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OLIVER GROTE · PADERBORN


Die homerische agorê und die Herausbildung politischer Verfahren
und Rollen in archaischer Zeit

Zusammenfassung
In diesem Artikel wird der Versuch angestellt, Niklas Luhmanns Theorie der
„Legitimation durch Verfahren“ für eine Untersuchung der Herausbildung politischer
Verfahren in griechischen Gemeinden der Archaik fruchtbar zu machen. Auf einen
Überblick der grundlegenden Begriffe dieses Ansatzes folgt eine Charakterisierung der
allgemeinen Veränderungen und Entwicklungen in früharchaischer Zeit als Steigerung
von Komplexität im systemtheoretischen Sinne. Die sich in dieser Zeit entwickelnden
Verfahren und Verfahrensrollen können daher als Mittel verstanden werden,
übermäßige (und mithin die Handlungsfähigkeit einschränkende) Komplexität zu
reduzieren, was hier am Beispiel der Bildung von Ämtern und Verfahren zur Besetzung
derselben gezeigt werden soll. Hierbei kam es mitnichten auf bloße Formalisierung an:
den durchaus formalisierten homerischen Volksversammlungen fehlten noch
entscheidende Merkmale echter Verfahren. Erst durch die Fähigkeit, im Rahmen
ergebnisoffener Verfahren verbindliche Entscheidungen und Legitimität zu produzieren
– so die hier vorgelegte These –, konnten griechische Gemeinden schließlich ein
eigenes System des Politischen hervorbringen.

I. Einleitung
Die Entstehung der griechischen Polis gehört zweifelsohne zu den Problemen der
Altertumswissenschaften, denen sowohl die althistorische als auch die archäologische
Forschung die größte Aufmerksamkeit gewidmet hat – nicht zuletzt aufgrund der
Tatsache, dass es sich bei der Polis als politischer Organisationsform um ein singuläres
Phänomen der Geschichte handelt. Dabei konnte sich trotz des großen Fortschritts in
vielen Teilbereichen des Themenkomplexes nie ein eindeutiger Konsens herausbilden.
Uneinigkeit herrscht bereits bei der Frage, was eigentlich genau unter einer Polis zu
verstehen sei. Umstritten ist etwa, ob dem Kriterium der Stadt- oder der
2

Bürgerstaatlichkeit den Vorrang zu geben ist.1 Oder war die Polis ursprünglich gar
keine politische, sondern eine rein gesellschaftliche Form des Zusammenlebens?2
Welche Faktoren begünstigten die Polisbildung, und zu welchem Zeitpunkt setzte diese
Entwicklung ein?
Vor allem die Anfänge der Polisentwicklung sind immer noch hochumstritten: Seit
geraumer Zeit wird kontrovers diskutiert, ob sich in den homerischen Epen – unsere
frühesten literarischen Quellen – politische Strukturen der Polis abzeichnen oder nicht.
Der Streit entzündet sich zumeist an der homerischen Volksversammlung und der
Einschätzung des Ausmaßes an entwickelter Bürgerstaatlichkeit. Hieran lässt sich
eindrucksvoll das Dilemma zeigen, in dem sich die Forschung befindet: Sowohl
diejenigen Gelehrten, die von zumindest rudimentär ausgeprägten staatlichen Strukturen
der homerischen Gesellschaft ausgehen, als auch die maßgeblich von Moses I. Finley
geprägte primitivistische Denkschule, die jegliche politische Ordnung in dieser Zeit
negiert, finden bei Homer passende Belege für ihre jeweilige Position und können eine
gewisse Plausibilität für ihre Argumentation beanspruchen.
Die der ersten Richtung anhängenden Forscher betonen die formalisierten Züge3 der
homerischen Volksversammlung und weisen in diesem Zusammenhang auf das Zepter
als Zeichen für das Rederecht, Herolde und eine gewisse bauliche Ausgestaltung der
agorê4 hin. Sodann zeige sich, wie zu Recht angeführt wird, an einigen Stellen ein
gewisser Respekt der Basileis5 vor der Macht des kollektiv versammelten Demos – man
denke nur an die Freier am Hofe des Odysseus, die eine Ahndung ihrer Taten durch das
versammelte Volk fürchten.6 Am kompromisslosesten schloss Fritz Gschnitzer aus all
diesen Belegen auf die „öffentlich-rechtliche[r] Natur“ der homerischen
Volksversammlung und auf die Existenz echter Institutionen und staatlicher Strukturen
bereits in homerischer Zeit.7

1
In letzter Zeit häufen sich freilich die Beiträge, die den Aspekt der Bürgerstaatlichkeit betonen; vgl.
etwa Hansen 1993, 7–9; Davies 1997, 32f.
2
Diese Frage diskutiert Hansen 1993, 16f., der Meinungen beider Lager zitiert und schließlich zu dem
Schluss kommt, dass die Polis sowohl Gesellschaft als auch politischer Verband bzw. Staat sein konnte
und beide Aspekte in bestimmten Kontexten ihre jeweilige Geltung hatten.
3
Hierzu mehr in Abschnitt IV dieses Aufsatzes.
4
Mit dem Wort ἀγορή wird in den Epen sowohl die Versammlung der Bürger, also das Gremium, als
auch der Platz mitsamt seiner baulichen Eigenheiten bezeichnet. Siehe LfgrE s. v. ἀγορή.
5
Im Folgenden wird stets die Pluralform ‚Basileis‘ benutzt – auch dort, wo eigentlich die homerische
Form ‚Basilêes‘ stehen müsste.
6
Od. 16,376–382.
7
Gschnitzer 1991, 195–199 (siehe auch dens., 1980/2001). In seiner drastischen Polemik gegen die
Vertreter der primitivistischen Strömung ist Gschnitzer sicherlich ein Extrembeispiel; grundsätzlich
werden seine Ergebnisse aber von vielen Forschern geteilt: Siehe exemplarisch Andreev 1979, 400;
Morris 1986, 96–104; Raaflaub 1991, 239–247; Raaflaub 1993, 51–59; Hölkeskamp 1997 (der freilich auf
3

Demgegenüber haben andere Historiker betont, dass die homerische


Volksversammlung nur okkasionell zusammentritt, wenn bestimmte Ereignisse dies
erfordern; von einer Institution, die regelmäßig innerhalb eines bestimmten Turnus tagt,
könne also noch keine Rede sein. Und tatsächlich kann sich der homerische Dichter
offenbar vorstellen, dass in Ithaka während der Abwesenheit des Odysseus, also 20
Jahre lang, keine Volksversammlung abgehalten.8 Die Funktion der Versammlung, wie
sie sich in den Epen widerspiegelt, sei auch gar nicht die einer staatlichen Institution
gewesen, die Entscheidungen getroffen hätte; vielmehr stelle der versammelte Demos
nur den Rahmen oder – wie Walter Donlan es formuliert hat – die Arena für die
miteinander um den besten Rat konkurrierenden Basileis dar.9 Diese Interpretation der
homerischen Volksversammlung kann sich auf den Befund berufen, dass in den Epen an
keiner Stelle ein echter Beschluss oder eine Entscheidung des Volkes zu finden ist. Wie
auch die Verfechter eines staatlichen Charakters der agorê zugeben müssen,10 werde
zumeist der Vorschlag des letzten Redners umgesetzt. Stets seien es die Basileis, die das
Wort ergreifen, so dass schwerlich von der Volksversammlung als beschlussfassendem
Organ mit politischer Gestaltungskraft ausgegangen werden könne.
Beide Ansätze können sich also auf Quellenbelege stützen und sind in sich durchaus
schlüssig. Doch damit nicht genug: Auch die verwendete Begrifflichkeit selbst
erschwert die Untersuchung staatlicher Strukturen in frühgriechischer Zeit. Auf die
Schwierigkeiten, die sich aus der Mehrdeutigkeit des Wortes πόλις ergeben, ist zur
Genüge hingewiesen worden; es kann eine Gemeinschaft von Bürgern, einen Ort oder
auch eine politische Gemeinschaft mit eigenen und einheitlichen Bräuchen oder
Gesetzen bezeichnen.11 Der Begriff des Staates bzw. das hiermit verbundene Konzept
ist ebenfalls nicht frei von solchen Problemen, wie bereits die Tatsache zeigt, dass viele
Abhandlung zur frühen griechischen Polis mit einer mehr oder weniger differenzierten
Reflektion über das Verständnis von Staat beginnt, mit dem dann im Folgenden operiert
wird.12

S. 4 davor warnt, Staatlichkeit in archaischen Zeiten am „idealtypischen Konzept des ‚klassischen


Stadtstaates‘“ zu messen). Für eine Auflistung weiterer Befürworter der These eines entwickelten
homerischen Staates siehe den Forschungsüberblick bei Gschnitzer 1991, 199–204.
8
Od. 2,26f.
9
So oder ähnlich Finley 1954/1979, 82–84. 110f.; Runciman 1982, 358f.; Halverson 1985, 130. 136; Stahl
1987, 154f.; Donlan 1989, 13f. 18f.; Stahl 2003, 139.
10
Gschnitzer 1980/2001, 196; Hölkeskamp 1997, 12f.
11
Kolb 1984, 58–66; Gawantka 1985; Raaflaub 1993, 43f.; Hansen 1993, 11f.; Davies 1997, 24f.
12
Exemplarisch Runciman 1982, 351f.; Hansen 1993, 7–9; Walter 1993, 17–22 (siehe auch dessen
Aufsatz zum „Begriff des Staates“ von 1998); Stahl 2003, 94–116. Einen detaillierten Überblick über
4

Reflektionen über Staatlichkeit sind sicherlich notwendig und haben in der


Vergangenheit etwa zur Überwindung des von Eduard Meyer geprägten idealtypischen
Staatsbegriffes geführt, der sich vor allem im deutschsprachigen Raum als enorm
wirkungsmächtig erwiesen hatte: Durch Aristoteles beeinflusst, ging Meyer von der
Existenz des Staates bereits seit Anbeginn der Menschheit sowie von dessen
Omnipotenz aus, der alle anderen sozialen Ordnungen und Einrichtungen dominiert
habe.13 Es wird sofort klar, dass unter solchen Prämissen ein Nachdenken über die
Genese des Staates von vornherein ausgeschlossen ist; darüber hinaus geht die
postulierte Allmacht des Staates mit der völligen Gleichsetzung von Staat und
Gesellschaft einher, was dann wiederum zur Tendenz führt, Konzepte der entwickelten
klassischen Polis in anachronistischer Weise auf Zustände der archaischen Zeit zu
übertragen. Die Adaption sozialanthropologischer Forschungen zur Entstehung von
Staaten aus staatenlosen Gesellschaften14 hat sich hier als schlagkräftige Waffe gegen
den Meyerschen Staatsbegriff erwiesen und ein echtes Nachdenken über die Genese der
Polis erst ermöglicht. Dennoch bleibt zu konstatieren, dass auch die Verwendung
solcher Theorien nicht zu einem umfassenden Verständnis der Entstehung der
griechischen Polis führen konnte – möglicherweise deswegen, weil hieraus
resultierende Konzepte (wie etwa die der microstates, der semi- und proto-states, der
big men oder der Segmentären Gesellschaft) zwar helfen können, bereits
herausgearbeitete Erkenntnisse besser einzuordnen und zu bewerten, aber kaum eine
Schärfung des Blickes auf die einzelnen Quellen ermöglichen und damit nur selten
tatsächlich neue Ergebnisse produzieren.15
Dieses Defizit vieler theoriegeleiteter Ansätze zur Erklärung der Polis resultiert
meines Erachtens daraus, dass ihren Verfechtern nicht selten a priori-Annahmen von
der Existenz bestimmter Strukturen notwendig erscheinen, die im Zuge eines abstrakten
theoretischen Konzepts an historische Sachverhalte herangetragen werden. Zumeist ist
die Existenz solcher Strukturen durch die historischen Quellen aber gar nicht

verschiedene Konzepte zur Staatlichkeit sowie eine differenzierte Reflexion über die althistorische
Adaption der analytischen Kategorie ‚Staat‘ bietet Lundgreen 2014.
13
Meyer 1910/1976, 11.
14
Fried 1967; Service 1975; Cohen/Service 1978; siehe auch den Forschungsbericht von Breuer 1982.
15
Ein Beispiel: Das Konzept der peer polity interaction (hierzu Renfrew 1986) hat sicherlich eine
plausible Erklärung für das Aufkommen sich gleichender Strukturen in verschiedenen Gemeinden
geliefert, kann aber kaum zur Deutung der transferierten Phänomene und Strukturen selbst beitragen:
Wir verstehen nun zwar besser, warum es in vielen Poleis plötzlich eine Phalanx gab, obwohl sie sich in
manchen Fällen vielleicht gar nicht so sehr für die entsprechende Stadt eignete; über die Funktion der
Phalanx oder hinsichtlich der Frage, auf welche strukturellen Veränderungen sie ursprünglich reagierte,
sind wir jedoch genauso im Unklaren wie zuvor.
5

nachzuweisen. Bereits das Konzept des Staates ist nicht unproblematisch: Ob es einen
Staat, der die Kriterien der jeweils benutzten politischen Theorie erfüllt, als
eigenständige Größe überhaupt schon gab, geht aus vielen der archaischen Zeugnisse
gar nicht direkt hervor; eine solche Quelle auf den bereits erreichten Grad an
Staatlichkeit der sich in ihr widerspiegelnden Gesellschaft zu untersuchen, tut ihr
möglicherweise also Gewalt an. Ein voraussetzungsfreier Ansatz müsste demgegenüber
ein Phänomen in den Mittelpunkt rücken, das auch in den Quellen eine zentrale Position
einnimmt und gleichzeitig – jedenfalls idealiter – einen Indikator für politische und
staatliche Entwicklung darstellt.
Ohne den Anspruch erheben zu wollen, die genannten Probleme völlig auflösen oder
mit einem Schlag das Phänomen der Polisbildung widerspruchsfrei erklären zu können,
möchte ich zumindest versuchen, dieser Forderung Rechnung tragen, indem ich den
Blickpunkt auf die Entstehung und Ausdifferenzierung von Verfahren16 lege. Abläufe
gerichtlicher oder politischer Natur mit dem Ziel, Entscheidungen hervorzubringen,
werden in den Quellen der archaischen Zeit sehr häufig beschrieben – man denke nur an
die homerische Gerichtsszene auf dem Schild des Achill, die Beschreibung der
Volksversammlung von Ithaka, die drakontischen Gesetze oder die Große Rhetra, die
das Zusammenspiel einzelner Instanzen reglementiert und so in ein mehr oder weniger
geordnetes Verfahren überführt. In diesem Beitrag werde ich die Volksversammlung
auf der Entwicklungsstufe, wie sie sich in den homerischen Epen widerspiegelt, sowie
die Herausbildung politischer Ämter und Wahlverfahren in Hinblick auf die Frage
untersuchen, welche Eigenschaften ihnen als Verfahren zu eigen waren. In einer
weiteren, separaten Studie, die an gleicher Stelle erscheinen wird, möchte ich dann die
spartanische Beschlussfassung im Spiegel der Großen Rhetra, die Gesetze Drakons
sowie die griechische Phalanx unter den gleichen verfahrenstheoretischen
Gesichtspunkten in den Blick nehmen. Zu wissen, wann sich Verfahren etablierten,
welche Funktion sie ausübten und welchen Einfluss sie auf das politische Geschehen
hatten, könnte unser Wissen über die Entstehung politischer Strukturen fördern – vor
allem im historischen Vergleich mit Entwicklungsstufen, die noch keine Verfahren

