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Conditio Judaica 65

Studien und Quellen zur deutsch-jdischen Literatur- und Kulturgeschichte

Herausgegeben von Hans Otto Horch


in Verbindung mit Alfred Bodenheimer, Mark H. Gelber und Jakob Hessing
Martin A. Hainz

Entgçttertes Leid

Zur Lyrik Rose Ausl,nders unter


Bercksichtigung der Poetologien
von Theodor W. Adorno, Peter Szondi
und Jacques Derrida

Max Niemeyer Verlag


Tbingen 2008 n
Meinen Eltern in Liebe und
Dankbarkeit zugeeignet

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ISBN 978-3-484-65165-4 ISSN 0941-5866

+ Max Niemeyer Verlag, Tbingen 2008


Ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG
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Inhalt

ERSTER TEIL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Rose Ausländer – grundsätzliche Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Biographische Schlaglichter: Wer war Rose Ausländer? . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Wege der Annäherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

ZWEITER TEIL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Theodor W. Adornos Antwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Instanzen des Nein – Lyotard . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

DRITTER TEIL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
Peter Szondis Antwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
Metapherntheorie und Gedichtstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
Zur Poetik der Mehrsprachigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
Zwei Sprünge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
Übersetzungen Rose Ausländers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
Rose Ausländer als Übersetzte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
Einflüsse und Einschlüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
Czernowitz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
Kleine Literaturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

VIERTER TEIL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209


Jacques Derridas Antwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
Text im Text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
Exkurs 1: als ob . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
Exkurs 2: Anbindung an Nietzsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232

FÜNFTER TEIL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319


Engführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
Engführung mit Adorno . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
Engführung mit Szondi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
Exkurs 3: Gadamers Position . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
Engführung mit Derrida . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352

RÉSUMÉ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 385
VI Inhalt

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399
Schriften Rose Ausländers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
Nachlaß Rose Ausländers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405
Schriften Theodor W. Adornos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
Schriften Peter Szondis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410
Schriften Jacques Derridas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411
Weitere Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414

Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 461
Erster Teil

Vorwort

Auschwitz est aus.1

Ich beginne unvermittelt mit einem Satz, der als Provokation empfunden wer-
den mag, doch meines Erachtens eine präzise Benennung des Problems, mit dem
gegenwärtig umzugehen ist, darstellt. Auschwitz ist aus, es ist uns fern, ein Ter-
rain jenseits des Verstehbaren. Jedoch ist, was den Namen Auschwitz trägt, Fol-
ge eines Denkens, das alle Vernunft unendlich kompromittiert hat. Was aus ist,
wirft einen gewaltigen Schatten.
Der Schluß, der zu ziehen ist, wäre, daß Auschwitz gerade darum wie ein un-
zugänglicher Monolith vor uns liegt, da wir geistige Erben sind, und Auschwitz
deshalb aus ist, weil es fortdauert.2 Das Übersehen einer Kontinuität ist Herz-
stück der Rede von Bewältigung, nach der zugänglich und als Dämon doch
gebannt ist, was zu jener Zeit wirkte; was aber auch gegenwärtig wirkt – was
machte, so ist zu fragen, machtvoll, wenn nicht der Schein von Absenz? Unse-
re unendliche Distanz führt zu bedrückender Nähe, so könnte man das Unbe-
hagen pointiert formulieren.
Welche Beschreibungen aber der Deformation von Vernunft und Sprache
sind denkbar, wenn das Instrumentarium der Untersuchung es ist, dessen
Beschädigung so sicher wie undefiniert besteht? Wie ist Zeugnis abzulegen
von Unbeschreiblichem und dem Unzureichen des Mediums? Schreiben und
Schweigen sind gleichermaßen geradezu Blasphemie, da in beiden Fällen das
Scheitern unterschlagen zu werden droht, diffus bleibt, was Anstoß zur Krise
sei.
Schließlich sollte transparent gemacht werden, wieso die »Behauptung, die-
se Worte seien irgendwo im Grunde noch dieselben«,3 verlogen und gefährlich
ist. Der Intention, dies klar darzulegen, soll diese Arbeit folgen, die den Weg
der Interpretation von Adorno bis Derrida beschreitet. Eines der meistbefehde-
ten und doch schärfsten Instrumentarien, unsere Worte und unser Gedenken zu
1
Alexis Nouss: Mémoire et survie: une lecture de Paul Celan. In: Études françaises
34 (1998), H. 1, S. 87–104, hier S. 87.
2
Vgl. Michel Serres: Hermes. Übersetzt von Michael Bischoff. Hg. von Günther Rösch.
Bd III: Übersetzung. Berlin: Merve 1992, S. 98.
3
Paul Celan: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Hg. von Beda Allemann, Stefan
Reichert und Rolf Bücher. Bd 3: Gedichte III. Prosa. Reden. Frankfurt a. M.: Suhr-
kamp 1986 (Suhrkamp-Taschenbuch; 1331), S. 157.
2 Erster Teil

sezieren, ist die Lyrik, hier: die Lyrik von Rose Ausländer, die Sprache wie Ver-
nunft Spiegel – »Quecksilbereis«4 – sein soll.
Wo das Denken selbst nicht unbeschadet blieb, ist Vorsicht in der Beschrei-
bung geboten – vielleicht ist nur zu leisten, was »une phénoménologie inversée«5
genannt werden kann. Ein Lesen der Phänomene mag unmöglich geworden sein
wie die Begründung dieser Konstellation – doch es scheint möglich geblieben zu
sein, zu sabotieren und desavouieren, was an diesem Umstand keinerlei Anstoß
nehmen will. Zu schreiben sind »Gedichte, die das Geschehen nicht mehr zu
benennen, sondern die Wunden an den Wörtern aufzudecken such[t]en«.6 Inso-
fern wird das Dunkel »une condition et un mode d’écriture«,7 wobei zu ergänzen
ist, was sich später zeigen wird: Das Dunkel ist nicht allein »absence«.8
Dem Geschehenen, so schreibt Marquard, folgt »Philosophie als prolongierte
Schrecksekunde«;9 dann jedoch folgen die Projekte der Sinn-Stiftung, es wird
bewältigt oder Bewältigung simuliert. Der Dämon des Guten versucht, was zu
versuchen ihm gemäß ist, die Leistung von Distanz. Diese verzweifelte Anstren-
gung, das Böse auszutreiben, ist freilich zuletzt bloß Verdrängung um jener
Reinheit willen, die zu wollen das ausgeschlossene Böse bereits getrieben haben
mag. »Ist das nicht nur Terror und Gegenterror«?10 Derlei ist selbst nach dem –
vorläufigen – Ende des Konflikts, von dem Burger dies schreibt, eine nicht
unplausible Darstellung.
Natürlich ist das Desaströse unserer Kultur nicht erst seit Auschwitz wahr-
zunehmen – wahrnehmbar und zur Wahrnehmung aufgegeben. Und im selben
Atemzug ist zu konstatieren, daß wahrhaftige Kunst, über deren Bestand frei-

4
Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband mit
dem Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun. Bd 7: Und preise die kühlende Liebe
der Luft. Gedichte 1983–1987. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1988, S. 162.
5
Nouss, Mémoire et survie (Anm. 1), S.94.
6
Amy D. Colin: »Wo die reinsten Worte reifen«. Zur Sprachproblematik deutsch-
jüdischer Holocaust-Lyriker aus der Bukowina. In: Die Bukowina. Studien zu einer
versunkenen Literaturlandschaft. Hg. von Dietmar Goltschnigg, Anton Schwob und
Gerhard Fuchs. Tübingen: Francke 1990 (Edition Orpheus; 3), S. 225–242, hier S. 228;
die Frage einer Heilung der Sprache, wie sie als poetologisches Programm Rose Aus-
länders diskutiert wird, führt natürlich sogleich in heikle Gefilde ... – vgl. ebd., S. 227f.
u. S. 234f. sowie Birgit Schmitz: Die Spur der Leiderfahrung in der Lyrik Rose Aus-
länders. Magisterarbeit, Bonn 1995, S. 89.
7
Nouss, Mémoire et survie (Anm. 1), S. 96.
8
Ebd., S. 98. Die bei Nouss geleistete Umkehr von »l’absence de lumière« (ebd., S. 102)
zu »la lumière de l’absence« (ebd.) erscheint mir darum sehr klug.
9
Odo Marquard: Einwilligung in das Zufällige. In: »... was die Welt im Innersten zusam-
menhält«. 34 Wege zur Philosophie. Hg. von Christine Hauskeller und Michael Hauskel-
ler. Hamburg: Junius 1996, S. 55–59, hier S. 57; vgl. auch Ruth Wolf: Wandlungen und
Verwandlungen. Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. In: Deutsche Literatur von Frauen.
Hg. von Gisela Brinker-Gabler. München: Beck 1988, Bd 2, S. 334–352, hier S. 349.
10
Rudolf Burger: Der Dämon des Guten. In: wespennest, Nr 115, 3. Quartal 1999, S. 19–
23, hier S. 22; der gute Wille ist dem Schlechten in der Kunst bereits nahe (vgl. ebd.,
S. 20).
Vorwort 3

lich zu diskutieren ist, dafür nicht blind sein wollte oder konnte: »Nach der
›Zauberflöte‹ haben ernste und leichte Musik sich nicht mehr zusammenzwin-
gen lassen.«11 Nach einer anderen Datierung, die Adornos Unwillen gegen die
»Positivität der Aussage [...] Auschwitz als Grenzsituation«12 und den gesuch-
ten »Schutz bei Texten«13 zeigt, ist es der alte Goethe, der sein »Wort [...] dis-
sonierend noch inmitten des äußersten Überschwangs«14 zum Zeugen erhebt:
»Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis, in der Sprache.«15
Längst muß klar sein, daß also das Problem der angemessenen Darstellung –
und damit verbunden der angemessenen Trauer – zentral ist, wo Kunst nicht bloß
Anästhetikum zu sein gedenkt, sondern gerade Korrektiv dessen wird, woraus
sie erwächst, längst auch, daß dies es ist, was Adorno datierte.16 Bohrers Theorie

11
Theodor W. Adorno: Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt. In: ders., Gesam-
melte Schriften in zwanzig Bänden. Hg. von Rolf Tiedemann u. a. Bd 14: Dissonan-
zen. Einleitung in die Musiksoziologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft), S. 7–167, hier S. 17; doch auch hier ist »Dissonanz
zum Dissonierenden und hat es zur Substanz. Das ist Mozarts Trauer.« – Theodor
W. Adorno: Ist die Kunst heiter? In: ders., Noten zur Literatur. Hg. von Rolf Tiede-
mann. 4. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissen-
schaft; 355), S. 599–606, hier S. 601; »über die Schatten / ins Mozartlicht« – Rose
Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband mit dem
Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun. Bd 6: Wieder ein Tag aus Glut und Wind.
Gedichte 1980–1982. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1986, S. 370.
12
Theodor W. Adorno: Zur Schlußszene des Faust. In: ders., Noten zur Literatur (Anm.
11), S. 129–138, hier S. 129 (Hervorhebung von mir); »Verleugnung, der offizielle
Nihilismus« (ebd.).
13
Ebd.
14
Ebd., S. 135.
15
Ebd., S. 131; vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Faust-Dichtungen. Faust. Eine Tra-
gödie (Faust I – Faust II). Faust in ursprünglicher Gestalt (Urfaust). Paralipomena.
Hg. von Ulrich Gaier. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1992 (Universal-Bibliothek; 8837
– Jubiläums-Edition), S. 420, V. 12106f.
16
Vgl. etwa Burkhardt Lindner: Was heißt: Nach Auschwitz? Adornos Datum. In: Deut-
sche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Hg. von Stephan Braese, Holger Gehle
und Hanno Loewy. Frankfurt a. M., New York: Campus 1998 (Wissenschaftliche
Reihe des Fritz Bauer Instituts; 6), S. 283–300, hier S. 283 u. S. 297; vgl. zu solcher
Datierung allgemein auch Hartmut Böhme: Das Steinerne. Anmerkungen zur Theo-
rie des Erhabenen aus dem Blick des »Menschenfremdesten«. In: Das Erhabene.
Zwischen Grenzerfahrung und Größenwahn. Hg. von Christine Pries. Weinheim:
VCH, Acta Humaniora 1989, S. 119–141, hier S. 125f., passim; freilich ist dort noch
die Möglichkeit vorausgesetzt, in der ästhetischen »Simulation des Chaos und der
Unermeßlichkeit« (ebd., S. 126) das zu beherrschen, was jeweils nicht zu bezeugen-
de Grenzbrüche schuf, wobei an unbeherrschte Natur zuallererst zu denken ist, wel-
che sub-lim erst einer Sprache zugänglich wird ... Als Beispiel wählt Böhme den
Stein: Wo »der wilde Stein schön, pittoresk, ja idyllisch wird, ist der Sieg des Men-
schen vorauszusetzen« (ebd., S. 130). Freilich ist damit die »metamorphisierte
Braut« (ebd., S. 134) dessen, der sich einer Stilistik bedienend betrachtet, eine fast
getötete: »die letzte Vergeistigung [...] [ist] auch ihr Tod« (ebd., S. 140). Wird der-
einst auch vom äußerlichen Datum Adornos so zu sprechen sein?
4 Erster Teil

der Trauer etwa schließt nicht an Sachs, Ausländer, Kolmar oder Celan an, son-
dern an Baudelaire und bereits an Goethe. Dichtung aber ist in der Sprache es
allemal, die – durch sie kompromittiert – das Sensorium zur Verfügung stellt,
einen Mangel erahnen zu lassen, der vorm Maßstab jenes sich zum Thron bewe-
genden Denkens »Theorieunfähigkeit«17 sein soll und doch hierin sich nicht
erschöpfen will. Wie kann wesentlich sein, wovon ein Wesen anzugeben dem
Denken versagt ist? Die Antwort der Lyrik konvergiert dem, was man mit Kant
als Hinweis aufs unendliche Urteil zu verstehen hat.18 Das Nichtwesentliche ist
offenbar vom Unwesentlichen zu scheiden.19 So bleibt etwas zu denken gerade
hier aufgegeben, wo die Sprache vom Datum sich scheinbar entfernt; ist gerade
hier, wo oftmals das Gefühl umschreiben soll, was sich als »Unbestimmtheitszo-
ne«20 Annäherungen entzieht, situiert, was das schlechte Gewissen der Vernunft,
»das erwachte und unruhige Bewußtsein des modernen Wissens«21 sein oder
treiben mag. Das Datum – es ist mit Derrida noch als zentrales Problem zu ver-
handeln – ist Selbstdistanz, was die unvereinbar scheinenden Formulierungen,
Rose Ausländers Dichtung eigne »Dinglichkeit«,22 sie sei aber auch datumslos
erinnerungsbezogen,23 nachvollziehbar erscheinen läßt: »Die bewältigte Fremd-
heit schlägt nach innen auf die Formen ihrer Aneignung zurück.«24

17
Renate Homann: Theorie der Lyrik. Heautonome Autopoiesis als Paradigma der Mo-
derne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999, S. 19. Die Fronten freilich sind so einfach
nicht zu ziehen – Lyrik selbst greift in Begrifflichkeiten ein, die wiederum ihr eigen
sind – es wird sich hier ein inniges Verhältnis abzeichnen, zumal Theorie selbst
»Theoriefetische aufzulösen« sich stets anschicken muß ... (Hartmut Scheible: Theo-
dor W. Adorno. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 3. Aufl., Reinbek bei
Hamburg: Rowohlt 1993 [Rowohlts Monographien; 400], S. 90)
18
Vgl. Immanuel Kant: Werkausgabe in 12 Bänden. Hg. von Wilhelm Weischedel.
Bd III/IV: Kritik der reinen Vernunft 1/2. 12. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992
(Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 55), S. 112f., B 97f., A 72f.
19
Vgl. zum unvergeßlichen Vergessen, das am Nichtwesentlichen die Unwesentlichkeit
durchkreuzt, Michel Serres: Le Tiers-Instruit. Paris: Gallimard 1991 (Folio Essais;
199), S. 216, wo auch schon die Gerechtigkeit als Synonym dieses Aktes genannt wird,
eines Aktes, der »miséricorde« als Verpflichtung jenseits einer / ohne Vorschrift würdigt.
20
Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Hg. von Gretel Adorno und Rolf Tiede-
mann. 13. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissen-
schaft; 2), S. 194; vgl. zu Fühlen und Denken auch Günther Anders: Ketzereien. Mün-
chen: Beck 1982, S. 261.
21
Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaf-
ten. Übersetzt von Ulrich Köppen. 5. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 96), S. 260; vgl. auch ebd., S. 15f.
22
Karl Krolow: Erinnerte Landschaften. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und
Werk. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1997
(Fischer-Taschenbücher; 6498 – Informationen und Materialien zur Literatur), S. 228–
229, hier S. 229.
23
Karl Krolow: Schreiben ist ein Trieb. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juli 1978.
24
Bernhard Waldenfels: Sinnesschwellen. Studien zur Phänomenologie des Fremden 3.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1397), S. 32.
Vorwort 5

Verständlich ist die »Bitte um Verlust der Erinnerung«,25 doch das Ausblei-
ben dieses Glücks völligen Vergessens Teil der conditio humana, von der groß-
zügig abzusehen Verleugnung bedeutete. Ein gewisses, behutsames Engage-
ment dieser Studie abseits der scheinbar bloß exotischen poetologischen Frage-
stellungen sollte sich somit abgezeichnet haben.
Zu danken habe ich vielen Menschen, die mir mit Rat und Tat zur Seite stan-
den, zuallererst den Betreuern meiner Dissertation, Wendelin Schmidt-Dengler
und Karl Wagner, die jederzeit ein offenes Ohr für meine Fragen hatten und
mir zugleich alle Freiheiten ließen.
Für anregende Gespräche und Hilfe bin ich ich weiters Stella Avni, Hans-
Dieter Bahr, Mark Belorussez, Mayotte und Jean Bollack, Helmut Braun, Amy
D. Colin, Andrei Corbea-Hoisie, Jean Daive, Wolfgang Emmerich, Georges Fe-
renczi, Werner Hamacher, Wilhelm Hemecker, Roland Innerhofer, Lydia Koel-
le, Gaby Köster – fürs Heinrich-Heine-Institut –, Konrad P. Liessmann, Win-
fried Menninghaus, Herta Müller, Alexis Nouss, Leonard M. Olschner, Klaus
Reichert, Petro Rychlo, Ilana Shmueli, Edith Silbermann, Thomas Sparr und
vielen anderen zu Dank verpflichtet; er gebührt aber auch meiner geistigen Hei-
mat, der Universität Wien, zumal deren Projektstipendium mir Arbeiten im
Umfeld der Dissertation ermöglichte.
Eine Form der Verbeugung ist manche Fußnote; das – schmerzliche – Ge-
schenk, nicht zuletzt, sogar zuvörderst durch bestimmte Schriften vielleicht
geworden zu sein, was Geoffrey Hartman einen intellektuellen Zeugen26 gehei-
ßen hat, soll durch sie gewürdigt werden.
Auch sei die familiäre Unterstützung nicht verschwiegen.

25
Karl Heinz Bohrer: Der Abschied. Theorie der Trauer: Baudelaire, Goethe, Nietzsche,
Benjamin. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 2. Auflage, 1997, S. 410.
26
»Dieser Terminus bezeichnet all diejenigen als Zeugen, die mit der ersten Generation
noch in Kontakt stehen oder die Shoah nicht als in der Vergangenheit eingeschlossen
betrachten, sondern als eine aktuelle Angelegenheit, deren Darstellung einer Intensität
bedarf, die der Aussage des Augenzeugen so nahe wie möglich kommt.« Geoffrey
Hartman: Intellektuelle Zeugenschaft und die Shoah. Übersetzt von Andrea Dortmann.
In: »Niemand zeugt für den Zeugen«. Erinnerungskultur nach der Shoah. Hg. von Ul-
rich Baer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000 (Edition Suhrkamp; 2141), S. 35–52, hier
S. 36 (Hervorhebung von mir); vgl. ebd., S. 52. Damit ist der Satz von Nouss, es sei
gerade für den Zeugen »Auschwitz [...] aus« (Nouss, Mémoire et survie [Anm. 1],
S. 87), in seiner unabschließbaren Beunruhigung sinnvoll geworden. Vgl. zu dieser
Versiegelung und jener, die tatsächlich zum barbarischen Resultat zu gelangen sucht,
auch Jean-François Lyotard: Vortrag in Wien und Freiburg. Heidegger und »die Ju-
den«. Übersetzt von Clemens Pornschlegel und Werner Rappl. Wien: Passagen Ver-
lag 1990, S. 29f., passim.
6 Erster Teil

Rose Ausländer – grundsätzliche Probleme

Ehe ich mich daran mache, von Rose Ausländer und ihrer Lyrik zu sprechen,
möchte ich von den Problemen sprechen, die sich dem bieten, der sich mit
dieser Dichterin ernsthaft beschäftigt. Diese Probleme sind zum einen einfache
Hindernisse, zum anderen aber philosophisch-poetologischer Natur, womit
man schon mitten in die Deutung selbst gelangt. Zunächst seien die banaleren
Hemmnisse angeführt.
Rose Ausländers Leben ist wie ihr Werk nicht ausreichend beleuchtet. Zur
Vita liegen Studien sowie größere Biographien von Helmut Braun, dessen Ver-
dienste in diesem Gebiet kaum zu überschätzen sind,27 und Cilly Helfrich vor.
Die Lücken aber sind groß, die es zu schließen gälte, auch sind einige Gescheh-
nisse im Lebenslauf in ihrer Relevanz sehr schwer zu beurteilen – so wird die
Bedeutung von Helios Hecht, einer großen Liebe Rose Ausländers sehr unter-
schiedlich bewertet. Auch ist die Dichterin, indem sie sich beispielsweise suk-
zessive jünger machte, denen, die nun ihr Leben aufarbeiten, keine große Hilfe
gewesen ...28
Die Gedichte liegen in Editionen vor, mit denen man so ganz nicht glücklich
sein kann. Neben einem Auswahlband bei Reclam gibt es Gesamtausgaben,
die nicht den Maßstäben philologischer Gründlichkeit entsprechen, zugleich
jedoch durch ihren Umfang erschlagend wirken – zumal die Qualität des darin
zu findenden Werks stark schwankt.29 Hinzukommt, daß durch die stur chro-
nologische Anordnung nach erstmaligen Versionen zum Teil die Gedichtbände
ins Ungreifbare rücken, auf denen die Edition beruht – hier muß freilich gesagt
werden, daß deren Komposition oftmals gar nicht durch die Dichterin gestaltet
wurde.30 Mittlerweile ist eine historisch-kritische Ausgabe in Sicht oder zu-
mindest geplant, wobei, wie am Rande vermerkt sei, die von der Dichterin
verwendete, heute jedoch unübliche Gabelsberger Stenoschrift die Herausge-
ber gehörig plagen wird.31

27
Vgl. etwa Kristina Held: Evas Erbe: Mythenrevision und weibliche Schöpfung in der
Lyrik Rose Ausländers. Ann Arbor: UMI Dissertation Services 1997. S. 15f., Anm.
28
Vgl. Helmut Braun: »Ich bin fünftausend Jahre jung«. Rose Ausländer. Zu ihrer
Biographie. Stuttgart: Radius-Verlag 1999 (Radius-Bücher), S. 7f. und ders., »Es
bleibt noch viel zu sagen«. Zur Biographie von Rose Ausländer. In: Rose Ausländer.
Materialien zu Leben und Werk. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer
Taschenbuch Verlag 1997 (Fischer-Taschenbücher; 6498 – Informationen und Mate-
rialien zur Literatur), S. 11–34, hier S. 11.
29
Vgl. Sabine Werner-Birkenbach: »Durch Zeitgeräusch wandern von Stimme zu Stim-
me ...«. Die Lyrikerin Rose Ausländer. In: German Life and Letters XLV (Oktober
1992), Nr 4, S. 345–357, hier S. 355ff.
30
Vgl. ebd., S. 356; vgl. zur Edition auch Wulf Segebrecht: Rose Ausländer. In: Ger-
manistik 4 (Oktober 1986), S. 933.
31
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 12 u. S. 187, Anm.
Rose Ausländer – grundsätzliche Probleme 7

Ein weiteres Hemmnis ist der Mangel an Publikationen zum Thema – bei
Interesse muß man sich nach Köln bemühen, wo manche nicht veröffentlichte
Arbeit aufliegt. Vor allem aber stößt, wer hier Literatur recherchiert, auf Re-
zensionen und andere Zeitungsartikel; deren Qualität ist mäßig und allzu oft
ein nostalgisches Schwelgen angesichts der Bukowina, wie es kaum ange-
bracht ist,32 oder nichtssagendes Lob auf die – ewig wiederkehrendes Stan-
dardzitat – »schwarze[n] Sappho«.33
In der Tat ist die angesprochene Nostalgie ein Übel für sich. Kaum eine Ar-
beit erspart dem Leser, auf jene Idylle, »Oase der Völkerverständigung«34 hin-
zuwiesen, in der es allerdings »für jüdische Schüler und Studenten [...] etwas
keineswegs Ungewöhnliches« war, »verprügelt zu werden«35 ... Gong schreibt
etwa:
Auch hatte Czernowitz, wie Sie vielleicht nicht wissen,
eine Universität, an der zu jedem Semesterbeginn
die jüdischen Studenten von den rumänischen heroisch
36
verprügelt wurden.

Von einem »Nebeneinander«37 zu sprechen ist also eher zutreffend, sei auch ein-
gestanden, daß Czernowitz »Grenzgängerstadt und ein Zufluchtsort«38 vorm
größeren Übel in unmittelbarer Nähe39 war; eine Stadt auch, die bestimmte
32
Vgl. Winfried Menninghaus: »Czernowitz/Bukowina« als literarischer Topos deutsch-
jüdischer Geschichte und Literatur. In: Merkur 600 (März/April 1999), S. 345–357,
hier S. 345ff., vor allem S. 351.
33
Alfred Margul-Sperber: Rede über die Dichterin Rose Scherzer-Ausländer. In: Rose
Ausländer (Anm. 28), S. 71–73, hier S. 71.
34
Amy D. Colin: Einleitung. In: Versunkene Dichtung der Bukowina. Eine Anthologie
deutschsprachiger Lyrik. Hg. von Amy D. Colin und Alfred Kittner. München: Fink
1994, S. 13–24, hier S. 21.
35
Menninghaus, »Czernowitz/Bukowina« als literarischer Topos deutsch-jüdischer
Geschichte und Literatur (Anm. 32), S. 352; vgl. auch Andrei Corbea-Hoisie: Das
Bild vom Anderen: Identitäten, Mentalitäten, Mythen und Stereotypen in der Bukowi-
na zur Jahrhundertwende. In: Habsburger Aporien? Geisteshaltungen und Lebens-
konzepte in der multinationalen Literatur der Habsburger Monarchie. Hg. von Eva
Reichmann. Bielefeld: Aisthesis 1998, S. 41–58, hier S. 41f. – »Die Czernowitzer
Juden konnten nie auf eine allzu freundliche Gesinnung der anderen Stadtbewohner
bauen.« (Andrei Corbea-Hoisie: Czernowitz. Bilder einer jüdischen Geschichte. In:
Czernowitz. Jüdisches Städtebild. Hg. von Andrei Corbea-Hoisie. Frankfurt a. M.:
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 1998, S. 7–26, hier S. 18)
36
Alfred Gong: Topographie. In: Das Buch der Ränder – Lyrik. Hg. von Karl-Markus
Gauß und Ludwig Hartinger. Klagenfurt u.a.: Wieser 1995, S. 119–120, hier S. 119.
37
Lutz Musner: Czernowitz als Paradigma. Kultureller Pluralismus und Nationalitä-
tenfrage. In: IFK-news 1 (2000), S. 6–7, hier S. 7.
38
Ebd.
39
Auch und vor allem zeitlich zu sehen ist »die heile Welt des Czernowitz vor dem
Ersten Weltkrieg [...] rückwärtsgewandt«. Joseph P. Strelka: Die österreichische Exil-
literatur seit 1938. In: Geschichte der Literatur in Österreich. Von den Anfängen bis
zur Gegenwart. Hg. von Herbert Zeman. Bd 7: Das 20. Jahrhundert. Graz: Akademi-
8 Erster Teil

Ambitionen prägten: Die »deutsch-jüdische Kultur schuf [...] ein spezifisches


Binnenmilieu, das sich nach außen hin an den Zentren Berlin und Wien orien-
tierte und im Spannungsfeld von Zentrum und Peripherie gleichermaßen gegen
ein Zuspätgekommensein aufbegehrte wie die innovativen Leistungen der kul-
turellen Zentren im Westen nachzuahmen versuchte«.40 Überspitzt ist die Nicht-
erwähnung von Czernowitz dennoch fast als Qualitätsmerkmal aufzufassen, da
nur in wenigen der angestellten Überlegungen die geistige Lebensform, die
darunter jeweils verstanden wird, Erkenntnisgewinn einbringen kann.41
In diesem Zusammenhang ist auch darauf zu verweisen, daß die Eigenart im
Œuvre der Dichterin in der Rezeption vom Blick aufs Thema allein erdrückt
wird. Ein österreichischer Essayist mit Lust an der Provokation schrieb, Literatur
werde gegenwärtig in der Regel »zu einem Beistelltischchen der Talk-Shows«
»degradiert«.42 Es ist dies in der Tat ein Zug, der jedenfalls diesem Werk droht,
zumal die Einmütigkeit und Uninspiriertheit endgültig die Differenz zum Ge-
genstand verschüttet. In Deutschland scheint hierbei das Übermaß an Konsens
(Erbauungsliteratur) zu sein, was in Österreich das Schweigen sein mag.43
Nur am Rande sei schon hier festgehalten, daß gerade die erdrückende Ten-
denz, bestimmte Texte auf die eine oder andere Weise in einer für angemessen
gehaltenen Tradition aufgehen zu lassen, was man nicht zuletzt als Ausbleiben
des »einsamen Neuanfang(s)« lesen muß,44 auch jene Äußerungen miterklärt,

sche Druck- und Verlagsanstalt 1999, S. 221–429, hier S. 329; vgl. ebd., passim; vgl.
auch Maria Kłańska: Zu Rose Ausländers Ostergedichten. In: »Moderne«, »Spätmo-
derne« und »Postmoderne« in der österreichischen Literatur. Beiträge des 12. Österrei-
chisch-Polnischen Germanistensymposions Graz 1996. Hg. von Dietmar Goltschnigg,
Günther A. Höfler und Bettina Rabelhofer. Wien: Dokumentationsstelle für neuere Li-
teratur 1998 (Zirkular, Sondernummer 51, Mai 1998), S. 101–116, hier S. 103, Anm.
40
Musner, Czernowitz als Paradigma (Anm. 37), S. 7.
41
Vgl. auch Menninghaus, »Czernowitz/Bukowina« als literarischer Topos deutsch-
jüdischer Geschichte und Literatur (Anm. 32), S. 345. Interessant ist nebenbei, daß
Czernowitz sozusagen erst nach seinem Untergang erstand ... Vgl. Jean Firges: Den
Acheron durchquert ich. Einführung in die Lyrik Paul Celans. Vier Motivkreise der
Lyrik Paul Celans: die Reise, der Tod, der Traum, die Melancholie. Tübingen: Stauf-
fenburger 1998 (Ludwigsburger Hochschulschriften; 18), S. 20; vgl. auch Theo Bucks
Nachwort Eine leise Stimme zu Weißglas. In: Immanuel Weißglas: Aschenzeit. Ge-
sammelte Gedichte. Aachen: Rimbaud 1994 (Texte aus der Bukowina; 2), S. 138ff.
42
Konrad Paul Liessmann: Verteidigung der Lämmer gegen die Schafe. Ein Spaziergang
über die österreichische Literaturweide. In: Deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Wi-
der ihre Verächter. Hg. von Christian Döring. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1995 (Editi-
on Suhrkamp; 1938), S. 82–107, hier S. 96.
43
Die Verzerrung durch die Rezeption schildert etwa Sparr, wenn er »die Überhöhung
[...] in eine kryptopoetische Sphäre am Werk« (Thomas Sparr: Zeit der Todesfuge. Re-
zeption der Lyrik von Nelly Sachs und Paul Celan. In: Deutsche Nachkriegsliteratur und
der Holocaust [Anm. 16], S. 43–52, hier S. 45) sieht; vgl. ebd., S. 44ff., S. 51, passim.
44
Wilhelm Heinrich Pott: Die Philosophien der Nachkriegsliteratur. In: Literatur in der
Bundesrepublik Deutschland bis 1967. Hg. von Ludwig Fischer. München: Deutscher
Taschenbuch Verlag 1986 (Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom
16. Jahrhundert bis zur Gegenwart; 10 – dtv; 4352), S. 263–278, hier S. 265.
Rose Ausländer – grundsätzliche Probleme 9

welche Denker wie Adorno zuweilen unmäßig erscheinen läßt, wobei natürlich
daran erinnert werden muß, wie wenig ein Maß gestattet, was zu denken auf-
gegeben ist. »Nach der Nullstunde«45 ist sozusagen nicht geschrieben worden,
denn sie war so unmöglich wie unversucht – »Trümmerarbeit statt [...] Trauer-
arbeit« etablierte,46 woran manches Sprechen nochmals zerbrechen mußte.
Ebenso ist zur Zeit die feministische Literaturtheorie in diesem Gebiet et-
was überrepräsentiert. Wer als Interpret nur noch sich selbst in Versen sucht
und dann auch noch findet, der ist – es überrascht nicht allzusehr – für das
blind, was seinen Erwartungen nicht entspricht, jedoch das genuin Poetische
am Werk sein mag.47 So sei nicht in Abrede gestellt, daß Gender Studies – wie
überall – auch hier notwendig und wichtig sind, doch zugleich betont, daß
manche Arbeit letztlich darauf hinausläuft, einen Phallozentrismus durch einen
Omphalozentrismus oder Gynozentrismus zu ersetzen,48 der kaum reflektierter,
unproblematischer ist als das Übel, das aus der Welt soll. Die spezifische Kon-
struktion von Weiblichkeit und femininer Körperlichkeit bei Rose Ausländer ist
ein Thema, nicht das alleinige – und wäre durchaus nicht nur nachzuvollzie-
hen, sondern auch zu kritisieren, wo Geschlechterrollen in neuen Clichés wie-
derzukehren drohen, was übrigens eher in der Umschreibung vom Gedicht zur
These durch manche(n) Interpret(inn)en geschieht.49 Als Ausnahme sei die
Arbeit von Kristensson lobend hervorgehoben. Sie versucht in der Tat zu zei-
gen, was in der Lyrik der Dichterin als »Dekonstruktion [...] tradierter literari-
scher Topoi [...] Geschlechterverhältnisse«50 aufdeckt – in der »Femininisie-
45
Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband
mit dem Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun. Bd 8: Jeder Tropfen ein Tag. Ge-
dichte aus dem Nachlaß. Gesamtregister. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1990, S. 169.
46
Pott, Die Philosophien der Nachkriegsliteratur (Anm. 44), S. 265.
47
Vgl. etwa Held, Evas Erbe (Anm. 27), S. 27, wiewohl auch dieser Arbeit die be-
schriebene Tendenz teils eigen ist ...
48
Vgl. Susanne Schulte: Drei Grundpositionen feministischer Literaturwissenschaft.
In: Am Ende der Literaturtheorie? Neun Beiträge zur Einführung und Diskussion.
Hg. von Torsten Hitz und Angela Stock. Münster: Lit Verlag 1995 (Zeit und Text;
8), S. 98–114, hier S. 102; vgl. auch Jacques Derrida: Nietzsche – Politik des Eigen-
namens. Wie man abschafft, wovon man spricht. Übersetzt von Friedrich Kittler.
Berlin: Merve 2000 (Internationaler Merve Diskurs; 225), S. 59ff., wo Derrida den
Nabel als Zentrum etabliert, das – hierin liegt die Qualität der Passage nicht zuletzt –
doch von der Versehrtheit (»die Frau [...] erscheint nie [...], an keiner Stelle der Na-
belschnur« – ebd., S. 62; vgl. ebd., S. 59) erzählt ...
49
Vgl. Schulte, Drei Grundpositionen feministischer Literaturwissenschaft (Anm. 48),
S. 110; auf die an jener Stelle zitierte Festlegung wird indirekt noch Bezug zu nehmen
sein; zu Gender Studies als Widerlegung eines Essentialismus vgl. auch Doris Feld-
mann / Sabine Schülting: Gender Studies. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kultur-
theorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, Hg. von Ansgar Nünning. Stuttgart,
Weimar: J. B. Metzler 1998, S. 185–187, hier S. 185ff.
50
Jutta Kristensson: Identitätssuche in Rose Ausländers Spätlyrik. Rezeptionsvarianten
zur Post-Schoah-Lyrik. Frankfurt a. M. u. a.: Lang 2000 (Beiträge zur Literatur und
Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts; 19), S. 154.
10 Erster Teil

rung patriarchaler Schöpfungsmythen«.51 Vor allem aber gewährt sie der not-
wendigen Frage Raum, ob und inwieweit eine bestimmte Fortschreibung von
derlei Schemata selbst oder sogar gerade in der »Überhöhung«52 des Prinzips
Frau ein subtil Konservatives beinhalte, also mit Theweleit »Unterdrückung
durch [...] Entwirklichung«.53
Der Platzmangel des Rose Ausländer-Archivs ist schließlich eine eigene Not;
wer sich in Zirkular nach Nachrichten zu Rose Ausländer umsieht, findet nicht
zuletzt zahlreiche Hinweise auf Umzüge ...54

Biographische Schlaglichter: Wer war Rose Ausländer?

Rose Ausländer wurde 1901 in Czernowitz geboren.55 Es überrascht wenig, daß


ihr Name wenigstens einen Grenzfall des Pseudonyms darstellt, der sich aus
Beibehaltung des Namens von Ignaz Ausländer nach der Scheidung und einer
Verkürzung eines ihrer Vornamen, Rosalie ergibt.
Rosalie Beatrice Scherzer wird als »Lückenbüßer«56 geboren – das erste Kind
ihrer Eltern, ein Sohn ist kurz vor ihrer Geburt im Alter von 18 Monaten töd-
lich verunglückt.57 1906 folgt die Geburt eines weiteren Kindes, eines Sohnes.58
Rose Ausländer wird umhegt, in jüdischer Tradition erzogen, muß aber mit 14
Jahren bereits Bekanntschaft mit Krieg und Flucht machen – die »folgenden 54
Jahre ihres Lebens werden von Flucht, Vertreibung und häufigen Ortswechseln
geprägt sein«.59
1920 stirbt der Vater, der für Rose Ausländer stets eine zentrale Figur gewe-
sen ist.60 Die Mutter, die von der Lyrikerin schon zuvor ambivalent erlebt wird,
drängt die Tochter aufgrund der wirtschaftlichen Lage zur Auswanderung in die
USA, was von dieser, die sich um die Liebe ihre Mutter zuletzt in extremer

51
Ebd. Vgl. auch etwa ebd., S. 65.
52
Ebd., S. 161, Anm.
53
Klaus Theweleit: Männerphantasien. Bd 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte.
Frankfurt a. M.: Roter Stern 1977, S. 359; vgl. ebd., S. 358ff., passim. Vgl. Kristens-
son, Identitätssuche in Rose Ausländers Spätlyrik (Anm. 50), S. 161, Anm.; auf Der-
ridas Essay »Die Politik der Freundschaft« und das daran anschließende Buch Poli-
tik der Freundschaft ist schon hier hinzuweisen, ich greife diese beiden Texte später
auf.
54
Vgl. etwa Zirkular, Nr 25, 1996.
55
Vgl. Cilly Helfrich: Rose Ausländer. Biographie. Zürich, München: Pendo 1998 (Pen-
do Pocket; 6), S. 44.
56
Ebd., S. 46.
57
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 7.
58
Vgl. ebd., S. 10.
59
Ebd., S. 15. Vgl. Rainer Hoffmann: Auf einer Luftschaukel. Ausstellung zum Leben
Rose Ausländers in Düsseldorf. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr 82, 7. April 1995, S. 34.
60
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 26ff.
Biographische Schlaglichter: Wer war Rose Ausländer? 11

Weise bemühen wird61 – Lanser spricht von einer »Nichtabnabelung«62 –, als


Verstoßung verstanden wird.63 »Sie erwartet Mutterliebe als einen Impuls, ein
Kind an sich zu ziehen [...]; statt dessen wird sie weggestoßen.«64 Es folgen
eine Ehe und die Beziehung mit Helios Hecht, der ihre große Liebe gewesen
sein dürfte.65
Bei der Rückkehr nach Czernowitz müssen die weiteren Impressionen jenen,
die Paul Celan widerfahren und zustoßen, ähneln.66 Bei aller Liberalität bleibt
man »der jüdischen Tradition immer verbunden«.67 Die »Wahrung der jüdischen
Tradition«68 bedeutet Heimat im Kosmopolitentum des immer schon Vertriebe-
nen, im Falle Rose Ausländers Staatenlosen.69 Ihre erste Publikation als Lyrike-
rin fällt in eine ungünstige Zeit: »Das Buch einer Jüdin wird in Deutschland
nicht mehr zu Kenntnis genommen.«70 Freilich muß man hinzufügen, daß schon
zuvor – bedingt durch die sukzessive Rumänisierung nach dem Habsburgischen
Ansinnen, »dieses Gebiet zu germanisieren«71 – »deutschschreibende Angehöri-
ge einer Minderheit mit kaum vorhandenen Publikationsmöglichkeiten [...] kaum
Chancen [hatten], von der binnendeutschen Kritik bemerkt zu werden«72 – sie
»veröffentlichten ihre Bände im Eigenverlag und liehen sich, um diese Tatsache
zu kaschieren, den Namen der Buchhandlung, die den Vertrieb ihrer Bücher
übernahm, oder der Druckerei, die sie herstellte«.73
Ich setze hier eine Zäsur, um der Versuchung nicht zu erliegen, angemessen
über das schreiben zu wollen, was die Lyrik einer Rose Ausländer, einer Nelly
61
Vgl. ebd., S. 28, S. 42 u. S. 58 zur Rückkehr aus den USA in die Bukowina unter
Lebensgefahr.
62
Günter Lanser: Ein ungelebtes dennoch gelebtes Leben. Zum Tode der Dichterin Rose
Ausländer. In: Der Literat, Nr 2, 1988.
63
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 27.
64
Ebd., S. 28.
65
Vgl. ebd., S. 28ff.
66
Freilich divergiert die Wahrnehmung von Czernowitz, da Rose Ausländers Kind-
heitsstadt verhältnismäßig unversehrt ist. Vgl. Rita Breit: In inständig klaren Bil-
dern. Über die Dichterin Rose Ausländer, die Anfang dieses Jahres im Jüdischen Al-
tersheim in Düsseldorf starb. In: die tageszeitung, Nr 2468, 26. März 1988, S. 9.
67
Israel Chalfen: Paul Celan. Eine Biographie seiner Jugend. Frankfurt a. M.: Suhr-
kamp 1983 (Suhrkamp-Taschenbuch; 913), S. 34.
68
Helfrich, Rose Ausländer (Anm. 55), S. 50.
69
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 51.
70
Ebd., S. 54. Vgl. auch Kristensson, Identitätssuche in Rose Ausländers Spätlyrik
(Anm. 50), S. 26, passim; und in Czernowitz hat die Romanisierung eingesetzt – vgl.
Edith Silbermann: Begegnung mit Paul Celan. Erinnerung und Interpretation. Aachen:
Rimbaud 1993, S. 10f.; Rainer Stöckli: Ich verständige mich mit vier Worten. In:
Grenzpost am Zürichsee, 12. Okt. 1983.
71
Alfred Kittner: Spätentdeckung einer Literaturlandschaft. Die deutsche Literatur der
Bukowina. In: Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur. Hg. von Wilhelm Solms.
Marburg: Hitzeroth 1990, S. 181–202, hier S. 198.
72
Ebd., S. 194.
73
Ebd.
12 Erster Teil

Sachs und eines Paul Celan zu Grenzphänomenen des Sprechens treibt.74 Er-
wähnt sei allerdings, daß es in dieser Zeit zur ersten Begegnung von Ausländer
und Celan kommt.75
1947 verstirbt die Mutter, was zum psychischen und physischen Zusam-
menbruch der Tochter führt; dies, weil eine »Einheit unwiederbringlich verlo-
ren« ist;76 dies auch, weil sie ihre Mutter in ihrer letzten Stunde nicht begleitet
hat, erst hier (und aus diesem Ereignis zu interpretieren, wie Bower es ver-
sucht) geht die Dichterin der Muttersprache verlustig.77 Witte liest plausibel
noch die Metapher von »schwarzer Milch«78 auf das Verhältnis der Mutter be-
zogen.79 Ihr ist zunächst das »Dichten in ihrer Muttersprache [...] verwehrt«.80
Die Frage, ob in der Abwendung von der Mördersprache gelöst ist, was mit
Adorno noch zu diskutieren bleibt, sei hier beiseite gelassen.81
Die Frage, welchen Einfluß Celan auf das Schaffen Rose Ausländers ge-
nommen hat, ist hingegen biographisch ein wenig zu erhellen. Der Grund
meines Interesses liegt auf der Hand: Eine Arbeit, die Rose Ausländers Schaf-
fen mit den Konzeptionen Adornos, Szondis und Derridas in Beziehung setzt,
muß sich rechtfertigen, denn was auch sonst gilt, wird hier augenfällig – das
Wurzeln von Ordnung im Geist des Archivars: »Ohne die Imagination gäbe es
keine Ähnlichkeit zwischen den Dingen.«82

74
Vgl. hierzu neben den Biographien Klaus Werner: Fäden ins Nichts gespannt. In:
Wortreiche Landschaft. Deutsche Literatur aus Rumänien – Siebenbürgen, Banat, Bu-
kowina. Ein Überblick vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hg. von Renate Flor-
stedt. Leipzig: BlickPunktBuch 1998, S. 128–131, hier S. 130.
75
»Über die erste Begegnung gibt es widersprüchliche Angaben.« (Braun, »Ich bin
fünftausend Jahre jung« [Anm. 28], S. 68)
76
Ebd., S. 82; zur Einheit Mutter – Heimat – Bukowina vgl. ebd.
77
Vgl. Kathrin Bower: »Aus dem Ärmel der toten Mutter hol ich die Harfe«. Das Echo
der Mütterlichkeit in Rose Ausländers Dichtung. In: Jüdischer Almanach 1997/5757 des
Leo Baeck Instituts. Hg. von Jakob Hessing. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag im Suhr-
kamp Verlag 1996, S. 84–95, hier S. 86. Vgl. auch Kathrin Bower: In the Name of the
(M)other? Articulating an Ethics of Memory in the Post-Holocaust Poetry of Nelly Sachs
and Rose Ausländer. (Diss.) Winsconsin-Madison 1994, S. 120. Wenig überzeugend ist
freilich, was im Anschluß an Bowers bedenkenswerter Akzentuierung über das Schwei-
gen formuliert wird – vgl. Kathrin Bower: Vatertreue/Muttertraum. Die Dialektik der
Erbschaft in den Gedichten von Rose Ausländer. In: »Mutterland Wort«. Rose Ausländer
1901–1988. Hg. von der Rose Ausländer-Stiftung. 2. Aufl., Köln: Rose Ausländer-
Stiftung 1999 (Schriftenreihe der Rose Ausländer-Stiftung; 7), S. 141–156, hier S. 144.
78
Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband mit
dem Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun. Bd 1: Die Erde war ein atlasweißes Feld.
Gedichte 1927–1956. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1985, S. 66.
79
Vgl. Bernd Witte: Rose Ausländer. In: Kritisches Lexikon zur Gegenwartsliteratur.
Hg. von Heinz Ludwig Arnold. München: edition text + kritik 1978ff., 40. Nachliefe-
rung (Stand: 1. Januar 1992), S. 5.
80
Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 84.
81
Vgl. ebd., S. 85.
82
Foucault, Die Ordnung der Dinge (Anm. 21), S. 104; vgl. ders., Dies ist keine Pfeife.
Mit zwei Briefen und vier Zeichnungen von René Magritte. Übersetzt von Walter
Biographische Schlaglichter: Wer war Rose Ausländer? 13

Das zwischen den genannten Denkern und der Lyrikerin zu knüpfende Band
rührt nicht zuletzt von einer vagen Verbindung her. In Paul Celan, der mit der
Lyrikerin bekannt gewesen ist,83 ist eine Brücke vom relativ – von der Philo-
logie – unbeachteten Œuvre der Dichterin zu genialen Ansätzen der Deutung
gegeben. Freilich muß dabei bedacht werden, daß Rose Ausländer »sich gern mit
Paul Celan zusammen« »nennt«84 und eine Nähe, die für die stilistische Eigen-
ständigkeit, wie etwa Diedrich schreibt, nicht ungefährlich sein mag, sucht85 –
also jenes Band, das nicht als verquere Aufwertung86 der Lyrik Rose Auslän-
ders mißverstanden werden sollte, von der Dichterin (auch wegen dieses Miß-
verständnisses) mitgeflochten worden ist ...
Wie ist dieses Band zu beurteilen?
Den Anstoß zum entscheidenden Wandel erhält Rose Ausländer von Paul Celan bei
einem Treffen im Mai 1957 in Paris. Celan kritisiert vor allem den Endreim und die
gebundene Form der Texte, die ihm die Lyrikerin aus der Schaffenszeit zwischen
1940 und 1950 vorgelegt hatte. Daraufhin ändert Rose Ausländer ihren Stil radikal
87
und verwendet nun nahezu keinen Endreim und kein festes Metrum mehr.

So formulierte es Gabriele Köhl 1992 – heute ist man in diesem Punkt bereits
vorsichtiger.88 Zwar ist ein Bruch mit Altem in dieser Zeit zu konstatieren:
Kein antikisierendes Vokabular findet sich mehr in den Versen der Poetin.89
Personen- und Ortsnamen erscheinen in den Gedichten.90 Die Eindeutigkeit
der Syntax wird teils aufgelöst, hypotaktische Strukturen schwinden.91 Festes

Seitter. Frankfurt a. M., Berlin, Wien: Ullstein 1983 (Ullstein-Buch; 36073 – Ullstein
KunstBuch), S. 43, 46 u. 49 sowie Paul de Man: Epistemologie der Metapher. Über-
setzt von Werner Hamacher. In: Theorie der Metapher. Hg. von Anselm Haverkamp.
2. Aufl., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996, S. 414–437, hier S. 430.
83
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 68ff.; Helfrich, Rose
Ausländer (Anm. 55), S. 161ff., passim.
84
Heinz Politzer: Gesänge der Fremdlingin. In: Rose Ausländer (Anm. 28), S. 224–
227, hier S. 226.
85
Waldemar Diedrich: »Doppelspiel«. In: Der Wegweiser (November 1988), S. 32.
86
Zu diesem Phänomen innerhalb der Sekundärliteratur zu Rose Ausländer; vgl. Werner-
Birkenbach, »Durch Zeitgeräusch wandern von Stimme zu Stimme ...« (Anm. 29),
S. 352.
87
Gabriele Köhl: Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers. Pfaffenweiler:
Centaurus-Verlagsgesellschaft 1993 (Reihe Sprach- und Literaturwissenschaft; 32),
S. 128, vgl. auch ebd., S. 329f.; vgl. weiters Braun, »Es bleibt noch viel zu sagen« (Anm.
28), S. 25; Kristensson, Identitätssuche in Rose Ausländers Spätlyrik (Anm. 50), S. 21.
88
Vgl. beispielsweise Held, Evas Erbe (Anm. 27), S. 18.
89
Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers (Anm. 87), S. 156.
90
Vgl. ebd., S. 156f. Davor kennt das Œuvre Rose Ausländers nur biblische Namen so-
wie eine Gestaltung des Orpheusmythos – vgl. Ausländer, Gesammelte Werke (Anm.
78), Bd 1, S. 240 u. 283; Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Auslän-
ders (Anm. 87), S. 156, Anm.
91
Vgl. Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers (Anm. 87),
S. 211 u. 215.
14 Erster Teil

Metrum und Endreim fallen weg und hinterlassen Freiräume, deren Gestaltung
im präziseren und nüchterneren Text zudem an Gewicht gewinnt: »Als der
Endreim und das feste Metrum, beide sehr auffällige Stilistika der Dichtung,
ab 1957 wegfallen, werden die anderen klanglichen Mittel unweigerlich be-
deutsamer.«92 Die Treffen jedoch fallen zu dieser Zeit nicht wie jene eines güti-
gen Lehrers und einer Schülerin aus, was manche Beschreibung suggeriert93 –
»Celan reagiert mit Verstörung auf den ›Menschen aus der Heimat‹, kann die
Besucherin nur kurz ertragen«.94
Erst bei einem zweiten Treffen kommt es zum Meinungsaustausch. In diesem
»empfängt [Rose Ausländer] [...] durch Celan Eindrücke, die sie nachhaltig darin
bestärken, ihren neuen Stil konsequent weiterzuentwickeln«.95 Freilich könnte
dies auch ein »creative misreading«96 seitens der Dichterin gewesen sein, so
mutmaßt Colin. Kurz darauf jedenfalls präsentiert sie ihm »Texte[n], die in den
letzten Monaten entstanden sind oder ihre neue Form gefunden haben [...]. Er
akzeptiert diese Texte.«97 Allerdings beantwortet er ein Jahr darauf Versuche
einer Korrespondenz, wie ich in der Bibliographie unter den Anmerkungen
zum Nachlaß genauer schildere, nicht mehr.98
Rose Ausländer akzeptiert sein Schweigen und sucht ihrerseits den Kontakt nicht
mehr. Sehr wohl aber verfolgt sie sein Dichten, kauft seine Bücher und bewahrt Zei-
99
tungsartikel über ihn und sein Werk auf.

»Es geht nicht darum, Rose Ausländer an Paul Celan zu messen. Es gilt, sie aus
seinem Schatten herauszuholen«,100 so sei schließlich zu jener Verbindung ver-
merkt.
1965 erscheint in Wien Rose Ausländers zweiter Gedichtband, Blinder Som-
mer. Die Kritik akklamiert, was das Publikum ignoriert – 100 Exemplare wer-

92
Ebd., S. 129; teils ist das feste Metrum schon zuvor nicht mehr gegeben. Vgl. ebd.,
S. 313.
93
»›Kürzer schreiben mußt du, Rose‹, soll er ihr geraten haben, die noch weitgehend
mit gebundenen Reimen arbeitete.« Michael B. Berger: Die Lyrikerin Rose Aus-
länder wird in Hannover ausgezeichnet. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung,
10. Mai 1986. »Celan war ihr befreundet, Berater und Vorbild.« Georg Drozdow-
ski: Die Dichterin Rose Ausländer. In: Die Furche 31 (5. August 1977).
94
Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 94.
95
Ebd. (Hervorhebung von mir). Vgl. Jürgen P. Wallmann: Gespräche mit der Atem-
zeit. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 17. Oktober 1978 sowie Breit, In
inständig klaren Bildern (Anm. 66).
96
Amy D. Colin: Paul Celan. Holograms of Darkness. Bloomington, Indianapolis:
Indiana University Press 1991 (Jewish Literature and Culture), S. 29; vgl. ebd.,
S. 29ff.
97
Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 97.
98
Vgl. ebd., S. 98.
99
Ebd., S. 100.
100
Walter Hinck: Viersprachig verbrüderte Lieder. Rose Ausländers gesammelte Wer-
ke. In: Rose Ausländer (Anm. 28), S. 240–243, hier S. 243.
Biographische Schlaglichter: Wer war Rose Ausländer? 15

den auch aufgrund des hier wenig ambitionierten Verlags verkauft.101 1967 ist
im Droste-Preis eine erste medienwirksame Auszeichnung gegeben, »die ge-
eignet ist, der Dichterin die dringend nötige Publizität zu verschaffen«.102 Es
folgt ein Rückfall durch Hoffmann & Campe.103
Ende Juli 1971
Die Selbsttötung Paul Celans ist für Rose Ausländer ein Schock. Sie weiß, daß er an
Erlebnissen zu Grunde ging, die auch sie immer noch bedrängen. Während er, der
eine Generation Jüngere, an der vermeintlichen »Schuld des Überlebens« zerbricht,
ist ihr nicht nur das Glück des Überlebens zuteil geworden, sondern auch die Gnade
104
des Weiterlebenkönnens und des Heimischwerdens in ihrer Muttersprache.

Es ist ungemein schwierig, dieses Heimischwerden weder – in einer mir ab-


strus erscheinenden Sicht Рals Defizit Celans noch als ȟberlebensnotwendi-
ge[n] Kälte«105 oder Ausbleiben eines bestimmten Blicks seitens der Dichterin
zu lesen: jenes Blicks, »der das Leben nicht mehr versteht, weil er es verstan-
den hat«.106
Es folgt Ausländers sukzessiver Rückzug ins Schreiben und – damit ver-
bunden – ins Nelly-Sachs-Haus.107 Die Bekanntschaft mit Helmut Braun zu
einer Zeit, da von der 74jährigen Dichterin »sicher nicht mehr als 2000 Bücher
101
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 110f.
102
Ebd., S. 128.
103
Vgl. ebd., S. 130f.
104
Ebd., S. 140. Vgl. auch Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Aus-
länders (Anm. 87), S. 264f. Die Passage ist auch wegen der Datierung eher obskur,
da Celans Tod zu diesem Zeitpunkt über ein Jahr zurückliegt und etwas irreführend
unter dem Datum, da Rose Ausländer Edith Silbermann trifft und Celans Tod be-
spricht, erwähnt wird. Vgl. auch Paul Celan / Franz Wurm: Briefwechsel. Hg. von
Barbara Wiedemann und Franz Wurm. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1995, S. 243,
250f. u. 303; Silbermann, Begegnung mit Paul Celan (Anm. 70), S. 69; Wolfgang
Emmerich: Paul Celan. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1999 (rororo; 50397 –
Rowohlt Monographie), S.166f. u. 178.
105
Emmerich, Paul Celan (Anm. 104), S. 168 – in Anlehnung an Theodor W. Adorno:
Negative Dialektik. 7. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992 (Suhrkamp-Taschen-
buch Wissenschaft; 113), S. 355f.
106
Peter Szondi: Schriften. Hg. von Jean Bollack u. a. Bd 1: Theorie des modernen
Dramas (1880–1950). Versuch über das Tragische. Hölderlin-Studien. Mit einem
Traktat über philologische Erkenntnis. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1978 (Suhr-
kamp-Taschenbuch Wissenschaft; 219), S. 259; zum Kranken dieses Blicks vgl.
auch Hugo Huppert: »Spirituell«. Ein Gespräch mit Paul Celan. In: Paul Celan.
Hg. von Werner Hamacher und Winfried Menninghaus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1988 (Suhrkamp-Taschenbuch Materialien; 2083), S. 319–324, hier S. 323f.
107
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 141 u. S. 147; dies nach
einem Sturz (auch) aus gesundheitlichen Gründen – denn Rose Ausländer durch-
reiste zwar Europa, doch: »Deutschland mied sie.« – Braun, »Es bleibt noch viel zu
sagen« (Anm. 28), S. 25; vgl. ebd., S. 28f. Vgl. auch Harald Vogel / Michael Gans:
Rose Ausländer – Hilde Domin. Gedichtinterpretationen. 2. Aufl., Baltmannswei-
ler: Schneider-Verlag Hohengehren 1997, S. 108.
16 Erster Teil

die Leser erreicht«108 haben, der steile Aufstieg,109 der Wechsel vom Literari-
schen Verlag Braun zu S. Fischer110 und schließlich 1981 der Vertrag für die
Gesamtausgabe folgen.111
Letzte Gedichte werden von Rose Ausländer, die an Arthrose leidet, dik-
tiert.112 Es kommen 1981 »komaähnliche Zustände«113 durch eine falsche Medika-
tion hinzu; Folge ist eine etwa einjährige Schaffenspause, ehe die Dichterin »wie-
der mit ganz einfachen fragmentarischen Atemworten zu schreiben« beginnt.114
Sie wird in dieser Zeit mit Preisen geradezu überhäuft, die sie als Repräsentantin
amerikanischer Moderne und »deutsch-jüdischer Literatur zwischen Traditions-
anbindung und sprachlichem Experiment« würdigen.115 Zu dieser Zeit jedoch ist
Rose Ausländer kaum mehr in der Öffentlichkeit – Ilse Aichinger ist der letzte
Besuch, den sie empfängt.116 »Die Dichterin erreicht die totale Isolation.«117
Sie legt allerdings mit Ich spiele noch einen vielbeachteten »absoluten Hö-
hepunkt ihrer Kunst« noch 1987 vor.118 Ein Jahr darauf stirbt Rose Ausländer.
Der letzte Band ihrer Gesammelten Werke in 8 Bänden erscheint 1992: »Ein
beispielloses lyrisches Werk liegt damit nachvollziehbar vor.«119
Das Verhältnis dieser Dichtung zum Autobiographischen betreffend sei mit
Michael Hamburgers Essay »The Poetry of Private Life«, der auch Rose Aus-
länder eine längere Passage widmet, abschließend vermerkt, daß wohl die Kenn-
tnis des Lebens manches Motiv erhellt, solche Konnexe aber – gerade auch bei
dieser Dichterin – nicht über Gebühr zu strapazieren sind:
All the phases of her life, from her youth in a part of Europe that was Austrian, then
Romanian, then Russian, to the war in which most of her relatives and friends were
exterminated, and the years in New York, have left a residue in her poems, though
120
few of them are directly autobiographical.

Ohnehin ist nicht aus der Kontinuität einer Vita zu erfahren, wer dichtet – was
dennoch gerne Motiv der biographischen Recherche ist; es ist jedoch der
108
Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 151.
109
Vgl. ebd., S. 152ff.
110
Vgl. ebd., S. 162.
111
Vgl. ebd., S. 167.
112
Vgl. ebd., S. 168.
113
Vogel / Gans, Rose Ausländer – Hilde Domin (Anm. 107), S. 45.
114
Ebd.
115
Urkunde zum Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, zit. bei
Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (Anm. 28), S. 174.
116
Vgl. ebd., S. 177.
117
Ebd., S. 176.
118
Ebd., S. 179.
119
Ebd., S. 184.
120
Michael Hamburger: The Poetry of Private Life. In: Times Literary Supplement,
7. Oktober 1977, S. 1161–1162, hier S. 1162. Vgl. hierzu auch Johann Holzner: Ikarus-
Variationen. Gedichte von Rose Ausländer. In: Die Bukowina. Studien zu einer ver-
sunkenen Literaturlandschaft. Hg. von Dietmar Goltschnigg, Anton Schwob und Ger-
hard Fuchs. Tübingen: Francke 1990 (Edition Orpheus; 3), S. 265–273, hier S. 266.
Wege der Annäherung 17

»wahre Dichter [...] alles, was [...] in seine Gedichte Eingang fand«,121 wobei
man den Modus der Aufnahme freilich eingerechnet denken muß. Und erst
recht nicht ist jene bange Frage des Verhältnisses zu jenem aus der Erhellung
des Lebens zu verstehen, woran sich Lyrik bindet, nämlich einem Ausbleiben
im Vollzug von Leben wie Schreiben.122
Wer bin ich
wenn ich nicht
123
schreibe?
Oder haben wir
fremde Tode getrunken
und liegen begraben
124
im blutlosen Mond?

Wege der Annäherung

Die Frage ist hier und jetzt für mich: Wie soll man sich diesem beachtlichen
Œuvre annähern? Mein Versuch besteht, wie ich schon sagte, in seiner Kon-
frontation mit den Konzeptionen Adornos, Szondis und Derridas. Meine Hoff-
nung oder These wäre, man könnte in dieser Auslieferung der bislang etwas
stiefmütterlich oder wenigstens oft uninspiriert behandelten Dichtung an drei
der wichtigsten Theoretiker des 20. Jahrhunderts, in dieser Reizung also die
Rose erblühen lassen.
Den Ausgangspunkt einer Untersuchung am Wort der Dichterin stellt wie
bei fast allen poetologischen Fragestellungen post Auschwitz die Frage dar, was
Lyrik nun sein könne, vielleicht sogar, ob Lyrik nun sein dürfe. Adornos Dik-
tum, worin die Ratlosigkeit sich höchst präzise artikuliert findet, ist oft und
zuweilen falsch zitiert worden: Nach »Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist
barbarisch«.125

121
Michael Hamburger: Gedanken zur Identitätsfrage. In: »Wir tragen den Zettelkasten
mit den Steckbriefen unserer Freunde«. Acta-Band zum Symposion »Beiträge jüdi-
scher Autoren zur deutschen Literatur seit 1945« (Universität Osnabrück, 2.–5. 6.
1991). Hg. von Jens Stüben, Winfried Woesler und Ernst Loewy. Darmstadt: Häus-
ser 1994, S. 23–30, hier S. 28; vgl. ebd., S. 23.
122
Zur Frage, was das meinen könne, vgl. Adorno, Negative Dialektik (Anm. 105),
S. 355f.
123
Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband
mit dem Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun. Bd 4: Im Aschenregen die Spur
deines Namens. Gedichte und Prosa 1976. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1984, S. 162.
Vgl. auch Franz Richter: Heimkehr ins Wort. In: Die Furche, 5. September 1984.
124
Ebd., Bd 1 (Anm. 78), S. 156.
125
Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft. In: Prismen. Kulturkritik und
Gesellschaft. Hg. von Rolf Tiedemann. 3. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1987
(Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 178), S. 7–26, hier S. 26.
18 Erster Teil

Hinzugesetzt hat Adorno, was den durch die Shoa aufgerissen scheinenden
Abgrund negativ bestimmt – unbestimmbar und grundlos zu sein. Nicht zuletzt
nämlich ist das Denken allgemein, ob es sich nun versöhnlich oder im Bekennt-
nis zu Dissonanz Auschwitz nähert, befleckt, es kann die kulturelle Praktik des
Gedichts nicht von einem unbeschadeten Punkt der Vernunft aus als ange-
bracht oder unangebracht diskutieren, die Distanz zum Problem nicht leisten,
das in seinem Kern wurzelt; das Gewicht von Adornos Nachsatz, einem gewis-
sermaßen bitteren Witz, der oftmals unterschlagen oder vergessen wird126,
wohl auch eine treffende dialektische Volte von Neumann – »Schönheit des
Grauens« / »Greuel der Schönheit«127 – bestimmt, ist also nicht zu unterschät-
zen. In der Tat herrscht ohne ihn ein Pathos vor, welches das Tragikomische
einer scheiternden Angemessenheit der Rede vergessen macht. Man kann hier
auf Nietzsche verweisen, der festhält: Der »Mensch muss von Zeit zu Zeit glau-
ben, zu wissen, warum er existirt, seine Gattung kann nicht gedeihen ohne ein
periodisches Zutrauen zu dem Leben! Ohne Glauben an die Vernunft im Leben!
Und immer wieder wird von Zeit zu Zeit das menschliche Geschlecht decreti-
ren: ›es giebt Etwas, über das absolut nicht mehr gelacht werden darf!‹«128 Die-
ser Überlegung schließt er – freilich erst in Jenseits von Gut und Böse – die
prägnante Formulierung an: »Niemand lügt soviel als der Entrüstete.«129

126
Zuletzt beispielsweise in der Nelly Sachs-Kurzinterpretation von Gerhard Schulz:
Schönheit und Gewalt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung – Bilder und Zeiten, Nr
302, 28. Dezember 1996, S. IV. Kurios mutet dementsprechend an, was ein ande-
rer Interpret schreibt: »Die Jüdin Rose Ausländer hat den berühmten Satz von
Theodor W. Adorno, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben,
geradezu ins Gegenteil gekehrt.« Günter Krall: »Ich bin mit meinem Wort verlobt«.
Rose Ausländer: »Gedichte 1980–1987«. In: Die Rheinpfalz – Ludwigshafener
Rundschau, 19. November 1988. Vgl. auch die redlichen Versuche eines Weiter-
denkens (verfaßt in Unkenntnis der Selbstproblematisierung von Adornos Satz) bei
Walter Gebhard: Von der Thanatologie des Tones zur Zwitschermaschine? Zum
Verhältnis von Avantgarde und Postmoderne. In: Avantgarde und Postmoderne. Pro-
zesse struktureller und funktioneller Veränderungen. Hg. von Erika Fischer-Lichte
und Klaus Schwind. Tübingen: Stauffenburg 1991 (Stauffenburg Colloquium; 19),
S. 45–96, hier S. 66f.
127
Peter Horst Neumann: Zur Lyrik Paul Celans. Eine Einführung. Göttingen: Vanden-
hoeck & Ruprecht 1990 (Kleine Vandenhoeck-Reihe; 1286), S. 99.
128
Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbän-
den. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München, Berlin, New York:
Deutscher Taschenbuch Verlag/de Gruyter 21988 [31993] (dtv; 2221–2235), Bd III,
S. 372.
129
Ebd., Bd V, S. 45. Vgl. zur Kategorie des Unangemessenen – es »gibt kein ver-
antwortungsvolles Schreiben nach-Auschwitz-über-Auschwitz«. James R. Watson:
Die Auschwitz-Galaxy. Reflexionen zur Aufgabe des Denkens. Übersetzt von Erik
Michael Vogt. Wien: Turia + Kant 1998 (Neue amerikanische Philosophie; 2),
S. 29; vgl. ebd., S. 78. Vgl. zu Scheitern / Unangemessenheit als Stilprinzipien Pe-
ter Bürger: Ursprung des postmodernen Denkens. Weilerswist: Velbrück Wissen-
schaft 2000, S. 151.
Wege der Annäherung 19

Wer derlei behauptet, rehabilitiert den Witz der Formulierung Adornos, die
als Wendung jenes Gedankens gegen sein falsch erhabenes Moment die Legi-
timität jedweden Denkens durchkreuzt. Man könnte übrigens auch auf Benjamin
verweisen, der schrieb: »Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich
ein solches der Barbarei zu sein.«130 Adorno also formuliert seinen Einspruch
vollständig derart: Nach »Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch,
und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward,
heute Gedichte zu schreiben«.131
Die Alternative zum Dichten oder zur Philosophie, deren Solidarität zu einer
stürzenden Metaphysik sich von metaphysischen Anklängen nicht frei fühlen
kann,132 als allzu beredten Formen des Zeugnisablegens ist Schweigen; diese
Stille zum Unaussprechlichen aber reduzierte die Rede nur scheinbar um alle
Vermessenheit, wenn der Verdacht nicht unberechtigt ist, daß Auschwitz das
Denken nicht äußerlich affiziere, sondern der Vernunft als ihr Werk eingeschrie-
ben sei, pointiert formuliert in seiner Irrationalität dem zuzurechnen, was die
Vernunft sich selbst zum endlosen Problem und nicht querbaren Terrain werden
läßt. Schweigen wäre die makabre Simulation jener Stille, die mit den Opfern
allein zu assoziieren ist, denen die Stimme genommen ist.
Der Satz Wittgensteins, wonach ein Schweigen zu all jenem – genauer: über
all das – geboten sei, wovon »man nicht sprechen kann«,133 ist darum nicht
überraschend für Adorno »von einer unbeschreiblichen Vulgarität«134 – das von
ihm proklamierte Verstummen zugleich eines, das seiner Widerlegung harrt,
seiner Aufhellung, eines Denkens und Schreibens, das nicht verwischte und
verdunkelte, sondern eine restlose Konfrontation der Vernunft mit ihrer Un-
vernunft ermöglichte. Kurios ist, daß Adornos Fehllektüre Wittgensteins, auf

130
Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: ders., Gesammelte Schriften.
Hg. von Rolf Tiedemann u. a. Bd I: Abhandlungen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1991 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 931), Bd I.2, S. 691–704, hier S. 696.
131
Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft (Anm. 125), S. 26.
132
Vgl. Adorno, Negative Dialektik (Anm. 105), S. 400. Hierauf ist vor allem mit
Derrida einzugehen; er dringt ins Herz dessen, was freilich auch Adorno treibt: Es
»kreist [...] wohl eine jede« »Philosophie [...] um den ontologischen Gottesbeweis«
(ebd., S. 378).
133
Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe. Bd 1: Tractatus logico-philosophicus. Tage-
bücher 1914–1916. Philosophische Untersuchungen. Hg. von Joachim Schulte u. a.
9. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft;
501), S. 85, § 7.
134
Theodor W. Adorno: Philosophische Terminologie. Zur Einleitung. Hg. von Rudolf
zur Lippe. 7. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992 (Suhrkamp-Taschenbuch Wis-
senschaft; 23), Bd 1, S. 56. Vgl. Adorno, Negative Dialektik (Anm. 105), S. 21; vgl.
hierzu Herbert Schnädelbach: Wittgenstein über die Philosophie: »Sie läßt alles, wie
es ist«. In: Internationale Zeitschrift für Philosophie (1995), H. 2, S. 216–229, hier
S. 216ff. sowie Albrecht Wellmer: Endspiele: Die unversöhnliche Moderne. Essays
und Vorträge. 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999 (Suhrkamp-Taschenbuch
Wissenschaft; 1095), S. 247.
20 Erster Teil

die ich noch zu sprechen komme, unter anderen Vorzeichen ihm zuteil wurde.
Nicht nur sein Verbot, auch dessen paradoxes Pendant, die Affirmation von
Wahrheit in der Kunst wird nur ungern gesehen, etwa von Seel, der die Kon-
vergenz von Wahrheit mit »der Gelungenheit ästhetischer Objekte«135 als Po-
stulat Adornos nicht goutiert, da ihm Gelingen als Plausibilität, nicht aber als
Transparenz von Unangemessenheit eingelöst erscheint. Dieser Verschiebung
entspricht die Differenz von Erkennen und »Aufgehen[s] im Bekannten«;136
zweifelsohne nämlich ist alles, was bedeutungslos bleibt, ästhetisch verfehlt,
doch auch Trivialität »ästhetisch falsch«.137 Wider willen rehabilitiert Seel also
die Möglichkeiten des verworfenen Postulats und schreibt zuletzt von der das
Andenken übersteigenden Kunst,138 was auch für ihr geschmähtes Schweigen
nicht unzutreffend ist; nämlich, daß sie doch einem Sprechen oder Schreiben
zugewiesen ist, das »zu denken geben« muß.139 Wenn »Erfahrungen einsetzen
mit der Nötigung, sich neu zu besinnen, dann folgt aus dem Willen zur Erfah-
rung die Bereitschaft, den Sinn aufs Spiel setzen«.140
Wenn überhaupt von Wahrheit zu sprechen ist, so erscheint es doch hier
angemessen, wo der Stil die Vernunft zu sich bringt Рzur Ȇberschreitung der
Rationalität« sozusagen.141 Dann gilt freilich ein Satz, der von Adorno stam-
men könnte: »Kunst ist ästhetische Avantgarde.«142 Zu Rose Ausländer wird
indes geschrieben:
Ob Rose Ausländer mit dem letzten vielzitierten Satz Wittgensteins aus dessen »Trac-
tatus logico-philosophicus« Umgang gepflegt hat? Ihre Dichtung, die diese Stille
143
und diese Musik ausströmt, scheint es zu bestätigen.

Die Frage nach Formalem im weiten Felde der Kunst ist auf der Suche nach
der Schrift demgemäß gewichtig, ist doch die Frage nach der Form auch eine
Frage nach all dem, was dem in der Frage Ausgeklammerten zuzurechnen zu
sein scheint, wenn man einen Satz von Bohrer beherzigt: »Stil ohne Erkennt-
nisqualität wird zum Kunstgewerbe.«144

135
Martin Seel: Die Kunst der Entzweiung. Zum Begriff der ästhetischen Rationalität.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1337), S. 29.
136
Ebd., S. 267.
137
Ebd., S. 195; vgl. ebd., S. 278f.
138
Vgl. ebd., S. 215.
139
Ebd.
140
Ebd., S. 172.
141
Ebd., S. 321.
142
Ebd., S. 217.
143
Beatrice Eichmann-Leutenegger: Dichtung aus dem Unvertrauten. Zum siebten Band
der gesammelten Werke Rose Ausländers. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr 256, 3. No-
vember 1988, S. 41–42, hier S. 42. Vgl. auch Bower, Vatertreue/Muttertraum (Anm.
77), S. 144 u. S. 154.
144
Karl Heinz Bohrer: Ausfälle gegen die kulturelle Norm. Erkenntnis und Subjektivität
– Formen des Essays. In: Literaturmagazin 6. Die Literatur und die Wissenschaften.
Hg. von Nicolas Born und Heinz Schlaffer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1976
Wege der Annäherung 21

Betrachtungen zur Logik der Formen und dem Stil einer Lyrik sind also nicht
Weltflucht und Meiden von Problemen; eine Flucht in den Elfenbeinturm nur im
Versuch, den Überlegungen Rechnung zu tragen, welche nicht ohne Grund emp-
fehlen, die sich heute bietenden Probleme der Ethik auch als solche der Ästhetik
aufzufassen; der viel gescholtene Elfenbeinturm, den Adorno 1969 in einem
Gespräch bekanntlich nicht scheute, ist heute ein Ort, der zwar keinen angemes-
senen Blick, doch die Frage, wie und ob dieser zu gewinnen sei, gewährt ...
Ob man will oder nicht, es gilt: Wer über Rose Ausländer schreibt – vielleicht
auch grundlegend: wer schreibt, ohne sich über den Charakter von Schrift zu
betrügen –, schreibt ebenso über Auschwitz, präziser: über Oświęcim.145 »Zum
besseren Verständnis der dort Werksamen [...] wurde [...] [der] Name ver-
deutscht.«146 Auschwitz als gewaltsam deformierter Name für einen Ort der ge-
waltsam deformierten Vernunft ist fremd und doch viel zu vertraut. Die Frage
läßt sich auch auf die Ebene der Formel bringen, die bei einer Olympiade der
Ideen, deren Name hier unpassend klingt, Tsoclis in Lettre International vorstell-
te: »Kulturelle Pyramide oder kultureller Vulkan?«147 Gibt es eine Vernunft und
Kultur, so sie im nicht schlechtesten Fall vernünftig ist, immanente Logik, die
entweder auf ein prinzipielles Scheitern oder aber ein prinzipielles Glücken von
Kultur zumindest in der Möglichkeitsform weist?
Der Vorzug einer Lyrik und Philosophie, die sich mit der Beschreibung der
Annahme befassen, der Vulkan, das Desaster sei es, das am Ende steht, ist leicht
zu ersehen; wer die Vorstellung der Pyramide affirmiert, überläßt sich dem Den-

(das neue buch; 77), S. 15–29, hier S. 19. Vgl. zu Poetischem und Poetologischem
in diesem Sinne auch Uwe Japp: Sinnkrise und Sinnverstehen – hermeneutische
Probleme mit Valérys Cimetière Marin. In: Text und Applikation. Theologie, Ju-
risprudenz und Literaturwissenschaft im hermeneutischen Gespräch. Hg. von Man-
fred Fuhrmann, Hans Robert Jauß und Wolfhart Pannenberg. München: Fink 1981
(Poetik und Hermeneutik; IX), S. 323–340, hier S. 325 passim.
145
Allerdings könnte ein Gegensatz zwischen dem Schreiben aufgrund von und – naiv
– über Auschwitz bestehen, da ersteres gerade zweiteres verunmöglicht oder frag-
würdig erscheinen läßt. Vgl. auch Hans Ulrich Gumbrecht: Interpretation jenseits
ihres Endes? Dekonstruktivistische Celan-Lectüren. In: Kulturlandschaft Bukowi-
na. Studien zur deutschsprachigen Literatur des Buchenlandes nach 1918. Hg. von
Andrei Corbea-Hoisie und Michael Astner. Iaşi: Universitatii »Alexandru Ioan Cu-
za« 1992 (Jassyer Beiträge zur Germanistik; V), S. 102–114, hier S. 114.
146
Peter Weiss: Meine Ortschaft. In: Exil – Asyl. Tatort Deutschland. Texte von 1933
bis heute. Hg. von Henning Müller. Gerlingen: Lambert Schneider 1994 (Serie S),
S. 200–211, hier S. 202.
147
Federico Coen u. a.: Olympiade der Ideen. Mehr als hundert Vorschläge zur Preis-
frage aus aller Welt. In: Lettre International 39 (Winter 1997), S. 6–14, hier S. 9;
hinzugesetzt sei gegen das Plakative des Bilds, daß das Desaströse in Gestalt jener
Stille der Pyramide zu kommen vermag, womit das Funktionieren von »Auschwitz
[...] ein Gipfel der Zivilisation war« (Dietmar Kamper u. a.: Schuld und Geschichte
– aufs Spiel gesetzt. In: Schuld. Hg. von Gerburg Treusch-Dieter, Dietmar Kamper
und Bernd Ternes. Tübingen: konkursbuchverlag Claudia Gehrke 1999 [Konkurs-
buch; 37], S. 21–32, hier S. 22) oder auf einen solchen wies.
22 Erster Teil

ken als einem, das einmal losgelassen allen Widerstand Schall und Rauch werden
läßt, sorglos. Im anderen Falle, im Fall eines grundsätzlichen Mißtrauens gegen
das Denken ist es freilich kaum plausibel zu machen, daß die Prämisse der gelin-
genden Beschreibung die Möglichkeit eines glückenden, gewaltlosen Denkens ist,
was das Beschriebene zugleich als Voraussetzung in beträchtliche Ferne rückt.
Auszugehen wäre dann von einer Rationalität, zu deren rationalem Charakter es
gehörte, sich nicht in ein Bild oder Muster ihrer selbst zu fügen, obgleich eine
finale Revision der Verfehlung immer aufgeschoben wäre. Zu denken wäre eine
insofern paranoide Vernunft, deren Paranoia man als rationale Schwundstufe einer
nicht zu leistenden Transzendenz – »Vergessen der Vernunft (gen. subj.)« /
»Vergessen der Vernunft (gen. obj.)«148 – begreifen müßte. Zu denken wäre ein
abseits dogmatischer Abbrüche unumgängliches Umschlagen von Metanoia in
Paranoia, worin, um es nochmals deutlich zu machen, Paranoia jene Vernunft
wäre, die am wenigsten reduzierte – beste aller möglichen Vernunftkulturen.
Was, wenn nicht Paranoia, kann es denn sein, was das Nichts – in unserem Den-
ken ein Schweigen? – zum Gegenstand einer Spekulation zu machen drängt?
In seiner Monographie des Nichts – vielleicht auch wäre von einer Oudeno-
graphie weit eher zu sprechen – schreibt Lütkehaus, ein bestimmtes Denken und
Dichten könne zeigen, »wie fragil, wie wenig selbstverständlich, wie gebrochen
in ihrer scheinbar [...] tautologischen Selbigkeit [...] [die »Nichts-, die Niemands-
rose«] ist«.149 Das Nichts, das von sich nicht zeugt, ist gewissermaßen ein Ande-
res par excellence; man muß schon von einer »Atopie« sprechen,150 da es nicht
an einem unzureichend beschriebenen Ort ist, sondern jedes Koordinatensystem
einer begrifflichen Topographie verläßt und unhörbar Lügen strafen muß. Es
ginge in der Folge um ein »nichtsiges Nichts«,151 das in seinem Verhältnis zum
Sein noch nicht einmal als herausfordernder Mangel interpretatorisch abgetan
werden könnte ... »Es sprengt die Seinsordnung so sehr, daß es in keinem Sinn
mehr in sie integrierbar ist, ohne ihr auch nur entgegenzustehen.«152
Freilich ist der These, das Nichts könne als Anderes par excellence des Den-
kens gelten, kurz zu widersprechen, denn es ist ein Anderes, das gedacht als
Datierung ohne Seiendes auch das Gegenteil des Anderen darstellt, die so sehr
innerliche Struktur, deren Präsenz es wäre. Nichts ist undatierbar, da nichts als
undatierbar kenntlich zu werden vermochte – doch nichts (also, was Nichts
148
Axel Hutter: Adornos Meditationen zur Metaphysik. In: Deutsche Zeitschrift für
Philosophie 46 (1998), H. 1, S. 45–65, hier S. 52.
149
Ludger Lütkehaus: Nichts. Abschied vom Sein. Ende der Angst. Zürich: Haffmans
Verlag 1999, S. 424.
150
Bernhard Waldenfels: Antwort auf das Fremde. Grundzüge einer responsiven Phäno-
menologie. In: Der Anspruch des Anderen. Perspektiven phänomenologischer Ethik.
Hg. von Bernhard Waldenfels und Iris Därmann. München: Fink 1998 (Übergänge;
32), S. 35–49, hier S. 38.
151
Lütkehaus, Nichts (Anm. 149), S. 742. Vgl. auch die geistreiche Hazadeurs-Onto-
logie bei Hans Blumenberg: Die Vollzähligkeit der Sterne. Frankfurt a. M.: Suhr-
kamp 1997, S. 288 u. 290.
152
Lütkehaus, Nichts (Anm. 149), S. 742.
Wege der Annäherung 23

entspräche) ist immerhin undatierbar, da ansonsten, was Präsenz Bedingung


ist, in den Stand der Wirkung seiner selbst träte, präsent würde. Vor allem von
dieser Unmöglichkeit zeugt die Kaskade von Beschwörungen, mit denen Lüt-
kehaus’ Werk schließt:
Nichts ist nichts.
Nichts entgeht nichts.
»Im Nichts« vergeht nichts.
Nichts ist nichts.
Gar nichts.
153
nichts ...

In der Tat ist einer solchen Überlegung gerecht zu werden, die des der Speku-
lation Entzogenen als eines gewichtigen obwohl und da grundlosen Einspruchs
gedenkt. Die Aufforderung, das Nichts in seine Rechte zu setzen, ergeht so an
Vernunft.154 Derlei treibt »jenseits von Sinn und Regel«155 zu einer Verantwor-
tung des Stils – der »Fremdheitsstile«156 –, womit man schon im zerspringen-
den Herzen des Denkens ist, im Namen, der als Maske vor allem oder sogar
nur von unhintergehbarer Not erzählt – es sei »painfully difficult [...] to become
an object«157...
Immer erweist sich das Datum als eine Art getauftes Nichts, womit freilich
schon zu weit gegangen ist. Doch sei aufs Paranoische und seinen Anspruch
zurückkommend eingemahnt:
Wir erfinden, was wir antworten, nicht aber das, worauf wir antworten und was un-
serm Reden [...] Gewicht verleiht.158
Der Herkunftsbereich der Antwort ist keine »Eigenheitssphäre«; jede Antwort hat
159
etwas von einem Einfall, der nicht erst kommt, wenn wir ihn rufen.

153
Ebd., S. 758; Lütkehaus hat in diesem Hintersinn Gründe, Derrida nicht zu erwähnen.
Das Positiv zu diesem Poem (?) Lütkehaus’ verspottet Adorno an Hegels rhetorischem
Duktus: »Sein, Sein, Sein.« Theodor W. Adorno: Der Begriff der Philosophie. Vorle-
sung Wintersemester 1951/52. Mitschrift von Kraft Bretschneider. Red. von Chri-
stoph Gödde. In: Frankfurter Adorno Blätter II (1993), S. 9–91, hier S. 54.
154
Vgl. Serres, Le Tiers-Instruit (Anm. 19), S. 210. Es geht um eine »connaissance
pacifiée« (ebd., S. 206), die sich mit der (durch Derridas Datum noch zu unterwan-
dernden) Opposition »de l’universalité rationnelle et de la singularité douloureuse«
(ebd., S. 116) nicht abzufinden gedenkt – die rechte »philosophie n’évite pas le cen-
tre ou la périphérie« (ebd.), löst diese Begrifflichkeit der Wunde letztlich auf.
155
Waldenfels, Antwort auf das Fremde (Anm. 150), S. 43.
156
Ebd., S. 38.
157
Jacques Derrida: Logic of the Living Feminine. Übersetzt von Avital Ronell. In: The
Derrida Reader. Writing Performances. Hg. von Julian Wolfreys. Edinburgh: Edin-
burgh University Press 1998, S. 184–195, hier S. 186; vgl. ebd., S. 187 u. 189.
158
Waldenfels, Antwort auf das Fremde (Anm. 150), S. 49; responsabilité als »impératif
de la résponse« – Jacques Derrida: Du droit à la philosophie. Paris: Éditions Galilée
1990 (Collection La philosophie en effet), S. 397.
159
Bernhard Waldenfels: Antwortregister. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994, S. 250.
24 Erster Teil

Die Verfertigung von Gedanken [...] läßt eine gleichzeitige Inter-aktion und Inter-
160
passion aufkommen, in der Eigenes und Fremdes sich verflechten.

Zu denken wäre eine Vernunft, der die Logik immanent wäre, daß es unver-
nünftig wäre, in der ihr immanent scheinenden Logik zu verbleiben, da das
Postulat einer solchen Logik, eines solchen Wesens für das nicht zutreffen
kann, was als Instanz Basis einer solchen Logik oder eines solchen Wesens ist
– nach einem bestimmten Maßstab ist am »Grund [...] das Delirium«.161 Auf-
gegeben ist, so könnte es gleichfalls formuliert werden, ein Denken, »das auf
fremde Ansprüche antwortend sich selbst überrascht«.162
Hierin liegt denn auch ein Motiv fürs prinzipielle Advozieren der Avantgarde
seitens Adornos – es soll nicht mehr um die »Aktualisierung eines Musters«
gehen,163 wenngleich das Neue zu fordern immer ein Schielen nach einem blin-
den Fleck ist: »Die Wahrheit des Neuen [...] hat ihren Ort im Intentionslosen.«164
Darum sieht Adorno zugleich das Neue immer Altem, woraus es sich etablieren
muß, verschwistert – es bedarf der Tradition, um mit dieser durch ihre konzise
gedankliche Fortführung beredt zu brechen, würde sonst im Schein der Aura
versinken, deren Schwinden auch auf ein sich klärendes Verhältnis von Autono-
mie des Formgesetzes und Magie weist. Adorno beschreibt in einem Brief an
Benjamin vom 18. März 1936, wie »gerade die äußerste Konsequenz in der
Befolgung des [...] Gesetzes von autonomer Kunst diese verändert und sie anstel-
le der Tabuisierung und Fetischisierung dem Stand der Freiheit [...] annähert«.165
160
Bernhard Waldenfels: Jenseits des Subjektprinzips. In: Tod des Subjekts? Hg. von
Herta Nagl-Dokecal und Helmuth Vetter. Wien, München: Oldenbourg 1987
(Wiener Reihe; 2), S. 78–85, hier S. 82.
161
Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. Übersetzt von Joseph Vogl. München:
Fink 1992, S. 287. Der es denkt, ist gewiß »a drunken rabbi«. Jean-Luc Nancy: El-
liptical Sense. Übersetzt von Peter Connor. In: Derrida. A Critical Reader. Hg. von
David Wood. Oxford, Cambridge: Blackwell Publishers 1992, S. 36–51, hier S. 40.
Zur damit angesprochenen Religiosität vgl. auch Emmanuel Lévinas: Gespräch mit
Christian Descamps. Übersetzt von Otto Pfersmann. In: Philosophien. Gespräche.
Hg. von Peter Engelmann. Graz, Wien: Böhlau 1985 (Edition Passagen; 6), S. 100–
114, hier S. 113. Derridas wunderbare Verkehrung, nicht er kenne den Talmud, die-
ser aber vielleicht ihn, verlangte eine breite, hier nicht mögliche Auslegung ... Vgl.
Jacques Derrida: Gespräch mit Christian Descamps. Übersetzt von Astrid Winters-
berger. In: Philosophien. Gespräche. Hg. von Peter Engelmann. Graz, Wien: Böh-
lau 1985 (Edition Passagen; 6), S. 51–70, hier S. 54f.
162
Waldenfels, Antwortregister (Anm. 159), S. 636. Vgl. zur Fraglichkeit auch ebd.,
S. 168.
163
Günter Figal: Absolut modern. Zu Adornos Verständnis von Freiheit und Kunst.
In: Mit den Ohren denken. Adornos Philosophie der Musik. Hg. von Richard Klein
und Claus-Steffen Mahnkopf. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 1378), S. 21–36, hier S. 34.
164
Adorno, Ästhetische Theorie (Anm. 20), S. 47. Vgl. Figal, Absolut modern (Anm.
163), S. 30, passim.
165
Theodor W. Adorno: Briefe und Briefwechsel. Hg. vom Theodor W. Adorno Archiv.
Bd 1: Theodor W. Adorno und Walter Benjamin: Briefwechsel 1928–1940. Hg.
Wege der Annäherung 25

So kann jener Hang zum Neuen – es sei den Blick zur Seite beschließend
festgehalten – letztlich nicht als Preisgabe an irrationale Hoffnung gelesen wer-
den.166 Erst die Tangente vom Neuen (scheinbar Magischen) zum Sinn (seiner
Genealogie) aber führt zu jener Hermetik, der doch ein »stets erneute Interpre-
tation Begehrende[s]«167 beigesellt ist ... »Über die Dichtung weiß man, daß
sie eine ungeteilte, allen angebotene, nicht instrumentelle Sprache erkundet,
ein Sprechen, das die Generizität selbst begründet.«168
Nicht unähnlich verhält es sich mit der Philosophie als »Denken des Gene-
rischen als solchen«,169 wie Badiou festhält. Philosophie als Praxis in ihr eige-
nes Prokrustesbett zu zwingen – dies ist zumindest unschicklich; die Frage
nach dem Ursprung des Denkens und seinem Wesen beiseite zu lassen jedoch
ist nicht minder fatal, zumal solche Bescheidenheit trügt.170 Undenkbarkeit und
ein Ausbleiben der Möglichkeit sinnvoller Integration sind wohl zweierlei.171
Jedenfalls zweierlei sind Rettung und Aufatmen heute, da Rettung und Kritik die
eingelöste Versöhnung – Aufatmen – tilgen: Schon bei Adorno sind jene »in der
spannungsgeladenen Gleichzeitigkeit von auseinanderstrebenden Absichten«172
einander verschwistert, was die Hoffnung in die Differenz versetzt.173
Vom »Klinkerspiel gegen den Tod«174 spricht denn auch Celan, Rose Aus-
länder legt den schon erwähnten Gedichtband Ich spiele noch vor. In diesem
Sinne ist denn auch der Tod in der Sprache nicht lokalisierbar – er ist letztlich
die finale Lokalisierung, das Ende aller Plurivozität selbst.175 »Warum soll

von Henri Lonitz. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994, S. 170 (Hervorhebung von mir);
vgl. ebd., S. 168ff. Beeinsprucht ist damit Benjamins Verständnis vom Echten der
Kunst im Verhältnis zur Logizität. Vgl. Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeital-
ter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie. Frank-
furt a. M.: Suhrkamp 1963 (Edition Suhrkamp; 28), S. 12, passim.
166
Vgl. Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Le-
ben. 22. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994 (Bibliothek Suhrkamp; 236),
S. 298, Aph. 143. Auch empfiehlt sich die Rede von der »abgedungene[n] Untat«
(ebd., S. 142, Aph. 72).
167
Ebd.
168
Alain Badiou: Manifest für die Philosophie. Übersetzt von Jadja Wolf und Eric
Hoerl. Wien: Turia + Kant 1997, S. 120.
169
Ebd.
170
Vgl. ebd., S. 11ff.
171
Vgl. ebd., S. 12.
172
Alexander García Düttmann: Darf auch ruhig einmal schiefgehen. Metaphysik, öffne
dich: Adorno beschwört in seinen Vorlesungen den Mut der Philosophen. In: Frank-
furter Allgemeine Zeitung, Nr 119, 25. Mai 1998, S. 12.
173
Vgl. Adorno, Negative Dialektik (Anm. 105), S. 374. Vgl. auch Düttmann, Darf
auch ruhig einmal schief gehen (Anm. 172), S. 12.
174
Paul Celan: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Hg. von Beda Allemann, Stefan
Reichert und Rolf Bücher. Bd 2: Gedichte II. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986
(Suhrkamp-Taschenbuch; 1331), S. 59.
175
Vgl. Jacques Derrida u. a.: Deconstruction in a Nutshell: A Conversation with Jac-
ques Derrida. Hg. von John D. Caputo. New York: Fordham University Press 1997
(Perspectives in Continental Philosophy; 1), S. 158.
26 Erster Teil

man dem Zentrum nachtrauern? Ist das Zentrum, das Fehlen des Spiels und der
Differenz nicht ein anderer Name für den Tod?«176 Jean-Luc Nancy schreibt:
Es ist gewiß weder falsch noch übertrieben zu sagen, daß jede Hervorbringung eines
Sinns – eines Sinns, der in diesem Sinne Sinn macht – ein Werk des Todes ist.177
178
Der Tod ist das [...] Verschließen des Sinns. Er ist das Nomen.
Derrida nimmt diese Konstellation an anderer Stelle wieder auf, wenn er for-
muliert, das Ausbleiben der Wiedererfindung dessen, was immer schon seine
Inauguration erfahren hat, sei ein Synonym für das Sterben.179 Serres’ Forde-
rung sei beigefügt: Wir »müssen [...] mit mehreren Sprachen sprechen«.180 Wir
»müssen [...] mit mehreren Eingängen«181 schreiben. In diesem Sinne meint
schließlich Sloterdijk, den ich vor der Konzentration auf die mit Adornos Na-
men zu assoziierenden Probleme noch erwähnen möchte: »Die Schlaflosigkeit
ist die Dekonstruktion ohne Dekonstruktivisten.«182
Trotz der Eindeutschung ist heute der Name Auschwitz eine Insel im Den-
ken, eine Insel jedoch, die sozusagen unterhalb der Wasserfläche enger mit
diesem Denken verwoben sein mag, als es diesem lieb sein kann. Eine Integra-
tion des in den deutschen Lagern geschehenen Grauens in sinnvolle Sinn- und
Denkstrukturen ist so vergeblich wie das Ansinnen, sich in vordergründiger
territorialer Scheidung von jenem maroden und wohl infektiösen Teil der Ver-
nunft zu trennen. Kein Text zu / über / nach Auschwitz ist etwas anderes denn
eine »narrative Ruine«,183 als solche und nichts sonst zu lesen; für
[...] den theoretischen Schriftsteller Theodor W. Adorno spricht die Wahl eines Orts-
namens, um das Grauen, das bezeichnet werden soll, unverwechselbar zu machen.
[...] Mit Auschwitz wird unverwechselbar, sperrig gegenüber jedem rationalisieren-
176
Jacques Derrida: Die Schrift und die Differenz. Übersetzt von Rodolphe Gasché und
Ulrich Köppen. 6. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994 (Suhrkamp-Taschenbuch
Wissenschaft; 177), S. 446.
177
Jean-Luc Nancy: Entstehung zur Präsenz. Übersetzt von Oliver Vogel. In: Was heißt
»Darstellen«? Hg. von Christiaan L. Hart Nibbrig. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994
(Edition Suhrkamp; 1696), S. 102–106, hier S. 104.
178
Ebd. Vgl. etwa auch Byung-Chul Han: Todesarten. Philosophische Untersuchun-
gen zum Tod. München: Fink 1998, S. 140ff., passim.
179
»If tomorrow you do not reinvent today’s inauguration, you will be dead.« Derrida
u. a., Deconstruction in a Nutshell (Anm. 175), S. 28.
180
Michel Serres: Der Parasit. Übersetzt von Michael Bischoff. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1987 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 677), S. 15.
181
Ebd.
182
Peter Sloterdijk: Der selbstlose Revanchist. Notiz über Cioran. In: Emile M. Cioran:
»Cafard«. Originalaufnahmen 1974–1990. Hg. von Thoman Knöfel und Klaus San-
der. Köln: c + p supposé 1998, S. 65–73, hier S. 69. Vgl. Rolf Seeliger: Die Ver-
gangenheit hat mich gedichtet. In: tz Bayern, 9. April 1984.
183
Hans Werner Zerrahn: Der Holocaust und die Aporien des Erzählens: Zu Sarah Kof-
mans Essay Erstickte Worte. In: Das Vergessen(e). Anamnesen des Undarstellba-
ren. Hg. von Elisabeth Weber und Georg Christoph Tholen. Wien: Turia + Kant
1997, S. 239–257, hier S. 257.
Wege der Annäherung 27

den Begriff, pars pro toto das Universum der Konzentrations- und Vernichtungs-
184
lager bezeichnet.
Auschwitz »bezeichnete das, was in der Spekulation keinen Namen hat, das Namen-
185
lose. Und für die Spekulation das Namenlose schlechthin.
186
In jedem Namen gibt es einen störenden Namen: Auschwitz.

