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Georg Büchner und sein Dramenfragment "Woyzeck"


(1813 – 1837)

Georg Büchner (1813-1837) wird gerne dem umstrittenen


literaturgeschichtlichen Begriff des „Vormärz" zugeordnet - der Epoche zwischen
1830 und 1848. In diesem Zeitraum kommt es zunächst in Frankreich zur
sogenannten "Juli-Revolution", bei der sich das Bürgertum gegen Machtanspruch
und Bevormundung durch den Adel erhebt. Diese revolutionäre Stimmung
"schwappt" schließlich nach Deutschland über und führt im März 1848 zu den
Kämpfen für mehr Demokratie, die später als "Deutsche Revolution" in die
Geschichte eingehen.
Büchner ist einer der Autoren dieser Zeit mit radikal-politischen Positionen. Er
geht deshalb nicht nur als begabter Dramatiker, sondern auch als
freiheitskämpferischer Verfasser der politischen Flugschrift "Der hessische
Landbote" (1834) in die Geschichte ein: "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!"
- so zitiert bereits der Anfang des Texts das Motto der Französischen Revolution.
Und weil die anonym veröffentlichten Schriften des jungen Revolutionärs sozialen
Sprengstoff dieser Art enthalten, wird er von der Obrigkeit schließlich
steckbrieflich gesucht.

Das bekannteste Werk des Autors ist sein soziales Drama "Woyzeck" (1836), das
der Nachwelt allerdings nur unvollständig und unvollendet erhalten geblieben ist.
Dieses Fragment zeigt exemplarisch den Anspruch Büchners, das Elend
einfacher, besitzloser Menschen einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen zu
führen. In einem medizinischen Fachblatt entdeckt der junge Schriftsteller
Büchner, der auch Medizin studiert, den Fall des Mörders Johann Christian
Woyzeck. Die Diskussion um die Zurechnungsfähigkeit des Täters, der schließlich
hingerichtet wird, liefert Büchner den Stoff für seine Handlung.

Das daraus entstandene Stück zeigt im Besonderen Büchners Fähigkeit, eine


eindrucksvolle Figurensprache zu wählen: Die Personen des Geschehens
sprechen so, wie es ihrem sozialen Status entspricht. Hauptmann und Doktor
"philosophieren" etwa in "geschwollenen" pseudo-philosophischen Worthülsen
oder wissenschaftlichem Fachjargon, während einfache Leute wie Woyzeck, sein
Freund Andres oder Marie im Ton der Unterschicht sprechen. Besonders
Woyzecks "Stammeln" zeigt seine Ohnmacht und Unfähigkeit, die eigenen
Gefühle und Gedanken auszudrücken:

"HAUPTMANN. Es wird mir ganz Angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit
denke. Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! Ewig das ist ewig, das ist ewig,
das siehst du ein; nun ist es aber wieder nicht ewig und das ist ein Augenblick,
ja, ein Augenblick - Woyzeck, es schaudert mich, wenn ich denk, dass sich die
Welt in einem Tag herumdreht, was eine Zeitverschwendung, wo soll das hinaus?
Woyzeck, ich kann kein Mühlrad mehr sehn, oder ich werd' melancholisch.

WOYZECK. Jawohl, Herr Hauptmann."


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2493. St e ck b r i e f.
Der hierunter signalisierte Georg Büchner, Student der Medizin aus Darmstadt,
hat sich der gerichtlichen Untersuchung seiner indicierten Teilnahme an
staatsverräterischen Handlungen durch die Entfernung aus dem Vaterlande
entzogen. Man ersucht deshalb die öffentlichen Behörden des In- und Auslandes,
denselben im Vertretungsfalle fest nehmen und wohl verwahrt an die
unterzeichnete Stelle abliefern zu lassen. Darmstadt, den 13. Juni 1835.