16
Verfahren werden hier als soziale Mechanismen aufgefasst mit der Funktion, verbindliche
Entscheidungen nicht nur hervorzubringen, sondern auch unabhängig von beteiligten Individuen zu
begründen und damit zu legitimieren. In diesem Zusammenhang erbringen Verfahren vor allem eine
Selektionsleistung für das jeweilige (zumeist politische oder rechtliche) System, die sich in der Reduktion
von Komplexität widerspiegelt – hierzu später mehr. Zu diesem Verfahrensbegriff siehe Luhmann 1969,
11–26.
6

kannten und sich anderer Formen der Entscheidung und Herrschaftsausübung


bedienten.
Das hier verfolgte Ziel, Versammlungen, Gremien und andere Ausdrucksformen
öffentlichen Lebens der archaischen Zeit unter verfahrenstheoretischen Gesichtspunkten
zu untersuchen, hat den Vorteil, nur tatsächlich durch die Quellen belegte Phänomene in
den Blick nehmen zu müssen. Freilich sei eine vorausgesetzte Annahme nicht
verschwiegen, ohne die auch diese Studie nicht auskommt: Im Folgenden gehe ich
davon aus, dass die steigende Ausdifferenzierung politischer und gerichtlicher
Verfahren gleichbedeutend ist mit der Herausbildung von Staatlichkeit.17 Da Verfahren
aber generell die Funktion haben, überindividuelle Entscheidungen hervorzubringen,
die von allen akzeptiert werden und somit Legitimität erhalten,18 ist diese
Voraussetzung keine, die den Quellen Gewalt antäte: Bei aller Vielschichtigkeit des
Begriffes umfasst ‚Staat‘ immer auch die Garantie für die Annahme überindividueller
Entscheidungen. Beispielsweise nennt das Modell von Philipp Genschel und Bernhard
Zangl Entscheidungskompetenz (definiert als Fähigkeit, „kollektiv-verbindliche
Entscheidungen zu treffen“), Organisationsmacht und Legitimationsfähigkeit (im Sinne
einer Rechtfertigung von Entscheidungen) als Merkmale staatlicher Herrschaft.19 Nun
stellen Verfahren ein Mittel des Staates dar, gleich zwei dieser drei Funktionen zu
erfüllen: Verfahren bringen (1.) Entscheidungen hervor und tragen (2.) zur Legitimation
der gefällten Entscheidungen bei; darüber hinaus kommen öffentlichen Verfahren in
Gesellschaften ohne Polizeiapparat – wie den griechischen Poleis – durchaus auch
Funktionen zu, durch die der Staat seine Rolle als Organisationsmacht zu erfüllen
vermag: Erst durch die anerkannte Verbindlichkeit und die Öffentlichkeit des
Verfahrens war die zuverlässige Umsetzung der zuvor gefällten Entscheidung zu

17
Mit ‚Herausbildung‘ ist hier nicht die Geburt des Staates aus dem Nichts oder die schlagartige
Überwindung eines nichtstaatlichen Zustands gemeint, sondern ein gradueller Prozess, der keineswegs
linear und teleologisch zu verlaufen brauchte – obwohl die Entwicklung der archaischen und klassischen
Zeit durchaus evolutionäre Züge trägt, wie sich noch zeigen wird. Zum Prozesscharakter von
Staatlichkeit siehe Lundgreen 2014, 34, der als analytische Kriterien ‚Intensivierung‘ bzw. ‚Schwächung‘
von Staatlichkeit vorschlägt. Vgl. auch Vertreter des Governance-Ansatzes, der die vielfältigen Formen
kollektiver Regelungen überindividueller Belange in den Blick nimmt und so die Dichotomie von ‚Staat‘
und ‚Nichtstaat‘ überwindet (etwa Mayntz 2006 und Schuppert 2010). Welch seltsame Blüten ein zu
enger Staatsbegriff treiben kann, zeigt treffend Uwe Walter: Wenn der Staat etwa ausschließlich als
Phänomen der Moderne verstanden wird – wie es etwa der Staatsrechtler Carl Schmitt (1958, 376),
gegen dessen Auffassung sich Walter v. a. wendet, dargelegt hat –, stehen solch unterschiedliche
Gemeinwesen wie „das homerische Ithaka und das römische Reich nach den diokletianisch-
konstantinischen Reformen auf einmal nebeneinander“ auf derselben Entwicklungsstufe „vor- oder
nichtstaatlicher Gebilde“ (Walter 1998, 17).
18
Luhmann 1969, 28.
19
Genschel/Zangl 2008, 431f.
7

gewährleisten. Vor diesem Hintergrund kann die Ausdifferenzierung von Verfahren


m. E. als adäquater Indikator für die Entwicklung von Staatlichkeit im archaischen
Griechenland dienen. Im Sinne eines Ansatzes, der nur empirisch belegbare Phänomene
zu untersuchen gedenkt, erscheint die Konzentration auf die gut bezeugten Verfahren
ohnehin gerechtfertigt.
Eine Studie politischer Verfahren ist auf eine theoriegeleitete Methodik angewiesen;
hierfür werde ich auf das von Niklas Luhmann entwickelte Konzept der „Legitimation
durch Verfahren“20 sowie auf weitere Aspekte seiner soziologischen Systemtheorie
zurückgreifen. Bereits Hans Beck und Christian Mann haben Luhmanns Theorie für die
Antike fruchtbar gemacht, indem sie mit ihrer Hilfe die athenische Demokratie zu
erhellen versucht haben.21 Im Gegensatz zu ihren Vorstößen möchte ich hier zum einen
politische Verfahren in den Mittelpunkt stellen und zum anderen nicht nur ein isoliertes
historisches Phänomen untersuchen, sondern im Sinne Luhmanns, dem es stets um
ganzheitliche Zusammenhänge ging, eine umfassende Analyse der Herausbildung von
Verfahren in archaischer Zeit vornehmen: Auch wenn an dieser Stelle zunächst nur
zwei Fälle (die homerische Volksversammlung und die Entstehung von Ämtern und
Wahlverfahren) behandelt werden können, so sollen in einer zweiten Studie weitere
Verfahren der archaischen Zeit untersucht werden, um schließlich eine gesamtheitliche
Würdigung der Entstehung politischer Verfahren vorzunehmen.
Für dieses Vorhaben bietet sich Luhmanns Systemtheorie im Wesentlichen aus zwei
Gründen an:
(1.) Luhmanns Theorie ist in Abgrenzung zum strukturell-funktionalen Ansatz seines
Vorgängers und Lehrers Talcott Parsons am besten als funktional-strukturelle
Systemtheorie zu bezeichnen. Dieser terminologische Unterschied ist nicht so marginal,
wie er zunächst klingen mag, denn er verdeutlicht die Blickrichtung des Luhmannschen
Ansatzes, der sich auf die funktionale Differenzierung von Systemen konzentriert22 und
sich daher dazu eignet, strukturelle Veränderungen im Sinne einer Ausdifferenzierung
von Funktionen eines politischen Systems zu untersuchen. Schon der grobe Blick auf
die Entwicklung griechischer politischer Systeme – von den homerischen Basileis über
die Entstehung erster politischer Ämter mit bestimmten (wenngleich am Anfang noch
recht grob gefassten) Aufgabenbereichen bis hin zum hoch komplexen und

20
So der Buchtitel seiner hierzu veröffentlichen Monographie von 1969.
21
Beck 2003; Mann 2008. Vgl. auch Seelentag 2009, dessen Analyse der kretischen Ämter und
Institutionen in archaischer Zeit zum Teil auf Luhmanns Konzept der Prominenzrollen basiert. Zur
Anschlussfähigkeit der Systemtheorie für historische Sachverhalte siehe generell Becker 2004, 8.
22
Luhmann 1969, 41 mit Anm. 8.
8

spezialisierten System aus Kollektivgremien und Ämtern der athenischen Demokratie –


zeigt, dass sich dieser Prozess als Ausdifferenzierung von Teilsystemen darstellte.
Luhmanns Ansatz erscheint mir daher als angemessene Methode, solche Vorgänge als
funktionale Differenzierungen zu untersuchen.
(2.) Wie einhellig betont wird, ist die frühe archaische Zeit ab dem 8. Jahrhundert vor
allem durch eine Steigerung der Komplexität der Lebenswelt und damit der Gesellschaft
geprägt.23 Komplexität ist nun ein zentraler Begriff in Luhmanns Systemtheorie.24
Stimmt man der Prämisse zu, dass die Entwicklung von Staatlichkeit auch als Antwort
auf gesellschaftlichen Wandel zu verstehen ist oder zumindest durch einen solchen
begünstigt werden kann, so wird man Luhmann darin folgen, Verfahren politischer,
gesetzgeberischer, juristischer oder verwaltungstechnischer Natur als Versuche
anzusehen, Komplexität zu verringern und Konflikte zu regulieren.25 Auch der letzte
Aspekt verdeutlicht noch einmal, wie sehr sich die Luhmannsche Systemtheorie für die
Untersuchung der frühen Polis eignet – immerhin stellte die Konfliktregulierung
zweifellos einen zentralen Bestandteil politischen Handels in frühgriechischen
Gemeinden dar.26
Da Luhmanns Systemtheorie kein in sich geschlossenes Gebilde darstellt, sondern im
Laufe von ca. 30 Jahren stetig weiterentwickelt wurde und sich darüber hinaus als
äußerst komplex erweist, sollen im nächsten Abschnitt einige kurze, überblicksartige
Erläuterungen zu den Grundzügen und Begriffen erfolgen, die dieser Studie zugrunde
liegen.

II. Grundzüge der Theorie der Gesellschaft nach Niklas Luhmann27


Das wesentliche Merkmal höher entwickelter Gesellschaften ist für Luhmann
übermäßige Komplexität, die pointiert zusammengefasst als die „Gesamtheit der
Möglichkeiten des Erlebens und Handelns verstanden werden“28 kann. Zum Problem
wird Komplexität vor allem dann, wenn nicht mehr „jedes Element“ (womit Luhmann

23
Siehe hierzu etwa Morris 1987, 72f.; Snodgrass 1993; Donlan 1997, 39.
24
Luhmann 1969, 41f.; Luhmann 1970, 73; Luhmann 1984, 45–51.
25
Luhmann 1969, passim, v. a. 25f. 169f.
26
Vgl. exemplarisch Gehrke 1993; Gagarin 1986, 80. 126
27
Die folgenden theoretischen Ausführungen mögen für einen recht kurzen Beitrag verhältnismäßig
umfangreich erscheinen. Da sie aber gleichermaßen die Grundlage für einen bald erscheinenden
zweiten Beitrag zur Herausbildung politischer Verfahren bilden, möge man mir die relative Länge dieses
Teils verzeihen.
28
Luhmann 1972, 6.
9

Bestandteile der Umwelt eines Systems meint – hierzu später mehr) „jederzeit mit
jedem anderen verknüpft sein kann“.29 Ungezügelte Komplexität würde also immer eine
unendlich große Menge an Handlungsalternativen erzeugen, die Individuen naturgemäß
überfordert; dieses Phänomen bezeichnet Luhmann als Kontingenz.30 Aus diesem Grund
geht mit Komplexität stets der Zwang zur Selektion einher: nur durch die Reduktion von
Komplexität lässt sich die Zahl der Alternativen begrenzen und sinnvolles Handeln von
Individuen ermöglichen. Zu diesem Zweck bilden sich Systeme,31 die durch Selektion
einen Ausschnitt aus der überkomplexen Welt isolieren, innerhalb dessen sinnvolles
Handeln gewährleistet ist. Alle Leistungen von Systemen sind auf diese basale
Funktion, Komplexität zu reduzieren, zurückzuführen.32 Die Selektionsleistung eines
Systems ergibt sich aus der Differenzierung von Innen und Außen, wodurch sich ein
starkes Komplexitätsgefälle zwischen dem System selbst und dem überkomplexen
Bereich ergibt, der außerhalb liegt: der Umwelt. Diese gestaltet sich gewissermaßen als
Gesamtheit der sich um ein System befindlichen Komplexität. Hierbei ist wichtig, dass
es nicht eine einzige Umwelt gibt, sondern jedes System seine eigene Umwelt aufweist;
so können etwa durchaus auch weitere Systeme zur Umwelt eines anderen Systems
gehören.33
Eine Antwort von Gesellschaften auf immer weiter steigende Komplexität ihrer
Umwelt ist die funktionale Differenzierung,34 die sich schlicht als weitere
Systembildung innerhalb größerer Systeme bezeichnen lässt.35 Mit anderen Worten: Die
Systeme selbst werden zahlreicher und komplexer, um die Komplexität ihrer Umwelt

29
Luhmann 1984, 46.
30
Ebd., 152.
31
Systeme sind bei Luhmann mitnichten nur auf soziale oder politische Zusammenhänge bezogen; so
bezeichnet er etwa auch Maschinen oder Menschen als Systeme (letztere als psychische Systeme), was
in unserem Zusammenhang aber zu vernachlässigen ist.
32
Luhmann 1971, 11.
33
Zum Begriff der Umwelt siehe v. a. Luhmann 1984, 35f.
34
Hierzu v. a. Luhmann 1997, 597–600.
35
An dieser Stelle sei gleich erwähnt, dass Luhmann mit seiner Systemtheorie im Wesentlichen auf die
Erklärung moderner Gesellschaften seit der frühen Neuzeit abzielt; Antike und Mittelalter waren für ihn
durch stratifizierte Gesellschaften geprägt und damit nicht oder nur unwesentlich funktional
ausdifferenziert (Luhmann 1997, 678–706). Dass diese pauschale Schlussfolgerung bereits für das
Mittelalter nicht zutrifft, konnte Oexle 1991 zeigen. Die entwickelten griechischen Poleis der
archaischen und klassischen Zeit mit ihrem komplexen Gefüge aus Ämtern, Gremien und
Versammlungen sowie der Partizipation aller Bürger an der Politik scheinen demgegenüber erst recht
funktional ausdifferenziert gewesen zu sein; dass Poleis gleichwohl Elemente einer stratifizierten
Gesellschaft aufwiesen, soll gar nicht bestritten werden, hatte aber auf den politischen Bereich kaum
Einfluss. Vgl. auch Mann 2008, der das politische System der athenischen Demokratie erfolgreich als
ausdifferenziertes Subsystem im Sinne Luhmanns inmitten einer stratifizierten Umgebung beschreibt,
und Flaig 2013, X–XVI, der Luhmann historische Uninformiertheit vorwirft – in Hinblick auf die Antike
sicherlich zu Recht. Dem hermeneutischen Wert seiner theoretisch-systematischen Überlegungen tut
diese Kritik indessen ganz offensichtlich keinen Abbruch.
10

noch stärker zu reduzieren. Funktional ist eine solche Differenzierung deshalb, weil „die
Untersysteme nicht als gleiche Einheiten nebeneinandergesetzt, sondern auf spezifische
Funktionen bezogen […] werden.“36 Für das übergeordnete System ‚Gesellschaft‘
stellen etwa Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Familie etc. jeweils Subsysteme
dar, die ganz eigene Aufgaben aufweisen und ihrerseits wiederum ausdifferenziert
werden können. Da diese untergeordneten Systeme jeweils Teile der Umwelt anderer
Subsysteme bilden können und all diese Strukturen zusammen Bestandteile eines
übergeordneten Systems sind, existiert sowohl systeminterne als auch systemexterne
Umwelt. Hieraus ergibt sich folgende Konsequenz: Ein einziges Ereignis führt zu einer
Vielzahl an Veränderungen innerhalb eines Systems, da die Änderung eines Teilsystems
automatisch die Umwelt der anderen Teilsysteme verändert. Ein konkretes Beispiel:
Wirtschaftliche Veränderungen haben nicht nur Auswirkungen auf das Teilsystem
‚Wirtschaft‘, sondern etwa auch auf das der ‚Politik‘ – etwa dann, wenn erwartete
Steuereinnahmen wegbrechen; auch auf das System ‚Wissenschaft‘ wird Einfluss
genommen, indem wirtschaftswissenschaftliche Analysen der Lage von der Politik oder
Firmen eingefordert werden oder sich ganz grundsätzlich neue Forschungsfelder
ergeben.37
Damit diese Dynamik – Luhmann nennt sie einen „geradezu explosive[n]
Reaktionsdruck“38 – nicht überhandnimmt und zur Handlungsunfähigkeit führt,
schreiten die Systeme auf dem Weg der Reduktion von Komplexität fort und schließen
sich zu diesem Zweck immer mehr voneinander ab, so dass sich Veränderungen
innerhalb eines Systems nicht unmittelbar in anderen auswirken können. Diese
Schließung bedeutet, dass Ereignisse der Umwelt nur im Rahmen der eigenen Regeln
des Subsystems Änderungen bewirken können und der systemeigenen Kontrolle
unterliegen. In einem Wort: Die Teilsysteme agieren selbstreferentiell oder
autopoietisch.39 Nur über den Mechanismus der strukturellen Kopplung sind „Kontakte
und damit wechselseitige Irritationen“40 zwischen den Teilsystemen untereinander oder
dem System und seiner Umwelt nun noch möglich und damit zugleich beschränkt.
Systeme operieren jedoch grundsätzlich geschlossen und damit unabhängig

