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Gregorianischer Choral

Arbeitsmaterial

für die Vorlesung


in den Studienrichtungen

Katholische und Evangelische


Kirchenmusik

Musikologie

Theologie

erstellt von
O. Univ. Prof. Dr. Franz Karl Praßl
Satz und Layout: Dr. Stefan Engels (Version 2008)
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Zur Einführung: Die Gregoriuslegende
München, UB 2° Cod. ms 156: Moosburger Graduale (Mitte 14. Jh.)

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3
aus: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK)
3. Auflage, Bd. 2, 1994, 1084-1087.

Choral
Im weiteren Sinne bezeichnet der (Ober-)Begriff Ch. die Erscheinungsformen des einstimmigen liturgischen
Gesangs der lateinischen westlichen Liturgien einschließlich der usuellen→ Mehrstimmigkeit quer durch die
Geschichte bis heute, im engeren Sinne, nach seiner Ursprungslegende „gregorianisch“ genannt, das Repertoire
der fränkisch-römischen Liturgie der karolingischen Epoche. Seit dieser Zeit setzte sich mit Gründung und
Ausbreitung der (Erz)Diözese→ Salzburg und ihrer Suffraganbistümer im Gebiet des heutigen Österreich der
fränkisch-römische Liturgietypus mit all seinen Spielarten und lokalen Varianten durch. Der dazugehörige
Gesang ist liturgisch und musikalisch gesehen alles andere als einheitlich überliefert, er ist geprägt von den
Spannungsfeldern gesamtkirchlich/teilkirchlich, Ordnung/Freiheit, überregional/lokal, Tradition/Innovation.
Zu den frühesten Zeugnissen des Christentums – und damit der christlichen Liturgie – im heutigen Österreich
zählt die Passio des Hl. Florian (um 300). Die Vita des H. Severin († 8.1.482) von Eugippius (511) erwähnt voll
ausgebaute liturgische Strukturen, darunter öfters die Psalmodie, an der Klerus, Mönche und Volk sich
beteiligen. Genannt ist der Name des Kantors Moderatus. Eine Kontinuität des christlichen Kultes (monastisches
Leben) bis zur Mission im 8. Jh. wäre möglich, ist aber nicht nachweisbar (→ Frühchristliche Musik).
Strukturen und Organisation des kirchlichen Lebens im heutigen Österreich, die in Grundzügen bis heute
nachwirken, werden im 8. Jh. ausgebildet und damit auch die Grundlagen für die liturgisch-musikalische
Entwicklung gelegt. Der Hl. Rupert gründete um 696 die Diözese Salzburg (feste Struktur durch den Hl.
Bonifatius 739), sowie die Klöster St. Peter und Nonnberg in Salzburg. Unter dem Hl. Virgil († 784) wurde vom
Chorbischof Modestus die Karantanenmission (→ Kärnten) betrieben und der erste Salzburger Dom 774
konsekriert. Unter Bischof Arn (785-821) wurde auf Betreiben Karls d. Gr. 798 die altbayerische Kirchenprovinz
mit Salzburg als Erzdiözese und Säben(→ Brixen), Freising, Regensburg, Neuburg und → Passau (gegr. 739) als
Suffraganbistümer errichtet. Die Salzburger Erzbischöfe gründeten zudem einzig von ihnen abhängige
Eigenbistümer, meist auf bestehenden Chorherrenstiften:→ Gurk (1070), → Seckau (1218), Chiemsee (1218)
und → Lavant (1225). Für Liturgie und Kirchengesang waren die jeweiligen Kathedralen (für das heutige
Österreich: Salzburg, Passau, Brixen) bis zur Einführung der römischen Liturgie (z. B. Salzburg 1596) die
maßgeblichen normativen Instanzen für die jeweiligen Diözesangebiete. Nicht minder bedeutende Zentren für
den Kirchengesang waren die Klöster (→ Klosterkultur), die zum Großteil ihre eigenen liturgischen Ordnungen
pflegten. Es sind dies die→ Benediktiner in Salzburg (St. Peter und Nonnberg um 696), → Mondsee (748/91),
→ Kremsmünster (777), → Michaelbeuern (um 730/977), → St. Georgenberg -Fiecht (um 950),→ Lambach
1056), → Admont (1074), → St. Lambrecht (vor 1076), → Göttweig (1083/1094), → Melk (um 1000/1089), →
St. Paul i. L. (1091),→ Seitenstetten (1112), → Altenburg (1144), → Schott enabtei Wien (1155). Besondere
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Impulse gingen von den Stiften der→ Augustiner -Chorherren aus, die im Bereich der Erzdiözese Salzburg in
einem Verband organisiert waren: Salzburger Domstift (reguliert 1122), Gurk (1123), → Reichersberg (1048,
reguliert nach 1122), Suben (1084/1125),→ Ranshofen (um 1040/1125), Seckau (1140), → Vorau (1163).
Außerhalb des Verbandes standen St. Nikola vor Passau (1067),→ St. Florian (1070), → St. Pölten (um 1071),
→ Herzogenburg (1112), → Klosterneuburg (1133), Waldhausen (1138). Hatten die genannten Stifte ihre
jeweiligen liturgisch-musikalischen Individualitäten auf der Basis von überregionalen Liturgieentwicklungen im
deutschen Bereich oder in der Tradition des Ordens, so brachten die neuen, zentralistisch organisierten Orden
des 12. und 13. Jh.s Liturgie und Gesang aus ihren westlichen oder südlichen Herkunftsbereichen mit. Die →
Zisterzienser siedelten in → Rein (1129), → Heiligenkreuz (1133), → Zwettl (1136), → Wilhering (1146), →
Lilienfeld (1202), → Stams (1272) und → Schlierbach (1335). Die → Dominikaner gründeten Friesach/K (1217
oder 1220), → Wien (1226), → Wiener Neustadt (1227), Pettau (Ptuj 1230), Krems (1236), → Leoben (1262),
Retz (1279), → Graz (1466), → Steyr (1472), weiters Tulln und Neukloster (Novi klošter) im Sanntal (Savinja,
westl. von Cilli/Celje). → Prämonstratenser siedelten in → Wilten (um 1128), → Geras (1153) und → Schlägl
(1218), → Kartäuser waren in Gaming, Aggsbach, Mauerbach und Seitz (Žiče). Mit dem zahlreichen Auftreten
der → franziskanischen Gemeinschaften kamen auch die Bücher mit der römischen Kurialliturgie ins Land.
Mit der Konsolidierung der Domstifte und Klöster nach Gründungsphasen wurden, um den liturgischen,
pädagogischen und wissenschaftlichen Aufgaben nachkommen zu können, Schreibschulen (Skriptorien)
eingerichtet. Bedeutendere Beispiele (auch nach erhaltenen Quellen) finden wir im 12. Jh. in Salzburg (Dom St.
Peter), Mondsee, Lambach, Kremsmünster, Admont, Seckau. Etwas später gelangen Klosterneuburg und St.
Florian zur Hochblüte, im 14. Jh. folgt St. Lambrecht. Die Skriptorien arbeiteten mit Konventualen, aber auch
oft mit Lohnschreibern, die als Spezialisten ihre Arbeitsplätze durchaus wechseln konnten, was heute die Fragen
nach der Herkunft von Codices mitunter verkompliziert, da öfters Skriptorium und liturgische Provenienz bzw.
Zugehörigkeit nicht identisch sind, und einzelne Schreiber mehreren Skriptorien zugeordnet werden können.
Einzelne Handschriften werden auch als Erstaustattung dem neugegründeten Kloster vom „Mutterhaus“
mitgegeben, wie z. B. das Missale A-Gu 444 von Salzburg nach Seckau, oder das Missale A-VOR 21 von
Seckau nach Vorau.
Der im 12. Jh. am häufigsten anzutreffende Notationstyp sind deutsche → Neumen auf der Entwicklungsstufe
ihrer Zeit. Diese ist gekennzeichnet durch Reduktion des Zeichenvorrats gegenüber dem 10. Jh. (nur mehr
Grundzeichen, mit Ausnahme von Anfangsartikulation keine rhythmischen Differenzierungen) sowie einer
Umfunktionierung einzelner älterer Zeichen (aus rhythmischen werden melodische) im Sinne einer partiellen
Präzisierung von Intervallangaben (die ältere „nicht kurrente Clivis“ z. B. wird nun zur „Halbtonclivis“, der Pes
stratus wird ein Torculus mit Halbton von der zweiten zur dritten Note). Mangels rhythmischer Differenzierung
werden Neumen gegeneinander austauschbar (Clivis+Virga entspricht dem Pressus maior bzw. Trigon). Eine
indirekte Diastematisierung der Notation in campo aperto geschieht auch durch vermehrte Verwendung von
verlängerten Abstrichen (Clivis, Torculus) oder durch eine Stropha als letztes Element in Climacus, Pes
subbipunctis und Trigon zur Angabe größerer Intervalle im melodischen Abstieg. Diese Änderungen sind
Ausdruck einer gewandelten Aufführungspraxis, die mit dem Schlagwort Cantus planus (rhythmisch
eingeebneter Gesang) beschrieben werden kann. Ob dabei die nach wie vor großteils traditionell praktizierte
Neumengruppierung rhythmisch relevant interpretierbar ist, kann angenommen, aber nicht stringent bewiesen
werden. Die Austauschbarkeit von Neumen (auch Bistropha gegen Bivirga) und eine gewisse Beliebigkeit in der
Verwendung zeigt auch, daß Notatoren Codices nicht mechanisch kopiert, sondern nach dem auswendig
Gewußten und innerlich Gehörten geschrieben haben. Die ältere Schreibtradition der Codices des 12. Jh.s kennt
Oriscusneumen (A-Wn cvp 1821, A-Gu 444), in der jüngeren verschwinden diese gänzlich oder partiell (A-Wn
cvp 13314, A-Gu 417). In einzelnen Codices finden wir auch Zeichen außerhalb der St. Galler Schreibtradition,
wie z. B. den Pressus minor in Form eines „Fragezeichens“ (z. B. A-Wn cvp 1821, A-Gu 479). Diese Notation
entwickelt sich (durch weitere Reduktion und Vergröberung) weiter und wird über die Mitte des 14. Jh.s hinaus
immer noch praktiziert, wie z. B. im Seckauer Liber Ordinarius und Cantionar von 1345 mit seinen Nachträgen
(A-Gu 756). Dies setzt eine sich zwar wandelnde, aber im Prinzip ungebrochene Praxis der mündlichen
Tradierung des Repertoires voraus, bei der einer musikalischen Aufzeichnung als Nachschrift andere Funktionen