Der von Großh. Hess. Hofgericht der Provinz Oberhessen bestellte


Untersuchungs-Richter, Hofgerichtsrat Georgi

Personalbeschreibung:
Alter: 21 Jahre
Größe: 6 Schuh, 9 Zoll neuen hessischen Maßes
Haare: blond
Stirne: sehr gewölbt
Augenbrauen: blond
Augen: grau
Nase: stark
Mund: klein
Bart: blond
Kinn: rund
Angesicht: oval
Gesichtsfarbe: frisch
Statur: kräftig, schlank
Besondere Kennzeichen: Kurzsichtigkeit.

Zum Inhalt:

Der Soldat Franz Woyzeck lebt in Abhängigkeit von seiner Umwelt und seinen
Trieben als Opfer dubioser medizinischer Experimente und herzloser
Vorgesetzter. Zuletzt verliert er sogar seine Geliebte Marie an einen "Tambour-
Major", dessen Erscheinung und finanzielle Ausstattung ihr imponieren.
Deprimiert durch diese Lebensbedingungen, durch körperliche und geistige
Benachteiligung sowie materielle Not, tötet er am Ende des Dramas halb
wahnsinnig und in triebhafter Eifersucht Marie, die sein letzter Halt im Leben und
Mutter seines Sohnes ist.

Die folgende Szene entstammt ungefähr der Mitte des Fragments: Der
Protagonist Woyzeck trifft im Wirtshaus den Tambour-Major, welcher prahlt und
jeden warnt, sich mit ihm anzulegen. Schließlich wird er wütend und ringt mit
Woyzeck, wobei dieser verliert und verspottet wird. Jetzt scheint sich der
Mordplan für ihn zu konkretisieren.
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Georg Büchner:
Woyzeck
Wirtshaus.
Tambour-Major. Woyzeck. Leute.

TAMBOUR·MAJOR. Ich bin ein Mann! (Schlägt sich auf die Brust.) Ein Mann, sag
ich. Wer will was? Wer kein besoffen Herrgott ist, der lass sich von mir. Ich will
ihm die Nas ins Arschloch prügeln. Ich will - (zu Woyzeck) da, Kerl, sauf, der
Mann muss saufen, ich wollt die Welt wär Schnaps, Schnaps.

WOYZECK (pfeift.)

TAMBOUR·MAJOR. Kerl, soll ich dir die Zung aus dem Hals ziehe und sie um
den Leib herumwickle? (Sie ringen, Woyzeck verliert.) Soll ich dir noch so viel
Atem lassen als en Altweiberfurz, soll ich?

WOYZECK. (setzt sich erschöpft zitternd auf die Bank.)

TAMBOUR·MAJOR. Der Kerl soll dunkelblau pfeifen. Ha. Branndewein das ist
mein Leben Branntwein gibt Courage!

EINER. Der hat sei Fett.

ANDERER. Er blut.

WOYZECK. Eins nach dem andern.

Übrigens ...
Der Georg-Büchner-Preis gilt als wichtigste deutsche Literaturauszeichnung und
wird jedes Jahr von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung
verliehen. Im Jahr 2015 war die Ehrung mit 50.000 Euro verbunden.
Preisträger seit 1951 (der Preis wurde am 11. August 1923 zum ersten Mal
verliehen.)
Gottfried Benn (1951), Marie Luise Kaschnitz, Erich Kästner, Max Frisch, Paul
Celan, Wolfgang Koeppen, Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Bachmann,
Günter Grass, Heinrich Böll, Golo Mann, Thomas Bernhard, Elias Canetti, Peter
Handke,
Hermann Kesten, Manès Sperber, Reiner Kunze, Christa Wolf, Martin Walser, Peter
Weiss, Wolfdietrich Schnurre, Ernst Jandl, Heiner Müller, Friedrich Dürrenmatt,
Erich Fried, Botho Strauß, Tankred Dorst, Wolf Biermann, George Tabori, Peter
Rühmkorf, Adolf Muschg, Sarah Kirsch, H.C. Artmann, Elfriede Jelinek, Volker
Braun, Friederike Mayröcker, Alexander Kluge........................................
Sibylle Lewitscharoff, Jürgen Becker, Rainald Goetz (2013 – 2015)
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