Sie sind auf Seite 1von 8

zumindest für den Philosophen, wenn man bedenkt, daG diese Jacob Taubes

Entscheidungen daraufhin überprüfbar sind, ob sie gegen die mo-


ralischen Rahmenbedingungen verstoGen. .

RóTZER Wieder einmal wird heute vom Ende der Philosophie,


vom Ende der Metaphysik gesprochen, und man propagiert ein
Denken, das mit Fragmenten bastelt. Hat es denn heute noch Sinn,
eine akademisierte Philosophie zu betreiben?
TAUBES In Ihrer Frage sind einige Fragen enthalten, und einige
geladene Weisen, die Fragen zu stellen. Sie fragen zunachst nach
dem Topos >>Ende der Philosophie«, der eine Art Rumor ist, der
aber nicht erst seit heme umgeht. Das Ende ist der Philosophie
schon seit langem vorausgesagt worden. Es gehort zum Selbstver-
standnis der Hegelschen Philosophie, daG in ihr an ihr Ende ge-
kommen sei. Der Weg von Ionien bisJena ist vollstandig durchlau-
fen. Hegels >> Phanomenologie des Geistes<< ist der Versuch, all die
Stufen der Erfahrung und des SelbstbewuGtseins nochmals durch-
zugehen bis hin zum absoluten Wissen - der letzten Stufe -, das
nun etabliert ist und nicht überschritten werden kann. Dieser Weg
wird meist als ein Weg von der Philosophie zur Wissenschaft be-
schrieben. Naive Philosophen und Philosophieprofessoren mei-
nen, daG Philosophie eben Wissenschaft sei, eine noch schlechte
Wissenschaft, die sie durch Akkommodation an den common
sense zur besseren machen mi!issen. Die, die verstehen, was der
philosophische Diskurs in seiner Fragilitat, in seinem Übergangs-
charakter und seinem Sich-selbst-Aufheben ist, wissen aber, daG
Philosophie nicht Wissenschaft ist. Sie wissen aber auch, daG es
schon sinnvoll ist, wie Hegel das Ende der Philosophie so formu-
liert, daG Philosophie ihren Charakter als >> Liebe zur Weisheit<< ab-
legen und >> Wissenschaft<< werden muG. Ahnlich ging in Frank-
reich zur selben Zeit Auguste Comte vor, der drei geschichtliche
Phasen unterscheidet: die theologische, die philosophisch-meta-
physische und schlieG!ich die szientifische Phase, in der Philoso-
phie überwunden ist. Von ganz verschiedenen Seiten her konver-
giert also das BewuGtsein, daG die Philosophie beendet ist.
Die Philosophie ist schon oft für tot erklart worden. Entschei-
dend daran ist, daG das nicht ein Topos ist, der an sie von auGen
herangetragen wird, sondern daG sie selbst an einem bestimmten
Punkt ihre Kulmination erreicht sieht, von dem an nur noch ein
Weg aus ihr heraus moglich ist. Karl Marx, ein Zeitgenosse von

3°5
Comte, hat dies in das glanzende Beispiel gebracht, daB man jetzt handelt, der letztlich nichts anderes als ein protestierender Links-
nicht mehr weiter mit Flickwerk und Akkommodation arbeiten heideggerianer ist, oder um Walter Benjamin, der dieselben Pro-
kann, sondern daB man so vorgehen müsse, wie Themistokles bleme wie Heidegger angeht und sie nur anders faBt.
Athen gerettet hat, indem er es verlassen und auf der Insel Salamis Wenn man aber prinzipiell über die Sache nachdenkt, muB man
ein neues Athen gegründet hat, von dem er die Perser besiegt hat das Problem des Endes der Philosophie sehr vie'l früher ansetzen.
- weil für Marx, aber a ueh für seinen gesamten Freundeskreis wie Ich denke an die entscheidendste Zasur in der Philosophie, die da-
Bruno Bauer oder Max Stirner, die er in der »Deutschen Ideologie<< durch entstand, daB sie mit dem Offenbarungsanspruch des jü-
spater besudelt und beschimpft, Philosophie als Theorie zu Ende disch-christlichen Gottes konfrontiert wurde. Diese Zasur ist
gekommen ist und dies einen Primat der Praxis bedeutet. Das Pro- nicht die zwischen Platon und Aristoteles, sondern sie resultiert
blem ist schon bei Kant mit der Teilung der Philosophie in eine aus der Konfrontation mit einem neuen Wahrheitsbegriff, den die
>>Kritik der reinen Vernunft<< und in eine »Kritik ,der praktischen Offenbarung des Judentums und des Christentums für die Philo-
Vernunft<< angedeutet, aber Kants »praktische Vernunft<< bleibt sophie bedeutet.
