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DOI: 10.1002/ciuz.

201700821
www.chiuz.de

Umweltchemie

Mikroplastik
in der Umwelt
S ebastian P rimpke | H annes I mhof | S arah P iehl | C laudia L orenz |
Dr. Dr. Dr.

M artin L öder | C hristian L aforsch | G unnar G erdts Dr.

Plastikmüll – hier
am Strand des
mexikanischen
Fischer- und
Touristendorfes
Puerto Morelos –
wird in der
Umwelt durch
Wetter und
Gezeiten zu
Mikroplastik
zerkleinert.
[Foto: Alfred-Wege-
ner-Institut /
Sina Löschke
(CC-BY 4.0)]

Kunststoff – umgangssprachlich Plastik – ist aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken
und wird in einer Vielzahl von Bereichen der Industrie und des täglichen Lebens eingesetzt,
etwa in der Automobilindustrie, dem Baugewerbe, der Medizintechnik sowie in großen Men-
gen als Verpackungsmaterial. Wenn Kunststoff nicht ordnungsgemäß entsorgt wird und in
die Umwelt gelangt, verursacht es nicht nur ein ästhetisches Problem. Durch Wind und Regen
wird der Müll in Flüsse, Seen und das Meer eingetragen. Dabei zerfällt das Plastik zu Mikro-
plastik (< 5 mm), wobei die Partikel so klein werden, dass selbst Kleinstlebewesen diese auf-
nehmen können. Dadurch gelangt Mikroplastik bereits in die unteren Bereiche der Nahrungs-
netze und wird über die verschiedenen trophischen Ebenen transportiert – bis hin zu den
Endkonsumenten, zu denen auch wir Menschen gehören.

D ieser Artikel gibt eine Übersicht über die Entstehung


und Auswirkungen von Mikroplastik. Anschließend
wird auf die Beprobung und Analyse von Mikroplastik ein-
Vom Plastik zum Mikroplastik
Die produzierte Menge von Plastik ist seit dem Jahr 1950
nahezu kontinuierlich von 1,5 Megatonnen (mt) auf 322 im
gegangen. Anhand eines Beispiels, der Beprobung zweier Jahr 2015 gestiegen [1]. Nach der Verwendung endet das
Kläranlagen, werden die Vor- und Nachteile der jeweils Plastik im Müll und nur ein Teil davon wird recycelt oder
verwendeten Analysemethoden erläutert und die Komple- thermisch wiederverwertet. Weltweit wird aber noch im-
xität von Probennahme und Aufarbeitung gezeigt. Im Zu- mer ein erheblicher Teil des Mülls auf Deponien endgela-
sammenhang mit dem gewählten Beispiel wird eine einfa- gert und keiner Wiederverwertung zugeführt. Ein weiterer
che Maßnahme zur zusätzlichen Reduktion der Mikroplas- Teil gelangt durch unsachgemäße Entsorgung in die Um-
tikemission auf Klärwerksausflüsse vorgestellt. welt. Es wird angenommen, dass pro Jahr ca. 4,8 bis

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12,7 mt Plastikmüll direkt oder über Flüsse in die Meere


und Ozeane gelangen [2].
Einmal im Gewässer angelangt (Abbildung 1), wird Plas-
tik nur sehr langsam abgebaut, da auf und unterhalb der
Wasseroberfläche die für die Abbauprozesse (Photodegra-
dierung und thermische Zersetzung) benötigte hohe Son-
neneinstrahlung und großen Temperaturunterschiede zu-
nehmend abgeschwächt werden [3]. Sinken die Partikel auf
den Boden der Gewässer, können sie durch die fehlende
UV-Strahlung und die konstant niedrige Temperatur nur
noch durch mikrobielle Prozesse abgebaut werden. Gerade
auf dem Meeresboden führt das dazu, dass die vormals po-
sitiven, erwünschten Eigenschaften wie die hohe chemi-
sche Beständigkeit oder die hervorragenden mechanischen
Eigenschaften nun die Lebensdauer des Plastiks erhöhen.
Im Gegensatz dazu finden die genannten Abbauprozes-
se an Land und Stränden schneller statt [3] und der Plastik-
müll zerfällt zu Bruchstücken, die kleiner als 5 Millimeter Abb. 1  Degradierungsmöglichkeiten von (Mikro-)Plastik an verschiedenen Punk-
sind und per Definition als Mikroplastik bezeichnet wer- ten der Gewässer. a) An Land/Strand können die Partikel durch UV-Strahlung sowie
den. So entstandene Partikel werden sekundäres Mikroplas- thermisch zersetzt werden, während viel Sauerstoff vorhanden ist; b) Auf der
tik genannt, da sie nicht ursprünglich als so kleine Partikel Wasseroberfläche ist die thermische Zersetzung begrenzt, weiterhin findet UV-
Degradierung statt sowie die mechanische Zersetzung durch Wind und Wellen­
in die Umwelt eingetragen wurden. Primäres Mikroplastik
bewegung. Durch Fouling wird ein Film auf den Partikeln gebildet, der die Strah-
wird dagegen direkt als Ausgangsmaterial mit einer Größe lung hemmt und ein Absinken fördert; c) Nach Absinken auf dem Gewässerboden ist
< 5 mm eingesetzt. Typische Beispiele sind hier die Ver- abhängig von der Tiefe nur noch der mikrobielle Abbau möglich, da die UV-Strah-
wendung von kleinen Partikeln als Abrasionsmittel in In- lung stark abgeschwächt wird und wenig Sauerstoff vorhanden ist.
dustrie und Reinigungsmitteln oder ihr Einsatz in Kosme­
tika. Über diesen Weg können diese Partikel in die Umwelt
gelangen. Eine zusätzliche Eintragsquelle ist der Verlust von usw.). Außerdem können sich an Kunststoffpartikeln im
Rohpellets, das Plastikgranulat zur Herstellung von Form- Wasser vorhandene Chemikalien, zum Beispiel persistente
teilen und Folien, beim Transport zu weiterver­arbeitenden organische Schadstoffe (POP), anlagern und anreichern
Produktionsstätten. In der Umwelt werden beide, sekun- [6–7]. Ebenso wie die Additive auch können diese unter
däres und primäres Mikroplastik, angetroffen. anderem krankheitserregend, giftig, kanzerogen oder hor-
monell aktiv sein und bei einer Aufnahme potentiell an den
Die Gefahren durch Mikroplastik Organismus abgegeben werden. Zudem können sich an
Durch die Vielfalt der verwendeten Kunststoffarten sowie Mikroplastikpartikel Bakterien und Viren anlagern und so
unterschiedlicher Formen und Größen von Mikroplastik transportiert werden [8]. Da diese Partikel längere Zeit in
(5 mm bis wenige µm) gehen von diesen eine Vielzahl von der Wassersäule schweben können, besteht die Möglich-
potentiellen Gefahren für die Umwelt und den Menschen keit, dass Schadstoffe aber auch Mikroorganismen als inva-
aus. Mikroplastik kann von den meisten Lebewesen nicht sive Spezies über weite Strecken transportiert werden,
von normaler Nahrung unterschieden werden. Dadurch ohne dass diese am Zielort ursprünglich selbst vorkamen
nehmen schon Kleinstlebewesen wie Planktonorganismen [8]. Somit geht von Mikroplastik auf vielfältige Weise eine
die Partikel mit der Nahrung auf. Einmal aufgenommen potentielle Gefährdung der Meeresfauna aus.
können sie im Verdauungstrakt verbleiben. Mögliche Fol- Aktuell lässt sich die tatsächliche Gefährdung durch Mi-
gen sind eine verminderte Nahrungsaufnahme und redu- kroplastik noch nicht vollständig abschätzen, da die meisten
zierte Lebenserwartung. Hinzu kommen mechanische Ver- Studien nur Momentaufnahmen der Mikroplastikbelastung
letzungen des Filter- und Verdauungstraktes durch scharf- darstellen. Zudem sind saisonale und regionale Unterschie-
kantige Partikel oder Fasern, die sich in Filterapparaten de in der Mikroplastikbelastung noch nicht oder nur im
verfangen. Eine Aufnahme von Mikroplastik sowie der geringen Maße berücksichtigt. Um einen guten Zustand der
trophische Transport innerhalb des Nahrungsnetzes [4] Meeresumwelt zu erreichen, wird daher von der Meeresstra-
wurde bereits bei einer Vielzahl von Tiergruppen nachge- tegierahmenrichtlinie auch die Untersuchung sowie das
wiesen [5]. Monitoring der Mikroplastikbelastung gefordert (Deskriptor
Neben dem reinen Polymer enthalten Kunststoffparti- 10) [9]. Tatsächlich findet ein solches Monitoring bislang
kel chemische Substanzen (Additive), die während der Her- nicht statt. Hintergrund hierfür ist, dass zurzeit keine ein-
stellung eines Kunststoffproduktes hinzugefügt werden. heitlichen Methoden zur Probennahme, Probenaufarbei-
Von diesen Zusätzen gehen ebenfalls potentielle Gefahren tung und der Identifizierung von Mikroplastik bestehen, so
aus (z.B. Weichmacher, Flammschutzmittel, Farbstoffe dass erhobene Daten schwer zu vergleichen sind.

