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Fachthemen

Dieter Schwarzkopf
Gerhard Sedlacek

Regen-Wind-induzierte Schwingungen –
Ein Berechnungsmodell auf der Grundlage
der neuesten Erkenntnisse
Regen-Wind-induzierte Schwingungen von zylindrischen Bauteilen wie z. B. Brückenseilen aerodynamischen Erregermechanis-
oder Hängern entstehen, wenn diese gleichzeitig Regen und Wind ausgesetzt sind. Dieses men wie Wirbelerregung, Böenerre-
Phänomen ist bei Brückenbauern bekannt und gefürchtet – letzteres insbesondere auf- gung, Galloping oder ähnliches konn-
grund spektakulärer Ereignisse wie zum Beispiel der Sperrung der Erasmusbrücke in ten aus unterschiedlichen Gründen
Rotterdam kurz nach ihrer Eröffnung oder den Schäden an der Elbebrücke Dömitz. nicht ursächlich für die beobachteten
Neben der Existenz von Regen und Wind spielen auch Parameter wie Regenmenge, Schwingungen sein. Erst viele Jahre
Windgeschwindigkeit, Windrichtung etc. eine entscheidende Rolle. Einmal angeregte später wurde klar, daß es sich bei den
Regen-Wind-induzierte Schwingungen klingen direkt wieder ab, sobald sich die Regen- Seilschwingungen um Regen-Wind-
intensität oder die Windgeschwindigkeit stark ändern oder die Windrichtung wechselt. induzierte Schwingungen gehandelt
Bei diesem Schwingungsphänomen handelt es sich um selbsterregte Schwingungen, bei haben muß.
denen das Zusammenwirken der bewegten Seile oder Hänger, der daran ablaufenden Ein weiteres spektakuläres Er-
Wasserrinnsale und des Windes entscheidenden Einfluß hat. Diese Art von Schwingun-
eignis im Zusammenhang mit Regen-
gen ist nicht neu, jedoch der Erregermechanismus ist bislang noch wenig erforscht, und
Wind-induzierten Schwingungen wa-
es gibt noch kein Berechnungsverfahren, welches es erlaubt, die auftretenden Amplituden
ren die Schwingungen der Seile der
zu bestimmen.
Erasmusbrücke in Rotterdam. Auf-
grund dieser Schwingungen mußte im
Rain-wind induced vibrations – a calculation model based on recent investigations.
Rain-wind induced vibrations of slender structural members with circular cross sections, November 1996 die erst wenige Mo-
as of bridge-cables or hangers of tied arch bridges may occur when these members are nate zuvor eröffnete Erasmusbrücke
exposed to both wind and rain. This vibration phenomenon is known to bridge-engineers für den gesamten Verkehr gesperrt
after the spectacular closing of the Erasmus Bridge shortly after inauguration and the werden. Als die Schwingungen beob-
damages at hangers of the Dömitz Bridge across the river Elbe. achtet wurden, betrug die mittlere
