 2.74 verdeutlicht. Der
Betrag der Gravitationskraft ist
m1 m2
jFG j D G 2
: (2.137)
r12

Abb. 2.73 Planetariumsprojektor Zeiss-Modell Univer- Die Proportionalitätskonstante G, die Gravitati-


sarium VIII mit Faseroptiken. Foto: Planetarium Jena onskonstante, hat den Wert
m3
G D .6;67408 ˙ 0;00031/  1011 :
der Bewegungen am Himmel vor dem Hinter- kg s2
grund des Fixsternhimmels werden in Planetarien Die Gravitationskonstante wird mit der Gravita-
mit aufwändigen dreidimensionalen Projektions- tionsdrehwaage nach Abb. 2.75 bestimmt. Aus
techniken dargestellt; Abb. 2.73 vermittelt einen Symmetriegründen gilt (2.137) auch für homo-
Eindruck von dieser optomechanischen Spitzen- gene Kugeln, wenn r12 der Abstand der Mittel-
technik. punkte ist. Durch Verlagerung der Kugeln mit den
88 2 Mechanik

und den Erdradius rE bestimmt wird:


mE
gDG : (2.138)
rE2

Aus (2.138) lässt sich mit Hilfe des Zahlenwerts


der Gravitationskonstante und dem bekannten Er-
dradius rE D 6370 km die Erdmasse zu mE D
5;97  1024 kg berechnen.
Nach der Newton’schen Gravitationstheorie
ist die Zentralkraft, die die Planeten auf den ellip-
Abb. 2.74 Massenanziehung, Gravitation tischen Bahnen um die Sonne hält, die Massen-
anziehung der Planetenmasse durch die Sonnen-
masse. Daraus folgt direkt das dritte Kepler’sche
Gesetz (Beispiel 2.10-1).
Die Gravitationskraft der Sonne auf die Plane-
ten wirkt parallel zum Radiusvektor und übt da-
her auf die Planetenbewegung kein Drehmoment
aus, der Drehimpuls ist auf der Planetenumlauf-
bahn konstant. In der Bahnebene ist die Hälfte
des Produkts r dr gerade die vom Radiusvektor
überstrichene Fläche
1
dA D jr  drj:
2
Der Flächensatz (dA=dt D konstant) des zweiten
Kepler’schen Gesetzes veranschaulicht geome-
trisch die Drehimpulserhaltung
ˇ ˇ
ˇ dr ˇˇ dA
ˇ
jLj D jr  pj D mp ˇr  D 2mp
Abb. 2.75 Prinzip der Cavendish’schen Gravitations-
dt ˇ dt
drehwaage
auf der Planetenbahn. Das erste Kepler’sche Ge-
setz folgt aus dem Energieerhaltungssatz auf der
Massen m2 von den Lagen A und B in die Lagen
Planetenbahn nach (2.80). Die Herleitung über
A0 und B0 wird die Richtung der Gravitations-
die Kegelschnittgleichung ist mathematisch recht
kraft auf die kleinen Probemassen m1 umgekehrt,
umständlich.
wodurch diese ein Drehmoment auf den Torsi-
onsfaden ausüben. Die Probemassen m1 drehen
sich dadurch um den Drehwinkel ', bis erneut Beispiel 2.10-1
das rücktreibende Torsionsmoment des Torsions- Ableitung des dritten Kepler’schen Gesetzes
fadens das Drehmoment der Gravitationskraft für kreisförmige Planetenbahnen (Mitbewe-
zwischen den Massen m1 und m2 kompensiert. gung der Sonne wird vernachlässigt).
Durch eine Lichtzeigeranordnung wird der sehr
kleine Drehwinkel ' messbar.
Ein Vergleich der Gravitationskraft nach Lösung
(2.137) mit der Gewichtskraft nach (2.28) ergibt, Wie die Werte der numerischen Exzentrizi-
dass die Fallbeschleunigung g auf der Erdober- tät in Tab. 2.7 ausweisen, haben die meisten
fläche durch die Gravitation der Erdmasse mE Planetenbahnen unseres Sonnensystems Wer-
2.10 Gravitation 89

te von ungefähr null und können daher in guter de kann die Sonnenmasse zu mS D 2  1030 kg
Näherung als Kreisbahnen beschrieben wer- 300:000 mE ermittelt werden.
den. Für eine gleichförmige Kreisbewegung
eines Planeten mit der Masse mp muss die
Gravitationskraft die Zentripetalkraft aufbrin- 2.10.3 Hubarbeit und potenzielle
gen. Bezeichnet man die Masse des Zentral- Energie
gestirns, der Sonne, mit mS , den Bahnradius
der Planeten mit rp und die Umlaufzeit mit Tp , Wird ein Körper der Masse m2 von einem Körper
dann gilt nach (2.31) für die Zentripetalkraft der Masse m1 , beispielsweise der Erde, weg-
transportiert oder angehoben, so ist gegen die
4 2 Gravitationskraft FG durch eine äußere Kraft Fa
jFzp j D mp rp !p2 D mp rp :
Tp2 Arbeit zu verrichten. Abb. 2.77 erläutert dies. Die
erforderliche Hubarbeit ist nach (2.64)
Die Gravitationskraft zwischen Sonne und X X
Planet ist nach (2.137) WAB D Fk  r k C Fak  sk :
k k
mS mp
FG D G :
rp2 Alle Wegelemente sk auf Kugelschalen um den
Massenmittelpunkt von m1 verlaufen senkrecht
Durch Gleichsetzen erhält man zur Richtung der Gravitationskraft; die Arbeit auf
diesen Teilwegen ist null. Die aufzuwendende
4 2 mS mp
mp rp DG 2 :
Tp2 rp

Das dritte Kepler’sche Gesetz lautet (nach der


Herleitung in Beispiel 2.10-1)

rp3 GmS
D D konstant: (2.139)
Tp2 4 2

Die Konstante ist unabhängig von der Mas-


se mp des Planeten. In die Konstante geht nur
die Masse mS des Zentralgestirns, der Sonne,
ein. Sie ist für alle Planeten eines Sonnensys-
tems gleich. (2.139) gilt auch für den Umlauf
von Monden oder Satelliten um Planeten; die
Konstante wird dann durch die Planetenmasse be-
stimmt und beträgt beispielsweise bei der Erde
1;01  1013 m3 =s2 .
Gleichung (2.139) gilt auch für elliptische
Bahnen; als Radius ist die große Halbachse der
Ellipsenbahn einzusetzen. Abb. 2.76 zeigt in dop-
pellogarithmischer Auftragung die Gültigkeit des Abb. 2.77 Hubweg gegen die Schwerkraft: Zerlegung in
dritten Kepler’schen Gesetzes am Beispiel der radiale Wegelemente r und Kugelschalen-Wegelemente
Planeten der Sonne. Aus der Steigung der Gera- sk
90 2 Mechanik

Abb. 2.76 Planeten des Sonnensystems: Zusammenhang zwischen der großen Halbachse der Planetenbahn und der
Umlaufzeit

Hubarbeit ist, wenn man zu infinitesimalen Weg- Masse m2 die Gravitationskraft der Masse m1
stücken übergeht, nicht mehr spürt. Wird von diesem Bezugsniveau
aus m2 auf m1 zubewegt, dann wird Arbeit frei;
Zr2 Zr2
die potenzielle Energie, die zur Umwandlung in
WAB D Fa  dr D  FG  dr andere Energiearten verwendet werden kann, ver-
r1 r1 mindert sich und ist
Zr2
dr Zr
D Gm1 m2 2 : dr m1 m2
r Epot D Gm1 m2 2 D G : (2.141)
r1 r r
1
Daraus erhält man
  Gleichungen (2.139) bis (2.141) gelten nicht nur
1 1 für Massenpunkte, sondern auch für ausgedehn-
WAB D Gm1 m2  : (2.140)
r1 r2 te Körper mit Kugelform. Die Radien sind dabei
die Abstände der Massenmittelpunkte. Im Innern
Die Hubarbeit des Körpers mit der Masse m2 ge- von Systemen aus materiellen Punkten kommen
gen die Gravitationskraft der Masse m1 hängt nur innere Kräfte dazu; die Gravitationskraft stimmt
vom Abstand r1 und r2 der Orte vom Massenmit- nicht mehr mit (2.137) überein.
telpunkt von m1 ab, nicht aber vom Weg. Diese Die potenzielle Energie einer Masse m0 , die
Hubarbeit wird nach dem Energiesatz (2.75) als von mehreren Massen m1 bis mN angezogen
potenzielle Energie des Körpers mit der Masse wird, setzt sich additiv aus den Einzelanteilen
m2 , bezogen auf die Masse m1 , gespeichert. Das nach (2.141) zusammen:
Bezugsniveau für die potenzielle Energie einer
Masse m2 unter der Massenanziehung der Mas- m0 m1 m0 m2 m0 mN
Epot D G G :::G :
se m1 wird mit r D 1 so gewählt, dass die r1 r2 rN
2.10 Gravitation 91

Die Kenngröße, die sich am Ort r.x0 ; y0 ; z0 / der der Atmosphäre. Höhere Bahnen werden zu sehr
Masse m0 summiert, ist das Gravitationspotenzi- gestört von der Sonne und anderen Planeten. Die
al 'G der Einzelmassen m1 bis mN : mehr als 24 Satelliten des Global Positioning Sys-
tem (GPS) laufen auf sechs Kreisbahnen, die um
XN
mk 56ı gegen die Äquatorebene geneigt sind, in einer
'G D  G : (2.142) Höhe von 20:200 km.
rk
kD1
Von besonderer Bedeutung für die Datenüber-
tragung sind geostationäre Satelliten oder Syn-
Flächen im Raum, auf denen das Gravitations-
chronsatelliten. Sie sollen über einem definierten
potenzial einer Massenverteilung konstant ist,
Punkt der Erde still stehen. Man kann sich leicht
werden als Äquipotenzialflächen bezeichnet; die
klar machen, dass dies nur möglich ist für Kreis-
Äquipotenzialfläche einer Zentralmasse ist ei-
bahnen in der Äquatorebene. In welcher Höhe ein
ne Kugelschale um deren Massenmittelpunkt. Ist
Satellit platziert werden muss, damit er sich syn-
das Gravitationspotenzial 'G an einem Ort r be-
chron mit der Erde dreht, folgt aus dem dritten
kannt, so beträgt die potenzielle Energie einer
Kepler’schen Gesetz. Nach (2.139) gilt für den
Masse m0 an diesem Ort
Abstand rS , den der Satellit vom Erdmittelpunkt
Epot D m0 'G .r/: (2.143)
haben muss s
2
3 GmE TE
rS D :
Die Gravitationskraft auf m0 an diesem Ort ergibt 4 2
sich aus der Umkehrung von (2.65) zu
Mit der Periodendauer der Erdrotation (sideri-
d' .r/ sche Umlaufzeit, Sterntag) TE D 86:163 s ergibt
FG .r/ D m0 G D m0 g.r/: (2.144) sich rS D 42:161 km. Subtrahiert man davon den
dr
mittleren Erdradius rE D 6371 km, so ergibt sich
Der Gradient des Gravitationspotenzials am Ort eine Höhe von h D 35:790 km über der Erdober-
r wird als Gravitationsfeldstärke g definiert. Der fläche.
Vergleich mit der Beziehung für die Schwerkraft
nach (2.28) zeigt, dass Betrag und Richtung der Kosmische Geschwindigkeiten
Fallbeschleunigung g an einem Ort die Gravitati- Die erforderliche Geschwindigkeit eines Kör-
onsfeldstärke angeben. Ist der räumliche Verlauf pers, der von der Erdoberfläche abgeschossen
der Fallbeschleunigung aus Experimenten oder wird und eine bestimmte Bahn erreichen soll,
Simulationsrechnungen bekannt, dann kann über wird als kosmische Geschwindigkeit bezeichnet.
eine Integration von (2.144) der Verlauf der po- Die erste kosmische Geschwindigkeit vk1 ist
tenziellen Energie berechnet werden. die Geschwindigkeit, die ein Körper haben muss,
der sich auf einer Kreisbahn direkt an der
Erdoberfläche bewegen soll. Diese Bahn mit
2.10.4 Satellitenbahnen Radius rE ist natürlich praktisch nicht reali-
sierbar, sondern nur von theoretischem Interes-
Die Bahnen künstlicher Satelliten, die um die Er- se. Aus der Gleichgewichtsbedingung zwischen
de laufen, werden durch dieselben Kepler’schen Gravitations- und Zentrifugalkraft
Gesetze beschrieben, wie sie von der Planetenbe- 2
mS mE mS vk1
wegung bekannt sind. Satellitenbahnen sind also G 2 D folgt
Ellipsen (Spezialfall: Kreise), wobei die Erde in rE rE
s
einem Brennpunkt der Ellipse steht. GmE p km
Praktisch realisierbare Bahnen haben Höhen vk1 D D grE D 7;91 :
rE s
6
von 200 km bis 10 km und Umlaufdauern von
88 min bis etwa 4 Monate. Niedrigere Bahnen Die zweite kosmische Geschwindigkeit vk2 ist die
sind nicht möglich wegen Reibungsverlusten in Geschwindigkeit, mit der ein Körper abgeschos-
92 2 Mechanik

sen werden muss, um den Anziehungsbereich der kräfte auf einen Körper der Masse m gerade auf-
Erde zu verlassen. Sie kann mithilfe des Ener- heben. Wo liegt dieser „neutrale Punkt“? Radius
gieerhaltungssatzes berechnet werden: Ekin;E C der Mondbahn: rE,M D 384:000 km, Mondmasse
Epot;E D Ekin,1 C Epot,1 . Mit der Definition der mM D 7;35  1022 kg.
potenziellen Energie nach (2.141) ergibt sich
Ü 2-43 Ein künstlicher Satellit läuft in einer
1 mS mE Flughöhe h D 1000 km auf einer Kreisbahn um
2
mS vk2 G D0 oder
2 rE die Erde (Erdradius rE D 6371 km). a) Wie groß
s
GmE p km ist die Bahngeschwindigkeit v des Satelliten? b)
vk2 D 2 D 2vk1 D 11;2 : Wie groß ist seine Umlaufzeit T ? c) Welche spe-
rE s
zifische Arbeit w (auf die Masse m D 1 kg
bezogen) ist aufzuwenden, um den Satelliten in
Beispiel 2.10-2
diese Bahn zu bringen? d) Welcher Anteil f die-
Wie groß ist die Fluchtgeschwindigkeit, um
ser spezifischen Arbeit entspricht der kinetischen
den Mond zu verlassen? Die Mondmasse ist
Energie des Satelliten?
mM D 7;35  1022 kg, der Mondradius ist rM D
1738 km.
Ü 2-44 Ein Meteor kommt ohne Anfangsge-
Lösung
schwindigkeit in den Anziehungsbereich der
Die Fluchtgeschwindigkeit ist nach obiger Sonne und fällt auf diese zu. Wie groß ist die Ge-
Gleichung schwindigkeit des Meteors, wenn er
s
a) sich im Bahnabstand der Erde von der Sonne
GmM km
vk2 D 2 D 2;38 : befindet?
rM s
b) an einem Ort mit halbem Erdbahnradius ist?
c) an der Sonnenoberfläche unverglüht ankäme?
Massereiche Sterne können am Ende ih-
rer Entwicklungsgeschichte kollabieren und zu
(Sonnenmasse mS D 2  1030 kg; Sonnenradius
einem schwarzen Loch werden. Sie besitzen
rS D 696:000 km; Erdbahnradius rSE D 150 
ein derart starkes Gravitationsfeld, dass nicht
106 km.)
einmal Licht (Photonen) aus Bereichen inner-
halb eines kritischen Radius, des so genann-
Ü 2-45 Der mittlere Abstand des Jupiter-
ten Schwarzschild-Radius (K ARL S CHWARZ -
Mondes Jo vom Planeten Jupiter beträgt 4;216 
SCHILD, 1873 bis 1916) entweichen kann. Die
105 km; seine Umlaufzeit ist T D 1 d 18 h
Größe dieses Ereignishorizonts findet man, in-
27 min. Berechnen Sie aus diesen Angaben die
dem für die Fluchtgeschwindigkeit die Lichtge-
Masse mJ des Planeten Jupiter.
schwindigkeit c gesetzt wird:

2Gm
rS D : 2.11 Mechanik deformierbarer fester
c2
Körper – Elastomechanik

2.10.5 Zur Übung Beim Einsatz von Werkstoffen in Maschinen sind


die Reaktionen auf äußere Kraft- bzw. Momen-
Ü 2-41 In welcher Höhe h über der Erdoberflä- teinwirkungen außerordentlich wichtig. Gehen
che hat die Fallbeschleunigung den Wert gh D die Form- oder Gestaltänderungen fester Körper
5 m s2 ? (Der Erdradius ist rE D 6371 km.) nach Beendigung der äußeren Kraft- bzw. Mo-
mentenwirkungen wieder vollständig zurück, so
Ü 2-42 Zwischen Erde und Mond gibt es einen finden reversible Verformungsprozesse statt, die
geometrischen Ort, an dem sich die Gravitations- elastisch sind. Bleiben dagegen Formänderungen
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 93

Abb. 2.78 Zur Definition der Spannung

zurück, dann haben irreversible Verformungspro-


zesse stattgefunden und es sind plastische Verfor- Abb. 2.79 Dreiachsiger Spannungszustand. Normal-
mungen aufgetreten. spannung,
Schubspannung

2.11.1 Elastische Verformung  drei Normalspannungen x , y , z und


 sechs Schubspannungen
xy ,
xz ,
yx ,
yz ,
zx ,
Spannungen
zy .
Die Kenngröße für die Beanspruchung von Fest-
körperteilchen ist die Spannung S. Sie ist der Dabei gibt der erste Index die Schnittebene und
Quotient aus der Teilkraft dF und dem Flächen- der zweite die Wirkungsrichtung an; z. B. liegt
element dA, wie Abb. 2.78 zeigt:
xy in der x-Ebene und wirkt in der y-Richtung.
Da aus Symmetriegründen
xy D
yx ,
xz D
zx
dF und
yz D
zy ist, wird der Spannungszustand
SD : (2.145)
dA durch die Angabe von drei Normalspannungen
x , y , z und drei Schubspannungen
xy ,
xz ,
yz
In der Praxis mechanischer Beanspruchungen vollständig beschrieben.
wird die Spannung in der Maßeinheit N=mm2
gemessen; es ergeben sich dann handliche Maß- Verformungen
zahlen. Wird nach Abb. 2.78 die Teilkraft dF in Wirken auf einen Körper äußere Kräfte bzw. äu-
ihre Normalkomponente dFn und ihre Tangenti- ßere Momente ein, so erfährt er Verformungen.
alkomponente dFt zerlegt, dann ergeben sich eine Grundsätzlich sind zwei Verformungsmöglich-
Normalspannung und eine Schubspannung
keiten denkbar, die Dehnung " und die Schie-
(Tangentialspannung): bung . Für die Dehnung gilt allgemein

D
dFn
; l  l0 l
dA
(2.146) "D D : (2.148)
l0 l0
dFt

D : (2.147) Dabei bleiben die rechten Winkel am Körperele-
dA
ment erhalten. Mit Schiebung oder Scherung wird
In einem würfelförmigen Körperelement lässt eine Winkeländerung bezeichnet:
sich, wie Abb. 2.79 zeigt, der Spannungszustand
vollständig beschreiben durch Schiebung  D Winkeländerung : (2.149)
94 2 Mechanik

In diesem Fall bleiben die Kantenlängen l0 des 1781 bis 1840) bezeichnet. Ihr Wert ist immer
Körperelementes gleich, und es ergibt sich ein positiv, aber kleiner als 0,5. Das Minuszeichen
Abweichungswinkel  vom rechten Winkel (aus- in (2.153) kennzeichnet die Gegenläufigkeit von
gedrückt im Bogenmaß). Längenänderung und Dickenänderung. Die bei
In der Praxis werden üblicherweise vier Ver- der Querkontraktion auftretende Volumendiffe-
formungsarten unterschieden. Abb. 2.80 zeigt die renz V errechnet sich für einen achsensym-
Unterschiede, Kenngrößen und Gesetzmäßigkei- metrischen, prismatischen Stab aus der Differenz
ten. zwischen dem Volumen nach der Verformung V 0
und dem ursprünglichen Volumen V0 zu
Dehnung
Im elastischen Bereich ist die Längenände- V D V 0  V0 D .d C d /2 .l C l/  d 2 l:
rung l proportional zur Normalkraft Fn . Mit der
Definition der Dehnung " als relative Längenän- Die Summenglieder höherer Ordnung sind ge-
derung " D l= l (2.148) und (2.146) für die genüber den Gliedern erster Ordnung vernachläs-
Zug- bzw. Druckspannung D dFn =dA ergibt sigbar. Somit ergibt sich
sich das Hooke’sche Gesetz (R. H OOKE, 1635 bis
1703) für die elastische Verformung: V D d 2 l C 2d ld:

D E": (2.150) Für die relative Volumenänderung eines stabför-


migen Körpers unter eindimensionaler Zugbean-
Der Proportionalitätsfaktor ist der Elastizitätsmo- spruchung gilt
dul E, der im allgemeinen Fall die Normalspan-
nungsänderung d , bezogen auf die Dehnungs- V d 2 l 2d ld l d
D 2 C 2
D C2 :
änderung d", beschreibt und zeitabhängig sein V d l d l l d
kann:
d Man erhält also
E. ; t/ D : (2.151)
d"
V
Der Elastizitätsmodul ist eine Werkstoffkenn- D ".1  2/: (2.154)
V
größe, die für praktische Zwecke meist in der
Maßeinheit N=mm2 oder GN=m2 geschrieben Der Volumenunterschied ist für positive Span-
ist. Tab. 2.8 enthält einige Festigkeitskennzah- nungen definitionsgemäß positiv; nach (2.154) ist
len. – In (2.151) sind Zugspannungen positiv und daher 1  2 > 0 und 0 <  5 0;5.
Druckspannungen negativ einzusetzen.
Allseitige Kompression
Querdehnung Wenn ein Körper einer allseitigen isotropen
Die angreifende Normalkraft Fn verursacht außer Druckbeanspruchung D p unterliegt, dann
der Längenänderung l auch eine materialspezi- ist die Volumenänderung
fische Dickenänderung d . Die Querdehnung "q
ist die relative Dickenänderung: V
D 3": (2.155)
V
d
"q D : (2.152) Analog zum Elastizitätsmodul E beschreibt der
d
Kompressionsmodul
Die Querdehnung ist der Dehnung proportional,
sodass gilt pV
KD (2.156)
"q D ": (2.153) V

Der Proportionalitätsfaktor  wird als Quer- die erforderliche Druckänderung bezogen auf die
dehnungszahl oder Poissonzahl (S. D. P OISSON, relative Volumenänderung; er ist immer positiv.
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 95

Abb. 2.80 Verformungsarten


96 2 Mechanik

Tab. 2.8 Kennzahlen für die Festigkeit einiger Werkstoffe


Werkstoff Elastizitäts- Querdehnungs- Kompressions- Schub-Modul Bruchdeh- Zug- bzw.
Modul E in zahl  Modul K in G in GN=m2 nung "B Druckfestigkeit
GN=m2 GN=m2 B in GN=m2
Eis 9,9 0,33 10 3,7
Blei 17 0,44 44 5,5 bis 7,5 0,014
Al (rein) 72 0,34 75 27 0,5 0,013
Glas 76 0,17 38 33 0,09
Gold 81 0,42 180 28 0,5 0,14
Messing 100 0,38 125 36 0,05 0,55
(kaltverf.)
Kupfer 126 0,35 140 47 0,02 0,45
(kaltverf.)
V2A-Stahl 195 0,28 170 80 0,45 0,7

In der Praxis wird K meist in MN=m2 angege-


D Ft =A und dem Scherwinkel  gilt der dem
ben. Zwischen den Kenngrößen der elastischen Hooke’schen Gesetz analoge Zusammenhang
Verformung besteht der Zusammenhang

D G: (2.159)
E
KD : (2.157)
3.1  2/ Der Proportionalitätsfaktor wird Schubmodul G
genannt. Er ist ein Maß für die Gestaltelastizität
Die relative Volumenänderung V =V eines Kör- fester Körper. (In (2.159) ist der Scherwinkel 
pers bei einer isotropen Druckänderung p ist im Bogenmaß einzusetzen.) Analog zum Elasti-
die Kompressibilität zitätsmodul E nach (2.151) ist der Schubmodul
V d

1 G.
; t/ D (2.160)
~D V D : (2.158) d
p K
das Verhältnis der Schubspannung zum Scher-
Beispiel 2.11-1 winkel.
Ein Draht aus Federstahl (E D 2105 N=mm2 ) Zwischen Elastizitätsmodul E, Querdeh-
hat einen Durchmesser d D 1;5 mm und ist nungszahl  und Schubmodul G besteht der
l D 3 m lang. Er wird um 5 mm verlängert. Zu Zusammenhang
berechnen sind die Dehnung ", die Zugspan-
nung z und die Zugkraft Fz . E
GD : (2.161)
2.1 C /
Lösung
Durch Umformen ergibt sich E=2G D 1 C .
Für die Dehnung gilt " D l= l D 1;67 
Da  zwischen 0 und 0;5 liegt, ergibt sich für den
103 D 0;17 %. Die Zugspannung ist z D
Schubmodul ein Bereich von
E " D 333 N=mm2 , und die Zugkraft beträgt
Fz D z A D 333;33  4 d D 589 N.
  2
E E
<G< : (2.162)
3 2
Scherung
Wirken Querkräfte Ft parallel zur Oberfläche auf Diese Beziehungen gelten nur für isotrope Werk-
einen Körper, dann erfährt dieser eine Scherung stoffe. Konstruktionswerkstoffe sind meist qua-
um den Scherwinkel  (Abb. 2.80). Diese Bean- siisotrope Werkstoffe. Für anisotrope Einkristal-
spruchungsart ruft also eine Gestaltsänderung des le müssen dagegen die Richtungsabhängigkeiten
Körpers hervor. Zwischen der Schubspannung der Kenngrößen berücksichtigt werden.
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 97

Tab. 2.9 Räumliche Spannungszustände


Normalspannung Dehnung " Schubspannung
Schiebung 
 
E " 1 1
x-Komponente x D "x C "x D . x  . y C z //
xy D Gxy xy D
xy
1C 1  2 E G
 
E " 1 1
y-Komponente y D "y C "y D . y  . z C x //
xz D Gxz xz D
xz
1C 1  2 E G
 
E " 1 1
z-Komponente z D "z C "z D . z  . x C y //
yz D Gyz yz D
yz
1C 1  2 E G

Die in diesem Abschnitt aufgezeigten Zu- kreise. Wenn jedoch in allen Ebenen x, y und z
sammenhänge zwischen Normalspannungen von null verschiedene Schubspannungen auftre-
und Dehnungen " bzw. Schubspannungen
und ten, dann versagt diese Methode. Die gesuchten
Schiebungen  gestatten die allgemeine Formu- Hauptspannungen müssen dann durch aufwändi-
lierung des Hooke’schen Gesetzes für alle drei gere mathematische Verfahren errechnet werden.
Raumrichtungen. Alle möglichen Belastungsfälle Um die Gleichung für den Mohr’schen Span-
können hieraus errechnet werden. Tab. 2.9 ver- nungskreis aufzustellen, wird ein Bauteil mit
mittelt eine Übersicht. einer Zugkraft Fx beansprucht. Deshalb ist die
Normalspannung x bereits Hauptspannung, wie
Elementare Belastungsfälle Abb. 2.82 zeigt. Wird eine Ebene AC betrach-
Abb. 2.81 zeigt die vier elementaren Belastungs- tet, die um den Winkel ' verdreht ist, dann kann
fälle Zug bzw. Druck, Scherung, Biegung und die Zugkraft Fx in eine Komponente Fn senk-
Torsion, ihre zugehörigen Normal- und Schub- recht zur Ebene AC und in eine Komponente Ft
spannungen, Dehnungen und Schiebungen sowie tangential dazu zerlegt werden. Es gelten Fn D
einige Beispiele. Daraus ist ersichtlich, dass bei Fx cos ' und Ft D Fx sin '. Damit ergeben sich
reinem Zug bzw. Druck sowie reiner Biegung für die bezüglich der Ebene AC D A= cos '
keine Schubspannungen und Schiebungen vor- wirkende Normalspannung ' bzw. die Schub-
handen sind, während bei reiner Scherung bzw. spannung
'
Torsion keine Normalspannungen und Dehnun-
gen auftreten. In der Praxis treten diese vier ele- Fn F
' D C D cos2 ' D x cos2 ' (2.163)
mentaren Belastungsfälle kombiniert auf. Dann A A
können sie unter Verwendung von Tab. 2.9 und
oder
Abb. 2.81 ermittelt werden.
x
' D .1 C cos.2'// (2.164)
Hauptspannungen 2
Als Hauptspannungen werden die Normalspan-
und
nungen bezeichnet, für die keine Schubspan-
nungen auftreten. Die Hauptspannungsrichtung Ft F x
nennt man Hauptachse. Ein Spannungszustand
' D C D sin ' cos ' D  sin.2'/:
A A 2
ist demnach vollständig beschrieben, wenn al- (2.165)
le drei Hauptspannungen 1 , 2 , 3 und deren In dem skizzierten Fall gilt für die Hauptspan-
Hauptachsen bekannt sind. Häufig treten Bean- nungsrichtung
' D 0, weil ' D 0 ist.
spruchungen an Bauteiloberflächen auf, in denen Die maximale Schubspannung
max tritt für
die Hauptachsen 1, 2 und 3 mit den Koordina- sin.2'/ D 1 auf. Aus dieser Bedingung folgt
tenachsen x, y und z zusammenfallen. Für diese 2' D 90ı oder ' D 45ı . Für diesen Win-
Fälle lassen sich die gesuchten Hauptspannun- kel wird nach (2.165) die maximale Schubspan-
gen durch ein grafisches Verfahren nach Mohr nung
max D  x =2. Die zugehörige Normal-
(C. O. M OHR, 1835 bis 1918) ermitteln. Es erge- spannung beträgt ebenfalls D x =2. Werden
ben sich drei Kreise, die Mohr’schen Spannungs- aus (2.164) und (2.165) unter Berücksichtigung
98

Abb. 2.81 Vier elementare Belastungsfälle


2 Mechanik
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 99

z D 15 N=mm2 ;

zx D 0;
zy D 0:

Gesucht sind die Hauptspannungen 1 , 2 und


3 sowie die Winkelabstände der Hauptachsen
1, 2 und 3 von den Raumachsen x, y und z.

