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Cuius regio, eius religio

Cuius regio, eius religio, auch cuius regio, illius religio (lateinisch für wessen Gebiet, dessen Religion, im
damaligen Sprachgebrauch oft wes der Fürst, des der Glaub’), ist eine lateinische Redewendung, die besagt,
dass der Herrscher eines Landes berechtigt ist, die Religion für dessen Bewohner vorzugeben. Sie ist die
Kurzform eines im Augsburger Religionsfrieden niedergelegten Rechtsprinzips, das weitgehend bis zum
Westfälischen Frieden galt (→ Assekurationsakte). Die lateinische Redewendung wurde vom Greifswalder
Rechtsprofessor Joachim Stephani im Jahre 1612 geprägt.

Inhaltsverzeichnis
Ausgangspunkt bis zur Reformation
Reichskrise durch die Reformation
Rechtssatz
Ausnahmen
Geistliche Herrschaften
Reichsstädte
Kleve-Jülich-Berg
Bewertung und Wirkung
Außerhalb des Heiligen Römischen Reiches
Einzelnachweise

Ausgangspunkt bis zur Reformation


Seit Entstehung des Staatswesens im Altertum wurde die Staatsgewalt als göttliche Stiftung aufgefasst (→
Gottesgnadentum). So war es einerseits Aufgabe des Staates, den Schutz und die Verbreitung der
anerkannten (Staats-)Religion sicherzustellen. Ein Abweichen von der jeweiligen Staatsreligion stellte
andererseits die Legitimationsbasis des Staates in Frage. Die Herrscher betrachteten sich deshalb als
verpflichtet und berechtigt, die staatlich anerkannte Religion durchzusetzen. Beispiele für diese Verbindung
von Staat und Religion lassen sich im Alten Ägypten (gottgleiche Stellung des Königs), antiken
Griechenland (Asebie) oder auch im Kaiserkult des Römischen Reiches finden. Seit 380 war das
Christentum im Römischen Reich Staatsreligion und diente gleichermaßen als Legitimationsbasis für die
weltliche Herrschaft. Im Heiligen Römischen Reich stellte das katholische Christentum bis zu Beginn der
Frühen Neuzeit faktisch die Staatsreligion dar. Häresie, also religiöse Abweichungen innerhalb der Kirche,
wurde nach dem Reichsrecht verfolgt. Die obrigkeitliche Sorge und Bewahrung der Staatsreligion waren
zum Zeitpunkt der Reformation 1517 der Normalfall und ein anderer Zustand grundsätzlich nicht
vorstellbar. Ausnahme war die mehr oder weniger geduldete jüdische Religion.

Reichskrise durch die Reformation


Im Zuge der Reformation wurden nach 1517 weite Landstriche in West-, Nord- und Mitteleuropa
protestantisch. Damit zerbrach die religiöse Einheit des Reiches. Der im Heiligen Römischen Reich
regierende Kaiser Karl V., ein Teil der Fürsten und große Teile des fürstlichen Klerus schlossen sich der
Reformation nicht an. Auch die Reichstage zwischen 1527 und 1545, die Religionsgespräche zwischen 1540
und 1546, der Schmalkaldische Krieg 1546/47 und das Augsburger Interim 1548 vermochten diese nicht
wiederherzustellen. Damit war ein alle gemeinsam verpflichtendes Recht gegen Häresie auf Reichsebene de
facto nicht mehr durchsetzbar. Diese Regelung (später Cuius regio, eius religio genannt) war die Antwort
auf die reichsverfassungsrechtliche Krise, dass die Protestanten trotz religiöser Abweichung nicht von der
Herrschaft im Reich ausgeschlossen werden konnten.