For the onset of rain-wind induced vibration various parameters as the intensity of rain, the Windgeschwindigkeit an der Brücke
wind velocity and the wind direction in relation to the slope of the member play an impor- 10 bis 12 m/s. Die Windrichtung be-
tant role. Vibrations once die away, when the intensity of rain or the wind velocity change trug ungefähr 40° bis 70° gegenüber
significantly or the wind direction varies. Rain-wind induced vibrations are self-induced der Brückenachse in Richtung abneh-
vibrations where the inducement mechanism from the variation of the position of the rain mender Seilhöhe. Nachdem anhalten-
rivulets interacts with the movements of the cables or hangers. This type of vibration is not der Regen eingesetzt hatte, begannen
novel, however the mechanism has so far not yet been sufficiently investigated to produce nach und nach alle 32 Hauptseile zu
a calculation model that allows predicting the magnitude of the vibration amplitudes. schwingen. Anhand von Beobachtun-
gen und Videoaufzeichnungen wurden
die größten Schwingungsamplituden
1 Einleitung mit Rückblick auf dung mit Korrosionserscheinungen auf das 4fache des Seildurchmessers
Schadensfälle an den unverzinkten Drähten führten geschätzt, wobei die Schwingungen
innerhalb kurzer Zeit zu Drahtbrüchen immer in der zweiten oder einer höhe-
Bereits an der 1974 fertiggestellten an einzelnen Seilen. Aus diesem Grun- ren Mode verliefen. Die Frequenzen
Köhlbrandbrücke in Hamburg wurden de wurden alle Tragseile 1978 nach nur der einzelnen Seilschwingungen be-
heftige Seilschwingungen mit großen vier Jahren Betriebszeit ausgetauscht trugen 0,75 Hz bis 1,2 Hz und 0,8 Hz
Amplituden beobachtet. Unter den und im Zuge dieser Sanierungsmaßnah- für den Brückenüberbau. Der schlanke
häufig auftretenden westlichen Win- me die Seile mit Schwingungsdämp- Überbau bewegte sich torsions- und
den wurden die Schrägseile bei Wind- fern ausgerüstet. Die Dämpfer führ- schlingermäßig mit einer geschätzten
geschwindigkeiten zwischen 10 und ten dazu, daß nennenswerte Schwin- Amplitude von 50 mm [3]. Da die Seil-
15 m/s und Anströmwinkeln von 30° gungen seither nicht mehr beobachtet eigenfrequenzen und die Frequenz des
bis 50° zur Brückenachse bei 4 bis 6 wurden. Seinerzeit konnte nicht er- Überbaus der Erasmusbrücke sehr na-
ausgeprägten Knoten zu Schwingun- klärt werden, welches physikalische he beieinander liegen, hat sich durch
gen mit Frequenzen bis zu 6 Hz ange- Phänomen die Schwingungen aus- die einsetzenden Regen-Wind-indu-
regt [1]. Die Schwingungen in Verbin- gelöst hatte. Alle bis dahin bekannten zierten Schwingungen die gesamte