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Wie wir es finden geringen Fläche und Porengröße schneller zusetzen kön-
Probennahme für Mikroplastikuntersuchungen nen als Netze.
Zur Analyse von Mikroplastik in Umweltproben wird eine Mikroplastik sammelt sich nicht nur auf der Wasser-
Vielzahl von Techniken zur Probennahme verwendet (Ab- oberfläche, sondern auch entlang der Wassersäule, im Se-
bildung 2); im Folgenden werden die häufigsten vorgestellt. diment, auf dem Gewässerboden sowie entlang der Strän-
Für die Probennahme auf und unmittelbar unterhalb de an. Um hier Proben zu entnehmen, muss eine repräsen-
der Wasseroberfläche haben sich Netze etabliert. Diese tative Menge von Material auf einer bestimmbaren Fläche
haben den Vorteil, dass eine große Menge Wasser in kur- oder in einem bestimmbaren Volumen entnommen wer-
zer Zeit beprobt werden kann. Dabei werden die Netze den. Am Strand kann dieses recht einfach erfolgen, da die
neben oder seitlich versetzt hinter dem Schiff gezogen Beprobungsstellen meist leicht zugänglich sind. Hierbei
und die partikulären Bestandteile in einem Behälter am wird ein Bereich mithilfe eines Rahmens (z.B. Holz oder
Ende des Netzes aufkonzentriert. Bekannte Beispiele sind Edelstahl) definierter Größe abgesteckt und die obere
das Mantaschleppnetz sowie das Neustonnetz (Abbildung Schicht (in der Regel 3–5 cm) abgenommen (z.B. mit
2f, 2g). Dabei kann aus einer Vielzahl von Maschenweiten ­einem Edelstahllöffel) und in ein Probengefäß überführt
gewählt werden: Typisch sind 390 bis 300 µm sowie (Abbildung 2h). Dabei werden Probennahmestellen meist
100 µm beim Neustonnetz [1]. Die Verwendung unter- entlang von Transekten, also entlang einer geraden Linie,
schiedlicher Maschenweiten schränkt die Vergleichbar- genommen, die parallel oder senkrecht zur Uferlinie ver-
keit von Studien stark ein, da die Mikroplastikkonzentra- laufen.
tion mit abnehmender Größe der Partikel zum Teil stark Für Sedimente vom Gewässergrund lässt sich diese Be-
ansteigt [10]. probung jedoch nicht anwenden. Daher werden Bagger-
Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von Pump­ greifer, wie der Kasten- oder Van-Veen-Greifer, verwendet.
systemen, die das Wasser über einen Filter leiten. Diese Diese greifen durch ihre Seitenwände in das Sediment und
werden oft eingesetzt, wenn Partikel bis in den Mikrome- umfassen dabei die Probe (Abbildung 2b, 2c).
terbereich hinein untersucht werden sollen (bis zu 5 µm). Eine Alternative sind Sedimentstechrohre, die oft zu
Typische Beispiele sind In-situ-Pumpen, die zusammen mit mehreren montiert und als sogenannte Multicorer verwen-
der Filtereinheit ins Wasser gelassen werden und Saugpum- det werden. Diese haben den Vorteil, dass die Schichtung
pen, die das Wasser ansaugen und über einen vorgelager- des Sediments bei der Beprobung erhalten bleibt (Abbil-
ten Filter leiten (Abbildung 2d, 2e). Diese Systeme haben dung 2a). Sedimentstechrohre werden auf dem Gewäs­
den Vorteil, dass der Filter in Maschenweite und Material sergrund abgesetzt und über Gewichte langsam in das
frei gewählt und somit die Probennahme auf die Analytik ­Sediment eingedrückt. Durch einen Schließmechanismus
abgestimmt werden kann. Nachteilig im Vergleich zur Be- werden die Öffnungen verschlossen und die Sedimentbohr-
probung mit Netzen ist, dass nur kleinere Wasservolumina kerne können ungestört an die Oberfläche verbracht wer-
beprobt werden können, da sich die Filter aufgrund ihrer den.

