Sie sind auf Seite 1von 52

titel-moral 05.12.

2005 12:02 Uhr Seite 3

Nr. 17 Dezember 2005

GUT ODER BÖSE,


RICHTIG ODER FALSCH?

DAS MORAL-HEFT

,
titel-moral 05.12.2005 12:03 Uhr Seite 4

:LVVHQZD
:LVVHQZDVPDQZLOO
6FKOLFKWH3DUROHQXQGHLQIDFKH:DKUKHLWHQ
K|UVWGXMHGHQ7DJ:HUQLFKWDOOHVJODXEHQ
ZLOOEUDXFKWIXQGLHUWH6WDQGSXQNWH$XI
‡ (LQVLFKWHQJHZLQQHQ ²GLHÅ,QIRUPDWLRQHQ
]XUSROLWLVFKHQ%LOGXQJµXQGYLHOHDQGHUH
3XEOLNDWLRQHQ]XPRQOLQH/HVHQRGHU
ZZZESEGHKROVWGXGLUGDVSROLWLVFKH:LV +HUXQWHUODGHQ
VHQ]XGHQ7KHPHQGLHGLFKDQJHKHQ9RQ$
ZLH$UEHLWVPDUNWELV=ZLH=XZDQGHUXQJ
‡ %HJULIIHQDFKVFKODJHQ²PLWGHQ
SROLWLVFKHQ2QOLQH/H[LNDDXIZZZESEGH
ZZZESEGHLVWGLH,QWHUQHW$GUHVVHIUDOOH
GLHPHKU:LVVHQZROOHQ=XP%HLVSLHOEHU
GDVSROLWLVFKH6\VWHPXQGGLH*HVFKLFKWH ‡ $QVLFKWHQYHUVWHKHQ ²GLH9LGHR
'HXWVFKODQGV'LH5XEULNÅ7KHPHQ´ELHWHW ,QWHUYLHZVPLW([SHUWHQXQG=HLW]HXJHQ
EHUVLFKWOLFKH6FKZHUSXQNWHPLWYLHOHQ
3XEOLNDWLRQHQXQG0DWHULDOLHQ]XDOOHQ3ROLWLN
IHOGHUQ ‡ :LVVHQEHVWHOOHQ²%FKHU0DJD]LQH
XQG&'520VEHUGHQ2QOLQH6KRSQDFK
+DXVHOLHIHUQODVVHQ

‡ 3OlQHVFKPLHGHQ ²GHU
9HUDQVWDOWXQJVNDOHQGHUXQGGLH5XEULN
Å9HUDQVWDOWXQJHQ´PLW$NWLRQHQXQG
)HVWLYDOVUXQGXP3ROLWLNXQG*HVHOOVFKDIW

ZZZESEGH 3ROLWLVFKHV:LVVHQLP,QWHUQHW

S03_inhalt-moral 06.12.2005 12:57 Uhr Seite 1

EDITORIAL / INHALT

4 Wertsachen: Max Frisch und sein Fragebogen – eine Auswahl.


6 Treuepunkte: Wie es ist, immer wieder fremdzugehen.
8 Tatendrang: Stanley Milgram und Philip Zimbardo bewiesen: Der
Mensch ist zu allem fähig.
10 Zulassungsbeschränkung: Dr. Jörg Kinzig vom Freiburger Max-Planck-
Institut für ausländisches und internationales Strafrecht zur Frage: Darf
man foltern?
12 Vergangenheitsbewältigung: Woher nehmen wir unsere Arbeitsmoral?
Dazu: Interview mit Eberhard Straub.
15 Lebenslauf: Johanna war ungewollt schwanger.Was tun?
16 Buchwesen: Moral in Märchen – überholt oder aktuell?
18 Respektsperson: Die Ärzte gaben Alexandras Tochter keine Chance. Sie
irrten sich.
20 Grundeinstellung: Der Tübinger Philosophieprofessor Otfried Höffe hat
einige grundlegende Antworten.
24 Regelkunde: Geschichte der Moralphilosophie.
26 Einzelzelle: Boris Greber forscht mit embryonalen Stammzellen.
29 Hausaufgaben: Lisi Wasmer lernt die US-Highschool kennen.
30 Reinigungskraft: Ian Buruma über die wahren Ziele islamischer Terroris-
ten und die Sicht auf den unmoralischen Westen.

Editorial 36 Hochzeitsgeschenk: Scheinehen sind illegal – Bernd schloss dennoch


eine mit Fatima.
38 Waschsalon: Deutschlands bekanntester Korruptionsfahnder über das, was
„Die Welt ist alles, was der Fall ist,“ gut.Allein: was tue Geschäftsleute hinter den Kulissen tun. Dazu: Simon Gächter im Interview.
ich in dem Fall? Was soll ich tun? Auf den Höhen des Un-
umstrittenen ist Moral wohlfeil, eine feste Burg in der 42 Gewerbegebiet: Der Bordellbesitzer Bert Wollersheim im Interview.
Ferne. Die von dort abgesandten Parolen klingen oft
44 Ehrenwort: Plädoyer für die Lüge.
hohl. An den Rändern der Ordnungen aber wartet das
Dilemma. Die Fragen werden offener, die Situationen 46 Strafanzeige: Warum Moral in der Werbung so schlecht funktioniert.
fragwürdiger. Und auf einmal wird der gelassene mora-
47 Impressum
lische Pragmatismus der alltäglichen Routinen zum op-
portunistischen Furor, der alle zu ergreifen droht. Wer 48 Sachwerte: Max Frischs Fragebogen – ein paar Antworten.
oder was bewahrt uns davor, zu Folterknechten, zu Ge-
setzesbrechern zu werden? Wann schlägt Ehrgeiz in ge-
50 Antikensammlung: Gewinnspiel.
meine korrupte Gier um? Wie begegnen wir dem Ter-
ror islamistischer Fundamentalisten und ihren morali- Bisher betrachtete unsere Autorin Meredith Haaf, 22,
schen Legitimationsfiguren? Was ist im Krieg gegen den die Fragen der Welt eher aus geisteswissenschaftlicher
Terror erlaubt? Ab wann beginnt die Würde des Men- Sicht – sie studiert Geschichte. Seit ihrem Besuch im
schen, z.B. angesichts der biotechnologischen Ver- Max-Planck-Institut für Molekulargenetik in Berlin
heißungen? Laut Artikel 1 des Grundgesetzes der Bun- und einem Blick durchs Mikroskop auf embryonale
desrepublik Deutschland ist sie unantastbar. Was heißt Stammzellen weiß sie, dass man das alles auch anders
das? Wo sind die Grenzen? Wer zieht sie? Wann gilt Was? sehen kann: naturwissenschaftlich nämlich. >> Seite 26
Können wir’s nicht einfach sein lassen?
Moralische Fragen sind keine, die aus der sicheren Ent- Christian Lesemann, 32, begann 1999 im Paparazzo-
fernung einfache Antworten abrufen.Wir geraten hier Stil zu fotografieren. Heute stellt er am liebsten so ge-
in den Nahbereich unserer Gesellschaften, der wirkli- nannte „gestohlene Fotos“ nach, Fotos also, bei denen
chen Wirklichkeit von uns selbst. Hehre Ansprüche, ver- die Fotografierten erst im Nachhinein um Erlaubnis
kündet von den jeweils verfügbaren Kanzeln (immer gefragt werden. Er selbst lässt sich nicht gerne fotogra-
herab), sind das eine. Unsere Handlungsweisen sind das fieren, gestohlene Bilder von sich fände er aber schön.
konkrete Andere. Entscheidend ist, wie wir uns ent- Zu diesem fluter hat er mehrere Bilder beigesteuert.
scheiden im Fall der Fälle.
Thorsten Schilling Fotos: Christian Lesemann Titelfoto: Stefanie Füssenich

3
moral-fragebogen_final 05.12.2005 9:37 Uhr Seite 2

WERTSACHEN

GUTE FRAGE
In seinem „Fragebogen“ hat der Schweizer Schriftsteller Max Frisch Fragen zu
den wichtigsten Themen des Lebens gestellt und unbeantwortet gelassen. Hier eine
Auswahl, einige Antwortversuche auf Seite 48.

1.

2.

3.

4. WENN SIE JEMAND IN EINER UNHEILBAREN


KRANKHEIT WISSEN: MACHEN SIE IHM DANN
HOFFNUNGEN, DIE SIE SELBER ALS TRUG
ERKENNEN?

5.

4
moral-fragebogen_final 05.12.2005 9:38 Uhr Seite 3

13.

WOVOR HABEN SIE MEHR ANGST: DASS SIE AUF


DEM TOTENBETT JEMAND BESCHIMPFEN KÖNN-
TEN, DER ES NICHT VERDIENT, ODER DASS SIE
ALLEN VERZEIHEN, DIE ES NICHT VERDIENEN?
HALTEN SIE’S FÜR HUMOR:
O WENN WIR ÜBER DRITTE LACHEN?
O WENN SIE ÜBER SICH SELBST LACHEN?
O WENN SIE JEMAND DAZU BRINGEN,
8. DASS ER, OHNE SICH ZU SCHÄMEN, ÜBER
SICH SELBST LACHEN KANN?

HALTEN SIE DIE DAUER EINER GESETZT DEN FALL, SIE SIND BEDÜRFTIG UND HABEN
FREUNDSCHAFT FÜR EIN WERTMASS DER EINEN REICHEN FREUND, DER IHNEN HELFEN WILL, UND
FREUNDSCHAFT? ER GIBT IHNEN EINE BETRÄCHTLICHE SUMME (ZUM
BEISPIEL DAMIT SIE STUDIEREN KÖNNEN) UND GELE-
GENTLICH AUCH ANZÜGE VON SICH, DIE NOCH SOLID
SIND: WAS NEHMEN SIE UNBEFANGENER AN?
Fragen aus dem „Fragebogen“ von Max Frisch, erschienen im Suhrkamp Verlag, 1988

WENN SIE JEMAND LIEBEN:


WARUM MÖCHTEN SIE NICHT
DER ÜBERLEBENDE TEIL SEIN,
SONDERN DAS LEID DEM
ANDEREN ÜBERLASSEN?

12.
WENN SIE JEMAND DAZU BRINGEN, DASS ER DEN HUMOR VERLIERT
(Z.B. WEIL SIE SEINE SCHAM VERLETZT HABEN), UND WENN SIE
DANN FESTSTELLEN, DER BETROFFENE MENSCH HABE KEINEN
HUMOR: FINDEN SIE, DASS SIE DESWEGEN HUMOR HABEN, WEIL SIE
JETZT ÜBER IHN LACHEN?

5
S06-07_fremdgehen 06.12.2005 14:44 Uhr Seite 6

TREUEPUNKTE
fremdgehen_final 05.12.2005 9:26 Uhr Seite 7

ERSTMAL FÜR
IMMER
Wenn es klappt, ist es einfach und schön: Eine Frau lernt einen Mann kennen,
sie leben zusammen, es ist der Mann ihres Lebens. Nicht mehr so einfach und
schön ist es, wenn das der gleichen Frau öfter passiert. So wie unserer Autorin.
Text: Lena Dreyer Fotos: Christian Lesemann

Ich bin 27 Jahre alt und habe in den letzten An einem Frühsommertag lag ich im Park nem Treffen mit meinem Freund zu fahren.
acht Jahren drei Beziehungen geführt. Mein und versuchte, Texte für mein Uni-Seminar Es liegt, glaube ich, an dieser seltsamen
Freund ist die wichtigste Bezugsperson in zu lesen. Er rief an; ich schlug ihm vor, in den Gleichzeitigkeit. Ich schlafe zwar wochenlang
meinem Leben, der Mensch, dem ich am Park zu kommen. Eine Stunde danach lagen mit einem anderen und führe mit diesem
meisten vertraue. Ob man mit anderen Typen wir knutschend auf dem Rasen, zwei weite- Mann die Gespräche, die ich eigentlich mit
knutschen, wie weit man bei einem Flirt ge- re Stunden und eine SMS später, in der ich meinem Freund führen sollte, aber gleich-
hen darf oder ob gar One-Night-Stands okay meinen Freund anlog, ich hätte Freundinnen zeitig fühlt es sich nach wie vor so richtig an,
sind oder nicht – diese Fragen stellen sich für getroffen und wir würden noch etwas trinken wenn ich mit meinem Freund zusammen bin.
mich nicht. Dasselbe erwarte ich von mei- gehen, lag ich mit ihm in seinem Bett. So, als könnte es nie anders sein. Dadurch ver-
nem Freund – dem Mann meines Lebens. Statt nach diesem ersten Mal sofort mit mei- dränge ich den Betrug und ermögliche ihn
Meine Beziehungen liefen immer super. Das nem Freund zu reden und zu überlegen, wa- überhaupt erst.
dachte ich jedenfalls, bis es plötzlich wieder rum es passiert ist, verstricke ich mich immer Irgendwann stürzt die Fassade dann ein. Et-
„Wumms“ machte, ich einen neuen Mann tiefer in ein Gefühls- und Gedankenchaos. wa nachdem ich mich endlich getraut habe,
kennen lernte, mich verliebte, eine Affäre be- Warum fühle ich mich dem Neuen so nahe, einer Freundin von meiner Affäre zu erzählen,
gann und monatelang meinen Freund betrog mein Freund ist doch der Mann meines Le- und sie mir immer wieder deutlich sagt, was
– bis ich mich trennte und eine neue Bezie- bens? Alles Neue ist am Anfang interessant. ich gerade tue: lügen, hintergehen und mei-
hung anfing. Dreimal. Kein Alltag, keine nervenden Eigenschaften. nem Freund keine Chance zur Reaktion ge-
Wie damals, in einer durchzechten Nacht im Aber wird das bei dem Neuen nicht auch ben. Ein grauenhafter Moment, in dem nicht
Januar vor knapp vier Jahren, als ich meinen wieder so werden? Meinen Freund und mich nur mein Selbstbild zerbricht, sondern auch
heutigen Ex-Freund kennen lernte.Wir be- verbindet eine lange gemeinsame Zeit, das das, woran ich drei Jahre lang geglaubt habe:
gegneten uns in der Arbeit und liefen uns da- kann ich nicht aufgeben. Ich kann ihn nicht meine Beziehung.
nach immer wieder über den Weg.Auf Kon- verlassen. Aber ich will den anderen unbe- Diesmal war es im April so weit.Wir hatten
zerten, bei einem Geburtstag, auf einer Fa- dingt sehen. Ich halte es nicht mehr aus. Ich uns im Herbst kennen gelernt,im Winter mit-
schingsparty. Nach wenigen Treffen spürte ich rufe jetzt an, obwohl wir gerade beschlossen einander geschlafen und mein fester Vorsatz
dieses eindeutige Prickeln, das man so schwer haben, uns nicht mehr zu sehen. lautete wieder: Ich will meine Beziehung ret-
beschreiben kann.Dieses innere Zerren,einen Von alldem bekommt mein Freund nichts ten. Wir verstanden uns doch gerade so gut
anderen Menschen unbedingt sehen zu müs- mit.Er weiß nicht,was in mir vorgeht,und ich und sprachen sogar von Zusammenziehen.
sen. Ich dachte mir fadenscheinige Gründe distanziere mich dadurch immer mehr von Dennoch – seit Monaten tat ich genau das
aus, um ihn treffen zu können. Er lud mich ihm. Das Merkwürdige ist: Ich habe anfangs Gegenteil. Ich zerstörte sie, indem ich zu ei-
zum Kaffeetrinken in sein neues Büro ein. nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Und nem Date nach dem anderen marschierte,
Gleichzeitig sagte ich mir, da sei nichts, und das, obwohl ich gerade den wichtigsten Men- mich immer wieder bei dem Neuen melde-
beruhigte mein Gewissen: „Ich mache doch schen in meinem Leben anlüge,den Menschen, te und gegenüber meinem Freund schwieg.
gar nichts, ich gehe nur Kaffee trinken.“ In dem ich vertraue. Ich erfinde ständig neue Das erste Mal sprach ich im April mit ihm
Wirklichkeit, was ich mir bis heute nicht im- Ausreden, behaupte, ich wolle noch Freunde über mein Gefühlschaos – als ich ihn verließ.
mer eingestehen will, sah dieses „Ich mache treffen oder sei müde, stehle permanent ir- Seitdem bin ich mit meinem neuen Freund
doch nichts“ so aus: Flirten. So charmant sein, gendwo Zeit und bringe es sogar fertig, von zusammen und sehr glücklich. Ich glaube, er
wie es nur geht. Mehr flirten. einem Date mit dem anderen direkt zu ei- ist der Mann meines Lebens.

7
gruppenzwang-final 05.12.2005 9:27 Uhr Seite 2

TATENDRANG

Ganz oben: Szene aus dem Standford-Prison-Experiment. Oben: Szenen aus


dem Milgram-Experiment. Oben rechts: Versuchsanordnung von Milgram,
Stanley Milgram.
Rechts: Inserat für das Stanford-Prison-Experiment, Szene aus dem Experiment.
gruppenzwang-final 05.12.2005 9:28 Uhr Seite 3

DIE WAHL
DER QUAL
In Ausnahmesituationen sind Menschen zu allem fähig.
Text: Heiko Zwirner

L
iebender Vater, fürsorglicher Ehemann, in jeder Hinsicht nor- nahmen die Wärter die Gefangenen nicht mehr als Individuen, son-
mal. Zu diesem Ergebnis kommt ein psychologisches Gutach- dern als anonyme Objekte wahr. Sie waren nicht darauf trainiert, ei-
ten, das den Geisteszustand des US-Soldaten Ivan „Chip“ Fre- ne so schwierige Aufgabe zu bewältigen. Sie wurden kaum überwacht
derick einschätzen soll. Frederick hat drei Monate lang als Wärter in und mussten für ihr Verhalten keine Rechenschaft ablegen. Unter sol-
Abu Ghraib gearbeitet, dem Gefängnis im Westen von Bagdad, in chen Voraussetzungen sind Exzesse programmiert. „Für jemanden,
dem Saddam Hussein politische Gefangene foltern ließ und in dem der sich noch nie etwas hat zu Schulden kommen lassen, ist es kom-
amerikanische Geheimdienste seit der Invasion im Irak Terrorver- fortabel zu glauben, dass nur die anderen zu Grausamkeiten fähig
dächtige festhalten. Ein Jahr später steht er vor Gericht. „Ich bin kein sind“, sagt Zimbardo. „Doch dieses Gefühl der moralischen Über-
Sadist“, sagt Frederick während der Vorverhandlung. Und doch hat legenheit ist eine Illusion. So gut wie jeder, der mit derart extremen
er Gefangene misshandelt und gedemütigt,hat sie gezwungen,vor den Umständen konfrontiert wird, würde sich ähnlich verhalten.“
Augen der Mitgefangenen zu masturbieren,Oralsex zu simulieren,sich Folgt man Zimbardos Ergebnissen, ist das Handeln eines Menschen
nackt übereinander zu legen und eine Pyramide zu bilden. nicht von seinen moralischen Prinzipien abhängig, sondern von der
Wie kann es sein, dass ein unauffälliger, normaler Mensch dazu fähig Situation, in der er sich befindet. Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung
ist? Der Sozialpsychologe Philip Zimbardo, der Frederick interview- war der Sozialpsychologe Stanley Milgram bereits Anfang der sech-
te und das Gerichtsgutachten erstellte, behauptet, dass nicht die per- ziger Jahre an derYale University in New Haven gekommen. Bei dem
sönlichen Eigenschaften der Täter die Hauptursache für die Eskalati- nach ihm benannten Experiment wird den Testpersonen erklärt, dass
on von Gewaltakten und Erniedrigungen waren, sondern die anar- es darum gehe, den Zusammenhang von Lernerfolg und Bestrafung
chischen Zustände in Abu Ghraib. Die Verwahrlosung. Der Dreck. zu untersuchen. Das Los bestimmt einen Lehrer und einen Schüler.
Die Langeweile. Die Angst vor einem Aufstand. Die Abwesenheit von Unter Aufsicht eines Wissenschaftlers verpasst der Lehrer dem Schüler
Regeln und Kontrolle. „In einem Essigfass kann man keine süße einen Stromschlag zwischen 15 und 450 Volt, wenn dieser seine Auf-
Gurke sein“, sagt Zimbardo. Man verwandele sich automatisch in ei- gabe nicht lösen kann. Bei jedem Fehler soll der Lehrer die Spannung
ne saure Gurke.Der inzwischen emeritierte Stanford-Professor hat sich um 15 Volt erhöhen.Tatsächlich handelt es sich beim Schüler jedoch
jahrzehntelang mit der Frage beschäftigt, warum Menschen un- um einen Schauspieler, der bald beginnt, Schmerzen zu simulieren.
moralisch handeln. „Die Psychologie des Bösen“ nennt er sein For- Wahres Ziel des Experiments ist es zu testen, wie hoch die Bereitschaft
schungsgebiet. Um das menschliche Verhalten unter den Bedingun- von Menschen ist, Anweisungen zu folgen und einen Unbekannten
gen von Gefangenschaft zu untersuchen, führte er bereits 1971 das zu quälen, auch wenn das Gewissen dagegen rebelliert. Zögert der
Stanford Prison Experiment durch – und zeigte, wie einfach es ist, Lehrer, die Spannung zu erhöhen, wird er vom Versuchsleiter zum
Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, von denen sie behaupten, Weitermachen aufgefordert – er habe keine andere Wahl.
dass sie sie niemals tun würden. Im Keller der psychologischen Fa- Im Gegensatz zum Stanford Prison Experiment führt beim Milgram
kultät seiner Uni simulierte Zimbardos Team ein Gefängnis. 24 Test- Experiment nicht das Fehlen von Kontrolle zu unmoralischen Hand-
personen, alles Studenten aus Palo Alto, darunter erklärte Bürger- lungen, sondern der Druck einer Autorität. Der Versuch wird in et-
rechtler und Pazifisten, wurden willkürlich in Häftlinge und Aufse- wa vierzig Ländern wiederholt. Die Ergebnisse sind überall die glei-
her unterteilt. Die Wärter bekamen Schlagstöcke und Sonnenbrillen, chen: Unabhängig von Alter, Bildung und Geschlecht bringen zwei
die Gefangenen mussten Fußketten und Kittel ohne Unterwäsche Drittel aller Versuchspersonen den Versuch zu Ende und verpassen
tragen. Ihre Köpfe wurden kahl rasiert und anstelle ihres Namens be- dem Schüler tödliche Stromschläge – auch wenn dieser um den Ab-
kamen sie eine Nummer verpasst. Ohne weitere Vorschriften wurden bruch des Versuches bettelt, vor Schmerzen schreit oder gar nicht
Bilder: www.prisonexp.org

die beiden Gruppen sich selbst überlassen. Nach 36 Stunden hatte mehr auf Fragen reagiert.Den Lehrern reicht die Begründung,sie han-
der erste Häftling einen Nervenzusammenbruch, weil der Stress zu delten im Dienste der Wissenschaft und jemand anderes übernehme
groß wurde. Nach zwei Tagen brach ein Aufstand aus. Nach sechs Ta- die Verantwortung. „Früher habe ich mich gefragt, ob man in den
gen war das Experiment völlig außer Kontrolle geraten und musste ganzen USA genug moralische Dummköpfe finden könnte, um den
abgebrochen werden. Die Wärter hatten angefangen, die Häftlinge Personalbedarf für ein nationales System an Konzentrationslagern zu
sexuell zu erniedrigen und zu quälen. decken,wie es dies in Deutschland gegeben hat“,schrieb Milgram nach
Parallelen zwischen den Ereignissen im Keller der Stanford-Univer- Abschluss der ersten Versuchsreihe. „Jetzt glaube ich langsam, dass die
sität und Vorfällen in Abu Ghraib sind auffällig: In beiden Situationen ganze Belegschaft in New Haven allein rekrutiert werden könnte.“

