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gesellschaft

70 profil 1 • 3. Jänner 2011


Michael Rathmayr für profil

S ein Händedruck ist kräftig, hinter-


lässt aber seltsamerweise keine
Spuren. Seine Fingerspitzen haben
ihre Abdrücke verloren, statt geschwunge-
ner Linien ist da nur glatt geschliffene
Hornhaut zu sehen, poliert von der tägli-
rüster ein Werbevideo gedreht hat, am
Nachmittag wird er nach Chamonix weiter-
fahren, um sich in den Felswänden des
Aguille du Dru für sein südamerikanisches
Wahnsinnsprojekt vorzubereiten. So gut das
eben geht. „Die Dimensionen, die du in Pa-
chen, jahrelangen Arbeit am Fels. Echte tagonien hast, sind in Europa nicht trainier-

Rauf
Klettererhände eben: David Lama aus Göt- bar. Was dort nur der Zustieg zur Wand ist,
zens bei Innsbruck ist erst seit ein paar Mo- wäre in den Alpen schon eine eigene Tour.“
naten kein Teenager mehr, lebt aber schon Allein der Zustieg zum Cerro Torre dauert,

auf den
seit gut 15 Jahren am Fels und seit ungefähr summa summarum, zwanzig Stunden. Die
fünf Jahren vom Klettern. Bis vor Kurzem erste Etappe: 25 Kilometer durch unwegsa-
rangierte er in den Rubriken Phänomen und mes Gelände, 1000 Höhenmeter bergan.
Wunderkind, jetzt ist David Lama Profi- Und dann fängt die eigentliche Schinderei