A bb . 2    S c h em a ti sc h e D a rs tellu n g v o n B e i spi e l e n fü r P r o b e n n a h me n a u f M i k r o p l as tik

a) Mulitcorer für Sedimente; b) Van-Veen-Greifer für Sedimente; c) Kastengreifer für Sedimente; d) In-situ-Pumpe in der
­Wassersäule mit Filtereinheit zur Probennahme; e) Saugpumpensystem mit Filtereinheit zur Probennahme in der obersten
Wasserschicht; f) Neustonkatamaran zur Beprobung der Wasseroberfläche; g) Mantaschleppnetz zur Beprobung der Wasser-
oberfläche; h) Probenrahmen als Hilfsmittel zur Entnahme einer Strandprobe.

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TAB. 1   Daten der Kl ä rwerk e H old orf u nd O ld e n b u r g mi t B e z u g a u f das E i n z u gsg e b i e t ,


der Rei ni gungss tu f en s owi e d em j ä h rl i c h e n A u s fl u ss

Klärwerk Primäre Sekundäre Tertiäre Jährlicher Einzugsgebiet


Behandlung Behandlung Behandlung Ausfluss [m3]
Oldenburg Ja Ja Filtration 1,3 × 107 Industriell und Kommunal
Holdorf Ja Ja Nein 6,0 × 105 40 % Molkerei, Industriell und Kommunal

Nach der Probennahme müssen die Proben zur Analyse Mikroplastik mehr oder weniger aus dem behandelten Ab-
aufgearbeitet werden. Um diesen Prozess zu erläutern wird wasser entfernt werden. Es gelangt so in die Gewässer und
exemplarisch die Beprobung, die Probenbearbeitung und erreicht über die Fließgewässer auch die Meere und Ozea-
die Partikelidentifizierung von Mikroplastik in Klärwerks­ ne. Ausflüsse von Kläranlagen stellen entsprechend einen
ausflüssen beschrieben. potentiellen Eintragsweg für Mikroplastik in die Flüsse so-
wie Meere und Ozeane dar [11–13].
Probenbearbeitung und Partikelidentifizierung
Ein Beispiel: Mikroplastik in Klärwerksausflüssen Beprobung auf Mikroplastik
Bei vielen Anwendungen in Haushalt und Industrie wird in Klärwerksausflüssen
Mikroplastik eingesetzt, das häufig anschließend in das Ab- Im Rahmen einer Kooperation mit dem Oldenburgisch-
wasser und entsprechend in Kläranlagen gelangt. Das Ab- Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) wurden verglei-
wasser wird in den Kläranlagen gereinigt und wiederaufbe- chend zwei Kläranlagen an zwei Tagen untersucht. Die
reitet, um anschließend als geklärtes Wasser über Flüsse Proben wurden am 13.08.2015 und 17.08.2015 jeweils an
und Bäche in die Umwelt zurückgeleitet zu werden. In den Ausläufen der Klärwerksanlagen Holdorf und Olden-
Abhängigkeit vom jeweiligen Aufbau der Kläranlage kann burg entnommen (Tabelle 1 und Abbildung 3). Die Kläran-

Abb. 3    P rob ennahm e u nd -p roz ess i eru ng f ü r d i e A n a l ys e d e r K l ä r w e r ksp r o b e n

a) Pumpsystem zur Probennahme; b) Probennahme am Klärwerksausfluss Holdorf; c) Probennahme vor der Filtrationsstufe in
Oldenburg; d) Filtrationsstufe im Klärwerk Oldenburg; e) Probennahme nach der Filtrationsstufe in Oldenburg; f) Schematische
Darstellung der Probenprozessierung und Aufteilung in zwei Größenfraktionen.

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TA B. 2    P rob enü b ers i c h t f ü r z w e i K l ä r a n l ag e n

Probe Proben- Niederschlag inner- Anzahl Partikel Anzahl Partikel Gesamtpartikel


Probenübersicht volumen halb drei Tage vor >500 µm <500 µm pro Jahr
mit Probenvolu- [L] Probennahme [× 103 m−3] [× 103 m−3] [× 109 a−1]
men, Nieder- [mm/m ] 2
schlagsmenge
Holdorf 500 18 0,02 19 11
vor der Proben-
13.08.2015
nahme, gefunde-
ner Mikroplastik- Holdorf 500 75 0,06 40 24
konzentrationen 17.08.2015
sowie eine Hoch- Oldenburg, vor Filtration (vF), 501 10 0,05 3,8 5
rechnung auf den 13.08.2015
jährlichen Aus- Oldenburg, nach Filtration 531 10 0,01 0,52 0,7
fluss für Kläranla- (nF), 13.08.2015
gen Holdorf und
Oldenburg, vor Filtration (vF), 185,3 19* 0,12 59 77
Oldenburg für die
17.08.2015
Beprobung am
13.08.2015 und Oldenburg, nach Filtration 500,1 19* 0,01 17 22
17.08.2015 (nF), 17.08.2015
* Kurz vor der Probennahme fand ein Regenereignis mit einem Niederschlag von 10 mm/m2 statt, dadurch waren alle Speicher der Kläranlage gefüllt.

