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GISELA ZIFONUN

Das Passiv im Deutschen: Agenten, Blockaden und


(De-) Gradierungen
Sokrates in der „Apologie" über die Handwerker, die sich offenbar wie
die Dichter als Verweser von Jahrhundertchancen des Wissens verstan-
den:
Aber, ihr Athener, denselben Fehler wie die Dichter, dünkte mich, hat-
ten auch diese vortrefflichen Meister: Weil er seine Kunst vortrefflich
erlernt hatte, wollte jeder auch in den anderen Dingen sehr weise sein;
und diese ihre Torheit verdeckte jene ihre Weisheit. So daß ich mich
selbst auch befragte im Namen des Orakels, welches ich wohl lieber
möchte: so sein, wie ich war, gar nichts verstehen von ihrer Weisheit,
aber auch nicht behaftet mit ihrem Unverstände, oder aber in beiden
Stücken so sein wie sie. Da antwortete ich denn mir selbst und dem
Orakel, es wäre mir besser, so zu sein, wie ich war.

1. U b e r die U n s c h a r f e g r a m m a t i s c h e r R e g e l n

Die Syntax gilt als 'ordentlicher' Gegenstand der Sprachwissenschaft -


wenn nicht gar als ihr ordentlichster - und die Grammatik als sprach-
wissenschaftliche Teildisziplin gilt als ordentliche Wissenschaft. Damit
meine ich folgendes: Während sich in anderen linguistischen Bereichen,
z.B. der Lexikologie, längst die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß die Er-
kenntnisobjekte sich einer rigiden, starren und auf absolute Diskretheit
achtenden Theoriebildung chamäleonartig entziehen, scheint die Gram-
matiktheorie noch nicht so weit zu sein. Die Lexikologie beispielsweise
hat mit der Annahme der grundsätzlichen Offenheit von Bedeutungen,
der Stereotypen- und Prototypentheorie sowie der Anneihme von Kon-
zeptfamilien, zu denen sich die verwandten Bedeutungen eines Wortes
zusammenschließen, Abschied von der starren strukturalistischen Theo-
rie genommen und einen neuen, vielversprechenden Anfang gemacht.

Dagegen hält die Grammatiktheorie das Problem der Unscharfe gram-


matischer Regeln und Regularitäten nicht oder kaum für traktierens-
wert. Vereinzelte Hinweise auf die grammatische Nutzbarkeit der Pro-
totypentheorie finden sich z.B. in Dahl (1986) oder Heringer (1989);
man vergleiche auch die Beiträge von Lehmann und Fabricius-Hansen
in diesem Band. Im allgemeinen aber konzentriert man sich darauf, im-
mer ausgefeiltere Methoden und immer feinere Instrumente zur Erfas-
sung grammatischer Fakten zu entwickeln. Der grammatische Fakt als
solcher - so die stillschweigende Annahme - ist klar und diskret, nur
die Beschreibungs- oder Erklärungsmethoden halten noch nicht Schritt.
Man wird an dieser Stelle sicher innehalten und sagen: Wo kämen wir
Passiv im Deutschen 251

denn hin, wenn wir dieses methodische Prinzip aufgäben? Dann sind
doch jeder Art von Schludrigkeit in der Wissenschaft T ü r und Tor geöff-
net. Denn Schuld an Unklarheiten, so wird der Beschreiber dann immer
entschuldigend vorschützen können, sind nicht die Mängel der Theorie,
sondern die Unordentlichkeit des Gegenstandes.

Ich verzichte darauf, ausführlich zu begründen, daß es j a durchaus


ordentliche Theorien für unordentliche Gegenstände gibt (z.B. die
„fuzzy logic") und setze mich für die folgenden Ausführungen einfach
dem Urteil des Lesers aus: Ist ein grammatisches Phänomen wie die
P a s s i v f ä h i g k e i t (von Verben) ein kognitiv fundiertes, gram-
matikalisiertes Phänomen mit unscharfer Begrenzung, oder ist es einfach
nicht gelungen, die klare zugrundeliegende Regularität zu erkennen? 1

Das Phänomen der Passivfähigkeit steht dabei stellvertretend für viele


Phänomene, denen die Mitarbeiter des IDS-Gramniatikprojektes bei ih-
rer Arbeit an der „Grammatik des heutigen Deutsch" begegnet sind und
wohl noch weiter begegnen werden. D.h., wenn ich dieses Phänomen
beschreibe, so kommt es mir auch, ja vielleicht sogar vor allem darauf
an, einen Eindruck von unserer Sehweise auf empirische grammatische
Phänomene und unseren beschreibenden Umgang mit ihnen zu vermit-
teln.
Verbunden mit dem Gesichtspunkt der Unschärfe bestimmter grammati-
scher Regeln ist die Frage nach dem Erklärungsanspruch. Konkret heifit
das hier: Macht es einen Sinn, zu fragen, w a r u m bestimmte Verben
passivfähig sind, andere dagegen nicht. Fragen dieser Art sind notorisch
schwer zu beantworten, weil j a nicht einmal klar ist, in welcher Sphäre
einschlägige Antworten gesucht werden müssen. Sind syntaktische Ei-
genschaften zuständig oder semantische oder gar sprachgeschichtliche,
die wiederum primär syntaktischer oder primär semantischer Art sein
können?

Die moderne Syntaxforschung - ich verweise vor allem auf Haider (1986)
- verhält sich in diesem P u n k t auf elegante Weise abstinent. Sie regu-
liert das Problem über den jeweiligen einzelnen Lexikoneintrag. So wird

Damit wird nicht behauptet, daß es keine anderen, also nicht kognitiv fun-
dierten Gründe geben könnte, die Passivierung verhindern. So ist z.B. auch
bei ansonsten transitiven Verben Passivierung ausgeschlossen, wenn das Ak-
kusativkomplement/Dativkomplement durch ein Reflexivpronomen belegt
ist: Hans hat sich auf dem Photo entdeckt - *Hans wurde von sich auf dem
Photo entdeckt. Der Champion erkämpft sich den Sieg. - *Der Sieg wurde
(von dem Champion) sich erkämpft. Dagegen sind Konstruktionen mit Re-
flexivpronomen im Dativ beim Eintaktpassiv möglich: Es darf sich etwas
gegönnt werden.
252 Gitela Zifonun

z.B. die Eigenschaft der sein-Selektion beim Perfekt intransitiver Verben


gegenüber der /ia&en-Selektion - eine Eigenschaft, die, wie wir sehen wer-
den, in engem Zusammenhang mit der Passivfähigkeit steht - reguliert
über das Merkmal 'zum Subjekt designiertes' Argument. Intransitive
sein-Verben erhalten im Gegensatz zu den haben-Verben einfach kein
designiertes Argument und schon ist die korrekte Selektion des Perfekt-
Hilfsverbs gewährleistet. Die Subjektszuweisung selbst wird auf andere
Weise nach unabhängigen Prinzipien geregelt.
Dieser kleine Trick selbst ist eine durchaus interessante Möglichkeit, auf
die Gemeinsamkeit von seir^-Passiv und sein-Perfekt hinzuweisen oder
generell auf die Gemeinsamkeit zwischen Passiv und Ergativität (vgl.
dazu vor allem Grewendorf (1989) sowie Fanselow (in diesem Band))
- in beiden Fällen werden nicht-designierte Argumente Subjekt. Nicht
erklärt ist freilich, warum bei bestimmten intransitiven Verben das Argu-
ment nicht designiert ist. Syntax - ein Taschenspielertrick? Konsequent
wäre dann auch, meines Wissens ist das noch nicht geschehen, die man-
gelnde Passivfähigkeit von Akkusativ-Verben dadurch wegzuerklären,
daß die entsprechenden Akkusativ-Argumente zu nicht-strukturellen,
also inhärenten Argumenten erklärt werden, die von den grammatischen
Mechanismen der genannten Art ohnehin ausgenommen sind.