Rechtssatz
Im Zuge der Reformationszeit wurde das Prinzip der obrigkeitlichen Bestimmung der Religion unter der
Bezeichnung Ius reformandi in Deutschland neu gefasst. Mit dem Passauer Vertrag von 1552 und im
Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde ein politisches Patt zwischen Kaiser, lutherischen und
katholischen Landesherren des Heiligen Römischen Reiches zum Anlass genommen, Verfolgung wegen
Häresie gegenüber den Lutheranern zu suspendieren. Die obrigkeitliche Bestimmung und Beaufsichtigung
der Religion wurde aber nicht abgeschafft, sondern auf die Ebene der Territorien verlagert. In diesen gab es
weiterhin eine obrigkeitlich durchgesetzte Religion. Anerkannt im Sinne des Augsburger Religionsfriedens
waren zunächst nur Katholiken und Lutheraner (vgl. § 17). Der Westfälische Friede bezog 1648 dann auch
die reformierte Konfession in die Gewährleistung ein.

Dieser Kernaspekt des Ius reformandi wurde 1610 durch den pommerschen Kanonisten Joachim Stephani
mit dem Satz “cuius regio, eius religio” popularisiert.

Eng mit dem Rechtssatz Cuius regio, eius religio verbunden war das Ius emigrandi (Recht auszuwandern) in
§ 24 des Augsburger Religionsfriedens. Hiernach konnten Untertanen, die nicht der Konfession des
Landesherrn folgen wollten, in Begleitung ihrer Familie und unter Mitnahme ihres Eigentums auswandern.
Die Untertanen hatten somit das Recht, einem erzwungenen Konfessionswechsel auszuweichen. Allerdings
konnte diese Auswanderung aus Glaubensgründen nur vollzogen werden, wenn alle herrschaftlichen
Verbindlichkeiten abgelöst waren; beispielsweise durch Freikauf aus einer Leibeigenschaft, was den
wirtschaftlichen Ruin bedeuten konnte.

Ausnahmen

Geistliche Herrschaften

Eine wichtige Ausnahme vom „Cuius-Regio-Prinzip“ bestand in Form des reservatum ecclesiasticum
‚Geistlicher Vorbehalt‘. Er regelte, dass ein römisch-katholischer, geistlicher Herrscher seine Besitzungen
und Herrschaftsrechte verlor, wenn er evangelisch wurde. So geschehen, als bspw. der Kölner Erzbischof
und Kurfürst Gebhard Truchsess von Waldburg seine Konfession wechselte, um Kurköln in ein weltliches
und erbliches Fürstentum zu verwandeln, und damit den Truchsessischen Krieg begann. In einem solchen
Fall musste dann das Domkapitel bzw. der Klosterkonvent einen römisch-katholischen Nachfolger wählen.
Zum Ausgleich des Nachteils, der den Protestanten durch den Geistlichen Vorbehalt entstand, gab König
Ferdinand I. die so genannte Declaratio Ferdinandea ab, durch die die Rechte der landsässigen
evangelischen Ritter und Städte in geistlichen Territorien gesichert wurden.

Reichsstädte
In den Reichsstädten bestanden nach der Reformation oft mehrere Konfessionen. Hier entwickelten sich
zuerst „Staats“- und Gesellschaftsmodelle, die auf eine obrigkeitlich bestimmte, vom Staat vorgegebene
Einheitsreligion verzichten konnten. Dazu zählten etwa Simultankirchen oder konfessionsgebundener
Proporz in den städtischen Gremien wie in den süddeutschen Paritätischen Reichsstädten. Es gab Städte, in
denen bis zu vier „Religionen“ offiziell nebeneinander existierten, etwa Frankfurt am Main: Römisch-
katholisch, lutherisch, reformiert und jüdisch.

Kleve-Jülich-Berg

In den in Personalunion verbundenen Herzogtümern Kleve, Jülich und Berg verzichtete der Landesherr
darauf, seinen Untertanen ihre Konfession vorzuschreiben. In der Folge setzte sich in den rechtsrheinischen
Teilen der Herrschaft weitgehend der evangelische, linksrheinisch der katholische Glaube durch. Es blieben
aber Minderheiten der jeweils anderen Konfession auf beiden Seiten.