9
moral-foltern_final 05.12.2005 9:35 Uhr Seite 10

ZULASSUNGSBESCHRÄNKUNG

ALLES, WAS RECHT IST


Dr. Jörg Kinzig vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales
Strafrecht in Freiburg über Folter, Nothilfe und Daumenschrauben im Keller.
Interview: Dirk Schönlebe

Herr Kinzig, darf man in Deutschland in Artikel 1 des UN-Übereinkommens gegen von Metzler Folter androhen lassen, um
foltern? Folter von 1984. Das Folterverbot war auch zu erfahren, wo Jakob versteckt war.War
Aus meiner Sicht: nein. Das verbietet Artikel Bestandteil des Entwurfs für eine europäi- das auch schon Folter?
104 Grundgesetz, in dem es heißt: „Festge- sche Verfassung. In den internationalen Be- Meiner Ansicht nach schon. Und wenn es
haltene Personen dürfen weder seelisch noch stimmungen ist neben Folter meistens von nicht Folter ist, dann ist es zumindest eine
körperlich misshandelt werden.“ Und spezi- „grausamer, unmenschlicher oder erniedri- „unmenschliche Behandlung“ und damit
ell für den Strafprozess gibt es auch eine gender Behandlung oder Strafe“ die Rede. auch verboten.
Vorschrift – Paragraf 136a StPO,der Folter im Wo Folter beginnt und wo sie aufhört, kann Gibt es in den angesprochenen Konven-
Bilder: www.prisonexp.org

Strafverfahren verbietet. man nicht immer sagen. Sicher ist:Wenn ich tionen oder im Grundgesetz irgend-
Ist es woanders erlaubt? jemandem körperliche Schmerzen zufüge, welche Lücken oder Unklarheiten, die
Die internationale Völkergemeinschaft ist zum Beispiel um von ihm eine Aussage oder im Fall der Folter vielleicht einen Hand-
sich inzwischen einig, dass Folter verboten ein Geständnis zu erlangen,dann ist das Folter. lungsspielraum lassen?
sein sollte,und hat das festgelegt.Zum Beispiel Der stellvertretende Frankfurter Poli- Nein. Nach Artikel 15 der Europäischen
in Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung der zeipräsident Wolfgang Daschner hat im Menschenrechtskonvention ist das Folter-
Menschenrechte von 1948, in Artikel 3 der September 2002 dem damals mutmaßli- verbot sogar „notstandsfest“.Das heißt,davon
Europäischen Menschenrechtskonvention, chen Entführer des Bankierssohns Jakob darf in keinem Fall abgewichen werden. Dort

10
S10-11_moral-foltern 06.12.2005 13:01 Uhr Seite 11

Linke Seite, von links: Szene aus dem Standford-Prison-Experiment, Foltermethode „Zwangsjacke“, Frauen am Pranger, Ivan „Chip“ Frederick in Abu Gharib
Oben, von rechts: Foltermethode „Beruhigungsmittel“, Szene aus dem Standford-Prison-Experiment

steht explizit: „Selbst wenn das Leben einer ganz egal, wie man handelt. Das ist einfach Der Staat darf also nicht foltern. Darf
Nation durch Krieg oder einen anderen öf- eine schwierige Situation, die man nicht so der Privatmann foltern, in Notwehr
fentlichen Notstand bedroht wird, ist Folter einfach rechtlich auflösen kann. vielleicht?
ausgeschlossen.“ Aber den Rettungsschuss gibt es doch Notwehrrechte habe ich.Wenn ich bedroht
In der Folterdebatte wird oft das „ticking auch, da wird das Opfer auch geschützt. werde, kann ich dem anderen auf die Nase
bomb scenario“ angeführt: Eine Bombe Beim finalen Rettungsschuss sehe ich im hauen.Wenn mein Kind verschleppt ist und
ist versteckt, man hat einen Terroristen Idealfall den Bankräuber, der die Pistole hat ich kriege den Entführer, dann stehen mir so
und nur er weiß, wo sie explodieren wird. und an den Kopf der Geisel hält.Aber gerade genannte Nothilferechte zu. Und da wird’s
Wenn man ihn nicht foltert, um die die vorhin besprochenen „ticking bomb“- sehr schwierig, da gibt es keine eindeutigen
Bombe zu finden – wird dann nicht das Szenarien oder auch der Daschner-Fall sind Antworten. Bei der Nothilfediskussion gibt
Recht des Täters über das Recht der po- dadurch gekennzeichnet, dass die Gefahr es eine Einschränkung: Die Abwehr muss ge-
tenziellen Opfer auf Leben gestellt? nicht präsent ist. Ich kann die Gefahr nicht boten sein. Und da würde ich sagen, aber das
Diese Argumentation ist schon im Ansatz sofort sehen und mit der Folter beseitigen, ist meine private Ansicht: Geboten wäre, dass
problematisch. Sie sprechen vom Recht des sondern bin immer auf die Mitwirkung des ich die Polizei anrufe, wenn ich den Entfüh-
Täters. In diesen Fällen handelt es sich aber Gefolterten angewiesen.Wenn man das ein- rer habe. Ich darf nicht selbst anfangen, dem
um Verdächtige. Ich würde schon bestreiten, mal durchdenkt, wie die Folter rechtlich aus- Verdächtigen im Keller die Daumenschrau-
dass man sicher sein kann, wer der Täter ist. zugestalten wäre, dann kommt man ohnehin ben anzulegen.
Das ist wie die Argumentation bei der Todes- in große Schwierigkeiten. Als Privatmann: Könnten Sie einen Va-
strafe,da sagt man auch:Wir wissen ganz sicher, Nämlich? ter verstehen, der den mutmaßlichen
dass er der Täter ist. Aber Beispiele aus den Dann müsste man rechtlich regeln:Wie soll Entführer seines Sohnes gefoltert sehen
USA zeigen, dass es eine Vielzahl von Leuten gefoltert werden? Ganz langsam oder doch will, um das Versteck zu erfahren?
gab, die unschuldig hingerichtet wurden. schnell? Nur ein bisschen oder dann auch bis Ich kann mich da nicht hinstellen und sagen,
Als potenziellem Anschlagsopfer hilft zum Tod? Sind Ärzte dabei? Wie sicher muss ich hätte dafür nicht irgendwie Verständnis.
mir das nicht weiter. Ich hätte da lieber, man sein, um foltern zu dürfen? Im Frank- Aber darauf können wir nicht unsere Rechts-
dass alles unternommen wird, um die furter Fall hatten sie zunächst auch einen an- ordnung aufbauen.
Bombe zu finden. deren Tatverdächtigen – genügt denn eigent-
Das ist eine so genannte „tragic choice si-
tuation“: eine Situation, in der man Schuld
lich schon eine „überwiegende Sicherheit“
für die Folter? Oder muss es eine „große
☞ Auf www.fluter.de:Was sagt eigentlich unser
Grundgesetz über Moral? Politische Philosophen
auf sich lädt, möglicherweise Unrecht tut, Wahrscheinlichkeit“ sein? geben Antworten.

11
arbeitsmoral_final 05.12.2005 9:23 Uhr Seite 2

VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG
arbeitsmoral_final 05.12.2005 9:24 Uhr Seite 3

ICH ARBEITE,
ALSO BIN ICH
Früher galt:Wer arbeitet, ist wenig wert. Gute alte Zeiten?
Text: Sebastian Wehlings Fotos: Christian Lesemann

I
m letzten Wahlkampf war es das Zauber- chen Kulturkreis wurde Arbeit bis ins Mit- Und die Eliten sahen in der Arbeit nach wie
wort: Arbeit. Eine Partei verkündete: telalter hinein als Fluch begriffen.Arbeit war vor den Feind des freien Geistes.
„Sozial ist, was Arbeit schafft“, eine ande- – so steht es im Alten Testament – die Strafe, Ihre entscheidende Aufwertung erfuhr Arbeit
re: „Arbeit muss sich wieder lohnen“, die die Gott über Adam und Eva und all ihre durch die Reformation und den Protes-tan-
nächste: „Arbeit soll das Land regieren“. Die Nachfahren für die Ursünde verhängt hatte. tismus calvinistischer Prägung im 16. Jahr-
Zustimmung der Wähler hatten all diese Pa- Erst im jenseitigen Paradies wartete der natür- hundert. Nach der Lehre des in Genf wir-
rolen sicher. Einer Umfrage zufolge fürchten liche Urzustand: eine Existenz in ungetrüb- kenden Reformators Johannes Calvin (1509
sich die Deutschen mehr vor dem Verlust des ter Freude – von Arbeit befreit.Wer es dort- –1564) gibt es zwei Gruppen von Menschen:
Arbeitsplatzes als vor einer schweren Krank- hin schaffen wollte, durfte auf Erden aller- die von Gott Auserwählten und diejenigen,
heit. Den rund viereinhalb Millionen Ar- dings nicht zu viel schuften. Denn wer die dazu verdammt sind, die Ewigkeit in der
beitslosen stehen über 1,4 Milliarden bezahlte Reichtümer anhäufte oder sich keine Zeit zur Hölle zu verbringen. Ein Mensch gehört zu
Überstunden gegenüber. Arbeit ist anstren- inneren Einkehr ließ, galt als ungläubig: Er den Auserwählten wenn er bereit ist, hart zu
gend, aber man kann nicht genug von ihr be- zeigte sich fern von Gott. arbeiten undVerzicht zu üben. Fleiß, Disziplin
kommen. „Wir sind, was wir tun.“ So sehr ist Erste Ansätze, Arbeit spirituell aufzuwerten, und Askese gelten den Calvinisten als höch-
dieser Glaubenssatz verinnerlicht, dass viele gab es im Mittelalter. „Ora et labora“, hieß ste Tugenden. Maximale Profite zu erzielen
Menschen jene Momente gar nicht mehr ge- der Leitspruch des 529 gegründeten Bene- war fortan nicht nur geduldet, sondern Pflicht
nießen können, in denen sie einfach mal diktinerordens. In den Klöstern lebten die eines Gläubigen, irdischer Erfolg war Beleg
nichts tun. Für faul will niemand gehalten Mönche und Nonnen – als Knechte Gottes für die Gnade Gottes.
werden. Aber warum hat Arbeit in unserer – in einer strikt durchorganisierten Ordnung Nach Meinung des Ökonomen und Sozio-
Gesellschaft diesen hohen Wert? aus geistigen Pflichten und weltlicher Arbeit. logen Max Weber (1864–1920) schuf die auf
In der griechischen Polis oder im antiken Durch die einsetzende Geldwirtschaft und das dieser Sicht fußende „protestantische Ethik“
Rom hätten Parolen wie die oben genannten sich entwickelnde Staatswesen wurde die Er- die Basis für den modernen Kapitalismus und
Entsetzen ausgelöst. Jede Form von körperli- werbstätigkeit seit dem 13. Jahrhundert auch führte letztlich zur Industrialisierung. Der
cher und kommerzieller Erwerbstätigkeit galt zu einem immer wichtigeren gesellschaftli- neue,strenge Wertekatalog ermöglichte es den
als erniedrigend. Wer konnte, überließ das chen Faktor.Staatliche Moralwächter bemüh- Manufaktur- und Fabrikbesitzern, die Men-
Arbeiten den Sklaven. Der freie Bürger war ten sich deshalb darum, Arbeit als besonders schen zu disziplinieren und in das industrielle
arbeitslos, aber nicht untätig. Er hatte Zeit, tugendhaft darzustellen. An der allgemeinen System zu fügen.Bis zum 19.Jahrhundert hat-
sich mit den wirklich wichtigen Dingen zu Mentalität änderte dies allerdings zunächst te das kapitalistische System die protestanti-
beschäftigen: mit den Künsten, dem Philoso- nur wenig. Die meisten Menschen arbeiteten sche Ethik zu seinen Zwecken säkularisiert
phieren und der Politik. Im jüdisch-christli- nur so viel, wie sie zum Leben brauchten. und in ein wirkungsvolles Arbeitsethos ge-

13
arbeitsmoral_final 05.12.2005 9:24 Uhr Seite 4

VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG

NEUE SOLIDARITÄT?
Der Historiker Eberhard Straub über die Auf-
gaben der Politik und die Kraft der Muße.

Herr Straub, Sie sagen, die Politik


muss angesichts der anhaltenden Mas-
senarbeitslosigkeit umdenken.Wie?
Die Menschen werden heute nur für die
berufliche Praxis gedrillt.Wenn sie arbeits-
los werden, stehen sie mit leeren Händen
da. Der Staat muss seine Bürger wieder im
altmodischen Sinne zu Menschen bilden.
Dazu gehört eine literarische, musikalische
und ästhetische Erziehung. Die Menschen
müssen wieder ihre Sinne entwickeln, nur
dann werden sie in der Lage sein, Zeit mit
sich selbst zu verbringen.
Arbeitslosen wird es nicht besser gehen,
weil sie Schillers Glocke kennen.
Natürlich nicht.Der Arbeitslose hat ja nicht
nur das Problem, dass er nichts mit sich an-
zufangen weiß. Er wird auch aus der Ge-
meinschaft ausgeschlossen. Das muss auf-
hören.Wir müssen den Menschen, die kei-
ne Arbeit finden, das Gefühl geben, dass sie
Teil dieser Gesellschaft sind. Sonst droht
diese Gesellschaft auseinander zu brechen. gossen: Erwerbstätigkeit wurde zur sozialen Sind das nicht Faulenzer, die sich in der Hän-
Was können wir dagegen tun? Pflicht,zu einer gesellschaftlichen Norm,zum gematte des Sozialstaats ausruhen wollen?
Die Politiker, aber auch soziale und kirch- Selbstzweck. Immer mehr Menschen ström- Durch diese Haltung werden die Betroffenen
liche Einrichtungen müssen die Menschen ten vom Land in die Stadt und in die Fabri- doppelt bestraft: Sie müssen mit den finanzi-
daran erinnern, dass sie ihre Würde nicht ellen Folgen der Erwerbslosigkeit kämpfen
von der Arbeit allein ableiten.Wir müssen und werden sozial ausgegrenzt. Eine Gesell-
lernen, die Muße wieder als etwas Positi- Arbeitslose schaft, die für immer weniger Menschen be-
ves zu betrachten, die uns die Möglichkeit zahlte Arbeit hat,Arbeit aber weiterhin zum
gibt, uns zu entwickeln und zu entfalten. sind doppelt höchsten Gut erhebt, wird auf Dauer immer
Wir vergessen das gern, aber der Mensch bestraft. mehr unglückliche Bürger produzieren.
ist zur Freiheit berufen, nicht zur Arbeit. In jüngster Zeit gibt es deshalb verstärkt Stim-
Viele Menschen hätten wohl nichts men, die ein Umdenken fordern. Unter ih-
gegen Muße – ihnen fehlt das Geld. ken. Der Arbeitsplatz wurde zum Lebens- nen sind der amerikanische Philosophiepro-
Darum sollte die Politik darüber nachden- mittelpunkt, die durchschnittliche Arbeitszeit fessor Frithjof Bergmann und der deutsche
ken, ein Bürgergehalt einzuführen: Jeder betrug in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun- Historiker und ehemalige FAZ- und Welt-
Bürger, erwerbstätig oder nicht, bekommt derts um die 15 Stunden täglich. Die Ar- Redakteur Eberhard Straub. Bergmann wirbt
ein Grundgehalt , das ihm ein würdevolles beitszeit wurde später auf ein menschenver- für ein neuesVerständnis von Arbeit.Er meint,
Leben ermöglicht. Der Betrag sollte über trägliches Maß gekürzt, aber die von der In- unsere Gesellschaft würde besser funktionie-
dem derzeitigen Arbeitslosengeld II liegen, dustrialisierung eingeleitete Entwicklung war ren, wenn die Menschen weniger arbeiten
um die 1400 Euro. Das gesellschaftliche unumkehrbar: Aus der Gesellschaft, in der würden und mehr Zeit hätten, sich selbst zu
Klima würde sich deutlich verbessern. Menschen arbeiteten, um zu leben, war die verwirklichen und Dinge für den eigenen
Und wie soll man das finanzieren? Arbeitsgesellschaft geworden. Bedarf zu produzieren. Zu Straubs Forde-
So wie unser jetziges System auch: durch Heute geht dieser Arbeitsgesellschaft immer rungen gehört, sich von der Idee der Voll-
Steuern. Es spricht viel für die Einführung mehr die Arbeit aus. Menschen, die auf Arbeit beschäftigung zu verabschieden und die Er-
eines Bürgergehalts: Der soziale Druck auf programmiert sind, empfinden eine solche werbslosigkeit als neue, weit verbreitete Le-
Arbeitslose würde entfallen.Wer keine Ar- Situation als schwere Krise – das von ihnen bensform zu akzeptieren (siehe Interview).
beit hat und doch finanziell abgesichert ist, wie von den arbeitenden Mitmenschen ver- „Wir müssen den Menschen, die keine Arbeit
könnte seine Zeit nutzen, anderen zu hel- innerlichte Arbeitsethos erweist sich als Pro- finden, das Gefühl geben, dass sie Teil dieser
fen, in der Gartenarbeit, beim Babysitten, blem. Denn unsere Gesellschaft neigt dazu, Gesellschaft sind“, sagt Straub. „Sonst droht
überall, wo Menschen aufeinander ange- Arbeitslose unter Generalverdacht zu stellen: diese Gesellschaft auseinander zu brechen.“
wiesen sind. Es könnte sich eine ganz neue
Solidarität entwickeln.