lage in Oldenburg besitzt eine zusätzliche abschließende information zu entnehmen, die unter www.chiuz.de bei
Filtrationsvorrichtung vor dem Ablauf, um verschiedene diesem Aufsatz eingesehen oder heruntergeladen werden
Schwebstoffe zu entfernen. Um die Leistungsfähigkeit der kann.
Filtration mit Blick auf die Reduktion von Mikroplastik zu
untersuchen, wurde neben dem Ausfluss auch eine Probe Nach der Probennahme:
vor diesem Filter entnommen. In allen Fällen wurde das Die Extraktion von Mikroplastik
Wasser mit Hilfe eines Pumpsystems durch 10 µm Kerzen- Nachdem eine Probe genommen wurde, muss das Mikro-
filter aus Edelstahl filtriert (185–500 L, Tabelle 2) und an- plastik hieraus extrahiert werden. Häufig macht es nur ei-
schließend der Filtrationsrückstand im Labor weiter behan- nen kleinen Teil der Probe aus und muss daher von orga-
delt. Die technischen Details hierzu sind der supporting nischen und anorganischen Begleitkomponenten getrennt
werden. Hierfür kommen zwei grundsätzliche Vorgehens-
weisen zur Anwendung, die Separation nach Dichte und
Abb. 4   Extraktion von Mikroplastik durch Dichteseparation der Abbau der natürlichen organischen Probenmatrix.
Die Dichte-Separation ist notwendig, um Partikel hoher
Dichte wie Sande und Tone abzutrennen. Dazu wird die
Probe in einer gesättigten Salzlösung suspendiert und an-
schließend gravimetrisch getrennt. Dabei sammeln sich
Partikel, die eine geringere Dichte haben als die Lösung,
auf deren Oberfläche. Als Salze werden oft Natriumchlorid
(NaCl), Natriumjodid (NaI), Zinkchlorid (ZnCl2) und Natri-
umpolywolframat (STP) eingesetzt.
Da die meisten Polymere eine Dichte von unter
1,4 g cm−3 haben, werden die Salzlösungen, je nach An-
wendung auf eine Dichte von 1,2–1,8 g · cm−3 eingestellt.
Um den größten Teil der handelsüblichen synthetischen
Polymere abzutrennen, ist eine Dichte von mindestens
1,6 g · cm−3 notwendig. Eine Übersicht der Dichten unter-
schiedlicher verwendeter Salzlösungen sowie der analysier-
baren Polymere, ist in Abbildung 4 dargestellt. Als wirt-
schaftlichster Konsens hat sich eine gesättigte ZnCl2 Lö-
sung herausgestellt, da diese, um Kosten sowie Abfälle zu
reduzieren, relativ einfach wiederaufbereitet werden kann
Die Dichte unterschiedlicher Polymere und die Dichte unterschiedlicher Salzlösun- [1]. Nach erfolgreicher Trennung wird der obere Teil der
gen für die Dichteseparation. Durch Linien gekennzeichnet sind die Bereiche, die von
den Lösungen abgedeckt werden, während die typische Dichte der Polymere als
Flüssigkeitssäule, der u.a. die aufschwimmenden Kunst-
Balken gezeigt ist. Die Abkürzung STP steht für die Natriumpolywolframat-Lösung stoffpartikel enthält, abgenommen und weiterbearbeitet.
und die häufigst genutzte Dichte ist angeben. Mit Daten aus der Literatur [1, 10]. Dies ist bei Sedimentproben der erster Behandlungsschritt,

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der abhängig von der zu untersuchenden Probe gegebenen- A b b . 5    Ch e mi sc h e B e s t ä n d i gke i t v o n P l as t i k


falls wiederholt werden muss.
Um die unterschiedlichen Kunststoffe von organischer
Begleitmatrix abzutrennen, gibt es verschiedene Ansätze.
Eine Möglichkeit ist der Abbau der organischen Begleitma-
trix, die oft aus stabilen natürlichen Polymeren wie Cellu-
lose oder Chitin besteht, durch den Einsatz von Chemika-
lien. Dabei werden Säuren unterschiedlicher Konzentrati-
on, z.B. Salzsäure, Schwefelsäure oder Salpetersäure, oder
aber Laugen wie wässrige Lösungen von Natriumhydroxid
oder Kaliumhydroxid, eingesetzt [1]. Nicht alle Kunst-
stoffarten überstehen diesen Schritt unbeschadet [14]. Zum
Beispiel sind Polyamide und Polyester anfällig für eine Hy-
drolyse durch starke Säuren und Laugen (Abbildung 5).
Dies kann schlimmstenfalls zur Zersetzung einzelner Parti-
keln in kleinere Partikel oder zur vollständigen Auflösung
einzelner Partikel und somit zu Unterschätzung der jewei-
ligen Kunststoffsorten führen.
Alternativ können Enzyme verwendet werden. Mit die- Übersicht der chemischen Beständigkeit für verschiedene Säuren, Laugen und
Bleichmittel zur Reduktion der Probenmatrix für Mikroplastikanalysen [14].
sen lassen sich viele natürliche Substanzen sehr spezifisch
und effizient abbauen [15]. Hierzu wird die Probe mit einer
gepufferten Lösung eines Enzyms versetzt. Bei optimalen gearbeitet (Abbildung 5). In Vorbereitung für die Aufreini-
Reaktionsbedingungen (pH-Wert, Temperatur und Einwirk- gung wurden die Proben zunächst mit einer Edelstahlgaze
zeit) wird dadurch die organische Begleitmatrix abgebaut. (500 µm) in zwei Fraktionen getrennt (Partikel > 500 µm
Durch den Einsatz spezialisierter technischer Enzyme lässt und < 500 µm). Die Partikel > 500 µm lassen sich noch sehr
sich die komplexe Probenmatrix wirkungsvoll und preis- gut manuell unter einem Stereomikroskop untersuchen.
günstig reduzieren [11]. Dazu wurden die Proben in eine Zähl­kammer gegeben und
Die enzymatische Probenaufarbeitung wurde schon die Partikel einzeln unter einem Stereomikroskop betrach-
während einer früheren Untersuchung von Kläranlagen tet und aussortiert. Dabei wurden alle potentiellen Mikro-
eingesetzt [11]. Um eine möglichst hohe Vergleichbarkeit plastikpartikel aus den Proben aussortiert und anschlie-
zu ermöglichen, wurden alle Klärwerksproben analog auf- ßend spektroskopisch charakterisiert.

Abb. 6  Beispiele für Messungen in ATR-FTIR und FPA-FTIR. Beispiele für Mikroplastik identifiziert durch ATR-Messungen: a) PP;
b) PE; c) PE; d) PE; e) PUR; f) PP; g) PS; h) Terpolymer (PE-PA-PE); i) PP; j) Übersichtsbild der Probe Holdorf vom 17.08.2015 unter
dem FTIR-Mikroskop.

