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Meiningen - Wiege des modernen Regietheaters (1866 – 1890)

"Ohne Meiningen kein Hollywood" schreibt das Kulturportal des Thüringer


Bildungsministeriums - und tatsächlich: Ohne die folgenschwere Reform des
Theaters, die im 19. Jahrhundert von der kleinen Stadt Meiningen ausgeht, würden
wir uns heute wohl kaum Kinofilme berühmter Regisseure ansehen können.
Als Herzog Georg II. 1866 den Thron des Fürstentums Sachsen-Meiningen besteigt,
verändert er das Hoftheater Meiningen nach seinen Vorstellungen:
Zusammen mit seinem Regisseur Ludwig Chronegk konfrontiert der "Theaterherzog"
- wie man ihn später nennt - sein Publikum zum ersten Mal mit den ungekürzten
Originaltexten und Übersetzungen von Autoren wie Shakespeare, Goethe, Schiller
oder Kleist. Im Gegensatz zur herrschenden Meinung ist er überzeugt, man könne
dem Publikum die vollständigen Stücke in der Sprache der Autoren zumuten - damit
wird er schließlich Recht behalten.
An oberster Stelle steht bei den neuen Methoden des Meininger Theaters das
Ensembleprinzip: Der "Starbetrieb" (ein Schauspieler mit viel Ruhm und Erfahrung
leitet die Truppe) wird abgelöst - jetzt ist jeder einzelne Schauspieler
gleichberechtigter Teil eines Ensembles. Als Konsequenz daraus leitet sich dann
auch die Gleichwertigkeit der Rollen ab: Bekommt ein Darsteller bei einer
Inszenierung eine Hauptrolle, so muss er darauf gefasst sein, beim nächsten Mal
nur in einer Nebenrolle oder gar als Statist aufzutreten, wobei er auch diese
Aufgabe mit dem äußersten Maß an Präzision und Hingabe erfüllen muss.
Das Ensembleprinzip macht außerdem die Einführung des Regisseurs (von frz.
"régir" -leiten) geradezu notwendig, da die Schauspieltruppe schließlich geführt
werden muss. Den eigens geschaffenen Posten besetzt der Theaterherzog zwar mit
Ludwig Chronegk, behält sich aber das letzte Wort in jeder Angelegenheit vor.
Durch die Arbeit mit dem Ensemble lernt Georg II. auch seine spätere Ehefrau, die
Schauspielerin Ellen Franz, kennen, die er 1873 heiratet.
Georg II. bleibt nicht als unbeteiligter Geldgeber passiv im Hintergrund, sondern
nimmt auch aktiv Einfluss: Er ist der Direktor seiner Schauspieltruppe und entwirft
selbst viele Kostüme, Dekorationen und Bühnenbilder.
In die Theatergeschichte eingegangen sind auch die berühmten "Massenszenen' des
Meininger Theaters: Verschiedene Inszenierungen sehen als Höhepunkt vor, dass
sich die Bühne beispielsweise für die Darstellung einer Schlacht mit vielen Statisten
füllt, von denen jeder einzelne für den Theaterherzog genauso wichtig wie ein
Hauptdarsteller ist - zuvor hatten sie noch die Bühne als "unbelebte Dekoration"
füllen müssen. Alle Statisten folgen dabei der vorher festgelegten Choreografie und
bewegen sich zum Beispiel, wenn bestimmte Stichworte im Text fallen, passend
dazu, etwa durch Vortreten, Jubeln, Verändern der Blickrichtung und mehr. Man
spricht von „Massenregie“.
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Dies sehen die Kritiker der Meininger allerdings mit Skepsis (mit Blick auf die Gefahr
eines politischen Aufbegehrens) - die gleichberechtigte Wertschätzung der
Volksgruppe sei eine „lächerliche Emanzipation der Massen" (Ludwig Seidel).
Mit dem Ziel, eine Illusion der wiederbelebten Vergangenheit zu erzeugen, wird die
Inszenierung eines Theaterstücks bei den Meiningern zu einem Gesamtkunstwerk,
das so realistisch und historisch korrekt wie möglich sein soll - dem muss sich
allerdings der einzelne Schauspieler unterordnen. Im Meininger-Theater ist deshalb
nicht der Darsteller, sondern das Kunstwerk als Ganzes von höchster Bedeutung für
eine Aufführung. Die Beteiligten sollen dabei auf der Bühne das Publikum im Prinzip
ignorieren, womit Georg II. das Prinzip der "vierten Wand" (es wird so gespielt als
ob die Zuschauer nicht da wären) nutzt.
So kommen beispielsweise statt eines einfachen Bühnenbilds eigens angefertigte,
kunstvolle Bühnenprospekte (bemalte Textilleinwände an einer Zugstange) zum
Einsatz. Diese werden mittels eines Prospektzuges der Handlung entsprechend
ausgetauscht und schaffen, auf mehreren Ebenen angeordnet, den Eindruck von
Räumlichkeit.
Wie weit die Detailverliebtheit der Truppe um Georg II. geht, zeigt sich beispiels·
weise daran, dass für eine Inszenierung von Shakespeares "Julius Caesar" ein
Archäologe eigens Teile des Forum Romanum in Rom rekonstruieren muss, damit
daran der Aufbau der Bühne orientiert werden kann.
Auch die Requisiten sind eine wichtige Stütze in diesem Konzept der
Wirklichkeitstreue, und so werden oftmals echte Antiquitäten, zum Beispiel Tische
und Stühle, die bereits hundert Jahre oder älter sind, eingesetzt, um den Meininger
Vorstellungen zu entsprechen. Dies bringt dem Hoftheater allerdings schnell den
Vorwurf der "Ausstattungswut" ein, die für die Kritiker eher ein "Theatermuseum" zu
schaffen scheint: Das Drama tritt für sie hinter dem Dekor zurück.
Zusätzlich kommen verschiedenartige Spezialeffekte zum Einsatz - für eine
Kirchenszene wird beispielsweise frischer Weihrauch in Kombination mit dem Klang
echter Glocken eingesetzt. Wasserfälle, lichttechnische Finessen und allerlei
"Bühnenzauber" runden dieses Effektfeuerwerk ab.
Die geforderte Detailverliebtheit bzw. Realitätsnähe hat allerdings auch ihren Preis:
Bei einer jeden Inszenierung des Theaterherzogs entstehen hohe Kosten.
Auch aus diesem Grund geht die Truppe Georgs II. von 1874 bis 1890 auf
europaweite Tourneen. In 39 Städten geben sie insgesamt 2591 Vorstellungen,
unter anderem in Berlin, London, Paris, Amsterdam, Kiew und St. Petersburg, die
nicht nur viele Theaterleute beeinflussen, sondern vor allem die Finanzierung der
Produktionen mit Erfolg sicherstellen.
Was schließlich als "Meininger Prinzipien" in die Geschichte eingeht, ist eine
umfassende Theaterreform - verbunden mit der Gründung des Regietheaters -, die
durch die vielen Tourneen der Truppe in ganz Europa bekannt gemacht wird. Als
Voraussetzung für das naturalistische Theater beeinflusst sie auch viele
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Theatertheoretiker wie Konstantin Stanislawski und andere. Der Schriftsteller Hans


