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„Analyse der Voraussetzungen und Folgen einer revolutionären Bewegung im

Lateinamerika des 20. Jahrhunderts"

Lateinamerika und Politik - wer denkt da nicht an Länder, wo eine europäisch-stämmige Minderheit
sich an den Bodenschätzen des Landes bereichert, an riesige Slums, wo die soziale Unterschicht in
großer Armut lebt, an Analphabetismus und Kriminalität, politische Unterdrückung, einschließlich
Folter und Mord - und an immer wiederkehrende Versuche von linken Parteien oder
Untergrundkämpfern, eine gerechtere Politik durchzusetzen. Seit der Kubanischen Revolution ist es
bisher niemandem mehr gelungen, außer vielleicht Hugo Chávez, dem gegenwärtigen Präsidenten
Venezuelas mit seiner "bolivarischen Revolution".

Wie hat er es geschafft, an die Macht zu kommen, wie kann er sich gegen die Machenschaften der sehr
starken Opposition halten und, vor allem, was hat er bisher an positiven Veränderungen erreicht?

Hugo Chávez wurde 1954 in dem Dorf Sabaneta geboren. Seine Eltern waren Grundschullehrer. Die
Familie war arm, und deshalb wuchsen Hugo und sein älterer Bruder Adán bei seiner Großmutter im
Nachbardorf auf. Er las gern und viel und kam schon früh mit revolutionären Ideen in Berührung, da
der Vater seines besten Freundes ein bekanntes Mitglied der KP in Barinas und ihm von Rousseau und
Machiavelli, über Marx, Engels und Lenin erzählte. (Twickel 2007: 39).

Nach seinem Abitur meldet er sich bei der Militärakademie in Caracas an. Er war in einer Zeit
aufgewachsen, wo in Venezuela eine relative politische Stabilität herrscht. 1958 wird allgemein als der
Beginn der Demokratie in Venezuela angesehen. Nachdem der Diktator Marcos Pérez Jiménez von
der sozialdemokratischen Partei Acción Democrática und der Kommunistischen Partei gestürzt wird,
unterzeichnen in dem Ort Punto Fijo die Anführer der drei Parteien Acción Democrática, der
christdemokratischen COPEI und UD ein Abkommen, dessen Ziel es ist, die Demokratie zu
stabilisieren und Militärdiktaturen zu verhindern. Diesem Abkommen treten später auch das Militär,
die Kirche, die Unternehmervereinigung Fedecámaras, und die Arbeitergewerkschaft CTV bei. "Im
Pakt von Punto Fijo hatte man sich darauf verständigt, die Kommunisten von der Regierung
auszuschließen, die Wahlsiege der jeweils anderen Partei zu akzeptieren und soziale Unzufrieden-
heiten im Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition zu kanalisieren" (Twickel 2007: 28).
"Folgende Aufgaben wurden für die demokratisch gewählte Regierung postuliert: Ausarbeitung einer
neuen Verfassung, was 1961 geschah, und langfristiger Entwicklungspläne, eine Agrar- und
Steuerreform, eine Sozialgesetzgebung, die Verbesserung des Erziehungssystems und die
Modernisierung der Streitkräfte." (vgl. Werz).

Dieses Modell ist über 40 Jahre erfolgreich, nicht zuletzt auch aufgrund des Erdölreichtums des
Landes, mit dem viele Projekte finanziert werden können. Auch versuchte man, mithilfe von
importsubstituierenden Maßnahmen die Binnenproduktion zu verbessern. (Twickel 2007: 76)
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Trotz der stabileren Verhältnisse gab es auch weiterhin große Armut. Nachdem sie durch den Pakt von
Punto Fijo politisch kaltgestellt waren, gingen die Kommunisten in den Untergrund, um für ein
sozialistisches System zu kämpfen. Es bildete sich die Gruppe Fuerzas Armadas de Liberación
Nacional (FALN) als der militärische Arm der Partei Partido Comunista de Venezuela (PCV), die
mehrere Kleingruppen vereinte. Ihre Strategie war es, lokale Aufstandsherde auf dem Land zu
erzeugen, die sich dann auf das ganze Land ausdehnen, ähnlich, wie es in Kuba, ausgehend von der
Sierra-Maestra geschehen war (Sierra-Maestra-Effekt).(Twickel 2007: 33).

