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Alfred Sohn-Rethel

Geistige
und
körperliche
Arbeit
Zur Epistemologie der -
abendländischen Geschichte

Revidierte und ergänzte


Neuauflage

------~YCH~~-------
Acta humaniora
Die Radierung auf dem Umschlag ist von Friedrich Meckseper, Alfred
Sohn-Rethel gewidmet.

Vorwort

Mein intellektuelles Lebenswerk bis zu meinem 90. Geburts-


CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek • tag hat der Klärung oder Enträtselung einer halbintuitiven
Sohn-Rethel, Alfred: Einsicht gegolten, die mir 1921 in meinem Heidelberger Uni-
Geistige und körperliche Arbeit : zur Epistemologie der versitätsstudium zuteil geworden ist: der Entdeckung des
abendländischen Geschichte I Alfred Sohn-Rethel. - Rev. u.
Transzendentalsubjekts in der Warenform, eines Leitsatzes
erg. Neuaufl. - Weinheim : VCH, Acta Humaniora, 1989
. ISBN 3-527-17690-X des Geschichtsmaterialismus. Eine befriedigende Aufklärung
dieses Leitsatzes hat sich nur erzielen lassen als schließliches
Resultat von immer neuen Attacken, genannt Exposes. Ich
© VCH Verlagsgesellschaft mbH, D-6940 Weinheim unterscheide sieben solcher Attacken:
(Bundesrepublik Deutschland), 1989
1921: Postulat: die Warenform begreift das Transzendental-
Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in andere Sprachen, vor-
subjekt in sich (diese Erkenntnis resultierte aus einer
behalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung
des Verlages in irgendeiner Form- durch Photokopie, Mikroverfilmung anderthalbjährigen Wort-für-Wort-Analyse der Marx-
oder irgendein anderes Verfahren - reproduziert oder in eine von schen Warenanalyse in den Anfangskapiteln des »Kapi-
Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen, verwend- tals« in Kombination mit einem Seminar über die Pro-
bare Sprache übertragen oder übersetzt werden. legomena Kants unter Ernst Cassirer in Berlin 1920).

Satz: Hagedornsatz GmbH, D-6806 Viernheim


1936: Entwurf zu einer soziologischen Theorie der Erkennt-
Druck: HVA, Heidelberger Verlagsanstalt und Druckerei GmbH,
D-6900 Heidelberg '
nis. Dies war der erste Versuch einer Gesamtdarstel-
Buchbinder: Verlagsbuchbinderei Georg Kränkl, D-6148 Heppenheim lung. Der Terminus »soziologisch« (anstatt: »marxi-
stisch« diente als Deckwort gegenüber den Nazis. Das
Printed in the Federal Republic of Germany Luzerner Expose.

V
193 7: Kritische Liquidierung des Apriorismus. In Paris unter darstellt, kann die materialistische nur auf einem Zusammen-
Einfluß von Th. W Adorno und Walter Benjamin ent- hang von Entdeckungen beruhen.
standen. Pariser Expose. Marx hat keine materialistische Auffassung wissenschaftli-
cher Erkenntnis begründet, sondern der zu seiner Zeit herr-
1950: Intellectual and Manual Labour. In Birmingham schenden, durch Kant und Hegel begründeten, seinen Tribut
geschrieben, unveröffentlicht. Das englische Expose. gezollt. Die Marxsche Warenanalyse zu Beginn des >> Kapi-
tal« analysiert die politische Ökonomie, fragt aber nicht
1961: Warenform und Denkform, Versuch einer gesellschaft- nach der Möglichkeit gesellschaftlicher Synthesis in Gesell-
lichen Ursprungserklärung des reinen Verstandes. In schaften, die auf dem Prinzip des Privateigentums beruhen.
der Akademie-Zeitschrift der Humboldt-Universität Meine Studien sind demgegenüber gerade auf die Erfor-
Berlin (DDR) erschienen. Das Berliner Expose. schung des gesellschaftlichen Nexus gerichtet- durch diesen
Wandel der Thematik wird die politisch-ökonomische Frage-
1970: Geistige und körperliche Arbeit. stellung zu einer soziologischen.
Doch möchte ich betonen, daß die Verwandlung von Öko-
1976: Das Geld, die bare Münze des Apriori. Das Bremer n mie in Soziologie keineswegs der Ausgangspunkt gewesen
Expose. ist, der mich zur Umbildung der Marxschen Warenanalyse
bewegt hat. Erst aus Anlaß eines Vortrages über >> Warenform
1989: Geistige und körperliche Arbeit. Epistemologie der und Denkform« an der Humboldt-Universität 1958 erkannte
abendländischen Geschichte. Revidierte und ergänzte i h, daß Marx es versäumt hatte, seiner ersten Feuerbach-
Neuauflage von »Geistige und körperliche Arbeit«. These auch dort zu folgen, wo es um die Untersuchung des
' wangszusammenhangs geht, den abendländische Gesell-
Auch diese, hier vorliegende Fassung läßt noch viele s ·haften bilden.
Fragen offen. Aber meine über 68 Jahre hinweg betriebenen Die idealistischen Erkenntnistheorien, die vor dem Skan-
Forschungen haben eine zusammenfassende These möglich d. Ion stehen, das Vermögen geistiger Synthesis selbst nicht
gemacht: rldären zu können, haben darin ihre scheinbare Wahrheit,
Die Enträtselung des (verschlossenen) Tatbestandes der laß die gesellschaftlich-synthetische Wirksamkeit der Einzel-
funktionalen Synthesis unserer abendländischen Gesell- subjekte diesen selbst gänzlich verborgen bleibt: diese Wirk-
schaften ermöglicht zugleich die Rekonzeptualisierung der :unkeit wird von den idealistischen Erkenntnistheorien als
abendländischen Philosophie. Transzendentalsubjekt« hypostasiert. Wenn wir umgekehrt
Adorno formulierte den großartigen Satz, Historischer d m Leitfaden der wirklichen gesellschaftlichen Praxis fol-
Materialismus sei die Anamnesis der Genese; es bezeugt H·n, sollte es möglich sein, eine materialistische Theorie der
Adornos Geist, daß er diese- den Platonismus zerstörende- Erkenntnis zu begründen, die nur eine geschichtliche sein
Einsicht in die Eleganz platonisierender Definition bringt. knnn.
Es handelt sich in dervorliegenden Untersuchung also um
. die Alternative von idealistischer oder materialistischer Epi-
stemologie. Während die idealistische (etwa in der Kantschen
Ausführung) sich als Zusammenhang von Erfindungen Br ·men, im August 1989 Alfred Sohn-Rethel

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Danken möchte ich meinen Mitarbeitern Karim Akerma
und Udo Casper, die mit der Unterstützung der Stiftung für
Philosophie, Mönchengladbach, und der Universität Bremen
diese Ausgabe möglich gemacht haben.

Inhalt

Vorwort V

Erster Teil
Warenform und Denkform - Kritik der
rkenntnistheorie 1

L. Kritische Anknüpfung an Hegel oder an Kant? 1


2. Denkabstraktion oder Realabstraktion? 9
Die Warenabstraktion 11
4. Phänomenologische Beschreibung der
Tauschabstraktion 16
Ökonomie und Erkenntnis 22
6. Analyse der Tauschabstraktion 28
a. Die Fragestellung 28
b. Praktischer Solipsismus 34
c. Die Austauschbarkeitsform der Waren 39
d. Abstrakte Quantität 44
e. Der Wertbegriff 46
f. Substanz und Akzidenz 51
g. Atomizität 52
h. Abstrakte Bewegung 52
i. Strikte Kausalität 56

VIII IJC
k. Die Transformation der Realabstraktion in die 4. Zur Analyse der Warenform 168
Denkabstraktion 58 5. Warentausch und Ausbeutung 176
7. Schlußbemerkungen zur Analyse 66 6. Die Ausbeutung als Ursprung der Verdinglichung 195
7. Das Geld und die Subjektivität 205
Zweiter Teil
Gesellschaftliche Synthesis und Produktion 73 N otizen von einem Gespräch zwischen
Th. W. Adorno und A. Sohn-Rethel
1. Produktionsgesellschaft und Aneignungsgesellschaft 73 am 16. 4. 1965 221
2. Hand und Kopf in der Arbeit 75
3. Beginnende Mehrproduktion und Ausbeutung 77
4. Gabentausch und Warentausch 79
5. Die klassische Aneignungsgesellschaft 83
6. Entstehungsgründe der antiken Naturphilosophie 91
a. Auf dem Wege übers Geld zur Auflösung des
»griechischen Mirakels« 93
b. Historischer Materialismus ist Anamnesis der
Genese 96
7. Von der Wiedergeburt der Antike zur neuzeitlichen
Naturwissenschaft 101
8. Die Mathematik als Grenzscheide zwischen Kopf und
Hand 117
9. Schlußbemerkungen 126

Anhang
Expose zur Theorie der funktionalen
Vergesellschaftung.
Ein Brief an Theodor W. Adorno (1936) 131

Zur kritischen Liquidierung des Apriorismus.


Eine materialistische Untersuchung
(März/April 1937) 153

1. Die Absicht der Untersuchung 153


2. Analogie oder Begründungszusammenhang? 159
3. Die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen der
rationalen Erkenntnis 165

X XI
Erster Teil
Warenform und Denkform - Kritik
der Erkenntnistheorie

1. Kritische Anknüpfung an Hegel oder an Kant?

Es fällt ein neues Licht auf die Gedankenentwicklung und


die Wertakzente verschieben sich, wenn man den Gang der
Philosophie von Kant bis Hegel einer Betrachtung unter dem
esichtswinkel der geistigen und der körperlichen Arbeit,
ihres Verhältnisses und ihrer tiefgreifenden Scheidung im
Kapitalismus unterzieht. Die Bewertung der Philosophie tritt
dadurch aus den innerbegrifflichen Verstrickungen und dem
Spezialistentum des philosophischen Denkens ins raumzeit-
liche, geschichtliche Blickfeld hinaus und sollte u. a. auch
andarbeitern verständlich werden. Die Spekulationen
Kants über das »Ding an sich« z. B. werden, wenigstens zu
·inem Teile, vollkommen offenkundig. Wenn allein das Werk
der theoretischen Vernunft in Betracht gezogen wird, wie es
in der Kritik der reinen Vernunft der Fall ist, wenn die Ana-
lyse ausschließlich mit den Begriffsformen der Geistesarbeit
in der »reinen Mathematik« und »reinen Naturwissenschaft«
beschäftigt ist, mit der Abmessung ihrer Grenzen und Gel-
tungscharaktere, überhaupt mit ihrer »bloßen Möglichkeit«
sowie ihrer Methode, so ist es klar, daß etwas draußen bleibt,
nämlich die Handarbeit. Die Handarbeit schafft die Dinge,

L
von denen die theoretische Vernunft nur die »Erscheinung« kens«, aber auch der Abflug vom historischen Boden, die
betrachtet, und ist von andersartigem Realitätscharakter, als Übergipfelung, die auf die sinngemäßen Implikationen der
er jemals dem Erkenntnisobjekt zukommen kann. Es wird Verwirklichung der Freiheit pochte und sie systematisch ver-
sich im Lauf unsrer Untersuchung zeigen, daß die Arbeit stand, gleich ob die Pariser Straßen und Kellerwohnungen
selbst und nur als solche sich allen Begriffen warenproduzie- dafür die Heimstätte boten oder nicht. Für Hegel war es nicht
render Gesellschaften entzieht und ihnen »transzendent« ist, genug, die Freiheit bloß als die Forderung und das Ideal zu
weil diese Begriffe insgesamt dem Aneignungszusammen- nehmen, die sie für Kant gewesen war, dessen Philosophie
hang entspringen, den diese Gesellschaften bilden. Gewiß Marx >>die Philosophie der Französischen Revolution« nennt,
verhüllt sich dieser Tatbestand dem Denken Kants, dessen die Philosophie im Stadium der Revolution. Für Hegelist sie
Hauptstreben dahin ging, die selbstbegründende Autonomie 7.u dem Gesetz geworden, nach dem sich die Wirklichkeit
der Geistesarbeit, und zwar der wissenschaftlichen wie aller bewegt. Denken und Sein stehen sich für ihn nicht mehr als
übrigen Anliegen der bürgerlichen, »gebildeten« Klasse zu Gegensätze gegenüber, sie sind eins geworden, und dasselbe
erweisen. Dabei schillert das »Ding an sich« in vielerlei galt entsprechend für alle Antithesen und Dichotomien der
Bedeutungen, vor allem in der Ethik, wo das moralische Indi- philosophischen Reflexion. Diese Einheit war es, was seit eh
viduum versichert wird, daß es das »Ding an sich« zum und je mit Denken und Sein, Ideal und Wirklichkeit, Wesen
Behufe seiner Freiheit überhaupt in sich selber trage. und Erscheinung, Form und Stoff etc. gemeint gewesen war;
Der Dualismus aber, der Kant in seiner ganzen Bemühung ihre Einheit war, was sie bedeuteten, war ihre Wahrheit. So
vom Anfang bis zum Ende übrigbleibt, ist indes eine ungleich wurde aus der Logik die Dialektik. Die Bestimmungen erfüll-
wahrheitsgetreuere Spiegelung der kapitalistischen Wirk- ten sich, aber in ihrer Erfüllung veränderten sich die Bedin-
lichkeit als die Bestrebungen seiner Nachfolger, die den gungen ihrer Erfüllung, so daß jede Bestimmung, um sich zu
Dualismus loswerden, indem von ihnen alles in die »Imma- rfüllen, sich fortentwickeln, um sie selbst zu sein, ihr Ande-
nenz des Geistes« hineingezogen wird. Schon Fichte nennt res werden mußte. Die Wahrheit wurde zum zeitgebärenden
Kant einen »dreiviertel Kopf«, weil er aus seiner Philosophie Prozeß, der zutreffen mußte, was immer es war, was sich in
die volle Konsequenz nicht schon selber gezogen habe. der Zeit befand und sich darin verwirklichte. Das Geburts-
Inzwischen war freilich die Französische Revolution gesche- mal, die bürgerliche Klassenherkunft des Gedankens, zeigt
hen, in der das Bürgertum sich restlos aller Realität bemäch- sich freilich daran, daß er nur Gedanke war, die Dialektik
tigt zu haben schien, ohne noch eine Gegenrealität übrigzu- bloße Logik, die Erfüllung nichts als Philosophie, die Ver-
lassen. Man kann auch sagen, daß nach der Französischen wirklichung nirgends als in der >>Immanenz des Geistes«. Das
Revolution die ganze Gesellschaft zum Fressen des Kapitals S ·in, mit dem das Denken eins, war nicht das raumzeitliche
geworden war. Aber von diesem Aspekt war zu Hegels Zeit S in der Dinge und Verhältnisse der tatsächlichen Geschichte
und für einen Geist seines Blickpunkts noch nichts zu erken- und geschichtlichen Tatsachen, sondern es war das Sein, das
nen. Er nahm die Revolution in dem Sinn, in dem sie gemeint I Legel am Fundierungspunkt der Logik aus der Kopula des
gewesen war, las mit seinen Freunden Hölderlin und Schel- fch bin Ich« hervorzog, also nichts als das Sein des Denkens
ling jedes Ereignis, jede Nachricht, wovon die Zeitung s -lbst, das Sein, mit dem das Denken denkend sich verwech-
meldete, als philosophisches Geschehen, blickte auf Napo- s ·lt, und, materialistisch gesprochen, die Selbstbespiegelung
leon beim Einzug in Jena als den >>Weltgeist«, den er >>ZU der vollendeten bürgerlichen Klassenherrschaft. Von allen
Pferde reiten gesehen«. Dies war die >>Herrschaft des Gedan- Philosophien, die >>die Welt nur verschieden interpretieren«,

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ohne sie »ZU verändern«, ist die Hegels die krasseste, eben gefüttert wie die Tiere, sondern daß sie leben nach Maßen
weil sie die Form der Seinsveränderung, die Dialektik selbst, ihrer Arbeit, also kraft ihrer von ihnen selbst getätigten, in
an nichts als »die Idee« verschwendet. Um für Marx zu tau- Angriff genommenen und durchgeführten Produktion, hier-
gen, mußte die Dialektik in der Tat »umgestülpt«, besser in liegt die menschliche Naturbasis und der »Materialismus«
noch: um und um gekrempelt werden. Sie mußte vor allen der menschlichen Geschichte. »In der Produktion ihres
Dingen aufhören, Logik zu sein. t) Im Klassenkampf um die Lebens ... « lauten die ersten Worte, mit denen Marx seine
Veränderung der Wirklichkeit hat man es freilich nötig, Exposition der Leitsätze der materialistischen Geschichtsauf-
dialektisch zu denken, und um das zu lernen, kann man bei fassung beginnt. Man könnte auch sagen, das Grundgesetz
Hegel in ..Qie Schule gehen, vielleicht sogar nach dem Leniri.- des historischen Materialismus sei das Wertgesetz. Aber das
schen Vorschlag eine »Gesellschaft zur Pflege der Hegeischen Wertgesetz beginnt seinen Lauf erst, wo das menschliche
Dialektik« gründen. Aber die Dialektik hat man im Marxis- Arbeitsprodukt die bloße Notdurft übersteigt und zwischen-
mus nicht um der Hegeischen Logikwillen nötig. Die marxi- menschlicher »Wert« wird, und das ist die Grenzschwelle, wo
stische Dialektik gilt dem gesellschaftlichen Sein, weil der Warentausch und Ausbeutung beginnen, also wo, unmarxi-
Marxismus darauf abzielt, dieses Sein zu einer Wirklichkeit stisch geredet, der »Sündenfall« anfängt oder, marxistisch
zu machen, in der die Realität Sinn hat und der Sinn real wird, gesprochen, die »Verdinglichung« und »Selbstentfremdung«
wo also die menschliche Gesellschaft aus ihrer »Vorgeschich- des Menschen, seine Verderbnis ohne Verdammnis, seine Ver-
te«, in der die Menschheit Spielball naturwüchsiger Notwen- . blendung ohne Erblindung, die gesellschaftlich verursachte
digkeiten ist, herauskommt. Im Dienste dieses Ziels muß die Naturkausalität der »Ökonomie« und die Herrschaft einer
menschliche Geschichte in ihrer Gesamtheit unter einem Naturwüchsigkeit einsetzen, die aufzuheben dem Menschen
methodologischen Postulat verstanden werden, in welchem anheimgestellt ist, wenn die Zeit gekommen ist. Das Wert-
die Möglichkeit dieses Zieles, die reelle Möglichkeit seiner gesetz wird, mit anderen Worten, zum Grundgesetz des
Verwirklichung, schon als das eigentlich bestimmende, die historischen Materialismus im Laufe der Epochen der Klas-
Menschengeschichte durch und durch beherrschende Natur- sengesellschaft. Wie also gehört die Dialektik zu den marxi-
gesetz, also als die ihrem Geschehen überall schon zugrunde- stischen Instanzen: historischem Materialismus, Wertge-
liegende Wahrheit begriffen wird. Dieses methodologische setz, Klassengesellschaft, Ökonomie, Selbstbefreiung der
Postulat ist der historische Materialismus. Unter diesem Aus- Menschheit aus ihrer Vorgeschichte? Der hier vertretenen
druck, »historischer Materialismus«, ist gemeint, daß die Auffassung zufolge liegt die Dialektik nicht im marxistischen
menschliche Geschichte Teil der Naturgeschichte ist, nämlich Denken, wie etwa die Hegeische Dialektik in Hegels Logik
durchweg in letzter Instanz von materiellen Notwendigkei- liegt. Sie liegt aber auch nicht in der Geschichte als Teil ihrer
ten beherrscht. Diese materiellen Notwendigkeiten werden Faktizität. Wenn jemand Positivist ist und darauf besteht, als
menschlich, d. h. die Natur erfährt ihre Fortsetzung in Form tein unter Steinen, Fakt unter Fakten »Wahrheit« zu regi-
der Menschengeschichte dort, wo die Arbeit anfängt. Daß die strieren, wird ihm nie und nirgends Dialektik heimleuchten.
Menschen nicht im Schlaraffenland leben, nämlich nicht ennoch liegt die Dialektik in der Geschichte, sie zeigt sich
gratis existieren, aber auch nicht blindlings von der Natur , ber dort nur dem, der die Geschichte unter dem methodolo-
gischen Postulat des historischen Materialismus betrachtet.
1 Zu der Einsicht, daß die Dialektik nicht Logik sein kann, haben die Und ihm zeigt sie sich, weil die Dialektik das ist, als was
Arbeiten von Galvano della Volpe wertvolle Beiträge geliefert. Hegel sie entwickelt hat, Einheit von Denken und Sein, von

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'

Sinn und Realität, und weil diese Einheit, materialistisch vor allem in der europäischen Neuzeit. Hier stellt sich ein
verstanden, von Anfang an das Wesen der menschlichen theoretisches Erkenntnisproblem durch die historische Tat-
Geschichte ausmacht, selbst wenn dem, der von nichts Besse- sache, daß die Formen der Naturerkenntnis sich von der
rem weiß als der Erscheinung, von diesem Wesen nie etwas zu manuellen Produktionspraxis loslösen, sich dieser gegenüber
dämmern braucht. verselbständigen und also offenkundig aus anderen Quellen
Wer war nun aber Marxens Täufer, Hegel oder Kant? Die als denen der Handarbeit fließen. Was für Quellen das sein
Antwort ist weniger einfach, als gemeinhin unterstellt wird. können, ist in keiner Weise ersichtlich, es sei denn, man teile
In der ganzen von der Dialektik benetzten Konzeption des den Glauben der überlieferten Erkenntnistheorie in ein
historischen Materialismus herrscht eine gefährliche Ver- i: ursprüngliches, dem Menschen innewohnendes >>Verstandes-
suchung, -tlas Erkenntnisproblem in Ansehung der Natur zu vermögen«. Das Phänomen selbst, wenigstens in seiner
ignorieren. Die Natur scheint vermittels der Arbeit, ihrer modernen europäischen Form, ist genau das, dem die Kant-
Stoffe, Kräfte, Hilfsmittel, Werkzeuge stets schon als gegebe- 1 schen Fragen gelten: Wie ist reine Mathematik möglich? Wie
ner Faktor in die Menschengeschichte einbezogen und bewäl..: ist reine Naturwissenschaft möglich? Wie sind synthetische
tigt. Sie übt ihre materielle Kausalität auf die Geschichte Urteile apriori möglich? Die Theorie, mit der er sie beant-
keineswegs als Konstante, sondern durch die Entwicklungs- wortete, war auf mehr als zehnjährige eingehendste Analysen
grade der Produktivkräfte aus, wobei zwar gelegentlich Ein- der Galileischen Methode und der Newtonischen Physik
bußen vorkommen, in der Hauptsache aber die Epochen sich : 1-\ ·stützt, ergänzt und erprobt durch eigene naturwissen-
eine auf den Schultern der anderen folgen, so fortschritts- s ·haftliche Arbeiten, und in wesentlichen Teilen bestand die
los die Konsequenzen sich den menschlichen Bedeutungen ·~ Theorie einfach in Rückschlüssen aus den Befunden, die sich
nach in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen auch ihm ergeben hatten. Daß die >>reine Naturwissenschaft«
immer auswirken mögen. Die Natur erscheint also als eine möglich ist, ist nicht zweifelhaft, denn sie ist Tatsache; folg-
durch die Produktionspraxis immer schon verdaute Materie · li ·h muß sich ergründen lassen, wie sie möglich ist. Das war
in der Geschichte enthalten. Die dabei erforderliche Naturer- di Argumentationsweise Kants, und dieselbe Argumenta-
kenntnis und Wissenschaft wird entsprechend von Marx mit tion nötigt sich dem historischen Materialisten auf, wenn er
einem Anschein von Selbstverständlichkeit behandelt, sofern i ·h genügende Rechenschaft darüber gibt, wie wesentlich
ihrer überhaupt gesondert Erwähnung geschieht. Daraus ein Ulld unzertrennlich z. B. die Scheidung der naturwissen-
Erkenntnisproblem zu machen nach der Kantschen Art, ·haftlichen Geistesarbeit von der proletarischen Hand-
scheint sich gar keine Gelegenheit zu bieten. Und doch stellt 1• Ir cit mit der ökonomischen Kapitalherrschaft über die Pro-

es sich. duktion zusammengehört. Die ökonomische Herrschaft


Selbstredend stellt es sich nicht auf der philosophischen I i)nnte nicht vom Kapital ausgeübt werden, wenn die tech-
Grundlage wie bei Kant, als unhistarische Frage »der nol gisehe eine Sache der Arbeiter wäre. Es ergibt sich also,
Erkenntnis überhaupt« oder gar der>> Möglichkeit von Erfah- 1
l1ß das Erkenntnisproblem in Kantscher Formulierung
rung«. Es stellt sich aber als spezifisches historisches Phäno- { i •h auf dem von Hegel induzierten Boden des Geschichts-
men durch die Scheidung zwischen geistiger und körperlicher IIHl.tcrialismus stellt, nicht Kant oder Hegel sozusagen,
Arbeit, die auf dem Boden der Klassenspaltung bei ent- ondcrn Kant im Rahmen Hegels. In Wahrheit handelt es
wickelter Warenproduktion erwächst, in voll ausgebildeter . i •h weder um den einen noch um den andern, sondern um
Weise zuerst in der klassischen Antike und dann wiederum Ii · Erscheinungsweisen der Geistesarbeit in ihrer Scheidung

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von der Handarbeit als geschichtsmaterialistisches Teil- lieh aber wird sie immer erst nachher angestellt und setzt
problem. voraus, daß man schon zu glaubwürdigen Ergebnissen
Es sei hier betont, daß das Teilproblem von einer Bedeu- gelangt ist. Erst dann wird sichtbar, worauf die zugehörige
tung ist, die für uns in der Gegenwart ins Ungeheure Methodologie überhaupt abzustellen hat. Dem Leser eine
anwächst. Wer heute von einer Revolutionierung der Gesell- Methodologie ab ovo vorzuführen, ist ein Mißbrauch seiner
schaft, von der Umwandlung des Kapitalismus in den Sozia- Langmut. Das soll nicht heißen, daß auf die Methodologie
lismus und gar von der Möglichkeit einer kommunistischen nicht Wert zu legen sei. Es ist im Gegenteil so großer Wert auf
Ordnung redet, ohne zu wissen, wie sich die Wissenschaft sie zu legen, daß sie sich erst bei voller Kenntnis der Untersu-
und wissenschaftliche Technik in die Geschichte einfügt, chung adäquat beurteilen läßt. Darum wird sie hier der
woher si'e stammt, welcher Natur und Herkunft ihre Untersuchung im Anhang nachgestellt. Natürlich steht es
Begriffsform ist, wie also die Gesellschaft die Entwicklung jedem frei, die Reihenfolge umzukehren, wenn ihm daran
der Wissenschaft meistern soll, statt von ihr bemeistert und gelegen ist.
überwältigt zu werden, setzt sich dem Vorwurf der Absurdi-
tät aus. In den bestehenden Erkenntnistheorien werden aber
die Begriffsformen der wissenschaftlichen und philosophi-
schen Geistesarbeit in keiner Weise als geschichtliches Phäno-
men begriffen. Im Gegenteil. Die Begriffsform der naturwis- 2. Denkabstraktion oder Realabstraktion?
senschaftlichen Denkart zeichnet sich insgesamt durch die
geschichtliche Zeitlosigkeit des Inhalts aus. In den Erkennt-
nistheorien wird diese Geschichtslosigkeit als gegebene · Geistesform und Gesellschaftsform haben das gemeinsam,
Grundlage akzeptiert. Eine geschichtliche U rsprungser_: dnß sie »Formen« sind. Die Marxsche Denkweise ist durch
klärung wird für unmöglich erklärt oder überhaupt nicht in ·ine Formauffassung gekennzeichnet, in der sie sich von allen
den Bereich der Erwägung gezogen. Freilich wird in den II nderen Denkweisen unterscheidet. Sie leitet sich von Hegel
Erkenntnistheorien das naturwissenschaftliche Denken der h ·r, aber nur, um auch sogleich von Hegel abzuweichen.
einen oder andern Epoche auch nicht als ein Phänomen von 11orm ist für Marx zeitbedingt. Sie entsteht, vergeht und wan-
Geistesarbeit gewertet, die in einem bestimmten gesellschaft- 1 ·lt sich in der Zeit. Form als zeitgebunden zu verstehen, ist
lichen Trennungsverhältnis zur körperlichen Arbeit von I' ·nnzeichen dialektischen Denkensund stammt von Hegel
gegebener Art stehen muß. Solche Denkmaßstäbe gehören in h •r. A ber bei Hegelist der formgenetische und formverän-
den Geschichtsmaterialismus, sind aber bisher für die Kritik dt•f'l1de Prozeß, wie schon ausgeführt, primär Denkprozeß.
der Erkenntnistheorie, zu der sie die Möglichkeit enthalten, 1<:1· k nstituiert die Logik. Formveränderungen anderer Art,
wenig ausgewertet worden. Das soll in der vorliegenden c•l w in der Natu"r oder der Geschichte, sind bei Hegel immer
Untersuchung nachgeholt werden, in der Überzeugung, daß 11\11' durch Beziehung auf die Logik und in Analogie zu ihr
eine gründliche Geschichtstheorie der Geistesarbeit und der v 'I'Ständlich. Die Hegeische Auffassung der Dialektik wirkt
Handarbeit zur wesentlichen Ergänzung und Fortführung it•h dahin aus, daß sie den Geist nicht nur zum Primat über
der marxistischen Erkenntnisse beitragen würde. dit• I Iandarbeit, sondern zur Alleinherrschaft ermächtigt.
Wie man dabei vorgehen soll, also die Methodologie der · Jllir Marx dagegen versteht sich die Zeit, die die Genesis
Sache, sollte wohl zu den Vorerwägungen gehören. Tatsäch- 1111 I lie Wandlung der Formen beherrscht, von vornherein als

8 9
geschichtliche, natur- oder menschengeschichtliche Zeit. 2) das Postulat des Geschichtsmaterialismus undurchführbar.
Darum kann auch über die Formen nichts im voraus aus- Wenn das Vedahren der Bewußtseinsbildung, nämlich
gemacht werden. Prima philosophia in jeglicher Gestalt ist im Abstraktion, ausschließlich Sache des Bewußtseins selber ist,
Marxismus ausgeschlossen. Was ausgesagt werden soll, muß dann bleibt zwischen der Bewußtseinsform einerseits und
durch Untersuchungen erst herausgefunden werden. Histo- seiner angeblichen Seinsbestimmtheit andererseits eine Kluft,
rischer Materialismus ist, wie gesagt, nur der Name für ein die der historische Materialist im Prinzip in Abrede stellt, von
methodologisches Postulat, und auch das hatte sich Marx erst deren Überbrückung er aber in concreto keine zureichende
»aus seinen Studien ergeben«. Rechenschaft geben kann.
So läßt sich bei der Bildung von historischen Bewußtseins- Freilich ist zu bedenken, daß die theoretische Denktradi-
formen nicht über die Abstraktionsprozesse hinwegsehen, tion selber ein Produkt aus der Scheidung zwischen Kopf-
die sich darin betätigen. Die Abstraktion kommt der Werk- arbeit und Handarbeit ist und seit ihrem Beginn mit Pytha-
statt der Begriffsbildung gleich, und wenn die Rede von der goras, Heraklit und Parmenides eine Tradition von Kopf-
gesellschaftlichen Seinsbestimmtheit des Bewußtseins einen ' rbeitern für Kopfarbeiter gewesen ist, und daran hat sich bis
formgerechten Sinn besitzen soll, so muß ihr eine materiali- heute wenig geändert. Das Zeugnis dieser Tradition, selbst
stische Auffassung von der Natur des Abstraktionsprozesses wenn es sich in ungebrochener Einmütigkeit darstellt, hat
zugrunde gelegt werden können. Eine Bewußtseinsbildung deshalb für einen Denkstandpunkt, der auf dem anderen Ufer
aus dem gesellschaftlichen Sein setzt einen Abstraktions- steht, keine unanfechtbare Geltung. Und wir erkennen der
prozeß voraus, der Teil des gesellschaftlichen Seins ist. Nur Marxschen Warenanalyse zu Beginn des Kapital und schon
ein solcher Tatbestand kann verständlich machen, was mit der in der Schrift Zur Kritik der Politischen Ökonomie von 1859
Aussage gemeint ist, daß »das gesellschaftliche Sein der Men- inzigartige Bedeutung für das materialistische Denken zu
schen ihr Bewußtsein bestimmt«. Mit einer solchen Auffäs- '\lJS dem Grunde, daß hier von einer Abstraktion in einem
sung steht aber der historische Materialist in unvereinbarem l\nderen Sinn als dem der Denkabstraktion die Rede ist.
Gegensatz zu aller überlieferten theoretischen Philosophie.
Für die gesamte theoretische Denktradition steht es fest, daß
Abstraktion die eigentliche Tätigkeit und das ausschließliche . Die Warenabstraktion
Privileg des Denkens ist. Von Abstraktion in einem anderen
Sinne denn als Denkabstraktion zu sprechen, gilt als unzuläs- Marx spricht im Zuge seiner Formanalyse der Ware von der
sig, es sei denn, man gebrauche das Wort bloß in metaphori- Warenabstraktion« und der »Wertabstraktion«. Die Waren-
schem Sinne. Auf Grund einer solchen Auffassung wird aber ormist abstrakt, und Abstraktheit herrscht in ihrem gesam-
t t•n Umkreis. In erster Linie ist der Tauschwert selbst abstrak-
2 »Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der I ·r Wert im Gegensatz zum Gebrauchswert der Waren. Der
Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet und in 't:tu ·chwert ist einzig quantitativer Differenzierung fähig,
die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt
und die Quantifizierung, die hier vorliegt, ist wiederum
werden. Beide Seiten sind indes von der Zeit nicht zu trennen ... «
thstrakter Natur im Vergleich zur Mengenbestimmung von
Deutsche Ideologie, Feuerbach (Frühschriften, hg. von S. Landshut u.
J. P. Mayer, Bd. I, S. 10).- Der Absatz, der mit diesen Sätzen beginnt, ; •brauchswerten. Selbst die ,Arbeit, wie Marx mit besonde-
ist in der Handschrift von Marx quer durchgestrichen, aber als Aus- 1 •rn Nachdruck hervorhebt, wird als Bestimmungsgrund der
druck des Marxschen Denkens behalten sie ihren Wert. W·rtgröße und als Wertsubstanz zu »abstra schlicher

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Arbeit«, menschlicher Arbeit als solcher nur überhaupt. Die lyse aufgedeckten Phänomen der Waren- oder Wertabstrak-
Form, in der der Warenwert sinnfällig in Erscheinung tritt, tion die vorstehende Kennzeichnung als einer Realabstrak-
nämlich das Geld, sei es gemünztes Geld oder Geldschein, ist tion zuerkannt werden. Dies halten wir für unabdingbar.
abstraktes Ding und in dieser Eigenschaft, genaugenommen, Andererseits steht die so verstandene Marxsche Entdeckung
ein Widerspruch in sich. Im Geld wird auch der Reichtum der Warenabstraktion in unvereinbarem Widerspruch mit der
zum abstrakten Reichtum, dem keine Grenzen mehr gesetzt gesamten theoretischen Denktradition, und dieser Wider-
sind. Als Besitzer solchen Reichtums wird der Mensch selbst spruch muß zum kritischen Austrag gebracht werden. Mit
zum abstrakten Menschen, seine Individualität zum abstrak- kritischem Austrag ist hier ein Verfahren gemeint, in welchem
ten Wesen des Privateigentümers. Schließlich ist eine Gesell- keine der beiden einander widersprechenden Thesen als wahr
schaft, in cl.er der Warenverkehr den nexus rerum bildet, ein unterstellt wird, sondern in dem nach kritischen Denkmaß-
rein abstrakter Zusammenhang, bei dem alles Konkrete sich stäben ausgemacht werden soll, welche von ihnen wahr ist.
in privaten Händen befindet. Ein solcher Austrag ist von seiten Marxens nicht zur Durch-
Das Wesen der Warenabstraktion aber ist, daß sie nicht fü hrung gelangt, und ich bin geneigt, Louis Althusser sowohl
denkerzeugt ist, ihren Ursprung nicht im Denken der wieJürgen Habermas darin zuzustimmen, daß in den theore-
Menschen hat, sondern in ihrem Tun. Und dennoch gibt das tischen Grundlagen des Kapital viel mehr und bedeutend
ihrem Begriff keine bloße metaphorische Bedeutung. Sie ist Tiefergreifendes in Frage steht, als in der ökonomischen Aus-
Abstraktion im scharfen wörtlichen Sinn. Der ökonomische wertung zum Ausdruck kommt. Louis Althusser ist der
Wertbegriff, der aus ihr resultiert, ist gekennzeichnet durch Ansicht, daß das Kapital als Antwort auf eine von Marx
vollkommene Qualitätslosigkeit und rein quantitative Diffe- unterstellte, aber nicht formulierte Frage zu lesen sei. J) Jürgen
renzierbarkeit und durch Anwendbarkeit auf jedwede Art
von Waren und von Dienstleistungen, welche auf einem Lire le Capital von L. Althusser, Jacques Ranciere, Pierre Macherey,
Markt auftreten mögen. Mit diesen Eigenschaften hat die Etienne Balibar u. Roger Establet, 2 Bde., Fran<;ois Maspero, Paris
ökonomische Wertabstraktion in der Tat frappante äußere 1965, 1967. -Ich könnte der Intention des Unternehmens zustimmen,
Ähnlichkeit mit tragenden Kategorien der quantifizierenden wenn die Fundamentalstruktur, der die Suche gilt, in ihrem richtigen
Naturerkenntnis, ohne daß freilich die mindeste innere Formgewand der Abstraktion erkannt würde, in der sie doch allein
Beziehung zwischen diesen gänzlich heterologen Ebenen ihre aktive Strukturgewalt auszuüben vermag. Aber gerade die
Marxsche Rede von der »Warenabstraktion<< wird metaphorisch ver-
ersichtlich wäre. Während die Begriffe der Naturerkenntnis
standen, wo sie wörtlich zu nehmen ·ist. So etwa findet Althusser es
Denkabstraktionen sind, ist der ökonomische Wertbegriff 11ötig zu unterstreichen, >>que la production de la connaissance ....
eine Realabstraktion. Er existiert zwar nirgends anders als im ·onstitue un processus qui se passe tout entier dans La pensee<< (Bd. I,
menschlichen Denken, er entspringt aber nicht aus dem S. 51). Der Formzusammenhang, den die gesuchte Struktur konsti-
Denken. Er ist unmittelbar gesellschaftlicher Natur, hat tuieren müßte, wird hier im Gegenteil aufgespalten und zerrissen. Das
seinen Ursprung in der raumzeitlichen Sphäre zwischen- unpreklamierte Gesamtthema des Kapital und seiner Fundierung in
menschlichen Verkehrs. Nicht die Personen erzeugen diese d 'I" Warenanalyse ist die darin aufgedeckte Realabstraktion. Deren
H •ichweite geht weiter als bloß auf die Ökonomie, ja sie betrifft die
Abstraktion, sondern ihre Handlungen tun das, ihre Hand-
\b rlieferte Philosophie eigentlichviel direkter als die politische Öko-
lungen miteinander. »Sie wissen das nicht, aber sie tun es.« tHlm ie. Nur in Kenntnis dieser Reichweite läßt sich die materialistische
Um das Marxsche Unternehmen der Kritik der politischen 11orm- und Strukturfrage überhaupt aufgreifen, und zwar einschließ-
Ökonomie adäquat zu verstehen, muß dem in der Warenana- lich der Wahrheits- und Normenfrage. Hätte sich die Frage für Marx in

12 13
Habermas geht weiter und wirft Marx vor, die erkenntnis- ihren theoretischen Wert nicht vermindern. Dieser Wert ist
theoretischen Implikationen seines Denkstandpunkts igno- nicht nur in einer in sich einheitlichen, sondern in einer ein-
riert zu haben. Auch darin stimme ich mit Habermas überein, heitlich kritischen Auffassung des marxistischen Denkens
daß, wenn man diese Implikationen aufnimmt und konse- durch das Ziel der klassenlosen Gesellschaft, ihrer Möglich-
quent verfolgt, die Erkenntnistheorie selbst eine radikale keit und der Bedingungen ihrer Verwirklichung motiviert,
Transformation erfährt, nämlich ihre Verwandlung in Gesell- nicht unähnlich dem Primat der praktischen vor der theore-
schaftstheorie durchmacht. 4) Nur glaube ich, daß man sich tischen Vernunft bei Kant. Die Ähnlichkeit geht sogar so
der Fallstricke der erkenntnistheoretischen und idealistischen weit, daß an der einheitlich kritischen Auffassung unseres
Denktradition wirksamer entledigt, wenn man überhaupt marxistischen Denkens die Möglichkeit der Freiheit einer
nicht meh,._ von» Erkenntnistheorie« spricht, sondern von der klassenlosen Gesellschaft hängt.
Scheidung zwischen Geistesarbeit und Handarbeit. Denn Zu den Bedingungen einer klassenlosen Gesellschaft fügen
hier kommt die ganze Fragestellung auf den Nenner ihrer wir aber, übereinstimmend mit Marx, Einheit von Geistes-
praktischen Bedeutung. und Handarbeit oder, wie er sagt, das Verschwinden ihrer
Wenn man nämlich den Widerspruch zwischen der Real- Scheidung hinzu. Und wir gehen so weit zu sagen, daß sich in
abstraktion bei Marx und der Denkabstraktion in der die realen Möglichkeiten und die formalen Bedingungen einer
Erkenntnistheorie zu keinem kritischen Austrag bringt, so klassenlosen Gesellschaft kein zureichender Einblick erzielen
heißt das, daß man sich mit der Beziehungslosigkeit der läßt, wenn die genügende Einsicht in die Scheidung von
naturwissenschaftlichen Denkform zum historischen Gesell- Geistes- und Handarbeit und ihre präzisen Entstehungs-
schaftsprozeß abfindet. Man beläßt es bei der Scheidung von gründe fehlt. Solche Einsicht ist an die Voraussetzung gebun-
Kopf- und Handarbeit. Das bedeutet aber, daß man es über- den, daß die begrifflichen Erkenntnisformen, die den spezifi-
haupt bei der gesellschaftlichen Klassenherrschaft beläßt, schen Gegenstand der Erkenntnistheorie einschließlich der
nehme diese auch die Formen von sozialistischer Bürokraten- theoretischen Philosophie der Griechen bilden, formell
herrschaft an. Die Vernachlässigung der Erkenntnistheorie ableitbar sind aus derselben Ebene, zu der auch die Hand-
durch Marx wirkt sich aus im Fehlen einer Theorie vom Ver- arbeit gehört, der Ebene der gesellschaftlichen Existenz. Ob
hältnis der Kopfarbeit zur Handarbeit, d. h. als theoretische das der Fall ist, ist die Frage, die hier zur Untersuchung steht.
Vernachlässigung einer von Marx selbst als wesentlich DieUntersuchung hält sich also methodisch auf der Linie, auf
erkannten Vorbedingung klassenloser Vergesellschaftung. S) der in einer künftigen Gesellschaft die Einheit von Kopf und
Die Berufung auf die praktische Bedeutsamkeit der Frage soll and herstellbar sein mag.
Aufgabe ist der kritische Nachweis der Warenabstraktion.
diesem Umfang gestellt, so hätte er erkennen müssen, daß seine Kon- Das ist anders formuliert dasselbe, was oben unter dem
zeption der Warenabstraktion im Kapital entweder unhaltbar ist (näm- Namen des »kritischen Austrags« gesagt war. Nachzuweisen
lich eine bloße Metapher und ein Trugbild von Abstraktion) oder aber ist erstens der formale Tatbestand von Abstraktion in einem
unvollständig.
vo n Erkenntnistheoretikern anerkannten Sinn des Wortes,
4 Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse, Suhrkamp, Frankfurt
a. M. 1968, insbes. I. Teil, z. B. S. 58/59, und das 3. Kapitel: »Die Idee
und zweitens ihr Realcharakter so, daß er von den Argumen-
einer Erkenntnistheorie als Gesellschaftstheorie«. ten der Erkenntnistheorie nicht bestritten werden kann. Der
5 Vgl. die >>Kritik des Gothaer Programms« und >>Deutsche Ideologie<<, Nachweis der Warenabstraktion soll also die bündige Kritik
Frühschriften, 1. c., S. 22. der Erkenntnistheorie im traditionellen Verstande mit sich

14 15
führen. Das Kriterium dieses traditionellen Verstandes ist, Geschichte tatsächlich »erscheinen«, werden erst viel später,
daß die Erkenntnistheorie die formelle Unmöglichkeit einer im dritten Bande, erklärt. (Für ein angemessenes Verständnis
Einheit von Handarbeit und naturwissenschaftlicher Geistes- der inneren Dialektik und Systematik des Marxschen Haupt-
arbeit impliziert. Ein genauerer Begriff von dieser Einheit ist werks sei auf die hervorragenden Studien von Rosdolsky und
freilich erst im Ergebnis der Erforschung der Scheidung bei- Reichelt verwiesen.) Wie aber auch das Wesensverhältnis
der und ihrer Entstehungsgründe zu erwarten. zwischen der gesellschaftlichen Verkehrsform des Austauschs
Dem kritischen Nachweis der Warf;nabstraktion ist auf der einen Seite und der Arbeit auf der anderen im genauen
zunächst eine Bestimmung des Phänomens derselben voraus- Sinne bei Marx beschaffen ist, darüber hätten analytische und
zuschicken. kritische Erörterungen Platz zu greifen, die den hier fälligen
Gedankenfortgang so sehr aufhalten und komplizieren wür-
den, daß wir sie in einen gesonderten Anhang verlegen. Was
4. Phänomenologische Beschreibung uns hier beschäftigt, ist nicht das Gesamtverhältnis, sondern
der Tauschabstraktion nur ein Teilaspekt von ihm, nämlich die dem Warenaustausch,
nicht der Arbeit geschuldete abstraktive Kraft. Marx: »Der
Der Marxsche Begriff der Warenabstraktion bezieht sich Austauschprozeß gibt der Ware, die er in Geld verwandelt,
genaugenommen auf die in den Waren verkörperte und ihre nicht ihren Wert, sondern ihre spezifische Wertform. « (MEW
Wertgröße bestimmende Arbeit. Die wertschaffende Arbeit 23 , 105) Wir sprechen darum weiterhin von der Tauschab-
wird als »abstrakt menschliche Arbeit« bestimmt im Unter- straktion, nicht von der Warenabstraktion. Wie läßt die
schied von der gebrauchswertschaffenden nützlichen und Tauschabstraktion sich zunächst als bloßes Phänomen isoliert
konkreten Arbeit. Weder ist die Arbeit von Haus aus beschreiben?
abstrakt, noch ist ihre Abstraktion zur »abstrakt mensch- Der Austausch der Waren ist abstrakt, weil er von ihrem
lichen Arbeit« ihr eigenes Werk. Die Arbeit abstraktifiziert Gebrauch nicht nur verschieden, sondern zeitlich getrennt
sich nicht selber. Der Sitz der Abstraktion liegt außerhalb der ist. Tauschhandlung und Gebrauchshandlung schließen
Arbeit in der bestimmten gesellschaftlichen Verkehrsform des einander in der Zeit aus. Solange Waren Gegenstände von
Austauschverhältnisses. Freilich gilt der Marxschen Auffas:. Tauschverhandlungen sind, also ~ich auf dem Markt befin-
sung gemäß auch das Umgekehrte, daß auch das Austausch- den, dürfen sie nicht in Gebrauch genommen werden, weder
verhältnis nicht sich selbst abstrahiert. Es abstrahiert, oder von den Verkäufern noch von den Kunden. Erst nach vollzo-
sagen wir, es abstraktifiziert die Arbeit. Das Ergebnis dieses gener Transaktion, also nach ihrem Übergang in die Privat-
Verhältnisses ist der Warenwert. Der Warenwert hat das sphäre ihrer Käufer, werden die Waren für die letzteren zum
abstrahierende Austauschverhältnis zur Form und die ehrauch vedügbar. Auf dem Markt, in den Läden, Schau-
abstraktifizierte Arbeit zur Substanz. In dieser abstrakten fenstern etc. stehen die Waren still, bereit für eine einzige Art
Relationsbestimmtheit der >> Wertform« wird die Arbeit als der Handlung, d. h. ihren Austausch. Eine zu einem definiti-
» Wertsubstanz« der rein quantitative Bestimmungsgrund der ven Preis ausgezeichnete Ware z. B. unterliegt der Fiktion
» Wertgröße<<. In der Warenanalyse des ersten Bandes des vollständiger materieller Unveränderlichkeit, und dies nicht
Kapital steht dieNaturder Wertgröße nicht minder als die der nur von seiten menschlicher Hände. Selbst von der Natur
Wertform nur dem Wesen nach zur Untersuchung; die quan- wird angenommen, daß sie gleichsam im Warenkörper ihren
titativen Austauschverhältnisse der Waren, wie sie in der !\ tem anhält, solange der Preis der gleiche bleiben soll. Der

16 17
Grund ist, daß die Tauschhandlung nur den gesellschaftlichen und die vorgeführte Gebrauchshandlung sollte identisch sein
Status der Waren verändert, ihren Status als Eigentum ihrer mit der, für welche die Waren erworben werden sollen. Den-
Besitzer, und um diese gesellschaftliche Veränderung ord- noch dient die Demonstrierung der Waren auf dem Markt nur
nungsgemäß und nach den ihr eigenen Regeln vollziehen zu der gedanklichen Instruktion und Urteilsbildung der Kun-
können, müssen die Waren von allen gleichzeitigen physi- den, bleibt also auf bloßen Erkenntniswert beschränkt und ist
schen Veränderungen ausgenommen bleiben oder doch dafür haargenau geschieden von der Praxis des Gebrauchs selbst,
angesehen werden können, daß sie materiell unverändert mögen beide auch empirisch gänzlich ununterscheidbar von-
bleiben. Daher ist also der Austausch abstrakt in der Zeit, die einander sein. Die Praxis des Gebrauchs ist aus der öffent-
er in Ansf!ruch nimmt. Und »abstrakt« heißt hier abzüglich lichen Sphäre des Marktes verbannt und gehört ausschließlich
aller Merkmale möglichen Gebrauchs der Waren. »Ge- in den Privatbereich der Warenbesitzer. Im Markt bleibt der
brauch« versteht sich hier als produktiver wie als konsum- Gebrauch der Dinge für die Interessenten »bloße Vorstel-
tiver und als synonym mit dem gesamten Bereich des Stoff- lung«. Mit der Herausbildung des Marktwesens trennt sich
wechsels des Menschen mit der Natur im Sinne von Marx. die Imagination vom Tun der Menschen und individualisiert
»Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlich- sich nach und nach zu ihrem Privatbewußtsein. Dieses
keit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Phänomen nimmt seinen Ursprung gerade nicht von der
Wertgegenständlichkeit ein.« (MEW 23, 62) Wo der gesell- privaten Sphäre des »Gebrauchs«, sondern von der öffent-
schaftliche nexus rerum auf Warenaustausch reduziert ist, lichen des Marktes.
muß ein Vakuum an aller physischen und geistigen Lebens- Nicht also das Bewußtsein der Tauschenden ist abstrakt.
tätigkeit der Menschen hergestellt werden, damit in diesem Nur ihre Handlung ist es. Da beides Notwendigkeit hat, die
Vakuum ihr Zusammenhang zu einer Gesellschaft Platz Abstraktheit der Handlung und die Nichtabstraktheit des sie
greift. Warenaustausch ist Vergesellschaftung rein als solche, begleitenden Bewußtseins, werden die Tauschenden der
durch eine Handlung, die nur diesen einen, von allem übrigen Abstraktheit ihrer Tauschhandlung nicht gewahr. Sie entzieht
abgesonderten Inhalt hat. Doch gilt all dies allein von den sich ihrem Bewußtsein. Indes ist die Bewußtlosigkeit der
Handlungen des Austauschs, den wechselseitigen Akten der Menschen gegenüber der Abstraktheit ihrer Tauschhandlun-
Besitzübertragung, es gilt nicht vom Bewußtsein der Tau- gen nicht der Grund für diese Abstraktheit noch eine Bedin-
schenden. gung ihrer.
Denn während der Gebrauch der Waren derart aus den Schon diese bloße Phänomenologie der Tauschabstraktion
Handlungen der Interessenten während der Zeit der Tausch- legt es nahe, daß der darin gebrauchte Sinn des Wortes
verhandlungen ausgeschlossen ist, ist er doch durchaus nicht »abstrakt« mit dem erkenntnistheoretischen Sprachgebrauch
aus ihren Gedanken verbannt. Im Gegenteil. Der Gebrauch den formalen Kennzeichen nach zusammenstimmt. Wir nen-
und der Nutzen der im Markt zum Austausch stehenden nen abstrakt das, was nicht-empirisch ist, und der von der
Waren beschäftigt die Gedanken der Kunden aufs regste. 'Emschhandlung ausgeschlossene Gebrauch deckt sich in dem
Auch ist dieses Interesse keineswegs auf Mutmaßung ihm angehörigen Vorstellungsbereich mit dem Begriff der
beschränkt. Die Kunden haben ein Recht, sich des Empirie innerhalb seiner praktischen Grenzen. Was über
Gebrauchswerts der Waren zu versichern. Sie können die diese Grenzen hinausliegt, d. h. Eigenschaften der Waren, die
Waren in Augenschein nehmen, sie eventuell berühren, sie für ihren Gebrauch irrelevant sind, entzieht sich zwar der
an- und ausprobieren, sich ihren Gebrauch vorführen lassen, ebrauchsempirie, wächst aber dadurch in keiner Weise etwa

18 19
der Tauschhandlung zu. Diese ist abstrakt im Sinne des Vergesellschaftung des Denkens dar. Sie ist der Einwirkung
Nicht-Empirischen, gleichgültig wie eng oder wie weit in den der gesellschaftlichen Realabstraktion der Tauschhandlung
verschiedenen Epochen der Warenproduktion die Grenzen geschuldet. Ich vertrete also die These von der gesellschaftli-
des Warengebrauchs gezogen sind. Im übrigen steht hier chen Entstehung des reinen Verstandes. Dieser These kann
nicht die Gleichheit, sondern nur die Gleichartigkeit der zur Glaubhaftigkeit verholfen werden durch die Deduktion
Abstraktion in beiden Feldern, dem des Warentauschs und der reinen Verstandesbegriffe aus dem gesellschaftlichen Sein,
dem der Erkenntnistheorie, in Rede. Etwas anderes kommt genauer: aus der abstrakten Physikalität der Tauschhandlung.
auf dieser Stufe des Gedankens nicht in Betracht. Diese Deduktion bietet das Gegenstück zu der diffizilen
Auf einen weiteren Widerspruch der Waren- bzw. Tausch- Kamsehen »transzendentalen Deduktion der reinen Verstan-
abstraktion muß hingewiesen werden. Die Tauschhandlung desbegriffe«, die von Hegel als »echter Idealismus« anerkannt
verlangt das völlige Absehen vom Gebrauch (und von den wird. 6l
empirischen Eigenschaften der getauschten Gegenstände). Der Realcharakter der Tauschabstraktion kann ebenso-
Sie exerziert somit die radikale Negation der physischen wenig zweifelhaft sein. Die Abstraktheit der Tauschhandlung
Gebrauchsrealität. Nichtsdestoweniger ist sie aber doch ist die direkte Wirkung einer Kausalität durch Handlung und
selbst eine physische Handlung: sie bringt die getauschte bietet sich dem Begriff unmittelbar überhaupt nicht dar. Sie
Ware aus dem Besitz des Verkäufers in den des Käufers und entsteht als Ergebnis der Tatsache des Nichtgeschehens von
bewegt das Entgelt in die entgegengesetzte Richtung. Ich Gebrauchshandlungen während der Zeit und an dem Ort, wo
nenne dies die Physikalität der Tauschhandlung. Vom Trans- der Austausch statthat. Für gewöhnlich sind Gesetze oder
port ist die Tauschhandlung selbstverständlich zu unter~ zumindest Marktordnungen in Kraft, um diese Grundbedin-
scheiden, der - so schwierig und umständlich er immer sei - gung des Warenhandels zu garantieren. Aber es ist nicht das
bloß dafür zu sorgen hat, daß seine Fracht den Empfänger in Gesetz als solches, nicht das Verbot, das es über Verletzungen
unversehrtem Zustande erreicht. der Grundbedingung verhängt, was die Abstraktion bewirkt.
Es wird nötig, einer neuartigen Auffassung vom Wesen der Die Abstraktion ist ein raumzeitlicher Vorgang; sie geschieht
Abstraktion das Wort zu reden. Ich betrachte die reine hinter dem Rücken der Beteiligten. Was sie so schwer ent-
Abstraktion in ihrer genetischen Ursprungsform als eine deckbar macht, ist der negative Charakter ihrer Konstella-
Eigenschaft des gesellschaftlichen Seins. Sie ist unentbehr- tion, daß sie nämlich in der bloßen Absentia eines Geschehens
licher Teil der Synthesis der funktionalen Gesellschaft, die der gründet. Was hier den Raum und die Zeit >>ausfüllt«, ist das
abendländischen Geschichte eigentümlich ist. Vom bürger- Nichtgeschehen von Gebrauch im Bereich des Austauschs,
lichen Standpunkt aus stellen sich die reinen, aller sinnlichen die Leere an Gebrauch und die Sterilität, die sich durch den
Wahrnehmungsrealität baren Begriffe als geistige Schöpfun- Ort und die Zeit erstreckt, welche die Transaktion bean-
gen dar. Zur Formierung solcher Begriffe lassen sich ja in der sprucht. Darum ist jede Tauschhandlung, welche geschieht,
Tat in der körperlichen Konstitution der Person keine nicht bloß akzidentell, sondern wesensmäßig abstrakt, weil
Anhaltspunkte finden, der solche Gebilde entsprechen sie andernfalls, nämlich ohne den abstraktifizierenden
könnten. Hegel, dem Gipfelpunkt des bürgerlichen Den- Umstand, gar nicht hätte geschehen können.
kens, dient die Geistesphilosophie zur Begründung der Posi-
6 >>In dem Prinzip dieser Deduktion ist diese Philosophie echter Idealis-
tion des absoluten Idealismus. Vom materialistischen Stand- mus« (G.W. F. Hege!, Differenz des Fichte'schen und Schelling'schen
punkt aus stellt sich das reine Denken dementgegen als die Systems der Philosophie, Jena 1801, S. 1).

