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Macht Macht

104 ders.: Nachlaß 1869–1874, in: Krit. Studienausg., hg. von G. eines bestimmten M.-Typus bemerkbar. Sichtbar und in
Colli, M. Montinari, Bd. 7 (21999) 632f. – 105 S. Freud: Zur Psy- dieser Gestalt wirkungsvoll wird diese Weichenstellung
chopathologie des Alltagslebens (Wien 51917) 184. mit der prominenten Definition M. Webers. Dieser be-
J. Mecke
trachtet M. als «jede Chance, innerhalb einer sozialen
Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstre-
Beweis, Beweismittel ^ Camouflage ^ Dissimulatio ^ Ethik ben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance be-
^ Ethos ^ Fiktion ^ Hyperbel ^ Ironie ^ Manipulation ^ ruht». Dieser M.-Begriff erweist sich jedoch als «sozio-
Narratio ^ Psychagogie ^ Schein ^ Simulatio ^ Sprechakt- logisch amorph» [2]. Er wird deshalb durch das engere
theorie ^ Tugendlehre ^ Vir bonus ^ Wahrhaftigkeit ^ Konzept der Herrschaft ersetzt. Dies ist die Erschei-
Wahrscheinlichkeit, Wahrheit ^ Zeugnis nungsform institutioneller M., die sich in der Struktur
von Befehl und Gehorsam manifestiert. Im Anschluß an
Weber hat die soziologische Forschung dieses Konzept
im Sinne der Operationalisierbarkeit ausdifferenziert
und modifiziert. Die Konzentration auf das Phänomen
M der Herrschaft wird dabei jedoch nicht in Frage gestellt.
R. Dahl formuliert auf dieser Basis den «decision-
making approach» [3], der es erlaubt, Handlungssitua-
Macht (griech. aÆrxhÂ, archē´, dyÂnamiw, dýnamis; lat. po- tionen im Kontext von sozialen Institutionen zu analy-
tentia, potestas; engl. power; frz. pouvoir, puissance; ital. sieren. M. ist hier im Sinne von Stärke interpretiert, die
potenza, potere) Handelnde oder eine Gruppe von Handelnden zu ihren
A. Def.: I. Wissenschaftliche Begriffsprägung. – II. Rhetorische Gunsten einsetzen können.
Dimension. – B. Geschichtliche Aspekte: I. Antike. – II. Spät- Die weitere Begriffsentwicklung zielt darauf, die sub-
antike und Mittelalter. – III. Renaissance und Neuzeit. – IV. stantialistische Lesart abzulösen durch ein relationales
Aufklärung bis zur Gegenwart.
Verständnis von M. Diese ist kein individueller Besitz,
A. Def. Der Begriff ‹M.›verweist auf ein breites Spek- sondern eine Funktion sozialer Beziehungen insbeson-
trum sozialer und politischer Konstellationen, das von dere in den Kategorien von Autorität, Freundschaft,
personaler Autorität über mehr oder weniger subtile Überzeugung, Täuschung und Zwang. [4] In dieser rela-
Formen des Einflusses und der Kontrolle, informelle tionalen Deutung erweitert sich das Spektrum der M.,
und elaborierte Herrschaftsverhältnisse bis zur Andro- indem die Kontextbedingungen der konkreten Ent-
hung von Gewalt reicht. Der Begriff umfaßt so unter- scheidungen berücksichtigt werden. M. dokumentiert
schiedliche Phänomene wie geistige und ideelle M. in sich nicht nur in direkter Entscheidung, sondern auch in
den unterschiedlichsten Sphären der Kultur, rollenspe- der Fähigkeit, Entscheidungen zu verhindern bzw. im
zifische M. in vielgestaltigen sozialen Ausprägungen pri- Sinne des sogenannten agenda setting darauf Einfluß
vater und öffentlicher Beziehungen, institutionelle M. in zu nehmen, welche Angelegenheit zur Entscheidung
politischen Organisationen und strukturelle M. in den kommt. [5] Ferner setzen Entscheidungssituationen
Systemen der Ökonomie, der Technik und der Massen- konkrete Interessenkonflikte und Sanktionsmöglichkei-
medien. ten voraus, die auch von allen Beteiligten als solche
Träger der M. sind Einzelne sowohl als Gruppen, wahrgenommen und verstanden werden müssen. Da-
aber auch Institutionen und Körperschaften. Ebenso nach lassen sich M.-Beziehungen klassifizieren als For-
vielfältig sind die Quellen der M. Sie können in physi- men des Einflusses, die auf Drohungen gegründet sind,
scher, technischer oder ökonomischer Überlegenheit zu Formen des Zwangs, in denen Sanktionen vollzogen
finden sein, aber auch in geistigen Fähigkeiten, fachli- werden, Einflußnahmen ohne Drohungen, Autoritäts-
cher Kompetenz oder persönlichem Charisma; M. kann beziehungen und manipulative Beziehungen. Etzioni
auf Tradition zurückgehen oder auf explizite Legitima- erschließt dieses Spektrum durch die Dreiteilung von co-
tion. ercive power, utilitarian power und persuasive power. [6]
I. Wissenschaftliche Begriffsprägung. In der Vielfalt Indes spiegelt diese analytische Unterscheidung keine
der Machtphänomene scheint sich kein gemeinsamer realen Phänomene wider. In konkreten Konstellationen
Nenner abzuzeichnen. Die Diffusität des Begriffs ist der überlagern sich vielmehr diese Aspekte der M.
Anlaß für zahlreiche Definitionsversuche, die einzelne Mit der Konzentration auf das Zwangsmoment der
Bedeutungsaspekte herausstellen und damit andere M. ist jedoch nur ein spezieller Aspekt der M. erschlos-
Facetten des Begriffs ausblenden. In der Sozialpsycho- sen. Während die sozialpsychologische Begrifflichkeit
logie wird seit Mitte des 20. Jh. bis in die Gegenwart M. dazu tendiert, Unterschiede zwischen M.-Typen zu ni-
unter der Kategorie des Einflusses konzeptualisiert. Sie vellieren, schließt die Begrifflichkeit der Soziologie in
bietet einen flexiblen Rahmen, um die unterschiedlich- der Tradition Webers viele Formen der M. aus dem wis-
sten sozialen Beziehungen in den Blick zu nehmen. Alle senschaftlichen Themenkreis aus. Ihr Konzept ist ge-
Differenzierungsbemühungen münden dabei in das Mo- prägt von der Vorstellung, M. beschränke die subjektive
dell einer manipulativen Bezugnahme auf andere im Handlungsfreiheit. Deshalb tritt ineins mit dem M.-
Sinne einer Ursache-Wirkungs-Beziehung. [1] Macht- Begriff die Frage nach der Begrenzung und Kontrolle
strukturen lassen sich jedoch nur partiell als kausale Re- der M. auf. Die gängigen Begründungen laufen darauf
lationen rekonstruieren. Die Universalität der Katego- hinaus, daß M. als notwendiges Übel zu begreifen ist.
rie des Einflusses führt zu einer methodischen Reduk- Diese Auffassung verdankt sich einer Verbindung der
tion, die gerade markante Erscheinungsformen der M. auf die Antike zurückgehenden Kritik tyrannischer
wie Institutionen und strukturelle M. systematisch aus- Herrschaft mit der neuzeitlichen Vorstellung einer vor-
blendet oder in verzerrender Perspektive darstellt. politischen Freiheit der Subjekte, die sich vertraglich auf
Diese Begrenzung sucht der soziologisch-politikwis- wechselseitige Einschränkungen verpflichten. In dieser
senschaftliche Diskurs zu vermeiden. Doch auch hier Konstellation erscheint M. grundsätzlich rechtferti-
macht sich eine begriffliche Vorentscheidung zugunsten gungsbedürftig. Daraus speisen sich alle Versuche, M.-

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Strukturen und M.-Träger mit Legitimationsforderun- verfolgt wird. Dabei zeigt sich, daß die tradierte Ambi-
gen zu konfrontieren. valenz der Rhetorik, die zwischen deliberativen Formen
Die maximale Legitimation besteht in der Zustim- einerseits und strategischer Kommunikation anderer-
mung aller Betroffenen. Deshalb wird in demokrati- seits oszilliert, sich in den Analysen niederschlägt. Die
schen Legitimationsverfahren, sei es im Sinne direkt- deliberative Lesart der Rhetorik setzt den Schwerpunkt
demokratischer Verhältnisse oder im Rahmen eines Re- auf argumentative Auseinandersetzung, deren Ideale
präsentativsystems, die ideale Form der Legitimation die Wahrheit der Behauptungen und die Wahrhaftigkeit
gesehen. Legitimationsfunktion besitzen Wahlen nur der Beteiligten sind. Ihr Einflußpotential beschränkt
dann, wenn die Amtsbefugnisse klar umrissen sind, sich auf das Spektrum der rationalen Überzeugungen.
Maßnahmen für Fälle des Amtsmißbrauchs und der Mit der Idee des herrschaftsfreien Diskurses, die auf Ha-
Kompetenzüberschreitung getroffen sind, der Zugang bermas zurückgeht, rückt dieses Konzept jedoch in ein
zur M. im Prinzip allen Beteiligten frei steht und die Be- politisches Vakuum, denn es verzichtet per definitionem
stellung nur auf eine bestimmte Frist erfolgt. auf eine Lokalisierung des Diskurses im Machtgefüge.
Mit diesen Kriterien sind in nuce die Konturen einer Die agonale Diskursanalyse dagegen konzentriert sich
Verfassung vorgezeichnet, deren Kern die Idee der Ge- auf Befehlsstrukturen, strategische Begriffsbildung, Pro-
waltenteilung bildet. Die Etablierung von M. muß einer paganda und Kriegsrhetorik. In diesen Formen manife-
Verselbständigung und Entgrenzung von M. vorbeugen. stiert sich M. als Herrschaft. Eine subtilere, aber um so
Die Teilung der Gewalten bildet das Zentrum moderner wirkungsvollere M. ist die Definitionsmacht, die sich in
Verfassungen. Zentrales Prinzip ist die gegenseitige Be- den Diskursen selbst manifestiert. Diese von Foucault
grenzung und Kontrolle der Legislative, der Exekutive entwickelte Form der Diskursanalyse untersucht die
und der Jurisdiktion. Ziel ist nicht eine strikte Trennung sprachlichen Praktiken, deren Regeln festlegen, wie
sich hemmender M.-Instanzen, sondern eine Verschrän- über ein bestimmtes Thema gesprochen und gedacht
kung funktional differenzierter Bereiche. Über das klas- werden kann. Die M. des Diskurses als eines sprachlich
sische Modell hinaus kommen dabei auch andere Di- erzeugten Sinnzusammenhangs ist nicht mehr den Sub-
mensionen der Gewaltenteilung in den Blick, die durch jekten zuzuschreiben, sondern bezieht sich auf die ge-
horizontale Differenzierung und temporale Begrenzung samte Handlungskonstellation. [12] Insofern sind hier
auf unterschiedliche Prozesse der Willensbildung zu- die klassischen Kategorien von Gewalt und Herrschaft
rückzuführen sind. [7] überwunden.
Ein traditioneller Topos ist die seit Rousseau virulen- Ein wichtiges Forschungsfeld rhetorischer Macht-
te Idee der öffentlichen Meinung als vierter Gewalt, mit analyse ist die M. der modernen Massenmedien. Zwar
der die rhetorische Dimension der M. thematisiert wird ergeben empirische Untersuchungen, daß der Einfluß
(s. A. II.). Aber auch in der Wahrnehmung der öffent- der Medien in der Regel überschätzt wird, doch bilden
lichen Meinung dominiert das Modell der Herrschaft, sie unbezweifelbar einen bedeutenden gesellschaftli-
das die komplexen Strukturen kollektiver Meinungsbil- chen Machtfaktor. Es ist bislang jedoch nicht gelungen,
dung auf Einflußfaktoren reduziert. Empirisch läßt sich eindeutige Kausalfaktoren zu identifizieren. [13] Dis-
dieses Modell nicht bestätigen, denn die öffentliche Mei- kursanalytische Untersuchungen führen auf wechselsei-
nung entzieht sich einer planmäßigen Manipulation. tige Wirkungen von Medien und Konsumenten. Die
Eine Alternative zu diesem am Herrschaftsbegriff neuere Forschung sieht sich mit dem Phänomen kon-
orientierten M.-Konzept entwickelt die Systemtheorie, frontiert, daß sich in der pluralistischen Gesellschaft kei-
die M. als Kommunikationsmedium auffaßt. M. dient ne stabilen Rezeptionsweisen abzeichnen. Medienwir-
analog zu Geld der Steuerung des sozialen Systems. So kung schlägt sich vor allem im Zusammenhang mit neu-
gilt für Parsons M. als legitimierte Fähigkeit, loyale en Themen nieder, die nicht mit bereits etablierten
Mitarbeit zu verlangen, ohne daß zuvor der Inhalt der Grundüberzeugungen in Beziehung gesetzt werden
erwarteten Leistungen spezifiziert werden müßte. [8] Sie können. Die Wirkung ist bei Themen mit stark emotio-
ist Inbegriff der Strukturierung und Legitimierung von naler Komponente intensiver. Einstellungsänderungen
Erwartungen innerhalb eines sozialen Systems. Luh- lassen sich außerdem eher beobachten bei Themen mit
mann definiert demgemäß M. als Medium zur Begren- deutlichem Personenbezug. Die trotz der Aufsplitte-
zung des Selektionsspielraums des jeweils anderen. [9] rung des Angebotes schwach entwickelte inhaltliche
M. ist nicht Eigenschaft eines Einzelnen oder einer Differenzierung der Medien insbesondere im Bereich
Gruppe, sondern ein Code, der Selektionen und damit der Nachrichten, in dem häufig synchrone Berichter-
die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen in der sozialen stattungen zu beobachten sind, kann ebenso prägend
Welt regelt. Damit ist M. entdämonisiert und unabhän- wirken wie die kumulative Wirkung wiederholter Äu-
gig von Strukturen des Zwangs und der Unterdrückung ßerungen und Darstellungsweisen. Schließlich bestätigt
konzeptualisiert. [10] Zugleich verliert der Begriff an sich in der Medienanalyse jedoch die rhetorische
Bedeutung, weil er sich zum einen der sozialwissen- Grundprämisse, daß Wirkungschancen sich vor allem
schaftlich erwarteten Operationalisierung entzieht und dort eröffnen, wo die Versuche der Einflußnahme an
zum anderen angesichts äquivalenter Steuerungscodes Meinungen, Überzeugungen und Dispositionen des Pu-
als zunehmend bedeutungslos erscheint. blikums anknüpfen.
II. Rhetorische Dimension. Die Thematisierung der M. B. Geschichte. I. Antike. Die Entdeckung der M. als
in rhetorischer Perspektive setzt an mit der Analyse der Inbegriff des politisch Möglichen fällt zusammen mit der
sprachlichen Formen, in denen M. zum Ausdruck Entstehung der Demokratie im Athen des 5. Jh. v. Chr.
kommt. Sie bezieht sich auf Stilmittel, Topoi und Meta- Charakteristisch für diesen Epocheneinschnitt ist die
phern machtbezogener Sprechakte. Dafür stellt insbe- Tatsache, daß die Etablierung der Verfassung, die gro-
sondere die Politikersprache ein aufschlußreiches For- ßen Teilen der Bevölkerung politische Handlungsspiel-
schungsfeld dar [11], in dem über die Wirkungsästhetik räume öffnet, und eine beispiellose Machtentfaltung
hinausgehend die Vermittlung kollektiver Orientie- nach außen in offensichtlichem Zusammenhang stehen.
rungsmuster und Techniken der Massenbeeinflussung In dem Maße, in dem die Polis sich als im gemeinsamen