Lösung
Zur Lösung wird das grafische Verfahren
nach Mohr angewandt. Die Mohr’schen Span-
nungskreise werden gemäß Abb. 2.83 konstru-
iert.

a) Es werden alle Angaben der Normal- bzw.


Schubspannungen in das -
-Diagramm
eingezeichnet (schwarze Punkte in
Abb. 2.83).
b) Die Punkte . x =
xy / und . y =
yx / müssen
Abb. 2.82 Zur Herleitung des Mohr’schen Spannungs- auf einem Kreis liegen. Ihre Verbindungs-
kreises gerade ist der Durchmesser dieses Krei-
ses, der die -Achse im Mittelpunkt M1
schneidet. Damit kann der Kreis 1 gezeich-
von sin2 .2'/ C cos2 .2'/ D 1 die Winkelfunktio- net werden.
nen eliminiert, so ergibt sich folgender Zusam- c) Der Mohr’sche Spannungskreis 1 liefert
menhang zwischen ' und
' : als Schnittpunkte mit der -Achse .
D
0/ die Werte 1 D 42;5 N=mm2 und
 x 2  2
'  C
'2 D
x
: (2.166) 2 D 2;5 N=mm2 für die Hauptspannun-
2 2 gen (weiße Punkte in Abb. 2.83).
d) Die beiden anderen Kreise 2 und 3 lassen
Diese Gleichung beschreibt den Mohr’schen
sich eindeutig konstruieren.
Spannungskreis in der ' -
' -Ebene mit dem Ra-
e) Zwischen der Hauptachse 1 und der y-
dius r D . x =2/ und dem Mittelpunkt . x =2=0/
Ebene liegt der Winkel 2' D 67ı oder
(Abb. 2.82b). Der Spannungskreis zeigt die
' D 33;5ı .
Normal- bzw. Schubspannungen, die an einem
um den Winkel ' verschobenen Flächenelement Elastische Energie
wirken, wenn die Normalspannung x bereits Bei der Längen- bzw. Volumenänderung von
Hauptspannung ist. Körpern wird Arbeit verrichtet. NachRder Defi-
nitionsgleichung für die Arbeit W D F dl gilt
Beispiel 2.11-2 wegen F D A und dl D l"
Gegeben sei folgender Spannungszustand Z Z
(dreiachsige Zugbeanspruchung): W D Ald" D V d"I (2.167)

x D 10 N=mm2 ; hierin ist V das Ausgangsvolumen. Ist die Ver-


formung völlig elastisch, so wird die Verfor-

xy D 20 N=mm ; 2

xz D 0;
mungsarbeit als potenzielle Energie im Körper
y D 30 N=mm ; 2
gespeichert und bei der Entlastung wieder frei-

yx D 20 N=mm2 ;
yz D 0; gesetzt.
100 2 Mechanik

Abb. 2.83 Mohr’sche Spannungskreise für Beispiel 2.11-2

2.11.2 Plastische Verformung

Bei der plastischen Verformung wird nur ein Teil


der Verformungsenergie wiedergewonnen und
der Körper bleibt deformiert. Abb. 2.84 zeigt die
Hysteresekurve einer elastisch-plastischen Ver-
formung. Ihr Verlauf ist analog zur magneti-
schen Hysterese B D f .H / (Abschn. 4.4.4.2,
Abb. 4.110). Wird der Körper erstmalig elas-
tisch verformt, dann durchläuft er die Kurve OP.
Bei Verringerung der Spannung wird eine an-
dere Kurve durchlaufen. Ist der Körper völlig
Abb. 2.84 Mechanische Hysterese spannungsfrei, so bleibt eine Restdehnung "01 üb-
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 101

Abb. 2.86 Prüfmaschine für den Zugversuch nach DIN


EN 10002. Werkfoto: Zwick/Röll

Abb. 2.85 Spannungs-Dehnungs-Diagramm eines Zug-


versuchs für den Federstahl 55 Si7
hand des Spannungs-Dehnungs-Diagramms von
Federstahl 55 Si7 erläutert:

 elastischer Bereich (0 bis El): Es gilt das Hoo-


rig, die nur durch einen entgegengesetzten Druck ke’sche Gesetz, d. h., die Verformung geht bei
aufgehoben werden kann. Wird der Druck nach Entlastung wieder zurück;
dem Höchstwert Q wieder zurückgenommen, so  elastisch-plastischer Bereich (El bis Pl): Nach
bleibt der Körper um "02 gestaucht, sodass es ei- der Entlastung geht die Dehnung nicht mehr
nes Zugs bedarf, um ihn wieder in die Ausgangs- vollständig zurück, ein Teil der Verformung
lage zu bringen. Die Arbeit, die während eines bleibt;
Spannungs-Dehnungs-Zyklus im Körper bleibt,  plastischer Bereich (Pl bis S): Nach der Ent-
ist 0 1 lastung bleibt die Dehnung näherungsweise
ZQ ZP I
B C erhalten, der Körper ist verformt;
W D V @ d" C d"A D V d":  Bruchpunkt B: Bei dieser Spannung bricht das
P Q Material.
(2.168)
H
Die Verlustenergiedichte w  D W=V D d" Zur Messung des Spannungs-Dehnungs-Verlaufs
der plastischen Verformung entspricht der Fläche für metallische Werkstoffe wird der Zugversuch
der Hysteresekurve im Spannungs-Dehnungs- nach DIN EN 10 002 durchgeführt. Abb. 2.86
Diagramm. zeigt eine Universal-Prüfmaschine.
In dem Spannungs-Dehnungs-Diagramm las- Beim Zugversuch sind zwei unterschied-
sen sich unter Zugbeanspruchung mehrere Berei- liche Spannungs-Dehnungs-Verläufe zu unter-
che unterscheiden. In Abb. 2.85 sind diese an- scheiden, wie Abb. 2.87 zeigt. Entweder erfolgt
102 2 Mechanik

a b

Abb. 2.87 Spannungs-Dehnungs-Verläufe bei Zugversuchen mit a stetigem Übergang vom elastischen in den plasti-
schen Bereich und b unstetigem Übergang

der Übergang vom elastischen in den plastischen ableiten. Er ist die Steigung der Spannungs-
Bereich monoton oder nicht monoton. Erfolgt Dehnungs-Kurve im Ursprung. In Abb. 2.85 ist
der Übergang stetig (Abb. 2.87a), dann wird als E D 2105 N=mm2 . Eine weitere Werkstoffkenn-
Dehngrenze Rp diejenige Spannung herangezo- größe ist die Bruchdehnung "B , also die Dehnung
gen, die zu einer bestimmten plastischen (blei- im Bruchpunkt B. In Abb. 2.85 ist "B D 6 %.
benden) Dehnung "r geführt hat. Üblich ist die Die plastische Verformung hinterlässt keine
0,2 %-Dehngrenze Rp0;2 . Eine Parallele zur Hoo- Volumenänderung (V D 0). Dies bedeutet, dass
ke’schen Geraden (gestrichelte Linie) schneidet die Querdehnungszahl nach (2.155)  D 0;5 be-
die Spannungs-Dehnungs-Kurve im Punkt mit trägt. Für diese reinen Gestaltsänderungen sind
der Ordinate Rp0;2 . In Abb. 2.85 ist Rp0;2 D also nur Schubspannungen verantwortlich. Sie
1080 N=mm2. bringen ganze Kristallebenen entlang bestimmter
Die Spannung, die zur Höchstzugkraft ge- Gitterbaufehler (Versetzungen, Abschn. 9.1.3.2)
hört, ist die Zugfestigkeit Rm . In Abb. 2.85 ist zum Abgleiten, ohne dass sich das Kristallgitter
Rm D 1275 N=mm2 . Die Zugfestigkeit reiner geändert hat. Die aus den Zugversuchen errech-
Metalle beträgt Rm D 10 bis Rm D 20 N=mm2 neten Materialkennwerte müssen unter gleichen
(z. B. Blei), diejenige hochfester Stähle Rm D Versuchsbedingungen (DIN EN 10 002) stattfin-
2500 bis Rm D 4500 N=mm2. Die sehr häufig den. Hierzu zählen die Versuchstemperatur (z. B.
im Maschinenbau eingesetzten Bau- und Vergü- 18 ı C bis 25 ı C) und die im Zugversuch ge-
tungsstähle haben eine Zugfestigkeit zwischen fahrene Zuggeschwindigkeit zwischen den Span-
Rm D 400 N=mm2 und Rm D 1200 N=mm2 . nungswerten 10 N=mm2 und 30 N=mm2 .
Bleibt bei zunehmender Dehnung die Zugkraft
erstmalig gleich oder fällt sie ab, dann ist die
Streckgrenze erreicht. 2.11.3 Härte fester Körper
Beim nicht monotonen Übergang vom elasti-
schen in den plastischen Bereich wird eine obere Die Härte eines Stoffs ist der Widerstand gegen
Streckgrenze ReH und eine untere Streckgrenze das Eindringen eines anderen Körpers. Am häu-
ReL unterschieden (Abb. 2.87b). figsten werden in der Materialprüfung zur Här-
Aus der Spannungs-Dehnungs-Kurve lässt tebestimmung metallischer Werkstoffe statische
sich auch der Elastizitätsmodul E nach (2.151) Eindring-Härteprüfverfahren eingesetzt. Dabei
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 103

drückt man einen Probekörper mit einer Prüfkraft tigkeit Rm für Stahl aus der Vickers-Härte nach
F stoßfrei in einer bestimmten Zeit in das zu der Beziehung Rm  3;38 HV als ersten Anhalts-
prüfende Material und misst den Eindruck oder punkt abschätzen.
bestimmt die Eindringtiefe. In Abb. 2.88 sind die
drei wichtigsten Verfahren, das Rockwell-Verfahren (HR)
nach DIN EN 50 103
 Brinell-Verfahren, Hierbei wird die Härte aus der Eindringtiefe eines
 Vickers-Verfahren und Probekörpers direkt ermittelt. Eine Prüfvorkraft
 Rockwell-Verfahren F0 (98 N) stellt einen sicheren Kontakt zum Prüf-
ling her und erzeugt die Eindringtiefe s0 , die die
vergleichend gegenübergestellt und das Mess- Bezugsskala darstellt. Durch mindestens viermal
prinzip, die Auswertungsformeln und die An- so große Prüfkräfte wird die Eindringtiefe sh be-
wendungsgebiete aufgezeigt. Wichtig ist die An- stimmt, aus der an einer Skala der Härtewert
gabe der Prüfbedingungen beim Dokumentieren direkt abgelesen werden kann.
der Härtegrade. In der Praxis werden zwei Varianten eingesetzt,
das Rockwell-B-Verfahren (HRB) und das Rock-
Brinell-Verfahren (HB) nach DIN EN 50 351 well-C-Verfahren (HRC). Beide Verfahren benut-
Hierbei wird eine Kugel aus gehärtetem Stahl zen die Prüfvorkraft F0 D 98 N und legen den
oder Hartmetall mit einer Prüfkraft F in die Härtemaßstab auf 2 m je Härteeinheit fest. Der
Oberfläche des zu prüfenden Werkstoffs gedrückt große Vorteil bei der Härtemessung nach Rock-
und der Durchmesser d der Eindrückkalotte ge- well ist die Automatisierbarkeit der Methode. Ein
messen. Der Quotient aus Prüfkraft F und einge- Nachteil ist die im Vergleich zum Brinell- und
drückter Oberfläche A ist der Brinell-Härtewert Vickers-Verfahren geringere Messgenauigkeit.
HB. Er wird nach (1) in Abb. 2.88 errechnet. Obwohl die Härtewerte nach Brinell, Vickers
Der Faktor 0;102 rechnet die SI-Krafteinheit N und Rockwell auf unterschiedliche Weise ermit-
in kp um (1 N ¶ 0;102 kp). Durch diesen Kunst- telt werden, können die Härtegrade innerhalb be-
griff bleiben die alten Härtewerte unverändert. stimmter Bereiche ineinander umgerechnet wer-
Letztendlich bedeutet dies jedoch, dass unver- den. Die Vickers-Härte ist der Bezugsmaßstab,
ständlicherweise die Einheit kp=mm2 künstlich weil diese Methode das ganze Härtespektrum von
beibehalten wird. In Abb. 2.88 sind die Prüfbe- weich bis extrem hart überdeckt. Die Härtever-
dingungen angegeben. Dieses Härteprüfverfah- gleichstabellen sind in DIN 50 150 genormt.
ren wird nur für weiche Werkstoffe angewandt.

Vickers-Verfahren (HV) 2.11.4 Zur Übung


nach DIN EN ISO 8 495
Hierbei wird statt einer harten Kugel eine Dia- Ü 2-46 Ein Stahlstab der Länge l D 1;5 m ro-
mantpyramide mit einer quadratischen Grund- tiert um eine Achse, die senkrecht zur Stabachse
fläche mit einer Prüfkraft F (Kleinlastbereich durch ein Stabende geht. Bei welcher Drehzahl
1,96 N bis 49 N, Normallastbereich 49 N bis reißt der Stab? (Rm D 450 N=mm2 ).
980 N) in den zu prüfenden Werkstoff gedrückt
und der Eindruck d D .d1 C d2 /=2 ermittelt. Ü 2-47 Ein Rundstab mit dem Durchmesser d
Die Auswertung erfolgt nach (2) aus Abb. 2.88. und Länge l besitzt einen Elastizitätsmodul E.
Der Faktor 0,102 rührt wie bei der Formel zur Er- Wenn er in Längsrichtung gezogen wird, verlän-
rechnung der Brinell-Härte, (1) in Abb. 2.88, von gert er sich wie eine Feder, es muss also das
der Umrechnung von N in kp her. Diese Härte- Hooke’sche Gesetz F D ks gelten nach (2.32).
prüfmethode ist für weiche und harte Werkstoffe a) Von welchen physikalischen Größen hängt
einsetzbar. Die Brinell-Härte kann näherungswei- die Federkonstante k ab? b) Welchen Durchmes-
se 1:1 in die Vickers-Härte umgerechnet werden. ser muss ein Stahlstab mit E D 200 GN=m2
Nach DIN EN ISO 18 265 kann man die Zugfes- und Länge l D 1 m haben, wenn seine Feder-
104

Abb. 2.88 Härteprüfverfahren


2 Mechanik
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 105

konstante k D 1 MN=m sein soll? c) Welche 2.12.1 Ruhende Flüssigkeiten


Arbeit ist erforderlich, um einen Stab um 0,5 % (Hydrostatik) und ruhende Gase
zu verlängern? d) Wie groß ist die relative Volu- (Aerostatik)
menänderung des Stabes, wenn die Poissonzahl
 D 0;3 beträgt? 2.12.1.1 Druck
Aufgrund der leichten Verschiebbarkeit der Mo-
leküle in Flüssigkeiten und Gasen wirken sich
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten Kräfte auf Flüssigkeits- und Gasvolumina im
und Gase-, Hydro- Grenzfall unendlich langsamer Veränderungen
und Aeromechanik (statischer Grenzfall) sofort auf das Gesamtvolu-
men aus. Es kommt zu einem einheitlichen Zu-
Die Hydro- und Aeromechanik beschreibt Zu- stand in den Flüssigkeiten und Gasen, der durch
stände und Bewegungen von Flüssigkeiten den Druck p beschrieben wird. Dieser ist defi-
und Gasen. Flüssigkeiten sind kaum zusam- niert als Quotient aus der Kraft dF , die senkrecht
mendrückbar (inkompressibel), aber ihre Mole- auf ein Flächenelement dA der Begrenzungsflä-
küle lassen sich leicht gegeneinander bewegen che wirkt:
(unbestimmte Gestalt). Gase haben dagegen we- dF
pD : (2.169)
der eine bestimmte Gestalt, noch ein bestimmtes dA
Volumen (kompressibel). Sind die Flüssigkeiten Durch die Vereinbarung, dass, wie in Abb. 2.90
oder Gase in Ruhe, so gelten die Gesetze der gezeigt, dF die Kraftkomponente senkrecht zur
Hydro- und Aerostatik. Bewegen sich Flüssigkei- Begrenzungsfläche dA ist, wird die Kraftrichtung
ten oder Gase, gelten die Gleichungen der Hydro- festgelegt. Der Druck ist also eine skalare phy-
und Aerodynamik. sikalische Größe mit der Maßeinheit 1 N=m2 D
In der Hydrostatik sind der Kolbendruck, der 1 Pa. Die Druckmaßeinheit ist nach dem franzö-
Schweredruck und der Auftrieb von Bedeutung, sischen Physiker Pascal (B. PASCAL, 1623 bis
in der Aerostatik der Zusammenhang zwischen 1662) benannt. Eine weitere spezielle SI-Einheit
Druck und Volumen (Boyle-Mariotte’sches Ge- für den Druck ist 1 bar D 105 Pa. Der irdische
setz) sowie die Abhängigkeit des Drucks von der Luftdruck liegt bei p  1 bar.
Höhe (Barometrische Höhenformel). Abb. 2.91 zeigt die zur Druckmessung ein-
In der Hydro- und Aerodynamik unterscheidet gesetzten Messgeräte (Manometer), deren An-
man ideal-reibungsfreie, laminare und turbulente wendungsgebiete und einzelne Manometerbau-
Strömungen. Ihnen liegen die Newton’schen Ge- formen. Im Wesentlichen gibt es vier Arten:
setze der Flüssigkeitsbewegung zugrunde, die in Flüssigkeits-, Kolben- und Federmanometer so-
der Navier-Stokes-Gleichung zusammengefasst wie elektrische Druckmesser. Die Flüssigkeits-
sind, wie Abb. 2.89 ausführlich zeigt. Bei den manometer eignen sich zur Messung gerin-
ideal-reibungsfreien Flüssigkeiten und Gasen gilt ger Druckdifferenzen, und die Kolbenmanometer
die Bernoulli’sche Gleichung, bei den laminaren sind robuste Messgeräte. Weil sie einfach gebaut,
Strömungen sind die Strömungsverhältnisse für robust und preiswert sind, sind die federelasti-
Rohre, Kugeln und Platten von Bedeutung. Bei schen Manometer am weitesten verbreitet (z. B.
den turbulenten Strömungen treten Wirbel auf, das Aneroid-Barometer zur Messung des barome-
die zum Strömungswiderstand führen und eine trischen Drucks). Bei den elektrischen Druckmes-
Strömungsleistung erfordern. Der Übergang von sern wird die mechanische Druckenergie durch
laminarer zu turbulenter Strömung wird durch die verschiedene Effekte direkt in elektrische Ener-
Reynolds-Zahl bestimmt, die aus Ähnlichkeitsge- gie umgewandelt. Sie werden zur Messung sehr
setzen berechnet wird. kleiner oder sehr großer Drücke sowie zur Druck-
106

Abb. 2.89 Übersicht über die Hydro- und Aerodynamik


2 Mechanik
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 107

gilt

V V
% D m 2
D %
V V

und damit
%
D ~p: (2.171)
%
Die Kompressibilität  der Flüssigkeiten ist im
Vergleich zu den Werten bei Gasen sehr klein.
Abb. 2.90 Zur Definition des Drucks Die Eigenschaft von Flüssigkeiten, leicht ver-
schiebbar und näherungsweise inkompressibel zu
sein, wird in der Technik zur räumlichen Kraft-
verfolgung bei schnell wechselnden Druckvertei- übertragung ausgenützt (Hydraulik). Abb. 2.92
lungen hoher Frequenzen eingesetzt. Sie haben zeigt als Anwendung dieses Effekts die hydrau-
den Vorteil, dass ihre elektrischen Ausgangssi- lische Presse. Diese hat zwei bewegliche Kol-
gnale direkt zur Steuerung und Regelung wei- ben mit unterschiedlichen Querschnittsflächen
terverarbeitet werden können. Bei der Auswahl A1 und A2 . Die Rückschlagventile ermöglichen
eines geeigneten Manometers sind vor allem fol- wiederholte Pumpstöße auf den Presskolben:
gende Punkte zu berücksichtigen: Durch Öffnen des Absperrventils kann der Press-
kolben wieder zurückgefahren werden. Wird der
 Aggregatszustand des Messstoffs, Pumpenkolben durch eine Kraft F1 reibungsfrei
 Druck, Temperatur und weitere Stoffeigen- um die Wegstrecke s1 verschoben, so drückt das
schaften des Messstoffs sowie verschobene Volumen den Presskolben mit einer
 Beeinflussung des Zeitverhaltens der Messein- Kraft F2 um die Wegstrecke s2 nach oben. Wegen
richtung durch die Messanordnung. der Gleichheit des Volumens (Inkompressibilität
der Flüssigkeiten) gilt A1 s1 D A2 s2 .
Empfehlungen für eine messtechnisch sinnvol- Ferner muss die am Pumpenkolben aufge-
le Druckbestimmung sind in der VDI/VDE- wandte Arbeit W1 D F1 s1 gleich der am Press-
Richtlinie 3512, Blatt 3 (Messanordnungen für kolben frei werdenden Arbeit W2 D F2 s2 sein.
Druckmessungen) enthalten. Es gilt F1 s1 D F2 s2 . Durch Division erhält man

2.12.1.2 Kompressibilität F1 F2
D oder p1 D p2 D p:
Druckerhöhungen bewirken bei Flüssigkeiten A1 A2
und Gasen eine Volumenabnahme. Näherungs-
weise ist die relative Volumenänderung V =V Für die Kraft F2 am Presskolben folgt
proportional zur Druckänderung p:
A2
F2 D F1 :
V A1
D ~p: (2.170)
V
Dies bedeutet, dass die Kraft F2 im Presskol-
Die Kompressibilität  mit der Maßeinheit Pa1 ben um das Verhältnis A2 W A1 größer ist als die
ist die Proportionalitätskonstante; das Minuszei- Pumpkraft F1 . Für kreisförmige Kolben mit den
chen kennzeichnet die gegenläufigen Änderun- Durchmessern d1 und d2 ergibt sich
gen von Volumen und Druck. Wegen der Vo-
lumenänderung erfolgt auch eine Änderung der F1 A1 d2
D D 12 : (2.172)
Dichte % D m=V der Flüssigkeiten und Gase. Es F2 A2 d2
108

Abb. 2.91 Druckmesser (Werkfotos: Alexander Wigand GmbH)


2 Mechanik
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 109

Abb. 2.92 Hydraulische Presse, schematisch

Die in komprimierten Gasen gespeicherte me-


chanische Arbeit lässt sich wegen der leichten
Verschiebbarkeit der Gasmoleküle in einem Gas-
volumen an jeder Stelle entnehmen. Komprimier-
te Gase, vor allem Pressluft, werden in Maschi-
nenanlagen als Energieträger für Arbeitsprozesse
Abb. 2.93 Druckwandlung und Steuerungen eingesetzt (Pneumatik). Die Ex-
pansionsvorgänge, besonders bei pneumatischen
Regelungen, erfolgen dabei im Allgemeinen so
Weitere Hydraulikanwendungen sind Flüssig-
schnell, dass die Arbeitsabgabe isentrop erfolgt
keitsbremsen, hydraulische Hebebühnen oder
(Abschn. 3.3.5.4).
Druckwandler. Abb. 2.93 zeigt das Prinzip. Wird
die Kraft auf zwei Kolben unterschiedlicher Flä-
2.12.1.3 Volumenausdehnungskoeffizient
che konstant gehalten, so treten Druckunterschie-
Temperaturänderungen T ändern ebenfalls das
de auf .p1 < p2 /.
Volumen von Flüssigkeiten und Gasen. Die relati-
Gase sind sehr kompressibel. Für ideale Ga-
ve Volumenänderung V =V0 ist näherungsweise
se kann die isotherme Kompressibilität id. Gas aus
proportional zur Temperaturänderung:
der Zustandsgleichung (Abschn. 3.1.5, (3.20))
berechnet werden: V
1 D #: (2.174)
id. Gas D : (2.173) V0
p
 ist der Volumenausdehnungskoeffizient; seine
Sie hängt nur vom Gasdruck und nicht von der Maßeinheit ist K1 . In der Technik wird als Be-
Gasart ab. zugsvolumen das Volumen V0 bei #0 D 0 ı C
110 2 Mechanik

angesetzt. Beträgt bei #0 D 0 ı C die Dichte %0 D


m=V0 , so ändert sie sich infolge der tempera-
turbedingten Volumenänderung. Bezogen auf das
Volumen

V D V0 C V D V0 .1 C #/

ist die Dichte Abb. 2.94 Zum Schweredruck in einer Flüssigkeit

m %0
%D D : (2.175)
V 1 C #

Der Volumenausdehnungskoeffizient der Flüssig-


keiten ist klein im Vergleich zu dem von Gasen
(Abschn. 3.1.4). Für alle idealen Gase ist er
gleich und beträgt  D 1=T0 D 1=273;15 K1 D
0;00366 K1 .

2.12.1.4 Schweredruck
Durch die Gewichtskraft der Moleküle wird in
tieferen Schichten von Flüssigkeiten und Ga-
sen die Kraft auf die Begrenzungsfläche des
Flüssigkeits- oder Gasvolumens erhöht. In größe-
ren Tiefen ist der Druck in der Flüssigkeit oder
im Gas um den Schweredruck erhöht. Die Druck-
Abb. 2.95 Seitendruck in einer Flüssigkeit
erhöhung dp bei einer kleinen Zunahme dy der
Tiefe der Flüssigkeits- oder Gassäule beträgt
Die Summe von äußerem Druck pa und
dp D %gdy: (2.176)
Schweredruck py wird hydrostatischer Druck
phydr genannt. Die Abhängigkeit des hydrostati-
% ist die Dichte der Flüssigkeits- oder Gasschicht
schen Drucks von der Tiefe y (Abb. 2.94) ergibt
in der Tiefe y.
sich aus
phydr D pa C %gy: (2.178)
Schweredruck in Flüssigkeiten
Wegen der Schwerkraft wirkt auf eine Fläche Wie (2.178) zeigt, kann zur Druckmessung die
zusätzlich zu einem äußeren Druck pa die Ge- Höhe einer Flüssigkeitssäule verwendet werden
wichtskraft FG der über dieser Fläche liegenden (Flüssigkeitsmanometer). Der Schweredruck von
Flüssigkeitssäule, wie Abb. 2.94 zeigt. Diese Ge- 10 m Wasser beträgt nach (2.177) etwa 1 bar D
wichtskraft beträgt FG D mg D %Ayg. Für den 105 Pa.
Flüssigkeitsdruck am Ende der Säule ergibt sich Der Schweredruck auf eine seitliche Fläche As
durch Integration von (2.176) wird Seitendruck genannt. Da der Schweredruck
proportional zur Tiefe y zunimmt, greift die
py0 D %gy0 : (2.177) resultierende Kraft Fs nicht im Flächenschwer-
punkt S, sondern in einem tiefer gelegenen Punkt,
Dies bedeutet, dass der Schweredruck von Flüs- dem Druckmittelpunkt S0 an, wie Abb. 2.95 ver-
sigkeiten lediglich von der Füllhöhe, nicht aber deutlicht. Zur Berechnung der seitlich wirkenden
von der Form des Gefäßes abhängt. Man spricht Kraft wird die Fläche in Teilflächenstücke dA
hierbei vom hydrostatischen Paradoxon. unterteilt. Die Seitenkraft dFs innerhalb einer
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 111

Teilfläche dA beträgt dFs D %gydA. Für die ge- Lösung


samte Seitenkraft gilt dann Für die Seitendruckkraft Fs gilt nach (2.179)
Zy2 Zy2
Fs D %gys As D 103  9;81  10  2  3 N
Fs D %gydA D %g ydA:
D 5;89  105 N:
y1 y1

Ry Dieser Wert zeigt, wie außerordentlich groß


Das Integral y12 ydA wird statisches Moment
die Seitendruckkräfte sind. Den Druckmittel-
Ms D ys As genannt. (ys ist die Tiefe vom Flüs-
punktsabstand a erhält man nach (2.181): a D
sigkeitsspiegel bis zum Schwerpunkt S.) Somit
Is =.ys As / mit dem Flächenträgheitsmoment
gilt für die Seitendruckkraft
Is D bh3 =12. Somit errechnet man
Fs D %gys As : (2.179)
bh3 1
aD D 7;5 cm:
Weil das Moment der Seitendruckkraft Fs be- 12 ys bh
züglich S übereinstimmen muss mit der Summe Schweredruck in Gasen
(Integral) der Einzelmomente, gilt
Der Schweredruck eines Gases errechnet sich
Z1 s
zDy y aus der über einer Bezugsebene stehenden Gas-
Fs a D  z%g.ys  z/dA; oder säule. Da die Gase durch die Wirkung der Erd-
anziehungskraft komprimiert werden, nimmt die
zDys y2
yZ yZ
Dichte des Gases mit zunehmender Höhe ab.
1 ys 1 ys
Aus diesem Grund kann (2.176) nur für eine
ys As a D ys zdA C z 2 dA: kleine Höhendifferenz dh gültig sein, innerhalb
ys y2 ys y2 derer die Dichte annähernd konstant ist. Bei einer
Höhenzunahme dh über Meereshöhe nimmt die
Das erste Integral ist null, das zweite ist das
Höhe der Gassäule und damit der hydrostatische
Flächenträgheitsmoment Is der Fläche As bezüg-
Druck um dp D %gdh ab. Unter der Vor-
lich S: Z aussetzung einer konstanten Temperatur (Boyle-
Is D z 2 dA: (2.180) Mariotte’sches Gesetz, Abschn. 3.1.5, (3.15)) gilt
As für den Zusammenhang zwischen Druck und
Damit ergibt sich für den Druckmittelpunktab- Dichte % D .%0 p/=p0 . Somit gilt
stand
Is Zp Zh
aD : (2.181) dp %0 g
ys As D dh bzw:
p p0
Die Seitendruckkräfte können besonders am Fuß p0 0
 
von Staudämmen erhebliche Werte erreichen und p %0 g
ln D h oder
erfordern deshalb in diesem Bereich große Stau- p0 p0
dammquerschnitte. % g
 0 h
p D p0 e p0 und
%0 g
 p0 h
Beispiel 2.12-1 % D %0 e : (2.182)
Ein b D 2 m breites und h D 3 m hohes
seitliches Loch in einer Schleusenwand wird Dies ist die barometrische Höhenformel. Sie
von einer Platte verschlossen, deren Schwer- zeigt, dass der Schweredruck eines Gases mit
punkt ys D 10 m unter dem Wasserspiegel steigender Höhe h über dem Ausgangsniveau ex-
(% D 1  103 kg=m3 ) liegt. Berechnet werden ponentiell abfällt, und gilt, wenn in jeder Höhe
sollen die Seitendruckkraft Fs und der Ab- dieselbe Temperatur # herrscht.
stand a des Schwerpunkts vom Angriffspunkt Für die Normatmosphäre nach DIN 5450 ist
der resultierenden Seitenkraft Fs . für eine Lufttemperatur # D 0 ı C, p0 D
112 2 Mechanik