20 21
5. Ökonomie und Erkenntnis erweiterte Formanalyse der Warenabstraktion den Zwecken
der geschichtsmaterialistischen Kritik der Erkenntnistheorie
Im Unterschied zu der Tauschhandlung versteht sich der dient - in Ergänzung zur Marxschen Kritik der politischen
»Gebrauch« der Waren sowohl im produktiven wie im konomie. Dies .sei weiter erläutert.
konsumtiven Sinne und, bei vollentwickelter Warenproduk- Im Warenaustausch fallen Handlung und Bewußtsein, Tun
tion, als synonym mit der Gesamtheit dessen, was Marx und Denken der Tauschenden auseinander und gehen ver-
als den Stoffwechselprozeß des Menschen mit der Natur schiedene Wege. Nur die Handlung des Austauschs ist
zusammenfaßt. Indem die Tauschhandlung die Trennung :\bstrakt vom Gebrauch, das Bewußtsein der Handelnden ist
vom Gebrauch, genauer: von Gebrauchshandlungen unter- •s nicht. Vermöge ihrer Abstraktheit eignet sämtlichen
stellt, po!ötuliert sie also den Markt als zeitlich und örtlich Tauschhandlungen, gleich welchen Inhalts, zu welcher Zeit, ·
bemessenes Vakuum an menschlichem Stoffwechselprozeß . n welchem Ort vollzogen, eine strikte formale Einheitlich-
mit der Natur. Innerhalb dieses Vakuums vollzieht der keit, kraft deren sie von sich aus einen Bezugszusammenhang
Warenaustausch die Vergesellschaftung als solche rein für I ilden, so daß jede Transaktion unzählige Rückwirkungen
sich, in abstracto. Unsere Frage: Wie ist Vergesellschaftung in auf den Abschluß anderer Transaktionen seitens unbekannter
den Formen des Warentauschs möglich? ließe sich auch stel- Warenbesitzer ausübt. Derart erfolgt eine Verflechtung der
len als Frage nach der Möglichkeit von Vergesellschaftung, Menschen »hinter ihrem Rücken« zu einem nach Funktionen
losgelöst vom menschlichen Stoffwechselprozeß mit der der Einheit sich regelnden Daseinszusammenhang, in dem
Natur. Was den Warentausch zu seiner vergesellschaftenden auch die Produktion und die Konsumtion noch nach Waren-
oder, wie ich sage, gesellschaftlich-synthetischen Funktion !-;' etzen vor sich gehen. Aber nicht die Menschen bewerk-
befähigt, ist seine Abstraktheit. Unsere Ausgangsfrage I'Jlclligen das, nicht sie verursachen diesen Zusammenhang,
könnte daher auch heißen: Wie ist reine Vergesellschaftung s ndern ihre Handlungen tun es, indem sie eine Ware unter
möglich?- nach denselben Kriterien von »Reinheit«, welche nllcn als den Träger und »Kristall« ihrer Abstraktheit ausson-
dem Begriff der »reinen Naturwissenschaft« bei Kant zu- d rn und sich auf diesen als den identischen Vergleichsnenner
grunde liegen. Der Ansatzpunkt unserer Untersuchung im- ihrer »Werte« beziehen. »Erst innerhalb des Austauschs
pliziert somit die These, daß es eine Frage gibt des Inhalts: •rhalten die Arbeitsprodukte eine von ihrer sinnlich verschie-
Wie ist reine Vergesellschaftung möglich? Sie enthält den d ·nen Gebrauchsgegenständlichkeit getrennte, gesellschaft-
Schlüssel zur raumzeitlichen Beantwortung der Kantschen li ·h gleiche Wertgegenständlichkeit.« (MEW 23, 87) »Die
Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit reiner Natur- 11 ·sellschaftliche Aktion aller andren Waren schließt daher
wissenschaft. Diese von Kant idealistisch gemeinte Frage t•inc bestimmte Ware aus, worin sie allseitig ihre Werte dar-
lautet, ins Marxistische übersetzt: Wie ist verläßliche Natur- l ·IIen. [... ]Allgemeines Äquivalent zu sein wird durch den
erkenntnis aus andren Quellen als denen der Handarbeit p •scllschaftlichen Prozeß zur spezifisch gesellschaftlichen
möglich? Auf diese Form gebracht, zielt die Fragestellung ab Punktion der ausgeschlossenen Ware. So wird sie- Geld.«
auf den Springpunkt der Scheidung zwischen geistiger und II id., 101) »Der Austauschprozeß gibt den Waren, die er in
körperlicher Arbeit als gesellschaftlich notwendiger Bedin- ; •ld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern ihre spezifische
gung kapitalistischer Produktionsweise. - Diese Korollarien W·rtform.« (Ibid., 105) »Das Bedürfnis, diesen in den Waren
zur Fragestellung sollen den systematischen Zusammenhang · l' hlummernden Gegensatz von Gebrauchswert und Wert für
verdeutlichen, kraft dessen die hier in Angriff genommene tlt•n Verkehr äußerlich darzustellen, treibt zu einer selbständi-

22 23
gen Form des Warenwerts und ruht und rastet nicht, bis sie griffen, diese >>menschlichen Verhältnisse der Sachen und
endgültig erzielt ist durch die Verdoppelung der Ware in Ware sachlichen Verhältnisse der Menschen« sind es, die Marx Ver-
und Geld.« (Ibid., 102) >>Der Geldkristall ist ein notwendiges dinglichung nennt. Hier gehorchen nicht die Produkte ihren
Produkt des Austauschprozesses, worin verschiedenartige Produzenten, sondern umgekehrt, die Produzenten handeln
Arbeitsprodukte einander tatsächlich gleichgesetzt und daher gemäß dem Gebot der Produkte, sobald diese in der Waren-
tatsächlich in Waren verwandelt werden.« (lbid., 101) >>Der form zur Verfügung stehen. Die Warenform ist die Realab-
Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht ja eben darin, daß straktion, die nirgendwo anders als im Tausch selbst ihren Sitz
a priori keine bewußte, gesellschaftliche Regelung der Pro- und Ursprung hat, von wo sie sich durch die ganze Breite und
duktion stattfindet. Das Vernünftige und Notwendige setzt Tiefe der entwickelten Warenproduktion erstreckt, auf die
sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch.« (Brief an Arbeit und auch auf das Denken.
Kugelmann vom 11. Juli 1868) Dies kennzeichnet mit genü- Das Denken wird von der Tauschabstraktion nicht unmit-
gender Klarheit den Konstitutionsprozeß der Ökonomie auf telbar betroffen, sondern erst, wenn ihm ihre Resultate in
kapitalistischer Basis als bewußtlose Kausalität menschlicher fertiger Gestalt gegenübertreten, also erst post festurn des
Handlungen, der Handlungen im Warentausch. Werdegangs der Dinge. Dann freilich vermitteln sich ihm die
Aber die Rede von der Bewußtlosigkeit des Prozesses stellt verschiedenen Züge der Abstraktion ohne jedes Merkmal von
natürlich den Warenbesitzern nicht das individuelle Bewußt- ihrer Herkunft. >>Die vermittelnde Bewegung verschwindet
sein in Abrede. Sie sind und bleiben die Akteure im Spiel. in ihrem eigenen Resultat und läßt keine Spur zurück.«
>>Die Waren können nicht selbst zu Markt gehen und sich (ME W 23, 107) Wie dies geschieht, wird uns an geeigneter
nicht selbst austauschen. Wir müssen uns also nach ihren Stelle noch näher zu beschäftigen haben. Hier sollte nur in
Hütern umsehen, den Warenbesitzern.« (MEW 23, 99) Die allgemeinster Weise der Funktionszusammenhang sowohl
Warenbesitzer sind im Tausch mit ihrem Bewußtsein ganz wie die wesensmäßige Getrenntheit der Welt des mensch-
und gar bei der Sache, erpicht, daß ihnen nichts entgeht. Aber li hen Tuns und der Welt des menschlichen Denkens in
woher nehmen sie die Begriffe, die ihnen dazu zu Gebote ]csellschaften entwickelter Warenproduktion gekennzeich-
stehen? Sie nehmen sie nicht aus ihrem eigensten Bewußt- 11 't werden. Das war in der ersten Auflage dieses Buches

seinsschatz; hätten sie einen solchen, er wäre ihnen in der unterlassen worden.
Anarchie einer Warengesellschaft zur Erlangung selbst des Hinzugesetzt seien noch ein oder zwei weitere Punkte von
nötigsten Bedarfs nichts nütze. Sie wissen überhaupt nicht w sendieher Bedeutung für das Verständnis des Gesamtzu-
aus sich, wie sie sich hier zu verhalten haben, sie müssen es ammenhangs. Die für die Ökonomie der bürgerlichen
sich von den Waren sagen lassen. Sie müssen auf die Preise der ; ·sellschaft fundamentale Wirkung des Abstraktionszusam-
Waren achten, sie mit anderen vergleichen, ihre Schwankun- lll •nhangs der Tauschhandlungen ist, daß darin eine Kom-

gen verfolgen. Erst mit dieser Warensprache im Bewußtsein m 'nsuration der auf die Waren verwendeten und in ihnen ver-
werden die Warenbesitzer zu rationalen Wesen, die ihres Tuns K•genständlichten >>toten« Arbeit zuwege gebracht wird. Als
mächtig sind und erreichen können, was sie wollen. Ohne II ·stimmungsgrund der Wertgröße oder als >> Wertsubstanz«
diese Sprache wären die Menschen in ihrer eigenen Warenge- I l die Arbeit selbst abstrakt, ist >>abstrakt menschliche
sellschaft verloren wie im verzauberten Wald. Diese Übertra- 1\ rbcit« oder Arbeit von unmittelbar gesellschaftlichem
gung des menschlichen Bewußtseins auf die Waren und die Jlormcharakter. Diese Arbeitskommensuration ermöglicht
Ausstattung des menschlichen Hirns mit Warenbe- h •rhaupt erst den Zusammenhalt der >>membra disiecta« der

24 25
bürgerlichen Gesellschaft zu einer Ökonomie. Dies ist die mung der Wertgröße der Waren von Marx als Resultat einer
vitale Bedeutung der im Austausch bewirkten Realabstrak- rein funktionalen und blindwirkenden Kausalität dargestellt
tion für den Produktions- und Reproduktionsprozeß der wird, auch die Bildung der Wertform als ein bloß funktionaler
bürgerlichen Gesellschaft, also fürwahr »der Springpunkt, und ebenso bewußtloser Realprozeß in Raum und Zeit erwie-
um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie sen wird. Nur dann erfüllt er die Anforderung einer materia-
dreht« (MEW 23, 56). »Indem sie [die Menschen] ihre ver- listischen Ableitung. Und ich erhebe den Anspruch, daß
schiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte meine Ableitung diesem Erfordernis gerecht wird. Die
gleichsetzen, setzen sie ihre verschiedenen Arbeiten einander abstrakte Formbestimmtheit der Tauschhandlung kommt
als menscgliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie wstande durch die kausale Unmöglichkeit, zu einem Tausch-
tun es.« (Ibid., 88) Die Wirkung dieser Gleichsetzung oder vertrag zu gelangen, wenn angenommen werden muß, daß
Kommensurierung der Arbeiten ist die Größenbestimmung die Objekte des Austauschs während der Verhandlungen und
der Austauschverhältnisse. »Es bedarf vollständig entwickel- in der Besitzübertragung in physischen Veränderungsprozes-
ter Warenproduktion, bevor aus der Erfahrung selbst die sen befindlich sind. Nur wenn der gesellschaftliche Status der
wissenschaftliche Einsicht herauswächst, daß die unabhängig Waren, d . h . ihre Besitzfrage, von ihrem physischen Status
voneinander betriebenen, aber als naturwüchsige Glieder der und ihrem Gebrauch klar und eindeutig geschieden werden
gesellschaftlichen Teilung der Arbeit allseitig voneinander kann, kann Warenaustausch als regelmäßige gesellschaftliche
abhängigen Privatarbeiten fortwährend auf ihr gesellschaft- Einrichtung funktionieren und eine Transaktion sich auf eine
lich proportionelles Maß reduziert werden, weil sich in den , ndere beziehen. Daß dies der Tauschhandlung einen abstrak-
zufälligen und stets schwankenden Austauschverhältnissen t n Charakter verleiht, gehört nicht zum Zweck der Schei-
ihrer Produkte die zu deren Produktion gesellschaftlich not- lung und ihrer juristischen Institutionalisierung; sie ist aber
wendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz gewaltsam I •ren unvermeidliche Folgewirkung, und zwar erst dann,
durchsetzt, wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem w nn Transaktionen wirklich zustande kommen und ihr Voll-
das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt. Die Bestim- zug zur Tatsache wird. Der Vollzug der Tauschhandlung setzt
mung der Wertgröße durch die Arbeitszeit ist daher ein unter di Abstraktion in Kraft, gänzlich ohne Bewußtsein der
den erscheinenden Bewegungen der relativen Warenwerte '1\uschenden von dieser Wirkung. Welche Spuren dieser
verstecktes Geheimnis.« (Ibid., 89) Solange die Arbeit in der A Straktion sich immer im Denken der Menschen vorfinden
Produktion der Waren in der Form voneinander unabhängig 111ögen, es muß als ausgemacht gelten, daß die Realabstrak-
betriebener Privatarbeiten stattfindet, hängt die Funktions- 1ion des gesellschaftlichen Austauschs ihnen als primäre
fähigkeit der bewußtlosen Gesellschaft ab von der Kommen- )uclle zugrunde liegt.
suration der vergegenständlichten Arbeit nach Gesetzen der Was es in der nachfolgenden Formanalyse zu etablieren
Marktökonomie. Erst wenn diese Grundform der Arbeit, Ki l , sind die Kriterien, nach denen entschieden werden kann,
welche Waren produziert, von einer andersartigen ersetzt w ·lche im Bewußtsein lebendigen Abstraktionen auf die
wird, kommt auch eine andersartige Ökonomie ins Spiel, H •, Iabstraktion des Austauschs zurückgehen und welche
gleichgültig, ob sich die Menschen dessen bewußt werden ni •ht. D adurch, daß Tun und Denken im Austauschprozeß
oder nicht. Im dritten Teil dieser Schrift werden wir auf diese trf seitender Tauschenden auseinanderfallen, ist eine unmit-
Bemerkung zurückgreifen. t •lb, re Verifizierung des Zusammenhangs unmöglich. Die
Es ist ferner Wert darauf zu legen, daß, wie hier die Bestim- M•nschen wissen nicht, woher die Formen ihres Denkens

26 27
stammen und wie sie überhaupt in den Besitz solcher Form~n dementsprechend die Formanalyse der Tauschabstraktion in
gekommen sein können. Ihr Denken ist von seiner Basis Beantwortung der Frage: Wie ist gesellschaftliche Synthesis in
abgeschnitten. Aber selbst mit einer formellen Identifikation den Formen des Warenaustauschs möglich?
von Denkabstraktion und Realabstraktion ist eine eindeutige Auch in dieser anfänglichen und einfachen Form ist dies ein
Ursprungserklärung der ersteren aus der letzteren noch nicht Wortlaut der Fragestellung, der mehr an Kant denn an Marx
gesichert. Gerade wegen der Dualität von Tun und Denken, erinnert. Es hat aber eine gute marxistische Bewandtnis
die hier herrscht, würde die formelle Identifikation unmittel- damit. Der Vergleich, der impliziert ist, ist, wie angedeutet
bar nur eine Parallelität zwischen beiden Ebenen erweisen, wurde, nicht der zwischen Kant und Marx, sondern zwischen
die ebensogut ein bloßes Analogieverhältnis wie einen Kant und Adam Smith oder, besser gesagt, zwischen der
BegründuJlgszusammenhang indizieren könnte. Um den 'rkenntnistheorie und der politischen Ökonomie, als deren
Begründungszusammenhang zu beweisen, muß gezeigt wer- systematische Begründer die Genannten gelten können.
den können, auf welche Weise die Realabstraktion ins Den- Adam Smith' Wealth of Nations von 1776 und Kants Kritik
ken übergeht, welche Rolle sie im Denken spielt und welche der reinen Vernunft von 1781 (erste Auflage) sind vor allen
gesellschaftlich notwendige Aufgabe ihr zufällt. anderen die beiden Werke, in denen bei vollkommener syste-
matischer Unabhängigkeit auf begrifflich unverbundenen
l<'eldern dasselbe Ziel angestrebt wird: der Nachweis der
6. Analyse der Tauschabstraktion normgerechten Natur der bürgerlichen Gesellschaft.
Auf der Voraussetzung fußend, daß es in der Natur der
a. Die Fragestellung menschlichen Arbeit gelegen ist, ihre Produkte als Wert her-
v rzubringen, beweist Adam Smith, daß es nur einen besten
Die Bedeutung und geschichtliche Notwendigkeit der K.urs gibt, den die Gesellschaft nehmen kann, und das ist,
Tauschabstraktion in ihrer raumzeitlichen Realität liegt darin, j •dem Warenbesitzer die uneingeschränkte Verfügungsfrei-
daß sie in warenproduzierenden Gesellschaften der Träger der h it über sein Privateigentum zu geben. Das ist für die Gesell-
Vergesellschaftung ist. Keine der Gebrauchshandlungen, s ·haft, ob zu ihrem Heil, wie Adam Smith überzeugt war,
konsumtiven oder produktiven, in denen das Leben der Ein- oder zu ihrem Unheil, wie Ricardo zu argwöhnen begann,
zelnen sich abspielt, kann im arbeitsteiligen Zusammenhang I r im Wesen der Gesellschaft selbst begründete normge-
der Warenproduktion zustande kommen, ohne daß Waren- 1 •chte Weg. Wir wissen, daß die Warenanalyse von Marx

austausch sie vermittelt. Jede Wirtschaftskrise lehrt uns, daß I. :w dient, eben diese tragende Voraussetzung der gesamten
in dem Maße ihrer Ausdehnung und Dauer Produktion und politischen Ökonomie zu demolieren und von da aus den
Verbrauch behindert sind, in dem das gesellschaftliche Blick in die wahre innere Dialektik der bürgerlichen Gesell-
System des Austauschs ins Stocken geraten oder zusammen- ·haft zu eröffnen. Das ist die Sache der marxistischen Kritik
gebrochen ist. Wir enthalten uns mit Absicht allen Eingehens ti •r politischen Ökonomie.
auf die wirtschaftlichen Zusammenhänge, da es uns hier nicht Kants Werk hat nicht zur Voraussetzung, aber es führt zu
um die Ökonomie zu tun ist. Es genüge, uns der Feststellung d •r Schl~ßfolgerung, daß es in der Natur des menschlichen
zu versichern, daß die Synthesis der warenproduzierenden , •istes liegt, seine Arbeit geschieden und unabhängig von
Gesellschaften im Warentausch, genauer gesprochen, eben in tll•r körperlichen Arbeit zu verrichten. Gewiß ist bei Kant
der Tauschabstraktion zu suchen ist. Wir unternehmen von der Handarbeit und den »arbeitenden Ständen« nur sel-

28 29
ten namentlich die Rede, obwohl ihre unentbehrliche gesell- den Begriffen von Kapital und Arbeit im Westen, wo die poli-
schaftliche Rolle natürlich nie in Zweifel steht. Diese Rolle tische Ökonomie das bürgerliche Denken beherrschte. -
erstreckt sich aber eben nicht auf die Möglichkeit exakter Worin besteht hier nun die Sache der >>Kritik der Erkennt-
Naturerkenntnis. Die Theorie von der »reinen Mathematik« nistheorie«, die wir zu leisten bezwecken?
und der >>reinen Naturwissenschaft« triumphiert darin, daß Die Voraussetzungen der Karrtsehen Erkenntnistheorie
der körperlichen Arbeit in ihr keine Erwähnung gebührt: Sie sind insofern völlig korrekt, als die exakten Wissenschaften
ist Erkenntnis auf rein geistiger Basis und wie eben dies mög- tatsächlich Aufgabe von Geistesarbeit sind, die in völliger
lich, ist die erklärende Aufgabe ihrer Theorie. Die empiristi- Geschiedenheit und Unabhängigkeit von der Handarbeit in
schen Anschauungen Humes waren Kant ein Ärgernis, weil den Produktionsstätten stattfindet. Darauf wurde bereits
darin an ds r apodiktischen Urteilsqualität der reinen Verstan- früher von uns hingewiesen. Die Scheidung zwischen Kopf-
desbegriffe gerüttelt wurde, und nur diese Qualität rechtfer- und Handarbeit, und zwar besonders im Bezug auf Natur-
tigt die Scheidung zwischen Prinzipien a priori und Prinzi- wissenschaft und Technologie, ist von ähnlich unentbehr-
pienaposteriori der Erkenntnis, die Aussonderung also eines licher Bedeutung für die bürgerliche Klassenherrschaft wie
von der körperlichen und Sinnesbeschaffenheit unableitbaren das Privateigentum an den Produktionsmitteln. An der Ent-
Teils unseres Wesens, der zugleich mit der Möglichkeit der wicklung mancher der heutigen sozialistischen Länder läßt
theoretischen Naturerkenntnis die Autonomie der geistigen sich die Wahrheit ablesen, daß man das kapitalistische Eigen-
Person begründet. Dieser Autonomie gemäß bedarf es zur tum abschaffen kann und doch den Klassengegensatz noch
Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung keiner äußeren nicht los ist. Zwischen dem Klassengegensatz von Kapital
Privilegien einerseits und künstlichen Beschränkungen der und Arbeit einerseits und der Scheidung von Kopf- und
>>Mündigkeit« andererseits. Je unbehinderter >>öffentlicher Handarbeit andererseits besteht ein tiefverwurzelter Zusam-
Gebrauch ihrer Vernunft« den Menschen gewährt wird, um menhang. Aber der Zusammenhang ist ein rein kausaler und
so besser wird den gesellschaftlichen Notwendigkeiten, d. h. geschichtlicher. Begrifflich sind sie gänzlich disparat, d. h. es
Moral, Recht und geistigem Fortschritt, gedient.?) Es ist der gibt zwischen ihnen, sei es im Ganzen oder in den Einzelhei-
einzige, in der Natur unserer geistigen Vermögen selbst ten, keine Querverbindungen, die von dem einen auf das
begründete, also normgerechte Weg derjenige, in dem der , ndere zu schließen erlauben. Deshalb muß also auch die
Gesellschaft die ihr gemäße Ordnung zuteil werden kann. Kritik der Erkenntnistheorie in vollständiger systematischer
Daß diese Ordnung die Klassenscheidung gegenüber den nabhängigkeit von der Kritik der politischen Ökonomie
arbeitenden Ständen in sich trägt, verbarg sich Kant ebenso vorgenommen werden.
wie den anderen Philosophen der bürgerlichen Aufklärung. Die Ausgangsfrage könnte natürlich auch einfacher lauten:
>>Die Philosophie der französischen Revolution« nannte Wie ist Vergesellschaftung vermittels Warentausch möglich?
Marx die Kantsche, nicht zum wenigsten wegen dieser Illu- I er Gebrauch des Wortes >>Synthesis« bietet jedoch einen
sion. Aber die Scheidung zwischen den >>gebildeten« und den dreifachen Vorteil. Erstens laßt sich bequem von den gesell-
>>arbeitenden Ständen«, das war der Begriff, unter dem im ·haftlich-synthetischen Funktionen des Warentauschs
wirtschaftlich unentwickelten Deutschland die bürgerliche prechen. Zweitens stellt der Ausdruck »synthetische
Gesellschaft weiterhin Gestalt annahm, im Unterschied zu ; •sellschaft« die Warenproduktion in Gegensatz zu der
11. turwüchsigen Ordnung urkommunistischer oder über-
7 Vgl. >>Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?<< von 1784. IH\upt primitiver Gemeinwesen in entsprechender Weise, wie

30 31
man etwa von Buna als synthetischem Gummi gegenüber tragenden Erkenntnisprinzipien der quantifizierenden
Kautschuk als Naturprodukt spricht. Tatsächlich geht ja in Naturwissenschaften unableitbar sind von dem physischen
die Wertgegenständlichkeit der Waren, an der die vergesell- und physiologischen alias manuellen Vermögen des Indivi-
schaftende Wirkung des Austauschs hängt, »kein Atom duums. Die exakten Naturwissenschaften gehören zu den
Naturstoff« ein. Die Vergesellschaftung hier ist von rein Ressourcen einer Produktion, die die individuellen Schran-
menschlicher Faktur, losgelöst vom Stoffwechsel des Men- ken der Einzelproduktion vorkapitalistischer Observanz
schen mit der Natur, und es besteht guter Grund zu der endgültig verlassen hat. Die dualistische Zusammensetzung
Vermutung, daß hierin letzten Endes auch die geschichts- der Erkenntnis bei Kant aus Prinzipienaposteriori und Prin-
transzendentale Bedingung für die Möglichkeit der gesamten zipien a priori entspricht dem Beitrag der individuellen
heutigen §V'nthetischen Produktion verborgen liegt. Ich ge- Sinnesinhalte, die immer nur so weit reichen wie jeweils die
brauche also den Ausdruck »synthetische Gesellschaft« in »Rezeptivität« von einem Paar Augen, einem Paar Ohren
einem anderen Sinne und mit anderem Begriffsumfang als den etc., und dem Beitrag unmittelbar universellen Inhalts, den
Ausdruck »gesellschaftliche Synthesis«. Der erstere trifft nur die mit Mathematik verknüpften Begriffe leisten. In der
auf Warengesellschaften zu, der letztere wird als allgemeine Praxis der experimentellen Methode ist der Beitrag der indivi-
Grundbedingung menschlicher Existenzweise ohne ge- duellen Sinnesleistung auf das »Ablesen« von Daten an
schichtliche Einschränkung behandelt. In diesem letzteren wissenschaftlich konstruierten Meßinstrumenten reduziert.
Sinn erlangt der Ausdruck seine dritte Bedeutung, nämlich Die Sinnesevidenz hat Gewißheit nur für die jeweil~ able-
die eines polemischen Stachels meiner Fragestellung gegen sende Person, für alle anderen hat sie nicht mehr als Glaub-
Kants Hypostasierung einer Synthesis aprioriaus der Spon- würdigkeit. Sie wird, wo sie nicht überhaupt eliminierbar ist,
taneität des Geistes, zahlt also dem transzendentalen Idealis- auf ein Minimum zurückgeschraubt, und dieses Minimum
mus mit gleicher Münze heim. ist, was vom manuellen Arbeiter im Experiment übrigbleibt,
Keine dieser drei Bedeutungen von Synthesis ist für die da dessen Person eben den »subjektiven Faktor« bildet, auf
Zwecke dieser Untersuchung unabdingbar. Die Ableitung dessen Ausschaltung die wissenschaftliche Objektivität abge-
des reinen Verstandes aus der Tauschabstraktion läßt sich stellt ist. LogischeNotwendigkeit wohnt allein der mathema-
auch ohne alle anti-idealistischen Anleihen zur Darstellung tisch formulierten Hypothese und den Schlußfolgerungen
bringen. Der polemische Bezug bietet aber den Vorteil, daß aus ihr inne. Diese Zweiheit der Erkenntnisquellen gilt uns
damit der essentiell kritische Charakter der Marxschen als unbestreitbares Faktum. Was zur Frage steht, ist der
Methode die ihm gebührende Betonung erhält. Und das ist geschichtliche, raumzeitliche Ursprung des logischen Ver-
angesichts der heutigen autoritätsgestützten Dogmatisierung mögens der Hypothesen, genauer gesagt, die Herkunft der
des Marxismus kein gering zu achtender Vorzug. Nur durch Formelemente, worauf sich dies Vermögen gründet. Aber
die Wiederbelebung seines kritischen Wesens läßt sich der weder Kant noch irgendein anderer bürgerlicher Denker ver-
Marxismus aus der Erstarrung lösen, in der er unter verkehr- mag diese Frage des Ursprungs zum Erfolg zu führen oder
ten Vorzeichen zur Legitimation uneingestandener Herr- auch nur als Frage durchzuhalten. In den ersten Zeilen der
schaftsverhältnisse mißbraucht wird. Einleitung zur zweiten Ausgabe der Kritik wird die Frage
Unserem kritisch-polemischen Gegensatz zu Kant liegt angeschlagen, aber im weiteren Verfolg versiegt sie. Kant
eine essentielle Übereinstimmung als Vergleichsmaßstab l'.ieht die fraglichen Begriffsformen zu einem letztliehen
zugrunde. Wir stimmen also mit Kant überein, daß die rundprinzip zusammen, der »ursprünglich-synthetischen

32 33
Einheit der Apperzeption«, aber für dieses Prinzip selbst zwischen Individuen, die die Waren in privatem, also
weiß er keine andere Erklärung, als daß es kraft seiner eigenen getrenntem Eigentum besitzen. Denn der Warentausch ist auf
»transzendentalen Spontaneität« existiere. Die Erklärung das genaueste dasjenige Verhältnis zwischen Warenbesitzern,
verläuft sich in den Fetischismus dessen, was zu erklären war. das ganz nach Prinzipien ihres Privateigentums, und keinen
Alle Insistenz gilt fortan der Versicherung, daß es eine gene- anderen, geregelt ist. >>Dinge sind an und für sich dem Men-
tische, d. h. raumzeitliche Ursprungserklärung des »reinen schen äußerlich und daher veräußerlich. Damit diese Ver-
Verstandesvermögens« schlechterdings nicht geben könne. äußerung wechselseitig, brauchen Menschen nur stillschwei-
Die Frage ist durch eines der geheiligtesten Tabus der philoso- gend sich als Privateigentümer jener veräußerlichen Dinge
phischen Denktradition versiegelt. Nietzsches Spott - Kant und eben dadurch als voneinander unabhängige Personen
frage, >>Wi€ sind synthetische Urteileapriori möglich?« und gegenüberzutreten. Solch ein Verhältnis wechselseitiger
er antworte, >>durch ein Vermögen« - ist vollkommen Fremdheit existiert jedoch nicht für die Glieder eines natur-
begründet. Nur weiß Nietzsche selbst nichts Besseres. Das wüchsigen Gemeinwesens ... «8) Es existiert auf der Grund-
Tabu besagt, daß die existierende Scheidung zwischen Kopf-
arbeit und Handarbeit keine raumzeitlichen Gründe besitzt,
8 Das Kapital, MEW (Dietz, Bd. 23-25), I. Bd., S. 102. -Hiernach
sondern ihrer Natur nach zeitlos ist, so daß also auch die bür- könnte es scheinen, als ob der normative Begriff des Eigentums (im
gerliche Ordnung ihre Normgerechtigkeit bis zum Ende der Gegensatz zu Besitz) ideelles Apriori der Tauschabstraktion wäre, im
Zeiten behält. Widerspruch zu unserer materialistischen Auffassung von ihr. In
Nun stellen wir der Kantschen Frage die unsere entgegen: Wirklichkeit ist aber das Folgeverhältnis gerade das umgekehrte. Der
Wie ist Vergesellschaftung durch Warentausch möglich? Eigentumsbegriff ist selbst erst ein Resultat der Tauschabstraktion.
Der Zwang, Gebrauchshandlungen mit Gegenständen zu unterlassen,
Diese Frage steht außerhalb des ganzen erkenntnistheoreti-
die für den Tausch und im Tausch bereitstehen, ist ein einfaches Erfah-
schen Begriffskreises und ist also in keiner Weise schon in rungsdatum: wenn es ignoriert wird, hört das Tauschverhältnis auf.
irgendeine gängige erkenntnistheoretische Voraussetzung Aber dadurch, daß die Erfahrung eine Negation zum Inhalt hat, wird
verwickelt. Wäre es uns nicht um die Parallelisierung mit dem daraus ein Gebrauchsverbot, das sich auf alle involvierten Personen
Kantschen Wortlaut zu tun, so könnten wir ebensogut die erstreckt und für alle anderen Fälle der gleichen Art normativen Allge-
Fragestellung wählen: Woher stammt die Abstraktheit des meincharakter gewinnt, es sei denn, der Austausch bliebe ein isolierter
Geldes? Beide Fragestellungen halten sich im raumzeitlichen Einzelfall. Erst durch die Subsumtion unter den Austausch werden aus
den Besitzfakten Eigentumsnormen. Diese Folgewirkung des Austau-
Rahmen des historisch-materialistischen Denkens und sind
sches haftet an seiner Natur als zwischenmenschliches Verhältnis. Wo
gleichwohl auf Formabstraktionen gerichtet, die im ökono- er begann, dort nämlich, >>WO die Gemeinwesen enden, an den Funk-
mischen Felde gleichartig sind mit denen der >>reinen« tenihres Kontakts mitfremden Gemeinwesen« (MEW23, 102), wurde
Erkenntnisprinzipien. Es scheint ausgeschlossen, daß keine erforderlich, daß sie sich zueinander nicht als zur Natur verhalten,
echte Verbindung zwischen beiden aufgespürt werden sollte, nämlich nicht sich totschlagen oder berauben, wie sie es mit Tieren
wenn den ersteren auf den Grund gegangen wird. machen würden, sondern daß sie miteinander reden - durch Worte
oder durch Zeichen-, sich also gegenseitig als Menschen anerkennen.
Auch das ist noch eine Tatfrage, aber eine solche, aus welcherNormen
b. Praktischer Solipsismus
erwachsen, weil sie das Naturverhältnis durchbricht und an seine Stelle
ein gesellschaftliches Verhältnis setzt zwischen Gruppen, die selbst
Es ist auf den ersten Blick keineswegs offenkundig, wie der ihrerseits schon zu gesellschaftlichen Gebilden geworden waren. (Der
Warentausch die gesellschaftliche Synthesis ermöglichen soll Gang dieses letzteren Prozesses findet sich in überzeugender Rekon-

34 35
lage der Warenproduktion. Auf ihrem Boden geht aller demzufolge unter allen jeder für sich der Einzige (solus ipse)
Gebrauch der Waren, sei es zur Konsumtion oder zur Pro- ist, der existiert, und wonach ferner .alle Daten, soweit sie Tat-
duktion, ausschließlich im Privatbereich der Warenbesitzer sächlichkeit besitzen, privat die seinigen sind to), - der Solip-
vor sich. Der Vollzug der Vergesellschaftung dagegen, for- sismus ist die genaue Beschreibung des Standpunktes, · auf
mell für sich betrachtet, geschieht allein im Austausch der dem im Warenaustausch die Interessenten zueinander stehen.
Waren seitens ihrer Eigentümer, in Handlungen also, die Richtiger gesagt, ihr tatsächliches Verhalten zueinander im
unvermischt mit dem Gebrauch der Waren und in genauer Warentausch ist praktischer Solipsismus, gleichgültig was sie
zeitlicher Trennung von diesem vor sich gehen. Deshalb muß selbst über sich und ihr Verhalten denken. 1!) In der Begriffs-
der Formalismus der Warenabstraktion und der gesellschaftli- weise von Nationalökonomen ausgedrückt, begegnen die
chen Sy-ttthesis, welcher sie dient, innerhalb des Austausch- Warenbesitzer im Austausch einander genau, als ob jeder ein
verhältnisses in seinem derart präzis bemessenen Spielraum Robinson auf seiner privaten Eigentumsinsel wäre, so näm-
zu finden sein. lich, daß die Veränderungen im Besitzstand, um welche sie
Entsprechend seiner Verankerung im Privateigentum, als verhandeln, ihre Eigentumsbereiche unverändert lassen.
Verkehrsform gemäß den Regeln des Privateigentums, unter- Dafür sorgt die Reziprozität, die jede Veränderung durch eine
steht der Warenaustausch in jedwedem Einzelfall dem Prinzip
der privaten9l Entgegensetzung der beiderseitigen Eigen- 10 »... to the effect that all my data, in sofaras they are matters of fact,
tumsbereiche. Mein - also nicht dein; dein- also nicht mein: are private to me .. . . <<, Beetrand Russell, Human Knowledge, 1966,
ist das Prinzip, das die Logik des Verhältnisses beherrscht. S. 191, in dem Kapitel >>Solipsism<<. Was hier bei Russell »datum<<
Dieses Prinzip ergreift jegliche Einzelheit in dem Maße, als sie heißt, heißt bei Kant »Apperzeption<<.
11 Dieser praktische Solipsismus braucht nicht mit Selbstinteresse
für die Transaktion Relevanz gewinnt. Es bewirkt auch das
zusammenzufallen. Jemand, der im Auftrage oder zum Vorteil von
Verhältnis jedes der Kontrahenten zu den Gegenständen, die anderen verfährt, muß sich nach genau denselben Prinzipien verhal-
zum Austausch stehen. Daß sein Interesse an denselben sein ten. Täte er das nicht, so würde das Verhältnis, in dem er agiert, nicht
Interesse und nicht das des anderen ist, seine Vorstellung von länger ein Warenaustausch sein, sondern in andersartige Beziehungen
ihnen eben die seinige, daß die Bedürfnisse, Empfindungen, übergehen. Die Prinzipien, von denen wir hier handeln, gehören zur
Gedanken, die im Spiele sind, polarisiert sind darauf, wessen Verkehrsform des Warenaustauschs, nicht zur Psychologie der darin
sie sind, ist das, was zählt, während die Inhalte zu monadolo- agierenden Personen. Vielmehr prägt umgekehrt die Verkehrsform
des Tausches die psychologischen Mechanismen der Menschen,
gisch oder solipsistisch unvergleichbaren Realitäten für die
deren Leben er beherrscht, Mechanismen, die ihnen dann als ihre ein-
Tauschpartner einander gegenüber werden. Der Solipsismus, geborene menschliche Natur erscheinen. Entsprechend diesem Sach-
verhalt handeln sehr oft die Beherrschten im Auftrag oder zum
struktion von George Thomson im 1. Kap. seines Buches Die ersten Vorteil der Herrschenden. Sie meinen aber, im Selbstinteresse zu
Philosophen, 1961, dargestellt.) Ganz dasselbe drückt Marx aus, wenn handeln, obwohl sie doch bloß den Gesetzen des Austauschzusam-
er sagt: »Dies Rechtsverhältnis, dessen Form der Vertrag ist, ob nun menhanges gehorchen. Der Überbaustruktur des Spätkapitalismus
legal entwickelt oder nicht, ist ein Willensverhältnis, worin sich das im besonderen nachzugehen, ist hier kein Platz. Es wäre aber gewiß
ökonomische Verhältnis [das faktische Besitzverhältnis - S. -R.J für eine materialistische Sozialpsychologie in Zukunft fruchtb;1r, die
widerspiegelt. Der Inhalt dieses Rechts- oder Willensverhältnisses ist Theorien von W Reich, Fromm, Marcuse etc. mit dem Begrün-
durch das ökonomische Verhältnis selbst gegeben.« (MEW 23, 99) dungszusammenhang zwischen Tauschabstraktion und Denkab-
9 Der Ausdruck ist der logischen Figur des privativ-kontradiktorischen straktion zu erweitern, um ihre materialistische Grundlage zu
Gegensatzes entnommen. verstärken.

36 37
andere aufzuwiegen gebietet. Die Reziprozität kompensiert c. Die Austauschbarkeitsform der Waren
nicht etwa für die Eigentumsexklusion durch ein entgegenge-
setztes Prinzip, sie universalisiert dieselbe im Gegenteil. Da Die genaue Herausarbeitung der Bedingungen der wech-
die Kontrahenten sich beiderseitig als Privateigentümer aner- selseitigen Eigentumsexklusion und des praktischen Solipsis-
kennen, wird jede Eigentumsexklusion, die in der einen Rich- mus, unter denen das Tauschverhältnis steht, ist nötig, um die
tung statthat, erwidert durch eine gleichartige in der anderen. !'rage nach der Möglichkeit der Vergesellschaftung durch den
Der Grund für die Reziprozität ist eben die zwischen den Warentausch auf den rechten Boden zu stellen. Der erste
Eigentümern waltende private Exklusion des Eigentums, die Schritt in der Analyse der Waren- oder Tauschabstraktion
unversehrt bleibt durch die Transaktion als »Austausch«. Was bereitet die meiste Schwierigkeit, weil die Abstraktion tiefer
die Einwilligung zum Austausch zum Ausdruck bringt, ist durchschlägt, als man vermuten kann und als man auf den
die Anerkennung, daß die ausgehandelte Besitzveränderung ·rsten Blick zu akzeptieren bereit sein wird. Die Frage muß
die einander gegenüberstehenden Eigentumsbereiche unbe- 1-1 •stellt werden, wie die Waren zwischen den solipsistischen
schädigt läßt. Der Warentausch ist somit artikuliert als eine Welten, die um sie verhandeln, überhaupt austauschbar sind,
gesellschaftliche Verkehrsform zwischen tinvermischbar in welcher Eigenschaft oder Form, und wie also der Tausch
getrennten Eigentumsbereichen. lber möglich ist. Worin begegnen die auf ihren privaten und
Dies ist, so kurz wie möglich gefaßt, eine Beschreibung des K•teneinander privativen Eigentumsinseln fußenden Robin-
Verhältnisses von Warenbesitzern zueinander im Austausch, , ons einander, welches ist der Kommunik~tionspunkt ihrer
die wir für zutreffend halten in dem Grade, daß sie jeder I Iandlungen zwischen ihnen?
Vertiefung in die nahezu unbegrenzte Kasuistik dieses Feldes · s ist offenbar der Punkt, der es macht, daß ein beiderseiti-
standhält, die man unternehmen könnte, mit der wir aber den 1-\Cr Anspruch auf Eigentum an ein und demselben Ding zur
Leser hier verschonen. Mit anderen Worten, diese Beschrei- 1 1·ivaten Kontradiktion führt. Das Prinzip: mein- also nicht
bung gibt den Tatbestand des Verhältnisses, das im Austausch d ·in; dein- also nicht mein, setzt eine Einheit voraus, hin-
zwischen den Warenbesitzern vorliegt. Daß es erst umständ- i ·htlich deren das »mein« und das »dein« erst gegeneinander
licher Analyse bedarf, um diesen Tatbestand ans Licht 1 l'ivativ werden. Es kommt darauf an, diese Einheit richtig zu
zu bringen, da er uns doch tagtäglich umgibt, erklärt sich I •s timmen, denn sie ist offenbar die Austauschbarkeitsform
nach derselben Logik, nach der uns der Geruch der Luft, die d •r Waren und die erste Grundbedingung einer gesellschaft-
wir atmen, unwahrnehmbar geworden ist. Der übliche li ·hen Synthesis im Wege privativer Eigentumsexklusion
Warenverkehr ist so sehr in die Routine seiner institutio- /W ischen den Warenbesitzern.
nellen Bahnen eingefahren und in den Fällen, wo er sich in I ie fragliche Einheit der Waren ist offensichtlich nicht ihre
harte Interessenkämpfe verfängt, so wenig der Ort des 111 ,1 rielle Unteilbarkeit. Ob eine Tonne Eisen oder ein Zent-
Philosophierens, daß ein Bewußtsein der zugrundeliegen- lll' l' Eisen zum Tausche steht, macht für das Wesen der Sache
den Struktur an Ort und Stelle unmöglich ist. Erst in der Ent- l1 ·in ' n Unterschied. Man könnte das Material bis auf seine
fernung vom Markt kommt seine Struktur zu abstrakter 111 \' h weiter aufteilbaren Atome reduzieren, und das Problem
Reflexion, aber die Systematisierung, die sie dann erfährt, w \rde sich für jedes von ihnen in der gleichen Weise stellen,
wird zu dem Grund, der ihren historischen Ursprung ~ t•nn es so käme, daß sie zum Austausch stünden. Auch um
unkenntlich macht. dlt• Einzigkeit und Unvertretbarkeit der Waren kann es sich
11i •l1l handeln, denn die meisten Waren sind Massenartikel

38 39
und darauf berechnet, daß ein Exemplar für das andere ein- Einheit hat also die Welt zwischen ihnen nur abgesehen von
stehen kann. Aber welches individuelle Exemplar es nun auch ihrer Beschaffenheit. Und nicht nur die Apperzeptionen von
sein möge, eines muß jeweils doch sein, welches zum Tausch den Dingen werden zwischen ihren Besitzern getauscht, son-
steht, und dieses hat dann die Einheit, welche es macht, daß es dern die Dinge selbst, während die Apperzeptionen von die-
nicht zu gleicher Zeit dem einen Besitzer und dem anderen, sen den einzelnen verbleiben. Dem Dasein bloß als solchem
sondern nur dem einen oder dem anderen in getrenntem nach werden also die Waren zwischen ihren Eigentümern
Eigentum gehören kann. Wenn man nun diese Einheit, die bewegt, abzüglich all dessen, was die private Apperzeption
sich da herausschält, gehörig aufs Korn nimmt, so wird man der Eigentümer bildet. Bloß in ihrer Wirklichkeit ist die Welt
finden, daß das überhaupt keine Einheit des Warendinges in :.r.wischen den an ihr partizipierenden Eigentümern eine, wäh-
seiner körperlichen Natur, seiner Materie oder Beschaffen- rend die Art der Partizipation die subjektive Verneinung der
heit, ist. Die Einheit, die es macht, daß eine gegebene Ware Einheit der Welt ausübt und der Nötigung zum Tausch nur als
nicht gleichzeitig zwei Warenbesitzern in getrenntem Eigen- iiußerem Zwang der objektiven Tatsachen gehorcht. Der
tum gehören kann, sondern zwischen ihnen gegen eine 'lausch sorgt selbst für seine Blindheit als gesellschaftlich-
andere Ware »getauscht« werden muß, ist in Wahrheit die synthetische Verkehrsform. Der Tausch geschieht nur kraft
Einheit ihres Daseins, die Tatsache nämlich, daß jede Ware ein I s praktischen Solipsismus der Tauschenden, der die Ver-
unteilbares und einziges Dasein hat. Es ist die Einzigkeit des ~ ·sellschaftung, die sie darin begehen, ihrer möglichen Ein-
Daseins jedes Dinges, warum dies Ding nicht verschiedenen si ht entzieht. Was ist es aber, was die Einheit der Welt im
Privateigentümern zugleich angehören kann, weil die private 1egensatz zum Solipsismus der Tauschenden konstituiert?
Aneignung den Sinn hat, daß der Betreffende das Ding zum I•:s ist wiederum nicht die materielle Unteilbarkeit der Welt
Teil seines eigenen Daseins macht. 12) Wir erhalten somit das oder der Bestandteile oder der Dinge, woraus sie besteht,
Ergebnis, daß die Austauschbarkeitsform der Waren die Ein- 11 eh auch die Einzigkeit und Unersetzlichkeit der indivi-
13
zigkeit ihres Daseins ist. 1luellen Exemplare ihrem Wesen nach. l Vielmehr ist es allein
Man kann der Sache auch noch von einer anderen Seite bei- di Einzigkeit des Daseins jedes Teils, was die Einheit aller
kommen. Es wurde gezeigt, daß der Tausch als Verkehrsform 'l'•ile zu einer Welt ausmacht, wie weit man den Bereich der
die Tauschenden zum praktischen Solipsismus gegeneinander • Welt« auch ziehen wolle. Das Ergebnis ist also dasselbe wie
nötigt. Während aber derart jeder sein Dasein mit der ganzen vorher: Die Austauschbarkeitsform der Waren ist die Einzig-
Welt seiner privaten Daten (oder Apperzeptionen) gegen ~~ ·it des Daseins einer jeden, und zwar diese Einzigkeit des
jeden anderen und dessen Daseinswelt setzt, jedesmal wenn I aseins in abstracto, nämlich »abzüglich« alles dessen, was
sie zum Tausch ihrer Waren aufeinandertreffen, ist gleichwohl mr Apperzeption der Warendinge gelangt und in den prakti-
doch die Welt selbst in ihrer Wirklichkeit zwischen ihnen ·hcn Solipsismus der Tauschenden gegeneinander eingeht.
allen bloß eine. Worauf reduziert sich aber diese Einheit der Es bleibt noch zu fragen, was diese Natur der Austausch-
Welt in ihrer Wirklichkeit zwischen den Tauschenden? Alles, lw·keitsform der Waren zur Vergesellschaftung durch Aus-
\
was in der Welt und an den Dingen apperzipierbar ist, ist als
ihr privates Datum zwischen ihnen monadologisch aufgeteilt. II Die Bestimmung der Einheit der Welt durch die Interdependenz aller
'J'·ilc ist ein theoretischer Begriff, kann also keine Rolle spielen, wo
12 Tatsächlich hat im Griechischen z. B. das Wort »ousia« den Sinn von wir mit der >>Welt« nur als Feld des Daseins und Ort von Handlun-
Dasein und von Eigentum. fl ·n, Tatort der Tauschhandlungen, zu tun haben.

40 41
tausch beiträgt. Sie verleiht der gesellschaftlichen Sy nthesis kative Einheit aller Währungen zu einem Geldsystem und
durch Warenaustausch ihre Einheit. Wenn der Warenverkehr die Einheit der gesellschaftlichen Synthesis durch Waren-
die Entwicklungsstufe erreicht, auf der er der ausschlagge- tausch, welche dadurch vermittelt wird, ist formell und
bende nexus rerum wird, muß die »Verdoppelung der Ware genetisch, also sagen wir formgenetisch, dieselbe wie die
in Ware und Geld« eingetreten sein; möglicherweise auch Daseinseinheit der Welt. Die abstraktifizierte Einheit der
umgekehrt führt diese Verdoppelung (welche erstmals in Welt kursiert als Geld zwischen den Menschen und er-
der Geschichte um 700 v. Chr. am ionischen Rande des möglicht ihren bewußtlosen Zusammenhang zu einer Ge-
griechischen Orbis geschah) dazu, daß der Warentausch sehr sellschaft.
bald zu einem bestimmenden Medium der Vergesellschaf- Um uns der bisherigen Analyse zu versichern, sei wieder-
tung wird-. Das Geld ist dann der dingliche Träger der Aus- holt: die Austauschbarkeitsform eignet den Waren, abgese-
tauschbarkeitsform der Waren, agiert als deren allgemeine hen von ihrer materiellen Beschaffenheit, nämlich abzüglich
Äquivalent- und Austauschbarkeitsform. Das Wesen der- dessen, was in die Apperzeption und den praktischen Solip-
selben als Einzigkeit des Daseins der Waren bewirkt die sismus der tauschenden Individuen eingeht. Die Abstrak-
Tatsache, daß das Geld seinem funktionellen Wesen nach tionsform der Austauschbarkeit ist also Produkt der zwi-
eines ist, anders gesagt, daß es nur ein Geld geben kann. !4) schenmenschlichen Betätigung dieses Solipsismus bzw.
Natürlich existiert eine Vielzahl von Währungen; sofern aber Privatcharakters des Eigentums an den Waren. Die Abstrak-
jede von diesen in ihrem Umlaufsbereich tatsächlich wirk- tion entspringt der zwischenmenschlichen Verkehrsrelation;
same Geldfunktionen ausübt, gilt zwischen ihnen allen das sie entspringt nicht im Einzelbereich, nicht im Apperzep-
Postulat, daß sie zu einem eindeutigen Wechselkurs ineinan- tionsbereich eines Eigentümers für sich. Sie entspringt in
der umrechenbar sein müssen, also funktionell zu einem und iner Weise, die sich dem Empirismus, welcher sich auf den
nur einem universellen Geldsystem kommunizieren. Dem Apperzeptionsstandpunkt des Individuums versteift, gänz-
entspricht die funktionelle Einheit aller kommunizierenden lich entzieht. Denn nicht die Individuen bewirken ihre gesell-
Tauschgesellschaften. Tauschverkehr, welcher sich an ver- schaftliche Synthesis, ihre Handlungen tun das. Die Hand-
schiedenen Orten der Welt in geographischer Isolierung her- lungen bewirken eine Vergesellschaftung, von der die
ausgebildet hat, fließt bei Herstellung von unbehindertem andelnden in dem Augenblick, da sie geschieht, nichts
Kontakt mit Notwendigkeit über kurz oder lang zu einem wissen. Und doch ist der Warentausch eine Verkehrsweise, in
Nexus von blindwirkender, aber unteilbarer Interdependenz der die Akteure ihre Augen offen halten, eine Verkehrsweise,
der Warenwerte zusammen. Diese essentielle interkomm uni- in der die Natur stillsteht, also eine Verkehrsweise, in die sich
ilbsolut nichts Außermenschliches hineinmischt, eine Ver-
14 »Dienen daher zwei verschiedene Waren, z. B. Gold und Silber, k ·hrsweise endlich, die sich auf einen bloßen Formalismus
gleichzeitig als Wertmaße, so besitzen alle Waren zweierlei verschie- r ·duziert, einen Formalismus von »reinem « Abstraktions-
dene Preis ausdrücke, Goldpreise und Silberpreise, die ruhig neben- ·harakter, aber von raumzeitlicher Realität. Dieser Formalis-
einander laufen, solange das Wertverhältnis von Silber zu Gold mus nimmt gesonderte dingliche Gestalt an im Geld. Geld ist
unverändert bleibt, z. B. 1:15. Jede Veränderung dieses Wertverhält-
llbstraktes Ding, ein Paradox in sich, und dieses Ding tut
nisses stört aber das Verhältnis zwischen den Goldpreisen und den
Silberpreisen der Waren, und beweist so tatsächlich, daß die Verdop- •ine gesellschaftlich-synthetische Wirkung ohne alles
pelung des Wertmaßes seiner Funktion widerspricht. « (Ibid. , I. Bd.; ll1cnschliche Begreifen von dem, was es ist. Nichtsdestoweni-
S, 111) V 14 -r ist der Sinn von Geld keinem Tier, sondern nur Menschen

42 43
zugänglich. Wir haben nun diesen Formalismus weiter zu Eigentumsstand statt von Eigentumsrecqt, um damit kennt-
beschreiben. ts) lich zu machen, daß die juristische Form des Verhältnisses zu
seiner Erklärung nichts hinzutut. Die juristische Formulie-
d. Abstrakte Quantität rung setzt die Tauschgleichung voraus, nicht umgekehrt.
Die Tauschgleichung, wir wiederholen, ist relationales
Tatsächlich spielen in der Erzeugung dieses Formalismus Postulat des Tausches als gesellschaftlicher Verkehrsform.
zwei Abstraktionsvorgänge ineinander. Der erste ist die as Postulat ist gesellschaftlichen Ursprungs und hat rein
Abstraktion, die der gesamten Warentransaktion in Form objektive gesellschaftliche Geltung. Die Waren sind nicht
ihrer Isolierung und zeitlichen Trennung von den Gebrauchs- gleich, der Tausch setzt sie gleich. Diese Setzung vollzieht
akten zugtunde liegt. Der zweite spielt sich innerhalb der ine weitere Abstraktion, die Abstraktion der zum Tausch
Transaktion in Gestalt der Aussonderung der Austauschbar- stehenden Warenmengen zu abstrakten Quantitäten nur als
keitsform der Waren ab und ist Wirkung des gegeneinander solchen. Die Waren werden in einer bestimmten gebrauchs-
privativen Solipsismus der tauschenden Individuen. Diese mäßigen Mengenbestimmung zu Markt gebracht, nach
zweite Abstraktion haftet am Vollzug des Tauschaktes. Die ewicht oder in Stückzahl oder Mengeneinheiten, nach
Aussonderung der Austauschbarkeitsform ist dadurch un- Volumen, Gradmaßen etc. Die Tauschgleichung löscht diese
mittelbar mit der Tauschgleichung verknüpft. Die Tausch- zum Gebrauchswert gehörenden, untereinander nicht ver-
gleichung als Gleichsetzung der Warenposten durch den ~leichbaren Mengenbestimmungen aus. Sie ersetzt diese
Tauschvollzug ist ein dem Tausch in seiner Eigenschaft als benannten Quantitäten durch eine unbenannte, die nichts
gesellschaftlicher, zwischenmenschlicher Verkehrsform inne- mehr als Quantität schlechthin ist, unbezogen auf jegliche
wohnendes Postulat. Nicht für die tauschenden Warenbesit- Art von Qualität. Diese Quantität an sich oder in abstracto ist
zer subjektiv, sondern zwischen ihnen objektiv gelten die wie die Tauschgleichung, aus der sie entspringt, relationaler
getauschten Warenposten als wertgleich. Die Gleichheit ist Natur und haftet wiederum wie die Tauschgleichung am Akt
impliziert in der beiderseitigen Anerkennung der Transaktion d ·s Tauschvollzuges. Wenn der Tauschvollzug nicht zustande
als »Tausch«, nämlich als eine Besitzveränderung, welche den kommt, so deshalb, weil zwischen den Warenposten ein
Eigentumsstand eines jeden unversehrt läßt. Ich spreche von :t,uviel oder zu groß (>) oder ein zuwenig oder zu klein (<)
waltete anstatt der edorderlichen Gleichheit(=). Es ist diese
15 »Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der
absolute, von Qualität überhaupt »abgelöste« Quantität rela-
Warenkörper geht kein AtomNaturstoff in ihre Wertgegenständlich- tionaler Natur, welche dem reinen mathematischen Denken
keit ein.<< (Ibid., I. Bd., S. 62) Ferner: >>Die vermittelnde Bewegung 1tls Formbestimmtheit zugrunde liegt. Demnach stünde das
verschwindet in ihrem eignen Resultat und läßt keine Spur zurück ... Auftauchen von rein mathematischem Denken in seiner ihm
Daher die Magie des Geldes. Das bloß atomistische Verhalten der ~·igentümlichen Logik geschichtlich in dem bestimmten Ent-
Menschen in ihrem gesellschaftlichen Produktionsprozeß und daher wicklungsstadium zu erwarten, in dem der Warenaustausch
die von ihrer Kontrolle und ihrem bewußten individuellen Tun unab-
~. ur tragenden Form der Vergesellschaftung wird, zu einem
hängige, sachliche Gestalt ihrer eignen Produktionsverhältnisse
erscheinen zunächst darin, daß ihre Arbeitsprodukte allgemein die
'!. ·itpunkt, der durch die Einführung und Ausbreitung
Warenform annehmen. Das Rätsel des Geldfetischs ist daher nur das K•m ünzten Geldes kenntlich ist. Pythagoras, bei dem die
sichtbar gewordne, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs. « mathematische Denkweise in ihrer eigentümlichen Ausprä-
(Ibid., S. 107/108) • 1\ung zum ersten Male auftritt, hat nach der heute vorherr-

44 45
sehenden Annahme der Altertumsforscher wahrscheinlich an liehe Natur aufgeladen, die mit ihnen als Dingen von Haus
der Einführung des Münzsystems in Kroton selber mit- aus nichts zu tun hat. Daher der >>Fetischcharakter«, der den
gewirkt. Doch gehört die Frage, wie die Formelemente der Waren anhängt.
Tausch- bzw. Warenabstraktion ins Bewußtsein treten, noch Obgleich die Vergleichung dieser erweiterten Formanalyse
nicht hierher, da wir es vorerst allein mit der Analyse der mit der Marxschen Warenanalyse einer ausführlichen
Realabstraktion selbst zu tun haben. Behandlung im Anhang vorbehalten bleiben soll, wird doch
eine begrenzte Bemerkung hier unvermeidlich. Es ist die, daß
e. Der Wertbegriff wir der Wertform der Waren keine inhärente Beziehung auf
die Arbeit zuerkennen können. Hier befinden wir uns
Der TaNsch setzt die Waren gleich, obwohl sie verschieden durchaus nicht in einem Zwiespalt mit Marx. Die Wertform
sind. Die Waren sind notwendig verschieden, da gleiches mit verleugnet und verschleiert den Größenbezug des Werts zur
gleichem nicht füreinander ausgetauscht würde. »Rock Arbeit durch den >>gegenständlichen Schein« des Warenwerts.
tauscht sich nicht aus gegen Rock, derselbe Gebrauchswert »Es steht daher dem Werte nicht auf der Stirn geschrieben,
nicht gegen denselben Gebrauchswert. «16) Um das Postulat was er ist.« Die Tauschabstraktion ist das Gespinst, aus dem
der Tauschgleichung auszudrücken und es überhaupt zu den- der Schein gewoben ist, da sie nur dadurch entsteht, daß Pro-
ken, bedarf es deshalb eines vermittelnden Begriffes, dank duktion und Konsumtion im Tausch nicht statthaben. Die
dessen die Gleichheit und die Verschiedenheit der Waren Arbeit, in der die Waren produziert, und die Akte, in denen
nebeneinander gelten können. Dies ist der Begriff des »Wer- sie verbraucht werden, sind die hauptsächlichen physischen
tes«, durch den die Tauschgleichung als Äquivalenz, nicht Veränderungen, von denen der Warenaustausch isoliert wer-
Gleichheit, sondern Gleichwertigkeit gilt. Der» Wert« ist also den muß, damit er stattfinden kann. Der Warenaustausch
nicht der Grund der Gleichung, sondern umgekehrt, das dem selbst ist nichts als wechselseitiges Aneignungsverhältnis. Die
Tauschverhältnis inhärente und für die gesellschaftliche Syn- 'ntscheidende, in der Warenproduktion vorliegende Tatsache
thesis notwendige Postulat der Tauschgleichung geht dem ist, daß auf ihrer Grundlage die Vergesellschaftung nicht im
Wertbegriff voraus. 17) Das gibt dem Wertbegriff den gesellschaftlichen Charakter des Arbeitsprozesses und der
Anschein, als weise er auf ein in den Waren enthaltenes rein mehr oder minder umfassenden Kollektivität der Produk-
quantitatives Wesen hin. Aber dieses anscheinende Wesen ist ionsweise wurzelt, wie etwa im primitiven Kommunismus,
nicht mehr und nichts anderes als eine aus dem Tun der Men- s ndern in einem als Tauschverkehr formalisierten und verall-
schen hervorwachsende gesellschaftlich notwendige Rela- ~emeinerten System der Aneignung. Zugrunde liegt die Auf-
tion, in der das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen sich spaltung der ursprünglich kollektiven Produktion in ein
»verdinglicht«, nämlich sich zu einem Verhältnis zwischen , .rbeitsteiliges System spezialisierter Einzelproduktion. >>Nur
ihren Waren verschiebt. Den Waren wird eine gesellschaft- Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Pri-
vatarbeiten treten einander als Waren gegenüber.« 18) Natür-
lich muß der Mechanismus der privaten Aneignung in den
16 Ibid., S. 56.
17 >>Erst innerhalb ihres Austauschs erhalten die Arbeitsprodukte eine
Ilormen des Austauschs im Endresultat einen den gesell-
von ihrer sinnlich verschiednen Gebrauchsgegenständlichkeit N·haftlichen Bedürfnissen mehr oder minder gemäßen
getrennte, gesellschaftlich gleiche Wertgegenständlichkeit. « (Ibid.,
s. 87) I B lbid., S. 57, ähnlich auch S. 87.

46 47
Zusammenhang der unabhängigen Privatarbeiten zustande globalen Gleichung ist die Relation zwischen Aneignung und
bringen, damit die warenproduzierende Gesellschaft lebens- Produktion eine Sache der kausalen und blindwirkenden
fähig sein kann. »Und die Form, worin sich diese proportio- ökonomischen Notwendigkeit. Aber die Wertform der
nelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschafts- Waren, d. h. die Warenabstraktion, steht in keinem inhären-
zustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen ten Zusammenhang mit der zur Produktion der Waren erfor-
Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeits- derlichen Arbeit. Nicht Zusammenhang, sondern Trennung
produkte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser kennzeichnet dieses Verhältnis. Anders gesagt, die Warenab-
Produkte. «19) Alle in den warenproduzierenden Gesellschaf- straktion ist Tauschabstraktion, nicht Arbeitsabstraktion.
ten herrschenden, das Handeln der Individuen dirigierenden Die Arbeitsabstraktion, welche in der kapitalistischen Waren-
Begriffe ehtspringen dem Austauschmechanismus und dem produktion in der Tat stattfindet, hat, wie wir später (im 3.
gegenständlichen Schein, wodurch die bewußtlose Gesell- Teil dieser Schrift) sehen werden, ihren Ort im Produktions-
schaft überhaupt möglich wird. So wie dieser Mechanismus prozeß, nicht im Austauschprozeß.
aus nichts besteht als aus den reziproken Aneignungsakten Die Robinsonadenökonomie der subjektiven Wertlehre
des Privataustauschs der Arbeitsprodukte als Werte, so sind - hat keinen Blick für das Äquivalenzpostulat. In dieser theore-
auch diese Begriffe von den Aneignungsverhältnissen tischen Disziplin ist der gesellschaftliche Aspekt des Tau-
geprägt, die ihnen gesellschaftliche Bedeutung verleihen. Ihre sches, seine Eigenschaft als gesellschaftliche Verkehrsform
Beziehung zur gesellschaftlichen Realsubstanz, nämlich die und Träger der gesellschaftlichen Synthesis, begrifflich aus-
Arbeit, durch die Auszutauschendes überhaupt erst existiert, gelöscht. Daß diese Auslöschung, systematisch gesprochen,
ist insgesamt nur eine indirekte. Nur die formgenetische fehlerhaft ist, zeigt sich daran, daß die subjektive Wertlehre
Kritik dieser verschleiernden Begriffe kann ihren Bezug zur von der Quantifizierung der Werte, auf die sie angewiesen ist,
Arbeit in Augenschein bringen. Kraft der Reziprozität als nämlich die Setzung von Zahlenwerten für die Waren bzw.
Austausch nimmt die Aneignung die Form des selbstregulati- »Güter«, keine Rechenschaft geben kann; die Quantifizie-
ven, sich selber auswiegenden Mechanismus an, der sie rung gelangt in diese Theorie nur auf dem Wege der logischen
befähigt, Träger der gesellschaftlichen Synthesis zu werden; Erschleichung. Aber die methodologische Auswirkung ist
im Unterschied zu der einseitigen, tributären Aneignung in die Schaffung der sog. >>reinen Ökonomie«, die dann ihrer-
den »direkten Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis- seits Anlaß zur methodologischen Schaffung einer von der
sen«, welche in den altorientalischen Zivilisationen und im konomie getrennten Gesellschaftslehre gab. Diese Auftei-
Feudalismus vorherrschen. 20 ) Andererseits bringt der Aus- lung des Zusammengehörigen, die etwa so alt wie die
tausch seine Objekte nicht hervor, sondern setzt die Produk- Anfänge des Monopolkapitalismus ist, führt dazu, daß beide
tion und die Arbeit voraus. Es kann insgesamt nicht mehr Disziplinen, die >>reine Ökonomie« und die empirische
ausgetauscht werden, als produziert wird. Die Summe aller Soziologie, den Kontakt mit dem Geschichtsprozeß verlie-
Preise (Aneignungspreise) muß essentiell gleich der Summe I'Cn; denn der Geschichtsprozeß wird von der Zusammenge-
aller Werte (Arbeitswerte) sein, und auch innerhalb dieser hörigkeit von Ökonomie und Vergesellschaftung beherrscht.
Das schließt eindringende Analysen von Einzelphänomenen
19 Marx in Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868 (Hervorhebungvon ni cht aus. Aber auf dem Boden dieser Trennung sind die
Marx). Kategorien nicht zu gewinnen, unter denen der Zusammen-
20 Vgl. Das Kapital, III. Bd., S. 798. hang der Einzelphänomene zum Geschichtsprozeß bzw. mit

48 49
dem Geschichtsprozeß allein begreiflich wird. Über das, was stenz, also der Produktion und Konsumtion der Waren, den
seit dem Beginn des Monopolkapitalismus mit der Gesell- interdependenten Formzusammenhang des Marktes auf-
schaft eigentlich geschieht, ist weder von der »reinen Ökono- zuzwingen. Diese Ordnung und ihr Charakter der ökonomi-
mie« noch von der empirischen Soziologie Aufschluß zu schen Notwendigkeit haben in letzter Instanz nichts Locke-
erwarten; und das nicht bloß wegen des mangelnden Interes- reres zur Wurzel als die Daseinseinheit der Dinge, die durch
ses an einem solchen Aufschluß von seitender großen Mehr- die Konsequenzen der Austauschbarkeit der Waren die Men-
zahl der Ökonomisten und Soziologen, sondern eben aus schen zwingt, sich ohne Verständigung miteinander in die
Gründen des methodologischen Unvermögens ihrer Diszi- Einheit derselben Welt zu fügen. Ihr Dasein regelt sich nach
plinen. Gesetzen einer Gesellschaft nur noch überhaupt.
Die RoHe des Äquivalenzpostulats für die gesellschaftliche
Synthesis durch Warentausch ist so offenkundig, daß sie f Substanz und Akzidenz
kaum der expliziten Betonung bedarf. Die Tauschgleichung
dient der zufälligen, rein kontingenten Tatsächlichkeit des Es hat sich gezeigt, daß die Formen der Tauschabstraktion
Geschehens in Austauschzusammenhängen der Logik. Die am Akt des Tauschvollzuges haften und dessen Regelcharak-
Waren werden auf den Markt geworfen, herausgerissen aus ter besitzen. Wie bestimmt sich nun dieser Tauschvollzug
ihren Herstellungszusammenhängen, herausgerissen z. B. selbst1 also der Akt der Besitzübertragung der Waren zwi-
durch Raubhandel aus den traditionsgeregelten Ordnungen schen ihren Privateigentümern? Oder, um eine andere Frage
von naturwüchsigen Gemeinwesen. Auf dem Markt treten voranzustellen: wie bestimmen sich die Tauschobjekte selbst
sie anderen Waren von ähnlicher zufälliger Präsenz gegen- im Akt der Besitzübertragung? Sie dürfen keiner physischen
über. Solche Zufälligkeit braucht nicht vorzuherrschen, aber Veränderung ausgesetzt sein, haben also die Bestimmung
sie kann vorherrschen. Ob und wieweit sie vorherrscht, absoluter materieller Konstanz, zwar nur als Postulat bzw.
hängt letzten Endes vom Entwicklungsgrad der materiellen als Fiktion, aber als gesellschaftlich notwendige Fiktion. Im
Produktivkräfte ab. Vorausgesetzt, daß ihre Besitzer überdie Akt der Besitzübertragung sind sie nicht Objekte von
Waren freie Verfügungsgewalt haben und sich solche gegen- Gebrauchsakten, und dies nicht als einfache Negation, son-
seitig zuerkennen, bietet die homologe Form der Tauschglei- dern als affirmativ gesetzte Negation. D. h. sie haben als
chung durch ihre vollständige Abstraktheit die Termen einer Tauschobjekte, genauer gesagt, als Gegenstände des Tausch-
»Warensprache«, wie Marx sagt, die bei gehöriger Ausdeh- akts, nicht einfach nur keine Gebrauchsqualitäten, sind viel-
nung des Marktes einen allseitigen Daseinszusammenhang mehr positiv qualitätslos. Andererseits werden sie nur
von Menschen als bloßer Wareneigentümer ermöglicht, ~etauscht, um nach Abschluß der Tauschhandlung gebraucht
wenngleich alle andersartigen Ordnungen zwischen den i'.u werden. Ihre Qualitäten als Gebrauchsobjekte hängen
Menschen zerrissen wären und durch die Ausdehnung des ihnen also wesentlich an, während sie in materieller, aber qua-
Marktes tatsächlich zerrissen werden müssen. Das Netz, das litätsloser Konstanz getauscht werden. Die qualitätslose
die Formen der Tauschabstraktion, d. i. die Logik der »Wert- beharrliche Eigenschaft ist das, was ihnen im Markte die
form«, auf dem Warenmarkt herstellt, hat den nötigen Funk- Realität gibt, während ihre Gebrauchseigenschaften zwar
tionalismus21l, um der materiellen Grundlage der Warenexi- , von verifizierbarer Realität, aber hier Gegenstand einer nur
21 Man könnte bei dieser Fernwirkung der Warensprache sehr wohl von ~cdachten Tätigkeit sind. In dieser zwiefachen Natur der
funktionaler Vergesellschaftung sprechen. Waren ist unschwer das Verhältnis von Substanz und Akzi-

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denzen wiederzuerkennen. Auch wenn sich in einem materielle Veränderung erleiden und keiner anderen als quan-
bestimmten Entwicklungsstadium durch die »Verdoppelung titativer Differenzierung fähig sind. Da der Vollzug der
der Ware in Ware und Geld« beide Bestimmungen sozusagen Besitzübertragung das Ziel ist, dem die zeitliche und örtliche
leibhaftig gegenübertreten, bleibt die Ware mit ihrer Doppel- Trennung von Tausch- und Gebrauchshandlung dient, faßt
natur behaftet; nur spiegelt sich ihre qualitätslose und beharr- sich in diesem abstrakten Schema der reinen Bewegung die
liche Substantialität nun in der nondeskriptiven Materialität ganze Tauschabstraktion zusammen. Die anderen, zuvor
des Geldes außerhalb ihrer. Da es nondeskriptive Materie in analysierten Teile und Phasen der Abstraktion liegen ihm
der Natur nicht gibt, müssen Gold, Silber, Kupfer oder auch zugrunde. Durch die Eliminierung jeglicher Gebrauchs-
einfach Papier ihre Stellvertretung übernehmen. handlung werden auch Zeit und Raum selbst abstrakt. Sie
verlieren, ebenso wie die Waren in ihrer Bestimmtheit als
g. Atomizitiit >>Substanzen«, jedwede Spur einer bestimmten Örtlichkeit
im Unterschied zu einer anderen, jede Unterschiedlichkeit
Damit die nondeskripte Substanz jedes austauschbare eines Zeitpunkts gegenüber einem anderen. Sie werden zu
Warending ungeteilt in seinem ganzen Raum und durch die unhistorischen, also historisch zeitlosen Bestimmungen von
Zeit hindurch einnehmen kann, muß, in scheinbarem Wider- abstrakter Zeit überhaupt und abstraktem Raum überhaupt.
spruch hierzu, die Geldmaterie den verschiedenen Wertgrö- Dieselbe Abstraktifizierung trifft den Bewegungsvorgang
ßen gemäß gestückelt werden können, also beliebig teilbar selbst. Er wird zum Minimum dessen, was überhaupt noch
sein. Atomizität der Geldmaterie einerseits und Unteilbarkeit einen materiellen Vorgang darstellt, überhaupt noch ein
derselben innerhalb jedes Warendings als faktisch getauschter bestimmbares Ereignis in Raum und Zeit. Alle anderen Vor-
Einheit andererseits liefern einen der Widersprüche, mit gänge und Ereignisse müssen sich letzten Endes in der einen
denen die gesellschaftliche Funktion des Geldes durch ihre oder anderen Weise auf dieses reine Bewegungsschema
Formbestimmtheit dem Denken zu schaffen gibt, welches zurückführen lassen als >>Zusammengesetzte« Bewegungsfor-
Hegel als »metaphysisches« bezeichnet. men, und alle Vorgänge bemessen sich entsprechend als rein
materielle Vorgänge in Raum und Zeit. 22 )
h. Abstrakte Bewegung

Bewegung beschreibt den Vollzugsakt des Warentauschs, 22 »Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie. Nie und nirgends
worin die vereinbarte Besitzübertragung der Waren zur Aus- hat es Materie ohne Bewegung gegeben, oder kann es sie geben.
Bewegung im Weltraum, mechanische Bewegung kleinerer Massen
führung gelangt. Der Vollzugsakt beschränkt sich wesens-
auf den einzelnen Himmelskörpern, Molekularschwingungen als
mäßig auf die rein gesellschaftliche Änderung der Waren in Wärme oder als elektrische oder magnetische Strömung, chemische
ihrem Besitzverhältnis in eindeutiger raumzeitlicher Geschie- Zersetzung und Verbindung, organisches Leben - in einer oder der
denheit von Veränderungen ihres physischen Bestandes. anderen dieser Bewegungsformen oder in mehreren zugleich befindet
Zwar ist diese Scheidung nicht mehr als ein Postulat, aber die sich jedes Stoffatom der Welt in jedem gegebenen Augenblick.«
implizierte Beschreibung von Bewegung hat gerade dieses (Friedrich Engels, Anti-Dühring, Dietz Verlag, Berlin, S. 70)
»The theory that the physical world consists only of matter in
Postulat zum Maßstab. Dementsprechend ist die Beschrei-
motion was the basis of the accepted theories of sound, heat, light,
bung die von reiner Bewegung in Raum und Zeit (als leerer and electricity.<< (Bertrand Russell, A History ofWestern Philosophy,
Kontinua) von abstrakten Substanzen, welche dadurch keine London 1946, S. 630)

52 53
Die Waren befinden sich durch den ganzen Verlauf ihrer "~"efunden und in derNeuzeitdie Form der Bewegungsanalyse
Besitzübertragung hindurch in ihrer Austauschbarkeitsform durch den Kalkulus angenommen. 23 )
und in unveränderter quantitativer Bestimmtheit. Sie sollen 23 Der Gedanke, die Transportprobleme des Kaufmannskapitals im 16.
unvermindert ihre bestimmte Wertgröße, ihren Tauschwert und 17. Jahrhundert zur Erklärung der mechanischen Philosophie
behalten. Diese Bedingung verleiht dem Raum und der Zeit, und Naturwissenschaft heranzuziehen, ist von Prof. Bernhard
worin sie sich bewegen, ihre eigentümliche Kontinuität und Hessen (»The social and economic roots of Newton's Principia«,
Gleichförmigkeit. Die Bewegung mag sich ändern und Amsterdam 1931, als Vortrag gedruckt), von Stephen F. Mason
(»Some historical roots of the Scientific Revolution<<, Seiences & Soc.,
Unterbrechungen erleiden, aber Raum und Zeit müssen ihren
vol. XIV, No. 3, Summer 1950, und A history of the Sciences, main
gleichförmigen ununterbrochenen Zusammenhang behalten, currents ..., London 1953) und anderen vertreten worden. So interes-
da ohne das die Kontrolle über die gleichbleibende Wertgröße sant und erhellend die Behandlung des reichen Materials ist, das in
der Waren sich verlieren würde. Andererseits ist die Daseins- diesen Studien untersucht wird, verfehlen diese ihren theoretischen
identität der Waren in der Abstraktheit ihrer Austauschbar- Zweck doch meist dadurch, daß der springende Punkt des Zusam-
keitsform eine relationale, ursprünglich zwischenmensch- menhangs außer acht bleibt, nämlich daß es sich um den Transport
liche Bestimmtheit, in der zu jedem gegebenen Zeitpunkt und und die Produktion von Waren handelt und daß deshalb die Form-
analyse der Ware die Voraussetzung bildet dafür, daß die gestellten
an jedem gegebenen Ort der Bewegung Dasein und Wert-
Erklärungsaufgaben erfüllbar werden. Tatsächlich werden gewöhn-
größe der Waren im Verhältnis zu ihrem Gegenwert und in lich die Abstraktionen des mechanistischen Denkens schon in die
der reziproken Eigentumsexklusion ihrer Besitzer fixiert, Transportprobleme hineininterpretiert, um sie hernach daraus abzu-
festgehalten und verifizierbar sind. Mit Bezug auf diesen leiten, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, daß der Transport
gesellschaftlich relationalen Charakter ihrer Austauschbar- als solcher an den zur Erklärung stehenden Begriffsformen ganz
keitsform und Wertbestimmtheit zerfällt die Bewegung der unschuldig ist oder sie im Alten Ägypten oder Mesopotamien eben-
sogut hätte hervorrufen können wie zur Zeit Demokrits oder New-
Waren im Tauschvollzug ebensosehr in diskrete Momente,
tons. Eine ähnliche Verkennung der Natur des Problems widerfährt
wie sie andererseits die Bedingung der Kontinuität zu erfüllen auch Henryk Großmann in seiner ansonsten materialiter wiederum
hat. Diese Widersprüchlichkeit entstammt dem gesellschaft- faszinierenden Kritik an Franz Borkenaus Übergang vom feudalen
lichen Ursprung der dinglichen Abstraktionen bzw. umge- zum bürgerlichen Weltbild, Studien zur Geschichte der Philosophie
kehrt der Verdinglichung der gesellschaftlichen Relation. Sie der Manufakturperiode, 1934 (H. Großmann, >>Die gesellschaftli-
hat in der Antike in den Paradoxien des Zenon Ausdruck chen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufak-
tur<<, Ztschr. f Sozialforschung, IV, 2 [1935] S. 161-229). Hier sollen
die Begriffe des mechanistischen Denkens abgeleitet werden aus der
praktischen Betätigung experimentierender Handwerksmeister in
der Erfindung und Herstellung von neuartigen mechanischen Appa-
Es ist bemerkenswert, daß noch Galilei die abstrakte Bewegung raturen. Tatsächlich werden aber diese Apparaturen von H. Groß-
einem rein mathematischen Begriff gleich achtet. Die ganze traditio- mann schon nach der Logik des mechanistischen Denkens verstanden
nelle Scheidung zwischen reinen und empirischen Begriffen verliert und gedeutet, der Erklärungsgegenstand also in nuce vorausgesetzt
ihre Basis und macht einer anderen Platz, wenn der Rückschluß von statt abgeleitet. Die Argumentation läuft deshalb unwillkürlich auf
der theoretischen Naturerkenntnis und ihrer Methode auf die die seltsame Auffassung hinaus, daß die Maschinen die Naturwissen-
ursprüngliche Autonomie der »reinen ratio<< hinfällig wird. An ihre schaften erzeugen anstelle des Umgekehrten. Dies ist gesagt unbe-
Stelle tritt die Unterscheidung zwischen den im Tauschwert (kurz schadet der Anerkennung der Großmannsehen Abhandlung als einer
gesagt) implizierten Abstraktionen und den zum Gebrauchswert der interessantesten und aufschlußreichsten, die zu diesem Thema
gehörenden Begriffs- und Vorstellungsweisen. geschrieben worden sind.