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2 Langzeitmessungen an der
Rheinbrücke Ilverich

Im Rahmen der Untersuchungen zu


Regen-Wind-induzierten Schwingun-
gen wurden Langzeitmessungen an
den Seilen der neuen Rheinbrücke Il-
verich durchgeführt. Bild 1 zeigt das
Bezugssystem für Seilneigung a und
Windrichtung b für ein Brückenseil.
Bild 1. Definition des Neigungswinkels a, des Anströmwinkels b und des lokalen
Die Messungen bestätigten, daß es aus-
Koordinatensystems für ein Brückenseil
geprägte Wetterbedingungen gibt, bei
Fig. 1. Definition of cable slope a and wind direction b in relation to the local system
of coordinates (x, y, z) denen Regen-Wind-induzierte Schwin-
gungen auftreten.
Die „optimalen“ Bedingungen
Brücke aufgeschaukelt. Dieser Effekt stellen lediglich eine kleine Auswahl für Regen-Wind-induzierte Schwin-
ist sicherlich eine Spezialität der aus einer Vielzahl von publizierten gungen sind (vgl. Bild 2):
Erasmusbrücke und kann nicht als Fällen dar. Wenn Brückenseile oder – Windgeschwindigkeit zwischen
allgemeingültig für alle Brücken an- Hänger zu Schwingungen mit großen 10 m/s und 20 m/s
gesehen werden. Amplituden angeregt werden, so er- – Anströmwinkel b zwischen 30° und
Wie bereits oben erwähnt können regt dies immer öffentliches Interesse. 45° (bezogen auf die Senkrechte zur
Regen-Wind-induzierte Schwingungen Daher sollten jegliche Schwingungen, Brückenachse)
an allen zylindrischen Bauteilen auftre- die auftreten können, in ihrer Häufig- – Regenmengen < 0,6 mm/10 min (ent-
ten, die Regen und Wind ausgesetzt keit und Amplitude auf ein Minimum spricht 3,6 mm/h)
sind. Diese Schwingungen treffen daher reduziert werden. Aber auch bei andern Bedingungen
nicht nur Seile, sondern auch z. B. zylin- Vor dem Hintergrund der ge- kann das Schwingungsphänomen auf-
drische Hänger von Bogenbrücken. schilderten Problematik und der treten, jedoch dann mit deutlich klei-
FürAufsehen in der Fachwelt sorg- Schadensfälle sollten die Regen- neren Amplituden.
ten 1994 Ermüdungsrisse in den Hän- Wind-induzierten Schwingungen Wie entscheidend der Regen für
gern der Bogenbrücke über die Elbe bei möglichst vermieden oder zumindest die Schwingungen ist, zeigen die fol-
Dömitz. Nach umfangreichen Untersu- auf kleine Amplituden reduziert wer- genden Diagramme in den Bildern 3
chungen und Langzeitmessungen stell- den. Um dieses Ziel erreichen zu kön- und 4. Das oberste Diagramm zeigt
te sich heraus, daß die aufgetretenen nen, müssen jedoch zunächst die ver- jeweils exemplarisch die aufgezeichne-
Schwingungen Regen-Wind-induziert schiedenen Einflüsse auf die Schwin- ten Beschleunigungen in horizontaler
waren. Bei der 178 m langen Strom- gungserregung besser verstanden und vertikaler Richtung an einem Seil.
brücke handelt es sich um eine der größ- werden, und es muß ein verläßliches Darunter sind in den jeweiligen Dia-
ten bis dahin ausgeführten Stabbogen- Berechnungsmodell entwickelt wer- grammen die Regenintensität, die
brücken. Die unter 10,8° gegen die Ver- den, das es erlaubt, abhängig von Windgeschwindigkeit und die Wind-
tikale geneigten Bögen erreichen eine diversen Parametern die Amplituden richtung aufgetragen. In Bild 3 ist das
Höhe von 27 m und nehmen die Lasten von Regen-Wind-induzierten Schwin- Seil zunächst nahezu in Ruhe. Zum
des Haupt- und Versteifungsträgers gungen vorherzusagen. Das ist nun Zeitpunkt t = 400 s ist der erste Regen
über jeweils 14 Hänger mit einer maxi- nach Abschluß umfangreicher Unter- zu verzeichnen. Da der Niederschlag
malen Länge von 25,76 m und Durch- suchungen sowohl mit Hilfe von Wind- relativ gering ist, dauert es eine Zeit,
messern von 120 mm bzw. 130 mm auf. kanaluntersuchungen als auch mit bis sich die Rinnsale an den Seilen
Nachträglich durchgeführte Windka- Messungen an ausgeführten Brücken- ausgebildet haben und zum Zeitpunkt
naluntersuchungen bestätigten dann bauwerken gelungen. t = 900 s dann heftige Seilschwingun-
die Vermutung, daß es sich bei den auf-
getretenen Schwingungen um Regen-
Wind-induzierte Schwingungen han-
delte. Bei der Sanierung der Hängeran-
schlüsse wurden die gefährdeten
Hänger gleichzeitig mit jeweils 3 dyna-
mischen Schwingungsdämpfern auf
Flüssigkeitsbasis ausgerüstet. Mit Hilfe
dieser Dämpfungsmaßnahme, die so-
wohl den Grundton als auch den er-
sten Oberton abdeckt, konnten die
Hänger beruhigt werden, so daß seit-
dem keine nennenswerten Schwingun- Bild 2. RMS-Werte (Standardabweichung) der Seilbeschleunigung abhängig von
gen mehr beobachtet wurden. den klimatischen Bedingungen
Die drei genannten Beispiele für Fig. 2. RMS-values of the cable accelerations versus parameters of climatic con-
Regen-Wind-induzierte Schwingungen ditions (wind speed, wind direction, rain quantity)