36
Luhmann 1969, 242.
37
Luhmann 1997, 599f.
38
Ebd. 599.
39
Ebd. 599–601. Mit dem Konzept der Autopoiesis hat Christian Mann die von Christian Meier
begründete Auffassung von der „Autonomie der Politik“ im demokratischen Athen untermauert, indem
er das dortige politische System als operativ geschlossenes System beschrieb. Vgl. Mann 2008, 19–22,
und Meier 1980, 92. Ausführlich zu diesem der Biologie entlehnten Phänomen Luhmann 1997, 65–78.
40
Luhmann 1997, 695.
11

voneinander – sie können durch ihre jeweilige Umwelt nur irritiert werden und dann aus
sich selbst heraus Veränderungen hervorbringen.41 Strukturelle Kopplung respektiert
daher die operative Schließung, oder anders ausgedrückt, die Freiheit von Systemen. Im
Gegensatz hierzu stellt Integration ausdrücklich die dauerhafte Aufhebung der
Autonomie von Systemen dar und führt zu Konflikten: „Die moderne Gesellschaft ist
überintegriert und dadurch gefährdet“, so Luhmann.42 Das klingt zunächst paradox, da
der Ausdruck ‚Integration‘ in der Regel positiv besetzt ist. In Luhmanns Kosmos aber
ist das Diktum konsequent: Sobald die Teilsysteme einer Gesamtgesellschaft sich
gegenseitig nicht nur temporär (wie bei der strukturellen Kopplung), sondern dauerhaft
irritieren, bilden sich ständige Reibungspunkte und Kompetenzüberschneidungen, die
Ressourcen verbrauchen und die Stabilität des Gesamtsystems beeinträchtigen – am
Ende steht schlimmstenfalls die Aufhebung der Systemgrenzen, so dass Systeme in
andere, eigentlich unabhängige Systeme hinein operieren. Ein Beispiel aus der Antike
kann diesen Zusammenhang erhellen: Wenn Aristokraten wie Pseudo-Xenophon oder
Theognis monieren, dass die gesellschaftliche Prominenz des Adels nicht mehr
automatisch mit der politischen Herrschaft einhergeht, so ist es systemtheoretisch
gesprochen ein Mangel an Integration, den sie beklagen: Das politische System war
zum eigenen Bereich geworden, indem es sich von anderen Systemen wie das des Adels
abgekoppelt hatte. In dem Moment, in dem gesellschaftliches Ansehen völlig mit
politischer Macht einhergeht, ist also die totale Integration der beiden Systeme
erreicht.43
Sobald sich Systeme gegenüber ihrer Umwelt bzw. gegenüber anderen Systemen
abgeschlossen haben, können sich Verfahren entwickeln: Vor allem innerhalb
politischer, verwaltungstechnischer und juristischer Systeme – also dort, wo
Entscheidungsrechte vergeben werden – tragen sie zur Reduktion von Komplexität bei

41
Wirtschaftliche Veränderungen etwa gehen faktisch ins politische System ein, aber eben nicht
unmittelbar, sondern strukturell gekoppelt und damit systemspezifisch codiert; so lässt sich das
Bruttoinlandsprodukt etwa als codierter Einfluss des Wirtschaftssystems auf die Politik auffassen, als
Datensatz, der aus dem System ‚Wirtschaft‘ stammt, aber das System ‚Politik‘ irritieren kann. In gleicher
Weise ist das politische System vom System der einzelnen Bürger getrennt, da Unmut der Bürger nicht
unmittelbar die politische Konstellation im Parlament umstürzen, sondern nur in Form demoskopischer
Erhebungen indirekten Einfluss nehmen kann – außer dann, wenn der Zeitpunkt der Wahl gekommen
ist, der die beiden Systeme miteinander koppelt. Auch die Demoskopie stellt also eine strukturelle
Kopplung der beiden Systeme dar. Weitere Beispiele, die Luhmann selbst nennt (1997, 781–788), sind
(1.) Zeugnisse, die das Erziehungssystem mit der Wirtschaft koppeln, (2.) Steuern, die Politik und
Wirtschaft miteinander verbinden, und (3.) die Verfassung als strukturelle Kopplung von Recht und
Politik.
42
Luhmann 1997, 618.
43
Zur systemtheoretischen Interpretation von Ps.-Xen. siehe Mann 2008, 14f., der anhand dieses
Beispiels aber nicht Integration, sondern operative Geschlossenheit erklärt.
12

und können das Ergebnis von Entscheidungsprozessen für Individuen erfahr- und
berechenbar machen. Dies gelingt Verfahren deshalb, weil sie verbindliche
Entscheidungen auf der Grundlage bekannter Parameter hervorbringen, die unabhängig
vom Ermessen einzelner Individuen sind – sowohl die Entscheidungen selbst als auch
die Akzeptanz der Betroffenen werden im Idealfall als abstrakte, von außen gegebene
Notwendigkeiten verstanden.44 Kurzum: Verfahren erzeugen Legitimität von
Entscheidungen. Dies gelingt ihnen aus zwei Gründen. Zum einen werden sowohl das
Verfahren selbst als auch seine Beteiligten aus den restlichen Bereichen der
Gesellschaft ausdifferenziert, indem alle Individuen durch feste Rollen in Verfahren
eingebunden werden.45 Solche Rollen werden in Gesellschaften, die auf Verfahren
zurückgreifen und mithin eine gewisse Entwicklungsstufe erreicht haben, aufgrund
funktionaler Kriterien vergeben, die aus dem Verfahren selbst hervorgehen.
Demgegenüber vergeben Gesellschaften, die noch keine Verfahren (etwa zur
Rekrutierung von Entscheidungsträgern) kennen, politische Rollen oder
Entscheidungsrechte anhand askriptiver Kriterien, die sich in fester Anknüpfung an
andere, z. B. magisch-religiöse, militärische, genealogische oder familiäre Rollen und
Eigenschaften ergeben.46 Zum anderen halten Verfahren Entscheidungen offen und
bewirken so eine Abkehr von zwangsläufigen Handlungen und Resultaten; durch diese
Offenheit erzeugen Verfahren eine Unsicherheit des Ausgangs und gewährleisten
„Kritik und Alternativen“, was wiederum hilft, Konflikte zu kanalisieren oder
abzubauen und Individuen an der Mitwirkung am Verfahren motiviert.47

III. Die archaische Zeit auf dem Weg in die komplexe Gesellschaft
Das 8. Jahrhundert gilt in der archäologischen und althistorischen Forschung als eine
Zeit des Umbruchs. Es herrscht weitgehend Konsens darüber, dass gravierende
wirtschaftliche und demographische Veränderungen zunächst einen gesellschaftlichen
Wandel bewirkt und damit die Grundlage für politische Entwicklungen gelegt hatten,
die dann in der Entstehung des Bürgerstaates kulminierten.48 Hier ist nicht der Ort, eine

44
Luhmann 1969, 32–34.
45
Ein Wähler handelt etwa im Rahmen einer politischen Wahl nicht als Klempner, Fußballfan oder
Familienvater, sondern in seiner Rolle als ‚Wähler‘ mit fest definierten Rechten und Pflichten. Dass seine
Motivation für eine bestimmte Wahl durchaus auf seine sonstigen Rollen zurückführbar sein kann, ist
unabhängig hiervon zu sehen (vgl. Luhmann 1969, 47–49).
46
Ebd., 155–158.
47
Ebd., 49–53.
48
Raaflaub 1993, 78–80; Snodgrass 1993, 31f.; Donlan 1997, 39.
13

eigene Untersuchung zu diesem Komplex vorzunehmen oder einen


Forschungsüberblick zu bieten. Vielmehr seien vier Aspekte hervorgehoben, die zeigen
sollen, dass sich die Welt der archaischen Zeit durch eine Zunahme der Komplexität im
oben skizzierten, systemtheoretischen Sinne einer Zunahme von
Handlungsmöglichkeiten auszeichnete.
(1.) Ausgangspunkt aller Überlegungen ist das archäologisch nachweisbare
Bevölkerungswachstum seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts mit einem relativ starken
Anstieg zwischen 780 und 72049 und einer damit einhergehenden Landnot, die sich auch
bei Hesiod widerspiegelt.50 Auf dieses Problem reagierten die griechischen Siedlungen
auf unterschiedliche Weise: Während viele Städte mit der Aussendung von Kolonien
begannen, versuchte Sparta mit einem expansiven Ausgreifen nach Lakonien und
Messenien, den Bevölkerungsdruck zu verringern. Dort, wo anscheinend noch
genügend Land vorhanden war, um den neuen Bedarf zu decken – wie etwa in Attika –,
mussten effizientere landwirtschaftliche Methoden51 entwickelt und das noch freie Land
verteilt werden. In allen Fällen waren die neuen Entwicklungen mit Anforderungen
verbunden, die nur gemeinschaftlich zu lösen waren – sei es, dass Koloniegründungen
in weit entlegene Gebiete koordiniert oder Eroberungszüge vorher nicht gekannten
Ausmaßes geplant werden mussten, sei es, dass interne Belange der Siedlung wie etwa
Landverteilungen zu regeln waren. Doch nicht nur die Notwendigkeit des (öffentlich-
gemeinschaftlichen) Handelns erhöhte sich für griechischen Gemeinden; gleichzeitig
vergrößerte sich natürlich auch ihr Handlungsspielraum: Bevölkerungswachstum und
Arbeitsteilung ermöglichten erst größere kollektive Unternehmungen. Noch bei Homer

49
Obwohl sich die erste Einschätzung von einer Zunahme der Bevölkerung in Attika um den Faktor
Sieben innerhalb eines Zeitraums von zwei Generationen zwischen 780 und 720 durch Anthony
Snodgrass (1977, 204–206; ders., 1980, 22–24) als übertrieben herausgestellt hat (hierzu Morris 1987),
so ist doch die grundsätzliche Einschätzung eines Anstieges in diesem Zeitraum unstrittig. Vgl. nur
Murray 1982, 81; Morris 1987, 72f. 158.; Sallares 1991, 86–90. 122–129; Snodgrass 1993, 31f.; Welwei
1998, 35f.; Stahl 2003, 154. Auch in der Argolis und in Messenien ist Bevölkerungswachstum in dieser
Zeit evident, wie Hägg 1974 und McDonald/Simpson 1972, 144, gezeigt haben. Selbst Osborne 1996,
74–80, der die Methode kritisiert, von der Zahl der Gräberfunde direkt auf demographischen Wandel zu
schließen (in diese Richtung geht auch Scheidel 2004), spricht von einem – wenngleich langsamen –
„steady population growth“ (S. 80).
50
Hes. erg. 375f.: „Nur ein Sohn sei da, das Haus seines Vaters zu hüten.“
51
Einen Wandel der dominierenden landwirtschaftlichen Erwerbsform im 8. Jh. von der Viehzucht hin
zum Ackerbau geht zum einen aus archäologischen Funden (wie Tierknochen und als Grabbeigaben
verwendete Modelle von Kornspeichern) und Pollenanalysen hervor, zum anderen aber auch aus den
frühen literarischen Quellen: Obwohl auch in der homerischen Zeit bereits der Ackerbau vorherrschte,
wie aus Formulierungen wie ἀνήρ σιτοφάγος („brotessender Mann“ als kultiviertes Gegenbild zum
barbarischen Zyklopen) in Od. 9,191 und ἄλφιτον καὶ ἀλείατα, μυελός ἀνδρῶν („Gersten- und
Weizenmehl, das Mark der Männer“) in Od. 20,108 hervorgeht, so hat sich in den Epen noch die
Erinnerung an einstige große Vieherden erhalten. Schon bei Hesiod jedoch dominiert der Ackerbau;
siehe hierzu Snodgrass 1980, 35f.
14

spiegelt sich der ältere Zustand wider: Kriege sind hier ausschließlich Rache- oder
Beutezüge von Oikos-Herren, die eine mehr oder weniger große Gefolgschaft
mobilisieren können; an keiner Stelle ist die Eroberung und Nutzung von Land das
Ziel.52 Die Expansion Spartas und nicht zuletzt der sog. Lelantische Krieg um die
gleichnamige, fruchtbare Ebene auf Euböa53 markieren eine neue Art der
Kriegsführung, die als Antwort auf den Bevölkerungsdruck zu verstehen ist und deren
Ziel die Eroberung neuer, ertragreicher Gebiete zur landwirtschaftlichen Nutzung war.
(2.) Die bereits angesprochene Kolonisation bewirkte einen weiteren strukturellen
Wandel der griechischen Welt: Sie dehnte sich räumlich aus, womit sich analog eine
Vergrößerung des Horizonts und des Handlungsspielraums jeder Gemeinde und jedes
Individuums ergab. Hierdurch wuchs langfristig die Bedeutung des Handels: Sicherlich
wurden viele der Apoikien zunächst als Ackerbaukolonien mit dem Ziel der Entlastung
der Mutterstädte gegründet; wenigstens einige der griechischen Niederlassungen in der
Fremde waren jedoch vornehmlich Handelsstützpunkte – etwa Pithekoussai oder Al
Mina.54 Überhaupt erhöhten sich im 8. Jahrhundert die Kontakte über die eigene Polis
hinaus: Sowohl vermehrte Beziehungen zwischen den einzelnen Poleis und den
griechischen Regionen untereinander55 als auch von griechischen Städten mit
außergriechischen Gegenden (vor allem mit der Levante und Etrurien,56 aber auch
Ägypten57) sind archäologisch nachgewiesen. Durch den Handel gewann auch das
Handwerk an Bedeutung, da handwerkliche Produkte wie bemalte Keramik beliebte
Handelswaren darstellten. Obgleich sicherlich nur wenige Griechen in dieser frühen
Zeit alleine vom Handel oder vom Handwerk lebten, ergab sich auf längere Sicht doch
eine Vermehrung der Erwerbsmöglichkeiten, und daher verwundert es nicht, dass
sowohl Homer als auch Hesiod Händler und spezialisierte Handwerker kennen –
wenngleich sie diese nicht gerade hoch schätzen.58 Vor allem den Adligen verschaffte