14
S12-15_arbeitsmoral 06.12.2005 13:03 Uhr Seite 5

LEBENSLAUF

EINSAME
ENTSCHEIDUNG
Johanna war 21 Jahre alt, als sie ungewollt schwanger wurde.Wegen einer
Blasenentzündung nahm sie Antibiotika – das vertrug sich nicht mit der
Pille. Sollte sie das Kind bekommen?
Protokoll: Franziska Storz

Ich wollte nur sagen: Es tut mir Leid. Deshalb bin ich eine Woche Der Beratungstermin bei Pro Familia hat keine zehn Minuten ge-
nach dem Eingriff auf einen Friedhof gegangen. Ich bin nicht reli- dauert.Ich bin da hingegangen,als mein Entschluss feststand,und dort
giös.Trotzdem wollte ich mich innerlich von dem Kind verabschie- versuchten sie gar nicht erst mich umzustimmen. Meinem Freund
den, dessen Leben ich verhindert habe und von dem ich mir seitdem habe ich erst mal nicht gesagt, dass ich mich gegen das Kind ent-
immer wieder vorgestellt habe, wie es ausgesehen hätte. Die Ent- schieden habe. Seine Reaktion hatte mich zu sehr verletzt und ich
scheidung für eine Abtreibung damals war richtig. Mir war immer habe mir nur gedacht:Scheißmänner,ihr macht es euch auch ein biss-
klar, dass ich kein Kind ohne den dazu gehörenden Vater großziehen chen einfach!
möchte. Und als ich mit dem positiven Schwangerschaftstest vor Ich bin allein zum Arzt gegangen. Der Eingriff war ambulant, mit lo-
meinem damaligen Freund stand, hat der mir sehr deutlich gesagt, kaler Betäubung. Der Fötus wird mit einer Maschine abgesaugt. Das
dass er zu diesem Zeitpunkt kein Kind will. Er hat studiert, ich war Geräusch ist mir heute noch manchmal in den Ohren. Der Arzt war
mitten in meiner Ausbildung zur Werbekauffrau.Wir hatten beide Raucher, es stank in der Praxis und die Schmerzen hinterher waren
kein Geld und einen Alltag, der hauptsächlich durch die Partys struk- so stark, dass ich dann doch meinen Freund angerufen habe. Er kam,
turiert wurde, die wir auf jeden Fall mitnehmen wollten. Ich wusste, um mich abzuholen, und war ziemlich aufgelöst.
dass ich das mit dem Kind ohne meinen Freund nicht gepackt hätte Zwei Dinge haben mir geholfen, die Abtreibung zu verarbeiten. Zum
und keine gute Mutter gewesen wäre. Man muss da an das Kind den- einen waren da die stillen zehn Minuten auf dem Friedhof. Und ich
ken und darf nichts verkorksen. Meine Kindheit hat mich sehr ge- habe mir Leslie gekauft. Einen zehn Monate alten Jagdhund. Da war
prägt: Ich bin ohne Vater aufgewachsen, mit einer überforderten, ein kleines Wesen, um das ich mich kümmern konnte und mit dem
schlecht gelaunten Mutter. Das wollte ich meinem Kind nicht an- ich Spaß hatte. Das hat mir gut getan.
tun. Außerdem war ich noch viel zu sehr mit mir beschäftigt, ich Vier Jahre später wurde ich zum zweiten Mal schwanger.Aber dies-
musste meine Essstörung in den Griff kriegen und wollte unbedingt mal vom richtigen Partner. Es war keine Frage, dass wir das Kind be-
noch das Abitur nachmachen. Trotzdem fiel mir die Entscheidung kommen. Sophie ist inzwischen 17 Monate alt – klein, blond, laut,
nicht leicht. Mein Körper hat sich schon in den ersten Schwanger- manchmal anstrengend, aber immer wundervoll. ImVerlauf der zwei-
schaftswochen sehr verändert, da konnte ich nicht einfach ignorie- ten Schwangerschaft habe ich wohl erst richtig begriffen, was eine
ren, dass in mir etwas wuchs. Einen Schwangerschaftsabbruch mit Abtreibung bedeutet – bei jedem Blick auf ein neues Ultraschallbild.
Mord gleichzusetzen halte ich für Quatsch, aber ein Fötus ist auch Ich würde es nie wieder tun. Trotzdem war es die richtige Ent-
mehr als nur ein Haufen Zellen. scheidung – damals.

15
S16-17_moral-maerchen 07.12.2005 13:28 Uhr Seite 2

BUCHWESEN

Es war einmal?
Märchen sind nicht nur eine Einschlafshilfe, wir
sollen auch was fürs Leben lernen: die „Moral von
der Geschicht’“. Allerdings stammen die Märchen
der Gebrüder Grimm und von Hans Christian
Andersen aus einer anderen Epoche. Höchste Zeit
zu überprüfen, ob die Moral der alten Geschichten
heute noch anwendbar ist.
Text:Tobias Moorstedt, Heinrich Geiselberger
Illustrationen: Frank Weichselgartner

Die Bremer Stadtmusikanten Das tapfere Schneiderlein Die Sterntaler

Was tun, wenn man an seinem Arbeitsplatz Eine typische Vom-Tellerwäscher-zum-Mil- Erst sterben die Eltern, dann wird das kleine
nicht mehr gebraucht wird? Die Hauptfigu- lionär-Geschichte, Hollywood-Material aus Mädchen obdachlos und steht mitten im
ren der „Bremer Stadtmusikanten“, Esel, dem 19. Jahrhundert. Beim Frühstück er- Winter allein auf der Straße. Dort trifft es ar-
Hund, Katze und Hahn sind alt, schwach und schlägt ein armer Schneider sieben Mücken me Leute,denen es sein letztes Stück Brot,die
können keine Leistung mehr bringen. Ihre und setzt sich selbst mit einem bestickten Mütze und auch sein letztes Hemd schenkt.
Besitzer wollen die treuen Tiere deshalb Gürtel ein Denkmal. „Sieben auf einen „Und wie es so stand und gar nichts mehr
„schlachten“, „totschlagen“ und „ersäufen“. Streich“. Ein guter Slogan. Damit zieht er in hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Him-
Die Tiere fliehen gemeinsam nach Bremen die Welt. Bald trifft er einen Riesen, der sehr mel und waren lauter blanke Taler.“ Gesetzt
um dort Musikanten zu werden.Auf der Rei- beeindruckt ist, weil er denkt, er habe es mit den Fall, die Gebrüder Grimm schildern
se dorthin entdecken sie ein Haus, das von einem siebenfachen Mörder zu tun. Trotz- nicht die Halluzinationen eines erfrierenden
einer Räuberbande bewohnt wird. Mit einer dem schlägt er einen Wettkampf vor. Den Mädchens, ist die Geschichte wunderschön:
List verjagen sie die Gangster und besetzen Steineweitwurf gewinnt der körperlich un- Wer möchte nicht in einer Gesellschaft le-
das Haus: Indem sich die Tiere aufeinander terlegene Schneider, indem er einen Vogel ben, in der Armut und Kälte von warmen
stellen, bilden sie einen Furcht erregenden wirft, der scheinbar gar nicht mehr zu Boden Herzen weggeschmolzen werden – und das
Super-Körper. Die Räuber haben Angst vor kommt. Kreativität und sein positives Image noch belohnt wird? Natürlich können sich
dem Zusammenhalt der Tiere und denken,sie als unbesiegbarer Kämpfer sind die großen auch im echten Leben gute Taten lohnen:
hätten es mit Monstern zu tun. Die Lehre Stärken des Schneiders.Am Ende sitzt er gar Man schlägt sich Abende um die Ohren, um
lautet also: Solidarität macht stark, allein ist auf dem Thron.Wir lernen: Frechheit siegt. einem Freund bei der Abschlussarbeit zu hel-
man nicht klein. Die Tiere haben sich nicht Und man bekommt nie eine zweite Chance, fen, später verschafft er einem einen guten
mit ihrem Schicksal abgefunden. Und weil um einen guten ersten Eindruck zu machen. Job.Wer aber garantiert, dass das so läuft? Dass
sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten für das Wer es am Anfang des Semesters schafft, den man nicht an diesen Abenden seine Traum-
gemeinsame Wohl einsetzen, erkämpfen sich Professor zu beeindrucken,kann sich zurück- frau kennen gelernt hätte, wäre man nicht am
die Tier-Rentner den Traum aller Arbeit- lehnen: Noch die letzten Banalitäten werden Schreibtisch gesessen? Und wenn es so wäre:
nehmer: ein Häuschen im Grünen. einem als Geistesblitze angerechnet. Gleichen das dann auch die Sterne aus?

16
moral-maerchen-final 05.12.2005 9:47 Uhr Seite 3

Des Kaisers neue Kleider „Von dem Fischer un syner Frau“

Ein eitler König bekommt eines Tages Besuch von zwei freischaffenden Stilbe- Im Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“ fängt ein
ratern, die ihm ein Wunderwams versprechen. Das Kleidungsstück soll eine armer Fischer eines Tages einen großen Fisch, der ihm als
magische Fähigkeit besitzen: Für inkompetente Mitarbeiter ist es unsichtbar. Die Gegenleistung für seine Freiheit verspricht, alle Wünsche
Modeschöpfer weben gar keinen Stoff, weil aber keine der Hofschranzen als Idi- zu erfüllen.Auf Druck seiner Frau wünscht sich der Fi-
ot dastehen will, traut sich niemand, die Wahrheit zu sagen. Nur ein kleines Kind, scher vom „Buttje in der See“ ein schönes Haus, später
das die Regeln des Spiels noch nicht kennt, sagt, was alle sehen: „Er ein Schloss. Die Frau aber ist immer noch nicht zufrie-
hat ja gar nichts an.“ Der König ist blamiert, tut aber so, als habe den, sie möchte Königin, am Ende gar Gott werden. Im
er nichts gehört, und bleibt so an der Macht. Einen jeden plagen nächsten Moment sitzen die beiden wieder in ihrer al-
manchmal Zweifel an der gesellschaftlichen Ordnung: Ist ten schäbigen Hütte. Das Märchen kritisiert nicht den
Michael Ballack wirklich nicht zu ersetzen? Leben wir in Reichtum an sich, sondern die Habgier, die durch die-
der besten aller Welten? Dann sagt man sich: „Wird sen erzeugt wird.Wer immer mehr will, verliert irgend-
schon was dran sein, wenn alle das sagen.“ Aber man wann alles. Die Geschichte vom „Fischer un syner Fru“
sollte solche Zweifel ernst nehmen. Es haben schon ist aber auch die ideale Erzählung für die unterprivile-
ganze Länder an die absurdesten Dinge geglaubt. gierte Klasse, um sich ihrer moralischen Überlegenheit
Ob sich aber etwas ändert, wenn man es an- und zu versichern:Wer reich ist, ist unzufrieden und damit im
ausspricht – das ist eine andere Geschichte. Grunde genommen arm.

Buch: Wilhelm Solms: Die Moral von Grimms Märchen. Darmstadt 2002. 17
kind_ins_heim_final 05.12.2005 9:31 Uhr Seite 2

RESPEKTSPERSON

Das Wunschkind
Zuerst war Alexandras Tochter eigentlich zu schwach, um auf die Welt zu kommen.
Dann angeblich zu krank zum Überleben. Jetzt lebt sie einfach.
Text: Bastian Obermayer Foto: Stefanie Füssenich

W
as willst du Kleine denn hier? Du ten Geburtstag feiern. Das Mädchen ist Alexandra war völlig überfordert. „Aber ich
hast doch gar keine Chance“, schwerstbehindert, ein nicht sichtbarer habe jeden Tag gesehen, wie meine Kleine
dachte sich Alexandra Mayereder, Schlauch transportiert Wasser aus ihrem Kopf kämpft, das hat mir Kraft gegeben.“ Die
als sie ihre Tochter zum ersten Mal sah.Vor in den Bauch. Ein anderer Schlauch führt Kraft,die all die anderen ihr nicht geben woll-
ihr, auf der Säuglingsstation des Ulmer Kran- durch die Nase in den Magen, weil Rinchen ten: der Vater, der die Vaterschaft bestritt und
kenhauses, lagen 1700 Gramm Mensch, viel nicht genügend trinken kann. Der Schlauch seiner Tochter, die er nur einmal sah, derzeit
zu wenig eigentlich,und hörten einfach nicht ist mit einem Pflaster in Herzform an der rund 3000 Euro Alimente schuldet,und Alex-
auf zu leben.Alexandras Baby hatte eine Le- Backe festgeklebt. „Manchmal ist es ein Wol- andras Eltern, die ihr erstes Enkelkind, das
benserwartung von null Jahren, null Mona- kenpflaster, das sieht auch süß aus“, sagt Alex- doch sowieso bald tot sein würde, zunächst
ten und null Tagen. Die Diagnose: Hydro- nicht lieb haben konnten.
encephalitis. Daraus resultiert, was der Volks- Trotzdem war klar,dass die junge Mutter die-
mund Wasserkopf nennt. Ein Blutpropfen Alexandra ignoriert alle se Anstrengungen irgendwann nicht mehr
hatte die Entwicklung des Großhirns ver- bewältigen könnte. Nicht allein und nicht,
hindert. Im sechsten Schwangerschaftsmonat Prognosen und Diagnosen ohne ihre eigene Zukunft vollkommen zu
hatten Augsburger Ärzte Alexandra gesagt, und all die Menschen, die opfern. Die Alternative war die „Wiege“.
dass ihr Mädchen höchstwahrscheinlich Dort bekommt Rinchen Ergo- und Physio-
außerhalb des Mutterleibes nicht lebensfähig sie nicht verstehen wollen. therapie gegen ihre Spastiken, dort sind rund
sein werde, dass der Geburtstag des Kindes „Das ist lebensunwertes um die Uhr Krankenschwestern vor Ort und
auch sein Todestag werden würde. Sie rieten dort kommt jede Woche ein Arzt zur Visite
zu einem Schwangerschaftsabbruch und Leben“, hörte sie kürzlich vorbei. Anfangs wollte Alexandra ihr Mäd-
schlugen vor, das Ungeborene mit einer Ka- von einer Ärztin. chen nur für kurze Zeit in die „Wiege“ ge-
liumspritze durch die Nabelschnur zu töten. ben, aber als sie sah, dass es Rinchen dort bes-
Kalium lähmt die Muskeln,auch die des Her- ser ging und die Spastiken weniger wurden,
zens. Alexandra war verwirrt: Wieso töten, andra, sie lächelt dabei, während Rinchens entschied sie, dass die „Wiege“ ein guter Ort
wenn ihr Kleines doch sowieso sterben wür- kleine Hände nach ihren Daumen greifen. sei, um den Kampf fortzusetzen: „Für uns ist
de? Und was hieß eigentlich wahrscheinlich? Rinchen wird nie sitzen, stehen, reden oder es kein Heim, sondern ein Zuhause.“
Nein, sagte sie sich, so nicht, und den Ärzten bewusst handeln können.Aber sie freut sich, Seither hat Alexandra auch Zeit für anderes,
sagte sie, dass ihre Tochter selbst entscheiden wenn sie gestreichelt wird, sie lacht, wenn für sich, für ihre Ausbildung zur Fremdspra-
solle, ob sie leben will. man sie kitzelt,und sie schreit,wenn sie Hun- chenkorrespondentin und für ihren Freund,
Das winzige Mädchen kam also auf die Welt ger hat. Rinchen lebt, das ist die Leistung. mit dem sie seit einem Jahr zusammen ist.
– und atmete. Die Ärzte sagten, ihr Herz wer- „Die Kleine hat jetzt schon mehr geschafft als Den hätte Alexandra fast wieder wegge-
de höchstens noch ein paar Tage schlagen. ich“, sagt Alexandra. Dann wischt sie sich die schickt, weil sie dachte, neben Rinchen habe
Ein Arzt riet, das Kind erfrieren zu lassen, das Finger an der Hose trocken. Sie hat das Was- niemand mehr Platz in ihrem Herzen.So ein-
sei der leichtere Tod. Alexandra hörte ihnen ser verschüttet, das für Rinchen bestimmt geschworen war das Kämpferpaar schon.
nicht mehr zu. Sie hatte ihre Entscheidung war. „Guck, war die Mama wieder unge- Alexandra hat sich einen Tunnelblick antrai-
längst getroffen. Sie nannte ihr Mädchen schickt“, flüstert sie ihr ins Ohr. niert, mit dem sie durchs Leben geht. Sie
Quirina: die Kriegerische, die Kämpferin. Anfangs hatte Alexandra ihr Kind bei sich. ignoriert alle Prognosen und Diagnosen und
Dann nahm sie Rinchen mit nach Hause. Sie packte es warm ein, weil es seine Tempe- all die Menschen,die sie nicht verstehen wol-
„Wir beide haben nicht aufgegeben, gell?“, ratur nicht halten konnte. Sie fütterte es jede len. „Eine Mutter gibt ihr Kind nicht ins
sagt Alexandra mit leiser Stimme und küsst Stunde, weil Rinchen nur vier bis fünf Milli- Heim“, hörte sie von einer Sozialpädagogin;
ihre Tochter auf die Stirn. Die zierliche, heu- liter auf einmal schaffte. Sie stritt mit der „das ist lebensunwertes Leben“, kürzlich von
te 24-jährige Mutter sitzt in einem Zimmer Krankenkasse um Therapieleistungen für das einer Ärztin. „Bei solchen Sprüchen höre ich
der „Wiege“, eines Heims für behinderte Baby, sie brachte es zu Ärzten, in Tagesstätten, weg“, sagt Alexandra und lächelt. Sie ver-
Kinder in Odelzhausen bei München. Dort zur Physiotherapie oder ins Krankenhaus, schleudert ihre Kraft nicht sinnlos.Sie braucht
werden sie am 17.Dezember Rinchens zwei- wenn es wieder operiert werden musste. jedes bisschen davon.

18
kind_ins_heim_final 05.12.2005 9:31 Uhr Seite 3
interview-hoeffe-final 05.12.2005 9:29 Uhr Seite 2

GRUNDEINSTELLUNG
S20-23_interview-hoeffe 06.12.2005 13:05 Uhr Seite 3

„MORAL
KANN MAN LERNEN“

Der Tübinger Philosophieprofessor Otfried Höffe weiß auch, wie das geht.
Interview: Julia Decker

Herr Höffe, wir hätten von Ihnen gern für die Dinge, die man richtig tut, gelobt und dann schon. Bildung schließt die Möglich-
einen Schnellkurs „Moral für Nicht- für die falschen getadelt wird. Und vielleicht keit ein, sich selbst zu ändern. Das ist eine
Philosophen“.Was ist Moral? empfindet man sogar Reue für die falschen. guteVoraussetzung,um moralisch zu handeln.
Ein Fremdwort. Es kommt von dem lateini- Aristoteles sagt: Gerecht wird man durch ge- Das klingt, als ob Lebenserfahrung mo-
schen Wort „mores“ und heißt übersetzt „Sit- rechtes Handeln, tapfer durch tapferes Han- ralischer macht?
ten“ und „Gebräuche“. Die Moral beschäf- deln. Das heißt: Eine moralische Einstellung Ja und nein. Lebenserfahrung verleitet dazu,
tigt sich mit Grundannahmen im Verhalten bekommt man durchs Einüben. dass man glaubt, gute Gründe zu haben, um
der Menschen zu Mitmenschen und zur Na- Der Mensch ist also nicht von Geburt an sein unmoralisches Handeln zu entschuldi-
tur und ist keinesfalls auf Fragen der Sexua- moralisch? gen. Die Lebenserfahrung kann aber auch
lität beschränkt. In dem so genannten kriti- Kinder sind ziemlich früh und ziemlich sicher zeigen, dass es sich mit einem schlechten Ge-
schen Sinn beschreibt der Begriff Moral, wie moralisch. In der Pubertät beginnen sie dann, wissen und der Missachtung der Mitmen-
etwas vernünftigerweise gilt oder gelten soll. manche Moral in Frage zu stellen. Und als schen nicht gut lebt. Gleichzeitig erfährt man
Der positive Begriff Moral dagegen be- Erwachsene denken sich die Menschen im Laufe des Lebens, dass man selbst – genau
schreibt, welche Sitten ein einzelner Mensch schließlich Entschuldigungen aus, warum wie jeder andere Mensch auch – schwache
oder eine Gesellschaft befolgt. sie unter den gegebenen Umständen einmal Momente hat.Deshalb wird man ein bisschen
Erleichtert die Moral das Leben? nicht moralisch handeln.Aber angeboren ist nachsichtiger, mit anderen und sich selbst.
In vielen Fällen schon. Der antike Moralphi- die Moral nicht. Moral hat etwas mit Intelli- Wird man weniger streng mit sich?
losoph Platon hat im Gespräch mit seinem genz zu tun. Einerseits weniger streng, andererseits noch
Freund Sokrates gesagt: Dem Gerechten – al- Schließt Dummheit dann moralisches strenger. Man schwächt nicht die Forderun-
so dem rechtschaffenen oder, wie wir heute Handeln aus? gen ab, die man an sich stellt, denn Moral
sagen: dem moralischen Menschen – geht es Dummheit ist vieldeutig. Jemand kann lässt sich nicht abschwächen.Aber man weiß
viel besser als dem Ungerechten.Weil er von grundehrlich sein und manchmal wird man mit der Zeit, dass man fehlbar und verführ-
den Menschen geachtet wird, an denen ihm sagen: Das war aber dumm, wie ehrlich der bar ist. Darüber sollte man Scham empfin-
Foto: Magnum Photos / Agentur Focus

etwas liegt, eben weil er sich selber achten war.Wenn man aber mit Dummheit meint, den, einen neuen Anlauf unternehmen und
kann. dass jemandem jede Art von kognitiven Fä- sagen: Das nächste Mal mache ich es besser.
Kann man Moral lernen? higkeiten abgeht, also wenn jemand intellek- Wer ist in einer Gesellschaft für die Mo-
Sicherlich. Und zwar jeder Mensch. Zum tuell schwerstbehindert ist, dann wird es ral zuständig?
Beispiel kann man Rechtschaffenheit oder schwierig, von Moral zu sprechen. In unserer demokratischen Gesellschaft: je-
Rücksichtnahme lernen. Aristoteles, neben Hat Moral mit Bildung zu tun? der mündige Bürger. Es gibt niemanden, der
Kant einer der größten Moralphilosophen, Wenn Bildung heißt, historische Daten und ein Privileg hat, für die Moral zuständig zu
legt sehr viel Wert darauf, dass man Moral ler- naturwissenschaftliche Gesetze zu kennen, sein. Natürlich gibt es Institutionen wie die
nen kann und lernen muss. dann nicht.Wenn Bildung aber heißt, sich in Kirche,die öfters nach der Moral gefragt wer-
Und wie genau lernt man Moral? der Welt zurechtzufinden und Beurteilungs- den, weil sie durch ihre Tradition eine ge-
Durch Einüben, Gewöhnung. Indem man gesichtspunkte für ein gutes Leben zu haben, wisse Kompetenz mitbringen. Auch von