Abb. 2.97 Zur Entstehung der Auftriebskraft

Abb. 2.96 Barometrische Höhenformel für Luft nach


(2.183) jeweiligen Temperatur und der Wetterlage abhän-
gig. OTTO VON G UERICKE (1602 bis 1686) be-
wies 1654 die Wirkung des Luftdrucks durch sein
1;01325  105 Pa und %0 D 1;293 kg=m3. Somit Experiment mit den Magdeburger Halbkugeln.
beträgt der Exponent in der barometrischen Hö- Er pumpte zwei Halbkugelschalen (Halbmesser
henformel %0 g=p0 D 1;251 104 m1 . Abb. 2.96 r D 21 cm) mit einer selbsterfundenen Luftpum-
zeigt die Druckabhängigkeit von der Höhe h für pe nahezu luftleer. Der äußere Luftdruck presste
Luft. Zum besseren Vergleich ist der Druck nor- deshalb die beiden Halbkugeln mit einer Kraft
miert als p=p0 aufgetragen. Werden die errech- F D p0  r 2  1;4104 N zusammen. Diese Kraft
neten Werte in die barometrische Höhenformel war so groß, dass acht Pferde an jeder Seite die
eingesetzt, so gilt für Luft Kugel nicht auseinanderziehen konnten.
4 m1 h
p D 1;01325  105 Pa  e1;25110 : (2.183) 2.12.1.5 Auftrieb
Wegen des Schweredrucks von Flüssigkeiten und
Die Höhe, bei der der Ausgangspunkt nur noch Gasen sind alle in Flüssigkeiten und Gasen einge-
halb so groß ist (p D p0 =2, Halbwertshöhe), be- tauchte Körper leichter als außerhalb dieser Me-
trägt h1=2 D 5;54 km. Dies bedeutet, dass der dien (Archimedisches Prinzip) (A RCHIMEDES,
Luftdruck nach h D 5;54 km auf die Hälfte ab- 287 bis 212 v. Chr.). Diese Erscheinung wird
nimmt (Abb. 2.96). Auftrieb genannt. Abb. 2.97 zeigt einen in eine
Die internationale Höhenformel berücksich- Flüssigkeit oder ein Gas eingetauchten Körper.
tigt die Temperaturabnahme mit steigender Höhe. Da sich die Seitenkräfte F und F gegensei-
s1 s2
Sie ist bis zur Tropopause (h D 11 km) gültig und tig aufheben, bleibt wegen der Höhendifferenz
lautet h2 h1 eine Kraftdifferenz F2 F1 auf die Unter-
 5;255 fläche bestehen, die gleich der Auftriebskraft FA
6;5
p D 1;013  105 Pa 1  h : ist. Wenn die Dichte %fl der Flüssigkeit oder des
288 km Gases konstant ist, beträgt die Auftriebskraft
(2.184)
Mit der Temperaturkorrektur ergibt sich für den
FA D F2  F1 D A.p2  p1 /
Dichteverlauf in der Erdatmosphäre
D A%fl g.h2  h1 /:
 4;255
kg 6;5
% D 1;2255 3 1  h : (2.185) Da A.h2  h1 / das Volumen des Körpers bzw.
m 288 km
das durch den eingetauchten Körper verdrängte
Der Luftdruck in Meereshöhe beträgt im Jahres- Flüssigkeitsvolumen Vverd ist, gilt
durchschnitt p D 101:325 Pa (Normdruck). Der
aktuelle Luftdruck ist zusätzlich noch von der FA D %fl gVverd D mverd g D FG;verd (2.186)
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 113

mit mverd bzw. FG;verd als der Masse bzw. der In Flüssigkeiten verschiedener Dichten taucht ein
Gewichtskraft des verdrängten Flüssigkeits- oder schwimmender Körper unterschiedlich tief ein.
Gasvolumens. Die Auftriebskraft FA ist dem- Aus der Bestimmung der Senktiefe wird durch
nach gleich der Gewichtskraft des verdrängten Benutzung von Senkwaagen oder Aräometern in
Flüssigkeits- bzw. Gasvolumens. Sie hängt nur der Praxis häufig die Dichte von Flüssigkeiten er-
vom Volumen des eingetauchten Körpers bzw. mittelt.
von der verdrängten Flüssigkeitsmenge, nicht Bei einem schwimmenden Körper können
aber von seinem Gewicht ab. Bei gleichem Ein- sich Stabilitätsprobleme ergeben, wie Abb. 2.98
tauchvolumen erfährt also ein Stück Holz diesel- zeigt. Die Gewichtskraft FG greift im Schwer-
be Auftriebskraft wie ein Stück Blei. punkt des Körpers SK und die Auftriebskraft FA
Je nach dem Gewicht FG des eingetauchten im Schwerpunkt SFl an. Im Gleichgewichtszu-
Körpers sind drei Fälle zu unterscheiden: stand fallen die Wirkungslinien der beiden Kräfte
zusammen, sodass kein Drehmoment M wirk-
FG < FA : Der Körper schwimmt. sam werden kann. Wird der Körper gedreht, so
FG D FA : Der Körper schwebt. gibt es einen Schnittpunkt zwischen der Symme-
FG > FA : Der Körper sinkt. trielinie des Körpers und der Auftriebskraft FA .
Er wird Metazentrum M genannt. Der Abstand
Durch die Wirkung ihrer Auftriebskraft können zwischen den beiden Schwerpunkten SK und Sfl
die Dichten von festen Körpern und Flüssigkeiten ist der Ortsvektor r. Liegt das Metazentrum M
bestimmt werden. Dabei ist es erforderlich, dass über dem Körperschwerpunkt SK , dann wird der
die Gewichtskräfte des festen Körpers in Luft Körper vom Drehmoment M D r  FA in die
(FG;L ) und nach dem Eintauchen in eine Flüs- Gleichgewichtslage zurückgedreht (stabile Lage,
sigkeit (FG;E ) gemessen werden, z. B. durch eine Abb. 2.98b). Befindet sich das Metazentrum M
hydrostatische Waage. Der Gewichtsunterschied unterhalb des Körperschwerpunktes SK , so kippt
FG;L  FG;E ist gleich der Auftriebskraft: der Körper wegen des Momentes M D r  FA
um (instabile Lage, Abb. 2.98c).
FG;L  FG;E D FA D %fl Vg:
2.12.1.6 Grenzflächeneffekte
Wird für das Volumen des festen Körpers V D Kräfte, die zwischen gleichartigen Atomen oder
m=%K gesetzt und das Gewicht des festen Kör- Molekülen eines Stoffes wirken, werden Kohä-
pers durch FG;L D mg ausgedrückt, ergibt sich sionskräfte (Zusammenhangskräfte) genannt. Sie
sind elektrischen Ursprungs und werden auch van
m %fl
FG;L  FG;E D %fl g D FG;L : (2.187) der Waals’sche Kräfte genannt (Abschn. 9.1.1.1).
%K %K
Kohäsionskräfte treten in festen Körpern und
Bei bekannter Dichte %fl der Flüssigkeit lässt sich Flüssigkeiten auf. Bei Gasen ist ihre Wirkung
die Dichte %K des festen Körpers berechnen: erst kurz oberhalb der Siedepunkte feststellbar;
die Kohäsionskräfte verursachen die Abweichun-
FG;L %fl gen vom idealen Gasverhalten und den Übergang
%K D %fl D : (2.188) zum realen Gas (Abschn. 3.4). Die Kohäsions-
FG;L  FG;E FG;E
1 kräfte sind allgemein wesentlich stärker als die
FG;L
Gravitationskräfte.
Ist dagegen die Dichte des festen Körpers be- Wirken zwischen den Molekülen zweier ver-
kannt, so ergibt sich die Dichte der Flüssigkeit schiedener Stoffe Anziehungskräfte, so werden
gemäß sie Adhäsionskräfte (Anhangskräfte) genannt. Sie
  können zwischen festen Körpern, festen Körpern
FG;E und Flüssigkeiten sowie zwischen festen Körpern
%fl D %K 1  : (2.189)
FG;L und Gasen (Adsorption) wirken.
114 2 Mechanik

a b c

Abb. 2.98 Stabilität schwimmender Körper

richtet werden. Aus diesem Grund haben auch


Moleküle an der Oberfläche einer Flüssigkeit ei-
ne potenzielle Energie, die Oberflächenenergie
genannt wird.
Wird die Arbeit dW zur Oberflächenvergröße-
rung auf die Oberflächenänderung dA bezogen,
so ergibt sich die Oberflächenspannung

dW
D : (2.190)
dA

Abb. 2.99 Kohäsionskräfte in Flüssigkeiten Die Einheit ist 1 J=m2 D 1 kg=s2 D 1 N=m.
Da ein System immer den Zustand kleinst-
möglicher potenzieller Energie einnimmt, sind
Oberflächenspannung Flüssigkeitsoberflächen stets Minimalflächen;
Die zwischen den Molekülen einer Flüssigkeit z. B. besitzt die Kugel die kleinste Oberfläche
wirkenden Kohäsionskräfte heben sich im Innern unter allen Körpern gleichen Volumens.
der Flüssigkeit auf, da jedes Molekül allseitig Die Oberflächenspannung wird häufig mit ei-
von gleichartigen Molekülen umgeben ist, wie nem beweglichen Bügel nach Abb. 2.100 ge-
Abb. 2.99 zeigt. An der Oberfläche fehlen die messen. Ein Drahtbügel der Länge l wird in
nach außen gerichteten Kräfte. Deshalb entsteht die Flüssigkeit getaucht und mit einer Kraft F
eine resultierende Kraft Fres ins Innere der Flüs- herausgezogen. Dabei bildet sich zwischen den
sigkeit. Um Moleküle gegen diese Kraft an die Eckpunkten ABCD eine dünne Flüssigkeitshaut.
Oberfläche zu bringen, muss die Arbeit W ver- Werden die Kraft F , bei der die Flüssigkeitshaut
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 115

Andererseits errechnet man nach (2.190) für


die Vergrößerung der Oberflächenenergie

dWob D dA D .4 .r C dr/2  4 r 2 /


D .4 r 2 C 8 rdr C 4 dr 2  4 r 2 /:

Weil dr 2 2rdr ist, kann der Ausdruck


4 dr 2 vernachlässigt werden und man erhält
dWob D 8 rdr.
Da die aufzuwendende Arbeit dWauf zur
Vergrößerung der Oberflächenenergie dWob
verwendet wurde, müssen beide gleich groß
sein, sodass also dWauf D dWob ist. Aus
Abb. 2.100 Zur Messung der Oberflächenspannung
p4 r 2 dr D 8 rdr folgt der Oberflächen-
druck
2
reißt, und der Weg s gemessen, so kann die pD : (2.192)
r
Oberflächenspannung berechnet werden. Es gilt
In diesem Beispiel ist
nach (2.190)
2  30  103
W Fs F pD N=m2 D 3;33 N=m2 :
D D D : (2.191) 1;8  102
A 2ls 2l
Aus (2.192) ist ersichtlich, dass der Druck
Hierbei ist 2l die gesamte Randlänge der Flüs- p mit abnehmendem Radius r größer wird.
sigkeitshaut an der Vorder- und Rückseite des Deshalb wird der höhere Druck der kleineren
Bügels. Aus (2.191) wird ersichtlich, dass die Seifenblase die größere Seifenblase aufblasen.
Oberflächenspannung als eine auf eine Randli- Dadurch wird die größere Seifenblase größer
nie bezogene Oberflächenkraft verstanden wer- und die kleinere kleiner werden; die größere
den kann. Seifenblase „schluckt“ also die kleinere.
Beispiel 2.12-2 Kapillarität
Es ist der Oberflächendruck p in einer Flüs- Bei der Berührung eines Flüssigkeitstropfens mit
sigkeitskugel (oder einer Gaskugel innerhalb einer festen Unterlage können gemäß Abb. 2.101
einer Flüssigkeit) bei bekannter Oberflächen- zwei Extremfälle auftreten:
spannung und dem Kugelradius r zu bestim-
men ( D 30  103 N=m, r D 1;8 cm). Was  vollkommene Benetzung: Die Adhäsionskräfte
wird geschehen, wenn zwei Seifenblasen un- sind größer als die Kohäsionskräfte. Deshalb
terschiedlicher Radien miteinander verbunden wird sich die Flüssigkeit auf der Oberfläche
werden? des festen Körpers ausbreiten;
 unvollkommene Benetzung: Die Adhäsions-
Lösung kräfte sind wesentlich kleiner als die Kohä-
Wird der Kugelradius r um dr vergrößert, so sionskräfte. Deshalb wird sich die Flüssigkeit
wird auch die Oberfläche A um dA größer. So- tropfenförmig zusammenziehen.
mit gilt für die hierfür aufzuwendende Arbeit
Es wirken die Grenzflächenspannungen 13 zwi-
dWauf D F dr D pAdr D p4 r 2 dr: schen gasförmiger (1) und fester Phase (3), 12
116 2 Mechanik

Abb. 2.101 Benetzung

zwischen gasförmiger (1) und flüssiger (2) und Benetzungsvorgänge sind beispielsweise wichtig
23 zwischen flüssiger (2) und fester Phase (3).
für die Wirksamkeit von Waschmitteln, Herstel-
Der Winkel zwischen der festen Phase und der lung von Emulsionen oder bei der Schwimmauf-
Flüssigkeitsoberfläche ist ˛. Wie aus Abb. 2.101
bereitung von Erzen. Benetzungserscheinungen
hervorgeht, müssen die waagrechten Spannungs- spielen auch eine Rolle, wenn enge Röhrchen
komponenten gleich groß sein, damit sich die (Kapillaren) in Flüssigkeiten getaucht werden.
Flüssigkeit nicht verschiebt: Wie Abb. 2.101 zeigt, tritt der Fall ein, dass in
der Kapillare die Flüssigkeit um die Höhe h hö-
13 D 23 C 12 cos ˛ oder her (Kapillaraszension oder kapillare Hebung)
12 cos ˛ D 13  23 : (2.193) oder tiefer steht (Kapillardepression oder kapil-
lare Senkung). Diese Erscheinung wird allgemein
Hinsichtlich der Benetzung gilt: Kapillarität genannt.
Im Folgenden ist die Kapillaraszension (kapil-
0 5 ˛ 5  =2: vollkommene Benetzung (z. B. lare Hebung) von Interesse. Die von der Ober-
Wasser/Glas ˛  0ı ). flächenspannung herrührende Kraft F und
 =2 < ˛ 5  : keine Benetzung (z. B. Quecksil- die Gewichtskraft der angehobenen Flüssigkeits-
ber/Glas ˛ D 140ı ). säule FG müssen gleich groß sein: F D FG .
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 117

Mit Ü 2-50 Die Wassermenge eines Teiches kann


F D l D 2 r und durch einen Schieber abgelassen werden. Dieser
FG D mfl g D V%g D  r h%g
2 hat eine Masse m D 120 kg, er ist h D 1;5 m
hoch und b D 2 m breit. Mit welcher Öffnungs-
ergibt sich kraft muss der Schieber zunächst betätigt werden,
wenn das Wasser bis zum oberen Schieberrand
2 r D  r h%g:
2 steht (Reibungszahl zwischen Führungsschiene
und Schieber  D 0;45)? Wie groß ist diese, nach-
Bei nicht vollständiger Benetzung ist die Steig- dem der Schieber 60 cm hochgezogen wurde?
höhe h vom Randwinkel ˛ abhängig, sodass D
12 cos ˛ gesetzt werden muss. Dann ist Ü 2-51 Ein Wassertropfen mit dem Radius rW D
0;1 cm wird in Tröpfchen mit dem Radius rT D
12 cos ˛2 r D  r 2 h%g: 105 cm zerstäubt. Auf das Wievielfache erhöht
sich die Oberflächenenergie?
Somit gilt für die kapillare Steighöhe

2 12 cos ˛ 2.12.2 Fluide – strömende


hsteig D : (2.194) Flüssigkeiten (Hydrodynamik)
%gr
und Gase (Aerodynamik)
Diese Formel liefert für nicht benetzende Flüssig-
keiten . =2 < ˛ 5  / negative Steighöhen. Sie Strömende Flüssigkeiten und Gase sind Ge-
zeigt ferner, dass die kapillare Hebung bzw. Sen- genstand der Strömungsmechanik. Diese be-
kung umso größer ist, je kleiner der Radius der schreibt den Transport von Massen (Flüssig-
Kapillare ist. keiten oder Gasen) aufgrund der Schwerkraft
Die Kapillarwirkung ist für das Aufsteigen oder von Druckdifferenzen unter Berücksichti-
von Flüssigkeiten in allen porösen Körpern ver- gung der Molekülreibung. In der Hydrodynamik
antwortlich, beispielsweise in Pflanzenfasern, werden die inkompressiblen und in der Aerody-
Dochten oder Mauersteinen. namik die kompressiblen Strömungen untersucht.
Auch Gase sind näherungsweise inkompressibel,
2.12.1.7 Zur Übung wenn ihre Strömungsgeschwindigkeit höchstens
ein Drittel der Schallgeschwindigkeit beträgt. Die
Ü 2-48 In ein teilweise mit Wasser gefülltes U- Strömungsmechanik kann je nach Berücksichti-
Rohr mit der Querschnittsfläche A D 1 cm2 gung der molekularen Reibung in die Strömung
werden in einen Schenkel 4,8 g einer zwei- idealer Flüssigkeiten und Gase und in die Strö-
ten, wasserunlöslichen Flüssigkeit eingefüllt. Der mung realer Flüssigkeiten und Gase eingeteilt
Spiegel dieser Flüssigkeit liegt um den Abstand werden.
a D 1;2 cm über dem Wasserspiegel des anderen
Schenkels. Wie groß ist die Dichte % der Flüssig- 2.12.2.1 Strömungsfeld
keit? Die strömenden Masseteilchen weisen eine räum-
liche Geschwindigkeitsverteilung auf; es liegt
Ü 2-49 Eine Schiffsladung wird in einem ge- ein Strömungsfeld vor (zum Feldbegriff s. Ab-
schlossenen Hafendock gelöscht. Es passiert ein schn. 4.3.1). Das Strömungsfeld ist ein Vektor-
Unfall, bei dem die entladenen Güter ins Was- feld: Es beschreibt die Geschwindigkeitsvektoren
ser fallen, das Schiff durch einen umstürzenden der transportierten Masseteilchen an jedem Ort
Kran leck geschlagen wird und sinkt. Hebt oder für jeden Augenblick. Es kann ortsabhängig (in-
senkt sich der Wasserspiegel, a) wenn die Güter homogen) oder ortsunabhängig (homogen) und
in das Wasser fallen, b) wenn das Schiff unter- zeitabhängig (instationär) oder zeitunabhängig
geht? (stationär) sein. Abb. 2.102 zeigt die divergie-
118 2 Mechanik

Die Darstellung der Ursache des Massentrans-


ports durch eine Feldgröße, welche die Wechsel-
wirkung des Masseteilchens mit der Umgebung
beschreibt, ist ein allgemeines Konzept der Phy-
sik. Wie aus Abb. 2.103 hervorgeht, unterschei-
det sich die Beschreibung des Massentransports
als Folge des Gefälles (Gradienten) des Strö-
mungspotenzials mathematisch nicht von derje-
nigen des Wärmetransports bei einem Tempe-
raturgradienten oder des Ladungstransports bei
einem elektrischen Potenzialgradienten. Ist die
jeweilige Transportgröße (Masse, Wärmemenge,
Ladung) in einem abgegrenzten Raumteil kon-
stant, existieren in diesem Feldbereich also keine
Abb. 2.102 Stromlinien in einer Stromröhre
Quellen oder Senken der Transportgröße, so gilt
für die jeweilige Feldstärke E die Kontinuitäts-
gleichung, nämlich div E D 0, welche die
renden Feldlinien des Strömungsfeldes (Strom- Massenerhaltung, die Wärmeerhaltung oder die
linien) eines Diffusors. Die Tangenten an die Ladungserhaltung beschreibt. Die Verknüpfung
Stromlinien des Strömungsfeldes beschreiben in der Kontinuitätsgleichung mit der Felddefiniti-
jedem Raumpunkt die Richtung der Strömungs- onsgleichung führt in allen Fällen von Abb. 2.103
geschwindigkeit. Von den Stromlinien zu unter- zu einer gleichartigen Differenzialgleichung für
scheiden sind die Bahnlinien einer Strömung, die Potenzialfunktion ', die den räumlichen Ver-
welche die tatsächliche Bewegung der Masse- lauf des Geschwindigkeitspotenzials, der Tempe-
teilchen während der Strömung beschreiben. Die ratur oder des elektrischen Potenzials beschreibt.
Bahnlinien können durch Farbstoffe, Rauch- oder Für das jeweilige Transportproblem ist also die-
Schwebeteilchen (z. B. Bärlappsamen) sichtbar se Differenzialgleichung für die Potenzialfunk-
gemacht werden. Im instationären Zustand ändert tion, die sogenannte Laplace-Gleichung (P. L A -
sich das Stromlinienbild von Augenblick zu Au- PLACE , 1749 bis 1827), unter den geometrischen
genblick: Bis das Masseteilchen auf seiner Bahn Randbedingungen des Transportproblems zu lö-
einen Ort erreicht, hat sich die Geschwindigkeit sen:
an diesem Ort gegenüber dem vorhergehenden
@2 ' @2 ' @2 '
Augenblick schon geändert. Nur in stationären ' D C C D 0: (2.195)
Strömungsfeldern fallen Bahnlinien und Strom- @x 2 @y 2 @z 2
linien zusammen. Die Mathematik hat dafür in der Potenzialtheo-
Abb. 2.102 zeigt die Stromlinien in einem ge- rie eine Vielzahl an Lösungswegen und Lösungen
schlossenen Raumgebiet (Stromröhre). Je größer entwickelt. Experimentell kann die räumliche
die Anzahl der Stromlinien ist, die eine senk- Potenzialverteilung dreidimensional im elektro-
rechte Fläche durchströmen, desto höher ist die lytischen Trog gemäß Abb. (2.104) oder zwei-
Stromdichte durch diese Fläche. In Abb. 2.102 dimensional auf Leitfähigkeitspapier bestimmt
ist die Stromdichte durch die Fläche A1 höher als werden. Dazu werden die Geometrien der Trans-
durch die Fläche A2 . Strömen aus einer Strom- portwege als Elektroden in einem Elektrolyten
röhre mehr Teilchen heraus, als hineinfließen, (z. B. Wasser) bzw. auf Spezialpapier aufge-
dann befindet sich in der Stromröhre eine Quelle, zeichnet, durch das Anlegen einer elektrischen
im umgekehrten Falle eine Senke. Fließen gleich Spannung an die Elektroden die Randbedingun-
viele Teilchen aus der Stromröhre heraus wie gen festgelegt und der Verlauf der elektrischen
hineinfließen, so ist die Stromröhre quellen- und Spannung und damit das Potenzialfeld gemes-
senkenfrei. sen.
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik

Abb. 2.103 Vergleich der Felder in der Hydrodynamik mit den Feldern in der Wärmelehre und in der Elektrizitätslehre
119
120 2 Mechanik

stromdichte jW und die elektrische Stromdichte


jel berechnet werden.

2.12.2.2 Grundgleichungen idealer


(reibungsfreier) Strömungen
Ideale Gase sind Gase, deren Kohäsion vernach-
lässigbar klein ist, und ideale Flüssigkeiten sind
inkompressibel. Die Strömungen idealer Gase
und idealer Flüssigkeiten sind definitionsgemäß
reibungsfrei.

Kontinuitätsgleichung (Durchflussgleichung)
Für den Vektor der Massenstromdichte gilt nach
Abb. 2.103
Abb. 2.104 Elektrolytischer Trog (schematisch) j D %v: (2.196)
Im allgemeinen Fall wird weder die Strömungs-
geschwindigkeit v konstant sein (keine paralle-
le Stromlinien), noch die Fläche A senkrecht
durchströmt werden, wie aus Abb. 2.106 hervor-
geht. Der Anteil des Massenstroms dm,P der ein
kleines Flächenelement dA durchströmt, beträgt
(mit dem Winkel ˛ zwischen dem Strömungsge-
schwindigkeitsvektor v und dem Vektor dA des
Flächenelements, der senkrecht auf der Fläche
dA steht)

Abb. 2.105 Stromlinien bei plötzlicher Querschnittsver- P D jj jjdAj cos ˛ D j dA:


dm (2.197)
änderung (Auftreten eines Eckenwirbels)
Dies bedeutet: Der Anteil des Massestroms dm P
ist gleich dem Skalarprodukt aus der Masse-
Abb. 2.105 zeigt die Stromlinien eines Strö- stromdichte j und dem Flächenelement dA.
mungsfeldes bei einer plötzlichen Querschnitts- Durch Integration über die geschlossene Oberflä-
veränderung, wie man sie mittels eines automati- che ergibt sich der gesamte, durch die Oberfläche
schen Äquipotenziallinienschreibers (Abb. 4.54,
Abschn. 4.3.4) aufzeichnen kann. Werden die
Randbedingungen der Temperatur bzw. des
Drucks durch proportionale elektrische Spannun-
gen nachgebildet, so können im elektrolytischen
Trog auch Probleme des Massentransports (z. B.
Stauzonen) oder des Wärmetransports (z. B.
Wärmebrücken) analysiert werden.
Ist die Potenzialfunktion '.x; y; z/ ermittelt,
können durch Gradientenbidung die räumliche
Feldstärkeverteilung bestimmt und damit die zur
Feldstärke proportionalen Transportflussdichten,
nämlich die Massenstromdichte jH , die Wärme- Abb. 2.106 Zur Kontinuitätsgleichung
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 121

herrschenden Druck p1 die Arbeit W1 D


p1 V1 D p1 A1 s1 aufgebracht werden. Wegen
der Inkompressibilität der Flüssigkeit tritt bei A2
dann ein gleich großes Volumen V2 D V1 D
V aus und verrichtet die Arbeit W2 D p2 V2 D
p2 A2 s2 . Hat das Flüssigkeitsvolumen am Ort
Abb. 2.107 Konstanz des Volumenstroms in einer Strom- der Querschnittsfläche A1 die potenzielle Ener-
röhre (stationäre Strömung) gie %V1 gh1 und die kinetische Energie 12 %V v12
sowie bei A2 die potenzielle Energie %Vgh2
und die kinetische Energie 12 %V v22 , so gilt nach
des eingeschlossenen Volumens ein- und aus- dem Energieerhaltungssatz bei vernachlässigba-
tretende Massenstrom (analog zum elektrischen rer Reibung gemäß Abb. 2.108a
Fluss , (4.123) in Abschn. 4.3.6.1:  
I I 1
dm W D %V v1 C %Vgh1
2

P D
m D j dA D %vdA: (2.198) 2
dt 1 
O O  %V v22 C %Vgh2 :
2
Drei Fälle treten auf:
Mit W D p2 V  p1 V folgt daraus
Quelle: Das Integral ist > 0; 1 1
Senke: Das Integral ist < 0 und p1 C %v12 C%gh1 D p2 C %v22 C%gh2 (2.201)
2 2
Quellenfreiheit: Das Integral ist D 0.
oder allgemein
Quellen- bzw. Senkenfreiheit bedeutet, dass der 1 2
Massenstrom durch ein Volumenelement kon- p C %v C %gh
„ƒ‚… 2
„ƒ‚… „ƒ‚…
stant bleibt. Für eine solche stationäre Strömung
statischer dynamischer geodätischer
existiert eine Kontinuitätsgleichung; sie ergibt Druck Druck Druck
(Staudruck)
sich aus (2.198) für dm=dt D konstant durch In-
tegration zu D pges D konstant: (2.202)

Diese Gleichung wird nach ihrem Entdecker


mP D %1 v1 A1 D %2 v2 A2 D %vA D konstant:
Bernoulli-Gleichung genannt (D. B ERNOULLI,
(2.199)
1700 bis 1782). Sie besagt, dass an jedem Ort für
Bei inkompressiblen Flüssigkeiten ist die Dich-
eine Stromlinie die Summe aus statischem, geo-
te % konstant. Für diese und Gasströmun-
dätischem und dynamischem Druck (Staudruck)
gen mit vernachlässigbaren Druckunterschieden
konstant ist.
geht (2.199) in
Analog zur Energieerhaltung ist in
P
m Abb. 2.108b an der Seite die Druckerhaltung
VP D D Av D konstant (2.200) nach der Bernoulli-Gleichung aufgezeigt. Aus
%
Abb. 2.108a ist erkennbar, dass an Punkt 2
über. Der Volumenstrom VP , das Produkt aus wegen der größeren Fläche A2 die Durchström-
der Querschnittsfläche A und der Strömungs- geschwindigkeit v2 kleiner und damit auch die
geschwindigkeit v D ds=dt, ist entsprechend kinetische Energie bzw. der dynamische Druck
Abb. 2.107 konstant. geringer ist als in Punkt .
1 Zudem ist die Lage
des Punktes 2 tiefer, sodass auch der geodäti-
Bernoulli-Gleichung sche Druck abnimmt. Da aber die Summe aller
Um ein Flüssigkeitsvolumen V1 D A1 s1 Drücke konstant sein muss, hat dies zur Fol-
durch die Querschnittsfläche A1 in die Strö- ge, dass der statische Druck p2 stark zunehmen
mungsröhre einzubringen, muss bei dem dort muss.
122 2 Mechanik

