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OLIVER GROTE · PADERBORN

Die Genese der griechischen Polis als Ausdifferenzierung von Systemen

Zusammenfassung
Anknüpfend an einen vorangegangenen Artikel, untersucht dieser Beitrag Verfahren und
verfahrensähnliche Prozesse in griechischen Gemeinden mithilfe eines systemtheoretischen
Instrumentariums. Das spartanische Beschlussverfahren, wie es sich in der Großen Rhetra
widerspiegelt, bildet den ersten Untersuchungsgegenstand: Die Unfähigkeit der Spartaner,
einen genuin politischen Bereich hervorzubringen, wird hier als Resultat einer Integration
verschiedener Systeme erklärt. Die Einführung der drakontischen Gesetze in Athen bietet
sodann einen Fall, an dem sich sowohl die Entwicklung von ritualhaften Handlungen hin zu
echten, ergebnisoffenen Entscheidungen durch Verfahren als auch die Ausdifferenzierung von
Systemen verfolgen lässt, die angesichts weiter steigender Komplexität notwendig wurde. Vor
diesem Hintergrund, der Reduktion von Komplexität durch Systembildung, lässt sich auch die
Phalanxtaktik als verfahrensähnliche, systeminterne Methode der Selektion von
Handlungsmöglichkeiten und der Hervorbringung eindeutiger Entscheidungen verstehen.
Abschließend wird versucht, das Phänomen der Polisbildung insgesamt systemtheoretisch zu
erklären: als Prozess der Ausdifferenzierung von Systemen mit dem Ziel, systemexterne
Komplexität der Umwelt durch Verfahren zu reduzieren.

I. Einleitung
In einem an gleicher Stelle veröffentlichten Beitrag habe ich kürzlich versucht, einen an
Niklas Luhmanns Systemtheorie orientierten verfahrenstheoretischen Ansatz für die
Entstehung der griechischen Polis in archaischer Zeit fruchtbar zu machen.1 Dieses Vorgehen
möchte ich im vorliegenden Artikel auf weitere Zeugnisse ausweiten; daher sollen die bereits
erarbeiteten Ergebnisse kurz zusammengefasst werden: Es zeigte sich, dass die frühe
archaische Zeit mit all ihren Umbrüchen und neuen Entwicklungen durch eine enorme
Steigerung der Komplexität geprägt war, womit die Systemtheorie die „Gesamtheit der

1
Zur theoretischen Grundlage siehe meinen Aufsatz „Die homerische agorê und die Herausbildung politischer
Rollen und Verfahren in archaischer Zeit“, Abschn. II.
Möglichkeiten des Erlebens und Handelns“2 beschreibt. Übermäßige Komplexität führt zur
Handlungsunfähigkeit; um dies zu vermeiden, reagieren Gesellschaften mit der Bildung und
Ausdifferenzierung von Systemen. Die gravierenden sozialen und politischen Veränderungen
innerhalb einzelner Poleis der archaischen Zeit lassen sich demzufolge als systeminterne
Versuche werten, übermäßige Komplexität abzubauen, um „eine sinnvolle Orientierung des
Handelns“3 im politischen Bereich erst zu ermöglichen.
Bereits in den homerischen Epen spiegelt sich etwa die wachsende Bedeutung des Volkes
wider; die Handlungsmöglichkeiten sowohl der Adligen, die das Volk als Machtfaktor fortan
nicht mehr ignorieren konnten, als auch des Volkes selbst hatten sich stark erhöht. Dennoch
bildete sich zunächst noch kein ausdifferenziertes politisches System, wie die Analyse der
homerischen Volksversammlung gezeigt hat: Diese war noch nicht vom gesellschaftlichen
Bereich zu trennen, operierte also nicht nach eigenen, rein politischen Regeln und kannte –
trotz gewisser formalisierter Züge – keine ergebnisoffenen Verfahren. Vielmehr war es noch
möglich, dass Protagonisten ihre persönlichen Rollen, die sie in den sonstigen Bereichen der
Gesellschaft ausführten, wie selbstverständlich auch im Rahmen der agorê nutzen konnten,
um politische Führung zu übernehmen. Das Fehlen verfahrensspezifischer Rollen verhinderte,
dass sich ein autonomes politisches System bilden konnte.
Eine solche Verteilung von Entscheidungskompetenz anhand askriptiver Kriterien4 konnte
in der immer komplexer werdenden Welt der archaischen Zeit aber nicht mehr lange
aufrechterhalten werden. Die vielen Neuerungen machten es notwendig, dass Entscheidungen
in immer mehr Bereichen getroffen werden mussten: Es entwickelten sich spezifisch
ausdifferenzierte und funktionale Rollen von Entscheidungsträgern, die fest an eigens
geschaffene und für diese einzelnen Bereiche zuständige, also funktionale Ämter geknüpft
wurden – das politische System reagierte auf die Steigerung der Komplexität seiner Umwelt
also mit einer Erhöhung der eigenen Komplexität. Als Verfahren zur Besetzung dieser Ämter
diente die Wahl, womit die Unsicherheit des Ausgangs der Entscheidung – ein wichtiges
Kriterium echter Verfahren – gewährleistet war. Dies führte zur Abkopplung der Macht von
askriptiven Kriterien: Potentielle Entscheidungsträger konnten nun nicht mehr kraft eigener
Rollen die Führung der Gemeinde übernehmen, wie es noch die homerischen Basileis
vermocht hatten, sondern mussten sich der Rollen anderer (in diesem Fall der Wähler)
innerhalb eines Verfahrens bedienen. Die statische Verknüpfung von gesellschaftlicher
Hierarchie mit politischer Macht löste sich somit endgültig auf – die Trennung der beiden

2
Luhmann 1972, 6.
3
Luhmann 1969, 41f.
4
Von Luhmann 1969, 156f., definiert als Kriterien „in fester Anknüpfung an schon vorhandene andere Rollen“.
Systeme war vollzogen. Dementsprechend lassen sich Bestrebungen, die Autonomie des
politischen Bereichs wieder zu überbrücken – etwa von Tyrannen, aber auch von Adligen, die
auf subtilere Weise die Regeln der politischen Verfahren zu umgehen versuchten –, als
Versuche der Integration von anderen Systemen mit dem des Politischen beschreiben. Die
politischen Systeme der griechischen Poleis reagierten hierauf, indem sie sich weiter
ausdifferenzierten und komplexere Verfahrensregeln schufen – etwa durch Iterationsverbot,
Rotationsprinzip oder die schematische Gliederung der Bürger in Phylen.
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse sollen in der vorliegenden Studie weitere
Zeugnisse der archaischen Zeit für Verfahren bzw. verfahrensähnliche Prozesse in den Blick
genommen werden: (1.) das spartanische Beschlussverfahren, wie es sich in der Großen
Rhetra widerspiegelt, (2.) das gerichtliche System in Athen nach der Gesetzgebung des
Drakon sowie (3.) die Phalanxtaktik als eine dem Verfahren ähnliche Methode, Komplexität
durch Selektion zu reduzieren. Auf diesen Ergebnissen sowie die des vorangegangenen
Beitrages aufbauend, möchte ich dann im Fazit des Artikels den Versuch anstellen, die
Entstehung der Polis insgesamt als Geschichte der Ausdifferenzierung von Systemen zu
interpretieren und die athenische Demokratie – anknüpfend an Beiträge von Christian Mann
und Hans Beck5 – als Produkt einer besonders ausgeprägten Ausdifferenzierung von
Systemen zu erklären.

II. Das spartanische Beschlussverfahren im Spiegel der Großen Rhetra


Ein frühes Zeugnis für die Etablierung von Verfahren in archaischer Zeit führt uns nach
Sparta. Die sog. Große Rhetra6 ist sicher eine der wertvollsten, aber auch umstrittensten
Quellen der griechischen Geschichte der Archaik – dieser Aufsatz ist freilich nicht der Ort für
quellenkritische Analysen.7 Im Folgenden wird daher in Einklang mit der communis opinio
davon ausgegangen, dass es sich bei der Rhetra um einen Text des 7. Jahrhunderts handelt,
der normative Kraft besaß, das spartanische Gemeinwesen zu verändern oder eine bereits
erfolgte Änderung nachträglich zu sanktionieren – in beiden Fällen spiegelt sich das
tatsächliche Zusammenspiel der genannten Instanzen in den einzelnen Verordnungen der
Rhetra wider. Interessanterweise werden in der Rhetra nicht nur eine Vielzahl an Instanzen,
sondern sogar ein regelrechtes Beschlussverfahren genannt; obwohl die Voraussetzungen also

5
Beck 2003; Mann 2008.
6
Plut. Lyk. 6,2; hinzu kommt der sog. Rhetra-Zusatz bei Plut. Lyk. 6,8.
7
Für eine detaillierte Auflistung der Forschung zum Text und dessen Authentizität siehe Luther 2004, 32, Anm.
95–97.
recht günstig waren, konnte sich in Sparta nie „das Politische als eine eigene Entität“,8 oder –
nach systemtheoretischen Maßstäben – nie ein operational geschlossenes System des
Politischen herausbilden. Die Gründe für dieses Unvermögen sollen im Folgenden erörtert
werden.
Selbst wenn zuzugestehen ist, dass die Große Rhetra die Gerusie, die beiden Könige sowie
die Verbände der Phylen und Oben ebenfalls nennt, so steht doch eindeutig die
Volksversammlung im Zentrum der Bestimmungen. Dies geht bereits aus dem grammatischen
Aufbau des Textes hervor: Die Verben der ersten drei Bestimmungen9 bestehen aus
Partizipien im Aorist (ἱδρυσάμενον, φυλάξαντα, ὠβάξαντα und καταστήσαντα) und bezeichnen
als solche Handlungen, die bereit abgeschlossen sein mussten, und zwar als Voraussetzung
für die folgenden zwei Bestimmungen, die mit Infinitiven (ἀπελλάζειν, εἰσφέρειν und
ἀφίστασθαι) konstruiert wurden und die Volksversammlung betreffen.10 Nach inhaltlichen
Kriterien kommen noch Nr. 6 und 7 hinzu, die ebenfalls Befugnisse im Rahmen der
Volksversammlung regeln. Insofern erscheinen die Punkte Nr. 4–7 als Einheit und
beschreiben ein Verfahren, das sich in der Apella abspielte: Nachdem man Heiligtümer,
Phylen und Oben sowie die Gerusie inklusive der beiden Könige eingerichtet hatte, sollten die
Spartaner
4. von Zeit zu Zeit Apella halten zwischen Babyka und Knakion
5. und so (οὕτως) Anträge einbringen und (nach erfolgtem Beschluss) abtreten.
6. † Des Volkes …† und Stärke (κράτος).
7. Wenn aber der Damos einen schiefen (Beschluss) fasst, sollen die Geronten und
Könige Auflöser (der Apella) sein.11