Die Regierung antwortet auf die Rebellion mit Gewalt. "Seit Mitte der Sechziger Jahre tobt eine
Großoffensive gegen die venezolanische Guerilla, die zu diesem Zeitpunkt die stärkste in ganz
Lateinamerika ist. Kommunismus und Subversion sind der Feind, den es zu besiegen gilt." (Twickel
2007: 30). "Zwischen 1965 und 1967 verschwinden ca. eintausend Menschen (Comité de Familiares
de Desaparecidos). Laut Menschenrechtskomitee gab es etwa zehntausend Gefolterte und
fünfzigtausend Verhaftungen aus politischen Gründen." (Twickel 2007: 31) Anfangs erhält die
Guerrilla Unterstützung durch die UdSSR, doch seit der Kuba-Krise 1962 stellt sie diese Hilfe fast
ganz ein und rät dazu, die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Kräften zu suchen, die der Regierung aus
Eigeninteresse feindlich gegenüberstehen. Die PCV verzichtet auf den bewaffneten Kampf, doch
einige Gruppen halten daran fest. Douglas Bravo, der den militärische Arm der PCV gegründet hatte,
gründet nun die Frente de Liberación Nacional (FLN, Nationale Befreiungsfront). Diese und zwei
weitere Gruppen hoffen noch immer auf den Sierra-Maestra-Effekt und sie werden von Kuba
unterstützt, bis 1968/69, als Kuba Wirtschaftsbeziehungen zur UdSSR aufnimmt. Bravo sieht bald ein,
dass seine Strategie in Venezuela nicht durchführbar ist, aufgrund der Landflucht der Bevölkerung. Er
beschließt, seine Anhänger in den Städten zu rekrutieren und benennt die FLN in Partido de la
Revolución Venezolana (PRV) um (Twickel 2007: 32-35).

"De Facto ist die Guerilla Ende der Sechziger militärisch aufgerieben. Etwa 80 Prozent der politischen
und militärischen Führung der PRV war in Gefangenschaft geraten oder erschossen worden [..]. Der
neue, christdemokratische Präsident Rafael Caldera (COPEI) beendet 1969 die Aufstandsbekämpfung
seines Vorgängers mit einem Befriedungs-angebot. Viele Guerilleros gehen darauf ein." (Twickel
2007:35)

Seit die OPEC, in der auch Venezuela Mitglied ist, 1973 die Erdölförderung drosselt, steigen die
Erdölgewinne des Landes um ein Vielfaches (vgl. Brose). Dennoch wird die Kluft zwischen Armen
und Reichen immer größer. Von den Erdöleinnahmen profitieren vor allem eine größer werdende
Mittelschicht und die ohnehin Reichen. „Seit 1969 waren Hunderte Millionen Dollar als Gewinne ins
Ausland geflossen, ohne dass das Land zur vereinbarten Hälfte daran beteiligt worden war.“ (Zeuske
2007: 168) 1976 wurde die Erdölförderung verstaatlicht und die ausländischen Ölmultis für ihre
Raffinerien und Förderanlagen entschädigt. Es gab kaum Widerstand, denn die Erdölfelder waren
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praktisch erschöpft, und die Konzessionsnehmer hatten in den letzten Jahren nur wenig in die
Erschließung neuer Quellen investiert. Darum musste sich jetzt der Staat kümmern, und dafür musste
er teure Kredite aufnehmen. „ Aufgrund des neuen Reichtums wurden vermehrt Luxuswaren und teure
Nahrungsmittel importiert. Die venezolanische Landwirtschaft lag am Boden, auch weil immer mehr
Menschen in die Städte abwanderten. Die Oberschichten und hohe Politiker wurden extrem reich und
zahlten kaum Steuern.“ (Zeuske 2007: 168-169). In einer Untersuchung des kanadischen Ökonomen
Michael Chossudovsky von 1977 heißt es, :"Ein Drittel der Venezolaner ist arbeitslos oder
unterernährt. Zwei Drittel haben ein Einkommen unterhalb des Mindestlohns, auf dem Land sind es
nahezu hundert Prozent. Nur ein Drittel der Kinder bringt es weiter als bis zur Grundschule, außerhalb
der Städte geht über die Hälfte gar nicht zur Schule. Ein Viertel der Bevölkerung hat keinen Strom, die
Hälfte kein fließend Wasser und lebt in selbst-gebauten Hütten." (Twickel 2007: 76).