noch innerhalb des philosophischen Rahmens. Das praktische Wenn man genau hinsieht, ist das Problem bei Platon schon an-
Moment ist in der »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie<< von gedeutet. Im »Symposion<<, wie Sie wissen, stammt das, was Sokra-
Marx gesteigert, der si eh übrigens auf Kant bezieht. Schon die Tite! tes über Liebe erzahlt, nicht allein aus seinen Überlegungen,
seiner Werke, die meist mit Kritik beginnen, zeigen di es aui5erlicl1 sondern es wurde ihm von der Priesterin Diotima offenbart. Pla-
an. Philosophie wird von Marx als ein sich selbst vollendender ton, im Rahmen der griechischen Religion, spürt schon, daB Philo-
ProzeB der Theorie anerkannt, dann kommt es aber, wie er sagt, sophie, die mit dem Anspruch ihrer Autonomie steht oder fallt,
nicht mehr darauf an, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu eine Achillesferse hat und ihr die Wahrheit nicht in autonomer
verandern. Diese These- es ist die I I. Feuerbach-These Marxens Wahrheitssuche zukommt, sondern aus der Offenbarung der Prie-
- faBt das Anliegen einer ganzen Epoche in einem Satz zusammen, sterin ihr zufallt, also ein »Zufall<< ist. Es hatte doch auch gesche-
namlich, daB das Interpretieren allein uns nicht zur Wahrheit hen konnen, daB die Priesterin Sokrates die Wahrheit über die
führt. Marx sieht deshalb in der Revolution das Verbindungsglied Liebe nicht geoffenbart hatte. Da sehen Sie - sofern man Platon
zwischen Philosophie und Politik, also die Verwirklichung der genau liest, was sylten geschieht, und die Kommentare zu Platon,
Philosophie durch das Proletariat. Damit wird ein Verdacht gegen die heute erscheinen, sind einfach unglaublich naiv -, daB sich im
Philosophie telle quelle gesetzt, die nur auf Nachdenken und In- paganischen Raum dies Problem bei ihm bereits andeutet. Bei den
terpretieren aus ist, denn Wahrheit laBt sich bei Marx mit ü.beraus christlichen Kirchenvatern Origenes und Clemens von Alexan-
profunden Gründen nicht allein im Interpretieren, in der Theorie, drien, den groBen Intellektuellen ihrer Epoche, die nicht mehr
erkunden, sondern diese wird erst durch die Praxis wahr. Dahinter kleine Normalphilosophen der platonischen Akademie oder der
steckt ein pietistischer, d. h. christlicher Praxisbegriff: Wahrheit aristotelischen Schule oder stoische Wanderprediger sind, wird das
ist nicht anders als durch Praxis erreichbar. Es handelt si eh also u m bis hin zu Augustínus ausgearbeitet. Schon bei dieser ersten Zasur
einen Anspruch auf Letztbegründung durch Praxi~. Dies wurde im konnte man sagen, daB hier das Ende der Philosophie erreicht sei,
19. J ahrhundert durchgespielt, und man kann sagen, daB die Auto- denn es ist jetzt nicht mehr der Weg einer Wahrheitss~:~che von un-
ren, die Marx in der »Deutschen Ideologie<< kritisiert, ihm gar nicht ten, sondern hier steht das Wort Christi: »Ich bin der Weg und die
so fern sind, daB sie alle wie ein Uran gelagert sind, das erst im 20. Wahrheit.<< Das ist ein neuer Akzent, Wahrheit ist hier nichts Ob-
Jahrhundert voll zum Leuchten gekommen ist . Hier sind die Wei- jektives mehr, sondern mit dem Wort »Ich<< verbunden. Und in
chen für das gestellt worden, was unser BewuBtsein heute be- diesem Sinne bedeutet das ein Ende der Philosophie, weil sie keine
stimmt. Damals war dies eine Gruppe von Linkshegelianern, in sich ruhende Letztbegründung mehr hat. Si e kann Teilprobleme
wahrend es heute eine von Linksheideggerianern ist, ob es si eh da- vernünftig losen, aber ihre Letztbegründung ruht in einem Ande-
bei um Herbert Marcuse, um Günther Anders, auch um Adorno ren, das sie entweder sieht oder verdrangt.
306 307
RoTZER Haben die Versuche, von denen Sie vorher sprachen, ki::innte. Der Philosophentypus, der die populare Vorstellung über
die Philosophie als interpretatives Unternehmen zu überschreiten 1ahrhunderte und 1ahrtausende gepragt hat, ist der sophos nach
und sie, wie bei Marx, etwa in politische Aktion zu überführen, stoischer Vorstellung, der in erster Linie durch nichts erschüttert
nicht alle gemeinsam, daB sie den philosophischen Diskurs von der werden kann .