54 55
i. Strikte Kausalität macht auf die Natur einwirkt. Als Agent des Marktverkehrs
ist der Mensch von der Natur kaum weniger getrennt als die
Die Tauschabstraktion ist nicht der Quell des Kausalbe- Wertgegenständlichkeit der Waren selbst.
griffs, der auf viel ältere Schichten zurückgeht. Wohl aber .~a~ im Ka.usalbegriff und seiner strikten Form sowenig
scheint sie die Wurzel der Gleichung zwischen Ursache und w1e m 1rgendemer anderen »Kategorie des reinen Verstandes«
Wirkung zu sein, welche die »Strikte Kau11alität« kennzeich- die geringste Spur von einem solchen gesellschaftlichen
net. Die strikte Kausalität ist, nach unserer Auffassung, die Ursprung anzutreffen ist, daß in ihnen im Gegenteil der
Form, in der Naturveränderung an Objekten erscheint, die Gedanke eines solchen Ursprungs als Sache der Unmög-
unter dem Postulat der Nicht-Veränderung im Markte zum lichkeit erscheint, ist kein Einwand gegen die hier vorge-
Austausch.>.stehen. Gegenüber Veränderungen von mensch- nommenen Ableitungen. Es wird sich noch zeigen, daß diese
licher Seite ist dieses Postulat mit marktpolizeilicher Autori- genetische Blindheit der Verstandeskategorien in der Refle-
tät erzwingbar. Was Naturveränderungen angeht, ist es nicht x.ion der. Tauschabstraktion ihre zureichende Begründung
mehr als eine Fiktion, die die Realität von Veränderungen f1ndet. D1e Tauschabstraktion selbst hat in allen ihren Zügen
nicht ausschließt, dieselben aber einer bestimmten begriff- ·ine streng zeitlose, mit dem Gedanken eines Ursprungs
lichen Form unterwirft. Es ist die Form der genauen, mathe- unverträgliche lnhaltsform. Aus Charakteristiken von histo-
matisch formulierbaren Ausgleichung von Ursache und Wir- rischer und geographischer Bestimmtheit werden sie zu
kung, so daß der Kausalvorgang, wenn er sich als spezifisch solchen von nur mehr mathematischer Bestimmbarkeit.
begrenztes ~inzelereignis isolieren läßt, sich vor wie nach D ie Kausalität, genauer gesprochen, ihre Formbestimmt-
seinem Ablauf dem Postulat der Negation der Veränderung heit als strikte Kausalität, nimmt eine Ausnahmestellung
einfügt. Die Negation der Veränderung wäre demnach das unter den hier betrachteten Kategorien ein. Sie ist nicht Teil
logische Postulat, von dem das strenge Gleichungsverhältnis d r Tauschabstraktion, sondern eine Konsequenz, ein Korol-
zwischen Ursache und Wirkung seine Denknotwendigkeit larium ihrer. Die Tauschhandlung läßt keinerlei materielle
erhält. Hier wird die Wurzel eines neuen, von der magischen V ränderung der Tauschobjekte zu, ob sie nun nach adäquater
und mythologischen Denkart scharf abgesetzten Begriffs von V •rursachung beurteilt wird oder nicht. Die strikte Kausalität
Natur und Naturveränderung sichtbar. Es ist der Begriff von l'l bt keine gesellschaftlich synthetische Funktion aus. Nur um
/',ll vermeiden, daß ihre Auslassung unter den Kategorien des
Vorgängen, die nicht nur ohne alles menschliche Zutun aus
bloßer Natur geschehen, sondern die entgegen allen Vorkeh- 1·cinen Verstandes« moniert würde, ist sie in diese Betrach-
rungen und entgegen dem gesellschaftlichen Postulat der llm g hineingenommen worden. Tatsächlich kommt auch in

Unveränderlichkeit der Waren im Markt Platz greifen. In d •r mathematischen Naturwissenschaft der Kausalgedanke
ihnen betätigt sich die Natur als eine von der menschlichen 11i •mals unmittelbar zur Verwendung, sondern erst auf dem
Sphäre genau geschiedene, außer aller Gemeinschaft mit dem Umwege und vermittels der experimentellen Verifizierung
Menschen stehende Macht, die Macht der Natur als bloßer vo n Bewegungshypothesen. Das reine Bewegungsschema ist
Objektwelt. Auf sie bezieht sich der Begriff der strikten Ii ' eigentlich tragende, durch den Warentausch erzeugte
Kausalität als einer im Objekt stattfindenden Verursachung l 1ormabstraktion.
und Wirkung. Dieser Begriff von Natur ist unverkennbar
verschieden von der Naturerfahrung des Menschen in der
Arbeit, in der, wie Marx sagt, der Mensch selbst als Natur-

56 57
k. Die Transformation der Realabstraktion die ideelle Form eines Erkenntnisvermögens durch abstrakte
in die Denkabstraktion Begriffe, zusammen, Denn die Formbestimmtheit der zwei-
ten Natur ist nur eine und kann nur eine sein. Es ist aber
Ich fasse die gesamte formale Seite des Warentauschs unter gerade ihre Zweiseitigkeit und die Verknüpftheit beider Seiten
dem Ausdruck der zweiten Natur zusammen, die als eine rein in der Einheit dieser Formbestimmtheit. Um aber der Umset-
gesellschaftliche, abstrakte und funktionale Realität im zung oder Transformation der Realabstraktion in die Denk-
Gegensatz zur ersten oder primären Natur, in der wir uns mit abstraktion und ihren Schwierigkeiten näherzukommen,
den Tieren auf gleichem Boden befinden, zu verstehen ist. In wollen wir uns zunächst der Tatsache ihrer wesentlichen
den Ausdrucksformen der zweiten Natur als Geld gewinnt Formidentität versichern; richtiger gesagt, es sei dem Leser
das spezifij ch Menschliche an uns seine erste gegenständliche, elegenheit gegeben, sich selbst von dieser Formidentität am
gesonderte und objektiv-reale Manifestation in der Ge- Beispiel eines der Formelemente der im gemünzten Gelde
schichte. Sie kommt zustande durch die Notwendigkeit einer •nthaltenen Realabstraktion zu überzeugen. Dabei sei an
Vergesellschaftung in Ablösung von allen Betätigungsweisen •inen Leser appelliert, der keine philosophische Vorbildung
des materiellen Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur. besitzt, jedoch bereit ist, sich in die geschichtliche Situation
D iese Betätigungsweisen sind selbst Teil der ersten Natur. ~. u versetzen, die in der Frühzeit der griechischen Münzprä-
Auf Basis der Warenproduktion sind sie, gleichgültig ob als ~ung in Ionien bestanden haben mag, wo philosophisches
Akte von Produktion, Verzehr oder Reproduktion betrach- I enken zum ersten Male Form gewonnen hat. Natürlich ist
tet, sämtlich in den Privatbereich der Warenbesitzer verwie- •s bei dieser Geburt der Philosophie nicht ohne gewaltige
sen, und die ungezählten Privatbereiche verkehren nur in den I enkanstrengung abgegangen, der eine gewichtige, wo nicht
Formen des Warenaustausches miteinander aus Motiven, die ~. wingende Motivation zugrunde gelegen haben muß. Wel-
allesamt in den Privatbereichen wurzeln. Allein die Handlung ·her Art diese Motivation gewesen ist, läßt sich heute nicht
ist, wie schon bemerkt, das Gesellschaftliche des Austauschs, tn hr w issen, allenfalls erraten. Für gewiß halte ich, daß das
während das Bewußtsein der Handelnden privat ist und blind ; ld, und zwar in gemünzter Form, bei der Transformation
für den gesellschaftlich-synthetischen Charakter ihrer Hand- di unentbehrliche Vermittlerrolle gespielt hat, weil nur am
lung. Das Bewußtsein ist erfüllt von dem, wovon die Hand- H·münzten Geld die Realabstraktion überhaupt in Erschei-
lung abstrahiert, und nur kraft ausnahmsloser Abstraktheit llllng treten kann. Fest steht andererseits, daß zum bloß prak-
der Tauschakte von aller Empirie konstituiert sich der Nexus 1is ·ben Gebrauch des Geldes nach seinem unmittelbaren
der bewußtlosen Gesellschaft als ein solcher der zweiten Zweck als Tausch- und als Zahlungsmittel im einfachen
Natur. Nur in deren Formcharakter übersetzt, als abstrakt Wnrenaustausch eine begriffliche Reflexion seiner abstrakten
menschliche, geht die Arbeit in diesen Nexus ein, »mensch- Nl\tur nicht vonnöten ist. Welche andere Motivation die
lich« nur, weil die zweite Natur menschlichen Ursprungs ist II ·~riffsbildung veranlaßt haben mag, soll uns vorerst nicht
in Abhebung von der Natur, in Gegensätzlichkeit zu ihr und I (immern. Mag sie gewesen sein, welche sie will, wir unter-
als Grund der menschlichen Selbstentfremdung, weil gänz- 1 •II en die Motivation als gegeben, um zunächst einmal die
lich in den Formen der privaten Aneignung der Arbeitspro- N1tur des Bewußtseinsaktes festzustellen, in welchem die
dukte in Scheidung von der Arbeit, die sie schuf. I J lllsetzung der Realabstraktion in begriffliche Form sich
Unter dem Ausdruck der »Zweiten Natur« fasse ich beides, vo ll zogen haben kann. Erst wenn man sich über die Natur
ihre raumzeitliche gesellschaftlich-synthetische Realität und d •s Vorganges selbst annähernd klargeworden ist, läßt sich

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über die Motive reden, nach denen zu forschen wäre; erst jeweiligen Geldstoffs vom emittierenden Geldinstitut selbst
dann läßt sich auch beurteilen, welche Bede4tung der For- in aller Form anerkannt in dem Versprechen, jedes durch
schung nach den Motiven für die hier zur Debatte stehende seinen ordnungsgemäßen Umlauf abgenutzte Geldstück
These überhaupt beizumessen ist, nämlich die These, daß die kostenlos durch ein vollgewichtiges zu ersetzen. Den Stoff,
Begriffsbildung der griechischen Philosophie, allgemeiner aus dem Geld also, strenggenommen, gemacht sein müßte,
gesprochen: die philosophische Begriffsbildung verstandes- kann es in der ganzen Natur nicht geben. Er gehört der
mäßigen Denkens überhaupt, ihre formelle und historische ersten, der primären oder ursprünglichen Natur nicht an; er
Wurzel in der Realabstraktion der gesellschaftlichen Synthese entbehrt also auch jedweder möglichen Wahrnehmbarkeit.
vermittels Warentausch hat, d. h. in der zweiten Natur. Demnach sollte man ihn als bloßen Begriff, reinen nicht-
Es sei somit nun an den Leser appelliert, erstens alle even- empirischen Begriff bezeichnen. Aber hieraus zu schließen,
tuellen Vorkenntnisse der griechischen oder späteren Philoso- daß der Geldstoff nur in Gedanken existiere, ist ebenso
phie für den Augenblick zu vergessen, zweitens die Unter- widersinnig, wie in der Natur nach einem Paragon dieses
stellung gegebener zureichender Motivation für die ihm Stoffs zu suchen. Gedankengeld kann es nicht geben. Für ein
zugemutete Denkbemühung zu akzeptieren, und drittens Stück Geld etwas zu kaufen, das keine stoffliche Realität
sich mit der Wahl des Beispiels zu begnügen, für das ich mich besitzt, würde selbst einem Till Eulenspiegel schwerlich
aus bloßen Gründen der Einfachheit zu dem vorliegenden gelingen. Auch muß seine Realität derjenigen der Waren-
Demonstrationszweck entschieden habe. Er soll die Frage dinge, die es kaufen soll, ebenbürtig sein, muß also dingliche,
beantworten, wie der Stoff beschrieben werden kann, aus raumzeitliche Identität besitzen, so daß ein Stück Geld, das
dem gemünztes Geld gemacht ist, richtiger gesagt: aus dem ich besitze, sich nicht gleichzeitig in der Hand eines anderen
es, genaugenommen, gemacht sein müßte. Denn daß Geld im befinden kann. Aber ebensowenig kann die materielle Reali-
Laufe seiner Geschichte einmal aus Gold, ein andermal aus tät meines Geldes eine Realität nur für mich, seinen Besitzer,
Silber oder aus Kupfer oder sonst einer Metallegierung sein, also eine Realität a Ia Berkeley oder Hume oder sonst
gemacht worden ist und heute nur noch aus einem papiernen ·ines subjektiven Idealisten. Wenn ich von meinem Geld
Versprechen einer vorgeschützten Menge Gold besteht, kann ehrauch mache, um von jemand anderem eine Ware zu kau-
nur als Sache der Willkür und des zweckdienlichen Notbe- fe n, dann muß dieses Geld für ihn ganz dieselbe Realität
helfs angesehen werden. Die Vielfalt der Stoffe allein beweist haben wie für mich, und auch nicht eine Realität bloß für uns
schon, daß nicht einer von ihnen als der dem Gelde wesens- hcide, sondern ganz wie für uns so ipso facto für alle an der
mäßig angemessene gelten kann. Die Wahrheit ist, daß kein Hesellschaftlichen Zirkulation dieses Geldes überhaupt Betei-
einziger aus dem »Katalog all des Warenpöbels [ ... ], der li~ten, eine Realität somit vom allerhöchsten denkbaren
seinerzeit die Rolle des Warenäquivalents gespielt hat« (Marx, bjektivitätsgrad. Und dennoch kann nicht eine einzige
MEW, S. 72), derjenigen Bestimmung gerecht wird, die der •mpirische Repräsentation für diesen in seiner Realität unbe-
Geldmaterie vor allen anderen spezifisch zukommt: der ~. w cifelbaren Stoff, woraus eine Münze eigentlich gemacht
Bestimmung nämlich, daß sie keiner physischen Veränderung s ·in müßte, in der gesamten Wahrnehmungswelt entdeckt
in der Zeit unterwoden sein dad. Diese Zeit umfaßt die ganze werden. Die Stoffe, mit denen man sich in der Praxis für die
Dauer, in der die betreffende Münze als Geld zirkuliert, ein- Münzprägung seit je begnügt hat, und die den pragmatischen
schließlich der Zeit, die sie schatzbildend der Zirkulation ent- Zwecken der gesellschaftlichen Ökonomie zumeist vollauf
zogen sein mag. Tatsächlich wird die U nangemessenheit des . ~ ~ recht geworden sind, sind, gemessen an der wirklichen

60 61
Formnatur der Geldfunktion, bloße Schlacken der ge- Funktion des Geldes durch abstrakte Immaterialität ihres
brauchswerten Realität, von der diese Formnatur gerade Substrats ausgezeichnet, weil ja die Substantialität der
Abstraktion macht. Aber diese Formnatur oder formale Tauschhandlung für die Zeit der Transaktion von jeder stoff-
»Wertgegenständlichkeit« der Waren findet, wie Marx be- lichen Gebrauchspraxis der Waren kompromißlos geschieden
tont, in der Warenwelt niemals ihre eigene Darstellung, da sie sein muß, um den Tausch möglich zu machen. Diese krasse
sich immer nur im Gebrauchswert der anderen Ware spiegeln Gegensätzlichkeit in der Materialität beider Geldnaturen
kann, mit der sie im Austausch gleichgelten soll. Das tut den führt bei der Emission des Geldes als Münzgeld - ich denke
Anforderungen des Warenaustauschs als Feld praktischen hier nur an die Epochen der klassischen Geldgebarung - zu
Handeins der Menschen vollständig Genüge, da es selbst- einer geradezu handgreiflichen Widersprüchlichkeit. Die
redend keinen Gegenstand faktischen Handeins geben kann, emittierende Autorität gibt das ökonomische Geldmetall in
der nicht aus realem Naturstoff gemacht wäre. Doch das dem abgewogenen Quantum für die verlangten Münzwerte
beseitigt noch nicht den Unterschied von der zwar ebenso aus und verbindet dies mit einer Garantieerklärung, daß die
realen, aber physisch unveränderlichen Wertgegenständlich- emittierten Münzen für den durch ihren Umlauf erlittenen
keit, für die das Geld als Funktionsträger agiert und in die Verschleiß kostenlos durch vollwertige ersetzt würden. Was
gerade »kein Atom Naturstoff eingeht«. Für diesen unstoffli- heißt das? Es heißt, daß das Geld zurecht aus einem Material
chen, eben nicht-empirischen Stoff, aus dem gemünztes Geld bestehen sollte, das nicht verschleißbar ist, sondern quantita-
virtuell gemacht sein sollte, kann es offenkundig eine genuine tiv von zeitloser Beständigkeit wäre. Ein solches Material gibt
Repräsentation nur außerhalb oder jenseits des gesamten Fel- ·s aber in der ganzen Natur nicht. Im Vergleich zu natürli-
des von Naturstoff und Wahrnehmungsempirie geben, mit ·hen Stoffen zeichnet es sich durch rein abstrakte Immateria-
anderen Worten: einzig in der Form des nicht-empirischen lität aus. Diese Immaterialität ist jedoch keine ideelle, sie
oder »reinen« Begriffs. Und das trifft nicht nur für die besitzt das Raumzeitliche der menschlichen Handlungen, die
identische Wiedergabe des Münzstoffs, sondern auch für die milliardenfach die Waren- und Geldzirkulation der Gesell-
adäquate Darstellung aller Bestandskomponenten der Real- schaft tätigen. Aber welches ist der Schritt, der von der imma-
abstraktion zu, welche den wesentlichen Teil der von Marx so . te riellen Realabstraktion nun zur Denkabstraktion führt?
genannten »Wertgegenständlichkeit« ausmacht. Es ist bemerkenswert, mit welcher Gedankenlosigkeit der
Es sollte ersichtlich geworden sein, daß es nicht nur eine, Widerspruch zwischen den beiden gegensätzlichen Geld-
sondern zwei Materien des Geldes zu unterscheiden gibt, die naturen bei der Münz- oder Notenemission hingenommen
vordergründige einer ökonomischen Funktion, wie sie allein und die daraus resultierende Praxis als willkommene Lösung
jedermann in den Sinn kommen wird, und die hintergründige nkzeptiert wird. 24 )
des Geldes als potentieller Funktionsträger der warengesell-
schaftlichen Synthesis, kraft deren man das Geld gern den
nexus rerum der Gesellschaft nennt. Beide Naturen des •I Weniger gedankenlos waren höchstens die Urheber des großen
Postraubes in England in den 60er Jahren, bei welchem verschlissene
Geldes unterscheiden sich durch ihre gegensätzliche Materia- ,
Pfundnoten im Nennwert von 20 Millionen Pfund als Makulatur auf
lität. Die ökonomische Funktion erfordert eine stoffliche dt:m Wege zur Einstampfung nach London abgefangen wurden, um
Materie aus kostbaren Gebrauchsstoffen wie Gold und sie wieder in Zirkulation zu setzen. Ein 20 Millionen Pfund schwerer
Silber, an denen den Waren vergleichsweise ihre Preise zuteil Raub, der die beraubte Währungsautorität des Staates um keinen
werden können. Dagegen ist die gesellschaftlich-synthetische Penny ärmer gemacht hat. Wie war es aber um Gedankenlosigkeit in

62 63
Eine ähnliche Stumpfheit darf auf seiten der Griechen in kann. Der Gedanke dieses Begriffs ist eine offensichtliche
dieser Gründungs- und Anfangszeit des Geldes gewiß nicht Vereinseitigung und ontologische Verabsolutierung der darin
unterstellt werden. Wir können im Gegenteil mit hoher identifizierten Stoffnatur des Geldes. Es werden dadurch
Wahrscheinlichkeit darauf spekulieren, daß die Griechen des andere ebenso essentielle Eigenschaften derselben Stofflich-
7. und 6. Jahrhunderts in Ionien und einigen Seestädten Grie- keit ausgeschlossen, die später von anderen Denkern geltend
chenlands und Süditaliens, wo Geld verwendet worden ist, gemacht werden mußten. Davon wird noch die Rede s:in.
diese seltsame menschengemachte und doch so undurchsich- Was hier der Betonung bedarf, ist, daß weder Parmemdes
tige und befremdliche Institution in ihren subtilen Nuancen noch ein anderer der Gründer der klassischen griechischen
beachtet haben. Ich vermag nicht zu bezweifeln, daß dabei Philosophie die Abstraktionen, die sie in Begriffe? aus-
auch die immaterielle Substantialität der synthetischen Geld- drückt, sich selbst zuschreibt, in dem Sinne, daß man s1e etwa
natur ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen ist. Zumal es durch Aufstieg vom Mannigfaltigen gegebener Wahrneh-
glaubhaft zu sein scheint, daß Pythagoras in Taranto und mung zu höheren Stufen der Allgemeinheit gebildet hätte.
Parmenides in Elea bzw. Velia selbst Münzgeld emittiert Keiner von ihnen weist seine tragenden Begriffe durch eine
haben. Sowenig diese Immaterialität selbst ideell ist, ist Darstellung eines solchen Konstitutionsvorganges aus. Die
jedoch eine Aufmerksamkeit auf sie nur gedanklich möglich Abstraktionen, die den Begriffen zugrunde liegen, sind gänz-
und in ihrer Präzisierung nur in Form begrifflichen Denkens. 1ich anderer Art, und sie sind ohne alle Ableitung fertig da. Sie
Das gilt natürlich nicht nur von dieser Immaterialität in ihrer haben anderswo stattgefunden und auf anderem Wege als auf
allgemeinen zeitlichen Unendlichkeit. Es erstreckt sich auch dem des Denkens. So beschreibt z. B. Parmenides in dem
auf die inhaltlichen Elemente, die sie von der Physikalität der allegorischen Proemium, das er seiner Lehre voranstellt, :Wie
Tauschhandlung mit sich führt. er im Wagen der Töchter des Helios die Wohnung von D1ke,
Dieser abstrakten Gedankentätigkeit steht freilich ein Wis- der Göttin des Rechtes, erreichend, jenseits der Schwelle von
sen um ihre Stammverwandtschaft mit dem kommerziellen Tag undNachtden Begriff des einzig Realen empfangen ~abe,
Phänomen des Geldes nicht zur Verfügung. Der erste, der für und zwar mit der nachdrücklichen Mahnung: >>Nur m1t der
dieses Element der Realabstraktion einen passenden Begriff Vernunft mußt du diese vielgeprüfte Lehre erwägen, die ich
fand, freilich ohne die geringste Ahnung davon, wofür sein dir sagen werde.« 25 l Ohne daß der Begriff to 6v also ein
Begriff einstand und was ihm denselben aufgenötigt hatte, Werk seines Denkens ist, ist er gleichwohl Ausgangspunkt
war Parmenides mit seinem ontologischen Begriff des Seins. in es auf Vernunftschlüsse gegründeten Denkens. Der Grund
Er sagt, das Reale aller Dinge ist nicht ihre Sinneserschei- ist die Begabung des begrifflichen Denkens mit der Dialektik
nung, sondern ist einzig und allein das Eine, das ist; in seiner von Wahrheit und Unwahrheit nach Maßstäben innerlogi-
Sprache ausgedrückt: to 6v. Von dem ist nichts auszusagen, scher Denknotwendigkeit oder Denkwidrigkeit. Parmenides
als daß es ganz und in sich vollständig ist, den Raum und die "rgumentiert: >>Das Denken und das, um wesw~llen d~r
Zeit voll ausfüllt, unveränderlich, unteilbar und unbeweglich edanke ist, ist dasselbe. Denn nicht ohne das Seiende, m
ist, daß es nicht vergehen und also auch nicht entstanden sein welchem es sich ausspricht, wirst du das Denken finden; denn

Sachen des Geldes im antiken Griechenland und Ionien bestellt, als 25 .Ich folge hier der Hegeischen Übersetzung in den Vorlesungen über
hier oder im benachbarten Lydien um 630 v. d. Z. die erste Münzprä- die Geschichte der Philosophie, Bd. I, Reclam jun., Leipzig 1971,
gung stattfand? s. 387ff.
64 65
es ist nichts und wird nichts sein außer dem Denken.« »Das setzt .. . Diese verlangt als Grundlage den stetigen und homogenen Raum
ist der H auptgedanke«, fügt Hegel hinzu. Tatsächlich findet der reinen Geometrie . . . So wird denn auch die Bewegung selbst von
Anfang an in diesen Kreis einer rein begrifflichen Bedingtheit hineinge-
Hegel in Parmenides die Begründung seines eigenen Begriffs-
zogen. Nur scheinbar bildet sie ein direktes Faktum der Wahrnehmung,
ontologismus.
ja das Grundfaktum, das alle äußere Beobachtung uns zuerst darbie-
tet ... Aber dieses Moment allein genügt keineswegs, um den strengen
/Jegriff der Bewegung, dessen die Mechanik bedarf, zu begründen ...
7. Schlußbemerkungen zur Analyse Diese mathematische Umformung, die der Physiker als vollzogen vor-
aussetzt, bildet in Wahrheit das eigentliche und ursprüngliche Problem.<<
Die vorangegangene Analyse hat ergeben, daß die gesell- (Ernst Cassirer, Substanzbegriff und Funktionsbegriff, Berlin 1910,
S. 155-158; ich werde an späterer Stelle aus diesem Werk zu weitere~
schaftliche- Struktur des Warentauschs auf einer nicht-
Zitaten Anlaß finden.)
empirischen Abstraktheit der Tauschhandlung beruht und
unverkennbare Gleichförmigkeit mit der Abstraktheit der Die begriffliche Bestimmung von Raum, Zeit und Bewe-
methodologischen Grundbegriffe der exakten Naturwissen- gung ist der wesentlicheUnterschied zwischen der Kamsehen
schaft zeigt. Es gilt also: Die Tauschabstraktion ist nicht und meiner Auffassung des reinen Verstandes. Das Prinzi-
Denken, aber sie hat die Form des Denkens in reinen Verstan- pielle dieses Unterschiedes ist ersichtlich aus meiner Zurück-
deskategorien. Dabei ist klar, daß diese Kategorien, die sich führung der Denkabstraktion auf die zugrundeliegenden
nach meiner Auffassung aus der Tauschabstraktion, genauer ' trukturbedingungen der Vergesellschaftung, also auf das
gesagt, aus der Physikalität der Tauschhandlung ergeben, gesellschaftliche Sein anstelle der idealistischen Phantasmago-
Abweichungen zeigen von denjenigen, die Kant aus den rie des transzendentalen Subjektes oder des Geistes. Rekur-
Urteilsformen entnimmt. Die von mir erzielte Fassung des l'ieren wir also auf die Grundproblematik .der Vergesellschaf-
reinen Verstandes steht derjenigen, die sich in der exakten lu ng. Ein gesellschaftlicher Nexus von Privateigentümern
Naturwissenschaft der klassischen mechanistischen Obser- Ii ·ße sich niemals auf deren Gebrauchswertungen gründen.
vanz betätigt, tatsächlich näher als die Kantsche. Dafür finde l azu müßten die Individuen gewissermaßen ihre Leiber
ich bei Ernst Cassirer eine bemerkenswerte Bestätigung. Ich -lbst miteinander auswechseln können, um die Inkommen-
Zitiere: urabilitäten ihres korperliehen Empfindens und ihrer per-
sönlichen Wertungen zu vermeiden. Das Prinzip ist, daß ich
"Der exakte Begriff der Natur wurzelt im Gedanken des Mechanis-
d 'S Geschmacks eines Apfels auf meiner Zunge gewiß bin,
mus und ist erst auf Grund dieses Gedankens erreichbar. Die Naturer-
klärung mag in ihrer späteren Entwicklung versuchen, sich von diesem
1.ber nicht wissen kann, wie der Apfel im Munde eines ande-
ersten Schema zu befreien und ein weiteres und allgemeineres an seine r ·n schmeckt. Käme es hierauf an, so wäre die Gesellschaft in
Stelle zu setzen: dennoch bleibt die Bewegung und ihre Gesetze das An archie und Chaos zerfallen an der Schwelle, an der das
eigentliche Grundproblem, an dem zuerst das Wissen zur Klarheit über ~ rn einsame Tun archaischer Prägung sich zum separaten
sich selbst und seine Klarheit gelangt. Die Wirklichkeit ist vollständig ll andeln der im Eisenzeitalter selbständig werdenden Einzel-
erkannt, sobald sie in ein System von Bewegungen aufgelöst ist ... Bewe- n ·n wandelte. Die Menschheit hätte diese Schwelle geschicht-
gung im allgemeinen wissenschaftlichen Sinn ist nichts anderes als ein
bestimmtes Verhältnis, das Raum und Zeit eingehen. Raum und Zeit
li ·h nicht überlebt. Eine gesellschaftliche Synthesis zwischen
selbst aber werden als Glieder dieses Grundverhältnisses nicht mehr in I ·n separaten Einzelnen wurde möglich nur dadurch, daß in
ihren unmittelbaren psychologischen und »phänomenalen<< Eigenschaf- ihrem Verkehr miteinander, im Warentausch also, eine Hand-
ten, sondern in ihren streng mathematischen Bestimmungen vorausge- lung erwuchs, die an der ganzen Sphäre der Inkommensura-

66 67
hilitäten vorbeiführt und nur noch durch radikale Abstrak- Tauschhandlung latent gegebenen Verstandesvermögen und
tion von ihr gekennzeichnet ist; eben die Tauschhandlung in der ökonomischen Realität des Warentauschs, also zum
ihrer Getrenntheit vom Gebrauch der jeweiligen , Gegen- Tauschwert und zum Geld kommerzialiter? Kommunizieren
stände während der Zeitdauer der Transaktion. Diese einzig- die beiden Aspekte des Austauschs oder sind sie einander
artige Handlung kann aber ihre gesellschaftliche Wirkung nur fremd? Der Tauschwert ist Teil des Warentauschs, wie der
tun, indem sie auf alle für die Synthesis tragenden Beziehun- reine Verstand Teil der Tauschabstraktion ist. Er ist, was sein
gen der Menschen ausstrahlt. Name besagt - Tausch= Wert. Er ist die kennzeichnende
Eine solche Ausstrahlung ist auch der reine Verstand. Seine Eigenschaft, die den Waren zukommt dadurch, daß sie
begriffliche Form ergibt sich auf dem Wege über das Geld Gegenstände einer Tauschhandlung im Unterschied zu
direkt aus der abstrakten Physikalität der Tauschhandlung. Gebrauchshandlungen werden. Daher die U nanschaulichkeit
Die Geburt des reinen Verstandes geschieht mit anderen Wor- des Tauschwerts, seine gesellschaftliche Allgemeinheit und
ten nicht im und durch den Menschen und nicht schrittweise, die ausschließlich quantitative Dimension, die ihm eignet.
wie die Bildung der empirischen Begriffe unserer Umgangs- Seine Identität gilt in einem Tauschakt so gut wie in einem
sprache, sondern in fertig ausgeformter Abstraktheit und andern. Seine Vergegenständlichung ist das Geld. Durch
identisch für alle Individuen in den gleichen gesellschaftlichen seine Abstraktheit gegenüber aller qualitativen Gebrauchsdif-
Belangen. Dadurch ist der reine Verstand eine mit der ferenzierung der Waren setzt der Tauschwert die beiden
menschlichen Physiologie unverbundene und in Separatheit Seiten des Tauschverhältnisses unterschiedslos gleich in
von der Subjektivität des Menschen produzierte Potenz; der Betreff seiner Gegenstände, seiner Handlungen und seiner
Modus, wie das geschieht, wird im Fortgang dieses Buches beiden Akteure. Dadurch postuliert der Tauschwert die
noch gezeigt werden. Äquivalenz der getausChten Objekte. Der Austausch ist der
Diese Auffassungsweise hilft der Erklärung des bisher Ort für den Spruch, was dem einen recht, ist dem anderen
noch niemals enträtselten Wunders des reinen Intellekts. Der billig. Die Äquivalenz der Waren ist synonym gesetzt mit
Verstand ist ein vollständig versachlichtes Vermögen des ihrer Austauschbarkeit. 26 ) Um die Proportion zu bestimmen,
Menschen, auf den sich die Physikalität der Tauschhandlung in der die beiden zum Austausch stehenden Waren einander
in Gestalt der Umsetzung der Realabstraktion in die Denk- äquivalent sind, bedarf der Tauschwert der Differenzierung
abstraktion überträgt und auf sein Denken verlagert. Das ' auf die verschiedenen Warenarten. Dazu ist die Institution
paradoxale Phänomen der gesellschaftlichen Synthesis nach des Geldes vonnöten. Im Geld stellt sich eine bestimmte
Prinzipien des Privateigentums macht sich den Menschen Warenart, die Edelmetalle, allen anderen Waren im Markt als
gewissermaßen botmäßig als Instrument ihrer Durchführung
und des geschichtlichen Überlebens der Gattung. Fern davori 26 Genauso findet es sich auch bei Marx, und zwar im Zeichen der
also, der Glanzpunkt der geistigen Autonomie des Menschen Selbstverständlichkeit (vgl. MEW 23, 64). Warum auch nicht, da
seine Vorgänger und Zeitgenossen es ebenso hielten. Aber wenige
zu sein, die der Idealismus darin erblickt, setzt das Verstan-
Jahre nach dem Erscheinen des Kapital Bd. I kam die subjektive Wert-
desvermögen des zivilisierten Menschen nach der hier vertre- lehre auf, die die Tauschäquivalenz leugnete, da der Tausch hier nach
tenen Auffassung das Maß der auch von Marx nicht voll der Logik der Wahrhandlung (Vilfredo Pareto) interpretiert wird.
erkannten Tiefe und Undurchsichtigkeit der Verdinglichung Das mag man ablehnen oder annehmen, jedenfalls aber kann die
voraus. besagte Synonymität nicht mehr als Selbstverständlichkeit behandelt
Wie ist nun aber das Verhältnis zwischen diesem in der , werden. Daher meine Bemühungen um ihre Begründung.

68 69
allgemeine dingliche Verkörperung und als Maßstab ihres sehen Tauschhandlung und Gebrauch. Die Männer nehmen
Tauschwerts gegenüber. Durch die »Verdopplung der Ware in ihre Funktion als Rechtssubjekte des Austauschs für sich in
Ware und Geld« werden den Waren vermöge des gemeinsa- Anspruch und damit den bestimmenden Einfluß auf die
men Vergleichsnenners ihre Tauschrelationen zur Geldware Mfentliche Sphäre und die Verfassung des Staates. Der Frau
als ihre Preise zugemessen. Der Preis der Waren ist nicht mehr dagegen verbleibt die häusliche Sphäre und die Pflege des
nur der allgemeine Tauschwert, sondern der den Waren selbst I onsums und Gebrauchs der Dinge im familialen Rahmen,
eigene Warenwert, der sich bemißt nach ihren Herstellungs- d ·r Zeugung der Kinder und ihrer Aufzucht im zarten Alter.
kosten, genauer gesagt, nach der für ihre Produktion gesell- Andererseits bleibt ihr auch der Vorstand über die Hausskla-
schaftlich benötigten Arbeitszeit. Dank der den Waren auf v ·n für die häuslichen Gewerbe des Spinnens und Webens,
diese Weise verliehenen Warensprache können und müssen di ·Herstellung und Betreuung der Kleidung, des Pflanzen-
sich die Individuen zum Behuf ihrer Selbsterhaltung, soweit lnhaus und der Kleintierzucht auf der zum Oikos gehören-
sie sich über den Markt versorgen, nach Prinzipien der d •n Flur, wo sie sich mit der landwirtschaftlichen Arbeit und
Bilanzierung ihres Haushalts und ihrer geschäftlichen Unter- V -rantwortung der Männer als Bauern begegnen.
nehmen nach Einnahmen und Ausgaben den Anforderungen lch habe bereits die gänzliche innere Getrenntheit und
der synthetischen Gesellschaft adäquat verhalten, ohne alle l lr mdheit der beiden Aspekte der Tauschabstraktion ins
Einsicht hinter die Oberfläche. I ,i bt gerückt, des Aspektes der Physikalität der Tauschhand-
Bei aller Verkürzung dieser Darstellung wird daraus offen- lun g und des Ausblicks auf die Natur sowie des Aspektes des
kundig, daß die beiden Aspekte der Tauschabstraktion in W: renwerts und des gesellschaftlichen Funktionszusammen-
totaler Fremdheit zueinander stehen. Sie haben keinen lmngs. Aus diesem Incommunicado fließt die Dichotomie
Begriff gemeinsam, die ökonomische Definition des Eisens vo n Natur und Gesellschaft sowie die methodologische von
ist sein Preis, die physikalische sein Atomgewicht. Diese sind Nat ur- und Geisteswissenschaften. Die Liquidierung dieser
unübersetzbar ineinander, und keiner der Aspekte läßt auf I i ·botomie ist um so nötiger, als Kant und Marx, die dahin
die Existenz des anderen schließen. I1"itten führen sollen, die Spaltung nur verschärft und verhär-
Es wurde bereits betont, daß die Tauschabstraktion die ll'l haben, - Kant, indem er seine Analyse der Theorie der
tauschenden Akteure einander gleichsetzt. Ob König oder 111 . thematischen Naturwissenschaft nicht weitergeführt hat
Bettler, als Tauschakteure können sie nichts anderes sein, ~. ll r Analyse der Realwissenschaft, vor allem der Ökonomie,
nicht mehr und nicht weniger, als die Rechtssubjekte ihrer Marx, indem er umgekehrt die Kritik der politischen
Transaktionen. Die Abstraktheit ihrer Gleichgeltung ist die ' k nomie nicht auf die Kritik der Naturwissenschaften aus-
Wurzel des juristischen Rechtsbegriffs, mag auch die Formu- ft•dc hnt hat. So blieb zwischen diesen gewaltigen Denkern
lierung der zivilrechtliehen Tatbestände bei den Griechen län- ,Ii Kluft zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften
ger auf sich warten gelassen haben als bei den Römern. Bei 1111 r noch vertieft bestehen. Durch meine Herleitung der
den Griechen kristallisieren sie sich eher auf die Diskriminie- 1 ·i nen Denkkategorien aus raumzeitlichen Vorgängen und
rungen in Sachen Bürgerrecht. 'I'ttbeständen verliert sich die Dichotomie. Auf dieser Grund-
Eine gravierende Wirkung des Warentauschs macht sich litg · sollte eine eingehende Rekonstruktion von Geschichte
von Grund auf im verschärften Patriarchalismus der werden- nti\glich werden. Ich nehme allerdings nur die Entstehung der
den Gesellschaft geltend. Die Geschlechter verfangen sich in Naturwissenschaft in der Antike und der Neuzeit aufs Korn.
der polarischen Scheidung der Austauschstruktur zwi-

70 71
Zweiter Teil
Gesellschaftliche Synthesis
und Produktion

1.. Produktionsgesellschaft
und Aneignungsgesellschaft
(Wir beschränken uns in diesem Teil, wie auch sonst in
lieser Schrift, in der Hauptsache auf die Gesichtspunkte des
eschichtsverständnisses, ohne in die ausführliche Behand-
lung desselben einzutreten.)
Es wurde mehrfach schon auf das Kennzeichen hingedeu-
t t, durch welches die Produktionsverhältnisse der Klassen-
gesellschaft unterschieden sind von den klassenlosen. Der
egensatz haftet an der verschiedenen Artung der gesell-
·haftlichen Synthesis. Wenn eine Gesellschaft durch den
Arbeitszusammenhang im Produktionsprozeß die Form
Ihrer Synthesis erhält, also ihre bestimmende Ordnung direkt
us dem Arbeitsprozeß menschlicher Naturtätigkeit herlei-
t ·t, so ist sie, zum mindesten der Möglichkeit nach, klassen-
los. Eine solche Gesellschaft kann ihrer Strukturbestimmt-
h ·it nach Produktionsgesellschaft genannt werden. Die Alter-
nntive dazu ist eine auf Aneignung beruhende Gesellschafts-
form. Aneignung wird durchweg hier wie auch früher schon
Im zwischenmenschlichen oder innergesellschaftlichen Sinne
v •rstanden, nämlich als Appropriation von Arbeitsproduk-

73
ten durch Nicht-Arbeitende. Dabei ist zwischen einseitiger ~o:t.ialistischenund kommunistischen Interessen. Im gegen-
und wechselseitiger Form der Appropriation zu unterschei- wärtigen Teil werden wir die neuartigen Begriffe und Schluß-
den. Einseitige Appropriation des Mehrprodukts führt zur folgerungen, die sich am spezifischen Stoff ergeben haben,
Klassengesellschaft in den mannigfachen Formen v~n »direk- als Kategorien und Gesichtspunkte für das allgemeine
ten Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnissen«, um diesen ;cschichtsverständnis verwerten. Der Blick auf die vergan-
Marxschen Ausdruck zu benutzen. Solche Aneignung 1-1 ·nen Epochen hier wird den Boden festigen und verbreitern

geschieht in der Form von tributären Abgaben erzwungener flir die Zukunftserwägungen im nächsten Teil.
oder auch freiwilliger Art, oder in der Form von Raub und
Diebstahl, kann gegründet sein auf Unterwerfung oder
»angestammte Rechte«, etc. Die uns interessierenden Fragen 2. Hand und Kopf in der Arbeit
knüpfen sich indes vorwiegend an die Formen der All-
eignungsgesellschaft auf Grund von wechselseitiger Appro- Vorauszuschicken ist, daß es selbstredend überhaupt keine
priation oder Austausch, also an die verschiedenen Formen 111 ·nschliche Arbeit geben kann, ohne daß darin Hand und
der Warenproduktion. Das gemeinsame Merkmal aller An- I opf zusammen tätig sind. Arbeit ist kein tierartig instinkti-
eignungsgesellschaften ist eine gesellschaftliche Synthesis V •s Tun, sondern ist absichtsvolle Tätigkeit, und die Absicht
durch Tätigkeiten, die der Art nach verschieden und in der muß die körperliche Bemühung, welcher Art diese auch sei,
Zeit getrennt sind von der die Aneignungsobjekte erzeugen- 11 1it einem Minimum von Folgerichtigkeit zu ihrem bezweck-
den Arbeit. Es ist unnötig zu betonen, daß keine Gesell- l ·n Ende lenken. »Wir unterstellen die Arbeit in einer Form,
schaftsformation, ob auf Produktion oder auf Aneignung worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine
beruhend, verständlich ist ohne Berücksichtigung des jeweili- Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln,
gen Entwicklungsstandes der materiellen Produktivkräfte. 11 nd eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen
Im vorangegangenen Teil ist mit ausführlicher Begründung 111anchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein
dargesteilt worden, daß eine gesellschaftliche Synthesis in den tl •n schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeich-
wechselseitigen Aneignungsformen des Warenaustauschs zur 11 •t, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er
Entstehung von Geistesarbeit in scharfer Scheidung von i • in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein
manueller Arbeit führt. Die Einheit der Synthesis von sol- R·sultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vor-
chen Gesellschaftsformen bildet die direkte formgenetische t ·llung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. «1)
Fundierung der zu ihnen gehörenden charakteristischen 1\ l er die für uns wesentliche Frage ist, in wessen Kopf das
Denk- und Erkenntnisformen. Wir stehen nicht an, dieses lwzweckte Resultat des Arbeitsprozesses ideell vorhanden
Ergebnis zu verallgemeinern und daraus zu schließen, daß in i t. »Soweit der Arbeitsprozeß ein individueller, vereinigt
allen Gesellschaftsformationen durchweg, ob Aneignungs- I ·r~elbe Arbeiter alle Funktionen, die sich später trennen. In
oder Produktionsgesellschaften, die gesellschaftlich notwen- 1.,. individuellen Aneignung von Naturgegenständen zu sei-
digen Bewußtseinsformen in deduzierbarer Weise bestimmt 11 •n Lebenszwecken kontrolliert er sich selbst. Später wird er
sind von den gesellschaftlich-synthetischen Funktionen, die li0ntrolliert.« 2 ) Der individuelle Arbeitsprozeß steht zwar in
für die Formationen tragend sind. Durch diese Verallgemei-
nerung werden die vorstehend durchgeführten Spezialunter- I M I~'W 23, 193.
suchungen wertvoll für die heute auf Erfüllung drängenden MEW 23, 531.

74 75
einem sehr bestimmten Sinne, nämlich als »Arbeit des ver- Entwicklung in der Geschichte von primitivem Kommunis-
einzelten Einzelnen«, am Anfang der entfalteten Warenpro- mus, worin die Produktion auf unauflöslicher Gemeinsam-
duktion, aber er steht nicht am Anfang der Menschenge- keit der Arbeit fußt, schrittweise hin zur Ausbildung von
schichte. Es muß deshalb unterschieden werden,' ob das individueller Einzelproduktion auf allen wesentlichen Gebie-
bezweckte Ende eines Arbeitsprozesses ideell im Kopfe des- t n und dementsprechend zur Ausformung der Warenpro-
sen vorliegt, der die Arbeit ausführt, oder in den Köpfen duktion. Hier kommt es nebeneinander zur Verwendung des
mehrerer, die die Arbeit gemeinsam verrichten, oder aber in eldes in seiner Reflexionsform als Kapital und zur gesell-
einem fremden Kopf, der den Arbeitern bloße Splitterteile 'haftlichen Form des Denkens als abgesondertem reinen
des Prozesses zuweist, die überhaupt kein bezwecktes Ende Jntellekt. Es kommt, mit anderen Worten, in scharfer Anti-
bedeuten, weil sie den Ausführenden von anderen gesetzt these zur Vereinzelung der manuellen Produktion, zur
sind. Je nachdem ändern sich die Verhältnisse zwischen Hand niversalierung der gesellschaftlichen Synthesis in ihrer
und Kopf für die Arbeit. Aber die wesentlichenUnterschiede kollateralen Kausalität von ökonomischer Warensprache und
liegen darin, ob das bezweckte Ende die Absicht des einzel- llundierung der ideologischen Begriffssprache. Dieses im
nen ist, der sich körperlich bemüht, oder die Absicht mehre- Ieiassischen Altertum erreichte Mittelstadium der geschicht-
rer, die sich gemeinsam bemühen, oder aber eine bloße li hen Entwicklung erzeugt die Aneignungsgesellschaft in
Teilabsicht, die vom einzelnen allein ausgeführt wird, aber für Ihrer absoluten (»klassischen«) Ausprägung, die die Produ-
ihn überhaupt kein bezwecktes Ende bedeutet, weil sie von '1. •nten als Sklaven von der Teilnahme an der Vergesellschaf-
anderen gesetzt worden ist. tung ausschließt und die eben aus diesem Grunde keinen
Wichtig ist für uns zu unterscheiden zwischen persönlicher B·stand haben konnte. Aber von ihrer Auflösung hebt nun
und gesellschaftlicher Einheit bzw. Scheidung von Hand und in Entwicklungsprozeß an, in dem die Vergesellschaftung
Kopf. Persönliche Einheit von Hand und Kopf ken~zeichnet lic Produktion und die manuelle Arbeit selbst zu ergreifen
wesensmäßig nur Arbeit, welche individueller Einzelproduk- b' ginnt und damit vorwärtstreibt bis zur heutigen Entwick-
tion dient. Das bedeutet nicht, daß auch umgekehrt alle indi- lungsstufe, wo sich innerhalb der kapitalistischen An-
viduelle Einzelproduktion solche persönliche Einheit voraus- ignungsgesellschaft die Voraussetzungen einer modernen
setzt; man denke z. B. an Töpferei oder Textilproduktion · Produktionsgesellschaft herangebildet haben und die
durch Sklaven, die zwar das Produkt durch ihre Einzelarbeit Menschheit, entsprechend der Voraussicht von Marx und
erzeugen mögen, aber nicht Herr über Zweck und Art dersel- Engels, vor die unausweichliche Alternative zwischen beiden
ben sind. Persönliche Scheidung von Kopf und Hand gilt von ~ ·stellt ist. Diese Gesamtentwicklung gilt es durch ihre
aller Arbeit, die unter fremder Zwecksetzung geschieht. ll auptphasen hindurch in gedrängtesterKürze zu verfolgen.
Gesellschaftliche Einheit von Hand und Kopf dagegen ist
Kennzeichen kommunistischer Gesellschaft, sei diese von
primitiver oder von technologisch hochentwickelter Art. Im . Beginnende Mehrproduktion und Ausbeutung
Gegensatz dazu steht gesellschaftliche Scheidung zwischen
geistiger und körperlicher Arbeit, die sich durch die ganze Unter diesem Titel begreifen wir, in unsere Begriffssprache
Geschichte der Ausbeutung erstreckt und die verschieden- bcrsetzt, den Übergang von der primitiven (kommunisti-
sten Formen annimmt. ·hcn) Produktionsgesellschaft zu den ersten Formen von
Ganz im großen betrachtet, zieht sich die gesellschaftliche 1\ ncignungsgesellschaft. Die Anfänge der Aneignung in dem

76 77
hier verstandenen, innergesellschaftlichen Sinn setzen eine nicht, noch auf lange Zeit nicht, zur Form des innergesell-
hinreichende Produktivitätssteigerung oder Entwicklung der schaftlichen Nexus.
Produktivkräfte der kollektiven Gemeinschaftsarbeit voraus, Individuelle Einzelproduktion entwickelte sich von früh
1
um regelmäßige Überschüsse von lohnendem Ausmaß über nuf in der Verfertigung von Steinwerkzeugen und -waffen,
das Existenzminimum erwarten zu lassen. Die ersten dann aber vor allem in den Handwerkszweigen späterer,
Anfänge von Aneignung entwickeln sich innerhalb des neolithischer Erfindung, also in der Sekundärproduktion wie
Gemeinwesens und bringen langsame, aber darum nicht 'l'öpferei, Spinnen und Weben etc., vorwiegend Frauenarbeit,
minder einschneidende Veränderungen in den auf Gemein- und gegen Ende des Neolithikums in den Metallgewerben,
eigentum und gemeinschaftlicher Konsumtion beruhenden die wieder Männerarbeit waren. Die Sekundärindustrien
Produktionsverhältnissen mit sich. Marx erblickt die Not- werden das Hauptfeld des Warenhandels wie auch der Waren-
wendigkeit vermittelnder Formen für diese Veränderungen, handel Förderungsgrund für die Ausbreitung der Sekundär-
namentlich beginnenden Austausch mit anderen Gemein- ~c werbe . Durch die Entwicklung und Wechselwirkung bei-
wesen, der dann zersetzend auf die innere Ordnung zurück- der erfährt die Mehrproduktion und klassenmäßige Reich-
wirkt. Nachhaltige Rückwirkung entsteht, wenn diejenigen tumsbildung mächtigen Aufschwung, genügend, um die
Elemente, die von der entstandenen Aneignungspraxis den un geheure Leistung der Kultivierung der großen alluvialen
Vorteil haben, zu aktiven Kräften werden, die die Entwick,.. I llußtäler vom Nil bis zum Hoangho in verwandten Zeitspan-
lung in der Richtung vorantreiben, die ihnen dient, ,sich also ' n •n in Gang zu setzen.
zu einer gesonderten gesellschaftlichen Macht organisieren.
Unter ihrem Einfluß entstehen wachsende Eingriffe in das
Gemeineigentum, vor allem am Boden, und zunehmende 4. Gabentausch und Warentausch
Abhängigkeitsverhältnisse für die Produzenten. Allmählich
bilden sich feste, auf Erblichkeit und Patriarchat gegründete Die Tauschabstraktion gehört zum Warentausch, sie
Klassenteilungen innerhalb der Gesellschaft heraus, verbun- •hört nicht zu seiner geschichtlichen Vorform, dem
den mit äußeren Eroberungszügen und ausgedehnter Raub- ; ·schenke- oder Gaben tausch. Der Gabentausch ist gekenn-
und Handelstätigkeit. '1. ·ichnet durch die Verpflichtung zur Reziprokation der
Diese äußerst abstrakte Skizzierung steht ausschließlich im )abe, der Warentausch darüber hinaus durch das Postulat der
Dienst der Hervorhebung dreier grundsätzlicher Momente: ,\quivalenz der getauschten Objekte. Die Unterschiede und
1. die Produktionsweise, genauer gesagt, der Arbeitsprozeß , •gensätze bedürfen der Aufklärung.
bleibt in der Primärproduktion, d. h. Bodenbearbeitung und Die erste eingehende Erforschung des Gabentauschs ist
Viehwirtschaft, noch auf sehr lange Zeit der Organisations- Anfang des Jahrhunderts durch Marcel Mauss erfolgt; seine
form nach kollektiv; 2. die innergesellschaftliche Reichtums- ~. w :m z igjährigen Untersuchungen kamen 1924 in Paris zur
bildung auf seiten der aneignenden Klasse geschieht im V·riiffentlichung in seinem berühmten Essai sur le Don oder
weitaus wesentlichsten Maße in den Formen einseitiger 1)ic Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen
Appropriation des Mehrprodukts; 3. der Produktenaus- ,'csellschaften. J) Seine Methode ist, wie er selbst sagt, die des
tausch behält in der Hauptsache den Charakter bloßen 11ri\:~. i sen Vergleichs«; sie reicht aus, ihm zu einer genauen
Außenverkehrs zwischen verschiedenen Gemeinwesen. Mit
anderen Worten, der Tauschverkehr entwickelt sich noch \ Suhrk amp, Frankfurt 1969.