52
Finley 1954/1979, 45f.; Nowag 1983, 163–170; Link 1995, 147 mit Anm. 2
53
Hierzu Tausend 1987; Link 1991, 45–47; Parker 1997, 153–160.
54
Boardman 1981, 41–56. 195–199; Murray 1982, 91–94; Osborne 1996, 114–118; Welwei 1998, 43f.
55
Morris 1998, 75. Hiermit korrespondiert die Feststellung von Snodgrass 1980, 51–54, dass sich im 8.
Jh. eine immer größere Hinwendung zu öffentlichen, z. T. überregionalen Heiligtümern ergab, wie der
enorme Anstieg von Votiv- und Opfergaben in Heiligtümern bei gleichzeitigem Aussetzen von
Grabbeigaben zeigt. Ähnlich auch Osborne 1996, 89. – Nur kurz angerissen sei hier das Aufkommen
monumentaler Tempel und die wachsende Bedeutung überregionaler religiöser Spiele und Feste
ebenfalls im 8. Jh.; hierzu exemplarisch Snodgrass 1977, 213–217, und Osborne 1996, 88–104. Zur
Bedeutung von Heiligtümern für die frühe Polis siehe de Polignac 1984; Sourvinou-Inwood 1990;
Hölscher 1999, 46–62 (mit weiterer Literatur unter Anm. 52).
56
Snodgrass 1980, 137f.; Osborne 1996, 112–114; Boardman 1981, 44–47.
57
Boardmann 1981, 129–133.
58
Hierzu Welwei 1998, 42–45, mit Quellenbelegen.
15

der Handel neue Möglichkeiten, Reichtum und Ansehen zu erwerben. 59 Die Welt
gewann mithin an Komplexität, da es mehr Felder gab, auf denen man operieren konnte.
(3.) In homerischer Zeit war der Oikos die Grundeinheit des menschlichen Lebens,
wenngleich sich bereits andere soziale Zugehörigkeitsstrukturen entwickelt hatten.60
Dementsprechend war er für die Adligen, die nichts anderes als Vorsteher besonders
großer Oikoi waren, die wichtigste Quelle ihrer Macht: Militärische Schlagkraft etwa
bemaß sich zunächst einmal nach den männlichen Mitgliedern des Oikos.61 Kleinbauern
wie Hesiod waren sogar noch abhängiger von ihrem bäuerlichen Oikos, da ihre
Wirtschaft völlig auf diesem beruhte. Es verwundert daher nicht, dass sich sowohl bei
Homer als auch bei Hesiod das Ideal von der Autarkie des eigenen Oikos findet. „Geh
am ehernen Amboss vorbei und am vollen Gemeinsaal, wenn zur Winterzeit der Frost
den Mann von der Arbeit abhält, während ein rastloser Mann auch jetzt noch seinen
Oikos mehrt“, mahnt Hesiod.62 Die Umgebung außerhalb des eigenen Oikos empfindet
er geradezu als feindlich: „Vorrat, den einer im Oikos bewahrt, hat keinen gereut noch.
Besser ist es im Oikos; denn vor der Türe droht Schaden.“63 Doch schon zur Zeit
Hesiods konnten Bauern dieses Ideal nicht mehr gänzlich umsetzen, denn auch sie
waren zumindest von nachbarschaftlichen Beziehungen abhängig; überdies kennen
sowohl Hesiod als auch Homer bereits Berufszweige wie Schmiede, Töpfer, Bettler
oder Händler, die nicht mehr selbst produzierten – die Gesellschaft bestand längst nicht
mehr aus reinen Selbstversorgern, was angesichts des Bevölkerungsanstiegs, der
Landknappheit und der Realerbteilung auch gar nicht möglich war. Mit anderen
Worten: Im Autarkie-Ideal spiegelt sich eine alte, vergangene Zeit wider, in der das
Leben noch einfach war und es kaum Alternativen zur Selbstversorgung durch den
eigenen Oikos gab; mittlerweile hatte sich eine äußerst vielschichtige Welt
herausgebildet. Die gestiegene Komplexität schlug sich auf der einen Seite in einer für
viele Zeitgenossen prekären wirtschaftlichen Lage nieder, die alternative Methoden des
Lebensunterhalts notwendig machte, auf der anderen Seite aber auch in einer Erhöhung

59
Dies spiegelt sich für Athen etwa in den solonischen Gedichten (beispielsweise Sol. F 1 D, 43f.) und in
den ebenfalls solonischen Gesetzen über das Exportverbot (Plut. Sol. 24,1) und der Förderung des
Handwerks (Plut. Sol. 22,1) wider. Zur Bedeutung von Handel und den Kolonien für den Adel siehe auch
Stein-Hölkeskamp 1989, 73–81.
60
Exemplarisch Donlan 1989, 9–12.
61
Dementsprechend gibt Telemachos in Od. 16,115–12 als Gründe für seine Misere das Fehlen eines
Bruders und die Abwesenheit des Vaters an – unter diesen Umständen vermöge er es nicht, sich der
Freier zu erwehren.
62
Hes. erg. 492–494; übs. von A. von Schirnding.
63
Hes. erg. 363f.
16

der Möglichkeiten des Individuums, sein Leben zu gestalten. In jedem Fall wuchsen die
Möglichkeiten des Erlebens und Handelns.64
(4.) Ebenfalls vom Bevölkerungswachstum ausgehend, scheint sich im Laufe der
frühen archaischen Zeit eine Wandlung des Selbstverständnisses breiterer
Bevölkerungsschichten ergeben zu haben. Abgesehen von einigen Forschern, die eine
extrem primitivistische Richtung vertreten, herrscht Konsens darüber, dass der Demos
in homerischer Zeit zumindest gelegentlich zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen
in der Lage war.65 Der Bevölkerungszuwachs vergrößerte das Machtpotential des
Demos: Durch seine schiere Größe wuchs das Volk zu einem gewichtigen Faktor heran,
den die Basileis nicht mehr ignorieren konnten – was sie auch nicht taten, wie die
Bedenken der Freier und des Odysseus zeigen, die jeweils Reaktionen des Demos
fürchten.66 Vor dem Hintergrund des nach wie vor existenten und durchgesetzten
Führungsanspruchs der Basileis wird klar, wie viel sozialen Sprengstoff diese neue
Situation barg.
Dass die Adligen ein Zerbrechen der althergebrachten gesellschaftlichen Ordnung in
dieser Zeit fürchteten, verraten uns nicht zuletzt die homerischen Dichter selbst: Der
Iliasdichter lässt das Volk die Zurechtweisung des Thersites durch Odysseus
überschwänglich als ruhmreichste Tat feiern, die der Held je vollbrachte.67 Angesichts
der jämmerlichen Erscheinung und mangelnden Kampfkraft des Thersites auf der einen
und des ruhmreichen und berühmten Helden auf der anderen Seite erscheint diese
Darstellung als völlig überzogene und unrealistische Übertreibung. Warum verzichtete
der Dichter dennoch nicht auf dieses Lehrstück? Die Antwort lautet: Weil er
aufrührerisches Verhalten des Demos als Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung
erkannte und fürchtete, sah er sich gezwungen, die erfolgreiche Unterdrückung solchen
Verhaltens zu rühmen; dass er gerade das restliche Volk diese Tat in überspitzter
Manier loben lässt, ist dementsprechend als rhetorischer Trick aufzufassen, der die
vorgebliche Richtigkeit der Maßnahme des Odysseus aus Sicht des Volkes
unterstreichen und die Vormachtstellung der Basileis zementieren soll. Zu einer solchen

64
Dies entspricht geradezu exakt Luhmanns Definition von Komplexität; siehe etwa Luhmann 1969, 41.
65
S. o. in der Einleitung.
66
Od. 16,380–383; 20,38–43. In Od. 16,424–430 berichtet Penelope, wie der Vater des Freiers Antinoos
einst vor dem Volk seiner Heimatgemeinde fliehen musste, das aufgebracht war, weil dieser an einem
Raubzug gegen die verbündeten Thesproter teilgenommen hatte. Den potentiellen Zusammenhang
zwischen der schieren Größe des Demos und dessen faktischer Macht und stellt innerhalb des Epos auch
Mentor her, wenn er Mentor in Od. 2, 241f. bemängelt, dass sich niemand den Freiern entgegenstellt,
obwohl das Volk doch so groß sei.
67
Il. 2,271–278.
17

Maßnahme hätte der Dichter sich sicherlich nicht gezwungen gesehen, wenn in seiner
Zeit nicht aufrührerische Aktivitäten vorgekommen wären.
Deutlicher noch ist die Darstellung in der Odyssee, deren Verfasser das neue
Potential des Demos geradezu von einer anderen Seite her verdeutlicht, indem er – in
Gestalt des Mentor – die Passivität des Volkes von Ithaka tadelt.68 Wenn es um die
Bedrohung einer rechtmäßigen Vormachtstellung (in diesem Fall der des Odysseus)
geht, scheint ihm kollektives und verantwortungsvolles Handeln des Volkes geradezu
erwünscht zu sein – offenbar zeichnet sich hier ein im Vergleich zur Ilias geändertes
Verständnis von der Rolle des Volkes ab, das eine Passivität des Volkes nicht mehr
billigte – zumindest dann, wenn es Unrecht zu verhindern galt.69 Bei allem Spielraum
für Interpretationen wird hier auf alle Fälle deutlich, dass der Demos seit der
homerischen Zeit eine Rolle spielte, die ihn zum wichtigen Faktor im politischen
Geschehen und in den Erwägungen der Basileis werden ließ 70; letztere konnten sich
fortan nicht mehr nur auf ihren eigenen Oikos und ihr Gefolge verlassen – das Ringen
um politische Macht wurde deutlich komplexer, indem es sich nicht mehr allein auf die
adlige Welt beschränken ließ.
(5.) Zu guter Letzt ist auch die griechische Schrift eine Erfindung des 8.
Jahrhunderts, die nicht nur die Entfaltungsmöglichkeiten für Individuen und die
Reichweite der Kommunikation71, sondern auch und vor allem die Effektivität der
Abwicklung gesamtgemeinschaftlicher Belange erhöhte: Es dauerte jedenfalls nicht
lange, bis man das Potential der Schrift etwa für die Fixierung von Gesetzen und
anderer öffentlicher Belange erkannte, da uns bereits aus dem 7. Jahrhundert
entsprechende Zeugnisse wie die Gesetzesinschriften von Dreros vorliegen – es mag
noch frühere Exemplare gegeben haben. Auch die sich schnell entwickelnde Dichtung
hatte großen Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse, indem die Vermittlung von
Normen, bestimmter Vorstellungen vom Zusammenleben oder politischer Ideen eine
höhere Reichweite bekam. Dass politische Protagonisten der archaischen Zeit wie etwa

68
Od. 2,229–241.
69
An dieser Stelle politische Beschlusskraft des Demos zu postulieren, wie es etwa Hölkeskamp 1997, 3,
tut, halte ich für verfehlt: Hätte das Volk gemäß der Vorstellung des Mentor agiert, so hätte es sich dem
Willen des Telemachos gefügt und gewissermaßen als dessen Waffe im adligen Machtkampf fungiert.
Das Volk hatte durch seine schiere Größe zwar faktische, geradezu physische Macht und wurde dadurch
zur Größe, die Adlige fortan einberechnen mussten; politische Macht erwuchs hieraus zunächst jedoch
noch nicht.
70
So auch die Einschätzung von Hölscher 1999, 29: „Von den Agorai ging die Dynamik der politischen
Veränderung aus.”
71
Zur Erhöhung der zeitlichen und räumlichen Reichweite der Kommunikation durch die Schrift Osborne
1996, 109; Wirbelauer 2004, 198–200.
18

Alkaios, Tyrtaios oder Solon sich der Dichtung als Mittel bedienten, ist daher
bezeichnend.

Die Veränderungen des 8. Jahrhunderts bewirkten also eine durchaus gravierende


Komplexitätssteigerung der Lebenswelt griechischer Siedlungen – Anthony Snodgrass
spricht völlig zu Recht von einer „structural revolution“.72 Hierdurch wurden die
griechischen Gemeinden und ihre Einwohner mit einer Vielzahl von neuen
Anforderungen und Problemen, aber auch neuen Handlungsoptionen konfrontiert,
wodurch sich die Kontingenz, die einzelne Individuen, aber auch Gruppen erfuhren,
stark erhöhte. Mit einem Wort: „Die Gesamtheit der Möglichkeiten […], die sich für
das faktische Erleben abzeichnen“, vergrößerte sich im Laufe des 8. Jahrhunderts enorm
und wuchs im folgenden Jahrhundert noch weiter. Die sich in relativ kurzer Zeit
gravierend verändernde griechische Welt musste vielen Zeitgenossen als „übermäßig
komplex, unüberblickbar und unkontrollierbar“ vorkommen. Die beiden letzten
wörtlichen Zitate beschreiben die Situation des frühen Griechenlands so treffend, dass
sie aus einem Beitrag zur archaischen Zeit Griechenlands stammen könnten. Es handelt
sich jedoch um Formulierungen von Niklas Luhmann, der hiermit seinen Begriff der
Komplexität definiert73 – es scheint also gerechtfertigt, den strukturellen Wandel der
frühen archaischen Zeit als starken Anstieg der Komplexität der Umwelt im
systemtheoretischen Sinne aufzufassen. Die gravierenden sozialen und politischen
Veränderungen innerhalb einzelner Poleis sind daher als systeminterne Versuche zu
werten, übermäßige Komplexität abzubauen und „eine sinnvolle Orientierung des
Handelns“74 erst zu ermöglichen. Laut Luhmann spielen bei derartigen Vorgängen
Verfahren eine entscheidende Rolle; diese sollen dementsprechend im Mittelpunkt der
folgenden kurzen Studien stehen.