21
interview-hoeffe-final 05.12.2005 9:30 Uhr Seite 4

GRUNDEINSTELLUNG

Schulen und Eltern erwartet man, dass sie für Kartoffeln und Wasser zu nehmen,auch wenn macht:Verstößt jemand gegen die verdienst-
die Moral zuständig sind. Die Eltern müssen es ihnen nicht gehört.Das ist eine extreme Si- liche Moral, ist man enttäuscht, verstößt je-
gar nicht besonders viel von Moral verste- tuation. Kurz vor dem Verhungern sein – das mand gegen die Rechtsmoral, ist man
hen, ohnehin sind sie genauso gut, schlecht ist nicht das, was wir heute in den westlichen empört.
und fehlbar wie andere auch.Aber wer Men- Ländern unter Armut verstehen. Armut be- Handle ich moralisch, wenn ich nur
schen in die Welt setzt, hilfsbedürftige und deutet hier, dass jemand beträchtlich weni- meine eigenen Interessen verfolge?
zunächst völlig unsichere Wesen, trägt dafür ger als der Durchschnitt hat. Dieses Weniger- Die Moral verlangt,seine Interessen nicht mit
Verantwortung, dass diese Kinder nach und Haben reicht als Argument nicht aus, um un- allen Mitteln und Wegen zu verfolgen, oder
nach das lernen, was ein Mensch lernen soll. moralisches Handeln zu erlauben. Die Mo- die eigenen Interessen rücksichtslos durch-
Und das wäre? ral verlangt vielmehr, dass sich diejenigen um zusetzen. Jeder darf versuchen, Karriere zu
Sein Leben eigenverantwortlich zu führen. diese Armen kümmern, denen es besser geht. machen oder reich zu werden, aber eben
Muss man auf Grund von gesellschaft- Kann man aus Mitleid moralisch han- nicht mit unmoralischen Mitteln. Nur das
lichen Entwicklungen alle paar Jahr- deln? sagt erst mal die Moral. Aber wenn man sie
zehnte neu über Moral reden? Ohne Zweifel. Mitleid ist eine der wichtigs- genauer betrachtet, ist es natürlich noch ein
Man muss dauernd über Moral reden. ten Antriebskräfte, moralisch zu handeln. bisschen schwieriger: Platon und Aristoteles
Weil sich ständig etwas ändert, oder? Denken Sie an die Geschichte vom barm- haben das glückliche Leben als Ziel des
Einen Grund habe ich schon genannt: Der herzigen Samariter: Der Samariter trifft auf menschlichen Handelns bezeichnet. Sie mei-
Mensch findet immer wieder Ausflüchte, einen Menschen, dem es, von Räubern aus- nen damit ein gelungenes Leben.Das schließt
nicht moralisch zu handeln. Daran ist auch geplündert, schlecht geht. Der Samariter zum Beispiel Freigebigkeit ein. Oder Beson-
die Intelligenz schuld. Den Grundgedanken denkt: Das ist auch ein Mensch, dem muss nenheit. Oder Zivilcourage. Und vor allem
von Moral kann man vereinfacht als goldene Gerechtigkeit.
Regel formulieren:Was du nicht willst, dass Schließen sich Individualität und Mo-
man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. ral dann aus?
Diesen Gedanken finden wir in allen Kultu- „Jeder Keineswegs. Empirische Untersuchungen
ren seit vielen Jahrtausenden. Man braucht zeigen,dass viele Menschen,die in einem ho-
keine neue Moral, nur weil sich die Anwen- darf versuchen, hen Maß Wert auf Eigenheiten und Indivi-
dungsbedingungen ändern. Karriere zu machen dualität legen, besonders moralisch und hilfs-
Welches Problem für die Moral bringt bereit sind. Ein gutes Beispiel sind Gründer
die Globalisierung mit sich? oder reich zu werden. von kulturellen und sozialen Stiftungen.Viel-
Da fallen einem erst einmal wirtschaftliche Aber eben nicht mit leicht leben sie nach dem Sprichwort: „Wer
Fragen ein. Aber wirtschaftliche Fragen hat reich stirbt, stirbt unehrenhaft.“ Jedenfalls
man sich schon immer gestellt. Es kann zum
unmoralischen haben sie oft durch das Verfolgen eigener
Beispiel sein, dass mein Nachbar bettelarm Mitteln.“ Ziele viel Geld verdient, stiften es dann aber
ist und ich weiß das. Seine Mutter liegt im dem Gemeinwohl.
Sterben, die Kinder haben nichts zum An- Ist Moral tolerant?
ziehen und bekommen keine gute Schulaus- Toleranz gehört zu den wichtigsten Forde-
bildung. Durch die Globalisierung stellt sich ich helfen. Er bringt ihn in die nächste Her- rungen der Moral. Einerseits. Andererseits:
genau dieses Problem dar, nur in einer ganz berge und gibt dem Wirt Geld, damit er sich Wenn die Moral als Moral gefordert ist und
anderen Größenordnung. Es klingt zwar ganz um den Kranken kümmert. Interessant ist da- zum Beispiel sagt: Man darf nicht töten, und
gut zu sagen, im Zeitalter der Globalisierung bei, dass er nicht all seine Geschäfte unter- trotzdem getötet wird, darf sie nicht tolerant
brauchen wir eine neue Moral. Aber ich als bricht und Krankenpfleger wird. Er hat die sein. Der amerikanische Präsident George W.
Philosoph erlaube mir zu sagen: Wir brau- Hilfe auf den Weg gebracht und das ist das Bush sieht sich selber auf der guten Seite und
chen die gleiche alte Moral in ihrer ganzen Wichtigste. meint, gegen das Böse kämpfen zu müssen.
Strenge und Anerkennung. Welche Antriebskräfte für moralisches Er betont, moralisch zu handeln. Politiker
Und wie sieht das konkret aus? Handeln gibt es noch? verwenden gern die Worte Moral und Ge-
Der Philosoph tut sich da leicht: Er beruft Zu den stärksten gehört sicher die Nächs- rechtigkeit, weil es Worte sind, in deren Na-
sich nur auf die allgemeine menschliche Ver- tenliebe. Lassen Sie mich kurz etwas erklären: men man Leidenschaften anstacheln und Zu-
nunft,nicht auf eine besondere Tradition oder Es gibt zwei Gebiete der Moral. Einmal die stimmung erheischen kann. Politiker sollten
Religion.Wenn man heute im Zusammen- Rechtsmoral. Dazu gehört: dass man nicht sich vor der Gefahr der Selbstgerechtigkeit
hang mit Globalisierung über Moral spricht, stiehlt, dass man niemanden umbringt, dass hüten.Amerika wurde wegen der Religions-
braucht man Werte, die von allen Menschen man davon ausgeht,dass alle Menschen gleich freiheit und im Namen der damals herr-
aller Kulturen anerkannt werden. Keine Kul- sind. Und dass man unvoreingenommen auf schenden Aufklärung gegründet. Dazu ge-
tur darf sich einbilden, sie wisse etwas besser den anderen zugeht. Das zweite Gebiet der hörte ein gut geschultes Rechtsbewusstsein.
als die anderen und müsse die anderen Kul- Moral geht über das Geschuldete hinaus. Sie Unter das Niveau von damals sollte man nicht
turen belehren. heißt Tugendmoral oder verdienstliche Mo- zurückfallen.
Erlaubt Armut unmoralisches Handeln? ral. Mitleid gehört zur verdienstlichen Moral. Wenn man sich auf die Moral beruft
Ein Kölner Kardinal hat den hungernden Der Unterschied wird klar, wenn man sich und Handlungen unterlässt, nur um ja
Menschen nach dem Krieg erlaubt, Kohle, über die Folgen eines Verstoßes Gedanken nicht unmoralisch zu handeln – kann

22
interview-hoeffe-final 05.12.2005 9:30 Uhr Seite 5

man es sich gemütlich machen und mal voller Wut denkt: „Ich will den am liebs- Anerkennung anders denkender Menschen
trotzdem moralisch sein? ten umbringen, so ungerecht fühle ich mich – selbst wenn man meint,deren Lebensweise
Moral und Gemütlichkeit im Sinne von ei- behandelt“, der ist von tatsächlichem unmo- mache nicht so glücklich wie die eigene.
nem Glas Rotwein und einem guten Fern- ralischem Handeln noch meilenweit entfernt. Macht moralisches Handeln glücklich?
sehprogramm passen nicht zusammen. Zur Moral hilft also auf dem Weg zu einem Es kommt darauf an, wie wir Glück verste-
Moral gehören Gebote und Verbote. Weg- zufriedenen und guten Leben. Welche hen. Moral macht weder reicher noch ge-
schauen zum Beispiel ist unmoralisch und Frage nach dem richtigen Leben kann sünder. Sie schafft vielleicht manchmal An-
entlastet nicht.Trotzdem muss man nicht ein- die Moral nicht beantworten? erkennung bei anderen, muss es aber nicht. In
schreiten, wenn man beobachtet, wie eine Als Philosoph kann ich über Begriffe und der Regel sorgt sie für Anerkennung vor sich
alte Dame von einem Dutzend Jugendlicher Grundsätze reden. Was heißt ein richtiges selbst. Insofern ist die Moral für ein glück-
verprügelt wird, weil es sein könnte, dass man oder gutes Leben? Was heißt Sinn des Le- liches Leben notwendig – aber nur fast. Denn
selber verprügelt wird – auch wenn man da- bens? Auch:Nach welchen Grundsätzen führt es gibt auch Schufte und Bösewichte, die
mit rechnen muss, dass der Dame nicht ge- man ein gutes oder sinnvolles Leben? Für ein glücklich sind.
holfen wird. Sinnvoller ist es, nachzudenken individuelles Leben muss sich aber jeder Ist das die gleiche Qualität von Glück?
und gegebenenfalls angemessene Hilfe zu Mensch selber entscheiden – und es auch sel- Wenn man unter Glück nicht nur das Sich-
holen. Dort, wo man durch ein hohes Maß ber führen. Ein Gespräch mit guten Freun- wohl-Fühlen versteht,sondern auch die Ach-
an Rechtschaffenheit zu Recht ein moralisch den kann bei der Suche nach dem richtigen tung durch andere, kann man sagen: Diese
gutes Gewissen hat, trifft das Sprichwort zu: Leben helfen - ein Philosoph kann einem die Qualität von Glück erreicht der Schuft nicht.
Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekis- Entscheidung für das eine oder das andere Aber vielleicht stört ihn das nicht.
Foto: Christian Lehsten / argum

sen. Zu diesem Zweck muss man aber viel nicht abnehmen.


an sich arbeiten. Was wird sich in Jahrzehnten als mora-
Ist man ohne Moral, wenn man unmo- lisch erweisen, was heute noch als un- Otfried Höffe, 62, ist Professor für Philoso-
ralisch denkt? moralisch empfunden wird? phie an der Universität Tübingen. Zum Wei-
Wir sind alle verführbar, deshalb lässt es sich Ich kann nur meine Hoffnung aussprechen, terlesen empfiehlt er seine Bücher Lexikon
gar nicht ausschließen, dass wir auf falsche dass vor allem in altorientalisch geprägten der Ethik und Lesebuch zur Ethik.
Gedanken kommen.Wer aber unmoralische Kulturen die Gleichberechtigung von Mann
Gedanken mit Fleiß hegt und pflegt, fängt
an, unmoralisch zu werden.Wer aber einfach
und Frau eingeführt wird, ferner eine To-
leranz gegenüber anderen Kulturen und die
☞ Auf www.fluter.de: Können wir Moral ler-
nen,Teil 2. Professor Georg Lind im Interview.

23
S24-25_moral-philosopie 06.12.2005 13:07 Uhr Seite 2

REGELKUNDE

ALLES GOTT ODER WAS?


Lügen und entscheiden, töten und verraten –
ein bisschen Moralphilosophie.
Text: Susanne Klingner

Was ist ein gutes Leben? Wie schafft man es, Vor allem im Mittelalter wurde Moral als
ein gutes Leben zu führen? In der Antike be- etwas durch Gott Bestimmtes gesehen, Mo-
gannen Philosophen darüber nachzudenken, ralvorstellungen wurden in erster Linie
wie das Leben in einer Gemeinschaft mehr durch die Religion vermittelt. Thomas von
sein könnte als nur ein funktionierendes Aquin (1225-1274), Anhänger der aristote-
Miteinander.Sie fragten sich,ob es dazu mo- lischen Philosophie,verfocht dessen Theorie,
ralische Regeln geben müsse und, wenn ja, ein Mensch verhalte sich dann moralisch gut,
wer diese Regeln aufstellen sollte. Bereits im wenn er eine Vernunftordnung einhält. Die-
4. Jahrhundert vor Christus entwickelten sie se Vernunftordnung ist durch einen göttli-
zwei verschiedene Vorstellungen: Moral ist chen Willen bestimmt, der einfach existiert
objektiv, also für alle Menschen und alle und nicht ausgehandelt werden kann.
Umstände gültig – oder Moral ist subjektiv,
sie gilt nur in einigen Kulturen und Situa- Diese Unverhandelbarkeit vertritt im 18.
tionen. Beide Ansätze fanden im Laufe der Jahrhundert auch Immanuel Kant (1724–
Jahrhunderte Anhänger,sie stehen sich in der 1804), der bekannteste Moralphilosoph der
Moralphilosophie noch heute gegenüber. Moderne. Er vertrat eine radikale Vernunft-
ARISTOTELES ethik und formulierte den kategorischen
Imperativ, der vereinfacht lautet: Handle im-
Objektive Moral Sokrates war –, vertraten die Position, den mer so, wie du willst, dass es ein allgemeines
Unterschied zwischen Gut und Böse könn- Gesetz wird. Kant erklärt diese Forderung

Illustrationen: Katrin Bohlinger


ten nicht die Menschen festlegen. Um das am Beispiel der Lüge, die er grundsätzlich
Sokrates, Platon und Aristoteles, die zwischen Wahre erkennen zu können, sollten sie ihren ablehnt. In seinem Beispiel versteckt sich je-
469 und 322 v. Chr. lebten – Aristoteles war Verstand benutzen, der durch Wissen ge- mand bei einem Freund, auf der Flucht vor
Platons Schüler, dessen Lehrer wiederum schärft wird – für Sokrates ist Wissen der seinem Mörder. Wenn der Mörder den
Schlüssel zum moralisch guten Leben. Er
sagte: „Der Mensch handelt schlecht, wenn
er das Gute nicht weiß.“

Auch die Stoiker waren der Auffassung, es


müsse eine universale Wahrheit und so eine
objektive Moral geben, also eine Regel wie Abbildungen: Interfoto (6), Suhrkamp (1)
„Du sollst nicht lügen“, die uneingeschränkt
gilt.Aufgabe des menschlichenVerstandes sei
es, das Gute und Richtige zu erkennen. Ein
im stoischen Sinne moralisch guter Mensch
ist, wer sein Schicksal akzeptiert und erträgt.
Einer der wichtigsten Vertreter der späten
Stoa war Epiktet (50-138 n. Chr.). Seine
Schrift „Handbüchlein der Moral“, in dem
er über Sittlichkeit und Religiosität als mo-
ralische Tugenden schreibt,hatte großen Ein-
SOKRATES fluss auf das spätere Christentum. THOMAS VON AQUIN

24
S24-25_moral-philosopie 06.12.2005 13:07 Uhr Seite 3

Auch die Sophisten, zum Beispiel Protagoras


(490-411 v. Chr.), betrachteten Moral als in-
dividuell gestaltbar. Für sie ist eine Hand-
lung gut,wenn man sie gut begründen kann.
Die Sophisten waren im alten Griechenland
Lehrer, die gegen Geld Rhetorik, Denken
und Auftreten lehrten. Philosophen wie
Platon, die nicht akzeptieren wollten, dass ein
gutes Leben lehrbar, also nicht von Gott ge-
geben sein sollte, beschimpften die Sophis-
ten als Relativisten und Wahrheitsverbieger.
Die Idee einer subjektiven Moral wurde im
Lauf der Jahrhunderte von vielen Philoso-
phen aufgegriffen und weiterentwickelt.

Während die Erkenntnistheoretiker Moral


auf eine höhere Instanz zurückführen, su-
IMMANUEL KANT chen die Subjektivisten nach Begründun- ARTHUR SCHOPENHAUER
gen, warum sich Menschen moralische
Freund fragt, ob er wisse, wo der Gejagte sei, Regeln auferlegen sollten. Thomas Hobbes nung gewinnen die Umstände einer Situa-
muss der Freund die Wahrheit sagen.Kant be- (1588–1679) begründete das Entstehen von tion an Gewicht – daher beziehen sie zu
gründet diese drastische Handlung damit, Moralstandards mit dem Wunsch der Men- Kants Lügen-Beispiel ganz klar die Position,
dass es keine Ausnahme von der Moral geben schen, in einer Gemeinschaft glücklich zu- dass eine Lüge gerechtfertigt sei, weil der
dürfe. Denn: Fängt einer an zu lügen, kann sammenzuleben. Im Naturzustand, in dem Gejagte ansonsten sterben würde.
sich bald niemand mehr darauf verlassen,dass „der Mensch dem Menschen ein Wolf“ sei,
irgendjemand die Wahrheit sagt. Das müsse gebe es keinerlei Moral. Damit nicht jeder Daran knüpfen auch die Pragmatisten seit
der vernunftbegabte Mensch erkennen. jeden beraubt und mordet, schließen sich Ende des 19. Jahrhunderts an. Für sie sind
Menschen zu Staaten zusammen und schaf- Moralvorstellungen immer durch den
fen moralische Regeln, die für alle Bürger „common sense“ geprägt, der je nach Kul-
Subjektive Moral dieses Staates gelten. Diese Idee nennt die tur ganz unterschiedlich sein kann und auch
Moralphilosophie Kontraktualismus. Ein nur so lange gilt, bis sich eine Gemeinschaft
Kontrakt kann ein tatsächlicher Vertrag sein auf neue, bessere moralische Standards ei-
Im Gegensatz zu den Stoikern vertrat in der – für alle Bürger gilt: Du darfst nicht lügen, nigt. Der amerikanische Philosoph Richard
Antike Epikur (341-270 v.Chr.) die Position, sonst wirst du bestraft. Es kann aber auch Rorty (*1931), wichtigster Vertreter des
es sei moralisch, lustbetont zu leben. Damit ein „Vertrag“ im Sinne des „common sense“ Neo-Pragmatismus der Gegenwart, ergänzt
meinte er ein Leben im Einklang mit sich sein – man ist sich einig, dass man nicht lü- Immanuel Kant im Sinne des Pragmatismus
und der Natur – für ihn die höchste Le- gen sollte. daher so: „Handle stets so, dass die Maximen
bensform. Da jeder selbst entdecken muss, deines Handelns ein allgemeines Gesetz wer-
wie er mit sich in Einklang kommt, ist Mo- Mitleidsethiker wie Arthur Schopenhauer den können, aber finde dich ohne Groll da-
ral seiner Meinung nach subjektiv. (1788-1860) und Adam Smith (1723-1790) mit ab, wenn daraus nichts wird.“
sehen im Mitleid den Ursprung für morali-
sches Verhalten. Adam Smith glaubte, weil
die Menschen Empathie empfinden kön-
nen, würden sie zum Beispiel nicht stehlen.
Sie wären sich bewusst, wie schrecklich der
Diebstahl für den Bestohlenen sein kann.
Das Problem einer Mitleidsethik ist aller-
dings, dass die Menschen den Willen haben
müssen, sich in andere hineinzuversetzen.

