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Rhetorische Situation Schlagzeile

doch auch Essers operationales Modell der Situations- ton 1931) 176 (Übers. Verf.). – 24 vgl. Friedrichs [22] 44. – 25 H.
analyse nicht beseitigen, da nur die äußeren Bedingun- Esser: Soziol. Situationslogik und Handeln (1999) 31. – 26 vgl. C.
gen zweifelsfrei analytisch erschließbar sind, die inneren Daniel Batson: Two Forms of Perspective Taking. Imagining
How Another Feels and Imagining How You Would Feel, in:
Bedingungen dagegen spekulativ aus dem Verhalten er- K.D. Markman, W.M. Klein, J.A. Suhr (Hg.): Handbook of
schlossen werden müssen. Imagination and Mental Simulation (New York 2009).
2. Psychologie. Die Psychologie befaßt sich unter dem
Ansatz der mentalen Simulation mit den inneren Bedin- M. Gottschling, O. Kramer
gungen von Situationen. Die Grundoperation der men-
talen Simulation ist die Fähigkeit des Menschen, sich in ^ Angemessenheit ^ Decorum ^ Kairos ^ Vertretbarkeits-
die Gedanken und Gefühle seiner Mitmenschen hinein- grade
zuversetzen. Diese Fähigkeit wird in allen kommunika-
tiv-sozialen Interaktionen eingesetzt. Kommunikative
Ziele können in solchen Situationen besser erreicht wer-
den, wenn sich der Sprecher auf die konkreten subjek-
tiven Situationsbedingungen des Adressaten einstellen S
kann. Dazu ist ein stufenweiser Perspektivenwechsel,
ein Eindenken in die Adressaten notwendig. Es kann
zwischen drei Stufen der Perspektivierung unterschie- Schlagzeile (dt. auch Überschrift, Aufmacher; engl.
den werden: 1. Die objektive Perspektive, bei der ledig- headline; frz. manchette; ital. grande titolo)
lich auf das äußerliche Verhalten der Adressaten geach- A. Def. – B. Geschichte: I. 15. bis 18. Jh. – II. 19. Jh. bis heute. –
tet wird. 2. Die selbst-imaginierte Perspektive (imagine- III. Werbung. – C. Bereiche und Disziplinen.
self), in der der Sprecher seine eigenen Gefühle an der A. Def. Die S. definiert sich als «Hauptzeile einer
Stelle der Adressaten simuliert. 3. Die adressaten-ima- Überschrift» in Journalismus und Werbung. Im Presse-
ginierte Perspektive (imagine-other), in welcher der wesen wird auch vereinzelt nur die prominenteste Zeile
Sprecher die Gefühle und Einstellungen der Adressaten auf der Titelseite einer Zeitung als S. bezeichnet und der
simuliert. [26] Die empathische Genauigkeit steigert Begriff synonym mit Aufmacher gebraucht. [1] In der
sich dabei von 1. zu 3., wobei Selbstimagination als Zwi- Werbung hat sich die englische Bezeichnung Headline
schenschritt dient, um ein korrektes Einfühlen in den durchgesetzt. Aus der Definition als Hauptzeile ergibt
Adressaten zu erleichtern. Einerseits ist mentale Simu- sich, daß S. oft nicht allein stehen, sondern mit Ober-
lation damit Vorgangsbeschreibung innerer Anpassun- und Unterzeilen kombiniert werden können, die sie in
gen in Situationen, andererseits kann sie auch als Hand- ihrer Funktion unterstützen. Als wesentliche Aufgabe
lungsanleitung, gerade für die R., verstanden werden: einer S. gilt neben der thematischen Eingrenzung des
Als Technik zur Problemlösung eingesetzt, dient die zugehörigen Textes, daß sie Interesse wecken und an-
mentale Simulation dem Redner in einer rhetorischen regen soll, diesen zu lesen. Sie hat mit anderen Worten
Situationsanalyse als Mittel zum besseren Verständnis «eine Werbefunktion». [2] Dazu bedienen sich S. ver-
der inneren Bedingungen seiner Adressaten. schiedener typographischer wie sprachlicher Mittel. Ty-
pographisch sind sie durch Schriftart, Schriftstärke und
Schriftgrad, eventuell auch farblich so ausgezeichnet,
Anmerkungen:
1 L.F. Bitzer: The Rhetorical Situation, in: PaR 1, 1 (1968) 3. –
daß sie als Blickfang und zugleich «herausragende Stil-
2 vgl. ders.: Functional Communication: A Situational Perspec- elemente» des jeweiligen Zeitungs-, Anzeigen- oder
tive, in: E.E. White, S.F. Paulson (Hg.): Rhetoric in Transition: sonstigen Layouts wirken. [3] Im Zuge der Ausdifferen-
Studies in the Nature and Uses of Rhetoric (University Park zierung des Mediensystems finden S. heute auch in den
1980) 21–38. – 3 vgl. Plat. Phaidr. 271. – 4 vgl. Arist. Rhet. II, audiovisuellen sowie elektronischen Medien Verwen-
12–17. – 5 Cic. Or. 21, 71. – 6 ebd. 8, 24. – 7 Cic. De or III, 210–212. dung, wo sie veränderten Rezeptions- und Produktions-
– 8 ebd. II, 186. – 9 Quint. II, 17, 28ff. – 10 K.M. Hall Jamieson: bedingungen unterliegen. Die sprachliche Ausgestal-
Generic Constraints and the Rhetorical Situation, in: PaR 6 tung von S. wird wissenschaftlich von verschiedenen
(1973) 162–170. – 11 B.A. Biesecker: Rethinking the Rhetorical
Situation from within the Thematic of Difference, in: PaR 11
Disziplinen untersucht, die sich sowohl analytisch als
(1989) 110–130. – 12 M. Garret, X. Xiao: The Rhetorical Si- auch unter produktionstheoretischer Perspektive mit
tuation Revisited, in: RSQ 23, 2 (1993) 30–40. – 13 vgl. Quint. dem Thema auseinandersetzen. Wichtige analytische
XI, 1, 8–9. – 14 vgl. M. Young: L.F. Bitzer: Rhetorical Situation, Erkenntnisse betreffen grammatische und stilistische
Public Knowledge, and Audience Dynamics, in: J. Kuypers, A. Besonderheiten, ihre funktionale Bedeutung, pragmati-
King (Hg.): Twentieth-century Roots of Rhetorical Studies sche Aspekte, Topoi und Argumentationsmuster, aber
(Westport, CT 2001) 275–301. – 15 vgl. R.E. Vatz: The Myth of auch äußere Einflußfaktoren wie Bildbezüge oder den
the Rhetorical Situation, in: PaR 6 (1973) 154–161. – 16 vgl. Bit- medialen und gesellschaftlichen Kontext, also zumeist
zer [1] 11. – 17 vgl. J. Zalewski: The Rhetorical Situation as Men-
tal Spaces Enacted by the Rhetor, in: A. Ciuk, K. Molek-Ko-
persuasive Gesichtspunkte, die den genuin rhetorischen
zakowska (Hg.): Exploring Space. Spatial Notions in Cultural, Charakter der S. verdeutlichen. Genauso stehen pro-
Literary and Language Studies. Vol. 2: Space in Language Stu- duktionstheoretisch vor allem die bereits aus der klas-
dies (Cambridge 2010) 125–133. – 18 vgl. H. Blumenberg: An- sischen Rhetoriktheorie bekannten Forderungen nach
thropologische Annäherung an die Aktualität der Rhet., in: einer aktivierenden Formulierung (attentum parare)
Wirklichkeiten, in denen wir leben (1981) 104–136. – 19 P.L. und zielgruppengerechten Ansprache (als Aspekt des
Oesterreich: Fundamentalrhet.: Unters. zu Person und Rede in aptum), Verständlichkeit (perspicuitas), Kürze (brevi-
der Öffentlichkeit (1990) 110. – 20 ebd. 109. – 21 J. Knape: Was tas), Sprachrichtigkeit (latinitas) und bildhafter Sprache
ist Rhet.? (2000) 87. – 22 vgl. W.I. Thomas, F. Znaniecki: The
Polish Peasant in Europe and America, Bd. 1 (New York 21958)
(als Aspekt des ornatus) im Vordergrund.
68; siehe auch J. Friedrichs: Situation als soziol. Erhebungsein- B. Geschichte. I. 15. bis 18. Jh. Die Geschichte der S.
heit, in: Zs. für Soziol. 3, 1 (1974) 46. – 23 W.I. Thomas: The ist eng an die Entwicklung des Presse- und Mediensy-
Relation of Research to the Social Process, in: W.F.G. Swann stems gebunden, die ihren Ausgang Mitte des 15. Jh.
u. a. (Hg.): Essays on Research in the Social Sciences (Washing- nimmt. Motiviert durch die epochalen Veränderungen –

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die Verdichtung des Handels- und Verkehrswesens, ra- meinsam ist der Zeitschriftenliteratur, gegenüber der
sante Fortschritte in Wissenschaft und Technik und vor nachrichtenorientierten Zeitung erörternde und reflek-
allem die Erfindung des Drucks mit beweglichen Let- tierende Beiträge zu bringen, die sowohl informieren als
tern durch J. Gutenberg um 1452 – entstand eine Viel- auch unterhalten, in rhetorischen Begriffen nun also do-
zahl neuer Druckwerke, um das steigende Informati- cere und delectare in Einklang bringen sollen. Ihr Auf-
onsbedürfnis der Frühen Neuzeit zu befriedigen. Flug- kommen ist deutlich im Kontext der Aufklärung zu se-
blätter und Flugschriften, die beide von fliegenden hen, vor allem die Moralischen Wochenschriften werden
Händlern vertrieben werden, etablieren sich schnell als schnell «zum wichtigsten Medium» ihrer Zeit. [8] Unbe-
neue Medien der Nachrichtenübermittlung und Mei- stritten gründet dieser Erfolg nicht zuletzt auf der
nungsbildung. Dabei sind die häufig illustrierten Flug- sprachlichen und argumentativen Gestaltung des Gen-
blätter meist sensationellen Inhalten gewidmet. Sie the- res, insbesondere der einfachen Syntax, der Tendenz zu
matisieren Naturkatastrophen, kriegerische Ereignisse, konkretisieren und einem betont rationalen Textgestus:
vermeintliche Wunder etc. mit entsprechenden Abbil- «Es reflektiert sich hier die Bedeutung der perspicuitas
dungen und Überschriften, die durch Reizwörter wie als zentraler Tugend der frühaufklärerischen Rheto-
‹neu›, ‹unerhört› oder ‹wunderbar› zum Kauf animieren rik.» [9] Allerdings sind diese Befunde an den Fließtex-
sollen [4] und durchaus «als Vorboten der modernen ten einer beispielhaften Publikation erhoben, nämlich
Reklame» verstanden werden können. [5] Stärker poli- der von J. Chr. Gottsched 1725 bis 1727 herausgege-
tisch und im Zuge der Reformation auch religiös orien- benen Wochenschrift ‹Die Vernünfftigen Tadlerinnen›.
tiert ist dagegen die Flugschriftenliteratur, die deutliche Eine systematische Untersuchung ihrer Titel und Über-
Züge der Agitation und Propaganda trägt, also weit über schriften aus sprach- und kommunikationswissenschaft-
den Verkauf hinausgehende persuasive Ziele verfolgt. licher Sicht steht für die frühe Zeitschriftenliteratur
Schon im Titel stehen hier oftmals direkt «der Adressat noch aus.
und die Zweckgerichtetheit [...] im Vordergrund» [6] wie Ähnliches gilt für das in der Tradition der Flugschrif-
etwa in Luthers Schrift ‹An den christlichen Adel deut- ten stehende Broschürenwesen, das Ende des 18. Jh. vor
scher Nation› von 1520 und Th. Murners Replik ‹An allem in Wien eine Blüte erlebt. Auch hier lassen Titel
den Großmechtigsten vnd Durchlüchtigsten adel tüt- und Überschriften klar die Intention erkennen, «das
scher nation das sye den christlichen glauben beschir- Sensationsbedürfnis der Leser zu befriedigen und die
men wyder den zerstörer des glaubens christi Martinum Kauflust zu wecken» [10], wozu sie sich gern der Frage-
luther einen verfierer der einfeltigen christen› aus dem form, der Ironie und vulgärer Ausdrücke bedienen. So
gleichen Jahr. lauten beispielhafte Broschürentitel: ‹Wie wird der An-
Bereits ihre Vorläufer weisen somit in Form und tichrist aussehen: – blau, oder grün?›, ‹Der 42jährige
Funktion wesentliche Merkmale der heutigen S. auf, die Affe› (was die Leser der Zeit auf Kaiser Joseph II. be-
sich im Lauf der Jahrhunderte jedoch immer wieder ver- ziehen mußten) oder schlicht und derb ‹Scheißereyen›.
ändern und ausdifferenzieren. Um 1600 erscheinen die Eine eingehende Betrachtung der Materie und ihrer
ersten gedruckten Zeitungen als periodische und aktu- Einflüsse auf den modernen Journalismus (etwa im Be-
elle Publikationen, die sich mit vielfältigen Inhalten an reich satirischer Zeitungen oder der Boulevardpresse)
ein möglichst breites Publikum wenden. Sie werden Avi- gehört ebenfalls zu den zahlreichen Forschungsdeside-
sen oder Relationen genannt und zeichnen sich im Ge- raten, die den gesamten Komplex der sprach-, kommu-
gensatz zu den Flugblättern durch eine sachliche und nikations- und rhetoriktheoretischen Untersuchung der
faktenorientierte Berichterstattung aus. Als Überschrif- Überschriftenpraxis in den Medien der Frühen Neuzeit
ten der einzelnen Nachrichten dienen die Orte, aus de- durchziehen.
nen sie stammen, sowie das Absendedatum der Korre- II. 19. Jh. bis heute. Technischer Fortschritt und so-
spondenz. Damit stehen Information und Authentizität zialer Wandel haben seit dem frühen 19. Jh. zu deutli-
im Vordergrund, was bis heute für S. nachrichtlicher chen quantitativen wie qualitativen Veränderungen der
Texte in Tageszeitungen und gerade auch im Internet Medienlandschaft geführt. Vor allem die Weiterent-
charakteristisch ist. wicklung der Druck- und Nachrichtentechnik sowie die
Ebenfalls im 17. Jh. entstehen zunächst in Frankreich Etablierung der bürgerlichen Gesellschaft ließen das
die sog. Intelligenzblätter als periodisch erscheinende Pressewesen nach 1800 kontinuierlich expandieren. Im
Publikationen mit Anzeigenteil oder reine Anzeigen- Bereich der Tagespresse entstanden zunächst lokal und
blätter, in die erst später andere publizistische Formen regional, später auch überregional geprägte Märkte mit
eingehen. Thematische Schwerpunkte sind landwirt- dem entsprechenden Konkurrenzdruck, in dem viele
schaftliche und handwerkliche Fragen, Hauswirtschaft, Autoren den Ursprung der modernen S. sehen. Die
Gesundheit und Sicherheit. Entsprechend lauten bei- Überschrift auf Seite eins wird zum wesentlichen Mittel,
spielhafte Überschriften etwa ‹Gedanken über die Fra- sich vom Wettbewerb abzugrenzen und die Aufmerk-
ge: Soll der Bauer auf Reisen gehen?› oder ‹Aufmun- samkeit des Betrachters zu erregen. Kommunikativ
terung zur Anlegung künstlicher Wiesen›. [7] Auch hier kommt ihr damit die Doppelfunktion einer Profilierung
finden sich also die bereits bekannten Funktionen der des Senders und Aktivierung des Empfängers zu. Aus
inhaltlichen Eingrenzung und einer Formulierung der rhetorischer Sicht ist neben dem attentum parare nun
Wirkabsicht, wobei rhetorisch gesehen das docere im deutlich das Feld des ethos berührt: S. sollen nicht nur
Vordergrund steht. verkaufen, sie prägen auch entscheidend das Image der
Eine dritte publizistische Gattung, die sich gegen Zeitung. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung begin-
Ende des 17. und verstärkt im 18. Jh. herauszubilden be- nen sich in den Redaktionen zunächst im angelsächsi-
ginnt, ist die der Zeitschriften. Von Anfang an durch eine schen Raum, ab dem späten 19. Jh. auch in Deutschland
bis heute charakteristische Vielfalt geprägt, bündelt sie Überschriftenkonferenzen durchzusetzen. Eine etwa
u. a. politische, theologische, kulturelle, gelehrte und die gleichzeitig einsetzende und für die Geschichte der S.
sog. Moralischen Wochenschriften nach dem Vorbild des ebenfalls wichtige Entwicklung ist die Ressortdifferen-
erstmals 1708 in London erschienenen ‹Tatler›. Ge- zierung der Presse in Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Lo-

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kales und Sport sowie die weitere Aufgliederung der organisierten Texten besteht, die der Rezipient in belie-
Textformen in nachrichten- und meinungsorientierte biger Reihenfolge ansteuern und konsumieren kann. Ob
Spielarten, denn mit der zunehmenden Fülle und Kom- dieser Unterschied zum linearen Text als grundsätzlich
plexität der Zeitungsinhalte haben die Überschriften oder graduell gelten muß, ist unter Linguisten umstrit-
eine immer stärkere Orientierungsfunktion zu erfüllen. ten. Aus rhetorischer Sicht ist jedoch klar, daß mit der
Doch nicht nur innerhalb der Tagespresse, auch in der nicht-linearen Organisation für den Sender-Orator ein
ganzen Presselandschaft und schließlich im gesamten medialer Widerstand virulent wird, der in anderen Me-
Mediensystem finden im 19. und 20. Jh. weitreichende dien nicht oder kaum ins Gewicht fällt. Inwieweit Über-
Differenzierungsprozesse statt. Immer mehr Pressety- schriften als exponierte Textelemente in diesem Kon-
pen entstehen: Im Bereich der Tagespublizistik verbrei- text zur Leserführung und damit letztlich zur Durchset-
ten sich zumeist von England und den USA ausgehend zung kommunikativer Interessen beitragen können,
(partei)politische Zeitungen, Generalanzeiger und die wäre eine interessante Forschungsfrage. Bislang kon-
sog. Massenblätter im Stil der amerikanischen Yellow zentriert sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung
Press. Der Zeitschriftensektor erfährt eine Vervielfälti- mit dem Phänomen Text im Internet auf Fragen von
gung, die sich kaum noch systematisieren läßt. Etabliert Sprache und Schreibstrategien allgemein. In der Rat-
hat sich in der Kommunikationswissenschaft heute die geberliteratur findet sich für Internet-S. die Forderung,
Unterscheidung von Publikumszeitschriften, Fachzeit- möglichst faktenorientiert zu sein, da in diesem Medium
schriften, Mitgliederorganen, Werk- und Kundenzeit- hauptsächlich nach Informationen gesucht werde und
schriften, Amtsblättern und Anzeigenblättern, wobei Suchmaschinen relevante Schlagworte in Überschriften
der Bereich der Publikumszeitschriften so unterschied- schneller finden als in Fließtexten.
liche Periodika umfaßt wie Illustrierte, Nachrichtenma- III. Werbung. Die Entwicklung der S. in der Werbung
gazine, Programm-, Frauen- und Jugendzeitschriften, vollzieht sich in engem Zusammenhang mit der Ge-
Special-Interest-Titel wie Computer-, Mode-, Sportzeit- schichte des Presse- und Mediensystems allgemein.
schriften etc., Titel der Wirtschaftspresse und populär- Auch wenn vereinzelt antike Zeugnisse werblicher
wissenschaftliche Magazine. [11] Nimmt man hinzu, daß Kommunikation angeführt werden können, entsteht
diese Typologisierung noch unvollständig ist und die Werbung, wie wir sie heute kennen, um 1600 als Anzei-
Presse mittlerweile weltweit verbreitet ist, liegt auf der genwerbung in Zeitungen und Intelligenzblättern. Sie
Hand, daß sich die Überschriften im Bereich des Print- definiert sich in ihrer Frühphase als reine Absatzwer-
journalismus mittlerweile allgemeinen Gestaltungsten- bung mit dem Ziel, Angebot und Nachfrage zusammen-
denzen entziehen. zuführen, also zum Kauf der beworbenen Sache zu ani-
Daneben beginnen sich ab den 1920er Jahren zu- mieren.
nächst der Hörfunk und später das Fernsehen als Mas- Die Expansion und Ausdifferenzierung des Presse-
senmedien durchzusetzen, in denen S. zum Teil stark wesens auf der einen und die Entwicklung zu arbeitstei-
veränderten Produktions- und Rezeptionsbedingungen liger Gesellschaft und Marktwirtschaft auf der anderen
unterliegen. Im akustischen bzw. audiovisuellen Kon- Seite lassen im Verlauf des 18. und 19. Jh. sowohl das
text werden Überschriften mehrheitlich gesprochen, Anzeigenvolumen als auch die rhetorische Qualität der
was die rhetorisch interessante Frage nach der Bedeu- Inserate deutlich ansteigen. Neben der Argumentation
tung von Klang und Melodie aufwirft. Zugleich kommt und graphischen Aufmachung zeugen auch die Über-
die Möglichkeit hinzu, die S. musikalisch und filmisch zu schriften von diesem «Trend zur raffinierteren Ausge-
begleiten, so daß neben den rhetorischen Potentialen staltung der Anzeigen» [15], denn sie versuchen zuneh-
der einzelnen Zeichensysteme zahlreiche Optionen ih- mend mit rhetorischen Mitteln, das Interesse der Leser
res persuasiven Zusammenwirkens genutzt werden zu wecken. «Höchst wichtig für Leidende» lautet die S.
können. Tatsächlich ergibt die Betrachtung einiger bei- einer Heilapparatewerbung von 1850. «Avis important
spielhafter Rundfunkformate in Deutschland und der aux Dames» ist eine deutsche Anzeige für französische
Schweiz, daß S. im Radio sich oft an das Vorbild nach- Tuchwaren aus dem gleichen Jahr überschrieben. Beide
richtlicher Presseüberschriften anlehnen, während im Beispiele verwenden nicht nur heute noch in der Wer-
Fernsehen die Entwicklung «von einer wenig rhetori- besprache gängige Stilmittel wie Superlative und fremd-
schen zu einer rhetorisch stilisierten Formulierung und sprachige Ausdrücke, sie verweisen mit der Nennung ih-
von bildloser zu bebilderter Vermittlung in neuerer rer Zielgruppe auch auf eine entscheidende Determi-
Zeit» voranschreitet. [12] Trotz einer Vielzahl von Un- nante werblicher Kommunikation überhaupt.
tersuchungen zum Verhältnis von Text und Bild liegt Auf die erste Phase der Professionalisierung folgt
eine detaillierte Untersuchung zu diesem Thema jedoch mit der endgültigen Durchsetzung der liberalen Wirt-
nicht vor. Auf Seiten der Rezeption dürfte ein wesent- schaftsordnung nach 1870 das Aufkommen sensations-
licher Unterschied der akustischen und audiovisuellen orientierter Werbung, die vor allem durch auffällige (ty-
Medien gegenüber dem Printsektor in der seriellen Auf- po)graphische Mittel und Überschriften wie ‹Aufge-
nahme ihrer Beiträge liegen. Der Konsument kann nicht paßt!› oder ‹Unglaublich!› Aufmerksamkeit auf sich zu
zwischen einzelnen Inhalten auswählen, da sie in einer lenken versucht. Der Stil der Zeit wird oft als selbstherr-
vorgegebenen Reihenfolge gesendet werden. Entspre- lich und psychologisch unbedarft kritisiert. Allerdings
chend haben Rundfunk-S. sicher weniger eine Werbe- sind aus dieser Phase auch S. wie «Mein HosenLaden ist
und Orientierungsfunktion zu erfüllen als die Aufgabe auch Sonntags offen» bekannt, in denen – hier mit einem
der Vorinformation. [13] Gleichwohl ist davon auszu- ironischen Wortspiel – der Humor als eine der nach wie
gehen, daß auch sie wesentlich zur Imagebildung der vor beliebtesten und psychologisch wirkungsvollsten
einzelnen Sender beitragen. Werbetechniken überhaupt zum Einsatz kommt.
Seit Mitte der 1990er Jahre finden schließlich die sog. Auch für den Bereich der Werbung scheint somit zu
Neuen Medien sprunghafte Verbreitung, allen voran das gelten, daß schon frühe S. Charakteristika moderner
world wide web, das wesentlich «aus einer unüberschau- Headlines erkennen lassen. Eine eigenständige Unter-
baren Menge von Hypertexten» [14], also nicht-linear suchung der Überschriften von Anzeigen vor 1900 ist je-

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doch weder für den deutschsprachigen Raum noch im ler Hinsicht auch auf die S. zutreffen. Sprachlich werden
internationalen Vergleich verfügbar. Ebenso hat die er- in Werbetexten seit Mitte des 20. Jh. verstärkt umgangs-
ste große Blütezeit der Werbung zu Beginn des 20. Jh. sprachliche Ausdrücke und – im nicht-englischsprachi-
bislang keine umfassende Würdigung hinsichtlich ihrer gen Raum – Anglizismen verwendet; inhaltlich tritt im
Text- und S.-Konstitution erfahren, was u. a. daran lie- Verlauf der 1960er Jahre statt produktorientierter Aus-
gen mag, daß in dieser Periode ein anderer Code als sagen die Vermittlung von Lebensstilen in den Vorder-
der sprachliche im Vordergrund steht. Von Frankreich grund. Parallel geht der Trend zu einer affektorientier-
aus findet das künstlerisch gestaltete Werbeplakat Ver- ten Zielgruppenansprache, was sich aufgrund entspre-
breitung, dessen bildlastiger Stil sich schnell auf die An- chender Erkenntnisse der Werbewirkungsforschung
zeigenwerbung überträgt. Begünstigt wird diese Ent- auch in einem Vordringen der kognitiv vermeintlich we-
wicklung vom Aufkommen moderner Markenartikel niger anspruchsvollen Bildkommunikation seit den
wie Coca-Cola oder Maggi Suppenwürze, die als al- 1980er Jahren niederschlägt. Insgesamt unterliegt die
lein durch ihren Markennamen «beziehungsfähige Wa- Werbung im 20. Jh. auch in ihrer Produktion einer zu-
ren» [16] ihre sozialen Interaktionsziele zunächst ohne nehmenden Verwissenschaftlichung, vor allem seitens
textliche Unterstützung erreichen konnten. der Psychologie und des Marketing, das für S. häufig for-
Zugleich entstehen mit der Markenartikelindustrie dert, ein Alleinstellungsmerkmal der beworbenen Sache
zahlreiche neue Werbeträger: vom bereits genannten (engl. USP für Unique Selling Proposition) gegenüber
Plakat über weitere Formen der Außenwerbung bis zum konkurrierenden Angeboten zu kommunizieren. Man
Werbefilm. Spätestens in den 1920er Jahren ist die Wer- kann durchaus der Auffassung sein, daß diese Tendenz
bung damit zu einem selbstverständlichen Phänomen in den letzten zwanzig Jahren eher zu einem Verlust an
geworden, das – nicht zuletzt durch die in den USA ent- Kreativität geführt hat als zu ihrer Entfaltung und mit
wickelten Methoden der Werbeforschung – professio- der Werbung auch die S. immer stereotyper und aus-
nell produziert und bereitwillig konsumiert wird. In der tauschbarer werden. [17]
Printwerbung bildet sich jetzt ein Anzeigenstil heraus, C. Bereiche und Disziplinen. Die umfangreichste For-
der bis heute Anwendung findet und gekennzeichnet ist schungsliteratur zur S. entstammt der Linguistik, wobei
durch ein mehr oder weniger ausgewogenes Verhältnis Schwerpunkte auf grammatischen und stilistischen Fra-
von Bild und Text, wobei sich bildtechnisch die Photo- gestellungen liegen. Für journalistische Überschriften
graphie durchsetzt und der Text vermeintlich sachlich werden festgestellt:
und informativ gehalten ist. Die S. dieser Zeit oszillieren – syntaktische Besonderheiten, etwa die Tendenz zu
zwischen einfachen Aussagesätzen («Milch gibt Kraft», elliptisch verkürzten Sätzen,
«Colgate’s for better shaving»), Imperativen («Sei schön – lexikalische Besonderheiten wie die Verwendung
durch Sport und Elida!»), Ausrufen («Oh, I like this rou- von (metaphorischen) Komposita, Neologismen und
ge!»), Fragen («Ist Ihre Haut so schön wie sie sein könn- Phraseologismen,
te?») sowie komplexeren Sätzen, Satzgefügen und Wen- – Besonderheiten der Wortwahl, z.B. die Integration
dungen, die ein breites Spektrum rhetorischer Figuren von Anglizismen, sowie
nutzen, darunter Reime («So weiß wie sie hat keine – die – stilistische Besonderheiten und hier vor allem der
Wäsche auf der Leine!»), Antithesen («Every woman Einsatz rhetorischer Figuren aller Art.
uses a deodorant. Smart women use DEW»), Parallelis- W. Brandt spricht in diesem Zusammenhang von einer
men («Lange bewährt – immer begehrt»), Polysemien charakteristischen «Rhetorisierung der Überschriften»
(«Der Stern ihrer Sehnsucht» für Mercedes-Benz), Ver- und listet als häufige Stilmittel u. a. auf: Frage, Ausruf,
gleiche («Wie ein Hauch, aber dennoch zuverlässig haf- Aufforderung, Zitat, Antithese, Synekdoche, Allitera-
tend»), Metaphern («Die Visitenkarte der eleganten tion, Anapher, Aufzählung, Reim, Hyperbel, Klimax,
Dame» für Salamander-Schuhe) u. v. a. m. Oxymoron, Metapher, Vergleich, Polysemie und Wort-
Bereits diese grobe Übersicht verdeutlicht, daß Über- spiel (oft mit Namen und literarischen, musikalischen
schriften in der Werbung praktisch alle sprachlichen Re- oder sonstigen Titeln). [18]
gister ziehen, um Aufmerksamkeit und Interesse zu Ähnlich findet R. Römer in ihrem frühen Standard-
wecken. Sie zeigt aber auch, daß neben einer aufmerk- werk über die ‹Sprache der Anzeigenwerbung› als be-
samkeitsstarken Formulierung der Bildbezug und die liebte rhetorische Mittel auch und gerade in S. Figuren
Anbindung an das Werbeobjekt (Produkt oder Marke) wie: Wiederholung (auf Wortebene häufig als Ana-
die S.-Gestaltung maßgeblich beeinflussen. Dazu kom- pher), Behauptung, Befehl, Anrede, Frage, Antithese,
men äußere Faktoren wie das räumlich-mediale, das Trikolon, Aufhänger (womit ein Texteinstieg ohne of-
zeitliche und nicht zuletzt das kulturelle Umfeld, in dem fensichtlichen Bezug zum Werbeobjekt gemeint ist),
das Werbemittel steht. Im Detail sind diese Zusammen- Reim, Euphemismus, Negation, Wortspiel, Anspielung
hänge noch kaum untersucht worden, was aufgrund der (sowohl auf die Konkurrenz als auch allgemein) und
schieren Fülle des Materials ohnehin nur ausschnitthaft Personifikation der beworbenen Sache. [19]
möglich wäre. Schließlich hat sich auch im Bereich der Natürlich können solche Aufzählungen immer nur
Werbung im Verlauf des 20. Jh. mit dem Mediensystem vorläufig sein. Die bevorzugten Mittel der S.-Gestaltung
und dem Warenangebot die Zahl der S. ständig erwei- verändern und erweitern sich ständig. So lassen sich in
tert. Für die Anzeigenwerbung kommt hinzu, daß seit neuerer Zeit z.B. verstärkt fach- und gruppensprachli-
den 1970er Jahren zunehmend vom klassischen Aufbau che Elemente oder auch bewußte Verstöße gegen die
mit einer Headline, einem Bild und einem Fließtext ab- Sprachrichtigkeit beobachten. Eine sehr ausführliche
gewichen wird und häufig eine Vielzahl von Bild- und und relativ aktuelle Darstellung für den Bereich der
Textelementen zum Einsatz kommt, was die gegensei- Werbung gibt N. Janich in ihrem Arbeitsbuch ‹Werbe-
tige Abgrenzung schwierig und die wechselseitigen sprache›, das eine Vielzahl relevanter Forschungsergeb-
Bezüge immer komplexer macht. Daher sollen hier nur nisse zusammenfaßt. [20] Dabei wird deutlich, daß die
einige allgemeine Ergebnisse zur Entwicklung der Wer- Feststellung grammatischer und stilistischer Besonder-
besprache in neuerer Zeit dargestellt werden, die in vie- heiten immer nur ein Aspekt der wissenschaftlichen Be-

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trachtung von S. sein kann. Neben formalen sind gerade tel die Relevanz der Metapher zur Herstellung konkre-
auch funktionale Faktoren zu berücksichtigen. ter Erfahrungsbezüge, um komplexe oder abstrakte
Auf die Hauptfunktionen der S. wurde eingangs be- Phänomene zu vereinfachen und anschaulich zu ma-
reits hingewiesen. Man kann sie mit Brandt in informa- chen. [26] Die hohe Metapherndichte ist daher ein häu-
tive und persuasive Funktionen unterteilen, wobei fig festgestelltes und regelmäßig untersuchtes Phäno-
informative Funktionen (wie die Inhaltsangabe) der men der S.-Gestaltung. [27] Als persuasiv wirkungsvoll
Orientierung und persuasive Funktionen dem Lesean- gelten weiter Phraseologismen, Neologismen und Wort-
reiz dienen sollen. Diese Aufgaben entsprechen in etwa bildungskonstruktionen wie Komposita, insbesondere
dem docilem parare und attentum parare der klassischen wenn sie semantisch mehrdeutig oder aufwertend ver-
Exordialtopik, auch wenn S. pragmatisch natürlich in ei- wendet werden, Anglizismen, die eine Vielzahl positiver
nem völlig anderen Kontext als der dort angenommenen Konnotationen wie Jugend, Fortschritt, Freiheit und In-
Redesituation stehen. Sie sind vielmehr gekennzeichnet ternationalität evozieren sollen, sowie Zitate, denen all-
als massenmedial vermittelte Kommunikationshandlun- gemein ein hohes Maß an Authentizität und Glaubwür-
gen, für die J. Knape den Begriff der Dimission geprägt digkeit zugeschrieben wird. Da Zitate in S. oft von
hat. [21] Als solche unterliegen sie in besonderem Maße Prominenten stammen (oder wenigstens zu stammen
kommunikativen Widerständen auf medialer und si- scheinen), versuchen sie zudem die Autorität des Zitier-
tuativer Ebene, die in das oratorische Kalkül einbezogen ten zu nutzen, um ihre persuasiven Ziele zu erreichen.
werden müssen. Mit der Frage, welche konkreten Text- Analytisch verweist die auctoritas schließlich auf das
handlungen etwa in Anzeigen vorgenommen werden Feld der Topik. Zwar werden zur Untersuchung argu-
und wie sich unter den Bedingungen der Distanzkom- mentativer Verfahren in Presse- und Werbetexten we-
munikation perlokutionäre, also Wirkungseffekte er- niger die Überschriften herangezogen, doch viele klas-
zeugen lassen, beschäftigen sich – durchaus auch kritisch sische Topoi und moderne Begründungsformen sind be-
– verschiedene sprechakttheoretische Untersuchungen. reits hier wirksam. Einen allgemeinen Überblick über
Zentrale Bedeutung für die Wirkung schreibt dabei z.B. Argumentationsmuster in der Werbung gibt erneut Ja-
N. Sauer der Emotion zu, was deutlich an das pathos als nich, auch unter Verwendung der Befunde von C. Weh-
eines der drei Überzeugungsmittel der klassischen Rhe- ners umfassender Untersuchung ‹Überzeugungsstrate-
toriktheorie erinnert. Hier besteht eine gewisse Dek- gien in der Werbung›.
kungsgleichheit mit Erkenntnissen der psychologischen Andere Autoren identifizieren in S. häufig wieder-
Werbeforschung, die in der Vermittlung von emotiona- kehrende Schlüsselwörter wie ‹bequem›, ‹Aids› oder
len Konsumerlebnissen einen immer entscheidenderen ‹probiotisch› als semantische Signale, die nicht nur per-
Erfolgsfaktor werblicher Kommunikation sieht. Zwar suasiv wirken, sondern gleichzeitig Rückschlüsse auf ge-
betrachtet in diesem Zusammenhang W. Kroeber-Riel sellschaftlich relevante Themen, Moden und Ereignisse
stellvertretend für viele das Bild als dem Text überlegen: der betrachteten Zeit zulassen. [28]
«Es ist kaum übertrieben, wenn man feststellt, daß der Topische Muster der Text- und S.-Gestaltung lassen
Werbeerfolg weitgehend von den Wirkungen der einge- sich schließlich auch in den narrativen und poetischen
setzten Bilder auf die Zielgruppe bestimmt wird.» [22] Strategien finden, die regelmäßig zur Anwendung kom-
Dagegen hat C. Voss am Beispiel von BILD als aufla- men. Voss nennt in diesem Zusammenhang für die Bou-
genstärkster deutscher Boulevardzeitung gerade die levardpresse u. a. die Verfahren der Privatisierung, Per-
Textgestaltung als wesentlich für die Emotionalisierung sonalisierung und Visualisierung. U. Meyer entdeckt in
des Rezipienten erkannt. An Syntax, Lexik und Rheto- der Werbung eine Vielzahl poetischer Ausdrucksfor-
rik insbesondere der Überschriften lassen sich nach Voss men, darunter Phantastik, Mythologie, Komik, Rätsel,
zahlreiche zweckgerichtete Besonderheiten feststellen, Märchen und Parodie.
die maßgeblich zum Erreichen persuasiver Ziele beitra- Spätestens an dieser Stelle wird erneut deutlich, daß
gen: «BILD», so das Fazit, «verfügt über ein journalisti- S. «nicht allein aufgrund von sich selbst beschrieben
sches Rezept zur Befriedigung der emotionalen Bedürf- werden können» [29], da zahlreiche äußere Faktoren auf
nisse der Leser, das eine optimale Akzeptanz der Zei- sie einwirken. Einige – wie Zielgruppen und gesell-
tung gewährleistet». [23] Hier klingt mit dem aptum eine schaftlicher Kontext – wurden in diesem Abschnitt be-
weitere rhetorische Zentralkategorie an, die H. Büscher reits genannt, auf andere ist im historischen Teil schon
in seiner noch ausführlicheren Arbeit zur Emotionalität kurz hingewiesen worden. Wichtig sind in diesem Zu-
in BILD-S. unter dem Stichwort der Adäquanz behan- sammenhang Überlegungen zur Beziehung von Text
delt. Büscher unterscheidet dabei die kognitiv-intellek- und Bild, die häufig in Begriffen rhetorischer Figuren
tuelle von der emotionalen Adäquanz und leitet ab, daß beschrieben wird (z.B. als Paradoxie oder Synekdo-
Überschriften, um persuasiv erfolgreich zu sein, für den che). [30] Daneben gibt es Studien zum Verhältnis von
Leser geistig angemessen und emotional bestätigend Überschriften und weiteren Textteilen der zugehörigen
sein sollten. [24] Berichte und Anzeigen, die vielfältige Bezüge bis hin zu
Die Orientierung am Rezipienten gehört auch zu den einer «regelhaften Abhängigkeit» der S. vom Lead fest-
Hauptforderungen der einschlägigen Ratgeberliteratur. stellen. [31] Und schließlich finden sich in etlichen Ar-
M. Reiter etwa empfiehlt als Regel für eine gute Über- beiten zur Medien- und Werbeforschung Beobachtun-
schrift, «die Perspektive des Lesers einzunehmen». [25] gen, die auf weitere Einflußfaktoren verweisen, etwa die
Werbetexter sollen ihre Headlines zielgruppengerecht Art des Mediums, in dem die S. steht, ihr räumliches und
schreiben. Weitere Forderungen betreffen u. a. Ver- zeitliches Umfeld, Stil und Ethos des Absenders u. v. m.
ständlichkeit, Kürze und Bildhaftigkeit. Natürlich sind Sie alle ausführlich zu würdigen, ist im vorliegenden
Verallgemeinerungen dieser Art grundsätzlich fragwür- Rahmen leider nicht möglich. Doch auch wenn die Dar-
dig, repräsentieren aber bis zu einem gewissen Grad Er- stellung überblickshaft und damit zwangsläufig unvoll-
gebnisse der Stil- sowie der Gehirnforschung zu Fragen ständig bleibt, dürfte deutlich geworden sein, daß die S.
von Lesbarkeit und Textverständnis. So belegen Unter- sowohl unter Aspekten der klassischen Rhetoriktheorie
suchungen zum persuasiven Potential sprachlicher Mit- als auch im Kontext moderner Persuasionsforschung ein

1139 1140
Schlagzeile Schönheit, das Schöne

ebenso interessantes wie noch lange nicht erschöpfend Elsen: Engl. Elemente in der Kosmetikwerbung. Dt. und frz.
behandeltes Phänomen ist. Anzeigen im Vergleich, in: B. Dumiche, H. Klöden (Hg.): Wer-
bung und Werbesprache (2008) 87–121. – K. Geyer: ‹Zitate› in
Anmerkungen: S.: eine medienlinguistische Unters. am Beispiel zweier dt. Re-
1 vgl. H. Sonderhüsken: Kleines Journalisten-Lexikon. Fach- gionalzeitungen, in: Kalbotyra 59–3 (2008) 88–97. – J. Winter
begriffe und Berufsjargon (1991) 114. – 2 J. Häusermann: Jour- (Hg.): Hb. Werbetext (2008). – U. Meyer: Poetik der Werbung
nalistisches Texten (22001) 172. – 3 vgl. C. Mast: ABC des Jour- (2010). – A. Schulz: Lokalpresse und rhet. Ethos (2010).
nalismus (102004) 360f. – 4 vgl. R. Stöber: Dt. Pressegesch.
(22005) 38ff. – 5 K. Simon (Hg.): Dt. Flugschriften zur Refor- S. Hoffmeister
mation (1980) 24. – 6 ebd. 25. – 7 vgl. H. Böning: Pressewesen
und Aufklärung – Intelligenzblätter und Volksaufklärer, in: S. ^ Angemessenheit ^ Attentum parare, facere ^ Brevitas ^
Doering-Manteuffel, J. Mançal, W. Wüst (Hg.): Pressewesen Figurenlehre ^ Massenkommunikation ^ Metapher ^ Neue,
der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (2001) das ^ Perspicuitas ^ Plakat ^ Presse ^ Publizistik ^ Schlag-
94f. – 8 H. Brandes: Moralische Wochenschriften, in: E. Fischer, wort ^ Titel ^ Schriftbild ^ Werbung
W. Haefs, Y. Mix (Hg.): Von Almanach bis Zeitung. Ein Hb.
der Medien in Deutschland 1700–1800 (1999) 225. – 9 S. Niefan-
ger: Schreibstrategien in Moralischen Wochenschriften (1997)
309. – 10 L. Bodi: Tauwetter in Wien (21995) 148. – 11 vgl. J. Schönheit, das Schöne (griech. toÁ kaloÂn, toÁ kaÂllow, to
Raabe: Presse, in: S. Weischenberg, H. Kleinsteuber, B. Pörk- kalón, to kállos; lat. pulchritudo, pulcherum; engl.
sen (Hg.): Hb. Journalismus und Medien (2005) 354. – 12 vgl. H.
Burger: Mediensprache (2005) 126ff. – 13 vgl. ebd. 125. – 14 ebd.
beauty, beautiful; frz. beauté, le beau; ital. bellezza, il
425. – 15 H. Homburg: Werbung – «eine Kunst, die gelernt sein bello)
will», in: Jb. für Wirtschaftsgesch. (1997/1) 37. – 16 G. Zurstiege: A. I. Def. – II. Rhetorik. – III. Philosophie. – B. Geschichte: I.
Werbeforschung (2007) 25. – 17 vgl. W. Kroeber-Riel, F. Esch: Antike. – II. Spätantike und Christentum. – III. Mittelalter. –
Strategie und Technik der Werbung (62004) 57ff. – 18 vgl. W. IV. Humanismus, Renaissance. – V. Barock. – VI. Rhetorische
Brandt: Zeitungssprache heute: Überschriften, in: K. Brinker Aspekte des Schönen in der Aufklärung.
(Hg.): Aspekte der Textlinguistik (1991) 233ff. – 19 vgl. R. Rö-
mer: Die Sprache der Anzeigenwerbung (1968) 173ff. – 20 N. A. I. Def. Die theoretische Reflexion des S. bzw. der
Janich: Werbesprache: ein Arbeitsbuch (52010). – 21 vgl. J. Kna- Begriff der S. weist in der abendländischen Geistesge-
pe: The Medium is the Massage? Medientheoretische Anfragen schichte weit über den Bereich der sinnlichen Wahrneh-
und Antworten der Rhetorik, in: ders. (Hg.): Medienrhetorik mung bzw. die phänomenbezogen schöne Erscheinungs-
(2005) 30. – 22 W. Kroeber-Riel: Bildkommunikation (21996) 8. weise eines Gegenstandes hinaus. Bereits in der antiken
– 23 C. Voss: Textgestaltung und Verfahren der Emotionalisie- Literatur finden die Termini für das S. bzw. die S. (toÁ
rung in der BILD-Zeitung (1999) 104. – 24 H. Büscher: Emotio-
nalität in S. der Boulevardpresse (1996) 92ff. – 25 M. Reiter:
kaloÂn, to kalón bzw.taÁ kalaÂ, ta kalá sowie toÁ kaÂl-
Überschrift, Vorspann, Bildunterschrift (22009) 96. – 26 vgl. B. low, to kállos) neben einer wahrnehmungs- bzw. er-
Pörksen: «Das dt. Haus brennt an allen Ecken und Enden». Der kenntnistheoretischen Verwendungsweise Anwendung
persuasive Gebrauch von Metaphern in den Flugblättern von auf pragmatische, konventionsgebundene wie situativ-
Neonazis, in: M. Hoffmann, C. Keßler (Hg.): Beiträge zur Per- handlungsbezogene Aspekte der Vortrefflichkeit, Nütz-
suasionsforschung (1998) 191f. – 27 vgl. J. Shie: Metaphors and lichkeit sowie des Passenden, Günstigen bzw. Glückli-
Metonymies in New York Times and Times Supplement News chen sowie auf das Anmutige, d. h. durch seinen Liebreiz
Headlines, in: J. of Pragmatics 43 (2011) 1318–1334. – 28 vgl. Wohlgefällige oder Glanzvolle. Sie stehen in enger Ver-
Römer [19] 131ff.; Büscher [24] 179ff.; Janich [20] 120. – 29 H.
Kniffka: Soziolinguistik und empirische Textanalyse (1980) 8. –
bindung mit der psychologischen Kennzeichnung einer
30 vgl. W. Gaede: Vom Wort zum Bild. Kreativ-Methoden der Charakterhaltung, mit sittlichen Qualitäten bzw. dem
Visualisierung (21992); T. Schierl: Text und Bild in der Werbung ethisch normativen Begriff des Guten, wie es sich im Be-
(2001). – 31 vgl. Kniffka [29] 337. griff der Kalokagathie (kalokaÆgauiÂa, kalokagathı́a)
bzw. der Kennzeichnung eines Ehrenmannes (kaloÁw kaÆ-
Literaturhinweise: gauoÂw, kalós kagathós) ausdrückt. Die Verflechtung von
B. Sandig: Syntaktische Typologie der S. (1971). – D. Flader: Bedeutungskonnotationen auch synonym verwandter
Pragmatische Aspekte von Werbeslogans, in: D. Wunderlich Begriffe, insbesondere die Bindung an die ethische
(Hg.): Linguistische Pragmatik (1972) 341–376. – B. Hauswaldt-
Windmüller: Sprachliches Handeln in der Konsumwerbung
Norm des Guten, bringt, trotz der seit dem 5. Jh. greifen-
o
(1977). – I. Mardh: Headlinese: On the Grammar of English den Systematisierungsbemühungen, die Schwierigkeit
Front Page Headlines (Diss. Lund 1980). – K.-H. Hohmeister: mit sich, eine alle Anwendungsbereiche umfassende, all-
Veränderungen in der Sprache der Anzeigenwerbung (1981). – gemeine Definition des Begriffs des S. bzw. der S. zu for-
H. Stammerjohann: Kontrastive Textlinguistik: Die Textsorte mulieren. Mit dem Übergang der griechischen Termi-
Zeitungsüberschrift im Deutschen und Italienischen, in: C. nologie in die lateinische Tradition etablieren sich neben
Schwarze (Hg.): Ital. Sprachwiss. (1981) 209–218. – S. De Knop: dem lateinischen Begriff pulchritudo eine Reihe von teils
Metaphorische Komposita in Zeitungsüberschriften (1987). – synonym, teils konnotativ gefaßten Termini, die Aspekte
K. Spang: Grundlagen der Lit.- und Werberhet. (1987). – A.
Dittgen: Regeln für Abweichungen (1989). – E. Iarovici, R.
des Schönheitsbegriffes explizieren und es vielfach kaum
Amel: The Strategy of the Headline, in: Semiotica 77–4 (1989) möglich machen, eine trennscharfe Bestimmung des S.
441–459. – M. Schilling: Bildpublizistik der frühen Neuzeit oder der S. vorzunehmen. Im Folgenden werden diese
(1990). – D. Reinhardt: Von der Reklame zum Marketing sich in der Verwendungsweise z. T. überschneidenden
(1993). – G. Fritz, E. Straßner (Hg.): Die Sprache der ersten dt. Termini einbezogen, soweit es für die Konturierung des
Wochenzeitungen im 17. Jh. (1996). – C. Wehner: Überzeu- S. im Kontext der Rhetorik unerläßlich ist.
gungsstrategien in der Werbung (1996). – P. Ewald: Zu den per- II. Rhetorik. Der Begriff des S. bzw. der S. ist keine im
suasiven Potenzen der Verwendung komplexer Lexeme in der strengen Sinne rhetorische Kategorie. Die rhetorische
Produktwerbung, in: M. Hoffmann, C. Keßler (Hg.): Beitr. zur
Persuasionsforschung (1998) 323–350. – N. Sauer: Werbung –
Bedeutung zeigt sich in drei aufeinander bezogenen
wenn Worte wirken. Ein Konzept der Perlokution, entwickelt Dimensionen. Dies betrifft 1) die immanente S. einer
an Werbeanzeigen (1998). – H. Cölfen: Werbeweltbilder im Rede als Qualifizierungskriterium des gewählten Ge-
Wandel (1999). – D. Dor: On Newspaper Headlines as Rele- genstands (res), wobei sich dies im umfassenden Sinne
vance Optimizers, in: J. of Pragmatics 35 (2003) 695–721. – H. auch auf die Stoffindung (inventio) wie -anordnung (dis-

1141 1142
Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

positio) beziehen kann, vor allem aber die Stileigen- den affektiven Reiz der Sprache (gr. hëdyÂw, hēdús; latei-
schaften der Lexis in Hinsicht auf Angemessenheitskri- nisch iucundus bzw. suavis) bzw. die sinnlich-anziehen-
terien im Verhältnis von res et verba, den gegenstand- de, genußauslösende Wirkkraft einer anmutigen oder
sadäquaten Aufbau und Ausdruck, Ebenmäßigkeit, schönen Rede (glykyÂthw, glykýtēs; suavitas, iucunditas,
Rhythmus, Prägnanz und Durchsichtigkeit (perspicui- dulcedo, venustas, pulchritudo) kennzeichnen, sich auf
tas) einer Rede umfaßt. Die Kriterien des Redegegen- Kriterien wie die Ausgestaltung der Rede in wohlge-
stands stehen 2) in enger Beziehung zum pädagogischen fügter Satz- und Gedankenfolge (eyÆsxhmosyÂnh, eu-
Anspruch an das rhetorische Ethos, d. h. die Charakter- schēmosýnē; concinnitas, convenientia), auf Tonali-
haltung oder geistige Disposition, aufgrund derer der tät, Rhythmisierung und Wohlklang bzw. die stilisti-
vorbildliche Redner selbst als sittlich schön bzw. durch schen Mittel eines spannungsvollen, abwechslungsrei-
die Darstellung von schönen Charakteren und Sitten chen Aufbaus (varietas, copia, distinctio, ubertas etc.)
entsprechend auf Geist wie Gefühl der Rezipienten zu stützen sowie auf den Gesamteindruck, die Farbe
wirken vermag. Diese sittliche Qualifizierung von Red- (xrvÄ ma, chrōma; color rhetoricus) verweisen. Kontra-
ner, Redehaltung und -ziel ist nicht zu trennen vom 3) stiv zur erstrebten schönen sprachlichen Gestalt (pul-
Ausweis einer nach außen tretenden S. der Rede im Sin- chritudo verborum bzw. sermonis) stehen Vorschriften
ne des Schmuckes (ornatus), der sinnlich-genußauslö- zur Vermeidung von übertriebener Ziererei, falschem
senden Wirkkraft (suavitas, dulcitudo, iucunditas), der Glanz (cincinnus, fucus) bzw. der mangelnden Ausge-
Farbigkeit (color), des Wohlklangs, die sich in Liebreiz wogenheit des sprachlichen Gefüges (deformitas als Ge-
und Anmut (venustas) einer durchgebildeten Rede bis genbegriff zur pulchritudo). Trotz der dezidiert wir-
hin zur leidenschaftlichen Vehemenz zeigen kann. Die kungspsychologischen Ausrichtung des rhetorischen
persuasiven, wirkungs- wie rezeptionsästhetischen Kri- Ethos bzw. Pathos lassen sich Wirkziel und -weise der
terien der schönen Rede basieren gleichermaßen auf ko- schönen Rede nicht in Fokussierung auf einen irratio-
gnitiven wie emotiven Ausdrucks- und Wirkqualitäten. nalen oder widervernünftigen Gefühlszustand bestim-
In der Forschung wurde ausgehend vom rhetorischen men. Vielmehr wird an der Auseinandersetzung mit
Strukturschema von prágma, ē´thos und páthos und den dem S. das Bestreben manifest, die Bedingungen und
dieser Trias zugeordneten officia oratoris (probare, con- Techniken zu explizieren, mittels derer sich eine ver-
ciliare/delectare und movere/flectere) bzw. den genera nunftanaloge Form des Wohlgefallens über das sprach-
dicendi (genus tenue/subtile, genus medium/temperatum, lich Gefällige bzw. Gefallenerregende hervorrufen läßt.
genus grave/grande) [1] demonstriert, daß die Auseinan- In rhetorisch artikulierten Theorien zum speziellen Ver-
dersetzung mit dem S. in der Rhetorik vor allen Dingen gnügen am S. prägt sich im Ansatz die theoretische Re-
in den Bereich von ē´thos und páthos fällt, sofern hier ge- flexion eines beurteilenden Vermögens aus, die auf die
nuin rhetorische Voraussetzungen wirkmächtiger Rede philosophische Grundlegung einer ästhetischen bzw.
(conciliare, movere) benannt sind, die in je spezifischer moralischen Urteilskraft hinführt. Es zeigt sich daher in-
Weise Beschaffenheit, Mittel und Funktion einer das nerhalb der rhetorischen Theoriebildungen in Hinsicht
Gemüt affizierenden, emotional stark bewegenden Per- auf die Erfahrung und Beurteilung des S., daß neben der
suasivität unter sich fassen. In dieser Hinsicht findet das Betonung eines subjektiven, situativ evozierten Gemüts-
S. in bezug auf die angemessene Stilform bzw. Wirkin- oder Affektionszustands die Frage nach der Ausweis-
tention seine Systemverankerung in der Rhetorik und barkeit objektiver Bedingungen der schönen Rede ein
markiert zugleich den «Ausgangspunkt für die verkop- zentraler Gegenstand der Problematisierung wird.
pelnde Antithetik des ‘Anmutenden’ und ‘Großen’, [...] Es ist insbesondere das Modell des schönen Körpers
für die Ästhetik des ‘Schönen’ und ‘Erhabenen’». [2] Es und dessen Kennzeichnung durch Lebendigkeit, eine
ist nicht zuletzt diese Differenzierung von rednerischem durchgebildete Organisation von Teilen zum Ganzen,
Ethos und Pathos, an der man in der Ästhetik des 18. Jh. die durchblutete Materie als Voraussetzung von Farbig-
die theoretische Begründung des S. im Unterschied vom keit, die integrale Vermittlung von Materie und Form
Erhabenen rekonstruieren kann. An dieser in der anti- und vor allen Dingen die Anmutung von Liebreiz in der
ken Rhetorik angelegten Dichotomie zeigt sich aber Erscheinung, die immer wieder diskutiert wird, um die-
auch, daß sich die rhetorische Verwendung des Begriffs ses Modell auf den Körper der Rede, dh. die Schönheits-
‹schön›. nicht auf Ethos vs. Pathos beschränken läßt, bedingungen sprachlicher Kompositon zu übertragen.
vielmehr in terminologischer Ausdifferenzierung Spiel- Gerade an der Analogsetzung der Rede mit einem Kör-
arten dessen beleuchtet, was prinzipiell die Forderung per konturieren sich Probleme des S., das nicht als von
an Stoffwahl- und -anordnung (dispositio), an den Cha- außen hinzutretender Zierrat sondern vielmehr als eine
rakter, an Persuasionstechniken, Überzeugungskraft Qualität der Erscheinung diskutiert wird, in der Außen
und sprachliche Mittel ausmacht, so daß sich am S.- und Innen vermittelt sind, d. h. die sich auf der Grund-
Begriff stets zeitgenössische Modifikationen ethisch lage von Kompositionsprinzipien, Material, Rednerhal-
normativer Setzungen/Ideale, lebenspraktische Kon- tung etc. ergibt und doch hiermit nicht hinreichend her-
ventionen wie wirkungs- oder stilästhetische Maßstäbe geleitet oder erklärt werden kann. S. der Rede im Sinne
abzeichnen. Das Kriterium des S. erhält sowohl explizit, von Anmut (im Unterschied zum Erhabenen) wird
etwa zur ethischen Qualifizierung des Gegenstandes konnotiert mit einer Natürlichkeit, Ungezwungenheit,
(kaloÂn, kalón/honestum in Abgrenzung zu (aiÆsxroÂn, Leichtigkeit, Ausstrahlung, die sich quasi wie von selbst
aischrón/turpe) [3], als auch über Synonyma und sinn- einstellt, ein geheimnisvolles Mehr zeigt. Diese Quali-
verwandte Termini ähnlichen Bedeutungsumfangs eine täten der Anziehungskraft, Anschaulichkeit und zu-
Stelle im rhetorischen System und steht in enger Kor- gleich Natürlichkeit in der Erscheinung stellen Heraus-
relation zum Verständnis des sittlich Angemessenen forderungen an die rhetorische Modellierung einer ana-
(preÂpon, prépon; decorum, aptum) oder Anständigen. logen Durchdringung von sprachlicher Sinngebung und
Im Kontext von Stileigenschaften und -regeln bzw. des Sinnlichkeit, an den Veranschaulichungscharakter un-
Schmuckes (ornatus, gr. koÂsmow, kósmos) der Rede las- körperlicher sprachlicher Mittel bzw. die Evokation von
sen sich eine Reihe rhetorischer Termini anführen, die Wohlgefallen. Hier greift die Auseinandersetzung mit

1143 1144
Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

dem S. in der Rhetorik notwendig auf Fragen der elo- Begriffe für das S. im vorphilosophischen Verständnis
cutio, des Wortschmucks (ornatus, color rhetoricus) wie vielschichtig konnotiert ist, lassen sich doch grundlegen-
der Stillehre i. w. S. aus. Mit der Frage nach den Gegen- de Bedeutungsaspekte unterscheiden: 1) Ausgehend
ständen, charakterlichen Voraussetzungen, Techniken, von der sinnlichen Wahrnehmung bezeichnet kalón die
Mitteln, materialen Bedingungen etc., um sprachlich S. körperlich schöne Gestalt von Sachen oder Personen
zu bewirken bzw. mittels der Rede Wohlgefallen zu evo- bzw. den insbesondere den Gesichtssinn affizierenden,
zieren, stehen stets auch objektive bzw. subjektive Wir- augenfälligen Liebreiz eines Gegenstandes der Sinnes-
kungsbedingungen wie Urteilsmaßstäbe zur Diskussion. wahrnehmung. Nach frühgriechischer Auffassung be-
Darüber hinaus läßt sich das S. im Kontext rhetorischer sitzt das S. eine lustvoll-erotisierende Ausstrahlung, tritt
Diskurse auch als ein «metaphorisches Modell» begrei- über seinen Glanz, seine lichtgleich strahlende Präsenz
fen, um «sich über Sprachkunst zu verständigen.» [4] in Erscheinung und zieht die Blicke auf sich und wird in
III. Philosophie. Die begriffsgeschichtliche Darstel- diesem Verständnis insbesondere anhand mythologi-
lung wird im folgenden die genuin rhetorische Konzep- scher Motive in der Dichtung (Aphrodite, Chariten, Pa-
tualisierung des S. im Kontext der philosophisch- risurteil, Adonis, Ganymed, Helena) thematisch. Die-
theologischen und später ästhetischen Begriffsgenese ser «aphrodisische Grundzug lebendiger Schönheit» [1]
und -verwendung darlegen, um sowohl übergreifende kommt in der frühgriechischen Dichtung wiederholt zum
theoretische Voraussetzungen als auch kontrastierende Ausdruck, so in den Sapphischen Oden [2], bei Theognis
Ansätze sichtbar zu machen, vor allem aber auf wechsel- von Megara [3] oder in bezug auf die schöne Helena bei
seitige Einflußnahmen hinzuweisen. In diesem Zusam- Homer. [4] In differenzierter Betrachtung des verführe-
menhang sind aus philosophischer Perspektive die me- rischen Zaubers und der hinreißenden, erotisierenden
taphysische Grundlegung des S.-Begriffs sowie die Kraft, die der mythischen Schönheitsgöttin Aphrodite
Relevanz der Kategorie des S. innerhalb der praktischen beigelegt werden (als ihre Tochter gilt die listenreich
Philosophie/Ethik einzubeziehen. Zentrale Aspekte überredende Peitho), wird in der allegorischen Rezep-
sind hier die Bestimmung der durch die Sinneswahrneh- tion zwischen einer himmlischen und einer irdischen
mung erfahrbaren, sinnlich-körperlichen S. im Verhält- Göttin der S./Liebe (Aphrodite Urania/Pandemos bzw.
nis zu einer intelligiblen, göttlichen oder innergeistigen Venus caelestis/vulgaris) unterschieden. [5] Damit ist für
Schönheit und deren Erkenntnismodus (objektive vs. die geistesgeschichtliche Theorieentwicklung die Diffe-
subjektive S.), die Frage nach der seelischen S., das Ver- renz von sinnlich-körperlich und intellektual erotisieren-
hältnis des S. zum Begriff des Wahren und Guten als hi- der S. sowie die mitunter rigide Abwertung einer phy-
storische Voraussetzung einer Differenzierung zwischen sisch-affizierenden Lust – so auch in bezug auf sprachli-
dem Sittlich- und dem Ästhetisch-Schönen und schließ- che Auszierung – gegenüber einer zu erstrebenden
lich Aspekte des S. in Kunstheorie bzw. Ästhetik. An der geistigen S. grundgelegt. 2) Unter einem zweiten Bedeu-
ambivalenten Bewertung und Problematisierung der tungsaspekt kennzeichnet ‹schön› (kalón) die einem
psychologischen Wirkqualitäten und -funktionen des S. Zweck gemäße Beschaffenheit eines Gegenstandes, das
brechen sich systematisch konträre Begründungs- und Nützliche oder Taugliche, z.B. ein glücklich gewähltes
Geltungsansprüche philosophischer und rhetorischer Mittel oder einen günstigen Zeitpunkt, bzw. die in
Theorietraditionen. Ein Blick auf Hauptlinien der pragmatischer Absicht spezifische Eignung einer Sache.
abendländischen Geistesgeschichte zeigt aber, daß hier 3) Im Sinne des sittlich S. steht kalón im ethischen
nicht allein das Konkurrenzverhältnis zwischen der rhe- Kontext sowohl für ein sittlich angemessenes, dem
torischen und der philosophischen Tradition im Span- Stand gemäßes Verhalten (entsprechend dem Adjektiv
nungsfeld von Wahrheitsanspruch und Wahrscheinlich- eyÆprephÂw, euprepē´s) als auch für eine tugendhafte Hal-
keitsforderung zu Tage tritt, sondern sich im Zuge dieser tung (im Sinne von aÆgauoÂw, agathós) und fungiert damit
Auseinandersetzung ebenso gar nicht zu unterschätzen- als Bestimmung des sittlich S. im Hinblick auf eine Cha-
de gegenseitige Beeinflussungen in Theorie- und Be- raktereigenschaft, einen moralischen Habitus oder eine
griffsbildung geltend machen. Denn es sind neben phi- Handlungsweise. Als innere Beschaffenheit oder See-
losophisch-theologischen insbesondere rhetorische Kri- lenhaltung, die sich im Gegensatz zum Häßlichen
terien, auf deren Grundlage sich im 18. Jh. die Ästhetik (aiÆsxroÂn, aischrón) in einem moralisch ehrenhaften, ed-
als eigenständiges Gebiet einer Wissenschaft des S. bzw. len oder anständigen Charakter bzw. schicklichen Ver-
der schönen Erkenntnis etabliert. Dieser Prozeß der Ab- halten sowie stattlicher Erscheinung zeigt, weist dieses
lösung eines Begriffs objektiver S. bzw. objektiver Verständnis auf den Kontext der griechischen Adels-
Schönheitskriterien durch die theoretische Begründung ethik. Prototypisch hierfür ist der strahlende Held
subjektiver Schönheitserfahrung und die Auseinander- Achill. [6] Das Homerische Bildungsideal läßt zu Ent-
setzung mit der theoretischen Grundlegung des Ge- schlossenheit, Kampfesmut, Stärke und Wendigkeit
schmacksurteils bzw. der ästhetischen Urteilskraft ist noch eine rhetorische Stärke hinzutreten: «Wohlberedt
unmittelbar mit der Theoriebildung in bezug auf das S. in Worten zu sein und rüstig in Taten.» [7] Vor diesem
in der rhetorischen Tradition verflochten. Hintergrund artikuliert sich mit dem Begriff der Kalo-
kagathie das Ideal einer Person von vornehmer Her-
Anmerkungen: kunft und guter Gesinnung, die sich durch edle Taten
1 vgl. Dockhorn 51ff.; Cic. Or. XXI, 69; Cic. De or. II, 213f. – bzw. gesellschaftliches Pflichtbewußtsein als Ehren-
2 Dockhorn 57. – 3 Lausberg Hb. § 61,3. – 4 J. Jacob: Die Schön- mann im politischen Kontext ausweist. Diese naturge-
heit der Lit. (2007) 65. –
gebene physische wie seelische S. bestimmt auch das
Idealbild des Menschen in der Bildhauerkunst (Praxi-
teles). Das Attribut ‹schön› umfaßt das Ansehnliche als
B. Geschichte. I. Antike. Wenngleich sich anhand Sichtbarwerden des Sittlichen. [8]
der überlieferten Zeugnisse aus der archaischen Zeit kei- Vorplatonische Philosophie. In der philosophischen
ne explizite Theorie oder Begriffsdefinition des S. aus- Auseinandersetzung vor Platon wird das S. als Ausdruck
weisen läßt, sondern die Verwendung der griechischen einer Verhältnismäßigkeit von innerem Zustand und

1145 1146
Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

äußerer Erscheinung in einer Fülle von Konnotationen des S.-Begriffs in differenzierter Betrachtung schärfer
thematisiert, wobei die ethische Grundierung ausschlag- zu konturieren und z. T. kritisch zu revidieren. In Hin-
gebend ist. So lautet ein von Thales überlieferter Aus- blick auf das sittlich S. betrifft dies das griechische Ka-
spruch: «Suche nicht äußerlich zu glänzen, sondern lokagathie-Ideal, das von Sokrates als Ideal sittlicher
durch Streben und Tat Wohlgefallen zu erwecken (eiËnai Vervollkommnung, die auf Bildung beruht, gefaßt
kaloÂn, eı́nai kalón).» [9] Als Inbegriff einer verehrungs- wird. [19] Männer von sittlichem Adel [20] sind kraft der
würdigen Vernunftordnung gründet sich die S. des Kos- Ausstrahlung sittlicher Vollkommenheit verehrungs-
mos nach der Lehre der Pythagoreer auf die Wohlbe- würdiger als jegliche körperliche S. [21] Der Zauber der
messenheit des Kosmos gemäß musikalischer Zahlen- Liebe, der von einer edlen Seele ausgeht, weckt in ge-
verhältnisse. «Was ist das Schönste? Harmonie.» [10] genseitiger Bewunderung der schönen Taten Zunei-
Anaxagoras gilt das Schöne, Wohlgeordnete, Zusam- gung. [22]
menstimmende oder auch Rechtmäßige als Ausdruck In Platons Dialogen wird der Begriff des S. erstmals
einer Vernunftursache. [11] Für Heraklit zeigt der Kos- systematisch als eidetische Voraussetzung, überhaupt
mos als Ausdruck des Logos das höchste Maß an phy- etwas mit dem Attribut schön zu kennzeichnen (sei es in
sisch erfahrbarer Schönheit, die schönste Weltord- sittlicher oder pragmatischer Hinsicht), entwickelt. Da-
nung [12], beruhend auf der schönsten Harmonie des mit reagiert Platon auf relativistische Schönheitsauffas-
einander Widerstrebenden. [13] sungen, insbesondere aber auf den Wissens- und Lehr-
Neben dieser objektiven, idealen Schönheit lassen anspruch der sophistischen Schule. Im Platon zuge-
sich Einzelgegenstände oder moralische Kategorien der schriebenen ‹Hippias Maior› wird in einer inszenierten
Menschen je nur relational als schön kennzeichnen. [14] Unterredung zwischen Sokrates und dem Sophisten
Demokrit verurteilt körperliche S., hinter der sich nicht Hippias von Elis der Konflikt zwischen einem rechen-
Verstand verbirgt, als tierisch. [15] Das S. ist prinzipiell schaftsfähigen Wissens- und Wahrheitsanspruch und
durch ein Gleichmaß zwischen Mangel und Übermaß der relativistischen, politisch wirkorientierten Rede-
gekennzeichnet, und dieses gilt es in ethischer Hinsicht und Handlungsfähigkeit der Sophistik und damit der
zu wahren. [16] Die ethischen bzw. ästhetischen Impli- Widerstreit zwischen Philosophie und Rhetorik proto-
kationen der antiken Auffassung einer auf Vernunft- typisch am Verständnis des S. ausgetragen. Nicht ohne
prinzipien beruhenden kosmischen Ordnung und die ironischen Unterton wird der sophistische Polymath
Übertragung dieser Kriterien auf den Zustand der und Rhetor Hippias als Schöner und Weiser [23], als
menschlichen Seele bzw. der menschlichen Verhältnisse Mann von Nutzen in öffentlichen Angelegenheiten und
sind in der Rezeption weit über die antike Tradition hin- Lehrer der Tugend, der sich darauf verstehe, die Jugend
aus wirksam geworden und schlagen sich auf rhetorische über alle schönen Kenntnisse und Fertigkeiten zu unter-
Prinzipien nieder. Bei aller Divergenz der Ansätze tritt richten bzw. vermöge seiner ganz und gar schön geform-
die Maßstäblichkeit einer überindividuellen, objektiv ten Rede in sittlicher Hinsicht «gar viel Löbliches und
existierenden Schönheitsnorm im Sinne des Vernünfti- gar Schönes an die Hand» zu geben fähig sei, eingeführt,
gen und Guten hervor. um die Frage aufzuwerfen [24]: «Was doch muß das
Im Gegenzug hierzu formiert sich mit der griechi- Schöne selbst sein, damit alles das, was du schön nennst,
schen Sophistik eine für die rhetorische Theoriebildung schön sein wird?» [25] Die radikale Infragestellung her-
wegbereitende Emanzipation pragmatischer Argumen- kömmlicher Auffassungen zielt nicht zuletzt auf die un-
tations- und Redetechniken unter dem Anspruch, ange- zureichende Grundlegung vermeintlichen Wissens bzw.
sichts des Wahrscheinlichkeitscharakters des Erkenn- die trügerische Selbstgewißheit des Sophisten, um im
baren eine nutzenorientierte lebenspraktische Bildung Gegenzug eine zeitlos und für alle gültige Bestimmung
und politische Handlungsfähigkeit zu schulen. Ausge- des S. einzuklagen. An dieser Maßgabe scheitern alle
hend von einer je nur kulturspezifisch postulierbaren sophistischen Definitionsversuche, erweisen sie sich
Verbindlichkeit menschlicher Sitten und Gesetze arti- doch allesamt nur in je spezifischer Hinsicht als gültig
kuliert sich in den Lehren der Sophisten ein relativisti- oder gar widersprüchlich [26], zumindest aber – so das
scher Ansatz. Sind Eigenschaften oder Qualitäten eines Schickliche, Brauchbare oder Angenehme – als mora-
Gegenstandes von der jeweiligen Disposition eines lisch indifferent. [27]
Menschen bzw. seiner nutzungsorientierten Handha- Mit der bewußt gegen die relativistische Ethik der
bung abhängig, ist also der Mensch der Maßstab (Prot- Sophisten angemahnten Bestimmung eines normativ-
agoras) [17] und nicht die etwaige Natur eines Dinges, allgemeingültigen Begriffs [28] opponiert Sokrates auch
dann beruht auch die Auffassung des sittlich Rechtmä- gegen die postulierten Qualitäten der sophistischen Re-
ßigen bzw. des S. im Sinne des Guten/Anständigen auf dekunst. Der psychagogischen Überredung der Rheto-
menschlicher Setzung bzw. auf kulturgeschichtlichen ren fehlt, «wo gut und schön geredet werden soll», so
Konventionen. Wenn sich aus dem ontologisch Gege- Platons prinzipieller Vorwurf, das Wissen um das, «was
benen kein objektives Wahrheitskriterium ableiten läßt wahrhaft gut sei oder schön». [29] Im Kontext der Pla-
– so die skeptizistische Position des Gorgias – erhält die tonischen Ideenlehre muß es etwas «Schönes an und für
rhetorische Überzeugungskunst politisch wie philoso- sich» geben, vermöge dessen anderes partizipativ als
phisch geradezu eine zentrale Funktion für die Mei- schön bestimmt werden kann. [30] Die attrahierende,
nungsbildung kraft sprachlicher Argumentationsmittel. erotisierende Wirkung der schönen Erscheinungen ist
Darin erweist sie die Ambivalenz ihrer Wirkmacht als an die Idee rückgebunden und erhält psychagogische
Medium der täuschenden Überredung. Durchgespielt Qualität. [31] Platon macht sich die tradierten Wirkqua-
wird dies in Gorgias’ ‹Enkomion auf Helena› unter der litäten des S. für seine Ideenlehre zu eigen, akzentuiert
Prämisse, daß die Wahrheit Schmuck für die Rede sei den evokativen Liebreiz der schönen Dinge, Taten,
wie die Schönheit für den Körper. [18] Worte, warnt aber gleichzeitig davor, an der vergängli-
Sokrates, Platon. Es ist der Sokrates Xenophons, der chen S. sein Genügen zu finden. [32] Eros wird zur «Lie-
in Auseinandersetzung mit den sophistischen Lehren be zur Schönheit» [33] im Sinne eines Mittlers zwischen
den Versuch unternimmt, die tradierten Auffassungen irdischer und göttlicher S. und steht als Begehren, wie

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

Platon immer wieder betont, in unmittelbarer Bezie- durch die sich die schöne Rede und damit ein starker,
hung zum Streben nach Glückseligkeit, d. h. dem Besitz urteilsfähiger Geist auszeichnet. [45]
des Wahren und Guten. [34] Die Wirkkraft des S. ist Im Zusammenhang mit der Behandlung der Lobrede,
kein instrumentalisierbares, im rhetorischen Sinne re- ihren Gegenständen und rhetorischen Darstellungsmit-
zeptionsästhetisch nutzbares, situativ bzw. zielorientiert teln definiert Aristoteles in der ‹Rhetorik› als schön
verfügbares Mittel der affektiven Persuasion, sondern das, «was aufgrund seiner selbst gewählt wird und dabei
Ausstrahlung einer normativen Idee, die per se gefällt lobenswert ist, oder das, was gut und dabei aufgrund des
und anagogische Qualität besitzt. [35] Im ‹Symposion› Gutseins angenehm ist.» [46] Dieser Begriff des S. bzw.
wird dies als eine stufenweise Hinführung der Seelen sittlich Ansehnlichen/Edlen, der das Lobens- und Er-
gefaßt, die «plötzlich ein von Natur wunderbar Schönes strebenswerte, Gute/Nützliche und Angenehme in sich
erblicken, nämlich jenes selbst», welches «an und für umfaßt, kennzeichnet im Gegensatz zum lasterbedingt
sich und in sich selbst ewig überall dasselbe seiend» [36] Schändlichen grundsätzlich die Tugend. Eine jede Tu-
ist. In der augenblickhaften Schau dieses «göttlich Schö- gend ist auf ihre Weise bzw. in Hinsicht auf ihren Nutzen
ne[n]» berührt sie das Wahre, wird zur Erzeugung wah- und Handlungsbereich schön, ebenso das, was Tugend
rer Tugend hingerissen [37] und gelangt an das Ziel der hervorbringt, auf Tugend zielt, aus Tugend folgt, d. h.
Schönheitsliebe. Über die Bestimmung des S. und Gu- entsprechende Werke und Handlungen. [47] Dies gilt
ten als Zustand göttlicher Glückseligkeit kennzeichnet nicht nur für die Gegenstände der Darstellung sondern
Platon die Kalokagathie als höchstes sittliches Strebe- auch für die Charakterhaltung des Rhetors, die sich in
ziel. [38] In den Spätschriften akzentuiert Platon in Auf- der Rede manifestiert. Aufgabe der Lobrede ist es, der
nahme pythagoreischer Ansätze die Rolle von Ordnung, Größe der Tugend in Hinsicht auf die innere Haltung,
Symmetrie und Maß im Kontext der eudämonistisch ge- die Zielsetzung, den absichtsgeleiteten Vollzug eines
faßten Schönheitslehre. [39] Handelnden unter Anwendung der angemessenen Stil-
Dem sophistischen, kulturrelativistischen Bildungs- mittel Ausdruck zu verleihen. Der Terminus kalón ge-
verständnis bzw. dem pragmatischen Wissens- und winnt in Aristoteles’ ‹Rhetorik› zwar weitgehend eine
Lehranspruch der Rhetoren setzt Platon mit der Ideen- ethische Bedeutung. Aristoteles verwendet den Termi-
lehre einen normativen Wahrheitsbegriff entgegen. Auf nus ‹schön› aber auch in einem explizit ‹ästhetischen›
dieser Basis artikulieren sich in der Kritik an der Rhe- Sinne. Im Kontext der Stiltugenden empfiehlt er, Me-
torikkonzeption der Sophisten, beispielhaft im ‹Phai- taphern vom S. zu nehmen. [48] Denn die S. des Wortes
dros› [40], zugleich Forderungen an eine kunstgemäße weise sich nicht nur an stimmlichem Wohlklang und
Rede. Wenn eine Rede eine ganzheitliche, einem Le- dem bezeichneten Gegenstand aus, sondern – im Unter-
bewesen analoge Kompositon von Teilen zum Ganzen schied zur häßlichen Wortwahl – ebenso an einer gegen-
nach Maßgabe des Angemessenen (prépon) zeigt [41], standsadäquaten Ausdrucksweise und der damit beim
dazu auf einem dialektisch distinguierten, rechen- Rezipienten evozierten stärkeren sinnlichen Vergegen-
schaftsfähigen Wissen verbunden mit der Kenntnis um wärtigung. «Die Metaphern müssen also von hierher ge-
Seelenarten als Voraussetzung zur Psychagogik und nommen werden, vom Schönen entweder in der Stimme
Kenntnis der Umstände bzw. des geeigneten Zeitpunk- oder in der Wirkung oder im Aussehen oder in einer an-
tes (kairós) sowie dem Wissen um den Einsatz affekter- deren sinnlichen Wahrnehmung.» [49] Grundsätzlich ist
regender Wirkmittel basiert, dann ist die Rede-Kunst es eine sittliche Qualität, die eine veräußerte Rede wie
schön und vollendet. [42] eine Persönlichkeit als schön in Erscheinung treten läßt.
Isokrates, Schüler der Sophisten und Rhetoren, in Die Begriffe des Anständigen und S. werden von Ari-
ethischen Fragen aber auch von Sokrates beeinflußt, stoteles vielfach nahezu synonym geführt. [50] Anders
grenzt sich mit seinem als philosophı́a gefaßten Bil- als die ontologische Grundlegung des S. in einer von den
dungsprogramm gegen die Platonische Philosophie ab. Dingen getrennten Idee (Platon) sind die Formen, in
Er wendet sich aber auch gegen diejenigen Redelehrer denen sich das S. hauptsächlich zeigt, für Aristoteles auf
aus dem Umfeld der sogenannten Sophisten, deren die Ordnung von Teilen zu einem Ganzen bzw., ma-
mangelnde philosophisch-sittliche Bildung in Verbin- thematisch gefaßt, auf Taxis, Symmetrie und Bestimmt-
dung mit selbstgefälliger Eristik und Gewinnsucht er heit ursächlich zurückzuführen. [51] Diese allgemeinen
kritisiert [43], um für eine Redekultur einzutreten, die Kriterien einer Zusammenstimmung und funktionalen
sich durch lebenspraktische Klugheit und situative Einheit finden ihren Niederschlag in den strukturalen
Kompetenz wie eine stilistisch durchgebildete, durch Prinzipien der ‹Poetik›, wonach das S. wie der Körper
Wohlklang und sprachliche Gestaltung ausgezeichenete eines Lebewesens bei zusammengesetzten Gegenstän-
Redeform auszeichnet. Was einen kunstvollen Redner, den nicht nur durch die Anordnung, sondern auch durch
so Isokrates in seiner programmatischen Rede ‹Gegen eine bestimmte Größe bedingt wird; so auch die Exten-
die Sophisten›, ausweist, ist mehr als die Schulung in sion einer Handlung in der Dichtung. [52]
rhetorischen Techniken oder die gleichsam mechani- So weit sich die Systematisierung der aristotelischen
sche Beherrschung sprachlicher Instrumentarien. Es ist ‹Rhetorik› bei seinem Schüler Theophrast rekonstru-
die persönliche Begabung, die, wenn durch vorbildliche ieren läßt, begründet Theophrast auf der Basis des drit-
Lehrer zur Ausbildung gebracht, sich in Gegenstands- ten, der Lexis gewidmeten Buches der aristotelischen
wahl und sprachlicher Gewandtheit an drei Kriterien ‹Rhetorik› eine Stillehre, die vier grundlegende Tugen-
einer schönen und d. h. zugleich moralisch-nützlichen den des Stils bestimmt: sprachliche Reinheit (eëllhnis-
Rede unter Beweis stellt: «Die Reden können nämlich moÂw, hellēnismós), Klarheit (safhÂneia, saphē´neia),
nicht gut [schön] sein, wenn in ihnen nicht die Umstände Angemessenheit (preÂpon, prépon) und schließlich die
und Angemessenheit und die Neuheit berücksichtigt stilistische Ausfeilung bzw. den Schmuck (kataskeyhÂ,
ist.» [44] Neben der Redesituation und Gegenstands- kataskeuē´; koÂsmow, kósmos), der hiermit einen konsti-
wahl bzw. dessen (politischer) Bedeutung ist es insbe- tutiven Status erhält und in den in der Folgezeit weiter
sondere die Angemessenheit als passende Gedanken- ausdifferenzierten stiltheoretischen Systematisierungen
verknüpfung, sprachliche Rhythmik und Klanggestalt, rhetorischer Tugenden einen festen Platz einnimmt.