zukommen als der in der Kunstmusik gewohnten → Notation als Vorschrift.
Im 12. Jh. erscheint als weiterer Typus eine diastematische Notation, die „Metzer Notation auf Linien“ genannt
wurde, aber nach ihrem häufigsten Vorkommen als „Klosterneuburger Notation“ bezeichnet werden sollte. Ihr
Nachweis beschränkt sich auf Reichersberger Fragmente, das sog. „Klosterneuburger Graduale“ (A-Gu 807, seit
P. Wagner als frühester und wichtigster Zeuge der „lesbaren“ ostfränkischen Überlieferung – → Choraldialekt,
germanischer – gesehen und von R. Flotzinger nach Passau lokalisiert) und eine Gruppe von Klosterneuburger
Codices, die – so dort geschrieben – den Chorfrauen zuzuordnen sind (A-KN 588, 589, 995-1018), während die
Chorherrenmanuskripte adiastematische deutsche Neumen gebrauchten (A-Wn cvp 13314, A-KN 73, 1213).
Diese möglicherweise aus Passau eingeführte und später nur bei den Chorfrauen eindeutig lokalisierbare
Notation kennt als Grundzeichen den Metzer Uncinus, verwendet aber aus deutscher Neumentradition die
Stropha und als Schreibrest die deutsche Virga strata.
Ab der 2. Hälfte des 14. Jh.s werden verschiedene neuere Formen der gotischen Notation verwendet (Einzelton
abgeleitet vom Uncinus oder von der Virga, Hufnagel u. ä.). Die z. T. großformatigen Codices sind nun
eindeutig Gesangbücher der Konventliturgie für Chor oder Schola, während ihre kleinformatigen Vorgänger
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einerseits Studienbücher, andererseits oftmals Bücher für die Privatmesse waren. Im Konvent wurde auswendig
gesungen. Mit der → Melker Reform und den Mendikanten dringt auch die Quadratnotation in Österreich ein. In
den jeweiligen Häusern vorhandene Notationspraktiken halten sich bis ins 18. Jh.
Das liturgische Repertoire ist je nach geistlicher Gemeinschaft unterschiedlich determiniert. Die jüngeren
zentralistisch organisierten Orden wie Zisterzienser, Dominikaner und Kartäuser verwenden Abschriften des
Musterkodex aus der Ordenszentrale und bringen damit vor allem französische Fassungen und
Notationsgewohnheiten ins Land. Benediktinische Klöster pflegen auf der Basis des Cursus monasticus ihre
hauseigenen Liturgien, festgehalten in den jeweiligen Consuetudines. Die Augustinerchorherren orientieren sich
zunächst an der jeweiligen Diözesanliturgie (Salzburg/Passau), auf deren Basis der einem Stift eigene Usus
entwickelt und ausdifferenziert wird. Libri Ordinarii der Kathedralkirchen sind die liturgischen Musterbücher für
die ganze Diözese. Der Salzburger Liber Ordinarius, geschrieben zwischen 1181 und 1200 vermutlich anläßlich
der Weihe des romanischen Doms (1198), ist in seinen Ergänzungen und Bearbeitungen Zeugnis einer 400 Jahre
lang gewachsenen Liturgie. Sein normativer Charakter wird in den ersten Missaledrucken (z. B. für Salzburg
1492: Missale secundum rubricam ordinarii archiepiscopalis ecclesie Saltzpurgensis) ausdrücklich betont. Der
Salzburger Ordinarius ist innerhalb seiner Gattung ein besonderes Buch, der Versuch einer Darstellung der
Liturgie in ihrer Gesamtheit. Er enthält die Incipits aller Texte für Stundengebet und Messe samt dazugehörigen
Nebenfeiern wie Prozessionen und alle nötigen Rubriken (Regieanweisungen) für die Dramaturgie der Liturgie.
Sofern es Gesangstexte sind, sind diese neumiert, die Angabe der Psalmtöne und Psalmtondifferenzen ergibt
einen vollständigen Tonar. Das Buch rezipiert weiters umfangreiche theologische Liturgieerklärungen moderner
Autoren des 12. Jh.s (Liber Quare, Beleth, Micrologus des Bernold von Konstanz) und andere Literatur zur
Liturgie. Der Salzburger Meßritus wird ebenso dargestellt wie das Kalendarium mit umfangreichen
computistischen Angaben. Dieser Liber Ordinarius zeigt in seiner Anlage, daß Gesang ein nicht wegzudenkender
integraler Bestandteil im Gesamtkunstwerk Liturgie ist. Für die Stifte Ranshofen (D-Mbs clm 12635) und
Suben/Vorau (A-VOR 99) wurden zwei redigierte Abschriften angefertigt, die auf die jeweilige Hausliturgie hin
bearbeitet worden sind und Proprien der Metropolitankirche nicht enthalten. Libri Ordinarii sind erhalten aus St.
Florian (A-SF XI 398), Herzogenburg (A-H 173), Klosterneuburg (A-KN 983, 1014, 1213), Vorau (A-VOR 30,
99, 333), Seckau (A-Gu 208, 332, 1345, 1566). Nicht lokalisierbar sind derzeit ein kanonikaler Ordinarius in
Admont (A-A 296) und der Liber Ordinarius des Mengotus (A-Wn cvp 1482) mit Passauer Einflüssen.
Die Gesänge der Messe sind – bis auf die lokalen Eigenheiten im Alleluia-Repertorie – relativ einheitlich und
stabil überliefert (im Stundengebet sind Möglichkeiten für Sonderentwicklungen bei Antiphonen und
Responsorien größer), im Sanktorale wird jedoch ein gemeinsames Repertoire je nach Ort unterschiedlich
verwendet (vgl. http://www.gewi.kfunigraz.ac.at/Pub/muwi/gradualien). So kann ein und derselbe Heilige in
Salzburg und Passau durchaus einen unterschiedlichen Introitus aus dem Commune aufweisen. Auch
Änderungen vor Ort sind dokumentierbar. Das Salzburger Dommissale aus dem 12. Jh. (D-Mbs clm 11004) –
geschrieben auf dem Nonnberg – repräsentiert Liturgie vor der Reform durch den Liber Ordinarius und wurde
auf diesen hin umgearbeitet, ursprüngliche Versionen sind teils noch lesbar (z. B. Augustinus: ursprünglich
Introitus Salus autem, geändert auf Introitus Statuit). Größer sind die Unterschiede im Kyriale: die Repertoires
von Dom und dem benachbarten St. Peter in Salzburg sind nur bedingt miteinander vergleichbar, sowohl vom
Umfang, als auch von der Verwendung her. Die Melodieversionen bewegen sich auf der Basis ostfränkischer
Grundvarianten, bei der Weiterentwicklung der Melodien gegenüber dem 10. Jh. sind (auch in der
adiastematischen Notation eindeutig) u. a. zu beobachten: Ausfüllen größerer Intervalle im melodischen An-
oder Abstieg durch zusätzliche Töne (aus einer Terz werden zwei Sekundschritte), Reduktion von modal oder
rhetorisch bedingten Tonverdoppelungen auf Hauptstrukturstufen (Virga strata unisonisch wird ein Einzelton,
die Torculuserweiterung Pes+Clivis wird wieder ein gewöhnlicher Torculus), größere Labilität im Ausdruck
subsemitonaler Tonstufen (C-C wird H-C und umgekehrt), Eingriffe in größere Gruppenneumen. Neben den
schon genannten Codices des 12. Jh.s zählt zu den wichtigsten Beispielen das Antiphonar von St. Peter (heute A-
Wn cvp Ser. Nov. 2700), ein prachtvolles Mustergesangbuch für Messe und Officium in einem, Dokument der
reformierten Benediktinerliturgie um 1160. Ihm zur Seite steht das Salzburger Petersfrauengraduale (A-Ssp a IX
11). Erforscht sind auch das älteste Brevier (A-LIs 290) und Missale (A-KR CC 28) aus Kremsmünster. Aus
Fragmenten in Yale, Harvard, St. Louis, St. Paul i. L. und Lambach ließen sich Teile eines „Gottschalk-
Antiphonars“ aus Lambach rekonstruieren. Ein Missale in Oxford (GB-Ob Canon. Liturg. 354, 12. Jh.) konnte
St. Paul zugewiesen werden.
Im Bereich des Stundengebets sind neben den genannten Quellen die Antiphonare mit Klosterneuburger
Notation vom 12. zum 14. Jh. erforscht worden. Interesse fanden auch späte Quellen des 14. und 15. Jh.s mit
Liniennotation. Im Rahmen des Cantus-Projektes (http://publish.uwo.ca/~cantus/) sind die Indices folgender
Antiphonare dokumentiert (2001): Lambach: „Gottschalk-Antiphonar“ (Fragmente 12. Jh.), Kirnberg an der
Mank (A-Wda C-10, C-11, D-4, passauisch, 15./16. Jh.), Klosterneuburg (A-KN 589, 1010-1013, 1015, 1017,
1018, 12.-14. Jh.), Kremsmünster (A-LIs 290, 12. Jh), St. Lambrecht (A-Gu 29, 30, 14. Jh.), Vorau (A-VOR
287, salzburgisch, 14. Jh.). Diese Handschriften enthalten z. T. viel Eigengut, v. a. im Bereich selten
überlieferter Historiae populärer Heiliger.
Erneuerungen des Repertoires finden sich v. a. im Bereich des „mittelalterlichen Ch.s“ (Jammers). In der
Meßliturgie werden → Sequenzen zu den Spezifika einer Diözese, eines Klosters oder auch der Ambition des
Schreibers/Bestellers einer Handschrift. Eine Grundordnung ostfränkischer Sequentiare bleibt vom 12.-15. Jh.
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ziemlich unangetastet. Neuerungen werden dem Vorhandenen ohne Verdrängung des Alten hinzugefügt. Im 12.
Jh. haben Sequentiare etwa 50 Texte, um 1300 beginnen größere Erweiterungen im Sanktorale (Auffüllen mit
rangniedrigeren Festen) und bei den Votivmessen. Im 15. Jh. enthalten Sequentiare oder Missalien etwa 70-100
Texte für Proprium, Commune und Votivmessen, die öfters auf Standardmelodien gesungen werden können.
Ende des 15. Jh.s wurde außerhalb der Quadragesima täglich ein- bis zweimal eine Sequenz in den Messen
verwendet. Zahlreiche Texte ohne Melodien wurden auch als Leselieder in der Privatmesse („stille Messe“)
gebraucht. Repertoire und konkrete Verwendung desselben wurden seit dem 12. Jh. zu einem individuellen,
unverwechselbaren Cursus ausgebaut, dokumentiert im jeweiligen Liber Ordinarius. Einzelne Chorherren trugen
als Dichter zur Vermehrung der Gattung bei: aus Klosterneuburg stammen 20 Sequenzen, v. a. jene der