Anlehnung an die Wissenschaften absetzen wollen? Heute wird Aber zurück zu Platon und der Frage: Was ist das Spezifische
beispielsweise von Richard Rorty- als Symptom verstanden- vor- des philosophischen Diskurses? Es handelt si eh dabei- wie Si e das
geschlagen, die Philosophie nur noch als eine Gesprachsform zu nun einmal nennen - um eine Form des Gespraches. Was >>dis-
begreifen, die jeden Anspruch auf wahrheitsfahige Erkenntnis ver- kurstheoretisch« darüber geredet wird, halte ich für hi::iheren Bli::id-
abschiedet hat. sinn und auBerst vage. Wenn man Platon nimmt, der am Beginn
TAUBES Ich glaube, wenn man nicht einfach nur daherreden des philosophischen Diskurses steht, so hat dieser von ihm ein au-
will, muB man sich zuerst fragen, was eigemlich Philosophie und Berst klares Bild, das er auch vermittelt. Platon spricht genau über
was das Spezifische des philosophischen Diskurses sei. Philoso- dieses Problem: Was ist der philosophische Diskurs, und in wel-
phie heiBt auf griechisch >>die Weisheit lieben<<, das heiBt aber: die cher Weise ist o:r von anderen Diskursen unterschieden? Platon tut
Weisheit nicht haben. Der Philosoph ist nicht der sophos - der dies in einem allgemein bekannten Dialog, der aber nicht verstan-
Weise -, sondern der, der die Weisheit liebt- ein ganz anderer Sta- den wird, weil man ihn als Gefühlsduselei abtut, naml.ich im schon
tus also. Er drangt darauf, weise zu werden, aber das ist ein asym- erwahnten >>Symposion«. Dieses Werk zeichnet sich von allen an -
ptotischer ProzeK Bei Platon no eh ist der Philosoph ni e der Weise. deren platonischen Dialogen zunachst durch seine Form aus. Das
Spater in der Stoa verandert si eh das. Si e spricht vom Weisen, vom >>Symposion« ist kein >>Dialog«, sondern eine Erzahlung über ein
sophos selbst, wie er in der Welt steht: von allen Passionen und Gesprach, weil zuerst die Gesprachsform der Philosophie legiti-
Einflüssen befreit, einem Saulenheiligen gleich. Das ist schon eine miert werden soll und deshalb am Anfang gar nicht benützt wer-
sehr religii::ise Vorstellung, die bis ins Christentum wirkt: von allen den kann. Sie ist hier selber Thema. Platon stellt das Problem des
Einflüssen und Bedrangnissen befreit, unerschüttert in der Welt philosophischen Diskurses, wenn ich das kurz sagen darf, etwa so
stehend, trotz all der Einbrüche und Katastrophen. Auch wenn dar. AnlaB ist ein Fest zu Ehren Agathons, eines Tragi::idiendich-
seine eigene Familie zersti::irt wird, soll er unerschüttert in seinem ters, der in diesem 1ahr den Kranz, den Preis der Stadt Athen, be-
Gemüt bleiben: das ist der stoische sophos, eine Fiktion, aber eine, k o mm en hat, und Agathon gibt ein Fest fi.ir seine Freunde. Klar
die wirksam wurde. Sie hat das Bild des Philosophen bis heute po- ist, im Zentrum der Aufmerksamkeit der Athener stehen ihre
pular bestimmt, was ich Ihnen mit einer Geschichte klarmachen Spiele. An den Festspielen der Athener werden immer drei Tragi::i-
kann, die mir Ernst Bloch erzahlt hat (und die er vielleicht selber dien und eine Komi::idie aufgeführt. AnlaBlich dieses Gastmahles
anders ausgelegt hat). Es ist eine wahre Geschichte und spielt zur wird i.iber die Liebe gesprochen. Agathon beginnt mit einem Lob-
Zeit der Inflation. Ernst Bloch geht an einem Montag ins Café, und lied auf die Liebe, sie habe alles, sei die Fi.ille und das Vollkom-
der Kaffee kostet r 500 Mark; er geht am Dienstag, und der Kaffee mene. Sokrates hakt ein und sagt, das ki::inne doch nicht sein, denn
kostet r7oo Mark. Am Donnerstag kommter wie.der, und der Kaf- Liebe heiBt doch, daB ich etwas wi.insche, etwas begehre. Begehren
fee kostet 2500 Mark. Das war ein Sprung des Inflationaren, der aber heiBt, etwas nicht zu haben. Also ist die Liebe gar nicht Voi.l-
ihn doch hat aufhorchen lassen. Er ruft den Kellner und fragt: kommenheit, sondern ein Drang, ein Versuch, zur Vollkommen-
»Herr Ober, ich habe am Montag r5oo, am Dienstag r7oo Mark heit zu gelangen . Das ist ein sehr einfacher, aber fundamentaler
bezahlt und jetzt springt das auf 2500 Mark. Wie geht denn das Einwand. Dann geht Sokrates - ich i.iberspringe sehr vi el- die ver-
zu?« Und da sagt der Kellner zu Ernst Bloch: »Herr Bloch, seien schiedenen Formen der Liebe durch. In der Mitte des Dialogs er-
S' a Philosoph, nicht denken!« Wo steckt hier die Pointe des Wit- zahlt Aristophanes, weil er es analytisch nicht kann, um Liebc
zes? Do eh wohl darin, daB dieser Philosoph nur Philosoph bleiben darzustellen, einen Mythos. Einst waren die Leiber eins und wur-
kann, wenn er nicht denkt, weil das Nachdenken ihn erschüttern den voneinander getrennt. N un sucht ein Teil den anderen, so etwn
308 J O<)
wie wenp man Schuhe in die Arena wirft und man m u~ den rechten · dabei geblieben ware. Heidegger will das, was Platon gerade über-
und linken suchen. Ein lacherlicher Gedanke, wie die Leute da her- windet und für den philosophischen Diskurs konstitutiv halt, wie-
umsuchen. Ein Zeichen für Komi:idie, hin ter der natürlich eine Tra- der umwenden : er macht sich zum Exegeten des Poeten Hi:ilderlin.