IV. Die homerische Volksversammlung


Wie bereits angemerkt, wiesen die Volksversammlungen in homerischer Zeit Merkmale
auf, die auf eine fortgeschrittene Formalisierung hindeuten. So diente etwa ein Zepter

72
Bezeichnend auch das Fazit von Morris 1998, 72: „The eighth century saw ferment, experiment, and
change in central Greece on a scale that has few parallels in Mediterranean history. Everything was
open to challenge: the world was turned upside down.” Ähnlich Stahl 2003, 173f.
73
Luhmann 1969, 41f.
74
Ebd.
19

als Zeichen für das Rederecht;75 Herolde gaben den Zeitpunkt der Versammlung
bekannt und trugen für ihren ordnungsgemäßen Ablauf Sorge, von dem es eine recht
genaue Vorstellung gab.76 In baulicher Hinsicht sind vor allem geglättete Steine als
Sitze für die Ältesten in der Versammlung und die gepflasterte agorê von Scheria als
Zeugnisse für eine Ausdifferenzierung des öffentlichen Raums und damit für eine
gewisse Institutionalisierung der Volksversammlung herangezogen worden.77 Sodann
spiegelt sich an einigen Stellen ein gewisser Respekt der Basileis vor der Macht des
versammelten Demos wider: Die Freier am Hofe des Odysseus befürchten
beispielsweise eine Ahndung ihrer Taten durch das versammelte Volk,78 das also
anscheinend in der Lage war, Sanktionen auch gegenüber exponierten Mitgliedern der
Gemeinde zu verhängen – für viele Historiker ein Indiz für die politische Macht der
agorê.79 Zu guter Letzt scheint eine Stelle der Ilias, an der Nestor Vereinbarungen
(συνθεσίαι) und Eide (ὅρκια) in einem Atemzug mit Ratschlüssen (βουλαί) nennt,80
darauf hinzudeuten, dass die Versammlungen als überindividuelle Gremien
„verbindliche Festlegungen, ja Beschlüsse“ fassten, „die von allen Griechen ein für
allemal getroffen worden sind und dann auch getragen werden“ mussten.81 Träfe dies
zu, so hätte die homerische agorê nach den Maßstäben des soziologischen
Institutionenbegriffs, der vor allem Regelmäßigkeit, Regelhaftigkeit, Verbindlichkeit
und Transintentionalität82 als Merkmale von Institutionen nennt, drei von vier
Kategorien erfüllt – mit ihrer Regelmäßigkeit war es bekanntlich nicht weit her, wie das
20 Jahre andauernde Aussetzen der Versammlung in Ithaka zeigt.83 Sie scheint mithin
als institutionalisiertes politisches Gremium bezeichnet werden zu können.
Bei näherem Hinsehen werden jedoch die Grenzen dieses Konzeptes von
Institutionen für die Frage nach der Entwicklung politischer Strukturen deutlich. Der
formal korrekte Ablauf eines Entscheidungsprozesses etwa deutet für sich allein in

75
Il 2,279; Od. 2,37.
76
Hierzu Hölkeskamp 1997, 11, mit den entsprechenden Belegen.
77
Il. 18,504; Od. 8,6.
78
Od. 16,376–382.
79
Exemplarisch Murray 1982, 73.
80
Il. 2. 339f.
81
Zitat von Hölkeskamp 1997, 3.
82
Transintentionalität meint die Verselbständigung einer Institution von den einzelnen Intentionen der
Akteure. Zu allen vier Merkmalen und diesem soziologischen Verständnis von Institutionen generell
siehe exemplarisch Florian 2006, 89f. (mit Verweisen auf Durkheim und Weber).
83
Od. 2,26f. Sicherlich ergibt sich der große Zeitraum auch aus der Fabel und der poetischen
Überhöhung (Länge des Trojanischen Krieges und eine ebenso lange Dauer der Irrfahrt); ungeachtet
dessen erscheint Regelmäßigkeit hier nicht als notwendiges oder allgemein bekanntes Merkmal der
agorê.
20

keiner Weise auf ein echtes politisches Verfahren hin, sondern zunächst einmal nur auf
eine gewisse Ritualisierung. Viele Historiker messen daher der Regelhaftigkeit der
homerischen agorê zu viel Bedeutung bei, wenn sie hieran das Ausmaß der
Entwicklung politischer Strukturen zur Entscheidungsfindung festmachen. Sowohl
weltliche Rituale und Zeremonien als auch religiöse Liturgien leben vom
ordnungsgemäßen Ablauf bestimmter Handlungen; zusätzlich ist zumeist noch der
richtige Ort und Zeitpunkt des Geschehens von Bedeutung.84 Nun wäre es aber
sicherlich verfehlt, eine mittelalterliche oder neuzeitliche Krönungszeremonie schon
deshalb als echtes Verfahren zu bezeichnen, weil der Vorgang einem strikt geregelten
und formalisierten Ablauf folgte. Daher verwundert es auch nicht, wenn bereits
Kulturen ohne Zentralgewalt solche Praktiken kennen – dass sich an einem
formalisierten Ablauf allein keinerlei politische oder staatliche Entwicklung ablesen
lässt, sollte hinreichend deutlich sein. Ganz im Gegenteil deutet ein allzu strikter Zwang
zum Ablauf korrekter Handlungen, der keinerlei Spielraum für Abweichungen lässt,
eher auf das Gegenteil, also das Fehlen genuin politischer Entscheidungsfindung hin:
Diese lebt geradezu von der Offenheit ihres Ausgangs und muss daher ambivalente
Situationen nicht nur verarbeiten, sondern regelrecht hervorbringen können, was nur
durch Verfahren möglich scheint.85 Reine Rituale haben demgegenüber ausschließlich
das Ziel, eindeutige Situationen zu verarbeiten und in einen immer gleichen,
ganzheitlichen Zusammenhang zu stellen,86 um damit soziale Realitäten zu
reproduzieren.87 Aus diesen Gründen scheint die bloße Formalisierung des Ablaufs
keinen adäquaten Maßstab für eine Beurteilung der homerischen Volksversammlung
bereitzustellen – jedenfalls dann nicht, wenn die Frage nach staatlichen und politischen
Strukturen und nach politischer Entscheidungsfindung im Blickpunkt steht.88
Für solche Fragen sind vielmehr die Offenheit und der Ausgang einer Versammlung
entscheidend, da Verfahren zu vorher nicht feststehenden, aber dennoch bindenden
Entscheidungen führen müssen. Bereits hier zeigt sich die mangelnde Effektivität der
agorê des homerischen Zeitalters: Zuweilen trat sie etwa völlig ergebnislos

84
Siehe exemplarisch Humphrey/Laidlaw 1998, 135.
85
Luhmann 1969, 102.
86
Hierzu überblicksartig Weis 2010, 241–243.
87
Bergesen 1998, 50f. 71.
88
Freilich sind formalisierte (und zuweilen sogar ritualisierte) Abläufe Bestandteile von Verfahren; diese
erschöpfen sich jedoch keineswegs darin, sondern nutzen diese nur – etwa, um ungewisse
Anfangssituationen zu überwinden und den Beginn des Verfahrens erst zu ermöglichen; Entscheidungen
werden durch ritualisierte Elemente des Verfahrens aber nicht hervorgebracht. Vgl. Luhmann 1969, 38–
40.
21

auseinander89 – eine Entscheidung war also keineswegs garantiert. Und in den Fällen, in
denen sie zu einer Entscheidung kam, fehlte im Laufe des Prozesses der
Entscheidungsfindung die Offenheit, die doch charakteristisch für Verfahren ist und vor
allem die Akzeptanz der Entscheidung sowie die Motivation zur Teilnahme der
Individuen stark fördert. Zumeist wurde in homerischer Zeit nämlich genau das
umgesetzt, was der letzte Redner formuliert hatte: „Also sprach er [Agamemnon]; da
schrien die Argeier laut. […] Eilig sprangen sie auf“, heißt es etwa an einer Stelle.90
Genauso verhält es sich mit der trojanischen Volksversammlung: Priamos hört sich
zwei gegensätzliche Meinungen an, entscheidet am Schluss dann aber selbst, was zu tun
ist.91 Der hieran anschließenden Botschaft an die Achaier können wir entnehmen, dass
das trojanische Volk Helena gern zurückgegeben hätte, was allein an der Halsstarrigkeit
des Paris scheitert.92 Wir lernen also, dass das Volk durchaus nicht in der Lage war, in
der agorê seinen Willen gegen den eines Basileus durchzusetzen – im vorliegenden Fall
noch nicht einmal gegen Paris, dem das überragende Renommee seines Bruders oder
Vaters abgeht. Auch in diesem Fall blieb die Versammlung also ohne echtes Ergebnis,
denn diese „Entscheidung“ wäre auch ohne ihre Einberufung getroffen worden. So
verwundert es nicht, dass die Ablehnung des Friedensangebotes durch die Achaier
wiederum in bloßer Zustimmung der Masse im Anschluss an eine Rede des Diomedes
erfolgte: „Also sprach er; da jauchzten ihm zu die Söhne Achaias, voller Bewundrung
über die Rede des reisigen Helden“93 – auch hier keine Spur von einer Entscheidung
durch die Versammlung, zumal erneut Agamemnon das letzte Wort hat. Ein letztes
Beispiel: Im 18. Gesang rät Polydamas den Trojanern zum Rückzug in die Stadt. Hektor
widerspricht und schließt mit den Worten: „Äußre nicht wieder, du Narr, mir solche
Gedanken im Volke. Keiner der Troer gehorcht dir, denn niemals werd’ ich es dulden.
Also wohlan, wie ich rede, so lasset uns alle gehorchen.“ Und am Ende bekommt
Hektor, also der in der sozialen Hierarchie höher stehende Basileus, den Beifall des
Volkes.94
Diese Szenen zeigen hinreichend, dass Entscheidungen nicht durch die
Volksversammlung getroffen wurden, sondern allein durch die Basileis. Die agorê

89
Od. 2,257f.; Od. 3,137–157.
90
Il. 2,394–398. Übs. von H. Rupé.
91
Il. 7,345–380.
92
Il. 7,385–393.
93
Il. 7,398–412.
94
Il. 17, 249–310.
22

diente ihnen als Gradmesser, um ein Meinungsbild des Demos einholen zu können,95
und Methode, ihren Entscheidungen Legitimität zu verleihen; darüber hinaus stellte sie
die Bühne dar, die sich ihnen bot, um sich im ständigen adligen Wettstreit hervorzutun96
– gewiss keine unwichtigen Funktionen. Nicht zuletzt war der Ausgang einer
Versammlung völlig an die Basileis und damit an einzelne Personen gekoppelt und
mithin keineswegs offen: In den meisten Fällen war es an der sozialen Stellung der zu
einer Entscheidung Ratenden abzusehen, wie entschieden wurde – von einer echten
Ungewissheit des Ausgangs also keine Spur. Vor allem aber zeigt diese enge Knüpfung
der Entscheidung an adlige Protagonisten, dass sich noch keine verfahrensspezifischen
Rollen herausgebildet hatten, die von Personen im Rahmen des Verfahrens hätten
ausgefüllt werden können und so zu einer Autonomie des Verfahrens geführt hätten.97
Gerade die fehlende Autonomie ist noch kennzeichnend für den Modus politischer
Entscheidungsfindung zu homerischer Zeit: Agamemnons Vormachtstellung in der
Versammlung entspricht seiner militärischen und sozialen Überlegenheit,98 knüpft also
fest an bereits vorhandene Rollen an, die mit dem Ablauf der Versammlung nichts zu
tun haben – die Zuschreibung seiner politischen Rolle in der agorê erfolgt nach
askriptiven Kriterien, nicht aber im Rahmen funktional spezifizierbarer
Rollenzusammenhänge. Hätte sich bereits ein eigenes System des Politischen gebildet,
so wäre ihm dies nicht ohne Weiteres möglich gewesen, da er verschiedene,
voneinander getrennte Systeme hätte integrieren müssen. Noch deutlicher wird dies an
der Rolle des Achill: Seine soziale Stellung unter den Ersten der Achaier speist sich im
Wesentlichen aus seiner überragenden Kampfkraft (und natürlich seiner göttlichen
Abkunft); wie im Verlauf des Epos deutlich wird und er selbst auch freimütig zugibt
„sind im Rate dagegen andere besser“99 als er. Und dennoch gehört er auch in der agorê
zu den dominanten Basileis und kann sich schließlich sogar gegen Agamemnon
behaupten, was ihm deswegen gelingt, weil er es wie selbstverständlich vermag, sein

95
So auch Schmitz 2011, 29.
96
So beispielsweise auch Donlan 1989, 13f.
97
Und genau dies, die mangelnde Autonomie des Verfahrens, ist auch der Grund, warum es keinerlei
Probleme gab, auch im Heerlager der Achaier eine agorê abzuhalten, obwohl es sich hier ja nicht um ein
einheitliches Gemeinwesen handelte: Im Rahmen der homerischen Volksversammlung fand eben kein
eigenständiges Verfahren statt, das nach eigenen Maßstäben und durch sich selbst in Gang gehalten
wurde, sondern eine Beratung, die nach den Maßgaben ablief, die gerade relevant waren; daher konnte
sie auch als rein militärische funktionale Heeresversammlung fungieren bzw. vom Dichter auf diesen
Sachverhalt übertragen werden, ohne Irritationen hervorzurufen.
98
Ähnlich auch Stein-Hölkeskamp 1989, 94.
99
Il. 18,106.
23

soziales Prestige als Vorzeigeheld – eine nichtfunktionale, mithin askriptive Rolle – in


die Versammlung zu übertragen.
Thersites hingegen, dem einzigen Angehörigen des Demos, der in den Epen in der
Volksversammlung spricht, fehlt dieser soziale Rang. Obwohl er Agamemnon mit
denselben Argumenten kritisiert wie zuvor Achill,100 wird er harsch zurechtgewiesen.101
Dass dieses Verhalten als ungebührlich und schandhaft empfunden wird, liegt also nicht
am Inhalt seiner Rede (was ein funktionales Kriterium wäre), sondern allein an seinem
mangelnden Status und somit an einem nicht erfüllten askriptiven Kriterium. Einzig
Nestors Rolle in der agorê ist am ehesten als funktional relevant zu bezeichnen. Dessen
wichtigste Eigenschaft, seine Weisheit, entstammt aber ebenfalls keinem
Rollenzusammenhang, der spezifisch der Versammlung zuzuordnen wäre; auch hier
fehlt es an einer funktionalen Übertragung auf das Gremium, an einer Abstrahierung
seiner gesellschaftlichen Rolle – etwa durch eine Wahl oder dergleichen.
Kennzeichen der Volksversammlung zu homerischer Zeit ist also eine „diffuse
Verquickung verschiedener Rollenbereiche“.102 Dies führte vor allem dazu, dass sich
kein politisches System ausdifferenzieren konnte, welches sich von anderen Systemen
hätte abgrenzen können. Diese mangelnde Autonomie bedeutete, dass sich alle
möglichen gesellschaftlichen Veränderungen (bzw. Änderungen der Umwelt) auch im
Rahmen des Politischen auswirken konnten. Infolgedessen wurden Probleme, die
eigentlich anderen Bereichen angehören, sehr schnell im Rahmen öffentlicher
Entscheidungsfindung verhandelt. Ein Beispiel hierfür ist – bei aller dramaturgischen
Ausgestaltung – der Streit zwischen Achill und Agamemnon: Begonnen als Zwist
zwischen zwei einzelnen Personen, wurde er durch den mehrfachen Einbezug des
versammelten Demos zu einem politischen Problem mit gravierenden Konsequenzen
für die Gesamtgemeinde der Achaier, das das gesamte Unternehmen gefährdete. Hätte
es ausdifferenzierte Systeme gegeben, so hätte man den Streit mithilfe eines
systemspezifischen Verfahrens innerhalb der Grenzen eines anderen Teilsystems
abgehandelt und somit einen übergreifenden Konflikt vermieden. Da es solche
Teilsysteme noch nicht gab, blieb nur die Volksversammlung, so dass zum einen
Ressourcen, Kapazitäten und Zeit verschwendet wurden, zum anderen Konflikte schnell
auf die Gesamtgemeinde überzugreifen drohten. Adlige Protagonisten konnten also