Die Utilitaristen gingen noch einen Schritt


weiter: Für sie ist eine Handlung moralisch
gut, deren Folgen am meisten Gutes und am
wenigsten Schlechtes bewirkt.Jeremy Bentham
(1748-1832) brachte die Idee einer morali-
schen Kosten-Nutzen-Rechnung auf, der
Ökonom John Stuart Mill (1806–1873) ent-
THOMAS HOBBES wickelte sie weiter. Bei solch einer Rech- RICHARD RORTY

25
stammzellen+highschool_final 05.12.2005 10:44 Uhr Seite 2

EINZELZELLE

REINE
NERVENSACHE
Damit Boris Greber seiner Arbeit nachgehen kann,
müssen wenige Tage alte Embryos getötet werden.
Für Boris ist das kein Problem.
Texte: Meredith Haaf Fotos: Chrisian Lesemann

B
oris Greber zu überzeugen ist nicht von einer Pflanze, einer Maus oder einem krat ist fast ausschließlich mit Menschen über
einfach. „Das kann mir keiner er- Menschen kommt, ist mir völlig egal. Ich bin fünfzig Jahren besetzt und hat eine Theolo-
zählen“, ist einer seiner Lieblingssät- da eher leidenschaftslos“, sagt Boris. genquote – warum gibt es keine Quote junger
ze. „Bisher hat niemand geschafft, mir das zu Ganz im Gegensatz zu den Menschen, die das Menschen? Das sind doch diejenigen, deren
erklären“, ein anderer.Argumente ohne Be- ablehnen, was er macht. In seinem persönli- Zukunft dort entschieden wird.“ Für ihn sind
weise lässt der 29-Jährige nicht gelten. Boris chen Umfeld habe ihn zwar noch niemand es die Möglichkeiten, die seiner Generation
arbeitet am Max-Planck-Institut für mole- kritisiert. „Meine Mutter war anfangs nicht als Wissenschaftler und als Menschen versagt
kulare Genetik in Berlin. Der britische Mo- gerade erfreut darüber, dass ich Mäuse getö- werden, die ihn ärgern. So schwankt er zwi-
lekularbiologe James Adjaye ist sein Chef und tet habe. Ansonsten reagieren die Leute schen Frustration und Begeisterung, wenn er
leitet das Team Molekulare Embryologie,eine grundsätzlich positiv auf das, was ich mache.“ von einem Forschungsaufenthalt am Roslin-
von nur 13 Gruppen in Deutschland, die mit Andererseits bekommt sein Team immer wie- Institut bei Edinburgh erzählt, Heimat des
embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) von der vorwurfsvolle Post von Gegnern der em- berühmten Klonschafs Dolly. „Da sind es
Menschen arbeiten dürfen. bryonalen Stammzellenforschung.Boris kann Dutzende, die mit ES-Zellen forschen“, er-
Die geringe Anzahl hängt mit der Gesetzes- deren Haltung nicht nachvollziehen. „Viele zählt er. „Mehrere Gruppen an einem Insti-
lage in Deutschland zusammen. Zur Herstel- dieser Urteile basieren auf Unwissenheit. tut, mit denen man permanent zusammenar-
lung von ES-Zellen müssen Embryonen im Wenn ich den Leuten mal so eine Blastozy- beiten und sich austauschen kann. Hier sind
Frühstadium getötet werden. Nach Ansicht ste zeigen könnte, also einen etwa fünf Tage wir am gesamten Institut zu dritt.“ Mit hu-
des Gesetzgebers verletzt das die Würde des alten Embryo, kann mir keiner erzählen, er manen ES-Zellen arbeiten in Deutschland
Menschen, ist somit verfassungswidrig und glaube immer noch, das sei schon ein Mensch etwa hundert Wissenschaftler. Die können
verboten. ES-Zellen enthalten voll entwick- mit einer Seele.“ mit der Regelung meist besser leben als Bo-
lungsfähiges Erbgut, das macht sie für medi- Diese Frage steht im Zentrum der Debatte, ris.Stammzellen-Koryphäe Hans Schöler von
zinische Erkenntnisse auf dem Gebiet von die seit Jahren den Bundestag, den Nationa- der Uni Münster betont immer wieder, dass
Erb- und Gewebekrankheiten wichtig. Um len Ethikrat, Forscher und Feuilletonisten sich mit dem rechtlichen Rahmen gut arbei-
derartige Forschung in Deutschand nicht beschäftigt. Für die katholische Kirche lautet ten lasse. Einzig die so genannte Stichtagsre-
ganz unmöglich zu machen, ist der ES-Zel- die Antwort: Das Leben und damit der gelung, nach der importierte Stammzellen
len-Import unter strengen Auflagen erlaubt. Mensch beginnt mit der Befruchtung. Boris von Embryonen abstammen müssen, die vor
Die Zellen, die Boris seit ein paar Wochen sagt: „Das hat sich doch jemand einfach aus- dem 1. Januar 2002 gezeugt wurden, steht
sorgsam kultiviert, kommen aus den USA. gedacht.“ Für ihn und den Großteil seiner ernsthaft in der Kritik.
„Ich versuche herauszufinden, unter welchen Kollegen ist die Antwort: Ein Embryo gilt für Boris reicht das nicht. „Diese ganzen Be-
Bedingungen es ihnen am besten geht“, sie als Mensch ab dem Zeitpunkt,an dem sich schränkungen sind doch Wahnsinn. Die müs-
erklärt er und sein sonst eher lakonischer Ton- die befruchtete Eizelle in die Gebärmutter sen weg.“ Wenn die Gesetze nicht gehen,
fall wird fast zärtlich.Was für den ungeübten einnistet, ab dann entwickelt der Fötus Ner- wird er es tun. „Ich hätte kein Problem da-
Betrachter selbst unter dem Mikroskop nach venzellen. „Das sind menschliche Merkmale, mit, in ein hippes Labor in Großbritannien,
hellbraunen Flecken in Flüssigkeit aussieht, darüber muss man nicht diskutieren. Keiner Skandinavien oder den USA zu gehen.“ So
dazu hat Boris einen persönlichen Bezug. kann mir erklären, dass eine befruchtete Ei- wie es immer mehr seiner Kollegen machen.
„Da steckt schon viel Gefühl mit drin“,meint zelle ein vollwertiger Mensch sei.“ In anderen Ländern werde weniger herum-
er. Über dieses Gefühl ist er zu seinem Job Das eine ist für Boris eben ein Beweis, das geredet. „Ich finde es in Ordnung, dass über
gekommen, als er an seiner Doktorarbeit mit andere eine Interpretation. Die Diskussion diese Dinge diskutiert wird. So ein Gespräch
ES-Zellen von Mäusen arbeitete. „Wenn du werde in Deutschland einerseits von religiö- ist ja immer interessant. Aber sobald so eine
viele Stunden damit verbringst, solche Em- sen Dogmen und andererseits zu stark von Debatte den Fortschritt und die Forschung
bryonen unter dem Mikroskop zu beobach- den Alten dominiert, darin sieht er ein Pro- behindert, ist sie meiner Meinung nach über-
te, packt es dich irgendwann einfach.“ Aller- blem für seine Wissenschaft und den Fort- flüssig.“ Wer Boris vom Gegenteil überzeu-
dings bleibe eine Zelle eine Zelle. „Ob die schritt im Allgemeinen. „Der Nationale Ethi- gen will, wird es ihm beweisen müssen.

26
S26-29_stammzellen 05.12.2005 11:48 Uhr Seite 3

Links: Boris Greber bei der Entnahme von eingefrorenen Zellen aus einem
Flüssigstickstofftank. Rechts: Roboter aus der Hochdurchsatzabteilung.

STAMMZELLEN – STAND DER DINGE

Stammzellen sind die Vorläufer aller Körperzellen. Zwei Fähigkeiten chen Erbguts ist verboten, genau wie das Klonen von Menschen zu
machen sie für die Forschung wichtig: Sie bilden durch Teilung spe- reproduktiven oder therapeutischen Zwecken. Das Stammzellgesetz
zialisierte Zellen, das heißt, aus ihnen lässt sich organisches Gewebe (StZG) von 2002 versucht den Schutz des Embryos mit der For-
züchten. Sie erneuern sich – im Gegensatz zu normalen Körperzellen – schungsfreiheit zu vereinen. Es erlaubt den Import menschlicher ES-
immer wieder selbst. Forscher hoffen, aus ihnen Ersatzzellen für Men- Zellen, sofern diese vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden.Ver-
schen mit Krankheiten wie Parkinson, Diabetes oder Herzschwäche wendet werden dürfen sie nur für „hochrangige Forschungsziele“ in
gewinnen zu können. Jeder Körper enthält Stammzellen, für die For- der Grundlagenforschung und der Medizin, die Herkunft der Zel-
schung besonders attraktiv sind allerdings die embryonalen Stamm- len unterliegt strengen Auflagen. Deutsche Forscher benötigen eine
zellen (ES-Zellen). Sie lassen sich auch in vitro, also in der Kulturscha- Genehmigung vom Robert-Koch-Institut, um mit ES-Zellen arbei-
le, vielfältiger und unbegrenzt weiter vermehren. 1981 wurden erst- ten zu dürfen. Die Zentrale Ethik-Kommission für Stammzellenfor-
mals ES-Zellen schottischer Mäuse isoliert. Die ersten menschlichen schung überprüft alle Anträge und spricht daraufhin eine Empfeh-
ES-Zellen gewann James Thomson 1998 an der Universität Wisconsin. lung aus. Derzeit dürfen 13 Gruppen in Deutschland mit embryo-
Das Verfahren dafür ist höchst umstritten, da der Embryo nach fünf bis nalen Stammzellen arbeiten. Sowohl Befürworter als auch Gegner
sechs Tagen zerstört und anschließend entkernt wird, um an die ES-Zel- der Forschung mit ES-Zellen halten das StZG für einen ungenü-
len zu gelangen. genden Kompromiss. Im Zentrum ihrer Debatte steht die Frage nach
der Schutzwürdigkeit des Embryos. Setzt man den Zeitpunkt der
Rechtslage in Deutschland Menschwerdung mit der Befruchtung gleich, ist die Erzeugung und
Seit 1991 gilt das Embryonenschutzgesetz (EschG). Ein Embryo darf vorsätzliche Tötung eines Embryos zu Forschungszwecken moralisch
in Deutschland ausschließlich zum Zweck einer Schwangerschaft ge- unzulässig, da man ihn seines Rechts auf freie Entwicklung beraubt.
zeugt und eingesetzt werden.Auch die Manipulation des menschli- Für Befürworter der Stammzellenforschung setzt die Schutzwürdig-
S26-29_stammzellen 06.12.2005 14:51 Uhr Seite 4

Links: Kultur mit embryonalen Stammzellen, hundert-


fach vergrößert. Die großen Objekte sind Kolonien der
embryonalen Stammzellen, jede Kolonie besteht aus
mehreren Hundert Zellen.
Rechts: Kulturschale mit embryonalen Stammzellen

keit des Embryos als Mensch frühestens ab dem 12.Tag nach der Be- chende Embryonenforschung mit öffentlichen Mitteln gefördert wer-
fruchtung ein. Sie halten Stammzellenforschung für geboten – um den soll. Einige Mitgliedsstaaten, darunter Deutschland, lehnen dies
Menschen zu heilen oder am Leben zu erhalten. Sollte die Geset- ab, da die Forschung nicht im gesamten EU-Gebiet erlaubt ist.
zeslage dies nicht ermöglichen, geht die Zentrale Ethik-Kommissi-
on in ihrem letzten Bericht davon aus, dass „erneuter wissenschaft- Was woanders passiert
licher und ethisch-rechtlicher Diskussionsbedarf“ entstehen und ei- Tiermediziner Woo Suk Hwang aus Südkorea klonte 2004 als Erster
ne Gesetzesänderung unter Umständen notwendig werden könnte. einen menschlichen Embryo, um daraus Stammzellen zu gewinnen.
Vor kurzem gelang es ihm, ES-Zellen zu produzieren, denen das Erb-
Rechtslage international gut von schwerkranken Patienten eingesetzt worden war. Im Okto-
Es gibt kein international verbindliches Regelwerk zur Forschung ber 2005 eröffnete er die erste Stammzellenbank der Welt, die „World
an embryonalen Stammzellen. Die Generalkonferenz der UNESCO Stem Cell Foundation“. Deutsche Forscher dürfen deren Angebote
veröffentlichte 1997 die „Allgemeine Erklärung über das menschli- nicht nutzen. Ende November musste er von allen öffentlichen Äm-
che Genom und die Menschenrechte“. Diese befasst sich mit Eigen- tern zurücktreten, weil er zugeben musste, Eizellenspenden von Mit-
schaften und Schutz des menschlichen Genmaterials. Ausdrücklich arbeiterinnen angenommen zu haben. In England haben es Wissen-
verboten wird nur das reproduktive Klonen von Menschen. Jeder schaftler 2005 geschafft, unreife Spermien aus ES-Zellen zu züchten.
Staat hat die Aufgabe, „Rahmenbedingungen für die freie Ausübung Sie hoffen, bald auch künstliche Eizellen herstellen zu können. So
der Forschung am menschlichen Genom“ zu schaffen und zu kon- könnte es in zehn Jahren möglich werden, dass beispielsweise zwei
trollieren, dass dabei ethische und rechtliche Grundsätze eingehalten Männer ein gemeinsames Kind bekommen, ohne dass die Eizelle ei-
werden.Auch im ersten„Übereinkommen über Menschenrechte und ner Spenderin benötigt wird. Im belgischen Reproduktionszentrum
Biomedizin“ des Europarats von 1997 werden keine Regeln für die Brüssel sind 2005 durch künstliche Befruchtung erstmals Babys mit
Stammzellforschung festgeschrieben. Nur die Erzeugung menschli- ausgewähltem Genmaterial zur Welt gekommen.
cher Embryonen zu reinen Forschungszwecken ist verboten. In der
Europäischen Union wird derzeit vor allem diskutiert, ob verbrau-
☞ Auf www.fluter.de:Wann beginnt das Leben? Ist Sterbehilfe richtig?
Der Nationale Ethikrat versucht,Antworten zu finden.

28
stammzellen+highschool_final 05.12.2005 10:45 Uhr Seite 5

Lisi Wasmer, 17,


derzeit in den USA

HAUSAUFGABEN:
WAHRHEIT UND EHRE
An einer amerikanischen Highschool können ganz andere Regeln gelten
als an einer deutschen Schule. Zumindest unter der Woche.
Text: Lisi Wasmer

Ich verbringe die elfte Klasse in der Portsmouth Abbey tens von der Schule geworfen. Für solche Fälle hat die
School, Rhode Island, einem katholischen Internat. Hier Schule ihren hauseigenen Zerberus, der über die Schul-
kann man schön leben – solange man anständig bleibt. ordnung und deren Einhaltung wacht: ein Riese,Trainer
Das macht einem die Schulverwaltung schnell klar. Nach- der Männer-Basketballauswahlmannschaft. Man kann nur
dem ich mich beworben hatte, kam gleich zusammen mit hoffen, dass man nicht eines Tages in sein Büro gebeten
der Zusage das Students’ Handbook mit einer Notiz: Es wird.
sei sehr wichtig, das zu lesen und den Inhalt auch im Ge- Von außen wirkt die Abbey wie das Musterbeispiel einer
dächtnis zu behalten. Der Inhalt: Schulregeln. Zuerst die akademischen Einrichtung, besucht von jungen, aufstre-
Kleiderordnung, allgemeine Regeln wie Lernzeiten, dann benden, frommen, keuschen Schülern. In der Tat zahlen
zehn Seiten über Wahrheit und Ehre. einige Eltern viel Geld, um ihre ungehorsamen Kinder,
Manche hier hätten das Handbuch vielleicht genauer le- bisweilen gegen deren Willen, für ein Jahr oder länger
sen sollen.Wie Simon, der acht Strafstunden in der Cafe- hierher zu schicken, weil sie glauben, dass ihnen hier Dis-
teria abzuarbeiten hat, weil er sich beim Rauchen auf dem ziplin und Respekt vermitteln werden. Meine Zimmer-
schuleigenen Tennisplatz hat erwischen lassen. Alle seine nachbarin ist hier, weil sie zweimal von zu Hause wegge-
Freunde werden ihn auslachen oder zumindest einen laufen ist. Und im Footballteam ist ein Junge, der Proble-
schlechten Witz reißen, wenn sie ihn sehen. Oder Leah. me mit Drogen hatte. Die einzige Regel, die sich die
Sie hat Campusarrest und muss Sozialstunden machen, Schüler selbst gesetzt haben,lautet:Nicht erwischen lassen.
weil sie einen Pullover gestohlen hat. Außerdem weiß jeder,dass die Wochenenden die bes-
Natürlich gab es schon Schlimmeres:Vor vier te Möglichkeit für Zigaretten,Alkohol und Sex
Jahren hat jemand zwei Schüler beim Sex bieten. Wer will, kann sich also nach Lust
unter der Treppe im Schulhaus gefilmt und und Laune vom braven Alltag erholen, um
das Video ins Internet gestellt. Schulverweis, einen Tag später wieder den artigen Schüler
klar. Die Lehrer sagen, es war skandalös. Die zu mimen, respektvoll, diszipliniert, den
Schüler finden es lächerlich. Schüler, die ge- Kopf ständig in den Büchern – und
gen Schulregeln verstoßen, sind allerdings in Gedanken vielleicht schon wieder
nicht gerade beliebt. Als ich einmal Är- beim nächsten Wochenende.
ger mit der Schulverwaltung hatte, weil ich Vielleicht ist es aber gar nicht so
meine Matheklasse geschwänzt hatte, habe ich schlecht, dass ich hier zum Anstand „ge-
von meinen Mitschülern manch bösen Blick zwungen“ werde, dann hätte mich die
zugeworfen bekommen. Ganz schlimm er- Schule doch tatsächlich was für das Le-
wischt es diejenigen, die abschreiben. Nicht ben gelehrt.Aber die Lehrer in meiner
nur, dass auf jedem Test eine kleine Zeile für Schule in Deutschland muss ich in ei-
die Ehrenunterschrift steht, mit der man ver- nem enttäuschen: Wenn mich jemand
spricht, den Test ganz allein und ohne jeg- in einer Klausur um Rat fragen wird
liche Form von Betrug bestritten zu haben; oder ich jemanden spicken sehe, werde
wer abschreibt, wird verpetzt und meis- ich ihn sicher nicht verpetzen.
moral-ummoralisch-final.qxd 05.12.2005 10:06 Uhr Seite 2

REINIGUNGSKRAFT

„DER
WESTEN
IST
NICHT
DAS ZIEL“

New York, Bali, Djerba, London – westliche Ziele


oder Touristen sind häufiges Ziel islamistisch
motivierter Terroranschläge.Warum eigentlich? Ian Buruma,
Historiker und Kulturanalytiker,
hat ein paar Antworten.

Interview: Dirk Schönlebe Fotos: Christian Lesemann


moral-ummoralisch-final.qxd 05.12.2005 10:06 Uhr Seite 3

31
moral-ummoralisch-final.qxd 05.12.2005 10:06 Uhr Seite 4
moral-ummoralisch-final.qxd 05.12.2005 10:06 Uhr Seite 5

„Wir haben in den Augen der Terroristen keine Seele.“

Herr Buruma, islamische Terroristen geboren.Menschen die heute nicht nach dem Hauptkonflikt spielt sich im Inneren der is-
rechtfertigen Anschläge gegen westliche puren Islam leben, sind also nicht nur igno- lamischen Welt ab. Zwischen denen, die den
Ziele auch damit, dass der Westen un- rant, sie sind barbarisch. Wir haben in den Islam mit mehr oder weniger säkularen de-
moralisch und verkommen sei.Was wer- Augen der Extremisten keine Seele. mokratischen Institutionen vereinen möch-
fen sie dem Westen konkret vor? Wäre es in Ordnung, wir würden strikt ten, und denen, die einfach einen rein isla-
Für die Terroristen ist der Westen ein Hort nach christlich-religiösen Grundsätzen mischen Staat wollen.
der Sünde, gottlos, seelenlos, materialistisch, leben, zum Beispiel nach der katholi- Die Anschläge vom 11. September 2001
sexuell zügellos.Warum? Weil wir im Westen schen Morallehre? in New York richteten sich gar nicht ge-
nicht ein Leben reinen Glaubens leben.Wir Nein.Wir haben es mit einer revolutionären gen den Westen?
leben deren Ansicht nach für materielle Din- Bewegung zu tun, die ein Ziel hat: reine is- Noch mal: Wir haben es mit einer revolu-
ge, wie Maschinen.Wir sind korrupt, wir sind lamische Staaten, vor allem im Nahen Osten. tionären Bewegung zu tun.Wie jede revolu-
Barbaren.Wir leben, um reich zu werden, um Es ist also ziemlich irrelevant, ob die Men- tionäre Bewegung braucht auch diese Pro-
ein angenehmes Leben zu haben. schen im Westen wieder zu gläubigen Chris- paganda,um Anhänger zu gewinnen.Die An-
Ein angenehmes Leben führen zu wol- ten werden. Solange die Extremisten nicht schläge waren Propaganda. Grausam, aber
len ist also ein moralisches Problem? ihre rein islamischen Staaten haben, wird die großartig für ihre Zwecke. Es waren symbo-
Für jemanden, der für den Glauben lebt, für Revolution weitergehen. lische Ziele,wie der Westen symbolisches Ziel
die Unterwerfung unter Allah und für die An- Und wie lange? und Stellvertreter in einem Kampf ist, der im
betung von Allah, ist das ein Problem. Der Das erste Ziel sind rein islamische Staaten im Inneren des Islam stattfindet.
Hauptvorwurf islamischer Extremisten ist un- Nahen Osten. Am Ende vielleicht der Islam Warum ist der Moralvorwurf an den
sere religiöse Ignoranz. Sie nennen das Jahi- auf der ganzen Welt. Aber es ist wichtig, ei- Westen so populär?
liyya. Jahiliyya bezeichnete ursprünglich die nes zu verstehen: Der Westen ist eigentlich Die meisten Regierungen in arabischen Län-
Zeit in der arabischen Welt vor der Ankunft gar nicht das Ziel dieser Moralkritik. dern sind keine islamischen Regierungen, es
des Propheten Mohammed,als die Menschen Sondern? sind säkulare Regierungen; Monarchien,
noch verschiedene Götter und Götzen an- Die Vorwürfe der Extremisten richten sich Polizeistaaten – unterstützt vom Westen. Jun-
beteten. Sie lebten in Unwissenheit, weil der gegen die säkularen Regime des Nahen ge Leute, die sich in diesen Polizeistaaten un-
Prophet noch nicht geboren war. Heute wird Ostens. Sie halten den Westen vor allem des- terdrückt fühlen, haben keine Möglichkeit,
es noch schärfer gebraucht, denn es gibt ja halb für barbarisch, weil der Westen die kor- ihre Frustration politisch zum Ausdruck zu
keine Entschuldigung für Ignoranz mehr, der rupten säkularen Regime des Nahen Ostens bringen.Also suchen sie sich ein anderes Feld
Prophet wurde ja schon vor Jahrhunderten unterstützt, die korrupten Eliten dort. Der zur Rebellion – die Religion. Besonders gut