78 79
Beschreibung der Phänomene in ihrer ungeheuren Vielfalt zu zen und ihre Ächtung provozieren. Kein Zweifel deshalb,
verhelfen; eine historische Erklärung des Phänomens des innerhalb eines archaischen und kollektiven Gemeinwesens
Gabentausches als solchem hat er nicht angestrebt. Doch war ist die Erwiderung im Gabentausch genugsam zuverlässig. Ist
seine beschreibende Analyse eine verdienstliche Leistung, die das aber in anderen und späteren Gesellschaften auch noch
die aufstrebende französische Anthropologie in fruchtbare s ?
Bewegung versetzt hat. Indessen vermissen wir in Mauss' Das auf das Steinzeitalter folgende Bronzezeitalter bringt
Untersuchung eine materielle Definition dessen, was er unter in dem wesentlichen Punkt noch keine Umwälzung. Bronze
archaischen Gesellschaften verstand. Ich supplementiere des- ist relativ rar und kostbar und steht nur den Herrschenden für
halb eine solche, wie sie mir am offenkundigsten erscheint: Waffen und Luxussachen zur Verfügung. Die Primärprodu-
Als arcliaisch sollen Gesellschaften verstanden werden, '/, nten dagegen werden in der Hauptsache bei ihren Steinzeit-
welche für die Bodenbearbeitung mit keinen anderen als li hen Werkzeugen belassen. Allerdings verschafft die Anlage
steinzeitliehen Geräten und Werkzeugen ausgestattet sind. von Bewässerungssystemen in den großen alluvialen Fluß-
Mit solcher Ausrüstung ist keine Einzelproduktion, keine illern vom Nil bis zum Hoangho den Herrschern in der
individuelle Selbsterhaltung möglich und deshalb eine kollek- Br nzezeit eine erheblich gesteigerte Agrarausbeute.
tive Produktionsweise und Gemeineigentum von der einen Der maßgebliche Bruch in den Traditionen der archaischen
oder anderen Art eine Notwendigkeit. l'esellschaften tritt ein durch die Eisengewinnung und Eisen-
Nun präzisiert Marcel Mauss sein Forschungs~orhaben v •rarbeitung an der Schwelle zum letzten Jahrtausend v. u. Z.
wie folgt: J{. J. Forbes erklärt das Spezifikum dieser technischen Neue-
l lll1.g wie folgt:
». .. so untersuchen wir vonalldiesen Prinzipien im Grunde doch nur
ein einziges. Welches ist der Grundsatz des Rechts und Interesses, der »The study of early iron metallurgy reveals that the production of
bewirkt, daß in den rückständigen oder archaischen Gesellschaften das wrought iron and steel (here used throughout in the sense of surface-
empfangene Geschenk obligatorisch erwidert wird? Was liegt an der l'lll'burised wrought iron) entailed the introduction of an entirely
gegebenen Sache für eine Kraft, daß der Empfangende sie erwidert?<< 4 ) lllff rent complex of techniques and processes . The Bronze Age smith
lmu to relearn his trade. The new techniques involved correct slagging of
Diese zweite Frage übernimmt bereits die Perspektive der tlw matrix of iron ores, new tools and methods to handle the vbloom-
archaischen Menschen selbst. Aber die Erwiderung haftet so IJI'Oduced by the first smelting of iron ores, and the mastery of the
wenig an der Sache wie am Zeitpunkt oder am Ort des Aus- llll'burising, quenching and tempering processes, which enabled the new
~ 1nich to produce steel from wrought iron. For only the new steel was
tauschs, die Erwiderung haftet an der Person. s)
NIIP •rior to bronze and similar alloys- wrought iron alone would not
Eine Person, die eine Gabe, die sie empfangen hat, ohne
h, v • produced this technical revolution. «6)
jedwede Erwiderung ließe, sie also behandelte, als ob sie ihr
persönliches und definitives Eigentum wäre, würde sich in 1t R. J. Forbes, >> Metals and Early Science«, Essays on the Social History
einen unerträglichen Gegensatz zu ihrem Gemeinwesen set- oj' . cience, hg. von S. Lilley, Centaurus Vol. 3, Ejnar Munksgaard,
;openhagen 1953, p. 25-26. Meine Übersetzung: »Das Studium der
f1·ühen Eisenmetallurgie offenbart, daß die Produktion von Schmie-
4 Ibid. , S. 13. d •eisen (hier durchweg im Sinne von oberflächenkarbonisiertem
5 Ich spreche von Person nur insofern, als auch in archaischen Gesell- S •hmiedeeisen gebraucht) die Einführung eines gänzlich neuartigen
schaften die Individuen Eigennamen haben, mit denen sie sich persön- 1\omplexes von Techniken und Prozessen beinhaltete. Der bronzezeit-
lich angesprochen wissen. li ·hc Schmied hatte sein Handwerk neu zu erlernen. Die neuen Techni-

80 81
Es kommt hinzu, daß Eisenerz in Vorderasien und von Gebrauchshandlungen die Bildung der Tauschabstrak-
Griechenland nahezu ubiquitär gefunden wurde und di~ tion verursacht.
Metallgeräte aus Eisen bzw. Stahl ungleich billiger und härter
waren als diejenigen aus Kupfer und seinen Legierungen. Die
Verwendung von Eisengerät in der Bodenbearbeitung bringt 5. Die klassische Aneignungsgesellschaft
eine wirtschaftliche Umwälzung in der Agrarproduktion her-
vor. Sie kann jetzt erfolgreicher als Einzelwirtschaft betrie- Die ersten strukturtypischen Ergebnisse der neuen Eisen-
ben werden als in der umständlichen und aufwendigen Art metallurgie, die sich etwa um das Jahr 1000 v. u. Z. oder
der asiatischen Produktionsweise. Mit dem Übergang zur etwas vorher schon ausbreitete, waren die Zivilisationen der
Eisentechrlik entsteht die Ökonomie der »kleinen Bauern- Phönizier und nach ihnen der Griechen und der Römer.
wirtschaft und des unabhängigen Handwerkbetriebes«, die I nfolge der Emanzipation ihrer Primärproduktion von der
nach Marx' berühmter Fußnote »die ökonomische Grund- schwerfälligen alluvialen Bewässerungswirtschaft als Vor-
lage der klassischen Gemeinwesen in ihrer besten Zeit bedingung der nötigen Mehrproduktion konnten die neuen
[bilden], nachdem sich das ursprünglich orientalische Mächte sich mit viel kleineren Räumen begnügen, Hügel-
Gemeineigentum aufgelöst und bevor sich die Sklaverei der land, Küstenstriche und Inseln besiedeln und Vorteil aus ihrer
Produktion ernsthaft bemächtigt hat« (MEW 23,.354n). 13eweglichkeit ziehen. In den Legenden ihrer heroischen
Vor diesem Hintergrund ist nun aber auf die Bereitschaft Prühzeit (denen des Herakles, der Argonauten etc.) zeigen sie
zur Erwiderung beim Gabentausch kein Verlaß mehr und der sich stark genug, in das Gebiet der altorientalischen Großkul-
Austausch muß eine tiefgreifende Umformung erfahren, turen und ihres fabulösen Reichtums Streifzüge mit Zerstö-
eben die Umformung zum Waren tausch. Das heißt, die zuvor rungen, Beraubungen, Entführungen usw. zu unternehmen
in unregelmäßiger zeitlicher Sukzession zur Gabe nach Belie- und sich auf diese Weise zusammen mit den geplünderten
ben früher oder später erfolgende Erwiderung verkoppelt Schätzen die überlegenen Techniken und Künste der Alten
sich jetzt strikt mit ihr zur prompten Bezahlung an Ort Welt anzueignen, ihnen nach und nach, vor allem in den
und Stelle, so daß die beiden Akte des Austausches simul- Sekundärzweigen der Produktion, ebenbürtig und in der
tane und wechselseitige Bedingungen werden und zur Ein- Waffenherstellung und im Schiffsbau überlegen zu werden.
heit eines Tauschgeschäftes zusammengekettet sind. Die Der Vereinzelung der Produktion entspricht, daß diese
Partner dieses Verhältnisses stehen sich nun als Käufer und Abenteurer ihre Raub- und Plünderungszüge in die umge-
Verkäufer im vollen Sinne der Tauschhandlung (und der bende Welt auf eigene Faust und eigenes Risiko unternehmen,
Tauschverhandlung) einander gegenüber, deren Trennung nicht mehr im Dienst von theokratischen Herrschern, ohne
Staatsmacht als Rückendeckung. Sie handeln als Heroen,
ken verlangten korrektes Ausschlacken der Gießform des Eisenerzes, unabhängige Individuen, mit denen sich ihr Volk und
neue Werkzeuge und Behandlungsmethoden der Luppe, die beim I eimatstaat identifiziert, um ihrer Praxis von autonomer
ersten Schmelzen des Eisenerzes produziert wurde, sowie die Beherr-
Aneignung vorgefundenen fremden Reichtums nachzu-
schung der Karbonisierungs-, der Lösch- und der Temperierprozesse,
·ifern. Dabei ist ihre mythologisierende Vorstellungswelt
welche den neuen Schmied zur Produktion von Stahl aus dem Schmie-
deeisen befähigten. Denn nur der neue Stahl war der Bronze und derjenigen der Bronzekulturen noch verwandt, aber so, daß
verwandten Legierungen überlegen - Schmiedeeisen allein hätte die die Götter sich aus Bindungen der Appropriateure an eine
technische Revolution nicht hervorgerufen.<< höhere Macht in Schicksalsgötter der Heroen selbst verwan-

82 83
J
deln. Es ist die Vor- und Ursprungsform des privaten Waren- Marx (MEW 23, 149/150). Auch in Griechenland bilden die
verkehrs, bevor er sich noch in die Paritäten oder Disparitä- I Ieine Bauernwirtschaft und der unabhängige Handwerks be-
ten der Geldform verfängt. Diese Ankündigungen späterer rieb »die ökonomische Grundlage der klassischen Gemein-
Formen sind von Horkheimer und Adorno in ihrer Dialektik wesen zu ihrer besten Zeit, nachdem sich das ursprünglich
der Aufklärung scharfsichtig erkannt worden. orientalische Gemeineigentum aufgelöst und bevor sich die
Es ist indes eine strittige Frage, ob und in welchem Grade Sklaverei der Produktion ernsthaft bemächtigt hat« (MEW
der Warenverkehr und die Geldzirkulation in der Welt der l , 354). Die Umwandlungen geschehen als Wirkung der
klassischen Antike den Tatbestand der Warenproduktion Waren- und Geldwirtschaft. »In der antiken Welt resultiert
erfüllten. Engels bejaht die Frage und spricht von entfalteter di · Wirkung des Handels und die Entwicklung des Kauf-
Warenp.Foduktion, die für ihn nach dem Vorgang von Lewis 111:.\nnskapitals stets in Sklavenwirtschaft; [ ... ]In der moder-
Morgan vom Beginn der Zivilisationsstufe datiert. Und soviel 11 •n Welt dagegen läuft sie aus in die kapitalistische Produk-
ist klar, daß mit der durch die Entwicklung der Produktiv- lionsweise. « (MEW 25, 344)
kräfte bedingten Ablösung der kollektiven Primärproduk- er entscheidende Unterschied zwischen Antike und
tion durch die Einzelproduktion der »kleinen Bauernwirt- Moderne ist, daß nur in der Moderne die Reichtumsbildung
schaft« und mit der gleichzeitigen Entwicklung des »unab- llliS der Produktion des Mehrwerts erfolgt, und nicht nur
hängigen Handwerksbetriebs«, um die beid~n bei Marx durch Aneignung, also bloße Eigentumsverschiebung beste-
zusammengehörigen Kategorien zu nennen, eine Ausdeh- h •nder Werte. In der klassischen Antike war die Reichtums-
nung und Vertiefung des Warenverkehrs zur elementaren bi ld ung im wesentlichen außen-, nicht innenwirtschaftlicher
ökonomischen Notwendigkeit wurde. Dafür kann die Ein- 1\ rt, das heißt, auf die Beraubung und Ausbeutung anderer
führung und rasche Ausbreitung des Münzwesens im 7. und ; ·meinwesen und stammesfremder Menschen, also auf
6. Jahrhundert v. u. Z. als unbezweifelbarer Gradmesser nterwerfung zur Tributpflicht oder Verwandlung in Skla-
dienen. Aber das reicht noch nicht hin, um eine Gesell- v ·n gegründet. Dazu bedurfte es seitens der erobernden
schaftsformation zu dokumentieren, in der Warentausch 111 iechischen Stadtstaaten stets einer stammesmäßigen Verfas-
schon zum allein bestimmenden inneren nexus rerum gewor- ung, durch die sie als genossenschaftliche Macht zusammen-
den ist. »Es gehört [... ] wenig Bekanntschaft [... ] mit der IH\Iten und agieren konnten. Aber diese Bedingung stand im
Geschichte der römischen Republik dazu«, sagt Marx, »Um Widerspruch mit der warenwirtschaftlichen Entwicklung.
zu wissen, daß die Geschichte des Grundeigentums ihre I) •nn es galt auch da schon, daß »nur Produkte selbständiger
Geheimgeschichte bildet. « (MEW 23, 96) Solange der 11nd voneinander unabhängiger Privatarbeiten einander als
gemeinfreie Bauer im Besitz seiner Arbeitsmittel war, bildete W:lren gegenüber[ treten] « (MEW 23, 57). In der Rückwir-
der Entzug des Grundeigentums das Hauptmittel zu seiner lwng auf die innere Ökonomie verwandelt sich das äußere
Ausbeutung (vgl. hierzu auch MEW25, 798 f). Durch welche '1\-ibutverhältnis in den Klassengegensatz innerhalb der Polis
vermittelnden Prozesse war aber die Monopolisierung des t.wischen Schuldnern und Gläubigern bis an die Grenzen des
Grundeigentums gegen die Bauern zustande gekommen? Vt•rkaufs von Schuldnern in die Sklaverei. Diese Umwand-
»Der Klassenkampf der antiken Welt z. B. bewegt sich haupt- lllng hat Engelsam Beispiele Athens in klassischer Weise dar-
sächlich in der Form eines Kampfes zwischen Gläubigern und I\I'Stellt, und es lohnt sich, die entscheidenden Stellen hier zu
Schuldnern, und endet in Rom mit demUntergangdes plebe- wi ·derholen.
jischen Schuldners, der durch den Sklaven ersetzt wird«, sagt Bereits »gegen Ende der Oberstufe der Barbarei«, »[ .. . ]

84 85
durch den Kauf und Verkauf von Grundbesitz, durch die / Ur Verwandlung der Produkte in Waren. Und hier liegt der
fortschreitende Arbeitsteilung zwischen Ackerbau und K •im der ganzen folgenden Umwälzung. [ ... ] Wie rasch,
Handwerk, Schiffahrt und Handel[ ... ] [kam] das geregelte 11>\ ·h dem Entstehen des Austauschs zwischen einzelnen und
Spiel der Organe der Gentilverfassung so in Unordnung, daß 111it der Verwandlung der Produkte in Waren, das Produkt
schon in der Heroenzeit Abhilfe geschaffen wurde«. Es t•inc Herrschaft über den Produzenten geltend macht, das
erfolgte >>die Einteilung des ganzen Volks, ohne Rücksicht auf oll ten die Athener erfahren. Mit der Warenproduktion kam
Gens, Phratrie oder Stamm, in drei Klassen: Adlige, Acker- 1li • Bebauung des Bodens durch einzelne für eigne Rechnung,
bauern und Handwerker. [ ... ] Die Herrschaft des Adels stieg d1mit bald das Grundeigentum einzelner. Es kam ferner das
mehr und mehr, bis sie gegen das Jahr 600 vor unsrer Zeit- ; •ld, die allgemeine Ware, gegen die alle andren austauschbar
rechnung unerträglich wurde. Und zwar war das Hauptmit- V11rcn; aber indem die Menschen das Geld erfanden, dachten
tel derUnterdrückungder gemeinen Freiheit - das Geld, und it• nicht daran, daß sie damit wieder eine neue gesellschaft-
der Wucher. Der Hauptsitz des Adels war in und um Athen, lil'l1 Macht schufen, die Eine allgemeine Macht, vor der die
wo der Seehandel, nebst noch immer gelegentlich mit in den 1111:1.e Gesellschaft sich beugen mußte. Und diese neue, ohne
Kauf genommenem Seeraub, ihn bereicherte und den Geld- Wissen und Willen ihrer eignen Erzeuger plötzlich emporge-
reichtum in seinen Händen konzentrierte. Von hier aus drang prungene Macht war es, die, in der ganzen Brutalität ihrer
die sich entwickelnde Geldwirtschaft wie zersetzendes Schei- Iu g ·ndlichkeit, ihre Herrschaft den Athenern zu fühlen gab.«
dewasser in die auf Naturalwirtschaft gegründete, altherge- An dem umwälzenden Einfluß der Warenwirtschaft und
brachte Daseinsweise der Landgemeinden. Die Gentilverfas- ; •ll zirkulation auf die griechische Gesellschaft in der fragli-
sung ist mit Geldwirtschaft absolut unverträglich; der Ruin ' h ·n Zeit kann schwerlich gezweifelt werden. Engels' Schil-
der attischen Parzellenbauern fiel zusammen mit der Locke- l ·rung und Einschätzung wird von George Thomson in allen
rung der sie schützend umschlingenden alten Gentilbande. t•s ·ntlichen Zügen bestätigt (The first Philosophers, London
Der Schuldschein und die Gutspfändung (denn auch die 11 . , S. 196). Beide weisen auf den entscheidenden Umstand
Hypothek hatten die Athener schon erfunden) achteten lt111 , daß die Gesellschaft die Herrschaft über ihre Produktion
weder Gens noch Phratrie. Und die alte Gentilverfassung 1 ,·lor und daß deshalb Warenverkehr und Geld >>die Eine all-

kannte kein Geld, keinen Vorschuß, keine Geldschuld. 1 '111 •ine Macht wurde, vor der die ganze Gesellschaft sich
Daher bildete die sich immer üppiger ausbreitende Geldherr- IH• II~Cn« mußte. Langsam, aber unausweichlich gewann die
schaft des Adels auch ein neues Gewohnheitsrecht aus zur W111' •nwirtschaft die Oberhand über die Stammesbindungen,
Sicherung des Gläubigers gegen den Schuldner, zur Weihe der die•im Laufe des 4. Jahrhunderts ihrer endgültigen Auflösung
Ausbeutung des Kleinbauern durch den Geldbesitzer. Die t lltt'i ben.
Äcker starrten von Pfandsäulen. [ ... J Die Äcker, die nicht so 1\ uch ohne daß die antike Warenproduktion im kapitalisti-
bezeichnet, waren großenteils bereits wegen verfallner - h ·n Sinne Mehrwertproduktion war, war sie Basis einer
Hypotheken oder Zinsen verkauft, in das Eigentum des adli- ~ nthetischen Gesellschaft« in meinem Sinne, d. h. einer
gen Wucherers übergegangen. [ ... ]Noch mehr. Reichte der ,,, t•llschaftsformation, in welcher die gesellschaftliche Syn-
Erlös des verkauften Grundstücks nicht hin zur Deckung der tlic•N is vom Austauschprozeß der Produkte als Waren vermit-
Schuld[ ... ], so mußte der Schuldner seine Kinder ins Aus- 1111 i ~t und nicht mehr auf einer gemeinschaftlichen Produk-
land in die Sklaverei verkaufen. [... J Der aufgekommene t IIIISweise beruht. Und das ist alles, was erforderlich ist,
Privatbesitz[ ... ] führte zum Austausch zwischen einzelnen cl1111it die Realabstraktion beherrschendes Element für die

86 87
Denkform wird und uns dazu berechtigt, die begrifflichen wird der Warentausch zu einer tragenden Form der Vergesell-
Wesenszüge der griechischen Philosophie und Mathematik · l'haftung, in der sich ein Netz von bloßen Eigentumsverhält-
und die scharfe Scheidung zwischen geistiger und körper- nissen die Produktion und Konsumtion der Gesellschaft
licher Arbeit, die damit ins Leben trat, auf diese Wurzel als ubsumieren kann, sei es als Produktion mit Sklavenarbeit,
den bestimmenden Ursprung zurückzuführen. ·i es später diejenige vermittels Lohnarbeit. Arbeit und
Ich ziehe eine wesentliche Unterscheidungslinie zwischen V•rgesellschaftung stehen hier von vornherein auf getrennten
primitivem Tausch und dem Warentausch im eigentlichen Pnlcn.
Sinne. Primitiver Tausch, Geben und Nehmen von Geschen- Unter dem Einfluß des Warentausches dieses funktionalen
ken, zeremoniöser Potlatsch, manche Verwendungen von l11lJalts entwickelte sich der antike Stadtstaat zur puren
Heiratsgut etc. erwachsen im Differenzierungsprozeß gentil- l':i~ •ntümergesellschaft oder zur >>Aneignungsgesellschaft« in
gesellschaftlicher Gemeinwesen und im Verkehr zwischen dtr ·r klassischen Gestalt, nämlich ohne Teilnahme der Produ-
solchen. Sie kennen eine Reziprozität der Darbringungen, '''nten an ihr, da diese als Sklaven ihre Arbeit im Souterrain
aber keine Äquivalenz der dargebrachten Objekte an und für d1' l' Gesellschaft der Appropriateure verrichteten. Man

sich. Die Objekte haben den Charakter von Überschüssen, I lnnte den hier herrschenden, entwickelten Warenverkehr
erwachsen aber nicht aus Ausbeutungsverhältnissen, wenig- 11!. reflektierten vom primitiven als einfachem Austausch

stens nicht ursprünglich, obwohl sich in der weiteren Ent- llltl•rscheiden. Nur in der reflektierten Form hat er den
wicklung Übergangsstufen zur Ausbeutung herausbilden. .hn.rakter von Privatverkehr mit individuellem Wareneigen-
Dieselben weisen jedoch nicht geradewegs in die Richtung 111m und auf private Rechnung, und nur in dieser Bestimmt-
der Warenproduktion, sondern führen zur Entstehung von l~t• il wird er zur innergesellschaftlichen Verkehrsform. Hier-
direkten Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnissen, wie HI S versteht sich, daß die gesamte Formanalyse der Waren-

sie im vorigen Abschnitt beschrieben worden sind. lllld Tauschabstraktion, die im ersten Teil durchgeführt

Dort aber, wo nach Ablösung der Bronzezeit durch die ' lll'dc, ausschließlich dem Warenverkehr in seiner reflektier-
Eisenzeit Warentauch sich ausbreitet und nach und nach ins 11' 11 I 1orm gilt, da die Analyse auf den Warentausch als Modus

innere Gefüge der antiken Gemeinwesen eindringt, ist er d t~ l' Vergesellschaftung, als Modus der gesellschaftlichen Syn-
Äquivalententausch von Produkten ausgebeuteter Arbeit und 1h ·H is, gerichtet war. Es ist eine Synthesis der Aneignung und
wird zum Zweck einseitiger Reichtumsbildung betrieben. Im 1•in · falsche Synthesis, in der die Gesellschaft die Herrschaft
Zuge dieses Äquivalententauschs werden schon in fernen vor- t lu.'r ihren Lebensprozeß verliert und in der die menschliche
kapitalistischen Epochen die einen reich und die anderen arm. 1'10duktivpotenz, d. h. die Potenz der menschlichen Selbst-
Er hat Ausbeutung zum Inhalt und Ausbeutung zur Grund- 1' 1/ , •ugung, sich spaltet in einseitig manuelle Arbeit Aus-

lage. Das heißt, er hat denselben Inhalt wie die einseitige ~ 11h ·uteter und ebenso einseitig intellektuelle Tätigkeit im
Aneignung in den Herrschaftsordnungen der Bronzezeit. h1•w ußtlosen Dienst der Ausbeutung. >>Wert« in der mit dem
Aber der Inhalt ändert seine Form. Dadurch,- daß er die 1•ld verknüpften Reichtumsbedeutung dieses Begriffs ist
Wechselseitigkeit der Tauschform annimmt, komplettiert sich 1t~w if~ Arbeitsprodukt, aber nicht aus Subsistenzgründen
die Aneignung zu einem sich selbst genügenden Verhältnis 1 1nnlaßtes, sondern gesellschaftlich und herrschaftsmäßig

des gesellschaftlichen Verkehrs, einer Verkehrsform ; nach 1/,wungenes Arbeitsprodukt, man könnte sagen: klassen-
puren und rückbezüglichen Normen des Eigentums. In die- 1111 giges Arbeitsprodukt. Diese Reichtumsbedeutung des

ser sich selbst regulierenden und marktbildenden Kapazität W,u· ·nwerts und die Klassenbedeutung der ihn schaffenden

88 89
Arbeit als ausgebeuteter Arbeit sind aus der weiteren springend, auf das wir im folgenden Abschnitt eingehen - ste-
Geschichte nicht wieder verschwunden, obwohl es nicht an h ·n wir heute vor dem Ergebnis, daß die Aneignungsgesell-
Kriseneinbrüchen und Notzuständen gefehlt hat, in denen .~ ·haft überhaupt im Ausgang aus der Geschichte begriffen
diese Bedeutungen zeitweilig vergessen worden sind und zu und ihre Ersetzung durch die moderne Produktionsgesell-
ihrer Wiederbelebung einer »Renaissance« bedudten. , ·haft fällig geworden und im Gange ist.
Der tiefste solche Kriseneinbruch war der der klassischen
Antike selbst. Die Synthesis der Aneignung versagte im
Punkte der Vollendung. Dadurch, daß der Produzent außer-
). Entstehungsgründe
halb des gesellschaftlichen Nexus steht, benimmt sich dieser
der antiken Naturphilosophie
Nexus der Fähigkeit seiner ökonomischen Reproduktion und
ist abhängig von den Zufälligkeitendes stets erneuerungsbe-
düdtigen Produzentenfangs. Auf der Bewußtseinsebene Zum Verständnis der antiken Naturwissenschaft und ihrer
betrachtet, zeigt sich das am Fehlen des Konstitutionspro- l':t1tstehung in Ionien um 600 v. u. Z. muß man sich die durch
blems in der griechischen Philosophie im Gegensatz zur neu- 1I ·n Warentausch verschuldete Spaltung von Gesellschaft und
zeitlichen. Mit Recht bemerkt George Thomson, daß in der Natur vor Augen halten, wie sie durch die Unterscheidung
griechischen Philosophie die Entwicklung mit dem Materia- d ·r Zweiten rein gesellschaftlichen Natur von der Ersten
lismus beginnt und dann in zunehmendem Grade zum Idea- N, tur zum Ausdruck kam. Die gesellschaftliche Synthesis
lismus tendiert, während in der neuzeitlichen Philosophie die du rch den Warentausch schließt jeden praktischen Naturkon-
gegenteilige Tendenz vorherrscht. Die Selbstentdeckung des t tk t aus, da sie, die gesellschaftliche Synthesis der privaten
Menschen und seine Entfremdung von der Natur, wozu der W. rcnbesitzer, allein auf deren Entscheidung in ihren Ver-
synthetische Nexus der Gesellschaft die Grundlage bietet, h,mdlungen und Vertragsabschlüssen zum Warentausch fußt.
beginnen bereits im 6. Jahrhundert, in Ionien sogar noch ein I •r Kontrast zur Praxis der archaischen Gesellschaft, die in
Jahrhundert früher. Aus dieser Erfahrung erwächst die Philo- Ih r •n unterschiedlichen Formen (zuletzt der mykenischen
sophie. Aber die Ausformung des diskursiven D~nkens zu Zivilisation) die Vergangenheit beherrschte und in denen der
seiner vollen begrifflichen Autonomie erstreckt sich von 1\I'N·llschaftliche Nexus der noch unselbständigen Individuen
Thales zu Aristoteles über dreihundert Jahre und vollendet nli t dem Naturkontakt in untrennbarer Einheit verbunden
sich, als die Existenzgrundlage der Polis schon in Frage steht, var, könnte nicht krasser sein. Für die synthetische Gesell-
ja die Polis selbst sich aufzulösen beginnt. li •ltaft- wir kontrastieren die Ausdrücke >>naturwüchsig« und
Was auf die antike Aneignungsgesellschaft nach ihrer voll- nthetisch« wie etwa Kautschuk mit Buna - könnte sich
endeten Auflösung (auch der des Römischen Reichs) in der Ht f. hrung und Erkenntnis des Naturzusammenhangs auf
Gestalt des Feudalismus folgt, ist, abgesehen von der schritt- l11•inc andere Weise verschaffen lassen als im Wege einer
weisen Umwandlung der Geldabhängigkeiten in Abhängig- ur•dnnklichen Anstrengung, bei der die mythologischen
keiten vom Boden und vom Grundbesitz, gekennzeichnet Ht findungen der Vorzeit ausgeschaltet werden und echter
vor allen Dingen durch die Einbeziehung der Produzenten V!· t·gc wisserung der Fakten und methodischer Überlegung
und Arbeiter in die Gesellschaft, also die Einbeziehung de 1111d Verstandesdenken Platz machen, fußend auf aus der
Arbeit in die Aneignungsgesellschaft. In der Endwirkung 'Huts habstraktion zugänglich werdenden Begriffsahstrak-
dieser Entwicklung - und alles Dazwischenliegende über- I i11 11 .

90 91
Nun wäre allerdings nichts verfehlter und irreführender als der drohenden Gefahr eines Zerfalls der Polis, der ja dann am
die Vorstellung, daß der Warentausch bei seinem ersten Auf- Ende des 4. Jahrhunderts auch eintrat. In dieser Schrift
treten schlagartig schon die griechische Polis in ihrer Gänze spricht Platon am wenigsten als Philosoph. Wie aber, so darf
beherrscht hätte. Warenaustausch kann im Anfang nur ein man fragen, ist in Griechenland der Grund zur Philosophie
zufälliges und episodisches Ereignis gewesen sein. A.ristoteles überhaupt gelegt worden?
gibt in seiner Politik den Eindruck, daß Geld bei überseei-
schen Transaktionen, wie etwa der Beschaffung von Getreide a. Auf dem Wege übers Geld zur Auflösung des
aus Naukratis oder vom Pontus gegen Olivenöl oder Wein »griechischen Mirakels<<
aus Attika, vom 6. Jahrhundert an notwendig geworden sei.
Außerdew hat der treibende Faktor der Geldentwicklung, Nicht die griechische Philosophie als Gesamtphänomen
nämlich die Betätigung des Geldes in seiner Reflektionsform soll hier angegangen werden, sondern einige Schlüsselbe-
des Kapitals, in der klassischen Antike, d. h. bis zum Ende wiffe, auf denen sie aufgebaut hat. An dieser Stelle ist es auf
des 4. Jahrhunderts v. u. Z., nur innerhalb der Zirkulations- Jie genetische Ursprungserklärung des eleatischen Seinsbe-
sphäre stattgefunden, ohne Übergriff in die Produktion, also l-lriffs abgesehen. Dieser Begriff des Parmenides ist unter den
nur als Handels- und Wucherkapital, nicht als Produktions- Begriffen der ersten Philosophen der konziseste, wenn auch
kapital wie in der europäischen Neuzeit. Das erklärt den der starrste und eigensinnigste, der die Wege und Umwege
unterschiedlichen Erkenntnisgegenstand der antiken und der der Entfaltung der griechischen Philosophie weitgehend
neuzeitlichen Naturwissenschaft, nämlich, daß das Erkennen h ·stimmt hat. Wir haben erklärt, daß die reinen philosophi-
der Alten auf die Beschaffenheit des Naturganzen gerichtet N ·hen Begriffe auf dem Wege geschichtlich übers Geld Gestalt
war und bei den Modernen die Erforschung auf Einzelphäno- v; ·wonnen haben, und erblicken in dieser Ansicht die
mene zielt. Unter den Bauern und Handwerkern als Produ- K schichts-materialistische Alternative zur geistesgeschicht-
zenten und als Hopliten herrschte die kommerzielle Denkart li hen Tradition des Idealismus, der die Genesis der Begriffe
noch nicht vor, diese hatte ihren Zugang im Anfang haupt- \uf dem Wege des Denkens erklären will. Das aber ist nur in
sächlich bei den E upatriden, den Adligen, die ihre Güter von I •r Sackgasse des »griechischen Mirakels« gelandet; schließ-
bäuerlichen Schuldsklaven bearbeiten ließen und alsdann im li ·h wird die geistesgeschichtliche Denkart nicht mit dem
5. Jahrhundert v. u. Z. von gewerblichen Sklaven (anthri- Widerspruch fertig, daß sie nach der geschichtlichen Genesis
poda). Demnach behielten wenigstens die Produzenten, 1-1 •schichtlich zeitloser Universalbegriffe fragen soll.
zumindest in der klassischen Zeit, ihren Rang. Die griechi- Unser geschichtlicher Ausgangspunkt der Erklärung ist
schen Poleis waren um ihr Forum, um ihren Tempel herum d ·r Übergang zum Warentausch im 6. Jahrhundert und in der
aufgebaut. Mag sein, daß die traditionellen Verkehrsformen Jlolge zur Warengesellschaft, ist also das darin wirksam
zu ihrem Überleben sogar eine Reaktivierung und Rekrudes- w ·rdende hintergründige Postulat einer unverschleißbaren
zenz der archaischen Mythologien benötigten, um die ihnen Materie des geprägten Münzgeldes. Daß der Warentausch die
entgegenstehenden Bedingungen, vor allem die wachsende Poli.s anfangs nur am Rande berührt hat und diese noch kei-
einzelmenschliche Selbständigkeit, zu kompensieren. Die 11 ·swegs durchdringt, so daß der institutionelle Hinweis auf

Epinomis, die Nachschrift Platons zu seinem Spätwerk Die d.ls besagte Postulat bei der Geldemission noch gar nicht
Gesetze, klingt in ihrem Plädoyer für den Götterglaubenun · ·rfolgt sein mag, ist kein Einwand gegen diesen Ausgangs-
den deifizierten Sternenkult wie eine letzte Beschwörung vor punkt. Das Postulat wohnt dem Münzgeld, unabhängig von

92 93
diesem expliziten Hinweis, inne und ist für wachsame abstraktion einen passenden Begriff fand; freilich ohne die
Beobachter sehr wohl wahrnehmbar. geringste Ahnung davon, wofür sein Begriff einstand und
Nun aber sei die Philosophie- griechische oder andere- was ihm denselben aufgenötigt hatte, war Parmenides mit
mit ihren Begriffen für den Augenblick außer acht gelassen seinem ontologischen Begriff des Seins. Er sagt, das Reale
und der Leser aufgefordert, sich selbst zu bemühen, eine aller Dinge ist nicht ihre Sinneserscheinung, sondern einzig
Bestimmung, Beschreibung oder einen Begriff zu finden, und allein das Eine, das ist:
welche auf die Materie zutreffen, aus der Geld bestehen Von dem ist nichts auszusagen, als daß es ganz und in sich
müßte. Denn offenbar muß Geld doch eine Materie haben; vollständig ist, den Raum und die Zeit voll ausfüllt, unverän-
für ein Sti!fk Geld etwas zu kaufen, das keine stoffliche Reali- derlich, unteilbar und unbeweglich ist, daß es nicht vergehen
tät besitzt, ist selbst einem Till Eulenspiegel nicht eingefallen. und also auch nicht entstanden sein kann. Der Gedanke die-
Die Materie muß vielmehr real sein, in Raum und Zeit existie- ses Begriffs ist eine offensichtliche Vereinseitigung und Ver-
ren, den Geldwert voll verkörpern. Aber wie ist dies zu den- ' bsolutierung der darin identifizierten Stoffnatur des Geldes.
ken? Auf keinen einzigen der Stoffe aus dem »Katalog alldes F.s werden dadurch andere, ebenso essentielle Eigenschaften
Warenpöbels ... , der seinerzeit die Rolle des Warenäquiva- der Realabstraktion ausgeschlossen wie Bewegung und
lents gespielt hat« (MEW 23, 72), trifft die Bestimmung zu, Atomizität, die später von anderen Denkern geltend gemacht
die die Geldmaterie vor allen anderen spezifisch auszeichnet,, werden mußten.
nämlich, daß sie in der Zeit unveränderlich bleiben soll. Geld Man sieht aus diesem Beispiel erstens, daß es der durch
muß also aus einer wirklichen Materie bestehen, die mit Münzprägung formell institutionalisierten Geldform bedarf,
keiner wirklichen Materie, die es gibt und geben kann, über- bevor sich die Realabstraktion des Tausches bzw. ihre ver-
einstimmt, aus einer Materie, die in keiner Sinnesedahrung N ·hiedenen Momente dem Bewußtsein aufdrängen können,

existiert. Sie ist folglich bloßer Begriff, und zwar kein empiri- r.weitens, daß dieses »Aufdrängen« seinen genauenAusdruck
scher, sondern reiner Begriff, eine nicht-empirische Abstrak- findet in keiner mysteriöseren Weise als im Identifizieren des
tion, für die es einzig die Denkform des Begriffes geben kann. b ' treffenden Momentes der Realabstraktion. Denn da diese
Nichtsdestoweniger ist das, was in diesem Begriff gedacht I ·tztere nichts anderes als reine Formabstraktion ist, so kann
wird, wie gesagt, kein bloßer Gedanke, sondern eine raum- ihre Identifizierung zu keinem anderen Resultat führen als
zeitliche Realität, die für jede Materie einsteht und doch nicht dem einer reinen Begriffsbildung. Sowohl das Vermögen der
stofflich ist. Auch kann niemand, der diesen Begriff denkt, Begriffsformung wie seine Rolle als erkennendes »Subjekt«
von sich sagen, er habe ihn aus dem Gegebenen einer Sinnes- - »Iogos«, »nous«, »intellectus« - gelangen hier erst zur
erfahrung durch graduellen Aufstieg vom Besonderen 14 ·schichtlichen Entstehung. Drittens löscht diese Identifika-
Allgemeinen gebildet. Niemand hat ihn gebildet, er ist ohne tion den Ursprung und den ganzen Ursprungsbezug des
Ableitung und Hintergrund fertig da. Die Abstraktion, aus K·bildeten Begriffes aus. Die korrekte, die identifizierende
der er stammt, hat anderswo stattgefunden und auf einem D<lrstellung der Realabstraktion bringt das falsche Bewußt-
anderen Wege als dem des Denkens. Alles, was das Denken ·in hervor. Denn die Identifikation im Begriff verwandelt
hinzutut, ist die Anstrengung, die fertig gegebene Abstrak- d·n geschichtlichen Charakter der Realabstraktion in histo-
tion zufriedenstellend zu benennen und ein Wort mit passen~ 1isch ort- und zeitlose Denkform, da ihr Charakter von
der Definition dafür zu finden, ihrerseits die Identifizierung ni ·ht-empirischen Abstraktionen sie der Sphäre des örtlich
nachzuvollziehen. Der erste, der für dieses Element der Real- t~nd zeitlich Lozierbaren entrückt. Viertens verwandelt sich

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die gesellschaftlich-synthetische Funktion der Reala:bstrak- stößt auf das gravierende Paradox, daß nach der geschicht-
tion in die logisch-synthetische des begrifflichen Denkens. lichen Ge.nesis der geschichtlich zeitlosen Universalbegriffe
Diese Verwandlung scheidet fünftens das so entstehende gefragt werden muß, auf die die Philosophie der Vorsokrati-
Denken unüberbrückbar von aller körperlichen Arbeit und ker sich gründet. Vom Standpunkt der traditionellen Geistes-
Tätigkeit. Sechstens verleiht sie ihm den Wahrheitsbegriff im geschichte des Idealismus gibt es für dieses Paradox keine
Sinne des philosophischen Begriffs der Denkwahrheit, wie er Lösung, und so läuft das Resultat der geistesgeschichtlichen
etwa am ersten und deutlichsten bei Parmenides in seinem 1:0 Bemühung immer aufs Neue auf die Kapitulation vor dem
6v auftritt. Die Idee der Wahrheit kommt auf im Besitz des vielzitierten Verdikt des »griechischen Mirakels« hinaus, das
notwendig falschen Bewußtseins. Und es ist genau in diesen sich freilich heute keiner Erwähnung mehr erfreut. Es ist
Charakteren der notwendig bedingten Entfremdung, daß die nllzu deutlich, daß mit diesem Verdikt die griechische Philo-
aus der entfalteten Warenproduktion entspringende begriff- sophie nicht glorioser gemacht, sondern nur die Betrach-
lich-logische Denkweise die unentbehrliche Funktion der tungsweise als verfehlt erkennbar wird.
universellen Vergesellschaftungsform des Denkens erfüllt. Aber fraglich erscheint mir nicht minder der Erfolg der
Das Unvergängliche der griechischen Philosophie, die Tat- neueren sprachanalytischen Methode, wie sie in ingeniöser
sache, daß sie auch heute noch in die philosophische Debatte Weise von Malinowski und vor allem Bruno Snell und ande-
als nichthintergehbarer Maßstab hineingezogen wird, erklärt ren, wie B. L. Whorf und E. Sapir, praktiziert worden ist.
sich daraus, daß sie die Realabstraktion, die unsere Gesell- I enn ich vermag nicht zu sehen, wie man auf diesem Wege
schaft synthetisch zusammenhält, in ihren wesensmäßigen len Sprung von den Sprachformen eines empirisch basierten
Inhalten auf Begriffe gebracht hat. Es sind dies die Begriffe l3 ewußtseins auf die Ebene der reinen Abstraktion tun kann.
der Philosophie oder, wenn man lieber will, die philosophi- Ich stimme mit Bruno Snell überein, wenn er sagt: »Nur in
schen Begriffe, die die Zeit übergreifen, in der diese Gesell- riechenland ist das theoretische Bewußtsein selbständig
schaft dauert. •ntstanden, nur hier gibt es eine autochthone wissenschaft-
Aber selbst mit der Philosophie als ihrem Geisteshimmel liche Begriffsbildung.« (Die Entstehung des Geistes, Göttin-
ist unsere Gesellschaft nach wie vor blind für sich selbst. Mar- ~en 1975, S. 205) Aber dem geht der Sat~ vorher: »J?ies
tin Heidegger hat dieser Tatsache in seiner privaten Lesart von Verhältnis der Sprache zur wissenschaftheben Begnffs-
af..:Yj8ELa, Wahrheit, Ausdruck gegeben, und es hätte ihm bildung läßt sich, streng genommen, nur am Griechischen
demnach angestanden, die ausgesagte Verborgenheit der beobachten, da nur hier die Begriffe organisch der Sprache
Wahrheit zu ergründen, sie zu entherbergen, wie er sagt, ihre •ntwachsen. « (Ibid.) Die Philosophen machen aus umgangs-
Ursache zu erforschen. Aber das hat er nicht getan, auch sprachlichen Wörtern und Ausdrücken eine Terminolo~ie
nicht versucht. Er hat es nur verstanden, im Dämmerschein ihrer Wahl, in der die allgemeinverständliche Bedeutung dte-
der l:xii:Yj8ELa einem besonderen Stil des Philosophierens zu s •r Vokabeln wesentlich verwandelt und verfremdet ist. Ich
frönen. knnn nicht zustimmen, daß, wie B. Snell anzudeuten scheint,
d r Weg in die umgekehrte Richtung abgelaufen sei oder hätte
b. Historischer Materialismus ist Anamnesis der Genese 1hlaufen können, nämlich von der Sprache zum Denken,
tatt vom Denken zur Sprache, d. h. zu ihrer terminologi-
Die Erforschung der frühen griechischen Philosophie und N ·hen Verfremdung. In dem zweiten seiner eben von mir
ihrer Entstehung im 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert .,,itierten Sätze überspitzt Snell überdies seine Meinung durch

96 97
einen irrigen Ausdruck im Nachsatz. Er sagt: »... da nur hier Abstraktion. Eben deshalb ist die Unenträtselbarkeit der
die Begriffe der Sprache organisch entwachsen.« Es dürfte llerkunft jener Begriffe und ihrer absoluten Abstraktheit von
aber nur heißen: Die Begriffsformen statt der Begriffe selbst. so tiefgreifender Bedeutung. Denn bei Begriffen, die nir-
Die Sprache kann den Denkern ja nur mögliche Ausdrucks- gends in der wahrnehmbaren Welt eine Stütze haben, die also
mittel für ihre Gedanken liefern, welche die Begriffsformen ihre Wahrheit nicht außer ihnen, sondern nur in ihnen haben
annehmen, d. h. Begriffe werden sollen. Mehr als das kann können, macht die Unkenntnis ihrer Herkunft ihr Verständ-
von den Adepten der sprachanalytischen Methode vernünfti- nis zum Problem. Die Unergründlichkeit ihres Ursprungs
gerweise nicht vertreten werden. Die Entstehungsgründe für macht ihre Interpretation zur Aufgabe spekulativer Aus-
die philosophischen Universalien in Griechenland in der 1·gung, mit anderen Worten, zur Aufgabe der Philosophie.
Sprachen~icklung des Griechischen zu suchen, halte ich für »Was die Philosophie zur Philosophie macht«, sagt
verfehlt. Es ist notorisch, daß die ersten Philosophen in der Adorno, l) »ist nicht, daß die Kategorien abstrakt vorhanden,
Benennung ihrer neuen Begriffe noch recht unvollkommen Nondem sie Problem sind, und so sind sie vorhanden - auch
verfahren sind, ohne daß die Begriffe daran verlorengingen; daher die Bewegungsform der Gegensätzlichkeit. Die
die Begriffe haben auf adäquatere Formulierungen gedrängt 'lauschabstraktion an sich ist unproblematisch, indem sie
und sie mit der Zeit auch erhalten. Aber warum werden diese bloß als seine Bedingung und Struktur stattfindet. Die Kate-
zeitlosen Universalien zur Grundlage von Philosophie, was gorien sind problematische durch ihren Widerspruch zum
verleiht ihnen den philosophischen Sinn? raditionellen und gewöhnlichen Bewußtsein. Sie sind keine
Die Umsetzung der gesellschaftlichen Realabstraktion in J::tttungsbegriffe, sondern haben eine diesen gegenüber spe-
die Denkabstraktion ist mit einem schwerwiegenden Mangel l'.i fische Abstraktheit, sind rein ideell; sie widersprechen nicht
behaftet: die resultierenden Begriffe sind und bleiben den nur dem spezifisch mythologischen, sondern auch und
Denkern unergründlich, weil ihre Herkunft ihnen verschlos- f •rade dem empirischen Normalbewußtsein. «
sen ist. Dessen waren in Griechenland die Dichter noch stär- »Die Kategorien werden vereinzelt bewußt; jede hat abso-
ker gewahr als die Philosophen, man denke nur an Sophokles lu ten Umfang, schließt jede andere aus, hat aber mit jeder
und die Tragik seines Oidipus Tyrannis. Martin Heidegger ltnderen gemeinsame Wurzeln, kann also keine absolut liqui-
hat durch seine privative Lesart des Wortes für die Wahrheit di ·ren, sondern muß sich mit ihr vermitteln. Dies Vermitteln
zum richtigen Verständnis desselben als das Unentschlossene ist ein wesentlicher Inhalt der Philosophie.«
beigetragen, oder wie er sagt: das Entborgene. Den Stamm »Parmenides ist frappiert von der Beschaffenheit des
des Ausdrucks liest er mit Aristoteles als das Göttliche, was 'H\llschobjekts, Substanz; Heraklit von der Balance in der
im Falle von Parmenides dadurch spezifisch gerechtfertigt ist, Iortwährenden Bewegung, die im Tausch statthat, der Einheit
daß er seine Wahrheit von der Göttin Dike empfangen haben d ·s Chaotischen und des Geregelten; Pythagoras von Maß-
will. Es bestätigt sich damit, daß weder er noch ein anderer v ·rhältnissen. «
der Philosophen seine tragenden Universalbegriffe durch »Der Tausch enthält die widersprechenden Kategorien,
eigene Abstraktionstätigkeit gebildet hat. Die Abstraktion 1b •r ist ihre Einheit; erst indem sie bewußt werden, werden
hat anderswo stattgefunden und ist den Denkern in annä- i · abstrakt und explizit gegeneinander widersprüchlich.«
hernd fertiger Gestalt gegeben. Es handelt sich um eine I 'l'heodor W Adorno und A. Sohn-Rethel, >>Notizen zu einem
andere Klasse von Begriff wie die von Aristoteles in seiner ,cspräch (von Adorno verfaßt)<<, Warenform und Denkform mit zwei
Logik angeführten Gattungsbegriffe als Lehrbeispiele der Anhängen, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1978, S. 135 ff.

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einen irrigen Ausdruck im Nachsatz. Er sagt: »... da nur hier Abstraktion. Eben deshalb ist die Unenträtselbarkeit der
die Begriffe der Sprache organisch entwachsen.« Es dürfte I Lerkunft jener Begriffe und ihrer absoluten Abstraktheit von
aber nur heißen: Die Begriffsformen statt der Begriffe selbst. s tiefgreifender Bedeutung. Denn bei Begriffen, die nir-
Die Sprache kann den Denkern ja nur mögliche Ausdrucks- gends in der wahrnehmbaren Welt eine Stütze haben, die also
mittel für ihre Gedanken liefern, welche die Begriffsformen ihre Wahrheit nicht außer ihnen, sondern nur in ihnen haben
annehmen, d. h. Begriffe werden sollen. Mehr als das kann können, macht die Unkenntnis ihrer Herkunft ihr Verständ-
von den Adepten der sprachanalytischen Methode vernünfti- nis zum Problem. Die Unergründlichkeit ihres Ursprungs
gerweise nicht vertreten werden. Die Entstehungsgründe für macht ihre Interpretation zur Aufgabe spekulativer Aus-
die philosophischen Universalien in Griechenland in der 1·gung, mit anderen Worten, zur Aufgabe der Philosophie.
Sprachentwicklung des Griechischen zu suchen, halte ich für »Was die Philosophie zur Philosophie macht«, sagt
verfehlt. Es ist notorisch, daß die ersten Philosophen in der /\dorno,7) »ist nicht, daß die Kategorien abstrakt vorhanden,
Benennung ihrer neuen Begriffe noch recht unvollkommen s ndern sie Problem sind, und so sind sie vorhanden - auch
verfahren sind, ohne daß die Begriffe daran verlorengingen; daher die Bewegungsform der Gegensätzlichkeit. Die
die Begriffe haben auf adäquatere Formulierungen gedrängt 'lhuschabstraktion an sich ist unproblematisch, indem sie
und sie mit der Zeit auch erhalten. Aber warum werden diese hl ß als seine Bedingung und Struktur stattfindet. Die Kate-
zeitlosen Universalien zur Grundlage von Philosophie, was 1-\ rien sind problematische durch ihren Widerspruch zum
verleiht ihnen den philosophischen Sinn? traditionellen und gewöhnlichen Bewußtsein. Sie sind keine
Die Umsetzung der gesellschaftlichen Realabstraktion in Jattungsbegriffe, sondern haben eine diesen gegenüber spe-
die Denkabstraktion ist mit einem schwerwiegenden Mangel ~. i fische Abstraktheit, sind rein ideell; sie widersprechen nicht
behaftet: die resultierenden Begriffe sind und bleiben den nur dem spezifisch mythologischen, sondern auch und
Denkern unergründlich, weil ihre Herkunft ihnen verschlos- ~ •rade dem empirischen Normalbewußtsein.«
sen ist. Dessen waren in Griechenland die Dichter noch stär- »Die Kategorien werden vereinzelt bewußt; jede hat abso-
ker gewahr als die Philosophen, man denke nur an Sophokles lmen Umfang, schließt jede andere aus, hat aber mit jeder
und die Tragik seines Oidipus Tyrannis. Martin Heidegger nnderen gemeinsame Wurzeln, kann also keine absolut liqui-
hat durch seine privative Lesart des Wortes für die Wahrheit dieren, sondern muß sich mit ihr vermitteln. Dies Vermitteln
zum richtigen Verständnis desselben als das Unentschlossene ist ein wesentlicher Inhalt der Philosophie.«
beigetragen, oder wie er sagt: das Entborgene. Den Stamm »Parmenides ist frappiert von der Beschaffenheit des
des Ausdrucks liest er mit Aristoteles als das Göttliche, was 'fhuschobjekts, Substanz; Heraklit von der Balance in der
im Falle von Parmenides dadurch spezifisch gerechtfertigt ist, fortwährenden Bewegung, die im Tausch statthat, der Einheit
daß er seine Wahrheit von der Göttin Dike empfangen haben d 'S Chaotischen und des Geregelten; Pythagoras von Maß-
will. Es bestätigt sich damit, daß weder er noch ein anderer v ·rhältnissen. «
der Philosophen seine tragenden Universalbegriffe durch »Der Tausch enthält die widersprechenden Kategorien,
eigene Abstraktionstätigkeit gebildet hat. Die Abstraktion ~1bcr ist ihre Einheit; erst indem sie bewußt werden, werden
hat anderswo stattgefunden und ist den Denkern in annä- i • abstrakt und explizit gegeneinander widersprüchlich.«
hernd fertiger Gestalt gegeben. Es handelt sich um eine I 'l'heodor W Adorno und A. Sohn-Rethel, »Notizen zu einem
andere Klasse von Begriff wie die von Aristoteles in seiner )cspräch (von Adorno verfaßt)<<, Warenform und Denkform mit zwei
Logik angeführten Gattungsbegriffe als Lehrbeispiele der Anhängen, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1978, S. 135ff.

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»Der Wert ist die Einheit des Vielen, der sinnlich v~rschie­ »Die Auseinandersetzung der Kategorien miteinander fin-
denen Dinge, der Gebrauchswerte. Die Wertkategorie ist eine det aber nicht in ihrer Reinheit statt, sondern am Objekt [in
Ausrede für die in ihr enthaltenen Widersprüche. Die Insi- der Wissenschaft, S.-R.]. Die Konstitution der Kategorien,
stenz auf Wahrheit ist die Einheit der einander widerspre- die Reflexion der Tauschabstraktion als Philosophie, erfor-
chenden Kategorien, und dieses Wahrheitspostulat erzwingt dert das Absehen (das Vergessen) ihrer gesellschaftlichen
die Vermittlung der Kategorien miteinander, denn erst sie ist Genese, von Genese überhaupt. Historischer Materialismus
die Wahrheit. Die Kategorie der Wahrheit ist die Differenz ist Anamnesis der Genese.«
des Seins des Tausches und des Begriffs seiner Kategorien.« Mit dieser geschliffenen und treffenden Definition Ador-
»Die Philosophie entfaltet sich nach innerer systematischer nos möchte ich diese Zitierung schließen, obwohl es in diesen
Konseqaenz, hat hervorrufende soziale Bedingungen, als esprächsnotizen nicht an weiteren lohnenden Gehalten
wichtigste die Klasse, die für ihren Klassenkampf Philosophie fehlt. Sie zeigen vor allem auch, bis zu welchem Maß Adorno
braucht, Recht zu haben beanspruchen muß.« damals (1956) meine materialistische Erkenntnis- und
»Von der Möglichkeit, die Tauschabstraktion als Wahrheit Wissenschaftstheorie sich zu eigen gemacht hatte. - Auf die
darzustellen, hängen 1. die Rechtfertigung der neuen Klasse griechische Philosophie inhaltlich einzugehen, steht mir nicht
gegenüber der alten, 2. das sich auf sich selbst Verlassenkön- z.u, da ich keine humanistische Ausbildung genossen habe
nen des Intellekts gegenüber der bloßen Empirie des Hand- und kein Griechisch kann.
werks, Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft, ab.
Beide Beziehungen fallen in der Antike zusammen, theore-
tisch-organische Beherrschung der Produktion und ideolo- 7. Von der Wiedergeburt der Antike
gische Selbstbegründung der Herrschaft der kommerziellen zur neuzeitlichen Naturwissenschaft
Klasse. «8)
Im späten Mittelalter und Beginn der Renaissance, d. h.
8 Die Annahme der Herrschaft einer kommerziellen Klasse, die nach vom 13. Jahrhundert an, erblühten in Italien die ersten euro-
den Perserkriegen entstanden sei, der wir, Adorno und ich, damals päischen Stadtkulturen. Sie resultierten aus der revolutionä-
unter~agen, ist eine grundsätzlich verkehrte. Sie wurde von Anhängern ren Ablösung der in den Städten existierenden feudalistischen
des Marxismus verbreitet, ohne zu bemerken, daß sie dem besseren eschlechterherrschaft durch die Zunftherrschaft des
Verständnis von Marx strikt zuwiderlief. Dafür hier nur zwei Zitate
»Populo<<. Im Mittelalter war jeder ritterliche Sitz eine
aus den Grundrissen: Das schon erwähnte: >>Bei den Alten war der
Tauschwert nicht der nexus rerum<< (Grundrisse, S. 134) und das noch Festung - mit Bindung nach innen, Feindschaft nach außen.
nachdrücklichere: »Die Gleichheit und Freiheit in dieser Ausdehnung Florenz etwa war eine dichte Ansammlung von mehr als
[des Warentausch es, S.-R.] sind das gerade Gegenteil der antiken Frei- 250 solcher Festungen, die zu Türmen aufgestockt wurden,
heit und Gleichheit, die eben den entwickelten Tauschwert nicht zur weil ihre feudalen Herre'n sich für ihre Fehden gegeneinander
Grundlage hatten, vielmehr an seiner Entwicklung kaputtgehen« den Vorteil der größeren Höhe verschaffen wollten - das
(ibid., S. 156). -In der Schlüsselfrage, wie die großen Sklavenhalter
zum Beispiel Athens am Besitz ihrer Sklaven reich wurden, ohne sie
nach der Art kommerzieller Unternehmer zu verwenden, entscheide von Waffen, Kosmetika, Keramik, Mobiliar, Schuhe etc. mit ihnen
ich mich für die Mutmaßung Max Webers, daß sie ihre Sklaven, die sie betrieben, zum Teil bis zu 30 und mehr in einer Werkstatt. Die griechi-
in Kriegszügen oder auf dem Sklavenmarkt auf Delos erworben hat- schen Eigentümer der Sklaven blieben also Rentner und konnten sich
ten, vermieteten an Metöken, die ihre Werkstätten für die Herstellung ihrer aristokratischen Muße als xaA.oixaya8oC erfreuen.

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siedende Pech ließ sich ja nur von oben nach unten verwerten. Explosion. Maßstab dafür bietet das Bauprogramm des eta-
In San Gimignano kann man solche Türme heute noch sehen. blierten Popolo:
1250 aber erhob sich der Popolo in Florenz mit seinen mit- 1283 Santa Maria Novella
einander verschworenen Zünften als »erster bewußt illegiti- 1294 das Battistero
mer und revolutionär politischer Verband«, so Max Weber, 1296 der Dom (Santa Mariadel Fiore)
siegreich gegen die Adelsherrschaft, erzwang die Schleifung 1295 Santa Croce
ihrer Festungen bis zu einer erlaubten Höhe von 25 Bracci 1298 Palazzo Vecchio
(Ellen), verbot dem Adel das öffentliche Waffentragenund 1301 San Marco
proklamierte das Zunftregiment des »Primo Populo« bzw. 1330 der Campanile della Badia
die Reptkhlik der Popolanen. Führend in diesem Regiment 1334 Giottos Campanile
waren die Zünfte der Kaufmannschaft, und Max Weber 11 11d von 1284-1328 Bau einer neuen, stark erweiterten und
betont, daß der Sieg des Popolo in den italienischen Städten v •märkten Stadtmauer (Terzo Cerchio) mit 15 mächtigen
allgemein bedingt war davon, daß das Kaufmannskapital die 'Ihren und 73 befestigten Türmen.
Führung über den Popolo, d. h. über die Handwerkszünfte, Unmittelbar gediehen viele Projekte dieses Riesenpro-
errungen hatte. 11':\mms nicht weit über die Grundsteinlegung oder die
DerUmsturz ging einher mit dem Sieg der pro-päpstlichen ;t·undmauern hinaus; denn Florenz teilte den schweren
Guelfen, der die Verbannung der pro-kaiserlichen Ghibelli- Ri ·kschlag, den die Krise des Feudalismus im Trecento, dem
nen nach sich zog. Dem folgte nach 10 Jahren, also 1260, ein I L .J ahrhundert, über weite Teile Europas und auch über Ita-
Rückschlag durch die Rückkehr der Ghibellinen, die ihrer- 11 •n brachte. Für Florenz begann er 1334 mit der Schulden-
seits die Guelfenfamilien verbannten. Doch in diesen ersten v •tweigerung des englischen Königs Edward III., welche die
10 Jahren seiner Herrschaft, 1250-1260, brachte es der Primo Ihm khäuser der Bardi und Peruzzi an den Rand des Bankrotts
Popolo zur Schaffung des Goldflorin als internationaler lun ·hte und die Stadt den Reichtum kostete, mit dem sie ihr
Handelswährung und zu dem Bau des Bargello-Palastes für ll1tu programm durchzuführen gedachte.
seinen Capitano. Nachzutragen, daß 1250, im Jahr des Auf- I 48 brach die Pest aus, der furchtbare Schwarze Tod,
stands, der Staufenkaiser Friedrich II. in Palermo starb, der .ltt r ·h den die Stadt etwa ein Drittel ihrer Bevölkerung verlor.
letzte der großen feudalen Herrscher. 117H folgte der Aufstand der Ciompi, der ausgebeuteten und
1282 erneuerten dann die Guelfen die Herrschaft des v •t••Iendeten Verlags- und Heimarbeiter der Textilgewerbe,
Popolo, nun aber auf Dauer; und 1293 gab er sich seine d, lt. der Wollindustrie, der Färbereien, die für das Kauf-
Verfassung durch die »Ürdinamenti della Giustizia«. Die ttt 111 nskapital die Handelsware erzeugten. Erst 1382 konnte
oberste Instanz war der Priorenrat der Zünfte, sieben arti .1 ~, ~ innere Sozialgefüge wiederhergestellt werden, in dem der
maiori der Kaufmannszünfte und sieben arti minori der l'n1olo seinen ursprünglichen Erfolg errungen hatte, also die
Handwerkszünfte. Praktisch lag die Macht bei den arti m hcrrschaft des Kaufmannskapitals. Und innerhalb dieser
maiori; denn deren Mitglieder allein konnten die Staatsämter tt liH, rchischen Herrschaft wußte sich Cosimo de Medici
bekleiden, Podesta, Capitano della Milizia, Confalonieri Att f. ng des nächsten, also des 15. Jahrhunderts, die kaufmän-
(Bannerherrn). tti ·hc und politische Überlegenheit zu erwerben, die ihm
An Ehrgeiz und Begeisterung für die Sache ihrer Stadt t• t blieb- auch ohne jedes öffentliche Amt und Abzeichen,
bewirkte die Befreiung vom Feudalismus geradezu eine I t1\1\ dessen ihm sein kluger Vorteil hätte bestritten werden

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können. Mehr als 100 Jahre später erwarben die Medici 11 ·folgt von Botticelli (1445-1510)
schließlich doch den Herzogtitel von Florenz - 1531. Leonardo (um 1452-1519)
Der internationale Handel, an dem die Florentiner Groß- und Michelangele (14 75-1564).
kaufleute reich wurden, war vor allem der mit Wolltuch, das In diesen Namen faßt sich der einzigartige künstlerische
von der Arte della Lana teils durch die heimische Verlagspro- Vorrang zusammen, durch den Florenz zur repräsentativen
duktion erzeugt, teils aber aus Flandern über die Märkte der Kulturstätte der Renaissance in E uropa wurde. Dem struktu-
Champagne beschafft und durch die Arte di Calimala gefärbt 1 •II en Status dieser Männer als manueller Produzenten,
und veredelt wurde, um in die Levante der Araber n,ach I i. ndwerker und Künstler gilt mein besonderes Interesse.
Bagdad und ins oströmische Reich nach Byzanz verschifft zu er Zunftordnung gemäß waren die Künstler Handwer-
werden. Es war deshalb von größter Bedeutung für - die k •r und gehörten zu den Arti minori ebensogut wie die Weber
Florentiner, daß sie 1406 die Pisaner besiegen und den langer- und Färber in den Verlagsgewerben. Sie waren auf ihre Lehr-
sehnten Hafen und damit die eigene Verschiffung ihrer Waren /, it in einer Werkstatt angewiesen, um ihre elementare
übernehmen konnten. Ui ldung zu erwerben. Ein Bildhauer vom Range Donatellos
Ab 1386 begann die Horentinische Bautätigkeit sich wieder Wl\r der Zunft nach ein bloßer »taglia pietro«, ein Steinhauer
zu regen, aber zu ihrem vollen Zug kam sie erst zu Anfang des wi ' jeder Bauarbeiter. Freilich war er wie Brunelleschi,
Quattrocento, und zwar mit einer Inspiration und einer ( 1hiberti, Uccello und andere durch eine Goldschmiedelehre
Künstlerherrschaft, als ob sie an die heroische Zeit der 1290er ~t·gangen. Doch auf der Leistung dieser zunftgemäßen
Jahre hätte anknüpfen wollen. Künstler von ungewöhnli- II ndwerker ruhte der .A,ufbau ihrer glorreichen, ihnen gehö-
chem Range erschienen: l •ru.len Stadt, und jeder Bau einer Kirche, einer Straße,
Filippo Brunelleschi (1377-1446) H1·licke, Stadtmauer oder sonstiger Teil des enormen Baupro-
Architekt und Ingenieur W• mms war eine kommunale Angelegenheit der ganzen
Lorenzo Ghiberti (1378-1455) •'t >ldtgemeinde- nicht mehr wie ehedem die separate Großtat
Bildhauer, Metallgießer t•ln s Adelsgeschlechts oder Bischofs wie in der feudalisti-
Donatello (13 86-1466) ·h 'n Zeit. Dementsprechend prächtiger, architektonisch
Bildhauer; Gattamelata in Padua l\ll nstvoller waren jetzt die Bauten. Das ging in erster Linie
Michelozzo (1396-1472) ll mdwerker an, die zu Architekten heranwuchsen. So
Bildhauer und Architekt l\1unelleschi, der 1402, wahrscheinlich mit Donatello, nach
Masaccio (1401-1428) Rom ging, zur zeichnerischen Bestandsaufnahme der bauli-
Maler ' h •n Ü berbleibsel der Römerzeit. Dabei prägten sich ihm die
Paolo Uccello (1397-1475) l1l1 'inomene der Perspektive und Optik ein; um sie verstehen,
Maler •1lor ·chen zu können, fehlte ihm jedoch die Mathematik,
Luca della Robbia (1399-1482) d ' I ·n Nutzen für seine gesamte Praxis er begriff.
Bildhauer Zurück in Florenz setzte er sich mit Paolo Toscanelli in
Leon Battista Alberti (1404-1472) Vc~t·bindung, dem hervorragenden Florentiner Mathematiker
Architekt 1111 I Astronom, Freund von Cusanus und Regiomontanus.
Piero della Francesca (1414-1493) 1!11, ·anelli erwies sich als aufgeschlossen, aber er betrieb die
Maler M tlhcmatik in der traditionellen scholastischen Art, fernab

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von jedem Bezug auf Probleme einer konstruktiven Praxis Aber wie steht es nach Brunelleschis Werk und Beispiel um
wie die, welche Brunelleschi zu ihm führten, so daß dieser mit den Fortgang der weiteren Künstler in Florenz? Wie sind sie
seinen Fragen den hohen Gelehrten zunächst in arge Verwir- über die Engigkeit des Zunftreglements hinausgelangt? Die
rung versetzte. Die Vereinigung der manuellen Leistung und nächste Bewegung war eine Umkehrung der Richtung, in der
Kultur des aufstrebenden Handwerks mit der intellektuellen die geistige Bildung die Künstler ergriff, nämlich durch die
Blüte des Mittelalters, die sich zwischen Brunelleschi und Initiative des Gelehrten statt des Künstlers. Die Aneignung
Toscanelli erstmalig ereignete, war repräsentativ für den Fun- von Mathematik seitens des Meisters, der nicht aufhört,
dus der Renaissance allgemein, aber vorbildlich in Florenz. manueller Produzent zu sein, fördert die Einheit von geistiger
Aber Toscanelli entdeckte in diesem Schüler eine hervorra- und körperlicher Arbeit, die die einzigartige Errungenschaft
gende Begabung für mathematisches Denken und blieb bis zu der Renaissance ausmacht. Sie entwickelte sich, allgemein
dessen Tod im Jahre 1446 über 40 Jahre lang sein Freund und ~·sprachen, als Frucht der Emanzipation vom Joch des
Lehrer. Er überlebte ihn und sandte ihm eine gewichtige 11 ·udalismus, mit der die Renaissance überhaupt mit ihrem
Würdigung nach, in der er seine hohe Bewunderung für die- r ·volutionären Auftrieb einsetzt. Sie beginnt somit als
sen Schüler aussprach, von dem er glaube, mehr gewonnen zu Brückenschlag über die mittelalterliche Kluft zwischen dem
haben, als er ihm habe geben können. Brunelleschi begriff bteinsprachigen Gelehrtenturn und dem Analphabetentum
seine Zielsetzung im Sinne von Wissenschaft, aber nicht als d •s arbeitenden Volkes. Die Einheit von geistiger und körper-
die des Altertums oder die der mittelalterlichen Scholastik; er li ·her Arbeit entwickelt sich durch die ganze Renaissance hin-
nannte sie Scienza nuova, neue Wissenschaft, und so sah sie durch und vollendet sich im Punkt des Überganges von der
auch Galilei noch 200 Jahre später. H ·naissance in die Neuzeit, und in diesem Übergang schlägt
Die berühmteste Leistung Brunelleschis ist der Kuppelbau di Einheit um in die neue Kluft zwischen Wissenschaft und
zur Kathedrale SantaMariadel Fiore- mit Recht. Nicht nur, ind ustrieller Lohnarbeit. In der Renaissanceentwicklung der
weil diese Kuppel größer und schwerer ist als irgendeine bis Hin heit von Hand und Kopf läßt sich in Florenz eine Stufen-
dahin erbaute, größer als die des römischen Pantheon und die h·it•r des Fortschritts im mathematischen Denken von
der Hagia Sophia von Byzanz, aber auch als die spätere der M •ister zu Meister durchs Quattrocento und Cinquecento
Peterskirche in Rom und die von St. Paul in London, sondern hindurch verfolgen.
weil er sie auf eigene und heiß umstrittene Initiative ohne Im Jahre 1434, also noch zu Lebzeiten Brunelleschis, ließ
inneres Baugerüst ausführte. Damit begann er 1421, und in icl1 in Florenz eine außergewöhnliche Persönlichkeit, Leon
demselben Jahr brachte er es auch noch zur Ausführung des llttllista Alberti, nieder, der die Richtung umkehrte und die
Ospedale degli lnnocenti, des Florentiner Findelhauses, an 1\ildung zu den Künstlern trug. Alberti stammte aus einer
dem er den architektonischen Renaissancestil begründete lll'sprünglich Florentiner Adelsfamilie, die exiliert worden
durch die Gleichgewichtung der horizontalen mit den ver- 1111d in Frankreich zu Wohlstand gelangt war. Aber 1428 hob
tikalen Strebungen. Nach 1436, der Beendigung des Kuppel- 111,1rcnz den Bann auf und machte so den Weg für Leon
baues (noch ohne die Laterna freilich), war Brunelleschi noch ll11ltista frei. Dieser hatte in Padua das mittelalterliche
mit Festungsbauten in Pisa, in Castel Pisano sowie im Eisatal I; mnasium absolviert mit dem Trivium und dem Quadri-
beschäftigt und mit Flußregulierungen von Arno und Po - villm und in Bologna sein Universitätsstudium abgeschlos-
der Arno war 1333 in ähnlich katastrophaler Weise übergetre- ~ 1' 11 . Er war alles andere als ein Praktikerdes Handwerks, viel-
ten, wie es 1966 geschehen ist. lllt•hr ein typischer Gelehrter. Damit verband sich aber bei

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ihm eine starke künstlerische Begabung. Alberti richtete seine Dell'architectura,
geistigen Interessen auf die Kunst als sein spezielles Objekt. mit Widmung an Brunelleschi
Mit seinen 12 oder 14 Büchern, die er in Florenz verfaßte, Ludi mathematici,
wurde er zum ersten und in ganz Italien berühmten Theoreti- Spiele mit der Mathematik, ein kleines, aber weitge-
ker der Kunst und der Handwerkstechnik Übrigens war lesenes Werk
Leon Battista ein großer Degenfechter, ein glänzender Reiter De re aedificatoria,
und ein athletischer Kämpfer. Kein Wunder, daß Jakob unvollendet; als enzyklopädisch zusammenfassendes
Burckhardt ihn als Idealfigur des Renaissancemenschen ver- Werk und als Ersatz für den unverständlichen Vitruv
ehrte. geplant
Den Anfang machte Alberti damit, daß er zu den Künst- La cura della famiglia,
lern in ihre Werkstatt ging, zu Brunelleschi, Donatello, die Pflege der Familie
Michelozzo, Ghiberti, Luca della Robbia, sie zu seinen 11nd schließlich
Freunden machte und ihnen in geduldigen Wiederholungen Regulae della lingua toscana,
die Elemente der Perspektive und die Anfangsbegriffe der Grammatik und Lexikon.
Mathematik, die Gesetze der Farbenlehre, des Metallgusses iese letztgenannte Schrift war die erste philologische
und der menschlichen Anatomie zu vermitteln unternahm. lkarbeitung der Volkssprache und hat in deren Entwicklung
Das war keine Kleinigkeit, da es in der Vulgärsprache gesche- 1.11r Schrift- und Kultursprache sehr Wichtiges geleistet.
hen mußte, in der solche Dinge noch nie ausgedrückt worden ( i I 'ichwohl hat Alberti seinen Kampf für die Volkssprache
waren und die dazu weder die nötigen Worte hatte, noch sich 1111d ihre Gleichachtung mit dem Latein in Florenz verloren.
über ihre Grammatik im klaren war. Wie etwa kann man Das Festhalten am Latein war Ausdruck des Festhaltensan
einem manuellen Produzenten beibringen, was ein mathema- ~l' h o lastischen Denkgewohnheiten und Pedanterie, also ein
tischer Punkt ist, daß er nicht ein Fleck oder Klecks ist, lll'mmnis für den emanzipativen Trend, aus dem die Renais-
sondern ein rein abstrakter, ganz und gar unanschaulicher li 111 ·e sich speiste. Kein Zweifel, daß die langfristige Tendenz
Begriff? Etwa 100 Jahre später hatte Albrecht Dürer in Nürn- tl •r •poche in die Richtung der Aufwertung der Volkssprache
berg mit denselben Schwierigkeiten zu tun. ~ i ·s, und diesem Ziel war, angefeuert durch die Erfahrungen
Alberti seinerseits schöpfte aus seiner Tätigkeit mit den 111 seiner Kulturgemeinschaft mit den Künstlern, gerade
Künstlern die Erfahrung und die Kenntnisse, die er in seinen lh ·rti mit enthusiastischer Zuversicht verschworen.
Schriften genauer austrug. Diese verfaßte er zumeist auf latei- ; eradezu gegenläufig dazu war im Quattrocento die
nisch und in einer toskanischen Schriftsprache, die er selbst II ·wegung des Humanismus, der die Wiederbelebung, wört-
erst zu schaffen hatte. lh h Renaissance, der Antike und ihres Schrifttums begleitete.
Von Albertis Schriften - damals noch Manuskripte - sind I in· Welle von echter und weniger echter, aber umso affek-
einige verlorengegangen. Die existierenden sind: 11 1'11 rer Begeisterung für das Griechische und Lateinische
De pictura, della pictura, t wuchs daraus in den Kreisen der Gebildeten, vor allem der
über die Malerei I i •hter, gekoppelt mit einer verächtlichen Abwendung von
De statua, d ' I' Vulgärsprache und ihrer Anpreisung.
über die menschliche Figur und ihren Knochenbau, Aber Alberti glaubte der Hoch-Chance der Volkssprache
Donatello gewidmet ~~~ Nie her zu sein, daß er im Jahre 1441 ein Experiment auf ihre