Die Beschlussfassung in der Versammlung war klar geregelt, indem ein Verfahren etabliert
wurde: Anträge wurden (wohl von der zuvor in Nr. 3 erwähnten Gerusie, auf die das οὕτως in
Nr. 5 verweist) im Rahmen einer regelmäßig tagenden Volksversammlung eingebracht und
von dieser angenommen oder abgelehnt, denn dem Volk kam das letzte Wort (das κράτος) zu.
Der Modus war in diesem Fall die Abstimmung nach der Lautstärke.12 Bereits die bloße
Etablierung eines solchen Verfahrens mit ungewissem Ausgang schränkte die
Handlungsmöglichkeiten einzelner politischer Akteure stark ein: Zum einen musste sie bereits
im Vorfeld der Entscheidung den Beschluss der mit probouleutischen Aufgaben betrauten
Gerusie vorlegen; zum anderen konnte man sich zumindest nicht darauf verlassen, dass die

8
So treffend Link 2008, 28.
9
Gemäß der Gliederung von Meier 1998, 188.
10
Hierzu siehe Grote 2014, 88f. (Sparta-Kapitel).
11
Übs. nach Mischa Meier 1998, 188. Der Originaltext lautet: 4. ὥραις ἐξ ὡρᾶν ἀπελλάζειν μεταξὺ Βαβύκας τε
καὶ Κνακιῶνος, 5. οὕτως εἰσφέρειν τε καὶ ἀφίστασθαι. 6. †γαμῳδανγοριανημην† καὶ κράτος. 7. αἰ δὲ σκολιὰν ὁ
δᾶμος ἕλοιτο, τοὺς πρεσβυγενέας καὶ ἀρχαγέτας ἀποστατῆρας ἦμεν.
12
Hierzu Flaig 1993.
Volksversammlung einen Beschluss auch annahm. Dieses Prozedere bewirkte auch hier die
für echte Verfahren typische Ungewissheit des Ausgangs,13 denn der Antragsteller war
gezwungen, die Durchsetzung seiner Pläne zur politischen Gestaltung in die Hände anderer
Akteure zu legen, die ebenfalls am Verfahren beteiligt waren und andere politische Rollen
spielten. Keiner der am Vorgang beteiligten Akteure (ob Antragsteller, Geront, König oder
einzelnes Mitglied des Damos) vermochte es, kraft seiner eigenen Rolle die Unsicherheit zu
überwinden und bereits vorher den Erfolg eines Vorhabens vorherzusagen – Gewissheit
brachte erst der Abschluss des Verfahrens selbst.
Zuvor, im 8. und bis ins 7. Jahrhundert hinein, hatten einzelne spartanische Adlige noch
einen ungleich größeren Spielraum besessen. Alle großen Konflikte dieser Zeit – vom
Ausbruch des 1. Messenischen Krieges über die Terpander-Geschichte bis zur Aussendung
der Parthenier, die in die Gründung von Tarent mündete14 – lassen sich auf Umtriebe
einzelner Adliger zurückführen, denen es gelang, ihre Führungsrolle auszunutzen, um
partikulare Interessen durchzusetzen. Im Einzelfall mochte dies unproblematisch geblieben
sein, etwa dann, wenn es um kleinere Raubzüge ging und nur eine geringe Menge an
Gefolgschaft involviert war. Aus den oben genannten Krisen geht jedoch hervor, wie oft die
ganze Gemeinde in solche Affären hineingezogen wurde: Auch wenn es zunächst nur
einzelne Adlige waren, die derart gefährliche Umtriebe initiierten, so erfassten die
Auswirkungen einen immer größeren Kreis der Bürger. Dass den Zeitgenossen dieses
Problem durchaus vor Augen stand, zeigt eindrücklich die Entfernung eines Teils der
Bürgerschaft aus dem Kreis der Gemeinde im Rahmen der Parthenier-Affäre. Ein Grund für
die ungleich höhere Reichweite solcher Unternehmungen war die gestiegene Komplexität der
Gesellschaft und deren Umwelt: Beute und Landgewinn aus dem 1. Messenischen Krieg
erforderten nicht nur ganz allgemein neue Maßnahmen der Verteilung von Gütern und Land
sowie Regelungen der Zugehörigkeit zur Bürgerschaft, sondern hatten den Anteil der
Bevölkerung vergrößert, der wirtschaftlich abgesichert und dementsprechend abkömmlich für
aufwendige Unternehmungen war. Die Einführung der Helotie verstärkte diesen Effekt
zusätzlich und brachte überdies einen weiteren Faktor ins Spiel, den es in Hinblick auf die
Führung der Gemeinde zu bedenken galt – Streitigkeiten innerhalb der Bürgerschaft bargen
fortan auch immer die Gefahr der Instrumentalisierung der Heloten für machtpolitische
Zwecke. Kurzum: Analog zur gestiegenen Komplexität der Gesellschaft und deren Umwelt
vergrößerte sich ebenfalls die Komplexität der Macht und ihrer Ausübung – zum einen, weil

13
Luhmann 1969, 49–53. 117.
14
Die Konflikte, in denen spartanische Adlige verwickelt waren, thematisiert Meier 1998, 18–185, in aller
Ausführlichkeit.
immer mehr Handlungsmöglichkeiten für ambitionierte Adlige entstanden, mit denen sie ihre
Macht ausspielen konnten, zum anderen, weil die Ausübung von Macht einen größeren Kreis
an Individuen betraf. Eine Neuordnung der Machtverhältnisse im Sinne einer Einschränkung
der Handlungsmöglichkeiten Einzelner wurde daher notwendig, um Gefahren für die
Gesamtgemeinde abzuwenden. Seit dem Inkrafttreten der Großen Rhetra genügte es auch in
Sparta nicht mehr, eine gesellschaftliche Rolle auszuspielen, um politische Gestaltungskraft
zu erhalten, da im Beschlussverfahren ein Gegenüber verschiedener Instanzen mit je eigenen
Rollen geschaffen worden war.
Der nächste Schritt im Entwicklungsprozess, der sich im sog. Rhetra-Zusatz (Nr. 7)
widerspiegelt,15 zeigt anschaulich, wie das politische System selbst komplexer wurde, um
seinerseits die Komplexität seiner Umwelt weiter zu reduzieren. Das System der Rhetra ohne
Zusatz vermochte es nicht zuletzt durch das kratos des Volkes, die Handlungsmöglichkeiten
adliger Akteure einzuschränken; anscheinend gelang dies aber zunächst nur auf Kosten der
Handlungsfähigkeit des Systems. Bereits Tyrtaios hatte in seinem Eunomia-Gedicht kurz nach
der Neuordnung die „Männer des Volkes (δημόται ἂνδρες) ermahnt, der Stadt nichts
„Schiefes“ zu raten.16 Unberechenbare Entscheidungen vonseiten des Volkes wollte der
Dichter also verhindert wissen – wohl deswegen, weil viele Anträge die Apella nicht
passieren konnten und/oder weil das Volks selbst in der Lage war, Beschlüsse durchzusetzen,
die in den Augen des Tyrtaios eine Gefährdung für die Gemeinde darstellten.17 Die durch das
Verfahren bewirkte Reduktion von Handlungsmöglichkeiten wirkte sich also zunächst nur für
adlige Entscheidungsträger aus, wohingegen sich die Handlungsmöglichkeiten anderer,
neuartiger Entscheidungsträger, namentlich der „Männer des Volkes“, stark erhöhten – nicht
sofort, aber in dem Moment, als diese es verstanden, den Damos zu politisieren und für ihre
Zwecke zu nutzen. Hiergegen wandte sich Tyrtaios und hatte damit anscheinend Erfolg, denn
seine Forderung wurde durch den Rhetra-Zusatz umgesetzt: Das kratos des Volkes wurde
wieder eingeschränkt, indem den Geronten und Königen die Auflösung der Versammlung für
den Fall gewährt wurde, dass diese schiefe Beschlüsse gefasst hatte.

15
Dass der Rhetra-Zusatz tatsächlich einer späteren Zeitstufe entspricht, geht zum einen aus der von den
restlichen Bestimmungen abweichenden sprachlichen Gestaltung (finite Verbformen, Benutzung von Artikeln
und der Partikel δὲ) hervor (siehe hierzu Luther 2004, 46, Anm. 148, mit Forschungsüberblick). Zum anderen
liegen die Kritik des Tyrtaios und der Inhalt des Zusatzes auf einer Linie; die Eunomie ist also nur zu verstehen,
wenn das kratos des Volkes noch nicht durch den Zusatz eingeschränkt war. Siehe hierzu das Sparta-Kapitel in
Grote 2014, 70f.
16
Tyrt. fr. 1b G/P bzw. 14 G/P = 4 W.
17
Diese Beobachtung ist ganz unabhängig von der Frage, ob mit den „Männern des Volkes“ nun die Gesamtheit
aller Bürger oder die das Volk repräsentierenden Ephoren gemeint sind, auf deren Hinwirken
Beschlussannahmen in der Apella durch den Damos scheiterten – die Kritik des Tyrtaios setzt in beiden Fällen
dasselbe Ergebnis voraus. Zur Diskussion um die Männer des Volkes vgl. Thommen 1996, 38, Link 2000, 19–30,
Meier 2002, 75, Anm. 21, sowie die in Anm. 139 genannte Literatur.
Das sich in der Kritik des Tyrtaios und im Rhetra-Zusatz widerspiegelnde Problem lässt
sich mit mangelnder Systemtrennung erklären. Die Männer des Volkes gehörten eigentlich
gar nicht zum politischen System. Die Große Rhetra nennt sie jedenfalls nicht – ursprünglich
waren sie also kein Bestandteil des dort festgelegten Beschlussverfahrens. Wenn es sich bei
ihnen um die Ephoren handelte, worauf immer mehr hindeutet,18 so oblagen ihnen die
Aufsicht über die Einhaltung der Sitten; hierfür besaßen sie polizeiliche und richterliche
Kompetenzen.19 Sie standen als Aufseher eigentlich außerhalb des politischen Systems und
sind am ehesten als Repräsentanten des juristischen Systems zu beschreiben. In dem Moment,
in dem sie dem Volk in der Apella krumme Sprüche rieten und sich dort politisch betätigten,
wurde die Systemtrennung aufgehoben.
Auch die Einbindung der Könige ins politische Gefüge (siehe Bestimmung Nr. 3 der
Rhetra) stellte eine solche Kopplung verschiedener Systeme dar: Die herausragende Stellung
der Könige erwuchs aus ihrer militärischen Führungsrolle20 und ihrer gesellschaftlichen
Erhabenheit, die sich in ihren Ehrenrechten widerspiegelte.21 Die Forschung hat daher
treffend festgestellt, dass sich ihr Platz grundsätzlich außerhalb der politischen Gemeinde
befand.22 Dennoch räumte die Große Rhetra ihnen einen festen Platz in der Gerusie ein. Zwar
ist es sicherlich richtig, dass sie dort eben nicht als Könige, sondern als zwei von insgesamt
30 Geronten agierten, wie bereits Raphael Sealey betonte;23 das Problem bestand aber gar
nicht so sehr in der ihnen verfassungsrechtlich zugeschriebenen Funktion, sondern im
abweichenden Besetzungsmodus: Die Geronten wurden von der Volksversammlung gewählt
und unterlagen einer Altersbeschränkung (sie mussten das 60. Lebensjahr vollendet haben),
wurden also durch ein festes Verfahren mit eigenen Regeln bestimmt. Den sich hieraus
ergebenden Effekt haben wir bereits mehrfach festgestellt: Auf diesem Wege besetzte Rollen
lösten sich von der Person ihres Trägers, wurden entindividualisiert und auf ihre Funktion für
das System beschränkt. Dieser Wirkung konnte sich bei den spartanischen Königen in ihrer
Funktion als Geronten nicht einstellen. Sie unterlagen keinem Verfahren, sondern konnten
aufgrund einer anderen, an ihre Person fest gebundenen Rolle (eben der als König) auch die
Rolle als Geront ausfüllen – die Kompetenzen wurden ihnen zugeschrieben, es gab mithin
keine funktionalen, sondern rein askriptive Kriterien für ihre Berufung. Dies hatte zur Folge,