Auschwitz meint eine Krise des Denkens, das zur Katastrophe führen konnte,
diese zu fassen oder angemessen zu betrauern nun jedoch nicht imstande ist.
Marquard formuliert das sich erst in Konturen zeigende Problem, indem er in
unserer Zeit »Philosophie als prolongierte Schrecksekunde«187 umschreibt:
»Alle Wege führen nach Auschwitz.«188 Und all diese Wege sind Sühne verei-
telnde, da unerkannte Sackgassen.189
Schon vor aller kulturindustriellen Praktik und deren Fragwürdigkeit – die
»Todesfuge« etwa wird nicht ganz unberechtigt als »lesebuchzerschlissen[e]«
bezeichnet,190 wobei auch an ein Wortspiel Michels zu denken ist, der auf das
Verfälschende von Blütenlesen wies; in New York kursiert der bitterböse Witz
»there is no business like Shoah-business«191 – sind die Illusionen des künstle-
rischen Schaffens angetan, das Schwinden von Gedenken zu befördern.

184
Detlev Claussen: Nach Auschwitz kein Gedicht? In: Impuls und Negativität. Ethik
und Ästhetik bei Adorno. Hg. von Gerhard Schweppenhäuser und Mirko Wischke.
Hamburg, Berlin: Argument-Verlag 1995 (Argument-Sonderband – N. F.; 229),
S. 44–51, hier S. 49; vgl. zu diesem Problemkreis auch Rudolf Burger: Denken
und Gedenken. In: Lektüre. Ein Wespennest-Reader zum Welttag des Buches. Hg.
von Walter Famler und Bernhard Kraller. Wien: wespennest 1999 (edition wes-
pennest), S. 6–11, hier S. 11.
185
Jean-François Lyotard: Streitgespräche, oder: Sätze bilden nach »Auschwitz«.
Übersetzt von Andreas Pribersky und Elisabeth Weber. In: Das Vergessen(e)
(Anm. 183), S. 18–50, hier S. 23. Vgl. auch Julie Rivkin und Michael Ryan: The
Class of 1968 – Post-Structuralism par lui-même. In: Literary Theory. An Antho-
logy. Hg. von Julie Rivkin und Michael Ryan. Malden, Oxford: Blackwell Publi-
shers 1998, S. 333–357, hier S. 353.
186
Edmond Jabès: Der vorbestimmte Weg. Übersetzt von Monika Rauschenbach.
Berlin: Merve 1993 (Internationaler Merve Diskurs; 181), S. 51.
187
Marquard, Einwilligung in das Zufällige (Anm. 9), S. 57.
188
Günther Anders: Besuch im Hades. Auschwitz und Breslau 1966. Nach »Holocaust«
1979. 2. Aufl., München: Beck 1985 (Beck’sche Schwarze Reihe; 202), S. 108.
189
Die Sackgasse als poetologisches Prinzip sieht Winnfried Menninghaus: Paul Celan.
Magie der Form. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980 (Edition Suhrkamp; 1026), S. 33.
190
Otto Lorenz: Paul Celan. In: Kritisches Lexikon zur Gegenwartsliteratur, Bd 2. Hg.
von Heinz Ludwig Arnold. München: edition text + kritik 1978ff. – 44. Nachliefe-
rung (Stand: 1. April 1993), S. 10. Vgl. John Felstiner: Paul Celan. Eine Biogra-
phie. Übersetzt von Holger Fliessbach. München: Beck 1997, S. 299.
191
Zit. in: Detlev Claussen: Veränderte Vergangenheit. Über das Verschwinden von
Ausschwitz. In: Shoa. Formen der Erinneung. Geschichte, Philosophie, Literatur,
Kunst. Hg. von Nicolas Berg, Jess Jochimson und Bernd Stiegler. München: Wil-
helm Fink Verlag 1996, S. 77–92, hier S.77, vgl. S. 89.
28 Erster Teil

Wie aber ist zu schreiben, wenn Sprache und Denken an morbus Auschwitz
leidend das Schweigen und das Dichten nicht mehr in jener Umstandslosigkeit
möglich sind, die ihnen zuzumuten man einst geneigt war?192

192
»Barbarei der unmittelbaren Größe« – Adorno, Minima Moralia (Anm. 166), S. 163,
Aph. 81, vgl. dagegen ebd., S. 240, Aph. 116.
Zweiter Teil

Theodor W. Adornos Antwort

Adornos Arbeit ist vielleicht am ehesten »Wider die Systemphilosophie«1 zu


betiteln; man könnte auch vom Versuch sprechen, »das Erbe der Dialektik
anzutreten, ohne Siegerphantasien zu spinnen«.2 Damit ist der Anspruch ge-
meint, einerseits nicht autistische Begriffs-Koketterien zu betreiben, anderer-
seits aber ebensowenig der Versuchung zu erliegen, das Andere als theoretisch
zu verstehende Instanz gleich in Vermitteltem als unvermittelt gegeben zu
sehen – man könnte mit Lyotard von der – versuchten – Rettung der »Ehre des
Namens« sprechen.3 Mit welchem Ingrimm Adorno bei aller Eleganz in seinen
Werken dieser komplexen Intention vorgeht, läßt ein Pseudonym des Philoso-
phen erahnen: Hektor Rottweiler.4
Auschwitz bestätigt das Philosophem von der reinen Identität als dem Tod.5

Ein Reden jenseits einer sich totalitär gerierenden Vernunft, die aufs Ideal
finaler Identität zu verzichten nicht gewillt ist, sucht seinen Ort. Dieser Ort,
der freilich nicht zu lokalisieren, ohne Zentrum6 ist, ist vom Fehlen semanti-
scher Kompatibilität7 belebt, hermetisch, eine Negation, die als bleibender
Anstoß auch in sich wandelnder Gestalt nicht im Sinn aufzulösen ist. Wo
Adorno sich der Lyrik Paul Celans widmet, bedient er sich also jenes Worts,
das nicht allein mißverständlich, sondern höchst problematisch zu nennen ist:

1 Olaf Müller: Theodor W. Adorno. In: Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstel-


lungen von Adorno bis von Wright. Hg. von Julian Nida-Rümelin. Stuttgart: Kröner
1991 (Kröners Taschenbuchausgabe; 423), S. 1–9, hier S. 3.
2 Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983 (Edi-
tion Suhrkamp; 1099), S. 687. Vgl. auch Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutsch-
land. Heidegger und seine Zeit. München, Wien: Hanser 1994, S. 460, passim.
3 Jean-François Lyotard: Beantwortung der Frage: Was ist postmodern? Übersetzt von
Dorothea Schmidt. In: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philo-
sophen der Gegenwart. Hg. von Peter Engelmann. Stuttgart: Reclam 1990 (Univer-
sal-Bibliothek; 8668), S. 33–48, hier S. 48.
4 Vgl. Ulrich Gmünder: Kritische Theorie. Horkheimer, Adorno, Marcuse, Habermas.
Stuttgart: Metzler 1985 (Sammlung Metzler; 220), S. 13.
5 Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 355.
6 Vgl. Derrida, Die Schrift und die Differenz (wie Kap. 1, Anm. 176), S. 446.
7 Vgl. Hans-Dieter Bahr: Die Sprache des Gastes. Eine Metaethik. Leipzig: Reclam
1994 (Reclam-Bibliothek; 1500), S. 362, wo zu einem »Tableau von Worten« (ebd.),
zur »Denominalisierung« (ebd.) und noch weiter abgestiegen wird.
30 Zweiter Teil

»hermetisch«.8 Hermetisch ist Lyrik, die vor der subtilen Gewalt des Begrei-
fens zurückweicht, in scheinbarer Aggression gegen die Stacheln des Denkens
die eigenen Stacheln9 präsentiert; unzugänglich sind die Gedichte somit in
»der prästabilierten Niederlage ihres Betrachters«.10
Zweifelsohne besteht das Dilemma der Vereinnahmung jener Reserviertheit –
Bürger weist darauf hin, daß die zunächst beachtliche Geste allzu rasch akzep-
tiert und von Phrasen überdeckt zum zahnlosen Klassiker oder Kuriosum wird.11
Poetische Qualität könnte in diesem Sinne damit begründet werden, daß sich
durch eine stete Neuentfachung des Anstoßes immer neue Antworten finden,
deren Unstimmigkeit in bezug aufs Werk sich mit der Formulierung von
Beschwichtigungen findet, was immer neue Ausgangspunkte und immer neue
Verfehlungen produzierte. Denn mit jeder Antwort Ȋndert sich die Fragerich-
tung«12 – »die Rechnung [geht] für den Leser nie in einer letzten Antwort
auf«13... Bis zu einem gewissen Grad will Kunst das Geschick, Spiel zu sein,
das nicht ernst genommen wird, sie läßt sich darauf ein, Unfug und eben nicht
Ernst zu sein, wobei sie ernst zu sein gerne vorgibt.14 Hinzuzufügen bleibt, daß
selbst ihr Spiel Maskerade ist, da die in ihr gestellten Fragen und vollzogenen
Querverbindungen nicht nur ung ehört, sondern auch un erhört sein können.
Feststeht aber, daß der Raum von Schweigen, der zunächst etabliert wird, von
Belang ist – und dies fordert eine exaktere Umschreibung von Hermetik. Of-
fenkundig folgt die Zurückweisung selbst genau den Regeln, die sie widerlegt.
Wenn Hermetik zum Streit anstiftet, Präambel neuer Sichtweisen ist, so muß
sie dies doch in zwar kaum zu definierendem, aber unvermindert bestehendem
Bezug auf bestimmte Konstruktionen des Verstehens sein. Marquard schreibt:
Wenn zwei sich streiten, tun sie dasselbe: sie streiten sich. Und vielleicht tun sie
nicht nur dasselbe, vielleicht sind sie auch dasselbe: aber warum streiten sie sich dann?
Sie tun es in einem solchen Fall womöglich, um ihre Gemeinsamkeit zu verdecken,
[...] der Streit ist manchmal nur die komplizierte Form, eine Identität zu leben.15

8 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 475.


9 Vgl. ebd., S. 25.
10 Ebd., S. 184.
11 Vgl. Hans Robert Jauß: Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik. Frankfurt
a. M.: Suhrkamp 1982, S. 324, S. 824, passim; Peter Bürger: Theorie der Avantgar-
de. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974 (Edition Suhrkamp; 727), S. 71.
12 Jauß, Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik (Anm. 11), S. 432 (Zitat
bezogen auf Celan).
13 Ebd.
14 »Kunst kann nur frei sein, weil und solange sie vom Ernst [...] frei ist, d. h. frei ge-
halten wird und sich selber frei hält. Sie mag mit diesem Ernst spielen, [...] aber auch
das gehört zum Spiel.« – Rudolf Burger: Über den Begriff des Kulturellen und die
Freiheit der Kunst. Eine Elementarbetrachtung. In: wespennest 111 (1998), S. 92–98,
hier S. 96; vgl. auch ebd., S. 97, Anm.
15 Odo Marquard: Über positive und negative Philosophien. Analytiken und Dialektiken,
Beamte und Ironiker und einige damit zusammenhängende Gegenstände. In: Positio-
Theodor W. Adornos Antwort 31

Die Formulierungskunst des Philosophen mag den Ernst des kultivierten Streits
verdecken und versöhnlich erscheinen lassen, was unversöhnlich ist – doch die
Widmung »Ganz und gar nicht hermetisch«16 von Paul Celan läßt derlei Ver-
einfachung nicht zu. Der ohne Zweifel es sich mit den hier zu diskutierenden
Problemen nicht leicht machende Dichter betont mehrfach, nicht dunkel, un-
verständlich, der Wirklichkeit verschlossen zu dichten.17
»Lesen Sie [...], das Verständnis kommt von selbst.«18

Offenkundig bedarf die »Abgeschlossenheit«19 als zentrale These Adornos im


knappen Material zur Thematik einer Lyrik wie der hier zu verstehen aufgege-
benen – statt des geplanten Essays zu Sprachgitter und Engführung stehen dem
Leser bedauerlicherweise nur wenige Seiten aus Adornos letzter Schrift zur
Verfügung,20 auch besteht nur bedingt Anlaß zur Hoffnung, in Adornos Nach-
laß noch weitere Schlüsse erlaubendes Material zum Thema zu finden21 – einer
genauen Erkundung der Bedeutung sowie der daran geknüpften Implikationen,
ist doch das Urteil von Janz, Adorno sei Celan ein »kongeniale[r] Inter-
pret[en]«,22 wie die Vermutung, es gebe Korrespondenzen in den Werken von
Rose Ausländer und Paul Celan, durchaus nicht unbegründet.

nen der Negativität. Hg. von Harald Weinrich. München: Fink 1975 (Poetik und
Hermeneutik; VI), S. 177–199, hier S. 177. Vgl. Adorno, Der Begriff der Philoso-
phie (wie Kap. 1, Anm. 153), S. 74.
16 Paul Celan in Michael Hamburgers Widmungsexemplar; zit. in Uta Werner: Das Grab
im Text. Paul Celans Lyrik im Imaginationsraum der Geologie. In: Shoa. Formen
der Erinnerung. Geschichte, Philosophie, Literatur, Kunst. Hg. von Nicolas Berg,
Jess Jochimson und Bernd Stiegler. München: Fink 1996, S. 159–182, hier S. 159.
17 Vgl. z. B. Jean Bollack: Voraussetzungen zum Verständnis der Sprache Paul Celans.
Übersetzt von Christiane Bohrer und Jean Bollack. In: Paul Celan: »Atemwende«.
Materialien. Hg. von Gerhard Buhr und Roland Reuß. Würzburg: Königshausen &
Neumann 1991, S. 319–343, hier S. 340; Gerhart Baumann: Erinnerungen an Paul
Celan. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992 (Suhrkamp-Taschenbuch; 1985), S. 83ff.
18 Chalfen, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 67), S. 7; hinzugesetzt sei, daß Celan den
Kommentar dann doch durchaus nicht verweigerte, solange die noch zu bedenkende
Differenz von derlei Anmerkungen zur Interpretation gesehen wurde – Gespräch mit
Klaus Reichert, 1. Juli 2000.
19 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 475.
20 Vgl. Marlies Janz: Vom Engagement absoluter Poesie. Zur Lyrik und Ästhetik Paul
Celans. Frankfurt a. M.: Syndikat 1976, S. 222.
21 Adornos Exemplar von Sprachgitter weist zwar »zahlreiche Annotationen auf« (Rolf
Tiedemann: Editorische Nachbemerkung. In: Theodor W. Adorno: Noten zur Litera-
tur. Hg. von Rolf Tiedemann. 4. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989 [Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 355], S. 695–708, hier S.700), doch unterblieb eine
»Niederschrift« (ebd.). Vgl. auch Holger Mathias Briel: Adorno und Derrida. Oder
Wo Liegt Das Ende Der Moderne? New York, Berlin u. a.: Lang 1993 (American
University Studies; Ser. 1: Germanic Languages and Literature; 102), S. 90.
22 Janz, Vom Engagement absoluter Poesie (Anm. 20), S. 8.
32 Zweiter Teil

Den »hermetischen Charakter der Kunst«23 setzt Adorno prinzipiell als ge-
gen ein totales Begreifen dessen gewandt, was begriffen sich zum Zerrbild des
Begehrten wandelte; die Not der korrumpierten Vernunft wird in der »Tugend
des Hermetismus«24 abgefangen.
Die hermetischen Werke [...] heben [...] das Moment der Hinfälligkeit an ihrem Ge-
halt hervor.25

Mit Menke wäre dies die »Nichtaussagbarkeit [...] ästhetischer Zeichen«26 zu


nennen; »was sie bedeuten, [ist] nicht ihr Essentielles«.27 Dementsprechend gilt:
Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind
keine.28

Dies bezeichnet zugleich auch schon die Provokation, die an Kunstwerken emp-
funden wird – Rätsel wollen für gewöhnlich gelöst sein:
Daß ein Text hermetisch sei, zieht zugleich die Forderung nach sich, ihn zu ent-
schlüsseln, genauer: ihm die Hermetik zu nehmen.29

Genau diese Lösung aber bleibt – mag auch das Rätsel auf den Rat verweisen30
– vorenthalten, was ein nicht geringes Unbehagen bedeutet, und die Kunst
selbst Rätsel, der »Anspruch liegt fern, das Rätsel zu lösen. / Zur Aufgabe
steht, das Rätsel zu sehen.«31 Schurz’ Bestimmung des philosophischen Werks

23 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 115.


24 Karl Markus Michel: Abschied von der Moderne? Eine Komödie. In: ders., Von
Eulen, Engeln und Sirenen. Frankfurt a. M.: Athenäum 1988, S. 484–521, hier S.
496.
25 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 159f.
26 Christoph Menke: Die Souveränität der Kunst. Ästhetische Erfahrung nach Adorno
und Derrida. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft;
958), S. 101.
27 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 192.
28 Ebd., S. 184. Vgl. auch George Steiner: Der Garten des Archimedes. Essays. Über-
setzt von Michael Müller. München, Wien: Hanser 1997 (Edition Akzente), S. 58.
29 Thomas Sparr: Celans Poetik des hermetischen Gedichts. Heidelberg: Winter Univer-
sitätsverlag 1989 (Probleme der Dichtung; 21), S. 14. Vgl. Adorno, Ästhetische Theo-
rie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 193; Claudia Rademacher: Schön und gut! Zur Dialektik
von ethischer und ästhetischer Erfahrung in Adornos essayistischer Philosophie. In:
Impuls und Negativität. Ethik und Ästhetik bei Adorno. Hg. von Gerhard Schwep-
penhäuser und Mirko Wischke. Hamburg, Berlin: Argument-Verlag 1995 (Argument-
Sonderband; N. F. AS 229), S. 52–65, hier S.59, passim.
30 Vgl. Erhart Kästner: Rede für Paul Celan bei Verleihung des Bremer Literaturpreises.
In: Über Paul Celan. Hg. von Dietlind Meinecke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1970 (Edi-
tion Suhrkamp), S. 35–42, hier S. 39. Zur Kritik Kästners vgl. Otto Pöggeler: Lyrik als
Sprache unserer Zeit? Paul Celans Gedichtbände. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher
Verlag 1998 (Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften; G 354), S. 32f.
31 Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerkes. Mit einer Einführung von Hans-
Georg Gadamer. Stuttgart: Reclam 1960 (Universal-Bibliothek; 8446), S. 83; der
Theodor W. Adornos Antwort 33

Adornos »als Manifest gegen erzwungene Versöhnungen«,32 erlogene Konso-


nanzen, wie man an seine Terminologie anschließend sagen könnte, ist nicht
die schlechteste.
Adorno assoziiert mit der Vorenthaltung der Interpretierbarkeit den »Todes-
trieb der Details«,33 deren Bestehen wider den Sinn des Ganzen dessen Idee und
Gehalt gefährdet, in Einzelheit, was darauf weist, daß der Todestrieb »nicht nur
anarchisch, anarchontisch [...], kein Prinzip ist«,34 zersplittern läßt:
Ist die Synthesis nicht länger eine von etwas, so wird sie nichtig.35

Der somit bestehende »Rätselcharakter«,36 der Kunstwerke nach Adorno also


auszeichnet, eröffnet auch diese zweite Seite der verschlossenen Dichtung: die
»Fragegestalt«,37 die eine Art von Sinn erwarten läßt. Dieser Sinn aber ist dem
Bild des »Kaleidoskop[s]«38 vergleichbar – er ist nicht statisch, obschon »die
Dimension des Verlaufs«39 eine vielleicht voreilige Benennung ist.
Die gescholtene Unverständlichkeit der hermetischen Kunstwerke ist das Bekenntnis
des Rätselcharakters aller Kunst.40

Also opponieren Werke, die Adorno als unzugänglich bestimmt, nicht der Sinn-
haftigkeit, sondern simpler Univozität:
Erkenntnis hat keinen ihrer Gegenstände ganz inne.41

Diesen Umstand verschärft Kunst, macht ihn als Fremdheit fühlbar, läßt ein
unendliches Feld unausgeschöpfter Deutung spüren, weshalb »es nicht die Auf-
gabe einer philosophischen Interpretation von Kunstwerken sein [kann], ihre
Identität mit dem Begriff herzustellen, sie in diesem aufzuzehren«.42 Mit »ge-

Adornianern kaum zuzumutende Blick aufs Œuvre Heideggers ist hier – trotz allen
Unbehagens – zu rechtfertigen. Vgl. Theodor W. Adorno: Ohne Leitbild. Parva
Aesthetica. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1967 (Edition Suhrkamp; 201), S. 184; vgl.
ferner Volker Kaiser: Das Echo jeder Verschattung. Figur und Reflexion bei Rilke,
Benn und Celan. Wien: Passagen 1993 (Passagen Literatur), S. 14.
32 Robert Schurz: Negative Hermeneutik. Zur sozialen Anthropologie des Nicht-
Verstehens. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 61.
33 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 450.
34 Jacques Derrida: Dem Archiv verschrieben. Eine Freudsche Impression. Übersetzt
von Hans-Dieter Grondek und Hans Naumann. Berlin: Brinkmann & Bose 1997,
S. 23.
35 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 450.
36 Ebd., S. 184.
37 Ebd.
38 Menke, Die Souveränität der Kunst (Anm. 26), S. 142.
39 Ebd.
40 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 186.
41 Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 25.
42 Ebd.
34 Zweiter Teil

fälltem Visier«43 verschließt sich Lyrik wider Willen, aus Notwendigkeit vor
illegitimer Ausschöpfung und Bemächtigung, da jedwede Legitimation von In-
terpretation an einen Himmel, der nicht in »Trümmern«44 liegt, geknüpft wäre.
Die Verweigerung »formaler Konzilianz«,45 ein »Abgebrochensein«46 sind
also wesentlich, auch wenn mit Szondi zugleich zu bemerken sein wird, wie sehr
formal vollendete Kunst gebraucht werde, wo es um Authentizität geht;47 die
aus der inneren Logik der Werke erstehenden »objektiv verbindliche[n] Verbo-
te«,48 die sich zur Verunmöglichung »ungeschmälerte[r] Einheit«49 formieren,
verdienen Beachtung, während klare Gehalte sich als verfügt verraten.50 So prä-
zisiert Adorno, was Hermetik meine:
Celans Gedichte wollen das äußerste Entsetzen durch Verschweigen sagen.51
Als der Beredte sich entschuldigte
Daß seine Stimme versage
Trat das Schweigen vor den Richtertisch
Nahm das Tuch vom Antlitz und
Gab sich zu erkennen als Zeuge.52

Das Entsetzen wird zum Sediment, prägt das mehr oder minder offene Zei-
chen, das nicht länger eindeutiger Verweise mächtig sein kann,53 prägt die Ge-
stalt, »die Form, die [...] selber sedimentierter Inhalt ist«.54
Läßt sich derlei auch von Rose Ausländer behaupten? In einem böswilligen
und darum hier nur en passant angeführten Sinn gilt es zunächst für das Früh-
43 Paul Celan: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Hg. von Beda Allemann, Stefan Rei-
chert und Rolf Bücher. Bd 1: Gedichte I. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986 (Suhrkamp-
Taschenbuch; 1331), S. 11.
44 Ebd.
45 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 218.
46 Ebd., S. 191.
47 Durchaus mit polemischem Unterton gegen die bittere Erkenntnis, die er nichtsde-
stotrotz zur Kenntnis nimmt, formuliert Szondi: »das Konzessive wird gleichsam zur
Kausalität« – Peter Szondi: Studienausgabe der Vorlesungen. Hg. von Jean Bollack
u. a. Bd 2: Poetik und Geschichtsphilosophie I. Antike und Moderne in der Ästhetik
der Goethezeit. Hegels Lehre von der Dichtung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974
(Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 40), S. 45. Er findet in der Folge zur Dis-
und Konjunktion »obwohl (oder eben: weil)« – ebd.
48 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 456.
49 Ebd., S. 160.
50 Vgl. ebd., S. 430 – »Gestaltung heißt Nichtgestalt« (ebd.).
51 Ebd., S. 477.
52 Bertolt Brecht: Die Gedichte. Hg. von Elisabeth Hauptmann u. a. 8. Aufl., Frankfurt
a. M.: Suhrkamp 1995, S. 503.
53 Vgl. Günter Figal: Gibt es hermetische Gedichte? Ein Versuch, die Lyrik Paul Celans
zu charakterisieren. In: Paul Celan: »Atemwende«. Materialien. Hg. von Gerhard
Buhr und Roland Reuß. Würzburg: Königshausen & Neumann 1991, S. 301–310,
hier S. 301.
54 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 217.
Theodor W. Adornos Antwort 35

werk, sofern von einem solchen gesprochen werden kann, entdeckt doch die
Lyrikerin die Dichtung als ihren Lebensweg – »Schreiben war Leben«55 –
verhältnismäßig spät.56 Glenn umschreibt die ersten bekannten Gehversuche
als »quite traditional in form and content«.57 Mit dem Hereinbrechen dessen,
was die Verse eines Celan und einer Ausländer erst erahnen lassen, bleibt die
Form vorerst eine unreflektiert übernommene. Die Krise in Leben, Kultur und
Denken zeitigt keine Spuren im Sinne einer Krise der Form, deren etwas ana-
chronistischer Charakter durch den alsbald ganz und gar nicht konventionellen
Inhalt umso stärker auffällt.
Eine spätromantische Poesie taumelt durch eine Welt, die sich in dieser Wei-
se kaum beschreiben lässt.58 Just das, was später Dichtung neue Form abnötigt,
lässt dabei Formales zunächst auch sekundär erscheinen.59 In diesem Sinne er-
gäbe sich die Qualität der Lyrik gewissermaßen unter der Hand des Lesers, er-
stünde in einer kritischen Interpretation, die das Versagen zum Kalkül erhöbe.
Das Grauen wäre in der Inkongruenz von Endreim und Endlösung aufzuspüren.

55 Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband


mit dem Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun. Bd 3: Hügel aus Äther unwiderruf-
lich. Gedichte und Prosa 1966–1975. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1984, S. 286.
56 Zwar sieht die Lyrikerin Dichtung bald als ihr »Lebenselement« an (ebd., S. 285), es
kommt jedoch spät zu Veröffentlichungen. Vgl. Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap.
1, Anm. 55), S. 156ff. u. S. 357; Braun, »Es bleibt noch viel zu sagen« (wie Kap. 1,
Anm. 28), S. 14ff.
57 Jerry Glenn: Blumenworte / Kriegsgestammel: The Poetry of Rose Ausländer. In:
Modern Austrian Literature 12 (1979), No. 3/4, S. 127–146, hier S. 128.
58 Zur spätromantischen Poetik der jungen Rose Ausländer vgl. Jürgen P. Wallmann:
Rose Ausländer. Zu Leben und Werk. In: »Wir tragen den Zettelkasten mit den Steck-
briefen unserer Freunde«. Acta-Band zum Symposion »Beiträge jüdischer Autoren zur
deutschen Literatur seit 1945« (Universität Osnabrück, 2.–5. 6. 1991). Hg. von Jens
Stüben, Winfried Woesler und Ernst Loewy. Darmstadt: Häusser 1994, S. 260–279,
hier S. 276; Jürgen P. Wallmann: [Rez.] Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben
Bänden. In: Literatur und Kritik (September/Oktober 1984), H. 187/188, S. 432–434,
hier S. 432; Amy D. Colin: Ausländer. In: Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfol-
gung und Ermordung der europäischen Juden. Hg. von Israel Gutman u. a. 2. Aufl.,
München, Zürich: Piper 1998 (Serie Piper), S. 129; Witte, Rose Ausländer (wie
Kap. 1, Anm. 79), S. 2 u. S. 4f.; Klaus Weißenberger: Rose Ausländer. In: Critical
Survey of Poetry – Supplement. Hg. von Frank N. Magill. Pasadena: Salem Press
1987, S. 15–21, hier S. 19; Carola Opitz-Wiemers: Ausländer, Rose. In: Metzler Au-
torinnen Lexikon. Hg. von Ute Hechtfischer u. a. Stuttgart, Weimar: Metzler 1998,
S. 28–29, hier S. 29. Kritisch hierzu Motzan, der schreibt: Die »poetischen Heim-
stätten erwiesen sich angesichts der heraufziehenden Katastrophen als fragwürdig.«
– Peter Motzan: Die vielen Wege in den Abschied. Die deutsche(n) Literatur(en) in
Rumänien (1919–1989). In: Wortreiche Landschaft. Deutsche Literatur aus Rumäni-
en – Siebenbürgen, Banat, Bukowina. Ein Überblick vom 12. Jahrhundert bis zur
Gegenwart. Hg. von Renate Florstedt. Leipzig: BlickPunktBuch 1998, S. 108–116,
hier S. 110 (Hervorhebung von mir).
59 Vgl. Witte, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 79), S. 6.
36 Zweiter Teil

Jüngst hat Lehmann die These riskiert, bis zu einem gewissen Grade bleibe
Rose Ausländer poetologisch obsolet. Gerade der Zug, bis zuletzt »die allzeit
latente Negativität und Trauer wortreich zu verdrängen«,60 zeichne die »Ge-
dichte mit ihrer Vielfalt an oberflächlichen Impressionen« aus.61 So interessant
und lesenswert die poetologischen Vorspiele Lehmanns auch sind, diese Ver-
mutung muß sich doch auch dem Umstand verdanken, daß die Interpretin
Arbeit am Text nicht riskiert, da durchaus nicht verschiedene Texte oder Tex-
turen zu einem bloß in Variation vorgestellten »semantischen Gerüst«62 führen
können oder sollen. Unterschätzt wird – wiewohl die Poetologie der Lyrikerin
als in ihren Versen je aktualisiert gesehen wird – der Umstand, daß jedes ge-
lungene Gedicht durch die Suggestivität seiner rhetorischen Potenz seine Be-
griffe und deren Gravitationen neu ordnet und die Exegese, die sich vielleicht
in der Tat stets mit den selben Kategorien den Texten annähert, festzustellen
hätte, daß ihr Werkzeug vorm poetischen Gebilde nicht unverwandelt bleibt,
ihre Terminologie einer inneren Oszillation folgt, was erst später – mit Derrida
– zu präzisieren sein wird.63
Was aber unterschlagen bleibt, ist nicht zu erahnen; mit Unterschlagungen der
Sprache ist zu rechnen, doch gescheitert ist der Versuch, den dunklen Unter-
grund zum Räsonieren zu bringen, zu zeigen, was die Verfehlungen verursache
oder sogar erzwinge. Nun wäre es lächerlich, darum diese Verse nicht ernstzu-
nehmen und sich zu Sätzen hinreißen zu lassen, wie sie Helfrich in ihrer Biogra-
phie unterlaufen: »Jetzt erst ist die 55jährige Frau wirklich erwachsen«,64 heißt
es von der Zeit nach einer Krise der Dichterin ... Zitiert seien einige Verse, die
die künstlerische Potenz Rose Ausländers doch deutlich erahnen lassen:
Nur aus der Trauer Mutterinnigkeit
strömt mir das Vollmaß des Erlebens ein.
Sie speist mich eine lange, trübe Zeit
mit schwarzer Milch und schwerem Wermutwein.65

Es trifft zu, daß diese Poesie, was den Umgang mit Rhythmus und Endreim,
allgemeiner: mit der Struktur betrifft, von einer gewissen Naivität ist. Doch

60 Annette Jael Lehmann: Im Zeichen der Shoah. Aspekte der Dichtungs- und Sprach-
krise bei Rose Ausländer und Nelly Sachs. Tübingen: Stauffenburg 1999 (Stauffen-
burg Colloquium; 47), S. 228.
61 Ebd.
62 Ebd., S. 206; vgl. ebd., S. 20, 39, 63, aber auch S. 226 u. 228f.
63 Vgl. ebd., S. 200ff. u. 226ff. Dies, obwohl Lehmann es vom zitierten Foucault (vgl.
ebd., S. 227) wissen könnte: »Literatur unterscheidet sich mehr und mehr vom Dis-
kurs der Vorstellungen« – »völlig auf den reinen Akt des Schreibens bezogene
Form. Die Literatur ist die Infragestellung der Philologie (deren Zwillingsgestalt sie
gleichwohl ist): sie [...] trifft [...] das wilde und beherrschende Sein der Wörter.« –
Foucault, Die Ordnung der Dinge (wie Kap. 1, Anm. 21), S. 365.
64 Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 55), S. 220.
65 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap.1, Anm. 78), Bd 1, S. 66.
Theodor W. Adornos Antwort 37

ebenso trifft zu, daß schwarze Milch – in zugegebenermaßen ungleich raffi-


nierterem Kontext – zum Emblem einer endgültig zerstörten Ordnung der
Dinge und des Geistes avancierte.66
Man könnte als Zeugnis der Begabung der jungen Poetin auch unzählige
andere Verse heranziehen; so heißt es von den gewissermaßen gekappten Ge-
dankensträngen in einer Welt bizarrer Muster von Ordnung:
Fäden ins Nichts gespannt: wir liegen wund
verwoben in das Material der Qual,
ein Muster lückenlos auf grauem Grund
wie es ein schwarzer Wille anbefahl.
Das Rot, das Blau, Orange, das Grün versagt.67

Es fällt auch hier trotz der traditionellen Komposition schwer, sich den Bildern
zu entziehen, zu denen die Dichterin findet. »Die Unze Wahrheit tief im
Wahn«68 als Residuum eines Verstandes, der als Oszillograph des ordnenden
Geistes dessen, also auch sein Reißen gleichsam protokolliert, wird – unsicher,
zögerlich und noch unscharf – geborgen in Worten.
Zu suchen aber ist nach kalkulierten Brüchen mit dem Duktus von Sprache.
Diese Brüche mit althergebrachten Formeln des Denkens sind zuallererst durch
den Rückzug zur Form zu gewinnen. Wieso aber bleibt die Form, wieso ist die
Chance der Kunst jene der Form?69 Wie kann sie erhellen, daß der Sinn, der
keinen Plural kennen will, desavouiert ist, sich selbst demontiert hat? Zu kriti-
sieren ist der Umstand, daß »das Gleichmachen eines jeglichen Ungleichen«70
der Kern von Vernunft ist, doch er, der den Sinn fragwürdig erscheinen läßt,
durchstreicht zugleich die Möglichkeit, Kritik in konventioneller Weise zu
ventilieren; aus der »Totalität des Begriffs«71 folgt, daß auf der Ebene des
Begriffs schwerlich Einhalt geboten werden kann ...
Ist »Interpretation ein Mittel [...], um Herr über etwas zu werden«,72 so ist
Sinn potentiell Reduktion, weshalb dem scheinbar Beiläufigen, dem Akziden-
tiellen das Wichtigste anvertraut werden muß. Doch als »Schatten des aller

66 Vgl. Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (Anm. 43), Bd 1, S. 41f. bzw. (wie
Kap. 1, Anm. 3) Bd 3, S. 63f.; vgl. auch Ernest Wichner / Herbert Wiesner: In der
Sprache der Mörder. Eine Literatur aus Czernowitz, Bukowina. Berlin: Literaturhaus
Berlin 1993 (Texte aus dem Literaturhaus Berlin; 9), S. 162ff.; Renate Wiggershaus:
»Es war eine unendliche Sonnenfinsternis«. Ein Porträt der Dichterin Rose Auslän-
der. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk. Hg. von Helmut Braun.
Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1997 (Fischer-Taschenbücher; 6498 –
Informationen und Materialien zur Literatur), S. 93–105, hier S. 98f.
67 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 78), Bd 1, S. 152.
68 Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 128.
69 Vgl. Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 213.
70 Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 174.
71 Ebd.
72 Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd XII, S. 140.
38 Zweiter Teil

Form Heterogenen«73 ist auch hier der Wille nicht geschwunden, der Be-
mächtigung und Gestaltung innewohnt. Dies ist die lauernde »Amoralität«74
des Schaffens auch von Kunst, dessen Ideal also zu umreißen wäre:
Die Gestalt aller künstlerischen Utopie heute ist: Dinge machen, von denen wir nicht
wissen, was sie sind.75

Dies widerspricht nicht der Beobachtung, Poeten – und als Beispiel sei wie-
derum Celan angeführt – haben in ihrer »Gedächtnisfähigkeit [...] etwas von
einem hochdifferenzierten Datenspeicher«;76 »die detailgetreue Darstellung
des Mörders [...], wo der Todesschütze ein Auge zukneifend [...] abdrückt«77
ist zweifelsohne als Beleg der Präzision Celans geeignet, auch wenn damit
allein die mörderische Blauäugigkeit als jene »des eisblauen nordischen Au-
ges«78 und der Naivität brutaler Bauernburschen,79 aber auch der »abgedro-
schene[n] Reim«80 und vieles mehr unberücksichtigt bleiben. Wichtiger aber
sind wohl die Deformationen, die die Sprache erlitten hat, welche zugleich
dessen gewahr wird, daß die Uhren falsch gehen, die Stunde aber nicht dem
Uhrwerk entspringt, um den Irrtum, das Unrecht zu korrigieren oder zu be-
weisen.81
Ist Identität unmöglich geworden, bleibt »die Bahn vom Entsetzen zum
Verstummen«:82 Der Lyrik »Wahrheitsgehalt selbst wird ein Negatives«.83
Man wird an den ordo inversus zu denken haben, um Bruch und Lauterkeit in

73 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 161.


74 Ebd., S. 271.
75 Theodor W. Adorno: Vers une musique informelle. In: ders., Gesammelte Schriften.
Hg. von Rolf Tiedemann. Bd 16: Musikalische Schriften I–III. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1978, S. 493–540, hier S. 540.
76 Theo Buck: Muttersprache, Mördersprache. Aachen: Rimbaud 1993 (Celan-Studien;
I), S. 38.
77 Ebd., S. 82; »sein Auge ist blau« – Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (Anm.
43), Bd 1, S. 42 und (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 64.
78 Felstiner, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 190), S. 68.
79 Vgl. Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie [1964].
In: ders., Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann u. a. Bd 6: Negative Dia-
lektik – Jargon der Eigentlichkeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft), S. 413–526, hier S. 430.
80 Felstiner, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 190), S. 68; auch: ein Reim der Betonung –
vgl. z. B. Christoph Perels: Erhellende Metathesen. In einer poetischen
Verfahrensweise Paul Celans. In: Paul Celan. Hg. von Werner Hamacher und
Winfried Menninghaus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuchverlag 1988
(Suhrkamp Taschenbuch Materialien; 2083), S. 127–138, hier S. 129.
81 Vgl. Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 164.
82 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 477.
83 Ebd. Dagegen argumentiert Jean-François Lyotard: Intensitäten. Übersetzt von
Lothar Kurzawa und Volker Schäfer. Berlin: Merve 1978 (Internationaler Merve
Diskurs; 75), S. 41ff., vor allem S. 46.
Theodor W. Adornos Antwort 39

dieser Weise vermählt zu verstehen.84 Was bleibt, sind »Gedankenschatten«,85


»Denkschatten«, »Schmerz, als Wegschneckenschatten«.86
Wahr spricht, wer Schatten spricht.87
In einem sehr präzise zur Doppeldeutigkeit hin gestalteten Gedicht von Rose
Ausländer, das eine ausgedehnte Deutung verdiente, heißt es zur »Todfeindin
Sonne«:88
Kein Schatten
führt hinters Licht ...89
Die Bewegung des Gedichts ist gegen die Phrase des Hinters-Licht-Führens
gewandt, die den Schatten als Moment des lügenhaften Dunkeln abstempelte;
schon die Negation ebendessen läßt vermuten, daß dies nicht Schilderung eines
lichten Orts sondern eines getreulichen Dunkels ist; vor allem aber ist die
Wahrheit in der Topographie zweier Zeilen hinters Licht verschoben und die
offene Frage, ob sich ein Schatten finde, der sozusagen erhellt, was sich dem
grellen Scheinen entzieht – »la lumière de l’absence«90 ...
Das »Gedicht zeigt [...] eine starke Neigung zum Verstummen«,91 ist mit
fundamentalen Verneinungen konfrontiert, die freilich kaum explizit in der
Lyrik formuliert werden, weshalb, wie am Rande bemerkt sei, die kategorisie-
rende Fahndung nach nirgends, nie und niemand keine Poetologie,92 sondern
die Beleuchtung allerdings nicht unwichtiger Details bedeuten dürfte.
Wie aber wird ein Schweigen hörbar, wie vernehmlich, daß der Schweigen-
de deshalb schweigend vortritt, da er etwas zu sagen hat?
Gerade in diesem Punkt zeigt sich, wie bedauerlich und verfehlt die gegen
Adorno gewandten beharrlichen Unterstellungen sind, er habe sein Diktum als
Herabwürdigung oder Entwertung jüdischer Dichtung geschrieben und sei in
der Folge hierin widerlegt worden.93
84 Vgl. hierzu Werner Hamacher: Die Sekunde der Inversion. Bewegungen einer Figur
durch Celans Gedichte. In: Paul Celan (wie Anm. 80), S. 81–126, hier S. 86, passim.
85 Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 66.
86 Ebd., S. 116.
87 Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (Anm. 43), Bd 1, S. 135.
88 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 4), Bd 7, S. 42.
89 Ebd. (Anm. 45), Bd 8, S. 58.
90 Nouss, Mémoire et survie: une lecture de Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 1), S. 102.
Zum Konvergieren von Hinzutreten (vgl. Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1,
Anm. 105), S. 226ff.) und Sichentziehen vgl. Peter Strasser: Journal der letzten Din-
ge. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998 (Edition Suhrkamp; 2051), S. 46.
91 Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 197.
92 Vgl. Margrit Schärer: Negationen im Werke Paul Celans. Zürich: Juris 1975, S. 13.
Zu derlei Versuchen vgl. etwa ebd., S. 5, 34 und 37.
93 Vgl. Buck, Muttersprache, Mördersprache (Anm. 76), S. 12 sowie ders., Paul Celan.
In: Deutsche Dichter. Leben und Werk deutschsprachiger Autoren. Hg. von Gunter E.
Grimm und Frank Rainer Max, Bd 8: Gegenwart. Stuttgart: Reclam 1990 (Universal-
Bibliothek; 8618 [7]), S. 239–254, hier S. 239 und 244f.
40 Zweiter Teil

Es ist dieses billige Ausspielen zweier Positionen, die in dieser Form nicht
bestehen, wohl vor allem geeignet, den überaus unangenehmen und kaum auszu-
räumenden Verdacht, mit dem Holocaust habe sich etwas gezeigt und bleibe
zurück, zu diskreditieren; ein Bemühen, die Wogen zu glätten, da Dichter wie
Ausländer, Sachs und vor allem Celan ja die Aufgabe das Deutsche reinzuwa-
schen bestens oder zumindest hinreichend erfüllt haben – diese Poeten mögen
in gewisser Hinsicht Sprache gerettet haben, kaum ist plausibel zu machen,
daß dies »die Ehre der deutschen Sprache rettete«,94 retten sollte oder in der
oftmals unterstellten Weise auch nur könnte.
Im Œuvre der großen Dichter jüdischer Provenienz ist das Bewußtsein der
Problematik von Lyrik nach Auschwitz diffizilst entfaltet. Diese Dichtung ge-
winnt ihre Legitimität, Präzision und – man entschuldige das abgedroschene
Wort – Tiefe nicht zuletzt daraus, Konfrontation mit dem Unzulangen zu sein,
das als Bedrohung von Sprache und Vernunft von Adorno scharf umrissen
worden ist. Helfrich schreibt zu einer Lyrik, die ihres Erachtens nicht so sehr
trotz Auschwitz, vielmehr trotz Adorno zu bestehen scheint:
Viele Intellektuelle in Westdeutschland verstanden [Adornos] [...] Satz als ein Dar-
stellungsverbot, und viele von ihnen schienen bereit, einem solchen Verbot zu fol-
gen. Die Wirkung, die von diesem Satz ausging, war tiefste Kulturskepsis – was
denn sollten und konnten Gedichte noch sein oder bedeuten nach dem Holocaust?
Adornos Verbot, das übergroße Leid und das unvorstellbare Sterben des jüdischen
Volkes nicht einmal in Gedichten nennen zu dürfen, errichtet ein Tabu, gerade dort,
wo nicht Verstummen, sondern das Reden über all dies Entsetzliche notwendig wäre,
um eine Wiederholbarkeit auszuschließen. Und gerade die Lyrik, die von den jüdi-
schen Autoren nach Auschwitz geschrieben wurde, und darunter ist auch die von
Rose Ausländer zu sehen, hat diesen Satz von Adorno ins Unrecht gesetzt.
Die Sprache überdauerte Auschwitz in einigen ihrer erhabensten Gedichten. Und
sie blieb stimmhaft, wenn auch fast stumm, vor allem als die Sprache der Opfer. [...]
Gerade den Überlebenden darf die Darstellung von Schmerz, Leid und Trauer auf
keinen Fall verwehrt werden, denn wo wären die Millionen Toten zu begraben,
wenn nicht auch in Gedichten?95

Man findet in diesem kurzen Abschnitt nahezu jede gedankliche Ungenauig-


keit der Rezeption Adornos; zunächst hat Adorno nicht Lyrik verboten, sondern
auf Züge von Dichtung hingewiesen, die sich als fatal erweisen; weiters hat

94 Otto Pöggeler: Spur des Worts. Zur Lyrik Paul Celans. Freiburg, München: Alber
1986 (Alber-Broschur Philosophie), S. 101.
95 Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 55), S. 221; nicht unähnlich schreibt
Laermann: »Adornos Satz hat den Opfern der Lager sowie denen, die sie überlebten,
und nicht zuletzt denen, die wie Celan das Überleben nicht überlebten, Unrecht ge-
tan. Ihnen kann, ja darf die Darstellung von Schmerz, Leid und Trauer auf keinen
Fall verwehrt bleiben.« Klaus Laermann: »Nach Auschwitz ein Gedicht zu schrei-
ben, ist barbarisch ...« Überlegungen zu einem Darstellungsverbot. In: Kunst und Li-
teratur nach Auschwitz. Hg. von Manuel Köppen u. a. Berlin: Erich Schmidt Verlag
1993, S. 11–15, hier S. 14; vgl. ebd., S. 14f.
Theodor W. Adornos Antwort 41

Adorno eine Form von Widerlegung seiner selbst durch den erwähnten Nachsatz
der berühmten Formel bereits eingeschrieben; und fraglich ist, ob eine Renais-
sance des Erhabenen Auschwitz gerecht werde, eine Sprache der Opfer aber
ist, wie noch darzulegen ist, gewiß nicht gefunden. Adornos Überlegungen
sprechen viel eher die Notwendigkeit von Ausländers oder Celans Dichtung
aus, genauer: die Notwendigkeit einer Poetik, die leistet, was diese Worte als
Zerwürfnis der Vernunft mit sich leisten. Spätestens in Szondis Formulierung,
die an jene Adornos anschließt, wird dies deutlich:
Nach Auschwitz ist kein Gedicht mehr möglich, es sei denn auf Grund von Au-
schwitz.96

Was es bedeutet, wenn dieses auf Grund von Auschwitz nicht einfach durch
über Auschwitz zu substituieren ist,97 man sich im Schatten dieses Impetus durch
die Schreibung auf dem Terrain befindet, das von Auschwitz durchsetzt ist, läßt
sich an einem Gedicht von Rose Ausländer, dessen Möglichkeiten unausgetra-
gen verbleiben, erahnen.
Drei Buchstaben
Ich gehe ihm aus dem Weg
laufe ihm in den Weg
der lebenslang um mich wirbt
mit schwarzer Magie
Ich verwandle ihn
in ein Wort
drei Buchstaben
der Wohlklang tut weh98

– so schreibt die Dichterin. Er, der – wie im später zu interpretierenden »Bis an


den Nagelmond« der Schmerz – wörtlich absent ist, nur die Spur seines Wohl-
klangs beließ, ist vielerlei. Er ist, was im Palindrom »Lieb – Reiz«99 droht; ist,

96 Peter Szondi: Schriften. Hg. von Jean Bollack u. a. Bd 2: Essays: Satz und Gegen-
satz. Lektüren und Lektionen. Celan-Studien. Anhang: Frühe Aufsätze. Frankfurt
a. M.: Suhrkamp 1978, S. 384. Eher befremdlich ist ein anderer Vorschlag – »that
only poetry is possible after Auschwitz« (Christopher Frynsk: The Realities at Stake
in a Poem. Celan’s Bremen and Darmstadt Addresses. In: Word Traces. Readings of
Paul Celan. Hg. von Aris Fioretos. Baltimore, London: The John Hopkins University
Press 1994, S. 159–184, hier S. 164). Vgl. ebd., S. 164f.
97 In gewissem Sinne bilden über und auf Grund von eine Antithese. Vgl. auch Klaus
Werner: Czernowitz. Zur deutschen Lyrik der Bukowina im 20. Jahrhundert. In: Kul-
turlandschaft Bukowina. Studien zur deutschsprachigen Literatur des Buchenlandes
nach 1918. Hg. von Andrei Corbea-Hoisie und Michael Astner. Iaşi: Universitatii »Alex-
andru Ioan Cuza« 1992 (Jassyer Beiträge zur Germanistik; V), S. 42–66, hier S. 62.
98 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (Anm. 55), Bd 3, S. 159.
99 Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband
mit dem Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun. Bd 2: Die Sichel mäht die Zeit zu
Heu. Gedichte 1957–1965. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1985, S. 195.
42 Zweiter Teil

was immer im eigenen Namen lauert: »Unterschrift eidlich // [...] drei eigene
Kreuze / Amen«;100 ist auch, worauf der Name (mit Konsonanten verschrift-
licht101) sich stützt – Jehova oder Jahwe:
Vater unser
nimm zurück deinen Namen ...102

In einer der Welt destruierter geregelter Bezüge sind drei Buchstaben nicht ein-
fach durch die natürlich keineswegs unzutreffende Lösung (»Das gesuchte Wort
ist Tod.«103) erklärt, das gesuchte Wort ist tot. Es gilt für die Verse in einer
noch schärfer zu umreißenden Weise, was Hamacher jüngst formuliert hat:
Jede Darstellung wäre unvollkommen, die nicht zugleich auch die Darstellung noch
[...] der Endlichkeit und Hinfälligkeit der Darstellung wäre.104
Das Gedicht
wird nicht stimmen
[...] am Himmel stehn
andere Zeichen ...105

Szondi also schreibt, es sei »kein Gedicht mehr möglich, es sei denn auf Grund
von Auschwitz«.106 Demgemäß hat Adorno gewiß nicht »aufgrund seiner Celan-
Lektüre [–] dieses Verdikt abgeschwächt«107 oder zurückgenommen;108 vielmehr
erfuhr das Urteil Präzisierungen, die es keineswegs sanfter erscheinen lassen.

100 Ebd. (Anm. 55), Bd 3, S. 229.


101 Im Buch der Schöpfung heißt es: »Er nahm drei Buchstaben von den einfachen. Er
siegelte Hauch auf die drei und heftete sie in seinen großen Namen JHV« (Das
Buch der Schöpfung – Die zehn Zahlen [I]). Vgl. auch Gershom Scholem: Judaica 3.
Studien zur jüdischen Mystik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1970 (Bibliothek Suhr-
kamp; 333), S. 23. Zugleich ist jeder Buchstabe wie die Gesamtheit der Lettern Na-
me Gottes (vgl. ebd., S. 38), »die verborgene Signatur in Gott« (ebd., S. 53), dessen –
und eines jeden? – »Name [...] ansprechbar, aber nicht aussprechbar« (ebd., S. 270)
ist: Name ist, was »nichts mitteilt als sich selber« (ebd., S. 19; vgl. zu dem Namen
auch ebd., passim) ... »Der Name entzieht sich der Erinnerung. Er ist selbst Gedächt-
nis.« – Edmond Jabès: Ein Fremder mit einem kleinen Buch unterm Arm. Übersetzt
von Jürgen Ritte. München, Wien: Hanser 1993 (Edition Akzente), S. 93.
102 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 274.
103 Held, Evas Erbe (wie Kap. 1, Anm. 27), S. 191.
104 Werner Hamacher: Das Ende der Kunst mit der Maske. In: Sprachen der Ironie –
Sprachen des Ernstes. Hg. von Karl Heinz Bohrer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000
(Edition Suhrkamp; 2083 – Aesthetica), S. 121–155, hier S. 121. In diesem Sinne
auch Wolfgang Welsch: Adornos Ästhetik: eine implizite Ästhetik des Erhabenen.
In: Das Erhabene. Zwischen Grenzerfahrung und Größenwahn. Hg. von Christine
Pries. Weinheim: VCH, Acta Humaniora 1989, S. 185–213, hier S. 195.
105 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 208.
106 Szondi, Schriften (Anm. 96), Bd 2, S. 384.
107 Lorenz, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 190), S. 2.
108 Vgl. Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 55), S. 221.
Theodor W. Adornos Antwort 43

Im elf Jahre nach Kulturkritik und Gesellschaft publizierten Essay Engagement


schreibt Adorno:
Den Satz, nach Auschwitz noch Lyrik zu schreiben, sei barbarisch, möchte ich nicht
mildern; negativ ist darin der Impuls ausgesprochen, der die engagierte Dichtung
beseelt.109

Nur am Rande sei der Versuch kritisiert, in dieser Sache Adorno und Szondi
gegeneinander auszuspielen und ersteren widerlegt zu heißen, da mit Celan
»unserer Befangenheit eine Sprache gegeben«110 sei, der man sich nun bedie-
nen und »wieder unbefangene Gedichte«111 schreiben könne – solche Argu-
mentation läßt spüren, daß die hinter solcher Sensibilität gehegte Hoffnung
Gewalt verschwistert ist.112
Adornos und Szondis Wendung gegen Kontinuität des Sinns entspricht da-
gegen die überaus präzise Umschreibung des Dilemmas bei Sarah Kofman:
»Über Auschwitz und nach Auschwitz ist keine Erzählung möglich, wenn man unter
Erzählung versteht: eine Geschichte von Ereignissen erzählen, die Sinn ergeben.113

Nichtsdestotrotz »besteht doch die Pflicht zu sprechen, ohne Unterlaß für jene
zu sprechen, die nicht sprechen konnten, weil sie das wahre Wort bis zum Äu-
ßersten bewahren wollten, ohne es zu verraten«.114 Es ist »ein Zeugnis abzule-

109 Theodor W. Adorno: Engagement. In: ders., Noten zur Literatur. Hg. von Rolf Tie-
demann. 4. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989 (Suhrkamp-Taschenbuch Wis-
senschaft; 355), S. 409–430, hier S. 422.
110 Harald Weinrich, zit. in Silbermann, Begegnung mit Paul Celan (wie Kap. 1, Anm.
70), S. 17.
111 Harald Weinrich, zit. ebd. Die angesprochene Opposition allerdings konstruiert
doch vor allem Edith Silbermann (vgl. ebd., S. 16ff.). Bei ihr findet sich denn auch
die krude Behauptung, nun gebe es eine »Scham, [...] daß Kunst außerstande sei,
das Leiden zu [...] zu sublimieren« (ebd., S. 18). Glenn lobt in seinen Rezensionen
sozusagen folgerichtig an Rose Ausländers Dichtung deren »noble simplicity. [...]
The cry of pain is [...] controlled and therefore muted« (Jerry Glenn: [Rez.] Rose
Ausländer: Ich spiele noch. In: World Literature Today, Spring 1988). Vgl. ders.,
[Rez.] Rose Ausländer: Noch ist Raum. In: Journal of German-American Studies
12.4 (Oktober 1977), S. 98–99, hier S. 99; solcher Übergang karikiert Trauer:
»Schon wird das Abschiedsweh der Gluten / Zu Asche, und die Asche Lied.«
(Immanuel Weißglas: Aschenzeit. Gesammelte Gedichte. Aachen: Rimbaud 1994
[Texte aus der Bukowina; 2], S. 82). »Wem übergebe ich jetzt mein Vermächtnis?
/ Dem Wind? Dem Tod? Dir? Du vergißt mich schon.« (ebd., S. 111) Dies vor
»Auschwitzasche« (ebd., S. 74).
112 Vgl. Hans-Dieter Bahr: Tropisches Denken. Entwürfe phänomenologischer Land-
schaften. Wien: Turia + Kant 1994, S. 120; vgl. auch ebd., S. 88 u. 101.
113 Sarah Kofman: Erstickte Worte. Übersetzt von Birgit Wagner. Hg. von Peter En-
gelmann. Wien: Passagen 1988 (Edition Passagen; 19), S. 31. Vgl. auch Lütkehaus,
Nichts (wie Kap. 1, Anm. 149), S. 519.
114 Kofman, Erstickte Worte (Anm. 113), S. 53.
44 Zweiter Teil

gen«,115 doch »ein Ersticktwerden«116 bedroht diese Notwendigkeit; es bleibt


ein »Sprechen [...] ohne Macht«.117
Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu
brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr
sich schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz
noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte
umgebracht werden müssen.118

Es besteht ein »Skandalon des Weiterdichtens, [...] Weitererzählens«,119 so


wäre also festzuhalten, ein Skandalon, der das Denken Adornos wie Kofmans
bei allen Differenzen prägt.120 Erzählen und Dichten zu müssen, zugleich je-
doch dies versuchend verpflichtet zu sein, inmitten der Sprache zu finden, was
nicht der Sprache ist – »Was einen Namen hat / ist schon verloren«,121 schreibt
Rose Ausländer –, in dieser Konstellation von »Schreiben als Widerspuch«122
treffen sich ihre Gedanken. Ansonsten wird, so steht zu fürchten, »indem wir
schweigend ins Gespräch vertieft sind, die Shoah das, was sie immer war:
Unwirklich. / Denn sie geschah«.123
Es ist auch diese Äußerung Schindels zweifelsohne ein Anschließen an
Adorno; verboten ist, was sich für möglich hält, die Erzählung nämlich, die des
Schweigens im Inneren heutiger Sprache nicht innezuwerden imstande und
damit statt eines auch schweigenden Gesprächs beredte Ignoranz ist, was Bur-
ger »moralische Sekundärausbeutung der Opfer«124 genannt hat. Zugleich muß
man sich, da jede Rede hiervon kompromittiert zu sein droht, vergegenwärtigen:
In der Verurteilung und Kritik an der Sprache zeigt sich deren Unhintergehbarkeit.125

115 Ebd.
116 Ebd., S. 56.
117 Ebd., S. 27.
118 Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 355.
119 Birgit R. Erdle: Sarah Kofman, Paroles suffoquées. Eine Lektüre mit Adorno. In:
Flaschenpost und Postkarte. Korrespondenzen zwischen Kritischer Theorie und Post-
strukturalismus. Hg. von Sigrid Weigel. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 1995 (Lite-
ratur – Kultur – Geschlecht. Kleine Reihe; 5), S. 73–89, hier S. 77.
120 Vgl. ebd., S. 74f., 84 und 88f. Erika Kaldemorgen: Sarah Kofman. In: Philoso-
phinnen II. Von der Romantik bis zur Moderne. Hg. von Marit Rullmann. Dortmund:
edition ebersbach im eFeF-Verlag 1995, S. 279–286, hier S. 282 und Zerrahn, Der
Holocaust und die Aporien des Erzählens (wie Kap. 1, Anm. 183), S. 241ff.
121 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (Kap. 1, Anm. 4), Bd 7, S. 200.
122 Kaldemorgen, Sarah Kofman (Anm. 120), S. 279.
123 Robert Schindel: Schweigend ins Gespräch vertieft. Anmerkungen zu Geschichte
und Gegenwart des jüdisch-nichtjüdischen Verhältnisses in den Täterländern. In:
text + kritik (Oktober 1999), H. 144: Literatur und Holocaust, S. 3–8, hier S. 8.
124 Burger, Denken und Gedenken (wie Kap. 1, Anm. 184), S. 10.
125 Wendelin Schmidt-Dengler: Bruchlinien. Vorlesungen zur österreichischen Literatur
1945 bis 1990. 2. Aufl., Salzburg, Wien: Residenz 1996, S. 146.
Theodor W. Adornos Antwort 45

Die deformierende Rezeption Adornos aufgreifend muß man wohl sagen:


Der Satz Adornos machte Karriere, nicht der Gedanke.126

»Wenn Adorno die poetische Sprache Paul Celans würdigt, so deshalb, weil sie
eine Schockwirkung in der Sprache selbst und in der Lektüre erzeugt«,127 so
wäre überzuleiten. Unmöglichkeit und Anstoß der Lyrik Celans wie der Philo-
sophie Adornos sind einander verschwistert. Von Adorno schreibt Koltan,
[...] daß der Wunsch, Adorno möge unrecht haben, keineswegs illegitim ist: Adorno
will widerlegt werden. Allerdings, und darauf ist mit aller Nachdrücklichkeit hinzu-
weisen, nicht in der Theorie, sondern in der Praxis.128

Das, was dichterische Sprache vermag, ist mit Schweigen und Delegitimierung
verbunden; der »Triumph, das Unmittelbare sei durchaus vermittelt«,129 ist ver-
unmöglicht oder wenigstens sabotiert, »die scheinbar minimale Differenz«130
vereitelt ihn. Sie verfaßt »Umweg- / Karten«.131

126 Claussen, Nach Auschwitz kein Gedicht? (wie Kap. 1, Anm. 184), S. 47. Vgl.
Lindner, Was heißt: Nach Auschwitz? (Kap. 1, Anm. 16), S. 284.
127 Erdle, Sarah Kofman, Paroles suffoquées (Anm. 119), S. 81.
128 Michael T. Koltan: Adorno, gegen seine Liebhaber verteidigt. In: Kritische Theo-
rie und Poststrukturalismus. Theoretische Lockerungsübungen. Hg. von Jochen
Baumann, Elfriede Müller und Stefan Vogt. Hamburg: Argument-Verlag 1999
(Argument-Sonderband; N. F. 271), S. 14–29, hier S. 14. Vgl. auch Schnädelbach,
Wittgenstein über die Philosophie (wie Kap. 1, Anm. 134), S. 217.
129 Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 174.
130 Ebd. Ihr gegenüber steht eine »bestimmte minimale Abstraktion [...] [als] Beginn
[...] allen Denkens« (Hent de Vries: Das Schibboleth der Ethik. Derrida und Celan.
Übersetzt von Michael Scholl. In: Ethik der Gabe. Denken nach Jacques Derrida.
Hg. von Michael Wetzel und Jean-Michel Rabaté. Berlin: Akademie Verlag 1993
[Acta humaniora], S. 57–80, hier S. 79).
131 Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 120.
Eine Karte der Umwege machte augenfällig, daß, was das Wort voraussetzt – einen
direkten Weg –, nicht gegeben ist, was schon auf Derrida weist ... Vgl. zur »zer-
brochenen Unmittelbarkeit« Derrida, Die Schrift und die Differenz (wie Kap. 1,
Anm. 176), S. 441: Eine Interpretation, die nach einem in letzte Begriffe gegosse-
nen Resultat als direktem Ausdruck dessen fahndet, womit Literatur bloß spielte,
»erlebt die Notwendigkeit der Interpretation gleich einem Exil« (ebd.), ist scheinbar
jenseits des Möglichen, in Wahrheit aber hinter ihm – in einem beliebigen Status
quo – angesiedelt ... Vgl. auch Bettine Menke: Sprachfiguren. Name – Allegorie –
Bild nach Benjamin. München: Fink 1991 (Theorie und Geschichte der Literatur und
der schönen Künste; 81 – Reihe A: Hermeneutik – Semiotik – Rhetorik; 5), S. 11, wo
derlei zuletzt zu Benjamins reinem Mittel fortgeführt wird (vgl. ebd., S. 43), das ja,
indem es Abwendung von einem bestimmten Bilde des angemessenen Mittels ist,
in ähnliche Konstellationen führt: Es sei jenes Mittel als »Insignium und Siegel, nie-
mals Mittel heiliger Vollstreckung« zu verstehen aufgegeben und »als ein reines Mit-
tel gewaltlos« (Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann
u. a. Bd II/1: Aufsätze, Essays, Vorträge. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977 [Suhr-
kamp-Taschenbuch Wissenschaft; 932], S. 203 u. 194). Verwandt bestimmt sind
46 Zweiter Teil

Was in dieser Konstellation nicht möglich sei, ist dabei die erste Frage. Zu-
nächst ist die Darstellung von Auschwitz ein Unding. Die Unmöglichkeit, das
Undarstellbare darzustellen, ohne es durch inadäquate Repräsentationen als
etwas Identifizierbares und also der Ordnung Einzuverleibendes vorzustellen,
verpflichtet zu Bescheidenheit und Resignation – Anders mahnt, es sei »die
einzige wahre, die einzige der Millionen Entwürdigten würdige Rede [...] die
zynische«.132 »Lyrik ist folgenlos.«133
Freilich ist man versucht, hier die Gedichte von Anders selbst zu erwähnen,
die den Rang der Lyrik Celans zweifelsohne nicht haben, aber – wiewohl eher
bieder gereimt scheinend – vor allem durch ihre Gedankenschärfe sowie Resi-
gnation und daraus erwachsenden Sarkasmus auffallen.134

Instanzen des Nein – Lyotard

Wie ist ein »Raum für das Schweigen«135 im Schreiben aus theoretischer Sicht
zu etablieren?
Adorno hat sich einer Theorie der Verneinung insofern enthalten, als er ihr ein
Fundament zu geben suchte, ihre Notwendigkeit aus ihrer Möglichkeit schlüssig
ableitete, ihre Symptome aber unbeschrieben beließ. In der Tat ist dies auch als
Vorsicht zu verstehen – allzu leicht wandelte sich die Negation vermessen und
katalogisiert in ein Positives ... Es wäre dies eine Praxis, die den »Dichter einer

der Stil und die Forderung, die von ihm an Interpretation ergeht: Ȇberwindung des
Sinnes.« (ebd., Bd II/2, S. 618); »Kultur besteht in Umwegen.« Günther Anders:
Lieben gestern. Notizen zur Geschichte des Fühlens. München: Beck 1986, S. 114.
132 Günther Anders: Philosophische Stenogramme. 2. Aufl., München: Beck 1993
(Beck’sche Reihe; 36), S. 53. Zum Zynismus eines Celan, in dessen Werk gerade
dieser Zug gerne übersehen wird, sei auf Baumann verwiesen, der zuweilen den
Rückzug des Dichters »hinter den Vorhang von schwarzem Humor« bemerkte
(Baumann, Erinnerungen an Paul Celan [Anm. 17], S. 116).
133 Anders, Ketzereien (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 208. »Hohn und Härte entstammen
der Menschenliebe!« (ebd., S. 211). Zur Hoffnung einer Theorie, die n i c h t an
Praxis orientiert ist vgl. Konrad-Paul Liessmann: Hänschen klein. Von der ohn-
mächtigen Kraft des Gedankens. Hommage à Theodor W. Adorno. In: ders., Der
gute Mensch von Österreich. Essays 1980–1995. Wien: Sonderzahl 1995, S. 200–
210, hier S. 203ff.
134 Vgl. etwa Günther Anders: Tagebücher und Gedichte. München: Beck 1985, S. 385,
wo im Poem »Die Meldung« Wesentliches zum Sprechen nach und über Auschwitz
vorweggenommen ist; Kunert schreibt zu Anders: »Ausgehend von der Überzeu-
gung, Gedichte seien nur Schaumgebäck, muß einem das Dichten schwerfallen,
weil dazu die permanente Überwindung solcher Geringschätzung gehört.« Günter
Kunert: Das längst Gewesene steht uns noch bevor. »Tagebücher und Gedichte«
des Philosophen und Schriftstellers Günther Anders. In: Ein Büchertagebuch. Buch-
besprechungen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 1986, S. 8–9, hier S. 9.
135 Sarah Kofman, zit. in Kaldemorgen, Sarah Kofman (Anm. 120), S. 282.
Theodor W. Adornos Antwort 47

Literaturtheorie [ge]opfert«136 – grotesk mutet an, daß dies Adorno selbst unter-
stellt worden ist. Jener hat, so muß man heute sehen, dem Ansinnen einer Lyrik
unserer Tage durchaus gerade in seiner Gegenrede, die als interessierter Einwand
Rose Ausländer, glaubt man dem Brief an Wolfgang Ratjen, nicht unwillkom-
men war,137 entsprochen.138 Freilich wurde er auch, was man in dieser Intensität
nicht erwartete, von jenen nicht bloß skeptisch beäugt, deren Poetologie einer
latenten Selbstanklage des gedenkenden Poems mit seinen Einwänden konver-
giert.139 Ich denke an ein Gedicht Celans, worin derlei aufbricht, es entstammt
dem Nachlaß und sei hier nachträglich als Ruhestörung zitiert:
Vor die Messer
schreiben sie dich,
kulturflott, linksnibelungisch,
[...] nicht
ab-, nein wiesen-
gründig,
schreiben sie, die
Aber-Maligen, dich
vor
die
Messer.140
Welcher Art nun formal die nötige Verneinung im Sprechen wäre, das diese
Probleme – und als Forderung nach Schärfe ist der Verse Celans gegen Ador-
no zweifelsohne eingedenk zu sein – in sich austrüge, ist nur im AnSchluss an,
jedoch nicht mit Adorno zu formulieren. Ihm ist allerdings ein allgemeiner und
weitreichender Anstoß zu verdanken:

136 Pöggeler, Spur des Worts (Anm. 94), S. 257.


137 Vgl. Rose Ausländer / Ursula Ratjen / Wolfgang Ratjen: Meine liebe Frau Ratjen ...
Grüße auch an Wolfi. Briefwechsel. Hg. von der Rose Ausländer-Stiftung. Köln: Ro-
se Ausländer-Stiftung 1997 (Schriftenreihe der Rose Ausländer-Stiftung; 8), S. 108.
138 Vgl. etwa Colin, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 96), S. XVII, 157, ferner – zur
Adornianerin Janz – ebd., S. 184, Anm., wo die sonst feinsinnige Autorin eine etwas
platte Opposition Adorno versus Celan suggeriert, was vor allem in einer unzurei-
chenden Lektüre Adornos (vgl. ebd., S. 170) und der Verwechslung des Denkers
mit jenen, die ihn zitieren (vgl. ebd., S. 184, Anm., zu begründen sein dürfte.
139 Adorno ist es zu verdanken, daß »der deutschsprachigen Literatur [...] Sparten- und
Themengedichte [...] zu Auschwitz« (Hermann Korte: »Es ist in aller Trauer der tiefste
Hang zur Sprachlosigkeit«. Der Holocaust in der Lyrik nach 1945. In: text + kritik [Ok-
tober 1999], H. 144: Literatur und Holocaust, S. 25–47, hier S. 46, Anm.; vgl. ebd.,
S. 25) – die auch Celan sozusagen nicht lege artis schienen (vgl. Emmerich, Paul Ce-
lan [wie Kap. 1, Anm. 104], S. 12) – mehr oder minder erspart geblieben sind ...
140 Paul Celan: Die Gedichte aus dem Nachlaß. Hg. von Bertrand Badiou, Jean-Claude
Rambach und Barbara Wiedemann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997, S. 104. Vgl.
Celan / Wurm, Briefwechsel (wie Kap. 1, Anm. 104), S. 136. »Prof. Adorno [...], von
dem ich dachte, daß er Jude sei ...« Barbara Wiedemann u. a.: Paul Celan – Die
Goll-Affäre. Dokumente zu einer »Infamie«. Hg. von Barbara Wiedemann. Frank-
furt a. M.: Suhrkamp 2000, S. 567, Anm. Vgl. ebd., S. 564, passim.
48 Zweiter Teil

Celans Gedichte [...] ahmen eine Sprache unterhalb der hilflosen der Menschen, ja
aller organischen nach, die des Toten von Stein und Stern.141

»Die Sprache des Leblosen«142 doch vorsichtig zu umschreiben scheint Lyotards


Der Widerstreit geeignet, ein Werk, das wie Adornos Schriften ein »Redigie-
ren einiger Charakterzüge, die die Moderne für sich in Anspruch genommen
hat«,143 versucht, was auch verlangt, »die Durcharbeitung noch dem Gesetz
des Begriffs [...] [zu] entziehen«:144
Der Satz, der das Schweigen vertritt, wäre negativ. Er negierte wenigstens eine der
vier Instanzen, die ein Satz-Universum entwerfen: den Empfänger, den Referenten,
die Bedeutung und den Sender.145

Man sieht, schon ehe man ins Detail dringt, daß also ein Dichter des Schwei-
gens sich nicht so sehr »immer mehr dem Verstummen zu[schreibt], vielmehr
dem, was in der Sprache schweigt«,146 was freilich nicht bedeutet, man könne
die Aufhebung der als Schweigen eingeführten Negation einer Instanz so punk-
tuell betreiben, daß zuletzt solche »Gedichte [...] als ein einziges in sich ge-
schlossenes Wort zu lesen«147 wären, als »skripturale Krone [...], ein einziges
in sich geschlossenes Zeichen«,148 woraus Heilung erwüchse. Vielmehr wird
sich bei Lyotard im Fortschreiten der präzisen Definition hermetischer Bezirke
deren Relevanz fürs sie Umgebende zeigen, so daß auch die Antithese, die
Bogumil suggeriert, nicht sinnvoll ist – beredte Lyrik oder Verstummen »als
eine abrupte Unterbrechung«149 ...
Die Bedeu tung sei als ignotum x gewissermaßen übergangen; diese In-
stanz in Lyrik als rein gegeben zu suchen, bedeutete letztlich, zu übersehen,
daß »Kunstwerke [...] an Gestaltung und allein dadurch an tendenzieller Ver-
söhnung tragender Widersprüche des realen Daseins ihr Wesen haben«150 –

141 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 477.


142 Ebd.; »tief verwundet und nahe am Verstummen« (Wolf, Wandlungen und Ver-
wandlungen [wie Kap. 1, Anm. 9], S. 352) – doch ohne den gerne unterstellten
Durchbruch zum »einzig richtigen, [...] Wirklichkeit spiegelnden und verwandeln-
den Wort« (ebd.), das immer schon das falsche wäre ...
143 Jean-François Lyotard: Die Moderne redigieren. Übersetzt von Christine Pries.
Bern: Benteli 1988, S. 25.
144 Ebd., S. 27. Zum Bezug auf Adorno vgl. ebd., S. 22.
145 Jean-François Lyotard: Der Widerstreit. Übersetzt von Joseph Vogl. 2. Aufl.,
München: Fink 1989 (Supplemente; 6), S. 34, Nr 24.
146 Sieghild Bogumil: Celans Wandern im Wort. Entwicklungslinien in der Lyrik Paul
Celans II. In: Neue Rundschau (1983), H. 1, S. 88–105, hier S. 89.
147 Ebd., S. 91.
148 Ebd., S. 92.
149 Ebd., S. 90.
150 Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft. In: ders., Noten zur Litera-
tur. Hg. von Rolf Tiedemann. 4. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 355), S. 49–68., hier S. 51.
Theodor W. Adornos Antwort 49

verwiesen sei auf »das verborgene Gesetz der ästhetischen Gegenstandslosig-


keit«.151
Die Betrachtung des Werdens ist ebenso als »Generalschlüssel«152 unbrauch-
bar, »denn Kunstwerke folgen ihrem Formgesetz, indem sie ihre Genesis ver-
zehren«.153 Der Versuch schließlich, statt dessen des Geschehenen – zum Ver-
gleich gewissermaßen – habhaft zu werden, ist ohnehin absurd.154
Der S end er kann sich selber in seiner Dichtung tatsächlich zuweilen gera-
dezu ausstreichen. Adorno beschreibt »ein Gefühl des nicht ganz Dabeiseins,
nicht Mitspielens«155 – die »drastische Schuld des Verschonten«156 bringt
Leben und Lyrik des Entkommenen zum Stocken, an den Rand der »Entmün-
digung«,157 die Klaus Voswinckel zum Beispiel aus Assonanzen an Sprüche
liest.158
Das »Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerli-
chen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre«,159 und
dieser Umstand erzwingt ein Mißtrauen dessen, dem – weder ermordet noch
unbeschadet – eine deformierte Existenz aufgenötigt ist, gegen sich selbst und
sein Sprechen.160
Interessant ist an diesem Punkt das Resonieren eines Problems, das Geof-
frey Hartman vernimmt:
Wie macht man Poesie aus der verlorenen Freude am Sprechen?161

151 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 325.


152 Ebd., S. 267.
153 Ebd.
154 Vgl. Dorothee Kimmich: Kalte Füße. Von Erzählprozessen und Sprachverdikten
bei Hannah Arendt, Harry Mulisch, Theodor W. Adorno, Jean-François Lyotard
und Robert Schindel. In: Shoa. Formen der Erinnerung. Geschichte, Philosophie,
Literatur, Kunst. Hg. von Nicolas Berg, Jess Jochimson und Bernd Stiegler. Mün-
chen: Fink 1996, S. 93–106, hier S. 101ff., wo die Ähnlichkeit diesbezüglicher Ar-
gumentationen Adornos und Lyotards betont wird.
155 Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 356.
156 Ebd.
157 Klaus Voswinckel: Paul Celan. Verweigerte Poetisierung der Welt. Versuch einer
Deutung. Heidelberg: Lothar Stiehm Verlag 1974 (Poesie und Wissenschaft; 36),
S. 64. »Seine Gedichte, die dem, was geschah, eingedenk sein wollen, geben sich
selber als entmündigte, der Versöhnung entzogene zu erkennen« (ebd.).
158 Vgl. ebd., S. 64f.
159 Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 355f. Auch das Überleben
wäre zu nennen; vgl. Chalfen, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 67), S. 120; Felstiner,
Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 190), S. 38f.
160 Vgl. zum Beispiel Nelly Sachs’ Brief vom 5. Dezember 1960 an Paul Celan in: Paul
Celan / Nelly Sachs: Briefwechsel. Hg. von Barbara Wiedemann. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1996 (Suhrkamp-Taschenbuch; 2489), S. 66f., Brief 70.
161 Geoffrey Hartman: Der längste Schatten. Erinnern und Vergessen nach dem Holo-
caust. Übersetzt von Axel Henrici. Berlin: Aufbau-Verlag 1999, S. 235. Wenn der
Dichtende nicht zu einer wie immer gearteten Katharsis zu gelangen hoffen darf,
50 Zweiter Teil

Wie spricht man, wenn Sprache zum Spott wider den Sender gerät?162 Hart-
man schreibt von einem »Trauma im Trauma selbst«,163 das im Kollaps des
Zeugen und des Zeugens begründet ist. »Lichtverzicht«164 ist, was »dem Glanz
einer Erzählerstimme«165 widerfahren soll, die angesichts des Aufgetragenen –
einer »disaster notation«166 – bricht.
Doch dieses Zersplittern der Instanz des Senders oder Zeugen ist zugleich
ein Korrodieren der Idee der Quelle, der »Inspirationsquelle«,167 des Unsicht-
baren, Gottes.168 Das Licht der Quelle offenbart nur noch seine Absenz, die
Finsternis.169 Es bleibt freilich zu fragen, ob gerade Gott eine »isolierbare
Instanz des sprachlichen Prozesses«170 sein soll ...
Auch Schweigen wider den Emp fäng er wird man zum Teil finden kön-
nen, die Möglichkeit, »daß [...] der Fall [...] den Empfänger nicht betrifft«171 –
es wäre dies die Kehrseite des Selbstzweifels.172 Jerry Glenn sieht in diesem
Sinne etwa bei Celan die Reduktion des Ausdrucks und »a movement away from
communication and toward silence«,173 die Negation von Gemeinschaft174 in
jenen Versen, die aus »Bosheit oder der möglichen geistigen Verwirrung des
Autors«175 sinnlos zu werden scheinen.

verfällt notwendigerweise die »Macht der kathartischen Lust« (Jauß, Ästhetische


Erfahrung und literarische Hermeneutik [Anm. 11], S. 176).
162 Vgl. Hartman, Der längste Schatten (Anm. 161), S. 235. Vgl. auch Jean Bollack:
Herzstein. Über ein unveröffentlichtes Gedicht von Paul Celan. Übersetzt von Wer-
ner Wögerbauer. München, Wien: Hanser 1993 (Edition Akzente), S. 55.
163 Hartman, Der längste Schatten (Anm. 161), S. 236.
164 Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 142.
165 Hartman, Der längste Schatten (Anm. 161), S. 237.
166 Ebd., S. 238. Eine »écriture du désastre« statt »der überkommenen Sprache mora-
lischer Anteilnahme – nämlich jener des bürgerlichen Humanismus« (ebd., S. 70).
167 Ebd., S. 287, Anm.
168 Vgl. ebd., S. 287f., Anm.
169 Das »Licht [bricht] nicht in die Finsternis ein, um sie zu tilgen: Es offenbart diese«
(ebd., S. 193).
170 Werner Hamacher: Afformativ, Streik. In: Was heißt »Darstellen«? Hg. von Chri-
stiaan L. Hart Nibbrig. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994 (Edition Suhrkamp; 1696),
S. 340–371, hier S. 362, Anm.
171 Lyotard, Der Widerstreit (Anm. 145), S. 35, Nr 26.
172 Ebd., S. 35, Nr 27: »wir, die Davongekommenen, sind nicht befugt, darüber zu
sprechen«.
173 Jerry Glenn: Paul Celan. Eine Bibliographie. Wiesbaden: Harrassowitz 1989 (Stu-
dien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund; 5), S. 143.
174 Vgl. ebd., S. 141.
175 Dorothee Kohler-Luginbühl: Poetik im Lichte der Utopie. Paul Celans poetologische
Texte. Bern, Frankfurt a. M., New York: Verlag Peter Lang 1986 (Züricher ger-
manistische Studien; 5), S. 254, Anm. Die Verfasserin gibt in dieser Passage The-
sen Glenns wieder.
Theodor W. Adornos Antwort 51

An Details wie dem substantivischen Gebrauch des Nein zeigt sich solche
Reserviertheit gleichfalls.176 Allerdings ist der Lyriker nicht zuletzt auf »die
sprachschöpferische Potenz des einzelnen Lesers«177 angewiesen, soll die Stille
in seinen Versen sich entfalten, das »Gelausche«178 den Schatten einer Gestalt
gewinnen. Es muß Notiz genommen werden vom »Blick, mit dem die Kunst-
werke den Betrachter anschauen«;179 Dichtung braucht den Leser, besteht auch
die Gefahr, sie könne dem »falschen Publikum in die Hände«180 geraten.
Das Gedicht ist einsam.181

Es ist einsam, doch »es braucht ein Gegenüber«,182 was auch heißt: es braucht
seinen Leser. »Eigengesetzlichkeit – nicht Selbstgenügsamkeit«,183 so beschreibt
Jean Bollack, worin die vordergründig totale Abschottung von Celans Werk
begründet ist. Man kann – den Text qua intentio operis als Sender auffassend –
in diesem Zusammenhang auch auf Blumenbergs Interpretation eines Brüchig-
werdens Gottes hinweisen, der (wie oben dargelegt) als Inbegriff der vollkom-
menen Quelle doch allein durch den Mangel dessen, in das er strömt, desa-
vouiert ist, vor allem aber dadurch, daß er ohne diese seltsame Opposition der
Nichtigkeit anheimfiele: Schöpfung als »Kompensation eines göttlichen Evi-
denzmangels«184 ...
Die zentral betroffene Instanz aber scheint der R e fe r en t zu sein, »die Fä-
higkeit der Sprache, die Gaskammern (eine unausdrückbare Absurdität) zu be-
zeichnen«,185 ist fraglich, Sprache ist verwundend und verkürzend, wo sie auf
eine völlige begriffliche Erfassung von Wirklichkeit abzielt, wird in dieser Ten-
denz Prokrustes verwandt.186

176 Vgl. Schärer, Negationen im Werke Paul Celans (Anm. 92), S. 9.


177 Dietlind Meinecke: Wort und Name bei Paul Celan. Zur Widerruflichkeit des Ge-
dichts. Bad Homburg v. d. H., Berlin, Zürich: Gehlen 1970 (Literatur und Reflexi-
on; 2), S. 18.
178 Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 334.
179 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 185.
180 Rolf Wiggershaus zum Geschick der Todesfuge zit. in: Arno Orzessek: Grab in den
Lüften. In: Süddeutsche Zeitung, Nr 71, 26. März 1997, S. 16.
181 Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 198.
182 Ebd.
183 Bollack, Voraussetzungen zum Verständnis der Sprache Paul Celans (Anm. 17),
S. 319.
184 Hans Blumenberg: Matthäuspassion. 4. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993
(Bibliothek Suhrkamp; 998), S. 126; vgl. ebd., S. 17, passim.
185 Lyotard, Der Widerstreit (Anm. 145), S. 35, Nr 27.
186 Sind die anderen Momente des Schweigens nur bedingt nachzuweisen, sind Bedeu-
tung und Referent als ausgestrichene Instanzen nachgerade omnipräsent; nebenbei
bemerkt können natürlich »mehrere dieser Negationen zusammen« wirken (ebd.,
S. 35, Nr 26). Das System der Instanzen in seiner Komplexität wird auch bei Der-
rida aufgegriffen.
52 Zweiter Teil

Kein Zeichen, heute, bezeichnet.187


Die wahre Sprache der Kunst ist sprachlos, ihr sprachloses Moment hat den Vorrang
vor dem signifikativen.188

Diese Notiz wird man bedenken müssen, wenn in der Folge nachzudenken ist,
was Sprache und Zeichen dann seien; offensichtlich ist Reibung ins sich glatt
präsentierende System der Sprache geraten.189 Und man wird zu fragen habe:
Wie ist diese Notiz und das an sie Geknüpfte angesichts der verdichteten Krise
des Denkens aufzugreifen, in der Darstellung jenes Orts, wo »nichts von dem,
was dort »verausgabt« wurde, erhalten bleibt, [...] die Forderung nach einem
Resultat [...] enttäuscht wird«?190
Beiseite gelassen sei noch die Frage, ob die Aufgliederung von Sprache in
Instanzen voraussetze, daß diese auch definierbar und isolierbar seien. Einer-
seits funktioniert, was Lyotard umreißt, offenkundig nur in Wechselwirkung;
andererseits ist eine Formel – zumal der Negation – durch die Unschärfe ihrer
Komponenten wohl nicht widerlegt.
Im Werk von Rose Ausländer sind die vier Möglichkeiten von Dunkel sämt-
lich – so dies kein immanenter Widerspruch ist – auszumachen. Was die B e -
d eu tung angeht, ist zwar festzuhalten, daß die Dichterin ihr Lebtag ein sozu-
sagen versöhnlicheres Verhältnis als manche ihrer Zeitgenossen zur Sprache ent-
wickelt hat – von einem »Versagen der verbalen Sprache«191 findet sie rasch
zum Bruch mit der Dominanz der »Sprachskepsis«192 –, zugleich jedoch zu
durchaus dunklen Versen gelangt, deren Potential auszuloten keine geringe Auf-
gabe sein sollte.

187 Paul Celan, zit. in: Monika Schmitz-Emans: Paul Celan und die schriftmetaphori-
sche Tradition. In: »Der glühende Leertext«. Annäherungen an Paul Celans Dich-
tung. Hg. von Christoph Jamme und Otto Pöggeler. München: Fink 1993, S. 87–
112, hier S. 97.
188 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 171.
189 Es hat »eben jedes System[,] ein Loch« (Heimito von Doderer: Die Merowinger
oder Die totale Familie. München: Biederstein 1975, S. 21). Auf die These, daß
»any [...] system must remain essentially open« (Geoffrey Bennington und Jacques
Derrida: Jacques Derrida. Übersetzt von Geoffrey Bennington. Chicago, London:
The University of Chicago Press 1993 [Religion and Postmodernism], S. 1), wird
später zurückzukommen sein. Es wird sich dann zeigen, daß das Loch nicht benenn-
bar, statisch oder singulär sein kann. Dr. Schajo und Schnippedilderich erweisen
sich bei Doderer denn auch gleichermaßen als solches (vgl. Doderer, Die Mero-
winger oder Die totale Familie [Anm. 189], S. 21 u. S. 83).
190 Lyotard, Streitgespräche, oder: Sätze bilden »nach Auschwitz« (wie Kap. 1, Anm.
185), S. 23. Vgl. Jean-François Lyotard: Discussions, or Phrasing »after Auschwitz«.
Übersetzt von Georges Van Den Abbeele. In: The Lyotard Reader. Hg. von Andrew
Benjamin. Oxford, Cambridge: Basil Blackwell 1989, S. 360–392, hier S. 364; ders.,
Der Widerstreit (Anm. 145), S. 152ff., Nr 152ff.
191 Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers (wie Kap. 1, Anm.
87), S. 66.
192 Ebd., S. 84f. (Anm.).
Theodor W. Adornos Antwort 53

Der S end er ist in diesem Sinne angegriffen, verstummt jedoch nicht; er


stammelt, was kaum Bedeutung haben kann, da all das, was es zu bedeuten
hätte, Sprache inkongruent sein muß. Nicht die Verstorbenen sind am Leben
erhalten in diesen Versen, es »ist ihr Tod lebendig in uns«,193 ihr Blut fließt in
sie im Gedenken unablässig klärenden und darum versehrenden »Dornen-
adern«.194 »Mit dem Maulwurf [...] verbrüdert«,195 so nennt sich das lyrische Ich
in einem der früheren Gedichte. Es schafft im Dunkeln, es kann nicht trösten:
Der Geist, der kein Tröster mehr sein kann, wird zum Wühler.196

Die Lyrikerin, so müßte man vielleicht noch mit einem Blick auf ihre Vita er-
gänzen, war nicht geringe Zeit auch im täglichen Leben von ihrer Umwelt ge-
trennt – zunächst von ihrer Leserschaft durch die ungünstigen Umstände zur
Zeit ihrer ersten Publikationen197, später, wie Braun im Vorwort zu Jeder Trop-
fen ein Tag festhält, im Nelly-Sachs-Haus, wo sie »in selbstgewählter Isolation«
»lebte [...] und schrieb«.198
Dem Em p fäng er begegnen die Worte Rose Ausländers sozusagen in höf-
licher Reserviertheit. Und sie erinnern: Propria Poesia.199 Sie bleiben in ihrer
Intimität unzugänglich, die Suche nach der »Phönixgespielin«200 vollzieht sich,
so könnte man sagen, nicht innerhalb der Leserschaft, wenngleich – vermittel-
ter – natürlich auch hier nach einem Du gelauscht wird, das verstünde.201 Der
private Charakter einiger Gedichte, die dann auch nicht unbedingt den Ansprü-
chen genügen, welche man an Lyrik zu stellen geneigt ist,202 ist damit nicht
gemeint, ebensowenig das eine oder andere biographisch aufzuschlüsselnde
Detail.203

193 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (Anm. 99), Bd 2, S. 264.