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Gleichstellung mit der lateinischen Hochsprache wagte. Nchreiben und rechnen zu lernen und sich aus dem Analpha-
Cosimo I. teilte seine Einschätzung und plante, das Toskai betentum zu erheben, in dem er vor seiner Emanzipation
nische zur Gelehrtensprache zu machen. befangen gewesen war gegenüber dem lateinsprachlichen
Durch V~rmittlung von Piero de Medici, Monopol der mittelalterlichen Geistesarbeiter. Olschki
Cosimo, ließ er einen Wettbewerb ankündigen, darin be- sp richt den Produzenten der Renaissance als »experimentie-
stehend, daß an einem bestimmten Tage- dem 22. Oktober renden Meister« an, weil er sich auf die Einheit von körperli-
1441 - im Dom eine Reihe von Originaldichtungen in der ·her und geistiger Arbeit hin entwickelte und dabei in seiner
Vulgärsprache über das Thema »de amicitia« öffentlich vor· handwerklichen Praxis von künstlerischer Initiative und
gelesen würden. Der Sieger sollte einen silbernen Kranz damit von einer Lockerung des Zunftzwangs nicht abzuhal-
erhalten,, der dem Wettstreit den Namen »certamen coro· ten war.
nario« eintrug. In Florenz jedenfalls war dies in eindrucksvoller Weise der
Die Sache wurde sofort Volks- und Staatsangelegenheit, Jlall. Und immer wieder zeigt sich der hohe Nutzen der
und die Humanisten und Literaten, die im Dom ihre Mathematik für die Geistesbildung und für die Kunst dieser
Dichtungen vorzutragen pflegten, vermehrt um zahlreiche Meister. Ein herausragendes Beispiel dafür ist Piero della
Popolanen, aber auch die Signoria - die Regierung -, ,der f!rancesca, der Künstler, der in der Folge von Brunelleschi
Erzbischof und die hohe Geistlichkeit sowie die 10 Richter, und Alberti vor allem zu nennen ist. »Il monarca della pittura
von denen Poggio, Flavio Biondo und Aurista zu den pro• Ii nostri tempi«, nennt ihn Luca Pacioli. Er ist der Maler, der
duktivsten Humanisten zählten, füllten das Auditorium. n Durchdachtheit und geistigem Niveau Leonardo da Vinci
Aber die Wendung des Publikums gegen die Vulgärsprache nm nächsten kommt. Um die Mitte des Quattrocento hat er
und für die Privilegierung des Lateins erwies sich als so •inen Traktat über die Perspektive herausgebracht. Ich weiß
überwältigend, daß es zum Wettstreit gar nicht kam. Der vün meinem Vater, daß er auf der Düsseldorfer Kunstakade-
Kranz wanderte in den Schatz des Domes, und der Versuch mie noch aus dem Werk des großen Piero die Perspektive
ging aus in einerneuen Verfestigung des lateinischen Sprach· R lernt hat.
monopols für das offizielle und kulturelle Schriftturrl in In seinem Traktat ist Piero nach einer Methode der mathe-
Florenz bis tief in das 16. Jahrhundert. matischen Deduktion verfahren, mit der er, wie Olschki
Um das in einer Epoche Grundsätzliche zu erfassen, hat h ·rvorhebt, der projizierenden Geometrie und dem »more
man sie als Produktionsverhältnis anzugehen. Ich erwähnte RCometrico« Descartes' vorgegriffen hat. Wenige Jahre vor
schon, daß mein besonderes Interesse dem jeweiligen Status ~ inem Tode, 1492, hat er, fast erblindet, noch eine kleine
des »Produzenten« gilt, oder sagen wir dem Status desjeni• S ·hrift de corporibus regularibus verfaßt, über die regulären
gen, der in seiner Epoche im anerkannten Ruf des Produzen· Polyeder, die er aus dem Timaios entnommen hatte. Man
ten steht. In der Renaissance war das der Arbeiter, der durch k. nn also sagen, daß in der Reihe der Renaissancekünstler
seine Befreiung von der Knechtschaft des Feudalismus Eigen• Picro der erste gewesen ist, der die Mathematik aus eigenem
tümer seiner Wohn- und Werkstätte und damit seiner unmit· b •wältigt hat, sie aber eher spekulativ platonisierend ver-
telbaren Arbeitsbedingungen geworden war und sich zur tand.
Verbürgung seines Produzentenstatus mit den anderen seines Ei n anderer gewichtiger Nachfolger Albertis, Francesco di
Fachs zu einer Zunft zusammenschloß. 1iorgio Martini (1438-1502), hat das allerdings wettge-
Er ging durch seine fachliche Lehrzeit hindurch, um lesen, macht. In seinem Trattato diArchitettura civile e militare ver-

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wendet er sein auch nicht geringes Verständnis der Mathema- Medici (1460) nicht wenigen den Verbleib in Florenz ver-
tik für die Probleme der Befestigung gegen artilleristische leidete.
Feuerwaffen, die sich seit Mitte des vorhergehenden J ahrhun- Martini wurde allerdings schon vorher von Federigo an
derts entwickelt und verbreitet hatten. Auch die Flotte der seinen Hof berufen, aber dann fanden sich vor allem Leon
Türken war durch ihre Bestückung mit Kanonen eine gefähr- Battista Alberti und seine Schule ein, ferner Piero della Fran-
liche Bedrohung. Daher die hochaktuelle Bedeutung von ·esca, Luca Pacioli, Mantegna, Bramante, Michelozzo,
Giorgio Martinis Traktat. Leonardo u. a.
Er geht in detaillierten Untersuchungen ein auf die qualita- Leonardo ragte unter den Meistern, die das Niveau des
tiven Verhältnisse zwischen Röhrenlänge, -breite und -dicke mathematischen Denkens erklommen hatten, natürlich um
aller Artj;n von Kanonen, zwischen dem Gewicht der 1· aupteslänge heraus. Aber sein Fall ist eigentümlich und
Geschosse und der Pulvermenge, zwischen der Explosivkraft komplex. Er war nicht ein Meister, sondern anderthalb oder
und der Schußlinie unter verschiedenen Winkeln, zwischen :t.wei Meister in einer Person. Auf der einen Seite war er
der Entfernung und dem Impakt der Geschosse, zwischen Maler, also mit seiner sinnlichen Persönlichkeit zu einem
der Widerstandskraft der Festungsmauern und der Stoßkraft öchstmaß von Sensibilität gesteigert, auf der anderen Seite
der Kugel und wie die Bauart der Festungen demgemäß war er auf dentausendenseiner Manuskriptblätter als experi-
beschaffen sein müsse, in welcher Höhe und Dicke der mentierender Zivil- und Militäringenieur in rein gedanklicher
Mauern, gerade oder polygonal etc. Er betont aber auch, daß Inspiration mit dem Tasten nach Naturgesetzen befaßt, die
über all diese Einzelheiten nichts Definitives werde aus- ine vollkommene Abstraktion von der Sinnenwelt der Wahr-
gemacht werden können, bis nicht die Ballistik der artilleristi- nehmung voraussetzten. Als Maler benutzt er Handwerks-
schen Geschosse bestimmt worden sei, und das geschah :r.cug wie die anderen Künstler der Renaissance, mit denen er
bekanntlich erst über 100 Jahre später durch Galileis Defini- um Aufträge wetteifert; in seinen gedanklichen Grübeleien ist
tion der Geschoßkurve als Parabel. ·r einem begrifflichen Apparat auf der Spur, den er verwen-
Ganz Italien war von der Türkendrohung seit dem Fall von den kann zum Experimentieren mit Hebelwerken, mit
Byzanz 1453 und dem von Otranto 1480 am Eingang z~r Ieichgewichtsverhältnissen schwerer Massen, mit der schie-
Adria in Atem gehalten. Und nicht nur Italien. In manchem f n Ebene und den Gesetzlichkeitendes freien Falls. Aber es
ist man bei Giorgio Martini an Dürer und seine Befestigungs- lleibt beim Experimentieren; nirgends erzielt er den Durch-
lehre von 1527 für Nürnberg erinnert. Immerhin rückten die bruch zu den begrifflichen Formulierungen der Gesetze
Türken 1528 vor Wien. N lbst. Statt textlicher Präzisierungen hilft er sich freigebig

In Italien war der Hof von Urbino ein spezielles Zentrum mi t Zeichnungen, die technische Zeichnungen sein sollten,
dieser Ängste, aber auch der Vorsorge für den Widerstand. s aber nicht sind. Er begreift, daß nur die Mathematik ihm
Federigo da Montefeltro war Feldmarschall der italienischen helfen könnte, zum Ziel zu gelangen. Aber für das mathe-
Liga und Besitzer einer einzigartigen, von ihm selbst angeleg- matische Denken fehlt es ihm, im Gegensatz zu Brunelleschi
ten Spezialbibliothek der Mathematik, die in der zweiten und Piero, auch Dürer vor allem, an natürlicher Begabung.
Hälfte des Quattrocento ein starker Anziehungspunkt für die So ist er mit seinen naturwissenschaftlichen Vorstößen im
hervorragendsten Meister wurde, auch solcher aus Florenz, rhapsodischen Stadium des beinah Erfaßten steckengeblie-
als das dortige Überhandnehmen des Humanismus seit der l cn. In seinen letzten Lebensjahren bei König Franz I.
Gründung der Platonischen Akademie durch Lorenzo de vo n Frankreich hat er selbst ein reuevolles Bedauern

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geäußert, daß er darauf soviel Zeit für seine Kunst versäumt hat Leonardo als erster gebrochen; aber derselbe Leonardo
habe. rekurriert auf den Impetusbegriff zur Erklärung des mecha-
Allgemein gesprochen läßt sich sagen, daß die in einer nischen Kraftbegriffs. Der Impetusbegriff kann als Signatur
Epoche vorherrschende Naturauffassung maßgeblich von für die Verhaftung in renaissancegemäßen Denkgewohnhei-
der Struktur des Produzenten abhängt, oder sagen wir von Lcn dienen. Er dehnt sich noch auf die fortgeschrittensten
der bestimmten Figur, die bei ihren Zeitgenossen als die des Mathematiker Italiens wie Tartaglia und Benedetti, Cardano
Produzenten gilt. Das findet im 16. Jahrhundert, dem Über- und Ferrari aus, während in der zweiten Hälfte des 16. Jahr-
gangsjahrhundertvon der Renaissance zur Neuzeit, konkrete hunderts, teilweise in Überschneidung mit ihnen, das neu-
Bestätigung. /',eitliche Denken sich anbahnt mit Kopernikus und Kepler
Die G runderfahrung der handwerklichen Produzenten und vor allem in Galilei. Was aber ist an dieser Wendung
besteht darin, daß, wenn die Arbeit aufhört, weil ihr Werk s huld? Was hat sich ereignet, das sie erklärt? Ich zitiere Ernst
getan ist, der Mußezustand der Ruhe eintritt. Der statische assirer: »Von allden Problemen, die die Wissenschaftsge-
Inertialbegriff von der Natur der Dinge ist für diese Produ- ~ ·hichte uns stellt, ist die Frage nach dem Ursprung der exak-
zenten nicht das Problem, wohl aber der Kraftaufwand oder l ·n Wissenschaft diejenige, die in rein philosophischer Hin-
Impetus, den ihre Arbeit zu ihrem Anstoß wie in ihrer Dauer sicht an erster SteUe steht. « (Philosophie und exakte Wissen-
von ihnen verlangt und den sie als innewohnende Eigenschaft ~ -haf t, Frankfurt a. M. 1969, S. 39)
auf die Bewegungsvorgänge der Natur übertragen. Doch so vertrackt das Problem auch sei, der Zugang zur
Das klingt wie eine naive Vergröberung der subtilen I .ösung ist klar: Eine Änderung des Produktionsverhältnisses
Erörterungen, die Michael Wolff in seinen fast 400 Seiten h:1t stattgefunden. Der Handelskapitalismus ist in den Pro-
umfassenden Untersuchungen der Impetustheorie und ihrer duktionskapitalismus übergegangen. Aber wie erklärt das die
Geschichte widmet. Aber gerade er betont auch, daß die mathematische Naturwissenschaft? Ich glaube, sie muß sich
Impetustheorie, wie er sagt, mit einer »Übertragungskausali- d. raus erklären lassen. Es ist gar nicht einmal so kompliziert,
tät« verkoppelt ist und daß überhaupt diese Theorie sich man muß nur die aus dem neuen Produktionsverhältnis
weder im Wege der sinnlichen Wahrnehmung noch in dem der 1•rwachsene neue Fa~on von Produzent, der hier auf den Plan
begrifflichen Argumentation sich aus dem Gegenstandsbe- 1ritt, genügend scharf ins Auge fassen. Es ist eine höchst
reich der Erfahrung begründen lasse. widerspruchsvolle Potenz, nämlich ein Produzent, der im
Mit anderen Worten: die Impetustheorie ist ein handwerk- wörtlichen und physischen Sinne nichts mehr produziert.
licher Anthropomorphismus der Bewegung. Die Impetus- Vielmehr versieht er seine Kontrolle des Produktionspro-
theorie gehört zur Religion der bäuerlichen und handwerkli- /, •sses allein mit den Mitteln seines Geldes, das er als Kapital
chen Arbeiter, die im europäischen Mittelalter an die Stelle v ·rwendet, indem er sämtliche für sein Projekt benötigten
der antiken Sklaven getreten sind. Eine solche »Theorie« ist ll:1ktoren, gegenständliche, personelle Faktoren und geistige,
nur in einer Epoche akzeptabel, in der die Probleme der wi e die erforderlichen Patente etc., zusammenkauft. Aus der
Mechanik sozusagen mit den Händen statt mit dem Kopf, 1\l'hörigen Montierung und Kombinierung dieser Faktoren
d. h. mit den Mitteln der manuellen Praxis überwunden, plus Arbeitskräften ergibt sich, ihre Vollständigkeit voraus-
nicht mit denen des theoretischen Denkens gelöst werden. Da 11 ·setzt, ein laufender Produktionsprozeß, der funktioniert,
stützt ein technisches Argument sich auf einen vorweisbaren 11hne daß er, der Produzent, an irgendeiner Stelle selbst Hand
Beispielfall statt auf eine erwiesene Gesetzmäßigkeit. Damit 11111 gt. Denn wenn er dazu genötigt wäre, würde er nicht

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mehr als kapitalistischer Produzent agieren, vielmehr wäre er Gesellschaft. Aber sie bewahrt den Abstand dieser gesell-
in dieser Kapazität gescheitert. Anders gesagt, die Eigen- schaftlichen Logik von der Tatsachenrealität des Phänomens.
schaft als kapitalistischer Produzent postuliert, daß das Dieser Abstand erfordert seine Überbrückung durch das
zusammenhängende materielle Ganze der Produktion, für Experiment. Das Experiment ist an den Grundsatz der expe-
die er die Verantwortung trägt, einen funktionell selbsttätigen rimentellen Isolierung gebunden, d. h. an die Eliminierung
Mechanismus bildet. Wenn das nicht zutrifft, dann wird es für aller nicht strikt zur Natur des Phänomens gehörenden Stör-
den Produzenten unmöglich, sein Produktionsunternehmen faktoren, die ihm nur akzidentell und temporär anhaften
mit den Mitteln bloßer Geldmacht zu kontrollieren. Dann mögen, so daß das Phänomen nur in seiner essentiellen Natur
wird, im Klartext gesprochen, der ganze Produktionskapita- der experimentellen Prüfung unterliegt und das Resultat des
lismus z r Unmöglichkeit. •xperiments daher die Unveränderlichkeit, Wiederholbar-
Obgleich dieses Postulat das Implikat einer Selbsttätigkeit keit und Zuverlässigkeit besitzt, die ein Unternehmer verlan-
des Mechanismus der Produktion ist, wird es doch allgemein gen kann von einer Anlage, in die er sein Kapital investieren
ignoriert. Selbst Marx hat es sich entzogen. Ich aber glaube, soll. Das experimentelle Resultat ist nun der konsolidierte
in diesem Postulat die Ursache der Entstehung der exakten Tatbestand, an dem die Ingenieure mit ihrer technologischen
quantifizierenden Naturwissenschaft erkennen zu können. Ausschlachtung ansetzen können, damit die nutzbaren
Die Einsicht in die charakteristische Eigenart der exakten Maschinen und Apparate gewonnen werden, die in die
bürgerlichen Naturwissenschaft erstreckt sich auf die Beant- Hände der Arbeiter geliefert werden, die sie zu Zwecken der
wortung der Frage, wie eine durch und durch aneignungs- Produktion benötigen.
mäßig organisierte Gesellschaft es dahin bringt, die produk- Dies ist der Kreislauf, in dem die eingangs gestellte Frage
tionslustigste aller Zeiten zu sein. Auf welche Weise überwin- ihre Beantwortung erfährt, die allerdings auf Grund einer
det sie den Widerspruch zwischen der Aneignungslogik aller idealistischen Erkenntnistheorie, wie ihr auch Cassirer ange-
gesellschaftlichen Relationen des Tauschverkehrs und der hangen hat, nicht zu ihrer Erschließung gebracht werden
Produktion von Aneignungsobjekten als Waren? Die Ant- könnte. Und Cassirer mag daher recht haben, wenn er sich
wort auf diese Frage beansprucht die Kombination zweier , us einer Erklärung der exakten Wissenschaft besondere
Schritte, als ersten die Aufstellung einer mathematisch gefaß- philosophische Aufschlüsse verspricht.
ten theoretischen Hypothese und als zweiten die experimen-
telle Prüfung derselben. Die Hypothese ist die Übersetzung
des in Frage stehenden Phänomens in die Termen purer 8. Die Mathematik als Grenzscheide
Aneignungslogik in Gestalt eines mechanistischen Systems. zwischen Kopf und Hand
Ernst Cassirer hat auf die Verwandtschaft der exakten Natur
mit dem Mechanismus hingewiesen, aber er hat sie nicht Das Neuartige und Hervorstechende an der Galileischen
erklärt. Die Erklärung liegt darin, daß der Mechanismus aus eistung ist, daß in dieser Leistung die Anwendung der
der Physikalität der Tauschhandlung stammt, aus der sich die Mathematik auf Naturerscheinungen eröffnet wurde. Nun
Kategorien des abstrakten Verstandesdenkens herleiten. Die sagt unsere Formenanalyse über die Mathematik zweierlei
Hypothese als Formulierung des fraglichen Phänomens in t\us: daß sie erstens das Denken in seiner Vergesellschaftungs-
puren Begriffen der Aneignungslogik leistet die Homologi· f rm charakterisiert, zweitens sie die Kopfarbeit in ihrer
sierung des Phänomens an die allgemeine Verfassung der eschiedenheit von der Handarbeit kennzeichnet. Ein

116 117
Gegenstand besonderen Interesses ist der Zusammenhang 11clle Handfertigkeit von Leuten ausgeübt, die der Grieche in
der beiden Wesenseigenschaften. Übersetzung ihres gewerblichen ägyptischen Namens als
In welchem Sinn ist hier an »Mathematik« gedacht? Es gibt llarpedonapten«, wörtlich »Seilspanner«, bezeichnet. In
verschiedene Formen, verschiedene Instrumentarien von 1li •sem Namen spricht sich, wie schon Burnet bemerkt, mehr
Mathematik. In der uns geläufigen Form bildet Mathematik hnlichkeit mit unserer Gartenkunst als mit unserer Mathe-
eine widerspruchsfreie, streng deduktive Disziplin, welche, rn . tik aus. Aus dem im Rhind-Papyrus aufgefundenen Lehr-
auf bestimmte Axiome und Postulate gegründet, eindeutige lider Übungsbuch des Ahmes sowie aus etlichen ägyptischen
Resultate verspricht. Ihr Gewerbe ist größenmäßige Diffe- R ·liefdarstellungen wird klar, daß diese Seilspanner, ge-
renzierung, die in Zahlen definierbar ist. Diese Modalität von wühnlich zu zweit agierend, den höheren pharaonischen
Mathematik ist eine bis ins 7. und 6. vorchristliche Jahrhun- 1\camten zu Zwecken des Tempel-und Pyramidenbaus, der
dert zurückreichende Schöpfung der Griechen. Die ersten A11lage und Bepflasterung von Bewässerungsdämmen, der
mit ihr assoziierten Namen sind Thales und Pythagoras, l•:rrichtung und Inhaltsbemessung von Vorratsspeichern, der
ersterer ein etwa zwei Generationen nach der um 630 in N ·uverteilung der aus den Nilfluten wiederauftauchenden
Lydien und Ionien erfolgten ersten Münzprägung in Ionien 11 ·ldflur zwecks Fixierung der nächstjährigen Ablieferungs-
wirkender Milesier, mit dem begrifflich reflektiertes Denken li li chten und anderen dergleichen Funktionen zugeordnet
überhaupt seinen Anfang nimmt; der zweite aus Samos w.1rcn. Wenn die Verwendung und Handhabung des Seiles
gebürtig, aber um 540 von dort nach Kroton in Süditalien 111it der gehörigen Virtuosität und mit den Kenntnissen langer
auswandernd und hier wahrscheinlich selbst für die Schaf- Erfahrung ausgeübt wurde, läßt sich denken, daß es nicht
fung eines Münzwesens verantwortlich. Er setzte Zahlen vi ·I · geometrische Aufgaben gegeben haben kann, die sich in
geradezu dem Wesen der Dinge gleich. Milet und Samos M·ßverfahren mit diesem Hilfsmittel nicht überwinden
waren in der damaligen Ägäis zu den beiden rivalisierenden ll • f~en. Darunter befanden sich auch Probleme wie die Drei-
Hauptzentren kommerzieller Tätigkeit herangewachsen. Da 1 •ilung von Winkeln, die Vergrößerung und Verkleinerung
Münzprägung eindeutig von entwickelter und vordringender VI H1 Rauminhalten, einschließlich der Verdoppelung von
Warenwirtschaft zeugt, kann die deduktionslogische Ausprä- Würfeln, schließlich auch die Ausmessung der Größe rr, die
gung der Mathematik von ihren ersten Anfängen bis in unsere il' h bei Ahmes mit 3,1604 angegeben findet. Daß es sich bei
Gegenwart ungeachtet ihrer Wandlungen als gleichaltrig mit tli,•s r Technik nur um Annäherungen, wenn auch mitunter
der Warenproduktion als ganzer angesehen werden. Gemäß 11111 erstaunlich weitgehende, handeln konnte, liegt auf der
der heutigen Wandlung ihrer Instrumentation durch ihre ll1nd, aber ein Anspruch auf »mathematische Genauigkeit«,
elektronische Mechanisierung wird diese Mathematik freilich ·nn es diesen Begriff gegeben hätte, wäre von den Prakti-
nicht die letzte Form ihrer Ausprägungen sein. Ebensowenig 1\ iliHen dieser »Geometrie« vielleicht als bloße Pedanterie
war sie die erste. ''"'I funden worden. Die Betätigung der Seilkunst war eine
Der griechischen Schöpfung ging vornehmlich in Ägypten l'r 11x is des Messens, nichts weiter, aber eine solche von gro-
eine sehr verschiedene Art von »Mathematik« voraus. Bei fast ~~ •111 eschick und von ebenso hoher, wo nicht höherer prak-
aller Bautätigkeit dort leistete eine Meßkunst unentbehrliche 1i ·her Ergiebigkeit als die der Griechen. Sie hat allem
Hilfe, welche Herodot wegen ihrer Anwendung auf Feldver- AIIS ·hein nach auch im alten Indien Eingang gefunden, wo
messung als Geometrie bezeichnet. Sie bediente sich aber als rll früheste Lehrbuch der Geometrie geradezu den Titel
vorzüglichen Hilfsmittels des Seiles und wurde als professio- 1\1111 t des Seiles trägt. Auf dieser Grundlage hat sich, ver-

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knüpft mit der indischen Zähltechnik, dort durch zwei oder Es waren erst die Griechen, die die Hilfsmittel der geome-
mehr J ahnausende hindurch eine Kunst und Kenntnis der Lrischen Darstellung erfanden, und diese bestanden statt aus
Geometrie und Arithmetik entfaltet, die neben der griechi- H•spannten Seilen aus den Linien, die, am Lineal entlang oder
schen in Europa Erstaunen hervorrief, als die Araber vom 8. mit dem Zirkel gezogen, auf der Unterlage stehen blieben
und 9. Jahrhundert an begannen, sich zu den islamischen und mit anderen dergleichen Linien einen dauernden Zusam-
Überlieferem beider zu machen. Zu diesem Überlieferungs- 111 •nhang darstellten, in dem sich geometrische Gesetzmäßig-
gut ist gemäß den Forschungen Joseph Needhams das min- k •iten von innerer Notwendigkeit erkennen ließen. Die
destens ebenso alte und gereifte Wissen Chinas und über- I .inien und ihr Zusammenhang sind an keinen Ort gebunden,
haupt des entfernten Ostens hinzuzuzählen. wo sie einer Messung dienen, und ihre absolute Größe steht
Freiliek würde ich, von meinem Standpunkt aus gesehen, '/ ,II r Wahl. Die Geometrie der Messung wurde also ganz etwas
Überlieferungen aus der Bronzezeit oder noch älteren >111 leres als die Messung selbst. Die handliche Verrichtung
Epochen mit der von den Griechen geschaffenen Mathematik wurde einer rein gedanklichen Anstrengung untergeordnet,
nicht auf eine Ebene stellen. Den Ägyptern gegenüber ver- di • nur noch auf die Erfassung quantitativer und räumlicher
tauschten die Griechen das Instrumentarium des Seiles gegen llormgesetzlichkeit gerichtet ist. Deren begrifflicher Gehalt
das von Lineal und Zirkel und veränderten damit das Wesen i I unahhängig nicht nur von einem besonderen, sondern von
der bisherigen Meßkunst so gründlich, daß etwas vollständig i •glichem praktischen Zweckbezug. Um ihn aber derart von
N eues daraus hervorwuchs, eben Mathematik in unserem prL ktischer Aufgabenstellung ablösbar werden zu lassen,
Sinne. Die Seilkunst war eine Handfertigkeit, die nur von h ·durfte es des Eintritts einer reinen Formabstraktion und
ihren Praktikern und nur an Ort und Stelle des Meßvor- du· ·r Erfassung in reflektiertem Denken, und das erfolgte erst
habens ausgeführt werden konnte. Davon losgelöst, verlor tl11rch die Verallgemeinerung des Austauschs und der Waren-
sie ihren Sinn. Sie hinterließ auch ohne sorgfältige und acht- lt~nn im innergesellschaftlichen Verkehr und seiner durch-
same Veranstaltung keine losgelöste Darstellung ihres geome- j\:l ngigen Beziehung auf einen einheitlichen Münzfuß.
trischen Gehalts. Das Seil wurde nach jeder Meßvorrichtung, Selbstredend vollzog sich diese umstürzende Wandlung
jeder »Maßnahme«, fortbewegt und im Verfolg der Aufgabe VI 111 der ägyptischen Meßkunst der Harpedonapten zur grie-
von einer Lage in die andere gebracht, so daß so etwas wie 1hischen Geometrie nicht mit einem Schlage, sondern über
eine »geometrische Darstellung« unmittelbar gar nicht ent- II 1nderte von Jahren hinweg und vermittelt durch einschnei-
stand. Die Geometrie der Aufgabe erlosch in ihrem prakti- dl'nd c Entwicklungen der Produktivkräfte und entsprechen-
schen Ergebnis, das jeweils nur für den vorliegenden Fall d · Veränderungen der Produktionsverhältnisse. Um das zu
zutraf. Gewiß mußte den Harpedonapten zu ihrer Ausbil- v •rdcutlichen, braucht kaum weiter ausgeholt zu werden als
dung das Wiederkehrende ihrer Techniken gelehrt und h i~ ~. u den Anfängen der griechischen Geometrie bei Thales.
gezeigt werden, und manches davon stellt sich bei Ahmes so I k· Erfindung, mit der er als Mathematiker in der Tradition
dar, als wären es geometrische Gesetze. Doch ist es wohl nur 11 11t r ·nnbar verknüpft ist, diente u. a. der Messung der Ent-
ein Reflex unserer eigenen Vorstellungen, wenn von M. Can- 1 'lllung von Schiffen von der Küste. Hierfür wäre die Seil-
tor, Heath, D. E. Smith und anderen Historikern der Mathe- llllllSt selbstredend nutzlos gewesen, und an diesem einen
matik gemutmaßt wird, es müsse dem Übungstext von llt•ispicl kann der ganze weltenweite Unterschied zwischen
Ahmes ein eigentliches Lehrbuch vorangegangen sein, nach d1•11 :wf Agrarausbeutung gegründeten, noch bronzezeitli-
dem noch gefahndet werden sollte. 1l1 ' II I !estlandökonomien Ägyptens und Mesopotamiens dort

120 121
und den auf Seefahrt, Raub- und Warenhandel sowie die h ~tr werden, die technologische Anwendung, welche sich
durch die Eisentechnik ermöglichte »kleine Bauernwirtschaft hran anschloß, doch nur militärischen oder spielerischen
und den unabhängigen Handwerksbetrieb« (Marx, MEW23, Zwecken dienstbar blieb. Die Mechanik verläßt nicht den
354) als Produktionsformen gestellten griechischen Stadt- Rahmen der Statik, bleibt also der Ruhe als alleinigem Träg-
staaten hier zur Anschauung gelangen. Die neue geldwirt- h itszustand verhaftet. Das ist nicht der Versklavung der
schaftliche Reichtumsbildung der Griechen entstammte nicht Arbeit allein zuzuschreiben, da es auch durch das ganze
dem Boden und nicht den Werkstätten manueller Produzen- Mittelalter hindurch und darüber hinaus so andauert. Es liegt
ten, wenigstens nicht bevor diese durch Sklaven ersetzt und ebensosehr an einem Entwicklungsstand der zweiten Natur
zur Quelle von Handelsware gemacht werden konnten. Sie in Kapitalformen, die zwar aus dem gegebenen Zustand der
entspran~ allein dem Zirkulationsgefälle und war, wie Engels I inge Nutzen zu ziehen, nicht aber in einschneidend ver-
sagt, Leistung des Kaufmanns- und Wucherkapitals. ( nderter Weise in sie einzugreifen vermögen.
Der »reinen Mathematik« der Griechen ist wesentlich, daß Die Forschungstätigkeit muß sich in unverbrüchlicher
sie sich zur unüberbrückbaren Grenzscheide zwischen Kopf- l nabhängigkeit und Segregation von den industriellen
arbeit und Handarbeit auswuchs. Diese Intellektualbedeu- Interessen abspielen, um ihnen dienen zu können. Da das
tung der Mathematik wird bei Plato geradezu thematisch, Postulat jedweder Produktionsunternehmung in strikter
und Euklid hat ihr an der Schwelle des Hellenismus in seinen Absehung von ihrer arbeitsteiligen Differenzierung gemäß
Elementen der Geometrie das unvergängliche Monument I T herrschenden gewerklichen Arbeitsteilung der kapitalisti-
gesetzt. Dieses Werk ist offenbar allein zu dem Zweck ent- ·ben Produktionsweise unterliegt, muß seine Erforschung
standen, darzutun, daß Geometrie nur sich selbst entspricht, l11 den Grundkategorien der gesellschaftlichen Primärab-
sofern sie als deduktiver Denkzusammenhang sich selber t r:tktion erfolgen. Dasangesichts eines konkreten N aturvor-
trägt. Hier ist beides, die Sterilität und die Synthetik des HIIngs aufgeworfene spezifische Postulat nimmt die Form
reinen Denkens, so weit getrieben, daß es weder den Quellen •in r mathematischen Forschungshypothese an, die auf die
und Hilfsmitteln nach noch nach Zweck und Nutzeh den I ausalität einer Funktionsgleichung und ihres Zahlenwerts
Stoffwechsel von Mensch und Natur zur Kenntnis nimmt. In I tutet und durch einen experimentellen Test auf ihre objektive
dieses Glashaus des griechischen Geistes ist, ganz wie in die H •11lität geprüft werden muß. Wenn wir noch hinzunehmen,
Wertgegenständlichkeit der Ware, »kein Atom Naturstoff« d tß die intellektuelle Reflektionsform der Primärabstraktion
eingegangen. Es ist purer Formalismus der zweiten Natur d ' II Begriffen des reinen Verstandes gleichkommt, dann
und bezeugt durch seine Beschaffenheit indirekt, daß in der h tb ' 11 wir also mit der Allgemeingültigkeit und objektiven
Antike die Kapitalform des Geldes, also der Funktionalismus I{ •, lität die Eigenschaften beieinander, die gemäß Kant einer
der zweiten Natur, zuletzt steril geblieben ist, nämlich zwar 11mschungstätigkeit den streng wissenschaftlichen Charakter
die Arbeit entsklavt, aber doch die produktive Verwendung VPI'I ihen.
der freigelassenen Arbeitskraft in keiner beachtenswerten Ein Blick auf Galilei vermag diesen Standpunkt zu bestäti-
Weise, wenn überhaupt, erhöht hat. Das läßt sich rückschlie- 1 ' ll. Das grundlegend Neue seiner Denkweise gegenüber
ßend schon daraus erraten, daß in der hellenistischen Ent- I 'lll Handwerkerstandpunkt seiner Vorgänger war, daß er
wicklung nach Euklid, also bei Archimedes, Eratosthenes, • •in •n D enkstandpunkt von vornherein auf dem Boden der
Apollonius, dem legendären Heron u. a. m., in deren Mathe- Ikw ·gung einnahm. Das schied ihn vom traditionellen
matik bereits Elemente von Bewegungsabstraktion bemerk- ' t~t n dpunkt des Handwerkers, ließ ihn die Bewegung als

122 123
Zustand des Seins auffassen, Seite an Seite mit dem Ruhezu- in seiner klassischen Zeit auf Grund der Universalität ihrer
stand, also beide im gleichen Maße inertial. Diese Auffassung Hcgriffsform und ihrer existentiellen und ideellen Distanz
begründete und befestigte er durch seineUntersuchungender vom Kapital.
Fallbewegung schwerer Körper, »de motu gravium«, die er Das läßt mich denken an eine säkulare Bemerkung Ernst
noch in Pisa 1590 unternahm, also noch vor seiner ganzen 'nssirers. In seiner 1910 erschienenen und immer noch ergie-
Karriere. Dort fand er, daß abgesehen vom Luftwiderstand, bigen Untersuchung zur Erkenntnistheorie Substanzbegriff
also im leeren Raum, alle Körper gleich schnell fallen. Es gibt tmd Funktionsbegriff macht er (S. 155) die Feststellung: >>Der
nur eine Gravitation, nur ein Fallgesetz. Die dynamischen t•xnkte Begriff derNaturwurzelt im Gedanken des M echanis-
Gesetze der Natur sind die Bewegungsgesetze, die sich im /1/US und ist erst auf Grund dieses Gedankens erreichbar. Die
Ergebnis fortschreitender wissenschaftlicher Erforschung Naturerklärung mag in ihrer späteren Entwicklung ver-
addieren zur Beantwortung des Automatismuspostulats im '' ·hen, sich von diesem ersten Schema zu befreien und ein
jeweiligen Fall des vorliegenden Unternehmens. 1623 in sei- w ·iteres und allgemeineres an seine Stelle zu setzen: dennoch
nem Saggiatore (Die Goldwaage) bestimmte Galilei die hl ·ibt die Bewegung und ihre Gesetze das eigentliche Grund-
Grundsätze der Methode der neuen Wissenschaft als mathe- problem, an dem zuerst das Wissen zur Klarheit über sich
matisches und experimentelles Verfahren. Das hat sich als -lbst und seine Aufgabe gelangt. Die Wirklichkeit ist voll-
wahr erwiesen, obwohl zu Galileis Zeiten die Experimente tiindig erkannt, sobald sie in ein System von Bewegungen
weitgehend Gedankenexperimente waren, schon deshalb, 11l1 fgelöst ist.«
weil es an den erforderlichen Apparaturen mangelte. Erst assirer sagt uns nicht, aus welcher Quelle der Gedanke
Newton hat in seiner Optik von 1707 das Modell eines d •s Mechanismus selber fließt, aber er beschreibt dessen
messenden Experimentes geliefert. Den mathematischen Teil '/. •ntralstück, die Bewegung, nicht mit ihrem üblichen empi-
seiner Methode führt Galilei im Saggiatore in den bekannten lt/1 ·hen Begriff, sondern als »reine Bewegung« im reinen
Sätzen ein: >>Die Philosophie ist in dem großen Buch nieder- I{ turn und in reiner Zeit. Und das sind unverkennbare Züge
geschrieben, das immer offen vor unseren Augen liegt, dem tl ·r Physikalität der Tauschhandlung.
Universum. Aber wir können es nur lesen, wenn wir die Mit anderen Worten, beide Teile, der exakte Begriff der
Sprache erlernt und uns die Zeichen vertraut gemacht haben, Nrttu rund der Gedanke des Mechanismus, wurzeln im selben
in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathe- I Jt•sprungsort: in der Primärabstraktion des Austausches.
matik geschrieben, deren Buchstaben Dreiecke, Kreise und I Iu· ·Koinzidenz gibt also durchaus kein Rätsel auf, ich kann
andere geometrische Figuren sind; ohne diese Mittel ist es i · im Gegenteil als zusätzliche Bestätigung meiner These
dem Menschen unmöglich, auch nur ein einziges Wort zu vo m unterschwelligen Zusammenhang der exakten Natur-
erlernen.« \ltsscnschaft mit der Ökonomie des Produktionskapitals
Durch ihre Mathematisierung teilt die neuzeitliche Wis- t •llamieren. Unterschwellig, oder wenn man will, transzen-
senschaft ihre Quantifizierung mit dem Wertbegriff der d 'lltal ist diese Stammverwandtschaft in der Tat, denn an der
Warenökonomie, deren Interessen sie direkt und indirekt b ·rfläche sind beide so diffus und unübersetzbar ineinander
dient. Da ihre Stammverwandtschaft mit dem Kapital und wl ·etwa die ökonomische Definition des Eisens durch seinen
seiner Produktionsweise in vollständiger Verborgenheit für l't ·is und die physikalische durch sein Atomgewicht, um ein
die Träger der Wissenschaft besteht, erfreuen diese sich der lttftiges Beispiel zu nennen.
imaginären Unabhängigkeit der Motivation ihres Forsc~ens I' reitich kann nicht ignoriert werden, daß dieNaturwissen-

124 125
schaft seit der Mitte unseres Jahrhunderts nach lang ist eine soziologische Frage, und es ist die Leitfrage, zu der die
andauernder Anlaufzeit eine einschneidende Veränderung Antwort die Erklärung der exakten Naturwissenschaft zum
erfahren hat. Die lnertialtheorie der Bewegung ist seit Ein- Inhalt haben muß, die Ernst Cassirer »in rein philosophischer
stein durch die elektromagnetische Feldtheorie verdrängt I Iinsicht« so hoch bewertet.
worden. Die Ursache des Wandels ist, daß das Eisen- und Tatsächlich tut Cassirer selbst einen gewichtigen ersten
Maschinenzeitalter im Maße der Vollendung des Automatis- Schritt zu dieser Erklärung durch seine enge Assoziierung der
muspostulats ins Atomzeitalter übergegangen ist und wir •xakten Natur mit dem Gedanken des Mechanismus, die wir
einen entsprechenden Wandel von den Produktivkräften der oben zitiert haben. Freilich war Cassirer in der soziologi-
Mechanik und der Lohnarbeit zu denen der Elektronik und s ·hen Blickrichtung nicht annähernd so geschult wie in der
der Automation durchmachen. n::tturwissensohaftlichen. So konnte ihm entgehen, daß der
Mechanismus den aneignungslogischen Charakter eines Vor-
f.i:lngs bzw. einer Handlung präsentiert. Ich habe oben die
9. Schlußbemerkungen mechanistische Denkweise von der Physikalität der Tausch-
llandlung abgeleitet wegen der Wechselseitigkeit privativer
Der Umbruch des Kaufmannskapitalismus der Renais- 1\neignung, auf die sich diese Handlung reduziert.
sance in die Epoche des Produktionskapitalismus geschah im Die naturwissenschaftliche Erkenntnis beginnt ihre Tätig-
16. und 17. Jahrhundert und vollzog sich durch den Über- k •it methodisch mit der Ausarbeitung der mechanischen, das
gang der Produktionsmittel aus dem Eigentum der Arbeiter, h ~ißt der aneignungslogischen Fassung des zu erklärenden
selbständigen Bauern und Handwerker in das Eigentum des Phänomens im Zahlenwert einer kausalen Funktionsglei-
Kapitals. »Der Prozeß, der das Kapitalverhältnis schafft [in ·hung. Dieser Zahlenwert bedarf der experimentellen Bestä-
der Produktion, S.-R. ], kann also nichts andres sein. als der 1igung unter den Bedingungen der sogenannten experimen-
Scheidungsprozeß des Arbeiters vom Eigentum an seinen t •IIen Isolierung, bestehend in der Eliminierung aller »Stör-
Arbeitsbedingungen, ein Prozeß, der einerseits die gesell- f.tktoren«. 9) Durch die experimentelle Isolierung wird die
schaftlichen Lebens- und Produktionsmittel in Kapital S ringenz der mathematischen Hypothese als Gesetzmäßig-
verwandelt, andrerseits die unmittelbaren Produzenten in k ·it der zeitlosen »Natur« der wissenschaftlichen Objekte
Lohnarbeiter«, so Marx (MEW 23, 742). Oder in meinen und die Wissenschaft als die Erforschung der »Naturgesetze«
Kategorien ausgedrückt: der Prozeß, durch den die gesell- v •rstanden. Als naturgesetzlich bedingt verstehen sich auch
schaftliche Produktion aus einem produktionslogischen in di technischen bzw. maschinellen Hilfsmittel, die dem
einen an eignungslogischen Zusammenhang verwandelt wird. interessierten Kapitalunternehmen als seine Produktionsmit-
Aber wie ist dieser Zusammenhang innerlich möglich, wie ll'l zur Verfügung stehen. Diese Hilfsmittel sind für die
kann er funktionieren in seiner krassen Widersprüchlichkeit? II ;· nde der beschäftigten Arbeiter bestimmt und bewirken die
Was der von Marx beschriebene Prozeß zustande bringt, ist Wiederherstellung der Produktionslogik des kapitalistischen
eine Gesellschaft, die in ihrer Ganzheit und bis in jede spezi- l nternehmens in Gemäßheit mit dem Automationspostulat
fische Einzelheit hinein aus keinen anderen als aneignungs-
logischen Aktivitäten besteht und gleichwohl die produk-
tionssüchtigste und produktionsbegabteste aller bisherigen 11 I ·h adoptiere hier die Terminologie von Bodo von Greiff in seiner
Geschichtsepochen darstellt. Wie geht das zusammen? Das ~: rhcllenden Studie.

126 127
dieser Produktionsweise. to) Andererseits sind diese' selben ' ie ahnen konnten und auch als ich selber ahnte. Und nur das
Produktionsmittel gleichzeitig gewinnversprechende Investi- ßewußtsein dieser Übereinstimmung, von der Sie Spuren im
tionsobjekte für das Kapital, da ihren technischen Nutzfunk- Begriff der falschen Synthesis in der Jazzarbeit mögen
tionen in ihrer wissenschaftlich verbürgten Naturgesetzlich- bemerkt haben, die aber im wesentlichen in der kritisch-
keit glaubwürdige Zuverlässigkeit und unbegrenzte Wieder- immanenten Überführung(= dialektische Identifikation) des
holbarkeit zugesprochen werden können. Ich erachte hiermit Idealismus in dialektischen Materialismus; in der Erkenntnis,
die leitende Frage dieser Erwägungen in ihrem wesentlichen daß nicht Wahrheit in Geschichte, sondern Geschichte in der
Teil für beantwortet. Wahrheit enthalten ist; und im Versuch einer Urgeschichte
Diese Erklärung der exakten Wissenschaft bestätigt die in der Logik besteht - nur diese ungeheure und bestätigende
der vorlie_genden Studie vertretene These, daß die tragenden, Übereinstimmung verhindert mich, Ihre Arbeit genial zu
aus dem reinen Verstande entsprießenden Grundkategorien nennen - die Angst, es möchte es auch die eigene sein!« Mit
der mathematischen Naturwissenschaft nicht auf dem geisti- unserer gesellschaftlichen Erklärung des reinen Verstandes
gen Wege, das wäre über den idealistischen Fetischismus des s ·hwindet die antinomische Unvereinbarkeit der Naturwis-
reinen Verstandes, erklärbar sind, sondern sich aus dem s ·nschaft und der Geistes- bzw. Geschichtswissenschaft.
gesellschaftlichen Sein verstehen, wo sie unsere funktionale l amit sollte der Weg zu allseitigem Verständnis der
Gesellschaft nach Prinzipien des Privateigentums möglich cschichte der abendländischen Menschheit offenstehen.
machen.
»In philosophischer Hinsicht« legte Ernst Cassirer auf die
Erklärung der exakten Wissenschaft Wert. Tatsächlich läßt
sich als philosophische Bedeutung unserer Erklärung vor
allem der nachdrückliche Aufwind namhaft machen, den
unsere Erklärung dem historischen Materialismus verleiht im
Sinne seiner Adornoschen Definition als »Anamnesis der
Genese~<. In seinem Brief11 l vom 17. November 1936 aus
Oxford schreibt Adorno: »Ich glaube nicht zu übertreiben,
wenn ich Ihnen sage, daß Ihr Brief die größte geistige
Erschütterung bedeutete, die ich in Philosophie seit meiner
ersten Begegnung mit Benjamins Arbeit- und die fiel ins Jahr
1923!- erfuhr. Diese Erschütterung registriert die Tiefe einer
Übereinstimmung, die unvergleichlich viel weiter geht, als

10 Vgl. die scharfsichtige Abhandlung von Thomas Kuby >>Der Wandel


des Automationsbegriffs«, in: Thomas Kuby (Hrsg. ), Vom Hand-
werksinstrument zum Maschinensystem, Technische Universität
Berlin 1980, S. 87-103.
11 Dieser Brief Adornos ist eine Antwort auf das >>Expose zur Theorie
der funktionalen Vergesellschaftung«, das ich Adorno am Tag vorher
geschickt hatte. Dies Expose ist abgedruckt im Anhang, S. 131 ff.

128 129
Anhang

xpose zur Theorie der funktionalen


Vergesellschaftung
Ein Brief an Theodor W. Adorno
(1936)

I •r nachstehende Text ist der Hauptteil eines Briefes von mir an Th. W
i\dorno vom November 1936, der nach langen Jahren des Kontaktes
lll ine theoretische Verständigungsbasis mit ihm herstellte. Adornos
Antwort auf den Brief war ein Ausdruck spontaner Zustimmung und
•inc Aufforderung zur mündlichen Erörterung der Sache. Dadurch
hoben seine Gegenäußerungen leider ihrerseits keinen schriftlichen
N icderschlag gefunden.

Die Konzeption, deren Ausarbeitung mein Plan ist, beruht


im Grunde auf zwei wesentlichen Einsichten, die sich mir aus
I ngen frühen Arbeiten gefestigt haben. Die erste kann ich
vielleicht darin zusammenfassen, daß die geschichtliche Ent-
tchung der ganzen verselbständigten und mit dem Schein der
logischen Autonomie begabten Theorie, d. h. also der
Erkenntnis« in jeglichem idealistischen Verstande, sich in
I ' zter Instanz allein aus einem eigentümlichen und sehr tief-
weifenden Bruch in der Praxis des gesellschaftlichen Seins
•rklärt. Es entspricht dies, allgemein gesagt, der wohl grund-
marxistischen Einsicht, daß alle Probleme der menschlichen
'l'heorie in Wirklichkeit auf Probleme der menschlichen
Praxis zurückgehen und daß deshalb die Aufgabe der marxi-
tischen Ideologienkritik sich darin zusammenfaßt, die Pra-
hl •me der Theorie auf die zugrunde liegenden Probleme,

131
d. h. Widersprüche, in der Praxis zurückzuführen. Diese Relation ist aber nun wiederum das Geltungsproblem der
Zurückführung hat selbst praktischen Zweck, sie steht im l.deologien (welche Geltung ihnen beiwohnt) der schwierige
Dienst der Praxis und praktischen Veränderung des materiel- Kernpunkt. Genauer: das Problem ist die Relation des
len menschlichen Seins. Aber seiner Veränderung in welchem Geltungscharakters der Theorie (idealistisch gesprochen
>>Sinn«? Und warum hat das materielle Sein der Menschen »Erkenntnis«) zur Praxis des menschlichen Seins.
überhaupt einen >>Sinn«, irgendeinen Bezug auf die >>Wahr- Man kann diese Problemstellung von verschiedenen Seiten
heit«? Hier scheint mir das für den Ansatz des Marxismus angehen. Eine von ihnen ist sicherlich diese: Der Marxismus
entscheidende Problem eingeschlossen zu liegen, zugleich ist die Methode der Wahrheitskritik der Ideologien, indem er
auch die Frage, wodurch der Marxismus sich von allen ande- doch lediglich die Methode ihrer genetischen Determination
ren Metgoden so grundsätzlich unterscheidet. Denn er will ist. Woran liegt diese seltsame revolutionäre Koinzidenz?
diesen Sinn, diesen Bezug des Seins auf die Frage nach der Wenn eine Ideologie marxistisch in ihrer Determination auf-
Wahrheit nicht selbst von sich aus setzen, nicht selbst eine ~cdeckt wird, so verwandelt sie sich selbst (in ihren eigenen
Philosophie also oder Ontologie vorlegen. Seine Methode ist ßegriffen, gemäß ihrem eigenen Sinn, gleichsam im Kopf
eine ganz und gar andere. >>Wir entwickeln der Welt aus den ihrer Urheber und Träger) in eine Hebelkraft der praktischen
Prinzipien der Welt neue Prinzipien.« Der Marxismus läßt revolutionären Seinsumwälzung. Wenn das gleiche dagegen
sich die Frage nach der Wahrheit aus der Geschichte der soziologisch unternommen wird, so vollzieht sich nichts
Menschheit vorgeben; er kennt sie nur daher, daß sie in der Derartiges. Und während sich dort die Flamme der Wahr-
Geschichte vorkommt (und dadurch auch auf ihn selbst heitsfrage zum Feuer der Seinsrevolution entzündet, bleibt
gekommen ist); er steht in ihrer Tradition und ist ihr einziger hier von allem nur ein erbärmliches Aschenhäufchen übrig,
legitimer Erbe, weil er sie aufgreift und sie zur kritischen das dem Soziologen die für ihn unbeantwortbare Frage auf-
Vollendung zu bringen unternimmt. Er läßt sie sich also gibt, wo die Flamme herkam, die etwas zu Asche überhaupt
vorgeben, nicht um sie zu >>destruieren« und als bloße >>Ideo- verbrennen konnte. Für den Marxismus ist dabei gleich
logie« ad acta zu legen, sondern um sich im Gegenteil zum wesentlich: daß er wirklich nichts als die genetische Determi-
Anwalt der in ihrem Zeichen von den Menschen in ihrer nation vornimmt, nämlich nicht das mindeste zu den Dingen
Geschichte selbst abhängig gemachten Vorhaben zu machen. hinzutut, daher bloße Wissenschaft ist, und daß eben dies
Er nimmt sogar diese Vorhaben (die also die Menschen selbst gleichwohl gerade der Herd der revolutionären Kritik der
-nicht er- für ihre Sache erklärt haben) um so viel ernster l inge ist. Woran liegt das? Mit der Vorwegnahme des
als diese Menschen selbst, als er ihr kritischer Anwalt ist, Ucgriffs der Dialektik würde man hier das Problem nur mit
kritisch nämlich um der darin erhobenen Wahrheitsfrage d ·r Frage nach dem Wesen der >>Dialektik« weitergeben. Es
willen. Nur in der Relation dieser Kritik hat und kennt der Ii •t;t vielmehr daran, daß die marxistische Determination das
Marxismus seinerseits die Wahrheitsfrage, daher ohne eine lk wußtsein in bezug auf seine Wahrheits/rage, die Begriffe
mit der Wahrheitsfrage schon verknüpfte Ideologie zu I. insichtlich ihres Geltungscharakters aufs gesellschaftliche
schlucken. Auf die Bestimmung dieser Relation kommt des- S •in zurückführt. Und erst hierin konstituiert sich sein dia-
halb alles an (wie eben in ihr auch der Grund liegt, warum der l·ktischer Charakter, denn hier liegt überhaupt das ganze
Marxismus schlechterdings nicht die Setzung einer neuen Problem der Dialektik (mitsamt dem Grunde, warum sie
Ontologie und prima philosophia sein kann, sondern, wie Sie ni ·ht vorweggenommen werden kann). Ich sehe in der gene-
sagen, nur die >>ultima philosophia«). In der Frage nach dieser ti~c h e n Erklärung der Erkenntnisgeltung also auch den

132 133
Unterscheidungsgrund des marxistischen vom bürgerlichen nicht mit der gleichsam als Patient behandelten Ideologie.
Materialismus und Empirismus. Denn er ist in der Tat der- Dageg~'n spricht die marxistische Kritik in den ideologischen
selbe wie der Grund, warum sich in der bürgerlich-soziologi- Kopf hinein, nicht an ihm vorbei oder über ihn hinweg. Hier
schen Reduktion das »Sein« in krude Faktizität verwandelt, wird der Träger einer Ideologie entmachtet, nachdem die Kri-
während es in der marxistischen Reduktion seinen Charakter tik seiner Ideologie (nach deren eigenen Begriffsmaßstäben)
als materielle Praxis herstellt, in die die kritisierte Wahrheits- die Entmachtung legitimiert hat. Daraus leitet- sich das
forderung der Ideologie als revolutionäre Energie hinein- geschichtliche Recht des Marxismus ab, aus der »Waffe der
schlägt. Kritik« das Recht auf die »Kritik der Waffen«. Daß derTräger
Da ich auf diesen Charakter der marxistischen Ideologien- der kritisierten Ideologie außerstande ist, die Kritik selber zu
kritik- da§ sie nämlich essentiell Wahrheitskritik der Ideolo- akzeptieren oder auch nur zu vollziehen, weil er dazu über
gien ist - ausschlaggebenden Wert lege, möchte ich noch seinen eigenen Schatten springen müßte, ist kein Einwand
einen weiteren Augenblick dabei verweilen, um diesen ~c gen das Prinzip. Denn das Prinzip ist wichtig aus ganz
Zusammenhang so klar wie möglich herauszustellen. Die 1\ndren Gründen. Das Postulat der marxistischen Ideologien-
Forderung an den Marxismus, der gerecht zu werden mein kritik als Wahrheitskritik hat nicht den Sinn, die Ideologien-
Ziel ist, geht dahin, daß aus den Analysen eines bestimmten diskussion für den höchsten Zweck des Marxismus zu erklä-
geschichtlichen und gesellschaftlichen Seins ein lückenloser 1' ·n. Der Zweck bleibt immer die praktische Veränderung des
Ableitungszusammenhang der dorthin gehörigen Ideologien menschlichen Seins. Wohl aber argumentiere ich, daß die
bis in ihre logischen Strukturen und also ihren Wahrheits- tncthodische Möglichkeit der wahrheitskritischen Ideolo-
begriff hinein resultieren muß. Die Ideologien sind einerseits 1\ienerklärung das Kriterium dafür ist, daß auch die Analyse
falsches Bewußtsein, aber sie sind andererseits als dieses d ·s gesellschaftlichen Seins selbst marxistisch zureichend
falsche Bewußtsein in sich sowohl wie genetisch notwendig durchgeführt wird, selbst dort, wo es, wie in der Ökonomie,
bedingt. In dieser notwendigen Bedingtheit stecken das 1,unächst gar nicht auf Ideologienkritik ankommt. Ich meine
Wahrheitsproblem des Bewußtseins und das Problem der tlso, daß z. B. die Analyse der kapitalistischen Produktions-
marxistischen Wahrheitskritik der Ideologien. Ja, ich möchte v ·rhältnisse so lange um ihrer selbst willen nicht zureichend
noch weiter gehen und sagen, daß in dieser notwendigen liiStruiert ist, wie sich aus ihren begrifflichen Werkzeugen,
Bedingtheit der Ideologien das ganze Problem der Logizität 1'1wa der Analyse der Warenform und Wertrelation, nicht
des Bewußtseins als menschlicher Erkenntnis steckt. Das i •derzeit, wenn man wollte, zugleich die volle Wahrheitskri-
Problem liegt nicht so sehr darin, daß das Bewußtsein immer l i k des bürgerlichen Idealismus gewinnen läßt. Wird die öko-
in bestimmter Weise verkehrt ist, sondern darin, daß dieses llomische Analyse des Kapitalismus diesem Kriterium nicht
verkehrte Bewußtsein, wenn es notwendig verkehrt ist, die f\1'1' 'Cht, so wird sie auch an irgendeiner Stelle den Aufgaben
Wahrheitsfrage enthält. dt•r gesellschaftlichen Seinsveränderung nicht gerecht wer-
Die marxistische Herleitung einer Ideologie aus dem d,•n. Sie wird in ihrem Geschichtsverständnis im gesellschaft-
gesellschaftlichen Sein ist erst dann befriedigend gelungen, 1 ·h •n Sein undu'rchsichtige Reste stehen lassen. Beides
wenn sie dazu führt, mit der betreffenden Ideologie imma- lt · lingt sich gegenseitig. Die Ökonomie kann nicht stimmen,
nent zu diskutieren. Eben hierdurch unterscheidet sich die wt•nn einem in ihrer Anlage nicht die kritische Liquidierung
marxistische Methode von der bürgerlich-soziologischen. dt\ idealistischen Denkstandpunkts in die Hand fällt, und
Diese nämlich argumentiert in ihren genetischen Versuchen dh•sc Liquidierung kann nicht durchschlagend sein, solange

134 135
die ökonomische Analyse nicht auf den richtigen Füßen indem man sie verwirklicht, da man sie allein durch ihre Ver-
steht. wirklichung aufheben kann. Und diese Verwirklichung als
Diese Gegenseitigkeit ist wichtig, weil sie überhaupt die Aufhebung, Aufhebung als Verwirklichung der in den Ideo-
Relation bezeichnet, in der der dialektische Geschichtsmate- logien auftretenden Wahrheitstheorien ist überhaupt das
rialismus seine erkennende Arbeit verrichtet. Die Relation t•igene Verhältnis des Marxismus zum Wahrheitsproblem.
findet sich ausgesprochen in dem Marxschen Satz, daß nicht /\ ber umgekehrt ist auch nur das Wahrheitsproblem der
das Bewußtsein das Sein, sondern das gesellschaftliche Sein llebelpunkt, ·in dem die Verwandlung der theoretischen in
der Menschen ihr Bewußtsein bestimmt. Denn dieser Satz ist 1 raktische Probleme der Menschen sich vollziehen läßt, und
in dem wörtlichen Sinn zu nehmen, daß er das »gesellschaft- mit der Ausschaltung des Wahrheitsproblems oder mit seiner
liche Sein~< und das »Bewußtsein« durch ihr ausgesagtes Ver- V •rfehlung würde der ganze Marxismus zum platten Vulgär-
hältnis zueinander beiderseits definiert. Das gesellschaftliche m. terialismus.
Sein abgesehen vom Bewußtsein ist nichts oder, richtiger Man kann nun verschiedener Meinung sein, wie weit die
gesagt, nichts als der fetischistische Schein purer Faktizität; M:trxsche Ausarbeitung, speziell die Warenanalyse zu Beginn
und das Bewußtsein abgesehen vom gesellschaftlichen Sein ist d ·s Kapital den hier gestellten Bedingungen Genüge tut. Ich
ebenso nichts oder, richtiger, der fetischistische Gegenschein h:lbe mich seit meiner frühen Studentenzeit zehn Jahre lang
des »transzendentalen Subjekts«. Hingegen ist das »Bewußt- mi~ den ungeheuren Schwierigkeiten abgemüht, die in dieser
sein« das, was vom gesellschaftlichen Sein bestimmt wird, Analyse der wirklichen Klarstellung im Wege stehen. Ich
und das gesellschaftliche Sein ist das, was das Bewußtsein der I \nn hier auf die Einzelheiten nicht eingehen. Aber zu prüfen
Menschen bestimmt. Erst innerhalb dieser Relation haben t, b die Marxsche Identifizierung der Warenform exakt
beide ihre geschichtliche und dialektische Wirklichkeit. 1t•nug durchgeführt ist, um den Idealismus von seinem Zen-
Dies bestimmt auch das Verhältnis des Marxismus zum t lll rn her aufzubrechen. Dies wäre der Fall, wenn die Waren-
Wahrheitsproblem. Der Marxismus tritt nicht von sich aus lt n'll1 bis auf die Grundelemente der idealistischen Erkennt-
mit der Frage nach der >>Wahrheit« an die Geschichte oder an llt theorie durchsichtig gemacht ist, so daß sich also die
das >>Sein« heran. Noch weniger stellt er eine eigene Theorie II •~-;riffe der Subjektivität, der Identität, des Daseins, der
der Wahrheit auf oder spiegelt den Menschen eine >>Weltan- I >inglichkeit, Objektivität und der Logik der Urteilsformen
schauung« vor. Vielmehr weiß der Marxismus von der Wahr- Pt nd utig und lückenlos auf Momente der Warenform der
heitsfrage streng genommen nur aus der Geschichte, er t\ r h ·itsprodukte und ihrer Genesis und Dialektik zurück-
nimmt sie vonseitender Ideologien, die in ihrem Namen auf- ~ ·fi.ihrt fänden. Da ich diese Forderung in der Marxschen
treten, zur Kenntnis. Ich habe das schon dargelegt, möchte es t\ n.dyse nicht voll verwirklicht zu sehen meinte, habe ich
aber mit dem relationalen, zwischen Sein und Bewußtsein hin .lu•s • Analyse weiterzutreib~n versucht. Denn ich bin un-
und her wirkenden Wesen der marxistischen Methode in h •dingt der Überzeugung, daß die wissenschaftliche Stim-
Beziehung setzen. Indem er die ans >>Absolute« gerichteten 11111\k •it des Marxismus von der Möglichkeit abhängt, die
Fragen der Menschen aus ihrer ideologischen Relation in die 11 .1lyse der Warenform bis zu diesem Punkt fortzutreiben,
materialistische Relation zum gesellschaftlichen Sein dieser 1111 w ·lchem über die speziell kapitalistischen Fetischismen
Menschen zurückbringt, verwandelt er die unlösbaren Fra- lttll.lliS der ganze Mechanismus der Fetischisierung, d. h. der
gen der Theorie in lösbare Fragen der Praxis. Dies entspricht lt~ • ncs is der Ideologien hinsichtlich ihrer Geltungscharak-
genau dem Marxschen Prinzip, die Philosophie aufzuheben, t 1 II', durch die ganze sogenannte Kulturgeschichte hindurch,

136 137
also bis zur Antike und vielleicht noch weiter zurück, auf- heitskritik der Ideologien der Entfremdung unmittelbar ver-
gedeckt wird. bunden. Wenn die Subjekt-Objekt-Spaltung, die Frage nach
Und hier komme ich nun endlich auf die zweite meiner der Wahrheit und die >>Erkenntnis« als Resultat der Ausbeu-
>>Zwei Einsichten«, die ich ganz zu Anfang herauszustellen LUng entstehen, nämlich als eine notwendig bedingte Verfan-
versprach. Die sogenannte Kulturgeschichte der Menschheit 14enheit des Bewußtseins in die Seinsverfremdung, als eine in
fällt nämlich de facto und mit Grund zusammen mit der die Formen der Nicht-Praxis geschlagene Praxis, so muß die
Geschichte der menschlichen Ausbeutungsverhältnisse. Soll r ·in genetische Zurückführung dieser Entfremdungsformen
also die Rede von der Kulturentwicklung einen Sinn haben .wf ihre praktische Kausalität durch und aus sich selbst die
-und den hat sie auch im Marxismus durchaus-, so muß die- I ritik der fetischistischen Theorien auf ihre praktische Wahr-
ser Sinn von der Analyse des Ausbeutungsverhältnisses und h •it hin sein. Man muß also die Konstitution der Entfrem-
seiner Dialektik von den Anfängen bis hin zu seiner kapitali- dung aufbrechen, um die Ideologien der Entfremdung auf die
stischen Vollendungsform aufgedeckt werden. Aber diese Wahrheit hin aufzusprengen, deren Verdeckung ihre Konsti-
Aufdeckung hat so zu geschehen, daß in ihr alle sogenannten tution ausmacht. Aber »Wahrheit« ist die aufgedeckte Praxis
»Kultur«-Charaktere- wie die Weltförmigkeit des Seins für ni bt an sich (nicht als vom Marxismus so gesetzt), sondern
die Menschen, der Subjektcharakter der Menschen selbst, nll in in der Relation der Kritikihrer Verdeckung. Denn der
ihre Verfangenheit zwischen >>Diesseits« und »Jenseits«, das II ·:t.ug auf die Wahrheit stammt einzig daher, daß das
Dasein und sein Identitätsmodus [>>Dasein« trägt hier durch- «•ntfremdete Bewußtsein mit der Frage nach der Wahrheit
weg einen negativen Akzent], die Urteilsrelationen und die v ·rbunden ist; d. h. die Wahrheitsfrage ist selbst noch ein
ratio, die Personalität des Individuums, die Wahrheitsfrage, l'rodukt der Entfremdung. In der letzten Reduktion kommt
die Idee von der >>Erkenntnis« und von der Objektwelt, das di ' Aufgabe, die ich mir stelle, darauf hinaus, die unlösbare
Gute, Schöne, etc. etc. - kurz alles dessen, worin der Idealis- P1·oblematik der >>transzendentalen Deduktion« - der
mus salbadert - eindeutig als genetisches Resultat der Aus- I onstruktionsversuch des Seins aus dem Denken - in der
beutung nach- und ausgewiesen werden. Denn die Ausbeu- um gekehrten Relation lösbar zu machen: durch die Kon-
tung ist eip unmittelbar praktischer Tatbestand, und die 1ru ktion der Logik aus dem materiellen gesellschaftlichen
wirklich schlüssige Zurückführung sämtlicher theoretischer, ,' ·in im Wege der dialektischen Nachkonstruktion der
scheinautonomer Bewußtseinsformen der Entfremdung auf ; •schichte des Ausbeutungsverhältnisses.
die Ausbeutung würde die gesamte Kultur der Menschheit in I ·h muß nun einen Begriff einführen, der für die Durch-
allen geschichtlichen Formen und Formalisierungen in eine 1 l11·ung und Verwirklichung dieser Konzeption von ganz
einzige Problematik der menschlichen Praxis und ihrer Ver- 1 •ntraler Bedeutung ist, den Begriff der funktionalen Ver-
zauberung verwandeln. Alle jene genannten Entfremdungs- l'll'llschaftung, die im geschichtlichen und struktiven Gegen-
formen- die Schemen des Wesens sowohl wie der Faktizität - W/, steht zur Vergesellschaftungsart eines >>naturwüchsigen
sind, provisorisch gesagt, Fetischisierungen der Arbeitspraxis : •meinwesens« nach Marx. Zur Einführung dieses Begriffs
aus Gründen der Ausbeutungspraxis, und der reelle Inhalt 111 / ·hte ich ein wenig weiter ausholen. Die funktionale Ver-
aller theoretischen Problematik der Kulturmenschheit ist eine 1l'. ·llschaftung entsteht durch einen Bruch mit der natur-
rein praktische Problematik ihres materiellen Seins. Wenn das k hsigen Vergesellschaftung, und dieser Bruch ist die Aus-
lückenlos und bündig nachgewiesen werden kann, so ist lt '11 1ung, also der Tatbestand, daß ein Teil der Gesellschaft
damit offensichtlich die oben geforderte genetische Wahr- 11 11 Produkten des anderen zu leben beginnt, indem er sich

