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Essay

Einwanderung in Lateinamerika - kultureller und sozialer Beitrag von


Immigranten verschiedener Herkunft in die neue Gesellschaft und ihre
Integration am Beispiel dreier Einwanderergruppen in Argentinien

Abgabe: 30.09.2011

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Einwanderung in Lateinamerika - kultureller und sozialer Beitrag von Immigranten
verschiedener Herkunft in die neue Gesellschaft und ihre Integration am Beispiel dreier
Einwanderergruppen in Argentinien

Seit seiner Entdeckung ist Lateinamerika Ziel von Einwanderern, hauptsächlich aus Europa. Während
sich in der Kolonialzeit vor allem Bürger aus den Kolonialmächten dort niederließen, wanderten seit
der Unabhängigkeit der jeweiligen Länder verstärkt Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen
ein, vor allem aber aus Europa.

In diesem Aufsatz möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit die einzelnen Volksgruppen zur
Herausbildung einer neuen Gesellschaft beitragen, in welchem Maß sie ihre Kultur und Mentalität
beibehalten, sie in die Gesellschaft mit einbringen oder auch aufgeben beziehungsweise jene der neuen
Gesellschaft übernehmen. Dafür konzentriere ich mich auf das Land Argentinien, das die
Einwanderung bewusst gefördert hat und das zwischen 1870 und 1930 für etwa vier Millionen
Menschen zur neuen Heimat wurde (Bernecker 1996:25).

Aus der Vielzahl der Einwanderergruppen in Argentinien möchte ich drei herausgreifen: Italiener,
Syrio-Libanesen und Juden.

In der Kolonialzeit bestand die argentinische Gesellschaft aus einer Oberschicht (Landbesitzer,
Unternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte etc.) europäischer, vor allem spanischer Herkunft und einer
breiten Unterschicht, meist Indigene und Mestizen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Argentinien zum
Exporteur von Agrarprodukten in großem Maß, und in der Landwirtschaft ebenso wie in der
wachsenden Industrie wurden Arbeitskräfte gebraucht. Die Regierung beschloss, die Einwanderung
aus Europa zu fördern, um den Anschluss an die modernen Wirtschaftssysteme Europas zu finden.
Man hatte dabei das Beispiel Nordamerikas vor Augen und wollte bevorzugt Mittel- und
Nordeuropäer ins Land holen. "Der wirtschaftliche Aufschwung basierte auf einer umfangreichen
Einwanderung, und er zog seinerseits unaufhörlich neue Zuwanderer an." (Bernecker 1996:893)

Den größten Anteil an den Einwanderern hatten die Italiener. Sie arbeiteten anfangs vor allem in der
Landwirtschaft, siedelten sich aber mit der wachsenden Einwohnerzahl und der expandierenden
Industrialisierung mehr und mehr in den Städten an. Anpassungsprobleme hatten sie kaum, da sie wie
die spanische Kolonialbevölkerung katholisch waren, und ihre Sprache und Gewohnheiten ähnlich
waren. (Bernecker 1996:894) Vor allem in den großen Städten ist der italienische Einfluss in Sprache,
Gestik und Traditionen spürbar.

Wer in Argentinien ankam, bekam zunächst Kost und Logis gratis, bis er, meist nach kurzer Zeit, eine
Arbeit fand. Auch wurden von den Italienern Gesellschaften für gegenseitige Hilfe gegründet, die

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ihren Landsleuten in allen Lebenssituationen zur Seite standen. Es gab Schulen, in denen die Kinder in
ihrer Muttersprache unterrichtet wurden. Besonders in den ersten Jahren hielten die Italiener den
Kontakt zum Mutterland aufrecht, erst die nachfolgenden Generationen fühlten sich als Argentinier
und vergaßen allmählich ihre Sprache. Dennoch hat die italienische Sprache einen großen Einfluss auf
das argentinische Spanisch ausgeübt. Auch, wenn heute in den Schulen das Spanisch Spaniens gelehrt
wird, das auch über Film und Fernsehen im Land vertreten ist, gibt es in Argentinien sehr viele Slang-
Ausdrücke, die aus dem Italienischen kommen, einige kleinere Italianismen in der Grammatik, aber
vor allem in der Aussprache und im Tonfall ist der italienische Einfluss deutlich spürbar. In der
argentinischen Küche haben die Italiener ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Es gibt viele italienische
Gerichte, die allerdings im Laufe der Zeit "argentinisiert" wurden. Weiterhin brachten die Italiener
ihre Liebe zur Musik, speziell der Oper, und zur Lyrik mit. (vgl. Cohen)

Während die Italiener anfangs als Bauern, einfache Arbeiter und Handwerker ins Land kamen, sind
ihre Nachfahren heute in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten. Auch in Politik, Film und
Literatur findet man häufig italienische Nachnamen. (Deufel 2011:19-47)

Die sogenannten Sirio-Libanesen oder "Türken" machen nur einen kleinen Teil der Immigranten aus.
Während bis 1940 fast 3 Mio. Italiener für immer einwanderten, waren es nur 174.000 "Türken". Sie
kamen aus Palästina, Arabien, aber vor allem aus Syrien und dem Libanon, also den Ländern, die bis
zum Jahr 1929 Teil des Osmanischen Reichs waren, weshalb man ihre Einwohner in Argentinien bis
heute "turcos" nennt.