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

Über das Verhältnis der vier maßgeblichen Philo- in sich enthält, und dies nennt man Schönheit.» [63] Die
sophenschulen nach Platon bzw. die Rekurse zum rhe- Analogie zur körperlichen Wohlproportioniertheit in
torisch S. sind kaum verläßliche Zeugnisse erschlossen. Verbindung mit einer gesunden Augen-, Haar- und
Die Epikureer weisen grundsätzlich, angesichts einer Hautfarbe ist ausschlaggebend für den rhetorischen Be-
asketischen, von der politischen Welt distanzierten Le- griff von S. Damit wird vor allen Dingen explizit, daß S.
bensführung, rhetorische Lehre wie öffentliche Re- kein bloß äußerliches, gar trügerisches Schmuckwerk
depraxis zurück, lediglich die epideiktische Rede scheint ist, sondern Ausdrucksform eines Gesamtzustandes.
hiervon aufgrund ihres sinnlichen Genußwertes ausge- Das Sichtbarwerden der Tugend in entsprechenden
schlossen. [53] Die Konnotation des S. mit dem Luster- Verhaltensweisen in Rede wie Tat ruft Wohlgefallen
regenden, Begehrten oder Genußvollen in Schriften des hervor. Die Engführung von sittlicher und ästhetischer
Hellenismus wie der Kaiserzeit ist möglicherweise von Urteilskraft weist, beeinflußt durch stoische Philoso-
epikureischen Ansätzen beeinflußt. pheme, auch auf die rhetorische Begriffsbildung bzw.
Nach der Seelenlehre des Stoikers Panaitios von das Ethos des Redners. Ehrenhaftigkeit (honestas) um-
Rhodos, dessen Philosophie maßgeblich über die faßt das «Anstandsgefühl» und «eine Art Schönheits-
Schriften Ciceros überliefert ist, zeichnet sich die Sin- sinn» in bezug auf Lebensgestaltung, Maßhalten, die
neswahrnehmung des Menschen als Vernunftwesen – Beherrschung der Leidenschaften. [64] Cicero übersetzt
im Unterschied zum Tier – durch eine spezifische Emp- das griechische prépon, die Grundlage der Beredsam-
findungsfähigkeit für Ordnung, Angemessenheit (quod keit, mit dem lateinischen Terminus decorum (das Ge-
deceat) und das rechte Maß in Worten und Taten ziemende, Anständige). [65] Dies gilt in je spezifischer
aus. [54] Die von der Sinneswahrnehmung ausgehende, Weise für die Gesprächsführung wie die öffentliche Re-
vernunftgeleitete Urteilsfähigkeit bezieht sich auf das de, d. h. den Redner als vir bonus resp. honestus, der sich
ethisch wie ästhetisch S. [55], wobei die sinnliche Auf- in der jeweiligen Redesituation in seiner Charakterfe-
fassungsgabe durch ein geradezu künstlerisches Urteils- stigkeit und rhetorischen Gewandtheit ausweist. [66]
vermögen (iudicium artificiosum) bestimmt ist. [56] Das- Die moralisch-ästhetisch geprägte Definition des S. geht
jenige, was auf Sinneswahrnehmung und Vernunft wir- mit der rhetorischen Verwendung der Begriffe decorum
kend, durch seine Erscheinung ein ethisch-ästhetisches bzw. honestum einher. Ciceros Konzept der Ausbildung
Wohlgefallen auslöst, ist bei Panaitios mit dem Begriff zum vollkommen Redner (orator perfectus) mißt sich an
prépon gefaßt, um, so Pohlenz, «zwischen dem Wesen einer unerreichbaren, idealen Beredsamkeit.
des Schönen, das auf Maß und Harmonie beruht, und Die Schwierigkeit, das S. über objektiv allgemeine
seiner Erscheinung begrifflich zu scheiden und damit die Kriterien auszuweisen, um technische Regeln bzw. Be-
Wirkung des Schönen auf das menschliche Subjekt zu urteilungsmaßstäbe formulieren zu können, zugleich
erklären. Diese Wirkung geht aber vom Körperlich- aber demjenigen gerecht zu werden, was sich kraft der
schönen wie vom Sittlichguten aus. Wir haben also ein sinnlichen Anmutung bzw. eines als lustvoll erfahrenen
Recht, das Sittlichgute kalón zu nennen.» [57] Für Pan- Gemütszustandes für das Urteil als ästhetisch-ethisch S.
aitios schließt das sittlich S. das Nützliche nicht etwa aus, in der Erscheinungsweise zeigt und damit über eine be-
denn allein das Sittlich-S. ist gut. [58] Cicero spricht dem griffliche Faßlichkeit hinausweist, findet ihren Aus-
Menschen in Rekurs auf Panaitios, dessen Ethik eine druck in der Verwendung konnotativer Bestimmungen
maßgebliche Vorlage für ‹De officiis› und die darin for- dessen, was die S. der Rede kennzeichnet. Dies betrifft
mulierte Korrelation zwischen dem Ehrenhaften (ho- in bezug auf die Wahl der Stilformen und die affektive
nestum) und Angemessenen (decorum) ist, als vernunft- Wirksamkeit des Schmuckes (ornatus) die Farbe (color)
begabter Natur eine Wahrnehmungsfähigkeit zu für das, und Frische (sucus) in Kombination mit einer gewissen
«was Ordnung sei [was sich schickt – in Taten und Wor- Strenge, den Liebreiz (suavitas, griech. hëdyÂw, hēdús)
ten], was das rechte Maß.» Analog dem Sehvorgang, mit bzw. die Süße (dulcitudo orationis) der Rede [67], die
dem allein der Mensch die S. (pulchritudo), Anmut (ve- Harmonie (concinnitas), Glanz und Betonung etc. Da-
nustas) und Harmonie von Teilen (convenientia) wahr- bei sind Übermaß, falscher Prunk oder aufgesetzte
zunehmen in der Lage ist, glaubt die Geistseele um so Pracht als Auslöser von Überdruß zu meiden. [68] Die
mehr noch, daß «Schönheit (pulchritudo), Festigkeit sinnliche Fülle der Unterbrechungen und Kontrastie-
(constantia) und Ordnung (ordo) in Planungen und rungen bedarf der Varietät, um vor der Urteilskraft (ani-
Handlungen gewahrt werden müssen.» [59] Eben dies mi iudicium) Bestand zu haben. [69] Das Modell, an dem
kennzeichnet das honestum als das von Natur am mei- sich diese Bestimmung von Komponenten der schönen
sten Lobenswerte und die je spezifische Ausdrucksweise Rede im Zusammenspiel orientiert, ist wiederum der
der vier Kardinaltugenden, wobei sich das Geziemende Körper. Doch über diese Kompositionsprinzipien des
insbesondere in der Mäßigung manifestiert. [60] Das Tu- Körpers der Rede, der in den genera dicendi seine je spe-
gendhafte ist um seiner selbst willen schätzenswert. [61] zifische Ganzheit findet, Kunst wie Natur erscheinen
In Relation zum Begriff des Schicklichen, das der Eh- läßt, geht noch ein Moment hinaus: die venustas, Plinius’
renhaftigkeit nach außen tretend Ausdruck verleiht, for- Übersetzung des griechischen xaÂriw, cháris [70], für Ci-
muliert Cicero Parallelen zum S.: «Wie Anmut und cero «ein Hauch von Anmut (venustas), der nicht ge-
Schönheit des Körpers sich nicht sondern lassen von schminkt, sondern durchblutet wirkt» [71], eine leben-
Gesundheit, so ist dieses Schickliche [...] ganz ver- dige Ausstrahlung, die in der Rede wie in der wun-
schmolzen mit der Tugend.» [62] Im Hintergrund steht derbaren Fügung der Natur ein Höchstmaß an Nutzen
das Ideal der Kalokagathie. Entsprechend der körper- (utile), Würde (dignitas) oder «oft auch Schönheit
lichen S., bestimmt durch die angemessene Zusammen- (venustas)» zeigt. [72] Hier deutet sich eine Qualität von
stimmung der Glieder in Verbindung mit einer angeneh- S. in der Erscheinung an, die in der Differenzierung von
men Farbe, ist die S. des Geistes gekennzeichnet durch Würde/Größe und Anmut/Grazie nicht nur auf die äs-
«eine Gleichmäßigkeit der Meinungen und Urteile und thetische Antithetik von S. – Erhabenheit in der Theo-
eine Beständigkeit und Festigkeit und Sicherheit, die riebildung des 18. Jh. verweist, sondern zugleich ein äs-
der Tugend nachfolgt oder die Kraft der Tugend selbst thetisch irreduzibles Moment körperlich-performativ

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

anmutiger Präsenz betont, das in der geistesgeschichtli- Differenzierung aus, die für die Definition des An-
chen Auseinandersetzung mit der S. bzw. dem Gefallen mutigen/Schönen im Sinne der humanitas im Unter-
am S. als «je ne sais quoi» thematisch wird. schied zum Würdigen/Erhabenen im Sinne eines emo-
In der ‹Rhetorica ad Herennium› warnt der Autor im tionalen, gleichsam übermenschlichen Entgrenzungs-
Zusammenhang mit den für epideiktische Reden zuläs- zustandes für die Ästhetik des 18. Jh. wegbereitend wird
sigen Paronomasien davor, dieses Stilmittel in anderen und bei Quintilian an anderer Stelle – in Anschluß an die
Zusammenhängen anzuwenden, sofern hiermit nicht bereits bei Cicero formulierte Differenzierung von Cha-
nur die Glaubwürdigkeit und Autorität des Vortragen- rakterhaltung und nach außen tretender Erscheinungs-
den leide, sondern vor allem die nachhaltige Wirkmacht weise in qualitativer Distinktion von Anmut (venustas)
der Rede selbst, die sich zwar mit (kurzlebigem) Reiz und Würde (dignitas) – in der Unterscheidung von iu-
(lepos) und Eleganz (festivitas) präsentiere, nicht aber cunditas und gravitas aufgenommen wird. [79]
mit Würdigkeit (dignitas) und S. (pulchritudo). Wie in Ist bei Cicero die starke Bindung der Stilvorschriften
Ciceros rhetorischen Schriften gilt es in Hinsicht auf ein der schönen Rede an das rhetorische Ethos bzw. die sitt-
dauerhaftes Wohlgefallen eine Übersättigung durch liche Urteilsfähigkeit und Integrität des politisch enga-
kurzfristig glanzvolle (lepida) und wohlklingende (con- gierten Rhetors gebunden, so wird in der Kaiserzeit vor
cinna) Stilmittel zu meiden. [73] S. bzw. Würde als re- dem Hintergrund des nachhaltig wirksamen Streites um
zeptionsästhetische Kategorien erfordern einen geziel- das rhetorische Sprach- und Stilverständnis (Attizismus
ten, sparsamen, angemessenen, abwechslungsreich an- vs. Asianismus), vor allem aber im Zuge politischer Ver-
gelegten Gebrauch von Stilmitteln. änderungen ein Verfall der Redekunst zum Gegenstand
In Quintilians ‹Institutio oratoria› findet der Begriff der Kritik. [80] Dieser Prozeß eines Niedergangs ist aber
der S. (pulchritudo) nur vereinzelt Verwendung. Der zugleich ein Zeugnis für die Veränderung des Aufga-
Sache nach wird die S. der Rede als wirkungsästhetische bengebietes der Rhetorik in Theorie und Praxis. Von ih-
Kategorie im Zusammenhang mit den Stilmitteln des rem traditionellen gesellschaftlichen Kerngebiet, der öf-
Ornatus [74] wie der rhetorischen Affekterregung be- fentlichen Rede, verlagern sich Bildungsanspruch und
handelt. In seiner Rechtfertigung der Wirkkraft der Theorieentwicklung auf das Gebiet der schriftlichen
Rede (vis orandi) und ihrer Nützlichkeit gegen den Rede bzw. auf Grundsätze der Literaturkritik. [81] Bei-
Vorwurf, gerade aufgrund ihrer affektiven Wirkmacht spielhaft hierfür sind die Schriften des Dionysios von
vermöge es die Rhetorik, die schlechtere Sache zur bes- Halikarnassos, der vor dem Hintergrund seiner histo-
seren zu machen, argumentiert Quintilian damit, daß rischen Dreischrittlehre von Aufstieg, Verfall und Wie-
der mögliche Mißbrauch einer Kraft nicht diese selbst deraufleben der Rhetorik einen ekklektizistischen At-
diskreditiere, sondern den unredlichen Redner. Rhe- tizismus konzipiert [82] und, an Isokrates anschließend,
torik als Wissenschaft gut zu reden ist nicht bloße Über- eine enge Verzahnung rhetorischer Ausbildung und Tä-
redungskunst zu beliebigem Gebrauche, sondern setzt tigkeit mit einer umfassenden theoretischen wie alltags-
zunächst einen guten Redner voraus, um ihren Nutzen praktischen Bildung postuliert. Die Schulung gilt nicht
entfalten zu können. [75] Ist dies gegeben, kann selbst vorrangig der politischen Ausdrucksfähigkeit, sondern
dann, wenn der Gegenstand der Rede an sich schon der kritischen Einschätzungsfähigkeit der verschriftlich-
Achtung verdient (honestum), die Rede ungleich grö- ten Kunstprosa, d. h. der Literaturkritik als Fähigkeit,
ßere Wirkung entfalten, wobei die – hier sittlich kon- bildungsrelevante Gegenstände aufzufinden, selektiv
notierte – S. des Gehaltes vom Glanz der Rede über- aufzugreifen und in wirkungsvoller Sprachform päd-
strahlt wird («pulchritudinem rerum claritas orationis agogisch nutzbar zu machen. Zwei Komponenten sind
inluminat»). [76] Die Kraft der Rede besitzt eine an- für alle Arten von Reden konstitutiv: die Wahl der Ge-
thropologisch begründete Dignität, einen Nutzen als genstände und die sprachliche Ausdrucksqualität. Wäh-
kulturstiftendes Medium, sofern sie als kommunikative rend ein Urteilsvermögen in Hinsicht auf den Sachge-
Veräußerungsform des menschlichen Geistes Voraus- halt einer Rede nur in einem langen Ausbildungsgang zu
setzung politischer Gemeinschaftsbildung und zwi- erwerben ist, zeigt sich die Affinität zur Ausdruckskraft
schenmenschlicher Verbindlichkeit ist und darüber hin- bereits an der Liebe zur schönen Literatur [83] und be-
aus einen gleichsam ästhetisch-affektiven Überschuß an darf einer Anleitung, wie sie Dionysios mit seiner lite-
Kraft zeigt: «Ist nicht schon dies schön (pulchrum), mit raturkritischen Schrift ‹De compositione verborum›
den allen gemeinsamen Gedanken und Worten, die alle vorlegt. Eine gelungene Rede, sei es in Versdichtung
gebrauchen, es zu solchem Ruhm und Glanz zu bringen, oder Prosa, setzt zwar eine dezidierte Gegenstandswahl
daß man nicht zu sprechen und zu reden (loqui et orare), und ein entsprechendes stilistisch angemessenes Wort-
sondern [...] zu blitzen und zu donnern (fulgere ac to- material voraus, doch in Hinsicht auf das Wirkpotential
nare) scheint?» [77] ist eine musikalisch rhythmisierte und melodisch sorg-
Die affektive Vereinnahmung als Außer-Kraft-Set- fältig gefügte Komposition unter prinzipieller Berück-
zen einer rein sachgerechten rationalen Abwägungsfä- sichtigung der Angemessenheit und als Bedingung der
higkeit führt bei Quintilian auf die Unterscheidung von Klarheit und Deutlichkeit unbedingt primär. Die har-
Pathos und Ethos in Differenzierung der Intensitäts- monische Fügung der Diktion garantiert die persuasive,
modi von Affekterregung wie von rhetorischen Haltun- Gefallen erregende Qualität. Wird die geforderte Har-
gen. Kennzeichnet das Ethos einen gefälligen, sanften monie der gewählten Ausdrucksmittel vernachlässigt,
Affektzustand, der den Hörenden liebenswert und an- führt dies in einer strukturlosen, gleichsam unmelodi-
genehm (amabile et iucundum) erscheint, sofern hier schen Rede geradewegs zur Zerstörung des Aussage-
eine humane (humanum), sittliche Haltung eines Red- gehalts. [84]
ners seine Worte durchstrahlt, so steht Pathos für eine Dionysios akzentuiert an einer Fülle von Beispielen,
Redegewalt, die stärkste Affektzustände zu evozieren daß es die Kompositionstechnik ist, auf die die Schön-
oder in ein Höchstmaß an Vehemenz zu steigern vermag heit der Rede in erster Linie zurückzuführen ist. [85] In
und dabei den Erregungsgrad des Redners als Authen- der kompositorischen S. liegt die Anziehungskraft von
tizitätskriterium voraussetzt. [78] Hier prägt sich die Verskunst wie Kunstprosa, denn die Komposition zielt

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

darauf, Lust und Schönheit auszulösen. [86] Dabei ge- sich – gegen Cicero – nicht in den Bahnen des Natur-
hen der Gefühlszustand der Lust und die Affektion des und Pflichtgemäßen bzw. Nützlichen [98], sondern hier
Verstandes unmittelbar miteinander einher – dies ist der überschreitet das Denken oftmals geradezu das Gege-
entscheidende Aspekt dieser rhetorischen Theorie eines bene, die Ordnung der menschlichen Welt und weist
ästhetischen Urteils: Eine sprachliche Komposition be- damit auf eine anthropologische Bestimmung des Men-
währt sich gleichermaßen durch ihren sinnlich-lusterre- schen, ein Streben nach dem Außergewöhnlichen,
genden Reiz, vermittelt durch Frische, Grazie, Wohl- Übermenschlichen, das den herausragenden Redner
klang, Süße und Glaubwürdigkeit wie durch Qualitäten auszeichnet.
des Schönen, die die Verstandeskräfte ansprechen, so Als eines der wirkmächtigsten rhetorischen Lehr-
das Eindrucksvolle, Feierlichkeit, Strenge, Würde und werke der Kaiserzeit gilt die von Hermogenes von Tar-
Sanftheit. [87] Dionysios formuliert in seinen Schriften sos vorgelegte Schrift ‹Über den Stil›. Die rhetorische
grundlegende Überlegungen zu den Bedingungen äs- Ideenlehre, die auf die Schulrhetorik, Literaturkritik
thetischen Wohlgefallens bzw. eines Geschmacksurteils, wie praktische Redekunst der byzantischen wie grie-
das sich auf Sinnlichkeit und Verstand gründet. Das chisch-römischen Kultur seit der Spätantike bis in die
zeigt etwa die Auseinandersetzung mit den Kennzei- Frühe Neuzeit, vermittelt durch Georg von Trapezunt,
chen einer vollendeten nachahmungswürdigen Kunst- großen Einfluß nimmt, setzt an die systematische Stelle
prosa, die kraft ihrer Eloquenz, sprachlichen Schönheit, des dreigliedrigen Modells der genera dicendi eine Klas-
rhetorischen Brillanz auf den ganzen Geist wirkt, wobei sifikation von sieben Ideen bzw. Bausteinen und ent-
«das irrationale, kritische Moment der Seele, vermöge wirft hiermit eine komplexe Strukturtheorie stilistischer
dessen wir zwischen Lustvollem und Unangenehmem Funktionsbezüge, Kombinationsmodi wie ästhetischer
unterscheiden können» und «das Denken, welches Prüf- Analysekriterien. Innerhalb der Systematik wird die
stein für das Schöne in einer jeden Kunst ist», ebenso Idee des S. in genereller wie besonderer Hinsicht be-
übereinstimmen wie das Urteil sachkundiger Experten, stimmt. [99] Im umfassenden Sinne umfaßt S. verbun-
ausgewiesener Stilisten und der nichtspezialisierten den mit Sorgfalt, die Wohlgeformtheit der Rede in Hin-
Menge der Rezipienten angesichts einer perfekten sicht auf die Verbindung von Gedanken, Inhaltsfunk-
«Übereinstimmung zwischen dem rationalen und dem tion und sprachlicher Diktion. [100] In Verbindung mit
irrationalen Kriterium» [88]. Um dies zu erreichen, kann anderen Bausteinen muß eine ausgewogen komponier-
sich die literarische Prosa sowohl an nachahmungswür- te Rede, «die klar ist und Gewicht hat und Würde, not-
digen Beispielen schöner Kunstprosa wie an Elementen wendig auch eine gewisse Schönheit und rhythmische
einer poetischen S. und Grazie orientieren. Umgekehrt Stimmigkeit besitzen, wenn sie nicht unharmonisch und
ist es zulässig, daß die Poesie sich an Vorbilder aus der grob werden soll.» [101] Wie bei einem Körper, dessen
schönen Prosa anlehnt. [89] Dionysios nivelliert damit einheitlicher Charakter sich durch die Farbe als Aus-
nicht die Aristotelische Distinktion zwischen Dichtung druck seiner Gesundheit vermittelt, sind Symmetrie
und Prosa, sondern akzentuiert ästhetische Wirkquali- und Zusammenklang der Teile in Fügung zu einem
täten der Komposition [90] bzw. Kriterien eines ästhe- einheitlichen Ganzen einhergehend mit der Farbe der
tischen Urteils. Rede, gleichsam mit dem Gesamtkolorit als Ausdruck
Pseudo-Longin reagiert in seiner Schrift ‹Über das einer stimmigen Komplexion von Stilelementen, Be-
Erhabene› auf die Auswüchse eines leeren Pathos und stimmungsgründe des S. [102] Hermogenes greift hier
einer gekünstelten Stilistik und Schwülstigkeit. Zwar explizit auf Platons Vergleich der Rede mit dem Kör-
tragen «stilistische Schönheit und erhabener Ausdruck, perbau zurück. [103] Die Analogie zu einem in sich
weiter auch die Anmut» zu einer gelungenen Rede wohlgefügten Körper, dessen Farbe die innere Harmo-
bei [91], aber in der Übertreibung, Geziertheit, Effekt- nie als Gesamteindruck sichtbar macht, durchzieht die
hascherei liegen auch die Gründe des Scheiterns. Wie- Charakterisierung des S. in der rhetorischen wie moral-
derholt ist es die Analogie zu einem ebenmäßigen, or- philosophischen bzw. ästhetischen Tradition als ein im-
ganisch durchgebildeten Körper [92] im Gegensatz zum mer wieder aufgerufener Topos. Hermogenes legt den
aufgedunsenen, geschwollenen, anhand deren Longin Akzent auf die Komposition von Elementen einer Rede
das erhabene Kunstwerk der Rede mit dem künstli- und den daraus erwachsenden Gesamteindruck, wobei
chen, häßlichen Schwulst kontrastiert. Die wahrhaft die ethische Konnotation der schönen Rede zurücktritt.
große, die Seele erhebende Rede weist sich für das Ur- Diesem Ansatz gemäß bestimmt er im Unterschied zur
teilsvermögen durch ihre unmittelbare Kraft aus, der allgemeinen Definition der einer Rede inhärenten S.
man sich gar nicht entziehen kann. [93] Longin bezieht diejenigen stilistischen Merkmale der lexis, die in be-
den Begriff des unwillkürlichen Wohlgefallens wie die sonderer Weise zur S. der Diktion beitragen. Hier han-
organologischen bzw. harmonischen Implikationen des delt es sich um die persuasiv-affektive Anwendung von
Maßvollen als Kriterien des S. in der Sprache [94] ein. Stilmitteln (Wortwahl, -verbindung und Satzstrukturen,
Doch auschlaggebend für die Befähigung zum erhabe- Figuren, Tonfall, Rhythmus etc.), die, gleichsam von au-
nen Stil sind die individuell herausragende, naturgege- ßen an die Rede herangetragen, den ausgezeichneten
bene Seelengröße des Redners oder Dichters, das kon- Schmuckcharakter einer Rede kennzeichnen und die
zeptuelle Vermögen sowie ein Begeisterung erregendes ornamentative Absicht zu erkennen geben. [104] Die
Pathos. Hieran mißt sich der Gebrauch der hinzukom- stilistischen Mittel, die auf Ebene der Lexis der Idee der
menden, erlernbaren rhetorisch-stilistischen Fähigkei- S. subsumiert werden, stehen mit anderen Elementen
ten (Tropenanwendung, Wortwahl, Satzbau), [95] die einer Rede in besonders enger Verknüpfung oder auch
den erhabenen Gestand der Rede erstrahlen lassen, ihm Kongruenz, so mit den Ideen der Reinheit, Brillianz
attrahierenden Zauber und Glanz verleihen, gleichsam und Blüte sowie der Süße und Einfachheit [105], wo-
Leben einhauchen und zum Sprechen bringen. «Denn durch sowohl die Schlichtheit bzw. das Unprätentiöse
wirklich bilden schöne Worte das wahre Licht des Ge- der schönen Rede, aber auch ihre Affinität zum Poeti-
dankens.» [96] Das Ungemeine, Große, Außergewöhn- schen als Grund ihrer Gefälligkeit hervortreten. Her-
liche, in seiner Erhabenheit zugleich das S. [97] bewegt mogenes verdeutlicht dies an Beispielen – neben Re-

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

kursen auf Isokrates oder Platon vor allem an der Re- cap. 27 (371), ed. W.K. Pritchett (Berkeley, CA 1975) 21f. –
dekunst des Demosthenes. 89 ders. [83] 3, 25 und 26. – 90 vgl. C.C. de Jonge: Between Gram-
mar and Rhet. Dionysius of Halicarnassus on Language, Lin-
Anmerkungen: guistics and Literature (Leiden 2008) 324. – 91 Ps.-Long. Subl. 5.
1 W. Perpeet: Antike Ästhetik (1961) 26ff. – 2 Sappho, Frg. 27a – 92 ebd. 10, 1; 40, 1; 43, 5. – 93 ebd. 7, 4. – 94 ebd. 32, 7. – 95 vgl.
D, in: Sappho: Lieder, griech./dt. hg. von M. Treu (1991) 34/35. – ebd. 39, 3. – 96 ebd. 30, 1. – 97 vgl. ebd. 35 2. – 98 ebd. 35, 3–5. –
3 Theognis, Elegien I, 17–18. – 4 Homer, Ilias III, 156–165. – 99 vgl. Th. Schirren: Niveau der Textgestaltung, in: U. Fix, A.
5 vgl. Xenophon, Symposion VIII, 9; Platon Symposion 180d. – Gardt, J. Knape (Hg.): Rhet. und Stilistik/Rhet. and Stylistics.
6 Homer [4] XXI, 108. – 7 ebd. IX, 443. – 8 vgl. Sappho [2] Frg. 49 Ein int. Hb. hist. und systemat. Forschung. An Int. Handbook of
D; Arist. EN I 9, 1099a27, vgl. Aristoteles, Ethica Eudemica Historical and Systematik Resarch, 2. Hbd. (2009) 1425–1444,
1214a 1–8; Theognis [3] 255f.; Euripides, Bakchen III, 880–884, 1441f. – 100 Hermogenes, Peri ideon, in: Hermogenis Opera, ed.
123 und 132. – 9 Thales, in: VS 11, A 1, 37; vgl. VS 10, 3 d; Dio- H. Rabe (1913) 296, Z. 15ff.; vgl. C.W. Wooten: Hermogenes’
genes Laertios I, 37, 21. – 10 VS 58, C 4 (Iamblichus: Vita Py- On Types of Style (Chapel Hill, NC 1987) XVIII und 159. –
thagorae 82); VS 58, D 4 (Stobaios IV, 1, 40); vgl. VS 58, D 8 101 ebd. 296, Z. 7–10; Wooten [100] 54; vgl. G. Lindberg: Stud. in
(Iamblichus: Vita pythagor. 8, § 203). – 11 Anaxagoras VS 59, A Hermogenes and Eustathios. The Theory of Ideas and its Ap-
100 (Aristoteles, De anima I, 2, 404b1). – 12 Heraklit VS 22, B plication in the Commentaries of Eustathios on the Epics of
124. – 13 ebd. B 8; vgl. Arist. EN q 2. 1155b4. – 14 ebd. B 83, vgl. B Homer (Lund 1977) 75. – 102 Rabe [100] 296, Z. 25–297, Z. 8. –
82; VS 22, B 102. – 15 Demokrit VS 68, B 105. – 16 ebd. B 102, 103 Plat. Phaidr. 264c. – 104 Lindberg [101] 76; Rabe [100]
vgl. B 191. – 17 Protagoras VS 80, B 1. – 18 Gorgias, Helena, § 1, 299,8–9 und 308,14 und 21ff. – 105 vgl. Wooten [100] 56, 58f., 64. –
vgl. Gorgias von Leontinoi. Reden, Frg. und Testimonien, ed.
Th. Buchheim (1989). – 19 vgl. Xenophon [5] III 4; vgl. II, 4. –
20 ebd. I, 1. – 21 ebd. VIII, 23. – 22 ebd. VIII, 32. – 23 Platon, II. Spätantike und Christentum. Die Anknüpfung an
Hipparchos I, 281a. – 24 ebd. 286a f., 286d, 287d. – 25 ebd. 288a. – den eidetischen Schönheitsbegriff Platons sowie deren
26 ebd. 286d, 289e; 294c; vgl. 294a ff. – 27 ebd. 295c-e; 297c ff. – einheitsmetaphysische Transformation wird in Plotins
28 ebd. 298b. – 29 Plat. Phaidr. 259e–260a, vgl. Symposion
198b-e. – 30 ebd. 100b-e; vgl. Plat. Pol. V 476b-d, 479a, VI 507b;
neuplatonisch ausgerichteten Schriften in seiner Kritik
Kratylos 439d; Euthydemos 301a. – 31 ebd. 246d. – 32 vgl. ebd. an stoisch geprägten Definitionen des S. deutlich. Maß,
238a, 250e–251a; Platon, Symposion 180e–181b. – 33 ebd. 201a, Symmetrie und Harmonie nebst begleitender Farbe sind
vgl. 204b. – 34 ebd. 202d, vgl. 205d–206a. – 35 ebd. 206d-e. – keine hinreichenden Kriterien. Vielmehr ist das S., sei es
36 ebd. 210e–211b. – 37 ebd. 211c, 211e–212a. – 38 ebd. 207a , im Bereich des Wahrnehmbaren, in der Zusammenfü-
202c-d. – 39 Platon, Timaios 87c. – 40 vgl. Plat. Phaidr. 264e– gung von Worten bzw. in der Musik, in Tätigkeiten,
279c. – 41 ebd. 264c. – 42 ebd. 272a. – 43 Isokrates, Helena, §§ 1– Handlungen, Zuständen, Wissenschaften oder Tugen-
13; vgl. Chr. Eucken: Isokrates. Seine Positionen in der Ausein- den vermöge der Teilhabe an einer intelligiblen Idee
andersetzung mit den zeitgenössischen Philosophen (1983) 7ff. –
44 Isokrates, Gegen die Sophisten, § 13; vgl. § 16. – 45 vgl. ebd.
schön, die sich in Form und Gestalt zeigt, so daß auch
§§ 16–17; vgl. M. Pohlenz, Tò prépon. Ein Beitr. zur Gesch. des Gegenstände, die kraft ihrer einheitlichen Form nicht
griech. Geistes, in: Nachrichten von der Ges. der Wiss. zu Göt- aus Teilen gefügt sind, von ihrer Prägung durch eine ra-
tingen, philol.-hist. Kl., Fachgruppe I, 16 (1933) 53–92; ders.: tionale Form zeugen. Plotin akzentuiert damit einen Be-
Kleine Schr. 1, hg. von H. Dörrie (1965) 100–139, zit. 102. – griff der inneren S. der Seele, die ihren höchsten Grund
46 Arist. Rhet. I, 9. 1366a33 übers. und erl. v. Chr. Rapp, 1. in einer sich in allem mitteilenden transzendenten Ein-
Halbbd. (2002) S. 45f. – 47 ebd. I, 9, 1366b 25–27; vgl. Rapp [46] heit hat, lichtmetaphysisch gefaßt als Ausstrahlung oder
Bd. 2, 390–398. – 48 Arist. Rhet. III, 2, 1404b. – 49 ebd. 1405b Glanz einer intelligiblen S. des Einen, Guten und Er-
16–18. – 50 vgl. Arist. Top. 135a13, vgl. 102a6; vgl. Pohlenz [45]
53–92, siehe 53ff und 76 ff, ders.: Kleine Schr. 1 100–139, zit. 102.
sten. Die Schönheitserfahrung vollzieht sich über die
– 51 Arist. Top. III, 116b21; Metaphysik 1078a36. – 52 vgl. Arist. Einkehr der Seele in sich, als innergeistige Verähnli-
Poet. 1447a9f; 1450b–1451a; 1452a10 und 32; 1453a12, 19 und chung mit dem Ziel der Schau des transzendenten Ei-
23. – 53 vgl. Quint. XII, 2, 25; vgl., Art. ‹Rhet.›, Systemgesch., nen. Der Begriff einer geistigen, körperlosen S. be-
Antike, in: Rhetorik. Begriff – Geschichte – Internationalität, stimmt Plotins Verständnis künstlerischen Schaffens als
hg. v. G. Ueding (2005) 94. – 54 vgl. Cicero, De officiis I, 14. – ein auf die Form (eı́dos) gegründete Bewältigung des
55 vgl. M. Pohlenz [45]; Stoa II, 197. – 56 vgl. Cicero, De natura künstlerischen Gegenstandes [1] und übt eine große
deorum II, 145–146. – 57 Pohlenz [45] 121. – 58 vgl. ebd. [45]; Ci- Wirkung auf die Folgezeit aus.
cero [54] III; Nachrichten von der Ges. der Wiss. zu Göttingen
(NGG), I, 1, 1–40, in: ders. Kleine Schr. I (1965) 255. –
Geprägt durch die ciceronische Tugendlehre und
59 Cicero [54] I 4, 14; Panaetii Rhodii Fragmenta, hg. von M. van Rhetorik setzt Augustinus – für die Folgezeit nachhal-
Straaten (31962) Frg. 98. – 60 Cicero [54] I, 4, 15. – 61 ders. De tig wirksam – das S. mit dem Tugendhaften bzw. sittlich
finibus II, 44; vgl. ders. [54] II, 9, 32. – 62 ebd. [54] I, 27, 95. – Guten (honestum) gleich, das vor dem geistigen Auge
63 ders. Tusculanae disputationes IV, 31. – 64 vgl. hierzu SVF durch sich selbst gefällt. [2] Von Cicero dezidiert abwei-
III, 272. – 65 Cicero [54] II, 9, 32; vgl. Cic. Or. 70–71. – 66 vgl. E. chend führt Augustinus eine strikte Unterscheidung
Bader: Rede-Rhet., Schreib-Rhet., Konversationsrhet. (1994) zwischen dem Genuß (frui) des Guten (honestum) und
105ff. – 67 Cicero, Laelius de amicitia 66. – 68 vgl. ebd.; ders, De dem Gebrauch-Machen (uti) des Nützlichen (utile) ein.
or. III, 96–98, 161. – 69 ebd. III, 99–100; vgl. ebd. III, 102ff. –
70 Plinius, Historia naturalis 35, 79ff. – 71 Cic. De Or. III, 199. –
Damit erfährt die ciceronisch geprägte Formel, gut wer-
72 ebd. III, 178. – 73 Auct. ad Her. IV, 32. – 74 Quint. VIII, 3. – de genannt, was um seiner selbst willen erstrebenswert
75 ebd. II, 16, 11. – 76 ebd. 10. – 77 ebd. 19. – 78 ebd. VI, 2, 8–28. – sei, eine grundlegende Transformation. [3] Indem Au-
79 vgl. ebd.VI, Prooem., 11. – 80 vgl. Ueding/Steinbrink 37–40. – gustinus begrifflich zwischen dem S. (pulchrum) «als
81 vgl. K. Heldmann: Antike Theorien über Entwicklung und das, was sich an sich gut ausnimmt» und dem Angemes-
Verfall der Redekunst (1982). – 82 vgl. T. Hidber: Das Klassi- senen «als das, was sich erst in der Angleichung an an-
zistische Manifest des Dionys von Halikarnass (1996) 39ff. – deres gut ausnimmt» differenziert, läßt sich das zweck-
83 Dionysius Halicarnassus, De verborum compositione, in: freie, ganz um seiner selbst willen Liebenswerte nun mit
Dionysius of Halicarnassus. The Critical Essays II, ed. G.P. Go-
old, with an English translation by Th. Usher (1985). – 84 ebd. 3,
dem höchsten metaphysischen Guten identifizieren,
S. 25. – 85 ebd. 3, S. 28/29. – 86 ebd. 10–11, S. 68/69ff.; vgl. Dionys d. h. mit dem Sittlich-Guten (honestas), das Augustinus
von Halicarnass, On the style of Demosthenes, 47–49, in: Dio- in Rekurs auf neuplatonische Voraussetzungen als in-
nysios von Halicarnassus, Critical Essays I (1974) 419–427. telligible S. bestimmt. Diese unsichtbare S. wird in allem
87 Dionysios [83] 11; S. 70/71–72/73. – 88 ebd.: On Thucydides, sinnlich S. offenbar. Gegenstand des Genusses sind al-

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

lein die unsichtbaren schönen, d. h. sittlich guten Dinge Im Kanon der septem artes liberales, der in die mit-
und in letzter Hinsicht Gott. Sittliche wie künstlerische telalterliche Rezeption vor allem über Martianus Ca-
bzw. sinnlich wahrnehmbare S. werfen die Frage danach pellas enzyklopädisches Lehrgedicht ‹De Nuptiis Phi-
auf, was der Grund dafür ist, daß wir etwas als schön lologiae et Mercurii› eingeht, wird die Rhetorik als
respektive schicklich und damit als Gefallen hervorru- Brautjungfer von erhabenster Körperhaltung und auf-
fend beurteilen. In ‹De vera religione› zeigt Augustinus, sehenerregendem, strahlendstem Schmuck vorgestellt,
daß S., beurteilt als Zusammenstimmung (convenientia) königlich gerüstet mit gleißenden Waffen (vis oratoria)
ähnlicher Teile zu einem Einheitlichen, auf ein Urteils- zeigt ihr Gewand vielfarbig Figuren und Zeichen (ora-
vermögen der Seele zurückgeht, die über einen intelli- tionis ornamenta), gefaßt von einem edelsteinbesetzten
giblen Begriff von Einheit verfügen muß. Die höchste Band in allen Farben (colores orationis). Die Allegorie
Übereinstimmung (summa convenientia) findet der in- der Rhetorik, gekennzeichnet durch sublimitas und ex-
nere Mensch in sich selbst, im innerseelischen Genuß celsitas, besitzt Talent, beherrscht das gesamte Reper-
der göttlichen Wahrheit. [4] Eingebettet in die christli- toire rhetorischer Techniken und Stilmittel, brilliert
che Eschatologie ist alle körperlich-sichtbare, vergäng- durch Exzellenz und überwältigende Wirkmacht der
liche S. Widerschein der göttlichen Wahrheit und erin- Rede. [13] «Wenn sie denn spricht – was für ein Mienen-
nert die Seele an eine verlorene erste S. Die gesamte spiel und Klang der Stimme, was für Vorzüglichkeit, Er-
Schöpfung ist kraft der göttlichen Weisheit und neidlo- habenheit der Rede (excellentia celsitudoque sermo-
sen Güte eine kunstvolles Gewebe [5] und verweist in nis)!». [14] Die weibliche Allegorie, die hier eine Syste-
Ordnung und Zahlhaltigkeit auf eine geordnete Über- matisierung antiker Rhetoriklehren, vor allem Ciceros,
einstimmung, die als schön beurteilt wird. [6] Dieses programmatisch vorstellt, ist selbst eine Personifikation
Ordnungsmaß selbst ist der Seele kraft der göttlichen von S. der Rede.
Wahrheit bzw. Christus gegenwärtig. [7]
In kritischer Auseinandersetzung mit und transfor- Anmerkungen:
mativer Aneignung von Prinzipien der antiken Rheto- 1 vgl. Plotin, Enneaden V, 8. – 2 Cicero, De finibus II, 44; vgl.
riklehre entwirft Augustinus in ‹De doctrina christiana› Augustinus, Confessiones IV, 13, 20. – 3 Augustinus, De diversis
quaestionibus LXXXII, quaestio 30; vgl. Confessiones IV, 15,
ein Lehrbuch einer christlichen Hermeneutik, die so- 24, vgl. Doctr. I. – 4 vgl. Augustinus, De vera religione XXXIX,
wohl Regeln des Textverständnisses wie der Vermitt- 72, 202, übers. v. W. Thimme (2001) 122–123. – 5 vgl. ebd.
lung umfaßt. Grundsätzlich hat für den christlichen ora- XXXIX, 72, 201. – 6 vgl. ebd. XLIII, 80, 231. – 7 vgl. Augusti-
tor (Beter u. Redner) die Hinwendung zu Gott Vorrang nus [3] c. 30, in: ML 40, 19–20; ders. [4] c. 32, n. 59; ML 34, 148
vor der Fähigkeit, als Redner (dictor) aufzutreten. Die und c. 39, n. 73; ML 34, 154. – 8 vgl. Aug. Doctr. IV, 15. 32. 87 und
drei officia oratoris bzw. die entsprechenden genera di- 17. 34. 96ff. – 9 ebd. 19. 38. 106. – 10 vgl. ebd. 12.27.77. – 11 ebd.
cendi greift Augustinus auf. Die unterschiedlichen Stil- 20. 42.118. – 12 ebd. 12. 27. 75f. – 13 vgl. Mart. Cap. V, § 426f, in:
ebenen, d. h. das Verständnis der Wahrheit kraft der Be- Martianus Capella, ed. A. Dietz (1949) 211. – 14 Mart. Cap. V,
§ 428, Übers. von H.G. Zekl (2005) 158.
lehrung (docere/schlichter Stil – intelligenter audire), das
Wecken von Bereitwilligkeit kraft schöner Ausdrucks-
weise (delectare/mittlerer Stil – libenter audire) und die
Hinführung zum Gehorsam kraft erschütternder Rede III. Mittelalter. Unter Karl d. Gr. lebt in der karolin-
(flectere/erhabener Stil – oboedienter audire) im Dienst gischen Kultur die Auseinandersetzung mit der Spätan-
der christlichen Unterweisung können in ein und der- tike auf. [1] Der am Kaiserhof lehrende angelsächsische
selben Rede Anwendung finden. [8] Eine bloße sprach- Theologe Alkuin warnt in seiner im Dienste einer christ-
liche Gefälligkeit oder Süße (suavitas delectabilis) weist lichen Tugendethik als politische Lehrschrift formulier-
Augustinus zurück. Sofern, anders als bei Cicero, der ten und an Cicero geschulten ‹Disputatio de rhetorica›
Gegenstand der christlichen Rede (Gott, die Verhei- vor der Hingabe an die sinnlichen Freuden der «pul-
ßung) je schon groß ist, bezieht sich die Differenzierung chritudo infima», die allein als Hinführung auf die Liebe
nach Stilebenen und Funktionen auf die Aufnahmebe- Gottes gerechtfertigt ist, der «die ewige Schönheit (pul-
reitschaft der Hörenden für die Heilsbotschaft. So dient chritudo aeterna), Lieblichkeit, Süße, das Wohlduften-
die dem mittleren Stil (genus moderatum) zugehörige de, Erfreuliche, immerwährende Ehre und ungetrübtes
Lobrede der Verkündigung. Mit seinem Gotteslob ent- Glück ist.» [2] Die tugendethische Ermahnung weist ana-
zündet der Redner «ein gewaltiges Feuerwerk von log auf die Hinwendung zur höchsten, unvergänglichen,
prächtiger und glänzender Rhetorik» [9], wobei nicht die gleichsam synästhetisch erfahrbaren S. in Gott. Das auf-
«pulchra dictio» sondern die vermittels ihrer ausgelöste gerufene Vokabular (suavitas, iucunditas, dulcitudo als
Wahrheitserkenntnis erfreut. [10] Der erhabene Stil lateinische Bestimmung von griechisch glykýtēs) erlaubt
(genus grande), ausgerichtet auf die Bekehrung, führt eine Parallele zu den so bestimmten rhetorischen Stilei-
nicht durch schmuckvolle Ausdrucksweise (ornatus ver- genschaften bzw. der Frage der rechtmäßigen Anwen-
borum) auf die Liebe zur Wahrheit, sondern sucht kraft dung von Stilmitteln in Rede- und Textgestaltung. [3]
seiner Leidenschaftlichkeit Gewalt über den Geist zu Hrabanus Maurus, Schüler Alkuins, entfaltet den alle-
gewinnen, denn «er wird durch seinen eigenen Schwung gorischen, sinnbildlich verweisenden Charakter der har-
getragen und reißt die Schönheit der Redeweise (pul- monischen S. anhand seiner Musik- und Literaturtheorie
chritudo elocutionis), wenn er ihr begegnen sollte, mit und anhand der Ausprägung in Figurengedichten. [4]
der Gewalt der Gegenstände (vis rerum) fort und legt sie Als Übersetzer und Kommentator des ‹Corpus Dio-
sich nicht aus Sorge um die Zierde (decorum) zu.» [11] nysiacum› vermittelt Johannes Scotus Eriugena die in
Wie bereits Cicero und Quintilian differenziert Augu- der negativen Theologie des Ps.-Dionysius Areopagita
stinus zwischen der schönen, d. h. stilistisch wohlgefüg- angelegte Theorie der S. an das lateinische Mittelalter.
ten, Gefallen auslösenden Rede des gemäßigten Stils Die lichte Ausstrahlung der göttlichen Güte macht eine
und der Wirkmächtigkeit der erhabenen Redeweise, die jede Gotterscheinung (Theophanie) als symbolische Of-
aufgrund der Kraft der Sachverhalte und ihrer Anord- fenbarung einer überseienden S. erfahrbar. [5] Die ge-
nung Erschütterung hervorruft. [12] samte sichtbare Welt wie die singulären Naturdinge, die

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

heiligen Sakramente wie die Sprachgestalten der Hl. wie Eleganz, Grazie, kunstvoll ausgeschmückte An-
Schrift sind bildhafte Erscheinungsweisen («imaginatio- mut [20] programmatisch diskutiert. Matthäus von
nes») einer «pulchritudo invisibilis». [6] Wie schon bei Vendôme kennzeichnet in seiner ‹Ars versificatoria› die
Ps.-Dionysios teilt sich die absolute göttliche S. («abso- geschmackvolle Form (forma elegans) – elegans ist be-
luta divina pulchritudo») [7] in allem Symbolisch-S. mit, reits bei Albert, in Rekurs auf die aristotelische Topik,
evoziert Liebe und verweist kraft der S. auf sich zurück. eine Attributierung des S. [21] – in Verbindung mit der
Diese rhetorische Funktion bzw. hermeneutische Her- kunstvollen Zusammenfügung der Glieder und Süße der
ausforderung der metaphorischen Allgegenwart Gottes Farbe als Schönheitskriterien. Die dichterische Eleganz
findet ihren Niederschlag in den «divina eloquia» [8], ei- ist gleichermaßen dreifach konstituiert, d. h. beruht auf
ner göttlichen Beredsamkeit, die sich in der Hl. Schrift in der inneren S. der Gedanken, dem Wortschmuck und
Bildern, Zeichen und uneigentlicher Rede zum Men- dem modus dicendi [22], umfassend Tropen und colores
schen herabläßt, sich imaginativ zur Erscheinung bringt. rhetorici. Inhärente Form und externer Ausdruck, d. h.
Gottes Selbstmitteilung in «heiliger Beredsamkeit (no- der liebliche Gehalt eines Gedichts (interior favus), der
bis ex sacris eloquiis expressa)», die sich über Vernunft feine Ausdruck im festlichen Gewand der Worte und der
und diskursives Denken hinaus auf «höhere Klarheiten color dicendi bedingen sich [23] wie bei einem von Geist
(superiores clariates)» bezieht, macht alles Erscheinen- belebten Körper. Galfrid von Vinsauf macht innere
de als symbolische Ausstrahlung der «göttlichen Reden und äußere Farbigkeit der Rede (se sermo coloret intus et
(divinorum eloquiorum radius)» [9] interpretierbar. exterius) zur Bedingung eines sowohl geistigen als auch
Nach Ansicht des Wilhelm von Auvergne, Verfas- sinnlichen Wohlgefallens. [24] Erst im Zusammengehen
ser einer göttlichen Redekunst bzw. Gebetslehre (‹De des Ornats von Gedanken wie Wortwahl löst ein Ge-
rhetorica divina sive Ars oratoria eloquentiae divi- dicht, gleich einem vorzüglichen Gemälde, Gefallen aus,
nae› [10]), sind in Gott S. (pulchritudo), Süße (suavitas) wobei der belebenden Seele des poetischen Körpers [25],
und Güte (bonitas) nicht zu unterscheiden. [11] In der d. h. dem Genuß am geistigen Gehalt, die konstitutive
Abhandlung ‹De bono et malo› (1228) setzt er anhand Funktion zukommt. [26] In der Stillehre gibt Galfrid dem
der Gegenüberstellung moralischer Qualitäten das S. artificialis ordo Vorrang. In Schriften zur ars dictaminis
(pulchrum) mit dem Tugendhaften (honestum), Gezie- aus der einflußreichen Bologneser Schule, so in Guido
menden oder Angemessenen (decor, decorum) gleich. Fabas ‹Summa dictaminis›, ist es die schönere Disposi-
Die von Wilhelm konstatierte, moralphilosophisch ein- tion der Wortfolge, an der sich sprachliche S. aus-
gebettete [12] Konvergenz des pulchrum mit dem Be- weist. [27] Zumeist an Exemplasammlungen konzep-
griff des honestum bezieht sich explizit auf antike Rhe- tualisierte Fragen der Stillehre, des ornatus bzw. des co-
toriklehren, vor allem auf die einschlägigen Stellen bei lor rhetoricus [28] werden auch in deutschen Traktaten
Cicero [13], die im Mittelalter als klassische Topoi aus des Mittelalters zu Konzepten einer «schoen Retorica»,
Sammelschriften bekannt sind. die schon damals maßgeblich für die blumige Aus-
Thomas von Aquin entwickelt, vielfach bezugneh- schmückung der Rede durch Pretiosen und Einkleidun-
mend auf Ps.-Dionysios, am Verhältnis von bonum und gen wird. [29]
pulchrum, die sich gleichermaßen auf die Form (forma)
gründen, eine erkenntnistheoretische Distinktion. S. Anmerkungen:
sind diejenigen Dinge, die kraft der Sinneserkenntnis ge- 1 vgl. R. Assunto: Die Theorie des Schönen im MA (1996) 82ff. –
2 Alkuin, De rhetorica 46, in: Rhet. Lat. min. 550. – 3 vgl. D.
fallen («pulchra enim dicuntur, quae visa placent»). Chalkomatas: Ciceros Dichtungstheorie. Ein Beitr. zur Gesch.
Denn die quasi-rationalen Sinnesvermögen (Auge, Ohr) der antiken Lit.ästhetik (2007) 167ff. – 4 vgl. Hr. Maurus: De
erfreuen sich an wohlproportionierten Dingen und be- universo, in: ML 111, 107–112. – 5 Eriugena: Periphyson, III, 4;
ziehen sich damit auf die Form-Ursache. [14] Gott wird CChr. CM 163, 633B. – 6 Eriugena: In Hier. Coel. I, 511–518. –
attributiv schön (pulcher) genannt als Ursache der Kon- 7 ebd. III, 57; vgl. W. Beierwaltes: «Negati affirmatio. Welt als
sonanz und lichten Klarheit aller Dinge. Die pulchritudo Metapher. Zur Grundlegung einer ma Ästhetik», in: ders.: Er-
spiritualis zeigt sich in menschlichen Rede- wie Hand- iugena. Grundzüge seines Denkens (1994) 141. – 8 Eriugena [5]
lungsweisen (conversatio, actio) in Wohlproportioniert- I, cap. 64; ed. Sheldon-Williams I, 188; CChr. CM 161, 509A-B. –
9 Eriugena [5] I, cap. 65, übers. Noack (1870, neu hg. 1984) 99;
heit bzw. Klarheit, d. h. als tugendhafte Haltung, die um ed. Sheldon-Williams, I, p. 190; CChr. CM 161, 509C-D. –
ihrer selbst willen erstrebenswert und liebenswürdig ist. 10 Guilielmi Alveri Episcopi Parisiensis Opera Omnia (Paris
In diesem Sinne ist das honestum identisch mit der spi- 1674); Guilelmus Arvernus: Opera Omnia, unv. ND d. Ausg.
ritualen bzw. intelligiblen S. (decor spiritualis, pulchri- Paris 1674, Frankf. a. M. (1963). – 11 vgl. Wilhelm von Auver-
tudo intelligibilis). Das Gute gefällt durch diese spirituale gne, De universo IIa-IIae, c. 120, in: Opera omnia, (Orléans
Liebenswürdigkeit, den Lichtglanz des S. [15] 1674) p. 970a; vgl. D.H. Pouillon: La beauteé, proprieté trans-
Inrhetorisch-literaturästhetischenTraktatenwieDich- cendentale, chez les Scolastiques (1220–1270), in: Archives d’hi-
tungen des Mittelalters [16] finden die theologisch-phi- stoire doctrinale et littéraire du moyenage 21 (1946) 266. –
12 Pouillon [11] (1946) 269. – 13 Cic. Inv. II, 157; De off. I, 27, 95
losophischen Auseinandersetzungen insofern einen Wi- und I, 38, 98. – 14 Th. von Aquin: Summa Theologica I, q. 5, art.
derhall, als bereits in den frühen Enzyklopädien sich die 4, ad 1. – 15 ebd. II-II, q. 145, a. 2 co. – 16 A. Cizek: Das Bild von
Idee der schönen Literatur [17], in Rückgriff auf die me- der idealen Schönheit in der lat. Dicht. des Frühma., in: MlatJb
taphysische S. in Formeln wie scribere pulchre, litteris 26 (1991) 5–35; P. Godman (Hg.): Latin Poetry and the Classical
pingere, pulchritudo chartarum, versis scripti aureis zeigt. Trad. Essays in Medieval and Renaissance Literature (Oxford
Dies umfaßt Buchilluminationen, Schreibkunst, die rhe- 1990). – 17 Cassiodorus: Variarum IX, 21; ML 69m c, 787. –
torische Kunst des schönen Ausdrucks [18], die S. der 18 ders.: De Artibus ac Disciplinis Liberalium Literarum I; ML
res-verba-Beziehung bzw. der literarischen Komposition 70, c. 1152. – 19 A. Marino: The Biography of «The Idea of
Literature». From Antiquity to the Baroque (Albany, NY 1996)
in Anknüpfung an die antike Rhetoriktradition. Litera- 60f. – 20 E. De Bruyne: Études d’Estheétique Médiévale (1946)
rische S. wird gefaßt über den color rythmicus, die colores II, 25. – 21 vgl. Albert: Summa theolog. I, q. 26, c. I, art. 2 iii; vgl.
rhetorici, flores rhetorici, rhetorica dictio), d. h. in Rekurs Arist. Top. I 3, c. 11 (116b20–21). – 22 M. de Vendôme: Ars ver-
auf den rhetorischen Begriff des Ornatus. [19] Im Kon- sificatoria, p. 151, n. 1; 134 , n. 68, 167f, n. 2, in: Faral; vgl. De
text der Etablierung einer poetria nova werden Stilideale Bruyne [20] II, 26ff. – 23 ders.: Ars versificatoria, 153f, n. 9–11,

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

in: Faral; vgl. De Bruyne [20] II, 33. – 24 Galfrid von Vinsauf: und gar durchblutete Farbigkeit, die sich über die Kom-
Poetria nova V., 737 und V., 1947ff, in: Faral, 220 und 257; vgl. position ausbreitet, konstituiert wird. [3] Diese die Kom-
De Bruyne [20] II, 28. – 25 ebd.: Documentum 3, n. 1–2; in: Faral, position der Rede transfundierende Qualität der pul-
p. 284f.; vgl. De Bruyne [20] II, 40. – 26 vgl. Galfried von Vinsauf:
Poetria nova V., 739ff., in: Faral [24] 220. – 27 F. Quadlbauer:
chritudo bzw. venustas definiert die Farbe der Rede. Sie
Zur Theorie der Komposition in der ma. Rhet. und Poetik, 122, gilt auf allen Ebenen rhetorischer Komposition als
in: B. Vickers, Rhet. Revalued. Papers from the Int. Soc. for the grundlegend, um durch Wohlgefälligkeit Aufmerksam-
History of Rhet. (Binghamton, NY 1982); Ch. B. Faulhaber: keit zu erreichen. [4] Im Unterschied hierzu ist die S. der
The Summa dictaminis of Guido Faba, in: Murphy ME 85–111. – Diktion als Redeschmuck definiert. Grundsätzlich ba-
28 vgl. U. Kühne: Art.: ‹Colores rhetorici›, in: HWRh, Bd. 2 siert pulchritudo bzw. venustas auf varietas. [5] S. ist hier
(1994) 282–290; J. Knape, D. Till: Art. ‹Ornatus›, in: HWRh, Bd. also zunächst in einem umfassenden Sinne qualitativ als
6 (2003) 432–440. – 29 R. Hausner: Die Rhet. des Genusses in Gesamtkomposition einer Rede in bezug auf das Ver-
deutschsprachigen Texten des MA, in: L. Kolmer (Hg.): Rhet.
des Genusses (2007) 48ff. –
hältnis von Gehalt (res), Gestaltgebung und Wirkung
definiert. Hiervon unterschieden steht sie im Besonde-
Literaturhinweise: ren für die Stilistik/Schmucklehre.
W. Tatarkiewicz: History of Aesthetics (1970/74). – W. Perpeet: J.C. Scaliger greift in seinen ‹Poetices libri septem›
Ästhetik im MA (1977). – G. Binding, A. Speer (Hg.): Philos. die einschlägige Definition des Hermogenes in der la-
und geistiges Erbe des MA (1994). – Jan A. Aertsen. The Triad teinischen Terminologie auf. Auch kállon hat er mit
«True-Good-Beautiful». The Place of Beauty in the Middle Hilfe zweier Wörter wiedergegeben: «Die venustas
Ages, in: M.C. Pacheco, J.F. Meirinhos (Hg.): Intellect et ima- (Anmut) und die pulchritudo (Schönheit) ist bei allem,
gination dans la philosophie médiévale (Intellect and imagina-
tion in medieval philosophy). Actes du XIe Congres internatio-
woraus eine Rede besteht, eine gewisse convenientia
nal de philosophie médiévale de la société internationale pour (Angemessenheit) und ein modus (Ausgewogenheit),
l’étude de la philosophie médiévale. (2004–6) Vol. I, 415–435. – begleitet von einem gewissen Saft und einer gewissen
V.O. Lobsien, C. Olg (Hg.): Neuplatonismus und Ästhetik. Zur Eigenschaft, die als Färbung der Rede hervorleuch-
Transformationsgesch. des Schönen (2007). – M.J. Carruthers: tet.» [6] Scaliger legt, in Rekurs auf Cicero, den Akzent
Rhet. beyond words: delight and persuasion in the arts of the auf die Differenzqualität der venustas, sofern sie an die
Middle Ages (2010). Schönheit gebunden ihre darüberhinausweisende Voll-
kommenheit ausmacht, und kritisiert den Ansatz des
Hermogenes grundlegend. Nicht Angemessenheit, son-
dern die Beschaffenheit der Teile ist die Voraussetzung
IV. Humanismus, Renaissance. Eine breite Auseinan- für S. der Rede: «Die Schönheit (pulchritudo) eines
dersetzung mit der antiken Rhetorik setzt mit der Wie- Ganzen ist das Aussehen (species), das auf dem modus,
derauffindung und Edition der späten Rhetoriktraktate der figura, dem situs (Anordnung), dem numerus
Ciceros, der ‹Institutio› Quintilians sowie dem Verfüg- (Rhythmus) und dem color seiner Teile beruht.» Diese
barwerden einer Vielzahl von griechischen, lateinischen Beschaffenheit erst garantiert die Proportion der Rede
sowie hellenistischen Schriften zur Rhetorik seit der und «aus Proportion Angemessenheit, aus Angemes-
Wende zum 16. Jh. ein. [1] Eine explizite Auseinander- senheit Schönheit. Da Schönheit aber, wie Gesundheit,
setzung mit dem S. bzw. der schönen Rede findet sich in vieles umfaßt, wird für strenge [...] Urteile als ihre höch-
theoretischen Abhandlungen im Zusammenhang mit ste Vollkommenheit und ihr größter Liebreiz (venustas)
der Rezeption der Rhetorik des Hermogenes von Tar- die Anmut (gratia) gelten.» S. im Sinne der Anmut ist an
sus, die im 16. Jh. zunächst über die Edition der ‹Rhe- die kompositorisch durchgebildete Rede in der Erschei-
tores Graeci› (Aldus 1508) bekannt wird, vor allem über nungsweise gebunden und gilt für Scaliger als Eigen-
die lateinischen Vermittlung durch Georg von Trape- schaft einer Rede auf allen Stilebenen. [7] Im Unter-
zunt Aufnahme findet und schließlich in gesonderten schied dazu ist dignitas (Würde) eine Eigenschaft allein
Ausgaben wie rhetorischen Sammeleditionen, z.B. über des hohen Stils (grandiloquus). [8] Wenngleich die Ver-
J. Taurellus [2], verfügbar wird. zahnung der Formenlehre des Hermogenes mit der klas-
Der griechische Humanist Georg von Trapezunt sischen Stillehre kein konsistentes poetologisches Kon-
legt mit seinen ‹Rhetoricorum libri V› (1472) eine Sy- zept ergibt [9], zeigt sich auch hier das Bemühen, die
stematisierung rhetorischer Prinzipien und Vorschriften Unterschiede des S. bzw. Erhabenen herauszuarbeiten.
in Rekurs auf die antike Tradition vor. Zur Konzep- Der protestantische Rhetoriker und Bildungstheo-
tualisierung der lateinischen Stillehre (elocutio, suavitas retiker J. Sturm, der u. a. den griechischen Text der Rhe-
verborum), für deren mustergültige Form Cicero fir- torik des Hermogenes von Tarsos ediert sowie eine la-
miert, bezieht er sich nicht nur auf Aristoteles und Dio- teinische Übersetzung und Kommentierung heraus-
nysios von Halikarnassos, sondern auch auf die von Her- bringt [10], nimmt in seinen rhetorischen Schriften und
mogenes von Tarsos überlieferte Einteilung in sieben kommentierten Editionen antiker Rhetoriklehren im-
Redeformen bzw. -tugenden. Dabei wird die lateinische, mer wieder bezug auf das Konzept der Redetugenden
zumeist von Cicero geprägte Terminologie auf System- (virtutes orationis) des Hermogenes. Er will so mit Ele-
elemente der griechischen Rhetoriklehre übertragen. So menten aus der Rhetorik Ciceros [11] den natürlichen
lassen sich die Begriffe venustas und pulchritudo für Zusammenhang von sprachlicher Eleganz und seeli-
Hermogenes’ rhetorische Form (idéa) des kállos einfüh- scher Vortrefflichkeit explizieren und an diesem Red-
ren und als rhetorische Termini etablieren, die aber nerideal die Ausrichtung der schulischen Bildung auf
gleichwohl durch die ciceronische Rhetorik mitbegrün- Frömmigkeit (pietas) begründen. Eine religiöse Einbet-
det sind. Wie bei Hermogenes findet das Modell des le- tung prägt auch L. Carbones ‹De caussis eloquentiae li-
bendigen Körpers Übertragung auf die schöne Rede, so- bri III› (1593), worin «Callos» als Sorgfalt, Schönheit
fern das Bemühen um eine zugleich durch Klarheit, und Achtsamkeit (epimelia, pulchritudo & diligentia) ge-
Größe und Gewandtheit ausgezeichnete Rede eine faßt wird. Die sieben Stilformen des Hermogenes kenn-
Komposition erfordert, die wie eine körperliche Einheit zeichnen Aspekte der Rede eines absolut perfekten
durch eine schöne, d. h. nicht nüchterne, sondern ganz Redners: Analog zur natürlichen Bestimmung des Men-

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

schen über die schöne und erlesene Form verlangt eine definieren. In B. Fazios Darlegung der ciceronischen
vollendete Rede: klare Farbe, Größe, Schönheit der Terminologie wird pulchritudo als Eigenschaft eines Ge-
Glieder und Anmut im Zusammenspiel der Teile, wei- samtkörpers bestimmt, die dignitas (pulchritudo virilis)
terhin Bewegung bzw. eine Agilität des Handelns ver- und venustas (pulchritudo muliebris), Würde und Anmut
bunden mit Mäßigkeit als Ausstrahlung von wahrhafti- als Modi unter sich faßt. Decus steht für die S. als Aus-
ger seelischer Tugend. Darüber hinaus bedarf die wohl- druck des Sittlich-Guten, decorum für Zierde oder
komponierte, von tugendhafter Haltung geprägte Rede Schmuck in Hinsicht auf eine Form. [16] L. Valla, dem
des Schmucks (decorum). [12] es in seinem grammatikalisch-stilkundlichen Werk ‹De
Georg von Trapezunts Anspruch, die zeitgenössi- linguae latinae elegantia› um die Rekonstruktion eines
sche Latinität mittels eines systematisch aufgebauten, reinen, grammatisch fehlerfreien, unvermischten La-
präskriptiven Lehrbuchs zu kultivieren und zu diesem teins nach dem Vorbild stilistischer Eleganz klassischer
Zwecke griechische und lateinische Traditionen mitein- römischer Autoren wie Cicero oder Quintilian geht, der
ander zu vermitteln, insbesondere aber die skizzierte aber gleichzeitig für eine Anpassung an die zeitgemäßen
Hermogenes-Aneigung, stehen am Anfang einer Reihe sprachlich-lebensweltlichen Erfordernisse eintritt, defi-
frühneuzeitlicher Rhetoriktraktate, die eine Reinter- niert decor als eine gewisse Schönheit (pulchritudo), die
pretation des ciceronischen Rednerideals vom Aspekt von der Schicklichkeit (decentia) von Dingen oder Per-
der sittlichen bzw. natürlichen S. der Rede vornehmen, sonen in Hinsicht auf Ort und Zeit sowohl im Handeln
und zwar in Abgrenzung von einem bloßen Rede- oder Sprechen herrührt. Übertragen auf die Tugenden
schmuck. Innerhalb dieser durch die Hermogenes-Re- steht das decorum nicht für das Wohlanständige, sondern
zeption angestoßenen Problematisierung der klassi- für das, was für Menschen und nach der communis opinio
schen Dreistillehre (so bei M. Junius oder F. Portus), tugendhaft, schön und wahrscheinlich ist. [17] Die Eigen-
die in den Barockrhetoriken fortgeführt wird (G.J. Vos- ständigkeit einer zeitgemäßen, gleichwohl auf Cicero re-
sius, J.H. Alsted, B. Keckermann), etabliert sich zu- kurrierenden stilvollen Latinität drückt sich in der Be-
nehmend eine eklektische Ps.-Longin-Rezeption in Hin- rufung auf die quasi körperlichen Qualitäten einer guten
sicht auf die Bestimmung des S. bzw. Erhabenen. [13] Konstitution der Rede wie Blut, Farbe, Schönheit, Kräf-
Einen Schlußstein dieser weitgefächerten Auseinander- te und das Mitreißende der Bewegung aus, die Valla im
setzung stellt das Werk ‹De naturali pulchritudine ora- ‹Antidotum in Poggium› die Haut und Süße seiner Rede
tionis› (1720) des Wittenberger Philosophen und Rhe- nennt [18], also die unkörperlichen Güter des Körperli-
toriklehrers J.W. von Berger dar. Im Kontext der Dis- chen. [19] Dieses lustvoll S. des bene dicere ist Voraus-
kussionen um das Erhabene problematisiert Berger die setzung der erkenntnistheoretischen wie sittlich-päd-
divergierenden Interpretationen und Beurteilungskri- agogischen Aufgaben der Rede. Stärker noch fordert
terien einer natürlichen S. der Rede und führt hierbei Erasmus von Rotterdam eine historisierende Würdi-
Elemente der griechischen, lateinischen wie hellenisti- gung des ciceronischen Stils und weist alle humanisti-
schen Rhetoriktradition, aber auch philosophisch-äs- schen Spielarten eines normativen Ciceronianismus zu-
thetische Ansätze des 17. Jh. zusammen. Die S. der Rede rück. Er stellt die christliche Charakterbildung über alle
basiert auf der wohlgeordneten Komposition in Verbin- rhetorischen Stil-Finessen. Was an Cicero nachahmens-
dung mit Größe und Würdigkeit als Voraussetzung der wert ist, sind nicht «Wortschatz und äußere Form der
natürlichen Farbe und ist in Rekurs auf Ps.-Longin Rede, sondern der Inhalt, die Aussage, der Geist und die
durch fünf Kriterien bestimmt: Vorzüglichkeit der Sen- Urteilskraft.» [20]
tenzen, edelste Seelenerregung, dem Urteil über die Bereits G. Pico della Mirandola hatte – gegen
Schmuckwahl, dem Glanz der Diktion, der Wissenschaft Bembo und das Postulat einer imitativen Maßgeblich-
der Komposition. Das pulchrum in dicendo beruht so- keit der ciceronischen Latinität – als Norm sprachlicher
wohl auf einer Übereinstimmung der Rede mit der ge- S. die eigene Natur bzw., neuplatonisch fundiert, eine
setzmäßigen Natur der Dinge wie, in Hinblick hierauf, innere Idee angegeben, deren S., Abbild der Geistseele,
dem Urteil der Rezipienten, d. h. auf einem Geschmack- den Maßstab nicht nur der sittlichen Verhaltensweisen
surteil (vis existimandi), an dem sich die pulchritudo ora- sondern auch des recte loquendi an die Hand gebe. Die-
tionis mißt. In diesem Sinne ist die S. der Rede in An- ses Ideal vollkommener Beredsamkeit kann sich seiner-
lehnung an Ps.-Longin für Berger dadurch bestimmt, seits auf Ciceros platonistische Begründung einer «spe-
daß sie die Natur in der Kunst in einer Weise zum Aus- cies perfecta eloquentiae» berufen. [21] Die Kontrover-
druck bringt, als sei sie selbst Natur («ut ipsa esse natura sen um strikte Imitation versus historische Adaption,
videatur»). Durch diesen Ausdruckscharakter (effigies) um Eklektizismus oder stilistische Eigenständigkeit ist
der Natürlichkeit, nicht durch die Nachbildung, nötigt damit keineswegs für eine Seite entschieden. Sie zeigt an
die schöne Rede jedermann Beifall ab. [14] dieser Stelle die Überlagerung von rhetorisch-sprach-
Ein anderer Strang der zeitgenössischen humanisti- theoretischen und philosophisch-metaphysischen Dis-
schen Debatten ist bestimmt durch z. T. heftige Kontro- kursen.
versen um die imitatio Ciceroniana bzw. den Geltungsan- Eine christlich-platonistische Fundierung der Debat-
spruch und die Normativität der imitatio auctorum. Wie ten um das S. zeigt sich in der Renaissance im Rekurs auf
bereits bei Petrarca wird für die frühen italienischen die philosophisch-metaphysische Tradition, insbeson-
Repräsentanten des sogenannten Renaissance-Cicero- dere die Kunsttheorie, die aber zugleich eine maßgeb-
nianismus wie G. Barzizza oder G. Verone die Wieder- liche Prägung durch den Rückgriff und die Transforma-
belebung einer eleganten lateinischen Sprache nach dem tion rhetorischer Prinzipien bzw. Terminologien erfährt.
Ideal des ciceronischen Stils zur Grundlage, um die ars Das Werk des M. Ficino – Übersetzer und Kommentator
dictaminis zu reformulieren. [15] Die Problematisierung der Schriften Platons, Plotins und des Corpus Dionysi-
adäquater Aneignungsformen stilistischer Eleganz nach acum – nimmt eine zentrale Rolle in Hinsicht auf die
ciceronischem Muster bzw. einer Akkomodation an den Vermittlung der mittelalterlichen Traditionsbestände
zeitgenössischen Sprachgebrauch zeigt sich in Versu- (Lichtmetaphysik, Maßästhetik, Form-Begriff) mit ei-
chen, die Terminologie der klassischen Rhetorik klar zu nem emphatisch formulierten christlichen Platonismus

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

ein, der seine Ausprägung in der nun weitgreifenden Re- bildenden Anspruch zu erheben. So beruft sich P. Bem-
flexion auf Prinzipien des S. in zeitgenössischen Trakta- bo zur Rechtfertigung des Volgare als Literatursprache
ten zum S. findet. Ficinos metaphysische Begründung auf die Distinktion von Würdigkeit und Wohlgefäl-
des S. bleibt in der christlichen Theologie verankert, er- ligkeit; letztere wird durch das gesamte Bedeutungsfeld
öffnet aber über die Rehabilitierung der Furor- und von Anmut, Süße, Leichtigkeit und spielerischen Scherz
Inspirationslehre, über die Eros-Philosophie wie die gefaßt. [26] Insgesamt aber finden in den poetologisch-
lichtmetaphysischen Spekulationen eine breite Ausein- rhetorischen bzw. literaturästhetischen Abhandlungen,
andersetzung mit dem S. in den Künsten. S. ist Lichtent- die in der Renaissance das humanistische Konzept des
faltung des göttlichen Wesen, Hingabe in Liebe, die alles poeta orator ablösen und nun vor allem an die Poetik des
durchdringt und mit einem Liebreiz evozierenden Horaz und Aristoteles anknüpfen, die platonistisch
Schmuck wirkmächtig wird, Verlangen weckt, sei es als orientierten philosophischen bzw. kunsttheoretischen
sittlicher Charakter, als musikalische Harmonie oder in Theorien zum S. – im Unterschied zur Aufnahme der
schöner Gestalt, so daß Ficino zwischen den Erkenntnis- Furor-Lehre – keinen expliziten Niederschlag. Reflexio-
zugängen zum S. bzw. den Veräußerungsmodi kraft des nen zum S. im Bereich der Poesie zeigen sich in Inspi-
Verstandes, des Gehör und des Gesichtssinn unterschei- rations- und Enthusiasmustopoi, in der paragonalen
det, um S. als nach außen tretende Erscheinung einer Diskussion um das ut pictura poiesis-Diktum, im Mime-
prinzipiellen inneren Vollkommenheit (Güte) zu be- sis-Verständnis, in wirkungsästhetischen Fragen delek-
gründen. Diese lockenden Erscheinungsmodi des S. faßt tierender Belehrung (A. Viperano) oder der Analog-
Ficino als Grazie, gemäß den mythologischen Chariten setzung des dichterischen Sprachvermögens mit der gött-
aufgeschlüsselt in splendor, den Lichtglanz der Seelen- lichen Welterschaffung bzw. der Erzeugungskraft der
schönheit; viriditas, die süße Anmut in Gestalt und Far- Natur (Sidney, Badius) zumeist ohne systematisch ver-
be; letitia, die Freudigkeit kraft musikalischer Harmo- tieft zu werden.
nie. [22] Die S. ist unkörperlich, zeigt sich körperlich in Vor aristotelischem Hintergrund diskutiert G. Fra-
actus, vivacitas und gratia (aktualer Bewegtheit, Lebhaf- castoro im ‹Naugerius sive de poetica dialogus› (1533)
tigkeit, Anmut), ist Widerstrahl der Idee. Maß, Anord- das officium des Dichters im Unterschied zum persuasiv
nung, Proportion, Gestaltung sind lediglich Vorberei- agierenden Rhetor bzw. zum Lehrinteresse des Philo-
tungen eines Gegenstandes zur Empfänglichkeit für die sophen als Orientierung an einer allgemeinen und schö-
S., nicht selbst Prinzipien des S., vielmehr ist die intelli- nen Idee (universalem, & pulcherrimam ideam), um ei-
gible, auf Gottes Ausstrahlung gegründete S. ein «le- nen Gegenstand der Dichtung so zu konzipieren, wie er
bensvoller und unkörperlicher Liebreiz», der die Seele sein sollte. Im Rekurs auf die aristotelischen Poetik
zur Entzückung hinreißt und in brennende Liebe ent- zeigt sich dieses Allgemeine im poetischen Modus
flammen läßt [23], sie ist vollkommene Veräußerung ei- des bene dicere als Weise, einer einfachen Idee frei von
ner inneren Vollkommenheit (bonitas interior) in eine allen Zwecksetzungen in geschmückter Rede alle nur
äußere (pulchritudo exterior). [24] Sofern die individu- angemessenen, möglichen Schönheiten beizulegen, sie
elle Geistseele der göttlichen Ideen teilhaftig ist, besitzt gleichsam schön einzukleiden. [27] Diese Einkleidung
sie ein Urteilskriterium in Hinsicht auf das sittlich wie ist aber kein bloß äußerlicher Prunk, sondern rechtfer-
sinnlich S. und vermag sie sich selbst in den schönen Kün- tigt sich aus der künstlerischen Naturnachahmung, so-
sten schöpferisch zu entfalten. Die interna perfectio oder fern auch die Natur ihren Hervorbringungen Vollen-
virtus der schönen Seele äußerst sich am herrlichsten dung und Schmuck (decor) beilegt. [28] Dichtung ver-
(honestissimum) im decor der Reden, Gebärden, Hand- fügt sowohl über ein Mehr an sprachlicher S. als auch
lungen. Die geistmetaphysische Parallelisierung von über eine tiefere Einsicht in die S. der Dinge, denn der
göttlichem und menschlichem Schaffen ist die Voraus- für die wahre S. der Dinge (veris rerum pulchritudini-
setzung, um Theorien künstlerischer Ausdruckskraft bus) sensibilisierte Dichter ist zugleich derjenige, dessen
bzw. das Leistungsvermögen von Kunst und Künstler zu Dichtungen für eben diese allgemeine Idee kraft der
thematisieren. In der theologisch-metaphysischen Sy- dichterischen Sprache empfänglich machen. [29]
stematik liegen bereits grundlegende Strukturmomente
ästhetischer Erfahrung, nicht zuletzt in der Angespannt- Anmerkungen:
heit des Gemüts in der lustvollen Ambivalenz von gei- 1 R. Sabbadini: Storia del Ciceronianismo (Turin 1885) 13f. –
stiger und sinnlicher S. bzw. von Liebe, Erfüllung und 2 vgl. J. Taurellus (ed.): Georgii Trapezuntii Rhetoricorum libri
Entzug. [25] Der über Ficino ausgeprägte Renaissance- V (Venedig 1523) V, 65v. – 3 Georgius Trapezuntius Rhetori-
platonismus nimmt immensen Einfluß auf die Diskussi- corum libri quinque, hg. v. Luc Deitz (Eurpaea momoria. Stu-
on des S. in Traktaten zur bildenden Kunst und Musik. dien u. Texte zur Geschichte der europäischen Ideen, Reihe II:
Die Unterscheidung zwischen einem allgemeinen Texte, Bd. 3), ND d. Ausgabe Paris 1538 (Hildesheim/New
Konstitutionsprinzip des S. in der Gesamtkomposition York (2006) V, 568f. – 4 ebd. [3] V, 497. – 5 ebd. [3] V, 574. –
6 Scaliger lib. IV, cap 1. p. 177A, Bd. III, 269–273. – 7 vgl. ebd.
und den körperlichen Bedingungen, Aspekten und Er- cap 6, Venustas, p. 184b, ed. Deiz, Bd. III, 330f. – 8 vgl. ebd. cap.
scheinungsformen des S. im Singulären (ornamentum, 2, p. 183b, ed. Deitz, Bd. III, 320ff. – 9 vgl. L. Deitz, Einl. in: Sca-
decor, prepon, aptum) wird bei L.B. Alberti greifbar, liger: Poetices, 238–247. – 10 J. Sturm: Hermogenis Tarsensis
der S., u. a. in Berufung auf Vitruv, Cicero, Boethius, mit Rhetoris acvtissmimi, de dicendi Generibvs siue formis oratio-
dem Begriff der concinnitas auf eine platonisch-pytha- num libri II (Straßburg 1571). – 11 J. Stormii: In partitiones ora-
goreisch fundierte Maßtheorie in Analogie zur harmo- torias Ciceronis dialoghi duo (Paris 1539) dial. II 140. – 12 L.
nischen Natur des Kosmos begründet. Die theologische Carbone: De caussis eloquentiae libri III, in quibus recta elo-
Dimension tritt in den Proportionenlehren zunehmend quentiae acquirende ratio, ex optimis quibusque auctoribus ex-
plicatur, dum de eius caussis, natura, arte, imitatione, & exer-
in den Hintergrund. Reflexe auf Diskussionen der citatione plene planeque differitur (Venedig 1593) 432. – 13 vgl.
Künstlertraktate wie die Diskussionen um den Cicero- D. Till: Das doppelte Erhabene. Eine Argumentationsfigur von
nianismus, die Vorbildlichkeit der großen Dichter des der Anike bis zum Beginn des 19. Jh. (2006) 99–133. – 14 Ioannis
Trecento (Boccaccio, Petrarca) bzw. der antiqui schlagen Guilielmi Bergeri De Natvrali Pvlchritvdine Orationis ... (1720)
sich in poetologischen Stildebatten nieder, ohne system- 309–11. – 15 vgl. J. Robert: Die Ciceronianismus-Debatte, in: H.

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

Jaumann (Hg.): Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen zum Nachdenken zu geben, Bedeutungsebenen und Al-
Neuzeit (2011) 1–54. – 16 B. Fazio: De differentia verborum la- lusionen nachzuspüren und auch affektiv Reize auszu-
tinorum in: Pseudo-Cicero, Synonyma, ed. Paulus Sulpitianus lösen (Verwunderung, Erstaunen, Vergnügen am Spie-
(Rom 1487) fols. 26b, 30b, 31b; vgl. M. Baxandall: Giotto and
the orators: humanist observers of painting in Italy and the dis-
lerischen), um Sinne und Verstand gleichermaßen anzu-
covery of pictoral composition, 1350–1450 (Oxford – Warburg spornen und so unmittelbare Aufmerksamkeit wie
Studies) (Oxford 1971) 10. – 17 L. Vallae: De ling. latinae ele- nachhaltige Wirkintensität zu erzielen. Die besondere
gantia libri sex (Paris 1539/1544) lib. IIII., cap. XV, 129/186. – Betonung dieses Aufgabenbereichs der elocutio ist u. a.
18 L. Valla: Antidotum in Poggium VI 326, in: M.J. Vahlen: Lau- eine Folge der Revision der Rhetorik unter dem Einfluß
rentii Vallae Opsuscula tria (Sitzungsberichte der Kaiserl. der für das 16. und 17. Jh. folgenreichen Systematisie-
Akademie der Wissenschaften, Philosoph.-Historische Klasse, rung der officia oratoris durch P. Ramus, wonach inven-
Bd. 61, Heft 1 (1869) 438. – 19 L. Valla [17] lib. IIII, cap. CXVIII tio, disposito und memoria der Dialektik zuzuordnen
(Paris 1544) 220. – 20 E. von Rotterdam: Ciceronianus sive De
optimo dicendi genere, in: Ausg. Schr. VII, hg. von W. Welzig
sind, während die Rhetorik im engeren Sinne elocutio
(1995) 355. – 21 J. Robert: Die Ciceronianismus-Debatte, in: H. und actio bzw. pronuntiatio umfaßt. Damit wird, prä-
Jaumann (Hg.) Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen gend für ein großes Segment der rhetorischen Schulli-
Neuzeit (2011) 21; vgl. Cic. Or. 9–10. – 22 M. Ficino: De l’amore, teratur, zum einen die enge Beziehung von Logik bzw.
Orat. V, 2, ed. Blum, 134f. – 23 ebd., V 6, ed. Blum 159f. – 24 ebd. Dialektik und Rhetorik ausgewiesen. Zum anderen bil-
V, 1, ed. Blum 124f. – 25 G. Bruno: Heroici furori, dial. I 3. – 26 P. det sich im Selbstverständnis der Rhetoriklehren des
Bembo: Prose, II 3. in: Opere del Cardinale Pietro Bembo X, Barock, sei es ramistischer Prägung, sei es in der klassi-
283f. (Classici Italiani 1808–10); vgl. A. Buck: Ital. Dichtungs- schen bzw. humanistischen Tradition, die elocutio als
lehren (1952) 125. – 27 G. Fracastoro: Navagero della poetica.
Naugerius sive de poetica dialogus. Testo critico, traduzione e
Kernbereich rhetorischer Kunstfertigkeit heraus. [1]
note a cura di E. Peruzzi (2005) (Secoli d’oro 43), dial. VIII, 3 Der Frage nach dem S. scheint in Rhetoriklehren des
und VIII, 6, 72–74; vgl. B. Kappl: Die Poetik des Aristoteles in 17. Jh. eher marginale Bedeutung zuzukommen. Gleich-
der Dichtungstheorie des Cinquecento (2006) 61; Opera Omnia wohl läßt sich in der Auseinandersetzung mit den vir-
(Venetiis 1555), 153–164; M.W. Bundy: Introd., in: G. Fracas- tutes elocutionis sowie der verstärkten Berufung auf das
toro: Naugerius sive de poetica dialogus, with an english trans- Ideal der elegantia einerseits und der sich im Laufe des
lation by R. Kelso and an introd. by M.W. Bundy (Ort? 1924) 15, 17. Jh. immer stärker artikulierenden Forderung nach
22. – 28 vgl. ebd. 12, 17, 96. – 29 vgl. Kappl [27] 66. einer Natürlichkeit der kunstsprachlichen Mittel ande-
rerseits beobachten, daß sich wiederholt ein ciceronisch
Literaturhinweise: beeinflußtes Verständnis von Anmut (venustas) artiku-
E. Köhler: Je ne sais quoi. Ein Kap. aus der Begriffsgesch. des liert. Denn die Forcierung von affektiven Wirkqualitä-
Unbegreiflichen,. in: Romanistisches Jb. 6 (1953/4) 21–59. – ten der Rede stellt in besonderem Maße vor die Heraus-
A.M. Patterson: Hermogenes and the Renaissance (Princeton,
NJ 1970). – J. Monfasani: The Byzantine Rhetorical Tradition
forderung, Angemessenheitskriterien zu wahren und
and the Renaissance. in: Murphy RE. – A.F. Kinney: Humanist die Artifizialität sprachlicher Stilmittel nicht als Ver-
poetics. Thought, Rhet., and Fiction in sixteenth-century Eng- künstelung zum Selbstzweck werden zu lassen.
land (Amherst, Mass. 1986). – D.K. Shuger: Sacred Rhet. The Beispielhaft für diese Tendenz sind G.J. Vossius’
Christian Grand Style in the english Renaissance (Princeton ‹Rhetorices contractae sive partitionum oratoriarum li-
1988). – Th. M. Conley: Rhet. in the European tradition (Chi- bri V› (1606, überarb. 1621), ein einschlägiges Referenz-
cago u. a. 1995). – W. Jäger: Die Theorie des Schönen in der werk für die protestantische Schulrhetorik wie Dich-
italienischen Renaissance (1990). – Plett. – Th. Leinkauf: Der tungstheorie. In der Lehrbuchfassung seines zeitgleich
Begriff des Schönen im 15. und 16. Jh. in: H.F. Plett: Renais-
sance – Poetik (1994) 53–74. – J. Knape: Poetik und Rhet. in
publizierten Werkes zur Rhetorik erläutert Vossius die
Deutschland 1300–1700 (2006). – V. Wels: Der Begriff der Dich- Grundsätze und Regeln klassisch-antiker Beredsam-
tung in der Frühen Neuzeit (2009). keit. Im Kontext der praecepta elocutionis erscheint die
Opposition von venustas und kakozhliÂa, kakozēlı́a [2];
letztere kennzeichnet das Bestreben nach unmäßiger,
exzessiver Ausschmückung, aber auch die von schlech-
V. Barock. Die Qualifizierung des S. durch Natürlich- tem Geschmack zeugende falsche Nachahmung klassi-
keit, und Lebendigkeit, eine Strahlkraft, die aus der ge- scher Vorbilder in maniriertem Stil. Daß die in Hinsicht
samten Organisation eines Kompositums hervortritt (im auf die Wirkabsicht des Rhetors unerläßliche Strahl-
Unterschied zur Ausschmückung oder äußerlich aufge- kraft einer Rede eine Balance zu wahren hat, legt Vos-
tragenen Verzierung) steht rhetorisch in unmittelbarer sius anhand der drei klassischen Stilebenen dar. Den an-
Beziehung zur persuasiven Funktion der elocutio, der tiken Lehren folgend beruht sprachliche S. – venustas –
Formulierungs- und Stillehre, die durch die Rhetoriken einesteils auf den Sentenzen (sententia) in Abgrenzung
zur maßgeblichen Grundlage der Dichtungstheorie ge- zum Lächerlichen (ridiculum); andernteils auf der Wort-
worden ist. In Poetik und Dichtung des Barock gewinnt wahl (locutio), wobei die dictio pulchra im Unterschied
der Willen zum ornatus an Bedeutung als Bemühen um zur vulgären Sprachlichkeit Bewunderung statt Geläch-
eine kunstvolle Verzierung der Rede mit Metaphoriken ter auslöst; zum dritten auf der Wortfügung (composi-
und Figuren, den Gestaltmitteln der uneigentlichen Re- tio) durch elegantia, dignitas und figuratio, d. h. auf Me-
de, mit Sinnbildern, Allegorien bis hin zu Sprachspielen taphern und Tropengebrauch. [3] Im Unterschied zur
oder Rätseln. Produktionsästhetisch kann man dieses gravitas zeigt sich venustas entweder als natürliche Ei-
Ausloten sprachlicher Mittel der Sinnschöpfung als genschaft der Gegenstände (in rebus); als Weise, auch
Ausdruck einer spezifischen Scharfsinnigkeit bzw. vir- dem Unansehnlichen sprachlichen Glanz zu verleihen
tuosen Sprachbeherrschung auffassen. Rezeptions- bzw. (in tractatione); oder als Verfahren, von Natur aus an-
wirkungsästhetisch artikulieren sich hier Anforderun- mutigen Gegenständen sprachliche Ausdruckskraft zu
gen an eine überzeugungskräftige und wirkmächtige geben, die sie noch liebreizender erscheinen läßt (trac-
Rede (persuasio, amplificatio), deren Aufgabe es ist, tatio res natura venustas venustiores facit). [4] Bezogen
durch die geschickte Wahl kunstsprachlicher Mittel so- auf die gravitas, die einer Rede den schweren, herben
wohl die Verstandeskräfte anzusprechen, d. h. Anlaß Affektcharakter hinsichtlich der Gegenstände, Worte,

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

die Wortfügung gibt, fungiert und der venustas als ein freye Rede / ein wunderbahre Rede / und ein ge-
Grenzbegriff: «Das der gravitas entgegengesetzte Laster schmückte Rede» zu entwickeln, die alle rhetorischen
wird unerfreuliche Rede oder der Anmut ermangelnd officia erfüllt: Überzeugungskraft (probare), «süsse
genannt.» [5] Liebligkeit» (als Pendant zu delectare) und strenger
Grundsätzlich läßt sich in den Barockrhetoriken wie Tapferkeit (movere). [10] Neben der ausführlichen Tro-
den hierauf beruhenden Poetiken eine Akzentverlage- penlehre spielt die Stimmführung bzw. Musikalität der
rung beobachten, da die klassischen virtutes elocutionis Rede hierbei eine besondere Rolle, sie ist dem befähig-
wie Deutlichkeit, Verständlichkeit und Sprachrichtig- ten Redner «ein unglaubliche Zierde / Lust / Frewde /
keit in Verbindung mit den Angemessenheitskriterien Wonne / und Dapferkeit.» [11] Nach rhetorischem Ver-
ihre Bedeutung zwar keineswegs einbüßen, nun aber ständnis sind in der Sprache formale Struktur, Sachbe-
unter den Redetugenden die elegantia in den Vorder- zug und Ausdrucksgestalt so vereint, daß die vernunft-
grund tritt. Daneben erhält das Konzept der argutia stär- bezogene Verständlichkeit sich im sinnlich-affektiven
keres Gewicht. Beide Entwicklungen sind kennzeich- bzw. persuasiven Klangmodus vermittelt. J.P. Titz for-
nend für eine modifizierte Auseinandersetzung mit Kri- dert in seiner Poetik, daß eine Rede «Schön und Zierlich
terien sprachlicher Finesse und Gestaltungskunst. Sie sey. Dadurch verstehen wir hier/daß die ganze Rede an-
unterstreichen den Kunstcharakter des Sprachlichen, muthig/fein und munter sein/und gleichsam ein Leben
der gleichwohl in seinem Sachbezug bzw. seiner Natür- und durchdringende Krafft in sich haben soll/dadurch
lichkeit oder aber in Hinsicht auf das dichterische In- sie den Leser unvermerckt fangen und einnehmen mö-
genium bzw. den Einfallsreichtum (concetto) eine Ange- ge.» [12] Diese «Zierligkeit der Sprache» geht nicht nur
messenheit der elokutionären Mittel (Allegorien, Me- über die Gemeinsprache hinaus – hier der deutschen
taphern, Sprachspiele, Bildrede) behauptet. Sprache, deren poetische Eignung Titz exponiert –, son-
In den rhetorisch-poetologischen Schriften des deut- dern sie ist anders als die Rede der Philosophen oder
schen Sprachraums, deren Dichtungsregeln sich an der Historiker gleichsam wie von göttlichem Geist durch-
Systematik der antiken Rhetorik bzw. klassischer Au- drungen. «Ein Poet schwinget sich noch höher / bringet
toren orientieren (Horaz, Aristoteles), die aber zugleich alles schöner / fröhlicher und kühner vor / und vermi-
das natürliche Ingenium bzw. einen dichterischen En- schet es mit einer solchen majestät / daß seine Rede
thusiasmus oder Furor als Voraussetzung dichterischen nicht eines Menschen stimme / sondern vielmehr einem
Vermögens betonen, werden für elegantia Termini wie Göttlichen Ausspruch und Orackel gleich scheinet.» [13]
Zierlichkeit, zierliche rede, Zier, Ausziererei gebräuch- Die enthusiasmierte Ausdruckskraft aber verdankt der
lich. Sie verbinden sich mit Qualitäten wie Anmut, Leb- Poet maßgeblich der grammatischen bzw. rhetorischen
haftigkeit, Leichtigkeit, d. h. Konnotationen des An- Tropenlehre, deren «schöne / angenehme und sonderli-
mutig-Schönen oder der Grazie, die stets ein über die che Redensarten und Figuren» er aufgreift, um seiner
regelgeleitete Kunstfertigkeit hinausweisendes Moment Dichtung «glantz und ansehen zu geben.» [14]
einschließen. Hier bahnt sich zwar keine Verdrängung, G.Ph. Harsdörffer widmet sich im ‹Poetischen
aber doch eine Überlagerung der Kategorie des aptum Trichter› (1648–53) der «Zierlichkeit» der Rede, basie-
durch die elegantia-Kriterien an. [6] M. Opitz bestimmt rend auf dem Gebrauch von Tropen und Figuren, die
in bezug auf die deutsche Hochsprache «elegantz oder dem Redner wie dem Poeten zu Gebote steht, doch im
ziehrligkeit» der Worte gemäß der klassischen Defini- Verhältnis zur Rhetorik ist die Poesie geradezu leicht-
tion von Reinheit und Deutlichkeit der Sprache, was füßiges Tanzen, nicht Technik sondern Naturell. [15] Die
nun auf die zu verteidigende Poetizität der deutschen Figuren scheinen zwar gleich Blumen aufgrund ihrer
Muttersprache zu übertragen ist. Er betont aber weiter- «gleichständigen Schönheit» nicht auf einen Zweck ge-
hin, daß das Erdenken von neuen Wortfügungen (epi- richtet und damit, allein der Belustigung dienend, über-
theta) in der deutschen Muttersprache, sofern maßvoll flüssig zu sein. [16] Doch Harsdörffer begründet die
gebraucht, Gedichten eine «sonderliche anmutigkeit» Funktion der Tropen in Hinsicht auf ihre zum Nachsin-
verleiht. [7] Denn, so Opitz’ Verständnis, «das ansehen nen anregende Wirkkraft, sei es ausgelöst durch seltene,
und die dignitet der Poetischen rede» gründen sich maß- unerwartete Worte oder die Zierlichkeit der Gleichnis-
geblich auf Tropen und Schemata, also auf die Anwen- se, sofern hier das Gefallenerregende ein Nachdenken
dung der uneigentlichen Rede, sowie auf Epitheta, die über die Gegenstände anstößt. Die Erfindung von neuen
«den Poetischen sachen [...] glantz geben» und den Poe- Wortfügungen ist lizensiert, sofern sie, so Harsdörffer in
ten anmutig erscheinen lassen. [8] Der Glanz der Poesie Rekurs auf Ronsards ‹Abrégé de l’art poétique›, «schön
verlangt mehr als bloßen Fleiß oder technisches Ver- und wohldeutend [beaux et significatifs]» sind [17], nicht
mögen: eine göttlich geschenkte natürliche Seelentiefe durch Verkünstelei den Gegenstand verstellen, sondern
ist Voraussetzung dafür, daß «alles mit lust und anmu- geradezu herausstellen. Neben der Wahrung der Sprach-
tigkeit geschrieben wird» und «auch nachmals von je- richtigkeit (Grammatik) besteht die «Zierlichkeit und
derman mit dergleichen lust und anmutigkeit gelesen» Zärtlichkeit» der poetisch figuralen Rede aber darin,
wird. Anmut und Eleganz rücken hier nahe zusammen sich von der Alltagssprache abzuheben und ihre Gegen-
und qualifizieren eine Eigenschaft der poetisch schönen stände wie «angenehme Bildnissen» in den «lieblichsten
Rede, die nichts von äußerem Schmuckwerk hat, son- Farben» zu malen, «so das Aug unsres Verständniß er-
dern auf das Innere, die «natürliche regung» des Dich- freulichst belustigen.» [18] In diesem Zusammenhang
ters zurückgeht und in der poetisch transformierten wird auch die klangliche Ausdrucksgestalt der Sprache,
Veräußerung ein allgemein erfahrbares Wohlgefallen ihre onomatopoetische Strahlkraft als Weise, der Natur
auszulösen vermag. [9] der Dinge gleichsam eine Stimme zu verleihen, zu einem
Auch in der Rhetorik von J.M. Meyfart wird die elo- Ausweis natürlicher sprachlicher Eleganz. Die Leben-
cutio in bezug auf Beredsamkeit wie Poesie über die rei- digkeit sprachlicher Bildnerei leistet gleichsam eine
ne, deutliche, zierliche und geschickte Wortwahl be- «Verlebendigung der Dinge in der Sprache». [19] Die
stimmt, wobei Sprachreinheit die Bedingung ist, um eine sinnliche Anschaulichkeit sprachlicher Mittel ist jedoch
«dapffere Rede / eine liebliche Rede, ein gelehrte Rede, grundsätzlich nicht um ihrer selbst willen Gegenstand