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viele Moden beteiligt sind. Sobald Re-


gen dazukommt und Regen-Wind-in-
duzierte Schwingungen auftreten, sind
diese Schwingungen fast immer mono-
frequent, wie die Diagramme in den
Bildern 5 und 6 zeigen.
Außerdem wurden an den Seilen
die ablaufenden Wassermengen gemes-
sen. Die Messungen zeigten, daß die
Rinnsale bei den relevanten kleinen
Regenintensitäten über die gesamte
Seillänge ablaufen. Aufgrund dieser
Tatsache muß auch davon ausgegangen
werden, daß die Erregerkräfte Regen-
Wind-induzierter Schwingungen auf
der ganzen Zylinderlänge angreifen.
Diese Annahme wird auch durch den
Vergleich der in Windkanalversuchen
ermittelten Erregerkräfte, den daraus
abgeleiteten Schwingamplituden und
den tatsächlich gemessenen Amplitu-
den bestätigt.

3 Erregermechanismus Regen-Wind-
induzierter Schwingungen
Bild 3. Zeitreihen der Seilschwingungen und der zugehörigen Wind- und Regenda-
ten bei Regen und Wind In Windkanalversuchen konnte nach-
Fig. 3. Time histories of rain-wind induced cable vibrations (accelerations) and of gewiesen werden, daß Regen-Wind-
associated data for rain quantity, wind speed and wind direction induzierte Schwingungen ausschließ-
lich durch den periodisch veränderli-
gen starten. Angeregt werden Schwin- Bei allen aufgezeichneten Seil- chen Querschnitt von zylindrischen
gungen in der dritten Mode mit Be- schwingungen, die nur durch den Wind Seilen oder Hängern infolge der ab-
schleunigungen von bis zu 12,1 m/s2 in angeregt werden, fällt auf, daß daran laufenden Wasserrinnsale angeregt
vertikaler Richtung und 7,7 m/s2 in ho-
rizontaler Richtung, was resultierenden
Amplituden im Schwingungsbauch
von 37 mm entspricht. Die Windge-
schwindigkeit beträgt im Mittel
13,5 m/s, und die mittlere Windrich-
tung ist b = 32°. Die Schwingungen
dauern mit schwankenden Amplituden
ca. 60 Minuten an, bis zum Zeitpunkt
t = 4500 s. Zu diesem Zeitpunkt wird
der Niederschlag heftiger, und die
Windrichtung dreht auf b = 90°. Durch
die sich ändernden Wetterbedingun-
gen entfällt die Erregerkraft für Regen-
Wind-induzierte Schwingungen, und
die Seile kommen wieder zur Ruhe.
Bild 4 zeigt die Zeitreihen eines
Meßschriebs mit vergleichbaren Wind-
verhältnissen. Die Windgeschwindig-
keit ist im Mittel wieder ca. 15 m/s
und die Windrichtung b ª 30°, aller-
dings fällt in diesem Zeitraum kein
Niederschlag. Bei diesen Bedingungen
werden die Seile nicht zu Schwingun-
gen angeregt, so daß gefolgert werden
kann, daß es sich bei dem Ereignis in Bild 4. Zeitreihen der Seilschwingungen und der zugehörigen Wind- und Regen-
Bild 3 eindeutig um Regen-Wind- daten bei Wind alleine
induzierte Schwingungen gehandelt Fig. 4. Time histories of wind induced cable vibrations (accelerations) and of as-
hat. sociated data for rain quantity, wind speed and wind direction

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Kenntnis der Rinnsalposition über ei-


ner Periode konnten die Zeitreihen der
aerodynamischen Kräfte bestimmt
werden. Diese folgen nahezu einer Si-
nusform, und die Kraftamplitude ent-
spricht der, die aus dynamischen Wind-
kanalversuchen an schwingenden Mo-
dellen ermittelt wurde. Dies belegt, daß
Regen-Wind-induzierte Schwingungen
lediglich dadurch angeregt werden,
Bild 5. Spektrum der Seilschwingungen bei reiner Windanregung (Schwingschrieb daß sich die aerodynamische Form und
s. Bild 4) die Umströmung des Zylinders durch
Fig. 5. Power spectrum of cable vibrations induced by wind only (see time history die bewegten Wasserrinnsale perma-
in Fig. 4) nent verändern und dadurch periodi-
sche aerodynamische Kräfte angreifen.
Anderweitige aeroelastische Effekte
sind nicht beteiligt.