Handelt es sich bei solchem Merkmalsjonglieren um Formen der Immu-


nisierung, der Selbstgenügsamkeit, um eine Eleganz, die zu Lasten der
Erklärungskraft geht? Oder sind im Gegensatz dazu weit ausholende
Erklärungen auf ungesicherter kognitiver Basis, wie ich sie vorschlagen
werde, bemüht, schwerfällig, wenn nicht gar an den Haaren herbeigezo-
gen?
Ich werde im folgenden zunächst von der Passivdarstellung in der IDS-
Grammatik ausgehen, dann zu der etwas spekulativeren Schicht funktio-
naler Erklärungen für den „Mehrwert" der Passivkonstruktion gegenüber
dem Aktiv vordringen, um schliefilich daraus meine Hypothesen über die
Passivfähigkeit abzuleiten.2

2. Das Passiv im Deutschen: in der I D S - G r a m m a t i k und in


der Forschung
Kommen wir zunächst zu einer kurzen Skizze des Passivs im Deutschen,
wie ich es sehe und wie es in der Grammatik dargestellt wird.

2 Bei der Passiv-Darstellung der IDS-Grammatik spielt das Moment speku-


lativer Erklärung ebenso wie der kognitive Ansatz generell eine weitaus
geringere Rolle als in dem vorliegenden Aufsatz. Dort hat die empirische
Beschreibung insgesamt Vorrang.
Passiv im Deutschen 253

Eine wichtige Grundvoraussetzung ist dabei, daß wir von der Struktur
elementarer Propositionsausdrücke ausgehen. Ein elementarer Propositi-
onsausdruck enthält z.B. ein lexikalisches Verb wie erschaffen als Prädi-
katsausdruck und die beiden Nominalphrasen Menschen und Chimären
als Argumentausdrücke. In syntaktischer Sehweise fungiert Chimären
als Akkusativkomplement, Menschen als Subjekt (=Nominativkomple-
ment). Prädikatsausdrücke werden durch ihre Argumentausdrücke zu
Propositionsausdrücken, z.B. Menschen erschaffen Chimären, ergänzt.
Wichtig auch für das folgende ist nun, daß wir Propositionsausdrücke als
hierarchisch strukturiert betrachten, nicht als „flach" (vgl. zur hierarchi-
schen Strukturierung die Abbildungen 1.1. und 1.2., unten). Die Argu-
mentausdrücke werden also nicht auf einen Schlag - wie in der Valenz-
theorie üblich - an den Prädikatsausdruck angebunden, sondern nach
Maßgabe der Prädikatsnähe sukzessive angebunden. D.h., der Ausdruck
für das verbnächste Argument wird als erstes angebunden, der Ausdruck
für das verbfernste Argument als letztes. F ü r die konkrete Hierarchisie-
rung der Argumentausdrücke gibt es empirische Indizien; auf sie kann
ich hier nicht im einzelnen eingehen. 3 Ich referiere hier einfach, daß
das Subjektargument als verbfernstes, „externes" Argument als letztes
angebunden wird, es ist das Letztargument.

3
Man beachte, dafi wir diese hierarchische Strukturierung - entsprechend
dem Prinzip einer möglichst weitgehenden Parallellität von Syntax und Se-
mantik - sowohl für die syntaktische als auch für die semantische Struk-
tur annehmen. D.h., sie gilt sowohl, unter syntaktischer Perspektive, für
die Anbindung der Komplemente, als auch, unter semantischer Perspektive,
für die Anbindung der Argumentausdrücke. Ein Argument für das sukzes-
sive Anbinden der Argumentausdrücke ist z.B., daS bei dreistelligen Prädi-
katsausdrücken wie jemanden/jemandem auf die Schulter klopfen zwar je-
weils die „verkürzten" Prädikatausdrücke klopfen und auf die Schulter klop-
fen/tippen bildbar sind, nicht jedoch *jemandem/jemanden klopfen/tippen.
D.h., das personale Argument setzt bereits einen komplexen Prädikatsaus-
druck bestehend aus dem Verb und „angebundenem direktivem Adver-
biale voraus. Ahnliches gilt z.B. auch für den Typ Blätter in die Luft we-
hen/wirbeln mit in in die Luft wehen/wirbeln, aber *Blätter wehen/wirbeln.
Das Verb kann mit dem jeweils enger angebundenen Komplement (Argu-
mentausdruck) eine Konstituente bilden, die z.B. ins Vorfeld verschoben
werden kann:
Auf die Schulter klopfen durfte man ihm/ihn nicht.
* Ihm/Ihn klopfen durfte man auf die Schulter nicht.
Ahnliches weist Wegener (1985 und 1989) für das Verhältnis von enger ge-
bundenem Akkusativkomplement und personalem Dativkomplement nach,
z.B. bei den lYansaktionsverben:
Den Führerschein wegnehmen sollte man dem Kerl.
»Dem Kerl wegnehmen sollte man den Führerschein.
(Wegener 1989, S. 27)
254 Gisela Zifonun

In der „Grammatik des heutigen Deutsch" wird das Passiv nun wie folgt
umrissen: 4
Als Passiv bezeichnen wir periphrastische Formen der Vollverben, teil-
weise auch der Modalverben, die bestehen:
1. aus dem Partizip II des Verbs
2. aus den Formen eines der Hilfsverben werden und sein (zentrales Pas-
siv) oder der parasitären Verben bekommen, kriegen, erhalten (peri-
pheres Passiv)
wobei außerdem folgende Bedingungen gelten:
3. Das Partizip II weist (beim zentralen und peripheren Passiv) Ar-
gumentrestrukturierung auf. D.h., das im Lexikoneintrag des Verbs
als Subjekt vorgesehene Argument ist „blockiert". Das im Lexikon-
eintrag des Verbs als Akkusativkomplement vorgesehene Argument
wird beim zentralen Passiv gegebenenfalls - also falls überhaupt
vorhanden - zum Letztargument, d.h., zum potentiellen Subjekt
„promoviert". Wir bezeichnen das Argument, das gemäß Lexikon-
eintrag Letztargument ist, als lexikalisches Letztargument, das durch
Promotion zum Letztargument gewordene Argument als operationa-
les Letztargument.

[Abb. 1.1] Menschen erschaffen Chimären

NP iub V2 NP fckk

VI

vo

NP, U b: „lexikalisches Letztargument" NP»kk: „lexikalisches Vor-


letztargument"

4
Das Passiv gehört in eine größere Familie grammatischer Konversen. So
betrachten wir die modale Partizipialkonverse (Das gehört gemeldet), die
Infinitkonverse mit sein (Das ist zu melden) sowie die Reflexivkonversen
mit und ohne lassen (Das läßt sich gut schneiden. Das schneidet sich gut)
zwar als grammatische Konversen, nicht aber als Passivformen.
Passiv im Deutschen 255

[Abb. 1.2] Chimären werden erschaffen von Menschen

NP, u b V2 PNP

VI

vo

NP.ub'- „operationales Letztargument"; P N P : „degradiertes Argu-


ment"
Der Infinitiv erschaffen und das Partizip II erschaffen weisen
somit konverse Argumentstruktur auf: 5
erschaffen-. (VO/ARGj s u b )/ARGi a k k

erschaffen: (PARTZO/ARGj , u b ) / A R G i prp

Wenn beide grammatischen „Takte", nämlich Blockierung und


Promotion bei einem Verb oder einer Verbverwendung möglich
sind, sprechen wir von 'Zweitaktpassiv' - dies ist der Fall der ak-
kusativregierenden Verben - , wenn dagegen nur der erste Takt, die
Blockierung des lexikalischen Letztargumentes, möglich ist, spre-
chen wir von 'Eintaktpassiv'. 6