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

des Gefallens, sondern dient der poetischen Wirkungs- mit seiner ‹Art poétique›, die vielfach als ein grundle-
steigerung in Hinsicht auf eine reiche gedankliche Tätig- gendes Dokument der doctrine classique eingeschätzt
keit, d. h. ist durch das docere gerechtfertigt, birgt aber wurde, die Longin-Übersetzung ‹Traité du sublime› in
zugleich eine Tendenz, das Lustvolle des Sprachspiele- der Werkausgabe ‹Oeuvres diverses›. Diese Parallel-
rischen ästhetisch aufzuwerten. Diese Exponierung von publikation macht deutlich, wie die neuere Forschung
Tropen- und Figurenlehre trifft in noch stärkerem Maße gezeigt hat, [21] daß Boileau keineswegs allein als Re-
auf die argutia-Poetiken zu, sofern hier Verbildlichun- präsentant eines regelpoetischen Klassizismus betrach-
gen, ungewohnte Metaphoriken, Sprachspiele sowohl tet werden kann noch durch eine Assoziation mit der
von der Scharfsinnigkeit, Ingeniosität und Virtuosität cartesianisch fundierten Logik von Port Royal (Ar-
des Dichters oder Redners zeugen als auch den geistrei- nauld/Nicole) hinreichend erfaßt wird. P. Nicole sieht
chen Rezipienten herausfordern, über das Spiel der im ‹Traité de la vraie et de la fausse beauté› (1720) die
Sinnerzeugungen tiefere Einsichten zu gewinnen. Ent- Tatsache, daß es so viele auseinanderstrebende Ein-
scheidende Anstöße gehen im europäischen Kontext schätzungen über Werke des Geistes gibt, darin begrün-
und in Bezug auf die deutschen Dichtungstheorien (von det, daß dem individuellen Urteil vielfach eine klare
Ph. Harsdörffer über J. Masen oder D.G. Morhof) z.B. und distinke Idee der wahren S. («une idée claire & di-
von G. Marino aus, der das Gesuchte der Wortwahl, au- stincte de la véritable beauté») als Maßstab des Urteils
ßergewöhnliche Bilder als Ausdruck einer virtuosen, in- fehle und statt dessen die Beurteilung von Wohlgefallen
geniösen Sprachbeherrschung und künstlerischen Ur- (plaisir) auf Zufall oder subjektiven Dispositionen be-
teilsfähigkeit betont. E. Tesauros Poetiklehre ‹Il Can- ruhe. Die objektive S., «beauté naturelle», ist für Nicole
nocchiale Aristotelico› (1655) hebt wirkungsästhetisch eine unveränderliche, konstante und gewisse Instanz
den Bewunderung auslösenden künstlerischen Einfall der Vernunft, die für den Geschmack aller Menschen
bzw. die Scharfsinnigkeit des Poeten (concetto) hervor. Geltung besitzen muß, so daß das individuelle Urteil
B. Graciáns ‹Agudeza y Arte de Ingenio› (1642) be- über das S. und die objektive Norm stets zusammenfal-
stimmt das concetto als Fertigkeit, mit scharfsinnigem len. [22] Diese Maßstäblichkeit unveränderlicher Krite-
Spürsinn unentdeckte Zusammenhänge sprachlich zum rien des Wohlgefälligen bzw. Abstoßenden, die Nicole
Ausdruck zu bringen. [20] Die Betonung der Instanz des u. a. an Cicero bzw. an der rhetorischen Stillehre nach-
künstlerischen Ingeniums, des Einfallsreichtums und der weist, ist Grundlage dezidierter Regeln für die Sprach-
Spitzfindigkeit des Poeten als Voraussetzung einer be- künste. Angenehm kann demnach nur sein, was die
sonderen Artifizialität sprachlicher Formen bleibt pro- Wahrheit erscheinen läßt. «Deshalb ist die Quelle der
duktions- wie wirkungsästhetisch an die Erkenntniskräf- Schönheit in der Wahrheit», und dies gilt nicht nur in
te gebunden, läßt aber über den Kunstcharakter der Stil- bezug auf den Gegenstand einer Rede, sondern ebenso
mittel den besonderen Reiz bzw. Anreizcharakter in Hinsicht auf die Rezipienten. «Weil die Natur die
sprachlicher Raffinesse hervortreten. ganze Welt mit der Liebe zur Wahrheit inspiriert hat»
Fundiert die Orientierung am rhetorischen System und entsprechend mit einer natürlichen Antipathie ge-
die Ausrichtung der Barockpoetiken auf poetologische genüber dem Falschen, schlägt vordergründiges Wohl-
Regeln, so ist es insbesondere der Bereich der Stil- und gefallen an wahr Scheinendem zwangsläufig in Mißfal-
Formulierungslehre (elocutio), in Verbindung mit Kon- len um. Diese starke Normativität des Wahren bzw.
zepten poetischer Ingeniosität oder göttlicher Geistbe- Schönen läßt keine Spielräume für poetische Grenz-
gabung, der über die strikte Regeleinhaltung hinaus- überschreitungen. [23] Für B. Pascal zeigt sich der de-
weist. Im Gegenzug zu einem zunehmend in die Kritik fizitäre Charakter der beauté poétique im Unterschied
geratenden sprachlich überladenen Stil sowie in dezi- zu anderen Arten von S., z.B. der beauté géometrique,
dierter Abgrenzung von der allegorischen Barockdich- gerade dann, wenn sich aufgrund der Unkenntnis, was
tung und ihren Auswüchsen in literarischer Schwülstig- denn die nachzuahmende Natur sei, kein Wohlgefallen
keit, Üppigkeit setzt sich an der Wende zum 18. Jh. einstellt. Die fehlende Beziehung zwischen S. und
zugleich eine regelpoetische Formalisierung der Dich- Wohlgefallen in Hinsicht auf ein klares Modell führt
tungstheorie durch, die das vernunftgeleitete iudicium dann zu Bizarrerien in der Dichtkunst. [24]
und das Ideal des poeta doctus betonen wird. Auch Boileau bezieht das S. unmittelbar auf die
Eine explizite, theoretisch weitreichende Diskussion Wahrheit, d. h. eine auf Vernunftregeln (raison), guten
des S. im Kontext von Rhetorik und Dichtungstheorie Geschmack (bon sens) und Urteilsfähigkeit (jugement)
beginnt im späten 17. Jh. mit der Rezeption von Ps.- festgelegte poetische Nachahmung der Natur, die im
Longins ‹Peri hypsous›, dessen Schrift seit dem 16. Jh. in Gefolge des Cartesianismus als Rationalitätsmaßstab
lateinischen Editionen greifbar ist, aber erst im 17. Jh. gilt. Die der Vernünftigkeit der Natur folgende Dich-
immensen Einfluß auf die Poetiken nimmt. Neben eng- tung kann in diesem Sinne als ‹natürlich› gefaßt werden.
lischen und italienischen Fassungen ist es insbesondere Fernab von Übertreibungen oder Überhöhungen und
die französischen Übersetzung von N. Boileau-De- unter strikter Eingrenzung von Leidenschaftlichkeit
spréaux, mit der Longins ursprünglich als Kritik an der und willkürlichen Launen sind die Regeln der Klarheit
verfallenden Rednerkunst, an übertriebenem Schwulst und Deutlichkeit maßgeblich, also die Grundsätze der
und Künstelei konzipierte Schrift zu einem Referenz- doctrine classique, wie sie etwa von J. Chapelain (1595–
werk in poetologisch-ästhetischen Auseinandersetzun- 1674) oder F. de Malherbe (1555–1628) formuliert wor-
gen des 17. Jh. wird. Gegen streng formalisierte Regel- den sind. Boileaus in der Folgezeit vielzitierte und -kom-
poetiken oder einen normativen Klassizismus im Sinne mentierte Setzung «Nichts ist schön außer das Wahre
der doctrine classique wird mit Ps.-Longin ein Gewährs- (rien n’est beau que le vrai)» verweist auf die Gesetz-
mann für eine Redekunst greifbar, die sich zuallererst mäßigkeit der Natur als Inbegriff von Vernunftordnung
auf die Seelengröße bzw. die Geisterfülltheit des Dich- und Wahrheit. Damit ist ein Vernunftmaßstab gegeben,
ters als Voraussetzung einer in ihrer erschütternden der für Boileau notwendig das wahre S. zeigt: «Nichts ist
Wirkmacht hohen Schönheit bzw. Erhabenheit der schön als das Wahre. Allein das Wahre ist liebenswert.
Rede gründet. Boileau publiziert 1674 in Verbindung Es muß überall herrschen, auch in der Fabel. Die ge-

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schickte Falschheit einer jeden Fiktion zielt auf nichts deren Disziplinen [32] – setzt ein außerordentliches Ge-
anderes, als die Wahrheit vor Augen erstrahlen zu las- nie, ein großes Naturell, einen Esprit voraus, der nicht
sen.» [25] Die S. als Erscheinungsform des Wahren in erlernt wird, sondern Gabe des Himmels ist. [33] Ent-
der Kunst bewirkt ein Wissen um das moralisch Wahre. scheidend ist das Zusammenspiel von Urteilsvermögen
Gleichwohl betont Boileau neben der rationalistischen und Lebendigkeit, grand sens/jugement und grande vi-
Regelorientierung das Ingenium als Voraussetzung vacité: «Es bedarf des Urteilsvermögens um verständig
dichterischer Vermögen bzw. ein rational uneinholbares über die Dinge nachdenken zu können» und «es bedarf
Moment ästhetischer Erfahrung, gekennzeichnet als der Lebhaftigkeit, um sie mit dieser großen Anmut und
«beau désordre», so etwa in bezug auf die Ode, wo ein Fülle ausdrücken zu können, die ihre Schönheit aus-
«Stil voller Ungestüm», wie blindlings daherkommend macht.» [34] So wie Urteilsvermögen ohne Genie kalt
«ein scheinbares Durcheinander» erzeugt, das «kunst- und einschläfernd ist, gilt ihm umgekehrt das Genie
voll bei ihr und schön» wirkt. Hier gilt die Regel, daß das ohne das urteilende Denken als extravagant und blind.
Geheimnis der Kunst gerade darin liegt, bisweilen die Geistreichtum und Einbildungskraft, Kraft und Süße,
Regeln zu überschreiten. [26] Mit der Akzentuierung durchdringendes Denken und Zartgefühl (delicatesse),
der affektiven Kraft des Ungeordnet-Schönen entwirft souveräne Eloquenz und umfassendes Wissen sind Qua-
Boileau eine publikumsorientierte Wirkungsästhetik, litäten des dichterischen Genies im Unterschied zu einer
die in einer gewissen Spannung steht zur Orientierung erlernbaren Befähigung des Redners. Aufgabe der
an regelpoetischer Normativität bzw. dem Gebot der Dichtung ist, so Rapin in wiederholtem Verweis auf Ari-
Nachahmung antiker Autoren. Jede Explikation ein- stoteles wie Horaz, zu gefallen (plaire) wie zu nutzen,
deutiger Formprinzipien überschreitend führt Boileau sofern Dichtung einer ethisch-politischen Zielsetzung
ein unerklärliches, begrifflich nicht zu fassendes, für die dient: dem Wohl des Gemeinwesens. Wohlgefallen aber
S. jedoch konstitutives «je ne sçay quoy» ein. Diese Er- ist die Voraussetzung, um zur moralischen Kultivierung
fahrung setzt er in Beziehung zur sublimen S. Ps.-Lon- der Seelen beitragen zu können. Deshalb hat für Rapin
gins [27], wobei «die frappierende Intensität dieser Form die Frage nach den wirkungspsychologischen Voraus-
des Schönen keineswegs an den göttlichen oder heroi- setzungen dessen, was Gefallen erregt, größte Relevanz.
schen Inhalt einer Rede gebunden [...], vielmehr an ei- Die poetische Rede erreicht dies durch Abgemessenheit
ner Kleinigkeit, an der ‘petitesse energique des paro- und Harmonie der Komposition in Verbindung mit Le-
les’» [28] aufbrechen kann. Der mit Ps.-Longin argu- bendigkeit, starker Leidenschaftlichkeit, einer großen
mentierende Ansatz zielt nicht auf das Erhabene im Freiheit der Imagination und Bildhaltigkeit der Rede,
Sinne einer ganz und gar überwältigenden Wirkmacht, durch ausgezeichnete Ideen in erhabenem Ausdruck
sondern führt auf ein Moment der Schönheitserfahrung, bzw. kühne Wendungen, durch die Wahl außerordent-
das an einem geringfügigen Gegenstand, einem Wort, licher Gegenstände oder die Vergegenwärtigung des
einer rhetorischen Figur unvorhersehbar erlebbar wer- Gewöhnlichen als wunderbar, d. h. sie offenbart die
den kann. «Diese Arten von Schönheiten sind solche, Wahrheit durch die Fiktion. [35] Auch Rapin bezieht
die man fühlen muß und die sich nicht beweisen lassen. sich zur Rechtfertigung dieser die Grenzen der strikten
Es ist das ‹ich weiß nicht was›, das uns bezaubert und Vernunftmäßigkeit übersteigenden poetischen Wirk-
ohne welche die Schönheit selbst weder Grazie noch mittel auf Ps.-Longin, dem er eine eigene Abhandlung
Schönheit besäße.» [29] Die nach Vernunftmaßstäben widmet [36], um in Hinsicht auf die Gewichtung von
gar nicht bestimmbare, geschweige denn regelgestützt Kunst/Regeln und Genie letzterem den Vorrang einzu-
evozierbare, gleichsam unabsichtlich sich einstellende räumen, wenngleich die Kunst unverzichtbar ist, um das
Anmutung des S. führt bei P. Carlet du Marivaux da- Naturell zu regulieren. Auch der Grundsatz, daß die
zu, die S. und das Gewisse Etwas als different zu bestim- Größe in Verbindung mit Einfachheit den Poeten von
men. [30] Wenngleich nicht charakteristisch für das aus- großer Seele zeige, geht auf die ‹Peri hypsous›-Rezep-
gehnde 17. Jh., wird hier doch eine Ambivalenz deutlich, tion zurück, auf deren Basis er die Definition des
die im 18. Jh. zu einer Dissoziation des S. und Erhabenen poetisch S. entwickelt. Über das Gewöhnliche hinaus-
führt. Obwohl nicht zuletzt im Kontext der ‹Querelle gehend muß die poetische Diktion Stärke der Aus-
des anciens et des modernes› rationale Prinzipien den druckskraft, lebendige Farbigkeit, Wohlklang, Größe
poetischen Regelkanon der doctrine classique nach dem und Majestät (grandeur, magnificence) angesichts der
Vorbild der klassischen Autoren bestimmen, bricht das Dignität (dignité) der Gegenstände aufweisen, doch
Bewußtsein für ein Moment des S. auf, das gerade am all das ist nicht genug: Es bedarf weiterhin der Hitze
Irregulären, Unvorhersehbaren oder Peripheren auf- und der Heftigkeit und es muß insgesamt eine gewisse
scheint und dabei nicht die Einsicht in eine vollendete Atmosphäre der Anmut und des Zartgefühls herr-
Ordnung, sondern ein allgemeines Gefühl oder ein spez- schen, dies macht die allgemeinste S. aus. [37] Die wirk-
fisches menschliches Sensorium anspricht. mächtige, leidenschaftliche, gleichsam erhebende Aus-
In den zeitgleich publizierten ‹Réflexions sur la Poé- druckskraft der poetischen Sprache, bestimmt durch
tique d’Aristote, sur les ouvrages des poètes anciens et Qualitäten des Großen, Außergewöhnlichen, durch
modernes (1674), die bereits ein Jahr später in erweiter- Kontrastreichtum, ist zwar stets an die Regeln der Kunst
ter Fassung erscheinen [31], fordert der Jesuit R. Rapin, gebunden, denn erst die kunstgemäße Ausbildung ver-
wie Boileau Mitglied der sog. ‹Akademie› um Lamoi- leiht den Gedanken die nötige Ordnung und läßt größt-
gnon, im Rekurs auf Aristoteles und die antike Rhetorik mögliche Schönheit entstehen. «Es genügt nicht» – so
klar ausweisbare, vernünftige Regeln und Methoden als Rapin, eine topische Horazwendung aufgreifend – «rein
Voraussetzung vollendeter Dichtung. Weil es Aufgabe oder formstreng zu schreiben, um Dichter zu sein: es be-
der Dichtkunst ist zu gefallen, muß sie mit einem an den darf ebensogut anderer Qualitäten.» [38] Und diese
klassischen Autoren wohlausgebildeten Verstand (bon Qualitäten weisen auf eine geheimnisvolle, unauslotba-
sens) und Urteilsvermögen schöne Gegenstände aus- re S. der Poesie. Als authenischer Ausdruck menschli-
wählen. Die Poesie, für Rapin die vollendetste der Kün- cher Sitten darauf angewiesen, die Seelenregungen zu
ste – dies gilt im Vergleich zur Rhetorik wie zu allen an- kennen, ist dieses Herz des Menschen «das, was sie nicht

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

kennt: Das Herz des Menschen ist ein Abgrund von ei- tives Geschmacksempfinden zurückgehend, etwas Ge-
ner Tiefe, wohin kein Sinn dringt, ein undurchdringli- heimnisvolles, Cachiertes in sprachlichen Kunstwerken
ches Mysterium». [39] Poesie aber lebt, wie Rapin im- kennzeichnen. Wenngleich Bouhours für einen unprä-
mer wieder betont, von diesem Geheimnis, ist nicht in tentiösen Stil eintritt, also durchaus Vernunftregeln ex-
Formstrenge allein aufzuheben, sondern besitzt wie alle pliziert, ist das Entscheidende die subtile Feinheit des
Künste unaussprechliche Grundlagen als Quelle des Geistes, die den Künstler bestimmt wie den Rezipienten
Wohlgefallens. Auf der einen Seite macht Rapin dieses affiziert. Sie ist ein ineffables, rational irreduzibles Mo-
Naturell oder Genie stark, das sich im Zauber der Poesie ment, das jeder Formalisierung von sprachlicher S. ent-
auf unerklärliche Weise ausdrückt, auf der anderen Sei- zogen ist.
te unterstreicht er die Unverzichtbarkeit, das Genie aus- In der Forschung wird die Frage kontrovers disku-
zubilden, zu kultivieren, an großen Vorbildern zu schu- tiert, inwiefern bereits bei Boileau von einer «Entgegen-
len. Erst aufgrund dieser Schulung des Urteils bzw. einer setzung von ethischer und pathetischer Redefunktion,
kultivierten bien-séance [40] sowie der Vermittlung rhe- intellektueller und affektivischer Verwirklichung der
torisch-poetologischer Form- und Stil-Prinzipien (Har- persuasio (docere und movere)» [47] gesprochen werden
monie, Wohlklang, expressive Varietät, Inegalität, Kon- kann, oder ob eine Disjunktion von S. und Erhabenheit
trastreichtum etc.) vermag das Genie seinen Gedanken in diesem Sinne überhaupt bei Ps.-Longin angelegt ist.
eine Form zu geben, die die größte Schönheit der Her- Denn es finden sich bis in das 18. und 19. Jh. auch Zeug-
vorbringungen des Geistes ausmacht. [41] Wie bei Boi- nisse, die das Erhabene bzw. die wirkungspsychologi-
leau prägen auch hier Ansätze der Rhetorik Ps.-Longins sche Erhebung der Seele als eine Qualifizierung des S.
die Begründung einer in ihrer Wirkkraft unausprechli- begreifen und nicht als deren Gegensatz. Feststeht, daß
chen, erhabenen S. die Bestimmung der Poesie, ohne an der Auseinandersetzung mit Ps.-Longin auch im
daß sich hier strikt zwischen Erhabenheit und S. bzw. Kontext der doctrine classique und in Berufung auf das
den Funktionen von Ethos und Pathos unterscheiden von Horaz formulierte Ungenügen an bloß formaler
ließe, sofern Rapin Dichtung prinzipiell auf eine sittliche Reinheit sich eine Verlagerung auf die Psychologie der
Kultivierungsaufgabe verpflichtet. Homer und Demo- Seelenkräfte, auf die affektiven, regulativ nicht einhol-
sthenes bilden wie bei Ps.-Longin den Maßstab poeti- baren Momente des S. abzeichnet, die über regelpoeti-
scher Vollendung. sche Formalisierungen hinausführt. Aber das muß ge-
Die Spannung zwischen einer an ‹Peri hypsous› ori- rade nicht in jedem Falle heißen, daß das S. nun als
entierten rhetorischen Wirkungspsychologie fernab ra- Instanz des maßvollen Ethos und im Unterschied zum
tionaler Deduzierbarkeit zu den klassizistischen Prinzi- Erhabenen seiner bewegenden, unwillkürlichen Moti-
pien der Formstrenge, Klarheit und Luzidität prägt auch vationskraft entkleidet wird. Ebensowenig gilt für die
den Ansatz von D. Bouhours, der wie Boileau und Ra- Kategorie des Erhabenen, ästhetisch Erschütternden
pin dem Kreis um Lamoingne zugehört. Auch hier wird die Suspension von moralischer Zweckmäßigkeit. [48]
das S. wirkungsästhetisch mit einem Je ne sais quoi eng- So wird in der 1708 verfaßten Ps.-Longin-Übersetzung
geführt. In der im europäischen Kontext breit rezipier- von F. Silvain, ‹Traité du Sublime› (1732, sowie 1741
ten Schrift ‹La manière de bien penser dans les ouvrages und 1763) das Erhabene geradezu als das Element der
d’esprit› (1687), die im 18. Jh. in englischen Übersetzun- Rhetorik aufgeführt, was in höchstem Maße in Verbin-
gen erscheint (‹The Art of Criticism› 1705; ‹The Arts of dung zur Moral steht: «Es gibt nichts, was besser in der
Logick and Rhetorick› 1725), [42] grenzt sich Bouhours Lage ist als das Erhabene (le Sublime), den Menschen
von der Logik von Port Royal ab, um seinen Ansatz ei- seine natürliche Größe empfinden zu lassen; nicht nur
ner «Logique sans épines (Logik ohne Dornen)» [43] als weil es die Seele erhebt und sie mit einem edlen Stolz
kurze und leichte Rhetorik, vorzustellen, die durch Ex- erfüllt, der von der Tugend und der Seelengröße her-
empel einem ästhetischen Phänomen des Wohlgefallens rührt; sondern weil es uns überdies erkennen lässt, dass
nahezukommen sucht. Bouhours unterstreicht, daß das, dieses Erhabene, so wunderbar wie es uns ergreift, seine
was Wohlgefallen an Werken sprachlicher Kunst aus- Hauptquelle in unserem Herzen hat.» [49] Festzustellen
löst, nicht auf rationale Regeln zu reduzieren ist. Viel- ist, daß mit den Debatten um das Erhabene eine wir-
mehr sind es gerade Antithesen, Spannungsmomente kungsästhetische, regelüberschreitende Qualität des S.
und Kontraste, durch die wie in der Malerei an der Dif- als unerläßliche Bedingung apostrophiert wird, die prin-
ferenzqualität Wohlgefallen erwächst. [44] Sprachliche zipiell vor allem an die magnanimitas, die sittliche See-
Kompositionen gefallen daher nicht in Beschränkung lengröße und ihre entsprechende poetische Wirkmacht
auf die Auswahl schöner Gegenstände, sondern auf- auf die Seele der Rezipienten gebunden ist. Während
grund der Umsetzung in kunstvollen Ausdrucksformen, die Repräsentanten der anciens in der ‹Querelle des an-
so daß auch das Abscheuliche angenehm wirken kann, ciens et des modernes› mit Ps.-Longin die Größe und
wenn es gemäß den Regeln der aristotelischen Rhetorik Einfachheit der erhabenen S. herausstellen, um damit
in schöner Nachahmung («belle imitation») präsentiert nicht zuletzt die Vorbildlichkeit der Alten ausweisen,
wird. Entscheidend ist nicht der Gegenstand, sondern applizieren die modernes (Perrault, La Motte, Fénelon)
die subjektive Reflexion (réflexion de l’ésprit), die das Erhabene auf die Stilqualität des genus sublime, um
durch die sprachliche Repräsentation ausgelöst wird, prinzipiell aber der mittleren Stilqualität das Primat der
das Gewahrwerden eines Ich-weiß-nicht-was, das etwas gemäßigten Süße zuzuschreiben. [50]
Neues erfahrbar macht und zugleich empfindlich be-
rührt wird. [45] Das Annehmliche, Anmutige des S. steht Anmerkungen:
in direkter Verbindung zur délicatesse (Zartgefühl), die 1 vgl. J. Knape: Art. ‹Barock›, in: HWRh, Bd. 1 (1992), 1299–
1313. – 2 G.J. Vossii Rhetorices Contractae, sive partitionum
wie ein Parfüm das Sublime der Teile vermittelt, ohne oratoriarum libri quinque, ed. Jacob Thomasii (Leipzig 1742)
benommen zu machen, sondern süße Regungen des lib. V, cap. vi, § 27, 439. – 3 vgl. W. Barner: Barockrhet. (1970)
Herzens evoziert. [46] Dies gilt in übertragenem Sinne 273. – 4 Vossius [2] lib. V, cap. vi, § 9, 436. – 5 ebd. lib. V, cap. vii,
für die pensées délicates, die, wenngleich nicht erklär- § 1, 439. – 6 vgl. L. Fischer: Gebundene Rede. Dicht. und Rhet.
bar und auf eine Art natürlichen Instinkt oder ein intui- in der lit. Theorie des Barock in Dt. (1968) 220. – 7 Opitz cap.

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

VI, 24 u. 26. – 8 ebd. cap. VI, 29. – 9 ebd. cap. VIII, 53f. – 10 J.M. sogenannten schönen Wissenschaften und Künste, ei-
Meyfart: Teutsche Rhetorica oder Redekunst (1634), in: Dt. nen breiten Raum ein. «Tout le monde raisonne du
Neudrucke, hg. v. E. Trunz (1977) lib. I, cap. 6, 63. – 11 ebd. lib. beau» (Jedermann denkt über das Schöne nach), kon-
II, cap. 4, 13. – 12 J.P. Titzens Zwey Bücher Von der Kunst
Hochdt. Vv. und Lieder zu machen (Danzig 1642) lib. II, cap.
statiert Diderot, um hiervon ausgehend die Konfusion
iii, § 6. – 13 ebd. lib. II, cap. iv, § 1. – 14 ebd. lib. II, cap. iv, § 2. – der Auffassungen und das Fehlen einer präzisen Defi-
15 G.Ph. Harsdörffer: Poetischer Trichter (1648–53 ND1969) T. nition zu monieren. [1] Das S. bzw. die S. avanciert zur
II, 7. Std., 1f. – 16 ebd. T. III, vii. Betr., 63. – 17 ebd. T. III, iii. Zentralkategorie ethisch-ästhetischer Debatten, wobei
Betr., 20. – 18 ebd. T. III, vi, 667. Std., 1f. – 19 Fischer [6] 224ff. – rhetorische Prinzipien vor allem in Hinsicht auf wir-
20 vgl. R. Zymner: Art. ‹Argutia›, in: RDL3 133–135.; vgl. V. kungsästhetische Fragen eine, allerdings als solche oft
Kapp: Art. ‹Argutia-Bewegung›, in: HWRh, Bd. 1 (1992) 991– kaum bewußt reflektierte Folie der ästhetischen Theo-
998. – 21 vgl. C. Zelle: Die doppelte Ästhetik der Moderne. rie bilden. Ein Beispiel sind Debatten um die Frage, ob
Revisionen des Schönen von Boileau bis Nietzsche (1995) 36–
59. – 22 P. Nicole: Traité de la vraie et de la fausse beauté dans
eine kunstvolle oder im Gegenteil vielmehr jede Artifi-
les ouvrages d’esprit (Amsterdam 1720) I, 170ff., in: Nouveau zialität meidende, natürliche Wirkkraft der Sprache als
Recueil des Epigrammatistes François, Anciens et Modernes, ästhetisch anzustreben sei oder worin die psychologi-
Tom II (1720); franz. Übers. der lat. Schrift von P. Nicole: Diss. sche Disposition, Naturanlage oder auch Bildbarkeit der
De vera pulchritudine & adumbrata, in qua ex certis prinicpiis, menschlichen Gemüts- und Erkenntniskräfte, insbeson-
rejectionis ac selectionis Epigrammatum causae redduntur dere der Affektzustände und Gefühle liege. In diesem
(1659). – 23 ebd. VIII, 190f. – 24 B. Pascal: Pensées. Preface gé- anthropologischen Kontext stellt sich im Zusammen-
nérale 37 u. 38, in: Pascal: Oeuvres complètes, Texte établi, hang mit der Herausbildung einer Wissenschaft des S.
présenté et annoté par J. Chevalier (1976) 1097. – 25 N. Boi-
leau: Épitre IX, in: ders.: Oeuvres complètes (1966) 134. –
immer drängender die Frage nach der Instanz ästheti-
26 ders.: L’Art poétique II 72, hg. eingel. u. komm. v. A. Buck scher Urteilsbildung. Das Geschmacksurteil, das als äs-
(1970) 67; Übers. n. N. Boileau-Despréaux: Dichtkunst, hg. v. thetische Urteilskraft im Laufe des 18. Jh. philosophisch
R. Schober (1968), 33; vgl. N. Boileau: Discours sur l’Ode, in: etabliert wird, enthält zwar noch Anklänge der rhetori-
ders. [25] 227. – 27 vgl. ders.: Traité du sublime, Préface, in: schen Tradition, verselbständigt sich aber zunehmend
ders. [25] 337ff. – 28 W. Lange: Die Nuance. Kunstgriff und gegenüber allen sittlich-konventionalen Konnotationen
Denkfigur (2005) 68. – 29 N. Boileau: Diss. zur Joconde, in: von gutem Geschmack und Wohlanständigkeit oder ge-
ders. [25] 316. – 30 Lange [28] 70–75. – 31 R. Rapin: Reflexions genüber der schulrhetorischen Definition des iudicium.
sur la Poétique d’Aristote, et sur les Ouvrages des Poètes An-
ciens et Moderns (1674); ders.: Reflexion sur la poétique de ce
Gleichwohl zeigt die rhetorische Theorie bei der Be-
temps, et sur Les Ouvrages des poètes anciens & modernes urteilung des S. im sittlichen wie ästhetischen Sinn, daß
(Paris 21675). – 32 Oeuvres du R. Rapin qui contiennent les sich hier nicht nur das Problem begrifflicher Faßbarkeit
Reflexions Sur L’Eloquence, La Poétique, L’Histoire et la Phi- dessen artikuliert, was über regelgestützte Techniken,
los., nouvelle ed., Tom. II (Den Hag 1725). – 33 Rapin [31] (ND Kompositionsprinzipien, Stilqualitäten und -höhen hin-
1973) II, 3. – 34 ebd. II, 3. – 35 ebd. VIII, 16. – 36 ders.: Du grand aus das ästhetische ’Mehr’ ausmacht, sondern sich aus-
ou du sublime dans les moeurs et dans les différentes conditions gehend von der antike Redelehre Ansätze formieren,
des hommes (Amsterdam 1686). – 37 Rapin [31] XXVII, 72. – die diese spezifische Instanz einer Beurteilungsfähigkeit
38 ebd. XXXI, 84. – 39 ebd. XXV, 62. – 40 ebd. XXXIX, 106. –
41 vgl. ebd. XXXV, 93. – 42 Ch. Harrison, P. Wood, G. Gaiger
thematisieren. Das wird vor allem in Hinsicht auf die
(Hg.): Art in Theory, 1648–1815. An anthology of changing Unterscheidung des S. vom Erhabenen manifest.
ideas (Oxford 2001) 222. – 43 D. Bouhours: La Manière de bien Doch ungeachtet dieser rhetorischen Kontinuität
penser dans les ouvrages d’esprit. Dialogues (1735), Avertis- wird im 18. Jh. offenkundig, daß die ars oratoria in ihrer
sement vi. – 44 ebd. II, 182. – 45 ebd. II, 189. – 46 ebd. II 193. – durch die Antike bestimmten Systematik, d. h. als Lehr-
47 Zelle [21] 52, vgl. 64ff.; A.A. Baeumler: Das Irrationalitäts- system, das eine klare Gliederung und Zuordnung von
problem in der Ästhetik und Logik des 18. Jh. bis zur Kritik der methodischen wie praktischen Regeln und persuasiven
Urteilskraft (1975); W. Wehle: Vom Erhabenen oder über die Zielsetzungen umfaßt, zunehmend an Bedeutung ver-
Kreativität des Kreatürlichen, in: S. Neumeister (Hg.): Früh-
aufklärung (1994) 195–240; M. Fritz: Vom Erhabenen. Der
liert. Die Beschränkung auf den Bereich der elocutio,
Traktat ‘Peri Hypsous’ und seine ästhet.-religiöse Renaissance die sich bereits in den Rhetoriklehren der Frühen Neu-
im 18. Jh. (2011), 175ff. – 48 vgl. J. Jacob: Die Schönheit der Lit. zeit angebahnt hatte, setzt sich in der Verflechtung von
Zur Gesch. eines Problems von Gorgias bis Max Bense (2007) rhetorischen und poetologischen Theoriebildungen im
103ff. – 49 F. Silvain: Traité du Sublime 1f., übers. zit. Fritz [47] 18. Jh. fort. Mit der Entstehung der Ästhetik als philo-
177. – 50 P. Marot: La littérature et le sublime (2007) 201ff. sophischer Wissenschaft führt dies schließlich zur weit-
gehenden Fragmentarisierung, Verdrängung und auch
Literaturhinweise:
Absorption rhetorischer Prinzipien. So gehen in die sich
K. Dockhorn: Die Rhetorik als Quelle des vorromantischen Ir- formierende Wissenschaft des S. vornehmlich affekt-
rationalismus in der Lit.- und Geistesgesch. (1940). – M. Wind- rhetorische, wirkungsästhetische Ansätze ein, die aller-
fuhr: Die barocke Bildlichkeit und ihre Kritiker (1966). – K.-P. dings kaum noch unter der Maßgabe des aptum bzw. ho-
Lange: Theoretiker des Manierismus. Tesauro und Pellegrinis nestum mitsamt der ethischen Konnotationen diskutiert
Lehre von der ‘acutezza’ oder von der Macht der Sprache werden, sondern eine vor allem wirkungspsychologische
(1968). – M. Beetz: Rhet. Logik (1980). – H. Abele: Erhabenheit Analyse des ästhetisch S. bestimmen. Auch schwindet
und Scharfsinn. Zum ‘argutia’-Ideal im aufgeklärten Klassizis- bei der Fähigkeit, sinnlich attrahierende S. zu evozieren,
mus (Diss. 1983). – L. Marin: Le sublime dans les années 1670:
un je ne sais quoi?, in: Actes de Baton Rouge, ed. S.A. Zebouni
die Bedeutung argumentativer Techniken wie persua-
(Paris, Seattle, Tübingen 1986) 185–201. – J. Knab: Ästhetik der siver Strategien in bezug auf die Gegenstände und Auf-
Anmut. Studien zur ‘Schönheit der Bewegung’ im 18. Jh. (1996). gabengebiete der klassischen Rhetorik. Mit der Einglie-
derung rhetorischer Prinzipien in die Ästhetik lösen sich
die wirkungsästhetischen Komponenten weitgehend
von der argumentativ gestützten Lehrfunktion (proba-
VI. Rhetorische Aspekte des S. in der Aufklärung. Im re), ja überhaupt vom Zweck moralischer Belehrung mit
18. Jh. nehmen die Diskussion um das S., nunmehr im unterhaltsamen Redeformen (delectare et prodesse). So
Kontext eines Bemühens um die Systematisierung der verengt sich der Geltungsbereich des Rhetorischen in

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

den Schönheitsdebatten seit dem 18. Jh. Dennoch ist er schönen. Die ars bene dicendi, die Beredsamkeit wird
in seiner den Selbstverständigungsprozeß über das äs- nun neben der Poesie und der Historiographie bzw.
thetisch S. befruchtenden Funktion gar nicht zu unter- den schönen Literaturen zu einer derjenigen Künste, die
schätzen. der Ästhetik unterzuordnen sind. Die Bestimmung
Denn ausgehend von der wirkungsästhetisch orien- der schönen Wissenschaften und Künste, unter die
tierten Analyse der Gemütskräfte, der psychologischen auch die Rhetorik fällt, in Hinsicht auf die jeweilige
wie psychophysischen Erkundung von Affekten, emo- Leistungsfähigkeit, den erkenntnisheoretischen Gel-
tionalen Zuständen, der Untersuchung der Bestim- tungsanspruchs, die sinnlich-affektive Wirkfähigkeit
mungsgründe eines hiermit einhergehenden Gefühls wie die ästhetische Lizensierung der Mittel vollzieht sich
von Wohlgefallen und Lust bzw. von Unlust und Ab- allerdings nicht abrupt. In der Auseinandersetzung mit
scheu gegenüber dem Häßlich bis hin zur Problematisie- dem ästhetisch S. in den bildenden Künsten wie den
rung des Urteilsvermögens selbst stellt sich eine Reihe Sprachkünsten manifestiert sich die Aneignung rheto-
von Fragen als Herausforderung an die neue Wissen- rischer Kategorien in der allmählichen Entwicklung
schaft des S. Was sind die Kriterien, auf die sich das Ge- des Begriffsapparates sowie der zentralen ästhetischen
schmacksurteil in der Beurteilung von etwas als schön Kategorien. Eine detaillierte Rekonstruktion dieses
stützt? Gilt dies für das Natur- wie Kunstschöne glei- Entwicklungsgangs im Blick auf die Komplexität von
chermaßen? Lassen sich überhaupt objektive Bestim- Rezeptionsvorgängen bzw. transformierenden Aneig-
mungsmerkmale des S. als Geltungsgrundlage von Ur- nungsformen der rhetorisch fundierten Diskussion um
teilen ausweisen und sind diese in der Beschaffenheit das S./die S. ist vorerst noch ein Desiderat der For-
eines Gegenstandes gegeben (z.B. durch Kompositions- schung. Gleichwohl lassen sich wichtige Momente kenn-
und Gestaltungsprinzipien oder die Einheit in der zeichnen, die schließlich zu einer vollständigen Ab-
Form)? Ist der objektive Grund einer Beurteilung des S. sprengung der Rhetorik aus den Schönheitsdiskursen
in der menschlichen Seele bzw. der Erkenntnisfähigkeit führen.
zu suchen (z.B. als Idee, spezifischer Sinn oder Urteils- Im ausgehenden 17. Jh. hatte der Kunsttheoretiker
kraft)? Oder beruht die Schönheitserfahrung vornehm- und Künstler G.P. Bellori [2] die nicht zuletzt gegen
lich auf subjektiven Empfindungen oder Gemütszustän- manieristische Kunsttheorien gerichtete Forderung er-
den in Bezug auf mögliche Gegenstände der Erfahrung, hoben, die bildenden Künste auf klassizistische, an der
so daß die Bestimmungsgründe des S. kontextrelativ zu Antike orientierte Ideale zu verpflichten und die Lei-
verstehen sind, d. h. Moden, Zuschreibungen, Konven- stung der Malerei aus der Fähigkeit zu begründen, eine
tionen folgen und damit der Historizität unterliegen? vollkommene Idee von S. aus der selektiven Nachah-
Unter welchen Maßgaben läßt sich aber dann der Gel- mung der Naturerscheinungen zu gewinnen. Damit er-
tungsanspruch ästhetischer Urteile begründen? Mit der hält nicht nur die Vorstellung einer die Natur idealisie-
bereits im ausgehenden 17. Jh. im Kontext der ‹Querelle renden Kunstschönheit als Ausdruck einer göttlichen
des anciens et des modernes› eingeleiteten Kritik an der Idee Gewicht, sondern die theologisch-philosophische
zeitlosen Gültigkeit eines strengen, formalen Regelka- Schönheitsmetaphysik, insbesondere der platonischen
nons klassizistischer Schönheitstheorien setzt ein Pro- Tradition, geht jetzt auch in die Kunsttheorie ein. Bel-
zeß ein, innerhalb dessen die subjektiven Bedingungen lori hatte zugleich den besonderen Status der bildenden
von Wohlgefallen immer stärker thematisch und im Künste gegenüber den Sprachkünsten behauptet. Wäh-
Verhältnis zu etwaigen objektiven und normativen Re- rend die göttliche Idee einer idealen S. in den bildge-
geln diskutiert werden. Diese Akzentverlagerung führt benden Künsten nach Bellori sinnlich offenbar wird
schließlich dazu, daß die Erfahrungsform selbst, d. h. die bzw. diese visuelle Präsenz über das Sehen höchste
Beschaffenheit der Gemütskräfte bzw. die Frage nach Wirksamkeit entfaltet, haben Versuche einer sprachli-
der entscheidenden Erkenntnisinstanz und das spezifi- chen Vermittlung der Idee des S. allenfalls mittelbare,
sche Zusammenspiel von sinnlich-emotiven wie kogni- hinweisende Kraft. Mit der These, daß «alles Sichtbare
tiven Momenten in Hinsicht auf die produktions- wie wirksamer ist als Worte» [3], so daß sprachliche Elo-
rezeptionsästhetische Bestimmung des S. an Gewicht quenz gegenüber der sinnfällig erscheinenden S. der
gewinnen und Gegenstand einer wissenschaftlichen Malerei nur zurückfallen kann, wird im 18. Jh. ein Wett-
Theorie werden. Dies hat Konsequenzen für den Status bewerb um die medien- und materialspezifischen Bedin-
der Rhetorik. Mit der Etablierung der Ästhetik als gungen einer Vergegenwärtigung des S. angestoßen.
Wissenschaft (F.G. Meier, A.G. Baumgarten) geht Diese Auseinandersetzung, mit der die Horazische For-
die rhetorische Fundierung von Literaturtheorie, Po- mel ut pictura poesis zur Disposition steht, provoziert
etik und Hermeneutik bezogen auf wirkungspsycho- sowohl eine differenzierte Betrachtung künstlerischer
logische Voraussetzungen, elokutionäre Mittel, Stilkri- Ausdrucksformen des S. wie eine eingehende Analyse
terien oder Fragen der Urteilsbildung zwar nicht verlo- der Erkenntnis- oder Gemütskräfte des S. im sprachli-
ren, aber man kann jetzt von einer Umbesetzung im Be- chen Medium. Daraus ergibt sich für die Folgezeit der
gründungsverhältnis innerhalb der Bemühungen um Impuls, die spezifischen wirkungsästhetischen Qualitä-
eine Systematisierung der Ästhetik, nun gefaßt als Wis- ten der Sprache auszuführen und dabei auf rhetorische
senschaft der schönen Erkenntnis, sprechen. Die Be- Prinzipien der affektiven Persuasivität bzw. der Evoka-
stimmung des ästhetisch S. und die damit konsequent tion von Gemütszuständen zurückzugreifen.
betriebene Abgrenzung vom sittlich S. formiert sich mit- In den für den europäischen Kontext außerordentlich
hilfe von rhetorischen Prinzipien und Funktionen der einflußreichen ‹Réflexions critiques sur la poésie et sur
Rede. Dies zeigt sich in exemplarischer Weise an der la peinture› (1719) geht J.B. Dubos der Frage nach, wel-
ästhetischen Auseinandersetzung mit dem Erhabenen/ che Rolle der Einhaltung von Regeln in Hinsicht auf die
Großen im Verhältnis zum S./Anmutigen und der An- S. (beauté) eines Gemäldes im Vergleich zu der eines
wendung rhetorischer Stileigenschaften bzw. der in der Gedichtes zukommt. Grundlegend ist dabei der Befund,
Tradition von Ps.-Longin etablierten erhabenen Rede daß malerische wie dichterische Werke ein sinnliches,
auf den Gegenstandsbereich des Natur- wie Kunst- die Empfindungen affizierendes Wohlgefallen (plaisir

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

sensible) auslösen, eine Lustempfindung, deren subjek- zuständen, tiefen Empfindungen und Seelenregungen
tiv erlebte Intensität dem Gefühl von Trauer oder der wird die Erfahrung des S. zu einer Zustandsform der
Symptomatik eines konreten Schmerzes gleicht. [4] Erkenntniskräfte, einem Vergnügen (plaisir), das sich
Nicht formale Regeln oder objektive Kriterien (Ver- zwar nicht von der Beschaffenheit des Gegenstands löst,
nunftmäßigkeit, Ordnung, Symmetrie etc.), sondern das aber doch die Beziehung auf einen Gegenstand vermit-
subjektive Empfinden, innerste Bewegungen des Her- tels der Erkenntniskräfte betont. Entscheidend wird da-
zens («les mouvemens les plus intimes de son coeur» [5]) bei die Verbindung des ästhetischen Illusionscharakters
bestimmen das ästhetische Wohlgefallen. Dubos erklärt mit einer natürlichen Empfänglichkeit für Erfahrungs-
dies auf der Grundlage einer kulturanthropologisch fun- gegenstände, die starke Leidenschaften erregen. Der äs-
dierten Psychologie: So wie körperliche Lust sich über thetische Genuß erweist sich dabei als Vergnügen an der
die Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses ein- Intensivierung der Gemütserregung, der Anspannung
stellt, gibt es ein Bedürfnis der Seele, geistig angeregt zu der Erkenntniskräfte, ihrer Aktivität. Das ästhetische
werden und nicht der Langeweile anheimzufallen. [6] Gefühl des S. beruht auf dieser lustvollen Vorstellungs-
Aufgabe der künstlerischen Nachahmung ist es, so Du- tätigkeit.
bos in Rekurs auf Quintilian und Aristoteles, in einem Zeitgenössische Zeugnisse bestätigen diese Entwick-
artifiziellen, fiktiven Modus starke Gefühle auszulösen, lung. Im ‹Traité du beau› (1715) des schweizer Gelehr-
erschütternde oder auch schreckliche Gegenstände vor ten J.-P. de Crousaz wird als objektives Kriterium des S.
Augen zu führen, die gleich einem wirklichen Erfah- die von nun an immer wieder beschworene und modifi-
rungsgegenstand tiefe Leidenschaften auslösen, kraft ih- zierte Formel entscheidend, Einheit (uniformité) in der
res imaginären Als-Ob-Status aber keine Pein oder Mannigfaltigkeit (variété) sei für die Erkenntniskräfte
Trauer nach sich ziehen. Das dichterische Handwerks- die Voraussetzung einer Erfahrung des S. [11] – verbun-
zeug zu beherrschen («réussir dans la mécanique des son den mit Regelmäßigkeit, Ordnung, Wohlproportio-
Art») [7] ist – gemäß der Horazischen Setzung – unzu- niertheit (régularité, ordre, proportion). Hier geht die
reichend; entscheidend ist die Wahl eines Gegenstan- Leibniz-Wolffsche Metaphysik der Vollkommenheit
des, der Leidenschaft erregt, der «intéressant» ist, d. h. der Welt in die Ästhetik ein, zugleich aber auch die car-
die Sinnesempfindung affiziert. [8] «Das Erhabene (sub- tesianisch imprägnierte Auffassung einer rationalen
lime) der Dichtung wie der Malerei besteht darin zu be- Struktur der Natur. Wohlgefallen stellt sich danach dann
rühren und zu gefallen (de toucher & de plaire); so wie ein, wenn der menschliche Geist durch eine dem Gegen-
das der Eloquenz darin besteht zu überzeugen. Es ge- stand eignende Mannigfaltigkeit zu einer fortwähren-
nügt nicht, daß unsere Verse schön sind», so Dubos in den, lebendigen Erkenntnistätigkeit angeregt wird,
Berufung auf Horaz, «es ist weiterhin erforderlich, daß wobei dieser Vielfalt der Eindrücke Einheitlichkeit, Re-
sie die Herzen rühren (remuer les coeurs)» und Gefühle gelmäßigkeit und Ordnungsstrukturen an die Seite tre-
entstehen lassen, die erregen. [9] Regelmäßigkeit und ten müssen, damit sie sich nicht in Diffusität erschöpft.
Eleganz der Ausführung («régularité & l’élégance de De Crousaz beruft sich bei der Erklärung dieses subjek-
l’exécution») allein sind kein Qualitätsausweis für das tiven Gemütszustands auf eine der Erfahrung voraus-
Vermögen eines Dichters oder Rhetors noch ein Garant gehende «idée générale du Beau» [12], die über die Sin-
der wirkästhetischen Kraft, die vielmehr darauf gerich- neswahrnehmung den Gemütszustand des Wohlgefal-
tet ist, durch die Stärke der Gedanken und die Leiden- lens bestimmt und sich auf die genannten ontologischen
schaftlichkeit der Bilder (pathétique des images) direkt Strukturprinzipien der Natur gründet. Die Verhältnis-
auf die Seelen der Rezipienten einzuwirken. [10] Es beziehung von diversité und unité ist essentiell für die S.
zeichnet gerade die großen Meister der Sprachkünste der Rede (beauté de l’Eloquence). Größtes Wohlgefal-
aus, die regelgeleitete S. der Ausführung («beautés de len (plaisir) stellt sich dann ein, wenn in noch so ver-
l’exécution») nicht als letztes Ziel verfolgt zu haben, schiedenen, in ihrer Eigentümlichkeit variationsreichen
sondern als Mittel, um in ihren Werken eine S. höherer Sprachen ein Genie herrscht, das der Vielfältigkeit
Stufe («beautés d’un ordre supérieur») zu verleihen. durch seinen bon sens, seine Kraft und délicatesse
Damit wird die Orientierung an einem rhetorisch- Einheit verleiht. [13] De Crousaz appliziert die Ein-
poetologischen Regelkanon zwar keinesfalls verworfen, heit des Genies auf alle Sprachen, eine jede manifestiert
aber doch zum sekundären Gebiet kompositorischer eine beauté réelle, einen natürlich gewachsenen, kultur-
wie wirkungsästhetischer Fertigkeiten erklärt, gegen- spezifischen Verwendungszusammenhang sprachlicher
über dem Primat einer nicht erlernbaren, dem Genie Mittel. In Rekurs auf den Regelbestand des klassisch
allein eigenen Fähigkeit, starke Leidenschaften zu evo- rhetorischen Systems (Komposition, Stil, Figuren u.
zieren. Dieser subjektivistische Zug akzentuiert die ra- Tropen, Pronuntiation, Adaption an die Disposition des
tionale Unverfügbarkeit sowohl der produktionsästheti- Auditoriums etc.) begründet De Crousaz die Möglich-
schen wie der rezeptionsästhetischen Bedingungen von keiten einer Entfaltung sprachspezifischer Vielfalt unter
ästhetischem Wohlgefallen. Die persuasive, emotive Wahrung der Einheit. Sofern prinzipiell eine Einheit
Kraft der Sprachkünste wird wirkungspsychologisch ge- zwischen den Menschen über ihre Sensibilität, ihre
faßt. Das heißt aber weder, so auch Dubos, daß das Ge- Herzensregungen besteht, ist die Untersuchung der na-
nie auf die Ausbildung an Regeln und Beispielen ver- türlichen Neigungen des Herzens das entscheidende
zichten könnte, noch, daß die Evokation von Bewegung Fundament, ja das Gesetz (loi), aus dem alle Regeln,
als Grund von Lustempfinden, sei es als tiefe Rührung Vorschriften und Stilmittel der Rede abzuleiten sind.
oder leidenschaftliches Ergriffenwerden im Modus ar- Die S. der Rede beruht prinzipiell auf denselben Grund-
tifiziell evozierter Leidenschaften, sich auf rein subjek- lagen wie die anderer Künste, d. h. in Hinsicht auf ihre
tiv-individuelle Faktoren begründet. Vielmehr manife- Übereinstimmung mit ihrer Bestimmung: der Wahrheit
stiert sich hier die Tendenz, kulturanthropologisch die («La Verité est [...] essentielle à la Beauté de l’Eloquen-
natürlichen, d. h. allen Menschen gemeinsamen Seelen- ce»), auf die sich die angemessene Anwendung rhetori-
regungen und Affektzustände zu analysieren. Mit dieser scher Mittel zur sinnlichen Vergegenwärtigung eines
Hinwendung zu den sentiments oder passions, Affekt- Gedankens stets richten muß. [14] Diese rhetorischen

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

Regeln sind allerdings nicht an den Redner gerichtet, tionsversuche sich aufhebenden Schönheitsbegriffe her-
sondern eher Mittel zur Ausbildung des Sprachgefühls, auszuarbeiten und der Aufsplitterung in partikulare und
d. h. einer Sensibilisierung für die affektiven Wirkqua- generelle Zuschreibungen zu begegnen. «Wenn ich also
litäten der Sprache. Eingedenk der kulturvarianten Ei- sage, daß ein Ding dank der Beziehungen, die man an
genart von Sprachen und den darin gefaßten Mentali- ihm bemerkt, schön sei, dann spreche ich nicht von den
täten sowie der Individualität von Geschmacksurteilen gedachten oder fiktiven Beziehungen, die unsere Ein-
wird hier gewissermaßen das menschliche Gefühl zur In- bildungskraft in sie hineinlegt, sondern von den realen
stanz wahrheitsfähiger schöner Rede. Daran werden Beziehungen, die in ihm sind und die unser Verstand mit
alle rhetorischen Kategorien, die De Crousaz in Beru- Hilfe unserer Sinne in ihm bemerkt.» [22] Die Wahrneh-
fung auf Cicero entfaltet, ausgerichtet. mung von realen Beziehungen als gleichsam formaler
Dieser auch als «Naturalisierung des objektivisti- Bestimmungsgrund des S., wie sie Diderot in seiner Un-
schen Schönheitsbegriffs» [15] gefaßte Ansatz legt einen tersuchung (bzw. entsprechend im Enzyklopädieartikel
spezifischen Akzent auf die Empfindungsfähigkeit und ‹Beau›) formuliert, setzt sich als Definitionsansatz je-
-tätigkeit (sensibilité): einerseits mit Blick auf die indi- doch nicht durch. Vielmehr wird das bei De Crousaz auf
viduelle, entwicklungspsychologisch bzw. nach kulturel- die Rhetorik und Poetik wie auf alle anderen Künste, in
lem Kontext je verschiedene Disposition des Rezipien- der S. der Religion gipfelnde Bestimmungskriterium der
ten und damit auf die Fähigkeit zur Erfahrung des S.; Einheit in der Mannigfaltigkeit, das über Leibniz auf
andererseits mit der Verkoppelung von Denken und Ansätze der christlich-platonischen Metaphysiktraditi-
Fühlen, wonach die Angeregtheit und Lebendigkeit der on zurückweist, zu einer entscheidenden Formel der
Erkenntniskräfte in einem Gefühl erlebbar wird. Die In- Schönheitsdiskurse im 18. Jh. Sie wird geradezu zu ei-
tensität dieses Gefühls korreliert dem Wohlgefallen, das nem Gradmesser, um das Verhältnis von Komplexität
durch die Erfahrung des S. ausgelöst und durch die Neu- und Einheitlichkeit, d. h. größtmöglicher Mannigfaltig-
heit, Größe oder Verschiedenheit der Gegenstände der keit bei gleichzeitiger Einheit des Ganzen zu qualifizie-
Natur oder Kunst geradezu stimuliert wird. [16] So läßt ren.
sich bei Dubos wie De Crousaz ein Verständnis von sen- Die Betonung der Gefühlsbewegung bzw. des Zu-
sibilité konstatieren, das sich nicht nur auf die Empfind- sammenspiels der Gemütskräfte Sinnlichkeit und Ver-
samkeit im europäischen Kontext auswirkt – in Frank- stand findet in der englischen Tradition eine weiterge-
reich wären hier Rousseau und Diderot zu nennen – , hende Ausprägung. Die Bestimmung des Verhältnisses
sondern das zeigt, daß bereits in der sogenannten Phase von Erhabenheit und S. führt hier zu einer begrifflichen
der Frühaufklärung ästhetische Prinzipien entwickelt Dichotomisierung, die über J. Dennis [23], Shaftes-
werden, die klassizistische Ideale schöner Literatur au- bury, J. Addison bis zu E. Burke schließlich in Deutsch-
ßer Kraft setzen und neben der aufklärerischen Konzen- land in Kants ‹Kritik der Urteilskraft› endgültig voll-
tration auf Vernunftprinzipien das Gefühl als Instanz zogen und in Schillers ästhetischen Schriften grundle-
etablieren. Diese Zentrierung auf die Natürlichkeit von gend wird. Diese ‹doppelte Ästhetik› in «Dualisierung
Gefühlen wie der entsprechenden sprachlichen Aus- der Literatur- und Kunsttheorie in Kallistik und Erha-
drucksformen läßt sich als Konzept einer «Poetik der benheitsästhetik» [24] bleibt allerdings als strikte Dis-
sensibilité» beschreiben, deren Anforderungen an die junktion von ästhetischen Erfahrungen und Kategorien
Rhetorizität der Literatur gerade in der Einfachheit der keineswegs unumstößlich bestehen. Vielmehr werden
Diktion, der natürlichen, (be)rührenden Sprache, in un- die beiden längst ganz im Kontext der Ästhetik veran-
prätentiöser Aufrichtigkeit, aber größter Intensität der kerten Kategorien seit dem ausgehenden 18. Jh. wieder
Gefühlswirkung kraft der unverstellten bzw. ungekün- in enger Beziehung miteinander thematisiert; das Er-
stelten Natürlichkeit bestehen. [17] Hierunter fiele etwa habene wird dem Schönheitsbegriff als «höchstes Schö-
der Ansatz von F. de Salignac de la Mothe Fénelon, nes» (Herder) zugeordnet. In der romantischen bzw.
der in seiner ‹Lettre à l’académie› (1716) als «beau sim- idealistischen Ästhetik setzt sich die Differenzierung
ple, aimable et commode» eine ungesuchte, ungekün- des S. wie des Erhabenen in Richtung auf eine überge-
stelte natürliche S. («beau naturel») bestimmt [18], die ordnete S. bis hin zu einer kaum noch unterscheidbaren
universell ist, sofern sie allen Menschen gemeinsame Verflechtung von Konnotationen durch. [25]
Seelenregungen auslöst. Poesie ist danach eine leben- Die Begründung einer aller Erfahrung vorausgehen-
dige Fiktion, eine malerische Imitation, deren wirkungs- den, in einem Gefühl begründeten Urteilsinstanz findet
ästhetische Kraft darin besteht, die Natur gleichsam le- sich in Verschränkung von ethischer und ästhetischer
bendig empfindbar vor Augen zu stellen. [19] Theorie bei A. Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury.
Die Spannung, die sich in solchen, auf die individuelle Unter dem Einfluß des Neuplatonismus der Cambridger
Gefühlsdisposition oder subjektive Bedingung von Er- Schule wird der allbeseelte, von göttlichem Geist durch-
fahrung verweisenden Reflexionen zum ästhetischen drungene Kosmos zum Ausdruck natürlicher S. und Gü-
Wohlgefallen zeigt, die aber gleichzeitig an objektiven te. Emphatisch feiert Shaftesbury in den Dialogen ‹Die
Normen festzuhalten sucht, findet – so auch bei De Moralisten› (1709) die herrliche S. Gottes [26], die sich
Crousaz – ihren Niederschlag in einem zweifachen S.- im unendlichen All in überwältigender Weise zeigt:
Begriff, der Unterscheidung eines beau absolu von ei- «Erhabene Natur! Über alles schön und ohne Schran-
nem beau relatif. Damit besteht ein Anspruch auf ken gut! all-liebend und all-liebenswert, all-göttlich! [...]
absolute, zeitlos gültige Schönheit und ein relativer auf- unwiderstehlich reizend, so unendlich bezaubernd». [27]
grund der Historizität von Sprachen, Ausdrucksformen, Für Shaftesbury ist es die göttliche Formkraft, die die
Stilausprägungen, kultureller Normen des guten Ge- Materie durchdringt, den Naturerscheinungen Gestalt
schmacks oder der sprachlichen Moden. Das führt auf verleiht und sich über alle singulären Übel und Defizi-
Ch. Perrault zurück [20]. enzanmutungen hinaus als S. und Harmonie spannungs-
Diderot sucht diesem Konzept ein beau par rapports voller Vielgestaltigkeit im Kosmos zur Erscheinung
entgegenzusetzen, [21] um das Gemeinsame der ausein- bringt. In der menschlichen Seele wirkt sie als eine
anderstrebenden, geradezu in der Pluralität der Defini- geistige, formgebene Kraft, vermöge derer sich der

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Mensch zu höchster Moralität auszubilden in der Lage zogenen Geschmacksurteils, das der menschlichen Seele
ist. S. ist bei Shaftesbury über die Form bestimmt, sofern natürlich gegeben ist, zu untersuchen, um hieraus all-
sie Ausdruck einer Idee bzw. einer formverleihenden, gemeine Grundsätze ableiten zu können. Der Ge-
geistigen Tätigkeit oder Kunst ist. Das prozessuale Mo- schmack (taste) in den schönen Künsten geht nach
ment der Herausbildung als Verwirklichung einer in- Home Hand in Hand mit dem moral sense, ist diesem
nergeistigen S. wird hier entscheidend. S. zeigt sich da- verwandt in seiner Befähigung, das Richtige vom Fal-
nach in dreifacher Klassifikation: als «tote Form» tritt schen zu unterscheiden. Um nun die Prinzipien der allen
sie an geformten Dingen in Erscheinung, sei es natürli- Menschen gemeinsamen Urteilskriterien zu erkennen –
cher Entitäten oder menschlicher Artefakte; als «for- so etwa in Hinsicht auf das S. wie das Erhabene – , gilt es
mende Form» ist sie Ausdruck der Wirksamkeit des nicht nur, die sensitiven Kräfte des Menschen zu unter-
menschlichen Verstandes und seines freien, kunsttäti- suchen, sondern unter dem Anspruch, Kriterien der
gen Vermögens; als dritte Art der S. gilt die höchste gött- Kunst-Kritik als einer rationalen Wissenschaft zu for-
liche Kunst, der die formende Form selbst ihre Wirk- mulieren, den Gegenstandsbereich des sinnlich Ange-
samkeit verdankt: «Was aber sogar die Geister selbst nehmen detailliert zu untersuchen. [32] Das S. (beauty),
gestaltet, enthält in sich die Schönheit alles dessen, was bestimmt ausgehend von Gegenständen, die der Sinnes-
von diesen Geistern gestaltet wird und ist folglich der wahrnehmung angenehm sind, wird auch hier v. a. über
Grund, Ursprung und Quell aller Schönheit.» [28] Die das Verhältnis von Einheit (unitiy) und Mannigfaltigkeit
Fähigkeit zur Beurteilung der S. gründet sich nicht auf (variety) gefaßt und anhand rhetorischer Kriterien dif-
Erfahrung, sondern auf ein vor aller Erfahrung gege- ferenziert analysiert. Ausführlich wendet sich Home un-
benes, dem Geist innewohnendes Vermögen, einen in- ter diesen Voraussetzungen der «beauty of language»
neren Sinn als «Vorgefühl des Erfreulichen und Schö- zu, der S. der Sprache und ihrer kommunikativen Auf-
nen» [29], und zwar in Hinsicht auf das künstlerisch wie gabe. Auf der Basis rhetorischer Wortkompositions-
sittlich Geschmackvolle, Wohlanständige bzw. Verab- und Stilprinzipien entfaltet Home ein außerordentlich
scheuungswürdige. Mit dieser Instanz des moral sense, komplexes Regelsystem sprachlicher Schönheit.
deren Ausbildung zur vollkommenen sittlichen S. dem Der gleichermaßen im engeren Kreis der schotti-
Menschen zur Aufgabe wird, zeigt sich bei Shaftesbury schen Aufklärungsdenker verankerte Geistliche und
eine Verschiebung von der Bestimmung objektiver ge- Rhetoriker H. Blair behandelt Fragen des Geschmacks
genstandsgebundener Schönheitskriterien zu einer sub- bzw. eines hierfür grundlegenden natürlichen Sinns in
jektiven und doch allen Menschen gemeinsamen Ur- Hinsicht auf das S. und das Erhabene in seinen rhetori-
teilsinstanz. Kant wird diese Fundierung der Ethik über schen Schriften, dem ‹Essay on Rhetoric› (1784) sowie
eine moral sense-Theorie entschieden zurückweisen und den ‹Lectures on rhetoric and belles lettres›, die viele
durch die Bestimmung eines vernunftgewirkten Gefühls Neuauflagen erfahren haben. Er nimmt dabei ausdrück-
der Achtung revidieren. lich auf Hutcheson, Home, Gerard sowie auf Addisons
Im englischen Sensualismus findet Shaftesburys An- Veröffentlichungen im ‹Spectator› zum Vergnügen der
satz, einen spezifischen inneren, präreflexiven Sinn als Einbildungskraft Bezug. Die Frage des Geschmacks,
Voraussetzung ethisch-ästhetischer Urteilsfähigkeit zu d. h. nach einem natürlichen Sinn für S. (beauty) geht so –
bestimmen, allerdings unter Verzicht auf eine meta- hierfür ließen sich weitere Beispiele im englischspra-
physische Grundlegung, breite Aufnahme. So etabliert chigen wie deutschsprachigen Raum anführen [33] – in
F. Hutcheson in der ‹Inquiry into the original of our poetologisch-rhetorische Lehrschriften ein.
ideas of beauty and virtue/Untersuchung über den Ur- Unter Rückgriff auf die Leibniz-Wolffsche Meta-
sprung unserer Ideen von Schönheit und Tugend› physik [34] entwickelt A.G. Baumgarten eine systema-
(1725) [30] einen inneren Sinn (internal sense) als In- tische Darlegung der Ästhetik als Wissenschaft der sinn-
stanz der spezifisch menschlichen, natürlichen Schön- lichen Erkenntnis (scientia cognitionis sensitivae), die er
heitserfahrung. Dieser Sinn bzw. das Gefühl für das in Analogie zur rationalen Erkenntnis als «ars pulchre
Schöne (sense of beauty) ist insofern konstitutiv, als cogitandi», Kunst des schönen Denkens bestimmt. [35]
das S. nicht auf Eigenschaften eines gegebenen Gegen- Gegründet auf eine Nobilitierung der sogenannten un-
standes, sondern auf einer subjektiven, sinnlichen Vor- teren Erkenntniskräfte ist S. (pulchritudo) definiert als
stellung beruht, d. h. auf einem Lustgefühl, das sich un- Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntnis (perfectio
abhängig von Erkenntnisinteressen oder Nutzenerwar- cognitionis sensitivae) [36] und nicht zu verwechseln mit
tungen über die Erfahrung von sinnlichen oder auch Eigenschaftszuschreibungen in bezug auf Gegenstände
geistig-abstrakten Gegenständen einstellt. Dabei unter- oder Gehalte [37] bzw. etwaige subjektive Gefühls-
scheidet Hutcheson absolute und relative S. danach, ob dispositionen. Maßgeblich ist die qualitative Vervoll-
die Empfindung von S. sich unmittelbar auf einen Na- kommnung der sinnlichen Erkenntnis (pulchritodo co-
turgegenstand bzw. eine mentale Vorstellung bezieht gnitionis) selbst. In Baumgartens früher Schrift ‹Medi-
oder aber auf die Qualität der Nachahmung eines Vor- tationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinen-
bildes. Objektives Kriterium des subjektiven Gefühls tibus› (1735) wird dies zunächst für die Poesie entfaltet,
des S. bzw. des Geschmacksurteils ist das Verhältnis von um dann in der Ästhetik eine komplexe Ausarbeitung in
Einförmigkeit/Einheit und Mannigfaltigkeit. Eine Be- Hinsicht auf die vollkommene, d. i. schöne Erkenntnis
zugnahme auf rhetorische Theorieelemente ist hier zu finden. [38] Voraussetzungen für die in zwei Teilen
nicht mehr nachzuweisen. Gleichwohl beeinflußt Hut- erschienene, unabgeschlossene ‹Aesthetica› (1750/58)
cheson als Verteidiger Shaftesburys und einflußreicher sind bereits bei Chr. Wolff, dem wichtigsten Lehrer
Denker des Scottish enlightenment auch rhetorisch fun- Baumgartens, gegeben, der Anmut (venustas) und S.
dierte Abhandlungen. H. Home, Lord Kames, Cousin (pulchritudo) als wahrgenommene bzw. gefühlte Voll-
von D. Hume, macht es sich in ‹Elements of criticism› kommenheit (perfectio) definiert, [39] wobei zwischen
(1762) [31] – einer im deutschen Sprachraum weit rezi- der wahren S., gegründet auf eine tatsächliche Vollkom-
pierten Schrift – , zur Aufgabe, die Grundlagen der für menheit, und der erscheinenden Schönheit, ausgelöst
Augen und Ohren schönen Künste bzw. des hierauf be- durch den Schein von Vollkommenheit, zu unterschei-

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den ist. [40] Im Hintergrund steht Leibniz’ Differenzie- Wenngleich in der Ästhetik Baumgartens das rheto-
rung der Erkenntnisvermögen. [41] Die sinnlich vervoll- rische Lehrgebäude deutlich erkennbar zugrundeliegt
kommnete Erkenntnis ist nach Baumgarten wie die ra- bzw. es als System geradezu konstitutiv für die wissen-
tionale Erkenntnis in spezifischer Weise auf eine Wahr- schaftliche Darlegung der Ästhetik ist, hat die Etablie-
heit (veritas aesthetica) bezogen. Der S. der sinnlichen rung des Kerngedankens der Ästhetik – die sinnlich voll-
Erkenntnis, definiert als Gesamtheit derjenigen Vor- kommene Erkenntnis – in der Folgezeit zur Konsequenz,
stellungen, die unterhalb der rationalen Deutlichkeit daß nun vielfach dieses Kriterium an eine Beurteilung
(distinctio) bleiben, eignen allgemeine Prinzipien von der Rhetorik angelegt wird. Zudem verlieren Rhetorik-
Vollkommenheit: S. der Ordnung, der Bezeichnung theorien im Zuge einer ‹Entrhetorisierung› der Poetiken
(hierunter fallen dictio und elocutio) – Bestimmungen, seit der Frühaufklärung an Gewicht, d. h. der Anlei-
die u. a. in Verbindung mit einer transformierten Aneig- tungscharakter poetologischer Schriften, Techniken der
nung der Dreistillehre und wirkungsästhetischer Erwä- Rede und ihrer persuasiven Lehrfunktion, tritt immer
gungen zu Fragen der Wahrscheinlichkeit (verisimilitu- weiter zurück. [49]
do), der Fiktionstheorie (fictio poetica) oder der Color- Die zeitgenössische Auseinandersetzung mit einem
und Tropenlehre rhetorische Kriterien für die wissen- auf den metaphysischen Vollkommenheitsbegriff der
schaftliche Systematisierung der der schönen Erkennt- Leibniz-Wolffschen Tradition gegründeten Begriff von
nis fruchtbar machen. «Der Reichtum, die Größe, die S. als Einheit in der Manngfaltigkeit in Verbindung mit
Wahrheit, die Klarheit, die Gewißheit und das Leben empiristischen Erkenntnistheorien (Locke), dem en-
der Erkenntnis, insofern sie in einer Vorstellung unter thusiastischen Konzept Shaftesburys wie etwa mit der
sich übereinstimmen [...] ergeben die Vollkommenheit durch Dubos’ angestoßenen Thematisierung der subjek-
jeder Erkenntnis. Als Erscheinungen ergeben sie die tiven Gefühlsregungen prägt sich in Verbindung mit ei-
Schönheit des Sinnlichen, und zwar eine allgemeine, vor ner vertiefenden psychologischen und physiologischen
allem der Sachen und der Gedanken, in denen ‘die Fülle, Analyse der seelischen Empfindungen auch in M. Men-
die edle Art und das gewisse Licht des bewegenden delssohns Schriften zur Ästhetik aus.
Wahren ergötzen’.» [42] Der Akzent liegt auf einer S., Kants ‹Kritik der Urteilskraft› markiert in vielerlei
die Wirkung des «schön Denkenden» [43], der Leben- Hinsicht einen Wendepunkt in den ästhetischen Debat-
digkeit der sinnlichen Erkenntniskräfte eines felix aes- ten um das S., um Beurteilungsvermögen und -kriterien
theticus ist. Dieser, natürlicherweise mit einem anmuti- sowie die Frage nach dem Verhältnis von objektiven
gen, geschmackvollen Geist begabt («ingenium venu- und subjektiven Bestimmungsgründen der Schönheits-
stum et elegans connatum») [44], besitzt das Vermögen, erfahrung. Die Ansätze der metaphysisch orientierten
eine spezifische, ästhetische Wahrheit («veritas aesthe- Vollkommenheitsästhetiker überwindend, kennzeich-
tica») zur Erscheinung zu bringen, allerdings – analog net Kant das S. als ein Gefühl der Lust des Subjekts un-
der Vernunftwahrheit – in ihrem ästhetischen Reichtum abhängig von Eigenschaften etwaiger Gegenstände der
Möglichkeitskriterien wie den Bedingungen einer äs- Erfahrung. Das ästhetische Wohlgefallen, das sich für
thetischen Einheit unterliegt. [45] Baumgarten zieht das Geschmacksurteil vermittels der Vorstellung eines
zur Begründung dieser ästhetischen Wahrheitskriterien schönen Gegenstandes einstellt, ist gerade dadurch von
im Unterschied zu Formen der Falschheit vielfach einem das Begehrungsvermögen bestimmenden Stre-
(spät)antike Dichtungstheorien und Rhetoriklehren ben nach lustvollen Genuß eines Angenehmen oder der
(z.B. in Rekurs auf Aristoteles, Horaz, Cicero, Augustin Orientierung auf das Gute unterschieden, insofern es
u. v. a.) heran. Die Einheit in der Mannigfaltigkeit liegt sich um einen Modus von Wohlgefallen handelt, der das
auch hier als ein Konzept zugrunde, das den Anspruch Geschmacksurteil ohne alles Interesse an der tatsächli-
einer metaphysisch verbürgten Vollkommenheit als chen Gegebenheit (Existenz) oder sittlichen Erstre-
Wahrheitskriterium in die ästhetische Erkenntnis auf- benswürdigkeit eines objektiv ausweisbaren Guten be-
nimmt. Es gilt daher im Streben nach dem sinnlichen stimmt. Das S. ist «ein Gegenstand des Wohlgefallens
Zur-Erscheinung-Bringen dieser Wahrheit «in seine ohne alles Interesse». Gleichwohl beansprucht das Ge-
Überlegungen das höchste Maß an Wahrheit, das diese schmacksurteil eine Gültigkeit, die über private Zu-
unbeschadet der Schönheit des Ganzen erlauben mö- schreibungen eine allgemeine Zustimmungsfähigkeit
gen, einzubringen» [46]. (subjektive Allgemeingültigkeit) beanspruchen kann.
Wenngleich Baumgartens Ästhetik einen Meilenstein Sofern das S. ohne Begriff allgemein gefällt, ist die All-
in der Ästhetik-Debatte des 18. Jh. darstellt, findet seine gemeingültigkeit des Geschmacksurteils in Hinsicht auf
wissenschaftliche Ästhetik erst in der von seinem Schü- das S. gegeben, wenn die Erkenntniskräfte sich derart in
ler G.F. Meier auf der Basis von vorlesungsbegleitenden einem harmonischen Zusammenspiel bewegen, daß die
Kollegheften Baumgartens veröffentlichten dreibändi- durch die selbständige, freie Tätigkeit der Einbildungs-
gen deutschsprachigen Abhandlung ‹Anfangsgründe al- kraft zur Einheit einer Vorstellung gebrachte sinnliche
ler schönen Wissenschaften› (1748–50) eine breite Re- Mannigfaltigkeit selbst eine Form hervorbringe, die sich
zeption. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß in Übereinstimmung mit allgemeinen Verstandesgeset-
Meier, der sein Werk herausbringt, bevor der erste Band zen zeigt. In diesem freien Spiel von Einbildungskraft
der lateinischen Ästhetik Baumgartens erscheinen kann, und Verstand ist die Vorstellung der S. von einem Ge-
die Wissenschaft der sinnlich schönen Erkenntnis mo- fühl der Lust begleitet und zeigt für das Urteilsvermö-
difiziert und damit die Rezeption maßgeblich lenkt. [47] gen eine Form der Zweckmäßigkeit ohne Zweck, d. h.
Meier legt, so auch in einer späteren Abhandlung, den fernab einer Ausrichtung auf einen bestimmten, begriff-
Akzent auf die Evokation starker Affekte. Das «Rüh- lich gegebenen Zweck stellt sich im Spiel der Einbil-
rende und Pathetische» ist ihm die größte S. der sinnli- dungskräfte Schönheit als eine Freiheit in der Erschei-
chen Erkenntnis, die in dieser Hinsicht bis dato Gegen- nung ein, die wie von selbst, unabsichtlich eine vernunft-
stand von Dichtungstheorie und Rhetorik, nun als um- gemäße Zweckmäßigkeit zeigt. [50]
fassende Lehre der Gemütsbewegungen im Kontext der Hier trennen sich endgültig die Bereiche des Wahren,
Ästhetik zu entwickeln sei. [48] S. und Guten. Spätestens mit der von Kant ausgewiese-

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Schönheit, das Schöne Schönheit, das Schöne

nen (bereits bei Home angelegten) Bestimmung des äs- 9 ebd. (Paris 1770) I-III/ (ND 1982) II 1f. – 10 ebd. (Paris 1770)
thetischen Wohlgefallens mit Interesselosigkeit gerät I-III/ (ND 1982), II 5. – 11 J.-P. de Crousaz: Traité du beau, où
das genuin rhetorische Ziel der überzeugenden, zweck- l’on montre en quoi consiste ce que l’on nomme ainsi, pare des
Exemples tirez de la plûpart des Artes & des Sciences (Am-
orientierten Rede aus dem Fokus dessen, was die Äs- sterdam 1715 ND Genf 1970) 12; Dt. Übers.: J.-P.de Crousaz:
thetik als S. bestimmt. Die Rhetorik als Disziplin erhält Versuch von dem Schönen in der Natur, den Sitten, Werken
einen prekären Status innerhalb des Ensembles der des Witzes in der Musik oder Tonkunst, aus dem Französischen
schönen Wissenschaften und Künste. Denn, so der Auf- übers. v. einigen Mitgliedern der Königl. Ges. zu Königsberg in
ruf von J.G. Sulzer, die Kunst, schön zu reden oder die Preussen (Königsberg 1753). – 12 vgl. J.-P. de Crousaz: Traité
Ästhetik der Beredsamkeit ist als aesthetica specialis du beau, Amsterdam 1715, cap. II 4ff. – 13 J.-P. de Crousaz:
überhaupt erst noch zu begründen. [51] Traité du beau, Amsterdam 21724, Vol. 2, cap. XI, 3. – 14 ebd.
Die Poesie trägt den Preis einer «schönen Rede- XI, 45. – 15 vgl. E. Stöckmann: Anthropol. Ästhetik: Philos.,
Psychol. und ästhet. Theorie 55. – 16 K. Dirscherl: «Von der
kunst» [52] davon, wie F. Bouterwek konstatiert, denn Herrschaft der Schönheit über unsere Gefühle». Elemente ei-
der Redner, «wie er seyn soll, ist kein Künstler, wie der ner sich formierenden Ästhetik der sensibilité (Fénelon, Crou-
Dichter; er will nicht ein Kunstwerk hervorbringen, das saz, Dubos) 383–413, in: S. Neumeister (Hg.): Frühaufklärung
ohne alle bestimmte Beziehung auf einen praktischen (1994) vgl. 398–400. – 17 ebd. 388. – 18 F. de Salignac de La Mo-
Erfolg das Gemüth ästhetisch ergreife und fessele», son- the-Fénelon: Reflexions sur la grammaire, la rhétorique, la
dern weil die Beredsamkeit eine praktische Wirkabsicht poétique et l’histoire. Lettre à l’Académie (1716), vgl. Lettre à
hat, einen klar definierten persuasiven Zweck verfolgt, l’Académie: avec les versions primitives. édition critique par E.
wird sie, auch wenn sie wie die Dichtung mit sprachli- Caldarini ( 1970) 78; Dirscherl: «Von der Herrschaft der Schön-
heit» [16] 388. – 19 François de Salignac de la Mothe-Fénelon:
chen Mitteln Gefühl und Verstand ergreift, damit noch Dialogues sur l’éloquence en général et sur celle de la chaire en
lange nicht «zur eigentlich schönen Kunst; denn in der particulier, second dialogue, in: Oeuvres Complètes VI (1850),
Beredsamkeit, wie sie seyn soll, dient der ästhetische 581f.; Lettrue sur les occupations de l’Académie V, Projet de
Theil der lebendigen Darstellung einem ‘fremden’, die poétique, in: Oeurvres Complètes VI (1850) 629; W. Munsters:
eigentlich schöne Kunst unmittelbar nichts angehenden La poétique du pittoresque en France de 1700 à 1830, (1991)
Zwecke. Das Schöne ist Nebensache in der musterhaf- cap. II 85. – 20 vgl. H.R. Jauss: Ästhet. Normen und geschichtl.
ten Rede [...] Die ‘Rhetorik’ in der ‘alten’ Bedeutung des Reflexion in der ’Querelle des Anciens et des Modernes’, in:
Worts ist in ihrem ganzen Umfang weder ein Seiten- Charles Perrault: Parallèles des anciens et des modernes en ce
qui regarde les arts et les sciences. Mit einer einleitenden Ab-
stück zur Poetik noch überhaupt ein Theil der Aesthe- handl. v. H.R. Jauss und kunstgesch. Exkursen von M. Imdahl;
tik.» [53] So erhält die Beredsamkeit einen ungeklärten Faks. d. Ausg. Paris 1688–1697 (1964) 8–64. – 21 Diderot [1]
Status, was ihre Zugehörigkeit betrifft. Sei es, daß sie 490ff. – 22 ebd. 499f. – 23 vgl. G. Kastenbauer: Anwenden und
dem dem Gebiet der praktischen Wissenschaften zuge- Deuten (1998) 108. – 24 C. Zelle: Art. ‹Erhabene, das›, IV.
ordnet wird, wie es Bouterwek vorschlägt, und damit 17./18. Jh.; in: HWRh, Bd. 2 (1994) 1364–1387, hier 1373. – 25 C.
den Rang einer der schönen Wissenschaften einbüßt; sei Pries: Art. ‹Erhabene, das›, V. Ende des 18. Jh. bis 20. Jh.; in:
es, daß der Beredsamkeit ein Sonderstatus im Verhält- HWRh, Bd. 2 (1994) 1387–1389. – 26 A. Ashley Cooper, Earl of
nis zu den schönen Künsten zugesprochen wird. So plä- Shaftesbury: Die Moralisten. Eine philos. Rhapsodie, übers.,
eingel. u. mit Anm. v. K. Wolff (1919) T. II 4, 70. – 27 ebd. III 1,
diert H.A. Schott auf der Basis einer eingehenden Aus- 101f. – 28 ebd. III 2, 140f. – 29 ebd. III 2, 144. – 30 F. Hutchesons
einandersetzung mit der Sch. in der ciceronischen Rhe- Unters. unserer Begriffe von Schönheit und Tugend, dt. Übers.
torik dafür, daß Beredsamkeit, weil sie das Angenehme v. J.H. Merck (1762). – 31 H. Home, L. Kames: Elements of
und Schöne durchaus einschließe, als eine relativ-äs- Criticism (1762 ND 1970). – 32 ebd. Introd. 7. – 33 vgl. J.J.
thetische Kunst definiert werden müsse. Hier wird die Eschenburg: Entwurf einer Theorie und Lit. der schönen Re-
Unterscheidung beau relatif und beau absolut nun fol- dekünste (1805). – 34 vgl. E. Cassirer: Die Philos. der Aufklä-
genreich für die Rhetorik:. «Das Schöne muss auch in rung (1932) 387. – 35 A.G. Baumgarten: Metaphysica (1739),
der Rede erscheinen und seine Würksamkeit offenba- zit. ders.: Metaphysica (71779 ND 21982) § 533. – 36 ders.: Äs-
thetik, T. 1 §§ 1–613 (2007) § 14. – 37 ebd. § 18. – 38 ders.: Medit.
ren; aber es erscheint hier immer nur als adhärierende philosophicae de nonullis ad poema pertinentibus. Philos. Be-
Schönheit [...] Die Beredsamkeit ist nicht eine absolut-, trachtungen über einige Bedingungen des Gedichts (1735), hg.
aber eine relativ-ästhetische Kunst.» [54] v. H. Paetzold (1983). – 39 Chr. Wolff: Elementa matheseos uni-
versae (1738) Bd. 4, 388; vgl. Art. ‹Schön/Schönheit›, Ästhet.
Grundbegriffe, Bd. 5, 409. – 40 Chr. Wolff: Psychol. – 41 vgl.
Anmerkungen: G.W. Leibniz: Medit. de cognitione, veritate et ideis (1684). –
1 D. Diderot: Recherches philosophiques sur l’origine et la na- 42 A.G. Baumgarten: Ästhetik, T. 1 (2007), § 22. – 43 ebd. § 27. –
ture du beau, in: Œuvres complètes. édition chronologique 44 ebd. §§ 28–45. – 45 ebd. §§423, 431–439. – 46 ebd. §§ 555–556.
(1969) tom. second, 469; D. Diderot, Art. ‹Beau›, in: Œuvres – 47 vgl. D. Mirbach: Einf. zur fragmentarischen Ganzheit von
complètes, tom VI, Encyclopédie II, Lettres B-C, ed. J. Lough A.G. Baumgartens ‹Aesthetica› (1750/58) in: Baumgarten [36]
u. J. Proust (Paris 1976) 135. – 2 vgl. G.P. Bellori: Le vite de’ XVI-LXXX. – 48 G.F. Meier: Theoretische Lehre von den Ge-
pittori, scultori et architetti moderni (Rom 1672 ND Genf müthsbewegungen überhaupt (21759) Einl. 12f. – 49 vgl. D. Till:
1968). – 3 ders.: Die Idee des Künstlers, übers. u. hg. v. K. Ger- Art. Rhet./Rezeptionsgesch./Poetik. – 50 Kant: KdU, Analytik
stenberg (1939) 24f.; vgl. G.P. Bellori: L’idea del pittore, dello des Schönen, § 6, B/A 18; vgl. ebd. § 8, B/A 22; § 9, B/A 31; § 11,
scultore e dell’architetto. Scelta dalle bellezze naturali superio- B 35/A 34f. – 51 vgl. J.G. Sulzer: Charaktere der vornehmsten
re alla natura. Discorso. (1664), in: G.P. Bellori: Le vite de’ pit- Dichter aller Nationen, nebst krit. und hist. Abh. über die schö-
tori, scultori e architetti moderni (1672), hg. v. E. Borea, Einf. v. nen Künste und Wiss. (Leipzig 1796) Bd. 5/1, 239f. – 52 F. Bou-
G. Previtali (1976); J. Jacob: Die Schönheit der Lit. (2007) terwek: Äesthetik (21815) 3. – 53 ebd. 10f. – 54 H.A. Schott: Die
204ff.; E. Panofsky: Idea (1924) 57–63. – 4 J.-B. de Dubos: Ré- Theorie der Beredsamkeit (1828) 233f.
flexions critiques sur la poësie et sur la peinture (Paris 71770)
I-III (ND 1982) I 1. dt. Übers.: J.B. de Dubos: Krit. Betrach-
tungen über die Poesie und Mahlery, aus dem Frz. d. Herrn
Abtes Du Bos, übers. v. G.B. Funk, T. I u. II (Kopenhagen Literaturhinweise:
1760/1761). – 5 ebd. (Paris 1770) I-III/ (ND 1982) I 3. – 6 ebd. Chr. Allesch: Gesch. der psychol. Ästhetik. Unters. zur hist.
(Paris 1770) I-III/ (ND 1982) I 6. – 7 ebd. (Paris 1770) I-III/ (ND Entwicklung eines psychol. Verständnisses ästhetischer Pro-
1982) I 73. – 8 vgl. ebd. (Paris 1770) I-III/ (ND 1982) I 75ff. – bleme (1987). – H.R. Schweizer: Ästhetik als Philos. der sinnli-