4 Einflußparameter für Regen-Wind-


induzierte Schwingungen

In weiteren Windkanaluntersuchun-
gen wurden die Einflüsse diverser Pa-
rameter auf die Schwingamplituden
und die Erregerkräfte untersucht. Er-
Bild 6. Spektrum der Seilschwingung bei Regen-Wind-induzierten Schwingungen gebnis der umfangreichen Untersu-
(Schwingschrieb s. Bild 3) chungen war, daß die Schwingungen
Fig. 6. Power spectrum of cable vibrations induced by wind and rain (see time history von zahlreichen Faktoren beeinflußt
in Fig. 3) werden. Entscheidend sind die klimati-
schen Bedingungen Windgeschwindig-
werden. Dazu wurden die Rinnsalgeo- versuchen ermittelt. Dabei zeigte sich, keit, Anströmwinkel, Turbulenzgrad der
metrien und Rinnsalpositionen für ver- daß die Rinnsalgeometrie für die aero- Anströmung und Regenmenge. Von der
schiedene Konfigurationen (Neigungs- dynamischen Kräfte unerheblich ist. Strukturseite her spielen der Neigungs-
winkel, Anströmwinkel, Windgeschwin- Insbesondere die Größe der benetzten winkel, der Durchmesser, die Schwing-
digkeit, Wassermenge, etc.) mit Hilfe Breite hat keinen Einfluß auf die an- frequenz und der Massen-Dämpfungs-
eines Hochgeschwindigkeitskamerasy- greifenden Luftkräfte. Der Wulst des Parameter eine entscheidende Rolle.
stems detailliert vermessen. Die Er- Rinnsals ist ohnehin in seinen Abmes- Für die Windgeschwindigkeit
kenntnis aus diesen Versuchen war, daß sungen erstaunlich konstant, so daß konnte gezeigt werden, daß die Ampli-
die Rinnsale in ihrer Form immer ähn- die Unterschiede in den aerodynami- tuden und damit auch die Erregerkräf-
lich sind und grundsätzlich aus zwei schen Kräften aus der veränderlichen te Regen-Wind-induzierter Schwin-
Teilen bestehen, der benetzten Breite Position des Wulstes auf dem Rinnsal gungen nach Überschreiten der sehr
und dem sogenannten Wulst. Während resultieren. Der Wulst stellt eine defi- kleinen Einsetzgeschwindigkeit zu-
einer Schwingperiode bewegt sich der nierte Ablösekante dar, die sich auf nächst quadratisch ansteigen, bis die
Wulst auf der benetzten Breite. Die dem Zylinder periodisch bewegt. Aus kritische Geschwindigkeit erreicht ist,
Schwingfrequenz der Wasserrinnsale den gemessenen Luftkräften und der bei der die Schwingamplituden maxi-
paßt sich dabei immer der Frequenz der
Zylinderschwingung an. Ursächlich für
die Bewegung derWasserrinnsale ist das
Zusammenspiel der Trägheits-, Gravita-
tions- und der aerodynamischen Kräfte,
welches auch dafür sorgt, daß die Rinn-
salbewegung immer mit einer konstan-
ten Phasenverschiebung zurZylinderbe-
wegung abläuft. Bild 7 zeigt typische
Rinnsalformen, wie sie während einer
Schwingperiode auftreten.
Mit der Kenntnis der Rinnsalgeo-
metrie und der Rinnsalpositionen wur-
den die aerodynamischen Kräfte für Bild 7. Typische Rinnsalformen, die auch als künstliche Rinnsale zur Ermittlung
unterschiedliche Rinnsaltypen infolge der statischen Kraftbeiwerte benutzt werden (Maße in mm)
unterschiedlicher Konfigurationen über Fig. 7. Typical shapes of rain rivulets, also reproduced as models to determine the
einer Schwingperiode in Windkanal- force coefficients (dimensions in mm)

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die Amplitude zwar deutlich kleiner,


aber immer noch in einer nennens-
werten Größenordnung.
Amplitude [cm]

Erst bei senkrechten Zylindern


(Neigungswinkel b = 90°) wie z. B.
Hängern sind keine Regen-Wind-in-
duzierten Schwingungen mehr fest-
zustellen. An den steilen Zylindern
läuft das Wasser auf dem gesamten
Umfang ab, und es kommt nicht zur
Windgeschwindigkeit [m/s] Bildung von definierten Rinnsalen.
Bild 8. Schwingamplitude abhängig von der Windgeschwindigkeit Wird der nasse Hänger vom Wind an-
Fig. 8. Vibration amplitudes depending on wind speed geblasen, führt dies dazu, daß das
Wasser auf seine Leeseite gedrückt
wird und dort unbeeinflußt vom Wind
nach unten abläuft. Das Wasser wird
Erregerkraft [N/m]