100
Dies hat die Forschung schon oft festgestellt; siehe etwa Thalmann 1988, 19f.; Schmidt 2002, 139.
101
Il. 2,211–277.
102
Luhmann 1969, 158, womit er den Zustand meint, der durch die Ausdifferenzierung politischer
Systeme und durch funktionale Rollenzusammenhänge überwunden wird.
24

mühelos eine private Angelegenheit zu einer öffentlichen, zu einem δήμιον, machen –


entsprechendes Sozialprestige vorausgesetzt. Dass es Telemachos etwa nicht vermag,
öffentliches Gehör für die Bedrohung seines Oikos zu bekommen, liegt einzig und
allein an seinem noch zu geringen sozialen Rang. Athene verlieh ihm zwar ein
glänzendes Aussehen, um sein Auftreten auf der agorê überhaupt zu ermöglichen,103
doch selbst das kann sein mangelndes Ansehen nicht übertünchen.
Kurzum: Die homerische Volksversammlung behandelte zwar durchaus politische
Themen, war aber kein genuin politisches Gremium zur Entscheidungsfindung, da sie
nicht vom gesellschaftlichen Bereich zu trennen war – es handelte sich um kein
ausdifferenziertes politisches System, das nach eigenen Regeln und Maßstäben
politische Verfahren in Gang zu setzen vermochte. Dies bedeutet freilich nicht, dass die
Volksversammlung bzw. der Demos in homerischer Zeit eine völlig zu
vernachlässigende Größe gewesen wäre.104 Wie aus der vielzitierten Unterhaltung
zwischen Glaukos und Sarpedon hervorgeht,105 bezogen die Basileis das Volk in ihren
Erwägungen durchaus mit ein, da ihre soziale Stellung abhängig vom Ruhm war, der
wiederum zum Teil von der Meinung des Volkes abhing. Das Volk fungierte als
Öffentlichkeit, im Rahmen derer sich die Basileis hervortaten und Ehre erwarben.106

103
Od. 2,12f.
104
Seltsamerweise geht die Forschung oft davon aus, dass das eine (die Macht des Volkes) mit dem
anderen (einem fertigen politischen System mit einer politischen Volksversammlung) einherging; vgl.
etwa Murray 1982, 73; Andreev 1989, 17; Hölkeskamp 1997, 3. Vielmehr konnte es sich sogar
andersherum verhalten: Wenn sich eigene Teilsysteme ausdifferenziert hatten (z. B. politische oder
gerichtliche), konnte dies dazu führen, dass eine Mobilisierung des Volkes deutlich erschwert wurde, da
Konflikte in die einzelnen Teilsysteme kanalisiert wurden und mithin nicht auf die Gesamtgemeinde
einwirken konnten. Macht hatte das Volk zu homerischer Zeit durchaus, aber eine politische Größe
konnte es trotzdem noch nicht sein. Die athenische Demokratie etwa setzte spezifische Verfahren und
einen ausdifferenzierten politischen Bereich voraus.
105
Il. 12,309–321.
106
Keineswegs geht jedoch aus der Unterhaltung der beiden lykischen Adligen hervor, dass es der
Demos war, der den Basileis die Privilegien verliehen hätte. Genau dies versucht aber Raaflaub 1989, 13,
der Stelle gewaltsam zu entnehmen, indem er lediglich einen Teil des Textes zitiert und hiermit die
Bezüge der einzelnen Satzbestandteile untereinander verfälscht (im Folgenden gebe ich Raaflaubs Ilias-
Zitat und dessen anschließenden Kommentar wieder): „‚Glaukos, warum sind wir beide wohl geehrt am
meisten mit Ehrensitz und Fleischstücken und vollen Bechern in Lykien, und alle blicken auf uns wie
Götter? Und ein Landgut, ein großes, behauen wir an des Xanthos Ufern, ein schönes, mit Baumgarten
und Saatfeld, weizentragendem. Darum [Hervorhebung durch O. G.] müssen wir bei den Lykiern jetzt
unter den Ersten stehen oder uns der brennenden Schlacht entgegenwerfen.‘ Musterhaft wird die
Verpflichtung von Hektor erfüllt.“ Raaflaub bezieht den begründenden Satz also auf den vorangegangen
(siehe meine Hervorhebung). In Wirklichkeit bezieht sich der im griech. Original mit τῶ νῦν χρὴ
eingeleitete Teil aber auf den von Raaflaub weggelassenen Teilsatz, „… dass man solches im Volk der
gewappneten Lykier spräche: Wahrlich, ruhmlos herrschen sie nicht im Lykierland“, was ganz eindeutig
aus dessen einleitender Konjunktion ὄφρα hervorgeht. In einem Wort: Die lykischen Könige sehen keine
direkte Verknüpfung ihrer Privilegien mit ihrer Performance in der Schlacht, sondern sind lediglich um
Ruhm und Ehre auch von Seiten des Volkes bemüht.
25

V. Ämterbildung und Wahlverfahren: Die Ausdifferenzierung politischer


Rollen
Noch in homerischer Zeit oblag es einzelnen Persönlichkeiten, Führungsansprüche im
Rahmen ihrer Gemeinde geltend zu machen, indem sie ihr soziales Prestige in
Entscheidungsgewalt umsetzen konnten. Die politische Vormachtstellung der Basileis
beruhte auf den Rollen, die sie in anderen gesellschaftlichen Bereichen ausübten – vor
allem wirtschaftliche und militärische Rollen standen hier im Vordergrund. Die
Vermutung liegt nahe, dass eine solche Verteilung von Entscheidungskompetenz
anhand askriptiver Kriterien in der immer komplexer werdenden Welt der archaischen
Zeit nicht länger aufrechterhalten werden konnte, da analog zur Welt auch die
Komplexität der Macht gestiegen war: Sich ausdifferenzierende wirtschaftliche, soziale,
juristische, militärische und religiöse Handlungsbereiche einer immer größeren
Gemeinde verlangten mehr Aufmerksamkeit und höheren Aufwand; die Gesellschaft
wurde derart komplex, dass spezifisch ausdifferenzierte und funktionale Rollen die
einzelnen Bereiche übernehmen mussten. Solche Rollen wurden fest an eigens
geschaffene und für diese einzelnen Bereiche zuständige, also funktionale Ämter
geknüpft – im Vergleich zu den zuvor vorherrschenden rein gesellschaftlich
zugeschriebenen Führungsrollen der homerischen Adligen stellte dies eine immense
Erhöhung der systemeigenen Komplexität des politischen Systems dar.
Was bisher nur als theoriegeleitete Vermutung formuliert wurde, wird durch den
historischen Befund bestätigt. Unser frühestes direkt überliefertes Zeugnis für die neu
entstandenen Ämter ist das sog. Amtsgesetz von Dreros aus der zweiten Hälfte des 7.
Jahrhunderts:
ἇδ’ ἔϝαδε πόλι ἐπεί κα κοσμήσει δέκα ϝετίον τὸν α-
ϝτὸν μὴ κόσμεν αἰ δὲ κοσμησίε, ὁ[π]ε δικακσίε, ἀϝτὸν ὀπῆλεν διπλεῖ καϝτὸν
ἄκρηστον ἦμεν, ἇς δόοι, κότι κοσμησίε, μηδὲν ἤμην.
Χ ὀμόται δὲ κόσμος κοὶ δάμιοι κοὶ ἴκατι οἱ τᾶς πόλ[ιο]ς.

So hat entschieden die Polis: Wenn einer Kosmos gewesen ist, soll für zehn
Jahre derselbe nicht (wieder) Kosmos sein. Wenn er (doch) als Kosmos amtiert:
gleich, was er geurteilt hat, soll er (an Strafe) schulden ein Doppeltes, und er
soll (für das Amt) unbrauchbar sein, solange er lebt, und was er als Kosmos
verfügt hat, soll nichtig sein. Eidesleister sollen sein der Kosmos und die
Damioi und die Zwanzig der Stadt.107

Da durch diese Inschrift bereits eine Einschränkung der Amtsgewalt des Kosmos
vorgenommen wurde, ist davon auszugehen, dass die Einführung dieses Amtes zum

107
Meiggs-Lewis Nr. 2; Koerner Nr. 90; Nomima I, Nr. 81. Übs. nach HGIÜ I 1992, Nr. 2.
26

Zeitpunkt des Gesetzeserlasses bereits geraume Zeit zurücklag. Die als


Schwurinstanzen genannten Damioi und der „Zwanzig der Polis“ genannte Rat108
werden als bekannt vorausgesetzt und stellten ebenfalls bereits etablierte Instanzen dar.
Schon zu diesem Zeitpunkt gab es also mindestens zwei verschiedene Jahresämter und
neben der obligatorischen Volksversammlung ein weiteres Kollegium aus 20
Mitgliedern. Doch dies waren nicht die einzigen politischen Instanzen dieser Zeit:
Durch nur wenige Jahre jüngere Inschriften wissen wir um zwei weitere Ämter in
Dreros, den Agretas und die Thystai.109 Auch wenn die genauen Funktionen der Ämter
weitgehend unklar bleiben, so wird die immer stärkere funktionale Ausdifferenzierung
politischer Rollen deutlich.110
Die Kosmen übten das wichtigste Jahresamt der Polis aus und hatten wohl noch recht
weitreichende Kompetenzen, wie sich aus der Amtsbezeichnung selbst sowie dem Verb
κοσμεῖν ergibt, mit dem der allgemeine Aufgabenbereich in der Inschrift umschrieben
wird – die Beamten waren also verantwortlich für das Funktionieren des
Gesamtgefüges, eben des κόσμος der Gemeinde. Hierzu gehörte auch das militärische
Oberkommando, wie wir durch andere Quellen wissen.111 Zusätzlich fungierten sie als
Richter, da sie laut der Inschrift Urteile fällten.112 Die genaue Funktion der Damioi ist
hingegen unklar; möglicherweise waren sie ein Kollegium, das mit wirtschaftlichen
Aufgaben betraut war.113 Bei den Thystai handelte es sich um Sakralbeamte der
Gemeinde.114 Bei aller Unsicherheit können wir doch mit Bestimmtheit sagen, dass alle
Magistraturen mit je eigenen Bereichen betraut und somit funktional ausdifferenziert
waren. Derselbe Befund liegt für Gortyn vor, wo neben dem Kosmos noch die Ämter

108
Dass es sich bei den Zwanzig der Polis um den Rat handelte, ist communis opinio; siehe etwa
Ehrenberg 1943, 17; Gehrke 1993, 53f.; Hölkeskamp 1999, 91; Seelentag 2009, 68; Grote 2014b, 71f.
Irrig dagegen Willetts 1955, 167–169 (siehe hierzu Grote 2014b, 71 mit Anm. 39).
109
Agretas: Koerner Nr. 91; Nomima I, Nr. 64. Thystai: Koerner Nr. 93; Nomima I, Nr. 27; hier folge ich
der ursprünglichen Lesung van Effenterres, die auch Seelentag 2009, 79, und Koerner 1993, 341f.
bevorzugen.
110
Laut Seelentag 2009, 68, sei kaum davon auszugehen, dass sich innerhalb weniger Jahre seit dem
Amtsgesetz weitere Ämter gebildet hätten; die Thysten und den Agretas habe es dementsprechend
bereits zum Zeitpunkt des frühesten Gesetzes gegeben und sie seien dort als Schwurinstanzen bewusst
ausgelassen worden. Diese Vermutung ist sicherlich plausibel. Für die hier angestellten Überlegungen
zur grundsätzlichen Ämterbildung kommt es mir auf einige Jahre ohnehin nicht an – spätestens zum
Zeitpunkt von Koerner Nr. 91 und Nr. 93, die ja ebenfalls aus dem 7. Jh. stammen (zur Datierung siehe
Jeffery 1990; Perlman 2004), war die Ausdifferenzierung der Ämter auf dem Stand, den Seelentag
bereits auf der Stufe des Amtsgesetzes annimmt.
111
SGDI 4985; Aristot. pol. 1272a, 9f.
112
Zum Kosmos siehe Link 1994, 97–112; Seelentag 2009.
113
Zu den Damioi siehe etwa Gehrke 1993, 53 mit Anm. 21, und Seelentag 2009, 68 mit Anm. 13.,
jeweils mit Verweisen auf die einschlägige Literatur.
114
Van Effenterre 1946, 602; Koerner 1993, 341.
27

des Gnomon, des Xenios, der gemäß seinem Namen mit Angelegenheiten von Fremden
und Nichtbürgern betraut war, und des Titas durch Inschriften belegt sind.115 Im 5.
Jahrhundert treten dann weitere Ämter hinzu, etwa Esprattai, Dikastai, Mnamones und
Poinikastai. Dass diese Entwicklung kein rein kretisches Phänomen war, zeigt die
Existenz verschiedener Ämter in Chios und Athen, die auch hier für je eigene Bereiche
zuständig waren.116
Notwendig wurde die Ausdifferenzierung der Ämter durch die (in Abschnitt 3
nachgezeichnete) Komplexitätssteigerung der griechischen Welt: Die wachsende Zahl
an Bereichen, in denen Individuen, Gruppen und Gemeinden tätig werden konnten und
die somit regelungsbedürftig wurden, erhöhte zwangsläufig auch die Komplexität der
Macht. Hieraus erwuchs der Bedarf an neuen Organisationsformen politischer
Herrschaft: Eine allgemeine und universale Führungskompetenz, die noch die Basileis
der homerischen Epen beanspruchen konnten und dort bis in den sakralen Bereich
reichte,117 vermochte niemand mehr auszuüben. Vielmehr entstanden vielfältige
Instanzen, die sich gegenüberstanden und einen modus vivendi entwickeln mussten, um
im Zusammenspiel zu funktionieren – sowohl im Rahmen einzelner Ressorts der
verschiedenen Ämter als auch innerhalb des Kollegiums eines Amtes. Bereits hier zeigt
sich eine Ablösung der politischen Rollen von denen des gesellschaftlichen Lebens und
damit eine beginnende Systembildung des Politischen. Ganz allgemein wurde auf
diesem Weg eine immense Selektionsleistung erbracht, indem nur noch ganz bestimmte
Teile der überkomplexen Umwelt Eingang ins System fanden konnten.
Mit der Bildung von Systemen ging die Herausbildung von Verfahren als Bestandteil
der Systeme einher – etwa bei der Besetzung von Führungsrollen durch Wahlen. Dies
führte zu einer deutlichen Einschränkung persönlicher Macht, da diese in eine fest
umrissene Amtsgewalt überführt wurde. Es handelte sich nicht mehr um zeitlich
unbeschränkte und informell aufgrund des sozialen Prestiges besetzte Führungsrollen,
sondern um gewählte und befristete, also im Rahmen eines Verfahrens besetzte Ämter,
wie aus dem Iterationsverbot des Amtsgesetzes in Dreros hervorgeht: „Wenn jemand als
Kosmos fungiert hat (κοσμήσει)“ lesen wir dort, was impliziert, dass auch schon vor der