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Handeln konstituierte Einheit erfährt, gewinnt die Rhe- gezeichnet wird. Die in Platons ‹Politeia› postulierte
torik den Rang des entscheidenden Mediums politischer Verbindung von Wissen, verkörpert durch die Gestalt
Organisation. Handlungsentscheidungen werden unter des Philosophen, und M. stellt die Konsequenz dieser
Umständen kurzfristig auf der Basis kollektiver Bera- Diagnose des sophistischen M.-Begriffs dar, offenbart
tungen und Überzeugungsversuche gefällt. aber auch die Schwäche dieses Konzepts, sofern diese
Das Bewußtsein der Verfügbarkeit von Politik als Verbindung äußerlich bleibt, denn der Philosoph ist
Machtgeschehen reflektiert Thukydides in seiner Dar- nicht an M. interessiert und M. wird, wenngleich defizi-
stellung des Peloponnesischen Krieges. Als Spezifikum tär, auch ohne Wissen ausgeübt. [15]
der athenischen Politik diagnostiziert er den Zusam- Aristoteles ist die systematische Entfaltung des M.-
menhang zwischen der aktiven Beteiligung der Vielen Begriffs in der Dimension des Politischen zu verdanken.
an der M. und der äußeren Machtentfaltung. Politik ist Er knüpft an die teleologische Struktur des dýnamis-
der Inbegriff der Entdeckung und Wahrnehmung von Konzeptes an, die als Handlungsmacht entfaltet wird.
Handlungsmöglichkeiten, die unmittelbar als M. erfah- M. bedeutet primär Handlungsmöglichkeit. Im Modus
ren werden. Dieses Bewußtsein ist rhetorisch muster- des Möglichen sind materielle Ressourcen unverzicht-
gültig zum Ausdruck gebracht im ‹Epitaphios› des bar, und vordergründig erscheinen diese als wichtigstes
Perikles, einer fiktiven Rede, die ex post als program- Prinzip von Handlungsmacht. Doch kann es Ressourcen
matische Erläuterung nicht nur der athenischen Poli- nur dort geben, wo Absichten entwickelt und entspre-
tik, sondern von Politik überhaupt gelesen werden chende Kompetenzen vorhanden sind, um die vorlie-
kann. genden Mittel als solche zu ergreifen. Ressourcen sind
Diese Thematisierung von M. steht im Kontext der insofern nicht die Grundlage von M., sondern ein Poten-
von den Sophisten betriebenen Kritik überlieferter Po- tial, das nur in Verbindung mit einer entsprechenden
litikauffassungen. Die Freisetzung der M. als Inbegriff Kompetenz und einer Zielvorgabe sinnvoll ist.
von Möglichkeiten reflektiert sich in der Emanzipation Handelnkönnen basiert auf Fähigkeiten, deren kul-
von Traditionen und Verpflichtungen, die sich aus einer tivierte Form im praktischen Wissen zu finden ist. Im
normativen Konzeption von Gemeinschaft ergeben. Die Bezug auf Handlung äußert sich dieses in Form der
Sophisten rücken jedoch von einer politischen Idee von praktischen Überlegung [16], die sich auf das Mögliche
M. ab, indem sie darin ein obzwar in der Gemeinschaft bezieht, das, was sich so oder auch anders verhalten
virulentes, in der Sache aber individuelles Vermögen kann. Nicht die Ziele sind Gegenstand der Überlegung –
sehen. Das Modell der M. liefert der Redner, der kraft diese werden vielmehr vorausgesetzt – sondern die Mit-
rhetorischer Fähigkeiten die Masse nach seinen Vor- tel, sofern man über sie verfügt. Die Überlegung kommt
stellungen beeinflußt. Rhetorik ist so die reinste Er- dann zu einem Ende, wenn der Handelnde sich selbst als
scheinungsform der M., da durch sie alle anderen Kräfte erste Ursache identifiziert und damit sein Handlungs-
und Ressourcen mobilisiert werden können. vermögen unter Beweis gestellt hat.
Die Rhetorik als Paradigma sophistischer M. ist kein Eine spezielle Ausformung der M. liegt vor, wenn
gewöhnliches Machtmittel, sondern ein Mittel, das über diese als Herrschaft realisiert wird. Der Begriff der arché
andere Mittel zu verfügen erlaubt. Als potenziertes Mit- im engeren Sinne steht für diejenige M. der Initiative,
tel löst sich die Rhetorik, ähnlich wie Geld, von kon- die sich im politischen Maßstab als Prinzip der Herr-
kreten Zwecken ab und ist völlig unspezifisch auf alle schaft erweist, sofern Handlung zur Ursache des Han-
möglichen Zwecke gerichtet. Ein derartiges Mittel er- delns anderer wird. Herrschaft ist eine Form der Sou-
scheint selbst wie ein Zweck, da sein Besitz für alle Le- veränität, die darin besteht, daß ein Handelnder die
benslagen Nutzen verspricht. Dennoch bleibt dieses Verhältnisse durch den Vollzug des eigenen Handelns
Mittel reine Potentialität, verdeckt aber aufgrund seiner prägt und so indirekt auch die Bedingungen anderen
Eigenschaft, universales Mittel zu sein, die tatsächlich Handelns vorgibt.
handlungsleitenden Zwecke. Im Falle der Sophistik las- Um die spezifisch politische Herrschaft näher zu be-
sen sich diese Zwecke identifizieren als kontingente in- stimmen, grenzt Aristoteles die Herrschaft des Staats-
dividuelle Interessen. Die sophistische Idee eines poten- mannes von den anderen Herrschaftsformen ab; ge-
zierten Mittels, das von konkreten Zwecke abzusehen nannt sind die königliche Herrschaft, die Herrschaft des
erlaubt, stellt eine begriffliche Herausforderung für ihre Hausherrn und die despotische Herrschaft über Un-
Kritiker dar, sofern das Machtmittel Rhetorik den her- freie. [17] Der Fluchtpunkt dieser Unterscheidung ist die
kömmlichen Kanon der Zwecke sprengt. Bestimmung, daß die eigentlich politische Herrschaft
Platons Auseinandersetzung mit der Sophistik setzt über Freie und Gleiche ausgeübt wird. [18] Die politi-
mit der These an, daß sich Handlungs-M. nur im Rekurs sche Herrschaft im Rahmen des Staates als einer Ge-
auf Zwecke definieren läßt. [14] M. ist kein Instrument, meinschaft Freier und Gleicher zum Zwecke des guten
das zu besitzen vorteilhaft ist, sonst wäre das Instrument Lebens [19] ist der normative Maßstab der politischen
der Instrumente, die von den Sophisten virtuos gehand- Wissenschaft.
habte, vom traditionellen Ethos emanzipierte Rhetorik Herrschaft versteht Aristoteles als Modus der Be-
mit Allmacht gleichzusetzen. In der Tat zielen auch die gründung oder Anstiftung von Handlung. Der Handeln-
Sophisten mit ihrer Vorstellung von M. nicht nur auf den de initiiert Handlung kraft seines Wissens oder seiner
Besitz von Mitteln, sondern auf Handlungsfähigkeit. M. Kompetenz, durch Einsatz geeigneter Mittel oder durch
bedeutet deshalb, konsequent verstanden, etwas tun zu das Gesetz, und legt damit die Handlungsperspektiven
können, was tatsächlich erstrebenswert ist. Dieses Kön- anderer fest. Herrschaft hebt jedoch den Handlungs-
nen erschöpft sich nicht im Besitz von Mitteln, sondern spielraum des Beherrschten nicht vollständig auf; viel-
ist ein Modus des Wissens, das sich bewährt im Umgang mehr bedarf es dieses Spielraums, um überhaupt herr-
mit Mitteln hinsichtlich bestimmter Zwecke. Das Wis- schen zu können, wenn anders Herrschaft die Initiierung
sen um solche Zwecke, ob man sie nun auf den einzelnen weiteren Handelns ist.
bezieht oder auf die Gemeinschaft, ist folglich notwen- Insofern besitzt die sprachliche Verständigung einen
diger Bestandteil von M., wenn diese als Vermögen aus- hohen Stellenwert im Rahmen der Aristotelischen Po-

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litik, denn die fundamentale Zielsetzung des Zusam- zum gemeinsamen Handeln an und ist mit dieser Wirk-
menlebens besteht in der gemeinsamen Erörterung des samkeit ein Modus von M.
Guten und des Gerechten. Die Erscheinungsform der II. Spätantike und Mittelalter. Bis in das 5. Jh. bleibt das
M. reflektiert sich in den rhetorischen Gattungen der antike Paradigma rhetorisch organisierter M. erhalten.
beratenden Rede, der Gerichtsrede und der epideikti- Eine Neubestimmung erfolgt mit Augustinus, der zu-
schen Rede. Rhetorik ist nicht bloßes Instrument von gleich eine Transformation der klassischen Rhetorik
Praxis, sondern deren Vollzugsform. vornimmt. Seine Machtanalyse setzt mit einer Diskre-
Der Mensch ist ein politisches Wesen genau insofern, ditierung der römischen civitas an, die er als reinen Herr-
als er über die Sprache und damit über die Möglichkeit schaftsverband interpretiert. Sein Gegenmodell ist die
verfügt, sich wechselseitig über das Gerechte und das göttliche Herrschaft des Gottesstaates, der mit umfas-
Nützliche zu verständigen. [20] Deshalb besitzt die Ge- sender Fürsorge gleichgesetzt wird. M. wird dabei
staltung der rhetorischen Praxis vorrangige Bedeutung grundsätzlich als dominium aufgefaßt, ein Begriff, der in
im Rahmen der Verfassung. Das gilt selbst für die mon- der römischen Welt auf vorpolitische Verhältnisse be-
archische und aristokratische Regierungsform. Dieser schränkt war. M. ist Befehlsgewalt und unterscheidet
Primat der Sprache in der Politik kennzeichnet das ari- sich hinsichtlich ihrer Qualität nur durch die Absicht des
stotelische und historisch betrachtet auch das athenische Befehlhabers.
Verständnis von Verfassung und markiert damit die un- Aus der Perspektive dieser Verschmelzung von Be-
überbrückbare Distanz zwischen dem antiken und dem fehlsgewalt und Fürsorge gewinnt auch die weltliche M.
neuzeitlichen Verfassungsdenken. eine über die bloße Unterdrückung hinausweisende Be-
Im Begriff der auctoritas konzentriert sich das genuin deutung. So bedient sich die civitas Dei des weltlichen
römische Verständnis von M. Das Prinzip durchzieht Friedens, solange noch die irdischen Bedürfnisse erfüllt
das ganze öffentliche und private Leben und ist insbe- werden müssen [23], und rechtfertigt damit auch die po-
sondere im rechtlich-politischen Bereich von Bedeu- litische Ordnung, sofern sie nur einen erträglichen Frie-
tung. In Verbindung mit der Rolle des Senats gewinnt den zu wahren weiß. Die bis zum Ende der Geschichte
der Begriff deutliche Konturen. Die auctoritas senatus sich erstreckende Phase der Koexistenz beider Staaten
bezeichnet eine Beschlußfassung des Senats. Obwohl erlaubt die Anerkennung der ordnenden M. des weltli-
ohne eigentliche Entscheidungsgewalt, hat die Meinung chen Staates. Die weltliche Herrschaft wird darüber hin-
des Senats doch politisches Gewicht. [21] Die auctoritas aus auch zum Instrument der Heilsgeschichte, da drük-
patrum steht für die Zustimmung des Senats zu Be- kende Herrschaft als Strafe und Zuchtmittel eingesetzt
schlüssen des Volkes, die erst durch diese Approbation wird, eine Funktion, die indirekt auf die Fürsorge des
Geltung gewinnen. Auctoritas realisiert sich nicht als wahren göttlichen Herrschers zurückzuführen ist. [24]
freie Entscheidungsgewalt, sondern begleitet die eigent- Schließlich begründet allein die Anerkennung der für-
lichen Entscheidungen entweder als deren autorisieren- sorglichen M. Gottes die politisch folgenreiche These,
de Bekräftigung oder als Beratungsrecht. daß alle weltliche M. von Gott sei. Gott verleiht, so heißt
Insofern ist die Beratung ein wesentliches Merkmal es ausdrücklich, die M. zu herrschen. [25] Diese potestas
der auctoritas im politischen Rahmen. Wenn davon aus- dominandi bezeichnet nun aber nicht nur die praktizier-
zugehen ist, daß der römische Senat die Orientierung te Herrschaft selbst, sondern das Vermögen, zu herr-
des politischen Handelns an der Tradition verbürgt und schen. Damit gibt sich zu erkennen, daß auch weltliche
darin Vorbild für die ganze Gemeinschaft ist, dann kann Herrschaft mehr darstellt als nur die Unterdrückung an-
die gemeinsame Beratung als organisatorisches Grund- derer in der Ausübung barer Gewalt. Herrschaft ist der
prinzip der römischen Verfassung im umfassenden Sin- Ausdruck eines Vermögens, einer Fähigkeit, die inso-
ne gelten. Der Beratungszwang ist in der Terminologie fern reale Herrschaft transzendiert, als sie deren Bedin-
von Herrschaft und Befehlsgewalt nicht zu fassen, denn gung ist. Eine auf den Gedanken reiner Befehlsgewalt
es widerspricht dem Wesen von Beratung, für den Be- reduzierte Konzeption von Herrschaft erscheint auch
ratenen verbindlich zu sein. Andererseits ist diese insti- Augustinus nicht als konsistent. Sie bedarf der Fundie-
tutionalisierte Form der Beratung, zumal im Falle des rung in der Sphäre jenseits des Politischen.
Senats, mehr als eine beliebige Konsultation. Auctoritas Die neue Ansicht der auf Befehlsstrukturen reduzier-
ist vielmehr eine eigenständige Form politischer M., de- ten M. wird jedoch weder der Komplexität politischer
ren Zentrum der Senat als das herausragende Organ der Verhältnisse gerecht noch kann sie sich hinsichtlich ih-
Verfassung bildet. Als Modus von M. ist sie strikt von rer eigenen Möglichkeitsbedingungen ausweisen. Herr-
imperium beziehungsweise potestas im Sinne der Amts- schaft bleibt immer, und das entspricht Augustinus’ er-
gewalt zu unterscheiden. klärter Absicht, der theologischen Konzeption von M.
Auctoritas ist mehr als informell gewährte Beratung untergeordnet. Das äußert sich im problematischen
oder das Ansehen einer Person. Sie ist eine zentrale Fi- Verhältnis von politischer und geistiger M. einerseits
gur des Rechts. [22] Beratungsmacht ist der Fokus einer und in der ungeklärten Beziehung von menschlicher
elementaren Verbindung von Recht und Rhetorik, in und göttlicher M. andererseits. Der Topos der zwei
der die rhetorische Verfassung des römischen Staats- Schwerter, der die mittelalterlichen Debatten prägt, ist
wesens anschaulich wird. Die Rhetorik der Beratung ein Ausdruck dieser Verlegenheit. Die exemplarische
wird durch den Bezug auf das Recht als Organisations- Formulierung von Papst Gelasius basiert auf der Ent-
prinzip der sozialen Welt verankert. Das Recht bedarf gegensetzung von politischer potestas und geistlicher
der Konkretisierung. Dadurch gewinnt die Rhetorik po- auctoritas [26], deren Unterscheidung und Opposition
litische Bedeutung. Sie ist nicht nur ein Mittel der freilich den Antagonismus nicht beseitigt, sondern in der
Durchsetzung im Interesse individuellen Erfolgs, son- Tat verschärft. Damit ist zugleich der historische Kon-
dern offenbart eine kollektive Leistung wechselseitiger flikt der Epoche vorgezeichnet. Erst die allmähliche Ab-
Orientierung im Handeln. Dementsprechend ist das lösung der Politik von theologischen Prämissen kann auf
Recht kein abstraktes Regelsystem, sondern konstitu- dieser Basis ein überzeugendes Programm weltlicher
iert die Beziehungen der Handelnden. Auctoritas stiftet Herrschaft entwickeln. Das zeigt sich besonders deutlich

