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Zoom für Chorproben - Methodik

Liebe Kolleginnen und Kollegen,


Ich bin Chorleiterin zweier gemischter Chöre, mehr als die Hälfte sind über 60
Jahre alt: Der „Sing It! Chor“ der Musikschule Rottenburg (60 Sänger*innen)
und das „jamclub Vokalensemble“ Tübingen (50 Sänger*innen).
Bislang sehe ich die Möglichkeiten von Chorproben über Zoom lediglich als
Überbrückung eines nicht zu langen Zeitraumes, bis richtige Chorproben wieder
möglich sind. Trotz vieler Möglichkeiten bleibt eine solche Online-Probe doch
stark hinter dem Gesang und Gemeinschaftsgefühl einer „echten“ Probe
zurück. Hier eine kleine Sammlung von methodischen Ideen, die sich auf Zoom
gut umsetzen lassen (ich hoffe, dass von Euch allen viele Ergänzungen folgen):

Sinn und Zweck:


- alle freuen sich, die anderen wieder zu sehen, Gemeinschaftsgefühl
- das Repertoire wird aufrechterhalten, damit man nach der langen Zeit nicht
von vorne anfangen muss
- ein gemeinsames Erlebnis haben, von dem man vielleicht noch lange spricht
- mal nur seine eigene Stimme zu hören ist eine durchaus positive
Herausforderung
- an Sachen üben, zu denen man nie kommt, Einzelheiten, Feinheiten, Theorie
- bei Zoom lassen sich im Unterschied zu anderen Programmen die
Soundsettings optimieren
- Stimmtraining ist gesundheitserhaltend!
- Online-Chorproben sind zu 100% nicht ansteckend…
Das geht nicht/Schwierigkeiten:
- Gleichzeitiges Singen ist nicht möglich, am besten am Anfang einmal
ausprobieren z.B. mit „Hänschen Klein“, dazu dirigieren. Dann ist allen sofort
klar, wo die Grenzen des Machbaren liegen…
- andere Chorteilnehmer hören ist nicht möglich, es sei denn, jmd. singt Solo
- Chorleitung hört nur sich selbst und kann den Chor nicht korrigieren
- Problem: nicht alle nehmen teil, bei mir nur etwa die Hälfte der Sänger*innen
(entweder technisch zu schlechte Ausrüstung, Abneigung gegen
Zoom/Datenschutz oder die Enttäuschung, dass eine solche Probe zu weit von
dem entfernt ist, was an einer Chorprobe geschätzt wird: das gemeinsame,
gleichzeitige Singen
- nicht jede/r kann daheim einfach so vor sich hinschmettern, Angst, Nachbarn

Gwendolyn Kurz, Rottenburg am Neckar, 12.5.20 gwen.kurz@t-online.de


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oder auch eigene Familie zu stören (eine meiner Sängerinnen geht immer in
den Wald…)
Das ist möglich:
- Die Sänger*innen hören die Chorleitung (und ggf. das Klavier) und sich selbst
bei sich im Wohnzimmer
- Sänger*innen hören eine eingespielte Mp3 und singen dazu, Chorleitung kann
zwar Kommentare abgeben aber wegen der Latenz (= Verzögerung) nicht selbst
mitsingen. Es besteht die Möglichkeit, eine Mp3 über das Sprechmikro im
Hintergrund spielen, dann kann auch Leitung mitsingen, aber Qualität war bei
mir zumindest zu schlecht
- fünf Bereiche des Gesangs werden normalerweise geübt: Intonation (nicht
möglich), Blending (nicht möglich), Rhythmus, Ausdruck, Performance (bedingt
möglich)
Technik kurz erklären:
- TN mit Zeichensprache kommunizieren lassen: Kopfnicken, Kopfschütteln,
Daumen hoch, das gibt schnelleres Feedback zu Fragen an alle als über die
blaue Hand oder den Chat
- Technik kurz erklären für Choristen, die an vorigen Proben vielleicht noch
nicht teilgenommen haben
- Originalton einschalten bei Leitung und Sänger*innen
- Co-Host bestimmen, der den Chat im Auge behält und sich zu Wort meldet,
wenn z.B. eine Übertragung oder Einspielung zu laut/ zu leise ist oder sonst ein
Problem entsteht
- zwischendrin allen erlauben, den Ton wieder einzuschalten oder sich mit der
Leertaste zu Wort zu melden
- Rückmeldungen einfordern zu Lautstärke oder sonstigen Problemen
- Ich habe eine weitere Datei erstellt zum technischen Umgang mit Zoom, die
lade ich auch hoch - sonst mich anmailen, dann schicke ich sie