5
Dabei repräsentiert in [Abb. 1.2) die durch Doppelstrich markierte Verbin-
dung zwischen 'V2' und 'PNP' die Relation zwischen Verb und Komple-
ment im Randbereich. Bei Komplementen im Randbereich fallen anders als
bei zentralen Komplementen die unterschiedlichen unter den Begriff der Va-
lenz zu fassenden Bindungsrelationen (vgl. Jacobs 1986) nicht zusammen. In
dem vorliegenden Fall ist das Präpositivkomplement sowohl nicht notwendig
als auch „verbklassenspezifisch vorhersagbar"(Breindl (1989), S. 34). Diese
beiden Eigenschaften sprechen eher gegen Komplementstatus. Andererseits
spricht die hierarchiehohe „ursprüngliche" Rolle als Kausator oder Agens
eher für Komplementstatus. Diese ursprüngliche Rolle wiederum bleibt aber
keineswegs eindeutig bei der Restrukturierung erhalten. Bei der im Text an-
gedeuteten und von mir favorisierten Lösung ist die PNP semantisch nicht
mehr Argument der restrukturierten Elementarproposition, sondern Modifi-
kator: Ähnlich wie 'mit dem Messer schneiden' als Modifikation von 'schnei-
den' interpretiert werden kann, kann 'von Menschen geschaffen werden' als
Modifikation von 'geschaffen werden' betrachtet werden.
4
Bei der im folgenden durchgeführten funktionalen Analyse des Passivs wird
sowohl das Zweitakt- als auch das Eintaktpassiv einbezogen. Allerdings gel-
256 Gitela Zifonun

4. Das lexikalische Letztargument wird degradiert (oder auch 'demo-


viert'); es erscheint nicht mehr als zentrales Komplement, als unver-
zichtbarer Teil des Ausdrucks der Elementarproposition, sondern als
Komplement im Randbereich, das den Ausdruck der Elementarpro-
position zu einem nicht-elementaren Propositionsausdruck erweitert.
5. Das Passiv-Hilfsverb konserviert die konverse Argumentstruktur;
d.h., es deblockiert nicht wie das Perfekthilfsverb haben das lexikali-
sche Letztargument.
6. Aktivsätze und entsprechende Passivsätze sind - von skopussensiti-
ven Fällen abgesehen - im Hinblick auf ihre Wahrheitsbedingungen
gleich.7
Ein Beleg für das Zweitaktpassiv mit degradiertem Argument ist etwa:
(1) Bei der Wahl zum Gesicht des Jahres 1991 im Ost-Berliner Grand
Hotel wurden die 17jährige Schülerin und der 19jährige KFZ-
Schlosser aus dem Ostteil der Stadt am Samstagabend von einer
international besetzten Mode-Jury unter 32 Konkurrenten
zu den Schönsten der Schönen gekürt.
(Mannheimer Morgen, 22.4.1991, S. 11)
Ein Beispiel für das Zweitaktpassiv ohne degradiertes Argument ist:
(2) Brunnen wurden gebohrt und feste Straßen gebaut.
(Pörtner, Die Erben Roms, S. 120)
Belege für das Eintaktpassiv bei mehrstelligen und einstelligen Verben
sind jeweils:
(3) Einem Toten wird vergeben.
(Strittmatter, Ole Bienkopp, S. 21)

ten für das Gintaktpassiv einstelliger oder einstellig verwendeter Verben


zusätzliche semantische Besonderheiten: Bei dem degradierten Argument
muß es sich immer um ein Denotat für Personen oder zumindest Lebewesen
handeln: Dort wurde gearbeitet/getanzt. Zum Eintaktpassiv einstelliger Ver-
ben vgl. auch Leirbukt (1990). Das periphere tefcommen-Passiv wird nicht
einbezogen.
7
Das eilt so nur für Passivsätze, in denen das degradierte Argument genannt
ist. Wenn dagegen Argumentreduktion vorliegt, kann in geeigneten Kon-
texten oder aus dem Wissen generell das jeweils fehlende Argument nur
erschlossen werden.
Passiv im Deutschen 257

(4) Da wurde endlich wieder einmal geweint.


(Grass, Blechtrommel, S. 663)
Beleg für das periphere bekommen-Passiv ist:

(5) Erst im Sommer dreiunddreißig sollte ich wieder Theater geboten


bekommen.
(Grass, Blechtrommel, S. 88)
Mit dieser Grundcharakteristik des Passivs sind gleichzeitig folgende
Marken gesetzt:
1. Kern grammatischer Beschreibung ist der semantische und syn-
taktische Aufbau von Propositionsausdrücken; es liegt somit eine
wahrheitsfunktional-semantische Grundorientierung vor; dies gilt für die
Grammatik insgesamt.
2. Aktiv und Passiv stehen in keiner Transformationsbeziehung, sondern
sind kompositional unterschiedliche eigene Konstruktionstypen.
3. Dreh- und Angelpunkt der Passivkonstruktion ist das Partizip II. Das
Partizip II ist nicht einfach eine Verbform mit einem gebundenen gram-
matischen Morphem, das als solches bedeutungslos ist, sondern das Par-
tizip macht einen eigenständigen Beitrag zur Gesamtbedeutung.
Soweit folgt die Passivanalyse bekannten Grundideen aus logisch-
semantischer Sprachanalyse, verbindet sie mit den Erkenntnissen der
neueren generativen Theorie zu den strukturellen Eigenschaften der
Partizipien und fügt diese Elemente zusammen zu einer semantisch-
lexikalistischen Gesamttheorie.

3. Funktionale Erklärung des Passivs


Das ist jedoch nur die halbe Miete.
Eine erklärend-funktionale Grammatikschreibung muß sich u.a. folgen-
den miteinander zusammenhängenden Ragen stellen:
1. Gibt es einen funktionalen Mehrwert des Passivs, d.h. sind Aktiv- und
Passivsätze jenseits ihrer grundsätzlichen Synonymie auf der propositio-
nalen Ebene funktional verschieden?
2. Wenn j a - und ich sage j a - , an welchen grammatischen Eigenschaften
ist der funktionale Mehrwert festzumachen?
Zu der ersten Frage gibt es in der grammatischen Tradition zahlreiche
Antwortversuche. Sie gehen, wenn man sie nur grob sortiert, grundsätz-
258 Gitela Zifonun

lieh in zwei Richtungen. Ich möchte die beiden Richtungen charakteri-


sieren als 1. die im traditionellen Sinne „inhaltsbezogene" und 2. die
„textorganisatorisch-kommunikative". Die „inhaltsbezogene" knüpft an
an Weisgerbersches Gedankengut und stellt mit Brinkmann das Passiv
in den Umkreis der „täterbezogenen" Perspektive, bei der - vor allem
im Gegensatz zur „haben"-Perspektive - der Akkusativ etwas „außerhalb
des Subjektbereichs" Liegendes bezeichnen muß, zu dem das Geschehen
in Beziehung tritt (Brinkmann 1971, S. 215). Die „textorganisatorisch-
kommunikative" hebt ab auf die kommunikativen Optionen, die aus Ar-
gumentrestrukturierung und - potentieller - Argumentreduktion resul-
tieren. Ihre Ergebnisse sind gesichert und beeindruckend (vgl. Schoenthal
1976, 1987, Pape-Müller 1980, Eroms 1974, 1987).
Die erste Richtung gilt allgemein als weniger abgesichert als die zweite.
Zwar gibt es im Rahmen der Kasustheorie vorsichtige Versuche zu einer
Teilrehabilitation, aber die grundsätzlichen Mängel etwa einer unklaren,
oft auch verquasten Begriffsbildung bleiben bestehen. Zwei Dinge nun
sollen festgehalten werden. Beide funktionalen Richtungen begreifen sich
als unabhängig voneinander, beide Erkärungsrichtungen vernachlässigen
die Beantwortung der genannten wesentlichen Frage, d.h. sie spüren den
grammatischen Ursachen des funktionalen Mehrwerts kaum nach.
Ich will nun versuchen, genau an diesem vernachlässigten Punkt anzuset-
zen: Dabei gehe ich von den grammatischen Verhältnissen, insbesondere
der Bedeutung des Partizips II aus. Sie kann den Zugang erschließen
sowohl zu dem semantischen Mehrwert im Sinne der inhaltsbezogenen
Grammatik als auch zu dem speziellen textgrammatischen Potential der
Konstruktion. Dabei kann ich auf letzteren Aspekt an dieser Stelle nur
ganz knapp eingehen.