sogenannten Gottschalk-Gruppe, in St. Florian wurden 14 Sequenzen gedichtet, in Seckau ebenfalls 14. Diese
sind hauptsächlich Maria und den Heiligen gewidmet, darunter den Diözesan-, Haus- und Ordenspatronen.
Einzelne dieser Texte werden auch andernorts rezipiert, die meisten bleiben Unika eines Ortes oder eines Codex.
Größere Sequenzensammlungen mit Liniennotation enthalten die Codices A-Gu 17, sowie A-VOR 22, 255.
Einzelne Beobachtungen zeigen, daß im Bereich der Hymnen des Offiziums eine ähnliche Entwicklung wie bei
den Sequenzen zu verzeichnen war, wenngleich nicht in diesem Umfang. Eine größere Untersuchung dazu steht
aus. Verwandt mit diesen Gattungen sind die beiden Reimpsalterien des Abtes→ Engelbert von Admont auf
Jesus und Maria zu je 150 Strophen als Einlagen zum Psalmengebet mit mehreren Melodien (D-Mbs cgm 716).
Eine österreichische Überlieferungstradition von → Conductus ist greifbar in St. Lambrecht (A-Gu 258, 409, 12.
Jh.), Seckau (A-Gu 756, 1345) und St. Pölten (A-SP 13).
Zu den Erweiterungen des Repertoires gehörten auch die Historiae in Prosa oder mit Reimen („Reimoffizium“).
Der Bedarf dafür war wiederum bei lokalen Heiligenkulten gegeben. In Salzburg (St. Peter) entstand eine
Historia für Rupert, in Admont für Blasius, in Kremsmünster für Agapitus (Bernardus Noricus um 1300), in
Melk für Kolomann, in St. Lambrecht für die Translatio Lamberti (14. Jh.). Zwischen 1485 und 1488 entstehen
vier Leopold-Offizien, darunter das Wiener und das Passauer. Selten aufgezeichnete Historiae betreffen das
Fronleichnamsfest, Augustinus, Johannes Enthauptung, Ursula und Apostel Thomas.
In den Kontext des Stundengebets gehören die meisten Beispiele des mittelalterlichen → Kirchenlieds
einschließlich der Cantio.
Frühe Mehrstimmigkeit als eine der Ausführungsweisen des Ch.s ist in österreichischen Klöstern nicht selten
nachweisbar. Obschon dies eine Praxis ist, die in Quellen des 9. Jh.s beschrieben wird, taucht das älteste
schriftliche Beispiel um 1300 im Kremsmünster auf (Sequenz O beata gloriose virginis). Etwa 100 Stücke sind
in folgenden Codices bekannt: A- GÖ 79, 307; A-Gu 9, 10, 29, 30; A-HE 157; A-Iu 457; A-M 486; A-Ssp VII
20, a IX 3, b I 27, a VI 47, a IV 7; A-VOR 22, 23; A-WIL IX 40; A-Wn cvp 2339, 1894, 1925, 2856, 3617,
3997, 4702, 4989; D-B 40580. Es sind dies Ordinariumsgesänge, Introitus, Sequenzen, Hymnen, Lektionen,
Antiphonen, Tropen, Responsorialverse, Benedicamus Domino. Stilistisch gehören die Stücke zu allen
vorkommenden Kategorien des archaischen Organums.
Nach der sukzessiven Einführung der römischen Liturgie im Gefolge des Konzils von Trient wurden zwar
etliche Bücher noch länger weiterbenutzt, die neuen Ch.bücher mit dem römischen Ritus kamen nunmehr als
Drucke jedoch zumeist aus Italien und Frankreich. Am meisten verbreitet waren die Graduale- und
Antiphonaledrucke der Typographia Balleoniana aus Venedig. Das Antiphonale von 1732 druckten 1742 die
Wiener → Augustiner-Eremiten mit ihren Besonderheiten nach. Eine Verwendung der Editio Medicäa noch vor
deren → cäcilianischer Neuauflage ist bislang nicht nachgewiesen. Im Salzburger Dom wurde bis ins 19. Jh. das
Antiphonale von Toul 1624 verwendet. Das Hymnar dazu wurde in Salzburg 1685 gedruckt, ebenso das
Psalterium. Das Vordringen der süddeutsch-österreichischen Praxis polyphoner Kirchenmusik machte aus dem
Ch. einen ferialen Usus, der dann zum Zuge kam, wenn keine andere Musik vorhanden war oder gespielt werden
durfte. Einen großen Einschnitt brachte die Einführung der josephinischen Gottesdienstordnungen nach 1780 (→
Josephinismus), die den Offiziumsgesang weitgehend zum Schweigen gebracht hatten. Oft erst um die Mitte des
19. Jh.s wurde gesungenes Stundengebet wieder in den Klöstern üblich. Ende des 19. Jh.s drangen vereinzelt
cäcilianische Ausgaben in die Kirchenmusikpraxis ein. Die Übernahme des Stiftes Seckau durch die Beuroner
Benediktiner 1883 bedeutete einen gewaltigen Impuls für Gregorianik in der Liturgie → (Choralreform). Die
Editio Vaticana (1908/1912) markiert eine Wende, indem sie via facti alle regionalen Besonderheiten
weitgehend zum Erliegen brachte. Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanums brachte eine Erneuerung der
Bücher mit sich, z. T. wird heute wieder von einzelnen Scholen aus mittelalterlichen Handschriften in eigenen
Ausgaben gesungen.
Die Ausführenden des Ch.gesangs (→ Chor, Chormusik) im Mittelalter waren der gesamte Konvent, die Schola
und die Solisten, die unter der organisatorischen und künstlerischen Leitung des Kantors das Offizium zu
vollziehen hatten. Zum Konvent gehörten auch die pueri oblati, sodaß gemeinsames Singen von Ober- und
Unterstimmen die Regel und nicht die Ausnahme war. In Doppelklöstern haben bei gemeinsamer Liturgie
Frauen und Männer zusammen gesungen. Außerhalb der Klöster war es Aufgabe der Schulen, ihrer Lehrer und
Schüler, die Kirchenmusik zu besorgen. Mit dem Niedergang klösterlicher Kultur wurden zunehmend auch
bezahlte Laien für den Chordienst herangezogen. Nach den josephinischen Reformen waren es in den
Kathedralen die angestellten Domchoralisten (öfters 4), die zusammen mit den Chorvikaren täglich Amt und
Vesper zu singen hatten. Bestrebungen im 20. Jh., den Ch. bei den Kirchenchören oder gar in den Gemeinden
heimisch zu machen, waren zum Scheitern verurteilt. Durch die Einführung der Muttersprache in die Liturgie ab
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1965 wurde die Ch.praxis zunächst minimiert, was der Durchsetzung eines neuen aufführungspraktischen
Ansatzes durch neue Gruppen, die sich der Interpretation anhand der ältesten Neumenaufzeichnungen
verschrieben haben, zum leichteren Durchbruch verholfen hat. Am Beginn des dritten Jahrtausends wird in
Österreich Gregorianik hauptsächlich an Kathedralkirchen, einzelnen Klöstern und an Musikuniversitäten
gepflegt. Dabei ergab sich auch eine Verlagerung von der liturgischen Praxis hin zum (Kirchen)Konzert.
International bekannte Gruppen sind heute die Ch.schola der Wiener Hofburgkapelle unter ihren Leitern → J.
Schabasser, Hubert Dopf SJ und Thomas Holmes, die Grazer Ch.schola unter Leitung von → F. K. Praßl und die
Salzburger Virgilschola unter Stefan Engels. Die Grazer und die Salzburger Schola bringen immer wieder
Gesänge aus mittelalterlichen österreichischen Handschriften zu Gehör.
Lit (alphabetisch): MGÖ 1 (1995); R. G. Babcock, Reconstructing a Medieval Library: Fragments of Lambach
1993; E. M. Buxbaum in Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines 137 (1992); M. Czernin, Das
Breviarium Monasticum Codex 290 (183) der Bundesstaatlichen Studienbibliothek in Linz [...] aus dem
Benediktinerstift Kremsmünster, Diss. Wien 1992; M. Czernin in StMw 43 (1994); St. Engels, Das Antiphonar
von St. Peter in Salzburg Codex ÖNB Ser. Nov. 2700 (12. Jh.) 1994; St. Engels in MusAu 14/15 (1996); St.
Engels in St. Engels/G. Walterskirchen (Hg.), Musica sacra mediaevalis (Studien und Mitteilungen zur
Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige, 40. Erg.bd.) 1998; L. F. Davis, The Gottschalk
Antiphonary: Music and Liturgy in Twelfth-Century Lambach 2000; R. Flotzinger in Musica antiqua 8 (1988);
R. Flotzinger in Studia musicologica 31 (1989); R. Flotzinger, Ch.handschriften österreichischer Provenienz in
der Bodleian Library Oxford 1991; R. Flotzinger in L. Kačic (Hg.), Musik der geistlichen Orden in Mitteleuropa
zwischen Tridentinum und Josephinismus. Konferenzbericht Trnava 1996, 1997; R. Flotzinger in Medieval
Music in Slovenia and its European Connections. Proceedings from the international symposium, Ljubljana
1997, 1998; R. Flotzinger in Die Klöster als Pflegestätten von Musik und Kunst. 850 Jahre Kloster Michaelstein
(Michaelsteiner Konferenzberichte 55) 1999; E. Höchtl, Die adiastematisch notierten Fragmente aus den
Handschriften der Stiftsbibliothek Melk, 2 Bde., Diss. Wien 1990; Th. Kohlhase/G. M. Paucker, Bibliographie
Gregorianischer Ch. (Beiträge zur Gregorianik 9/10) 1990; Addenda I (Beiträge zur Gregorianik 15/16) 1993; D.
S. Lacoste, „The Earliest Klosterneuburg Antiphoners“, Diss. Western Ontario 1999; W. Lipphardt, Die
hymnologischen Quellen der Steiermark und ihre Erforschung 1974; W. Lipphardt in MusAu 2 (1979); F. K.
Praßl, Psallat ecclesia mater. Studien zu Repertoire und Verwendung von Sequenzen in der Liturgie
österreichischer Augustinerchorherren vom 12. bis zum 16. Jh., 2 Bde., Diss. Graz 1987; F. K. Praßl in MusAu
14/15 (1996); F. K. Praßl in St. Engels/G. Walterskirchen (Hg.), Musica sacra mediaevalis (Studien und
Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 40. Erg.bd.) 1998; F. K. Praßl in MusAu
18 (1999); F. K. Praßl in U. Harten et al. (Hg.), Bruckner-Symposion 1997, 1999; R. W. Schmidt in Jahrbuch
des Oberösterreichischen Musealvereines 120 (1975); F. W. Schmidt in 900 Jahre Augustiner Chorherrenstift
Reichersberg 1983; R. W. Schmidt in 900 Jahre Stift Reichersberg 1984. FP