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bei Duns Scotus, dessen Unterscheidung von potentia weil die letzte Ursache, die kollektive Gewalt, und das
absoluta und potentia ordinata [27], göttlicher Allmacht Ziel, das Gemeinwohl, in der Bestimmung des Volkes
und politischer M. im Rahmen vorgegebener Ordnung koinzidieren. [31] Deshalb kommt ausschließlich dem
die politische M. mit Herrschaft gleichsetzt. Diese Ord- Volk die Gesetzgebung als Inbegriff der Herrschaft zu.
nung selbst aber kann nicht ihrerseits als Herrschaft cha- Dieser Legitimationszusammenhang bleibt jedoch rein
rakterisiert werden, sondern gilt als deren Prinzip. Da fiktiv, und es ist nicht zu erkennen, nach welchen Krite-
sich Duns Scotus zugleich der aristotelischen Unter- rien ein Herrschaftssystem als Ausdruck des Volkswil-
scheidung von potestas und potentia, der Herrschafts- lens interpretiert werden kann.
kompetenz und Handlungsmöglichkeit verweigert [28], Eine konsequentere Ausarbeitung von Politik als
bleibt für die Instanz der potentia ordinata keine andere Herrschaftsverband liefert Wilhelm von Ockham. Er
Charakterisierung als die eines unbedingten ordnungs- kommt zu einem neuen Verständnis spezifisch weltli-
stiftenden Willens. Die Allmacht Gottes offenbart sich cher M., das sich von traditionellen theologischen Lehr-
in der Setzung eines geregelten Herrschaftssystems. Für meinungen befreit und den Weg eröffnet zu einer säku-
die Frage nach dem Grund politischer M. ist diese Aus- laren Auffassung von Politik. Dabei ist die Idee einer
kunft indes nicht befriedigend. Der Setzungsakt entzieht Institutionalisierung von M. leitend, die zwar auf Gott
sich politischer Vernunft und bringt lediglich die radi- als Machtgrund zurückgreift, deren Akzent aber gerade
kale Kontingenz weltlicher Herrschaft zum Ausdruck. auf der menschlichen Einrichtung von Herrschaft liegt.
Solange die augustinische Depotenzierung der Poli- Daß die Einsetzung der M. nun selbst als Vollzug poli-
tik dominiert, muß die Reduktion von M. auf Herrschaft tischer M. begriffen wird, führt zu einer entscheidenden
ein unvollendetes und im Grunde paradoxes Projekt Weiterentwicklung des Machtproblems und bedeutet
bleiben. Als Resultat göttlicher Verfügung ist Herr- nicht zuletzt einen revolutionären Bruch mit der theolo-
schaft immer zugleich mehr als bloße Befehlsgewalt ein- gischen Tradition. Sein Konzept der M. ist im histori-
zelner. Sie ist ein Ausdruck göttlicher Heilsabsicht. Die- schen Kontext der Auseinandersetzung von weltlicher
se Verklärung politischer M. ist aber ebenso fragwürdig und geistlicher M. entwickelt, weist aber darüber hinaus.
wie ihre zuvor vollzogene Diskreditierung. Die ihrer- M. ist auch bei Wilhelm grundsätzlich als Herrschaft
seits paradoxe Verbindung von Augustinismus und Ari- zu verstehen und beruht auf einer hierarchischen Kon-
stotelismus vermag dem neuen Machtbegriff politische stellation von Befehlsinstanzen. Zwischen weltlicher
Relevanz zu verschaffen, indem M. den Rang eines re- und göttlicher Herrschaft besteht gleichwohl eine Dif-
lativ eigenständigen Prinzips erhält. Die von Albertus ferenz. Weltliche M. ist dominativ, beruht auf der
Magnus und Thomas von Aquin betriebene Rehabili- Durchsetzung eines Willens gegen andere Willen, gött-
tierung des Aristoteles auf augustinischem Boden liche M. dagegen ist ministrativ und realisiert sich in der
schafft dafür die Voraussetzungen. Das diesseitige prak- Sorge um die Menschen. Ministrative M. entspricht
tische Leben gewinnt dabei wieder teilweise die Dignität letztlich dem Typus der auctoritas, die mit dieser Zu-
zurück, die es mit Augustinus verloren hat. Die aristo- schreibung zugleich aus der Sphäre weltlicher Politik
telische Konzeption der vita activa und der vita contem- verbannt wird. [32]
plativa rückt bei Thomas an die Stelle der Opposition M. ist nach Wilhelms Formel «a deo sed per homines»
von Weltstaat und Gottesstaat und erlaubt dadurch die (von Gott, aber durch die Menschen). [33] Die Kon-
Anerkennung eines irdisches Glücks. [29] Das läßt sich struktion dieser Beziehung setzt neben dem göttlichen
übertragen auf die Ausübung politischer M., deren post- Stifter der M. eine Gemeinschaft voraus, ein collegium,
lapsale (nach dem Sündenfall) Notwendigkeit zwar auch das nach dem Mehrheitsprinzip Entscheidungen zu fäl-
Augustinus konzediert, die aber nun von Thomas als po- len vermag. [34] Herrschaft basiert auf der Zustimmung
sitives Werk ausgegeben wird. Damit ist die Vorausset- der Beherrschten. Von deren Konsens hängt es ab, wel-
zung geschaffen für eine Aufwertung politischer M. im che Regierungsform gewählt und wer als Träger der
Kontext christlicher Theologie. Herrschaft akzeptiert wird. Dieses Paradigma ist des-
Diese Synthese von Aristoteles und Augustinus ist halb interessant, weil damit auch die Möglichkeit legiti-
die Grundlage der Konzeption christlicher Politik, die mer Herrschaft außerhalb des christlichen Einflußbe-
im Spätmittelalter formuliert wird. Marsilius von Pa- reiches demonstriert werden kann. So wird zum einen
dua sucht den augustinischen Gedanken des Friedens dem Prinzip der Deszendenz aller M. Rechnung getra-
als Ziel weltlicher Herrschaft mit dem aristotelischen gen, zum anderen etabliert sich ein Spielraum weltlicher
Modell der Politik zu versöhnen. Analog zur Gesund- Herrschaft, der durch den Rekurs auf die göttliche M.
heit eines Organismus ist demnach die Ruhe des Staates weder legitimiert noch diskreditiert werden kann.
der Zustand, in dem alle Teile die ihnen gemäße Funk- Die Unterscheidung zwischen Herrschaft überhaupt
tion erfüllen. [30] und der konkreten Realisierung derselben eröffnet die
Ein systematischer Bezug auf Aristoteles dokumen- Kluft, die in der Neuzeit mit den Legitimationsprogram-
tiert sich in der Identifikation der Gemeinschaft als des men überbrückt wird. Dabei wird deutlich, daß die Fra-
Bezugsrahmens aller Politik. Die Instanz des Volkes ge nach der Rechtmäßigkeit von Herrschaft im Grunde
verkörpert nach Marsilius diese letzte Ursache, in der zwei Fragen einschließt, zum einen die Frage nach der
sich das Prinzip des Gemeinwohls mit dem Gedanken Begründung von Herrschaft überhaupt und zum ande-
der größten Zwangsgewalt verbindet. Dieser Ausgangs- ren die Frage nach der exklusiven Ausübung von Herr-
punkt ermöglicht die Konzeption eines einheitlichen schaft durch bestimmte Herrscher. Den ersten Schritt
und homogenen Herrschaftsgebildes, das keine kon- bewältigt Wilhelm von Ockham scheinbar ganz konven-
kurrierenden Kräfte mehr erlaubt und damit auch den tionell, indem er die Herrschaft als Gabe Gottes aus-
kirchlichen Machtanspruch zurückweist. Die Hierarchie weist. In der Tat aber rekurriert er nicht, wie es zu er-
weltlicher M. ist auf das Volk als Gesamtmacht zu- warten wäre, auf göttliche Ursprungsmacht, um die po-
rückzuführen, das alle anderen Herrschaftsinstanzen litische M. dann als deren Abbild darzustellen, sondern
begründet, selbst aber keines weiteren Grundes mehr verfährt genau umgekehrt. Er geht vom realen Herr-
bedarf. Die Gemeinschaft besitzt die ursprüngliche M., schaftsverband aus und fragt nach dessen Grundlagen.

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Macht Macht

So gelangt er zur Kompetenz der Institutionalisierung der Prämisse, daß alles politische Handeln sich in der
von Herrschaft (potestas instituendi). Diese dem Volk Einrichtung und Stabilisierung von Herrschaft erfüllt.
gegebene M. bezieht sich auf die Einsetzung des Trägers Radikaler und folgenreicher ist der Ansatz von Hob-
der Herrschaft und ist folglich dem Herrscher, dem sie bes, der das neuzeitliche Wissenschaftsmodell auf die
das exklusive Herrschaftsrecht erteilt, übergeordnet. Sie Politik überträgt. Damit geht eine Depotenzierung der
erschöpft sich aber auch in dieser Institutionalisierung Rhetorik einher, die als Sprache der Leidenschaft nur
von Herrschaft. Das Volk besitzt also de facto keine po- auf der Objektebene wahrgenommen wird, ohne daß ihr
litische Funktion, sondern ist der Legitimationsgrund ein eigener Wahrheitsanspruch zukommt. Vernunft und
politischer M. Der Bezug auf das Volk dient als Refe- Rhetorik sind diametral entgegengesetzt. Die metho-
renz, um die Frage nach der Rechtmäßigkeit bestimmter disch adäquate Verständigung in politischen Angele-
Herrschaftstitel zu beantworten. genheiten ist der Befehl. Daraus resultiert eine rein in-
Die Stärke dieser Konzeption liegt nicht nur darin, strumentelle Auffassung von M. als Inbegriff der Mittel,
daß politische M. in der Terminologie von Herrschaft die zur Durchsetzung der eigenen Interessen dienen. Im
beschrieben werden kann. Sie beruht ganz entscheidend sozialen Kontext ist M. per definitionem Herrschaft
auf der Entdeckung der Herrschaft als Organisations- über andere. Dies ergibt sich unmittelbar aus der Kop-
prinzip von Politik, das die Realisierung von M. im gan- pelung von Selbsterhaltung und M., denn Selbsterhal-
zen zu regeln vermag. Nach antikem Modell wurde diese tung führt unausweichlich zu Konkurrenz. Der Kampf
Funktion der Handlungsmacht überantwortet, die im aller gegen alle ist der plastische Ausdruck einer wech-
Medium der Rhetorik reflexiv wird. Die von Wilhelm selseitigen Machtanmaßung.
aufgedeckte Struktur beschreibt nun die Reflexivität Mit diesem begrifflichen Instrumentarium ausgerü-
der M. im Modus der Herrschaft. stet rekonstruiert Hobbes den Staat als reinen Herr-
Ist bei Augustinus der Rückgriff auf das Konzept der schaftsverband. Dazu bedient er sich der Formel des
Herrschaft noch durch die beabsichtigte Depotenzie- Vertrages. Gegenstand des Vertrages sind die individu-
rung der Politik motiviert, so begründet Wilhelm ein ellen Rechte, die unter der Bedingung, daß auch alle an-
neues Modell von Politik, das auf der Basis von Herr- deren diesen Vertrag akzeptieren, einem Herrscher
schaft entwickelt wird. Der Begründungszusammen- übertragen werden. [37] Die Individuen schließen unter-
hang ist allerdings nur rudimentär entfaltet. Er dient vor einander einen Vertrag, dessen Gegenstand die Einset-
allem der Demonstration der Exklusivität weltlicher zung von Herrschaft ist, und verbinden sich kraft dieses
Herrschaft im Kampf um den Primat der M. gemeinsamen Aktes zu einer Gemeinschaft, deren Exi-
III. Renaissance und Neuzeit. Die Verweltlichung der stenz dann die Herrschaftsordnung garantiert. So wird
M. ist der Grundzug der weiteren Entwicklung. Das ein asymmetrisches Verhältnis begründet zwischen den
Werk Machiavellis ist im ganzen der Versuch einer sich wechselseitig verpflichtenden Vertragspartnern ei-
Rehabilitierung der antiken Konzeption von Politik, die nerseits und dem Herrscher andererseits, das letzteren
dem Paradigma der rhetorisch konstituierten M. ver- nicht an etwaige von den Untergebenen diktierte Bedin-
pflichtet ist. Es ist das klassische Modell der Handlungs- gungen bindet.
macht, das den Zeitgenossen als Remedium empfohlen, Eine Konsequenz dieses Vertrages besteht darin, daß
aber nun in neuer Lesart präsentiert wird. Das Konzept ein Verhältnis auf Dauer begründet wird. Die Konsti-
der virtù, das im Zentrum des ‹Principe› steht, basiert tution des Staates erschöpft sich nicht in einem einma-
weniger auf Tugend im Sinne einer moralischen Kate- ligen Akt, sondern erfordert permanente Bekräftigung.
gorie als vielmehr auf Effektivität im Sinne von Durch- Hobbes muß deshalb der politischen Einstellung der
setzungsmacht. Untertanen eine Bedeutung zuerkennen, die in einem
Der ‹Principe› beleuchtet die Handlungsmöglichkei- spannungsvollen Verhältnis zum nüchternen Kalkül
ten in der Konstellation der Fürstenherrschaft, die ‹Dis- steht, das den Staat begründet.
corsi› unter Bedingungen der Republik. Wirkliche virtù Die rechtliche Konstruktion ebnet den Boden für die
ist unabhängig von den überkommenen Vorstellungen Rezeption der Souveränitätsidee, deren Formulierung
des Guten, ja muß diesen oft zuwider handeln. In der auf J. Bodin zurück geht. Die Bedeutung dieses Gedan-
Betrachtungsweise Machiavellis erscheint die Fürsten- kens liegt darin, daß das Prinzip der Herrschaft vom hi-
herrschaft als ein komplexes Gefüge von Handlungen, storischen Ballast überkommener herrscherlicher Be-
dessen Bestand ganz entscheidend von den Fähigkeiten fugnisse befreit und als Rechtssetzungsmonopol gefaßt
des Fürsten abhängt. M. (potenzia) ist ein Resultat der wird. [38] Im Unterschied zur theologisch begründeten
Geschicklichkeit (industria) oder der Gewalt (for- Figur der plenitudo potestatis, die unter weltlichen Be-
za), [35] und deshalb bedarf der Fürst eines entspre- dingungen immer nur als übertragene und insofern be-
chenden Handlungswissens, um seine Geschicklichkeit dingte Vollmacht ausgelegt werden kann, ist die puis-
zu kultivieren und die Ressourcen angemessen ein- sance souveraine in der Bestimmung Bodins dadurch
zusetzen. Nicht weniger steht in den ‹Discorsi› die ausgezeichnet, daß sie in dieser höchsten Machtspitze
Handlungsmacht des Staates insgesamt im Zentrum. ihren Grund findet. Absolute M. herrscht uneinge-
Das beginnt mit den Hinweisen auf die Verführbarkeit schränkt.
des Volkes, die auf die brisante Rolle der Meinungen Hobbes’ Vertragskonstruktion liefert das logische
aufmerksam machen, und endet in einer entfernt an Ari- Fundament dieser Konzeption von Herrschaft. Die be-
stoteles erinnernden Betrachtung, die dem Volk insge- sondere Stringenz des Hobbesschen Modells drückt sich
samt ein besseres Urteil zuerkennt als dem Alleinherr- darin aus, daß es die Disposition der Individuen, die
scher. [36] Meinungen und Überzeugungen, neutralisiert und allein
Zugleich aber, und das trennt Machiavelli von den mit der Furcht der einzelnen rechnet. Furcht ist der ein-
Autoren der klassischen Antike, geht er wie selbstver- zige Affekt, der bei allen gleichermaßen unterstellt wer-
ständlich davon aus, daß die so erworbene M. nur dazu den kann. Dabei wird dann jedoch die Frage nach dem
dient, Herrschaft zu etablieren oder zu bewahren. So- Zusammenhang von affektbezogener Steuerung und
wohl die ‹Discorsi› als auch der ‹Principe› basieren auf vernünftiger Einsicht virulent. Während ein rhetori-