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das dank der allmählich gestiegenen Produktivität verfügbare Jer Ausbeutung gekennzeichnet ist. Die eigentümlichen
Mehrprodukt aneignet. Diese Aneignung geschieht zunächst haraktere dieses Abschnitts der Geschichte, wie insbeson-
als einseitige Aneignung (die von der gewohnheitsrechtlich dere die Spaltung von Theorie und Praxis und somit das
gewordenen Entgegennahme von Geschenken bis zur bruta- Erkenntnisphänomen (als Phänomen einer separaten, schein-
len Beraubung eine reichhaltige Skala von Formen annehmen utonomen Erkenntnis) rühren zuletzt daher, daß sich hier
kann); erst nach einer langen Geschichte solcher einseitiger lie materielle Praxis des menschlichen Lebens durch Vermitt-
Aneignungsverhältnisse kommt es zur Ausbeutung in den lungsformen realisiert, die dieser Praxis widersprechen. Der
Formen wechselseitiger Aneignung qua Warenaustausch. ausbeutende Teil der Gesellschaft (gleichgültig, ob gleichen
Aber in welcher dieser Formen die Aneignung auch stattfin- oder verschiedenen ethnischen Ursprungs wie der ausgebeu-
det, durcl:J:a.welche die Ausbeutung geschieht, sie ist in jeder 'te) lebt von Produktion menschlicher Arbeit, aber nicht sei-
Form selbst eine Praxis, aber eine solche, welche die Praxis ner eigenen, so daß hier das Leben der herrschenden Schicht
des »materiellen Lebens der Menschen im Stoffwechselpro- sich auf kein eigenes Verhältnis zur Natur gründet, sondern
zeß mit der Natur« und also vor allem die Praxis der »pro- sl:ltt dessen auf das Verhältnis zu andren Menschen und zu
duktiven Arbeit« (im Sinne des Arbeitsprozesses nach Marx) tleren praktisch-produktivem Verhältnis zur Natur. Das Pro-
negiert: Eine praktischeNegationder Praxis also, und das mit luktionsverhältnis Mensch-Natur wird in den Maßen der
Bezug auf die Arbeit (die sich selbst mit den geschichtlichen Ausbeutung Gegenstand eines Verhältnisses Mensch-
Wandlungen .des Ausbeutungsverhältnisses mitwandelt und Mensch, wird dessen Ordnung und Gesetz unterworfen und
also nicht immer das war, was sie im heutigen Kapitalismus d:\durch gegenüber dem »naturwüchsigen« Zustande »de-
geworden ist). Nun ist das Leben in keinem Zeitpunkt ihrer 11:\turiert« [kein Atom Naturstoff geht, nach Marx, in die
Geschichte etwas anderes als ihr Leben im praktisch-mate- W rtgegenständlichkeit ein], um sich fortan nach dem Gesetz
riellen Stoffwechsel mit der Natur (die ihrerseits durch die von Vermittlungsformen zu realisieren, die seine affirmative
Entwicklung der Produktivkräfte auch ein geschichtlicher N ·gation bedeuten. Diese Negation ist, wie schon bet~nt,
Begriff ist), und das in Produktion und Konsumtion. Von -lbst von praktischem Charakter, ist die Praxis der Aneig-
dieser Realität, von Marx als »Arbeitsprozeß« gefaßt, muß als nung in dieser mensch-menschlichen Relation. Die Praxis der
zugrunde liegender Basis der Menschengeschichte stets aus- 1\ neignung in dieser Relation nun halte ich für den wirklichen
gegangen werden, entsprechend der Marxschen Auffassung, K·schichtlichen Ursprung der Modi der Identität, des Daseins
daß der Mensch die Tiergattung ist, die mit Erfolg ihre eige- untl der Dingform oder Dinglichkeit (so daß also nicht erst
nen Lebensmittel zu produzieren begann. Zu keinem Zeit- di · »Verdinglichung«, sondern bereits das »Ding« selbst eine
punkt ihrer Geschichte ist also das Leben der Menschen etwas Ausbeutungsmodalität ist).
anderes als dieser Stoffwechselprozeß von essentiell prakti- Nehmen wir ein Ausbeutungsverhältnis von der primitiv-
schem, materiellem Charakter. In dieser Hinsicht sind die ! ·n Form. Ein Volk unterwirft ein andres, um von dem Sur-
Menschen selbstNaturund stehen auch nur im Verhältnis z:ur plusprodukt dieses andren Volkes zu leben. Der Effekt ist,
Natur, einem Verhältnis, das gleichbedeutend ist mit ihrem d11g beim ausgebeuteten Teil eine .Produktion ohne Konsum-
Leben selbst. Insofern ist auch die ganze m~nschliche tion und beim ausbeutenden Teil eine Konsumtion ohne Pro-
Geschichte in letzter Instanz bloße »Natur«. Aus ihrer unge- duktion entsteht, der notwendige materielle Zusammenhang
heuren Reihe indes greift sich der Gesichtspunkt meines In- VI tn Produktion und Konsumtion also in seiner bisherigen
teresses nur den Abschnitt heraus, der durch den Tatbestand llnrm zerrissen wird. Der ausbeutende Teil kann jedoch von

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der Aneignung nicht leben, wenn seine Konsumtion nicht Arbeit (aber eben der Arbeit anderer). Was also den Waren
produziert wird. Der zerrissene Zusamme~hang muß also in oder Aneignungsobjekten die Identität gibt, ist die Rolle, die
anderer Form wiederhergestellt werden, und zwar in der sie als Glied des Gesellschaftszusammenhanges spielen, zwi-
Form eines Zusammenhangs zwischen den beiden mensch- schen dem Ausbeuter und Ausgebeuteten. Obwohl ein
lichen Teilen des Herrschaftsverhältnisses. Die Ausbeutung bjekt für jeden von ihnen eine vollständig verschiedene
verwandelt den lebensnotwendigen Zusammenhang von Bedeutung hat, ist es zwischen ihnen, in der Handlung, in der
Produktion und Konsumtion in einen zwischen-mensch- •s vom einen auf den andren übergeht, dasselbe Ding, hat es
lichen, also gesellschaftlichen Zusammenhang. Sie stellt den '!.wischen ihnen eine für beide gültige, von ihnen unabhängige
Zusammenhang von Produktion und Konsumtion im Wege Existenz, ein objektives Dasein; und es fällt in der Handlung
einer Dasemsverflechtung der Menschen miteinander her. nicht auseinander, sondern hält zusammen und ist ein Ding.
Diese von der Ausbeutung bewirkte Daseinsverflechtung der Erst lange nachdem diese Formcharaktere begonnen haben,
Menschen ist es, die ich die funktionale Vergesellschaftung ihre für die funktionale Vergesellschaftung unentbehrliche
nenne und von allen Formen naturwüchsiger Gemeinwesen und verschwiegene Rolle zu spielen, greift die Reflexion sie
unterscheide. Die funktionale ist Negation der naturwüchsi- .tuf und erhebt sie zu Begriffen. Und damit hat sie nun alles
gen, zersetzt diese bis zur vollständigen Auflösung, so daß v •rdreht, denn jetzt sind diese selben Charaktere zu Denk-
alsdann nur noch die funktionale Vergesellschaftung herrscht formen des Subjekts in seiner Relation zu den ihm gegebenen
und die Form der Warenproduktion annimmt, die die bis Jcgenständen geworden. Diese Verdrehung aufzulösen, ist
dahin einseitige Aneignung zur wechselseitigen Aneignung .~ ·hwierig und ohne Auffindung der Vermittlungen nicht
macht. Die Arbeit ist nunmehr ihres ursprünglichen, natur- 1n .. glich. Aber es ist schon etwas damit gewonnen, daß man
wüchsig gesellschaftlichen Charakters beraubt, und an seine weiß, wonach man sucht, nach den Vermittlungen nämlich
Stelle tritt der Tauschzusammenhang der Arbeitsprodukte als zwischen dem Tatbestand der Ausbeutung und der theoreti-
Waren. Im Duktus dieser mensch-gemachten funktionalen s ·hen Erkenntnisrelation. Das ist eine Einsicht, von der die
Vergesellschaftung, im Duktus ihrer Entstehung, langsamen Erkenntnistheoretiker, aber auch die Vulgärmarxisten, sich
nachhaltigen Vertiefung bis zur schließliehen Alleinherr- nichts träumen lassen.
schaft ist der Ursprung der Grundcharaktere der Warenform Um mich aber nun auf die Ausbeutungsgesellschaft in der
- Identität, Dasein und Dinglichkeit - zu suchen. lliSgebildeten Form der warenproduzierenden Gesellschaft
Der Identitätsmodus des Daseienden ist also ab origine '/,u beschränken: Es entspricht also die »Warenform« derver-
Einheit in der Ausbeutungsrelation, für diese unentbehrlich 1\ •sellschaftenden Funktion der Ausbeutung. Ihre Struktur
und konstitutiv; denn der Aneignungsakt des Ausbeuters b •stimmt sich jeweils nach den Funktionen der Einheit dieser
»abstrahiert« das Produkt vom Produzenten, »verdinglicht« V ·rgesellschaftung, deren formales Konstituens sie ist. Die
so das menschliche Erzeugnis, neutralisiert es zum Ding, Iunktionale Vergesellschaftung vollzieht sich somit nur kraft
fixiert es als fertig gewordenes, dem Produzenten aus der d ·r Ausbeutung, daher als ein Zusammenhang der Aneig-
Hand genommenes Dasein, das nun in der Hand des Aus· nung, der sich zwar immer auf die Produktion bezieht, der
beuters Produkt, abgesehen von seiner Produktion, bloße 11hcr nicht selbst ein Zusammenhang von Produktion ist. Er
Gegebenheit bzw. Genommenheit ist, als quantitativ und L~ 1 ein Zusammenhang in Formen des bloßen Daseins der
qualitativ so gemachte Beschaffenheit, und dennoch beton- M ·nschen und ihrer Dinge, nicht der Hervorbringung dieses
termaßen Produkt nicht der Natur, sondern menschlicher I aseins. In den einseitigen Formen der Aneignung liegt das

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noch ziemlich offen zutage (Marx betont mehrfach diesen die reale Seinsveränderung, die Tat also, und dahin läßt sich auf Ihrem
Wege nicht gelangen. [Dem hätte er nicht zugestimmt; seine Antyvort
Unterschied), aber in den Formen der total gewordenen Aus-
darauf mögen Kenner seinen Arbeiten entnehmen.}<
beutung und funktionalen Vergesellschaftung wird pie Bezie- Daß ich aber nicht in dieser Weise fortfuhr in meinem Brief, lag daran,
hung der Aneignung auf die Produktion eine solche der voll- daß ich mit meinen Gedanken selbst noch nicht ins klare gekommen war,
ständigen und undurchdringlichen Verdeckung der Wirklich- und zwar noch lange nicht. Ich muß überhaupt erklären, daß meine
keit des materiellen Seins. Selbstverständigung ein unglaublich langsamer Prozeß gewesen ist. Die
, kzeptablen Dinge in diesem Brief sind nicht Einsichte~, zu denen ich
[An dieser Stelle hätte ich leicht auf eine Weise fortfahren können, die schon gekommen war, sondern Einsichten, nach de?en IC~ noch auf der
meine Übereinstimmung mit Adorno und meine Abweichung von ihm Suche war. Die Entdeckung des TranszendentalsubJektes m der Waren-
scharf pointiert hätte. Etwa so: »Verdeckung und Wahrheit sind hier form oder, besser gesagt, die Gewißheit, daß das Erkenntnissubjekt in
deckungsgk'ich. Hier die Wahrheit sichtbar zu machen, erfordert eine der Warenform versteckt war, hatte mich in meiner Studentenzeit als
Methode, die ich als dialektische Identifikation bezeichne (darüber wei- •ine »Inspiration<< befallen, die mir nie wieder verlorenging, aber die
ter unten im Brief selbst). Die Wirkungsweise dieser Methode spricht mein Denken in einen Permanenzzustand gärender Wirrnis, wenn man
sich aus in einem Marxschen Satz (aus der 1843er Einleitung zur Kritik mir diese Selbstcharakterisierung verzeihen will, versetzt hatte. Es war
der Hegeischen Rechtsphilosophie): >Man muß diese versteinerten Ver- ·in Zustand in dem ich mich diesen beiden weiß Gott brillanten Gei-
hältnisse dadurch zum Tanzen bringen, daß man ihnen ihre eigene Melo- stern, Ador~o und Benjamin, gegenüber in wortloser Unterlegenheit
die vorspielt.< Das ganze Kapital ist nach diesem Prinzip gebaut. Die und prekärer Unsicherheit befand und dennoch in unerschütterlicher
Verdeckungen können ihre dialektische Identifikation nicht ertragen, Jewißheit, daß mich die Klärung dieser Wirrnis an eine Stelle führen
daran verraten sie sich. Sie verraten sich aber auch noch aus einer anderen müßte die selbst ihnen noch voraus war. Dieser Brief also ist, wie alle
Erfahrungsweise: daß ihnen keine aus ihrem eigenen Material (fetischi- meine 'Ausarbeitungen aus der damaligen Zeit, bloß als Stadium der
stisch verzaubertem Verdeckungsmaterial, alias philosophischen Refle- S lbstentwirrung zu bewerten; der Maßstab für die Beurteilung dies~r
xions begriffen) gebaute Konstruktion der Synthesis gelingen will (>Syn- I\ rbeiten liegt nicht in ihnen selbst, sondern in der Klärung, zu der sie
thesis< hier im Sinne von Kant und Hege!; worin das Kapital sich die mich schließlich und endlich gebracht haben; dargelegt in meinem 1970
Vollständigkeit seiner Seinsbeherrschung zu bestätigen unternimmt). l'I'Schienenen Buch (Geistige und körperliche Arbeit. Zur Theorie der
Hier enthüllt sich ihr Unwesen aus dem Mißlingen allen und jeden Ver- wsellschaftlichen Synthesis, Frankfurt). Mein ganzer Weg is_t mi_t solchen
suchs der Wesensvortäuschung. Diese Beschwörungsversuche ans Ausarbeitungen gepflastert, die unter dem Namen »Expose~<~ h~fen und
Schicksal kann sich das Kapital nie versagen und doch auch nie zu einem ln der Mehrzahl noch in meinen Schubladen vermodern. DieJemgen aus
gelingenden Ende bringen. Verstehe ich die Intention Ihrer Busserl- d ·n 30er Jahren bezeichnen nur gerade meine Verbindung _zur »_Frank-
Arbeit recht, wenn ich annehme, daß eben dies der Punkt ist, wo Sie ein- lu rter Schule<<, für die Adorno wohl damals mehr oder wemger emstand
setzen? [Hierauf hätte Adorno wohl mit >Ja< geantwortet.) Mit einer (t n ·in Kontakt zu Horkheimer wurde immer durch ihn hergestellt). An
Kritik also, die auf immanentem Wege transzendent werden will? [>Ja<- dit·sem Schnittpunkt war mir noch nicht einmal klargeworden, daß
fast mit Sicherheit.) Diesem philosophischen Mißlingen der Synthesis lll •ine Beschäftigung mit Ideologienkritik gar nicht auf diese selbst ging,
entsprechen in der ökonomischen Wirklichkeit des Kapitalismus seine ondern nur mittels ihrer auf die Seinskritik, also das verbesserte Ver-
Krisen. [Dem hätte er wohl zugestimmt; s. unten.] Sie passieren ihm in t 'ind nis der verborgenen ökonomischen Entwicklungen der Jetztzeit,
und aus seiner Immanenz, bis er daran zuschanden wird; dann ist es aus Wl•i l sie nicht zur »Metakritik der Erkenntnis<< reichte, keine Theorie
mit seiner Immanenz [eine Auffassung, die einem die Erfahrungen der von Kopf- und Ha~darbeit instruierte. Diese Klärung erschloß sich mir
30er Jahre sehr nahe brachten). Ich bin jedoch geneigt, diesen ökonomi- t'l L in den 40er und SOer Jahren.)
schen Parallelfall allein für den realen, den philosophischen hingegen,
den Sie verfolgen, für einen bloß symbolischen zu halten. Auf diesem
ln der philosophischen Konstruktion der »Synthesis« han-
philosophischen Weg kann man die Wände der Immanenz tatsächlich
nicht transzendieren, es sei denn in Worten, auf dem Papier, aber das
d •I es sich nicht um eine Synthesis der Materie, die das Kapi-
sind ja selbst noch Instrumente der Immanenz. Transzendent ist allein 1 d realiter zu bewältigen hat. Das Nichtgelingen der Synthe-

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sis im reellen Sinn erweist sich an den Krisen, und die Krisen- tische Herrschaftsverhältnis der Au~beutung zum Wesen
theorie ist die eigentliche Kritik aller idealistischen Postulie- taat« machen bzw. sich fetischisieren. Die funktionale Ver-
rungen der »Synthesis« [Adorno verlangte, daß ich das »aus- gesellschaftung differiert hier noch nirgends von dem factum
arbeite« - wie am Rand an dieser Stelle vermerkt steht]. Frei- brutum der Herrschaft zwecks Ausbeutung und erhält noch
lich ist die Krisentheorie auch das s~hwerste Stück der ganzen keinen von der Naturalform der Aneignungsobjekte (Pro-
marxistischen Theorie; die Lösung des Krisenproblems dukte, Produzenten [Sklaven], Böden, Arbeitsmittel, Vieh
impliziert, daß in ihren Bedingungen zugleich die gesamte usw.) verschiedenen Wertausdruck Ihr Widerspruch zur
Geschichte durchsichtig wird, die zu den Krisen führt, also Naturalform erschöpft sich in deren Magisierung oder
die gesamte Geschichte der Ausbeutung zurück bis zum Aus- Mythologisierung. Der entscheidende Schritt zur Ausbil-
gang des »B rkommunismus«. dung der gesellschaftlichen Wertform des Reichtums wird
Hieran müßte sich also eine geschichtliche Gesamtdarstel- ·rst in der Antike vollzogen. Das antike Ausbeutungsverhält-
lung der funktionalen Vergesellschaftung von ihrer ersten Bil- nis stellt sich insofern als die dialektische Reflexionsform des
dung bis zum heutigen Ausgang anschließen. Nur einige 1l ägyptischen und überhaupt altorientalischen dar, als das,
gröbste Züge. Zunächst methodisch: man könnte den Ent- was vorher der Staat als Ganzes war, jetzt das Privatverhältnis
wicklungsprozeß des Ausbeutungsverhältnisses als dialekti- (roh gesprochen) der einzelnen Bürger (kalokagathos, civis
schen Reflexionsprozeß der funktionalen Vergesellschaftung romanus) zu ihrem Sklavenhaushalt und seiner Reichtums-
durchgehen [und würde bei gehöriger Durchführung so produktion ist und die antike Gesellschaft (eine pure Ausbeu-
etwas wie eine materialistische Phänomenologie der Wesens- l •rgesellschaft) die Gesellschaft dieser Bürger untereinander
formen erhalten]. Es wäre abgesehen auf eine Beschreibung ist. Die primäre Reichtumsbildung (aus Ausbeutung) ist hier
der dialektischen Genesis der menschlichen Wesensformen ,. ·flektiert, der produzierte Reichtum wird zwischen den
(wie Subjektivität, Personalität, etc.) aus dem materiellen Ausbeutern und Poleis getauscht und erhält dadurch zum
Sein. Diese Wesensformen entstehen geschichtlich als Resul- ·rsten Mal seine adäquate gesellschaftliche Form, die Wert-
tate der Ausbeutung, und die Vermittlung dieser Genesis liegt 1orm des Geldes. Dagegen bleibt der ausgebeutete Produzent
bei der funktionalen Vergesellschaftung (alle menschlichen hi r noch in der Naturalform des Sklaven stehen, und nicht
Wesensformen haben konstitutiven Bezug auf das praktisch- Ii ' Produktion, sondern nur seine Verwertung wird funktio-
materielle Sein der Menschen, aber aufgehoben in dessen nalisiert. Die Reflexion des Reichtums findet lediglich von
affirmativer Negation). Maßgebend für die Erfassung der ·iten des Ausbeuters statt. Die Funktionalisierung der Pro-
Genesis der Wesensformen ist somit die geschichtliche Dia- ! Iu ktion selbst und die Reflexion der Ausbeutung auf der Seite
lektik der funktionalen Vergesellschaftung, als deren Haupt- 1krausgebeuteten Produzenten sind jedoch das grundlegende
stufen ich das alte Ägypten, die Antike und die neuere euro- K ·nnzeichen der abendländischen Entwicklung. Im Abend-
päische Warenproduktion in Betracht ziehe. Die genetisch l!tnd kommt daher das Ausbeutungsverhältnis zu seiner voll-
erste Wesensform ist der »Staat«, die Vergesellschaftungsform' t'lndigen und allseitigen Entwicklung. Dieser Teil wäre
des »primären Ausbeutungsverhältnisses«. Im Staat ist die 11.1tü rlich am eingehendsten auszuführen, wobei besonderer
vergesellschaftende Funktion der Ausbeutung darauf W'rt auf die Darstellung des Mittelalters zu legen ist- wegen
beschränkt, dem Herrschaftsverhältnis der Ausbeutung die d~' l " dahineingehörigen Nachkonstruktion der Genesis des
Charaktere der Einheit zu geben (Souveränität, Gebietsherr- l'•·ivateigentums (am eigenen Produkt!) sowie der Personali-
schaft, etc. ), welche das Wesen des Staats ausmachen, das fak- 11 l des Produzenten und der ökonomischen Wertrelation.

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sis im reellen Sinn erweist sich an den Krisen, und die Krisen- tische Herrschaftsverhältnis der Ausbeutung zum Wesen
theorie ist die eigentliche Kritik aller idealistischen Postulie- »Staat« machen bzw. sich fetischisieren. Die funktionale Ver-
rungen der »Synthesis« [Adorno verlangte, daß ich das »aus- 1-\esellschaftung differiert hier noch nirgends von dem factum
arbeite«- wie am Rand an dieser Stelle vermerkt steht]. Frei- brutum der Herrschaft zwecks Ausbeutung und erhält noch
lich ist die Krisentheorie auch das schwerste Stück der ganzen keinen von der Naturalform der Aneignungsobjekte (Pro-
marxistischen Theorie; die Lösung des Krisenproblems dukte, Produzenten [Sklaven], Böden, Arbeitsmittel, Vieh
impliziert, daß in ihren Bedingungen zugleich die gesamte usw.) verschiedenen Wertausdruck. Ihr Widerspruch zur
Geschichte durchsichtig wird, die zu den Krisen führt, also Naturalform erschöpft sich in deren Magisierung oder
die gesamte Geschichte der Ausbeutung zurück bis zum Aus- Mythologisierung. Der entscheidende Schritt zur Ausbil-
gang des ,;Orkommunismus«. dung der gesellschaftlichen Wertform des Reichtums wird
Hieran müßte sich also eine geschichtliche Gesamtdarstel- ·rst in der Antike vollzogen. Das antike Ausbeutungsverhält-
lung der funktionalen Vergesellschaftung von ihrer ersten Bil- nis stellt sich insofern als die dialektische Reflexionsform des
dung bis zum heutigen Ausgang anschließen. Nur einige tltägyptischen und überhaupt altorientalischen dar, als das,
gröbste Züge. Zunächst methodisch: man könnte den Ent- was vorher der Staat als Ganzes war, jetzt das Privatverhältnis
wicklungsprozeß des Ausbeutungsverhältnisses als dialekti- (roh gesprochen) der einzelnen Bürger (kalokagathos, civis
schen Reflexionsprozeß der funktionalen Vergesellschaftung romanus) zu ihrem Sklavenhaushalt und seiner Reichtums-
durchgehen [und würde bei gehöriger Durchführung so produktion ist und die antike Gesellschaft (eine pure Ausbeu-
etwas wie eine materialistische Phänomenologie der Wesens- cergesellschaft) die Gesellschaft dieser Bürger untereinander
formen erhalten]. Es wäre abgesehen auf eine Beschreibung ist. Die primäre Reichtumsbildung (aus Ausbeutung) ist hier
der dialektischen Genesis der menschlichen Wesensformen reflektiert, der produzierte Reichtum wird zwischen den
(wie Subjektivität, Personalität, etc.) aus dem materiellen Ausbeutern und Poleis getauscht und erhält dadurch zum
Sein. Diese Wesensformen entstehen geschichtlich als Resul- ·rsten Mal seine adäquate gesellschaftliche Form, die Wert-
tate der Ausbeutung, und die Vermittlung dieser Genesis liegt form des Geldes. Dagegen bleibt der ausgebeutete Produzent
bei der funktionalen Vergesellschaftung (alle menschlichen hier noch in der Naturalform des Sklaven stehen, und nicht
Wesensformen haben konstitutiven Bezug auf das praktisch- die Produktion, sondern nur seine Verwertung wird funktio-
materielle Sein der Menschen, aber aufgehoben in dessen nalisiert. Die Reflexion des Reichtums findet lediglich von
affirmativer Negation). Maßgebend für die Erfassung der N iten des Ausbeuters statt. Die Funktionalisierung der Pro-
Genesis der Wesensformen ist somit die geschichtliche Dia- duktion selbst und die Reflexion der Ausbeutung auf der Seite
lektik der funktionalen Vergesellschaftung, als deren Haupt- der ausgebeuteten Produzenten sind jedoch das grundlegende
stufen ich das alte Ägypten, die Antike und die neuere euro- Kennzeichen der abendländischen Entwicklung. Im Abend-
päische Warenproduktion in Betracht ziehe. Die genetisc~ lnnd kommt daher das Ausbeutungsverhältnis zu seiner voll-
erste Wesensform ist der »Staat«, die Vergesellschaftungsform tiindigen und allseitigen Entwicklung. Dieser Teil wäre
des »primären Ausbeutungsverhältnisses«. Im Staat ist die nntürlich am eingehendsten auszuführen, wobei besonderer
vergesellschaftende Funktion der Ausbeutung darauf Wert auf die Darstellung des Mittelalters zu legen ist- wegen
beschränkt, dem Herrschaftsverhältnis der Ausbeutung die d T dahineingehörigen Nachkonstruktion der Genesis des
Charaktere der Einheit zu geben (Souveränität, Gebietshert- Privateigentums (am eigenen Produkt!) sowie der Personali-
schaft, etc. ), welche das Wesen des Staats ausmachen, das fak- tiit des Produzenten und der ökonomischen Wertrelation.

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Wichtig ist mir auch die Auffassungsweise vom Gesamt- griff beinhalten muß (Sie erinnern sich, was ich anfangs sagte,
zusammenhang der abendländischen Entwicklung (beson- daß der Marxismus sich die Wahrheitsfrage immer vorgeben
ders des dialektischen Entwicklungszusammenhangs zwi- läßt). Ausgehend also von dem Problem der Synthesis in sei-
schen Mittelalter und Kapitalismus, vermittelt durch -die ner idealistisch gegebenen Fassung, bringt der Marxismus das
»einfache Warenproduktion«). Zahlreiche andere Momente, ungelöste Problem zur Lösung; denn so verwandelt sich im
auf die Wert zu legen wäre, lasse ich unerwähnt. igenen Sinne dieser Problemstellung die idealistisch
Dagegen will ich noch kurz auf die Erkenntnistheorie im gemeinte Aufgabe der Nachkonstruktion der begrifflichen
engeren Sinne eingehen. Mit der Einsicht, daß die Ausbeu- ynthesis in die materialistische Aufgabe der Nachkonstruk-
tung die »funktionale Vergesellschaftung« nach Prinzipien tion der Geschichte des gesellschaftlichen Seins (die Rechtfer-
der Daseinsidentität der Aneignungsobjekte bedingt, rückt tigung der bürgerlichen Gesellschaft in ihr Verdammungs-
die gesamte Formproblematik der Erkenntnis und die Bezie- urteil verwandelnd). In der Tat vollzieht sich (und sozusagen
hung der Begriffe auf Objekte aus der Sphäre des Denkens in »gelingt« also) im gesellschaftlichen Sein die Synthesis, die
die der Vergesellschaftung der Menschen. Die Formkonstitu- der Idealismus in der Subjektivität postuliert und nie zur
tion der Objekterkenntnis entscheidet sich in der Tat in der Lösung bringen kann. Erst mit dieser Verifizierung des Pro-
funktionalen Vergesellschaftung durch das Ausbeutungsver- blems der Synthesis ist auch die legitime Gewinnung der Dia-
hältnis, weil sie die Struktur des Objektes bestimmt, auf das lektik verbunden, nämlich die Verifizierung der logischen
sich das Denken der Menschen bezieht, sobald sie »Subjekte« Probleme als Seinsprobleme, womit sich zugleich das ganze
sind. Die Form der Erkenntnis wird also immer vom Objekt Verhältnis von Denken und Sein umkehrt. Um es ganz zuge-
her bestimmt, die Form des Objektes ihrerseits aber durch spitzt zu formulieren: um der Lösung der von ihm selbst
den Prozeß der funktionalen Vergesellschaftung. In diesem gestellten Problemewillen verwandelt sich der transzenden-
Prozeß geschieht die konstitutive Synthesis der Erkenntnis tale Idealismus in den dialektischen Materialismus.
(ich gebrauche hier den Begriff der Synthesis im transzenden- Ist hiermit nun die allgemeine Art und Weise der gesell-
talen Sinn, der ein formaler Sinn, weil nur eine formale Syn- ·chaftlichen Seinsbedingtheit des Denkens in der Geschichte
thesis im Rationalen bzw. nur-Theoretischen ist [auf dessen des Ausbeutungsverhältnisses ausgesprochen, so kommt es
Bedeutung als separate, von der manuellen Arbeit geschie- für die geschichtliche Genesis dieser begriffsrationalen
dene Geistestätigkeit war ich damals noch nicht gestoßen, Erkenntnis auf die Ursachen der Entstehung der Subjektivität
wenigstens noch in keinem thematischen Sinne]), die mate- : n. Ich gebe zu, daß dies die härteste Nuß ist, die es zu knak-
riale dagegen nicht, denn diese findet statt als Synthesis der ken gilt, aber ich zweifle nicht daran, daß meine Theorie des
Gesellschaft und den menschlichen Daseinszusammenhang gesellschaftlichen Seins (richtiger: der funktionalen Vergesell-
betreffend. Man kann an der Art, wie der klassische Idealis- schaftung) die Handhabe dazu bietet. Der Hauptgrund bei
mus das Problem der Formkonstitution ausgearbeitet hat, dieser Genesis dürfte sein, daß aus Gründen der Dialektik der
sehr wohl festhalten; ja man muß in gewissem Sinn daran funktionalen Vergesellschaftung die menschlichen Ausbeuter
festhalten, um einen Ausgangspunkt und Wegweiser für die selbst in den Daseinsmodus der Identität der Waren treten,
materialistische Seinserkenntnis zu haben, die der Marxismus sich aus dem Zwang einer ganz bestimmten Konstitution
ja nicht aus eigener Spontaneität unternimmt, sondern nur im ihres gesellschaftlichen Seins selbst als identisch daseiende
Wege der Kritik eines gegebenen Bewußtseins, das freilich ubjekte<; apperzipieren. Diese Konstitution hängt aufs
notwendig falsches Bewußtsein sein und den Wahrheitsbe- engste mit der Ausbildung der gesellschaftlichen Wertform

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des Ausbeutungsreichtums zusammen (die Geldform des l11ng des Subjektes in dieser. Denn nur aus der Ursache des
Wertes wird um 700 v. Chr. in Ionien erstmalig gemünzt), ja, Ausbeutungsverhältnisses und der funktionalen Vergesell-
ich sehe die Entstehung der Subjektform des Mensc_hen als ·haftung entsteht überhaupt die theoretische Subjekt-
unabtrennbares Korrelat zur gemünzten Geldform des Wer- bjekt-Relation. Deshalb tritt auch für mich an die Stelle der
tes. Die dialektische Bedeutung der Genesis der Subjektivität Tkcnntnistheoretischen Vexierfrage, wie das Subjekt und das
ist somit wesentlich diese: )bjekt zueinander kommen können, die umgekehrte Frage,
Die Daseinsidentität (ich erinnere daran, daß »Dasein« für wi sie auseinandergekommen sind (ich sehe daher auch für
mich einen negativen Wertakzent trägt) ist ursprünglich der lic Abbildtheorie keinen Platz), und nur diese Frage ist
Modus der Produkte im Aneignungsakt der Ausbeutung und h ·antwortbar. -Für die Subjektivität bildet nur die Daseins-
ist, affirmativ gesetzt, Negation der Praxis. Aber nicht nur w ·lt der Objekte die Immanenz des Seins, während sie die in
die Produkte als Dinge, sondern die Menschen selbst, und i111· ·r Wahrheitsfrage intendierte praktische Wirklichkeit des
zwar die Ausbeuter, also die wirklichen geschichtlichen ,'eins als uneinlösbare Transzendenz über das erkennbare Sein
Autoren des Ausbeutungsverhältnisses und der funktionalen hin :wssetzt. Die wirkliche Welt steht also in der theoretischen
Vergesellschaftung, treten hier in diesen Identitätsmodus des l•:r·kcnntnisrelation geradewegs auf dem Kopf, und die wirk-
Daseins, identifizieren sich als »Subjekte«. Darin, daß also li ·hc Praxis kann den Menschen nur noch als von jenseits der
hier auf den Menschen kommt, was des Menschen ist in der W·lt her begegnen. Diese Begegnung, eine solche Begeg-
Konstitutionsgeschichte der Ausbeutungsgesellschaft, liegt 111111 , realisiert sich in der ausgehenden Antike als Christen-
das Wahre (das verflucht Wahre) der Entstehung der mensch- 111m, in dem sich innerhalb dieserverkehrten Welt zum ersten
lichen Subjektform. Diese Beziehung der Subjektivität auf die M: I das Problem der Praxis für den Menschen stellt (als Ver-
Praxis, aber in der Relation der in ihr selbst konstitutiv l'i 11 barkeit von Arbeit mit Menschsein [= Ausbeutersein]).
gewordenen Verdeckung der Praxis, bestimmt die Konstella- I ),\S Problem der Praxis ist das der Aufhebung dieser verkehr-
tion der Frage (als Frage nach der» Wahrheit«) [diese Konzep- t ' II Welt selbst, jedoch seinerseits verkehrt gefaßt, die ver-
tion war angeregt durch Gespräche mit Benjamin in den 20er lu·lute Welt stehen lassend, die Aufhebung der Ausbeutung
Jahren auf Capri, und zwar durch seine Deutung des Mythos 111 IStulierend, aber aus der Welt heraus insJenseits versetzt. -
vom Bildnis zu Sais]. Und diese Dialektik ist überhaupt die I ·h fasse die dialektische Thematik der »Kulturgeschichte«
Grundrelation der gegen die Praxis [»Arbeit«] isolierten und ~1\1.~ Ausbeutung, allgemein ausgesprochen, in dem Diktum
nur ihrer scheinbaren logischen Eigenautonomie folgenden 111.~:\rnmen, daß jeder Schritt der Verwirklichung des Ausbeu-
Theorie (im Sinne von rationaler, d. h. sich nach ihren Gel- lllllgsverhältnisses zugleich ein Schritt der Verwirklichung
tungsgründen fragenden reflexiven Erkenntnis). Diese theo- 1•in r Aufhebung ist. In der Geschichte des Ausbeutungsver-
retische Erkenntnis steht sich kraft der Bedingungen ihrer b Ii 11 iss es reift in der N egativität, daß sich den Menschen ihre
Genesis für ihre (unentäußerliche) Frage nach der Wahrheit Wirk lichkeit im bloßen Wesen verdeckt und aufhebt, doch
immer selbst im Lichte. dt' r' Mensch zu dem Wesen heran, das die praktische Auf-
Für den Menschen als Subjekt hat die Wirklichkeit immer lt~ • hung der Ausbeutung selbst zu postulieren und zu realisie-
die Form der »Welt«, in der das Seiende (als pure Gegeben- 1 ' II vermag. - .
heit) nach Prinzipien der Einheit existiert, d. h. als Objekt. Noch eine letzte Bemerkung zur Methode und in Abwehr
Welche Prinzipien das sind, entscheidet sich jeweils nach der ~ ''H·n den Verdacht, als ob letztlich hier doch eine prima phi-
Struktur der funktionalen Vergesellschaftung und der Stel- Ir r rrphia substruiert werde. Mein methodischer Standpunkt

150 151
ist kurz gesagt der, daß sich über das geschichtliche Sein über-
haupt geradezu gar nichts ausmachen läßt, sondern alles, was
geschehen kann, sich allein immer auf die Kritik seiner Ver-
deckungen beschränken muß. Die Kritik der Warenform
oder, in meiner Nomenclatur, der »funktionalen Vergesell-
schaftung« ist daher mein ganzer und einziger methodischer
Weg. Das maßgebliche Prinzip meiner Methode ist also das
Zur kritischen Liquidierung
der dialektischen Identifikation, wie ich es nenne, nämlich des Apriorismus
das Wesen sich selbst in seiner Widersprüchlichkeit gegen-
überzustellen. Aber darüber wäre mehr zu sagen, als ich noch Eine materialistische Untersuchung
in diesen »Brief« hineinzuzwängen vermag.
(März/April 193 7y:-

I. Die Absicht der Untersuchung

em Apriorismus und seiner Fortbildung in der wei-


l •r n Transzendentalphilosophie kommt nach unsrer
M inung die Bedeutung der endgültigen systemati-
·hen Formulierung des philosophischen Idealismus
i'.ll . Die kritische Widerlegung des Apriorismus müßte
d • halb den idealistischen Standpunkt in seinem
U•gründungszentrum treffen. Diese Widerlegung
1f rdert den Nachweis, daß das Denken genau in dem-
·lben Sinne gesellschaftlich bedingt und geschichtlich
•ntstanden ist, in dem der Idealismus seine Apriorität
t•g nüber dem Sein und seine Transzendentalität
I d1 tlUptet. Es muß versucht werden, der idealistischen
ln rpretation des rationalen Denkens seine materiali-
ti ·ehe Erklärung entgegenzusetzen; denn die Fetischi-
i rung derratioerledigte sich, wenn der Ursprung der
1>11 i aus dem gesellschaftlichen Sein nachgewiesen

~ I i •s Manuskript hat Walter Benjamin als Gutachte~ des Insti-


lU für Sozialforschung vorgelegen. Die Randbemerkungen
und Unterstreichungen Benjamins sind hier wiedergegeben.

152 153
würde. Dabei ist das rationale Denken in dem Sinne aus lisi.erung der Ausbeutung dient. Den Formalismus des
dem gesellschaftlichen Sein zu erklären, in dem das idealistischen Denkens auf die Ausbeutung genetisch
Denken effektiv Erkenntnis vermittelt; und Erkenntnis ~ urü ckzuführen, dient seiner Entkräftung. Eine solche
heißt hier, über Wahrheit und Falschheit von Aussagen materialistische Reduktion des Formalismus hat es
urteilen zu können. Der Inhalt der idealistischen indessen mit diesem in seinem eigenen Medium auf-
Fetischisierung der ratio ist die Verabsolutierung des :t,unehmen, hat ihn durch seine innere Bildung durch-
Wahr~eitsbegriffs. Daher besteht im genaueren Sinn die ~ uverfolgen oder ihn nach seinen eigenen Regeln auf-
Aufgabe einer materialistischen Erklärung des rationa- t-.uspulen. Ob seine darin angestrebte Überwindung
len Denkens darin, die geschichtliche Entstehung des fürs eigene Denken erfolgreich gelingt, kann sich frei-
Wah;):Ieitsbegriffs aus dem gesellschaftlichen Sein nach- li ·h positiv erst in der Anwendung der Methode auf
zuweisen. Diese Aufgabe läßt sich anders auch so for- konkrete Gegenstände zeigen.
mulieren, daß die Genesis der Erkenntnis, sofern diese Die nachstehend in ihren Grundlinien projektierte
objektive Gültigkeit besitzt, zu erklären sei. Wenn die ntersuchung ist von der Überzeugung getragen, daß
Bedingungen der Erkenntnisgeltung als genetische statt di materialistische Geschichtsforschung der vorgängi-
als transzendentale erwiesen wären, so würde damit die 1\ ·n kritischen Analyse der Verdinglichung bedarf. Sein
Wahrheit als geschichtlich bedingt oder zeitgebunden •igcnes Denken ist für jedermann durch das gesell-
statt als zeitlos absolute erwiesen. ' chaftliche Sein, worin er lebt, durch den Grad und die
Eine solche Gegenuntersuchung zum systemati- 1\ rt der Verdinglichungen, an Formen gebunden, die
schen Gebäude der Transzendentalphilosophie zu unentbehrlich sind, um sich gemäß den herrschenden
führen, sollte nicht als ein vorwiegend akademisches Produktionsverhältnissen pragmatisch richtig zu ver-
Vorhaben betrachtet werden. Denn sie wird nötig hillten. Ein jeder lebt innerhalb und nach Maßen des
gemacht, weil die dem idealistischen Denken eigene h •rrschenden Verblendungszusammenhangs. Von den
zwangsnotwendige Systematisierungstendenz der Aus- n gegebenen Denkformen darf keine in der materiali-
druck des in sich geschlossenen Schuldzusammenhangs tischen Geschichtsforschung naiv und unkritisch
der bürgerlichen Gesellschaft ist. Der idealistische postuliert werden, soll sie nicht zur ideologischen
Systemzwang entspricht in der Tat einer Totalität, aber V •rdeckungsform des gesellschaftlichen Seins werden,
keiner Totalität aus einer transzendentalen Synthesis dt•ssen Zusammenhalt sie dient. Das kritische Verhalten
des autonomen Subjektes oder der Freiheit, sondern K· ~ ' nüber den eigenen Kategorien ist aber um so
ihres Gegenteils, der Ausbeutung. Entsprechend ver- ·hwieriger, je höheren Allgemeinheitsgrad die Kate-
hält es sich mit dem formalistischen Charakter, der oricn haben, je formaler und »reiner« sie sind. Denn Alter der
einerUntersuchungwie der unsrigen anhaften muß und 11111 so breiter und unentbehrlicher liegen sie der Logik Begriffe oder
durch den sie ihrerseits einen idealistischen Eindruck der Erkennt-
unsres Denkens zugrunde. Um so größer ist, genetisch
nisweisen, auf
hervorrufen könnte. Der Formalismus des idealisti- h1•1rachtet, meist auch ihr geschichtliches Alter. Von
die sich die
schen Denkens ist bedingt durch die Entfremdung, die 11l ·hen Begriffen etwa, wie dem der Einheit, läßt sich Begriffe bezie-
die Ausbeutung in den gesellschaftlichen Beziehungen I r uns auf unmittelbarem Wege gar nicht mehr ab- hen? Doch
der Menschen bewirkt. Die Verdinglichung ist in dem t•lt •n. Dennoch würden auch in ihrem unkritischen wohl letzte- .
Sinn eine bloße Formbestimmtheit, als sie der Forma- sehr weit zurückliegende und res?

154 155
doch heute noch aktiv wirksame gesellschaftliche Seins- 11 ypothesen, mit denen für die materialistische Erfor- I
formen und Produktionsverhältnisse, die sie genetisch s ·hung der Geschichte an das vorhandene empirische
erst bedingt haben, fetischisiert werden. Das Wesen der Material heranzugehen ist. Die vorgängige kritische
macht wün- materialistischen Methode verlangt, daß in ihr keine Analyse der Verdinglichung nimmt auf der einen Seite
sehenswert Kategorien verwandt werden, von denen man nicht d n logischen Kategorien unsres Denkens den Schein
weiß, von welchen Produktionsverhältnissen sie d ·r zeitlosen Geltung und auf der andern Seite der
bedingt sind. Die materialistische Methode hat also mit ~ ·schichtlichen Empirie den Charakter der Faktizität.
'der »kritischen« des Idealismus das gemein, daß sie für Nach beiden, unzertrennlichen Seiten sehen wir in der
jede Kategorie die Vorfrage stellt, was in ihr als Bedin- ~ rdinglichungsanalyse eine unentbehrliche Vorberei-
gung~n ihrer eigenen »Möglichkeit« vorausgesetzt und tung für die materialistische Geschichtsforschung.
mitgenommen wird. Aber im Idealismus wird die ratio Ausschließlich dieser Vorarbeit möchte die hier im Ent-
nur immer auf ihrem eigenen Boden, dem Boden ihrer wurf vorgezeichnete Untersuchung dienen. In ihr wird
Hypostasierung, in Frage gezogen. Daher verkrüppelt noch keine materialistische Geschichtsanalyse getrie-
sich bei Kant die anfängliche echte Ursprungsfrage in 1 n, noch setzt sie sich selbst etwa an deren Stelle
der Durchführung zur Aufgabe der bloßen inneren womit sie in die Bahnen des Idealismus und der
»Zergliederung unsres Erkenntnisvermögens«; und H·schichtsphilosophischen Konstruktion zurückfiele-,
Hegel entwickelt unter demselben Bann der Imma- ondern die empirische Geschichtsanalyse soll ihr erst
nenz, indem er die logischen Voraussetzungsverhält- fo lgen. Das schließt nicht aus, daß in ihr ein gewisser
nisse innerhalb der Denkstruktur zugleich für den Ind uktiver Kontakt mit dem historischen Material
genetischen Konstitutionszusammenhang des Denkens wirksam ist.
erachtet und dergestalt die im Stich gelassene Vielleicht ist noch ein Wort zu dem Verdacht des
Ursprungsfrage sich und uns als Bestand der Immanenz lnationalismus angebracht, dem eine Untersuchung
vorspiegelt, die Dialektik deduktiv als das absolute i ·h aussetzt, die auf eine Reduktion der ratio abzielt.
System der Wahrheit. I h ist es damit nicht um eine Verneinung, sondern
Im Materialismus tritt hier an die Stelle der Erk~nnt­ ~lilnz im Gegenteil um die eigentliche Verwirklichung
nistheorie die kritische Analyse der Verdinglichung. I •r ratio zu tun. Das zeigt sich aus der Stellungnahme
Diese muß auf systematische Weise durchgeführt wm Problem der Verdinglichung. Uns ist mit Georg
werden, nicht bloß um über die genetische Bedingtheit I .ukacs die Anwendung des Marxschen Begriffs des
unsrer Denkkategorien bis in ihre letzten logischen II ·ti chismus auf die Logik und Erkenntnistheorie
Voraussetzungen die genaue Kontrolle zu wahren, son- f t•mcin. Andrerseits unterscheidet uns von ihm, daß
dern auch wegen der positiven methodologischen wir von der Bedingtheit des rationalen Denkens durch
Bedeutung, die dieser Analyse der Verdinglichung für Ii · Verdinglichung und die Ausbeutung nicht d~rauf
die materialistische Geschichtsforschung zukommt. dlließen, daß dieses Denken bloß falsches Bewußtsein
Die Verdinglichungsanalyse nämlich liefert in Gestalt I t , Weder die Logik noch die Verdinglichung werden,
der genetischen Zusammenhänge zwischen Warenform ttnsrcr Meinung nach, durch die Beseitigung der Aus-
und Denkform, auf die sie in ihrem rückschließenden 1 t'lllung, also in einer klassenlosen Gesellschaft, ver-
Verfahren stößt, die kritischen Fragestellungen als l'h winden, wenn sie sich auch in einer von uns aus nicht

156 157
vorwegzunehmenden Weise ändern werden. Die Ver- Lehre des Apriorismus wahr oder nicht wahr ist. Mit eine gefähr-
dinglichung und die ratio, nicht minder die Ausbeu- der Erklärung des Apriorismus als einer bestimmten liehe Distink-
tung, sind in ihrer dialektischen Natur zu verstehen. ldeologie des Bürgertums hat sie daher nichts zu tun. tion
Die Verdinglichung ist Ausfluß der Ausbeutung, aber ennoch soll mit einem ideologiekritischen Deutungs-
die Verdinglichung bringt gleichzeitig die Selbstent- versuch der Kautsehen Erkenntnislehre begonnen wer-
deckung des Menschen mit sich, welche die Vorausset- den, um. induktiv auf die Hauptthese hinzuleiten, die
zung dafür bildet, daß die Menschen die Ausbeutung dann analytisch zu begründen versucht wird.
aufheben können. ·
Der Materialismus bestreitet, daß man die Natur der
rati als transzendental ansehen müsse, wenn man sie 2. Analogie
nicht negieren will. Wie der transzendentale Idealismus oder Begründungszusammenhang?
an die Apriorität der ratio, so glaubte das theologische
Denken des Mittelalters, bevor die induktive Methode Die aprioristische Interpretation der Erkenntnis tritt
der Naturforschung gefunden war, daß man auf den ~ ·schichtlich auf zu dem Zeitpunkt, da der Konkur-
Gedanken des Naturgesetzes verzichten müsse, wenn r ·nzmechanismus der kapitalistischen Produktions-
man seinen Ursprung aus dem Willen Gottes leugnete. w ·ise seine Ausformung zu einem in sich zusammen-
Das materialistische Denken beginnt da, wo der Idealis- hiingenden, scheinbar selbsttätigen System gewinnt,
hier liegen mus mit dem Denken aufhört, bei der Anwendung der 11lso nicht mehr nur intermittierend funktioniert und
zwei verschie- ratio auf die Erforschung ihrer eigenen Bedingtheit.
1111gewiesen auf staatliche Nachhilfe, sondern durch die
dene Begriffe
Das materialistische Denken ist rational und wissen- llusgebildete börsenmäßige Preisbestimmung auf den
der ratio vor
schaftlich kritisch, weil und soweit diese Anwendung M:' rkten und die Subsumtion der Arbeit unter die
möglich ist, also die Erklärung der geschichtlichen Ent- M. schinerie in den Produktionsstätten seine spezifische
stehung der ratio aus dem gesellschaftlichen Sein selbst ; •setzmäßigkeit voll zu verwirklichen beginnt. Mit
rational geleistet werden kann. Diese Möglichkeit wird Ii •ser Gewinnung seiner ökonomischen Autonomie
nicht dogmatisch postuliert, um ein deduktives System •rfolgt auch die äußere, politische Emanzipation des
daraus zu machen; sie ist eine Frage der praktisch zu IWrgertums, deren ideologischer Begründung die
leistenden Forschung. Der Materialismus ist nach die- 1\ nn tsche Philosophie dient.
ser Auffassung keine Weltanschauung, sondern ein I ie kapitalistische Gesellschaft ist von andren,
methodologisches Postulat. In seiner Durchführung - 11l ·i ·hfalls auf Warenaustausch beruhenden Gesell-
und wiederum nicht apriori - wird das rationale Verhal- ·ldtsformen dadurch verschieden, daß in ihr der
ten ein materiell andres als das idealistische. Zu den W1renaustausch nicht bloß nötig ist, um die Produkte
unterscheidenden Zügen gehört mit Gewißheit der Ver- >HIS den Händen der Produzenten in die der Konsumen-
zicht auf das abschlußhafte Ideal der Wahrheit und t •n i'.u bringen, vielmehr darüber hinaus die Bedingung
infolgedessen die Vermeidung der mit der Verabsolutie- hi ld ·t, daß auch schon die Produktion irgendeines
rung des Wahrheitsbegriffs verknüpften Antinomien ( ; ·brauchsgegenstandes zustande kommt. Denn wäh-
des idealistischen Denkens. l •nd früher die Menschen nur als Konsumenten von
Gegenstand der Untersuchung ist die Frage, ob die t I •n Produkten getrennt waren, die sie brauchten, sind

158 159
sie hier sogar als Produzenten von den Mitteln getrennt, Arbeit aktuelle gesellschaftliche Wertgeltung an. Ein
um überhaupt ein Produkt zu produzieren. Im Kapita- Ding ist nicht, was produziert, sondern erst, was
lismus hängt also die Möglichkeit der Produktion selbst getauscht wird. Seine Dingkonstitution ist funktional.
davon ab, daß über den Marktweg ihre Grundfaktoren, Es ist also wirklich eine »kopernikanische Wen-
also menschliche Arbeitskraft, sachliche Produktions- dung«, di<? sich von der einfachen Warenproduktion bis
mittel, Rohstoffe und Boden, als Waren zusammen- wr fertigen Ausbildung der kapitalistischen Produk-
kommen und die Produktion sich nach Warengesetzen tionsweise für den Bestand der Gesellschaft vollzieht.
zu vollziehen vermag. Warenform und Tauschgesetz In der einfachen Warenproduktion ist die Besitzvertei-
der Waren, d. h. Form und Gesetz der Verdinglichung, lung der Produkte Funktion der an sich geschehenden,
werden im Kapitalismus zum Apriori der Produktion, nämlich unabhängig vom Warenaustausch möglichen
daher zum konstitutiven Grundgesetz für den Bestand Produktion, daher auch des gegebenen Daseins der
der Gesellschaft, die in ein Chaos der formlosen Man- Waren. Im Kapitalismus dagegen ist umgekehrt die
nigfaltigkeit zerfällt, wenn (in den Krisen) der Aus- Produktion und das Dasein der Waren Funktion der
tauschzusammenhangder Waren nicht mehr funktio- vorgegebenen Besitzverhältnisse an den Produktions-
niert. Von der Produktion aber hängt das Dasein der ll'litteln.
Waren ab, und die Bedingungen der Möglichkeit der Wie sind aber die Gesetze des Warentauschs, die hier
Produktion sind also die Gesetze, nach denen das d. s Apriori der Produktion, die Gesetzmäßigkeit des
Dasein der Waren in der Gesellschaft erst möglich wird. Warendaseins und die Bestandsordnung der Gesell-
Das Dasein der Waren ist zu ihrem Dasein nach Geset- haft ausmachen, in sich beschaffen? Es sind die
zen geworden, und das Dasein der Waren erscheint als esetze der Verdinglichung bloß als solcher, von der
der ganze Bestand der Gesellschaft, die an ihr selbst Marx nachgewiesen hat, daß sie völlig in der Einheits-
keine Substanz mehr hat. unktion der Äquivalentform der Waren zentriert. Die
Die gesellschaftliche Ordnung von Produktion und in ihrer gebrauchswerten Qualität inkommensurablen
Konsumtion im Kapitalismus kommt weder durch Waren erfahren im Akt ihres Austauschs die Kommen-
planmäßige Leitung noch durch direkte Kooperation, li ration als Werte, worin sie der Form nach identisch
noch durch traditionelle Regelung, vielmehr nur als ~ ·setzt werden, um nur noch als Quanten zu d~ffe­
Funktion der voneinander unabhängigen Einzelhand- r•i •ren. Es ist also im genauen Kantschen Smne
lungen selbständiger Privatpersonen zustande. Sie ist inc »Synthesis«, die dem gesellschaftlich entfalteten
also durch und durch funktionale Ordnung. Nur das Warenaustausch seiner Formkonstitution nach zu-
I
~ funktionale Gesetz des Warenaustauschs entscheidet ru nde liegt, und diese Synthesis gründet in der ober-
· hier auch über die objektive Realität des Gebrauchs- t •n Einheit, die die Waren in, ja kraft ihrer allseiti-
werts und die gesellschaftliche Gültigkeit des Werts der K·n relativen Wertbeziehung auf die i~nen gemeinsa-
Waren. Eine nicht absetzbare Ware ist gleich einem sub- rn ·, gesellschaftlich allgemeingültige Aquivalentform
jektiven Sinneseindruck und im gesellschaftlichen Sinne h bcn, aufs Geld. Die Grundgesetze des Warentauschs,
kein Ding mehr. Findet der Ladenhüter wieder Käufer, Ii • im Kapitalismus das Apriori der Möglichkeit der
so fliegen dem Sinnenschein mit einem Mal objektiv Prod uktion bilden, fließen somit aus einer ursprüng-
realer Gebrauchswert und der längst abgeschriebenen 1 ·hcn, im Tausch erst gestifteten, rein formalen Synthe-

160 161
sis aller Waren nach Funktionen der identischen Einheit macht. Folglich ist das Kapital ursprünglich Arbeit von
ihrer durchgängigen Beziehung aufs Geld. s lcher Praxis, daß sie nur dazu dient, ihren Gegensatz,
Diese Synthesis ist konstitutiv für die Produktion die Verdinglichung und also jene Kausalität, zu repro-
und gesetzgebend für das Dasein der Waren, sofern das du zieren. Von diesem Widerspruch zwischen der
Geld als Kapital fungiert, nämlich auf dem Markt die Arbeit als ursprünglicher, »intelligibler« Praxis einer-
Produktivfaktoren (bzw. die dinglichen Träger dersel- N ·its und der Arbeit als Kausalität der restlos verding-
ben) kauft und jeden nach dem Gesetz seiner spezifi- lichten Immanenz andrerseits, welcher sich nach der
schen Natur zum selbsttätig prozessierenden Ganzen inneren Problematik der Verdinglichung selbst an ihrer
der Produktion vereinigt. Zu dieser konstitutiven s 'heinbar absoluten, obersten Instanz, dem Kapital,
Fuuktion aber fügt sich sogleich die regulative des Gel- v >rfängt, ist es nur ein Schritt, das Kapital selbst als
des als Zirkulationsmittel der so produzierten Waren, s ·ine praktische Wirklichkeit zu setzen und die
also die Funktion, welche der Realisierung der schon wirkliche Welt als die dialektische Selbstentfaltung des
kraft der Warengesetze in ihnen steckenden Werte und zu m »Weltgeist« fetischisierten Kapitals zu denken.
durch deren Korrektur der allseitigen Proportionierung Diese stark verkürzte Beschreibung des kapitalisti-
der Kapitalstätigkeit dient. Von den Formbestimmt- ·hen Verdinglichungssystems ist bei aller Ausrichtung
heiten der Synthesis geschieht hier quasi der abgeleitete tuf den damit verfolgten Demonstrationszweck durch-
und nur beurteilende (rektifizierende) Gebrauch, der \LIS exakt. Man braucht in sie aber nur für die identische
jedoch den konstitutiven in der Produktion voraus- l•:inheit des Geldes die »Einheit des Selbstbewußt-
setzt, und der seinerseits die Voraussetzung dafür ist, ·ins«, für die synthetische Funktion des Geldes für
daß die Auswirkungen der kapitalistischen Produk- di Tauschgesellschaft die »ursprünglich-synthetische
tionsweise sich mit ihren Bedingungen in der zur fort- Ei nheit der Apperzeption«, für deren konstitutive
laufenden Reproduktion der Gesellschaft erforder- B ·deutung für die kapitalistische Produktion den »rei-
lichen, also quasi vernunftgemäßen Übereinstimmung n •n Verstand«, für das Kapital selbst die >>Vernunft«,
befinden - könnten. »Könnten«, wenn dieses bloße fü r die Warenwelt die »Erfahrung« und für den Waren-
funktionale Formsystem zugleich die Realität der in liStausch nach Gesetzen der kapitalistischen Produk-
ihm bestimmten Ordnung an ihr selbst wäre, was sie lio nsweise das >>Dasein der Dinge nach Gesetzen«, also
grade nicht ist, nämlich die geschichtliche Wirklichkeit di ·»Natur« einzusetzen, um aus der Analyse der kapi-
und nicht bloß das Verdinglichungsgesetz der kapitali- t ~l l istischen Verdinglichung die ganze Erkenntnisphilo-
stischen Warenproduktion. Hier aber beginnen nun die ophie Kants mitsamt ihren notwendigen inneren
Widersprüche. Die kapitalistische Warenproduktion ist Widersprüchen nachkonstruieren zu können; sofern
als solche innerhalb der Gesetze der Verdinglichung lll m gleichzeitig das dem Adam Smithschen Harmonis-
restlos möglich, denn die Arbeit ist in der Ware Arbeits- lllliS entsprechende Postulat berücksichtigt, daß die
kraft zur bloßen Kausalität der Warenproduktion ein- Sy nthesis a priori« krisenlos aufgehen müsse. Tatsäch-
gefangen, als das Notwendigkeitsgesetz der Warenwelt lk·h läßt sich, wenn man sich die Mühe machen will, die
in ihrer Immanenz, und als nichts weiter. Indem sie in Analogie bis in die Details fortführen und die Metaphy-
dieser Kausalität nur Warenwert schafft, produziert sie jl Kants wie auch ihre Weiterentwicklung über den
zugleich das Kapital selbst, das sie zu jener Kausalität 1~~ ·nannten transzendentalen zum absoluten Idealis-

162 163
mus Hegels materialistisch vollständig durchsichtig 3. Die gesellschaftlichen Entstehungs-
machen. Worauf es uns hier jedoch ankommt, ist die bedingungen der rationalen Erkenntnis
Frage, ob es sich überhaupt nur um eine Analogie
handelt und nicht vielleicht um einen echten Begrün- Für die im folgenden aufgestellten Thesen setzen wir
dungszusammenhang! Sind nicht vielleicht die Einheit die von Marx in den Anfangskapiteln des Kapital und in
des Selbstbewußtseins und das Erkenntnissubjekt der früheren Schrift Zur Kritik der politischen Ökono-
wirklich von Ursprung auf nur ein unvermeidlicher mie geleistete Analyse bis ins einzelne als bekannt
gedanklicher Widerschein der Einheit des Geldes, das voraus. -
diskursive Denken eine durch die Funktion des Geldes Im einfachen Austausch von Ware gegen Ware sind
fü(A. die warenvermittelte Gesellschaft bedingte Form relative Wertform und Äquivalentform nur durch die
des Bewußtseins und die rationale Objekterkenntnis jedesmalige Stellung im Wertausdruck mit einer Ware
nur die ideelle Reproduktion der Art und Weise, wie in verbunden, daher an dieser nicht empirisch unter-
einer solchen Gesellschaft nach Gesetzen des Waren- scheidbar. Der gesellschaftliche Charakter der Äquiva-
tauschs die Produktion zustande kommt? Diese lenz der Waren tritt an der einzelnen Ware nicht als
Annahme erscheint zunächst als eine gewagte Hypo- •twas von ihrem Gebrauchswert Verschiedenes hervor.
these, die auf schwer abzusehende Konsequenzen hin- Letzteres geschieht erst durch die Verdoppelung der
ausführt. Wir wollen sie gleichwohl aufstellen, denn Ware in Ware und Geld, also durch die polarische
wir glauben, daß sie beweisbar ist. Die Hypothese läuft Aussonderung einer Ware als gesellschaftlich allgemein-
darauf hinaus zu sagen, daß die Bewußtseinsformen, gültige Äquivalentform der übrigen, in relativer Wert-
die wir im rationalen Sinne die Formen der »Erkennt- beziehung auf sie befindlichen Waren. »Eine Ware, die
nis« nennen, aus der im Warentausch vorliegenden Ver- Leinwand [bzw. das Gold-S.-R. ], befindet sich in der
dinglichung entsprungen sind. An die Verdinglichung_ llorm unmittelbarer Austauschbarkeit mit allen andren
und ihre Analyse haben wir uns deshalb für die Begrün- Waren oder in unmittelbar gesellschaftlicher Form, weil
dung unserer Hypothese zu halten. und sofern alle anderen Waren sich nicht darin befin-
Eine Untersuchung jedoch, die der idealistischen d n. «l) Am Geld tritt der gesellschaftliche Charakter
Verabsolutierung der Erkenntnis entgegentreten will, d s Warentauschs in Erscheinung.
hat es auch nicht mehr mit der Erkenntnis in dem Getreide kann für Menschen wie für Tiere zur Nah-
geschichtslosen Sinne von »Erkenntnis überhaupt« zu l'l111ß dienen, Gold nur für Menschen Geld bedeuten.
tun. Die Frage nach den gesellschaftlichen Entste- Im Gelde ist der menschliche Charakter vom natür-
hungsbedingungen der rationalen Erkenntnisweise, li ·hen der Lebewesen unterschieden, der gesellschaft-
alias des diskursiven Denkens, kann sich auf diese li ·he Zusammenhang zwischen Menschen als Gegen-
Geistesform zunächst nur auf der geschichtlichen Ent- ll t:t. zum materiellen Stoffwechselprozeß mit der Natur
wicklungsstufe beziehen, auf der sie in der griechischen ln Produktion und Konsumtion gekennzeichnet. Das
Antike erstmalig hervorgetreten ist. J ·ld gilt nur zwischen Mensch und Mensch, nicht

#',wischen Mensch und Natur, und die Beziehung

I • Kapital<< I, MEW 23, 82.