(aus: Österreichische Musiklexikon Bd. 1, 2002, 270-274)

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Überlieferung des gregorianischen Repertoires:

Schriftfamilien

(Abbildung aus: MGG 1, Bd.9, 1619.

Überlieferung des gregorianischen Repertoires

Geschichtliche Entwicklung der Neumennotation und der Liniennotation


(Abbildung aus: Bruno Stäblein Schriftbild der einstimmigen Musik, Leipzig 1975)

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Die wichtigsten Quellen

(Einleitung zu Paléographie Musicale Bd. 20, 9*-10*)

Die vorbereitenden Studien für eine kritische Edition des Graduale Romanum zeigen, dass die Tradition sich
bezüglich einer Klassifizierung der Neumen in zwei große Familien teilt: die eine, östliche genannt, bildet eine
homogene und kompakte Gruppe, die fast alle germanischen Länder umfasst; die andere, westliche genannt, teilt
sich in mehrere regionale Gruppen: Nordosten Frankreichs, Bretagne, Aquitanien, Süditalien und eine
französisch-englische Gruppe. Zwei Untergruppen unterscheiden sich durch eigene Varianten: Saint-Denis und
Cluny; eine andere Untergruppe bildet die Brücke zwischen Ost und West.
Jede dieser Gruppen ist auf den Vergleichstafeln durch zwei Handschriften vertreten: die
Haupthandschrift in Neumennotation ohne Linien und ihre Entsprechung mit Notation auf Linien. Hier sind sie.
Mehrere dieser Zeugnisse wurden publiziert.

Östliche Familie:
- St. Gallen 359: Cantatorium aus St. Gallen = Paléographie Musicale de Solesmes, 2e série, t. II; und seine
Entsprechungen , vor allem das Graduale aus Einseideln 121 = P.M., t. IV.
- Handschrift mit Notation auf Linien: Graz, Universitätsbibliothek 807, aus Klosterneuburg = P.M., t. XIX.
10
Westliche Familie
- Nordöstliche Gruppe:
- Laon 239, aus Laon = P.M., t. X.
- Handschrift mit Notation auf Linien: Verdun 759, nicht publiziert.

- Bretonische Gruppe:
- Chartres 47, vielleicht aus St-Sauveur de Redon = P.M., t. XI.
- Handschrift mit Notation auf Linien: Leningrad 0v 1 6, du Pré de Rouen = THIBAUT, Monuments de la notation
ekphonétique et neumatique de l’Eglise latine, St. Petersburg, 1912.

- aquitanische Gruppe (nur Handschriften mit diastematischer Notation):


- Paris, Bibl. Nat., latin 776, de St-Michel de Gaillac (Bezeichnung aus Albi). An seiner Stelle könnte man das
Graduel de St-Yrieix (Paris, latin 903) = P.M., t. XIII verwenden.

- beneventanische Gruppe:
- Handschrift mit Notation auf Linien: Bénévent VI-34 = P.M., t. XV.

- französisch-englische Gruppe:
- Handschrift mit doppelter Notation (Neumen und Buchstaben): Montpellier, Faculté de Médicine H 159, de St-
Bénigne de Dijon = P.M., t. VIII.

- Gruppe aus St. Denis


- Paris, Bibl. Mazarine, 384 = Monumenta Musicae Sacrae, V, Paris, 1981.
- Handschrift mit Notation auf Linien: Paris, Bibl. Nat., latin 1107.

- Gruppe aus Cluny


- Paris, Bibl. Nat., latin 1087.
- Handschrift mit Notation auf Linien: Brüssel, Bibl. Royale, II 3823.

- Gruppe mit Übergangsnotation


- Darmstadt, Hess. Landesbibl. 1946, aus Echternach.
- Handschrift mit Notation auf Linien: London, British Mus., add. 18031-32, aus Stavelot.

Wie man bei der Lektüre dieser Zusammenstellung sieht, fehlt uns die Publikation eines äußerst interessanten
Zeugen, die beneventanische Handschrift ohne Linien: Benevento, Archivio Arcivescovile VI-33. Der
vorliegende Band der Palógraphie Musicale schließt diese Lücke.

René-Jean Hesbert, Antiphonale Missarum Sextuplex, Brüssel: Vromant 1935 (reprint Freiburg im Breisgau:
Herder 1985)

Paléographie Musicale. Les principaux Manuscrits de chant grégorien, ambrosien, mozarabe, gallican ...,
première série: tomes I-XX, deuxième série: tomes I, II; Solesmes, Tournai, Bern, 1889 ff. (PM)

Monumenta Palaeographica Gregoriana, hg. von der Internationalen Gesellschaft für Studien des
Gregorianischen Chorals (Godehard Joppich), Bd. 1-4, 1986 ff. (MPG)

Alle Handschriften aus St. Gallen in der virtuellen Bibliothek im Internet unter
http://www.cesg.unifr.ch/virt_bib/handschriften.htm

Zusammenfassung unter http://www.aiscgre.de/gregorianik/gr_hand.html.

---
Handschriften ohne musikalische Notation
(nach Hesbert)

M
Cantatorium von Monza (2. Drittel des 9. Jh.)
I-MZ 109
(Monza, Tesoro della Basilica S. Giovanni, Cod. CIX)

R
11
Graduale von Rheinau (um 800)
CH-Zz Rheinau 30
(Zürich, Zentralbibliothek, Rheinau 30)

B
Graduale von Mont Blandin (8./9. Jh)
B-Br 10127-44
(Brüssel, Bibl. Royale, MS 10127–44)

C
Graduale von Compiègne (2. Hälfte des 9. Jh.)
F-Pn lat. 17436
(Paris, Bibliothèque Nationale, lat. 17436)

K
Graduale von Corbie (nach 853)
F-Pn lat. 12050
(Paris, Bibliothèque Nationale, lat. 12050)

S
Graduale von Senlis (4. Viertel des 9. Jh.)
F-Psg lat. 111
(Paris, Bibliothèque Ste-Geneviève, lat. 111)

Adiastematische Handschriften
Ostfränkische (Deutsche) Notation (St. Gallen)

C
Cantatorium aus St. Gallen (923)
Ch-SGs 359
(St. Gallen, Stiftsbibliothek 359)
Faksimileausgaben:
PM deuxième série, t. II.,
MPG 3 (einschließlich der der Hs. später hinzugefügten Stücke/S. 2-23, 164-166).

E
Graduale aus Einsiedeln (10. Jh., nach 934)
CH-E 121
(Einsiedeln, Stiftsbibliothek 121)
Faksimileausgaben:
PM IV
Codex 121 Einsiedeln. Weinheim: VCH 1991 (vollständiges Faksimile mit Kommentarband)

G
Graduale aus St. Gallen (Anfang 11. Jh.)
CH-SGs 339
(St. Gallen, Stiftbibliothek 339)
Faksimileausgabe:
PM I

B
Graduale aus St. Emmeram, Regensburg (3. Viertel 10. Jh.)
D-BAs 6
(Bamberg, Staatsbibliothek Cod. lit. 6)
Faksimileausgabe:
MPG 2
Beschreibung: http://www.staatsbibliothek-bamberg.de/sondersammlungen/hs/hs17.php

12
G376
Graduale aus St. Gallen (11. Jh.)
CH-SGs 376
(St. Gallen, Stiftsbibliothek 376)

G381
Versicularium für Introitus und Communio (1.Hälfte des 11.Jh)
CH-SGs 381
(St. Gallen, Stiftsbibliothek 381)
Faksimileausgabe:
Stiftsbibliothek Sankt Gallen, Codices 484 & 381, kommentiert und in Faksimile herausgegeben von Wulf Arlt
& Susan Rankin unter Mitarbeit von Cristina Hospenthal.
Winterthur/CH: Amadeus 1996.

G484
Tropar (10./11. Jh.)
CH-SGs 484
(St. Gallen, Stiftsbibliothek 484)
Faksimileausgabe: wie G381

H
Antiphonale aus St. Gallen (zwischen 986 und 1011 vom Mönch Hartker)
CH-SGs 390/391
(St. Gallen, Stiftsbibliothek 390/391)
Faksimileausgabe:
PM 2ème série, t.I.

W
Graduale aus Minden (um 1020)
D-W Guelf 1008 Helmst.
(Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf 1008 Helmst.)
unveröffentlicht.

Metzer (lothringische) Notation

L
Graduale (um 930)
F-LA 239
Cod. 239 der Bibliothek von Laon
Faksimileausgabe: PM X.

Bretonische Notation

Ch
Graduale aus Chartres (10. Jh.)
F-CHRm 47
(Chartres, Bibliothèque Municipale, Cod. 47)
Faksimileausgabe: PM XI.
Die Handschrift wurde im 2.Weltkrieg zerstört.

Französische Notation

MR
Graduale und Antiphonale von Noyon (2.Hälfte des 10.Jh.)
Codex aus Mont-Renaud
Faksimileausgabe: PM XVI.

Beneventanische Notation

Bv 33
„Missale Antiquum“ aus Benevent (10./11.Jh.)
I-BV 33
(Benevento, Biblioteca Capitolare Cod. 33)
13
Faksimileausgaben:
PM XX,
MPG 1 (für die Neumen bessere Ausgabe).

Bv 40
Graduale aus Benevent (11. Jh.)
I-BV 40
(Benevento, Biblioteca Capitolare Cod. 40)
Faksimileausgabe:
Codices Gregoriani 1, La Linea Editrice, Padua 1991

VL
Graduale aus Benevent (11. Jh.)
I-Rvat 10673
(Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana Cod. 10673)
Faksimileausgabe: PM XIV.

Mittelitalienische Notation

An
Graduale und Troparium (1. Drittel 11. Jh.)
I-Ra 123
(Rom, Biblioteca Angelica, Cod. 123)
Faksimileausgabe: PM XVIII.

Diastematische Handschriften
Beneventanische Notation

Bv 34
Graduale (11./12. Jh.)
I-BV 34
(Benevento, Biblioteca Capitolare Cod. 34)
Faksimileausgabe: PM XV.

Mc 540
Codex von Montecassino (linienlose Notation 11./12. Jh.)
I-MC 540
(Monumento Nazionale di Montecassino, Biblioteca Cod. 540)
unveröffentlicht.

Mc 546
Graduale, Sequentiar und Kyriale (12./13.Jh.)
I-MC 546
(Monumento Nazionale di Montecassino, Biblioteca Cod. 546)
unveröffentlicht.

Mc Q 318
Tonar (2. Hälfte 11. Jh.)
I-MC Q 318
(Montecassino, Archivio della Badia Q 318)
unveröffentlicht.

Italienische Notation

Mo
Graduale (11./12. Jh.)
I-MOd O.I.7
(Modena, Biblioteca Capitolare, Cod. O. I. 7)
unveröffentlicht.