Zwischen 1860 und 1920 wanderten vor allem Christen, die in ihrer Heimat Syrien und dem Libanon
benachteiligt und verfolgt wurden, nach Argentinien ein. Es waren meist sehr junge Männer, im
Durchschnitt 14 Jahre alt. Sie ließen sich in allen Landesteilen nieder, hauptsächlich im Nordosten. In
den Städten fanden sie Arbeit beim Eisenbahnbau und in der Industrie, auf dem Lande arbeiteten sie
häufig als ambulante Händler, wo sie ihre Ware auch in den entlegensten Dörfern verkauften und so
zur wirtschaftlichen Entwicklung der ländlichen Gegenden beitrugen. Oft gelang es ihnen, einen
eigenen Laden aufzumachen. Da sie nicht zu dem von der Regierung erwünschten Kreis der
europäischen Einwanderer zählten, konnten sie meist nicht auf die gleiche staatliche Unterstützung
zählen wie zum Beispiel die Italiener. Sie halfen einander aber untereinander. Wer sich schon im Land
etabliert hatte, half Freunden und Familienmitgliedern aus der Heimat, sich in Argentinien
niederzulassen. Wer zum Beispiel ein Haus hatte, gewährte Neuankömmlingen Unterkunft, wer einen
Laden hatte, versorgte einen Landsmann mit Ware, so dass er er sie auf den Dörfern verkaufen konnte.

In einer zweiten Einwanderungswelle kommen zwischen 1920 und 1945 hauptsächlich Muslime und
Drusen (eine Religion, die Elemente des christlichen, jüdischen und islamischen Glaubens hat) nach

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Argentinien, weil Syrien und der Libanon inzwischen unter französischem Mandat standen und
diesmal die Moslems benachteiligt wurden.

Die syrisch-libanesische Bevölkerung Argentiniens war nun zu 55 Prozent katholisch, 25 Prozent


orthodox und zu 2o Prozent muslimisch. 80 Prozent waren Männer, so dass sie größtenteils
einheimische Frauen heirateten. Es gelang den Nichtkatholiken unter ihnen oft nicht, größerer
Gemeinden ihrer Religion zu bilden; soweit sie Christen waren, gingen sie in die katholische Kirche.
Muslime konvertierten oft zum Katholizismus.

Die Einwanderergeneration bestand noch aus einfachen Arbeitern, Händlern oder Handwerkern, die
kaum mehr als eine Grundschulbildung hatten, doch ihre Kinder gingen zur die Schule und machten
meist einen Sekundarabschluss, 15 Prozent hatten sogar einen höheren oder Universitätsabschluss und
wurden häufig Anwälte oder Ärzte.

Man sieht, dass die "Türken" sich sehr bemühten, in der neuen Heimat zu Fuß zu fassen und sich stark
in die argentinischen Gesellschaft integriert haben. Selbst ihre Sprache haben sie so gut wie vergessen.
Man findet Syrio-Libanesen heute in allen gesellschaftlichen Schichten, oft in der Politik. Sie haben
mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Bildung der argentinischen Gesellschaft geleistet, jedoch
findet man dort kaum Spuren ihrer Kultur. Man sagt, dass sie den Gebrauch des Kredits nach
Argentinien gebracht haben, und in der Küche Argentiniens sind ihre Süßspeisen sehr verbreitet.

Heutzutage existieren keine genauen Angaben über die Anzahl der Muslime in Argentinien, sie
variieren zwischen 400.000 und 1 Mio. Es gibt inzwischen eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche
Kultur und Religion. In den Achtziger Jahren, während der Regierungszeit des syrisch-stämmigen
Präsidenten Carlos Menem, wurden in Buenos Aires beispielsweise zwei Moscheen gebaut (mit
finanzieller Hilfe des Iran und Saudi Arabiens). 2006 wurde dort eine weitere Moschee gebaut, und ein
islamisches Kulturzentrum eingerichtet. Auch gibt es zwei argentinisch-arabische (islamische)
Schulen, die aber auch Nicht-Muslimen offenstehen (Bianchi 2010: 1-4; vgl. de Luca).