gi:idie steckt. Am Ende, nach dem Intermezzo mit Alkibiades, sind Hier wird wiederum die Wahrheitsfindung über Poesie geführt,
alle ermüdet und fallen unter den Tisch, nur drei bleiben wach. was eine Absage an die Philosophie in ihrem klassischen Sinn be-
Agathon, Aristophanes und Sokrates ki:innen im Dunst des Festes deutet. Die gro~en Programme der Philosophie zerrinnen hirrge-
am Morgen no eh trinken. Am Ende ein es lángen, wirren Gastmah- gen in Fragmenten, nach denen Sie ja anfangs gefragt haben. So
les sagt Sokrates etwas sehr Eigentümliches, namlich da~ es bei die- kommt es, daG die Form des Denkens jetzt nicht mehr das Systern,
sem Wettstreit um eine Auseinandersetzung Philosophie versus sondern eine Art »bricolage<< ist. Die Erkenntnis deutet sich schon
Tragi:idie und versus Komi:idie geht. Platon la~t das so stehen. Aga- im Apho.rismus bei Nietzsche an, der eine Form der Darstellung
thon wird dann unter den Tisch getrunken, auch noch Aristopha- philosophischer Wahrheit wird. Heidegger versucht zwar kein Sy-
nes. Am Ende bleibt Sokrates allein zurück. Er bricht am Morgen stem zu bilden, aber nochmals eine Grundlegung der Philosophie
auf, nimmt ein Bad und geht wie immer seinem Tagwerk nach. Was auszuarbeiten. >>Sein und Zeit<< ist nicht zufallig ein Vorführen des
aber ist liler Sinn jener obskuren, ratselhaften, gewaltigen Aussage, Scheiterns der Vollendung in der Philosophie: Heidegger bricht
Philosophie sei die bessere Tragi:idie und die bessere Komi:idie? Was sein Werk >>Sein und Zeit<< ab und macht sich dann zum. Exegeten
hat diese Aussage mit der Szene zu tun, also damit, da~ Sokrates der Poeten. Er ist so, anders als Walter Benjamín, aber ihm viel
Agathon und Aristophanes unter den Tisch trinkt und er seinem ahnlicher, als er es zugegeben hatte, ein Denker der >>bricolage«.
Tagwerk nachgeht? Philosophie ist schon deshalb die bessere Tra- Auch bei Lévi-Strauss in Frankreich und bei dem bedeutendsten
gi:idie und Komi:idie, weil diese an folgende Bedingungen gebunden Philosophen, der noch über Jahrhunderte mit Recht bekannt sein
sind: Sie sprechen in Versen, haben also ein ekstatisches Ma~, be- wird, namlich bei Wittgenstein, der mit einem systematischen Ent-
sonders die Tragi:idie. Trago die und Komi:idie sind weiterhin an eine wurf im >>TractatuS<< beginnt, blitzt die Form der >> bricolage<<auf.
Inszenierung gebunden, die in Athen an einem Feiertag aufgeführt Es kann nicht systematischer, genauer und strenger gedacht wer-
werden muG. Denn nur dann kann die Katharsis, diese Befreiung den als im >>Tractatus «, dessen Satze numeriert sind. Die Num-
von den Affekten, geschehen, die nach Platon und besonders nach mern geben das spezifische Gewicht an, das sie in der Architekto-
Aristoteles als das Ziel der Tragi:idie angesehen wird. Die Philoso- nik des >>Tractatus << tragen. Dieses System bricht ihm zusammen.
phie ist hingegen die Welt der Prosa, sie braucht nicht in Versen Sein zweites Werk, die >>Philosophischen Untersuchungen<< , die er
zu sprechen. Philosophie war, bis Heidegger wieder orakelt hat, selbst nicht veri:iffentlicht hat, sind eine >>bricolage<<. Heidegger,
in Prosa geschrieben und hatte keinen Anspruch, sich qua Sprache Benjamín, Wittgenstein, sie alle haben durch mar kan te Richtungs-
von der Prosa des Alltags zu unterscheiden. Philosophie ist zudem anderungen den philosophischen Diskurs neu bestimmt: von der
immer mi:iglich, si e ist weder an einen Feiertag no eh an einen rituel- Philosophie zur Dichtung, vom Programm zum Fragment, vom
len Kontext gebunden. Ihre Katharsis ist also zu jeder Zeit und an System zum Spiel.
jedem Platz und in jeder Sprache erreichbar. Das ist der Vorteil der R6TZER Philosophie als >> bricolage<< laGt sich in Beziehung zur
Philosophie, und so hat Platon, der mehr als die heutigen Philoso- derzeit gelaufigen Forme! der Postmoderne. setzen. In der Archi-
phieprofessoren verstanden hat, um was es bei der Philosophie geht, tektur aufgekommen, die aus den verschiedensten Epochen Zitate
diese einerseits gegen die Sophistik und andererseits gegen die Tra- aneinanderreiht, kann man die ihr entsprechende Haltung als ein
gi:idie und Komi:idie abgesetzt. Die Legende, daG Platon seine Dra- Basteln mit Fragmenten verstehen, die- ohne noch in einem über-
men, als er Sokrates kennenlernte, vernichtet hat, ist, ob wahr oder greifenden Einen fundiert zu sein- zu einem »bunten<< Gebilde
nicht, daher au~erst sinnvoll. montiert werden. Nennt mandas einmal postmodern, worauf ist
Das also ist Philosophie, das ist eine Ortsbestimmung des philo- diese Haltung zurückzuführen? Gab es bestimmte historische Er-
sophischen Diskurses. Das hei~t natürlich nicht, daG es für immer eignisse, die den Anspruch auf ein System zum Erli:ischen brachten?