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Die Fraktion < 500 µm wurde einer enzymatischen Pro- te entscheidet, ob es sich bei dem Partikel um Mikroplastik
benaufarbeitung unterzogen. Hierzu wurde die Probe zu- handelt. Dazu werden Form und Aussehen des Partikels
nächst mit Natriumdodecylsulfat behandelt. Anschließend bewertet und durch Expertenwissen ausgeschlossen, dass
ließ man die Enzyme Protease, Lipase, Amylase, und Cellu- es sich um Bruchstücke natürlichen Ursprungs handelt. Der
lase – unterbrochen von Filtrations- und Spülschritten – Nachteil dieser Methode ist eine hohe Fehlerquote, da die
nacheinander auf die Probe einwirken. Abschließend wur- Partikel in der Probenmatrix klar vom Betrachter zu erken-
den die Proben nacheinander mit Wasserstoffperoxid nen sein müssen, was bei hohen Partikelzahlen oder kom-
(H2O2), mit Chitinase und nochmals mit Wasserstoffper- plexen Proben nicht immer einfach möglich ist. Die an-
oxid versetzt. Bei den Proben der Kläranlage Holdorf war schließende Untersuchung solcher visuell sortierter Parti-
im Anschluss an die enzymatische Behandlung noch eine kel mit spektroskopischen oder anderen analytischen
Dichte-Separation zur Abtrennung von anorganischen Methoden haben Fehlzuordnungen von bis zu 70 % nach-
Schwebstoffen notwendig. Details zu den beschriebenen gewiesen [10]. Dies verdeutlicht, dass eine allein visuelle
Behandlungsschritten sind in der supporting information Beurteilung nicht als verlässliche Identifikation ausreicht.
aufgeführt. Um Mikroplastik sicher zu identifizieren, bietet sich da-
her die Analyse über thermische Zersetzungsverfahren
Analyse von Mikroplastik oder über spektroskopische Verfahren an. Bei den thermi-
Zur Analyse der Proben auf Mikroplastik stehen verschie- schen Verfahren wie der Pyrolyse-Gaschromathographie
dene Methoden zur Verfügung [10]. Am einfachsten ist das [16] oder der thermogravimetrischen Analyse [17] wird die
Auszählen unter einem Stereomikroskop, bei der ein Exper- Probe in Zersetzungsprodukte aufgespalten. Diese werden

A bb . 7    P oly m erg ru pp enz u ord n u n g n ach B i l dan a l ys e

Falschfarbenbild für die Erkennung verschiedener Arten von synthetischen und natürlichen Polymeren in der Probe Holdorf
vom 17.08.2015. Alle in der Datenbank vorhandenen und unterscheidbaren Polymertypen sind in einer eigenen Farbe gekenn-
zeichnet. Der Eintrag mit * gekennzeichnet war für diesen Datensatz nicht bestimmbar.

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anschließend durch massenspektroskopische Detektion wurden bei einer Auflösung von 11 µm über 1,7 Millionen
analysiert. Anhand von Kalibrierkurven bestimmter Zielmo- Spektren pro Probe gemessen, was ca. 16 Stunden dauer-
leküle der einzelnen Kunststoffarten lassen sich die Poly- te. Das entspricht rund 100.000 Spektren pro Stunde, was
merarten identifizieren und ihre jeweiligen Konzentratio- mit herkömmlichen Detektoren nicht zu erreichen ist.
nen bestimmen. Es werden Masse-bezogene Konzentrati- Nach erfolgter Messung werden die Spektren gegen eine
onsangaben erhalten. Bei den spektroskopischen Verfahren Datenbank aus Referenzmaterialien abgeglichen. Für die
werden die Proben entweder mittels Fourier-Transform- FPA-Messungen erfolgt dieser Prozess automatisiert für
Infrarot-(FTIR) [18] oder Raman-Spektroskopie [19] unter- alle Spektren in der Messdatei. In der supporting infor-
sucht. Der Vorteil beider Methoden ist, dass die Probe nicht mation sind alle verwendeten Geräte und deren Messpa-
zersetzt werden muss, um die Analyse durchzuführen. Sie rameter aufgeführt.
steht anschließend für weitere Untersuchungen zur Verfü- Neben Polymermaterialien befinden sich auch natürli-
gung. che Materialen und Mineralien wie Cellulose, Chitin und
Beide spektroskopischen Methoden haben Vor- und Quarz sowie Tierhaare und proteinbasierte Polymere in der
Nachteile. Für die FTIR-Spektroskopie müssen die Proben Datenbank, um Fehlzuordnungen auszuschließen. Dies ist
frei von Wasser sein, da dieses die Messung stört bzw. ver- z.B. für die Zuordnung von Polyamiden wichtig, da diese
hindert. Für die Raman-Spektroskopie stellt Wasser kein ein ähnliches Spektrum aufweisen wie Tierhaare bzw. pro-
Problem dar. Hier erschweren Partikel mit starker Fluores- teinbasierte Polymere.
zenz eine Messung oder machen sie sogar unmöglich. Bei-
de Methoden eignen sich hervorragend für die sichere Das Ergebnis:
Identifizierung von Mikroplastik und verhalten sich kom- Mikroplastik im geklärten Wasser
plementär zueinander, da beide Methoden für bestimmte Nach erfolgter Analyse zeigt sich ein eindeutiges Bild für
Polymere wie Polyester (PEST) und Polyvinylchlorid (PVC) die Mikroplastikbelastung der untersuchten Kläranlagen-
unterschiedlich sensitiv sind [19]. FTIR- sowie Raman-Spek- ausflüsse. Abbildung 8 stellt die Ergebnisse gegenüber. Un-
troskopie lassen sich mit Mikroskopen koppeln und ermög- abhängig vom Beprobungsort wurden am 17.08.2015 deut-
lichen dadurch die Untersuchung von Partikeln im unteren lich höhere Mikroplastikpartikelzahlen festgestellt als vier
µm- (FTIR-Mikrospektroskopie) oder sogar im nm-Bereich Tage zuvor.
(Raman-Mikrospektroskopie). Besonders Focal-Plane-Ar- Während in Oldenburg nach der Schlussfiltration am
ray-(FPA)-Detektoren erlauben es, in der FTIR- Mikrospek- 13.08.2015 nur ca. 0,53 × 103 Partikel m−3 im geklärten Ab-
troskopie eine größere Fläche gleichzeitig zu scannen. Die
Auswertung der Daten lässt sich anschließend automatisie- A b b . 8   M i k r o p l as t i k i m g e k l ä r t e n A b w ass e r
ren, was eine schnelle, detailreiche Ermittlung der Ergeb-
nisse in Form von Polymerverteilung, Größenverteilung
und Partikelanzahl ermöglicht [20].
Für die Größenfraktionen der untersuchten Klärwerks-
proben wurden zwei Varianten der FTIR-Spektroskopie an-
gewendet. Für die Fraktion > 500 µm wurde die ATR-FTIR-
Spektroskopie eingesetzt (ATR: attenuated total reflection,
dt.: abgeschwächte Totalreflexion). Hierzu wurden isolierte
Partikel auf einen Kristall gepresst und ein Spektrum auf der
Grenzfläche zwischen beiden gemessen. Für die Fraktion
< 500 µm wurde die FPA-FTIR-Mikrospektroskopie einge-
setzt. Dazu wird die Probe auf Aluminiumoxid-Filter konzen-
triert und getrocknet. Die ganze Probe samt Filtermaterial
wird bei der Messung vom IR-Strahl durchdrungen und an-
schließend auf den Detektor geleitet. Dies ermöglicht die
Detektion von überlagerten sowie sehr kleinen Partikeln bis
zu 10 µm, die visuell im Mikroskop nicht zu erkennen wä-
ren. Beispiele für beide Größenfraktionen sind in Abbildung
6 gezeigt, sowohl für ATR-FTIR Spektroskopie(a-i) als auch
für FPA-FTIR-Mikrospektroskopie (j).
Die Messung mittels FPA-FTIR-Mikrospektroskopie hat
den Vorteil, dass die komplette Filterfläche und nicht je-
der einzelne Partikel gemessen wird, und dieses ver-
Ergebnisse für Mikroplastikpartikel der Probennahme in den Kläranlagen Holdorf
gleichsweise schnell erfolgt [18]. In Abbildung 7 ist ein und Oldenburg jeweils am 13.08.2015 und 17.08.2015. Farblich dargestellt sind die
Beispiel für das Ergebnis der automatischen Auswertung unterschiedlichen gefunden Polymerklassen. Für die Kläranlage Oldenburg sind die
einer Filterprobe gezeigt [20]. Bei den Klärwerksproben Ergebnisse vor (vF) und nach (nF) der finalen Filtrationsstufe gezeigt.