Abb. 2.108 Zur Bernoulli-Gleichung: a Stromröhre, b Druck- und Energieverlauf

Während der geodätische Druck %gh und Die Drucksonde misst durch radiale Öff-
der Betriebsdruck p bereits aus der Mecha- nungen im Mantel der Sonde (parallel zu den
nik der ruhenden Flüssigkeiten und Gase be- Stromlinien) den statischen Druck pstat . Bei den
kannt sind (hydrostatischer Druck, (2.178) in Drucksonden wird meist ein piezoelektrischer
Abschn. 2.12.1.4), tritt der dynamische Druck Drucksensor eingesetzt. Den statischen Druck
(Staudruck) nur in strömenden Medien auf. pstat und den Staudruck pdyn misst das Pitot-
Rohr (H. P ITOT, 1695 bis 1771), das eine
Anwendungen der Kontinuitäts- und der axiale Bohrung hat. Das Prandtl’sche Staurohr
Bernoulli-Gleichung (L. P RANDTL, 1875 bis 1953) ist eine Kombinati-
on von Drucksonde und Pitot-Rohr. Es misst den
Druck- und Volumenstrommessung Differenzdruck zwischen Gesamtdruck und stati-
Abb. 2.109 zeigt die Wirkungsweise von Druck- schem Druck, d. h. den dynamischen Druck bzw.
messern, deren Messgrößen sowie die Berech- den Staudruck pdyn direkt. Sind Druck und Dich-
nungsgleichungen. te konstant, dann eignet sich das Prandtl’sche
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 123

dyn
dyn

Summe aus statischem


Druck und Staudruck

= pstat + pdyn

Abb. 2.109 Messung des Drucks und des Volumenstroms

Staurohr auch zur Bestimmung der Strömungs- ment V


geschwindigkeit v. Für reibungsfreie Strömun-
1 1 WR WK
gen ergibt sich aus (2.202) p1 C %1 v12 D p2 C %2 v22 C C :
2 2 V V
s (2.204)
2pdyn Die Kompressionsarbeit W ist abhängig
vD : (2.203) K
% vom Isentropenexponenten ~ D cp =cv (Ab-
schn. 3.3.4), bei inkompressiblen Medien aber
Mit dem Prandtl’schen Staurohr werden lokale vernachlässigbar. Die Reibungsverluste WR der
Strömungsgeschwindigkeiten ermittelt. Soll der Flüssigkeit oder des Gases an der Grenzschicht
Volumenstrom durch eine Querschnittsfläche A des Drosselgeräts können auch zur Entstehung
nach (2.200) berechnet werden, dann muss durch von Wirbeln führen. Die Verlustanteile in (2.204)
Ausmessen des Strömungsgeschwindigkeitspro- werden mit Hilfe der Expansionszahl " und der
fils über die Querschnittsfläche die mittlere Strö- Durchflusszahl ˛ auf die kinetische Energie der
mungsgeschwindigkeit abgeschätzt werden. Strömung im Drosselgerät bezogen:
Besser geeignet zur Volumenstrommessung v
sind die Drosselgeräte nach DIN EN ISO 5167, u WK
u
mit denen man direkt die mittlere Strömungsge- u
"Du t1  1
V ; (2.205)
schwindigkeit vm misst. In Drosselgeräten wird
%2 v22
durch Düsen oder Blenden der Strömungsquer- 2
v
schnitt vermindert – Abb. 2.110 zeigt drei Aus- u WR
u
führungen – und aus der Differenz der statischen u
Drücke vor und im Bereich der Drosselstelle ˛Du t1  1
V : (2.206)
2
die mittlere Strömungsgeschwindigkeit berech- % v
2 2
2
net. Mit Berücksichtigung der Reibungsarbeit WR
und der Kompressionsverluste WK am Drossel- Werden (2.205) und (2.206) in (2.204) eingesetzt
gerät lautet die Beziehung für ein Volumenele- und die quadratischen Glieder der Verluste ver-
124 2 Mechanik

Abb. 2.110 Drosselgeräte nach DIN EN ISO 5167

nachlässigt, dann ergibt sich der Staudruck a b


 
1 1
%2 v2 D ˛ " p1  p2 C %1 v1
2 2 2 2
2 2

und mit (2.199) die Strömungsgeschwindigkeit


an der Drosselstelle:
v
u 2.p1  p2 / Abb. 2.111 Zum Torricelli’schen Ausflussgesetz
v2 D ˛"uu  : (2.207)
t 2
%2 A2 2 2
%2 1  ˛ "
%1 A21 Gasströmungen liefern einen hohen, leicht mess-
baren Wirkdruck. Bei Blenden ist ˛" < 1 und
Somit beträgt der Volumenstrom stark strömungsabhängig.

VP D A2 v2 Ausfließen von Flüssigkeiten aus Gefäßen


v
u 2.p1  p2 / Ein mit Flüssigkeit gefülltes Gefäß entsprechend
D ˛"A2 u
u  : (2.208)
t %2 A22 2 2 Abb. 2.111 habe in der Höhe h unterhalb des
%2 1  ˛ " Flüssigkeitsspiegels ein Loch, das so klein ist,
%1 A21
dass der Flüssigkeitsspiegel beim Ausströmen
Das Korrekturfaktorprodukt ˛" ist abhängig von kaum sinkt .v1 v2 /. Für das Niveau 1 und das
der Drosselgerätebauweise und von der Stärke Niveau 2 ist der statische Druck gleich dem Luft-
des Volumenstroms. Es muss auf einer Eichstre- druck p0 . Nach der Bernoulli-Gleichung (2.202)
cke bestimmt werden; für Normdrosselgeräte ist gilt
˛" in DIN EN ISO 5167 tabelliert.
Das Venturi-Rohr wird häufig zur Bestim- %v 2 %v 2
%gh1 C 1 C p0 D %gh2 C 2 C p0 :
mung der Strömungsgeschwindigkeit in Flüssig- 2 2
keiten eingesetzt. Bei ihm ist in weiten Volu-
Daraus folgt p
menstrombereichen ˛" D 1; allerdings ist beim
v2 D 2gh: (2.209)
Venturi-Rohr, besonders bei der Messung von
Gasströmen, der Wirkdruck p1  p2 im Vergleich Die Ausflussgeschwindigkeit v2 ist gleich der
zu den anderen Drosselgeräten klein. Blenden in Geschwindigkeit des freien Falls irgendeines
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 125

Körpers (auch der Flüssigkeitssäule) aus der Hö-


he h (Abb. 2.111b). Dies wurde bereits von
E. T ORRICELLI (1608 bis 1647) festgestellt.
Nach (2.199) erhält man den Massenstrom aus
mP D %Av oder
p
P D %A 2gh:
m (2.210)

In der Praxis sind weit geringere Werte für die


Ausflussgeschwindigkeit v2 oder den Massen-
strom mP festzustellen. Dies ist auf zwei Einflüsse Abb. 2.112 Statischer und dynamischer Druck in Abhän-
zurückzuführen: gigkeit von der Geschwindigkeit (Bernoulli-Gleichung)

 Flüssigkeitsreibung: Die Flüssigkeitsreibung


wird durch die Geschwindigkeitsziffer ' be-
rücksichtigt (für Wasser beträgt '  0;97);
 Verengung des austretenden Strahls (Kontrak-
tion): Am Ausflussloch tritt eine Einschnü-
rung des austretenden Flüssigkeitsstrahls ein,
sodass sich der Ausflussquerschnitt verklei-
nert. Der Grad der Einschnürung wird durch
die Kontraktionszahl ˛ berücksichtigt, die von
der Ausflussform abhängt (für scharfkantige
Ausflussöffnungen ˛  0;61).

Das Produkt aus beiden Einflussgrößen ist die


Ausflusszahl Abb. 2.113 Prinzip des Zerstäubers
 D '˛: (2.211)
Mit der Ausflusszahl  müssen die Werte für sich der Betriebsdruck im Steigrohr vermin-
die Ausflussgeschwindigkeit v2 (2.209) und den dert. Der Luftdruck p0 wirkt auf die Flüssig-
Massenstrom m P (2.210) multipliziert werden, keit im Steigrohr, die im Luftstrahl zerstäubt
um realistische Ergebnisse zu erzielen (z. B. für wird.
Wasser bei scharfkantiger Ausflussöffnung  D  Wasserstrahlpumpe: Durch eine Düse wird der
'˛ D 0;59). Wasserstrahl eingeschnürt, sodass am Punkt
A in Abb. 2.114 eine höhere Strömungsge-
Saugeffekt von Strömungen schwindigkeit auftritt (höherer dynamischer
Wie Abb. 2.112 zeigt, nimmt (bei gleichblei- Druck). Der dadurch verminderte statische
bendem geodätischem Druck) mit zunehmender Druck bewirkt, dass Luftteilchen in der Um-
Strömungsgeschwindigkeit v der Betriebsdruck gebung angesaugt werden. Einen angeschlos-
p nach der Bernoulli-Gleichung ab. Dies führt zu senen Rezipienten kann man auf diese Weise
Saugeffekten bei Strömungen. leerpumpen. Die untere Grenze der Wirksam-
keit der Wasserstrahlpumpe wird durch den
 Zerstäuber: Durch ein waagrechtes Rohr Dampfdruck des Wassers gesetzt; bei Raum-
strömt Luft. Die Strömungsgeschwindigkeit temperatur liegt der Grenzwert bei p  2;7 
nimmt im Punkt A in Abb. 2.113 wegen der 103 Pa.
Einengung des Rohrs zu, sodass auch der dy-  Hydrodynamisches (aerodynamisches) Para-
namische Druck an der Stelle A zunimmt und doxon: Ein Flüssigkeits- oder Gasstrahl, der
126 2 Mechanik

Abb. 2.116 Magnus-Effekt

äußere Druck p0 die bewegliche Platte an


den Strahl presst. Dieser Effekt kann leicht
nachvollzogen werden, wenn ein spritzender
Gartenschlauch in einen sich füllenden Eimer
getaucht wird. Wird der Schlauch in Rich-
Abb. 2.114 Prinzip der Wasserstrahlpumpe
tung des Eimerbodens geführt, so wird er kurz
vor dem Boden direkt an den Eimerboden ge-
presst. Mit diesem Effekt ist auch erklärbar,
weshalb sich dicht nebeneinander fahrende
Fahrzeuge anziehen können.
 Magnus-Effekt: Rotiert ein Zylinder in einer
strömenden Flüssigkeit oder in Gas entspre-
chend Abb. 2.116, so nimmt die Strömungs-
geschwindigkeit an der Oberseite zu. Weil
dadurch der statische Druck an der Obersei-
te kleiner wird als an der Unterseite, erfährt
der Zylinder eine senkrecht zur Strömung
wirkende, Magnus-Effekt genannte Kraft F
(H. G. M AGNUS, 1802 bis 1870).

Beispiel 2.12-3
In einer Stahlflasche befindet sich Gas unter
dem Druck pGas . Der äußere Druck beträgt
p0 . Wie groß ist die Ausströmgeschwindigkeit
vaus beim Öffnen des Ventils?

Lösung
Abb. 2.115 Hydrodynamisches Paradoxon Nach der Bernoulli-Gleichung (2.202) gilt im
vorliegenden Fall pGas D %vaus 2
=2 C p0 . Dar-
aus ergibt sich das Ausströmgesetz nach Bun-
gemäß Abb. 2.115 gegen eine bewegliche sen:
Platte gerichtet ist, drückt diese nicht weg, s
sondern zieht sie an. Der statische Druck pstat 2.pGas  p0 /
vaus D : (2.212)
nimmt an der Plattenoberfläche ab, sodass der %
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 127

Strömungsimpuls a b
Geschwindigkeitsänderungen strömender Medi-
en bewirken Impulsänderungen, die nach dem
Impulssatz (Abschn. 2.5.2.1) Kräfte ergeben. Sol-
che Kräfte treten in der Strömungslehre vor allem
beim Verzögern oder Beschleunigen der Medien
sowie beim Umlenken auf. Der Impulssatz wird
im Folgenden auf reibungsfreie, inkompressible
Medien und stationäre Strömungen beschränkt.
Der Vorteil bei der Anwendung des Impulssat-
zes ist, dass nur die Strömungsverhältnisse beim
Eintritt in und Austritt aus dem Strömungsraum
bekannt sein müssen, um die Kraftwirkungen zu
bestimmen, nicht aber die Strömungsvorgänge im Abb. 2.117 Zum Impulssatz in der Hydrodynamik: Was-
serstrahl aus einer Düse a auf eine feststehende Platte,
Inneren des Strömungsraumes. Der Impulssatz b auf eine mit der Geschwindigkeit u bewegte Platte
lautet nach (2.50)
X dp
Fa D :  Abgrenzen des Systems (Strömungsraums)
dt
und Festlegen des Ein- und Austritts des Strö-
Darin ist der Impuls p D mv. Mit der Dichte mungsraums;
% D m=V kann für den Impuls in strömenden  Ermitteln der Querschnitte, der Strömungs-
Medien geschrieben werden geschwindigkeiten und Drücke am Ein- und
Austritt;
p D %V v: (2.213)  Bestimmen der äußeren Kräfte und der Im-
pulskräfte sowie
In inkompressiblen, stationären Strömungen sind  Ermitteln der resultierenden Kraft (grafisch
Dichte und Geschwindigkeit konstant. Dann gilt und analytisch).
für die Impulsänderung
Der Impulssatz spielt bei Wasserkraftmaschinen
dp dV wegen der Strahlablenkung eine wichtige Rolle.
D %v : (2.214)
dt dt Ein Strahl, der aus einer Düse austritt, wird an ei-
ner Wand so umgelenkt, dass er parallel zur Wand
Der Impulssatz für einen beliebigen Strömungs- abströmt. Wird der Strahl wie in Abb. 2.117 senk-
raum lautet damit recht auf eine Platte gerichtet, so gilt für die
X X dV Kraft in x-Richtung Fx D %vdV =dt und wegen
Fa D %v : (2.215) dV =dt D Av
dt
P Fx D %v 2 A: (2.216)
Fa äußere Kräfte, die an den Grenzen des
Strömungsraums von außen angreifen Bewegt sich die Wand mit der Geschwindigkeit
(z. B. Druck- oder Schwerekräfte),
P dV u in Strahlrichtung, dann nimmt die Kraft ab
%v Impulskräfte, die an den Grenzen des (Abb. 2.117b):
dt
Strömungsraums nach außen wirken.
Fx D %A.v  u/2 : (2.217)
Das Vorzeichen ist beim Eintritt in den Strö-
mungsraum positiv und beim Verlassen negativ. Je nach Form der Wand und Auftreffwinkel des
Bei der Anwendung des Impulssatzes ist folgen- Strahls ergeben sich unterschiedliche Kräfte bzw.
de Vorgehensweise zweckmäßig: Drehmomente.
128 2 Mechanik

a  d 2
Druckkraft Fp1 D p1 A D p1 ,
4
dV
Impulskraft FI1 D %v D %Av 2 D
dt
 d 2
%v 2 .
4
Kräfte am Austritt
2 (gegen die Strömungs-
richtung):

 d 2
Druckkraft Fp2 D p2 A D p2 ;
4
 d 2
Impulskraft FI2 D %v 2 :
4
Nach dem Kräftedreieck in Abb. 2.118b ist
˛ Fres 1
sin D 2
:
2 2  d  d 2
%v 2 C p1
4 4

b
Daraus folgt

 d 2 ˛
Fres D .p1 C %v 2 / sin : (2.218)
2 2
Man erhält mit v D 4VP =d 2   D 25;46 m=s,
% D 103 kg=m3 und ˛ D 90ı

Fres D 12;76 kN:


Abb. 2.118 Beispiel 2.12-4 Kräfte in einem durchström-
ten Rohrkrümmer Die Kraft FSchr auf die Flanschschrauben ist
gleich der Summe aus der Druckkraft Fp und
der Impulskraft FI :
Beispiel 2.12-4
Ein Rohrkrümmer von 90ı hat einen Durch-  d 2
FSchr D Fp1 C FI1 D .p1 C %v 2 /
messer (Nennweite) d D 10 cm. Bei einem 4
äußeren Druck p D 5  105 Pa fließen VP D D 9;0 kN:
0;2 m3 =s Wasser hindurch. Der Krümmer ist
am Eintritt und am Austritt an ein gera- Strömungs-Drehimpuls
des Rohrstück angeflanscht. Berechnet wer- Ein Masseteilchen dm, das sich gemäß
den sollen die resultierende Kraft Fres auf den Abb. 2.119 im Abstand r von einem Bezugspunkt
Krümmer und die Kraft FSchr auf die Flansch- D mit der Geschwindigkeit v bewegt, besitzt be-
schrauben entsprechend Abb. 2.118. züglich D den Drehimpuls

dL D dmr  v:
Lösung
Die Geschwindigkeiten am Ein- und Austritt Mit der Umfangsgeschwindigkeit vu gilt für den
sind v1 D v2 D v. Betrag des Drehimpulses
Kräfte am Eintritt
1 (in Strömungsrich-
tung): dL D dmrvu :
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 129

moment M1 . Es ergibt sich aus der Änderung des


Drehimpulses L.
Maßgebend sind die Komponenten der
Geschwindigkeiten in Umfangsrichtung vu2
bzw. vu1 . Nach (2.219) ist

dV
M D% .vu2 r2  vu1 r1 /: (2.220)
dt
Bei Pumpen ist das feststehende Leitrad dem
Laufrad zur Druckerhöhung nachgeschaltet. Des-
halb sind die Komponenten der Umfangsge-
schwindigkeiten vu2 kleiner als vu1 , sodass
nach (2.220) ein verzögerndes Moment auftritt.
In Abb. 2.121 sind die Strömungsverhältnis-
Abb. 2.119 Zum Drehimpulssatz se für radiale Laufräder in Turbinen und Pumpen
vergleichend gegenübergestellt. Hierin sind

Nach dem Drehimpulssatz (2.103) ist die zeitli- u Umfangsgeschwindigkeit am Laufrad (u D


che Änderung des Drehimpulses mit einem auf- !r),
tretenden Moment verknüpft: v relative Strömungsgeschwindigkeit des Medi-
ums,
M D mrvP u: (2.219) c absolute Strömungsgeschwindigkeit des Flui-
dums, bezogen auf die ruhende Umgebung,
Das in einer Turbine dem Laufrad vorgeschalte- cm Mediankomponente von c,
te Leitrad in Abb. 2.120 steht fest. In ihm wird cu Umfangskomponente von c.
die Strömung von der Geschwindigkeit v1 auf
die Geschwindigkeit v2 beschleunigt. Das auf die Für die Berechnung des Drehmomentes M ist die
Leitschaufeln ausgeübte Drehmoment M ist die absolute Strömungsgeschwindigkeit am Umfang
Differenz aus Austrittsmoment M2 und Eintritts- cu von Bedeutung. Aus dem Geschwindigkeits-
diagramm am Eintritt bzw. am Austritt lässt sich
durch Messen der Umlaufgeschwindigkeit u des
Laufrades und der relativen Strömungsgeschwin-
digkeit v des Mediums über Vektoraddition die
absolute Strömungsgeschwindigkeit c D u C v
ermitteln. Diese lässt sich in eine Komponente,
die in die Mitte weist (Mediankomponente cm )
und eine Komponente, die am Umfang angreift
(cu ), zerlegen. Daraus ergibt sich nach (2.220) das
Drehmoment für eine Turbine:
dV
M D% .cu1 r1  cu2 r2 /: (2.221)
dt
Bei Pumpen werden die Indizes im Klammer-
ausdruck vertauscht. Die Leistung des Laufrades
kann aus P D M! ermittelt oder aus der Fall-
Abb. 2.120 Turbinenleitrad, schematisch
höhe HF der Turbine und dem Volumenstrom
130

Abb. 2.121 Strömungsverhältnisse in den Laufrädern von Turbinen und Pumpen


2 Mechanik
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 131

dV =dt errechnet werden: 2.12.2.3 Zur Übung


dV
P D M! D %gHF : (2.222)
dt Ü 2-52 Zur Messung des Volumenstroms in ei-
Wird diese Gleichung nach der Fallhöhe HF um- ner horizontalen Wasserzuführung (% D 1 kg=
gestellt und für M (2.221) eingesetzt (! D v=r), dm3 ) mit einem Rohrdurchmesser dR D 10 cm
dann ergibt sich die Euler’sche Gleichung für die wird ein Venturi-Rohr eingebaut, das an einer
Turbine: Verengung einen Durchmesser dV D 7;5 cm auf-
1 weist. Es wird ein Volumenstrom VP D 2 l=s
HF D .cu1 u1  cu2 u2 /: (2.223)
g gemessen. Welcher Druckunterschied wird ange-
zeigt (˛" D 1)?
(Für Pumpen werden die Indizes in dem Klam-
merausdruck vertauscht.) Als Folge von Ver- Ü 2-53 Durch ein Rohr mit einem Durchmes-
lusten wird die wirkliche Fallhöhe HF;real einer ser d D 40 mm fließt bei einem Druck p1 D
Turbine kleiner, die wirkliche Förderhöhe HF;real 3  105 Pa Wasser mit einer Geschwindigkeit v D
einer Pumpe größer sein, als sich aus (2.223) er- 4 m=s. Welcher Druck entsteht, wenn der Rohr-
gibt. durchmesser an einer Stelle wegen Verkalkung
Ist eine Strömung drehimpulsfrei, gilt für die nur noch 65 % des ursprünglichen Durchmessers
Turbine cu2 D 0, für die Pumpe cu1 D 0. Für die beträgt?
Fallhöhe HFT einer Turbine bzw. die Förderhöhe
HFP einer Pumpe ergibt sich dann Ü 2-54 Ein Behälter ist immer mit Wasser bis
1 zur Höhe h D 4 m gefüllt. An der Seite ist
HFT D cu1 u1 bzw: h0 D 4 cm vom Boden entfernt eine Ausström-
g
öffnung mit einem Durchmesser d D 2 cm
1
HFP D cu2 u2 : (2.224) angebracht. Welcher Wasserstrom fließt aus der
g
Öffnung, wenn a) keine Reibung berücksichtigt
wird, b) die Geschwindigkeitsziffer ' D 0;97
Beispiel 2.12-5 und die Kontraktionszahl ˛ D 0;82 ist sowie c)
Eine Förderpumpe (Radialkreiselpumpe) hat zusätzlich zu a) ein Überdruck p D 2  105 Pa
einen Laufraddurchmesser d D 250 mm und wirkt?
läuft mit einer Drehzahl n D 2950 min1 . Die
absolute Austrittsgeschwindigkeit ist c2 D Ü 2-55 In einem Wasserkraftwerk steht eine Tur-
35 m=s, und der Winkel zwischen c2 und bine, die einen Volumenstrom VP D 10 m3 =s ver-
der Umfangsgeschwindigkeit u2 beträgt 30ı . arbeitet. Die Druckleitung hat einen Durchmesser
Berechnet werden soll die Förderhöhe bei d D 1;2 m und einen Druck p D 6  105 Pa. Be-
drehimpulsfreier Strömung (unter Vernachläs- rechnet werden sollen a) die Geschwindigkeit des
sigung der Reibung). Wassers im Druckrohr, b) die Geschwindigkeit
des austretenden Wasserstrahls, wenn der Druck
Lösung an der Düsenöffnung noch p D 1;1  105 Pa be-
Nach (2.224) gilt für die Förderhöhe bei dreh- trägt und c) die Höhendifferenz zwischen Turbine
impulsfreier Anströmung und Oberfläche des Sees, aus dem das Wasser in
1 die Turbine fließt.
HFP D cu2 u2 :
g
Ü 2-56 Ein Prandtl-Rohr ist mit Alkohol gefüllt
Es ist u2 D !r2 D 2   n  r2 und cu2 D (% D 0;9 kg=dm3) und wird in ein Flugzeug
c2  cos.30ı /; somit erhält man eingebaut. Es zeigt eine Höhendifferenz h D
20 cm. Wie groß ist die Flugzeuggeschwindig-
1 ı keit, wenn die Dichte der Luft 1;27 kg=m3 be-
HFP D c2  cos.30 /2 nr2 D 119;3 m:
g trägt?
132 2 Mechanik

Abb. 2.122 Zum Newton’schen Reibungsgesetz: a lineares Geschwindigkeitsgefälle, b Abgleiten der Flüssigkeits-
schichten

2.12.2.4 Strömungen realer Flüssigkeiten schwindigkeit v parallel zur ruhenden Wand zu


und Gase verschieben, ist proportional zur Fläche A und
zum Geschwindigkeitsgefälle dv=dx:
Laminare Strömung und innere Reibung
In diesem Abschnitt werden, wie im vorigen, die dv
FR D A : (2.225)
inkompressiblen Flüssigkeiten und Gase unter dx
dem Begriff Fluide zusammengefasst. Zwischen
Mit FR =A als der Schubspannung
gilt auch
den Molekülen eines Fluidums wirken Kohäsi-
onskräfte (Abschn. 2.12.1.6). Aus diesem Grund dv
treten bei der Strömung zwischenmolekulare Rei-
D : (2.226)
dx
bungskräfte auf, deren Wirkung innere Reibung
genannt wird. Dieses Gesetz wird nach seinem Entdecker New-
Zwischen zwei Platten der Dicke d befinde ton’sches Reibungsgesetz genannt. Der Propor-
sich eine Flüssigkeit, wie Abb. 2.122a zeigt. Die tionalitätsfaktor  ist die dynamische Viskosität
untere Platte 1 ist in Ruhe (v D 0), während die (Zähigkeit). Sie hat die Einheit N s=m D Pa s
2

obere Platte 2 mit der konstanten Geschwindig- (Pascalsekunde).


keit v D v0 nach rechts bewegt wird. Da somit Der Kehrwert der dynamischen Viskosität  ist
die obere Flüssigkeitsschicht die Geschwindig- die Fluidität:
1
keit v0 hat und die untere keine Geschwindig- 'D (2.227)

keit aufweist, entsteht in der Flüssigkeitsschicht
ein Geschwindigkeitsgefälle 0 5 v 5 v0 . Da mit der Einheit m2 =.N s/. Das Verhältnis der
dieses nicht, wie in Abb. 2.122a gezeichnet, li- dynamischen Viskosität  zur Dichte % des Me-
near zu sein braucht, wird ein differenzielles diums wird als kinematische Zähigkeit  bezeich-
Geschwindigkeitsgefälle dv=dx definiert. Gleiten net:

die einzelnen Flüssigkeitsschichten (Lamina- D I (2.228)
%
te) mit verschiedenen Geschwindigkeiten über-
einander hinweg, ohne sich zu vermischen ihre Einheit ist m2 =s. Die dynamische Viskosi-
(Abb. 2.122), wird diese Strömung als laminare tät  ist ein Materialwert, der stark temperatur-
Strömung bezeichnet. und druckabhängig ist. Die Temperaturabhängig-
Das durch die Reibung verursachte Überein- keit kann näherungsweise mit
andergleiten der Flüssigkeitsschichten kann auch
b
bei einem durch eine Scherkraft verschobenen  D Ae T (2.229)
Papierstoß beobachtet werden, wobei die einzel-
nen Papierbögen die Flüssigkeitsschichten sind. beschrieben werden. Hierbei sind A und b em-
Die Reibungskraft FR , die notwendig ist, um pirisch ermittelte Konstanten. Die dynamische
eine Platte der Fläche A mit der konstanten Ge- Viskosität von Gasen ist sehr viel geringer als
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 133

die von Flüssigkeiten, unabhängig vom Gasdruck


und nimmt mit steigender Temperatur proportio-
nal zur steigenden mittleren Geschwindigkeit der
Gasmoleküle zu.
Stoffe, für die das Newton’sche Reibungsge-
setz (2.226) nicht gilt, wie beispielsweise für
Fette, werden nichtnewton’sche Substanzen ge-
nannt. Sie sind Sonderfälle, für die alle folgenden
Überlegungen nicht gelten.