Anfang der Achtziger, mit dem Ende des Iran-Irak-Krieges, brechen die Rohölpreise ein. Zu alldem
kommt noch die Hochzinspolitik der US-Regierung unter Reagan. Venezolanische Anleger bringen ihr
Geld in die USA, um die hohen Zinsen zu kassieren. In den drei Monaten vor dem 18. Februar 1983
verlassen 20 Milliarden Dollar das Land. Daraufhin beschließt die Nationalbank, die freie
Konvertibilität zum Dollar aufzugeben, um die Kapitalflucht zu stoppen. Das führt zu einer Inflation
von bis zu 100 Prozent. Die medizinischen Einrichtungen, Kindergärten und Schulen verwahrlosen,
die öffentlichen Busse werden abgeschafft. Das Land hat die höchste Pro-Kopf-Verschuldung des
Kontinents. Durch mehrfache Abwertungen im Laufe der Achtziger sinken die Reallöhne beträchtlich.
Der Erdölpreis fällt weiter. Doch die Politiker sowie der Geldadel geben weiterhin Geld aus. (Twickel
2007: 77)

Die staatliche Erdölgesellschaft PdVSA muss an jenem Schwarzen Freitag ihren Investmentfonds von
5,5 Milliarden Dollar von US-Banken an die Nationalbank transferieren, um den Bolìvar gegen die
Kapitalflucht zu stützen. Das Geld ist innerhalb weniger Tag aufgebraucht. Seitdem hat die PdVSA
nie wieder Geld gehortet. Fast alles, was sie an Gewinnen erzielte wurde von nun an neu investiert,
auch in sinnlose Projekte, nur damit es nicht dem Staat in die Finger kam. (Twickel 2007: 37 ).

Hugo Chávez kommt auch während seiner Militärausbildung mit revolutionären Ideen in Kontakt.
Diese sind eigentlich normal in den Streitkräften: " (...) weil wir Hauptleute und Majore alle
konspirierten (...). Wir haben uns da oben im Bowlingclub El Laguito getroffen, geredet und über die
Regierung geschimpft. Aber wenn man dann Oberstleutnant oder General wurde, hat man eingesehen,
dass das nicht der Sinn des Lebens ist." (Twickel 2007:66)

1975, mit 21 Jahren, macht Chávez seinen Abschluss in der Militärakademie und wird
Nachrichtenzugführer in einer der Einheiten, die Aufstände bekämpfen. Bei einem Heimaturlaub
vertraut ihm sein Bruder Adán an, dass er schon länger Mitglied der Partei der Venezolanischen

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Revolution ist und dass es innerhalb der Partei ein konspiratives Projekt um den PRV-Anführer
Douglas Bravo gebe, der an die Tradition des "zivil-miltärischen" Paktes anknüpfen will, der 1985
zum Sturz von Pérez Jiménez und Anfang der Sechziger zu Militäraufständen geführt hatte. (Twickel
2007:42-45) "Die Aussicht auf den Zusammenschluss progressiver Militärs und ehemaliger
Guerrilleros bringt Chávez dazu, seine Karriere in der Armee fortzusetzen."(Twickel 2007:45)

Er wird in der Nähe von Barinas stationiert. Es gibt nicht viel zu tun, denn es gibt kaum noch
Guerrilleros. Er nutzt die Zeit, um viel zu lesen. Im Kofferraum eines alten Militärautos findet er
marxistische Schriften, die er intensiv studiert. Ebenso beschäftigt er sich mit der Armut der Bewohner
seines Landes, sowie mit seiner Geschichte und Kultur und denkt darüber nach, wie Venezuela seine
Kultur und Identität dem Petrodollar und dem Konsumrausch und der importierten Kultur opfert
(Twickel 2007: 42f).

1981 lernt Chávez den Luftwaffenmajor William Izarra kennen, der seit einiger Zeit Revolutionspläne
schmiedet. Er erläutert ihm diese Pläne ihm und Chávez ist von Izarras Plan beeindruckt. Dieser sieht
folgendes vor: Die Revolution muss aus den Streitkräften kommen. Progressive Gruppen im Militär
müssen den Kontakt zu zivilen Gruppen suchen, um den Wechsel möglich zu machen. Der Umsturz
soll ein Volksaufstand sein, der von den Militärs gestützt wird. Eine Junta arbeitet eine neue
Verfassung aus und der Staat übernimmt die Kontrolle über die Wirtschaft, um die Verstaatlichung der
Produktion nach Prinzipien der Selbstverwaltung durchzusetzen. Die Erdöleinkünfte des Landes
müssen umverteilt werden, um die Produktion zu diversifizieren, und die Beziehungen zu den
lateinamerikanischen Staaten müssen auf eine neue Grundlage gestellt werden, um die Abhängigkeit
von den USA zu verringern (Twickel 2007: 28-29).