Schon kurz nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 kamen einige Familien nach
Argentinien. Es waren jedoch nur wenige und sie gingen in der Bevölkerung auf. Nachdem im Jahr
1810 die Einwanderungsbestimmungen gelockert wurden, wanderten mehr Juden ein. Ende des 19.
Jahrhunderts immigrierte eine größere Anzahl von ihnen (die genaue Zahl ist nicht bekannt) auf der
Flucht vor Pogromen in Russland und anderen osteuropäischen Staaten. Sie wurden von der
Bevölkerung "los rusos" (die Russen) genannt. Ca. 50 Familien ließen sich als Bauern in Kolonien
nieder, die von einer gemeinnützigen jüdischen Organisation gekauft worden waren.

Die Zahl der Juden stieg stetig weiter und erlebte aufgrund des Antisemitismus in Mitteleuropa in der
Zeit nach dem Ersten bis zum Endes des Zweiten Weltkriegs einen starken Anstieg. In Argentinien
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waren sie Großgrundbesitzer oder Industrielle, Land- oder Fabrikarbeiter, Techniker, Handwerker oder
Händler.

Die Juden bauten Synagogen und gründeten Schulen und gemeinnützige Verbände für ihre
Gemeinden. Sie waren selten antisemitischen Angriffen ausgesetzt, wie zum Beispiel 1929, als sie
gesellschaftliche Stimmung gegen alles, was kommunistisch oder revolutionär war, aufgeheizt war
und sich gegen sie als "Russen" richtete. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde ein Gesetz
erlassen, das ihnen die Einreise fast unmöglich machte, weshalb in dieser Zeit die Hälfte der Juden
illegal einwanderte. Bei Ausschreitungen wurden sie tätlich angegriffen, und ihre Geschäfte
geplündert und in Brand gesetzt. Während der Militärdiktaturen zwischen 1976 und 1983 wurden viele
Juden Opfer von Entführungen, Folter und Mord. (vgl. Frankenthal)

Heute leben in Argentinien ca. 200.000 Juden, hauptsächlich in den großen Städten. Sie arbeiten in
allen Bereichen, auch in hohen Positionen. „Außerordentlich wichtig ist der jüdische Beitrag zur
argentinischen Kunst und Kultur. Und manche dieser in Argentinien geborenen Juden haben sogar
sich international behaupten können, wie z.B. die Musiker Giora Feidmann oder Daniel Barenboim.
Trotzdem gibt es Bereiche in denen es immer noch eine informelle aber unüberwindliche Hürden für
Juden gibt. Trotz der überproportional hohen Anzahl an jüdische Juristen, wurde noch keiner zum
Obersten Gericht des Staates berufen. Die Offizierslaufbahnen der Streit- und Sicherheitskräfte sind
immer noch faktisch für jüdische AnwärterInnen gesperrt. “ (vgl. Frankenthal)

60 Prozent der jüdischen Kinder gehen auf Schulen der Gemeinden. Ihre Muttersprache ist das
Spanische; Ladino und Yiddish, die jüdischen Sprachen ihrer Herkunftsländer, werden kaum noch
gesprochen. Ihre Religion und Gebräuche haben sie trotzdem bewahrt, sich aber gleichzeitig in die
argentinische Gesellschaft integriert. (vgl. Frankenthal)

Fazit

Wie man sieht, hängt der Beitrag einer Volksgruppe zur Bildung einer Gesellschaft von den
unterschiedlichsten Gründen ab ebenso wie die Bewahrung ihrer Sprache und Kultur. Deshalb ist es
sehr schwierig, entsprechende Gesetzmäßigkeiten auszumachen. Es hängt ganz allgemein von den
Bedingungen ab, die die Einwanderer in dem neuen Land vorfinden, aber auch von ihrem eigenen
Engagement, sicherlich auch sehr von ihrem zahlenmäßigen Anteil an der Gesamtbevölkerung. Alles
in allem ist dieser Prozess also sehr dynamisch und nicht vollständig voraussagbar.

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Literaturverzeichnis

 Walter L. Bernecker et al. (1996) (Hrsg.) Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Bd. 3:
Lateinamerika im 20. Jahrhundert. Stuttgart: Klett-Cotta. (Bernecker 1996:25)

 Jasmin Deufel (2011), Der italienische Charakter Argentiniens, Folgen der


Masseneinwanderung für die argentinische Gesellschaft, Bachelorarbeit. München: GRIN-
Verlag

 Cohen, Matías, „Inmigración italiana en las costumbres argentinas“ (20.09.2011)


http://html.rincondelvago.com/inmigracion-italiana-en-las-costumbres-argentinas.html

 de Luca, Julián, "La inmigración sirio-libanesa en la Argentina",


http://webiigg.sociales.uba.ar/pobmigra/archivos/1.pdf (20.09.2011)

 Bianchi, Daniel, "Arabes y Musulmanes en Argentina" (2010),


http://conversation.lausanne.org/en/conversations/detail/10613#article_page_3

 Frankenthal, Roberto: „Im nächsten Jahr...in Argentinien“(20.09.11)


http://argentinien-nachrichten.blogspot.com/2007/08/im-nchsten-jahr-inarge.tinien.html