3.1. Das Partizip II: Dimension der Prozeßkonzeptualisierung


Dreh- und Angelpunkt einer fundierten funktionalen Erklärung des Pas-
sivs ist das Partizip II. Bei der nun folgenden Analyse schließe ich mich
an an Langackers „cognitive grammar", insbesondere an seine Passiv-
analyse in Langacker (1982).
Das Partizip II unterscheidet sich in zwei Dimensionen von dem zugrun-
deliegenden Verb:
(1. Dimension): hinsichtlich der Dimension der P r o z e ß k o n z e p -
tualisierung
(2. Dimension): hinsichtlich der Dimension der Argumentre-
strukturierung.
Passiv im Deutschen 259

Ich beschäftige mich zunächst mit der ersten Dimension.


Wir gehen von einer Analyse des einfachsten Falles aus: Wenn ein Verb
wie aufgehen, schmelzen, aber auch zerstören, ausarbeiten im weitesten
Sinne einen Prozeß bezeichnet, so charakterisiert das Partizip II aufge-
gangen, geschmolzen, zerstört, ausgearbeitet z.B. in der aufgegangene
Mond, die geschmolzene Butter, die zerstörte Mauer oder der ausgearbei-
tete Projektplan den Endzustand, der aus eben diesem Prozeß resultiert.
Hier handelt es sich um sogenannte transformative Verben bzw. Verb-
verwendungen.
Die Partizipien nicht-transformativer, zweistelliger Verben etwa bewacht,
umgeben in das (gut) bewachte Haus, der von Rosen umgebene Garten
können nicht in gleicher Weise analysiert werden. Immerhin aber charak-
terisieren auch diese Partizipien Zustände bzw. Gegenstände, die sich in
Zuständen befinden. Eine beide Gebräuche überdeckende Analyse könnte
nun so aussehen:
Das Partizip II denotiert die Menge von Zuständen, die dem vom Verb-
stamm selbst denotierten Prozeß entsprechen. D.h., das Partizip II
schafft die Perspektive auf den Prozeß als Folge diskreter Zustände.
Bei den transformativen Verben sind die diskreten Zustände unterein-
ander verschieden, sie zeigen eine mehr oder weniger rasch, z.T. sogar
punktuell verlaufende (also im Umschlagen von nur zwei Zuständen be-
stehende) Veränderung in Richtung auf einen End- und Zielzustand hin
an:

[Abb. II.l] zerstört


Zi / zj mit i, j € {1, ..., n}

ZjZ2 zn

Bei den transformativen Verben wollen wir als Untergruppe die telisch-
transformativen Verben unterscheiden; diese sind nicht punktuell; d.h.,
dem Endzustand geht eine Serie von Zustandsveränderungen von einer
gewissen kognitiv relevanten Dauer voraus. Grammatisches Indiz für te-
lische Transformativität ist die Verwendbarkeit von Phrasen wie in einer
Stunde, innerhalb von ein paar Minuten, mit denen die Strecke bis zum
Erreichen des Endzustandes angegeben werden kann.
260 Gisela Zifonvm

[Abb. II.2] in drei Stunden 3 Std.


zerstört
Zi / Zj

Z1Z2 zn

Bei den nicht-transformativen Verben sind alle Teilzustände miteinander


identisch:

[Abb. II.3] bewacht


Zi = Zj

XlZ2 zn

Über diese Serie von geordneten Zuständen, die vom Partizip deno-
tiert werden, ist gleichzeitig als Potential eine Vordergrund-Hintergrund-
Profilierung gelegt. Die Idee einer globalen Wirksamkeit solcher Figur-
Grund-Strukturen in der Semantik geht auf kognitive Theorien, speziell
wiederum die kognitive Grammatik von Langacker, zurück.

Für die semantische Struktur der Partizipien II bedeutet die Idee einer
Figur-Grund-Profilierung folgendes:

Bei Partizipien, die geordnete Serien von nicht-identischen Zuständen


denotieren, also bei transformativen Partizipien, ist der End- oder Ziel-
zustand besonders prominent, er gilt als potentiell profiliert - in den
Vordergrund gerückt.

Bei Partizipien, die Serien von identischen Zuständen denotieren, ist kein
Element besonders prominent, somit keines speziell profilierbar; dies gilt
für nicht-transformative Verben.

3.2. Die Kombinatorik von Hilfsverb und Partizip II

Betrachten wir nun die Kombinatorik von Partizipien II mit den Hilfs-
verben sein und werden.

Das Hilfsverb sein erweist sich als s e n s i t i v für die potenti-


elle Endzustandsprofilierung. D.h., wenn immer ein Partizip transfor-
Passiv im Deutschen 261

mativ ist, charakterisiert die Verbindung sein + Partizip II einen Ge-


genstand, der sich in dem aus dem ProzeS resultierenden Zielzustand
befindet. Dies gilt sowohl für die intransitiven, transformativen Partizi-
pien ohne Argumentrestrukturierung (z.B. ist aufgeblüht, ist getrocknet,
ist geschmolzen) als auch für die transitiven, transformativen Partizi-
pien mit Argumentrestrukturierung (z.B. ist zerstört, ist ausgestanden,
ist abgeschlossen), also das sogenannte Zustandspassiv oder, wie wir in
der Grammatik sagen, das ¿em-Passiv.
Bei nicht-transformativen Verben kann diese Sensitivität des sein nicht
wirksam werden. Im Falle intransitiver Verben bedeutet das, dafi bei
ihnen in der Regel eine Verbindung von sein und Partizip II, also ein
sogenanntes «etn-Perfekt, als Teil des verbalen Paradigmas nicht vor-
handen ist (*ist geschlafen, *ist gedauert ). Beim «em-Passiv sind die
Folgen weniger drastisch und damit auch weniger klar zu erfassen, zu
beschreiben und zu erklären. Eindeutig steht immerhin fest, dafi es zu
bestimmten nicht-transformativen Verben ein setn-Passiv gibt (er war
den ganzen Tag bewacht) - hier ist vielleicht die Abgeschlossenheit und
Konturiertheit einer „gebundenen Episode" (Langacker 1982, S. 70) die
Brücke zur telischen TYansformativität - sowie vor allem zu den Verben
umgeben, verbinden, trennen usw., mit denen räumliche Beziehungen
charakterisiert werden wie z.B. in:

(6) Die Stadt war durch den Fluß in zwei Teile geteilt.

(7) Das Haus war von einem Bretterzaun umgeben.


Ich komme auf die Besonderheiten dieser verbinden-Gruppe, wie ich sie
nennen möchte, noch zurück.
Ebenso klar aber steht fest, daß das ¿em-Passiv bei Verben, die nicht
telisch-transformativ sind, insgesamt stark eingeschränkt ist. Bei punk-
tuellen Verben, also Verben, bei denen keine Serie von kognitiv relevanter
Dauer in einem Endzustand resultiert, ist das ietn-Passiv ausgeschlossen
(z.B. grüßen, anblicken, sehen, ohrfeigen). Nicht-transformative Hand-
lungsverben (z.B. suchen, führen, fördern, pflegen) sowie Verben, die
eine kognitive oder emotionale Beziehung zwischen Menschen und Ge-
genständen ausdrücken (fte&en-Gruppe), lassen ein ¿etn-Passiv nur in
bestimmten, vom Bezug auf Einzelereignisse/Einzelzustände abgelösten,
oft idiomatisierten Verwendungen zu: Ein Gegenstand ist gesucht, je-
mand ist gepflegt, geachtet, gefürchtet.