Ab 1980 ist auch Chávez Teil des "zivil-militärischen Paktes" um Douglas Bravo, von dem ihm sein
Bruder Adán erzählt hat. Ab 1982 trifft er sich regelmäßig mit Mitgliedern des PRV in einer
Privatwohnung in Caracas, das der Cousine eines der Mitglieder gehört. Er freundet sich mit ihr an
und besucht sie auch privat. "Es gab diese typischen Abende der llaneros, bei denen Harfe gespielt,
gesungen und deklamiert wurde." "Man verbrachte lange Stunden mit Konversation. Er sprach über
soziale Gleichheit, über die Straßenkinder, über Gerechtigkeit - er war ein sehr idealistischer Mann."
(Twickel 2007: 48f).

Am 17. Dezember 1982, dem Datum von Bolívars 200sten Geburtstag, gründet Chávez zusammen mit
seinen drei Kameraden aus dem Fallschirmspringer-Regiment Felipe Acosta Carles, Jesús Urdaneta
und Raúl Baduel die Urzelle der bolivarischen Bewegung, das Ejército Bolivariano Revolucionario
(Bolivarisch-Revolutionäres Heer) EBR-200. Bravo, den Chávez über die Gründung informiert hat
und der schon länger die Gewohnheiten der Angehörigen des der Streitkräfte studiert mit dem Ziel,
ihnen seine Ideologie nahezubringen, hat ein Konzept entwickelt, das "Baum der drei Wurzeln"

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genannt wird. "Es ordnet die zentralen Politikfelder der Bewegung drei historischen Persönlichkeiten
zu, die in der "Bolivarischen Republik Venezuela" des späteren Präsidenten Chávez zu den
wichtigsten nationalen Heldenfiguren werden: Simón Bolívar, Simón Rodríguez und Ezequiel
Zamora."

Bolívar steht für die lateinamerikanische Integration, weil er sein Leben lang für die Vereinigung des
Kontinents kämpfte. (...) Rodríguez steht für die Emanzipation Lateinamerikas. Er hatte die
Vorstellung von einer Rekolonialisierung durch seine eigene Bevölkerung. Die Vormachtstellung der
europäischen Einwanderer sah er vor allem als Folge ihrer besseren Ausbildung und kämpfte deshalb
für eine bessere Schulbildung der indigenen Bevölkerung. Der Bürgerkriegsgeneral Zamora steht für
die Revolution des Volkes und die Einheit von Volk und Heer.". Chávez selbst wird später in seinen
Reden dieses Bild von den drei Wurzeln immer wieder bemühen. (Twickel 2007: 53-59)."Die
Bezugnahme auf das 19. Jahrhundert und seine Nationalhelden will Identität schaffen. Ein fest
verwurzeltes Wir soll entstehen, das alle möglichen weltanschaulichen Versatzstücke kreativ
verarbeitet. Der Bolivarismus ist weniger Ideologie als Selbstvergewisserung, die einem
erfinderischen, panlateinamerikanischen Nationalismus Raum geben und Mut machen will." (Twickel
2007:59)

Das Land befindet sich in der schlimmsten Rezession seiner Geschichte. 1989 willigt Präsident Andrés
Pérez ein, die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) auferlegten Sparpolitik zu realisieren. Im
ganzen Land kommt es zu Aufständen mit Protesten und Plünderungen. Die Regierung schlug den
Aufstand mit Hilfe des Militärs blutig nieder. (Zeuske 2007: 173f).

Auch danach gab es keine Verbesserung der Situation. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung wuchs,
und die revolutionäre Gruppe um Hugo Chávez bekam immer mehr Zulauf. Er arbeitete unermüdlich
an seiner Sache.

Am 4. Februar 1992 versuchten er und sein inzwischen in MBR (Movimiento Bolivariano


Revolucionario) umbenanntes EBR-200 einen Staatsstreich. "Ungefähr 10.000 Soldaten versuchten,
das Palais und die Präsidentenresidenz in Caracas einzunehmen sowie Miltär- und Zivileinrichtungen
(Kasernen, Bürgermeisterämter, Flugplätze, Radio- und Fernsehstationen) in den wichtigsten Städten
des Landes zu besetzen. (Zeuske 2007: 175). Es gab Tote, und die Regierungstruppen konnten den
Putsch niederschlagen und nahmen Chávez gefangen. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, auch
weil seine Leute in anderen Landesteilen erfolgreicher waren, sollte Chávez per Fernsehen zu seinen
Kameraden sprechen und sie zum Aufgeben bewegen. Er sagte ihnen unter anderem: "...vorläufig sind
die Ziele, die wir uns gestellt haben, in der Hauptstadt nicht erreicht worden Das heißt, wir hier in
Caracas haben es nicht geschafft, die Macht zu übernehmen. ...aber nun ist es Zeit, weiteres
Blutvergießen zu verhindern, es ist Zeit, die Sache zu überdenken..." (Twickel 2007:16) Er sprach