Anwendung des Reibungsgesetzes

Laminare Rohrströmung
Bei einer laminaren Strömung durch ein Rohr
haftet die Flüssigkeit am Rand und bewegt sich
in der Mitte am schnellsten. Die Strömung kann
zusammengesetzt gedacht werden aus dünnen
Hohlzylindern, die reibungsbehaftet aneinander
vorbeigleiten. Abb. 2.123 zeigt die Geschwin-
digkeitsverteilung in einer Rohrströmung. Ein Abb. 2.123 Laminare Rohrströmung nach dem Hagen-
Flüssigkeitszylinder mit dem Radius r gleitet Poiseuille’schen Gesetz
am angrenzenden Hohlzylinder (rot) ab. An der
Grenzfläche ist die Druckkraft Fp gleich der Rei-
Hagen-Poiseuille’sche Gesetz (G. H AGEN, 1797
bungskraft FR : Fp D FR . Aus
bis 1884; J. L. M. P OISEUILLE, 1799 bis 1869):
dv p1  p2 2
.p1  p2 / r 2 D A bzw: v.r/ D .R  r 2 /: (2.230)
dr 4l
dv
.p1  p2 / r 2 D 2 rl
dr Gleichung (2.230) beschreibt einen parabelför-
migen Verlauf der Geschwindigkeit in Abhängig-
ergibt sich keit vom Radius. Der Massenstrom dm P errech-
net sich nach (2.198) aus dmP D %v.r/dA D
2l
rdr D  dv: 2 %v.r/r dr. Wird v.r/ nach dem Hagen-
.p1  p2 / Poisseuille’schen Gesetz eingesetzt und inte-
griert, dann resultiert
Durch Integration wird daraus
ZR
4l dm % .p1  p2 / 2
r D
2
v C C: P D
m D .R  r 2 /rdr
.p1  p2 / dt 2l
0

Mit der Randbedingung, dass bei r D R die Strö- oder


mungsgeschwindigkeit v D 0 ist, erhält man die % R4 .p1  p2 /
Integrationskonstante C D R2 und es gilt P D
m : (2.231)
8l
4l P D %VP ergibt sich der Volumenstrom VP des
Mit m
r2 D  v C R2 :
.p1  p2 / Durchflusses durch das Rohr:

 R4 .p1  p2 /
Wird diese Gleichung nach der Strömungsge- VP D : (2.232)
schwindigkeit v aufgelöst, so ergibt sich das 8l
134 2 Mechanik

Diese Gleichung zeigt, dass der Volumenstrom


bzw. der Massenstrom durch Vergrößerung des
Radius (VP R4 ) wesentlich mehr gesteigert
werden kann als durch die Erhöhung der Druck-
differenz (VP .p1  p2 /). Beispielsweise wird
bei der Verdoppelung des Rohrradius R das
Durchflussvolumen 16-mal größer. Ferner folgt
aus dieser Gleichung, dass bei konstantem Quer-
schnitt A der Druckabfall .p1  p2 / proportional
zur Rohrlänge l ist:

.p1  p2 / l: (2.233)

Aus der Bedingung, dass die Reibungskraft FR


gleich der an den Rohrenden wirkenden Druck-
kraft Fp ist, lässt sich die Reibungskraft

FR D Fp D .p1  p2 /A D .p1  p2 / R2 Abb. 2.124 Höppler-Kugelfallviskosimeter. Werkfoto:


Haake

bestimmen. Wird p1  p2 aus (2.232) eingesetzt,


so ergibt sich 41 % des ursprünglichen Warmwasserstroms
erhalten.
VP
FR D 8l :
R2 Laminare Umströmung
Durch eine ähnliche Rechnung wie für das
Der Volumenstrom VP hängt über die Beziehung Hagen-Poiseuille’sche Gesetz ergibt sich für
VP D  R2 vm mit der mittleren Strömungsge- die Reibungskraft bei der laminaren Umströ-
schwindigkeit vm zusammen, sodass für die Rei- mung einer Kugel das Stokes’sche Reibungsge-
bungskraft FR gilt setz (C. G. S TOKES, 1819 bis 1903):

FR D 8 lvm : (2.234) FR D 6 rv (2.235)

Beispiel 2.12-6 mit v als der Relativgeschwindigkeit zwischen


In einem Warmwasserrohr verringert sich in- Kugel und Flüssigkeit und r als dem Radius der
folge von Kalkablagerungen der Rohrdurch- Kugel.
messer um 20 %. Berechnet werden soll die Durch Bestimmung der Sinkgeschwindig-
P
prozentuale Änderung des Massenstroms m. keit v einer Kugel in einem Rohr konstan-
ten Querschnitts kann die dynamische Visko-
Lösung sität  bestimmt werden. Abb. 2.124 zeigt
Nach (2.231) verhält sich das in der Praxis weit verbreitete Höppler-
Kugelfallviskosimeter. Die Reibungskraft FR er-
P Kalk
m R 4
0;8 4 rechnet sich aus der Differenz zwischen der Ge-
D Kalk D D 0;41: wichtskraft FG und der Auftriebskraft FA zu
mP0 R04 14
FR D FG  FA . Aus
Bei dieser Verringerung des Rohrdurchmes-
sers durch Verkalken bleiben also nur noch 6 rv D %K VK g  %Fl VFl g
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 135

folgen mit dem Kugelvolumen VK D 43  r 3 parallel verlaufen, ändern sich in der turbulenten
Strömung die Geschwindigkeitsvektoren ständig
2gr 2 .%K  %Fl / nach Richtung und Größe. Streng genommen ist
vD und (2.236)
9 eine turbulente Strömung deshalb immer insta-
2gr 2 .%K  %Fl / tionär. Als stationär wird sie angesehen, wenn die
D : (2.237) über den Querschnitt gemittelte Geschwindigkeit
9v
von der Zeit unabhängig ist.
Bernoulli-Gleichung bei Newton’scher Eine Wirbelbildung tritt auf, wenn sich die
Reibung Flüssigkeitsschichten ablösen. Die Entstehung
Die Reibungskraft verursacht in der Stromröhre von Wirbeln kann modellmäßig erklärt werden.
(Abb. 2.102) einen Druckverlust pV und vermin- Abb. 2.125a zeigt den reibungsfreien Idealfall.
dert dadurch die Druckdifferenz p1  p2 . Wird Während an den Punkten A und C die Strö-
die Bernoulli-Gleichung (2.201) um den Druck- mungsgeschwindigkeit v D 0 und deshalb nach
verlust erweitert, so ergibt sich der Bernoulli-Gleichung der statische Druck ma-
ximal ist, wird an den Punkten B und D die
%v12 %v 2 Geschwindigkeit am größten (v D vmax ) und des-
%gh1 C C p1 D %gh2 C 2 C p2 C pV :
2 2 halb der Druck am geringsten. Ohne Wirkung
(2.238) einer Reibungskraft werden die Flüssigkeitsteil-
chen von A nach B beschleunigt und durch die
In der Praxis wird der Druckverlust oft als Ver-
zunehmende Druckkraft von B nach C auf v D
lusthöhe hV angegeben:
0 wieder abgebremst; Entsprechendes gilt für
den Weg ADC. Unter der Wirkung von Rei-
pV D %ghV : (2.239)
bungskräften werden die Flüssigkeitsteilchen vor
dem Punkt C zur Ruhe kommen. Die Reibungs-
Die Verlusthöhe hV ist diejenige Höhe, um die
kraft wird sie zwingen, ihre Richtung zu ändern.
der Zufluss angehoben werden muss, um am Aus-
Dadurch treten Wirbel auf, die nach dem Dre-
fluss aus der Stromröhre denselben Druck wie im
himpulserhaltungssatz (Abschn. 2.8.4) paarweise
reibungsfreien Fall zu erzeugen.
auftreten (Abb. 2.125b).
Für die Verlusthöhe hV in geraden Rohrleitun-
Die Widerstandskraft FW setzt sich aus
gen mit konstantem Querschnitt gilt das Rohrwi-
zwei Anteilen zusammen. Dies verdeutlicht
derstandsgesetz
Abb. 2.126.
l v2
hV D  : (2.240)  Reibungswiderstandskraft FR (z. B. längs ei-
d 2g
ner überströmten Platte, Abb. 2.126a). Dies ist
Hierin sind die bei der Strömung wirkende Reibungskraft.
Nach einer bestimmten „Lauflänge“ entlang
l Länge der Rohrleitung, der Platte wird die Grenzschicht der Strö-
d Durchmesser des Rohres, mung turbulent. Der Umschlag in Turbulenz
v Strömungsgeschwindigkeit, hängt von der Form der Plattenvorderkante,
g D 9;81 m=s2 Fallbeschleunigung. aber auch von der Rauigkeit der Oberfläche ab.
 Druckwiderstandskraft FD (z. B. quer ange-
Der dimensionslose Proportionalitätsfaktor  ist strömte Platte, Abb. 2.126b). Beispielsweise
die Rohrreibungszahl. Sie ist stark abhängig von bilden sich auf der Rückseite einer quer ange-
der Oberflächenrauigkeit und der Reynoldszahl. strömten Platte Wirbel, in denen sich die Flüs-
sigkeitsteilchen sehr schnell bewegen. Nach
Umströmen von Körpern der Bernoulli-Gleichung hat dies einen ver-
Während bei der laminaren Strömung die Ge- minderten statischen Druck zur Folge. Da-
schwindigkeitsvektoren der Flüssigkeitsteilchen durch entsteht eine Druckdifferenz vor und
136 2 Mechanik

a b

Abb. 2.125 Umströmung von zylindrischen Körpern

Abb. 2.126 Widerstände bei Strömungen

hinter der Platte. Die dieser Druckdifferenz Sie nimmt quadratisch mit der Strömungsge-
entsprechende Kraft ist die Druckwiderstands- schwindigkeit zu.
kraft. Sie tritt auch bei Umlenkungen und Der Proportionalitätsfaktor cW in (2.242) ist
Querschnittsveränderungen auf. Sie ist pro- dimensionslos und wird Widerstandsbeiwert ge-
portional zum Staudruck und zur angeström- nannt. Man misst ihn experimentell im Wind-
ten Stirnfläche A, d. h. dem in Strömungsrich- kanal, und er ist nur bei Vernachlässigung der
tung wirkenden Profil: Reibungswiderstandskraft konstant, d. h. bei ho-
% hen Anströmgeschwindigkeiten. Abb. 2.127 zeigt
FD D cD v 2 A: (2.241) einen Pkw im Strömungskanal. In Abb. 2.128
2
sind einige Widerstandsbeiwerte cW für un-
cD ist der Druckwiderstandsbeiwert. Für den ge- terschiedliche Anströmgeometrien zusammenge-
samten Widerstand (Abb. 2.126c) ergibt sich die stellt. Ein Körper in Stromlinienform mit cW D
Widerstandskraft aus 0;055 zeigt den geringsten Widerstandsbeiwert.
% Diese Geometrie hat die Besonderheit, dass der
FW D FR C FD D cw Av 2 : (2.242)
2 Druckabfall entlang des Körpers so langsam
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 137

Abb. 2.127 PKW (Audi A6) mit dem Widerstandsbeiwert cW D 0;30 im Windkanal. Werkfoto: Audi

stattfindet, dass keine Wirbel auftreten können. nes umströmten Profils zeigt, bildet sich zunächst
In der Praxis würden bei Fahrzeugen dadurch al- eine laminare Grenzschicht aus. In diesem Be-
lerdings sehr lange Heckteile notwendig werden. reich werden die Teilchen beschleunigt. Bei der
Um sie zu verkürzen und trotzdem günstige cW - weiteren Strömung entlang der Platte nimmt der
Werte zu erreichen, wird das Strömungsprofil nur Strömungsdruck zu, sodass wegen der jetzt be-
schwach verjüngt und dann plötzlich senkrecht ginnenden Verzögerung der strömenden Teilchen
mit einer Abrisskante begrenzt. Die störende Rei- eine Wirbelbildung einsetzt. Es entsteht auf ei-
bungswirkung von Wirbeln kann auch dadurch ner laminaren Grenzschicht eine turbulente Strö-
gemildert werden, dass die Wirbel durch Schlitze mung.
an der Oberfläche abgesaugt werden. Die Leis- Der Begriff Grenzschicht wurde von
tung, die gegen eine turbulente Strömung aufge- L. P RANDTL (1875 bis 1957) in die Strömungs-
bracht werden muss, errechnet sich wegen P D lehre eingeführt. Die Grenzschichtdicke Dl der
F v zu laminaren Strömung nimmt mit p zunehmender
% Länge des Profils proportional zu l zu. Sie ist
P D cW Av 3 : (2.243) umso dünner, je kleiner die Viskosität ist. Die
2
Grenzschichtdicke Dl kann folgendermaßen ab-
Die Strömungsleistung nimmt also mit der dritten geschätzt werden:
Potenz der Anströmgeschwindigkeit zu. (Bei der Wird eine Platte der Fläche A und der Län-
Verdopplung der Anströmgeschwindigkeit z. B. ge l mit der konstanten Geschwindigkeit v durch
verachtfacht sich die Strömungsleistung.) eine Flüssigkeitsschicht gezogen, dann muss
Bei der Umströmung von Körpern bildet sich nach (2.225) die Reibungskraft
eine Grenzschicht D aus, innerhalb der die Strö-
mungsgeschwindigkeit von v D 0 auf den vollen v
FR D 2A
Wert ansteigt. Wie Abb. 2.129 am Beispiel ei- Dl
138 2 Mechanik

Für die Grenzschichtdicke Dl ergibt sich daraus:


s r
l l
Dl  2 D 2 : (2.244)
%v v

Für die turbulente Strömung sind die Vorgänge


wegen der Wirbelbildung komplizierter. Glei-
chungen zur Berechnung der Dicke der Grenz-
schicht einer laminaren Strömung D1 und der
einer turbulenten Strömung Dt sind für eine ebe-
ne Platte in Abb. 2.129 aufgeführt.

Ähnlichkeitsgesetze
Um Vorgänge der Strömungsmechanik im Labor-
maßstab studieren und um strömungsmechani-
sche Anlagen, z. B. Wasserkraftwerke, entwerfen
zu können, werden im verkleinerten Maßstab
Modelle angefertigt. Damit man richtige Aussa-
gen erhält, muss das Modell dem Original ähnlich
sein. Wie Abb. 2.130 zeigt, muss für strömungs-
mechanische Modelle Ähnlichkeit in zwei Berei-
chen vorliegen:

 Geometrische Ähnlichkeit: Modell und Origi-


nal müssen in ihren geometrischen Abmes-
sungen proportional sein (Länge, Fläche und
Volumen). Ein besonderes Problem ist die Ab-
Abb. 2.128 Widerstandsbeiwerte unterschiedlicher Kör- bildung der Oberflächenrauigkeit;
per  hydromechanische Ähnlichkeit: Modell und
Original müssen in ihren hydromechanischen
Eigenschaften proportional sein (Geschwin-
aufgebracht werden. Die zu beiden Seiten der
digkeit, Beschleunigung, Kraft, Dichte, Visko-
Platte mitgenommene Flüssigkeit der Masse
sität und kinematische Zähigkeit).
m  2ADl %
Nach O. R EYNOLDS (1842 bis 1912) ist die
hydrodynamische Ähnlichkeit erreicht, wenn ei-
bewegt sich im Mittel mit der halben Geschwin-
ne dimensionslose Zahl, die nach ihm benannte
digkeit der Platte und erfährt in der Zeitspanne
Reynoldszahl Re, von Original und Modell über-
t D l=v einen Impulszuwachs von
einstimmen.
v v
p D m  2ADl % : Reynoldszahl Re
2 2
Die Reynoldszahl lässt sich anschaulich aus den
Nach dem Newton’schen Grundgesetz (2.24) gilt Geschwindigkeitsverhältnissen zweier umström-
ter ähnlicher Körper nach Abb. 2.131 herleiten.
p v 2ADl %v=2 Körper A hat die Dicke LA und eine Grenz-
FR D D 2A  :
t Dl l=v schichtdicke von DA . Wird der Körper A um
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 139

Abb. 2.129 Laminare und turbulente Grenzschichtbildung bei der Umströmung von Körpern

Abb. 2.131 Strömungsverhältnisse um ähnliche Körper

Abb. 2.130 Geometrische und hydromechanische Ähn-


lichkeit
140 2 Mechanik

einen konstanten geometrischen Faktor verklei- Tab. 2.10 Kritische Reynoldszahl Rekrit sowie Rohrrei-
nert, dann entsteht eine entsprechende Geometrie bungszahl  bzw. Widerstandsbeiwert cW (bei Re
Rekrit ) für verschiedene Strömungsgeometrien
für den Körper B.
Wegen der Kontinuitätsgleichung (2.199) blei- Rekrit I cW
64
ben die Geschwindigkeitsverhältnisse gleich, kreisrundes Rohr 2320 D
Re
wenn gilt: vA0 =vA D vB0 =vB . Damit ändern
24
sich auch die Verhältnisse der anderen Grö- Kugel 1;7  105 bis cW D
4  105 Re
ßen entsprechend, sodass für die Grenzschichtdi-
cken D und die charakteristischen Längen L gilt: 1;328
Platte 3;2  105 bis 106 cW D p
DA =DB D LA =LB . Mit (2.244) für die Grenz- (längs angeströmt) Re
schichtdicke D erhält man:
s
A LA %B vB LA Bei turbulenten Strömungen spielt die Ober-
D : (2.245) flächenrauigkeit k eine wichtige Rolle. Sie hängt
%A vA B LB LB
sehr von der Bearbeitung der Werkstückoberflä-
Daraus ergibt sich folgende Gleichung: che ab. Die Rauigkeitswerte dieser Oberflächen
werden ermittelt, indem man ihre Strömungs-
vA LA %A vB LB %B widerstände vergleicht mit denen, die künst-
D : lich erzeugte Sandrauigkeiten verursachen. In
A B
Abb. 2.132 ist für Rohre das Rohrreibungszahl-
Der Ausdruck vL%= ist die dimensionslose (), -Reynoldszahl-(Re)-Diagramm dargestellt.
Reynoldszahl Re. Es gilt also: Es ist doppeltlogarithmisch ausgeführt und zeigt
vier Bereiche:
vL% vL
Re D D : (2.246)
   Laminarer Bereich (schräg abwärts geneigte
Gerade für  D 64=Re; Re < 2320);
Hierbei ist v die Strömungsgeschwindigkeit und  turbulenter Bereich (Re > 2320) und zwar für
L eine charakteristische Länge. Diese wird durch – hydraulisch glatte Rohre (k D 0; Kurve a;
den Versuchsaufbau bestimmt, mit dem die  D f(Re)) und für
Reynoldszahl gemessen wird (z. B. ein Rohr- – hydraulisch raue Rohre (Bereich II;  D
oder Kugeldurchmesser oder die Länge einer f.k=D// sowie das
Platte).  ist die dynamische,  die kinematische – Übergangsgebiet (Bereich I;  D
Viskosität. Durch den Zusammenhang mit der f.Re; k=D//.
Viskosität ist die Reynoldszahl temperatur- und
bei Gasen auch druckabhängig. Der in der Praxis wichtige Bereich ist in
Bei einer laminaren Strömung ist Re < Rekrit Abb. 2.132 hervorgehoben. Tab. 2.11 zeigt den
mit Rekrit als der kritischen Reynoldszahl. Die Zusammenhang zwischen der Rohrreibungszahl
Strömung ist turbulent, wenn Re > Rekrit ist.  bzw. dem Widerstandsbeiwert cW und der
Der Umschlag der beiden Zustände (bei Rekrit / ist Reynoldszahl Re für Rohre und Platten in diesen
nicht sprunghaft und hängt beispielsweise auch vier Strömungsgebieten.
von der Störfreiheit an der Einlaufstelle ab.
Tab. 2.10 zeigt die kritischen Reynoldszahlen Beispiel 2.12-7
und die Widerstandsbeiwerte für ein kreisrundes Das Modell eines Pkw wird im Maßstab 1:10
Rohr, eine Kugel und eine Platte im Laminar- im Windkanal erprobt. Berechnet werden soll
bereich. (Für ein kreisrundes Rohr wird statt cW die Anblasgeschwindigkeit v2 , wenn die Strö-
üblicherweise die Rohrreibungszahl  verwendet, mungsverhältnisse des Fahrzeugs bei einer
s. (2.240).) Fahrtgeschwindigkeit v1 D 120 km=h un-
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 141

Abb. 2.132 Rohrreibungszahl-()-Reynoldszahl-(Re)-Diagramm: k Rauigkeit, D Rohrdurchmesser, k=D relative


Rauigkeit (aus: Wärmetechnische Arbeitsmappe, VDI-Verlag 1980)

tersucht werden sollen (gleiche kinematische Froudezahl Fr


Zähigkeit v1 D v2 /. Die Froudezahl Fr (F ROUDE, 1810 bis 1879) ist
ebenfalls eine dimensionslose Kennzahl und be-
Lösung schreibt ähnliche Strömungen, bei denen vor al-
Da die Reynoldszahlen vom Original (1) lem die Schwerkraft FG von Bedeutung ist. Dies
und Modell (2) übereinstimmen müssen, gilt ist beispielsweise bei der hydraulischen bzw.
Re1 D Re2 . Aus pneumatischen Förderung von Staub, Sand oder
Körnern der Fall, spielt aber auch bei der Wi-
v1 L1 v2 L2
D derstandsermittlung von Oberflächenwellen für
v1 2 Schiffskörper eine Rolle. Die hydrodynamische
erhält man Ähnlichkeit (Abb. 2.130) fordert hier die Pro-
L1 10 portionalität von Schwerkraft FG D mg und
v2 D v1 D 120  km=h D 333;3 m=s: Trägheitskraft Ft D ma:
L2 1
m1 g m1 a 1
Dieser Wert liegt kurz unterhalb der Schall- D :
m2 g m2 a 2
geschwindigkeit für Luft .c D 344 m=s bei
# D 20 ı C). Es ist deshalb empfehlenswert, Bei einer Dimensionsbetrachtung kann v für die
den Modellmaßstab zu vergrößern (z. B. auf Dimension der Beschleunigung Œa D Œv2 =ŒL
1 W 8). gesetzt werden. Dann gilt nach Kürzen der Mas-
142

Tab. 2.11 Rohrreibungszahl  und Widerstandsbeiwert cW für Rohre mit dem Durchmesser D und Platten mit der Länge l in Abhängigkeit von der Rauigkeit k und der
Reynoldszahl Re
laminare Grenzschicht turbulente Grenzschicht
hydraulisch glatt hydraulisch rau Übergangsgebiet
64
Rohre D (1) Blasius Nikuradse   Colebrook  
Re 0;3164 1 D 1 2;51 k
D p 4
(2) p D 2 lg C 1;14 (4) p D 2 lg p C 0;27 (5)
Re  k  Re  D
.2320 < Re < 105 /
Prandtl/Karman p !
1 Re 
p D 2 lg (3)
 2;31
0;309
cW 
.lg.Re=7/2 /
1;328 0;0745
Platten cW D p (6) cW D p 5
(7) Voraussetzung: cW aus empirischen Tabellenwerken
Re Re k
Re = 100
l
0;418
cW D   2;53 (8)
l
2 C lg
k
2 Mechanik
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 143

sen Spezielle Probleme der Strömungsmechanik


a1 a2
D oder Auftrieb an umströmten Körpern
g g
Œv1 2 Œv2 2 Œv2 Treten bei der Umströmung von Körpern an
D D : (2.247) der Oberseite höhere Strömungsgeschwindigkei-
ŒL1 Œg ŒL2 Œg ŒLŒg
ten als an der Unterseite auf, so hat dies nach der
Die Froudezahl ist die Wurzel aus diesem Aus- Bernoulli-Gleichung zur Folge, dass an der Ober-
druck: seite ein Unterdruckgebiet und an der Unterseite
v
Fr D p : (2.248) ein Überdruckgebiet entsteht, wie Abb. 2.133a
Lg
zeigt. Aus diesem Grund wird eine dynamische
Bei Strömungsuntersuchungen für Schiffsmodel-
Auftriebskraft FA wirksam, die analog zur Druck-
le im Schleppkanal müssten idealerweise der
kraft FD (2.241)
Widerstand durch die Oberflächenwellen (Frou-
dezahl Fr) und der Reibungswiderstand im Was- %
FA D cA v 2 A (2.249)
ser (Reynoldszahl Re) gleich sein. Wie (2.246) 2
und (2.248) zeigen, liegen allerdings völlig unter-
beträgt mit cA als dem Auftriebsbeiwert. Die
schiedliche Abhängigkeiten von der umströmten
p Fläche A ist die maximale Projektionsfläche
Länge vor; es ist Re L und Fr 1= L: In
des Körpers (z. B. bei einem Tragflügel: A D
der Praxis wird bei Schiffen vor allem auf Gleich-
Spannweite s mal Spanntiefe l). Die Auftriebs-
heit der Froudezahl geachtet, weil der Einfluss
kraft FA und die Widerstandskraft FW D
der Oberflächenwellen größer ist als derjenige
cW %=2v 2 A ergeben vektoriell addiert die resultie-
der Reibungskraft.
rende Kraft
Beispiel 2.12-8
F0 D FA C F W : (2.250)
Das Modell eines Schiffes im Maßstab 1:15
wird im Schleppkanal untersucht. Berechnet
Die Analyse der Laplace-Gleichung (2.195) für
werden soll die Geschwindigkeit im Schlepp-
den räumlichen Verlauf der Geschwindigkeits-
kanal v2 für eine Fahrtgeschwindigkeit des
funktion der Strömung um das Hindernis ergibt,
Schiffes von v1 D 20 km=h a) bei gleicher
dass in wirbelfreien Strömungsfeldern keine Auf-
Reynoldszahl Re1 D Re2 und b) bei gleicher
triebskräfte entstehen. Erst der Anfahrwirbel, der
Froudezahl Fr1 D Fr2 .
sich wegen der Grenzschichtreibung an der hinte-
Lösung ren Tragflügelkante ablöst, führt zu Druckkräften
auf den angeströmten Körper. Dieser Anfahrwir-
a) Gemäß Beispiel 2.12-7 errechnet man für bel verursacht um den Tragflügel eine Zirkulation
gleiche Reynoldszahlen I Z
L1 15  D vds D rotvdA (2.251)
v2 D v1 D 20  km=h D 83;3 m=s:
L2 1
gemäß Abb. 2.133b, deren Drehimpuls den Dreh-
b) Für gleiche Froudezahlen ist
impuls des Anfahrwirbels kompensiert. Nach
v1 v2 der Theorie von K UTTA (1867 bis 1944) und
p Dp :
L1 g L2 g J OUKOWSKY (1847 bis 1921) erzeugt die Zirku-
Daraus folgt lation auf einen Tragflügel der Spannweite s die
s r Auftriebskraft
L1 1
v2 D v1 D 20 km=h D 1;4 m=s: FA D %vs: (2.252)
L2 15
Die beiden Geschwindigkeiten unterschei- Die resultierende Kraft F0 greift am Druck-
den sich also um den Faktor 60. punkt P an (Abb. 2.133a). Aus dem Drehmoment
144 2 Mechanik

a b

Abb. 2.133 Zum dynamischen Auftrieb an umströmten Körpern: a Kräfte, b „Zirkulation“

M um den vorderen Punkt O, das vom Anstell- nicht vernachlässigbare Dichteänderungen. Die
winkel ˛ abhängt, kann der Abstand r D OP Bernoulli-Gleichung (2.202) gilt dann nur noch
des Druckpunkts bestimmt werden. Mit (2.249) für sehr kleine Strömungsbereiche, in denen
und (2.242) folgt die Höhendifferenzen vernachlässigbar klein sind
und die Dichte näherungsweise konstant ist. Ei-
M D r.FA cos ˛ C FW sin ˛/ oder ne differenzielle Druckänderung dp bewirkt dann
% 2 eine differenzielle Änderung der Strömungsge-
M D v Ar.cA cos ˛ C cW sin ˛/: (2.253)
2 schwindigkeit vdv:
Mit cM l D r.cA cos ˛ C cW sin ˛/ resultiert
dp
% vdv C D0 oder integriert
M D cM v 2 Al: (2.254) %
2 Z
v2 dp
cM wird Momentenbeiwert genannt. Durch die C D konstant: (2.256)
2 %
Messung des Drehmomentes M im Windkanal
kann der Momentenbeiwert cM und damit die Diese Gleichung ist die verallgemeinerte Ber-
Lage des Druckpunktes eines Tragflügelprofils noulli-Gleichung für kompressible Medien.
bestimmt werden. Für die adiabatischen Strömungen idealer Ga-
Für einen Tragflügel soll die Auftriebskraft se ergibt sich nach (3.66) (Abschn. 3.3.5.4)
FA möglichst groß und die Widerstandskraft FW p=%~ D konstant. Wird daraus die Dichte %
möglichst gering werden. Ein Maß dafür ist die in (2.256) eingesetzt und diese integriert, ergibt
Gleitzahl sich
FW cW
"D D : (2.255)
FA cA v2 ~ p
C D konstant: (2.257)
Die Werte für den Widerstandsbeiwert cW und 2 ~1 %
den Auftriebsbeiwert cA sind vom Anstellwinkel
˛ (Abb. 2.133a) abhängig. Diese Zusammenhän- Bei idealen Gasen ist der Isentropenexponent
ge werden empirisch im Windkanal ermittelt und ~ D cp =.cp  Ri / (Abschn. 3.3.4, (3.60)). Mit
in ein Polardiagramm eingezeichnet. Abb. 2.134 Hilfe der Zustandsgleichung idealer Gase (Ab-
zeigt das Polardiagramm der Auftriebs- und schn. 3.1.5, (3.20)) erhält man für die adiabati-
Widerstandsbeiwerte eines Hubschrauberrotor- schen Gasströmungen den folgenden Zusammen-
blatts. hang zwischen der Strömungsgeschwindigkeit v
und der absoluten Gastemperatur T :
Bernoulli-Gleichung für kompressible Medien
Gase zeigen bei hohen Strömungsgeschwindig- v2
C cp T D konstant: (2.258)
keiten (v > 0;3c; c Schallgeschwindigkeit) 2
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 145

Abb. 2.134 Auftriebs- und Widerstandsbeiwerte für das Rotorblatt eines Hubschraubers. Werkbild: MBB

Bewirkt eine Querschnittsänderung dA eine dp=% D 0 und c 2 D dp=d% ergibt sich


Geschwindigkeitsänderung dv, so spielt bei kom- aus (2.260)
pressiblen Strömungen das Verhältnis der Strö-
mungsgeschwindigkeit v zur Schallgeschwindig- vdv dA dv
2
C C D0 oder
keit c des Mediums eine wichtige Rolle. Dieses c A v  
dimensionslose Verhältnis wird als Machzahl Ma dA v 1
D  dv:
bezeichnet (E. M ACH, 1838 bis 1916): A c2 v

v Damit gilt für die Querschnittsabhängigkeit von


Ma D : (2.259)
c Über- und Unterschallströmungen .v=c D Ma/

Für eine stationäre Strömung gilt dm=dt D dA dv


D .Ma2  1/: (2.261)
%Av D konstant oder in differenzieller Form A v

d% dA dv Tab. 2.12 gibt das Geschwindigkeitsverhalten


C C D 0: (2.260) bei Querschnittsänderungen für den Unterschall-
% A v
bzw. Überschallbereich an. Es ist ersichtlich,
Mit der differenziellen Schreibweise der verall- dass sich Unterschallströmungen entgegengesetzt
gemeinerten Bernoulli-Gleichung (2.256) vdv C zu den Überschallströmungen verhalten. Im Un-
146 2 Mechanik

Tab. 2.12 Unterschall- und Überschallströmung bei Bei der Pumpenkennlinie H D f .Q/ dagegen
Querschnittsänderung (v Strömungsgeschwindigkeit, c nimmt bei Strömungspumpen mit zunehmen-
Schallgeschwindigkeit)
dem Förderstrom Q die Förderhöhe H ab
Quer- Quer- Quer- (Abb. 2.136).
schnitts- schnittser- schnitts-
verengung weiterung minimum Abb. 2.137 zeigt das Schema einer Pumpsta-
dA < 0 dA > 0 dA D 0 tion. Die Bernoulli-Gleichung (2.202) für diese
Unterschall dv > 0 dv < 0 entweder Anlage lautet unter der Berücksichtigung der
Ma < 1 dv D 0 Reibungsverluste durch die Verlusthöhe hV für
Überschall dv < 0 dv > 0 oder
den Eintritt e bzw. den Austritt a
Ma > 1 vDc
Pe v2
he C HA C C e
%g 2g
terschallbereich erhöht sich bei Querschnittsver- Pa v2
engung die Geschwindigkeit, während sie sich D ha C h C C a:
%g 2g
im Überschallbereich vermindert. In Höhen ober-
halb h D 180 km ist die Atmosphäre allerdings Die Geschwindigkeiten ve und va sind in den
so dünn, dass keine Schallausbreitung mehr statt- Punkten e und a zu messen. Daraus errechnet
finden kann. Die Machzahl ist dann bedeutungs- sich die Förderhöhe HA zu
los. – Wichtig ist ebenfalls das unterschiedliche
pa  pe
Verhalten bei einer Querschnittserweiterung. Bei HA D .ha  he / C
%g
einer Lavaldüse ist dies beispielsweise der Fall. „ ƒ‚ …
Deshalb ist am Einlauf v < c, sodass am engsten statischer Anteil
Querschnitt v D c wird. Bei einem Diffusor hin- v 2  ve2
C a C hV (2.262)
gegen wird v > c, wenn p genügend abgesenkt 2g
wird. „ ƒ‚ …
dynamischer Anteil

2.12.2.5 Anwendungen Gleichung (2.262) enthält einen statischen An-


teil, der vom Förderstrom Q unabhängig ist, und
Pumpen einen dynamischen Anteil, der eine Funktion des
Pumpen sind Arbeitsmaschinen zur Förderung Förderstromes Q ist. (Hierbei ist die Verlusthö-
von flüssigen Medien von einem niedrigen auf he hV durch den Förderstrom Q bedingt.) Wegen
ein höheres Energieniveau. Die verschiedenen v D Q=A resultiert
Eigenschaften der Fördermedien (z. B. geringe
oder große Viskosität, chemische Aggressivität), pa  pe
HA D .ha  he / C
die Forderungen nach bestimmten Förderströmen %g
 2  2
und die Überwindung genau definierter Förder- Q Q

höhen sind der Grund für die Vielzahl von Pum- 2
Aa A2e
pentypen. In Abb. 2.135 sind sie vergleichend C C hV : (2.263)
2g
gegenübergestellt. In der Hydrodynamik sind die
Kreiselpumpen und die Strahlpumpen von Be- Mit zunehmendem Förderstrom Q nimmt die er-
deutung. Die folgenden Beispiele beziehen sich forderliche Förderhöhe HA der Pumpe zu.
auf die in der Praxis häufig eingesetzte Kreisel-
pumpe und auf die Begriffe, Zeichen und Ein- Beispiel 2.12-9
heiten nach DIN EN 24 260, die im Pumpenbau Die Förderhöhe HA und der Leistungsbe-
üblich sind. darf P einer Kesselspeisepumpe (Höhenunter-
Die Funktion HA D f .Q/ wird Anlagekenn- schied ha  he D 5 m; % D 907 kg=m3) sollen
linie (Rohrleitungskennlinie) genannt. Sie hat errechnet werden (analog DIN EN 24 260).
den schematischen Verlauf gemäß Abb. 2.136. Die Anlage weist folgende Betriebsdaten auf:
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 147

Abb. 2.135 Bauformen von Pumpen


148 2 Mechanik

2
6 .11  6/  105
D 6
4 5 C
907  9;81
  3
0;062 0;062

0;82 1;52 7
C C 77
5m
2  9;81

D 68;19 m:

Abb. 2.136 Förderstrom Q in Abhängigkeit von der För- %gQH


b) Der Leistungsbedarf ist P D D
derhöhe HA 
42;8 kW.