zu keinem Zeitpunkt in Schwingung


versetzt, so daß auch die angreifen-
den Windkräfte keiner Periodizität un-
terliegen. Der Hänger bleibt daher in
Ruhe.
Wird der Zylinder um lediglich 1°
aus der Senkrechten gekippt (b = 89°),
so hat das Wasser eine eindeutige Ab-
Windgeschwindigkeit [m/s] laufposition, und es können bereits Re-
Bild 9. Erregerkraft abhängig von der Eigenfrequenz und der Windgeschwindigkeit gen-Wind-induzierte Schwingungen
Fig. 9. Excitation force depending on natural frequency and wind speed auftreten. Für diesen Fall ist der An-
strömwinkel b = 90°, d. h. Wind in
mal sind. Nach Überschreiten der kri- In Bild 10 sind die maximalen Richtung des geneigten Hängers, der
tischen Windgeschwindigkeit nehmen gemessenen Amplituden für jeden Nei- kritischste. Bei dieser Konfiguration
die Amplituden wieder ab, da bei den gungswinkel für einen Zylinder mit ist die kritische Windgeschwindigkeit
großen Windgeschwindigkeiten die Durchmesser d = 110 mm und einer sehr klein. Für den in Bild 11 dar-
Wasserrinnsale vom Zylinder wegge- Schwingfrequenz von f = 2,6 Hz zu- gestellten Fall mit einem Durchmes-
blasen oder hinter die Ablöselinie ge- sammengestellt. Dabei ist zu beach- ser d = 110 mm und einer Frequenz
drückt werden und die Erregerkraft ten, daß das Diagramm keine Infor- f = 2,6 Hz liegt sie bei 7 m/s. Für die
damit entfällt (Bild 8). mationen über die Windrichtung oder steilen Zylinder mit b > 75° gilt, daß
Die Höhe der kritischen Ge- die Windgeschwindigkeit enthält. Für mit flacher werdender Neigung die
schwindigkeit hängt von der Schwing- jeden Punkt können diese beiden Pa- kritische Windgeschwindigkeit deut-
frequenz und dem Zylinderdurch- rameter unterschiedlich sein. Dem Dia- lich ansteigt. Dieser Effekt resultiert
messer ab. Bezüglich des Turbulenz- gramm ist zu entnehmen, daß Zylinder aus der Tatsache, daß die Komponente
grades konnte gezeigt werden, daß eine mit einem Neigungswinkel von b = 45° der Gewichtskraft, die die Rinnsale
laminare Anströmung die größten bis 60° Regen-Wind-induzierte Schwin- auf die Unterseite des Zylinders zieht,
Schwingamplituden hervorruft. Mit gungen mit den größten Amplituden sehr klein ist. Somit reichen kleinste
zunehmender Turbulenz nimmt aber ausführen. In dem vorliegenden Bei- Windkräfte aus, um das Rinnsal zu
nicht nur die Maximalamplitude ab, spiel beträgt die Einfachamplitude das teilen und an dem Zylinder nach oben
sie unterliegt über der Zeit auch star- 3,2fache des Durchmessers. Bei Nei- zu drücken. Wird die Windgeschwin-
ken Schwankungen. Hinsichtlich der gungswinkeln von b = 30° oder 75° ist digkeit zu groß, kann das Wasser mehr
Regenmenge gilt, daß Regen-Wind-
induzierte Schwingungen mit großen f = 2,6 Hz, d = 111 mm
Amplituden nur auftreten, wenn die
Regenmenge klein ist. Läuft zuviel
Wasser am Zylinder ab, nehmen die
Amplitude [cm]

Amplituden deutlich ab.


Die Schwingfrequenz bestimmt le-
diglich die kritische Geschwindigkeit,
hat bei gleicher Windgeschwindigkeit
aber keinen Einfluß auf die Größe der
Erregerkraft (s. Bild 9). Da jedoch mit
höheren Frequenzen die kritische Ge-
schwindigkeit ansteigt, ist die maximale Neigungswinkel a [°]
Erregerkraft bei größeren Schwingfre- Bild 10. Schwingamplitude abhängig vom Neigungswinkel a
quenzen auch größer, als bei kleineren. Fig. 10. Vibration amplitudes depending on the cable slope a in °

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f = 2,6 Hz, d = 110 mm keit sowie die Maximalamplituden vor-


hersagen. Im Detail sind dazu folgende
Schritte erforderlich:
1) Bestimmung des Erregerkraft-
Amplitude [cm]