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kaum mehr als eine Minute. Dank einer Kettenschaltung aller Fernsehsender des Landes, wie sie in
Venezuela üblich ist, wenn die Regierung dem Volk eine Botschaft von nationaler Wichtigkeit
übermitteln will, erleben die meisten Venezolaner seinen Auftritt mit. "Man habe das Ziel nur
"vorläufig" verfehlt, sagt Chávez und deutet damit an, dass die Aufständischen nicht allein sind, dass
man innerhalb der Streitkräfte aufbegehrt gegen ein Establishment, das in weiten Teilen der
Bevölkerung seit langem verhasst ist." Er wird damit über Nacht zum Helden (Twickel 2007:17).

Die nächsten zwei Jahre verbringen Chávez und seine am Putschversuch beteiligten Offizierskame -
raden im Gefängnis, das zur Pilgerstätte der Chávez-Verehrer wird. Ein Dreivierteljahr später gibt es
noch einmal einen Putschversuch, bei dem man Chávez befreien will. Er misslingt, und Chávez
erkennt, dass er nur auf zivilem Weg an sein Ziel kommen wird. Im Gefängnis darf er Bücher lesen
und Besuch empfangen. Er arbeitet an seinem Universitätsabschluss in politischen Wissenschaften und
knüpft Netzwerke.

Die MBR hat eigentlich keine richtige Ideologie, sie besteht aus verschiedenen linken Kleingruppen,
bürgerlich-reformerischen Kräften und den Militärs. " Was sie zusammenhält, sind nicht Ideen,
sondern die Haltung, die Moral, die Kultur, aus denen die kollektive Handlung entsteht. Die Moral der
Treue ersetzt die Ideologie als Bindemittel." (Denis, zit. nach Twickel 2007: 105) Doch in einem sind
sie sich einig: in der Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung. Die Verfassungs-
reform soll von der Bevölkerung ausgehen, durch einen organisierten Diskussionsprozess (Twickel
2007:105).

1993 wird Präsident Carlos Andrés Pérez aus dem Amt entlassen, ihm folgt Rafael Caldera. Dieser
begnadigt Chávez und die anderen comandantes. Chávez beginnt, die Venezolaner für seine Sache zu
mobilisieren. Er tourt durch das Land, lässt kein noch so kleines Dorf aus und hält dort seine Reden.
"Er geißelt die Korruption und das politische Establishment, er spricht von Simón Bolívar, Simón
Rodríguez und Ezequiel Zamora, er erklärt den Zuhörern die Idee von der verfassungsgebenden
Versammlung, die das Land revolutionieren soll. "Oft findet sich nur eine Handvoll Menschen auf
dem Dorfplatz ein. Doch sie erleben einen Propagandisten, dessen mitreißende rhetorische Fähigkeiten
sie in ihren (!) Bann ziehen." (Twickel 2007:116) Im Dezember 1994 fliegt Hugo nach Kuba, um Fidel
Castro zu treffen. Durch das, was er dort sieht, und in langen Diskussionen mit Castro kommt er zu
dem Schluss, dass das Volk einen messianischen Führer, einen caudillo braucht. (Twickel 2007:116-
118) "Der Virus des caudillismo, des Personenkults ist überall präsent. In den Dörfern, den Univer-
sitäten, auf dem Land fehlt es an kollektiver Aktion. Immer sind es Minderheiten, die die transfor-
matorischen Theorien und Praktiken entwickeln, weil die Massen nicht mitmachen, weil sie unkritisch
und unbeweglich sind. Man muss diese Leerstelle füllen, man muss eine neue Form von Führerschaft
entwickeln." (Chavez, zit. nach Twickel 2007:118) Er sagt, man müsse dies akzeptieren und ein
Führer müsse dem gerecht werden. (Twickel 2007:118)
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Ebenfalls im Jahr 1994 beschließt die MBR, sich bei den nächsten Wahlen zu beteiligen. Chávez stellt
seine Agenda vor. Das Ziel sei die Umwandlung des Landes in einen wirklich demokratischen,
volksnahen Staat. Die konkreten Maßnahmen sind im Großen und Ganzen nichts wirklich neues:
Unter anderem soll ein flächendeckendes Schul- und Ausbildungssystem geschaffen, ein
Wohnungsbauprogramm durchgeführt und die Sozialleistungen wieder aufgestockt werden. All dies
soll unter anderem durch eine Modifikation der Schuldenrückzahlung und eine Steuererhöhung für die
PdVSA finanziert werden. (Twickel 2007: 126)