Wasserturbinen
Wasserturbinen sind Wasserkraftmaschinen, in
denen hydraulische Energie (Lageenergie und
Strömungsenergie) in mechanische Arbeit um-
gewandelt wird. Je nach Anteil der Lageener-
gie (bestimmt durch die Fallhöhe H ) im Ver-
hältnis zur Strömungsenergie unterscheidet man
drei Ausführungen, die nach ihren Konstrukteu-
ren Pelton-Turbinen (L. A. P ELTON, 1829 bis
1908), Francis-Turbinen (J. B. F RANCIS, 1815
bis 1892) und Kaplan-Turbinen (V. K APLAN,
1876 bis 1934) genannt werden; außerdem gibt
es noch S-Turbinen (S-förmiger Strömungskanal)
Abb. 2.137 Schema einer Pumpstation
und Rohrturbinen (Abb. 2.139). Nach der Fallhö-
he werden die Wasserturbinen eingeteilt in
Eintrittsdruck pe D 6  105 Pa,
 Hochdruck-Turbinen: Bei ihnen ist die Fallhö-
Austrittsdruck pa D 11  105 Pa,
he H groß (H > 200 m) und der Volumen-
Förderstrom Q D 0;06 m3 =s,
strom Q klein. Beispiele dafür sind Pelton-
Verlusthöhe hV D 7 m,
und Francis-Turbinen;
Eintrittsquerschnitt Ae D 1;5 m2 ,
 Mitteldruck-Turbinen: Bei ihnen ist die Fall-
Austrittsquerschnitt Aa D 0;8 m2 ,
höhe H mittelgroß und der Volumenstrom Q
Wirkungsgrad  D 0;85.
ebenfalls. Beispiele dafür sind Francis- und
Kaplan-Turbinen;
 Niederdruck-Turbinen: Bei ihnen ist die Fall-
Lösung
höhe H klein (H < 50 m) und der Volumen-
strom Q groß. Beispiele hierfür sind Kaplan-,
a) Nach (2.263) ergibt sich für die Förderhöhe
S- und Rohr-Turbinen.
pa  pe
HA D .ha  he / C Um diese verschiedenen Turbinentypen sowie
%g
 2 2 unterschiedliche Baugrößen desselben Typs un-
Q Q
 tereinander vergleichen zu können, dient die spe-
A2a A2e
C C hV zifische Drehzahl nq . Sie ergibt sich aufgrund
2g
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 149

Abb. 2.138 Anwendungsbereiche der verschiedenen Arten von Wasserturbinen. Werkbild: Voith

von Ähnlichkeitsgesetzen aus analogen Überle- spiele und Laufräder der verschiedenen Turbi-
gungen wie die Reynolds- bzw. die Froundezahl nenarten sowie konstruktive Merkmale und Ein-
(Abschn. 2.12.2.4). Sie ist die Drehzahl, die sich satzbereiche aufgeführt.
ergibt, wenn die Turbinen bei einer Fallhöhe In Abschn. 2.12.2.2 ist darauf hingewiesen,
H D 1 m einen Volumenstrom Q D 1 m3 =s ver- dass nach der Bernoulli-Gleichung (2.202) der
arbeiten. Der Zusammenhang zwischen Fallhöhe statische Druck pstat mit zunehmender Strö-
und Volumenstrom ergibt sich aus mungsgeschwindigkeit v abnimmt. Sinkt der sta-
p tische Druck unter den Dampfdruck pD der
n Q Flüssigkeit, dann bilden sich Dampfblasen oder
nq D 0;75 (2.264)
H vorhandene Blasen vergrößern sich. Steigt der
mit n als der Drehzahl der Anlage. Druck wieder an, dann kondensiert der Dampf
Die Anwendungsbereiche von Wasserturbinen in den Hohlräumen, und das Strömungsmedi-
in Abhängigkeit von Fallhöhe H und spezifi- um schlägt mit hoher Geschwindigkeit auf das
scher Drehzahl nq sind in Abb. 2.138 dargestellt. Turbinenmaterial. Dieser Vorgang wird Kavita-
Daraus ist ersichtlich, dass Pelton-Turbinen für tion (Hohlraumbildung) genannt. Dabei können
hohe Fallhöhen bei niedrigen spezifischen Dreh- Druckspitzen bis 1010 Pa bei Frequenzen um
zahlen und Kaplan- bzw. S- oder Rohrturbinen 2 kHz auftreten. Diese ständigen Beanspruchun-
bei niedrigen Fallhöhen und hohen spezifischen gen führen zur Zerstörung der Materialoberflä-
Drehzahlen zum Einsatz kommen. In den Über- che. Die kritische Geschwindigkeit, oberhalb der
schneidungsbereichen muss man die Vor- und Kavitation eintritt, lässt sich aus der Bernoulli-
Nachteile der Turbinenart abwägen. Häufig sind Gleichung (2.202) zu
die örtlichen Gegebenheiten ausschlaggebend. In s
Abb. 2.139 sind die Turbinentypen vergleichend 2.pges  pD /
vkrit D (2.265)
gegenübergestellt. Es sind außerdem Einbaubei- %
150

Abb. 2.139 Wasserturbinentypen. Werkfotos: Voith


2 Mechanik
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 151

abschätzen. Sie ist für Wasser bei pges D 1 bar tungsrohr hat eine Länge von l D 7 m und einen
und 20 ı C (pD D 2340 Pa) vkrit D 14 m=s. Durchmesser d D 1;7 cm. Wie groß ist der erfor-
Dies bedeutet, dass mit der Kavitation bei vielen derliche Pumpendruck (%Öl D 0;85 kg=l; Öl D
Wassermaschinen gerechnet werden muss. Bei 0;2 N s=m2 )?
der Konstruktion von Wasserturbinen sollte daher
darauf geachtet werden, dass Ü 2-58 Zur Messung der dynamischen Viskosi-
tät  eines Öls (%Öl D 0;85 kg=l) wird ein Kugel-
 möglichst hohe äußere Drücke auftreten, fallviskosimeter benutzt. Die Stahlkugel (%K D
 dünne Schaufelprofile verwendet werden und 7;85 kg=dm3) hat einen Durchmesser d D 2 mm
 nur kleine Anstellwinkel möglich sind. und fällt in t D 2 s s D 10 cm weit. Wie groß
ist ?
Zur Beurteilung der Gefahr auftretender Kavita-
tion kann die Kavitationszahl nach D. T HOMA
Ü 2-59 Ein Segelflugzeug der Masse m D
herangezogen werden:
200 kg und der Projektionsfläche A D 18 m2
p0  pD fliegt mit einer Geschwindigkeit v D 60 km=h
D 1 2 (2.266)
2 %v 0
unter einem Gleitwinkel  D 8ı . Wie groß sind
Auftriebs- und Widerstandskraft? Zu bestimmen
Dabei ist p0 der Referenzdruck und v0 die Refe- sind ferner der Widerstandsbeiwert cW und der
renzgeschwindigkeit. Bestimmt man experimen- Auftriebsbeiwert cA .%Luft D 1;25 kg=m3 /.
tell die kritische Kavitationszahl kr , bei der
Kavitation einsetzt, dann ist für > kr die Strö- Ü 2-60 Ein Wasserbehälter hat am Boden eine
mung frei von Kavitation. waagerechte Ausflussröhre mit dem Durchmes-
ser d D 1;2 mm, die l D 50 cm lang ist.
2.12.2.6 Zur Übung Aus welcher Höhe h über der Ausflussröhre
sinkt der Wasserspiegel ab, wenn turbulente Strö-
Ü 2-57 Ein Öltankeinlauf liegt 6 m höher als die mung in laminare Strömung umschlägt (W D
Pumpe (Förderstrom VP D 0;8 l=s). Das Zulei- 103 N s=m2 )?
Thermodynamik
3

Ein thermodynamisches System kann mit sei-


3.1 Grundlagen
ner Umgebung in Wechselwirkung stehen. Findet
3.1.1 Einführung kein Austausch von Energie und Masse über
die Systemgrenzen statt, so ist das System ab-
Die Thermodynamik beschreibt die Zustände und geschlossen. Wird nur die Arbeit W (z. B. me-
deren Änderung infolge der Wechselwirkung mit chanische, elektrische, magnetische Arbeit) aus-
der Umgebung von kompliziert zusammenge- getauscht, liegt ein adiabates System vor. Bei
setzten makroskopischen Systemen durch eine geschlossenen Systemen findet ein Austausch
geringe Anzahl makroskopischer Variablen, wie von Arbeit W und Wärme Q und bei offenen
z. B. Druck oder Temperatur, sowie durch ther- Systemen noch zusätzlich ein Masseaustausch
modynamische Potenziale. statt.
Das System kann makroskopisch betrachtet Die wichtigsten Erkenntnisse in der Thermo-
werden. Hierbei wird das gesamte System durch dynamik sind in vier Hauptsätzen formuliert.
makroskopisch messbare Systemeigenschaften Der erste Hauptsatz ist der Energieerhaltungs-
und deren Zusammenhänge beschrieben. Dies satz. Er besagt, dass die Änderung der inneren
wird als phänomenologische Thermodynamik be- Energie U durch Wärmezufuhr Q und (oder)
zeichnet, die der älteste Zweig der Thermodyna- Arbeitsverrichtung W erfolgen kann. Der zweite
mik ist. Hauptsatz sagt mit Hilfe des Entropiebegriffs et-
Das System kann auch mikroskopisch betrach- was über die Richtung von Zustandsänderungen
tet werden. Hierbei werden die makroskopischen aus. Bei reversiblen Prozessen ist die Entropie-
Systemeigenschaften auf die Wechselwirkungen änderung null; bei irreversiblen Prozessen ist
der Systembestandteile (Atome, Moleküle) zu- sie positiv, d. h., die Wärme ist nicht vollstän-
rückgeführt. Die Beschreibung erfolgt mit den dig in andere Energieformen umwandelbar. Von
statistischen Methoden der klassischen Mecha- der Thermodynamik irreversibler Prozesse sind
nik bzw. der Quantenmechanik. Beispielsweise die Transport- und Ausgleichsvorgänge von be-
erklärt die kinetische Gastheorie das Zustande- sonderer praktischer Bedeutung. Die Entropie S
kommen des Gasdrucks und ermöglicht ein tiefe- lässt sich auch mikroskopisch als Wahrschein-
res Verständnis des Temperaturbegriffs. Oder es lichkeitsfunktion deuten (Logarithmus der Zu-
können mit Hilfe der Statistik thermodynamische standswahrscheinlichkeit ln W multipliziert mit
Potenziale hergeleitet werden, aus denen sich der Boltzmann-Konstanten k). Zustandsänderun-
alle Zustandsgrößen und Materialeigenschaften gen werden in Richtung maximaler Wahrschein-
(z. B. die spezifische Wärmekapazität) ergeben. lichkeit (maximale Entropie) ablaufen. Der dritte
In Abb. 3.1 sind diese Betrachtungsweisen ge- Hauptsatz (Satz von Nernst) zeigt, dass bei An-
genübergestellt. näherung der Temperatur an den absoluten Null-

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2016 153


E. Hering, R. Martin, M. Stohrer, Physik für Ingenieure, DOI 10.1007/978-3-662-49355-7_3
154 3 Thermodynamik

Abb. 3.1 Strukturbild der Thermodynamik

punkt .T ! 0/ die Entropie konstant wird. Endzustand abhängen, beschrieben werden. Zu


Diese Konstante wird gleich null gesetzt. Aus den Zustandsfunktionen (thermodynamischen
dem dritten Hauptsatz folgt auch, dass der ab- Potenzialen) gehören die innere Energie U , die
solute Nullpunkt (T D 0) nicht erreicht werden Enthalpie H , die freie Energie F , die freie En-
kann. thalpie G und die Entropie S.
Ein thermodynamisches System – sei es gas- Mit den Zustandsgleichungen und Zustands-
förmig (ideale oder reale Gase), flüssig oder funktionen ist die Beschreibung von Gleich-
fest – kann durch Zustandsgleichungen und Zu- gewichtszuständen und Gleichgewichtsbedingun-
standsfunktionen, die nur vom Anfangs- und gen möglich.
3.1 Grundlagen 155

Tab. 3.1 Thermodynamische Systeme


Bezeichnung des Systems Kennzeichen der Systemgrenzen Beispiele
offen durchlässig für Materie und Energie Wärmeübertrager, Gasturbine
geschlossen durchlässig für Energie, undurchlässig für geschlossener Kühlschrank, Warmwasser-
Materie heizung, Heißluftmotor
abgeschlossen undurchlässig für Energie und Materie verschlossenes Thermosgefäß
adiabat undurchlässig für Materie und Wärme, rasche Kompression in einem Gasmotor
durchlässig für mechanische Arbeit

3.1.2 Thermodynamische
Grundbegriffe Die Änderung Z einer Zustandsgröße Z
hängt nicht von der Art der Prozessführung
Systeme ab, sondern nur vom Anfangs- und Endzu-
Ein räumlich abgrenzbarer Bereich, der heraus- stand. Es gilt
gelöst von seiner Umgebung betrachtet werden
soll, wird als System bezeichnet. Nach Art der Z D Z2  Z1 : (3.1)
Systemgrenzen werden verschiedenartige Syste-
me unterschieden, wie aus Tab. 3.1 hervorgeht.
Eine Zustandsgröße ist also eine eindeutige
Zustand, Zustandsgrößen, Prozessgrößen Funktion der unabhängigen Variablen. Beispiels-
In der Mechanik wird die Lage eines Punktes weise lässt sich die innere Energie U eines Sys-
im Raum durch drei Koordinaten festgelegt; in tems (Abschn. 3.3.3) als Funktion der Variablen
der Thermodynamik benutzt man Zustandsgrö- T und V schreiben: U D U.T; V /. Daher ist das
ßen, um den Zustand eines Systems zu beschrei- Differenzial
ben. Historisch bedingt wird zwischen den direkt    
messbaren thermischen Zustandsgrößen @U @U
dU D  dT C dV
@T V @V T
 Druck p,
 Volumen V , das totale Differenzial einer Funktion der Zu-
 Temperatur T standsvariablen.
Im Gegensatz zu den wegunabhängigen Zu-
und den davon abgeleiteten kalorischen Zu- standsgrößen sind Wärme und mechanische Ar-
standsgrößen, wie z. B. beit wegabhängige Prozessgrößen. Die mit dem
System bei einer Zustandsänderung ausgetausch-
 innere Energie U , ten Energiebeträge sind von dem Verlauf des
 Enthalpie H und Prozesses abhängig.
 Entropie S Infolgedessen ist eine differenziell kleine Grö-
ße einer solchen Prozessgröße nicht das totale
unterschieden. Differenzial einer Funktion von Zustandsvaria-
Bleiben die Zustandsgrößen zeitlich konstant, blen. Derartige kleine Größen werden im Fol-
dann befindet sich das System in einem Gleichge- genden nicht mit einem d versehen, sondern mit
wichtszustand. Der Zustand eines Systems kann einem •. So ist also beispielsweise eine diffe-
auf verschiedene Weise verändert werden (z. B. renziell kleine Wärme •Q oder ein differenziell
durch Wärmezufuhr von außen). Hat sich, aus- kleiner Arbeitsbetrag •W .
gehend von dem Gleichgewichtszustand 1, ein Für jeden Gleichgewichtszustand sind die Zu-
neuer Gleichgewichtszustand 2 eingestellt, dann standsgrößen durch eine Zustandsgleichung mit-
haben alle Zustandsgrößen wieder wohldefinierte einander verknüpft. So gilt z. B. für ideale Gase
Werte angenommen. ein einfacher Zusammenhang zwischen Druck,
156 3 Thermodynamik

Volumen und Temperatur (Abschn. 3.1.5). Bei dann gilt


realen Gasen ist der Zusammenhang komplizier- mM D Mr u:
ter und muss empirisch und mit Hilfe von Mo-
dellrechnungen ermittelt werden (Abschn. 3.4). u D 1;6605  1027 kg ist die atomare Massenein-
heit, nämlich ein Zwölftel der Masse eines 12 C-
Spezifische und molare Größen Atoms. Die Zahl der Teilchen der Stoffmenge
Viele thermodynamische Größen sind extensiv,  D 1 mol ist gegeben durch die Avogadro’sche
1
d. h., sie hängen von der Substanzmenge (Masse Konstante NA D 6;0221  10 mol . Damit wird
23

m, Stoffmenge ) des Systems ab (z. B. inne- die Molmasse


re Energie U , Enthalpie H ). Intensive Größen g
sind davon unabhängig (z. B. Druck p, Tempe- M D mM NA D Mr uNA D Mr :
mol
ratur T ). Wird eine extensive Größe durch die
Substanzmenge dividiert, ergibt sich eine inten- Hat also beispielsweise Stickstoff (N2 ) die re-
sive Größe. lative Molekülmasse Mr D 28, dann ist seine
Eine spezifische Größe x ergibt sich nach Molmasse M D 28 g=mol.
DIN 1345 aus einer gemessenen extensiven Grö-
ße X, indem durch die Masse m des Systems Beispiel 3.1-1
dividiert wird: Um m D 2 kg Wasser zu verdampfen, ist die
X Verdampfungswärme Qd D 4;512 MJ erfor-
xD : (3.2)
m derlich. Wie groß sind die spezifische und die
In der Maßeinheit einer spezifischen Größe steht molare Verdampfungswärme von Wasser?
immer x D : : : kg1 . Spezifische Größen werden
nach DIN 1345 mit kleinen Formelbuchstaben Lösung
geschrieben. Für die spezifische Verdampfungswärme er-
Der Quotient aus einer gemessenen Größe X hält man qd D Qd =m D 2;256 MJ=kg. Die
und der Stoffmenge  ist die molare Größe Xm , Molmasse von Wasser ist M D 18 g=mol. So-
die durch den Index m gekennzeichnet wird: mit beträgt die molare Verdampfungswärme

X Qmd D 2;256 MJ=kg  18 g=mol


Xm D : (3.3)
 D 40;6 kJ=mol:

Die Maßeinheit einer molaren Größe enthält stets


Xm D : : : mol1 . 3.1.3 Temperatur
Jede spezifische Größe kann leicht in die ent-
sprechende molare Größe umgerechnet werden. Die Temperatur ist der menschlichen Empfin-
Aus (3.2) und (3.3) folgt sofort X D x m D Xm , dung direkt zugänglich und wird mit Begriffen
oder wie „warm“ und „kalt“ umschrieben. Körper,
m die sich auf verschiedener Temperatur befinden,
Xm D x D xM: (3.4)
 können durch Befühlen unterschieden und ent-
Darin ist M die Molmasse der betreffenden Sub- sprechend ihrer Temperatur klassifiziert werden.
stanz (Einheit kg=mol). Bringt man zwei Körper verschiedener Tempe-
Die Molmasse eines chemischen Elements ratur in Kontakt, so stellt man fest, dass der
bestimmt man am einfachsten aus der im Pe- warme Körper kälter und der kalte wärmer wird.
riodensystem angegebenen relativen Atommasse Es findet ein Temperaturausgleich statt, der dann
Ar bzw. der relativen Molekülmasse Mr bei ei- beendet ist, wenn das System einen Gleichge-
nem Molekül. Ist mM die Masse eines Moleküls, wichtszustand erreicht hat. Dieser Sachverhalt
3.1 Grundlagen 157

wird durch den nullten Hauptsatz der Thermody-


namik ausgedrückt:

Im thermischen Gleichgewicht haben alle


Bestandteile eines Systems dieselbe Tem-
peratur.

Der vorgenannte subjektive Temperaturbegriff


muss natürlich durch eine Temperaturdefiniti-
on mit entsprechenden Messvorschriften ersetzt
werden. Die exakte Definition der sog. ther-
modynamischen Temperatur geschieht über den
Wirkungsgrad einer idealen Wärmekraftmaschi-
ne und wird in Abschn. 3.3.6 behandelt.
Abb. 3.2 Prinzip eines Gasthermometers mit konstantem
Bereits im Jahr 1704 stellte G. A MONTONS Gasvolumen. Durch Heben oder Senken des Ausgleichs-
(1663 bis 1705) fest, dass der Druck eines Gases, gefäßes A wird der Quecksilberspiegel im linken Schenkel
dessen Volumen konstant gehalten wird, von der des U-Rohrs auf der Nullmarke gehalten. p Druck T ab-
solute Temperatur
Temperatur abhängt. Er schlug vor, die Tempera-
tur proportional zum Druck des Gases zu setzen
(T p) und damit die Temperaturmessung
auf eine Druckmessung zurückzuführen. Man er- sind. Der Tripelpunkt des Wassers ist leicht her-
reicht dies mit Hilfe des in Abb. 3.2 dargestellten zustellen und mit einer Toleranz von einigen
Gasthermometers. Es lässt sich zeigen, dass die Millikelvin reproduzierbar. Die 13. Generalkon-
Temperatur des Gasthermometers für ideale Ga- ferenz für Maße und Gewichte (GKMG) legte
se (Abschn. 3.1.4 und 3.1.5) identisch ist mit der 1967 als Einheit für die Temperatur fest:
oben erwähnten thermodynamischen Temperatur.
Die Abweichungen, die reale Gase zeigen, kann
man rechnerisch berücksichtigen. 1 Kelvin ist der 273,16te Teil der thermody-
Der im Gasthermometer bestimmte Gasdruck namischen Temperatur des Tripelpunktes
p kann erst dann in eine Temperatur T umgerech- von Wasser.
net werden, wenn die Proportionalitätskonstante
zwischen Druck und Temperatur festgelegt ist.
Alle Experimente, besonders die in Abschn. 3.1.4 Die Einheit Kelvin (K) für die absolute Tem-
geschilderten von Gay-Lussac, zeigen, dass es peratur wurde zu Ehren von W. T HOMSON (1824
einen absoluten Nullpunkt der Temperatur gibt. bis 1907), dem späteren Lord Kelvin gewählt, auf
Um eine Temperaturskala festzulegen, ist daher den die Temperaturskala zurückgeht.
nur noch die Temperatur eines weiteren Punk- Die so definierte Kelvin-Skala hat dieselbe
tes zu definieren. Dazu wurde der Tripelpunkt Skalenteilung wie die bereits 1742 von A. C EL -
des Wassers zu TTr D 273;16 K (Kelvin) festge- SIUS (1701 bis 1744) vorgeschlagene Skala, bei
legt. Der Tripelpunkt ist der Zustand, bei dem in der Schmelz- und Siedepunkte des Wassers unter
einem Gefäß der feste, flüssige und gasförmige Normdruck (0 ı C bzw. 100 ı C) als Fixpunkte die-
Aggregatzustand miteinander im Gleichgewicht nen. Der Zusammenhang zwischen der absoluten
158 3 Thermodynamik

Tab. 3.2 Definierende Fixpunkte der ITS-90. Wenn nicht anders angegeben, beträgt der Druck pn D 101;325 kPa
Gleichgewichtszustand T90 in K #90 in ı C
Siedepunkt von Helium bei verschiedenen Dampfdrücken 3 bis 5 270;15 bis 268;15
Tripelpunkt des Gleichgewichtswasserstoffs 13;8033 259;3467
Siedepunkt von Wasserstoff beim Dampfdruck 32,9 kPa 17 256;15
und 102,2 kPa 20;3 252;85
Tripelpunkt des Neons 24;5561 248;5939
Tripelpunkt des Sauerstoffs 54;3584 218;7916
Tripelpunkt des Argons 83;8058 189;3442
Tripelpunkt des Quecksilbers 234;3156 38;8344
Tripelpunkt des Wassers 273;16 0;01
Schmelzpunkt der Galliums 302;9146 29;7646
Erstarrungspunkt des Indiums 429;7485 156;5985
Erstarrungspunkt des Zinns 505;078 231;928
Erstarrungspunkt des Zinks 692;677 419;527
Erstarrungspunkt des Aluminiums 933;473 660;323
Erstarrungspunkt des Silbers 1234;93 961;78
Erstarrungspunkt des Goldes 1337;33 1064,18
Erstarrungspunkt des Kupfers 1357;77 1084,62

Temperatur T in Kelvin und der Temperatur # in Messaufgaben, Messobjekte und Temperaturbe-


Grad Celsius ergibt sich aus reiche wurden unterschiedliche Messverfahren
entwickelt. Eine Zusammenstellung gängiger
# T
ıC
D  273;15: (3.5) Methoden enthält Tab. 3.3. Die VDE/VDI-
K Richtlinien 3511 geben eine ausführlichere Dar-
stellung sowie eine Zusammenstellung der rele-
Durch diese Definition wird erreicht, dass Tem-
vanten DIN-Normen.
peraturdifferenzen in beiden Einheiten dieselbe
Maßzahl haben.
Für den praktischen Gebrauch wurde die In-
3.1.4 Thermische Ausdehnung
ternationale Temperaturskala von 1990 (ITS-90)
erarbeitet. Sie stützt sich auf 17 gut reproduzier-
Festkörper
bare thermodynamische Gleichgewichtszustände
Die meisten Festkörper dehnen sich bei Erwär-
als definierende Fixpunkte (Tab. 3.2) und gilt
mung aus. Die relative Verlängerung l= l eines
als derzeit beste Darstellung thermodynamischer
Stabes kann innerhalb bestimmter Grenzen pro-
Temperaturen.
portional zur Temperaturänderung T gesetzt
Zur Interpolation zwischen den Fixpunkten
werden:
wird zwischen 0,65 K und 5 K die Temperatur aus
dem Dampfdruck von 3 He bzw. 4 He bestimmt; l
zwischen 3 K und 24,5561 K mit einem Gasther- D ˛T: (3.6)
l
mometer. Oberhalb 13,8033 K bis 1234,93 K
werden Pt-Widerstandsthermometer und für noch Ist die Länge l1 bei der Temperatur #1 bekannt,
höhere Temperaturen Spektralpyrometer einge- so folgt für die Länge l2 bei der Temperatur #2
setzt.
l2 D l1 Œ1 C ˛.#2  #1 / (3.7)
Temperaturmessung
Jede physikalische Größe, die sich mit der Tem- mit T D T2  T1 D #2  #1 . Die Proportiona-
peratur ändert, kann zur Temperaturmessung litätskonstante ˛ ist der Längenausdehnungsko-
herangezogen werden. Für die verschiedensten effizient. Sie ist ein Materialparameter und kann
3.1 Grundlagen 159