164 165
zwischen Mensch und Mensch hat im Geld unreduzier- d •r Produktion, auf die sie sich bezieht. Der Produk-
bar gegensätzlichen Charakter zur Beziehung der Men- t ionsvergang muß gedanklich als in sich schlüssiger
schen zur N atur angenommen. In der Verausgabung Zusammenhang vorkonstruiert werden, damit seine
und Vereinnahmung von Geld handelt der Mensch Praxis zweckentsprechend, nämlich als Erzeugung
nicht mehr als Naturwesen. 2) Unsere Behauptung geht I' ·sellschaftlich gültigen Wertes, organisierbar ist. Die
dahin, daß die Formung und das Aufkommen des Rationalität der Produktion liegt außerhalb ihrer in der
begrifflichen oder diskursiven Denkens mit dieser I' •in gesellschaftlichen Sphäre, in der die Produkte Wert
Abhebung der gesellschaftlichen Äquivalenzbeziehun- haben und Gold Geld bedeutet; in ihrer Praxis hat die
gen der Waren von der praktisch materiellen Lebens- Pr duktion keine Rationalität, weder für den arbeiten-
bedingtheit der Menschen zu tun haben. d •n Sklaven, für den sie zwecklos, noch für den zweck-
Wir werden später sehen, daß die Ausbildung der •c:.r.enden Herrn, für den sie keine Arbeit ist. Um die
Geldform des Warenwerts, also von Geld in Münz- Produktion als Erzeugung von geldwerten Waren zu
form, die Ausbeutung voraussetzt, und zwar in einer ltrganisieren, muß ihr Zusammenhang erst theoretisch
fortgeschrittenen Form. Aus einer eingehenden Form- lwnstruiert werden. Diese rein in Gedanken zu lei-
analyse des Warentauschs haben wir die Überzeugung l •nde, von der Praxis der Arbeit abgehobene Kon-
gewonnen, daß die Ausbildung der Geldform - etwa t ru ktion erfordert die Reflexion auf das Denken als
680 v. Chr. in Ionien - eine Art der Warenproduktion ol ·hes und auf die innere Begründung seiner Folge. Sie
voraussetzt, bei der die tauschenden Warenbesitzer in •ht unter logischer Wahrheitskontrolle statt unter
keiner praktischen und persönlichen Beziehung zur pr. ktischer und hat als erstes den Begriff einer zeitlos in
Produktion ihrer Waren mehr stehen, an keine Arbeits- il'h begründeten Wahrheit. Die Theorie muß rational an und für
prozesse von Produktion mehr Hand anlegen. Wir t•in, weil die Produktion in ihrer Praxis es nicht mehr sich könnte
vertreten die Hypothese, daß die Ausprägung der 1 1• Das logisch reflektierte Denken zur rationalen man sich das
Geldform mit der Ausbildung der gewerblichen I t mstruktion der Produktion, d. h. die rationale Aufkommen
Sklavenarbeit zusammengehangen haben muß. Mit der Naturwis-
N tturerkenntnis, wäre demnach ein gesellschaftlich
Geld wären also zuerst Sklaven gekauft worden, welche senschaft ohne
1111 •ntbehrliches Mittel zur Organisierung der Waren- Sklaverei vor-
Produkte für den Markt, d. h. Waren, zu produzieren p10duktion mit Sklavenarbeit. stellen
hatten. Der Sklave ist ein Gebrauchsobjekt, dessen in es I er Zusammenhang der rationalen Erkenntnisweise
eingeschlossene Eigenschaft es ist, zur Arbeit da zu 111it dem Waren-Geld-Verkehr interessiert uns zunächst
sein. Wo Warenproduktion mit Sklavenarbeit betrieben 111d •s nur in formaler Hinsicht, ohne Berücksichtigung
wird, ist das Verhältnis des Geld-Waren-Besitzers tl1r ·s geschichtlichen Inhalts, der Ausbeutung. Wir
zur Produktion durch bloße Tauschbeziehungen ver- 1htuben, einleuchtend machen zu können, daß die
mittelt. l1 111ische Formbestimmtheit des rationalen Denkens in
Diese Art der Vermittlung der Produktion bedingt di11•kter Weise von der Formbestimmtheit des Waren-
eine theoretische Reflexion in Abhebung von der Praxis ; ·ld-Austauschs bedingt ist. J) Da eine schrittweise
2 »Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit I Wir brauchen den Ausdruck »Formbestimmtheit<< im Sinne
der Warenkörper geht kein AtomNaturstoff in ihre Wertgegen- vnn Marx, >>Zur Kritik der politischen Ökonomie<<, MEW 13,
ständlichkeit ein.<< (Ibid., S. 62) p>1Ns im.

166 167
Entwicklung dieser Formbestimmtheit nach ihren Ver- setzt 1m Gegenteil voraus und sorgt dafür, daß sie
mittlungen hier nicht möglich ist, fassen wir ihre für geschehen. Die Identität ist Formbestimmtheit der
unser Thema wichtigsten Charaktere in aller Kürze in Waren, sofern diese durch den Austausch aus der
ihrer am Geld fertig ausgeprägten Gestalt zusammen, Produktion in die (konsumtive oder produktive) Kon-
um anschließend nur den zentralen Punkt näher zu Stnntion übergehen und Produktion und Konsumtion
erörtern. rm den Waren als verbunden gelten. Der Tausch enthält
p sitiv, daß dasselbe Ding, so wie es produziert worden
ist, zu seiner Konsumtion in die andre Hand übergeht.
4. Zur Analyse der Warenform I ie Identität ist die dingliche Verbindungsform von
Produktion und Konsumtion, und umgekehrt ist der
Das Geld ist eine Ware, der aufgestempelt ist, daß sie identische Träger dieser Verbindung, die Ware, eben
nur zum Äquivalent für andere Ware und somit als insofern Ding. Die Dinglichkeit ist Formbestimmtheit
bloßes Tauschmittel dient. In ihrem Charakter als Geld d ·r Ware und die Grundform der »Verdinglichung«.
ist ausdrücklich jeder produktive oder konsumtive Weil die Waren in ihrem Austausch nur aus ihrer Pro-
Gebrauch ihres Materials ausgeschlossen, da sie mit duktion in ihre Konsumtion übergehen, gelten sie im
solchem Gebrauch sofort aufhören würde, Geld zu Austausch oder für die Äquivalenzfunktion des Geldes
sein. Im Geld ist also das, was das Gold zu Geld macht, immer als gegeben. Diese Gegebenheit ist Realität der
als Gegensatz ausgesprochen zu dem, ~as sein Mate- Waren nach Maßen der Realität der Tauschhandlung, welche neue
rial, das Gold, aber auch das Material jeder andren Ware w ·lche mit ihnen geschieht. Sie ist das bloße Dasein der Bestimmung
oder jedes Material einer Ware ist. Im Geld ist somit I inge zwischen den Menschen, im Unterschied zu der ist eigentlich
mit »Dasein«
fixiert, daß die Äquivalenz der Waren bloßen Punk- 11r duktion, in der sie zu ihrem Dasein im Tausch erst
der »Identi-
tionscharakter hat. h ·rvorgebracht werden, und zu ihrer Konsumtion, in tät<< gegenüber
Der Äquivalenzausdruck der Waren zum Geld fixiert Ii ·ihr Dasein aus dem Tausche eingeht. Das Dasein ist getroffen?
die Tauschhandlung als Gegensatz zu den Handlungen llormbestimmtheit der Waren und ist der Wirklich-
von Produktion und Konsumtion. Der Austausch der ! t•itsmodus des Verdinglichten. Am Dasein hat stets
Waren schließt für die Zeit seiner Dauer jede materielle •in Mehrheit von Menschen teil, so sehr in der ReHe-
Veränderung der Waren aus, die ihre Wertverhältnisse ion aufs Dasein das Gegenteil statthat.
betreffen könnte. Nur für die unveränderte stoffliche L ie Ware ist identisch existierendes Ding. Im Geld ist
Identität der Waren ist ihr Äquivalenzverhältnis mög- di ·sc Formbestimmtheit endgültig fixiert. Das Geld
lich. Diese Identität ist Negationsform der Produktion Ilt•zicht sich auf Waren in der Form ihrer identischen
und der Konsumtion. Sie besagt, daß auf dem Markt di tl i11 !;Iichen Existenz. Identität, Dinglichkeit und Dasein
Waren nur die Hände wechseln und die Produktion und 111d ihrer Genesis nach gesellschaftliche Formcharak-
Konsumtion in ihnen solange stillstehn. lt'l' ·der Ware und sind Verbindungsformen der Men -
Andrerseits verlangt die Tauschhandlung diesen Still- then . - Die Identität ist die Form der Verbindung der
stand der produktiven und konsumtiven Praxis mit den IH•i verschiedenen Menschen liegenden Produktion und
Waren, weil sie zwischen Produktion und Konsumtion I onsumtion ein und derselben Waren. Ebenso ist die
vermittelt. Sie negiert diese also nicht reell, sondern I inglichkeit Verbundenheit von Produktion und Kon-

168 169
sumtion an den Waren, weil der praktische Zusammen- nicht mehr, und das, was noch nicht real ist. Das Maß
hang von Produktion und Konsumtion zwischen den der Realität von Produktion und Konsumtion ist hier
die Trennung Menschen gesellschaftlich zerrissen ist. Ding ist ein die Präsenz der Waren im Tausch, sofern diese Präsenz
läßt sich nicht Produkt, von dem aus gesellschaftlichen Gründen der die Absenz von Produktion und Konsumtion ist. Das
bestimmen, eine nur die Produktion und der andre nur die Konsum- Geld bezieht sich auf die materielle Praxis von Konsum-
ohne daß der
tion hat. Seine Identität ist die Klebfläche eines gesell- tion und Produktion nur mit dem Maß der Faktizität,
Begriff Aus-
beutung her-
schaftlichen Risses zwischen Produktion und Konsum- als geschehen oder nicht geschehen, geschehend oder
angezogen tion. Dasein hat ein Ding, in dem Produktion und Kon- nicht geschehend, eintretend oder nicht eintretend.
wird. sumtion aus der Ursache ihrer gesellschaftlichen Tren- Andrerseits sind an der Ware die Produktion, aus der
nung--stillstehn. Das Maß seiner Realität hat das Dasein sie stammt, und die Konsumtion, in die sie eingeht, zur
an der Realität dieser Trennung. Es ist also Dasein von identischen Dinglichkeit der Ware verbunden, sind also
Dingen zwischen Menschen, gesellschaftlich gültige, gerade das im Tausch Präsente der Waren und deren
gesellschaftlich bedingte und begrenzte Realität von Realität. Aber real und präsent sind Produktion und
Dingen. Identität, Dinglichkeit und Dasein konsti- Konsumtion für die Tauschhandlung in ihrem Still-
tuierten sich erst aus der Ursache einer bestimmten stand, d. h. in zeitlicher Aufhebung, als die unverän-
gesellschaftlichen Trennung von Produktion und derte stoffliche Identität der Warendinge im bloßen
Konsumtion als Verbindungsformen des Getrennten. Raum. Als zeitliches Geschehen hebt die Tauschhand-
Welcher Art diese Trennung ist, auf die die Verding- lung Produktion und Konsumtion zeitlich auf bzw.
II lichung zurückverweist, wird noch gezeigt werden. v rweist sie der Zeit nach in die nicht mehr reale Ver-
Die identisch existierenden Warendinge stehen unter Wlngenheit und die noch nicht reale Zukunft zur allein
der räumlichen und zeitlichen Ordnung der Tausch- ,. ·alen Gegenwart ihrer, der Tauschhandlung, selbst.
handlung anstatt der produktiven und konsumtiven Realität im zeitlichen Geschehen des Tausches haben
Handlungen, welche pro tanto der Äquivalenzverhält- Pr duktion und Konsumtion in der verdinglichten
nisse der Waren mit diesen grade nicht geschehen dür- 11orm der stofflichen Realität der Warendinge im Raum.
fen. Es ist die Raum-Zeit-Ordnung der Faktizität im I ), s Geld bezieht sich auf die Waren als Dinge, welche
Gegensatz zu der der »menschlichen sinnlichen Tätig- i11 räumlich-materieller Realität nach Funktionen ihrer
keit, Praxis«. 4) Zeitlich setzt die Warenäquivalenz des unveränderten Identität in der Zeit zwischen Produk-
Tauschs die Produktion als in den Waren jeweils abge- tion und Konsumtion vermitteln. Im Geld ist fixiert,
schlossene Vergangenheit und die Konsumtion als in dnß die Realität des Tauschs in der Zeit und die Funk-
ihnen jeweils unbegonnene Zukunft voraus, zwischen 1ion der Äquivalenz der Waren an die Realität der Mate-
denen die Waren im Tausch ihre identische dingliche ' i · im Raum gebunden sind. Die Materie ist die
Präsenz haben. Produktion und Konsumtion sind in V'l·dinglichungsform der Praxis der vergangeneu Pro- Wie setzt sich
der Tauschhandlung, mit der identischen Präsenz der luluion, durch die diese die gesellschaftlich getrennte denn dieser
Waren in dieser als Bezugspunkt ihrer Folge, als Ver- Pmxis der künftigen Konsumtion vermittelt.- Die Vor- Begriff der
Materie gegen
gangenheit und Zukunft verbunden, daher als das, was ~t•llung, daß alles Räumliche von Materie erfüllt sei,
den magischen
I 011n te, wie als erstem dem Thales, nur aufkommen, ab?
4 Marx, erste These über Feuerbach. ' o die Produktion unter dem Warengesetz stand. Der

170 171
D. h. der Satz: Alles ist Wasser, heißt soviel wie: Alles ist Waren- für die rationale Erkenntnisweise5l und ihre logische
Begriff »alles<< stoff, oder: Aus allem kann man Ware machen- sofern Konstitution bestimmende Form von Identität.
sei gesell- nämlich die Arbeit Eigenschaft gekaufter Sklaven ist Beiseite gelegte, liegengelassene, weggestellte, zum
schaftlich ein
und in dieser Gestalt alles, was sie produziert, als Ware eigenen Verbrauch aufbewahrte Dinge sind sich über-
Synonym für
Geld- eine produziert. lassen, und soweit sie Bestand haben, haben sie ihn,
gewagte Mit diesen kurzen Andeutungen von der von mir während man sich nicht mit ihnen beschäftigt. Im
Behauptung. intendierten Betrachtungsart muß ich mich hier zur 'fausch aber sind die Dinge identisch, sofern sie gerade
Formanalyse der Verdinglichung begnügen. Es sei egenstand der Beschäftigung sind und im Mittelpunkt Und wenn ich
jedoch ausdrücklich hinzugefügt, daß kein Moment der Aufmerksamkeit stehen, und eben diese Beschäfti- ein Buch lese?
der N'erdinglichung vollständig und eindeutig be- gung und Aufmerksamkeit fixieren sie in der Äquiva-
stimmbar ist, solange die Verdinglichung außer lenzbeziehung als unverändert identisch. 6) Im Tausch
ihrem Zusammenhang mit der Ausbeutung betrachtet Lut man materiell etwas mit den Dingen, aber dieses Tun
wird. ist widerspruchsvollerweise an die Bedingung ge-
Der für unser Thema zentrale Punkt ist die Behaup- knüpft, daß materiell nichts an ihnen geschieht. Die
tung, daß die Identität ein geschichtlich bedingter 'fauschhandlung ist eine physische und materielle Tätig-
Formcharakter der Ware und eine gesellschaftliche ! eit und ist in dieser Eigenschaft positiv ausgeübte
Verbindungsform der Menschen ist. Durch diese Negation jeder die Tauschobjekte verändernden, also
Behauptung wird, wenn sie beweisbar ist, der Aprioris- konsumtiven oder produktiven Handlung mit ihnen,
mus der Erkenntnis aus den Angeln gehoben. Sie bedarf solange die Äquivalenz gelten soll. Die identische ding-
deshalb näherer Erläuterungen. liche Existenz der Waren in der Äquivalenz ist eine von
Die Grundcharaktere der Verdinglichung, Identität, der Tauschhandlung aktiv getätigte Setzung, sie ist
Dingform und Dasein der Waren, sind auf notwendige keineswegs ein bloß in den Lücken zwischen mensch-
Weise mit dem Äquivalenzverhältnis der Waren im lichen Betätigungen rein passiv bestehender Mangel an
Tausch verbunden. Von unsrer heutigen, durch und Veränderung von Dingen. Sie gilt auch gegen alle mate-
durch verdinglichten Erfahrung aus könnten diese ri ·lle Unwahrheit ihrer Supposition, etwa bei Trans-
Formcharaktere ebensogut in jedem andren Zusam- tktionen, die sich über längere Dauer erstrecken und
menhang, auch in dem von Produktion und Kon- innerhalb deren die Objekte sich ohne menschliches
sumtion, mit den Sachen ursprünglich verbunden S. -R. - 1970: Was hier >>rationale Erkenntnisweise<< genannt
erscheinen. Es kommt aber darauf an, den spezifischen wird, ist Teil der nur bei Geldbesitzern auftretenden, von der
Unterschied der Tauschhandlung gegenüber andren llandarbeit unüberbrückbar geschiedenen Kopfarbeit.
Handlungen zu erfassen. Gewiß haben die Dinge auch 1 ·.-R. - 1970: Der maßgebliche Unterschied ist hier verfehlt,

irgendeine Beständigkeit, wenn man sie etwa innerhalb n;'mlich ob die Bewahrung der unversehrten Identität des
eines Produktions- oder Konsumtionsvollzuges aus der cbrauchsgegenstandes einem individuellen Willen entspricht
oder einem polizeilicherzwingbaren gesellschaftlichen Postu-
Hand legt, um sich ihnen später wieder zuzuwenden,
lat. Auf den Benjaminsehen Einwand wäre mit der Frage zu
und wir behaupten auch keineswegs, daß die Waren- •rwidern, wo ich das Buch lese, im Buchladen oder bei mir zu
identität die alleinige Art der Identität oder identitäts- ll :tuse. Die dingliche Identität erweist sich da ohne Schwierig-
ähnlichen Beständigkeit von Sachen sei. Sie ist aber die !<·it als eine Funktion des Eigentums.

172 173
Zutun unfraglich verändern. Sie gilt, kurz gesagt, nicht und ob sich für den unter ihm gedachten Verkehr der Zum min-
aus Gründen der Dinge oder der Menschen oder der all- Begriff des Austauschs überhaupt halten läßt, ver- desten müßte
gemeinen Natur menschlichen Handelns, sondern sie mögen wir nicht zu entscheiden. Diese Art oder Arten bewiesen wer-
den, daß im
ist eine aus gesellschaftlichen Ursachen notwendig von »Tausch« liegen außer unserem Gesichtsfeld. s)
primitiven
bedingte Fiktion. Zweitens ist die Feststellung geboten, daß die spezifi- Tausch keine
Welches sind aber diese Ursachen? Aus dem Tausch schen Formcharaktere der Ware nicht ausreichend Äquivalenz
läßt sich darüber so viel entnehmen, daß Produktion crfaßt werden können, wenn man ihnen bloß die Tat- besteht. [Anm.
und Konsumtion, da er die zwischen ihnen vermit- sache zugrunde legt, daß die Menschen ihre Lebensmit- S.-R.: Das ist
telnde Handlung ist, für die Menschen in bestimmter tel durch Arbeit gewinnen müssen, diese Lebensmittel seitdem von
Weise getrennt worden sein müssen. Welcher Art diese , lso deshalb durchweg Konsumgegenstand und Pro- Marcel Mauss
und Levy-
Trennung ist und worauf sie beruht, ist über den gene- dukt und allein dadurch schon »Gebrauchswert« und
Strauss weid-
rellen Hinweis auf Arbeitsteilung hinaus aus dem Wert« sind. Nicht die für die Menschen naturgegebene lieh bewiesen
Tausch nicht zu erschließen. Denn der Warentausch ist Lebensbedingtheit durch Arbeit und nicht die bloße worden
selbst bereits, und zwar gerade durch die Äquivalenz, (1978).]
die ihn kennzeichnet, Verdeckungsform seines wirk- H S.-R. - 1970: Die Unterscheidung zwischen zweierlei Arten
lichen geschichtlichen Inhalts. Halten wir uns jedoch von Tausch ist einer der Wesenszüge der damaligen Analyse und
zunächst an den schattenhaften Abglanz, der sich ist es auch weiterhin geblieben. Aber der Unterscheidungs-
davon im Warentausch und seinem Äquivalenzverhält- ~rund hat sich mir erst allmählich herausgeschält und war mir
nis spiegelt. damals noch unklar. Er liegt darin, ob der Warentausch das
Vehikel der innergesellschaftlichen Synthesis ist oder nicht; er
Zum ersten zeigt sich, daß ein grundsätzlicher
li egt nicht in einer Verschiedenheit der Formcharaktere des
Unterschied gemacht werden muß zwischen dem ent- Warentauschs, welche vielmehr auf den verschiedenen Ent-
wickelten Warentausch, d. h. dem Tausch auf der wicklungsstufen der Gesellschaft unverändert sind. Diese
Grundlage der Warenproduktion und also dem Aus- I,. ormcharakteristika freilich, und das heißt vor allem die Äqui-
tausch von »Werten«, und primitivem Tausch im Sinne valentform, treten nicht in Erscheinung, solange der Tausch im
eines Tauschverkehrs mit Gebrauchsgegenständen, wesentlichen noch bloße außenwirtschaftliche Verkehrsform
vornehmlich zwischen naturwüchsigen Gemeinwe- ist; er zeitigt auf diesen Stufen noch nicht die Geldform des
Wertes. Die Entstehung der Geldform bedeutet den Wende-
sen. l) Das definierende Merkmal des entwickelten
pu nkt zur innergesellschaftlich-synthetischen Funktion des
Warentauschs ist die Äquivalenz der getauschten 'Hwschs. Und erst von dem Zeitpunkt an, zu dem die Form-
Objekte, und diese setzt eine bestimmte gesellschaft- ·haraktere des Warentauschs am Geld in Erscheinung treten,
liche Trennung von Produktion und Konsumtion vor- wird es möglich, daß sie sich dem Bewußtsein mitteilen. Erst
aus, deren Ursprung und wirklicher Inhalt in der Aus- von diesem Wendepunkt an wird es also möglich, daß die
beutung zu finden sind (s. unten). Nur der entwickelte R ·alabstraktion der »Warenform<< sich in die Denkabstraktion
Warentausch ist mit der durch Identität, Dingform und d •r Begriffsform umsetzt. -Zwar tastete ich mich damals auf
d ·m rechten Wege voran, aber ich war außerstande, die Ein-
Dasein charakterisierten Verdinglichung verbunden.
w ndungen zu entkräften, die von Benjamin und Adorno erho-
Wodurch hingegen der primitive Tausch definierbar ist b ·n wurden. Freilich ließ ich mich durch diese Vorhaltungen
1lll ·h nicht von meinem Wege ablenken. (Eine genauere Klärung
7 Siehe Marx, »Das Kapital« Bd. I, MEW 23, 102. d ·s Problems wird im Nachwort zu diesem Text versucht.)

174 175
empirische Verschiedenheit von konsumtiven und Teil, der nur konsumiert, ohne zu produzieren, und
produktiven Betätigungen, sondern daß zwischen die- einen andren Teil, der pro tanto nur produziert, ohne
sen beiden unentbehrlich zusammengehörigen Seiten :w konsumieren. Mit andern Worten, bevor ein Aus-
des Daseins ein Gegensatz von gesellschaftlicher Art tausch von Subsistenzmitteln als Werten, also Waren-
eingetreten ist, so daß die getauschten Gegenstände für tausch, zur gesellschaftlichen Verkehrsform werden Daß der
einen Teil der Menschen nur Produkte und für einen kann, muß Ausbeutung entstanden sein. Der Waren- Warentausch
andren Teil nur Konsumobjekte geworden sind, macht durch diese
tausch hat sich aus der Ausbeutung entwickelt, nicht
Spaltung
die begründende Voraussetzung zum Austausch dieser umgekehrt die Ausbeutung erst aus dem Warentausch. gekennzeich-
Gegenstände als »Werte« und daher die eigentümliche Anmerkung 1937: Mit dieser These weichen wir in einem net ist, kann
Zwie,schlächtigkeit der Ware aus. Die Voraussetzung wichtigen Punkte von der Auffassung von Marx und Engels ab. bewiesen nur
der warentauschenden Gesellschaft ist nicht eine Zwar ist wohl deren Meinung nicht gewesen, daß die Ausbeutung werden durch
Naturgegebenheit, sondern eine veränderte geschicht- in jeder Form und unter allen Umständen erst aus dem Waren- seinen Ver-
liche Form von Gesellschaft. tausch entstanden sei. Hält man sich jedoch an die Marxsche gleich mit
Analyse der Ware - und nur sie kann in dieser Frage theoretisch dem primiti-
Von dieser geschichtlichen Grundlage her ist der
maßgebend sein-, so sind auf der Grundlage ihrer Fassung nur ven.
Warentausch nur die dialektische Reflexionsform. Seine •ntweder Ausbeutungsverhältnisse denkbar, die durch Waren-
Voraussetzungen sind unter dem Schein seiner Unmit- t. usch eingetreten oder doch ausgelöst worden sind, oder aber
telbarkeit verdeckt. »Die vermittelnde Bewegung •direkte Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse<< (K. Marx,
verschwindet in ihrem Resultat und läßt seine Spur Kapital I, S. 93), deren Verbindung oder Verbindungslosigkeit
zurück.« 9l Die Verdinglichung läßt sich am Waren- mit dem Warentausch völlig dahinsteht. Unsre Kritik an der
Marxschen Darstellung der Entwicklung der Warenform richtet
tausch und seinen Formen konstatieren, aber sie aus
ich dagegen, daß sie keinen Raum läßt für die bestimmende Rolle
ihm zu erklären, ist unmöglich. Ihre Ursache und ihr der Ausbeutung für die Entstehung des Warentauschs. Die Ent-
Quellliegen in der Ausbeutung, und aus ihr bedarf der wicklung des Wertausdrucks ist so dargestellt, als ob sie bis zur
Warentausch [die innergesellschaftliche Synthesis durch f ·rtigen Ausbildung der Geldform des Wertes als eine kontinuier-
Warentausch - S.-R. 1970] selbst erst der Erklärung. li ·he Entfaltung und Ausbreitung des primitiven Tauschverkehrs
d ·nkbar sei.
Wir beziehen uns für den theoretischen Zusammenhang von
w~ rentausch und Ausbeutung bei Marx und Engels in der Haupt-
5. Warentausch und Ausbeutung
flehe auf drei Unterlagen. Erstens auf die ins Zentrum des Marx-
N·hen Hauptwerks überleitende Theorie von der Verwandlung
Der vom Warentausch 10) vorausgesetzten Trennung von d ·s Geldes in Kapital und des Kaufs und Verkaufs der Ware
Produktion und Konsumtion liegt der Tatbestand Arbeitskraft. Hier liegt auf der Hand, daß der Warentausch als
zugrunde, daß die Gesellschaft gespalten ist in einen d •m kapitalistischen Ausbeutungssystem vorauslaufend darge-
~ •llt wird. Und das mit Recht; denn die kapitalistische Waren-'
produktion ist in der Tat dasjenige Ausbeutungssystem, das sich
9 Marx, >>Das Kapital<< I, MEW 23, 107. t'I'St auf der Grundlage des Warentauschs entwickelt hat, und der
10 S.-R. - 1970: Der Ausdruck >>Warentausch<< ist hier und im 11·schichtlich einzigartige Fall einer Ausbeutung nach bloßen
folgenden durchweg in dem speziellen Sinn von innergesell- (; •setzen des Warentauschs, d. h. nach ökonomischen Gesetzen.
schaftlicher Verkehrsform zu verstehen, also als Träger der Wie nach Gesetzen der durchgängigen Warenäquivalenz Ausbeu-
gesellschaftlichen Synthesis. tun g, nach den Paritätsgesetzen des Warentauschs die Imparität

176 177
des Mehrwerts das Resultat sein kann, macht den Angelpunkt der Lauschprozeß von Waren ursprünglich nicht im Schoß der natur-
politischen Ökonomie und ihrer Kritik aus. Aber bei Marxist die wüchsigen Gemeinwesen, sondern da, wo sie aufhören, an ihren
Fortbildung des einfachen Warentauschs zum kapitalistischen so renzen, den wenigen Punkten, wo sie in Kontakt mit anderen
dargestellt, als ob ihr geschichtlich keine andre Form der Ausbeu- emeinwesen treten. Hier beginnt der Tauschhandel, und schlägt
tung hätte vorauszugehen brauchen. Im Gegensatz dazu sind wir vo n da ins Innere des Gemeinwesens zurück, auf das er zerset-
der Meinung, daß der Warentausch nur deshalb einem Ausbeu- zend wirkt.« (K. Marx, >>Zur Kritik der politischen Ökonomie<<,
tungssystem hat zur Form dienen können, weil er selbst schon ME W 13, 35 f.) Im Kapital findet sich dazu noch (S. 102): >>Die
dialektische Reflexions- und Aufhebungsform von Ausbeutung -rste Weise, worin ein Gebrauchswert der Möglichkeit nach
ist, also andre Formen der Ausbeutung vorher schon in ihn einge- 'rllllschwert ist, ist sein Dasein als Nicht-Gebrauchswert, als die
gangen sind. Die kapitalistische Ausbeutung ist die volle und end- unmittelbaren Bedürfnisse seines Besitzers überschießendes
gültige Verwirklichung des Warentauschs und der Verdinglichung uantum von Gebrauchswert.<< Auch hier also ist die Ausbeu-
- wie der philosophische Idealismus des Bürgertums die endgül- LUng, die >>Zersetzung des Gemeinwesens«, als Folge des >>Aus-
tige Theorie der Wahrheitsfrage überhaupt-, weil das Gesetz des t. uschprozesses von Waren<< dargestellt. Das liegt daran, daß
Warentauschs und der Verdinglichung seinerseits das der Ausbeu- Marx zwischen dem Tauschver kehr, wie er der Ausbeutung vor-
tung ist. Der Warentausch darf theoretisch nicht als autonomes ausgegangen sein kann(!), und dem Tauschverkehr, wie er aus der
geschichtliches Phänomen behandelt werden. Geschieht dies, so A.usbeutung hervorgegangen ist, keinen grundsätzlichen Unter-
wird zuletzt die Formbestimmtheit der Ware, die Verdinglichung, schied macht, obgleich die Verschiedenheit der Sache sich im
und, sofern eine Zurückführung der rationalen Denkform auf S hwanken der Ausdrücke - >>Austauschprozeß von Waren<< und
diese intendiert wird, auch sie nur wiederum auf ein Formele- Tauschhandel<< - an der zitierten Stelle deutlich genug meldet.
ment, die Verkehrsform Tausch, zurückgeführt. Der fetischi- 'I: tsächlich gilt jedoch die Marxsche Analyse allein dem Tausch-
stische Schein der Formautonomie verlagert sich vom Bewußtsein " ·rkehr im zweiten Sinne, also dem von uns ausschließlich so
auf die Warenform und von ihr auf den Tausch, aber an diesem 11 •nannten >>Warentausch<<, da sie durchweg das Äquivalenzver-
bleibt er hängen und läßt die ganze Reduktion an ihrem Rande lt ~ ltnis der Waren als Ausgangspunkt unterstellt. Indem Marx
doch wieder in den mystischen Grund einer ungewordenen forma 11hcr die Äquivalenz auch schon dem >>primitiven Tauschver kehr<<
formans verlaufen. vi ndiziert, scheint die Verdinglichung bruchlos aus naturwüchsi-
Es ist wohl nicht die Marxsche Ansicht, aber es ist der Schein, fl ·n Verhältnissen hervorgegangen.
den die theoretische Fassung seiner Warenanalyse verbreitet, daß Endlich hat Engels in seiner Studie über den Ursprung der
sich im Grunde der kooperative Zusammenhang der Individuen 1-'ttmilie, des Privateigentums und des Staats der bei Marx nur for-
in einem naturwüchsigen Gemeinwesen und der ganz und gar mal behandelten Genesis der Warenform geschichtlich nachzu-
vom Warentausch vermittelte Zusammenhang der bürgerlichen fors chen versucht. Die Schrift, mit der uns eine kritische Aus-
Gesellschaft nur durch das Fehlen oder Dasein des Privateigen- •inandersetzung hier aus Raumgründen unmöglich ist, will u . a.
tums unterscheiden. Denn die menschliche Arbeit ist immer als di · Lücke ausfüllen, die Marx in seiner Warenanalyse dadurch
>>gesellschaftliche Arbeit« gefaßt, heute wie in aller Vorzeit; was liittte bestehen lassen, daß er das als Kennzeichen des entwickelten
sich gewandelt hat, können nur die Modi des gesellschaftlichen Warentauschs für ihn ausschlaggebende Privateigentum nicht
Arbeitszusammenhangs sein. Die naturwüchsige Kooperation l'l·kl ärt. Engels verfolgt die Bildung des Privateigentums speziell
und der verdinglichte Zusammenhang der Privateigentümer n der Antike und legt dabei seiner Analyse die Annahme von der
erscheinen der Substanz nach als dasselbe - als gesellschaftliche P1·io rität des Warentauschs und der Geldentwicklung vor der
Arbeitszusammenhänge. Ausbeutung zugrunde. Dadurch wird aber unsrer Ansicht nach
Das haftet auch der zweiten, nur andeutenden Bestimmung di ·se Annahme, die für den Kapitalismus, wenn auch nicht ein-
des Zusammenhangs zwischen Warentausch und Ausbeutung in ~ l· h ränkungslos, zutrifft, auf Produktionsverhältnisse ange-
der Marxschen Warenanalyse an. Sie betrifft die geschichtliche wandt, für welche sie keine Richtigkeit hat. Gegenüber der
Entstehung des Tauschverkehrs. >> In der Tat erscheint der Aus- l•:ngclsschen vergleiche man die Auffassung Rosa Luxemburgs in

178 179
ihrer nachgelassenen Einführung in die Nationalökonomie, von bestimmte begriffliche Abgrenzungen den Rücken zu
der die unsrige stark beeinflußt ist. sichern.
Zu diesen Abgrenzungen gehört vor allen Dingen
Wann und an welchen Stellen Ausbeutung erstmalig eine Bestimmung des Begriffs des »naturwüchsigen
in der Geschichte eingetreten ist, in welchen Formen Gemeinwesens«. Marx verwendet diesen Begriff in
und auf welche Weise, welche Rolle dem »primitiven vielfältiger Kontrastierung zur Warenproduktion und
Tauschverkehr« dabei zugekommen ist, sind Fragen, verdinglichten Gesellschaft, jedoch ohne ihn explicite
denen wir hier nicht nachgehen. Sie würden uns vom zu definieren. Für uns ist seine Definition unentbehr-
Thema in ein Gebiet von vorerst unerschöpflichen lich, weil wir die Ausbeutung anstelle des Tauschs an
Sc wierigkeiten fortlenken, aus dem sich eine Rück- den Anfang stellen und der Begriff der Ausbeutung nur
kehr nicht absehen läßt. Wir glauben aber auch nicht, dadurch methodologisch brauchbar wird, daß er in
daß die Erforschung dieser Fragen für unseren Zweck genauer Abhebung von den Merkmalen eines sowohl
sehr wichtiges unentbehrlich ist. Schon der Rückschluß vom Waren- innerlich wie äußerlich ausbeutungsfreien Gemein-
Zugeständnis! tausch auf die Ausbeutung ist oder erscheint uns wenig- wesens gefaßt wird. Die folgende begriffliche Kon-
stens auf rein analytischem Wege nicht möglich. Die struktion eines naturwüchsigen - im Sinne eines aus-
Induktion aus der Geschichte, die dazu nötig ist, beutungsfreien- Gemeinwesens stellt keine historische
scheint aber zu bezeugen, daß Warentausch in voll aus- Seinsaussage dar, sondern ist lediglich ein Hilfsbegriff
gebildeter Form und die ihm entsprechenden rationalen zur Erfassung des Tatbestandes der Ausbeutung. Dabei
Reflexionsformen sich nur im Okzident - und zwar versteht sich von selbst, daß das »naturwüchsige« nicht
erstmalig in der griechischen Antike - ergeben haben, mit einem urwüchsigen Gemeinwesen gleichzusetzen
wie die nur hier geschehene originäre Ausprägung des ISt.
Geldes in Münzform ankündigt. Der Ausbildung des Ein ausbeutungsfreies, naturwüchsiges Gemeinwe-
Warentauschs in dieser ausgereiften Form ist aber nicht sen muß gedacht werden als eine verwandtschaftlich
von ungefähr Ausbeutung in der altorientalischen Aus- :wsammengehörige Menschengruppe, die ihre Lebens-
prägung Ägyptens, Mesopotamiens und ihrer Ausläu- mittel ausschließlich aus eigener Arbeit gewinnt. Dieser
fer geschichtlich vorausgegangen. Für unsre Untersu- Ansatz stimmt überein mit der Marxschen Definition in
chung der Entstehungsbedingungen der rationalen der Deutschen Ideologie (S.11 [Landshut!Mayer]),
Reflexion interessiert uns allein die Entwicklung, aus wonach die Menschen selbst anfangen, »sich von den
deren Stamm genuin der Kapitalismus erwachsen ist, Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre
deshalb nur die okzidentale Entwicklung. So groß der ebensmittel zu produzieren«. Der Arbeit dürfen in
Vorteil wäre, wenn die Entstehungsgründe der Ausbeu- ·inem ausbeutungsfreien Gemeinwesen, von den Kran-
tung im allgemeinen, also auch innerhalb der primitiven ken abgesehen, nur die arbeitsunfähigen Altersgrade
Wirtschaft befriedigend geklärt wären, halten wir es enthoben sein, so daß die Gruppe ein Ganzes insofern
doch für möglich, mit der Analyse, ohne unver- bildet, als nicht im aktuellen Moment, wohl aber durch
schmerzliche Einbußen an Erkenntnis, erst bei den alt- lie Folge der Generationen hindurch die Konsumtion
ägyptischen und mesopotamischen Ausbeutungsrei- für jedes Individuum an eigene Produktion gebunden
chen einzusetzen und der Untersuchung durch ist. Dabei fallen im Ausmaß der bestehenden Arbeits-

180 181
teilung Produktion und Konsumtion für das Indivi- Sinn der Regeln sein, nach denen die Arbeit unter die
duum sachlich auseinander - es verzehrt auch von den Arbeitsfähigen verteilt wird und nach denen wiederum
Arbeitsprodukten der andern, die andern auch von sei- die arbeitsteilig gewonnenen Einzelprodukte unter
nen-, nicht jedoch menschlich, weil die Individuen hier sämtliche Einzelkonsumenten verteilt werden. Ihre
nur vermöge der die Generationen verkettenden Identi- individuelle Identität haben die Menschen hier nicht für
tät der konsumtiven mit der produktiven Gesamtheit sich, sondern im Stammesganzen, weil dessen Ord-
aller materiell existieren, nur nach Maßgabe dieser nung jedem einzelnen seine Identität als produzierendes
Identität existenzfähige Lebewesen sind. Man sieht, und konsumierendes Individuum erst vermittelt; aber
daß der Begriff der »eigenen Arbeit« und die indivi- sie ist die Verknüpfung der Produktion und der
duelle Identität der Menschen in einem naturwüchsigen Konsumtion seiner Lebensmittel in seiner physischen
Gemeinwesen, wenn dieses ausbeutungsfrei sein soll, Person. - Sind Produktion und Konsumtion, wie hier,
sich ins Kollektivistische und Genealogische auflösen, in der physischen Identität des Produzenten und des
und dies nur nach dem Leitfaden der generationsmäßi- Konsumenten verknüpft, so ist ihr Zusammenhang ein
gen und der materiellen Lebensbedingtheit eines sol- unmittelbar praktischer; sie sind als verschiedene
chen Gemeinwesens und jedes Individuums in ihm. - leiblich-sinnliche Lebensbetätigungen derselben Men-
Der für uns entscheidende Grundzug dieser natur- schen verbunden. Auf Grund dieser Verbundenheit
wüchsigen Konstitution ist, daß der für die Menschen haben für die Menschen ihre Produktion und ihre
in allen Gesellschaftsformationen lebensnotwendige Konsumtion wechselseitig ein Maßverhältnis zueinan-
Zusammenhang von Konsumtion und Produktion hier der, welches sich für jedes Individuum in den Regeln
seine Verknüpfung in der Identität der verzehrenden der Verteilung der Arbeit und des Verzehrs unter die
und der arbeitenden, arbeitenden und verzehrenden Stammesglieder realisiert.
Individuen hat. Nur kann dabei von den Individuen Danach erweist sich nun die »gesellschaftliche Tren-
nicht in isolierter Betrachtung, sondern nur als Glie- nung von Produktion und Konsumtion«, die wir der
dern der verwandtschaftlichen Gruppe ihres tatsäch- Warenäquivalenz und der Verdinglichung zugrunde
lichen oder vermeintlichen Geburtszusammenhangs Ii ·gen fanden, in ihrem richtigen Lichte. Sie beruht auf
die Rede sein. Weiter besteht in der Produktion der d ·r Zerstörung der naturwüchsigen Identität der Pro-
Lebensmittel für alle zwischen den Erwachsenen und du~enten und Konsumenten, und die Verdinglichung
Arbeitsfähigen eine gewisse Arbeitsteilung. Aber durch t•rk lärt sich daraus, daß der lebensnotwendige Zusam-
die Folge der Generationen hindurch und unter Einbe- lll nhang von Produktion und Konsumtion, wenn er
rechnung der arbeitsteiligen Gliederungen sind gleich- ni ·ht mehr in der Identität derselben Menschen ver-
wohl die produzierenden Menschen dieselben wie die knüpft ist, seine Verknüpfung in der Identität derselben
konsumierenden, die konsumierenden dieselben wie Dinge finden muß, m. a.W in der Ware. Die Ursache
die produzierenden. Gemäß dieser Identität ist das kncr Zerstörung aber ist die Ausbeutung.
Gemeinwesen ein Ganzes, in ihr hat es das Gesetz Jedoch muß hier zwischen Ausbeutung und Ausbeu-
seiner Lebensfähigkeit und seiner Organisation. Diese tung unterschieden werden. Unsere Konstruktion des
Identität zu verwirklichen muß, solange nicht Aus- lllsbeutungsfreien Gemeinwesens lenkt den Gedanken
beutung im Gemeinwesen Platz greifen soll, der einzige wnächst auf eine Herausbildung von Ausbeutung im

182 183
Innern desselben, als Produkt seiner »Zersetzung«, Verteilung, ihren Lebensbedarf selbst erzeugt und ihr
mag diese nun, im Zuge der Höherentwicklung der Erzeugnis selbst verzehrt. Das direkte Herrschafts-
Produktivkräfte, durch äußeren Tauschverkehr oder und Knechtschaftsverhältnis, das aus ihrem Zusam-
durch gewaltsamere Berührung mit andren Stämmen mentreffen hervorging, hat zum Inhalt, daß der herr-
hervorgerufen worden sein. Auch mit der Entstehung schende Teil seine Lebensmittel zu produzieren auf-
solcher inner,en Ausbeutungsverhältnisse im Schoße hörte, somit konsumierte, ohne zu produzieren, und
naturwüchsiger Gemeinwesen ist notwendigerweise der beherrschte Teil im gleichen Ausmaß von seinen
eine Verdinglichung des Zusammenhangs von Produk- Produkten die Konsumtion verlor. Daß diese Mehr-
tion und Konsumtion und daher auch des Zusammen- produktion der Ausgebeuteten nur durch eine beträcht-
hangs von produzierenden und konsumierenden Men- liche Steigerung der Produktivität ihrer Arbeit möglich
schen verknüpft. Unserer Auffassung nach ist dies war und die Dauerhaftigkeit dieser Ausbeutungsreiche
jedoch nicht die Art von Verdinglichung, die in ihrer vor allem auf der von den Ausbeutern ausgebauten und
Fortbildung zu dem Waren- und Geldverkehr weiter- beherrschten Stromkanalisierung beruht hat, bedarf
führt, wie er uns in der Antike entgegentritt und zuletzt kaum der ausdrücklichen Hervorhebung.
in den Kapitalismus mündet. Zu ihr gehören auch nicht Der wesentliche Unterschied zwischen jener Aus-
die rationalen Bewußtseinsformen, die für den Okzi- beutung aus innerer und dieser aus äußerer Genesis, der
dent charakteristisch sind. Die okzidentale Entwick- esichtspunkt für ihre Unterscheidung, ist, daß auf
lung hat ein Ausbeutungsverhältnis andrer Art zur dem inneren Wege die Kollektivität des naturwüchsigen
Wurzel. emeinwesens sich dialektisch in kontinuierlicher
Nach vielen archäologischen Anzeichen zu schlie- Entwicklung auf die individuelle Einzelproduktion hin
ßen, sind die langlebigen Ausbeutungsreiche im Niltal , ufgelöst hätte, während im Wege der äußeren Genesis
und in der mesopotamischen Ebene in der Weise ent- der unterjochte Teil vorerst und noch auf lange hinaus
standen, daß Völkerstämme aus dem inneren Asien, , ls Kollektivum (unerachtet der unvermeidlichen
vielleicht durch klimatische Änderungen aus ihren Modifikationen seines Zusammenhalts) ausgebeutet
Wohnsitzen vertrieben, wandernd in jene Stromgebiete wird. Die Auflösung der Kollektivität, das Auseinan-
eingebrochen sind, die hier ansässigen Völkerschaften d rbrechen der Produktion in ihre Elemente - Boden,
unterworfen und, sich auf ihrem Rücken installierend, Arbeitsmittel und Arbeitskräfte- und die Verwandlung
von der Aneignung des Überschußproduktes dieser dieser Elemente in Ware machen hier wesentlich andere
Völker zu leben begonnen haben. Die am Anfang der Prozesse durch als in einer endogen gedachten Ent-
okzidentalen Entwicklung stehende Ausbeutung wäre wicklungslinie. Nur um die Auffindung der korrekten
demzufolge inter-ethnische Ausbeutung in klassischer methodelogischen Annahmen, die gemacht werden
Form gewesen, Ausbeutung zwischen verschiedenen müssen, um die begriffliche Bewältigung der tatsächlich
Gemeinwesen als solchen. Mochte sich immer vor okzidentalen Entwicklung zu ermöglichen, ist es uns in
ihrem Aufeinandertreffen Ausbeutung in ihrem Innern d i ·ser ganzen Erörterung zu tun.
entwickelt haben, was jedenfalls für den erobernden Durch die angenommene inter-ethnische Ausbeu-
Stamm angenommen werden muß, so hatten sie als ttmg, demnach, wird der lebensnotwendige Zusam-
ganze doch bis dahin, gleichgültig mit welcher internen rn •nhang von Konsumtion und Produktion zu einem

184 185
Zusammenhang der nur-konsumierenden Ausbeuter festgehaltenen und unerschütterten Boden des primä-
mit den pro tanto nur-produzierenden Ausgebeuteten. ren und direkten Ausbeutungsverhältnisses ein Tausch-
Der Zusammenhang von Konsumtion und Produktion verkehr entstanden; und zwar ein Tauschverkehr zum
wird dadurch zum Gesetz einer völlig neuartigen Ver- Behufe der Bedürfnisse der Herrscher, aber mit Teilen
kettung der Menschen miteinander, die im konträren des angeeigneten Mehrprodukts der Ausgebeuteten.
Gegensatz steht zu der Art des menschlichen Zusam- Das ist ein Tauschverkehr, der das primäre Ausbeu-
menhangs im naturwüchsigen Gemeinwesen, nämlich tungsverhältnis zur Grundlage hat, aus ihm erst
ihre Ursache in der Zerspaltung der menschlichen Iden- erwachsen ist und dessen Objekte von ganz andrer
tität in klassenmäßige Geschiedenheit von Produzen- Konstellation sind als etwa die Gegenstände eines pri-
tenschaft und Konsumentenschaft hat. Wir behaupten, mitiven Tauschhandels, den ihre eigef?.en Produzenten
daß die klassenmäßige Verkettung der Menschen durch mit ihnen betreiben. Der pharaonische Handel wird
diese Art der Ausbeutung die Anfangsform derjenigen von Ausbeutern betrieben mit angeeigneten Erzeugnis-
Vergesellschaftung ist, die durch fortschreitende Diffe- sen der von ihnen ausgebeuteten Produzenten, Über-
renzierung und Vertiefung, in immer erneuter dialekti- schußerzeugnissen, die zur Erwerbung und »Bezah-
scher Durchdringung ihrer Voraussetzungen von der lung« von Luxusbedürfnissen der Ausbeuter »veraus-
altorientalischen über die antike Welt bis zu ihrer vollen gabt« werden und die zu diesem Zweck eingesammelt
Auskonkretisierung im europäischen Kapitalismus die und gezählt, in Vorratskammern gespeichert und ver-
okzidentale Zivilisation bestimmt und geprägt hat. bucht worden sind. Von diesen Tauschobjekten stimmt
Diese Zivilisation ist nicht kontinuierlich aus dem 's, daß sie» Werte« sind und daß sie als» Waren« gehan-
Stamm des naturwüchsigen Zusammenhangs der Men- lelt werden unterm Gesichtspunkt des Gegenwerts an
schen, sondern aus einem eindeutigen und gewaltsamen Äquivalenten«. Auf diesen Handel- Staatshandel im
Bruch mit dessen Konstitution erwachsen. Verfolgt Außenverkehr mit andren politischen Gebilden -trifft
man die heutige bürgerliche Individualform des Men- der Begriff des »Warentauschs« im hier gebrauchten
schen in ihrer Deszendenz auf ihre letzte Wurzel Sinne zu. Waren, in diesem Verstand, sind somit immer
zurück, so führt die Linie nicht etwa auf das indivi- Produkte ausgebeuteter- Produzenten. Die »Zwie-
duelle Einzelglied des naturwüchsigen Gemeinwesens, N ·hlächtigkeit der Ware als Gebrauchswert und Wert«,
sondern viel eher auf den herrschenden Teil des die »Nichtgebrauchswert für ihren Besitzer,
ursprünglich okzidentalen Ausbeutungsverhältnisses 1ebrauchswert für ihren Nichtbesitzer« ist, und damit
zurück. :t,ugleich der» Doppelcharakter der in den Waren darge-
Die Praxis dieser Ausbeutung aber ist die direkte, Nt llten Arbeit«, den Marx den »Springpunkt« nennt,
einseitige Aneignung des Mehrprodukts. Tauschver- • um den sich das Verständnis der politischen Ökono-
kehr hat für den Anfang und die Gründung dieser lilie dreht«, haben demgemäß ihren Ursprung in der
Reiche der Alten Welt so wenig eine Rolle gespielt wie Ausbeutung, nicht im Tausch an und für sich. Der Dop-
mutmaßlich [?-S.-R., 1970] fürihre Entstehung. Wohl 1 •lcharakter der Arbeit als gebrauchswertschaffender
aber ist alsdann, nach einer fortgeschrittenen Ausbil- li nd als wertbildender Arbeit fällt zusammen mit der
dung ihrer Ordnung und der Entstehung vielartiger '/,W ·ifachen Bedeutung, die die Arbeit im Ausbeutungs-

Luxusgewerbe aufseitender Herrscherschicht, auf dem v ·rhältnis, die Arbeit der Ausgebeuteten hat, einmal

186 187
Subsistenzmittel (Nahrung, Wohnung, Kleidung) für scheiden; außerdem kommt ihr Produkt in Partikeln
sich und andre zu erzeugen, gleichzeitig aber zweitens des Gesamtprodukts der Arbeit aller, als einzelne Teil-
Reichtum für die Ausbeuter hervorzubringen, Reich- verkörperung der allgemeinen Arbeit zu den Produzen-
tum in dem rein gesellschaftlichen Begriff, worin er den ten zurück. Auch die »Wertabstraktion« der Produkte,
Reichtum der einen im Spiegel der Armut der andren die Verwandlung der konkreten nützlichen Arbeit in
bedeutet. allgemeine wertschaffende Arbeit, vollzieht sich in
Die Entstehung des Warentauschs als Frucht pri- ihrer primären Form auf dem Boden des direkten Aus-
märer Ausbeutungsverhältnisse (»primär« nämlich beutungsverhältnisses und in seinem Rahmen. Mit der
relativ zum Tausch) besagt nicht, daß der Tausch auf fortschreitenden Wertverallgemeinerung, die in Wech-
diese~: Stufe beschränkt geblieben sein muß auf den selwirkung zur Entwicklung der Produktivkräfte steht,
außenwirtschaftliehen StaatshandeL Auch im Innern breiten sich zwischen Spitze und Basis des Reichs
etwa des ägyptischen Reichs entwickelt sich ein Tausch- Sekundärverhältnisse von Ausbeutung aus, mit ent-
verkehr, nicht bloß seitens der eigenmächtig geworde- sprechender Spezialisierung der Produktion und ihrer
nen pharaonischen Oberbeamten, sondern sogar auf Technik und mit regelmäßigem Marktverkehr. Alles
der Seite der ausgebeuteten Produzenten selbst. Es ist dies hat bereits Warencharakter und geht aus mit der
dies aber anfänglich, ähnlich wohl wie unter den Zerlegung des Kollektivs der unterwodenen Produk-
Hörigen im Mittelalter, nur ein Handel mit abliefe- tionsordnung in die Einzelelemente, die der Verselb-
rungspflichtigen Eigenprodukten - zur Ausgleichung ständigung, daher der gesonderten Verdinglichung und
gewisser, mit der Zeit ehtstandener Unstimmigkeiten der dinglichen Vereinigung in den Kombinationen tech-
im System der Arbeitsteilung gegenüber der Abliefe- nisch höherer Reichtumsproduktion fähig sind. Aber
rungsordnung -, daHer gleichfalls ein Tauschverkehr auch dies spielt sich noch insgesamt auf dem Boden der
mit Produkten von Wertcharakter, aber von solchem Primärausbeutung ab und gemäß ihrer unentbehrlichen
aus Rückstrahlung vom vorgeordneten Ausbeutungs- Vorbedingung und führt nicht zur selbständigen
verhältnis. Auch hier also entspringt der Wertcharakter Parmausbildung des Wertcharakters des Reichtums.
nicht autonom aus dem Tausch, sondern ist umgekehrt ie Emanzipation des Warentauschs aus der direkten
der Tausch als äquivalenter selbst nur auf Grund des Ausbeutung und die Ausbildung der Wertform im Geld
vorgängigen Ausbeutungsverhältnisses und gemäß sei- geschieht erst in der Antike.
nen übergeordneten Bedingungen möglich. Für die Die antike Zivilisation ist erwachsen aus der Assimi-
Verallgemeinerung des Wertcharakters der Produkte lation der Endresultate der Alten Welt durch die in ihre
spielt indes vor allem das wachsende Ausmaß eine Randgebiete eingewanderten Griechen bzw. Phönizier
Rolle, in dem die Ausgebeuteten für ihren eigenen b:t.w. Etrusker etc. Das Ergebnis dieser Aneignung, die
Lebensunterhalt von den Steuerspeichern des Pharao s mit von vornherein Aneignung von Reichtum und
abhängig werden und ihre Subsistenzmittel aus diesen von Formen und Techniken der Reichtumserzeugung
durch Ablieferung zuzüglicher Produkte oder auf war, ist ein neuartiges System der Ausbeutung und der
»Kredit« zurückerwerben müssen. Hiermit hört die Reichtumserzeugung, das das System der Alten Welt als
Arbeit auf, sich in der Zeit und in der Art deutlich in Voraussetzung in sich aufgehoben hat. Die antike
Arbeit für die Ausbeuter und Arbeit für sich selbst zu Reichtumsbildung steht also auf den Schultern der

188 189
Alten oder, genauer gesagt, sie ist im dialektischen von allem >>Natürlichen« abgehobenen Wesenheit betä-
Sinne die Reflexionsform der Reichtumsproduktion tigen. Erst gleichzeitig mit der vollständigen Verschlie-
der Alten Welt. Die Griechen haben nicht fremde ßung und Abblendung des wirklichen Sachverhalts
Produktionsordnungen kollektiv unterworfen und ihre kommt hier die in der Tat bloß menschliche Urheber-
Arbeitsweise reorganisiert, um das Überschußprodukt schaft an der Ausbeutung auf den Menschen zurück, in
in seiner so gegebenen Form zu konsumieren. In der der Form seiner rein abstrakten, >>geistigen« oder
griechischen Reichtumsbildung, vor allem der gewerb- gedanklichen Wesenheit als Mensch, in der er zugleich
lichen, bedeutet die durch Raub, Tausch oder in tributä- mit der Stofflichkeit seines eigenen Leibes zerfallen ist.
ren Formen stattfindende Ausbeutung von fremden, (Wir werden diese Dialektik der mit dem Gelde verbun-
>>barJlarischen« Produktionsordnungen nur eine vor- denen rein theoretischen Erkenntnis, der ratio, und
geschaltete Stufe - erst in späterer Zeit wird sie zur ihrer Frage nach der Wahrheit im nächsten Abschnitt
vitalen Bedingung für die Existenz der Polis - , auf der genauer betrachten.) - Auch für die antike Warenpro-
die Produkte, menschliche Naturerzeugnisse quasi, duktion liegt somit auf der Hand, daß der Warentausch
gewonnen werden, aus denen dann bei den Griechen die Ausbeutung zur Grundlage hat und Austausch von
selbst in der Polis von griechischen Handwerkern, spä- Produkten ausgebeuteter Arbeiter zwischen deren
ter von Sklaven, der Reichtum erst erzeugt wird. An Ausbeutern ist.
diesen Erzeugnissen sind der Reichtumswert in ihrer Die Form der Warenwirtschaft jedoch, die diesen
gebrauchswerten Gestalt und die Ausbeutung zur Tatbestand am meisten verdunkelt hat und deren zurei-
Technik ihrer Herstellung verdinglicht, in der die chende Erklärung in der Tat besondere Schwierigkeiten
Sklaven nur ein Werkzeug neben andren sind. Diese verursacht, ist die Warenwirtschaft der mittelalterlichen
nach den Regeln der Reichtumsbildung hergestellten tadt, an die unter dem Titel der >>einfachen Warenpro-
Produkte sind innerhalb der griechischen Welt von duktion« vorzugsweise gedacht wird. Bei ihr besteht
vornherein tauschfähige Waren, sie stehen zu andren kein Zweifel, daß die Produkte von ihren eigenen
ebenso erzeugten Produkten im Verhältnis der Wert- Produzenten und gleichwohl geldwirtschaftlich, also
vergleichung. Nur durch diese bereits reflektierte Art , ls Werte, ausgetauscht werden. Der Schein liegt also
der Ausbeutung, die er zur Grundlage und zum prakti- nahe, daß der Wertcharakter dieser Produkte, da er
schen Inhalt hat, vermag der antike Warentausch zur keine Natureigenschaft des Arbeitsproduktes ist, pri-
Ausbildung der reinen Äquivalentform, d. i. des mär aus dem Tausch stammen müsse. Aber diese mittel-
Geldes, zu führen, die deshalb von Grund auf Äquiva- alterliche Warenproduktion ist bei all ihrer scheinbaren
lentform von Produkten ausgebeuteter Arbeiter ist. »Einfachheit« tatsächlich ein spätes, weitläufig vermit-
Zugleich vollendet sich in der Geldform des Wertes die teltes Resultat der okzidentalen Entwicklung der Aus-
Verdinglichung und Verdeckung der Voraussetzung des beutung und hat diese in einer Form zugrunde liegen,
Wertcharakters überhaupt, der Ausbeutung. Im Äqui- die ebenso die dialektische Reflexionsform der antiken
valenzverhältnis der Waren zum Geld erscheint der Ausbeutungsweise ist, wie diese bereits die Reflexions-
Wert nur als eine den Waren als solchen für die Men- form des Ausbeutungssystems der Alten Welt war.
schen allgemein zugehörige Eigenschaft, in deren Reali- iese genetische Verkettung der Produktionsverhält-
sierung die Menschen sich rein als Menschen, in ihrer nisse der Alten Reiche, der Antike und des euro-

190 191
päischen Mittelalters ist der Grund, warum wir für die der individuellen, selbständigen Form des Privateigen~
Erklärung des Kapitalismus (und für dessen ökono- tümers wird, liegt an der Identifikation von Produktion
mis~he Analyse) bis auf die Ausbeutung in ihrer mit Reichtumserzeugung. Der mittelalterliche Hand-
okzidentalen Anfangsform zurückgreifen zu müssen werker produziert sein Produkt als Wert, Verkaufs-
glauben. wert, und sofern es Wert ist, ist er sein Eigentümer. In
Die Reflexion der Ausbeutung, die der antiken seiner Produktion schafft die Arbeit Wert, weil das
Reichtumsbildung zugrunde liegt, unterscheidet sich feudale Ausbeutungsverhältnis in ihr aufgehoben und
dadurch von der Reflexion, auf der die europäische dergestalt selbst Produktionsordnung geworden ist.
Entwicklung beruht, daß jene die Reflexion der Aus- [Der mittelalterliche Produzent und Stadtbürger hat die
heut ng von der Seite der Ausbeuter, diese hingegen Freiheit erworben, sich selber auszubeuten.] Er bildet
ihre Reflexion von der Seite der Ausgebeuteten ist. Der seine Arbeitskraft zur Meisterschaft aus, weil sie ihm als
mittelalterliche Warenproduzent ist der frühere Hörige Vermögen zur Werterzeugung dient, und macht so die
und Leibeigene des Grundherrn [und kommt nur durch Ausbeutung zur Basis seiner Selbständigkeit wie der
die Abstreifung seiner feudalen Fesseln zur Warenpro- Lutheraner nach Marx die römische Klerisei zu seinem
duktion].11) Seine bürgerliche Freiheit oder, genauer »inneren Pfaffen«. [Tatsächlich besitzt die Stadt ihre
gesprochen, sein bürgerliches Privateigentum am Pro- Freiheit auch anfangs nur als fürstliches Privileg und hat
dukt seiner Arbeit, also die Freiheit, es auf eigene Rech- als Korporation ihrer Bürger dem Fürsten die Feudal-
nung zu verwerten, ist Resultat der Emanzipation des abgaben zu entrichten, zu denen früher die einzelnen
ausgebeuteten Produzenten aus der Grundherrschaft, Hörigen ihrem Grundherrn in natura verpflichtet
das Auflösungsresultat dieses naturalwirtschaftliehen waren. J Die Emanzipationstendenz der Städte gegen-
Ausbeutungssystems. [In diesem Auflösungsresultat über den Fürsten beginnt erst mit dem Übergang
wird der Grund zu einer Alternative, also zur positiven zu frühkapitalistischen Ausbeutungsformen, Ausbeu-
Ablösung dieses Systems gelegt. Der arbeitende Produ- tungsformen also, in denen der bürgerliche Selbstaus-
zent wird erstmalig in der Geschichte zum Mitglied der beuter sich zum Ausbeuter anderer fortentwickelt.
»menschlichen« Gesellschaft, d. h. der Aneignungsge- [Der Weg geht vom Ausgebeuteten des naturalwirt-
sellschaft (die Freilassung der Sklaven im Römerreich schaftliehen Feudalismus über den Selbstausbeuter in
war demgegenüber bloß negatives Auflösungsresultat der »einfachen« Warenproduktion der frühen Stadt-
des letzteren und enthielt keine Alternative zu ihm; die wirtschaft zum Ausbeuter fremder Arbeitskräfte im
Vermenschlichung der Arbeit war hier nur ein schaler beginnenden Frühkapitalismus.] In dieser Verwand-
Vorgeschmack, eine Versprechung, wie im Christen- lung des Ausgebeuteten in den Ausbeuter vollzieht sich
tum, auf ein bloßes Jenseits).] Das bürgerliche Privat- die für den Kapitalismus entscheidende Umkehrung
eigentum ist also seinem Ursprung nach Produzenten- des Bedingtheitsverhältnisses zwischen Warentausch
eigentum, nicht Ausbeutereigentum. Aber daß der und Ausbeutung. Während in allen früheren Formen
Produzent hier Eigentümer, und zwar Eigentümer in der Warenproduktion der Warentausch Warentausch
auf der Grundlage und nach den Gesetzen der Ausbeu-
11 Zu diesen und den folgenden [ ] vgl. Anmerkung 12. Es tung war, entsteht von dieserUmdrehungaus eine Aus-
handelt sich um Ergänzungen des Manuskripts im Jahre 1970. beutung auf der Grundlage und nach den Gesetzen des

192 193
' "-

Warentauschs. Die hieraus hervorgehende, »Ökono- praktischen Subjekt. [D. h. die Entwicklung der Kapi-
misch« bedingte Ausbeutung ist nicht mehr nur in der talistenklasse und die Entwicklung des Proletariats sind
Formbestimmtheit der Ware verdeckt, sie geschieht dialektisch, nicht bloß pragmatisch verknüpft.]
auch nur noch in den Formen des Warentauschs [und ist
also das einzigartige Phänomen einer Ausbeutung nach
den Paritätsgesetzen der Nichtausbeutung]: Die von 6. Die Ausbeutung
Marx gefundene Erklärung dieses Phänomens ist, daß als Ursprung der Verdinglichung
sich nach den Gesetzen des entfalteten bürgerlichen
Privateigentums das Verhältnis zwischen Ausbeuter Der Warentausch ist Reflexionsform der Ausbeu-
und .Produzent selbst in ein Tauschverhältnis verwan- tung. Welches in seiner jeweiligen geschichtlichen
delt, in den Kauf und Verkauf der Ware Arbeitskraft. Formbestimmtheit13 ) sein wirklicher Inhalt ist, hängt
[Der Austauschzusammenhang der Gesellschaft voll- von den Ausbeutungsverhältnissen ab, die ihm
endet sich als vollendete Trennung von Eigentum und zugrunde liegen oder die er in sich aufgehoben enthält
Arbeit.] Der Austauschzusammenhang erfaßt die oder die er seinerseits bewirkt. Nicht vom Waren-
gesamte Gesellschaft und macht sie zu einem einzigen tausch, sondern von der Ausbeutung ist deshalb aus-
Aneignungssystem. Darin wird der ausgebeutete zugehen. -Für das Folgende müssen wir uns mehr noch
Arbeiter, als Verkäufer seiner eigenen Arbeitskraft, als bisher auf thesenhafte Abkürzung beschränken.
nach den Regeln der Aneignung selber Mensch und Der geschichtliche Ursprung der Verdinglichung ist
die Arbeit zur abstrakt menschlichen, zur überhaupt die Ausbeutung. Nicht als Ware, sondern als Objekt
menschlichen Arbeit. 12 ) Mit der vollen Verwirklichung direkter, einseitiger Aneignung ist das Arbeitsprodukt
der Warenform und ihrer Dinglichkeit wird zugleich originär Ding. Die geschichtlich ersten identisch
ihr Gegenteil, die materielle Praxis, vermenschlicht, existierenden Dinge sind - das Beispiel grundsätzlich
mit der Vollendung der theoretischen Subjektivität verstanden - die in den Steuerspeichern der Pharaonen
auf der Ausbeuterseite die ausgebeutete Klasse zum

12 S.-R. -1970: Dieser kryptische Satz, von Benjamin zu Recht 13 S.-R. - 1970: Es müßte Ausdehnung heißen. Die Form-
mit einem Fragezeichen versehen, sollte durch die hier in bestimmtheit des Warentauschs ist strenggenommen unverän-
eckigen Klammern oben eingefügten Sätze verständlicher derlich. Was sich ändert, ist der Grad, in dem er die Daseinszu-
geworden sein. Die Bedeutung liegt darin, daß ich das sammenhänge der Menschen durchdringt, z. B. ob er nur zur
Bewußtsein des Menschseins im antithetischen Sinne zur Vermannigfachung der Konsumtion beiträgt und ob als bloßer
»Natur« auf die Aneignungspraxis innerhalb der Gesellschaft Luxuskonsumtion oder auch als Massenkonsumtion, oder ob
-nicht auf die Arbeit- zurückführe. Die Arbeit nimmt selbst er auch die Produktion selbst durchdringt und in welchem
erst »menschlichen« Charakter an, wo sie in entwickelten Maße. Vom Grad seiner Ausdehnung in diesem Sinne hängt
Aneignungsverhältnissen steht, also warenproduzierende und die verschiedene Gestalt ab, welche die an und für sich
ausgebeutete Arbeit ist. Diese weittragende Akzentverschie- unveränderliche Formbestimmtheit des Austauschs annimmt,
bung steht mit der Reduktion der Universalisierung auf die z. B. ob die Wertform die Geldgestalt annimmt oder nicht, ob
Tauschabstraktion in untrennbarem Zusammenhang. - 1937 Geld auch schon als Kapital fungiert und in welcher Weise, etc.
waren mir diese Dinge noch zu undeutlich, um mit den Konse- Es ist diese Formgestalt des Warentauschs, was mit dem Aus-
quenzen meines Ansatzpunktes klarer herauszukommen. druck >>Formbestimmtheit<< im obigen Satz gemeint ist.