Die MBR bereitet sich auf die Wahlen vor. Da der Name Bolívar im Parteinamen verboten ist, benennt
sie sich in das im Spanischen gleichlautende MVR um: Movimiento Quinta República (Bewegung
Fünfte Republik). Als vierte Republik wird die Ära des Punto Fijo bezeichnet. (Twickel 2007: 130)
Der linke, basisdemokratische Flügel der Partei streitet sich mit dem rechten um die Organisation der
Partei, und schließlich siegt der pragmatischere rechte Flügel um Luis Miquilena, der beste
Beziehungen zu den Mächtigen im Lande hat und entsprechende Beziehungen zwischen der Partei und
jenem Personenkreis herstellt (Twickel 2007: 134). Chávez' Beliebtheitsgrad steigt stetig. Dazu trägt
sicherlich auch die Tatsache bei, dass er, inzwischen geschieden, 1997 die schöne, blonde Journalistin
Marisabel Rodríguez Oropeza heiratet. (Twickel 2007: 132)

Bei den Wahlen präsentiert sich die MVR zusammen mit anderen linksgerichteten Parteien als Polo
Patriótico. 56,2 Prozent entfallen auf diesen, davon 40,17 Prozent auf Chávez' MVR. (Twickel 2007:
136)

Noch am Tag seines Amtsantritts dekretiert Chávez ein Referendum: Das Volk soll darüber
entscheiden, ob der Kongress aufgelöst wird und stattdessen eine verfassungsgebende Versammlung
(la constituyente) einberufen wird. Angesichts der schwachen Wirtschaft kann er zunächst keine
großen, revolutionären Veränderungen durchführen. Zuerst versucht er, den Ölpreis zu stabilisieren.
Sein Öl-Minister Alí Rodríguez Araque sorgt dafür, dass sich Venezuela wieder an die Vorgaben der
OPEC hält. Schon im ersten Regierungsjahr steigen die Erdölpreise stark an. Dem Ausland präsentiert
sich Chávez nicht als Revolutionär, sondern als verlässlicher Partner, was die Schuldenrückzahlungen
und die Investitionen im Land betrifft. Kurz nach Amtsantritt verkündet er seinen 2,6 Milliarden
Dollar teuren "Plan Bolívar": 70.000 Armeeangehörige, 80.000 Staatsangestellte und 6.000
Angestellte der Erdölgesellschaft PdVSA sollen Sozial- und Infrastrukturmaßnahmen durchführen,
beispielsweise Straßen reparieren, Gesundheitsposten und Lazarett auf dem Land und in den Barrios
errichten oder sich um Straßenkinder kümmern. Dabei geht es Chávez auch um die gesellschaftliche
Integration der Streitkräfte. Er beeilt sich, das Referendum für die constituyente durchzuführen, denn
dies droht an dem Widerstand linksgerichteter Kräfte innerhalb des Polo Patriótico zu scheitern, "für
die die Idee der verfassungsgebenden Versammlung mit der Transferierung von Macht an
basisdemokratische Räte verknüpft ist." (Twickel 2007: 139-143)
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Im April 1999 stimmen die Wähler für die Einberufung der constituyente, und im August tritt diese
das erste Mal zusammen. Die Bevölkerung kann sich per kostenlosem Telefonanruf bei der
Kommission mit Vorschlägen beteiligen. Die Sitzungen der constituyente sind öffentlich und viele
werden im Fernsehen übertragen (Twickel 2007: 144;148). Im November liegt der endgültige
Verfassungstext vor: Das Land nennt sich von nun an Bolivarische Republik Venezuela. Die
Befugnisse des Präsidenten werden erweitert. Er kann nun zweimal hintereinander für das Amt
kandidieren und jede Amtsperiode beträgt sechs statt bisher fünf Jahre. Er hat außerdem das Recht, das
Parlament aufzulösen. Das Zweikammersystem wird in eine einzige Nationalversammlung
umgewandelt. Daneben wird aber auch die Macht des Volkes gestärkt: Es gibt Volksabstimmungen,
und andere direktdemokratische Beteiligungsmöglichkeiten... Die Gegner von Chávez reagieren heftig
auf den Verfassungsentwurf. Sie nennen Chávez einen Diktator und Faschisten. Das Management der
PdVSA ist gegen den Entwurf, weil er angeblich durch das Verbot einer Privatisierung des Öl- und
Gas-Sektors ihre Handlungsfreiheit behindert. (Twickel 2007: 151-154)