33
moral-ummoralisch-final.qxd 05.12.2005 10:06 Uhr Seite 6

„Die Idee einer Gesellschaft,


die auf dem reinen Islam basiert, ist eine Utopie.“

wirkt die Propaganda seit der amerikanischen ist – Gemeinschaft statt Gesellschaft.Dort gibt Diktatoren. Das Problem ist, dass es da in
Invasion des Irak. Denn jetzt sieht es für vie- es einen gemeinsamen Willen, alle glauben Wahrheit nicht sehr viel Spielraum gibt für
le Menschen in der islamischen Welt so aus, an das Gleiche, es herrscht Harmonie, weil es den Westen,weil der Westen zugleich nicht zu
als ob der Westen sich im Krieg mit dem ja keinen Konflikt gibt, wenn alle an die glei- sehr in die Politik dieser Länder eingreifen
Islam befindet. Und das ist genau das, was che Idee glauben, alle sind vereint in der Ver- sollte. Das andere: Eine Hauptrekrutierungs-
Al-Qaida will, dass die Menschen glauben. ehrung eines Gottes oder eines Führers. quelle des Extremismus ist in den westlichen
Aber gerade die jungen Leute benutzen Woher kommt diese Vorstellung? Ländern selbst zu finden – die schlechte Si-
doch westliche Technologien, bewun- Es ist ein Phänomen der menschlichen Ge- tuation der zweiten und dritten Einwande-
dern westliche Filmstars. schichte, dass man Gemeinschaften hat, Men- rergeneration. Da kann vor allem in Europa
Ja, natürlich.Aber es ist eine religiöse Rebel- schen, die an Reinheit glauben, und Men- noch viel getan werden, um zum Beispiel
lion und diejenigen, die rebellieren, verdam- schen, die vermeintlich unrein sind, korrupt, Kindern von Immigranten zu verstehen zu
men all das. Zum Teil gespeist aus politischer seelenlos. Die Reinheit kann Reinheit des geben, dass sie als vollwertige Bürger angese-
Unterdrückung, zum Teil aus Frustration: Sie Glaubens sein, Reinheit der Rasse, was auch hen werden, und man ihnen nicht das Ge-
hätten gern mehr von diesen Dingen.Aber es immer. Das gab es schon bei den Griechen: fühl gibt, sie seien Außenseiter. Das würde es
hat etwas von einer Doppelmoral. Die hielten jeden, der außerhalb ihrer grie- weniger wahrscheinlich machen, dass sich
In was für einer Gesellschaft wollen die chischen Welt lebte, für einen Barbaren. diese Leute dem radikalen Islam anschließen.
Extremisten leben? Die Vorstellung ist also nicht exklusiv Wer wird den Konflikt innerhalb des Is-
In einer liberalen Demokratie ist die Idee von im Islam angelegt? lam für sich entscheiden können?
Gesellschaft: Wir leben in einem Staat zu- Nein,das ist in keiner Kultur speziell angelegt. Auf lange Sicht wohl die Säkularen. Es ist
sammen, der Staat besteht aus Individuen, je- Wie kann der Westen sein unmoralisches schwer vorstellbar, dass eine Mehrheit der
der hat Rechte, jeder kann hart arbeiten für Image verbessern? Muslime nach den Standards der reinen Leh-
sein eigenes Fortkommen, es ist einfach eine Der Westen sollte sich deutlicher von den sä- re leben möchte. Die Idee einer Gesellschaft,
Gesellschaft von Individuen. Da gibt es im- kularen Diktaturen des Nahen Ostens dis- die auf dem reinen Islam basiert, ist eine Uto-
mer Interessenkonflikte, die friedlich ausge- tanzieren und nicht einfach fortfahren, mit pie.Auf kurze Sicht können die Extremisten
fochten und dann geregelt werden, durch po- ihnen Geschäfte zu machen. Denn genau das aber eine Menge Schaden anrichten.
litische Debatten zum Beispiel.Die Extremis- hinterlässt im Nahen Osten den Eindruck,
ten haben eine andere Vorstellung von Ge- der Westen habe eine Doppelmoral: Einer- Buch: Ian Buruma, Avishai Margalit: Okziden-
sellschaft, die näher an der klassischen deut- seits reden wir über Demokratie und Frei- talismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde.
schen romantischen Idee einer Gemeinschaft heit, andererseits machen wir Geschäfte mit München, 2005.

34
S30-35_moral-ummoralisch 05.12.2005 11:53 Uhr Seite 7
S36-37_scheinehe 06.12.2005 13:11 Uhr Seite 36

HOCHZEITSGESCHENK

DEUTSCH FÜR
AUSLÄNDER
Wer jemanden wegen einer Aufenthaltsgenehmigung
heiratet, macht sich strafbar. So wie Bernd.
Textcollage: Max Scharnigg Foto: Christian Lesemann

I
ch habe Fatima über ihren Bruder ken- fahrungen hatten. So wussten wir, dass wir auf geachtet, dass sie uns ab und an als Ehe-
nen gelernt. Mit ihren Verwandten war zunächst den Anfangsverdacht zerstreuen paar mitbekommen. Eine Liebesbeziehung
ich schon länger in Kontakt; die wussten müssen, indem wir immer zusammen und war bei uns aber nie ein Thema, wir hatten
auch, dass ich prinzipiell zur Schutzheirat be- möglichst selbstbewusst im Standesamt und sogar darüber geredet, dass das eher von
reit bin.Wir haben dann länger darüber ge- bei der Ausländerbehörde auftreten, ganz Nachteil wäre, wenn es dann mit der Bezie-
sprochen und dieVorteile lagen auf der Hand: selbstverständlich als verliebtes Paar. Finanzi- hung schief geht und Eifersucht ins Spiel
Fatima war noch im Asylverfahren, in erster ell gab’s auch keine großen Schwierigkeiten. kommt. Das klingt theoretisch, aber wir hat-
Instanz abgelehnt, mit der vagen Möglich- Ich hatte eine feste Arbeit und es war so ver- ten wirklich keine näheren Gefühle fürein-
keit, vor Gericht noch einen Status zu be- abredet, dass „meine Frau“ auch sofort Arbeit ander. Fatima ist regelmäßig zu Besuch ge-
kommen. Das war aber sehr unsicher, es hätte suchen musste. Denn entweder arbeiten bei- kommen, gewohnt hat sie bei einer Freundin,
ewig dauern können. Fatima war zu der Zeit de oder beide leben von Sozialhilfe, die ge- natürlich ohne Registrierung. Sie hat öfter
psychisch sehr angeschlagen, musste in einem genseitige Unterhaltspflicht macht ansonsten samstags die Flurtreppe geputzt, um im Haus
ziemlich beschissenen Wohnheim wohnen, Probleme.Wir haben auch gleich einen Ehe- aufzufallen. Einmal war jemand von der Aus-
durfte erst gar nicht arbeiten und dann nur länderbehörde da und hat eine Nachbarin be-
nach der so genannten „Bevorrechtigungs- fragt, was die uns später auch erzählt hat. Das
regelung“, wo man allenfalls die beschis- war aber alles, wir hatten die ganzen Jahre,
sensten Jobs bekommt. Die Heirat war für sie EINE bis Fatima einen eigenen unbefristeten Auf-
der einzige Lichtblick. LIEBESBEZIEHUNG enthaltsstatus bekommen hat,keine Probleme.
Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit Wir sind mit zwei weiteren „Ehepaaren“ be-
Antirassismus und bekomme auch immer WAR NIEMALS EIN freundet und haben uns mit denen oft aus-
wieder mit,wie Leute abgeschoben oder aus- THEMA. getauscht. Bei dem einen Paar, wo die Frau
gewiesen werden. Schutzheirat war deshalb den deutschen Pass hatte und der Mann
immer eine notwendige und berechtigte Op- außerdem jünger war, lief es gleich viel schär-
tion für mich. Ich sehe darin auch eine Mög- fer, da ließ sich der Generalverdacht nicht
lichkeit, Privilegien, die ich mit meinem vertrag abgeschlossen, um Fragen wegen ausräumen. Die hatten mehrfach Hausbesu-
deutschen Pass habe, weiterzugeben bezie- Gütertrennung und Rentenansprüchen so che, zuerst unangekündigt. Da war die Frau
hungsweise sinnvoll zu nutzen.Weil wir uns abzuklären,dass keinerleiVerpflichtungen für- allein zu Hause und hat abgelehnt,den Behör-
über ihren Bruder kannten, hatte sie Ver- einander bestehen. Alle zusätzlich anfallen- denmensch hereinzulassen. Die wollen dann
trauen, dass ich mich fair verhalte.Abhängig den Kosten, das war auch verabredet, musste ja nachsehen, ob Kleider des Ehepartners da
war sie natürlich, aber die Situation war doch Fatima tragen – ich konnte mir finanzielle sind, die berühmte Zahnbürste, ob eben ein
sehr geklärt und irgendwie auch kontrolliert, Nachteile durch die Heirat nicht leisten. gemeinsamer Haushalt geführt wird.Effizient
auch weil wir mit verschiedenen Freunden Für die Hochzeit hatten wir Ringe ausgelie- finde ich Schutzheiraten auf jeden Fall, denn
und Freundinnen darüber geredet haben.Die hen, ein paar Freunde und Freundinnen ein- es wird ja jedes Mal das konkrete Bleiberecht
Frage der Abhängigkeit ist damit aber nicht geladen und eben ein bisschen Theater ge- für einen Menschen durchgesetzt. Es sind be-
ganz beantwortet. Eindeutig ist die Person spielt. Das hat sogar Spaß gemacht.Als Zwei- stimmt nicht wenige, die damit Erfolg haben.
mit deutschem Pass immer in der Lage, durch tes war wesentlich, eine gemeinsame Melde-
einen Scheidungsantrag den Aufenthalt und adresse anzugeben. Getrennte Wohnsitze ma- Das Protokoll ist mit Material aus „SCHUTZ-
damit oft ja die ganze Existenz der/des an- chen die Ausländerbehörde misstrauisch. Das EHE – ein Interview mit einem so genannten
deren platzen zu lassen. war bei uns kein Problem, meine Wohnung ‘Scheinehepaar’“ erstellt, das unter www. schutze-
Wir hatten uns auf die Heirat gut vorberei- war gerade noch groß genug und der Ver- he.de zu finden ist. Die Identität der Gespräch-
tet, eine Menge Informationen gesammelt mieter hat keine dummen Fragen gestellt. spartnerInnen sind der Herausgeberin von
und mit Leuten gesprochen, die schon Er- Wir haben auch bezüglich der Nachbarn dar- www.schutzehe.de nicht bekannt.

36
scheinehe-final-neu 05.12.2005 10:11 Uhr Seite 37

der eingewanderte Partner nicht mit dem Ge- setzbuch kann das mit bis zu drei Jahren Haft
Scheinehe setz in Konflikt, erhält er ein eigenständiges oder einer Geldstrafe geahndet werden. Meist
Eine Scheinehe ist eine formal gültige Ehe, Aufenthaltsrecht. Nach drei Jahren Ehe kann kommt es mindestens zu einer Verurteilung
die nur geschlossen wird, um einem oder bei- eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bean- wegen „Falschbeurkundung“ oder „falscher
den Partnern einen Vorteil zu verschaffen, der tragt werden – das Ziel vieler Scheinehen. uneidlicher Aussage“. Beim deutschen Part-
oft in Verbindung mit dem deutschen Aus- Wer eine Scheinehe eingeht, verstößt gegen ner kann die Staatsanwaltschaft zudem „Un-
länderrecht steht. Heiratet ein Partner ohne geltende Gesetzte. Er macht sich des „Ein- terstützung illegalen Aufenthalts“ beklagen.
deutschen Pass eine/n Deutsche/n, hat er schleusens von Ausländern“ schuldig – auch, 2003 wurden in Deutschland 2965 Scheinehen
zunächst das Recht auf eine Aufenthaltser- wenn für die Vermittlung des Scheinehepart- strafrechtlich erfasst, knapp fünf Prozent der
laubnis. Besteht die Ehe zwei Jahre und gerät ners kein Geld gezahlt wurde. Laut Strafge- binationalen Ehen mit deutschen Partnern.

37
moral-korruption_final 05.12.2005 9:42 Uhr Seite 2

WASCHSALON
moral-korruption_final 05.12.2005 9:42 Uhr Seite 3

AN DEN WEISSEN
KRAGEN
Es ist eine der wenigen Wachstumsbranchen des Landes –
und Wolfgang Schaupensteiner geht dagegen vor. Ein Besuch bei
Deutschlands erfolgreichstem Korruptionsfahnder.
Text: Johannes Nitschmann Fotos: Christian Lesemann

D
er Oberstaatsanwalt überfällt den Im Laufe der Jahre hat Schaupensteiner vie- „Korruption ist effektiv, attraktiv und lukra-
Besucher gleich mit einem Überra- les erlebt. Da war der als tüchtig geschätzte tiv“, provoziert Schaupensteiner. Die Ge-
schungsangriff.„Haben Sie noch nie Leiter des städtischen Frankfurter Gartenam- schäfte in dieser „Wachstumsbranche“ liefen
jemanden bestochen?“, fragt Wolfgang Schau- tes,den sie wegen seiner herrischen Art „Don heimlich, still und leise. In mindestens 95 von
pensteiner. Deutschlands gefürchtetster Kor- Alfonso“ nannten. Systematisch hatte der Be- 100 Fällen, schätzt er, bleiben Bestechender
ruptionsjäger kennt die Versuchungen. Aus amte über 22 Jahre seine Stellung als Amts- und Bestochener unentdeckt. Der volkswirt-
dem Fenster seines Büros in einer Neben- träger missbraucht und bei Handwerksfir- schaftliche Schaden der Korruption beläuft
straße der geschäftigen Frankfurter „Zeil“ men, die mit der Stadt ins Geschäft kommen sich bundesweit auf etwa sechs Milliarden Eu-
guckt der 57-jährige Oberstaatsanwalt bei- wollten, kräftig abkassiert. „Don Alfonso“ ro. Dennoch ist der Frankfurter Oberstaats-
nahe täglich in die Kochtöpfe der Luxus- nahm nicht nur Bares.Von den um städtische anwalt von der Wirkung seiner Sisyphusarbeit
köche eines noblen Vier-Sterne-Hotels. „Sie Aufträge buhlenden Handwerkern ließ er sich überzeugt. „Wir haben ein tolles Gesell-
laden mich zum Essen ein und ich erzähle den Zaun seiner privaten Ranch errichten schaftssystem, es gibt nur zu viele, die es ge-
ihnen ein bisschen mehr, als ich dies sonst und regelmäßig die Heuernte einfahren. fährden.“
täte“, lockt Schaupensteiner den Journalisten. Auch reinrassige schottische Hochlandrinder Mit Verve kämpft Schaupensteiner gegen die
Eine pure Provokation. wurden ihm spendiert. Sogar ein 2796 Mark „ethisch-moralischeVerschlampung“ unserer
Der drahtige Fahnder mit der schlohweißen teures Blumenarrangement zur Beerdigung Gesellschaft.In Rathäusern und Banktürmen,
Föhnfrisur ist ganz und gar unbestechlich. Er seiner Mutter lief bei „Don Alfonso“ über in feinen Villen und vornehmen VIP-Etagen.
jagt Beamte und Banker, Professoren und das Bakschischkonto. Weniger luxuriös residiert Schaupensteiner
Prominente, bei denen eine Hand die ande- „Korruption hat was mit Macht und Macht- in seinem Büro, das zwischen einem Möbel-
re wäscht.Vor wenigen Wochen verhaftete missbrauch zu tun“, lautet Schaupensteiners haus und einem Musikverlag in der Frank-
Schaupensteiner den ARD-Sportjournalisten Diagnose des „Homo corruptus“. Bei seinen furter Innenstadt liegt. Die hellbraun fur-
Jürgen Emig. Unter dem Tisch soll Emig Ermittlungen sei er immer wieder auf Un- nierten Aktenschränke stammen aus der Ge-
dafür kassiert haben, dass er Sportveran- ternehmer gestoßen, die sich für irgend- fängnisschreinerei. Die Bilder und Grafiken,
staltungen und deren Sponsoren ins Fernse- welche Amtsträger „zum Lakaien gemacht die an den Wänden hängen,sind eigene Hand-
hen brachte. Ein typischer Fall von Korrup- haben“. Ein Firmenboss habe sich sogar auf arbeit. Schaupensteiner ist kein Asket. Er geht
tion. Seit 1987 ist Schaupensteiner mit einem den Partys eines Stadtbeamten als Kellner an- gern gut essen und fährt einen flotten Alfa
vierköpfigen Spezialtrupp Korruptionsfällen gedient. „Die Realität übertrifft alles“, zischt Spider.Aber er hat Prinzipien. „Zuverlässig-
auf der Spur, sein Menschenbild hat durch der Oberstaatsanwalt mit leisem Ekel in der keit, Loyalität, Ehrlichkeit“, das habe ihm sein
die Fahndungsarbeit gelitten.„Der Mensch ist Stimme. Über die skurrilsten Anekdoten sei- preußisches Elternhaus anerzogen.
geldgierig und rachsüchtig.“ Als Beleg zitiert ner Ermittlungsarbeit hat Schaupensteiner Wenn der begeisterte Hobbymaler ein Sitten-
er eine Forsa-Umfrage: 65 Prozent der Bun- jüngst ein Buch geschrieben. Vieles darin gemälde dieser Republik entwirft,greift er zu
desdeutschen würden bestechen, wenn es klingt nach Abu Dhabi oder Sizilien.Aber auf düsteren Farben. Er klagt über „den Rückzug
ihrem eigenen Vorteil diente. „Jeder hat sei- den 227 Seiten geht es um weit verzweigte ins Private, verbunden mit der Verweigerung,
nen Preis“, sagt Schaupensteiner. „Wo inves- Beziehungsgeflechte in deutschen Amts- Verantwortung zu übernehmen“. Er konsta-
tiert wird, wird geschmiert, wo viel investiert stuben, die über Jahrzehnte gewachsen sind – tiert „eine zunehmende soziale Skrupellosig-
wird, wird viel geschmiert.“ unbemerkt von Justiz und Öffentlichkeit. keit“. Er bedauert „die Flucht, insbesondere

39
moral-korruption_final 05.12.2005 9:42 Uhr Seite 4

FAIR PLAY
Wirtschaftspsychologen wie der mehrfach ausgezeichnete Österreicher Simon Gächter,Professor für „Psychology
of Economic Decision Making“ an der Universität Nottingham, haben in den vergangenen Jahren Experimente
entwickelt, um menschliche Entscheidungen im Wirtschaftsleben zu erforschen. Gächter behauptet, der Mensch
strebe nicht nach Eigennutz, sondern nach Fairness.