Die Wirksamkeit des kognitiven Faktors telische Transformativität im


Zusammenhang mit dem sem-Passiv wird umgekehrt daran deutlich,
dafi es zu nicht-telisch-transformativen Simplexverben ohne «ein-Passiv
262 Gisela Zifonun

telisch-transformative Präfixverben oder telisch-transformative erwei-


terte Verbgruppen mit ¿em-Passiv gibt. Man vergleiche:
(8) ? Der Traum ist geträumt.
Der Traum ist ausgeträumt.
(9) * Endlich war gestritten.
Endlich war genug gestritten/ausgestritten.
Das Passiv-Hilfsverb werden ist - so scheint es zumindest für den
heutigen Sprachzustand - für die Endzustandsprofilierung nicht direkt
s e n s i t i v . 8 Ge-X-t-werden denotiert den sukzessiven Übergang zu
den einzelnen Teilzuständen, die gemäß der Partizip-II-Bedeutung den
Gesamtprozeß denotieren. Ob dieses Mapping zu einem definierten End-
zustand führt (telisch-transformativ: Die Stadt wird zerstört) oder nicht
(Das Haus wird überwacht), ist irrelevant. Man beachte, daß dieses suk-
zessive Mapping - obschon kognitiv komplexer und daher wohl markier-
ter - unter dem Gesichtspunkt der Wahrheitsbedingungen dem Durch-
laufen des Prozesses ohne konzeptualisierte Zwischenzustände, also dem
Aktiv, entspricht.
Dennoch hat auch das werden-Passiv seine Wurzeln in der vom Par-
tizip denotierten Perspektive auf den Prozeß als geordnete Folge von
Zuständen mit spezieller Favorisierung eines eventuellen Zielzustandes.
Zumindest auf indirekte Weise im Medium der Eigenschaft 'Passivfähig-
keit' sind Spuren davon zu entdecken.

3.3. Das Partizip II: Kausativität und Agentivität


Folgen Sie mir bitte bei folgender Überlegung:
Zwei- oder mehrstellige telisch-transformative Verben sind in aller Regel
kausative Verben, also Verben, bei denen mit dem Letztargument der
Verursacher der Veränderung genannt ist: etwas trocknen, etwas schmel-
zen, etwas zerstören. Umgekehrt sind kausative Verben bis auf wenige
Ausnahmen (in „Verben in Feldern" sind etwa genannt: erhalten, un-
terbinden) transformativ. Außerdem ist für kausative Prädikate in der
Regel die Option auf eine agentive Interpretation der Kausation offen.
D.h., zwischen dem kognitiven Merkmal der telischen Transformativität
und der agentiv interpretierbaren Kausativität zweistelliger (oder mehr-
stelliger) Relationen besteht eine Affinität.

8
Dies scheint jedoch in früheren Sprachstufen der Fall gewesen zu sein. Eroms
(in diesem Band) formuliert: „Die werden-Formen fokussieren den Zustands-
eintritt, die Transformation, die wetan-Formen benennen die Handlung, das
Geschehen oder eine Tatsache nichtterminativ (...).
Passiv im Deutschen 263

Die wichtige Kategorie der Kausation ist selbst keine einheitliche Katego-
rie, sondern wie viele andere facettenreiche Konzepte, z.B. das verwandte
Konzept der „Transitivität" (vgl. z.B. die Arbeiten in Hopper/Thompson
1982), gekennzeichnet durch ein Bündel von Bestimmungsstücken, die
untereinander nach Prinzipien der Prototypizität strukturiert sind. Nach
Lakoff (1987, S. 54) gehören sowohl Transformativität (2.) als auch ein
menschlicher Agens (7.) zur prototypischen Form der Kausation:

1. There is an agent that does something.


2. There is a patient that undergoes a change to a new state.
3. Properties 1 and 2 constitute a single event; they overlap in time and space;
the agent comes into contact with the patient.
4. Part of what the agent does (either the motion or the exercise of will)
precedes the change in the patient.
5. The agent is the energy source; the patient is the energy goal; there is a
transfer of energy from agent to patient.
6. There is a single definite agent and a single definite patient.
7. The agent is human.
8. a. The agent wills his action.
b. The agent is in control of his action.
c. The agent bears primary responsibility for both his action and the
change.
9. The agent uses his hands, body, or some instrument.
10. The agent is looking at the patient, the change in the patient is perceptible,
and the agent perceives the change.

Kausativität spielt nun im Zusammenhang mit dem werden-Passiv frag-


los eine wichtige Rolle. 9 Zwar ist die naive These
Nur kausative mehrstellige Verben können ins Passiv gesetzt wer-
den
fraglos falsch. Wahr ist jedoch folgende eingeschränkte These:
Alle kausativen Verben erlauben ein Passiv, nicht alle nicht-
kausativen Verben erlauben ein Passiv.
Diese These wollen wir nun in zwei Richtungen verfolgen:

9
Im Gegensatz zur landläufigen Meinung halte ich an der umfassende-
ren Kategorie der Kausation gegenüber der eingeschränkteren Agentivität
zur Erklärung des Passivs fest. Ich unterscheide somit zwischen kausativ-
agentiven Verwendungen wie Die Stadt wurde von den Eroberern zerstört
und kausativ-nicht-agentiven Verwendungen: Das Haus wurde vom Sturm
zerstört.
264 Gitela Zifonun

1. Zum einen gehen wir einem möglichen Zusammenhang zwischen agen-


tiv deutbarer Kausativität und der PP-Bedeutung nach, ähnlich wie wir
das mit dem Faktor Transformativität getan haben.
2. Zum anderen untersuchen wir, wie und unter welchen Bedingungen
im Passiv auch nicht-kausative Verben ins Spiel kommen.
Ich verfolge zunächst die erste Richtung:
Die PP-Bedeutung hat, wie wir gesehen haben, neben dem Faktor Per-
spektivierung des Prozesses als Zustandsfolge einen zweiten wichtigen
Faktor, den der Argumentrestrukturierung. Ahnlich wie bei der kogni-
tiv komplexeren Ereignisperspektive des Partizips gegenüber dem Verb
suchen wir hier nach den möglichen Motiven oder kognitiven Ansatz-
punkten für die Restrukturierung:
Wir folgen zunächst der kognitiven Idee, daß das Letztargument, also
das syntaktische Subjekt, den kognitiven Vordergrund des Sachverhalts-
entwurfes bildet, Langacker spricht hier im Anschluß an Miller/Johnson-
Laird (1976) von „trajector" als kognitivem Vordergrundelement versus
„landmark" als kognitivem Hintergrundelement: „I have defined a trajec-
tor as the figure within a relational profile. (...) what all subjects have in
common is their role as figure or trajector within a relational profile. It
is of course easiest to conceptualize a scene by selecting the most active
thing as figure, then tracing its activity against the background provided
by other entities; but this is a matter of image and perspective, and we
can perfectly well construe a scene otherwise." (Langacker 1982, S. 64)

Dieses kognitive Vordergrundelement wird also im einfachsten Fall vom


'aktivsten' oder wirkungsvollsten Beteiligten der Szene oder des Ereig-
nisses gestellt; denn am einfachsten wird eine Szene konzeptualisiert,
wenn der aktivste Teil das Vordergrundelement konstituiert. Prototy-
pische Beispiele für diese 'einfache' Konzeptualisierung von Ereignis-
sen mit mehreren Ereignisbeteiligten sind dann Sachverhaltsentwürfe
mit kausativen Verben und dem Kausator als Letztargument. Un-
ter diesen wiederum sind die agentiv-kausativen, also diejenigen mit
menschlich-handlungsfähigem Kausator privilegiert (dazu vgl. LakofF
1987). Agentiv-nicht-kausative Entwürfe, die dann auch nicht transfor-
mativ zu interpretieren sind, wären den kausativ-agentiven, was ihre
Prototypizität angeht, direkt nachgeordnet (Beispiele sind hier: folgern
aus, beobachten).
Passiv im Deutschen 265