18
Die Ergebnisse von Nafissi 1991, 115f., Richer 1998, 99–102, Link 2000, 19–30, Luther 2006, 85, und Schulz
2011, 150, weisen stark in diese Richtung.
19
Siehe exemplarisch Richer 1998, Kap. 25; Link 2000, 1–30.
20
Carlier 1984, 249–279; Link 1994, 59–62.
21
Hdt. 6,57f.; Xen. Lak. Pol. 15,3–5; Plut. Ages. 1,2; hierzu Link 2004. Generell zur gesellschaftlichen
Erhabenheit und ihrer Position außerhalb des politischen Systems Link 2008, 4–13.
22
So bereits Bringmann 1980/1986, 457.
23
Sealey 1969, 257; zustimmend Carlier 1984, 312, und Link 2008, 31.
dass ständig andere Subsysteme, die mit den Personen des Königs verbunden waren, in das
politische System hineinragten. Das Unvermögen der Spartaner, ein abgeschlossenes
politisches System zu schaffen, das aus sich selbst heraus und im Rahmen eigener Regeln
operiert hätte, sticht an dieser Stelle besonders hervor.
Die durch die Einbindung der Ephoren und der Könige bewirkte systemische Integration
auf Kosten der Schließung des politischen Systems musste zu Konflikten führen, die auch
nach dem Zusatz zur Rhetra nicht aufhörten – auf die Unfähigkeit der Spartaner zur
politischen Entscheidungsfindung wurde bereits hingewiesen. Aber: solche Konflikte blieben
fortan intern auf der Ebene des Verfahrens, da es außerordentlich offen blieb für
Informationseingaben von den verschiedensten Seiten – freilich mit dem Preis, dass das
Verfahren unzulänglich blieb,24 weil es sich als zu offen zeigte: Es war nicht Bestandteil eines
eigenen, abgeschlossenen Systems, das gewisse Informationen (über den Mechanismus der
strukturellen Kopplung) von außen in systemeigene Informationen hätte umsetzten und
verarbeiteten können, also nur indirekt zu beeinflussen gewesen wäre, sondern blieb stets
verbunden mit anderen Systemen, die somit direkt ins politische Geschehen eingreifen
konnten. Dies führte zu innerer Uneinigkeit und Handlungsunfähigkeit. Nach außen erschien
Sparta freilich stabil, und so konnten die Zeitgenossen der klassischen Zeit von der
sprichwörtlichen Eunomie der Spartaner schwärmen.

III. Die Gesetzgebung des Drakon


Das durch eine inschriftliche Neufassung des 5. Jahrhunderts (IG I3 104 = Meiggs-Lewis Nr.
86) auf uns gekommen drakontische Recht aus dem ausgehenden 7. Jahrhundert bietet uns
einen seltenen Einblick in archaisches Verfahrensrecht und ist gleichzeitig die früheste
Rechtsquelle der athenischen Geschichte, die erhalten geblieben ist.25 Zumindest in der uns
vorliegenden Form behandelt das Gesetzeswerk ausschließlich Tötungsdelikte.26 Es enthält

24
Beispiele solcher gescheiterter politischer Prozesse und Entscheidungen erörtert Link 2008. Ein anderer
Aspekt, der die politische Handlungsfähigkeit der spartanischen Verfassung hemmte, war die Einbindung der
personalen Phylen und territorialen Oben in den politischen Prozess, der sich in der Volksversammlung
abspielte. Auch hier wurden also verschiedene Systeme integriert, so dass es kaum verwundert, wenn sich in
Sparta kein abgeschlossenes politisches System entwickelte. – In Athen wurde dies von vornherein vermieden,
indem man zwei verschiedene Phylensysteme etablierte: Die alten vier (unpolitischen) Phylen ließ man
bestehen, schuf aber für politische Belange eigene neue Phylen, die mit den alten nichts gemein hatten und
von vornherein Bestandteil des politischen Systems waren.
25
Zur Authentizität Stroud 1968, 50f.; Gagarin 1986, 86 mit Anm. 19. An weiterer Literatur siehe v. a.
Ruschenbusch 1960; Nörr 1963; Gagarin 1981.
26
Gegen die immer noch häufig vertretene These einer umfassenden Gesetzgebung durch Drakon (u. a.
vertreten durch Stroud 1968, 77–82; Gagarin 1981, 23) hat sich zuletzt Winfried Schmitz (2001, 9–16)
überzeugend ausgesprochen. Siehe für weitere Literatur zu dieser Kontroverse ebd., 8 mit Anm. 6.
für die archaische Zeit völlig neuartige Bestimmungen, die einen großen Einfluss auf das
Werden des athenischen Staates hatten und z. T. staatliche Entwicklung bereits
voraussetzen.27 Durch den Vergleich mit dem vorstaatlichen Rechtsgang, wie er sich in den
homerischen Epen widerspiegelt, lässt sich hier die Herausbildung von Verfahren besonders
deutlich demonstrieren.
In homerischer Zeit gab es generell drei verschiedene Arten der Streitschlichtung, wie die
berühmte Wagenrennszene28 der Ilias zeigt: Menelaos und Antilochos liegen im Streit um den
zweiten Platz. Der sich übervorteilt fühlende Antilochos bietet an, seinen Anspruch auf den
Preis im Ringen zu verteidigen. Die homerische Welt kannte also den Zweikampf als
Gottesurteil, das sog. Ordal. Menelaos geht hierauf gar nicht ein, sondern fordert zunächst die
anderen Basileis auf, ein schlichtendes Urteil zu fällen – ein solches Schiedsgericht kennen
wir auch vom anderen berühmten Zeugnis der homerischen Rechtsprechung, der
Gerichtsszene auf dem Schild des Achill.29 Der spartanische König besinnt sich dann jedoch
eines Besseren und fordert seinen Kontrahenten zum Schwur auf, dass dieser ihn nicht
absichtlich abgedrängt habe. Hiervor schreckt Antilochos zurück und lenkt ein. Aufgrund der
höheren sozialen Stellung des spartanischen Königs obliegt es diesem, aus den drei
Möglichkeiten der Streitbeilegung (Gottesurteil, Schiedsgericht und Schwur) die Prozedur
auszuwählen, die denn auch tatsächlich angewandt wird. Demnach gab es zur homerischen
Zeit keine staatliche Autorität, keine bindende Gerichtsbarkeit und damit auch kein Strafrecht,
sondern nur Privatrecht.30 Dies geht auch aus der Gerichtsszene hervor: Zwei Männer liegen
im Streit um die Zahlung eines Wergeldes. „Beide heischten“, so heißt es an dieser Stelle,
„den Streit vor dem kundigen Richter zu enden.“31 Die Kontrahenten waren also freiwillig vor

27
Exemplarisch Walter 1993, 191, und Ruschenbusch 1960, 153, der im durch Drakon etablierten
Gerichtszwang „die Wurzel für die Entwicklung des athenischen Staates“ und die „einzige Klammer, die die
einzelnen Siedlungen zusammenhielt“ sieht; damit überbetont Ruschenbusch die Rolle der drakontischen
Gesetze sicherlich, was vor allem durch sein Ausschlussverfahren anderer Faktoren, die Staatlichkeit hätten
begründen können, deutlich wird: Einzig Religion und ein „gemeinsames Schicksal“ seien neben der durch
gerichtliche Kompetenzen ausgedrückten Befehlsgewalt noch denkbar, schieden aber für den athenischen Fall
aus. Abgesehen von der Pauschalität der Auswahl und des Ausschlusses anderer staatsbildender Faktoren
übersieht Ruschenbusch vor allem, dass bereits die drakontischen Gesetze eine gewisse politische
Strukturbildung voraussetzten – etwa die Ämterbildung, denn ohne ein Amt hätte Drakon sicherlich seinen
Auftrag nicht ausführen können. Auch die im drakontischen Recht auftauchenden Basileis scheinen schon seit
geraumer Zeit ein politisches Funktionsamt dargestellt zu haben. Überhaupt ist nicht einzusehen, warum es in
Kreta oder auf Chios zur selben Zeit, wahrscheinlich sogar früher (nämlich auf der Stufe der Inschriften von
Dreros), bereits ausdifferenzierte Ämter gegeben haben soll, in Athen aber nicht. Einen wichtigen Schritt hin zu
ausgeformter Staatlichkeit stellten die drakontischen Gesetze zweifelsohne dar, jedoch nicht den einzigen und
auch nicht den ersten.
28
Il. 23,499–595.
29
Il. 18,497–508.
30
Gegen Ruschenbusch 1982, 2; vgl. Stahl 1987, 176 mit Anm. 82.
31
Il. 18,501.
Gericht erschienen, was durch die Dualform des Verbs (ἱέσθην) noch betont wird: Die
Basileis, die in homerischer Zeit Recht sprachen, handelten als Schiedsrichter auf Wunsch
beider Parteien – daher auch die Talente Gold, die in der Gerichtsszene inmitten der Basileis
liegen und demjenigen gebühren, der das geradeste Urteil sprechen wird.
Bereits das homerische Schiedsgericht wies zumindest Züge eines Verfahrens auf, da es
immerhin zu Entscheidungen kam, die im Vorfeld nicht zwangsläufig abzusehen waren –
anders als die beiden anderen Methoden Eid und Gottesurteil, die der rein formalen
Beweisführung zuzuordnen sind und bei denen es nur auf den ordnungsgemäßen Ablauf der
obligatorischen Handlungen ankam. Bei näherem Hinsehen wird jedoch klar: Auch beim
Schiedsgericht wird die Unsicherheit des Ausgangs stark eingeschränkt, und zwar dadurch,
dass die Parteien sich einigen mussten, welcher Spruch der geradeste war; die Entscheidung
bewegte sich mithin in engen Grenzen, da es ausschließlich um die „relative Befriedigung der
beiden Parteien“32 ging und der soziale Druck der Gemeinde sicher eine Rolle spielte.
Niemand brauchte also befürchten, vom Ausgang des Prozesses völlig enttäuscht zu werden.
Genau dies, die Möglichkeit der totalen Enttäuschung, und damit die völlige Offenheit des
Ausgangs ist aber eine Grundbedingung von echten Verfahren. Des Weiteren fehlt dem
homerischen Gericht auch das zeitweilige Aussetzen von Macht – eine wichtige Funktion von
Verfahren, um einen erlaubten, geregelten und somit gewaltlosen Konflikt zu gewährleisten.
Prinzipiell gab es zu homerischer Zeit überhaupt keine Erzwingungsgewalt und damit auch
keine offizielle Macht im Rahmen von gerichtlichen Auseinandersetzungen – es fehlten
staatliche Strukturen, die für die Durchsetzung des Urteils hätten sorgen können.
Schlussendlich ging der homerischen Rechtsprechung noch jegliche Ausdifferenzierung als
eigenes System ab; es waren die in der gesellschaftlichen Ordnung an erster Stelle stehenden
Basileis, die ihren Prominenzvorsprung auch im juristischen Sektor geltend machen konnten.
Ihre Rolle als Schiedsrichter bekamen sie anhand askripiver Kriterien zugesprochen, d. h. in
Anknüpfung an andere gesellschaftliche Rollen, nicht aber aufgrund funktionaler und
spezifizierbarer Rollenzusammenhänge, die in echten Verfahren nur auf das System bezogen
wären, in denen sie eine Rolle ausübten.
Bei der Ahndung von Kapitalverbrechen kam die zumindest verfahrensähnliche Prozedur
des archaischen Schiedsgerichts ohnehin nicht zur Anwendung. Die Ahnung von
Tötungsdelikten oblag grundsätzlich der Familie des Getöteten, die im Rahmen der
Selbsthilfe die Tat rächen konnte.33 Die Familie brauchte hiervon nicht Gebrauch zu machen,
sondern konnte sich auf ein Wergeld einlassen – um die Zahlung desselben ging es
32
Hommel 1969, 29.
33
Siehe beispielsweise Il. 23,85–90 und 15,332-336.
bekanntlich in der Gerichtsszene. Ein Zwang hierzu bestand jedoch nicht. Kapitalverbrechen
wurden also gar nicht durch ein Gericht und somit auch durch kein Verfahren geahndet;
ebenso wenig gab es eine Instanz, die die Schuld des Täters hätte feststellen können – hierfür
sind schiedsgerichtliche Verfahren völlig ungeeignet. Zumindest im Falle von
Tötungsdelikten existierten also ausschließlich die Erfolgshaftung und die private Ahndung
durch Blutrache der Familie.34