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Macht Macht

sches Modell von Politik eine gemeinsame Basis für die sondern die Sicherung der ursprünglichen Handlungs-
Beobachterperspektive und den Blickpunkt der Han- fähigkeit das Ziel der Gesellschaft ist. [41] Das hat in-
delnden bereitstellt, wird dieser Übergang auf der sofern Auswirkungen auf den Status der politischen M.,
Grundlage der Hobbesschen politischen Wissenschaft als nun die Herrschaft einem vorpolitischen, begrenzten
problematisch. Die Handelnden erfahren den Vertrag Zweck untergeordnet wird. Die Übertragung oder Ab-
nur als überlegene M. des Souveräns, von dem sie Si- tretung der individuellen Rechte erfolgt dennoch nicht
cherheit erhoffen. So zeichnet sich das Dilemma der unter Vorbehalt, denn die Existenz der Gesellschaft
neuzeitlichen Machtkonzeption ab: Die Gesellschaft setzt voraus, daß die Individuen auf individuelle Rechte
konstituiert sich als Herrschaftsverband durch die Un- und die diesen korrespondierende M. verzichten. Es
terwerfung der Individuen und bezieht zugleich ihre M. sind zwei Modi der M., die Locke in diesem Zusammen-
und Legitimation durch die Zustimmung dieser Indivi- hang erwähnt: zum einen das Recht auf Selbsterhaltung,
duen. Staatliche Herrschaft gründet auf freiwilliger das der einzelne um der Selbsterhaltung willen so weit
Knechtschaft. an die Gesellschaft abtritt, wie es die Erhaltung seiner
Aus dieser prekären Verbindung von Affekt und selbst und der Gesellschaft erfordert; zum anderen die
Vernunft geht die politische M. hervor. Sie ist weder M. zu strafen, die er vollständig an die Gesellschaft ab-
nackte Gewalt noch allein das Resultat vernünftiger tritt. [42] Eine Identifikation mit den anderen Individu-
Übereinstimmung, sondern verdankt ihre Entstehung en wird dabei nicht erwartet. Der einzelne muß keinen
der Steuerung des Begehrens durch die Vernunft. Diese Perspektivenwechsel von der individuellen zur kollekti-
Steuerung setzt voraus, daß das Begehren für die Stim- ven Selbsterhaltung bewältigen, sondern lediglich auf
me der Vernunft empfänglich ist. Für diese Sphäre der den Anspruch verzichten, eigenständig über die Maß-
Vermittlung von Vernunft und Affekt müssen letztlich nahmen der Selbsterhaltung und der Sanktion von
wieder die Meinungen einstehen. Daraus ergibt sich Rechtsverletzungen entscheiden zu wollen. Diese bei-
eine ambivalente Einschätzung der Beziehung von Rhe- den Modi bilden die Grundlage der staatlichen M. Das
torik und politischer M. Die Meinungen sind ihrer kon- Streben nach individueller Erhaltung im Sinne ele-
stitutiven Funktion beraubt und müssen der Vernunft mentarer Handlungskompetenz wird transformiert in
weichen. Da der Staat auf einem Vertrag und nicht auf die kollektive Erhaltung des politischen Körpers. Kol-
Meinungen basiert, können diese dem Souverän so lan- lektive Erhaltung ist nur möglich aufgrund von Maßnah-
ge als gleichgültig gelten, wie sie den Bestand des Staates men, die der Einheit des Kollektivs Rechnung tragen,
nicht gefährden. Dies ist die liberale Seite des Hobbes- also durch die Koordination kollektiven Handelns mit
schen Systems. Zugleich ist jedoch, was die Erhaltung dem Mittel allgemein gültiger Gesetze. Ebenso wird die
des Staates betrifft, die praktische Bedeutung der Mei- individuelle Sanktionsgewalt übertragen auf die Exe-
nungen nicht zu vernachlässigen. Aufmerksamkeit ver- kutivmacht der Gesellschaft im ganzen. Die dritte Ge-
dienen die Meinungen deshalb, weil sie unter Umstän- walt schließlich resultiert aus der Notwendigkeit, jen-
den eine destruktive Kraft entfalten können. [39] Eine seits der individuellen Perspektiven einen neutralen
Meinung zu äußern bedeutet generell, eine eigene Per- Standpunkt zu lokalisieren, der Konflikte auf eine für
spektive zu entwickeln, eine Position zu beziehen und alle Beteiligten akzeptable Weise bereinigt. Dadurch
die individuelle Einschätzung zu präsentieren. Damit wird das Modell der Gewaltenteilung naturrechtlich be-
stellen Meinungen virtuell eine Gefährdung der auf ver- gründet.
nünftiger Übereinstimmung gründenden gemeinsamen Lockes Modell des Gesellschaftsvertrags rechnet mit
M. dar. der Konstitution einer M., in der die individuellen Kom-
Darüber hinaus aber besitzen die Meinungen für die petenzen mit der Gründung der Gesellschaft weitge-
Erhaltung der M. auch eine positive Bedeutung. Sie gibt hend aufgehoben und dem ganzen übertragen werden.
sich darin zu erkennen, daß die Belehrung des Volkes, Wenn dann zugleich die Instanzen der Herrschaft durch
neben der Sorge für dessen Sicherheit, zu den vordring- einen trust begründet werden, so ist damit die Vorstel-
lichsten Aufgaben des Souveräns zählt. [40] Zur Stabi- lung selbständiger Vertragspartner abgelöst durch die
lisierung des Staates bedarf es offensichtlich einer be- Institution von Funktionsträgern, die ihr Amt auf der
stimmten Einstellung der Untertanen. Damit ist nicht Basis kollektiver Übereinstimmung ausüben. Da ein
nur die Karriere der später so genannten öffentlichen trust kein reziprokes Verhältnis darstellt, haben die
Meinung vorgezeichnet. Auch deren charakteristische Herrschaftsträger unabhängig von diesem Vertrauens-
Ambivalenz ist in dieser Konstellation festgeschrieben, verhältnis keinerlei rechtliche Ansprüche. Andererseits
da die Meinung nun als defizitär im Vergleich zum wah- ist das Herrschaftsrecht unwiderruflich an die entspre-
ren Wissen gilt. Dennoch erscheint sie auch in der Per- chenden Instanzen abgetreten, solange diese ihre Kom-
spektive wissenschaftlich konzipierter Politik als uner- petenzen nicht überschreiten. Das der Herrschaft ent-
setzlicher Faktor der Stabilität des Staates. gegengebrachte Vertrauen und das Herrschaftsrecht lie-
Locke gibt der kontraktualistischen Machttheorie ein gen nicht auf derselben Ebene und stellen insofern auch
liberales Fundament durch die Verbindung von M. mit keine sich wechselseitigen bedingenden Verpflichtun-
der Idee des Eigentums im Sinne eines ursprünglichen gen dar, von deren labilem Gleichgewicht die Stabilität
Selbstbesitzes, aus dem das Recht, äußere Güter zu er- der Herrschaftsordnung permanent bedroht wäre. So
werben, hervorgeht. Die rechtliche Konstruktion der sucht Locke die Einheit staatlicher M. zu begreifen ohne
Gesellschaft folgt im wesentlichen der von Hobbes vor- auf das Prinzip der Souveränität zu rekurrieren, das die
gezeichneten Strategie. Der von der subjektiven Hand- Funktion der Herrschaft verabsolutiert.
lungsmacht bestimmte anarchische Naturzustand ist Genuin politische M. wird durch die Abgrenzung von
konfliktträchtig und wird deshalb um der Selbsterhal- väterlicher und despotischer M. konkretisiert. [43] Pa-
tung willen per Vertrag durch eine gesellschaftliche ternal power ist die zum Wohle des Unmündigen ausge-
Ordnung ersetzt. Lockes Konzept der politischen Herr- übte Autorität, die sich selbst überflüssig zu machen
schaft unterscheidet sich aber dadurch vom ‹Leviathan›, sucht. Diese M. ist sowohl unter natürlichen Bedingun-
daß nicht nur die elementare physische Selbsterhaltung, gen als auch in der Gesellschaft rechtmäßig, muß jedoch

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Macht Macht

auf Familienverhältnisse beschränkt bleiben. Despotical festiert, sondern in der Übereinkunft der Vielen im
power ist absolute und willkürliche M., die weder im Blick auf die Konstitution einer Gemeinschaft.
Naturzustand noch unter politischen Bedingungen legi- Der Akt, durch den ein Volk zum Volk wird [46], ist
tim sein kann. Politische Herrschaft schließlich ist die der volonté générale zugeschrieben. Der Gemeinwille ist
bereits mit dem Naturzustand vorauszusetzende M., die der Fluchtpunkt der individuellen Interessen, sofern
durch die Übereinkunft begründet wird. [44] diese von ihrer Partikularität befreit werden. Er be-
Legitime Herrschaft ist nun nicht mehr nach dem zeichnet den höchsten Punkt des Staates und bildet als
Idealtypus rechtlich sanktionierter Gewalt zu interpre- solcher die Spitze der Souveränität. Moderator dieses
tieren, sondern verkörpert einen eigenständigen Typus Prozesses ist der législateur, dessen Wirkung sich der
der M. Der Gewinn liegt nicht darin, daß Locke die po- Opposition von M. und Vernunft entzieht. Dieses Kon-
litischen Gewalten strikter begrenzt als seine Vorgän- zept ist offensichtlich eine Verlegenheitslösung. Die
ger, sondern in der freilich zum Teil paradoxen Bestim- Stiftung eines Staates ist eine Leistung, die den allein auf
mung der Qualität politischer Herrschaft, die sich na- seine Autorität bauenden législateur überfordert. Damit
turrechtlichen Kategorien letztlich entzieht. Hat sich das Volk die Grundgesetze des Staates annehmen kann,
schon bei Hobbes angedeutet, daß Herrschaft nicht nur muß die Wirkung zur Ursache werden, die sittliche Ver-
Stärke, sondern ordnungsstiftende Leistung verkörpert, änderung also der Institution der Verfassung vorausge-
so löst sich noch deutlicher bei Locke der Herrschafts- hen. [47]
begriff von der ihn bis dahin stets begleitenden physi- Der Gesetzgeber ist, wie der Gesellschaftsvertrag,
kalischen Metaphorik. eine Chiffre für das Grundproblem des ‹Contrat social›:
Lockes Konzeption politischer Herrschaft beruht auf die Suche nach den Bedingungen der «Institution» eines
der Voraussetzung, daß die Perspektive der Individuen Volkes. [48] Das Volk im normativen Sinne ist Souverän
neutralisiert wird. Die liberalen Freiheiten bezahlen die und als solcher letzter Grund legitimen politischen Han-
Individuen damit, daß ihre Meinungen als belanglos gel- delns. Mit dieser politischen Bestimmung des Volkes ist,
ten. Die Vereinigung der Individuen und das Ver- obwohl der Begriff noch fehlt, der Sache nach das Prinzip
trauensverhältnis zwischen der Gesellschaft und den der Volkssouveränität artikuliert. Dabei ist zu beachten,
Herrschaftsinstanzen beanspruchen lediglich die auf das daß der Souverän, also das Volk, nicht auf die volonté
Grundsätzliche begrenzte Zustimmung der Individuen. générale zu reduzieren ist. Rousseau spricht vielmehr
Deren sonstige Meinungen bleiben als Indizien prakti- ausdrücklich von einem pouvoir souverain, einer unum-
zierter Freiheit zwar ein schützenswertes Gut, gelten schränkten Gewalt, die vom Gemeinwillen geleitet wird,
aber sub specie der Politik als irrelevant. aber nicht mit diesem identisch ist. [49] Genau aufgrund
Gleichwohl sind diese Meinungen nicht völlig funk- dieser Verbindung von M. und kollektivem Willen wird
tionslos. Sie werden vielmehr unterhalb der Schwelle der Rousseau zum Schöpfer der Theorie der Volkssouverä-
Politik lokalisiert und prägen dort nach dem Modell des nität, die dann mit Sieyès’ Schrift ‹Qu’est-ce que le Tiers
law of opinion die Standards der sozialen Welt. [45] Da état?› ihre politische Sprengkraft entfaltet. [50]
diese Meinungen sich in einem Freiraum etablieren, der Im Licht dieses Prinzips gewinnen die Meinungen der
dadurch entsteht, daß die Individuen ihre gesamte M. der Vielen die Bedeutung der öffentlichen Meinung, ein Be-
Gemeinschaft überantwortet haben, gelten sie selbst griff, der durch Rousseau seine entscheidende Prägung
nicht als Ausdruck von M., sondern als bloße Urteile. erfahren hat. So wird Lockes law of opinion mit Rous-
Gleichwohl können sie sich in ihrer Wechselwirkung zu seau zu einer verfassungstheoretisch relevanten Instanz;
Normen verfestigen und damit das Handeln auf zwang- sie löst die antike Rhetorik ab. [51] Im Unterschied zur
lose Weise anleiten. Jenseits der politischen Sphäre gibt antiken Auffassung der Meinungen als dem Organisa-
sich damit wieder jene Form von Handlungsmacht zu er- tionsmedium der politischen Welt ist die öffentliche
kennen, die kraft der Monopolisierung der M. durch die Meinung jedoch nicht das Prinzip der Vergesellschaf-
Herrschaftsordnung verdrängt und absorbiert worden tung, sondern deren Resultat. Als solches folgt sie ihren
ist. Bis hin zu seinen Kriterien von Lob und Tadel gleicht eigenen Gesetzen und kann weder von den Prinzipien
das law of opinion jenem Typus, der in der aristotelischen konstitutiver M. noch von den Institutionen der Herr-
Rhetorik als epideiktische Rede charakterisiert wird und schaft nach Belieben modifiziert werden. Hinsichtlich
dort die Funktion eines Regulativs im kollektiven Han- ihrer Bewertung ist Rousseau eigentümlich ambivalent.
deln besitzt. Mit Locke aber ist nun diese rhetorische Die öffentliche Meinung gilt einerseits als Inbegriff der
Leistung auf das Niveau des privaten Handelns be- Sitten und moralischen Traditionen, andererseits er-
schränkt. Obwohl jedes Thema in den Blick solcher Be- scheint sie als korrumpierbar und der Gefahr steter
urteilung kommen kann, bleiben die Meinungen von di- Manipulation ausgesetzt. Im Rahmen der Verfassung
rekter politischer Wirksamkeit ausgeschlossen. wirkt sie stabilisierend sowohl in Bezug auf die einzel-
Wenn sich diese Gestalt der Meinung später als öf- nen Gesetze als auch auf die Verfassung im ganzen, in-
fentliche Meinung präsentiert und politische Bedeutung dem sie deren M. durch die M. der Gewohnheit er-
erheischt, dann haftet ihr diese Herkunft aus der Welt setzt. [52]
des Privaten an. Ihre Stärke, die Distanz zum System der Insgesamt ist für Rousseaus Theorie der Konstitution
Herrschaft, ist zugleich ihre Schwäche, sofern die Kritik festzustellen, daß die dissoziativen Tendenzen, die sich
sich aus der Opposition zum politischen Handeln ver- auf der Ebene des Handelns ganz unausweichlich zu er-
steht und damit die eigene Ohnmacht besiegelt. kennen geben und für die Instanzen der Herrschaft eine
IV. Aufklärung bis zur Gegenwart. Rousseau bietet stets offene Aufgabe bleiben, vom alles überschatten-
mit dem ‹Contrat social› die Grundlage eines neuen den normativen Ideal der volonté générale absorbiert
Machtbegriffs. Die Idee des Sozialvertrags, derer sich werden. Die Verfassung, die im ‹Contrat social› in Um-
Rousseau als Interpretament eines geschichtlichen Zi- rissen erkennbar wird, erscheint deshalb als monolithi-
vilisationsprozesses bedient, dient der Rekonstruktion scher Block, der keine Differenzen zuläßt. Anders als im
der Voraussetzungen legitimer Herrschaft. Er findet sie ‹Leviathan›, dessen M. sich vollständig in der souverä-
im Souverän, dessen M. sich nicht als Herrschaft mani- nen Herrschaft konzentriert und deshalb gegenüber den