1191 1192
Schriftbild Schriftbild

chen Erkenntnis (1973). – E. Cassirer: Die Philos. der Aufklä- tig, die Wirkungen verschiedener Schriftparameter im S.
rung (1932). als vom Inhalt unabhängige rhetorische Qualitäten zu
A. Eusterschulte begreifen, die den Inhalt verstärken, stützen, konterka-
rieren oder sabotieren können. Der kulturell konnotier-
^ Anmut ^ Ars ^ Ästhetik ^ Empfindsamkeit ^ Enthusi-
asmus ^ Geschmack ^ Geschmacksurteil ^ Honestum ^ Il-
te und damit auch empirisch verifizierbare Charakter
lusion ^ Inspiration ^ Kunst ^ Mimesis ^ Philosophie ^ einer Schrift spielt hierbei eine Rolle. Folglich lassen
Poetik ^ Schöne Seele ^ Werk sich einzelne gestalterische Parameter der Detailtypo-
graphie einzelner Buchstaben (wie z.B. Versalhöhe, Be-
tonung der Serifen, Strichkontrast) bis hin zu jenen der
Makrotypographie (wie z.B. die Erhabenheit des sym-
metrischen Mittelsatzes) als wirkungsintentional ein-
Schriftbild (engl. typeface, typography; frz. présentation setzbare Mittel verstehen. In der Verbindung von Text
typographique, typographie; ital. scrittura, tipografia) und S. kann also auf eine Reihe bekannter Konventio-
A. I. Def. – II. Rhetorik. – III. Zeichentheorie. – IV. Rhetorisch- nen zurückgegriffen werden (wie z.B. das S. der Bibel,
ideologische Wirkung des S. am Beispiel der Fraktur. – B. Ge- der Menu-Karte, des Gesetzestextes oder des Briefes),
schichte: I. Antike und Mittelalter. – II. Frühe Neuzeit bis 18. Jh. die zu den beabsichtigten Wirkungen des Textes in Be-
– III. 19. Jh. bis Gegenwart. ziehung treten.
A. I. Def. 1. Unter ‹S.› versteht man die konkrete vi- Im üblichen Fall soll das S. die Wirkung eines schrift-
suelle Realisation eines Schriftkodes. Der Begriff selbst lich verbreiteten Textes unterstützen oder verstärken.
scheint ein neueres Kompositum zu sein. In Grimms Dies bedeutet, daß sich die rhetorischen Qualitäten ei-
Wörterbuch ist er 1899 noch nicht belegt. Die heutige nes S. zu den beabsichtigten Wirkungen seines Textes
Bedeutung von S. findet sich dort noch unter dem Be- (movere, delectare, docere oder probare) in einem ange-
griff ‹Schriftart›: «weise, wie die schriftzüge gestaltet messenen Verhältnis befinden müssen. Die Angemes-
sind [...] auch zur bezeichnung der alphabete.» [1] Im senheit (aptum) eines S. richtet sich also nach den Zielen
Zusammenhang mit gedruckter Schrift wird im Deut- des realisierten Textes.
schen hierfür beginnend mit dem 19. Jh. der Ausdruck Neben der vorgelagerten Wahl des rhetorisch funk-
‹Typographie› gebraucht – der Begriff ars typographica tionalen S. sind hierbei drei typische Verhältnisse zwi-
ist als Übersetzung des Lemmas ‹Buchdruckerkunst› schen S. und Text zu beobachten: Erstens die funktionale
1860 in Grimms Wörterbuch aufgeführt. [2] Unterstützung des Leseflusses durch ein ausgewogenes
2. Typographen verstehen unter dem Begriff ‹S.› in S.; zweitens das Erregen von Aufmerksamkeit (attentum
seiner spezielleren Bedeutung die Summe unterschied- parare) in Überschriften, allein stehenden Wörtern und
licher Anmutungsqualitäten einer gesetzten Type (wie Zeilen oder ganzen Texten durch besondere, im S. auf-
ihr Grauwert, ihre Ausgewogenheit im Satzbild etc.). fallende Displayschriften oder Schriften, denen eine be-
3. In der Graphologie bezeichnet ‹S.› die Ausprägung sondere Bedeutung beigemessen wird; drittens, als Spe-
einer Handschrift. zialfall, einzelne Wörter oder Wortmarken, die durch
4. In der Kunstgeschichte steht ‹S.› seltener auch für eine individuelle gestalterische Intervention als visuelle
ein aus Schrift bestehendes Bild (z.B. Schriftmalerei rhetorische Figur in Erscheinung treten und sich analog
(Kalligraphie) oder Figurengedichte). zu den Redefiguren beschreiben lassen. [4]
Das S. ist zunächst abhängig vom verwendeten Die Grundaufgabe des S. ist, den durch ihn realisier-
Schriftkode (z.B. Keilschrift, Hieroglyphenschrift, latei- ten Text zugänglich zu machen. Der erste Fall – die ein-
nisches Alphabet). Der Zeichensatz eines Schriftkodes fache und gute Lesbarkeit eines S. – steht deshalb bereits
wiederum kann in unterschiedlichen Schriftstilen bzw. lange vor Erfindung des Buchdrucks im Zentrum der in-
Schriftarten zum Ausdruck gebracht werden. Für das S. tentionalen Gestaltung von Schrift und spielt nach Er-
ferner mitentscheidend ist das für die Schrifterzeugung findung des Buchdrucks in der ars typographica eben-
verwendete Material (z.B. Druckerschwärze oder Tin- falls eine zentrale Rolle. In typographischen Regelwer-
te) sowie das Material des Schriftträgers, das Medium ken allgemein stehen Fragen der Lesbarkeit und der
(z.B. Pergament oder Karton). In gesonderten Fällen Funktionalität im Vordergrund. [5] Als gut lesbar gelten
dient das Schreibmaterial lediglich der Schrifterzeu- hierbei Schriften, die vom gewohnten S. nicht zu sehr
gung; zurück bleibt dann allein der Schriftträger (z.B. abweichen. Die Wahrnehmung eines S. ist somit relatio-
bei Einkerbungen in einem Stein oder beim Präge- nal abhängig von vorgängigen Wahrnehmungserfahrun-
druck). Mit der kunstvollen Gestaltung von Handschrif- gen. Vor diesem Hintergrund wird einsichtig, weshalb
ten befaßt sich die Kalligraphie, mit individuellen Hand- sich die Drucktypen historisch aus den damals bekann-
schriften die Graphologie. Gedruckte Schriften sind ten Handschriften (wie der humanistischen Minuskel)
Gegenstand der Typographie, die sich auch mit der Ge- entwickelten. Als ideal gilt heutzutage ein S., wenn gutes
staltung von Schriftsätzen in nichtmechanischen Satz- Satzbild und problemloses Textverständnis Hand in
techniken (z.B. Fotosatz, Bildschirmtexte) beschäftigt. Hand gehen. [6] Das Erzeugen von Aufmerksamkeit in
Innerhalb der Typographie ist zwischen Mikro- oder kleinerem Rahmen (z.B. durch Auszeichnungen oder
Detailtypographie und Makro- oder Großtypographie Hervorhebungen) oder größerem Rahmen (z.B. durch
zu unterscheiden: In der Mikrotypographie werden die das Kontrastieren zweier Schriften in Überschrift und
Einheiten Buchstabe, Wort, Zeile und Kolumne verhan- Fließtext) stellt hier bereits einen ersten Fall des atten-
delt, in der Makrotypographie die größeren Einheiten tum parare dar.
wie die Größe und Plazierung der Kolumne, die Orga- Insbesondere bei der Verwendung von Schrift im öf-
nisation der Titelhierarchien, die Anordnung von Ab- fentlichen Raum (z.B. als Gebäudeinschrift, auf Plaka-
bildungen und somit: das Layout. [3] ten) kann neben das Kriterium der Lesbarkeit jenes der
II. Rhetorik. Das S. als Realisation eines Textes – und bewußt eingesetzten Besonderheit des S. treten. In die-
damit: eines gegebenen Inhalts – kann zu diesem in ei- sem zweiten Fall – dem Werben um Aufmerksamkeit –
nem rhetorischen Verhältnis stehen. Hierzu ist es wich- kann eine ungewöhnliche, als veraltet geltende, im Le-

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Schriftbild Schriftbild

sefluß überraschende, illustrative Schrift usw. den Blick verstehen, das von Sprache unabhängig ist: In einer
in besonderem Maße auf den in ihr realisierten Inhalt Schrift sind Reize codiert, die unabhängig von der ko-
lenken. [Abb. 1] Hierbei ist zu beachten, daß die Wir- gnitiv-denotativen Funktion des einzelnen Zeichens
kung einer Schrift und die ihr zugeschriebene kulturelle oder des Zeichenverbunds wirken. Das S. kann man da-
Bedeutung gemeinsam den Leser beeinflussen. mit als Element einer Konnotationssemiotik beschrei-
ben; seine Bedeutung entsteht im Lesevorgang und ist
damit Konventionen und Kontexten unterworfen. [8]
Die Untersuchung dieser wechselnden Konnotationen
ist u. a. Aufgabe der Kulturgeschichte.
IV. Rhetorisch-ideologische Wirkung des S. am Bei-
spiel der Fraktur. Die Form und die rhetorische Bedeu-
tung einzelner Schriften ist dem kulturellen Wandel
unterworfen. Als exemplarisch für die wechselhafte in-
haltliche Aufladung bestimmter Schriftarten und ihre
Wirkung kann die Fraktur gelten. Der Begriff ‹Fraktur›
hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch als Sam-
melbegriff für die sogenannten gebrochenen Schriften
etabliert, von denen die Fraktur ursprünglich nur eine
Variante unter anderen ist. Die gebrochenen Schriften
entwickeln sich in der Gotik. Im 16. Jh. werden im
deutschsprachigen Raum erstmals Druckschriften auf
der Basis dieser eher eckigen gotischen Minuskeln ge-
schnitten – im Gegensatz zu den sogenannten ‹Anti-
qua›-Schriften, die sich zur selben Zeit im italienischen
Raum aus den Versalien der ‹Capitalis› und den eher
runden Minuskeln der ‹Scriptura humanistica› bilden.
Beide Schriftfamilien existieren nebeneinander und
werden dabei weltanschaulich in Anspruch genommen.
So wird der Druck der deutschsprachigen Luther-Bibel
in gebrochener Schrift eng mit der damaligen Auffas-
sung in Verbindung gebracht, die Antiqua sei als eine
Schrift des Lateinischen und damit des Katholischen zu
betrachten. [9] Interessant in diesem Zusammenhang ist
die (letztlich theologisch motivierte) Zuordnung beider
Schrifttypen im Nachwort einer 1545 in Fraktur gesetz-
ten Luther-Bibel, in welchem die Fraktur als Schrift von
Gnade und Trost, die Antiqua als Auszeichnung von
Zorn und Strafe verstanden wird. [10]
Um 1800 kommt es in der Diskussion um den Druck
Abb. 1: Uwe Loesch, «Carl Humann, Entdecker von Pergamon». von Klassikerausgaben zu einem ersten öffentlichen
Plakat für das Ruhrlandmuseum Essen, 119 x 158 cm, 1989. Schriftstreit, in dessen Verlauf Antiqua und Fraktur er-
neut ideologisch aufgeladen werden. Die Fraktur setzt
sich hierbei als Druckschrift für explizit als ‹deutsch›
Drittens schließlich kann eine intervenierende zusätzli- verstandene Inhalte durch. So kann sie schließlich in der
che Gestaltung des S. den Inhalt einzelner Wörter oder Zeit nach 1900 in Deutschland zum «Symbol sprachlich-
Wortmarken auffällig dominieren – hier sprechen einige kulturellen, nationalpolitischen und rassischen Deutsch-
Autoren gezielt von rhetorischen Figuren in Analogie tums» [11] werden. Nach der Machtergreifung der Na-
zu sprachlichen rhetorischen Operationen. [7] Solche tionalsozialisten wird die Fraktur 1934 zur Amtsschrift
Sonderformen sind in der typographischen Praxis eher erklärt; eine Reihe von Neuschnitten mit weltanschau-
selten und vor allem im Bereich der Logogestaltung an- lich überformten Namen wie ‹National› (W. Hänisch,
zutreffen. [Abb. 2] 1934) oder ‹Großdeutsch› (H. Thammhaeuser, 1935)
begleiten diese Politik. 1941 erfolgt dann eine ideolo-
gisch motivierte Abkehr: Die bis dahin als «wahrhaft
deutsche» Schrift bezeichnete Fraktur wird in einem in-
ternen Erlaß durch M. Bormann als «Schwabacher Ju-
denlettern» verunglimpft. [12] Weiter wird verfügt, daß
«die Antiqua-Schrift zukünftig als Normal-Schrift zu be-
zeichnen sei». [13] Zeigt sich in der typographischen
Praxis der 1930er Jahre noch ein Nebeneinander bei-
der Schriftfamilien, verschwindet die Fraktur damit
bis Ende der 1940er Jahre fast vollständig aus dem
Abb. 2: Rhetorische Operation der Weglassung in einer Schrift deutschsprachigen Raum; lediglich unter Rechtsextre-
von Brian Coe. Abb. aus H. Spencer: The Visible Word (1969). men bleibt sie weiterhin beliebt und genutzt.
Gleichzeitig findet die Fraktur zunehmend im Aus-
III. Zeichentheorie. Schrift steht zum Inhalt in unter- land als typographischer Topos Verwendung, um «das
schiedlichen Funktionsverhältnissen. Dabei läßt sich Deutsche» zu versinnbildlichen – in der Regel mit ne-
Typographie grundsätzlich als ein Bedeutungssystem gativer Konnotation. Seit den 1970er Jahren nutzen an-

1195 1196
Schriftbild Schriftbild

glo-amerikanische Musikgruppen aus der Hard-Rock- land wird 403 v. Chr. im Rahmen einer vom Rhetor Ar-
Szene diese negative Aufladung der Fraktur zur Gestal- chinos geforderten Schriftreform das ionische Alphabet
tung ihrer Bandnamen und Plattencover [Abb. 3]. Auch für den amtlichen Gebrauch eingeführt. Das S. des io-
in anderen (musikalischen) Subkulturen findet die nischen Alphabets zeichnet sich durch einen im Ver-
Fraktur – wenn auch unter veränderten Vorzeichen – gleich mit seinen Vorgängern harmonischeren Eindruck
seitdem Verwendung: in der in Mitteleuropa zu beob- aus: die einzelnen Buchstaben sind ausgeglichener und
achtenden Rückkehr der (neo-)mittelalterlichen Volks- anders als die phönikischen Schriftzeichen vorwiegend
musik der 1970er Jahre ebenso wie in den romantisch- symmetrisch. Damit entspricht das ionische Alphabet
düsteren Bildwelten der Gothic-Szene in den 1980er auch den Idealvorstellungen griechischer Ästhetik.
Jahren und ab 1990 vermehrt auch in der US-amerikani- Schreibgeräte, die mit Hilfe von Tinte ein schnelleres
schen Hip-Hop-Kultur. In diesem Zusammenhang wer- Schreiben auf Papyrus und Pergament ermöglichen,
den gebrochene Schriften wie die ‹Old English› zu den führen zur Entwicklung der Kursive, in der die Buch-
am meisten genutzten Schriften für Tätowierungen staben in einem einzigen Zug geschrieben werden kön-
weltweit. Im weiteren Verlauf verändert sich durch die- nen. [16] Die lateinische Schrift kennt später daher ne-
se ‘Umnutzungen’ die negative Konnotation der Frak- ben der Capitalis (einer Majuskelschrift, wie sie z.B. in
tur. Sie steht nun für eine popkulturelle Abgrenzung Inschriften verwendet wird) spätestens im ersten Jh. n.
von einer als kommerziell bestimmt wahrgenommenen Chr bereits eine römische Kursivschrift für den Alltags-
Mehrheitskultur. Spätestens 2005 erreicht diese neue gebrauch und später auch als Buchschrift. Die ursprüng-
Bedeutung jedoch eben diesen populären Mainstream lich spontan ausgebildeten S. werden ab dem 2. Jh.
selbst, als ein internationaler Sportartikelhersteller sei- n. Chr. kanonisch. [17] Ab dem 3. Jh. n. Chr. tritt neben
ne Werbekampagne in der ‹Fette Fraktur› absetzen die griechischen Minuskelschriften die von der Capitalis
läßt. 2006 greift eine typographische Fach-Monographie beeinflußte griechische Unziale; in ihr sind die ältesten
das verstärkte Bedürfnis nach neuen Fraktur-Schnitten Textüberlieferungen des ganzen Neuen Testaments ge-
auf, 2008 erscheint eine zweite, dem Fraktur-Trend schrieben. Das S. der Unziale ist flächig und in Kolum-
Rechnung tragende, erweiterte internationale Aufla- nen angeordnet: Die einzelnen Buchstaben sind breit
ge. [14] Analog ließen sich Untersuchungen zum histo- und gebogen, die Wörter stehen ohne Abstand, ledig-
rischen Wandel der Konnotationen und Aufladungen lich Einzüge und Satzzeichen strukturieren den Lese-
anderer S. anstellen – z.B. der Runenschrift, dem Ge- fluß. [18] [Abb. 4] In den folgenden Jahrhunderten exi-
brauch von Western-Schriften, der ‹Helvetica› oder der stieren mehrere Schriftstile nebeneinander. Zu nennen
‹Rotis›. ist hier insbesondere die irische Schrift, die sich aus einer
griechischen Halbunziale entwickelt und von der we-
sentliche Impulse für das spätere Neugriechisch ausge-
hen. [19] Die zwischen dem 2. und 14. Jh. in einigen ger-
manischen Kulturen genutzte Runenschrift hingegen
dient lediglich dem Verfassen kürzerer Inschriften und
ist nicht Teil einer ausgeprägten Schriftkultur.
Aus der lateinischen Kursiven, der Halbunziale und
der irischen Schrift entwickelt sich im 9. Jh. im fränki-
schen Gebiet die karolingische Minuskel als eigenstän-
dige Schrift. Im Verlauf weniger Jahrhunderte ver-
drängt sie fast alle nationalen Schriften (mit Ausnahme
der irischen Schrift) und wird damit zur Grundlage aller
Abb. 3: Wortbildmarke der australischen Rock-Gruppe AC/DC,
hoch- und spätmittelalterlichen Buchschriften. Das S.
nach 1973. der karolingischen Minuskel orientiert sich am Arbeits-
und Bewegungsablauf der schreibenden Hand: Es ist
klar und auf hohe Leserlichkeit ausgerichtet; die Län-
genunterschiede der Buchstaben sind ausgewogen, und
B. Geschichte. I. Antike bis Mittelalter. Die ersten Wortabstände sowie Auszeichnungen wie Initialen
Keilschriften der Sumerer und Akkader um 3400 v. Chr. strukturieren den Lesefluß. [Abb. 5] Die ursprüngliche
werden in feuchten Ton geritzt. Ihre Darstellung von Kursive wird fortan an der Seite der karolingischen Mi-
Zahlen, Silben und Wörtern dient der Unterstützung nuskel vor allem noch als Urkundenschrift verwen-
von Handel und Verwaltung, und das S. orientiert sich det. [20] Die Unterscheidung zwischen einer (anonym)
inhaltlich an Tabellen sowie an der Größe des Mediums. replizierten Buchschrift und einer durch eine individu-
Erst später verwendet man Keilschriften zur Nieder- elle Signatur bestätigten Handschrift tritt hier als rhe-
schrift von literarischen oder religiösen Texten. Die Er- torisches Prinzip hervor. Im 12. Jh. erscheint mit der Go-
findung der Schrift und die Erzeugung eines S. gehen tik ein neuer Schrifttypus: derjenige der gebrochenen
dabei Hand in Hand. Unterschiedliche Schriftkodes sind Schriften (z.B. die Gotische Textur). Die einzelnen
bereits in der Antike mit unterschiedlichen Wertungen Buchstaben sind nun gemäß gotischer Formprinzipien
verbunden, wie sich in der ägyptischen Schriftkultur in die Höhe gestaucht und in ihren Rundungen ge-
zeigt, in der neben der demotischen Alltagsschrift bis in brochen; das S. wird durch die Enge der Buchstaben
die römische Zeit hinein die Hieroglyphen für religiöse dunkler, die Lesbarkeit erschwert. [Abb. 6]
und herrschaftliche Texte genutzt werden. [15] Ausge- II. Frühe Neuzeit bis 18. Jh. Der Humanismus schließ-
hend von den Hieroglyphen der Ägypter und der su- lich entdeckt die karolingische Minuskel als Handschrift
merischen Keilschriften entwickeln die Phönizier ein wieder und entwickelt sie weiter, da man in ihr die klas-
aus Konsonanten bestehendes Alphabet, das nach 700 sische römische Schrift wiederzufinden meint. Die Ent-
v. Chr. die Grundlage für die griechische Schrift bildet, wicklung der humanistischen Antiqua, der Scriptura hu-
die erstmals auch Vokale darstellen kann. In Griechen- manistica, markiert in der Mitte des 15. Jh. einen Wen-

1197 1198
Schriftbild Schriftbild

Abb. 4: Der Anfang des Johannes-Evangeliums in der Unziale, Codex Sinaiticus (4. Jh. n. Chr.). © The British Library Board, London
(Add. 43725 f247).

depunkt in der Entwicklung des S. Als Mischform aus bildern (wie der gotischen Textur), entstehen bereits in
karolingischer Minuskel, der Petrarca-Schrift und der den ersten Jahrzehnten nach der Erfindung des Buch-
(gemäßigten) gotischen Rotunda verzichtet sie auf Ver- drucks eigenständige Schriftarten, die sich an der hu-
zierungen und Abkürzungen, die den Lesefluß hemmen. manistischen Antiqua ausrichten. [21] Auf der Grund-
Ihre Ausbreitung fällt zeitlich zusammen mit der Erfin- lage der vom französischen Drucker N. Jenson um 1470
dung des Buchdrucks. Die Erfindung des Drucks mit in Venedig geschnittenen Antiqua sowie der Mitte des
beweglichen Lettern durch J. Gutenberg um 1450 führt 15. Jh. von der päpstlichen Kanzlei entwickelten Hand-
zu einem erweiterten Bewußtsein typographischer Ge- schrift cancellaresca corsiva entwickelte F. Griffo im
staltungsmöglichkeiten. Orientieren sich die frühesten Auftrag des Druckers A. Manutius bereits um 1501
gedruckten Schriftarten noch an handschriftlichen Vor- eine Antiquakursive, die cancellaresca italica. [22] Beide

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Abb. 5: Psalm 39, 7ff. in der Karolingischen Minuskel, Ausschnitt aus einer Bibelhandschrift, 9. Jh. Württembergische
Landesbibliothek, Stuttgart.

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Abb. 6: Der Anfang des Johannes-Evangeliums in der Gotischen Textur, Seite aus einem Papierexemplar der Gutenbergbibel
(Shuckburgh-Exemplar; um 1454). Gutenberg-Museum, Mainz.

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Schriften verbreiten sich im 16. Jh. in ganz Europa. Le- steht dann eine Welle neuer künstlerischer Schriftarten,
diglich im deutschsprachigen Raum wird mit der erst- und zwar zuerst in der Bewegung des Jugendstils und im
mals 1514 belegten Fraktur ein typographischer Sonder- Umfeld der Werkkunst, später auch in konstruktiv mo-
weg beschritten, in dem beide Schriften bis ins 20. Jh. tivierten Neuschnitten (z.B. aus dem Umfeld des Bau-
hinein nebeneinander existieren. Die humanistische hauses). Eine verstärkte Beschäftigung mit Lesevorgän-
Antiqua (als Handschrift) löst derweil die gotische Text- gen und die ersten hierzu durchgeführten empirischen
ur ab, und zwar in der ersten Hälfte des 16. Jh. in Italien, Studien in den 1920er Jahren ermöglichen eine Renais-
Spanien, Portugal und Holland, später dann auch in sance der Lesetypographie (beispielhaft an S. Morri-
Frankreich und im 17. Jh. zunehmend in Deutsch- sons ‹Times› von 1931 zu erkennen). Zeitgleich werden
land. [23] ab Beginn des 20. Jh. serifenlose Schriften (sogenannte
Mit der Entwicklung des Buchdrucks und der Durch- ‹Groteske›) populär, wie P. Renners ‹Futura› von 1927.
setzung einer gemeinsamen Handschrift verlagert sich Das S. der Groteskschriften erweitert das Repertoire
die Bedeutung des S. mehr und mehr von der Nutzung der Typographie noch einmal erheblich. Schriften wie
unterschiedlicher Schriften (karolingische Minuskel ver- die ‹Futura›, die ‹Helvetica› (M. Miedinger für die
sus Kursive) zur Gestaltung neuer Schriftarten und -stile Schriftgießerei Haas, Münchenstein bei Basel 1957)
einer vorherrschenden Schrift. Die Typographiege- oder die ‹Univers› (A. Frutiger für Deberny & Pei-
schichte unterscheidet hierbei größere Schriftfamilien, gnot, Paris 1957) ziehen schließlich die Konzeption ei-
die sich durch gemeinsame gestalterische Details aus- nes neutralen S. nach sich, das sich als graphische Kon-
zeichnen, wie das Verhältnis der Strichstärken oder die vention wiederum historisch und rhetorisch deuten läßt:
Größe der Serifen. Klassische Vertreter einer typogra- Unter dem Namen ‹Swiss Style› setzt sich diese Typo-
phischen Stilgeschichte sind die Renaissance-Antiqua graphie international durch – mit Gestaltungsmitteln,
‹Garamond› (geschnitten von C. Garamond, 1531), die die in der Stillage des docere angesiedelt sind und der
Barock-Antiqua ‹Caslon Old Face› (W. Caslon, 1722) claritas dienen, wie etwa die Verwendung eines mathe-
oder die vom Schriftschneider G. Bodoni in der zweiten matisch konstruierten Rasters im Editorial Design oder
Hälfte des 18. Jh. entworfenen klassizistischen Schrift- der linksbündige (rechts auslaufende) Einsatz serifen-
schnitte, die unter seinem Namen weite Verbreitung und loser Schriften. Gleichzeitig wird durch das Aufkom-
rege Nachahmung finden. [Abb. 7] men des Fotosatzes um 1950 das Setzen und die Pro-
duktion von Schrift – wenn auch unter Inkaufnahme
qualitativer Abstriche – noch einmal erheblich erleich-
tert. Mit der Verlagerung von Schriftentwurf, -distri-
bution, -realisierung und -druck in digitale Medien seit
den 1980er Jahren hat sich die Anzahl an Schriften-
schnitten vervielfacht. Gleichzeitig führt die massenhaf-
te Anwendung einiger weniger Büroschriften im Alltag
zu einer hohen Präsenz weniger Typen (‹Times New
Roman›, ‹Arial›), die anfangs aus Gründen hoher Li-
zenzkosten oft schlechter proportionierte Nachahmun-
gen bestehender Schriftschnitte sind. Die zunehmende
Verwendung selbstgedruckter Texte führt neuerdings
zu einer Aufwertung professionell oder aufwendig ge-
druckter Texte sowie der Handschrift; Anfang des
21. Jh. erlebt der Einsatz illustrativer Typographie eine
Wiedergeburt.

Anmerkungen:
1 Grimm, Bd. 15 (1899; ND 1984) Sp. 1741. – 2 Grimm, Bd. 2
(1860; ND 1984) Sp. 469. – 3 vgl. J. Hochuli: Das Detail in der
Abb. 7: Doppelseite aus: Giambattista Bodoni: «Manuale Tipo- Typografie (2005) 7. – 4 vgl. H. Ehses: Rhet. im Kommunikati-
grafico», Parma, 1818. Bridwell Library Special Collections, onsdesign, in: G. Joost, A. Scheuermann (Hg.): Design als Rhet.
Perkins School of Theology, Southern Methodist University. Grundlagen, Positionen, Fallstud. (2008) 107–122. – 5 vgl. U.
Rautenberg: Art. ‹Typographie›, in RDL3, Bd. 3 (2003) 705. –
6 vgl. Hochuli [3] 38. – 7 vgl. Ehses [4] 121. – 8 vgl. Rautenberg [5]
705. – 9 vgl. hierzu ausführl. S. Wehde: Typographische Kultur.
III. 19. Jh. bis Gegenwart. Mit dem Aufkommen neuer Eine zeichentheoretische und kulturgesch. Stud. zur Typogra-
phie und ihrer Entwicklung (2000) 216ff. – 10 vgl. ebd. 220. –
Druckverfahren in der zweiten Hälfte des 19. Jh. wird 11 ebd. 217. – 12 vgl. Lechner: Gesch. der modernen Typogra-
Literatur zur Massenware: Druckerzeugnisse können phie. Von der Steglitzer Werkstatt zum Kathodenstrahl (1981)
preisgünstig und schnell hergestellt und vertrieben wer- 153–157. – 13 zit. H.P. Willberg, F. Forssman: Erste Hilfe in Ty-
den; Zeitschriften (wie z.B. die ‹Gartenlaube›) errei- pografie: Ratgeber für den Umgang mit Schrift (52006) 102. –
chen Auflagen in sechsstelliger Höhe. Das S. orientiert 14 vgl. J. Schalansky: Fraktur mon Amour (22008). – 15 W. Röl-
sich nun zunehmend an den Erfordernissen der neuen lig: Art: ‹Schrift. II. Alter Orient. A. Ägypten›, in: DNP, Bd. 11
Drucktechniken. Es werden Schriften entworfen, die (2001) Sp. 233. – 16 G. Menci: Art. ‹Schriftstile. III. Kursive›, in:
auch in kleiner Schriftgröße oder auf minderwertigen DNP, Bd. 11 (2001) Sp. 249f. – 17 G. Menci: Art. ‹Schriftstile. II.
Griech. Schriftstile. A. Klassifikation›, in: DNP, Bd. 11 (2001)
Papieren lesbar bleiben. Gleichzeitig sorgt die im Zuge Sp. 248. – 18 K. Földes-Papp: Vom Felsbild zum Alphabet
der Industrialisierung aufkommende Werbung für eine (1987) 154. – 19 ebd. 186. – 20 Th. Frenz: Art. ‹Urkunde (recht-
verstärkte Nachfrage nach originellen Schnitten. Dabei lich)›, in: Handwtb. zur Dt. Rechtsgesch., Bd. 5 (1998) Sp. 575. –
kritisiert man bald die zunehmende Verflachung typo- 21 vgl. Rautenberg [5] 706. – 22 vgl. M. Caflisch: Schriftanalysen,
graphischer Ansprüche im S. Zu Anfang des 20. Jh. ent- Bd. 1 (2003) 50–54. – 23 Földes-Papp [18] 204.

1205 1206
Schriftlichkeit Schriftlichkeit

Literaturhinweise: wendig lernen (müssen). Dagegen erlauben es andere


G. Heiderhoff: Antiqua oder Fraktur. Zur Problemgesch. eines Situationen, besonders solche von festlichem Charakter,
Streits (1971). – R.F. Rehe: Typographie und Design für Zei- von einem schriftlichen, doch im Redestil verfaßten
tungen (1986). – K. Weidemann: Wo der Buchstabe das Wort
führt: Ansichten über Schrift und Typographie (1994). – H.-R.
Konzept abzulesen. Auch können die Komplexität des
Lutz: Ausbildung in typografischer Gestaltung. Konzeption, zu behandelnden Gegenstandes oder die Notwendig-
Text, Gestaltung, Repros, Realisation (1996). – St. Waidmann: keit, präzise zu formulieren (z.B. in der Wissenschaft, in
Schrift und Typografie (1999). – Chr. Scheffler: Art. ‹Kalligra- der Politik und im Rechtsleben) die Verwendung eines
phie1›, in: RDL3, Bd. 2 (2000) 220–222. – H.S. AbiFarès: Arabic vorgefertigten Manuskripts rechtfertigen oder gar ge-
typography: a comprehensive sourcebook (2001). – E. Spieker- boten erscheinen lassen.
mann: ÜberSchrift (2004). – Ch. Kareng: Anatomie der Buch- Die wissenschaftliche Rhetorik spielt zudem auch bei
staben: Basiswissen für Schriftgestalter (2006). – C. Runk: der Produktion spezifisch schriftlicher Textformen eine
Grundkurs Typographie und Layout (2007).
wichtige Rolle. So ist das Verfassen von Briefen und an-
A. Scheuermann deren Schriftstücken Gegenstand der Rhetorik und
folgt eigenen Mustern und Regeln, die sich in speziellen
^ Attentum parare, facere ^ Bild, Bildlichkeit ^ Buchkunst ^ Traktaten (Brieflehren, artes dictaminis) finden. Die
Graffiti ^ Kommunikationstheorie ^ Medienrhetorik ^ Non- Rolle der Rhetorik für das literarische Schreiben wird
verbale Kommunikation ^ Plakat ^ Präsentationsrhetorik ^ demgegenüber zeitabhängig sehr unterschiedlich be-
Schlagzeile ^ Schriftlichkeit urteilt (s. u.). Aus der Perspektive der Rhetorik ist aber
in jedem Fall auch das Verfassen von Texten, die an ein
noch nicht näher definiertes Publikum gerichtet sind, an
Techniken orientiert, die bei einem Publikum eine wie
auch immer geartete Wirkung hervorrufen sollen. Die in
Schriftlichkeit der Forschung diskutierte Tatsache, daß die Entwick-
A. Def. – B. I. Antike. – II. Mittelalter. – III. Renaissance, Hu- lung und Verwendung von S. «autonome Diskurse» er-
manismus, Reformation. – IV. Barock. – V. Aufklärung. – VI. möglicht, die nicht adressatenbezogen sind [2], ist für die
19. Jh. bis Gegenwart. Frage nach der Rolle der S. in der Rhetorik folglich nicht
A. Def. Ausgangs- und Zielpunkt der Rhetorik ist die von Belang.
mündliche Kommunikationssituation, in der eine Ar- Für die Entwicklung der Rhetorik als Wissenschaft
gumentation oder Erzählung zweckgebunden oder or- hat außerdem die schriftliche Fixierung von rhetori-
namental einem Publikum vermittelt wird. Insbesonde- schen Techniken eine große Bedeutung. Hier stellt sich
re die politische Rede und die Gerichtsrede sind auf Ein- die Frage, inwiefern die Verschriftlichung und damit die
fluß oder Entscheidung gerichtet und müssen sich in der Reflexion über die Methoden Einfluß auf die Entwick-
Regel auf die vorangegangene Debatte oder den Prozeß lung der rhetorischen Praxis nehmen konnte.
beziehen. Sie sind daher meist nicht im Vorhinein als B. Geschichte I. Antike. Bereits in der griechischen
Ganzes planbar. Zudem ist das Verwenden eines Ma- Antike wurden Reden schriftlich ausgearbeitet. Als er-
nuskripts in vielen Redesituationen nicht erlaubt oder ster Redenschreiber galt Antiphon (5. Jh. v. Chr.); Pe-
zumindest nicht angebracht. rikles soll eine erste Gerichtsrede nach schriftlicher
Dennoch werden Reden nicht selten schriftlich aus- Vorlage gehalten haben. Platon berichtet im ‹Euthy-
gearbeitet; im antiken Athen begann dies im Laufe des dem› von Redenschreibern. Zudem sind zahlreiche
5. Jh. v. Chr. im Zusammenhang mit einem generell stär- schriftlich fixierte Reden erhalten. [3] Letztere müssen
ker literarisierten Klima in der athenischen Öffentlich- zwar nicht unbedingt genau so gehalten worden sein und
keit. [1] Abhängig vom Grad der Literarizität, aber auch sind möglicherweise auch erst nach einem mündlichen
von den konkreten Bedürfnissen des Redners und der Vortrag schriftlich ausgearbeitet worden, sie bezeugen
Situation steht die schriftliche Konzeption und Ausar- aber ein Interesse an Vorlagen für Reden zu bestimmten
beitung der Rede durch die Jahrhunderte hindurch ne- Anlässen. Wie häufig Reden schriftlich ausgearbeitet
ben dem rein mündlichen Vortrag. Dabei kann das Ma- wurden, läßt sich schwer sagen. Ihre Benutzung war
nuskript vom Redner selbst angefertigt, aber auch von nicht in jedem Kontext möglich: Auf der Agora traten
Dritten formuliert worden sein. Vorgefertigte Reden Redner ohne Manuskripte auf; wer dort eine schriftlich
oder Redeteile sind im privaten wie im geschäftlichen vorformulierte Rede halten wollte, mußte sein Manu-
Bereich, für die Tätigkeiten von Theologen und Laien- skript also auswendig gelernt haben.
predigern, Juristen und Politikern ebenso wie für fami- Möglich ist die Verwendung eines vorgefertigten
liäre Anlässe zu finden; sie werden entsprechend den Textes auch bei Rednern, die selbst nicht schriftkundig
jeweiligen der Zeit entsprechenden medialen Möglich- sind: Man kann sich das Manuskript auch anderweitig
keiten verbreitet, sei es in handschriftlicher oder ge- aneignen – zu denken ist insbesondere an einen schrift-
druckter Form, auf elektronischen Speichermedien oder kundigen Repetenten. Auch können Teile der Rede
im Internet. vorgefertigt, andere Teile improvisiert sein. Der Redner
Die schriftliche Konzeption kann die gesamte Rede vermag also im Detail auf seine Vorredner einzugehen
oder nur Teile derselben betreffen. Ob eine Rede ganz und kann dennoch den größten Teil seiner Rede bereits
ohne Manuskript oder nur mit Hilfe einer Gliederung vorformuliert haben.
gehalten wird oder ob sie vorformuliert wird, ist zum ei- Die Verwendung vorgefertigter Manuskripte ist in
nen von den gesellschaftlichen Konventionen, zum an- der Antike nicht unumstritten. So plädiert Alkidamas
deren von der Erfahrung und der Selbstsicherheit des in seiner ‹Rede gegen die Sophisten› für einen höheren
Redners abhängig. Reden mit Manuskript können abge- Stellenwert der freien Rede gegenüber schriftlich ent-
lesen oder auswendig gelernt werden, die Wahl hängt worfenen Texten, denen es an Situationsbezogenheit
wiederum von der konkreten Situation ab: Wer auf ei- mangele. [4] Dieses Dokument läßt darauf schließen,
nem Forum reden möchte, auf dem Mündlichkeit als daß die schriftliche Abfassung von Reden zu seiner Zeit
Regel etabliert ist, wird seine vorgefertigte Rede aus- keine Ausnahme mehr war. [5]

1207 1208
Schriftlichkeit Schriftlichkeit

Die nachträgliche schriftliche Fixierung von zunächst der Karolingischen Renaissance durch Alkuin und
nur mündlich gehaltenen Reden verändert den Charak- Hrabanus Maurus wieder in den Schulunterricht auf-
ter der Kommunikation. Die in der Praxis vorhandenen genommen. Im Rahmen der Schulausbildung war die
Reaktionen des Publikums fallen bei der Verschriftli- Rhetorik als Bestandteil der septem artes liberales ein
chung weg, können aber eingearbeitet werden. Neu hin- zentraler Lehrinhalt. [17] Dabei wird besonderes Au-
zu kommt die Möglichkeit, die Rede mit erläuternden genmerk auf das Verfassen von Poesie gelegt; eine
Ergänzungen zu versehen. [6] Zudem gibt es bereits aus Gruppe von theoretischen Texten, die mit dem Sam-
der Antike schriftliche Aufzeichnungen von ‘Reden’, melbegriff ars poetica bezeichnet werden, legen hierfür
die nie mündlich vorgetragen wurden; Mündlichkeit beredtes Zeugnis ab. [18]
wird fingiert, um dem Text den Anschein authentischer Spezifische Weiterentwicklungen der Rhetoriktheo-
Rede zu geben. [7] rie sind im Mittelalter zum einen für die Predigt, zum
Wann genau sich die Schriftkultur im antiken Grie- anderen für das Schreiben von (Geschäfts) Briefen zu
chenland etabliert hat, ist umstritten. Während Have- finden. Besondere Predigtlehren, die artes praedican-
lock [8] meint, erst mit Platon habe sich der Übergang di [19], werden erstmals im ausgehenden 12. Jh. entwik-
von Mündlichkeit zur S. vollzogen, zeigt Kullmann [9] kelt und besonders im 13. und 14. Jh. weit verbreitet.
anhand der Auseinandersetzung Platons mit den Vor- Dies hängt mit der größeren Bedeutung der Predigt seit
zügen der Mündlichkeit, daß der Übergang zur S. früher dem 4. Laterankonzil (1215) sowie mit deren Propagie-
angenommen werden muß; bereits Ende des 5. Jh. sei die rung durch Dominikaner und Franziskaner zusammen.
Schriftkultur in Griechenland fest etabliert gewesen. Zu Die Anpassung der Prinzipien der klassischen Rhetorik
Ciceros Lebenszeit scheint die schriftliche Vorbereitung an christliche Zwecke beginnt allerdings schon viel frü-
einer Rede der Normalfall gewesen zu sein. [10] her, nämlich mit Augustinus’ ‹De doctrina christiana›,
Auch in der Rednerausbildung hat die S. eine Rolle deren viertes Buch eine wichtige Grundlage für die sy-
gespielt, wie die römische Antike zeigt. In Ciceros ‹De stematische Homiletik wird. Augustinus hält jedoch die
oratore› argumentiert Crassus, die S. habe in bezug auf Wirkung rhetorischer Theorie für begrenzt, wichtiger
die Rede zwei Funktionen: Zum einen seien schriftlich als die Regelkenntnis sei die Nachahmung. [20] Diese
verfaßte Texte wichtige Informationsquellen, die ein gu- Position gründet sich auf die Entstehung der biblischen
ter Redner (der gleichzeitig auch der Richtigkeit seiner Bücher einerseits, deren Abfassung sich kaum auf stili-
Aussagen und der Moral verpflichtet ist) nutzen soll- stische Theorien gestützt haben kann, und in der Aus-
te [11], zum anderen sieht er die S. als ein Mittel zur Ein- wahl der ersten Prediger durch Christus, die bekannter-
übung sprachlicher Techniken an. Zum Erlernen der maßen einfachen Standes und somit nicht theoretisch
Redekunst sei es nötig, möglichst viel zu schreiben: «Ca- gebildet waren. Für die Praxis der Predigt im Mittelalter
put autem est [...] quam plurimum scribere.» [12] ist dennoch ein starker Einfluß der artes predicandi an-
In der Darstellung Quintilians dient das Schreiben zunehmen. Lehrbücher dieser Gattung sind für ein brei-
und Lesen zunächst dazu, die Sprache genau kennen- tes Spektrum von möglichen Adressaten geschrieben
zulernen und Wissen zu erwerben. [13] Auch er sieht worden; die in modernen Editionen zugänglichen Texte
schriftliche Stilübungen als ein Mittel zum Erlernen der sind in dieser Hinsicht eine nicht repräsentative Aus-
Redekunst an: Zum Üben solle sich ein angehender wahl. [21] Es muß davon ausgegangen werden, daß mit-
Redner nicht etwa eines Schreibers bedienen, sondern telalterliche Prediger sich zumindest in der Ausbildung,
eigenhändig schreiben. Das Führen der Feder zwinge vermutlich aber auch in der Praxis, mit Predigtlehren
zur Bedächtigkeit und somit zum konzentrierten For- beschäftigt haben und sich zur Abfassung ihrer Predig-
mulieren. Der Redner solle zunächst darauf achten, ten an Vorbildern und Mustern, die gleichfalls in den
langsam und umsichtig zu formulieren und das Ge- artes-predicandi-Texten zu finden sind, orientiert haben.
schriebene sorgfältig korrigieren. Hilfreich seien schrift- Mittelalterliche Brieflehren [22] schließlich sind nicht
liche Übersetzungsübungen zur Schulung der Sprach- nur schriftlich verfaßt, sondern auch Produktionslehren
fertigkeit. [14] Zudem müsse man schreiben können, um für schriftliche Texte. Die ars dictaminis, die «Kunst,
eine Rede vorzubereiten. [15] Briefe und Schriftstücke zu verfassen», entwickelt sich
II. Mittelalter. Mit dem Übergang zum Mittelalter geht zunächst an der päpstlichen Kanzlei und behandelt das
im europäischen Raum die Bedeutung der Schrift in korrekte Verfassen von Briefen in angemessener Form.
allen Lebensbereichen zunächst stark zurück und wird Sie umfaßt hochentwickelte und rigide formulierte Re-
erst im 9. Jh. durch die Bildungspolitik Karls des geln für den richtigen Stil und die Struktur des Briefes,
Grossen wieder stärker gefördert. Einen zweiten Schub die normalerweise mit Modellen und Beispielen für die
in diese Richtung kann man für das 12. Jh. beobachten. einzelnen Briefteile versehen sind. Hinzu kommen dic-
Dennoch bleibt die Schriftkundigkeit im gesamten tamina, Sammlungen von Formbriefen für Personen al-
Mittelalter auf einen kleinen Kreis der Bevölkerung be- ler Rangstufen und für verschiedenste Gelegenheiten.
schränkt; Schriftkundigkeit ist in erster Linie Lateinkun- Der früheste Text dieser Gattung wird im späten 11. Jh.
digkeit und liegt bis zum 12. Jh. vorwiegend in den Hän- durch Alberich von Montecassino verfaßt; Hunderte
den der Geistlichen. Beschreibmaterial ist im Mittel- weitere folgen im 12. und 13. Jh. Eine besondere Bedeu-
alter, neben dem teuren, aber dauerhaften Pergament, tung hat die ars dictaminis an der für ihre rechtswissen-
wie schon in der Antike die Wachstafel [16]; Redekon- schaftliche Fakultät berühmten Universität Bologna.
zepte können – Schriftkundigkeit des Redners voraus- Die ars dictaminis bietet Denk- und Argumentations-
gesetzt – mit ihrer Hilfe erstellt worden sein, wenn sie hilfen wie auch pragmatische Regeln für spezifisch juri-
auch angesichts des nicht auf Dauer angelegten Be- stische Diskursformen, aber auch für andere Formen
schreibmaterials nicht erhalten sind. schriftlicher Kommunikation.
Die Rhetoriktheorie des christlichen Mittelalters III. Renaissance, Humanismus, Reformation. Der Über-
schließt an antike Vorstellungen unmittelbar an. Die an- gang vom Mittelalter zur Neuzeit bringt in Europa für
tike Bildungslehre erhielt sich über M. Capella, Cassi- die Bedeutung der S. weitreichende Veränderungen mit
odor und Isidors ‹Etymologien› und wurde im Rahmen sich. Die Entwicklung von preiswerterem Papier und die

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Schriftlichkeit Schriftlichkeit

Erfindung des Buchdrucks ermöglichen eine deutlich sich zwar von der schriftlich fixierten, schulmäßigen
größere Verbreitung und Vervielfältigung von Schrift- Rhetorik und gibt ausdrücklich der mündlichen, spon-
stücken jeglicher Art. Dies geht einher mit einer Bil- tanen Rede den Vorrang vor der geschulten Rede. Die
dungspolitik, die breitere Bevölkerungsschichten er- in den Evangelien dargestellte Eingießung des Heiligen
reicht, wenn auch eine allgemeine Alphabetisierung erst Geistes, die Ungelehrte zur Verbreitung des Wortes
sehr viel später erfolgen sollte. Die Wirkung dieser Ver- Gottes befähigt, ist für ihn unmittelbares Vorbild. Die
änderungen zeigt sich in einer enormen Menge von Ge- Apostel, die Christus zur Verbreitung des Wortes aus-
schriebenem; gedruckt wie handschriftlich, öffentlich gesucht hatte, sind einfache Leute ohne oder mit nur ge-
ebenso wie geschäftlich und privat. Hervorzuheben sind ringer Schulbildung. Gleichzeitig aber zeigen Luthers
im Bereich des Druckwesens die Flugblätter, Flug- eigene schriftliche wie mündliche Äußerungen eine an
schriften und Einblattdrucke, die in unterschiedlicher den Kenntnissen der Zeit geschulte Eloquenz. Als wich-
Funktion jeweils eine breite Masse von Rezipienten er- tigster Theoretiker protestantischer Predigtlehren gilt
reichen sollen. Lesekundigkeit der Adressaten ist hier- Melanchthon, der sich um eine Verschmelzung der hu-
für nicht Bedingung, auch das Vorlesen der gedruckten manistischen Bildungstradition mit den Erfordernissen
Information vor einer Gruppe von Menschen ist eine der Predigerausbildung bemüht. [31] Im Gegensatz hier-
häufig zu findende Methode der Verbreitung des Ge- zu entsteht eine homiletische Richtung, die auf eine
schriebenen. «Entrhetorisierung» der protestantischen Predigt auf
Die Entwicklung im Bereich der S. wird flankiert Grund der Schriften des A. Hyperius hinausläuft (z.B.
durch eine große Zahl neu verfaßter Rhetoriktrakta- ‹De formandis concionibus sacris seu de interpretatione
te. [23] Rhetoriktheorie stützt sich in der frühen Neuzeit scripturarum populari›, 1553). Hyperius bezieht sich
stark auf das mittelalterliche Erbe, aber auch auf neu nicht auf die antike Rhetoriktheorie, sondern bei ihm
erschlossene antike Schriften. Zu nennen sind hier ins- und seinen Nachfolgern steht die sich aus biblischen
besondere Quintilians ‹Institutio Oratoria› (vollständig Texten ergebende Predigtlehre im Vordergrund. [32]
erst 1416 in St. Gallen wieder aufgefunden) [24] sowie IV. Barock. In der Barockzeit spielt die Rhetorik eine
die späteren Werke Ciceros. Im Bildungskanon bleiben ganz zentrale Rolle, was mit einem starken Anstieg der
die septem artes liberales zentral, ergänzt werden sie ins- Druckwerke zur Rhetoriktheorie einhergeht. Exem-
besondere durch das Studium der griechischen Sprache plarisch sei hier das Rhetoriklehrbuch ‹Rhetorices con-
und eine Erweiterung des Kanons an antiker Literatur. tractae, sive partitionum oratoriarum libri quinque› des
In der Rhetoriktheorie des 16. und 17. Jh. werden actio Leidener Professors G.J. Vossius (1577–1649) genannt,
und memoria der Rede von der elocutio getrennt behan- das erstmals 1606 im Druck erscheint und eine enorme
delt. Das geht auf die sehr einflußreiche Reduzierung Wirkung entfaltet. [33] Die Bereiche, in denen die Re-
der Rhetorik auf elocutio und memoria durch Ramus dekunst dominiert, sind weiterhin die Homiletik, die
zurück und verweist darauf, daß der mündliche Vortrag Dichtung, das Rechtswesen sowie die öffentliche (artes
nicht mehr selbstverständliches Ziel der Rhetorik ist, dictaminis [34]) und die private briefliche Kommunika-
sondern gleichberechtigt neben die Schriftauslegung tion.
tritt. [25] Die elocutio bekommt jetzt eine wichtigere Hinzu kommen schriftlich fixierte Regeln für die ge-
Rolle als früher. In der Rhetoriktheorie vollzieht sich sellschaftliche Beredsamkeit am Fürstenhof, eine Lite-
damit eine allmähliche Transformation von der Münd- raturgattung, an deren Anfang Castigliones ‹Libro del
lichkeit zur S. [26] Cortegiano› steht. Im späten 16. Jh. folgen mehrere
Eine spezifische Weiterentwicklung zeigen die Brief- Werke aus dem italienischen Sprachraum, zu nennen
lehren. Hier sind besonders die Lehren des Erasmus sind u. a. der ‹Galateo› des G. de la Casa (1558) und die
von Rotterdam (‹De conscribendis epistolis›, 1522) und ‹Civil Conversazione› des S. Guazzo (1574). In diesen
J.L. Vives (‹De conscribendis epistolis›, 1536) zu nen- Kontext gehören auch die ‹Komplimentierbücher›, die
nen. [27] Die humanistische ars epistolandi kritisiert vor nicht nur Redegewandtheit, sondern auch Verhaltens-
allem die mittelalterlichen Vorbilder; strittig ist insbe- regeln im gesellschaftlichen Umgang allgemein und ins-
sondere der Schreibstil. In Auseinandersetzung mit ei- besondere mit dem weiblichen Geschlecht und für die
nem rigiden Ciceronianismus, der auch bei Brieflehren Brautwerbung vermitteln wollen. Zur praktischen An-
ausschließlich den Stil der Briefe Ciceros als vorbildlich wendung im gesellschaftlichen Leben sind ebenfalls
gelten läßt, setzen sich neue Regeln beim Briefeschrei- die vielfältigen Konversationshelfer gedacht, die erste
ben durch. [28] Die Briefe werden persönlicher; bei der Schritte zur Entwicklung der Konversationslexika ma-
Wahl des Stils soll man sich jetzt primär am Adressaten chen, deren Artikel Ansätze für eine intelligente und
orientieren. Die in den Formularen besonders wichtige höfliche Unterhaltung bieten.
Frage der korrekten Anrede wird bei Erasmus stark ver- Die verstärke Zeremonialität erfaßt im Barock alle
einfacht, zudem polemisiert er gegen lange Vorreden; Lebensbereiche und Ausdrucksformen, also auch die-
Kürze gilt ihm als positiv. Sammlungen von Musterbrie- jenigen, die einen spezifisch schriftlichen Charakter
fen haben zwar weiterhin Konjunktur [29]; im deutsch- haben. Briefstellerei, Erbauungsschrifttum wie auch
sprachigen Raum nimmt der Typus des Formularbuchs poetisches Schrifttum [35] werden von der für die Zeit
sogar deutlich zu [30]; aber daneben entwickelt sich zu- typischen Fülle von Figuren, Bildern und anderen Stil-
gleich eine kritische Haltung gegenüber Fomularbü- mitteln geprägt. In der barocken Rhetorik spielt der Re-
chern und eine Personalisierung des Briefstils. Das Brie- deschmuck eine zentrale Rolle, ein Beleg dafür, daß die
feschreiben scheint sich auch deswegen zu ändern, weil Rhetoriktheorie nun verstärkt auf schriftliche sprachli-
die Anlässe, zu denen Briefe geschrieben werden, und che Äußerungen ausgerichtet ist. Denn der überreiche
die intendierte Wirkung wechseln. Das persönliche stilistische Schmuck ist eine Technik, die vor allem in
Schreiben erfordert einen anderen Stil als das geschäft- schriftlicher sprachlicher Form ihre Wirkung entfalten
lich-juristische. kann.
Das Verhältnis von S. zur Rhetorik spielt auch in der V. Aufklärung. Das Verhältnis zwischen schriftlichen
Reformation eine große Rolle. Luther selbst distanziert und mündlichen sprachlichen Äußerungen kehrt sich, in

1211 1212
Schriftlichkeit Schriftlichkeit

Abgrenzung gegen die überbordende Topik und For- heitsfindung verpflichtet, so daß die Erregung von Emo-
malisierung der Sprache der Barockzeit, in der Aufklä- tionen im Verfahren keine Rolle mehr spielen soll. Die
rung um: Der Ausgangspunkt der Rhetorik ist jetzt die Forderung nach juristischer Präzision korrespondiert je-
mündliche Rede, die Gesprächssituation der Maßstab doch nur bedingt mit einer auch für juristische Laien
für eine gute sprachliche Äußerung. Richtigkeit, Sach- verständlichen Sprache. Kritisch setzt sich beispielswei-
lichkeit und Deutlichkeit sind bei G.W. Leibniz (1646– se Gottsched mit der juristischen Stilistik seiner Zeit
1716), Chr. Thomasius (1655–1728) oder F.A. Hall- auseinander. [43]
bauer (1692–1750) wichtige stilistische Ziele; dieselbe In anderen schriftlichen Äußerungsformen, insbe-
Tendenz zeigt auch Gottscheds ‹Redekunst›. Richtig sondere im Bereich des literarischen Schreibens, geht
sprechen, so formuliert beispielsweise der Pädagoge F. die Aufklärung ganz neue Wege; Schriftstellerei wird
Gedike (1754–1803) in seinen ‹Schulschriften›, sei eine stärker als ein Gespräch mit der Lesewelt angesehen.
notwendige Vorübung, um richtig zu schreiben. Dabei Der Essay etwa, der aus der mündlichen Beredsamkeit
geht es ihm weniger um die grammatische Korrektheit kommt, kann als eine Weiterführung des Gesprächs an-
als um die Verständlichkeit des Gesagten. Der Schüler gesehen werden; die dialogische Form ist geblieben.
solle lernen, verständlich, zusammenhängend, fließend, Auch der private Brief wird in erster Linie als schriftli-
ordentlich, bestimmt, ohne Beimischung unwesentli- ches Gespräch zwischen zwei Personen verstanden. [44]
cher oder gar nicht zur Sache gehöriger Umstände zu So sieht Gottsched in der Briefstellerei einen rhetori-
sprechen. Die praktische Vernunft impliziere eine Rhe- schen Sonderfall, der keine eigenen Regeln benötige.
torik, deren Ziel es sei, durch präzise Sprache präzise Der Einfluß der aufklärerischen Rhetorik auf die Brief-
Gedanken zu formulieren. [36] kunst soll folglich idealiter zu einer vernünftigen, regel-
Diese Tendenz, die sich gegen die Dominanz rheto- mäßigen Schreibart führen, zur Abstimmung auf die
rischen Schmucks und poetischer Bildlichkeit richtet Stilhöhe des Adressaten, zu zwangloser Natürlichkeit,
und die Klarheit des sprachlichen Ausdrucks fordert, Deutlichkeit und Lebhaftigkeit. In der Literatur wirkt
wirkt sich auf die verschiedensten Bereiche aus. Zu nen- sich die aufklärerische Rhetorik insbesondere auf die
nen sind die Homiletik, das Gerichtsverfahren, die Poe- Gattung ‹Roman› aus; der heroisch-galante Roman des
tik mit ihren neuen Gattungen und Formen und die Barock wird abgelöst.
Briefstellerei. Die Historiographie wird in der Folge po- Im Zusammenhang mit den hier skizzierten theore-
sitivistischer Geschichtswissenschaft und des Historis- tischen Äußerungen aus der Zeit der Aufklärung über
mus aus dem Bereich der wissenschaftlichen Rhetorik das Verhältnis zwischen Mündlichkeit und S. darf aller-
völlig herausgenommen; es entsteht die Fiktion, Histo- dings nicht vergessen werden, daß die Theorie sich in
riographie käme ohne rhetorische Mittel aus. aller Regel in einer Gegentendenz zur Praxis befindet
In der Homiletik artikuliert sich deutliche Kritik an und diese korrigieren möchte. So ist bei Chr. M. Wie-
der Praxis, Predigten an vorgefertigen rhetorischen Mu- land sehr deutlich, daß seine ‹Theorie und Geschichte
stern zu orientieren. Beredsamkeit solle generell nicht der Red-Kunst und Dicht-Kunst› sich an dem Ziel der
aus Topiken und Kollektaneen ihre Argumente bezie- Produktion schriftlicher Texte orientiert. Dafür solle
hen, sondern aus der Erfahrung. [37] Eine Predigt solle der Schreibende sich an klassische Autoren und litera-
nicht in erster Linie stilistisch kunstvoll, sondern rische Muster halten. Das Stilideal des Natürlichen ist
funktional belehrend sein. In einer Reihe von Maximen übrigens keineswegs gleichzusetzen mit unkultivierter
faßt der Jenaer Theologieprofessor Hallbauer diesen Spontaneität; Leichtigkeit im Stil wird erst durch Übung
Standpunkt zusammen [38] und formuliert damit Argu- und stetes Bemühen erreicht. [45] Festzuhalten bleibt,
mente gegen die Verwendung von vorgefertigten Pre- daß im Gegensatz zu England, Frankreich und den Ver-
digten im Gottesdienst. Diese Art von Texten wird einigten Staaten «die häufigste Anwendung der Rede-
damit aber nicht überflüssig: «Eine in guten Teutsch ge- kunst in Deutschland das gesamte 18. Jh. hindurch die
schriebene Postille kan man täglich wie etwa einen La- Schriftstellerei ist.» [46]
teinischen auctorem classicum lesen, daß man den Ho- VI. 19. Jh. bis Gegenwart. Die im 19. Jh. in Europa vor-
miletischen Stilum daraus lerne [...] Wenn man aber anschreitende allgemeine Alphabetisierung macht den
selbst eine Predigt macht, lege man die Postille Zugang zu schriftlichen Texten für immer mehr Men-
weg.» [39] Auch die Auslegung der Bibeltexte soll nicht schen möglich, eine Tendenz, die vom Gesichtspunkt
in erster Linie gelehrt, sondern klar und verständlich der rhetorischen Kultur der Mündlichkeit her jedoch
sein. In dieselbe Richtung weist L. v. Mosheim, der Weg- nicht nur positive Aspekte hat, wie A. Müller in seinen
bereiter der Homiletik der Aufklärung. [40] In der Pra- ‹Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall
xis ist allerdings mit einer weniger strikten Umsetzung in Deutschland› (gehalten 1812) dargelegt hat. Dies
dieser Forderung zu rechnen. Weiterhin dürften For- führt unter anderem dazu, daß schriftliche Äußerungen
mulare und Predigthilfen eine Rolle gespielt haben, wie sich an eine breite Masse der Bevölkerung und nicht
auch in den Äußerungen J.J. Spaldings und F.V. Rein- mehr nur an die höheren Schichten richten können. Ge-
hards zur Predigt einer völligen Abkehr von rhetori- paart mit zahlreichen technischen Verbesserungen ent-
schem Schmuck nicht mehr das Wort geredet wird. wickelt sich das gedruckte Medium so stärker als bisher
Ganz anders stellt sich die Situation in der Juris- zu einem Mittel der Massenkommunikation. Schon vor
prudenz dar. Im 18. Jh. finden Gerichtsverfahren in dem Ende des 18. Jh. erscheinen Zeitungen und Zeit-
Deutschland und Österreich vorwiegend schriftlich schriften nicht mehr nur gelegentlich, sondern peri-
statt; dies gilt auch für den Strafprozeß. Ein mündliches odisch. Dazu treten zwar seit dem 20. Jh. auch Rundfunk
Hauptverfahren wird hier erst im Laufe des 19. Jh. nach und Fernsehen, doch die Presse bleibt weiterhin das
französischem Vorbild eingeführt. [41] Juristische Stili- wichtigste Informationsmedium. Erst 1965 löst das
stik ist im deutschsprachigen Raum folglich in aller Re- Fernsehen die Zeitung als Leitmedium ab, doch sie wird
gel auf schriftliche Äußerungen bezogen [42] und macht bis heute von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung
zugleich innerhalb der Briefkunst eine eigene Entwick- regelmäßig genutzt. Die rhetorischen Mittel, die in den
lung durch. Das gerichtliche Schreiben ist der Wahr- Presseerzeugnissen verwendet werden, orientieren sich

1213 1214
Schriftlichkeit Schriftlichkeit

zwar zunächst selbstverständlich an der Tradition, ge- ‹Rhetorik des Schreibens› (Ueding) präskriptive bzw.
hen aber auch bald eigene Wege. Ihre spezifische regulative Prinzipien des Schreibens vorgibt, sondern an
Stilistik ist seit dem frühen 20. Jh. Gegenstand der Zei- einer deskriptiv-empirisch orientierten Untersuchung
tungswissenschaften. Zu den Besonderheiten des Zei- des Schreibvorgangs (G. Antos) interessiert ist. In ihren
tungsstils tragen neben der Tatsache, daß es hier nicht in Untersuchungen finden sich daher detaillierte Befunde
erster Linie um das Überzeugen, sondern um die Über- über Schreibphasen wie Planen, Formulieren und Le-
mittlung von Information und oft auch um Unterhaltung sen, Kontrollieren und Überarbeiten, die an der Kon-
geht, zugleich die Spezifika des Lesens in dieser Form stitution jedes Textes beteiligt sind. [49]
des Druckmediums bei. Die Vielfältigkeit der Informa- Das Internet, das sich seit den 90iger Jahren des
tionen bietet dem Leser die Wahl, die Artikel seines In- 20. Jh. mitentwickelt hat, ist Ursache für einen radikalen
teresses zu studieren und andere zu ignorieren oder nur Wandel in der Kommunikation, der gerade das Verhält-
zu überfliegen. Dies führt zu einer größeren Bedeutung nis von Mündlichkeit und S. betrifft. Einerseits nehmen
der Überschrift und des Artikelbeginns. Mit der Wer- die Formen der S. immer mehr mündlich-privaten und
bung bilden sich daneben neue, sprachliche Strategien damit informellen Charakter an; andererseits lösen sich
heraus, die stark persuasiv geprägt sind. die etablierten Muster schriftlicher Kommunikation auf
Das Erlernen von rhetorischen Techniken ist auch im und formieren sich neu nach den jetzt herrschenden Be-
20. Jh. noch insbesondere in den Fachdisziplinen Theo- dürfnissen von grenzenloser Ubiquität und Gleichzeitig-
logie, Rechtswissenschaften und Politik verbreitet. In keit der kommunizierten Information. In Kombination
der Theologie spielt die Homiletik [47] nach wie vor eine mit den neuartigen Methoden virtueller Bildgestaltung
wichtige Rolle und beeinflußt die gottesdienstliche Pra- eröffnen sich hier der S. von Mitteilungen weitere Mög-
xis unmittelbar. Predigten werden häufig schriftlich vor- lichkeiten, die zu ermitteln Aufgabe künftiger For-
bereitet, ebenso wie aktuelle Musterpredigten öffentlich schung sein wird.
zugänglich sind. [48]
Die juristische Rhetorik ändert sich in Deutschland Anmerkungen:
mit der Wiedereinführung der Mündlichkeit des gericht- 1 J. Schloemann: Freie Rede. Rhet. im demokratischen Athen
lichen Verfahrens im Laufe des 19. Jh., für die sich ins- zwischen S. und Improvisation (2001) 49–96. – 2 W.J. Ong: Ora-
besondere der Heidelberger Professor C.J. Mittermaier lity and Literacy. The Technologizing of the Word (London
eingesetzt hatte. Verschiedene Rhetoriklehrbücher ge- 1982) 81–83. – 3 Schloemann [1] 49f. – 4 S. Friemann: Überlegun-
hen speziell auf die Anforderungen der mündlichen gen zu Alkidamas’ Rede über die Sophisten, in: W. Kullmann,
Rede vor Gericht ein, z.B. K.S. Zachariä (1769–1843) M. Reichel (Hg.): Der Übergang von der Mündlichkeit zur Lit.
bei den Griechen (1990) 301–315; Schloemann [1] 65. – 5 Frie-
‹Anleitung zur gerichtlichen Redekunst› (1810) und H.F. mann [4] 314. – 6 M. Fuhrmann: Mündlichkeit und fiktive Münd-
Ortloff ‹Gerichtliche Redekunst› (2 Bände, 1887). Im lichkeit, in: G. Vogt-Spira (Hg.): Strukturen der Mündlichkeit in
juristischen Universitätsunterricht in Deutschland hat der röm. Lit. (1990) 55–58. – 7 ebd. 59–61. – 8 E.A. Havelock, J.P.
die Rhetorik als publikumsbezogene Technik dagegen Hershbell: Communication Arts in the Ancient World (New
bis Ende des 20. Jh. kaum eine Bedeutung; die Vorstel- York 1978) 77–103. – 9 Kullmann [4] 318–334. – 10 J. Blänsdorf:
lung, daß Sprache der Wahrheitsfindung dient und rhe- Cicero auf dem Forum und im Senat, in: L. Benz (Hg.): Die röm.
torischer Schmuck dieser im Wege steht, erhält sich bis Lit. zwischen Mündlichkeit und S. (2000) 205–228. – 11 Cic. De
heute. Eingeübt wird an den deutschen Universitäten or. I, 158–159. – 12 ebd. I, 150ff. – 13 Quint. I, 4. – 14 ders. X, 3–5. –
15 ders. X,7, 30–33; XII,9, 16–21; XI,3, 109. – 16 W. Wattenbach:
der Gutachtenstil, der eine spezifisch schriftliche Tech- Das Schriftwesen im MA (1871; 41958) 51–89. – 17 vgl. Cassiod.
nik ist und als dessen zentrales Argumentationsmittel Inst. II, in: PL 70, Sp. 1149–1218, insbes. 1157–1167. – 18 Murphy
der juristische Syllogismus im Mittelpunkt steht. In der RM 135; ders.: Latin Rhet. and Education in the Middle Ages
Gerichtspraxis dagegen ist das Prinzip der Mündlichkeit and Renaissance (Ashgate 2005) Nr. IX; S. Hallik: Sententia und
insbesondere im Strafverfahren von zentraler Bedeu- Proverbium. Begriffsgesch. und Texttheorie in Antike und MA
tung. Daneben stehen in anderen Rechtsbereichen (u. a. (2007) 320ff. – 19 ebd. 404–452; M.G. Briscoe, B.H. Jaye: Artes
bei Ordnungswidrigkeiten, im öffentlichen Recht und im praedicandi, Artes orandi (Berlin 1992); Murphy [18] (1990)
Zivilrecht) verschiedene abgekürzte Verfahren zur Ver- 269–355; Murphy [18] (2005) Nr. VII 7–8; Ueding/Steinbrink
69–73. – 20 Aug. Doctr. IV, 3, 5 (164); Ueding/Steinbrink 51. –
fügung, die ausschließlich oder vorwiegend schriftlich 21 Briscoe [19] 168f.; Hallik [18] 408f. – 22 H.M. Schaller: Ars dic-
stattfinden. taminis, in: LMA, Bd. 1, Sp. 1034–39 (1999); Murphy [18] (2005),
In der politischen Rhetorik ist die Verwendung vor- Nr. VI; Hallik [18] 161–164. – 23 J.J. Murphy: One thousand Ne-
gefertigter Manuskripte zum Teil durch die Situati- glected Authors, in: Murphy RE, 20–36. – 24 Murphy [18] (2005)
onsgebundenheit von Rede und Debattenbeiträgen er- Nr. VII, 177–181. – 25 H.J. Lange: Aemulatio veterum sive de
schwert, zum Teil aber auch durch rechtliche Regelun- optimo genere dicendi (1974) 35–55. – 26 Schanze in: Murphy
gen nicht erlaubt, die sich aber wie im Deutschen Bun- RE 117–119. – 27 Kristeller in: Murphy RE 8; Henderson in:
destag in der Regel nicht durchsetzen lassen. In den ro- Murphy RE 331–355. – 28 Henderson [27] 341–354. – 29 Kristel-
ler [27] 8. – 30 Schanze [26] 113–15. – 31 H.M. Müller: Homiletik,
manischen Ländern, in England und den USA hat die in: TRE 15 (1986) 526–565, hier 533. – 32 ebd. 533–534, vgl. 2 Tim
politische Rede freilich einen höheren Stellenwert, so 3, 16; Röm 15, 4. – 33 Barner 265–274. – 34 vgl. ebd., 155–159. –
daß der Standard im allgemeinen sehr viel höher anzu- 35 vgl. H. Schanze: Romantik und Rhet. in: ders. (Hg.): Rhet.
setzen ist. Oft beschränkt sich die S. einer Rede auf die (1974) 118. – 36 F. Gedike: Gesamm. Schulschr. (1789/1795)
Verwendung einer Gliederung oder das Vorformulieren Bd. 2, 22ff. – 37 Hallbauer Orat. 286–295, hier 293. – 38 ebd. 766–
einzelner komplexer Gedanken. Sicher aber wird der 768. – 39 ebd. 767. – 40 L. von Mosheim: Heilige Reden über rich-
Gebrauch von eigenen oder fremderstellten schriftli- tige Wahrheiten der Lehre Jesu Christi (1725ff.) ders.: Anwei-
chen Vorlagen immer von der Erfahrung und speziellen sung erbaulich zu predigen (posthum 1763). – 41 Ueding/Stein-
brink 123; H. Ortloff: Die gerichtliche Redekunst (1887). –
Sachkundigkeit des Redenden abhängen. 42 Hallbauer [37] 524ff. – 43 Gottsched: Der Biedermann 107f./
Ein besseres Verständnis der Prozessualität der S. 27. Blatt 3. Nov. 1727. – 44 J.J. Eschenburg: Entwurf einer
bietet heute übrigens die Auffassung des Schreibvor- Theorie und Lit. der schönen Wiss. (1783) 302. – 45 R. Tschapke:
gangs als ‹Problemlösung›. Dabei handelt es sich um Anmutige Vernunft. Chr. M. Wieland und die Rhet. (1990) 76–
eine Forschungsrichtung, die nicht wie die traditionelle 84. – 46 ebd. 4. – 47 Müller [31] 526–565, hier 538–561. – 48 http://

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Selbstaffektion Selbstaffektion

www.predigten.uni-goettingen.de/; http://www.sermon-online. den inneren Ergriffenheit ist nicht originär rhetorisch,


de/ (Zugriff: 21.11.11). – 49 vgl. G. Antos: Art. ‹Text›, in: HWRh, sondern entstammt dem Bereich der Dichtung. Das Bild
Bd. 9 (2009) Sp. 500ff. des (göttlich) inspirierten Poeten begegnet erstmals in
Literaturhinweise:
Homers ‹Odyssee›. [1] Dabei wird die Leistung der S.
R. McKeon: Rhet. in the Middle Ages, in: Speculum VI (1932); allerdings nicht dem Ausführenden selbst, sondern einer
1–32. – H. Caplan: Classical Rhet. and the Medieval Theory of äußeren Macht (den Musen) zugeschrieben – eine Ten-
Preaching, in: Classical Philology 28 (1933) 73–96. – ders.: Me- denz, die sich bis hin zur christlichen Inspirationslehre
dieval Artes Praedicandi, 2 Bde. (1934–36). – D. Roth: Die ma. weiterverfolgen läßt. Aufgegriffen wird das homerische
Predigttheorie (1956). – R.G. Witt: C. Salutati and his Public Bild zunächst bei Platon, der postuliert, daß ein Dichter
Letters (1963) 198–201. – G. Steiner: Language and Silence nicht allein durch Kunst, sondern nur, wenn sich ein
(1967, dt. 1969). – E. Eisenstein: The Printing Press as an Agent «Wahnsinn der Musen» hinzugeselle, erfolgreich sein
of Change (1979). – M.G. Scholz: Hören und Lesen (1980). –
H.M. Schaller: Dichtungslehren und Briefsteller, in: P. Weimar
könne. [2] Diese Ergriffenheit der Dichter übertrage
(Hg.): Die Renaissance der Wiss. im 12. Jh. (1981) S. 249–71. – sich ferner auch auf die Rhapsoden – die wohl erste Er-
E.A. Havelock: The Literate Revolution in Greece and its Cul- wähnung einer «Affekt-Brücke» [3] von Mensch zu
tural Consequences (1982, dt. 1990). – A. Assmann, J. Assmann: Mensch. [4] Allerdings sind diese Erkenntnisse bei Pla-
Schrift und Gedächtnis (1983). – W. Erzgräber: Mündlichkeit ton stark negativ geprägt und polemisch motiviert, um
und S. im engl. MA (1988). – R.L. Enos: Oral and Written Com- diesen Berufen einen Anteil an der den Philosophen
munication. Historical Approaches (1990). – H. Keller, K. vorbehaltenen Schau der Wahrheit abzusprechen. [5]
Grubmüller, N. Staubach: Pragmatische S. im MA (1992). – L. Aristoteles übernimmt Platons Theorie der «Affekt-
Bahmer: Was hat Rhet. mit Schreiben zu tun? Rede und Rhet.
im Spannungsfeld von Mündlichkeit und S., in: Wirkendes Wort
Brücke» in seiner ‹Poetik›, kommt jedoch ohne die ne-
43 (1993) 658–670. – G. Ueding: Rhet. des Schreibens (41996). – gative Konnotation aus. Darin fordert er emotionale
C. Bohn: S. und Ges. (1999). – M. Stingelin: Schreiben, in: RDL3 Authentizität des Poeten ein, etwa in der Feststellung,
Bd. 3, (2003) 387–389. daß ein selbst Zürnender den Zorn am wahrheitsgetreu-
P. Kalning sten darstellen könne. [6] Zwar richten sich diese Aus-
führungen schwerpunktmäßig an den Dichter, doch
^ Ars dictandi, dictaminis ^ Ars praedicandi ^ Ars versifi- greift Aristoteles hier nicht nur auf Ideen Platons, son-
catoria ^ Dichtung ^ Erziehung, rhetorische ^ Gebrauchsli- dern durchaus auch der Rhetorik zurück – insbesondere
teratur ^ Journalismus ^ Literatur ^ Manuskript ^ Massen- seiner eigenen. [7] So ist Aristoteles der erste, der für die
kommunikation ^ Mündlichkeit ^ Nonverbale Kommunika-
tion ^ Presse ^ Protorhetorik ^ Schriftauslegung
S. eine Brücke von der Dichtung zur Redekunst ge-
schlagen hat. Die vorherige sophistische Rhetorik hatte
sich für die affektive Gestimmtheit des Redners nur we-
nig interessiert; Gorgias etwa sah die Affekte des Zu-
Selbstaffektion (engl. self-affection; frz. auto-affection, hörers als Spielball des Redners an, der sich zur Affekt-
affection de soi par soi; ital. autoaffezione; span. auto- erregung auch der Täuschung bedienen könne [8] –
affección) ebenfalls eine immer wieder aufgegriffene These, die
A. Def. – B. Historische Entwicklung: I. Antike. – II. Mittelalter
insbesondere in der späteren Schauspielkunst gewissen
bis Neuzeit: 1. Homiletik. – 2. Rhetorik und Schauspielkunst. – Anklang fand. Aristoteles beschreibt nun in seiner Rhe-
III. Moderne. torik erstmals das rhetorisch relevante Phänomen, daß
das Publikum einem Redner in dessen real vorhandenen
A. Def. Mit ‹S.› wird das Hervorrufen und Empfinden und gezeigten Gefühlen oft eher folge als in seinen ver-
von Gefühlen ohne äußere Reize bezeichnet. Rhetori- nünftigen Argumenten. Ein solcher vernunftüberdek-
sche Bedeutung kommt der S. als Voraussetzung der kender Einsatz von Pathos wird von ihm dabei noch
Affekterregung zu. Kanonisch geworden ist hierbei ins- eher negativ bewertet. [9] Obschon die S. damit insge-
besondere die auf Cicero zurückgehende Formulierung samt als Phänomen (vornehmlich der inventio) früh be-
ipse ardere (gelegentlich auch ipse moveatur oder ipse kannt ist, findet eine differenzierte rhetoriktheoretische
inflammatus), die einfordert, daß ein Redner selbst von Auseinandersetzung mit ihrer Bedeutung für die actio
einem Gefühl erfaßt sein müsse, wenn er dieses bei sei- erst zu Ciceros Zeiten statt. [10] In der griechischen Rhe-
nem Publikum hervorrufen möchte. Im Unterschied zur torik bleibt sie nach Aristoteles weitgehend unbeachtet,
simulatio wird bei der S. das gezeigte Gefühl tatsächlich und auch in der frühen römischen Schulrhetorik finden
empfunden. Einsatzfelder sind neben der Rhetorik vor sich nur vereinzelte Anmerkungen. [11] So beschränkt
allem die Schauspiel- und die Dichtkunst sowie die Mu- sich der Auctor ad Herennium in den Ausführungen zu
sik. Die historische Entwicklung der rhetorischen S. ist Affekterregung und actio auf detaillierte Anweisungen
mit diesen Disziplinen eng verwoben, insbesondere mit zur Körpersprache und bemerkt abschließend nur
der Schauspielkunst. Systematisch gesehen gehört die S. knapp, daß dabei stets der Eindruck erweckt werden
zum Produktionsstadium der actio, hat aber gerade in müsse, daß die Rede aus dem innersten Herzen kom-
schriftlich verfaßten (im Gegensatz zu darstellenden) me. [12] Auch Cicero behandelt in seinem schulrheto-
Künsten – Poesie, Komposition usw. – auch Bedeutung rischen – allerdings auf die inventio konzentrierten – Ju-
für die inventio. Da das Gelingen eines Affekttransfers gendwerk ‹De inventione› die Affekterregung noch un-
auf das Publikum bei vorheriger Anwendung der S. von ter rein topischen und stilistischen Gesichtspunkten. [13]
der persönlichen (affektiven) Glaubwürdigkeit des Erst in seinem Hauptwerk ‹De oratore› sowie seinem
Redners abhängig ist, markiert die S. eine Schnittstelle Spätwerk ‹Orator› widmet er der S. eine ausführliche
von Ethos und Pathos und könnte auch als eine Art Behandlung. [14] Dabei macht er deutlich, daß der Red-
«Ethos im Pathos» beschrieben werden. Umstritten sind ner das Gefühl, das er bei den Zuhörern hervorrufen
dabei Möglichkeit und moralischer Charakter der S. ge- wolle, auch tatsächlich selbst empfinden müsse («ipse
genüber der simulatio. inflammatus» [15]). Ein bloßes Vortäuschen hingegen
B. Historische Entwicklung. I. Antike. Die erste über- erfordere eine «größere Kunst». [16] Jedoch relativiert
lieferte Erwähnung einer kunstvoll nach außen dringen- er diese Forderungen später etwas und erkennt an, daß

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Selbstaffektion Selbstaffektion

unter Umständen auch ein der Kunstlehre gemäßes grandis in Verbindung. [27] Zwar erwähnt er, daß beim
Vortäuschen angezeigt sein kann. [17] Auch sieht er, an Prediger auch eine Ergriffenheit durch den heiligen
die Tradition anknüpfend, starke Parallelen zum Schau- Geist hinzukommen müsse; die Technik der Predigt sei
spiel und zur Dichtkunst (letzteres unter Berufung auf aber – analog zum Beten – Menschensache. [28] Da Au-
Demokrit [18] und Platon [19]) und berichtet von Er- gustinus ferner das docere an die höchste Stelle der Pre-
lebnissen, bei denen der Schauspieler auch nach der digtaufgaben setzt, findet die Affekterregung per S. in
Vorstellung noch geweint habe. [20] Zur Technik der der aufkommenden Predigtlehre zunächst wenig Be-
S. macht Cicero hingegen kaum Angaben; vielmehr achtung. Das ändert sich entscheidend erst mit der Re-
scheint er von einer Art Rückwirkung der üblichen Me- formation. Luther, in seinem Rhetorikverständnis stark
thoden der Affekterregung auszugehen, wenn er po- von Cicero und Quintilian beeinflußt, betont auch für
stuliert, daß die Rede «noch stärker als auf irgendeinen den Prediger die Notwendigkeit, selbst vom Affekt er-
der Zuhörer auf den Redner selbst» [21] wirke. Insge- griffen zu sein – prägendes Motiv für die protestantische
samt mißt Cicero der S. dennoch einen hohen Stellen- Theologie ist hierbei das Herz als Sitz der Emotio-
wert ist und behandelt sie nicht nur stilistisch sehr nen. [29] Hermeneutisch entwickelt er Augustinus’ Ge-
ausgefeilt, sondern auch deutlich ausführlicher als die danken weiter, der bereits die Rhetorik – allerdings vor
einzelnen Affekte. Entgegen der zu seiner Zeit verbrei- allem ihren stilistischen Aspekt – als Voraussetzung er-
teten Meinung rechnet Cicero die S. zu den grundlegen- folgreicher Bibelhermeneutik propagiert hatte. Dabei
den Berufsfähigkeiten eines Redners. [22] So berichtet erfolgt eine Hinwendung zur S.: Auch beim Lesen der
er im ‹Brutus› von einem Fall, bei dem er selbst als Ver- Bibel müsse mitempfunden werden, um fruchtbare Her-
teidiger dadurch triumphieren konnte, daß er dem An- meneutik erst möglich zu machen. Ansonsten sei es sogar
kläger Marcus Calidius Unglaubwürdigkeit vorwarf, verboten, zu lesen: «[...] das man dy wort recht fass und
weil dieser nicht ergriffen und affektvoll, sondern ruhig den affect und fuls ym hertzen; die das nit konnen thun,
und sachlich geredet habe. [23] Die seit Platon mit einem den ists verbotten zu lesen». [30] Melanchthon hinge-
moralischen Makel behaftete Affekterregung wird hier gen relativiert Luthers Auffassung: Bei ihm steht das Be-
nicht nur rehabilitiert, sondern sogar zur Voraussetzung lehren nach wie vor deutlich im Vordergrund; auch das
seriöser Rhetorik gemacht. Nach Ciceros Tod greift der Herz wird nur durch den Verstand entflammt. [31] Me-
Dichter Horaz diesen Gedanken auf; in seiner ‹ars poe- lanchthons Rhetoriklehrbücher erwähnen die S. daher
tica› findet sich die kanonisch gewordene Formulierung nicht; Affekterregung wird hier vor allem durch den
«si vis me flere, dolendum est primum ipsi tibi» (Wenn Rückbezug auf eine passende Topik gesteuert. [32] Den-
Du mich zum Weinen bringen möchtest, mußt Du zuerst noch spielt in der protestantischen Predigtlehre die ge-
selbst leiden) [24], deren genaue Bedeutung und Ziel- fühlsmäßige Ergriffenheit in den folgenden Jahrhunder-
gruppe aber umstritten ist und immer wieder neuen In- ten und bis zum heutigen Tag meist eine große Rolle.
terpretationen unterlag. Auch Quintilian folgt im we- Große Bedeutung erlangt die Konzeption insbesondere
sentlichen Ciceros Ausführungen, nennt aber erstmals im Pietismus. So betont Spener, daß Menschen «mehr
Methoden, wie eine erfolgreiche S. verwirklicht werden gerühret werden/ wo ein anderer beweglich redet/ von
könne. Dabei schlägt er vor, sich die in Frage stehende dem sie sehen/ daß es recht von Herzen gehet/ und der
Szene, etwa einen Mord, selbst so lebendig wie möglich sonderlich aus eigener erfahrung redet». [33] Auch
vorzustellen (visiones/fantasiÂai, phantası́ai) und diese Schleiermacher, für den das «Gefühl der schlechthin-
dann so zu schildern, also ob sie dem Redner selbst pas- nigen Abhängigkeit» gar Zentrum seiner Theologie
siert wäre. Es gelte also zunächst, sich in eine Rolle emo- wird, sieht die Ergriffenheit als notwendige Vorausset-
tional hineinzudenken. Die darauf folgende lebhafte zung der Predigt, in der es gelte, «seine heiligen Gefühle
Schilderung der visiones (illustratio, evidentia/eÆnaÂrgeia, ihnen [der Gemeinde, Anm. d. Verf.] einzuimpfen.» [34]
enárgeia) entfalte dann eine besonders starke Wirkung Gleichzeitig aber treten mit der Zeit immer deutlicher
auf die Zuhörer. [25] Neben diesen methodischen Hin- Tendenzen der Externalisierung der S. hinzu – diese wird
weisen findet bei Quintilian auch erstmals eine auf- zunehmend als Wirken des Heiligen Geistes verstanden
schlußreiche Auseinandersetzung mit dem ars-natura- und somit gewissermaßen zu einer Fremdaffektion. Kul-
Problem der S. statt. Das Simulieren von Affekten ohne minationspunkt dieser Anschauung ist schließlich im
tatsächliches Empfinden zählt Quintilian zu den Stilfi- 20. Jh. K. Barth, bei dem der Prediger vollends zum Me-
guren und damit zur ars – hierin Ciceros Hinweis um- dium und Sprachrohr Gottes wird. [35]
deutend, daß man dafür eine «größere Kunst» benötige. 2. Rhetorik und Schauspielkunst. In der Scholastik do-
Den Vorzug erhält aber weiterhin die zu den Naturan- miniert zunehmend die Schriftlichkeit (Brieflehre/ars
lagen (natura) des Redners zählende Fähigkeit, die her- dictandi sowie Vertragsrecht) in den Rhetoriklehrbü-
vorzurufenden Gefühle tatsächlich selbst zu empfinden. chern. Dementsprechend nimmt die Auseinanderset-
Diese Fähigkeit sei so stark, daß sie sogar Menschen zung mit den performativen Aspekten der Rhetorik
ohne Ausbildung in der rhetorischen ars Redegabe ver- eher ab. Wenn sie stattfindet, wird weniger ihre Rolle als
leihen könne. [26] rhetorische Technik denn als gesellschaftliche Praxis,
II. Mittelalter bis Neuzeit. 1. Homiletik. In der mit- die den Gesetzen von Moral und Sitte unterliegt, betont.
telalterlichen Rhetorik, die in weiten Teilen eine Rhe- Für Riederer etwa steht allein die äußere «Schicklich-
torik der Predigt ist, dominiert das von Augustinus im keit» der actio corporis, im Vordergrund; die S. spielt
vierten Buch seiner ‹Doctrina christiana› entfaltete Rhe- keine Rolle. [36] Im Barock rücken zwar Affekte wieder
torikverständnis, das auch einzeln unter dem Titel ‹De in den Blickpunkt des Interesses; allerdings in einer
arte praedicandi› kursiert. Augustinus, vor seiner Kon- stark idealisierten und aufs Äußerliche fixierten, höfi-
version Rhetorikprofessor in der Kaiserresidenz Mai- schen Form. Dementsprechend findet Affekterregung
land, läßt die alten Regeln weitgehend unangetastet und auch weniger in der Rhetorik denn in der Schauspiel-
verweist für praktische Ratschläge sogar ausdrücklich kunst statt. Exemplarisch ist hier die ‹Abhandlung über
auf Cicero. Die S. spielt in seinem Werk dabei keine Rol- die Schauspielkunst› des Jesuiten F. Lang, der fordert,
le; die Affekterregung bringt er allein mit dem stilus die Schauspielerei solle als ihre Hauptaufgabe einzig,

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«fromme und nützliche Affekte bei den Zuschauern bei sogar schädlich auswirken könne, sind Affekte ohne
hervorrufen.» [37] Diese Affekterregung findet bezeich- eigene Ergriffenheit aufgrund ihrer sittlichen Natur für
nenderweise ausschließlich über bestimmte idealisierte ihn nicht denkbar. [45] Theremins Sicht konnte sich im
Posen des Körpers statt, die bis ins Detail geschildert folgenden allerdings nicht durchsetzen. Im übrigen sta-
werden. Erst im Zeitalter der Aufklärung entbrennt zu gniert auch im 19. und 20. Jh. die Debatte in der Rheto-
Anfang des 18. Jh. eine Debatte um die S., allerdings rik, lebt allerdings ab Mitte des 19. Jh. in anderen Dis-
(wenn auch oft mit den gleichen Protagonisten) außer- ziplinen erneut auf. Bereits 1844 greift E.A. Poe in ‹The
halb der klassischen Rhetorik. In den Rhetoriklehr- Purloined Letter› Lessings körperinduzierte Einfüh-
büchern der Aufklärung hingegen herrscht die übliche lungsmethode auf und setzt ihr ein literarisches Denk-
Mischung aus Wiederholung der Position Ciceros mal. [46] In der einsetzenden Emotionspsychologie
(Hallbauer [38]) oder (oft rationalistisch motivierter) bildet sich die bis heute einflußreiche ‹James-Lange-
Nichterwähnung (Gottsched [39]) vor. Die heftigste Theorie›, die auf zwei zeitgleich, aber unabhängig von-
Auseinandersetzung um Aufgabe und Möglichkeit der einander entstandene Arbeiten von W. James und C.
S. spielt sich im Bereich der Schauspielkunst ab, die da- Lange zurückgeht und Lessings Theorie auch in der
bei allerdings von den Protagonisten meist als Teilbe- Psychologie bekannt macht. [47] Unter dem Einfluß
reich der Rhetorik (actio) gefaßt wird. Mit der natura- des Realismus hingegen entwickelt der russische Thea-
listisch motivierten Abkehr von barockem Idealismus terregisseur und Gründer des Moskauer Künstlerthea-
steht dabei erstmals das realistische Darstellen der Ge- ters, K. Stanislawski, ein System der Schauspieler-
fühle im Vordergrund. Zu Beginn des 18. Jh. scheint sich ausbildung, das sich einem geistig-seelischen Naturalis-
zunächst ein breiter Konsens abzuzeichnen, der die S. mus [48] verpflichtet sieht. Damit verbindet sich die For-
als unabdingbare Voraussetzung der Affekterregung derung, daß nicht etwa äußere Details der Darstellung,
und damit der Schauspielerei verstanden wissen will. Zu sondern das innere Erleben des Schauspielers möglichst
den einflußreichsten Vertretern dieser Meinung zählen realistisch sein müsse. Bekannt geworden ist hier Stanis-
etwa der italienische Theaterreformer L. Riccoboni und lawskis Formulierung vom schöpferischen «Wenn» [49]:
der Journalist R. de Sainte-Albine [40]. Ein analoger Der Schauspieler solle sich gefühlsmäßig derart in seine
Konsens entwickelt sich etwa zeitgleich in der Poesie Rolle hineinversetzen, «als wenn» er sich selbst in dieser
und der Musikwissenschaft, bleibt aber hier weitgehend Situation befände. Dies stößt Anfang des 20. Jh. auf den
unangefochten bestehen. [41] In der Schauspielkunst heftigen Widerspruch B. Brechts. Brecht, darin von
hingegen regt sich eine Generation später heftiger Wi- Lessing und Diderot beeinflußt, kritisiert das Konzept
derspruch; insbesondere D. Diderot vertritt in seinem der totalen Einfühlung und Rollenidentifikation im rea-
‹Paradox über den Schauspieler› die Theorie der ‹kalten listischen Theater [50] und verwirft es für sein «episches
Affekterregung›: «Nicht der erregte Mensch, der außer Theater», da der Zuschauer die Realität in seinen Stük-
sich ist, kann uns mitreißen; das ist das Vorrecht des ken nicht nur wiedererkennen, sondern durchschauen
Menschen, der sich in der Gewalt hat.» [42] F. Ricco- solle. [51] Distanz, auch zur eigenen Rolle, zählt für ihn
boni, Sohn des oben genannten Theaterreformers, po- daher zu den Grundvoraussetzungen der Kritik; affek-
stuliert sogar, daß man, «wenn man das Unglück hat, tive Einfühlung sei bestenfalls in der Probe, nicht aber
das, was man ausdrückt, wirklich zu empfinden, außer- während einer Vorstellung hinzunehmen. [52] In den
stand gesetzt wird zu spielen.» [43] In Deutschland be- USA hingegen findet Stanislawskis System im folgen-
eindruckt Lessing diese scharfe Kritik an der etablier- den starken Anklang, insbesondere bei den einflußrei-
ten Forderung nach gefühlsmäßiger Aufrichtigkeit so chen Schauspiellehrern L. Strasberg und S. Adler.
sehr, daß er Riccobonis Werk prompt übersetzt, De Strasberg entwickelt aus Stanislawskis Ansätzen das
Sainte-Albines Werk hingegen einer harschen Kritik sog. ‹Method Acting› [53], das den Schauspieler dazu an-
unterzieht und eine Übersetzung als sinnloses Unterfan- leiten soll, sich anhand der willentlichen Erinnerung an
gen verwirft. In seinen eigenen Ausführungen zur eigene Erlebnisse in eine für die jeweilige Situation an-
Schauspielkunst (die er im übrigen ausdrücklich mit der gepaßte Stimmung zu versetzen. Anders als in Stanis-
actio der Rhetorik identifiziert) relativiert er allerdings lawskis Konzept steht hierbei allerdings die bloße
die These vom kalten Schauspieler. Stattdessen kehrt Gleichheit der Gefühle von Schauspieler und dargestell-
Lessing die Affektionsreihenfolge um. Die S. sei beim ter Person im Vordergrund, wobei der inhaltliche Aus-
Schauspiel keine Voraussetzung, sondern eine Folge der löser der Gefühle ein völlig anderer sein kann. Eine
körperlichen Gefühlsdarstellung: «Ich glaube, wenn der Identifikation mit der Situation der Rolle ist dazu nicht
Schauspieler alle äußerliche [sic] Kennzeichen und notwendig. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wur-
Merkmale, alle Abänderungen des Körpers, von wel- de das Method Acting durch den Erfolg von Schauspie-
chen man aus der Erfahrung gelernet hat, daß sie etwas lern wie J. Dean, M. Brando, R. de Niro oder A. Pacino.
gewisses [sic] ausdrücken, nachzumachen weiß, so wird Seit den 1970er Jahren ist die S. auch in der Psychologie
sich seine Seele durch den Eindruck, der durch die Sin- mit dem Aufkommen neo-jamesianischer Theorien wie-
ne auf sie geschieht, von selbst in den Stand setzen, der der Gegenstand der Diskussion [54], nachdem James’
seinen Bewegungen, Stellungen und Tönen gemäß Ansatz in den vorangegangenen 50 Jahren nach einer
ist.» [44] harschen Fundamentalkritik von W. Cannon [55] weit-
III. Moderne. Den Versuch, die Verstellungsproble- gehend aus der Debatte verschwunden war. Ergebnisse
matik auch auf rhetorischer Seite aufzuarbeiten, unter- der modernen Emotionspsychologie belegen eine Rück-
nimmt im 19. Jh. der preußische Hofprediger F. There- wirkung körperlicher Veränderungen auf das innere
min. Theremin, der die Beredsamkeit als Tugend auf- Empfinden. Insbesondere im Bereich der Mimik (facial
faßt, unterscheidet zwischen dem aus sittlichen Ideen feedback theory) ist dieser Effekt gut untersucht, gilt
stammenden Affekt und der auf äußere Objekte gerich- aber als eher schwach. [56] Auch das Phänomen der
teten Leidenschaft. Während man Leidenschaft für äu- emotionalen Ansteckung (emotional contagion) wird oft
ßere Dinge durchaus auch wecken könne, ohne selbst im Bereich der Mimik verortet. [57] Demgegenüber ste-
von ihr ergriffen zu sein und sich eine Ergriffenheit da- hen evolutionäre Theorien, die teilweise sogar jeglichen