Aquitanische Notation
14
A
Graduale von Saint-Michel-de-Gaillac bei Albi (vor 1079)
F-Pn lat. 776
(Paris, Bibliothèque Nationale, lat. 776)
Faksimileausgabe:
Codices Gregoriani 3, Padua: La Linea Editrice 2001.

Y
Graduale von Saint-Yrieix (11.Jh.)
F-Pn lat. 903
(Paris, Bibliothèque Nationale, lat. 903)
Faksimileausgabe: PM XIII.

Metzer Notation

K (Kl)
Graduale von Klosterneuburg (12. Jh.)
A-Gu 807
Universitätsbibliothek Graz, Codex 807
Faksimileausgabe: PM XIX.

V
Missale von Saint-Vanne in Verdun (1. Hälfte 13.Jh.)
F-VN 759
Verdun, Bibliothèque Municipale, Cod. 759
Faksimileausgabe:
Codices Gregoriani 2, Padua, La Linea Editrice 1994

Französische Notation

R (Rou)
Graduale von Notre Dame in Rouen (12. Jh.)
RUS-SPsc O v I 6
(St. Petersburg, Rossijskaja nacional’naja biblioteka Cod. O v I6)
französische Neumen mit Metzer Einschlag
Faksimileausgabe:
Jean-Baptiste Thibault, Monuments de la Notation ekphonétique et neumatique de l'Eglise Latine, St. Petersburg
1912, Reprint Georg Olms Verlag 1984, Hildesheim.

Mp
Tonar des Graduale von Saint-Bénigne in Dijon (11. Jh.)
F-MOf H 159
(Montpellier, Faculté de Médecine Cod. H 159)
Doppelnotation: adiastematische französische Neumennotation und alphabetische Notation zur Angabe der
Intervalle.
Faksimileausgabe: PM VIII.
Übertragung auf Vierlinien-System: Finn Egeland Hansen, H 159 Montpellier, Tonary of St.Bénigne of Dijon,
Kopenhagen: Dan Fog Musikforlag 1974.

Deutsche Notation

Antiphonarium aus Zwiefalten (12.Jh.)


D-KA Aug.perg. 60.
(Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Aug.perg. 60)
deutsche Neumen mit Metzer Einflüssen auf Linien
Farbmikrofiche-Edition:
Codices illuminati medii aevi 37, Verlag Helga Lengenfelder, München 1995.

15
Die elementaren Neumenzeichen im Überblick
(Abbildung aus: Bruno Stäblein, Schriftbild der einstimmigen Musik 1975)

Die heute verwendete Quadratnotation:

Zeichen – Namen – Bedeutung

Aus: Luigi Agustoni, Gregorianischer Choral, in: Hans Musch (Hg.), Musik im gottesdienst, Bd. 1, Regensburg
5
1994.

16
17
18
19
20
Die heutigen Choralausgaben und ihre Notation
a) für die Messfeier

Graduale Triplex, Solesmes 1979 (= die um St. Gallener und Metzer Notation erweiterte
Ausgabe des Graduale Romanum, Solesmes 1974).

Graduale Simplex, Rom, editio typica altera 1975.

Ergänzungen zum Graduale Triplex:

Offertoriale Triplex cum Versiculis, Solesmes 1985.

Liber Psalmorum pro Communione, Vaals 1983


(hrsg. in der Abdij S. Benedictusberg Vaals, Mamelis 39, 6295 NA Lemiers)

Passio Domini Nostri Iesu Christi, Rom 1989

Missale Romanum, 3. Aufl. 2002

b) für das Stundengebet

Liber Hymnarius (= Antiphonale Romanum, Tomus 2), Solesmes 1983


(Band 1 des Antiphonale Romanum ist noch nicht erschienen!)

21
Psalterium Monasticum, Solesmes 1981
(enthält bereits wichtige Elemente von Band 1 des Antiphonale, z.B. die erneuerte
Psalmodie)

Antiphonale Monasticum, Tournai 1934


(unersetzliche Quelle für Antiphonen etc. bis zum Erscheinen des Antiphonale
Romanum Band 1)

Antiphonale Monasticum, Bd. 1-3, Solesmes, 2005-2007.

c) weitere Choralausgaben in Auswahl

Graduel neumé, Solesmes 1966


(Reproduktion des Graduales von P. Eugène Cardine)

Processionale Monasticum, Solesmes 1983 (Reprint der Ausgabe von 1893)


(Prozessionsgesänge, z.T. neumiert)

Cantus selecti; Solesmes 1949


(enthält zahlreiche Sequenzen, Hymnen und bekannte pseudogregorianische Gesänge)

Ordo Missae in Cantu, Solesmes 1975


(enthält die Singweisen zu allen Präfationen sowie vollständige Singweisen zu allen
Hochgebeten)

Stefan Klöckner (Hg.), In hymnis et canticis. Chorbuch Gregorianischer Choral. 109


Gregorianische Gesänge für die kirchenmusikalische Praxis in Gottesdienst und Konzert.
(Mit Begleit-CD).

22
23
Entwicklung der Quadratnotation im 20. Jahrhundert

Die heute gebräuchliche Quadratnotation war im Laufe von 100 Jahren zahlreichen
Veränderungen unterworfen. Ziel der Verbesserungen war eine Annäherung an die
Differenziertheit der Neumennotation.

Die Notation der Bücher von 1908 und 1912 (samt ihren Nachdrucken) ist rhythmisch neutral.
Seit 1981/1983 gibt die Quadratnotation im Wesentlichen den Rhythmus der Neumen wieder.

Dazu kommen Veränderungen der Melodien aufgrund vertiefter paläographischer Studien


(Melodierestitution).

24
Notationsvergleiche:

Editio Vaticana 1912 – (private) Ausgabe mit Solesmer Zusatzzeichen

GS 116 GT 138

Editio Vaticana 1908 – Antiphonale Monasticum 1934 und 2007 (benediktinisch)

GT 90 AM 351

AM III (2007) 167

25
GT 692 (1908 = 1974) GT 878 (1934)

Antiphonale Monasticum – Psalterium Monasticum – Antiphonale Monasticum


AM 342 (1934) PsM 384 (1981)

AM I 129-130 (2005)

26
AR 207 (1912) AM 210 (1934)

AM I 51 (2005)

GT 228 (1908)

LH 500 (1983) Missale Strigoniense

27
28
Glossarium: die wichtigsten Vokabeln zum Gebrauch der Choralbücher
Antiphona ad introitum IN Introitus, Eröffnungsvers
Graduale GR Graduale
Psalmus responsorius Antwortpsalm (Graduale simplex)
Versus alleluiaticus AL Hallelujavers („Ruf vor dem Evangelium“)
Psalmus alleluiaticus Hallelujapsalm (Graduale simplex)
Tractus TR Tractus (Psalm vor dem Evangelium in der
Fastenzeit)
Sequentia SEQ Sequenz
Antiphona ad offertorium OF Antiphon zur Gabenbereitung
Antiphona ad communionem CO Antiphon zur Kommunion,
Kommuniongesang
Psalmus Ps. Psalm
Versus V Vers
Antiphona A AN/ANT Antiphon („Kehrvers“)
Responsorium R RE/RESP Responsorium
Canticum CANT Canticum, Gesang
Hymnus H Hymnus

confer cf. vergleiche


omittitur (Der betreffende Gesang) entfällt.
(non) dicitur (Der betreffende Gesang) wird (nicht)
gesungen.
Praenotanda Vorwort, Allgemeine Einführung

Cantus in ordine missae occurentes


ad aspersionem aquae benedictae Ausspendung des Weihwassers
(Besprengung)
(Das sonntägliche Taufgedächtnis)
Kyrie Kyrie, Herr erbarme dich unser
Gloria Gloria, Ehre sei Gott in der Höhe
Sanctus (mit Benedictus) Sanctus, Heilig
Agnus Dei Agnus Dei, Lamm Gottes
Credo Credo, Ich glaube an Gott
Toni communes
Ritus initiales Eröffnungsriten
Signum crucis Kreuzzeichen
formula salutationis Begrüßung
tonus orationum Orationston, Ton für das Tagesgebet
Liturgia verbi Wortgottesdienst
tonus lectionum Lesungston
tonus evangelii Evangelienton
Liturgia eucharistica Eucharistiefeier (im engeren Sinn)
ante praefationem Einleitungsdialog mit Präfation
post consecrationem nach dem
Einsetzungsbericht/Konsekration
ad doxologiam Doxologie (Abschluss des
Hochgebetes)
tonus orationis dominicae Vater unser Ton/Melodie
tonus embolismi Melodie des Embolismus
(Weiterführung des Vater unser)
29
ad pacem zum Friedensgruß
Ritus conclusionis Entlassung
benedictio simplex (gewöhnlicher) Schlusssegen
benedictio sollemnis feierlicher Schlusssegen
benedictio episcopalis bischöflicher Segen, Pontificalsegen
ad dimittendum populum Entlassungsruf

Litaniae sanctorum Allerheiligenlitanei


Pro gratiarum actione: Te Deum Dankgesang. Großer Gott, wir loben dich
ad processionem während der Prozession
ad benedictionem Ss.mi Sacramenti zum eucharistischen Segen

Commune Dedicationis ecclesiae Commune-Texte für Kirchweihe


C. B.(eatae) M.(ariae) V.(irginis) Marienmessen („C. der seligen Jungfrau
Maria“)
C. Apostolorum Commune-Texte für Apostelfeste
pro pluribus... für mehrere...
pro uno... für einen...
C. martyrum Commune-Texte für Märtyrer
pro papis für Päpste
pro episcopis für Bischöfe
pro presbyteris für Seelsorger („für Priester“)
C. pastorum Commune-Texte für Hirten der Kirche
C. doctorum ecclesiae Commune-Texte für Kirchenlehrer
C. virginum Commune-Texte für Jungfrauen
C. sanctorum et sanctarum in genere Commune-Texte für heilige Männer und
heilige Frauen
pro religiosis für Ordensleute
pro iis, qui opera misericordiae für Heilige der Nächstenliebe
exercuerunt
pro educatoribus für Erzieher
pro iis, qui respublicas moderati sunt für Staatsmänner (= Kaiser, Könige...)
pro sanctis mulieribus für heilige Frauen

Marienfeste:
in visitatione BMV Mariä Heimsuchung
in assumptione BMV Mariä Aufnahme in den Himmel („M.
Himmelfahrt“)
in nativitate BMV Mariä Geburt
BMV perdolentis Gedächtnis der Schmerzen Mariens („7
Schmerzen“)
BMV a Rosario Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz
in conceptione immaculatae BMV Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen
Jungfrau Maria

Herren- und Kreuzfeste:


in praesentatione Domini Darstellung des Herrn („Maria Lichtmess“)
in annuntiatione Domini Verkündigung des Herrn („Mariä
Verkündigung“)
in transfiguratione Domini Verklärung des Herrn
in exaltatione sanctae crucis Kreuzerhöhung