Einsingen:
- Einsingphase ggf. länger gestalten als sonst
- Atemübungen, Dehnen strecken etc. gehen wunderbar, am besten mit
großen Gesten
- wer möchte lässt Entspannungsmusik im Hintergrund laufen, TN müssen hier
auch nicht stummgeschaltet werden, ist schön, wenn man sich gegenseitig
schnaufen und kichern hört
- ohne Klavierbegleitung vor- und nachsingen lassen (Call& Call, Leitung hört
Sänger*innen nicht), Leitung zeigt erst auf sich selbst, macht es, dann auf den
Chor (zum Wiederholen), evtl. mitschnippsen für Groove
- gemeinsam mit dem Chor die Übungen durchsingen (ist besser für unsichere

Gwendolyn Kurz, Rottenburg am Neckar, 12.5.20 gwen.kurz@t-online.de


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Sänger*innen, da die dann nicht nur allein singen)


- Übungen mit Klavier begleiten (Audio wird über das gleiche Mikro
aufgenommen wie Gesang, da sonst Latenz entstehen kann – hab aber von
Kollegen gehört, wo das auch über einen Midieingang des Keyboards klappte,
ausprobieren!)
- wie gewohnt an verschiedenen Ausdrücken arbeiten, auch zeigen, wie man es
nicht machen soll – man kann die Umsetzung im Chor aber nicht überprüfen
- einzelne Person vorsingen lassen (dann aber ohne Klavierbegleitung oder nur
zu einem Akkord)
- Solfége mit Handzeichen, wär mal eine super Gelegenheit, damit anzufangen!
Evtl. erst pentatonische Solmisaton (Do, Re, Mi)
Circlesongs/ Improvisation:
- chorisches Einsingen zum Klavier, TN hören Leitung, sich selbst und das
Klavier, also zumindest schon mal zweistimmigen Gesang…
- einen einfachen Circlesong am besten zum Klavier einüben, vielleicht nur 2-3
Stimmen, vorher immer noch mal die Anfangstöne der einzelnen Stimmen
angeben. Wenn jeder die eigene Stimme kann, gemeinsam singen, Leitung
wechselt zwischen allen Stimmen (hört aber niemanden!)
- über einer Kadenz (z.B. C – Am – F – G7, „I like the flowers“) frei
improvisieren; für die, die sich mit Improvisation schwertun, kann auch erstmal
das Ursprungslied auf Silben gesungen werden („Na-na-na“)
- Gesten bei Liedern sind gut, lässt einen die Gruppendynamik spüren
- meine Chöre lieben das Improvisieren und möchten gerne lange Sequenzen
möglichst ohne Unterbrechungen
Klangvorstellung:
- Augen schließen, Stille hören, Note „uh“ sich vorstellen zu singen, ich zähle
ein, dann singen
- Ton angeben, die anderen stellen ihn sich erst vor, dann singen sie nach
- Mentaler Durchlauf: ich spiele Klavier (oder lasse Mp3 laufen), die anderen
stellen sich ihre Stimme nur vor
- Töne schnell nacheinander und wild durcheinander am Keyboard angeben,
kurz nachsingen
Mp3:
- einspielen, dazu singen - über Bildschirm teilen/ erweitert/ nur Computerton
(dann sieht man alle TN noch)
- Proben zum Playback, evtl. auch ein früher vom Chor aufgenommenes
- Dirigat nur bedingt möglich, da Sänger*innen erst viel später reagieren
- Leitung kann nicht mitsingen, da Latenz zur mp3 entsteht, aber optische und
akustische Anweisungen geben