Herr Gächter, wenn der Mensch nach gen und auf das Wohl der anderen wird
Fairness strebt, fehlt dann vielen Mana- Rücksicht genommen.
gern ein Fairness-Gen? Wie können Sie die Bereitschaft zu Kor-
Ich glaube nicht, dass man es an den Genen ruption und Steuerhinterziehung er-
festmachen kann. klären?
Wie haben Sie nachgewiesen, dass der Ein Spiel, bei dem die Teilnehmer Geld in
Mensch nicht allein von Eigeninteres- einen gemeinsamen Topf legen können, lässt
sen gelenkt wird? Rückschlüsse auf die Steuermoral zu. Die
Wir entwerfen „Spiele“, bei denen klar ist, Leute sind bereit einzuzahlen,wenn sie glau-
was Eigeninteresse wäre und welches Ver- ben, dass auch die anderen mitmachen. Je
halten Fairness bedeuten würde. Beim mehr sie glauben,die anderen tun was in den
„Diktator-Spiel“ bekommt man zehn Euro Topf,desto stärker sind sie bereit,selbst etwas
und muss entscheiden, ob man das Geld in den Topf zu legen. Das bedeutet, wenn
komplett für sich behält oder ob ein anony- die anderen Steuern hinterziehen, korrupt
mer anderer etwas abbekommt.Wer eigen- sind oder den Sozialstaat ausnutzen,führt das
nützig orientiert ist, würde ganz einfach sa- dazu, dass viele Leute denken: Ja, wenn die
gen: Super, ich bekomme zehn Euro! – und das tun,mache ich das auch – ich bin ja nicht
nach Hause gehen.Aber wer bereit ist zu tei- der Dumme.Diese Art von Psychologie kann
len, wird sagen: Okay, ich hab jetzt Glück man mit dem Spiel studieren und feststellen,
gehabt. Ich gebe was ab. dass Fairness eine wichtige Motivation ist.
Und es gibt Leute, die etwas abgeben? Trotzdem hat man den Eindruck, dass
Mehr als die Hälfte gibt etwas ab. Meist drei jemand, der Ellbogen einsetzt, im Leben
bis vier Euro. Frauen etwas mehr als Män- weiter kommt als jemand, der nach mo-
ner. Warum, wissen wir nicht. Fest steht: ralischen Maßstäben entscheidet.
Wenn man das Geld behält, ist das eigen- Das glaube ich nicht. Wenn sich heute je-
nützig motiviert. Wenn man etwas abgibt, mand zu offen als Ellbogenmensch darstellt,
heißt das: Ich bin bereit zu teilen. Das zeigt: versuchen die Leute, nichts mit ihm zu tun
Das menschliche Verhalten kann nicht nur zu haben. Das ist auch der Grund, warum
eigennützig motiviert sein. sich die Leute über Ackermann und Esser
Müssen wir unsere Schulbücher um- aufregen. Es gibt eine Vorstellung von Fair-
schreiben? Von Thomas Hobbes bis ness, und wenn Leute das Gefühl haben, an-
Adam Smith steht doch der Egoismus dere kassieren ab,während sie selbst von Ent-
im Vordergrund. lassung bedroht sind,finden das die Leute ex-
Inzwischen wissen wir: Dass Menschen im- trem unfair. Ich glaube nicht, dass der Ellbo-
mer egoistisch sind, ist zum Glück eine fal- genmensch auf lange Sicht einen Vorteil hat.
sche Annahme. Es gibt Fairnessvorstellun- Interview: Marco von Eisenack
moral-korruption_final 05.12.2005 9:42 Uhr Seite 5

der Jugend, in eine oberflächliche Zerstreu- Korruption im Einzelfall nach dem Strafge- Schaupensteiner ist ein Verfechter der Volks-
ungskultur und Spaßgesellschaft“.Dieser mo- setzbuch genauso hart sanktioniert werden pädagogik. Er ist Jäger und Heger zugleich.
ralische Werteverfall begünstige einen „egois- wie der Totschlag: mit einer Freiheitsstrafe An den Frankfurter Korruptionsaffären will
tischen Materialismus“ – den Resonanzbo- von bis zu zehn Jahren.Doch in elitären Wirt- er die sozial schädlichen Praktiken der Schat-
den für die Korruption.Bisweilen mutiert der schaftskreisen sei die Korruption durchaus tenwirtschaft exemplarisch ans Licht der Öf-
Fahnder zum Moralapostel. „Zehn Gebote gesellschaftsfähig, sagt Schaupensteiner. Er fentlichkeit zerren, um ein Bewusstein für
der Korruptionsbekämpfung“ hat Schau- zieht einen Zeitungsartikel hervor. Darin dieses „flächendeckende Kriminalitätsphä-
pensteiner aufgestellt, um „gesellschaftliche bricht der Leitartikler eine Lanze für Bak- nomen“ zu schaffen, „das die Grundfesten
Fehlentwicklungen“ zu korrigieren. Kor- schischzahlungen: „Korruption ermöglicht staatlicher Autorität und das Prinzip des frei-
rupte Firmen sollen künftig auf schwarze Lis- en Wettbewerbs erschüttert“.
ten („Korruptionsregister“) kommen und Im Sommer 2001 hatte Schaupensteiner über
mindestens fünf Jahre von allen öffentlichen „WER ZU SPÄT KOMMT, 200 Beschuldigte im Frankfurter Hochbau-
Aufträgen ausgeschlossen werden. „Ich will, amt in seinem Visier. Er stellte ihnen öffent-
dass es fair zugeht“, sagt Schaupensteiner. DEN BESTRAFT DIE lich ein Ultimatum.Wer sich selbst offenbare,
„Mit jedem Korruptionsfall werden doch JUSTIZ.“ dürfe mit Strafrabatt rechnen, kündigte er
ehrliche Anbieter verdrängt.“ über die Medien an. Lediglich 18 bestoche-
Langsam zeigt die Arbeit der Korruptions- ne Amtsträger meldeten sich.Von den 65 ver-
aufklärer Wirkung. Fast jede größere deut- Investitionen und Innovationen.“ Außerdem, dächtigten Firmen ging kein einziger Mitar-
sche Staatsanwaltschaft beschäftigt inzwischen so heißt es in dem Artikel weiter, bringe beiter freiwillig zur Staatsanwaltschaft. Nach
Spezialfahnder wie Schaupensteiner. Im in- „speed money“, wie Bestechungsgeld im Ablauf der Frist trat Schaupensteiner vor die
ternationalen Antikorruptionsindex ist yuppiehaften Branchenjargon verharmlost Presse und verkündete den ersten Haftbefehl
Deutschland zuletzt um zwei Plätze auf Rang wird, „die Bürokraten auf Trab und wirkt oft gegen einen prominenten Unternehmer.
15 nach oben gerutscht, liegt aber immer wie eine leistungsgerechte Entlohnung“. Für „Wer zu spät kommt, den bestraft die Justiz.“
noch deutlich hinter Ländern wie Neusee- den Oberstaatsanwalt ist das einfach „mora- Frankfurter Rechtsanwälte empörten sich
land und Singapur. Die Ausbreitung der Kor- lischer Werteverfall“. über „diese Wildwestmethoden“.
ruption könne nur eingedämmt werden, Schaupensteiners Fahndungspraktiken sind Schaupensteiner lässt solche Kritik kalt. Gern
wenn „wieder ethisch-moralische Maßstäbe nicht unumstritten. Meist rücke der Frank- würde er noch energischer ermitteln, um den
unser Verhalten bestimmen und nicht die furter bei seinen Hausdurchsuchungen gleich Korruptionssumpf in und um Frankfurt
berechnende Abwägung eines Vorteils durch mit einem Haftbefehl an, um von den Be- trockenzulegen. Doch es fehlt an Fahndern
eine Normverletzung“, doziert Schaupen- schuldigten mit der Drohung der Gefängnis- und es mangelt den Ermittlungsbehörden an
steiner an dem quaderförmigen Glastisch in zelle ein Geständnis „abzupressen“, kritisie- moderner Bürotechnik, um zumindest Waf-
seinem Fahndungsbüro. Im Gegensatz zur ren Strafverteidiger. Einflussreiche Wirt- fengleichheit mit den Kriminellen im weißen
Straßenkriminalität trete Korruption nicht schaftsfunktionäre beklagen, Korruptions- Kragen herzustellen. Schaupensteiner hebt
offen zu Tage. Diese Form der Kriminalität fahnder durchsuchten mitVorliebe die Schlaf- seine rechte Hand.„Fünf Finger können kräf-
verberge sich hinter den Masken undemo- zimmer von Bankenvorständen, statt sich um tig zupacken“, sagt er. Aber in ihrer Perso-
kratischer Amigoverhältnisse, hinter Seil- die Fahrraddiebe und Dealer im Bahnhofs- nalnot müsse die Staatsanwaltschaft bei Wirt-
schaften,Vetternwirtschaft und Ämterpatro- viertel der Mainmetropole zu kümmern. Ob schaftskriminellen häufig „mit zwei Fingern“
nage. „Das sind die Türsteher der Korrup- Schaupensteiner nicht zu viel wolle,„wenn er zulangen. Für Schaupensteiner steckt dahin-
tion“, sagt Schaupensteiner. das Strafrecht als Therapie zur moralischen ter System. „Alle haben Angst, in die Blase zu
Korruption ist ein modernes Gesellschafts- Gesundung von Gesellschaft und Bürgern an- stechen, weil sie nicht wissen, wie groß der
spiel. „Vom kleinen Buchhalter bis zum Vor- wendet“, sorgte sich kürzlich die Zeit. Eiter ist, der herauskommen wird.“
standsvorsitzenden“ reicht Schaupensteiners Der couragierte Korruptionsfahnder ist kein
Täterklientel. Wirkliches Unrechtsbewusst- Utopist. „Die moralische Ausstattung der
sein habe von den Ertappten kaum einer.„Sie Gesellschaft zu fördern kann nicht einfach Buch: Britta Bannenberg,Wolfgang Schaupenstei-
praktizieren nur, was üblich ist.“ Dabei kann par ordre de mufti angeordnet werden.“ Aber ner: Korruption in Deutschland. München 2004.

41
moral-zuhaelter-final 05.12.2005 9:53 Uhr Seite 2

GEWERBEGEBIET

„ICH BIN EIN GESCHÄFTSMANN“


Bert Wollersheim betreibt drei Bordelle in Düsseldorf, in denen etwa fünfzig Frauen
arbeiten. Seine eigene Tochter möchte er dort allerdings auf keinen Fall sehen.
Interview:Tanja Stelzer Foto: Uwe Weber

Herr Wollersheim, Sie haben in einem Interview gesagt, Sie ner am Ende der Woche das Geld für die Frauen abholen wollten,
seien mit Ehrlichkeit durch die Unterwelt gekommen. Kann habe ich gesagt: „Ich arbeite mit der Frau und nicht mit dir.“
sich ein Bordellbesitzer Moral leisten? Das hat immer funktioniert?
Ich habe mich den Gesetzen des Rotlichtmilieus widersetzt: Ich Manche Männer sind weggeblieben. Da ist mir ein Geschäft durch
habe mich nie an Menschenhandel beteiligt, ich habe niemals eine die Lappen gegangen.Aber das ist nicht so schlimm. Ich lebe gut von
Frau zum Sex gezwungen, ich war nicht so brutal wie andere. Das meinem Beruf.
war nicht einfach, aber ich fühle mich dadurch eher stark als schwach. Sie waren einmal im Gefängnis, wegen erpresserischen Men-
Was war schwierig daran? schenraubs.
Wenn es ein Problem gibt, ist es in der Branche üblich, dass man sich Im Knast hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, für mich war das eine
an die Männer wendet. Zeit der Läuterung. Ich habe danach keine Mädchen mehr für mich
Mit „Männern“ meinen Sie Zuhälter. arbeiten lassen, als Zuhälter, wie Sie sagen.
Ja, und die habe ich irgendwann außen vor gelassen.Wenn die Män- Zuhälter, Bordellbetreiber – macht das einen Unterschied?

42
moral-zuhaelter-final 05.12.2005 9:53 Uhr Seite 3

Zuhälterei findet in normalen Beziehungen statt, das finde ich Ich bin ein altmodischer Mensch. Ohne Treue brauche ich keine
schlimm. Es gibt brutale Typen und auch solche, die den Frauen vor- Partnerschaft, geschweige denn eine Ehe.Wofür sonst geht man eine
gaukeln, dass sie sie lieben. Das ist heuchlerisch.Als Bordellbetreiber Beziehung ein?
biete ich nur die Basis dafür, dass die Mädchen arbeiten können, und Welche Moralvorstellungen gaben Ihnen Ihre Eltern mit?
zwar freiwillig. Die Mädchen geben die Hälfte von dem ab, was sie Meine Mutter hat mich Ehrlichkeit gelehrt, Achtung vor den Men-
verdienen. Ich bin ein Geschäftsmann. schen und für andere da zu sein.
Was ist für Sie Moral? Ihr Sohn ist dreieinhalb, Ihre Tochter 23 Jahre alt. Kinder
Ich muss noch dahinterkommen, was exakt damit gemeint ist. Darf können schrecklich moralisch sein, vor allem in der Puber-
ich mal im Duden nachgucken? Da steht: Sittlichkeit, Sitte, sittliche tät. Hat Ihre Tochter Sie für Ihren Beruf kritisiert?
Haltung, sittliche Betrachtung. Ich glaube, das ist Auslegungssache. Sie hat mich nie verurteilt.
Ist Prostitution unmoralisch? Wie haben Sie auf den ersten Freund Ihrer Tochter reagiert?
Gar nicht. Es gibt in der Sexualität Gesetze, an die sich die Menschen Er musste sich bei mir vorstellen. Da bin ich ein alter Mafioso, ich
halten müssen:Verletze niemanden, tue niemandem etwas an, das er will wissen, wo dieser Mensch wohnt.
nicht ertragen kann. Habe Achtung vor dem anderen. Wenn zwei Haben Sie Ihrer Tochter gesagt: Hebe dir deine Jungfräu-
Menschen – ob sie sich nun lieben oder in einem Bordell Sex machen lichkeit auf für einen, der dir wirklich wichtig ist?
– sich einig sind, können sie tun, was sie wollen. Im Gegenteil. Ich habe mal ein Gespräch zwischen ihr und ihrer
Wie gehen Sie mit Leuten um, die Ihre Branche für unmo- Freundin mitbekommen. Die beiden fanden die Vorstellung span-
ralisch halten? nend, Sex mit zwei Frauen und einem Mann zu haben. Ich habe
Ich bin offen zu meinen Kritikern. Meine Schwester zum Beispiel ihnen gesagt: „Wir bestellen einen Berufslover, dann ist das nicht so
gibt mir oft Anregungen, wie ich manches verbessern kann. Es war kompliziert.“ Das wollten sie dann doch nicht. Ich wollte ihnen die
ihre Idee, einen Tag der offenen Tür im Puff zu machen, damit sich Idee nehmen; es hat geklappt.
die Ehefrauen unserer Kunden das angucken können. Was macht Ihre Tochter beruflich?
Haben Sie einmal mit einem Pfarrer über Ihren Beruf ge- Sie jobbt in der Kinderbetreuung. Sie hat einen Freund und eigent-
sprochen? lich möchte sie nur eins: Frau und Mutter sein.
Ich hatte mal bei Bärbel Schäfer eine Diskussion mit einem Priester. Hätten Sie etwas dagegen, wenn Ihre Tochter als Prostituierte
Es gab auch gegenseitige Besuche: Die Kirche kam in den Puff und arbeitet?
wir sind in die Kirche gefahren, fürs Fernsehen. Ich habe ihr von vornherein klar gemacht, dass ich das nicht hin-
Hat der Priester versucht, Sie zu bekehren? nehmen würde. Ich habe ihr die Chance gegeben, etwas anderes zu
Gar nicht, ich bekam sogar seinen Segen dafür, wie ich meine Arbeit machen. Diese Chance hatten viele Frauen, die bei mir landen, nicht.
mache. Für Bärbel Schäfer war es sehr enttäuschend, weil wir uns gar
nicht gefetzt haben.
Die Sängerin Edith Piaf sagte: Moral ist, wenn man so lebt,
dass es gar keinen Spaß macht, so zu leben. Hat es einen be- Prostitution in Deutschland
sonderen Reiz,gegen geltende Moralvorstellungen zu verstoßen?
Ich erinnere mich an eine seriöse Geschäftsfrau, die mal bei mir in In Deutschland arbeiten etwa 400 000 berufsmäßige Prostituierte,
den Club gekommen ist. Die hielt sich eigentlich für eine anständige die Schätzungen zufolge einen Jahresumsatz von etwa 14 Milliarden
Frau. Dann hat sie auf dem Tisch getanzt und es hat ihr Spaß ge- Euro erzielen. Die deutsche Prostituierten-Interessenvertretung Hy-
macht. Ein bisschen unmoralisch zu sein ist manchmal wichtig. dra schätzt, dass darunter 100 000 bis 200 000 Ausländerinnen sind.
„Keine Affären mit Angestellten“ – das ist eine Ihrer Regeln. Ihre Dienste werden täglich bis zu 1,5 Millionen Mal in Anspruch
Welche Anstandsregeln gibt es noch im Puff? genommen. Seit dem 1. Januar 2002 ist das „Gesetz zur Regelung der
Ich versuche, den Frauen die Chance zu geben, dass sie das Intimste Rechtsverhältnisse der Prostituierten“ in Kraft, mit dem die rechtli-
nicht hergeben. Sie sollen keinen Sex ohne Schutz haben.Auch von che und soziale Situation von Prostituierten verbessert werden soll.
Zungenküssen rate ich ab, schon aus hygienischen Gründen. Das Gesetz ermöglicht Prostituierten die Absicherung in einer So-
Was ist unanständig an Küssen? zialversicherung. Sie können sich in „wirksame Beschäftigungsver-
Die Frauen sollen doch das Gefühl haben, sie machen einen Job und hältnisse“ mit Bordellbetreibern begeben, das heißt:Arbeitsverträge
keine Sauerei. Zungenküsse sind gefährlich, weil Empfindungen rü- abschließen. So können sie in gesetzliche Krankenkassen, in die Ar-
berwachsen können. Es muss klar sein, dass die Hure eine Illusion beitslosen- und Rentenversicherung aufgenommen werden. Das Ge-
verkauft, es darf nicht an die Seele gehen. Ich weiß von FKK-Clubs, setz ermöglicht es Prostituierten, Lohn einzuklagen. Zuvor wurde
in denen müssen die Frauen für 15 Euro ohne Schutz arbeiten und Prostitution als „sittenwidrige Tätigkeit“ angesehen. Das ermöglich-
Zungenküsse geben, da verschlägt es mir die Sprache. Die sollten te es Freiern, sich vor der Bezahlung zu drücken – ein sittenwidriges
lieber putzen gehen, da bleiben sie Mensch. Rechtsgeschäft gilt als nichtig.Geändert wurde auch Paragraf 180a des
Ist Sex mit Minderjährigen unmoralisch? Strafgesetzbuches, der jetzt „Ausbeutung von Prostituierten“ unter
Ja. Strafe stellt, zuvor war es „Förderung“. Als „Ausbeuter“ gilt,wer Frau-
Ist es unmoralisch, mehrere Partner zu haben? en „in persönliche und wirtschaftliche Abhängigkeit“ bringt – für Hy-
Nicht, wenn man nicht in einer festen Beziehung ist. Das hatte ich dra eine zu ungenaue Formulierung. Strafbar ist, unter 18-Jährige in
auch schon mal. einem Bordell arbeiten zu lassen oder jemanden zur Prostitution zu
Zurzeit leben Sie allein.Wenn Sie eine Partnerschaft hatten, überreden.Verboten ist Prostituierten,Werbung zu betreiben – daher
haben Sie einander Treue geschworen? die „Fotomodell“- und „Massage“-Anzeigen in Zeitungen.

43
moral-lüge_final 05.12.2005 9:45 Uhr Seite 2

EHRENWORT
moral-lüge_final 05.12.2005 9:45 Uhr Seite 3

DANKE, PINOCCHIO!

Plädoyer für eine unterschätzte Gesprächsform.


Text: Kristina Maroldt Foto: Stefanie Füssenich

E
s ist schon ungerecht: Alle hacken auf ihr rum. Dabei gibt sie den anderen bewusst täuscht, um ihm zu schaden, ist einfach eine
sich solche Mühe. Zum Beispiel damals, im schlimmsten Lie- miese Type und – was für Soziologen fast wichtiger ist – eine Gefahr
beskummer, als ich auf „Wie geht’s?“ einfach „Danke, prima“ für die soziale Gemeinschaft. Natürlich ist es auch strategisch unklug,
murmeln durfte. Oder an so manchem Morgen, als sie mir mit ihrem mit Unwahrheiten inflationär umzugehen – weil einen dann nämlich
„Die S-Bahn war schuld!“ den Ärger fürs Zuspätkommen ersparte. bald keiner mehr ernst nimmt und man sich all die Lügen selbst auch
Am Wochenende hebt sie durch ein „Schmeckt super, ehrlich!“ die merken muss, um sich nicht zu verraten. Doch in vielen Situationen
Stimmung am elterlichen Mittagstisch. Abends werde ich durch ein ist Lügen einfach die bessere Variante. Und manchmal sogar rechtlich
beiläufiges „Letztens beim Weggehen hab ich ja die Sängerin von abgesichert.Wie neulich, als ich in einem Bewerbungsgespräch gefragt
Mia getroffen…“ doch noch zum Mittelpunkt der Party. Kurz: Ich wurde, ob ich demnächst gern Kinder hätte. „Nein“, habe ich da ge-
bin ihr dankbar, der Lüge. Das sollten wir alle sein. Sie leistet ganze sagt. Und das ehrlichere „Vielleicht“ nur gedacht.Weil ich wusste, dass
Arbeit – als resolute Beschützerin sensibler Seelchen, parkettsichere es ein Einstellungshindernis sein könnte. Weshalb solche Fragen in
Diplomatin, loyale Promoterin missachteter Egos. Und wir? Würdi- Vorstellungsgesprächen auch nicht als feine Art und Lügen als erlaubt
gen es nicht. Bei Umfragen geben wir in drei von vier Fällen an, dass gelten.Auch meinem Kumpel Olli verschweige ich seit Jahren eisern,
es uns verletzen würde, wenn wir herausfänden, dass uns jemand an- dass seine Frisur wie ein angesengter Wischmob aussieht. Es würde
gelogen hat.Wir erfinden diskriminierende Sprichwörter wie „Lü- ihn schüchterner machen, als er ohnehin schon ist. Und ich werde
gen haben kurze Beine“ oder tragische Figuren wie Pinocchio. Und mich auch an diesem Weihnachtsabend bei meiner Oma mit Küss-
verdammen, wie Immanuel Kant, die Neigung zum Flunkern gar als chen bedanken – für die Vase, die ich nicht brauchen kann, oder den
„der eigentlich faule Fleck in der menschlichen Natur“. Kurz:Auf der Schal, der mir nicht gefällt.Weil sie es doch gut meinte und die Wahr-
moralischen Werteskala sitzt die Lüge ganz weit unten. heit ihr nur das Fest verderben würde. Die meisten unserer Alltags-
Dabei wäre die Welt ohne sie eine dröge Veranstaltung. Nicht nur, lügen sind überlebenswichtiger Sozialkitt, davon ist der amerikanische
weil wir dann nie über die Listen des Odysseus lachen könnten, uns Philosoph David Nyberg überzeugt. Sie entkomplizieren das Mit-
mit Felix Krull durch die höhere Gesellschaft schummeln oder über einander,schweißen zusammen.Ohne sie wären wir einsam,frustriert,
die Geschichten des Barons von Münchhausen lachen könnten. Son- aggressiv. „Mit jemandem, der notorisch die Wahrheit sagt, könnte
dern auch, weil wir ohne sie als intellektuell eher dumpfe Kreaturen niemand leben“, hat Mark Twain einmal gesagt. „Aber zum Glück
unser Dasein fristen würden. Lügen macht nämlich schlauer – das muss das ja auch keiner.“
glauben zumindest viele Evolutionsbiologen. Schließlich ist es eine Stimmt. Denn wir lügen wie die Weltmeister. Mindestens einmal flun-
anspruchsvolle Aufgabe herauszufinden, was das Gegenüber von ei- kern die meisten während eines zehnminütigen Gesprächs, ergab eine
nem erwartet, darauf ein sattelfestes Lügengerüst zu errichten und Studie der University of Massachusetts Amherst. Frauen vor allem, um
nebenbei verräterische Mimik oder Gestik zu unterdrücken. Dazu nicht zu verletzen. Männer eher, um sich gut darzustellen. Man kann
waren nur die intelligentesten Urzeitmenschen fähig und erflunker- sich also ausrechnen, welcher Berg an Fantastereien sich im Laufe der
ten sich so die beste Nahrung und die attraktivsten Sexualpartner. Zeit über uns auftürmt – und jederzeit als solcher entlarvt werden
Heute erkennt man die geistige Höchstleistung beim Lügen am bes- könnte. Fast könnte einen das beunruhigen, vielleicht sogar davon
ten daran, dass wir sie noch nicht von Geburt an beherrschen. Erst ab abhalten,das Leben weiterhin mit Lug und Trug zu würzen.Doch zum
acht können Kinder schummeln. Moralisch rechtfertigt das die Lüge Glück kennen versierte Schummler ein besseres Gegenmittel: Selbst-
freilich noch lange nicht. Doch es kommt auf die Dosierung an.Wer täuschung. Funktioniert fast immer. Ehrlich.