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Abb. 9   Natür liche Sc h web s tof f e i m A b wass er Bei den emittierten Partikeln handelte es sich nicht nur
um die typischen Polymere wie PE und PP, sondern auch
um große Mengen an Kautschuk sowie auf Acryl/Urethan
basierte Polymere, die in Form von Lacken und Farben ein-
gesetzt werden. Wird die Polymerzusammensetzung an
einem Standort verglichen, wurden an beiden Tagen eben-
falls unterschiedliche Polymere gefunden. So wurden am
17.08.2015 an beiden Stationen deutlich mehr Acryl/Ure-
than-basierte Materialien gefunden. Auch die Anzahl der
Polyethylen- und Polypropylen-Partikel ist deutlich erhöht.
Bei der Station Holdorf fällt außerdem der hohe Anteil von
Kautschuk an beiden Tagen auf. Ein ähnlich hoher Anteil
wurde in Oldenburg nur am 17.08.2015 gefunden.
Die Heterogenität dieser Ergebnisse zeigt eindeutig,
dass zur Bewertung der Mikroplastikemission von Kläran-
lagen mehr als nur eine einzelne Probennahme notwendig
ist, da sich diese schon innerhalb eines kurzen Zeitraumes
deutlich verändern können. Im Fall der beprobten Kläran-
lagen gab es kurz vor der zweiten Probennahme am
17.08.2015 jeweils ein Niederschlagsereignis. Die gefunde-
nen Ergebnisse deuten auf einen Einfluss durch Wetterer-
eignisse wie hohen Niederschlag hin, wodurch die Rück-
haltefähigkeiten der Kläranlagen beeinflusst werden. Dies
wurde auch an einer erhöhten Schwebstoffmenge deutlich
Emission von natürlichen Schwebstoffen und Polymeren am 13.08.2015 und
17.08.2015 für die Klärwerksauflüsse in Oldenburg und Holdorf. Für die Kläranlage (Abbildung 9). Sie hatte zur Konsequenz, dass insgesamt
Oldenburg sind die Ergebnisse vor (vF) und nach (nF) der finalen Filtrationsstufe nur 185 L Probenwasser vor der Filtrationsanlage in Olden-
gezeigt. burg filtriert werden konnten, bevor sich der Filter zuge-
setzt hatte.
wasser gefunden wurden, waren es am 17.08.2015 ca.
18 × 103 Partikel m−3, also mehr als das 30fache. Auch bei Maßnahmen gegen Mikroplastik
den Proben aus Holdorf wurde eine Zunahme am aus Klärwerken
17.08.2015 festgestellt, wobei dort ca. 1,5 bis 5fach höhere Die zeitgleiche Beprobung des Klärwerkausflusses vor und
Werte gefunden wurden (Tabelle 2). nach der Filtrationsstufe von Oldenburg zeigt die hohe Ef-
fizienz des Filters mit Blick auf die Entfernung von Partikeln
(Abbildung 9) und Mikroplastik (Abbildung 8). An beiden
Probentagen wurde die Mikroplastikkonzentration um
A bb . 10    Ei nf lu ss d er F i ltra ti on sst u fe
mehr als 70 % gesenkt. Besonders Partikel > 75 µm wurden
effizient entfernt (Abbildung 10). Beide Klärwerksausläufe
(13.08.2015 und 17.08.2015) enthielten nur noch wenige
Partikel > 300 µm. Das wird insbesondere bei den Proben
vom 17.08.2015 deutlich, da dort vorher eine Vielzahl von
Partikeln in fast jeder Größenklasse gefunden wurde.
Insgesamt lässt sich sagen, dass beide Kläranalagen eine
hohe Menge Partikel (70–90 %) mit einer Größe < 25 µm
emittieren (Abbildung S1 in der supporting information).
Partikel dieser Größenordnung lassen sich jedoch nur
durch wenige Analysemethoden detektieren.