Gwendolyn Kurz, Rottenburg am Neckar, 12.5.20 gwen.kurz@t-online.de


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Besprechen:
- Organisatorisches
- Choristen über ein Stück recherchieren auch über Songwriter und Textinhalt,
und referieren lassen, max. 5 min und nur einer pro Probe
- Stück besprechen, Fragen zum Stück, Probleme ansprechen
- gemeinsam ein Lied analysieren, ggf. übersetzen
- einen Konzertmitschnitt gemeinsam anschauen/anhören und analysieren was
man besser machen kann (Bildschirm teilen/ Computerton teilen)
- gemeinsam Youtube-Videos anschauen von neuen Stücken oder
verschiedenen Interpretationen alter Stücke
- Songtexte auswendig lernen
- in jeder Probe 10-15 min Theorie einfließen lassen, sich vielleicht ein
spezielles Gebiet heraussuchen, harmonische Zusammenhänge, Tonleitern etc.
- meine Chöre wollen, wie früher auch, diesen Teil lieber kurz halten und mehr
singen!

Lieder/Stücke einüben:
- am Anfang viele Sachen singen, die die TN schon einigermaßen können
- Einzelne Stimmen proben (eigentlich könnten auch alle in ihrer Stimme
mitsingen, da man ja niemanden hört... ist ein gutes Training für die anderen,
ihre Stimme gegen die Chorleitung zu halten oder andere Stimmen
mitzulernen!). Es ist schön zu wissen, dass die anderen singen, man sieht sie ja,
auch wenn man nur sich selbst (und vielleicht die Leitung) hört
- dann gemeinsam zur Gesamtaufnahme singen, das mögen meine Chöre sehr,
auch gern 2x hintereinander mit einer kurzen Besprechung dazwischen
- Abschnitt hintereinander von Solisten singen lassen (z.B. zwei oder vier Takte),
kann dann aber nicht mit Klavier begleitet werden…
- nachfragen, wer welche Stelle noch mal braucht
- Atemzeichen eintragen, Dynamik besprechen, Sonstiges in Noten einzeichnen
- alte Lieder, die der Chor schon sehr gut kann, wieder auskramen und zur
Gesamtchorversion singen
Breakout Sessions: (nur teure gekaufte Version)
- für Stimmproben nutzen: in separaten Probenräumen, Aufgaben geben
(neuen Song beginnen, jede Stimme probt für sich, eine bestimmte Stelle
lernen, z.B. nur den Rhythmus lernen, Zählzeiten reinschreiben etc.)
- zu vorher extra für jede Stimme eingesungenen Übe-Tracks proben, die
müsste dann vermutlich jmd. von daheim von einem CD-Player abspielen oder
den Computerton teilen (falls nicht vom Host eingestellt wurde, dass nur er
selbst teilen kann)

Gwendolyn Kurz, Rottenburg am Neckar, 12.5.20 gwen.kurz@t-online.de


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Rhythmus:
- Text und Rhythmus aus den Songs im Echoverfahren lernen, dabei evtl. alle
oder nur Leitung auf Brust patschen (das sieht und hört man gut im Video)
- Bodyperkussion gemeinsam langsam einüben und dann zu einem Stück
ausführen (ist aber gegeneinander versetzt)
- reihum, jeder macht einen Rhythmus vor, die anderen machen es nach, man
kommt aber nicht ins Grooven (es sei denn, es ist immer dieselbe Person)
- gemeinsam mit Bodypercussion jammen (man hört nur sich und Leitung)
- Trommeln oder klatschen je nach Mikro schwierig, übersteuert oder wird gar
nicht gesendet, evtl. weiter vom Mikro weggehen. Schnippsen geht