310
3II
TAUBES lhre Frage trifft sicher etwas an der Situation heute. lch hunderts, des Vormarz, als dernier cri vorspielen kann. Jemand,
bin mit schuld an diesem Transfer des Diskurses über die Postmo- der sich Probleme nicht durch Zeitungen und Zeitschriften vorge-
derne aus der Architektur in die Philosophie. Vor einigen Jahren ben la!lt, sondern durch Nachdenken und durch Kenntnisse der
habe ich ein Seminar gehalten und mir einige Gedanken über den Grundliteratur, kann und sollte über das, was passiert, nicht er-
Anspruc~ des Begriffs des Posthistoire gemacht. Wenn man von staunt sein. Gegenüber früher kommen heute allerdings noch die
Hegel herkommt, ist es klar, dag die Phase von lo ni en bis J en a ab- ganzen paradoxalen statements hinzu, die gar keinen Wahrheitsge-
geschlossen ist. Und wenn man diese >> Geschichte<< nennt, dann halt haben, ihn auch nicht implizieren. Was jetzt an Philosophie
folgt ein Posthistoire. Es gibt keine neuen Motive mehr. Zwar pas- oder an Soziologie in Frankreich gehandelt wird, das ist amuse-
siert noch viel, es werden Schlachten geschlagen, aber es geschieht ment. In Frankreich wird Geist durch den Salon und den esprit be-
nichts mehr, das heigt Posthistoire. Bei Hegel gibt es diesen Begriff stimmt. Esprit ist eine Form des Geistes, ¿,¡e im Salon blitzt und
nicht, aber der bedeutendste lnterpret Hegels, jedenfalls der inter- gedeiht. Es ist nicht die beste Form, die Wahrheit eines Zeitalters
essanteste, der Russe und Franzose Kojeve, führt in seinem be- zu bestimmen, das so komplex durch technologische Bedrangnisse
rühmten Kurs der Textinterpretation von Hegels >>Phanomenolo- oder durch bevolkerungspolitische Probleme bestimmt wird.
gie<< das Wort Posthistoire ein. Das Wort selbst hat man im 19. Wenn dieselben Probleme dann in dem tierischen Ernst deutscher
Jahrhundert im Kreise der Comte-Schüler gebraucht, bei Kojeve Alternativraume diskutiert werden, hat di es etwas schlechthin Ko-
wird es zum Schlüsselbegriff. In der zweiten Auflage seines Werks misches an sich und ist des ofteren unappetitlich, weil der leben-
ist eine Fugnote enthalten, die an sich skandalos ist. Übrigens ist dige Kontext fehlt. Die Topoi, die in Frankreich im Halbernst und
das Werk eigentlich eine Non-Schrift. Es sind Notizen, die seine im Halbspiel verhandelt werden, geraten in den den deutschen
Schüler von dem Kurs, der zwischen 1933 und 1939 an der École Universitaten eigenen Ernst, wobei das bi!lchen Grazie, die der
Pratique des Hautes Etudes stattgefunden hat und den Kojeve im Diskussion in Frankreich noch anhaftet, sich in eine Irrelevanz, in
Schatten von Alexandre Koyré gegeben hat, gesammelt haben. Der eine Weise des Sprechens umkehrt, die alles erlaubt. Dazu ist das
Kurs hat die lntelligenz Frankreichs versammelt, in ihm sagen Si- Phanomen zu ephemer, um es mit politischen Schüben in Europa
monede Beauvoir, Lacan, Merleau-Ponty, Bataille, der Jesuit Fes- oder in Deutschland in Verbindung zu bringen, oder gar diese po-
sard und Queneau. Dag ein solches Nicht-Buch auf die kontinen- litischen Verschiebungen, sprich konservative Wende, für die
tale Philosophie einen derartigen Einflu!l gehabt hat, der nur mit neuen Bewu!ltseinsstellungen, die sich in den Exponenten des
dem Heideggers vergleichbar ist, la!lt viel über das philosophische Posthistoire oder der Postmoderne zeigen, verantwortlich zu ma-
Klima Frankreichs und Deutschlands sehen. Leider fehlt in der chen.
vorliegenden deutschen Ausgabe des Suhrkamp Verlages dieser · Das wirkliche Resultat der ganzen Verwirrungen und lrrungen
schlechthin dramatische Text, diese Fugnote, die mit der charakte- und der Suche des neuen Zeitalters, das wir seit dem Tode Hegels
ristischen Lassigkeit Kojeves das Grundproblem der kommenden ansetzen konnen, ist, daíl Philosophie heute mehr in indirekter
J ahrzehnte festhalt. Form gemacht wird. Die akademische Philosophie hat sicher die
Das ist seine geniale, aristokratische Art, mit Problemen umzu- Aufgabe, die traditionellen Topoi von Generation zu Generation
gehen. Worüber andere Bücher schreiben, das erledigt Kojeve mit zu transportieren, damit nichts vergessen wird, denn nichts trans-
Eleganz in einer Fuílnote. Wir armen Teufel konnen das nicht portiert sich von selbst. Es mu!l welche geben, die Geschichte der
nachahmen, sondern müssen es nachworten und auswalzen. Die Philosophie betreiben, und zwar mit einem hohen Verstandnis,
Diskussion über das Posthistoire ist mittlerweile unübersichtlich damit Philosophie nicht zu einem Raritatenkabinett verkommt,
und trivial geworden. Vieles, was sich heute philosophisch als wie es in den meisten Philosophiegeschichten geschieht. Aber das
Posthistoire bestimmt, wurde schon im 19. Jahrhundert verhan- ist letztlich nicht der Ort, wo heute noch Philosophie auch im wis-
delt. Es ist die lgnoranz des philosophischen und überhaupt des senschaftlichen Raum geschieht, sondern sie wird auf indirekte
gebildeten Publikums, daíl man ihm Konstellationen des 19. Jahr- Weise in Eichern betrieben, die den Anspruch einer Leitwissen-
312
313
schaft zwar rticht laut verkünden, aber diesen um so sicherer ha- des abendlandischen Gewissens .ha!te ich für philosophisch. Die
ben. Das war ein immanenter Anspruch der Soziologie. Max We- Arbeiten von Hans Peter Duerr, Michael Oppitz, Fritz Krameor
ber ist der groBe Philosoph des Zeita!ters, auch wenn er mit dem und Mario Erdheim sind in philosophischem S.inne unendlich vie!.