Fazit: Wie gelangt Mikroplastik


in die Umwelt?
Wie das Beispiel anschaulich zeigt, sind die Eintragswege
von Mikroplastik in die Gewässer sehr komplex. Mikroplas-
tik gelangt nicht nur durch die Zersetzung von Müll, son-
Partikelgrößenverteilung, vor und nach der finalen Filtra­ dern auch durch das täglich produzierte Abwasser in die
tionsstufe in Oldenburg. In Rot ist die Partikelverteilung vor Gewässer. Dabei stellen Kläranlagen einen Eintragspfad
und in Blau nach der Filtrationsstufe gezeigt. dar, bei dem vor allem Partikel < 100 µm in die Umwelt

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gelangen. Hierbei muss betont werden, dass Kläranlagen effluent, whereas particles > 100 µm were removed with
durch ihre Klärstufen bereits bis zu 99 % der Mikroplastik- good efficiency.
partikel zurückhalten, d.h. den Mikroplastikanteil wir-
kungsvoll reduzieren [12]. Trotzdem reicht der kleine, Schlagwörter
nicht zurückgehaltene Anteil aus, um langfristig große Men- Mikroplastik, Meeresmüll, Ozean, Spektroskopie, Klärwer-
gen von Partikeln an die Umwelt abzugeben. Ein Verzicht ke, Flüsse, Gewässer
auf Mikroplastik zur Verwendung in Kosmetika und Reini-
gungsmitteln könnte bereits wirkungsvoll zur Reduktion Supporting information
von Mikroplastikpartikeln im Abwasser beitragen und die Zu diesem Aufsatz haben wir unter www.chiuz.de zusätz-
Kläranlagen entlasten. Durch technische Maßnahmen in liches Material bereitgestellt: Einfach den Artikel aufrufen
Kläranlagen, z.B. durch eine Filtrationseinrichtung wie in und dort die supporting information öffnen. Das Material
Oldenburg ließe sich der Eintrag weiter reduzieren. Dies ist für Sie kostenfrei zugänglich. Dort finden Sie unter an-
wurde auch in einer aktuellen Studie an finnischen Klär- derem Informationen zu Probennahme, Kontaminations-
werken bestätigt, bei der unterschiedliche Systeme vergli- vermeidung und Messtechnik.
chen wurden [12]. Diese technologischen Maßnahmen
leisten einen wertvollen Beitrag zur Verringerung der Mik- Literatur
roplastikfracht von Gewässern, stellen aber nicht die Lö-   [1] N. P. Ivleva, A. C. Wiesheu, R. Niessner, Angew. Chem. Int. Ed. 2017,
56, 1720–1739.
sung des Mikroplastikeintrages dar.
  [2] J. R. Jambeck, R. Geyer, C. Wilcox, T. R. Siegler, M. Perryman,
A. Andrady, R. Narayan, K. L. Law, Science 2015, 347, 768–771.
Zusammenfassung   [3] A. L. Andrady, in Marine Anthropogenic Litter (Eds.: M. Bergmann,
Die Untersuchung von Umweltproben auf Mikroplastik stellt L. Gutow, M. Klages), Springer International Publishing, 2015,
eine große analytische Herausforderung dar. Bislang gibt es pp. 57–72.
  [4] A. Lusher, in Marine Anthropogenic Litter (Eds.: M. Bergmann,
keine Langzeitdaten über die Variabilität und Zusammenset-
L. Gutow, M. Klages), Springer International Publishing, Cham,
zung der gefundenen Belastungen. Es stehen aktuell unter- 2015, pp. 245–307.
schiedliche Varianten zur Probennahme und zur Mikroplasti-   [5] A. L. Lusher, N. A. Welden, P. Sobral, M. Cole, Analytical Methods
kextraktion aus Umweltproben zur Verfügung. In bisherigen 2017, 9, 1346–1360.
Untersuchungen wurden sie jedoch nicht einheitlich durchge-   [6] T. Kiessling, L. Gutow, M. Thiel, in Marine Anthropogenic Litter
(Eds.: M. Bergmann, L. Gutow, M. Klages), Springer International
führt, was die Vergleichbarkeit von erhobenen Daten er- Publishing, Cham, 2015, pp. 141–181.
schwert. Anhand einer Beprobung von zwei Klärwerksausflüs-   [7] C. M. Rochman, in Marine Anthropogenic Litter (Eds.: M. Bergmann,
sen an unterschiedlichen Tagen konnte gezeigt werden, dass L. Gutow, M. Klages), Springer International Publishing, Cham,
es deutliche Schwankungen in der Mikroplastikkonzentration 2015, pp. 117–140.
  [8] I. V. Kirstein, S. Kirmizi, A. Wichels, A. Garin-Fernandez, R. Erler,
am Klärwerksausfluss gab. Die jeweils festgestellte Partikel-
M. Loder, G. Gerdts, Marine Environmental Research 2016, 120, 1–8.
zusammensetzung unterschied sich ebenfalls an beiden Ta-   [9] F. Galgani, G. Hanke, S. Werner, L. De Vrees, Ices Journal of Marine
gen. Es konnte gezeigt werden, dass eine Filtrationseinheit in Science 2013, 70, 1055–1064.
Oldenburg die Mikroplastikbelastung um > 70 % reduziert [10] V. Hidalgo-Ruz, L. Gutow, R. C. Thompson, M. Thiel, Environmental
und dabei Partikel größer >100  µm effizient entfernt. Die Ver- Science & Technology 2012, 46, 3060–3075.
[11] S. M. Mintenig, I. Int-Veen, M. G. J. Löder, S. Primpke, G. Gerdts,
teilung der Partikelgrößen weist auf eine verstärkte Emission
Water Research 2017, 108, 365–372.
von sehr kleinen Partikeln gerade kleiner 50  µm hin. [12] J. Talvitie, A. Mikola, A. Koistinen, O. Setälä, Water Research 2017,
123, 401–407.
Summary [13] S. Ziajahromi, P. A. Neale, L. Rintoul, F. D. L. Leusch, Water Research
The investigation of microplastics is an important task, 2017, 112, 93–99.
[14] Bürkle GmbH, Chemical Resistance of plastics, Version 3.4
which still has to be performed due to lack of long term data
(24.03.2017), https://www.buerkle.de/files_pdf/wissenswertes/
on composition and variability of pollution present. Current- chemical_resistance_en.pdf, Accessed: 05.07.2017
ly, there is no standard operational protocol while several [15] M. Cole, H. Webb, P. K. Lindeque, E. S. Fileman, C. Halsband,
methods for sampling and microplastic extraction are avail- T. S. Galloway, Scientific Reports 2014, 4, 4528.
[16] M. Fischer, B. M. Scholz-Bottcher, Environmental Science & Technolo-
able. The analysis of the effluent of two wastewater treat-
gy 2017, 51, 5052–5060.
ment plants on two different days showed exemplary, that [17] E. Dumichen, P. Eisentraut, C. G. Bannick, A. K. Barthel, R. Senz,
the microplastic emissions at the effluent might be highly U. Braun, Chemosphere 2017, 174, 572–584.
variable. The determined particle composition differs re- [18] M. G. J. Löder, M. Kuczera, S. Mintenig, C. Lorenz, G. Gerdts,
markably between the two days. Additionally our results Environ. Chem. 2015, 12, 563–581.
[19] A. Kappler, D. Fischer, S. Oberbeckmann, G. Schernewski,
showed that the post filtration unit in Oldenburg reduces the
­M. ­Labrenz, K. J. Eichhorn, B. Voit, Analytical and Bioanalytical
microplastic concentration by more than 70 % and removes Chemistry 2016, 408, 8377–8391.
particles > 300 µm with high efficiency. The overall deter- [20] S. Primpke, C. Lorenz, R. Rascher-Friesenhausen, G. Gerdts,
mined particle sizes show a high emission of particles small- Analytical Methods 2017, 9, 1499–1511.
er 50 µm in size through the waste water treatment plant