115
ICret IV 14g–p (= Koerner Nr. 121; SGDI 4979). Zum Xenios siehe Link 1994, 98 mit Anm. 7. Die
früheste Erwähnung der Titai (Ende des 7. Jh.) in ICret IV 15 (= Nomima II, Nr. 23).
116
In Chios gab es neben dem Rat noch die Demarchen und die Basileis (Meiggs-Lewis Nr. 8). Für Athen
bezeugt das drakontische Gesetz (IG I3 104 = Meiggs-Lewis Nr. 86) die Epehtai und Basileis; hinzu kommt
mindestens noch das (später ebenfalls funktional ausdifferenzierte) Kollegium der Archontes.
117
So führt in Pylos wie selbstverständlich Nestor als prominentester Basileus die Opferzeremonie durch
(Od. 3, 419–472). Nur in Troja scheint es eigene Priester gegeben zu haben.
28

Einführung des Iterationsverbotes die Amtszeit endlich war.118 Wie ist nun die Wahl
von Amtsträgern, die (zeitlich begrenzte und inhaltlich umrissene) politische Rollen
ausübten, in Hinblick auf die Herausbildung des Politischen zu bewerten? Zunächst ist
festzuhalten, dass die Wahl als echtes Verfahren eine Unsicherheit des Ausgangs
erzeugt, indem sie Alternativen zur Verfügung stellt und einen offenen Ausgang bietet:
Es war im Vorfeld nicht mehr ohne weiteres abzusehen, wer Führungspositionen
bekleiden würde. Ganz nebenbei wirkte dies als Motor für eine hohe Beteiligung an
diesem Verfahren119 sowie als Möglichkeit für das Volk, durch Wahlentscheidungen
ungefährlichen Protest zu äußern – im nächsten Jahr bekam man ja erneut die Chance
zu wählen. Sodann bedeutete die Wahl bzw. die Unsicherheit des Ausgangs die
Abkopplung der Macht von askriptiven Kriterien: Potentielle Entscheidungsträger
konnten nun nicht mehr durch eigene andere Rollen (reicher Großgrundbesitzer; starker
Krieger) getragen werden, sondern mussten sich der Rollen anderer (in diesem Fall der
Wähler) innerhalb eines Verfahrens bedienen. Zwar ließen sich Wähler sicherlich auch
weiterhin von den gesellschaftlichen Rollen der Kandidaten beeinflussen, aber verlassen
konnte man sich hierauf nicht mehr; und spätestens durch Mechanismen der
Amtsbeschränkung wie die oben beschriebenen – also etwa das Iterationsverbot –
verloren solche nichtpolitischen Vorteile Einzelner immer mehr an Bedeutung. Die
zwangsläufige Verknüpfung von gesellschaftlicher Hierarchie mit politischer Macht
gehörte jedenfalls endgültig der Vergangenheit an – die beiden Systeme hatten sich
voneinander getrennt. Das politische System erlangte hiermit eine immer größere
Autonomie gegenüber der Gesellschaft und schloss sich gegenüber anderen Systemen
ab, was vor allem durch die Einrichtung von Ämtern, deren Inhaber Verfahrensrollen
innehatten, vorangebracht wurde: Solche Rollen waren zunächst abstrakt und wurden
erst innerhalb des Verfahrens im Rahmen festgelegter Handlungen konkretisiert.
Einen ähnlichen Effekt hatte die Etablierung von Wahlverfahren auch auf jeden
einzelnen Wähler: Dieser wurde entindividualisiert, da seine sonstigen und
individuellen Rollen (Oikosherr, Familienvater, Aristokrat, Bauer) im Bereich des

118
Die Parallelüberlieferung aus Gortyn (ICret IV 14g–p = Koerner Nr. 121; SGDI 4979) mit zum Teil
kürzeren Sperrfristen, die sich jedoch ebenfalls nach Jahren bemaßen (drei, fünf und zehn Jahre für die
verschiedenen Ämter), legt eine Amtsdauer von einem Jahr nahe, da sich nur diese Zahl sinnvoll mit
allen Sperrfristen in Verbindung bringen lässt: Hätte die Amtszeit zwei Jahre angedauert, so wäre
beispielsweise das dreijährige Iterationsverbot sinnlos gewesen, da das Amt am Ende dieser Periode
noch gar nicht vakant war – vorausgesetzt, es bestand nicht der unwahrscheinliche Fall einer
abweichenden Amtszeit der verschiedenen Ämter, was aber bereits unter (zeit-)ökonomischen
Gesichtspunkten unrealistisch erscheint.
119
Unsicherheit abzubauen, ist eines der wichtigsten Motive zum Handeln von Individuen; siehe hierzu
Maslow 1981, 62ff.
29

Wahlverfahrens keine Relevanz mehr hatten und daher zu vernachlässigen waren –


wohlgemerkt nur im Rahmen des Verfahrens selbst, denn sein Wahlverhalten war
sicherlich weiterhin von seinen sonstigen Rollen geprägt. Da es nun aber enorm viele
Rollen von Individuen gab – je komplexer die Gesamtgesellschaft, desto mehr –, gab es
ebenso viele denkbare Motive für eine Wahl: Der Einfluss einzelner Rollen und
Bindungen sowohl des Wählers als auch des Kandidaten musste somit aufs
Gesamtsystem bezogen gering bleiben. Die wichtigste Leistung der Wähler als Träger
des Wahlverfahrens war es also, auf einen Schlag enorm viele Möglichkeiten zu
eliminieren, oder in der Terminologie der Systemtheorie gesprochen, Komplexität zu
reduzieren. Die Wahl war mithin ein leistungsstarker Filterprozess des wählenden
Individuums mit der Funktion, eine Vielzahl von Motiven auszuschließen und nur
einige wenige als relevant anzuerkennen. Hiermit entlasteten die Wähler das politische
System der Polis enorm, indem sie hohe Komplexität und damit übermäßige
Handlungsmöglichkeiten (die sich in diesem Fall als Auswahlmöglichkeiten
manifestierten) reduzierten und es auf diesem Weg von gesellschaftlichen Rollen
abkoppelten.
Gewissermaßen als Nebeneffekt ergab sich hieraus eine grundsätzliche Gleichheit
der Wähler. Diese resultierte also nicht etwa aus moralischen Vorstellungen oder gar
naturrechtlichen Erwägungen, sondern aus einem ganz und gar funktionalen
Zusammenhang, der sich nur im Rahmen von Verfahren ergeben konnte: Persönliche
Unterschiede jeglicher Couleur (wie etwa wirtschaftliche, soziale oder militärische)
spielten im Verfahren keine Rolle und waren mithin zu vernachlässigen.
Selbstverständlich existierten Ungleichheiten innerhalb des Demos auch weiterhin,
fanden aber keinen Eingang mehr ins politische System, das sich auch auf diesem Wege
immer mehr von sonstigen Systemen der Gesellschaft abschloss. Möglicherweise war es
dieser Zusammenhang, der zur Entstehung eines einheitlichen Bürgerrechts in den
Poleis führte, was angesichts der vielfältigen Ungleichheiten, die die sich bildenden
Bürgerschaften im Übrigen prägten, einigermaßen verblüffend erscheint.
Ein anderes wichtiges Ergebnis der Herausbildung von Wahlämtern war die
Tatsache, dass sich die durch das politische System bereitgestellte und durch politische
Rollen auszuübende Macht nicht beliebig vermehren konnte – die Soziologie nennt
dieses Phänomen Machtsummenkonstanz.120 Durch die Ausdifferenzierung des

120
Vgl. Luhmann 1969, 176f., dessen Überlegungen zur Machtsummenkonstanz in unserem Sachverhalt
allerdings nicht weiterführen, da er den Begriff ausschließlich auf das Mehrheitsprinzip bezieht: Mit
Macht meint er an dieser Stelle nur das Vermögen, sich in Abstimmungen durchzusetzen; Machtmittel
30

politischen Bereichs als eigenes System konnten systemfremde Machtressourcen nicht


mehr ohne Weiteres genutzt werden, um die eigene Machtposition auszubauen 121 – das
haben wir bereits mit Blick auf den Zugang zu Führungsrollen festgestellt. Dies
bedeutete aber auch, dass fortan die faktische Macht desjenigen, der die Rolle – sprich:
das Amt – ausführte, ebenfalls beschränkt blieb. Vor der Ämterbildung ließen sich
Machtmittel noch bequem in die Führungsrolle einbringen. Ein Beispiel: Agamemnon
und Odysseus sind beide aufgrund ihres überragenden gesellschaftlichen Ansehens die
führenden Basileis ihrer jeweiligen Gemeinde. Dennoch unterscheidet sich ihre
faktische Macht: Agamemnon vermag sich irgendwann die Rolle des obersten
Heeresführers der Griechen zu sichern, da er über das meiste Gefolge verfügt und
diesen Vorteil in seiner Rolle als herausragender Basileus auch ausspielen kann.122 Sein
Vorgänger etwa mag als herausragender Adliger von Mykene zwar dieselbe Rolle
innegehabt haben, war faktisch aber viel machtloser als Agamemnon, wenn er nicht
über dieselbe Menge an Gefolge hatte gebieten können. Solche Vorteile konnte ein
Kosmos, Demarchos oder Archon nicht mehr nutzen: Ihre Macht blieb immer konstant,
da diese durch das Amt vorgegeben wurde – einmal im Amt, konnten sie nicht einfach
soziales oder wie auch immer geartetes Kapital – um einmal mit Bourdieu zu sprechen
– ohne Verluste in politische Macht umwandeln.123

Bisher richtete sich unser Augenmerk auf die bloße Herausbildung der Ämter. Die
bereits herangezogenen Inschriften des 7. Jahrhunderts spiegeln aber bereits eine
weitere Etappe der politischen Entwicklung wider, die mit der Eingrenzung der
Amtsgewalt einherging; dieser Schritt soll nun hinsichtlich seiner Bedeutung für das
politische System genauer untersucht werden.
Das aus Dreros und Gortyn bezeugte Iterationsverbot mit Sperrfristen von zehn bzw.
drei Jahren für den Kosmos sowie das nur unwesentlich jüngere Gesetz von Chios mit

ist in diesem Zusammenhang also die potentielle Gesamtzahl der Stimmen, die sich eben nicht
verändern lasse, wohl aber deren Verteilung. Vgl. hierzu auch die radikale und – angesichts einer in
Hinblick auf die Antike nicht zu leugnenden historischen Uninformiertheit Luhmanns – prinzipiell
berechtigte Kritik von Flaig 2013, X–XVI, die freilich in ihrer Aggressivität überzogen ist. Mir kommt es
beim Begriff der Machtsummenkonstanz aber ohnehin nicht auf die Konstanz an, die sich durch das
Mehrheitsprinzip ergab, sondern auf die fest definierten Kompetenzen im Rahmen der Amtsgewalt, die
sich nicht mehr beliebig vermehren ließen.
121
Jedenfalls dann nicht, wenn sich an die systemeigenen Regeln gehalten wurde; einige Tyrannen etwa
vermochten es selbstverständlich durchaus, diese Regeln zu überwinden – wenn auch zumeist nur
kurzzeitig.
122
Il. 1,281f.
123
Allerhöchstens konnten Individuen versuchen, soziales Kapital zu nutzen, um Zugang zum Amt zu
gelangen.
31

seinen Regelungen zur Berufung gegen Entscheidungen von Beamten setzen


Erfahrungen mit Amtsmissbrauch und harsche Kämpfe um das Amt voraus, wie in der
Forschung immer wieder festgestellt wurde.124 Waren die oben beschriebenen Effekte
der Ämterbildung also unwirksam? Keineswegs, denn gerade der Kampf um das Amt
und das Bestreben, ein Amt dauerhaft zu besetzen, zeigten den Erfolg bei der
Einführung des politischen Systems. Die zugrunde liegende Regel, nach der politische
Führerschaft nur noch im Rahmen von Ämtern möglich war, hatte sich also mittlerweile
etabliert. Was sich aber noch nicht hatte ausschalten lassen, war die Konzentration von
Macht durch das Amt selbst, indem Einzelne ihre Amtszeit zu perpetuieren versuchten –
gegen eben diesen Missstand richteten sich die Iterationsverbote. In dieser Hinsicht war
das politische System anscheinend sehr wohl noch defizitär, so dass nachgebessert
werden musste. Eine solche korrigierende Bestrebung wird auch in zwei weiteren
Gesetzen aus Gortyn125 deutlich, aus denen hervorgeht, dass es amtierenden Kosmen
nicht erlaubt war, Privatprozesse zu führen – der Einfluss des Amtes wurde als so groß
eingeschätzt, dass man ein Übergreifen der Amtskompetenz auf das System des
Privaten/Gesellschaftlichen befürchtete und sie daher ausdrücklich in die Schranken des
politischen Systems verwies.
Weitere Probleme des politischen Systems werden offenbar, sobald man den
Zusammenhang zwischen den neuen Ämtern und den alten gesellschaftlichen Rollen
betrachtet. Durch funktional spezifizierbare Rollen, die fest an politische Ämter
geknüpft wurden, sowie das Rekrutierungssystem der Wahl konnte zwar eine direkte
Vergabe politscher Macht anhand askriptiver Kriterien aufgehoben werden. Eines ließ
sich aber nicht verhindern: Das Personal, das die Führungsrollen besetzte, änderte sich
zunächst kaum. In struktureller Hinsicht waren es dieselben Personen, die zuvor noch
als Basileis um Einfluss in ihrer Gemeinde konkurriert hatten und sich nun um die
neuen Ämter bemühten. Es waren weiterhin Adlige, die ihre von Haus aus bestehenden
Vorteile ausnutzen konnten, um ins Amt zu gelangen. Sicherlich trachteten sie danach,
die früher genossene Freiheit sowie die zeitliche Unbeschränktheit ihres Handelns in die
neuen Institutionen zu überführen; bedenkt man die Tatsache, dass es eine Welt des
Adels mit eigenen Gepflogenheiten und Lebensformen – mit anderen Worten, ein
System des Adels – noch immer gab, so lässt sich dieses Bestreben als Versuch der
Integration zweier Systeme bezeichnen. Dies konnte den Adligen dadurch gelingen,
dass sie gesellschaftliche oder wirtschaftliche – also politisch nichtfunktionale –
124
Gehrke 1993, 66f.; Walter 1993, 52; Perlman 2002, 206–212; Link 2003, 144–148.
125
ICret IV 72, Kol. 1, 51–55 = Koerner Nr. 163; ICret IV 41, Kol. 4, 10–14 = Koerner Nr. 128.
32