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Macht Macht

anderen Machtformen, sofern sie nur dieses Monopol en, sondern die politischen Institutionen in ihrer Bezie-
nicht gefährden, gleichgültig bleibt, bezieht sich die hung auf die Individuen und die Gemeinschaft. Diese
durch den Gesellschaftsvertrag begründete Volkssou- kollektive M. sucht Hegel in einer modifizierten Version
veränität auf alle Kräfte, die nur irgend in der Gemein- der Gewaltenteilung zu fassen, denn das liberale Mo-
schaft auftreten. Um ihrem exklusiven Anspruch auf dell, das in der Trennung der Gewalten und ihrer wech-
Legitimität gerecht zu werden, muß deshalb die souve- selseitigen Beschränkung dem möglichen Mißbrauch
räne M., die sich in der Konstitution manifestiert, das der Gewalt zuvorzukommen sucht, erweist sich als un-
ganze Gefüge der Gewalten durchziehen. Dadurch wird zureichend. [57] Nicht nur verrät das grundsätzliche
politische M. absolut. Mißtrauen gegenüber der Staatsgewalt ein beschränk-
Damit ist das begriffliche Potential des Naturrechts tes, rein instrumentelles Verständnis von M.; es ist auch
ausgeschöpft, wenngleich das Prinzip bis zu Kant und kaum plausibel zu machen, wie die wechselseitige Be-
Fichte prägend bleibt. Anders als die Naturrechtstra- grenzung mehr bewirken kann als eine Neutralisierung
dition geht Hegel nicht von einer ursprünglichen Ver- der Gewalten, die staatliches Handeln lähmt.
einzelung, sondern von elementaren sittlichen Verhält- Die funktionale Unterscheidung der Gewalten dient
nissen aus, deren Verletzung den Übergang zu einer primär der positiven Gestaltung politischer M. Dement-
neuen Stufe des Anerkennens erfordert. Der systema- sprechend steht in Hegels Darstellung [58] deren sach-
tische Leitfaden, die sich im Kontext der Sittlichkeit ent- licher Zusammenhang im Zentrum, nicht die nach dem
wickelnde individuellen Identität, lenkt die Aufmerk- Modell der checks and balances konzipierte gegenseitige
samkeit auf die Handlungsmöglichkeiten, die sich dem Kontrolle und Begrenzung der Kräfte. Die Bestimmung
einzelnen bieten. So bildet sich im Spiegel des Selbst- der jeweiligen Funktionen ergibt sich aus der systema-
verständnisses das Spektrum der M. ab in der Trias der tischen Entwicklung dessen, was die politische Organi-
kontingenten Sittlichkeit einer stark individuell gepräg- sation grundsätzlich zu leisten hat. Vorrangig muß zwei
ten Lebenswelt, der intersubjektiven Ordnungsstruktur relativ unabhängigen Aufgaben entsprochen werden.
im Medium des Rechts und der politischen Verfassung. Zum einen ist für eine Aktualisierung des allgemeinen
Auch die über den Handlungshorizont hinausweisenden Willens zu sorgen, der im Rahmen der Verfassung für
Sphären des Rechts und der Verfassung erscheinen in die Regelung der Verhältnisse Rechnung trägt. Dies be-
der Brechung der Handlungsperspektive, deren Medi- trifft die Legislative. Zum anderen gilt es, den allgemei-
um das Meinen der Individuen ist. nen Bedingungen durch ihre Anwendung auf die kon-
Dieses subjektive Wissen der einzelnen ist jedoch kreten Verhältnisse der jeweiligen Praxis Realität zu
nicht nur Reflex, sondern als solcher auch selbst kon- verschaffen. Dies ist die Aufgabe der Exekutive. Dar-
stitutiver Bestandteil der praktischen Welt. Das Selbst- über hinaus skizziert Hegel die Funktion einer dritten,
verständnis der Individuen als sich anerkennenden entscheidenden Gewalt, die er dem Fürsten zuspricht.
Rechtspersonen ist für das Dasein des Rechts, was die Die Judikative findet also in Hegels Trias keinen Platz;
öffentliche Meinung für die Verfassung: «Das geistige sie gilt als teils in der Regierungsgewalt enthalten, teils
Band ist die öffentliche Meinung.» [53] Dieser Ansatz gehört sie zu den regulativen Aufgaben der bürgerlichen
wird in Hegels Rechtsphilosophie als einer Theorie der Gesellschaft.
Institutionen entwickelt. Diese Wirklichkeit ist der mo- Die Souveränitätsfrage ist bei Hegel nicht eindeutig
derne Staat, in dem sich eine Versöhnung vom M. und gelöst, denn souverän sind der Staat und das Volk, aber
Geist abzeichnet. Während der antike Staat nach Hegel nicht im gleichen Sinne. Der Staat ist die Verkörperung
dem Individuum als unmittelbare, substantielle M. er- der realen Machtvollkommenheit und als solche nicht
scheint, die christliche Politik dagegen in ihrer Fortset- nur der Ursprung aller Herrschaft, sondern auch die
zung im Vertragsdenken die M. ontologisch auflöst und Grundlage und das Subjekt der normativen Organisati-
auf die individuelle Freiheit zurückzuführen sucht, ent- on der Verfassung. Dem Volk tritt der souveräne Staat
wickelt der Verfassungsstaat die politische M. als Ver- in Gestalt seiner Institutionen gegenüber. Das Volk da-
bindung von individueller Freiheit und staatlicher Or- gegen ist souverän als Substrat der kollektiven Identität,
ganisation. sofern es sich in den Formen der Verfassung als politi-
Die Partizipation der handelnden Individuen stellt sches Ganzes behauptet. Das Prinzip der Souveränität
Hegel zunächst als bruchlose ideelle Integration in die ist nicht, wie im Falle der Herrschaft, die Rechtsförmig-
politische Gemeinschaft dar. Diese Identifikation mit keit der einzelnen Akte, sondern die in das Organisati-
der kollektiven M. gibt sich in der «politischen Gesin- onsgefüge einfließende Handlungsmacht, die im Rah-
nung» zu erkennen, «welche in dem gewöhnlichen Zu- men der Verfassung transformiert wird in kollektive M.
stande und Lebensverhältnisse das Gemeinwesen für Der Staat als Ganzes tritt als absolute geschichtliche
die substantielle Grundlage und Zweck zu wissen ge- M. in Erscheinung, die in Konkurrenz zu anderen
wohnt ist» [54]. So bezieht sich das Individuum im Mo- Staaten steht. Die in dieser Konzeption beschlossene
dus seines Selbstverständnisses auf das Ganze der ver- Auslieferung an die Geschichte ist für K. Marx der An-
faßten M. laß, nach den Bedingungen der M. zu fragen. Er glaubt
In den Instanzen der Herrschaft erscheint dem Indi- diese in den Eigentumsverhältnissen zu finden und sieht
viduum die öffentliche M. als Reflex der Institutionen, in deren Veränderung die Chance einer Aufhebung al-
die sich nicht von ihrer Existenz im Bewußtsein der In- ler Herrschaftsverhältnisse.
dividuen ablösen lassen. [55] Neben dem Zutrauen, das Nietzsches Kritik der M. setzt radikaler an. Für
sich auf die Konstitution des ganzen bezieht, und der Nietzsche ist es ausgemacht, daß der von Hegel als
Pflicht, die sich in der Anerkennung der rechtlichen Selbstzweck verstandene Staat in Wahrheit «nur das
Ordnung erfüllt, äußert sich die individuelle Handlungs- Mittel zur Erhaltung vieler Individuen» [59] ist. Doch
kompetenz im Medium der Meinung als «öffentliche dieser Entlarvung des Staates liegt die Reduktion aller
Meinung» [56]. Politik auf das Phänomen von Führung und Gefolg-
Hegel entfaltet die Struktur der Verfassung als schaft zugrunde. In konsequenter Fortführung dieser In-
Machtgefüge. Dieses umfaßt nicht nur Rechtsprinzipi- dividualisierung von M. gelangt Nietzsche zu einer Psy-

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Macht Macht

chologie der M. als Kern der Machttheorie. M. ist Aus- des begrifflichen Repertoires derselben, geben den je-
druck der Handlungskraft oder der Autarkie des Men- weiligen Kategorien jedoch in ihrer einseitigen Lesart
schen, die als psychische Größe, als «Gefühl von Macht» und unter dem Vorzeichen der Demaskierung der M.
definiert wird, das sich im Verhältnis des Menschen zu eine Tendenz, die sie ihres Charakters als Grundbegriffe
sich und zu anderen einstellt. In dieser Perspektive las- beraubt. Statt praktische Wirklichkeit zu erschließen,
sen sich Recht und Pflicht auflösen in einer Naturge- dienen die Begriffe dann als feste Schablonen, mit der
schichte der M. Rechte sind die vom anderen, vom die M. der geschichtlichen Realität bewältigt und in an-
Mächtigeren gewährten Machtgrade. [60] Politik läßt dere Kategorien überführt werden soll. Das Paradigma
sich nach Nietzsche umstandslos auf das «Bedürfniss des einer Aufhebung liefert Luhmann, der M. als ein Kom-
Machtgefühls» [61] zurückführen. munikationsmedium zu begreifen sucht und die Analyse
Die im Spätwerk Nietzsches erfolgte Verabsolutie- auf den rein technischen Aspekt der Funktionalität be-
rung des Willens zur M. ist deshalb nur die folgerichtige grenzt. So ist es konsequent, wenn nach dieser theore-
Weiterentwicklung der zugespitzten handlungstheoreti- tischen Depotenzierung auch der praktische Bedeu-
schen Konzeption von M. Ihre Inkonsequenz ist ledig- tungsverlust der M. prognostiziert wird. [64] Tatsächlich
lich darin zu sehen, daß Nietzsche das metaphysische sind diese Versuche das Symptom einer Krise politi-
Gewicht dieser These nicht erkannt hat. Zuletzt löst sich scher M., die immer auch eine Krise des Wissens um die
noch der anthropologisch zentrierte Machtbegriff auf im M. ist. Im Verschwinden des Phänomens der M. gibt sich
Versuch, auch das physikalische Phänomen der Kraft jedoch noch zu erkennen, daß sich die geschichtliche
einzuschließen. Die These, daß schlechthin alles, die Komplexität des Machtbegriffs nur über die Reflexivität
ganze Welt ein Ausdruck des Willens zur M. sei [62], ver- der M. selbst erschließen läßt.
liert aber in dieser pauschalen Allgemeinheit jede ana- Diese reflexive Struktur der M. suchen neuere de-
lytische Prägnanz. mokratietheoretische Konzepte zu erschließen, die da-
Dies ist auch das Problem der an Nietzsche orientier- von ausgehen, daß sich die politische Bedeutung der Mei-
ten Machtkritik Foucaults, die den gesellschaftskriti- nungen nicht in der sozialtechnischen Funktion er-
schen Impuls des Marxismus mit Nietzsches Machttheo- schöpft. Entscheidend ist dabei, daß das Verhältnis von
rie verbindet. Seine Interpretation der Gesellschaft als M. und Meinungen nicht als Opposition betrachtet wird,
eines Systems der M. basiert auf einem handlungstheo- daß Meinungen nicht nur machtkritische Wirkungen zei-
retisch konzipierten Modell vielfältig verschlungener tigen; vielmehr ist die M. durch Deliberation selbst zur
Kräfte. [63] M. ist Konstituens allen Handelns und aller Sprache zu bringen mit der Prämisse, daß die Partizipa-
Interaktion. Bezugspunkt des Handelns ist jedoch nicht tion aller Betroffenen an der politischen Willensbildung
das autonome Individuum. Dieses erweist sich vielmehr einen wesentlichen Beitrag zur Gestaltung von M. leistet.
selbst als Produkt der Machtwirkungen. Die Techniken Die in der Tradition Rousseaus stehende Theo-
der letztlich anonymen M. durchziehen alle Lebensver- rietradition setzt mit dem Legitimationsgedanken an,
hältnisse und schließen dadurch die Möglichkeit einer der in seiner radikalen Version einen einheitlichen ge-
außerhalb der Machtkonstellationen sich etablierenden meinsamen Willen als Ideal demokratischer Machtbil-
Praxis kategorisch aus. dung postuliert. In dem Maße, in dem die volonté géné-
Die tradierten Vorstellungen von M., das Prinzip sou- rale nicht die addierten Privatinteressen, sondern das
veräner Herrschaft und die Hypothek einer per Konsens Kollektiv darstellt, muß die Vielfalt der Meinungen mit
legitimierten M. werden mit diesem Ansatz unterlaufen Skepsis betrachtet und ihre Vereinheitlichung als poli-
und erscheinen als bloße Fiktionen, denen lediglich eine tische Aufgabe begriffen werden. Die so genannte öf-
ideologische Bedeutung zukommt, bei Foucault aber fentliche Meinung wird in dieser Konstellation zum Ve-
keine weitere Aufmerksamkeit genießen. In diesem hikel eines sich abzeichnenden Gesamtwillens, der den
Punkte überschneidet sich Foucaults Perspektive mit Einzelnen nicht unbedingt durchsichtig werden muß.
dem Blickwinkel der Kritischen Theorie. Gemeinsam ist Die öffentliche Meinung bleibt in dieser Funktion je-
beiden Diagnosen, daß sie die zentralen Topoi der klas- doch unzuverlässig und ambivalent in der Doppelbe-
sischen Politik vernachlässigen und sich konzentrieren deutung einer Legitimationsinstanz einerseits und eines
auf sozialpsychologische und kultursoziologische Mi- Produkts massenpsychologisch zu diagnostizierender
krostrukturen der Gesellschaft. manipulativer Kräfte andererseits.
Dadurch wird der Blick frei für Phänomene der M., Die Gleichsetzung von öffentlicher Meinung und le-
die in den Rastern der traditionellen Machttheorie nicht gitimem Gesamtwillen, der unmittelbar als Machtkon-
wahrgenommen werden. Die in diskursiven und nicht- stellation gelesen wird, mündet in der gegenwärtigen
diskursiven Praktiken, den sogenannten Dispositiven Debatte in die Forderung nach plebiszitären Strukturen.
manifeste Disziplinarmacht erweisen sich als die prä- Dabei wird verkannt, daß anspruchsvolle Meinungsbil-
gende Kraft der sozialen Welt. Es ist jedoch mit diesem dungsprozesse, die auf demokratische Dignität An-
Interpretament nicht plausibel zu machen, wie im Fluß spruch erheben können, nur unter zwei Bedingungen zu
des konfliktträchtigen Handelns M. in den festen Ag- erwarten sind: Erstens muß sich das Spektrum divergie-
gregatzustand der Herrschaft überführt werden kann, render Meinungen frei entfalten können und der Aus-
wie sich die zahllosen Impulse des sozialen Lebens als tausch der Meinungen gewährleistet sein. Zweitens muß
Herrschaftssystem verobjektivieren. Die institutionelle sich die Vielfalt und Komplexität der Meinungen auch
Verstetigung bestimmter Handlungskonstellationen in in den politischen Machtlagen, die ihre Legitimation aus
stabilen Institutionen bleibt unter rein handlungstheo- den Meinungen beziehen, auf erkennbare Weise nieder-
retischem Gesichtspunkt rätselhaft. schlagen. Eine Tyrannei der Mehrheit ist nicht demo-
Von diesem Standpunkt aus ist es nur noch ein klei- kratisch legitimierbar.
ner Schritt zur systemtheoretischen Depotenzierung po- Die erste Prämisse findet ihre prägnante Formulie-
litischer M., die in den Sozialwissenschaften inzwischen rung in der aristotelischen ‹Politik›. Dort wird erwogen,
vollzogen ist. Die nachhegelschen Versuche der reduk- ob die Menge nicht bessere Entscheidungen in politicis
tionistischen Aufhebung politischer M. bedienen sich fällen kann als die wenigen Besten. [65] Jeder trägt sei-