Sonstiges:
- Man kann Teile des Unterrichtes aufnehmen (Achtung Datenschutz! Setzt
Einverständnis der TN voraus!) und noch mal anhören, evtl. auch die gesamte
Probe
- abstimmen über Dinge mit blauer Hand in „Teilnehmer verwalten“
- TN fragen, ob man ein Foto /Screenshot machen kann als Erinnerung für alle
(und um evtl. später die TN abzukreuzen in der Anwesenheitsliste)
- Klavier/ Keyboard sind ja nicht zu sehen, evtl. die Kamera beim Spielen drauf
richten oder eine zweite Kamera anschaffen
- Stimmbildner*in einladen in eine Probe, bringt Abwechslung
- Choreografien zu den Liedern einstudieren, da reichen auch ein paar Gesten,
ist toll, wenn man sieht wie z.B. alle gleichzeitig die Hände heben. Alles mit
Gesten kommt sehr gut!
- Spiegelübungen zu meditativer Musik: Leitung oder ein TN macht sehr
langsame Bewegungen mit den Armen, alle imitieren die Bewegung. Leitung
bestimmt immer wieder einen neuen Anführer
- Oldies zu Playbacks singen?
- Sprechstück Rappen!? Kann man aber auch nicht gleichzeitig hören
- Rhythmussprache lernen (Ta, Ta-te, Taga-Tege oder auch Titi-Sprache)
- Lax Vox mit Trinkflasche und Schlauch blubbern, entspannt die Stimme
- Musikalische Zeichensprache etablieren (z.B. Pfeil für schneller, langsamer)
Virtual-Choir erstellen:
- Song aussuchen, den der Chor schon gesungen hat, für jede Stimme ein Übe-
Track erstellen (einen Takt Rhythmus oder Klicks oder 4 Schnippse voraus),
dann soll jeder mit einem Gerät und Ohrstöpseln zu dem Track singen und sich
dabei aufnehmen. Tonspuren und Videospuren getrennt zusammenmischen
und übereinanderlegen. Voilá!
(Anleitung dazu siehe unten unter „Making of Scheiß-Corona“ von Carsten
Gerlitz)

Gwendolyn Kurz, Rottenburg am Neckar, 12.5.20 gwen.kurz@t-online.de


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Songwriting:
- gemeinsam ein Lied schreiben, Text aufteilen (jeder nur 2 Zeilen oder 1
Strophe), Melodie, Begleitung entwickeln und dann gemeinsam lernen
- bereits bestehendes Lied umtexten/ übersetzen (Achtung Gema/Rechte!)
Schluss:
- Hausaufgaben geben, die beim nächsten Mal dann auch geprobt werden
- Sich zum Schluss zuwinken
- Probezeit evtl. verkürzen, war bei mir aber nur am Anfang ein Thema, als alles
noch neu und sehr anstrengend war, inzwischen reicht die Zeit wie immer
nicht…
- Sich von den Stimmführern nach der Probe (per Mail? Oder beim Bierchen…)
ein Feedback geben lassen was gut ankam und was weniger
- Gemeinsam ein „Bierchen“ trinken (aus dem eigenen Kühlschrank natürlich
und nicht notwendigerweise alkoholisch), die TN können auch ohne Host/
Leitung noch im Meeting bleiben, der schaltet einfach Audio und Video aus
oder übergibt den Host an jmd anderen (drei Punkte auf blauem Feld)

Ich wünsche uns allen positive Erlebnisse mit den Zoom-Proben – und dass
diese Zeit des erzwungenen Abstands bald vorbei ist.
Herzliche Grüße von Gwendolyn Kurz

Quellen:
Eigene Ideen, fast alles hab ich auch ausprobiert.

Alexander Grimm (Ideen zur Gestaltung von Chorproben):


https://www.youtube.com/watch?v=6dzSSw--5W0

Carsten Gerlitz (Scheiß-Corona Song erfunden):


https://www.youtube.com/watch?v=CK0fhl00QjY

Carsten Gerlitz (Making of): https://www.youtube.com/watch?


v=Yags_yWbm4g&feature=youtu.be&fbclid=IwAR1aLCbrPgflPt7chlPx5625ow3
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Innere Klangvorstellung nach Edwin Gordon

Gwendolyn Kurz, Rottenburg am Neckar, 12.5.20 gwen.kurz@t-online.de