1221 1222
Selbstaffektion Skizze

Zusammenhang von Mimik und innerem Empfinden tical Examination and an Alternative Theory, in: Amer. J. of
leugnen. [58] Gestützt wird diese These wiederum durch Psychol. 39 (1927) 106–124. – 56 Müsseler [47] 373; J.H. Otto:
Untersuchungen, die die Schwierigkeit belegen, ‹echte› Emotionspsychol. Ein Hb. (2000) 400; Meyer, Schützwohl [54]
162. – 57 C.E. Izard, B. Murakami: Die Emotionen d. Menschen.
von ‹gespielten› Gefühlen zu unterscheiden. [59] Dieser Eine Einf. in d. Grundlagen d. Emotionspsychol. (1994) 130. –
widersprüchliche Befund spiegelt sich auch in der emo- 58 A.J. Fridlund: Human Facial Expression (San Diego 1996). –
tionspsychologischen Experimentalpraxis wider. Sollen 59 Müsseler [47] 364f. – 60 ebd. 374.
Probanden in eine bestimmte Gefühlslage versetzt wer-
den, findet – neben externen Hilfsmitteln wie Psycho- Literaturhinweise:
pharmaka – eine Synthese annähernd aller historisch J. Stenzel: «Si vis me flere...» – «Musa iocosa mea». Zwei poetol.
diskutierten Techniken der S. Anwendung, um so- Argumente in d. dt. Diskussion des 17. u. 18. Jh., in: DVjs 48
(1974) 650–671. – G. Braungart: Leibhafter Sinn. Der andere
wohl die expressive (Gestik, Mimik, Körperhaltung) als Diskurs der Moderne (1995) 55ff. – O. Kramer: Affekt u. Figur.
auch die kognitive Komponente (Rückerinnern, Revi- Rhet. Praktiken d. Affekterregung u. -darstellung, in: J. Knape,
talisieren) von Emotionen anzusprechen. In der prakti- O. Kramer, P. Weit (Hg.): «Und es trieb die Rede mich an...».
schen Anwendung psychologischer Forschungsergeb- FS G. Ueding (2008) 313–325.
nisse steht allerdings meist ein therapeutisches Unter- R.B. Kremer
drücken und Kontrollieren unerwünschter Affekte statt
das Hervorrufen derselben im Vordergrund. [60] ^ Actio ^ Affektenlehre ^ Empfindsamkeit ^ Evidentia,
Evidenz ^ Glaubwürdige, das ^ Image ^ Natürlichkeitsideal
Anmerkungen: ^ Pathos ^ Selbstüberredung ^ Simulatio ^ Zungenrede
1 Hom. Od. XXII, 347f. – 2 Plat. Phaidr. 245a. – 3 Lausberg Hb.
(42008) 141 (§257, 2). – 4 Plat. Ion. 533c–536d. – 5 Plat. Apol.
22a-c; Plat. Men. 99. – 6 Arist. Poet. 17. – 7 Fuhrmann Dicht. 133.
– 8 Gorgias, Helena 11. – 9 Arist. Rhet. III, 7, 1408a 23–24. – 10 J. Skizze (engl. sketch; frz. esquisse; ital. abbozzo; span.
Wisse: Ethos and Pathos from Aristotle to Cicero (Amsterdam bosquejo)
1989) 264. – 11 ebd. 80ff. – 12 Auct. ad Her. III, 27. – 13 Cic. Inv. A. Def. – B. Geschichte: I. Antike. – II. 15.–17. Jh. – III. 18.–
II, 51. – 14 Cic. De or. II, 189–196; Cic. Or. 130–132. – 15 Cic. De 19. Jh. – IV. 20. Jh.
or. II, 190. – 16 ebd. II, 189. – 17 ebd. III, 215. – 18 Demokr. Frag.
18. – 19 vgl. Plat. [2], [4], [5]. – 20 Cic. De or. II, 193–194. – 21 ebd. A. Def. Im Produktionsprozeß eines Werkes stellt die
II, 191. – 22 Wisse [10] 263. – 23 Cic. Brut. 278. – 24 Hor. Ars 102f. ‹S.› einen ersten Entwurf dar [1], der auf das «Festhalten
– 25 Quint. VI, 2, 26–36; XI, 3, 61–62. – 26 ebd. VI, 2, 26. – eines Eindrucks oder einer Idee in einer vorläufigen
27 Aug. Doctr. IV, 75. – 28 ebd. 89. – 29 WA, Dt. Bibel 10. I., Form» zielt. [2] Dabei werden das Moment des Sponta-
Hiob u. Psalter (1524/45), Vorrede auf den Psalter [1545] 103. –
30 WA 12, 444, 7–8. – 31 Melanchthon: Ethicae doctrinae ele-
nen und der Aspekt der Tätigkeit betont. ‹S.› ist aus ita-
menta et enarratio libri quinti Ethicorum (2008) 111. – 32 vgl. O. lienisch schizzo entlehnt und seit dem 17. Jh. im deut-
Berwald: Philipp Melanchthons Sicht der Rhet. (1994) 50ff.; schen Sprachraum bezeugt – hier anfangs noch in der
deutlich etwa in Melanchthon: Elementa rhetorices (1531; ND italienisch flektierten Form scizzo, für die man lautnach-
2001) 149. – 33 Ph. J. Spener: Die Evangelischen Lebens-Pflich- ahmende Herkunft annimmt. Aus der ursprünglichen
ten, T. 1 (Frankfurt a. M. 1692) 531. – 34 Schleiermacher: Über Bedeutung von schizzo (‹Spritzen›, ‹Spritzer›) entwik-
die Rel. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (Ber- kelt sich über Spritzer mit der Feder in metonymischer
lin 1799; ND 1958) 101. – 35 K. Barth: Homiletik. Wesen u. Vor- Übertragung die heutige Bedeutung der ‹S.› [3], für die
bereitung der Predigt (1966) 30. – 36 F. Riederer: Spiegel der
wahren Rhet. (Freiburg i. Br. 1493; ND 2009) 112. – 37 F. Lang:
sich schon im Universal-Lexikon von Zedler (1743)
Dissertatio de actione scenica, cum figuris eandem explicanti- «Entwurff» als Synonym findet: «Skitze», so heißt es
bus, et observationibus quibusdam de arte comica. Abh. über dort, «nennen die Mahler den ersten Entwurff ihrer Ge-
die Schauspielkunst (München 1727; ND Bern 1975) 9. – 38 vgl. mählde, oder ihrer Gedancken mit blosser Feder, Krei-
Hallbauer Orat. 323ff. – 39 vgl. Gottsched Redek. – 40 Étienne, den oder Pinsel-Strichen, wornach sie es hernach ausar-
de Sainte-Albine: Mémoires de Molé/Le Comédien (Paris 1825) beiten.» [4] Auch Grimm (1905) verortet die S. vor allem
118. Vgl. auch Lessings Kritik in: Lessing: Werke u. Br. in zwölf in der Malerei; ‹entwurf› oder ‹abrisz› sind ihre Syno-
Bdn., hg. von W. Barner u. a., III: Werke 1754–1757 (2003) 304– nyme. ‹S.› wird darüber hinaus nach Grimm aber «schon
311. – 41 vgl. J. Mattheson: Der vollkommene Capellmeister
(Hamburg 1739; ND 2008) 218 (Randnummer 132); C.P.E.
früh übertragen auf die darstellung durch worte». [5]
Bach: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen (Berlin Entsprechendes gilt für das Verb ‹skizzieren›. [6] Neben
1753; ND 2003) I, 122; L. Mozart: Gründliche Violinschule ‹Entwurf› sind häufig gebrauchte Synonyme ‹Plan› und
(Augsburg 1789; ND 1968) 258ff.; J.J. Quantz: Versuch einer ‹Anlage›, die allerdings (z.B. im Bereich der Musik [7])
Anweisung die Flöte traversière zu spielen (Breslau 1789; ND auch Bedeutungsunterschiede aufweisen können. Eben-
1974) 108f. – 42 D. Diderot: Das Paradox über den Schauspieler so wie die ‹S.› geht der ‹Sketsch›/‹Sketch› letztlich auf
(1964) 11. – 43 F. Riccoboni: Die Schauspielkunst. L’Art du schizzo zurück [8]: Der Weg führt über niederländisch
théâtre 1750. Übers. v. G.E. Lessing (1954) 73f. – 44 Lessing [40] schets (Entwurf) zu neuenglisch sketch (wörtl. Entwurf,
310. – 45 F. Theremin: Die Beredsamkeit eine Tugend, oder
Grundlinien einer systemat. Rhet. (21837) 130ff. – 46 E.A. Poe:
Skizze). Von dort wird der ‹Sketch› im 19. Jh. ins Deut-
Complete Tales & Poems (Edison, NJ 2002) 191. – 47 W. James: sche entlehnt. [9] In der Literaturwissenschaft versteht
What is an Emotion?, in: Mind 9 (1884) 188–205; C. Lange: Ue- man unter einem Sketch die «Darbietung einer pointier-
ber Gemüthsbewegungen (1887); J. Müsseler: Allg. Psychol. ten Kurzszene» [10], unter einer ‹S.› vor allem einen kur-
(2005) 338ff. – 48 K.S. Stanislawski, P. Simhandl: Stanislawski- zen, formal und stilistisch bewußt nicht ausgeformten
Leseb. (1990) 27. – 49 K.S. Stanislawski: Die Arbeit des Schau- Prosatext. Zwar lassen sich Beispiele für S. auch in den
spielers an sich selbst, Bd. 1 (1988) 53ff. – 50 Brecht: Stanislaws- lyrischen und dramatischen Gattungen finden, doch
ki-Stud., in: ders.: Schr. zum Theater, 1948–1956, Bd. 7 (1964) wird sie meist der Kurzprosa zugeordnet. [11] Im Unter-
187–219, 214ff. – 51 Brecht: Kleines Organon für das Theater, in:
Brecht [50] 7–67, 35ff. – 52 ebd. 39. – 53 L. Strasberg: Ein Traum
schied zum Fragment ist sie ein in sich vollständiger
der Leidenschaft. Die Entwicklung der Methode. Eine Theorie Text, der aber den Charakter des Vorläufigen, Summa-
der Schauspielkunst (1988) 110ff. – 54 W. Meyer, A. Schütz- rischen, Unausgearbeiteten bewahrt. Folgende Formen
wohl: Einf. in die Emotionspsychol. (Bern u. a. 2001) 161f. – lassen sich unterscheiden: 1) Textentwurf: hält Ideen
55 W.B. Cannon: The James-Lange Theory of Emotion: A Cri- oder Strukturen fest und wird auch als ‹Plan› oder ‹Stu-

1223 1224
Skizze Skizze

die› bezeichnet; in der Rhetorik verweist er auf das Ar- Kunst, insbesondere der Malerei, erfährt. Eine dieser
beitsstadium der dispositio; 2) summarische Darstellung, Entwicklungen knüpft direkt an die Tradition der anti-
Notizen; 3) ausgearbeiteter Text: verzichtet bewußt auf ken Rhetorik an. Eine andere läßt u. a. vor dem Hinter-
eine stilistische Ausformung und erzeugt mit Kunstmit- grund des neu erwachten Interesses an Fundbruchstük-
teln gezielt einen Effekt notizhafter Spontaneität. ken aus der Antike, vor allem den Torsi, die S. als eigen-
In der Bildenden Kunst, insbesondere der Malerei, ständiges Kunstwerk und ihre Vorläufigkeit in einem
versteht man unter einer ‹S.› das Ergebnis der «ra- neuen Licht erscheinen.
sche[n] Fixierung eines Natureindrucks oder einer Die S. in Form des zeichnerischen Entwurfes als ei-
künstlerischen Idee in Zeichnung oder Öl, ohne Einzel- nen eigenen methodischen Schritt in den Werkprozeß
heiten auszuarbeiten». [12] Die S. stellt die erste For- eingeführt zu haben, ist das Verdienst des italienischen
mulierung einer Komposition in der Gesamtanlage Humanisten L.B. Alberti (1404–1472), der sie im 3.
(Kompositions-S.) oder im Detail (Detail-S.) dar. [13] Buch seines Traktats ‹De Pictura› vorstellt – einem der
Zu unterscheiden ist die Vor-Ort-S. von der Ideen-S. [14] grundlegenden Quellentexte zur Geschichte der Male-
Die verschiedenen Kunstgattungen haben arttypische rei. Die 3 Bücher der Schrift weisen deutliche Parallelen
Methoden zur Skizzierung entwickelt, so die Malerei zu Quintilians ‹Institutio oratoria› auf – allein schon
z.B. die Farb-S. oder die Öl-S., die Plastik die Ton-S. vom Aufbau und vom Ziel her: dem moralisch vollkom-
Von der ‹S.› zu unterscheiden ist die ‹Studie›, «die Fi- menen und allseitig gebildeten Redner entspricht der
xierung eines gestalterischen Details nach einem Vor- moralisch gute und gut ausgebildete Maler, der zudem –
wurf». [15] wie der Redner durch seine Rede – mit seinem «Ge-
Anwendung findet die S. darüber hinaus nicht nur in mälde die Augen und Herzen der Betrachter zu fesseln
zahlreichen Situationen des beruflichen Alltags, son- und zu rühren vermag». [19] Die S. ist Vorstufe und me-
dern speziell auch – neben den bereits genannten Gebie- thodischer Schritt zu diesem Ziel. Die Ausführung die-
ten der Literaturwissenschaft, Bildenden Kunst (Male- ses Schrittes demonstriert Alberti am Beispiel des Hi-
rei sowie Architektur eingeschlossen) und Rhetorik – storienbildes, der ‹Storia›. [20] Sie ist für Alberti ein
auf dem Gebiet der Geometrie und der Musik (wo sie kompliziertes Gebilde, besonders in bezug auf Struktur
nur für den Fachmann Mitteilungswert besitzt). und Figurenfolge. Der zeichnerische Entwurf ist für eine
B. I. Antike. ‹S.› ist kein rhetorischer Fachbegriff. Als neue Komposition der Figurenfolge ganz von den rhe-
inhaltliche Bezugspunkte bieten sich für die S. im Sy- torischen Prinzipien und Aktivitäten der inventio und
stem der Rhetorik inventio (Finden des Stoffes) und dis- der dispositio geleitet: Ziemlich lange und zuerst aus-
positio an, die beiden am Anfang stehenden Arbeits- zudenken (excogitare) sind Fragen der Ordnung (ordo)
phasen des Redners, zugleich seine Lehrgebiete. Als de- sowie der Art und Weise mit dem Ziel der höchsten
ren Voraussetzung und als weiterer Bezugspunkt tritt Schönheit der Komposition, bevor der Zeichenstift an-
vor die inventio noch die intellectio hinzu: das Aufneh- setzt (III,61). Konsequenz eines solchen Entwurfes wird
men, Erkennen und Beurteilen des Vorgegebenen. [16] es nach Alberti schließlich sein, «daß alles so umfassend
Wenn man nun diese drei Arbeitsphasen mit der S. in vorbedacht [ist], daß es im Hinblick auf das geplante
Beziehung setzt – allein schon mit der dispositio wäre ein Werk nichts geben kann, von dem wir nicht ganz genau
wesentliches Element gegeben –, so liegt dieser damit wüßten, an welche Stelle es gehört». [21] So ist bei Al-
implizit ein ganz bestimmtes Verständnis zugrunde: die berti insgesamt gezeigt, wie die Entwurfszeichnung «als
S. als Mittel des analysierenden und systematisierenden eine regelmäßige Stufe des Werkprozesses in der Lehre
Findens und Anordnens. Zur Bekräftigung dieser Auf- von der Malerei historisch eingerichtet wird, als ein län-
fassung läßt sich eine Beurteilung Quintilians heran- geres, differenzierteres Durchdenken der Figurenfolge,
ziehen, die er im Rahmen seiner Darlegungen zum bis vollständige Einsicht erreicht ist.» [22]
Schreiben gibt. Aus ihr kann zugleich ex negativo der Neben Albertis Konzeption als ‹planender Entwurf
Anspruch an die eigentliche Funktion und Form einer S. mit Ordnungsfunktion› erhält die S. mit ihrem Charak-
abgeleitet werden, wenn es um die schriftliche Fixierung ter des Unabgeschlossenen etwa seit dem 16. Jh. als ei-
der ersten Ideen geht. Quintilian spricht nämlich vom genständige Kunstform einen neuen Stellenwert. Ver-
«Fehler» derjenigen, «die zunächst alles, was das Thema standen als Ausdruck unmittelbarer Spontaneität und
enthält, mit dem Schreibstift so schnell wie möglich Niederschlag des künstlerischen Schaffensprozesses er-
durcheilen wollen und der Wärme und dem Schwung langt sie in der Bildenden Kunst große Attraktivität. In
des Augenblicks folgend schreiben» [17], und die ihr dieser Entwicklung spiegelt sich die neu entdeckte Be-
Produkt dazu auch noch als «Entwurf» bezeichnen. geisterung für Kunstformen des Unvollendeten, «Non-
Denn die nachfolgende Überarbeitung beziehe sich Finiten» wie des Torsos, des Fragments, des Modellos
dann nur auf Worte (verba) und auf den Rhythmus oder des Bozzettos. Als authentische Äußerungsform
(numerus), auf die elocutio also, (die bei einer S. qua künstlerischer Spontaneität wird die S. schließlich teil-
Funktion und Definition keine Rolle spielen). Die weise höher geschätzt als das vollendete Kunstwerk. [23]
Substanz aber, die Sache, nur oberflächlich und flüch- III. 18. – 19. Jh. Wie schon in Humanismus und Renais-
tig zusammengesammelt, lasse sich nicht mehr verän- sance liegen auch im 18. und 19. Jh. zwei unterschiedli-
dern. [18] Das heißt: ‹S.› verstanden als Ausdruck un- che, mehr oder weniger explizite Auffassungen von der
kontrollierter künstlerischer Produktivität, die sich S. vor: 1. S. als ‹planender Entwurf›, 2. S. als rascher Auf-
ausschließlich dem Augenblick verdankt, ist für Quin- riß und als eigenständiges Kunstwerk.
tilian in der Regel ausgeschlossen. Er favorisiert statt- So kommt das Konzept des ‹planenden Entwurfs›
dessen stellvertretend für die rhetorische Konzeption auch bei den Versuchen zum Tragen, eine eigene deut-
den mit gedanklich strukturierender Arbeit verbunde- sche rhetorische und kunstwissenschaftliche Fachspra-
nen schriftlich ausgearbeiteten ‹Entwurf›. che zu bilden. Interessant sind in diesem Zusammen-
II. 15. – 17. Jh. Die Wiederbelebung der Antike in Hu- hang die Übertragungen für dispositio (wörtl. Akt des
manismus und Renaissance zeigt sich auch an den Ent- Ordnens und geordnete Sache), ein zentraler Terminus
wicklungen, welche die S. im Bereich der Bildenden der Rhetorik. J.G. Sulzer (1720–1779) wählt hier ‹An-

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Skizze Skizze

lage› [24] als Bezeichnung für den «planenden Entwurf» sung gilt und auf die dispositio der Rhetorik ver-
eines künstlerischen Werkes [25]. Sulzer rät, auf sie als weist. [37] Ihre Abgrenzung allerdings ist nicht einfach:
den «wichtigsten Teil», die größte Anstrengung zu rich- «Die Differenz zwischen unkünstlerischer S. und künst-
ten. ‹Anlage› dient ihm als zusammenfassender Begriff lerisch wertvoller Aufzeichnung ist schmal [...]; die Ver-
für inventio und dispositio und wird von den nachfolgen- änderung eines einzigen Wortes kann aus einer Skizze
den Produktionsstadien der «Ausführung» und «Ausar- eine Aufzeichnung machen. [...] Eine wissenschaftliche
beitung» bewußt abgesetzt. [26] Die S./Anlage ent- Entscheidung kann nur fallen, wenn bekannt ist, ob aus
spricht hier einem ‹planenden Entwurf mit Ordnungs- einer S. etwas Ausführlicheres wurde oder ob sie S., also
funktion›, eine Bestimmung, die an die Sichtweise in ‘echtes’ Fragment blieb.» [38]
Albertis ‹De pictura› erinnert. Das Wort ‹S.› tritt bei
Sulzer nicht in Erscheinung. Anmerkungen:
Aber bereits ab etwa dem letzten Viertel des 18. Jh. 1 Schulz, Bd. 4 (1978) 218. – 2 Duden. Das Fremdwtb. der dt.
begegnet die künstlerische ‹S.› als eigene Kunstform im Sprache (92007) 963; Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen
Bereich der Literatur, deutlich sichtbar im Titel ver- des Dt. im 20. Jh.: s. Duden. Das große Wtb. der dt. Sprache
(31999) Bd. 8, 3582f; vgl. auch DWDS. Das digitale Wtb. der dt.
schiedener Gattungen (z.B. J.M.R. Lenz: ‹Pandämoni- Sprache des 20.Jh. 2003 (http://www.dwds.de, Zugriff 9.8.2010)
um Germanikum, eine Skizze›, 1775; W. Blake: ‹Poetical s. v. ‹Skizze›. – 3 Duden. Das Herkunftswtb. der dt. Sprache
Sketches›, 1783; E.F. Mörike: ‹Miß Jenny Harrower. (32001) 773. – 4 Zedler, Bd. 38 (1743) Sp. 12 (s. v. ‹Skitze›); eben-
Eine Skizze›, 1834). [27] Großen Anklang finden For- so: J. Chr. Adelung: Grammatisch-krit. Wtb. der Hochdt.
men des Unvollendeten wie die S. in der Epoche des Mundart, Bd. 4 (1801; ND 1990) 116. – 5 Grimm, Bd. 16 (1905)
Sturm und Drang und vor allem in der Romantik. [28] Sp. 1309. – 6 ebd. – 7 P. Benary: Skizze – Entwurf – Fragment, in:
Der Romantik gilt auch das Interesse der Forschung MGG2 (1998) Sacht. 8, 1506–1519, hier 1506. – 8 Duden [3] 773;
zum Thema ‹S.› außerhalb der Grenzen Deutschlands, vgl. Duden. Die dt. Rechtschreibung (242006) 938. – 9 F. Kluge:
Etym. Wtb. der dt. Sprache (221989) 675f.; Duden [3] 773; zum
so in Frankreich und in Großbritannien. [29] R.C. Shas Bedeutungsbereich von engl. sketch als ‹Entwurf› s. Encyclo-
Studie über die Rhetorik der S. in der britischen Ro- paedia Britannica, Vol. 25 (Cambridge 111911) 186. – 10 s. Klu-
mantik bezieht sich sowohl auf die literarische S. als ge [9] 675; hierzu und zum folgenden s. M. Baßler: Art. ‹S.›, in:
auch auf die S. als Produkt der Zeichenkunst («visual RDL3, Bd. 3 (2003) 444f. – 11 s. ebd. 445 mit Hinweisen auf ly-
and verbal sketch»). Vor allem aber ist der Fokus auf bis rische S. z.B. von Vally Nagel sowie auf dramatische S. z.B. von
dahin unbekannte Künstlerinnen gerichtet, die in der S. R. Schaukal. – 12 Brockhaus. Enzyklop. in 30 Bd., Bd. 25
ein Refugium finden, welches literarische Produktivität (212006) 355; vgl. hierzu und zum folgenden: LDK [CD-Rom]
unter Wahrung der Schicklichkeit («propriety») ermög- 31.863ff. – 13 Die große Enzyklop. der Malerei, Bd. 7 (1978)
2537f. – 14 Anschauliches Bsp. für letztere ist die Ideen-S. Fried-
licht – die S. wird auf diesem Wege zu einer literarischen richs II. für Schloß Sanssouci (1744); s. LDK [12] 31.863. –
Errungenschaft von Frauen. Einen Beitrag zur Ge- 15 LDK [12] 33.557ff. – 16 inventio: z.B. Cic. De or. I, 148; Quint.
schichte des Schreibens in Frankreich leistet die Unter- III, 3, 1; M. Kienpointner: Art. ‹Inventio›, in: HWRh, Bd. 4
suchung der «Rhetorik des Spontanen» («rhétorique du (1998) Sp. 561–587; dispositio: z.B. Cic. De or. II, 308; Quint.
spontané») anhand von Analysen literarischer Reiseer- VII, pr. 1; VII,1, 1–64; vgl. L. Calboli Montefusco: Art. ‹Dispo-
zählungen. Überhaupt wird die Reise als Grund- sitio: A. und B. I. Antike›, in: HWRh, Bd. 2 (1994) 831–839; S.
lage oder Ausgangspunkt für Impressionen ein bis ins Matuschek: Art. ‹Dispositio›, in: RDL3, Bd. 1 (1997) 374–376;
20. Jh. beliebter Gegenstand der Skizzenliteratur, deren intellectio: Rhet. Lat. min. 315, vgl. Aug. ibid. 137; Lausberg Hb.
§ 97; vgl. Ueding/Steinbrink (21986) 195; s. auch F. Chico-Rico:
Blütezeit um 1900 anzusetzen ist. [30] Die Entwicklung Art. ‹Intellectio›, in: HWRh, Bd. 4 (1998) Sp. 448ff. –
der literarischen S. in Deutschland ist eingehend unter- 17 «diversum est huic eorum vitium, qui primo decurrere per
sucht bei Spahmann. [31] Ihre Anfänge erkennt sie be- materiam stilo quam velocissimo volunt et sequentes calorem
reits in ‹Posthuma›, einer frühen S.Th. Storms aus dem atque impetum ex tempore scribunt: hanc silvam vocant.»,
Jahre 1849, die auch schon wesentliche Merkmale des Quint. X,3,17; zu «silvam»: «rohe Masse, Entwurf» s. W. Peter-
Genres aufweist, wie Rückbildung des Handlungsmo- son: M. Fabi Quintiliani Institutionis Oratoriae Liber Decimus
tivs und Wiederholungen. [32] Beide Momente in ver- (1967) 143f. – 18 Quint. X,3,17. – 19 «virum et bonum et doctum
schiedenen Ausformungen bleiben konstante und präg- bonarum artium»; «[...] pictor dum eius pictura oculos et animos
spectantium tenebit atque movebit» (De pictura III, 52); zu wei-
nante Merkmale des Genres auch bei den zeitlich später teren Bezügen s. R. Kuhn: Albertis Lehre über die Komposition
folgenden Vertretern der impressionistischen S. Gewis- als die Kunst in der Malerei, in: ABG 28 (1984) 123–178; L.B.
sermaßen als Höhepunkt der S.-Literatur erachtet Spah- Alberti: Das Standbild, Die Malkunst, Grundlagen der Malerei.
mann das Gemeinschaftswerk von A. Holz und J. Lat.-dt. hg., eingeleitet, übers. und kommentiert v. O. Bät-
Schlaf (1889). [33] Der Wiener Bohemien P. Alten- schmann und Chr. Schäublin (2000); allgemein zur ‹Wiederbe-
berg (1859–1919) wird allein wegen seiner S., «zarten lebung› der Rhetorik durch Alberti in ‹De pictura› s. B. Vickers:
Texte[n]», berühmt. [34] In Defence of Rhetoric (Oxford 1988) 341–353. – 20 dazu
IV. 20. Jh. «Zur theoretischen und praktischen Er- Kuhn [19] 168ff. – 21 «Denique omnia apud nos ita praemeditata
esse elaborabimus, ut nihil in opere futurum sit, quod non op-
schließung eines neuen und eigenen Genres» [...], «das time qua id sit parte locandum intelligamus.» (De pictura 61). –
von der sozialistischen Literatur entwickelt wurde», will 22 Kuhn [19] 170. – 23 vgl. A. Hauser: Sozialgesch. der Kunst u.
die 1961 erschienene Untersuchung von G. Seifert bei- Lit. (1978) 355ff; vgl. Torso – das Unvollendete als künstlerische
tragen. [35] Seifert gelangt zu einem historisch ganz un- Form (o. Hg.) Städtische Kunsthalle Recklinghausen [Katalog
gewöhnlichen Verständnis der S: «Die literarische ‹S.› der Ausstellung] 1964; Baßler [10] 445. – 24 Matuschek [16] 375.
spiegelt im literarischen Bild ein aktuelles gesellschaft- – 25 L.J. Pongratz: Art. ‹Anlage›, in: HWPh, Bd. 1 (1971) Sp.
liches Problem wieder, um in wirksamster Form zu des- 322. – 26 Sulzer, T.1 (1792) 148f. – 27 Baßler [10 ] 445. – 28 ebd.
sen Lösung beizutragen.» [36] 445f. – 29 W. Guentner: Esquisses littéraires. Rhétorique du
spontané et récit de voyage au XIXe siècle (Saint-Genouph
Am Ende des 20. Jh. kommt in der Literaturwissen- 1997); R.C. Sha: The Visual and Verbal Sketch in British Ro-
schaft zu den verschiedenen Formen der S. eine weitere manticism (Philadelphia 1998). – 30 Baßler [10 ] 444f. – 31 I.
«neue» Form der Kurzprosa hinzu: die ‹Aufzeichnung›. Spahmann: Die S. in der dt. Lit. des 19. Jh. (Diss. Tübingen
Diese setzt sich in Konkurrenz zu einer ganz bestimmten 1956). – 32 ebd. 12, 32. – 33 ebd. 105. – 34 H.D. Schäfer: Peter
Form der S., derjenigen nämlich, die als vorläufige Fas- Altenberg und die Wiener «Belle Epoque», in: P. Altenberg:

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Sozialtechnologie Sozialtechnologie

Sonnenuntergang im Prater (2006) 78–92. – 35 G. Seifert: Sinn hermeneutische Wissenschaften»). Dadurch – so der
und Gestalt der lit. S., in: Beitr. zur Gegenwartslit., hg. vom Dt. zentrale Vorwurf – werde ein gleichsam «kolonialisie-
Schriftstellerverband, H. 22 (1961) 85, hier 5. – 36 ebd. 85. – rendes Übergreifen» einer reduktionistischen, nämlich
37 Th. Lappe: Die Aufzeichnung. Typologie einer lit. Kurzform
im 20. Jh. (1991) 100. Daraus einige Beisp. für Aufzeichnungen:
«technologischen Rationalität» auf die Lebenspraxis be-
P. Handke: Die Gesch. des Bleistifts (1982); W. Hildesheimer: fördert, was eine kommunikationslose Herrschaftstech-
Nachlese (1987); M.L. Kaschnitz: Tage, Tage, Jahre (1968). nologie zur Beschaffung entpolitisierter Massenloyalität
Ausführliches Verzeichnis bei Lappe 385–397. – 38 ebd. 100. zumindest legitimatorisch erleichtere, wie es an der neu-
zeitlichen Sozialphilosophie seit Machiavelli und Hob-
Literaturhinweise: bes ablesbar sei, die den politischen Gehalt solcher
K. Koetschau, M. Morris (Hg.): Goethes Schweizerreise 1775. «technologisch» restringierten Rationalität exempla-
Zeichnungen und Niederschr. (Weimar 1907). – J. Meder: Die risch zur Geltung brächte. [3]
Handzeichnung (Wien 1923). – J.W. v. Goethe: Die Reisen
(Zürich 1978). – L. Maier: Tagebuchnotiz contra poetische Ver-
Habermas hat seine Kritik der technokratischen
arbeitung?, in: Praxis Deutsch 43 (1980) 56–60. – L. Dällenbach, Ideologie 1971 unverändert gegen die Luhmannsche Sy-
Chr. L. Hart Nibbrig (Hg.): Frg. u. Totalität (1984). – L. Bahmer: stemtheorie gerichtet, wobei er eigentlich nur das an
Vom ersten Eindruck bis zu seiner Überprüfung, in: Praxis funktionsäquivalenten Begriffen (wie ‹Technokratie›,
Deutsch 80 (1986) 58–60. – C. Armstrong (Hg.): Degas’ Skiz- ‹Sozialtechnik› sowie an deren adjektivischen Deriva-
zenbuch (2001). – W. Koschatzky: Die Kunst der Zeichnung ten) erarbeitete Bedeutungsprofil auf ‹S.› übertrug, um
(102003). so einen vertrauten Vorwurf diesmal gegen Luhmann zu
L. Bahmer wiederholen, nämlich: Dessen systemtheoretische Ge-
stalt eines Gesellschaftsentwurfs sei eine neue Form von
^ Dispositio ^ Essay ^ Fragment ^ Intellectio ^ Inventio ^
Reiseliteratur
Ideologie [4], insofern auch sie die Differenz zwischen
Technik und Praxis systematisch unterlaufe und prakti-
sche Fragen wie technische behandele. Dadurch werde
die Aufklärung des normativen Fundaments jeder Pra-
Sozialtechnologie (engl. social technology, social engi- xis verhindert und «Technik als Herrschaft» inthroni-
neering; frz. technologie sociale; ital. tecnologia sociale) siert statt Praxis deliberativ in der Weise methodisiert,
A. Bedeutung und kontextuelle Einbettung des Begriffs. – I.
daß «technisches Können» in den Raum politischer Öf-
Def. – II. Habermas-Luhmann-Diskussion. – III. Rhetorikim- fentlichkeit zurückgeholt und so mit «aufgeklärtem
manente Paradigmadebatte. – B. Rhetorikgeschichtliche Be- Wollen» vermittelt werden könnte. [5]
griffsäquivalente. Die Begriffsgeschichte von ‹S.› belegt zweifelsfrei,
daß dieser Begriff durch und durch das Produkt einer
A. Bedeutung und kontextuelle Einbettung des Be- Habermasschen Profilierungsarbeit ist und daß er ent-
griffs. I. Def. ‹S.› ist kein originär rhetorischer Begriff, sprechend auch nur innerhalb des Habermasschen
sondern meint eine aus der sogenannten Habermas- Denksystems kategorial verortbar ist, indem er als Ge-
Luhmann-Diskussion adoptierte Kategorie. Sie wurde genbegriff zu einer «kritischen Gesellschaftstheorie»
besonders während der 70er Jahre des 20. Jh. im Kontext fungiert. Deshalb ist es verständlich, daß Luhmann den
der Frage nach den virulenten Interessen hinter der Begriff ‹S.› als Kennzeichnung seines gesellschaftstheo-
Wiederkehr der Rhetorik gern zur abwertenden Kenn- retischen Entwurfs nie akzeptieren konnte, sondern ihn
zeichnung eines seinerzeit als vorherrschend unterstell- nur gelegentlich zitatweise benutzte, um ihm seine ka-
ten und emphatisch kritisierten bis polemisch bekämpf- tegoriale Unangemessenheit vorzuwerfen. [6] Diese lag
ten formalen bzw. funktionalen Rhetorikverständnisses für Luhmann primär darin begründet, daß dieser Begriff
benutzt. einer von ihm gern ironisch als «alteuropäisch» gekenn-
II. Habermas-Luhmann-Diskussion. Bevor Habermas zeichneten Denktradition entstamme [7] und daher eo
den Begriff ‹S.› 1971 explizit als Terminus in die Diskus- ipso in einer Auseinandersetzung über Theorieentwürfe
sion mit Luhmann und dessen systemtheoretische Ge- der modernen Gesellschaft völlig unzureichend, weil
sellschaftstheorie einbrachte, hatte er das kritische Po- nicht ausreichend komplex sei. In der Tat ist dem Begriff
tential von ‹S.› bereits seit 1961 in thematisch vergleich- ‹S.› seine alteuropäische Herkunft auch in seiner Ha-
bar orientierten Arbeiten entwickelt und erprobt, die bermasschen terminologischen Überformung immer
sich neben der «modernen Sozialphilosophie» besonders noch leicht abzulesen – zumindest für Kenner wie Luh-
mit dem «Technokratie»-Theorem kritisch auseinander- mann; denn das Habermassche Bedeutungsprofil von
setzten bzw. im sogenannten Positivismusstreit ener- ‹S.› verdankt sich einer binären Begriffslogik, die ein-
gisch Partei ergriffen. [1] Mit dem Begriff ‹Technokra- deutig alteuropäisch, genauer: aristotelisch ist. In der
tie› kritisierte Habermas damals in enger Anlehnung oppositiv bzw. dichotomisch fokussierbaren Binärfor-
besonders an H. Marcuse und M. Horkheimer die laten- mel ‹Technik/Praxis› verdichtet sich nämlich die lange
te «Hintergrundideologie» von Gesellschaftsentwürfen, Geschichte einer systematischen Bedeutungsarbeit, an
die den für die klassische Philosophie fundamenta- die Habermas anschließen konnte und auch (wie im Fall
len Unterschied zwischen «Arbeit und Interaktion», der Technokratie- bzw. Luhmann-Diskussion) faktisch
zwischen «instrumentalem/strategischem und kommu- angeschlossen hat, um aus ihr geeignete Argumente für
nikativem» bzw. zwischen «erfolgs- und verständigungs- aktuelle Diskussionslagen zu gewinnen.
orientiertem Handeln», zwischen «System und Lebens- Die dazu nötige Kenntnis des historischen Bedeu-
welt» oder «Technik und Praxis» tendenziell aufho- tungsprofils dieser Binärformel hat Habermas sich mit
ben. [2] Sie eliminierten damit die fundamentale Dif- Hilfe von H. Arendt verschafft, aus deren einflußrei-
ferenz zwischen dem technischen Interesse an der cher Arbeit ‹Vita activa oder Vom tätigen Leben›
Erweiterung des Verfügenkönnens über verdinglich- (1958/1960) er bereits 1961 erstmals die für ihn so wich-
te Prozeßabläufe («empirisch-analytische Wissenschaf- tig werdende Binärformel ‹Technik/Praxis› zitierte;
ten») und dem praktischen Interesse an der Ausweitung diesmal freilich noch in der seltenen, aber originären
kommunikativer Verständigungschancen («historisch- Gestalt ihrer sprachlichen Formulierung bei Aristote-

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Sozialtechnologie Sozialtechnologie

les, nämlich: ‹Poiesis/Praxis›. [8] Arendt übersetzte die- stem/Umwelt›. [15] Damit nahm Luhmann implizit ei-
se Binärformel mit den Begriffen ‹Herstellen/Handeln› nen Paradigmenwechsel vor, der die Habermas-Luh-
und prägte mit ihnen zugleich eine auch von Habermas mann-Diskussion als eine (natürlich bis heute nicht ent-
sofort aufgegriffene weitere Formel, die dem ‹S.›-Vor- schiedene) Paradigmadebatte über das Problem zu le-
wurf eine stilistisch einprägsame Gestalt gab und als be- sen empfiehlt, ob Handlungstheorie oder Systemtheorie
ste Kurzdefinition von ‹S.› gelten darf: ‹S.› meint seither die geeigneteren Kategorien für eine befriedigende Be-
die Kritik des Versuches, «Handeln im Modus des Her- antwortung der Frage bereithalten, wie moderne Gesell-
stellens» zu konzeptualisieren [9] und so die vorneuzeit- schaft überhaupt möglich ist.
lich «unantastbare Schranke zwischen Poiesis und Pra- Für Habermas stellt sich damit die Frage, was die
xis» zu durchbrechen [10]; kritikbedürftig ist dieser Ver- moderne Gesellschaft eigentlich zusammenhält. Ent-
such, weil – so die bereits bei Aristoteles mitgelieferte sprechend beantwortet er diese Frage handlungstheo-
substanzielle Begründung dieser Kritik – «das mensch- retisch, indem er die normative Geltungsbasis kommu-
liche Leben praxis ist, nicht poiesis» [11]; entsprechend nikativer Verständigungspraxis systematisch rekonstru-
gehört zu seiner Bewältigung situationsbezogene Klug- iert, die im Fall von Verständigungsproblemen einen
heit (froÂnhsiw, phrónēsis) und nicht handwerkliches Wechsel vom «kommunikativen Handeln» zum «Dis-
Können (teÂxnh, téchnē). kurs» nötig macht, um das normative Fundament kom-
Erkennbar wird in der gängigen Binärformel ‹Tech- munikativer Praxis methodisch, nämlich mittels über-
nik/Praxis› also nicht nur ein Begriffstausch vorgenom- zeugender Argumente einzulösen. [16] Luhmann hält
men (‹Technik› statt ‹Poiesis›), sondern es werden in ihr dagegen, was gegen Habermas’ Kommunikationstheo-
vielmehr zwei Binärformeln (‹Poiesis/Praxis› bzw. ‹téch- rie der Gesellschaft bereits in Vorgänger-Debatten im-
nē/phrónēsis›) durch Begriffskreuzung in einer Weise mer wieder kritisch eingewendet wurde: Die moderne
synthetisiert, die sowohl der anders verlaufenden Be- Gesellschaft sei viel zu komplex, als daß sie ihren Ent-
deutungsgeschichte von ‹Poiesis› Rechnung trägt wie scheidungsbedarf durch solch umständliche und erfolgs-
den ‹Praxis›-Begriff mitsamt der neuen Binärformel unsichere Verfahren wie der diskursiven Verständi-
mehr methodologisch akzentuiert. Zugleich rücken in gungsarbeit befriedigen könnte, zumal deren Gelingen
dieser Binärformel ‹Technik› und ‹Praxis› in einer Wei- aufgrund der prinzipiellen Selektivität von Kommuni-
se zusammen, die ihre bei Aristoteles noch präsente ge- kation in hohem Maße unwahrscheinlich bleibe. Viel-
meinsame Abgrenzung gegen uevriÂa, theōrı́a (Theorie mehr sei ein möglichst «inhaltlich noch unbestimmtes»,
als dem Bereich des Unveränderbaren im Unterschied also weithin «motivloses» bzw. «begründungsfreies Ak-
zu dem herstellend oder handelnd Veränderbaren) zeptieren» gefordert, das sich mit dem Verweis auf Ver-
in dem Maße lockert, als Theorie nachantik ihre nor- fahrensrationalität zufrieden gebe. [17]
mative Orientierungskraft schrittweise einbüßt. Dieser Der Ersatz von materialer Überzeugungs- durch bloß
Prozeß beschreibt genauerhin einen Funktionswandel formale Verfahrenslegitimierung ist eine der Möglich-
von theoretischer Gewißheit (eÆpisthÂmh, epistē´mē), in- keiten fälliger Komplexitätsreduktion zum Zwecke
sofern sie nicht mehr durch «mimetische Angleichung» möglicher Komplexitätssteigerung. [18] Sie mag system-
an die theoretisch geschaute Ideenwelt einen praktisch theoretisch zwar Sinn haben, doch Habermas muß sie
wirksamen «Bildungsvorgang» initiiert, sondern sich ablehnen, weil handlungstheoretisch ein «motivloses
bloß der «Verwissenschaftlichung von Technik» im In- Akzeptieren» von Entscheidungen schlechterdings wi-
teresse ihrer Leistungssteigerung andient. [12] Deren dersinnig ist: Das letzte Motiv für die Annahme von Ent-
Rationalisierungschance ließ sich zwar leicht als nahe- scheidungen und das heißt für die legitime Geltung von
liegendes Modell möglicher Rationalisierung überhaupt Handlungsnormen «ist stets die Überzeugung, daß ich
generalisieren, brachte aber die «Praxis» nur um die Ela- mich im Zweifelsfalle diskursiv überzeugen lassen
borierung ihrer eigenen Rationalitätspotentiale; denn kann» [19]. Gleichwohl ist nicht zu leugnen, daß Luh-
«die Ungewißheit im Handeln wächst, je strenger man in manns systemtheoretische Rekonstruktion der Diskus-
diesem Bereich die Maßstäbe für die wissenschaftliche sion im Vergleich zu Habermas’ handlungstheoretischer
Vergewisserung wählt» [13]. An diese Verlust- und Ge- Rekonstruktion des Diskurses für prozeßintern gene-
winnrechnung erinnerte Vico, als er emphatisch gegen rierte Asymmetrien sensibel machen kann, die bei struk-
den Universalitätsanspruch der Descartesschen Kritik tureller Problemfokussierung («Herrschaftsfreiheit»)
die rhetorische Topik als eigensinnige und bewährte Ra- allzu leicht verharmlost werden: So ist z.B. gerade unter
tionalisierungsmethode von «Praxis» ins Spiel brachte Bedingungen des Argumentieren-Müssens das Argu-
und damit – so Habermas – die aktuelle Diskussion zwi- mentieren-Können fraglos ein diskursiver Vorteil, der
schen ihm und Luhmann im Prinzip bereits antiziperte. «Rangdifferenzen» der Argumentierenden etabliert, die
Luhmanns Reaktion auf Habermas’ ‹S.›-Vorwurf war für die jeweilige Überzeugungskraft der von ihnen ver-
im Ton beispielhaft konziliant, in der Sache aber radikal: tretenen Argumente nicht folgenlos bleiben kann. [20]
Er bestritt der Habermasschen Kritik ihre Plausibilität III. Rhetorikimmanente Paradigmadebatte. Es bedarf
zwar nicht, knüpfte sie aber an eine ihr zugrundeliegen- nicht erst des Hinweises auf die dezidiert rhetorische
de Denkstruktur, deren handlungstheoretischer Grund- Signifikanz des Überzeugungsbegriffs, um deutlich zu
charakter ebenso «out of step» sei wie die argumentativ machen, daß in der Habermas-Luhmann-Diskussion
zentrale Binärformel ‹Technik/Praxis›, in der sich diese auch ein dezidiert rhetorisches Problem mitverhandelt
Denkstruktur kondensiere [14]: Angesichts der Kom- wurde. Habermas geht in seiner bereits zitierten
plexität moderner und d. h. funktional differenzierter problemgeschichtlichen Einordnung dieser Diskussion
Gesellschaften sei diese Binärformel zu deren ange- noch weiter, indem er sie mit Blick auf Vico als eine
messener Beschreibung schlechterdings kategorial un- handlungstheoretisch bloß reformulierte genuin rheto-
brauchbar, weil sie diese Komplexität nicht einholen rische Problemlage apostrophiert. [21] Gleichwohl ist
könne. Deshalb ersetzt Luhmann auch konsequenter- der Rhetorik die Wiederentdeckung dieser ihrer Pro-
weise die handlungstheoretische Binärformel ‹Technik/ blemlage erst durch den Umweg über die Adoption der
Praxis› durch die systemtheoretische Alternative ‹Sy- sozialwissenschaftlichen Paradigmadebatte gelungen.

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Sozialtechnologie Sozialtechnologie

Für sie war die Rhetorik aufgrund ihrer wissenschafts- such vor, das revitalisierte Rhetorikinteresse demokra-
geschichtlich wohl singulären Revitalisierung seit den tietheoretisch erklären zu wollen. [32] Sein eigener Er-
60er Jahren des 20. Jh. in besonderer Weise prädesti- klärungsversuch votierte entsprechend dafür, die Re-
niert. Denn die in der Habermas-Luhmann-Diskussion habilitation der Rhetorik sowohl in der Wirtschaft wie
verhandelte Frage nach der kategorial angemessenen im schulischen Sektor (besonders im Deutschunter-
Beschreibung moderner Gesellschaften bot sich ja ge- richt) aus den veränderten Produktionsbedingungen
radezu an als Rahmen für die überfällige Klärung des moderner Gesellschaften und den daraus resultierenden
neu erwachten Interesses an Rhetorik und seiner Legi- schulischen Anforderungsprofilen abzuleiten. [33] ‹S.›
timierungschance. [22] meint bei Dyck entsprechend alle persuasiven Techni-
Diese Debatte über den «Bedarf an Rhetorik» [23] ist ken der Motivations- und Leistungssteigerung wie des
in dem 1973 gegründeten ‹Arbeitskreis für Allgemeine Konfliktmanagements, die den obsoleten Befehl abge-
Rhetorik› ebenso engagiert geführt worden wie in den löst hatten zugunsten von weit wirksameren weichen
ersten beiden Sammelpublikationen dieses Arbeitskrei- Formen ökonomischer Ausbeutung des «Produktivfak-
ses [24], in zwei Heften des ‹Jahrbuchs für Internationale tors Mensch» unter Bedingungen kapitalistischer Ge-
Germanistik› [25] ebenso wie in verschiedenen Publi- sellschaftsordnung. Der eigentliche Skandal bestand für
kationen besonders von Dockhorn, Dyck, Kopper- Dyck darin, daß die Schule und bes. der sprachbezogene
schmidt und Plett. Bereits zwei Jahre nach Haber- Deutschunterricht sich bereitwillig an der Vermittlung
mas’ Beitrag zur e. g. Paradigmadebatte hat Kopper- solch affirmativer Qualifikationspotentiale beteiligte,
schmidt den Versuch unternommen, die verschiedenen, indem er bei Textanalyse wie Redetraining primär
in der Binärformel ‹Sozialtechnologie/Kritik› geronne- die formalen Wirkungsbedingungen von Sprache be-
nen problemgeschichtlichen Dichotomien freizulegen, rücksichtigte und so einen formalisierten Sprachumgang
angefangen von Aristoteles (poı́ēsis/prāxis) über Vico einübte; dadurch würden im Rahmen einer «techno-
(critica/topica) und Arendt (Herstellen/Handeln) bis kratischen Bildungsreform» abstrakte Dispositionen ge-
zu Habermas (Technik/Praxis). [26] Über die synopti- sellschaftlich bereitgestellt, statt daß mithilfe einer «kri-
sche Rekonstruktion dieser Dichotomien sollte ein hin- tischen Rhetorik» die «interessenbestimmte Kommuni-
reichend differenziertes Begriffspaar bereit gestellt wer- kation» und Argumentation von Schülern gefördert
den, in dem sich die diversen Interessen an Rhetorik ei- werde.
nigermaßen trennscharf unterscheiden und bewerten Es sind nicht so sehr diese relativ vagen Andeutungen
ließen. Dabei wurden als ‹S.› alle Interessen an Rhetorik über eine «kritische» statt «sozialtechnologisch» miß-
bestimmt, die Sprache/Rede als strategisches Mittel zur brauchte Rhetorik, sondern weit mehr das politökono-
Durchsetzung eines prinzipiell monologischen Willens mische Paradigma der Dyckschen Invektive, das u. a.
instrumentalisierten, wobei freilich gilt: Dieses erfolgs- Plett seinerzeit zu einem radikalen Widerspruch pro-
orientierte Überredungsinteresse an Zustimmung kann vozierte («völlig unhaltbar») [34]. Nicht viel milder fiel
faktisch nur wirksam werden, wenn es sich erfolgreich Dockhorns Kritik an Kopperschmidts «kritischer Rhe-
als verständigungsorientiertes Überzeugungsinteresse torik» aus, insofern er der Rhetorik schlechthin bestritt,
auszugeben versteht. Das macht erkennbar jeden Über- jemals «ein Instrument der Emanzipation werden zu
redungsakt (ähnlich der Lüge) zu einem parasitären können»; denn für eine primär an den «rationalen Wil-
Redeakt, insofern er ohne Überzeugungsprätention gar len» appellierende Rhetorik, die sich von Habermas’
nicht durchführbar und seine theoretische Beschreibung Diskurstheorie und deren Glauben an den «zwanglosen
ohne Bezug auf einen zumindest erfolgreich prätendier- Zwang» argumentativer Überzeugungskraft inspirieren
ten Verständigungswillen gar nicht möglich ist. Dieses läßt, fehle es definitiv an Adressaten. [35]
der Rede eingeschriebene Telos der Verständigung ist Rückblickend auf die rhetorikimmanente Paradig-
alles andere als ein bloßes «rhetorisches Ideal» [27], son- madebatte bleibt in der Tat zu konstatieren, daß die Kri-
dern verweist vielmehr auf einen idealisierenden Vor- tik am sozialtechnologischen Verdacht gegenüber der
griff, den jede Rede immer schon vornehmen muß, «herrschenden Rhetorik» nicht ganz unberechtigt war;
wenn sie gelingen soll. Dieser Vorgriff, der sich als zu undifferenziert war dieser Verdacht angesichts der
«Prinzip vernünftiger Rede» explizieren und als Argu- tatsächlichen Vielfalt damaliger Interessen an Rhetorik.
mentation methodisieren läßt [28], ist die Achillesferse So sehr die rhetorikimmanente Pardigmadebatte seiner-
jeder sozialtechnologischen Rhetorik, weil sie als Theo- zeit auch überfällig war, sie blieb nicht nur eine spezi-
rie ihr eigenes Interesse dementieren müßte, will sagen: fisch deutsche, sondern erst recht eine spezifisch sozial-
Rhetorik ist als S. nicht theoriefähig. Diese Achillesferse wissenschaftlich geprägte Debatte, die daher die vielfäl-
ist andererseits bis heute die intrinsische Stärke jeder tigen historischen Interessen an Rhetorik überhaupt
kritischen Rhetorik, weil sie in diesem notwendig idea- nicht tangierte [36] und innerhalb der systematisch ori-
lisierenden Vorgriff ihr eigenes Interesse wiederzuer- entierten Rhetorik auch nur die Forschungsrichtungen
kennen vermag. [29] Als «Plädoyer für eine andere Rhe- betraf, die sich wie Sprechwissenschaft, Argumentations-
torik» wandte sich dieses Interesse seinerzeit gegen die und Diskurstheorie, Politische und Philosophische Rhe-
«herrschende Rhetorik», die sich vor der Entscheidung torik von der Frage nach den «erkenntnisleitenden In-
«zwischen Sozialtechnologie und Kritik» glaubte drük- teressen» von Wissenschaft (Habermas) anstecken lie-
ken zu können [30], obwohl sie in Gestalt von Industrie- ßen. Das aber tat die literarische Rhetorik nicht, weder
und Wirtschaftsrhetorik längst «Rhetorik als Techno- in ihrer wirkmächtigen Gestalt der Lausbergschen Pa-
logie» betrieb [31]. ragraphenrhetorik noch in Gestalt einer «Nova Rheto-
Weniger eng an Habermas als an der Politökonomie rica», der Curtius die Rekonstruktion der «Sinnein-
des Bildungssektors war Dycks pejorisierender Begriff heit» der europäischen Literatur vom Homer bis Goe-
‹S.› und der mit ihm gegen die «herrschende Rhetorik» the auftrug. [37]
geführte emphatische Angriff orientiert; der warf er Doch der mit Recht kritisierte Reduktionismus der
nämlich «theoretische Unbefangenheit» in ihrer Me- «kritischen Rhetorik» bewahrte deren Kritiker nicht vor
thodologie und ideologische Arglosigkeit bei dem Ver- einem erneuten, nur anders geartetem Reduktionismus,

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Sozialtechnologie Sozialtechnologie

der die Vielfalt rhetorischer Überzeugungsressourcen als «hinterlistiger Kunst» geführt, «sich der Schwächen
seinerseits restringierte, sei es zugunsten einer affekt- der Menschen zu seinen Absichten zu bedienen» [43].
orientierten Rhetorik (Dockhorn) oder einer elokutio- Zum anderen aber ließ sich die gleiche Differenzunter-
nell bzw. figural fokussierten Rhetorik (Plett). Es be- stellung als pragmatische Dissoziation nutzen, die der
durfte erst eines Perelman, um nicht nur an die seit Rhetorik eine instrumentelle Unschuld verschaffte, die
Aristoteles systematisierte Vielfalt redeimmanenter deren Fungibilitätschancen enorm zu erweitern ver-
Überzeugungsressourcen zu erinnern, sondern deren mochte. Denn in dem Maße, wie Rhetorik nur noch für
Virulenz selbst in der Wirksamkeit von Argumenten die Wirksamkeit einer Aussage zuständig ist, bietet sich
einzuklagen, insofern deren Überzeugungskraft näm- eine pragmatische Arbeitsteilung mit der Philosophie an
lich nicht bloß aus ihrer argumentativen Struktur resul- und mit ihr die Chance einer Differenzierung zwischen
tiert, sondern diese selbst bereits multifaktoriell be- res und verba, von der beide Seiten profitieren konnten,
dingt. [38] solange sich die sprachtheoretische Unhaltbarkeit einer
Wie die Habermas-Luhmann-Debatte, so ging auch solchen Problempazifizierung noch nicht aufdräng-
die rhetorikimmanent geführte Paralleldebatte unent- te. [44] Den gemeinten Vorteil bezeugt nicht nur Platons
schieden aus, wie ein Vergleich der Einleitungen leicht Idee einer wahren Rhetorik, sondern auch die folgen-
belegen kann, die Plett seinen beiden Sammelbänden reiche Rezeption der antiken Rhetorik durch Augusti-
von 1977 und 1996 vorangestellt hat. Es ist – gemessen nus wie endlich das humanistische Programm einer
an den 70er Jahren des 20. Jh. – mittlerweile betriebsame Symbiose zwischen sapientia und eloquentia, mit dem
Ruhe in der rhetorischen Forschung eingetreten, deren endlich ein altes Ciceronianisches Ideal einlösbar zu
Vielfalt heute noch weniger mit Kategorien wie sozial- werden schien. Als störend mußte freilich an dieser Ar-
technologisch/kritisch zu ordnen wäre als es schon da- beitsteilung nur dies gelten, daß der Wahrheit ihre Zu-
mals war. Gleichwohl hat diese Debatte den exempla- stimmungsfähigkeit erst additiv vermittelt werden muß-
rischen Versuch gewagt, die Rhetorik an eine der wich- te statt resultativ aus ihrem Evidenzcharakter von selbst
tigsten Paradigmadebatten anzuschließen, was sie wohl zu folgen. Die mühsamen Erklärungsversuche dieser ei-
bis heute vor müßiger Selbstbeschäftigung zu bewahren gentlich erstaunlichen Tatsache variieren seit der Anti-
geholfen hat, wozu sie die «Ubiquität» ihrer Tradition ke immer nur das gleiche hilflose Theorem, daß nämlich
(Gadamer) nur zu leicht hätte verleiten können. die meisten Menschen – Philosophen ausgenommen –
B. Rhetorikgeschichtliche Begriffsäquivalente. ‹S.› als zu schwach seien, um aus der (prinzipiell möglichen)
kritischer Vorbehalt gegenüber einem strikt strategisch Wahrheitseinsicht praktisch folgenreiche Konsequen-
bzw. erfolgsorientierten Rhetorikinteresse ist zwar eine zen zu ziehen. [45]
recht junge Kategorie, doch durchzieht die damit ge- Eine Geltungstheorie, die dieses ärgerliche Problem
meinte Kritik unter diversen funktional äquivalenten definitiv nicht haben kann, gibt es im Kern seit der So-
Begriffen die gesamte Rhetorikgeschichte. Ihre wirk- phistik, sofern man darunter nicht mit Platon ein philo-
samste, weil traditionsstiftende Gestalt hat diese Kritik sophiefeindliches und an Wahrheit desinteressiertes
fraglos in der Platonischen Kritik der Sophistik gefun- Projekt versteht, sondern mit Hegel den ersten euro-
den. Was Platon ihr unter dem Begriff «Schmeichel- päischen Aufklärungsschub, der mit «dem Zeitalter der
kunst» [39] (kolakeiÂa, kolakeı́a) als konstitives Defi- subjektiven Reflexion [...] das Prinzip der modernen
zit anlastete, war ihre exklusive Interessenorientierung Zeit» in Kraft setzt. [46] Entsprechend läßt sich der Prot-
am eigennützigen Zustimmungserfolg ungeachtet der agoreische Homo-mensura-Satz als innovatives Para-
Wahrheit der vertretenen Sache und ihres Nutzens für digma einer zustimmungsabhängigen Geltungstheorie
den Adressaten. Die in dieser Kritik eingeklagte Über- lesen, die Geltung, statt zur Voraussetzung möglicher
einstimmung von Wahrheit bzw. Gültigkeit einer Aus- Zustimmung (Zustimmung aufgrund von Geltung) zu
sage und ihrer zur Zustimmung nötigenden Überzeu- machen, umgekehrt auf Zustimmung fundiert (Geltung
gungskraft bzw. Wirksamkeit rechnet ersichtlich mit der durch Zustimmung), die sich ihrerseits einem «Räson-
prinzipiellen Möglichkeit, daß Gültigkeit und Wirksam- nement aus Gründen» verdankt. Eine solche zustim-
keit einer Aussage differieren können; und sie können mungsabhängige Geltungstheorie ist zwar angesichts
differieren, solange die Gültigkeit einer Aussage nicht fehlender Gewißheitsevidenz in hohem Maße attraktiv,
an ihrer transsubjektiven Zustimmungsfähigkeit abge- doch handelt sie sich ihrerseits wieder ein Folgeproblem
lesen wird, sondern eine eigensinnige, nämlich zustim- ein, das bereits Platon gegen die sophistische Rhetorik
mungsunabhängige Aussageeigenschaft darstellt. Nur seiner Zeit ins Spiel brachte: Die Zustimmungsbereit-
wenn Wahrheit solchermaßen ein objektives Gelten schaft eines Publikums kann noch kein vernünftiges
meint, kann sie überhaupt erst eine zusätzliche Arbeit Geltungskriterium sein, weil das Werben um Zustim-
an ihrer transsubjektiven Zustimmungsfähigkeit nötig mung methodisch den Zwang impliziert, an die jeweili-
machen, die ihre lebenspraktische Wirksamkeit sichert. gen Zustimmungspotentiale eines Publikums anschlie-
Platon nennt diese Arbeit «Überredung zur Ein- ßen zu müssen, was aber für Platon gleichbedeutend ist
sicht» [40]. Daß bei dieser «Überredung zur Einsicht» mit knechtischem Populismus und Opportunismus. [47]
der gute Zweck gelegentlich auch das Lügen als notwen- Doch so sehr die bloß faktische Zustimmung kein
diges Mittel heiligen muß, verschweigt Platon nicht. [41] vernünftiges Gelten konstituieren kann, so wenig ist
Die damit prinzipiell unterstellte mögliche Differenz mit diesem Problem ein zustimmungsabhängiges Gel-
zwischen Gültigkeit und Wirksamkeit hat in der Ge- tungsprinzip bereits als solches diskreditiert. Ein Er-
schichte der Rhetorik zwei völlig divergente Konse- folg versprechender Versuch könnte darin bestehen,
quenzen gezeitigt: Einmal hat sie die Rhetorik seit Pla- den Prozeß der Zustimmungsgewinnung an bestimmte
ton dem Dauerverdacht ihrer sozialtechnologischen Bedingungen zu knüpfen. Solche Bedingungen sind
Anfälligkeit ausgesetzt, insofern sie sich zutraut, je nach eine Zeitlang unter dem Habermasschen Titel ‹ideale
Bedarf allein «durch die Kraft der Rede Großes klein Sprechsituation› diskutiert worden. Damit war ein
und Kleines groß erscheinen zu lassen» [42]. Das hat be- durch Abbau von strukturellen Kommunkationshinder-
kanntlich bei Kant zur Verachtung der «Rednerkunst» nissen tendenziell entgrenztes (universales) Publikum

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Sozialtechnologie Sport

gemeint, das alle Problembetroffenen an der diskursi- 109; ders. [22] (1985) 1ff. – 27 H.F. Plett (Hg.): Die Aktualität
ven Problemlösung beteiligen sollte, so daß eine unter der Rhet. (1996) 17, 9. – 28 J. Kopperschmidt: Das Prinzip ver-
solchen Bedingungen erzielte Verständigung (Konsens) nünftiger Rede (1979); ders.: Argumentation (1980); ders.: Me-
thodik der Argumentationsanalyse (1989); ders.: Argumentati-
als vernünftig gelten könne. [48] Perelman hatte bereits onstheorie (2000); ders.: Die Idee des universalen Publikums,
1958, also vor Habermas, fast die gleiche Problemlö- in: ders. (Hg.): Die Neue Rhet. (2006) 227ff. – 29 vgl. dazu Plat.
sungsstrategie vorgeschlagen, indem er das originär Phaidr. 262 (Wahrheitsfrage). – 30 Kopperschmidt [22] (1985)
rhetorische Zustimmungsprinzip aufgriff und es gel- 1ff.; ders. [26] (Allg. Rhet.) 9, 17ff. – 31 vgl. R. Kühn: Rhet. als S.
tungstheoretisch dadurch brauchbar machte, daß er es (1977). – 32 J. Dyck: Zur Kritik des herrschenden Rhetorikver-
universal entgrenzte, so daß nur noch die Zustimmung ständnisses, in: ders. (Hg.): Rhet. in der Schule (1974) 8; 11ff. –
eines «universalen Publikums» als vernünftige Zustim- 33 ebd. 23f., 27ff. – 34 Plett [24] 17. – 35 K. Dockhorn: Krit.
mung galt, während diese Qualifikation der Zustim- Rhet.?, in: Plett [24] 266. – 36 vgl. H. Schanze (Hg.): Rhet. Beitr.
zu ihrer Gesch. in Deutschland vom 16.–20. Jh. (1974). – 37 vgl.
mung eines bloß «partikularen Publikums» verweigert H.-M. Kruckis: Art. ‹Literaturwiss.›, in: HWRh, Bd. 5 (2001) Sp.
wurde. [49] Mit Bezug auf Kant schlug er für diese Un- 368ff. – 38 vgl. Kopperschmidt [28] (2006) 9ff. – 39 Plat. Gorg.
terscheidung die im Deutschen lexikalisierte Differenz 464ff.; A. Hellwig: Unters. zur Theorie der Rhet. bei Platon und
zwischen überreden/überzeugen vor. Aristoteles (1973) 36ff.; H. Niehues-Pröbsting: Überredung zur
Dieser Vorschlag enthält nicht nur die Chance einer Einsicht (1987) 82ff. – 40 Platon, Phaidon 83a; vgl. Niehues-
kategorialen und normativen Unterscheidung zwischen Pröbsting [39]. – 41 Plat. Pol. 414b; vgl. Hellwig [39] 312ff.; J.
einer bloß an partikularer Zustimmung interessierten Kopperschmidt: Rhet. als Legitimantionsstütze polit. Herr-
Überredungsrhetorik und einer an tendenziell univer- schaft, z.B.: Platon, in: ders. (Hg.): Politik und Rhet. (1995) 63ff.
– 42 Plat. Phaidr. 267a; vgl. Arist. Rhet. 1402a. – 43 vgl. T. Bez-
saler Verständigung interessierten Überzeugungsrhe- zola: Die Rhet. bei Kant, Fichte und Hegel (1993) 20ff. – 44 vgl.
torik, sondern eröffnete auch die Möglichkeit, den alten K.-O. Apel: Die Idee der Sprache in der Tradition des Huma-
‹S.›-Vorwurf operativ zu reformulieren: Als ‹S.› hätte nismus von Dante bis Vico (1975) 131ff.; E. Eggs: Art. ‹Res-
darnach jede Rhetorik zu gelten, die nur einen partiku- verba-Problem›, in: HWRh, Bd. 7 (2005) Sp. 1200ff., insb.
laren Überredungserfolg will, so sehr dieses bloß stra- 1303ff. – 45 vgl. Arist. Rhet. 1357a, 1404a; Cic. De or. II, 30;
tegische Interesse auch um seines parasitären Erfolges Quint. II, 17, 28f. – 46 Hegel: Vorl. über die Philos. der Gesch.,
willen erfolgreich verborgen werden muß. Als ‹S.› hät- Theorie Werkausg. (1971) Bd. 18, 404; Bezzola [43] 120ff. –
ten damit auch solche Rhetoriken zu gelten, die eine be- 47 Plat. Phaidr. 272ff.; vgl. J. Kopperschmidt: Zur Anthropol.
des forensischen Menschen, in: ders. (Hg.): Rhet. Anthropol.
sonders raffinierte Form von Verbergung (dissimulatio) (2000) 227ff. – 48 vgl. Habermas [4] 136ff. – 49 Ch. Perelman, L.
versuchen, indem sie sich als «schwarze Rhetorik» outen Olbrechts-Tyteca: Die Neue Rhet. Eine Abhandlung über das
und ihr sozialtechnologisches Interesse als Aufklärung Argumentieren (2004) 31ff.; vgl. Kopperschmidt [28] (2006)
über S. vermarkten, während sie natürlich nur an den 227ff. – 50 vgl. z.B. K. Bredemeier: Schwarze Rhet. (Zürich
selektiven Wissensvorteil appellieren, den diese Art von 2002); allg. A. Bremerich-Vos: Populäre rhet. Ratgeber (1991).
Überredungsrhetorik im Kampf um Redemacht ver-
spricht. [50] Literaturhinweise:
K. Dockhorn: Rhet. und germanistische Literaturwiss., in: JbIG
Anmerkungen: 3 (1971) 168ff. – F. Maciejewski et. al. (Hg.): Theorie der Ges.
1 J. Habermas: Theorie und Praxis (31969) 13ff.; ders.: Technik oder S. Beitr. zur Habermas-Luhmann-Diskussion, Supplemen-
und Wiss. als Ideologie (1968) 48ff.; ders.: Zur Logik der Sozi- te 1–3 (1973–1975). – K.H. Göttert: Rhet. und Kommunikati-
alwiss. (1970) 9ff., 39ff.; F. Rapp: Art. ‹Technokratie›, in: onstheorie, in: Rhetorik 7 (1988) 79ff. – U. Beck, W. Bonß
HWPh, Bd. 10 (1998) Sp. 954ff. – 2 Habermas [1] (1968) 91, 100 (Hg.): Weder S. noch Aufklärung? (1989). – J. Kopperschmidt:
u. ö.; ders. (Hg.): Stichworte zur geistigen Situation der Zeit, Rhet. – ein inter- (multi-, trans-) disziplinäres Forschungspro-
Bd. 1 (1979) 22ff.; vgl. Th. McCarthy: Kritik der Verständi- jekt, in: Rhetorica 15 (1997) 81ff.
gungsverhältnisse (1980) Kap. 1 u. 2. – 3 Habermas [2] (1979) 28; J. Kopperschmidt
ders. [1] (1968) 48ff., 98ff., 120ff., 146ff., 13ff. – 4 ders.: Vorbe-
reitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen ^ Argumentation ^ Ars ^ Diskurs ^ Episteme ^ Gesell-
Kompetenz, in: ders., N. Luhmann: Theorie der Ges. oder S. schaft ^ Kommunikationstheorie ^ Kommunikative Kompe-
(1971) 145, 266, 139. – 5 ebd. 266f., 293 u. ö., allg. 142ff., 139. – tenz ^ Kunst ^ Persuasion ^ Rhetorik, angewandte ^ Sy-
6 N. Luhmann: Systemtheoretische Argumentationen, in: Ha- stemtheorie ^ Topik ^ Wissenschaftsbegriff, -geschichte der
bermas, Luhmann [4] 292f., 398ff. – 7 ebd. 388ff., 399, 401 u. ö. – Rhetorik
8 Habermas [1] (31969) 31; H. Arendt: Vita activa (1960) 293. –
9 Arendt [8] 214ff. – 10 Habermas [1] (31969) 31. – 11 Arist. Pol. I,
4. – 12 Habermas [1] (1968) 146ff., 79; ders.: Erkenntnis und In-
teresse (1973). – 13 ders. [1] (31969) 17f. – 14 Luhmann [6] 293, Sport (engl. sport, athletics; frz., ital. sport)
356ff. – 15 ebd. 297. – 16 Habermas [4] 101ff., 123; ders.: Was A. Def.: I. Rhetorik im Reglement. – II. Rhetorik des Reports. –
heißt Universalpragmatik?, in: K.-O. Apel (Hg.): Sprachprag- III. Akteure und Zuschauer. – B. Historische Aspekte: I. An-
matik und Philos. (1976) 174ff. – 17 Luhmann [4] 291ff., 321ff.; tike. – II. Mittelalter bis Frühe Neuzeit. – III. Moderne. – C.
ders.: Legitimation durch Verfahren (1993) 27ff.; ders.: Aufsät- Forschungsperspektiven: I. S.-Soziologie. – II. Massenmedien
ze und Reden (2002) 76ff. – 18 ders. [4] 309, 342, 359; ders. [17] und S.-Philosophie.
(2002) 31ff. – 19 Habermas [4] 264, allg. 239ff. – 20 Luhmann [6]
316ff., 331. – 21 Habermas [1] (31969) 16ff., 50. – 22 vgl. J. Kop- A. Def. Der Begriff ‹S.› entwickelt sich etymologisch
perschmidt: Zwischen S. und Kritik, in: ders.: Rhetorica (1985) über das mittelfranzösische desporter (sich vergnügen)
1ff.; ders.: Rhet., Bd. 1: Rhet. als Texttheorie (1990) 1ff.; ders.: hin zu den neuenglischen Begriffen disport (Vergnügen)
Rhet., Bd. 2: Wirkungsgesch. d. Rhet. (1991) 1ff.; O. Kramer: und sport. ‹S.› ist heute im weiten Sinn eine Sammelbe-
Art. ‹Rhetorikforschung›, in: HWRh, Bd. 8 (2007) Sp. 137ff. – zeichnung für körperliches und geistiges Leistungsstre-
23 W. Dieckmann: Bedarf an Rhet., in: Das Argument 95 (1976) ben. [1] Zu den Merkmalen des ‹S.› im engeren Sinn ge-
24ff.; J. Dyck: Bedarf an Rhetorikforschung, in: JbIG 6 (1976)
9ff. – 24 H.F. Plett (Hg.): Rhet. Krit. Positionen zum Stand der
hört, daß (1) mindestens zwei Akteure oder Mann-
Forschung (1977); D. Breuer, H. Schanze (Hg.): Topik (1981). – schaften in einem (2) regulierten Wettbewerb (agon)
25 JbIG 8 (1976) 2; JbIG 9 (1977) 1. – 26 J. Kopperschmidt: Krit. gegeneinander antreten und um den Sieg kämpfen; da-
Rhet. statt moderner wiss. Rhet., in: Sprache im technischen mit grenzt sich S. klar gegen rein fitneß- oder gesund-
Zeitalter (1973) 25ff.; allg. 18ff.; ders.: Allg. Rhet. (1973) 10ff., heitsorientierte Übungen ab.

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Sport Sport

Die rhetorische Dimension des S. liegt primär in sei- II. Rhetorik des Reports. Der Report kann es nicht ein-
nem theatralischen und kommunikativen Charakter. fach bei einer Wiederholung des sportlichen Gesche-
Zum ‹S.› wird eine körperliche Anstrengung erst durch hens belassen: er geht von dessen Struktur aus, schafft
einen kommunikativen Rahmen, der nicht peripher, aber, wenn man den Blick auf den massenmedialen Re-
sondern wesentlich ist. [2] Dieser kommunikative Rah- port fokussiert, mit außerordentlichem technischem
men läßt sich auf zwei ‹Handlungsebenen› verorten, Aufwand eine neue Konstruktion, eine Gestaltung zwei-
dem Reglement einerseits und dem Report anderer- ten Grades. Sie ist notwendig, denn sportliche Ereignis-
seits. [3] Während ersteres die spezifischen Regeln ei- se sind zunächst an sich ohne jede Bedeutung, weswegen
ner S.-Art benennt, umfaßt der letztere grundsätzlich es nötig ist, ihnen rhetorisch einen Sinn zu zuzuweisen.
sämtliche Kommunikation über sportliche Ereignisse. Der massenmediale Report findet im Fernsehen sei-
Da die meisten Beobachter – zustimmend oder ableh- ne ausgeprägteste Form und besteht aus Bild, Schnitt,
nend – den journalistisch-rhetorischen Konstruktionen Ton und Sprecherkommentar – und reduziert sich bei
der Massenmedien folgen [4], beschränkt sich die an- den anderen Medien auf Schrift und Foto (Presse, In-
schließende S.-Beschreibung v. a. auf den massenmedial ternet) bzw. Sprache und Ton (Radio). Grundsätzlich
vermittelten Spitzen-S.: In dieser Engführung kristalli- kann zwischen Vor-, Live- und Nachbericht unterschie-
sieren sich die zentralen Faktoren im rhetorischen Sy- den werden, die Berichtformen bilden aber letztlich erst
stem des S., Report und Reglement sowie Zuschauer und zusammen eine ganze Erzählung.
Akteur, am präzisesten heraus. Eine besondere Rolle für den Report spielt die Topik,
Die rhetorische Verfassung der sportlichen Übungen die sich in ihrer ganzen Bandbreite von der formalen
und die Rhetorik des Reports (ob gleichzeitig oder nach- Kategorie bis zum inhaltlich gefüllten Allgemeinplatz
träglich) stehen in einem wechselseitigen Bedingungs- als für die Auslegung des sportlichen Schauspiels und
verhältnis. Die rhetorische Struktur des Berichts folgt seine Erzählung konstitutiv zeigt. Traditionelle rhetori-
der rhetorischen Struktur des sportlichen Ereignisses sche Topik ist hier um eine spezifische Gegenstandsto-
und dieses wiederum gestaltet sich der Adressaten- pik zu erweitern, die die S.-Geräte, aber auch andere
Erwartung und -Reaktion entsprechend. Elemente des sportlichen Ereignisses wie Schwimman-
I. Rhetorik im Reglement. Ausgehend von einer Ein- züge, Straßenführung, Windstärken usw. umfaßt und die
teilung des Reglements in die Ebenen von Szene, Akt, sowohl narrative wie argumentative Funktionen besit-
Drama, Serie und Festival läßt sich die erste Handlungs- zen. Auch wenn sich die dramaturgischen Spannungs-
ebene als ‹sportliche Poetik› auffassen, als Erzählanlei- bögen des Reports aus den Leistungsverläufen selber
tung für das sportliche Geschehen. Insbesondere durch herleiten, indem beispielsweise beim Weitsprung jeder
die Verknappung der zwei grundlegenden Maßstäbe einzelne Teilnehmer auf jeder Qualifikationsstufe des
von theatralischen Inszenierungen, also von Raum Wettbewerbs drei Versuche hat und damit eine Kom-
(Feld, Bahn, Becken usw.) und Zeit (Anfang und Ende), bination von Leistungen produziert, zwingt die Struktur
sowie durch die gezielte Verknappung von Chancen und des sportlichen Geschehens dem Bericht niemals be-
Überlegenheit richtet das Regelwerk sportliche Hand- stimmte Figuren oder Kombinationen von Figuren
lungen ein. Damit sind die wesentlichen Voraussetzun- (Schemata) auf. Je komplexer sportliche Wettbewerbe
gen für möglichst interessante, ausgewogene Kämpfe sind (etwa durch ‹simultanes› und ‹plurales› Auftreten
zwischen den teilnehmenden Figuren (Akteure, Mann- der Akteure oder auch schlicht durch eine längere Dau-
schaften) geschaffen. er, durch aufwendige S.-Geräte usw.) und je vermittelter
Im Gegensatz zur herkömmlichen Kategorienbil- die Meßergebnisse zur konkreten körperlichen Leistung
dung der Sportarten nach organisatorisch-pragmati- der Akteure in einer S.-Art sind, desto freier wird der
schen Gesichtspunkten (wie z.B. Sportstätte oder Sport- Autor in der Gestaltung seines Reports. So stehen Tore
geräte) lassen sich Sportarten aus rhetorischer Perspek- beim Fußball eben in keinem direkten, also mechani-
tive in Gruppen gliedern, die dramaturgisch-strukturelle schen Verhältnis zur Leistung der Spieler – anders als
Entsprechungen haben, denn ähnliche Strukturen legen beim Weitsprung (‹singular sukzessiv›) die Weite, die
auch ähnliche Formen der rhetorischen Berichterstat- ein Weitspringer bei einem Sprung erreicht. Die erzäh-
tung nahe, also ähnliche Stil- und Wirkungsmittel auf lerischen Freiheiten des Sportberichts scheinen auf die-
den Ebenen der inventio, der dispositio und der elocu- sem Hintergrund bei den Ballsportarten nahezu gren-
tio. In der neuen Lösung sind nun die Akteure in ihrer zenlos: Sie sind deshalb auch die mit Abstand populär-
räumlichen und zeitlichen Bewegung kategorienbildend. sten Sportarten.
Einzelne Sportler (singular), Paare (dual) oder Mann- Schließlich sind rhetorische Reflexionen in Bezug auf
schaften (plural) treten gegeneinander an, wobei sich in die stilistischen Techniken und den stimmlichen Vortrag
dualen und pluralen Konstellationen die Abläufe mann- des Reports zu finden, denn die angewendeten Figuren
schafts- und gruppenintern nacheinander (additiv) oder und ihr Vortrag tragen stark dazu bei, das zu erzählende
gleichzeitig (simultan) vollziehen können. Dadurch er- Geschehen überhaupt sichtbar zu machen, zu verdeut-
geben sich fünf verschiedene Konstellationen von Ak- lichen, zu vereindringlichen und die Sichtweise der Zu-
teuren. Eine zweite Achse der Einteilung betrifft die Art hörer auf das Geschehen zu lenken.
des Wettkampfes dieser Akteure mit anderen Akteuren III. Akteure und Zuschauer. Ausgehend vom sportli-
in Raum und Zeit: Sie können sich (1) nacheinander an chen Grundprinzip des Wettkampfs ergeben sich hier
derselben Aufgabe abarbeiten (sukzessiv) oder (2) weitere interessante Ansatzpunkte für klassische Fra-
gleichzeitig und dies entweder räumlich nebeneinander – gestellungen der Rhetorik: Jeder agon, jeder Wett-
so beim Laufen, Schwimmen oder Rudern – (parallel) kampf soll eine bestimmte Tüchtigkeit, die aretē´, vor
oder gegeneinander – so beim Boxen, Tennis oder Fuß- Augen stellen – sei es diejenige des Sportlers, seine Kräf-
ball – (antagon). Diese Unterschiede haben großen Ein- te und seine Geschicklichkeit, oder die des Redners, sei-
fluß auf die Art und Weise des Wettkampfs und die dra- ner Gedanken und seiner Worte. Ziel der Akteure ist es,
maturgisch-rhetorischen Gestaltungsmittel des entspre- metaphorische Siege zu erringen: Sportliche Aktivität
chenden Reports. wird mit Ansehen, antik: mit Ruhm, modern: mit Me-

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Sport Sport

dienpräsenz, also mit Kommunikation belohnt. Siegen grenzt sie zum modernen S. ab – insbesondere dazu, das
ist zunächst nichts als Wahrgenommenwerden. Waffenhandwerk zu üben. Eine der frühesten Darstel-
Vor dem Hintergrund rhetorischer Orientierungs- lungen von Ritterturnieren in der deutschen Dichtung
und Wirkungsfaktoren bietet sich dem S.-Zuschauer, liefert Hartmann von Aue in ‹Erec› aus der Zeit von
dem archimedischen Punkt im S.-System, eine reiche 1180 bis 1190; später finden wir etwa auch im ‹Parzival›
Klaviatur der Rezeptionsformen dar: vom sokratisch von Wolfram von Eschenbach präzise Eindrücke des
analysierenden Kenner (docere) über den apollinisch Ritterspiels.
sich vergnügenden Adressaten (delectare) hin zum dio- In der frühen Neuzeit bilden sich nun schon deutli-
nysisch sich im Gemeinschaftserleben affektiv entgren- chere Vorläufer des modernen Sports heraus. [7] In Ita-
zenden Fan (movere). lien verbreiten sich verstärkt Fechtschulen. Unterrichtet
B. Historische Aspekte. I. Antike. Das Phänomen S. man dort zunächst Boxen und Ringen, wird letzteres im
wie erste Vorläufer des S.-Reports findet man bereits in 14. Jh. allmählich vom Fechten verdrängt. Die große
der Antike: So feiert das ‹Epinikion› die Gewinner der Zahl italienischer Fechtbücher dokumentiert die füh-
panhellenischen Spiele. Die prominentesten Autoren rende Stellung Italiens in dieser Disziplin. Im Jahr 1536
dieser griechischen Lyrikgattung sind Pindar, Simoni- veröffentlichte A. Marozzo in Modena sein grundle-
des und Bakchylides. Anders als das ‹Enkomion›, das gendes Werk ‹Opera nova chiamata duello, o vero fiore
in erster Linie die Tugenden berühmter Persönlichkei- dell’ armi›. Auch in den Niederlanden werden früh
ten preist, sich letztlich aber auf beliebige Personen oder Ringkampf- und Selbstverteidigungstechniken gelehrt.
Sachen beziehen kann, ist das Epinikion immer an den 1674 erscheint in Amsterdam das Buch ‹Worstelkonst›
äußeren Anlaß des sportlichen Wettkampfes und seinen von Nicolaes Petter. Darin finden sich mehrere bis
jeweiligen Sieger gebunden. Besonders auf topischer heute aktuelle Judo-Kampftechniken.
Ebene lassen sich im Epinikion entscheidende Merk- Die Ballsportart Calcio, deren detaillierte Regeln wir
male ausmachen, die sich bis in die heutige Bericht- aus G. de Bardis ‹Discorso sopra il Giuoco del Calcio
erstattung verfolgen lassen. Während in einem ersten Fiorentino› (1580) kennen, bildet die Grundlage für den
thematischen Baustein der Wettkampf detaillierter the- durchaus fortgeschrittenen florentinischen Fußball, der
matisiert wird (Sieger, Disziplin Wettkampfort, Gott- den englischen Fußball-Ansätzen zu dieser Zeit deutlich
heit und Trainer), befaßt sich der zweite Baustein mit überlegen ist. Die heutigen Disziplinen Tennis und
dem Sieger (Persönlichkeit, sportliche Erfolge, Familie, Squash finden ihren Ursprung in einem Handbuch über
Heimat und Glück). Alle Fundorte sind auch in einer Ballspiele des Theologen A. Scaino und dem dort be-
Topik des modernen Reports verankert. Ähnlichkeiten schriebenen Spiel ‹Jeu de Paume› (1555). Nicht nur die
finden sich zudem in Bezug auf die Funktionen von Epi- besondere Zählweise im heutigen Tennis wird darin
nikion und Report, wie die Vermittlung von Normen: festgelegt; die Tatsache, daß nach strengen Regeln und
Subversiv trägt der S.-Bericht immer auch gesellschaft- einer strikten Zählweise Sieg und Niederlage verhandelt
liche Überzeugungen an den Zuhörer heran, ob sie nun werden sollen, oft auf einem eigens hierfür errichteten
moralischer, pädagogischer oder auch gesundheitlicher Platz mit Zuschauern, deutet die Verwandtschaft zum
Art sind. modernen S. an.
Im ihrem Bild-Bezug spielt die ‹Ekphrasis› als die Aus rhetorischer Sicht besonders interessant ist, daß
rhetorische Kunst, mit Worten einen bildlichen Ein- in der Frühen Neuzeit auch jene pädagogischen Ideen-
druck beim Zuhörer hervorzurufen, also als Mittel der zusammenhänge und humanen Topoi in diese spieleri-
rhetorischen Wirkungsabsicht der evidentia (Augen- schen Handlungen eingeführt werden, die den S. bis
scheinlichkeit), eine wichtige Rolle für den Report. heute umklammern. Die neu entstandenen Vorstellun-
Denn insbesondere beim Radioreport tritt ein Mangel gen von Erziehung «äußerten sich sowohl in Erzie-
an Bildern auf: Hier gibt es keine Zuschauer, sondern hungsschriften als auch in der veränderten Praxis der
nur Zuhörer – und die fehlenden Bilder müssen erst Erziehung an den Fürstenhöfen und an so genannten
sprachlich erzeugt werden, wenn der Berichterstatter Ritterakademien. Gemeinsam war dieser neuen Erzie-
denn über eine reine Ergebnisvermittlung hinausgehen hung, daß Leibesübungen, Spiel und ‘Sport’ einen festen
will. Die Zuhörer gilt es, zu Quasi-Augenzeugen des Platz zugewiesen bekamen. Es gehörte zum Ideal eines
sportlichen Geschehens zu machen. Prominentestes und galant homme, körperlich gebildet und ausgebildet zu
gelungenes Beispiel ist bis heute H. Zimmermanns Ra- sein.» [8]
dioreport aus Bern vom Spiel zwischen Ungarn und III. Moderne. Im 18. Jh. setzt J.J. Rousseau diese
Deutschland im Rahmen der Fußball-Weltmeister- sportpädagogischen Ansätze fort. In seinem Erzie-
schaft 1954. [5] hungsroman ‹Emile› äußert er «grundlegend neue Ge-
Mit Ekphrasis oder Epinikion finden sich somit anti- danken über Erziehung und die Rolle von Körper und
ke Vorläufer des S.-Reports, die sich bis in die moderne Bewegung in der Entwicklung des Menschen» [9] – für
massemediale Vermittlung verfolgen lassen. M. Krüger stellt sich Rousseau deswegen als «Ahnherr
II. Mittelalter bis Frühe Neuzeit. Im Mittelalter gerät der Sportpädagogik» [10] dar. Ende des 19. Jh., als sich
die antike Sportkultur in Vergessenheit: «Die Kultur des der S. im modernen Sinne bereits auf dem Vormarsch
Christentums [...] adelte die Plackerei (ora et labora) befindet, ist es dann P. de Coubertin, der mit der Ein-
und sah keinen Sinn in der zwecklosen Verausgabung richtung der neuzeitlichen Olympischen Spiele und der
von Körperkräften, schon gar nicht darin, bei Darbie- Olympischen Idee pädagogische Topoi im allgemeinen
tungen dieser Art applaudierend zuzuschauen.» [6] Auf S.-Verständnis endgültig etabliert. Diese Topoi liegen
der Suche nach Vorläufern des S. und dessen Beschrei- aus rhetorischer Perspektive nicht im S. selbst, sondern
bungen wird man im Mittelalter insbesondere bei den sind in erster Linie ein Konstrukt: Weder in der Förde-
Ritterspielen und deren Turnierwesen in der Zeit von rung der Gesundheit (Fitneß) noch im Dienste der Wis-
etwa 1150 bis 1500 fündig. Reiten, Fechten, Laufen, Rin- senschaft (Medizin, Physiologie, Diätetik), weder als
gen, Werfen, Bogenschießen oder Lanzenwurf: die Pa- Beitrag zu Erziehung und Moral (Fairneß) noch als Nut-
lette der Disziplinen ist breit. Diese Spiele dienen – das zen für die Ökonomie hat der Sport einen genuinen