45
moral-werbung-final 05.12.2005 9:51 Uhr Seite 2

STRAFANZEIGE

WER DEN SPOT HAT


Die Werbung versucht, moralisch anständiges
Verhalten genauso anzupreisen wie neue Autos
oder Kleidung.Wir kaufen es ihr aber nicht ab.

Text: Christoph Koch

D
ie Kinobeleuchtung ist noch nicht dome?“ durch den Laden brüllt oder Raub- im Leben richtig macht. Auf den Plakaten
ganz abgedimmt, ein paar Schatten kopierer sich auf einer Weide unter einem stehen dann auch noch vermeintlich hippe
drängeln sich durch die Reihen, Kuhkostüm verstecken und am Ende von Slogans wie „Schwarzfahren? – Nein d:-)nke!“,
Gummibärchentüten werden aufgerissen.Auf einem Bullen bestiegen werden – Moral ist Zopfmädchen strecken frech ihre Zunge her-
der Leinwand sieht man einen Breakdance- scheinbar, wenn man trotzdem lacht. „Co- aus, Jungs mit schräg aufgesetzter Kappe sa-
Battle, Jugendliche stehen um einen Ghetto- mic Relief“ nennen Experten den Moment, gen mit der Abgeklärtheit der Straße: „Mir
blaster herum und beobachten die Tänzer. in dem die Anspannung einer dramatischen wegen so was die Zukunft verbauen? Ich bin
„Geile Kiste. Cooler Sound.Auch angemel- Szene von uns abfällt, die Komödie Einzug doch nicht blöd.“ Als vor sechs Jahren die Wer-
det?“, fragt plötzlich einer der Breaker den hält und ein befreiendes Lachen über uns hin- bekampagne gegen das Brennen von Musik-
Boombox-Besitzer. „Alter, das Ding ist noch wegrauscht. Das funktioniert in Fernseh- CDs unter dem Titel „Copy Kills Music“
nicht mal gekauft!“, blafft der nur verächt- serien und manchmal auch im echten Leben, startete, freute sich der Bundesverband der
lich. Der neugierige Frager öffnet daraufhin wenn man eine heikle Situation mit einem phonographischen Wirtschaft, wie nah man
lässig seine Jacke, darunter kommt eine glän- Scherz entschärfen kann. Wenn aber einer- mit dem „unkonventionellen Slogan“ an den
zende HipHop-Kette zum Vorschein – mit seits die Ernsthaftigkeit einer Problematik „Kids“ dran sei: „falsches Englisch mit rich-
der Aufschrift GEZ. Das ganze Kino stöhnt (Aids, Raubkopien etc.) betont werden soll, tiger Botschaft: knackig, eingängig und ir-
auf.Alles ertappte Schwarzseher, die ihr Ge- gleichzeitig jedoch auf den vermeintlichen gendwie international“. Feico Derschow, der
wissen zwickt? Nein, wir stöhnen mit, ob- Schlusslacher nicht verzichtet werden kann, über fünfzig Auszeichnungen als Art Direc-
wohl wir seit Jahr und Tag Rundfunkge- muss sich niemand wundern, wenn die ei- tor und Creative Director für Werbeagentu-
bühren bezahlen. Uns also darüber freuen gentliche Botschaft nicht ankommt. ren wie Saatchi & Saatchi gewonnen hat und
könnten, wie uns von der Leinwand auf die Das zweite Problem ist der Ton, in dem die inzwischen als Leiter der „Masterclass Art Di-
Schulter geklopft wird.Trotzdem macht Wer- oft jugendliche Zielgruppe angesprochen rection“ junge Werber ausbildet, zweifelt dar-
bung, die unser Moralgefüge anspricht, fast wird. Nicht nur ist es eine Unverschämtheit, an, dass Werbung überhaupt jemanden vom
immer schlechte Laune – warum eigentlich? dass sich beispielsweise der Münchner Ver- Schwarzfahren abhalten kann: „Moralische
Illustration: Paso

Das erste Problem ist der Humor. Bei Werbe- kehrsverbund in seiner neuen Kampagne aus- Fragen sind doch eigentlich Fragen der Er-
spots oder Anzeigen,die zu moralisch korrek- schließlich an junge Schwarzfahrer wendet – ziehung“, sagt der gebürtige Niederländer
tem Handeln anregen sollen, scheint es eine gerade so, als würde man mit 25 automatisch mit über 35 Jahren Werbeerfahrung. „Das
Art Pointenpflicht zu geben. Ob die Super- ein integrer Mensch, der stets ein gestempel- muss als gesellschaftlichesVerhalten vorgelebt
marktkassiererin „Rita, wat kosten die Kon- tes Ticket bei sich trägt und auch sonst alles werden, draußen oder in der Familie. Mo-
S46-47_moral-werbung 06.12.2005 13:12 Uhr Seite 3

IMPRESSUM

fluter – Magazin der Bundeszentrale für


politische Bildung, Ausgabe 17,
Dezember 2005

Herausgegeben von der Bundeszentrale


für politische Bildung (bpb),
Adenauerallee 86, 53113 Bonn,
Tel. 01888 / 515-0

Redaktion:
Thorsten Schilling (verantwortlich),
Bundeszentrale für politische Bildung
(schilling@bpb.de),
Dirk Schönlebe (Koordination),
Heiko Zwirner (Chef vom Dienst),
Thomas Kartsolis (Art Direction),
Alexandra Rusitschka (Grafik)

Texte und Mitarbeit:


Julia Decker, Lena Dreyer, Marco von
Eisnack, Heinrich Geiselberger, Meredith
Haaf, Anne Haeming, Susanne Klingner,
Christoph Koch, Barbara Lich, Kristina
Maroldt, Tobias Moorstedt, Johannes
Nitschmann, Basti Obermayer, Max
Scharnigg, Dirk Schönlebe, Tanja Stelzer,
Lisi Wasmer, Sebastian Wehlings, Heiko
Zwirner

Fotos und Illustrationen: Katrin Bohlinger,


Stefanie Füssenich, Christian Lesemann,
Frank Weichselgartner

Schlussredaktion: Isolde Durchholz

Redaktionsanschrift / Leserbriefe:
fluter – Magazin der Bundeszentrale für
politische Bildung. sv corporate media
GmbH, Emmy-Noether-Straße 2 / E,
80992 München,
mentan wird moralisches Handeln auf demselben zu egoistisch.Wenn ab morgen Autodiebstahl straf- Tel. 089 / 2183-8327;
Weg beworben wie ein Prepaid-Handy – ehrlich frei wäre, würde ja kein Auto mehr stehen bleiben Fax 089 / 2183-8529;
leserbriefe@heft.fluter.de
gesagt, finde ich das krank.“ – obwohl alle wissen, dass es falsch ist zu stehlen.“
Das dritte Problem moralischer Werbung ist die Die Kampagne, die auch mit Gefängniszellen über Satz+Repro: IMPULS GmbH,
Taubesgarten 23
starke Fixierung auf Schuldgefühle – egal ob diese deutsche Marktplätze reiste und RAF-artige Fahn- 55234 Bechtolsheim
angebracht sind oder nicht. Derschow spricht von dungsplakate mit (falschen) Raubkopierer-Visagen
einer „Vorverurteilung“, der österreichische Me- nutzte,sorgte trotzdem dafür,dass sich viele pauschal Druck: Bonifatius GmbH
Druck – Buch – Verlag
dienforscher Wolfgang Pauser bringt es noch prä- und zu Unrecht kriminalisiert fühlten. Paderborn
ziser auf den Punkt: „Wer mit Moral werben will, Das vierte Problem ist die Art und Weise, wie Wer- leserservice.fluter@bonifatius.de
kommt an der Anschuldigung bung für moralisches Handeln Abo verlängern & abbestellen:
des Konsumenten nicht vorbei“, in die Privatsphäre eindringt. Tel. 0 52 51/ 153-188 (24 Std.)
schreibt er in seinem Essay Wie Schwarzfahren? Wir wollen uns ja auch nicht via Fax 0 52 51/ 153-199

moralisch ist die Vermarktung der Werbefilm sagen lassen, wie wir Abo bestellen & Service
Moral?. Philipp Keller, bei der – Nein D:)nke! um Verstorbene zu trauern ha- Tel. 0 52 51/ 153-180
Fax 0 52 51/ 153-190
Agentur „Zum Goldenen Hir- ben oder wie wir mit unserem
schen“ verantwortlicher Text-Kreativchef für die Partner Schluss machen sollen. Ebenso unange- Bonifatius GmbH
Stichwort: fluter
provokante Kampagne „Raubkopierer sind Ver- nehm berührt es uns,wenn ein Werbespot für Zivil- Postfach 1269
brecher“, erklärt: „Die Vorgängerkampagne Copy courage unser Verhalten bei einer U-Bahn-Pöbe- 33042 Paderborn
Kills Music war auf Verständnis ausgelegt – weil sie lei hinterfragt oder unsere Entscheidung für oder Nachbestellungen von fluter werden ab
erklärte, dass kein Geld mehr für die Förderung gegen den Besuch eines Wasserzoos plötzlich eine 1 kg bis 15 kg mit 4,60 Euro
kleiner Bands da ist, wenn alle sich die CDs bren- öffentliche Angelegenheit wird. kostenpflichtig

nen.Aber das hat die meisten leider nicht interes- Eine Werbung, die auf intelligente Weise an das Ge- Papier: Dieses Magazin wurde auf
siert.“ Daher, so der 30-jährige Kölner, sei bei der wissen potenzieller Kunden appelliert, wird derzeit umweltfreundlichem, chlorfrei gebleich-
tem Papier gedruckt.
Kampagne gegen Filmraubkopien die Strategie in den USA plakatiert: „Wir sollen Ihnen einen
geändert worden. Statt auf Einsicht werde nun auf schönen Gruß von Ihrem Mitbewohner aus dem ISSN 1611-1567 Bundeszentrale für
politische Bildung
Abschreckung gesetzt und die Gefängnisstrafe be- Studium ausrichten“, steht da, „und Sie daran er- info@bpb.de, www.bpb.de
tont, die Raubkopierern droht: „Argumente wir- innern,wie glücklich Sie damals waren,als Sie noch
ken leider nur bedingt, die Leute sind mehrheitlich kein Geld hatten.“ Es ist die Anzeige einer Bank.
Online-Bestelladresse:
www.fluter.de/abo
47
S48-49_moral-antworten 06.12.2005 13:15 Uhr Seite 2

SACHWERTE

GUTE ANTWORT
In seinem „Fragebogen“ hat der Schweizer Schriftsteller Max Frisch Fragen zu
den wichtigsten Themen des Lebens gestellt und unbeantwortet gelassen. Hier ein
paar Antworten – die Fragen gibt´s auf Seite 4.

1.

2.

3.

U ZU
ER FRA H,
BE EIN ÜR MIC
DIE LIE N H E IS S T F
E-
NE ZU G
GEWIN CHAFT N
EREITS S LEBE
IHRE B M IT M IR D A
R I-
N, WIE
WINNE IN SCH
EN WIE EILEN. IST
IN GUT T
GEN ZU IG
GEN TA BWÜRD
AS GLAU ERDIENT ES
MIR D O V
GEN, S ERTIGE
N)
GELUN EICHTF
E N (L
KEIN
EIFEL.
4. WENN SIE JEMAND INZWEINER UNHEILBAREN
E ,
D HÖFF DANN
OTFRIE SIEAIHM
KRANKHEIT WISSEN: MACHEN EITE 20
ERVIEW BS
HOFFNUNGEN, DIE SIEIN
SELBER
T ALS TRUG
ERKENNEN?
MIR EIN
SCHLEC
GEWISS HTES
EINHAN EN
DELN.
5.

WOLFG
ANG SC
PORTRÄ HAUPEN
T AUF S STEINER
EITE 38 ,
48
S48-49_moral-antworten 06.12.2005 13:15 Uhr Seite 3

N-
, JEMA
DAVOR
E H R ANGST B E S C HIMP-
BE M U
ICH HA BETT Z ANDEN
TOTEN S JEM
UF DEM NT, AL 13.
DEN A V E R D IE H T VER- WISCH
ER ES NIC EN, ZU
FEN, D DER ES EIN, LÄCHE
C H IM PFEN, E R LAGE S
NA UN
D? ABE LN UND
ZU SAG
S D ZU-
ZU BE SIE MEHR
WOVOR HABEN IN
SOLLTE ANGST: INWEGSIE AUF
DASS
H LICH IN R ES LIE
GT WA EN :
M A N R E R DER M HRSCH
DIENT. JEMAND NDE REN FÜ
R ENSCH EIN-
DEM TOTENBETT
IE F EHLER ABESCHIMPFEN E FA H KÖNN- DASS M
AN MA LICHEN
D EG NATUR
BERNICHT
TEN, DER ÜES B GT KEIN
VERDIENT,
IR ODERE M U VER- SIE
ZDASS LASSEN NCHE D
INGE N ,
S D KANN U
SEHEN
.E JEMAN
EN,NICHT NN ND SOG ICHT LO
ALLEN VERZEIHEN, MENSC
DIEHES AN DA
VERDIENEN? TOD HIN AR BIS S-
EINEN , IST M EIN HA IN DEN
G E G ENTEIL C H , W ENN WUT S
PÜRT. U
SS, VER
ACHTU SIE’S
HALTEN FÜR HUMOR:
, IM S
ZEIHEN R MEN S N D NG UN
SSERE ? IST E PERSÖ DAVOR D
EIN BE RGISST E ER-
NLICH O HABE IC WIR ÜBER DRITTE LACHEN?
WENN
NICHT IH T UND VE B S T E IN ZEIHEN M E HR ANG
ST: NIC
H
ERZE EN SEL ZU KÖN
MAN V FÜR EIN EINEN SEN ZU NEN. NO WENN HT VSIE
ER- ÜBER SICH SELBST LACHEN?
AUCH GEGEN KÖNNE ICHT G
NICHT D E N GROLL ➠ ICH RE N UND EHEN L
AS-
, Z
O WENN SIE JEMAND DAZU BRINGEN,
ERUNG EGZU -
CHT HA UW ISS
LEICHT HEN W
FUNG G BE, WE
IL DIE B
EN, DAS
S
8. E N S C ERECH DASS
ESCHIM ER, OHNE SICH ZU SCHÄMEN, ÜBER
MITM TFERTIG P-
T IST.
ALEXA SICH SELBST LACHEN KANN?
ND
SIEHE S RA MAYERED
EITE 18 ER,

nur
ir nicht
anken w orden,
si n d , das verd n u r g ew
ir ch
Was w d es au blieben
.
, wir sin schuldig
anderen e n einiges in en imm
er
ih n fü r e
weil wir n sich ke
iner
w eil er dan
n
kan te n ,
Insofern d hal en,
n g u te n Freun n d S timmung
gleiche nu
n Laune die Ver-
it seine rechnet,
nicht m mkeiten ng ausl
ösen
erk sa nd e ru
Unaufm Verwu l, das
u n ge n oder e in Z ie ht
stimm aft ist liche nic
undsch as Näm
HALTEN SIE DIE DAUER EINER GESETZT DEN FALL, SIE nen. Fre
könSIND BEDÜRFTIG
lle n und dUND HABEN
g e zu
o im Au
he zu w immer
FREUNDSCHAFT FÜR EIN WERTMASS DER EINEN REICHEN FREUND,Nämlic DER IHNEN l HELFEN WILL, UND
Dies Zie allmählic
h
wollen. m
FREUNDSCHAFT? zu
ER GIBT IHNEN EINE BETRÄCHTLICHE n , u m si ch ihSUMME F re u dschaft.
(ZUM
n
behal te hon
BEISPIEL DAMIT SIE STUDIEREN ist ja sc
ern,KÖNNEN) UND GELE-
anzunäh AUB ,
GENTLICH AUCH ANZÜGE EVON AR D STR
SICH, DIE NOCH14 SOLID
EB RH W AUF SEITE
TERVIE
SIND: WAS NEHMEN SIEINUNBEFANGENER AN?
Fragen aus dem „Fragebogen“ von Max Frisch, erschienen im Suhrkamp Verlag, 1988

WEIL E
S MICH
IN UNS GLÜCK
ERER F LICH M
WIR U AMILIE ACHT.
NS SCH SCHEN
NICHT ON SE KEN
S MEH IT LAN
ODER R ZU W GEM
ZUM G EIHNA
WENN EBU CHTEN
ICH IRG RTSTAG. AB
SEHE, ENDW ER
WOVO O ETW
EINEM N ICH AS WENN SIE JEMAND LIEBEN:
ANDER W EISS, D
BEREIT EN EIN ASS ES WARUM MÖCHTEN SIE NICHT
EN WÜ E FREU
DIESE RDE U DE DER ÜBERLEBENDE TEIL SEIN,
SACHE ND WE
DANN BEZAH NN ICH SONDERN DAS LEID DEM
KAUFE LEN KA
ICH SIE NN, ANDEREN ÜBERLASSEN?
BERT W .
OLLER
INTERV SHEIM
IEW AB ,
SEITE
42
12.
WENN SIE JEMAND DAZU BRINGEN, DASS ER DEN HUMOR VERLIERT
(Z.B. WEIL SIE SEINE SCHAM VERLETZT HABEN), UND WENN SIE
DANN FESTSTELLEN, DER BETROFFENE MENSCH HABE KEINEN
HUMOR: FINDEN SIE, DASS SIE DESWEGEN HUMOR HABEN, WEIL SIE
JETZT ÜBER IHN LACHEN?

49
S50_moral-gewinnspiel 06.12.2005 12:58 Uhr Seite 2

ANTIKENSAMMLUNG

RICHTIG ODER FALSCH ?


Das ist auch hier die Frage. Unser Gewinnspiel zur Moralphilosophie.

Welches Comicpaar verdankt


seinen Namen einem Reformator
und einem Philosophen?
e) Tim & Struppi
f) Batman & Robin
g) Asterix & Obelix
h) Calvin & Hobbes
Der Vater von Sócrates Brasileiro
Sampaio de Souza Vieira de Oliveira
hatte ein Faible für alte griechische
Namen.Wie hießen die Brüder des
brasilianischen Mittelfeldspielers?
a) Epikuro und Epikteto
b) Sóstenes und Sófocles
c) Arestophaneao und Aristotelao
d) Demokrites und Diogneses

Womit finanzierte sich Immanuel


Kant unter anderem sein Studium?
t) Billard
r) Dart Notiere die vier Buchstaben der richtigen Antworten.Vier weite-
s) Kegeln re Fragen gibt es in Teil zwei des Rätsels unter www.fluter.de. Dort
q) Fechten erfährst du auch, was es zu gewinnen gibt.
Das gesuchte, acht Buchstaben lange Lösungswort hat mit Sünden
Welche Frage gehört nicht zu den zu tun und damit, wie sie manche wieder ins Reine bringen.
vier Fragen der Philosophie laut Schicke die Lösung bis zum 31. Januar 2006 an:
Kant? gewinnen @ fluter.de
k) Was kann ich wissen? oder an:
l) Was soll ich tun? Redaktion und Alltag
m) Was darf ich hoffen? Stichwort: fluter-Rätsel
n) Wie komme ich hier raus? Pasteurstraße 8 / 10407 Berlin

50
titel-moral 05.12.2005 11:43 Uhr Seite 5

D
titel-moral 05.12.2005 11:43 Uhr Seite 2

Bescheid
wissen –
zum Beispiel über
■ Frankreich (Info 285)
■ die Demokratie (Info 284)
■ Entwicklung und Entwicklungs-
politik (Info 286)
■ den Weg zur Einheit
(Info 250)

Viermal im Jahr bieten die


Informationen zur politischen
Bildung das Wichtigste
zu einem Thema aus
■ Politik, Wirtschaft
und Gesellschaft
■ der deutschen Geschichte
■ der europäischen und
außereuropäischen Welt

Für alle,
die es
Jetzt kostenlos bestellen bei
wissen
infoservice@franzis-online.de oder www.bpb.de/publikationen wollen