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Die Autoren
Der Hauptautor Sebastian Primpke, geb. 1985, ist Professor Christian Laforsch ist seit 2012 Lehrstuhl-
Postdoktorand in der Arbeitsgruppe mikrobielle inhaber für Tierökologie I an der Universität Bay-
Ökologie in der Sektion Ökologie der Schelfmeere reuth. Nach dem Studium der Biologie und Promoti-
am Helmholtz-Zentrum Polar- und Meeresforschung on an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU)
(Alfred-Wegener-Institut) auf Helgoland. Nach München folgten Postdoktoranden-Phasen an den
seinem Chemiestudium und seiner Promotion an der Universitäten Leipzig und Lancaster (England). Im
Universität Göttingen wechselte er vom Bereich der Jahr 2005 kehrte er an die LMU zurück, wo er 2009
Polymerchemie in die Umweltanalytik. Seit 2015 für Zoologie und Ökologie habilitierte. Christian
arbeitet er an der Automatisierung von Mikroplastik­ Laforsch gehörte zu den ersten Forschern die sich
analysen mittels FTIR- und Raman-Mikroskopie im mit Mikroplastik in limnischen Ökosystemen be-
Rahmen des europäischen JPI-O Projekts BASEMAN schäftigten. Die Expertise seiner Arbeitsgruppe
(Defining the baselines and standards for microplas- reicht von der Erkennung und Quantifizierung von
tics analyses in European waters). Dabei stehen eine Mikroplastik in Meeres- und Süßwasserökosyste-
schnelle und unabhängige Identifizierung und men, der Entwicklung neuer Methoden bis hin zu
Quantifizierung der Mikroplastik im Vordergrund. den Auswirkungen von Mikroplastik auf die aquati-
sche Umwelt.
Hannes Imhof, geb. 1983, studierte Biologie an der
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Ludwig- Gunnar Gerdts leitet die Arbeitsgruppe mikrobielle
Maximilians-Universität München. Nach seiner Ökologie in der Sektion Ökologie der Schelfmeere
Promotion über das Vorkommen und die Auswir- am Helmholtz-Zentrum Polar- und Meeresforschung
kungen von Mikroplastik in Süßgewässer-Ökosyste- (Alfred-Wegener-Institut) auf Helgoland. Zur Zeit
men und deren Bewohner ist er derzeit Postdokto- koordiniert er das europäische JPI-O Projekt
rand am Lehrstuhl für Tierökologie I an der Universi- ­BASEMAN (Defining the baselines and standards for
tät Bayreuth. microplastics analyses in European waters). Im
Rahmen des abgeschlossenen BMBF Projektes
­MICROPLAST und weiteren Projekten wurde erfolg-
Sarah Piehl studierte Meeresbiologie an der Universi- reich eine Analyse-Pipeline entwickelt, um mittels
tät Rostock und untersuchte während ihrer Master- bildgebender FTIR-Spektroskopie die Belastung von
arbeit die Effekte von Mikroplastik auf benthische Mikroplastik in verschiedenen Umwelt-Matrizes (u.a.
Wirbellose. Seit 2014 ist Sie Doktorandin am Lehr- Plankton, Sedimente, Klärwerke) zu ermitteln. Ein
stuhl für Tierökologie I der Universität Bayreuth. In weiterer Schwerpunkt der Arbeiten liegt gegenwär-
Ihrem Promotionsprojekt testet Sie die Anwendbar- tig in der technologischen Entwicklung automati-
keit von Fernerkundungsmethoden zur Identifizie- sierter Extraktions- und Aufreinigungsverfahren für
rung und Quantifizierung von auf dem Wasser Mikroplastik und der Belastung polarer Ökosysteme
treibenden Mikro- und Makroplastik. mit Mikroplastik.

Claudia Lorenz studierte Biologie (B.Sc.) und Mee- Korrespondenzadresse


resbiologie (M.Sc.) an der Universität Rostock. Dr. Sebastian Primpke
Während ihrer Masterarbeit am Helmholtz-Zentrum Alfred-Wegener-Institut Helmholtz Zentrum für
für Polar- und Meeresforschung (Alfred-Wegener- Polar- und Meeresforschung,
Institut) auf Helgoland befasste sie sich mit Mikro- Biologische Anstalt Helgoland,
plastik in marinen Sedimenten. Zurzeit ist sie dort Kurpromenade 201,
Doktorandin in der AG Mikrobielle Ökologie und D-27498 Helgoland,
promoviert mit einem Stipendium der Deutschen E-Mail: sebastian.primpke@awi.de
Bundesstiftung Umwelt (DBU) zur räumlichen
Verteilung von Mikroplastik in der Nordsee.

Martin Löder ist Postdoktorand am Lehrstuhl für


Tierökologie I an der Universität Bayreuth. Nach
dem Studium der Umweltsicherung an der FH Wei-
henstephan promovierte er an der Jacobs University
Bremen im Jahr 2010. Seit 2011 konzentriert sich
seine Forschung auf die Thematik Mikroplastik.
Martin Löder ist einer der Experten in der Proben-
nahme und Aufreinigung von Mikroplastik sowie
dessen Analyse und Identifizierung mittels Fourier-
Transformations-Infrarotspektroskopie. Nach sechs
Jahren Forschungs- und Entwicklungsarbeit ist er an
mehreren nationalen und internationalen Projekten
zur Erkennung und Quantifizierung von Mikroplastik
in Meeres- und Süßwasserökosystemen sowie zu
den ökologischen Implikationen von Mikroplastik
beteiligt.

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