Bewertung und Wirkung


Das Cuius-Regio-Prinzip bedeutet die grundsätzliche rechtliche Anerkennung, dass ein Konfessionswechsel
– wenn zunächst auch nur für Landesherren und nur für einzelne Konfessionen – möglich und rechtmäßig
war. Der religiöse Frieden wurde nach Auseinanderbrechen der konfessionellen Einheit im Zuge der
Reformation zunächst vorübergehend und im Westfälischen Frieden endgültig hergestellt. Die
Wahrheitsfrage wurde auf Reichsebene suspendiert und es wurde auf Verfahren abgestellt, mit denen die
beiden Konfessionen miteinander umgehen konnten, wie etwa die itio in partes. Hierdurch war auf
Reichsebene eine erste Säkularisation der Staatsgewalt erreicht und damit eine Voraussetzung für den
modernen, freiheitlichen Staat in seinen Anfängen entwickelt.[1]

Neben dieser staatsrechtlichen Wirkung hatte das Prinzip auch eine Ausstrahlung auf die
individualrechtliche Sphäre: Das ius emigrandi gab dem Einzelnen erstmals in Religionsangelegenheiten
einen individuellen Freiheitsbereich, wenngleich die Ausübung durch hohe materielle Pflichten erschwert
wurde. Es stellt damit eine Vorform der heutigen Religions- bzw. Gewissensfreiheit dar. In den einzelnen
Reichsteilen wurde im Laufe des 18./19. Jahrhunderts die Möglichkeit, mehrere Konfessionen in einem
Staat zu tolerieren, durch politische Zwänge und die im 18. Jahrhundert wirkende Aufklärung möglich.
Diese Entwicklung führte schließlich in den Verfassungen des 19. Jahrhunderts zum individuellen Recht auf
Religionsfreiheit.

Außerhalb des Heiligen Römischen Reiches


In Frankreich war ein Nebeneinander der Konfessionen nur zeitweise im 16. Jahrhundert möglich. Der
„Sonnenkönig“ Ludwig XIV. beendete 1685 durch sein Edikt von Fontainebleau die religiöse Toleranz,
getreu der Formel: « un roi, une loi, une foi » (deutsch: „Ein König, ein Gesetz, ein Glaube“)[2].

In Großbritannien sind nach wie vor staatsrechtliche Relikte des Grundsatzes cuius regio, eius religio in
Geltung. Konfessionsbestimmender Souverän ist hier der Monarch in Verbindung mit dem Parlament (King-
in-parliament). Im Rahmen seines Rechtes über die Thronfolge bestimmen zu können, schließt es nach wie
vor durch die Bill of Rights und den Act of Settlement Personen von der Thronfolge aus, die der katholischen
Kirche angehören oder angehört haben. Diese Einschränkungen gelten nicht automatisch für deren
Nachkommen oder wenn der Gatte während einer bestehenden Ehe konvertiert. Die Glaubensfreiheit der
Untertanen war für Katholiken und radikale Protestanten (Dissenters) nicht immer gewährleistet, wurde
jedoch seit dem 18. Jahrhundert gewährt.
In vielen anderen europäischen Königreichen ist ebenfalls die Konfession des Staatsoberhaupts
verfassungsrechtlich vorgeschrieben, so in den Niederlanden (calvinistisch), Schweden (lutherisch), Spanien
(katholisch).

Einzelnachweise
1. vgl.: Ernst-Wolfgang Böckenförde: Die Entstehung des Staates als Vorgang der
Säkularisation. In: Säkularisation und Utopie. Ebracher Studien. Ernst Forsthoff zum 65.
Geburtstag. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1967, S. 75–94 (Auch in: Ernst-Wolfgang
Böckenförde: Staat, Verfassung, Demokratie. Studien zur Verfassungstheorie und zum
Verfassungsrecht (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 953). Suhrkamp, Frankfurt am
Main 1991, ISBN 3-518-28553-X, S. 92–114).
2. Hugenotten (https://www.calvin.de/wirken/hugenotten.html) auf calvin.de, abgerufen am 7. Mai
2018

Abgerufen von „https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cuius_regio,_eius_religio&oldid=199168568“

Diese Seite wurde zuletzt am 22. April 2020 um 17:06 Uhr bearbeitet.

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