30
(Festum) Omnium sanctorum Allerheiligen
in commemoratione Allerseelen
omnium fidelium defunctorum

Missae rituales Messen zu bestimmten Feiern


Initiatio christiana Eingliederung in die Kirche
Baptisma, Confirmatio Taufe, Firmung
in conferendis sacris ordinibus Bei der Spendung der Weihen
pro sponsis Trauungsmessen („für die Brautleute“)

Missae ad diversa Messe für besondere Anliegen


Missae votivae Votivmessen

Liturgia defunctorum Totenliturgie, Begräbnisfeier


Missa in exsequiis Messe am Begräbnistag („beim Begräbnis“)
Missa in anniversario Messe beim Jahresgedächtnis
Missa in exsequiis parvuli Messe am Begräbnistag eines Kindes
Vigilia pro defuncto Totenwache
statio prima: in domo defuncti 1. Station: Gebet im Trauerhaus
(Aussegnung)
statio secunda: in ecclesia 2. Station: in der Kirche
ad ultimam commendationem Verabschiedung (früher: „Libera“)
et valedictionem
coemeterium Friedhof
statio tertia: ad sepulcrum 3. Station: am Grab

MRBCKS Abkürzungen für ältere Texthandschriften, vgl. GT Vorwort


LCEGHB Abkürzungen für ältere adiastematische Hss., vgl. GT Vorwort
I – VIII Psalmtöne Igt, IV E Angabe der Psalmtondifferenzen

Die Messe und ihre Festränge

Missa Messe
Missa matutina Messe am Morgen, Frühmesse
Missa vespertina Abendmesse
Missa in virgilia Vorabendmesse
Missa in die Tagesmesse

Sollemnistas SOLL Hochfest


Festum FEST Fest
Memoria (obligatoria) MEM (gebotener) Gedenktag
Memoria non obligatoria - nicht gegotener Gedenktag

Studengebet

Liturgia horarum Stundengebet


früher „Officium“ oder „Brevier“ genannt
Invitatorium Invitatorium, Eröffnung des täglichen
Gebetes
Officium lectionis Lesehore, „Matutin“
Vigilia Vigilien, erweiterte Lesehore an Sonntagen
Laudes matutinae Laudes, Morgenlob

31
Hora media kleine Horen
ad Tertiam Terz (9.00 Uhr)
ad Sextam Sext (12.00 Uhr)
ad Nonam Non (15.00 Uhr)
Vesperae Vesper, Abendlob
Completorium Komplet, Nachtgebet
Antiphona finalis Marianische Schlussantiphon, „ Mariengruß“
ad B.(eatam) M.(ariam) V.(irginem)

Liturgische Zeit

Annus Jahr
Anno A im Lesejahr A (des dreijährigen Zyklus
der Sonntagslesungen, Jahre A, B, C)
Anno I oder II im Lesejahr 1 (ungerade Jahre) oder 2
(gerade Jahre)
des zweijährigen Zyklus der
Wochentagslesungen
Mensis Monat
Hebdomada Woche
Dominica Sonntag
feria Wochentag
feria II (secunda) Montag
feria III (tertia) Dienstag
feria IV (quarta) Mittwoch
feria V (quinta) Donnerstag
feria VI (sexta) Freitag
sabbato Samstag

Dies Tag
Hora Stunde
Vigilia Vorfeier eines Festes am Vortag, bzw.
Vorabend
Octava Nachfeier eines Festes durch 8 Tage
infra octavam während der Oktav
in octava am Oktavtag

Proprium Eigentexte einer liturgischen Feier


Ordinarium gleichbleibende Texte einer liturgischen
Feier
Proprium de tempore Eigentexte (veränderliche Texte) des
Kirchenjahres
(Herrenjahres)
Proprium de sanctis Eigentexte der Heiligenfeste
Commune sanctorum gemeinsame (Propriums)Texte
für bestimmte Gruppen von
Heiligenfesten
Tempus Adventus Der Advent
in ultimis feriis an den letzten Wochentagen
(vor Weihnachten: 17. – 24. 12.)

32
Tempus Nativitatis Die Weihnachtszeit
in nativitate Domini Hochfest der Geburt des Herrn,
Weihnachten
ad missam in vigilia am Heiligen Abend
ad missam in nocte in der Heiligen Nacht
ad missam in aurora am Morgen
ad missam in die am Tage

Sollemnitas sanctae Dei Genitricis Mariae Hochfest der Gottesmutter Maria (1.1.)
in Epiphania Domini Erscheinung des Herrn (Dreikönig)
in Baptismate Domini Fest der Taufe des Herrn

Tempus Quadragesimae Die Fastenzeit, Österliche Bußzeit („40


Tage“)
feria quarta cinerum Aschermittwoch
ad benedictionem et impositionem cineum Segnung und Austeilung der Asche
Hebdomada sancta Heilige Woche – Karwoche
dominica in palmis Palmsonntag
Missa chrismatis Chrisam-Messe (Ölweihmesse)
Sacrum Triduum Paschale passionis Die drei österlichen Tage vom Leiden, vom
Tod
et resurrectionis Domini und von der Auferstehung des Herrn
Missa vespertina in cena Domini Messe vom letzten Abendmahl
ad lotionem pedum Fußwaschung
ad translationem sanctissimi sacramenti Übertragung des Allerheiligsten
Feria sexta in passione Domini Karfreitag
(früher: in Parasceve)
adoratio sanctae crucis Kreuzverehrung
Improperia Improperien (Gesänge zur
Kreuzverehrung)

Tempus Paschale Die Osterzeit


t.p. tempore paschali während der Osterzeit
extra t.(empus) p.(aschale) außerhalb der Osterzeit

Dominica Paschae in resurrectione Domini Hochfest der Auferstehung des


Herrn,
Ostersonntag
ad vigiliam paschalem in nocte sancta Die Feier der Osternacht
ad liturgiam baptismalem Tauffeier

in ascensione Domini Christi Himmelfahrt


Dominica Pentecostes Pfingsten
post Pentecosten nach Pfingsten

Tempus per annum Die Zeit im Jahreskreis

Sollemnitates Domini tempore


per annum occurentes Herrenfeste des Kirchenjahres
Soll. Sanctissimae Trinitatis Dreifaltigkeitssonnatg
(Soll.) Sanctissimi Corporis Hochfest des Leibes und Blutes
Christi

33
et Sanguinis Christi - Fronleichnam
Soll. sacratisissimi Cordis Iesu Heiligstes Herz Jesu
Soll. D.(omini) N.(ostri) I.(esu) C.(hristi) Christkönigssonntag
Universorum Regis

Die Feier der Heiligen Messe nach dem Ritus von 1970 und 1570
(„Messe nach der Liturgiereform“ und sogenannte „Tridentinische Messe“

Aus: Hans Bernhard Meyer, Eucharistie, Regensburg1989 (Handbuch der


Liturgiewissenschaft Band 4)

34
35
36
37
38
Aus: Hans Bernhard Meyer/Rudolf Pacik (Hg), Dokumente zur Kirchenmusik unter
besonderer Berücksichtigung des deutschen Sprachgebietes, Regensburg

39
40
41
42
43
Liber Psalmorum pro Communione, Vaals 1983
Beispielseite: Allgemeiner Commuinio-Psalm
Psalmus 33

                               
2. Bene [dicam Dominum in] omni tém 'pore,
semper [laus eius] in ore meo.

3. In Do [mino gloriabitur] anima 'mea,


audi [ant mansue] ti et laetentur.

4. Magni [ficate] Dominum 'mecum,


et ex [altemus nomen e] ius in idipsum.

5. Exqui [sivi Dominum, et] exaudí 'vit me


et ex [omnibus terroribus meis] eripuit me.

6. Respi [cite ad eum, et il] luminá 'mini,


et fa [cies vestrae[ non confundentur.

7. Iste [pauper clamavit, et Dominus exau] divit 'eum


et de [omnibus tribulationibus eius] salvavit eum.

8. Valla [bit angelus Domini in circuitu ti] mentes 'eum


et e [ ] ripiet eos.

9. Gusta [te et videte quoniam su] avis est Dó 'minus;


bea [tus vir, qui] sperat in eo.

10. Time [te Dominum,] sancti 'eius,


quoni [am non est inopia ti] mentibus eum.

11. Divi [tes eguerunt et e] suri 'erunt,


inqui [rentes autem Dominum non defici] ent omni bono.

12. Veni [te, fili]i, audíte me:


timo [rem Domi] ni docebo vos.

13. Quis est [homo,] qui vult 'vitam,


dili [git dies, ut] videat bonum?

14. Prohi [be linguam] tuam a 'malo,


et la [bia tua, ne] loquantur dolum.

15. Diver [te a malo] et fac 'bonum,


inqui [re pacem et per] sequere eam.

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Das Graduale Simplex

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_______________________________________________________________________________________________

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Liber Hymnarius (=Antiphonale Romanum II) 1983
Der Liber Hymnarius bringt erstmals eine neue Art der Quadratnotation, sein Vorwort
emphiehlt Gregorianikinterpretation nach den Regeln der gregorianischen Semiologie.

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Der Ordo Cantus Officii (=Ordnung für die Gesänge
der Tagzeitenliturgie) ist die Grundlage für die Erstel-
lung des Hymnenbuches (Liber Hymnarius) und des
noch fehlenden Antiphonenbandes (Antiphonale
Romanum Band 1)

Das monastische Offizium ist inzwischen erneuert:


Antiphonale Monasticum Band 1-3,
Solesmes 2005 – 2007.
Es ist nur teilweise identisch mit der römischen
Ordnung der gesungenen Tagzeitenliturgie.

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Beispiele aus dem Liber Hymnarius:

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Die Ordnung des Offiziums (der Tagzeitenliturgie) im Mittelalter (und
nach dem Breviarium Romanum 1568)

Cursus Romanus: Ordnung der Weltkirche (+Chorherren, Mendikanten, neue Orden )


Cursus Monasticus: Ordnung der Mönchsklöster (Benediktiner, Zisterzienser)

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Aus: Hermann Alfred Schmidt: Introductio in Liturgiam occidentalem, Rom 1960

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Das gregorianische Repertoire
1. Die drei Vertonungsstile

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2. Die drei Kompositionstechniken:
Originalkomposition – Centonisation – Typusmelodie

3. Das Repertoire – die einzelnen Gesangsgattungen

Eine Übersicht am Beispiel der Vertonung eines Psalmverses

Lateinische Psalmenübersetzungen im 20. Jahrhundert


a) Vulgata
b) Psalterium Pianum
c) Nova Vulgata

Beispiel 1: Ps. 50,12


ad a) Cor mundum crea in me Deus: * et spiritum rectum innova in visceribus meis.
ad b) Cor mundum crea mihi, Deus, * et spiritum firmum renova in me.
ad c) Cor mundum crea in me Deus, * et spiritum firmum innova in visceribus meis.