194 Ebd., S. 273.
195 Ebd., S. 285.
196 Hans Blumenberg: Höhlenausgänge. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989, S. 645.
197 Vgl. Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 55), S. 156ff. u. S. 357; Braun,
»Es bleibt noch viel zu sagen« (wie Kap. 1, Anm. 28), S. 14ff.
198 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 5.
199 Vgl. Peter Waterhouse: Propria Persona (Propria Poesia). On the work of Michael
Hamburger. In: Der Prokurist 1.2 (April 1990): Was Sprache ist?, S. 359–379, hier
S. 359.
200 Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband
mit dem Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun. Bd 5: Ich höre das Herz des Ole-
anders. Gedichte 1977–1979. 2. Aufl., Frankfurt a. M.: S. Fischer 1984, S. 125.
201 Vgl. auch Kristensson, Identitätssuche in Rose Ausländers Spätlyrik (wie Kap. 1,
Anm. 50), S. 43 u. S. 56.
202 Vgl. Werner-Birkenbach, »Durch Zeitgeräusch wandern von Stimme zu Stimme
...« (wie Kap. 1, Anm. 29), S. 357.
203 Hier wäre an die Hinweise von Helfrich die Beziehung der Dichterin zu Helios
Hecht betreffend zu denken (vgl. Helfrich, Rose Ausländer [wie Kap. 1, Anm. 55],
S. 103, passim), die leider in etwas gewagte Schlüsse übergehen. Vgl. die Lese-
zeichen von Harald Vogel und Michael Gans in: Rose Ausländer: Rose Ausländer
54 Zweiter Teil

Fremdwort
[...] es liegt mir auf der Zunge
ein Fremdwort
für dich ...204

Die Dichterin stößt nur selten vor den Kopf, läßt aber manche Idee fast pro-
grammatisch unklar, wobei die Tendenz zum Dunkeln zuletzt der Schöpferin
der Verse und dem, was es zu erzählen gilt, zugeschrieben wird:
Du sprichst mich an
Hat dein Wort mich erkannt?
Ich bin ein Fragezeichen
kein Punkt ...205

Der R e f er en t ist, wie sich erraten läßt, stets betroffen – ob ironisiert, ob der
Bedeutung beraubt oder in die Leere gesprochen, im Gedicht als einem oszil-
lierenden und springenden Ort der Verwandlung ist der Referent nie, was er zu
sein vorgibt; repräsentiert, was nicht präsent sein kann. Köhl schreibt zu dieser
Instanz im Werk der Dichterin:
Die Frage nach dem Erkenntniswert des »Zeichens« wird meistens gar nicht gestellt.
Im Zusammenhang mit letzterem steht fast immer die mangelnde Bedeutung im
Vordergrund [...]. Solange dem »Zeichen« die Bedeutung fehlt, kann es auch nicht
Erkenntnisträger sein. Eine Diskussion um die Erkenntnis durch das »Zeichen« und
ihr Verbot erübrigt sich folglich in Rose Ausländers Lyrik.206

Bei aller Akkuratesse der Studie von Köhl macht diese Passage doch stutzig.
Ausgehend von der These, ein Mangel an Referenz entspreche einem gänz-
lichen Fehlen von Erkenntnis, wird hier aus einer beschädigten Sprache eine,
die nicht nur verstümmelt, vielmehr ausgelöscht zu sein scheint. Nun ginge
es an, derlei allgemein zu behaupten, wenngleich man im Bereich der Selbst-
referentialität solcher Aussagen in nicht geringe Schwierigkeiten käme; nur
noch abstrus aber machen sich die Sätze aus, sind sie auf Rose Ausländer
bezogen, die – auch nach Köhl – das Scheitern von Sprache als Schlußpunkt
nicht setzt.207
Folgt man der Zergliederung des Referenten in diesen Gedichten, wird man
weiters feststellen, daß die Grammatik hier nur geringen Schaden nimmt:

lesen. Lesewege – Lesezeichen zum literarischen Werk. Hg. von Harald Vogel und
Michael Gans. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 1997 (Lesepor-
traits; 2), S. 56f. u. 117.
204 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (Anm. 55), Bd 3, S. 161.
205 Ebd. (Anm. 200), Bd 5, S. 132.
206 Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers (wie Kap. 1, Anm.
87), S. 80, Anm.
207 Vgl. ebd., S. 84f., Anm.
Theodor W. Adornos Antwort 55

Anders als Celan löst Ausländer [...] die vertrauten grammatischen und syntakti-
schen Strukturen nicht auf, sondern fügt die »Sterne« ihrer frühen Verse in immer
neue und ungewöhnliche Sprachkonstellationen ein.208

Metaphern und Metonymien sind das bevorzugte Terrain der Lyrikerin, neue
Kontextualisierungen, das geglückte Spiel mit Zitaten und Infinitivkonstruk-
tionen,209 die zu Zweideutigkeit führen, kommen hinzu und zeichnen ihr
Œuvre aus. Insofern hintertreibt Rose Ausländer die Grammatik nur vorsichtig,
»Auslassung«210 ist nicht wirklich die Regel, auch wenn so etwas wie ein
Grammatikalischer Herbst einsetzen mag.211
Alles in allem kann man sagen, daß also das Zeichen und die Frage nach
seiner Tragfähigkeit hier keinesfalls einfach entfallen. Vielmehr kommt Bewe-
gung ins Sprechen, wird an den Rand dessen, was Sprache vermag, gegangen,
wobei die Legitimation der Lyrik darin begründet ist, zum einen neue Modi des
Schreibens zu erfinden, zum anderen aber dadurch auch genau das zu tun, was
Köhl verneint: die Frage nach der Zulässigkeit des Erkenntnisträgers Sprache
zu stellen, Sensibilität für den »Mangel an Armut«212 in Sprache zu entwickeln.
Von »Quecksilberworten«213 schreibt die Lyrikerin und extrapoliert damit über-
aus exakt, was Schrift ist, sein muß und sein kann:
Diese Zeichen sind trotz einer gewissen Viskosität im Fluß,214 hell und
glänzend (»Wortglanz«,215 was sogleich heilsames Dunkel, »Schatten«216 evo-

208 Colin, Ausländer (wie Kap. 2, Anm. 58), S. 129. Vgl. zur Grammatik Hartman,
Der längste Schatten (Anm. 161), S. 237 und Bernhard Böschenstein: Leuchttür-
me. Von Hölderlin zu Celan. Wirkung und Vergleich. Studien. Frankfurt a. M.: In-
sel 1977, S. 318. Zu Wörtern und Worten vgl. Köhl, Die Bedeutung der Sprache in
der Lyrik Rose Ausländers (wie Kap. 1, Anm. 87), S. 52 und Maria Kłańska: »Ich
Überlebende des Grauens schreibe aus Worten Leben«. Zur Problematik von Spre-
chen und Schweigen bei Rose Ausländer. In: »... wortlos der Sprache mächtig«.
Schweigen und Sprechen in der Literatur und sprachlicher Kommunikation. Hg.
von Hartmut Eggert und Janusz Golec. Stuttgart, Weimar: Metzler 1999 (M & P –
Schriftenreihe für Wissenschaft und Forschung), S. 133–158, S. 147.
209 Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers (wie Kap. 1, Anm.
87), S. 75.
210 Kristensson, Identitätssuche in Rose Ausländers Spätlyrik (wie Kap. 1, Anm. 50),
S. 17.
211 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (Anm. 55), Bd 3, S. 61. Vgl. Kristens-
son, Identitätssuche in Rose Ausländers Spätlyrik (wie Kap. 1, Anm. 50), S. 220f.
Überraschend ist übrigens, daß diese durchaus dezent formulierende Interpretin vor
der These nicht zurückschreckt, Rose Ausländer finde mit Celan zur »Lösung aus
dem Dilemma«, »Sprache von negativen Konnotationen« durchsetzt als Mittel ge-
brauchen zu müssen (ebd., S. 21).
212 Böschenstein, Leuchttürme (Anm. 208), S. 318.
213 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 270.
214 Vgl. auch Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers (wie
Kap.1, Anm. 87), S. 75.
215 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 163.
56 Zweiter Teil

ziert), von Gewicht und schließlich giftig, wobei dieser destruktive Zug in der
Interpretation bislang heruntergespielt worden sein mag.217 Doch es hilft nichts:
Schriftzeichen
sind Giftleichen.218

Diese letzte Charakterisierung wird vor allem in der Arbeit mit Derrida zutage
treten, für dessen Denken das pharmakon bekanntlich nicht unwichtig ist. Hin-
zukommt, daß mit der steten Veränderung auch die Lektüre nicht statisch blei-
ben darf. Immer noch und in Ewigkeit sind »die Zeichen [zu] erlernen«219...
Ehe ich das Terrain der Negation von Sender, Empfänger, Referent und Be-
deutung verlasse, möchte ich noch kurz auf die Darstellung des sukzessiv zu
zerfallen scheinenden Bandes bei Bahr verweisen – nach der Transzendenz als
Bürgen einer Einlösung fällt der Dritte, woran die Aberrationen im Zaum zu
halten waren, sodaß der verbleibende »Bote zugleich die Instanz [ist], durch
welche die Abspaltung von Signal und Botschaft selber erfahrbar wird«.220
Und zu diesem Boten wird bereits jeder, dem Sprache überliefert wurde, um sie wei-
ter zu überliefern.221

Indem der Bote zum Schreiber wird, radikalisiert sich das Bild, es bleibt ein
sozusagen toter Träger der Botschaft – durch ihn wird »die Form der Aussa-
ge«222 und somit auch ihr vom Boten Vermitteltes bestimmt; durch die Ikono-
graphie, die Bildlichkeit wird sogleich eine Authentizität suggeriert, deren
kaschiertes Schwinden die Klüfte nochmals zu weiten scheint.223 Freilich ist
dies, zumal die Kluft nie hinreichend zu überbrücken war, als Wendung nicht
nur ins Negative festzuhalten: All diese Einschnitte in die Zwiegespräche
»vermehren die Umstände, durch welche die Vielartigkeit ihrer Impulse dann
als komplexere Botschaften interpretiert werden können«,224 eben auch ...
Nur en passant ist vorerst, wo den Zeichen Befremden zugesellt ist, vom
Problem des Fremdworts zu sprechen; vom Erscheinen von Wohlbekannten an

216 Ebd. »Wahr spricht, wer Schatten spricht.« Celan, Gesammelte Werke in fünf
Bänden (Anm. 43), Bd 1, S. 135.
217 Vgl. z. B. Köhl, Die Bedeutung der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers (wie
Kap. 1, Anm. 87), S. 75, Anm.
218 Andreas Okopenko: Immer wenn ich heftig regne. Lockergedichte. Wien: Edition
Falter/Deuticke 1992, S. 11.
219 Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 270. Vgl.
auch Jacques Derrida: Adieu. Nachruf auf Emmanuel Lévinas. Übersetzt von Rei-
nold Werner. München, Wien: Hanser 1999 (Edition Akzente), S. 144.
220 Hans-Dieter Bahr: Medien und Philosophie. Das Problem der Mitte. Vermittlung –
Medium – Netzwerk. Hg. von Florian Petsch. 4. Aufl., Wien: institutsgruppe phi-
losophie 1997, S. 9; vgl. ebd., S. 6f.
221 Ebd, S. 9.
222 Ebd., S. 15.
223 Vgl. ebd., S. 10, 11ff. u. 14.
224 Ebd., S. 21.
Theodor W. Adornos Antwort 57

neuem Orte, was sogleich zur Metapher als einem Mittel sprachlicher Authen-
tizität führt; vom Neologismus, der auch da gegeben ist, wo einem Wort ganz
offensichtlich jene Bedeutung nicht gerecht wird, die Konversationslexika für
es anführen. Dabei ist ein Bogen vom Schock über ein Feld neuer – etwa laut-
licher – Assoziationen bis hin zur Einschreibung zu spannen. Immer gilt für
diese fremden Wörter, was Adorno formulierte:
Fremdwörter sind die Juden der Sprache.225

Allerdings wird sich beim unvermeidlichen Kreisen um die angesprochenen


Fragen im Laufe meiner Studie zeigen, daß die Bedeutung dieses Kommentars
selbst keineswegs stabil sein kann, er in einem immer wieder neuen Sinn zu-
treffend ist ...226
Was all die Brüche eint, die vorm Leid der schlechthinnigen Opfer entste-
hen, da »der Satz der Zeugenaussage selbst seines Geltungsanspruches be-
raubt«227 ist, läßt sich also aus den Brüchen bedingt lesen – es ist der Umstand
zuallererst, daß mit dem Tod des Opfers zur Unaussprechbarkeit verdammt
sein muß, was zu artikulieren wäre. Darum wird dieses Leid verschwiegen –
Opfer sein bedeutet, nicht nachweisen zu können, daß man ein Unrecht erlitten hat.228

Lyotard, der dies schreibt, ist hier Adorno durchaus nahe,229 der »Verschwei-
gen«, »Sprache [...] des Toten«230 als Charakteristika einer Dichtung nennt, die
nicht kunsthandwerklicher Rückgriff auf tradierte Formensprache sein soll; auf
Auschwitz angewandt bedeutet Lyotards These:

225 Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 141, Aph. 72.
226 Vgl. auch Martin Hainz: Masken der Mehrdeutigkeit. Celan-Lektüren mit Adorno,
Szondi und Derrida. Wien: Braumüller 2001 (Untersuchungen zur österreichischen
Literatur des 20. Jahrhunderts; 15).
227 Lyotard, Der Widerstreit (Anm. 145), S. 20, Nr 7.
228 Ebd., S. 25, Nr 9. Derrida ergänzt, der Begriff des Opfers sei zugleich in der abend-
ländischen Tradition mit dem Anspruch verknüpft, prinzipiell zum Widerstreit, zu
einer Sprache in der Lage zu sein. Vgl. Jacques Derrida: Gesetzeskraft. Der »my-
stische Grund der Autorität«. Übersetzt von Alexander García Düttmann. Frankfurt
a. M.: Suhrkamp 1991 (Edition Suhrkamp; 1645), S. 37 und Jean Baudrillard: Der
symbolische Tausch und der Tod. Übersetzt von Gerd Bergfleth, Gabriele Ricke und
Ronald Vouillé. München: Matthes & Seitz 1982 (Batterien; 14), S. 196ff., passim.
229 Vgl. Gerhard Schweppenhäuser: Theodor W. Adorno zur Einführung. Hamburg:
Junius 1996 (Zur Einführung; 132), S. 182, Anm.), wo die Nähe der gleichermaßen
»spätmoderne[n]« Ästhetiken Adornos und Lyotards diskutiert wird. Vgl. Peter V.
Zima: Moderne / Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. Tübingen, Ba-
sel: Francke 1997 (UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher; 1967), S. 176ff. u.
209ff., der Lyotards Philosophie als »in mancher Hinsicht adornianische« beschreibt
(S. 209). Vgl. Wolfgang Welsch: Ästhetisches Denken. 3. Aufl., Stuttgart: Reclam
1993 (Universal-Bibliothek; 8681), S. 145 u. 155.
230 Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 477.
58 Zweiter Teil

Als Toter kann man nicht bezeugen, daß man in einer Gaskammer umgekommen
ist.231

Es ist zu bedenken, »daß über das Erschrecken selbst nicht anders gesprochen
werden kann, als wenn dieses selbst ausbleibt, so daß hier gerade das Aussagen
des Schreckens unterbleibt«.232 Ähnliches gilt für den Abschied, der »keine
teleologischen Rahmenbedingungen gültig«233 läßt. Wenn alledem so ist, be-
deutet Affirmation in der Kunst zugleich Suspension ihrer selbst; Dichtung ist
Rede, die sich selbst ins Wort fällt und in dieser Bewegung einen Widerspruch
beredt werden läßt. Jean Bollack schreibt in Herzstein:
Der immergleiche Bezugspunkt – Asche, Verbrennung, Gräue, Tod – verwandelt das
Ich [...] in einen Spieler, der sich in das Netz des eigenen Spiels verstrickt, in den Wi-
derspruch zwischen seiner emphatischen Rolle und seiner eigenen Unangemessenheit;
er macht die sich selbst in Frage stellende Kunst zu einem fatalen Spottgebilde.234

Also ist es nicht falsch, von einem »Destruktionsprozeß, den der Künstler gegen
sich selbst führen muß«,235 zu sprechen. Kunst zu zerstören, so müßte man attri-
buieren, was Kunst nach Auschwitz sein kann: Ars negandi – Ars neganda.
Wie kann eine solch beunruhigende Kunst bestimmt werden? Sie ist abge-
schlossen, sie ist, und hier verweist Adorno auf Szondi – nicht unverständ-
lich.236 Neben den allgemeinen Argumentationen von Menke, der die »Nicht-
aussagbarkeit und Nichtverstehbarkeit ästhetischer Zeichen«237 scheidet, ist

231 Lyotard, Der Widerstreit (Anm. 145), S. 18, Nr 2. Vgl. ders., Die Rechte des An-
deren. Übersetzt von Michael Bischoff. In: Die Idee der Menschenrechte. Hg. von
Stephen Shute und Susan Hurley. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag
1996 (Fischer Taschenbuch; 12995), S. 179 u. 182.
232 Bahr, Tropisches Denken (Anm. 112), S. 42.
233 Bohrer, Abschied (wie Kap. 1, Anm. 25), S. 59; vgl. ebd., S. 79.
234 Bollack, Herzstein (Anm. 162), S. 55. Vgl. zu dieser Dialektik von ererbtem
Schauer und Clownerie auch Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20),
S. 180f. Vgl. zu diesem Bezugspunkt Rose Ausländers auch Ursula Homann:
»Raum, wo man atmen kann«. Rose Ausländer erhält den Buchpreis evangelischer
Büchereien. In: Der Weg 12 (1986), S. 14.
235 Voswinckel, Paul Celan (Anm. 157), S. 50, freilich ohne die Baudelaires Werk
eigenen »Wonnen des Satanischen« (ebd.). Vgl. auch Terry Eagleton: Ästhetik.
Die Geschichte ihrer Ideologie. Übersetzt von Klaus Laermann. Stuttgart, Weimar:
Metzler 1994, S. 375, wo Adornos Philosophie nicht unähnlich umrissen wird.
236 Vgl. Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 475.
237 Menke, Die Souveränität der Kunst (Anm. 26), S. 101. Vgl. auch Albrecht Wellmer:
Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne. Vernunftkritik nach Adorno. 5. Aufl.,
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 532), S. 13,
zur »nicht-diskursive[n] und diskursive[n] Erkenntnis« (ebd.); zu den Möglichkeiten
endlicher Sinnsysteme, die »ihr Ende für sich selbst nicht erst am Ende« (Alois Hahn:
Unendliches Ende: Höllenvorstellungen in soziologischer Perspektive. In: Das Ende.
Figuren einer Denkform. Hg. von Karlheinz Stierle und Rainer Warning. München:
Fink 1996 [Poetik und Hermeneutik; 16], S. 155–182, hier S. 159) und somit (stets?)
zu perpetuieren sind, vor der Unendlichkeit. Vgl. ebd. sowie ebd., S. 156, passim.
Theodor W. Adornos Antwort 59

auch eine begriffliche Differenzierung Buhrs hier zu erwähnen. In seiner Stu-


die wird »das zu Verstehende vom Erklärbaren unterschieden«.238 Dadurch ist
die »Negativität der Kunst und Dunkelheit der Dichtung«239 widerspruchsfrei
mit dem »Eingedenken – entgegen [...] der Annullierung des Vergangenen –
«240 vereinbar. Die Konstellation der ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten gehor-
chenden Dichtung und dessen, was in sie »eingegangen ist«,241 eingeschrie-
ben, wenn man es mit Derrida formulieren will, ist indes eine, welche Buhr an
die Grenzen seines Zugangs treibt; sein Modell der Polysemie,242 das jedoch
zugleich »nicht einfach [...] [auf] das Subjekt des Sprechenden«243 bezogen
bleibt, ist tragfähig bis zur Eindämmung der so gezeitigten Effekte mittels der
arbiträr scheinenden Klassifikation der Metaphern in relative und absolute, mit
Buhr: absurde.244 Ähnlich ergeht es Meinecke; die »Unmöglichkeit eines ad-
äquaten Bezugssystems«245 führt hier schlüssig zur (schon erwähnten) »sprach-
schöpferische[n] Potenz des einzelnen Lesers«,246 wobei gleichfalls das Wir-
ken der Worte dann durch eine legitimiert scheinende Fortführung der dichte-
rischen Anfänge Unterdrückung erfährt.247
Es ist, so schreibt Wellbery in einer Darlegung zur Auflösung der Metapher,
die im steten Bruch mit Vorstellungssystemen besteht, welcher die spezifische
Benennung der Metaphorik in der infiniten Ausdehnung des ihr zugerechneten
Repertoires von Effekten verunmöglicht, »kein Begriff der Metapher, der nicht
seinerseits metaphorisch wäre«.248
Ein Diskurs über die Metapher kann sich nur entfalten, wenn man das Feld der zu
untersuchenden Phänomene – eben der Metaphern – definitorisch festzulegen ver-
mag. [...]
Jede Definition der Metapher jedoch operiert ihrerseits mithilfe einer Metapher,
die daher einen doppelten Status erhält. Einerseits gehört sie – als Metapher – dem

238 Gerhard Buhr: Celans Poetik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1976, S. 10.
Buhr weist auf Szondis Einsichten hin (vgl. ebd., S. 13).
239 Ebd., S. 14.
240 Ebd.
241 Ebd., S. 87.
242 Vgl. ebd., S. 40f.
243 Ebd., S. 105; vgl. ebd., S. 104f.
244 Vgl. ebd., S. 158.
245 Meinecke, Wort und Name bei Paul Celan (Anm. 177), S. 12.
246 Ebd., S. 18.
247 Vgl. ebd., S. 66: »Das Fehlen des archimedischen Punktes [...] läßt die Sehnsucht
nach der letztgültigen [...] Sprache leer ausgehen.« Vgl. auch ebd., S. 142, Anm. u.
S. 146f. Scharfsinnig richtet Menninghaus sich gegen diesen eher zweifelhaften
»Begriffs-Dualismus« (Menninghaus, Paul Celan [wie Kap. 1, Anm. 189], S. 134,
vgl. ebd., S. 134 u. 279, Anm.
248 David E. Wellbery: Retrait / Re-entry. Zur poststrukturalistischen Metapherndis-
kussion. In: Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft. Hg.
von Gerhard Neumann. Stuttgart, Weimar: Metzler 1997 (DFG-Symposion 1995 –
Germanistische Symposien Berichtsbände; 18), S. 194–207, hier S. 198.
60 Zweiter Teil

Feld der Metaphern an; andererseits entzieht sie sich diesem Feld, um es als Ge-
samtheit aufzufassen. [...]
Das Problem [...] besteht also darin, daß die Rede über die Metapher zumindest
einer zusätzlichen Metapher bedarf, um ihre Gegenstandsdomäne zu bestimmen. Da-
mit aber setzt sie sich unvermeidlich selbstreferentiellen Verstrickungen aus: ein Ele-
ment [...] umfaßt die ganze Menge, schwebt unentscheidbar zwischen Objekt- und
Metasprache, mit dem Ergebnis, daß Äußerungen über die Metapher metaphorischen
Status annehmen.249

Verantwortbar ist somit kaum mehr denn die allgemeine Umschreibung des
Metaphorischen bei Ricœur, der zuallererst darauf verweist, daß es das unmas-
kierte Wort, das Wort ohne metaphorische Grundierung nicht gebe – wenn-
gleich diese oft nicht mehr wahrgenommen und »der Wortschatz ein Friedhof
ausgelöschter, aufgehobener, »toter« Metaphern«250 sei; er schreibt: In »der
Erzeugung eines neuen Satzes, in einem Akt unerhörter Prädizierung entsteht
die lebendige Metapher wie ein Funke, der beim Zusammenstoß zweier bisher
voneinander entfernter semantischer Felder aufblitzt. In diesem Sinne existiert
die Metapher nur in dem Augenblick, in dem das Lesen dem Zusammenstoß
der semantischen Felder neues Leben verleiht und die impertinente Prädikation
erzeugt.«251
Die Metapher [...] [ist] ein Hiatus in der Bedeutung der Worte.252

Man müßte hier auf die Differenzen zwischen Ricœur und Nietzsche, aber
auch dessen eher legitim scheinenden Erben Derrida detaillierter eingehen, als
es im Rahmen meiner Studie angebracht scheint. Doch kann man in bezug auf
Ricœurs Rede vom Friedhof doch pointiert exponieren, worin die Geister sich
scheiden. Jener geht davon aus, daß es Begriffe gibt, deren Kern einigermaßen
erhärtet an seiner Position ruht, wobei um jede »Bedeutung ein Dunstkreis«253
verbleibt, wie es in den Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins heißt.
Das philosophische Bemühen wäre darum dadurch gekennzeichnet, in bezug
auf die Lage präziser zu werden, dem Ideal des Kristalls sich anzunähern.254
Mag nun auch dieses Ideal verfehlt sein und auf ein Terrain führen, dessen
Idealität in Verflüchtigung und Glätte umschlägt oder liegt (»Zurück auf den

249 Ebd., S. 200; vgl. auch Umberto Eco: Die Grenzen der Interpretation. Übersetzt von
Günter Memmert. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1995 (dtv; 4644 – dtv
wissenschaft), S. 212.
250 Paul Ricœur: Die lebendige Metapher. Übersetzt von Rainer Rochlitz. 2. Aufl., Mün-
chen: Fink 1991 (Übergänge; 12), S. VI. Ein Klassiker dieses Ansatzes ist die Schrift
Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (vgl. Nietzsche, Sämtliche
Werke [wie Kap. 1, Anm. 128], Bd I, S. 880ff.)
251 Ricœur, Die lebendige Metapher (Anm. 250), S. VI.
252 Ebd., S. 8.
253 Wittgenstein, Werkausgabe (wie Kap. 1, Anm. 133), Bd 1, S. 300, § 117.
254 Vgl. ebd., S. 292, § 91 und S. 294, § 97.
Theodor W. Adornos Antwort 61

rauhen Boden!«255), bleibt doch alles in diesem System stabil – man könnte an
verwitternde Grabinschriften denken, die aber zumindest Lagebestimmungen
erlauben, mag auch die Lebensgeschichte des einen oder anderen Beerdigten
teils unklar, lückenhaft, im Dunkel bleiben.
Bei Derrida jedoch ist der Epitaph per se nahezu unleserlich geworden, da er
durch den unendlichen Umfang der angeführten Abstammungen und Freund-
schaften sowie seinen teils schlechten Zustand jedes philologische und histori-
sche Ansinnen überfordert; die Lagepläne lassen keinen Schluß darauf zu, daß
ein bestimmter Begriff an einem bestimmten Punkt in Frieden ruht, die Toten-
gräber – Archivare, Dichter, Philosophen ... – sind permanent mit verschie-
densten Intentionen am Werk und lösen selbst nahe Verwandtschaften – Fami-
liengrüfte sozusagen – auf, um manch neuer Idee von Genealogie Platz zu
verschaffen:
Grabrede und Grabinschrift kommen nicht erst nach dem Tod; sie bearbeiten das
Leben ... 256

Dieser Friedhof kann nur invers dem entsprechen, wovon er gescheiterte Um-
setzung sein mag, wie eine Bemerkung Celans zeigt:
Das Gedicht ist [...] der Friedhof aller Synonymik.257

Im Gedicht erweist sich die Unsäglichkeit des Synonyms, von dem Spuren wie
Epitaphe verblieben sind, die Unsäglichkeit einer endgültigen Topographie,
die eher als die Metaphern requiescat in pace – »Begegnung mit der Sprache
ist Begegnung mit Unsichtbarem«.258
Ricœur kennt eine Art von Aufhebung durch die Wiederaneignung dessen,
wovon die »Metapher [...] Umweg«259 ist: Am Ende steht Ordnung verbürgend
eine »Selbstrekurrenz der Metapher«.260 Derrida sieht – darin Nietzsche nä-
her261 –, wie die von ihm beobachteten und produzierten Effekte der Schrift
die indirekte Ordnung der Polysemie sprengen und in diesem Friedhof für eine
Unruhe sorgen, die ungebührlich erscheinen mag:

255 Ebd., S. 297, § 107.


256 Jacques Derrida: Mémoires. Für Paul de Man. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek,
hg. von Peter Engelmann. Wien: Passagen 1988 (Edition Passagen; 18)., S. 42.
257 Paul Celan: Der Meridian. Endfassung – Vorstufen – Materialien. Hg. von Bernhard
Böschenstein u. a. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999 (Tübinger Ausgabe), S. 118.
258 Ebd., S. 105.
259 Ricœur, Die lebendige Metapher (Anm. 250), S. 266.
260 Ebd. Vgl. ebd., S. 266f., passim.
261 Vgl. Derridas Schriften, die besessen um diese Konstellationen kreisen, sowie Nietz-
sche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd I, S. 880ff.; Manfred Frank:
Das Sagbare und das Unsagbare. Studien zur deutsch-französischen Hermeneutik
und Texttheorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissen-
schaft; 317), S. 146f., S. 224, S. 433, passim.
62 Zweiter Teil

Ich sage [...] nicht Tod, weil ich an das, was man heutzutage den Tod [...] zu nennen
pflegt, ganz und gar nicht glaube ([...] um so mehr als, wie jeder weiß, dem Toten
immer eine ganz besondere Wirkung eigen ist).262

Detailliert ist von Adorno, zu dem ich damit zurückkehre, darauf, was letzt-
endlich ein Zeichen sei, das nicht allein verweise oder aber auf Verweisfunkti-
on beschränkt sei, in bezug auf eine Lyrik wie jene Ausländers oder Celans
nicht geantwortet worden.
Allerdings sind Grundüberlegungen getroffen, auf die im zweiten Teil mei-
ner Arbeit zurückzugreifen möglich scheint; die Geltung der philosophischen
Reflexionen Adornos für mehrere Erscheinungen, vielleicht sogar Grundzüge
poetischer Praxis der Lyrik Rose Ausländers dürfte kaum zu leugnen sein,
auch wenn es heikel scheint, die Bezüge zwischen Denker und Dichterin zu
eng zu knüpfen. Immerhin ist die Annahme solcher Verbindungen gewiß eher
zutreffend als die These, Adorno habe sich durch Poesie widerlegt sehen müs-
sen, deren Worte dem Grauen in ihrer Angemessenheit ein Ende, das unmög-
lich und in gewissem Sinne ein widersinniges Ziel bleibt, bereiteten.263 Offen
bleibt an dieser Stelle, wie weit Irrlitz’ Formulierung der Grundidee der Post-
moderne, daß alles »Sein [...] verhängt sei«,264 auch auf Adornos Philosophie
zu beziehen wäre – und ob Adorno, der so gerne zwischen Spät- und Postmo-
derne herumgerückt wird, in letzter Konsequenz diesem Gedanken Rechnung
trägt.265 Offen bleibt gleichfalls, ob es nicht ein wenig kurios anmutet, daß im
Sprung zu eben diesem postmodernen Denken, einem Denken des Mannigfal-

262 Jacques Derrida: Positionen. Gespräche mit Henri Ronse, Julia Kristeva, Jean-Louis
Houdebine, Guy Scarpetta. Übersetzt von Dorothea Schmidt u. a. Hg. von Peter
Engelmann. Graz, Wien: Böhlau 1986 (Edition Passagen; 8), S. 37. Vgl. Ausländer,
Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 123), Bd 4, S. 106.
263 »Der authentische Lyriker mag in der Ästhetik Adornos durchaus eine Apologie
des Gedichtschreibens finden: Es scheint, daß Paul Celan das ähnlich gesehen hat,
warum sonst hätte er so insistierend von Adorno sich eine Arbeit über seine Ge-
dichte wünschen sollen.« Rolf Tiedemann: »Nicht die Erste Philosophie sondern
eine letzte«. Anmerkungen zum Denken Adornos. In: Theodor W. Adorno: »Ob
nach Auschwitz noch sich leben lasse«. Ein philosophisches Lesebuch. Hg. von
Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997 (Edition Suhrkamp; 1844), S. 7–
27, hier S. 12 u. 25, Anm.
264 Gerd Irrlitz: Postmoderne-Philosophie, ein ästhetisches Konzept. In: Postmoderne
– globale Differenz. Hg. von Robert Weimann, Hans Ulrich Gumbrecht und Benno
Wagner. 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992 (Suhrkamp-Taschenbuch Wis-
senschaft; 916), S. 133–165, hier, S. 134.
265 Vgl. Schweppenhäuser, Theodor W. Adorno zur Einführung (Anm. 229), S. 182,
Anm.; Zima, Moderne / Postmoderne (Anm. 229), S. 176ff. u. 209ff.; Johannes
Bauer: Seismogramme einer nicht-subjektiven Sprache. Écriture und Ethos in Ador-
nos Theorie der musikalischen Avantgarde. In: Impuls und Negativität. Ethik und
Ästhetik bei Adorno. Hg. von Gerhard Schweppenhäuser und Mirko Wischke. Ham-
burg, Berlin: Argument-Verlag 1995 (Argument-Sonderband; N. F. 229), S. 82–
102, hier S. 102, Anm. und Lyotard, Die Moderne redigieren (Anm. 143), S. 25.
Theodor W. Adornos Antwort 63

tigen der Erzfeind Moderne in einem »merkwürdig kühnen Kollektivsingu-


lar«266 beschworen und zum Erscheinen gebracht werden soll, der – zumal
seitens jenes gerühmten Patchwork-Denkens – nicht ganz gerechtfertigt ist.

266 Frank, Das Sagbare und das Unsagbare (Anm. 261), S. 364. Vgl. Richard Münch:
Die Kultur der Moderne. Bd 2: Ihre Entwicklung in Frankreich und Deutschland.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986. Bd 2, S. 848f.
Dritter Teil

Peter Szondis Antwort

Welcher Wandel ist in jenen Studien zu konstatieren, mit denen Peter Szondi
an die Vorüberlegungen anschließt, die zu porträtieren Anliegen eines ersten
Kreisens um die Verse von Rose Ausländer war? In dieser Frage ist, wie sich
erraten läßt, unterstellt, daß das Schreiten von den frühen Entwürfen zu den
späten, von den Thesen der Kritischen Theorie zu den Strategien der Dekon-
struktion nicht allein chronologischer Natur ist.1
Meine Arbeit kann eine Einleitung in Denken und Schaffen oder gar Leben
der vier in ihr vor allem diskutierten Persönlichkeiten nicht leisten. Man könnte
sich bestenfalls um treffende Skizzierungen bemühen, beispielsweise: »Adorno,
Anwalt des Nicht-Identischen«.2 Zunächst sei auch auf eine Gemeinsamkeit der
Philosophen hingewiesen, die der nach Blumenberg aller Philosophie eigenen
und bei Adorno, Szondi und Derrida höchst lebendigen »Urgestalt der Enttäu-
schung«.3 Die »Bestimmung der Unmöglichkeit des Verweilens im Vollzug der
Logik«4 eint sie, wobei sich zunächst ein Unbehagen ethischer Provenienz ästhe-
tisch etabliert, die Furcht vor der Macht des Begriffs. Wiederum von Blumen-
berg stammt die Beobachtung:
Jede Geschichte macht der blanken Macht eine Achillesferse.5

Die Kunst als »ein Stück hochkarätiger Arbeit des Logos«6 ist nicht zuletzt
darum für Adorno so gewichtig, obgleich auch sie zur verstümmelten, kraftlo-
sen Beschwichtigung oder Einschwörung verkümmern kann.7 Bei Derrida ist
keine Hoffnung auf Umwege gegeben – es gibt nur noch sie, was sie zugleich
auf- und abwertet. Auch ist das Andere dahin; mit der Destabilisierung der
Begriffsstrukturen fällt es wie der Impetus, der im Negativ gelegen ist – in

1
Vgl. Hainz, Masken der Mehrdeutigkeit (wie Kap. 2, Anm. 226).
2
Wellmer, Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne (wie Kap. 2, Anm. 237),
S. 135.
3
Blumenberg, Höhlenausgänge (wie Kap. 2, Anm. 196), S. 615.
4
Ebd., S. 757.
5
Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1996, S. 22.
6
Ebd., S. 18 (bei Blumenberg ist die Schaffenskraft des Mythos gemeint).
7
Vgl. ebd., S. 382 zum künstlerischen Ausdruck als »eine der Provinzen des Logos«
(ebd.) – der »Grenzbegriff der Arbeit am Mythos [...], diesen ans Ende zu bringen«
(ebd. S. 295), ist stets schon ins Auge gefaßt, als Erreichtes wohl nur simuliert und
verdorben.
66 Dritter Teil

einer Entwicklung, die ich vor allem im Vergleich der theoretischen Hinter-
gründe der praktizierten Lektüren darlegen will.
Bei Szondi, dessen Theorie gewissermaßen in der Schwebe zwischen zwei
durch Details in Unvereinbarkeit gekippte Positionen situiert ist, ist trotz struk-
turalistischer und anderer Einflüsse die Wirkung Adornos auf sein Schaffen
schwerlich zu bestreiten. Nicht zuletzt ist dabei an das Beibehalten eines leeren
Zentrums zu denken, an den wenigstens spätmodernen Ansatz, welchen Szondi
sehr dezent darin entwickelt, daß er zeigt, wie Benennungen scheitern, da sie
mit anderen in einer Art Agon konkurrieren, der unentscheidbar bleibt und letzt-
lich zur Krise der Interpretation erwächst, die benennend beim Namen »frei
[...] von der Schande der Arbeit«8 nicht sein kann. Die Strukturen der Dialek-
tik, so könnte man auch sagen, werden beibehalten, ihr Anspruch aber ist ge-
wandelt und eine »Kluft«9 zwischen dem Modell Hegels und jenem, das Hegel
verpflichtet doch nicht den Weg seiner Phänomenologie des Geistes zu be-
schreiten gewillt oder fähig ist.
Kunst wird zur Möglichkeit von Klage, indem sie diese nicht integrierend
beruhigt, mundtot macht, sondern dem Identifikationsdenken die Stirn bietet:10
Die Idee der unversöhnlichen Anstrengung von Kunst ist Versöhnung als ihr Ende.11
12
Kunst ist der Notschrei jener, die an sich das Schicksal der Menschheit erleben.
Dies wird sie durch eine Verschiebung, die Szondi vornimmt, eine Akzentuie-
rung, die, indem ihr ein Mangel an Konsequenz anzuhaften scheint, fast wider
Erwarten die Interpretation zu einer großen Nähe zum Material führt. Wo Ador-
no von Hermetik schreibt, gelangt man mit seinem Denken in eine fragwürdige
Position: Das Dilemma, daß eine Dialektik, die mit Grund sich selbst wider-
strebt, schwierig zu denken ist, ist nicht zuletzt eben damit zu erklären, daß die
Abgründe der negativen Dialektik von ihr selbst geschaffen werden müssen, die
an Kants Problem in Hegelscher Atmosphäre erinnern sollen. Konstruierte Ab-
gründe jedoch sind nicht allzu tief ...13 Die Aufgabe einer stringenten Formulie-

8
Norbert Bolz: Die Utopie des Besonderen – Zum ästhetischen Nominalismus Th. W.
Adornos. In: Die unvollendete Vernunft: Moderne versus Postmoderne. Hg. von Diet-
mar Kamper und Willem van Reijen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1987 (Edition Suhr-
kamp; 1358), S. 497–513, hier S. 510.
9
Szondi, Studienausgabe der Vorlesungen (wie Kap. 2, Anm. 47), Bd 2, S. 415; vgl.
ebd., S. 415f.
10
Vgl. Bolz, Die Utopie des Besonderen – Zum ästhetischen Nominalismus Th. W.
Adornos (Anm. 8), S. 498.
11
Theodor W. Adorno: Valérys Abweichungen. In: ders., Noten zur Literatur. Hg. von
Rolf Tiedemann. 4. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1989 (Suhrkamp-Taschenbuch
Wissenschaft; 355), S. 158–202, hier S. 202.
12
Severin Hansbauer: Augen.Blick. Eine Skizze zu Bildern Arnold Schönbergs und
Texten Theodor W. Adornos. Wien: Passagen 1994 (Passagen Philosophie), S. 34.
13
Demgemäß ist Kant (was man leicht übersieht) durchaus schalkhaft – vgl. Gernot
Böhme: Kants Kritik der Urteilskraft in neuer Sicht. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1999 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1420), S. 12.
Peter Szondis Antwort 67

rung solcher Abgründe aber führt zu etwas, was an anderem Orte als Erschei-
nung so beschrieben wird: Die »Philosophie verweigert sich jedem System,
möglich ist nur noch die Äußerung [...] möglichst kurzer Aphorismen«.14
Freilich herrscht kein breiter Konsens über diesen Weg von Adornos somit
vielleicht im doppelten Wortsinne ästhetischer Theorie.15 Man könnte jedenfalls
sagen, daß in Adornos Versuch ursprünglich eine Integration des Nicht-Findens
ins Finden gelingen soll, ein Index des Scheiterns, wobei das Konzept der so
gearteten Abgrenzung des Findens unter anderem im Bild des Tastens zu er-
kennen ist:
Durchgeführte Kritik an der Identität tastet nach der Präponderanz des Objekts.16

Diese Konstellation jedoch kippt in eine andere, sozusagen inverse Formel von
Erkenntnis, worin »Finden nur ein Teil des Nichtfindens ist.«17 Dies meint
gerade den Kniefall von Theorie vorm »Produkt ihrer eigenen Verstümme-
lung«18 freilich nicht, der aller Vernunftkritik als lächerlicher Gestus droht.
Szondi wendet den Kniff an, nun ernsthafte Interpretation auf einer irredu-
ziblen Mehrdeutigkeit zu begründen. Wo bei Adorno ein Abbrechen der Stimme
gemeint ist, meint Szondi ein Aufsplittern. An Serres’ Forderungen – durchaus
in Szondis Sinne – sei erinnert.19 Damit ist – auch wenn die (nicht einer Syn-
these entsprechende) Position außerhalb des Spiels etwas fragwürdig bleibt,
die das Gewahrwerden von Dissonanz und Interferenz gewähren soll – gewon-
nen, daß sich erhellt, womit Kunst vor den Kopf stößt, wer / wen ihre Deutung
versucht.

14
Schmidt-Dengler, Bruchlinien (wie Kap. 2, Anm. 125), S. 184.
15
Ich gehe hierauf später ein ... vgl. einstweilen Karl Markus Michel: Versuch, die
»Ästhetische Theorie« zu verstehen. In: Materialien zur ästhetischen Theorie Theodor
W. Adornos. Konstruktion der Moderne. Hg. von Burkhardt Lindner und W. Martin
Lüdke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 122),
S. 41–107, hier S. 41; vgl. Hartmut Scheible: Geschichte im Stillstand. Zur Ästheti-
schen Theorie Theodor W. Adornos. In: Theodor W. Adorno. Hg. von Heinz Lud-
wig Arnold. München: edition text + kritik 1977 (text + kritik – Sonderband), S. 92–
118, hier S. 104; Hauke Brunkhorst: Theodor W. Adorno. Dialektik der Moderne.
München, Zürich: Piper 1990 (Serie Piper; 1149), S. 114, 136 u. 138.
16
Vgl. Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 184; vgl. auch Szondi,
Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 360; zur plötzlichen Nähe in einer bestimm-
ten Form des Erkennens vgl. Walter Benjamin: Einbahnstraße. 12. Aufl., Frankfurt
a. M.: Suhrkamp 1992 (Bibliothek Suhrkamp; 27), S. 18.
17
Ilse Aichinger, Kleist, Moos, Fasane (Anm. 17), S. 72.
18
Rudolf Burger: Vermessungen. Essays zur Destruktion der Geschichte. Wien: Son-
derzahl 1989, S. 236; zum Problem der Wendung ins Positive einer – etwa dialekti-
schen – Formulierung des Negativen vgl. auch Maurice Blanchot: Das Unzerstörba-
re. Ein unendliches Gespräch über Sprache, Literatur und Existenz. Übersetzt von
Hans-Joachim Metzger, Bernd Wilczek und Hans-Horst Henschen. München, Wien:
Hanser 1991 (Edition Akzente), S. 204.
19
Vgl. Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 15.
68 Dritter Teil

Das Dunkle an den Dichtungen, nicht, was in ihnen gedacht wird, nötigt zur Phi-
20
losophie.

Adorno weist aufs Dunkle, den Riß im Sinn, der dem Gewahrwerden freilich
diffus oder entzogen bleibt. Bei Szondi könnte man dem Bild gemäß von einer
zu starken Lichtquelle sprechen, was das archaische Moment der Ästhetik, das
Adorno selbst moniert hat, aus der Arbeit seriöser Deutung weist.21 Im ersten
Fall nämlich bedeutete das Scheitern der Lektüre, daß dem, der sie betrieben
hat, all das, was er nicht zu würdigen imstande gewesen ist, wie Sand durch
die Finger läuft – bestenfalls fühlbar, doch nicht zu einem Sinn zu komprimie-
ren, der die Deutung durch Reste Lügen strafte. Die Idee des »Spiel[s] der Figu-
ren«22 dagegen weist auf etwas, das die zuverlässige Referenz des Symptoms
Text untergräbt, wobei die Unzugänglichkeit, die sekundär folgt, in ihrer Ge-
wichtigkeit als Moment der Verweigerung schwer abzuschätzen ist: Auch diese
Verweigerung kann ja, wenn Kunst zuallererst Form, zum Beispiel sich ver-
weigernde Form sein soll, »die spezielle Sinnsteigerung des hermetischen Ge-
dichts«23 darstellen, die es als Forderung an seine Gestalt von einem schlicht
unklaren Stil unterscheidet.24 Indem Kunst sprengt, was ihr appliziert wird,
erfüllt sie als radikale Kritik an der radix, der Wurzel – ohne sich als hintersin-
nige Demontage selbst in Stillstand zu versetzen – exakt die Bedingung eines
Überschusses, wo Japp beispielsweise den Mangel allein betrachtet.25
Wenn Adornos These stichhaltig ist, daß der Sinn von Kunst nicht zuletzt in
»Askese gegen den Sinn«26 gelegen ist, also darin, zur Sprache und zum Spre-
chen zu bringen, was dem Sinn, der vom Totalen zum Totalitären sich wandelt,
entgleitet und – auch als Widerstand und Einspruch – verloren wäre, so ist es
daher Szondi, der wie kaum ein anderer Interpret umsetzt, was an diese Forde-
rung an Raffinement im Umgang mit Literatur angeschlossen ist.27
Szondi erweist sich als Schüler Adornos, der doch alsbald deutlich aus dem
Schatten dessen tritt, indem er zu unerhörter Sensibilität und Präzision findet, in
seinen Schriften daran erinnert, welch tiefe Liebe zum Wort Philologie meint,
wo sie wahrhaftig einzulösen sucht, was ihr Versprechen ist. Was die gegensei-
tige Beeinflussung des Philosophen und des Philologen betrifft, ist eine Äuße-
rung Szondis zu vergegenwärtigen:

20
Theodor W. Adorno: Parataxis. Zur späten Lyrik Hölderlins. In: ders., Noten zur Li-
teratur (Anm. 11), S. 447–491, hier S. 450.
21
Vgl. Adorno, Valérys Abweichungen (Anm. 11), S. 159.
22
Japp, Sinnkrise und Sinnverstehen (wie Kap. 1, Anm. 144), S. 329.
23
Ebd., S. 324.
24
Es ist somit fraglich, ob Japp mit seinen Betrachtungen gegen oder mit Adorno ar-
gumentiert (vgl. ebd.).
25
Vgl. ebd.
26
Theodor W. Adorno: Voraussetzungen. Aus Anlaß einer Lesung von Hans G. Helms.
In: ders., Noten zur Literatur (Anm. 11), S. 431–446, hier S. 446.
27
Vgl. Adorno, Parataxis (Anm. 20), S. 450; der Essay ist Szondi zugeeignet – vgl. ebd.,
S. 447.
Peter Szondis Antwort 69

Obwohl ich leider nie bei [...] Adorno [...] habe studieren können, würde ich auf die
Frage, wessen Schüler ich bin, keine Minute zögern, mich zu ihm auch in diesem
akademischen Sinn zu bekennen.28

Doch auch ein Einfluß Szondis auf Adorno ist gegeben; er wird gerade dort,
wo Celan Thema philosophischer Reflexion ist, namentlich genannt,29 wird
auch sonst von Adorno geschätzt und beachtet. Die Wertschätzung für einan-
der und Berufung aufeinander stehen also außer Zweifel.30 Was sie eint, findet
sich in Szondis Briefen und scheint umfassender gemeint, als der Kontext es
nahelegen mag – ihm ist wie Adorno ein spezifisches Denken und Schreiben
eigen, »weil ich es verlernt habe, zu Hause zu sein (ich war es [...] in anderem
Sinn [...] nie) «.31
Peter Szondis Celan-Studien, die vor allem Ausgangspunkt dieses Abschnitts
meiner Arbeit sind, teilen das Geschick von Adornos Ästhetischer Theorie,
durch den Tod des Verfassers unvollendet geblieben zu sein.
Das Projekt eines Buches über Paul Celan, von dem Peter Szondi seit langem
sprach, hat erst zu Beginn des Jahres 1971 eine konkretere Gestalt angenommen,
nachdem er die beiden ersten Aufsätze dieses Bandes geschrieben hatte.32

Das Jahr 1971 aber ist zugleich das Todesjahr des schwer einzuordnenden
Denkers.33 Einiges blieb Fragment, doch die Materialien, die zum Thema ver-
fügbar sind, sind weitaus größeren Umfangs als jene aus Adornos Feder hier-
zu. Szondis umfangreichster Text zu Celan ist Durch die Enge geführt,34 wor-

28
Peter Szondi, zit. in: Andreas Luther: »Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist
barbarisch ...« Zur Möglichkeit von Lyrik nach Auschwitz am Beispiel Paul Celans.
Diss., Berlin 1987, S. 84; vgl. ebd., S. 367 (Anm.); allerdings schreibt Szondi 1952 in
einem Brief: »Daß Adorno dich anekelt, verstehe ich natürlich sehr gut. [...] Auf dei-
nen Brief hin habe ich die ersten 40 Seiten der Minima Moralia jetzt wieder gelesen,
manches erscheint krankhaft und verzerrt« (Peter Szondi: Briefe. Hg. von Christoph
König und Thomas Sparr. 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994, S. 17); er setzt
immerhin jedoch hinzu: »manches [...] ist mir im Ganzen aber sehr vertraut.« (ebd.)
29
Vgl. Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 475.
30
Vgl. Stefan Greif: Szondi, Peter. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie.
Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hg. von Ansgar Nünning. Stuttgart, Weimar:
Metzler 1998, S. 523–524, hier S. 524.
31
Szondi, Briefe (Anm. 28), S. 303; durch Arrangements aus Biographischem und For-
mulierungen schafft Karen Diehl ein nicht uninteressantes Porträt des Philologen – vgl.
Karen Diehl: Lassen wir das nicht. Peter Szondi. In: http://userpage.fu-berlin.de/~tln/
Fassungen/ (16.12.1996).
32
Jean Bollack: Vorwort. In: Peter Szondi: Celan-Studien. Hg. von Jean Bollack u. a.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972 (Bibliothek Suhrkamp; 330), S. 7–11, hier S. 7.
33
Davon zeugt schon der Klappentext der Schriften Szondis: »Szondi [wird] von Ger-
manisten in der Regel für einen Romanisten, von Romanisten für einen Philosophen
gehalten.«
34
Vgl. Bollack, Vorwort (Anm. 32), S. 10, wonach dieser Essay auch als der längste
konzipiert war.
70 Dritter Teil

in, wie der Titel unschwer erkennen läßt, der Versuch unternommen wird,
Celans Engführung zu verstehen oder die Grenzen möglicher Interpretation
auszuleuchten und ihrerseits einem Deutungsversuch zu unterziehen. Er wird
hier vorrangig behandelt, wobei auch versucht wird, die Einflüsse Adornos
und Derridas zu erschließen, ebenso aber zu zeigen, wo Wege von Szondi
wiederum zu diesen führen; der Rekonstruktion des theoretischen Hintergrun-
des Szondis ist freilich immer die Frage nach der Praktikabilität im Umgang
mit dem dichterischen Material beigesellt.
Szondi beginnt seine Arbeit, indem er das Gedicht voranstellt, als erratischer
Block belegt es seine postulierte Fremdartigkeit gewissermaßen, denn es zeigt
sich »die Schwierigkeit des Verständnisses«,35 woraus die Vermutung, »daß die
traditionellen Mittel der Lektüre versagen«36 müssen, abzuleiten berechtigt
scheint. Die Studie nimmt also ihren Anfang mit einer gewichtigen Negation37:
Was hier steht, ist fremd, »Parallelstellen heranzuziehen«38 zwecklos,
[...] denn was die Worte bedeuten, ergibt sich gerade erst durch den besonderen Ge-
39
brauch, der sich zunächst dem Verständnis entzieht.

Den »Mortifikationsprozeß des Zeichens«40 vor allem im Gedicht hat Celan so


umschrieben:
Das Gedicht ist [...] der Friedhof aller Synonymik.41

In diesem Sinne reiht sich im Gedicht – in einem anderen Sinne bei jedem
Text, so sei auf Derrida vorgegriffen42 – Wortschöpfung an Wortschöpfung,
wie man mit Neumann festhalten könnte:
Streng genommen genügt die semantische Differenz bereits, um ein bestimmtes
43
Wort einen Neologismus nennen zu können.

35
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 345.
36
Ebd.
37
Vgl. Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 65; vgl. Celan, Ge-
sammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 175.
38
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 345.
39
Ebd.; vgl. Jean Bollack: Paul Celan sur la langue. In: Argumentum e silentio. Inter-
national Paul Celan Symposium. Hg. von Amy D. Colin. Berlin, New York: de Gruy-
ter 1987, S. 113–153, hier S. 116 zu Kontext und »parole démiurgique« (ebd.).
40
Jacques Derrida: Die Stimme und das Phänomen. Ein Essay über das Problem des
Zeichens in der Philosophie Husserls. Übersetzt von Jochen Hörisch. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1979 (Edition Suhrkamp; 945), S. 94.
41
Celan, Der Meridian (wie Kap. 2, Anm. 257), S. 118.
42
»Writing is the endless displacement of meaning« – Christopher Norris: Deconstruc-
tion. Theory and Practice. 2. Aufl., London, New York: Routledge 1988 (New ac-
cents), S. 29.
43
Neumann, Zur Lyrik Paul Celans (wie Kap. 1, Anm. 127), S. 9.
Peter Szondis Antwort 71

Die Frage des Verständnisses, des Spiels von Datierung und Begriffsstruktur,
der Derrida ingeniös nachgeht, unterbleibt bei Szondi – und also vorerst auch
hier.44
Unlesbarkeit dieser
45
Welt. Alles doppelt.

Diese Worte Celans scheinen einen Anhaltspunkt zu geben, was mit den Be-
deutungen hier geschieht. Überdeutlich besteht hier Differenz zur Frage, »ob
der Negation des Sinns im Kunstwerk Sinn innewohnt«,46 was bei Adorno für
die Qualität künstlerischen Schaffens entscheidend ist. Viel eher ist der Sinn,
auf den das Werk vorerst – und sei’s noch so vage – zu verpflichten wäre,
zunächst schlicht suspendiert.
Bei Adorno ist eine das Denken in all seiner Unversöhnlichkeit beflügelnde
»Hoffnung auf Versöhnlichkeit«47 am Werke, die Hierarchien revidiert, aber
unter Betonung der differentia specifica, dem »hilflos Vereinzelten«48 sein Ge-
wicht wieder verleihend diese als unumgänglich nicht ihrer eigenen Zerstö-
rungskraft überantwortet:
Die kleinsten innerweltlichen Züge hätten Relevanz fürs Absolute, denn der mikrolo-
gische Blick zertrümmert die Schalen des nach dem Maß des subsumierenden Oberbe-
griffs hilflos Vereinzelten und sprengt seine Identität, den Trug, es wäre bloß Exem-
49
plar. Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes.

Eine nicht verfrüht zu exekutierende Vollendung der Vernunft also scheint an


einen Horizont verlagert, der unendlich fern ist, dem sich zu nähern sozusagen
zu einer Limesfunktion führt, die, was sie im Auge hat, nicht ganz zu erreichen
in der Lage ist. »Schauer«50 wider »den totalen Bann«51 führte zu dieser nicht
okkupierenden Weise von Interpretation, worin »Eros und Erkenntnis« »ver-
mählt«52 wären:
Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint.53

44
Zu Vorverständnis und Verständnis-Verständnis vgl. vorerst Richard Shusterman:
Vor der Interpretation. Sprache und Erfahrung in Hermeneutik, Dekonstruktion und
Pragmatismus. Übersetzt von Barbara Reiter, hg. von Peter Engelmann. Wien: Pas-
sagen 1996 (Passagen Philosophie), S. 91f.
45
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 338.
46
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 231.
47
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 31.
48
Ebd., S. 400; vgl. Briel, Adorno und Derrida (wie Kap. 2, Anm. 21), S. 151: Adorno
agiert im Belassen einer verläßlich-statischen Dialektik mit »Sicherungsseil« (ebd.)
– vgl. ebd., S. 106, 123 u. 150f. zur differenzierteren Beurteilung.
49
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 400; vgl. Hutter, Adornos
Meditationen zur Metaphysik (wie Kap. 1, Anm. 148), S. 64.
50
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 490.
51
Ebd.
52
Ebd.
53
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 333, Aph. 153.
72 Dritter Teil

Leicht entgeht man der »Herrschaft der Abstractionen«54 freilich nicht; Identi-
tät ist im Denken omnipräsent, aber zugleich »Urform der Ideologie«55 und
das Grundprinzip der von Barthes benannten fatalen »Mechanik der Gleichhei-
ten«,56 gegen die zu denken der Kern auch von Adornos Philosophie ist. Gibt
es aber einen »begriffsfeindlichen Begriff«57?
Ist zu entscheiden, welcher der beiden Aphorismen:
Das Dickicht ist kein heiliger Hain.58
59
Das Ganze ist das Unwahre.

wo, wann, woran zu bevorzugen ist?


In der Tat verläßt jeder der beiden Sätze das Terrain des Begriffs, der sich
selbst genügte. Dem zweiten Zitat ist dabei nachzuweisen, wie mittels Stilistik
Widerspruch in Sinnfälliges zu wandeln ist. Das Interessante an dieser Äuße-
rung zwischen Essay und Aphorismus ist der Bezug zur Logik, der stilistisch
gebrochen wird, wobei sich keine Opposition einstellt, die Konstellation viel-
mehr gerade darum interessant bleibt, da die aneinander gebundenen Kontra-
henten gleichermaßen die Waffen nicht strecken.
Selbst die Tautologie wird so zum Erkenntnismittel, da die Formulierung
Gedanke geworden ist, welcher ein neues Gesetz zu fordern scheint:
Man hat nicht das Ganze erwischt, stets bleibt ein Rest [...]. Und [...] in Wahrheit ist,
was man erwischt hat, nur ein Rest.60

Hier ist eine Tautologie im Stande ihrer objektiven Unmöglichkeit gegeben.


Natürlich ist, wo von einem Ganzen ein Teil (Rest) abgezogen wird, was
bleibt: Teil (Rest). Doch die Akzentuierung wandelt die Idee vom prinzipiellen
Glücken, das korrekturbedürftig sein mag, korrigierbar aber auch ist, hin zum
Scheitern, worin die Beliebigkeit von Konvergenz mit dem Material jeden
Begriff von Wahrheit ad absurdum führt; worin, es sei – nun präzisiert – wie-
derholt, »Finden nur ein Teil des Nichtfindens ist.«61

54
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd I, S. 881.
55
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 151.
56
Roland Barthes: Mythen des Alltags. Übersetzt von Helmut Scheffel. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1996 (Edition Suhrkamp; 3309 – Sonderausgabe), S. 50; alles Offensicht-
liche verdankt sich der imaginären Verbindung, die Effekt der Ideologie allein ist –
vgl. Louis Althusser: Ideology and Ideological State Apparatuses. In: Literary Theory:
An Anthology. Hg. von Julie Rivkin und Michael Ryan. Malden, Oxford: Blackwell
Publishers 1998, S. 294–304, hier S. 294 u. 300.
57
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 299.
58
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 106, Aph. 51.
59
Ebd., S. 57, Aph. 29; vgl. auch Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128),
Bd VI, S. 63.
60
Leopold Federmair: Die Gefahr des Rettenden. Wien: Deuticke 1992, S. 81.
61
Aichinger, Kleist, Moos, Fasane (Anm. 17), S. 72.
Peter Szondis Antwort 73

Von diesem Scheitern ist nicht Zeugnis abzulegen – es kulminiert in para-


doxer Formel:
Das Wahre ist das Ganze.62
63
Das Ganze ist das Unwahre.
64
Das Ganze ist nie das Ganze.
65
Das Unwahre ist nie das Unwahre ...

Schon der erste Satz läßt Signifikat und Signifikant zu einer Wahrheit ver-
schmelzen, die mit dem Signifikanten als Residuum einer artikulierbaren
Wahrheit unvereinbar Ausdruck einer grundlegenden Widerständigkeit gegen
den von ihr zu machenden Begriff ist. So erweist sich bereits Hegels Formulie-
rung als Exposition des Umstands, »weder eine Antwort noch eine Antwort«66
zu wissen, wo gefragt ist, was wie die Erinnerung an einen Traum in all den
Sätzen in seiner Uneinlösbarkeit nur schärfere Konturen zu erlangen scheint.
Solches Schreiben, das Kursive erforderte, sogleich jedoch diese als Unding
erweist, da das Unterschlagen der typographischen Klärung vorm Ausfall der
Metasprache – vor Erkenntnistheorie oder Metaphysik im Zeichen ihrer Disso-
nanz – nicht mehr zu beanstanden ist, vermag, was gefordert ist und im Arran-
gement doch nicht eingelöst ist: »das andere Glück im Glück des anderen.«67
Kunst wäre hier »als Theorievorschlag«,68 der sich freilich zur Idee von
Theorie wesentlich quer befinden dürfte, zu diskutieren, wobei ich nicht ver-
hehlen will, daß Burger, der sich hier von Schmatz kritisiert findet, womöglich
klüger argumentiert, wenn er von »Interpretationsaskese«69 abrät, da nun ein-
mal erst Interpretation solchen Theorien oder Konzepten zu Evidenz verhilft,
die als Absolutes wie die Ehrlichkeit dessen, der aufs unmittelbare Erleben

62
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden, auf der Grundlage der Werke
von 1832–1845. Hg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. Bd 3: Phä-
nomenologie des Geistes. 3. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 603), S. 24.
63
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 57, Aph. 29.
64
Federmair, Die Gefahr des Rettenden (Anm. 60), S. 89.
65
»Nur die absolute Lüge hat noch die Freiheit, irgend die Wahrheit zu sagen.« –
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 139, Aph. 71; vgl. auch ebd.,
S. 204ff., Aph. 99 u. S. 215, Aph. 103.
66
Jacques Derrida: Randgänge der Philosophie. Übersetzt von Günther R. Sigl u. a.,
hg. von Peter Engelmann. Wien: Passagen 1988, S. 18.
67
Hans-Dieter Bahr: Das Kompliment. In: Bewußtsein, Sprache und die Kunst. Meta-
morphosen der Wahrheit. Hg. von Michael Benedikt und Rudolf Burger. Wien: Edi-
tion S – Österreichische Staatsdruckerei 1988, S. 222–230, hier S. 230.
68
Ferdinand Schmatz: Moderne Kunst: Ich fordere Sie auf, zurückzutreten! In: wes-
pennest 114 (2. Quartal 1999), S. 7–14, hier S. 11.
69
Rudolf Burger: Die Heuchelei in der Kunst. In: wespennest 113 (1. Quartal 1999),
S. 10–20, hier S. 18.
74 Dritter Teil

erst setzte, wenig vertrauenerweckend sind. Das andere Glück im Glück des
anderen findet sich bei Bahr im Zusammenhang mit dem Kompliment, das
stilvoll zeigen soll, wie der Eindruck des Gegenübers die Gelassenheit eines
stilistischen Kalküls an oder über den Rand seiner Möglichkeit drängt. Sosehr
»das Kompliment sich im Rahmen einer förmlichen Höflichkeit bewegt, so-
sehr wird es nur zum Kompliment, wenn es über diese hinausgeht«.70
Sind die »guten Manieren«71 in ihrem Zusammenhang mit Kunst und Theo-
logie unterschätzt? Man ist so zu fragen versucht. Nur gescheiterte »Höflich-
keit ist geregelte Gleichgültigkeit«72 – wenigstens in den Augen des Hofierten.
»Geschmack macht annehmbar«73 ... Aufs Aggressive der »konventionell-
urbane[n] Phrase«74, die sich – etwa in Celans Ansprache anläßlich der Entge-
gennahme des Literaturpreises der freien Hansestadt Bremen: »Erlauben Sie
mir, Ihnen von hier aus zu danken.«75 – nicht als solche verhüllen will, ver-
weist Wertheimer.
Förmlichkeit und Form sind einander also nicht allzu fern.
Ähnliches ließe sich von der Höflichkeit des Interpretierenden formulieren.
Arnolds Schilderung Peter Szondis läßt die Vermutung zulässig erscheinen, wie-
wohl ich mich auf diesem Terrain des Anekdotischen nur für einen Moment auf-
zuhalten gedenke: Im »Gespräch verbarg Peter Szondi seine stets entschiedene
Meinung hinter vorsichtigen Fragen oder bedeutungsvollem Schweigen«.76 Man
kann, muß aber nicht vom Cliché sprechen, wenn es heißt, er und Celan haben
ihre »Meinung mit sanfter Freundlichkeit« »[ge]schützt[e]«.77
Es scheint jedenfalls, das andere Glück im Glück des anderen widerstrebe
dem Moment des In-sich-Ruhens, das einen »begriffsfeindlichen Begriff«78

70
Bahr, Das Kompliment (Anm. 67), S. 223.
71
Burger, Die Heuchelei in der Kunst (Anm. 69), S. 20.
72
Paul Valéry: Windstriche. Aufzeichnungen und Aphorismen. Übersetzt von Bern-
hard Böschenstein, Hans Staub und Peter Szondi. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1995
(Bibliothek Suhrkamp; 1172), S. 27.
73
Ludwig Wittgenstein: Vermischte Bemerkungen. Eine Auswahl aus dem Nachlaß.
Hg. von Georg Henrik von Wright, Heikki Nyman und Alois Pichler. Frankfurt
a. M.: Suhrkamp 1994, S. 117; »in meinen künstlerischen Tätigkeiten [...] gute Ma-
nieren« – ebd., S. 60; vgl. auch ebd., S. 80 u. passim.
74
Jürgen Wertheimer: »Die Silbe Schmerz«. Paul Celans Sprachsuche nach der Shoah.
In: Einige werden bleiben. Und mit ihnen das Vermächtnis. Der Beitrag jüdischer
Schriftsteller zur deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Hg. von Ortwin
Beisbart und Ulf Abraham. Bamberg: BVB Bayerische Verlagsanstalt 1992, S. 105–
123, hier S. 106; aggressiv mag hier zu stark klingen.
75
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 185.
76
Fritz Arnold: Paul Celan und seine Übersetzung der »Jeune Parque« von Paul Valéry.
In: Celan wiederlesen. Hg. von Ursula Haeusgen u. a. 2. Aufl., München: Lyrik Ka-
binett München 1999 (Lyrik Kabinett München; I), S. 67–82, hier S. 69.
77
Ebd.; vgl. Yves Bonnefoy: Die rote Wolke. Essays zur Poetik. Übersetzt von Micha-
el von Killisch-Horn. München: Fink 1998 (Bild und Text), S. 260.
78
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 299.
Peter Szondis Antwort 75

ausmachte, der hier als Aporie erhalten ist. Mag auch »verstockte Naturwüch-
sigkeit«79 den Rückfall in eine Tyrannei der abgestumpftesten Vernunftformen
bedeuten, bleibt doch fraglich, ob man »von innen [...] heraus[kommt]«,80 das
Denken durch Meta-meta-Umkrempelungen schließlich zu jenem Punkt bringt,
der als vage Möglichkeit vorausgesetzt ist, zur konkreten Wahrnehmung, die
sich als tendenziell unerreichbares Ziel der Vernunft-, Erkenntnis- und Sinn-
kritik definiert: »Der Sache von Unmittelbarkeit nimmt einzig noch die behut-
samste Reflexion sich an.«81
Der Versuch, so der Vernunft selbst Rationalität einzuhauchen, ist verzwei-
felt; die Spürbarkeit dieser Verzweiflung, mehr als »das schlimme Spiel«82 mit
dem »ungeheure[n] Gebälk [...] der Begriffe«83 zu wollen, aber zugleich zu
ahnen, daß das, was zu begreifen der Geist trachtet, zuletzt »unterm mikrologi-
schen Blick verdampft«,84 macht die Schriften Adornos ihre Spannungen, die
Adorno denn auch nicht zuzukitten sucht, ins Unermeßliche steigernd so un-
gemein interessant und wertvoll.
Szondi fragt nicht auf diese Weise; er beruft sich an diesem Punkt auf Der-
rida85, hat den wohl radikaleren und monströseren Zugang86 gewählt, da hier
nicht so sehr mehr ein Unbegreifliches drohend ins Denken ragt (das lateinische
immineo vereint dies), sondern im Denken selbst sich etwas findet oder regt,
das »durch die dialektische Methode niemals ohne Rest aufgehoben wird«87.
Die Brüchigkeit der Vernunft selbst, welche sich fremd bleibt, hat auch und
gerade Adorno wahrgenommen, er weist auf diese mehrfach, ist ihr verpflich-
tet – beispielsweise, wenn er das, was dem Denken scheinbar fremd doch in
diesem ruht, als »Giftstoff«88 benennt – es ist geradezu plump, hier auf Derri-
das pharmakon89 zu verweisen ...90

79
Ebd., S. 411.
80
Ebd.
81
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 240, Aph. 116.
82
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd V, S. 133.
83
Ebd., Bd 1, S. 888.
84
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 155.
85
Szondi soll es nach Briel gewesen sein, der »als erster Germanist Derrida rezipier-
te«. – Briel, Adorno und Derrida (wie Kap. 2, Anm. 21), S. 130 (Anm.).
86
Vgl. Reiner Ansén: Defigurationen. Versuch über Derrida. Würzburg: Königshausen
& Neumann 1993 (Epistemata: Reihe Philosophie; 140), S. 12: »Derrida ist ein Den-
ker des Monströsen wie nur wenige sonst, und Derrida ist zweifellos auch ein mon-
ströser Denker, wie sonst vielleicht niemand.« (ebd.).
87
Jacques Derrida: Dissemination. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Hg. von Peter
Engelmann. Wien: Passagen 1995 (Passagen Philosophie), S. 23; man philosophiert
»als [...] künstlerisch schaffendes Subjekt« – Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap.
1, Anm. 128), Bd I, S. 883.
88
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 340.
89
Dieses erscheint auch als »Tinte« (Derrida, Dissemination (Anm. 87), S. 170), initi-
iert also S c h r i f t, darum die Andersheit der Bestimmung und den Vatermord.
(vgl. ebd., S. 182).
76 Dritter Teil

Und doch meidet Adorno den Ritt »auf dem Rücken eines Tigers«,91 den
Derrida als virtuosen Akt zu gestalten gesucht haben wird; »prästabilierter Dis-
harmonie«92 ist ihm der Bezug des Denkens aufs Seiende, während Derridas
Rede vom »präetablierten«93 Schema eine hintersinnigere oder doch wenig-
stens bösere Abwandlung der Leibniz’schen Konstruktion sein dürfte.
Szondi nun sucht das Einmalige im Denken durch seine Lokalisation, die es
seines singulären Charakters ja nicht beraubt, zu beschreiben – er präpariert das
Spannungsverhältnis der Strukturen heraus, die sich im Punkt des Poems treffen.
Man muß hier freilich den Abschied vom Punkt, wenn dieser das ἄ-τοµος, das
nebenbei bemerkt auch ἄ-τοκος, unfruchtbar ist, meint, kurz erwähnen,94 einen
Abschied, den Szondi nicht in jeder Hinsicht vollzieht, wie sich später zeigen
wird.
»Ich würde [...] nicht von Punkten sprechen [...], zumindest wenn Punkt für
Teilbarkeit steht; es sei denn, der Punkt ist unmittelbar geteilt«,95 formuliert
Derrida es. An diesem Punkt setzt Szondis Lektüre an, indem sie mehrfache
durchaus widersprüchliche Einbindungen darlegt, deren Ärgernis in ihrer Un-
auflösbarkeit sowie der unmittelbaren Teilung des Punktes, der eben noch
stabil schien, zu begründen ist. In diesem Vorgehen ist Szondi zumindest sei-
nen Anspruch betreffend allerdings Adorno durchaus nicht fern, denn auch er
gibt »den Grund [...] der Unlösbarkeit«96 des Rätsels Kunst an.
Das Rätsel zu sehen, dies meint ein Weiterspinnen der Sinnverbindungen,
die in Lyrik eröffnet werden, ein Zeugnisablegen aber auch von den Grenzen
jener rigiden Ordnungen, aus denen der Punkt entstammt, aus dem sich das zu

90
Stattdessen verweise ich auf Kant als kaum zu überschätzenden Einfluß auf Adornos
Arbeiten; so setzt sich Adorno von Kants Ambition einer Fixierung der Grenzen der
Vernunft (vgl. hierzu Kant, Werkausgabe in 12 Bänden [wie Kap. 1, Anm. 18], Bd III/
IV, S. 90, B 63, A 46 und passim) zwar vorsichtig ab, ist aber andererseits im Postu-
lat des Anderen dessen Denkmodell durchaus verpflichtet – vgl. Adorno, Negative
Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 172ff.; vgl. Theodor W. Adorno: Nachgelasse-
ne Schriften. Hg. vom Theodor W. Adorno Archiv. Abt. IV: Vorlesungen. Bd 4:
Kants »Kritik der reinen Vernunft« (1959). Hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a.
M.: Suhrkamp 1995, S. 209ff., vor allem jene Passagen zur gegenseitigen Bedingt-
heit von Constituens und Constitutum – vgl. ebd., S. 223ff.; vgl. auch Schweppen-
häuser, Theodor W. Adorno zur Einführung (wie Kap. 2, Anm. 229), S. 8, 20f., 58ff.
91
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd I, S. 887 und Foucault, Die
Ordnung der Dinge (wie Kap. 1, Anm. 21), S. 389.
92
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 25.
93
Derrida, Die Schrift und die Differenz (wie Kap. 1, Anm. 176), S. 45; der hier nur en
passant erwähnte Umgang Adornos und Derridas mit Leibniz’ Monadologie wird an
anderer Stelle ausführlicher zu diskutieren sein
94
Die unmittelbare Teilung des Punktes bei Derrida wird an anderer Stelle diskutiert;
vgl. auch Jacques Derrida: Interview mit Florian Rötzer (22.2.1986). In: Florian Röt-
zer: Französische Philosophen im Gespräch. Mit einem Vorwort von Rainer Rochlitz.
2. Aufl., München: Boer 1987, S. 67–87, hier S. 72.
95
Ebd.
96
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 185.
Peter Szondis Antwort 77

deutende Poem ausbreitete und verästelte. Etwas kapriziös und unbestimmt


heißt es in einer Studie zu solcher Lyrik und Auslegung:
Im Überleben der Metapher [...] markiert die Sprache den Abschied von sich selbst.97

Derart starr und vertrocknet – als verknöchertes System – wird Sprache nicht
zu denken sein, doch ist klar, was es mit dem Adieu auf sich habe. Es ist ein
steter Abschied von der Sprache, der sich in der Metapher vollzieht, wie es
eine stete Ankunft von Sprache ist, ein Geschehen, worin – im Felde der Rhe-
torik überraschend – vor die Geste gegangen wird.98 Über das Verhältnis von
Sprachschöpfung und Selbstaufklärung von Sprache schreibt sachlicher und
treffender als Kaiser Blumenberg:
Der faktische Verlauf ist, daß der Leser nicht bei seiner ursprünglichen Interpretati-
on der Sprache bleiben kann, wenn er im Verständnis der Mitteilungen voranschrei-
tet, sondern ständig Rückschlüsse auf Teile der Grammatik ziehen muß, die er bis
99
dahin auf sich beruhen ließ.

Zu schreiten ist also zu einer Lektüre, die zuallererst parallel Ordnungen ent-
wickelt, diese aber weder hemmt, noch absolut setzt, sondern zueinander in
Beziehung setzt und die zutage tretenden Spannungen, Dissonanzen und Anti-
thesen bestimmt, welche in Stimmigkeit – »Form ist die wie immer auch ant-
agonistische und durchbrochene Stimmigkeit der Artefakte«100 – zusammen-
gezwungen erst zu entwickeln waren: Sein Programm nennt Szondi einmal
»begriffliche Wiedergabe der Stimmigkeit, die einem aufgegangen ist«.101 Erst
solches Lesen garantiert, daß nicht bloß wieder(v)erkannt wird, was in den
Versen als einmalig angelegt und geborgen ist, als originäre Erfahrung und
Erkenntnis gewürdigt wird; erst solches Lesen garantiert aber auch, daß ein
vorangestelltes Nicht-Verstehen nicht zum »Ort der Beliebigkeit«102 wird,
wovon das dann lähmende Erhabene ja permanent bedroht ist.103

97
Kaiser, Das Echo jeder Verschattung (wie Kap. 3, Anm. 31), S. 103.
98
Vgl. Derrida, Adieu (wie Kap. 2, Anm. 219), S. 44.
99
Hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1981, S. 75.
100
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 213; vgl. auch ebd., S. 160.
101
Szondi, Briefe (Anm. 28), S. 24; nun ist dieser Satz jenen zuzurechnen, die nicht
im wissenschaftlichen Diskurs und zudem unvorsichtig formuliert sind, auch war
Szondi, als er sich so äußerte, nicht unbedarft, aber doch jung – eine Wandlung des
Standpunktes ist zuzugestehen; dennoch ist auch für Szondi meines Erachtens das
Ganze der Kunst ein nicht begriffliches, doch eben unvermindert Ganzes – vgl.
auch Peter V. Zima: Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik. Tübingen, Basel:
Francke 1994 (UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher; 1805), S. 125 (Anm.).
102
Michael Braun: In aufgerissenen Sprachräumen. Eine Begegnung mit Gedichten
der neunziger Jahre. In: Deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Wider ihre Verächter.
Hg. von Christian Döring. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1995 (Edition Suhrkamp;
1938), S. 271–286, hier S. 282; zur gegenwärtig vielleicht gegebenen »Renais-
sance der hermetischen Lyrik« (ebd., S. 281) schreibt mit und gegen Botho Strauß
und seinen »in seiner Formelhaftigkeit ins Kunsthandwerkliche« (ebd., S. 282)
78 Dritter Teil

Nur am Rande sei an dieser Stelle in bezug auf die Koinzidenz in Dispara-
tem eine Bemerkung Zeyringers erwähnt, der zur Montage totalitären Spre-
chens, das als unstimmige Darstellung von Stimmigkeit bricht, kluge Beobach-
tungen formuliert, doch das fast spiegelbildliche Funktionieren einer Poesie,
die, wie Szondi darlegt, stimmige Darstellung von Unstimmigkeit ist, verkennt,
um schließlich – namentlich gegen Celan – in gedanklicher Fahrlässigkeit von
einer »Ent-Metaphorisierung des Holocaust«104 zu träumen.105
Wie nun ist in der Arbeit am konkreten Material dem gerecht zu werden,
was Szondi als Forderungen originären Sprechens an die Interpretation skiz-
ziert? Hierzu sei zu einem Essay Hamburgers geschritten, der, indem er die
Nöte des Übersetzers umreißt, sehr exakt benennt, was schon am einzelnen Wort
den Lesenden vor unendliche Probleme stellt. Vom Wort Kolben106 ausgehend
schreibt er:
Was Celans spätere Gedichte so schwierig macht, ist, daß sie nicht hermetisch sind,
daß jedes Wort, jedes Bild, jeder Reim, jeder Hiatus oder jede Stille in ihnen nicht
nur bedeutungsvoll sondern auch verständlich ist, daß jede Dunkelheit bei ihm ihre
lichte Entsprechung hat, daß es für alles in ihnen, das verschlossen scheint, einen
107
Schlüssel gibt, wenn man ihn nur finden kann.
Eine endgültige Entscheidung unter den Bedeutungen zu fällen und in einer
Hierarchie die eine zu tilgen, die andere zum Generalschlüssel zu erheben, dieser
Versuchung ist zu widerstehen; vielmehr ist in der Folge zu erfragen, was not-
wendigerweise das zusammengeführt hat, was nun neben- und ineinander steht.
Serres’ ignorierend schreibt Boelderl von einem »hermetischen Phäno-
men«,108 das somit als Initialzündung der Lektüre klarer wird, wenngleich auch

kippenden »lyrischen Imperativ« (ebd.) Braun: »»Zurück ins Nicht-Verstehen!« So


raunt der Esoteriker, ungeachtet der Tatsache, daß [...] das »Nicht-Verstehen« ein
Ort der Beliebigkeit sein kann.« (ebd.).
103
Vgl. Christine Pries: Einleitung. In: Das Erhabene. Zwischen Grenzerfahrung und
Größenwahn. Hg. von Christine Pries. Weinheim: VCH, Acta Humaniora 1989,
S. 1–30, hier S. 12.
104
Klaus Zeyringer: Österreichische Literatur 1945–1998. Überblicke, Einschnitte,
Wegmarken. Innsbruck: Haymon 1999, S. 211.
105
Vgl. ebd., S. 207ff.; man könnte Celans Werk als Ent-Metaphorisierung lesen, wenn
man Poesie die Kraft »zu neuen Definitionen« zugesteht (Ingeborg Bachmann:
Frankfurter Vorlesungen. Probleme zeitgenössischer Dichtung. 4. Aufl., München,
Zürich: Piper 1995 [Serie Piper; 205], S.40).
106
Vgl. Michael Hamburger: Das Überleben der Lyrik. Berichte und Zeugnisse. Hg.
von Walter Eckel. München, Wien: Hanser 1993 (Edition Akzente), S. 87; das zu
übersetzende Wort stammt von Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie
Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 83.
107
Hamburger, Das Überleben der Lyrik (Anm. 106), S. 97.
108
Artur R. Boelderl: Literarische Hermetik. Die Ethik zwischen Hermeneutik, Psycho-
analyse und Dekonstruktion. Düsseldorf, Bonn: Parerga 1997, S. 130; etwas müh-
selig ist das Wortspiel, mit dem Boelderl die Ansprüche an Philologie benennt:
»HermEthik« (ebd., S. 7 u. passim).
Peter Szondis Antwort 79

bei einem veritablen dialektischen Überbau es natürlich heikel bleibt, sich die-
ser Worte zu bedienen, und schließt doch geradezu an die Worte des Verfas-
sers einer ganzen Philosophie Hermes’ an, wenn er schreibt:
Der arme Hermes hat ein Ohr zuviel.109

Wer sich im Raum eines Verstehens bewegt, muß Plurivokem gerecht werden.
Insofern also ist das Problem der »Sackgassen«110 eines der Kreuzungen ge-
worden; viele Wege sind zu gehen, deren Zusammen- und Engführung zum
Sprechen zu bringen ist, da sie konstituiert, was als Gehalt des Poems vage zu
benennen ist, da sie zugleich es ist, deren Wesen jene rhetorische Mittel sind,
die sie als Nexus geschaffen haben. Dichtung ist vorrangig nicht Glaubensbe-
kenntnis, sondern – wie Ebeling notiert – ein Aufmerken.111
Schreibt Celan in Zürich, zum Storchen »von / der Trübung durch Helles«,112
so ist also nicht allein an ein Lichten zu denken, das zerstört, was dunkel Hort
von Wahrheit sein mag, es schwingt auch ein poetisches Verfahren hierin wohl
mit, von dem zu Rose Ausländers poetologischem Text Alles kann Motiv sein
zu schreiten ist:
Erklärungen sind nur ein kleiner Bruchteil der Wahrheit.113

Man könnte riskieren, zu sagen, daß sie es sind, weil sie an den Funken der As-
soziation anknüpfen, ihn klarer erscheinen lassen, aber nicht tun, was von Inter-
pretation gefordert ist, will sie dem Spiel entsprechen, das Rose Ausländer treibt:
Ich lege Rechenschaft ab, über [...] Zusammenhänge.114

Es ist einladend, näher die Natur dessen zu beschreiben, was hier zu Versen
kumuliert – es sind gewissermaßen Satzuniversen, deren Regelhaftigkeit inso-
fern suspendiert ist, als die Bewegung der Lyrik »ein Sprechen, das die Gene-
rizität selbst begründet«,115 darstellt. Es ist also eines in keiner Weise ausge-
macht, was jedoch Grundlage eines Satzuniversums ist, nämlich der mögliche
Gebrauch, die mögliche Position der Worte, die verkettet werden.
Lapidar bemerkt bekanntlich Wittgenstein in seinen Philosophischen Unter-
suchungen:

109
Ebd., S. 218; vgl. Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 15; »Das Trom-
melfell schielt.« – Derrida, Randgänge der Philosophie (Anm. 66), S. 17; »der das
dritte Ohr hat« (ebd.).
110
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 358;
vgl. auch Menninghaus, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 189), S. 33.
111
Vgl. Hans Ebeling: Ästhetik des Abschieds. Kritik der Moderne. Freiburg, Mün-
chen: Karl Alber 1989 (Alber – Reihe Philosophie), S.124.
112
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 214.
113
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 285.
114
Ebd., S. 284.
115
Badiou, Manifest für die Philosophie (wie Kap. 1, Anm. 168), S. 120.
80 Dritter Teil

Was [...] [die Wörter] bezeichnen, wie soll ich das zeigen, es sei denn in der Art ihres
116
Gebrauchs?
117
Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.

Weiters hält Wittgenstein zwei Beobachtungen fest. Zum einen gibt es »unzäh-
lige solcher Arten« »der Sätze«,118 die ein immer neues Universum sinnvoller
und möglicher Formulierungen eröffnen – und selbst »diese Mannigfaltigkeit
ist nichts Festes«.119 Und zum anderen ist es keine geringe Aufgabe, festzustel-
len, in welchem dieser Universen man sich bewegt120 – dies, da es sich im
Sprechen oder Schreiben erst konfiguriert. Mit Lyotard ist fortzufahren:
Verketten ist notwendig, eine Verkettung nicht.121

Ich möchte, zumal Adornos Schmähung noch im Ohr des Lesers klingen mag,
eine rudimentäre Würdigung jener Differenz versuchen, die Wittgensteins Satz,
wonach ein Schweigen zu all jenem geboten sei, wovon »man nicht sprechen
kann«,122 nicht in jener »Vulgarität«123 münden läßt, die zu vermuten dem Fehler
jener ähnelt, die in den Schriften just Adornos einen fragwürdigen Imperativ
dieses Sinnes, man möge das Denken in seinen gewagteren Formen zum
Schweigen bringen, beanstanden. Es sei »gegen Wittgenstein zu sagen, was nicht
sich sagen läßt«,124 bemerkt Adorno – doch schon Wittgenstein mutet der Spra-
che zu, gerade im Vermeiden von Hybris dem gerecht zu werden, was unsagbar
sein mag.
Zuallererst wird auch Wittgensteins Philosophieren darum zu einer Frage
des Stils – man bedenke etwa, daß sich mehrfach Äußerungen zum Tempo der
Lektüre finden:
Im Rennen der Philosophie gewinnt, wer am langsamsten laufen kann.125

116
Wittgenstein, Werkausgabe (wie Kap. 1, Anm. 133), Bd 1, S. 242, § 10; zum
Sprachspiel – vgl. ebd., S. 241, § 7.
117
Ebd., S. 262, § 43.
118
Ebd., S. 250, § 23.
119
Ebd.
120
Vgl. ebd., S. 243, § 11.
121
Lyotard, Der Widerstreit (wie Kap. 2, Anm. 145), S. 142, § 136; vgl. Jean-François
Lyotard: L’ange qui nage. Ein Engel, der schwimmt. Übersetzt von Peter Keicher,
red.von Thomas Bedorf und Peter Keicher. In: tacho, N° 5, 1995: Jean-François
Lyotard, S. 1–81, hier S. 47; dort und an anderer Stelle rehabilitiert Lyotard gewis-
sermaßen Wittgenstein – vgl. ebd., S. 13 u. passim; vgl. auch Thomas-Michael Sei-
bert: Vom Nutzen und Nachteil des forensischen Modells für die Philosophie des
Diskurses. In: Rhetorik und Philosophie. Hg. von Helmut Schanze und Josef Kop-
perschmidt. München: Fink 1989, S. 249–273, hier S. 263f.
122
Wittgenstein, Werkausgabe (wie Kap. 1, Anm. 133), Bd 1, S. 85, § 7.
123
Adorno, Philosophische Terminologie (wie Kap. 1, Anm. 134), Bd 1, S. 56.
124
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 21.
125
Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen (Anm. 73), S. 76; vgl. ebd., S.113 u. 152.
Peter Szondis Antwort 81

Diese Langsamkeit verbürgt nicht, ermöglicht mit Glück aber »Einsicht [...] in
das, was vor aller Augen liegt«126 – und dies permanent tut, was zu einer fal-
schen Univozität führt, in der an der Unmöglichkeit einiger Sätze der Ausdruck
für das zerbricht, was allein möglich sein soll.
Nur was wir uns auch anders vorstellen könnten, kann die Sprache sagen.127

Philosophie hat also zum Programm, nicht etwa den Ritt »auf dem Rücken
eines Tigers«,128 den das Pathos nachgerade verlangt, zu absolvieren – Witt-
gensteins Bild ist dies:
Ich sitze auf dem Leben, wie der schlechte Reiter auf dem Roß. Ich verdanke es nur
129
der Gutmütigkeit des Pferdes, daß ich [...] nicht abgeworfen werde.

Die gemäße Praxis Wittgensteins ist, sich von den Wendungen in der Mög-
lichkeit des Denkens überraschen zu lassen, wie nicht zuletzt die diskontinuier-
lichen Mäander seiner Schriften belegen. Raum geschaffen wird nicht für ein
Bestimmtes – doch dafür, daß eine Unabsehbarkeit in ihre Rechte gesetzt wird,
interessiert doch die berühmte Leiter Wittgensteins ihn selbst nicht allzusehr.130
Allenthalben ist es jene Unabsehbarkeit, die nicht durch eine etwaige Nachläs-
sigkeit im Versuch der Skizze des Absehbaren131 zum Leben erwacht, welche
Wittgenstein treibt. Man hat zu bedenken, daß es weit eher wird, wo Schärfe
sich gegen eine falsche Auffassung von Dichtung wendet.132
Nicht zu halten ist damit, was bestimmte Begriffe suggerieren:
Die Wahrheit eines Satzes [...] liegt nie in ihm so daß er nur das Zeichen wäre das
133
auf etwas Vorhandenes hinweist.
Der Gedanke hat [...] nur eine Außenseite und kein Innen.134

Philosophie wird so zur in keinem Moment substituierbaren Schreibpraxis,


deren Telos es ist, sich nicht an den Moment ihres Aussetzens und die Endgül-

126
Ebd., S. 124.
127
Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Hg. von Michael Nedo u. a. Bd 2: Philoso-
phische Betrachtungen. Philosophische Bemerkungen. Wien, New York: Springer
1994, S. 132.
128
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd I, S. 887 und Foucault,
Die Ordnung der Dinge (wie Kap. 1, Anm. 21), S. 389.
129
Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen (Anm. 73), S. 79.
130
Vgl. Wittgenstein, Werkausgabe (wie Kap. 1, Anm. 133), Bd 1, S. 85, § 6.54 u.
Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen (Anm. 73), S. 31.
131
Vgl. Wittgenstein, Wiener Ausgabe (Anm. 127), S. 96 u. 249.
132
Man suche »das Undichterische, [...] auf’s Konkrete gehende« – Wittgenstein, Ver-
mischte Bemerkungen (Anm. 73), S. 29.
133
Wittgenstein, Wiener Ausgabe (Anm. 127), S. 285.
134
Ebd., S. 286.
82 Dritter Teil

tigkeit der »halbe[n] Wirklichkeit«,135 die genau diese halbe Wirklichkeit nicht
ist, preiszugeben.136 Philosophie will – immer und immer wieder – ein Wort:
Die Aufgabe der Philosophie ist es, das erlösende Wort zu finden.137

Die unendliche Relevanz (trotz jenes Beiklangs eines von Mal zu Mal) des
Wortes ist: Wenn »man andres anstückeln will, muß man’s nach einem andern
Prinzip tun«.138
Man muß nicht erklären, daß so die erlösende Konnexion der Philosophie
zugeschrieben wird, welche als Programm unvermindert aufs Unsagbare be-
zogen ist, aber zugleich weiß, daß jenes als »Zeichen [...] allein tot«139 ist –
»der Gebrauch [ist] sein Atem«,140 es so zu formulieren legt Wittgensteins Frage
nahe. Durchaus stimmig ist darum zuletzt die folgende Behauptung, die Ador-
nos Kritik, so könnte man nebenbei bemerken, gewissermaßen endgültig gegen
ihn selbst wendet:
141
Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten.

Philosophie, so könnte man es auch formulieren, ist in der unendlichen Diffe-


renz zwischen Grund- und Bodenlosigkeit gelegen.142 Dies legt auch der wie-
der aufzugreifende Satz Lyotards nahe:
Verketten ist notwendig, eine Verkettung nicht.143

Es sprechen allenfalls mehr oder minder triftige Gründe dafür, ein Sprachspiel
im Gange befindlich zu vermuten und es fortzusetzen.144 Es ist also einigerma-
ßen klar, daß Benennen (und man wird diese Idee bei Derrida wieder antreffen)

135
Ebd., S. 180.
136
Vgl. etwa ebd., S. 281, Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen (Anm. 73), S. 23
u. Ludwig Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie.
Das Innere und das Äußere (1949–1951). Hg. von Georg Henrik von Wright,
Heikki Nyman und Joachim Schulte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993, S. 55.
137
Wittgenstein, Wiener Ausgabe (Anm. 127), S. 68; vgl. Wittgenstein, Vermischte
Bemerkungen (Anm. 73), S. 91.
138
Wittgenstein, Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie (Anm. 136),
S. 20.
139
Wittgenstein, Werkausgabe (wie Kap. 1, Anm. 133), Bd 1, S. 416, § 432; vgl.
Wittgenstein, Wiener Ausgabe (Anm. 127), S. 319.
140
Wittgenstein, Werkausgabe (wie Kap. 1, Anm. 133), Bd 1, S. 416, § 432.
141
Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen (Anm. 73), S. 58.
142
Vgl. auch Jacques Derrida: Glas. Übersetzt von John P. Leavy, Jr. und Richard
Rand. Lincoln, London: University of Nebraska Press 1986, S. 105.
143
Lyotard, Der Widerstreit (wie Kap. 2, Anm. 145), S. 142, § 136; vgl. Lyotard:
L’ange qui nage (Anm. 121), S. 47.
144
Vgl. zu den genannten Passagen – vor allem Lyotard, Der Widerstreit (wie Kap. 2,
Anm. 145), S. 142, § 136 u. passim – auch die Überlegungen zur richtigen Ausle-
gung und Fortsetzung bei Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128),
Bd XII, S. 39.
Peter Szondis Antwort 83

als Einordnen »Taufe eines Gegenstandes«145 ist; unbeantwortet bleibt, welcher


– um beim Bild zu bleiben – Konfession das Benannte eingemeindet sei.146
Und diese seltsame Konfiguration ist weiterzuspinnen zur Bewegung der
Liebe (darunter: Philologie), worin Begehren(des) und Begehrtes gerade nicht
sich ihrem Streben gemäß ineinander auflösen, sondern »der reinen Zwei ge-
treu, die sie begründet«,147 verbleiben.
Das Verblüffende ist nun, daß etwas, das Hegel nicht bloß affirmierte, son-
dern als Problem wahrnahm, überlistet scheint: jenes Konstrukt einer »Schädel-
stätte des absoluten Geistes«,148 eines Golgotha, dem eine abstrakte Geistigkeit
in concreto eignet, jenes Konstrukt, das doch mehr als bloßes Konstrukt ist –
»Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns«.149 Nicht erst für Adorno
gilt zweierlei, so schreibt Gerhardt:
Er weiß keinen Ausweg aus dem Omnium des Wissens.150
Der Logos erscheint so schlüssig, daß die wirkliche Welt wie ein zu Ende erzählter
151
Mythos erscheint.

Doch das Gedicht als Gabelung zwischen Satzuniversen eröffnet die Möglich-
keit wenn schon nicht eines Außen, so doch eines Neuen im Denken. Kann es
dies? Mein Satzuniversum scheint mir nahezulegen, daß gerade dieser Über-
gang von Universum zu Universum noch höchst fragwürdig zu denken bleibt –
wie auch die exakte Topographie jener Knotenpunkte, an denen Welten einan-
der berühren. Derrida, dessen Einwand hier nicht übergangen noch aufgescho-
ben werden kann, geht von der zu streifenden Überlegung aus, man habe eine
Sprache – und noch nicht einmal diese als eigene.152
Indem das Satzuniversum die Anlagen bestimmt, die Übergänge ermögli-
chen, ist der Übergang zugleich vereitelt, die Strukturen des ersten Idioms
infizieren das zweite und ordnen es ins erste ein. Desgleichen ist – doch dies ist
schon erläutert worden – nicht auszumachen, wie das erste Idiom genau funk-
tioniert. Man spricht und schreibt ins Ungewisse, ohne Land zu gewinnen.

145
Wittgenstein, Werkausgabe (wie Kap. 1, Anm. 133), Bd 1, S. 260, § 38.
146
Zur Frage der Beliebigkeit einer bestimmten Ordnung – vgl. ebd., S. 432, § 497.
147
Badiou, Manifest für die Philosophie (wie Kap. 1, Anm. 168), S. 120.
148
Hegel, Werke in 20 Bänden (Anm. 62), Bd 3, S. 591.
149
Ebd.; gerade diese Inthronisierung rettet virtuell den Geist davor, sich – auch – als
»das leblose Einsame« (ebd.) zu erkennen ...
150
Volker Gerhardt: Die Größe Hegels. In: Merkur 602 (Juni 1999), S. 530–543, hier
S. 536.
151
Ebd., S. 531.
152
Vgl. Jacques Derrida: Die Einsprachigkeit des Anderen oder die Prothese des
Ursprungs. Übersetzt von Barbara Vinken. In: Die Sprache der Anderen. Überset-
zungspolitik zwischen den Kulturen. Hg. von Anselm Haverkamp. Frankfurt a. M.:
Fischer Taschenbuch Verlag 1997 (Fischer-Taschenbücher; 12783 – ZeitSchriften),
S. 15–41, hier S. 15.
84 Dritter Teil

Doch ehe all dem nachzugehen ist, soll gezeigt werden, in welcher Weise
Szondi seine durch die Einwände angesichts seiner unvermindert bestehenden
Nähe zum Text nicht entkräftete Lektüre vorantreibt. Wie bringt Szondi die
scharfen Konturen von Ordnungen hervor, die in der Folge im Rahmen des
Kunstwerks in singulärer Weise zum Ganzen verflochten oder zumindest in
eine auszulegende Karambolage verstrickt werden?
Szondi beginnt, wie schon festgehalten wurde und nun hoffentlich auch um-
rißhaft begründet ist, seine Arbeit, indem er das Gedicht voranstellt.153
Er läßt diesem Schritt einen eingehenden Blick auf Positionen und Struktu-
ren folgen, erarbeitet Stilmittel und enthält sich dessen, was seine Methode wie
das Material verbieten – zudringlichen Kommentars, voreiliger Benennung,
verfrühter Interpretation. Nachgelassene Materialien belegen nicht zuletzt
Szondis Procedere.154
Zunächst wird (von Lévi-Strauss und Jakobson nicht unbeeinflußt155) fest-
gehalten, ob Ellipsen, lexikalische Wörter und Funktionswörter, Pronomen so-
wie Komposita gegeben sind. Die Korrelation von Satz- und Strophen- oder
Versende wird untersucht. Wechsel des grammatischen Tempus werden heraus
gearbeitet, Zäsuren und Brüche, Reime und deren Ausbleiben.156 Schließlich
wird die Aufhellung oder Verdunklung durch Vokale erarbeitet.157 Erst in einem
zweiten Schritt werden Konstellationen festgehalten, die etwa von Gegenstän-
den zueinander eingenommen werden.158
Ich möchte meinen Blick zu Beginn auf ein Gedicht richten, das mich als
eines der ersten aus Rose Ausländers Œuvre faszinierte, wenngleich man dies
als objektives Kriterium schwerlich akzeptieren kann: Bis an den Nagelmond
aus dem Zyklus 36 Gerechte (1967).
Bis an den Nagelmond
Bis an den Nagelmond
denk ich an dich
wenn die Nacht mich nimmt

Sie haben dich begraben


im Feuer

153
Vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 345.
154
Vgl. ebd., S. 428ff. u. passim; Axel Gellhaus u. a.: »Fremde Nähe«. Celan als Über-
setzer. 2. Aufl., Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft 1997 (Marbacher
Kataloge; 50), S. 448ff., bes. S. 454f.
155
Vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 430f.
156
Unter die Äquivalenz rechnet Szondi als besonders intensive Form auch die Itera-
tion – vgl. ebd., S. 435.
157
Dies wäre in etwa die Vorgangsweise Szondis in einem Seminar des Sommerse-
mesters 1970, wobei die Vorgehensweise natürlich auch durch die (nicht) erbrachten
Beiträge der Studenten und Szondis Korrekturen beeinflußt ist. (vgl. ebd., S. 430ff.,
vor allem S. 432ff.)
158
Vgl. etwa ebd., S. 429.
Peter Szondis Antwort 85

Ich halte den Gedanken


deiner Asche
im Blutgefäß
das rastlos zum Herzen führt
deinen Namen

Wie schön
Asche blühn kann
159
im Blut

Der »mit Dornenfragen / blutarmer Sonne«160 aufwartende Band, in dem sich


diese Verse finden, fand »einen breiten positiven Widerhall in den Medien«,161
wie Braun kommentierend vermerkt. Allerdings ist dieser Band den Verkauf
betreffend der schon vermerkte Rückfall der Dichterin durch Hoffmann &
Campe.162 Vielleicht auch aufgrund eines Überdrusses in bezug auf die The-
matik in Westdeutschland – der »Problemkreis [...] wurde durch neue Themen,
neue Autoren, neue Stile neue gesellschaftliche Veränderungen verdrängt«163 –
geschah es, daß von der ohnehin bescheidenen Auflage (701 hergestellte Ex-
emplare) bloß 360 Stück verkauft wurden ...
Den lautlichen Aufbau des Gedichts, um in medias res zu gehen, kann man
als sich leicht zum U hin verdunkelnd bezeichnen: Blut und Blüte beschließen
das Gedicht, das freilich zu einem Ende nicht kommt. Interessant ist ganz ohne
Zweifel die Serie Nagelmond – Nacht – (nimmt) – Namen; auch die Parallele
von Gedanken und (Blut)gefäß ist unübersehbar; der Gedanke kehrt in denk –
dich – dich – (Ge)danken – deiner – deinen wieder. Eher dezent klingen Wort-
enden aneinander an, wobei der Reim jedoch nicht eintritt; so klar die Stabrei-
me Ketten bilden, so verhalten bleibt, was man vage Homoioteleuton nennen
könnte – die Waisen überwiegen in diesen Versen gewissermaßen, was auch
darin begründet sein mag, daß das Gedicht, dessen Zentrum ein wörtlich ab-
senter164 Schmerz ist, angesichts der Zusammenführung von medizinischem
Fachausdruck (Blutgefäß) und Herz von Reimabnutzung unmittelbar bedroht
wäre ...165 Vor allem aber ist die Signalwirkung zweier dann doch deutlich
aufeinander bezogener Wörter gesteigert: begraben – Gedanken.

159
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 36.
160
Ebd., S. 25.
161
Ebd., S. 7.
162
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (wie Kap. 1, Anm. 28), S. 130f.
163
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 7.
164
Und gerade darum dominanter – Vgl. Gerhart Pickerodt: Sprache – Leben, Traum
und Tod. Zum Tode der Lyrikerin Rose Ausländer. In: Deutsche Volkszeitung,
15.1.1988.
165
Immerhin ist Herz / Schmerz bei Wilpert Paradebeispiel für den »Verschleiß des
Reims durch Verwendung allzu abgegriffener Reime« – Gero von Wilpert: Sach-
wörterbuch der Literatur. 7. Aufl., Stuttgart: Kröner 1989 (Kröner Taschenausgabe;
231), S. 756.
86 Dritter Teil

Der Bau der Sätze – zweimal greift Rose Ausländer zur Hypotaxe – ist von
eher schlichter Unauffälligkeit. Dafür fällt die Omnipräsenz der Pronomina
auf. Zwei Komposita finden sich und bilden zwei Pole der Bewahrung, die in
ihrer Tiefe versehren, worin sie ruhen. Nagelmond und Blutgefäß sind die am
wichtigsten erscheinenden Angaben zur Topographie der Trauer im Gedicht
und eröffnen seine Hälften.
Es fällt sehr früh ein Wort, das unvertraut klingt oder einst unvertraut ge-
klungen haben muß,166 wo von Liebe die Rede ist: Asche; es wird einerseits
präsentiert und andererseits diachron variiert, wobei die synchrone Latenz all
der Konnotate die Einzigartigkeit des Ausdrucks sein sollte, sein »Dröhnen«,167
um mit Celan zu sprechen.
Da ist ein »Objekt = x«,168 doch da sind ebenso stets »divergierende Serien
[...], in denen dieses zirkuliert«.169 Diese so eröffneten
Spiele benötigen das leere Feld, ohne das nichts voranginge [...]. Das Objekt = x un-
terscheidet sich nicht von seinem Ort, doch gehört zu diesem Ort, daß er sich be-
170
ständig verschiebt, wie es zum leeren Feld gehört, daß es unablässig springt.