Tab. 3.3 Temperaturmessverfahren


Thermometertyp Messbereich in ı C Fehlergrenzen physikalisches Messprinzip
mechanische Berührungsthermometer
Flüssigkeits-Glasthermometer Füllung:
Pentangemisch 200 bis 30 Näherungsweise Thermische Ausdehnung einer Flüssigkeit wird zur
Alkohol 110 bis 210 in Größenord- Temperaturmessung verwendet. Die Temperatur wird aus
Toluol 90 bis 100 nung der dem Stand der Flüssigkeit in einer Glaskapillare ermittelt
Skalenteilung.
Hg–Tl 58 bis 30 Details in
Quecksilber 38 bis 800 VDE/VDI 3511
Galliumlegierung bis 1000
Flüssigkeits- 35 bis 500 1 bis 2 % des Thermische Ausdehnung einer Flüssigkeit (z. B. Hg
Federthermometer Anzeigebereichs unter 100 bis 150 bar) wird auf eine Rohr- oder Schne-
ckenfeder übertragen
Dampfdruck- 50 bis 350 1 bis 2 % des Dampfdruck einer Flüssigkeit (Ethylether, Hexan,
Federthermometer Anzeigebereichs Toluol, Xylol) wird auf eine Rohr- oder Schneckenfeder
übertragen
Stabausdehnungs- 0 bis 1000 1 bis 2 % des Thermische Ausdehnung eines Metallstabs bewegt ein
thermometer Anzeigebereichs Messwerk
Bimetallthermo- 50 bis 400 1 bis 3 % des Thermobimetall besteht aus zwei fest miteinander
meter Anzeigebereichs verbundenen Schichten aus Werkstoffen mit unter-
schiedlichen thermischen Ausdehnungskoeffizienten
und krümmt sich bei Temperaturänderung
elektrische Berührungsthermometer
Thermoelemente
AuFe–NiCr 270 bis 0 0,75 % des Zwischen zwei Verbindungsstellen verschiedener Metalle
Cu-Konstantan 200 bis 400 Temperatur- entsteht eine Thermospannung, wenn die
Fe-Konstantan 200 bis 700 Sollwerts, Verbindungsstellen auf verschiedenen Temperaturen sind
mindestens 3 K (Seebeck-Effekt)
NiCr-Konstantan 200 bis 900
Pt–PtRh 0 bis 1600
W–WMo 0 bis 3300
Widerstandsthermometer
Platin 250 bis 1000 0,3 bis 5 K Temperaturabhängigkeit des elektrischen Widerstandes
Nickel 60 bis 180 0,2 bis 2,1 K von Metallen und Halbleitern dient zur
Heißleiter 273 bis 400 0,5 bis 1,5 K Temperaturbestimmung
Kaltleiter 40 bis 270
berührungslose Thermometer
Strahlungspyrometer
Spektralpyrom. 650 bis 5000 1 bis 35 K Temperatur eines Körpers wird aus der
Bandstrahlungsp. 50 bis 2000 1 bis 1,5 % des Energiestromdichte seiner elektromagnetischen Strahlung
Gesamtstrah- 40 bis 3000 Bereichs bestimmt. Messung erfolgt entweder in engem
lungspyrometer Spektralbereich, breitem Spektralband oder im gesamten
Spektrum
Verteilungspyrometer
Farbangleichpyr. 1150 bis 2000 10 bis 25 K Rote und grüne Strahlungsanteile von Messstelle und
Verhältnis- 200 bis 2200 1 bis 1,5 % des Referenzlampe werden verglichen. Vergleich erfolgt
pyrometer Bereichs subjektiv durch Farbvergleich oder objektiv durch
Fotoempfänger
160 3 Thermodynamik

Tab. 3.3 (Fortsetzung)


Thermometertyp Messbereich in ı C Fehlergrenzen physikalisches Messprinzip
besondere Messverfahren
Fotothermometrie 250 bis 1000 ˙1 K Die Oberfläche eines heißen Körpers wird mit infrarot-
empfindlichen Platten fotografisch aufgenommen. Zur
Untersuchung von Temperaturfeldern geeignet
Temperatur- 40 bis 1350 ˙5 K Auf Messkörper wird Farbe aufgebracht, die bei Errei-
messfarben chen einer bestimmten Temperatur den Farbton ändert
Temperatur- 100 bis 1600 ˙7 K Zylindrische Körper aus Metalllegierungen zeigen durch
kennkörper Schmelzen eine bestimmte Temperatur an
Segerkegel 600 bis 2000 Mischung aus Ton und Feldspat wird bei Erreichen einer
bestimmten Temperatur weich, der Kegel neigt sich zur
Seite
akustisches 271 bis 253 Temperaturabhängigkeit der Schallgeschwindigkeit in
Thermometer Gasen ist ein Maß für die Temperatur
magnetisches 273 bis 200 Magnetische Suszeptibilität paramagnetischer Salze
Thermometer hängt reziprok von der absoluten Temperatur ab
Glasfaser- 50 bis 250 Auflösung 0,1 K Die Fähigkeit einer Glasfaser, Lichtwellen zu führen,
thermometer hängt vom temperaturempfindlichen Brechungsindex ab

Tab. 3.4 Mittlerer linearer Längenausdehnungskoeffizi- Die beiden letzten Glieder der Klammer sind
ent ˛ einiger Festkörper in verschiedenen Temperaturbe- gegenüber dem linearen Glied vernachlässigbar.
reichen
Daher erhält man in guter Näherung
106 ˛ in K1 106 ˛ in K1
Temperaturbereich 0 ı C 5 # 5 0 ıC 5 # 5 V2 D V1 Œ1 C .#2  #1 / (3.8)
100 ı C 500 ı C
Aluminium 23;8 27;4 oder für die relative Volumenänderung
Kupfer 16;4 17;9
V
Stahl C 60 11;1 13;9 D T (3.9)
rostfreier Stahl 16;4 18;2 V
Invarstahl 0;9 mit T D T2  T1 D #2  #1 und dem Raum-
Quarzglas 0;51 0;61
ausdehnungskoeffizienten
gewöhnliches Glas 9 10;2
 D 3˛: (3.10)

näherungsweise konstant gesetzt werden. In der


Wirklichkeit steigt der Längenausdehnungskoef- Beispiel 3.1-2
fizient ˛ mit der Temperatur leicht an; Tab. 3.4 Eine Messingkugel (˛ D 19106 K1 ) hat bei
enthält einige mit 106 multiplizierte Mittelwerte der Temperatur #1 D 20 ı C den Durchmes-
für die Temperaturbereiche 0 ı C 5 # 5 100 ı C ser d1 D 20;00 mm. Auf welche Temperatur
und 0 ı C 5 # 5 500 ı C. #2 muss sie erwärmt werden, damit sie in ei-
Mit der Längenausdehnung der Körper ist nem Ring mit dem Innendurchmesser d2 D
zwangsläufig eine Volumenänderung verknüpft. 20;03 mm stecken bleibt? Wie hat sich das Ku-
Für das Volumen V2 eines Würfels bei der Tem- gelvolumen verändert?
peratur #2 gilt nach (3.7), wenn V1 das Volumen
bei #1 ist Lösung
Nach (3.6) ist die Temperaturänderung
V2 D l23 D l13 Œ1 C ˛.#2  #1 /3
d 0;03 mm
D V1 Œ1 C 3˛.#2  #1 / C 3˛ 2 .#2  #1 /2 T D D
d˛ 20 mm  19  106 K1
C ˛ 3 .#2  #1 /3 : D 79 K:
3.1 Grundlagen 161

Also ist die erforderliche Temperatur #2 D C HARLES (1746 bis 1823), die von J. L. G AY-
99 ı C. Die relative Volumenvergrößerung be- L USSAC (1778 bis 1823) vertieft wurden, er-
trägt nach (3.9) und (3.10) gaben, dass bei einem Gas unter konstantem
Druck das Volumen linear mit der Temperatur ge-
V 3
D T D 3˛T D 4;5  10 : mäß (3.9) variiert:
V
V .#/ D V0 .1 C #/;
Die Dichte % eines Körpers ist umgekehrt
proportional zum Volumen. Für die Temperatur- wenn V das Volumen bei # D 0 ı C ist.
0 0
abhängigkeit gilt Experimente liefern für den Raumausdeh-
m nungskoeffizienten  im Gay-Lussac’schen Ge-
%.#/ D : setz für fast alle Gase den gleichen Wert. Die
V0 .1 C #/
Unterschiede zwischen den einzelnen Gasen wer-
Ist %0 D m=V0 die Dichte bei #0 D 0 ı C, dann ist den umso geringer, je niedriger der Druck p ist.
die Dichte bei der Temperatur # Im Grenzfall p ! 0 ergibt sich für alle Gase
%0 1
%.#/ D  %0 .1  #/: (3.11)  D 0;003661 K1 D :
1 C # 273;15 K
Flüssigkeiten Ein Gas in diesem Grenzzustand wird als ideales
Weil Flüssigkeiten keine Eigengestalt haben, ist Gas bezeichnet.
nur die Volumenänderung von Interesse. Es gel- Wie die grafische Darstellung des Gay-
ten (3.8), (3.9) und (3.11); allerdings ist der Lussac’schen Gesetzes in Abb. 3.3 zeigt, wird
Raumausdehnungskoeffizient  größer als bei das Volumen bei # D 273;15 ı C gleich null.
Festkörpern. Einige Zahlenwerte enthält Tab. 3.5. Dies ist der absolute Nullpunkt der Tempera-
Bemerkenswert ist die Anomalie des Wassers. tur. Natürlich gilt das Gay-Lussac’sche Gesetz
Bei der Temperatur # D 4 ı C hat die Dichte ihr bei sehr tiefen Temperaturen nicht mehr. Rea-
Maximum mit %max D 0;999973 kg=dm3. Wenn le Gase kondensieren beim Abkühlen; selbst am
im Winter ein See zufriert, sammelt sich das Was- absoluten Nullpunkt muss noch ein bestimm-
ser von # D 4 ı C und größter Dichte am Grund; tes Restvolumen, nämlich das Eigenvolumen der
darüber liegen die kälteren und leichteren Schich- Atome, übrig bleiben. Die absolute Temperatur
ten. Weil die kalten Schichten nicht absinken, T erlaubt eine einfache Formulierung des Gay-
erfolgt keine Wärmeübertragung durch Konvek- Lussac’schen Gesetzes:
tion. Der Wärmetransport durch Wärmeleitung
T V
ist nicht sehr effektiv (Abschn. 3.5), sodass tiefe V .T / D V0 bzw. D konst: (3.12)
Seen nicht bis zum Grund durchgefrieren. T0 T
Hierbei ist T0 D 273;15 K.
Gase Wird das Volumen eines Gases konstant gehal-
Bei Gasen hängt das Volumen vom Druck ten und die Temperatur verändert, dann variiert
und der Temperatur ab. Messungen von J. A. C. der Druck p gemäß

p.#/ D p0 .1 C #/ (3.13)


Tab. 3.5 Raumausdehnungskoeffizient  einiger Flüssig-
keiten bei der Temperatur # D 20 ı C oder
Stoff 103  in K1
T p
Wasser 0,208 p.T / D p0 bzw. D konst: (3.14)
Quecksilber 0,182
T0 T
Pentan 1,58 Diese Gleichung ist die Grundlage der Tempe-
Ethylalkohol 1,10 raturbestimmung nach Amontons mit Hilfe des
Heizöl 0,9 bis 1,0 Gasthermometers.
162 3 Thermodynamik

damit die Konstante von der Gasmenge ab, die


sich im Gefäß befindet.
Zur Bestimmung der Konstante wird (3.16) in
die Form
pV pn Vn
D (3.17)
T Tn
gebracht. Die Größen mit dem Index n be-
ziehen sich auf den in DIN 1343 festgelegten
Normzustand mit der Normtemperatur Tn D
273;15 K (#n D 0 ı C) und dem Normdruck pn D
101:325 Pa.
Das Volumen Vn des Gases hängt mit der
Abb. 3.3 Zusammenhang zwischen dem Volumen V und Dichte %n beim Normzustand und der Masse m
der Temperatur T eines idealen Gases bei konstantem
Druck gemäß
m
Vn D
%n
3.1.5 Allgemeine Zustandsgleichung zusammen. Somit wird aus (3.17)
idealer Gase
pV pn
D m:
Das Volumen V und der Druck p einer ab- T Tn % n
geschlossenen Menge eines idealen Gases sind
Die Werte für pn ; Tn und %n werden zusammen-
bei konstanter Temperatur durch das Gesetz von
gefasst zu der individuellen (speziellen) Gaskon-
Boyle-Mariotte verknüpft:
stanten
pn
pV D konst: (3.15) Ri D : (3.18)
Tn % n
Der Zusammenhang wurde 1662 von R. B OYLE Die Zustandsgleichung idealer Gase erhält dem-
(1627 bis 1691) und unabhängig von ihm 1679 nach die Form
von E. M ARIOTTE (1620 bis 1684) experimentell
gefunden. pV D mRi T: (3.19)
Die Gesetze von Boyle-Mariotte, Gay-Lussac
und Charles, formuliert in (3.15), (3.12) so- Da die Gaskonstante Ri von der Dichte %n des
wie (3.14), lassen sich in einer Gleichung, der Gases abhängt, ergibt sich für jede Gasart eine
Zustandsgleichung idealer Gase kombinieren: eigene, individuelle Konstante.

pV
D konst: (3.16) Beispiel 3.1-3
T Wie groß ist die individuelle Gaskonstante von
Reale Gase befolgen (3.16) umso besser, je ge- trockener Luft?
ringer der Druck und je höher die Temperatur ist.
Die physikalischen Gründe hierfür sind in Ab- Lösung
schn. 3.2.1 erläutert. Die Dichte beim Normzustand beträgt %n D
Die Zustandsgrößen Druck p, Volumen V und 1;2923 kg=m3. Damit errechnet man für die
Temperatur T einer konstanten Stoffmenge eines Gaskonstante
idealen Gases gehorchen stets (3.16). Durch Auf-
lösung nach dem Druck ergibt sich p D konst. 101325 N m2
Ri D
T =V . 273;15 K  1;2923 kg m3
Werden das Gefäßvolumen und die Tempe- J
D 287;05 :
ratur vorgegeben, dann hängt der Gasdruck und kg K
3.1 Grundlagen 163

Der Nachteil, für jedes Gas eine besondere Hierin ist N D NA die Teilchenanzahl des Sys-
Gaskonstante in (3.19) einsetzen zu müssen, ent- tems. Der Quotient
fällt, wenn in (3.17) das Volumen Vn durch die
Rm J
Stoffmenge  ausgedrückt wird. Nach dem Satz kD D 1;38065  1023
von A. AVOGADRO (1776 bis 1856) benötigt NA K
eine bestimmte Teilchenmenge eines idealen Ga-
wird als Boltzmann-Konstante (L. B OLTZMANN,
ses bei bestimmten Werten des Drucks und der
1844 bis 1906) bezeichnet. Hiermit ergibt sich ei-
Temperatur stets das gleiche Volumen, und zwar
ne weitere Form der Zustandsgleichung idealer
unabhängig von der Gasart. Für die Stoffmenge
Gase:
 D 1 mol beträgt beim Normzustand nach DIN
pV D N kT: (3.22)
1443 das Molvolumen Vmn D 22;414 dm3 =mol.
Somit ist das Volumen Vn der Teilchenmenge 
Beispiel 3.1-4
Vn D Vmn ; Ein Gefäß mit V D 2 l Inhalt wird bei der
Temperatur # D 22 ı C evakuiert und an-
und (3.17) erhält die Form schließend mit Helium gefüllt, bis sich gegen-
über dem äußeren Luftdruck pL D 1016 hPa
pV pn Vmn
D : der Überdruck pü D 2;0 bar eingestellt hat.
T Tn Wie groß sind die Teilchenanzahl N , die Teil-
Die Konstanten der rechten Seite fasst man zur chenmenge v und die Masse m des Gases?
universellen (molaren) Gaskonstante Rm zusam-
men: Lösung
pn Vmn J Der Druck des Gases beträgt p D pL C pü D
Rm D D 8;3145 :
Tn mol K 3;016  105 Pa. Die absolute Temperatur ist
Damit erhält man die Zustandsgleichung der T D 295;15 K. Nach (3.22) folgt für die Teil-
idealen Gase: chenanzahl
pV D Rm T: (3.20) pV
N D
kT
Diese Form hat den Vorteil, dass für alle Gase
3;016  105 N m2  2  103 m3
dieselbe Gaskonstante verwendet werden kann. D
Die individuelle Gaskonstante Ri kann bei 1;381  1023 N m K1  295;15 K
Kenntnis der Molmasse M des Gases aus der D 1;48  1023 :
molaren Gaskonstante Rm berechnet werden.
Nach (3.4), die den allgemeinen Zusammenhang Die Teilchenmenge ist
zwischen spezifischen und molaren Größen be-
pV N
schreibt, gilt D D D 0;246 mol:
Rm TRm NA
Ri D : (3.21)
M Helium hat die Molmasse M D 4;003 g=mol.
Die Anzahl der Teilchen in der Teilchenmenge Damit ist die Masse des Gases m D M D
 D 1 mol wird durch die Avogadro’sche Kon- 0;985 g.
stante angegeben:
Der funktionale Zusammenhang der drei Zu-
NA D 6;0221  1023 mol1 :
standsgrößen Druck, Volumen und Tempera-
Mit der Avogadro-Konstante kann die rechte Sei- tur in der Zustandsgleichung der idealen Gase
te von (3.20) umgeformt werden: kann in einem dreidimensionalen Raum nach
Abb. 3.4 anschaulich dargestellt werden. Al-
Rm le Gleichgewichtszustände liegen auf der ge-
pV D NA T:
NA krümmten Fläche. Schnitte durch die Fläche
164 3 Thermodynamik

den? Der Elastizitätsmodul des Stahls beträgt


E D 2  105 N=mm2 (Abschn. 2.11).

Ü 3-4 Bei #1 D 20 ı C beträgt die Dichte von


Quecksilber %1 D 13;546 kg=dm3. Bei welcher
Temperatur #2 ist die Dichte %2 D 13;5 kg=dm3?

Ü 3-5 Wie groß ist die individuelle Gaskonstan-


te von Wasserdampf, wenn bei der Temperatur
# D 800 ı C und dem Druck p D 9;807 bar das
spezifische Volumen v D 0;5 m3 =kg beträgt?

Ü 3-6 In ein Gefäß mit dem Volumen V D 20 l


wird bei der Temperatur # D 22 ı C Luft ge-
pumpt, bis sich der Überdruck pü D 100 bar
einstellt. Welche Masse hat das Gas, wenn der äu-
ßere Luftdruck pL D 1 bar beträgt?
Abb. 3.4 Zustandsfläche der Zustandsgleichung idealer
Ü 3-7 In einem Gefäß mit V D 1 m3 Inhalt be-
Gase. p Druck, Vm molares Volumen, T absolute Tempe-
ratur findet sich bei der Temperatur T D 250 K und
dem Druck p D 2;5 bar ein ideales Gas. Wie groß
bei konstanter Temperatur liefern die Hyper- ist dessen Teilchenmenge?
beln des Boyle-Mariotte’schen Gesetzes im p; V -
Diagramm. Schnitte bei konstantem Druck erzeu-
gen die Geraden des Gay-Lussac’schen Geset- 3.2 Kinetische Gastheorie
zes im V; T -Diagramm, und schließlich ergeben
Schnitte bei konstantem Volumen die Geraden 3.2.1 Gasdruck
des Charles’schen Gesetzes im p; T -Diagramm.
Die bisher phänomenologisch eingeführten Zu-
standsgrößen erhalten eine mechanische Inter-
3.1.6 Zur Übung pretation durch die kinetische Gastheorie. Hier-
bei legt man die atomare Struktur der Materie
Ü 3-1 Ein Glasstab aus Pyrex-Glas und ein Maß- zugrunde und leitet die thermodynamischen Ei-
stab aus Messing Ms 58 sind bei #1 D 20 ı C genschaften der Gase aus der Bewegung der
genau l1 D 1000 mm lang. Welche Länge liest Gasmoleküle unter Anwendung der Gesetze der
man für den Glasstab ab, wenn beide Körper auf Mechanik ab.
#2 D 100 ı C erwärmt werden? (˛Glas D 3;2  Ein ideales Gas zeichnet sich dadurch aus,
106 K1 ; ˛Ms D 19  106 K1 ) dass es die Zustandsgleichung idealer Gase (3.15)
und folgende in Abschn. 3.1.5 befolgt. Ein reales
Ü 3-2 Eine kreisförmige Stahlplatte hat bei #1 D Gas verhält sich dann ideal, wenn die Teilchen-
20 ı C den Durchmesser d1 D 1200 mm. Um wel- dichte gering und die Temperatur wesentlich über
chen Betrag nimmt ihre Fläche zu, wenn sie auf der Siedetemperatur der Substanz liegt. In diesem
#2 D 96 ı C erwärmt wird? Zustand ist das Eigenvolumen der Moleküle sehr
viel kleiner als das Gefäßvolumen; außerdem
Ü 3-3 Wie groß ist die Zugspannung in Eisen- sind die zwischenmolekularen Kräfte vernach-
bahnschienen bei #1 D 20 ı C, wenn sie bei lässigbar, da diese eine sehr kurze Reichweite
#2 D C20 ı C spannungsfrei verschweißt wur- haben.
3.2 Kinetische Gastheorie 165

Abb. 3.6 Zur kinetischen Gastheorie: Kraftstöße auf die


Wand. Fi Kraft, t Zeit, a Kantenlänge, vxi Geschwindig-
keit

Abb. 3.5 Zur kinetischen Gastheorie: Würfel mit einem


schen Reflexionsgesetz reflektiert und gibt dabei
Molekül der Geschwindigkeit vi . x, y, z Koordinaten,
a Kantenlänge den Impuls p i D 2mM vxi an die Wand ab.
Nach einer bestimmten Laufzeit t wiederholt
sich der Vorgang, sodass in regelmäßigen Abstän-
Die Modellsubstanz des idealen Gases hat fol- den nach Abb. 3.6 ein Kraftstoß auf die rechte
gende Eigenschaften: Wand ausgeübt wird. Die mittlere Kraft FNi auf
die rechte Wand beträgt
 Das Gas besteht aus einer großen Anzahl
gleichartiger Teilchen, den Molekülen. 2
F Ni D pi D 2mM vxi D mM vxi :
 Die räumliche Ausdehnung der Teilchen ist so t 2a=vxi a
klein, dass ihr Eigenvolumen gegenüber dem
Gefäßvolumen vernachlässigbar ist (Konzept Damit ist der „Druck“, von einem Molekül her-
des Massenpunktes). rührend,
 Zwischen den Teilchen existieren keine Wech-
FNi mM vxi 2
mM vxi 2
selwirkungskräfte, ausgenommen bei einem pNi D D 3
D :
Zusammenstoß. A a V
 Die Zusammenstöße der Teilchen untereinan- Nun sollen sich N Teilchen mit verschiedenen
der und mit den Gefäßwänden verlaufen völlig Geschwindigkeiten im Würfel befinden. Falls sie
elastisch innerhalb einer vernachlässigbaren untereinander nicht zusammenstoßen, ergibt sich
Zeitspanne. der Druck auf die Wand durch Summation über
alle N Einzelbeiträge:
Der Druck, den ein Gas auf die Gefäßwand aus-
mM  2 
übt, wurde bereits 1738 von Bernoulli so erklärt, pD vx1 C vx2
2
C vx3
2
C    C vxN2

dass die Teilchen bei ihren Zusammenstößen mit V


mM X 2
N
der Wand an diese einen bestimmten Impuls über-
D v :
tragen und dadurch eine Kraft ausüben. Zur Be- V i D1 xi
stimmung des Drucks sei zunächst nach Abb. 3.5
ein Würfel der Kantenlänge a als Gefäß betrach- Bei den üblichen Teilchenanzahlen verschwindet
tet, in dem sich lediglich ein Molekül der Masse das in Abb. 3.6 angedeutete diskrete Auftreten
mM befinden soll. Das Molekül bewege sich mit der Stöße vollkommen. Tatsächlich treffen bei-
der Geschwindigkeit vi und treffe auf die rech- spielsweise bei einem mit Luft gefüllten Gefäß
te Wand des Würfels. Gemäß den Stoßgesetzen im Normzustand auf jeden Quadratzentimeter der
von Abschn. 2.7 wird das Teilchen wie beim opti- Wand je Sekunde etwa 3  1023 Teilchen.
166 3 Thermodynamik

Die Geschwindigkeiten der einzelnen Mole- Tab. 3.6 Mittlere Geschwindigkeit vm und Schallge-
küle messen zu wollen, ist ein hoffnungsloses schwindigkeit c einiger Gase beim Normzustand #n D
0 ı C und pn D 1;013 bar (% Dichte, ~ Isentropenexpo-
Unterfangen. Sinnvoll sind nur statistische Aus- nent)
sagen, z. B. eine Berechnung des Mittelwerts.
Gas % in kg=m3 ~ vm in m=s c in m=s
Der obige Ausdruck lässt sich mit dem mittleren
Helium 0,1785 1,67 1305 974
Geschwindigkeitsquadrat Argon 1,784 1,67 413 308
Wasserstoff 0,0899 1,41 1840 1260
1 X 2
N
Sauerstoff 1,4289 1,40 461 315
vx2 D v
N i D1 xi Stickstoff 1,2505 1,40 493 337
Luft 1,2928 1,40 485 331
vereinfachen zu
mM
pD N vx2 : Beispiel 3.2-1
V Beim Normzustand beträgt die Dichte von
Nun gilt für jedes Teilchen Stickstoff %n D 1;2505 kg=m3. Wie groß ist
die mittlere Geschwindigkeit?
v2 D v2x C vy2 C v2z :
Lösung
s
Da bei vielen Teilchen alle Raumrichtungen 3  101:325 N m2
gleichmäßig vorkommen, gilt für die Mittelwer- vm D D 493 m=s:
1;2505 kg m3
te der Geschwindigkeitsquadrate

1 2 Die mittlere Geschwindigkeit der Moleküle


vx2 D vy2 D vz2 D v :
3 ist in der Größenordnung der Schallgeschwindig-
keit. Nach (5) aus Tab. 5.8 gilt für die Schallge-
Demnach erhält man für den Druck schwindigkeit
1N r
pD mM v 2 : (3.23) ~p
3V cD :
%
Diese Grundgleichung der kinetischen Gastheo-
rie ist auch gültig, wenn Zusammenstöße zwi- ~ ist der in Abschn. 3.3.5 definierte Isentropen-
schen den Teilchen stattfinden, sowie bei belie- exponent, der im Bereich 1 < ~ 5 5=3 liegt.
biger Gefäßform. Tab. 3.6 enthält Werte der mittleren Geschwin-
Gleichung (3.23) lässt sich mit Hilfe der Dich- digkeit vm und der Schallgeschwindigkeit c für
te % D m=V D N mM =V umschreiben: einige Gase.