Sauhund
sportler, ziemlich erwachsen und will – im erst an. Damit man sich zumindest ansatz-
alpinistischen Sinn – unsterblich werden. weise vorstellen kann, was er da eigentlich
Mit einem eigentlich unmöglichen und vorhat, fischt Lama seinen Laptop aus der
möglicherweise auch ziemlich gefährlichen Tasche. Darauf hat er neben ein paar Fol-
Alpinismus. Mit drei Jahren Projekt: der Erstbesteigung des Cerro Tor- gen der TV-Serie „Mein cooler Onkel Char-
re im freien Kletterstil, also ohne technische ly“ auch Hunderte Fotos von seinen Expe-
war der Innsbrucker David Hilfsmittel. Das grenzt an Wahnsinn, nicht ditionen und Wettkämpfen gespeichert, dar­
Lama zum ersten Mal am nur im alpinistischen Sinn: Der Cerro Tor- unter Bilder aus dem letzten Winter, als er
Himalaja, mit 15 war er der re heißt nicht umsonst „Turm-Berg“, ragt zum ersten Mal in Patagonien war und die
kerzengerade aus den patagonischen Aus- eiskalte Schulter des Cerro Torre präsentiert
jüngste Kletter-Weltcup- läufern der Anden, 3100 Meter Granit, die bekam. Nach drei Monaten im Basislager
sieger. Jetzt ist das Wunder- meisten davon stur senkrecht, vereist und und etlichen gescheiterten Anläufen müs-
von tückischen Stürmen umtost – ein alpi- sen er und sein Team einsehen, dass sie das
kind erwachsen und will
nistischer Mythos, ein Zauberberg, dem der Unmögliche nicht schaffen werden. Kurz
unsterblich werden. Mit deutsche Mythenprofi Werner Herzog sei- vor der Abreise erlebt Lama noch – um drei
einem unmöglichen Projekt. nen Film „Schrei aus Stein“ widmete und Uhr nachts, auf halber Höhe in der Fels-
den David Lama in seiner kürzlich veröf- wand des Torre –, wie gefährlich sein Pro-
Von Sebastian Hofer
fentlichten Biografie „High“ als „Denkmal jekt wirklich ist: Er rutscht auf dem nassen
der Senkrechten“ bezeichnet. Im Interview Fels ab, fällt und wird nur mit Glück von ei-
nennt er ihn anders, nämlich einen „Sau- ner Klemmsicherung gehalten. Es war ihm
hund“. Aber gerade das reizt ihn ja so an eine Lehre: Die Selbstverständlichkeit, mit
diesem Berg. der er auf europäische Wände klettert, kann
Zwei Tage nach Weihnachten, David in den Anden schnell vergehen. „Wir hat-
Lama sitzt in einer Gasthofstube am Rand ten einfach zu wenig Erfahrung. Und au-
von Innsbruck beim Frühstück und schmiert ßerdem echt Scheißbedingungen.“ Wobei
Marmelade auf sein Kipferl. Den Kaffee es sich in diesem Fall freilich um den
trinkt er schwarz, Wurst und Käse lässt er ­Normalfall handelt. Der Cerro Torre wehrt
stehen. In aller Seelenruhe und druckreifem sich mit allen Mitteln gegen das Bestiegen-
Tirolerisch spricht der Sohn eines nepalesi- werden: mit Stürmen und Schlechtwetter
schen Bergführers und einer Innsbrucker und – bei Schönwetter – herabstürzenden
Kinderkrankenschwester von der Gefahr, Eisbrocken.
vom Risiko und vom Mut, den man nicht Einen „Grenzgang“ nennt Reinhold
nur zum Risiko, sondern auch zum Vernünf- Messner, der gerade selbst ein Buch über
tigsein braucht. In knapp drei Wochen wird den Torre veröffentlicht hat, Lamas Projekt.
er nach Argentinien fliegen; falls er jetzt Selbst mit schweren technischen Hilfsmit-
schon nervös ist, dann zeigt er es nicht. Auch teln bleibt der „Schrei aus Stein“ bis heute
die Tatsache, dass er in letzter Zeit ziemlich eine gewaltige alpinistische Herausforde-
viel Stress hat, bleibt hinter einem breiten rung. Schon die Erstbesteigung hat das Zeug
David Lama, 20 Lausbubengrinsen und burschikoser zum Spielfilm: Im Jänner 1959 erreichte der
„Mut brauchst du auch zum Umdrehen, Wurschtigkeit verborgen. Gerade erst Trentiner Cesare Maestri zusammen mit
wenn es nicht mehr weitergeht“ kommt er aus Bern, wo er für seinen Aus- dem Tiroler Toni Egger das ewige Eis des E

3. Jänner 2011 • profil 1 71


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Grenzgang
Der Cerro Torre in Patagonien ist nicht besonders hoch
(3133 Meter), zählt aber zu den größten alpinistischen
Herausforderungen überhaupt.

Gipfel
Auf dem Gipfel
sitzt als letztes
Hindernis noch ein
meterhoher Eispilz.
„Aber den schaffen
wir in fünfzehn Eistürme
Minuten“, sagt Letzter Abschnitt
Bolt - ­David Lama. vor der„Head
Traverse Wall“, die zum
Schlüsselstelle. Gipfel führt. Vor
Hier musste David ­allem die letzten
Lama bei seinem 100 Meter berei-
ersten Versuch ten David Lama
2010 wegen Sorgen.
Schlechtwetter
Schulter umkehren.
Letzte Möglichkeit
für ein Biwak, so-
fern man nicht in
der Wand über-
nachten will. Und
das will am Cerro
Torre niemand.