Das, was hier das Selbe ist, ist nicht zugleich das Gleiche, wogegen »es sich
wesentlich sträubt«.171 Es ist ein – wie die Redewendung andeutet – nicht
unwichtiger punctum saliens ... Man könnte durchaus plausibel folgern, der
Text zerfalle in Fragmente oder Partien, wie Szondi dies in der Arbeit an dem
Gedicht Engführung nebenbei bemerkt gleichfalls tut.172
Jedenfalls anagrammiert sich Asche sozusagen zur Achse des Poems, viel-
leicht auch zur Achse all jener Poesie, die nach Auschwitz – aufgrund von
Auschwitz173 – entstehen mußte. Man kann hier auf Derrida vorgreifen, der
angesichts der dreifachen Anrufung der Asche und der Nacht bei Celan174 zu-
nächst notiert:
166
Freilich ist bis heute das Bild oder Wort wirksam, wenn es sich etwa bei Friederike
Mayröcker aktualisiert findet: »(›blühende Asche –‹)« – Friederike Mayröcker:
Ausgewählte Gedichte. 1944–1978. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986 (Suhrkamp-
Taschenbuch; 1302), S. 72.
167
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 89.
168
Gilles Deleuze: Woran erkennt man den Strukturalismus? Übersetzt von Eva
Brückner-Pfaffenberger und Donald Watts Tuckwiller. Berlin: Merve 1992 (Inter-
nationaler Merve Diskurs; 166), S. 42.
169
Ebd.
170
Ebd., S. 45; vgl. auch Eckhard Lobsien: Wörtlichkeit und Wiederholung. Phänome-
nologie poetischer Sprache. München: Fink 1995, S. 16f., 176 (Anm.) u. passim.
171
Deleuze, Woran erkennt man den Strukturalismus? (Anm. 168), S. 51; »Gewiß ist
in jeder Strukturordnung das Objekt = x keineswegs ein Unerkennbares, ein reines
Unbestimmtes [...]. Es ist einfach nur nicht zuweisbar«.
172
Vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96) Bd 2, S. 351ff.; dies soll nicht un-
terstellen, man könne oder dürfe hier weitreichende Analogien finden ...!
173
Vgl. ebd., S. 384.
174
Vgl. Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 199;
»Soviel / zu segnende Asche.« (ebd., S. 227).
Peter Szondis Antwort 87

Asche ist nicht mehr hier.175

»Nicht immer gelingt es Rose Ausländer, [...] die Asche fortzuwischen«,176 so


schreibt eine Interpretin, die letztlich verkennt, daß Asche ein Nie implizierte.
Asche ist weder Schrift noch Gegenstand derselben allein. Sie ist hierin »Phan-
tom«177 – und dies schmerzlich augenfällig, »eingeäschert« ...178 Neumann hat
sehr früh in diesem Sinne gefragt, »ob [...] Asche [...] noch als Asche das Bild
des Verbrannten bewahrt«?179 Und so fragt Derrida:
Wer hätte noch den Mut, sich an ein Gedicht über die Asche zu wagen?180

Und er setzt sogleich hinzu, daß es auf die Möglichkeit eben dieses Gedichts
ankommen könnte.181
Celan wußte es, man kann Asche lobpreisen oder segnen.182

»Asche als Haus des Seins«183 – mit dieser Formel bindet Derrida Schrift und
Asche endgültig aneinander, schwingt doch ein nicht unbekanntes Zitat Hei-
deggers hierin mit:
Die Sprache ist das Haus des Seins.184

An dieser Stelle ist einem Surren nachzugehen, denn ganz offensichtlich geht
es dieser Dichtung um nichts, das wesentlich erscheinen könnte ...185

175
Jacques Derrida: Feuer und Asche. Übersetzt von Michael Wetzel. Berlin: Brink-
mann & Bose 1988, S. 15.
176
Maria Denise Amon: Hoffnung und Erinnerung in der späten Lyrik der Rose Aus-
länder. Magisterarbeit, Köln 1998, S. 12.
177
Derrida, Feuer und Asche (Anm. 175), S. 17.
178
Ebd., S. 19; sie ist dies in einer »verletzlichen Zartheit« (ebd.)
179
Neumann, Zur Lyrik Paul Celans (wie Kap. 1, Anm. 127), S. 52.
180
Derrida, Feuer und Asche (Anm. 175), S. 15.
181
Vgl. Voswinckel, Paul Celan (wie Kap. 2, Anm. 157), S. 189, wo es heißt, es sei
nur Asche zu segnen – »in bitterer Abwandlung des Poetisierungsgedankens«.
182
Jacques Derrida: Schibboleth. Für Paul Celan. Übersetzt von Wolfgang Sebastian
Baur, hg. von Peter Engelmann. 2. Aufl., Wien: Passagen 1996 (Edition Passagen;
12), S. 81; vgl. auch Jacques Derrida: Schibboleth. Pour Paul Celan. Paris: Édi-
tions Galilée 1986 (Collection La philosophie en effet), S. 111.
183
Derrida, Feuer und Asche (Anm. 175), S. 25.
184
Martin Heidegger: Das Wesen der Sprache. In: ders., Unterwegs zur Sprache.
10. Aufl., Stuttgart: Neske 1993, S. 157–216, hier S.166; unvermeidlich und un-
möglich ist, worauf dies zielte: »Als die existentiale Verfassung der Erschlossen-
heit des Daseins ist die Sprache konstitutiv für dessen Existenz.« – Martin Heideg-
ger: Sein und Zeit. 17. Aufl., Tübingen: Niemeyer 1993, S. 161, § 34; »was nur
möglich ist – wenn es das gibt – als das Unmögliche« (Jacques Derrida: Aporien.
Sterben – Auf die »Grenzen der Wahrheit« gefaßt sein. Übersetzt von Michael
Wetzel. München: Fink 1998, S. 126): Tod, écriture... – vgl. ebd., S. 115f. u. passim.
185
Avram Andrei Baleanu: Ausländer, Rose. Übersetzt von Hans Joachim Kemper.
In: Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk. Hg.
88 Dritter Teil

Heißt es, Asche könne blühen, so gemahnt dies nicht nur ans Irrlichtern des
Verbrannten in der Asche, sondern auch daran, daß, wer schreibt, immer mit
solcher Asche schreibt. Nicht zufällig ist bei Derrida vom »Brennpunkt [...]
aller Metaphorizität«186 die Rede.
Zum einen ist ganz naheliegend zu assoziieren, daß Asche zur Erzeugung
von Farben und Tinte beigezogen wurde. Zum anderen ist, was geschrieben
wurde, Asche des Vorbilds – eine Art Schwundstufe der Mimesis vorm Unbe-
schreiblichen. Zuletzt jedoch ist von Asche der Asche zu sprechen. Die Zitate
anderer Texte glosen, wo kein erstes Bild geblieben ist, womit man schon
genug gesagt hätte, die Asche multipel geworden der Konstellation gemäß
wäre. In den Wind gestreut erforderte sie, die Trauer als Unmöglichkeit ihrer
selbst in den Wind zu schreiben ...187 Man muß nicht, doch ich will einige
Aschen finden, und dies ausgerechnet von jenem Wort, das als Motivkomplex
vorzeichnet, was heute seinen uneinlösbaren Fokus in Asche hat.
Das Oxymoron blühende Asche kann so zuallererst als Wiederaufnahme ei-
nes biblischen Stoffes verstanden werden, was wiederum, da die dort gegebene
Transzendenz im Poem nicht realisiert wird, nicht realisiert werden darf,
durchaus Erkenntnisqualität hat:
Dort erschien [...] [Mose] der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dorn-
busch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch
nicht. (Ex 3·2)

In der Bibelstelle sind ungebrochene Bezüge initiiert, denen Rose Ausländer


sozusagen ein Ende bereitet, indem sie zur Inversion greift, »geläufiges Reden
[...] auf den Kopf gestellt wird«188 – nur Asche ist geblieben, doch diese blüht

von Jutta Dick und Marina Sassenberg. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993 (ro-
roro; 6344 – Handbuch), S. 41–43, hier S. 42: »bis ins Extreme auf das Wesentli-
che verdichtete[n] Sprache«. Jenes Wesentliche bleibt als Gefühl »großer Mensch-
lichkeit und Wärme« (ebd.) erwartungsgemäß diffus; »Asche ist nicht das, was
ist.« – Derrida, Feuer und Asche (Anm. 175), S. 23.
186
Derrida, Dissemination (Anm. 87), S. 90 (Hervorhebung M. H.).
187
Vgl. Jacques Derrida: Die Wahrheit in der Malerei. Übersetzt von Michael Wetzel.
Hg. von Peter Engelmann. Wien: Passagen 1992 (Passagen Philosophie), S. 252.
188
Elisabeth Axmann: Plagen und Wunder. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben
und Werk. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag
1997 (Fischer-Taschenbücher; 6498 – Informationen und Materialien zur Litera-
tur), S. 212–216, hier S. 213; Lehmann weist vor allem bei Nelly Sachs auf die
»dekonstruktive Verarbeitung vieler Felder der religiösen Tradition« (Lehmann,
Im Zeichen der Shoah (wie Kap. 2, Anm. 60), S. 72) hin und bleibt, was Rose Aus-
länder angeht, trotz der klugen Eröffnungszüge in der Folge unscharf. Falsch ist,
daß die Dichterin keinen »explizite[n] Rekurs auf magisch-mystische Traditionen«
(ebd., S. XVII) pflegt – worunter wohl auch Anspielungen auf Religion und My-
thos zu rechnen wären. Naiv wäre noch die Rede von gebrochenen Bezügen, be-
denkt man, daß der Mythos sein etwa dichterisches Aufgegriffen-Werden beinhaltet
– oder ist. »Im Mythos geschieht das Totale und das Endgültige nicht« (Blumen-
Peter Szondis Antwort 89

durchs Blutgefäß der Trauer. Als Beleg der Wichtigkeit jener Utopie, welche
in den Versen jenseits jeder Topographie liegt – »die Heimat / ausgewandert /
in stachlige Räume«189 –, kann man die Verse des Gedichts Der Dornbusch
anführen:
Der Dornbusch
wartet
auf die Flamme
190
die nicht verbrennt ...

Das Poem wird zur nicht unironischen und schmerzvollen Reminiszenz. Was
aber ist, wo Asche bleibt, zu lesen?
Zunächst steht sie pars pro toto für das, wovon sie nur Folge sein sollte, so
gebraucht Kleist sie als Metonymie (hier sozusagen Erzeugnis für Erzeuger) in
der Kette:
Gift! Asche! Nacht! Chaotische Verwirrung!191

Freilich ist somit das Bild des Vernichteten schon gegeben, das aber, und dies
scheint mir bemerkenswert, in den Texten, seien sie von Bettina von Arnim
oder Johann Wolfgang von Goethe, oftmals nicht zur Ruhe kommt:
Und dein Herz,
Aus Aschenruh
Zu Flammenqualen
Wieder aufgeschaffen,
192
Bebt auf!

So freilich geschieht’s vor allem mit dem reuigen Herz, dem ein Tag des Zorns
zuteil ward – verloren aber ist, was Asche diesem Herzen dann ist. Diese
Asche erweist sich als bindend, dem, der gedenkt, als – ewiger – Ort der Ruhe.
Das Feuer geht empor in freudigen Gestalten, aus der dunklen Wiege, wo es schlief,
und seine Flamme steigt und fällt [...]; was übrig ist, ist Asche.
193
So gehts mit uns.
In Kalaureas Wäldern? – Ja! im grünen Dunkel dort, wo unsre Bäume, die Vertrau-
ten unsrer Liebe stehn, wo, wie ein Abendrot, ihr sterbend Laub auf Diotimas Urne

berg, Arbeit am Mythos [Anm. 5], S. 296) ... »Der Mythos ist immer schon in Re-
zeption übergegangen, und er bleibt in ihr« (ebd., S. 299).
189
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 123), Bd 4, S. 102.
190
Ebd. (wie Kap. 2, Anm. 200), Bd 5, S. 40.
191
Heinrich von Kleist: Werke und Briefe in vier Bänden. Hg. von Siegfried Streller
u. a. Frankfurt a. M.: Insel 1986 (Insel Taschenbuch; 981–984), Bd II, S. 218.
192
Goethe, Faust I (wie Kap. 1, Anm. 15), S. 141f., V. 3803–3807; vgl. Goethe, Ur-
faust (wie Kap. 1, Anm. 15), S. 473, V. 1338–1342.
193
Friedrich Hölderlin: Werke. Geschenkausgabe in vier Bänden. Hg. von Friedrich
Beißner und Jochen Schmidt. Bd 2: Gedichte, Bd 3: Hyperion oder Der Eremit in
Griechenland. 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Insel 1986, Bd 3, S. 43.
90 Dritter Teil

fällt und ihre schönen Häupter sich auf Diotimas Urne neigen, mählich alternd, bis
auch sie zusammensinken über der geliebten Asche, – da, da könnt ich wohl nach
194
meinem Sinne wohnen!

Asche wird so zur Befindlichkeit dessen, der die Liebe als unmittelbare Prä-
senz immer schon verloren weiß. Asche ist bei Heine in der Tat, was bleibt.

Sag’, wo ist dein schönes Liebchen,


Das du einst so schön besungen,
Als die zaubermächt’gen Flammen
Wunderbar dein Herz durchdrungen?

Jene Flammen sind erloschen,


Und mein Herz ist kalt und trübe,
Und dies Büchlein ist die Urne
195
Mit der Asche meiner Liebe.

Spöttisch und heute durch die unvermeidbaren Assoziationen nicht recht zu


lesen ist das, was in der Folge als Assoziationsstrang einen Perspektivenwech-
sel bewirkt – Hatem spricht:

Findet sie ein Häufchen Asche,


196
Sagt sie: »Der verbrannte mir.«

Man erahnt, daß solche Rede die Bindung ans Verbrennen und Verbrannte
nicht lockert, nicht lockern kann. Gerade die mutwillige Zerstörung – viel-
leicht soll in ihr, was zu nahe und zu fremd schien, erlöschen – wird Emblem
der Unmöglichkeit, im Abschied zu einem Ritus der Trennung zu finden, der
sich als tragfähig erwiese.

Plötzlich aber [...] warf er die Blumen den Briefen nach.


Ein Aufflackern noch, und nun war alles vorbei, verglommen.
»Ob ich nun frei bin? ... Will ich’s denn? Ich will es nicht.
197
Alles Asche. Und doch gebunden.«
Das wechselseitige Sich-Sehen und Sich-Ansehen samt der Existenzanerkennung,
die darin liegt, ist das wichtigste Element des Sich-Zugewandtseins. Deshalb ist es
nur zu verständlich, daß Abschiedsrituale vor allem dazu da sind, die bevorstehende

194
Ebd., S. 146.
195
Heinrich Heine: Buch der Lieder. Hamburg 1827. Hg. von Joseph Kiermeier-
Debre. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1997 (dtv; 2614 – Bibliothek der
Erstausgaben), S. 241, LXXXVIII.
196
Johann Wolfgang von Goethe: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Bd 2:
Gedichte und Epen II. Hg. von Erich Trunz. München: Deutscher Taschenbuch
Verlag 1982, Bd 2, S. 75.
197
Theodor Fontane: Taschenbuch-Ausgabe in 15 Bänden. Hg. von Kurt Schreinert
und Annemarie Schreinert. Bd 9: Irrungen Wirrungen. Stine. München: Nymphen-
burger 1969, Bd 9, S. 146.
Peter Szondis Antwort 91

Abwendung nicht als das erscheinen zu lassen, was sie im Kern doch ist: ein Ver-
198
achtung bekundendes und darin tief verletzendes Verhalten.

Doch solche Schuld kann nicht abgegolten werden, zumal sie nicht in Szene zu
setzen ist, wo nicht einem Vergessen anheimfällt, daß der Gegenstand jedes
Satzes, der Trauer artikuliert, sein kann, wer vergeben nicht mehr kann, wer
zugleich – Asche – unter jene nicht mehr zu zählen ist, von denen Abwendung
möglich wäre.
Indem ich mich umdrehe, sage ich meinem Gegenüber, daß er für mich aufgehört
hat, zu existieren.199

Diese Geste ist schier unmöglich, wo jenes Gegenüber im Blutgefäß nur noch
für den, der es bewahrt, ist, wo zugleich eine Abkehr von sich selbst und eine
Tilgung der Spur, die das Selbst wesentlich konturiert, gegeben wäre. Solches
Scheitern und ein Fühlen desselben mag die Bedingung lyrischer Rede sein,
die weiß:
Dichten selbst ist schon Verrat.200
201
Quid sum miser tunc dicturus?

– so schwingt es in jener mit. In Eichendorffs Schlimme Wahl wird so Asche


der poetischen Grundbefindlichkeit beigesellt und zugrunde gelegt.

Doch streift beim Zug dich aus dem Walde eben


Der Freye Blick und brennt dich nicht zu Asche:
202
Fahr wohl, bist nimmer ein Poet gewesen!

Asche bleibt Asche, indem sie ein Doppelleben führt, Verlorenes und Spur des
Verlorenen (auch im begehrend am Entzogenen Verglühten) zu sein – und dies
für den umrissenen Motivkomplex so schon geraume Zeit. Darum »fällt [es]
wie Asche auf die Schrift«.203
Es sei noch kurz auf die Möglichkeiten eines Fortdichtens eingegangen, die
nach Rose Ausländer, welche Asche mit anderen Poeten zur Zentralmetapher
erhob, verbleiben.204 Was folgt auf die Formel der Mayröcker, die »(›blühende

198
Manfred Sommer: Sammeln. Ein philosophischer Versuch. Frankfurt a. M.: Suhr-
kamp 1999, S. 262.
199
Ebd.
200
Goethe, Werke (Anm. 196), Bd 2, S. 97.
201
Goethe, Faust I (wie Kap. 1, Anm. 15), S. 142, V. 3833; vgl. Goethe, Urfaust (wie
Kap. 1, Anm. 15), S. 474, V. 1370.
202
Joseph von Eichendorff: Gedichte. Leipzig: Max Hesses Verlag o. J., S. 80.
203
Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden. Hg. von Peter Goldammer.
Bd 4: Novellen. Kleine Prosa. 5. Aufl., Berlin, Weimar: Aufbau 1982, S. 20.
204
Vgl. Ilse Brehm: Das Lied überm Staub. Notizen zu Autoren der Gegenwart. Lahn-
stein: Calatra Press Willem Enzinck o. J, S. 48.
92 Dritter Teil

Asche –‹)«205 kennt? Es folgt zum Beispiel eine nicht anders als skandalös
angelegte Schilderung von Menasse, der in Selige Zeiten, brüchige Welt schil-
dert, wie Asche seinem Protagonisten Leo Singer sozusagen widerfährt – just,
als er auslöschen will, was ihm nun in Augen, Mund, jede Pore dringt:
Er spuckte und schnaufte, er wollte erbrechen [...]. Wie ihn ekelte. Er wagte es nicht
zu schlucken. Immer wieder räusperte er sich, spuckte den Speichel aus, der sich in
206
seinem Mund ansammelte.

Zur conditio humana vereint dagegen Danto in einer eigenwilligen Passage die
Metaphorik von Schöpfung, von Stern, von Asche. Er, der zuletzt konsultiert
sei, schreibt:
Wir sind [...] nicht wie Adam [...] aus einer Handvoll Staub geschaffen worden. Sehr
207
wohl aber können wir aus der Asche explodierter Sterne bestehen.

So nüchtern, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint, wird dies wohl
niemals zu lesen sein...
Wie segnet oder besingt Rose Ausländer Asche? Sie tut dies, indem sie um
den im Feuer – also »in den Lüften«208 – Begrabenen eine gegenläufige Bewe-
gung inauguriert. Denn das Bewahrte affiziert, wie zu zeigen ist, das Bewahren-
de und vice versa. Die »überlebende / Asche / nach der Feuerflut«209 ist im Wort
unzureichend geborgen, doch schädigt sie die Blutgefäße ganz ohne Zweifel.
»Die bewältigte Fremdheit schlägt nach innen auf die Formen ihrer Aneig-
nung zurück«210, schreibt Waldenfels von jenem, was »als Gleichzeitigkeit von
Selbst- und Fremdreferenz«211 Datum, als Ineinander von Wunde und Sensori-
um, das heil zu bleiben sucht, Narbe wird. Man könnte ans Auskunftsbüro der
Angst (Robert Schindel) verweisen – »Angst ist eingesperrt im Wort, verdich-
tet, [...] da kommt es geworfen aus einem dunklen Grund, ist selber dunkel, der
Grund aber ist undunkler geworden«.212

205
Mayröcker, Ausgewählte Gedichte (Anm. 166), S. 72.
206
Robert Menasse: Selige Zeiten, brüchige Welt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994
(SuhrkampTaschenbuch; 2312), S. 225; vgl. zu Szene und Kontext Hannes Stein:
Schm’a Jisruel, kalt is ma in die Fiß. Die neue deutschsprachige jüdische Literatur.
In: Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Hg. von Stephan Braese, Hol-
ger Gehle und Hanno Loewy. Frankfurt a. M., New York: Campus 1998 (Wissen-
schaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts; 6), S. 401–411, hier S. 408f.
207
Arthur C. Danto: Wege zur Welt. Grundbegriffe der Philosophie. Übersetzt von Peter
Michael Schenkel. München: Fink 1999, S. 54 (Grammatik verbessert, M. H.).
208
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 41 u.
(wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 63.
209
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 133.
210
Waldenfels, Sinnesschwellen (wie Kap. 1, Anm. 24), S. 32.
211
Ebd., S. 65; vgl. ebd., S. 98f. u. S. 184.
212
Robert Schindel: Literatur – Auskunftsbüro der Angst. In: Tendenz Freisprache.
Texte zu einer Poetik der achtziger Jahre. Hg. von Ulrich Janetzki und Wolfgang
Rath. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992 (Edition Suhrkamp; 1675), S. 188–201, hier
S. 193.
Peter Szondis Antwort 93

Mit einer sich entfremdet vorfindenden Phänomenologie ist zu formulieren:


»Ästhetisch wäre eine Kunst, die ihre Herkunft aus der Fremde verleugnet.«213

Dagegen schreibt Kłańska, es sei, was Rose Ausländer aktualisiert, eine Form
von reiner Versöhnung, was an die anderen Orts geäußerte und in dieser Form
reichlich abstrakte These, die Dichterin glaube noch ans Wunder,214 anschließt.
Dies sieht die Interpretin an dem Poem Nachher belegt, worin »unser verwun-
detes / geheiltes / Deutsch«215 sich findet.
Durch das Wort »unser« wird die Kluft zwischen den Opfern des Holocausts und
den Tätern überbrückt, das Ausschlaggebende ist die deutsche Muttersprache, die
die Deutschen und Juden verbindet. Diese Sprache ist verwundet worden, durch die
Verunreinigung im Dritten Reich, durch ihren Mißbrauch, dadurch, daß es die Mör-
dersprache geworden war. Aber sie ist wieder geheilt, die Wunden sind verheilt,
man darf sie wieder als ein Heiligtum betrachten und in dieser Sprache dichten.
Wieviel Versöhnungs- und Vergebungsbereitschaft ist in diesen knappen Worten
enthalten! Die jüdische Dichterin, die von »unserem« Atem und »unserem« Deutsch
spricht, kann zwar nicht vergessen, aber großzügig verzeihen (natürlich nur im eige-
nen Namen, nicht in dem der jüdischen Nation), weil sie Deutsch schreiben und
sonst kommunizieren kann und an die Macht der Sprache glaubt, die sich erneuern
216
und wie ein Phönix aus der Asche steigen kann.

Sieht man von der Wunde, die gegen Kłańskas Intention Heiligtum wird, ab,
gerinnt hier alles zu einer desaströsen Sprache der Indifferenz. So präsent ist
jene Versöhnung nicht. Ein Status unseres Deutsch ist für mich kaum auszu-
machen, allenfalls ist hierin dieses Deutsch bindend und verbindend, als es
Medium dessen ist, worin Lyrik zeigt, wie wenig derlei Formeln einer letzten
Versöhnung aufgehen. Man muß an dieser Lyrik, deren Einsatz beträchtlich
ist, sehen, wie wenig sie verspricht, um zu sehen, wie ungeheuer viel sie zu
halten vermag.
Selbst in den Versen, die von Kłańska nicht absichtslos gewählt demonstrie-
ren sollen, es sei hier endlich Friede, was ja gegen den Grundzug der Ausländer-
schen Poetik denkbar ist – man kann nicht alle lyrischen Ich-Konstruktionen
über den Kamm einer Poetologie einer Autorin scheren –, geht nicht auf, was
sie behauptet. Deutet unser wirklich eine Kontinuität an, ist eine Versöhnung,
was ein Auftauen der »gefrorenen Worte«217 besagt?
»Nach der Nullstunde«218 ist schwerlich zu übersehen, daß mit Altem in
neuer Weise gearbeitet wird, dieser neue Modus jedoch das Material, das auch

213
Waldenfels, Sinnesschwellen (wie Kap. 1, Anm. 24), S. 147.
214
Vgl. Kłańska, Zu Rose Ausländers Ostergedichten (wie Kap. 1, Anm. 39), S. 103
u. 107.
215
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 169.
216
Kłańska, »Ich Überlebende des Grauens schreibe aus Worten Leben« (wie Kap. 2,
Anm. 208), S. 147.
217
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 169.
218
Ebd.
94 Dritter Teil

geheilt Narben tragen mag, grundsätzlich wandelt. Ungebrochen ist auch hier
nichts geblieben; frommer oder doch unfrommer Wunsch dagegen, eine Ver-
einigung derer zu sehen, in deren Namen in »unkomprimittierten Ausdrucks-
möglichkeiten«219 ein Band zu jenen geflochten wird, die das »Fragen Adornos
und Celans«220 als Ruhestörung schon empfunden haben mögen – zu den Tä-
tern und manchen Eichmannsöhnen, die ein ganz anderes Wir ergäben.221 Ein
Interpret schreibt mit Recht, Rose Ausländer habe »Dunkelheiten nicht wegre-
tuschiert«,222 wenngleich man zur von Wallmann im selben Atemzug genann-
ten Aufhebung fragen möchte, ob zutreffend vom Versuch des Bewahrens oder
unzutreffend vom geglückten Ästhetisierungsbemühen die Rede ist.223 Jene
problematischen Prozesse, worin die »Söhne der Mörder [...] die Leichen der
von ihren Eltern Ermordeten« »beklatschen«,224 die Nachkommen der Täter
mit den Ermordeten applaudierend sich identifizieren, ist skizziert worden.
auch hitler war ein österreicher
225
nicht nur christus ...

Sinnvoll kann es nicht erscheinen, durch Tränen der Rührung zu substituieren,


was wirklich eine Frage der Identifikation wäre – ob wir »unter dem geistigen
Erbe Hitlers gelebt haben und immer noch leben«.226 Schon 1949 jedenfalls
wußte oder fühlte Adorno, ein bestimmtes Gefühl von Nähe seitens der Nach-
kommen sei unangebracht, die Würdigung doch nicht zuletzt daran gebunden,
daß jener, der zu ehren sich bemüht, auch »um die Unmöglichkeit dieser Be-
gegnung«227 weiß:

219
Kłańska, »Ich Überlebende des Grauens schreibe aus Worten Leben« (wie Kap. 2,
Anm. 208), S. 146; »nur im eigenen Namen« (ebd., S. 147) u n d – nur ein paar
Zeilen weiter – doch »im Namen [...] der Ermordeten«, deren »Vermächtnis«
(ebd.) sich Kłańska sogleich erhellt ...
220
Ebd., S. 146.
221
Freilich sind die Eichmannsöhne ein diffiziles Problem für sich ... – vgl. auch
Günther Anders: Wir Eichmannsöhne. Offener Brief an Klaus Eichmann. 2. Aufl.,
München: Beck 1988 (Beck’sche Reihe; 366), S. 7ff.
222
Wallmann, [Rez.] Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden (wie
Kap. 2, Anm. 58), S. 434.
223
Vgl. ebd.
224
Anders, Ketzereien (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 69; »Wiedergutmachungsapplaus« –
ebd.; vgl. auch Konrad Paul Liessmann: Ohne Mitleid. Zum Begriff der Distanz als
ästhetische Kategorie mit ständiger Rücksicht auf Theodor W. Adorno. Wien: Pas-
sagen 1991 (Passagen Philosophie), S. 280 u. passim.
225
Ernst Jandl: lechts und rinks. gedichte statements peppermints.Wien: Donauland
Kremayr & Scheriau o. J., S. 17.
226
Serres, Hermes (wie Kap. 1, Anm. 2), Bd III, S. 98.
227
Amy D. Colin: Der Weg der Lyrik Paul Celans. In: Literatur und Kritik (Septem-
ber/Oktober 1984), H. 187/188, S. 340–351, hier S. 349; interessant ist an dieser
mit Derrida formulierten Passage in Colins Essay, daß der Bezug des französischen
Denkers zu Celan kurz vor Derridas erster Wendung zum Schibboleth (Ende 1984)
sozusagen vorweggenommen wird ...
Peter Szondis Antwort 95

Mein Seminar gleicht einer Talmudschule – [...] wie wenn die Geister der ermorde-
ten jüdischen Intellektuellen in die deutschen Studenten gefahren wären. Leise un-
heimlich.228

Es erscheint nicht erst auf den zweiten Blick bedenklich, allzu generös von
Versöhnung zu sprechen.229 Asche erinnert beständig an das, was, wenn man
die Ambivalenz von Odysseus’ Wortspiel (»Οὖ͒τις«230) auch bei Rose Auslän-
der noch ausfindig macht, die Dichterin so umschreibt:

Mein Pseudonym
Niemand
231
ist legitim.

Niemand
zeugt für den
232
Zeugen.

228
Theodor W. Adorno: Brief an Leo Löwenthal vom 3. Januar 1949. In: Leo Löwen-
thal: Schriften. Hg. von Helmut Dubiel. Bd 4: Judaica, Vorträge, Briefe. Frankfurt
a. M.: Suhrkamp 1990 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 904), S. 172–174,
hier S. 174; vgl. zum Problem auch Rolf Wiggershaus: Diskrete Radikalität. Über
Schwierigkeiten der Kunst nach Auschwitz. In: Vernunft und Subversion. Die Erb-
schaft von Surrealismus und Kritischer Theorie. Hg. von Dietrich Voß und Heinz
Steinert. Münster: Westfälisches Dampfboot 1997, S. 184–199, hier S. 189f.
229
Verantwortbar sind dagegen Weißenbergers Darlegungen zu Rose Ausländers
Versen als an Celan gebildeter »Kontrafraktur« – Klaus Weißenberger: Paul Ce-
lans hermetische Dichtung – immanente Transzendenz eines extremen Weltbe-
zugs. In: Die österreichische Literatur. Ihr Profil von der Jahrhundertwende bis zur
Gegenwart (1880–1980). Hg. von Herbert Zeman. Graz: Akademische Druck- und
Verlagsanstalt 1989, Teil 2, S. 1313–1333, hier S. 1321 (Anm.) u. S. 1322 (Anm.).
230
Homer: Odyssee. Griechisch und deutsch. Übersetzt von Anton Weiher, mit einer Ein-
führung von Alfred Heubeck. 9. Aufl., München, Zürich: Artemis 1990 (Sammlung
Tusculum), IX. Gesang, V. 336; vgl. auch Theodor W. Adorno / Max Horkheimer:
Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M.: Fischer Taschen-
buch Verlag 1988 (Fischer-Taschenbücher; 7404 – Fischer Wissenschaft), S. 71ff.
231
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 132
(Hervorhebung M. H.); zu Odysseus bei Rose Ausländer vgl. ebd., S. 284 u. (wie
Kap. 2, Anm. 200), Bd 5, S. 67 sowie Held, Evas Erbe (wie Kap. 1, Anm. 27), S. 256.
232
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 72;
vgl. hierzu auch Irving Wohlfarth: Das Unerhörte hören. Zum Gesang der Sirenen.
In: Jenseits instrumenteller Vernunft. Kritische Studien zur Dialektik der Aufklä-
rung. Hg. von Manfred Gangl und Gérard Raulet. Frankfurt a. M., Berlin, u. a.:
Lang 1998 (Schriften zur politischen Kultur der Weimarer Republik; 3), S. 225–
274, hier S. 226ff., wo Verbindungen zum Bilde der »Flaschenpost« (Celan, Ge-
sammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 186; Theodor W.
Adorno: Philosophie der neuen Musik. In. Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf
Tiedemann. Bd 12: Philosophie der neuen Musik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Ver-
lag 1997 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), S. 126; ferner Felix Philipp In-
gold: Der Autor im Text. Bern: Benteli Verlag 1989, S. 27) entwickelt werden ...
96 Dritter Teil

Hier ist zumindest kurz auf die Möglichkeit zu verweisen, die Schrift als List
und Anklage gegen den – entschwundenen – Schöpfer zu lesen; andererseits ist
das Erbe des Zeugnisses, das im Datum wiederkehren und sich wohl als Erb-
sünde erweisen wird – »der Tod beinhaltet Mord [...], der [...] mich angeht,
mich als Überlebenden«233 –, angesprochen:

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,


niemand bespricht unsern Staub,
Niemand.
234
Gelobt seist du, Niemand.

Bete, Herr,
bete zu uns,
235
wir sind nah.

Auch Rose Ausländer eröffnet einen Dialog – vor allem aber seine Unmög-
lichkeit – zwischen Ihm und Ihnen.236 Ihre Verse schließen mit dem Imperativ:
Hör / den erwürgten / Widerhall237...

Das Dilemma wird vor allem in einer Kette des Gedichts deutlich: Nagelmond
– Nacht – Namen; diese Serie ist der Weg vom tiefen Schnitt (»a metaphorical
nail-biting«238) sowie einem düsteren Gestirn zum Datum, über das noch zu
sprechen ist, und zurück. Steffens wählt in seiner Poetik der Welt das Wort
»Doppelspiel«239 als Einsatz für die Beobachtung, daß Beschreibung des Le-
bens und Leben aufeinander verweisen, durch einander jedoch in ihrem Treffen
verunmöglicht sind.240
Das Ergebnis, zu dem Rose Ausländer auch mittels der alternierend ge-
bauten Verse gelangt241, ist als Pendelbewegung zwischen den beiden Teilen,

233
Emmanuel Lévinas: »Die Menschheit ist biblisch«. In: Jüdisches Denken in Frank-
reich. Gespräche. Hg. und übersetzt von Elisabeth Weber. Frankfurt a. M.: Jüdi-
scher Verlag im Suhrkamp Verlag 1994, S. 117–131, hier S. 117; »ohne dieses Ri-
siko des Wahnsinns erstarrt die Bedeutung« – ebd., S. 124; vgl. ebd., passim.
234
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 225.
235
Ebd., S. 163.
236
Vgl. Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3,
S. 81f.
237
Ebd., S. 82.
238
Bower, In the Name of the (M)other? (wie Kap. 1, Anm. 77), S. 179.
239
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 200), Bd 5, S. 26;
Rose Ausländer stellt beim Doppelspiel – typographisch deutlich abgesetzt – ne-
beneinander »Worte Scheiterhaufen« (ebd.) ...
240
Vgl. Andreas Steffens: Poetik der Welt. Möglichkeiten der Philosophie am Ende
des Jahrhunderts. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1995, S. 17.
241
Diese sind als Spiel mit dem Unangemessenen von einer gewissen Erkenntnisqua-
lität – vgl. Roman Jakobson: Der Doppelcharakter der Sprache und die Polarität
Peter Szondis Antwort 97

die rund um die Achse das Gedicht konstituieren, zu beschreiben. Es ist ein
infinites Pendeln zwischen Trauer und lyrischer Suspension, wobei ein Pol
dem anderen verpflichtet ist – ohne Worte verstummt die Trauer, die zugleich
verbürgt, daß kein Redefluß die Bewegung beendet, die im Gedicht wie im
Blutkreislauf immer wieder aufs Neue beginnt. Schönheit des Ausdrucks und
Ruhe kommen so gleichermaßen nicht zu ihrem Recht und ermöglichen zu-
gleich die Präzision eines Sprechens, das doch keinen der Pole auflöste. Das
Obsessive des Bewahrens tritt zutage, da ihm ein Vergessen beigesellt ist ...242
Dieser paradoxen Konstellation entspricht, daß der Sinn des Gedichts sich
aufzuhellen scheint, doch die Verdunkelung der Vokale dieses Schwinden des
Schmerzes fraglich erscheinen läßt. Wo die Aufnahme des Fremden sein Ein-
dringen ersetzt, die Aktivität eine Verlagerung erfährt, da die Fronten des
Leidens und Trauerns in eine Sprache, in der das Gedenken geschieht, mündet,
dort also kommt es nicht zur Synthese – was angesichts der 13 Zeilen, die noch
die Ordnung des Dutzend sprengen, kaum verwundern mag.
Kurz sei hier auf Lehmann verweisen, deren generöses Formulieren von
Thesen an beispielsweise eben diesem Gedicht scheitert. Es gibt die von der
Interpretin eher in Abrede gestellten »Indizien für einen fundamentalen
Sprachzweifel«243 – nicht dagegen kann allein von der als Interpretament um-
fassend vorbereiteten »Tendenz zum Verlöschen«,244 was immer ihre »stumme
Fortsetzung«245 sei, die Rede sein, da gerade auch die unmögliche Transparenz
des Vergessensaktes »vergangenes Leid als ein Unabgeschlossenes erfah-
ren«246 läßt, wie es bei Lehmann selbst – mit Bolz – heißt. Ein Text mag im-
mer auch die Unmöglichkeit seines Datums nicht bloß sein, sondern ebenso
darlegen, doch ist in ihm eine neue absolute Singularität gleichfalls zugegen,
was in ihm den rückgewendeten Blick auf den Fokus der Negation untermi-
niert, da die Frage jeweiliger Formationen von Schrift es ist, die jene nachzu-
zeichnenden Konturen des Verlöschenden und des Verlöschens triftig und
infinit erst werden läßt.247

zwischen Metaphorik und Metonymik. Übersetzt von Georg Friedrich Meier. In:
Theorie der Metapher. Hg. von Anselm Haverkamp. 2. Aufl., Darmstadt: Wissen-
schaftliche Buchgesellschaft 1996, S. 163–174, hier S. 174.
242
Vgl. hierzu auch Harald Weinrich: Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens.
2. Aufl., München: Beck 1997, S. 224; das Schicksal Celans beschreibt in diesem
Zusammenhang Weinrich als zwischen Seine und Lethe situiert – vgl. ebd., S. 227.
243
Lehmann, Im Zeichen der Shoah (wie Kap. 2, Anm. 60), S. XVII.
244
Ebd., S. 230; vgl. ebd., S. 6ff., 190 u. passim.
245
Ebd., S. 230.
246
Norbert Bolz, Stop Making Sense, zit. ebd., S. 42.
247
Vgl. auch Petra Gehring: Innen des Außen – Außen des Innen. Foucault – Derrida
– Lyotard. München: Fink 1994 (Phänomenologische Untersuchungen; 1), S. 170;
»sinnverlängernde Umgangsweisen mit der Schrift« (ebd., S. 174), aus ihr und
durch sie ... – vgl. auch Derrida, Mémoires (wie Kap. 2, Anm. 256), S. 59.
98 Dritter Teil

Trauer also ist bis zu einem gewissen Grade – wie die Liebe – dadurch cha-
rakterisiert, ein Scheitern zu sein; im Blutgefäß / das rastlos zum Herzen führt /
deinen Namen wird sie getragen, also in der Vene ...

deine wach-
gerissene Vene
248
knotet sich aus.
Die Vene läßt sicherer als die Arterie, die sich wieder verschließt, das Blut verströ-
249
men.

Das Betrauerte ist nicht in den Stand der Präsenz im Geiste zu holen, das
Glück der unschuldigen Immanenz ist verloren, Residuum seiner Überbleibsel
ist eine unmögliche Transzendenz, die in Erinnerungen dämmert, Erinnerun-
gen an das, worauf nun unzureichend gedeutet und gewiesen wird. Was um-
armt – in den folgenden Zeilen auch grammatisch –, wenn alles verfällt, noch
ein ins Selbstgespräch verlorenes lyrisches Ich?

Lieben wird dich


die Einsamkeit
250
wird dich umarmen ...

Das in einen Chiasmus gebettete Subjekt zerreißt keinen der beiden Sätze zur
Ellipse, die Einsamkeit ist, was universal geblieben ist. Konsequenz sind –
diese Formel nun ist gegen die Intention der Dichterin gelesen – »verwachsne
Verse«.251
Trauer [...] kennt keine Grenzen und keine Repräsentation. Sie ist Tränen und
252
Asche.

Sie kreist ums Geschick des »nichtrepräsentierten Toten«253, dessen Präsenz


unendlich fern ist, denn die »Präsenz kommt nicht, ohne die Präsenz auszulö-
schen«.254
Was bleibt? Es bleibt ein Sprechen, das darum weiß und seine Poetik darin
begründet, daß die Hypothek des zu Berichtenden den Zeugen ins Verstummen

248
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 243.
249
Pöggeler, Lyrik als Sprache unserer Zeit? (wie Kap. 2, Anm. 30), S. 35; Celans
Verse werden hier als auf einen Selbstmordversuch bezogen interpretiert – vgl.
ebd.
250
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 123), Bd 4, S. 93.
251
Ebd., Bd 2, S. 24.
252
Nancy, Entstehung zur Präsenz (wie Kap. 1, Anm. 177), S. 104.
253
Ebd.
254
Ebd., S. 105; vgl. Jacques Derrida: – Kraft der Trauer. Die Macht des Bildes bei
Louis Marin. Übersetzt von Michael Wetzel. In: Der Entzug der Bilder. Visuelle
Realitäten. Hg. von Michael Wetzel und Herta Wolf. München: Fink 1994, S. 13–
35, hier S. 20 u. passim; vgl. auch Nancy, Elliptical Sense (Anm. 161), S. 36.
Peter Szondis Antwort 99

oder aber ins endlose Sprechen treibt. Nicht grundlos entfällt das Rufzeichen,
das frühere Versionen von Bis an den Nagelmond beschließt. Vielleicht ist
darin begründet, was in der Melancholie als »Apotheose des Umsonst«255 bei
Rose Ausländer »Leichtigkeit«256 schafft:
Was sich manchmal wie poetischer Singsang anhört, hat einen harten, bitteren Kern.257

Der Einspruch gegen die Melancholie als eine Bilanz, die vorm Unmöglichen
ins Reich des Meta flieht, als »›Melancholie‹ [...] das Scheitern der sogenannten
Arbeit unterschreiben würde«,258 als Melancholie freilich, der es an Schwärze
und Galle in der unterstellten Ontologie – nicht Dynamologie259 – gleicherma-
ßen gebräche, sei erwähnt; es »geht um den absoluten Verzicht auf das Abso-
lute der Kraft in dem, was sie an Unvermeidbarem und Unmöglichem hat:
zugleich ebenso unerreichbar wie unausweichlich.«260
In der Tat ist, was so zu denken aufgegeben wäre, jene Klage, die substanz-
los geworden vom Reservoir metaphysischer Tränen abgeschnitten ist:
Man hat das Leid entgöttert, wenn Sie den poetischen Ausdruck verzeihen.261

Ein notwendig zu kurzer Blick auf ein Poem Celans sollte helfen, diese Über-
legung klarer zu konturieren, die kaum wahrnehmbaren Gravitationslinien dieser
Poetik in ihrer Umsetzung zu erkennen.

255
Cioran, »Cafard« (wie Kap. 1, Anm. 182), Nr 28.
256
Hans Bender: Ausländer, Rose. In: Neues Handbuch der deutschen Gegenwartslitera-
tur seit 1945. Begr. von Hermann Kunisch, hg. von Dietz-Rüdiger Moser u. a. Mün-
chen: Nymphenburger 1990, S. 32–33, hier S. 33; ihre »Gedichttexte [...] sind schwe-
relose Gebilde« – Ferdinand van Ingen: [Rez.] Rose Ausländer: Ich spiele noch. In:
Deutsche Bücher XX (4/1990), S. 262–263, hier S. 263; vgl. Böschenstein, Leucht-
türme (wie Kap. 2, Anm. 208), S. 308; vgl. auch Pöggeler, Lyrik als Sprache unserer
Zeit (wie Kap. 2, Anm. 30), S. 12; überzogen wirkt, was Lorenz schreibt: Rose Aus-
länder überwinde – anders als Celan – »das Stagnieren in Leiderfahrung« – Otto Lo-
renz: Gedichte nach Auschwitz oder: Die Perspektive der Opfer. In: Bestandsauf-
nahme Gegenwartsliteratur. Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische
Republik, Österreich, Schweiz. Hg. von Heinz Ludwig Arnold. München: edition
text + kritik 1988 (text + kritik – Sonderband), S. 35–53, hier S. 42.
257
Lore Schaumann: Düsseldorf schreibt. 44 Autorenporträts. Düsseldorf: Triltsch
1974, S. 10–13, hier S. 12.
258
Derrida, Kraft der Trauer (Anm. 254), S. 15.
259
Vgl. ebd., S. 16.
260
Ebd.; vgl. ebd., passim; vgl. weiters zu einer wie bei Derrida »gar nicht so
sanft[en]« »Melancholie« – Jean-François Lyotard: Das Undarstellbare – wider das
Vergessen. Ein Gespräch zwischen Jean-François Lyotard und Christine Pries. Über-
setzt von Christine Pries. In: Das Erhabene. Zwischen Grenzerfahrung und Größen-
wahn. Hg. von Christine Pries. Weinheim: VCH, Acta Humaniora 1989, S. 319–347,
hier S. 326; vgl. ebd., S.326f. u. passim.
261
Benjamin, Gesammelte Schriften (wie Kap. 2, Anm. 131), Bd II·1, S. 19.
100 Dritter Teil

Adornos Rede von einer »Krisis der Verständlichkeit«,262 einem Fehlen der
Pointe, die jene heile Welt erneut erstehen ließe, die zugegebenermaßen nie
bestanden hat, wird hier so entsprochen, daß kein heiler Bezirk erhalten bleibt.
Die Erbitterung über eine unerreichbare Stelle unseres Wesens reißt so das Ganze
263
zur Selbstvernichtung hin.

Hiermit freilich korrespondiert nicht ganz frei von Tragik eine bestimmte
Qualität:
Was dir am besten gelingt, wird dir unweigerlich zur Falle.264
265
Das Leben und nicht der Tod trennt die Seele vom Körper.

Im Federstrich wird man sich und dem eigenen Denken zum »eigenen Hen-
ker«:266
Wie du dich ausstirbst in mir:
noch im letzten
zerschlissenen
Knoten Atems
steckst du mit einem
Splitter
267
Leben.

Dieses Gedicht entstammt dem Band Lichtzwang aus dem Jahr 1970, der durch
Celan »selbst noch in den Druck gegeben worden«268 ist, ehe er in den Tod
ging.269

262
Adorno, Voraussetzungen (wie Kap. 3, Anm. 26), S. 432.
263
Valéry, Windstriche (Anm. 71), S. 15.
264
Ebd., S. 34.
265
Ebd., S. 122; zugleich wird die Flucht vor der Falle dem Unglücklichen untersagt
– vgl. ebd.; en passant sei darauf verweisen, daß sich Szondi unter den Übersetzern
findet ...
266
Christian Morgenstern: Galgenlieder. Der Gingganz. 2. Aufl., München: Deutscher
Taschenbuch Verlag 1963 (dtv; 124), S. 24.
267
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 261;
unter dem Titel Kein Ende mit Rändern habe ich das Gedicht ausführlich diskutiert.
268
Editorisches Nachwort – Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1,
Anm. 174), Bd 2, S. 422.
269
Vgl. ebd.; zur Rezeption dieses Gedichts – vgl. Glenn, Paul Celan (wie Kap. 2,
Anm. 173), S. 330 u. Christiane Bohrer: Paul Celan-Bibliographie. Frankfurt a. M.,
Paris, New York: Lang 1989 (Literaturhistorische Untersuchungen; 14), S. 403;
verheerend ist die Besprechung einer der wenigen längeren Studien hierzu – vgl.
Theo Buck: [Rezension zu Brierley: »Der Meridian«]. In: Germanistik 26 (1985),
S. 692, Nr 4571, hier S. 692, Nr 4571; vgl. weiters Glenn, Paul Celan (wie Kap. 2,
Anm. 173), S. 244 (T2098), S. 261 (T2249), S. 263f. (T2275), S. 278 (T2421).
Peter Szondis Antwort 101

Seine Sprache ist verschlungen, verknotet, um bei Celans Wort zu bleiben.


Sie rollt sich ein und entfaltet eine Dialektik zwischen den plötzlich zweideutig
werdenden Polen Sterben und Leben, die einander nicht nur gegenübergestellt
verbleiben. Das Weiterleben, und sei’s in Splittern, besteht; es ist ein Leben
des Toten, der nicht vergessen wird. Jenes ihm widerfahrene Unrecht, das be-
und eingeklagt wird, wird stets nur in Bruchstücken bewahrt. Nur Bruchstücke
sind versöhnt und verwahrt – scharfkantig ihres fragmentarischen Charakters
wegen. Celan sammelt Scherben, dem Bewahrer widerfahren Schnitte. Er ist
ein Diener der Toten, doch verdammt, ein schlechter Diener zu sein.270
Der Zeuge ist immer ein schlechter Zeuge, ein Verräter.271

So umschreibt Lyotard, was Celan nur allzu gut weiß, unablässig in seinem
Wort hört. Man wird das Sich-Aussterben, das dem Ende des Sterbens zustrebt,
schwerlich als eine Annäherung ans Leben lesen dürfen. Ich erinnere an Rose
Ausländers Wendung »Asche / im Blutgefäß«:272 Das Tote, auch Geschändete,
da die Verbrennung als Verstümmelung im jüdischen Glauben wie das Vor-
enthalten des Grabes inakzeptabel ist,273 es tritt in einen Zirkel mit dem lyri-
schen Ich sowie dem Dichter, der mit Asche in den Adern vom Sterben infi-
ziert zu sein scheint. Zuletzt ist die Rede von Wiedergutmachung274 läppisch –
der Mord frißt das Archiv, worin er unzureichend verwahrt ist, an.
Das begriffliche Denken schwindelt; Vexierbild, Rätsel und Schauer treten
ihre Herrschaft an.275 Ein Splitter / Leben – diese Formel von der Dichte der
berühmt-berüchtigten Genetivmetaphern Celans allein ist schwindelerregend.
Die Zusammenstellung macht Sinn, auflösbar aber ist, was Celan gestaltet hat,
nicht.

270
Vgl. hierzu auch: Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm.
55), Bd 3, S. 138.
271
Jean-François Lyotard: Kindheitslektüren. Übersetzt von Ronald Vouillé. Wien:
Passagen 1995 (Edition Passagen; 41), S. 81 (Hervorhebung M. H.).
272
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 36.
273
Vgl. hierzu Werner, Das Grab im Text (wie Kap. 2, Anm. 16), S. 160f.; Hermann
Burger: Paul Celan. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache. Frankfurt a. M.:
Fischer Taschenbuch Verlag 1989 (Fischer-Taschenbücher; 6884 – Literaturwis-
senschaft Fischer), S. 119; Derrida, Schibboleth (Anm. 182), S. 26.
274
Bzw. »Wiederschlechtmachung« – Erich Fried: Wer sind wir wieder? In: Feuer-
harfe. Deutsche Gedichte jüdischer Autoren des 20. Jahrhunderts. Hg. von Josef
Billen. Leipzig: Reclam 1997 (Reclam-Bibliothek; 1598), S. 191–193, hier S. 192.
275
Vgl. Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 182ff. u. passim;
Rentsch spricht in der Folge von einem »nach allen Seiten ausgefransten Hegelia-
nismus« – Thomas Rentsch: Vermittlung als permanente Negativität. Der Wahr-
heitsspruch der »Negativen Dialektik« auf der Folie von Adornos Hegelkritik. In:
Zur Verteidigung der Vernunft gegen ihre Liebhaber und Verächter. Hg. von Chri-
stoph Menke und Martin Seel, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1993 (Edition
Suhrkamp 1893), S. 84–102, hier S.88.
102 Dritter Teil

Im Sinne einer destruktiven Dialektik276 sowie eines behutsamen Methoden-


pluralismus277 wäre immerhin die weitere Bewegung zu skizzieren:
Liest man den Gedichtanfang, wird man feststellen, daß man in Daktylen
fallen will; der Rhythmus wandelt die Worte zum gedrängten Stoßseufzer,278
wobei der Iktus auf der letzten Silbe – mir – im Absenken der Tonhöhe diesen
Eindruck unterstreicht. Dieser Einleitung folgt Verknappung, der Fluß der
Sprache verebbt. Zwei Trochäen, deren erster verschleppt klingt, folgen, dann
steht zerschlissenen als Verszeile, worauf zwei Daktylen angedeutet, aber durch
die Zäsur des Zeilenwechsels vereitelt werden. Es folgen Trochäen, ein Daktylus
und ein weiterer Trochäus schließen an. Zuletzt stehen in zwei Zeilen noch-
mals zwei Trochäen, nun zerrissen. Man sieht die Periodizität deutlich, des-
gleichen ist die Verkürzung unübersehbar. Neben den finalen Worten ist vor
allem Knoten Atems ein einzelnes Stocken – eben ein Stocken des Atems. Nach
ungehemmtem Drängen fällt das Poem den Versfüßen ins Laufen, um dann die
Trochäen mit einem regelrechten Riß zu vereinen.
Wo das Gedicht Worte durch die Lautfolge (z. B. Knoten – Atem) bindet,
unterbleibt doch Dynamisierung; Reime, sogar Assonanzen werden gemieden,
die Kürzestzeilen, die von den Sätzen überlappt werden, persiflieren das En-
jambement allenfalls.279 Lautmalerei ist dagegen sehr wohl gegeben: Das spit-
ze i ist dem Wort zerschlissenen zugeordnet, taucht in der Atemlosigkeit des
wunden Ichs auf, schwindet in der Beruhigung und dringt im Splitter zuletzt
doch ins Leben. Die Analogie von zerschlissenen und Splitter strukturiert auch
die Verse, wobei die übliche Opposition von geschmeidigem Leben und kri-
stallinem Tod nochmals ad absurdum geführt wird.
Deutlich wird angesichts der Betrachtung vor allem, daß das Leben nicht ei-
nem unbeschadeten und souveränen Block gleich das Gedicht beschließend
triumphiert – vielmehr hat ein Prozeß mehrfacher Zerreißung zu seiner quasi
insularen Position geführt.
Es ist, so könnte man sagen, der Splitter schon fast, welcher in ihm steckt.280

276
Vgl. Peter Szondi: Schriften. Hg. von Jean Bollack u. a. Bd 5: Einführung in die
literarische Hermeneutik. 3. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 124), S. 305.
277
Vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 129.
278
Zunächst hat Celan hier auch ein Ausrufungszeichen gesetzt – vgl. Paul Celan:
Werke. Historisch-kritische Ausgabe. 1. Abteilung: Lyrik und Prosa. Bd 9: Licht-
zwang. Hg. von Rolf Bücher, Andreas Lohr und Axel Gellhaus. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1997, Bd 9.2, S. 118f.
279
Vgl. auch David Brierley: »Der Meridian«. Ein Versuch zur Poetik und Dichtung
Paul Celans. Frankfurt a. M., u. a.: Lang 1984 (Europäische Hochschulschriften:
Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; 809), S. 282f., obschon hier die Folge-
rungen andere sind.
280
Konzentriert auf jeweils allein ein Wort (die »skripturale Krone, ein einziges in
sich geschlossenes Zeichen« – Bogumil, Celans Wandern im Wort [wie Kap. 2,
Anm. 146], S. 92; vgl. ebd., S. 91f.) jenseits angelegter Strukturen sieht eine Inter-
pretin dagegen, daß Celan wegen jenes hoffnungsspendenden Splitters Leben »zö-
Peter Szondis Antwort 103

Das Du ist als Totes und Todbringendes genauer zu differenzieren.281 Es ist


zerbrochen und verletzt. Zugleich kommt ihm alle Aktivität des Gedichts –
nicht viel – zu, es ist in Formen, die man im Griechischen medial nennen
könnte, bestimmend, während das Ich leidend bleibt. Das Ich ist Austragungs-
ort. Ruft Celan Gott an? Gewiß ist Gott als Bürge für einen gerechten Weltlauf
bezweifelt, vom Zugelassenen vielleicht sogar versehrt, auch steckt er viel-
leicht solcherart in des lyrischen Ichs Brust.282 Sinnvoller aber schiene mir als
Variante, das Du dem Ich anzunähern, wie dies im berühmten Gedicht Du
liegst283 in der Genese nachvollziehbar ist: Nicht ein Du, ein Ich liegt zunächst
im großen Gelausche.284
Auch bei Wie du besteht große Nähe der ersten und der zweiten Person. Sie
verdanken sich quasi einander, denn das Du ist allein im Ich, worin es situiert
ist, mehr oder weniger lebendig erhalten, während das Ich seinen alleinigen
Impetus im Du zu haben scheint, die ans Du gerichtete Rede grenzt an einen
Monolog. Allerdings ist von Beginn an hier mit sozusagen traumtänzeri-
scher285 Sicherheit ein Du gesetzt, das in seinem Verhältnis zum Ich von Be-
ginn an notwendig erst in der fünften Zeile die Dialektik der beiden Protagoni-
sten betreffend von Celan überdacht wurde.286
Das Du stirbt sich im Ich aus. Man verbindet Reflexiva, die mit einem aus-
anheben, meines Erachtens mit wie auch immer gearteter Ausweitung. Was
sich sterbend ausbreitet und dabei zur Noxe wird, das ist eine Verwundung
wider Willen, die an sich selbst krankt – ist krebsartig; es ist von einem Bezug
des Leidens zum Du zu sprechen. Das so nahe, doch zugleich bedrohlich-
dunkle Gegenüber, das einen temporalisierten Tod darstellt, ist auch der dem
Du widerfahrene Tod, der vermittelt wirkt – er wurde dem Gedenkenden ver-
erbt.287 Die Geschehnisse, von denen zu schreiben ist, lassen eine Art vita
beata nicht zu; sie treiben den, der zu dichten genötigt ist, dem Tod zu. Jener
Tod, der in seiner Sanftheit »der Kuß«288 genannt worden ist, ist kaum mehr

gerte« (ebd., S. 103), als fände sich noch nicht jene Bereitschaft: »In der fernsten /
Nebenbedeutung [...] / bereit, / das Tödlichste in uns zu tauschen.« – Celan, Ge-
sammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 77.
281
Zu Fremdem und Anderem vgl. ebd., S. 196.
282
Vgl. die heikle Deutung von Brierley, »Der Meridian« (Anm. 279), S. 282.
283
Vgl. Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2,
S. 334.
284
Vgl. Paul Celan: Werke. Historisch-kritische Ausgabe. 1. Abteilung: Lyrik und
Prosa. Bd 10: Schneepart. Hg. von Rolf Bücher, Andreas Lohr-Jasperneite und
Axel Gellhaus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997, Bd 10.2, S. 60.
285
Vgl. Celan, Werke (Anm. 278), Bd 9.2, S. 118.
286
Vgl. ebd.; diese lautet zunächst: »steckt ein«.
287
Zu kurz greift, zu arglos ist die Deutung, hier sei eine »als Krebs auftretende
Selbstmordlust« (Anders, Ketzereien [wie Kap. 1, Anm. 20], S. 14; vgl. ebd., S. 13f.)
gegeben ...
288
Encausse Gérard Papus, u. a.: Die Kabbala. Übersetzt von Julius Nestler. 14. Aufl.,
Wiesbaden: Fourier 1996, S. 167.
104 Dritter Teil

vorzustellen: Seit »Auschwitz heißt den Tod fürchten, Schlimmeres fürchten


als den Tod.«289
»Auschwitz« ist das Verbot des schönen Todes.290

Der Tod ist allerdings gegen sich selbst gewandt – er hat zwar das Leben zu
Splittern gewandelt und mit sich infiziert, zugleich jedoch eine Verpflichtung
den Toten gegenüber, die ein Weiterleben einfordert, auferlegt.
»Du warst, also bin ich«.291

Aber dieser Descartes entgegengesetzte Quasi-Imperativ bleibt stets unauflös-


bar ...:
Niemand zeugt für den Zeugen. Und dennoch wählen wir uns stets einen Gefährten:
nicht für uns, sondern für etwas in uns, außerhalb unser, das dessen bedarf, daß wir
292
uns selbst verfehlen, um die Linie zu überschreiten, die wir nicht erreichen werden.
Das Sich [...] entsteht als unauflösbare Verknüpfung in einer Verantwortung für die
Anderen. An-archische Verstrickung [...] ist [...] Schwangerschaft des Anderen im
Selben [...]. In der Ausgesetztheit [...], im Empfinden der Verantwortung ist das Sich
als unersetzbar herausgerufen, als einer, der den Anderen geweiht ist, ohne sich ent-
293
ziehen zu können, [...] wie in sich aus dem Sein vertrieben.

289
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 364.
290
Lyotard, Der Widerstreit (wie Kap. 2, Anm. 145), S. 173, Nr.157; zur Entpersönli-
chung des Todes und dem Schwinden der ars moriendi vgl. allerdings auch Rainer
Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Leipzig 1910. Hg.
von Joseph Kiersmeier-Debre. München: Deutscher Taschenbuchverlag 1997 (dtv
2619, Bibliothek der Erstausgaben), S. 11f.; vgl. schließlich Edmond Jabès: Die
Schrift der Wüste. Übersetzt von Hans Ulrich Brunner und Felix Philipp Ingold,
hg. von Felix Philipp Ingold. Berlin: Merve 1989 (Internationaler Merve Diskurs;
150), S. 139f. u. 148.
291
Peter Waterhouse: Die Geheimnislosigkeit. Ein Spazier- und Lesebuch. Salzburg,
Wien: Residenz 1996, S. 197; diese Verschärfung meint auch, daß ein Poem von
Celan »nicht von Celan« »spricht [...], sondern er ist, ganz spurhaft« (ebd., S. 199)
– was Waterhouse zur Formulierung ausweitet: »Kontamination ist die Quelle.«
(ebd., S. 250) Wunde und Wunder werden so einander vermittelt (vgl. ebd., S. 204),
das Bild wird zu neuen Konstellationen herausfordern / neue Konstellationen sein
(nämlich des Parasiten) – die Frieden, »Nemesis divina-traumatica« (ebd., S. 197;
vgl. ebd., S. 253) neu entdecken ... als Zitat etwa: in »Rückkehr-Zitaten [...]. Das
Unverletzte ist das Verletzte.« (Ebd., S. 142)
292
Maurice Blanchot: Le dernier à parler / Der als letzter spricht. Übersetzt von Makoto
Ozaki und Beate von der Osten. Berlin: Gatza 1993, S. 11; vgl. ebd., S. 10f.; vgl.
auch Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 72.
293
Emmanuel Lévinas: Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Übersetzt
von Thomas Wiemer. 2. Aufl., Freiburg, München: Alber 1998 (Alber Studienaus-
gabe), S. 234; vgl. ebd., S. 219 zu Celan – sowie zur Gerechtigkeit (»Alles aber
zeigt sich um der Gerechtigkeit willen.« – ebd., S. 354), »Weisheit der Liebe«
(ebd, S. 353) vorm »Es-gibt« (ebd., S. 356), passim.
Peter Szondis Antwort 105

Eine Verschärfung der Krise des Gedenkens durch die Mortalität des Zeugen
ist somit zu konstatieren, was sich auch im Œuvre Rose Ausländers zeigt.294
Man könnte versuchen, sich an eine Achse des Textes zu begeben – zu Benns
Nur zwei Dinge; dort heißt es:
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
295
und das gezeichnete Ich.

In einer Interpretation dieses Poems heißt es recht unvermittelt:


Paul Celan mochte diese Formel nicht.296

Celan, so berichtet Hans Mayer, »wollte der Anti-Benn sein«.297 Die Aversion
ist nicht darin begründet, daß, wie Rose Ausländers Interpret Wallmann in den
Essays Bekenntnis zum Menschen, Ich will wohnen im Menschenwort, Heimat
wurde ihr das Wort und Wohnen im Wort immer wieder nahe legt (und Hinck
in seinem Essay Genug Herz verschleudert beeinsprucht),298 Monolog hier
gegen Dialog ausgespielt wäre; vielmehr darin, daß diese Formel es ist, worauf
das Gedicht Celans zuzufallen droht, sie spricht aus, was Celan ängstigt, die
Leere und ein Ich, das als sein eigener Entwurf zugleich lakonisch kommen-
tierte Ruine ist. Doch Celan schreibt im Namen derer, denen die Geschichte die
Sprache verschlagen hat.
Eine Benennung steht in und über den Versen von Wie du: die Lautgestalt
von ausstirbst. Wie sich sinnfällige Ketten des Klangs auch sonst bei Celan
bilden,299 weist hier die Lautkomposition AU-S-I-ST/TZ doch recht eindeutig
auf Auschwitz, das Jean Bollacks feines Gehör schon aus der Silbe au an ande-
rer Stelle zu hören vermochte.300

294
Vgl. Steffens, Poetik der Welt (Anm. 240), S. 84.
295
Gottfried Benn: Gedichte. In der Fassung der Erstdrucke. Hg. von Bruno Hille-
brand. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1996 (Fischer-Taschenbücher;
5231), S. 427.
296
Jürgen Schröder: Destillierte Geschichte. Zu Gottfried Benns Gedicht »Nur zwei
Dinge«. In: Gedichte und Interpretationen. Hg. von Walter Hinck. Bd 6: Gegen-
wart. Stuttgart: Reclam 1982 (Universal-Bibliothek; 7895), S. 20–28, S. 28.
297
Hans Mayer: Interview zu Paul Celan. Gespräch von Jürgen Wertheimer mit Hans
Mayer über Paul Celan am 11. März 1997. In: arcadia, Nr. 32, Heft 1, S. 298–300,
hier S. 299.
298 Vgl. Walter Hinck: Genug Herz verschleudert. Gedichte aus Rose Ausländers letzten
Lebensjahren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr 247, 22.10.1988, passim.
299
Vgl. Manfred Geier: Poetisierung und Bedeutung. Zu Struktur und Bedeutung des
sprachlichen Zeichens in einem Gedicht von Paul Celan. In: Paul Celan. Hg. von
Werner Hamacher und Winfried Menninghaus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988
(Suhrkamp-Taschenbuch Materialien; 2083), S. 239–271, hier S. 253f. – Verket-
tung »zu einem über-strukturierten Text« (ebd., S. 254).
300
Vgl. Jean Bollack: Vor dem Gericht der Toten. Paul Celans Begegnung mit Martin
Heidegger und ihre Bedeutung. Übersetzt von Werner Wägenbauer [sic]. In: Neue
Rundschau 109 (1998), H. 1, S. 127–156, hier S. 127; interessant ist der Hinweis,
106 Dritter Teil

Auschwitz steht diesem Gedicht auf die Stirn geschrieben:


Die Stirn gehört zu den Körperregionen, die dem Einzug des Unbewußten besonders
offenzustehen – denn Stirnen ist es eigentümlich, sich selbst nie zu sehen. Sie sind
das schlechthin den anderen Zugekehrte [...]. Was ich selbst nicht anschaue, ist a
priori den anderen ausgesetzt.301

Das gilt auch fürs Gedicht, für dieses und für jedes Gedicht in gewisser Weise:
Die Zeichen wandern
302
von Stirn zu Stirn,

schreibt Rose Ausländer. Es wird nicht gelingen, Auschwitz aus dem Modus ver-
dunkelter Präsenz jenseits des Sprechens, dem auch Celans Poem noch zugehört,
ins Denken zu holen, nichtsdestotrotz (vielleicht sogar: deshalb) ist es ein Schat-
ten, der dem Gedicht fast unverbunden, da unmittelbar zugehörig voransteht.
Die Asche in den Lüften [...] liegt derart zerstreut, daß sie sich einer Verengung, ei-
303
ner Wahrnehmung, einer Ästhetik entzieht.

Sie ist einem wie immer geschaffenen »verschließbaren Sarg«304 entzogen;


dies wäre nach Rother die ungewollte, von Celan beschriebene »Schenkung«305
– »er schenkt uns ein Grab in der Luft«.306 Man sieht, daß die Bewegung zu-
nächst nicht unähnlich, aber in ein Stocken führend gestaltet ist.
Das Gedicht ist das sich buchstäblich zu-Tode-Sprechende.307

In der Tat ist die Weise der Verdichtung programmatisch – durchaus spitz ist
die Bemerkung von Rose Ausländer zu einer Lyrik, deren Bewegung ins
Schweigen führt, das als unvermeidlich sich auch negativen Kategorien per-
manent entziehen will. Ihr »Erinnerungsgebot«308 lautet: Lyrik kann zwar nicht

daß »das Wort ›Auschwitz‹ [...] in Celans Gedichten kein einziges Mal vor[kommt]«
– Emmerich, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 104), S. 12.
301
Peter Sloterdijk: Zur Welt kommen – zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesun-
gen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988 (Edition Suhrkamp; 1505), S. 25.
302
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 4), Bd 7, S. 167;
»Stirnwunde« – ebd., S. 269.
303
Ralf Rother: Beschneidungen – Exilierungen. Das Politische und die Juden. Wien:
Turia + Kant 1995, S. 50; vgl. Welsch, Ästhetisches Denken (wie Kap. 2, Anm.
229), S. 9ff.
304
Rother, Beschneidungen – Exilierungen (Anm. 303), S. 50.
305
Ebd., S. 48.
306
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 42 u.
Bd 3 (wie Kap. 1, Anm. 3), S. 64.
307
Celan, Der Meridian (wie Kap. 2, Anm. 257), S. 113; vgl. ebd., S. 200; auf Ruinen,
die Halt am Tod finden, verweist auch Böschenstein, Leuchttürme (wie Kap. 2,
Anm. 208), S. 171, 284 u. 300; vgl. auch Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bän-
den (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 108.
308
Claudia Rugart: Der Holocaust in der Lyrik Rose Ausländers. Genese einer poeti-
schen und poetologischen Auseinandersetzung. In: »Mutterland Wort«. Rose Aus-
Peter Szondis Antwort 107

gelehrtes Spiel mit Bildungsballast sein, darf in ihrer Konzentration aufs For-
male jedoch auch nicht exzessiv verfahren.309
Somit ist ihre Art, »ein schallendes Schweigen«310 des Todes zu realisieren,
das auch bei ihr natürlich »nicht die Abwesenheit des Todes bedeutet«,311 eine
Bewegung, die nicht auf ein Herabsinken von Halt zu Halt zielt, sondern die
Opposition zu bewahren trachtet, die Schrecken und Heil bilden.312 Celans
Gedicht ist einmal gelesen und zuletzt Nachhall seiner Gründe für das Ver-
stummen;313 Ausländers Gedicht setzt kaum ein und als Perpetuum mobile
ebensowenig aus. Beide dichten im Zeichen der Verse Celans, die sich und das
Verklingen der sie tragenden Stimme sprechen –
wir sind bereit,
314
das Tödlichste in uns zu tauschen.

Trotz der aschenen Blutkoagula dieser Herzurne schwingt das Pendel unver-
mindert. Vielleicht kann man aber die These riskieren, daß dieses beständige
Pendeln in seiner Leichtigkeit nicht weniger resignativ als Celans Annäherung
ist – selbst die sich in Ewigkeit und von Sprachebene zu Sprachebene entzie-
hende Hoffnung, mittels Echo und darin Negation zur Versöhnung zu gelan-
gen, ist geschwunden, nichts aufgehoben.315
Die poetische Landschaft Rose Ausländers ist (– auch –) gekennzeichnet durch das
316
[...] Echo von dem, [...] was sie weder erleben noch begreifen kann«...
Celans Welt ist [...] eine der vollkommenen Schändlichkeit.317

länder 1901–1988. Hg. von der Rose Ausländer-Stiftung. 2. Aufl., Köln: Rose
Ausländer-Stiftung 1999 (Schriftenreihe der Rose Ausländer-Stiftung; 7), S. 211–
247, hier S. 211.
309
Vgl. Ausländer, Rose Ausländer lesen (wie Kap. 2, Anm. 203), S. 130; die kursiv
geschriebenen Wörter sind im dort abgedruckten Brief Rose Ausländers von 1965
zu finden; unter den exzessiven Dichtern ist auch Celan ... vgl. ebd.
310
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 99), Bd 2, S. 334.
311
Rugart, Der Holocaust in der Lyrik Rose Ausländers (Anm. 308), S. 220.
312
Vgl. ebd., S. 221.
313
Vgl. hierzu auch Walter Hinck: Magie und Tagtraum. Das Selbstbild des Dichters
in der deutschen Lyrik. Frankfurt a. M., Leipzig: Insel 1994, S. 296.
314
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 77.
315
Vgl. dagegen Hans Lehmann: Dunkle Sappho aus der Bukowina. Zum Tod der
Lyrikerin Rose Ausländer – »Schreiben war Leben. Überleben«. In: Kölnische
Rundschau, 5. Januar 1988.
316
Leslie Morris: [I have 〈never〉 been in Jerusalem:]: Wiederholung, Übersetzung
und Echo der jüdischen Identität in Rose Ausländers Lyrik. In: »Weil Wörter mir
diktieren: Schreib uns.« Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 1999. Hg. von Hel-
mut Braun. Köln: Rose Ausländer-Stiftung 2000 (Schriftenreihe der Rose Auslän-
der-Stiftung; 10), S. 199–213, hier S. 211.
317
Hamacher, Die Sekunde der Inversion (wie Kap. 2, Anm. 84), S. 88.
108 Dritter Teil

Ihr Negativ ist die unmögliche Utopie, die »Poetisierung des Mangels«318 ist
nach Hamacher Celans Programm, insofern die gebannte Häßlichkeit der ge-
genwärtigen Welt in der Mimesis überwunden ist.
Radikale Kunst heute heißt soviel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz.319

Bekannt ist die Begründung Adornos hierfür:


Echo versöhnt.320

Zumindest nimmt sie die Versöhnung, die Heilung nicht vorweg, so könnte man
etwas vorsichtiger sagen – und betonen, daß das Echo als Nachhall sich zugleich
triftiger Einwand gegen die Auflösung im Sinne von Adornos Formel bleibt.321
Die Attraktion der Versöhnung ist der Nährboden falscher Modelle und Meta-
322
phern ...

Hamacher weist auf »die Haltlosigkeit der transzendentalen Formen unsres


Vorstellens selber«323 hin, welche als Prinzip bei Celan »in den späten fünfzi-
ger und den sechziger Jahren«324 zusehends an Gewicht gewinnt.
Vom Nichts, vom »Tod gleichsam infiziert«325 sind die Worte des Gedichtes
– und jene, die diese zu bestimmen trachten, die Absenz im Kern der angekrän-
kelten Präsenz ist Symptom einer Schwebe, die auch Rose Ausländer prägt.326

318
Ebd., S. 90.
319
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 65; vgl. auch Adorno, Ist
die Kunst heiter? (wie Kap. 1, Anm. 11), S. 603ff.
320
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 188; vgl. ebd., S. 202; vgl.
auch Stéphane Mosés: »Wege, auf denen die Sprache stimmhaft wird«. Paul Ce-
lans »Gespräch im Gebirg«. In: Argumentum e silentio. International Paul Celan
Symposium. Hg. von Amy D. Colin. Berlin, New York: de Gruyter 1987, S. 43–
57, hier S. 50.
321
Vgl. Jean-François Lyotard: Philosophie und Malerei im Zeitalter ihres Experi-
mentierens. Übersetzt von Marianne Karbe. Berlin: Merve 1986 (Internationaler
Merve Diskurs; 129), S. 138.
322
Paul de Man: Allegorien des Lesens. Übersetzt von Werner Hamacher und Peter
Krumme. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988 (Edition Suhrkamp; 1357), S. 33.
323
Hamacher, Die Sekunde der Inversion (wie Kap. 2, Anm. 84), S. 96.
324
Ebd.
325
Ebd.
326
Durchaus ähnlich bestimmt die Inversion – Hamacher kritisierend, der allem An-
schein nach weniger gründlich als Celan gelesen worden ist – auch Joel Golb: Al-
legorie und Geschichte: Paul Celans Bahndämme, Wegränder, Ödplätze, Schutt.
In: Lesarten. Beiträge zum Werk Paul Celans. Hg. von Axel Gellhaus und Andreas
Lohr. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 1996, S. 81–117, hier S. 114ff. (Exkurs 3); nur
drollig ist die Idee, in der Unlesbarkeit von Schrift und Buch könne man – nach
dem Schema verdreht × verdreht = fast gerade – die Wahrheit doch noch finden
(vgl. Rolf Bücher: Welt-Buch bei Celan. In: »Der glühende Leertext«. Annäherun-
gen an Paul Celans Dichtung. Hg. von Christoph Jamme und Otto Pöggeler. Mün-
chen: Fink 1993, S. 113–125, S. 116ff., vor allem S. 118) ...
Peter Szondis Antwort 109

»Verse, in denen die Treue zum Verlorenen aufflammt«,327 hat sie immer und
immer wieder verfaßt, so schreibt auch Renate Wiggershaus. Dies gilt nicht
auf dem – ohnehin als thematisch bloß sekundären? – Terrain der Trauer,
sondern ist auch in der Liebeslyrik der Dichterin nachzuweisen:

Weil
du ein Mensch bist

weil
ein Mensch eine Muschel ist
die manchmal tönt

weil
du in mir tönst
als wär ich eine Muschel

weil
wir uns kennen
ohne Namen und Samen

weil
das Wort Welle ist

weil
du Wort und Welle bist

weil
wir strömen

weil
wir manchmal
zusammenströmen
328
Wort Welle Muschel Mensch

Das Gedicht entstammt der Zeit des schon erwähnten Bandes 36 Gerechte, es
wurde ein Jahr nach ihm, also 1968 verfaßt.329 Es läßt sich plausibel machen,
daß das Pendeln zwischen Wort und Welle in der Welle selbst seine Entspre-
chung hat – selbst wenn die zwischenmenschlichen Wellen nicht immer Sinus-

327
Renate Wiggershaus: Botschaften aus der Finsternis. Zum Tod der Lyrikerin Rose
Ausländer. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 5. Januar 1988.
328
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 73.
329
Zu diesem weniger produktiven Zeitraum – vgl. ebd., S. 309; zur Datierung der
Gedichte und zu den resultierenden Problemen bei Untersuchungen etwa zur stili-
stischen Entwicklung und Kontinuität – vgl. Rugart, Der Holocaust in der Lyrik
Rose Ausländers (Anm. 308), S. 212 u. Helmut Brauns Editorische Notiz in Aus-
länder, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 78), Bd 1, S. 349.
110 Dritter Teil

wellen sein mögen, selbst wenn Interferenzen bestehen, es gibt Indizien dafür,
daß in der Liebe jene Bewegung bestimmend ist, die an der Trauer (immerhin
um Geliebtes) wahrzunehmen war. Was vereitelt das Glück der Liebe, dem
schon das kleine Wort manchmal ein Schatten von unerträglicher Distanz ist?
Vor allem zwei Punkte laden ein, sich ins »Skandalon des Zirkels«330 zu be-
geben. Zum einen ist es das weil, das acht Male (den Titel eingerechnet) wie-
derkehrt und insofern als strukturierendes Element nicht leicht zu übergehen
ist. Immerhin macht es das ganze Poem zu einer Antwort, die sich zuletzt auf
vier Nomina zusammenzieht. Dahingestellt sei, wenn man schon konzediert, es
mag eine Frage sein, die am Beginn zu stehen hat, welche Frage es sei.331
Zum anderen kann man besehen, welche Dimensionen das Netz hat, das
Wort Welle Muschel Mensch aufspannen oder auch als Knoten der Vereini-
gung beschließen. Nur die zentral positionierten einzig exponierten Reimwör-
ter können mit dem Viergespann an Gewichtigkeit gewissermaßen konkurrie-
ren: Namen und Samen.
Beginnt man mit dem weil, so ist augenscheinlich, daß es einleitet, was als
Antwort typographisch abgesetzt folgt. Warum erfolgt diese Absetzung? Man
könnte von der Vorwegnahme jener Extraktion sprechen, die in der letzten Zeile
den Vers in ein Gestammel wandelt, worin die Frage unstellbar geworden ge-
schwunden ist.332 Jedenfalls ist es ein Ansatz von zwei Stimmen, der zu verneh-
men ist, in der monotonen Wiederholung des weil findet sich ein Ringen nach
Antwort, die in gewisser Weise nicht an dessen logisches Muster anschließt. Es
ist eine seltsame »Fast-Gleichzeitigkeit«,333 die das an eine Partitur gemahnende
Gedicht prägt. Neben der Begründung, die ansetzt, der aber nur teils entsprochen
wird, liegt »eine Kunst des ›Nicht-Wählens‹«,334 ein Finden zu einer eigenen
Grammatik – schon in der Anordnung des Versatzstückes weil alter Ordnung.

330
Szondi, Schriften (Anm. 276), Bd 5, S. 13; ein Skandalon: kommt man doch gera-
de zur Kenntnis der Verstehensbedingungen gerade nicht, weshalb der Zirkel ge-
wiß kein »Beruhigungsmittel« (ebd.) sein kann oder darf ...
331
»Warum Liebe?« (Wiggershaus, »Es war eine unendliche Sonnenfinsternis« [wie
Kap. 2, Anm. 66], S. 104; wortident (!) bei Helfrich, Rose Ausländer [wie Kap. 1,
Anm. 55], S. 145) – das wirkt in den Raum gestellt etwas dünn und ist noch keine
Interpretation ... Seltsam ist auch, daß diese Verse bei Helfrich ohne weitere Be-
gründung als Beschreibung der Jahre nach 1930 zitiert werden, was ja weder Wort
noch Leben nennenswert erhellt. – Vgl. Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1,
Anm. 55), S. 145; vgl. allerdings Gabriele Köhl: Rose Ausländers lyrische Land-
schaften. Darstellung der Heimatlosigkeit und Versuch ihrer Bewältigung. In:
Worte stark wie der Atem der Erde. Beiträge zu Leben und Werk der jüdischen
Dichterin Rose Ausländer (1901–1988). Hg. von Rainer Zimmer-Winkel. Trier:
Kulturverein AphorismA 1994 (Kleine Schriftenreihe, H. 9), S. 84–103, hier S. 84.
332
Zum Einzug verbindender Wörter – vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96),
Bd 2, S. 340.
333
Ebd., S. 351.
334
Hélène Cixous: Weiblichkeit in der Schrift. Übersetzt von Eva Duffner. Berlin:
Merve 1980 (Internationaler Merve Diskurs; 94), S. 20.
Peter Szondis Antwort 111

Die neue Sprache, eine neue Sprache der Liebe, die man mit Botticellis
Darstellung der Venus (klassisch: schaumgeboren – Άφρογένϵια) assoziieren
darf, entsteigt der Muschel, die ganz ohne Zweifel hier nicht am Rande steht.
Die tönende Muschel, die schon in Vorstufen des Gedichts, das sich ansonsten
erheblich wandelt, als Konstante findet,335 weist auf folgende Wege, die sich
im Gedicht auch verfolgen lassen und sie zu einem Fokus der Verse machen:
Neben dem Tier ist auf Hör- und Sprechmuschel zu verweisen, auf das Gehör
und auf die Sexualität, wobei an die Vagina und an sexuelle Leidenschaft glei-
chermaßen zu denken ist.336
Gehör und Eros entsprechen demnach in Schallwelle und Gefühlswallung –
Welle – Tönen und Strömen. Der Mensch, der fremd ist, wird zum Menschen,
dessen Vergehen Bedingung von Liebe und Gesang ist, da seine Fremdheit
niemals Eingang findet in die Sprache. Die Sprache, die von allem Akzidenti-
ellen, aller Resonanz rein halten soll, was darum in ihr auf ewig aufgehen
kann, scheitert, da sie verstummt und verstümmelt; in mehr als einem Sinne ist
»die Unsterblichkeit als Koma der Erzählungen«337 zu denken.
Als Affirmation des Mischens, was Preisgabe dessen zu bedeuten scheint,
woraus sich das Gedicht speist, verlassen die Worte den Duktus logischer Ver-
bindung und führen zu einer Intimität, für die nur der Klang, nur die Alliteration,
nur eine Transzendenz grammatischer Devianz einstehen. Ohne Begriff und
ohne (genealogische) Herleitung ist dieses Gedicht: ohne Namen und Samen.
Freilich müßte man überlegen, ob diese Konstellation so leicht auflösbar ist.
Bei Szondi heißt es:
Reimt Celan zusammenschmieden auf geschieden, so nähert er zwei signifiants, die
nicht nur verschiedene, sondern gegensätzliche signifiés haben (trennen-einen), ein-
ander an. Er drückt die Opposition mehr noch oder doch nicht minder als durch den
semantischen Gegensatz e contrario, durch die phonologische Fastidentität, die Pa-
338
ronomasie, aus.

Sollte gemäß dem Satz pater semper incertus mit Derrida hier auch eine Op-
position gelesen werden, der Samen als das verstanden werden, was gerade
nicht in Genealogien führt – sondern zum »Skandalon der Semiotik«,339 zur
Polysemie ...?340 Das Gedicht läßt – was man als Einwand formulieren könnte
– nicht klar werden, ob seine Achse seine Liebe gegen begriffliche Hierarchie
allein oder nicht doch auch gegen die Unverbindlichkeit der Streuung ab-
schirmen will.

335
Vgl. Ausländer, Rose Ausländer lesen (wie Kap. 2, Anm. 203), S. 186 u. 189.
336
Vgl. ebd., S. 190 – die Herausgeber konsultieren vor allem den Duden.
337
Bahr, Die Sprache des Gastes (wie Kap. 2, Anm. 7), S. 196.
338
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 338.
339
Ebd.
340
Vgl. ebd.
112 Dritter Teil

Klar dagegen ist das Programm des Gedichts: Sollte in der Tat die Frage,
die ihm vorausgeht, »Warum Liebe?«341 lauten, so verschwindet sie als gar
nicht sinnvoll stellbar und obskur in der Kaskade Wort Welle Muschel Mensch.
Nach der Betrachtung der Partitur, der ein gewisser Vorrang zugesprochen
werden kann,342 sei noch rasch auf die Art und Weise eingegangen, in der die
Dichterin Weil liest. Allgemein ist von einer schwebenden und dezenten Stimme
zu sprechen, die dem sehr viel Raum läßt, was gewöhnlich nur in der Diskretion
der Schrift zutage tritt.343 Sie ist »sonor[e], rollend[e], auch grollend[e]«.344 Das
Alternieren der Verse betont die Lyrikerin unauffällig; Pendel und Welle leben
in dieser Stimme. »Honig / von bitteren Bienen«345 schenken die Verse, wie es
im Gedicht Phönix heißt. Wort Welle Muschel Mensch beschließt ruhig und
unbefragbar die Verse. Wo in der Schrift der Rhythmus Wort und Mensch ver-
klammert, die an dem in der Mitte Stehenden (Welle Muschel) partizipieren
müssen, um wirklich Wort und Mensch zu sein, schummelt Rose Ausländer ge-
wissermaßen, sie setzt abschwächende Pausen, wo die Jamben gestört wären.346
Von hier will ich zu einem seltsamen Gedicht schreiten, das einem Denker
gewidmet ist, dessen Versuche in eine Richtung zielen, welche unvereinbar
scheint mit dem poetisch-poetologischen Programm der Rose Ausländer – und
doch ist belegt, daß die Dichterin früh als zentral für ihr Denken empfand, was
er vorbrachte. Dieses Dichters Name ist Spinoza, zu dem sie einst eine begei-
sterte Festschrift verfaßte, worin sie »den kalten, unpersönlichen Gott Spino-
zas«347 erwähnt, doch letztlich am strebenden Menschen Spinoza, der nicht

341
Wiggershaus, »Es war eine unendliche Sonnenfinsternis« (wie Kap. 2, Anm. 66),
S. 104 bzw. Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 55), S. 145.
342
Vollständigkeit und Beachtung der Besetzungsarrangements sind Bedingung an-
gemessener Rezeption im Bereiche der Musik (vgl. Adorno, Dissonanzen [wie
Kap. 1, Anm. 11], S. 28f. u. passim); hinzu kommt die Kenntnis der Partitur, eine
Zumutung, auf die Adorno nicht unelegant anspielt – vgl. ebd., S. 32.
343
Allenfalls Rezitationen mit Musikbegleitung kommt dies mit Einschränkungen zu
– vgl. Rose Ausländer: Es bleibt noch viel zu sagen. Rose Ausländer liest eigene
Gedichte. Köln: Rose Ausländer-Stiftung o. J., Nr 13.
344
Sigrid Süß: Heimat ohne Ende. Helmut Braun sprach über Rose Ausländer. In:
Rheinische Post, 6. Juni 1986.
345
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 222.
346
Vgl. Ausländer: Es bleibt noch viel zu sagen (Anm. 343), Nr 45; nebenbei sei er-
wähnt, daß von Interesse ist, wie der Wegfall der genannten Konnexe in einer Über-
setzung des Gedichts just ins klanglich diesem Poem sozusagen entsprechende Ita-
lienische unvermeidlich Schaden anrichtet – vgl. Giuseppe Farese: »Vaghiamo pei
viali del respiro ...« La poesia di Rose Ausländer e la tradizione ebraico-culturale
di Czernowitz. In: Ebrei e mitteleuropa. cultura – letteratura – società. Hg. von Lu-
cia Bonardi. Brescia: Shakespeare & Company 1984, S. 236–245, hier S. 245.
347
Rose Ausländer: Zur Spinoza-Festschrift. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben
und Werk. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag
1997 (Fischer-Taschenbücher; 6498 – Informationen und Materialien zur Litera-
tur), S. 58–60, hier S. 59.
Peter Szondis Antwort 113

bloß »als der Denker«348 von Interesse ist, Gefallen findet. Interessant ist hier-
bei die in einem Essay von Rose Ausländer ventilierte Negativität des Forma-
len an der Sprache – »Rhetorik [...] als die bloß äußere Form der Rede, ohne
philosophisches Rückgrat und ethischen Gehalt«349 droht, wo es in den Vor-
dergrund tritt, so meint die Dichterin 1920.
Wie ist der Wohlgefallen an begrifflicher Innerlichkeit zu erklären? Immer-
hin ist in einem Zeitungsartikel zur Lyrikerin – obzwar unter Anführungszei-
chen gesetzt – von »Philosophiehörigkeit«350 die Rede.351 An diesem Punkt sei
zitiert, was nicht geringe Spannungen bietet:

Spinoza II

Mein Heiliger
heißt Benedikt

Er hat
das Weltall
klargeschliffen

Unendlicher Kristall
aus dessen Herz
352
das Licht dringt

so schreibt Rose Ausländer 1979 im Band Ein Stück weiter. Es braucht nicht
allzu große Belesenheit, um zu sehen, daß die Beschäftigung des Linsenschlei-
fers Spinoza zur Metapher einer Philosophie wird, die klarschleifen will, wo
Unklares ist. Dieses Spiel hat die Dichterin schon früher getrieben: Vom »Mei-

348
Ebd.
349
Rose Ausländer: Phaidros. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk.
Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1997 (Fi-
scher-Taschenbücher; 6498 – Informationen und Materialien zur Literatur), S. 37–
57, hier S. 50 (ein grammatischer Fehler wurde verbessert – M. H.).
350
Helmut Braun: Rose Ausländer in Czernowitz und New York. In: Ich fliege auf der
Luftschaukel Europa – Amerika – Europa. Rose Ausländer in Czernowitz und New
York. Hg. von der Rose-Ausländer-Gesellschaft. Üxheim/Eifel: Rose-Ausländer-
Dokumentationszentrum 1994 (Schriftenreihe der Rose-Ausländer-Gesellschaft;
3), S. 117–141, hier S. 122.
351
Vgl. auch Hans Bender: Eisrosen im Gettofenster. Zum Tode der Lyrikerin Rose
Ausländer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr 3, 5. Januar 1988, S. 17; einen
Überblick zur philosophischen Struktur im Œuvre Rose Ausländers bietet in sei-
nem Essay Gerhard Reiter: Das Eine und das Einzelne. Zur philosophischen Struk-
tur der Lyrik Rose Ausländers. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und
Werk. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1997
(Fischer-Taschenbücher; 6498 – Informationen und Materialien zur Literatur),
S. 154–197, hier S. 154ff., vor allem S. 170ff.
352
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 392), Bd 5, S. 263.
114 Dritter Teil

ster«353 schreibt sie, »der sein Werk so klar und rein / geschliffen hat wie einen
Edelstein«,354 wobei der unbedarft gebrauchte Endreim allein verrät, daß diese
Verse früher entstanden sind ...355 Und das Motiv findet sich auch andernorts,
fern von Spinoza ist etwa vom »neugeschliffenen Weltall«356 die Rede.
Ist es aber, so muß man fragen, tatsächlich eine glückliche Idee, Spinoza als
einen zu porträtieren, der das Weltall klargeschliffen hat? Und welcher Gestalt
ist eine Lyrik, die dieser Idee auch selbst folgt? Zunächst ist zu bemerken, daß
»der V e r s t a n d [...] g e r e i n i g t«357 werden soll, wenn man Spinozas Wor-
ten aus der Abhandlung über die Läuterung des Verstandes folgt. Das heißt,
daß für uns klargeschliffen worden sein müßte, was an sich als trüb, allgemein
unzulänglich nicht zu denken ist, da dies nicht zuletzt dem Gottesbegriff Spi-
nozas zuwiderliefe. Vollkommenheit besteht im Verhältnis von Tätigkeit und
Leiden (»eo magis agit & minus patitur«358) sowie »Realität«,359 was ange-
sichts der Unteilbarkeit der Substanz (es ist »nulla[m] substantia[m] [...] divi-
sibil[em](is)«360) und dem Schluß, außer Gott könne es also keine Substanz
geben,361 zu Problemen führte, würde nun negiert, daß die Attribute dieser
bestehen und zu begreifen sind.362 Bekannt ist das Zitat »omnis determinatio
est negatio«,363 das Vorsicht einmahnt, wenn nun das Weltall unklar sein und
dem Leiden – dem Schleifen – ausgesetzt werden soll, mag auch die Idee der
Existenz im Wesen dessen nicht eingeschlossen sein, was Gott geschaffen
hat.364 Unsere Macht (jedenfalls jene unseres Denkens) ist gering.365
Daß das Sein ist – bei Spinoza: daß die Substanz ist –, das ist für ihn nicht nur ein
Gedanke [...], sondern sogleich der überwältigende, alles umgreifende, unendlich er-
366
füllte Gottesgedanke.

353
Ebd. (wie Kap. 1, Anm. 78), Bd 1, S. 294.
354
Ebd.
355
Allerdings ist eine genaue Datierung des unveröffentlichten Gedichts nicht leicht
zu bewerkstelligen – vgl. ebd., S. 371.
356
Ebd. (Anm. 291), Bd 2, S. 269.
357
Benedictus de Spinoza: Die Ethik. Lateinisch und Deutsch. Übersetzt von Jakob
Stern und Irmgard Rauthe-Welsch. Stuttgart: Reclam 1977 (Universal-Bibliothek;
8519), S. 315; vgl. auch Weißenberger, Paul Celans hermetische Dichtung – im-
manente Transzendenz eines extremen Weltbezugs (Anm. 229), S. 1321.
358
Spinoza, Die Ethik (Anm. 357), V, Lehrs. 40, S. 692.
359
Ebd., II, Def. 6, S. 113 – »Per realitatem, & perfectionem idem intellego« – ebd.,
II, Def. 6, S. 112.
360
Ebd., I, Lehrs. 13 – Zus., S. 32.
361
Vgl. ebd., I, Lehrs. 14, S. 32.
362
Vgl. ebd., I, Lehrs. 9f., S. 20.
363
Ebd., S. 743 (Anm.) – dort wird auch auf den problematischen Satz eingegangen –
vgl. ebd. (Anm.).
364
Vgl. ebd., I, Lehrs. 24, S. 64.
365
Vgl. ebd., IV, Lehrs. 3, S. 451.
366
Karl Jaspers: Spinoza. 2. Aufl., München, Zürich: Piper 1986 (Serie Piper; 172),
S. 15.
Peter Szondis Antwort 115

Also wird der Verstand geschliffen:


Quicquid est, in Deo est, & nihil sine Deus esse, neque concipi potest.367

Nach diesem Exkurs erscheint, was Rose Ausländer schreibt, in bereits ande-
rem Lichte. Ins Wort ist also die Klärung gedrungen, das sich ordine geometri-
co entwickelt.368 Nicht zufällig wählt die Dichterin wohl die Anrede Benedikt:
Das Sagen und sein Glücken sind in ihm zur Assoziation gegeben.
Wie sind die Verse des Poems verbunden, welchem Bauplan folgen die
Worte? Lautlich basiert der Text auf einem Teil, in dem e und i vorherrschen,
dem ein Teil mit e und a folgt; im letzten Abschnitt werden diese Vokale ge-
mischt, hinzu kommt ein einzelnes u, das auf einer rhythmischen Unregelmä-
ßigkeit liegt, da die Betonungen ansonsten alternierend gesetzt sind.
Die Achse des Gedichts liegt, wenn man von der Einbeziehung der Über-
schrift absieht, im Leeren, doch auch so ist das leicht neben der Achse liegende
Weltall betont – während sonst kaum ein Wort präzise Assonanz an ein zwei-
tes ist, entspricht ihm (trotz anderer Betonung) der Kristall. Gerade darum
wäre es vielleicht zu fragen, ob dessen Betonung nicht anders, nämlich analog
zu Weltall lautend ein Christ-All evoziere. Freilich wäre diese Behauptung am
Rande oder jenseits des Seriösen, zumal sie das nicht einfach zu übergehende
Judentum der Dichterin vergäße ...369
Immerhin läßt die Nähe ahnen, daß seit Spinoza das eine zum anderen ge-
worden ist, für uns erst ins Sein getreten zu sein scheint.370 Auch der Stern als
absentes Bindeglied aus der Kabbala – Bild etwa der Krone371 – wäre zu be-
denken.372
Das [...] Gestirn [...] betrifft das Geheimnis des Obersten Quells, welcher der Quell
des Wollens ist, [...] von wo die Wasser des Wollens und des Willens herabtriefen.
373
Das ist das »Gestirn«, von dem alle Dinge abhängen, selbst eine Thora-Rolle.