Wort Philosophie anderes verbindet als wir heute. Er stand moch wichtiger, als die Arbeiten in der Schul-Philosophie selbst das
in der neokantischen Tradition, überschritt sie aber. Heute ist die sichtbar machen. Es gibt zwar d.ie Habilitationsschrift von Odo
Soziologie als Leitwissenschaft abgewirtschaftet und ware gut be- Marquard, es gibt sicherlich bedeutetJde Schriften zur Geschichte
rateo, innerhalb ihrer Grenze¡;¡ Einzelproblemen nachzugehen. der Philosop.hie, wie das Werk Hans Blmmenbergs, aber ein neuer
Leitwissenschaft in FratJkreich, England und den Vereinigten Gedanke und eine neue Perspektive sche[nen mir heute als etwas,
Staaten ist jetzt die ethnologische Forschung, weil sie das Andere das über die Schul-Philosophie selbst nicht mehr erreichbar ist.
sichtbar macht, also den Standpunkt der europaischen Rationalitat Vielleicht ist das der Sinn dessen, was heute »Hermeneutik« be-
nicht durch einen Diskurs der Irrationalitat in Frage stellt, sondern deutet. Sie ist eine der Erben der Konkursmasse, genannt Philoso-
indem sie ganze Ku!turen exponiert, die andere Grenzziehungen phie. In dieser Beziehung unterscheide ich mich sehr etwa von
und andere Akzente setzen, die wir aber trotz aller Einseitigkeit Gadamer, der jetzt einfach- Jacke wie Hose- als Hermeneutik
in der Optik der okzidentalen Rationalitat nachvollziehen konnen. dasselbe macht, was früher unter dem Tite! der Philosophie gelau-
In gewisser Weise hilft ja gerade die Darstellung des A.nderen da- fen ist. Hermeneutik ist der Ve.rsuch, das Problem, das durch die
bei, auch das Eigene neu zu erfahren, al.so z. B., dart Philosophie Offenbarung als Kontestation der Philosophie gestellt wird, philo-
nicht etwas ist, was es überall gibt. Die UNESCO veroffentlicht sophisch auffangen zu konnen. Sie kommt aus der theologischen
zwar Bibliographien der Philosophie bei den Bantus, Indern oder Tradition und ist sicher eine Weise, mit dieser Problematik umzu-
Chinesen, aber das ist bürokratischer Blodsinn. Philosophie ist nur ge.hen, die auch heute noch dringlich ist. Ich erinnere noch einmal
in einer bestimmten Form Philosophie gewesen, und ist es auch an die Feuerbach-These, daB es nicht darauf ankommt, die Welt
heute noch, namlich dann, wenn sie unter dem Gesetz der Koha- zu interpretieren, sondern darauf, sie zu verandern. Darauf kann
renz antritt, das die griechische Philosophie zum Leitfaden ihrer ich schon sagen: Ja, ja, verandern schon, aber worauf hin und wie?
Reflexion gemacht bat. In der Reihe >> Theorie<< des Suhrkamp Ver- Das ist und bleibt ein interpretatorisches Unternehmen!
lages habe ich mich immer stark gemacht, daB hier nicht allein phi- RbTZER Wir hatten zuvor vom Begriff des Posthistoire als einer
losophische Texte vorherrschen, was eine Tendenz im Kreis der Folge dé;_r Rede vom Ende der Philosophie gesprochen. O do Mar-
Mitarbeiter war, sondern daB die von der Philosophie verdrangten quard, den Sie eben erwahnten, hat einen Aufsatz mit dem Tite!
Teile, etwa ethnologische Forschungen, auch zum Zuge kamen. »Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie« geschrieben, der
Ich ha!te beispielsweise Maree! Mauss' >>Die Gabe<< für unendlich geradezu als Diagnose der Gegenwart gelten kann. Unsere Zeit
viel wichtiger als alle philosophischen Traktate, die seit >>Sein und kennzeichnet doch der Tatbestand, daB die Kategorien politischer
Zeit<< und den »Philosophischen Untersuchungen« geschri.eben Veranderung abhanden gekommen sind oder un.ter Verdacht ste-
wo.rden sin d. Mauss ist eine Mine, die erst noch platzen wird, denn hen. Sie beschaftigen sich mit der politischen Theologie. Lassen
im Lichte seiner Theorie wird all das lacherlich, was in der Ethik sich aus dieser Kategorien politischen Handelns entwerfen, die für
der praktischen Diskurse mehr als Ideologem einer Biedermeier- die gegenwartige Situation adaquat sein konnten?