Das drakontische Recht hingegen würdigt erstmals die Willensrichtung der Tat, indem es
zwischen vorsätzlicher, unvorsätzlicher und strafloser Tötung in Notwehr unterschied. Doch
aus welchem Grund wurde diese Differenzierung notwendig? Zum einen ist durch den
Anstieg der Bevölkerung generell mit einer Zunahme von Delikten und Rechtsstreitigkeiten in
Athen zu rechen; die Einführung der Phalanx hatte den Anteil der bewaffneten Bevölkerung
stark erhöht, was zum einen zur allgemeinen Zunahme der Gewaltdelikte sowie der Tötungen
in Notwehr führte, zum anderen aber auch den Tatbestand der unvorsätzlichen Tötung (etwa
beim Training der Hopliten) stärker in den Vordergrund treten ließ. Zudem vergrößerte sich
das Ausmaß der Gewalt im Zuge interner Konflikte, etwa durch adlige Staseis, wenn ein
immer größerer Teil des Volkes Zugang zu Waffen hatte. Hinzu kam die sicherlich steigende
Zahl von Todesfällen, die sich durch Unfälle bei sportlichen Aktivitäten in den Gymnasien
und im Rahmen von Agonen ereigneten und nicht mehr nach denselben Maßstäben bewertet
werden konnten wie vorsätzliche Tötungen.35 Systemtheoretisch gesprochen, wirkte sich eine
verstärkte Ausdifferenzierung von Rollen aus, die einzelne Bürger ausfüllten: Die
Gesellschaft hatte mittlerweile mehrere Teilsysteme ausgebildet und war komplexer
geworden; man war eben nicht einfach nur Bauer und Nachbar (wie es noch Hesiod gewesen
war), sondern fortan auch Hoplit, Teilnehmer an Wettkämpfen, Anhänger einer Kultgemeinde
oder auch Amtsträger.
Gerade die mittlerweile entstandenen Ämter sorgten in Verbindung mit einem weiteren
Charakteristikum dieser Zeit – dem Bestreben einzelner Adliger, sich zu Tyrannen
aufzuschwingen – für Probleme bei der Beurteilung von Bluttaten. Wenige Jahre vor Drakons
Gesetzgebung hatte es in Athen den Versuch des Olympioniken Kylon gegeben, eine
Tyrannis zu errichten. Bekanntermaßen wurden er und seine Anhänger getötet, obwohl sie
sich in ein Heiligtum geflüchtet und um Asyl gebeten hatten. Diese Tat stellte einen

34
Anders freilich bei der Wagenrennszene: Hier kam es Menelaos durchaus auf die mögliche Schuld des
Antilochos an, wenngleich es schwierig geworden wäre, diese auch nachzuweisen, wenn dieser sich auf einen
Schwur eingelassen hätte.
35
Zu diesen sich verändernden Bedingungen als Hintergrund der Differenzierung von Tötungsdelikten siehe
Stahl 1987, 169.
gravierenden religiösen Frevel dar, der zur Folge hatte, dass die Alkmeoniden um den
Verantwortlichen Archon Megakles verbannt wurden. Es kam zu ausufernden Blutfehden der
betroffenen Adelshäuser, die denn wohl auch den Hintergrund für Drakons Regelungen der
Blutrache bildeten, da sie die Existenz der Gemeinde bedrohten.36 Das neuartige Problem
bestand in der Tatsache, dass es nicht Privatleute, sondern Amtsträger waren, die die Tat
angeordnet und offensichtlich im Sinne der Gemeinde gehandelt hatten, um die Tyrannis zu
verhindern. Es musste sich den Zeitgenossen die berechtigte Frage stellen, ob unter solchen
Umständen nach althergebrachten Maßstäben jegliche Tötung im Rahmen der Blutrache zu
ahnden war, oder ob es nicht neue Maßstäbe zur Bewertung einer Tat geben müsste.
Sowohl die sozialen und kulturellen Veränderungen als auch die mittlerweile erfolgte
Herausbildung von Ämtern hatte die Komplexität der Umwelt des übergeordneten Systems
‚Gesamtgemeinde‘ und damit auch die Komplexität der diese betreffenden Delikte also enorm
erhöht. Als Reaktion musste nun eine Erhöhung der systemeigenen Komplexität erfolgen, um
die gestiegene Umweltkomplexität wieder abzubauen. Hierbei war die juristische
Ausdifferenzierung von Tötungsdelikten unter Berücksichtigung der Willensrichtung des
Täters ein entscheidender Schritt. Die Bestimmung der Absicht des Täters konnte nicht mehr
mit den alten Mitteln der formalen Beweiswürdigung erfolgen, wie wir sie noch bei Homer
finden, sondern nur in freier Beweisführung. Drakon betraute hiermit das erstmalig
auftauchende Kollegium der 51 Epheten, das sein Ergebnis im Rahmen einer Abstimmung
traf, wie bereits aus der ungeraden Zahl der Mitglieder hervorgeht – der Modus der
Mehrheitsentscheidung ist ebenfalls eine Neuerung, die im homerischen Rechtsgang noch
fehlte.37 An dieser Stelle greifen wir das entscheidende Merkmal des drakontischen
Gerichtsprozesses, das ihn zum echten Verfahren werden ließ: Die Offenheit des Verfahrens
und die damit einhergehende Ungewissheit des Ausgangs. Es ging nicht mehr um das
ordnungsgemäße, ritualhafte Aneinanderreihen von Handlungen mit vorhersehbaren oder gar
schon feststehenden Ergebnissen, wie sie die formale Beweisführung kennt, sondern um eine
im Vorfeld ungewisse Entscheidung, die nur im Rahmen des Verfahrens gefällt und nur durch
diese Entscheidung wirksam wurde.38
Für die Bürger Athens waren hiermit weitreichende Konsequenzen verbunden. Jedes
Individuum, das an einem solchen Verfahren teilnahm, wurde dazu gebracht, unbezahlte
„zeremonielle Arbeit“ innerhalb des Rechtssystems zu leisten, was zum Erhalt desselben

36
So auch Gagarin 1981, 20f.; Welwei 1998, 141; Schmitz 2001, 35.
37
Zur freien Beweisführung Ruschenbusch 1960, 153; zur Mehrheitsentscheidung Larsen 1949/1969; Flaig
2013, 197f.
38
Zur Wirkung von Gerichtsverfahren auf Gesellschaft und Individuen siehe Luhmann 1969, 100–135.
beitrug. Entscheidungsempfänger unterwarfen sich den Normen, für deren Durchsetzung das
Gericht bürgte und nach dessen Regeln es agierte, und wurden somit (zumindest im Idealfall)
der Möglichkeit beraubt, auf anderen Wegen – etwa mithilfe politischer oder sozialer
Allianzen – ihre Interessen durchzusetzen. Diese Wehrlosigkeit des Individuums, das sich auf
das Verfahren eingelassen und so zur Verfestigung desselben beigetragen hatte, erleichterte
ihm die Akzeptanz des Ergebnisses; die Möglichkeit, sein Anliegen nach erfolgter
Entscheidung noch weiter zu verfolgen, war nun jedenfalls äußerst begrenzt, da wohl nur um
den Preis der sozialen Ausgrenzung zu erlangen. Genau aus diesem Grund war es so wichtig,
dass die Verfahren öffentlich auf der Agora stattfanden. Hiermit verschaffte sich das
Rechtssystem hinreichende Legitimation – es konnten ja alle sehen, dass der Ausgang des
Verfahrens zu Beginn noch ungewiss und der Verlauf des Verfahrens mithin fair gewesen
war, dass nun aber der Kontrahent die Oberhand gewann, und zwar aufgrund eines auf freier
Beweisführung basierenden Beschlusses hierfür zuständiger Funktionsträger. Anders
ausgedrückt: Das Verfahren isolierte den Entscheidungsempfänger nicht nur von seinen
sonstigen sozialen Rollen, sondern kurzzeitig sogar vom gesellschaftlichen Gesamtsystem;
dies konnte nur funktionieren, weil das Verfahren selbst sich soweit ausdifferenziert hatte,
dass es sich gegenüber anderen Systemen wie politischen oder sozialen System abschließen
konnte.
Das Rechtssystem auf der Stufe, wie sie sich in Drakons Gesetzen widerspiegelt, hatte
diesen Schritt durch die Etablierung der 51 Epheten als eigene Gerichtsinstanz bereits
vollzogen – wenngleich die Systemtrennung noch ausbaufähig blieb, wie die Beteiligung der
Basileis zeigt, die zwar das Verfahren selbst nicht führten, aber das Urteil verkündeten, also
gewissermaßen in das Rechtssystem hineinragten.39 Sollten die Basileis zur Zeit Drakons eine
politische Rolle ausgeführt haben (was keineswegs sicher ist), hätte sich eine zumindest
partielle Verknüpfung des politischen mit dem juristischen System ergeben. Dies wäre
möglicherweise damit zu erklären, dass letzteres erst auf dem Weg war, zu einer völlig
eigenen, sich durch stetige Verfahren selbst erhaltenden Autorität zu werden; zu Beginn war
es daher vielleicht noch günstig, wenn es von der traditionellen Autorität der Basileis
profitieren konnte. Für die Durchführung des Verfahrens selbst hatten die Basileis jedoch
ohnehin keine echte Funktion, da sie ausschließlich das Urteil verkündeten, aber nicht etwa
die Verhandlung führten.