623 624
Macht Mahnung

nen Teil zum Gesamturteil bei, jeder hat bestimmte Fä- International Politics (Chicago 1965) 372–378. – 4 S.E.C. Ban-
higkeiten und eine spezifische Perspektive. In der Sum- field: Political Influence (New York 1961; ND 2003). – 5 P.
me können diese nicht durch Expertenwissen überboten Bachrach, S. Baratz: Two Faces of Power, in: American Political
Science Review 52 (1962) 4, 947–952. – 6 A. Etzioni: The Active
werden. Dieses Prinzip statuiert, daß eine deliberativ Society (London/New York 1968) 314ff. – 7 vgl. W. Steffani:
fundierte Politik auf sachlich besseren Entscheidungen Gewaltenteilung und Parteien im Wandel (1997). – 8 s. T. Par-
basiert. sons et al. (Hg.): Theories of Society (New York 1965). – 9 N.
Die zweite Prämisse dagegen bezieht sich auf die Fra- Luhmann: M. (21988) 5f. – 10 eine Zusammenstellung älterer
ge der Partizipation im Rahmen einer nach dem Prinzip und neuerer Konzepte bietet J. Scott (Hg.): Power. Critical
der Mehrheit organisierten Willensbildung. Besonders Concepts (London/New York 1994). – 11 exemplarisch S. Hab-
in der angelsächsischen Demokratietheorie wird seit scheid, M. Klemm (Hg.): Sprachhandeln und Medienstrukturen
den ‹Federalist Papers› die Gefahr einer Tyrannei der in der politischen Kommunikation (2007). – 12 M. Foucault: Die
Ordnung des Diskurses (1974). – 13 dazu D. Grieswelle: Politi-
Mehrheit erörtert. Madison betont vor diesem Hinter- sche Rhet. (2000) 148ff. – 14 Plat. Gorg. 467c ff. – 15 Plat. Pol.
grund die Überlegenheit des republikanischen Systems, 473c ff. – 16 Arist. EN 1112a 18ff. – 17 Arist. Pol. 1252a 7ff. –
in dem die öffentliche Meinung das Medium eines 18 ebd. 1277b 7ff. – 19 zusammenfassend ebd. 1328a 36ff. –
gewählten Gremiums durchläuft, um darin eine Erwei- 20 ebd. 1253a 1ff. – 21 Th. Mommsen: Römisches Staatsrecht,
terung und Differenzierung zu erfahren. [66] Dadurch Bd. III/2 (1888) 1032ff. – 22 J. Bleicken: Die Verfassung der rö-
verringert sich die Gefahr, daß nur die Interessen einer mischen Republik (21978) 119. – 23 Augustinus, De civitate Dei,
bestimmten Klientel, sei es auch die der Mehrheit, die XIX, 19. – 24 ebd. XIX, 16. – 25 ebd. V, 19. – 26 Die Welt wird
politische M. monopolisiert. regiert durch «auctoritas sacrata pontificum et regalis potestas»,
zit. nach: Quellen zur Gesch. des Papstthums, hg. v. C. Mirbt
Die Idee deliberativer Politik ist im Rahmen der auf (21901) 67. – 27 Johannes Duns Scotus, Opera omnia (Lyon
das Prinzip der Partizipation konzipierten Demokratie- 1639; ND 1968f.) Bd. VI 2, S. 570. – 28 ebd. 726. – 29 Thomas von
theorie B. Barbers ausgeführt, der mit der Parole einer Aquin, Summa theologica, II-I, 5, 3. – 30 Marsilius von Padua,
«starken Demokratie» die Entfaltung der Zivilgesell- Defensor pacis, lat.-dt., hg. v. E. Engelberg u. H. Kusch (1958) I,
schaft postuliert, repräsentative Strukturen dagegen II, § 1. – 31 ebd. I, XII, § 5f. – 32 Wilhelm von Ockham, Dialogus
skeptisch beurteilt. [67] In Anlehnung an H. Arendt ver- de imperio et pontificia potestate, in: Opera plurima (1494; ND
weist Barber auf die epistemologische Differenz zwi- 1962) III, II, ii, 1. – 33 ebd. III, II, i, 26. – 34 ebd. III, II, i, 27. –
schen theoretischer Wahrheit und praktisch-politischer 35 N. Machiavelli: Il Principe III. – 36 ders., Discorsi; vgl. I, 42 u.
55 bzw. I, 58. – 37 Th. Hobbes: Leviathan II, 17. – 38 J. Bodin:
Klugheit. Letztere ist weniger im Expertenwissen als im Les six livres de la République (Paris 1583; ND 1961) I, 10. –
Urteil der Betroffenen zu finden, die sich im öffentli- 39 Th. Hobbes: De cive V, 5. – 40 Hobbes [37] II, 30. – 41 J. Lok-
chen Raum, den sie aktiv mitgestalten, mit ihren unter- ke: Second Treatise of Government § 88. – 42 ebd. § 130. –
schiedlichen Ansichten und Überzeugungen artikulie- 43 ebd. §§ 169ff. – 44 ebd. § 171. – 45 J. Locke: An Essay Con-
ren. Demokratische Machtbildung setzt dabei jenseits cerning Human Understanding (New York 1959) II, 28, 10. –
der Privatinteressen an, aber diesseits der staatlichen In- 46 J.J. Rousseau: Contrat social I, 5, S. 359. – 47 ebd. II, 7, S. 383. –
stitutionen und der nach deren Verfahren verstaatlich- 48 ebd. II, 7, S. 381. – 49 ebd. II, 4, S. 372. – 50 E. Sieyès: Qu’est-ce
ten Willensbildungsprozesse, das heißt also unabhängig que le Tiers État? (Paris 21989). – 51 P. Ptassek, B. Sandkaulen-
Bock, J. Wagner, G. Zenkert: M. und Meinung. Die rhet. Kon-
von repräsentativen Instanzen. Damit wird die Zivilge- stitution der politischen Welt (1992) 186ff. – 52 Rousseau [46] II,
sellschaft selbst als handlungsfähiges Subjekt deklariert. 12, S. 394. – 53 G.W.F. Hegel : Philos. des Geistes, S. 240. –
Unter der Hand aber erweist sich der Einfluß auf die 54 ders.: Grundlinien der Philos. des Rechts, Werke, Bd. 7
informelle Architektur des öffentlichen Raumes als ent- (1986) § 268. – 55 ebd. § 148. – 56 ebd. §§ 315ff. – 57 ebd. § 272. –
scheidender Machtfaktor. 58 ebd. §§ 273ff. – 59 F. Nietzsche: Nachgelassene Frg. 1869–
Am Modell szientifischer Wahrheit orientiert ist da- 1874, in: Krit. Studienausg., hg. v. G. Colli u. M. Montinari, Bd. 7
gegen das von J. Habermas umrissene diskurstheoreti- (21988) 661. – 60 ders., Morgenröthe, Bd. 3 (21988) 100f. – 61 ebd.
sche Demokratiemodell, das den argumentativ einzu- 161f. – 62 ders. [59] Bd. 11, S. 611. – 63 M. Foucault: Sexualität
und Wahrheit, 1. Bd.: Der Wille zum Wissen (1977) 113ff. –
lösenden idealen Konsens als Fluchtpunkt rationaler 64 Luhmann [9] 114. – 65 Arist. Pol. 1281 a38ff. – 66 J. Madison,
Willensbildung veranschlagt. Habermas geht von der A. Hamilton, J. Jay: The Federalist Papers (London 1987) Nr.
Analyse systemischer M. aus, die sich in administrativen 10. – 67 B. Barber: Strong Democracy (Berkeley, Cal. 1984). –
Strukturen manifestiert. Ihr sind die Prozesse demo- 68 J. Habermas: Faktizität und Geltung (1992) 181ff.
kratischer Meinungsbildung entgegengesetzt, die sich
politisch als Einfluß bemerkbar machen. Durch institu- G. Zenkert
tionalisierte Verfahren, die das Recht konfiguriert, wan-
delt sich der Einfluß in diejenige Gestalt der M., die de- ^ Auctoritas ^ Gesellschaft ^ Gewalt ^ Handlungstheorie ^
mokratische Legitimität beanspruchen kann. [68] Die Meinung, Meinungsfreiheit ^ Öffentlichkeit ^ Philosophie ^
Politik ^ Politische Rede ^ Politische Rhetorik ^ Vertrag ^
durch gemeinsame Meinungen und Überzeugungen ge- Zoon politikon
nerierte M., die als «kommunikative M.» apostrophiert
wird, bedarf einer Transformation durch das Recht und
stellt insofern keine unmittelbare Entscheidungsbasis
dar. Damit wird nicht nur die politiktheoretisch pro- Mahnung (lat. monitio; engl. admonition, exhortation;
blematische Opposition von Meinung und M. bekräftigt, frz. exhortation; ital. ammonimento)
sondern zugleich die Genese demokratischer M. in den A. Eine M. vereinigt in sich zugleich Erinnern und Auf-
ideellen Raum der an Rechtsprinzipien orientierten Ar- fordern. Der Begriff geht zurück auf das ahd. Verb ‹ma-
gumentation entrückt. nôn› und das dazugehörige Substantiv ‹manunga›, mit
dem die Vorstellung des «bloszen erinnerns an etwas zu
Anmerkungen:
leistendes» [1] verbunden war. Zedler definiert in sei-
1 repräsentativ ist E. Aronson, T.D. Wilson, R.M. Akert: Sozi- nem Wörterbuch Mahnen als «einen an das Schuldige
alpsychol. (122008). – 2 M. Weber: Wirtschaft und Gesell. (1922), erinnern oder solches von ihm fordern» [2]. Die lateini-
Kap. 1: Soziolog. Grundbegriffe § 16, S. 28. – 3 R.A. Dahl: The sche Entsprechung für Ermahnung monitio ist seit Ci-
Concept of Power, in: D. Singer (Hg.): Human Behavior and cero belegt und kann auch als Warnung verstanden wer-