194 195
lagernden Produkte der ägyptischen Untertanen gewe- organisiert werden muß, ist deshalb die Aneignung ver-
sen. Die dingliche Identität des Aneignungsobjekts im möge ständiger Herrschaft der Ausbeuter über die Aus-
andres, als daß das angeeignete, von den Ausgebeuteten gebeuteten. Die ratio der Ausbeutung und aller auf
hergestellte Produkt dasselbe ist wie das von den Aus- Ausbeutung beruhenden gesellschaftlichen Verflech-
beutern konsumierte Gebrauchsobjekt. Es wird als tung und Lebensordnung ist ratio der Aneignung.
Ding durch die Aneignung identisch vom Produzenten Die Relationen der Identität sind die Aneignungs-
auf den Konsumenten übertragen. Die Aneignung ist relationen der Ausbeutung. Sie wandeln sich mit den
der Produktion so fremd, daß sie nur von der Sorge Aneignungsmethoden der letzteren. Wenn, auf späterer
beherrscht ist, daß ihr das Ding nicht verdirbt oder Stufe, der ausgebeutete Arbeiter als Sklave getauscht
verlQrengeht. Die dingliche Identität des Aneignungs- wird und als Ware in den Besitz seines Ausbeuters
objekts ist das genaue Gegenstück 14l zur Identität der kommt, erfährt die Identität eine Reflexion und erhält
Das ist doch Individuen in einem naturwüchsigen Gemeinwesen, eigene empirische Verkörperung als Mittel der An-
gerade nicht die den Inhalt hat, daß, vermittelt durch die Vertei- eignung im Geld. Wir werden im nächsten Abschnitt
Identität!? lungsordnung von Arbeit und Verzehr im Stamm, das zu beweisen haben, daß die Identität, in der dann die
produzierende Individuum dasselbe wie das konsumie- Ausbeuter nicht nur die Objekte ihrer Aneignung, son-
rende ist. Die Verdinglichung ist die Wirkung der durch dern sich selbst als denkendes Subjekt reflektieren, das
die Ausbeutung geschehenden Zerspaltung der Geld ist, mit dem sie Sklaven kaufen und der Leib sich
menschlichen Identität von Produzenten- und Konsu- ihnen zum Ding entfremdet. Nicht etwa, daß sein ver-
mentenschaft. In ihrer geschichtlichen Dialektik führt dinglichter Leib, von dem der Sklaven ausbeutende
sie zuletzt zur Konstituierung der arbeitenden Klasse Mensch sich als denkendes Subjekt unterscheidet, der
zu dem Subjekt, das diese Zerspaltung aufzuheben und Sklave sei: seine dingliche Stofflichkeit ist gleich der des
die gesellschaftliche Einheit von Produzenten- und Goldes, das als Geld äquivalent für Sklaven ist, wie die
Konsumentenschaft auf dem modernen Stand der identifizierende Denkfunktion des Subjektes gleich der
Produktivkräfte planmäßig herzustellen vermag. Äquivalenzfunktion des Goldes als Geld ist. Weil die
Die Identifizierung und Verdinglichung der Ar- Arbeit selbst sich im Sklaven verdinglicht hat, muß die
beitsprodukte wird vollzogen durch die Aneignungs- Produktion als Dingzusammenhang konstruiert wer-
praxis der Ausbeutung, wie [auf der gegenteiligen den, damit sie innerhalb dieses Aneignungssystems der
GrundlageJ die individuelle Identität naturwüchsiger Ausbeutung überhaupt stattfinden kann.
Stammesglieder durch die Verteilungspraxis des Die Aneignungsrelationen der Ausbeutung sind
Stamms. Was zur dauerhaften Errichtung eines Aus- Relationen der klassenmäßigen Vergesellschaftung der
beutungsverhältnisses (im Unterschied zum Raub) ausbeutenden Konsumenten und der ausgebeuteten
Produzenten miteinander. Denn die Aneignungsrela-
14 S.-R. - 1970: sollte heißen: antithetische Gegenteil. Es kann
tionen der Ausbeutung sind nur Relationen der Identi-
wohl nur meine verfehlte Ausdrucksweise an dieser Stelle
gewesen sein, was Benjamin zu seiner Randbemerkung ver-
tät, weil sie Relationen der dinglichen Verbindung der
anlaßt hat; denn tatsächlich macht der Satz nur dieselbe Aus- auf getrennte menschliche Pole auseinandergelegten
sage, die schon S. 183 im zweiten Absatz gemacht worden Produktion und Konsumtion sind. Das bedeutet, daß
war. die Relationen der Identität a priori Relationen der

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gesellschaftlichen Verbindung der Ausbeutungsklassen solchen Verhältnis der Gleichheit stehen und sich quan-
nach dem Gesetz des lebensnotwendigen Zusammen- titativ bemessen, sondern weil ihr konkretes Maßver-
hangs von Produktion und Konsumtion sind. hältnis zerrissen ist. Auch besteht die Gleichung nicht
Dieser im naturwüchsigen Gemeinwesen praktische zwischen Produktion und Konsumtion direkt, sondern
Zusammenhang wandelt sich durch die Ausbeutung in als Tauschrelation zum Wert, an dem sie quantitative
eine den Menschen gegenüber fremde, außermensch- Bestimmtheit erhalten, aber als abstrakte, beziehungs-
lich als »Zweite Natur« über ihrem Dasein waltende lose Qualität. Gegen die ausbeutenden Konsumenten
Kausalität, die Kausalität des Wertgesetzes. Wieviel wirkt sich die Gleichung dahin aus, daß aller an-
Arbeit die von ihnen konsumierten Artikel zu ihrer eignungsfähige Wert von der Arbeit geschaffen werden
Herstellung erfordern, hat für die Ausbeuter an ihrer muß, Wert größenmäßig gleich Arbeit ist; gegen die
Konsumtion kein Maß mehr, weil sie diese Konsumob- ausgebeuteten Produzenten wirkt sich die Gleichung so
j~kte nicht durch Arbeit, sondern durch einen etablier- aus, daß ihr Produkt nur Wert hat in dem Maß, in dem
ten gesellschaftlichen Mechanismus der Aneignung es ihnen Konsumtion vermittelt. Beide Gleichungen
gewinnen. Ebenso hat aus dem umgekehrten Grunde sind unverbunden, obwohl das Leben der Gesellschaft
für die Ausgebeuteten kein Maß mehr, wieviel davon abhängt, daß sie sich letzten Endes decken. Aber
Konsumtion ihre Arbeit ihnen vermittelt. Die Pro- darüber entscheidet nur die Tat, blind gegen das Ergeb-
duktion kann hier gar nicht mehr nach Maßgabe der nis. Im Austausch der Werte als Waren, in unsrem Sinne
Konsumtion, die Konsumtion nicht mehr nach Maß- verstanden also Austausch zwischen Ausbeutern,
gabe der Produktion geschehen. An die Stelle des erhält das Verhältnis der produktiven und konsumtiven
Maßes treten Geldverhältnisse, also Aneignungsver- Wertgleichung die Reflexionsform der Äquivalenz. Die
hältnisse, durch die allein Produktion und Konsumtion Äquivalenz setzt nach der hier vertretenen Auffassung
auf blindwirkende Weise noch vermittelt sind. Aus voraus, daß jeder der Tauschenden seine Waren aus
Gründen und zum Behufe dieser Kausalität wächst den einem Ausbeutungsverhältnis hat. Die Äquivalenz ist
Arbeitsprodukten die enigmatische Wertgeltung zu. ein Postulat, das Postulat der kreuzweisen Kongruenz
Auf der Grundlage der Ausbeutung können Produk- der produktiven und konsumtiven Wertgleichung bei-
tion und Konsumtion wenn überhaupt, so nur noch der Waren. Am Äquivalenzverhältnis zweier Waren
nach der ratio der Aneignung organisiert werden; und sind vier menschliche Instanzen beteiligt, die beiden
dies ist ihre Organisation unter dem Gesichtspunkt des tauschenden Ausbeuter und die ausgebeuteten Produ-
Wertes und nach den Regeln der Identität, der Ding- zenten eines jeden, und die Beziehungen der vier
form und des Daseins. Lnstanzen stehen in den beiden Waren über Kreuz im
Der Kausalzusammenhang von Produktion und Stellenverhältnis von relativer Wertform und Äquiva-
Konsumtion erhält durch die Identität des Vermitt- lenzform zueinander. Das heißt, die Äquivalenz der
lungsgliedes, des Aneignungsobjekts und Werts, die Waren im Tausch steht auf dem Boden der Ausbeutung
Form der Gleichung. Die angeeignete Konsumtion und schließt diese als Voraussetzung in sich. Sie ist ihr
muß im ganzen (d. h. im Rahmen der Gesamtgesell- Reflexionsausdruck.
schaft) gleich der geleisteten Produktion sein, nicht weil Die Praxis der Aneignung (einseitige oder reziproke)
Konsumtion und Produktion an und für sich in einem ist nicht die Praxis der Produktion, sie ist ihr Gegenteil.

198 199
In der Vergesellschaftung nach Gesetzen der Aneig- synthetischen Produkt, z. B. synthetischem Kau-
nung kommt die in ihnen postulierte Gleichung von tschuk, einen von Menschen hergestellten Stoff mit
Produktion und Konsumtion niemals zur Verwirkli- gleichartigen Eigenschaften - am Verwendungszweck
chung. Der Gegensatz ist auf dem Boden der Ausbeu- gemessen - wie ein »natürlicher«. Die dingliche Ver-
tung unaufhebbar, weil ihn die Ausbeutung selbst erst gesellschaftung ist der chemischen Synthese darin ana-
erzeugt, und dies in jedem Augenblick und durch jede log, daß sie, im Unterschied zu der »von der Nabel-
Aneignungsmethode, d. h. jede Gesellschaftsformation schnur des natürlichen Gattungszusammenhangs noch
von Ausbeutung, von neuem. Es ist diese Dialektik des nicht losgerissenen« naturwüchsigen Gesellschaft, ganz
konstitutiven Mißlingens der Vergesellschaftung der und gar Menschenwerk ist. Sie ist bloßes Resultat der
Ausbeutung, welche diese von einem System der An- Ausbeutung, menschlicher Handlung also, die sich
eignung zum nächsten forttreibt, weil diese Systeme nicht, wie Arbeit und Verzehr, auf physische Lebens-
sich selbst die Probleme erzeugen, zu deren Lösung sie notwendigkeiten, sondern auf ein Verhältnis zwischen
sich wandeln, und so in immer erneuten Reflexionen Menschen, wenn auch im Hinblick auf deren Arbeit
auf ihre Voraussetzungen die Ausbeutung zuletzt bis und Verzehr, bezieht. Durch die Einspannung der
zur vollen Identifikation mit der Produktion selbst, produktiven und konsumtiven Betätigung in die
d. h. bis zum Kapitalismus, auskonkretisieren müssen. Ausbeutungsbeziehung zwischen Mensch und Mensch
In diesem aber nimmt die Dialektik des Wertgesetzes, erst beginnt für die Menschen die Abhebung ihres
der Gegensatz von Aneignung und Arbeit, der sich an »menschlichen« Wesens von ihren physischen Lebens-
den früheren Faktizitätsordnungen der Aneignung als notwendigkeiten als bloßer »Natur«; und beginnt
langsam wirkendes Fatalitätsgesetz ihres Untergangs umgekehrt diese Lebensbedingtheit durch Produktion
vollzog, die unmittelbar kontradiktorische Form an, und Konsumtion als blinde Naturkausalität ihr
daß die Arbeit, und zwar sie bloß als solche, als abstrakt Menschsein im Gegensinn zu ihrem Handeln zu
menschliche Arbeit, nach den Aneignungsparitäten beherrschen. Der Unterschied zwischen dieser Ver-
der Warenäquivalenz die Imparität des Mehrwerts gesellschaftung und der chemischen Synthese ist der,
erzeugt und die Warenproduktion durch ihr Geschehen daß diese von ihrem Urheber gewollt ulld planmäßig
ihr Nichtgeschehen, die Krise, ihr Nichtgeschehen herbeigeführt ist, die klassenmäßige Daseinsverflech-
wiederum ihr Geschehen, die Konjunktur, hervor- tung der Menschen dagegen von den Ausbeutern
bringt. Die zyklische Existenzform des Kapitalismus ist ungewollt und unbewußt geschieht. Das wesenhaft
in der Tat die Existenz zwischen Sein und Nichts, als die Menschliche, das sich ausformt, ist also gerade das vom
Hegel die Dialektik entwickelt; nur daß sie nicht »die« Menschen unbeherrschbare, ihm selbst entfremdete
Form »des« Seins ist. Sein des Menschen. Was die Ausbeuter wollen und
Wenn man den ausbeutungsfreien Zusammenhang planmäßig vornehmen (anfänglich, im direkten Herr-
der Menschen in der arbeitsteiligen Verwandtschafts- schafts- und Knechtschaftsverhältnis wenigstens), ist
gruppe die »naturwüchsige« Gesellschaft nennt, so ver- die Aneignung fremden Produkts; aber das resultie-
dient die klassenmäßige Verflechtung aus der Ursache rende Ergebnis, die Verdinglichung und Vergesellschaf-
der Ausbeutung den Namen der »synthetischen« tung nach Gesetzen einer ökonomischen Naturkausali-
Gesellschaft. In der Chemie versteht man unter einem tät, ist durchaus unbeabsichtigte Folge ihres Handelns.

200 201
Doch der Unterschied ist so groß nicht, wie er scheint; Art solcher Verbindung, weil die Identität als Form-
denn sowenig wie der Ausbeuter ist der Chemiker charakter von Dasein und Ding aus dem Ausbeutungs-
Urheber der Aufgabe, die er löst, und genau wie jener verhältnis geschichtlich erst entspringt. Die konstitu-
ist dieser, was die ökonomische Auswirkung seiner tive Synthesis, auf die alle theoretische Erkenntnis
Synthese betrifft, blind für die Folgen. Der wirkliche logisch sowohl wie genetisch zurückgeht, ist die Ver-
Unterschied ist vielmehr der, daß gerade die Synthesis dinglichung und dingliche Vergesellschaftung, die durch
dem Chemiker bewußt, in der Vergesellschaftung hin- die Ausbeutung bewirkt ist. In dem Nachweis dieses
gegen blind ist. Das aber ist kein Zufall. Weder die Syn- Satzes faßt sich die kritische Liquidierung des Idealis-
thesis der Chemie oder einer andren Wissenschaft noch mus zusammen, im Sinne der Liquidierung der Antino-
auch der philosophische Allgemeinbegriff der Synthesis mien, in die ihre eigene ratio die Menschen durch den
wäre geschichtlich möglich geworden, wenn nicht Fetischismus der Verdinglichung verstrickt.
schon die dingliche Vergesellschaftung im inneren Sinn Es ist ein vulgärmaterialistischer Irrtum, daß die
dieses Begriffs »synthetisch« wäre. 15l genetische Erklärung einer Denkweise aus dem gesell-
Die Anwendung des Begriffs der Synthesis auf die schaftlichen Sein dieser Denkweise den Geltungswert
Konstitution der klassenmäßigen Vergesellschaftung ist abspreche und den Wahrheitsbegriff zu den übrigen
ein wirksames strategisches Mittel, um den Idealismus Fetischen der Klassenherrschaft verweise. Nicht gegen
mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Denn so läßt den Geltungscharakter des Denkens und den Wahr-
sich zur Erklärung eines und desselben Phänomens, der heitsbegriff der ratio, sondern allein gegen die Fetischi-
experimentellen Methode der Naturwissenschaften, sierung beider, ihre Dogmatisierung zur zeitlosen
der idealistischen Substruktion einer transzendentalen Geltung und zur absoluten Wahrheit, richtet sich die
Synthesis, getragen von der Autonomie des Subjektes, materialistische Kritik, und zwar deshalb, weil diese
die Behauptung entgegenstellen, daß, wenn schon von Dogmatisierung gegen die ratio verstößt und falsches
»Synthesis« die Rede sein soll, es nur eine gibt, die Denken ist. Es läßt sich sehr deutlich z. B. an der folge-
wirklich nachweisbar ist und die, aus menschlicher richtigen Gedankenführung Wilhelm Windelbands in
Urheberschaft hervorgehend, alle begriffliche Erkennt- seiner Straßburger Rektoratsrede erkennen, wie die
nis und Wissenschaft erst möglich gemacht hat - die idealistische Verabsolutierung des Geltungsbegriffs
klassenmäßige Vergesellschaftung der Menschen durch durch die Antinomie, in die sie sich zur Frage der
die Ausbeutung. Diese ist »synthetisch« nach densel- Genesis verfängt, auf die Negierung der ratio und ihres
ben Maßstäben, die der Apriorismus sein~m Begriff der Geltungsanspruchs hinausläuft. Der aprioristische
Synthesis zugrunde legt, nämlich eine Verbindung nach Idealismus ist in seiner letzten Konsequenz mit dem
Relationen der Identität, und sie ist die ursprüngliche Vulgärmaterialismus in Übereinstimmung und umge-
kehrt. Der rationale Standpunkt des Denkens ist eben-
15 S.-R. -1970: Gesprächsweise hatte W. B. die Anwendung des
sowenig der, welcher die Geltung gegen die Genesis,
Begriffs der Synthesis auf die Warengesellschaft, deren
Bezeichnung als »synthetische Gesellschaft im Sinne des syn- wie der, welcher die Genesis gegen die Geltung
thetischen Kautschuks, also auf diesem Wege auch die Ver- verabsolutiert, sondern er ist der, der ihre Antinomie
knüpfung der Kamischen mit der chemischen Synthese«, als überwindet. Die Überwindung geschieht in dem
eine >>hervorragende Idee<< begrüßt. methodologischen Standpunkt, von dem aus das ratio-

202 203
nale Denken als gesellschaftlich notwendig bedingtes Erkenntnis entspricht stets ein Faktizitätsschein des
Es wäre Denken erklärbar ist, so, daß seine gesellschaftliche verdinglichten Seins. Der apriorische Idealismus ist nur
großartig, Bedingtheit sich als der Grund seines Geltens erweist. zugleich mit dem Vulgärmaterialismus liquidierbar,
wenn er Denn damit werden die Genesis als das Maß des Geltens und umgekehrt.
recht hätte. und alle Geltung und Wahrheit des Denkens als Wir haben einsichtig zu machen versucht, daß die
geschichtlich bedingt erwiesen. Verdinglichung aus der Wurzel der Ausbeutung ent-
Gerade für diese Aufgabenstellung erscheint uns springt. In ihr haben Identität, Dingform und Dasein
aber der Begriff der Synthesis von methodelogischem ihren geschichtlichen, menschlichen und praktischen
Interesse. Er ist von Kant formuliert worden, um das Ursprung. Zugleich sind sie die Negationsformen
Zustandekommen der Erkenntnis als geltende Er- dieses Ursprungs: die , Identität die Negation ihres
kenntnis zu erfragen, freilich in der idealistischen praktischen, die Dinglichkeit die Negation ihres
Absicht, die Synthesis der Erkenntnisbildung als inner- menschlichen, das Dasein die Negation ihres geschicht-
geistige Synthesis a priori hinzustellen oder, was das- lichen Ursprungs. In diesem Negationscharakter ihres
selbe ist, ihre Deduzierbarkeit nach bloßen Begriffen Ursprungs sind sie die Verbindungsformen der klassen-
(nicht als raumzeitliches Problem) zu erweisen. Hierin mäßigen Vergesellschaftung der Menschen im Verhält-
macht Hegel keinen Unterschied zu Kant. Er hat die nis der ausbeutenden Konsumenten und der ausgebeu-
Synthesis zwar als Genesis der Erkenntnis verstanden teten Produzenten. Andrerseits hat durch diese Verbin-
und ist dadurch zur dialektischen Denkweise gelangt, dungsformen oder durch ihre dingliche Vermittlung die
aber diese Synthesis deduziert er als reine Philosophie, klassenmäßige Vergesellschaftung synthetischen Form-
macht also die Dialektik zum System der absoluten charakter. Die Erklärung der geschichtlichen Genesis
Wahrheit und die Überwindung der Antinomie von der rationalen Erkenntnis liegt hiernach in der Frage,
Geltung und Genesis zu einer rein formalen. Indem der wie es zur logischen Reflexion der gesellschaftlichen
Materialismus die Apriorität der Synthesis bestreitet, Synthesis kommt oder zur Entstehung der Subjek-
stellt er erst die Aufgabe ihrer reellen geschichtlichen tivität.
Erforschung. Diese Erforschung faßt sich für den
Materialisten in der Analyse und Ergründung der Ver-
dinglichung zusammen, statt wie für den Idealisten in 7. Das Geld und die Subjektivität
der Selbstanalyse der »Erkenntnis«. Andererseits findet
die Analyse der Verdinglichung an der Aufgabe, die Wir verstehen den Begriff der Subjektivität im Sinne
geschichtliche Entstehung der Erkenntnis darzutun, ihr des Erkenntnissubjekts. Der Gedanke des Erkenntnis-
kritisches Maß. Denn die Verdinglichung wird erst als subjekts setzt eine Art der Selbstreflexion voraus, in
der geschichtliche Entstehungsgrund der geltenden der das Individuum »sich« als denkendes Wesen von
Erkenntnis einsichtig, wenn sie ihrerseits auf ihre seinem Leib und allem Stofflichen im Raume unter-
geschichtliche, menschliche und praktische Wurzel scheidet und sich durch die Zeit, unabhängig von
zurückgeführt wird. Genetische U nerklärbarkeit von physisch-räumlichen Veränderungen, denen seines Lei-
Erkenntnisformen bedeutet unzureichende Durchdrin- bes sowohl wie andrer Dinge, als identisch dasselbe
gung der Verdinglichung. Dem apriorischen Schein der denkt. Ob das Wesen des »Ich« als immaterielle

204 205
Substanz oder als bloßer Funktionsträger des Denkens und altorientalischen Staatshandels werden Sklaven
vorgestellt wird, spielt für die Allgemeinheit, in der zum Eintauschobjekt gegen dingliche Waren (ihrerseits
unsre Untersuchung sich hält, keine Rolle; unsrer schon aufgespeicherte Produkte ausgebeuteter Produ-
Erklärung der Subjektivität vorgreifend, sei bemerkt, zenten). Die »Wertabstraktion« durch Verallgemei-
daß dies mit der ökonomischen Ablösbarkeit der Geld- nerung der Äquivalenz ist nur der dinglich-formale
funktion vom Geldmaterial zusammenhängt. Termino- Ausdruck der Abstraktion des ausgebeuteten Men-
logisch sei dieses vom Leib als denkendes Wesen sich schen .von den materiellen Arbeitsbedingungen (Sach-
unterscheidende Ich das »theoretische Subjekt« elementen der Produktionsordnung) und gegenüber
genannt. Unsre Erklärung für seine geschichtliche Ent- der Spezialität seiner Produkte. Fragen wir uns, ohne
stehuJlg ist, daß das theoretische Subjekt aus der Identi- den genetischen Stufengang weiter zu verfolgen, wel-
fizierung des Menschen mit dem Gelde hervorgeht. chen Grad und welche Formbestimmtheit diese
Das theoretische Subjekt ist der Geldbesitzer. Abstraktion in der Geldform des Warenwerts ange-
Marx hat das Geld »die allgemeine Ware« genannt. nommen hat. 16 )
Vergegenwärtigen wir uns, worauf diese Verallgemeine-
rung der Ware zurückgeht. Die Ursprungsform der 16 Es muß bemerkt werden, daß hier eine ganze Seite der Ent-
Identität ist das augeeignete Produkt im direkten Aus- wicklung übergangen wird. Die erste Form der klassenmäßi-
beutungsverhältnis (d. h. im direkten Herrschafts- und gen »Vergesellschaftung<< durchs Ausbeutungsverhältnis ist
Knechtschaftsverhältnis durch einseitige Aneignung). der Staat. Die Verdinglichung des unmittelbaren Herrschafts-
Die Entstehungsgeschichte des Geldes ist die Entste- verhältnisses der einseitigen Aneignung zum Staat ist die erste
Verdinglichungsform der Ausbeutung, die Einheit der Staats-
hungsgeschichte der polarischen Verselbständigung der
macht die erste gesellschaftliche Identitätsrelation der Aneig-
Identitätsform gegenüber dem augeeigneten Produkt. nung. Hier beginnt die tiefgreifende Verschiebung der Raum-
Die Verselbständigung der Identitätsform zum Geld zeitlichkeit der konsumtiven und produktiven menschlichen
entwickelt sich im Stufenweg mehrerer Reflexionen des Praxis zur Raumzeitordnung des Verdinglichten, der Faktizi-
ursprünglichen Ausbeutungsverhältnisses. Bereits die tät; der Gesetzescharakter des staatlichen Befehls ist der erste
erste Form des Warentauschs, der zwischen den Pha- >>theoretische« Geltungscharakter, der Staat die erste von der
raonen und den Häuptern benachbarter, zum Teil erst >>Erscheinung« abgehobene fetischistische >>Wesenheit«. Aber
in der noch völlig naturalwirtschaftliehen Form dieser Aus-
im Zuge dieses Warentauschs entstandener Ausbeu-
beutung ist das Wesen mit der Erscheinung noch ununter-
tungsreiche stattfindet, enthält die Reflexion des Aus- scheidbar vermischt, der Wertcharakter der angeeigneten
beutungsverhältnisses als solchem, eine Gleichsetzung Produkte von ihrer gebrauchswerten Sachgestalt nicht abge-
der Ausbeutung hier und dort. Sie fällt zusammen mit sondert. Die einzige planmäßige, weil unmittelbare Organisa-
der ersten Herauslösung des ausgebeuteten Produzen- tion der Aneignung, in der die Dialektik des Wertgesetzes erst
ten aus seiner ursprünglich zum unteilbaren Ganzen beginnt, die Aneignung ihre Widersprüche zur Produktion
erst langsam auszuwirken anfängt, hat daher für die Menschen
zusammengehörigen Kollektivordnung der Produk-
selbst nicht rationalen, sondern magischen oder mythologi-
tion, der Herauslösung des Sklaven als des mensch- _
schen Charakter. Die ratio der Aneignung wird erst zur
liehen Bestandteils dieser Ordnung gegenüber ihren menschlichen ratio, wenn die Widersprüche der Ausbeutung
sachlichen, nicht-menschlichen, gesondert appropriier- die Planmäßigkeit und gesellschaftliche Kontrollierbarkeit der
baren Elementen. Schon auf der Stufe des ägyptischen Reichtumsbildung zerstört haben. (Der Ausdruck >>Reich-

206 207
Das Geld ist, als selbständige Verkörperung der austauschbar gilt. Die allgemeine Austauschbarkeit der
Dingidentität und Wertgeltung des Aneignungsobjekts, Waren gegen Geld schließt die allgemeine Austausch-
nach Marx die »einfache und gemeinschaftliche, daher barkeit der Arbeiter in der Produktion der Waren in
allgemeine« 17) Wertform, die Austauschbarkeitsform sich, ihre allgemeine Warenförmigkeit als gleichartige
aller Aneignungsobjekte untereinander. »Als Werte arbeitende Menschendinge. Auf der Basis dieser
sind sie [die Waren] identisch, Materiatur derselben Gleichartigkeit erst differenzieren sie sich.
Arbeit oder dieselbe Materiatur der Arbeit, Gold. Als Auf der andern Seite gewinnt in Gestalt des Geldes
gleichförmige Materiatur derselben Arbeit zeigen sie die Dingform, die aus der Aneignung stammt, selbst die
nur einen Unterschied, quantitativen ... «18) Aber die Existenzform, Aneignungsmittel zu sein. Als Geld hat
Arbeit, deren allgemeine Wertvergegenständlichung das Gold, oder welches sonst das Geldmaterial sei,
das Geld ist, ist Arbeit ausgebeuteter Arbeiter. Die keinen andren Zweck als den, zu kaufen, seinem
Wertabstraktion der Waren zur allgemeinen, für alle Besitzer Ware zu verschaffen. Im Geld erhält die
Waren identischen Äquivalentform schließt die Aneignungshandlung des Ausbeuters Funktions-
Abstraktifizierung der ausgebeuteten Arbeiter in sich, charakter. Wir definieren die Funktion genetisch als die
ihre Gleichsetzung als abstrakt menschliche Leiber. 19l verdinglichte Aneignungshandlung des Ausbeuters.
Das Geld bezieht sich auf den ausgebeuteten Arbeiter in Ihre inhaltliche Definition hängt von der Reflexions-
der Allgemeinheit, in der er untereinander austauschba- stufe der Aneignung ab (ob Geldfunktion, Kausalfunk-
re Waren, in Geld umsetzbare Werte überhaupt hervor- tion, mathematische Funktion etc. ), muß sich aber im
bringt, also selbst für die Produktion jeder Ware und letzten Regreß stets als Abwandlung des Verhältnisses
Warenart mit jedem andren ausgebeuteten Arbeiter als bestimmen lassen, in dem im ursprünglichen Ausbeu-
tungsverhältnis die Aneignungshandlung des Ausbeu-
turn« wird in dieser Schrift durchweg im gegensätzlichen Sinne ters, sei es zur Produktion der Ausgebeuteten, sei es zur
zu »Armut« verwendet, also zur Bezeichnung von klassenmä- Konsumtion der Ausbeuter, steht. Der Begriff der
ßigem Besitz im Gegensatz zu klassenmäßigem Nichtbesitz.) Funktion schließt das Verhältnis zweier Handlungen-
17 K. Marx, >>Das Kapital<< I, MEW 23, 79. verdinglicht: zweier Vorgänge - in sich, von denen die
18 K. Marx, >>Zur Kritik der politischen Ökonomie«, MEW 13, eine nur dadurch, daß sie geschieht, das Geschehen der
50.
andren auslöst. Daß die Auslösung stattfindet, ist das
19 So schließt auf der europäischen Reflexionsstufe der Ausbeu-
tung, die die Geldform des Wertes von der Antike übernimmt, Postulat der Ausbeutung, in der Produktion vermittels
die Verwandlung des Geldes in Kapital die Gleichsetzung der der Aneignung und nach der ratio der Aneignung
ausgebeuteten Arbeiter als abstrakt menschliche Arbeits- geschieht. Der Begriff der Funktion postuliert,
kräfte, gesellschaftliche Durchschnitts-Lohnarbeiter in sich. ursprünglich, das Funktionieren der Ausbeutung. Er
Die Scheidung der Arbeit in gebrauchswertschaffende und enthält die Fiktion, daß die Synthesis der Aneignung
wertbildende entsteht, wie früher gesehen, zusammen mit
die Synthesis von Produktion und Konsumtion sei,
dem Wertcharakter der Produkte durch die Ausbeutung und
ist allen Ausbeutungsformen eigen; aber die verschiedenen
weist aber das Quidproquo dadurch aus, daß er diese
Formen der Ausbeutung sind durch verschiedenartige Ver- letztere Synthesis, die nur eine menschlich-praktische
dinglichungs- und Warenformen der ausgebeuteten Menschen sein kann (im naturwüchsigen Gemeinwesen oder in
gekennzeichnet. einer sozialistischen Gesellschaft), als funktionale

208 209
Synthesis ausdrückt, d. h. als ein Verhältnis zwischen Unsere Behauptung ist, daß diese Identifikation des
Dingen und Dingvorgängen. Das Funktionsverhältnis Geldbesitzers mit der Geldfunktion aus den alleinigen
ist die Verdinglichungsform oder die Formalisierung Gründen dessen, was das Geld ist, der Ursprungsakt
des physischen Zwangs, den der Ausbeuter auf den der theoretischen Subjektivität ist. Bei der Unvollstän-
Ausgebeuteten ausübt, damit er für ihn arbeitet. Als digkeit unsrer Analyse des Geldes und seiner geschicht-
Geldfunktion hat das Verhältnis von Aneignung zu lichen Genesis ist diese genetische Konstruktion der
Produktion die Form des Postulats angenommen, daß Subjektivität uns hier freilich nur andeutungsweise in
der Waren-Geld-Austausch zwischen den Ausbeutern den gröbsten Zügen möglich.
die Produktion geldwerter Waren auslöst. Die Aus- Das Geld ist die dialektische Reflexionsform und der
lösung erfolgt, weil sich unter den Waren, welche die dingliche Funktionsträger der Aneignung in ihrer
Ausb~uter gegen Geld tauschen, die arbeitende abstrakten Allgemeinheit. Dem Geld ist nicht anzuse-
Sklavenware befindet. Das vollkommene ökonomische hen, wer sich seiner als Aneignungsmittel bedient hat,
Funktionsverhältnis oder die vollkommen funktionali- noch was mit ihm angeeignet worden ist. Wie es alle
sierte Ausbeutung liegt erst vor, wenn der gesellschaft- Waren kaufen kann, kann es alle Hände wechseln und
liche Austauschprozeß der Waren die »freiwillige« betätigt gerade darin seine Identität. Im Geld sind alle
Arbeitsleistung der Ausgebeuteten auslöst, d. h. im Waren austauschbar und am Geld alle seine Besitzer
Kapitalismus. auswechselbar. Außerdem sind, auf dem Gegenpol der
Das Geld ist die »allgemeine Ware«, weil es das Geldbesitzer, wie gesehen, die ausgebeuteten Produ-
gesellschaftlich gültige Aneignungsmittel aller Waren zenten geldwerter Waren sowohl untereinander aus-
ist. Das Geld verhält sich zu den einzelnen Waren, die es wechselbar wie zwischen den Geldbesitzern austausch-
kauft, wie im direkten Ausbeutungsverhältnis die bar. Indem der Geldbesitzer sich mit der Funktion
Handlung des Aneigners zu den Aneignungsobjekten. seines Geldes identifiziert, identifiziert er sich folglich
In der Formverdoppelung des Ausbeutungsreichtums mit allen andren möglichen Geldbesitzern. Diese Iden-
in Warenform und Geldform stellt die Polarität des tifizierung der Geldbesitzer als einfaches und gemein-
Ausbeutungsverhältnisses sich verdinglicht als Verhält- sames, daher allgemeines Subjekt der verdinglichten
nis der Waren untereinander her, indem eine von ihnen, und funktionalisierten Aneignungshandlung des Gel-
das Gold, zum ausschließlichen Repräsentanten des des bezieht sich auf die Identität der Geldfunktion in
Wertes wird, den alle Produkte der ausgebeuteten Pro- allen Geldstücken und des Geldes in jeder Hand, sie
duzenten enthalten, der sich jedoch erst durch den Akt betrifft das Geld, sofern die Geltung des Goldes als
der Aneignung realisiert, durch den er in die Hände des Geld an die identische Einheit der Geldfunktion über-
Ausbeuters kommt. Das Geld ist die Reflexionsform haupt gebunden ist. Die Identität aller Subjekte in der
der Aneignung und erfordert aus diesem Grunde zu einförmigen und allgemeinen Subjektivität bezieht sich
seinem Gebrauch die Identifikation seines Besitzers mit auf die bloße Geltung der Geldfunktion, die keine
ihm. Dieser Besitzer ist in der Antike, wie der Kapital- Eigenschaft des Goldes, sondern die Eigenschaft der
besitzer im Abendland, nur der Ausbeuter; denn das Funktion des Goldes (oder eines Papierzettels) als Geld
Geld ist in der Antike das funktionale Instrument ist, also etwas ganz Immaterielles. - Andrerseits betä-
der Ausbeutung, das Aneignungsmittel von Sklaven. tigt sich diese Geldfunktion nur am einzelnen Geld-

210 211
stück, dessen Materie darüber entscheidet, ob es zählt ~~ Objekt« des >>Subjekts« ist. Die stoffliche Realität des
oder nicht zählt, da ist oder nicht da ist, ob man Ware Ausbeuterleibes ist die der abstrakt menschlichen Skla-
faktisch kaufen oder nicht kaufen kann. Die Materie des venleiber, aber gemessen nicht an der Arbeit, sondern
I Geldstücks, das Gold oder das Papier der Note, dient an der stofflichen Realität des Geldmaterials, des Gol-
nur der Materialisierung seiner Funktion und gibt die- des, mit der er andre materielle Ware kaufen kann. Es ist
ser die Realität, die unerläßlich ist, um sich auf andre der Leib, von dem alle Arbeit abstrahiert ist, weil er nur
reale Ware zu beziehen. Die Materie des Geldes ist das von den Produkten der Arbeit lebt, mit der der Leib der
Kriterium des bloßen Daseins der Kauffunktion und Sklaven identifiziert ist. Der Geldbesitzer als Subjekt
mißt an ihrem Quantum das Dasein andrer materieller hat nur die Theorie der Arbeit, von der der Sklave nur
War~ Aber diese Materie, die hier als Kennzeichen und die Praxis hat. Theorie und Praxis der Arbeit sind auf
Maß der Realität des Geldes und der Waren auftritt, ist die Klassenpole des Ausbeutungsverhältnisses verteilt.
nur Verdinglichung der Arbeit, die der wirkliche Exi- Diese Pole erkennen sich nicht mehr. Wie sieht nun die
stenzgrund der Waren ist, und zwar der Arbeit aus- Theorie der Arbeit, die Theorie des zum Geldbesitzer
gebeuteter Arbeiter, ihrer physischen Betätigung zur verdinglichten Ausbeuters aus?
Hervorbringung von Ware. Die Materie der Waren und Sie ist die Theorie des >>Subjektes überhaupt«, dem
ihr Äquivalent, das Gold, ist »Materiatur« der Arbeit im Felde seiner Erkenntnis kein andres Subjekt begeg-
leiblicher Arbeiter, durch die Arbeit auf die Ware net, weil es selbst die Geltungsidentität aller möglichen
übertragene und in ihr verdinglichte Leiblichkeit der Subjekte ist. Aber von der Seite ihrer Wahrnehmungs-
I
Sklaven. Wie der Geldbesitzer sich an der identisch bestandteile und der Aktrealität des Denkens ist sie im
einförmigen und allgemeinen Geldfunktion als imma- Gegenteil die Theorie des isolierten Individuums, weil
terielles Subjekt der Geltung identifiziert, so an der sein Leib zum Fremdheitsgrund gegenüber allen andren
Materie seines Geldes als ebenso rein materieller Leib, Individuen geworden ist. Die Theorie des Subjektes ist
der seiner Subjektivität und ihren geltenden Akten erst die bloße Theorie der Arbeit, deren Praxis sich als theo-
das Dasein verschafft. Nach der Geltung seines Den- retisch konstruierte Technik darstellt; aber das Denk-
kens ist der Geldbesitzer mit allen andren Geldbesit- objekt dieser Theorie ist nicht die Arbeit, sondern die
zern identisch - Er: also auch die andren; nach seinem Materie, zu der die Arbeit sich in den Waren verding-
I leiblichen Dasein nur: Er: also nicht die andren. In licht hat, und das von der Materie bestimmte Dasein der
bezug auf das Haben und Nichthaben des Geldes als Dinge. Die Arbeit hat sich dem Ausbeuter, sobald er
Gold schließen alle Ausbeuter einander privativ oder Subjekt ist, zur >>Natur« entfremdet, die den Gegensatz
»konkurrierend« aus, während sie in bezugauf die Gel- zum >>Menschlichen« bildet; denn seine Beziehung zur
tung ihres Goldes als Geld alle dieselbe Ausbeuterschaft Produktion der Waren ist nur noch durch den gesell-
bilden. Die Ausbeuterschaft hat die Formation der schaftlichen Austauschprozeß der Waren und dessen
Klasse, ist aber in der Antike die Menschenklasse funktionale Ordnung vermittelt. Um die Arbeit als
schlechthin, weil nur der Ausbeuter >>Mensch«, zum Produktion von Warenwert zu organisieren, muß er
I Geldbesitz berechtigtes und sich reflektierendes Sub- den ganzen Funktionszusammenhang dieser Vermitt-
jekt, der Ausgebeutete dagegen die Privation des lung reproduzieren, und zwar sofern dieser nach der
Menschseins, das rein physische Menschending, das , Einheitsfunktion des Geldes ein synthetischer, in sich

212 213
---- J
'I

geschlossener Zusammenhang der Verdinglichung ist. Demokratie, »die ökonomischen Grundlage der klassischen
Diese gedankliche, auf der Identifikation des Ausbeu- Gemeinwesen zu ihrer besten Zeit<<, waren nach der berühmten
ters mit der Geldfunktion beruhende, daher dem Prin- Fußnote in Kapital I, S. 299 (1903) >>die kleine Bauernwirtschaft
zip der Einheit des Denkens folgende Reproduktion und der unabhängige Handwerksbetrieb«. Das war zu Beginn der
antiken Warenproduktion, bevor die Geldwirtschaft ihre vollen
des in sich geschlossenen Verdinglichungszusammen-
Konsequenzen zur Auswirkung gebracht, also »bevor sich die
hangs der Ausbeutung bezieht sich auf die Produktion Sklaverei der Produktion ernsthaft bemächtigt« hatte. Erst in
oder ist gültige »Erkenntnis«, soweit sie ihn als mate- hellenistischer Zeit wurden die großen Geldbesitzer aus bloßen
riellen Daseinszusammenhang der Dinge nach seinen Sklavenhaltern auch Eigentümer von technischen Produktions-
inneren Gründen, d. h. rational, reproduziert. Die mitteln von zunehmender gesellschaftlicher Größenskala. Erst
ratio ale Naturerkenntnis wäre demnach die Repro- hier wachsen die Bedingungen für eine Entstehung wissenschaft-
duktion des in sich geschlossenen Verdinglichungszu- lichen Denkens im späteren europäischen Sinne heran. Es ist eine
faszinierende, aber unbeantwortba~e Frage, wie die hellenistische
sammenhangs der Produktion nach den gesellschaft-
Entwicklung ohne die römische Imperialexpansion und ohne die
lichen, durchs Geld funktionalisierten Gesetzen der Intervention der Völkerwanderungen weiterverlaufen wäre, ob
Aneignung. sie nämlich aus sich heraus wohl zum Produktionskapitalismus
hätte führen können; m. a.W. die Frage, ob der Kapitalismus
S.-R. - 1970: Von dieser Konstruktionsweise distanziere ich seinem Wesen nach logisches Resultat der Geschichtsdialektik ist
mich heute aufs entschiedenste, da sie die Gefahr des soziolo- oder pragmatisches Zufallsprodukt.
gischen Idealismus nicht vermeidet. Der herkömmliche erkennt-
Die logische Formbestimmtheit dieser Erkenntnis,
nistheoretische Idealismus der Subjektivität wird auf die Gesell-
ihre >>kategoriale Struktur«, ist der in »Logik« über-
schaft verschoben, von der die Subjektivität abgeleitet wird. Der
Fehler rührt daher, daß die Theorie nicht auf eine gründliche setzte synthetische Warentauschzusammenhang der
Warenanalyse oder Analyse der Tauschabstraktion fundiert ist. Gesellschaft, soweit er nach seinen Funktionen, also
Außerdem krankt die Konstruktion daran, daß die Denkweise Funktionen der Aneignung, die Produktion der Waren
der Antike nach dem Modell der europäischen verstanden, also auslösen soll. Die >>Übersetzung« des gesellschaftlichen
mißverstanden ist. Der griechische Ausbeuter hatte es nicht Vermittlungszusammenhangs der Produktion in Logik
nötig, eine Theorie der Produktion auszubilden, weil er sich Skla-
erfolgt kraft der Identifikation des Ausbeuters mit der
ven mit dem gewünschten Können und Geschick erwerben oder
ausbilden lassen konnte, also über die Produktionstechnik sozu- Geldfunktion, in der Genesis der Subjektivität selber.
sagen als menschliche Natureigenschaft verfügte. Auch kennt die Die logischen Kategorien der theoretischen Natur-
griechische Philosophie nicht den Subjektbegriff, mit dem hier erkenntnis lassen sich durch ausreichend genaue
operiert wird. Meine damalige Lesart der antiken Gesellschafts- ökonomische Analyse des jeweiligen gesellschaftlichen
und Ausbeutungsordnung war verfehlt. Die theoretische ratio Funktionszusammenhangs der Warenproduktion de-
in der Antike, d. h. in der Hauptsache die griechische Philo- duzieren.
sophie, war nicht wissenschaftliches Mittel zur Ermöglichung
Der Materialismus liquidiert die Erkenntnistheorie
der Produktion, sondern ideologisches Werkzeug zur Erobe-
rung und Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Herrschaft des Idealismus durch die Verdinglichungsanalyse und
der geldbenutzenden Klassen, einer Herrschaft, die zu Anfang widerlegt die Behauptung von der transzendentalen
die gesamte Polis umfaßte und demokratisch sein konnte, die Synthesis durch den Nachweis der Ableitbarkeit der
aber- je länger, je mehr- zur Oligarchie der großen Geldbesitzer »Kategorien« aus dem gesellschaftlichen Sein. Die
und Sklavenhalter tendierte. Die Produktionsbasis der antiken konstitutive Synthesis ist der geschichtliche Verding-

214 215
!I
lichungsprozeß der Ausbeutung in Gestalt des durch Gleichnis erfährt seine Deutung durch die Lesart, daß
die Ausbeutung verursachten dinglichen Vergesell- nicht die Enthüllung der Wahrheit den Menschen tötet,
schaftungsprozesses der Menschen. Der Systemzusam- sondern eher, daß die Welt, aus der der Mensch mit der
menhang des rationalen Denkens ist der reflektierte Wahrheitsfrage vor die Göttin tritt, eine Todeswelt des
Systemzusammenhang der Verdinglichung, sobald die- Menschen ist.
ser mit der Entstehung der Geldform des Warenwertes Das Licht der ratio geht auf mit der Verdunkelung
zum in sich geschlossenen Vermittlungszusammenhang des eigenen Seins für die Menschen. Sie entsteht als das
der Warenproduktion, d. h. der Ausbeutung durch gesellschaftlich unentbehrliche Mittel, die Produktion
bloßen Austausch, geworden ist. nach den Bedingungen der vollendeten Entfremdung
In der Subjektivität findet die Identifikation des zu organisieren. Wenn die Produktion zu ihrer Er-
Ausbeuters mit der menschlichen Urheberschaft der möglichung der theoretischen ratio bedarf, sind die
Ausbeutung statt. Aber sie findet statt als Resultat der gesellschaftlichen, lebensnotwendigen Beziehungen
fertig gewordenen Verdinglichung dieser Urheber- zwischen den Menschen unkontrollierbar geworden,
schaft. Die Selbstidentifizierung des Menschen als Sub- blindes Resultat der ökonomischen Kausalität des
jekt, die Entdeckung des Menschen, kommt zustande Wertgesetzes. Aus den Bedingungen ihrer Genesis
als Vermenschlichung des Verdinglichten. Das Glied, in erklärt sich die dialektische Natur der theoretischen
dem die Verdinglichung sich schließt, bewirkt die Iden- ratio. Einerseits ist sie, als Resultat der Verdunkelung
tifizierung des Menschen mit ihm und dessen Selbstbe- und Entfremdung des menschlichen Seins, das Mittel,
stimmung als menschliches Subjekt. Dieses Subjektsein sich im Dunkeln zurechtzufinden, das Fremde zur
ist der Mensch selbst in den Formcharakteren der Ver- Sache des Menschen zu machen. Andrerseits hat sie
dinglichung, der Identität als Einheit seiner selbst im diesen rationellen Gehalt auf dem gegebenen Boden
Denken, der Dingform seines Leibes und des Daseins ihrer Entstehungsbedingungen, also auf dem Boden der
als selbständiger individueller Person (trotz einer Ausbeutung, nämlich als Mittel, innerhalb des verding-
Arbeitsteilung, in der das Individuum alle Selbständig- lichten und funktionalisierten Aneignungszusammen-
keit verloren hat). Es ist dadurch die undurchsichtig hangs die Produktion zu ermöglichen. Was sie in dieser
gewordene Verdeckung seines eigenen Ursprungs und Funktion ermöglicht, ist jedoch insoweit nur eben die
geschichtlichen Seins. Das Siegel dieses konstitutiven Ausbeutung. Ebenso wichtig wie der Umstand, daß die
Verdeckungsverhältnisses, das sie ist, ist der Wahrheits- Subjektivität die Vermenschlichung des Fremden und
begriff der Subjektivität. Der Wahrheitsbegriff ist nur die ratio das Sehvermögen im Dunkeln ist, ist deshalb,
dem auf die Gründe seiner selbst und die Ursachen des daß der theoretische Mensch die Dingform als Subjekt
Objekts reflektierenden, rationalen Denken eigen und und seine Erkenntnis die unkenntliche Verstellung der
ist der Begriff des in sich selbst begründeten und mit Ausbeutung ist.
dem Sein identischen Grundes. Die Konstitution der Einmal konstituiert die synthetische Verbindungs-
Wahrheitsfrage als Ausdruck der Verdeckungskonstitu- funktion der Menschen zur Gesellschaft, das Geld, ihr
tion des Menschen als theoretisches Subjekt hat ihre genaues Gegenteil, die Individualform des Menschen
mythologische Formulierung im Gleichnis des ver- als Person, die Einzelheit des Ich für sein Dasein (!)
schleierten Bildes der Göttin zu Sais gefunden. Dieses und die bloße Geltungsidentität aller Ichs für sein Den-

216 217
>\

ken (!). Der Geltungszusammenhang dieser Ichs aber »naturwüchsige Gemeinwesen«. In der Erkenntnisrela-
konstituiert für diese Ichs die Objektstruktur der Dinge tion der theoretischen ratio aber konstituiert die ding-
als »Natur«. Der gesellschaftliche Daseinszusammen- lich funktionale Synthesis der Ausbeutung die Gesetz-
hang der Menschen selbst nach den im Feld funktionali- mäßigkeit der »Natur« und muß vom Standpunkt der
sierten Identitätsrelationen der Aneignung setzt sich Subjektivität als die Synthesis von Produktion und
»im Kopf der Menschen« um in den objektiven Geset- Konsumtion erscheinen. Dieser Schein hat durch die
zeszusammenhang der Dinge als Natur, die Gesell- konstitutive Blindheit der Subjektivität gegen ihre
schaft, in der alle Menschen existieren müssen, um zu Genesis Notwendigkeit und macht die Fetischisierung
leben, in die Vorstellung der einen »Welt«, in der alle der ratio und ihres Wahrheitsbegriffs unvermeidlich.
Dings zusammengehören müssen, um zu existieren. Denn erst in dieser Auslegung der falschen als echte
Das rationale Ich steht in seinem Denken als alleiniges Synthesis gewinnt der Wahrheitsbegriff seine absolute
Subjekt der »Welt« gegenüber, um die Welt in Überein- und metaphysische Bedeutung und erhalten die syn-
stimmung mit dem Grundsatz zu denken, daß ein thetischen Kategorien der Ausbeutung den Sinn, die
Stück Brot, das einer ißt, den andern nicht satt macht. Ausbeutung zu verdecken und Wesenheiten vorzutäu-
Dieses Denken ist gültig, weil notwendig in einer schen, die sie nicht sind. Auf diese Weise kommen aber
Gesellschaft, in der alle Menschen sich nach ihrem in der Philosophie die Widersprüche, die zwischen
gegeneinander privativen . Ichstandpunkt zueinander Aneignung und Produktion die Dialektik der ding-
verhalten müssen, um zu ihrem Brot zu kommen. lichen Vergesellschaftung wirklich bestimmen, zur
Zum andern ist mit derUmsetzungder funktionalen ideologischen Spiegelung, jedoch in der Gestalt aus-
Synthesis in die theoretische ratio und des dinglichen wegloser Antinomien, die »dem Menschen«, »der
Gesellschaftszusammenhangs in die Naturvorstellung Welt«, »der Erkenntnis« oder »der Vernunft« etc. in
unvermeidbar die Verabsolutierung der Ausbeutung absoluto eigen zu sein scheinen.
zur Naturnotwendigkeit und zur Wahrheitsnorm des In der europäischen Entwicklung geschieht gegen-
Seins schlechthin verknüpft. Die theoretische ratio ist über der Antike das Neue, daß dieratiovon den Aus-
ihrer Genesis nach die logische Reflexion der gesell- beutern auf die Ausgebeuteten übergeht, zunächst auf
schaftlichen Synthesis. Diese ist die Synthesis der Aus- das aus der feudalen, grundherrschaftliehen Ausbeu-
beutung nach den Identitätsrelationen der Aneignung; tung sich emanzipierende Bürgertum - unter entspre-
sie ist überdies in sich widerspruchsvoll und führt mit chender Wandlung der logischen Formkonstitution
fortschreitender Konkretisierung zur wachsenden der ratio - und sodann im Kapitalismus auch auf das
Gegensätzlichkeit von Aneignung und Produktion und Proletariat. Der Lohnarbeiter im Kapitalismus ist aus-
zur zunehmenden Anarchisierung der Gesellschaft. gebeuteter Arbeiter und dennoch Geldbesitzer,
Die Ausbeutungssynthesis ist somit, gemessen am Tauschpartner seines Ausbeuters, Verkäufer seiner
lebensnotwendigen Zusammenhang von Produktion Arbeitskraft, daher »Subjekt«. Im Proletariat gewinnt
und Konsumtion, falsche Synthesis. Die echte Synthe- deshalb die ratio geschichtlich den grundsätzlich gegen
sis dieses Zusammenhangs kann nur die menschlich- die Ausbeutung gerichteten Standpunkt, den materiali-
praktische in der sozialistischen Gesellschaft sein; oder stischen.
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auf primitivem Niveau, unsrer Konstruktion nach, das Der Materialismus ist so gut wie der Idealismus
I
218 219
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Klassenstandpunkt der ratio; während aber die Thema-
tik des Idealismus die Fetischisierung der Ausbeutung
ist, ist die Thematik der materialistischen ratio die
Kritik der Ausbeutung. Wir neigen dazu, die materiali-
stische Erkenntnis ihrem Thema nach als die rationale
Kritik der Ausbeutung zu definieren. Das Feld ihrer
kritischen Methode scheint sich uns auf die Geschichte
Notizen von einem Gespräch
der Ausbeutung zu beschränken bzw. auf die Entste- zwischen Th. W Adorno und
hungsgeschichte des Proletariats. Nur für die Ausbeu- A. Sohn-Rethel am 16. 4. 1965 1)
tungsgeschichte haben die Aktualitätskategorien des
proletarischen Klasseninteresses gültigen Erkenntnis-
wert. Der kritisch-rationale Charakter der materialisti-
schen Methode beruht darauf, daß in ihr die rationale
Kritik auf die ratio selbst, auf ihre Entstehung und den
Standpunkt der Subjektivität angewandt wird.
Dadurch wird die ratio insofern verwirklicht, als sie Tauschabstraktion keine dem Tausch zusätzliche intellek-
sich aus dem Mittel, das Fremde in die Sache des tuelle, sondern dem Tausch immanent, bewußtlos.
Menschen zu verwandeln, zu dem Mittel erweitert und Die Abstraktheit des Tauschs und seiner Kategorien wird
wandelt, auch die Ursache der Entfremdung zu erken- keineswegs spontan bewußt, sondern kann dies werden nur
nen und ihre Aufhebung in die Sache des Menschen zu vermittels des Geldes, als welches eine Unendlichkeit von
verwandeln. Die Anwendung der materialistischen Täuschen synthetisiert, eine Totalität der Vermitteltheit des
Methode macht die vorstehende Kritik der Kategorien Zusammenhangs der Individuen miteinander und mit der
und des Standpunkts der bürgerlichen, in der Entfrem- Natur darstellt.
dung befangenenrationötig durch die Analyse der Ver- Geld ist notwendige Bedingung der Tauschabstraktions-
dinglichung. Aus dieser Analyse gewinnt die materiali- bewußtwerdung, da in ihm die Tauschabstraktion in Erschei-
stische Methode zugleich die kritischen Hypothesen nung tritt.
für ihre empirische Geschichtsforschung.
1 Zu diesen von Adorno verfaßten Gesprächsnotizen, die ich erst kürz-
lich unter meinen Papieren wiedergefunden habe, ist zu berücksichti-
gen, daß ich Adorno vor meinem Besuch in Frankfurt im April1965
das Manuskript zu meinem im September 1964 geschriebenen Aufsatz
Historie-materialist Theory of Knowledge. An Outfine zugesandt
hatte (eine deutsche Fassung dieses Aufsatzes ist in Intern. Marxist.
Disk. 19 erschienen). Er hatte den Text mit Randbemerkungen ver-
sehen und offenbar genau gelesen. Nichtsdestoweniger finde ich es
bemerkenswert, wie sehr er sich, nach diesen gedankenreichen Noti-
zen zu schließen, den Grundgehalt zu eigen gemacht hat. Ich hätte
guten Gebrauch von ihnen machen können, wenn ich mich ihrer er-
innert hätte. A. S.-R. 1977.

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Parmenides ist frappiert von der Beschaffenheit des ren, sondern muß sich mit jeder vermitteln. Dies Vermitteln
Tauschobjekts, Substanz; Heraklit von der Balance in der ist ein wesentlicher Inhalt der Philosophie.
fortwährenden Bewegung, die im Tausch statthat, der Einheit Der Tausch enthält die widersprechenden Kategorien, aber
des Chaotischen und des Geregelten; Pythagoras von Maß- ist ihre Einheit; erst indem sie bewußt werden, werden sie
verhältnissen etc. abstrakt und explizit gegeneinander widersprüchlich.
Die Philosophie entfaltet sich nach innerer systematischer Der Wert ist die Einheit des Vielen, der sinnlich verschiede-
Konsequenz, hat hervorrufende soziale Bedingungen, als nen Dinge, der Gebrauchswerte. Die Wertkategorie ist eine
wichtigste die Klasse, die für ihren Klassenkampf Philosophie Ausrede für die in ihr enthaltenen Widersprüche. Die In-
braucht, recht zu haben beanspruchen muß. sistenz auf Wahrheit ist die Einheit der einander widerspre-
Aber wall!m ist die Abstraktion widersprüchlich, zwingt chenden Kategorien, und dieses Wahrheitspostulat erzwingt
die Philosophie zur Entwicklung, und warum führt sie zur die Vermittlung der Kategorien miteinander, denn erst sie ist
Idee der Wahrheit? Gibt es im philosophischen Bewußtsein die Wahrheit. Die Kategorie Wahrheit ist die der Differenz
Kategorien, die, und andrerseits solche, die nicht der Tausch- des Seins des Tauschs und des Begriffs seiner Kategorien.
abstraktion entstammen? Von der Möglichkeit, die Tauschabstraktion als Wahrheit
Auseinandersetzung, als Produktionsform der Philo- darzustellen, hängen ab 1. die Rechtfertigung der neuen
sophie, Einseitigkeit jeder philosophischen Position - Klasse gegenüber der alten, 2. das sich auf sich selbst Verlas-
warum? senkönnen des Intellekts gegenüber der bloßen Empirie des
Die Tauschabstraktion ist in sich selbst widersprüchlich, Handwerks, Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft.
Einheit von Gegensätzen, z. B. Substanz-Bewegung; zu- Beide Beziehungen fallen in der Antike zusammen, theore-
gleich sind Klassenpositionen für die Einseitigkeit jeder phi- tisch-organisatorische Beherrschung der Produktion und
losophischen und für die Gegensätzlichkeitsform der Philo- ideologische Selbstbegründung der Herrschaft der kommer-
sophieentwicklung motivierend. Was die Philosophie zur ziellen Klasse.
Philosophie macht, ist nicht, daß die Kategorien abstrakt vor- Die Auseinandersetzung der Kategorien miteinander fin-
handen, sondern, daß sie Problem sind, und nur so sind sie det aber nicht in ihrer Reinheit statt, sondern am Objekt. Die
vorhanden- auch daher die Bewegungsform der Gegensätz- Konstitution der Kategorien, die Reflexion der Tausch-
lichkeit. Die Tauschabstraktion an sich ist unproblematisch, abstraktion als Philosophie, erfordert das Absehen von (das
indem sie bloß im Tausch als seine Bedingung und Struktur Vergessen) ihrer gesellschaftlichen Genese, von Genese über-
stattfindet. Die Kategorien sind problematisch durch ihren haupt. Historischer Materialismus ist Anamnesis der Genese.
Widerspruch zum traditionellen und gewöhnlichen Bewußt- Die Kategorien müssen als der Empirie widersprechende,
sein. Sie sind keine Gattungsbegriffe, sondern haben eine die- aber Wahrheit behauptende, mit der Empirie vermittelt wer-
sen gegenüber spezifische Abstraktheit, sind rein ideell; sie den. Nur ihr Widerspruch zur Empirie macht sie überhaupt
widersprechen nicht nur dem spezifisch mythologischen, als Kategorien, in ihrer Spezifik, entdeckbar. Nur mit Empi-
sondern auch und gerade dem empirischen Normalbewußt- rie kann kategorial expliziert werden. - Die Kategorien sind
sem. pragmatisch-funktionell, sie gehen hervor aus der Auseinan-
Die Kategorien werden vereinzelt bewußt; jede hat absolu- dersetzung des Menschen mit der Natur als einer spezifisch
ten Umfang, schließt jede andre aus, hat aber mit jeder andren gesellschaftlich vermittelten, und die gesellschaftliche Funk-
gemeinsame Wurzel, kann also keine andre absolut liquidie- tion der Kategorien ist eine Funktion in dieser Auseinander-

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setzung, sie müssen dem Existieren der Gesellschaft dienen, Riten nicht das Recht gewahrt wird, rituelle Funktionäre mit
und ihr Grundgegenstand ist die Natur, sie sind Formen der Ungerechtigkeit Erfolg haben, das Volktrotz seines Magie-
Beziehung der Gesellschaft zur Natur; sie erfassen die Natur glaubens verarmt oder sich gar expropriiert findet. Andrer-
als solche, als Einheit, und sie sind die Bedingung der synthe- seits wird gerade dadurch die Reproduktion magisch-religiö-
tischen Gesellschaftlichkeit, sind Kategorien der syntheti- sen Bewußtseins durch das Volk möglich, daß es sich gegen
schen Gesellschaftlichkeit. den Adel durchzusetzen vermag, sein eigenes effektives Recht
Die Kategorien widersprechen dem primären empirischen herstellt und selbst die rituellen Funktionen wahrnimmt.
Bewußtsein der nicht-tauschvermittelten Auseinanderset- Dennoch zeigen die rituellen Funktionen sich als nicht fähig,
zung der Menschen mit der Natur, können aber nur als die Gesellschaft allein zu leiten, und sind kritisierbar als in-
Bewußtsein ger Auseinandersetzung der Menschen mit der effektiv und unwahr.
Natur gesellschaftlich funktionell sein, müssen sich also Um sich gegen den Adel zu behaupten, wäre aber, statt die
selbst mit dem überkommenen Bewußtsein auseinanderset- Magie im ganzen zu kritisieren, dem Volk an sich auch die
zen. -Warum aber ist diese Ersetzung der Magie durch ratio- Inszenierung einer Gegenmagie möglich gewesen, und tat-
nales Denken gesellschaftlich notwendig, wieso ist gerade mit sächlich appelliert das Volk bei seiner Etablierung gegen den
der Tauschvermitteltheit der Gesellschaft die Ineffektivität Adel nicht selten an magische Orakel, um die eigene Ab-
der Magie entdeckbar, wieso kommt es bei der Tauschwert- lösung der alten magischen Gesellschaftsformen magisch zu
produktion im Gegensatz zur primären Gebrauchswertpro- legitimieren.
duktion auf Effektivität des Produzierens selbst an? Des Der Tausch vermittelt die Beziehungen der Menschen zur
Werts wegen? Weil menschliche Arbeit meßbar, austausch- Natur, trennt diese von denen zur Gesellschaft, ist Gesell-
bar, verwertbar, werthaftgeworden ist? Was hat die Wahrheit schaftlichkeit als bloßes Mittel der Beziehung zur Natur, der
mit der Effektivität, dem Wert zu tun? Aneignung des Gebrauchswerts zur ungeselligen Konsum-
Magie ist ursprünglich unmittelbar praktische Mimesis tion.
und als solche durchaus produktionseffektiv. Sie wird in- Welchen Charakter nimmt die Beziehung zur Natur,
effektiv mit der Trennung der Magie als Ritus von der Pro- nimmt ihr Subjekt und ihr Objekt an, wenn diese Bezie-
duktion, mit ihrer Verselbständigung, in welcher die Magie hung tauschvermittelt ist? Wie bestimmt die Abstraktheit
Mittel aristokratischer Herrschaft ist. Es ist dann im Interesse des Tauschs die Beziehung, deren Moment sie ist? Wie
der Gegenklasse, die Magie zu bekämpfen. erscheint dem Subjekt das Objekt, wie erscheint es sich
Der Adel behauptet, die Dike zu verwirklichen durch seine selbst? Wie wird durch den Tausch das Subjekt als solches
Rechtsprechung und überhaupt in seiner Existenz. Der konstituiert, und welche Rolle spielt hierin die Tausch-
Demos bestreitet das und verlangt Herstellung seiner Dike abstraktion?
gegen den sie mißbrauchenden Adel. Das Volk erfährt die Korrektes Denken des unabhängigen Subjekts ist Denken
Rechtsfunktion des Adels als nicht im Sinne des Volks effek- in den Kategorien der Tauschabstraktion, des Tauschs; Den-
tiv, also nicht im Sinne des Rechts effektiv, und fordert Effek- ken von Individuen. Nur dadurch können die Philosophen
tivität der Rechtsfunktion. Wie das Volk an das Recht, so ein Publikum haben, kann Philosophie den Individuen
appelliert die rationalistische Magie-Kritik an den eigent- zugänglich sein.
lichen Sinn der Magie-Effektivität. Die Ineffektivität der In welcher Weise denkt das demokratische politische
Magie ist entdeckbar, indem z. B. trotz allen Vollzugs der Bewußtsein in Kategorien der Tauschabstraktion? Z. B. solo-

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I

nische Quantifizierung der politischen Rechte, Gleichheits-


idee?
Die Gleichheit ist pri~är die aller Individuen vor dem
Geld. Das Geld macht keine qualitativen, persönlichen
Unterschiede an den Dingen und Personen. Dadurch haben
alle marktpartizipierenden Individuen ein Interesse, die
Gesellschaft nicht nach Prinzipien der Tradition, sondern
nach Bedürfnissen der Warenproduktion organisiert zu
sehen. - Tauschabstraktion enthält Momente, die keine Kate-
gorien sind. Q ie Reziprozität des Tausches impliziert formale
Gleichheit der Individuen. Die politische Idee der Gleichheit
ist Idee der politischen Reziprozität. Der Reziprozität der
Personen entspricht die der Gegenstände im Tausch. Rezi-
prozität der Gegenstände, Ersetzbarkeit derselben durch
einander, ist die Grundform von Naturgesetz, es muß nur der
konkrete Gebrauchswert als solcher daraus eliminiert wer-
den.
lt
Systematische enzyklopädische Analyse der Tausch-
abstraktion notwendig.
In welchem Maße wird das Vulgärbewußtsein der Tausch-
subjekte von der Tauschabstraktion notwendig bestimmt,
damit Tausch als normale Beziehung möglich ist?

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