39
Wobei immerhin die Möglichkeit besteht, dass hier vor allem an die seit homerischer Zeit bekannte (schieds-
)gerichtliche Funktion der Basileis angeknüpft wurde; in diesem Fall wären die Reminiszenzen an frühere
politische Rollen recht gering, da vor allem ihre juristische Kompetenz im Vordergrund stand.
Die drakontischen Gesetze trugen noch an einer anderen Stelle zur Ausdifferenzierung des
athenischen Rechtssystems bei, indem die Schließung desselben gegenüber einem weiteren
Teilsystem der Gesamtgesellschaft zumindest auf den Weg gebracht wurde. Genauer gesagt,
handelte es sich hierbei um eine Vielzahl gleichartiger Systeme – die der einzelnen Familien.
Vor Drakon war es noch ausschließlich Sache der betroffenen Familie gewesen,
Tötungsdelikte zu ahnden; im Zuge der Neuregelungen wurde diese Selbsthilfe durch die
Einführung des Gerichtszwangs40 in eklatanter Form eingeschränkt: Zunächst kam es zu einer
zeitweiligen Suspendierung des Konfliktes, indem die Epheten als staatliche Instanz zunächst
den Vorsatz der Tat feststellen mussten; bei nichtvorsätzlicher Tötung wurde der Täter
verbannt und war damit dem Zugriff der Familie entzogen, was für sich bereits eine starke
Einschränkung der familiären Selbsthilfe darstellte. Stellten die Epheten Vorsatz bei der
Ausübung der Tat fest, so blieb es zwar das Privileg der Familie, die Tat zu rächen; jedoch
musste die Bestrafung auf der Agora und damit an dem Ort gerichtlicher Verfahren
angekündigt werden und bewegte sich damit im Rahmen des rechtlichen Systems. Das
Rechtssystem grenzte sich auf der einen Seite ab, indem es fortan alleine entschied, wer in
welcher Form zu bestrafen war. Auf der anderen Seite ließ es in einem Akt von Integration
(verstanden im Luhmannschen Sinne als die Aufhebung der völligen Freiheit eines Systems
durch Verknüpfung mit einem anderen) die Familien zumindest im begrenzten Umfang
teilhaben.41
Mit der relativen Schließung des juristischen Systems gegenüber anderen Systemen
wurden Konflikte, die zu gewaltsamen Spannungen führen konnten, kanalisiert, also
möglichst systemintern verarbeitet. Diese Funktion von Rechtssystemen ist besonders
wichtig, da gerade aus Tötungsdelikten resultierende Konflikte dazu neigen, generalisiert zu
werden und so auf andere Bereiche wie etwa politische übergreifen können. Durch Verfahren
können Konflikte spezifiziert werden, indem sie innerhalb der Grenzen des Systems gehalten
werden. Wichtig für die Konfliktreduktion war, dass die Entscheidungen einer systeminternen

40
Hierzu Ruschenbusch 1960, 152f.; Stahl 1987, 171; Welwei 1998, 70. Siehe demgegenüber Schmitz 2001, 30,
der die Einführung des Gerichtszwangs erst Solon zuschreibt; für die folgende, grundsätzliche Erörterung des
Phänomens hat diese etwaige zeitliche Verschiebung aber kaum Konsequenzen.
41
Interessanterweise führt Integration laut Luhmann 1997, 604, zu Konflikten, da nur die Aufhebung der
völligen Freiheit eines Systems Berührungs- und damit auch mögliche Reibungspunkte zu systemfremden
Strukturen erzeugt. In Anbetracht der Tatsache, dass der athenische Staat von Drakon an ein immer größeres
Interesse an der Verfolgung und Bestrafung von Tötungsdelikten entwickelte und den Handlungsspielraum
betroffener Familien immer mehr einschränkte (siehe Ruschenbusch 1960, 154), erscheint Luhmanns
theoretisches Postulat sich in der faktischen Geschichte durchaus widerzuspiegeln. Sicherlich wurde die private
Blutrache immer mehr eingeschränkt, da es trotz ihrer Einhegung durch die drakontischen Gesetze immer noch
zu Konflikten kam – sei es, dass Täter sich ihrer Tötung entzogen, indem sie Helfer mobilisierten (wodurch es zu
gewaltsamen Zusammenstößen kam), sei es, dass sich die eigentlich gegen ein einzelnes Individuum richtende
Gewalt ausuferte und größere Kreise zog.
Instanz mit einer bestimmten Rolle – in unserem Fall den Epheten bzw. den Basileis –
übertragen und damit von den Kontrahenten selbst weggelenkt wurden. Eine direkte
Konfrontation der Parteien in einem ungeregelten Streit, der die Gefahr der moralischen und
physischen Vernichtung der Betroffenen barg, wurde auf diesem Wege vermieden.
Gleichzeitig gewährleistete Drakon allen Parteien das Recht zum Streiten, das die eine Partei
der jeweils anderen bei ungeregelten Konflikten naturgemäß abspricht; in Athen wurde dieses
Recht fortan durch die Einführung des Gerichtszwangs garantiert.
Wie bereits festgestellt, markieren die Gesetze Drakons nicht weniger als den Übergang
vom Ritual zum Verfahren und den Zeitpunkt, zu dem sich der rechtliche Bereich als eigenes
System etablierte und ausdifferenzierte. Hiermit verbunden war ein deutlicher Impuls für die
Entwicklung von Staatlichkeit: Da der Ablauf eines gerichtlichen Prozesses nicht mehr allein
durch übernatürliche Kräfte bzw. deren irdische Repräsentanten zu gewährleisten war, musste
dies eine andere Autorität übernehmen. In Gerichtsverfahren, bei denen es stets um
Konsequenzen für Individuen geht, war es im Sinne der Konfliktvermeidung sicherlich
förderlich, hierfür auf eine möglichst überindividuelle, abstrakte Größe zurückzugreifen. Für
die unter Umständen gravierenden Folgen für den Verurteilten konnte dann nicht mehr eine
einzelne Person mit all ihren persönlichen Motiven verantwortlich gemacht werden, da es ein
ganzes System war, das die Entscheidung in einem komplexen Verfahren fällte. Vor der
Einführung kollektiver Gerichtsgremien waren es sicherlich noch einige wenige Personen
gewesen, die Entscheidungen über Delikte trafen: Hesiod hatte noch harsche Kritik an den
„geschenkefressenden Königen“ (βασιλῆς δωροφάγοι) geübt, die „krummes Recht“ (σκολιή
δίκη) sprächen und verantwortlich für seine Niederlage im Rechtsstreit mit seinem Bruder
Perses seien.42 Hieraus geht hervor, dass in Verhandlungen seiner Zeit noch einzelne
Personen entschieden, die sich direkt mit „Oh, ihr Könige“ (ὦ βασιλῆς)43 anreden ließen;
dennoch wurden hier nicht mehr bloße Ausgleiche wie noch in homerischer Zeit angestrebt,
sondern bereits echte Entscheidungen getroffen, deren Ausgang vorher nicht abzusehen war –
nur so sind Hesiods große Enttäuschung und dessen generelle Niederlage im Rechtsstreit mit
seinem Bruder Perses zu verstehen.44
Die historische Entwicklung verlief also von der rein formalen, ritualhaften Beweisführung
und dem nicht bindenden, um Ausgleich bemühten Schiedsgericht als Ausgangspunkt über

42
Hes. erg. 37–40; 218–220; 263f. Vgl. auch 247–250.
43
Hes. erg. 247.
44
Es ist sicherlich richtig, dass es bei Hesiod nicht um Tötungsdelikte ging; dennoch glaube ich, dass sich auch
hier eine Grundtendenz des Rechtssystems widerspiegelt, den Modus der Entscheidungsfindung vom
ritualhaften Rechtsgang hin zum Verfahren zu verändern – eine Entwicklung, die nach und nach immer mehr
Bereiche des Rechts durchdrang.
den echte Entscheidungen treffenden Prozess einzelner Personen (mitsamt seinem
naheliegenden Legitimitätsproblem) hin zu kollektiven und abstrakten Gerichtsgremien wie
dem Ephetengericht. Mit einiger Berechtigung lässt sich vermuten, dass die homerischen
Methoden der Rechtsprechung miteinander kombiniert wurden, um echte Verfahren zu
entwickeln: Der genau festgelegte und bindende Ablauf einer formalen Beweisführung (mit
Eiden, Selbstverfluchungen und dergleichen) wurde übernommen, ohne dass hiermit – wie
noch zuvor – bereits Entscheidungen vorgezeichnet waren; diese Handlungsketten wurden
dann in ein Verfahren überführt, dass dem homerischen Schiedsgericht in seinem modus
vivendi ähnelte, da hier wie dort Männer in einer bestimmten Funktion über den Ausgang
entschieden. Im echten Verfahren waren es freilich ausdifferenzierte und abstrakte Rollen –
die Beamten urteilten in ihrer Rolle als Epheten, nicht aber als herausragende Vertreter ihrer
Gemeinde, wie sie noch die homerischen Basileis darstellten. Auch der Modus der
endgültigen Urteilsfällung unterschied sich: Hier das kompetitive und konkrete Wetteifern um
den geradesten, aber nicht verbindlichen Spruch; dort die abstrakte, verbindliche
Mehrheitsentscheidung.
Der sich herausbildende Staat manifestierte sich in eben diesem neuen, abstrakten System
der Rechtsprechung und wurde im Falle Athens durch die 51 Epheten repräsentiert. In
systemtheoretischer Hinsicht müsste man korrekterweise vom übergeordneten System des
Staates sprechen, das seinerseits mehrere Untersysteme aufwies – unter anderem das
Rechtssystem.