625 626
Mahnung Mahnung

den. [3] Semantisch verwandte Begriffe sind zudem fla- diesem Sinne versteht E. Black unter exhortation einen
gitatio (dringliche M.) sowie exhortatio und adhortatio Diskurstyp, der mit Hilfe konkret-anschaulicher Be-
(M. im Sinne von Aufforderung, Anfeuerung und Er- schreibungen zuerst intensive Gefühle erzeugt, um sie
munterung). dann nachträglich durch Argumente scheinbar zu legi-
Im Unterschied zum Befehl kann die M. ein bestimm- timieren. [15] Ziel dieser rhetorischen Strategie ist es,
tes Verhalten nicht erzwingen. Sie setzt die Freiheit des den Bezugsrahmen, in dem der Adressat Botschaften
anderen immer schon voraus. [4] Andererseits geht sie versteht, so grundlegend zu verändern, daß sich ein ra-
über die bloße Bitte hinaus, da der Mahnende, etwa auf- dikaler Wandel seiner Ansichten bis hin zur Konversion
grund seiner Erfahrung, seiner sozialen Stellung oder einstellt. Eine M. kann aber ebenso auch bestehende
auch seiner Redekompetenz, eine Autorität besitzt, die Haltungen verstärken und die Rückkehr zu anerkann-
ihn über seine Zuhörer erhebt. Eine M. umfaßt die ge- ten moralischen Prinzipien einfordern. In diesem Fall
samte Zeitstruktur, insofern sie nicht nur an Vergange- teilt das Publikum bereits die Werte, die der Mahnende
nes oder Verdrängtes erinnert und gegenwärtige Zu- beschwörend in Erinnerung ruft und mit Handlungsan-
stände kritisch thematisiert, sondern auch Zukünftiges weisungen verknüpft. In seiner Definition von exhorta-
vorausschauend oder warnend in den Blick nimmt. tion schränkt W.D. Avram den Begriff auf diese kon-
Die M. bezeichnet keine eigene rhetorisch-literari- servative bzw. reaktive Bedeutung ein [16], während A.
sche Gattung, sieht man einmal vom Mahnschreiben im W. Robertson dafür den Terminus der «admonitory
juristischen Sinne ab, das als direktive Textsorte den rhetoric» verwendet, den er im Blick auf unterschiedli-
Adressaten zu einer bestimmten Folgehandlung ver- che Formen der politischen Rede vom Typ der spontan
pflichtet. [5] Innerhalb des rhetorischen Feldes gehört anspornenden, revolutionären «hortatory rhetoric» ab-
die M. aufgrund ihres zu- und abratenden Charakters grenzt [17].
primär zur deliberativen Gattung. Da sie aber auch Ta- Die formale Gestaltung einer M. hängt, analog zu ih-
del, z.B. im Hinblick auf das Unterlassen einer Pflicht, rer Affektwirkung, stark davon ab, ob der Mahnende
enthält, berührt sie sich ebenso mit dem laudativen Ge- mit dem Ethos derjenigen, die er mahnt, übereinstimmt
nus. Eine klare Zuordnung ist nicht möglich. Die M. oder nicht. Im allgemeinen wird er, wenn er sich auf ein
transzendiert die rhetorischen Großgattungen [6], tritt gemeinsames Wissen und anerkannte Normen beruft,
andererseits aber vorzugsweise in Verbindung mit um glaubwürdig zu sein, Dunkelheiten in seiner Rede
ethisch-moralischen Diskursformen auf, wie beispiels- sowie übertriebenen Redeschmuck vermeiden und sich
weise dem Lehrgedicht, der Predigt oder der Grabrede. des gewöhnlichen Sprachgebrauchs bedienen. Dies gilt
Sprechakttypologisch gehört das Mahnen zu den di- natürlich besonders für M. innerhalb der Briefkommu-
rektiven Sprechakten, die einen Aufforderungscharak- nikation, die durch das persönliche Verhältnis von
ter haben. [7] J.L. Austin zählt die Ermahnung (exhor- Schreiber und Adressat bestimmt sind. Neben der direk-
tation) zu den exerzitiven Äußerungen, die eine Ent- ten Ansprache an den oder die Ermahnten, neben kon-
scheidung für oder gegen ein bestimmtes Verhalten zum kreten, möglichst eindeutigen Aussagen, oft auch in
Ausdruck bringen. [8] Die M. läßt sich entsprechend in- Form von unmißverständlichen Wenn-Dann-Behaup-
nerhalb der Rede auch als eine bestimmte Gedankenfi- tungen, sind antithetische Gegenüberstellungen von
gur auffassen. Quintilian bezweifelt allerdings, daß es richtigem und falschem Verhalten sowie der Verweis
sich im Falle der exhortatio um eine Form der indirekten auf nachahmenswerte oder abschreckende Exempla be-
Sinnvermittlung handelt. [9] Cicero erwähnt die admo- liebte Stilmittel einer M. Diese erscheint häufig am
nitio als ein Mittel, das der Redner nutzen kann, um ei- Ende einer narratio oder einer längeren Erörterung als
nem feindseligen Publikum entgegenzuwirken. [10] In deren conclusio. Je eindeutiger ein Redner oder Autor
den Kontext der M. gehören zudem die Figur des Vor- die herrschende Ordnung attackiert, je mehr er die Evi-
Augen-Stellens (sub oculos subiectio), die ein vergange- denzen der Doxa in Mißkredit zu bringen sucht, desto
nes, womöglich leidvolles Geschehen plastisch zu ver- zwingender wird er seine Mahnrede gestalten. Dies
gegenwärtigen vermag [11], sowie die recapitulatio, die kann sich unter anderem darin äußern, daß in einer M.
Gedächtnisauffrischung. [12] die moralischen Imperative in Form von Sollenssätzen
In der Regel verfolgt der Mahnende, wenn er kraft vollständig durch kategorische, keinen Widerspruch
seines Wissensvorsprungs oder seiner Autorität zu über- duldende Behauptungen ersetzt werden. [18] Oftmals
zeugen versucht, ein intellektuelles Wirkziel. Das ethi- bedient sich der Mahnende, der einen radikalen Bruch
sche monere intendiert «die Belehrung des Hörers im mit einer bestehenden Praxis herbeiführen möchte, kon-
sittlichen Bereich» und «enthält ein informatives bzw. spirativer Argumentationsmuster oder beruft sich auf
ein argumentatives Moment, verbunden mit einem Ap- visionäre, nur ihm zugängliche Erfahrungen, wobei sei-
pell an die Vernunft» [13]. Wo eine M. die möglichen, ne Redeweise nicht selten einen prophetischen Tonfall
meist unangenehmen Konsequenzen eines Verhaltens annimmt.
lebhaft ausmalt, wo sie heftige, vor allem negative Ge- B. Geschichte. In Stammesgesellschaften stellen Mahn-
fühle und Assoziationen weckt oder sich gar mit der reden einen weit verbreiteten Typ der öffentlichen Rede
Drohung verbindet, zielt sie demgegenüber auf das mo- dar. Indem sie zur Einhaltung anstehender Pflichten
vere des Publikums. Auch kann es zur M. gehören, daß oder zur Wahrung des Friedens aufrufen, erfüllen sie
sie sich Schuldgefühle persuasiv zunutze macht, indem eine grundsätzlich affirmative Funktion und können als
sie nicht nur an vergangenes Fehlverhalten erinnert, eine Form der epideiktischen Rhetorik verstanden wer-
sondern zugleich Wege aufzeigt, wie der Angemahnte den, die dem Zusammengehörigkeitsgefühl und der Ko-
die Diskrepanz zwischen dem begangenen Unrecht und operationsbereitschaft einer Gemeinschaft dient. [19] In
seinen eigenen moralischen Standards überwinden egalitären Kleingruppen sind Mahnreden noch selten,
kann. [14] da sie den Zusammenhalt der Mitglieder tendenziell be-
Wenn die Affekterregung auf Kosten der Beweisfüh- drohen. Hier werden M. vornehmlich gegenüber Kin-
rung überwiegt, dient die M. der bloßen Überredung, dern eingesetzt. In Gemeinschaften mit schwach ausge-
wenn nicht sogar der Überwältigung des Gegenübers. In prägten Hierarchieunterschieden markieren sie dage-

627 628
Mahnung Mahnung

gen den prekären Status der Anführer, die nur wenig und den Appell an die Zuhörer zumeist mit der Ankün-
Macht besitzen. Dies drückt sich z.B. bei den Aché in digung drohenden Unheils verbinden. [26] Dabei stützt
Paraguay darin aus, daß die Reden den Charakter ri- sich das selbstbewußte Ethos der Propheten darauf, daß
tualisierter, eigentümlich inhaltsleerer Ansprachen an- sie nicht das eigene, sondern Gottes Wort verkünden.
nehmen und von den Zuhörern mit demonstrativem Den Dissens der Meinungen, den die Protreptik zumeist
Desinteresse aufgenommen werden. [20] In Häuptlings- voraussetzt, nimmt die Sophistik zum Anlaß, für sich
tümern mit festen Hierarchien übernehmen Mahnreden selbst als überlegene rhetorisch-technische Methode zu
die Aufgabe, die sozialen Strukturen zu legitimieren und werben, während die frühen Dialoge Platons ihn durch
zu bekräftigen, indem sie an Traditionen und Konven- elenktische Hinführung zum Logos überwinden möch-
tionen erinnern und die Einhaltung bestehender Nor- ten. Wo sie an diesen Sinn der sokratischen Widerle-
men, oft auch durch direkte moralische Anweisungen, gungskunst, gelegentlich auch durch Hinweis auf das
postulieren. In methodischer Hinsicht liegt es nahe, die- mahnende Beispiel des Sokrates selbst, eigens erinnern,
se Beobachtungen der modernen Ethnorhetorik auf den entfalten sie paränetische Züge. [27] Der ‹Protreptikos›
Stellenwert der Mahnreden in vorgeschichtlichen Kul- des Aristoteles ist, ebenso wie Ciceros von ihm be-
turen zu übertragen. einflußter Dialog ‹Hortensius›, ein Aufruf zur philoso-
Die antike Tradition kennt verschiedene rhetorisch- phischen Lebensführung.
literarische Formen der M. Neben dem Brief als Mittel Innerhalb der frühchristlichen Literatur steht die Pro-
der persönlichen moralischen Unterweisung und der treptik im Dienste der missionarischen Bekehrung, wie
Diatribe als volkstümliche, dialogische, zum Teil auch schon der Brief des Apostels Paulus an die Römer, oder
satirische Form des Schulvortrags, sind dies vor allem sie wendet sich, wie die unter anderem von Tertullian
die Paränese und die Protreptik. Auch wenn eine klare und Origenes verfaßten Ermahnungen an Märtyrer, an
begriffliche Abgrenzung zwischen den Termini, die se- bereits Bekehrte und fordert sie auf, sich der Elite der
mantisch beide für das Ermahnen, Ermuntern und auch Gläubigen zuzugesellen bzw. als solche in der Bedräng-
Ratgeben stehen, nicht immer möglich ist, so wird man nis auszuharren. [28] Demgegenüber richtet sich die
doch unter Paränese eher eine affirmative Gattung, die ‹Mahnrede an die Heiden› des Clemens Alexandrinus
zur Beibehaltung einer bestehenden Lebensweise rät, in apologetischer Absicht gegen die Ungläubigen.
verstehen können, während die Protreptik als Werbe- Als eine Form der erbaulichen Redeweise ist die M.
rede für ein überlegenes ethisches oder philosophisches in der klassischen Rhetorik zudem als ein mögliches Ele-
Konzept aufgefaßt werden kann. ment der Leichenrede verortet worden, in der sie auf
Paränesen, die mithin die Geltung traditioneller Nor- den Lobpreis des Verstorbenen und den Trostzuspruch
men voraussetzen, erscheinen häufig in Form katalogar- an die Hinterbliebenen folgen kann. [29] Entsprechend
tiger Reihungen von Regeln, Verboten und Warnungen. schließt auch die ‹Consolatio philosophiae›, die berühm-
Solchermaßen bilden bereits die ‹Sprüche Salomos› im te Trostschrift des Boethius, mahnende Elemente ein.
Alten Testament eine Sammlung von Lebensweishei- Das Hauptfeld für M. bleibt indes, und zwar bis in die
ten, die zur Aufrechterhaltung des Bewährten auffor- Neuzeit, die christliche Predigt, was sich auch daran ab-
dern. Der Brief des Isokrates ‹An Nicocles› gilt als eine lesen läßt, daß im Deutschen das Wort Predigt zu einem
der ältesten Prosaparänesen und stellt den Versuch dar, Synonym für die ermahnende Rede geworden ist. Der
seinen Empfänger unter Verweis auf Beispiele und Vor- moralische Appell an die Gläubigen, die zu- und abra-
schriften der Tradition von einem konventionellen Mo- tende Funktion der Predigt, entspricht ihrer Nutzan-
dell des guten Herrschers zu überzeugen. [21] Seneca wendung, der applicatio, und steht somit gleichwertig
befürwortet in seinen ‹Epistulae morales›, die selbst ein neben der explicatio, der Auslegung der Heiligen
Musterbeispiel für den freundschaftlich mahnenden Schrift.
Brief in der Antike sind, den Einsatz solcher Vorschrif- Die fiktionale Literatur der Vormoderne weist auf-
ten (praecepta) im Dienste der ethischen Ermahnung. grund ihrer engen Verflechtung mit dem religiösen und
Diese sei notwendig, um das richtige Handeln regelmä- moralischen Diskurs zahlreiche Beispiele für mahnende
ßig in Erinnerung zu rufen und wachzuhalten; sie müsse Texte auf. Dies reicht von den paränetischen Abschnit-
aber durch die Lehrsätze der Philosophie (decreta) er- ten in Hesiods ‹Werken und Tagen› über die mittelal-
gänzt werden. [22] In der klassischen Schulrhetorik bil- terliche Memento-mori- und Contemptus-mundi-Lite-
den paränetische Vorschriften unter anderem das Ma- ratur, wie etwa Heinrichs von Melk Mahnrede über
terial der mündlichen und schriftlichen Übungen des den Tod ‹Von des todes gehugde›, bis hin zu den barok-
Rhetorikschülers. [23] Neutestamentarische Briefe mit ken Trost- und Mahngedichten eines Gryphius oder
paränetischem Inhalt, wie z.B. 1 Petr oder 1 Joh, haben Opitz, die vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen
oft postkonversionalen Charakter, indem sie die Ange- Krieges an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern.
schriebenen mahnen, sich dem vollzogenen Wechsel Dagegen ist es ein Kennzeichen der modernen Literatur,
zum christlichen Glauben gemäß zu verhalten. [24] Eine daß sie den metanoetischen Imperativ, für den Rilke in
M. im paränetischen Sinne stellt schließlich auch die einem Gedicht noch einmal die unmißverständlich mah-
Anstachelung der Soldaten im Krieg dar, die als extreme nende Formel «Du mußt dein Leben ändern» [30] ver-
Form der Pathosrhetorik durch Erinnerung an gesche- wendet, zumeist nur noch, infolge der Entdifferenzie-
henes Unrecht, Warnung vor den Folgen einer mögli- rung von Moral und Kunst, indirekt artikuliert.
chen Niederlage oder Vor-Augen-Führen der Kriegs- Gleichwohl hat es auch in der Moderne immer wieder
beute leidenschaftliche Gefühle hervorzurufen ver- Autoren gegeben, die sich als Mahner oder ihre Werke
sucht. Entsprechende Beschreibungen stammen unter als M. verstanden wissen wollten. So enthält etwa
anderem von Thukydides, Herodot und Iulius Cae- Kleists politisches Drama ‹Die Hermannsschlacht›
sar. [25] nicht nur Hinweise auf eine drastische Anstachelungs-
Der Sache nach finden sich protreptische Elemente rhetorik, sondern ist selbst insgesamt ein kaum ver-
schon im Alten Testament in Form von prophetischen schlüsselter mahnender Aufruf zum Kampf gegen Na-
Umkehrmahnungen, die ihre Kritik am Bestehenden poleon. Man denke auch an S. Georges fundamentaläs-