Einstieg
Hier beginnt, im zu-
nächst noch ­relativ
einfachen Gelände,
die „Kompressor-
Route“, der gän-
gigste Weg auf
den Cerro Torre.
Janez Skok/CORBIS

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Frühstarter David Lama mit seiner Mutter
privat
Claudia und seinem Vater Rinzi, Nepal 1993

Torre-Gipfels. Den Beweis blieb er aller- sonderes Verhältnis zur Schwerkraft zu ha- Entwicklung im Snowboarden. Dessen ur-
dings schuldig: Egger kam beim Abstieg in ben; schon mit acht Jahren kletterte er sei- sprünglicher Freigeist will ja auch nicht so
einer Lawine ums Leben, mit ihm ist auch ne erste Route im achten Schwierigkeitsgrad recht mit den Interessen von Verbänden,
das Gipfelfoto verschollen, dessen Existenz – eher zufällig, wie er heute meint. Dann Veranstaltern und Sponsoren zusammenpas-
Maestri gegen alle Widersprüche behaup- ging es rasant nach oben: erster österreichi- sen. Lama sieht sich eher auf der Freigeist-
tete. Maestri selbst ließ die Kontroverse um scher Juniorencupsieg 1999, Jugendwelt- seite. Er kann es sich leisten. „Klar habe ich
seine Lebensleistung keine Ruhe, sodass er meister mit 14, mit 15 erster Weltcupsieg auch meinen Sponsoren gegenüber Ver-
1970 einen erneuten Versuch am Torre un- bei den Erwachsenen. Schon in seiner ers- pflichtungen, und ich bin ja auch dankbar,
ternahm – und sich mithilfe eines Kompres- ten Saison in der allgemeinen Klasse kratz- dass ich vom Klettern leben kann. Das ist
sors und rund 350 Bohrhaken bis knapp un- te Lama knapp am Gesamtweltcupsieg und ein Geben und Nehmen. Aber mir bleiben
ter den Gipfel hochschraubte. Alpinistischer hätte ihn wohl auch geholt, wenn ihm seine zum Glück auch genug Freiräume, damit
Sportsgeist wird gemeinhin anders definiert, tirolerische Sturschädeligkeit nicht andere ich meine Projekte verwirklichen kann.“
aber immerhin etablierte Maestri mit seiner Prioritäten vorgeschrieben hätte. Lama ließ David Lama spricht nicht nur druckreif,
„Kompressorroute“ den heutigen Standard- mehrere Wettkämpfe aus, weil er lieber mit sondern auch wie ein Vollblutprofi und ver-
weg auf den unmöglichen Berg. Auch Da- einem Kumpel zu den Felswänden des Yo- dutzt damit hin und wieder auch langjähri-
vid Lama und sein Lienzer Kletterpartner semite-Nationalparks fuhr. Seine Sponsoren ge Begleiter wie seinen Manager Peter
Peter Ortner wollen ihr Freikletter-Experi- waren nicht besonders amused, aber David Reinthaler. „Was der David macht, macht
ment nach Maestris Route angehen, sehr Lama hat halt seinen eigenen Zugang zum er konsequent. Gerade hat er sich eine An-
viel genauer kann man es mangels Erfah- Thema Professionalität. Gerade hat er – ge- gelrute gekauft. Ich wette, dass der in ein,
rungswerten aber beim besten Willen nicht gen die Pläne seiner Geldgeber – beschlos- zwei Jahren hochseefischen geht.“ Für Da-
sagen: „Ich kann nur grob vermuten, aber sen, seine Karriere im Sportklettern buch- vid Lama besteht kein Widerspruch darin,
wir gehen davon aus, dass sich die Route im stäblich auf Eis zu legen: „Sport- und alpi- professionell und konsequent zu bleiben und
neunten oder unteren zehnten Schwierig- nes Klettern lassen sich halt nicht sinnvoll dabei seinen Spaß zu haben. Selbst dann
keitsgrad bewegt.“ Zu den technischen verbinden. Wenn du eine g’scheite Tour im nicht, wenn es Außenstehenden vielleicht
Schwierigkeiten kommen logistische: Die Gelände machst, bist du hinterher tagelang unvernünftig erscheint. Vernünftigerweise