Beispiel 2: Ps. 44,3


ad a) Speciosus forma prae filiis hominum, + diffusa est gratia in labiis tuis: *
propterea benedixit te Deus in aeternum.
ad b) Speciosus es forma prae filiis hominum, diffusa est gratia super labia tua: *
propterea benedixit tibi Deus in aeternum.
ad c) Speciosus forma es prae filiis hominum, + diffusa est gratia in labiis tuis: *
propterea benedixit te Deus in aeternum.

Liturgisches Rezitativ: Versikel


AM 1180

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Aufbau eines Psalmtones (1. Ton)

Gattungen der Psalmodie:


a) Offiziumspsalmodie = Gemeindepsalmodie
b) feierliche Canticapsalmodie für Benedictus und Magnificat = Gemeindepsalmodie
c) Messpsalmodie für Introitus und Communio = Kantorenpsalmodie
d) Responsorialpsalmodie für die Verse der großen Responsorien = Kantorenpsalmodie
NB: Die Grenzen zu den Typusmelodien des Meßrepertoires sind fließend!
e) Solopsalmodie der Messgesänge: Alleluia, Graduale, Tractus, Offertorium

1. Ton

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Antiphon

LU 373

Responsorium breve

73
Responsorium prolixum der Matutin

LH 521

Communio
GT 423

74
Alleluia

GT 413

75
Graduale

GT 408

76
Offertorium

OT 156 (GT 421)

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AM = Antiphonale Monasticum, Solesmes 1934
PsM = Psalterium Monasticum, Solesmes 1981
LH = Liber Hymnarius, Solesmes 1983
LU = Liber usualis, Solesmes, zahlreiche Auflagen vor dem Konzil
GT = Graduale Triplex (= Graduale Romanum), Solesmes 1979
GS = Graduale Simplex, Rom 1975
OT = Offertoriale Triplex, Solesmes 1985

Psalmus responsorius

GS 324

Übersicht über die einzelnen Gesangsgattungen:


1. Das liturgische Rezitativ 2. Psalmodie
3. Antiphonen 4. Responsorium breve
5. Responsorium prolixum 6. Meßantiphonen: Introitus, Communio
7. Responsoriale Meßgesänge: Graduale, Alleluia 8. Tractus
9. Offertorium 10. Tropen
11. Sequenzen 12. Ordinarium Missae
13. Hymnus 14. Cantio
15. Historia (Reimoffizium, Versoffizium)

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1. Das liturgische Rezitativ
A) Orationstöne

Tonus simplex A
MR 2002 1234

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Tonus solemnis

MR 2002 1236

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B) Lektionstöne
MR 2002 1237 ff.

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Passio 1989

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Magyar Gregorianum 25f.

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C) Präfationen

Osterpräfation
MR 2002 377 f,.

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Exsultet
MR 2002 350 f.

Totenpräfation
Ordo Missae in Cantu

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2. Psalmodie: Die Psalmtöne

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Regeln für die Unterlegung des Psalmtextes unter die Kadenzformeln

Grundregel:
Dem melodischen Akzent der Kadenzformel muss jeweils ein Wortakzent entsprechen.

Ein Wort wird entweder auf der zweitletzten Silbe (z.B. Déus oder Benedíctus) oder auf der drittletzten Silbe
(z.B. Dóminus oder benedícere) betont. Ersteres nennt man ein Paroxytonon, zweiteres ein
Proparoxytonon. Einsilbige Wörter am Ende eines Satzes gelten prinzipiell als unbetont und bilden
zusammen mit einem vorhergehenden Paroxytonon ein Pseudo-Proparoxytonon, z.B. exáudi me.

Die Kadenzen der Psalmodie haben


- einen melodischen Akzent, diesem können 1, 2 oder 3 Vorbereitungsnoten vorausgehen.
- zwei melodische Akzente

Das ergibt je nach Unterlegung eines Par- oder Proparoxytonons folgende rhythmische Möglichkeiten:

1 Akzent: Déus /. 2 Akzente: Déus méus /. /.


Dóminus /.. tímor Dómini /. /..
pópulum súum /.. /.
sáeculum sáeculi /.. /..

Die Silben bei Vorbereitungsnoten der Kadenzen mit 1 Akzent werden ohne Rücksicht auf ihre Betonung
gezählt.

92
Bei den Kadenzen mit zwei Akzenten dürfen zwischen den beiden Akzentsilben nie mehr als zwei unbetonte
Silben stehen.

z.B.: Dóminus técum nicht aber: órdinem Melchísedech


x 2 1 x x 3 2 1 x

Stehen mehr als zwei unbetonte Silben zwischen zwei natürlichen Wortakzenten
(z.B. órdinem Melchísedech oder Dóminus ex Síon)
x 3 2 1 x x 3 2 1 x
wird ein künstlicher Nebenakzent gebildet. Dieser ist immer die zweite Silbe vor dem 1. ( = der hintere!) der
beiden natürlichen Wortkazente.
(z.B. ordiném Melchísedech oder Dominús ex Síon)
Bei langen Worten wird auf die gleiche Weise der Nebenakzent gebildet:
redémptiónem, nátiónibus
Bei künstlichen Nebenakzenten gibt es daher niemals Proparoxytona.

Bei den Proparoxytona ergib sich eine „überzählige“ Silbe („superveniens“ oder “Epenthesis“), die für
gewöhnlich zwischen die Akzentsilbe und die unbetonte Silbe eingeschoben wird (in den Modellen als hohle
Note gedruckt) = „Epenthesis intercalata“.
Diese Note befindet sich auf der Tonstufe der folgenden unbetonten Note. Ist das Intervall zwischen Akzent
und unbetonter Note aber ein Halbton, wird die superveniens auf der Tonstufe des Wortakzentes gesungen.

Trifft der melodische Akzent einer Kadenz normalerweise mit einer Clivis (Pes + Clivis) zusammen, wird
im Falle eines Proparoxytonons die überzählige Note vorausgenommen = Epenthesis oder superveniens
anticipata. Die auf diese Weise antizipierte Note erhält dann automatisch den Wortakzent, die Clivis darf
nicht in zwei Einzeltöne aufgelöst werden.

Einsilbige Wörter:
Kommen mehrere einsilbige Wörter zusammen, fällt der Nebenakzent auf die zweitletzte Silbe:
éx me dé te á me

Einsilbler bilden mit einem Paroxytonon ein Pseudoproparoxytonon:


súper me exaudísti me

Einsilber mit einem Proparoxytonon: Die Endsilbe des Proparoxytonons bekommt einen Nebenakzent:
génuí te timéntibús te

NB. Wir singen keine Mediatio correpta!

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Psalmtöne für Introitus und Communio:
Meßpsalmodie

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3. Antiphonen

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Alle diese Beispiele: Typusmelodie von Antiphonen im Protus zur Quart (Ton II*)

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O- Antiphonen: Antiphonae maiores („die großen“) 17.-24.12.

Sapientia – Adonai – Radix Iesse – Clavis David – Oriens – Rex gentium – Emanuel
“Ero cras”

104
Marianische Antiphonen:
Alma redemptoris mater – Ave regina caelorum – Regina caeli laetare – Salve regina (“klassisch”)
Sub tuum praesidium – Ave Maria (seit 1970)

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106
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Spätgregorianische Antophonen aus dem Hohenlied:

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Dilectus meus

109
110
4. Responsorium breve

111
112
5. Responsorium prolixum

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115
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6. Meßantiphonen: Introitus und Communio

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7. Responsoriale Meßgesaänge: Graduale, Alleluia

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Responsoriale Meßgesänge: Alleluia

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Mailänder (ambrosianisches) Alleluia mit longissima melodia am Ende
Quelle: Antiphonale Missarum iuxta Ritum Sanctae Ecclesiae Mediolanensis, Mailand 2005

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8. Tractus

Wird in der Fastenzeit und bei Bußgottesdiensten (Begräbnis) anstelle des Alleluia gesungen

Tractus. nur im 2. und 8. Modus


Psalmodie!

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9. Offertorium

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10. Tropen

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Die drei Gattungen der Tropen:

Meloformer Tropus: Erweiterung einer Melodie („longissima melodia“)


Melogener Tropus: Textunterlegung „Austextieren“ eines Melismas
Logogener Tropus: Erweiterung eines Stammgesangs mit textlich-melodischen Einheiten

Nota bene: Tropen sind keine selbständigen Gesänge, sondern immer von einem Stammgesang abhängig

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11. Sequenzen

Vorstufe: Aparallele Sequenzen

1. Epoche: Notker der Dichter (Balbulus)

Sequenzen des Übergangsstils: Victimae paschali laudes (Wipo von Burgund), Veni sancte spiritus (Stephan
Langton)

2. Epoche: Reimsequenz, Adam von St. Victor


Lauda Sion Salvatoren (Thomas von Aquin), Stabat mater dolorosa (Jacopone da Todi)
Dies irae dies illa (Thomas von Celano): siehe Seite 59

Notker: Pfingstsequenz Sancti spiritus assit nobis gratia


(Quelle: Codex Einsiedeln 121)

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Notker: Sequenz von Christi Himmelfahrt
Summi triumphum regis

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Kontrafaktur der Notkersequenz auf den Hl. Rupert in
Seckau

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Quelle: Unisono. Ökumenische mehrsprachige Lieder der Christenheit, Graz 1997.

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Kontrafaktur auf die Ostersequenz Victimae paschali laudes:
Virginis Mariae laudes tempore paschal (Mariensequenz zur Osterzeit)

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Parodie: aus dem „Officium potatorum“

(Quelle: Adolpf FRANZ, Die Messe im deutschen Mittelalter, 1902, Nachdruck: Bonn 2003.

Proprium Missae:

Im Jahr Osterzeit Fastenzeit


Introitus
Graduale Alleluia 1
Alleluia Alleluia 2 Tractus
[Sequenz]
Offertorium
Communio

12. Ordinarium Missae

Kyrie – Gloria – Credo – Sanctus (mit Benedictus) – Agnus Dei

Die Begriffe Proprium und Ordinarium sind Termini einer heute historischen liturgischen
Ordnung. In der heutigen Liturgie unterscheidet man zwischen Gesängen in selbständiger
liturgischer Funktion (Kyrie, Gloria, Graduale, Credo, Sanctus) und Begleitgesängen
(Introitus, Alleluia, Offertorium, Agnis Dei, Communio)

183
GREGORIANISCHE ORDINARIEN („MESSEN“)
NACH HEUTIGER ZUSAMMENSTELLUNG UND ZÄHLUNG IM
GRADUALE ROMANUM 1974

1. Ordinarium 1: OSTERMESSE
Missa „Lux et origo“ – tempore paschali

2. Ordinarium 2: MESSE FÜR HOCHFESTE


Missa „Kyrie fons bonitatis“

3. Ordinarium 4: MESSE FÜR APOSTELFESTE


Missa „Cunctipotens genitor Deus“

184
4. Ordinarium 8:
Missa „de angelis“

5. Ordinarium: MARIENMESSE
Missa „cum iubilo“

6. Ordinarium 11: SONNTAGSMESSE


Missa „Orbis factor“

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7. Ordinarium 16: für die Wochentage im Jahreskreis

8. Ordinarium 17: für die Sonntage der Advent- und Fastenzeit

9. Ordinarium 18: Wochentage der Advent- und Fastenzeit, Begräbnismesse

Credo 1:

Credo 3:

186
NB: MISSA MUNDI: Kyrie 16, Gloria 15, Sanctus 18, Agnus Dei 18

13. Hymnus

1 Intende qui regis Israel 5 Procedat e thalamo suo


super cherubin qui sedes pudoris aula regia
adpare Ephrem coram excita geminae gigans substantiae
potentiam tuam et veni. alacris occurrat viam.