IV. Die Phalanx als Ergebnis von „Verfahrensbildung“


Die Überschrift dieses Abschnitts mag etwas verwundern: Eine Kampfformation wie die
Phalanx mit gerichtlichen oder politischen Vorgängen zu vergleichen, die bisher im Zentrum
dieser Studie standen, ist sicherlich gewagt. Natürlich ist mir bewusst, dass man die Phalanx
nicht als Verfahren im eigentlichen Sinne bezeichnen kann; erstaunlicherweise gleichen sich
beide Strukturen aber hinsichtlich ihrer Funktion, so dass der Vergleich durchaus berechtigt
erscheint: Ähnlich wie Verfahren, reduzierte auch die Herausbildung der Phalanx
Komplexität innerhalb eines Systems, indem sie Entscheidungsmöglichkeiten von
Rollenträgern minimierte und somit selektiv wirkte.
Führt man sich den Ablauf eines Phalanxkampfes45 vor Augen, so wird die mit dieser
Kampfordnung einhergehende Reduktion von Komplexität schnell deutlich: Geschlossene
Reihen von Kämpfern rückten aufeinander zu; irgendwann kam es dann zum Zusammenstoß
der jeweils ersten Reihen. Die Soldaten der hinteren Reihen drückten und versuchten hiermit,
ihren Vorderleuten beim Durchbrechen der gegnerischen Reihen zu helfen, und rückten rasch
nach, wenn ihre Vorderleute gefallen waren. Wichtig für den Erfolg war das gleichmäßige
Vorrücken der Reihen und die Standhaftigkeit der Hopliten – ein Aufbrechen der Reihe
musste unter allen Umständen vermieden werden. Die Phalanx sorgte für eine starke
Selektion der ansonsten überbordenden Komplexität eines Schlachtfelds; für den einzelnen
Kämpfer bedeutete dies vor allem, dass seine Handlungsmöglichkeiten absolut begrenzt
wurden: Ein Ausbrechen aus der Reihe – sei es aus mangelnder Standhaftigkeit beim Aufprall
der Phalangen, sei es aufgrund zu raschen Vorrückens – bedeutete die Zerstörung der
Formation. Waren die vorderen Reihen einmal durchstoßen, war die Phalanx dem Untergang
geweiht.
Für persönliches, individuelles Heldentum ließ die Phalanx dementsprechend keinen Raum
mehr, worauf uns auch Tyrtaios hinweist:
Niemals würd' ich erwähnen den Mann, noch seiner gedenken, ob er mit hurtigem Fuß
oder im Ringen gewinnt, ob er auch selbst des Kyklopen Kraft und Größe besäße, oder
den Boreas gar weit überholte im Lauf. […] All das gälte mir nichts, bewährt er sich
nicht im Gefechte. Kann doch ein Mann nur dann wacker sich zeigen im Krieg, wenn
sein Auge vermag, den blutigen Mord zu ertragen, und sein Mut es ersehnt, nahe zu
stehen am Feind.46

Die homerischen Tugenden, mit denen sich ein Basileus auszeichnen konnte, haben für
Tyrtaios keine Bedeutung; das aus den homerischen Epen bekannte Hervorpreschen eines
Helden, der sich todesmutig den feindlichen Reihen entgegenwirft und dort einen Feind nach
dem anderen niedermäht, ist im Phalanxkampf undenkbar. Jeder noch so starke
Einzelkämpfer wäre innerhalb von Sekunden unter unzähligen Speerstichen der gegnerischen
Reihe gefallen – für Aristien zum Zwecke des persönlichen Hervortuns gab es im Zeitalter der

45
Die Entstehung der Phalanx ist freilich ein hochumstrittenes Thema. Zur bereits Jahrzehnte dauernden
Debatte siehe Kagan/Viggiano 2013, die eine Synopse der Forschung vom 19. Jh. an (Georg Grote) bis in die
Gegenwart (Anthony Snodgrass, Joachim Latacz, Hans van Wees, Kurt Raaflaub, Viktor D. Hanson) bieten. Für
den hier verfolgten Ansatz reicht die kaum bestrittene Beobachtung, dass sich irgendwann in der archaischen
Zeit die Hoplitenbewaffnung und das Kämpfen in geordneten Reihen entwickelten. Die Frage, ob Homer die
Phalanx bereits kannte oder nicht, ist hier nicht so sehr von Bedeutung, da der Dichter zumindest auf
Kamptaktiken anspielt, die den Massenkampf geordneter Reihen noch nicht vorsahen, und der archäologische
Befund zeigt, dass sich die Phalanx nicht vor dem 8. Jh. entwickelt haben kann (Snodgrass 1999, 48–77. 136–
138). Spätestens seit Tyrtaios ist die Phalanx dann aber ein bekanntes Phänomen – die Entstehung der Phalanx
fällt also in den hier untersuchten Zeittraum.
46
Tyrt. fr. 9 G/P = 12 W (Übs. von Z. Franyó/P. Gan, wie auch im Folgenden).
Phalanx keinen Platz mehr.47 Dies bedeutet, dass es gar nicht so sehr auf die tatsächliche
Kampfkraft des Einzelnen oder eine überragende Handhabung der Waffe ankam; wichtig
waren vielmehr Standhaftigkeit und Mut – eben die Tugenden, die Tyrtaios hervorhebt.
Insgesamt waren die Möglichkeit jedes Hopliten, eigene Entscheidungen zu treffen, äußerst
begrenzt – sowohl beim Kämpfen als auch beim Vorrücken. Analog zu einem Verfahren,
vereinfachte die Phalanx die ansonsten überaus komplexe Umwelt des Schlachtfeldes: Es gab
schlicht gar keine anderen Möglichkeiten als geordnet vorzurücken, dem Aufprall
standzuhalten und die gegnerischen Reihen zu durchbrechen. Auch die Phalanx reduzierte
also wirksam Komplexität und ist in dieser Hinsicht als Verfahren innerhalb eines Systems
aufzufassen, das nur nach eigenen systeminternen Regeln funktionierte.
Der hieraus resultierende Effekt ist dem eines politischen Verfahrens ebenfalls sehr
ähnlich: Die für Verfahren typische Entindividualisierung jedes Beteiligten ergab sich auch
durch die Phalanx. Die speziellen persönlichen Eigenschaften des Soldaten – seine askriptive
Fähigkeiten – waren im Rahmen der Phalanx bedeutungslos, wie wir gerade festgestellt
haben; die funktionale Rolle des Hopliten abstrahierte sich von allen sonstigen Fähigkeiten
des Individuums. In gewisser Weise führte dies zu einer Gleichheit der Kämpfer, und zwar –
ähnlich wie beim Wahlverfahren – zu keiner faktischen oder naturrechtlich verankerten
Gleichheit; vielmehr ergab sie sich aus der Tatsache, dass vorhandene Unterschiede
vernachlässigt werden konnten. Gleichgültig, ob ein Hoplit im eigentlichen Leben Bauer,
Töpfer, Politiker oder Adliger war – in der Phalanx standen alle nebeneinander und mussten
standhalten; insofern – und nur insofern – waren alle gleich.48
Genau das war vor der Einführung der Phalanx noch anders: Es gab vielfältige Kriterien,
die ein Kämpfer zu erfüllen hatte. Zunächst musste man einer gewissen Eliteschicht
angehören, um überhaupt mitkämpfen zu dürfen bzw. hierfür abkömmlich zu sein. Sodann
war es wichtig, sich persönlich hervorzutun, da die individuelle Kampfkraft das Kriterium
war, an dem sich soziales Prestige bemaß – herauszuragen war geradezu notwendig. Nach
Einführung der Phalanx war dagegen das persönliche Herausragen sogar kontraproduktiv, und
kollektives Durchhalten trat an die Stelle der individuellen Kampffertigkeit. Mit einiger
Berechtigung lässt sich dieser Wandel des militärischen Bereichs insgesamt als Abstraktion
bezeichnen. Für die Entwicklung eines kollektiven Polisbewusstseins musste sich diese
Betonung des Gemeinschaftlichen in wechselseitiger Beeinflussung positiv auswirken, wofür
wiederum Tyrtaios unser Zeuge ist:

47
Adcock 1957, 4.
48
Diese Transformation schlug sich auch – zumindest ansatzweise – in einer gewissen Uniformierung der
Bewaffnung und Kennzeichnung nieder.
Schön ist der Tod dem Mann, der tapfer, ein Streiter der Vorhut, für seiner Heimat Heil
kämpfend dem Feind erliegt.49

Das ist der Tugend und Ruhm, das ist bei den Menschen der schönste, ist der
köstlichste Preis, den sich ein Jüngling erringt. Allen gemeinsam ist dieser Stolz, der
Stadt und dem Volke, wenn umwankend ein Mann vorn in der Schlachtreihe steht,
ausharrt, jeden Gedanken an schimpfliches Fliehen vergessend, einsetzt mit duldendem
Mut, was ihm das Leben verhieß, und mit befeuerndem Wort zur Seite sich stellt dem
Gefährten.50

Die weite Verbreitung der Phalanx impliziert eine hohe Akzeptanz dieses Kampfsystems
unter den griechischen Städten. Anthony Snodgrass hat darauf hingewiesen, dass selbst kleine
Poleis, die gerade einmal 200 Hopliten stellen konnten, in der Phalanxordnung kämpften.51
Die Konventionen und Regeln dieser doch sehr speziellen Art des Kampfes waren also überall
im griechischen Raum bekannt und akzeptiert, sorgten aber bei Nichtgriechen für
Verwunderung.52 Und selbst, als Feldherren der klassischen Zeit wie Pagondas oder
Epameinondas durch Modifikationen der Taktik Erfolge feierten, bewegten sich die
Änderungen, die vor allem die Verstärkung einer der beiden Flügel beinhalteten, stets im
Rahmen der Phalanxtaktik und führten nie zu ihrer Auflösung. Die Phalanx stellte also
anscheinend ein eigenes System dar,53 das in der Lage war, sich selbst zu reproduzieren54 –
vielleicht deswegen, weil der Phalanxkampf als verfahrensähnliche Weise der Entscheidung
eines Konflikts für die Akzeptanz des Ausgangs durch die Beteiligten sorgte und die
Auseinandersetzung auf einen bestimmten, systeminternen Bereich begrenzte. Hatte man sich
einmal auf eine Konfliktlösung durch Phalanxkampf eingelassen, so sorgte dieser schnell für
die Entscheidung des Konfliktes, die in der Regel durch ein einziges Zusammentreffen
erfolgte und zu vergleichsweise wenigen Toten führte. Der Ausgang war für alle klar
ersichtlich und wurde zumeist von beiden Seiten akzeptiert. Ähnlich, wie Verfahren in der
Lage sind, Konflikte zu kanalisieren, systemintern zu verarbeiten und somit ein Übergreifen
auf andere Systeme der Gesellschaft zu verhindern, vermochte der Phalanxkampf militärische
Konflikte im Rahmen eines abgeschlossenen Systems zu lösen, wodurch andere Bereiche
bzw. das Gesamtsystem weitgehend verschont blieben. Vielleicht war die Bedrohung ganzer
Gemeinwesen oder die Auslöschung von Städten55 aus diesem Grund ein relativ seltenes

49
Tyrt. fr. 6 G/P = 10 W.
50
Tyrt. fr. 9 G/P = 12 W.
51
Snodgrass 1986, 51f.
52
Siehe Hdt. 7,9b.
53
Siehe auch Singor 2009, 595, der betont, dass sich die Taktik in einer „protected environment“ entwickelte,
und Raaflaub 1997, 56, der den ritualisierten Charakter hervorhebt.
54
Zur grundsätzlichen Eigenschaft von Systemen, sich selbst zu reproduzieren, siehe Luhmann 1997, 96–98.
55
Hierzu Raaflaub 1997, 56.
Phänomen im archaischen Griechenland, was wiederum die Aufrechterhaltung der Poleis als
weitgehend autonome politische Einheiten förderte, da die völlige Hegemonie eines
Gemeinwesens vermieden wurde.