1241 1242
Sport Sport

Sinn. Er ist übrigens auch keine Fortsetzung animali- hen damit den Schritt, Doping auch aus sozialwissen-
scher Rituale unter den Bedingungen der Zivilisation: schaftlicher Perspektive zu beleuchten. Das ist deswe-
Paarung, Jagd usw. sind ebenso bloß interpretative Me- gen bemerkenswert, weil sich geisteswissenschaftliche
taphern für den Sport wie der Krieg. Disziplinen des Dopings als Forschungsthema bisher
C. Forschungsperspektiven. Relevante Aspekte für nur unzureichend angenommen haben.
die Rhetorik des S. in der Forschung sind zunächst in Die soziologische Forschung findet sich auch in den
der Sportwissenschaft zu suchen. Sie etabliert sich in sogenannten Cultural Studies wieder – die besonders
Deutschland und darüber hinaus in den 60er und 70er den Zusammenhang des Sports mit Literatur und Politik
Jahren des 20. Jh. als institutionalisierte, akademische beleuchten. Seit Ende der 1970er Jahre hat vornehmlich
Fachdisziplin. Das Interesse an der wissenschaftlichen die amerikanische Literaturwissenschaft den Sport als
Beschäftigung mit S. entsteht, weil er sich in jeder Hin- Thema für sich entdeckt. D. Bermann [16] oder C.K.
sicht zu einem Massenphänomen entwickelt, für Medi- Messenger [17] stehen bereits Anfang der 1980er Jahre
en, Politik und Wirtschaft. Die Entwicklung wissen- exemplarisch für diese Entwicklung. Sie ist möglich, weil
schaftlicher Betrachtung des S. ergibt jedoch kein har- die Wissenschaft auf eine große literarische Tradition
monisches Bild. Weniger die Sportwissenschaft selbst, zurückgreifen kann: auch in der anspruchsvollen ame-
als vielmehr diverse Mutterwissenschaften, die den Ge- rikanischen Literatur nehmen Sportthemen seit Ende
genstand S. der jeweils eigenen Sichtweise entsprechend des 19. Jh. einen wichtigen Platz ein. 1983 entsteht in den
konstruieren, treten hier in Erscheinung. [11] Unter- USA die ‹Sports Literature Association (SLA)› und ein-
schiedliche Disziplinen wie S.-Psychologie, S.-Soziolo- hergehend damit die Zeitschrift ‹Areté – The Journal of
gie, S.-Geschichte, S.-Ökonomie, S.-Publizistik, S.-Päd- Sport Literature›, die später von der Zeitschrift ‹Aeth-
agogik, S.-Didaktik, Bewegungslehre, Trainingslehre, lon› abgelöst wird. Fiktionale und nicht-fiktionale Lite-
S.-Philosophie, S.-Ethik, S.-Medizin sind hier zu nen- ratur wird bis heute darin präsentiert und analysiert.
nen, von denen vornehmlich die S.-Soziologie, S.-Pu- Wie S. als Thema auch in die deutsche (essayistische)
blizistik und die S.-Philosophie relevante Ansatzpunkte Literatur etwa mit R. Musil, S. Kracauer oder auch F.
für die klassischen Fragestellungen der Rhetorik geben. Nietzsche Einzug gehalten hat, zeigt H.-M. Müllers
Die S.-Soziologie rückt bei der Prüfung des S. auf seine Band ‹Bizepsaristokraten› [18]. S. trifft mit Literatur
gesellschaftliche Funktion verstärkt Motive und Interes- dann aber auch in den zahlreichen Autobiographien von
sen von Akteuren und Zuschauern in den Mittelpunkt – Sportlern zusammen. G. Ueding hat den rhetorischen
Studien zu Doping- und Fanverhalten dominieren da- Charakter dieser Autobiographien untersucht und da-
bei. Die S.-Publizistik untersucht den Zusammenhang bei deren doppelt-konstruktive Beschaffenheit hervor-
von Massenmedien und S., die Eigenschaften des in- gehoben: Sportlerbiographien vermitteln erstens nicht
szenierten Medien-S. und die Auswirkungen der mas- die Realität, sondern vielmehr Wunschbilder der Sport-
senmedialen S.-Berichterstattung auf den Rezipienten – ler; zweitens sind in aller Regel nicht die Sportler selbst
mit der grundsätzlichen Ansicht, daß S. und Massen- die Autoren ihrer Autobiographien, sondern Ghost-
medien aufgrund der theatralischen Struktur des S. be- writer. [19] Deswegen handelt es sich dabei vielmehr um
sonders gut füreinander geeignet sind. Die S.-Philoso- die «Imitation einer Autobiographie» [20] und insge-
phie interpretiert S. als archetypisches Modelldrama, samt um eine «Fälschung in einer gefälschten Welt» [21].
deckt seine poetologischen Strukturen auf und unter- Großen Raum im sportlichen Kontext der Cultural
sucht dabei den schöpferischen Charakter der S.-Be- Studies hat von Anfang an auch die Genderforschung
richterstattung. eingenommen, was sich insbesondere in zahlreichen Ta-
I. S.-Soziologie. Zwar fehlt es der soziologischen For- gungen und den daraus resultierenden Sammelbänden
schung an einer eigenen S.-Theorie – theoretische An- dokumentiert. Die Auseinandersetzung mit frauen- und
sätze aber gibt es durchaus. Seit 1980 insbesondere mädchenspezifischen Fragestellungen im Sport bietet
durch N. Elias und E. Dunning [12], die zunächst cha- multiple Ansatzpunkte – ist aber von einem Grundan-
rakteristische Eigenarten der englischen Fuchsjagd mit liegen getragen: «Im Zusammenhang mit Emanzipati-
früheren Formen der Jagd vergleichen. Sie entdecken onsbestrebungen wird versucht, die Benachteiligung
einen relevanten Umschwung in der Art des Vergnü- von Frauen in den verschiedenen Handlungsfeldern
gens der Teilnehmer: Obgleich die Tiere gejagt, «wur- des Sports aufzudecken und die öffentlich proklamier-
den sie nicht von Menschen verspeist» [13]. Diese neue te Chancengleichheit von Jungen und Mädchen so-
Art des Vergnügens mit der stärkeren Betonung der wie Männern und Frauen auch tatsächlich herzustel-
Spannung und Erregung der Vorfreude sehen Elias und len.» [22] Der Band ‹Gender, Sport and Leisure› gibt mit
Dunning wesentlich auch für den S. den vier Themengebieten Participation, Education, Po-
In jüngerer Zeit bereichern K.H. Bette und U. Schi- pular Culture und Policy and Action einen umfassenden
mank die soziologische S.-Forschung. S. ist für Schimank Einblick in die internationale Genderforschung im
strukturell definiert, indem «mindestens zwei sportliche Sport. [23]
Gegner – Individuen oder Mannschaften – [...] in einen Auch die Rassen- und Sozialpolitik des S. ist ein The-
Kampf miteinander ein[treten]; und der Zuschauer [...] ma der Cultural Studies. R. Thompson hat schon in den
dies als jemand [beobachtet], der nur höchst einge- 1960er Jahren den Zusammenhang von «Race and
schränkte Eingriffsmöglichkeiten besitzt. Zwei produ- Sport» untersucht und gezeigt, daß S. in vielen Fällen
zieren sich vor einem Dritten.» [14] Weil (Spitzen-) rassistische Barrieren brechen kann. [24] Für G. Gebau-
Sportler einem schrankenlosen Siegcode ausgesetzt sei- er ist der Athlet stets der typische Repräsentant einer
en, fassen Bette und Schimank gemeinsam Doping nicht ethnischen Gruppe, «an dem sich die wesentlichen
als moralisches Versagen der Sportler auf, sondern viel- Merkmale seiner Ethnie exemplarisch zeigen.» [25] T.
mehr als unvermeidlichen Struktureffekt im S.-System – Alkemeyer und B. Bröskamp weisen wiederum darauf
wohlwissend, daß der S. als Institution selbst wiederum hin, daß S. zwar eine ideale Begegnungsstätte für Men-
Doping auch aus strukturellen Spannungs-Gründen schen und Völker darstelle, daß die körperliche Anders-
nicht tolerieren kann. [15] Bette und Schimank vollzie- heit von sportlichen Gegnern aber auch als Fremdheit

1243 1244
Sport Sprachpolitik

aufgefaßt und im Sinne ‘rassischer’ Merkmale gedeutet 5 eine rhetorische Analyse liefert u. a. Heil [2]. – 6 M. Koch: Brot
werden könne. [26] u. Spiele. Über die Rel. des S. (2009) 58. – 7 vgl. M. Krüger: Einf.
II. Massenmedien und S.-Philosophie. Das Thema Me- in die Gesch. der Leibeserziehung u. des S. T. 1: Von den Anfän-
gen bis ins 18. Jh. (2004) 167–211. – 8 ebd. 210f. – 9 Krüger [7] T.
diensportrealität dominiert die medienwissenschaftliche 2: Leibeserziehung im 19. Jh. Turnen fürs Vaterland (1993) 37. –
S.-Literatur und wird in Deutschland zunächst von J. 10 ebd. – 11 s. hierzu u. a. G. Gebauer: Welche Wiss. für den S.?,
Hackforth [27], später insbesondere von T. Horky [28] in: ders.: S. in der Ges. des Spektakels (2002) 5ff. – 12 N. Elias, E.
vertreten. Untersucht werden die vielfältigen Inszenie- Dunning: S. u. Spannung im Prozeß der Zivilisation (2003). –
rungsprozesse der S.-Ereignisse insbesondere in Bezug 13 ebd. 53. – 14 K.H. Bette, U. Schimank: Eine Verschränkung
auf das Medium Fernsehen (Bild, Schnitt, Ton, Zeitlu- von ‹erster› u. ‹zweiter Moderne›, in: W. Gebhardt, R. Hitzler,
pe, Wiederholung, Einblendung); meist einhergehend M. Pfadenhauer: Events. Soziol. des Außergewöhnlichen
mit dem kritischen Fazit, daß die Realität auf dem Platz (2000) 307. – 15 K.H. Bette, U. Schimank: Doping im Hoch-
leistungssport. Anpassung durch Abweichung (2006). – 16 D.
mit der des Rezipienten «nur noch peripher in Einklang Bermann: Playful Fiction and Fictional Players. Game, S. and
gebracht werden» könne. [29] Survival in Contemporary American Fiction (New York/ Lon-
Im skandinavischen Raum liefern Ende der 90er- don 1981). – 17 K. Messenger: S. and the Spirit of Play in Ame-
Jahre P. Raunsbjerg und H. Sand einen wichtigen Bei- rican Fiction (New York 1981). – 18 vgl. H.-M. Müller: Bi-
trag zu den kommunikativen Prozessen im S.-System. In zepsaristokraten. S. als Thema der essayistischen Lit. zwischen
ihrer Analyse ‹TV Sport and Rhetoric› [30] verstehen sie 1880 u. 1930 (2004). – 19 vgl. G. Ueding: Mein Spiel, mein Le-
den massenmedial vermittelten S. auf drei Ebenen: Or- ben. Sportlerbiogr. von Max Schmeling bis Franz Beckenbauer,
ganizer (Event), Viewer (Receiver), Producer (Sen- in: O. Grupe (Hg.): Kulturgut oder Körperkult? S. u. Sportwiss.
im Wandel (1990) 131–153. – 20 ebd. 152. – 21 ebd. 150. – 22 K.
der). [31] Die Autoren versuchen zu zeigen, daß die Behm, K. Petzsche: Einf. in das Tagungsthema, in: ders.: Mäd-
schon durch Regeln gestützten Events zunächst durch chen u. Frauen im S. – Natur- u. Geisteswiss. im Dialog (1998) 7.
die gezielte massenmediale Aufarbeitung, als zweites – 23 vgl. A. Tomlinson (Hg.): Gender, S. and Leisure: Continui-
dann vom Rezipienten selbst interpretiert und verän- ties and Challenges (Oxford 1997). – 24 vgl. R. Thompson: Race
dert werden. S. Barnett relativiert wiederum den and S. (London 1964). – 25 G. Gebauer: Der Körper als Symbol
schöpferischen Charakter des Reports und fokussiert für Ethnizität, in: B. Bröskamp, T. Alkemeyer (Hg.): Fremdheit
seinen Blick auf das reale Geschehen auf dem Platz, das u. Rassismus im S. Tagung der dvs-Sektion Sportphilosophie
dem Report die Erzählung maßgeblich diktiere. [32] Al- vom 9.–10.9.1994 in Berlin (1996) 81–85. – 26 ebd. 177. – 27 s.
u. a. J. Hackforth: Sportmedien u. Mediensport. Wirkungen,
lerdings stellt sich hier die Frage, inwiefern die skizzierte Nutzung, Inhalte (1988). – 28 T. Horky: Die Inszenierung des
kritische Unterscheidung zwischen der sogenannten S. in der Massenkommunikation. Theoretische Grundlagen
‘faktischen Realität’ und der ‘Mediensportrealität’ sel- u. Analyse von Medienberichterstattung (2001). – 29 Hack-
ber ein Konstrukt ist; Realität im Report ist immer forth [27] 28. – 30 P. Raunsbjerg, H. Sand: TV S. and Rhetoric,
schon rhetorisch vermittelt. in: U. Carlsson (Hg.): Nordicom Review, Bd. 19, No. 1 (1998)
Aus rhetorischer Sicht leistet hier die S.-Philosophie 159–174. – 31 ebd. 164. – 32 vgl. S. Barnett: Games and Sets: The
die verheißungsvollsten Ansätze bei der Untersuchung Changing Face of S. on Television (London 1990) 156. – 33 H.
des konstruktiven S.-Charakters. 1983 faßt H. Lenk S. Lenk: Eigenleistung sportlich – athletisch, in: ders.: Eigenlei-
stung. Plädoyer für eine positive Leistungskultur (Zürich/ Os-
als archetypisches Modelldrama auf, das dem Zuschauer nabrück 1983) 48f. – 34 vgl. R. Barthes: Die Tour de France als
spannungsgeladene Dramen vorspiele, die seine Schwie- Epos, in: G. Gebauer, G. Hortleder: Sport – Eros – Tod (1986)
rigkeiten und seinen Lebenskampf «symbolisch spie- 28. – 35 G. Gebauer: Geschichten, Rezepte, Mythen. Über das
geln, ihn fesseln: Er versetzt sich in die Akteure, fiebert Erzählen von Sportereignissen (1983) 143.
mit seiner Mannschaft.» [33] R. Barthes interpretiert
ebenfalls in den 1980er Jahren den S. als modernes Hel- J. Heil
denepos: Übermenschliche Schicksale, in Rollenträgern
verkörpert, werden dramatisch inszeniert, Konflikte tür- ^ Affektenlehre ^ Agonistik ^ Bericht ^ Bild, Bildlichkeit ^
men sich auf, werden durch Aktion gelöst. Bei der Tour Biographie ^ Descriptio ^ Enkomion ^ Epinikion ^ Eviden-
tia, Evidenz ^ Feature ^ Fernsehrhetorik ^ Medienrhetorik
de France beispielsweise prallen Natur und Mensch, ^ Presse ^ Radiorhetorik ^ Reportage
Partner und Gegner aufeinander. Barthes zeigt, wie jede
einzelne Etappe nach epischen Prinzipien konstruiert
ist. [34] Aktuell betont v. a. G. Gebauer den konstrukti-
vistisch-rhetorischen Charakter des S.: Ausgehend von Sprachpolitik (engl. language policy; frz. politique de la
der Feststellung, daß sportliche Ereignisse eigentlich langue; ital. politica della lingua)
keinen Sinn haben, selbst also nichts aussagen, folgert er, A. Begriff und Anwendungsbereiche: I. Terminologische As-
daß sie eben wahrgenommen werden müßten. Diese pekte. – II. S. und Nationalstaat. – B. Geschichte: I. Antike. – II.
Wahrnehmung besteht aber nicht aus reinen Aufzeich- Mittelalter. – III. Neuzeit. – IV. Tendenzen der S. in der Mo-
nungen oder Wiedergaben einer wahrgenommenen derne: 1. S. in multinationalen Staaten. – 2. S. in Nationalstaaten
Wirklichkeit, sondern ist sprachlich-rhetorisch organi- mit Sonderregelungen für Regionalsprachen. – 3. S. in Natio-
siert. Bestimmte Formen der sprachlichen Darstellung nalstaaten mit exklusiver Förderung einer Majoritätssprache. –
organisieren die auf spezifische Weise eingerichtete V. Englischer Sprachimperialismus. – VI. Sprachpolitische
Wahrnehmung, wodurch dieser Prozeß «sehr viel mehr Konzepte in der Europäischen Union.
mit Produktion als Reproduktion» [35] zu tun habe. A. Begriff und Anwendungsbereiche. I. Terminolo-
gische Aspekte. S. ist ein begrifflich vielschichtiges und
konnotationsreiches Konzept. Der deutsche Ausdruck
Anmerkungen: ‹Politik› hat eine breit ausgefächerte Bedeutung, wäh-
1 vgl. Der Brockhaus S.: Sportarten u. Regeln, Wettkämpfe u.
Athleten, Training u. Fitneß (2007) 433. – 2 vgl. hierzu v. a. J.
rend in manchen anderen Sprachen der übergreifende
Heil: Die Rhet. des Spitzensports (Diss. Tübingen, in Vorb. Begriff ‹Politik› terminologisch ausdifferenziert wird,
2011). – 3 vgl. ebd. – 4 vgl. M. Danneboom: Der Einfluß des wie im Englischen: politics (Inhalte und Planung politi-
Kommentars bei Fußballübertragungen, in: J. Hackforth, Chr. schen Handelns; Politik als Handlungsstrategie) und po-
Fischer (Hg.): ABC des Sportjournalismus (2004) 147–159. – licy (Maßnahmen, um Politik auszuführen und durch-

1245 1246
Sprachpolitik Sprachpolitik

zusetzen; die Instrumentalisierung politischen Han- lischen Stier machen» [3]. Die Reaktion Frankreichs auf
delns). diese Nachricht, die als ‹Emser Depesche› in die Ge-
Die sprachliche Komponente kann auf zweierlei Wei- schichtsbücher eingegangen ist, war die Kriegserklärung
se zum Ausdruck gebracht werden, entweder in der an Preußen.
Form Sprachpolitik oder als Sprachenpolitik. Diesbe- Wenn man das Studium der S. in solche Dimensionen
züglich gibt es keine Normierung im Sinn einer Präfe- ausweitet, wird die multifunktionale Rolle von Sprache
renz für eine der beiden Alternativen. Sinnvollerweise besonders deutlich:
wird der Ausdruck Sprachpolitik in solchen Kontexten – Sprache ist das Objekt, auf das politisches Handeln
verwendet, wo Politik auf ein bestimmtes Kommunika- ausgerichtet ist (Sprache und Staat als Problematik der
tionsmedium (eine Einzelsprache) ausgerichtet ist, wie Sprachsoziologie);
beispielsweise im Fall der Institutionalisierung des Fran- – Sprache ist das Instrument politischen Handelns
zösischen als Staatssprache in der nachrevolutionären (Politische Geschichte der Sprachnationen und Natio-
Republik Frankreich. Sprachenpolitik ist der Bereich nalstaaten als Domäne der Geschichtswissenschaften);
politischer Planungen und deren Ausführung, die sich – Sprache ist das Medium, über das sich politisches
auf das Verhältnis mehrerer Sprachen zueinander bezie- Handeln artikuliert (Sprache der Politik als Arbeitsfeld
hen, wie die Statusbestimmung des Katalanischen und der Rhetorik und Kommunikationsforschung).
Spanischen und deren funktionale Spezifik in der auto- Die Forschungen zur Nationalsprachenideologie er-
nomen Region Katalonien. [1] möglichen es, die Motivation des politischen Han-
II. S. und Nationalstaat. S. wird ganz allgemein ver- delns der Sprachnationen als kollektive Identitätsfin-
standen als ein begriffliches Kompositum, bei dem die dung durch Sprache und deren Politisierung zu begrei-
Sprachkomponente das Bezugsobjekt der Politik ist. fen. Diese Form von Identitätsfindung erschwert u. a.
Diese Identifizierung des Verhältnisses von Sprache den Integrationsprozeß der Europäischen Union bis
und Politik entspricht dem Kanon der soziolinguisti- heute.
schen Forschung. Tatsächlich aber erweitert sich die Be- Die längste Zeit ist S. in Europa tatsächlich auf ein-
deutung dieses Konzepts in eine Domäne, die bislang zelne Staaten begrenzt. [4] Die politischen Veränderun-
nicht gebührend erkundet worden ist, nämlich in das gen der vergangenen Jahrzehnte bringen jedoch die
Aktionsfeld von nationalstaatlicher Politik mit Sprache Ausweitung des politischen Integrationsprozesses in
als ihrem Instrument bzw. mit einer sprachlichen Agen- Westeuropa mit sich. Über Vertragswerke wie das von
da als Orientierungsgröße. Der Problemkreis, um den es Lissabon (2009) verstärkt sich das Gewicht supranatio-
hier geht, ist sozusagen im interdisziplinären Zusam- naler politischer Interessen innerhalb der Europäischen
menhang angesiedelt, wozu Fächer wie Soziolinguistik, Union (EU), und seit Jahren steht die S. in den Staaten
Politik- und Geschichtswissenschaft, Kommunikations- der EU in einem nicht immer konstruktiven zwischen-
forschung und Rhetorik gehören. Die Geschichte der staatlichen Dialog.
Nationalstaatsidee und ihrer Umsetzung in Realpolitik Der historische Prozeß der Verbreitung der Welt-
mit der Legitimation durch Nationalsprachenideologie sprachen innerhalb und außerhalb Europas eröffnet ein
im Zeitalter des Nationalismus ist die Geschichte der Aktionsfeld für sprachpolitische Aktivitäten, auf dem
Politik, die das Konzept der Nation (= Sprachnation) die auf die Förderung eines bestimmten globalen Kom-
beeinflußt (und zwar in Friedens- wie Kriegszeiten) und munikationsmediums ausgerichtete Politik zwar von ei-
auf die Synchronisierung territorialer und sprachlicher nem Einzelstaat ausgeht, die Auswirkungen allerdings
Grenzen abzielt. globale Reichweite entfalten. [5] Eine solchermaßen
In einer übergreifenden Betrachtung des Phänomens motivierte S. artikuliert sich in zwei Hauptvarianten, in
S. verdient die Politik mit Sprache als Objekt ebensolche Form einer offenen Ansprache (overt language politics)
Aufmerksamkeit wie die Politik mittels Sprache. Wenn oder in einer verdeckten, ideologisch-kryptischen Form
Sprache nicht nur eines von vielen Objekten ist, auf die (covert language politics). Die erste Variante sprachpo-
sich Politik richtet, sondern zum Fundament für die litischen Handelns ist charakteristisch für die französi-
Ideologie einer «Sprachnation» [2] wird, dann ist S. so sche S. mit der offenen Förderung des Französischen als
gut wie äquivalent mit der Politik der Nationen Europas. solidarisches Bindeglied der frankophonen Staaten und
So ist die Realpolitik, die Otto von Bismarck (1815– Völker. Die ideologisch verdeckte Variante war das Pri-
1898) als Ministerpräsident Preußens zur politischen mat der sowjetischen Sprachenpolitik mit dem interna-
Einigung der von Deutschsprachigen bewohnten Län- tionalistisch verbrämten Kult des Russischen. [6]
dern betreibt, im weiteren Sinn S., und dies gilt ebenso Die konzeptuellen Grenzen zwischen dem, was unter
für die Entstehungsbedingungen der anderen modernen Sprachpflege fällt und was eigentliche S. ist, sind flie-
Nationalstaaten Europas. ßend. Es ist weder sinnvoll noch von praktischem Nut-
Daß sich Bismarck sehr wohl der Wirkung von Spra- zen, diese beiden Begriffe strikt voneinander zu tren-
che und rhetorischer Diktion auf politische Entschei- nen, denn es handelt sich um zwei Gravitationen von
dungsprozesse bewußt ist, zeigt seine Manipulation des Aktivitäten, die beide auf Sprache ausgerichtet sind.
Textes eines Telegramms, das der preußische König Das im 16. und 17. Jh. aufblühende Akademiewesen – im
Wilhelm I. dem Ministerpräsidenten am 13. Juli 1870 zu- Jahre 1582 wird die ‹Accademia della Crusca› in Italien
sendet. Die Nachricht bezieht sich inhaltlich auf ein Ge- gegründet, es folgen 1617 die deutsche ‹Sprachgesell-
spräch des Königs mit dem französischen Botschafter. schaft› und 1635 die Académie Française in Frankreich –
Der König überläßt es Bismarck, den Inhalt der Nach- steht im Zeichen der Sprach- und Kulturpflege so-
richt an den französischen König weiterzuleiten und öf- wie der standardsprachlichen Normierung. [7] Solche
fentlich bekannt zu machen. Bismarck manipuliert den sprachpflegerische Aktivität ist nach ihrer Aufgaben-
Text, indem er ihn verkürzt, so daß der Eindruck einer stellung anders gewichtet als etwa die Institutionalisie-
feindseligen Haltung Preußens gegenüber Frankreich rung des Französischen, d. h. des Franzischen, der
entstehen muß. Dies ist politisches Kalkül, denn Bis- Sprachform der Region von Paris und am französischen
marck will den «Eindruck des roten Tuches auf den gal- Königshof, als exklusive Amtssprache des Königreichs

1247 1248
Sprachpolitik Sprachpolitik

Frankreich in der ‹Ordonnance de Villers-Cotterêts› Tradition zu bestätigen, wodurch die kulturelle Identität
(1539). Dies ist ein Akt von sprachpolitischer Tragweite, und das Bewußtsein des sozialen Zusammenhalts in der
durch den alle anderen bis dahin verwendeten Sprachen Gemeinschaft gestärkt werden.
Frankreichs von Amtsgeschäften ausgeschlossen wer- Die Grundbedeutung des griechischen Ausdrucks
den. Das betrifft das Lateinische als Urkundensprache ‹Mythos› als geordnete Rede legt nahe, daß dieser Be-
und das Occitanische als Gerichtssprache. [8] griff für die archaische griechische Gesellschaft noch im
Auch der Aufgabenbereich der modernen S. ist viel- 8. Jh. v. Chr. nicht in Opposition zur Kategorie ‹Logos›
schichtig und entzieht sich jeglicher artifizieller Grenz- als Gedanke, Idee (lat. ratio, Produkt des Verstands)
ziehung. Ein Beispiel liefern die Dimensionen für eine S. steht. «Selbst dann, wenn die Worte – in Gestalt von
der am europäischen Integrationsprozeß beteiligten Geschichten über Gottheiten oder Helden – stark reli-
Länder. Drei Schwerpunkte sprachpolitischen Han- giös befrachtet sind, indem Geheimwissen an eine Grup-
delns sind eng miteinander verzahnt: (1) die Wahl von pe von Initiierten vermittelt wird, das der gemeinen Zu-
Fremdsprachen im Ausbildungswesen und die Koordi- hörerschaft verborgen bleibt, können muthoi ebenso gut
nation der Fremdsprachenausbildung in den EU-Län- hieroi logoi, heilige Reden, genannt werden». [10] Erst
dern; (2) gesellschaftspolitische Reaktionen auf den die gesellschaftlichen Umbrüche in der Zeit vom 7. bis
Globalisierungsdruck des Englischen (die Auseinander- 4. Jh. v. Chr. machen aus dem Mythos das, was die anti-
setzung mit dem Denglischen); (3) die Suche nach ken Schriftsteller des römisch-griechischen Kulturkrei-
sprachpolitischen Alternativen zur Integration von Im- ses und die auf deren Schriften gegründete Antikentra-
migrantensprachen). [9] dition Europas darunter verstehen: Mythos als phanta-
B. Geschichte. I. Antike. S. beruht ursächlich auf sievolle Erzählung in Opposition zu Logos als einem
dem Bedürfnis, das Spannungsverhältnis zwischen meh- dem rationalen Denken verpflichteten Konzept.
reren Sprachen innerhalb eines politischen Aktionsfel- Allerdings gibt es bekannte Vertreter der griechi-
des zu kontrollieren und die Funktionsbereiche von schen Geistesgeschichte, die eine solche begriffliche
Sprachen im Interesse der politischen Stabilität inner- Trennung nicht akzeptieren. So wählt Platon das Me-
halb einer staatlichen Organisation abzugrenzen. Hier dium des Mythos, um seinen Ideen die größtmögliche
werden zwei Grundbedingungen für S. deutlich. Zum Popularität unter den Zeitgenossen zu garantieren,
einen setzt sie die Existenz einer staatlichen Ordnung denn «[...] Plato verbindet alle die Mythen, die er erfin-
voraus, in der Politik wirksam werden kann. Zum an- det und viele der traditionellen Mythen, von denen er
deren belegt die Geschichte aller Staaten, daß die je- Gebrauch macht, mit der Philosophie, und auf diese
weilige Landesbevölkerung mehr als nur eine Sprache Weise überwindet er die traditionelle Opposition von
gesprochen hat. Dies gilt für alte Reiche wie Assyrien mýthos und lógos» [11]. Allerdings erfährt sein rhetori-
oder China ebenso wie für das römische oder byzanti- scher Brückenschlag zwischen den Ausdrucksformen
nische Reich sowie für die Staaten, die in der Nachantike von Mythos und Logos in der antiken Welt keine blei-
entstanden sind. Gleiches läßt sich auch für Europa sa- bende Resonanz. Diese beiden Kategorien streben kon-
gen, wo es heutzutage nur zwei Staaten mit ethnisch und zeptuell wie funktional auseinander.
sprachlich homogener Bevölkerung gibt: Island und Auch die S. des römischen Staates, dessen Ausdeh-
Malta. nung von der Stadt Rom selbst ausgeht und der mit der
Die Geschichte der Staatsbildung setzt in Europa mit Eroberung von Territorien in drei Kontinenten (Euro-
der Entstehung der griechisch-mykenischen Stadtstaa- pa, Asien, Afrika) seinen Zenith erreicht, entfaltet sich
ten in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. ein. als kontinuierlicher Prozeß in zwei Domänen, einer ex-
Über sprachpolitische Maßnahmen der Mykener ist ternen und einer internen. Das Lateinische ist nicht nur
nichts überliefert, doch kann man aus der Verteilung der das Instrument römischer Machtentfaltung sondern
Schriftsprachen in den von Mykenern beherrschten Re- auch das Symbol römischer Zivilisation und Lebenswei-
gionen darauf schließen, daß auch sie bereits S. betrei- se. Als solches spielt das Lateinische eine zentrale Rolle
ben. Sie besetzen kurz nach 1625 v. Chr. den Norden für die Akkulturation und Assimilation der nicht-römi-
Kretas und verdrängen dort das Minoische aus dem amt- schen Völker im Imperium Romanum. Im Prozeß der
lichen Sprachgebrauch. Die Geschichte der griechischen Romanisierung wechseln viele Nicht-Römer zum Latei-
Kolonisation im Mittelmeerraum, die Öffnung des Na- nischen über, dessen gesprochene Variante als Basis für
hen Ostens und Ägyptens für hellenistische Sprach- und die in der Nachantike entstehenden romanischen Spra-
Kultureinflüsse und die sich mit der Erweiterung des chen dient.
Territoriums des Imperium Romanum beständig ver- Zeitgleich mit dieser externen Realität römischer S.
größernde Sprachenvielfalt illustrieren das Wirken von entfalten sich die Rahmenbedingungen für sprachpoli-
S., entweder in verdeckter Form oder in Form konkreter tische Maßnahmen mit direkter Wirkung auf die
Maßnahmen zur funktionalen Sprachenregelung. Sprachstile, die Grammatik und den Wortschatz des La-
Die Absicherung des Status des Griechischen in amt- teinischen. In ihrer kontinuierlichen Kampagne um
lichen Funktionen in den von den griechischen Stadt- Sprachpurismus und rhetorischen Schliff des Lateini-
staaten beherrschten Gebieten ist der externe Aspekt schen erachten die Römer allein das Griechische als
griechischer S. Auch das sprachliche Medium selbst gleichrangig. Die lateinischen Grammatiker und Lite-
macht einen Prozeß sprachpolitischer Positionsbestim- raten beziehen unterschiedliche Positionen, überwie-
mung durch, der insbesondere die Ausbildung rhetori- gend im Sinn einer Annäherung an das griechische Mo-
scher Richtlinien betrifft, um das Griechische zu einem dell, aber vereinzelt auch als Abstandnahme und Los-
effektiven Instrument der griechischen Gesellschaft zu lösung davon. [12]
entwickeln. Der interne Aspekt griechischer S. betrifft Das Schriftlatein ist in der klassischen Zeit ziemlich
die Rivalität von mýthos und lógos. Mythen sind ein ur- einheitlich. Dies ist einerseits bedingt durch die Exklu-
sprünglich zentrales Konzept des griechischen kulturel- sivität Roms als wichtigstem kulturellen Zentrum der
len Gedächtnisses. Sie dienen in der Gesellschaft der lateinischen Sprachkultur, andererseits beruht dieser
frühen Antike dazu, die Kontinuität einer vertrauten Umstand auf einem Trend der Sprachpflege, deren Ver-

1249 1250
Sprachpolitik Sprachpolitik

treter bestrebt sind, regionale Latinismen als rustikal Sprachgebrauch in der Stadt Rom. Ihren Vorbildcha-
abzuwerten und lexikalische Variation auf derselben rakter verdankt diese Stadt dem Umstand, daß sie wäh-
Stilebene zu vermeiden. Schriftsprachlicher Purismus rend der längsten Zeit des Bestehens des Imperium Ro-
wird von den Vertretern der Bildungselite als ein In- manum nicht nur politisches, sondern auch unbestritte-
strument verstanden, die Universalität des geschriebe- nes kulturelles Zentrum des Reiches und damit auch der
nen Lateins im gesamten Imperium Romanum zu ge- eigentliche Ort römischer S. ist.
währleisten. II. Mittelalter. Innerhalb weniger Jahrhunderte macht
Römische Schriftsteller sind bemüht, das Lateinische das Sprechlateinische rasante Wandlungen durch, und
von Fremdelementen frei zu halten, soweit diese als sol- diese Wandlungsprozesse bereiten den Umbruch vom
che zu erkennen sind. Lehnwörter aus benachbarten ita- lateinischen zum romanischen Sprachstadium vor. Über
lischen Sprachen wie Umbrisch, Oskisch oder Falis- die spätlateinische Periode hinaus behauptet die latei-
kisch, die bereits in vorliterarischer Zeit entlehnt wor- nische Schriftsprache ihre Geltung. Während sich im
den sind, bürgern sich in klassischer Zeit bereits fest ein Schriftlateinischen der Spätantike vielerlei Interferen-
und werden nicht mehr als Fremdelemente empfunden. zen der Umgangssprache manifestieren, sind die Aus-
Allerdings verschwinden unter dem Einfluß der römi- drucksformen und Sprachtechniken der mittellateini-
schen normativen Selbstzensur bestimmte, inschriftlich schen Periode losgelöst vom Sprechlateinischen, das im
aus vorklassischer Zeit belegte Formen wie beispiels- frühen Mittelalter außer Gebrauch kommt. [14] Bis in
weise losna (faliskisch) für luna (Mond), cedre (um- die Neuzeit bleibt die lateinische Schriftsprache dem
brisch) für caedere (hauen), plostru (sabinisch) für plaus- Standard der römischen Klassik verhaftet, der zu keiner
trum (Wagen) und parentatid (oskisch) für parentauerit Zeit in Frage gestellt oder reformiert wird.
(möge er die Toten geehrt haben). Allerdings ist das seit dem Mittelalter verwendete
Griechische Einflüsse auf Wortschatz, Wortbildung nachklassische Latein kein strukturelles Fossil. Immer-
und Phraseologie werden aber ohne weiteres akzeptiert. hin wird der Wortschatz des Neulateinischen moderni-
Das Griechische wirkt vorwiegend auf die fachsprach- siert, indem Neologismen mittels Elementen der latei-
lichen Terminologien (z.B. machina, Maschine; gram- nischen Wortbildung auf der Basis lateinischen lexika-
maticus, Grammatiker, Grammatiklehrer; musica, Mu- lischen Materials geschaffen werden (z.B. ordinatrum,
sik; philosophus, Philosoph; gubernare, lenken, regie- Computer; clusura tractilis, Reißverschluß; phonocaseta,
ren), später auch auf die Nomenklatur des christlichen Musikkassette; mutatrum, Stromschalter). Es existieren
Latein ein (z.B. ecclesia, Kirche; baptizare, taufen; mar- Spezialwörterbücher mit neulateinischen Terminologi-
tyr, Märtyrer). Auch in der Syntax (vor allem in der Rhe- en, unter anderem auch für Informatik. [15] Aus struk-
torik und in der Wissenschaftssprache) macht sich grie- tureller Sicht aber ist festzustellen, daß sich das Schrift-
chischer Einfluß geltend. [13] lateinische seit der spätlateinischen Periode nicht mehr
Am deutlichsten ist griechischer Einfluß auf der Stil- verändert hat, denn weder das Mittellateinische noch
ebene der gehobenen dichterischen Sprache spürbar. Zu das Neulateinische weichen in lautlicher, grammatischer
den lateinischen Bildungen dieses Sprachstils gehören oder syntaktischer Hinsicht nennenswert von der spät-
einige, die sich auch in der Gemeinsprache eingebürgert lateinischen Schriftsprache ab.
haben; z.B. agricola, Bauer (wörtl. Land-Bewohner); in- Das konservative Schriftlatein wird über die Spätan-
digena, einheimisch (wörtl. einheimisch-geboren), fru- tike und den Zerfall des römischen Reichs hinaus in
gifer, fruchtbar (wörtl. frucht-tragend). Im übrigen aber Westeuropa in bildungs- und amtssprachlichen Funk-
sind Fremdeinflüsse auf das Lateinische und Abwei- tionen weiter tradiert. Auch die Prinzipien der römi-
chungen von den Normen der klassischen Schriftspra- schen S. in ihren sowohl externen als auch internen Er-
che verpönt. Die Normen der klassischen Schriftsprache scheinungsformen werden nicht vergessen, sondern le-
waren Ausdruck der Latinität (Latinitas) schlechthin. ben weiter und bilden die Grundlage für die S. der
Bei den unerwünschten Abweichungen wurden zwei Staaten und Sprachgemeinschaften, die sich im Mittel-
Kategorien unterschieden: barbarismus (Ausdrucksfeh- alter ausbilden. Jahrhundertelang kommt dem Lateini-
ler, der Einzelwörter betraf) und soloecismus (Syntax- schen ein Monopol als Urkunden- und Kanzleisprache
fehler, der die Phraseologie und den Satzbau betraf). zu, in Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und an-
Diese Kategorisierung findet sich erstmals in der ‹Rhe- deren Ländern. Sukzessive verliert das Lateinische die-
torica ad Herennium› eines anonymen Autors, die zwi- sen privilegierten Sonderstatus an die Landessprachen.
schen 86 und 75 v. Chr. verfaßt wird. Die in diesem Am längsten hält sich das Lateinische als Amtssprache
Handbuch der Rhetorik festgeschriebenen Grundlagen in Ungarn, wo es erst nach der Revolution von 1848 vom
– wie auch die obige Kategorisierung von Fehlern (vitia) Ungarischen abgelöst wird. Als Bildungs- und Litera-
– bleiben für Jahrhunderte richtungweisend und wurden tursprache entfaltet das Lateinische eine noch größere
wiederholt zitiert. Reichweite, die auch die britischen Inseln, Skandinavien
Barbarismen und Solözismen sind nicht die einzigen und Teile Osteuropas einschließt.
Fehlerquellen der klassischen Latinität. Da die korrekt Externe S. ist in der Nachantike – wie in der Antike
verwendete Schriftsprache in eine unmittelbare Bezie- auch – vom Verhältnis der Sprachen in einer multilin-
hung zur urbanen Lebensweise ihrer Benutzer gestellt gualen Bevölkerung bestimmt, selbst wenn diese Pro-
wird, ist demnach der Begriff der ‹Latinitas› aufs engste blematik in den neuen Staaten in kleinerem Maßstab in
mit dem der ‹Urbanität› (urbanitas) verbunden. In Op- Erscheinung tritt als im römischen Reich. In den neuen
position zur urbanitas steht die rusticitas, die allgemein Staaten mit multilingualer Bevölkerung stellt sich für
mit dem Stereotyp der Ungebildetheit, Rohheit der Sit- die politisch Verantwortlichen die Frage, ob das Ver-
ten und sprachlicher Unzulänglichkeit (d. h. Unschärfe hältnis zwischen einzelnen Sprachen zum Vorteil einer
in der Ausdrucksweise, fehlendes Normbewußtsein) einzigen festgelegt werden soll, der dann sämtliche
verbunden ist. Die rusticitas wurde von den römischen Funktionen im öffentlichen Leben (einschließlich aller
Literaten als eine potentielle Fehlerquelle gefürchtet. Staatsgeschäfte) zugeordnet werden, oder ob das Prin-
Das Vorbild für urbanitas sind der Lebensstil und der zip einer kooperativen S. anzuwenden ist, wonach ver-

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Sprachpolitik Sprachpolitik

schiedene Sprachen auf amtlicher Ebene und auch in 13. Jh. von den Mongolen erobert und die lokalen rus-
anderen Bereichen verwendet werden können. sischen Fürstentümer stehen unter der Vorherrschaft
Die Anwendung des einen Prinzips (Staatssprachen- der Tataren, die als Verbündete der Mongolen deren
prinzip) wie des anderen (Prinzip der Kooperation) ist politische Interessen in Osteuropa wahrnehmen. Die
nicht nur ein Phänomen der Neuzeit, sondern beide Auflösung des Vasallenverhältnisses bleibt dem Für-
Prinzipien werden in der S. bereits seit der Entstehung stentum Moskau als Führungsmacht vorbehalten. In der
der Nachfolgestaaten des Römischen Reichs in der Zeit zwischen 1380 und 1480 erheben sich die russischen
Nachantike praktiziert. Es gibt noch eine weitere Alter- Vasallen wiederholt gegen die Tataren und schütteln
native für sprachpolitisches Handeln, nämlich das Pri- deren politische Kontrolle über Rußland endgültig ab.
mat der Diskriminierung von Minderheitensprachen In jener Periode steigt Moskau zur Schutzmacht aller
durch eine einseitig favorisierte dominante Sprache. Russen auf, und die christliche Mission, die der Mos-
Auch dieses Prinzip sprachpolitischen Handelns ist aus kowiterstaat erfüllt, steht im Zeichen der Vereinigung
der Geschichte wohlbekannt, und es entfaltet seine Vi- der russischen Länder. [18] Das Russentum wird damals
rulenz bis in die Moderne. schon – wie später im Zarenreich auch – definiert als die
In multilingualen Staaten wird S. zum Werkzeug der Menschen, die Russisch sprechen und Christen sind. Die
Herrschenden, die verschiedenen Sprachen im Land zu Grenzen der vereinigten russischen Länder decken sich
kontrollieren, was die Zuweisung von Sonderrechten für im Idealfall mit dem Verbreitungsgebiet russischer Sied-
einzelne Sprachen beinhaltet. Die Sprachwahl der lungen.
Kanzleien (einschließlich der Rechtsdokumente) ist im Allerdings ist Rußland bereits während der Periode
Mittelalter der wesentliche Angelpunkt für sprachpoli- der Sammlung der russischen Länder multikulturell und
tische Kontrolle. «Das Bewußtsein, zu einer Sprachge- vielsprachig, denn viele Russen siedeln damals schon
meinschaft zu gehören, konnte zur Basis werden, nicht in Gegenden mit finnisch-ugrischer Bevölkerung. Im
nur für ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, sondern 16. Jh. setzt der junge russische Nationalstaat zum gro-
auch für politische Forderungen.» [16] Gleichzeitig trägt ßen Sprung territorialer Erweiterung an. In einer kon-
eine auf die Sprachwahl der Rechtsdokumente kanali- tinuierlich fortgesetzten militärischen Eroberung und
sierte Politik zum Bewußtsein sprachlich-ethnischer Kolonialisierung immer weiterer Gebiete mit nichtrus-
Grenzmarkierungen bei. Ein Bewußtsein für die wich- sischer Bevölkerung wandelt sich das Zarenreich fak-
tige Rolle von Sprache für die Entstehung von Völkern tisch zu einem multinationalen Staat, in dem schließlich
und später der historischen Nationen Europas wird be- die Russen Ende des 19. Jh. nur ca. 45% der Landesbe-
reits im frühen Mittelalter geformt. völkerung ausmachen, in dem eine strikt auf das Mo-
Die Europäer leben seit jeher im Bewußtsein der nopol des Russischen ausgerichtete S. betrieben wird.
Vielfalt ihrer Sprachen und Kulturen. Es kann ange- Sprache und Religion werden auch zu Kernsymbolen
sichts des konkreten Erlebens von Sprachbarrieren der Nationalstaatsbildung an der westlichen Peripherie
nicht ausbleiben, daß diese auch in das Blickfeld poli- Europas, auf der Pyrenäenhalbinsel. Jahrhundertelang
tisch-staatlicher Interessen rücken. Die Sprachenvielfalt dauern die Auseinandersetzungen zwischen den mauri-
der Europäer wird seit dem Mittelalter in ihrem Ver- schen Herrschern, die lange Zeit den größten Teil Spa-
hältnis zu den Gemeinschaften ihrer Sprecher themati- niens kontrollieren, und den christlichen Königreichen
siert. Isidor von Sevilla (ca. 560–636), den man auch des Nordens. Im Jahre 1492 schließlich gelingt es den
den Schulmeister des mittelalterlichen Europas genannt vereinigten Königreichen Kastilien und Aragón, die
hat, stellt fest: «Am Anfang gab es ebenso viele Völker Mauren von Granada zu besiegen. Damit endet die Ära
wie Sprachen, dann mehr Völker als Sprachen, weil aus der arabischen Präsenz im Westen Europas. Dem Mo-
einer Sprache viele Völker entstanden sind.» [17] Hier nopol der römisch-katholischen Kirche wird bereits vor
liegt der Keim für den späteren Diskurs über das Ver- dem Sieg über die Araber auch ein sprachliches Mono-
hältnis zwischen Sprachen und Völkern. Der mittelal- pol zur Seite gestellt. Das Kastilische verdrängt sämtli-
terliche Begriff der gens wird transponiert in den der che regionalen Schriftsprachen, und im Jahre 1479 er-
Nation, und die wird schon früh in ihrer Sprachgebun- setzt es auch das Katalanische in dessen Funktion als
denheit verstanden. Amts- und Kanzleisprache in Aragón. [19]
Bis heute weit verbreitet sind Vorstellungen, wonach III. Neuzeit. Konfliktreich und ein äußerst komplexer
die Geschichte der Nationalsprachen in Europa im Prozeß ist auch die Geschichte des Aufstiegs des Fran-
18. Jh. als eine der Strömungen der Aufklärung einsetzt, zösischen zur Nationalsprache Frankreichs. Dabei ver-
erste Blüten im Nationalsprachenkult treibt und im läuft die Monopolisierung des Sprachgebrauchs durch
19. Jh. ihre Politisierung in der Nationalstaatenideologie das Französische (d. h. die nordfranzösische Variante
erlebt. Solche Auffassungen sind inzwischen überholt. des Romanischen, die langue d’oı̈l) auf zwei verschie-
Die geistige Vorbereitung auf die Nationalisierung der denen Bahnen. Zum einen löst das Franzische (Sprach-
europäischen Sprachkulturen beginnt schon Jahrhun- form der Region von Paris) die landschaftlichen Lite-
derte vor den aufklärerischen Erörterungen über den ratur- und Amtssprachen in Nordfrankreich ab. Ent-
Eigenwert von Geschichte und Sprache eines Volkes. scheidend für die Monopolstellung des Französischen ist
Zudem beschränkt sich die Rolle der Nationalsprachen aber die Verdrängung der in Südfrankreich verbreiteten
nicht auf ihren kommunikativen Aspekt, sondern dehnt Kultursprache, des Occitanischen (langue d’oc). In meh-
sich weit aus in den Bereich der kulturellen Identitäts- reren Sprachverordnungen wird der ausschließliche Ge-
findung ihrer Sprecher bis hin zu ihrer politischen In- brauch des Französischen als einheitliche Sprache
strumentalisierung. Frankreichs festgeschrieben, von denen die ‹Ordon-
Eine frühe Politisierung des Nationalsprachenkon- nance de Villers-Cotterêts› die Monopolisierung besie-
zepts ist charakteristisch für die Länder an den Peri- gelt. Im Text heißt es zum Sprachgebrauch: «[...] en lang-
pherien Europas, für Rußland im Osten und für Spanien aige maternel françois et non autrement» (in der fran-
im Westen. Die meisten von Russen bewohnten Länder zösischen Muttersprache, und nicht anders). [20] Sowohl
– mit Ausnahme der Republik Nowgorod – werden im in Nord- als auch Südfrankreich ist bis dahin noch das

1253 1254
Sprachpolitik Sprachpolitik

Lateinische verschiedentlich als Urkundensprache in wird auch kein Stimmrecht zugestanden, als es um den
Gebrauch. Volksentscheid über die Gründung der Republik geht.
In der traditionellen europäischen Geschichtsbe- Die französische Sprache wird als nationales Symbol des
trachtung werden Perioden nach bestimmten auffälligen Franzosentums konzipiert und als Kommunikations-
Hauptmerkmalen benannt. Das Zeitalter der konfessio- medium mit exklusiven öffentlichen Funktionen in der
nellen Auseinandersetzungen im 16. Jh. wird bis heute Gesellschaft Frankreichs deklariert. Damit wird einer-
das ‹Zeitalter der Glaubenskriege› genannt. Die Kolli- seits die Idee von der Sprache als wesentliches Kenn-
sion der protestantischen mit der katholischen Werte- zeichen der Nation (= Sprachnation) festgeschrieben,
ordnung bringt aber weit mehr hervor als nur eine Tei- andererseits ein Staat aufgebaut, in dem bei rund einem
lung Europas in eine traditionell katholische und eine Drittel der Bevölkerung Französisch nicht Mutterspra-
neue protestantische Einflußsphäre. Die Förderung der che ist.
Volkssprachen als Medien biblischer Texte durch die Das Ideengut der Französischen Revolution enthält
Protestanten erweitert das Kaleidoskop der in Europa insofern zwei Kernbegriffe: die Verknüpfung der Spra-
verbreiteten Schriftsprachen und leistet einer frühen che mit dem Konzept der politisch bewußten Nation
Nationalisierung der Schriftkulturen Vorschub. Die An- (Sprachnation) und die Verknüpfung des Staatsgedan-
hänger der neuen Lehre finden von nun an ihre religiös- kens mit dem der Nation (Staatsnation nach dem etati-
kulturelle Identität in ihrer Muttersprache, d. h. in einer stischen Prinzip). Die Idee der sprachgebundenen Na-
der zahlreichen Regionalsprachen. tion koexistiert seit dem Ende des 18. Jh. mit der Rea-
Für viele Sprachkulturen ist diese Aufwertung ihres lität Frankreichs als Staatsnation. [23]
Eigenwerts eine solide Basis, auf die sich die Idee natio- Unter dem Eindruck des Widerstandes gegen die
nalsprachlicher Identitätsfindung späterer Zeit gründen Hegemonie Napoleons wird die Richtung festgelegt, in
kann, wie für die nordischen Sprachen, das Finnische, der die Vertreter der intellektuellen Elite (der ‹Deut-
Estnische und die baltischen Sprachen. Die katholische schen Romantik› zu Beginn des 19. Jh.) im deutschen
Kirche richtet sich anfänglich vehement gegen die De- Sprachraum die politische Verwirklichung ihrer Nation
montage der Monopolstellung des Lateinischen als Uni- anstreben. Dies sind Vorstellungen von der Schaffung
versalsprache des Christentums und die Profanisierung eines Einheitsstaates, in dem jeder Bürger Deutscher
biblischer Texte durch ihre Übersetzung in Volksspra- im Sinn von Mitglied der deutschen Sprachgemein-
chen. Es sollte aber kaum eine Generation nach dem schaft wäre. Eine weitere, vom demographischen Stand-
Druck der ersten Wittenberger Vollbibel (1534) in Lu- punkt Europas aus utopische Forderung ist, daß jeder
thers deutscher Übersetzung dauern, bis die Katholiken Deutsch-Sprachige Bürger des deutschen National-
nachfolgen. Im Jahre 1561 erscheint die erste vollstän- staats sein soll. Bismarck macht diese Bestrebungen zum
dige Bibelausgabe in polnischer Sprache. politischen Kalkül und vertritt die Interessen des mäch-
Den entscheidenden Schritt in Richtung auf eine tigsten deutschen Teilstaats, Preußen, in mehreren Krie-
Ausweitung der Pflege und Wertschätzung der Mutter- gen. Dennoch bleibt das Endergebnis der nationalen
sprache bringt die Aufklärung im 18. Jh., deren Vertre- Staatsbildung weit hinter den Idealen zurück. Das Deut-
ter – soweit sie sich mit Sprache befassen – den Aspekt sche Kaiserreich von 1871 vereinigt bei weitem nicht alle
der Gemeinschaftsbildung durch Sprache sowie deren Deutsch-Sprachigen in seinen Grenzen. Die politische
Historizität thematisieren. Deutsche Aufklärer wie Lösung ist ein Kompromiß, denn «das Reich von 1871
Leibniz oder Herder und französische Denker wie Di- befand sich in einer Position zwischen einer preußischen
derot oder D’Alembert ebnen mit ihren Ideen den Dynastie und einem modernen Nationalstaat» [24].
Weg für eine Verknüpfung der Sprache mit ihren Spre- Die nationale Einigung Italiens ist den gleichen Ma-
chern als einer sich durch ihr Kulturschaffen verwirkli- ximen verpflichtet wie die deutsche nationale Bewe-
chenden Gemeinschaft. [21] Dieser Aspekt der kultu- gung. Als einigendes Band der italienischen Nation gilt
rellen Verwirklichung durch die Nationalsprache ist ein deren Sprache, und Italiener zu sein heißt, italienische
besonderes Anliegen von Leibniz, der zwar seine Werke Sprachkultur zu pflegen. Dabei ist die italienische Stan-
überwiegend auf Lateinisch schreibt, der sich aber be- dardsprache auf toskanischer Basis vielen Italienern zu-
müht, neben seiner Korrespondenz auf Französisch nächst fremd, denn die Regionen Italiens pflegen bis zur
auch eine solche auf Deutsch zu pflegen. Wenn Leibniz politischen Einigung des Landes im Jahre 1861 ihre Re-
aber deutsche Briefe schreibt und philosophiert, «dann gionalsprachen (Napolitanisch, Venezianisch, Piemon-
fiel er häufig wieder ins Lateinische zurück, da es der tesisch, Lombardisch, u. a.), und die Wertschätzung der
deutschen Sprache an abstrakten und technischen Ter- Regionalsprachen ist bis heute lebendig. [25]
mini mangelte» [22]. Leibniz versteht seine Forderung Die kleineren Sprachnationen Europas erscheinen
nach der Gründung einer ‹Deutschen Akademie› durch- mit zeitlicher Verzögerung auf der politischen Bühne.
aus als Aufgabe von nationalpolitischer Tragweite, denn Wie im Fall der großen Nationen sind auch die kleineren
er, das Universalgenie, äußert sich dezidiert auch zu den Sprachnationen bei ihren Bestrebungen zur Schaffung
politischen Strömungen seiner Zeit. von Nationalstaaten in Kriege verwickelt, so wie Grie-
Das Gedankengut der Französischen Revolution von chenland, Serbien und Bulgarien im 19. Jh., Finnland,
1789 trägt dazu bei, die Grundidee vom Kulturwert der Estland, Litauen und Lettland im 20. Jh. Die Auflösung
Muttersprache für die Gemeinschaftsbildung auf die des alten Jugoslawien in den 1990er Jahren führt erneut
ihre politischen Rechte einfordernde Gesellschaft aus- vor Augen, daß Nationalstaaten, die sich auf Sprachge-
zudehnen. Die Sprache gilt als einigendes Band der Na- meinschaften gründen, bis heute aus Kriegen entstehen:
tion, deren Mitglieder sich in politischer Selbstverwirk- Slowenien (1991), Kroatien (1991), Bosnien-Herzego-
lichung aktiv zu ihr bekennen. Als Franzosen werden die wina (1991–95), Kosovo (1999 bzw. 2008).
Bewohner Frankreichs angesehen, deren Mutterspra- Die Entwicklung des Irischen als Nationalsprache Ir-
che das Französische ist. Die Sprecher von Minderhei- lands weicht markant von den anderen Fällen einer
tensprachen wie Bretonisch, Baskisch, Occitanisch oder Verwirklichung der politischen Sprachnation ab. Zur
Deutsch (im Elsaß) genießen wenig Ansehen, ihnen Zeit der Gründung der Republik Irland (1937) hat das

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Sprachpolitik Sprachpolitik

Irische beim größten Teil der Bevölkerung, die sich ans eine Amtssprache ist gleichsam prima inter pares,
Englische assimiliert hatte, nur mehr symbolischen während die amtlichen Funktionen anderer, offiziell an-
Wert. Die meisten der heute rund 1 Mio. Sprecher des erkannter Kommunikationsmedien regional begrenzt
Irischen lernen die Sprache in der Schule. Der Sach- bleiben.
verhalt, daß das Irische heute nicht nur symbolischen In der Praxis der S. finden sich zahlreiche Mischsy-
Wert als sprachliche Ikone des irischen Nationalstaates steme, die weder das eine noch das andere Extrem ver-
besitzt, sondern auch von praktischer Bedeutung ist, be- treten, sondern Elemente beider Grundprinzipien mit-
ruht auf einer konsequenten S., durch deren Maßnah- einander verknüpfen. Wenn man davon ausgeht, daß die
men das Irische als konstante Komponente in der zwei- Anerkennung mehrerer Amtssprachen in einem multi-
sprachigen (englisch-irischen) Schulausbildung geför- lingualen Staat pragmatisch motiviert ist, das heißt, im
dert wird. Als eine der Amtssprachen der Europäischen Dienst der Wahrung des sozialen Friedens verschieden-
Union genießt das Irische gleiche Rechte wie die Amts- sprachiger Bevölkerungsgruppen steht, dann ist das Ter-
sprachen der anderen Mitgliedsstaaten. ritorialprinzip gleichsam das Zünglein an der Waage,
IV. Tendenzen der S. in der Moderne. Die historische um ein möglichst gerechtes Gleichgewicht zu erreichen.
Erfahrung zeigt, daß Staaten mit multinationaler und Die Verwaltungsgliederung Belgiens bietet ein Bei-
multilingualer Bevölkerung, die föderativ organisiert spiel für das Prinzip der Anwendung statischer Kriteri-
sind, weniger beständig sind als Staaten mit einer eth- en der Territorialbindung von Sprachen. Es werden
nischen Majoritätsbevölkerung und einer Hauptspra- prinzipiell drei autonome Regionen (entités fédérées)
che. Die Neuordnung der Staatenwelt nach dem Ersten mit jeweils eigener Amtssprachenkonstellation unter-
Weltkrieg führt zur Auflösung alter föderativ-multina- schieden [26]: (1) das einsprachige (germanophone)
tionaler Staaten (die Doppelmonarchie Österreich- Flandern (mit seiner flämischen Bevölkerung) im
Ungarn) und zur Entstehung neuer multinationaler nördlichen Teil Belgiens (mit ausschließlich niederlän-
Staaten (Jugoslawien, Tschechoslowakei). Die politi- discher Amtssprache); (2) die einsprachige (franko-
sche Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte ver- phone) Wallonie im südlichen Teil Belgiens (mit aus-
deutlicht, daß föderativ-multinationale Staaten heute schließlich französischer Amtssprache); die germano-
keine Zukunft mehr haben. Multinationale Staaten fin- phone Region mit deutscher Bevölkerung in Ostbelgien
det man heute vor allem an den Peripherien Europas: (mit französischer und deutscher Amtssprache) ist ad-
die Schweiz in ihrer geopolitischen Randlage, die Rus- ministrativ der Wallonie zugeordnet; (3) die zweispra-
sische Föderation im Osten des Kontinents und Belgien chige Region Großbrüssel (mit französischer und nie-
im Nordwesten. Eine contradictio in adjecto stellt Brüs- derländischer Amtssprache). Die Verfassungsreform
sel als die Hauptstadt eines Landes dar, in dem die Re- von 1993 schreibt den internen Föderalismus der auto-
gierungsbildung eine Gratwanderung zwischen den ex- nomen Regionen Belgiens verwaltungs-, kultur- und
trem konträren Interessen der Sprachgemeinschaften sprachpolitisch fest.
erfordert und politischer Extremismus auf eine Tren- 2. S. in Nationalstaaten mit Sonderregelungen für Re-
nung der Landesteile als selbständige Nationalstaaten gionalsprachen. In den Nationalstaaten, wo das Staats-
abzielt. Gleichzeitig ist diese Stadt das administrative sprachenprinzip vorherrscht, wo also nur eine einzige
Zentrum einer Integrationsbewegung, der Europäi- Sprache amtlichen Status besitzt, sind die territoriale
schen Union, die auf das Zusammenwachsen aller Re- Reichweite der Amtssprache und die territoriale Aus-
gionen Europas setzt. dehnung der staatlichen Souveränität deckungsgleich.
Die historisch tradierten Grundprinzipien der S. sind Solche Verhältnisse herrschen in multilingualen Staaten
bis heute gültig – allerdings in einer veränderten politi- wie Frankreich, Kroatien, Serbien, Rumänien, Grie-
schen Landschaft. Die meisten dieser sprachpolitischen chenland, Estland, Lettland, Armenien usw. vor. Andere
Neukonstellationen zeigen sich in den neu gegründeten Sprachen besitzen neben der jeweiligen Staatssprache
Nationalstaaten. In leicht verallgemeinernder Perspek- keine amtlichen Funktionen, und die Staatssprache ist
tive lassen sich drei Haupttypen sprachpolitischer Rea- auch dort die einzige Amtssprache, wo anderssprachige
lität unterscheiden: 1. Sprachpolitik in multinationalen Bevölkerungsteile leben (z.B. Französisch als Amts-
Staaten, 2. Sprachpolitik in Nationalstaaten mit Staats- sprache in der Bretagne, Serbisch als Amtssprache in der
sprachen und Sonderregelungen für Regionalsprachen, von Ungarn bewohnten Region Vojvodina, Rumänisch
3. Sprachpolitik in Nationalstaaten mit exklusiver För- in den Gemeinden mit ungarischer Bevölkerung in
derung einer Majoritätssprache (ohne Sonderregelun- Transsilvanien, Estnisch in der russischen Enklave von
gen für Regionalsprachen). Dazu gibt es verschiedene Narva usw.).
Untertypen. Nationalstaaten mit Sonderregelungen sind z.B.
1. S. in multinationalen Staaten. In jedem föderativ- Spanien (mit Spanisch/Kastilisch als Hauptsprache und
multinationalen und mehrsprachigen Staat stellt sich regionalen Amtssprachen wie Katalanisch, Galicisch
die Frage nach der Wahl der Amtssprachen. Die histo- und Baskisch) und die Ukraine (mit dem interregiona-
rische Erfahrung im Umgang mit mehreren Amtsspra- len Ukrainisch und den regionalen Amtssprachen Rus-
chen zeigt, daß amtliche Mehrsprachigkeit aufwendig sisch und Krimtatarisch in der autonomen Region
ist und sich unter Umständen hemmend auf den Kom- Krim).
munikationsfluß im öffentlichen Leben auswirkt. Jede Zwar gibt es weit mehr Staaten mit amtlichem Mo-
Regelung des Gebrauchs von Amtssprachen in einem nolingualismus als solche mit amtlicher Mehrsprachig-
multilingualen Staat steht entweder in direkter oder in- keit, die Verwendung mehrerer Amtssprachen ist aber
direkter Beziehung zum Territorialprinzip. Dies bedeu- auch in einigen Staaten verbreitet, deren Bevölkerung
tet, daß sich in Staaten, wo mehrere Amtssprachen ver- sprachlich hochgradig homogen ist. Dies trifft etwa auf
wendet werden, automatisch die Frage ihrer regionalen Malta mit seiner einsprachigen Bevölkerung zu. Haupt-
Bindung stellt. Prinzipiell gibt es zwei Alternativen. sprache des Inselarchipels ist das Maltesische, eine Va-
Theoretisch kann jede der Amtssprachen in einem mul- riante des Nordarabischen. [27] Als Erbe aus der briti-
tilingualen Staat interregionale Geltung besitzen, oder schen Kolonialzeit ist weiterhin das Englische in Ge-

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Sprachpolitik Sprachpolitik

brauch, und zwar als externe (d. h. für außenpolitische Spanglish (Spanish + English) bei den Latinos in den
Zwecke verwendete) Amtssprache in offiziellen Kon- USA.
takten Maltas mit anderen Staaten. Die massive Einwirkung des Englischen – insbeson-
Die Existenz zweier Amtssprachen (Finnisch, Schwe- dere seiner amerikanischen Variante – auf die Natio-
disch) in einem Land wie Finnland ist insofern eine nalsprachen in Europa ruft vielfältige Reaktionen her-
Besonderheit, als diese Zweisprachigkeit lediglich für vor, mit einem breiten Spektrum von Meinungen und
etwa 4% der Landesbevölkerung praktischen Nutzen Einstellungen, in denen sich Konformismus ebenso wie
besitzt. Nach ihrer demographischen Größenordnung die Verbalisierung von Berührungsängsten, Forderun-
ist die finnland-schwedische Bevölkerung eine sprach- gen nach Sprachen(selbst)schutz und ultrapuristischer
lich-kulturelle Minderheit, ihre Sprache besitzt aber in S. sowie ideologisierte Kampagnen gegen sprachlichen
der Administration und den Staatsgeschäften den glei- US-Imperialismus artikulieren. [30] Die Debatte über
chen Rang wie das Finnische. Sämtliche Regierungs- das Pro und Contra der über das Englische kanalisierten
dokumente werden in zwei Sprachen abgefaßt. Die Globalisierung ist seit Jahren ein Dauerthema, dessen
Sonderstellung des Schwedischen erklärt sich aus seiner Forum nicht nur die Massenmedien, sondern auch die
ehemals privilegierten Stellung als Sprache der wirt- wissenschaftlichen Diskurse sind. Allzu leicht gleitet die
schaftlichen, kulturellen und politischen Elite des Lan- Debatte in emotional überfrachtete Leerformeln ab,
des. Als Finnland im Jahre 1917 seine Unabhängigkeit und viele Stellungnahmen vermitteln eher den Eindruck
erklärte, dominieren in der Wirtschaft und im Kultur- einer Stilblütensammlung als den sachorientierter Re-
schaffen des Landes die Vertreter der finnland-schwe- flexionen. Angesichts solcher Gefahren eines Abdrif-
dischen Elite. [28] In den Jahrzehnten der Eigenstaat- tens der Globalisierungsdebatte ins Irrationale wird die
lichkeit verändern sich die Proportionen von finnischer Forderung nach einer pragmatischen Annäherung an
und finnland-schwedischer Bevölkerung sowohl in de- die Problematik des englischen Spracheinflusses (auf
mographischer Hinsicht als auch in der parlamentari- das Deutsche und andere Nationalsprachen Europas)
schen Interessenvertretung merklich zugunsten finni- besonders dringlich.
scher Majoritäten. Die Überformung durch eine dominante Kontakt-
3. S. in Nationalstaaten mit exklusiver Förderung einer sprache, wie sie sich heutzutage in der Einflußnahme des
Majoritätssprache (ohne Sonderregelungen für Regio- Englischen äußert, ist ein Phänomen, das aus der deut-
nalsprachen). Das exklusive Staatssprachenprinzip ohne schen Sprachgeschichte durchaus bekannt ist. Im ausge-
Sonderregelungen für Regionalsprachen im öffentli- henden Mittelalter war die Sprache der Gebildeten an-
chen Leben gilt für einige alte und neue Nationalstaaten gereichert mit Latinismen, von denen die meisten längst
Europas. Seit seiner Gründung im Jahre 1823 wird in nicht mehr gebräuchlich sind. Im 18. Jh. stand das Deut-
Griechenland eine exklusiv am Griechischen orientierte sche in Kreisen der deutschen Aristokratie im Schatten
S. betrieben. [29] Mit Bezug auf eine der bekanntesten des elitären Französisch. Von Friedrich II., der Preußen
Minoritätssprachen, das Makedonische, besagt das grie- von 1740 bis 1786 regiert, ist bekannt, daß er lieber
chische sprachpolitische Monopol in der Praxis, daß die französische Konversation pflegt als das ungehobelte
Existenz einer makedonischen Sprachgemeinschaft im Deutsch zu verwenden. Von den französischen Elemen-
Sinn einer ethnischen Gruppe mit eigener National- ten, die in jener Zeit den deutschen Sprachgebrauch
sprache negiert wird. In offizieller Diktion werden die überfrachten, sind die meisten verschwunden.
Makedonen als «makedonische Griechen» benannt, was Wollte man aber die lateinischen und französischen
zwar den Sachverhalt unterstreicht, daß die Makedonen Kulturwörter (z.B. Element, Realität, Kategorie, Distanz,
Griechisch als Zweitsprache sprechen, was andererseits Tante, Verben mit der Endung -ieren wie probieren oder
die Tatsache verschleiert, daß deren Primärsprache das rotieren), die im deutschen Wortschatz bis heute vorhan-
slawische Makedonisch ist. den sind, entfernen, wäre die deutsche Sprache ärmer an
V. Englischer Sprachimperialismus. Das Englische ist Ausdruckskraft, stilistischem Schliff und terminologi-
das Globalisierungsvehikel par excellence und das scher Prägnanz. Die deutsche Sprache ist im Prozeß der
sprachliche Symbol der medialen Verflechtung im In- beiden historischen Überformungsperioden nicht desin-
formationszeitalter. Dessen Dominanz in der globalen tegriert, sondern sie findet jedes Mal wieder ihre Balance
Kommunikation bringt es mit sich, daß diese Sprache und geht facettenreicher daraus hervor als sie vorher
die Nationalsprachen in vielen Ländern der Welt auf die war. Insgesamt sind wohl die damaligen Sprachkontakte
verschiedenste Weise beeinflußt. Dabei wirkt das Eng- – nach dem Abwurf der rein modisch-zeitgebundenen
lische massiv auf den Wortschatz und die Syntax von Fremdelemente – als wichtige Etappen für den Moder-
Sprachen ein, mit denen es in intensivem Kontakt steht. nisierungsprozeß des Deutschen zu werten.
Dies ist insbesondere in Staaten mit einem hohem Ent- Die Bedingungen der Sprachkontakte sind im Fall
wicklungsniveau der Computertechnologie zu beobach- des Denglischen [31] anders gelagert als zu den Zeiten
ten, deren Kommunikationssysteme sich stark am einer massiven Fremdeinwirkung des Lateinischen oder
Sprachgebrauch digitaler Medien orientieren. Französischen auf das Deutsche. Die deutsche Sprach-
Solche Bedingungen herrschen beispielsweise in landschaft ist in jenen Zeiten medial nicht so intensiv
Deutschland, Frankreich, Finnland oder Japan, und in vernetzt wie heutzutage, und der Sprachgebrauch der
diesen Ländern ist auch die Ausprägung besonderer For- damaligen elitären Gruppen – worauf die historischen
men eines exzessiven, am Englischen orientierten Bildungssprachen im wesentlichen einwirkten – ist weit-
Sprachgebrauchs zu beobachten: Denglisch (Deutsch + gehend abgekoppelt von den Bedingungen der land-
Englisch), Franglais (français + anglais), Finglish (Fin- schaftlichen Umgangssprachen.
nish + English), Japalish (Japanese + English). Sprach- Die Rolle des Englischen unterscheidet sich dadurch
liche Fusionsprozesse unter Beteiligung des Englischen von der der historischen Bildungssprachen, daß es auf
erklären sich andererseits auch aus Bedingungen persön- sämtliche Sprachebenen des Deutschen einwirkt. Ins-
licher Zweisprachigkeit. Derart motiviert sind Sprach- gesamt stellen sich die intensiven englisch-deutschen
varianten wie Hindish (Hindi + English) in Indien oder Kontakte als kulturökologischer Teilprozeß in der na-

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Sprachpolitik Sprachpolitik

türlichen Sprachentwicklung des Deutschen dar. In die- g. Slang der Jugendlichen im urbanen Milieu: Deng-
sem Prozeß wird die deutsche Sprache modelliert und lisch wird für die Gruppenbildungen in den Altersstufen
teilweise umstrukturiert, was der Konsistenz ihrer In- der Discogänger zur Abgrenzungsstrategie gegenüber
frastruktur wohl keinen Abbruch tun wird. Außenstehenden, insbesondere älteren Jahrgängen.
Die Stärke der englischen Einflußnahme mit Bezug Was die eigentliche Dynamik der bereitwilligen Auf-
auf einzelne Textsorten des geschriebenen und ge- nahme englischer Spracheinflüsse ausmacht, ist die ir-
sprochenen Deutsch ist recht unterschiedlich. In den rational-modische Verklärtheit in der Einstellung zur
wissenschaftlichen Diskursen dominiert das Englische Wichtigkeit des Englischen, entsprechend dem Slogan
und ist unverzichtbar für die interdisziplinäre Kommu- «Besser schlechtes Englisch als gutes Deutsch». Eine
nikation, so daß Deutsch als Wissenschaftssprache zu- objektive Grenzmarkierung zwischen Deutsch mit eng-
nehmend gefährdet ist. Andererseits ist die Umgangs- lischen Einsprengseln und Denglisch mit Fusionscha-
sprache überfrachtet von modischen Anglizismen ohne rakter ist kaum möglich. Hier hat man es mit fließenden
praktischen Stellenwert. Im Kontrast dazu werden der Übergängen zu tun. Anglizismen werden häufig gar
literarische Stil und das Amtsdeutsch nur mäßig vom nicht mehr als solche wahrgenommen, weil sie sich be-
Englischen berührt. [32] reits fest eingebürgert sind (z.B. Pack für Packung; Air-
Bestimmte Bereiche der Sprachverwendung und ihre condition für engl. air conditioning; das macht Sinn als
Textsorten heben sich von anderen dadurch ab, daß Lehnübersetzung von that makes sense).
Phänomene von denglischer Sprachmischung häufiger Signale für Denglisch werden gesetzt
auftreten: – bei der Verwendung englischer Wörter in Zusam-
a. Sprachgebrauch der Wissenschaft: Als Wissen- menhängen, wo es gängige deutsche Ausdrücke für die-
schaftssprache hat das Englische bestimmte Nischen- selben Begriffe gibt (z.B. checken für kapieren, State-
funktionen übernommen, die für Sprecher der deut- ment, Event, User, Service Point, Ticket Counter, Casting
schen Umgangssprache außerhalb von deren Reichwei- für Vorstellungsgespräch, Sixer für Sechserpack usw.);
te liegen. Der vom Englischen durchsetzte Fachjargon – im Fall der Bevorzugung hybrider Bildungen (z.B.
(mit zahlreichen hybriden Termini) der verschiedensten shoppen gehen, user-freundlich, Movie-Freund, einlog-
wissenschaftlichen Disziplinen bleibt auf den Sprach- gen);
gebrauch von Spezialisten beschränkt. Zwar spielt die – durch die Einführung künstlicher Wortneubildun-
Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für eine gen (z.B. wellness).
breitere Öffentlichkeit eine wichtige Rolle, dies hat aber Mit extremen Strukturen von Denglisch wird man in
nur mittelbare Auswirkungen auf den alltäglichen solchen Kontexten konfrontiert, wo die sprachliche
Sprachgebrauch. Ausdrucksform durch Techniken von Code-switching
b. Technodeutsch: Das Techno-Kauderwelsch der geprägt ist; z.B. «ich finde das auch really sh 1 ce wen
technisch-technologischen Fachsprachen (z.B. in der nobody meer richtig german writen tut. Es ist so be-
Computerbranche, der Automobilindustrie) wirkt auf ängstigent wen some leute keine satzzeichen meer usen
die Alltagssprache derjenigen ein, die beruflich mit die- wo man dann den sentence nicht mehr readen kann»
sen Branchen zu tun haben (z.B. Händler, Zulieferer). (Sprachprobe aus einem Internet-Forum). [33]
c. Sprachgebrauch der Massenmedien: Die Qualität VI. Sprachpolitische Konzepte in der Europäischen
des journalistischen Sprachgebrauchs variiert stark in Union: Verhältnis zwischen den Sprachen der Einheimi-
den einzelnen Presseorganen und im Fernsehen. Die schen und Immigranten. Für die S. der Staaten Europas
Textsorten der Medien (Nachrichten, Reports, Unter- eröffnet sich mit der Zunahme der Immigrantenspra-
haltungssendungen u. a.) zeigen mehr oder weniger star- chen und dem Anwachsen von deren Sprechergruppen
ke Einbrüche des Denglischen. ein Aktionsfeld, auf dem zwar eifrig experimentiert
d. Internet, E-mail, SMS: Der Sprachgebrauch der In- wird, aber langfristige Strategien noch auf sich warten
ternet-Kommunikation ist nicht nur eine der vielen lassen. Statt solider Aufarbeitung der aktuellen Proble-
Sparten des Technodeutschen, der umgangssprachlich me und Strategiekonzepte für sprachpolitisches Han-
orientierte Internet-Jargon besitzt Breitenwirkung in deln dominieren, so scheint es, bislang verbale Absichts-
allen Schichten der Bevölkerung und in fast allen Alters- erklärungen, denn «die Literatur über diese Thematik
stufen (z.B. bloggen, browsen, chatten, homepage, web- ist eher durch wertbeladene normative Rhetorik als
link). Insbesondere in den Chat-Seiten spiegelt sich der durch nicht gefühlsbetonte Überlegungen gekennzeich-
Trend zum Denglischen mit den Folgen einer stilisti- net» [34].
schen Verarmung des Deutschen. Ähnlich stilistisch re- Die Zahl der Immigrantensprachen, d. h. der Spra-
duziert in seinem Ausdruckspotential ist das Sprachni- chen der Neueuropäer, übersteigt heute bereits 250 und
veau der SMS-Kommunikation. ist damit weitaus größer als die der bodenständigen
e. Marketing, Management, Werbebranche: Berufs- Sprachen in Europa, deren Zahl bei knapp über 140
beschreibungen in Werbeanzeigen sind ohne Beteili- (einschließlich der Kaukasus-Region) liegt. Die beson-
gung des Englischen nicht denkbar. Vielfach ist Eng- deren Kontaktbedingungen von Immigrantensprachen
lisch die Hauptsprache auch für das Marketing im (community languages in der englischen Terminologie)
deutschen Inland. Die Umgangssprache ist je nach Ge- sind bereits seit den 1980er Jahren für einzelne Länder
sprächssituation und Kontext stärker oder schwächer aufgearbeitet worden. [35] Dabei handelt es sich aber
mit englischen Elementen durchsetzt. Die Sprechsi- noch nicht um ein Phänomen mit gesamteuropäischer
tuation beim Kauf eines Wagens oder Handys aktiviert Relevanz. Die Immigrantensprachen beeinflussen aller-
mehr Denglisch als beim Kauf von Möbeln oder Zim- dings seit den 1990er Jahren mit dem massiven Zustrom
merpflanzen. von Asylsuchenden und Arbeitsimmigranten zuneh-
f. Entertainment: Der Sprachgebrauch der Unterhal- mend die Sprachenlandschaft in ganz Westeuropa und
tungsbranche (präsent im Fernsehen und im Internet) ist in Teilen Osteuropas. [36]
an einen modischen Trend mit denglischer Orientierung Es entstehen dabei neuartige Kontaktsituationen von
gebunden. einheimischen und solchen Sprachen, die von außerhalb

1261 1262
Sprachpolitik Sprachpolitik

Europas stammen. Heute stehen die Sprachen afrika- Gesch. und Zukunft der Sprachnationen zwischen Atlantik und
nischer Immigranten mit dem Englischen, Französi- Ural (1993). – 3 zit. nach G. Knopp et al.: Die Deutschen. Vom
schen oder Deutschen auf europäischem Boden in Kon- MA bis zum 20. Jh. (2008) 362. – 4 s. H. Haarmann: Parameter
europäischer Sprachenpolitik in der Ära der Network Society,
takt und setzen eine Tradition fort, die nur aus der Ko- in: H.P. Kelz (Hg.): Die sprachliche Zukunft Europas. Mehr-
lonialgeschichte bekannt ist. Es entstehen immer mehr sprachigkeit und Sprachenpolitik (2002) 77–93. – 5 s. Erläute-
Sprachoasen, die von Migranten aus außereuropäischen rungen dazu bei H. Haarmann: The Politics of Language
Ländern in der Sprachenlandschaft Europas kontinu- Spread, in: U. Ammon et al. (Hg.): Sociolinguistics – An Inter-
ierlich geschaffen und erweitert werden. Diese Sprach- national Handbook of the Science of Language and Society,
oasen fallen bereits jetzt als demographischer Faktor ins Vol. 2 (22004) 1653–1667. – 6 s. H. Kleineidam: Politique de dif-
Gewicht. Allein in Frankreich leben heute mehr als fünf fusion linguistique et francophonie: l’action linguistique menée
Millionen Muslime mit zumeist arabischer Mutterspra- par la France, in: U. Ammon, ders. (Hg.): Language-spread Po-
licy, Vol. 1: Languages of Former Colonial Powers (Internatio-
che, die von außerhalb Europas immigriert sind. Insbe- nal Journal of the Sociology of Language, Vol. 95, 1992) 11–
sondere im urbanen Milieu gestalten sich die Kontakte 31und H. Haarmann: Measures to Increase the Importance of
der Sprachen von Alt- und Neueuropäern immer kom- Russian Within and Outside the Soviet Union – a Case of Co-
plexer. [37] vert Language-spread Policy (A Historical Outline), in: ebd.
Europa erlebt derzeit Prozesse der Neuentstehung 109–129. – 7 zum Akademiewesen der frühen Neuzeit vgl.
von Pidgins. Die Immigranten aus Übersee (insbeson- Haarmann [2] 212f. – 8 zur sprachpolitischen Zentralisierung
dere aus Afrika) nach Westeuropa und aus Asien nach des Französischen s. Chr. Schmitt: Nation und Sprache: das
Osteuropa (insbesondere nach Rußland) bewirken als Französische, in: A. Gardt (Hg.): Nation und Sprache. Die Dis-
kussion ihres Verhältnisses in Gesch. und Gegenwart (2000)
Neueuropäer in der Interaktion mit den alteingesesse- 682f. – 9 über die aktuelle Situation der Fremdsprachenpolitik
nen Europäern sprachliche Interferenzen, die sich mehr informiert der Sammelband von U. Ammon et al. (Hg.): Fremd-
und mehr als Pidgins des Französischen (in den Bal- sprachen an den Schulen der Europäischen Union – Foreign
lungszentren von Paris und Brüssel), des Englischen (in Languages in the Schools of the European Union – Langues
den britischen Industriestädten), des Deutschen (im ur- étrangères dans les écoles de l’Union européenne, Sociolingui-
banen Milieu der Großstädte) [38] und des Russischen stica, Bd. 24 (2010). – 10 J.-P: Vernant: Myth and Society in An-
(insbesondere in Moskau und St. Petersburg) profi- cient Greece (New York 1988) 204, Übers. Verf. – 11 C. Partenie
lieren. Die Sprachenlandschaft Europas öffnet sich in (Hg.): Plato’s Myths (Cambridge/New York 2009) 4, Übers.
Verf. – 12 einen detaillierten hist. Abriß der auf das Lat. gerich-
eine Dimension soziolinguistischer Fusionsprozesse, teten römischen S. bietet R. Vainio: Latinitas and Barbarisms
und diese Prozesse sind Impulsgeber für kontinuierli- According to the Roman Grammarians (Turku 1999). – 13 zum
chen Wandel. griech. Einfluß auf die lat Syntax s. R.G.G. Coleman: Greek In-
Die Immigration aus asiatischen und afrikanischen fluence on Latin Syntax, in: Transactions of the Philological So-
Ländern nach Europa nimmt beständig zu, aber bislang ciety (1975) 101–156. – 14 vgl. M. Banniard: Viva voce: Com-
fehlt eine konzeptuelle Basis für zielstrebiges sprach- munication écrite et communication orale du IVe au IXe siècle
politisches Handeln, um die Kollision der Fremdkultu- en Occident Latin (Paris 1992). – 15 zur Entwicklung der neulat.
ren mit den Kulturen der europäischen Aufnahmelän- Sprachplanung s. C. Eichenseer: Leben und Sterben des La-
teins: Ansätze einer Neubelebung, in: I. Fodor, C. Hagège
der zu mindern und die Integration der Neueuropäer zu (Hg.): Language Reform – La réforme des langues – Sprachre-
fördern. Den Anforderungen, die der Integrationspro- form, Bd. IV (1989) 189–219. – 16 R. Bartlett: The Making of
zeß von Immigrantensprachen an staatliche Instanzen Europe. Conquest, Colonization and Cultural Change 950–1350
stellt, wird in einigen Staaten der EU auf grassroots le- (London 1993) 202, Übers. Verf. – 17 Isid. Etym. 9.1.1, Übers.
vel, also in ganz praktischen Zusammenhängen, ent- Verf. – 18 vgl. H. Haarmann: Nation und Sprache in Rußland, in:
sprochen. Ein Beispiel ist Deutschland, dessen Amts- Gardt [8] 763ff. – 19 s. F. Lebsanft: Nation und Sprache: das Spa-
sprache laut § 23 Abs. 1 des Verfassungsgesetzes das nische, in: Gardt [8] 643–671. – 20 s. Schmitt [8] 683ff., Übers.
Deutsche ist, und wo Immigrantensprachen funktionale Verf. – 21 s. A. Gardt: Nation und Sprache in der Zeit der Auf-
klärung, in: ders. [8] 177ff. – 22 zit. G. MacDonald Ross: Gott-
Nischenplätze auf amtlicher Ebene eingeräumt werden. fried Wilhelm Leibniz – Leben und Denken (1990) 18. – 23 s.
Verlautbarungen der Arbeitsämter in deutschen Städ- dazu Schmitt [8] 697ff. – 24 H. James: A German Identity 1770–
ten mit türkischer Bevölkerung und Anweisungen der 1990 (London 1989) 89, Übers. Verf. – 25 s. dazu P. Benin-
städtischen Behörden in Sachen Müllabfuhr werden cà: Italy (Romance vernaculars), Introduction, in: G. Price:
zweisprachig (deutsch-türkisch) ausgegeben. Encyclopedia of the Languages of Europe (Oxford 1998) 251–
Die Integrationsproblematik der Immigrantenspra- 254; M. Parry: II Italian, ebd. 254–259. – 26 zur administrativen
chen bildet eine Herausforderung für die europäische Gliederung Belgiens s. Ph. Rossillon (Hg.): Atlas de la langue
Staatenwelt und ist ein Prüfstein für das sprachpolitische française. Histoire – géographie – statistiques. (Paris 1995) 55ff.
– 27 eine Sprachskizze des Maltesischen bietet G. Hull: Maltese,
Solidaritätsbewußtsein in der Europäischen Union. S. in: U. Ammon, H. Haarmann (Hg.): Wieser Enzyklop. – Spra-
avanciert spätestens mit der Einrichtung eines eigenen chen des europäischen Westens, Bd. 2 (Klagenfurt u. a. 2008)
Politikbereichs für Mehrsprachigkeit im Jahre 2007 auf 165–194. – 28 zur Gesch. der S. in Finnland s. Haarmann [2]
EU-Ebene zum transnationalen Politikum. Inzwischen 263ff. – 29 zur sprachpolitischen Monopolstellung des Griech. s.
«wird Mehrsprachigkeit als wirtschaftlicher und beruf- G. Hering: Griechenland, in: H. Goebl et al. (Hg.): Kontakt-
licher Motor der Wissensgesellschaft betont und es lässt linguistik/Contact Linguistics/Linguistique de contact, Bd. 2
sich auch der politische Wille feststellen, die Vielspra- (1997). – 30 s. zu diesen Positionen H. Haarmann: Englisch, Net-
chigkeit Europas (inklusive der Regional-, Minderhei- work Society und europäische Identität: Eine sprachökologi-
sche Standortbestimmung, in: R. Hoberg (Hg.): Deutsch –
ten- und Immigrantensprachen) als einen Trumpf zu se- Englisch – Europäisch. Impulse für eine neue S. (2002)
hen und auszuspielen» [39]. 153f. – 31 Denglisch Dictionary (www.german.about.com/lib-
rary/blvoc denglish.htm) und V. Hinnenkamp, K. Meng (Hg.):
Anmerkungen: Sprachgrenzen überspringen: Sprachliche Hybridität und poly-
1 s. dazu M. Herrero de Miñón: (Hg.): Estudis juridics sobre la funktionelles Selbstverständnis (2005). – 32 s. R. Hoberg: Eng-
llei de polı́tica lingüı́stica (Madrid/Barcelona 1999). – 2 zu dieser lish Rules the World – Was wird aus Deutsch?, in: ders. [30]
Terminologie vgl. H. Kloß: Grundfragen der Ethnopolitik im 173f.–33 http://www.apfeltalk.de/forum/schlecht-unser-deutsch-
20. Jh. (1969) und H. Haarmann: Die Sprachenwelt Europas. t62508.html. – 34 G. Extra: Immigrant Languages in Multicul-