3.4. Argumentrestrukturierung und Beteiligtenrollen


Grammatische Argumentumordnung durch das Passiv auf der kogniti-
ven Ebene - nicht auf der Ebene der Textorganisation - hat dann die
Funktion, ein Hintergrundelement der Konzeptualisierung zum Vorder-
grundelement zu promovieren, während das lexikalisch gegebene Vor-
dergrundelement in den Hintergrund gerückt wird. Passivierung macht
auf dieser Folie nur dann einen Sinn, wenn die ursprüngliche lexika-
lische Konzeptualisierung der prototypischen Konzeptualisierungsform
entspricht oder ihr hinreichend angenähert ist, d.h., wenn der Konstruk-
tionstyp im Aktiv nicht schon selbst markiert ist, insofern als er von der
typischen Konzeptualisierungsform divergiert.
Dabei kann ich auf die unterschiedlichen Ursachen einer Abweichung von
der prototypischen Konzeptualisierungsform nicht eingehen. Sie können
sicher zum einen eher auf Sachverhaltsspezifika zurückgehen, denn nicht
alles, was der Fall ist, nicht jedes komplexe Ereignis mit mehreren Ereig-
nisbeteiligten läfit sich in das Schema der Kausation pressen. Zum ande-
ren aber ist die Divergenz vom prototypischen Schema ihrerseits schon-
das Ergebnis spezieller kognitiver Projektion und Perspektivierung.
Etwas konkreter heifit das:
Passivierung macht dann einen Sinn, wenn
(a) die Argumente bezogen auf den entworfenen Sachverhalt deutlich
unterschiedene Beteiligtenrollen haben
und/ oder wenn
(b) bezogen auf den einfachsten jeweils möglichen Fall der Konzeptuali-
sierung von Ereignissen oder Ereignistypen nicht bereits lexikalisch eine
Argumentumordnung vorliegt.
Die Untersuchung der Bedingungen (a) und (b) bringt uns der Beantwor-
tung der in Abschnitt 3.3. unter 2. gestellten Frage nach einer Ausdeh-
nung des Bereichs der passivfähigen Verben über den Kern der kausativ-
transformativen hinaus näher. Dabei werden Fallunterscheidungen in die
Fälle (A) bis (H) getroffen. (Zu einer zusammenfassenden Übersicht und
Bewertung der Fälle vgl. den nächsten Abschnitt).
Bedingung (a), unterschiedliche Beteiligtenrollen, ist erfüllt bei den
nicht-kausativen und nicht-transformativen Handlungsverben wie beob-
achten, behandeln, versorgen. Bei ihnen ist generell das werden-Passiv
bildbar. Sie konstituieren sozusagen den zweiten Kreis um den inner-
sten Kern der passivfähigen Verben, der von den agentiv-kausativen,
telisch-transformativen Verben gebildet wird. Während die Verben dieses
206 Gisela Zifonun

Kerns werden- und ¿etn-Passiv-f&hig sind, sind die nicht-transformativen


Handlungsverben nicht in jedem Fall ¿etVPassiv-fähig. Wir können so-
mit diese beiden Fälle (Fall A), innerster Kern, und (Fall B), zweiter
Kreis, miteinander kontrastieren. Auch bei den „punktuellen", also nicht-
telischen, jedoch transformativen Handlungsverben wie grüßen, ohrfei-
gen, ist die Bedingung der unterschiedlichen Beteiligtenrollen erfüllt.
Ihnen räumen wir einen eigenen 'Fall', nämlich Fall C, ein, da sie, wie
wir sahen, im Hinblick auf die andere kognitive Dimension, die Dimen-
sion der Prozefikonzeptualisierung, einen Sonderstatus haben.

Nicht erfüllt ist die Bedingung (a), also deutlich unterschiedene Beteilig-
tenrollen der Argumente, z.B. bei symmetrischen relationalen Verben wie
gleichen, ähneln. Hier sind die beiden Beteiligtenrollen der Argumente
identisch. Das Passiv ist ausgeschlossen. Auch Verben wie abhängen von,
basieren auf, die statische Sachverhaltsrelationen bezeichnen, sind nicht
passivfähig. Deutliches Indiz ist, daß Verben mit zwei Lesarten - jeweils
einer kausativ-agentiven und einer symmetrisch oder statisch relationa-
len nur in der erstgenannten Lesart passivfähig sind:

Das Verb in

(10) Fritz wurde von Karl getroffen.


kann nicht im Sinne von 'begegnen', sondern nur im Sinne von 'berühren,
verletzen' verstanden werden.
Das Verb in

(11) Dem Plan wurde entsprochen/widersprochen.


kann nicht im Sinne von 'in Ubereinstimmung sein mit' bzw. 'in Wi-
derspruch stehen zu' gelesen werden, sondern nur im Sinne von 'Folge
leisten' bzw. 'Widerspruch einlegen' (Fall F).

Bedingung (b), keine lexikalische Argumentumordnung, kann in unter-


schiedlicher Weise nicht erfüllt sein oder nur schwach erfüllt sein:
Bedingung (b) ist nicht erfüllt, wenn das lexikalische Letztargument
nicht dem aktivsten - menschlichen - Ereignisbeteiligten vorbehalten
ist, sondern z.B. dem Betroffenen oder Rezipienten, dem inaktiven Nutz-
nießer, so bei bekommen, erhalten, haben. Hier ist kein Passiv möglich
(Fall G).
Bedingung (b) ist nur schwach erfüllt, wenn das lexikalische Letztar-
gument den menschlichen Ereignisbeteiligten kognitiver Relationen cha-
rakterisiert, wie z.B. bei sehen, hören, erfahren, kennen, aber auch ins-
besondere den Träger propositionaler Einstellungen, wie sie etwa von
Passiv im Deutschen 267

wissen, glauben, vermuten, ahnen denotiert werden. Bei diesen ist die
Passivierbarkeit uneinheitlich; kein Passiv haben in der Regel missen,
erfahren, kennen, ahnen, während vermuten, annehmen, befürchten usw.
durchaus passivfähig sind.
Zu vermuten ist, daß gerade im Bereich von Wahrnehmung, Kognition
und Emotion kognitiv und sprachlich der Spielraum zwischen agenti-
scher, semi-agentischer und nicht-agentischer Sehweise relativ breit ist.
So wird man z.B. die Äußerung Er wurde in Frankfurt gesehen, nur
dann verwenden, wenn es sich um ein herausgehobenes, konturiertes und
bewußt erinnertes Ereignis handelt, nicht um eine beliebig aufgerufene
Strecke im Bewußtseinsstrom.

Bei Verben, die eine kognitive oder emotionale Relation jeweils zwischen
Personen oder nicht-personalen Gegenständen (Letztargument) und Per-
sonen (Nichtletztargument) bezeichnen wie beeindrucken, interessieren,
begeistern, erregen, ärgern, entsetzen, hängt die Bildbarkeit des Passivs
in der Tat davon ab, wie 'aktiv' bzw. kausativ die Relation gesehen wird.
Wir nennen diese Gruppe kurz ärgern-Gruppe. Belege deuten daraufhin,
daß Passiv eher dann in Ftage kommt, wenn Menschen oder menschliche
Verhaltensweisen als Auslöser des kognitiven oder emotionalen Prozes-
ses benannt werden, als wenn nur der Gegenstand, also das 'Thema' der
„Gemütsbewegung", benannt wird. So wird man z.B. bei dem folgen-
den Satz immer darauf schließen, daß ein Mensch oder Menschen hier
geärgert haben, nicht irgendein Gegenstand:

(12) Als er wieder einmal geärgert wurde, nahm er die Mütze ab - drei
Spatzen flogen weg.
In der Tat bestätigt der Gesamtkontext, eine kleine Anekdote über eine
wahre Begebenheit in der Bildzeitung, diese Erwartung:
Spatzen unter der Mütze (Artikelüberschrift)
„Du hast wohl Spatzen unter der Mütze". So wurde der An-
streicher Werner G. (29) aus Nordenham (Weser) oft in seinem
Stammlokal verspottet, weil er immer seine Mütze aufbehielt. Als
er wieder einmal geärgert wurde, nahm er die Mütze ab - drei
Spatzen flogen weg! Werner G.: „Jetzt ärgert mich endlich nie-
mand mehr."
(Bild, 29.03.1967, S. 3)
D.h., wenn das degradierte lexikalische Letztargument nicht benannt
wird, wird aus der Passivkonstruktion heraus auf aktive, kausativierende
menschliche Belegung geschlossen (Fall D).
268 Gisela Zifonun

Man beachte auch, dafi sich bei diesen Verben eine spezielle sein-
Konverse herausgebildet hat, bei der anders als im Passiv (auch anders
als im sein-Passiv) der thematische Gegenstand mit einer Art themati-
schen Präposition wie an, über, angesichts angeschlossen wird:
(13) Ich war interessiert an/empört über/verärgert angesichts der Tat-
sache.
Diese Konstruktion wiederum entspricht der Tendenz, den menschlichen
Ereignisbeteiligten auch dann in den kognitiven Vordergrund zu rücken,
wenn er nicht aktiv handelnd ist, sondern, wie hier, Stimmungen und
Gefühle erlebt. D.h., der prototypischen Konzeptualisierungsform 'Per-
son X ärgert Person Y' mit agentiv interpretierter Kausation stehen zwei
andere Konzeptualisierungsfonnen gegenüber: 'Gegenstand Z ärgert Per-
son Y' mit thematischem oder noch kausativem, jedoch nicht-personalem
und nicht-agentischem Letztargument und 'Person Y ärgert sich über
X/Z' mit nicht-agentischem, jedoch personalem Letztargument. Ein Pas-
siv gibt es nach unseren Vorgaben vorzugsweise zu dem prototypischen
'Person X ärgert Person Y'.
Verben, die überhaupt nur mit thematischem Subjekt verwendet werden,
das typischerweise nicht-menschlich belegt ist, während der menschliche
Handlungsbeteiligte in einer inaktiven Beteiligtenrolle in der Regel als
Dativkomplement genannt wird, sind generell nicht passivfähig (Eintakt-
Passiv). Man denke an Verben wie gelingen, unterlaufen, auffallen, feh-
len, belieben, gefallen, gehören, schmecken, guttun, ziemen (Fall H).
Bei ihnen liegt bezogen auf die prototypische Konzeptualisierungsform
bereits eine Argumentumordnung vor; es besteht kein Konversionsbe-
darf durch das Passiv. Bei diesen Verben wiederum kann man im enge-
ren Sinne ergative Verben wie gelingen, unterlaufen, entfallen, passie-
ren unterscheiden, die das Perfekt mit sein bilden, sowie die restlichen
thematischen haben-Verben. In generativen Ansätzen (etwa Grewendorf
1989) ist dieses Konzept der bereits lexikalisch fixierten Argumentum-
ordnung bei den ergativen sein-Verben von der kognitiven Ebene auf die
syntaktische verlagert: Sein- Verben - ich erinnere an die Anfänge meines
Vortrags - realisieren auch nicht-eigentliche Letztargumente, also solche,
die nicht zum Subjekt designiert sind.
Wir haben soeben bei den Verben der ärjern-Gruppe die unterschiedliche
Beteiligtenrolle des lexikalischen Letztargumentes und die Auswirkungen
auf die Passivierbarkeit beobachtet. Ganz analog verhält es sich bei den
Verben der bereits oben genannten verbinden-Giuppe:
Passiv im Deutschen 269

Verben wie teilen, verbinden, trennen, bedecken, beleuchten, umgeben


haben jeweils ein agentiv/kausativ-transformatives Muster und ein nicht-
agentiv /nicht-kausativ-nicht-transformatives Muster:
(14) Die Siegermächte teilten die Stadt in zwei Teile.
(15) Der Fluß teilt die Stadt in zwei Teile.
In beiden Lesarten ist ein werden- und ein se:VPassiv möglich (Fall E).
Dennoch ist ähnlich wie bei der örjern-Gruppe die agentiv/kausativ-
transformative Lesart kontextuell präferiert. Auch hier wird beim
tverrfen-Passiv, wenn das degradierte lexikalische Letztargument nicht
genannt ist, stets auf die agentiv-transformative Lesart geschlossen:
(16) Die Stadt wird/wurde geteilt.
Man beachte jedoch, daß eine Perspektivierung nach Mafigabe des kausa-
tiven Musters auch bei der ZustandsVariante immerhin noch rekonstru-
ierbar ist: Der Fluß sorgt für eine Teilung oder Verbindung der Stadt
- so könnte man sagen. Die agentivische - oder kausative - Variante
schlägt, wie Eisenberg 1989, S. 125 in ähnlichem Zusammenhang fest-
stellt, auf das grammatische Verhalten insgesamt durch - sie tut dies,
könnte man hinzufügen, weil sie auch auf die semantische Perspektive
mehr oder minder durchschlägt.
Rückblickend können wir folgendes Interpretationsprinzip festhalten:
Wann immer in einer Passivkonstruktion das degradierte Argument, das
Aktivsubjekt, nicht genannt ist, und das Verb als kausatives Verb oder
als Handlungsverb und gleichzeitig als statisch-relationales Verb, Zu-
standsverb, interpretiert werden kann, wird die Interpretation als kausa-
tives Verb oder Handlungsverb gewählt.
Wenn das degradierte Argument genannt ist, sind zwei Fälle zu unter-
scheiden: Bei der verbindenrGrxippe ist dann auch die Zustandsinterpre-
tation möglich, bei den übrigen Verben ist auch dann nur die Interpre-
tation als kausatives oder Handlungsverb möglich.

4. Passivierbarkeit a b kognitiv fundierte gradierte Eigen-


schaft mit prototypischen Vertretern
Ich komme zu einem ersten Fazit:
Passivierung zeigt in zweierlei Hinsicht Prototypizitätseffekte: Zum einen
ist das Konzept nicht klar begrenzt, d.h. es weist unscharfe Ränder auf.
Es gibt zentrale Elemente der Menge der passivfähigen Verben und peri-
270 Gisela Zifontin

phere Elemente, die nicht in allen Verwendungen, nicht für alle Sprecher
usw. passivfähig sind.

Zum anderen ist das Konzept in sich abgestuft, gradiert. D.h., es gibt
beste Exemplare der Kategorie der passivfähigen Verben, sozusagen die
Paradefälle, und es _gibt in abgestufter Weise weniger gute Exemplare
der Kategorie. Der Ubergang von den besten Exemplaren zu den weni-
ger guten ist dabei in bestimmter Weise kognitiv motiviert. Die besten
Exemplare weisen alle in Frage kommenden Einzelmerkmale, die die Ka-
tegorie auszeichnen, auf; die weniger guten nur bestimmte Merkmale;
jenseits der unscharfen Grenze gibt es auch eindeutig nicht-passivfähige
Verben. Die in Frage kommenden Merkmale sind die erläuterten Fakto-
ren 'telische Transformativität', 'agentiv interpretierbare Kausativität,
festmachbar an einem (bevorzugt menschlichen) Denotat des Letztar-
gumentes' sowie 'Nicht-Symmetrie der denotierten Relation' als Reflexe
der Grundbedingungen (a) und (b).

Wir haben die einzelnen Fälle bereits erörtet. Für die Fälle insgesamt
schlage ich eine Ordnung vor in einen zentralen Fall mit den besten
Exemplaren (A) und die jeweils gradierten Fälle (B) bis (E), sowie die
nicht-passivierbaren Fälle (F) bis (H).

In dem gradierten Fall (D) ist beispielsweise der Faktor -ftelisch-


transformativ nicht tangiert. Die Verben sind also alle telisch-transfor-
mativ und insofern - bezüglich einer der beiden Dimensionen - zum
Passiv prädestiniert. Eine negative Belegung des anderen entscheiden-
den Faktors, der agentiv interpretierbaren Kausativität, ist hier jedoch
möglich, was dann zu nicht oder kaum passivfähigen Verwendungen führt
- dies ist der Fall der emotionalen Verben der ö»yern-Gruppe.