2 Veni redemptor gentium 6 Egressus eius a patre


ostende partum virginis regressus eius ad patrem
miretur omne saeculum excursus usque ad inferos
talis decet partus deo. recursus ad sedem dei.

3 Non ex virili semine 7 Aequalis aeterno patri


sed mystico spiramine carnis tropaeo accingere
verbum dei factum est caro infirma nostri corporis
fructusque ventris floruit. virtute firmans perpeti.

4 Alvus tumescit virginis 8 Praesepe iam fulget tuum


claustrum pudoris permanet lumenque nox spirat novum
vexilla virtutum micant quod nulla nox interpolet
versatur in templo deus. fideque iugi luceat.

187
186
Weihnachtshymnus des Sedulius

187
Papst Gregor der Große

188
189
Venantius Fortunatus

Weitere Hymnen: Seite 55-60

Veni redemptor gentium (Ambrosius von Mailand)


Christe redemptor omnium
Pange lingua gloriosi corporis mysterium (Thomas von Aquin)
Veni creator spiritus (Rabanus Maurus)
Dies irae dies illa (Sequenz als Hymnus)

Aeterne rerum conditor: Sonntagshymnus des Ambrosius von Mailand

190
Aeterne rerum conditor,
noctem diemque qui regis
et temporum das tempora,
ut alleves fastidium:

Praeco diei iam sonat,


noctis profundae pervigil,
nocturna lux viantibus
a nocte noctem segregans.

Hoc excitatus lucifer


solvit polum caligine,
hoc omnis erronum cohors
vias nocendi deserit.

Hoc nauta vires colligit


pontique mitescunt freta,
hoc ipse petra ecclesiae
canente culpam diluit.

Surgamus ergo strenue,


gallus iacentes excitat
et somnolentos increpat,
gallus negantes arguit.

Gallo canente spes redit,


aegris salus refunditur,
mucro latronis conditur,
lapsis fides revertitur.

Iesu, labantes respice


et nos videndo corrige.
Si respicis lapsus cadunt
fletuque culpa solvitur.

Tu lux refulge sensibus


mentisque somnum discute.
Te nostra vox primum sonet
et ora solvamus tibi.

191
Originalincipit: Christe qui lux es et dies

192
193
194
195
Paulus Diaconus

196
14. Cantio

197
198
15. Historia (Versoffizium, Reimoffizium)
(Historia de sancta Barbara: aus dem Vorauer Antiphonar A-VOR 287, anonym)

199
200
201
202
203
204
205
Das GREGORIANISCHE TONSYSTEM – die MODI / Kirchentöne

URMODI C - D - E

1/2 1 1
1 1/2 1
1 1 1/2
-----------------------
Finalis = Tenor C D E (notiert, nicht klingend!)
-----------------------
1/2 1 1
1 1/2 1
1 1 1/2

Orationstöne, Lesetöne, Präfationstöne, „Missa mundi“ (Gotteslob 401-405), Ferialantiphonen

OKTOECHOS
PROTUS („DORISCH“) - DEUTERUS („PHRYGISCH“) - TRITUS („LYDISCH“) - TETRARDUS
(„MIXOLYDISCH“)

Psalmtonmodi:

Protus authenticus 1. Ton: Finalis der Antiphon D Tenor der Psalmodie A


(= Protus zur Quint)
Protus plagalis 2. Ton: D F
Protus zur Quart Ton 2* D G
(Oft einen Ganzton höher transponiert)

Deuterus authenticus 3. Ton E H(C)


Deuterus plagalis 4. Ton E A
Deuterus zur Terz Ton 4* E G

Tritus authenticus 5. Ton F C


Tritus plagalis 6. Ton F A

Tetrardus authenticus 7. Ton G D


Tetrardus plagalis 8. Ton G C

Psalmtonmodi außerhalb des Oktoechos:

- Urmodi: Ton C, Ton D, Ton E


- Tonus peregrinus (1. Halbvers Tenor A, 2. Halbvers Tenor G, römisch: nur Psalm 114, lutherisch:
bevorzugter Magnificat-Ton)
- Tonus in directum: für Psalmen ohne Antiphon
Insgesamt gibt es 15 Psalmtöne im heutigen Antiphonale Romanum, bzw. Psalterium Monasticum.

206
Schema des Oktoechos

Protus Deuterus Tritus Tetrardus


1 1 1/2[1] 1
1 1 1[1/2] 1/2
1/2 1 1 1
1 1/2 1 1
------------------------------------------------------------
FINALIS D E F
G (notiert, nicht klingend!)
------------------------------------------------------------
1 1 1/2 1
1/2 1 1 1/2
1 1/2 1 1

Transpositionen: Protus: Quart, Quint


Deuterus: Quart, Quint
Tritus: Quint
Tetrardus Quart

Äquivoker Modus: „doppeldeutig“


Modale Transposition: siehe obiges Schema
Modale Centonisation: ein Gesang ist aus mehreren modalen Elementen zusammengestellt
Modale Modulation: innerhalb gleicher Hauptstrukturebenen wechseln Intervallverhältnisse

Psalmtöne:
Siehe Kapitel Repertoire Nr. 2, Seiten 90-100

207
208
209
DO RE MI
II V VIII IV VII I III VI
und C Psalmton und II* IV* D Psalmton und E Psalmton

210
PSALMUS 42 (41)
1 Magistro chori. Maskil. Filiorum Core.
2 Quemadmodum desiderat cervus ad fontes aquarum,
ita desiderat anima mea ad te, Deus.
3 Sitivit anima mea ad Deum, Deum vivum;
quando veniam et apparebo ante faciem Dei?
4 Fuerunt mihi lacrimae meae panis die ac nocte,
dum dicitur mihi cotidie: “ Ubi est Deus tuus? ”.
5 Haec recordatus sum et effudi in me animam meam;
quoniam transibam in locum tabernaculi admirabilis
usque ad domum Dei
in voce exsultationis et confessionis
multitudinis festa celebrantis.
6 Quare tristis es, anima mea, et quare conturbaris in me?
Spera in Deo, quoniam adhuc confitebor illi,
salutare vultus mei et Deus meus.
7 In meipso anima mea contristata est;
propterea memor ero tui
de terra Iordanis et Hermonim, de monte Misar.
8 Abyssus abyssum invocat in voce cataractarum tuarum;
omnes gurgites tui et fluctus tui super me transierunt.
9 In die mandavit Dominus misericordiam suam,
et nocte canticum eius apud me est: oratio ad Deum vitae meae.
10 Dicam Deo: “ Susceptor meus es.
Quare oblitus es mei,
et quare contristatus incedo,
dum affligit me inimicus? ”.
11 Dum confringuntur ossa mea,
exprobraverunt mihi, qui tribulant me,
dum dicunt mihi quotidie: “ Ubi est Deus tuus? ”. -
12 Quare tristis es, anima mea, et quare conturbaris in me?
Spera in Deo, quoniam adhuc confitebor illi,
salutare vultus mei et Deus meus.

211
PSALMUS 63 (62)
1 PSALMUS. David, cum in deserto Iudae commoraretur.
2 Deus, Deus meus es tu, ad te de luce vigilo.
Sitivit in te anima mea,
te desideravit caro mea.
In terra deserta et arida et inaquosa,
3 sic in sancto apparui tibi,
ut viderem virtutem tuam et gloriam tuam.
4 Quoniam melior est misericordia tua super vitas,
labia mea laudabunt te
5 Sic benedicam te in vita mea
et in nomine tuo levabo manus meas.
6 Sicut adipe et pinguedine repleatur anima mea,
et labiis exsultationis laudabit os meum.
7 Cum memor ero tui super stratum meum,
in matutinis meditabor de te,
8 quia fuisti adiutor meus,
et in velamento alarum tuarum exsultabo.
9 Adhaesit anima mea post te,
me suscepit dextera tua.
10 Ipsi vero in ruinam quaesierunt animam meam,
introibunt in inferiora terrae,
11 tradentur in potestatem gladii,
partes vulpium erunt.
12 Rex vero laetabitur in Deo;
gloriabuntur omnes, qui iurant in eo,
quia obstructum est os loquentium iniqua.

PSALMUS 84 (83)
1 Magistro chori. Secundum " Torcularia ".
Filiorum Core. PSALMUS.
2 Quam dilecta tabernacula tua, Domine virtutum!
3 Concupiscit et deficit anima mea in atria Domini.
Cor meum et caro mea exsultaverunt in Deum vivum.
4 Etenim passer invenit sibi domum,
et turtur nidum sibi, ubi ponat pullos suos:
altaria tua, Domine virtutum, rex meus et Deus meus.
5 Beati, qui habitant in domo tua:
in perpetuum laudabunt te.
6 Beatus vir, cuius est auxilium abs te,
ascensiones in corde suo disposuit.
7 Transeuntes per vallem sitientem
in fontem ponent eam,
etenim benedictionibus vestiet eam pluvia matutina.
8 Ibunt de virtute in virtutem,
videbitur Deus deorum in Sion.
9 Domine, Deus virtutum, exaudi orationem meam;
auribus percipe, Deus Iacob.
10 Protector noster aspice, Deus,
et respice in faciem christi tui.
11 Quia melior est dies una in atriis tuis super milia,
elegi ad limen esse in domo Dei mei
magis quam habitare in tabernaculis peccatorum.
12 Quia sol et scutum est Dominus Deus,
gratiam et gloriam dabit Dominus;
non privabit bonis eos,
qui ambulant in innocentia.
13 Domine virtutum, beatus homo, qui sperat in te.

212
Schema der Tonstufen der vier Modi
Aus:
Luigi Agustoni/Johannes Berchmans Göschl, Einführung in die interpretation des Gregorianischen Chorals,
Band 1 Grundlagen, Regensburg 1987, 50-53.
(Band 2 Ästhetik, Regensburg 1992)

213
214