367
Spinoza, Die Ethik (Anm. 357), I, Lehrs. 15, S. 34.
368
Vgl. ebd., S. 3.
369
Vgl. hierzu Sabine Brandt: Wohnen im Wort. Dreihundert Seiten Gottesdienst: Eine
Biographie zu Rose Ausländer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. November
1995, S. 42.
370
Vgl. Spinoza, Die Ethik (Anm. 357), I, Lehrs. 14, S. 32.
371
Vgl. Johann Maier: Die Kabbalah. Einführung. Klassische Texte. Erläuterungen.
München: Beck 1995, S. 134.
372
Der Stern tritt bei Rose Ausländer in unzähligen Komposita auf – vgl. Paul Konrad
Kurz: »Ich Überlebende des Grauens schreibe aus Worten Leben«. Rose Auslän-
ders letzter Gedichtband. In: Süddeutsche Zeitung, Nr 26, 1. Februar 1989, S. 36;
Hinck, Genug Herz verschleudert (Anm. 298); Baleanu: Das Rätsel Rose Auslän-
der (Anm. 185), S. 340ff.; Kristensson, Identitätssuche in Rose Ausländers Spätly-
rik (wie Kap. 1, Anm. 50), S. 71.
373
Maier, Die Kabbalah (Anm. 371), S. 177; vgl. auch ebd., S. 289, 291 u. 364f.
sowie Papus, Die Kabbala (Anm. 288), S. 77.
116 Dritter Teil

Dann aber zaudert, wer Celans Werk kennt, beim so raschen Schreiten zum heil-
vollen Kristall. In Celans Engführung ist bekanntlich gerade hierin ein Schei-
tern angelegt, wie so oft Schreiten und Scheitern (immerhin Anagramme) bei
ihm ineinander übergehen. Nach dem Zerfall noch des »Partikelgestöber[s]«374
zu »Par- / tikelgestöber«375 ersteht bei ihm eine neue Welt:

Welt, ein Tausendkristall,


schoß an, schoß an.
*
Schoß an, schoß an.
Dann –

Nächte entmischt. Kreise,


grün oder blau, rote
Quadrate: die
Welt setzt ihr Innerstes ein
im Spiel mit den neuen
Stunden. – Kreise,
rot oder schwarz, helle
Quadrate, kein
Flugschatten,
kein Meßtisch, keine
376
Rauchseele steigt und spielt mit.

Diese Genesis trügt, wie ich mit einem Blick auf Szondi darzulegen gedenke;
erst nach einigem Raum und einem – nicht dem letzten – zersplitterten »Ho,
ho- / sianna«377 folgt ein Licht, das in der Tat Hoffnung trägt:

Ein
Stern
hat wohl noch Licht.
Nichts,
378
nichts ist verloren.

Von dieser Genesis zu ihrem Abschluß kommt es in hohem – forciertem, wie


sich zeigen sollte – Tempo; auch entfaltet sich, womit »die Progression ab-
geschlossen ist«,379 eine »wiedergefundene[n]«, »eigene[n] Zeitdimension«.380
Freilich fragt sich, so das Gedicht nicht völlig abgeschottet in Schönheit
schwelgt, was diese Zeit auszeichne, was die Existenz, den harten Stein, das
374
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 200.
375
Ebd., S. 201.
376
Ebd., S. 202f.
377
Ebd., S. 203.
378
Ebd., S. 204.
379
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 372.
380
Ebd.
Peter Szondis Antwort 117

trockene Auge abhebe von der Ohnmacht ihrer Gegenüber. Der Wechsel in
»geometrische Elemente«381 ist da zunächst in jener Strophe, die die zu geben-
de Antwort verspricht, zu konstatieren. Das Gestöber endet, Ordnung – »ur-
sprüngliche«?382 – kehrt wieder ein.
»Ambiguitäten und Polysemien«383 schleichen sich in den Text und seine
»Sprache, in der der Dichter den Wörtern die Initiative überläßt«,384 ein; die
Welt, ein Tausendkristall, / schoß an, schoß an – die Assoziation des später er-
scheinenden »Kugelfang[s]«385 macht martialische Konnotate unvermeidbar.386
Die schon angesprochene Zeitlichkeit wird in der Folge affirmiert »im Spiel
mit den neuen / Stunden«,387 das zunächst verunmöglicht schien.388
Ein Kennzeichen des Neuen ist eine Art Reinheit, »Entmischung«;389 auch
ist da dreifache Negation: »Flugschatten«, »Meßtisch«, »Rauchseele«390 sind
getilgt, was nicht zuletzt als »Leere«391 interpretierbar ist, mag auch das Ge-
tilgte – ohne die Dunkelheit dessen zu ignorieren, was plötzlich fehlt – einer
Sphäre des Grauens angehören.392

381
Ebd., S. 373.
382
Ebd.
383
Ebd.
384
Ebd., S. 374; vgl. Hendrik Birus: Celan – wörtlich. In: Paul Celan: »Atemwende«
Materialien. Hg. von Gerhard Buhr und Roland Reuß, Würzburg: Königshausen &
Neumann 1991, S. 125–166, hier. S. 153.
385
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 203.
386
Vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 374; ist auch ans T a u-
s e n d jährige Reich zu denken?
387
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 202.
388
Vgl. ebd., S. 197 und Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 374.
389
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 375; vgl. Celan, Gesammelte
Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 202; ein interessanter Ver-
gleich mit Zbigniew Herbert, der gleichfalls den Kiesel als rein charakterisiert,
doch einen gänzlich anderen Weg einschlägt, böte sich an (vgl. Zbigniew Herbert:
Inschrift. Gedichte. Übersetzt von Karl Dedecius. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1973
(Bibliothek Suhrkamp; 384), S. 16).
390
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 203.
391
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 375 – oder sogar »Mangel« (ebd.).
392
»Vermessen, entmessen, verortet, entwortet« (Celan, Gesammelte Werke in fünf
Bänden [wie Kap. 2, Anm. 43], Bd 1, S. 123); dies wäre Ausdruck »eines Befreiens
von negativen Formen äußerlicher Erfassung und Markierung (man denke z. B. an
die »Vermessung« der Juden vom Judenstern bis zur KZ-Nummer).« Menninghaus,
Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 189), S. 66. Ob man, wie Menninghaus es will, nicht
nur entmessen und entworten zusammenrücken, sondern auch verortet hinzurechnen
soll, »im Sinne der Überwindung einer [...] arbiträr-instrumentellen Sprachlichkeit«
(ebd.), wie der Interpret hinzufügt, sei dahingestellt. Die Verlockung, einen Paralle-
lismus zu sehen, der Vermessung und Verortung zusammenrückt, ist nicht weniger
begründet. Es sei an Foucaults Charakteristik erotischer Betrachtungsweise erinnert:
»Es handelt sich um ein Vervielfältigen und Knospentreiben des Körpers, um eine
gewissermaßen autonome Steigerung seiner kleinsten Partien, der geringsten Mög-
lichkeiten eines seiner Bruchstücke. Dabei vollzieht sich eine Anarchisierung des
118 Dritter Teil

Zur Ungenauigkeit bemerkt Szondi, sie sei – anders als jene zu Beginn des
Gedichts – frei von vorausgesetzter Kenntnis; es »findet sich kein Hinweis
dafür, daß der Leser genau wissen müsse, worum es sich handelt«.393 Darum
gilt, daß »die Rücksicht auf die Präzision Zurückhaltung gebietet«,394 weshalb
sich Szondi lediglich dazu durchringt, den »Akzent [...] auf der Negation«395
zu betonen und daraus über diese kühne, neue Welt zu folgern:
Es fehlt ihr vielleicht etwas Wesentliches.396

In der Rückkehr zu den Wörtern Flugschatten und Rauchseele eröffnet Szondi


in der Folge die Frage, wie die Mehrdeutigkeit beschaffen sei, welche Celans
Komposita auszeichnet. Nicht allein sind hier Wörter gegeben, die auf mehrere
Bedeutungen verweisen, es werden weiters die so begonnen Begriffsketten in
die Dynamik miteinbezogen; »es geht also nicht um einfache Polysemie«.397
Eher wäre von einer »Selbstsubversion der Signifikantenbildung«398 zu spre-
chen, die Celan in Gang setzt oder sich in Gang setzen läßt, deren Latenz und
Weiterwirken von eigenen Gesetzen bestimmt werden.
Adornos Wendung »der intentionslosen Sprache«399 ist die Ahnung dieser Ei-
genbewegung, welche die Begriffe nicht unbehelligt beläßt, beigemengt, ob-
gleich diese erst bei Derrida quasi ungebremst entwickelt wird. Szondi, der
sich und Adorno unter »die destruktiven Dialektiker«400 rechnet, verweist hier
jedenfalls auf Derridas Denken, wendet sich also von einer Konzeption ab, in

Körpers, in der die Hierarchien, die Verortungen und Benennungen [...] in Auflösung
begriffen sind.« (Michel Foucault: Von der Freundschaft als Lebensweise. Übersetzt
von Marianne Karbe und Walter Seitter. Berlin: Merve o. J. [Internationaler Merve
Diskurs; 121], S. 62, Hervorhebung M. H.) In diesem Zusammenhang sei auf die
Photographien Gilles Cohens verwiesen: »Es gab keinen Namen mehr, es gab nur
noch dies eine: nur eine Nummer.« (Gilles Cohen: N°. Les matricules tatoues des
camps d’Auschwitz-Birkenau. Übersetzt von Arno Gisinger. In: Eikon. Internationale
Zeitschrift für Photographie und Medienkunst (1995), H. 14/15: Darstellung des Un-
vorstellbaren, S. 69–72, hier S. 71; vgl. ebd., S. 70ff.) Die Entwortung – gipfelnd in
der höchst expressiven »Wortruine« (Menninghaus, Paul Celan [wie Kap. 1, Anm.
189], S. 66) »entwo« (Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden [wie Kap. 1, Anm.
174], Bd 2, S. 123) – wäre also Antwort auf den »Meßtisch« (Celan, Gesammelte
Werke in fünf Bänden [wie Kap. 2, Anm. 43], Bd 1, S. 203), ohne freilich das Ver-
gessen desselben zu beinhalten oder gar zu intendieren.
393
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 375; vgl. Celan, Gesammelte
Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 167: »Dieser Sprache geht
es, bei aller Vielstelligkeit des Ausdrucks, um Präzision.«
394
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 376.
395
Ebd.
396
Ebd.
397
Ebd.
398
Menke, Die Souveränität der Kunst (wie Kap. 2, Anm. 26), S. 65.
399
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 274; vgl. ebd.: »jedes
Kunstwerk ist ein System von Unvereinbarkeit.«
400
Szondi, Schriften (Anm. 276), Bd 5, S. 305.
Peter Szondis Antwort 119

welcher die Mehrdeutigkeit bloß ornamentaler Natur wäre, aber auch von jener
Konzeption, die in der Vielfalt der Sinnstiftungen eine Herausforderung der
Begriffskonstruktionen sähe, diese Begriffssysteme jedoch nicht wiederum ins
Spiel miteinbezöge, vielleicht anfräße, sicherlich wandeln müßte.401
In »der Kondensierung von Syntagmen«402 also ist eine Mehrdeutigkeit ent-
wickelt, die mehr als das elegante Spiel mit einer endlichen Zahl von Bedeu-
tungen nach sich zieht.403
Die Sprache ist nur insofern das, was sie ist, nämlich Sprache, als sie die Polysemie
unter Kontrolle bringen und analysieren kann. Restlos. Eine nicht kontrollierbare
Streuung (dissémination) ist nicht einmal eine Polysemie, sie gehört dem Außerhalb
der Sprache an. [...] Jedes Mal, wenn die Polysemie irreduzibel ist, wenn eine Sinn-
einheit ihr nicht einmal in Aussicht gestellt ist, befindet man sich außerhalb der
404
Sprache. Infolgedessen außerhalb des Menschlichen.

So »sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen.«405 Derart ist beispiels-
weise Rauchseele die »zu Rauch gewordene Seele«406 ebenso wie »Seele des
Rauchs«;407 die Konzentration aufs Wort vor linearer Ausdeutung gewinnt an
Gewicht, obschon das Verfolgen der verschiedenen Wege erst die Kräfte der
rückwirkenden und entbundenen Polysemie freisetzt.
Der umrissenen Welt der Engführung fehlt all das. Kreis und Quadrat blei-
ben Kreis und Quadrat:
Diese Welt ist zu rein.408

Kann dies für das Gedicht von Rose Ausländer nicht gelten? Fehlt hier nicht
die Stimme, die zugleich resonierend stört?409 Was überspannen Worte, die
sich der Welt aussetzen, aber auch die Welt zum Aussetzen bringen?

A dead name I write


410
To bridge a lull.

Den toten Namen schreibe ich


411
Stille zu überspannen.

401
Vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 377 (Anm.).
402
Ebd., S. 377.
403
Szondi schreibt »von den (zwei oder mehr) Elementen des Wortes« (ebd.); vgl.
Derrida, Randgänge der Philosophie (Anm. 66), S. 238f.
404
Ebd., S. 239.
405
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 26.
406
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 377.
407
Ebd.
408
Ebd.; zu Szondis Lektüre der Engführung und Einwänden anderer Interpreten –
vgl. Hainz, Masken der Mehrdeutigkeit (wie Kap. 2, Anm. 226).
409
Zum Ruach als solche Instanz – vgl. Papus, Die Kabbala (Anm. 288), S. 140.
410
Michael Hamburger: Todesgedichte. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Peter
Waterhouse. Wien, Bozen: folio 1998 (Transfer Europa; XVII), S. 10.
411
Ebd., S. 11.
120 Dritter Teil

Vielleicht ist die Übertragung der Verse Michael Hamburgers von Peter Wa-
terhouse, indem sie auch eine Erhöhung der Spannung mitdenken läßt – der tote
Name ist ja nichts, das Sinn stiftete, Licht spenden könnte – abgründiger als das
Original. Man könnte auch auf einen poetologischen »Einschub«412 verweisen,
wiewohl die darin vorgeschlagene Lektüre sich hier nicht aufdrängt:
»spannen« – Imperfekt des Verbums spinnen und zugleich Präsens des [...] Verbums
spannen; Vergangenheit und Gegenwart zugleich, aber im unscheinbarsten Splitter,
413
in einer lautlichen Beiläufigkeit, Mini-Übersetzung.

Es geht bei Rose Ausländer, zu der ich damit zurückkehre, wiewohl ich sie
nicht verlassen zu haben glaube, in der Tat ums Unendliche, dessen lautliche
Sonderstellung in Spinoza II schon angesprochen wurde. Dieses Unendliche
liegt in infiniter Brechung, was auch die Klarheit nun betrifft; von einem klar-
geschliffenen Weltall war bei Rose Ausländer die Rede, vom unendlichen Kri-
stall, aus dessen Herz das Licht dringt. Klar liegt offen, so könnte man sagen,
daß jenes Glas, das zunächst einen speculum mundi ahnen ließ, in Wahrheit
genau dieses Modell widerlegt. Klar liegt offen, daß Spannung Residuum dessen
ist, was vielleicht nicht Wahrheit, doch Memento derselben ist. In der nicht
unterschlagenen, sondern ausgetragenen »Spannung [...] gedeiht die Wahrheit
des Ausdrucks«.414
Will man noch vom Kristall sprechen, so ist es einer, der dem Diffusen und
Komplexen Rechnung trägt, also – ohne die Lüge von Spiegelebenen oder
Rotationsebenen – in Auflösung gerät; sein Kristallgitter wäre das Gitter des
Rhizoms. In »den Eingeweiden der Wurzeln / Dämonen brauen / Lethetrank /
mächtig / im Vergessen«,415 schreibt Rose Ausländer. Auflösung der Erinne-
rung und Erinnerung selbst sind zur Einheit verschmolzen, eine Emulsion von
Ordnung und Geordnetem wird evoziert. Von Celan zu Leben erweckt ist der
»Gedankenkäfer«,416 ein »schwarzblaue[s]«417 Tierchen, das in diesem Milieu,
diesem Bio- oder Nekrotop haust. Er krabbelt hier eigenwillig und beharrlich
seiner eigenen Wege. »Der Käfer klettert unermüdlich-emsig«418 und bahnt
sich seinen Weg. Ich denke bei diesem Wesen an den Buchdrucker, Ips typo-
graphus, der seine Pfade dem Auge in mehr oder minder regelmäßigen Gän-
gen offenlegt. Diese geben ihrer Schriftähnlichkeit wegen dem Insekt seinen

412
Waterhouse, Die Geheimnislosigkeit (Anm. 291), S. 58.
413
Ebd.
414
Theodor W. Adorno: Drei Studien zu Hegel. Hg. von Gretel Adorno und Rolf Tie-
demann. 4. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991 (Suhrkamp-Taschenbuch Wis-
senschaft; 110), S. 98.
415
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 17.
416
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 46.
417
Ebd.
418
Joachim Ringleben: »Engholztag«. In: Paul Celan: »Atemwende«. Materialien. Hg.
von Gerhard Buhr und Roland Reuß. Würzburg: Königshausen & Neumann 1991,
S. 73–83, hier S.77.
Peter Szondis Antwort 121

Namen. Der Gedankenkäfer ist ein possierliches Tierchen mit subversiven Ten-
denzen; er schreibt, seine Gänge aber bilden rhizomatische Strukturen, welche
sich, während der seltsame Sechsbeiner sich grübelnd weiterbohrt, entwickeln –
kein Netz-Bauplan geht dem Treiben des blanken, düsteren Denkers voraus, die
Muster werden, wo sie entstehen, alsbald durch neue Linien widerrufen.
Was ist das damit zweifach angesprochene Rhizom? Deleuze und Guattari, die
es zur Beschreibung jener Strukturen, die weder »der Ariadne-Faden [...] [ihrer]
selbst«419 sind, noch als »barock-manieristische[s] Labyrinth, [...] eine Art Baum,
ein Gebilde mit zahlreichen Ästen und Zweigen aus toten Seitengängen«420
beschreibbar wären, heranziehen, charakterisieren es, das zunächst das Gestrüpp
der Wurzelknolle benennt, als Abkehr vom »Nebenwurzel-Chaosmos«,421 als
Wendung zu »Mannigfaltigkeiten [...] und Segmentaritäten«.422
Das Rhizom ist durch das »Prinzip der Konnexion und der Heterogenität«423
bestimmt – falls es klug ist, hier von Prinzipien zu sprechen. Hinzu kommt das
»Prinzip der Mannigfaltigkeit: [...] Mannigfaltigkeiten sind rhizomatisch und
entlarven die Pseudo-Mannigfaltigkeit der Bäume«.424 Auch ist das Rhizom
nicht in Strukturen auflös- und gliederbar, sondern durch das »Prinzip des
asignifikanten Bruchs«425 bei aller Sinnfälligkeit mittels »Deterritorialisierungs-
linien«426 vor der Dominanz der »Segmentierungslinien«427 bewahrt, was an
die Einschreibung und die daraus folgenden Verschiebungen der des Punkts
verlustig gegangenen Logik bei Derrida erinnert.
Insofern gilt:
Das Rhizom ist eine Art Anti-Genealogie.428

Nicht Kopien können im Rhizom gemacht werden, doch besteht die Möglich-
keit »der Kartographie«,429 obgleich die Karten in der Schaffung des Rhizoms
entstanden und ständigen Permutationen unterzogen nicht in eine Meta-Ebene
auszulagern sind; hingegen gilt für den Baum, daß er »immer wieder das Man-
nigfaltige imitiert«,430 wiederholt sich doch im Kleinen das Große, was Karto-
graphie der Redundanz wegen zur Karikatur ihrer selbst machte.
419
Umberto Eco: Nachschrift zum »Namen der Rose«. Übersetzt von Burkhart Kroe-
ber. 8. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1987 (dtv; 10552), S. 65.
420
Ebd.
421
Gilles Deleuze / Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie.
Übersetzt von Gabriele Ricke und Ronald Voullié. Hg. von Günther Rösch. Berlin:
Merve 1992, S. 15.
422
Ebd., S. 13.
423
Ebd., S. 16.
424
Ebd., S. 17f.
425
Ebd., S. 19.
426
Ebd.
427
Ebd.
428
Ebd., S. 21.
429
Ebd., S. 23.
430
Ebd., S. 28.
122 Dritter Teil

Ein Rhizom hat weder Anfang noch Ende, es ist immer in der Mitte [...], ein Zwi-
431
schenstück, Intermezzo.

Als Textur ist ihm der ausständige Abschluß ins Herz, in »die futuristische
Partizipialkonstruktion des »text-urus««432 eingeschrieben ... Foucault hat dem
Denken von Deleuze – bezogen auf Différence et répétition – folgende »Fa-
bel«433 gewidmet:
Ariadne war es müde, auf Theseus’ Wiederkehr aus dem Labyrinth zu warten [...].
Ariadne hat sich erhängt. An der aus Identität, Erinnerung und Wiedererkennung
verliebt geflochtenen Schnur dreht sich ihr Körper nachdenklich um sich selber. Der
Faden ist gerissen, und Theseus kommt nicht wieder. Er rennt und rast, taumelt
durch Gänge, Tunnel, Keller, Höhlen, Kreuzwege, Abgründe [...].
Er bewegt sich nicht in der gelehrten Geometrie des wohlzentrierten Labyrinths –
sondern treibt einen abschüssigen Steilhang entlang. [...]
Der berühmte und so fest gedachte Faden ist zerrissen; Ariadne ist verlassen wor-
den, ehe man es glauben mochte. Und die ganze Geschichte des abendländischen
434
Denkens ist neu zu schreiben.

Das Rhizom scheint dem Wort »netznervig[em]«435 fast zuzugehören – auch in


Celans Gedicht ist Leere (sogar wörtlich!) zu entdecken.436 Und doch hat der
Gedankenkäfer, der den »Urnenwesen«437 verbunden zu sein scheint, Sinnes-
organe, die ihm einen Weg – trotz »[t]ierblütige[r] Worte [...] vor seine[n]
Fühler[n]«438 – weisen. Gelangt er auch nicht zu »einem letzten Signifikat«,439
was nicht nur auf Deleuze, sondern auch und vor allem Derrida weist, der »ein
System von Wurzeln: und zwar ein solches, das zugleich den Begriff des Sy-
stems und den der Wurzel streicht«,440 [be]schreibt, ist er also doch nicht in
einem sinnlosen, sein Gekrabbel zur absurden Operation machenden Laby-
rinth, wobei die unabsehbaren Strukturen desselben auf seinen Wegen freilich
erst entstehen.

431
Ebd., S. 41.
432
Aage A. Hansen-Löve: Entfaltungen der Gewebe-Metapher. Mandelstam-Texturen.
In: Der Prokurist, Nr 16/17, 1996/99: Anschaulichkeit | Bildlichkeit, S. 71–151,
hier S. 79.
433
Michel Foucault: Der Ariadnefaden ist gerissen. Übersetzt von Walter Seitter. In:
Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Hg. von
Karlheinz Barck u. a. 5. Aufl., Leipzig: Reclam 1993 (Reclam-Bibliothek; 1352),
S. 406–410, hier S. 406.
434
Ebd.
435
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 46.
436
Vgl. ebd.
437
Ebd., S. 59.
438
Ebd., S. 46.
439
Sarah Kofman: Derrida lesen. Übersetzt von Monika Buchgeister und Hans-Walter
Schmidt. Hg. von Peter Engelmann. Wien: Passagen/Böhlau 1988 (Edition Passagen;
14), S. 113.
440
Ebd., S. 47.
Peter Szondis Antwort 123

Wenn Deleuze und Guattari nur die »Konjunktion ›und ... und ... und ...‹«441
im Rhizom sehen wollen, ist das wohl überzogen, ein Umschlagen ins Dogma-
tische zudem; es ist nicht abwegig, auf die wohlbegründeten Einwände gegen
die Dominanz gerade dieser Konjunktion bei Anders oder auch Sloterdijk zu
verweisen.442 Von der »Totalsynthese – freilich auf dem Nullpunkt der Intelli-
genz, in Gestalt einer Totaladdition«443 – ist dort die Rede. Doch ist es der
Literatur, zu der ich hier zurückkehre, als »Gefüge«444 sicher eigen, »das Verb
›sein‹ zu erschüttern und zu entwurzeln«.445
Deshalb hat ein Buch auch kein Objekt.446

Celans Lyrik ist also, so wäre zu folgern, eine des desintegrierenden Gedan-
kenkäfertums; dieser »Käfer im Farn«447 hat quasi ein »Unstetes Herz«448 und
macht sich aufs Brett in der Vitrine des Insektenforschers gespießt und fixiert
nicht gut. Und nicht anders verhält es sich mit Rose Ausländers Lyrik, wie-
wohl in ihrem Bestiarium gerade Insekten eher mit Utopien unter negativem
Vorzeichen (»Manhattan«449) in Beziehung gesetzt sind – als geometrischer
Alptraum mechanischer Sklaverei.450
Anders zu sein freilich wäre dann gerade die Quintessenz, die Aberrationen
der Metaphysik zwingen zum Blick auf jenes Kippbild, worin Metaphysik und
Cogito einander gegenübergestellt sind, das Ich oder sein Schatten ruht. Aber-
ration ist bis in den Namen gedrungen, auf den noch einzugehen ist.451 Wenn
das rechte Wort zum kristallenen Kosmos von Licht führt, der zeigt, daß freilich
gar nichts an seinem Platze ist, so ist zu fragen, wie das Ich beschaffen ist, worin
die Stimme ihren Ursprung hat. Mein Heiliger / heißt Benedikt – wessen Heili-
ger, so lautet die Frage an die autobiographischen Poeme der Lyrikerin, ist er?
Es ist ein Ich, das – trotz der »wohlwollende[n] Warnung vor künstlerischen
Exzessen«452 und der diesen schrecklichen Warnungen folgenden Beschwich-

441
Deleuze / Guattari, Tausend Plateaus (Anm. 421), S. 41.
442
Vgl. Günther Anders: Mensch ohne Welt. Schriften zur Kunst und Literatur. Mün-
chen: Verlag C. H. Beck 1984, S. XXV u. Sloterdijk, Kritik der zynischen Ver-
nunft (wie Kap. 2, Anm. 2), Bd 2, S. 571.
443
Ebd., S. 570f.
444
Deleuze / Guattari, Tausend Plateaus (Anm. 421), S. 13.
445
Ebd., S. 41.
446
Ebd., S. 13.
447
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 71.
448
Ebd.; »Am Ufer / wandelt vermummt der Gedanke und lauscht: / denn nichts / tritt
hervor in eigner Gestalt, / und das Wort, das über dir glänzt, / glaubt an den Käfer
im Farn.« (Ebd.)
449
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 99), Bd 2, S. 244.
450
Vgl. etwa ebd. (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 166 oder (wie Kap. 2, Anm. 99),
Bd 2, S. 244; zum »Böse[n] ohne Schuld [...] am Ort des Insekts« – Strasser, Jour-
nal der letzten Dinge (wie Kap. 2, Anm. 90), S. 67.
451
Vgl. auch Lehmann, Dunkle Sappho aus der Bukowina (Anm. 315).
452
Adorno, Dissonanzen (wie Kap. 1, Anm. 11) S. 66.
124 Dritter Teil

tigungen, die Lyrik etwa einer Rose Ausländer sei durchaus leicht zu lesen453 –
den Exzeß sucht, insofern es herausschreiten will:
Schreiben ist für Rose Ausländer auch transzendierende Geburtsarbeit.454

Ihre Geburten sind nicht leicht; wer dies meint und allzu leicht vom Dialogi-
schen spricht, was meint, hier sprudle der Sinn ungehemmt von Form hervor,
der irrt – auch wenn es andererseits ebenso falsch wäre, nicht zu sehen, daß
das, was an den Versen liegt, die Form bedingt. Darum ist auch die Kritik, die
Dichterin schreibe »goldschnitthaft«,455 fragwürdig oder sogar unstatthaft. Die
Opposition zwischen jenen, die wie Wallmann schreiben, diese Lyrik suche
»den Gesprächspartner«,456 und jenen, die das Gewählte der Worte, da Mono-
logische betonen457 – der genaue Leser bemerkt: Grenzgänger gibt es hier
gleichfalls ... – ist jedenfalls unzutreffend.
Klüger erscheint es, zunächst jene Interpretationen zu konsultieren, die das
Dilemma in einigermaßen ausreichender Schärfe zeigen, was auch heißt, daß
das Postulat einer der beiden Positionen entfallen muß.458 Hier schreibt ein Ich,
das, indem es schreibt, »aus der Qual des Lebens sublime Kunst«459 wohl
weder macht noch machen will, aber eine Existenz sucht, die zunächst Stand-
ortsuche ist – denn der Standpunkt ist, wie Sloterdijk einmal bemerkt hat, Ge-
genpart zu Heimat.460 Sie schreibt 1976 durchaus verklärend:

453
Nicht wenige Rezensionen betonen dies und pauschal die Eignung des Gebiets für
wenig versierte Leser ... – vgl. etwa Effi Horn: In allen Traumworten. In: Münch-
ner Merkur, 5. Januar 1988 oder Magda Scheiblbrandner: Leben im Wort. In:
an.schläge (März 1996), S. 38.
454
Paul Konrad Kurz: Ortlos – im Wort. Literaturpreis der Akademie der Schönen
Künste an Rose Ausländer. In: Bayerische Staatszeitung und Bayerischer Staatsan-
zeiger, 29. Juni 1984.
455
Jürgen P. Wallmann: Einst Bibliophiles jetzt im Taschenbuch. In: Der Tagesspie-
gel, 3. Juli 1988.
456
Jürgen P. Wallmann: Bekenntnis zum Menschenwort. Zum Tode von Rose Auslän-
der. In: Der Tagesspiegel, 5. Jan. 1988; Jürgen P. Wallmann: Heimat wurde ihr das
Wort. Zum Tode der Dichterin Rose Ausländer. In: Saarbrücker Zeitung, 5. Januar
1988; Jürgen P. Wallmann: Wohnen im Wort. Zum Tod der Dichterin Rose Aus-
länder (1901–88). In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 10. Januar 1988; Jür-
gen P. Wallmann: Ich will wohnen im Menschenwort. Zum Tod der jüdischen Ly-
rikerin Rose Ausländer. In: Schwäbische Zeitung, 5. Januar 1988.
457
Vgl. Hinck, Genug Herz verschleudert (Anm. 298); Krall, »Ich bin mit meinem
Wort verlobt« (wie Kap. 1, Anm. 126).
458
Allerdings ist hier die Qualität der durchaus differenzierten Betrachtungen etwa
von Hinck doch zu betonen – vgl. Hinck, Genug Herz verschleudert (Anm. 298).
459
Walther Beilhack: Identifikation. In: Badische Neueste Nachrichten, 15. Jan. 1989.
Dies im Zusammenhang mit Auschwitz ...! (vgl. ebd.).
460
Vgl. Peter Sloterdijk: Philosophische Aspekte der Globalisierung. In: Wohin führt
der globale Wettbewerb? Dokumentation von Deutsche Fragen, 2. Symposion des
Bundesverbandes deutscher Banken und der Universität Hohenheim (3. März 1999),
S. 50–71, hier S. 59.
Peter Szondis Antwort 125

Fliegend
auf einer Luftschaukel
Europa Amerika Europa461

– solcherart sei ihr Dasein. Wer sich die Erde nicht zum Maßstab machen
kann, der wird vom Geometer zum »Uranometer«,462 so könnte man mit Slo-
terdijk hier eine Referenz zum Stern, der schon angesprochen wurde, leisten.

Auf vielen Flüssen


463
meine Jahre gefahren

So beginnt die Autobiographie in Flüssen, die – 1966 entstanden – 1969 Ein-


gang in die Anthologie Deutsche Lyrik aus Amerika (1969) fand.464 Die Flüsse
sind Pruth (»Nicht geglückt das Ertrinken / man zog mich heraus / die Heimat
versank«465), Donau, ein zweites Mal Pruth, Atlantik und zugleich – »Hades-
fahrt«466 – Lethe, im Traum mit Donau und Pruth Jordan, Rhein (»sucht ich die
ertrunkene Lorelei«467), Hudson ...468
Diese Heimatlosigkeit im realen Leben, die Vogel und Gans kartographier-
ten,469 ist nicht zu suspendieren im Wort, auch als die Dichterin in einem aller-
dings nicht heilbaren Kosmos zur Ruhe kommt – im Alter, das Sicherheit brach-
te, wurde, so schreibt Wiggershaus, »der Schatten, den Krieg und Faschismus
auf Rose Ausländers Leben warfen, [...] länger und dunkler«.470 »Traumdich-
tung«471 bleibt, die »offen für die Möglichkeiten der Sprache und mit ihnen
arbeitend«472 ist. »Nichteinrichtung ist das Stigma dieser Biographie«.473 Immer
wieder ist Fremdheit, Fremdheit, die, weil Sprache nicht angemessen darstellen
und in angemessener Darstellung Geschehenes nicht tilgen kann, in Permanenz
besteht, ist doch ohne alle Ordnung auch der eigene Ort unauffindbar, keine
Harmonie möglich, wo die Schöpfung absurd geworden zu sein scheint.

461
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 123), Bd 4, S. 212;
vgl. auch Hoffmann, Auf einer Luftschaukel (wie Kap. 1, Anm. 59), S. 34.
462
Sloterdijk, Philosophische Aspekte der Globalisierung (Anm. 460), S. 55.
463
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 15.
464
Vgl. ebd., S. 307.
465
Ebd., S. 15.
466
Ebd., S. 16.
467
Ebd.
468
Vgl. ebd., S. 15f.
469
Vgl. Ausländer, Rose Ausländer lesen (wie Kap. 2, Anm. 203), S. 177.
470
Renate Wiggershaus: Revolte unter Wörtern. Postume Gedichte von Rose Auslän-
der. In: Frankfurter Rundschau, 22. September 1990.
471
Wolfgang Kopplin: Mutterland Wort. Rose Ausländer †. In: Bayernkurier,
16. Januar 1988.
472
Viola Bolduan: Im Mutterland des Wortes. In: Wiesbadener Kurier, 5. Januar 1988.
473
Gisela Lindemann, zit. in: Hans-Peter Klausenitzer: »Ich wohne nicht – ich lebe ...«
Roswitha-Gedenkmedaille für Rose Ausländer. In: Deutsches Allgemeines Sonn-
tagsblatt, 19. Oktober 1980.
126 Dritter Teil

Die Sprache verzeichnete es.474

Klassisch ist der Verlust von Schönheit durch den Verlust unschuldiger Ord-
nung, dem Heilung nicht folgt, bei Kleist formuliert worden, wobei das Postu-
lat unschuldiger Ordnung trotz seiner Fragwürdigkeit übergangen sei:
Grazie [...] findet sich [...] in dem Gliedermann, oder in dem Gott.
Mithin [...] müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den
Stand der Unschuld zurückzufallen?
475
Allerdings, [...] das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.

Das Korrodieren allen Darstellens, das getreulich einklagen und heilen nicht
mehr kann, wurde gleichfalls in einem berühmten Text notiert:
Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen,
über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. [...]
Allmählich aber breitete sich diese Anfechtung aus wie ein um sich fressender
476
Rost.«

Eine »Sprache, in welcher die stummen Dinge zu mir sprechen, und in welcher
ich vielleicht im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten wer-
de«,477 drängt in Chandos’ bis zu jener Zeit unbeschadet und unversehrt wir-
kende Sprache.478
Das Ich, das Cogito also findet nur zu sich, indem es jenseits einer Authen-
tizität, deren Selbstverständnis ungebrochen war, sich selbst in den Spuren
seiner Sprache findet – und damit den Schatten der Welt, wie das Kippbild von
Denken und Metaphysik nahelegt, dessen Achse oder Ursprung bei Derrida
klarere Konturen gewinnen sollte. Es findet sich »mit subtilen stilistischen
Mitteln«,479 was nicht nur artistisches Treiben seiner selbst ist. Immerhin ist
selbst die Muttersprache neu zu finden, die zugleich Mördersprache ist, die
Dichterin, die »the mother’s and murderer’s tongue«480 zu verwenden genötigt
ist, ist doch »Dichtung [...] das schicksalhaft Einmalige der Sprache«,481 dich-
tet in einer Sprache, verdichtet eine Sprache, deren Sinn durch diesen Prozeß
in jene Schwebe zu geraten scheint, die ihm allerdings – unterdrückt – stets
eigen sein muß.482 Nicht ganz frei von Pathos heißt es bei Lewy:
474
Bender, Eisrosen im Gettofenster (Anm. 351), S. 17.
475
Kleist, Werke und Briefe in vier Bänden (Anm. 191), Bd III, S. 480; Schönheit und
Präzision des Textes leiden bedauerlicherweise unter den gebotenen Kürzungen.
476
Hugo von Hofmannsthal: Poesie und Leben. Erfahrungen mit Menschen und Wör-
tern. Hg. von Günther Busch. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1987 (Fischer Bibliothek),
S. 43f.
477
Ebd., S. 53.
478
Vgl. hierzu Strasser, Journal der letzten Dinge (wie Kap. 2, Anm. 90), S. 23f.
479
Wiggershaus, Botschaften aus der Finsternis (Anm. 327).
480
Colin, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 96), S. 50.
481
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap.1, Anm. 3), Bd 3, S. 175.
482
Nach Theo Bucks Mutter- wie Mördersprache – vgl. auch Wiggershaus, Botschaf-
ten aus der Finsternis (Anm. 327).
Peter Szondis Antwort 127

Rose Ausländers Worte kommen wie heißglühende Lava [...] und legen ihre Gedan-
ken frei.483

Dem schiefen Bild gemäß ist über das Glücken der Freilegung zu sprechen,
wenn das lyrische Ich sich aus Worten bestimmt. Das heißt auch, das über das
Verschweigen zu sprechen ist.484 Doch zugleich ist über die Polyvalenz, das
Resonieren zu sprechen, darüber, was Klarheit an einer poetischen Stimme
meinen kann.485
Kurz sei an dieser Stelle ein Gedicht Rose Ausländers zum Gegenstand der
Interpretation gemacht, worin denn auch zweierlei sich findet:

Das Loch

Feuer
brannte ein Loch
in die Welt
weltweit

Im Loch
leben wir

halten uns fest


am Rand aus Wurzeln

Noch
486
nähren sie uns

Jenes Loch, das mit der Welt noch verzehrt, was als Begriff von Ordnung
jenen Rand finden ließe, dessen Wurzeln uns nähren, ist in den Typoskripten
der Dichterin sukzessive zu jenem Paradoxon geworden, das schlagartig alle
Rede Lügen zu strafen scheint. Zunächst ist ein Loch in die Zeit gebrannt,
das erst in einer handschriftlich gezogenen Klammer zum Wort weltweiten
(von Rose Ausländer unterstrichen) durch Welt ersetzt wird. Hier findet auch
der Wandel der Ränder zum Rand statt, der kartographisch nicht zu erfassen
ist.

483
Hermann Lewy: Versöhnung war ihr Lebensmotiv. Zum Tode der Lyrikerin Rose
Ausländer. In: Berliner allgemeine jüdische Wochenzeitung, 15. Januar 1988.
484
Vgl. Eichmann-Leutenegger, Dichtung aus dem Unvertrauten (wie Kap. 1, Anm.
143), S. 42.
485
»In all ihrer Knappheit mehrdeutig und vielschichtig sind die Gedichte der [...]
Dichterin Rose Ausländer.« – Helmut Sturm: Unerforschte Bezirke des Sagbaren.
In: Salzburger Nachrichten, 12. November 1988, S. 28.
486
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 13.
128 Dritter Teil

Das Loch

Feuer
brannte ein Loch
in die Zeit (Welt) \
|
? diesem |
/
Im weltweiten
Loch leben wir

halten uns fest


anm Räandern / aus Wurzeln

die nähren uns


noch

Gleichfalls in der Entstehung findet sich schließlich in einem anderen Typo-


skript die handschriftliche Verkehrung:

die nähren uns


noch

noch
nähren sie uns

Exponiert verbleibt das noch, das Ausdruck der dichterischen Obsession ist,
nicht etwa aller Mittel von Sprache, jedoch der Verbindlichkeit jener Strategi-
en sich verlustig gegangen sehen zu müssen.
»Vom Schweigen besessen sein«487, so leitet Rose Ausländer Wenn Worte
ein, um darauf Das Verschwiegene anzusprechen:

Stimme
488
bewohnt unser Wort.

Da dies Gedichte aus dem Nachlaß sind, deren Veröffentlichung nur vorberei-
tet war, ist der Hinweis auf die Nachbarschaft des Zitierten verlockend, doch
nicht allzu tragfähig.489 Ein »unentbehrlicher / Anfang«490 steht jedenfalls am
Beginn und ist darin begründet, genau dieser Anfang nicht zu sein, was den
Raum jenes Sprechens erst eröffnet.
»Dennoch Rosen / sommerhoch«,491 trotz der »eingebrannten Jahre«,492 so
schreibt Rose Ausländer, zumal »Stachelträume«493 noch Freiheit gewähren.
487
Ebd., S. 184.
488
Ebd., S. 185.
489
Hierzu gibt die Editorische Notiz Auskunft – vgl. ebd., S. 233.
490
Ebd., S. 231.
491
Ebd. (wie Kap. 1, Anm. 4), Bd 7, S. 261.
492
Ebd.
Peter Szondis Antwort 129

Bekenntnis II

Ich bekenne mich


zu dir
den ich nicht kenne

Ich habe dich erkannt


als wir im Stein
zusammen
494
schwiegen

Das Schöne dieses Bekenntnisses ist zunächst seine ganz und gar nicht be-
kenntnishafte Form; was seine Intensität ausmacht, verdankt sich nicht der
Konfession. Erst aus der Verklammerung von bekenne – kenne – erkenne er-
gibt sich, wozu sich das lyrische Ich bekennt, wohin es sich wendet, was es als
ihm ein- und zugeschrieben aber auch umgekehrt definiert. Denn auch wenn,
wozu sich das Ich bekennen will, thematisiert ist, die Aktivität des Ichs fun-
diert (als Rhema) die Bewegung des Gedichts und das Selbst der Verse. Die
Bewegung erinnert an Celans Shakespeare-Übertragung, der Szondis Essay
Poetry of Constancy – Poetik der Beständigkeit gewidmet ist. Auch dort ist
zuletzt kein Zweifel daran belassen, daß, wofür der Freund gepriesen wird,
sich in den Versen aktualisiert, wobei die Koketterie der Verse umschlägt:
Zuletzt ist »ein Gedicht gesetzt, [...] das nicht mehr von sich selbst spricht,
sondern dessen Sprache in dem geborgen ist, was es seinem Gegenstand, was
es sich selber zuschreibt: in der Beständigkeit«.495
Wie bei Celan ist ein »Melancholieschleier«496 auch hier freilich gegeben,
etwas Banges den Versen eigen, die somit trotz »Distanz zum Moment der
Subjektivität«497 gerade auch das Ich als fragil erscheinen lassen: zu dir / den
ich nicht kenne, drängt Vers um Vers. Interessant ist an der schon erwähnten
Kette, daß sie nicht bloß strukturierend wirkt, sondern auch drei Momente in
sich zum Fokus bündelt. Bekenntnis, Intimität des Kennens und Erkennen, das
wohl nicht völlig frei von erotischen Anflügen zu denken ist, man denke an
den Wortgebrauch der Bibel, werden eine Einheit.498 Demgemäß folgt dem
Personalpronomen im Singular der ersten Person der Plural: als w i r im Stein /
zusammen / schwiegen. Der Stein ist, so kann man folgern, ein Bild des in sich
vollkommen verschlossenen Seins, der in seiner Selbstgleichheit noch die Rede
von Harmonie problematisch erscheinen läßt:

493
Ebd. (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 166.
494
Ebd. (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 89.
495
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 344.
496
Ebd., S. 344 (Anm.).
497
Ebd.
498
Zum gerne unterdrückten Erotischen in den Versen auch eines Celan – vgl. Firges,
Den Acheron durchquert ich (wie Kap. 1, Anm. 41), S. 179.
130 Dritter Teil

Der kiesel ist als geschöpf


vollkommen

sich selber gleich


[...]

ich spür einen schweren vorwurf


halt ich ihn in der hand
weil dann seinen leib
499
die falsche wärme durchdringt ...

Wie kann man vom Stein und einem gemäßen Wir sprechen, wenn »Kiesel [...]
sich nicht zähmen« »lassen«?500 Das Bekenntnis, das gerade jene Harmonie
ausspräche, sorgt für ein Oszillieren. Weder sich noch das Wir oder eine Welt
finden die Verse, auch wenn sie Protokoll eines Scheiterns am allerwenigsten
sein wollen. Dies gilt, wobei das Scheitern eines des Bekenntnisses bleibt, das all
das Genannte an einander schlösse – übrigens ist diese Ambivalenz am »Stein
[...] – er / war gastlich, er / fiel nicht ins Wort«501 – kein Einzelfall. Da Szondi
bei dieser Rhetorik, die sich »von der überlieferten (im buchstäblichen Sinn:)
prinzipiell unterschieden«502 wissen will, auf Derrida verweist,503 sei auch in
meiner Studie ein Blick zur Seite eingefügt.
Derrida schreibt, das Jüdische sei ohne Wissen über Bekenntnisse;504 die Be-
schneidung vergleicht Derrida mit dem Versuch, »to [...] cultivate [...] hell«505
– und alles Fremde muß in seiner Totalität eine Hölle für die Vernunft506 sein,
wobei an die paranoide Imagination noch gar nicht gedacht ist.
Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte.507

Doch wer erkennt wahre Hände, die bestenfalls bekennend lügen – indem sie
ihren Gebilden Daten einschreiben, die den Sinn gefährden wie dieser sie? Er-
kennen wahre Hände sich selbst? Bekennen wahre Hände – oder ist der Wille
allen Bekennens, was bekennende Hände zu unwahren machte? Hierzu sei zu
einem anderen Gedicht von Rose Ausländer gesprungen, worin sich gleichfalls
das Bekennen ereignen will:

499
Herbert, Inschrift (Anm. 389), S. 16.
500
Ebd. Diese poetische Korrespondenz erschiene selbst, wenn man Rose Ausländers
Nachlaßbibliothek nicht konsultierte, in der sich eben dieser Band findet, plausibel,
so glaube ich ...
501
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 201.
502
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 329.
503
Vgl. ebd. (auch Anm.).
504
Vgl. Bennington / Derrida, Jacques Derrida (wie Kap. 2, Anm. 189), S. 187.
505
Ebd., S. 103.
506
Vgl. Derrida, Schibboleth (Anm. 182), S. 99.
507
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 177.
Peter Szondis Antwort 131

Gib Kunde
vom Traum
der dich gebar
508
der dich geträumt

Der Geträumte soll bekennen, was ihn erträumt hat, was eine Radikalisierung
bedeutet; doch das Uneinlösbare folgt unmittelbar der Aufforderung, die eine
Anrufung des Magischen im Alphabet schon sein muß und in der Tat ist.509

Gib Kunde
wie träumst du
die Ordnung der Buchstaben
die Anordnung
Ja
Nein
Trauer
Gesang
Weit der Weg
zu den zwei Buchstaben
510
J A

– so affirmiert und negiert das Gedicht sich und seinen Gegenstand. Das –
zumal sich – schreibende Ich zerfällt, wo es nichts anderes als seine Identität
gesichert wissen will.

Ja und Nein

Ich behaupte alles


und leugne alles

denn Ja und Nein


sind wahr

und ich liebe


511
die Wahrheit.

Sprich auch du
[...]
Sprich –
512
Doch scheide das Nein nicht vom Ja.

508
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 210.
509
Vgl. ebd.
510
Ebd.
511
Ebd. (wie Kap. 1, Anm. 4), Bd 7, S. 161.
512
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 135.
132 Dritter Teil

Es gibt Gründe dafür, daß J und A sukzessive Absetzung erfahren, typogra-


phisch zunächst durch einen Bindestrich getrennt später durch einen Zeilen-
umbruch (»j / a«) geschieden sind, ehe sie ihre letzte Position erreichen, wie
auch Ja und Nein – im Typoskript noch ohne Hervorhebung, die erst hand-
schriftlich erfolgt – sich und ihren Zerfall in Buchstaben inszenieren; ein Ge-
dicht des selben Titels dagegen bleibt unveröffentlicht, doch auch in ihm –
obschon blasser – ist der Zerfall der Welt in Namen und Lettern, die das Blick-
feld aufspreizen, thematisiert:

Ja und Nein II

Ich sage ja und nein


zu Dingen
die mich blenden
Blume die blüht und welkt
ein Brief der
die Wunder der Welt
öffnet
ein Brief der sie schließt Wort das
Am Himmel steht
ein Name geschrieben
ich bemühe mich
ihn zu buchstabieren entziffern
aber er ist weiter
als mein Augen reicht
Ich warte auf den Traum
der ihn deuten kann
[Typoskript mit Kugelschreiber]

Auch ist das Ausbleiben dessen, was Rose Ausländer einen »Maskensturz«513
heißt, Bedingung, die erst die Sicht auf jenen Umstand ermöglicht, daß hinter
den Masken etwas ist, was von aller Deutung differiert. Zurecht setzt die Dich-
terin für das Wort Ur-Kunde abschwächend »Urkunde«514...
Ich will an dieser Stelle zum Ich in nuce zurückkehrend an Aichingers Vers
erinnern:

Denn was täte ich,


wenn die Jäger nicht wären,
515
meine Träume

513
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 213.
514
Ebd., S. 210.
515
Ilse Aichinger: Verschenkter Rat. Gedichte. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch
Verlag 1996 (Fischer Taschenbuch 11048), S.13; dieser Gedichtband findet sich –
mit handschriftlicher Widmung der Autorin versehen – nebenbei bemerkt auch in
Rose Ausländers Nachlaßbibliothek
Peter Szondis Antwort 133

– so fragt dort das lyrische Ich, das sich – heterogen – über das befragt, was
ihm Anstoß sei, wobei freilich Wesentliches ungesagt zu bleiben hat, was auch
für meine Behandlung dieser wunderbaren Lyrik an dieser Stelle gelten muß.
Muß man an die Schlitzohrigkeit gar eines kaum übersetzbaren »Franz-
os«516 Villon erinnern, dessen Gedicht nicht eben unbekannt ist?

Je suis François, dont il me poise,


Né de Paris emprès Pontoise,
Et de la corde d’une toise
517
Saura mon col que mon cul poise.

Die Doppelbödigkeit dieses Verses, die beim Namen François beginnt und sich
bis auf die Topographie erstreckt, führt zu einer verkehrten Welt, die zuletzt so
unbegründet doch nicht ist ...518 »Mandelbaum, Bandelmaum«,519 so schreibt
Celan, was als Bitterkeit der Mandel aus anderen Versen bekannt sein mag:

Mache mich bitter.


520
Zähle mich zu den Mandeln.

Man gelangt freilich durch jenes Moment, das alles Be- und Erkennen sowie
Benennen hoffnungslos untergräbt, aus dem, was immer nur scheinbar beste-
hen konnte, jenem, was Adorno die
[...] Auswüchse der Systeme seit der Cartesianischen Zirbeldrüse und den Axiomen
und Definitionen Spinozas, in die schon der gesamte Rationalismus hineingepumpt
521
ist, den er dann deduktiv herausholt [...]

nennt – oder kürzer: »Irres.«522 Alles Schreiben und alle Lektüre beginnen also
zumindest bei jenen Texten, die in Schreibweise und Schriftverhältnis vom
üblichen Duktus abweichend eine gewisse Devianz pflegen, am dunklen, be-
drohlichen und gerne gemiedenen Orte »Kanitverstan«.523 Und sie enden dort,

516
François Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Carl
Fischer. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1992 (dtv; 2304 – dtv klassik),
S. 231.
517
Ebd., S. 230.
518
Vgl. etwa Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1,
S. 229f. u. den an diesen Versen entlang eine Poetologie skizzierenden Firges, Den
Acheron durchquert ich (wie Kap. 1, Anm. 41), S. 38.
519
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 229.
520
Ebd., S. 78.
521
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 33; offensiv formuliert
Blumenberg: »Philosophie [...] sei ein konsistenter Zusammenschluß unwiderleg-
barer Sätze« (Blumenberg, Die Vollzähligkeit der Sterne (wie Kap. 1, Anm. 151),
S. 525.) – der Irrsinn (auch: Sinn fürs Irre) bleibt hörbar ...
522
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 33.
523
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 123), Bd 4, S. 57;
»Kannitverstan« – Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm.
134 Dritter Teil

was freilich an einen Vorgriff auf Derrida grenzt, dessen feu sacre längst in all
seinen obskuren Zügen schon – omnilatent gewissermaßen – schwelt.
Ehe aber vom – vergeblichen – Wunsch die Rede sein kann, sich und darin
die Welt zu finden, ist auf eine nicht zu glättende, doch zu präzisierende Span-
nung einzugehen. Im zitierten Gedicht Spinoza II schreibt Rose Ausländer: »Er
hat / das Weltall / klargeschliffen«.524 Dieses emphatisch affirmierende Portrait
eines als zutiefst human empfundenen Denkers (»Der Mensch / ist dem Men-
schen / ein Gott / sagte Spinoza«525) ist mit Adornos Rede von irren Auswüch-
sen nicht gerade leicht in Übereinstimmung zu bringen. Wollte man es beim
Hinweis belassen, ein Poem müsse bei der Rezeption nicht in so strenger Wei-
se wie etwa eine philosophiegeschichtliche Abhandlung vorgehen,526 Adorno
wiederum neige zum generösen Verdikt über seine Kollegenschaft, so bliebe
unscharf, was zu den völlig unterschiedlichen, nicht ganz affektlosen Urteilen
geführt hat. Adorno schreibt, ihm mißbehage das »animal rationale, das Appe-
tit auf seinen Gegner hat«,527 zur Welt wie ein »Raubtier[e]«528 stehe, sich aber
zugleich in dieser Rolle verkläre:
Die abendländische Metaphysik war, außer bei Häretikern, Guckkastenmetaphysik.
Das Subjekt – selber nur beschränktes Moment – ward von ihr für alle Ewigkeit in
529
sein Selbst eingesperrt, zur Strafe seiner Vergottung.

In den Mäandern von Adornos Vorlesungen zur Metaphysik wird dies noch-
mals klarer auf Spinoza bezogen. »Als Gedanke, der Tendenzen aufzeichnet,
ist der philosophische Gedanke ein offener, ein versuchender und experimen-

43), Bd 1, S. 263; vgl. Adorno, Philosophische Terminologie (wie Kap. 1, Anm.


134), Bd 1, S. 7ff., wo derart vor allem Philosophie und Lyrik bestimmt werden;
zu Kannitverstan ist auch der so überschriebene Text Johann Peter Hebels (Schatz-
kästlein des rheinischen Hausfreundes) zu berücksichtigen
524
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 200), Bd 5, S. 263.
525
Ebd. (Anm. 123), Bd 4, S. 146; vgl. zu Spinoza – Ausländer auch Claudia Beil:
Sprache als Heimat. Jüdische Tradition und Exilerfahrung in der Lyrik von Nelly
Sachs und Rose Ausländer. München: tuduv-Verlagsgesellschaft 1991 (tuduv-
Studien –Sprach- und Literaturwissenschaft; 30), S. 399ff.
526
Vgl. zu Spinoza auch Ausländer: Zur Spinoza-Festschrift (Anm. 347), S. 58ff.;
wollte man den philosophischen Lektüren und Arbeiten der Dichterin hinreichend
Raum schenken, müßte von Spinoza zu Constantin Brunner geschritten werden,
dem sie zwar dankend die Einsicht zuschreibt, es müsse »das Geheimnis nicht ge-
lüftet, sondern vertieft« (Rose Ausländer: Zum 28. August 1943. In: Rose Auslän-
der. Materialien zu Leben und Werk. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fi-
scher Taschenbuch Verlag 1997 [Fischer-Taschenbücher; 6498 – Informationen
und Materialien zur Literatur], S. 61–63, hier S. 62.) werden, was – auch poetolo-
gisch – von Interesse ist, der aber heute selten als großer Philosoph beurteilt und
auch als Spinoza-Exeget kaum herangezogen wird. Vgl. auch Köhl, Die Bedeutung
der Sprache in der Lyrik Rose Ausländers (wie Kap. 1, Anm. 87), S. 59).
527
Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 33.
528
Ebd.
529
Ebd., S. 143.
Peter Szondis Antwort 135

tierender«,530 schreibt Düttmann mit Adorno – von dessen Philosophieren es


dann heißt:
Jeder neue Satz kann eine für den Autor selber unerwartete Wendung enthalten, die
Möglichkeit eines überraschenden Gedankens, der angezeigt, aber nicht immer ent-
531
wickelt wird.

Eben diese Option des Unabsehbaren, Ausdruck der Lebendigkeit, die aus dem
Ungewissen gezogen ist, entfällt nach Adorno bei Spinoza: »Am Anfang der
abendländischen Metaphysik steht also bereits der Satz, daß das, worauf sich
alles zu stützen habe, wovon alles abzuhängen habe und woran sich die Er-
kenntnis zu orientieren habe, das Unmittelbare sei [...]«,532 wofür Adorno bei
Spinoza die Substanz nimmt.533 Allerdings konzediert Adorno, hier wie bei
anderen Metaphysikern sei der Nominalismus, die Absolutsetzung bestimmter
(und in der Folge aller) Begriffe doch nicht bloß fortgesetzt, sondern ein erster
Einspruch ventiliert:
Die Übertreibungen der spekulativen Metaphysik sind Narben des reflektierenden
534
Verstandes.

Unvermindert – trotz der konterkarierenden Hybris – bleibt es allerdings beim


»nominalistische[n] Protest«535...
In der Tat führt Spinoza unübersehbar Momente in sein rigide scheinendes
System ein, die, indem sie als der Definitionskunst entzogen eingeführt wer-
den, ihr System letztlich suspendieren, dessen Starrheit dann als Ermögli-
chungsbedingung ihres Erscheinens zu denken ist. Von Sloterdijk stammt
[...] das Zugeständnis an die mystische Tradition, daß es für den Eingedrungenen
tatsächlich unvermeidlich ist, die unübersteigbare Höhlenwahrheit zu wiederholen:
536
daß hier das Eine alles sei.

Der Sprengkraft eben dieses Gedankens, der theologische Höhle und aufkläre-
rische Lichtung gleichermaßen schrecken muß, wird Sloterdijk erst ein paar
hundert Seiten später gerecht, wenn er schreibt:
Es waren die klügsten Theologen, die Gott getötet haben, als sie es nicht mehr unter-
537
lassen konnten, ihn als den aktuell und extensiv unendlichen zu denken.

530
Düttmann, Darf auch ruhig einmal schief gehen (wie Kap. 1, Anm. 172), S. 12.
531
Ebd.
532
Adorno: Nachgelassene Schriften. Hg. vom Theodor W. Adorno Archiv. Abt. IV:
Vorlesungen. Bd 14: Metaphysik. Begriff und Problem (1965). Hg. von Rolf Tie-
demann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998, S. 48.
533
Vgl. ebd., S. 47f. u. S. 245 (Anm.)
534
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 166, Aph. 82.
535
Adorno, Nachgelassene Schriften (Anm. 532), Bd 14, S. 95 (Hervorhebung M. H.).
536
Peter Sloterdijk: Sphären. Bd I: Blasen. Mikrosphärologie. Frankfurt a. M.: Suhr-
kamp 1998, S. 292.
537
Ebd., Bd II, S. 131; vgl. auch ebd., S. 552.
136 Dritter Teil

Unbehagen und Verehrung liegen somit insofern beieinander, »in resonante[r]


Nähe«,538 als, was verdammenswert erscheint, allein Bedingung dessen sein
mag, was gerade diesen bedenklichen Zug des Denkens überführt und wider-
legt. Man könnte abschließend auf die Dialektik von Aufnahme und Infrage-
stellung von theologischen Problemexpositionen seitens Adorno verweisen,
der die Bewegungen so fremd nicht sind, die er andererseits an Spinozas De-
duktionen und Destruktionen wahrgenommen und abgeurteilt hat.539
Ich sein zu wollen, dieser Wunsch also steht für Heimatlosigkeit, die –
durch die Lebensumstände der Rose Ausländer verschärft – der menschlichen
Grundbefindlichkeit beigesellt ist:

ich wohne nicht


540
ich lebe ...

Auf die Frage, ob sie nicht doch Heimatgefühle für Deutschland, wo sie zu
jener Zeit lebte, hege, antwortete die Dichterin ihrem Interviewer Paul Assall
recht schroff, sie habe nie Sehnsucht nach der Bundesrepublik gehabt, was
sozusagen biographisch zeigt, wie wenig Heimat und Ich umzusetzen (und
vereinbar) sind:
Durchaus nicht. Nur nach der deutschen Sprache. Und da ging ich nach Deutsch-
land, nach Düsseldorf, weil hier einige Bekannte [...] waren. [...] Also ich sage: ich
541
wohne nicht, ich lebe hier.

Von Kierkegaards Menschen ausgehend, der zwischen Endlichkeit und Unend-


lichkeit als mißglückte Synthesis steht und hieran verzweifelt,542 schreibt Liess-
mann, der Wahn hänge damit zusammen, »alle Grenzen überschreiten«543 zu
wollen, sich nicht mit jener Position abzufinden, die in ihrer Zerrissenheit schon
keine mehr sei. Dieser Wunsch – Anklage dessen, der sich behaglich an eben
jenem Ort einzurichten gedachte544 – ist in seiner Lauterkeit einmal exekutiert
»Ver-rückung, das Hängenbleiben [...] bei fixen Ideen«,545 zugleich jedoch nicht
aufzugeben und in der Suche nach künstlerischer Expression, die den Autismus
durchbräche, mehr denn trotzige Rebellion gegen das Ende der Kunst allein.546

538
Ebd., S. 532.
539
Vgl. Adorno, Nachgelassene Schriften (Anm. 532), Bd 14, S. 235 (Anm.).
540
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 123), Bd 4, S. 212.
541
Rose Ausländer, zit. in Assall: »Ich wohne nicht, ich lebe« – Rose Ausländer. Red.
von Paul Assall. Sendung Südwestfunk Baden-Baden, 1. Januar 1978.Typoskript,
S. 39; vgl. ebd., S. 1.
542
Vgl. Konrad Paul Liessmann: Wahnsinn als Verzweiflung. Philosophische Reflexio-
nen über die Erfahrung der Grenze. In: wespennest 110 (1998), S. 90–95, hier S. 92.
543
Ebd., S. 95.
544
»Das wahnsinnig gewordene Genie [...] spricht durch seine pure Anwesenheit sein
Urteil über den anderen.« – ebd., S. 92.
545
Ebd., S. 94.
546
Vgl. ebd., S. 95: »Verzweifelt noch einmal Kunst sein zu wollen.«
Peter Szondis Antwort 137

Exekution des Wunsches gerät so zum Verrat desselben, der allenfalls von
außen betrachtet – in seiner Absurdität bei doch bestehenden Analogien zur
behaglichen Einrichtung – Wahrheit in sich bärge: »Der Verdacht, daß die
Logik der Vernunft und die des Wahns sich nur in ihren Prämissen unterschei-
den«,547 ist nicht auszuräumen. Es verbleibt ein Problem, das in Liessmanns
Wahl des Untertitels übersehen und angesprochen zugleich sein mag: Philoso-
phische Reflexionen über die Erfahrung der Grenze sind ein nicht ganz von
Paradoxien freies Unterfangen, wenn die Grenze als erfahrbare nicht zum
adretten Rüschenrand der Theorie verharmlost werden soll. Zugleich ist dar-
über zu verhandeln, ob Lyrik nun in der Tat innerhalb nicht näher benannter
Grenzen sozusagen zirkuliere, darüber, ob, was Liessmann entwickelt, nicht
doch übersieht, daß Transzendenz beschadet, nicht getilgt ist.548
Auf diese Frage ist hier nur halbherzig zu antworten – mit Oskar Pastior, des-
sen Lyrik nicht zuletzt die Auflösung des Selbst auch auf organischem Terrain
ist;549 er schreibt von »eine[r] / anderthalbe[n] / schlanke[n] / schere«,550 die
nicht bloß ganz offenkundig sogleich die im Gedicht vormals deutlich längeren
Verszeilen durchtrennt, sondern eben auch nie zur Gabelung oder Achse ihrer
selbst zurückkehren kann, Überschuß oder Mangel stören ihre Symmetrie. Wo
bei Pastior »Lunten, et nulla / telos«551 sind, die, wenn sich ihr Feuer »dem
schwärenden Eros«552 naht, doch in die Ziellosigkeit führen, dort treiben auch die
Verse Rose Ausländers in einen Bereich, der sich dem Wort verdankt und dem-
entsprechend bei aller Präzision nie auf einen Punkt in einem semantischen Sy-
stem zu bringen ist. Wenn Sloterdijk behauptet, der Blick des schon erwähnten
Uranometers zu den Sternen sei die Geburt des von Ausdehnung freien, den
Raum negierenden Punktes, so muß auch dies nicht Schlampigkeit sein, sondern
kann ebenso als hintersinnige Anspielung darauf gelesen werden, daß das Pro-
jekt Punkt scheitert, wo es der Sprache bedarf.553 Und was bedürfte nicht der
Sprache? Platon, dem die Idee der Präsenz lieb war, hat die Mathematik zum
Bekenntnis derer erklärt, die in seine Akademie eintreten wollten – und »die
Poesie [muß] durch die Hintertreppe verschwinden«:554 Da in der Mathematik

547
Ebd., S. 91.
548
Kierkegaard selbst ist hier vorsichtiger und in der Folge wohl präziser als sein essayi-
stisch gestimmter Exeget: Seine Rede von Synthese ist überaus bedacht und vermei-
det das Assoziieren der Grenze oder der Einheit – vgl. Søren Kierkegaard: Die
Krankheit zum Tode. Werke 4. Hg. und übersetzt von Liselotte Richter. 3. Aufl.,
Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1996 (eva-Taschenbuch; 24), S. 27ff.
549
Vgl. etwa Oskar Pastior: Das Hören des Genitivs. Gedichte. München, Wien: Hanser
1997, S. 36.
550
Ebd., S. 32.
551
Ebd., S. 77.
552
Ebd., S. 76.
553
Vgl. Sloterdijk, Philosophische Aspekte der Globalisierung (Anm. 460), S. 55.
554
Alain Badiou: Philosophie und Poesie: am Ort des Unnennbaren. Übersetzt von Isa-
belle Vodoz. In: Bildstörung. Gedanken zu einer Ethik der Wahrnehmung. Hg. von
138 Dritter Teil

keine Referenz besteht und Präsenz nirgends beansprucht wird, sondern die
Stimmigkeit von Regeln alleiniges Kriterium dieser Disziplin ist, ist in ihr nichts,
das beunruhigen könnte, woran Benjamin denn auch Anstoß nimmt:
Die Theorie darf sich freilich nicht auf die Wirklichkeit beziehen, aber sie muß mit
555
der Sprache zusammenhängen. Hier liegt ein Einwand gegen Mathematik.

Von der Kunst, der Lyrik ist dagegen zu sagen:


Das Poem ist ein undenkbares Denken.556

In ihm ist das Undarstellbare – sozusagen im Zentrum:557


In diesem Sinne ist die Philosophie [...] das immer lückenhaft bleibende Denken des
558
Vielen des Denkens.

This is the »point« of no return – keine Punkte bleiben, die tragfähig oder allge-
meiner gesprochen stabil wären, zulässige Beschreibungen zuließen:
Wie wie und was im daß verlaufen. Daß überhaupt, wenn überhaupt, der Text sich
559
liest als Daß-Organ.

Wenn man zur Negation der Instanzen als Vorkehrung gegen die Hybris ver-
zerrter und verzerrender Zeugenschaft bei Lyotard zurückblickt, ist festzustel-
len, daß also die Dinge sich kompliziert zu haben scheinen.560 Die Not, Reve-
renz ohne Referenz nur bedingt erweisen zu können, hat das Poem als jenen
Bereich, der die zu durchstreichenden Instanzen erst aktualisiert, insgesamt
erfaßt. Insofern ist, was ein Problem einzelner Mitspieler schien, ins Spiel ein-
gegangen, dessen Ernst nicht eigens betont werden muß – und die Grammatik
ist nur vordergründig mit geringen Schäden561 konfrontiert, schon der minima-
le Sprung bedeutet unendliche Relativierung dessen, wovon Nietzsche als von
einem in der Tat Absoluten schrieb:
Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben ...562

Jean-Pierre Dubost. Leipzig: Reclam 1994. (Reclam-Bibliothek; 1499), S. 39–54,


hier S. 42.
555
Benjamin, Gesammelte Schriften (wie Kap. 2, Anm. 131), Bd II/2, S. 601f.; vgl.
auch Adorno, Jargon der Eigentlichkeit (wie Kap. 2, Anm. 79), S. 441.
556
Badiou, Philosophie und Poesie: am Ort des Unnennbaren (Anm. 554), S. 42.
557
Vgl. ebd., S. 48.
558
Ebd., S. 53.
559
Oskar Pastior: Resümee mesuré. In: Tendenz Freisprache. Texte zu einer Poetik
der achtziger Jahre. Hg. von Ulrich Janetzki und Wolfgang Rath. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1992 (Edition Suhrkamp; 1675), S. 169–175, hier S. 171; Pastiors Poe-
tik(en) bestehen vielleicht »im Kopf einiger Leser und Hörer.« (ebd., S. 169).
560
Zum zu vertretenden Opfer – vgl. Lyotard, Der Widerstreit (wie Kap. 2, Anm.
145), S. 25, Nr 9.
561
Vgl. Colin, Ausländer (wie Kap. 2, Anm. 58), S. 129.
562
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd VI, S. 78; nicht ohne Grund
schreibt Hansen-Löve, Derrida verfahre »von Buchstaben zu Buchstaben anagram-
Peter Szondis Antwort 139

Vergißt man dies, ist Sprachrevision darauf beschränkt, eher kokett Begriffe zu
revidieren, so wird man, was zu sein Böhme in seiner Lektüre der Kritik der
Urteilskraft Lyotard unterstellt: »prämoderner Theologe.«563 Eng verbunden
hiermit ist die schon erwähnte Krise von Adornos negativer Dialektik, was zu
literarästhetischen Strategien des Philosophen geführt hat.
Was aber bedeutet es, sind die Zeichen in so grundsätzlicher Art neu zu
schreiben, neu zu lesen, kurz: zu »erlernen«?564 Es bedeutet, daß zum einen zu
fragen ist, wo und in welcher Form sich Rose Ausländer chiffrierter Daten be-
dient hat, wo also ihre Biographie Hilfe beim Lesen bedeuten kann, wobei die
Unterscheidung von Kommentar und Auslegung näher zu bedenken ist; es
bedeutet, daß zum anderen eine bestimmte Form der Metapherntheorie ins
Zentrum des Interesses rückt, die vom Fokus des Gedichts sprechen zu können
meint, aber, wenn man schon beim Bild bleiben möchte, die Linse vergißt, also
die undurchdringliche Abhängigkeit des Brennpunkts Metapher von den Wor-
ten, die ihn nicht bloß umgeben.
Dazu sei zunächst die Ausländer-Biographie von Cilly Helfrich konsultiert,
worin zu dem Verhältnis der Dichterin mit Helios Hecht und den Spuren dieser
Beziehung im Œuvre der Liebenden und später Enttäuschten zu lesen ist:
Rose Ausländer hat nie ein Gedicht über [...] [die] Liebe zu Ignaz [Ausländer] ge-
schrieben, während sie wenige Jahre später ihre Liebe zu Helios Hecht in Gedichte,
in Worte fließen läßt.«565
So lautet die – durch die wohl in der Tat Bände sprechende Photographie ge-
stützte566 – Beschreibung des wenig »euphorische[n] Liebesverhältnis[ses]«567
zum Gemahl, die als Folie einer Ankündigung herhält. Dieser Langeweile568
folgt also Helios Hecht – Ignaz Ausländer verblaßt neben ihm, so berichten die
Biographen. In Seliger Abend zeigen sich Spuren dieser Liebe, so schreibt
Helfrich: Das düstere Bild der Vereinigten Staaten wird aufgehellt.569 Neuer
Frühling ist ein anderes Gedicht, an dem sich erraten läßt, daß es um Liebe
geht, was angesichts der Naivität der frühen Verse Rose Ausländers keine
allzu große Vereinfachung darstellt.570
Soll ich dir glauben, kecker Überwinder?571

matisch oder eher schon paragrammatisch« – Hansen-Löve, Entfaltungen der Ge-


webe-Metapher (Anm. 432), S. 115 (Anm.).
563
Böhme, Kants Kritik der Urteilskraft in neuer Sicht (Anm. 13), S. 65; vgl. ebd., S. 82.
564
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 270.
565
Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 55), S. 103.
566
Vgl. ebd., S. 104.
567
Ebd., S. 103.
568
Vgl. ebd., S. 118.
569
Vgl. ebd., S. 123f.
570
Vgl. ebd., S. 124f.
571
Rose Ausländer: Schattenwald. Gedichte. Gesamtregister. Hg. von Helmut Braun.
Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1995 (Fischer-Taschenbücher; 11166),
S. 11.
140 Dritter Teil

Kann dies allein etwas anderes als die Frage einer Umworbenen und schon
Überwundenen an ihren Geliebten sein, erhellen sich die Verse, wenn man weiß,
daß sie eine Art von Entsprechung – die Begegnung mit Helios Hecht – haben?
Dies scheint mir wenig plausibel zu sein ...
Interessanter ist dagegen Liebe V, das wesentlich später, 1980 entstanden
ist. Fast ein halbes Jahrhundert nach der Liebesbeziehung zu Hecht schreibt
die Dichterin:

Liebe V

Wir werden uns wiederfinden


im See
du als Wasser
ich als Lotosblume

Du wirst mich tragen


ich werde dich trinken

Wir werden uns angehören


vor allen Augen

Sogar die Sterne werden sich wundern:


hier haben sich Zwei
zurückverwandelt
in ihren Traum
572
der sie erwählte.

Der Kommentar von Helfrich hilft in der Tat: Nicht nur Rose Ausländer war
verheiratet, als sie die Liebe ihres Lebens kennenlernte; auch ihr Geliebter war
ehelich gebunden, »Lucie Hecht-Preminger [...] ist schon längst seine Frau«,573
er hat sich nicht erst nach der Trennung von Rose Ausländer mit ihr vermählt,
wie vor Helfrichs Spurensuche meist angenommen wurde.574 Der Wunsch, wir
mögen uns angehören vor allen Augen, ist verständlich, wenn man in Rech-
nung stellt, daß eine Beziehung wie diese nicht eben den gesellschaftlichen
Konventionen entspricht. Es kommt hinzu, daß die Gemahlin von Hecht um
ihren Mann mit besonderem Engagement gekämpft haben dürfte, was die Rei-
se des Paars in die USA wie eine Flucht erscheinen läßt.575 Er schreitet – an-
ders als seine Geliebte – nicht zur Scheidung.576 Es folgt nach nicht allzu lan-

572
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 54.
573
Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 55), S. 126.
574
Vgl. ebd.
575
Vgl. ebd., S. 127.
576
Vgl. hierzu wie zu den Gesetzen, die dies (mit) verursachen ebd., S. 128; zur
Asymmetrie der Beziehung ist freilich auch darauf zu verweisen, daß es schon zu-
vor in Ausländers Ehe kriselt; hierzu und zur ersten Begegnung mit Hecht – vgl.
Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (wie Kap. 1, Anm. 28), S. 34 u. S. 38.
Peter Szondis Antwort 141

ger Zeit ein Zerwürfnis mit Hecht, der eine Charakteranalyse von Rose Aus-
länder veröffentlicht und damit ihr Vertrauen schwerst erschüttert, die Dichte-
rin »entsetzt«577 hat.
So sehr Lebenssituation und Gedicht hier aufeinander bezogen sind, so sehr
reizt es, die Verse einer gründlicheren Lektüre zu unterziehen und dabei Szon-
dis Studie Eden Beobachtung zu schenken, wenn zuletzt die Frage zu beantwor-
ten ist, welcher Gewinn aus der (vermeintlichen) Entschlüsselung der Chiffren
der Dichterin zu ziehen ist.578
In der Tat erscheinen die Verse nicht eben unzugänglich. Zwei, die einander
und darum wohl auch sich verloren haben und den Weg nach vorn zum Weg
zurück wandeln, sich in der Zeit zurückverwandeln, wollen einander und sich
wiederfinden. Sie wollen, was treibender Wunsch eines nicht geringen Teil des
Œuvres Rose Ausländers sein mag, der Zeit Trauer und Liebe entgegensetzend
zu etwas kommen, das »die Furie des Verschwindens«579 beschwichtigt, um
das Glück nicht von ihr zerrissen sehen zu müssen.
Der Bezug vom See, worin sie untrennbare Teile des Ganzen, das auszuma-
chen es ist, worin sie aufgehen, sind, soll auch sichern, daß sie einander zum
letzten Mal suchen müssen, kein neuer Verlust Wasser und Lotosblume von-
einander löst. Zwei lautlich und grammatisch als Parallelismus gestaltete Vers-
zeilen, deren letztere Achse des Gedichts ist, fokussieren die Synthese:

Du wirst mich tragen


ich werde dich trinken

Man muß freilich sehen, daß das Bild ein einseitiges ist; das lyrische Ich zeigt
sich als abhängig von einem Du, dem es – sanft von ihm getragen und getränkt
– im Grunde nichts schenken kann. Das Wasser ist in einer seltsamen Indiffe-
renz zum lyrischen Ich in der Tat Bild jenes Geliebten, der vielleicht nicht
gleichgültig, doch noch in der geschilderten Vermählung unerreichbar wirkt.
Dann folgt das Bekenntnis zur Beziehung – angehören / vor allen Augen –,
wofür abgesehen von Anekdotischem zu sagen ist, daß der Blick auf die ver-
zweifelt herbeigesehnte Einheit in den Stand der Objektivität zu rücken
scheint, was auf Umwegen das Gesehene absolut setzen soll. Die Sterne werden

577
Ebd., S. 48; vgl. auch Cilly Helfrich: Nur die Liebe erlaubt mir, ein Mensch zu sein.
Rose Ausländer und Helios Hecht. In: Worte stark wie der Atem der Erde. Beiträ-
ge zu Leben und Werk der jüdischen Dichterin Rose Ausländer (1901–1988). Hg.
von Rainer Zimmer-Winkel. Trier: Kulturverein AphorismA 1994 (Kleine Schrif-
tenreihe, H. 9), S. 51–83, hier S. 60 u. passim.
578
»Celan chiffrierte, sie nicht« (Eberhard Seybold: Rose Ausländer lebte in ihrem Mut-
terland Wort. In: Frankfurter Neue Presse, 5. Januar 1988) – das zu behaupten ist ab-
surd – so heißt es bei Rose Ausländer: »Auf Seite 117 / lese ich / was nicht geschrie-
ben steht« (Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden [wie Kap. 1, Anm. 4], Bd 7,
S. 65), was ohne Kenntnis des gelesenen Buches nicht ganz verstehbar sein dürfte ...
579
Hegel, Werke in 20 Bänden (Anm. 62) Bd 3, S. 436.
142 Dritter Teil

sich wundern; prominent ist die Zeugenschaft, die Rose Ausländer bemüht ...
Was als Quelle von Wahrheit gesehen werden kann, es sieht, was zu sehen
aufgegeben ist, und kann davon sozusagen berichten. Zu sehen ist: Hier haben
sich Zwei / zurückverwandelt / in ihren Traum / der sie erwählte. Die Essenz
der Verse exponiert die sonst mit Satzzeichen geizende Dichterin denn auch,
indem sie einen Doppelpunkt setzt.
Interessant ist dabei, daß es der Traum ist, der die Wahl hat, der zuletzt er-
wählt. Auf nicht unelegante Weise rückt der grammatische Modus von Freiheit
ab, wo Liebe und Passion, Obsession das zusammenführen, was einer mythi-
schen Einheit entsprungen zu sein scheint.580 Verlangen wird Geschick, doch
was ausgeblendet wird, rumort im Untergrund fort:

– ἀλλ ̓ οὐ ϵὺς ἄνδρϵσσι νοήµατα πάντα τϵλϵυτᾷ


581
Zeus aber gibt nicht allen Gedanken der Menschen Erfüllung.

Verlangen mag Geschick werden, seine Erfüllung ist eine im Raum der Meta-
pher, die insofern Gegenwelt wird, in ihrer Vollendung resoniert die Nichtig-
keit ihrer Wirkungsmacht mit. Nur kurz sei hier auf ein frühes Gedicht Celans
verwiesen, dem mehr zu gelingen scheint, wo Liebe im Stande ihrer Unmög-
lichkeit Wort wird:

Ein Garn fing ein Garn ein:


582
wir scheiden umschlungen.

Solcher Liebe ist die Trennung eingeschrieben – doch diskreditiert dies das
verschlungene Garn nicht, das vielmehr dem Scheiden einen Beiklang von
Illegitimität, Beliebigkeit und Vorläufigkeit gibt. Die »Garne der Fischer der
Irrsee« »leben«,583 sie leben durch den zufälligen Umstand der beschriebenen
Verschlingung, deren Einschreibung ins einst geordnete Muster des Netzes es
vermag, nun im Rückblick eine Notwendigkeit im Geliebten, im Datum, so
könnte man vorgreifen, zu sehen und sehen zu lassen.

Abtrünnig erst bin ich treu.


Ich bin du, wenn ich ich bin.
[...]
Ein Garn fing ein Garn ein:
wir scheiden umschlungen.

580
Zu denken ist an Platons Mythos vom Kugelmenschen – vgl. Platon: Symposion.
Griechisch und deutsch. Hg. und übersetzt von Franz Boll, bearbeitet von Wolf-
gang Buchwald. 8. Aufl., München, Zürich: Artemis 1989 (Sammlung Tusculum),
189d–193d, S. 98ff.
581
Homer: Ilias. Mit Urtext, Anhang und Register. Übersetzt von Hans Rupé. 9. Aufl.,
München, Zürich: Artemis 1989 (Sammlung Tusculum), XVIII. Gesang, V. 328.
582
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 33.
583
Ebd.
Peter Szondis Antwort 143

Im Quell deiner Augen


erwürgt ein Gehenkter den Strang.584

Zweierlei ist zum schicksalhaften Zug im Gedicht Rose Ausländers zum Du zu


sagen. Zum einen ist, wie angedeutet wurde, an Liebende zu denken, die ohne
einander weniger als jene Hälften zu sein scheinen, die im Ganzen Eines wer-
den: »του̑ ὅλου οὖν τῇ̑ ϵπιϑυµίᾳ καὶ διώξϵι ἔρως ὄνοµα«,585 so lautet die
klassische Umschreibung. Immerhin ist bekannt, daß die Dichterin Platon
schätzte.586 Im Anschluß an Constantin Brunner, einen anderen Denker, der
einen tiefen Eindruck auf sie machte, heute aber weitgehend unbekannt ist,587
schreibt sie:
Er zeigt mir: [...] [Diese Zeit im Ghetto] ist ein Traum, ein langer schwarzer – aber
588
es kommt das Erwachen deiner Selbst, zur Helligkeit, zur Zeitlosigkeit!

Diese Zeitlosigkeit ließe sich nun nicht nur im Gefilde literarischer Tradition
suchen, sondern auch im Leben der Rose Ausländer, was freilich als Blick
auf die Vita Untreue gegen die Auslegung sein mag. Es ist kaum wahrschein-
lich, daß das zwiespältige Verhältnis zur Mutter erahnt werden soll, wo es
heißt: ich werde dich trinken, was ebensogut Rede vom Stillen des Durstes
sein mag ...589 Immerhin heißt es – wenngleich an anderem Orte – im Œuvre
der Lyrikerin: »Die Mutter strömt mir ins Gefühl«,590 was vager Anhalts-
punkt sein kann ...
Die Frage, was zu wissen sei, muß in der Folge den beschäftigen, der ge-
treuliche Annäherung ans Wort dieser Dichtung sucht. Dabei ist auf Szondis
dritten Essay zu verweisen; Eden ist eine »Anti-lecture [...], mais pour cau-
se.«591 Er widmet sich dem Gedicht Du liegst und ist zweifach bemerkenswert
– einerseits, weil hier der Vorgang der Dichtung im Material beobachtbar
scheint, da im Gedicht Integriertes sichtbar wird; andererseits, weil eine Frage
darin formuliert ist, die vielfach übersehen und später ausgerechnet diesem
Text vorwurfsvoll entgegengehalten wurde:

584
Ebd.
585
Platon, Symposion (Anm. 580), 192e, S. 58.
586
Was nicht undelikat ist: der Feind aller Kunst als Patron ihrer Lyrik? – vgl. zur
Sicht der Dichterin Ausländer, Phaidros (Anm. 349), S. 37ff.
587
Von Präsenz zu sprechen ist insofern Übertreibung – vgl. Braun, »Ich bin fünftau-
send Jahre jung« (wie Kap. 1, Anm. 28), S. 21.
588
Ausländer, Zum 28. August 1943 (Anm. 526), S. 63 (Hervorhebung M. H.); vgl.
zu Brunners Einfluß auch Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (wie Kap. 1,
Anm. 28), S. 21ff.
589
Zur Rolle der Eltern vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (wie Kap. 1,
Anm. 28), S. 10ff., S. 26ff. u. passim, vor allem S. 28.
590
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 78), Bd 1, S. 27.
591
Peter Szondi, zit. in: Bollack, Vorwort (Anm. 32), S. 9 bzw. Szondi, Briefe (Anm.
28), S. 336.
144 Dritter Teil

Zu fragen wäre, ob der Fremdbestimmung, den realen Bezügen, nicht eine Selbstbe-
stimmung die Waage hält: die Interdependenz der einzelnen Momente im Gedicht,
592
die auch jene realen Bezüge nicht unverwandelt läßt.

So lohnend nun die Lektüre der Angaben ist, sie sei hier – obschon vorausge-
setzt – übersprungen; statt dessen beginne ich mit Szondis Gedankengang erst,
wo »eine nicht auf subjektive Zufälligkeiten reduzierte Wirklichkeit«593 zu
sehen versucht wird. Dies setzt ein mit der Bemerkung, daß Eden von höchster
»Doppeldeutigkeit«594 sei, und dies nicht zufällig. »Die Einheit von Paradies
und Vorhölle«595 ist hierin aufgenommen: Das Paradies, ein nach ihm benann-
tes Hotel, wo Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ihre letzten Stunden ver-
brachten, ein Luxusappartmenthouse gleichen Namens am Platz »jenes zur
Vorhölle gewordenen Hotels«,596 sie sind mehr oder minder Zufall, doch, in-
dem sie in jener Weise im Geflecht des Gedichts angesprochen und in Relation
zueinander gesetzt sind, zu Notwendigkeit gewandelt. Das Zusammenfallen
dreier Benennungen in seinem schwerlich zu überbietenden Zynismus zeugt
nun sicherlich von den grotesken, absurden »Gegensätz[e] dieser Welt«597 –
doch ist gerade dies wahrnehmbar, wenn man ahnungslos ist? Die Frage der
Bestimmung des Textes durch seine Daten ist eine andere als die des Diktats
der Lektüre durch ihre Kenntnis.
Es ist Celans Intention, »die Motive des Mordes und des Weihnachtsfestes
zum Ärgernis [zu] verknüpfen«,598 wobei Szondis Wortwahl die Heftigkeit der
Verse Celans gelinde gesagt dämpft:

geh zu den Fleischerhaken,


zu den roten Äppelstaken
599
aus Schweden.

Es ist ein wortwörtlich mörderischer Kontrast, in den die roten Äppelstaken


geraten – sie sind höchst geschickt den Fleischerhaken angenähert, welche, wie
Felstiner erklärt, »zur Hinrichtung der gescheiterten Hitler-Attentäter von 1944«
»dienten«.600 Abseits äußerlicher Ähnlichkeit, welche zufällig sich ergäbe, bil-
den die Wörter notwendig den auf Verwandtschaft weisenden Reim, dem die

592
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 395; vgl. Szondi, Briefe (Anm.
28), S. 24: »Die Interpretation sollte ja nicht ein wissenschaftliches Befragen des
Gedichtes sein, ob es stimmt oder nicht.«
593
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 396.
594
Ebd.
595
Ebd., S. 397.
596
Ebd.
597
Ebd.
598
Ebd.
599
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 334.
600
Felstiner, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 190), S. 322; vgl. Szondi, Schriften (wie
Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 395.
Peter Szondis Antwort 145

Attributionen des Rot der Äpfel wie des Blutes und des Staken, das »von ›ste-
chen‹ abgeleitet ist und auch ›Pfahl‹, ›Pranger‹ bedeuten kann«,601 entsprechen.
Aber auch dies ist nur wahrzunehmen, wenn man über Kenntnisse – nun der
Historie – verfügt. Szondis Dezenz versucht den heiklen Grenzgang, nun Ma-
terial nicht auszublenden, aber auch zu unterlassen, was als implizit schon
widerlegter Vorwurf an ihn – er habe hier Kommentar und Interpretation ver-
mischt – besteht; namentlich Zons schreibt:
Bemächtigt sich [...] allzu guter Wille paradoxal eines Textes, statt ihn seinen Lesern
zu lassen? Ist es eine Scham, die mich zögern läßt, diese Frage zu bejahen? Vermut-
602
lich ist sie es.

Die Scham scheint unangebracht, simples Nachlesen hätte es auch getan, da


Szondi mehrfach betont, hier nicht die Dichtung »auf die Daten und Fakten
zurück[zu]führen [zu wollen], aus denen die vierzehn Verse zusammenschos-
sen«,603 um dann das Gedicht als in seinem Potential erschöpft beiseite zu legen,
wie Zons’ Formulierung nahelegt, das Gedicht durch sie quasi zu ersetzen:604
Dieser biographische Bericht [...] soll keine Interpretation [...] begründen. Zu fragen
605
ist vielmehr, ob er einer solchen überhaupt zu Grunde gelegt werden könnte.
Jede materielle Realität [...] ist poetologisch gesehen in ihrem kruden Zustand un-
tauglich, weil sie das Gedicht in seinem Wort blockiert.606

Zuletzt bewahrheitet sich, daß das Gedicht autonom bleibt und gerade jene Da-
ten zugänglich macht, die man in ihm verborgen wähnt.

Nichts
607
stockt.

Szondi vermerkt hierzu auf einem Zettel:

Darüber, daß nichts stockt, stockt das Gedicht.


608
Daß nichts stockt, macht das Gedicht stocken.

601
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 398.
602
Raimar Zons: Nichts stockt. Atemwenden bei Paul Celan. In: »Der glühende Leer-
text«. Annäherungen an Paul Celans Dichtung. Hg. von Christoph Jamme und Otto
Pöggeler. München: Fink 1993, S. 143–162, hier S. 155.
603
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 392.
604
Vgl. die pointierte Darstellung bei Doderer, Die Merowinger oder Die totale Fami-
lie (wie Kap. 2, Anm. 189), S. 123.
605
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 395; vgl. Colin, Paul Celan (wie
Kap. 1, Anm. 96), S. 132; ein anderer schöner Fall ist das scheinbar lächerliche
Detail, das Benjamin Anstoß zum Ursprung des deutschen Trauerspiels gewesen
sein soll – vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 290.
606
Meinecke, Wort und Name bei Paul Celan (wie Kap. 2, Anm. 177), S. 28.
607
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 334.
608
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 429.
146 Dritter Teil

Diese Dialektik beschließt, was Lucile bei Büchner wünscht:


Es regt sich alles, die Uhren gehen [...] – nein, [...] ich will mich auf den Boden set-
609
zen und schreien, daß erschrocken alles stehn bleibt, alles stockt ...

Szondi hat die kürzestmögliche Conclusio des Funktionierens des Gedichts


geboten, einen im Grunde unüberbietbar brillanten Schlußsatz. Was hier dem
Fluß Einhalt gebietet, das ist zugleich, was Sprechen fordert, da die Stille nicht
zu ertragen ist, Sprechen verbietet, da die Unerträglichkeit des Schweigens
wahrgenommen sein will:
Dès qu’on n’en parle pas, le silence retentit, angoisant.610

Diese Stille bricht ein in die Kontinuität, nicht Sprache, sondern Hauch wider-
setzt sich:
La résistance du souffle est celle de la fragilité même.611

Und so ist auch zu sagen, daß der Text Celans und seine Zäsur nicht begrifflich
fixiert (oder durch die Autorität eines Sprechenden vordergründig gebannt) sind,
es bleibt dem »philologischen Wissen [...] ein dynamisches Moment eigen, [...]
weil es nur in der fortwährenden Konfrontation mit dem Text bestehen kann«:612
Das philologische Wissen darf also gerade um seines Gegenstands willen nicht zum
613
Wissen gerinnen.

Das Gedicht bleibt sprechend / hauchend, ist nicht Gesprochenes.614 Jede In-
terpretation scheint einzusetzen, sieht man vom Problem des Vorverständnis-
ses einmal ab;615 keine kann letztlich enden.616 Das Gedicht – »selbst allein ge-
lassen und ohne Zeugen« – »wird aus einer gewissen Notwendigkeit heraus
[...] zu sprechen anfangen«617 und »ohne Lotsen auskommen«618 müssen.619

609
Georg Büchner: Dantons Tod. Ein Drama. Stuttgart: Reclam 1991 (Universal-Biblio-
thek; 6060), S. 76, 4. Akt, 8. Szene (Hervorhebung M. H.).
610
Jean-Luc Nancy: Un Souffle / Ein Hauch. Übersetzt von Bernd Stiegler. In: Shoa.
Formen der Erinnerung. Geschichte, Philosophie, Literatur, Kunst. Hg. von Nico-
las Berg, Jess Jochimson und Bernd Stiegler. München: Fink 1996, S. 122–129,
hier S. 124.
611
Ebd., S. 128.
612
Szondi, Schriften (wie Kap. 1, Anm. 106), Bd 1, S. 265.
613
Ebd., S. 266.
614
Vgl. Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3,
S. 196.
615
Vgl. Shusterman, Vor der Interpretation (Anm. 44), S. 54f.
616
Vgl. Hans-Jost Frey: Palinurus. Die Unerfahrbarkeit des Endes. In: Texte und Lek-
türen. Perspektiven in der Literaturwissenschaft. Hg. von Aleida Assmann. Frank-
furt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1996 (Fischer-Taschenbücher; 12375 –
Philosophie der Gegenwart), S. 67–75, hier S. 68 und passim.
617
Derrida, Schibboleth (Anm. 182), S. 39.
618
Ebd.
Peter Szondis Antwort 147

Hier nur angerissen sei eine Frage, die in der Literatur zu Celans Poems wie
Szondis Auslegung meines Wissens ungestellt blieb: Du liegst entstand »in der
Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1967«;620 Szondi berichtet, eine Woche
zuvor sei Celan in Berlin eingetroffen621 und habe sich ein Buch Der Mord an
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht betitelt von ihm geborgt.622 Eden als
»Brennpunkt«623 von Geschichte und Gedicht wird ihm hier bewußt,624 wobei
die Rückführbarkeit dessen, was in Celans Wort Eden kulminiert, macht, daß
eben dieses Wort Metapher und nicht Metonymie ist.625
Rätselhaft aber bleibt dann doch die im Gedichtband Niemandsrose von
1963 zu findende Fügung »Eis, Eden«,626 der ein schon seiner Endreime we-
gen auffallendes Ineinander von Kälte – »Verloren / [...] erfroren«627 – und
Auferstehung628 folgt ...
Die Frage, wie präzise sich dem Unwissenden aktualisiert, was das Gedicht
gerade als seine Daten zugänglich macht, bleibt jedenfalls bestehen. Sie ist, es
ist angedeutet worden, mit der Wahrnehmbarkeit dessen verbunden, was sich
erst im Gedicht als geschehen lesen läßt, was zuvor stumm oder sinnlos vorlag.
Man kann hier zur Frage der Änderung von Topographie und Ordnung dringen,
welche die gar nicht so stabilen Daten und so auch Neues gebiert.629 Groys, der
die Frage Kunst ohne Geschichte? trocken mit Der Tod steht ihr gut beantwor-
tet hat, schreibt zur Frage, was es heiße, wenn etwas neu ist, es sei dies nur »in
bezug auf die kulturellen Archive«,630 wo es nicht erstmals, sondern an neuem
Orte zu finden sein wird; es ist damit freilich insofern neu, als sein Platz mit
der Frage verbunden ist, welcherart seine Bedeutung oder Essenz – im Mo-
ment – sei. Das Netz bedingt die Position des Knotens, der es mit anderen
bildet. Insofern spricht Groys vom bloß strategischen Unterschied zwischen
Authentizität und Nicht-Authentizität, wobei Authentizität als Ort der Wahr-

619
Zu Vorstufen des Gedichts – vgl. Andreas Lohr: Kleine Einführung in die Bonner
Celan-Ausgabe. »Ich höre, die Axt hat geblüht«, »Du liegst«. In: Lesarten. Beiträ-
ge zum Werk Paul Celans. Hg. von Axel Gellhaus und Andreas Lohr. Köln, Wei-
mar, Wien: Böhlau 1996, S. 11–47, hier S. 45ff.
620
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 390.
621
Vgl. ebd., S. 392; es ist sein erster und einziger Aufenthalt in der Stadt – vgl. ebd.
622
Vgl. ebd., S. 393.
623
Ebd., S. 396.
624
Vgl. ebd., S. 397.
625
»nicht metonymisch, sondern metaphorisch« – ebd., S. 398.
626
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 224.
627
Ebd.
628
Vgl. ebd.
629
Vgl. Boris Groys: – Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie. München,
Wien: Hanser 1992 (Edition Akzente), S. 44.
630
Ebd.; vgl. Boris Groys: Strategien der künstlerischen Askese. In: Im Rausch der
Sinne. Kunst zwischen Animation und Askese. Hg. von Konrad Paul Liessmann.
Wien: Zsolnay 1999 (Philosophicum Lech; 2), S. 145–170, hier S. 148.
148 Dritter Teil

heit im Grunde »sekundär erscheint«,631 geradezu pervertiertes Moment jenes


Spiels ist, in welchem Datum und Erzählung oder Gedicht einander finden.632
Eden als Para-Paradies633 ist nun zweifelsohne ein heikleres Terrain als die
Verse der Rose Ausländer, in denen all diese Spannung von Protokolliertem
und daraus gebildeter Metaphysik der Sinnlosigkeit, so derlei kein immanenter
Widerspruch ist, ausbleibt... Nichtsdestotrotz gilt die Frage Gadamers:
Wieviel also muß man wissen?634

Es gibt zweifelsohne Gedichte, die zu verstehen es keiner Erläuterungen in be-


zug auf das Leben der Dichterin jenseits der Umstände ihrer Vita, die als Allge-
meinbildung vorausgesetzt werden können, bedarf. Wo Kommentare Sinn ma-
chen, ist zu fragen, ob jener Sinn, den sie machen, nicht verführt, jene Richtung
zu übersehen, die von den Versen gegeben nicht anders wahrzunehmen ist.