gesellschaft an die Offentlichkeit transportiert oder gar was als Na- TAUBES Ich schatze das Werk Odo Marquards und seine be-
turrecht katholischer Art formuliert wird. Ich spreche hier nicht wuBt skeptisch-wüzige Weise sehr hoch, in der er die ernstesten
vom den trivialen, sondern von den besten Expo.nenten deutscher Probleme unseres Zeitalters angeht. Die Schwierigkeiten mit der
Philosophie, also etwa von den Schülern Joachim Ritters, speziell Geschichtsphilosophie bestehen allerdings schon seit Marx. Der
die Münchner Variante Spaemann-Koslowski. Das ist alles ganz Angriff auf die Geschichtsphilosophie ist jedenfalls ein konkreter
richtig, mur reiBt es mi eh 'angesichts der Fragestellungen von Mar- Angr.iff auf den Marxismus. Das finde ich so komisch, weil der
ce! Mauss nicht vom Stuhl. Seine Forschung über die Konstitution Marxismus in den akademischen Institutionen hochst selten ver-
}I4 }I5
treten ist. Er ist wie ein Gespenst, das umgeht. Irgendwie ist die Frist. Das ist das Erbe der Apokalyptik. Ob man das weiB oder
Angst vorhanden, daB er doch die geistige Formierung des Zeital- nicht, ist vollig egal, ob mandas für Traumerei halt oder als gefahr-
ters bestimmt. Damit meine ich nicht den staatsgelenkten und sub- lich ansieht, ist alles uninteressant angesichts des Durchbruchs im
ventionierten Marxismus in Ost-Berlin oder Moskau. Aber es Denken und in der Erfahrung, daB Zeit Frist heiBt. Das hat Folgen
scheinen doch Motive in ihm zu stecken, die ein Prinzip zur Ana- für die Okonomie, eigendich für alles Leben. Es gibt keine ewige
lyse der Gegenwart, nicht ein Pr)nzip Hoffnung, das subversiv ist, Wiederkehr, die Zeit ermoglicht keine Lassigkeit, sondern ist Be-
enthalten. Das ist viel wichtiger, und davor fürchtet man sich wie drangnis. Schon den Tite! von Heideggers >>Sein und Zeit<< halte
der Teufel vor dem Weihwasser. Es gibt eine Phalanx von Kriti- ich, noch jenseits des Inhalts, für die dramatischste Um.kehrung
kern des Marxismus, die eigentlich nur mit der erstaunten Frage der klassischen philosophischen Tradition. An sich würde ja der
eines Weltenkindes gelesen werden konnea, wie es kommt, daB Laie oder auch der normale Philosoph Sein mit etwas verbinden,
der Marxismus so ernst genommen wird. Fast konnte man sagen, was ewig ist, mit etwas Stabilem und Eminentem, weil es doch
sollte der Marxismus akademisch mit Stumpf und Sti el ausgerottet nichts Flüchtigeres als die Zeit gibt.
werden, dann würde er durch die Polemiken gegen ihn erhalten Ich sehe mich durch diese Umkehrung voll und ganz bestimmt,
bleiben. Aber nun zu Marquard und der Geschichtsphilosophie. und zwar nicht durch eine nur immanent philosophische Absicht,
Es ist ein springender Punkt. Lowith hat den Nachweis führen sondern in der gesamten Orchestration der Apokalypt1k, sei sie jü-
wollen, daB die Geschichtsphilosophie mit der Geschichtstheolo- disch oder christlich. Die Apokalypse spielt philosophisch e ~ne
gie zusammenhangt, was von Lowith bis Marquard als negativer groBe Rolle bei mir. Denn in ihr verdichtet sich meine Erfahrung
Einwand gilt. Ich selbst halte gerade diesen Nexus für das Positiv- von Zeit als Frist. Hierfür ist heute mehr Offenheit da. Das Apoka-
ste an der Geschichtsphilosophie. Man kann si eh nicht gut als Ver- lyptische ist von dem Skurrilen befreit, si e wird weltlich, wie Marx
teidiger des christlichen Abendlandes aufspielen und zugleich sagen würde. Die Atombombe ist dafür ein Symbol. Darüber hat
dessen Geschichtsphilosophie als Illusion darstellen. Denn es ist Günther Anders gehandelt, der an ihr irgend etwas Wichtiges ent-
das Spezifikum, das Proprium abendlandischen BewuBtseins. Di es deckt, erfahren und gesehen ha t. Aber für mi eh ist diese Erfa1hnmg
spricht sich geschichtsphilosophisch aus . In diesen Horizont ge- nicht allein an die Atombombe gebunden. Sie ist, damit bin ich mit
hort noch Heideggers Spatwerk. O do Marquard hat sehr spezielle Heidegger sehr einig;' nur ein Resultar. Überhaupt gibt es bei Hei-
Thesen, die diskussionswürdig sind, aber die ich jetzt nicht en de- degger, wenn er vernünftig gelesen wird, also wenn er von seinen
tail angehen kann. Aber es bleibt doch au eh bei ihm so, daB die Ge- eigenen Schaumschlagereien befreit und auf das wenige Substan-
schichtsphilosophie als der Prügelknabe deutscher Theologie und tielle abgeklopft wird, grundlegende Ein.sichten. Das Sein hin auf
Philosophie fungiert - und damit auch der Marxismus, vielleicht die Zeit zu exponieren, gehort zu seinen genialen Einsichten. Er
nicht der im Osten, aber der in Lateinamerika, und alle Revolu- versteht zwar Zeit im Hinblick auf eine existentielle und individu-
tionsbewegungen, die sich marxistisch verstehen, entscharft oder elle Erfahrung, wahrend ich meine, daB es sich dabei auch um Kol-
ihrer Basis beraubt werden sollen. Das sind aber Ideologemspiele, lektiverfahrungen dreht. Der Begriff des Todes ist hier bei Heideg-
die den Kern der Problematik nicht treffen. ger ein Problem und scheint mir eher eine Allegorie zu sein. Wie
In einer sehr wichtigen Weise hat die Geschichtsphilosophie auch immer, dies ist der Durchbruch der Geschichtsphilosophie in
nicht nur unser Denken ideologisch bestimmt, sondern ist auf ei- unserem BewuBtsein, der irreversibel ist, die Gegner m o gen da Ze-
nen Punkt hin gesteuert, den ich für irreversibel halte. U m es kon- ter und Mordio schreien. Ich spreche von den besten, nicht von
zentriert zu sagen, ist die Bestimmung dessen, was Welt ist, was den bezahlten Lakaien, von den Stiftungen und amerikanischen
Zeit ist, durch die klassische Philosophie, die von Aristoteles bis Hoover-lnstitutionen, von den gekauften Kalten Kriegern einer
Hegel maBgeblich war, in einem Punkt nicht getroffen worden, Anti-Geschichtsphilosophie. Der einzige, der das profund ver-
der von Heidegger angedeutet wurde, au eh wenn er ihn nicht rich- standen hat und den geschichtsphilosophischen ProzeB umkehren
tig gefaBt hat, namlich die Bedeutung von Sein und von Zeit als wollte, war Friedrich Nietzsche. Das jammerliche Scheitern dieses
316 317
Basler Professors, der sich eine Privatmythologie der Ewigen Wie- einer neuen Welt sehen?