1 2
pD %v : (3.24) 3.2.2 Thermische Energie und
3
Temperatur
Diese Beziehung kann benutzt werden, um die
mittleren Molekülgeschwindigkeiten in Gasen zu Wird die Grundgleichung (3.23) der kinetischen
berechnen. Als mittlere Geschwindigkeit vm wird Gastheorie in der Form
die Wurzel aus dem mittleren Geschwindigkeits-
quadrat v 2 definiert: 1
pV D N mM v 2
3
s
p 3p
vm D v 2 D : (3.25) geschrieben, so ist eine Verwandtschaft mit der
% allgemeinen Zustandsgleichung (3.22) idealer
3.2 Kinetische Gastheorie 167

Gase
pV D N kT Die Temperatur ist ein Maß für die mittlere
kinetische Energie der Moleküle.
offensichtlich. Durch Gleichsetzen der rechten
Seiten entsteht die Beziehung

1 Durch die Verknüpfung von Temperatur und


mM v 2 D kT; kinetischer Energie wird auch wieder auf die
3
Existenz eines absoluten Temperatur-Nullpunkts
die zeigt, dass das mittlere Geschwindigkeitsqua- hingewiesen, bei dem jede Teilchenbewegung
drat proportional zur Temperatur ist. Daraus folgt aufhört. (Die Quantentheorie lehrt, dass bei T D
sofort für die Temperaturabhängigkeit der mittle- 0 K noch eine Nullpunktsenergie vorhanden ist.)
ren Geschwindigkeit:
s r
Gleichverteilungssatz
3kT 3Rm T Die Modellsubstanz – die Grundlage der vorge-
vm D D : (3.26) nannten abgeleiteten Gleichungen – besteht aus
mM M
punktförmigen Teilchen mit jeweils f D 3 Frei-
heitsgraden. Da sich im zeitlichen Mittel die Be-
wegung der Moleküle gleichmäßig auf alle drei
Beispiel 3.2-2
Raumrichtungen verteilt, kann man die kineti-
Wie groß ist die mittlere Geschwindigkeit vm
sche Energie eines Moleküls in drei gleiche Teile
und die Schallgeschwindigkeit c von Luft bei
aufspalten. Auf jeden Freiheitsgrad entfällt somit
# D 20 ı C?
die mittlere thermische Energie pro Molekül
Lösung 1
Aus (3.26) folgt EN f D kT: (3.29)
2
r
vm20 293 Dieses Ergebnis kann verallgemeinert werden
D und vm20 D 1;036vm0 : auf Gase, deren Teilchen nicht punktförmig sind
vm0 273
(z. B. das hantelförmige N2 -Molekül) und daher
Mit vm0 D 485 m=s (Tab. 3.6) ergibt sich mehr als drei Freiheitsgrade haben:
vm20 D 502 m=s. Im gleichen Verhältnis
nimmt die Schallgeschwindigkeit von c0 D
331 m=s auf c20 D 343 m=s zu. Die thermische Energie eines Moleküls
verteilt sich gleichmäßig auf alle seine
Eine sehr plastische Deutung des Temperatur- Freiheitsgrade. Jeder Freiheitsgrad hat die
begriffs wird möglich durch Einführung der mitt- Energie EN f D 12 kT .
leren kinetischen Energie EN kin eines Teilchens der
Masse mM :
1
EN kin D mM v 2 : (3.27) Dieser Gleichverteilungssatz (Äquipartions-
2 prinzip) liefert für die mittlere thermische Ener-
Aus (3.26) und (3.27) folgt gie eines Moleküls mit f Freiheitsgraden
3 f
EN kin D kT: (3.28) EN D kT: (3.30)
2 2
Dieser Ausdruck erlaubt eine anschauliche In- Der Gleichverteilungssatz verliert seine Gültig-
terpretation der phänomenologisch eingeführten keit bei tiefen Temperaturen, wo Quanteneffekte
Zustandsgröße „Temperatur“: wirksam werden (Abschn. 3.3.4).
168 3 Thermodynamik

3.2.3 Geschwindigkeitsverteilung Er tritt auf in den Gleichungen der Leitfä-


der Gasmoleküle higkeit von Halbleitern, in der Diodenkennlinie,
beim Verdampfen von Flüssigkeiten und beim
Boltzmann-Faktor Elektronenaustritt aus Glühkathoden, um einige
Die barometrische Höhenformel gemäß (2.182) Beispiele zu nennen.
beschreibt die Druckabnahme in der Atmosphäre Haben mehrere Zustände dieselbe Energie
mit zunehmender Höhe h: (entartete Zustände), dann kann dies durch ein
statistisches Gewicht g berücksichtigt werden.
% gh
 0
ph D p0 e p0 : Aus (3.31) wird dann
N2 g2 E2 E1
Der Exponent lässt sich leicht umformen: D e kT : (3.32)
N1 g1
mM gh
ph D p0 e kT : Wenn ein System verschiedene Zustände mit den
Energien E1 ; E2 ; : : : einnimmt, so ist die Wahr-
Da die Teilchenanzahldichte n D N=V propor- scheinlichkeit dafür, dass der Zustand mit der
tional zum Druck ist, gilt für das Verhältnis der Energie Ei besetzt ist, gegeben durch
Teilchenanzahldichten in der Höhe h und am Erd- Ei

boden bei h D 0: Pi gi e kT : (3.33)

nh mM gh Maxwell’sche Verteilungsfunktion
D e kT :
n0 Bei einem Gas ändern sich infolge der Zusam-
menstöße zwischen den Gasmolekülen ständig
Der Zähler im Exponenten entspricht der Diffe- deren Geschwindigkeiten. Trotzdem ist eine sta-
renz der potenziellen Energie Epot im Schwe- tistische Aussage darüber möglich, mit welcher
refeld zwischen den beiden betrachteten Zustän- Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Geschwin-
den, sodass auch gilt digkeit vorkommt. Nach (3.33) ist die Wahr-
scheinlichkeit für das Auftreten einer Geschwin-
nh Epot
D e kT : digkeit zwischen v und v C dv gegeben durch die
n0 Verteilungsfunktion
Dieses Ergebnis lässt sich verallgemeinern auf mM v 2

zwei beliebige Energiezustände E1 und E2 . Wer- f .v/dv D Cg.v/e 2kT dv:


den auf diese beiden Energieniveaus N Teilchen Darin berücksichtigt g.v/dv das statistische Ge-
verteilt, dann gilt für die Besetzungszahlen bzw. wicht des Geschwindigkeitsintervalls.
Teilchenanzahldichten Im dreidimensionalen Geschwindigkeitsraum
N2 n2 E E E
nach Abb. 3.7 liegen die Spitzen aller Geschwin-
D e kT D e kT :
2 1
D (3.31) digkeitsvektoren mit den Beträgen zwischen v
N1 n1
und v C dv in einer Kugelschale mit dem Radius
Diese Exponentialfunktion ist als Boltzmann- v und der Dicke dv. Die Anzahl der möglichen
Faktor bekannt und spielt in den Gleichungen der Geschwindigkeitsvektoren ist proportional zum
Gleichgewichtsstatistik eine große Rolle. Volumen dieser Kugelschale 4 v 2 dv. Setzt man

g.v/ D 4 v 2 ;
Der Boltzmann-Faktor gibt an, welcher dann ergibt sich die Normierungskonstante C aus
Bruchteil der Teilchen aufgrund ihrer ther- der Forderung
mischen Bewegung die Energieschwelle Z1
E2  E1 überschritten hat. f .v/dv D 1:
0
3.2 Kinetische Gastheorie 169

Abb. 3.8 Maxwell’sche Geschwindigkeitsverteilung für


Stickstoffmoleküle
Abb. 3.7 Zur Maxwell’schen Geschwindigkeitsvertei-
lung: Geschwindigkeiten zwischen v und v C dv
Die durchschnittliche Geschwindigkeit v, also der
arithmetische Mittelwert der Geschwindigkeits-
Dies ist der mathematische Ausdruck dafür, dass beträge aller Teilchen, liegt zwischen vw und vm :
ein Teilchen mit Sicherheit irgendeine Geschwin- s r
digkeit zwischen null und unendlich haben muss. 8kT 8
Durch Bestimmung des Integrals folgt vD D vm : (3.36)
 mM 3 
!3=2
mM An vielen Prozessen sind nur jene Teilchen be-
C D : teiligt, deren Energie eine bestimmte Schwelle
2 kT
überschreitet. Beispiele sind chemische Reaktio-
Die Maxwell’sche Geschwindigkeitsverteilung nen, Glühemission von Elektronen aus Metallen,
lautet demnach Stoßionisation in Gasen. Mit Hilfe von (3.34)
lässt sich berechnen, welcher Bruchteil der Teil-
!3=2
mM mM v 2
chen die erforderliche Mindestenergie bzw. Min-
f .v/dv D 4 v 2
e 2kT dv: (3.34) destgeschwindigkeit besitzt.
2 kT

Sie wurde von J. C. M AXWELL im Jahr 1859 Beispiel 3.2-3


gefunden und 1876 von L. B OLTZMANN theore- Eine chemische Reaktion wird eingeleitet,
tisch begründet. wenn die Gasatome eine Aktivierungsenergie
Abb. 3.8 zeigt die Verteilungsfunktion für von EA D 1 eV D 1;6  1019 J aufbrin-
Stickstoff-Moleküle bei den Temperaturen T D gen. Welcher Bruchteil der Moleküle ist dazu
300 K und T D 900 K. in der Lage, wenn die Masse der Moleküle
Die wahrscheinlichste Geschwindigkeit vw , al- mM D 4;65  1026 kg beträgt? Die Temperatur
so diejenige, die am häufigsten auftritt, kann sei T1 D 300 K bzw. T2 D 900 K. Wie groß ist
aus (3.34) durch Bestimmung des Maximums er- jeweils die mittlere Geschwindigkeit vm ?
mittelt werden:
Lösung
s r
2kT 2 Die Aktivierungsenergie entspricht einer
q Min-
vw D D vm : (3.35)
mM 3 destgeschwindigkeit von v0 D 2EA
mM D
170 3 Thermodynamik

2625 m=s. Im Vergleich hierzu sind die mitt- 5 ı C beträgt? (Zur Temperaturabhängigkeit der
leren Geschwindigkeiten klein: Schallgeschwindigkeit siehe Beispiel 3.2-2. Die
s Längenänderung der Pfeife ist ein vernachlässig-
3kT1 barer Effekt.)
vm;1 D D 517 m=s und
mM
Ü 3-10 Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit da-
vm;2 D 895 m=s: für, dass Stickstoff-Moleküle bei Raumtempera-
tur (T D 300 K) Geschwindigkeiten im Intervall
Der Bruchteil x der Moleküle mit v = v0 be- 1000 m=s 5 v 5 1100 m=s haben? Wie vie-
trägt le Moleküle erfüllen diese Bedingung, wenn das
R1 Z1
v0 f .v/dv Gas beim Normdruck das Volumen V D 1 l aus-
x D R1 D f .v/dv:
f .v/dv füllt?
0
v0

Ü 3-11 Bei der Glühemission von Wolfram müs-


Eine numerische Integration mit einem pro-
sen die Elektronen die Austrittsarbeit WA D
grammierbaren Rechner liefert
4;5 eV überwinden. Welcher Bruchteil der Elek-
16 tronen ist dazu bei Raumtemperatur bzw. bei T D
für T1 D 300 KW x1 D 1;14  10 und
1500 K in der Lage? (Das Elektronengas wird nä-
für T2 D 900 KW x2 D 1;06  105 : herungsweise wie ein ideales Gas angesehen.)

Obwohl die Temperatur nur um den Faktor


drei variiert, verändert sich die Anzahl der 3.3 Hauptsätze der Thermodynamik
reaktionsfähigen Teilchen um neun Größen-
ordnungen. 3.3.1 Wärme

Ist die Mindestgeschwindigkeit v0 sehr viel Aus dem letzten Abschnitt geht hervor, dass
größer als die mittlere Geschwindigkeit vm , dann die Temperatur ein Maß ist für die Energie, die
gilt in guter Näherung für den Bruchteil x der re- in der ungeordneten thermischen Bewegung der
aktionsfähigen Teilchen Teilchen steckt. Bei Gasen und Flüssigkeiten ist
r dies die kinetische Energie der Translation und
2 EA  EA Rotation der Moleküle sowie die Schwingungs-
xDp e kT : (3.37)
  kT energie der Molekülschwingungen. In Festkör-
pern schwingen die Atome um ihre Ruhelagen;
hierbei werden mit zunehmender Temperatur die
3.2.4 Zur Übung Schwingungsamplituden immer größer.
Bringt man zwei Körper, die sich auf verschie-
Ü 3-8 Ein Gefäß mit V D 1 l Inhalt ist mit He- denen Temperaturen befinden, in Kontakt, dann
lium gefüllt. Das Gas befindet sich im Normzu- findet ein Temperaturausgleich statt: Die Tem-
stand. a) Wie groß ist die mittlere Geschwindig- peratur des kälteren Körpers nimmt zu und die
keit vm der Atome? b) Wie groß ist die gesamte des wärmeren nimmt ab. Dies bedeutet nach den
kinetische Energie aller He-Atome, die sich in vorgenannten Erläuterungen, dass vom warmen
dem Gefäß befinden? System an das kalte System Energie übertragen
wird. Diese Energieübertragung belegt man mit
Ü 3-9 Eine Orgelpfeife einer Kirchenorgel dem Begriff Wärme:
schwingt bei #1 D 20 ı C mit der Frequenz
f1 D 440 Hz. Die Frequenz einer Pfeife ist pro-
portional zur Schallgeschwindigkeit in der Luft. Wärme ist Energie, die aufgrund ei-
Welche Frequenz gibt die Pfeife im Winter ab, nes Temperaturunterschieds zwischen zwei
wenn die Temperatur der angesaugten Luft #2 D
3.3 Hauptsätze der Thermodynamik 171

Die Wärmekapazität kann nur in bestimmten


Systemen übertragen wird. Diese Energie- Grenzen als Konstante angesehen werden. Tat-
übertragung hat eine eindeutige Richtung. sächlich hängt sie von der Temperatur ab. Bei
Die Wärme fließt stets in Richtung der einer endlichen Temperaturänderung von T1 auf
niedrigeren Temperatur. Der Wärmeüber- T2 beträgt die übertragene Wärme
gang ist also ein irreversibler Prozess.
ZT2 ZT2
Q12 D m c.T /dT D  Cm .T /dT: (3.41)
T1 T1
Wird einem Festkörper oder einer Flüssigkeit
Wärme zugeführt, dann ist dies immer mit einer Ist das Temperaturintervall klein, kann die Wär-
Temperaturerhöhung verknüpft, falls kein Pha- mekapazität näherungsweise als konstant ange-
senübergang stattfindet (Abschn. 3.4.3). Um die nommen werden und (3.41) vereinfacht sich zu
Temperatur T eines Systems um dT zu erhöhen,
ist eine Wärmezufuhr •Q erforderlich, die pro- Q12 D mc.T2  T1 / D Cm .T2  T1 /: (3.42)
portional zu dT ist:
Diese Gleichung gilt auch für einen größeren
•Q D C dT: (3.38) Temperaturbereich, wenn anstatt der wahren ei-
ne mittlere Wärmekapazität eingesetzt wird.
Die Proportionalitätskonstante C ist die Wärme-
kapazität des Systems. Sie hängt von der Art des Beispiel 3.3-1
Stoffs und von der Menge ab, sie ist also eine ex- Wie groß ist die Wärme, die einem Bauteil aus
tensive Größe. Eisen von der Masse m D 0;8 kg zugeführt
Je nachdem, ob die Wärmekapazität C auf werden muss, um es von #1 D 20 ı C auf #2 D
die Masse m oder die Teilchenmenge  bezogen 400 ı C zu erwärmen?
wird, ergibt sich die spezifische Wärmekapazität
Lösung
C In diesem Temperaturintervall ist die spezi-
cD (3.39) fische Wärmekapazität linear von der Tem-
m
peratur abhängig c1 D 465 J=.kg K/, c2 D
oder die molare Wärmekapazität 615 J=.kg K/. Die mittlere spezifische Wärme-
kapazität beträgt c D 540 J=.kg K/. Damit ist
C die erforderliche Wärme
Cm D : (3.40)

Q12 D mc.#2  #1 /
Nach (3.4) gilt der Zusammenhang Cm D cM .
D 0;8 kg  540 J=.kg K/  380 K
Die SI-Maßeinheit der Wärme ist wie für jede
Energieform 1 J (Joule). Somit erhalten die Wär- D 164 kJ:
mekapazitäten die Maßeinheiten C : 1 J=.K/, c:
Zur Veranschaulichung: Mit der gleichen
1 J=.kg K/, Cm : 1 J=.mol K/.
Energie könnte man das Bauteil von v1 = 0 auf
Im älteren Schrifttum und im praktischen Ge-
v2 D 640 m=s beschleunigen.
brauch findet man häufig noch die früher übli-
che Maßeinheit für die Wärme, die Kilokalorie. Die spezifische bzw. molare Wärmekapazität
Für die Internationale Tafelkalorie gilt der Um- von Gasen hängt außer von der Gasart auch ab
rechnungsfaktor 1 kcalIT D 4;1868 kJ. (Molare von
Wärmekapazitäten einiger Gase enthält Tab. 3.8
in Abschn. 3.3.4, spezifische Wärmekapazitä-  der Temperatur,
ten von einigen Festkörpern und Flüssigkeiten  dem Druck (nicht bei idealen Gasen) und von
Tab. 3.12 in Abschn. 3.5.1.)  der Prozessführung.
172 3 Thermodynamik

Die umgesetzte Wärme kann deshalb i. Allg.


nicht nach (3.41) berechnet werden, da je nach
Versuchsbedingungen eine ganz bestimmte Wär-
mekapazität einzusetzen wäre. Für die Praxis
sind besonders zwei Versuchsbedingungen von
Bedeutung, für die die Wärmekapazitäten vieler
Gase gemessen sind:

a) Temperaturänderung bei konstantem Volu-


men; die isochore Wärmekapazität wird mit
dem Index „V “ gekennzeichnet: CV , cV ,
CmV ;
b) Temperaturänderung bei konstantem Druck;
die isobare Wärmekapazität erhält den Index
„p“: Cp , cp , Cmp .

Kalorimetrie
Wärmekapazitäten werden in Kalorimetern ge-
messen. Abb. 3.9 zeigt das Prinzip eines Mi-
schungskalorimeters, das geeignet ist, die Wär-
mekapazität von Festkörpern und Flüssigkeiten
zu messen. Im Innern des gut isolierten Dewar- Abb. 3.9 Mischungskalorimeter. m Masse, c spezifische
Gefäßes befindet sich eine Flüssigkeit (meist Wärmekapazität 1 Flüssigkeit, 2 Festkörper
Wasser) der Masse m1 bei der Temperatur T1 .
Wird ein Körper der Masse m2 mit der Tempera-
tur T2 in die Flüssigkeit eingetaucht, so stellt sich ist verhältnismäßig schwierig. Das Gas wird in
nach einiger Zeit die Mischungstemperatur Tm ein Kalorimetergefäß eingeschlossen und – z. B.
ein. Es muss folgende Energiebilanzgleichung er- mit einer elektrischen Heizung – aufgeheizt. Da
füllt sein: die Wärmekapazität des Gefäßes sehr viel grö-
ßer ist als die des Gases, ist das Messergebnis
m1 c1 .Tm  T1 / C CK .Tm  T1 /
nicht sonderlich genau. Einfacher ist die Bestim-
D m2 c2 .T2  Tm /: mung der spezifischen Wärmekapazität cp unter
konstantem Druck:
CK ist die Wärmekapazität des Kalorimeters. Gemäß Abb. 3.10 leitet man eine bestimm-
Daraus bestimmt sich die zu messende spezifi- te Menge erhitztes Gas in einer Rohrschlange
sche Wärmekapazität des Körpers 2: durch ein Wasserkalorimeter. Aus der Tempera-
.m1 c1 C CK /.Tm  T1 / turdifferenz T1  T2 , dem Massenstrom und der
c2 D : (3.43) Temperaturzunahme der Flüssigkeit lässt sich die
m2 .T2  Tm /
Wärmekapazität cp bestimmen. cV kann aus cp
Es ist einleuchtend, dass mit dieser Methode die berechnet werden (Abschn. 3.3.4).
spezifische Wärmekapazität nur relativ zu der des
Wassers c1 gemessen werden kann. Aus diesem
Grund hat man früher die spezifische Wärme- 3.3.2 Zur Übung
kapazität des Wassers mit c1 D 1 kcal=.kg K/
festgelegt und darauf alle anderen Wärmekapa- Ü 3-12 Die Wärmekapazität CK eines Kalori-
zitäten bezogen. meters soll bestimmt werden. Dazu wird ein
Die Bestimmung der spezifischen Wärmeka- Kupferblock der Masse m2 D 150 g und der
pazität cV von Gasen bei konstantem Volumen Temperatur #2 D 35 ı C in das Wasserbad der
3.3 Hauptsätze der Thermodynamik 173

dem Debye’schen T 3 -Gesetz c D konst.  T 3 . Für


Zink gilt Cm D 1;76 J=.mol K/ (T D 20 K). Wel-
che Wärme muss einem Bauteil der Masse m D
200 g entzogen werden, wenn es von T2 D 20 K
auf T1 D 4;2 K abgekühlt werden soll?

3.3.3 Erster Hauptsatz der


Thermodynamik

Aus der kinetischen Gastheorie folgt sehr ein-


leuchtend, dass Wärme eine Energieform ist. Die-
se Theorie wurde erst um die Mitte des 19. Jahr-
hunderts entwickelt. Bis dahin war die Meinung
vorherrschend, dass beim Wärmeübergang von
Abb. 3.10 Kalorimeter zur Bestimmung der isobaren
einem heißen auf einen kalten Körper ein Wär-
spezifischen Wärmekapazität cp von Gasen. T Tempera-
tur mestoff, das „Phlogiston“, überwechselt. Von den
zahlreichen Experimenten, die im Lauf der Zeit
die Theorie des Wärmestoffs zu Fall brachten,
Masse m1 D 250 g und der Temperatur #1 D seien kurz zwei erwähnt:
15 ı C getaucht. Die Mischungstemperatur beträgt Im Jahr 1797 beaufsichtigte Graf Rumford
#m D 15;9 ı C. (B. T HOMPSON, 1753 bis 1814) das Kanonen-
bohren im Münchener Zeughaus. Mit Hilfe ei-
Ü 3-13 In ein Kalorimeter, das mit Methyl- nes von Pferden angetriebenen Bohrers wurde
alkohol der Masse m1 D 0;3 kg gefüllt ist, eine Kanone aufgebohrt. Die dabei entwickelte
wird eine Heizwicklung getaucht und mit elek- Wärme wurde an Kühlwasser abgegeben. In 2,5
trischem Strom geheizt. Die Heizleistung beträgt Stunden wurden 8,5 kg Wasser zum Kochen ge-
P D 100 W. Die Temperaturzunahme der Flüs- bracht. Rumford zog aus seinen Beobachtungen
sigkeit ist dT =dt D 0;119 K=s. Wie groß ist den Schluss, dass die Temperaturerhöhung durch
die spezifische Wärmekapazität von Methylalko- die mechanische Arbeit der Pferde verrichtet
hol, wenn die Wärmekapazität des Kalorimeters wurde: „Mehr Energie lässt sich erzeugen, indem
CK D 95 J=K beträgt? man mehr Pferdefutter verwendet.“ – 1799 brach-
te H. DAVY (1778 bis 1829) zwei Eisstücke von
Ü 3-14 Um die isobare spezifische Wärmekapa- # D 0 ı C durch Reiben zum Schmelzen. Auch
zität von Stickstoffmonoxid (NO) zu bestimmen, hierbei wurde die erforderliche Schmelzwärme
wird das Gas gemäß Abb. 3.10 durch ein Kalori- durch mechanische Arbeit zugeführt.
meter geleitet. Dieses ist mit m1 D 1 kg Wasser Im Jahr 1842 erkannte der Arzt R. M AYER
gefüllt. Die Wärmekapazität des Gefäßes ist ver- (1814 bis 1878) als erster die Existenz eines all-
nachlässigbar. Die Temperaturdifferenz zwischen gemeinen Energieerhaltungssatzes, der außer den
ein- und ausströmendem Gas ist T1  T2 D 5 K. bisher bekannten mechanischen Energieformen
Der Volumenstrom beträgt VP D 1 l=s. Die Dichte die Wärme mit einschließt. Er stellte fest, dass
von NO ist % D 1;34 kg=m3 . Die Tempera- der Energiesatz der Mechanik uneingeschränkt
turzunahme der Flüssigkeit ist dT3 =dt D 1;6  gilt, wenn die Wärme als weitere Energieform
103 K=s. Wie groß ist die isobare spezifische berücksichtigt wird. Aus vorliegenden Daten der
Wärmekapazität cp und die isobare molare Wär- spezifischen Wärmekapazitäten cp und cV von
mekapazität Cm;p ? Luft berechnete er als erster das mechanische
Wärmeäquivalent, also den Umrechnungsfaktor
Ü 3-15 Die spezifische Wärmekapazität der der (damals) in Kalorien gemessenen Wärme in
Festkörper entspricht bei tiefen Temperaturen mechanische Energieeinheiten. Aufgrund unge-
174 3 Thermodynamik

nauer Messdaten erhielt Mayer einen Zahlenwert, die Systemgrenzen Energie mit der Umgebung
der um 14 % vom korrekten Wert abwich. ausgetauscht wird. Die Energieübertragung um-
Von 1843 bis 1850 bemühte sich J. P. J OULE fasst in den folgenden Betrachtungen lediglich
(1818 bis 1889) in vielen verschiedenartigen Ex- Wärme und mechanische Arbeit, kann aber jeder-
perimenten um eine genaue Bestimmung des me- zeit auf alle vorhandenen Energieformen ausge-
chanischen Wärmeäquivalents. Er erhielt einen dehnt werden. Für die Änderung dU der inneren
Zahlenwert für das mechanische Wärmeäquiva- Energie gilt somit
lent, der lediglich um 1 % von dem heute aner-
kannten Wert 4;1868 kJ D 1 kcal abweicht. dU D •Q C •W: (3.44)
Unabhängig von Mayer entwickelte 1847
H. v. H ELMHOLTZ (1821 bis 1894) den allge-
meinen Energiesatz, der außer mechanischer und
Die Änderung der inneren Energie eines
Wärmeenergie auch alle anderen Energieformen,
geschlossenen Systems entspricht der Sum-
wie z. B. elektrische, magnetische und chemische
me von übertragener Wärme und Arbeit.
Energie, einschließt. Dieser erste Hauptsatz der
Thermodynamik lautet:
Das Vorzeichen der umgesetzten Energiebeträ-
ge wird wie folgt festgelegt: Wärme und Arbeit,
In einem abgeschlossenen System bleibt
die dem System zugeführt werden, erhalten ein
der Gesamtbetrag der Energie konstant.
positives Vorzeichen. Wenn das System Energie
Innerhalb des Systems können die ver-
nach außen abgibt, ist diese negativ.
schiedenen Energieformen ineinander um-
Die innere Energie ist eine Zustandsgröße
gewandelt werden.
(Abschn. 3.1.2), d. h., sie hängt nur vom augen-
blicklichen Zustand des Systems ab, nicht aber
davon, wie das System in diesen Zustand ge-
Helmholtz kam zu seiner Schlussfolgerung
langt ist. Wäre dies nicht so, dann ließe sich
aufgrund der Tatsache, dass es nicht gelingt, ein
ein Perpetuum mobile konstruieren. Speziell bei
Perpetuum mobile zu bauen, also eine Maschi-
den idealen Gasen gilt nach (3.30) für die innere
ne, die ständig Arbeit abgibt, ohne gleichzeitig
Energie
entsprechende Energie aufzunehmen. Eine solche
Maschine, die dem ersten Hauptsatz widerspre- f f
chen würde, wäre ein Perpetuum mobile erster U D N EN kin D N kT D  Rm T: (3.45)
2 2
Art.

Die innere Energie der idealen Gase hängt


Es gibt kein Perpetuum mobile erster Art. außer von der Stoffmenge nur von der Tem-
peratur ab.

Dieser Erfahrungssatz ist schon recht alt. Be-


reits 1775 beschloss die französische Akademie Wird bei einer Zustandsänderung das Volu-
der Wissenschaften, Vorschläge von Erfindern für men konstant gehalten, dann kann am System
ein Perpetuum mobile nicht mehr zu prüfen. keine Volumenänderungsarbeit verrichtet wer-
den. Nach (3.44) gilt für eine solche isochore
Innere Energie Zustandsänderung
Die gesamte thermische Energie eines Systems,
die in der ungeordneten Bewegung der Teilchen dU D •QjV Dkonst. D CmV dT D mcV dT:
steckt, wird nach Kelvin als innere Energie U des
Systems bezeichnet. Diese kann nach den obigen Da die innere Energie eine Zustandsgröße ist,
Erläuterungen nur geändert werden, wenn über kann für eine beliebige Zustandsänderung, die
3.3 Hauptsätze der Thermodynamik 175

nicht isochor zu sein braucht, die Änderung der


inneren Energie nach der vorgenannten Bezie-
hung berechnet werden:

dU D CmV dT D mcV dT: (3.46)

Für beliebige Zustandsänderungen idealer


Gase hängt die Änderung der inneren Ener- Abb. 3.11 Zur Bestimmung der Volumenänderungsarbeit.
A Kolbenfläche, F Kraft, p Druck, ds Wegelement
gie nur von der isochoren Wärmekapazität
und der Temperaturänderung ab.

Bei einer endlichen Temperaturänderung ist


die gesamte Änderung der inneren Energie

ZT2
U D U2  U1 D  CmV .T /dT
T1

ZT2
Dm cV .T /dT (3.47)
T1

oder nach (3.44)


Abb. 3.12 Volumenänderungsarbeit im p; V -Diagramm.
U D U2  U1 D Q12 C W12 : (3.48) 1, 2 Grenzpunkte, W12 Volumenänderungsarbeit, a, b We-
ge
Die umgesetzte Wärme Q12 und die mechanische
Arbeit W12 sind Prozessgrößen (Abschn. 3.1.2).
Wird das Volumen von V1 nach V2 geändert, so
Sie hängen von der Art der Prozessführung ab,
ist die Gesamtarbeit
lassen sich also nicht nach der Art der inneren
Energie als Differenz zweier fester Werte be- ZV2
schreiben. W12 D  p.V /dV: (3.50)
Zur Berechnung der Volumenänderungsarbeit
V1
bei einem geschlossenen System sei die Kom-
pression eines Gases gemäß Abb. 3.11 betrachtet. Abb. 3.12 erlaubt eine anschauliche Interpretati-
In einem Zylinder mit verschiebbarem Kolben on:
befindet sich ein Gas unter dem Druck p. Zur
Verschiebung des Kolbens mit der Fläche A um
die Strecke ds ist die Arbeit •W D F ds D pAds Die Volumenänderungsarbeit entspricht der
erforderlich. Das Produkt Ads D dV entspricht Fläche unter der Kurve der Zustandsände-
der Änderung des Gasvolumens. Das Differenzial rung im p; V -Diagramm.
der Arbeit ist also – mit dem Minuszeichen nach
der Vorzeichenvereinbarung –
Es wird noch einmal deutlich, dass die Arbeit
•W D pdV: (3.49) als Prozessgröße vom Weg im p; V -Diagramm
176 3 Thermodynamik

abhängt. Für dieselben Endpunkte 1 und 2 er- Die innere Energie ändert sich dabei nach (3.44)
fordert der Weg a eine geringere Arbeit als der und (3.49) um
Weg b.
dU D •Q C •W D Cmp dT  pdV:
Enthalpie
Außer der inneren Energie U ist eine weitere Zu- Da die innere Energie eine Zustandsgröße ist,
standsgröße, die Enthalpie H sehr nützlich: lässt sich ihre Änderung für beliebige Zustands-
änderungen nach (3.46) berechnen:
H D U C pV: (3.51)
dU D CmV dT:
Das totale Differenzial der Enthalpie ist dH D
dU C pdV C V dp. Für Zustandsänderungen, die Durch Gleichsetzen dieser beiden Ausdrücke er-
unter konstantem Druck ablaufen, vereinfacht es hält man
sich zu dH D dU C pdV .
Mit der Volumenänderungsarbeit in geschlos- CmV dT D Cmp dT  pdV
senen Systemen •W D pdV ergibt sich dH D
dU  •W . Diese Beziehung lässt sich mit dem oder
ersten Hauptsatz (3.44) so schreiben: p dV
Cmp  CmV D :
 dT
dH D •QjpDkonst. D Cmp dT D mcp dT:
Aus der Zustandsgleichung idealer Gase ergibt
(3.52)
sich dV =dT D Rm =p und sch