V. Schluss und Ausblick auf die athenische Demokratie


Ein wesentliches Merkmal aller Verfahren, die hier und im vorangegangen Aufsatz in den
Blick genommen wurden, war die Entindividualisierung der beteiligten Individuen: Im
Rahmen des jeweiligen Verfahrens sollten sie nur noch funktionale Rollen ausführen, die von
ihren sonstigen Rollen des gesellschaftlichen Lebens losgelöst waren. Die hiermit
einhergehende Abstraktion der Verfahren trug entscheidend zur Akzeptanz von
Entscheidungen bei, die aus ihnen hervorgingen. Hiervon betroffene Individuen führten
Konsequenzen nicht auf andere Individuen, sondern auf ein Verfahren bzw. ein ganzes
System zurück, was sich legitimierend auswirkte – die Klage eines Hesiod über einzelne
bestechliche Basileis wurde in Athen zu dem Zeitpunkt obsolet, als mit den 51 Epheten ein
ganzes Gremium im Rahmen eines Gerichtsverfahrens entschied.
Erst durch einen Lernprozess, den alle Individuen im Rahmen von Verfahren durchliefen,56
wurde dieser Effekt möglich: Jeder Einzelne musste lernen, Entscheidungen zu akzeptieren,
die in einem entindividualisierten Verfahren und mithin außerhalb seines eigenen, individuell
geprägten Entscheidungsbereichs gefällt worden waren. Gleichzeitig wurde ihm dieser
Lernprozess jedoch erleichtert: Mochte auch nicht er selbst derjenige gewesen sein, der diese
oder jene Entscheidung getroffen hatte – der jeweilige individuelle Gegner hatte dies kraft
seiner Person ebenso wenig vermocht, sondern einzig das Verfahren als „dritte Instanz“.57
Diese Art des Lernens wurde umso notwendiger, je komplexer sich die Gesellschaft
ausdifferenzierte, da sich irgendwann niemand mehr zu allen relevanten und politisch oder
juristisch entscheidenden Fragen eine Meinung bilden konnte. Die Akzeptanz der
Entscheidung durfte aber nicht als interner Prozess des betroffenen Individuums aufgefasst
werden, weil sich sonst keine überindividuelle und allgemeine Gültigkeit und damit auch

56
Luhmann 1969, 32–34.
57
Siehe hierzu auch Georg Simmels soziologische Ausführungen zur Konkurrenz als besondere Form des Streits:
Gerade diese Form der Auseinandersetzung, bei der der „Kampfpreis sich nicht in der Hand eines der Gegner
befindet“, sondern von einem „Dritten“ vergeben wird (in unserem Fall von der Polis durch ein Verfahren),
komme eine „vergesellschaftende“ Wirkung zu (Simmel 1908/1992, 323–328; vgl. Hölkeskamp 2004, 85–87,
der Simmels Konzept für die römischen Volksversammlungen fruchtbar gemacht hat). – Dass eben dies, das
Vermeiden einer direkten Niederlage gegen einen Gegner – selbst zu Lasten des eigenen Vorteils – ein
Phänomen ist, das die Bereitschaft zur Akzeptanz steigert, ist auch aus der Verhaltensforschung bestens
bekannt. Als ein aktuelles Beispiel von vielen: Falk u. a. 2008. Bereits Thuk. 8,89,3 beschrieb diesen Vorzug
demokratischer Wahlen.
keine dauerhafte Legitimation des Verfahrens, die für die Stabilität des Systems von großer
Bedeutung ist, hätte ergeben können. Vielmehr war es notwendig, dass sowohl die Mitglieder
des Demos als auch die politischen Entscheidungsträger die Entscheidungen, von denen sie
betroffen waren und die sie nicht kraft ihrer eigenen Rollen beeinflussen konnten, von außen,
als extern gegebene Notwendigkeit zu verstehen lernten. Die Anerkennung durfte also gerade
nicht als interne persönliche Entscheidung erscheinen, sondern nur als alternativloses
Befolgen amtlichen Entscheidens von außen.
Das klingt zugegebenermaßen alles noch sehr abstrakt. Wer oder was konstituierte etwa
dieses „Außen“ im Konkreten, wenn es weder der Demos alleine noch die Aristoi oder die
Amtsträger waren? Leider lässt sich diese Frage nicht konkret beantworten, und zwar
deswegen, weil es etwas ganz Abstraktes war, das die Akzeptanz der Entscheidungen in
Verfahren bewirkte. Es handelte sich um eine Identität der ganzen Gemeinde, die sich nicht
einfach nur in der Summe aller Individuen erschöpfte: die Polis. Als übergeordnete Instanz
entstand die Polis gewissermaßen performativ innerhalb von Verfahren aus der Summe der
Entscheidungen und Vermittlungen zwischen allen beteiligten Instanzen. Wenn etwa ein
Beschluss in der Volksversammlung, der vorher von einzelnen Amtsträgern ausgearbeitet
worden war, angenommen wurde, dann war dies weder ein alleiniger Beschluss der Beamten
noch ein solcher des Demos. Vielmehr wurde er innerhalb eines Verfahrens, an dem alle
Instanzen beteiligt waren, verarbeitet, gegebenenfalls modifiziert und am Ende angenommen
und somit legitimiert, so dass schließlich die einleitende Formel des Beschlusses „dies hat die
Polis beschlossen“ lauten konnte. Die Verfahren selbst produzierten die Polisidentität, die
stets über der Identität der einzelnen Individuen und Körperschaften stand, immer wieder aufs
Neue, indem sie überindividuelle, abstrakte Entscheidungen hervorbrachten. In einem Wort:
Das Produkt aus den Verfahren, die zwischen allen Instanzen vermittelten und
Entscheidungen hervorbrachten, war die Polis.
Anhand der Zeugnisse aus Dreros hat Gunnar Seelentag kürzlich eine ähnliche Feststellung
getroffen: Polis umfasse dort „alle oder einige Institutionen von Dreros“ oder sei als
„gemeinsame Summe des Demos und der Institutionen“ aufzufassen.58 Meines Erachtens
weisen diese Beobachtungen in die richtige Richtung, sind aber zu ergänzen und anders zu
gewichten: Institutionen waren für sich noch nicht in der Lage, die Polis zu bilden – nicht
einmal die Volksversammlung als (zumindest idealtypisches) Gremium aller Bürger hieß in
irgendeiner uns bekannten Stadt ‚Polis‘. Die Polis war auch nicht einfach die Summe ihrer
Teile. Wenn es etwa in Koerner Nr. 91 heißt, „Die Polis hat beschlossen nach Konsultation

58
Seelentag 2009, 80.
der Phylen“, dann verbirgt sich hierunter ein Beschlussverfahren, an dem mindestens zwei
Gremien beteiligt waren: Der nach Phylen gegliederte Rat arbeitete den Antrag aus, der dann
von der Volksversammlung angenommen wurde.59 Erst jetzt, nachdem dieses Verfahren
seinen Abschluss gefunden hatte, stand das Ergebnis fest, das dann „der Polis gefiel“ (wie
πόλι ἔϝαδε wörtlich zu übersetzen ist). Auch aus den Gedichten des Tyrtaios geht hervor, dass
in der damaligen Zeit zwischen den einzelnen Gremien und der Polis unterschieden wurde: In
seiner Eunomie zählt er die verschiedenen Instanzen des spartanischen Staates auf und setzt
‚Polis‘ explizit von diesen konkreten Körperschaften ab, wenn er etwa mahnt, dass den
Königen „die Polis am Herzen liegt“.60 Wenn die Polis nur die Summe ihrer Teile gewesen
wäre, hätte sich ein sprachlich recht schräges Bild ergeben, da die Könige in diesem Fall
Bestandteil dessen gewesen wären, was ihnen selbst am Herzen liegen sollte.
Kurzum: Damit das übergeordnete Konzept der Polis entstehen konnte, waren Verfahren
notwendig, an denen verschiedenen Institutionen und Rollen beteiligt waren. Die Polis war
genaugenommen keine Summe, kein Ergebnis aus der Addition verschiedener Institutionen
und Ämter mit dem Demos, sondern das Produkt konkreter Handlungen, die immer wieder
und erneut in Gang gesetzt wurden und an denen verschiedene Rollen beteiligt waren.
Wichtig war es hierbei, dass kein Träger einer solchen Rolle das Ergebnis kraft seiner Rolle
alleine herbeiführen oder vorhersehen konnte; vielmehr musste jede Entscheidung als
überindividuell generalisiert werden. Es mag paradox klingen, aber: Das Abstraktum ‚Polis‘
entstand aus ganz konkreten Handlungen innerhalb von Verfahren, war in dieser Hinsicht also
alles andere als abstrakt, sondern erfahr- und nachvollziehbar. Vielleicht waren die Griechen
aus diesem Grund bereits sehr früh in der Lage, die Polis von anderen Instanzen zu
abstrahieren (wie wir seit Entdeckung der drerischen Inschriften wissen und was stets für
Erstaunen gesorgt hat61), denn hierfür waren keine theoretisch anspruchsvollen politischen
Konzepte notwendig, sondern einzig und allein konkrete Handlungen innerhalb von
Verfahren.
Man könnte nun einwenden, dass diese Beobachtungen spätestens für die entwickelte
athenische Demokratie der klassischen Zeit nicht mehr zutreffen, da hier Polis und Demos
tatsächlich zusammenzufallen scheinen, wie etwa die typische Beschlussformel ἔδοξεν τῇ
βουλή καὶ τῷ δήμω („es gefiel dem Rat und dem Volk“) und die faktische
Entscheidungsgewalt der Volksversammlung nahelegen. Wenngleich sich ‚Demos‘ und
‚Polis‘ durchaus stärker angenähert haben mögen als noch in archaischer Zeit, so sind beide

59
Hierzu Grote 2014b.
60
Tyrt. fr. 1b G/P bzw. 14 G/P = 4 W.
61
Beispielhaft Ehrenberg 1943, 14.
Begriffe dennoch nur scheinbar deckungsgleich: Auch hier waren mehrere Instanzen am
Verfahren beteiligt – jede alleine hätte keinen Beschluss zu fassen vermocht. So konnte zwar
jeder aus dem Volk einen Beschlussantrag stellen, aber nicht ohne ein Probouleusis-
Verfahren, das vorher durchlaufen werden musste; hierfür war die Boule zuständig, die
ihrerseits das Ergebnis eines recht komplexen Verfahrens war.62 Überdies sah die athenische
Volksversammlung im Rahmen von Abstimmungsverfahren auch noch Debatten vor, so dass
auch hier erst ein Prozess mit verfahrenstechnisch genau festgelegtem Prozedere zu
durchlaufen war. Der Beschluss der Polis stand also erst ganz am Ende eines Verfahrens, an
dem mehrere Instanzen beteiligt waren.63 Auch hier sorgten Verfahren für die
Entindividualisierung der Politik und erzeugt auf diesem Wege erst die Polis. Diese ist mithin
als abstrakte Entität aufzufassen, da es kein konkret fassbares Gremium gab, das mit ihr
identisch gewesen wäre; dennoch war die Polis das Resultat ganz konkreten politischen
Handelns.
Vor diesem Hintergrund erscheint die athenische Demokratie nicht etwa als Sonderweg,
sondern als politisches System, das sich ganz im Rahmen der hier festgestellten Entwicklung
griechischer Gemeinden bewegte. Unterschiede zu anderen Poleis ergaben sich nur aus der
konsequenteren Umsetzung von Prinzipien, die auch in anderen Poleis für die
Ausdifferenzierung politischer Strukturen sorgten: (1.) die hier ungleich stärkere
Verwirklichung des Prinzips der Systemautonomie, (2.) die direktere Art der Vermittlung von
Entscheidungen und (3.) die größtmögliche Verwirklichung der (politischen) Gleichheit aller
Bürger. Da Christian Mann und Hans Beck den ersten Aspekt bereits eingehend untersucht
haben,64 möchte ich hier nur die beiden letzteren näher erläutern.
Eine der Funktionen von Verfahren ist es, die Anerkennung verbindlicher Entscheidungen
zu institutionalisieren, indem diese nicht als individuelle Entscheidung einzelner Personen,
sondern als abstrakte, „amtliche“ Entscheidung erscheinen. Als zu Anfang der
Polisentwicklung die Amtsträger noch sehr stark im Vordergrund standen, mussten deren
Entscheidungen den Bürgern, die die Beamten gewählt hatten, erst vermittelt werden – hierzu
trugen Verfahren entscheidend bei. Es ist aber klar, dass dieser Vermittlungsprozess auch