Herrig (1845 - 1892), Zeitzeuge der Meininger, formuliert bereits 1879: "In der
Geschichte des deutschen Theaters wird das Kapitel ,Die Meininger', wie es auch
kommen möge, einen ruhm- und trostreichen Abschnitt bilden."

Übrigens ..
Zusätzlich zur Etablierung des Regieprinzips sind die Meininger auch mit einem
eigenen Ausdruck in die Geschichte eingegangen: Der Begriff der "Meiningerei", der
aber heute meist als Schimpfwort verwendet wird, steht für extreme Detailtreue
und (teilweise übertriebenen) Historismus.

Übung:

Anstatt der wohl unlösbaren Aufgabe, einen Text im Sinne der Meininger - Prinzipien
zu inszenieren, soll eine Pro-Contra-Diskussion geführt werden. Dabei werden zwei
verschiedene Gruppen gebildet - die eine soll für die "Meiningerei", die andere
dagegen sprechen. Zuvor können sich die Beteiligten kurz in der Gruppe auf ihre
Argumente besinnen, dann erfolgt der Schlagabtausch auf der Bühne. Die Zeit für
die Diskussion muss ausreichend bemessen sein.
Eventuell kann es durchaus sinnvoll sein, am Schluss noch über die Diskussion an
sich zu sprechen und die übliche Anschlusskommunikation zu nutzen.

Zum Ablauf:
Ein Diskussionsleiter führt kurz in die Thematik ein, stellt die Beteiligten vor und
formuliert eine Streitfrage als Diskussionsgrundlage. Anschließend erteilt er den
entsprechenden Spielern auf jeder Seite das Wort und vermittelt im Laufe des
Gesprächs zwischen den streitenden Parteien. Am Ende kann noch eine
abschließende Stellungnahme der einzelnen Gruppen abgegeben werden, bevor der
Diskussionsleiter ein kurzes Fazit formuliert.