Mein Kind

Ich habe mein Kind


begraben
das ich nicht gebar

Es war
635
vollkommen

schreibt Rose Ausländer. Aus der Biographie läßt sich sagen, daß die Dichterin
gerne ein Kind geboren hätte; Helios Hecht aber kann nicht ihrem Wunsch
folgend sein Vater sein.636 Ist damit eine Auslegung geleistet – oder ihre Aber-
ration begründet? Ist so bruchlos anzuschließen, wo das Wort und viele Jahre
trennend liegen?637
Verschüttet wird zunächst das Paradoxe des Gedichts, zu begraben, was auf
der Erde niemals wandelte. Dabei sind lautlich begraben und gebar zueinander
gestellt, einander zugesellt. Die Schlichtheit jener Verse, die ein Ende ohne

631
Groys, Über das Neue (Anm. 629), S. 172 (Anm.).
632
Vgl. ebd., S. 173 (Anm.).
633
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 429: »der zweideutige, bittere
Wortkern des Gedichts, [...] eingebettet in die Reimsequenz Schweden-Eden-jeden.
Eingebettet um so mehr, als die beiden anderen Wörter das Wort Eden selber ent-
halten.«
634
Hans-Georg Gadamer: Wer bin Ich und wer bist Du? Ein Kommentar zu Paul Celans
Gedichtfolge »Atemkristall«. 3. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1995 (Bibliothek
Suhrkamp; 352), S. 126; vgl. ebd. zum »biographische[n] Spezialwissen Szondis«
(ebd.) und einem »fiktive[n] Nullpunkt der Uninformiertheit«.
635
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 200), Bd 5, S. 245.
636
Helfrich, Rose Ausländer (wie Kap. 1, Anm. 55), S. 130f., vor allem S. 131.
637
Vgl. ebd. u. Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 200),
Bd 5, S. 335.
Peter Szondis Antwort 149

den Kreislauf des Lebens konstruieren, verbindet jedoch auch die beiden Wör-
ter, die alleine stehen – begraben und vollkommen. Der Umstand der vorent-
haltenen Geburt, der im Zentrum der Verse plaziert ist, steht den beiden Wör-
tern gegenüber, die wie ein steinerner Epitaph und seine Inschrift kein Wort
neben sich dulden. Aber auch die Bedingung für Vollkommenheit schwingt im
Poem mit – der Irrealismus sozusagen. Das Ausbleiben der Geburt erst ermög-
licht es, beim Begräbnis nur dies eine Wort zu gebrauchen, womit das Gedicht
endigt. Soll man Inkomparables nebeneinanderstellend hier auf Jandls Gedicht
verweisen, worin die Welt zur Schönheit entstellt und das Ekelhafte als dem
Ästhetischen verwandt vorgestellt wird? »schneid ab der amsel beide bein /
amsel darf immer fliegend sein / [...] das müßt ein wahrer vogel sein / dem
niemals fiel das landen ein«638 ... Die Wendung, die Amsel dürfe nun – mittels
»schere zart und fein«639 zur Schönheit befreit – immer fliegen, ist ja von be-
sonders erlesener Malice, zu der freilich Rose Ausländer nicht das Talent (und
hier: einen Anlaß) hat.
Die seltsame Ambivalenz des späten Gedichts der Lyrikerin bleibt, so kann
man abschließend sagen, ja auch aus, wenn sie – zu jener Zeit, da sie zu ver-
schmerzen hat, was später Wort ward – schreibt: »So blieb mein Kind in allen
Farbenspielen / des Traumes.«640 Dieses Schreiben ist so nah an der Stimme
der empörten und verletzten Dichterin, daß die Schrift sich – anders als im
zuerst zitierten Gedicht von 1979 – der Stimme gegenüber kaum zu etablieren
vermag.641
Wer von Chiffren und Wiederaufgenommenem spricht, der kann sich frei-
lich nicht damit begnügen, Lebensdaten mehr oder minder gebrochen mit
Dichtung in Verbindung zu setzen – desgleichen ist eine Poetik des Zitats zu
entwickeln, das ja ebenfalls als Fremdkörper im Gedicht zu ruhen scheint. Was
genau ein Zitat sei, ist freilich nicht ausgemacht. Enthalten ist die Anspielung
auf Gelesenes, dessen Sinn als im Gedicht verschoben anzunehmen ist – »ich
»lese [...] / was nicht geschrieben steht«.642 Enthalten ist die Formulierung, die
man wiederfinden wird, wobei ihr Sinn stets auf das Ensemble der anderen
Worte bezogen ist; zu beachten ist dabei das Wort der Literatur wie das
Sprichwort:

638
Jandl, lechts und rinks (Anm. 225), S. 132.
639
Ebd.
640
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 78), Bd 1, S. 302.
641
Zu einem ähnlichen Effekt von authentischem Telephon versus Brief vgl. etwa
Manfred Schneider: Liebe und Betrug. Die Sprachen des Verlangens. München:
Deutscher Taschenbuch Verlag 1994 (dtv; 4638 – dtv wissenschaft), S. 263ff., vor
allem S. 265; eine weitere Einschreibung von H. Hecht wird herausgearbeitet bei
Gabriele Köhl: Der Schaffensprozeß Rose Ausländers. In: »Mutterland Wort«. Ro-
se Ausländer. 1901–1988. 2. Aufl., Köln: Rose Ausländer-Stiftung 1999 (Schrif-
tenreihe der Rose Ausländer-Stiftung; 7), S. 185–209, hier S. 189.
642
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 4), Bd 7, S. 65.
150 Dritter Teil

Ratlos
gehen wir weiter
643
in Redensarten.

Zu berücksichtigen ist, was später noch verfolgt werden soll, die Spur der Mehr-
sprachigkeit jenes Orts, an dem die Dichterin aufwuchs, eine Mehrsprachig-
keit, auf die sie selbst nicht selten verwies, die aber auch in ihrer Tätigkeit als
Übersetzerin Bestätigung findet:
Warum schreibe ich? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt
in Czernowitz zu mir kam. [...] Das viersprachige Czernowitz war eine musische
644
Stadt.
Hier begegneten und durchdrangen sich vier Sprachen und Kulturen.645

Die Funktion der schlichten Suspension des Gesagten646 ist ebenso in die Überle-
gungen einzuschließen wie der Versuch, sich in bezug auf Worte anderer prä-
zise abzusetzen oder weitere Dimensionen des Spiels zu erschließen.
Hinzutreten mag zur bekannten Ironie des Zitats jene, die auch dem Dichter
selbst entging, was zu Derrida führte, dessen Texte diese unschuldigen Bre-
chungen zeigen, sich aus ihr speisen. Erst dieses Zitat gleicht jener Zikade, die
als nicht genau zu lokalisierendes Surren dem Text Leben gibt, ihn aber auch
der Sicherheit der Auslegung entzieht.647

Grillenlied, aus Uhren tickend,


648
Flüstern einer Fieberglut ...

Hier springt die bloße Strategie im Umgang etwa mit Fußnoten, Appendices
und anderen Supplementen um ins Schreiben eines einzigen Buches, das jedoch
»kein Buch mehr ist«,649 wie Kofman bemerkt und Derrida, wäre das möglich,
geradezu seinem Werk voranstellte:
Dies hier (also) wird kein Buch gewesen sein.650

643
Ebd. (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 185.
644
Ebd. (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 285 (Hervorhebung M. H.).
645
Ebd., S. 289.
646
Vgl. Voswinckel, Paul Celan (wie Kap. 2, Anm. 157), S. 64f.
647
Man ist versucht, entgegen der Gepflogenheit den Nachweis, welcher Große in der
literarischen Tradition der Moderne das Bild der Zikade prägte, zu unterschlagen:
»Das Zitat ist kein Exzerpt. Das Zitat ist eine Zikade. Daß sie verstummen, ist Ei-
genart beider.« – Ossip Mandelstam: Das zweite Leben. Späte Gedichte und Noti-
zen. Übersetzt von Felix Philipp Ingold. München, Wien: Hanser 1991 (Edition
Akzente), S. 69 (dort teils kursiv).
648
Ossip Mandelstam, übersetzt von Paul Celan: Gesammelte Werke in fünf Bänden.
Hg. von Beda Allemann, Stefan Reichert und Rolf Bücher. Bd 5: Übertragun-
gen II. Zweisprachig. 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992, S. 99.
649
Kofman, Derrida lesen (Anm. 439), S. 28; vgl. ebd., S. 97 u. 102.
650
Derrida, Dissemination (Anm. 87), S. 11.
Peter Szondis Antwort 151

Allenfalls mit Jabès ließe es sich so nennen, dem Schreiben bedeutet, sich noch
immer über oder an dem Buch zu befinden, das, wird es geschrieben, sich auch
jener Frage stellt:

Welches Wort könnte dem Buch entwischen? [...]


651
Ein einziges: dasjenige, das sich selbst entwischt ...

Es ist dies, was denn auch bei Derrida (mit) im Gange ist. Man ist am Punkt,
der in Erinnerung ruft, als Negation des Raums keinem Terrain zuzugehören,
auf dessen Grenzlinie er läge. Derrida wird etwas, das sich wie ein »unmittel-
bar geteilt[er]«652 Punkt gestaltet, dementsprechend sehen, etwas, das einem
Gottesbegriff nahestehen könnte,653 Szondi erinnert nicht unähnlich daran, daß,
was zufällig scheint, als Datum der Schrift Gewicht hat und Gewicht verleiht –
als »Inzitament«654 ... Die »Potenz [...] der Besonderheit«655 führt zu der nüch-
ternen Feststellung,
[...] daß das Nichtbedingte, d. h. das Absolute, sich in der Erscheinung als Zufällig-
keit darstellt, [...] [was], wenn in einer Interpretation von Zufall die Rede ist, berück-
656
sichtigt werden sollte.

Szondi kennt also den Punkt, auf dem alles ruht, wie Derrida als – in seiner Posi-
tion, nicht etwa in einer ihm fremden Kategorie der Ausdehnung – »elastischen
Punkt«.657 Ein ihm gemäßes Wort aber, das in einem sehr präzisen Sinne an-
spricht, was seine lexikalische Bedeutung nicht ist, ein Wort, das sich von der
wie auch immer überlieferten Bedeutung löst, auf die es nur im Untergrund noch
anspielt, ein solches Wort leitet den Leser ins reiche Feld der Metapherntheorie.
Vorweggenommen sei für diesen Brückenschlag ein Blick auf Wellberys
Essay übers Gedicht: zwischen Literatursemiotik und Systemtheorie, worin
zuallererst nach einem reichlich generös gehaltenen Blick auf den Bestand
gegenwärtiger Literaturwissenschaft zum Zeichen als Referenz geschritten
wird, das freilich, wo es funktioniert, »niemals [...] eine Aussage über das
Jenseits«658 seines Systems zu geben vermag.659
651
Jabès, Die Schrift der Wüste (Anm. 290), S. 130; vgl. ebd., S. 132 u. passim; diese
Unklarheit wird mit dem unmöglichen, doch auch nicht völlig vermeidbaren abso-
luten Gedicht schärfer konturiert werden ...
652
Derrida, Interview mit Florian Rötzer (22.2.1986) (Anm. 94), S. 72.
653
Vgl. Jabès, Die Schrift der Wüste (Anm. 290), S. 23, 28, 92 u. passim.
654
Peter Szondi: Studienausgabe der Vorlesungen. Hg. von Jean Bollack u. a., Bd 3:
Poetik und Geschichtsphilosophie II. Von der normativen zur spekulativen Gattungs-
poetik. Schellings Gattungspoetik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 72), S. 248.
655
Ebd., S. 271.
656
Ebd., S. 280.
657
Ebd., S. 248; vgl. auch ebd., S. 29.
658
David E. Wellbery: Das Gedicht: zwischen Literatursemiotik und Systemtheorie. In:
Systemtheorie der Literatur. Hg. von Jürgen Fohrmann und Harro Müller. München:
Fink 1996 (UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher; 1929), S. 366–383, hier S. 369.
152 Dritter Teil

Wo aber eine Autoreferentialität660 es ermöglicht, anscheinend arbiträre »Ver-


hältnisse[s] der Isomorphie«661 ins Spiel zu bringen, eröffnet sich das Feld des
Poetischen. Poesie also ist Zitat, so schreibt Wellbery – ein Zitat, das nicht mehr
in der Funktion (etwa der Demonstration von Belesenheit) aufgeht, ein Zitat, das
an Dysfunktion erinnert, zu einem gewissen Teil auch Dysfunktion ist ...
Man wird einwenden, Zitate kommen überall vor, ohne daß man es deswegen mit
Gedichten zu tun habe. [...] Im Gedicht jedoch saturiert der Zitatcharakter die ganze
662
Äußerung.

Hinzuzufügen ist, daß dieser Umstand Gegenteil dessen bleibt, was im Wort
saturiert mitschwingen mag. Ist auch »das Gedicht sein eigenes Echo«,663 ist
es zugleich doch auch ein Memento dessen, was sich einer Bezeichnung ent-
zieht, in der Zikade der Sprache abseits allfälliger Topographie surrt und zwingt,
das Sein als Zitat erst ernst-, wenngleich nicht wahrzunehmen.664 Das Zitat will
sein, was seinem Wesen nicht gemäß ist:
Der Treue ist man es schuldig zu zitieren – [...] und der Treue ist man es nicht
665
schuldig, [...] sich allein mit dem Zitieren zu begnügen.

Metapherntheorie und Gedichtstruktur

Der metaphorischen Verknüpfung haftet der Ruch des Ungenügens an, so ist
zuallererst festzuhalten, wo die Begriffe herrschen sollen;666 das zunächst Diffu-
se an ihr, das freilich nicht auf Unschärfe hinauslaufen muß, irritiert eine be-
stimmte Form des Sprechens, worin das Ja vom Nein geschieden sein soll. Wenn
die Interpretation jenen Texten angehören soll, worin der Begriff herrscht, wenn
eine Interpretation nicht wiederum ihrer Exegese bedürfen soll, so ist freilich
kaum zu beantworten, wie sie bei einer Sprache vorgehen soll, deren Pointe sie
in einen Sinn bannend zu Grabe trüge ...

Sprich –
667
Doch scheide das Nein nicht vom Ja.

659
Vgl. ebd., S. 366ff.
660
Vgl. ebd., S. 380.
661
Ebd., S. 374.
662
Ebd., S. 383.
663
Ebd.
664
Vgl. auch Julian Wolfreys: Deconstruction – Derrida. Houndmills u. a.: MacMillan
Press, St. Martin’s Press 1998 (Transitions, S. 56).
665
Derrida, Mémoires (wie Kap. 2, Anm. 256), S. 72.
666
Vgl. Max Black: Die Metapher. Übersetzt von Margit Smuda. In: Theorie der Meta-
pher. Hg. von Anselm Haverkamp. 2. Aufl., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchge-
sellschaft 1996, S. 55–79, S.55
667
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 135.
Peter Szondis Antwort 153

Die Metapher als Ärgernis verleitet nun dazu, neben ihrer Devianz auch Wort-
gebrauch zu sehen, der regelgerecht und konventionell ist, dies zum einen
beim Wort selbst, dessen eigentliche Bedeutung es geben soll, zum anderen bei
den Worten, die die Metapher umschließen. Man kann von Fokus und Rahmen
sprechen, wenn sodann das Wort, das in seinem Umfeld neuer Deutung bedarf,
erklärt werden soll.668 Sogleich erscheint alles ruhig, substituiert man das me-
taphorisch gebrauchte Wort durch jenes, das hier – im Sinne des Rahmens
eigentlich stehen hätte sollen:
Die Metapher stopft die Lücken im Vokabular der wörtlichen Bedeutungen (oder
669
deckt wenigstens den Bedarf an geeigneten Abkürzungen).

Metaphern schwinden somit – entweder durch Substitution, oder aber, indem


sie als Metaphern nicht mehr gesehen werden. Die »Metapher schafft Ähn-
lichkeit«,670 aufgrund derer sie verlischt. Gewonnen ist so nichts, fast schon im
Vergessen verloren hingegen, was hinsichtlich des Eigentlichen nahegelegt ist
– seine Nähe zur Metapher, seine schon erwähnte Bestimmung als Metapher,
die ihr Leben ausgehaucht hat ... Was scheidet die Flüssigkeit der Metapher
von der Starrheit des Eigentlichen?671 Ist es, was Ricœurs Rede, die Metapher
blitze als »ein Funke«672 auf, nahelegt, eine Sache der Wärme, so daß die Acht-
samkeit aufs Bedeuten in der Sprache mit der Präzision den Grad des Meta-
phorischen steigere? Wäre jene Sprache metaphorisch, die aus Umsicht auf das
Eigentliche nicht bauen kann; müßte man festhalten, daß somit gerade dort die
Worte in Bewegung geraten, wo sie nicht hohl an Sprachregeln entlang klap-
pern? Dies wäre nicht nur selbst metaphorisch, was Bedenken erregt, es wäre
auch nicht zureichend genau. Und es deutete vielleicht auch ein ungebrochenes
Verhältnis zum Metaphysischen an ...673
Mich interessiert, ob nicht die Metapher auch am Rahmen etwas ändere. Es
springt ein Funke über, weil ein Wort in ungewöhnlicher Weise zugleich de-
plaziert erscheint, aber auch einen Sinn nahelegt; bedeutet dann die Metapher,
was sie in wenigstens einer Bedeutung auch sonst bedeutet, während der Rah-
men vom Spiel nicht einbezogen ist? In der Tat ändert sich der Rahmen, da,
was die Worte bedeuten – besonders, aber nicht ausschließlich im Feld der
Lyrik – sich dadurch erklärt, in welcher Relation sie sich zu ihrem Umfeld
befinden. Ich erinnere an Szondis Mahnung, nicht von einem Absoluten der
Bedeutung auszugehen, das in der Folge nicht den Text zu erschließen, son-
dern allein sich selbst zu inthronisieren helfen könnte.
668
Vgl. Black, Die Metapher (Anm. 666), S. 58.
669
Ebd., S. 63; sie ist insofern der Katachrese untergeordnet oder wenigstens ver-
wandt, die »neuen Sinn in alte Wörter« »bringt« (ebd.).
670
Ebd., S. 68.
671
Vgl. Philip Wheelwright: Semantik und Ontologie. In: Theorie der Metapher (Anm.
666), S. 106–119, hier S. 110.
672
Paul Ricœur, Die lebendige Metapher (wie Kap. 2, Anm. 250), S. VI.
673
Zu Blitz und Gewitter – vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 1, Anm. 106), Bd 1, S. 294.
154 Dritter Teil

Nelson Goodman schreibt in Sprachen der Kunst:


In der Tat könnte man eine Metapher [...] als eine glückliche und belebende, wenn
674
auch bigamistische zweite Ehe »ansehen«.

Dies ist, so salopp gesagt es zu sein scheint, sehr präzise, da nun auch klarer
wird, daß beim Eroberungsfeldzug namens Metapher ein »Organisationsappa-
rat [...] ein neues Territorium« »übernimmt«,675 der hierin durch nichts als seine
Stimmigkeit legitimiert ist, der außerdem in einem ähnlichen Prozeß gebildet
ist, der schließlich ersetzbar sein mag, doch die Kriterien der Substitution
selbst zu einer weiteren Leistung der Metapher macht – der Metapher selbst ist
der Maßstab nicht eingeschrieben, nach dem all das, was sie bereits getan hat,
es scheinbar zurücknehmend (ordnungsstiftend) fixiert werden mag.
Das Motiv der Untreue der Metapher gegen ihre Eroberung sowie ihre Wur-
zel ist in Goodmans Worten offensichtlich. Und der Hinweis, nicht ihre Wahr-
heit allein entscheide über ihre Wirksamkeit, ist insofern fast ironisch zu lesen
– die Wirksamkeit entscheidet umgekehrt wohl in bezug auf die mögliche Ak-
zeptanz für einen Ausdruck.676 Es geht nicht um eine Neuetikettierung, die nur
alten Mustern entspricht – dies ergibt »moribunde Metaphern«.677
Eine Metapher ist dann am durchschlagendsten, wenn das transferierte Schema eine
678
neue und bemerkenswerte Organisation [...] bewirkt.

Das heißt, daß die Metapher das ändert, was eben noch um sie buchstäblich zu
gelten schien. Wenn nun Ricœur die Metapher als einen »Hiatus in der Bedeu-
tung der Worte«679 bezeichnet, so ist dies in der Tat irreführend, da Umweg
und Selbstrekurrenz der Metapher im Hintergrund stehen.680 Diese Ungenauig-
keit findet sich, wenn von kontextueller Bedeutungsveränderung die Rede ist,
die zu wiederholen ist, woraus Ricœur ableitet:681 »Nur echte Metaphern sind
gleichzeitig ›Ereignis‹ und ›Bedeutung‹.682
In einem Kontext kann streng genommen nur einmal erscheinen, was in der
Wiederholung eben wiederholt oder zitiert wird; der Sprung aus dem Kontext
dagegen wird nicht leicht gelingen. Was immer eine falsche Metapher sein
mag, sie erscheint insofern als unmöglich, ist doch einem Wort es kaum mög-

674
Nelson Goodman: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Übersetzt von
Bernd Philippi. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissen-
schaft; 1304), S. 77.
675
Ebd.
676
Vgl. ebd., S. 83.
677
Ebd.
678
Ebd.
679
Ricœur, Die lebendige Metapher (wie Kap. 2, Anm. 250), S. 8.
680
Vgl. ebd., S. 266f. u. passim.
681
Vgl. Paul Ricœur: Die Metapher und das Hauptproblem der Hermeneutik. In: Theo-
rie der Metapher (Anm. 666), S. 356–375, hier S. 361f.
682
Ebd., S. 362.
Peter Szondis Antwort 155

lich, ohne Kontext als reines Denotat seiner selbst aufzutreten, während die
Bedeutungslosigkeit nicht zuletzt von einem Mangel der Interpretationskatego-
rien herrühren dürfte. Erst die Formulierung Ricœurs, eine Metapher sei zual-
lererst eine »semantische Innovation«,683 stimmt versöhnlich ... Freilich ist
man damit wieder ganz am Anfang. Denn dies besagt, daß Projektion aufs
Kunstwerk und De- oder Neuformation der Kategorien des Verstehens, Aneig-
nung des Fremden und Distanzierung des Eigenen vor der Metapher nicht zu
trennen mehr sind, mag auch der Wunsch bestehen, es gäbe eine Unterschei-
dung von Aneignung und Erschließung.684
Was die Qualität der Metapher selbst angeht, so könnte man die These riskie-
ren, es sei die Sicherheit, mit der neue Ordnungen, seien sie noch so gewagt,
eingeführt werden, bis selbst die Frage nach ihrer Begründung vor den ästheti-
schen Strategien unmöglich geworden scheint. Nicht die Metapher, die sich um
hundert Ecken entwickelt, ist denn auch nach Weinrichs bekanntem Essay von
Interesse, sondern jene, die kühn ist – »kühn, nicht weil sie so weit von der
alltäglichen Beobachtung abweicht, sondern weil sie so gering abweicht«.685
Unvereinbares wird vor den Augen des Lesers darin unvermeidlich ... Kann
Milch nach Celan, auf den Weinrich hier verweist,686 dessen Bild zudem als
eines von Rose Ausländer (oder doch nicht?) noch von Interesse sein wird,
wieder weiß sein?687 Die Sicherheit aber, mit der sich gestaltet, was fast schon
widersinnig und doch nicht beeinspruchbar ist, rührt nicht aus dem Fokus her,
sondern aus der Struktur, deren Element er ist – und so bleibt gar keine andere
Möglichkeit als jene, nach der Ricœur fragt, erlaubt: »Darf man ein Werk,
etwa ein Gedicht, als eine ausgedehnte Metapher ansehen?«688
Man muß das gesamte Werk, insofern es auf der wechselseitigen Definition
seiner Elemente beruht, als Metapher lesen. Gerade die kleinen Wörter wirken
allenthalben, weshalb es Sinn macht, einen Gedichtband passim zu betiteln,
wie Peter Waterhouse es tat ... Geradezu programmatisch heißt es bei ihm ja,
es sei das »gewöhnlichste Wort [...] das unvergeßlichste«.689 »Taumelnde Luft
und geheimnislose Worte«690 ergeben, was Dichtung ist, so formuliert er, denn
sie sind »in alle Wirklichkeit offen«.691 Dies ist denn auch wiederum der
Grund, warum Dichtung nicht dem Zitierbaren angehört, ihre Wörter als Me-
taphern-Fragmente nicht entlassen: »Man kann Gedichte [...] nicht zitieren;

683
Ebd., S. 366.
684
Vgl. ebd., S. 371f.; Ricœur zitiert hier Gadamer – vgl. ebd., S. 371.
685
Harald Weinrich: Semantik der kühnen Metapher. In: Theorie der Metapher (Anm.
666), S. 316–339, hier S. 328.
686
Vgl. ebd., S. 326ff.
687
Vgl. ebd. u. Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1,
S. 41f. u. (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 63f.
688
Ricœur, Die Metapher und das Hauptproblem der Hermeneutik (Anm. 681), S. 358.
689
Waterhouse, Die Geheimnislosigkeit (Anm. 291), S. 11.
690
Ebd., S. 14.
691
Ebd., S. 11.
156 Dritter Teil

man kann sie nur ganz lesen.«692 »Gedichte sind nicht wirklich zitierbar, sie
sind zu leicht, um eine Position und Bedeutung zu behaupten, [...] der Atem ist
nicht zitierbar –«693
Auch bei Rose Ausländer sind es nicht selten kleine Wörter, etwa Konjunk-
tionen, die zwar nicht Gedichtbänden, aber Gedichten vorangestellt sind, wie
schon ein kurzer Blick ins Register belehrt: Aber, zweimal Anders, Bald, Bis
I–II, Damit, Dann, Daran, Dazwischen, Denn, Fast, Hier, Hinauf, Hinaus, Ja
nein, Ja und Nein, Nachher, Nein, Nie, Noch, Ohne, Rückwärts, So, Und, Vor-
bei, dreimal Wann, Was, Weil, Wenn, Wo I–III, Zu kurz, Zu viel, Zuvor, Zuwei-
len, so lauten einige der von ihr gewählten Titel.694
All das, so schreibt Ricœur, ohne darum vom Versuch abzuraten, »greift un-
sere ganze Bestrebung, die lebendige Metapher zu entdecken, im Rücken an«.695
Denn ist die Metapher überall, ist sie bloß zuweilen abgenutzt und daher nicht
wahrgenommen, dann verfällt der Versuch, das Metaphorische zu begrenzen,
dem Urteil, »von uneingestandener Metaphysik«696 zu zehren: »Damit wird die
Neubelebung der Metapher zur Entlarvung des Begriffs.«697 So fällt auch
Blumenbergs Versuch eines Porträts der Metapher aus, worin er die Dezenz
hat, denn auch selbst offensiv ins Metaphorische zu tauchen: »Die Metapher
ist nur die Übertragung einer Übertragung.«698 Folglich ist der Rahmen der
Metaphorik oder des Schiffbruchs, den sie darstellt, entschwunden.699 Blumen-
berg kehrt das Verhältnis zum Schiffbruch, der sie darstellt, um, und schildert
dann mit Neurath, wie das Uneigentliche nach der Epoche eines scheinbar
Eigentlichen aussehe:
Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals
700
in einem Dock zerlegen und [...] neu errichten zu können.

Den Schluß, es erstürbe also die Metaphysik,701 zieht Blumenberg schon an-
dernorts freilich nicht:
Metaphysik erwies sich uns oft als beim Wort genommene Metaphorik; der Schwund
702
der Metaphysik ruft die Metaphorik wieder an ihren Platz.

692
Ebd., S. 84.
693
Ebd., S. 184.
694
Vgl. Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 45), Bd 8,
S. 252ff.
695
Ricœur, Die lebendige Metapher (wie Kap. 2, Anm. 250), S. 260.
696
Ebd.
697
Ebd., S. 262.
698
Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher.
4. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft;
289), S. 46.
699
Vgl. ebd., S. 70.
700
Otto Neurath, zit. ebd., S. 73.
701
Vgl. ebd.
Peter Szondis Antwort 157

Mit solcher Demontage ist kein das Metaphysische zermalmender Zirkel – der
Fall der Metaphysik bringe Metaphorik als ihre fortschreitende Korrosion mit
sich – eröffnet. Vielmehr ist offenkundig jede Metaphorik zunächst wörtlich zu
nehmen, gründet also, was sie zu zerstören, zumindest aber durchschaubar zu
machen scheint, neu. Man ist »ohne [...] Mutterschiff«,703 aber ein Zehren von
»früheren Schiffbrüchen«704 bleibt ...
Was die Qualität der Auslegung (oder allgemeiner: Lektüre) betrifft, so ist
am Begriff der Eingrenzung der Verschiebung fortzusetzen – man kommt zur
Frage, wie Verkettung plausibel zu machen ist, aber auch zur Frage, auf wel-
che Weise Interpretation funktionieren kann: als Festschreibung der Aberratio-
nen wohl kaum, was bedeutet, sie könne vor allem ein Fortschreiben sein, das
fortsetzt, zugleich jedoch – den Effekten der Schrift ja noch immer unterwor-
fen – die Gesetzmäßigkeiten seines Gegenstandes fort-schreibt.
Derlei zeigt sich drastisch bei der Diskussion Lyotards mit Derrida, worin
die Standpunkte beider Denker durchaus plausibel erscheinen. Ich möchte an
dieser Stelle das Streitgespräch nach einem Protokoll zitieren:
In der Frage der Nostalgie sagt Lyotard zu Derrida: »Ich werde darauf nicht einge-
hen, weil Sie das zur stilistischen Eigenheit erklärt haben.« Derrida: »Zu etwas ähn-
lichem.« Lyotard: Also wäre es indiskret, in Ihre Nostalgie zu dringen, ebenso in-
diskret wie Ihr Eindringen in meine Entschlossenheit.« Derrida: »Ich bin ein wenig
über den Vergleich von stilistischen Eigenheiten hinausgegangen ... im entschiede-
nen Bruch mit der Nostalgie tritt eine [...] starre, schlecht geregelte Beziehung (auf);
bei Ihnen tritt vielleicht noch mehr Nostalgie auf als bei mir. Das ist der in der Stil-
frage verdeckte Verdacht.« Lyotard: Sie haben also die goldene Regel?« Derrida:
»Nein.« [...] Derrida [...] wiederholt [...], daß »es bei Ihnen nur die Oberfläche ist,
705
die mit der Nostalgie bricht«.
Was erregt die Gemüter der Denker? Es ist der unendlich tiefe Abgrund zwi-
schen Verknüpfen, wie Lyotard es tut, und Hinzufügen, worauf Derrida sich zu
beschränken sucht.706 Die Verknüpfung ist eine, die trotz des suggestiven Na-
mens – Lyotard selbst konzediert es – vielfältige Anschlußmöglichkeiten zu-
läßt.707 Dem Duktus der Sprache wiederum ist es eigen, in der Tat manche
Fortsetzungen als besser denn andere gelungen zu empfinden, was wohl auch
für die Unterschwelligkeit jener weißen Tinte gilt, womit schreibt, wer die
Schrift zugleich zu entmachten trachtet: »Gibt es eine Metapher im philosophi-
schen Text?«708 Derrida bejaht dies, nicht jedoch ihre Wahrnehmbarkeit.
702
Hans Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie. Frankfurt a. M.: Suhr-
kamp 1998 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1301), S. 193.
703
Blumenberg, Schiffbruch mit Zuschauer (Anm. 698), S. 74.
704
Ebd.
705
Jean-François Lyotard u. a.: Streitgespräche, oder: Sprechen »nach Auschwitz«. Hg.
und übersetzt von Andreas Pribersky. Grafenau/Württ. Trotzdem Verlag 1998 (im-
puls), S. 66f. (Orthographie verbessert M. H.).
706
Vgl. ebd., S. 62.
707
Vgl. Lyotard, Der Widerstreit (wie Kap. 2, Anm. 145), S. 142, § 136.
708
Derrida, Randgänge der Philosophie (Anm. 66), S. 205.
158 Dritter Teil

Die Grundbedeutung [...] stellt nicht ganz genau eine Metapher dar. Sie ist eine Art
transparenter Figur, [...] wird zur Metapher, sobald sie vom philosophischen Diskurs in
Umlauf gebracht wird. Gleichzeitig geraten die erste Bedeutung und die erste Ver-
schiebung in Vergessenheit. Man nimmt die Metapher nicht mehr wahr und hält sie für
den reinen Sinn. Doppelte Auslöschung. Die Philosophie wäre dann dieser Prozeß der
709
Metaphorisierung, der seinerseits ständig durch sich selbst vorangetrieben wird.
Daraus, daß die Metapher überall ist, folgt, daß sie als Verschiebung in bezug
auf ein Eigentliches nirgends, nicht greifbar ist. Es gilt: »Metaphysik – weiße
Mythologie«710 ... Aus diesem Grunde fehlen Linien, denen zu folgen, Gren-
zen, die wahrzunehmen wären:
Die Geschichte der Metapher gleicht im wesentlichen nicht einer Verschiebung mit
Brüchen, mit Wiedereinschreibungen in ein heterogenes System, mit Mutationen,
Abweichungen ohne Ursprung, sondern einer progressiven Erosion, eines regelmä-
ßigen semantischen Verlustes, eines ununterbrochenen Ausschöpfens der ursprüng-
lichen Bedeutung.711
Wollte man alle metaphorischen Möglichkeiten der Philosophie erfassen und klassifi-
zieren, so bliebe mindestens eine Metapher immer ausgeschlossen, [...] außerhalb des
Systems: Zumindest diese, ohne die der Begriff der Metapher nicht konstruiert werden
712
könnte, oder, um eine ganze Kette zusammenzuziehen, die Metapher der Metapher.
Die Konsequenz daraus ist eine doppelte und widersprüchliche. Einerseits ist es un-
möglich, die philosophische Metaphorik als solche von außen in den Griff zu be-
kommen, indem man sich eines Metaphernbegriffes bedient, der ein philosophisches
Produkt bleiben wird. [...] Andererseits aber, aus dem gleichen Grund, versagt sich
die Philosophie das, was sie sich zu geben vermag. Indem ihre Werkzeuge ihrem
Bereich angehören, ist sie außerstande, ihre allgemeine Tropologie und Metaphorik
zu beherrschen. Sie würde sie nur im Umfeld eines blinden Fleckens oder eines Zen-
713
trums von Taubheit wahrnehmen.
Der verbindliche Knotenpunkt ist einer Interpretation kaum mehr gegeben, ein
Anschließen, das in der schon erwähnten Doppeldeutigkeit trotz der zwei Bewe-
gungen vorsichtigen Lesens714 ein Fort-Spinnen sein muß, alles, was zu leisten ist.
Wenn wir Freude an Neologismen hätten, können wir die Texttheorie als eine Hypho-
715
logie definieren (hyphos ist das Gewebe und das Spinnetz).

709
Ebd., S. 207.
710
Ebd., S. 209.
711
Ebd., S. 211.
712
Ebd., S. 214.
713
Ebd., S. 221.
714
»Interpretation als Sammlung des Sinns« – Paul Ricœur: Die Interpretation. Ein
Versuch über Freud. Übersetzt von Eva Moldenhauer. 4. Aufl., Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 76), S. 41; »Interpretation
als Übung des Zweifels« – ebd., S. 45.
715
Roland Barthes: Die Lust am Text. Übersetzt von Traugott König. 8. Aufl., Frank-
furt a. M.: Suhrkamp 1996 (Bibliothek Suhrkamp; 378), S. 94; vgl. Hansen-Löve,
Entfaltungen der Gewebe-Metapher (Anm. 432), S. 71ff.
Peter Szondis Antwort 159

Immerhin aber ist auch die »Innengeburt«,716 die letztlich keinen Anker werfen
kann, Fragen des Stils noch unterworfen. Selbst dort, wo die Verbindung nach
stilistischer Analyse an rhetorischen Effekten hängt, nichts als ästhetische
Strategie ein Wort nahelegt, kann und muß man die Frage stellen, wohin man
in Fortsetzung der solcherart etablierten Nachbarschaft, und sei sie von der
Gestalt eines Oxymorons, gelange.
Auch wer ein Spiel spielt, dessen Regeln er nicht ändern kann, da sie nicht
klar vorliegen, kann auf »gut pastiorisch: ›Subversion durch Zusatzregeln‹«717
einführen. Diesen Wegen zu folgen wäre Verpflichtung einer Lektüre, wobei
die getreue Beobachtung zuletzt nicht Affirmation meinen muß – im Zeitalter,
da Moderne und Kritik ins Schwanken geraten sind, ihr Schwanken zumindest
sich bemerkbar zu machen scheint, ist dies ja einer ihrer Rückzugsorte: »Be-
obachtung und Beschreibung (keineswegs affirmativ, denn genaue Beobach-
tung kann die höchste Form der Verachtung sein)«718 ...
Es ist also dem durchaus Handfesten der Dichtung zu folgen – Rose Aus-
länder schreibt: »Grammatik / meine Alchimie«719 – was bekanntlich heißt, sie
sei »fäustig«.720 Eine exakte Beschreibung der Wege ist dann noch nicht der
zum Scheitern verurteilte Versuch die Fäden wieder zu ordnen, die anders
geflochten jenem Muster nicht einzufügen sind, dem sie zunächst begegnen.
An dieser Stelle ist es angebracht Wellbery zu Wort kommen zu lassen, der
eben dieser Doppeldeutigkeit, fort-, aber nicht rückführen zu können, folgen-
den Kommentar widmet: Es ist, so schreibt Wellbery in einer Darlegung zur
Auflösung der Metapher, die im steten Bruch mit Vorstellungssystemen be-
steht, welcher die spezifische Benennung der Metaphorik in der infiniten Aus-
dehnung des ihr zugerechneten Repertoires von Effekten verunmöglicht, »kein
Begriff der Metapher, der nicht seinerseits metaphorisch wäre«.721 Man gerät
in einen Schwebezustand »zwischen Objekt- und Metasprache, mit dem Ergeb-
nis, daß Äußerungen über die Metapher metaphorischen Status annehmen«.722
Die »Rhetorik ist zurückgekehrt.«723 Die Fundamente dessen, was sie auszusper-

716
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 4), Bd 7, S. 43.
717
S. Müller-Brömsel: Den Wörtlichnehmern verpflichtet. Oskar Pastiors Sestinen:
dekorative Behältnisse einer poetischen Erfahrung. In: die tageszeitung, Nr 4256,
5. März 1994, S. 15.
718
Norbert Bolz: Die hofierten Störenfriede. In: die tageszeitung, Nr 5456, 12. Febru-
ar 1998, S. 13; eine andere ihrer Optionen ist die Dekonstruktion der Rahmen, was,
wie Bolz selbst schreibt, »eine schöne unendliche Aufgabe [ist], denn Dekonstruk-
tion ›ist‹ die Dekonstruktion des ›ist‹« ...
719
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 337.
720
Friederike Mayröcker: Benachbarte Metalle. Ausgewählte Gedichte. Hg. von Tomas
Kling, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1998 (Bibliothek Suhrkamp; 1304), S. 23.
721
Wellbery, Retrait/Re-entry (wie Kap. 2, Anm. 248), S. 198.
722
Ebd., S. 200.
723
John Bender / David E. Wellbery: Die Einschränkung der Rhetorik. Übersetzt von
Dagmar Buchwald. In: Texte und Lektüren. Perspektiven in der Literaturwissen-
160 Dritter Teil

ren schien, sind zerbrochen, ihre Energien sind wie die störenden von ihr hervor-
gerufenen Tremoli in der verbindlichen Argumentation wieder wahrgenommen,
wiewohl man sagen muß: Sie wären immer wahrzunehmen gewesen.
Die Moderne verfügt über keinen verläßlichen Maßstab für Darstellungstransparenz
724
mehr ...

Sie wurde »Zeuge«725 ihrer eigenen Auflösung, einer Auflösung durch die
Oszillation ihrer Begriffe – doch ihre Beobachtungen »können [...] niemals in
einer totalisierenden Theorie der Rhetorik kulminieren«,726 die ja ruhestiftend
auch Totenschein des Beobachteten wäre.
Wo die »Unmöglichkeit eines adäquaten Bezugssystems«727 zur Auflösung
der Verknüpfungen führt, da läßt das »Fehlen des archimedischen Punktes [...]
die Sehnsucht nach der letztgültigen [...] Sprache leer ausgehen.«728 Und letzt-
lich fehlt dieser Punkt immer – die h e l i o t r o p e Metapher ist ein einzi-
ger Irrtum;729 absolute und relative Metapher bieten eine trügerische Sicher-
heit,730 wie auch Menninghaus darlegt.731 Alle Metaphern zeigen den Zug zur
Uneinholbarkeit – und entwickeln dem geschlossenen System gegenüber eine
Dynamik, die schon angerissen wurde:
Es waren die klügsten Theologen, die Gott getötet haben, als sie es nicht mehr unter-
732
lassen konnten, ihn als den aktuell und extensiv unendlichen zu denken.

Warum kam es so? Weil die Metaphorik »Sprengmittel«733 gegen jenes System
begrifflicher Harmonie wird, das Theologie heißt: Wer »könnte sich mit die-
sem theo-mathematischen Monstrum in Beziehung denken?«734 Welche Meta-
pher wäre dem Denken andererseits erträglicher? Blumenberg schreibt in sei-
nen Paradigmen zu einer Metaphorologie von der »Metaphorik der ›nackten‹
Wahrheit«,735 die noch ihr eigenes Erscheinen ohne Entstellung nicht bewäl-

schaft. Hg. von Aleida Assmann. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1996
(Fischer Taschenbuch 12375, Philosophie der Gegenwart), S. 79–104, hier S. 84.
724
Ebd.
725
Ebd.
726
Ebd., S. 102.
727
Meinecke, Wort und Name bei Paul Celan (wie Kap. 2, Anm. 177), S. 12.
728
Ebd., S. 66.
729
Vgl. Hugh J. Silverman: Textualitäten. Zwischen Hermeneutik und Dekonstrukti-
on. Übersetzt von Erik Michael Vogt. Wien: Turia + Kant 1997, S. 330.
730
Vgl. ebd., S. 142 (Anm.).
731
Vgl. Menninghaus, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 189), S. 134 u. 279 (Anm.).
732
Peter Sloterdijk: Sphären. Bd II: Globen: Makrosphärologie. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1999, S. 131; vgl. auch ebd., S. 552 u. Bd I, S. 69.
733
Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie (Anm. 702), S. 180.
734
Sloterdijk, Sphären (Anm. 732), Bd II, S. 553.
735
Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie (Anm. 702), S. 61; vgl. ebd.,
S. 61ff.
Peter Szondis Antwort 161

tigt.736 Die »Metaphorizität ist absolut unbeherrschbar.«737 Eine Theorie ihres


Wesens wäre sogleich Verweis aufs Metaphorische der Theorie selbst.738
Zusammenfassend ist zu Metapher und Lektüre zu sagen: Die Möglichkeit
der Paraphrase, die gegeben sein müßte, wo »Erkenntniswert«739 besteht, trügt;
der Sprung von einem Vorstellungssystem zum anderen ist nicht rückgängig zu
machen.740
Dann ist die Erzählung von jenem Ort, an den man von der Metapher ent-
führt wurde, eine von der Vielzahl der Wege, die sie eröffnet741 – oder ein
ver(w)irrter Abschiedsbrief:

Der Name der Sprache heißt: Abwesenheit.


[...]
Alles flieht. Die Hintergründe sind nicht mehr
unsere Gründe. Ganz vorne stehen wir, im
742
unmittelbaren nichts, guten Tag.

Du mußt dein Leben immer schon geändert haben, so spräche die Schrift heu-
te.743 Der Anspruch von Philosophie in dieser Konstellation könnte sein, »daß
nur die Philosophie es sein kann, von der die Intelligenz erfährt, wie ihre Lei-
denschaften zu Begriffen kommen«.744
Dabei erhebt sich die Frage, ob Passion und Ästhetik in eine Philosophie
geraten sollen, die dadurch an der Erkenntnisqualität ihrer Sprödheit verlie-
ren könnte, welche Burger – somit gleichfalls nicht unästhetisch verfahrend
– advoziert, wenn er über das sonst drohende Zerrbild von Theorie schreibt:
»Ihr Ideal ist eine Schönheit des Schreckens, [...] doch riecht ihr Stil nach
Parfum.«745
Die falsche Vereinigung im Namen einer wohl gegebenen Konvergenz ver-
nichtet, worin der Impetus gesehen ward.746 Solcherart »löst Philosophie sich auf
in Schein«,747 so lautet Burgers Befund, mit dem ich, was dieses Problem an-

736
Folgerichtig wurde der Modus ihres Erscheinens portraitiert / persifliert – vgl.
Anders, Ketzereien (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 61.
737
Ricœur, Die lebendige Metapher (wie Kap. 2, Anm. 250), S. 263.
738
Vgl. ebd.
739
Eco, Die Grenzen der Interpretation (wie Kap. 2, Anm. 249), S. 212.
740
Vgl. ebd., S. 212f.
741
Vgl. ebd., S. 213.
742
Peter Waterhouse: passim. Gedichte. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 8.
743
Vgl. Rainer Maria Rilke: Die Gedichte. Hg. von Ernst Zinn. 9. Aufl., Frankfurt
a. M.: Insel 1997, S. 503.
744
Sloterdijk, Sphären (Anm. 536), Bd I, S. 82.
745
Burger, Vermessungen (Anm. 18), S. 218.
746
Vgl. ebd., S. 217 u. S. 226 u. Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20),
S. 148 u. passim.
747
Burger, Vermessungen (Anm. 18), S. 236.
162 Dritter Teil

geht, vorerst schließen möchte. Es wird Raum für die Blamagen der Deckungs-
ungleichheit zu lassen sein ...748

Zur Poetik der Mehrsprachigkeit

Fremd- und Mehrsprachigkeit Rose Ausländers sind ein interessantes Problem


im Rahmen des Versuchs, das Verständnis des Werks der Dichterin zu vertie-
fen oder zu präzisieren. Dabei sind genaugenommen drei Bereiche der Inter-
pretation aufgegeben, nämlich der Sprachenwechsel, den die Lyrikerin für
einige Zeit vollzog, die Übersetzung – ihre Tätigkeit als Übersetzerin und ihr
Geschick als Übersetzte –, die in interessante Gefilde führt, sowie die Frage
nach den schon erwähnten Einflüssen einer Landschaft, von der es heißt:

Viersprachig verbrüderte
Lieder
749
in entzweiter Zeit

habe es dort gegeben, und

Vier Sprachen
Viersprachenlieder

Menschen
750
die sich verstehen.

Czernowitz

Silberne Pruthsprache
Buchen – Weidengespräche

Zarter und derber


Viersprachenklang
von Deutsch beherrscht

Jiddische
deutsche
Dichter
751
heimattreu,

748
Zum Scheitern von Wort – Welt – Philosophie vgl. Schmidt-Dengler, Bruchlinien
(wie Kap. 2, Anm. 125), S. 177 u. passim; »Umspringtexte[n]« – ebd., S. 178, vgl.
auch ebd., S. 465ff.; es gibt hier sozusagen »nur ein relativ Schlechteres« – ebd.,
S. 316.
749
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 123), Bd 4, S. 72.
750
Ebd., S. 130.
Peter Szondis Antwort 163

so lautet ein Porträt der Heimat der Dichterin, einer Heimat, die Celan etwas
weniger prätentiös in einer Rede so charakterisierte: »Es war [...] eine Gegend,
in der Menschen und Bücher lebten.«752
Selbst die Vögel singen in diesen Gefilden des vielsprachigen Ineinander
»Vogelschaum«,753 wie es in einem etwas überladenen Gedicht der Dichterin
heißt. Freilich ironisiert die Dichterin, was als Nostalgie in Erscheinung tritt, in
manchen Gedichten auch – etwa im Bilde jenes Tieres, dessen Bezug zu jenem
Ort und seiner Vielsprachigkeit einerseits Czernowitz evoziert, andererseits
jedoch zur Demontage des Pathos führen kann. Ihm geht der »Amsel unver-
fälschtes Vokabular«754 voraus, doch dann heißt es:

Der Spiegelkarpfen
in Pfeffer versulzt
755
schwieg in fünf Sprachen ...

Zwei Sprünge
Begonnen sei jedoch mit der Frage, was aus dem plötzlichen Sprung der Lyri-
kerin ins Englische zu lesen sei – immerhin füllen die Texte jener Zeit einen
eigenen Band, The Forbidden Tree. Was kann die Dichterin zu diesem Sprung
– und zum Sprung zurück – bewogen haben? War Czernowitz von Deutsch
beherrscht, von der Muttersprache auch ihr Dichten geprägt, so kam es doch,
daß Rose Ausländer, als sie nach einer Zäsur 1947 wieder zu schreiben be-
gann, die englische Sprache für ihre Arbeit wählt: »Das Dichten in ihrer Mut-
tersprache ist ihr vorläufig verwehrt.«756
Unter die Arbeiten jener Zeit fallen auch die später zu untersuchenden
Übersetzungen etwa Else Lasker-Schülers und Paul Celans. Die Angaben zu
ihren Gründen sind spärlich: »Nach mehrjährigem Schweigen überraschte ich
mich eines Abends beim Schreiben englischer Lyrik.«757 Mehr schreibt sie in
einem ihrer wenigen poetologischen Texte758, Alles kann Motiv sein nicht zum
Wesen des nicht geringen Schritts. Auch zum zweiten Schritt heißt es nur:
Warum schreibe ich seit 1956 wieder deutsch? Mysteriös, wie sie erschienen war,
759
verschwand die englische Muse.

751
Ebd. (wie Kap. 1, Anm. 11), Bd 6, S. 346.
752
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 185.
753
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 99), Bd 2, S. 21.
754
Ebd., S. 16.
755
Ebd.
756
Braun, Rose Ausländer in Czernowitz und New York (Anm. 350), S. 135.
757
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 287.
758
Poetik und Poetologie sind einander bei Rose Ausländer immanent – vgl. auch Mi-
chaela Keßner: Die Lyrik Rose Ausländers. (Magisterarbeit) München 1990, S. 74.
759
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 287.
164 Dritter Teil

Daraus wird man nicht eben klüger, was freilich im Sinne der Dichterin sein
mag, wie sich zu bestätigen scheint, wirft man einen Blick auf den Fragebogen
der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur. Da wird etwa
gefragt: »Von welchen Vor- und Leitbildern, Lehrern, Werken sind Sie [...] be-
stimmt worden«?760 Ehe Rose Ausländer Goethe, Rilke, Trakl, Lasker-Schüler,
Kafka, Spinoza, Hölderlin und Celan nennt, streicht sie eine Formulierung:
»bestimmt → besonders angeregt«.761 Dies nun ist zweifelsohne verständlich
und erinnert an ein Treffen, bei dem Hans Werner Richter Paul Celan vorstel-
len wollte, was zu folgendem Dialog geführt haben soll:
»Und das ist Herr Celan, der macht Gedichte wie ... Nun, sagen Sie schon, wie Sie
dichten.« Celan machte Richters Geste nach [...]: »[...] Nun, doch hoffentlich wie
762
ich.«

Deutlicher wird das Sich-Verwahren der Dichterin gegenüber jedwedem Ein-


fluß, wenn die Frage fällt, was für Konzepte oder Techniken sie bevorzuge:

Kein theoretisches Konzept – ich schreibe aus »schöpferischem« Impuls und Drang.«
Ich schreibe Lyrik in freien Versen: [...] Keine besonderen »Arbeitstechniken«.
Keine besonderen (»Formprobleme« bewegen mich): Es gilt, immer das richtige
Wort, die passende Metapher zu finden.763

Die Antworten beschließt die Lyrikerin mit einer Bitte – »keine weiteren Fra-
gen zu stellen.«764
Schon erhellender ist eine Notiz aus dem Nachlaß, die in Helmut Brauns
Biographie zitiert wird, eine Notiz, der eine poetologische Anmerkung Celans
zur Seite zu stellen passend erscheint.

760
Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, Rose Ausländer, Ein-
gang November 1976.
761
Ebd. Allerdings entspricht diese Ersetzung der Wahrheit, da Einflüsse nur anklin-
gen: »die starke Eigenprägung [schirmt] ihre Verse weitgehend gegen das fremde
Echo ab.« – Walter Hinck: Die Neonaugen des Broadway. Rose Ausländers Ge-
dichte 1957–1965. In: Ein Büchertagebuch. Buchbesprechungen aus der Frankfur-
ter Allgemeinen Zeitung, 1985, S. 16–18, hier S. 17; vgl. auch Walter Hinck: Und
Meer und Sterne. Frühe und späte Lyrik der Rose Ausländer. In: Rose Ausländer.
Materialien zu Leben und Werk. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer
Taschenbuch Verlag 1997 (Fischer-Taschenbücher; 6498 – Informationen und Ma-
terialien zur Literatur), S. 244–247, hier S. 245.
762
Hermann Lenz: Erinnerungen an Paul Celan. In: Paul Celan. Hg. von Werner
Hamacher und Winfried Menninghaus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988 (Suhr-
kamp-Taschenbuch Materialien; 2083), S. 315–318, hier S. 316.
763
Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, Rose Ausländer, Ein-
gang November 1976.
764
Ebd.
Peter Szondis Antwort 165

However, there is also a third category An Zweisprachigkeit in der Dichtung


of poets and writers who lead a double glaube ich nicht. Doppelzüngigkeit – ja,
life: While they remain deeply rooted in das gibt es, auch in diversen Wortkün-
their original language, they have also ab- sten bzw. -kunststücken, zumal in sol-
sorbed the new language, English, its ideo- chen, die sich in freudiger Übereinstim-
matic flavor, rhythms, imagery, wordma- mung mit dem jeweiligen Kulturkonsum,
gic to the extent of identifying themselves genauso polyglott wie polychrom zu eta-
with this language-world. As a natural blieren wissen.
result, this poet is moved to express his Dichtung – das ist das schicksalhaft
poetic experiences also in English ... I am Einmalige der Sprache. Also nicht [...]
765 766
afraid I belong to this category ... das Zweimalige.

In Zurückweisung des »Polychrome[n]«767 verweigert Celans Sprache, was


»manches geneigte Ohr immer noch von ihr zu erwarten scheint«.768 Mit Lec
könnte man sagen: »Es gibt Gedanken, die nur der einen Sprache eigen sind.«769
Rose Ausländer dagegen scheint einen Ausweg gefunden zu haben, der nicht
nur es zu erlauben scheint, daß gesprochen wird, wo die schon erwähnte Mör-
dersprache Schweigen gebietet; es ist auch die allem Anschein nach geglückte
Reaktion auf Heimatverlust, ein Moment von Selbstbehauptung und logische
Folge des Umstands, daß sonst Gedichte für die Schublade entstünden.770 Darum
ist sie nicht, was sie zur first category zählt – eine Dichterexistenz, die sich des
Englischen im Alltag, nicht im Bereich der Sprachkunst bedient.771
Ein kurzer Einschub ist unausweichlich: ein Zitat Mandelstams – in Über-
setzungen von Ingold und Dutli –, das daran gemahnen kann, daß, wie der
scheinbar widerlegte Celan oftmals in seiner Dichtung gezeigt hat, »das
schicksalhaft Einmalige der Sprache«772 nicht im Sinne einer Aneignung ver-
fügbar ist, sondern sich durchaus aus einem Verhältnis zur Sprache ergibt,

765
Rose Ausländer: Unveröffentlichtes Manuskript, zit. in Braun, »Ich bin fünftau-
send Jahre jung« (wie Kap. 1, Anm. 28), S. 85.
766
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 175; vgl.
hierzu Olschner, der »in der Muttersprache [...] die eigene Wahrheit« (Paul Celan,
zit. in Chalfen, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 67), S. 148) ausmacht und – an
Chalfen präziser anschließend – hierfür den Begriff der Datierung, des »Hervor-
kehren[s] privater Ablagerungen« findet (Leonard Moore Olschner: Der feste
Buchstab. Erläuterungen zu Paul Celans Gedichtübertragungen. Göttingen, Zürich:
Vandenhoeck & Ruprecht 1985, S. 46; vgl. ebd., S. 45f.).
767
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 167.
768
Ebd.
769
Stanisław Jerzy Lec: Alle unfrisierten Gedanken. Übersetzt und hg. von Karl De-
decius. München, Wien: Hanser 1982, S. 238.
770
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (wie Kap. 1, Anm. 28), S. 84ff.,
Braun, Rose Ausländer in Czernowitz und New York (Anm. 350), S. 135f. sowie
Leslie Morris: Nachwort. In: Rose Ausländer: The Forbidden Tree. Englische Ge-
dichte. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1995
(Fischer-Taschenbücher; 11153), S. 221–225, hier S. 221ff., vor allem S. 225.
771
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (wie Kap. 1, Anm. 28), S. 86.
772
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 175.
166 Dritter Teil

welches aus seiner Vertrautheit empfindet, daß selbst meine Sprache meine
Sprache nicht ist:
Die fremde Sprache wird mich schützen, kleiden
Wie eine Haut – eh mich die Welt gesehen hatte,
War ich ein Zeichen, Schrift- und Traubenzeile,
773
Ich war ein Buch, war euer Traum und Schatten.
Die fremde Sprache wird mir einst zur Hülle,
Und lang bevor ich’s wagte, das Geborensein,
Da war ich Letter, war ich Traubenzeilen-Fülle.
774
Ich war das Buch, das euch im Schlaf erscheint.
Meine Einsprachigkeit ist absolut, unüberschreitbar und unbezweifelbar, aber diese
einzige Sprache, die ich sprechen muß, solange ich sprechen kann, ist nicht meine.
775
Ich habe nur eine, und das ist nicht meine.

Ehe auf die Qualität auch im Sinn der allgemeinen Beschaffenheit der Poeme
dieser Zeit einzugehen ist, soll doch gefragt werden, ob in der Tat der Sprach-
wechsel heute als angemessene Strategie gesehen werden kann, wo Auschwitz
das umstandslose Sprechen als zugleich verfehltes endgültig ausgewiesen zu ha-
ben scheint. In der Tat steht man hier vor einer Frage, deren poetisch-poeto-
logischer Charakter in vorschneller Übersetzung in die Sprache zu vorschneller
Antwort verführte: »Comment pourrait-on bénir des cendres en allemand?«776
Auf diese Frage ist noch nicht einzugehen, indes auf einen – von Derrida
nicht begangenen777 – Fehler. Dieser läge im Versuch, sich in ähnlichen For-
mulierungen zur Bewahrung einer selbstbewußten, von den Greueln quasi
unbefleckten Sprache jenseits des Deutschen von jenen abzuschotten, welche
dieser »aus dem Nationalsozialismus ererbten Sprache«778 sich bedienen müs-
sen; ich denke hier unter anderem an George Steiner:
For let us keep one fact clearly in mind: the German language was not innocent of
the horrors of Nazism. [...] A language in which one can write a »Horst Wessel
779
Lied« is ready to give hell a native tongue.

773
Mandelstam, Das zweite Leben (Anm. 647), S. 45.
774
Ossip Mandelstam: Im Luftgrab. Ein Lesebuch. Hg. und übersetzt von Ralph Dutli.
Zürich: Ammann 1988, S. 52.
775
Derrida, Die Einsprachigkeit des Anderen oder die Prothese des Ursprungs (Anm.
152), S. 15; vgl. auch ders., Auslassungspunkte. Gespräche. Übersetzt von Karin
Schreiner, Dirk Weissmann und Kathrin Murr. Hg. von Peter Engelmann. Wien:
Passagen 1998 (Passagen Philosophie), S. 216f.
776
Jacques Derrida: Schibboleth. Pour Paul Celan. Paris: Éditions Galilée 1986 (Col-
lection La philosophie en effet), S. 111.
777
Vgl. z. B. Jacques Derrida: Zeugnis, Gabe. In: Jüdisches Denken in Frankreich.
Gespräche. Hg. und übersetzt von Elisabeth Weber. Frankfurt a. M.: Jüdischer
Verlag im Suhrkamp Verlag 1994, S. 63–90, hier S. 84f., vor allem S. 85.
778
Bollack, Herzstein (wie Kap. 2, Anm. 162), S. 16.
779
George Steiner, zit. in: Dennis J. Schmidt: Black Milk and Blue. Celan and Heideg-
ger on Pain and Language. In: Word Traces. Readings of Paul Celan. Hg. von Aris
Peter Szondis Antwort 167

Ehrenrettungsversuche für die deutsche Sprache780 halte ich für einigermaßen


sinnlos, doch ist zu beeinspruchen, daß, wer Steiner gleich argumentiert, vor-
gibt, sich nicht gleichfalls in einer Sprache voller Erblasten zu bewegen, was
problematisch scheint ... Ist ausgemacht, daß sich im Englischen nichts findet,
das dem Vokabular des Nationalsozialismus in erschütternder Weise gliche?
Wird von der letzten Großmacht im moralischen Anspruch gerade dies nicht
immer häufiger vergessen, was als Unvermögen der Geschichtsschreibung zu
einem gefährlichen Unvermögen im Schreiben politischer Zukunft zu geraten
droht, wie auch im Merkur (Nr 603) unlängst bemerkt wurde?
Verwiesen sei auch auf Sloterdijks Vorgriff auf Blasen III, worin Auschwitz
»als eine sterbetechnische Installation«781 vorgestellt wird, was auf eine im Er-
sten Weltkrieg eröffnete Geschichte der automatisierten Tötung im »Angriff auf
das Lebenselement schlechthin«782 weist – dies entlastet nicht, was in Auschwitz
zu denken aufgegeben ist, bedeutet aber ein weiteres Moment fragwürdiger
Reinheit außerhalb des Reichs des Todes ...
Die Frage bleibt offen, ob im Sprachenwechsel allein den Nöten des Worts
entsprochen worden ist.
Zu untersuchen ist also, ob die Lyrik Rose Ausländers schon hier Spuren
zeigt, die ihren nicht schlechten Ruf rechtfertigten. Wer ihre englischsprachi-
gen Arbeiten (großteils in The Forbidden Tree) liest, wer außerdem Kenntnis
der Biographie der Dichterin hat, der kann zumindest zwei Aussagen bald
treffen. Zum einen ist da nicht der plötzliche Bruch des Stils, an den glauben
muß, wer nur die deutschen Gedichte kennt; hier läßt sich eine Kontinuität stei-
genden Drucks sehen, welcher der eine oder andere kleine, dann größer werden-
de Sprung folgt – »experimentelle Tendenzen (kommen) hinzu«.783 Das Myste-
rium des stilistischen Sprungs weicht also achtjähriger Entwicklung im sprach-
lichen Exil, dessen erste Gedichte nicht eben avantgardistisch sind.784 Zum ande-
ren bekommt, wer nach dem plötzlichen Beherrschen der englischen Sprache
amerikanischer Ausprägung fragt, mit den unterschlagenen Jahren der Dichte-
rin, die einst kaum bekannt waren, Antwort.785
Insofern versteht sich, daß zusammenfassend gesagt werden kann, der Ge-
dichtanfang »Looking for a final start«786 sei Wunsch und Programm gewesen,

Fioretos. Baltimore, London: The John Hopkins University Press 1994, S. 110–129,
S.125 (Anm.) – dort breiter referiert; nachvollziehbarer argumentiert ein essayisti-
scher Text von Steiner: An den deutschen Leser, S. 244.
780
Vgl. hierzu die schon erwähnte Passage bei Pöggeler, Spur des Worts (wie Kap. 2,
Anm. 94), S. 101.
781
Peter Sloterdijk: »Die Klimaanlage ist unser Schicksal«. Interview. In: Format,
Nr 11, 14. Dezember 1998, S. 143.
782
Ebd.
783
Bender, Ausländer, Rose (Anm. 256), S. 33.
784
Vgl. auch Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (wie Kap. 1, Anm. 28), S. 86.
785
Vgl. ebd., S. 7f. u. S. 28ff.
786
Ausländer, The Forbidden Tree (wie Anm. 770), S. 200.
168 Dritter Teil

fand sich aber nicht zur Gänze umgesetzt, zumal die Frage »What am I?«787
noch zahllose Antworten in deutscher Sprache evozierte.
Einige jener Gedichte, die vor der Ausgabe der gesammelten Werke übri-
gens nur zum Teil publiziert worden sind788 – eine Datierung, die der Darstel-
lung einer Entwicklung entsprechend zur Seite gestellt werden könnte, ist
somit nicht leicht zu leisten – seien hier als Übergang von Stil zu Stil einer
Untersuchung unterzogen.
»Nobody was prepared when it came«,789 so beginnt ein Gedicht, das dem
weiten Feld der Anti-Atomtod-Lyrik zuzuordnen ist und dessen Verse von der
Dichterin 1959 als »the most gruesome and nihistic ones I have ever written«790
vorgestellt wurden. Kaum Zweifel bleiben jedenfalls angesichts des Titels After
the World Was Atombomded, der engagierte Lyrik erwarten oder befürchten läßt.
Doch es gelingt Rose Ausländer, das Thema, das 1959 in den USA wohl auch
noch nicht durch Floskeln verschüttet, sondern Gegenstand eines mit Bestimmt-
heit vorgetragenen Schweigens gewesen sein mag, vom spektakulären Szena-
rio in der Tat zum Gegenpart der Schöpfung zu erheben.
So heißt es in den Versen, deren Endreim sich in Auflösung befindet:791
Everyone hurried to look for his name
under the ashes.
Dead mothers washed their eyes
to recognize
792
the dust of their children.

Man sieht einen Bezug, der in der Folge als Weltenbrand über den konkreten
Anlaß, den der Titel nennt, weist. Elemente, aber auch Geister (»spirits from the
Old and the New Testament«793) sind nicht mehr am Ort, den ihnen, was man als
göttliche Topologie beschreiben könnte, zuweist. Die Körper sind »immaterial«794
geworden, der Name ohne Gegenstand reißt Überlegungen zur Trauer an, die
kein Ende finden werden.
Und Zeugenschaft wird stets ein Scheitern beinhalten – oder das Bezeugen
dessen sein, was der Stimme beraubt ist.

787
Ebd.
788
So Braun in seiner Editorischen Notiz – vgl. ebd., S. 262f.
789
Ebd., S. 9.
790
Rose Ausländer: Die Nacht hat zahllose Augen. Prosa. Hg. von Helmut Braun.
Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1995 (Fischer-Taschenbücher;
11165), S. 154.
791
Am Vers »Mary washed her eyes to see clear / the Resurrection beneath the smear.«
(Ausländer, The Forbidden Tree [Anm. 770], S. 9) streicht Rose Ausländer bei-
spielsweise in einer Vorstufe clear aus. Auch experimentiert die Dichterin mit der typo-
graphischen Anordnung etwa von strange change und His whole / Immortal Soul.
792
Ebd.
793
Ebd.
794
Ebd., S. 10.
Peter Szondis Antwort 169

An ashen soldier kept


vigil and slept.795

Hier wird meine Interpretation allem Anschein nach unnötigerweise lücken-


haft. Ich möchte an dieser Stelle eine von Janz gegebene Interpretation zu
Celan näher anführen, die in ähnliche Bereiche führt – zu einem allerdings
sublimeren Gedicht. Der Gedanke, die Atombombe sei hier zentral, wäre denn
als eine Ergänzung des in einer Verlegenheit Befindlichen zu verstehen.796
Sind also Celans »Orkane, [...] Partikelgestöber«797 tatsächlich die Folgen
»atomarer Explosionen«?798 Man wird diese Komponente nicht leugnen, ob-
schon der Schatten »eines Bombers«799 in der Folge der Grundidee zuliebe gese-
hen worden sein mag ... Die »Flugschatten«800 sind aber der »Rauchseele«801
wohl doch weitaus näher; mögen auch »Auschwitz und Hiroshima«802 als Ein-
flüsse auf Celans Werk feststehen, des Dichters »Schatten / des Wundenmals
in der Luft«803 ist doch eher mit dem Rauch Verbrannter in Verbindung zu
sehen – auch hier.804
Die Wiederaufnahme des Gedenkens an das »Grab in den Lüften«805 und an
die »Unbestattbaren«806 ist gemeint, das einen Gedanken eher simulierende
Schlagwort »Anti-Atomtod-Lyrik«807 nicht nur allgemein reichlich plakativ,
sondern an dieser Stelle schlicht deplaziert.
Den Umstand, »daß Menschen wie Rauch in die Luft steigen«808 mußten,
hat Janz freilich nicht übersehen; auch dürfte der Hinweis auf die »Schatten an
den Häuserwänden«,809 welche die Menschen – »augenblicklich verbrannt«810
– in Hiroshima und Nagasaki hinterließen, wenn man schon auf diesen Einfluß
insistiert, für Flugschatten und Rauchseele eher von Bedeutung seien. Tatsäch-

795
Ebd.
796
Janz, Vom Engagement absoluter Poesie (wie Kap. 2, Anm. 20), S. 75ff.
797
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 200.
798
Janz, Vom Engagement absoluter Poesie (wie Kap. 2, Anm. 20), S. 75.
799
Ebd.
800
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 203.
801
Ebd.
802
Buck, Muttersprache, Mördersprache (wie Kap. 2, Anm. 76), S. 24.
803
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 23.
804
Vgl. auch Pöggeler, Spur des Worts (wie Kap. 2, Anm. 94), S. 205f.; »Schatten
[...], den der Rauch der Vernichtungslager mit den Verbrennungsöfen warf.« (ebd.,
S. 205); vgl. weiters die Schilderung des Synagogen-Brands in Celans Heimatort
bei Chalfen, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 67), S. 115.
805
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 41 u.
(wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 63.
806
Ebd., (Anm. 174), Bd 2, S. 227; vgl. Werner, Das Grab im Text (wie Kap. 2, Anm.
16), S. 160ff.
807
Janz, Vom Engagement absoluter Poesie (wie Kap. 2, Anm. 20), S. 74.
808
Ebd., S. 40 (die deutsche Sprache verlangte statt des wie eher ein als).
809
Ebd., S. 74.
810
Ebd., S. 73f.
170 Dritter Teil

lich will es mir jedoch scheinen, daß Szondis Verzicht auf solche Bestimmung
in seinem Essay zur Engführung ein Vorzug seiner Interpretation ist. Während
Theo Buck erstaunt bedauert, daß Szondi trotz der »glückliche[n] Wendung«811
»Atom-Gestöber«812 nicht jenen Pfad, den Janz wählt, nimmt, ist doch festzustel-
len, daß die allgemein gehaltene Variante das Problem des Verschwimmens jen-
seits der »totale[n] Vernichtungsmaschinerie«813 besser trifft. Die Hoffnung, im
Bewußtsein steten Verlöschens der so dringlichen Erinnerung dem Verschwin-
den Einhalt zu gebieten, wird man auch aus einem Aphorismus Celans lesen
können, der kaum auf Nuklearwaffen beziehbar scheint: »›Alles fließt‹: auch
dieser Gedanke, und bringt er nicht alles wieder zum Stehen?«814
Freilich weiß Celan um die geringe Tröstlichkeit einer argumentativ sus-
pendiert scheinenden Zeit, die als Augenblicksmoloch alles in sich zieht – und
als Gedanke von Jabès so umschrieben wird:
Die Zeit zu denken bedeutet, den Trennungsschmerz zu denken.815
816
Die Mutter der Weisheit [...] ist der Schmerz.

So eröffnet Lévinas, womit alles anhebt (Trauer) und wohl endet (Trauer im
Futurum exactum). Ist nicht – trotz der klaren Titelworte – bei Rose Ausländer
ein ähnlicher Weg anzuempfehlen? »Pretty silvercrisp angels«817 und die schon
erwähnten »spirits from the Old and the New Testament«818 können nur ihres
Platzes verlustig gehen und »into deeper nothingness«819 versinken, wenn ab-
seits der ersten Zerstörung der Raum des Gedenkens selbst beschadet ist – vom
»spaceless cemetery«820 ist die Rede.
Ich will also nicht dem Pfad zu Günther Anders’ Protest folgen, mit dessen
Œuvre man »Denken nach Hiroshima«821 assoziiert; er schreibt bekanntlich, es
sei »Auschwitz [...] moralisch ungleich entsetzlicher [...] als Hiroshima«,822
doch der Satz lautet unvermindert und in einem klaren Futurum:

811
Buck, Muttersprache, Mördersprache (wie Kap. 2, Anm. 76), S. 132.
812
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 366.
813
Buck, Muttersprache, Mördersprache (wie Kap. 2, Anm. 76), S. 132; vgl. ebd. (Anm.)
zu Szondi, der trotz seiner Formulierung hier »bei seiner Deutung [...] bleibt«.
814
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 165.
815
Jabès, Der vorbestimmte Weg (wie Kap. 1, Anm. 186), S. 52.
816
Emmanuel Lévinas: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie
und Sozialphilosophie. Hg. und übersetzt von Wolfgang Nikolaus Krewani. 3. Aufl.,
Freiburg, München: Alber 1998 (Alber Studienausgabe), S. 203.
817
Ausländer, The Forbidden Tree (Anm. 770), S. 9.
818
Ebd.
819
Ebd.
820
Ebd.
821
Ludger Lütkehaus: Philosophieren nach Hiroshima. Über Günther Anders. Frank-
furt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1992 (Fischer-Taschenbücher; 11248 –
Philosophie), S. 18.
822
Anders, Besuch im Hades (wie Kap. 1, Anm. 188), S. 203; vgl. ebd., S. 203ff.
Peter Szondis Antwort 171

Auschwitz ist trotz der Tatsache, daß die Welt nicht durch Auschwitzs, sondern
durch Hiroshimas zugrundegehen wird, moralisch ungleich entsetzlicher [...] als Hi-
roshima.823

Die japanische Stadt mag dafür zeugen, daß es einen Schiffbruch ohne Zuschau-
er geben könnte.824
Schon eher wäre Günther Anders’ These nachzugehen, es gebe eine »nega-
tive Protzerei«825 der Dinge. Dies bedinge »Realismus als Phantastik«826 und
(allenfalls) »Phantastik als Realismus«827 – es ist kurz gefaßt das Problem,
»daß man der Bombe nicht ansieht, was sie ist«.828
Ihr Aussehen »vertuscht« somit bereits ihr Sein. Wenn Sie sie malen wollten, würden
Sie diese Vertuschung mitmalen müssen. Ob sie wollen oder nicht. Jedes noch so reali-
stische Bild der A-Bombe würde dadurch auf eine Verniedlichung hinauslaufen.829

Dem folgt die berühmte These, wir können »uns also Dinge ausdenken, die
wir nicht ausdenken können«,830 wir seien »kleiner als wir selbst«.831 Und die-
sem Unvermögen, aus, also zu Ende oder »zu Tode [zu] verstehen«,832 was aus-
gedacht werden konnte, tragen die Verse von Rose Ausländer in der Tat Rech-
nung – man muß gestehen, daß vor dieser Einsicht der Schluß naheliegt, die selt-
same Ausweitung der Atombombe ins Mystische stehe am Rande zum Kitsch.
So aber ist es eine phantastische (also realistische ...?) Destruktion der Trans-
zendenz selbst, welche die Dichterin skizziert.
Formal fällt auf, daß Reim und Ungereimtes sich finden. Gerade dort, wo
alles auseinanderfällt, in einem Augenblick korrodiert, entfallen die Reime, die
sonst Sinnfälliges oder Folgen in der Zeit binden. Kommen der Katastrophe;
die Suche nach den Namen; Augen und Erkennen; Firmament und Altes sowie
Neues Testament; die sieben Himmel; versuchte Klärung der Schlieren, all dies
reimt sich, während die Asche, die Kinder, das ortlose Begräbnis, der Zusam-
menbruch der himmlischen Ordnung dem Reim entzogen sind.833 Es folgt ein

823
Ebd., S. 203 (Hervorhebung M. H.).
824
Ähnlich paraphrasiert Lütkehaus Blumenberg – vgl. Lütkehaus, Philosophieren
nach Hiroshima (Anm. 821), S. 56.
825
Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. 2: Über die Zerstörung des
Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München: Beck, 4. Aufl.
1988 (Beck’sche Reihe 320), S. 35.
826
Ebd., S. 321; bzw. »Eskapismus« – ebd., S. 326.
827
Ebd., S. 316.
828
Ebd., S. 322.
829
Ebd., S. 323.
830
Ebd., S. 324.
831
Ebd.
832
Anders, Mensch ohne Welt (Anm. 442), S.122.
833
Vgl. Ausländer, The Forbidden Tree (Anm. 770), S. 9; »und sich die raunenden /
Reime erkennen« – Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm.
78), Bd 1, S. 178.
172 Dritter Teil

zweiter Kollaps der himmlischen Ordnung – nun nicht durch ihr Versagen, den
Verlust der Überschneidung, sondern gerade durch Partizipation:
But her son
had undergone
a strange
834
change,

so heißt es auf den Blick Marias hin.835 In der Folge gibt es Kontinuität des
Reims nur noch im Paradoxen – in der sich mit dem Verwüsteten verbinden-
den »whole / [...] Soul«836 und im Wächter, der schläft.837
Fast fühlt man sich hier an ein Gedicht einer anderen jüdischen Dichterin
der Bukowina erinnert, deren Umgang mit den Formtraditionen gleichfalls
nicht ungebrochen sich doch nicht entfalten durfte838 – an Selma Meerbaum-
Eisingers Poem. Ist auch sein Inhalt drastisch, wirkt dieses Gedicht zunächst
harmlos:
Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
839
für glitzernde Kronen?

Trotz des bis zuletzt erhaltenen Endreims gelingt schließlich der Einbruch des-
sen, was gerade mit dem Endreim sich schwerlich vereinbaren läßt, indem zu-
letzt ein postponiertes Satzstück als Ellipse in der Wiederholung die Auflösung
des Festgefügten gestaltet:
Nie
und
840
nie.

Bei Rose Ausländer fällt schließlich die bewußte Kontrastierung auf: Bloß »an-
noyed«,841 also nicht viel mehr als verärgert oder belästigt sind die Engel, die
mit Gesangstunden ausgelastet sind. Es ist nicht zuletzt dies, was sie der Nich-
tigkeit überantwortet. Erst das schon erwähnte Zerbrechen der Seele des Gottes-

834
Ausländer, The Forbidden Tree (Anm. 770), S. 9.
835
Vgl. ebd.
836
Ebd., S. 10.
837
Vgl. ebd.
838
»Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben ...« Selma Meerbaum-Eisinger:
Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen
Freund. Hg. von Jürgen Serke. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1994
(Fischer-Taschenbücher; 5394), S. 93, eine Notiz, welche sich bei einem der letz-
ten Gedichte Meerbaum-Eisingers findet, erweist sich als wohl ahnungslose Be-
nennung eben dieses Umstands.
839
Ebd., S. 51.
840
Ebd., S. 52; vgl. zu Meerbaum-Eisingers mehrsprachiger Existenz Gellhaus u. a.:
»Fremde Nähe« (Anm. 154), S. 111.
841
Ausländer, The Forbidden Tree (Anm. 770), S. 9.
Peter Szondis Antwort 173

sohnes, die sich nicht lösen kann oder will vom Gegenstand liebender Betrach-
tung, ist angemessen – und devastiert, was als Heiles etwas zeugen hätte können:
His whole
Immortal Soul
mingled
with the immaterial
842
material.

Den Weg vom einigermaßen konkreten Szenario zum kosmologischen Modell


einer unheilen Welt beschreitet Rose Ausländer auch in anderen Gedichten –
etwa, wenn sie die Augäpfel eines blinden Bettlers, dessen Leben sich in einer
»capsuled world«843 vollzieht, in Blind Beggar als ein Paar von
dead suns
remembering light
before eternity
844
became a shade
erscheinen läßt, woraus sich geradezu selbstverständlich eine Welt entwickelt,
deren Götter vergangen sind – »gone down in time / with unidentified dust«.845
Die neue Welt erlebt »Aspirin Days«846 und das Zeitalter des Kobalt.847 In die-
ser unheilen Welt, die meine Studie als Thema durchzieht, ist wahre Schönheit
oder schöne Wahrheit vereitelt, bleibt aber als Nostalgie im Erleben das Ge-
spann erhalten, das unmöglich geworden ist:
We cannot fathom what compels us to
Say »Beauty«, and to feel it to be true.848

Und demgemäß gestalten sich die Gedichte formal immer mehr zur Frage, wie
das glatte Ineinandergleiten von Worten noch redlich zu nennen sei, wo Brü-
che die Welt durchziehen. Diese Brüche führen zu Kürzestzeilen, deren End-
reim schon an Akrobatik grenzt ...849 Doch erst in wenigen Anfängen schwin-
det das elegante Alternieren der Verse, wird der Reim gemieden und zuletzt
auch ausgelotet, was uns zur »Schönheit« bewege, was nicht so sehr den Glau-
ben an sie, doch sie selbst diskreditiere.
Mountains are lonely thinkers
standing between
sky and earth.850

842
Ebd., S. 10.
843
Ebd., S. 22.
844
Ebd.
845
Ebd.
846
Ebd., S. 13.
847
Ebd., S. 11: »our cobalt age«.
848
Ebd., S. 17.
849
Vgl. etwa ebd., S. 171.
850
Ebd., S. 113.
174 Dritter Teil

Doch die Spitzen, die zu den Sternen weisen, bleiben Stein; was ihr Faszino-
sum indes ausmacht, ist, daß sie »height and depth«851 ahnen, doch ihre Mittel-
stellung annehmen:
They do not bow
852
to anything.

Auch hier ist es eine Ausweitung zur Kosmologie, die einer phantastischen Na-
turbeschreibung folgt – Apollo und Moses beschließen ein Bild, das freilich nicht
mehr das Desaster oder die Idylle beschreiben möchte, sondern Rückzug zu einem
Punkt ist, der summum bonum und summum malum allenfalls ahnt und Installati-
on des lyrischen Ich genau zu sein sucht: am Parnaß oder auf dem Berg Sinai.853

Übersetzungen Rose Ausländers


Rose Ausländer als Übersetzerin und Übersetzte stellt den Leser vor viele Fra-
gen, nicht zuletzt jene, ob man dann das Gedicht als Nexus zwischen Satz-
universen zu verstehen habe. In anderer, allgemeiner zu formulierender Weise
bleibt dies zu beantworten.
Sicherlich gilt von jeder geglückten Übertragung, daß sie zwar im ständigen
Bezug aufs Original »essentially a non-essence«854 ist, dies jedoch in keiner
anderen Weise als jener, welche allem Dichten eignet. »To translate is to speak
second-hand«,855 schreibt Frey, doch alsbald zeigt sich, woraus in der Folge
der Anspruch an die Kunst der Translation sich ergibt:
The translation does not become an object of reflection for the reader for whom it is
intended. He reads it like an original. The translation can only become a problem for
someone who does not need it. [...]
The difference between original and translation can only be seen when they are
simultaneously present. When the texts are available at the same time, their [...] pri-
ority – in every sense of the word – of one to the other is called into question. [...]
856
The original is not something that is established once and for all« ...

851
Ebd.
852
Ebd.
853
Vgl. ebd.
854
Hans-Jost Frey: The Relation between Translation and Original as Text. [The Example
of Celan’s Version of Shakespeare’s Sonnet 137]. Übersetzt von Georgia Albert und
Hans-Jost Frey. In: Word Traces. Readings of Paul Celan. Hg. von Aris Fioretos. Bal-
timore, London: The John Hopkins University Press 1994, S. 345–352, hier S. 345.
855
Ebd., S. 346.
856
Ebd., S. 347; was das Original dann sei, formuliert Waterhouse, Die Geheimnislosig-
keit (Anm. 291), S. 61: Ȇbersetzen: [...] eine fremde Sprache in der deutschen fin-
den, das ungesprochene Deutsch vielleicht, das unbekannte, das vergessene. Das
Deutsche wieder unbekannter machen.« Dies führt Leavy fort: »One Tongue in the
mouth of the other [...]: such is translation.« – John P. Leavy: French Kissing. Whose
Tongue Is It Anyway? In: The French Connections of Jacques Derrida. Hg. von Julian
Wolfreys, John Brannigan und Ruth Robbins. Albany: State University of New York
Press 1999, S. 149–163, hier S. 149; damit ist gesagt, was aufzugreifen bleibt ...
Peter Szondis Antwort 175

Böschenstein liest in diesem Sinne der Fortschrift statt einer Vorschrift des
Originals eine Passage Celans, die Valéry über diesen hinaus folgt – so spricht
die Übersetzung: Das »›ich brauch dich nicht, du bist / entbehrlich‹ ist hier in
mehr als einem Sinne gültig, nicht thematisch nur, auch sprachlich.«857 »In der
Poesie [...] gibt es nichts Fertiges.«858
Freilich ist Vorsicht geboten, wo solche Formulierungen nahelegen, man
müsse selbst eine zeitliche Priorität ins Wanken gebracht sehen – was Archaik
und Qualität mit einander assoziierte, wo Benjamins treffender Ausdruck der
»Nachreife«859 anderes, nämlich Qualität als Forcierung des Formalen und also
sozusagen Modernität plausibel erscheinen läßt.
So sei auch Böschensteins Formulierung zitiert, wonach es das Ziel einer
Übersetzung nicht sein dürfe, einfach zur Nachahmung des Originals, das ja
vor allem Impetus zu sein scheint, zu schreiten:
Vielmehr gibt [...] [der Akt der Vermittlung] sich als der zweite Text zu einem er-
860
sten zu erkennen.

Der textuelle Bezug861 läßt jedenfalls somit sagen:


As [...] long as the two poems in their correlation are read as text, the first is as much
862
»transferred« into the second as the second »afflicts« the first.

Diese Gedanken werden im Verlauf der Arbeit wiederaufzunehmen sein.


Zuallererst ist aufs zur Verfügung stehende Material einzugehen. Die veröf-
fentlichten Gedichtübertragungen entsprechen bei weitem nicht dem Umfang
der von der Dichterin geleisteten Übersetzungen; in einer Anmerkung zur
Gesamtausgabe heißt es:
Rose Ausländers Übersetzungstätigkeit war umfangreicher als hier ersichtlich. Unter
anderem hat sie 60 Gedichte von Christian Morgenstern übersetzt. Einen Nachweis

857
Bernhard Böschenstein: Übersetzung als Selbstfindung. George, Rilke, Celan zwi-
schen Nachgesang und Gegengesang. In: Vom Übersetzen. Zehn Essays. Hg. von
Martin Meyer. München, Wien: Hanser 1990 (Edition Akzente), S. 37–57, hier
S. 55; vgl. Paul Celan: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Hg. von Beda Alle-
mann, Stefan Reichert und Rolf Bücher. Bd 4: Übertragungen I. Zweisprachig.
2. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992, S. 121.
858
Mandelstam, Das zweite Leben (Anm. 647), S. 66; vgl. ebd., S. 70; »Ein Gedicht /
beginnt nicht / hört nicht auf« – Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie
Kap. 1, Anm. 45), Bd 8, S. 183.
859
»Nachreife auch der festgelegten Worte« – Walter Benjamin: Die Aufgabe des
Übersetzers. In: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann
u. a. Bd IV: Kleine Prosa. Baudelaire-Übertragungen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1991 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 934), Bd IV/1, S. 9–21, hier S. 12;
»Nachreife des fremden Wortes« (ebd., S. 13).
860
Böschenstein, Leuchttürme (wie Kap. 2, Anm. 208), S. 309.
861
Vgl. Frey, The Relation between Translation and Original as Text (Anm. 854),
S. 348.
862
Ebd., S. 352.
176 Dritter Teil

über die Veröffentlichung dieser Übersetzungen gibt es bisher jedoch nicht, so wur-
863
de auch auf die Wiedergabe dieser Texte verzichtet.

Im abschließenden Band der Taschenbuchausgabe sind einige Übertragungen


wiedergegeben, auf die ich näher eingehen möchte, zumal sich hier unter den
Übersetzten Lasker-Schüler, Shakespeare und Celan finden.864
Ich möchte mit der Übertragung eines Gedichts von Else Lasker-Schüler
beginnen: Gebet beziehungsweise Prayer; die Übersetzung erschien in The
New Orlando Poetry Anthology 1958.865
Im Gegensatz hierzu handelt es sich bei vielen anderen Texten um Manu-
skripte.866

Gebet Prayer

Ich suche allerlanden eine Stadt, I seek a city everywhere


Die einen Engel vor der Pforte hat. having an angel at the gate.
Ich trage seinen großen Flügel I wear his great and broken wing
Gebrochen schwer am Schulterblatt heavily on my shoulder blade
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel. and on my brow his star as seal.
Und wandele immer in die Nacht... I always wander into night.
Ich habe Liebe in die Welt gebracht – For every heart to blossom blue
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag, I brought my love into the world
Und hab ein Leben müde mich gewacht, and all of my life I stayed awake
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag. my dark breath wholly wrapped in God.
O Gott, schließ um mich Deinen Mantel O God, enfold me in your robe.
[ fest; I know I am a speck in crystal ball
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest, and when the last man sheds the globe,
Und wenn der letzte Mensch die Welt your allmight will not let me fall
868
[ vergießt, a new earthsphere encircling me.«
Du mich nicht wieder aus der Allmacht
[ lässt,
Und sich ein neuer Erdball um mich
867
[ schließt.

Es ist evident, daß nun eine Übertragung nicht damit sich begnügen kann,
verständlich zu machen – diese Limitation würde zuletzt das tilgen, was in den
Versen zu bergen war. Mich interessiert also hier wie im folgenden die Frage,
was sich geändert habe, wobei der Bezug auf Walter Benjamins Thesen zur

863
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 78), Bd 1, S. 369;
zum Umfang des gesamten Nachlasses vgl. Köhl, Der Schaffensprozeß Rose Aus-
länders (Anm. 641), S. 185.
864
Vgl. Ausländer, Schattenwald (Anm. 571), S. 35ff., 32, 37f.
865
Vgl. ebd., S. 59.
866
Vgl. ebd.
867
Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Hg. von Friedhelm Kemp. München:
Kösel 1966 (Die Bücher der Neunzehn; 134), S. 167.
868
Ausländer, Schattenwald (Anm. 571), S. 36.
Peter Szondis Antwort 177

Aufgabe des Übersetzers hinzuzudenken ist. Benjamins Gedanken sind bekannt,


der Anspruch, der aus ihnen resultiert, ist klar zu formulieren. »Gilt eine Über-
setzung den Lesern, die das Original nicht verstehen?«869
Es kann dies nur zum Teil gelten, erklärt, wo es allein zutrifft, »den Rang-
unterschied im Bereiche der Kunst zwischen beiden«870 ... Was eine Übertra-
gung in der Tat sein soll, ist freilich zum Original schon aufgrund des Auf-
schubs auch »das Stadium ihres Fortlebens«.871 Bekannt ist ja Benjamins Be-
merkung: »Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption.«872 Und so berühmt
wie treffend ist angesichts des Abbruchs im Kunstwerk an einem bestimmten
Punkte873 auch Benjamins Ausdruck der »Nachreife des fremden Wortes«.874
»Der übersetzte Text ist ein weitergeschriebener Text.«875

Jedes Kunstwerk, so schreibt Adorno, sagt, wiewohl seine Sehnsucht diametral


hierzu sein mag: »non confundar«.876 Doch so unverwechselbar oder lauter es
sein mag, unausgetragene Tendenzen in ihm erlauben zugleich, es nach seinem
Muster und dem Progreß der Kunst fortzuschreiben, ohne es bloß zu entstel-
len.877 Freys Behauptung, das Original sei »not something that is established
once and for all«,878 sei in Erinnerung gerufen. Auch Szondi denkt in dieser
Tradition, die er explizit nennt.879 Dies ist nicht zuletzt durch den Nachlaß
belegt, worin seine Arbeit an Übersetzungen nicht überraschend gerade dort

869
Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers (Anm. 859), S. 9.
870
Ebd. Vgl. auch Lydia Koelle: Paul Celans pneumatisches Judentum. Gott-Rede
und menschliche Existenz nach der Shoah. Mainz: Grünewald 1997 (Theologie
und Literatur; 7), S. 129.
871
Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers (Anm. 859), S. 11.
872
Benjamin, Einbahnstraße (Anm. 16), S. 49; vgl. auch Menke, Sprachfiguren (wie
Kap. 2, Anm. 131), S. 197.
873
Vgl. Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 191.
874
Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers (Anm. 859), S. 13; diese poetische Um-
schreibung eines wahrlich nicht technischen Aktes führt zum Wunder der Überset-
zung: »unübersetzbar übersetzt!« – Notiz Paul Celans, zit. in Gellhaus u. a.: »Fremde
Nähe« (Anm. 154), S. 508.
875
Felix Philipp Ingold: Üb er’s: Übersetzen. (Der Übersetzer; die Übersetzung). In:
Vom Übersetzen. Zehn Essays. Hg. von Martin Meyer. München, Wien: Hanser
1990 (Edition Akzente), S. 144–167, hier S. 149; ein Fortschreiben der Zeugen-
schaft – in »der maßlosen Übertragung einer Verantwortung« (Jacques Derrida:
Politik der Freundschaft. Übersetzt von Stefan Lorenzer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
2000, S. 312), die jene Verantwortung der Übertragung, die das Datum (zu über-
tragende Verantwortung wiederum) bewahrt, gleichfalls ist.
876
Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 199.
877
Zum Gewicht der Idee des Fortschreitens in der Kunst sei aufs Register der Ästhe-
tischen Theorie verwiesen – vgl. ebd., S. 553; zu Fortschritt und Augenblick – vgl.
vor allem ebd., S. 17 u. 131.
878
Frey, The Relation between Translation and Original as Text (Anm. 854), S. 347.
879
Vgl. Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 325.
178 Dritter Teil

einsetzt, wo es zu Abweichungen kommt.880 Übersetzen als Veränderungsstra-


tegie, so betitelt Friedmar Apel einen Essay, der nicht bloß analytisch gehalte-
ne Schilderung, sondern Plädoyer vor »der Ebene der Sprache als Unübersetz-
barkeit von Sätzen verschiedener Ordnung ineinander«881 sein möchte. Es wird
sich ebenso bei Derrida, der sein Augenmerk nicht zuletzt auf die »origine à
une non-origine«882 richtet, ein solcher Weg zeigen lassen, der freilich hier zur
Verspätung als dem Anheben führt ... »Die Verspätung ist [...] das philoso-
phisch Absolute«,883 formuliert Derrida, dessen Bezug zum Übersetztwerden
nebenbei bemerkt wert wäre, Gegenstand einer Untersuchung zu werden.884
Ist Rose Ausländer den formulierten Ansprüchen gewachsen? Zuallererst
fällt ihre Kürzung im Versmaß auf. Von zwei Versen abgesehen verwendet Else
Lasker-Schüler fünfhebige Jamben, nur im dritten und im sechsten Vers ent-
fällt eine Hebung. Dagegen sind in der Übersetzung außer dem zwölften Vers,
einem fünfhebigen Jambus alle Zeilen zu vierhebigen Jamben verkürzt, wobei
– z. B. im neunten Vers: all of my life – zuweilen auch zum Anapäst gegriffen
worden ist, sich außerdem beispielsweise in der zweiten Zeile ein Trochäus
findet. Das strikte Reimschema jeder Strophe (A–A–B–A–B) Lasker-Schülers
ist bei Rose Ausländer aufgegeben; zu mehr als einem Kreuzreim kommt es
hier nicht (gate – blade; robe – ball – globe – fall). Dem entspricht die Viel-
zahl von Assonanzen im Original, so sind Stirne und Stern, blau zu blühen und
andere Wortpaare entwickelt, die nun allerdings Eingang auch in die Übertra-
gung gefunden haben, etwa in blossom blue.
Auffällig ist außerdem, daß in Gebet vor allem weiche, stimmhafte Konso-
nanten gebraucht sind, sieht man von Stirne und Stern ab; weit härter ist schon
der Klang von I seek a city everywhere.
Was nun das Vokabular oder auch grammatische Ordnungen betrifft, be-
steht in der Übersetzung ein Zug zur Eindeutigkeit. Gebrochen kann bei Lasker-
Schüler der Flügel ebensogut wie jener, der ihn trägt, sein. Dagegen weiß man
in Prayer, daß es his broken wing ist. Auch das Wachen zu Müdigkeit ist nun ein

880
Vgl. Gellhaus u. a.: »Fremde Nähe« (Anm. 154), S. 454f.
881
Friedmar Apel: Übersetzen als Veränderungsstrategie. In: Der Prokurist, Nr 1.2,
April 1990: Was Sprache ist? S. 222–248, hier S. 222; Apel schließt: »Falls man
überhaupt noch daran glaubt, daß die Literatur etwas bewegen kann, so wäre sol-
cher Mut zur Veränderungsstrategie [...] vonnöten.« (Ebd., S. 248)
882
Derrida, Du droit à la philosophie (wie Kap. 1, Anm. 158), S. 314; vgl. ebd., S. 309.
883
Jacques Derrida: Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Geometrie.
Übersetzt von Rüdiger Hentschel und Andreas Knop. München: Fink 1993 (Über-
gänge; 17) am Leitfaden der Geometrie, S. 202.
884
Vgl. etwa Jacques Derrida: Babylonische Türme. Wege, Umwege, Abwege. Über-
setzt von Alexander García Düttmann. In: Übersetzung und Dekonstruktion. Hg.
von Alfred Hirsch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997 (Edition Suhrkamp; 1897 –
Aesthetica) S. 119–165, hier S. 145; Werner Stegmaier: »Die Dekonstruktion ist
die Gerechtigkeit«: Jacques Derrida. In: Zeitgenössische französische Denker: eine
Bilanz. Hg. von Joseph Jurt. Freiburg im Breisgau: Rombach 1998. (Rombach Wis-
senschaft: Reihe Litterae; 61), S. 163–185, hier S. 165.
Peter Szondis Antwort 179

lebenslanges Wachen; und sogar die Liebe erfährt eine Zuordnung – davon, daß
es des lyrischen Ichs Liebe ist, die es bringt, steht zunächst bei Lasker-Schüler
nichts ...
Nebenbei sei vermerkt, daß Rest mit speck übertragen ist, was dann doch
eine interessante Wendung, nämlich eine des lyrischen Ichs ins Negative ist –
die Assoziationen machen dem Rest den Vorwurf, mehr als ein Fleck, ein Rest,
ein Spritzer nicht zu sein, doch gerade dieses Flöckchen, das die Ordnung
seiner Schöpfung zu stören scheint, bewahrt Gott.
Die allgemein nichtsdestotrotz zu konstatierende Tendenz hin zu einer Ein-
deutigkeit ist, so muß man sagen, nicht eine zu Präzision.885 Der Bezug näm-
lich von Gebet und Angebetetem selbst ist nicht so ungebrochen und univok,
wie meinen könnte, wer allein die Übersetzung läse. Es ist jene menschliche
Grundbefindlichkeit, von der Celan in seiner Rede Der Meridian spricht, die
sich auch hier findet: »Wer auf dem Kopf geht, [...] der hat den Himmel als
Abgrund unter sich.«886
Dieser Satz selbst ist längst nicht allein Verweis auf Schrecken und Maje-
stät dessen, was dem Verkehrten schon entzogen ist. Auch der »Abgrund des
Menschen«887 ist zu bedenken, das »Außermenschliche«888 des Menschlichen
par excellence, des Gedichts, das »Schroffe der Dichtung«;889 zu bedenken ist
die Hierarchie, die solche Verkehrung bewirkt.890 Und zu bedenken ist das
»Enthoffen«.891 Wer betet, fühlt wohl die »transzendentale[n] Heimatlosig-
keit«;892 längst ist argumentiert worden, daß das Säkulare und Aufgeklärte
sakraler Praktiken kaum zu unterschätzen ist:
»Alle menschlichen Opferhandlungen, planmäßig betrieben, betrügen den
Gott, dem sie gelten: sie unterstellen ihn dem Primat der menschlichen Zwecke,
lösen seine Macht auf«,893 so schreibt Adorno. Opfern ist Handel, der Camou-
flage zum Trotz eine Art profaner Handlung. Im Bild vom in einem Unwetter
verlorenen Schiffchen, dessen Mannschaft Fracht ins Meer wirft, sind das Opfern
und die Gewichtsreduktion für eine Handlung plausible Motivationen.894 Ist

885
Vgl. auch Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3,
S. 167.
886
Ebd., S. 195.
887
Celan, Der Meridian (wie Kap. 2, Anm. 257), S. 89.
888
Ebd.
889
Ebd., S. 90.
890
Vgl. ebd.
891
Vgl. ebd., S. 91.
892
Georg Lukács: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch
über die Formen der großen Epik. Mit dem Vorwort von 1962. München: Deut-
scher Taschenbuch Verlag 1994 (dtv; 4624 – dtv wissenschaft), S. 52.
893
Adorno / Horkheimer, Dialektik der Aufklärung (Anm. 230), S. 57; die Idee des
»ungläubigen Priester[s]« (ebd.) sei nur erwähnt.
894
Vgl. Hans Blumenberg: Die Sorge geht über den Fluß. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1988 (Bibliothek Suhrkamp; 965), S. 45f.
180 Dritter Teil

erkennbar, »daß die symbolische Kommunikation mit der Gottheit durchs Opfer
nicht real ist«?895
Ein Augenzwinkern, ein Achselzucken, ein Fußwippen, ein flüchtiges Erröten, ein
Anfall von Herzklopfen können Sätze sein. – Und das Schwanzwedeln eines Hun-
des, die gespitzten Ohren einer Katze? – Und ein Regenschauer, der von Westen
896
über das Meer aufzieht?
Du hörsts regnen
und meinst, auch diesmal
897
sei’s Gott.