62
Zur Boule Rhodes 1972; de Laix 1973.
63
Das ist einer der Gründe für den an sich merkwürdigen Brauch der Athener, auch Abänderungen eines
ursprünglichen Beschlussantrages („XY stellt den Antrag: Das Übrige wie der Rat. Was aber Z angeht, so soll ...”)
zu vermerken, obwohl ohnehin die geänderte Formulierung die beschlossene und als Beschluss dokumentierte
war. Nicht nur das Ergebnis, sondern auch das legitimierende Verfahren sollten so genau wie möglich
festgehalten werden.
64
Mann 2008; Beck 2003. Auch Martin 1990, 22, geht – freilich ohne von ‚Systemautonomie‘ zu sprechen – in
eine ähnliche Richtung, wenn er dem politischen Bereich in Athen eine beispiellose „Abstraktion von allen
gesellschaftlichen Verhältnissen“ attestiert. Vgl. allgemein Meier 1980, dessen Untersuchung zur „Entstehung
des Politischen bei den Griechen“ auch für die folgenden Überlegungen grundlegend ist.
scheitern konnte; wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte es keine Maßnahmen gegen
Amtsmissbrauch oder Umstürze politischer Systeme gegeben. Die athenische Demokratie
lässt sich nun beschreiben als das politische System, das diesen Vermittlungsprozess am
stärksten überbrücken konnte, indem möglichst viele Entscheidungen von vorherein nicht
einzelnen Personen, sondern der Volksversammlung oblagen – eine Vermittlung war in
solchen Fällen also gar nicht mehr in dem Maße notwendig wie zuvor. Und auch in den
Fällen, bei denen es weiterhin auf die Entscheidungen einzelner Amtsträger ankam, hielt die
athenische Demokratie den Vermittlungsbedarf möglichst klein, indem sie beispielsweise
Amtskollegien gleichmäßig aus allen zehn Phylen besetzte. Überhaupt ist die gleichzeitige
oder auch abwechselnde Besetzung (wie etwa bei der Prytanie, die jede der zehn Phylen für
ein Zehntel des Jahres innehatte) von Ämtern und Gremien geradezu ein Strukturmerkmal des
demokratischen Systems, das sich meines Erachtens als Frühform der politischen
Repräsentation bezeichnen lässt.65 Sie kam immer dort zum Einsatz, wo es aus praktischen
oder sonstigen Gründen nicht mehr möglich war, die gesamte Volksversammlung entscheiden
zu lassen. Auch wenn dann das Volk in manchen Bereichen nicht direkt entscheiden konnte,
so bekam es doch über die aus den Phylen entsandten Repräsentanten das Gefühl vermittelt,
dass in seinem Sinne entschieden wurde – zumal die meisten der durch die Phylen
rekrutierten Ämter keineswegs nur einer herausgehobenen Elite vorbehalten waren, sondern
von beinahe jedem Bürger besetzt werden konnten. Überdies wurden alle Amtsträger durch
verschiedene Gremien kontrolliert und waren dem gesamten Demos rechenschaftspflichtig.
Insgesamt war die Art der Vermittlung von verbindlichen Entscheidungen also sehr direkt, so
dass sich nicht so schnell Entfremdungseffekte der Bürger mit dem politischen System (in
heutiger Zeit gerne „Politikverdrossenheit“ genannt) ergeben konnten; dennoch blieb sie
durch die schematische Phylenteinteilung immer noch hinreichend abstrakt, um die
überindividuelle Gültigkeit von Entscheidungen aufrechtzuerhalten.
Sowohl mit der größtmöglichen Autonomie des politischen Systems als auch mit der
direkten Art der Legitimation von Entscheidungen steht das dritte Merkmal der Demokratie in
Verbindung: die politische Gleichheit der Bürger. Wie wir festgestellt haben, entstand die
Vorstellung einer politischen Gleichheit recht früh; bereits die archaischen Polis konnten etwa
im Rahmen ihrer Wahlverfahren auf die Überführung gesellschaftlicher Ungleichheiten ins
politische System verzichten. Zunächst war der Verwirklichung dieser Gleichheit noch
Grenzen gesetzt; so blieben die Ämter in den frühen Poleis zunächst noch den Adligen
und/oder den Reichen vorbehalten – es dauerte auch in Athen noch bis 458/57, als die dritte

65
Hierzu ausführlicher das abschließende Synthese-Kapitel in Grote 2014, 227–230.
Vermögensklasse der Zeugiten Zugang zum Archontat erhielt.66 Hieran wird deutlich, dass es
ursprünglich nicht um eine stetige Demokratisierung oder gar die immer stärkere
Verwirklichung einer naturrechtlich verankerten Gleichheit ging. Gleichheit gab es nur dort,
wo Unterschiede aus funktionalen Gründen zu vernachlässigen waren, was zunächst vor allem
bei Wahlverfahren im Sinne eines für alle Bürger gleichen passiven Wahlrechts der Fall war,
nicht aber bei der Besetzung der entsprechenden Ämter. Erst mit zunehmender
Ausdifferenzierung und Schließung des politischen Systems gegenüber anderen Bereichen
stieg die Tendenz zur Vernachlässigung von Unterschieden, bis irgendwann beinahe alle
Bürger eine Vielzahl von Ämtern ausführen konnten. Gleichheit erscheint also als Resultat
der Bildung geschlossener Systeme, und es scheint kein Zufall zu sein, dass gerade in Athen –
also dort, wo die größte Autonomie des politischen Bereichs herrschte – auch die größte
Beteiligung der Bürger an politischen Ämtern verwirklicht wurde: Auch Bürger einfacher
Herkunft konnten im klassischen Athen durchaus wichtige Ämter bekleiden.
Ausnahme blieben freilich auch dort Ämter, deren Bindung an andere Systeme sich nicht
ohne Weiteres auflösen ließ oder die eigentlich anderen Systemen entstammten – etwa
militärische Führungsämter. Diese Tatsache ist geradezu ein Beleg für die Stimmigkeit der
gerade angestellten Überlegungen: Dort, wo mehrere Systeme dauerhaft miteinander
gekoppelt und mithin integriert waren, wodurch sich die Systemautonomie partiell auflöste,
gerade dort konnte es keine Gleichheit geben. Auch vor diesem Hintergrund erscheint die
politische Gleichheit als Ergebnis der Schließung des politischen Systems. Dass sich
irgendwann auch eine moralisch verankerte Vorstellung der Gleichheit ergab, steht hierzu gar
nicht in Widerspruch. Angesichts der Existenz von Vorstellungen aristokratischer
Überlegenheit bis weit in die Zeit der Demokratie hinein wird die Entstehung der politischen
Gleichheit gegen den Widerstand konservativer Adliger (wie er sich etwa im Pamphlet des
Pseudo-Xenophon widerspiegelt) nun sogar verständlich: Im Rahmen von Verfahren
innerhalb geschlossener Systeme war politische Gleichheit funktional bedingt und setzte sich
daher durch. Dass diejenigen, die hiervon profitierten, diese Tatsache auch moralisch oder
naturrechtlich zu verankern suchten, ist nur allzu verständlich – genauso wie der
entgegengesetzte Versuch, die natürliche Eignung der Adligen für politische Führung
nachzuweisen.
Wenn wir die athenische Demokratie als gewissen Endpunkt in einer Entwicklungslinie
seit der homerischen Zeit betrachten, so scheint die Herausbildung des Politischen im
Wesentlichen mit der immer stärkeren Ausdifferenzierung von Systemen einherzugehen.

66
Aristot. Ath. Pol. 26,2.
Zunächst schlossen sich einzelne Systeme voneinander ab – etwa der politische Bereich von
der Welt des Adels. Mit immer noch steigender Komplexität der Umwelt stieg aber auch der
Bedarf an weiteren Strukturen, die Komplexität wieder zu reduzieren vermochten. Hierzu
entwickelten sich zum einen immer mehr Verfahren, die Handlungsmöglichkeiten
einschränkten und Rollenträger von anderen Bereichen des Lebens abstrahierten – etwa
Wahlen zur Besetzung von Ämtern, Verfahren zur Entscheidungsfindung und
Beschlussfassung oder Gerichtsverfahren. Zum anderen differenzierten sich die Systeme
weiter aus, so dass sich immer mehr Subsysteme, immer mehr Ämter und Gremien mit je
eigenen Verfahren ergaben, die immer mehr Komplexität der Umwelt aufnehmen und
verarbeiten konnten. Diese stetige funktionale Ausdifferenzierung und die hiermit
einhergehende Steigerung der Eigenkomplexität der Systeme ging in Griechenland mit einem
ebenfalls steigenden Informationsbedarf einher: Für jedes einzelne Individuum wuchs die
Unkenntnis, je mehr sich die Systeme ausdifferenzierten – niemand konnte mehr
gleichermaßen über alle Bereiche Bescheid wissen. Dies verhielt sich auf der Stufe
segmentärer Gesellschaften oder face-to-face-societies noch anders, da überall vergleichbare
Strukturen anzutreffen waren, die man von Haus aus kannte. Dass das antike Griechenland im
Laufe der archaischen Zeit nicht nur die Polis, sondern etwa auch verschriftliche Gesetze,
Wissenschaft, literarische Kultur und nicht zuletzt das Theater hervorbrachte, ist
möglicherweise mit diesem Phänomen zu erklären: All diese Kulturtechniken lassen sich als
Methoden auffassen, Wissen über die verschiedenen Subsysteme, das nicht mehr
selbsterklärlich war, zu deuten und somit wieder verständlich zu machen. Auch auf die
gestiegene systeminterne Komplexität reagierten Systeme also mit Maßnahmen der
Komplexitätsreduktion
Stellt man all diese Beobachtungen in Rechnung, so lässt sich die Entstehung staatlicher
Strukturen im antiken Griechenland als Vergrößerung der systeminternen Komplexität
auffassen mit dem Ziel, systemexterne Komplexität der Umwelt durch Verfahren zu
reduzieren. Diese Einschätzung erscheint möglicherweise etwas verallgemeinernd, ist aber
meines Erachtens grundsätzlich treffend angesichts der vielen hier analysierten Bereiche, für
die diese Beobachtung zutrifft. Die Herausbildung der Polis lässt mithin als eine Geschichte
der Ausdifferenzierung von Systemen und von deren Verfahren erklären.

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