Eigenschaften und Vorzüge ausspielten. An dieser Stelle hatte sich das politische
System also noch nicht hinreichend von seiner im Wesentlichen aus anderen Systemen
bestehenden Umwelt abgrenzen können, da es sich mit diesen noch immer strukturell
koppeln ließ. Wenn man bedenkt, dass die Ausdifferenzierung von Systemen ein
gradueller Prozess ist und sich im Falle der Ämterbildung in Griechenland noch in
einem Anfangsstadium befand, erscheint dieses Defizit als nicht sehr erstaunlich.
Nach der Einführung des Iterationsverbotes oder ähnlicher Beschränkungen der
Amtsdauer änderte sich dieser Zustand gravierend. Selbst wenn es einem Adligen
gelang, sein soziales Prestige im Rahmen einer Wahl in ein politisches Amt
umzumünzen, indem er das Volk davon überzeugte, mit ihm den besten Kandidaten zu
wählen – in den auf seine Amtszeit folgenden Jahren würde ihm dies keinesfalls noch
einmal gelingen: Der vermeintlich „Beste“ unter den Adligen stand ja nun nicht mehr
zur Wahl, sondern nur noch der Zweitbeste und im darauffolgenden Jahr sogar nur noch
der Drittbeste. Die Rolle des „besten Adligen“ wurde für den politischen Bereich somit
ausgehöhlt und immer unbrauchbarer. Obwohl die adligen Tugenden und damit die
Mittel, mit denen man sich als Aristos auszeichnen und hervortun konnte, weiter
fortbestanden, schwand ihre Bedeutung für das politische System immer mehr und
beschränkte sich auf eine andere Ebene, oder besser gesagt, auf ein anderes System: das
des Adels, das nun aber vom sich immer mehr abschließenden politischen System
getrennt war. Eben diese Tatsache motivierte dann im 6. Jahrhundert den Dichter
Theognis zu seiner Kritik an den Zuständen seiner Polis: Leute, die zuvor noch
„Ziegenfelle trugen und außerhalb der Stadt wie Hirsche ihr Leben fristeten, sind jetzt
die Guten“,126 moniert er an einer Stelle, und in seinem Gedicht vom Staatsschiff
beklagt er, dass die Angehörigen des Demos „den edlen (ἐσθλόν) Steuermann absetzten,
der verständig die Wache hielt“.127 Hiermit ist natürlich der personifizierte Adel
gemeint, der in seinen Augen die Geschicke der Gemeinde lenken sollte.128 Überhaupt
ist die Betonung der adligen Tugenden und Lebensformen, die sich wie ein roter Faden
durch Theognis’ Werk zieht, als Versuch der gesellschaftlichen Distinktion gegenüber
dem Demos anzusehen – eine Abgrenzung, die sich im politischen Bereich schon längst
nicht mehr widerspiegelte: Der Dichter kritisiert mithin die Schließung des politischen
Systems gegenüber den anderen gesellschaftlichen Systemen – hier dem des Adels –,

126
Theogn. 55–57,
127
Theogn. 675f.
128
Zu Theognis’ politischer Kritik vgl. von der Lahr 1992, 8–83 (zum „Staatschiff“ 36–38); Stein-
Hölkeskamp 1997.
33

die eine Durchdringung oder gar Entsprechung der jeweiligen Bereiche nicht mehr
vorsah. In gleicher Weise ist Pseudo-Xenophons Schmähschrift gegen die athenische
Verfassung des 5. Jahrhunderts zu verstehen: Als Angehöriger einer aristokratischen
Oberschicht war es auch für ihn nicht hinnehmbar, dass sich die gesellschaftliche
Prominenz und Überlegenheit der Aristokraten nicht auch in politischer Macht
niederschlug. Auch ihm war also die Ausdifferenzierung und Schließung des politischen
Systems bewusst, wie Christian Mann kürzlich bemerkt hat.129
Diese Entwicklung wurde bereits in archaischer Zeit durch die Bildung von
Funktionsämtern und deren Knüpfung an eine Wahl in Gang gebracht. Dass es noch
einige Zeit weiterhin der Adel war, der die Ämter bekleidete, widerspricht dieser
Feststellung in keiner Weise: Sicherlich waren es zunächst noch Adlige, die das nötige
politische Know-how besaßen, am meisten Anhänger für ihre Wahl mobilisieren
konnten und aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage überhaupt abkömmlich waren; sie
mussten sich jedoch auf das systemeigene Verfahren der Wahl einlassen und gemäß den
entsprechenden Regeln agieren – nicht etwa nach denen der Aristokratie. Und genau das
taten sie, wie die Machtkämpfe der Adligen um die Ämter bezeugen. Solche
Bestrebungen von Einzelpersonen, mithilfe von Ämtern die persönliche Macht zu
mehren oder gar eine Tyrannis zu errichten, lassen sich als Versuche beschreiben, die
Schließung des politischen Systems zu überwinden, indem dessen Autonomie und damit
die Grenzen zu anderen Systemen aufgehoben wurden. Wenn Peisistratos und seine
Nachfolger etwa die geltende politische Ordnung aufrechterhielten, gemäß den
Gesetzen herrschten und vor allem die Ämter nicht antasteten, wie die antiken
Gewährsmänner einhellig berichten,130 aber darauf achteten, „dass immer einer von
ihnen in den Jahresämtern war“,131 so verbanden sie ihr eigenes soziales System mit
dem politischen und überbrückten so die Schließung des letzteren – systemtheoretisch
gesprochen handelte es sich hierbei um einen Akt von Integration.
Dies konnte auch auf weniger drastische und offensichtliche Weise geschehen als
durch die Machtergreifung eines Tyrannen. So versuchten die Aristokraten in Gortyn
das Iterationsverbot zu umgehen, indem sie im nächsten Jahr einfach einen anderen
Kandidaten aus ihren Reihen für das Kosmenamt stellten, um den Einfluss der Familie
bzw. ihres Oberhauptes aufrechtzuerhalten.132 Um diese Möglichkeit zur

129
Ps.-Xen. Ath. pol. 1,5; 1,9f. Siehe hierzu Mann 2008, 8–18.
130
Hdt. 1,59,6; Thuk. 6,54,6; Aristot. Ath. Pol. 16,8; Plut. Sol. 31.
131
Thuk. 6,54,6.
132
Link 2003, 144; Grote 2014, 116.
34

Unterwanderung des Iterationsverbotes zu unterbinden, wurde mit dem sog.


Rotationsprinzip133 ein geeigneterer Modus eingerichtet, der die Ämterbesetzung
regulierte: Die Einteilung der gortynischen Bürgerschaft in Phylen bzw. Startoi134
wurde genutzt, indem im Rahmen eines festgelegten Turnus jedes Jahr ein anderer
Verband die Kosmen stellen durfte. Auf diese Weise wurde es für adlige Familien
unmöglich, das Amt zweimal in Folge zu besetzen. Das politische System differenzierte
sich mithilfe des Rotationsprinzips weiter aus, wurde selbst komplexer und konnte
gerade hierdurch die Komplexität seiner Umwelt reduzieren. Letztere war zuvor erneut
gestiegen, als die adligen Familienoberhäupter begannen, Familienmitglieder, Freunde
oder anderweitig gewogene Männer als Kosmen zu installieren; hierdurch hatten sich
Handlungsmöglichkeiten für ambitionierte Adlige wieder erhöht, die sich zunächst noch
reduziert hatten, als ihnen die Iteration verboten wurde.135
Die Tendenz politischer Systeme, selbst komplexer zu werden, äußert sich auch in
der politischen Verwendung der Phylen in griechischen Poleis.136 Die Verbindung der
Phylenordnung mit dem politischen System haben wir in Gortyn bereits festgestellt;
auch in Chios bestand eine solche Verknüpfung: Die dortige bolê dêmosiê setzte sich
aus 50 Ratsherren aus jeder der vier Phylen zusammen und wurde auf diese Weise mit
dem System des Demos (bzw. dessen einzelnen Subsystemen der Phylen) gekoppelt. Da
letzteres ein recht unüberschaubares System war, erhöhte sich auch die Komplexität des
politischen Systems, aber weder unkontrolliert noch dauerhaft, sondern geordnet
mithilfe der schematischen Phylenordnung und auf einen kurzen Zeitpunkt, den
Wahlakt, beschränkt. Eine dauerhafte Integration der Systeme konnte nicht stattfinden,
weil die strukturelle Kopplung nur eine kurzzeitige Beeinflussung des politischen
Systems zum Zeitpunkt der Konstituierung des Rates bewirkte. Danach agierte das
Gremium als eigene Instanz im Rahmen des politischen Systems und nach

133
Der Modus geht aus der eponymen Datierung im Großen Gesetz von Gortyn, ICret IV 72, Kol. 5,5 (=
Koerner Nr. 169), hervor.
134
Hierzu siehe ausführlich das Gortyn-Kapitel in Grote 2014, 102–123.
135
Die Implementierung von Bürgerverbänden in das politische System ist ihrerseits nur scheinbar eine
Überwindung der Systemschließung: Faktisch durften ja nicht alle Bürger des entsprechenden
Verbandes die Ämter besetzen; die Einteilung war also nicht Bestandteil des politischen Systems,
sondern nur eine Information, derer sich die Politik bediente und die in einen systemeigenen Code
überführt wurden. Luhmann hat solche Phänomene mit dem Begriff der strukturellen Kopplung
beschrieben (Beispiele sind etwa Steuern als strukturelle Kopplung der Systeme ‚Wirtschaft‘ und ‚Politik‘
oder eine Verfassung als ebensolche für ‚Recht‘ und ‚Politik‘; siehe auch oben, S. 10, Anm. 38). Mithilfe
des Startos, der die politische Variante der Phyle darstelle, wurde eine Kopplung der Systeme
‚Bürgerschaft‘ und ‚Politik‘ erreicht, die ohne den Verlust von Systemautonomie arbeitete.
136
Die politische Funktion der Phylen kann hier nur kurz angerissen werden; siehe detailliert Grote 2014,
passim.
35

systemeigenen Verfahrensregeln. Mit dem schematischen Aufbau aus vier Verbänden


wurde nicht nur ein ausgewogener Anteil des gesamten Demos an der Besetzung des
Rates erreicht, sondern diesen Rat auch das okkasionelle Moment einer Versammlung
genommen, was angesichts seiner Zuständigkeit für Berufungen gegen Amtsmissbrauch
an Bedeutung gewinnt, da er sich nicht mehr so leicht manipulieren ließ. Darüber hinaus
konnte hier im Vergleich zu informell besetzten Adelsräten kaum Hausmachtpolitik
betrieben werden, weil sich stets vier verschiedene Instanzen gegenüberstanden – eine
gewisse Neutralität des Gremiums bei der Ahnung von Beamtenvergehen war so
gewährleistet. In jedem Fall blieb der Ausgang eines Berufungsverfahrens im Vorfeld
ungewiss, wie es für echte Verfahren charakteristisch ist, die im Rahmen eines
eigenständigen politischen Systems stattfinden.
Die sich abzeichnende, durch Verfahren auf den Weg gebrachte Herausbildung eines
immer autonomeren Bereichs des Politischen in Griechenland spiegelt sich auch in der
baulichen Gestalt des Ortes wider, an dem sich das öffentliche Leben abspielte: der
Agora. In einigen Kolonien – etwa in Kyrene, Megara Hyblaia und Poseidonia – wurde
gleich bei der Gründung ein freier, zentral gelegener Platz abgesteckt, der zunächst nur
spärlich bebaut wurde, und zwar mit mehreren kleinen Heiligtümern, die den Platz aber
niemals bestimmten.137 Auch in Athen blieb die Agora noch lange Zeit relativ leer.138
Die Agora zeichnet sich zunächst also gerade durch die Abwesenheit von Bebauung aus.
Dies ist kein primitiver oder gar vorpolitischer Frühzustand, wie zuweilen von der
Forschung vermutet, sondern zeigt vielmehr, dass sich das Politische als Bereich des
Öffentlichen bereits gegen Ansprüche von außen abgeschottet hatte: Der Platz wurde
von allen anderen Interessen freigehalten, die es in einer Gemeinde gab – sei es
wirtschaftlicher (denn die frühe Agora war gerade kein Markplatz 139), religiöser,
privater oder sonstiger Natur. Die angebliche Leere ist vielleicht treffender als
„Offenheit“ zu bezeichnen, in der die politische Gemeinde mit öffentlichen Verfahren
im Rahmen von Versammlungen frei und möglichst unberührt von anderen Interessen
agieren konnte. Auch an dieser Stelle zeigt sich die Emanzipation des politischen
Systems.

137
Siehe Hölscher 1999, 43–45, der treffend feststellt, dass „die Agora kein Kultplatz [war], sondern ein
Platz mit Kulten“, der nur „unter religiösem Schutz“ stand (Zitate S. 45); gegen Kolb 1981, 5–19.
138
Siehe den Befund bei Kenzler 1999, 270. 314. 320.
139
Kolb 1981, 3, mit den entsprechenden archäologischen und literarischen Belegen.
36

VI. Schluss und Ausblick


Die vorangegangenen Ausführungen haben vor allem gezeigt, wie sich durch die
Etablierung und Ausdifferenzierung politischer Wahlverfahren eine zuvor gestiegene
Komplexität der Umwelt und damit auch der Macht wieder verringern ließ. Die
Tatsache, dass vieles formalisiert wurde, ist in diesem Zusammenhang wichtig, denn
solche Formalisierungen machten ein geordnetes Verfahren erst möglich. Entscheidend
aber waren sie nicht (und daher stellen diese Formalia auch kein Kriterium dar, anhand
dessen sich die Herausbildung von Staatlichkeit besonders gut untersuchen ließe).
Entscheidend war vielmehr das Verfahren selbst und als ganzes, als geordneter Prozess,
in dem das Politische als eigene Größe Gestalt gewann. Die Entstehung von Ämtern
und Gremien der Polis ist jedenfalls nur zu verstehen, wenn man mit in den Blick
nimmt, worauf sie sich beriefen und wofür sie geschaffen wurden: das Verfahren. Im
Rahmen von Verfahren wurden sie besetzt, und durch Verfahren erhielten sie einen
überindividuellen, rein funktionalen Charakter, der nur noch losgelöst von sonstigen,
persönlichen Rollen des jeweiligen Individuums zu betrachten war. An Verfahren waren
auch die politischen Gestaltungsmöglichkeiten der Amtsinhaber aufs engste gebunden.
Diesen Zusammenhang gilt es in einem weiteren Beitrag zur Herausbildung politischer
Verfahren, der ebenfalls in dieser Zeitschrift erscheinen wird, näher zu beleuchten; dort
werde ich mich auf das spartanische Beschlussverfahren, die drakontischen Gesetze
sowie die Phalanx konzentrieren und darüber hinaus einen Ausblick auf die athenische
Demokratie bieten. Gerade mit Blick auf die Große Rhetra erhoffe ich mir durch den
hier entwickelten Ansatz einige interessante Ergebnisse: Oft wurde betont, wie wenig
sich in Sparta „das Politische als eine eigene Entität“140 entwickeln konnte. Dieses
Charakteristikum des spartanischen Beschlussverfahrens tritt möglicherweise vor dem
Hintergrund systemtheoretischer Maßstäbe – etwa des Ausmaßes (bzw. des Mangels) an
operationaler Schließung des politischen Systems – deutlicher vor Augen. Die
Bedeutung der drakontischen Gesetze für die Entstehung der Polis ist hingegen vor
allem vor dem Hintergrund eines sich aus dem Gesamtsystem ausdifferenzierenden
Teilsystems zu sehen, was sich in der Etablierung von echten Gerichtsverfahren (im
Gegensatz zur zuvor vorherrschenden rituellen Beweisführung) sowie in der
Herausbildung gerichtlicher Rollen äußerte. Dass auch die Phalanx in
systemtheoretischer Hinsicht untersucht werden soll, mag auf den ersten Blick
verwundern; da sich die Funktion dieser Kampfweise aber durchaus als Reduktion von

140
Link 2008, 28.
37

Auswahlmöglichkeiten und damit von Komplexität beschreiben lässt, weist sie


strukturelle Ähnlichkeiten mit politischen und gerichtlichen Verfahren auf und kann
möglicherweise gewinnbringend mit demselben Instrumentarium analysiert werden.

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