Am 15. Dezember stimmen die Wähler mit 71,1 Prozent für die neue Verfassung (Twickel 2007:154) .
Im Sommer 2000 werden noch einmal Präsidentschaftswahlen abgehalten, diesmal auf der Grundlage
der neuen Verfassung. Chávez gewinnt auch diesmal und kann sein Ergebnis vom letzten Mal noch
verbessern. (Twickel 2007: 162) Während die Medien gegen ihn zu Felde ziehen, genießt er große
Beliebtheit unter den Wählern. Die Lage spitzt sich zu, als er 28 neue Gesetze erlassen will. Vor allem
drei dieser Gesetze (leyes habilitantes - Ermächtigungsgesetze) verursachen starke Proteste: Das
Boden- und Agrargesetz, das Fischereigesetz und das Erdöl- und Erdgas-Gesetz. (Twickel 2007: 172).
Das Bodengesetz sieht die Gründung eines Instituts vor, das ungenutzte Böden an landlose Bauern
erteilen soll. In Venezuela gehören75 Prozent der Ländereien fünf Prozent der Eigentümer, die das
Land oft illegal erworben haben und nicht alle Flächen nutzen. Ländereien, die größer als 5000 Hektar
sind, werden verteilt. Wenn das Land rechtmäßig erworben war, wird der Eigener entschädigt.

Weit größeren Protest rief das Erdölgesetz hervor. Nach Chávez' Willen darf die Erdölproduktion
künftig nicht mehr privatisiert werden, der Staat will mit mehr als 50 Prozent am Gesellschaftskapital
beteiligt werden und die Steuern auf den Ertrag werden ebenfalls erhöht. (Twickel 2007: 172 f)

Im Dezember 2001 nimmt der Präsident mehreren tausend Mitgliedern der neuen círculos
bolivarianos (Bolivarische Zirkel) einen Treueschwur ab. Sie sollen sich in Gruppen von sieben bis elf
Personen auf lokaler Ebene organisieren, politisch fortbilden und eine revolutionäre Massenbewegung
begründen. Für seine Gegner ist dies nur ein weiterer Schritt in Richtung Kubanisierung. (Twickel
2007: 176f)

Die Opposition beschließt, einen Generalstreik auszurufen. (Twickel 2007: 174) Dieser wurde schon
seit Monaten geplant. Es gilt auch als sicher, dass die USA die Opposition finanziell unterstützte

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(Twickel 2007: 178). Zur Opposition zählten vor allem der Unternehmerverband CTV, hinter dem die
alten Großparteien standen, die hohen Offiziere der Streitkräfte, urbane Mittelschichten, Angestellte,
der Klerus und die Großgrundbesitzer, vor allem aber diejenigen Führer der PdVSA, die in den
vergangenen Jahrzehnten dafür gesorgt hatten, dass der Staat immer weniger von den Erdöleinkünften
abbekam. "In den oppositionellen Medien wurde die Angst vor einer blutigen Umwälzung geschürt
obwohl die venezolanische Agrarreform weit weniger radikal war, als die kubanische 1960." (Zeuske
2007:185) Die Opposition organisierte Großdemonstrationen und tagelange Streiks, an denen tausende
ihrer Anhänger teilnahmen. Die Chávez-Anhänger antworteten mit noch größeren
Gegendemonstrationen. Es kam zu Schießereien und an einer Brücke in Caracas wurden mehrere
Oppositionsanhänger gezielt erschossen. Diese Morde wurden Chávez in die Schuhe geschoben, der
sie angeblich befohlen haben sollte, und Fernsehaufnahmen schienen dies zu belegen. Allerdings gibt
es Indizien dafür, dass diese Morde von der Opposition geplant worden waren, um einen Grund für
Chávez' Sturz zu haben. Chávez ergab sich und wurde festgenommen. Er weigerte sich aber,
zurückzutreten. Der Großindustrielle Pedro Carmona wurde neuer Präsident. Letztendlich wurde aber
der Präsidentenpalast von niedrigeren Rängen der Streitkräfte und von der Palastwache zurückerobert,
und die Garnisonen in allen Landesteilen schlossen sich ihnen nach und nach an. Chávez wurde
wieder auf freien Fuß gesetzt, und konnte in sein Amt zurückkehren.

Chávez zeigte sich in der Folgezeit konzilianter als vorher, die Verantwortlichen des Putsches wurden
zunächst nicht bestraft. (Twickel 2007: 181-225). Die Opposition gab aber keine Ruhe. Es kam zu
einem Streik in den Betrieben der PdVSA, vor allem der IT-Firma, die das Computernetzwerk der
Betriebe in Gang hielt, der das ganze Land tagelang lahmlegte und die Versorgung der Bevölkerung
mit Lebensmitteln und Energie unterbrach. Chávez gelang es, mithilfe vieler Freiwilliger, die Anlagen
wieder zum Laufen zu bringen. Der Streik war gescheitert (Zeuske 2007:188f).