1263 1264
Stegreifdichtung Stegreifdichtung

tural Europe: Comparative Perspectives, in: Ammon, Haar- pen als auch von festen Ensembles weitergetragen wird.
mann [27] Bd. 1, 490. – 35 für Deutschland s. Chr. V. Stutter- Ebenso üben sich gesellige Zirkel in dichterischen Im-
heim:(1986). Temporalität in der Zweitsprache. Eine Unters. provisationsformen; darunter fällt beispielsweise der
zum Erwerb des Deutschen durch türkische Gastarbeiter
(1986); für Frankreich s. G. Vermes (Hg.): Vingt-cinq commu-
Leberreim als zweizeiliges improvisiertes Gedicht bei
nautés linguistiques de la France, Vol. 2: Les langues immigrées Tischgesellschaften, der in Deutschland bis ins 19. Jh. le-
(Paris 1988); für Großbritannien s. S. Alladina, V. Edwards bendig war. [4] In einzelnen Regionen bilden sich spe-
(Hg.): Multilingualism in the British Isles (1991); für die Nie- zifische Traditionen der S. heraus, die sich in verschie-
derlande s. P. Broeder, G. Extra: Ethnic Identity and Commu- denen Bezeichnungen der Rolle des Stegreifdichters
nity Languages in the Netherlands, in: Sociolinguistica 9 (1995) niederschlagen, vgl. etwa die mallorkinischen glosadors,
96–112. – 36 die bislang umfangreichste Dokumentation zur so- die baskischen bersolaris, die spanisch-galicischen fisto-
ziokulturellen Situation der Immigrantensprachen bieten Am- ras mit ihren desafı́os (‘Herausforderungen’), die brasi-
mon, Haarmann [27] mit Beiträgen zu Immigrantensprachen in
Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien, in
lianischen repentistas und die payadores (Wandersänger
den Niederlanden und in nordischen Ländern. – 37 Einblicke in in der Region des Rı́o de la Plata, die sich beim Vortrag
den Multilingualismus im urbanen Milieu bieten G. Extra, K. ihrer Gedichte auf der Gitarre begleiten). Weitere Bei-
Yagmur (Hg.): Urban Multilingualism in Europe. Immigrant spiele für Wechselgesänge mit Improvisation sind die
Minority Languages at Home and School (Clevedon u. a. 2004). kasachischen ajty, mit denen im 19. Jh. Siege im Sport
– 38 eine linguistisch-pragmatische Analyse des als ‹Kanaken- gefeiert wurden, und die malaiischen pantuns, Vierzei-
deutsch› bekannten dt. Pidgins findet sich bei H. Haarmann: ler, die bei Poesiewettbewerben oder Hochzeitsfeiern
Sprachkontakte und Fusion in den Sprachen Europas, in: U. improvisiert wurden. Sehr häufig erscheint S. in Form
Hinrichs (Hg.): Hb. der Eurolinguistik (2010) 553–579. – 39 zit.
nach J. Darquennes: Analyse und Herausforderungen der Spra-
eines stilisierten Streits; dabei haben sich hierfür je nach
chenpolitik in der EU, in: Hinrichs [38] 791. Epoche und Sprache unterschiedliche Begriffe ausge-
bildet: z.B. défi, altercatio, tenzone. [5]
H. Haarmann Auch heute noch erstreckt sich die S. auf eine Vielfalt
von poetischen Formen. Neben traditionell geprägten
^ Anglizismus ^ Fremdwort ^ Hochsprache ^ Interkultu- Formen der S. wie dem altbayerischen Schnaderhüpferl,
relle Kommunikation ^ Muttersprache ^ Purismus ^ Sprach- einer improvisierten epigrammartigen Liedform, die vor
gebrauch ^ Sprachgesellschaften ^ Sprachkritik ^ Sprachre- allem bei Festen vorgetragen wird [6], sind auch neue
gelung ^ Sprachrichtigkeit ^ Wortschatz Formen der S. entstanden. Elemente der Improvisation
finden sich etwa beim Rap im Rahmen einer Reim-
prosa-Performance auf der Grundlage eines rhyth-
misch-musikalischen Grundmusters [7], und der stand-
up comedy, einem Solovortrag eines Komikers, der aus
Stegreifdichtung (lat. versus ex tempore facti; engl. ex- einstudierten Nummern besteht, aber auch spontane
tempore poetry; frz. poésie improvisée; ital. poesia es- Elemente einbezieht. Darüber hinaus ist vor allem der
temporanea; span. poesı́a improvisada) Veranstaltungstyp des poetry slam zu nennen, ein aus
A. Definitorische Aspekte. Als S. bezeichnet man das den USA stammender und inzwischen in vielen Ländern
Ergebnis dichterischen Improvisierens in einer face-to- verbreiteter dichterischer Vortragswettbewerb. In man-
face Kommunikationssituation, bei der anhand be- chen Ausprägungen der S. wird Spontaneität nur vorge-
stimmter Vorgaben – z.B. eines thematischen oder me- täuscht und die Improvisatoren verfügen bereits vor ih-
trischen Schemas – ein poetischer Text produziert wird. ren Auftritten über eine Idee ihres Vortrags. Dies zeigt
Wesentliches Merkmal der S. ist damit die «Gleichzei- sich gerade beim poetry slam: Die eigenen, zumeist be-
tigkeit von Texterzeugung, Textvermittlung und Text- reits schriftlich fixierten Texte werden vorgetragen,
rezeption» [1]. Als eine Unterkategorie der S. kann das doch ändert sich die Performanz von Mal zu Mal, etwa
Stegreifspiel im Sinne des Stegreiftheaters gefaßt wer- durch den Einsatz unterschiedlicher metasprachlicher
den. Der Begriff ‹S.› enthält eine bildliche Übertragung Mittel, um das jeweilige Publikum, das über den Sieger
alter Bezeichnungen für Steigbügel (ahd. stegareif, mhd. entscheidet, für sich einzunehmen. [8]
stegereif). Damit wird rekurriert auf den «fröhliche[n] Damit läßt sich ein Bogen zur Rhetorik schlagen, die
Reitersmann, [der] schnell noch etwas erledigt, auch verschiedene Aspekte der S. thematisiert. Bereits Quin-
wenn er schon im Sattel sitzt [...].» [2] S. meint also eine tilian widmet der Fähigkeit, aus dem Stegreif reden zu
Dichtung, die ohne Vorbereitung «aus dem Augen- können («ex tempore dicendi facultas»), im zehnten
blick» geschaffen wird bzw. dem Rezipienten diesen Buch seiner ‹Institutio oratoria› ein ganzes Kapitel. [9]
Eindruck vermitteln will. Im Idealfall fallen in der S. Danach sei es insbesondere für Redner vor Gericht und
Performanz und Produktion zusammen, doch wird zur auf dem Forum von Bedeutung, sich diese Routine, die
S. meist auch die rasche schriftliche Gedichtproduktion die Griechen als aÍlogow tribh (álogos tribē´, ‹unreflek-
zu konkreten Anlässen (Gelegenheitsdichtung) gerech- tierte Praxis›) [10] bezeichneten, anzueignen. Das Re-
net (etwa Klapphornvers und Limerick). [3] den aus dem Stegreif ist damit identifiziert als eine er-
Seit der Antike wird S. häufig im Rahmen von – rea- lernbare Fertigkeit, die darin ihren Nutzen erweist, «als
len oder fiktiven – Veranstaltungen (Dichteragone, z.B. gerade das, was ohne Überlegung vor sich geht, doch auf
certamen Homeri et Hesiodi; Bukolik; Symposien) her- Überlegung beruht.» [11] Aller Spontaneität zum Trotz
vorgebracht, wobei diese Veranstaltungen sowohl ge- ist es für den Redner deshalb ratsam, sich vor der Steg-
selligen als auch kompetitiven Charakter haben können. reifrede Gedanken zum Inhalt der Rede zu machen, wo-
Frühe Formen der S. sind auch im vorliterarischen anti- bei das Ziel stets im Blick behalten werden muß. Nicht
ken Mimos und im Atellanen-Lustspiel zu finden. Seit nur elokutionäre Aspekte sind dafür wichtig, auch in-
der frühen Neuzeit wird die S. auch auf Wanderbühnen ventio und dispositio müssen berücksichtigt werden.
populär, und in Italien entwickelt sich eine reiche Tra- Spontane Äußerungen sieht Quintilian deshalb kri-
dition des Stegreiftheaters, die in verschiedene Länder tisch. [12] Zwei Persönlichkeiten, die sich laut Quintilian
Europas ausstrahlt und dabei sowohl von Wandertrup- besonders durch ihre Improvisationskunst auszeichne-

1265 1266
Stegreifdichtung Stegreifdichtung

ten, sind Antipatros von Sidon und Licinius Archi- eine Stegreifburleske dar, zu deren festem Personal vier
as. [13] Masken gehören: «der dumme, gefräßige und lüsterne
Über die Informationsvermittlung und Persuasion Maccus, der fressende und plappernde Bucco, der törich-
der Zuhörer hinaus kann die Kunst der S. auch unter te, ewig lüsterne und stets übertölpelte Alte, der Casnar-
dem Aspekt ihres Unterhaltungswerts betrachtet wer- Pappus, sowie schließlich der verschmitzte, habgierige
den. Dieser liegt genau darin, daß die Stegreifdichter und ebenfalls eßlustige Dossennus». [21] Für beide Gat-
über ein gewisses Maß an Spontaneität, Kreativität, tungen kann ein Einfluß auf die römische Literaturko-
Witz und Schlagfertigkeit verfügen, um das Publikum zu mödie angenommen werden. [22]
unterhalten und dessen taedium vorzubeugen. Zur Ent- Dies zeigt sich etwa bei Plautus, der eine erste Li-
wicklung dieser Fähigkeiten ist nicht nur die Kenntnis terarisierung von Techniken des Stegreiftheaters im
bestimmter Techniken, sondern auch deren ständige Kunstdrama vornimmt (die später etwa von Shake-
Einübung und Vervollkommnung erforderlich [14], so speare wieder aufgegriffen wird) [23]. Die ausformulier-
daß die exercitatio hier neben der natürlichen Anlage ten Stücke lassen den Schauspielern keinen Raum zur
(natura) sowie dem Wissen und der Kunstfertigkeit (ars) Improvisation, doch sind in den Stücken noch Spuren
eine zentrale Rolle einnimmt (vgl. auch die Deklamatio- des Stegreiftheaters zu finden, die sich als Zugeständnis
nen, Übungsreden zu bestimmten vorgegebenen The- an das an Improvisationen gewöhnte Publikum erklären
men). Darüber hinaus lassen sich weitere Bezüge zur lassen. [24] Plautus ist insofern Vermittler zwischen der
Rhetorik herstellen, etwa im Hinblick auf die Auffin- zeitgenössischen Stegreiftradition einerseits und der
dung des Stoffes (Topik) und den Einsatz von Rede- neuen Literaturkomödie andererseits [25], wobei er sich
schmuck (ornatus) in der S. dezidiert auf die Seite der letzteren stellt und insofern
In der Literaturwissenschaft werden vor allem kon- als einschlägig für den Übergang zur Schriftlichkeit und
krete Formen der S. behandelt; zu nennen sind hier etwa als Überwinder des Stegreifspiels betrachtet werden
die literatur- bzw. theaterwissenschaftlichen Forschun- kann. [26]
gen zur commedia dell’arte und zum Wiener Volksthea- Im Mittelalter und in der Renaissance sind For-
ter des 18. und 19. Jh. men der S. in der altnordischen Skaldik wie auch in der
Im Bereich des Theaters können das Improvisations- Spielmannsepik und Vagantendichtung belegt. [27] Fer-
und Maskentheater sowie das Stegreiftheater als wich- ner erscheint die S. in Prosatexten wie G. Boccaccios
tige Manifestationsformen der S. gelten. Stegreif- und ‹Decamerone›, G. Chaucers ‹Canterbury Tales› und M.
Laientheater kann auch zu pädagogischen und psycho- de Navarres ‹Heptaméron›, d. h. bei Sammlungen von
therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. Wesentli- Stegreiferzählungen, die der Diskussion gesellschaftli-
ches Prinzip dabei ist, daß durch gesetzte Spielregeln cher Konventionen und als höfische Form der Bered-
unbekannte Situationen eröffnet werden, auf welche samkeit dienen. Diese Prosatexte folgen alle dem
die Spieler durch jeweils spezifische Äußerungen rea- gleichen Muster: Innerhalb eines Rahmens erzählen
gieren. Das Ziel besteht demnach darin, im sicheren verschiedene Charaktere zur Unterhaltung und zum
Rahmen «spielerisch neue, ungewöhnliche, auch ‘ge- Zeitvertreib Geschichten. Eine Ausnahme diesbezüg-
fährliche’ Situationen herzustellen, ungewohnte Äuße- lich bilden die arabischen ‹Erzählungen aus den tau-
rungen, Entäußerungen, Identitäten zu studieren und sendundein Nächten›, wo es nur eine Erzählerin – Sche-
zu erproben» [15]. Das Spiel mit Masken (nicht nur herazade – gibt, die dem König Nacht für Nacht Ge-
mit Charakter- oder Typenmasken) wird insbesondere schichten erzählt und diese jeweils an einer spannenden
in der integrativen Gestalttherapie eingesetzt, deren Stelle unterbricht, um dadurch ihre Hinrichtung aufzu-
Absicht es ist, «den Menschen in seiner körperlichen, schieben (vgl. auch das ‹Papageienbuch›/‹Tuti-Nameh›,
seelischen und geistigen Einheit zu erfassen und ab- dessen persische und türkische Fassungen auf eine in-
gespaltene Persönlichkeitsanteile zu integrieren» (sie- dische Urversion zurückgehen; hier will ein Papagei
he Morenos ‹Psychodrama›, Iljines ‹Therapeutisches durch die nächtlichen Erzählungen die Frau seines
Theater› und die ‹Gestalttherapie› von Perls). [16] All- Herrn vom Ehebruch abhalten). Bei allen genannten
gemein bezieht sich der Akt des Spielens hier auf das Texten handelt es sich folglich um eine auf der Ebene
Spiel mit dem Material (bei der Herstellung individuel- der Fiktion inszenierte S. (vgl. auch Goethes ‹Unter-
ler Masken), das Spiel mit dem eigenen Körper, mit dem haltungen deutscher Ausgewanderten› (1795) und Wie-
Partner und mit der Rolle. [17] lands ‹Hexameron von Rosenhain› (1805), die eben-
Generell bestehen über den Aspekt der Improvisati- falls an Boccaccio anknüpfen).
on auch Anknüpfungspunkte der S. zu anderen Künsten Für den arabischen Raum ist ferner die Tradition der
wie etwa der Musik (z.B. Freejazz) und dem Tanz. Makame zu nennen. Diese Kunstform entwickelte sich
B. Historische Entwicklung. In der Antike findet sich auf der Grundlage literarischer Zusammenkünfte, bei
die S. z.B. im Skolion, einem bei griechischen Symposien denen improvisierte Vorträge und Stegreiferzählungen
vorgetragenen Lied, das auf vorhandene Texte zurück- dargeboten wurden. [28] Als wichtigster Vertreter gilt
greift oder aber aus dem Stegreif gedichtet wird. [18] Hariri (1054–1121/22) mit seinen ‹Makamen› (vgl. die
Ebenso knüpft die bukolische Dichtung bei Theokrit Ausgabe von S. de Sacy: ‹Les séances de Hariri›, 2 Bde.,
und Vergil an volkstümliche Traditionen von Wettge- Paris 1822), einer Sammlung von 50 Novellen in gereim-
sängen unter Hirten an. [19] Im Bereich des antiken Steg- ter Prosa mit eingestreuten Gedichten, welche 1826 von
reiftheaters läßt sich zunächst der mimus nennen, eine F. Rückert ins Deutsche übertragen wurde (‹Die Ver-
seit dem 6. Jh. v. Chr. in Sizilien auftretende karikierende wandlungen des Abu Seid von Serug›). [29]
Darstellung von Alltagsszenen sowie von Mythentrave- Im Bereich der Gelegenheitsdichtung charakterisiert
stien, die sich dann auch nach Griechenland und in den Opitz in seinem ‹Buch von der deutschen Poeterey›
Orient sowie nach Süd- und Mittelitalien ausbreitet und (1624) anknüpfend an Quintilian und an Statius’ ‹Sil-
in Rom sehr beliebt wird. [20] Ebenfalls großer Beliebt- vae›, eine einflußreiche Sammlung von 32 Gelegenheits-
heit erfreut sich die fabula Atellana, deren Name auf die gedichten der römischen Antike, die Form der «Sylven
Stadt Atella in Kampanien verweist. Die Atellane stellt oder wälder» wie folgt: Diese «sind nicht allein nur sol-

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Stegreifdichtung Stegreifdichtung

che carmina, die auß geschwinder anregung vnnd hitze dell’arte geht es damit vor allem um die jeweils originelle
ohne arbeit von der hand weg gemacht werden [...]: son- Ausgestaltung durch den einzelnen Schauspieler, und es
dern / wie jhr name selber anzeiget / der vom gleichniß werden vorgeformte Handlungselemente und Formu-
eines Waldes / in dem vieler art vnd sorten Bäwme zue lierungen verwendet, so daß es sich um ein nur «schein-
finden sindt / genommen ist / sie begreiffen auch allerley bar ‘improvisierte[s]’ Spiel» handelt. [38]
geistliche vnnd weltliche getichte / als da sind Hochzeit- In Italien selbst wird die commedia dell’arte im 18. Jh.
vnd Geburtlieder / Glückwündtschungen nach außge- unter dem Einfluß von C. Goldoni schrittweise refor-
standener kranckheit / item auff reisen / oder auff die miert. Goldonis Kritik bezieht sich aber nicht auf die ei-
zuerückkunfft von denselben / vnd dergleichen.» [30] In gentliche commedia dell’arte, wie sie zu ihrer Blütezeit
Deutschland entsteht gegen Ende des 17. Jh. eine Fülle gepflegt wurde – die er sogar rühmt und als wichtiges
von Gelegenheitsgedichten. Darüber hinaus entwickeln Kulturgut Italiens ansieht –, sondern auf die zeitgenös-
sich ab dem Ende des Mittelalters in verschiedenen Län- sischen Aufführungen in Venedig. [39] So sind auch
dern unterschiedliche Traditionen der S., die sich von Goldonis erste Stücke noch nicht vollständig schriftlich
Europa her ausbreiten und dann auch in Lateinamerika ausgearbeitet. Dies gilt vor allem für ‹Il servitore di due
Fuß fassen. [31] padroni› (1745), welches für den Schauspieler Antonio
Weiterhin ist für die Entwicklung der S. ab dem 16. Jh. Sacchi in der Rolle des Arlecchino/Truffaldino geschrie-
vor allem der Bereich des Theaters mit der commedia ben ist und noch für dessen Rolle charakteristische lazzi
dell’arte zentral. Der heute etablierte Terminus er- und stereotype Eigenschaften enthält (etwa Anspielun-
scheint allerdings erst bedeutend später in einer Ko- gen auf seine Gefräßigkeit in I,14). Als Anfangspunkt
mödie von Goldoni (‹Il Teatro comico›, 1750), und es des von Goldoni reformierten Theaters kann die voll-
finden sich zunächst andere Bezeichnungen (commedia ständig ausformulierte Komödie ‹La donna di garbo›
a soggetto, commedia all’improvviso, commedia improv- (1743) gelten. Die graduelle Reform zeigt sich dann in
visata, commedia all’italiana, commedia di maschere). der Gesamtentwicklung seiner Stücke wie auch in den
Diese Theaterform geht auf die Gründung von Schau- Überarbeitungen der einzelnen Komödien. [40] Goldo-
spielgruppen in Italien ab dem 16. Jh. zurück, die ihre nis Hauptkritikpunkte am zeitgenössischen Theater las-
Stücke vor einem aristokratischen oder bürgerlichen sen sich dahingehend zusammenfassen, daß es sich um
Publikum aufführen. [32] In Italien erreicht die comme- unanständige, langweilige und zu übertriebene Stücke
dia dell’arte ihre Blütezeit zu Beginn des 17. Jh. Ausge- außerhalb des Wahrscheinlichen handle [41], und seine
hend von dort breitet sie sich in verschiedene Länder Reform zielt demnach auf eine Individualisierung der
Europas aus. Personen ab, die an psychologischer Tiefe gewin-
Grundlegende Merkmale der commedia dell’arte nen. [42] Dies bedeutet eine schrittweise Abkehr von
werden in F. Scalas ‹Libro delle favole rappresentative› den stereotypen Charakteren der commedia dell’arte.
(1611), N. Barbieris ‹Supplica› (1634), A. Perruccis Gleichzeitig übernimmt das Theater eine moralische
‹Dell’arte rappresentativa premeditata ed all’improvvi- und gesellschaftskritische Funktion. [43]
so› (1699) und P.M. Cecchinis ‹Discorso supra l’arte co- In Frankreich läßt sich seit dem 17. Jh. ein großer Er-
mica con il modo di ben recitare› (1628) diskutiert. [33] folg der italienischen Theatertradition feststellen, wel-
Die Handlung folgt allgemein dem Schema, daß mit Hil- che u. a. einen wichtigen Einfluß auf Molière ausübt.
fe der Diener (den zanni, Arlecchino und Brighella) li- Bedeutend ist etwa die Truppe der Gelosi, die ab etwa
stenreich die Widerstände der Alten (Pantalone, ein 1568 für den französischen König spielen. [44] Eine erste
verliebter, eifersüchtiger und geiziger Kaufmann aus Blütezeit dieses (Ancien) Théâtre Italien liegt damit zwi-
Venedig, und der Dottore, ein Arzt oder Advokat aus schen 1570 und 1697. [45] Von 1697 bis 1716 wird die co-
Bologna) überwunden werden müssen, die der Verbin- médie italienne hingegen von offizieller Seite verboten,
dung der Liebenden im Wege stehen. [34] Allgemein ist und während dieser Zeit übernimmt das théâtre de la foi-
dieses teatro all’improvviso mit Einschränkungen ver- re (Jahrmarkttheater) verstärkt Elemente der italieni-
sehen bzw. mit einer Art der ‹Arbeitsteilung› zwischen schen Stegreiftradition. 1716 ruft Philippe d’Orléans die
scenario/canovaggio und Improvisation. Einerseits wird Truppe von L. Riccoboni nach Paris. Das (Nouveau)
ein notwendiger Rahmen vorher festgelegt, an dem sich Théâtre Italien lebt damit wieder auf und erlebt nun zwi-
die Schauspieler orientieren [35], womit sich eine hand- schen 1716 und 1793 eine zweite Blütezeit [46], wobei
lungskonstituierende Improvisation von vornherein fast aber eine langsame Veränderung der italienischen Tra-
vollständig ausschließt [36]; andererseits gibt es größt- dition zu beobachten ist.
mögliche Freiheiten für die einzelnen Schauspieler in- Insgesamt nimmt die Technik des improvisierten
nerhalb des vorgegebenen Musters. Die Improvisation Spiels mit der starken Betonung gestischer Elemente
bezieht sich damit erstens auf die Ausformung der ein- eine zentrale Rolle für das italienische Theater in Frank-
zelnen Szenen, wobei sich die Schauspieler auch auf zi- reich ein [47]; dies gilt insbesondere für die ersten Trup-
baldoni oder centoni, d. h. Sammlungen von concetti pen, die noch auf Italienisch spielen. Bereits früh fassen
(dem für die jeweilige Figur typischen Formelschatz), aber auch französische Autoren wie Fatouville, Reg-
Monologen oder Kurzszenen (etwa die Klage des un- nard und Dufresny ausgearbeitete Stücke für das An-
glücklich Verliebten) stützen konnten. Darüber hinaus cien Théâtre Italien ab, so daß nur noch einzelne einge-
fügten die Schauspieler auch feste Improvisationssze- schobene Szenen die italienische Tradition des Stegreif-
nen an geeigneter Stelle ein; diese lazzi, digressive spiels unmittelbar weiterführen. [48]
Scherzimprovisationen mit oder ohne Text, wurden Im théâtre de la foire führen ab 1678 Schauspiel-
ebenfalls in den zibaldoni gesammelt und sind häufig truppen improvisierte Theaterstücke auf, die zunächst
wiederum charakteristisch für bestimmte Figuren. [37] durch die mittelalterlichen farces und fabliaux geprägt
Die konkrete Ausgestaltung der Improvisationselemen- sind [49]; im 18. Jh. werden dann aber vor allem ausge-
te hängt so stark von den einzelnen Masken ab, und die arbeitete Stücke von Autoren wie Lesage, Fuzelier
Schauspieler spezialisieren sich im Laufe ihres Lebens in und D’Orneval aufgeführt, und italienische Einflüsse
der Regel auf eine bestimmte Rolle. Bei der commedia werden hier (neben orientalischen Themen, Elementen

1269 1270
Stegreifdichtung Stegreifdichtung

des Wunderbaren und der Hirtendichtung) bestim- führung «regelmäßiger» Stücke, d. h. ohne die Figuren
mend, wobei prinzipiell alle Figuren der commedia des Hanswurst oder des Harlekin. [62]
dell’arte auftreten können. Ferner wird die Entwicklung Im 19. Jh. vollzieht sich in Folge des Einflusses von
des théâtre de la foire entscheidend durch verschiedene Ph. Hafner (1735–1764), dem Vater des Wiener Volks-
Verbote von offizieller Seite beeinflußt (etwa das Ver- stücks, [63] eine Wiederbelebung des Stegreifspiels im
bot von Dialogen und später auch von Monologen in Wiener Volkstheater, vor allem durch Schauspieler-
den Stücken), welche zur Ausschöpfung immer neuer Autoren wie F. Raimund (1790–1836) und J. Nestroy
Möglichkeiten der Inszenierung führen (etwa reine Mo- (1801–1862). [64] In England finden sich Muster des Ste-
nologstücke und später die Darbietung des gesproche- greifspiels innerhalb der pantomime, einer populären
nen Texts auf Schildern, wobei dieser von einem Chor Theaterform, in der im Anschluß an die Darbietung der
oder dem Publikum auf bekannte Melodien gesungen Handlung eine Transformationsszene (transformation
wurde, vgl. etwa die Stücke ‹Arlequin Thétis› und ‹Ar- scene) steht, die dem Übergang zur harlequinade dient,
lequin Roi de Serendib›). [50] Diese äußeren Zwänge in der Elemente der commedia dell’arte aufgenommen
führen wiederum zu einer stärkeren Betonung des ge- werden und die dieser im wesentlichen folgt. [65]
stischen Spiels. Auch im 20./21. Jh. leben verschiedene Traditionen
Im Nouveau Théâtre Italien ist vor allem Marivaux der S. – etwa das Improvisationstheater und die Stegreif-
für die Weiterentwicklung des italienischen Theaters komödie – fort. Dabei finden sich in der Literaturwis-
bestimmend. Der für das italienische Theater in Frank- senschaft auch sehr kritische Bewertungen der comme-
reich emblematisch gewordene Arlequin erlangt hier dia dell’arte, so etwa bei B. Croce, der ihr einen poeti-
das Merkmal der Naivität und macht einen Prozeß der schen oder ästhetischen Charakter letztlich abspricht
psychischen Reifung durch, was sich auch im Titel des und sie als reine Clownerie abtut. [66] Gleichzeitig wer-
Stücks ‹Arlequin poli par l’amour› (1720) (‹Wie die Lie- den neue Formen der S. wie etwa poetry slam, rap und
be Harlekin erzog›) widerspiegelt. [51] Die genannte stand-up comedy geprägt. Im Rahmen von ‹Theater-
Komödie ist aber noch relativ eng an die italienische sport›TM, einer als Wettbewerb zwischen zwei Mann-
Tradition angelehnt: Regieanweisungen lassen dem schaften von Schauspielern konzipierten Veranstaltung,
Schauspieler relative Freiheiten zur Improvisation und improvisieren diese kurze Szenen, bei deren Umsetzung
deuten auf akrobatische Einlagen sowie lazzi hin (diese sie Vorgaben des Publikums und eines Spielleiters be-
Elemente der Improvisation beziehen sich nunmehr al- rücksichtigen müssen. Die Vorgaben können sowohl
lerdings ausschließlich auf Arlequin). Eine deutlichere Handlungselemente als auch formale Aspekte bezüglich
Veränderung gegenüber der italienischen Tradition läßt der Szenengestaltung betreffen (etwa beim ABC-Spiel,
sich dann ab ‹La surprise de l’amour› beobachten. [52] bei dem das jeweils erste Wort in den Dialogsequenzen
Im Rahmen der neuen Thematik des «amour nais- mit A, B, C usw. beginnen muß). Improvisationselemen-
sant» [53] – die Liebenden müssen nun nicht mehr äu- te finden sich auch in TV-Formaten wie der Improvisa-
ßere, sondern innere Widerstände überwinden (und sich tionscomedy wieder, die inzwischen auch international
selbst ihrer Liebe bewußt werden) [54] – gewinnen die vermarktet werden. Darüber hinaus wird Improvisation
Figuren insgesamt an Individualität und psychologi- als therapeutisches Mittel sowie als Teil oder Vorberei-
scher Tiefe; letztlich verliert damit auch die Figur des tung der Schauspielerausbildung eingesetzt [67], an-
Arlequin an Bedeutung. [55] Insofern führt «die Zusam- knüpfend an die Betonung des didaktischen Werts der
menarbeit mit Marivaux [...] die Tradition der Comme- Improvisation für die Entwicklung des Schauspielers be-
dia dell’arte in Frankreich zu einem Höhepunkt und reits im 18. Jh. durch Theaterästhetiker und Schauspie-
Abschluß zugleich». [56] ler [68].
In Deutschland erfolgt im 16./17. Jh. eine Wiederbe-
lebung des Stegreifspiels durch englische Berufsschau- Anmerkungen:
spieler, die dort die Entstehung deutscher Wandertrup- 1 G.J. Manila: Mallorkinische Stegreifdichtung, in: Catalònia 5
pen begünstigen. Verschriftlichte Stücke werden mit (1994) 44 (www.raco.cat/index.php/Catalonia/article/viewFile/
burlesken Einlagen improvisiert. [57] Einen besonderen 106879/158057, Zugriff 12.6.2010). – 2 Grimm Bd. 17 Sp. 1390f. –
3 vgl. A. Schulz: Art. ‹S.›, in: RDL3 503. – 4 vgl. ebd. – 5 P. Zum-
Einfluß übt diesbezüglich die commedia dell’arte aus. thor: Introduction à la poésie orale (Paris 1983) 102. – 6 vgl.
Auch in Deutschland gibt es dann aber im 18. Jh. Be- Schulz [3] 503; P. Köhler: Poetische Scherzartikel (1991) 203–
strebungen, von der Tradition der commedia dell’arte 208. – 7 vgl. Schulz [3] 505. – 8 vgl. B. Preckwitz: Spoken Word
abzukehren. Hier ist vor allem die Theaterreform durch und Poetry Slam. Kleine Schr. zur Interaktionsästhetik (2005)
J.Chr. Gottsched zu nennen, die auf Literarisierung, 54. – 9 Quint. X, 7; vgl. Chr. Holcomb: «The Crown of All Our
soziale Verbesserung, Moralisierung und Nützlichkeit Study»: Improvisation in Quintilian’s Institutio Oratoria, in:
abzielt. Gottsched kritisiert die Tradition der commedia RSC 31, 3 (2001) 53–72. – 10 Quint. X,7,11. – 11 Quint. X,7,12. –
dell’arte aufs Schärfste, da sie den Niedergang des italie- 12 Quint. X,3,17. – 13 Quint. X,3,19. – 14 Quint. X,7, 8, 18 und 24.
– 15 H.W. Nickel, Spielpädagogik und Maske, in: K. Hoffmann,
nischen Theaters darstelle. [58]. Gottsched fürchtet den W. Krieger, H.-W. Nickel (Hg.): Masken – eine Bestandsauf-
«Verfall» der deutschen Schaubühne durch das Stegreif- nahme. Mit Beitr. aus Päd., Gesch., Religion, Theater, Therapie
theater [59] und fordert die Literarisierung der Spielvor- (2004) 20; vgl. R. Vlcek: Workshop Improvisationstheater.
lagen. [60] Seine Theaterreform wirkt sich z.B. auf das Übungs- und Spielesammlung für Theaterarbeit, Ausdrucksfin-
Wiener Volkstheater aus, in dem sich Elemente des dung und Gruppendynamik (2008) 82f. – 16 vgl. H. Eilert: Art.
Schuldramas aus dem 18. Jh. mit der Prunkoper und der ‹Commedia dell’arte›, in: RDL3, Bd. 1 (1997) 315–317, hier 315;
Wanderbühne und schließlich der volkstümlichen Ko- B. Weiß: Maske und Therapie – ein Überblick, in: Hoffmann,
mik verbinden. [61] Dort kommt es nach einer Hoch- Krieger, Nickel [15] 323. – 17 Weiß [16] 23f. – 18 vgl. U. Klawit-
ter, Art. ‹Improvisation›, in: HWRh, Bd. 4 (1998) Sp. 310. –
phase des Stegreifspiels in der ersten Hälfte des 18. Jh., 19 vgl. ebd. – 20 vgl. L. Benz: Die röm.-italische Stegreifspiel-
vor allem unter G. Prehauser (1699–1769) und F. von trad. zur Zeit der Palliata, in: L. Benz, E. Stärk, G. Vogt-Spira
Kurz (1717–1784), unter dem Einfluß Gottscheds kurz- (Hg.): Plautus und die Trad. des Stegreifspiels (1995) 140f. –
fristig zur Zensur und im Jahr 1752 zu wesentlichen Ein- 21 ebd. 144. – 22 ebd. 146f. und 152. – 23 vgl. J. Blänsdorf: Reste
schränkungen bzgl. der Stegreifkomödien und zur Auf- der Improvisation in den plautinischen Eingangsszenen, in:

1271 1272
Stegreifdichtung Stilbruch

Benz, Stärk, Vogt-Spira [20] 4. – 24 ebd. 3f.; L. Benz, E. Stärk, G. 53 vgl. Warning [51] 1–8. – 54 N.-M. Bernardin: La Comédie Ita-
Vogt-Spira: Vorwort, in: Benz, Stärk, Vogt-Spira [20] VIII; G. lienne en France et les théâtres de la foire et du boulevard (1570–
Vogt-Spira: Plautus und die Überwindung des Stegreifspiels, 1791) (Paris 1902) 195; Warning [51] 2. – 55 D. Connon: The Ser-
ebd. 235–237. – 25 vgl. Benz [20] 154; Vogt-Spira [24] 229. – vant as Master: Disguise, Role-Reversal and Social Comment in
26 vgl. ebd. 229–239. – 27 vgl. Klawitter [18] Sp. 311. – 28 vgl. Art. Three Plays of Marivaux, in: D. George, Chr. J. Gossip: Studies
‹Makāme›, in: Meyers Konversationslex., Bd. 11 (Leipzig/Wien, in the Commedia dell’arte (Cardiff 1993) 136. – 56 Warning [51]
4. Aufl. 1885–1892). – 29 Art. ‹Hariri›, ebd. Bd. 8. – 30 Opitz Kap. 1. – 57 vgl. Klawitter [18] Sp. 311f. – 58 siehe z.B. Gottsched,
V, S. 368f. – 31 Zumthor [5] 102. – 32 vgl. R. Tessari: Commedia Dichtk. 638f. und Redek. 566. – 59 J.Chr. Gottsched: ‹Vorrede
dell’arte. La maschera e l’ombra (Mailand 1981) 113f.; A. Ni- zur Dt. Schaubühne›, in: Schr. zur Lit. (1998) 258; vgl. auch
coll: Il mondo di Arlecchino. Guida alla Commedia dell’arte ‹Vorrede zum Sterbenden Cato› (ebd. 257–59, 265) und ‹Ver-
(Neuaufl. Mailand 1980; Erstausg.: The World of Harlequin. A such einer Critischen Dichtkunst› (ebd. 181, 189, 194f.). – 60 vgl.
Critical Study of the Commedia dell’Arte 11963) 146. – 33 A. R. Bauer: ‹Vorwort›, in: Wertheimer, Bauer [51] o. S. – 61 vgl. J.
Perrucci: Dell’arte rappresentativa premeditata ed all’improv- Hein: Das Wiener Volkstheater. Raimund und Nestroy (1978)
viso, hg. v. A.G. Bragaglia (1699; Florenz 1961); vgl. I. Krengel- 9. – 62 vgl. ebd. 15. – 63 siehe z.B. E. Alker: Philipp Hafner. Ein
Strudthoff (1969): Die Commedia dell’arte in Europa. Versuch altwiener Komödiendichter (Zürich 1922). – 64 vgl. ebd. – 65 vgl.
einer Übersicht über ihre neuere Erforschung, in: W. Theile V.C. Clinton-Baddeley: The Burlesque Trad. in the English
(Hg.): Commedia dell’arte: Gesch. – Theorie – Praxis (1997) Theatre after 1660 (London 1973). – 66 B. Croce: Intorno alla
19f.; Blänsdorf [23] 4. – 34 vgl. Eilert [16] 315. – 35 vgl. Perruc- «Commedia dell’Arte», in: Poesia popolare e poesia d’arte. Stu-
ci [33] 263f. – 36 vgl. Blänsdorf [23] 5. – 37 zu weiteren lazzi vgl. di sulla poesia italiana del Tre al Cinquecento (Bari 1957) 515. –
K. Richards, L. Richards: The Commedia dell’Arte – A Docu- 67 V. Spolin: Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie
mentary History (Oxford 1990) 175; Tessari [32] 91f. – 38 R. und Theater (1983) 12. – 68 vgl. Klawitter [18] Sp. 312.
Warning: Elemente einer Pragmasemiotik der Komödie, in: W.
Preisendanz, R. Warning (Hg.): Das Komische (1976) 288; vgl. E. Winter-Froemel, A. Zirker
Blänsdorf [23] 6. – 39 vgl. C. Goldoni: Prefazione ai diciassette
tomi delle commedie edite a Venezia da G.B. Pasquali (1761– ^ Agonistik ^ Chanson de geste ^ Dichtung ^ Exercitatio ^
1778), in: Tutte le opere di Carlo Goldoni. 14 Bde. Hg. G. Or- Gelegenheitsgedicht ^ Improvisation ^ Lustspiel, Komödie ^
tolani (11959, Mailand 1969) Bd. 1, 739; Il teatro comico, II, 10, Kabarett ^ Performanz, Performativität ^ Rhapsodie ^
ebd. Bd. 2, 1080; S. Ferrone: Carlo Goldoni. Vita, opere, critica, Schlagfertigkeit ^ Spiel ^ Sprechdenken ^ Stegreifrede ^
messinscena (11975, Florenz 1993) 23. – 40 vgl. G. Da Pozzo: La Streitgedicht
rielaborazione delle commedie del Goldoni, in: Studi goldo-
niani, hg. von V. Branca, N. Mangini. 2 Bde. (Venedig/Rom
1960) 543–565. – 41 C. Goldoni: Prefazione dell’autore alla pri-
ma raccolta delle commedie (1750), in: Tutte le opere di Carlo Stilbruch (engl. incongruity of style, change of style,
Goldoni [39] Bd. 1, 765; Il teatro comico I,2, II,2 und III,3, ebd.
Bd. 2, 1052, 1068 und 1093; vgl. Tessari [32] 90f. – 42 vgl. Ferro-
breach of style, inconsistency of/in style, incongruous
ne [39] 24. – 43 Il teatro comico II,3, in: Tutte le opere di Carlo changes in style u. a.; frz. rupture de style, rupture de ton,
Goldoni [39] Bd. 2, 1072; vgl. Nicoll [32]. – 44 W. Theile: Com- inconsistence/faute de style; ital. rottura/frattura stili-
media dell’arte. Stegreiftheater in Italien und Frankreich stica)
(1980), in: ders. [33] 45–60; E. d’Auriac: Etude historique sur les A. I. Def. Der S. verstößt gegen die stilistische Einheit-
spectacles forains, in: Théâtre de la foire – recueil de pièces re- lichkeit eines Texts, verletzt die Regeln einer Kommu-
présentées aux foires Saint-Germain et Saint-Laurent précédé nikationssituation oder widerspricht den Erwartungen
d’un essai historique sur les spectacles forains par E. d’Auriac an den Stil, die durch den Gegenstand einer Rede oder
(Paris 1878) 19; Richards, Richards [37] 61–64. – 45 vgl. du Gé-
rard: Tables alphabétique et chronologique des pièces représen-
eines Texts ausgelöst werden.
tées sur l’Ancien Théâtre Italien (11750, ND Genf 1970). – Die im stilwissenschaftlichen Sinn brauchbare, aber
46 vgl. A. d’Origny: Annales du Théâtre Italien, depuis son ori- wertende Definition von Krahl und Kurz: «mangelnde
gine jusqu’à ce jour. 3 Bde. (11788, ND Genf 1970); C.D. Bren- Kontinuität der gedanklich-sprachlichen Ausdrucks-
ner: The Theatre italien – Its Repertory, 1716–1793. With a His- weise; in gedanklicher Hinsicht die unorganische Ver-
torical Introd. (Berkeley/Los Angeles 1961). – 47 Ch. Mazouer: mischung von Perspektiven und Darstellungsarten, in
Le personnage du naı̈f dans le théâtre comique du Moyen Age à sprachlicher Hinsicht die unbeabsichtigte oder in ihrer
Marivaux (Paris 1979) 278; X. de Courville: Jeu italien contre Absicht nicht erkennbare Vermischung verschiedener
jeu français, in: Cahiers de l’Association int. d’études françaises
15 (1963) 189–199; vgl. auch M.J. Wolff: Die Commedia dell’ar-
Bereichsstile, Stilschichten bzw. Stilebenen und Stilfär-
te (1933), in: Theile [33] 85–94. – 48 vgl. R. Guardenti: Gli ita- bungen von Wörtern und Fügungen» [1] bedarf der Er-
liani a Parigi: La Comédie italienne (1660–1697), 2 Bde. (Rom gänzung insofern, als eine solche Vermischung beab-
1990) Bd. 1, 43f.; A. Poitevin: Histoire des théâtres de la foire et sichtigt und in ihrer Absicht durchschaubar sein kann, so
de la comédie italienne – Première période 1678–1720, in: ders. daß «der plötzliche Ausbruch aus einer gleichmäßigen
(M. Drack): Le Théâtre de la foire, la Comédie italienne et Stillage recht wirkungsvoll» [2] ist. Auch kann man von
l’Opéra-comique. Recueil de pièces choisies (Paris 1889, ND einem S. nur sprechen, wenn er nicht metakommunika-
Genf 1971) 7; Brenner [46] 1. – 49 Poitevin [48] 4; D. Lurcel: Le tiv kommentiert wird, wie das z.B. im Roman ‹Melan-
Théâtre de la foire au XVIIIe siècle (Paris 1983) 27. – 50 vgl. F.
Rubellin: Lesage parodiste, in: J. Wagner (Hg.): Lesage, écri-
cholia› von B. Galvagni der Fall ist: «das [dialektale]
vain (1695–1735) (Amsterdam/Atlanta 1997) 95–123; Th. Le- Wort Znichtigkeit, das ich für eines der scheußlichsten
sage, J.-Ph. d’Orneval: Préface (1722), in: Th. Lesage, J.-Ph. Wörter überhaupt halte» [3].
d’Orneval: Le Théâtre de La Foire ou l’Opéra comique (1722– II. Begriffsgeschichte. Eine Begriffsgeschichte von
1731), 6 Bde. (Paris 1724) Bd. 1, 5v.–6v.; Poitevin [48]; Lur- ‹S.› ist wegen der geringen Zahl der lexikalischen oder
cel [49]; A. Grewe: Monde renversé – théâtre renversé: Lesage wissenschaftlichen Belege nicht faßbar. Das Wort,
und das Théâtre de la Foire (1983). – 51 Mazouer [47] 280; F. möglicherweise eine Analogiebildung zu ‹Stilblüte›,
Deloffre: Une préciosité nouvelle – Marivaux et le marivauda- ist vielleicht erst eine Neubildung des 20. Jh., worauf
ge. Etude de langue et de style (Paris 1955) 161; R. Warning:
Marivaux und die Commedia dell’arte, in : J. Wertheimer, R.
sein Fehlen im Grimm hindeutet, der ‹Stilblüte› und an-
Bauer (Hg.): Das Ende des Stegreifspiels – Die Geburt des Na- dere Komposita mit dem Bestimmungswort ‹Stil-› sehr
tionaltheaters. Ein Wendepunkt in der Gesch. des europ. Dra- wohl verbucht. Weder Sanders (1865) [4] noch Heyne
mas (1983) 3. – 52 Brenner [46] 6; vgl. M. Descotes: Les grands (1895) [5] verzeichnen das Wort (enthalten allerdings
rôles du théâtre de Marivaux (Paris 1972) 91–107 und 121–131. – überhaupt keine Komposita mit ‹Stil-›, auch nicht

1273 1274
Stilbruch Stilbruch

‹Stilblüte›), ebenso wenig kommt es bei Wustmann III. Benachbarte Begriffe. Das Wort ‹S.› steht in Kon-
(1912) [6] vor. 1923 gebraucht Spitzer für dieses und kurrenz zur geläufigen und gelegentlich in unterhalt-
ähnliche Phänomene das Wort «Sprachmischung» [7], samen Anthologien [26] gesammelten ‹Stilblüte›. Dieses
Curtius (1948) [8] spricht von «Stilkreuzung»; das – in ironischer Anlehnung an die flores rhetorici gebilde-
Wort fehlt bei Fleischer/Michel 1975 [9] (hingegen te [27], zuerst 1898 belegte [28] – Wort dürfte aus der
nicht mehr bei Fleischer/Michel/Starke 1996 [10]), bei Sprache der Schule stammen. Viele der in den Stillehren
Thieberger 1988 [11], und noch 2007 gibt es im Spezi- angeführten Beispiele für ‹S.› sind (wie Reiners’
alwörterbuch von Sanders [12] keinen Eintrag zum ‹S.›. «Aphrodite verduftete») [29] eher ‹Stilblüten›. Stilblü-
Darauf, daß der Begriff nicht wirklich etabliert ist, deu- ten sind immer ein vitium; durch die Nähe zu diesem
tet auch sein Fehlen in den Registern von großen Hand- Begriff wird auch der S. abgewertet.
büchern hin, obwohl das Wort in einzelnen Beiträgen Michel sieht die Stilblüte «meist satzbezogen», den
steht. [13] In Bibliothekskatalogen und Bibliographien S. «primär als satzübergreifendes Textmerkmal». [30]
gibt es nur wenige Funde zu ‹S.›, einige zweisprachige Eine terminologische Trennung zwischen ‹Stilblüte› für
Wörterbücher haben kein Lemma ‹S.›. In anderen Spra- eine unfreiwillige (und meist unfreiwillig komische)
chen scheint es keinen festen Terminus für den S. zu Fehlleistung und ‹S.› für ein bewußt verwendetes, inten-
geben, nur synonyme Umschreibungen. tional komisches [31] oder charakterisierendes Stilmittel
Im 20. Jh. taucht der Begriff in normativen Stilistiken wäre wünschenswert. In diesem Sinn unterscheidet Er-
auf; der S. wird dort immer im Sinn der zitierten Defi- oms, ohne das Wort ‹S.› zu gebrauchen: «[...] Brüche
nition als vitium, als ‹Verstoß gegen das aptum›, gegen zum Erwarteten geben immer dann, wenn sie positiv zu
die Angemessenheit getadelt [14], wobei für Reiners bewerten sind, Stileffekte ab. Im Falle des totalen Miß-
(zuerst 1943) die Angemessenheit vor allem durch den lingens läßt sich von Stilblüten sprechen.» [32] Agricola
Gegenstand eines Texts bestimmt ist. Textsorten, die et al. unterscheiden ebenfalls zwischen «kontrastieren-
bewußt mit S. arbeiten, werden in diesen Stilhandbü- der Verwendung verschiedener Stilschichten» und «S.»,
chern kaum beachtet. Auch Agricola et al. (1970) [15] gebrauchen allerdings ‹S.› im Sinn von ‹Stilblüte›. [33]
bezeichnen mit ‹S.› ausschließlich mißlungenen Sprach- Eine «fundierte Klassifikation» der «Akzeptanzgren-
gebrauch. Wilpert (1968) tadelt den S. mehr unter dem zen» für Stilwechsel, der sowohl virtus als auch vitium
Gesichtspunkt der geforderten «Einheit und Geschlos- sein kann, gibt es derzeit nicht. [34]
senheit» des Kunstwerks. [16] Allerhöchstens wird (z.B. IV. Disziplinen und Bereiche. Das Wort ‹S.› bezieht
von v. Wilpert) eingeräumt, der S. könne auch ein ef- sich in der Alltagssprache auch auf Verstöße gegen Nor-
fektvolles stilistisch-rhetorisches Mittel sein. men des Verhaltens wie Tischmanieren und Kleidungs-
S. als Stilmittel wird daher vor allem in literaturwis- vorschriften, gegen die Einheitlichkeit der Wohnungs-
senschaftlichen Arbeiten reflektiert – oder in Stilistiken, einrichtung u. ä. So könnte es als S. empfunden werden,
die für literarischen Sprachgebrauch offen sind. Spitzer im Büro zu einem kurzärmeligen Hemd eine Krawatte
spricht schon 1923 von «Sprachmischung» als «Stilmit- zu tragen; eine von einem Model vorgeführte neue
tel» [17]; später räumt Seibicke (1969) [18] mögliche äs- Schuhmode wird als «toller Stilbruch» bezeichnet. [35]
thetische Effekte von S. ein. Ungefähr gleichzeitig aner- Gelegentlich wird eine radikale Veränderung im Design
kennt die praxisorientierte Stillehre von Faulseit/Kühn eines Produkts als ‹S.› bezeichnet. Auch die Belege bei
(die nicht von ‹S.›, sondern von «stilistischer Ungleich- Klappenbach/Steinitz beziehen sich nicht auf Texte,
artigkeit der phraseologischen Fügung» spricht) die li- sondern auf Möbel und Ballettaufführungen. [36] Dem-
terarischen Möglichkeiten des S., indem sie zwar die Re- entsprechend bleibt die Definition des großen DUDEN
gel aufstellt: «Wir dürfen nicht Wörter zusammenketten, allgemein: «Kombination von verschiedenen Stilen, Stil-
die sich nicht zusammenketten lassen wollen» [19], aber mitteln, die nicht zueinander passen» [37].
eine Ausnahme von der Regel zugesteht: die Satire. Aus Aus der Selbstbezeichnung ‹S.› von Cafés, Kneipen
Analysen entsprechender Passagen bei Weerth, Brecht und Restaurants zwischen Rostock und Bamberg, von
u. a. kommt das Buch zum Schluß: «Das Mittel, einer Geschäften für Gebrauchtmöbel, Tätowierungsstudios,
Textstelle bewußt stilistische Ungleichartigkeit zu ver- einem Jugendchor, einer Band läßt sich darauf schlie-
leihen [...], kann im Dienste der Satire, im Dienste von ßen, daß in einer bestimmten Szene das Wort positiv
Ironie und Humor und zur Charakterisierung von Per- konnotiert ist. In Musik und Bildender Kunst oder
sonen wirksam ausgenutzt werden.» [20] Ähnlich die de- Kunstgeschichte scheint ‹S.› eher selten verwendet zu
skriptive Stilistik von Riesel/Schendels (1975): Sie werden.
führt den S. explizit unter den «Mitteln zum Ausdruck B. Historische Anwendungsbeispiele. Im Folgenden
von Humor und Satire» [21] an, in einer Reihe mit dem sollen einige Beispiele ausgewählte Formen und Funk-
Wortwitz und den «Wortverbindungen mit Überra- tionen des S. zeigen, der nicht erst in moderner Literatur
schungs- bzw. Verfremdungseffekt» [22], zu denen die häufig auftritt, sondern seit jeher in allen aggressiven
Verfasserinnen u. a. Oxymoron und Zeugma zählen. Textsorten (Polemiken, auch polemischen Predigten
Die Literaturwissenschaft sieht das vollends an- etwa des 17. Jh., satirischen Texten, insbesondere Par-
ders. [23] Curtius (1948) bezeichnet die «Mischung von odien) vorkommt, ja geradezu ein Merkmal solcher
Scherz und Ernst» als eine dem mittelalterlichen Dich- Textsorten ist. Eine Systematik ließe sich vielleicht aus
ter geläufige «Stilnorm»; das Mittelalter habe «Kreu- einer Umwertung der von Lausberg [38] verzeichneten
zung und Mischung der Stilarten in jeder Form» geliebt, Verstöße gegen das aptum gewinnen.
«auch innerhalb der Bereiche und Gattungen, die für Geradezu archetypisches Beispiel eines S. auf der
unser modernes, an der klassizistischen Ästhetik ge- Mikroebene ist das sog. ‹Götz-Zitat›, dessen Funktion
schultes Empfinden eine solche Mischung grundsätz- im dramatischen Kotext weniger die Satire als die Fi-
lich ausschließen». [24] Ähnlich charakterisiert Breuer gurencharakterisierung ist, das aber auch einen Bruch
(1996) – positiv wertend – die Literatur des 17. Jh. in mit bisherigen Stilnormen des Dramas bedeutet. Götz
Österreich durch ihre «die Normpoetik der Zeit spren- antwortet dem kaiserlichen Trompeter, der ihn zur
genden [...] Gattungs- und Stilmischungen» [25]. Übergabe auffordert: «Sag deinem Hauptmann vor ihre

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Stilbruch Stilbruch

Kaiserlichen Maj. hab ich, wie immer, schuldigen Re- in den Dialogen standardsprachliche) Novelle ‹Wälsun-
spekt. Er aber sag s ihm, er kann mich im Arsch lecken. genblut› sollte in der ersten Fassung mit dem jiddisch
(schmeißt das Fenster zu).» [39] Der S. besteht in der gefärbten Satz der Figur Siegmund schließen: «Beganeft
Konfrontation zweier Funktionalstile und zweier Stil- haben wir ihn, den Goi.» Der S. unterstreicht die Schärfe
ebenen: Der erste Satz gehört dem Funktionalstil des der Pointe.
öffentlichen, der zweite dem des privaten Verkehrs an. Ein weniger radikales Beispiel bietet Nestroys ‹Zer-
Die Stilebene des ersten Satzes ist normalsprachlich bis rissener›. In Szene I, 15 soll die männliche Hauptfigur
gehoben; «Arsch» im zweiten Satz ist derb. Nicht zuletzt erfahren, daß ihr Heiratsantrag angenommen worden
werden hier – auch durch das in der Bühnenanweisung ist. Auf die gehoben formulierte Replik «Erlauben Sie
vorgeschriebene Verhalten – die Normen der Kommu- mir, daß ich ihm sein Glück verkünde. Er schläft – !?»
nikationssituation durchbrochen. reagiert eine andere Figur mit der wienerischen Form:
Ein neueres Beispiel für die Inkongruenz von Funk- «Er schlaft – !?» [43] Betrachtet man das Stück als ganzes,
tionalstilen steht bei Karl Kraus [40]: Wo er Max Rein- ist im übrigen eher der Satz «Erlauben Sie mir, daß [...]»
hardt den «Zeremonienmeister einer freihändig offe- ein Fremdkörper, ein S. inmitten eines grundsätzlich
rierten Kultur» nennt, fügt er mit «freihändig offeriert» wienerisch-umgangssprachlich geschriebenen Werks.
in eine Polemik gegen einen Künstler ein Wort aus dem Die Inkongruenz der Stilschichten ist geradezu das
Funktionalstil des Geschäftslebens ein; die Funktion des Bauprinzip von Karl Kraus’ «magischer Operette» ‹Li-
S. ist evident. teratur oder Man wird doch da sehn› (1921), die die an
Die Definition des S. als Inkongruenz von Inhalt und Goethe und die Klassik sich anlehnenden Redeweisen
Form «in dem Sinn, daß entweder ein unbedeutender, junger Dichter mit der Sprache des Milieus konfrontiert,
trivialer Sachverhalt in ernstem, gewählten Ton darge- aus dem sie kommen: einer Mischung aus Judendeutsch
stellt wird oder umgekehrt, ein bedeutender, tiefer In- und Funktionalstil des Geschäftslebens – ein Sprach-
halt in possenhaft bagatellisierender, leicht gesenkter gebrauch, der sich vom stilistischen Höhenflug der sati-
oder derber Art» [41], ist nahezu identisch mit geläufi- rischen Objekte mehr als deutlich abhebt. [44] Das Teu-
gen Definitionen von Parodie und Travestie, die durch- felsgespräch in Thomas Manns ‹Doktor Faustus› be-
wegs mit S. arbeiten. (In der Spezialliteratur zur Parodie zieht, parodiegemäß, wiederum seine Wirkung aus ei-
wird aber diesem textsortenspezifischen Stilmittel wenig nem S., da es in großem Ausmaß Archaismen enthält,
Aufmerksamkeit geschenkt.) So modelt K. Meisl (1817) während der umgebende Text standardsprachlich auf-
Grillparzers ‹Ahnfrau› um zur ‹Frau Ahndl› – das pa- tritt. Urs Widmer kombiniert in seinem nicht im engeren
thetische standardsprachliche Wort wird durch einen Sinn satirischen Text ‹Macht und Ohnmacht› [45] Wör-
Regionalismus ersetzt, womit der Autor seine «possen- ter aus verschiedenen historischen Epochen, aus Mär-
haft bagatellisierende» Darstellung der Handlung des chen und Sage («der Gesalbte», «der Reichsverweser»)
Grillparzerschen Trauerspiels vorwegnimmt. Ähnlich und aus der aktuellen Wirtschaftswelt («die Senior Con-
ein Satz aus Nestroys Opernparodie ‹Zampa der Tag- sultants»), um das Überzeitliche der Machtverhältnisse
dieb› (1832; III, 4), in dem die Liebende ihre Angst um zu unterstreichen.
den zu ihr emporkletternden Liebhaber ausdrückt: Als Extremfälle von S. können der Wechsel von Vers
«Ha,!, er kraxelt in sein Verderben!» Über solche Ein- und Prosa angesehen werden [46], bewußt eingesetzte
zelheiten hinaus basiert die gesamte parodistische Grammatikfehler wie in den ‹Epistolae obscurorum
Transposition von Handlung und Figuren auf dem Prin- virorum› (1517), die Mischung von zwei Sprachen wie
zip des S.; in der genannten Parodie Nestroys wird ein in dem von Breuer [47] zitierten deutsch-lateinischen
bedeutender Inhalt, eine pathetische Seeräuber-Sage, Mischgedicht von Simon Rettenpacher (1682) oder all-
possenhaft in die Geschichte eines italienischen ‹Tag- gemeiner die Präsenz des Lateinischen in Texten des
diebs› umgesetzt, deren Figuren wienerisch sprechen. 17. Jh. (z.B. bei Abraham a Sancta Clara).
Ein Beispiel für die Inkongruenz von äußerer Form Das ist keineswegs eine vollständige Typologie des S.,
und Inhalt bietet der Gebrauch vulgären Wortschatzes geschweige denn daß hier auf dessen Funktionen im
im Rahmen einer traditionsreichen Form. M. Köhlmeier Einzelnen hätte eingegangen werden können. Diesen
baut in seinen Roman ‹Der Peverl Toni und seine aben- Beispielen für bewußte und wirksame Nutzung des rhe-
teuerliche Reise durch meinen Kopf› (1982) einen So- torischen Potentials des S. stehen freilich im Alltag zahl-
nettenkranz ein, eine der artifiziellsten und komplizier- reiche Fälle schlicht und einfach mißlungener Formulie-
testen Formen der lyrischen Tradition, verwendet aber rungen gegenüber, die auf einem S. beruhen.
darin vulgären Wortschatz aus dem Bereich der Se-
xualität. Der gleichen Kategorie gehören Klassiker- Anmerkungen:
Parodien in Mundart oder Sondersprachen an, deren 1 S. Krahl; J. Kurz: Kleines Wtb. der Stilkunde (Leizpig 1975)
Witz vor allem auf der Spannung zwischen den patheti- 111. – 2 W. Seibicke: DUDEN. Wie schreibt man gutes Deutsch?
(1969) 139. – 3 B. Galvagni: Melancholia (Salzburg 1997) 9. – 4 D.
schen Motiven beispielsweise von Balladen und der un- Sanders: Wtb. der dt. Sprache, mit Belegen von Luther bis auf
pathetischen Alltagssprache beruht. [42] die Gegenwart (Leipzig 1860–1865; 21876; ND der 2. Aufl. 1969).
Ähnlich wirkt ein nicht zum Gegenstand passendes – 5 M. Heyne: Dt. Wtb. (Leipzig 1890–1895; ND der 2. Aufl.
Versmaß: In Blumauers Vergil-Parodie von 1784 wird Leipzig 1970). – 6 G. Wustmann: Allerhand Sprachdummheiten
die Flucht des Äneas aus Troja in klappernden 4- und (61912). – 7 L. Spitzer: Sprachmischung als Stilmittel und als Aus-
3-hebigen Kurzversen beschrieben, die in Gegensatz druck der Klangphantasie, in: GRM 11 (1923) 193–216. –
zum Stoff und zur Tradition des Versepos stehen: «Viel 8 Curtius, Register. – 9 W. Fleischer, G. Michel: Stilistik der dt.
Hunde sind des Hasen Tod, / Dacht’ ich, und macht’ in Gegenwartssprache (Leipzig 1975). – 10 dies., G. Starke: Stilistik
der dt. Gegenwartssprache (21996). – 11 R. Thieberger: Stilkun-
dieser Noth / Mich eilig aus dem Staube». (Man beachte de (Bern 1988). – 12 W. Sanders: Das neue Stilwörterbuch
auch die umgangssprachlichen Redewendungen!) (2007). – 13 vgl. W. Besch, A. Betten, O. Reichmann, St. Son-
Die Inkongruenz von Standardsprache und Regio- deregger (Hg.): Sprachgeschichte. Ein Hb. zur Gesch. der dt.
nalismen oder vergleichbaren Sondersprachen nützt Sprache und ihrer Erforschung. 2. Aufl., 4. Teilbd. (2004) 3121;
Thomas Mann: Seine standardsprachlich erzählte (auch U. Fix, A. Gardt, J. Knape (Hg.): Rhet. und Stilistik. Ein intern.

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Stundenbuch Stundenbuch

Hb. historischer und systematischer Forschung (2008) 1025. – andererseits von anders organisierten privaten Gebet-
14 z.B. L. Reiners: Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa und Andachtsbüchern. Vom Brevier unterscheidet es
(1976; 11943) 293; für das Engl. C. Brooks; R.P. Warren: Modern sich zum einen, weil es nicht das umfangreichere und
Rhetoric (New York 1958) 308ff. – 15 Chr. Agricola, W. Flämig,
G. Möller: Stilistik, in: E. Agricola; W. Fleischer; H. Protze
wegen des täglichen Wechsels der Gebets- und Lesungs-
(Hg.): Kleine Enzykl. Die deutsche Sprache, 2 Bde. (1969/70.) texte sowie der Berücksichtigung kirchlicher Feiertage
Bd. 2, 1015–1144, hier 1064ff. – 16 G. von Wilpert: Sachwtb. der komplizierte liturgische Stundengebet (Offizium) über-
Lit. (71989) 231. – 17 Spitzer [7]. – 18 Seibicke [2]. – 19 D. Faulseit, nimmt, sondern auf kürzere und invariable Sonderoffi-
G. Kühn: Stilistische Mittel und Möglichkeiten der dt. Sprache zien (vor allem Marien-, Totenoffizium) und andere Zu-
(Leipzig 51972 [11963]) 118. – 20 ebd. 121. – 21 E. Riesel; E. sätze zum Stundengebet (Bußpsalmen und Heiligenli-
Schendels: Dt. Stilistik (Moskau 1975) 254–263. – 22 ebd. 258. – tanei) zurückgreift. Zum anderen ist es nicht, wie das
23 zum Primat der ästhetischen gegenüber der linguistischen Brevier, ein liturgisches Buch, das die für einen be-
Stilbewertung bei literarischen Texten s. Fleischer; Michel [9]
362f. – 24 Curtius 425. – 25 D. Breuer: Vivat Unordnung! Die ös-
stimmten Zweck vorgeschriebenen Gebete enthält, son-
terr. Lit. im 17. Jh., in: H. Zeman (Hg.): Literaturgesch. Öster- dern es dient der nicht reglementierten persönlichen
reichs (Graz 1996) 221–258, hier 221; vgl. auch ebd. 253: Andacht. Der Rückgriff auf Formen des liturgischen Be-
«‹Unordnung als Stilprinzip›». – 26 z.B. W. Krämer: Lukasbur- tens, sowohl in der Übernahme der kanonischen Ge-
ger Stilblüten, Bd. 1 (1581965). – 27 Sanders [12] 99. – 28 J. Kurz: betsstunden (horae canonicae; danach das S. häufig ein-
Art. ‹Stilblüte›, in: HWRh, Bd. 8 (2007) 1419–1429, hier 1421. – fach als horae, Heures, Hours benannt) als auch in der
29 bei Reiners [14] 293. – 30 G. Michel: Art. ‹Stilprinzip›, in: Strukturierung der Gebetstexte zu den einzelnen Stun-
RDL3 Bd. 3, (2003) 518–521, hier 519. – 31 U. Püschel: Kommu- den, der den Charakter des S. maßgeblich prägt, unter-
nikativ-pragmatische Stilauffassungen, in: Fix, Gardt, Kna-
pe [13] 1023–1037, hier 1025. – 32 H.-W. Eroms: Stilistische Phä-
scheidet es jedoch von anderen Gebet- und Andachts-
nomene in der Syntax, ebd. 1594–1610, hier 1599. – 33 Agricola et büchern, selbst wenn sich diese am Tagesablauf des Be-
al. [15] 1056, 1064. – 34 Fleischer; Michel; Starke [10] 66. – ters orientieren und ebenfalls einzelne Gebete zu den
35 Abendzeitung, München, 14. 01. 2009. – 36 R. Klappenbach, kanonischen Stunden enthalten. Eine inhaltliche Defi-
W. Steinitz (Hg.): Wtb. der dt. Gegenwartssprache, 6 Bde. (Ber- nition des S. ist schwierig, da sie sich nur auf einen ge-
lin 1964–77). – 37 Großer Duden (1981, 1999). – 38 Lausberg Hb. wissen Kernbestand an Texten stützen kann, der sich
§ 1074. – 39 Goethe: Götz von Berlichingen, 1. Fassung (1772), nach tastenden Anfängen etabliert hat, die meisten S.
III. Aufzug. – 40 K. Kraus: Vom großen Welttheaterschwindel, jedoch darüber hinaus weitere Offizien, Lesungstexte,
in: Die Fackel 601–07 (1922) 1–7, hier 6. – 41 Riesel, Schen-
dels [21] 262. – 42 vgl. Beispiele in J. Kiermeier-Debre, F.F. Vo-
Gebete und anderes enthalten, so daß vor der Einfüh-
gel (Hg.): Der Volks-Schiller. Pornographische Parodien aus rung des Buchdrucks wohl kaum zwei inhaltlich identi-
dem Biedermeier (Wien 1995). – 43 dazu S.P. Scheichl: Schlum- sche S. zu finden sind.
mer und Roßschlaf. Beobachtungen zum S. bei Nestroy, in: G. B. Text, Bild und Gebrauch. I. Voraussetzungen und
Stieg, J.-M. Valentin (Hg.): Johann Nestroy (Paris 1991) 119– Frühformen. Das Gebet zu bestimmten Zeiten des Ta-
130, hier 122f. – 44 dazu S.P. Scheichl: Der S. als Stilmittel bei ges ist in der Geschichte des Christentums durchgängig
Karl Kraus, in: ders., E. Timms (Hg.): Karl Kraus in neuer Sicht vorhanden. In der elaborierten Form des liturgischen
(1986) 128–141, hier 128–132. – 45 U. Widmer: Macht und Ohn- Stundengebets kann es von den Laien im tätigen Leben
macht, in: manuskripte 185 (2009) 32–38. – 46 vgl. Curtius 161. –
47 Breuer [25] 250f.; zur Mischung von volkssprachlichen und
(vita activa) freilich nicht geleistet werden, es bleibt den
lat. Versen im MA Curtius 162. Mönchen, später auch den Weltgeistlichen vorbehalten.
Für diese beiden Gruppen werden in der lateinischen
Literaturhinweise: Kirche des Frühmittelalters zwei unterschiedliche Tra-
H. Read: English Prose Style (11928; Boston 1961). – B. Sowins- ditionen verbindlich: für die Mönche das benediktini-
ki: Dt. Stilistik (1973). – Th. Bourke: S. als Stilmittel. Stud. zur sche und für den Weltklerus das römische Offizium. Bei-
Lit. der Spät- und Nachromantik. Mit bes. Berücksichtigung
von E.T.A. Hoffmann, Lord Byron und Heinrich Heine (1980).
de kennen acht Gebetsstunden: Matutin, Laudes, Prim,
– W. Sanders: Gutes Deutsch – Besseres Deutsch. Prakt. Stil- Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. [1]
lehre der dt. Gegenwartssprache (1986). – B. Sandig: Stilistik Das S. entsteht aus dem Bestreben der Laien, ihr Be-
der dt. Sprache (1986). – U. Lang: Mordshetz und Pahöl. Au- ten an das des Klerus anzugleichen. Zwei Entwicklun-
striazismen als Stilmittel bei Karl Kraus (Innsbruck 1992). – W. gen im liturgischen Offizium schaffen grundlegende
Sanders: Stil und Stilistik [Bibliogr.] (1995). – B. Sowinski: Sti- Voraussetzungen dafür. Zum einen ersetzt seit dem
listik. Stiltheorien und Stilanalysen (21999). – H. Ortner: Fehl- Hochmittelalter das Brevier als ein relativ handlicher
formen rhetorisch-stilistischen Handelns, in: Fix, Gardt, Knape Kodex die speziellen liturgischen Bücher für die ver-
2008 [Anm. 13] 1367–1381. – M. Rothe, H. Schröder (Hg.): Stil,
Stilbruch, Tabu: Stilerfahrung nach der Rhetorik. Eine Bilanz
schiedenen Texte des Stundengebets. Damit geht die
(2008). Tendenz zur Einzelrezitation des für die gemeinschaft-
S.P. Scheichl liche Feier eingerichteten Offiziums einher. Die Ele-
mente (Versikel mit Antwort [responsum], Psalm und
^ Angemessenheit ^ Dreistillehre ^ Katachrese ^ Ornatus Antiphon), die verteilte Sprecher-/Sängerrollen voraus-
^ Stil ^ Stilblüte ^ Stillehre, Stilistik setzen, werden jedoch beibehalten. Ursprünglich nur in
besonderen Fällen geübt, gewinnt diese Praxis seit dem
13. Jh. an Akzeptanz und wird im Weltklerus schließlich
Stundenbuch (lat. horae, horarium, horologium; engl. üblich. [2] Zum anderen kommt es bereits seit dem 9. Jh.
book of hours, Hours, primer; frz. livre d’heures, Heu- zu Zusätzen zum Stundengebet, seien es Sonderoffizien,
res; ital. libro d’ore; niederl. getijdenboek) seien es andere Gebetstexte (Buß- und Gradualpsal-
A. Begriff. – B. Text, Bild und Gebrauch. – I. Voraussetzungen men, Heiligenlitanei). [3] Diese Texte entstammen wohl
und Frühformen. – II. Inhalt. – III. Rhetorische Elemente im S. – zumeist dem persönlichen Gebet. Im Laufe des früheren
IV. Text und Bild. – V. Aspekte des Gebrauchs. – VI. Volks- Mittelalters werden sie hier und da in das liturgische
sprache und Druck. – VII. Niedergang und Nachleben. Offizium aufgenommen, gewinnen Verbreitung und
A. Begriff. Das S. als ein an das Stundengebet der werden schließlich verpflichtend. Kürzer und, da (weit-
Mönche und Weltgeistlichen anknüpfendes Laiengebet- gehend) invariabel, weniger komplex als das eigentliche
buch ist abzugrenzen einerseits vom Brevier des Klerus, Stundengebet, bieten sie sich den Laien an. Aus derar-

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Stundenbuch Stundenbuch

tigen Zusätzen zum Offizium bildet sich der Kernbe- nymi). Daneben finden sich Formulare für Votivmes-
stand des S. [4] sen, besonders zu Ehren Mariens. Vor allem aber bilden
Bei den frühen Exemplaren ist die Abgrenzung zu Privatgebete, die wohl in der Regel aus der früh- und
anderen Formen der Gebetbuchliteratur schwierig. Ein hochmittelalterlichen Gebetbuchliteratur entnommen
Kodex aus einem benediktinischen Nonnenkloster aus sind, einen wichtigen Bestandteil der S. Ihre Auswahl
dem kroatischen Zadar (Ende 11. Jh.), der neben einem ist unmittelbarer als die der aus der Liturgie übernom-
Kalender und anderen Gebetstexten das Marienoffizi- menen Texte von den Konjunkturen der Frömmig-
um mit Suffragien und zwei weitere Sonderoffizien ent- keit (Passionsfrömmigkeit), Gebrauchskontexten des S.
hält, wird manchmal als das älteste erhaltene S. ge- (Gebete zur Meßfeier) oder Ängsten und Hoffnungen
nannt. [5] Noch im 13. Jh. überwiegt die Mischform der der Beter bestimmt (beispielsweise Gebete für eine
Psalter-S. Psalterhandschriften hatten bereits seit dem glückliche Geburt, gegen plötzlichen Tod, Ablaßverhei-
8./9. Jh. Texte zum persönlichen Gebet enthalten. Im ßungen in Verbindung mit Gebetstexten). [7]
12./13. Jh. werden zunehmend Elemente des (späteren) Einzelne dieser Elemente können auch ineinander
S. in diese Gebetsanhänge aufgenommen, wo sie andere verwoben werden, etwa das Kreuz- und/oder das Heilig-
Texte ergänzen oder verdrängen. Das Psalter-S. verliert geistoffizium in das Marienoffizium. Gerade in älteren
schnell seine Vorrangstellung, verschwindet aber nicht S. sind die Suffragien mehrheitlich im Anschluß an die
völlig. Aus der Mitte des 13. Jh. sind die ersten selbstän- Laudes in das Marienoffizium eingefügt, nehmen also
digen S. überliefert. Inhaltlich sind die S. des 13. Jh. aus jenen Platz ein, den sie im liturgischen Offizium besit-
idealtypischer Sicht rudimentär und variieren in ihrem zen. [8] Die aus der Stundenliturgie übernommenen Ele-
Textbestand sehr stark. mente, vor allem das Marien- und das Totenoffizium,
II. Inhalt. Wenngleich die S. bereits im 14. Jh. einen lassen häufig, ebenso wie der Kalender, regionale litur-
recht einheitlichen Kernbestand von Gebetstexten aus- gische Besonderheiten erkennen, die Rückschlüsse auf
bilden, hat sich doch nie ein Kanon dessen entwickelt, den Entstehungs- oder Bestimmungsort erlauben. Stär-
was unabdingbar zu einem S. gehört. Trotzdem läßt sich ker von individuellen Vorlieben sind Auswahl und An-
gewissermaßen idealtypisch ein Bestand an Texten aus- ordnung der aus der Gebetbuchliteratur übernomme-
machen, dessen einzelne Elemente in kaum einem S. nen Texte geprägt. Auch die Anordnung der einzelnen
fehlen: ein liturgischer Kalender, der in der Regel am Elemente in einer Handschrift ist von regionalen oder
Anfang des S. steht; das kleine Marienoffizium (Offici- lokalen Traditionen, Werkstattroutinen und individu-
um parvum beatae Mariae virginis), welches das umfang- ellen Wünschen der Auftraggeber bestimmt.
reichste unter den Offizien des S. ist; die Bußpsalmen, an III. Rhetorische Elemente im S. Ist bereits die Frage
die in der Regel die Heiligenlitanei anschließt; Suffra- nach der Rhetorik des Gebets nicht unproblematisch, so
gien, das sind Bitten zu Gott und den Heiligen, deren bereitet jene nach rhetorischen Elementen im S. zusätz-
Aufbau aus einer Antiphon, einem Versikel mit Ant- liche Schwierigkeiten. Die Orientierung des S. am litur-
wort und einem kurzen Gebet ihren liturgischen Ur- gischen Gebet des Klerus, sein Aufbau aus unterschied-
sprung verrät [6]; schließlich das Totenoffizium (offici- lichen liturgischen wie nichtliturgischen Gebetstexten
um defunctorum), das nur aus den Gebetszeiten Vesper, sowie sein Gebrauch im außerliturgischen, persönlichen
Matutin und Laudes besteht. Es ist das einzige Offizium Gebet schaffen Bedingungen, die grundlegend zu be-
des S., das ungekürzt aus dem liturgischen Stundengebet rücksichtigen sind: 1. Das S. besteht aus einer Mehrzahl
übernommen ist. unterschiedlicher religiöser oder liturgischer Textsor-
Zu diesem Kernbestand tritt in den meisten S. eine ten, die in unterschiedlichen rhetorischen Traditionen
Reihe weiterer Texte. Gewöhnlich folgen auf den Ka- stehen und rhetorische Elemente in unterschiedlicher
lender Texte aus den Evangelien: vier Lesungen (Peri- Weise einsetzen. 2. Die Übernahme liturgischer Texte in
kopen), nämlich der Johannesprolog (Joh 1,1–14), die das persönliche Gebet schafft einen neuen Gebrauchs-
Verkündigung an Maria (Lk 1,26–38), die Huldigung kontext, in dem sie einzelne ihrer ursprünglichen Funk-
der Weisen aus dem Morgenland (Mt 2,1–12) und der tionen verlieren. 3. Deshalb läßt sich die Frage etwa
Missionsbefehl an die Apostel (Mk 16,14–20); dazu die nach den rhetorischen Wirkungsfunktionen des docere,
Passion nach Johannes (Joh 18,1–19,42) oder ein Aus- delectare und movere nicht allein durch eine Analyse der
zug daraus oder alle vier Passionsberichte. Ihnen folgen Texte beantworten, sondern es muß auch der tatsächli-
zumeist zwei Mariengebete (Obsecro te und O inteme- che Gebrauch des S. geprüft werden.
rata), die dem Marienoffizium vorangehen. Ein weiterer Die Verbindung vielfältiger Textsorten mit ihren un-
marianischer Gebetstext, die ‹Freuden Mariens› (in un- terschiedlichen rhetorischen Mitteln kennzeichnet vor
terschiedlicher Anzahl: fünf, sieben, neun oder fünf- allem die Offizien. Die Psalmen sind geprägt vom Par-
zehn), ist in S. sehr verbreitet. Neben dem Marien- und allelismus (parallelismus membrorum), dem Struktur-
dem Totenoffizium begegnen als häufigste Sonderoffi- prinzip hebräischer Poesie. Daneben stehen christliche
zien das Kreuzoffizium und das Offizium zum Heiligen Hymnen mit ihren spezifischen rhetorisch-literarischen
Geist (beide in kürzerer oder – seltener – in längerer Stileigenschaften. Die Gebete, welche die einzelnen
Form). Gebetsstunden abschließen, sind gemäß dem römischen
Dazu können weitere, weniger stark verbreitete liturgischen Stil zwar kurz und nüchtern, aber sorgfältig
Sonderoffizien treten (zur Dreifaltigkeit, zum Heiligen und kunstvoll formuliert (etwa durch Einsatz des cur-
Sakrament, zu einzelnen Heiligen und andere). In Kurz- sus). [9] Inwieweit mittels Stichwort- und Motivverket-
offizien zu den einzelnen Wochentagen und dem Mari- tung, wie sie für die Zusammenstellung und Redaktion
enoffizium für die Adventszeit zeigt sich die Tendenz, des Psalters postuliert wird, die einzelnen textlichen
das S. dem Brevier wieder stärker anzugleichen. Neben Elemente der Gebetsstunden miteinander verknüpft
den Bußpsalmen begegnen die Gradualpsalmen (Ps und aufeinander bezogen sind, bleibt noch zu unter-
120–134; in der Zählung der lateinischen Bibel Ps 119– suchen.
133). Als Ersatz für den kompletten Psalter enthalten Im Aufbau der Gebetsstunden läßt sich noch die
manche S. einen Kurzpsalter (Psalterium sancti Hiero- Grundstruktur christlichen Betens, lectio et oratio – auf

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Stundenbuch Stundenbuch

Abb. 1: Stundenbuch um 1440(?) (Biblioteca Apostolica Vaticana, Ottobon. lat. 2919) fol. 159v/160r: Beginn der Bußpsalmen, in der
Initiale David als Beter, gegenüber ganzseitige Miniatur des Jüngsten Gerichts, in der Bordüre Engel mit den Leidenswerkzeugen.

das Hören des Gotteswortes folgt die Antwort des Men- Die Funktion des movere wird vor allem von den Tex-
schen im Gebet – ablesen. Doch diese Struktur ist be- ten übernommen, die aus der Tradition der Privatge-
reits lange vor der Entstehung des S. gestört, da die Psal- betbücher in die S. gekommen sind. Im Gegensatz zur
men nicht mehr als Lesungen, sondern als Gebete ver- Kürze und Nüchternheit der liturgischen Gebete sind sie
standen werden. [10] Allerdings geht das Element der häufig recht lang, geradezu abundant und setzen gern
lectio in den Offizien nicht gänzlich verloren, indem be- (biblische) Metaphorik ein. Beispielhaft sei der Beginn
sondere Lesungstexte an die Stelle der Psalmenlesungen des Mariengebets Obsecro te mit seiner Häufung von
treten. Im Zusammenhang des S. treten die Evangeli- Attributen und Epitheta in der Anrede zitiert: «Ich be-
enperikopen und der oder die Passionsbericht(e) hinzu, schwöre dich Herrin, heilige Maria, Mutter Gottes, voll
die den Offizien und übrigen Gebetstexten voranstehen. aller Güte, Tochter des höchsten Königs, glorreiche
Ist somit die Grundstruktur des Gebets als Dialog zwi- Mutter, Mutter der Waisen, Trost der Verzweifelten,
schen Gott und Mensch nicht mehr recht deutlich, geht Weg für die Irrenden, Heil und Hoffnung aller, die auf
zudem innerhalb der oratio deren dialogischer Vollzug dich hoffen, Jungfrau vor der Geburt, Jungfrau in der
mittels Antiphonen und Responsorien, ursprünglich Geburt, Jungfrau nach der Geburt, Quelle des Mitlei-
Wechselgesängen, in der Einzelrezitation verloren. des, Quelle des Heils und der Gnade, Quelle der Gottin-
Die Erfassung des durchdachten Aufbaus der Ge- nigkeit und Freude, Quelle des Trostes und der Verzei-
betsstunden und der rhetorischen Mittel ihrer unter- hung». [13]
schiedlichen Gebetstexte setzt jedoch das volle Ver- IV. Text und Bild. Bildlose S. sind selten. Von den er-
ständnis der zumeist lateinischen Texte voraus. Inwie- haltenen Exemplaren (die sicherlich ein zugunsten
weit dies bei den spätmittelalterlichen Laien als den kostbarer Exemplare verzerrtes Bild bieten) sind über
Adressaten des S. vorausgesetzt werden kann, ist eine 90% illuminiert. [14] Qualität und Umfang des Buch-
Frage, die nur sehr schwer, jedenfalls nicht pauschal zu schmucks sind je nach Ausstattungsniveau der Hand-
beantworten ist. Häufig kann mit einem ausreichenden schrift recht unterschiedlich. Spitzenwerke, die das heu-
Verständnis wohl nicht gerechnet werden, auch wenn tige Bild der Handschriftengattung ‹S.› prägen, waren
die Einübung lateinischer Gebetsformeln durch die Li- bereits zu ihrer Entstehungszeit Luxusobjekte, die nicht
turgie sicher nicht unterschätzt werden darf. [11] Für den dem täglichen Gebet dienten.
Beter steht wohl der performative Aspekt der Texte, Die Darstellung des Besitzers und/oder der Besitze-
ihre Wirksamkeit im Vordergrund. Dies gilt besonders rin, zumeist im Gebet (vorzugsweise vor Maria mit dem
für jene Gebete, die Hilfe in bestimmten Notsituatio- Jesuskind), spiegelt denn auch den Besitzerstolz, der zu-
nen, Schutz vor Krankheit und in Gefahren oder Ablaß dem in Wappen, Devisen und Monogrammen (Abb. 2),
versprechen. [12] die sich durch das ganze Buch ziehen können, zum Aus-

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Stundenbuch Stundenbuch

Abb. 2: Berliner Stundenbuch der Maria von Burgund und Kaiser Maximilians (Kupferstichkabinett SMB PK, Handschrift 78 B 12)
fol. 298v/299r: Das Gebet Adoro te mit französischer Rubrik, gegenüber ganzseitige Miniatur der Gregorsmesse mit dem von den
Leidenswerkzeugen umgebenen Schmerzensmann, in der Bordüre das Monogramm M[aria und] M[aximilian] aus Astwerk gebildet.

druck kommt. Die Darstellung ist zugleich Devotions- ren Motiven gegenseitig ergänzen (Abb. 1, linke Seite:
bild und Andachtsbild in einem, indem sie das Gebet wie die Engel mit den Leidenswerkzeugen in der Bordüre
dessen Adressaten verbildlicht. [15] Die unterschiedli- erinnern an Jesu Erlösungstod), ignorieren (ebd., rechte
chen Texte des S. werden von verschiedenen Bildtypen Seite: David als Beter in der Initiale, Drôlerien in der
begleitet: Tierkreiszeichen und/oder Darstellungen der Bordüre) oder alternative Ikonographien repräsentie-
saisonalen bäuerlichen Arbeiten (manchmal erweitert ren (ebd.: Vollbild und Initiale).
um Szenen aus dem adeligen Leben) im Kalender, Au- Wie ihr Ausgang von und ihre Verbindung mit der In-
torenbilder (etwa König David als Autor der Psalmen itiale zeigen, besteht die vorrangige Funktion der Illu-
und büßender Sünder zugleich am Beginn der Bußpsal- mination in der Gliederung des Textes zur Orientierung
men; Abb. 1), Heiligendarstellungen zu den Suffragien, des Beters. Diese Funktion bestimmt auch die Hierar-
Andachtsbilder (Antlitz Christi mit dem Gebet Salva chie des Schmuckaufwands: Die kürzeren Offizien, die
sancta facies) und Zyklen zumeist mit Motiven aus der Evangelienlesungen und die Bußpsalmen sind gewöhn-
biblischen Geschichte (vor allem im Marienoffizium). lich nur durch ein Bild am Beginn ausgezeichnet. Auch in
Die Illumination entwickelt sich von der Initiale aus. dem mit einem Bilderzyklus geschmückten Marienoffi-
Ihre Ausbildung zeigt regionale Unterschiede: In ita- zium ist der Beginn der Matutin als Beginn des gesamten
lienischen S. bilden die Darstellungen in den Initialen Offiziums besonders hervorgehoben.
oft den hauptsächlichen figürlichen Buchschmuck. In Der Buchschmuck ist nicht Illustration im modernen
Frankreich wird die Darstellung häufig in eine Miniatur Sinne. Inhaltlich besteht häufig kein Bezug zwischen
oberhalb des Textanfangs ausgelagert, ohne jedoch die Text und Bild. Dies zeigt sich an dem zumeist am auf-
Verbindung zur Initiale und zum Text, von dem min- wendigsten illuminierten Bestandteil des S., dem Mari-
destens zwei, drei Zeilen unter dem Bild folgen, zu lö- enoffizium. [16] Manche italienischen S. bieten zu jeder
sen. Ganzseitige Miniaturen, dem Textbeginn gegen- Gebetsstunde eine Heiligendarstellung, der jeder inhalt-
übergestellt (Abb. 1, Abb. 2), bilden sich zuerst in den liche Bezug zu den Gebetstexten fehlt. Im allgemeinen
flämischen S. aus. Von der Initiale ausgehend entwik- herrschen Kindheits- oder Passionszyklen vor. Beide
keln sich auch der Schmuck der Bordüren, die den können auch miteinander kombiniert werden. Die
Schriftspiegel begrenzen, und die Darstellungen im bas- Kombination eines dieser Zyklen mit den alttestament-
de-page, einem für die Illumination freigelassenen lichen Antitypen der einzelnen Szenen ist selten, da be-
Raum innerhalb des Schriftspiegels. Diese unterschied- stimmte Szenen nicht zum gängigen typologischen Re-
lichen Elemente des Buchschmucks können sich in ih- pertoire gehörten. Die Bildzyklen greifen gewisserma-