derkehr ausheckte, beweist die Richtigkeit meiner Diagnose. Die TAUBES Nein. Jetzt bringen Sie etwas hinein, was quer zum
Reprise der Antike auf der Spitze der Moderne, die FriecLrich Problem liegt. Wenn der Faschismus eine Reakt.ion gegen das jü-
Nietzsche w.ill, ist Chimare. Die Nietzschelinge haben dafür kei- disch oder christlich Apokalyptische ist, die in vielem etwas Apo-
nen Preis zu za,hlen, er aber hat mit seiner Gesundheit, mit seiner kalyptisches anzieht, so ist er dennoch ,Jetzdich eine heidnische
Zerrüttung, mit seinem Leben für seine neuen Einsichten gezalnlt. Rea.ktionsform und stellt eirren de.r Kontrahenten der Geschichts-
Er hat den Preis dafür genannt, was es heiBt zu behaupten, daB die philosophie dar, nur in geschichtsphilosophische Form gekleidet.
christliche Denkform zu Ende ging. Wenn man sich von dem ein- Der Faschismus ist aber viel zu uninteressant und viel zu episo-
'zigen tiefen Obstakel Nietzsches auf dem Wege zur Erkenntnis disch, um dies Problem anzugehen. Er hat 50 Millionen Opfer ge-
der Geschichte als Frist nicht tauschen laBt, ist die Geschichtsphi- kostet, er hat Gaskammern geschaffen, trotzdem bleibt er e.ine
losophie, wie immer auch ihre Varianten sein mogen, davon ge- letztlich irrelevante Episode. Seine Konsequenzen sind nicht irre-
pragt. Es ist noch nicht bewiesen worden, das haben Hans Blu- levant und werden memorabel bleiben, er selbst jedooh nicht, zu-
menberg oder Odo Marquard, auch Paul Valéry, auf den sie sich mindest nicht auf der Ebene, auf der Sie mi.t mir sprechen wollten.
berufen, nicht vermocht, daB die antike Weise, Geschichte zu se-
hen und zu erfahren, eine unschuldige Weise ware. Ware sie auch
die unschuldige Art- die Unschuld war ein Grm'ldwort Nietz-
sches -, s0 irren sie sich dennoch, denn wir sind eben alle Schul-
dige. Und als Schuldner stehen wir in Fristen der Rückzahlung, de¡;
'
Gerichtsverhandlung. In diesem Sinn ist die Geschichtsphiloso-
phie als Lehre von den Fristen auch eine Lehre von der >>Schulden-
ihaftigkeit<< des Menschen und eine Lelnre der Okonomie, darin
bedeutet wird, was einer dem anderen schuldet.
RóTZER Wie lassen die Kategorien einer Geschichtsphiloso-
phie, die Zeit als Frist begreift, sich für eine Diagnose der Gegen-
wart ansetzen?
TAUBES Die Erfahrung von Frist ist heute sicberlich überwalti-
gend und unter der kontingenten Bedrohung allgemein geworden,
die si eh mit der atomaren Vernichturrg der menschlichen Welt ver-
bindet. Jede Presseerklarung sagt, man hatte nicht mehr vi el Zeit.
Das Ganze klingt so, als sei die Arche N0ah noch der einzige Platz,
auf den man si eh zurückziehen konne. Würde man antik oder vor-
christlich im allgemeinen denken, so würde man sagen konnen,
man habe alle Zeiten der Welt, um ein Problem durchzustehen.
Aber christlich hat man keine Zeit, den~ das Reich Gottes ist nah.
In dem Satz »Das Reich Gottes ist nahe<< ist mir nicht die These
wichtig, was das Reich Gottes heiBt, sondern die Plausibilitat des
Nah-Seins. Wer christlich zu denken glaubt und dies ohne Frist zu
denken glaubt, ist schwachsi.nnig.
RóTZER LieBe sich der Faschismus, von Endvorstellungen ge-
trieben, auch unter dieser Perspektive fristgerechter Erzwingu.ng

318