Kommt es zum Opfer, müßte man den »fluktuierenden Zusammenhang mit der
Natur«898 voraussetzen, der durch die »Konstitution des Selbst«899 bedroht ist.
Eine eindeutige Ordnung der Verhältnisse bleibt noch wie beim subtilen Opfer
von Zeit und Gedanke im Gebet aus, ist doch eine Epiphanie noch Bedingung
für den Blick auf »das Gottverlassene der Welt« ...900
Fast ist es müßig, nach dieser theoretischen Teichoskopie zu Safranskis Satz
zu gelangen, der das Böse selbst als das, »was einen [...] [am Weltvertrauen]
hindern kann«,901 aber auch als das, was das »Weltvertrauen auf Kredit«902
nicht erbringen will, bezeichnet und in der Folge einen so kuriosen wie scharf-
sinnigen kategorischen Imperativ versucht:
Man »kann [...] immerhin versuchen, so zu handeln, als ob ein Gott oder unsere ei-
gene Natur es gut mit uns gemeint hätten.«903

In der Tat müßte man auch so lesen und übersetzen, was von Rose Ausländer
in ein seltsam idyllisches Bild gewandelt worden ist. Das lyrische Ich mag
Liebe gebracht und sich müde gewacht haben, dunkel bleibt sein Atemschlag;
sein Flügel ist der Flügel eines Engels und gebrochen wie das Ich vielleicht
auch selbst. Der Stern in der Stirne ist wohl nicht nur Siegel himmlischer Ord-
nung, sondern auch Mal dessen, der den ungebrochenen Bezug zum Gott des
Paradieses im Ackerbau suchte und verstoßen wurde – das Mal Kains.904

895
Adorno / Horkheimer, Dialektik der Aufklärung (Anm. 230), S. 58.
896
Lyotard, Der Widerstreit (wie Kap. 2, Anm. 145), S. 125, Nr 110; Serres’ Glei-
chung: »Das Rationale ist ein [...] Blitz plus ein Gedächtnis.« – Michel Serres:
Hermes. Übersetzt von Michael Bischoff, hg. von Günther Rösch. Bd IV: Vertei-
lung. Berlin: Merve 1993, S. 85.
897
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 269.
898
Adorno / Horkheimer, Dialektik der Aufklärung (Anm. 230), S. 58.
899
Ebd.
900
Lukács, Die Theorie des Romans (Anm. 892), S. 79.
901
Rüdiger Safranski: Das Böse oder Das Drama der Freiheit. München, Wien: Han-
ser 1997, S. 316.
902
Ebd.
903
Ebd., S. 330.
904
Vgl. Gen 4,1–16; das Mal dessen, dessen Schuld im Verstoß gegen die Ordnung
auch des Begehrens besteht – vgl. Elisabeth Bronfen: Nur über ihre Leiche. Tod,
Peter Szondis Antwort 181

Der Stirn als Ort eines Mals905 gesellt sich ein weiterer zu, vielleicht von
Flügeln herrührend, deren Erinnerung ein Heilen nicht zuläßt ...
Der Dichter ist derjenige, der im Unmöglichen selbst das Wirkliche sucht. Darum
verliert er erneut das Liebesobjekt, um dessentwillen die Hadesfahrt unternommen
wurde. Dies läßt ahnen, daß der Dichter und Totenweltfahrer auch der exemplari-
sche Tätowierte ist. Ihm steht eine Todeserfahrung zwischen die Schulterblätter ge-
schrieben, die ihn für immer zwingt, von etwas Verlorenem zu singen. [...] Für uns
bleibt die Aufgabe, zu begreifen, daß das Verbot, sich umzudrehen, nur die Unmög-
lichkeit umschreibt, sich selbst zwischen die Schulterblätter zu schauen, wo die Feu-
erzeichen der unwiderruflichen Trennungen stehen. [...] Aber zwischen dem Verlo-
renhaben und dem erneuten Verlieren öffnet sich Raum [...]. Diesen Raum eröffnet die
Poesie, indem sie sich ins Ungewisse aussetzt. [...] Aus der Unversöhnlichkeit der
906
Trennungen erwächst der Traum neuer Verbindungen, die das Fatum vertagen.

En passant sei auf die Tätowierung in Gedichten der Lyrikerin hingewiesen907


– und darauf, daß die Zeichen auf der Haut der Trauer auch historisch verbun-
den sind.908 Und man muß auf ein Poem Celans verweisen, das die gezeichnete
Haut als conditio humana versteht, wenn es von ihm heißt:

seine
erste
muttermalige, ge-
heimnisgesprenkelte
909
Haut.

Es ist auch der Gott Kains und dieser Verse einer, in dessen Mantel fest zu
ruhen zwiespältig ist, läßt er doch nicht wieder aus der Allmacht, was ihn als
Übervater, dessen Geschöpf im Kugelglas so behütet wie gefangen ist, nicht
allein zum Inbegriff etwa der Güte, freilich noch weniger der Malice machte.

Weiblichkeit und Ästhetik. Übersetzt von Thomas Lindquist. München: Kunstmann


1994, S. 460 u. 463.
905
Vgl. Sloterdijk, Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen (Anm. 301), S. 25.
906
Ebd., S. 28f.; vgl. ebd., passim; »Der Philosoph, [...] der Künstler scheinen vom Land
der Toten zurückzukehren.« – Gilles Deleuze / Felix Guattari: Was ist Philosophie?
Übersetzt von Bernd Schwibs und Joseph Vogl. 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1996, S. 239; der Philosoph bringt vom »Chaos [...] Variationen, die unendlich blei-
ben, aber untrennbar geworden sind« (ebd.), der Künstler bringt durch »Varietäten«
(ebd., S. 240), was ans »Sein des Sinnlichen« führt, »das Unendliche zurückzugeben
vermag [...]: Es geht immer darum, das Chaos durch eine Schnittebene zu überwin-
den, die es durchquert.« (Ebd.)
907
Vgl. Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 99), Bd 2, S. 312
und (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 232 u. (wie Kap. 1, Anm. 4), Bd 7, S. 162.
908
Vgl. etwa Cohen, N° (Anm. 392), S. 69ff.; vgl. auch Beil, Sprache als Heimat (Anm.
525), S. 331f.
909
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 234; just
diese Zeichnung ist eine nachträgliche – vgl. Celan, Werke (Anm. 278), Bd 9.2, S. 56.
182 Dritter Teil

Das bedeutet, daß es kaum ratsam ist, das Polyvalente der Verse, wie Rose
Ausländer es tut, zu glätten; und es wäre, so möchte man sagen, einiges mög-
lich gewesen, hätte sich vielleicht sogar aufgedrängt. Ich möchte nicht den
hemdsärmeligen Eindruck dessen machen, der zuletzt die Verse der zu Inter-
pretierenden verschlimmbessert, aber die lautliche Fastidentität von wear und
bear, die in Prayer ungenutzt bleibt, wäre beispielsweise geeignet gewesen,
das Tragen des großen Flügels exakter, nämlich unter Berücksichtigung seiner
Polysemie zu erfassen ...
Ganz glücklich kann man mit dieser Übertragung wohl nicht sein.910
Für wesentlich besser halte ich Rose Ausländers zweite Übersetzung von
Else Lasker-Schüler, wobei man versucht ist, die Beziehung zur Mutter in ihrer
Ambivalenz für beide Dichterinnen als einen der Gründe hiefür anzunehmen911
– es erstaunt ja, daß gerade dieses Nebeneinander von Behüten und Unter-, ja
Erdrücken in Prayer so schwachen Ausdruck findet.

Meine Mutter My Mother

War sie der große Engel, Was she the great angel
Der neben mir ging? who walked at my side?
Or is my mother buried
Oder liegt meine Mutter begraben under the sky of smoke?
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode. O that my eyes could shine bright
and bring her light.
Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten. Were my life not drowned in my face,
I should hang it over her grave.
Wäre mein Lächeln nicht versunken im
[ Antlitz, But I know a star
Ich würde es über ihr Grab hängen. where there is always day – –
I will carry it over her soil.
Aber ich weiß einen Stern,
Auf dem immer Tag ist; I shall always be alone now
Den will ich über ihre Erde tragen. as the great angel
913
who walked at my side.
Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
912
Der neben mir ging.

910
Zur Schwebe in Lasker-Schülers Sprache, die zuletzt auch die Einfachheit Gottes
nicht unbeeinflußt beläßt – vgl. Meike Ningel: Die Unzugänglichkeit des Eigenen.
Zur Logik von Else Lasker-Schülers Umgang mit Sprache. In: Die Fremdheit der
Sprache. Hg. von Jochen C. Schütze. Hamburg: Argument-Verlag 1988 (Literatur
im historischen Prozeß N. F.; 23 – Argument-Sonderband; 177), S. 103–116, hier
S. 103, 109 u.112f.
911
Vgl. etwa Held, Evas Erbe (wie Kap. 1, Anm. 27), S. 205.
912
Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte (Anm. 867), S. 162.
913
Ausländer, Schattenwald (Anm. 571), S. 35.
Peter Szondis Antwort 183

Auch wenn Ausländers Übersetzung deutlich kürzer als das Poem Lasker-
Schülers zu sein scheint, ist es genau e i n e Zeile, die bei ihr entfällt – und die
ersten Zeilen werden zu einem Block zusammengezogen. Ist auch der Satz, der
die eigentümliche Frage beschließt, einer, der das Offenstehen der Fragen zu
Worten verdichtet – nie blüht es blau über ihrem Tode –, als Entfallen allein
ist, was in der Übertragung vollzogen ist, nicht zu verstehen. Vielmehr sind
Wunder und Vergänglichkeit des bewahrenden Wesens, mit dem Heimat zu
erstehen und zu verfallen scheint, dichter geknüpft.
Zu Drastik greift die Übersetzung denn auch, wo nicht Lächeln, sondern life
nicht versunken, sondern drowned ist. Ertrunken oder gar ertränkt ist das Le-
ben selbst. So ist »die Klage [Lasker-Schülers] über den Verlust ihrer mysti-
schen Gemeinschaft mit der Mutter und also über die Zerstörung ihres Schöp-
ferglücks eine Klage über den Untergang einer ganzen Welt«.914
Diese Welt klingt auch in Gedichten wie Mein blaues Klavier ja an, worin die
Dichterin um Einlaß bittet, da verschlossene Türen zur conditio humana werden:

Ach liebe Engel öffnet mir


– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
915
Auch wider die Verbote.

Das Wort »Verbot«, mit dem das Gedicht ausklingt, macht stutzen. Die Flüchtlinge
kannten die verschlossenen Türen der Landesgrenzen nur zu gut. Hier soll nun ein
916
allerhöchstes und unumstößliches Einreiseverbot aufgehoben werden.

Wo, was möglich schiene, nicht ist, muß das Unmögliche die »letzte Steige-
rung [...] irdischer Verbote«917 vereiteln, so könnte man hier – vielleicht nicht
ganz d’accord mit Klüger – weiterdenken ... Der Engel aus Meine Mutter ent-
spricht, es läßt sich zuletzt erahnen, also dem Gott, an den seine Kreatur, selbst
Engel nicht mehr, sich wendet:

O God, enfold me in your robe.


[...]
your allmight will not let me fall
918
a new earthsphere encircling me.

Solche Anrufung wird »zu einer offenen Wunde am Leib der Sprache.«919

914
Peter von Matt: Die verdächtige Pracht. Über Dichter und Gedichte. München,
Wien: Hanser 1998, S. 195.
915
Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte (Anm. 867), S. 199; vgl. ebd., S. 198f.
916
Ruth Klüger: Die drei Türen der Verbannung. In: Frauen dichten anders. 181 Gedich-
te mit Interpretationen. Hg. von Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt a. M., Leipzig: In-
sel 1998, S. 188–190, hier S. 189.
917
Ebd.
918
Ausländer, Schattenwald (Anm. 571), S. 36.
919
Matt, Die verdächtige Pracht (Anm. 914), S. 192; vgl. auch ebd., S. 196.
184 Dritter Teil

Die meisten Varianten, so ist hier zurückzugehen, sind an Prayer metrisch


begründet. Man kann sehen, wie aus and all of my life die im Versmaß alter-
nierende Formel Throughout my life (Vorstufe aus einem bei Max Scherzer
belassenen Koffer, dessen Inhalt im Besitz von Helmut Braun ist) wird, wie in
drei Stufen eine Verszeile sich formt:

1. O God, fold firm round me your robe.


2. O God, fold round me tight your robe.
3. O God, enfold me in your robe.

Doch setzt hier auch eine Schwächung des Belastenden jener metaphysischen
Instanz ein, der entspricht, daß das zunächst gesetzte enclasping durch encir-
cling in den Typoskripten handschriftlich ersetzt ist. Schwingt in der zweiten
Version die Rundung der Sphäre mit, so ist zudem die Umfassung erst in zwei-
ter Linie eine Einkesselung, während in clasp das Schließen, Umklammern, der
kaum zu lösende (Metallspange) Griff gegeben sind. Freilich kann man an
dieser Stelle Benjamins Gedanken zur Rettung nicht abtun: »Zum Bilde der
»Rettung« gehört der feste, scheinbar brutale Zugriff.«920 Das Retten aber ist
auch, was dem großen Engel zugehört, womit der Kreisgang getan ist; denn to
clap one’s hands together heißt auch die Hände falten, was nun zweifelsohne
nicht Gottes, sondern der – betenden – Engel ist.
Eine Welt, die der Rettung – und sei’s durch Engel – bedarf, ist keine intakte,
doch ist sie ungleich erträglicher als eine Welt, der die Spuren solcher Heimat
noch fehlen. Dieses Entlassen-Sein aus einer nicht heilen Welt in eine sozusa-
gen unheile setzt Rose Ausländer überzeugend um. Der Verfall des rettenden
Zugriffs als Residuum eines geahnten ordo verträgt denn auch die Atemlosig-
keit, die sich die Übersetzung herausnimmt, deren Qualität kurioserweise darin
sich zu zeigen beginnt, daß sie keine gründliche, auf den zweiten Blick erst:
keine mechanische Arbeit darstellt.
Noch der Reim, der nicht bemüht wirkend eingeführt wird, zeugt von der
Beschleunigung ins Atemlose, die unternommen worden ist. Metrisch ist hier
wenig geschehen, auch wenn die Jamben der Lasker-Schüler im ersten Vers ge-
lungener als jene der Übersetzung sind, da hierin Hebungen aneinanderprallen,
doch das reimhafte Anklingen bis hin zu bright – light ist nicht fehl am Platze.
Die Erbfolge als Engel schließlich beeindruckt bereits beim wunderbaren, zu-
recht nicht unbekannten Gedicht Lasker-Schülers. Hier ist nur zu sagen, daß
mittels der Sprache jener Schritt angedeutet und letztlich vollzogen ist, der in der
Einsamkeit eines unvollkommenen Retters unvollkommener Geschöpfe in unvoll-
kommener Welt schreitet. Man weiß, wie tief die Unmöglichkeit solcher Rettung

920
Walter Benjamin: Zentralpark. In: ders., Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tie-
demann u. a. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980 (Edition Suhrkamp – Werkausgabe),
Bd I/2, S. 655–690, hier S. 677; vgl. auch ders., Gesammelte Schriften. Hg. von
Rolf Tiedemann u. a. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991 (Suhrkamp-Taschenbuch
Wissenschaft; 935), Bd V: Das Passagenwerk, S. 592.
Peter Szondis Antwort 185

im Wort von Rose Ausländer empfunden wurde; zum Sprachwechsel schreibt


Bower: »Mit der Mutter schien ihr auch die Muttersprache entglitten zu sein.«921
Nicht erst diese Dichterin schreibt »vom Mutterland«.922 Es bleibt der Stil »als
Staudamm gegen den Pessimismus«,923 dem inzwischen ein massives Durchsik-
kern anzumerken ist – das Scheinbare des Stils ist dem Scheinbaren seines Mate-
rials gewichen, wovor er seine Eigentlichkeit gewissermaßen erfährt.924 Die
Rede von »der Katastrophe in Permanenz«,925 sie läßt nur als Traum eine Welt
bestehen, die mehr denn ein »Bild der erstarrten Unruhe«926 wäre.
Der Grübler, dessen Blick, aufgeschreckt, auf das Bruchstück in seiner Hand fällt,
927
wird zum Allegoriker.

Diese Welt, nicht mehr, was sie einst zu sein schien, äfft unwillentlich, darum
tragisch Heimat –

Und glaube unserm Monde, Gott,


Denn er umhüllte mich mit Schein,
Als wär ich hilflos noch und klein,
928
– Ein Flämmchen Seele.
929
Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe.

Wie behandelt Rose Ausländer Paul Celans Mit zeitroten Lippen?

Mit zeitroten Lippen With Time-red Lips

Im Meer gereift ist der Mund, Matured in the sea is the mouth
dessen Worte der Abend hier nachspricht whose words the evening here mimics
im Angesicht seiner Länder. in the face of its lands.
Murmelnd spricht er sie nach, Murmuring it repeats them
mit zeitroten Lippen. with time-red lips.

Mund, gezeitigt vom Meer, Mouth seasoned by sea,


vom Meer, wo der Thun schwamm by the sea where the Thun swam
im Glanze, in brilliance
der menschenher strahlt. that radiates mankindward.

921
Bower, »Aus dem Ärmel der toten Mutter hol ich die Harfe« (wie Kap. 1, Anm.
77), S. 86.
922
Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte (Anm. 867), S. 161.
923
Benjamin, Zentralpark (Anm. 920), S.657
924
Vgl. ebd., S. 659.
925
Ebd., S. 660.
926
Ebd., S. 666.
927
Ebd., S. 676.
928
Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte (Anm. 867), S. 199.
929
Benjamin, Zentralpark (Anm. 920), S. 683; vgl. ebd., S. 677; Benjamin, Gesam-
melte Schriften, Bd V/1 (Anm. 920), S. 592.
930
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 136f.
186 Dritter Teil

Silber des Thuns, den der Strahl traf, Thun hit by the ray, Thunsilver,
Spiegelsilber des Thuns: mirror-silver of Thun:
aufscheint den Augen The second, the wandering glory
die zweite, die wandernde Glorie of temples
der Stirnen. illumines the eye.

Silber und Silber. Silver and silver.


Doppelsilber der Tiefe. Double-silver of depth.

Rudre die Kähne dorthin, Row the boats out there,


Bruder. brother.
Wirf deine Netze danach, Throw your nets for it,
Bruder. brother.

Zieh es herauf, Pull it up,


wirf es uns in die Häuser, throw it into our houses,
wirf es uns auf die Tische, throw it on our tables,
wirf es uns auf die Teller – throw it in our dishes.

Sieh, unsre Lippen schwellen, See, our lips are swelling:


zeitrot auch sie wie der Abend, Time-red they too like the evening,
murmelnd auch sie – murmuring they too –
und der Mund aus dem Meer and the mouth from the sea
taucht schon empor emerges
930 931
zum unendlichen Kusse. for the infinite kiss.

Um die Akkuratesse dieser Übertragung würdigen zu können, ist zunächst zu


sehen, welche poetischen Strategien Celan entfaltet, um in den Versen stabile
Assoziationen zu gestalten. Der Abend mit zeitroten Lippen spricht die Worte des
Mundes nach, der das Meer schon geküßt hat – denn dieses Poem ist derart dem
Moment verhaftet, daß es, ist es gelesen, schon fast nicht mehr wahr sein kann.
Auf dieser Ebene ist nicht nur das Meer dem Mund, sondern dieser wiederum
dem Mond zuzuordnen; zuletzt ist es der Kuß von Himmel und Erde im Mond-
aufgang, der erinnert und in scheinbarer Naivität erzählt wird, der Kuß von
Οὐρανός und Γαῖα der wiederum für eine Begegnung auf sexueller Ebene steht,
aus der bekanntlich Κρόνος hervorgeht. Daraus wiederum erhellt sich, wieso die
Zeit betont ist – nicht allein ist Abend-Rot eine ephemere Erscheinung, nicht nur
verweisen die verborgenen Akteure auf uralte Zeiten, für die das Griechische be-
zeichnenderweise das Wort κρονικός kennt, es ist aufgrund der Namensähnlich-
keit schließlich in den orphischen Spekulationen der Fruchtbarkeitsgott Κρόνος
zum Gott der Zeit (χρόνος) geworden. Das Wort ge z e i t igt fällt also, wie man
es in einem Gedicht Celans anders auch nicht vermuten sollte, nicht zufällig;
Celans Gedichte kreisen gerade hierum, um ihren und der Sprache »Zeitigungs-
charakter«.932

931
Ausländer, Schattenwald (Anm. 571), S. 37f.
932
Hamacher, Die Sekunde der Inversion (wie Kap. 2, Anm. 84), S. 94.
Peter Szondis Antwort 187

Bekannt ist, daß einiges, was bis zu diesem Punkt gefunden ist, sich auch bei
Eichendorff findet; wo Celan eine eigene Kosmologie aus genial gestreuten As-
soziationen entwickelt, spielt jener mit dem Motiv der Mythologie, um schließ-
lich über die Heimat zu träumen, deren Bestand zwischen schon fast metaphy-
sischer Größe und Ironie noch zu bedenken sein wird:

Es war, als hätt’ der Himmel


933
Die Erde still geküßt –

so beginnt er sein bekanntes Gedicht Mondnacht, über das zu sprechen freilich


in der gebotenen Kürze nicht möglich ist.934 Nicht allzu gewagt ist es immer-
hin, auf »die »als ob«-Figur«935 zu verweisen – auf »die Schutzlosigkeit seines
Gestus«:936 Mondnacht »trägt das Gefühl der absoluten Heimat nur darum,
weil es nicht unmittelbar die beseligte, sondern mit einem Akzent unfehlbaren
metaphysischen Takts bloß gleichnishaft ausgesprochen wird«.937
Was verbringt in diese poetische Atmosphäre den Thun, jenen Fisch, der als
gejagtes Tier ebenso wie als Raubfisch vorzustellen ist? Zu denken ist an den
Rhythmus des Lebens, worin die Größen Fruchtbarkeitsgott und Gott der Zeit ein-
ander berühren; an seine Doppelexistenz, die sich aus dem Spiegelsilber für den
Mondstrahl ergibt, und auch ans Doppelsilber – schon längst ist der Thun nicht
mehr heil, da er die Idylle spiegelnd zugleich Quecksilber in sich trägt ... Vielleicht
ist zudem ans mittels Paronomasie in den Stillstand des Augenblicks gerufene
Tun zu denken, womit der Zeit der Lyrik – wiederum nicht in strikter Opposition –
eine andere Zeit beigesellt wird. Celan taucht die ganze Szenerie in ein Silber, das
überaus zweideutig ist, fortführt, was schon das Auseinanderfallen des poetischen
Zeugungsakts in Mythos und Spiel beginnt, wobei freilich schon die Mythologie
Terror und Spiel (Titel des vierten Poetik und Hermeneutik-Bandes) in sich
schließt. Zu beobachten ist in diesen Versen die Ratlosigkeit vor der endlosen
Streuung des Blickes, die das Beobachtete verlangt, die zugleich der Vernunft ge-
schuldet ist, die sich um die Ökonomie ihrer Ordnung hier beständig geprellt sieht.
Sagen Sie, worin sehen Sie bei einem Wahnsinnigen den unheimlichen Ausdruck sei-
nes Wahnes? In den erweiterten Pupillen – weil sie blicklos sind, auf nichts Spezielles
938
gerichtet [...]? [...] Der Dichter gerät unter den Verdacht wahnsinnig zu sein.

933
Eichendorff, Gedichte (Anm. 202), S. 120.
934
Vgl. Theodor W. Adorno: Zum Gedächtnis Eichendorffs. In: ders., Noten zur Li-
teratur (Anm. 11), S. 69–94, hier S. 91.
935
Wolfgang Frühwald: Zur Erneuerung des Mythos. Zu Eichendorffs Gedicht Mond-
nacht. In: Gedichte und Interpretationen. Bd 3: Klassik und Romantik. Hg. von Wulf
Segebrecht. Stuttgart: Reclam 1984 (Universal-Bibliothek; 7892[5]), S. 395–407,
hier S. 399.
936
Adorno, Zum Gedächtnis Eichendorffs (Anm. 934), S. 84.
937
Ebd., S. 73.
938
Ossip Mandelstam: Vom Gegenüber. Übersetzt von Dierk Rodewald. In: Paul Celan.
Hg. von Werner Hamacher und Winfried Menninghaus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1988 (Suhrkamp-Taschenbuch Materialien; 2083), S. 201–208, hier S. 201.
188 Dritter Teil

»Die Furcht vor dem konkreten Gegenüber«939 meint Zuhörer wie Gegenstand,
wobei letzterer vielleicht gerade in seiner Macht Erweiterung ins Diffuse als
Gegenteil von Blicklosigkeit erzwingt.
Wo weicht Rose Ausländer nun in ihrer Übertragung, die sich als Manu-
skript im Nachlaß fand,940 vom Gedicht Celans ab?
Bei aller Präzision gehen einige Referenzen, die aus dem Klang erstehen und
ein doppeltes oder sogar multiples Band zeitigen, verloren; mouth ist von moon
nicht allzuweit, aber deutlich weiter als Mund von Mond entfernt. Das Wort
seasoned gibt nur eine Sinnebene von gezeitigt wieder, sein reizvolles Asso-
nieren mit sea kann nur bedingt trösten. Gelungen ist dagegen das fast unver-
meidliche Doppeldeutige im Wort second, das zweite übersetzt, aber auch ans
Flüchtige des Geschilderten erinnert, an die Tangenten oder sogar Sekanten,
die zwei Zeiten im Gedicht sind.
Ansonsten ist zu beobachten, daß der exakten Entsprechung an einigen Stel-
len der Fluß der Worte zum Opfer fällt – Thun hit by the ray etwa beginnt mit
zwei Hebungen, wo Celan in Daktylen gerade das Gegenteil sucht, den unge-
hemmten Fluß. Allein in der Wendung zur second, deren Ambiguität sich da-
rum als betont erweist, erfolgt eine deutliche Abkehr von Celan, dem an dieser
Stelle Vorzüge der anderen Sprache entgegengesetzt werden, weshalb diese
Passage von With Time-red Lips nicht die uninteressanteste ist.
Im Überblick scheint diese Übertragung zu leisten, was an einer Dichtung
möglich ist, die auf »das schicksalhaft Einmalige der Sprache«941 baut, darauf,
daß »Kein Name, der nennte«,942 ist.
In Rose Ausländers Werk finden sich noch einige Übersetzte mehr – ein
Dichter sei darunter besonders hervorgehoben, da diese Texte erst vor kurzem
für ein breiteres Publikum geborgen wurden: Christian Morgenstern. Sie wurden
lange Zeit lediglich als Auslassung der Gesammelten Werke in 8 Bänden ge-
nannt, sind noch nicht einmal als solche in der Taschenbuchausgabe vermerkt
und wurden erst jetzt von Helmut Braun und mir (nach einer ersten Vorstellung
einiger Texte im Rahmen des Bukarester Rose Ausländer-Symposions 2001)
veröffentlicht – dies, da die Gedichte zwar dem Nachlaß angehören, jedoch ihre
Veröffentlichung als Komplex offenbar sehr konkret geplant war, ehe sich die
Dichterin so abrupt dem Deutschen wieder zuwandte, wie sie sich Jahre zuvor
dem Englischen verschrieben hatte.943 Bestehende Möglichkeiten für englisch-
sprachiges Material ignorierend lagerte Rose Ausländer diese Übersetzungen bei
Max Scherzer in einem der beiden Koffer ein, die in New York verblieben – heute
befinden sich die Manuskripte im Besitz von Helmut Braun. Unter dem Titel von
Morgenstern entlehnten Titel Lunovis ips’albumst sind die nicht immer, doch oft

939
Ebd., S. 205.
940
Vgl. Ausländer, Schattenwald (Anm. 571), S. 59.
941
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 3), Bd 3, S. 175.
942
Ebd. (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 226.
943
Vgl. Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 78), Bd 1,
S. 369.
Peter Szondis Antwort 189

kongenialen Übertragungen Rose Ausländers gesammelt: 18 Gedichte und 33


Aphorismen, die in Rekonstruktionen einer letztgültigen Fassung sowie einer Dar-
stellung der Genese in Bälde vorgestellt werden – eingebettet in übersetzungs-
kritische und interpretatorische Fragen behandelnde Annotationen meinerseits.944

Rose Ausländer als Übersetzte


Nicht allein als Übersetzende, auch als Übersetzte ist Rose Ausländer zu lesen.
Ich möchte aus der Fülle in Anthologien und Zeitschriften, aber auch eigenen
Bänden erschienener Versuche die Selected Poems kurz betrachten, die Ewald
Osers 1977 veröffentlicht hat. Dort finden sich – nicht ganz überraschend –
Gedichte, die angloamerikanische Tangenten aufweisen, womit vor allem die
Themen gemeint sind. Chinatown und 100 Fahrenheit lasse ich jedoch beisei-
te, um mit Unvollendet, bei Osers Unfinished zu beginnen. Dieses Gedicht, das
mit Gründen nochmals ins Blickfeld kommen wird, zeigt das Problem, den
getragenen Ton der Dichterin zu bewahren, recht deutlich.
»Liebeslinie Lebenslinie«,945 schreibt Rose Ausländer, die Übersetzung lau-
tet: »love line life line«.946 Natürlich ist es nicht auszuräumen, daß der Stab-
reim schon im Original die Zeile bindet; nichtsdestotrotz ist es problematisch,
mit den zerrissenen Worten diesen Effekt so stark zu betonen. Und noch heik-
ler ist die Verkürzung, die eintritt, hier wird ein vierhebiger Trochäus sozusa-
gen halbiert in die englischsprachige Welt entlassen.
Die nächste Zeile – »ein Kreuz«947 – entfällt im zweisprachigen Band in
Original und Übertragung; dann folgt der Vers »viele Striche«,948 wofür sich
die Formulierung »many lines«949 nur bedingt eignet, hat doch die Dichterin
schwerlich ohne Grund den Ausdruck variiert.
Der Strich weist aufs Ungeordnete, woraus die Linien quasi extrahiert vorm
Betrachter freigelegt scheinen. Mit dem Schwung des Pinsels – stroke – gezogen,
gerichtet gegen den Strich (pile, nap, direction of growth), gegen das noch kaum
geschaffene »A«,950 das im Begriff ist, von eben diesen Strichen zugleich gezo-
gen zu werden, kann das Wort nicht leicht übertragen werden, so sei konzediert.
Für den Strich selbst gilt sozusagen, ich muß hier einer Überlegung vorgrei-
fen, die Durchstreichung:

944 Martin A. Hainz: Lunovis ips ’albumst. Christian Morgenstern als Unübersetzbar-
Übersetzter bei Rose Ausländer. Essay (Erstveröffentlichung der Übertragung von
18 Gedichten und 33 Aphorismen von Christian Morgenstern ins Englische durch
Rose Ausländer). Köln: Schriftenreihe der Rose Ausländer Stiftung [2006]
945
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 110.
946
Rose Ausländer: Selected Poems. Übersetzt von Ewald Osers. London: London Ma-
gazine Editions 1977, S. 33.
947
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 55), Bd 3, S. 110.
948
Ebd.
949
Ausländer, Selected Poems (Anm. 946), S. 33.
950
Ebd.; Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 110.
190 Dritter Teil

Der Strich hat jene wunderbare Eigenschaft, niemals preiszugeben, was er aus-
951
streicht.

Die Schwierigkeiten im Treffen des rechten Tons sind offensichtlich – sie sind
wohl auch darin begründet, daß diese Lyrik nicht ungern den rechten Ton
schon an sich, dem Poem mit gebrochenen Flügeln952 unterwandert.
Wie aber trifft man, worum sich Meine Nachtigall dreht, ein Poem, das die
Nostalgie als uneinlösbare, unmögliche sogar, doch auch unvermeidliche Be-
wegung zu seinem Spiel macht?

Meine Nachtigall My Nightingale

Meine Mutter war einmal ein Reh My mother once was a doe.
Die goldbraunen Augen Her golden-brown eyes
die Anmut her grace
blieben ihr aus der Rehzeit remain from that time.

Hier war sie Here she was


halb Engel halb Mensch – half angel half human –
die Mitte war Mutter the centre was mother.
Als ich sie fragte was sie gern geworden When I asked her what she’d have
sagte sie: eine Nachtigall [ wäre she said: A nightingale. [ liked to be

Jetzt ist sie eine Nachtigall Now she is a nightingale.


Nacht um Nacht höre ich sie Night after night I hear her
im Garten meines schlaflosen Traumes in the garden of my sleepless dream.
Sie singt das Zion der Ahnen She sings of her ancestor’s Zion
sie singt das alte Österreich she sings of the old Austria
sie singt die Berge und Buchenwälder she sings of the hills and the beech-woods
der Bukowina of Bukowina.
Wiegenlieder Cradle-songs
singt mir Nacht um Nacht sung to me night after night
meine Nachtigall by my nightingale
953 954
im Garten meines schlaflosen Traumes in the garden of my sleepless dream.

Das Mutterbild des Textes ist wesentlich durch magisch gestimmte Verschmel-
zungen geprägt – so ist zuallererst nicht ratsam, durch Interpunktion dieses
Fließen zu einem poetischen Amalgam zurückzunehmen.955 Die Logik aber,
die in den Zeilen dieses lyrischen Ichs herrscht, ist eine träumerische, auch
traumhaft sichere. Der schlaflose Traum ist Retrospektive in ferne Zeiten,
durch die Gesänge, wie man sieht, gedehnt, da das Erbe – das Zion der Ahnen
– nicht allein jener Nachtigall zuzuweisen ist, wiewohl her ancestor’s Zion
951
Jabès, Der vorbestimmte Weg (wie Kap. 1, Anm. 186), S. 125.
952
Vgl. auch Trost I – Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm.
55), Bd 3, S. 207.
953
Ebd., Bd 2 (wie Kap. 2, Anm. 99), S. 317.
954
Ausländer, Selected Poems (Anm. 946), S. 21.
955
Vgl. ebd., S. 20f.
Peter Szondis Antwort 191

genau diese Verschiebung realisieren möchte. Die Retrospektive begründet das


Rätsel des Traums, in seiner Verunklärung, im Schlaf der Vernunft, der er nie
ist, in seiner Entstellung lesbar zu machen, wobei nicht unterschlagen sei, daß
diese Behauptung die Frage nach einem nicht entstellenden Blick im Grunde
aufwürfe. Immerhin kann mit Adorno festgehalten werden:
Zwischen »es träumte mir« und »ich träumte« liegen die Weltalter. Aber was ist wah-
956
rer? So wenig die Geister den Traum senden, so wenig ist es das Ich, das träumt.

Der Traum aber zeigt so, was im schon besprochenen Gedicht Else Lasker-
Schüler ein lyrisches Ich fragen ließ:

War sie der große Engel,


957
Der neben mir ging?

Unzweifelhaft ist der große Engel Statthalter eines Heils, doch mußte man
schon hier die Zweischneidigkeit eines Wesens erfahren, dessen Rettung so-
wohl Hilflosigkeit des lyrischen Ichs als auch eine beschädigte Welt voraus-
setzt. Und hier nun ist die schöne, anmutige Mutter gegeben, die als Engel und
scheue wie ästhetische Kreatur ihren Entzug vorm lyrischen Ich impliziert.
Doch darüber hinaus ist zu fragen, wieso in diesem Traum das Wort Wiegen-
lieder so spät fällt, zudem wie eine Präzisierung, deren Notwendigkeit erst mit
der Nennung evident wird – was, wenn nicht Wiegenlieder singt eine Mutter,
die zeitlebens Engelhaftes an sich hat?
Man könnte auch fragen, ob nicht das Lied der Mutter erst den Traum schlaf-
los macht, in dem zurückkehrt, was gerade der wache Geist so nicht sähe. Ist
die Mutter Nachtigall, die in den Schlaf singt, oder Engel, der in Schlaflosig-
keit singt? Im Garten meines schlaflosen Traumes höre ich sie – das heißt, daß
der Traum hören läßt, vielleicht auch Mahnungen, in einer Inversion dagegen
die Wirklichkeit etwas für diejenigen, die den Traum nicht aushalten können,
ist. Wer zweifelte daran, daß der Ruf nach einem Erwachen – auch – ein Wei-
terschlafen verspricht?
»Lügen haben lange Beine«,958 so schreibt Adorno: »Nur die absolute Lüge
hat noch die Freiheit, irgend die Wahrheit zu sagen.«959 Den Träumen von der
Mutter beigesellt ist nicht allein die Tröstlichkeit eines Engels, sondern auch
das Trauma, vor dem die falsche Alternative, »auch ein Erwachsener zu wer-
den oder ein Kind zu bleiben«,960 nicht mehr gestellt zu werden vermag.
Ist all das, was in diesem Gedicht herein-, vielleicht auch aufbricht, in der
Übersetzung erhalten? Ich möchte behaupten, schon die Interpunktion verhin-
956
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 252, Aph. 122; zu lesen wäre
heute zwischen Wirklichkeit und Traum auch die Unentscheidbarkeit, ob ein ȟber-
spannter Verdacht paranoisch sei oder realitätsgerecht« – ebd., S. 215, Aph. 103.
957
Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte (Anm. 867), S. 162.
958
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 139, Aph. 71.
959
Ebd.
960
Ebd., S. 174, Aph. 86.
192 Dritter Teil

dere dies – hinzukommen Details wie das deplazierte Possessivpronomen, das


schon erwähnt wurde, vielleicht müßte man auch fragen, ob die merkwürdig
fern der Achse, aber im Mittelpunkt der zweiten Strophe denn doch liegende
Rede von der Mitte (die Mitte war Mutter) mit centre zu übersetzen ist, da
diese Mitte eines Wesens und einer Welt doch ist, worin Linien von Polen der
Bestimmung einander schneiden. Ist das Zerrissene der Mütterlichkeit, die tiefe
Ambivalenz in einer Mitte anzusiedeln, so in ein Zentrum doch nicht zu ban-
nen. Man soll nicht unbedingt aus der Mitte das Mittel (average) machen,
moderat ist dieser Engel nicht, indes wäre zu überlegen, ob middle als Aus-
druck hier nicht Vorzüge hätte, vielleicht auch in between.
Alles in allem bewahrheitet sich an dieser Übersetzung meines Erachtens
zweierlei. Zum einen erweist sich der Duktus Rose Ausländers als ein schwer
zu treffender. Andererseits verleitet diese Lyrik, sie nicht in ihrer tieferen Zer-
rissenheit wahrzunehmen – allzuoft sieht man ein Verständnis dieser Gedichte,
das sie zu netteren Versen für Postkarten verzerrt. Doch gerade das Träumeri-
sche lauert darin:

Sag’ mir, ob [...] in Nächten Deine Seele schreit,


961
Wenn sie aus bangem Schlummer auffährt ...

Einflüsse und Einschlüsse


Die vielleicht interessanteste Fragestellung im Bereich des Übergangs lautet:
Welcher Natur ist, was Czernowitz in Rose Ausländer hinterließ, wie ist das
Erbe zu umschreiben, welches die Sprachen jener Gegend – umrissen von Köhl
als »Situation des sprachlichen und kulturellen Schmelztiegels«962 – ins Wort
der Dichterin ritzten?
Voranzustellen ist die Frage, welche Folgen solche Einschreibungen hinter-
lassen, welchen Gewinn das Fremdwort für das eigene Wort bedeuten kann –
wozu ich die Theorien von Baudrillard, Adorno und Derrida kurz querlesen
will. Werden – wie bei der Metapher ist dies fragwürdig – bloß Lücken im
Vokabular gestopft? Werden die Worte andere? Kann zuletzt der ganze Text
eines Gedichts als Fremdkörper gelesen werden, vielleicht auch nur er, da die
Wahrnehmung von Widerstand an komplexe Prämissen gebunden ist? Der
letzten Frage ist ein Intermezzo beim Schritt zu Derrida gewidmet, die anderen
Fragen zur Poetik des Heterogenen sollen ebenso wie einige spezifische Moti-
ve dieser wortreichen Landschaft (Richard Wagner) in einer Präambel der
genaueren Behandlung einiger Fälle geboten werden.
Fremdwörter sind die Juden der Sprache.963

961
Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte (Anm. 867), S. 16.
962
Köhl, Rose Ausländers lyrische Landschaften (Anm. 331), S. 86ff.
963
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S.141, Aph. 72.
Peter Szondis Antwort 193

Dieser Aphorismus Adornos, der dem Gebrauch nachgerade exotischer Wörter


nicht abhold war, bedeutet nicht zuletzt:
Heilsam [...] ist immer nur der Einbruch des Fremden, das Identifikation erst gar
964
nicht zuläßt.

Dies weist bereits auf eine Notwendigkeit – den wohlvertrauten Kontext, wor-
in sich der Kontrast entfalten kann; »Ge- / bentscht«965 hat diesen Sinn nur in
einem Text, der überwiegend nicht jiddisch ist. Dieser Idee folgend wären
Fremdwörter »als mahnende Fremdkörper«966 – wie die gesamten »Werke [...]
Sperbers, Ausländers und Celans Akte der Erinnerung«967 – zu verstehen.
Das Fremdwort [...] macht sich zum Sündenbock der Sprache, zum Träger der Dis-
sonanz, die von ihr zu gestalten ist, nicht zuzuschmücken.968
Dieser Satz Adornos erklärt wohl unübertroffen, daß nicht zuletzt die Bereit-
schaft zu Heterogenität aus dem Fremdwort spricht, mag dieses auch der Prä-
zision wegen gewählt sein. Die Eigenschaft, »konzessionsloser«969 als manche
Übertragung zu sein, charakterisiert es also trefflich.
»Hoffnungslos wie Totenköpfe«970 sind Fremdwörter – und das, ist es wahr-
genommen, ist ihnen nach Adorno eigen wie der Philosophie971 und der Kunst.972
Die Verlockung einer »Art Exogamie der Sprache«973 wäre eine Sehnsucht nach
dem Fremden, das – unbekannt – allein Eros zu entfachen imstande sein soll-
te.974 Fremdwörter sind »winzige Zellen des Widerstands« ...975

964
Liessmann, Ohne Mitleid (Anm. 224), S. 109.
965
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 250.
966
Rüdiger Görner: In der »Schlittenspur des Verlornen«. In: Maurice Blanchot: Le
dernier à parler / Der als letzter spricht. Übersetzt von Makoto Ozaki und Beate
von der Osten. Mit einem Vorwort von Rüdiger Görner. Berlin: Gatza 1993, S. 5–
8, hier S. 5. Görner engt diese These auf »jiddisch[e] Wörter« ein (ebd.).
967
Dieter Lamping: Von Kafka bis Celan. Jüdischer Diskurs in der deutschen Literatur
des 20. Jahrhunderts. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1998 (Sammlung Van-
denhoeck), S. 77.
968
Theodor W. Adorno: Wörter aus der Fremde. In: ders., Noten zur Literatur (Anm.
11), S. 216–232, hier S. 221.
969
Ebd., S. 225
970
Ebd., S. 224
971
Vgl. etwa Theodor W. Adorno: Wozu noch Philosophie. In: Eingriffe. Neun kriti-
sche Modelle. Hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1963 (Edition
Suhrkamp; 10), S. 11–28, hier S. 25.
972
»Das Tröstliche der großen Kunstwerke liegt [...] darin, daß es ihnen gelang, dem
Dasein sich abzutrotzen. Hoffnung ist am ehesten bei den trostlosen.« – Adorno,
Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 299, Aph. 143.
973
Adorno, Wörter aus der Fremde (Anm. 968), S. 218.
974
Adorno selbst spricht die geradezu erotische Komponente von Wörtern aus der
Fremde an; diese Liebe »ähnelt« dem »Drang [...] zu ausländischen, womöglich
exotischen Mädchen« (ebd); zu Eros – vgl. Rolf Grimminger: Eros und Kultur.
194 Dritter Teil

Auf nicht unähnliche Weise interpretiert Baudrillard »das jähe Hereinbre-


chen der Graffiti«976 in die »Semiokratie«977 »als Einwurf, als Anti-Diskurs«978
gegen bloße Weiterführung eines stabilen Codes, der Garant für Ordnung
wäre.979 Ein wesentlicher Unterschied freilich ist, daß Graffiti nicht auch
bezeichnen, gewissermaßen sinnlos sind; »Unbestimmtheit«980 schreibt Bau-
drillard den »Graphismen«981 zu, was die Wand bedeckt, das ist quasi »das
linguistische Ghetto«.982 Es scheint somit hier besonders angebracht, sich
davor zu hüten, durch den Anti-Diskurs bloß aufs Terrain der »pittoresken
Jargons«983 zu gelangen. Dem beugt Baudrillard durch ein subtiles Changieren
der Begriffe vor, das er in Von der Verführung vollführt. Man kennt das Be-
deutungslose oder in seiner Semantik auf zugleich unschuldige und schreckliche
Weise Irreführende, woraus das Schicksal Ödipus’ herrührt, weiß um Mon-
taignes Bericht von jenem, »den man vor dem Einsturz eines Hauses gewarnt
hatte«:
[...] mochte er sich noch so sehr im Freien aufhalten – aus heitrem Himmel erschlägt
984
ihn der Panzer einer Schildkröte, die einem Adler im Flug aus den Krallen glitt!

Aus einer nicht unähnlichen Konstellation entwickelt Baudrillard eine Theorie


der »Macht des insignifikanten Signifikanten«,985 die um das »Rendezvous«986

Über Verschmelzen, Zerstören und Verzichten. In: Kursbuch (März 1996), H. 123:
Erotik, S. 101–118, hier S. 113.
975
Adorno, Wörter aus der Fremde (Anm. 968), S. 218; vgl. Theodor W. Adorno: Über
den Umgang mit Fremdwörtern. In: ders., Noten zur Literatur (Anm. 11), S. 640ff.,
vor allem S. 645f.; vgl. auch Doris Kolesch: Das Schreiben des Subjekts. Zur In-
szenierung ästhetischer Subjektivität bei Baudelaire, Barthes und Adorno. Wien:
Passagen 1996 (Passagen Philosophie), S. 186f.
976
Jean Baudrillard: Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen. Übersetzt von Hans-
Joachim Metzger. Berlin: Merve 1978 (Internationaler Merve Diskurs; 79), S. 23.
977
Ebd.
978
Ebd., S. 26.
979
»Die Geometrie des Codes jedoch, sie bleibt fix und zentralisiert.« (Ebd., S. 22)
Weiters ist von einem Monopol« (ebd.), welches bestehe, die Rede.
980
Ebd., S. 25.
981
Ebd., S. 24; »es sind bloß Namen« (ebd.).
982
Ebd., S. 28; zur Frage, ob auch stumme Zeichen, »winzig-lodernde Satzzeichen«
Sinn entfalten können, vgl. Friedrich Strack: Wortlose Zeichen in Celans Lyrik. In:
Paul Celan: »Atemwende«. Materialien. Hg. von Gerhard Buhr und Roland Reuß.
Würzburg: Königshausen & Neumann 1991, S. 185 u. S. 167ff. sowie – zu Intona-
tion sowie Strukturierung Theodor W. Adorno: Satzzeichen. In: ders., Noten zur
Literatur (Anm. 11), S. 106–113, hier S. 106ff.; vgl. Meinecke, Wort und Name
bei Paul Celan (wie Kap. 2, Anm. 177), S. 261.
983
Roland Barthes: Am Nullpunkt der Literatur. Übersetzt von Helmut Scheffel.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1982 (Bibliothek Suhrkamp; 762), S. 92; Schmuck (vgl.
ebd.) »des Sicherheitssystems der Literatur«, ebd., S. 40; vgl. ebd., S. 38ff.
984
Michel de Montaigne: Essais. Übersetzt von Hans Stilett. Frankfurt a. M.: Eichborn
1998 (Die Andere Bibliothek), I·20, S. 47.
Peter Szondis Antwort 195

kreist – das letztlich der Schrift gleicht und die angedeutete »umgekehrte Se-
miologie«987 vor ihrer Unsinnigkeit bewahrt.988
Fremdwörter jedenfalls sind, um nochmals zu Adorno zu kommen, nicht
sinnlos und dennoch nur unzureichend übersetzbar; ihre Eindeutschung – »der
Schimäre des Urtümlichen zuliebe«989 – ist notwendig »gewaltsamer«990 Natur,
also trotz des nicht zu leugnenden Bedeutens zum Scheitern verurteilt.
Adorno schließt daraus, »die Kritik des Anspruchs der Begriffe«991 wohne
darum der »Terminologie«992 – »Inbegriff der Fremdwörter«993 – inne; die Leere
der »toten Hülsen«994 zeige sich an Fremdwörtern. Die Setzung dieses Wortes
scheint also ein poetischer Akt zu sein; vorzustellen sind formulierbare Konnota-
te, deren Kulminieren in einem Wort aber einmalig ist. Das Lesen dieses frem-
den Wortes ist ein tendenziell der Lyrik gemäßes Lesen, worin durch die Ein-
bettung jedes vertraute Wort fremd und singulär wird.995 Es zeigt sich all dies
am Wort Authentizität, welches – im Gebrauch seit Adorno noch übelst ge-
schunden – doch nicht verzichtbar geworden ist, wie Adorno notiert.996
Der Text, der also nicht bloß einen fixierten Sinn zu transportieren verfaßt ist,
ist zugleich auf Worte gegründet, die er eben darum ungreifbar werden läßt, wie
sie auch ihn ihrer Unschärfe unterwerfen, was sich besonders an den angespro-
chenen Exoten, die sich in der Folge wohl vor allem in Phrasen herausstellen
lassen, zeigt. Der Text ist also Ausdruck des »Unangemessene[n] und Unausge-
glichene[n]«,997 »die irreduktible Vielfalt des Sprechens«998 ist in ihm zu erah-
nen. Diese wiederum bedeutet Überschuß und zugleich eine Tendenz zur inneren
Auflösung – »Gift-gift«999; das Problem des Fremdkörpers, der sich eingeschli-
chen hat und untilgbar geworden ist, hat sich ins Zeichen, das Sinn ermöglicht
und diskreditiert, verlagert: »Es gibt einzig den Buchstaben«1000 – und diese
Bindung oder Verschmelzung von Bedeutung und Referent, zweier Pole, die fast

985
Jean Baudrillard: Von der Verführung. Übersetzt von Michaela Messner. München:
Matthes & Seitz 1992 (Batterien; 48), S. 105.
986
Ebd., S. 103.
987
Ebd., S. 144.
988
Vgl. zur Geschichte der unschuldigen Verführung durch eine unschuldige Geste just
des Todes ebd., S. 101ff.
989
Adorno, Wörter aus der Fremde (Anm. 967), S. 221.
990
Ebd.
991
Ebd.
992
Ebd.
993
Ebd.
994
Vgl., S. 232.
995
Szondi, Schriften (wie Kap. 2, Anm. 96), Bd 2, S. 345.
996
Vgl. Adorno, Wörter aus der Fremde (Anm. 968), S. 232.
997
Derrida, Babylonische Türme (Anm. 884), S. 119.
998
Ebd.
999
Ebd., S. 121; vgl. Jacques Derrida: Falschgeld. Zeit geben I. Übersetzt von Andre-
as Knop und Michael Wetzel. München: Fink 1993, S. 23.
1000
Derrida, Babylonische Türme (Anm. 884), S. 162.
196 Dritter Teil

wie bloße Hilfskonstrukte anmuten, macht Sinn »übersetzbar und unübersetz-


bar«.1001 Welcher Größe der Fremdkörper sein kann, bleibt offen. Immerhin folgt,
daß das Element Zeichen in seiner Setzung schon fortgerissen wird, da »es gera-
de keine Punkte im Text gibt«;1002 keine Knoten, was, um beim Bild zu bleiben,
das Gewebe aufzulösen droht oder, da bei Derrida so etwas wie ein »unmittelbar
geteilt[er]«1003 Punkt zulässig wäre, wenigstens verheddert und zerzaust ...1004
Ehe dem weiter nachgegangen wird, sei den Exkurs beschließend darauf hin-
gewiesen, daß in überzufälliger Häufigkeit nicht-romanische Fremdwörter1005
es sind, die bei Derrida Reflexion initiieren – Pharmakon, Hymen, Aporien,
Geschlecht und nicht zuletzt Schibboleth.

Czernowitz
Wie ist in der Folge von Czernowitz zu sprechen? Rose Ausländers Lyrik kann
nicht in jener Weise, die ein Sprechen hiervon allein schon suggerieren mag, durch
den Ort annektiert werden – zumal jene Nationen, die sich auch eines Paul Celan
anheischig machen, zum Ungemach der poetischen Existenz, so könnte man un-
endlich untertreibend schreiben, nicht wenig beitrugen.1006 Allenfalls der Um-
stand, daß Österreich »Identitätsprobleme«1007 quasi als fixe Assoziation beige-
sellt sind, die Dichterin zudem in einem Poem, das 1975 in Andere Zeichen ver-
öffentlicht worden ist, bedauert, »in der österreichlosen Zeit«1008 zu leben, recht-
fertigt somit eine Zuordnung von Czernowitz zum alten Österreich, erklärt Celans
Grabinschrift (poète autrichien),1009 rechtfertigt etwa die Betitelung einer Antho-
logie österreichischer Poesie mit den Worten Noch ist das Lied nicht aus.1010

1001
Ebd.
1002
Derrida, Interview mit Florian Rötzer (Anm. 94), S. 72.
1003
Ebd.
1004
In einer weiteren Wendung freilich gibt es den schon bei Szondi wahrgenommenen
Knoten der Einzigartigkeit, der zur Einzigartigkeit der Verknüpfung führt, die Ver-
pflichtung auf poetische und philosophische Qualität sein mag: »Der Knoten der
Einzigartigkeit ist die Verantwortung.« – Lévinas, Gespräch mit Christian Des-
camps (wie Kap. 1, Anm. 161), S. 107.
1005
Zu der Durchdringung gallischer und römischer Sprache im Französischen sowie
dem Kontrast zum archaischen Deutschen – vgl. Adorno, Wörter aus der Fremde
(Anm. 968), S. 218; vgl. auch Derrida, Positionen (wie Kap. 2, Anm. 262), S. 23.
1006
Vgl. zu diesem Problem etwa Schmidt-Dengler, Bruchlinien (wie Kap. 2, Anm.
125), S. 317.
1007
Ebd., S. 330; vgl. ebd., S. 330ff. u. passim.
1008
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 224; vom
Buchenland heißt es weiters: »vielleicht dichtet dort / das Erbe / für mich« (ebd.).
1009
Vgl. Georg Patzer: Ruderschläge eines Dichters. Wortfracht, in andere Sprachen
»über-gesetzt«: Die Jahresausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zeigt
Paul Celan als Übersetzer. In: die tageszeitung, Nr 5230, 20. Mai 1997, S. 16.
1010
Vgl. zum Titel des von Ulrich Weinzierl herausgegebenen Buches, worin auch Celan
eingemeindet ist, Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm.
78), Bd 1, S. 181.
Peter Szondis Antwort 197

Einen Einblick in die Vielfalt der hier einander überschneidenden und anre-
genden Traditionen, Kulturen, Sprachen gibt das von Andrei Corbea-Hoisie
herausgegebene Jüdische Städtebild, das Czernowitz gewidmet ist.1011 Freilich
ist, aber das wurde bereits angerissen, nicht ganz unzutreffend, was der Rumä-
ne Nicolae Iorga in einem Text dieses Czernowitz-Lesebuchs 1938 über einen
intellektuellen Fokus der Stadt schreibt:
Eine Universität muß eine bestimmte Ausprägung haben, insbesondere an solchen
Orten. Welche ist die Ausprägung [...] dieser Universität? Sie ist deutsch, deutsch
1012
wie in Graz, deutsch wie in Innsbruck.

Doch ist es zugleich – wie auch Iorgas Vita nahelegt – eben verfehlt. Czerno-
witz ist als Ort der Randexistenz zu denken; Randexistenz – man weiß, wie
anders sich dieses Wort vorm Hintergrund des Heimatverlusts, nach dem von
Rose Ausländer zu sagen ist, wer Heimat sage,1013 der habe Heimat verloren,
akzentuiert findet. Hier waren poetische Heimstätten.
Doch die poetischen Heimstätten erwiesen sich angesichts der heraufziehenden Ka-
1014
tastrophen zusehends als fragwürdig.

Das Glücken einer Kulturtradition, so müßte man sich vergegenwärtigen, hinge


an ihrer bis zu einem Grade bestehenden Unverfügbarkeit.1015 Vielleicht ist der
Umstand, daß dies trotz des gutbürgerlichen Klimas an jenem Orte eingeübt ward,
der gerade diese Landschaft zur Heimat jener werden ließ, die die Heimatlosig-
keit in Welt und Wort besonders scharf zu artikulieren vermochten. Die versuchte
Kompensation des Minderwertigkeitsgefühls – »›Buko-wiener‹ Deutsch«1016 –,
1011
Auch findet sich dort eine Darstellung, die das Stückwerk verflicht – vgl. Corbea-
Hoisie, Czernowitz (wie Kap. 1, Anm. 35), S. 7ff., vor allem 18ff.
1012
Nicolae Iorga: Czernowitz. Übersetzt von Markus Fischer. In: Czernowitz. Jüdi-
sches Städtebild. Hg. von Andrei Corbea-Hoisie. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag
im Suhrkamp Verlag 1998, S. 119–125, hier S. 122.
1013
Vgl. hierzu Meredid Hopwood: Von Pol zu Pol. In: Wortreiche Landschaft. Deut-
sche Literatur aus Rumänien – Siebenbürgen, Banat, Bukowina. Ein Überblick
vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hg. von Renate Florstedt. Leipzig: Blick-
PunktBuch 1998, S. 135–136, hier S. 136.
1014
Motzan, Die vielen Wege in den Abschied (wie Kap. 2, Anm. 58), S. 110; zur
Mobilisierung des lyrischen Ichs, das sozusagen durch die Technik des Reisens
(vor allem durch die Eisenbahn) zum Voyeur vorm Abschied werden muß, vgl.
auch Johannes Mahr: »Tausend Eisenbahnen hasten ... Um mich. Ich nur bin die
Mitte!« Eisenbahngedichte aus der Zeit des Deutschen Kaiserreichs. In: Technik in
der Literatur. Ein Forschungsüberblick und zwölf Aufsätze. Hg. von Harro Sege-
berg. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1987 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft;
655), S. 132–173, hier S. 137f.; vgl. zur Landschaft der Herkunft auch Kristensson,
Identitätssuche in Rose Ausländers Spätlyrik (wie Kap. 1, Anm. 50), S. 131ff.
1015
Vgl. auch Schmidt-Dengler, Bruchlinien (wie Kap. 2, Anm. 125), S. 331.
1016
Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 55), Bd 3, S. 290;
zum Spiel mit Buk-, darunter Buko-W i e n-a – vgl. Thomas Schestag: buk. Paul
Celan. O. O.: Bour 1994, S. 16ff.
198 Dritter Teil

so meine These, führte mit der Zerrüttung der sinnvollen Geschichte in jener
»Literatur der [...] ›sprachverunsicherten Zone‹[,] der Bukowina«1017 zu Phä-
nomenen der Anreicherung im Werk von Rose Ausländer, zu einer produkti-
ven Poetik post Babel.1018 Es tritt schon früher hinzu, was Jacques Le Rider
festhält, wenn er die Moderne als Ende regionaler Vorrechte und zugleich
conditio sine qua non für den »Anspruch auf kulturelle Autonomie (Lemberg,
Czernowitz)«1019 anführt. Aber kulturelles Aufleben bis zur Avantgarde speist
sich auch aus dem, was es ganz und gar nicht ist, etwa aus der Behäbigkeit
Wiens, dem, wie Müller-Funk bemerkt, zur »kulturelle[n] Kapitale«,1020 als die
es erschien, etwas fehlte – auch derlei stärkt Emanzipation in und um (also
auch von) Wien. Dieser Pluralismus hat zugleich »die jüdische Utopie einer
›deterritorialisierten‹ nationalen Identität«1021 gestärkt, welche zweifelsohne
fürs Erblühen eines anregenden kulturellen Klimas eine zentral Rolle spielte.
Man müßte an dieser Stelle durchaus umfangreich auf Serres’ Beschreibungen
eingehen, der »kein Zentrum, [...] sondern eher einen Knotenpunkt«1022 in dem
sieht, was seine Provinzen fortan bindet, doch nicht in Relation aufhebt – in
unserem Falle Wien. Das Zentrum »verliert [...] die Macht, um die Universali-
tät zu gewinnen«,1023 so heißt es vom zwiespältigen Projekt.
Derlei ist nicht ausformuliert in den wie gesagt raren Äußerungen der Dich-
terin zu ihrem Programm; auch funktioniert dieses Spiel nicht – wie bei Celan
oder Pastior, der etwa selbst in einem mehr oder weniger theoretischen Text
plötzlich die rumänische Wendung »un lucru crez«1024 gebraucht – als offen-

1017
Jörg Lau: Sprachkleider. In: die tageszeitung, Nr 4724, 16. September 1995, S. 15,
vgl. auch Theo Buck: Czernowitz als geistige Lebensform. In: Literatur und Re-
gionalität. Hg. von Anselm Maler. Frankfurt a. M., Berlin, u. a.: Lang 1997 (Studi-
en zur neueren Literatur; 4), S. 201–209, hier S. 202, 204 u. passim.
1018
Vgl. Lau, Sprachkleider (Anm. 1017), S. 15; vgl. auch Köhl, Rose Ausländers
lyrische Landschaften (Anm. 331), S. 86ff.
1019
Jacques Le Rider: Die Erfindung regionaler Identität: Die Fälle Galiziens und der
Bukowina. In: Metropole und Provinzen in Altösterreich (1880–1918). Hg. von
Andrei Corbea-Hoisie und Jacques Le Rider. Wien u. a.: Böhlau/Polirom 1996
(Colectia Ex Libris Mundi), S. 11–16, hier S. 12.
1020
Wolfgang Müller-Funk: Das Ende des avantgardistischen Jahrhunderts. Thesen zur
»Dialektik« avantgardistischer Bewegungen. In: Schloß Lind. Das andere Hei-
matmuseum – 3. Abteilung. Ein Bilderbuch. Hg. von Aramis und Wolfram Orthak-
ker. Knittelfeld: Gutenberghaus o. J., S. 48–53, hier S. 48; vgl. ebd., S. 48f.
1021
Le Rider, Die Erfindung regionaler Identität (Anm. 1019) S. 15; »Nationalität ohne
Nationalismus« (ebd.).
1022
Michael Serres u. a.: Elemente einer Geschichte der Wissenschaften. Hg. von Michel
Serres. Übersetzt von Horst Brühmann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 1355), S. 607.
1023
Ebd. »Um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert spricht Europa [...] Universa-
listisch.« (Ebd.)
1024
Pastior, Resümee mesuré (Anm. 559), S. 171; die Pointe ist, daß somit der Text
wird, was un lucru crez bedeutet: ein krauses Ding ... – vgl. ebd.
Peter Szondis Antwort 199

kundiger Bruch.1025 Umso dringender bedurfte ich darum der Hilfe von Kolle-
gen, die der als Spuren anzunehmenden Sprachen mächtig mir gewissermaßen
das Material für eine Reflexion lieferten; ich bedurfte der Hilfe und fand sie.
Zur Frage, ob rumänische Wendungen sich finden ließen, konsultierte ich mit
Horst Schuller und Andrei Corbea-Hoisie zwei international ausgewiesene
Kenner der Problemstellung. Fürs Ukrainische wandte ich mich an Petro Rychlo,
der nicht nur als Professor der Universität Czernowitz theoretische Arbeiten zum
Buchenland verfaßt, sondern sich zudem als Übersetzer Rose Ausländers (Phö-
nixzeit) ums Weiterleben jenes Erbes der Bukowina verdient gemacht hat.1026
Indes findet sich kaum eine Spur des Rumänischen, ist also die Nutzung
fremder Syntax ebensowenig nachweisbar wie jene der kraftvollen Bilder, die
das Rumänische bereithielte. Man versichert dem, der Rose Ausländer glaubend
Mehrsprachigkeit in ihren Versen vermutend fragt, daß dies zumindest fürs Ru-
mänische nicht in Frage komme, wiewohl Berührungen mit jener Sprache schwer-
lich zu vermeiden waren. Allerdings, so sei vermerkt, hegte Rose Ausländer
Interesse für jene, die ihr Werk ins Rumänische übertragen – Abschriften solcher
Versuche sind im Nachlaß zu entdecken, etwa Portretul unui poet (Enric Fortuna).
Kaum anders verhält es sich bei der zweiten Sprache, dem Ukrainischen.
Petro Rychlo, mit dem ich mehrere Gespräche führte, vertritt die Ansicht, Rose
Ausländer sei höchstwahrscheinlich des Ukrainischen kaum mächtig gewesen.
Während Paul Celan die Sprache zumindest passiv beherrschte, ist dies bei der
Dichterin – auch aus biographischen Gründen, genannt seien die Aufenthalte
in Wien und in Amerika1027 – kaum wahrscheinlich. Aus dem slawischen Be-
reich, vor allem dem Russischen lassen sich vereinzelt Wörter ausfindig machen,
nicht jedoch Redewendungen, wobei einige der Wörter zumindest heute interna-
tional nicht ungebräuchlich sind – Rychlo verweist als Bespiel auf Wodka.
Die westlichste Stimme der Bukowina nennt nicht ohne Grund Helmut
Braun in einem Brief auf meine Frage hin die Dichterin – und verweist auf den
natürlich unübersehbaren Einfluß von Marianne Moore und Edward Estlin
Cummings. Was somit sich ergibt, ist zum einen eine Revision dessen, was
sich auch in sehr gründlichen Arbeiten des Themenkreises geradezu als Topos
findet, denn Czernowitz mag Rose Ausländer – unter Vorbehalten – in der Tat
Anregung geboten haben, doch zählt sie nicht zu jenen Existenzen, die in jener

1025
Allerdings ist auch auf subtile Mittel bei Celan zu verweisen; es ist z. B. belegt, daß
er sehr subtil hebräische Einflüsse verarbeitete – vgl. Klaus Reichert: – Hebräische
Züge in der Sprache Paul Celans. In: Paul Celan. Hg. von Werner Hamacher und
Winfried Menninghaus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988 (Suhrkamp-Taschenbuch
Materialien; 2083), S. 156–169, hier S. 156ff u. Klaus Reichert: Fragendes Verste-
hen. Zu Paul Celans Gedicht »Psalm«. In: Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs. Hg.
von Helmut Brackert und Jörn Stückrath. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1992 (ro-
roro; 3290 – Rowohlts Enzyklopädie), S. 210–225 hier S. 216 u. passim.
1026
Vgl. Joseph P. Strelka: Mitte, Maß und Mitgefühl. Werke und Autoren österreichi-
scher Literaturlandschaft. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1997 (Literatur und Leben;
49, S. 36ff. u. Buck, Czernowitz als geistige Lebensform (Anm. 1016), S. 209.
1027
Vgl. Braun, »Ich bin fünftausend Jahre jung« (wie Kap. 1, Anm. 28), passim.
200 Dritter Teil

Weise den mehrsprachigen Polylog als Feld der Wortfindung suchen, sieht
man von einer noch zu nennenden Ausnahme einmal ab; zum anderen ist nichts-
destotrotz der Versuch aufgegeben, einige Züge dessen herauszuarbeiten, was
der Dichtung der Bukowina bestimmte Qualitäten zu entwickeln half, wie es
scheint. Von dem Knotenpunkt »zwischen Rumänien, Polen und Rußland«1028
und der »besondere[n] Qualität des in Czernowitz gesprochenen Deutsch«1029
jedenfalls ist mit großer Vorsicht zu sprechen.
Derlei ist fester Bestand der Dichtung vieler Lyriker der Gegend, die sich
»weniger morphosyntaktisch als semantisch im Bereich der Metaphern«1030 ihre
Randexistenz zum poetischen Gewinn wandeln. In »höchst originellen Verbin-
dungen und Interferenzphänomenen«1031 wird so eine Methode greifbar, die »in
den Tropen und Bildern Celans [...] ihren absoluten Höhepunkt«1032 erreicht.
Was sich bei Rose Ausländer, um zur Ausnahme in ihrer Lyrik zu kommen,
in der Tat findet, sind Absorptionen von Hebräischem und Jiddischem. Dieser
Ansicht auch Rychlos kann, wer Gedichte wie Der Vater oder Pruth liest, die
sich in seinem Übersetzungsband Phönixzeit finden, kaum widersprechen.1033
Da die möglichen Funktionen des Fremdworts bereits diskutiert worden sind
und sich Metaphernbildungen in Anlehnung ans Hebräische und Jiddische in
ihrer Bedeutung aufgrund einiger dabei vermerkter Notizen durchaus deuten
lassen, außerdem auf die Arbeit mit der Kabbala als Quelle der Anregung bereits
hingewiesen wurde, bleibt an dieser Stelle wenig zur Fragestellung zu sagen.1034

1028
Joachim Seng: Auf den Kreis-Wegen der Dichtung: Zyklische Komposition bei Paul
Celan am Beispiel der Gedichtbände bis »Sprachgitter«. Heidelberg: Universitätsver-
lag C. Winter 1998 (Beiträge zur neueren Literaturwissenschaft, Folge 3; 159), S. 49.
1029
Ebd. Gerade hierfür nennt Seng als Beispiel Rose Ausländer – vgl. ebd. u. ebd., S. 49f.
1030
Kurt Rein: Politische und kulturgeschichtliche Grundlagen der »deutschsprachigen
Literatur der Bukowina«. In: Die Bukowina. Studien zu einer versunkenen Litera-
turlandschaft. Hg. von Dietmar Goltschnigg, Anton Schwob und Gerhard Fuchs.
Tübingen: Francke 1990 (Edition Orpheus; 3), S. 27–47. hier S. 45.
1031
Ebd., vgl. ebd., S. 44f.
1032
Ebd., S. 45.
1033
Vgl. Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 2, Anm. 99), Bd 2,
S. 318 u. 324; vgl. Rose Ausländer: – Phönixzeit / Час Фенікса. Ausgewählte Ge-
dichte. Übersetzt von Peter Rychlo. Czernowitz: Molodyj Bukowynez 1998, S. 40
u. 44; vgl. ferner Peter Rychlo: »Der Jordan mündete damals in den Pruth«. Aspek-
te des Judentums bei Rose Ausländer. In: Ein Leben für Dichtung und Freiheit.
Festschrift zum 70. Geburtstag von Joseph P. Strelka. Hg. von Karlheinz F. Au-
genthaler, Hans H. Rudnick und Klaus Weißenberger. Tübingen: Stauffenburg
1997, S. 175–194, passim. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht nur Czernowitz
und Rose Ausländer betreffend Buck anschließen, der Peter Rychlo »einen ebenso
engagierten wie kompetenten Sachverwalter der Bukowiner Literatur« (Buck,
Czernowitz als geistige Lebensform [Anm. 1017], S. 209) geheißen hat.
1034
Es sei gestattet, auf die Versuche Jacob Allerhands hinzuweisen, die sich – be-
müht, die Judaistik als Beitrag zum Verständnis von Dichtern wie Celan zu etablie-
ren – allerdings etwas offensiv gestalten ...
Peter Szondis Antwort 201

Kleine Literaturen
Wollte man abschließend die Betrachtungen zum Sprachraum zu einer Theorie
zusammenfassen, wäre also jenseits des Griffs zum Spruch, der entlastet, in-
dem er entmündigt,1035 jenseits der Anklage durch das Aufgreifen von Ver-
schüttetem und Devastiertem, jenseits der Präzisierung oder Auffrischung des
Wortschatzes, der um weitere Dimensionen des Spiels zu bereichern ist, zu er-
schließen gesucht, was jene Gegend dem Dichtenden nahelegt, so wären mehre-
re Punkte zu formulieren.
Zuallererst wäre zu vermerken, daß man den Topos des kreativen Durchein-
anders beiziehen kann; in einem Essay zu Pastior wird von einer Autorin,
deren Provenienz der seinen gleicht, allgemein die interessante Beobachtung in
Worte gefaßt, daß Improvisation in dem Maße das Extraordinäre unsichtbar
macht, wie es dasselbe fordert und fördert:
Kommt man aus einem armen, durch und durch nicht funktionierenden Land, [...]
gibt es keine noch so kleine Bewegung, deren Lauf ohne Improvisationen möglich
1036
ist. [...] Surreales gibt es nicht, wo es alles zu improvisieren gilt.

Natürlich ist es verlockend, den Ausnahmezustand etwa des wilden Osten auch
dort zu sehen, wo er nicht zu konstatieren ist, eine Versuchung, der zu erliegen zu
Verzerrungen führte. Und doch sei vorsichtig weitergeschritten. So wohlorgani-
siert Czernowitz während der Zeiten der Monarchie auch war, schon zu jener Zeit
war das Interkulturelle Ausgangspunkt von Reibungen, Spannungen und Mißver-
ständnissen, die sich, wie schon festgehalten wurde, nicht immer in Wohlgefal-
len auflösten. Das, was jene (und vielleicht die) Provinz ausmacht, ist also mög-
licherweise ein sich bietender Grundstein jenes Wirrwarrs verfügbarer, scheinbar
unvereinbarer Inhalte, woraus die wunderbaren Worte jener Gegend sich fügten.
Es sind jene Gegenstände – etwa eine Schnur –, deren Zweck noch nicht be-
stimmt ist, welche zum Sinnbild einer bestimmten Poesie im schon zitierten
Essay mit fremdem Blick werden: Solche »Gedichte bestehen aus dieser von
einem Atemzug zum anderen anders werdenden Schnur, aus Auswegen, die
sich vor dem Eintreten selber noch nicht kennen [...], aus dem zufälligen, sich
selber nicht geheuren Ausweg«.1037
Die Montage ist für mich wichtig, die Montage bringt mir so einen Geschmack oder
einen Geruch oder irgendetwas her von etwas ganz Fremdem, das nicht in mir ist,
1038
und das fließt dann ein [,] und kann sich zu etwas Neuem kristallisieren.

1035
Vgl. Voswinckel, Paul Celan (wie Kap. 2, Anm. 157), S. 64f.
1036
Herta Müller: Ist aber jemand abhanden gekommen, ragt aber ein Hündchen aus
dem Schaum. Die ungewohnte Gewöhnlichkeit bei Oskar Pastior. In: wespennest
110 (1998), S. 80–86, hier S. 81.
1037
Ebd., S. 86.
1038
Friederike Mayröcker: Vereinigungen des Disparaten. Bausteine zu einer Poetik. Red.
von Norbert Hummelt und Friederike Mayröcker. In: Tendenz Freisprache. Texte zu
202 Dritter Teil

Mit den Worten Friederike Mayröckers wird aus dem Bild Herta Müllers eine
präzise Theorie, sofern dies in einer Poesie, die auch Poetologie ist, einer Poe-
tologie, die Poetisches in sich trägt, möglich ist.1039
Derlei ist in die Terminologie von Deleuze und Guattari transkribiert ein
Sprechen von kleiner Literatur,1040 in welche »die Wurzeln der Familie Scher-
zer [...] tief« »reichen«;1041 solch kleine Literatur ist freilich nicht als isoliertes
Idiom zu beschreiben, sondern Produkt einer Interferenz, die sich in partieller
Überführung eines Sprachmusters ins Gewebe einer anderen Sprache neue Mög-
lichkeiten der Grammatik, vielleicht auch Metaphern-Bestände sucht. Insofern
ist gleich von Beginn an darauf hinzuweisen, daß kleine Literatur nur eine mög-
liche Übertragung von littérature mineure ist.1042
Mehrheit impliziert eine ideale Konstante, ein Standardmaß.1043
Es gibt kein mehrheitliches Werden, Mehrheit ist niemals ein Werden. Das Werden
1044
ist immer minderheitlich.

Aber die Minderheit bliebe bedeutungslose Devianz, gelänge ihr es nicht auch,
in »indirekte[r] freie[r] Rede«1045 zu betreiben, was in littérature mineure noch
mitschwingt, sich im Untergrund zu bewegen, nur scheinbar minoritär zu un-
terminieren – als das schlechte Gewissen unausgeschöpfter Möglichkeiten von
Finden und Verwerfen einer großen Sprache. Klaus Werner zeichnet so das
Bild jener Stadt, indem er sie als Terrain mehrerer Kulturerbe faßt,1046 »Interfe-
renzbereiche und Affinitäten«1047 betont Peter Motzan. Wie eine forcierte De-
konstruktion, die in einem gewissen Rahmen jedem Sprechen und Schreiben
beigesellt von Derrida ja vor- und fortgeführt wird, sie ist ja nicht Projekt und

einer Poetik der achtziger Jahre. Hg. von Ulrich Janetzki und Wolfgang Rath. Frank-
furt a. M.: Suhrkamp 1992 (Edition Suhrkamp; 1675), S. 109–116, hier S. 110.
1039
Vgl. auch Schmidt-Dengler, Bruchlinien (wie Kap. 2, Anm. 125), S. 507.
1040
Auch Lehmann sieht die Virulenz des Konzepts für Rose Ausländer – vgl. Leh-
mann, Im Zeichen der Shoah (wie Kap. 2, Anm. 60), S. XX u. – mit Flusser statt
Deleuze und Guattari – ebd., S. 157.
1041
Helmut Britz: Da zirpten die Kiesel im Pruth. In: Kulturlandschaft Bukowina. Studi-
en zur deutschsprachigen Literatur des Buchenlandes nach 1918. Hg. von Andrei
Corbea-Hoisie und Michael Astner. Iaşi: Editura Universităţii »Alexandru Ioan
Cuza« 1992 (Jassyer Beiträge zur Germanistik; V), S. 179–183, hier S. 179.
1042
Jabès nimmt das kleine Wort als Synonym der différance – vgl. Edmond Jabès: Es
nimmt seinen Lauf. Übersetzt von Felix Philipp Ingold. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1981 (Bibliothek Suhrkamp; 766), S. 61.
1043
Gilles Deleuze: Kleine Schriften. Übersetzt von K. D. Schacht. Berlin: Merve 1980
(Internationaler Merve Diskurs; 95), S. 27.
1044
Ebd., S. 28.
1045
Ebd., S. 28.
1046
Werner, Czernowitz (wie Kap. 2, Anm. 97), S. 50.
1047
Peter Motzan: Der Lyriker Alfred Margul-Sperber. Ein Forschungsbericht nebst
einer kurzen Nachrede. In: Kulturlandschaft Bukowina (Anm. 1041), S. 88–101,
hier S. 95.
Peter Szondis Antwort 203

kaum Programm, nimmt sich aus, was lyrische Produktion begünstigt haben
mag.1048 Diese beginnt ja im Chiasmus »der wechselseitigen Verschrän-
kung«:1049 »So vollzieht die literarische Schreibweise [...] eine Pluralisierung
der Zeichenformen selbst, die nicht nur verschiedene Interpretationsweisen
provozieren, sondern die Intentionalität des Subjekts selbst hintergehen [...].
Entsprechend ist Literatur nicht nur Abweichung [...], sondern fortlaufende [...]
Variation«,1050 so schreibt Vogl in einem Kurzporträt des Philosophen Gilles
Deleuze. Und man ahnt, daß die Variation das Variierte nie unbehelligt gelas-
sen haben wird. Man ahnt, daß dieses Resonieren und Dröhnen der in Schwin-
gung geratenen Begriffe nicht nur ein Schweigen ist, mag auch jedes »Dröhnen
[...] als Schweigemetapher«1051 mitgelesen werden, da auch hier »nicht mehr der
direkte Bezug«1052 ist. Im Rhizom sind Sackgassen sozusagen von einem anderen
Unbehagen.1053 Denn nicht ins Freie führt der gesuchte Weg, »einen Seiten-
weg«1054 darf man allein noch erhoffen. Ob die Verschärfung dieser Umstände
einen »relative[n] Talentmangel«1055 und darauf sogleich ein Kollektives zeitige,
sei nicht gefragt, auch wenn der Begriff der Meisterschaft heute vielleicht nicht
mehr unbefangen gebraucht werden mag. Immerhin kann davon die Rede sein,
daß alle Literatur, indem sie Formen zerbricht, das geschlossene System, worin
meisterliche Qualität sich zeigte, nicht gänzlich zuläßt. Deleuze zeigt, daß hierin
auch erst vom Begehren gesprochen werden kann, dessen Einlösung scheinbar
geschieht und letztlich »den Prozeß, der dem Begehren immanent ist, zu unter-
brechen« »scheint«.1056
Begehren und Fluchtlinie desselben führen auf Wegen oder Linien, die
»weder Disjunktion noch Konjunktion«1057 sind, zum »Gegenteil eines Verzichts
oder einer Resignation – ein neues Glück?«1058
Immanenz wird insofern sozusagen transzendent, da ein Selbstsein wie der
reine Bezug zum Objekt unmöglich ist. Vom Begehren indessen kommt man

1048
Vgl. Werner, Czernowitz (wie Kap. 2, Anm. 97), S. 50f. u. passim.
1049
Michael Wetzel: Jacques Derrida. In: Ästhetik und Kunstphilosophie von der Antike
bis zur Gegenwart. Hg. von Julian Nida-Rümelin und Monika Betzler. Stuttgart:
Kröner 1998 (Kröner Taschenausgabe; 375), S. 205–215, hier S. 209.
1050
Vgl. Joseph Vogl: Gilles Deleuze. In: ebd., S. 198–205, hier S. 201.
1051
Caroline Neubaur: Schweigen, Stille, Reverie. Erscheinungsformen einer sakralen
und psychoanalytischen Kategorie. In: Merkur 608 (Dezember 1999), S. 1155–1171,
hier S. 1169.
1052
Ebd., S. 1159.
1053
Vgl. Gilles Deleuze / Félix Guattari: Kafka. Für eine kleine Literatur. Übersetzt von
Burkhart Kroeber. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1976 (Edition Suhrkamp; 807), S. 8.
1054
Ebd., S. 13.
1055
Ebd., S. 26.
1056
Gilles Deleuze: Lust und Begehren. Übersetzt von Henning Schmidgen. Berlin:
Merve 1996 (Internationaler Merve Diskurs; 198), S. 32.
1057
Deleuze / Guattari, Tausend Plateaus (Anm. 421), S. 282.
1058
Ebd.
204 Dritter Teil

zum schon angesprochenen Modell des Gefüges: »Das Begehren ist nichts
anderes als ein bestimmtes Gefüge, ein gemeinsames Funktionieren.«1059
Form einerseits und damit Inhalt andererseits sind hierin nur gebrochen –
durch einander – erhalten.1060 Transzendenz, so könnte man sagen, zielt auf (ihre)
Notwendigkeit, nicht mehr auf Wahrheit: Sie wird, man konnte es erraten, im-
manent – nichts als ihre Verkündung.1061 Ist es verwunderlich, daß von Wuche-
rung die Rede ist?1062 Das Gefüge indessen führt zusammen, was bei Derrida wie
bei Deleuze letztlich als sinnlose Extrapolation virtueller Widerspiele erscheint,
»einerseits der diffuse und parzelläre Charakter [...], aber andererseits auch das
Diagramm oder die abstrakte Maschine, die die Gesamtheit [...] überzieht«.1063
Vorm Gefüge ist nicht zu sagen, was eine Ordnung und ihr Material ver-
mögen, in welcher Form, was Immanenzplan und Immanenzplan eint, funktio-
nieren wird – »ihr wißt nicht im voraus, was ein Körper oder eine Seele in
dieser Begegnung, in jener Verkettung, in jener Kombination vermag.«1064
Vorm Gefüge ist unsagbar, was (etwas) ist – immer und nicht in der Ein-
schränkung einer Sprache, die noch nicht, aber bald Bestimmtes zu sagen, zu tun
vermag.1065 Hier entsteht Ordnung, hier ergibt sich, was sie organisiert – umge-
kehrt: Hier entsteht das Material, an dem sich Strukturen entwickeln lassen. »Es
muß also das komplexe Gefüge gefunden werden«1066 – so beginnt der Text,
worin er endet. Denn eine abstrakte Maschine oder Funktion, als welche sich der
Text begreifen läßt, ist »aktuell, aber noch nicht verwirklicht«.1067
Der »Funktion K.«1068 entspräche dann hier die Funktion R. A., der man
freilich verlustig ginge, würde man sich in der Tat darauf einlassen, den Im-
manenzplan nur als Vollzug oder nur als Konzept zu sehen. Über die Funktion
C. als räumliche Begünstigung der Funktion R. A. ließe sich aber zumindest
sagen, daß die ständige Not der Translation und -duktion dem förderlich gewe-
sen sein mag, was als Lebendigkeit im Schaffen und Aufheben von Ord-
nung1069 eine der wenigen Konstanten sein mag, deren Bestehen in der Lyrik
oder Literatur (Funktion L.?) einigermaßen gesichert ist.1070

1059
Deleuze, Lust und Begehren (Anm. 1056), S. 20.
1060
Vgl. Deleuze / Guattari, Kafka (Anm. 1053), S. 40.
1061
Vgl. ebd., S. 62.
1062
Vgl. etwa ebd., S. 86.
1063
Deleuze, Lust und Begehren (Anm. 1056), S. 35.
1064
Deleuze, Kleine Schriften (Anm. 1043), S. 79.
1065
Vgl. dagegen Deleuze, Guattari, Kafka, (Anm. 1053), S.126.
1066
Deleuze, Lust und Begehren (Anm. 1056), S. 36.
1067
Deleuze / Guattari, Tausend Plateaus (Anm. 421), S. 707.
1068
Deleuze / Guattari, Kafka (Anm. 1053) S. 122.
1069
Vgl. ebd., S. 100.
1070
Zum Bezug auf Prag, das Deleuze und Guattari ja als Raum (mit)diskutieren, sei
auf Hinck verwiesen: »Also Czernowitz ein Klein-Prag in der Bukowina? Das wä-
re wohl übertrieben. Aber ein Beispiel für das kometenhafte Auftauchen von Pro-
vinzstädten zwischen den [...] Kapitalen der Literatur [...] bleibt Czernowitz doch.«
– Hinck, Viersprachig verbrüderte Lieder (wie Kap. 1, Anm. 100), S. 240.
Peter Szondis Antwort 205

Man kann und muß hier auf die Formulierung Derridas verweisen, wonach
Kultur, die sich einen Begriff von sich zu machen trachtet, durch dieses Stre-
ben, das am Rande eines Kulturraums intensiviert sein mag, ihre Stabilität als
Unmögliches sehen muß, des in ihrer Eigenart angelegten Plural innewird:
Es ist einer Kultur eigen, daß sie nicht mit sich selber identisch ist.1071

Derrida schreibt dies von Europa, von dem zu fragen ist, ob »das Monströse
abschütteln«1072 kann, was verglichen mit der Bukowina wohlgeordnet wirkt ...
Jener, der daran erinnert, ist der somit stets deplazierte Literat, den zu würdi-
gen Jacques Derrida einen Appell formuliert hat, den ich an dieser Stelle aus-
führlich zitieren will:
Ihren Ort zu wählen, sich frei zu bewegen: das ist ein Recht, das unsere Welt den
Schriftstellern mehr und mehr verweigert. Noch einmal wollen wir, gegen das Ver-
bot, den Ort der Literatur sagen, ihren Ort in eben diesem Moment. [...] Was bedeu-
tet heute für so viele Autoren, bekannte ebenso wie unbekannte, diese Verschiebung,
die oft genug darin besteht, keinen Ort mehr zu haben? Sie bedeutet, in den Tod ge-
schickt [...] oder des Landes verwiesen zu werden, bedroht mit Einsperrung, Folter,
1073
Hinrichtung oder Ermordung.

Es ist der Anspruch, ans Beliebige und Rhetorische der absoluten Wahrheiten
zu erinnern, an denen das »menschliche Denken erstickte«,1074 der den subtilen
Austausch jener Pluralität mit sich selbst der Selbstvergessenheit der Macht
nicht wünschenswert erscheinen läßt: Man »hat immer jene Literatur schlecht
toleriert, die, mindestens teilweise, einen solchen Status [...] in Frage stellt, als
ob sie nur dort stattfinden wollte, wo ihr ein Platz verweigert wird, jedenfalls
[...] Seßhaftigkeit, Geselligkeit, Verwurzeltsein. Daher so viele Phänomene,
die gerade für die Literatur der Moderne typisch sind: Literaturen im Ex-
odus, Literaturen im Exil, Literaturen in der Fremde, Literaturen, die fremd
in ihrer eigenen Sprache sind, klandestine Literaturen, Literaturen im Wider-
stand, verbotene Literaturen, Literaturen außerhalb des Gesetzes und ortlose
Literaturen.«1075 Und Derrida fragt, ehe er die Kehre zu einer Ethik der écri-
ture versucht: »Warum finden wir unter den auserwählten Opfern so viele
Schriftsteller?«1076

1071
Jacques Derrida: Das andere Kap. Die vertagte Demokratie. Zwei Essays zu Europa.
Übersetzt von Alexander García Düttmann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992 (Edi-
tion Suhrkamp; 1769), S. 12.
1072
Ebd., S. 10.
1073
Jacques Derrida: Deplazierte Literaturen. Für einen internationalen Widerstand der
Schriftsteller jenseits des alten Weltbürgertums. Übersetzt von Jörg Lau. In: die ta-
geszeitung, Nr 4461, 5. November 1994, S. 20–21, S. 20.
1074
Ossip Mandelstam: Über Dichtung. Essays. Übersetzt von Alfred Frank, Marga
Erb und Roland Erb. Hg. von Pawel Nerler. Leipzig, Weimar: Gustav Kiepenheuer
1991 (Kiepenheuer Bücherei; 4), S.79.
1075
Derrida, Deplazierte Literaturen (Anm. 1072), S. 20.
1076
Ebd., S. 21.
206 Dritter Teil

Die Existenz des Zeugen des Wortes und seines Anspruchs fordert den Ty-
rannen heraus – und unter anderem Vorzeichen jene, die dieses Erbe oder Zeug-
nis nicht verraten sehen wollen: Wir »appellieren an ein(en) anderen Begriff von
Gastfreundschaft«.
Die beste Würdigung, die man den großen Zeugen der Vergangenheit erweisen
kann, ist, sich nicht damit zufriedenzugeben, sie zu feiern. Es gibt eine andere
1077
Dringlichkeit. Wir müssen (aber werden wir es können?) antworten ...

Lyotards nicht unähnliche Konstellation eines Archipels, worin sich in steter


Übersetzungstätigkeit ein armer Fischer oder ein »Engel [...], der schwimmt«,1078
bewegt, der achtet, was er plural erfährt, sei en passant angeführt.1079
Und doch ist es notwendig ratsam, nicht gleich vom »homo bucovenien-
sis«1080 zu sprechen, dem »Celan-Kompetenz zugetraut«1081 wird, da er aus
jener Gegend kommt. Auch ist das Postulat der Interferenz heikel, da eine solche
sich auf mehrerlei Ebenen entwickelt. »Man übertreibt, glaube ich, die Interfe-
renzen zwischen den verschiedenen nationalen Gruppen«,1082 schreibt Kittner –
und setzt fort: »Die entwickelten sich eigentlich parallel zueinander.«1083
Widerlegt solche Rede – oder Ilana Shmuelis mit Mauthner formulierte Über-
legung bei einem Gespräch Mitte April 2000, sie trage von jener Zeit Sprach-
leichen in sich – die Ideen, die referiert wurden? Ist keine Interferenz – nicht in
der Gesellschaft (Kittner), nicht im Menschen (Shmueli)? Davon einmal abge-
sehen, daß Interferenz sich, wo sie zustande kommt, jenen, denen sie wider-
fährt, nicht zeigt, Ilana Shmuelis Bericht über Celan beim Formulieren in
deutscher und hebräischer Sprache verschieden ausfiel, was Änderungen bei-

1077
Ebd.
1078
Lyotard, L’ange qui nage (Anm. 121), S. 41; vgl. ebd., S. 33ff.; vgl. zu diesem Bild
auch Michel Serres: Die Legende der Engel. Übersetzt von Michael Bischoff. Frank-
furt a. M., Leipzig: Insel 1995, S.9, 29f. u. passim.
1079
»Man muß sich [...] ein Vermögen [puissance] vorstellen, das eine Beziehung
zwischen demjenigen schafft, zwischen dem es keine Beziehung gibt.« – Lyotard,
L’ange qui nage (Anm. 121), S. 35; das bedeutet, »das Recht zu sprechen [ist je-
mandem] in dem Augenblick, in dem er das Vermögen zu sprechen hat« (ebd.,
S. 27), zu gewähren – und dies meint der nichtsdestotrotz nicht (etwa als Pro-
gramm) zu erfüllende und jede Kultur eröffnende und dem Plural – also der Ah-
nung von Beliebigkeit, deren Ahnung sie zugleich nicht nur kontingent erscheinen
läßt, – preisgebende Imperativ »›Seid gerecht!‹« – ebd., S. 51; vgl. ebd., S. 49ff. u.
passim.
1080
Rein, Politische und kulturgeschichtliche Grundlagen der »deutschsprachigen Litera-
tur der Bukowina« (Anm. 1030), S. 27.
1081
Ebd. Celan selbst hörte einen pejorativen Beiklang, wo seine poetischen Möglichkei-
ten in einer bestimmten – durchaus nicht pejorativ gemeinten – Weise auf seine Her-
kunft rückbezogen wurden – vgl. etwa Arnold, Paul Celan und seine Übersetzung der
»Jeune Parque« von Paul Valéry (Anm. 76), S. 70.
1082
Kittner, Spätentdeckung einer Literaturlandschaft (wie Kap. 1, Anm. 71), S. 198.
1083
Ebd; entsprechend seine Schilderung des kulturellen Klimas – vgl. ebd., S. 182f.
Peter Szondis Antwort 207

der Fassungen – durch einander – nach sich zog, was die Rede von Sprachlei-
chen in Frage stellt, ist hier auf den Umstand zu verweisen, daß zugleich gera-
de dies schon in der ersten Sprache widerfährt: ihr ein Fremder zu sein, sie
zum Leben nicht gänzlich erwecken zu können.1084
Der bereits zitierte Beitrag Kurt Reins sei als sehr klare Wendung gegen
homo bucoveniensis- und anderen Kitsch jedenfalls empfohlen – auch, da dem
Einspruch einigermaßen präzise Beschreibungsversuche zu jenem folgen, was
etwa als buchenländisch zumeist unscharf bleibt.1085 Da kein Zweifel an der
deutschen Ausrichtung jener Gegend wie ihrer Literatur bestehe, plädiert Rein
– nicht minder deutsch ausgerichtet freilich – dafür, vor allem die Region,
nicht so sehr ihre Kultur durch derlei Beiworte ausgedrückt zu sehen.1086
Interessant ist dabei auch, was schon anklang – das Zusammenfallen von Hö-
hepunkt und Ausklang jener Bukowina, was freilich Blüten und Nachblüten
1876–1918 und 1920–1940 (»Initialphase bedeutsamer bukowinischer Dich-
tung«1087) nicht gering erscheinen lassen soll.1088 Hier ist nicht der Ort, diesem
Umstand weiter nachzugehen, doch sei darauf verweisen, daß gerade der Unter-
gang einer Kultur ihrer Identität schärfere Konturen zu verleihen scheint, über-
dies ihr Heimatliches mit einer Transformation von Zeitlichkeit in Räumlichkeit
zu tun hat, wie in einer Untersuchung zu kollektiver Identität dargelegt wird.1089

1084
Vgl. Derrida, Die Einsprachigkeit des Anderen oder die Prothese des Ursprungs
(Anm. 152), S. 15ff.
1085
Vgl. Rein, Politische und kulturgeschichtliche Grundlagen der »deutschsprachigen
Literatur der Bukowina« (Anm. 1030), S. 37.
1086
Vgl. ebd., S. 38; das Dasein »von Übergangs- bzw. Mischgebieten« verstärkt eher
die Wendung zur »kulturgeographischen Einheit« (ebd., S. 43) des Deutschen oder
Österreichischen ...
1087
Klaus Werner: Thesen zur deutschsprachigen Lyrik des Buchenlandes seit den
20er Jahren des 20. Jahrhunderts. In: »Weil Wörter mir diktieren: Schreib uns.« Li-
teraturwissenschaftliches Jahrbuch 1999. Hg. von Helmut Braun. Köln: Rose Aus-
länder-Stiftung 2000 (Schriftenreihe der Rose Ausländer-Stiftung; 10), S. 215–
228, hier S. 216.
1088
Vgl. zusammenfassend die (tendenzielle) Darstellung bei Rein, Politische und kul-
turgeschichtliche Grundlagen der »deutschsprachigen Literatur der Bukowina«
(Anm. 1030), S. 41 u. 46f.; vgl. auch Menninghaus, »Czernowitz/Bukowina« als
Topos deutsch-jüdischer Geschichte und Literatur (wie Kap. 1, Anm. 32), S. 357.
1089
Vgl. Charlotte Uzarewicz / Michael Uzarewicz: Kollektive Identität und Tod. Zur
Bedeutung ethnischer und nationaler Konstruktionen. Frankfurt a. M., Berlin, u. a.:
Lang 1998 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 22: Soziologie; 316), S. 74 u.
223ff.; freilich ist die logische Fortführung des ersten Strangs eine Identität von
geglücktem Kollektiv und Tod – vgl. ebd., S. 267.
Vierter Teil

Jacques Derridas Antwort

Falls es möglich ist, hier anzuschließen; falls es möglich ist, hier einen Neube-
ginn zu machen; falls es möglich ist, hier in Derridas Namen zu schreiben;
falls es schließlich möglich ist, seiner Methode zu entsprechen – all diese Ein-
sätze des Denkens können nicht leisten, was zu leisten wäre.
Die Frage nach der Verknüpfung, die lege artis wäre, ist bereits gestellt
worden.1 Derrida als Autor stellt bei einer angemaßten Statthalterschaft vors
Problem der Bemerkung:
»Autorennamen« sind hier nur Indizien.2

Und Derridas Dekonstruktion und différance benennen keine Methode, wie-


wohl dies zuweilen nahegelegt wird.3 Vielmehr ist in seiner Praxis eine Philo-
sophie der Schrift zu sehen, die ihrer Grundidee wechselseitiger Bestimmung

1
Vgl. Lyotard et al., Streitgespräche, oder: Sätze bilden nach »Auschwitz« (wie Kap.
1, Anm. 185), S. 62.
2
Derrida, Randgänge der Philosophie (wie Kap. 3, Anm. 66), S. 46; nichtsdestotrotz
ist Derridas Texten zu folgen – und mancher tatsächlichen oder durch (etwa meine)
Zitat-Montage suggerierten Allianz zu mißtrauen; Paul de Man etwa hat – als Ver-
treter der Dekonstruktion – doch anders als Derrida gelesen, ist etwa als Denker des
Datums schwerlich vorzustellen – vgl. auch Anja Köpper: Dekonstruktive Textbe-
wegungen. Zu Lektüreverfahren Derridas. Wien: Passagen 1999 (Passagen Philoso-
phie), S. 14; vielleicht ist hierüber, über die Koinzidenz, die Freundschaft kraft der
Schrift – »im Prozeß des Denken seine ›ewige Mitspielerin‹« (Heinz Kimmerle: Die
Auto-Erotik des Schreibens. Denken und Schrift bei Derrida. In: der blaue reiter 6
[2/1997]: Eros des Denkens, S. 50–53, hier S. 51) – zu sagen, was Schmitz-Emans
aus einem Schreiben Derridas zitiert, wonach derlei »eine Aufforderung zur Lektüre
dar[stelle]« – Jacques Derrida, zit. in Monika Schmitz-Emans: Poesie als Dialog.
Vergleichende Studien zu Paul Celan und seinem literarischen Umfeld. Heidelberg:
Universitätsverlag C. Winter 1993 (Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Folge
3; 122), S. 61 (Anm.); vgl. ebd., S. 60f. (Anm.); Es sind »die Anderen dieser Texte
über Derrida hinaus zu beachten. [...] Wer [...] nur Derrida zu lesen versucht, kann
[...] Derrida nicht lesen.« – Uwe Dreisholtkamp: Jacques Derrida. München: Beck
1999 (Beck’sche Reihe; 550 – Denker), S. 156.
3
Derridas différance ist nicht als »Methode« (Briel, Adorno und Derrida [wie Kap. 2,
Anm. 21], S. 103) zu bezeichnen, wie Briel richtig bemerkt. Unsinnig ist dann auch die
Frage der Anwendbarkeit dieses von Derrida sichtbar gemachten Effekts von Verschie-
bung. Vgl. Zima, Die Dekonstruktion (wie Kap. 3, Anm. 101), S. 200 und passim.
210 Vierter Teil

von Datiertem und logischer Struktur folgend diese als Verschiebung auf sich
und behandelte Texte wirken läßt.4
Was ich Dekonstruktion nenne, kann natürlich Regeln, Verfahren, Techniken her-
vorbringen, aber im Grund genommen ist sie keine Methode und auch keine [...]
Kritik, weil eine Methode eine Technik des Befragens oder der Lektüre ist, die ohne
Rücksicht auf die idiomatischen Züge in anderen Zusammenhängen wiederholbar
5
sein soll. Die Dekonstruktion ist keine Technik.