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Stundenbuch Stundenbuch

ßen den zyklischen Charakter des Stundengebets auf schen Ländern ist die sprachliche Barriere zum Latein,
und betonen seine Ausrichtung auf Christus. [17] Die das in den Gebetstexten vorherrscht, niedriger. Dies gilt
narrative Ikonographie der Bildzyklen lädt zu einer me- auch für England, wo die volkssprachlichen Texte in S.
ditierenden Betrachtung ein, die von dem – vielleicht zuerst in Französisch oder Anglo-Normannisch, später
nur unzureichend verstandenen – nichtnarrativen latei- erst in Mittelenglisch abgefaßt sind. Im Mittelalter bleibt
nischen Text abgelöst ist. Daneben kommt es zur Ver- das Lateinische vorherrschend, wenngleich bereits früh
bindung von nichtnarrativen Texten mit einer nichtnar- einzelne volkssprachliche Elemente eindringen. Diese
rativen Ikonographie (Andachtsbild). An die Stelle des bleiben jedoch zumeist auf bestimmte Bereiche be-
zumeist fehlenden inhaltlichen Bezugs tritt die gemein- schränkt: Während unter die Privatgebete schon bald
same Wirkungsfunktion des movere. [18] Wie Text und volkssprachliche Texte aufgenommen werden, dringen
Bild in diesem Sinne zusammenwirken können, zeigt ex- die Volkssprachen vor allem in den Offizien und Psal-
emplarisch die Verknüpfung des in S. sehr häufigen Ge- men zuerst nur in die Rubriken (Überschriften, teilweise
bets Adoro te, das vielfach Papst Gregor I. zugeschrie- mit Gebetsanweisungen, Ablaßverheißungen) ein, die
ben wird, mit dem Bildmotiv der ‹Gregorsmesse› (Abb. Gebetstexte selbst werden nur selten übersetzt (Abb. 2).
2). [19] Das Gebet erinnert in sieben Isokola an Szenen Das ist sicherlich nicht Folge kirchlicher Verbote (Tou-
des Passions- und Ostergeschehens. Das Bild des louse 1229) [26], sondern resultiert eher aus dem Be-
Schmerzensmannes in der Darstellung der ‹Gregors- streben, möglichst eng dem Beten des Klerus zu fol-
messe› vergegenwärtigt nicht allein den Adressaten des gen [27] und wahrscheinlich aus dem Glauben an eine
Gebets, sondern kann, umgebenen von den Leidens- größere Wirksamkeit des lateinischen Gebets [28]. Eine
werkzeugen, über die im Gebet genannten Szenen hin- Ausnahme bilden die (nördlichen) Niederlande, wo
aus als Abbreviatur der gesamten Passion meditiert wer- Geert Groote († 1384) mit seinem ‹Getijdenboek› eine
den. weit verbreitete vollständige Übersetzung bietet. Nicht
V. Aspekte des Gebrauchs. Von keiner anderen Hand- zufällig geschieht dies im Kontext der verinnerlichten
schriftengattung sind wohl so viele Exemplare überlie- Frömmigkeit der devotio moderna, in dem auch deut-
fert: ein Beleg für die außerordentliche Verbreitung des sche S.-Übersetzungen stehen. [29]
S. im Spätmittelalter. Dies gilt nicht nur in geographi- Bereits vor dem Buchdruck ist das S. geradezu ein
scher, sondern auch in sozialer Hinsicht. Zuerst ein Lu- Massenartikel. Die ersten Drucke erscheinen relativ
xusartikel, wird es bereits vor Einführung des Buch- spät im letzten Viertel des 15. Jh. Doch erobert das ge-
drucks nicht nur auf Bestellung, sondern auch in Massen druckte S. schnell einen großen Anteil am Buchmarkt.
für den Markt produziert. So findet es auch unterhalb Paris hat im S.-Druck beinahe eine Monopolstellung in-
der Aristokratie und der städtischen Eliten Verbrei- ne. Im ersten Drittel des 16. Jh. erscheinen hier fast 600
tung. [20] Für viele ist es wohl das einzige Buch, das sie Drucke. [30] Neben kleinformatigen billigen Büchern
besitzen. Andererseits erwähnen auch bürgerliche Te- werden Luxusausgaben aufgelegt, die auf Pergament
stamente mehrere Exemplare. Auffällig sind die zahl- gedruckt und mit Holz- und Metallschnitten sowie ein-
reichen Belege für Frauen als Auftraggeberinnen oder gemalten Initialen reich geschmückt kostbare Hand-
Besitzerinnen von S. [21] schriften nachahmen. Inhaltlich führt der Druck zu einer
Die acht Gebetszeiten strukturieren den Tag. Für den gewissen Standardisierung, die viele Privatgebete und
betenden Laien ist es jedoch kaum möglich, den Alltag sonstige fromme, auch volkssprachliche Texte in das
nach diesen Stunden zu organisieren. So erklären sich Standardrepertoire aufnimmt. Der Gebrauch wird
Hinweise auf das Gebet des kompletten Marienoffizi- durch Inhaltsverzeichnisse und Blattzählung erleichtert.
ums in einem Zuge am Morgen. Gebetet wird im stillen Die Möglichkeit, mehrere gleiche Exemplare zu erwer-
Kämmerlein (vgl. Mt 6,6), aber auch der Besuch einer ben, erlaubt zudem eine unproblematische gemein-
Kirche zum persönlichen Gebet wird empfohlen. In der schaftliche Rezitation. [31]
Familie kann das S. auch für die Einübung der wichtig- VII. Niedergang und Nachleben. Nach dem ersten
sten Gebete durch die Kinder und für das Lesenlernen Drittel des 16. Jh. geht allerdings die S.-Produktion (viel-
genutzt werden. Einzelne Exemplare, die ein ABC und leicht noch nicht die Rezeption) zurück. Die Reforma-
die gängigsten Gebete (wie Vaterunser und Ave Maria) toren polemisieren scharf gegen das S. und stellen ihm
im Volltext enthalten, die sonst in S. nicht ausgeschrie- eine eigene Gebetbuchliteratur entgegen. In England
ben sind, da als bekannt vorausgesetzt, belegen diese werden nach der Trennung von Rom die S. vorerst nur
Funktion. [22] von einzelnen, jetzt anstößigen Texten gereinigt. Der
Der Gebrauch eines S. beschränkt sich nicht notwen- ausgesprochen obrigkeitliche Charakter der englischen
dig auf die (passive) Rezeption. Zahlreiche Handschrif- Reformation spiegelt sich in der Publikation eines offi-
ten und Druckexemplare zeugen von einer Praxis ziellen königlichen S. unter Heinrich VIII. (1545). Seine
individueller Ergänzung erworbener S. [23] Häufig be- Nachfolger bis auf Elisabeth I. folgen dieser Praxis, so
gegnen Einträge zur Familiengeschichte im Kalender daß ihre offiziellen Ausgaben nicht nur die Tendenzen
(Geburten, Hochzeiten, Todestage). Ebenso finden sich ihrer Religionspolitik markieren, sondern auch noch
eigenhändig hinzugefügte Gebete und andere religiöse einmal die bald schwindende Bedeutung des S. bezeu-
Texte. Einblattdrucke mit Andachtsbildern (und dazu- gen. [32] Selbst in der katholischen Kirche büßt das S.
gehörigen Gebetstexten) werden eingeklebt. Sie kön- nach der Mitte des 16. Jh. zunehmend seine Dominanz
nen ebenso wie eingenähte Pilgerzeichen an absolvierte ein. Unter den Bedingungen der konfessionellen Kon-
Wallfahrten erinnern (es gibt auch Exemplare, in die kurrenz erfüllt es wohl nicht mehr in hinreichendem
Pilgerzeichen bereits eingemalt sind). [24] Maße die Wirkungsfunktionen des docere und movere/
VI. Volkssprache und Druck. Die Verbreitung des S. delectare und wird durch neue Gebet- und Erbauungs-
erstreckt sich auf Frankreich, Burgund, die Niederlande, bücher verdrängt. Zwar wird in Frankreich der Titel
England, Italien und Spanien, während es in Deutsch- ‹Heures› für zahlreiche Laiengebetbücher vom 17. bis in
land neben anderen Formen von Privatgebetbüchern das 19./20. Jh. benutzt, doch wandelt sich der Inhalt die-
keine dominante Stellung erringt. [25] In den romani- ser Werke in zwei Richtungen: zum einen wird der Kern-

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Stundenbuch Subjektivität, rhetorische

bestand des S. von Privatgebeten und anderen religiösen (1985). – R.S. Wieck: Time Sanctified. The Book of Hours in
Texten fast ganz verdrängt, zum anderen gewinnt das li- Medieval Art and Life (New York/Baltimore 1988). – E. König,
turgische Element vor allem durch die Aufnahme von G. Bartz: Das S. (1998). – R.S. Wieck: Prayer for the People: The
Book of Hours, in: R. Hammerling (Hg.): A History of Prayer
Meßtexten ein derartiges Übergewicht, daß man gera- (Leiden/Boston 2008) 389–440.
dezu von Laienmeßbüchern sprechen kann. In der St. Waldhoff
Moderne eignet sich schließlich die profane Literatur
den Titel ‹S.› an: R.M. Rilke, ‹Das Stunden-Buch› ^ Bibelrhetorik ^ Christliche Rhetorik ^ Erbauungsliteratur
(1899–1903), F. Masereel, ‹Mon livre d’heures› (1919), ^ Gebet ^ Liturgie ^ Meditation ^ Psalm
E. Gomringer, ‹Stundenbuch› (1965). Im deutschen
Sprachraum trägt das im Zuge der Liturgiereform des
Zweiten Vatikanischen Konzils das Brevier ablösende
liturgische Buch für das Stundengebet des Klerus den Subjektivität, rhetorische (engl. rhetorical subjectivity)
Titel ‹S.›. [33] A. Def. – B. I. G. Pico della Mirandola. – II. Descartes. – III.
Kant, Fichte, Romantik. – IV. Nietzsche, Heidegger, 20. Jh. – V.
Anmerkungen: Rhetorische Anthropologie der Gegenwart.
1 vgl. J. Black: The Divine Office and Private Devotion in the A. Die seit der Mitte des 20. Jh. andauernde Renais-
Latin West, in: Th.J. Heffernan, E.A. Matter (Hg.): The Liturgy sance des rhetorischen Denkens hat heute, zu Beginn
of the Medieval Church (Kalamazoo 2001) 45–71. – 2 vgl. P. Sal- des 21. Jh., auch zu neuen Versuchen einer rhetorikaf-
mon: L’office divin (Paris 1959) 40–48. – 3 vgl. A. Schmidt: Zu- finen Rekonstruktion des Subjektivitätsbegriffes ge-
sätze als Problem des monastischen Stundengebets im MA führt. Dabei geht es um die Entdeckung der spezifi-
(1986). – 4 vgl. E. Bishop: On the Origin of the Prymer, in: ders.:
Liturgica historica (Oxford 1918) 211–237. – 5 Oxford, Bodleian
schen Rhetorizität des für die gesamte neuzeitliche
Library, MS. Canonici Liturg. 277. – 6 vgl. A. Bennett: Com- Geschichte der europäischen Philosophie zentralen
memoration of Saints in Suffrages, in: C. Hourihane (Hg.): Ob- Subjektivitätsprojektes, das sich auf den anthropologi-
jects, Images, and the Word (Princeton 2003) 54–78. – 7 vgl. E. schen Topos der Autoinvenienz, d. h. der freien Selbst-
Duffy: The Stripping of the Altars (New Haven/London 1992) erfindung des Menschen, fokussiert. Infolgedessen
233–298. – 8 vgl. Bennett [6] 66. – 9 F. Schulz: Oratio. Theol. zeichnet sich insbesondere in der rhetorischen Anthro-
Dicht. und Nachdicht., in: ders.: Mit Singen und mit Beten pologie der Gegenwart ein neuer Begriff von rhetori-
(1995) 184–213. – 10 vgl. A. Angenendt: Gesch. der Religiosität scher S. ab, welcher die von den rationalistischen Stan-
im MA (1997) 477–478, 482–483. – 11 vgl. Duffy [7] 220f. – 12 vgl.
ders.: Marking the Hours (New Haven/London 2006) 64, 96,
dardtheorien zumeist geleugnete oder nur implizit
104f. – 13 J.M. Plotzek u. a. (Hg.): Ars vivendi ars moriendi thematisierte rhetorische Verfaßtheit des Subjekts hi-
(2001) 62. – 14 vgl. E. König: Art. ‹Livre d’heures›, in: Lex. des storisch und systematisch expliziert.
gesamten Buchwesens, Bd. 4 (21995) 583. – 15 vgl. J. Naughton: B. Geschichte. I. G. Pico della Mirandola. Dem neu-
A Minimally-intrusive Presence: Portraits in Illustrations for zeitlichen Projekt der S. liegt die «kulturanthropologi-
Prayers to the Virgin, in: M.M. Manion, B.J. Muir (Hg.): Me- sche Figur des homo inveniens» [1] zugrunde. In ihr ar-
dieval Texts and Images (Chur u. a. 21992) 111–126. – 16 vgl. tikuliert sich eine neue Form «ingeniös-inventive[r]
F.O. Büttner: Komposite Programme der Stundenbuchikono- Subjektivität» [2], die sich aus den Restriktionen tradi-
graphie in den südlichen Niederlanden bis gegen 1480, in: E.
Cockx-Indestege, F. Hendrickx (Hg.): Miscellanea Neerlandica.
tioneller Ordnungsschemata zu emanzipieren beginnt
FS J. Deschamps, Bd. 1 (Löwen 1987) 311–341. – 17 vgl. J. Stadl- und sich die Lizenz zur freien Erfindung ihrer selbst
huber: Das Laienstundengebet vom Leiden Christi in seinem zuspricht. Ein eindrucksvolles rhetorisches Gründungs-
ma. Fortleben, in: Zs. für kath. Theol. 72 (1950) 282–325. – dokument dieses emanzipatorischen Projektes autoin-
18 vgl. F.O. Büttner: Andachtsbuch und Andachtsbild, in: A. ventiver S. bildet die ‹Rede über die Würde des Men-
Raman, E. Manning (Hg.): Miscellanea M. Wittek (Löwen/Paris schen› (Oratio de hominis dignitate, 1496) des Renais-
1993) 27–63. – 19 vgl. Duffy [7] 238–248. – 20 vgl. ebd. 212f. – sance-Philosophen G. Pico della Mirandola. Die
21 vgl. K.A. Smith: Art. ‹Books of Hours›, in: M. Scaus (Hg.): Oratio Picos verkündet hier durch die fiktive Stimme
Women and Gender in Medieval Europe: An Encyclopedia
(New York/London 2006) 89–92. – 22 vgl. R.S. Wieck: Special
des Schöpfergottes den autoinvenienten Charakter
Children’s Books of Hours in the Walters Art Museum, in: B. menschlicher S. und ihre neue Bestimmung zur freien
Cardon u. a. (Hg.): «Als Ich Can». Liber Amicorum in Memory Selbstbestimmung. «Weder haben wir dich himmlisch
of Professor Dr. Maurits Smeyers, (Paris/Löwen/Dudley 2002) noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaf-
Bd. 2, 1629–1639; P. Cullum, J. Goldberg: How Margaret Black- fen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheiden-
burn Taught her Daughters, in: J. Wogan-Browne u. a. (Hg.): der, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt
Medieval Women: Texts and Contexts in Late Medieval Britain. ausformst, die du bevorzugst.» [3] Picos Oratio stellt hier
Essays for Felicity Riddy (Turnhout 2000) 217–236. – 23 vgl. selbst exemplarisch ein Dokument rhetorischer Selbst-
Duffy [12]. – 24 vgl. I. von Bredow-Klaus: Heilsrahmen (32009). –
25 vgl. P. Ochsenbein: Art. ‹S.›, in: VerfLex2, Bd. 9 (1995) 468–
erfindung neuzeitlicher S. dar, die sich in der Form der
472 (Nachtrag, Bd. 11 (2004) 1461f.). – 26 vgl. Stadlhuber [17] freien, philosophischen Rede auf innovative Weise
295, Anm. 73. – 27 vgl. Duffy [12] 59. – 28 vgl. ders. [7] 217f. – selbst entwirft. Aufs Ganze gesehen verbleibt allerdings
29 vgl. C.C. de Bruin: Art. ‹Groote, Geert›, in: VerfLex2, Bd. 3 Picos von einem heiligen Ergeiz (sacra ambitio) [4] ge-
(1981) 267–269; Ochsenbein [25] 470. – 30 vgl. V. Reinburg: triebener, kühner Entwurf einer Universalphilosophie
Books of Hours, in: A. Pettegree u. a. (Hg.): The Sixteenth- noch innerhalb des topischen Horizontes der traditio-
Century French Religious Book (Aldershot/Burlington 2001) nellen Metaphysik, Theologie und Weisheitslehre.
68–82. – 31 vgl. Duffy [12] 57f. – 32 vgl. ebd. 147–177. – 33 vgl. R. II. Descartes. Dagegen findet sich in den ‹Meditatio-
Berger: Art. ‹S.›, in: LThK3, Bd. 9 (2000) Sp. 1059f.
nen› von Descartes ein neues Paradigma der persuasi-
ven Selbsterfindung neuzeitlicher S., die den topischen
Literaturhinweise:
Außenweltrahmen durch die Operation des methodi-
V. Leroquais: Les livres d’heures manuscrits de la Bibliothèque schen Zweifels vollständig zu eliminieren versucht. In
nationale (Paris 1927; Supplément, Mâcon 1943). – A. Labarre: der Form des literarisch stilisierten meditativen Selbst-
Art. ‹Heures; Livres d’heures›, in: Dictionnaire de spiritualité, gespräches lassen sie die Genese der Selbst- und Seins-
Bd. 7/1 (Paris 1969) 410–431. – F. Unterkircher: Das S. des MA gewissheit des neuzeitlichen Ich, die sich in der Formel

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Subjektivität, rhetorische Subjektivität, rhetorische

‹cogito, ergo sum› ausdrückt, plastisch vor Augen treten. In der zweiten Meditation, die dem Leser die auto-
Aus der heutigen Perspektive rhetorischer Metakritik persuasive Selbstschöpfung des neuzeitlichen Subjektes
bilden die cartesianischen Meditationen das Musterbei- vor Augen führt, rekapituliert das cartesianische Ego zu-
spiel einer zwar explizit rhetorikrepugnanten, aber im- nächst noch einmal seine bisherige im radikalen Selbst-
plizit rhetorikaffinen Theorie neuzeitlicher S. Ihre im- zweifel gipfelnde, dissuasive Rhetorik: «Indessen, ich
plizite Rhetorizität bekundet sich in der literarischen habe mir eingeredet (persuasi), daß es schlechterdings
Form des philosophischen Monologes. Im Medium nichts in der Welt gibt: keinen Himmel, keine Erde, kei-
selbstreferentieller, interner Rhetorik gewinnt ein zu- ne denkenden Wesen, keine Körper, also doch auch wohl
nächst radikal zweifelndes Ego hier schließlich seine ei- mich selbst nicht?» [7] Diese selbstadressierte Frage pro-
gene Seins- und Selbstgewißheit. voziert dann die entscheidende Antwort: «Keineswegs;
Eine rhetorisch-kritische Lektüre der cartesianischen sicherlich war ich, wenn ich mir etwas eingeredet habe.»
‹Meditationen› läßt so den genuin rhetorischen Sinn des (Imo certe ego eram si quid mihi persuasi.) [8] Cogitare
Denkens bei Descartes entdecken. ‹Denken› (cogitare) bedeutet hier eindeutig persuadere. Persuasi drückt als
meint demnach soviel wie ‹inneres Redehandeln›. Ety- perfectum praesens eine gelungene Überzeugungshand-
mologisch leitet sich cogitare von co-agitare, d. h. secum lung aus, die in der Gegenwart fortdauert. In dieser Per-
agere ab und bedeutet ein ‹Handeln auf sich selbst› oder spektive besitzt das ‹Überzeugen› (persuadere) einen
ein ‹mit sich selbst verhandeln›. Dabei kann Handeln dem Denken (cogitare) adäquaten Sinn, der sich auf die
(agere) als öffentliches Redehandeln einen zweifachen gesamte autopersuasive Redehandlung der cartesiani-
Sinn annehmen: einerseits den kritisch-forensischen schen Meditationen bezieht. Das persuadere entspricht
Sinn einer Gerichtsverhandlung (causam agere) und an- hier der generellen Bedeutung von cogitare und läßt sich
dererseits den theatralisch-deklamatorischen Sinn einer gerade nicht nur auf «eine Weise des Denkens» [9], d. h.
Theateraufführung (agere tragoediam). Indem Descar- einen speziellen Modus, reduzieren. Damit bestätigt der
tes diesen zweifachen etymologischen Sinn von cogitare Descartes-Text an dieser entscheidenden Stelle die spe-
als ‹Redehandeln› aufgreift und zugleich vom externen zifisch rhetorische Bedeutung des Denkens, welches hier
Forum öffentlicher Rede auf das interne Forum des me- ein fortgesetztes und in der Gegenwart andauerndes in-
ditativen Selbstgespräches überträgt, läßt er in seinen neres Sich-selbst-Überzeugen meint. In diesem Sinne
‹Meditationen› die rhetorische Genese neuzeitlicher S. ließe sich auch sagen: Persuasi, ergo sum. Allerdings wur-
dem Leser plastisch vor Augen treten. de dieser sich nachweislich im Text artikulierende rhe-
Die rhetorische Selbsterfindung neuzeitlicher S. in torische Sinn von cogitare von Descartes selbst im Fort-
den ‹Meditationen› vollzieht sich dabei im Modus von gang der Meditationen nicht weiter verfolgt. Die aus heu-
dissuasiver Selbstvernichtung und persuasiver Selbst- tiger Sicht entscheidende Einsicht in den rhetorischen
schöpfung. Die Selbstvernichtung jenes gesellschaftli- Charakter der Selbsterfindung neuzeitlicher S. wird im
chen Selbst, das sich in den topischen Horizonten und weiteren Textverlauf rasch wieder durch das szientisti-
Vorurteilen der opinio communis bewegt, vollzieht sich sche Ideal der logisch-mathematischen Wahrheit über-
in der ersten Meditation zunächst in Form kritisch-foren- formt. Somit bleibt das sich punktuell in den ‹Meditatio-
sischer Rhetorik. Durch das Verfahren des methodi- nen› bekundende explizite Verständnis der Rhetoriziät
schen Zweifels befreit sich das cartesianische Ego von subjektiver Selbsterfindung im Gesamtwerk Descartes’
allen geltenden Meinungen und Vorurteilen, denen es eine Episode.
bisher anhing. Diese dissuasive Geltungsvernichtung III. Kant, Fichte, Romantik. In der Folgezeit setzt sich
zielt auch auf den Spitzentopos der mittelalterlich- philosophiegeschichtlich ein rationalistischer und ex-
scholastischen Bildungswelt, d. h. der Überzeugung von plizit rhetorikrepugnanter Standardtypus neuzeitlicher
der Existenz eines Schöpfergottes, und führt zu der kon- S. durch. Auch in Kants transzendentalkritischer Sub-
traindikativen Annahme, «all dies von Gott Gesagte sei jektphilosophie werden, wie schon die sprachmetakriti-
eine bloße Fiktion» [5]. Das dissuasive Verfahren des schen Anmerkungen Herders und Hamanns zur ‹Kritik
methodischen Zweifels besitzt auch eine affektive Di- der reinen Vernunft› hervorheben, die sprachlichen
mension. Die Genese des neuzeitlichen Subjektes ge- Konstitutionsmomente von S. vernachlässigt. Zudem
schieht auf dem Wege einer Selbstaffektion, durch die es reflektiert Kant aus der Sicht heutiger rhetorischer Me-
sich von der mittelalterlichen Grundstimmung des takritik weder den Stil seiner juristisch geformten «ab-
Glaubens (fides) zur neuzeitlichen des Zweifels (dubi- gekältete[n] Kanzleisprache» [10], noch die metaphori-
tatio) umstimmt. sche Präfiguration seines Kritizismus durch die philo-
Das negative Verfahren der kritisch-forensischen sophische Allegorie des Vernunftgerichtshofes. [11] Auf
Rhetorik, die sich im methodischen Zweifel artikuliert, der anderen Seite macht sich bereits in Kants ‹Kritik der
bedarf allerdings noch der Ergänzung durch das positi- Urteilskraft› der Einfluß des bei A.G. Baumgarten zur
ve Verfahren einer theatralisch-simulatorischen Rhe- ‹Ästhetik› transformierten rhetorischen Denkens wie-
torik, um die hartnäckig wiederkehrenden, gewohnten der bemerkbar. Trotz der ausdrücklichen Verurteilung
Vorurteile endgültig zu neutralisieren. Der mittelalter- der Rhetorik (ars oratoria) als bloßer «Kunst zu über-
lichen Welttopik des gütigen Schöpfergottes, der die reden, d. i. durch den schönen Schein zu hinterge-
Quelle der Wahrheit bildet, stellt Descartes deshalb si- hen» [12], lassen sich zentrale Kategorien der ästheti-
mulativ die Anti-Topik eines bösartigen, täuschenden, schen Theorie Kants wie z.B. ‹Urteilskraft›, ‹Zweck-
allmächtigen Geistes entgegen. Aus dieser Fiktion, ein mäßigkeit›, ‹Geschmack› und ‹Genie› als Filiationen
Deus malignus, «der zugleich allmächtig und verschla- klassischer rhetorischer Kategorien, d. h. von iudicium,
gen ist, [und] all seinen Fleiß daran gewandt [hat] mich decorum, sensus communis und ingenium verstehen.
zu täuschen» [6], gewinnt zudem der methodische Zwei- Dieser Einfluß kryptorhetorischer Kategorien in
fel erst seine prinzipielle und universelle Bedeutung, der philosophischen Selbstbeschreibung neuzeitlicher S.
aus der die radikale Destruktion der bisher gewohnten steigert sich in der für den gesamten Deutschen Idealis-
Selbst- und Seinsgewissheit des meditierenden Egos re- mus und die Romantik grundlegenden Transzendental-
sultiert. philosophie J.G. Fichtes. Erst in jüngster Zeit hat die

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Subjektivität, rhetorische Subjektivität, rhetorische

Forschung den Einfluß des Ciceronianers J.A. Ernesti Glaube ist es; dieses freiwillige Beruhen bei der sich uns
auf Fichte herausgestellt, welcher schon vor Fichtes natürlich darbietenden Ansicht, weil wir nur bei dieser
Kant-Lektüre seine früheste Jugendbildung in Schul- Ansicht unsere Bestimmung erfüllen können; er ist es,
pforta bestimmte und somit den implizit rhetorikaffinen der dem Wissen erst Beifall gibt, und das was ohne
Charakter des gesamten Fichteschen Denkens erklärt. ihn bloße Täuschung sein könnte, zur Gewißheit, und
Während die kritische Aufklärungsphilosophie Kants Überzeugung erhebt.» [17] Das Fiktionalismus- und Ni-
sich an der traditionellen Urteilslogik orientiert, weist hilismusproblem der idealistischen Bewußtseinsphilo-
Fichtes Subjektphilosophie eine über den Ciceronianis- sophie, welches sich im Rahmen einer rein kognitivi-
mus Ernestis vermittelte «große Nähe zur Konzeption stisch argumentierenden Transzendentalphilosophie als
der rhetorischen Logik auf, die im 16. und 17. Jh. eine aporetisch erweist, führt Fichte hier zu einer Refor-
Blütezeit erlebte» [13]. mulierung seiner bisherigen Subjektphilosophie, in der
Der Einfluß dieser inventio-orientierten rhetorischen die rhetorikaffinen Kategorien des ‹Gefühls› und des
Logik führt zusammen mit der «Phantasieapologetik ‹Glaubens› eine zentrale Bedeutung erhalten. «Ich
des 18. Jahrhunderts» [14] zu einer subjekttheoretischen weiß, daß jede vorgebliche Wahrheit, die durch das blo-
Aufwertung der imaginatio gegenüber der vom klassi- ße Denken herausgebracht, nicht aber auf den Glauben
schen Rationalismus privilegierten ratio. In seiner ‹Wis- gegründet sein soll, sicherlich falsch und erschlichen
senschaftslehre› reaktiviert Fichte die traditionelle rhe- ist.» [18] Mit diesem Konzept des affektgestützten Glau-
toriktheoretische Verbindung der Imagination mit dem bens bezieht sich Fichte nicht auf jenen speziellen und
ingenium und der inventio und verleiht ihr – ganz im Sin- exklusiven religiösen Glaubensbegriff, der in die For-
ne des Selbsterfindungskonzeptes neuzeitlicher S. – eine mation des philosophie- und theologiegeschichtlich
neue, transzendentalphilosophisch gesteigerte Bedeu- überaus wirkungsvollen Oppositionstopos fides contra
tung. Die ingeniöse S. des absoluten Ich besitzt demnach rationem eingegangen ist. Vielmehr bezieht er sich – ver-
das Vermögen einer transzendentalen Einbildungskraft, mittelt auch durch F.H. Jacobis Schrift ‹David Hume
deren unaufhörliches ‹Hin-und-her-Schweben› den ge- oder über den Glauben› – auf die common-sense-Philo-
samten Stoff des menschlichen Selbstbewußtseins er- sophie der Schottischen Schule und damit wiederum in-
zeugt. Dagegen bleibt dem Verstand lediglich die Auf- direkt auf den opinio- bzw. sensus-communis-Topos der
gabe einer rationalen Sekundärbearbeitung und Fixie- Ciceronianischen Rhetoriktradition.
rung des von der produktiven Einbildungskraft primär Diese implizit rhetorikaffine Subjektphilosophie
erzeugten Vorstellungsmaterials. In diesem Gegensatz führt Fichte schließlich auch zu einem neuen metaphi-
der absolut produzierenden Einbildungskraft zum bloß losophischen Selbstverständnis des sich in Texten, aka-
fixierenden Verstand spiegelt sich die klassische Oppo- demischen Vorlesungen und öffentlichen Reden pro-
sition des Erfindungsvermögens (ingenium) und des Be- duzierenden philosophischen Subjekts. In Fichtes Ideal
urteilungsvermögens (iudicium) wider. Zugleich arti- des Philosophen vereinen sich Reflexions- und Redefä-
kuliert sich die neue transzendentalphilosophische Auf- higkeit zu einer Gesamtkompetenz öffentlicher Ver-
wertung der Imagination als ein ursprünglich inventives nunft, die es ihm ermöglichen soll, als Gelehrter in das
Vermögen menschlicher S. geschichtliche Leben seiner Zeit einzugreifen. [19] Ins-
Allerdings führt diese Rehabilitierung der Imagina- besondere in seinen wirkungsgeschichtlich folgenrei-
tion im transzendentalen Idealismus Fichtes auch zu ei- chen ‹Reden an die deutsche Nation› gelingt es Fichte
ner Rückkehr des schon von Descartes bekämpften Fik- tatsächlich, sein ciceronianisches Jugendideal des Red-
tionalismusproblems neuzeitlicher S. Das Selbsterfin- nerphilosophen zu realisieren. Das subjektive Selbster-
dungskonzept der produktiven Einbildungskraft stellt findungsprojekt erweitert sich hier um eine neue inter-
das philosophierende Ich erneut vor die Frage, ob die subjektive und öffentlich-politische Dimension. So lei-
imaginativ erzeugte, innere Vorstellungswelt seines ei- stet Fichte tatsächlich mit seinen ‹Reden› durch seine
genen Selbstbewußtseins nicht «notwendig eine bloße innovativen und redewirksamen Formen öffentlicher
Erdichtung» [15], also eine bloße Fiktion sei. Das carte- Vernunft einen wichtigen Beitrag zur intersubjektiven
sianische Experiment der neuzeitlichen Gewißheitsfin- Identitätsstiftung der Deutschen als Sprach- und Kul-
dung gerät somit bei Fichte erneut in die Krise: «Bilder turnation.
sind: sie sind das Einzige, was da ist [...]. Ich selbst bin Allerdings gelingt erst mit F. Schlegels ironischem
eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern Idealismus der frühromantische Durchbruch zu einer
nur ein verworrenes Bild von den Bildern. – Alle Reali- explizit rhetorikaffinen Subjekttheorie. Dabei fokus-
tät verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne siert sich Schlegels tropologische Charakterisierung
ein Leben, von welchem geträumt wird.» [16] Das me- menschlicher S. auf den Tropus ‹Ironie›. Der rhetori-
ditierende Ich bleibt – so argumentiert Fichte hier im sche Tropus wird dazu von Schlegel auf philosophische
dritten Buch der ‹Bestimmung des Menschen› – im her- Weise infinitisiert und «ins Unendliche entwickelt» [20].
metischen Bannkreis seines eigenen imaginativ erzeug- Durch ihre Infinitisierung, ausgehend vom schulrheto-
ten, vorstellenden Denkens gefangen, dessen seins- und rischen Tropus (ironia verbi) über die existenzielle
realitätslosen Bild- und Phantasmacharakter es nicht zu Grundfigur (ironia vitae) bis hin zu einer universalon-
transzendieren vermag. tologischen Figur (ironia entis) gewinnt die Ironie so
Um diese reinrational nicht zu behebende Krise zu eine philosophische Bedeutungssteigerung. [21]
lösen, greift Fichte im dritten Buch der ‹Bestimmung› Diese infinite Ironie Schlegels definiert sich als «ab-
mit den Themen ‹Affekt› und ‹Glaube› wieder Motive solute Synthesis absoluter Antithesen, der stete sich
aus seinem frühesten Gedankengut, d. h. der rhetorikaf- selbst erzeugende Wechsel zweier streitender Gedan-
finen Anthropologie seiner Schulpfortaer ‹Valedikti- ken» [22]. Als «freieste aller Lizenzen» [23] legitimiert
onsrede› von 1780 auf. Das neue Organ, das dem phi- sie jene geradezu unbegrenzte Freiheit subjektiver
losophierenden Subjekt erneut die Gewißheit der Rea- Selbsterfindung, auf die das Schlegelsche Programm ei-
lität einer Außenwelt und seiner selbst vermitteln soll, ner progressiven Universalpoesie abzielt. Diese pro-
ist demnach nicht das Wissen, sondern der Glaube. «Der gressive Dynamik subjektiver Selbsterfindung, welche

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Subjektivität, rhetorische Subjektivität, rhetorische

sich im «steten Wechsel von Selbstschöpfung und ven Metonymie, die zur phänomenalen Vielfalt des in-
Selbstvernichtung» [24] vollziehen soll, hebt das ge- dividuellen Erlebens den fiktiven Einheitsgrund eines
wöhnliche eindimensionale Modell personaler Identität ursächlichen ‹Subjektes›, d. h. des Ich, hinzusetzt. Aus
auf und zielt auf eine pluralistische und universelle Er- sprachkritisch-genealogischer Sicht erweist sich das
weiterung des Individuums. Die durch infinite Ironie ge- metonymisch imaginierte ‹Subjekt› oder ‹Ich› somit als
wonnene Liberalität, Urbanität und Toleranz der uni- «nichts gegebenes, sondern [als] etwas Hinzu-Erdichte-
versellen Persönlichkeit bildet zudem eine romantische tes» [32]. Das Ich stellt sich somit als eine zwar metony-
Reprise des humanistischen Ideals des homo universalis. misch erzeugte, aber dennoch lebensdienliche Fiktion
Eine an Schlegel anschließende explizit rhetorikaf- heraus.
fine Deutung der Fichteschen Subjektphilosophie findet Zudem erklärt sich die rationalistische Standardvor-
sich ferner in A. Müllers Konzept rhetorischer Inter- stellung des ‹Ich› und des ‹Subjekts› aus der Selbstver-
subjektivität. In seiner frühen Studie über die ‹Lehre gessenheit fundamentalrhetorischer S., deren eigene
vom Gegensatz› transformiert Müller das abstrakte tropologische Selbsterfindung sich als ein Prozeß «unbe-
transzendentallogische Oppositionsschema von Ich und wußter Kunst» [33] vollzieht. Diese Selbstvergessenheit
Nicht-Ich in die konkrete intersubjektive Redner-Hö- bildet das Resultat einer fundamentalen dissimulatori-
rer-Relation. Demnach ist der «Hörer zugleich Objekt schen Ironie, die dazu führt, «dass der Mensch sich als
des Redners, der Redner zugleich Subjekt des Hö- Subjekt und zwar als künstlerisch schaffendes Subjekt
rers.» [25] Dabei stehen Redner und Hörer in einer vergisst». [34] Mit dieser anamnetischen Freilegung der
durchgängigen rhetorischen Wechselwirkung. An die in jedem Menschen angelegten künstlerisch schaffenden
Stelle der von der Rhetoriktradition favorisierten ein- S. gewinnt die kritische Genealogie Nietzsches zugleich
seitigen Rednerzentriertheit tritt hier das symmetrische ihr positives und weiterführendes Resultat. Sie eröffnet
und bipolare «Wechselverhältnis» [26] von Redner und die Perspektive einer «Selbstschöpfung und -steigerung
Hörer. Die von F. Schlegel erfundene Interaktionsfigur des Individuums im Blick auf den Übermenschen» [35]
der infiniten Ironie findet in Müllers Konzeption sym- in der das neuzeitliche Projekt der Selbsterfindung die
metrischer und wechselseitiger Selbsterfindung rhetori- Züge einer neuen, utopischen Anthropologie annimmt.
scher Intersubjektivität eine weitere Anwendung. Jede Innerhalb der Hauptströmungen der Philosophie des
gelingende Rede besteht demnach im Wechselverhältnis 20. Jh. sperren sich sowohl die Analytische Philosophie
zwischen einer infiniten Transpositions- und Inversions- als auch der Poststrukturalismus gegen weiterführende
bewegung, durch die sich der Hörer an die Stelle des Konzepte rhetorischer S. Auf der einen Seite erweist sich
Redners wie umgekehrt der Orator sich in die Position der an der modernen, mathematischen Logik orientierte
des Auditors versetzt. Dem Hörer wird damit der aktive Propositionalismus der angelsächsischen Analytischen
Subjektcharakter eines selbstständig interagierenden Philosophie in der Grundtendenz als rhetorikrepugnant.
«Antiredner[s]» [27] zugesprochen. Denn das «ganze Auf der anderen Seite schließen zwar der französische
Hören war für ihn beständiger Blick von sich auf den Poststrukturalismus und die Postmoderne an das tropo-
Redner und unmittelbarer Rückblick vom Redner, auf logische Denken F. Schlegels und Nietzsches an, besitzen
dessen Standpunkt der Hörer aber erst treten muß, auf jedoch eine subjektrepugnante Grundtendenz. So bildet
sich, und so in unendlichem Wechsel fort.» [28] In seinen die Rede vom «Tod des Subjekts» [36] einen Standardto-
späteren, berühmten ‹Zwölf Reden über die Beredsam- pos innerhalb der Postmodernediskussion der 80er und
keit und deren Verfall in Deutschland› hat Müller diesen 90er Jahre, die sich auf Autoren wie Lacan, Foucault,
innovativen Ansatz rhetorischer Hörersubjektiviät zu Derrida, Deleuze und Lyotard zurückbezieht.
einer ‹Kunst des Hörens› [29] weiterentwickelt. Dagegen gehen von der Hermeneutischen Phäno-
IV. Nietzsche, Heidegger, 20. Jh. Im Anschluß an die menologie M. Heideggers wichtige Impulse für eine rhe-
rhetorikaffinen Tendenzen der Romantik findet sich bei torikaffine Transformation des Subjektivitätsgedankens
F. Nietzsche dann ein erster universaler Entwurf einer aus. Die Kritik der cartesianischen Konzeption des Men-
explizit rhetorischen Anthropologie, die dem neuzeitli- schen als eines isolierten «weltlosen ‹Subjekte(s)›» [37]
chen Subjektbegriff eine neue fundamentalrhetorische führt Heidegger in ‹Sein und Zeit› zu einem erweiter-
Wendung gibt. An die Stelle des von Descartes’ begrün- ten Konzept der menschlichen Existenz als In-der-Welt-
deten und von Kants transzendentaler Logik wirkungs- sein. Dabei vollzieht Heidegger einen philosophiege-
geschichtlich noch einmal verstärkten rationalistischen schichtlich geradezu revolutionären, rhetorikaffinen
Standardmodells neuzeitlicher S. tritt bei Nietzsche ein Kategorienwechsel. Seine existenziale Daseinsherme-
von der antiken Sophistik und der Sprachphilosophie G. neutik verläßt das für die neuzeitliche Subjektivitäts-
Gerbers inspiriertes, rhetorisch-tropologisches Kon- philosophie bisher maßgebliche kategoriale System
zept menschlicher S. Demnach liegt die unhintergehba- der philosophischen Vermögenspsychologie. Stattdes-
re Rhetorizität aller subjektiven und intersubjektiven sen wird das menschliche Dasein durch eine Reihe exi-
Welt- und Selbsterfindung darin begründet, dass die stenzialer Kategorien beschrieben, die durch die neu-
Sprache selbst schon «das Resultat von lauter rhetori- zeitliche Hermeneutik vermittelt an die Rhetoriktradi-
schen Künsten» [30] bildet. So entdeckt Nietzsches kri- ton anschließen.
tische Genealogie der Sprache, daß alle sprachlichen An die Stelle von vermögenspsychologischen Kate-
Ausdrücke ursprünglich Katachresen bilden, denen der gorien wie z.B. Sinnlichkeit, Verstand, Vernunft und
menschliche Fundamentaltrieb zur Metaphernbildung Wille treten bei Heidegger Existenzialien wie Befind-
zugrunde liegt. lichkeit, Verstehen, Auslegung und Rede. Mit dem Exi-
Das «Kunststück der Erfindung des Subjektes, des stenzial der Befindlichkeit rehabilitiert er im Anschluß
Ichs» [31] beruht nach Nietzsches antimetaphysischer an die Pathe-Lehre der Aristotelischen ‹Rhetorik› die
und artistischer Subjekttheorie auf einer tropologischen von der Rhetoriktraktion immer wieder betonte affek-
Grundoperation. Die Vorstellung von der Wahrheit, tive und pathelogische Grundverfassung des Men-
Wirklichkeit und Substantialität des ‹Ich› erzeugt sich schen. [38] Ferner realisiert er durch das «Existential des
durch die projektive Setzungsmacht einer autoinventi- Entwurfs» [39] den für die neuzeitliche Subjektivitäts-

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Subjektivität, rhetorische Subjektivität, rhetorische

philosophie grundlegenden Autoinvenienz-Topos auf wie auf einer inneren Bühne abspielen. Zudem werden
eine neue, rhetorikaffine Weise. Die existenziale Ent- die unterschiedlichen personalen Rollen, die auf dem ex-
wurfsstruktur von Verstehen – Auslegung – Rede, durch ternen Forum durch real existierende Interaktionspart-
die Heidegger auf terminologisch innovative Weise die ner verkörpert werden, auf dem Forum interner Rheto-
existenzielle Freiheit menschlicher Welt- und Selbster- rik – im Sinne einer imaginativen Prosopopoiie (fictio
findung beschreibt, bildet eine daseinshermeneutische personae) – durch die fiktiven Hypostasen des autoper-
Transformation der rhetorischen inventio-dispositio- suasiven Ich selbst besetzt. Erst diese fiktive Aufspaltung
elocutio-Struktur. in unterschiedliche kommunikative Rollen ermöglicht es
V. Rhetorische Anthropologie der Gegenwart. Aller- dem autopersuasiven Subjekt, sich mit sich selbst zu un-
dings kommt es erst in der gegenwärtigen Rhetorischen terreden und im Sinne interner Rhetorik – mit, für, gegen
Anthropologie zur systematischen und in sich dif- und vor sich sprechend – seine eigenen Überzeugungen
ferenzierten Ausbildung rhetorischer Subjektivitätskon- zu gewinnen.
zepte. [40] Auf der einen Seite beziehen sich die unter- Allerdings stellt die internalisierende Grundoperati-
schiedlichen Versionen dieser neuen homo-rhetoricus- on der peristatischen Umbesetzung allein noch keine
Anthropologie auf die schon von der klassischen hinreichende Bedingung für die Genese eines authenti-
Rhetoriktradition behandelte öffentlich-gesellschaftli- schen rhetorischen Subjektes dar. Denn die durch sie
che Außenseite rhetorischer S., in deren Mittelpunkt die ermöglichte interne Rhetorik spiegelt zunächst lediglich
externe Rhetorik des Redners in seiner geschichtlichen die kommunikativen Außenverhältnisse wider und re-
Lebenswelt steht. Auf der anderen Seite betritt die Rhe- produziert zumeist unkritisch die jeweils geltende Welt-
torische Anthropologie mit der Innenseite rhetorischer topik. Dagegen eröffnet erst die darüber hinausgehen-
S. theoretisches Neuland und versucht durch die Kon- de zweite, kritisch-distanzierende Grundoperation der
zeption interner Rhetorik auch den Subjektbegriff Enttopisierung den Weg zur Ausbildung eines eigenen,
der neuzeitlichen Bewusstseinsphilosophie fundamen- authentischen Selbst. Diese Operation der Enttopisie-
talrhetorisch zu rekonstruieren. rung, wie sie z.B. der methodische Zweifel Descartes’ in
Die philosophische Fundamentalrhetorik P.L. Oes- philosophisch stilisierter Form vor Augen führt, eröffnet
terreichs definiert den Menschen prinzipiell als homo durch die kritische Außerkraftsetzung der zuvor naiv in-
rhetoricus, d. h. «als ein Redelebewesen, ein animal rhe- ternalisierten topischen Vorgaben und dogmatischen
toricum.» [41] Dazu entwirft er in seiner ‹Philosophie Geltungsansprüche erst den Freiraum für die autoper-
der Rhetorik› eine Topographie rhetorischer Selbster- suasive Erfindung eines authentischen Selbstes im Me-
findung, welche die Spielarten individueller Identität dium selbstreferenzieller Rhetorik. Diese Möglichkeit
von den Formen partizipativer Identität innerhalb poli- zur Ausbildung eines eigenen Selbstes im Medium au-
tischer, religiöser und ökonomischer Überzeugungs- toinventiver, interner Rhetorik liegt zwar in der Natur-
gemeinschaften unterscheidet. [42] Demnach läßt sich anlage des Menschen als homo rhetoricus begründet.
der cartesianische Standardtypus neuzeitlicher Be- Ihre bewußte und artifizielle Ausbildung als selbstre-
wußtseinsphilosophie, ausgehend vom gesellschaftli- flexive Anthropotechnik bleibt dagegen der freien
chen Selbst des homo rhetoricus exterior, als eine de- Selbstkultivierung rhetorischer S. überlassen und bildet
viative Spielart internalisierter rhetorischer Selbsterfin- so eine wichtige Aufgabe einer rhetorisch aufgeklärten
dung rekonstruieren. Den theoretischen Schlüssel für Philosophie.
diese rhetorische Rekonstruktion des neuzeitlichen Auch das von der Rhetoriktheorie traditionell privi-
Subjektes als homo rhetoricus interior bilden neben der legierte Thema der externen Rhetorik, welche die ge-
rhetorischen Metakritik der Cartesianischen Meditatio- sellschaftlich-öffentliche Außenseite rhetorischer S. be-
nen die erst in jüngster Zeit entwickelten Ansätze zur trifft, wird innerhalb der Rhetorischen Anthropologie
internen Rhetorik. [43] Damit läßt sich die Genese des aufgegriffen und weitergeführt. So hat die Tübinger
Subjekts jenseits des transzendentallogischen Paradig- Schule mit der allgemeinen Rhetoriktheorie J. Knapes
mas als eine spezifische Form selbstreferenzieller, inter- und der rhetorischen Kulturanthropologie F.-H. Rob-
ner Rhetorik begreifen. Während die neuzeitliche Be- lings gleich zwei weitere oratorzentrierte Theorievari-
wußtseinsphilosophie, ausgehend vom Faktum des anten rhetorischer S. vorgelegt. [44] Ausgehend von der
Selbstbewußtseins, versucht, die intersubjektive Le- klassischen Rhetoriktheorie und der schulrhetorischen
benswelt zu erschließen, kehrt die Fundamentalrhetorik Tradition betonen sie die zentrale Bedeutung des Ora-
die Beziehungslogik von Innen- und Außenwelt radikal tors, seines Willens und seiner Interventionen für die
um. Von der lebensweltlichen Außenseite des homo gesellschaftliche Kommunikation und die menschliche
rhetoricus herkommend, macht sie umgekehrt die Gene- Kultur insgesamt.
se der Innenseite rhetorischer S. durchsichtig. J. Knapes strategisches Konzept rhetorischer S. er-
Diese Genese des homo rhetoricus interior erfolgt neuert die ciceronianische Idee der Oratordominanz im
durch zwei Grundoperationen: die internalisierende Kontext der modernen Kommunikationswissenschaf-
Operation der peristatischen Umbesetzung und die ten. Auf dem Gebiet rhetorischer Kommunikation ver-
kritisch-distanzierende Operation der Enttopisierung. teidigt er die Autorschaft und «Handlungsmacht» [45]
Durch die Grundoperation der peristatischen Umbeset- des Subjekts gegenüber ihrem vermeintlichen Verlust
zung transformiert sich das externe Forum des gesell- in den zeitgenössischen Kommunikationstheorien, im
schaftlichen Selbst zunächst in das interne Forum selbst- Postmodernismus, im Poststruktualismus und der Sy-
referenzieller Rhetorik. Damit bewirkt sie eine für die stemtheorie Luhmanns. Demnach nimmt jede rhetori-
Situation des Selbstgespräches typische Veränderung sche Kommunikation ihren Ausgangspunkt vom jewei-
der Peristasen oder Umstände (circumstantiae). So wird ligen Orator, der als Vorsprecher die Redeinitiative er-
z.B. der sinnlich wahrnehmbare Ort (locus sensibilis) des greift: «Rhetorik setzt ein, wenn der Vorsprecher sein
externen Forums durch den imaginierten Ort (locus ima- Zertum, seine Überzeugung irgendwelcher Art, willens-
ginativus) des internen Forums ersetzt, auf dem sich die kräftig im Ego autem dico zum Ausdruck bringt.» [46]
autopersuasiven Prozesse interner Rhetorik gleichsam Dabei versucht der Orator als Vorsprecher gegen

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Subjektivität, rhetorische Subjektivität, rhetorische

die Widerstände seiner Kommunikationspartner, die Anmerkungen:


lediglich eine Nachsprecher-Rolle einnehmen, seine 1 St. Metzger, W. Rapp (Hg.): Homo inveniens. Heuristik und
persuasive Intention mit rhetorischen Mitteln durchzu- Anthropol. am Modell der Rhet. (2003) 8. – 2 L. Bornscheuer:
Rhet. Paradoxien im anthropologiegesch. Paradigmenwechsel,
setzen. Von daher besitzt jede spezifisch rhetorische in: Rhetorik 8 (1989) 13–42, hier: 34. – 3 G. Pico della Miran-
Kommunikation einen rein strategischen Charakter. In- dola: Über die Würde des Menschen, übers. von N. Baumgar-
nerhalb dieses strikt asymmetrischen und strategischen ten, hg. von A. Buck (1990) 7. – 4 vgl. ebd. 11. – 5 R. Descartes:
Konzeptes rhetorischer Oratorsubjektivität weist Kna- Meditationen über die Grundlagen der Philos., hg. von L. Gäbe
pe die philosophische Frage nach der Wahrheit und der (1959) 37. – 6 ebd. 39. – 7 ebd. 43 – 8 ebd. – 9 J. Kopperschmidt:
ethischen Qualität subjektiven Oratorhandelns von sich Ein neuer Beleg für «Descartes’ Error»? Metakrit. Anm. zu
ab. Damit bezieht er eine markante Kontraposition zu P.L. Oesterreichs «Homo rhetoricus interior», in: Rhetorik 23
den modernen diskursethischen Theorien eines idealen (2004) 153–163, hier: 160. – 10 H. Heine: Zur Gesch. der Rel.
und Philos. in Deutschland (1834), zit.: S. Ijsseling: Philos. und
Auditoriums (Ch. Perelman) sowie einer idealen Kom- Rhet. Eine hist.-systemat. Einf. (1988) 132. – 11 vgl. P.L. Oes-
munikationsgemeinschaft (J. Habermas/K.O. Apel) In terreich: Art.: ‹Richten›, in: R. Konersmann (Hg.): Wtb. der
ethischer Hinsicht entfernt er sich damit auch vom ci- philos. Metaphern (2007) 311–321. – 12 Kant KU, in: Kant’s ge-
ceronianischen Vir-bonus-Ideal. sammelte Schr. Akademie Ausg., Bd. 5 (1913, ND 1974) 165–
Auch die oratorzentrische Kulturanthropologie F.H. 486, hier: 327. – 13 St. Bacin: Fichte in Schulpforta (1774–1780).
Roblings teilt Knapes voluntaristischen Begriff rheto- Kontext und Dokumente (2007) 55. – 14 R. Lachmann: «Phan-
rischer S. und stellt den persuasiven Rednerwillen in das tasia, imaginatio und rhet. Tradition», in: J. Kopperschmidt
Zentrum seiner Überlegungen. Allerdings profiliert (Hg.): Rhetorische Anthropol. Stud. zum Homo rhetoricus
(2000) 245–270, hier: 245. – 15 J.G. Fichte: Werke, hg. von W.
Robling sein eigenes rednerbezogenes Konzept rheto- Jacobs, P.L. Oesterreich (1997) Bd. 2, 200. – 16 ebd. Bd. 1, 300. –
rischer S. in enger historische Anknüpfung an die schul- 17 ebd. 308f. – 18 ebd. 309. – 19 vgl. H. Traub: J.G. Fichtes Po-
rhetorische Tradition stärker sowohl in kulturanthro- pulärphilos. 1804–1806 (1992) 253–287. – 20 H. Schanze: Ro-
pologischer als auch ethischer Hinsicht. Im Anschluß an mantik und Aufklärung. Unters. zu F. Schlegel und Novalis
Ciceros Ideal des orator perfectus stellt er die im Redner (21976) 94. – 21 P.L. Oesterreich: Ironie, in: H. Schanze (Hg.):
artifiziell gesteigerte Redefähigkeit des Menschen als Lit. Romantik (2008) 174–188, hier: 178. – 22 F. Schlegel: Athe-
ein entscheidendes «kulturelles Kriterium der Mensch- näums-Frg., in: E. Behler u. a. (Hg.): Krit. F.-Schlegel-Ausg.,
lichkeit» [47] heraus. Von daher gewinnt das Redner- Bd. 2 (1967) 165–255, hier: 184, Nr. 121. – 23 ders.: Lyceums-
Frg., in: Schlegel [22] 147–163, hier: 160. – 24 Schlegel [22] 172,
ideal und die schulrhetorische Lehre von der menschli- Nr. 51. – 25 A. Müller: Lehre vom Gegensatz (1804) 40. –
chen Redefähigkeit sowohl als Naturanlage (natura bzw. 26 ebd. 45. – 27 ebd. 38. – 28 ebd. 43. – 29 vgl. ders.: Zwölf Reden
ingenium) als auch in ihrer Ausbildung zur Kunst (ars) über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland, hg.
eine allgemeine kulturanthropologische Bedeutung. von J. Wilke (1983) 35ff. – 30 F. Nietzsche: Krit. Gesamtausg.,
Insbesondere bildet die Ars-natura-altera-natura-Dia- begründet von G. Colli, M. Montinari u. a., hg. von W. Müller-
lektik einen begrifflichen Schlüssel für die rhetorische Lauter, Bd. 2,4 (1995) 425. – 31 ders.: Nachgelassene Frg. 1869–
Genese der menschlichen Kultur in ihren unterschied- 1874, in: Krit. Studienausg., hg. von G. Colli, M. Montinari,
lichen historischen Ausprägungen. So erweist sich in hi- Bd. 12 (1988) 162, Nr. 193. – 32 ebd. 315. – 33 Nietzsche [30]
Bd. 2,4, 425. – 34 Nietzsche [31] Bd. 1, 883. – 35 F.-H. Robling:
storischer Hinsicht auch die vermeintlich inartifizielle Plastische Kraft. Versuch über die rhet. S. bei Nietzsche, in:
Alltagsrhetorik vielfach durch die sie prägenden Sedi- Nietzsche-Stud. 25 (1996) 87–98, hier: 98. – 36 S. Pritsch: Rhet.
mente der schulrhetorischen Tradition bedingt. des Subjekts. Zur textuellen Konstruktion des Subjekts in fe-
Gegen Knapes ethikrepugnantes Modell rhetorischer ministischen und anderen postmodernen Diskursen (2008) 15. –
S. wendet Robling, mit Blick auf die überzeugungsrele- 37 M. Heidegger: Sein und Zeit, in: Gesamtausg. Bd. 2 (1977)
vante Bedeutung des Redner-Ethos bei Aristoteles, ein, 255. – 38 vgl. P.L. Oesterreich: Empfindenkönnen. Fundamen-
daß auch die Ethik durchaus «ein persuasionsrelevanter talrhet. Pathelogie im Ausgang von Heidegger und Aristoteles,
Faktor» [48] ist. In Kritik an der zeitgenössischen Dis- in: «Und es trieb die Rede mich an ...» FS G. Ueding, hg. von J.
Knape, O. Kramer, P. Weit (2008) 287–299. – 39 Heidegger [37]
kursethik, die dem Ethos des Redners keine nennens- 193. – 40 vgl. J. Kopperschmidt: Art.: ‹Philos.; Anthropol.›, in:
werte Bedeutung einräumt, und in Anknüpfung an die HWRh, Bd. 6 (2003) 1067–1074; F.-H. Robling: Was ist rhet.
integrative Ethik H. Krämers entwickelt Robling ferner Anthropol.? Versuch einer disziplinären Definition, in: Rhe-
ein eigenes, strebensethisches Modell oratorzentrischer torik 23 (2004) 1–10; P.L. Oesterreich: «Anthropologische
Ethik. Eine wichtige historische Quelle dieser rhetori- Rhet.», in: Rhet. und Stilistik/Rhetoric and Stylistics. Ein int.
schen Strebensethik ist die sophistische Sophia- und Le- Hb. hist. und systemat. Forschung/An International Handbook
benskunstlehre, nach der Tugend vor allem als Tüchtig- of Historical and Systematic Research, hg. von U. Fix, A.
keit im Redenkönnen verstanden wird. Im Zentrum der Gardt, J. Knape, 1. Hb. Vol. 1 (2008) 869–880. – 41 Oester-
reich [38] 299. – 42 P.L. Oesterreich: Philos. der Rhet. (2003)
rhetorischen Ethik steht somit wiederum der Redner 50–115. – 43 vgl. J. Nienkamp: Internal Rhetorics. Toward a
und sein individuelles Streben nach der artifiziellen History and Theory of Self-Persuasion (Carbondale/Edwards-
Selbstperfektionierung. Im Gegensatz zu den proble- ville 2001); P.L. Oesterreich: Homo rhetoricus interior. Zur
matischen sollensethischen Universalitätsansprüchen fundamentalrhet. Rekonstruktion des cartesianischen Ego, in:
der Moralphilosophie konzentriert sich die rhetorische Rhetorik 21 (2002) 37–48; Chr. Schorno: Autokommunikation.
Strebensethik auf die vom Rednerwillen jeweils inten- Selbstanrede als Abweichungs- bzw. Parallelphänomen der
dierte parteiliche Sicht des Guten. Dabei kann Robling Kommunikation (2004). – 44 J. Knape: Was ist Rhet.? (2000);
in seinen ideengeschichtlichen Studien zum Redneride- F.-H. Robling: Redner und Rednerideal. Stud. zu Begriffs- und
Ideengesch. des Rednerideals (2007). – 45 Knape [44] 76. –
al zeigen, daß dieses strebensethische Konzept rhetori- 46 ebd. 79. – 47 Robling [40] 8. – 48 Robling [44] 21. – 49 ders.:
scher S. «nicht nur in der Sophistik, sondern in der gan- Prol. zu einer Theorie der rhet. Ethik, in: W. Kofler, K. Töch-
zen Geschichte der Rhetorik» [49] zu finden ist. So stel- terle (Hg.): Die antike Rhet. in der europäischen Geistesgesch.
len sich innerhalb der klassischen antiken Rhetorik und (Innsbruck/Wien/Bozen 2005) 31–46, hier: 43.
des Prudentismus des 17. und 18. Jh. (Gracián, Weise,
Thomasius) die Klugheit (prudentia) des Redners und Literaturhinweise:
seine Befähigung zur glaubwürdigen Selbstrepräsenta- P.L. Oesterreich: Das Verhältnis von ästhetischer Theorie und
tion als wichtige strebenethische Qualitäten heraus. Rhet. in Kants Kritik der Urteilskraft, in: Kant-Stud. 83 (1992),

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Subtilität Subtilität

324–335. – T. Bezzola: Die Rhet. bei Kant, Fichte und Hegel. schaftlichung im Sinne entstehender Fachsprachen ge-
Ein Beitr. zur Philosophiegesch. der Rhet. (1993). – H. Schanze: langt Fries zu einem – durchaus rhetorischen – «Lob der
Transformationen der Rhet. Wege der Rhetorikgesch. um 1800, Trockenheit», rhetorisch gesprochen einer Übertrei-
in: Rhetorik 12 (1993) 60–72. – J. Kopperschmidt (Hg.): Nietz-
sche oder «Die Sprache ist Rhetorik» (1994). – E. Ostermann:
bung der S. hin zur gekünstelten Sprache: «Die Philo-
Die Authentizität des Ästhet. Stud. zur ästhet. Transformation sophie gleicht nicht dem Weinstock, der in der saftigen
der Rhet. (1999). – D.R. Greeves: Kritik der Rhet. am Ende des Traube den erwärmenden Trank, nicht der Kokospal-
18. Jh. Das Verhältnis zwischen Rhet. und Philos. bei Kant me, die in der harten Schale süße, labende und nährende
(2000). – D. Till: Transformationen der Rhet. Unters. zum Wan- Milch anbietet, sondern jenen Gewürzbäumen, die wie
del der Rhetoriktheorie im 17. und 18. Jh. (2004). – D.M. Gross, Zimt, Muskaten und Pfeffer in brennender Hitze ihr
A. Kemman (Hg.): Heidegger and Rhetoric (2005). – G. Posselt: Aroma in den trockensten Teilen ihres Wuchses entwik-
Katachrese. Rhet. des Performativen (2005). – P.L. Oesterreich, keln.» [5] Entsprechend wird seit dem späten 18. Jh. für
H. Traub: Der ganze Fichte. Die populäre, wiss. und metaphi-
losophische Erschließung der Welt (2006).
eine Welt, in der Wissenschaft und Ästhetik, wie es
scheint, nichts mehr miteinander zu tun haben wollen,
P.L. Oesterreich konstatiert, daß das Wort ‹subtil› häufig, und die ‹S.› im-
mer mit einem ironischen, im letzteren Fall sogar aus-
^ Ars ^ Entscheidung ^ Ethik ^ Handlungstheorie ^ Her- drücklich pejorativen Unterton verwendet werden. [6]
meneutik ^ Ironie ^ Methode ^ Philosophie ^ Rationalität B. Geschichte. I. Klassische Rhetorik. Das griechi-
^ Redner, Rednerideal ^ Rhetorische Anthropologie ^ Stra- sche Wort für ‹subtil›, leptós, bezeichnet die Feinheit
tegie ^ Wahrscheinlichkeit, Wahrheit ^ Wirkung von Fäden, die in der Webware mit bloßem Auge nicht
mehr sichtbar sind. Der Begriff einer S. der Textilien
wurde schon früh auf die Natur übertragen und bezeich-
net auch hier eine besondere Feinheit, zum einen als
Feinstofflichkeit, aber auch als Unstofflichkeit über-
Subtilität (griech. leptoÂthw, leptótēs; aÆkriÂbeia, akrı́- haupt. [7] In der klassischen Rhetorik ist die S. der pla-
beia; lat. subtilitas; frz. subtilité; engl. subtlety; ital. sot- nenden Überlegung (consilium) im Blick auf ein Thema
tigliezza; span. sutileza, sutilidad) und dessen rhetorische Durchführung (tenor, ductus)
A. Def. ‹S.› ist als dt. Übersetzung von lat. subtilitas zugeordnet. [8] Der ductus subtilis ist die Simulation ei-
und dem frz. subtilité neben subtilheit, subtilkeit und sub- nes Themas in der Absicht, die Hörer vom Gegenteil zu
tiligkeit mit der adjektivischen Verwendung subtil und überzeugen. Die S. gehört hier also in den Umkreis der
subtilig (als Übersetzung von lat. subtilis) und den Ver- Simulations-Ironie und bedient sich gerne der parado-
ben subtilieren sowie subtilisieren sporadisch seit dem xen Formulierung. Die Ambivalenz in der Bewertung
Mittelalter, verstärkt seit dem 15. Jh. nachgewiesen. der S. kommt hier darin zum Ausdruck, daß der ductus
Die Grundbedeutung ist ‹fein›, ‹Feinheit›, ‹Verfeine- subtilis ein non verum consilium ist, dem die Überein-
rung›. [1] Es lassen sich drei Gebrauchskontexte unter- stimmung von Überlegung und Thema abgeht. [9] Tat-
scheiden: S. wird ausgesagt von Sachen und Dingen, sächlich setzt das genus subtile im Sinne der klassischen
vom menschlichen Geist und von der Rede. Wie Logik Rhetorik eine virtuose Beherrschung des schlichten Stils
und Sprachphilosophie konzentriert sich der rhetorische voraus, wie bereits der Auctor ad Herennium feststellt:
Gebrauch naturgemäß auf die Verwendung de dicto, be- «Diejenigen, die sich nicht in diesem einfachen Stil rich-
zieht aber deren Verbindungen mit den anderen For- tig zu bewegen wissen, gelangen zu einer trockenen und
men ein. Die Geschichte der Begriffsauffassungen ist blutlosen Redeweise, die mager zu nennen nicht abwe-
von einer Ambivalenz zwischen einem Feld von Aus- gig wäre.» [10] Cicero bezeichnet entsprechend die S.
drücken für feinsinnige Präzision und für unfruchtbare als philosophische Tugend («Hanc ego subtilitatem phi-
Spitzfindigkeit geprägt. S. ermöglicht es, Grobsinnigkeit losophia quidem dignissimam iudico»), die durch das
zu vermeiden, birgt aber die Gefahr, in Pedanterie zu iudicium normiert wird, spricht sie aber den extremen
verfallen. Aristophanes stellt die S. (leptoÂthw, leptó- Skeptikern ab, die mit Hilfe subtiler Unterscheidungen
tēs) des Sokrates als eine spitzfindige und leere Unter- wichtige Unterschiede, wie den zwischen Wahrem und
scheidungskunst dar, die bestenfalls noch unterhaltend, Falschem, aufzuheben gedenken («sed ab eorum causa,
in der Sache aber sophistisch verzerrend und irrefüh- qui ita disserunt, remotissimam»). [11] Dem steht aber
rend sei. [2] Entsprechend läßt sich S. nicht leicht einem nicht der psychologische Affekt, der die menschliche
Ort unter den Gegensatzpaaren rhetorischer Systematik Neigung zur S. erklärt, entgegen. Augustinus hält in
zuweisen. Im Gegenzug schlägt gelingende S. Brücken diesem Sinne fest, «daß leicht Aufgespürtes meistens an
zwischen Kategorien, die in der rhetorischen Meta- Wertschätzung verliert» [12], während das mit Mühe Er-
sprache getrennt zu sein scheinen, wie ingenium und forschte die größte Freude und gerade das schwer Faß-
iudicium, und besteht in der Kombination von ästheti- bare die größte Lust bereitet.
schem Witz und logischem Scharfsinn. [3] S. hat einen Mit der Feinheit der Dinge hängt die Schwierigkeit
kreativen Aspekt, insofern feine semantische Unter- des Erkennens der subtilen Natur zusammen. Seneca
schiede gesucht und gefunden werden müssen, aber bemerkt, daß keine subtile Unterscheidung unproble-
auch einen judikativen Aspekt, insofern semantische matisch ist («nulla est autem sine difficultate subtili-
Nuancierung nur bis zu einem angemessenen, der tas» [13]) und bezieht diesen Befund auf die eidos-Lehre
Durchsichtigkeit des Vortrags dienenden Grad zu trei- Platons. Platon hatte die wahrnehmbare Welt als schein-
ben ist. Die scharfe Trennung zwischen kognitiven Fä- hafte herausgestellt und eine Ideenwelt postuliert. In-
higkeiten, die etwa durch J.F. Fries’ vollständig disjunk- sofern wird die reale Natur zu einem subtilen Gegen-
te Unterscheidung zwischen «Philosophen des Witzes» stand, zu einem unsichtbaren Grund einer sichtbaren,
und «Philosophen des Scharfsinns» in der ersten Hälfte aber unwirklichen Welt von Erscheinungen. Im Sinne
des 19. Jh. sichtbar wird [4], beraubt die S. ihres schon von Feinstofflichkeit läßt sich die S. als physisch-meta-
immer schwierigen Platzes unter den stilistischen Tu- physische Kategorie mit der Feinheit der ‘edleren’ Ele-
genden. Exemplarisch für die allgemeine Verwissen- mente in Verbindung bringen. Bereits der ionische Na-

1301 1302
Subtilität Subtilität

turphilosoph Anaximander hatte Luft als Urstoff allen ma, der Anspielung und der Amphibolie und bedient
Seins angenommen und versucht, über verschiedene sich dabei oft, wie diese auch, der verschiedenen Tropen
Grade der Feinheit dieses Stoffes das Zustandekommen eines uneigentlichen Ausdrucks wie der Metapher oder
der unterschiedlichen Erscheinungsformen zu erklären. der Metonymie.
II. Frühe Neuzeit. G. Cardano definiert S. als «ein ge- Im Manierismus gelangt die S. der Rede als ein Aus-
wisses Verhältnis, aufgrund dessen Sinnesgegenstände druck der S. des Geistes zu besonderer Bedeutung. Hier
von den Sinnen und Geistiges vom Intellekt schwer er- tritt besonders B. Gracián hervor, der die «Ästhetik der
faßt werden», und reduziert das Begriffsverständnis da- Subtilität», von der schon Cardano sagte, sie sei die
mit auf die objektive Bedeutung. J.C. Scaliger kritisiert «Mutter aller Zierde», zu einer «Kunst der Weltklug-
diese Auffassung unter Verweis auf Cicero, der das heit» ausbaut. Gracián konstatiert in einem Aphoris-
Wort ‹S.› auf die Charakterisierung der scharfsinnigen mus: «Alles hat heutzutage seinen Gipfel erreicht, aber
Rede und des Ingeniums übertragen habe. Als eine Ei- die Kunst, sich geltend zu machen, den höchsten. Mehr
genschaft des Geistes hatte auch schon Thomas von gehört jetzt zu einem Weisen, als in alten Zeiten zu sie-
Aquin die S, gesehen: «So wie das Subtile ein Durch- ben, und mehr ist erforderlich, um in diesen Zeiten mit
dringendes (penetrativum) genannt wird, weil es bis ins einem einzigen Menschen fertig zu werden, als in vori-
Innere der Dinge gelange, wird auch ein Intellekt subtil gen mit einem ganzen Volke.» Der Adel, der am Hof an
genannt, weil er bis zur Schau der inneren Prinzipien Macht einbüßt, erhebt die Redekunst zum Statussymbol
und der natürlichen Eigenschaften einer verborgenen und sucht damit weniger dem docere als dem delectare
Sache vordringt.» [14] Die S. des Geistes ist das Ver- und der Zurschaustellung des eigenen scharfsinnigen
mögen, schwierige Zusammenhänge zu durchschauen Denkvermögens zu dienen. Es läßt sich im manieristisch
und Erkenntnishindernisse zu überwinden. Im Sinne ei- subtilen Reden eine spielerische Variante der Sklaven-
nes Vermögens stellen Scaliger und später R. Gocleni- sprache erkennen. P. Stein charakterisiert diese tref-
us [15] die S. entgegen Cardano folglich als etwas Leich- fend als einen bewußten Verstoß gegen die rednerische
tes dar. Darin kommt die Doppelrolle der S. zum Aus- Tugend der perspicuitas. Die antike Rhetorik ziele zwar
druck: zum einen eine passive Eigenschaft auf der im Kern auf Angemessenheit (aptum) und Klarheit
Objektseite zu sein, zum anderen aber auch ein aktives (perspicuitas), doch halte sie Lizenzen für rhetorische
Vermögen auf der Subjektseite zu bezeichnen. Gerade Uneindeutigkeit (obscuritas, ambiguitas) bereit. «In
als Vermögen erfuhr die S. eine Bewertung, die von ei- Frage kommen hier die vier Änderungskategorien ad-
ner Bestimmung als feinsinniges und scharfsinniges Er- iectio (Hinzufügung), detractio (Weglassung), transmu-
kennen von Unterschieden bis zu unfruchtbaren Spie- tatio (Umstellung) und immutatio (Ersatz) sowie als Stil-
lereien reicht. M. Luther befestigt letztere Bedeutung, kategorien die tropischen Substitutionen (z.B. Peri-
wenn er mit Bezug zu Verteidigern des Papsttums phrase, Synekdoche, Emphase, Hyperbel, Metonymie,
schreibt: «Als ich aber die überaus subtilen Subtilitäten Metapher, Allegorie). Diese Formen können mit dem
dieser vornehmen Stutzer sah und hörte, mit denen sie Ziel eingesetzt werden, durch hintergründige Satzinhal-
ihren Abgott künstlich aufrichten [...], weiß ich jetzt und te einen erweiterten Schriftsinn (Mitzuverstehendes) zu
bin gewiß, daß das Papsttum das babylonische Reich erzeugen, der sich erst durch kognitive Leistung des Re-
und die Herrschaft Nimrods, des gewaltigen Jägers zipienten bildet.» [20] Zwar muß ein Vergleich des sub-
ist.» [16] tilen Sprechens im Manierismus und der Sklavenspra-
Goclenius betont, daß es weder eine einheitliche Wis- che, wie sie Stein versteht, von den durch Stein postu-
senschaft gebe, die die S. zu ihrem Gegenstand hätte, lierten Grundbedingungen für das Vorhandensein einer
noch könne es eine allgemeine Definition geben, da Sklavensprache (diktatorisches politisches System, Zen-
die unterschiedlichen Erscheinungsformen der S. nicht sur, Rede als Gegenmacht von unten) absehen, faßt man
«in irgendeinem gemeinsamen Wesen zusammenkom- die Parallele jedoch strukturell, so zeigt sich die subtile
men» [17]. Für die Rede ergeben sich nach Goclenius Rede als gruppenbildendes, politisch wie sozial bedeut-
zwei Möglichkeiten, von S. zu sprechen. «Eines ist die sames Abgrenzungswerkzeug.
Feile, oder eine derartige Feinheit der Redeweise, daß Neben dem Gebrauch des Begriffs ‹S.› de dicto bleibt
sie keinen Saft hat, mager ist, schmächtig, trocken, aus- im Zuge der Entstehung neuzeitlicher Naturwissen-
gezogen.» [18] In dieser Beschreibung scheint die vitiöse schaft seine Verwendung de re unvermindert von Be-
Verwendung des genus subtile durch, wie sie in der ‹Rhe- deutung. Die S. erschien bereits im Mittelalter, so bei
torica ad Herennium› (s. o. B.I.) dargestellt wird. Dem Thomas von Aquin, auch als Eigenschaft des Empyre-
fehlerhaften Gebrauch des genus subtile setzt Goclenius ums [21] und ist noch bei R. Descartes wesentlich für
nicht den richtigen Gebrauch entgegen, bei dem S. ge- die Bestimmung der verschiedenen Arten von materi-
rade als eine dissimulatio artis auftreten würde, sondern ellen Partikeln («materia coelestis»); parallel wird die
die Scharfsinnigkeit der Rede als eine «Kraft des Vor- Anwendung auf «pensées, capables de distinctions dé-
trags, die dann auftritt, sooft man Dinge sagt, die nicht licates» weitergeführt. [22]
Alle fassen, die am Verstande Vieler vorüberflie- III. Neuzeitliche Logik, Rhetorik und Ästhetik. Die
gen». [19] Goclenius scheint dem genus subtile keine po- Definition, die J.G. Walch gibt, weist der S. noch die-
sitiv konnotierte Bedeutung zukommen zu lassen, son- selbe Spannung zwischen Feinsinnigkeit und Unfrucht-
dern siedelt die S. im Begriffsvermögen an, jedoch ohne barkeit zu, die für die Auseinandersetzung mit diesem
zu spezifizieren, ob die Schwierigkeit der Rede am Ge- Begriff seit der Antike eigentümlich ist: «S. bedeutet
genstand (genus obscurum) oder an der intendiert- eine solche Betrachtung einer Sache, da man derselben
aenigmatischen und daher obskuren Redeweise liegt auch die gering scheinenden Umstände und Theile er-
und damit eine Form intendierter sprachlicher obscuri- läutert und aus einander zu setzen sich bemühet. Wie
tas wäre. Als Disposition des Geistes, schwer Faßbares weit eine solche S. zu loben; oder zu tadeln sey, muß man
leicht zu fassen, wechselt die S. ständig zwischen den aus der Beschaffenheit der Sache, dabey man sie anwen-
Officia docere und delectare. In diesem Changieren hat det, beurtheilen.» [23] Diese Definition entspricht der
die S. eine Verwandtschaft mit der acutezza, dem aenig- Einordnung des Subtilen in den Vertretbarkeitsgrad des

1303 1304
Subtilität Subtilität

genus obscurum. Hierin werden Gegenstände verhan- skurität aufzulösen. Entsprechend ist zu unterscheiden
delt, die als schwierige, verwickelte Fälle angesehen zwischen einer aenigmatisch-offenbarenden, sich auf
werden und die mit hinreichender Durchsichtigkeit Sachen beziehenden, und einer aenigmatisch-spieleri-
(perspicuitas) darzustellen dem Redner ein hohes didak- schen S., die vor allem der Unterhaltung dient, dem Stre-
tisches Können abverlangt. In der Neuzeit wird die S. ben nach Durchsichtigkeit aber tendenziell entgegen-
entsprechend wichtig als verbindendes metasprachli- gesetzt ist. Die subtile Rede zeichnet sich in naher Ver-
ches Konzept zur Bestimmung des Verhältnisses zwi- wandtschaft zur pointierten Rede durch semantische
schen Logik und Ästhetik. Zugehörigkeit zum genus ob- Dichte aus, die sie in die Nähe bildlichen Sprechens
scurum steht dem logischen Interesse am Subtilen nicht rückt.
entgegen und darf nicht mit sprachlicher obscuritas ver- IV. New Rhetoric, Hermeneutik, Psychoanalyse. Mit
wechselt werden. Letztere verstößt (tendenziell) gegen der Rhetorik als Disziplin verschwindet die S. als ter-
die Verpflichtung auf maximale Durchsichtigkeit, das minus technicus aus Philosophie und Poetik, überdauert
erstere ist diesem Ideal gerade verpflichtet. Aufgrund aber in manchmal veränderter Terminologie. Noch G.
der internen semantischen Spannung ist es nicht ganz Frege besteht in rhetorischer Tradition auf einem aus-
klar, ob dem Begriff des Subtilen eine konsistente Men- gewogenen Maß an S. logischer Analyse, wenn er for-
ge übergeordneter Begriffe korrespondiert, wie es die dert, logische Unterscheidungen möglichst sparsam zu
traditionelle Begriffslogik zwingend erfordert. Es muß verwenden: «Es ist ebenso wichtig Unterscheidungen zu
daher nicht wundernehmen, daß das Subtile gelegent- unterlassen, welche den Kern der Sache nicht berühren,
lich in verändertem terminologischem Gewand auftritt, wie Unterscheidungen zu machen, welche das Wesent-
wie bei G.F. Meier, dessen Vernunftlehre sich für die liche betreffen.» [30] Mit der durch Wittgensteins Spät-
Darstellung der Logik auf einen «schulmäßigen» Vor- philosophie beginnenden Wende von der Idealsprache
trag festlegt, ohne in «Schulfüchserei», die bald «zu ei- zur Gebrauchssprache wird die S. der Sache nach zu ei-
ner gezwungenen Künstelei» würde, zu verfallen. [24] nem operativen Begriff sprachphilosophischer Analy-
Das Subtile erscheint hier als sachliches Anliegen, die se. [31] Wittgensteins Methode, begriffliches Unter-
ästhetischen und logischen Vollkommenheiten der Er- scheidungswissen unter Verzicht auf die Fiktion scharf
kenntnis für die Vernunftlehre in deren eigener Dar- begrenzter Begriffe durch Verwandtschaftsbeziehun-
stellung zu verwirklichen. Die gelehrte Rede soll ent- gen zu entwickeln, setzt eine Fähigkeit voraus, Famili-
sprechend gründlich sein, d. h. alle erforderlichen Be- enähnlichkeiten zu entdecken, insbesondere durch feine
weise ausführlich («weitläuftig») genug aus deutlich Zwischenglieder die Verwandtschaft zwischen schein-
exponierten Begriffen vortragen, um eine gelehrte Ge- bar Entferntem aufzuweisen. S. ist hier hinreichen-
wißheit zu erlangen. Fehlt es an feinsinniger Analyse, des Differenzierungsvermögen, das systematisch am
wird der Vortrag seicht und grobsinnig, was nicht in der Schnittpunkt von inventiver Aufmerksamkeit und judi-
alltäglichen, wohl aber in der gelehrten Weltauffassung kativer Kritik anzusiedeln ist. Die Familienähnlichkeit
ein Mangel ist. [25] ist eine transitive Beziehung. [32] Dennoch ist das Auf-
Bei Kant, dessen Logik an Meiers Vernunftlehre an- finden der Zwischenglieder nicht Sache einer logischen
knüpft, wird die Verbindung von Präzision und S. wie- Analyse der verwendeten Ausdrücke. Es setzt vielmehr
der terminologisch explizit gemacht. Der objektiven S. feinsinnige Vergleichung voraus, die Analogien im
entspricht hier die Genauigkeit «als eine[r] objective[n] scheinbar Verschiedenen aufdeckt.
Vollkommenheit des Erkenntnisses», in der die Er- Eine parallele Entwicklung findet sich in der moder-
kenntnis «völlig mit dem Object congruirt». [26] Die S. nen Rhetorik. Einer der Leitfäden, mit denen I.A. Ri-
ist hingegen «eine subjective Vollkommenheit» der Er- chards die New Rhetoric von der rhetorischen und äs-
kenntnis, die in einer Sache «entdeckt, was Andrer Auf- thetischen Tradition abgrenzt, ist die Unterscheidung
merksamkeit zu entgehen pflegt». [27] Das Genaue ist zwischen einer repräsentationalen Abbildungstheorie
entsprechend dem Rohen, das Subtile dem Groben ent- des sprachlichen Sinnes und der Bedeutung in der tra-
gegengesetzt. In inventiver Hinsicht erfordert die S. er- ditionellen Ästhetik bis zum 19. Jh. und der mit der Ro-
höhte Aufmerksamkeit, in judikativer Hinsicht einen mantik beginnenden organologischen Semantik, die in
geschärften Verstand. Ob S. von Nutzen ist, hängt für der Übertragung nicht eine Abweichung von einer ‘rich-
Kant davon ab, ob «sie auf einen der Beobachtung wür- tigen’ Verwendung eines Ausdrucks, sondern die Kon-
digen Gegenstand angewandt wird. – Wenn man aber stitution von semantischem Gehalt sieht. [33] Den
mit einer geringeren Aufmerksamkeit und Anstrengung sprachlichen Sinn kennen heißt nun nichts anderes, als
des Verstandes denselben Zweck hätte erreichen kön- die Verwandtschaft zwischen den Ausdrücken verste-
nen, und man verwendet doch mehr darauf; so macht hen.
man unnützen Aufwand und verfällt in Subtilitäten, die Damit wird die S. des Verstehens, wie sie in der Her-
zwar schwer sind, aber zu nichts nützen (nugae diffici- meneutik thematisch ist, angesprochen. H.G. Gadamer
les).» [28] konstatiert für die ältere Tradition der Hermeneutik (F.
Insgesamt trägt das Bewußtsein des Subtilen in Ver- Schleiermacher und J.J. Rambach) eine Dreiteilung
bindung mit der darin erfaßten Spannung zwischen von Subtilitäten: Man unterschied eine subtilitas intel-
Feinsinnigkeit und Unfruchtbarkeit der tendenziellen ligendi, das Verstehen, von einer subtilitas explicandi,
Obskurität jeglichen sprachlichen Ausdrucks Rech- dem Auslegen, und im Pietismus fügte man dem als drit-
nung: Eine allgemeine, die vollkommene Durchsichtig- tes Glied die subtilitas applicandi, das Anwenden, hin-
keit immer schon verderbende Obskurität der Sprache zu. [34] Diese Subtilitäten, so stellt Gadamer weiter fest,
läßt sich unter Verweis auf einen nie vollständig aufzu- wurden «nicht so sehr als Methode verstanden, über die
lösenden Rätselcharakter bedeutsamer Zeichen erläu- man verfügt, wie als ein Können, das besondere Feinheit
tern. In Analogie zum Rätsel kann man zwischen einer des Geistes verlangt». [35] Für Gadamer stellt diese
erzeugten und einer sich selbst stellenden Obskurität Dreiteilung jedoch eine rein artifizielle und zudem ir-
unterscheiden. [29] S. scheint insofern gerechtfertigt, als reführende dar, da sie unterstellt, es wäre möglich, die
sie dazu beiträgt, die sich von selbst einstellende Ob- Bereiche des Verstehens, Auslegens und Anwendens

1305 1306
Subtilität Totengespräch

voneinander zu unterscheiden und damit kognitive von


normativen Akten zu trennen. T
Eine besondere Zwischenstellung innerhalb der hier
vorgenommenen Zweiteilung der S. als Eigenschaft von
Dingen und als Disposition des Geistes nimmt die S. in Totengespräch (griech. nekrikoÁw diaÂlogow, nekrikós
der psychoanalytischen Betrachtung ein, die sich in der diálogos; lat. dialogus mortuorum; engl. dialogue of the
postmodernen Verwendung dieses Ausdrucks fortsetzt. dead; frz. dialogue des morts; ital. dialogo dei morti)
S. Freud spricht 1896 von der Psychoanalyse als «dem A. Def. Das T. ist eine dialogische Literaturgattung,
etwas subtilen Ausforschungsverfahren von Josef Breu- die von der Fiktion des Zusammentreffens bedeutender
er» und bezieht sich damit – vereinfachend zusammen- historischer und mythischer Persönlichkeiten in der Un-
gefaßt – auf die therapeutische Offenlegung verdrängter terwelt ausgeht. Dorthin gelangen die Gesprächsteil-
Vorstellungen und Erinnerungen, die schließlich in ein nehmer durch den Tod, aber auch im Traum oder auf
Aussprechen des Verdrängten münden soll. «Freud ent- einer Reise, um sich in die vorübergehende Gemein-
wickelte die Hypothese des Verdrängungsprozesses im schaft bedeutender ‹Geister› zu begeben. Odysseus,
Laufe seiner Untersuchungen der Amnesie hysterischer Äneas, Dante und Faust sind die markantesten Hades-
Patienten. [...] Da die Verdrängung weder die Vorstel- fahrer der europäischen Literatur. [1]
lung noch die Erinnerung zerstört, sondern nur in das Das kompositorische Grundverfahren des T. ist die
Unbewußte verdrängt, kann dieses Material immer in eidolopoiı́a (eiÆdvlopoiiÉa, «effictio imaginum in ani-
entstellter Form zurückkehren, in Symptomen, Träu- mo» [2]), eine Unterkategorie der Ethopoiie (sermoci-
men, Versprechern, etc.» [36] Die S. des «ideellen Re- natio), der fiktiven und kreativen Vergegenwärtigung
präsentanten» – oder wie J. Lacan in strukturalistischer (evidentia) abwesender (verstorbener, mythischer) Per-
Tradition sagt: «des Signifikanten» –, der in verstellter sonen [3], meist zum Zwecke ihrer Charakterisierung [4].
Form zurückkehrt, bezeichnet eine Eigenschaft des Der szenische Ort der Unterwelt unterscheidet dabei das
Geistes, die nicht als produktive Kraft, als aktives Ver- T. von anderen Dialogformen, die ebenfalls verstorbene
mögen, sondern als ein Prozeß verstanden werden muß, Personen zum Gespräch zusammenführen, dieses Ge-
der erst durch die therapeutische psychoanalytische spräch aber noch zu deren Lebzeiten stattfinden lassen
Rede aufgedeckt und womöglich kuriert werden kann. (z.B. die platonischen Dialoge oder Ciceros ‹De orato-
re›). Dieser außergeschichtliche und außerirdische Ort
Anmerkungen: gewährt dem Autor die größtmögliche Freiheit bei der
1 Grimm Bd. 20, 823–832. – 2 Aristophanes: Nubes, 153. – 3 G. Zusammenstellung der Gesprächspartner: es können
Gabriel: Logik und Rhet. der Erkenntnis (1997) 99ff. – 4 J.F. Götter, Heroen und Menschen sowie Personen aus den
Fries: Grundriss der Logik (1837), in: Sämtl. Schriften. hg. v. J.
König, L. Geldsetzer, Bd. 7 (1971) 263, 266. – 5 ders.: Das Lob
verschiedensten Zeiten, Kulturen und Gesellschafts-
der wiss. Trockenheit. Entwurf eines Vortrags über die Bed. der sphären ‹an einen Tisch gesetzt› werden. Das der Welt
Gesch. der Philos. (1929), in: Sämtl. Schriften [4] Bd. 20 (1969) entrückte T. erlaubt zudem einen distanzierten, ‹interes-
417–434, hier 417. – 6 A. Lalande: Vocabulaire technique et cri- selosen› Blick auf die irdischen Verhältnisse und ermög-
tique de la philosophie (11926; Paris 2002) Art. ‹Subtil›, 1055– licht dadurch die comparatio von Ideal und Wirklichkeit,
1057, hier 1057. – 7 E. Harlizius-Klück: Art. ‹Weben, Spinnen›, Gegenwart und Vergangenheit.
in: Wtb. der philos. Metaphern, hg. v. R. Konersmann (2007) Die rhetorischen Mittel und Strategien, die im T. zum
498–518, 503. – 8 Lausberg El. § 66, 33. – 9 ebd.; vgl. B. Breij: Art. Einsatz kommen, sind weitestgehend die des Dialogs im
‹Oratio figurata›, in: HWRh, Bd. 10. – 10 Auct. ad Her. IV, 16. –
11 Cicero: Academici Libri. Lucullus 43. – 12 Aug.Doctr. II, 6,7 .
allgemeinen. Von der fiktionsimmanenten Gesprächs-
– 13 Seneca: Ep. morales ad Lucilium 58, 20. – 14 S. Meier- rhetorik und -dramaturgie zwischen den Dialogpartnern
Oeser: Art. ‹S.›, in: HWPh. Bd. 10 (1998) Sp. 563–567, 564. – sind die fiktionstranszendenten Strategien zu unter-
15 R. Goclenius: Isagoge in primam philosophiam. Disputatio scheiden, mit denen der Autor auf den Leser als ‹Zeu-
14: De Subtilitate, in: Isagoge. Einf. in die Metaphysik (1598), gen› des von ihm inszenierten Gesprächs einwirkt. Eine
hg. v. H.G. Zekl (2005) 154–157. – 16 M. Luther: Der Refor- spezifische Grundfigur des T. ist die Ironie, die sich bei
mator, in: K. Aland (Hg.): Luther deutsch. Die Werke Martin der Betrachtung des menschlichen Lebens sub specie
Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, Bd. 2 (1991) 172. – mortis in vielfältigen Spielarten und Schattierungen ein-
17 Goclenius [15] 154. – 18 ebd. 155. – 19 ebd. – 20 P. Stein: Art.
‹Sklavensprache›, in: HWRh, Bd. 8 (2007) Sp. 942–946, hier 943.
stellt.
– 21 Meier-Oeser [14]. – 22 R. Descartes: Principia philosophiae B. Geschichte. I. Antike. Ausgangspunkt für die Ent-
IV, 8, in: Oeuvres, hg. v. Ch. Adam, P. Tannery, tome 8 (Paris stehung der Gattung sind die T. Lukians von Samosata
1905) 206. – 23 J.G. Walch: Philosophisches Lexicon. Mit einer (ca. 120–180 n. Chr.): Seine 30 fiktiven NekrikoiÁ diaÂlo-
kurzen kritischen Gesch. der Philos. von J. Chr. Hennigs, Bd. 2 goi (Nekrikoı́ diálogoi) werden in der Unterwelt von
(Leipzig 41775; ND 1968) 1047. – 24 G.F. Meier: Vernunftlehre Verstorbenen und Unsterblichen geführt. Die Ge-
(1752), hg. v. G. Schenk (1997) § 6f., 17f. – 25 ebd. § 461; 542. – sprächsteilnehmer sind zu Vertretern menschlicher Ver-
26 I. Kant: Logik (Jäsche), in: Akademie-Ausg. Bd. 9, 55. – haltensweisen typisierte Figuren. Sie sind historische
27 ebd. – 28 ebd. – 29 Gabriel [3] 81. – 30 G. Frege: Logische Un-
tersuchungen, in: Kleine Schriften, hg. v. I. Angelelli (1990) 342–
Persönlichkeiten, die Unterweltsgottheiten und ihr
394, 348. – 31 L. Wittgenstein: Philos. Untersuchungen, Nr. 67. – Herrscher Hades bzw. Pluto, der Totenfährmann Cha-
32 Gabriel [3] 43. – 33 I.A. Richards: The Philosophy of Rhetoric ron, der Seelenführer Hermes, die Unterweltsrichter
(New York 1936). – 34 H.-G. Gadamer: Wahrheit und Methode Minos, Aiakos und Rhadamantys, legendäre Könige,
(31972) 290f. – 35 ebd. 291. – 36 D. Evans: Art. ‹Verdrängung›, meist als kleinliche Wesen dargestellte (Halb-) Götter
in: Wtb. der Lacanschen Psychoanalyse. Übers. von G. Burk- und Philosophen.
hart (Wien 2002) 329f. Jedes T. kreist um ein bestimmtes Thema, wie z.B. die
P. Smolarski, T. van Zantwijk Entwertung des irdischen Glücks durch den Tod, die
Gleichheit der Toten in der Unterwelt, die Schönheit
^ Acutezza ^ Attizismus ^ Docere ^ Dreistillehre ^ Ironie des irdischen Daseins im Gegensatz zur ewigen Düster-
^ Iudicium ^ Oratio figurata ^ Schlichter Stil ^ Sklaven- nis des Hades (T. 2, 13, 15, 24, 25, 27 [5]), die Erbschlei-
sprache ^ Urbanitas cherei (T. 5, 9, 11), der Streit um die Rangordnung im

1307 1308