Schönwetterfenster, in denen eine Bestei- zu fertig, um richtig zu trainieren. Aber um sollte man, zum Beispiel, vor einem Projekt
gung überhaupt erst möglich wird, sind dort im Weltcup vorn dabei zu sein, musst du wie seiner Cerro-Torre-Expedition keine
so selten wie schmal. „Der Torre ist ein Berg, mindestens fünf Tage pro Woche im Trai- unnötigen Risiken eingehen. Weil das aber
auf dem du schnell sein musst“, sagt Lama ning voll angasen.“ Wenn David Lama vom keinen Spaß macht, fährt David Lama na-
und erklärt, wie das geht: „Du musst Ge- Wettkampfklettern spricht, klingt er älter, türlich weiterhin mit seinen Tourenski haar-
wicht sparen. Ich hab mir zum Beispiel das als er ist. Er spricht dann von den Jungen sträubende Felsspalten hinunter. „Letztens
Innenfutter aus meiner Goretexhose her- im Weltcup, die den Sport mit einem Ehr- bin ich bei einer Abfahrt in einer Latsche
ausgeschnitten, das macht 300 Gramm und geiz betreiben, den er nicht mehr recht auf- eingefädelt und hab mir dabei so ein Cut
entspricht drei Packerl Essen. Das reicht für bringen kann. Nicht für so etwas: „Du fliegst geholt.“ David Lama zeigt gut zwölf Zenti-
fast zwei Tage.“ Leichtigkeit ist im Klettern nach China, wohnst in irgendeinem nichts- meter an und grinst: „Das war aber schon
aber nicht in erster Linie eine Frage der sagenden Hotel in irgendeinem Millionen- im leichten Gelände ganz unten. Typisch.
Ausrüstung, sondern vor allem des Talents. kaff, machst den Wettkampf und fliegst zu- Wenn es wirklich darauf ankommt, passiert
Und das liegt bei ihm sozusagen in der Fa- rück. Da erlebst du nichts. Ich will aber was auch nichts.“
milie. erleben. Das heißt nicht, dass ich mir jetzt Aber worauf kommt es nun wirklich an?
David Lama kam am 4. August 1990 in nur noch Projekte in Kuba ausdenke.“ Was braucht man, um den Cerro Torre ohne
Innsbruck zur Welt. Auf einer Hochgebirgs- Sprich: Ein Strand neben der Wand ist ganz Aufstiegshilfen zu bezwingen? Furchtlosig-
tour in Nepal hatte seine Mutter Claudia angenehm, aber auch nicht unbedingt not- keit? Nein, weil: „Du brauchst Respekt
den Bergführer Rinzi Lama kennen gelernt. wendig. vorm Berg.“ Mut? Ja, aber: „Mut ist ein
Mit drei Jahren war David zum ersten Mal Scheißwort. Weil du Mut sowieso für alles
bei seinen Verwandten in Phaplu, einem Boom-Effekte. Seit vier, fünf Jahren mau- brauchst: fürs Weitergehen, aber auch fürs
winzigen Bauerndorf am Mount Everest. sert sich Klettern vom Nischenhobby zum Vernünftigsein und Umdrehen, wenn es
Die Berge des Himalajamassivs bilden sei- Massenphänomen. Der Sport boomt, jedes nicht mehr weitergeht.“  n
ne erste Erinnerung (von Achttausender- Jahr eröffnen neue, größere Kletterhallen
Gipfelstürmerei à la Christian Stangl hält er und -gärten, bei den Wettkämpfen herrscht
trotzdem nicht sehr viel: „Höhe allein spielt Stadionatmosphäre. Der Extremsport avan- David Lama:
„High“.
für mich keine besondere Rolle“). Bei einem ciert zum professionellen Geschäft, was na- Knaus Verlag,
Jugendkletterlager in den Zillertaler Alpen türlich viele gute Seiten hat, aber auch ein 224 S., EUR 20,60
erkannte der Bergsteiger Peter Habeler paar negative. David Lama, der selbst fana-
schließlich das Talent des damals Fünfjäh- tischer Skifahrer ist (nur abseits der mar-
rigen. Irgendwie schien der Junge ein be- kierten Piste, klar), vergleicht das mit der

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