Chávez setzte die Umsetzung seiner Reformen fort. "Die Mission Barrio Adentro setzte bis 2007
13.000 kubanische Ärzte in den Barrios aller größeren Städte Venezuelas ein, um allen Bewohnern
eine medizinische Versorgung zu ermöglichen und die überfüllten öffentlichen Hospitäler zu entlasten.
Die Mission Robinson hat die Alphabetisierung zum Inhalt, die Programme Riba und Sucre sind dem
Aufbau weiterführende Schulen und Universitäten gewidmet. die Mission Vuelvan Caras soll die
Arbeitslosigkeit bekämpfen. Das Programm Mercal kauft auf Staatskosten große Mengen von Lebens-
und Nahrungsmitteln auf und gibt sie zu verbilligten Preisen an die Armen ab. Dazu kommen Plan
Zamora (die Agrarreform), die Misión Guaicaipuro (eine Volkszählung indigener Völker zur
Verbesserung ihrer Lebensbedingungen) sowie ein Programm zum preiswerten Massenzugang zu
Computern und zum Internet. Ende 2003 kamen noch die Misión Cristo (mit dem Ziel der Ausrottung
der Armut bis 2021) und Mitte 2004 die Mission Hábitat vivienda hinzu, mit der der Bau von
Sozialwohnungen vorangetrieben werden soll. Wichtig ist auch die Misión Identidad, die die Aufgabe
hat die vielen illegal Immigrierten zu legalisieren. die Mission Miranda hat zum Ziel die meist den
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Unterschichten entstammenden und häufig arbeitslosen Reservisten der nationalen Streitkräfte zu
erfassen, zu organisieren und der militärischen Reserve wieder zuzuführen, damit sie im ganzen Land
als Miliz für die Verteidigung, Aufrechterhaltung der Ordnung und für die logistische Durchführung
der Misiones zur Verfügung stehen." (Zeuske 2007: 190)

Fazit

Die Entwicklung dieser Revolution hat gezeigt, dass es keine Unmöglichkeit ist, die seit Jahrhunderten
andauernde Ungerechtigkeit und Armut in Lateinamerika wirkungsvoll zu bekämpfen, aber dass es
außerordentlich schwierig ist, sich gegen eine Opposition zu behaupten, die korrupt, reich und mächtig
ist und die von einem Staat wie den USA unterstützt wird. Chávez hat alle Voraussetzungen dafür,
seine Revolution zu einem glücklichen Abschluss zu bringen. Er lebt für sie, sieht seine Person als ihr
Instrument, ist unbestechlich, aber nicht unbedingt stur. Er reagiert flexibel auf wechselnde
Situationen und lernt aus Fehlern. Er versteht es, die streitenden Teile seiner Partei immer wieder auf
das eine Ziel einzuschwören. Er besitzt großes Charisma und die Fähigkeit, die Leute zu begeistern.
Allerdings hat er auch Glück gehabt, weil die Opposition bewiesen hatte, dass sie keine Antworten
mehr auf die wachsenden Krisen hatte und weil sich die USA aufgrund der Geschehnisse im Nahen
Osten nicht auf sein Land konzentrieren konnten. Auch ist es natürlich wegen der Erdölvorkommen
leichter, Geld für Reformmaßnahmen aufzubringen.

Heute geht es dem Land besser, doch hat Chávez sein Ziel noch lange nicht erreicht. Es herrscht
weiterhin große Armut und Unterbeschäftigung. Opposition und parteiinterne Querelen sind Steine auf
dem Weg zu Chavez' Ziel. Die Tendenz zur Korruption und Vetternwirtschaft ist auch in den eigenen
Reihen zu spüren (Zeuske 2007:193 f) und die Begeisterung des Volkes für die ständige
basisdemokratische Arbeit ist eher gering. (Twickel 2007:286 f)

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Literaturverzeichnis

- Twickel, Christoph „Hugo Chávez: Eine Biographie Edition Nautilus,


Originalveröffentlichung september 2006, 3. aktualisierte Auflage Dezember 2007
- Werz, N. (08.01.2008): „Stationen der Geschichte Venezuelas - Diktatur, Parteienherrschaft
und zivil-militärischer Populismus“.
http://www.bpb.de/themen/UT69A8,0,Stationen_der_Geschichte_Venezuelas.html
- Brose, T: „Erdöl in Amazonien: Das Fallbeispiel Venezuela“.
http://www.indigene.de/fileadmin/indigene/dokumente/venezuela_erdoel_01.pdf

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