beiwertes Cerr,100 bezogen auf einen


Durchmesser d = 100 mm aus dem
Diagramm in Bild 12, abhängig vom
Neigungswinkel b (b = 90° entspricht
einem senkrechten Hänger).
2) Korrektur des Erregerkraftbei-
wertes für andere Durchmesser als
d = 100 mm:
Windgeschwindigkeit [m/s] 2
Ê 100 ˆ
C err, d = C err,100 ◊ Á ˜ (1)
Bild 11. Vergleich der Amplituden bei einem Anströmwinkel von b = 90° abhän- Ë d ¯
gig von der Windgeschwindigkeit für verschiedene Neigungswinkel a
Mit Hilfe der Daten kann die dimen-
Fig. 11. Comparison of vibration amplitudes for various cable slopes a depending
sionsbehaftete Erregerkraft abhängig
on the wind speed (for wind direction b = 90°)
von der Windgeschwindigkeit berech-
oder weniger ungestört auf der Lee- Anregung des Seils zu großen Amplitu- net werden:
seite des Zylinders ablaufen, und die den klingen diese schnell wieder ab.
r 2
Regen-Wind-induzierten Schwingun- Das Abperlen des Wassers könnte man Ferr, d = C err, d ◊ v ◊d (2)
gen klingen ab. sich so zunutze machen, wenn es gelin- 2
Da bei den kleinen kritischen gen würde, Brückenseile oder Hänger Die Kraft ist auf der ganzen Länge
Windgeschwindigkeiten die Druck- mit einer Beschichtung zu behandeln, des Seils oder Hängers als dynamische
differenzen an dem Zylinder und die die das entstehen von Rinnsalen ver- Linienlast anzusetzen. Sie gilt für die
daraus resultierenden Erregerkräfte hindert. Aus der Natur kennt man den relevanten Wetterbedingungen für alle
ebenfalls klein sind, schwingen die Abperleffekt z. B. von der Lotusblüte. Windgeschwindigkeiten unterhalb der
Hänger infolge Regen-Wind-induzier- kritischen Windgeschwindigkeit. Zur
ter Schwingungen auch nur mit ver- 5 Ingenieurmodell zur Prognose Bestimmung der maximal möglichen
gleichsweise kleinen Amplituden. Der Regen-Wind-induzierter Amplituden ist in die Formel die kriti-
Verlauf der Amplituden über der Schwingungen sche Windgeschwindigkeit vkrit (s. Glei-
Windgeschwindigkeit und die mono- chung 3) einzusetzen.
frequenten Schwingungen zeigen je- Aus den Ergebnissen der durchgeführ- 3) Bestimmung der kritischen
doch eindeutig, daß es sich bei den ten Versuche konnte ein Ingenieurmo- Windgeschwindigkeit, bei der die maxi-
Bewegungen um Regen-Wind-indu- dell zur Prognose Regen-Wind-indu- malen Amplituden auftreten können –
zierte Schwingungen handelt. zierter Schwingungen abgeleitet wer- abhängig vom Durchmesser und der
Für den Zylinderdurchmesser gilt, den. Dieses Modell versetzt den Eigenfrequenz (s. Bild 13):
daß die Erregerkraft mit wachsendem entwerfenden Ingenieur in die Lage, die
Durchmesser abnimmt, da der Win- Gefährdung von Brückenseilen oder 2 ◊ f + 11 (3)
v krit = ◊d
kelbereich, in dem sich ein Rinnsal Hängern hinsichtlich Regen-Wind-in- 110
während einer Periode bewegt, klei- duzierter Schwingungen bereits in der
4) Berechnung der reduzierten
ner ist und somit die Kraftamplitude Planungsphase zu ermitteln. Mit Hilfe
kritischen Geschwindigkeit
abnimmt. Der Einfluß des Massen- dieses Berechnungsmodells lassen sich,
Dämpfungs-Parameters auf die Am- unter Berücksich- tigung der Struktur- v krit
v red = (4)
plituden ist umgekehrt proportional. daten, die kritische Windgeschwindig- f ◊d
Eine Verdoppellung des Massen-
Dämpfungs-Parameters, z. B. durch
Verdoppelung der Dämpfung, be-
Erregerkraftbeiwerk Cerr,100

wirkt eine Halbierung der Amplitude.


Regen-Wind-induzierte Schwin-
gungen können immer nur dann auftre-
ten, wenn an einem Seil oder Hänger
Rinnsale ablaufen können und diese
die typische Form mit benetzter Breite
und Wulst haben. Perlt das Wasser z. B.
aufgrund einer Beschichtung ab, kann
sich die benetzte Breite nicht ausbil-
den, und das Wasser läuft als sehr
schmales, aber dafür dickes Rinnsal am
Neigungswinkel a [°]
Seil ab, ohne zu schwingen. In diesem
Fall werden auch die Seilschwingungen Bild 12. Erregerkraftbeiwerte über dem Neigungswinkel des Seiles
nicht angefacht. Selbst bei manueller Fig. 12. Drag coefficient Cerr,100 versus the cable slope

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5) Unter Berücksichtigung der


oben ermittelten Daten, der Strukturda-
ten der Seile oder Hänger und der
Schwingungsform kann die Schwing-
amplitude am generalisierten System all-
gemeingültig ermittelt werden. Für einen
beidseitig gelenkig gelagerten Einfeldträ-
ger vereinfacht sich die Formel wie folgt: Bild 14. Seile der Rheinbrücke Ilverich – Vergleich der gemessenen und berechneten
Schwingamplituden
1 d
Y = C err, d ◊ v 2red ◊ ◊ 2 (5) Fig. 14. Comparison of vibration amplitudes as measured and calculated for the
Sc p cables of the Rhine-bridge Ilverich
2◊m◊d
mit der Scrutonzahl: Sc =
r ◊ d2

m Masse in kg/m
d log. Dekrement der Dämpfung
r Luftdichte (1,25 kg/m3)