Derridas Methode also widerspricht sozusagen jeder Methode, indem sie zeigt,
wie jene Teil des Interpretierten wird und zugleich wandelt, wozu sie in bestimm-
ter Weise zu rechnen ist. Mit gutem Grund finden sich in Arbeiten, welche auch
Derridas Arbeit miteinbeziehen, nicht Quintessenzen desselben, sondern – meist
so verlegene wie vage – Verweise auf »problems of poetic representation« ...6
Wie verlockend wäre es, ausweichend mit Nebensächlichem zu beginnen,
würde es nicht Personenkult bedeuten – zu erzählen, daß Derrida Tee mit
Milch trinkt,7 daß Derridas Erscheinung gewöhnungsbedürftig ist:
Jacques Derrida hat rote Socken an. Das etwas Unseriöse der Erscheinung gehört zu
seiner Strategie. Ich erinnere mich, wie er vor ein paar Jahren einen Vortrag im
überfüllten Audimax der FU hielt, mit einer irgendwie irritierend kurzen und breiten
blauen Krawatte überm lachsfarbenen Hemd. Ein Modefriseur sprach über Kafka,
Nasenhaare und das Gesetz. Das Publikum verharrte zwei Stunden wie hypnotisiert,
obwohl man ziemlich sicher sein kann, daß viele ihn nicht verstanden, denn er
8
sprach französisch.

Burger bemerkt recht scharf, man gelange so zum »Niederschlag eines verwahr-
losten Denkens«,9 worin der Schreibende bloß noch »auf Metaphern rutscht«.10
Das Problem der Metapher in der Philosophie, zu der Burger – hierauf wurde
schon verwiesen – trotz allen Unbehagens nicht ungern greift, ist damit nicht
ausgeräumt. Zumindest aber enthalte ich mich also dem Spiel mit Nebensäch-
lichem, mag sich auch zeigen, daß zwar nicht mit Unwesentlichem, doch Nicht-
wesentlichem durchaus Umgang zu pflegen bleibt.11
Ich will statt dessen die Frage stellen, wie Text und Text zueinander stehen,
womit im ersten Fall der ausformulierte, nach stilistischen Regeln exakt kalku-
4
Eagleton schreibt angesichts dieser paradoxen Konstellation von »Verrücktheit und
Metaphysik« (Eagleton, Ästhetik [wie Kap. 2, Anm. 235], S. 399), Derridas Philoso-
phie sei nichts als ein »Oxymoron«.
5
Derrida, Interview mit Florian Rötzer (22.2.1986) (wie Kap. 3, Anm. 94), S. 70.
6
Colin, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 96), S. 196; vgl. ebd., S. XXVI und 95.
7
Vgl. Jacques Derrida: Die Signatur aushöhlen – eine Theorie des Parasiten. Über-
setzt von Peter Krapp (1994). In: http://www.hydra.umn.edu/derrida/par2.html.
8
Thierry Chervel: Erst mal ein Begriff. Philosophen beim Straßburger »Carrefour«: die
Stube von innen verriegelt. In: die tageszeitung, Nr. 3860, 14. November 1992, S. 21.
9
Rudolf Burger: Überfälle. Interventionen und Traktate. Wien: Sonderzahl 1993, S. 137.
10
Ebd.
11
Vgl. Kant, Werkausgabe in 12 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 18), Bd III, S. 112f., B 97f.,
A 72f.
Jacques Derridas Antwort 211

lierte Text gemeint ist, im zweiten Fall der endlose Fluß der Worte, der, wenn
man dieses Wort nicht als Tautologie fürs namenlose Gewebe empfindet, Hyper-
text. Denn der Anfang ist – mitsamt dem ihm verbundenen von Derrida Be-
dachten – anscheinend nicht theoretisierbar, keiner Theorie als Vorwegnahme
seiner selbst in falscher Präzision (prae-cisio ...) einzufügen:
Wie eröffnet man eine den Leser stets ins Unrecht setzende und doch uner-
läßliche Lektüre? Man beschneidet:
Ein einziges Mal: die Beschneidung findet nur ein einziges Mal statt.12

Derrida beschreibt in einem Bild von so extravaganter wie erlesener Erotik den
Schnitt, der »zwischen der Liebe und dem Mord«13 das Hymen, dessen Spiel
»todbringend und geheiligt«14 sein muß, einerseits durchtrennt, andererseits erst
»die Jungfräulichkeit [...] als Jungfräulichkeit markiert«.15 Dieser Schnitt findet
statt, wenn »das Papiermesser die Lippen (lévre) des Buches (livre) spreizt«.16
Zu vermerken bleibt, daß in einem gewissen Sinne die Jungfräulichkeit wie
»vor dem geschwungenen Messer«17 besteht; daß zugleich in der Lektüre »die
Willkür [...] des Papiermessers, das unterschiedslos hier und da die Lektüre
eröffnet«,18 zu bedenken ist.19 An anderer Stelle schreibt Derrida von der »Not-
wendigkeit einer endlosen, aktiven Interpretation, die mit der Genauigkeit eines
Skalpells zugleich gewalttätig und textgetreu vorgeht ...«20
Also sind incipit und incisio21 getan.
Die Beschneidung findet ein einziges Mal statt und hinterläßt zugleich ein
Mal, wovon »une fois«22 nicht weiß, das im Homophon wiederum an den Glau-

12
Derrida, Schibboleth (wie Kap. 3, Anm. 182), S. 9; »Ein Mal und nichtmehr. [...]
Nie wieder [...], [...] nicht widerrufbar.« – Rilke, Die Gedichte (wie Kap. 3, Anm.
743), S. 661.
13
Derrida, Dissemination (wie Kap. 3, Anm. 87), S. 237.
14
Ebd., S. 242.
15
Ebd., S. 291.
16
Ebd.
17
Ebd., S. 292.
18
Ebd., S. 338.
19
Dies ist solcherart zu denken, da »das Hymen[,] Vereinigung zwischen dem Gegen-
wärtigen und dem Nicht-Gegenwärtigen mit all den Indifferenzen« (ebd., S. 236) ist
– und so in der Lage, »allen Ontologien, allen Philosophemen, den Dialektiken aller
Ränder einen Strich durch die Rechnung« (ebd., S. 241) zu machen.
20
Jacques Derrida, Gespräch mit Christian Descamps (wie Kap. 1, Anm. 161), S. 59.
21
Ein »stets fiktiver Anfang« – Derrida, Dissemination (wie Kap. 3, Anm. 87), S. 338;
»Derrida [...] is trying to be ahead of himself.« – Nico van Sijde: Jacques Derrida
and the »Mime« of Otherness. In: Mimesis. Studien zur literarischen Repräsentation.
Hg. von Bernhard F. Scholz. Tübingen, Basel: Francke 1998, S. 201–212, hier
S. 210; »Philosophy [...] comes before itself and substitutes for itself.« – Derrida, Glas
(wie Kap. 3, Anm. 142), S. 95; »Dies hier (also) wird kein Buch gewesen sein.« –
Derrida, Dissemination (wie Kap. 3, Anm. 87), S. 11.
22
Derrida, Schibboleth pour Paul Celan (wie Kap. 3, Anm. 776), S. 11.
212 Vierter Teil

ben (ungerechtfertigt wie unerschütterlich: la foi du charbonnier) geschmiedet


ist. Dieses eine Mal, das verschiedene Assoziationen weckt, im Englischen die
Zeit beschwören kann,23 es weist bereits auf die Unübertragbarkeit, indem es
eine »semantisch breite Fächerung [...] [der] Idiome«24 zeigt. Es ist im Sinne des
Einzigartigen, das in Logik nicht aufgeht, von dieser aber im Sinne singulärer
Bedeutung als HALT, der zugleich unkalkulierbar EinHALT gebietet, beschworen
wird, bereits ein Ort oder Nicht-Ort der différance, der sich so gestaltet.25
All diese ausgesparten Fragen nach dem Neubeginn sollen sogleich über die
Bande, die Flüchtigkeit und »Überschärfe [...] der Spur«,26 die verpflichtet, doch
diese bleibende Schuld »zum Unvordenklichen«27 macht, angespielt werden ...

Text im Text

Wie ist in sinnvoller Weise eine Verbindung zwischen jenem begrenzten Text,
der mittels strategischer Verknüpfungen als Kunstwerk zum Problem wird,
und dem endlosen Fluß der Worte, dem endlosen Text herzustellen? Einleitend
möchte ich auf das Verhältnis von System oder Macht und Widerstand verwei-
sen. Zu den verbreiteten Vorurteilen zählt die Idee, das eine sei dem anderen
opponiert; schon Foucault freilich schreibt:
Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen
liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht.28

Macht ist nicht, wogegen ein ihr äußerlicher Widerstand sich zu regen vermag
– schon deshalb, weil Macht nicht ist. Sie geht, wie sich andeuten wird, dem
voran, was sie als ihr Fundament suggeriert, nämlich einem auch von ihr dik-
tierten Sein, das zuallerletzt natürlich dem attribuiert wird, was das Sein oder
seinen Anschein zeitigte.
23
Vgl. Derrida, Schibboleth (wie Kap. 3, Anm. 182, S. 10; ursprünglich in Englisch
verfaßt, beinhaltet der Text das diesbezogen sozusagen leere »once« – vgl. ebd., S. 7
und 10 sowie Derrida, Shibboleth (wie Kap. 3, Anm. 182), S. 3f.
24
Ebd., S. 10.
25
Vgl. de Vries, Das Schibboleth der Ethik (wie Kap. 2, Anm. 130), S. 58.
26
Claudia Fahrenwald: Spur. In: der blaue reiter 6 (2/1997): Eros des Denkens, S. 85–
86, hier S. 85.
27
Paul Ricœur: Das Rätsel der Vergangenheit. Erinnern – Vergessen – Verzeihen.
Übersetzt von Andris Breitling und Henrik Richard Lesaar. Göttingen: Wallstein
1998 (Essener Kulturwissenschaftliche Vorträge; 2), S. 155; Ricœurs Bestimmung
ist darin begründet, daß der Abdruck – sein Wort für die Spur – »als hinterlassener
anwesend« (ebd., S. 29) ist, was eine Entzifferung oder allgemeiner Übertragung des
Maßstabs beraubt: auf ein Selbst ist die wahrhaftige mehr denn wahre Spur nicht zu
beziehen ... (vgl. ebd., S. 32, 35 u. 40)
28
Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit. Übersetzt von Ulrich Raulff und Walter
Seitter. Bd 1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983 (Suhrkamp-
Taschenbuch Wissenschaft; 716), S. 116.
Jacques Derridas Antwort 213

Es gibt Macht, es gibt Macht-Effekte, aber die Macht existiert nicht. Sie ist nichts.29

Barthes unterscheidet in diesem Zusammenhang vor der »Teufelei [...] Sprache


[...] Formen ihrer Leere«30 von dem Gegenteil, »ihrer Hohlheit«.31 Auch hier
ist Macht nicht ... In Verkennung dieses Umstands wird fest geglaubt, daß die
aufs System angewiesene Präzision eines Berichts als Authentizität Gegensatz
des Spiels mit den Regeln sei, Authentizität und Metapher kurzum Erzfeinde
seien. Das scheinbare Gegensatzpaar ist in der Folge etwa mit einzubeziehen,
wenn man sich auf die Spur des Wortes begibt, auf das es noch ankommen
kann – Derrida verweist auf »die wesentlichen Fragen, die richtige Frage«32
Philippe Lacoue-Labarthes:
Ich weiß nicht, welches Wort Celan hätte erwarten können. Welches Wort, für ihn, ge-
nug Kraft gehabt hätte, ihn der Bedrohung von Aphasie und Idiom (des Fehlens der
Wörter), in die das Gedicht, gegen die Stille gestammelt, versinken mußte, wie man ins
Moor geht, zu entreißen. Welches Wort, unvermittelt, Ereignis hätte werden können.
Ich weiß es nicht. Irgendetwas aber sagt mir, daß es das geringste und schwerste
Wort ist, weil es »das Hinaustreten aus dem Ich« fordert, – dieses Wort, das das ganze
Abendland, in seinem Pathos der Erlösung, nie hat sagen können, das zu lernen uns
aufgegeben bleibt, und ohne das wir es sind, die zugrunde gehn: das Wort Verzeihung.
33
Was Celan uns zu denken gibt, ist dieses Wort.

Verzeihung weist auf die Gabe eher denn auf den Verzicht, wenn man im Ori-
ginal liest: »le mot pardon«.34 Und über den Bezirk der Gabe, die jenseits der
Erwartung wirkt, läßt sich tatsächlich die scheinbar unerbittliche Opposition
passieren, welche eben noch zwischen Rhetorik und poetischem Kalkül sowie
dem authentischen Bericht bestand. Es drängt sich der zunächst paradoxe Ein-
druck auf, ästhetische Strategie und Authentizität seien einander nicht nur nicht
diametral entgegengesetzt zu denken, sondern einander vielmehr verschwistert.
Dies meint nicht allein, daß die Authentizität von Gedenken auch dadurch
charakterisiert ist, daß es beschädigt ist, folglich zu keinem Résumé kommt:

29
Derrida, Kraft der Trauer (wie Kap. 3, Anm. 254), S. 32; vgl. zu beiden Gedanken-
strängen auch Derrida, Gespräch mit Christian Descamps (wie Kap. 1, Anm. 161), S. 62.
30
Roland Barthes: Leçon/Lektion. Antrittsvorlesung im Collège de France (7. Januar
1977). Übersetzt von Helmut Scheffel. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980 (Edition
Suhrkamp; 1030), S. 55.
31
Ebd.
32
Derrida, Schibboleth (wie Kap. 3, Anm. 182), S. 149 (Anm.).
33
Philippe Lacoue-Labarthe: Dichtung als Erfahrung. Übersetzt von Thomas Schestag.
Stuttgart: Edition Patricia Schwarz 1991, S.53f.; es könnte dies die richtige Frage
unter vielen scharfsinnigen Betrachtungen Lacoue-Labarthes sein; ob die Antwort
gerade hier nicht rasch erfolgt, gebe ich auch darum zu bedenken, da von Anbeginn
nie eine solche »unbekannte Invariante« (Silverman, Textualitäten [wie Kap. 3, Anm
729], S. 67) zu erwarten stand.
34
Philippe Lacoue-Labarthe: La poésie comme expérience. Paris: Christian Bourgois
Editeur 1986 (Collection »Détroits«), S. 58; vgl. ebd., S. 57f.
214 Vierter Teil

»Vergangenheit, die nicht vergehen will.«35 Auch der allgemeine Umstand,


daß das Erscheinen von etwas, sei es sakral oder profan, immer von der Er-
scheinung oder eben Formulierung abhängig bleibt, die darum bedacht zu
werden verdient, ist nicht vordringlich angesprochen.
Ich ziele auf die Obsession der Sprache gegenüber, deren Mittel den Dichter
nicht nur zu ihrem Liebhaber, sondern ebensosehr zu ihrem Hasser machen.
Was nämlich sich der Auflösung in Sprache verweigert und sperrt, ist meines
Erachtens der Impetus von Lyrik, wenn man nicht davon ausgeht, Ausklamme-
rungen an den Rändern der Sprache seien klar zu umreißen, was nicht zuletzt
allfällige Meta-Ebenen betrifft.
Wer korrekt über die Ordnung spricht, ist selbst innerhalb der Ordnung, oder aber
36
seine Sprache ist nicht korrekt gebildet.

Wie aber kann authentisch gesprochen werden, wenn der Gehalt eines solchen
Sprechens entweder regelrecht und regelgerecht verstümmelt oder sprachlos
bleibt? Montaigne schreibt über ein Denken und damit eine Sprache, die vom
Unzureichen ihrer selbst zeugten:
Ich sehe, wie die pyrrhonischen Philosophen ihre Grundkonzeption in keinerlei Rede-
weise ausdrücken können, denn dazu brauchten sie eine neue Sprache. Die unsere ist
37
aus lauter affirmativen Sätzen gebildet, die mit ihrer Lehre völlig unvereinbar sind.

Gilt dies in gewisser Weise auch für den Versuch, dem Nicht-Identischen ge-
danklich gerecht zu werden, wo es Sprachlosigkeit, Aphasie nahelegt, nach ihm,
in seiner Spur zu denken, so ist zu fragen: Wie ist es möglich, sich intellektuell
jenseits der Irrungen zu bewegen, wenn das Feinsäuberliche einer Negation wi-
der das Denken durchs sie ventilierende Denken mitsamt seinem Neuanfang
vereitelt ist?
Meine provisorische Antwort lautete, daß der Kanal der Authentizität in
dieser Deutung gerade die Metapher, die ästhetische Brechung sein muß. Man
könnte sagen, daß es gerade die parasitären Effekte38 des Hintergrundrau-
schens sind, die in der Bildung künstlerischer Sprachführung als Strategien
authentischer Zeugenschaft genutzt werden, Manipulationen des Systems mit-
tels der Regelhaftigkeit des Systems selbst die Sprache dorthin treiben, wohin
zu gehen ihr nicht bestimmt zu sein schien.39

35
Hartman, Der längste Schatten (wie Kap. 2, Anm. 161), S. 180.
36
Michel Serres: Hermes. Übersetzt von Michael Bischoff, hg. von Günther Rösch.
Bd II: Interferenz. Berlin: Merve 1992, S. 22.
37
Montaigne, Essais (wie Kap. 3, Anm. 984), II·12, S. 263; Gadamer wendet dies genial
in ein Plädoyer für die Triftigkeit des skeptischen Anliegens – vgl. Hans-Georg Gada-
mer: Gesammelte Werke. Bd 1: Hermeneutik I. Wahrheit und Methode. Grundzüge
einer philosophischen Hermeneutik. 5. Aufl., Tübingen: Mohr 1986, S. 350.
38
»Es gibt schwarze Stellen in der Sprache.« – Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm.
180), S. 33.
39
Vgl. hierzu Firges, Den Acheron durchquert ich (wie Kap. 1, Anm. 41), S. 11.
Jacques Derridas Antwort 215

Keiner versteht es, zu schreiben. Jeder, selbst und vor allem der »Größte« schreibt,
um durch den Text und im Text etwas einzufangen, das er nicht schreiben kann. Das
sich nicht schreiben läßt, wie er weiß.40

Man schließt dichtend an die Sprache an, was augenscheinlich nicht angeschlos-
sen werden sollte, doch zugleich als Möglichkeit ihr schon immanent war, et-
was, das anderer Logik, aber von rudimentärer Kompatibilität ist – einen Para-
siten. Dieser Parasit ist, was »eine [...] kontextuelle Bedeutungsveränderung«41
einleitet, die ohne Kontext freilich niemals vonstatten geht und letztlich als
Veränderung nicht wahrzunehmen ist, weist eine Metapher doch präzise auf
sich selbst – und macht ihr Uneigentliches vergessen, das dafür am eben noch
stabilen Eigentlichen des Wortes aufscheint. Dieser Parasit ist scheinbar we-
nigstens partiell zu korrumpieren, doch dies trügt, da auch der kleinste Effekt,
und dieser tritt irgendwann – allzu bald – auf, bereits alles in Gang setzt; die
Bestechung bindet nicht völlig, also gar nicht:
Mit einer Symbiose hat es angefangen, doch die hat nur die Flitterwochen gedauert.
Und schon ist der Parasit wieder da.42

Er »ist dem Kanal aufgepfropft«.43 Er ist ein ständiger Bewohner des Her-
mes’schen Systems.44
Der Parasit ist immer da, [...] Gott oder Dämon, Vernunft oder Rauschen.45

Er spaltet auf, was fest und eindeutig verknüpft schien, infiziert mit jener un-
vermeidlichen Unentscheidbarkeit, welche die knappen Poeme der hier behan-
delten Dichterin, mag es auch gerne übersehen werden, auszeichnet.46 Er ist als
»Interferenz [...] Metapher und [...] ars inveniendi«.47 Er ist als Kurzschluß

40
Lyotard, Kindheitslektüren (wie Kap. 3, Anm. 271), S. 11; vgl. auch Pries, Einlei-
tung (wie Kap. 3, Anm. 103), S. 28 (Anm.); an dieser Stelle sei auf Wittgensteins
Formulierungskunst vor dieser Verlegenheit – es wurde behauptet, was »sich nicht
sagen [...] läßt« (Ludwig Wittgenstein, zit. in Manfred Frank / Gianfranco Soldati:
Wittgenstein. Literat und Philosoph. Pfullingen: Neske 1989 [Opuscula; 49], S. 19),
sage sich allenfalls selbst – zurückgeblickt ...
41
Ricœur, Die Metapher und das Hauptproblem der Hermeneutik (wie Kap. 3, Anm.
681), S. 361.
42
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 61.
43
Ebd., S. 65; »Parasit: Er [...] ist nicht auf der Sache, sondern auf der Beziehung.« –
Ebd., S. 64.
44
Vgl. ebd., S.72; dieses ist der allgemeine Fall zum Sonderfall einer Referenz, deren
Klarheit fast schon immanenter Widerspruch zur Referenz ist ... Vgl. Deleuze /
Guattari, Tausend Plateaus (wie Kap. 3, Anm. 421), S.13 u. passim sowie Michel
Serres: Hermes. Übersetzt von Michael Bischoff. Hg. von Günther Rösch. Bd I:
Kommunikation. Berlin: Merve 1991, S.10 u. passim.
45
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 97.
46
Vgl. auch Sturm, Unerforschte Bezirke des Sagbaren (wie Kap. 3, Anm. 485), S. 28.
47
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 110.
216 Vierter Teil

Beschleuniger,48 vielmehr jedoch, was Bedingung des Kurzschlusses ist, näm-


lich nicht nur, was in der Vermittlung ist, sondern noch die Vermittlung selbst.49
Die dritte Person geht den beiden ersten voraus.50

Das, was Serres in Der Parasit andeutet, führt er – unter neuer Leitmetapher –
in Die Legende der Engel fort. Auch hier wird ein Modell der Uneigentlichkeit
entworfen, wobei der Ernst im Umgang mit den geflügelten Boten, der den-
noch besteht, zugleich Reaktion auf die Frage ist, wofür Metapher metapho-
risch stehe, womit ja gleichfalls der Vermittlung eine Rolle von nicht geringem
Gewicht zukommt.51 Insofern ist denn auch die Legende betont, die auf eine
officio oder religio legendi weist.52 Nicht mehr also ist so leicht von einem Ab-
weichen von der Grammatik, das interpretierbar bleibt, zu sprechen, das Ver-
mögen der Engel oder Parasiten ergibt vielmehr die entfremdende Konfrontati-
on, die der Raum der Grammatik sein sollte, die »Neigung zur Desontologisie-
rung«53 erweist sich, auch so kann man es formulieren, desgleichen als Reon-
tologisierung in Permanenz.54
Der Vermittler tritt hinter die Botschaft zurück. [...] Deshalb sehen wir die Engel nicht
55
[...], die schlechteren Engel lassen sich blicken, die besseren bleiben unsichtbar.

Man müßte nach Foucault »zeigen, wie unsichtbar die Unsichtbarkeit des Sicht-
baren ist«.56 Engel sind »Widerhall des ganzen Raumes«,57 lassen ihn finden,
werden zum Raum selbst, denn das »Geflecht dieser Ströme bildet [...] das
Universum«,58 wie Serres schreibt. Interessant ist schließlich die Beschreibung
dessen, was die Mission eines Engels (oder eines Dichters, eines Parasiten, einer
Metapher – sie alle sind sozusagen zu Recht »niemals unschuldig« ...59) glücken
läßt. Immerhin arbeiten wir mit den Engeln und ihnen gemäß.60 Das Glücken
hängt daran, die Devianz nicht zu meiden, also nicht vom Engel zum notwen-
48
Vgl. ebd., S. 148f.
49
Am Anfang ist gewissermaßen die Metamorphose. – vgl. ebd., S. 152; es ließe sich
sagen, das Parasitäre entspreche dem Prinzip des Organs – vgl. Derrida, Die Schrift
und die Differenz (wie Kap. 1, Anm. 176), S. 287.
50
Serres, Die Legende der Engel (wie Kap. 3, Anm. 1078), S. 113.
51
Vgl. Benjamin Biebuyck: Die poietische Metapher. Ein Beitrag zu einer Theorie der
Figürlichkeit. Würzburg: Königshausen & Neumann 1998 (Epistemata; 204), S. 54.
52
Vgl. Serres, Die Legende der Engel (wie Kap. 3, Anm. 1078), S. 9 u. 40; vgl. auch
ebd., S. 67 zum Weltbuch.
53
Biebuyck, Die poietische Metapher (Anm. 51), S. 278.
54
Vgl. auch ebd., S. 58, 70, 206, 226, 278 u. 298.
55
Serres, Die Legende der Engel (wie Kap. 3, Anm. 1078), S. 102.
56
Michel Foucault: Von der Subversion des Wissens. Übersetzt und hg. von Walter
Seitter. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1993 (Fischer-Taschenbücher;
7398 – Fischer Wissenschaft), S. 52.
57
Serres, Die Legende der Engel (wie Kap. 3, Anm. 1078), S. 29.
58
Ebd., S. 30
59
Derrida, Die Schrift und die Differenz (wie Kap. 1, Anm. 176), S. 31.
60
Vgl. Serres, Die Legende der Engel (wie Kap. 3, Anm. 1078), S. 43ff. u. 96.
Jacques Derridas Antwort 217

dig scheiternden Kopisten abzusinken, zugleich jedoch auch nicht aufzusteigen


zur Sichtbarkeit vor der Botschaft; die eifersüchtige Bewahrung dessen, was
mit dem zu Verlautbarenden in Einklang bleiben soll, macht häßlich, »Eifer-
sucht macht häßlich«.61 Pointiert hat Derrida festgehalten:
Das Schlechte ist noch mehr ohne Wesen als das Gute.62

Wer spricht, hat also allerlei, doch immer den Parasiten Vermittlung, der das
Bild des Anfangs eitel, das meint auch hinfällig oder wohl schon gefallen er-
scheinen läßt; wer spricht, hat allerlei – »außer vielleicht das großgeschriebene
nichts«.63 Den »Parasiten zu vertreiben«64 heißt:
Das Draußen draußen halten.65

Der Parasit rettet – nur zum Beispiel – das Draußen vor der Bedeutungslosigkeit
seiner Reinheit. Und er ist doch auch, was sich und sein – das durch ihn befalle-
ne – System zugrunde richten kann: ein Versinken »im Unsinn, im blanken
Rauschen, in der Unordnung; das System bricht zusammen, alles stirbt«.66
Der Parasit ist ein Agent infinitesimaler Veränderung.67

61
Ebd., S. 202; vgl. zur Kunst und Moral des rechten Falschspiels ebd., S. 87, 101f.,
104, 120f. u. passim; nur am Rande sei auf die Nöte dessen verwiesen, der sich der
Metaphorik Serres’ bedient und von Engeln spricht – ein Gott bleibt gerade hier doch,
der nicht bloß als Inbegriff des Experten ein Terrain beherrscht (vgl. ebd., S. 240f. u.
257), und mit ihm ist die Pluralität der Engel (vgl. ebd., S. 293) zuletzt gefährdet, ei-
ner Essenz doch Platz machen zu müssen; man beachte Serres’ Mühen, die aber in der
bedenkenswerten Konstellation münden, es sei dieses Denken, das den Denkenden
verschwinden läßt (vgl. ebd., S. 240f. u. 262f.), als Gerechtigkeit ein paradoxer Fokus:
ein »Gericht, das nur über die Richter urteilt« (ebd., S. 230), ist ein wahrhaft jüngstes
Gericht ... – so gelingt es zuletzt doch, den Engel einen auteur und augmenteur sein zu
lassen (vgl. ebd., S. 270) und damit nicht zum Knoten, zum bloßen Übergangsvermö-
gen (vgl. Wolfgang Welsch: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das
Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1995, S. 48, 367, 696,
748ff., 906 u. 913ff.) verkommen zu lassen, zu etwas, wovor das Universum statisch
bleiben muß – der Engel Serres’ schafft, was er schreibt, ist »Universalschlüssel« (Ser-
res, Die Legende der Engel (wie Kap. 3, Anm. 1078), S. 293ff.) und diese Welt, die er
bloß zu erschließen scheint (vgl. ebd. u. ebd., S. 9ff.) ...
62
Jacques Derrida: Wie nicht sprechen. Verneinungen. Übersetzt von Hans-Dieter Gon-
dek, hg. von Peter Engelmann. Wien: Passagen/Böhlau 1989 (Edition Passagen; 29),
S. 75 (Hervorhebung M. H.); vgl. Jacques Derrida: Acts of Literature. Hg. von Derek
Attridge. New York, London: Routledge 1992, S. 41.
63
Oswald Wiener: Schriften zur Erkenntnistheorie. Wien, New York: Springer 1996
(Computerkultur; X), S. 57.
64
Derrida, Dissemination (wie Kap. 3, Anm. 87), S. 144.
65
Ebd.
66
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 283.
67
Ebd., S. 302; in diesem Sinne assoziiert Glissant die Praxis des Dichtens mit dem
Bild des Virus – vgl. Edouard Glissant: Die Information des Gedichts. Übersetzt von
Beate Thill. In: Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts. Hg.
218 Vierter Teil

Er verändert nichts, bringt aber, was er infiziert, dazu sich zu verändern, im


Gang der Dinge andere Dinge einen anderen Gang nehmen zu lassen.68 Er
bringt die Dinge scheinbar stets zu sich. Sein Nichts, seine Asche sind, was zu
Herzen geht – jenem Organ, das nur fühlt, wer dieses Innen als fremd, als das
sprichwörtlich gebrochene Herz in seiner Brust trägt:
Diese Fremdheit bringt mich zu mir, macht mein Verhältnis zu mir selber aus. »Ich«
69
bin, weil ich krank bin.

Die K r a n k h e i t brachte mich erst zur Vernunft.70

Diese so nicht zu heißende71 Krankheit macht den, der an ihr leidet, zum Leiden
oder Eindringling seiner selbst, der »Eindringling ist kein anderer als ich selber –
als der Mensch selbst«.72 Übrigens formuliert Derrida andererseits das »Prinzip
des Ruins im Herzen des allerneuesten Neuen«,73 das – eingedrungen – datiert
wird. Welche Veränderung es sein soll, dies ist nicht ausgemacht, Kontrakte sind
des Parasiten Sache nicht, zumal er in der Relation an der Macht selbst partizi-
piert, die »Joker, die Vieldeutigkeit«74 selbst, »Polyvalenz«75 ja ist. Wahr und nicht
wahr – er ist die Trope, die sich als »Transformationssystem[e]«76 in Vergessen-
heit geraten läßt. Er kündigt der Eigentlichkeit, woran seine Rolle zu bemessen
wäre, ist »das wesentliche Parasitäre«77, zumal alles Schrift zu sein scheint ...

von Joachim Sartorius. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1999, S. 149–155, hier S. 150;
»Nicht falschspielen heißt gar nicht spielen.« – Serres, Die Legende der Engel (wie
Kap. 1, Anm. 1077), S. 121.
68
Vgl. Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 293.
69
Jean-Luc Nancy: Der Eindringling. Das fremde Herz. Übersetzt von Alexander Garcia
Düttmann. Berlin: Merve 2000 (Internationaler Merve Diskurs; 226), S. 17; vgl. auch
Watson, Die Auschwitz-Galaxy (wie Kap. 1, Anm. 129), S. 263; dieses Erbe – als con-
ditio humana (vgl. ebd., S. 49) –, das in seiner Unsäglichkeit die Aggression wider die
»unfreiwilligen Zeugen des vergessenen Ereignisses« (Lyotard, Vortrag in Wien und
Freiburg (wie Kap. 1, Anm. 26), S. 23; vgl. Jean-François Lyotard / Eberhard Gruber:
Ein Bindestrich. Zwischen »Jüdischem« und »Christlichem«. Übersetzt von Eberhard
Gruber. Düsseldorf, Bonn: Parerga 1995, S. 32), erregt; das als »l’obligation de justi-
ce« (Lyotard, Vortrag in Wien und Freiburg [wie Kap. 1, Anm. 26], S. 57), als »Ver-
pflichtung zur Gerechtigkeit« (ebd., S. 32) besteht, es wird uns, so hoffe ich, stets be-
gleitet haben ...
70
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd VI, S. 283.
71
Vgl. Nancy, Der Eindringling (Anm. 69), S. 17.
72
Ebd., S. 49.
73
Derrida, Politik der Freundschaft (wie Kap. 3, Anm. 875), S. 101.
74
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 329; vgl. Serres, Le Tiers-Instruit (wie
Kap. 1, Anm. 19), S. 15.
75
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 374.
76
de Man, Allegorien des Lesens (wie Kap. 3, Anm. 322), S. 114 (Anm.); vgl. ebd., S. 182;
vgl. auch de Man, Epistemologie der Metapher (wie Kap. 1, Anm. 82), S. 424 u. 435.
77
Derrida, Die Wahrheit in der Malerei (wie Kap. 3, Anm. 187), S. 22 (Hervorhebung
M. H.); »monstre courant« – Serres, Le Tiers-Instruit (wie Kap. 1, Anm. 19), S. 16.
Jacques Derridas Antwort 219

Der Gott der Schrift [...] läßt sich keinen festen Platz im Spiel der Differenzen an-
weisen. Listig, ungreifbar, maskiert [oder die unmaskierte Maskerade selbst seiend,
M. H.], wie Hermes ein Hintertreiber und Grimassenschneider, ist er weder König
noch ein Diener; eher eine Art Joker, [...] eine neutrale Karte, die dem Spiel Spiel-
78
raum gibt.

Es ist wahr und falsch, hinter der unvermeidbaren Unkenntlichkeit der Pfrop-
fung eine Strategie zu sehen.79 Das Parasitentum »ist das Wesen der Relation,
[...] geht ihr voraus«,80 während es dem System folgt. Celan umschrieb in Un-
ter der Flut den Akt des Dichtens als ein Setzen von

Selbstzündblumen
81
an allen Kabeln ...

Es sei auf Nietzsches allen zuvorkommenden Satz hingewiesen, daß sich der
Wert eines Systems nicht zuletzt daran bemesse, wie gut es Parasitismen ertrage
... Noch »hat kein Denker den Muth gehabt, die Gesundheit [...] [eines Systems]
darnach zu bemessen, wie viel Parasiten [...] [es] ertragen kann«.82
Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die K r a n k h a f t i g k e i t . 83

Und – »Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt«.84


Um die Provokation der Terminologie zu mildern und zu klären, in welcher
Form hier die Assoziationen zum Parasiten führen, sei darauf hingewiesen, daß
parasitage ganz allgemein ein Bild des Interferierens evoziert.85 Wittgenstein hat
darauf verwiesen, daß an solcher Terminologie hängen mag, ob das Fremde als
»Anomalie«86 abgetan werden kann. Die Begrifflichkeit führt in den Problembe-
reich von Sprache und Denken als Systemen des Austauschs, worin »Schnitt,

78
Derrida, Dissemination (wie Kap. 3, Anm. 87), S. 104; vgl. Serres, Hermes (wie Kap.
1, Anm. 2), Bd III, S. 215, Serres, Le Tiers-Instruit (wie Kap. 1, Anm. 19), S. 15 u.
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 329.
79
Vgl. hierzu Bürger, Ursprung des postmodernen Denkens (wie Kap. 1, Anm. 129),
S. 73f. u. passim.
80
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 97.
81
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 315.
82
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd III, S. 178.
83
Ebd., Bd XIII, S. 250.
84
Ebd., Bd IV, S. 189; vgl. ebd., Bd VI, S. 259; man könnte noch darauf verweisen,
daß bis zu einem gewissen Grade das Gesetz selbst parasitär ist und sein muß, in-
dem es jene Frage der erlaubten Konnexion selbst anvisiert, also ausschließend
schon dem sekundären Anschluß verhaftet ist ... – vgl. auch Waldenfels, Antwortre-
gister (wie Kap. 1, Anm. 159), S. 307; vgl. weiters Homann, Theorie der Lyrik (wie
Kap.1, Anm. 17), S. 19.
85
Vgl. Derrida: ChÇra. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Hg. von Peter Engelmann.
Wien: Passagen Verlag 1990 (Edition Passagen 32), S. 61 u. 90 (Anm.).
86
Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen (wie Kap. 3, Anm. 73), S. 43.
220 Vierter Teil

Intervention, Anzapfen«87 omnipräsent und wesentlich sind, während die Idee


des festgeschriebenen Wesens selbst sich verliert.88
Nicht unbedingt ist auch schon ein Segen, wovon der pejorative Beiklang so
unüberhörbar wie unangebracht sein mußte. Es sind freilich nur bedingt »We-
ge [...], die eine neue Rehabilitierung des Rhetorischen zu bringen scheinen«89
– wenngleich ein neues Interesse am Geschehen in der Schrift fast zwingend
dem Beobachteten folgt.
Wertungsfrei könnte man das Bild des Gastes, der als ignotum x (ξένος)
gleichfalls ein stets unheimlicher ist, bemühen.90 Der Gast, »der den Gruß ge-
tauscht mit dem Dunkel«,91 hätte als eine Erscheinung, »die Ein- und Aus-
schlüsse« »durchquert«,92 »sogar das Eigene und das Andere zu vertauschen
scheint«,93 in diesem Kontext zudem den Vorzug, auf die Notwendigkeit von
Gastlichkeit auch seinerseits zu verweisen, denn jenes an ihm gebildete Attri-
but wandelt ihn vom Schmarotzer zu einem Wesen oder Unwesen, dem »das
Empfangen und Aufnehmen des Anderen«94 seinerseits zuzumuten ist – anson-
sten erst wäre auch nach Bahr ein Parasit gegeben, der mittels Gewalt »das
Selbstsein des Anderen für sich zum Verschwinden«95 bringt.
Somit ist er ein geladener Gast, der parasitus. Man könnte auch von allen Gästen sa-
gen, sie seien Parasiten – nehmen Sie den Propheten Elijah, für den immer ein Platz
gedeckt ist. [...] Da man niemals auf ihn wartet, ihn zugleich aber erwartet [...] [,]
kann man vom Propheten sagen, daß er zum Parasiten bestimmt ist, durch Vorbe-
96
stimmung. Der Messias ist ein Parasit.

87
Serres, Hermes (wie Kap. 4, Anm. 36), Bd II, S. 8; es ist von einer »Philosophie der
Duktion« (Serres, Hermes [wie Kap. 1, Anm. 2], Bd III, S. 7) zu reden – von der Trans-
duktion bis zur Seduktion – vgl. ebd., passim; vgl. auch John D. Caputo: The Prayers
and Tears of Jacques Derrida. Religion without Religion. Bloomington, Indianapolis:
Indiana University Press 1997 (The Indiana Series in the Philosophy of Religion), S. 211.
88
Vgl. Bahr, Die Sprache des Gastes (wie Kap. 2, Anm. 7), S. 355.
89
Otto Pöggeler: Gadamers philosophische Hermeneutik und die Rhetorik. In: Rhetorik
und Philosophie. Hg. von Helmut Schanze und Josef Kopperschmidt. München: Fink
1989, S. 201–216, hier S. 211; es besteht nicht nur hier ein systematisches Mißverste-
hen »der philologischen Redlichkeit« – ebd., S. 213; vgl. ebd., S. 204, 214 u. 216.
90
Vgl. Derrida, Adieu (wie Kap. 2, Anm. 219), S. 40ff. u. passim sowie Hans-Dieter
Bahr: Der Gast. In: »Herzlich willkommen!« Rituale der Gastlichkeit. Hg. von Ulri-
ke Kammerhofer-Aggermann u. a. Salzburg: Salzburger Landesinstitut für Volks-
kunde 1997 (Salzburger Beiträge zur Volkskunde; 9), S. 35–46, hier S. 44.
91
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 102.
92
Bahr, Der Gast (Anm. 90), S. 39.
93
Bahr, Die Sprache des Gastes (wie Kap. 2, Anm. 7), S. 76.
94
Bahr, Der Gast (Anm. 90), S. 39.
95
Ebd., S. 42; Besetzen des gesamten Terrains als Imperialismus – vgl. Michel Serres:
Gespräch mit Jean-Claude Guillebaud. Übersetzt von Elisabeth Madlehner. In: Philo-
sophien. Hg. von Peter Engelmann. Graz, Wien: Böhlau 1985 (Edition Passagen; 6),
S. 156–174, hier S. 163.
96
Derrida, Die Signatur aushöhlen – eine Theorie des Parasiten (Anm. 7).
Jacques Derridas Antwort 221

Auf das Moment des Spiels und Widerspiels um ein Unbekanntes weist Leavy
hin, wenn er auf dem Terrain der Übertragung das Bild des Kusses bemüht, der
gegeben und entgegengenommen zugleich wird. Mit einem Wortspiel, das im
Englischen vielleicht weniger bemüht als etwa im Deutschen wirkt, schreibt er:
One Tongue in the mouth of the other [...]: such is translation.97

Schreibt ein Poet als »trauriger Dichter teutonischer Zunge«,98 der »Zungen-
späße«99 noch kennt, so heißt das auch: »a French kiss: such is translation«.100
Solch ein rechter Kuß zweier Idiome, deren Differenz variieren mag: auch vom
Deutschen ins Deutsche zu übersetzen ist aufgegeben,101 gelingt nur, wo des
einen Zunge in Ewigkeit »in another’s«102 ist.
Die »Zungen der Sehnsucht«103 – in der minimalen Differenz sind sie immer
auch »Zangen«104 – finden in jenem, das weder eigene, noch fremde Zunge mehr
ist, zum Poem – und zum Abschied, zum Tod, der einer bestimmten Metaphy-
sik als Unding erscheint ...105 Denn »the first word«106 spricht »plus d’une
langue«.107 Es entstammt also meiner Sprache, »aber diese einzige Sprache,
die ich sprechen muß, solange ich sprechen kann, ist nicht meine. Ich habe nur
eine, und das ist nicht meine«.108 Diese selbst ist in unabsehbarer Weise ja viel-
leicht eine langue de vipère, die Lästerzunge, die ich mir werde ...

97
Leavey, French Kissing (wie Kap. 3, Anm. 856), S. 149.
98
Paul Celan, zit. in: Felstiner, Paul Celan (wie Kap. 1, Anm. 190), S. 82.
99
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 1, Anm. 174), Bd 2, S. 147.
100
Leavey, French Kissing (wie Kap. 3, Anm. 856), S. 149.
101
Übersetzung »vom Deutschen ins Deutsche« – Ingold, Üb er’s: Übersetzen (wie
Kap. 3, Anm. 875), S. 164; vgl. ebd., S. 164f.; das macht Sinn, da auch Ingold die
Formel »Ich habe nur eine, und das ist nicht meine.« (Derrida, Die Einsprachigkeit
des Anderen oder die Prothese des Ursprungs [wie Kap. 3, Anm. 152], S. 15) kennt
und die »Muttersprache [...] eigentliche Fremdsprache«, »unsre erste« (Ingold, Üb
er’s: Übersetzen [wie Kap. 3, Anm. 875], S. 148) heißt; »das Idiom Celans [...],
des Dichter-Übersetzers, der in der Sprache des Anderen [...] schrieb« – Derrida,
Die Einsprachigkeit des Anderen oder die Prothese des Ursprungs (wie Kap. 3, Anm.
152), S. 40; zu Übersetzung und »Exil innerhalb der Sprache« – Derrida, Auslas-
sungspunkte (wie Kap. 3, Anm. 775), S. 216; vgl. ebd., S. 216f.
102
Leavey, French Kissing (wie Kap. 3, Anm. 856), S. 150.
103
Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden (wie Kap. 2, Anm. 43), Bd 1, S. 130.
104
Ebd.
105
Vgl. Leavey, French Kissing (wie Kap. 3, Anm. 856), S. 152f. u. 156; war einst der
sanfteste Tod mit dem Kuß zu assoziieren (vgl. Papus, Die Kabbala [wie Kap. 3,
Anm. 288], S. 167), ist heute die selbe Verkettung eine andere – noch im süßesten
Kuß muß Bitterkeit zu schmecken sein (vgl. etwa Lyotard, Der Wiederstreit [wie
Kap. 2, Anm. 145], S. 173, Nr. 157) ...
106
Leavey, French Kissing (wie Kap. 2, Anm. 856), S. 154.
107
Ebd.
108
Derrida, Die Einsprachigkeit des Anderen oder die Prothese des Ursprungs (wie
Kap. 3, Anm. 152), S. 15.
222 Vierter Teil

»Man spricht nie eine einzige Sprache«109, so lautet das »Gesetz [...] der Dop-
pelzüngigkeit«110. Wenn nun zwei Idiome um einander züngeln, ist dies der
Moment, in dem sich öffnet, was seinem momentanen Nichts verpflichtet ist:
La raison venge le néant.111
112
To French kiss can be the bitter taste of the cinder [...] on the tongue.
The cinder ruins philosophy; its taste opens the mouth of philosophy; cinder is the
113
other in its mouth.

Also nimmt seinen Anfang, was weit eher auf einen Anfang weist, der sich
durchstreicht und damit »the most passionate kiss«114 wird: Whose Tongue Is It
Anyway?,115 so lautet der Untertitel von Leaveys Essay.
Nur am Rande sei das Bild der Gastmarke, deren Bruchstücke auf eine Ein-
heit verweisen, in der sie nicht aufgehen, in Erinnerung gerufen. Auch diese
gebrochene Münze läßt es legitim erscheinen, den Gast und den Schriftzug der
Poesie als »Bild einer topischen Aufspreizung«116 in einer gewissen Verwandt-
schaft zu denken.117 Aber auch die Münze als Kapital ist im Spiel ... Pierre
Klossowskis Die lebende Münze bedenkt nicht zuletzt dies, daß nämlich die
Münze des Gastes es zugleich ist, die auch den Austausch ermöglicht, da der,
der nicht geben kann, auch nur bedingt zu empfangen vermag:
Wer gibt, um nicht zu empfangen, nimmt jedes Mal Besitz von dem, der [...] nicht
zurückgeben kann.118

Nur die Möglichkeit, sich auf eine Äquivalenz zu einigen, die fremde Münze,
deren Wert vielgestaltig sein kann – besonders, wenn man das Bild auf die
Schrift zurückbezieht –, einzulassen, eröffnet Gastlichkeit als mittelbare, also
nicht belanglose.119 An der griechischen Sprache ließe sich spielerisch vorm
109
Ebd., S. 17.
110
Ebd.
111
Serres, Le Tiers-Instruit (wie Kap. 1, Anm. 19), S. 210.
112
Leavey, French Kissing (wie Kap. 3, Anm. 856), S. 160.
113
Ebd.
114
Ebd.; das Ephemere des Kusses und der Kuß als Möglichkeit, nicht Wirklichkeit
(»Das Wunder der Übersetzung findet nicht jeden Tag statt [...]. Und das nennt
man häufig [...]: Unlesbarkeit.« Derrida, Die Einsprachigkeit des Anderen oder die
Prothese des Ursprungs (wie Kap. 3, Anm. 152), S. 41) seien hervorgehoben.
115
Vgl. auch das Bild des Austauschs bei Serres, Die Legende der Engel (wie Kap. 3,
Anm. 1077), S. 171.
116
Bahr, Der Gast (Anm. 90), S. 45; vgl. auch Bahr, Die Sprache des Gastes (wie
Kap. 2, Anm. 7), S. 92.
117
Der Gast ist wie ein bestimmtes Schreiben schwerlich zu einer Einheit zu reduzie-
ren – vgl. Bahr, Die Sprache des Gastes (wie Kap. 2, Anm. 7), S. 60 u. 70.
118
Pierre Klossowski: Die lebende Münze. Übersetzt von Martin Burckhardt. Berlin:
Kulturverlag Kadmos Berlin 1998, S. 66.
119
Vgl. ebd., S. 67; »Der absolute Eigentümer denkt nicht daran, das, was ihm gehört
[...], auszutauschen.« – ebd., S. 64; Wenzel moniert dies an einem Denken des An-
Jacques Derridas Antwort 223

Tausch des offenbar Ungleichen die zumindest lautlich bestehende Ähnlichkeit


von ξένος und ξῦνός hervorkehren. Wohin der Mehrwert führt, der vom Ge-
dicht als Gast ausgeht, ist unvermindert von vornherein nicht auszumachen.120
Was also begründet, um zu einem provisorischen Résumé in dieser Frage zu
gelangen, die Authentizität von Lyrik und ihrer Lektüre, die auch ein Weiter-
dichten121 sein mag? – – – Und sie ist gewiß ein Weiterdichten:
122
Dichtung ist die avancierteste und verfeinertste Form der Dekonstruktion.
123
Der Semiologe wäre im Grunde ein Künstler.

Michel Serres schreibt von seiner – des Philosophen – Profession:


Mit Hilfe der Worte tanze ich den sprachlosen Gedanken ...124

Man gerät hier ins »Glutbecken des Sinnes«125, das unvermeidlich wird, wo
überm brüchigen Sein der Macht das Kalkül ersteht, wonach »das Begehren
des Unmöglichen für vernünftig«126 zu halten ist. – – –

deren: »Das »Fremde« verliert seinen Nimbus, wo es in kleiner Münze zirkulieren


muß.« (Uwe Justus Wenzel: Zugang zum Unzugänglichen. Bernhard Waldenfels’
Phänomenologie des Fremden. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr 117, 23./24. Mai 1998,
S. 53, hier S. 53) Die eingeforderte »Dignität« »der Fremdheit« (ebd.) freilich ist
Preis der skizzierten Wirksamkeit ...
120
Vgl. auch Hans-Dieter Bahr: – Eine obszöne Ökonomie des Wissens. In: Was macht
das Denken nach der großen Theorie? Ökonomie, Wissenschaft und Kunst im Ge-
spräch. Hg. von Christian Matthiessen. Wien: Passagen 1991 (Passagen Philoso-
phie), S. 87–91, hier S. 89.
121
Schibboleth, das »auch so etwas wie ein philosophisches Prosagedicht sein soll« –
Gumbrecht, Interpretation jenseits ihres Endes? Wie Kap. 1, Anm. 145, S. 108.
Nicht uninteressant sind in diesem Zusammenhang Adornos Ausführungen zur phi-
losophischen Sprache, die »ein wesentlich deutsches Phänomen ist [...]. Anders in
Frankreich, wo die philosophische Sprache sich nicht losgelöst hat, damit aber auch
das nicht hat, was wir an den größten Stellen von Kant, auch Marx und Nietzsche be-
sitzen.« (Adorno, Der Begriff der Philosophie [wie Kap. 1, Anm. 153], S. 26f.) In
der Folge schreibt er vom sich eines eleganten Deutsch bedienenden Philosophen:
»Er würde in den ›flüssigen‹ Stil verfallen und hoffentlich in ihm ertrinken.«
(Ebd., S. 32) Zugleich rät er: »Man lasse sich nicht von der Forderung nach Klar-
heit terrorisieren, jeder Schritt müsse nachprüfbar sein.« (Ebd., S. 34)
122
de Man, Allegorien des Lesens (wie Kap. 3, Anm. 322), S. 48; vgl. Derrida, Acts
of Literature (Anm. 62), S. 60ff.
123
Barthes, Leçon/Lektion (Anm. 30), S. 59; vgl. auch Roland Barthes: Das semiolo-
gische Abenteuer. Übersetzt von Dieter Hornig. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988
(Edition Suhrkamp; 1441), S. 8 u. passim.
124
Serres, Die Legende der Engel (wie Kap. 3, Anm. 1078), S. 219.
125
Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Hen-
schen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988 (Suhrkamp-Taschenbuch; 1586), S. 59.
126
Barthes, Leçon/Lektion (Anm. 30), S. 33.
224 Vierter Teil

Zu denken ist eine »Form von Authentizität an das [...], was nicht wahr
ist«.127 Man könnte pointiert sagen, daß sie im Verzicht auf sich selbst ihren
Anfang nimmt.128 Derrida charakterisiert Treue folgerichtig als Untreue + Un-
treue, als die Vereinigung des Verrats jenes reinen Zitats, das den Akt der Datie-
rung scheut, und des Verrats, der im Meiden des Einschlusses besteht; welche
Strategie der Treue man auch wählt, »es bringt den Tod zum Tod zurück«:129
Bleibt nur übrig, beides gleichzeitig zu machen und nicht zu machen ...130

Barthes, dessen Leçon / Lektion schon Erwähnung gefunden hat, entwickelt in


diesem Raum ein Modell von Poesie, das mit jenen Fragen der Macht ver-
knüpft ist, welche ein Sein zeitigt. Und er schreibt in der Folge:
Dieses heilsame Überlisten [...], das es möglich macht, die außerhalb der Macht ste-
131
hende Sprache [...] zu hören, nenne ich: Literatur.

Der Parasit ist bei Barthes, wenn er dies festhält, schon genannt und das Au-
ßerhalb der Macht zweifelsohne damit immer schon zerstoben.132 Die Folge
des Parasiten ist, daß man »die Sprache in ihrem Innern selbst [...] umge-
lenkt«133 sieht, daß Epistemologie Dramatik weicht, wie Barthes es überspitzt
formuliert, daß ein Diskurs gegeben ist, »qui n’est plus épistémologique, mais
dramatique«.134 Das Bild, das Barthes letztlich findet, hat skandalöse Züge – er
denkt an die an der Kreuzung dreier Wege befindliche, also »in trivialer Posi-
tion im Verhältnis zur Reinheit der Doktrinen«135 befindliche Prostituierte.136
Und ist man schon bei den Vordenkern des Parasiten, sei auch Foucault zi-
tiert, der von einem Spiel spricht – von »dem Kalligramm, welches das Gesag-
te und das Gezeigte ineinander übergehen läßt, damit sie sich gegenseitig mas-
kieren«,137 woraus eine Unauflösbarkeit von Artikulation und Reproduktion

127
Blanchot, Das Unzerstörbare (wie Kap. 3, Anm. 18), S. 67.
128
Vgl. etwa Jauß, Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik (wie Kap. 2,
Anm. 11), S. 788 u. 852, der die Metapher als Prämisse eines wahren Sprechens
und seines Funktionierens charakterisiert; zur Gefährdung durch Bewahrung und
vice versa sei Ingolds kluge Arbeit, worin er auf celare (verbergen, verwahren) als
Schlüssel zu Celan hinweist, erwähnt – vgl. Ingold, Der Autor im Text (wie Kap.
3, Anm. 232), S. 43.
129
Jacques Derrida: Die Tode von Roland Barthes. Übersetzt von Gabriele Ricke und
Ronald Vouillé, hg. von Hubertus von Amelunxen. Berlin: Nishen 1987 (Das Foto-
Taschenbuch; 10), S. 22.
130
Ebd.; vgl. auch ebd., S. 7f., 20, 47, 50 u. passim.
131
Barthes, Leçon/Lektion (Anm. 30), S. 23.
132
Ebd., S. 17.
133
Ebd., S. 25.
134
Ebd., S. 28.
135
Ebd., S. 39; vgl. zur Trivialität Wiener, Schriften zur Erkenntnistheorie (Anm. 53),
S. 220 u. passim, v.a. S. 222.
136
Vgl. Barthes, Leçon/Lektion (Anm. 30), S. 39.
137
Foucault, Dies ist keine Pfeife (wie Kap. 1, Anm. 82), S. 16.
Jacques Derridas Antwort 225

nicht zuletzt auch insofern entsteht, als Sprache eben Schrift mit deren Hinfäl-
ligkeit und Suggestivität, vor allem aber Stabilität, die doch darin besteht, daß
die Krümmung der Ordnung der Lettern ohne Maß bleibt, wird. Das Kalligramm
hat »die Souveränität, die zur Erscheinung bringt«,138 »eröffnet ein Spiel von
Übertragungen, die [...] einander antworten, ohne etwas zu affirmieren oder zu
repräsentieren«.139 In diesem Spiel verliert nur die Maske nicht ihr Gesicht –
»Übertragungen ohne Getragenes und ohne Träger«.140
Schließlich sei auf Benjamin verwiesen, der nicht zufällig seine »Zitate [...]
Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die
Überzeugung abnehmen«,141 heißt. Sie unterminieren den Duktus der Sprache,
wie allerdings auch jener, der sie in seine Rede bindet, die Worte nicht immer
nur konsultieren, verwenden mag – Benjamins gewissermaßen nicht allzu hohe
»philologische[n] Moral«142 wird zuweilen beanstandet oder wenigstens ver-
merkt. Freilich ist die Beanstandung naiv, stellt man in Rechnung, welchen
Wahrheitsbegriff schon die räuberischen Zitate – vielleicht bloß ihrer Entfüh-
rung wegen ergrimmte Worte? – darlegen:
Es gibt nichts Ärmeres als eine Wahrheit, ausgedrückt, wie sie gedacht ward.143

Sie ist »noch nicht einmal eine schlechte Photographie«,144 da sie entstellt von
einem ihr fremden Duktus in einen mehr schlechten denn rechten Ausdruck
gepreßte Skurrilität bleibt. Die Furcht, dies könne geschehen, und die nicht ver-
hehlte stilistische Praxis nun müssen die Rede von philologischer Moral verkeh-
ren; man mag die etablierten Zitierstandards als »kaum zu ersetzen[de]«145 ver-
teidigen, muß jedoch zugleich festhalten, »daß das Zitieren bei Benjamin nie
eine sekundäre Bearbeitung von Sprache ist«.146 Das »autoritäre Zitat«147 steht
nicht im Ruch »des Autoritären«;148 was sich »aus eigener Autorität [nicht] zu
behaupten vermöchte«,149 findet in ihm nicht den Ausdruck, der ein Neues in
alter Manier träfe. Freilich kann, wer die sekundäre Bearbeitung ausstreicht, also
138
Ebd., S. 43.
139
Ebd., S. 46.
140
Ebd., S. 49; zur Maske ist noch zu kommen.
141
Benjamin, Einbahnstraße (wie Kap. 1, Anm. 16), S. 108.
142
Pierre Missac, zit. in Manfred Voigts: Zitat. In: Benjamins Begriffe. Hg. von Michael
Opitz und Erdmut Wizisla. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000 (Edition Suhrkamp;
2048), Bd 2, S. 826–850, hier S. 829; vgl. ebd., S. 828ff.
143
Benjamin, Einbahnstraße (wie Kap. 1, Anm. 16), S. 107.
144
Ebd.
145
Voigts, Zitat (Anm. 142), S. 828.
146
Ebd., S. 833.
147
Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. In: ders., Gesammelte
Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann u. a. Bd I: Abhandlungen. Frankfurt a. M.: Suhr-
kamp 1991 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 931), Bd I.1, S. 203–409, hier
S. 208.
148
Voigts, Zitat (Anm. 142), S. 833.
149
Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels (Anm. 147), S. 208.
226 Vierter Teil

vermeinen, das Zitat verbleibe wohlbehalten, richtig ist auch, daß die ironische
Vorführung von Montiertem hier nicht gegeben sein muß, doch ist, so meine ich,
keinesfalls zu übersehen, daß, was nicht sekundär ist, primär kann – und bei
Benjamin ist. Es geht ihm um eine neue Lesbarkeit, die gerade darin gründet,
daß »die Dinge [...] eng mit den Worten verbunden sind«,150 nota bene die Worte
nicht mit jenen, die sie einmal geschrieben haben, und deren Intention ...
»Schreiben« heißt nichts anderes als sie in Funktion setzen.151

Sie, die in Funktion zu setzen ist – gemeint sind hiermit die Worte und ihre
Wahrheit, die sich je ergibt, vielleicht im Weiterschreiben, im Ernstnehmen
der Lettern gelegen ist, was später auszuführen bleibt.152
Als weitere Verzweigung sei auf die Interpretation des Denkens als einer
»Bewegung von Anti-Körpern des Wissens«153 verwiesen. Das Denken löst
auf, was ihm Anstoß ist, so schreibt Watson, was einerseits an Cioran gemahnt
– der Geist sei »allem Intensiven feind«154 –, andererseits nochmals verschärft,
daß noch die Aggression des Anderen Spuren einer Auto-Aggression der In-
terpretation in sich tragen mag.155
Riskiert sei, ehe vom Topos des Störenfrieds zu jenem des Kranken ge-
schritten wird, der Blick auf die Beobachtung Baudrillards, wonach das starre
System nicht nur – wie dargelegt – erst das Bedrohliche des Parasiten aus-
macht, der im überraschenden Befolgen von Regeln hier destruktiv sein muß;
nach Baudrillard ist es die Rigidität des Systems, die in die Krise schon immer
führt, da seine totalisierende Tendenz zur umfassenden Indifferenz, worin Tau-
tologien ausgetauscht werden, es schon zum maroden Spottgebilde formt.
Jedes System, das sich einer perfekten Operationalität annähert, ist seinem Unter-
gang nahe. Wenn das System sagt »A ist A« [...], geht es zugleich seiner absoluten
156
Macht und einer totalen Lächerlichkeit entgegen ...

150
Voigts, Zitat (Anm. 142), S. 832; vgl. ebd., S. 829.
151
Benjamin, Einbahnstraße (wie Kap. 3, Anm. 16), S. 107.
152
Eine Affirmation dieser eigenwilligen Wahrheit der Worte, die im Wandel ihrer
selbst gelegen ist, ist zugleich auch das Ausschließen der Unschuld – bloß »Dek-
kung« (ebd., S. 50) dessen, der außerhalb zu stehen glaubt –: »Wer nicht Partei er-
greifen kann, der hat zu schweigen.« – Ebd., S. 51.
153
Watson, Die Auschwitz-Galaxy (wie Kap. 1, Anm. 129), S. 147.
154
Emile M. Cioran: Lehre vom Zerfall. Übersetzt von Paul Celan. 3. Aufl., Stuttgart:
Klett-Cotta 1994, S. 39.
155
Vgl. Watson, Die Auschwitz-Galaxy (wie Kap. 1, Anm. 129), S. 147 u. 222.
156
Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod (wie Kap. 2, Anm. 228), S. 12;
»Ontologie der Anwesenheit als potentielle Selbstanklage« Paul de Man: Die Ideo-
logie des Ästhetischen. Übersetzt von Jürgen Blasius, hg. von Christoph Menke.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 (Edition Suhrkamp; 1682), S. 198; vgl. auch Wat-
son, Die Auschwitz-Galaxy (wie Kap. 1, Anm. 129), S. 67 u. 162 sowie Jean-Luc
Nancy: Das Vergessen der Philosophie. Übersetzt von Horst Brühmann, hg. von Pe-
ter Engelmann. Wien: Passagen 1987 (Edition Passagen; 16), S. 77 u. passim.
Jacques Derridas Antwort 227

Eine solche Anordnung wäre gewissermaßen approximativ tot, indem sie »das
Phantasma der totalen Programmierung«157 wird, das System Meta ihrer
selbst158 – und das zeigt die Kehrseite des Parasiten, der eben Bedingung des-
sen ist, was er zu vereiteln scheint. Mit guten Gründen widerspricht Baudril-
lard der Ansicht, Sprache sei auch in ihren avancierten Formen noch »ein
Prozeß der Identifizierung«.159 Das Datum ruft die Struktur des Parasiten her-
bei, dessen destruktive Wirkung eine andere Zerstörung ablenkt.160 Desglei-
chen ruft die Ordnung besagte Struktur des Parasiten herbei, auf daß er als ihr
autoaggressives Implikat jene andere Zerstörung ablenken möge.
Unter Berufung auf Derrida zeichnet Baudrillard den Tod doppelt – als Ein-
schluß in sich selbst jedoch in beiden Fällen, als Unfähigkeit zum Parasiten,
der »immer da«161 ist, wo von einem Denken die Rede sein soll – »es gibt kein
Signifikat, das dem Kreislauf ein Ende setzt«.162
Der Wille, eine bestimmte Destruktion zum Schweigen zu bringen, ist es
letztlich, der sich somit als tödlich erweist, Tode weichen d e m Tod – denn
die Lebendigkeit der Schrift ist dem Ansinnen des Parasiten verschwistert,
»jedem Signifikat eine Chance zu geben«,163 was nicht bloß »eine Zersetzung
[...] des repressiven Logos«164 meint:
Wenn der Friedhof nicht mehr existiert, so deshalb, weil die modernen Städte als Gan-
165
ze diese Funktion übernommen haben: sie sind tote Städte und Städte des Todes.
Tod: indem er ausgelaugt, ausgetrocknet [...] und fortgescheuert, verneint und ver-
dammt wird, geht er in alle Dinge [...] über.166
Die ganz großen [...] destruktiven Kräfte werden offenbar freigesetzt durch metaphysi-
167
sche Todesüberwindungssprachen.

157
Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod (wie Kap. 2, Anm. 228), S. 293.
158
»Das Monströse kündigt sich in den Rissen [...] des Systems Meta an, [...] die
Geschlossenheit des Systems ist nichts als eine These des Systems« (Ansén, Defi-
gurationen [wie Kap. 3, Anm. 86], S. 9) ...
159
Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod (wie Kap. 2, Anm. 228), S. 317.
160
Das Datum unterwandert die zum Verstummen bringende Opposition »de
l’universalité rationnelle et de la singularité douloureuse« – Serres, Le Tiers-
Instruit (wie Kap. 1, Anm. 19), S. 116.
161
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 97.
162
Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod (wie Kap. 2, Anm. 228), S. 319;
vgl. ebd., S. 318.
163
Ebd., S. 319 (Anm.).
164
Ebd., S. 348; vgl. zu diesem Logoklasmus Blumenberg, Die Vollzähligkeit der
Sterne (wie Kap. 1, Anm. 151), S. 89.
165
Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod (wie Kap. 2, Anm. 228), S. 198.
166
Ebd., S. 285; »Unsere ganze Kultur ist hygienisch« (ebd.); »Hygiene ist gefähr-
lich.« (Serres, Hermes [wie Kap. 3, Anm. 896], Bd IV, S. 189)
167
Peter Sloterdijk u. a.: Wissenschaft. Diskussion. In: Was macht das Denken nach der
großen Theorie? Ökonomie, Wissenschaft und Kunst im Gespräch. Hg. von Christian
Matthiessen. Wien: Passagen 1991 (Passagen Philosophie), S. 93–116, hier S. 105,
228 Vierter Teil

Das Motiv der Krankheit ist an dieser Stelle für den Moment eines Nachtrags
nochmals aufzunehmen. Zu verhandeln ist der moribunde »Blick, der das Le-
ben nicht mehr versteht, weil er es verstanden hat«.168 In Szondis Formel wird
eine Verkehrung der Melancholie vorgeführt, worin der Kranke nur der Erken-
nende ist, der ausruft:
Wie scheint doch alles Werdende so krank!169

Natürlich läßt die Dezenz des lyrischen Ausdrucks offen, ob ein gleichsam
evidentes Schimmern des Verfalls oder das Urteil des Betrachters sie zuletzt
zeitigte. Doch die Verschiebung ist einmal Sprache geworden nicht mehr aus der
Ontologie zu verbannen. Dämmerung und Verfall sind als Einheit und Ausdruck
der Ahnung ihrer selbst Grundzug einer jeden zu denkenden Seinslehre.170
Eng verbunden ist dabei das Konstatierte dem Denken, dem alles zerfällt.
Produktion ist Objekt- und Subjektvernichtung ineins.171

Mit Produktion ist die wie immer geartete Annexion des Gegenübers gemeint,
also die Schuld des Begriffs, die uneinlösbar verbleibt, da sie ihrer auf dem
Terrain des Gleichwertigen, eben des Begreifens, nicht innewird; indes stellt
sich die Frage nach dem Topos der Lyrik als einer der Krankheit nicht fernen
Rede somit neu.

An die Welt lassen sich nur zwei Wünsche richten: sie zu haben, oder, sie los zu
sein. [...]
Wer in der Welt ist, kann sich nicht für den einen oder anderen Wunsch entschei-
den. In ihr zu sein, ist gleichbedeutend damit, beide hegen zu müssen [...]. In ihr le-
172
ben läßt sich aber nur unter der Bedingung, daß keiner sich erfüllt.

Ist dem Denken es also aufgrund seiner Natur gleichermaßen unmöglich, dem
Gegenüber Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, was zuletzt die Auflösung der
opponierenden Konstellation wäre, ebenso aber nur ein Denken post mortem
frei vom steten Anwachsen der Schuld der Annexion, so ist Verzweiflung

mit dieser Bemerkung greift Sloterdijk die Frage von Kamper auf, wie, an welchem
Punkt Theorie als »Abmilderungsstrategie« (ebd., S. 104) zerstörerisch werde.
168
Szondi, Schriften (wie Kap. 1, Anm. 106), Bd 1, S. 259.
169
Georg Trakl: Das dichterische Werk. Hg. von Walther Killy, Hans Szklenar und
Friedrich Kur. 14. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1995 (dtv; 2163
– dtv klassik), S. 29 u. 199.
170
Vgl. ebd., S. 260.
171
Wulff D. Rehfus: Pathognostik versus Illusionstheorie. In: Kontiguitäten. Texte-
Festival für Rudolf Heinz. Hg. von Christoph Weismüller und Ralf Bohn. Wien:
Passagen 1997 (Passagen Philosophie), S. 129–133 hier, S. 131.
172
Andreas Steffens: Die Unverfügbarkeit der Welt. Reflexionsminiaturen über den
Doppelsinn von Weltlosigkeit. In: Kontiguitäten. Texte-Festival für Rudolf Heinz.
Hg. von Christoph Weismüller und Ralf Bohn. Wien: Passagen 1997 (Passagen Phi-
losophie), S. 65–74, hier S. 65.
Jacques Derridas Antwort 229

Grundzug jeder noch möglichen metaphysischen Bemühung, die nicht das An-
sinnen einer Auslotung der conditio humana an die Intention, eine behagliche
Existenz im Haben der verfügbaren Welt zu gestalten, verkauft:
Verzweiflung [...] ist die äußerste mögliche Anerkennung des Unzumutbaren.173

Der Schritt zur Pathognostik bleibt fragwürdig, wie sogleich einzuräumen ist,
da diese fast schon als Synonym der porös gewordenen »negativen Ontolo-
gie«174 genannt wird. In diesem Sinne etwa heißt es:
Der Kranke nimmt [...] den objektiven Zustand der Welt wahr, den der Gesunde
verdrängt hat. Insofern ist der Kranke der Erkennende. Nicht der Kranke ist krank,
175
vielmehr sind es die Dinge.

Das aber ist der Punkt, wo ein Topos, dem man Erkenntnisqualität nicht gänz-
lich absprechen kann, in intellektuellen Kitsch zu kippen droht. Eine Dysfunk-
tion der Sprache muß in ihr angelegt sein, die ihr das Begehren aufbürdet, ihr
Spiel über sich hinaus treiben zu wollen, doch eine Pathognostik, die mehr zu
sagen wüßte, wäre bald Flucht in die Phrase, die zugleich vorgäbe, in der Hypo-
stasierung des Anderen dieses in seine Rechte gesetzt zu haben. Nur en passant
ist auf die Differenz zwischen Melancholiker und melancholischem Analytiker
zu verweisen, die Theunissen zeigt. Moderne verdankt ihre Modernität der
steten Überschreitung ihres Status Quo, mit Welsch: dem Umstand, daß »sie
der Struktur des Erhabenen«176 zu folgen bereit ist; da die Folge eine Selbst-
durchstreichung in Permanenz ist, ist es legitim, eine »vergoldet[e]« »Traurig-
keit«177 zu sehen.
Allgemein sei zur Frage der Krankheit bei einem Aphorismus Adornos ver-
blieben, der, was er nicht austragen zu können vorgibt, als Beunruhigung sei-
nem Leser vererbt:
Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.178

173
Ebd., S. 66.
174
Ebd., S. 73.
175
Rehfus, Pathognostik versus Illusionstheorie (Anm. 171), S. 132.
176
Welsch, Adornos Ästhetik: eine implizite Ästhetik des Erhabenen (wie Kap. 2,
Anm. 104), S. 204 (Anm.).
177
Michael Theunissen: Melancholie und Acedia. Motive zur zweitbesten Fahrt in der
Moderne. In: Entzauberte Zeit. Der melancholische Geist in der Moderne. Hg. von
Ludger Heidbrink. München, Wien: Hanser 1997. (Edition Akzente), S. 16–41,
S. 32; vgl. ebd., passim, vor allem S. 17, 28 u. 39; vgl. zu solcher Melancholie
auch Adorno, Ästhetische Theorie (wie Kap. 1, Anm. 20), S. 217.
178
Adorno, Minima Moralia (wie Kap. 1, Anm. 166), S. 57, Aph. 29; vgl. hierzu bei-
spielsweise auch Derrida, Die Stimme und das Phänomen (wie Kap. 3, Anm. 40),
S. 117 und Derrida, Auslassungspunkte (wie Kap. 3, Anm. 775), S. 224f.
230 Vierter Teil

Exkurs 1: als ob

Um zu präzisieren, was eine »Authentizität an das [...], was nicht wahr ist«,179
sein könnte, sei George Steiner konsultiert, der ein grundlegendes Problem der
Philologie benennt, doch in der Folge – ich unterstelle, dies geschehe nicht
absichtslos – verzerrt. Eine reflexiv kaum einzuholende Formulierung macht
den Anfang: »Wir müssen lesen als ob«180 – der exponierte und abbrechende
Satz überschattet jede Weise, an ihn anzuschließen. Indes kann er wohl nur
zweierlei meinen, ein Lesen von Sinnlosem zum einen, ein Lesen anderen
Sinnes zum anderen.
Einer Lektüre dessen, was bar jeder Bedeutung ist, folgten Versuche, Sinn zu
konstruieren, was eine Deutung nur mehr oder minder ästhetisch geglückt hei-
ßen ließe, aber eines in der Exegese nicht zuließe, wovon Steiner dann spricht,
nämlich die Möglichkeit, den Rest, den eine Auslegung belassen muß, als triftig
zu verstehen.
Nur schwache Gedichte können erschöpfend interpretiert oder ganz verstanden wer-
den.181

Es wäre, so muß man entgegensetzen, eine schon respektable Leistung, einen


Text zu verfassen, worin nichts einem gewollten182 Sinn widerspräche, jedes
Detail so aufginge, daß es in der Tat zu einem vielleicht auch trivialen Gehalt
glatt beitrüge.
Aber hierauf zielt Steiner dann auch nicht, vielmehr wird die Kategorie des
Sinns beibehalten und zum Ausdruck eines Orts, der sich in der Topographie
der Rede anders nicht verortet findet, da er im Spiel von mehr als einer einzi-
gen Bedeutung gewissermaßen definiert ist.183 Nur ein Rest, der suggeriert,
mehr als ein Schönheitsfehler, ein bedeutungsloses Mißgeschick im entdeckten
Muster zu sein, erhebt das Werk und sich aus der Trivialität.
Das aber bedeutete, ein Lesen als ob wäre nicht, was Steiner behauptet, näm-
lich die Gelassenheit des privilegierten Zeugen, der sich zuweilen sogar als ein-
zig Erwählter begreifen soll,184 vorm Denken, das scheitert, indem es sich unter-
läßt, ist sein Irren doch bereits Postulat. Vielmehr wäre in größerer Intensität
denn zuvor ein Lesen als ob eine Lektüre, die betreibt, was Steiner hier wohl-
weislich unterschlägt, sich aber – auch mir bereits – in ihre Grundlegung drängt.
Spiel ist der letztliche Quell des Wider-sagens.185

179
Blanchot, Das Unzerstörbare (wie Kap. 3, Anm. 18), S. 67.
180
Steiner, Der Garten des Archimedes (wie Kap. 2, Anm. 28), S. 58.
181
Ebd.
182
Opportunistisch – vgl. ebd.
183
Vgl. ebd.
184
Vgl. ebd.
185
Georg Steiner: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? Übersetzt von Jörg
Trobitius. München, Wien: Hanser 1990 (Edition Akzente), S. 176.
Jacques Derridas Antwort 231

Das Spiel läge dann im Aufspüren der einander bestreitenden und anfechten-
den, aber durch den Kontrakt des Werks aneinandergebundenen Kontrahenten,
welche die Bedeutungen darstellen.
Punktuell wird der Text [...] zugeschweißt [...]. Punktuell wird Text zu keinem Text.186

Erst im Betreiben stringenter Exegese würde deutlich, daß weder sinnlos noch
einem herangetragenen Diskurs völlig kompatibel wäre, was Kunst zum Er-
scheinen bringt, wodurch Solidarität mit einem bestimmten Typus des Inter-
pretierens im Augenblick seines Sturzes erst geglückte Auslegung als Solidari-
tät mit ihrem Stoff ermöglichte.187
Ausgesprochen ist damit die Relevanz einer Demaskierung des philosophi-
schen Begriffs für sein Material, wie die Dekonstruktion sie betreibt. Dies zu
leugnen ist mehr als problematisch, wiewohl die Antwort auf jene Frage eines
legitimen Verstehens sich damit gerade darin ergibt, daß der Schlußstein der er-
richteten Bögen der Übersetzung in Begriffe bei aller Spannung ungesetzt bleibt.
Die Klassiker der Dekonstruktion, so etwa Derrida oder Paul de Man, sind »Fehldeu-
tungen« nicht von Literatur, sondern von Philosophie; sie richten sich an [...] die Theo-
rie der Sprache. Die Köpfe, denen sie die Maske vom Gesicht zu reißen suchen, sind
die Platos, Hegels, Rousseaus, Nietzsches oder de Saussures. Die Dekonstruktion hat
188
uns nichts über Aischylos oder Dante, über Shakespeare oder Tolstoi zu sagen.

Sieht man einmal von der eigenwilligen Darstellung des Gestus, der Praxis und
des Ansinnens der Dekonstruktion ab, ist derlei an Irrsinn grenzende Vermes-
senheit, so will mir scheinen, die freilich Preis dessen ist, der das dunkle Rau-
nen nicht eines, sondern des Lesens sucht und für sich beansprucht.
Es geht um »transzendente[r] Autorität«189 – wer sie beansprucht und das
Terrain des Rationalen190 eher mutwillig verläßt, kann unschwer erraten wer-
den. Das Ende ist trotz der Nennung zahlloser Gewährsleute, die möglicher-
weise irritiert wären, von »autistischer Referenz«191 – jener, welcher Steiner
die Heerscharen der nicht Erwählten zeiht ... Das als ob gerinnt zum Vorwand,
anstatt Anstoß zu bleiben.

186
Oskar Pastior: Text. In: Bausteine zu einer Poetik der Moderne. Festschrift für
Walter Höllerer. Hg. von Norbert Miller, Volker Klotz und Michael Krüger. Mün-
chen, Wien: Hanser 1987, S. 287–288, hier S. 287; präzise setzt Pastior hinzu: »d. h.
genau so nicht.« – ebd.
187
Vgl. Adorno, Negative Dialektik (wie Kap. 1, Anm. 105), S. 400.
188
Steiner, Von realer Gegenwart (Anm. 185), S. 172.
189
Steiner, Der Garten des Archimedes (wie Kap. 2, Anm. 28), S. 61.
190
Nicht ohne Kritik der Elision des logos ... – vgl. ebd., S. 58.
191
Steiner, Von realer Gegenwart (Anm. 185), S. 173; genannt wird u. a. Celan, des-
sen Unbehagen an derlei Geraune vorstellbar ist – vgl. Steiner, Der Garten des Ar-
chimedes (wie Kap. 2, Anm. 28), S. 62.
232 Vierter Teil

Exkurs 2: Anbindung an Nietzsche

Gerade auf diesem Terrain empfiehlt es sich, nochmals kurz auf Nietzsche zu
verweisen, dessen Zitate nicht zum Ornament jenes Gespensts, das der Provo-
kateur der Metaphysik par excellence bleiben wird, verkommen. Man kennt
dieses Denken als Delirium, doch sehr schnell zeigt sich, daß der Progreß aus
diesem Delirium Regreß wird – in ein »Denken, das der Funktion des Denkens
untergeordnet ist«.192 Nietzsches Einbuße an Möglichkeiten der Rede ist der
Spiegel eines kaschierten »Sprachverlust[es]«193 oder -mangels, dem er entge-
gensetzt, was mit Serres schon erwähnt worden ist: Wir »müssen [...] mit meh-
reren Sprachen sprechen.«194
Es giebt viel mehr Sprachen, als man denkt: und der Mensch verräth sich viel öfter
als er wünscht.195
196
Wir sind im Anfange!

Not und opponierende Strategie sind funktionale Einheit, wie sich zeigt. Nicht
Anspruch, sondern Unumgänglichkeit einer polyphonen Rede ist umschrieben,
deren Stimmen, indem sie zu demselben Referenz leisten, zuletzt gerade die
Instabilität erzeugen, gegen die Benennung wirken soll. Der Vernunft folgt
»eine Sprache, die sich auf Kosten der Vernunft verständlich machen will«,197
wie diese es ihr befahl ... Zweierlei widerfährt der Sprache zugleich: der Zer-
fall der Begriffe, das Gerinnen aber auch des Diskontinuierlichen, etwa des
Datums.198 Und hier findet nun Klossowski zu einem Satz, den man lesen,
wenden und verändern muß:
Das Vergessen verschleiert das ewige Werden und das Verschwinden aller Identitä-
199
ten im Sein.

Zugleich verschleiert das Sein wohl, was hier sein Vergessen geheißen wird.
Und das Vergessen ergibt das Sein, das wiederum sein Gedacht- und Verges-
sen-Werden zeitigt. Das Vergessen i s t das (Werden und Verschwinden im)

192
Pierre Klossowski: Nietzsche und der Circulus vitiosus deus. Mit einem Supple-
ment, übersetzt von Ronald Vouillé. München: Matthes & Seitz 1986 (Batterien;
24), S. 24; vgl. ebd., S. 10ff.
193
Ebd., S. 15; vgl. auch Peter Wiechens: Entmachtung des Diskurses. Eine postmo-
derne Denkfigur. In: Am Ende der Literaturtheorie? Neun Beiträge zur Einführung
und Diskussion. Hg. von Torsten Hitz und Angela Stock. Münster: Lit Verlag 1995
(Zeit und Text; 8), S. 43–58, hier S. 43 u. passim.
194
Serres, Der Parasit (wie Kap. 1, Anm. 180), S. 15.
195
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd X, S. 262.
196
Ebd., S. 264.
197
Klossowski, Nietzsche und der Circulus vitiosus deus (Anm. 192), S. 52.
198
Vgl. ebd., S. 71f.
199
Ebd., S. 95.
Jacques Derridas Antwort 233

Sein – so wäre wohl zuletzt ebensogut zu sagen. Vergessen und Sein sind ein
Defizit des »Zeichen[s]« »ein für allemal«.200
Dieser Zusammenhang von Signifikation und Chaos201 führt zur Einsicht in
ein Dichten und Philosophieren, das – eben schon bei Nietzsche – als Ein-
schreibung vollzogen wird, die ihre Möglichkeit und ihre Tragik ahnt.
Jede Schaffung eines neuen Typus erzeugt einen Zustand der Unsicherheit. Die
Schöpfung ist nicht länger ein Spiel außerhalb der Realität. Der Schöpfer reprodu-
202
ziert das Reale nicht mehr, er produziert es.

Der Wunsch zwischen »Entmystifizierung und Remystifizierung«,203 Korrektur


und Neuordnung freilich, der zum Datum zumindest als seinem unkenntlichen
Nachhall führte, kann nun von einem nicht mehr herrühren – vom Nachhall je-
nes Datums, des »u n e n d l i c h k l e i n e [n] A u g e n b l i c k [s]«.204
Vielmehr beginnt das Datum in jener Struktur zu wirken, die es – nicht zufällig
belasse ich hier unklar, was Nominativ, was Akkusativ sei – am Gewissen ha-
ben wird. Und so etabliert das Schreiben jene, die in polarer Konstellation
aneinander zu zehren scheinen.205 Schreiben erscheint geradezu als Synonym
der Macht,206 von der es dann heißt:
Die Macht würde allem widerstehen, wenn sie nicht sich selber widerstehen würde.207

Doch indem die Sprache nicht über ihre Möglichkeiten verfügt, verbleibt ihr
etwas, woran sie zu leiden vermag – es wirkt natürlich zynisch, zu schreiben:
Das »Denken des Leidens [wird] – als Unmöglichkeit des Denkens – als höchster
Genuß empfunden«.208 Von der Schrift bei Nietzsche ließe sich sagen: Alle

200
Ebd., S. 98; vgl. zum Vergessen auch ebd., S. 69.
201
Vgl. ebd., S. 102, 110, 156 u. 290f.
202
Ebd., S. 203.
203
Ebd., S. 208.
204
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd IX, S. 502.
205
Vgl. Klossowski, Nietzsche und der Circulus vitiosus deus (Anm. 192), S. 385.
206
Dieser Weg von der Macht zu (der Schrift als) Hermeneutik und Kunst wird auch
von Vattimo angedeutet, wobei im rezeptionsgeschichtlichen Anhang auf Derridas
Exposition der Textualität solcher Metaphysik verwiesen wird – vgl. Gianni
Vattimo: Friedrich Nietzsche. Eine Einführung. Übersetzt von Klaus Laermann.
Stuttgart, Weimar: Metzler 1992 (Sammlung Metzler; 268), S. 81, 88, 96, 127 u.
passim; auch weist Vattimo mehrfach auf die Bedeutung der Philologie für die
Philosophie Nietzsches hin, der das Philosophieren mit dem Hammer beispielsweise
nicht allein destruktiv verstanden wissen wollte – vgl. Nietzsche, Sämtliche Werke
(wie Kap. 1, Anm. 128), Bd VI, S. 57f. u. Vattimo, Friedrich Nietzsche, S. 5 u. 29;
vgl. auch Hendrik Birus: Apokalypse der Apokalypsen. Nietzsches Versuch einer
Destruktion aller Eschatologie. In: Das Ende. Figuren einer Denkform. Hg. von Karl-
heinz Stierle und Rainer Warning. München: Fink 1996 (Poetik und Hermeneutik;
XVI), S. 32–58, hier S. 53 u. passim.
207
Klossowski, Nietzsche und der Circulus vitiosus deus (Anm. 192), S. 139.
208
Ebd., S. 49.
234 Vierter Teil

»B e w e g u n g e n s i n d a l s G e b ä r d e n a u f z u f a s s e n , als
eine Art Sprache, wodurch sich die Kräfte verstehn«.209
Darin ist schon angelegt, daß zuletzt in Umkehrung zu sagen sein wird, es
seien die Kräfte erst in der Sprache oder Schrift, worin sie sich verstehen, das,
wovon als Datum einerseits und Ordnung andererseits, die einander zu inter-
pretieren und zu schaffen vorgeben, nichts bliebe. Diese Bezogenheit gebiert
das Bezogene – denn lediglich »das Interpretiren selbst, als eine Form des
Willens zur Macht, hat Dasein [...] als ein P r o z e ß« ...210
Dieses Schreiben ist es, das zur nicht metaphysisch zu interpretierenden
Passage211 führt, worin die später aufzunehmende Frage nach Gott gestellt
wird. Die Antwort erfolgt in einer Weise, die erahnen läßt, daß dieses Denken
die Undenkbarkeit dessen nahelegt, der hier ob seines gleichfalls undenkbaren
Todes beklagt wird:
Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!212

Nietzsche hat diesen Satz sogleich suspendiert und damit erst seiner Wirksam-
keit stattgegeben – denn der »t o l l e M e n s c h«213 ist es, der so spricht ...
Unter diesen Vorzeichen zeigt sich auch, wie die auf den ersten Blick nicht
unkluge Rede von einem »welthaltig[n] Ich«,214 das sich prägen läßt und zu
einem Ausdruck jenseits der Dämonisierung findet, notwendig ins Leere geht.215
Dergleichen gilt auch für das Negativ der Formulierung solcher Unmittelbar-
keit rasch – etwa, wenn die moralisch getönte Forderung, ein Schweigen müsse
als präsent wahrgenommen werden, in den Glauben, daß, was sein solle, auch
sei, umschlägt:216 Zu schreiben sind »Gedichte, die das Geschehen nicht mehr
zu benennen, sondern die Wunden an den Wörtern aufzudecken such[t]en«.217
Die Wunden aber entstehen im Schreiben selbst, noch immer;218 in dem also,

209
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd XII, S. 16.
210
Ebd., S. 140.
211
Vgl. auch Vattimo, Friedrich Nietzsche (Anm. 206), S. 50, 56, 79 u. passim.
212
Nietzsche, Sämtliche Werke (wie Kap. 1, Anm. 128), Bd III, S. 481.
213
Ebd., S. 480.
214
Andrea Magdalena Sperling: Suche – erfinde das atmende Wort. Rose Ausländers
Gedichte über die Sprache. Magisterarbeit, Freiburg 1987, S. 12.
215
Vgl. ebd., S. 15 u. 56; als Lyriker der Dämonisierung wird Celan genannt ... – vgl.
ebd., S. 56.
216
Vgl. hierzu Rugart, Der Holocaust in der Lyrik Rose Ausländers (wie Kap. 3,
Anm. 308), S. 21f. u. passim; wie die »Präsenz von Schweigen« (ebd., S. 22) – ein
(nicht wahrgenommenes) Anwesen von Mangel – aussähe, will man sich gar nicht
ausmalen ...
217
Colin, »Wo die reinsten Worte reifen« (wie Kap. 1, Anm. 6), S. 228.
218
Vgl. Schmitz, Die Spur der Leiderfahrung (wie Kap. 1, Anm. 6), S. 83 u. 89; Colin
unterstellt Ausländer, wovon Schmitz sich denn auch explizit absetzt (vgl. ebd.,
S. 89), um statt dessen eine Poetologie der Schwebe zu skizzieren (vgl. ebd., S. 92),
daß sie sich eines aus dem Glauben »an die Existenz eines heilen, reinen Sprachbe-
reichs« (Colin, »Wo die reinsten Worte reifen« [wie Kap. 1, Anm. 6], S. 227f.) her-
Jacques Derridas Antwort 235

was als »blurring of distinctions between subject and object«219 in der Lyrik
allgemein und Rose Ausländers Dichtung speziell zugleich als Gegenbewe-
gung angelegt wahrgenommen worden ist. In den Rezensionen der Früchte des
Bemühens ist so vom tröstlichen wie vom bitteren Kern – beides ist unwahr –
die Rede ...220
Die Frage, wie nun in diesem Sinne das Problem des Weiterknüpfens am
Text sich vollziehen solle, ist unbeantwortbar. Stimmig erscheint Hamachers
Versuch, ahnen zu lassen, wie just die Aberration Zeugenschaft im lyrischen
Schöpfungsakt erst denkbar macht. Er führt in einem klugen Text die Wahrheit
und ihren Vollzug im Wort »perverformativ«221 zusammen – »performativ«222
um eines »verum«223 willen wird Poesie zur skandalös-authentischen Schrift.
Darum ist, woraus und was (sich) Lyrik schafft, »Substanz im Verschwin-
den«,224 bloß von einer »Parapraxis«225 noch zu reden, die sich keines Bezugs
mehr entsinnen kann.226
Diese Zeugenschaft ist auf jene Asche bezogen, die das Datum ist; nur das
Zeugnis – der Akt des Zeugens – ohne Bürgen und ohne ein faßliches Bezeugtes
ist verblieben:

rührenden »herkömmlichen Sprachgebrauchs« (ebd., S. 227) bedient: Sie »hoffte


[...], manche Lieblingsmetaphern ihrer frühen Dichtung zu neuem Leben wieder-
zuerwecken, indem sie diese in ungewöhnliche Sprachkonstellationen einbettete«
(ebd., S. 235 – Hervorhebung M. H.). In der Tat ist unklar, wie das aufzufassen ist,
da eine Metapher von ihrem Umfeld schwerlich zu lösen ist; auch widerspricht die
Passage gewissermaßen der These, Ausländer habe sich nur konventioneller For-
men befleißigt, die behauptete Kontinuität von früher, naiver und später, avancier-
ter Dichtung (vgl. ebd., S. 234) ist nicht nur fragwürdig, sondern immanenter Wi-
derspruch ... Zutreffender erscheint Helmut Brauns editorische Anmerkung: »Stili-
stisch finden wir die Rose Ausländer der frühen Jahre in ihren späteren Gedichten
nicht mehr.« – Ausländer, Gesammelte Werke in 8 Bänden (wie Kap. 1, Anm. 78),
Bd 1, S. 13; vgl. auch Dobson: [Rez.] Amy D. Colin, Paul Celan: Holograms of
Darkness (wie Kap. 1, Anm. 96), S. 214f., vor allem 215; vgl. zu Tradition und
Moderne bei Rose Ausländer auch Holzner, Ikarus-Variationen (wie Kap. 1, Anm.
120), S. 273.
219
Jerry Glenn: [Rez.] Rose Ausländer: Ohne Visum und Rose Ausländer: Andere Zei-
chen. In: books abroad 50.1 (Winter 1976), S. 154–155, hier S. 155; vgl. auch ders.,
[Rez.] Rose Ausländer: Gesammelte Gedichte. In: World Literature Today 51.2 (Fe-
bruar 1977), S. 277.
220
Vgl. etwa Jacob Erhardt / Lotte Erhardt: Rose Ausländers neue Lyrik. In: Zeit-
schrift für Deutschamerikanische Literatur 3.2 (Dezember 1976), S. 1–4, hier S. 4
u. Peter Jokostra: Untermieter in der Hölle. In: Rheinische Post, 21. Juni 1975.
221
Hamacher, Das Ende der Kunst mit der Maske (wie Kap. 2, Anm. 104), S. 127.
222
Ebd.
223
Ebd.
224
Ebd., S. 122; vgl. ebd., S. 131.
225
Ebd., S. 129.
226
Vgl. ebd., S. 123, 138 u. 150ff.
236 Vierter Teil

Niemand
zeugt für den
227
Zeugen.

Ich bin [...] der, den es nicht gibt.228

Am Zeugen, der über seine Authentizität nicht wie über eine Ressource verfügt,
ist das Zeuge-Sein nicht entscheidend. Man könnte auch an Celan erinnernd
sagen, daß sein Bestehen durch sein Zeugnis gefährdet ist, zumal in einem theo-
logischen Rahmen das Danaergeschenk der Zeugnis- und Zeugungsfähigkeit die
Erbsünde ist, der Umstand, zur schuldhaften Überschreitung als noch nicht mo-
ralisches Wesen veranlaßt worden zu sein229, wie es die Metaphorik der Bibel