Fall (E) ist der Fall, bei dem die angesprochene kognitive Motivierung
nicht-kausativer, nicht-transformativer Verwendungen durch die jeweils
zugeordneten kausativ-transformativen deutlich wird, hier handelt es
sich um die verbinden-Gruppe.

Ubersicht über die Fälle der Passivfahigkeit:


LZTARG steht für 'lexikalisches Letztargument'

(A) zentraler Fall: Die Verben haben die Merkmale:

+telisch-transformativ, L Z T A R G : -l-kausativ, +agentiv interpre-


tierbar
beste Exemplare, z.B: fällen, zerstören, beleben
Passiv im Deutschen 271

(B) gradierter Fall 1: Die Verben haben die Merkmale:


-telisch-transformativ, LZTARG: -kausativ, +agentiv
Exemplare sind nur zum Teil «esn-Passiv-fähig: suchen, bewachen,
beobachten, fördern, pflegen
(C) gradierter Fall 2: Die Verben haben die Merkmale:
-telisch-transformativ, LZTARG: -kausativ, +agentiv interpretier-
bar
Exemplare sind nicht sein-Passiv-fähig: grüßen, anblicken, ohrfei-
gen
(D) gradierter Fall 3: Die Verben haben die Merkmale:
-(-telisch-transformativ, LZTARG: -(-/-kausativ, -(-/-agentiv inter-
pretierbar
Exemplare sind nur bei +kausativ, +agentiv -Verwendungen pas-
sivierbar: ärgern, begeistern, erregen
(E) gradierter Efell 4 : Die Verben haben die Merkmale:
-(-/-telisch-transformativ, LZTARG: -(-/-kausativ, -(-/-agentiv in-
terpretierbar
Exemplare sind in beiden Verwendungsweisen passivierbar, nicht-
transformativ-nicht-kausative Verwendung erscheint als metony-
mische Übertragung der transformativ-kausativen, die transfor-
mativ-kausative ist kontextuell präferiert: verbinden, trennen, be-
decken, teilen

(F) nicht-passivierbar, Fall 1: Die Verben denotieren symmetrische


Relationen: gleichen, ähneln
(G) nicht-passivierbar, Fall 2: Die Verben haben die Merkmale:
+/-telisch-transformativ, LZTARG: -kausativ, -agentiv, -(-mensch-
lich (REZIPIENT): haben, bekommen, erhalten
(H) nicht-passivierbar, Fall 3: Die Verben haben die Merkmale:
-(-/-telisch-transformativ, LZTARG: -kausativ, -agentiv, -mensch-
lich: gelingen, unterlaufen, entfallen, passieren (se»ra-Perfekt)
fehlen, belieben, gefallen, gehören, schmecken, guttun (haben-
Perfekt)
Der funktionale Mehrwert des Passivs beruht auf der Bedeutung des
Partizips II. Potentielle Zustandsprofilierung einerseits und obligatori-
sche Argumentrestrukturierung durch das Partizip II andererseits be-
dingen gegenüber der Verwendung der aktiven Verbform jeweils in zwei
272 Gitela Zifonun

Dimensionen potentiell unterschiedliche Konzeptualisierungen, was die


Verteilung von Vordergrund- und Hintergrundelementen angeht.
Die beiden Dimensionen hängen offenbar zusammen. Zustandsprofilie-
rung macht, etwas pauschal gesagt, die Konzeptualisierung des Ereig-
nisses statischer, weniger aktiv, weniger transitiv. Die geringere Tran-
sitivität macht den Weg frei für die Argumentrestrukturierung: Auch
ein nicht-aktiver Ereignisbeteiligter kann Subjekt werden, der Kausator
oder Agens ist aus dem Weg geräumt (vgl. dazu Givön 1982).
Die beiden Dimensionen haben beim aetn-Passiv und beim werden-
Passiv jeweils unterschiedliche Relevanz. Beim se»n-Passiv dominiert das
Moment der Zustands-Profilierung, beim werden-Passiv das Moment
der Argumentrestrukturierung relativ zur prototypischen Konzeptuali-
sierungsform.

5. Kognitive und textbezogene Figur-Grund-Strukturen


Nachzudenken wäre nun über das Verhältnis von kognitiven Figur-
Grund-Strukturen und textbezogenen Fokussierungsverfahren. Ich deute
nur an: Kognitive Figur-Grund-Strukturen und textbezogene Fokussie-
rungsverfahren verhalten sich nicht kongruent, eher gegenläufig. Das
kognitive Vordergrundelement - also das Subjekt ist, wie empirisch
nachgewiesen werden kann, häufig in Texten und Diskursen als thema-
tisches Element (Topik) im textorganisatorischen Sinne nicht-fokussiert,
sondern Hintergrundelement. Damit beruht der von Eroms (1987) her-
ausgestellte prototypische Gleichlauf von Thema, Subjekt und Topik,
also Vorfeldbesetzung, auf der Konterlcarierung eher statischer kognitiver
Gestalten (Konzeptualisierungen von musterhaften Szenen) durch die in
der Zeit ablaufende Progression von Texten und Diskursen. In der Text-
progression ist die neue, nicht-thematische Information fokussiert und
findet sich eher im den Hauptakzent tragenden Schwerpunktbereich der
Kommunikativen Einheit, also in der Regel am Mittelfeldende oder im
Nachfeld. Die kognitive Fokusstruktur mit dem typischerweise im Vor-
feld befindlichen Subjekt als kognitivem Vordergrundelement wird dabei
in der Regel überschrieben.

Aus diesem Spannungsverhältnis zwischen dem unterschiedlichen kogni-


tiven Konzeptualisierungspotential und den Möglichkeiten der Fokussie-
rung mit den Mitteln z.B. von Wortstellung und Intonation ergeben sich
die unterschiedlichen kommunikativen Effekte von Aktiv und Passiv. Ich
weise nur auf einen Fall hin. Es handelt sich um einen Beleg aus dem
Freiburger Korpus, einem Interview eines Lotsen auf dem Rhein:
Passiv im Deutschen 273

(17) (...) und die Lorelei ist ein Mädchen. Dieses Mädchen wurde von
einem Schiffer, von einem Fischer, einmal im Netz gefangen.
(XAP, 13)
Dieses Mädchen ist
a) Passivsubjekt + kognitives Vordergrundele-
m e n t , in den Vordergrund gerückt durch Passivierung b) Passivsub-
jekt + thematisches Element + t e x t b e z o g e n e s Hinter-
grundelement: Gleichlauf von Subjekt, Thema und Topik.
Es handelt sich um den t e x t b e z o g e n unmarkierten
Fall.
Kontrastieren wir den nicht belegten Aktivsatz:
(...) und die Lorelei ist ein Mädchen. Ein Schiffer, ein Fischer, hat ein-
mal dieses Mädchen im Netz gefangen.
ein Schiffer, ein Fischer, ist
a) Aktivsubjekt + k o g n i t i v e s Vordergrundelement
b) Aktivsubjekt + neu zu thematisierendes Element + t e x t b e z o -
g e n e s V o r d e r g r u n d e l e m e n t : kein Gleichlauf von Sub-
jekt, Thema und Topik. Es handelt sich um den t e x t b e z o g e n
m a r k i e r t e n Fall.
Bei einer Abwägung zwischen der grammatisch-kognitiv unmarkierte-
ren, aber textbezogen-kommunikativ markierteren Alternative, hier dem
Aktivsatz, und der grammatisch-kognitiv markierteren, aber textbezo-
gen unmarkierteren Alternative, hier dem Passivsatz, gewinnt - wie zu
erwarten - in der Regel die kommunikativ angemessenere Lösung.

Dies genauer auszuführen wäre jedoch ein neues Thema.

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