Für den beidseitig eingespannten


Einfeldträger errechnet sich folgende Bild 15. Vergleich von gemessenen und berechneten Schwingamplituden von Re-
Maximalamplitude: gen-Wind-induzierten Schwingungen, die in der Literatur veröffentlichtet wurden
1 d Fig. 15. Comparison of vibration amplitudes as measured and calculated using
Y = C err, d ◊ v 2red ◊ ◊ (6) measured data from literature
Sc 3 ◊ p
Die Differenz zwischen den Glei- induzierte Schwingungen schlanker zy- Shaker Verlag, Dissertation RWTH Aa-
chungen 5 und 6 ist kleiner als 5 %. So- lindrischer Bauteile, wie Brückenseile chen, 2004.
mit spielt die Lagerungsbedingung des oder Brückenhänger, mit Windkanal- [2] Boué, P., Höft, H.-D.: Austausch der
Tragseile der Köhlbrandbrücke in Ham-
Einfeldträgers für die Schwingampli- messungen und Langzeitmessungen an
burg. Bauingenieur 65 (1990), S. 59–71.
tuden Regen-Wind-induzierter Schwin- der Rheinbrücke Ilverich wurde ein Be-
[3] Reusink, J., Kuijpers, M.: Dämpfer
gungen nur eine untergeordnete Rolle. rechnungsmodell entwickelt, das eine gegen Regen-Wind-induzierte Schwin-
Das vorgestellte Ingenieurmodell praktische Abschätzung der zu erwar- gungen der Schrägseile an der Eras-
liefert Schwingamplituden, die sehr tenden Schwingamplitude bereits im musbrücke. Stahlbau 67 (1998), H. 10,
gut mit den tatsächlich gemessenen Planungsstadium erlaubt. Der Deut- S. 768-775.
Amplituden übereinstimmen. Die be- schen Forschungsgemeinschaft ist für [4] Günther, G. H., Hortmanns, M.,
rechneten Werte sind in der Regel die Förderung der Untersuchungen im Schwarzkopf, D., Sedlacek, G., Boh-
etwas größer als die tatsächlich gemes- Rahmen des Projektes Se 351/37 „Re- mann, D.: Dauerhafte Ausführung von
senen. Das Modell kann somit als kon- gen-Wind-induzierte Schwingungen“ Hängeranschlüssen an stählernen Bo-
servativ angesehen werden. Die Bilder sehr zu danken. Der Dank gilt auch genbrücken. Stahlbau 69 (2000), H. 11,
S. 894-908.
14 und 15 zeigen Vergleiche von be- dem Landesbetrieb Straßen NRW für
[5] Lüesse, G., Ruscheweyh, H., Verwiebe,
rechneten und gemessenen Schwing- die Genehmigung der Langzeitmessung
C., Günther, G. H.: Regen-Wind-indu-
amplituden an den Seilen der Rhein- an der Rheinquerung Ilverich und die zierte Schwingungen an der Elbe-
brücke Ilverich, wie auch Daten, die konstruktive Zusammenarbeit. brücke Dömitz, Stahlbau 65 (1996), H.
aus der Literatur entnommen wurden. 3, S. 105–114.
Literatur [6] Matsumoto, M., Shiraishi, N., Shirato,
6 Zusammenfassung H.: Rain-wind-induced vibration of ca-
[1] Schwarzkopf, D.: Regen-Wind-indu- bles of cable-stayed bridges. Journal of
Aufgrund systematischer Untersuchung zierte Schwingungen – Grundlagen Wind Engineering and Industrial Aero-
und ein Berechnungsmodell. Aachen: dynamics 41–44 (1992), pp. 2011–2022.
der Einflußparameter auf Regen-Wind-
[7] Hikami, Y., Shiraishi, N.: Rain-wind-
induced vibrations of cables in cable
stayed bridges; Journal of Wind En-
gineering and Industrial Aerodynamics
Vkrit/d [m/(s mm)]

29 (1988), pp. 409–418.

Autoren dieses Beitrages:


Dr.-Ing. Dieter Schwarzkopf,
Müller-BBM GmbH,
Niederlassung Gelsenkirchen,
Am Bugapark 1, 45899 Gelsenkirchen
Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Gerhard Sedlacek,
Frequenz [Hz]
Lehrstuhl für Stahlbau der RWTH Aachen,
Bild 13. Kritische Windgeschwindigkeit abhängig von der Frequenz Mies-van-der-Rohe-Straße 1,
Fig. 13. Critical wind speed versus natural frequency of cable 52074 Aachen

Stahlbau 74 (2005), Heft 12 907