629 630
Mahnung Manipulative Techniken

thetische, quasireligiöse Selbststilisierung zu einem 190f. – 25 vgl. K. Yellin: Battle Exhortation. The Rhetoric of
o
Dichterpropheten und Mahner, der sich mit seiner Combat Leadership (Columbia 2008). – 26 vgl. K.A. Tangberg:
Kunst den versachlichenden Tendenzen der modernen Die prophetische Mahnrede. Form- und traditionsgesch. Stud.
zum prophetischen Umkehrruf (1987). – 27 vgl. K. Gaiser: Pro-
Lebenswirklichkeit entgegenstellt, oder an die Aktuali- treptik und Paränese bei Platon. Unters. zur Form des platoni-
sierung der Kassandrarolle des Schriftstellers z.B. durch schen Dialogs (1959). – 28 vgl. J. Procopé: Art. ‹Erbauungslit.› I,
Chr. Wolf, G. Grass oder G. Kunert, die im Zeitalter in: TRE, Bd. 10 (1982) 33. – 29 vgl. R. Kassel: Unters. zur griech.
der atomaren Bedrohung und der ökologischen Krise und römischen Konsolationslit. (1958) 40. – 30 R.M. Rilke: Ar-
auf das Selbstzerstörungspotential des Menschen auf- chaischer Torso Apollos, in: Sämtliche Werke. Werkausg., hg.
merksam machen, wobei ihre Mahntexte nicht selten vom Rilke-Archiv, in Verbindung mit R. Sieber-Rilke besorgt
moralisierende und räsonierende Züge annehmen. Eine durch E. Zinn, Bd. 1 (1976) 557.
andere Form der literarischen M. stellen authentische
Literaturhinweis:
Erfahrungsberichte dar, die aus der Perspektive und im A.J. Malherbe: Moral Exhortation (Philadelphia 1989).
Namen der Opfer Zeugnis ablegen von der geschichtli-
chen Katastrophe des Holocaust, um das traumatische E. Ostermann
Geschehen im Gedächtnis der Nachwelt zu bewahren.
Herausragende Schilderungen dieser Art haben unter ^ Adhortatio ^ Beratungsrede ^ Denkmalsrhetorik ^ Dia-
anderen P. Levi, J. Améry und I. Kertész verfaßt. tribe ^ Epideiktische Beredsamkeit ^ Ethik ^ Ethos ^ Gra-
An die Schrecken des Krieges zu erinnern, das Leid vamen ^ Homiletik ^ Lobrede ^ Paränese ^ Politische Rede
vergangenen Unheils, das sich vielfach der Repräsenta- ^ Predigt ^ Protreptik ^ Tadelrede
tion entzieht, dennoch mit ästhetischen Mitteln erfahr-
bar zu machen, damit es sich nicht wiederholt, das
gelingt den Werken der nichtsprachlichen Kunst oft
überzeugender als der Literatur, wenn sie explizit M. Manipulative Techniken (engl. manipulative techni-
ausspricht. In diesem Sinne sind Picassos Antikriegsbild ques; frz. techniques de manipulation; ital. tecniche ma-
‹Guernica› oder A. Schoenbergs Oratorium ‹Ein Über- nipolative)
lebender von Warschau› auch eindringliche M., die das A.I. Begriffsbestimmung. – II. Rhetorik und M. – B. Geschichte.
Eingedenken der Opfer und den Appell an die Nachge- – I. Antike. – II. Neuzeit. – III. Gegenwart. – 1. Wissenschaft-
lich-theoretische Zugänge. – 2. Ratgeber.
borenen miteinander verbinden.
Mahnmale schließlich sind besondere Formen einer A. I. Begriffsbestimmung. Als ‹M.› werden bewußte
stummen Beredsamkeit, denen die Aufgabe zukommt, Handlungen und Verhaltensweisen bezeichnet, die eine
die Erinnerung an das Vergangene mit bildlichen und Person gegenüber einem Adressaten mit dem Ziel vor-
skulpturalen Mitteln, teils auch unter Verwendung von nimmt, eine Überzeugung, eine Verhaltensdisposition
erläuternden Texten, im kollektiven Gedächtnis gene- oder eine konkrete Handlung hervorzurufen, die der
rationenübergreifend zu bewahren. In ihnen vergegen- Adressat sonst nicht eingenommen oder ausgeführt hät-
ständlicht sich ein ethisches Erinnerungsgebot, insofern te. Die Techniken können verbal, paraverbal und non-
sie historische Ereignisse nicht nur plastisch vergegen- verbal ausgeführt werden und umfassen auch Phäno-
wärtigen, sondern immer auch, wie beispielhaft das mene, die nicht unmittelbar an die Ausführung durch
‹Denkmal für die ermordeten Juden Europas› in Berlin eine Person gebunden sind (wie beispielsweise das Ein-
oder das ‹Vietnam War Memorial› in Washington D.C., spielen stimmungsvoller Musik zum Zweck der Ver-
die daraus resultierende moralische Verpflichtung zu- kaufsförderung). Die beeinflussende Handlung wird da-
künftiger Generationen einfordern. bei so ausgeführt, daß ihr steuernder Charakter dem
Beeinflußten nicht bewußt wird. Als Sonderfall kom-
Anmerkungen: men auch in der Autokommunikation, hier speziell im
1 Grimm, Bd. 12 (1984) Sp. 1463. – 2 Zedler, Bd. 19 Sp. 482. – Fall der Selbsttäuschung, M. zum Einsatz. Die Darle-
3 vgl. A. Walde, J.B. Hofmann: Lat. etym. Wtb. Bd. 2 (31954) gung ist im Folgenden auf verbale M. konzentriert, in
107. – 4 vgl. O.F. Bollnow: Existenzphilos. und Päd. (51977) 66. – Analogie aber auch auf weitere M. übertragbar.
5 vgl. M. Hundt: Textsorten des Bereichs Wirtschaft und Han-
del, in: K. Brinker, G. Antos, W. Heinemann, S.F. Sager (Hg.):
In den romanischen Sprachen und im Englischen hat
Text und Gesprächslinguistik. Ein int. Hb. zeitgenössischer For- sich wortgeschichtlich bedingt eine weite Bedeutung von
schung (2008) 650. – 6 vgl. S.K. Stowers: Letter Writing in Gre- ‹Manipulation› erhalten [1], die sowohl eine ethisch in-
co-Roman Antiquity (Philadephia 1989) 93. – 7 vgl. A. Ross: differente Beeinflussung und Steuerung der Überzeu-
Directives and Norms (London 1968) 47f. – 8 vgl. J.L. Austin: gungen und Handlungen anderer Menschen als auch die
How To Do Things With Words (Oxford/New York 21975) 157. Gestaltung von Material, die ärztliche Behandlung und
– 9 Quint. IX, 2, 103. – 10 Cic. De or. II, 339. – 11 vgl. ebd. III, 202; die Handhabung technischen Geräts umfaßt. [2] Die
Quint. IX, 2, 40. – 12 vgl. Lausberg Hb. (42008) § 434. – 13 H.F. ‹Encyclopédie› kennt den Ausdruck sogar ausschließlich
Plett: Einf. in die rhet. Textanal. (81991) 5. – 14 vgl. D.J.
O’Keefe: Guilt as a Mechanism of Persuasion, in: J. Dillard, M.
in dieser zweiten Bedeutung. [3] Im deutschen Wort-
Pfau (Hg.): The Persuasion Handbook (Thousand Oaks 2002) schatz ist der Ausdruck ‹Manipulation› zunächst nicht
329–344. – 15 vgl. E. Black: Rhetorical Criticism. A Study in belegt: Die enzyklopädischen Wörterbücher von Zed-
Method (Madison 1978) 138–147. – 16 vgl. W.D. Avram: Ex- ler (Mitte 18. Jh.), Adelung (Ende 18. Jh.) und Grimm
hortation, in: T.O. Sloane (Hg.): Encyclopedia of Rhetoric (19./20. Jh.) verzeichnen keine Einträge. Bis heute er-
(New York 2001) 279. – 17 A.W. Robertson: The Language hält sich die neutrale Bedeutung von ‹Handhabung› als
of Democracy. Political Rhetoric in the United States and Bri- Fachterminus sowie als eine rare bildungssprachliche
tain, 1790–1900 (Charlottesville/London 1995) 11–19. – 18 vgl. Reminiszenz [4]; im wesentlichen hat sich allerdings die
Black [15] 143. – 19 C. Meyer: «Mahnen, Prahlen, Drohen ...».
Rhet. und politische Organisation amerik. Indianer (2005) 224. –
Semantik in Richtung einer ethisch kritikwürdigen Be-
20 vgl. ebd. 197–200. – 21 vgl. Stowers [6] 91. – 22 vgl. Seneca: einflussung verschoben, die sich zum Schaden des Adres-
Epistulae morales 94,25 und 95,59. – 23 vgl. D.L. Clark: Rhetoric saten, mindestens aber zum einseitigen Vorteil des Spre-
in Greco-Roman Education (New York 1957; ND 1977) 177– chers auswirkt. Im Sinne dieser Bestimmung kann eine
188. – 24 vgl. K. Berger: Formen und Gattungen im NT (2005) manipulative Handlung als solche nie unbewußt ausge-

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Manipulative Techniken Manipulative Techniken

führt werden (vgl. hierzu die Phänomene ‹Lüge› und bemühungen deutlich wird, das allen Techniken stets
‹Täuschung› [5]). Dies setzt eine Bewußtheit des Ak- zugrundeliegt: mit der dissimulatio artis ist die theoreti-
teurs für die Kritikwürdigkeit seiner Handlung voraus sche Erkenntnis und die praktische Anforderung an den
und führt zu engen Grenzen für autokommunikative Redner verbunden, die entechnische Kunstfertigkeit
M. [6] Das Wissen des Sprechers um den Charakter des seiner Rede nicht als solche erkennbar werden zu las-
Beeinflussungsversuchs muß daher zwangsläufig in die sen. [17] Diese Anforderung gilt prinzipiell bereits für
Argumentationsanalyse mit einbezogen werden. [7] die textimmanente Rhetorizität eines literarisch-poeti-
Die Bezeichnung der M. als ‹Techniken› ist zudem ir- schen Texts (intrinsische Rhetorik/secondary rhetoric),
reführend: Der Einsatz manipulativer Muster löst in der umso deutlicher aber für eine auf Persuasion ausgerich-
Regel keinen simplen Reiz-Reaktions-Mechanismus tete Textgestaltung (extrinsische Rhetorik/primary rhe-
aus. Ob ihre Anwendung im Sinne der Sprecherintenti- toric). [18] Bereits aus ihren antiken Quellen heraus ist
on zum Erfolg führt, ist in jedem Einzelfall von ver- die Rhetoriktheorie daher auf das Manipulationspro-
schiedenen Situationsdeterminanten abhängig. blem verwiesen und sieht sich v. a. aus philosophischer
Eine wesentliche Grundbedingung für das Konzept Perspektive stets mit Vorwürfen zu ihrem manipulati-
der M. besteht in dem allgemeinen Rationalitätspostulat ven Charakter konfrontiert. Auch die (scheinbar) über
der Kommunikation. [8] Ein normatives Komplement jeden kommunikationsethischen Zweifel erhabene ver-
stellen das Kooperationsprinzip und die Kommunikati- nünftige Argumentation birgt ein erhebliches Beein-
onsmaximen des US-amerikanischen Philosophen H.P. flussungspotential: alle Persuasionsbemühungen laufen
Grice dar. [9] Das Rationalitätspostulat ist insofern «[i]m Endeffekt [...] immer auf eine Einschränkung des
eine notwendige Voraussetzung für den erfolgreichen Freiheitsspielraums beim Kommunikationspartner hin-
Einsatz M., als erst auf Grundlage eines generellen aus. Die Rhetorik muß also diese [...] Kritikpunkte ernst
Vertrauens des Adressaten in die kooperative und ver- nehmen». [19] Erst die begriffliche Auseinandersetzung
nunftmäßige Sprachnutzung des Sprechers die Verhal- mit dem Manipulationsphänomen ermöglicht eine
tensbeeinflussung durch Sprache möglich wird. In an- ethisch fundierte Grenzziehung zwischen Rhetorik und
derer Perspektivierung faßte schon die antike Rhetorik Manipulation; sie erlaubt eine differenzierte Antwort
diesen Sachverhalt mit der Kategorie des ‹Sprecher- auf theorie- oder praxisbezogene Manipulationsvorwür-
Ethos’› [10], in der neueren Forschung wird er v. a. un- fe und bietet somit auch die Grundlage für eine kriteri-
ter dem Gesichtspunkt der ‹Glaubwürdigkeit› verhan- engeleitete Bewertung von Manipulations-Ratgebern
delt. [11] und die dort vorgestellten M.
M. sind seit mehreren Jahrzehnten Gegenstand po- B. Geschichte. Der Manipulationsbegriff ist schon in
pulärer Ratgeber. Eine Vielzahl der Titel [12] widmet der Antike durch eine Reihe prominenter Positionen
sich zumindest beiläufig auch der Manipulationsfrage, gekennzeichnet, etwa durch den Anspruch der histori-
wobei diese häufig im Kontext von Verhandlungsfüh- schen Sophistik, die schwächere Sache zur stärkeren
rung oder Verkaufsförderung behandelt wird; seit kur- machen zu können [20] oder durch die platonische Kon-
zem wächst die Anzahl der Werke, die ausschließlich zeption einer fundierten Rhetorik als Seelenlenkung
dem Einsatz von M. gewidmet sind. Als Defensiv-Ra- (cyxagvgiÂa, psychagōgı́a). [21] Nicht zuletzt stellt die
bulistiken legen diese die Techniken primär aus einer Auffassung des Augustinus, im Dienste der christli-
Perspektive der Analyse und Entkräftung dar; zuneh- chen Lehre dürfe und solle eine aktiv überzeugende Re-
mend leiten sie aber auch aktiv zum offensiven Einsatz dekunst eingesetzt werden, eine wichtige Stellungnah-
von M. an. Wie die Verkaufszahlen entsprechender me dar. [22] Die Begriffsgeschichte der M. wird seit der
Werke belegen, stößt sowohl die defensive als auch die Antike im Wesentlichen von einem einzigen Werk do-
offensive Perspektive dauerhaft auf ein hohes Interes- miniert: Die ‹Sophistischen Widerlegungen› des Ari-
se. [13] stoteles geben bis in die Neuzeit jeder Behandlung von
II. Rhetorik und M. Da die «Persuasionsoperation» M. Terminologie und Systematik vor; teils liegen sogar
zentral für die Rhetorik ist [14], kann sich die Rhetorik- noch modernen Rabulistiken einige der antiken Kate-
theorie auch der Betrachtung kommunikationsethisch gorien zugrunde. Auch die stoische Logik widmet sich
kritikwürdiger Persuasionsmuster nicht entziehen. In- zwar schon intensiv den Fehl- und Trugschlüssen [23];
sofern verwundert es, wenn die wichtigen neuen Rhe- allerdings sind die entsprechenden Schriften nur frag-
torik-Kompendien von Enos und Sloane der Manipu- mentarisch überliefert, so daß spätestens mit der Wie-
lation keinen Eintrag widmen. [15] Die Rhetoriktheorie derentdeckung der ‹Sophistischen Widerlegungen› und
muß kritikwürdige sprachliche Muster jedoch nicht anderer wichtiger Schriften des aristotelischen Orga-
zwangsläufig hinsichtlich ihrer Kritikwürdigkeit disku- nons im 12. Jh. die weitere Diskussion ausschließlich
tieren: Sofern die Rhetorik streng auf eine Persuasions- durch die aristotelische Schrift geprägt wird. [24] Das re-
theorie restringiert wird, ist sie – hierin empirischen Un- lativ kurze Werk wird in der hoch- und spätmittelalter-
tersuchungen des Manipulationsphänomens vergleich- lichen Sophismenliteratur innerhalb der ‹logica moder-
bar – für die kommunikationsethische Einordnung von norum› umfangreich rezipiert und fortgeführt. [25]
M. nicht zuständig [16]; sie könnte dementsprechend I. Antike. Die ‹Sophistischen Widerlegungen› widmen
eine rein persuasionstechnische Perspektive einnehmen. sich in akribischer Detailarbeit bewußt irreführenden
Sofern sie aber auch die Sozialverträglichkeit des Ein- Argumentationsmustern, deren Nutzer als ‹Sophisten›
satzes verschiedener persuasionsfördernder Mittel dis- identifiziert und durchgängig einer scharfen Kritik un-
kutiert oder darüber hinaus auch die kommunikative terzogen werden. Diese historische, negative Attribu-
Moralität betrachtet, kann die Rhetorik nicht bei einer ierung der Sophistik muß heute in mehrfacher Hinsicht
technischen Auflistung und Diagnose von M. stehen hinterfragt werden [26], und nur unter diesem Vorbehalt
bleiben. ist daher auch von ‹Sophisten›, ‹Sophismen› oder ‹so-
Von Anfang an stellt sich hier jedoch ein einschlägi- phistischer Argumentation› [27] zu sprechen; den syste-
ges Grundproblem der antiken Systemrhetorik, das be- matischen Wert des Werks beeinträchtigen diese Dif-
sonders bei einem Element rhetorischer Persuasions- ferenzierungen jedoch in keiner Weise.

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Manipulative Techniken Manipulative Techniken

Auch außerhalb der ‹Sophistischen Widerlegungen› dingten innerhalb eines Bedingungssatzes, beruhen
beschreibt Aristoteles fehl- und trugschlüssige Argu- (paraÁ toÁ eëpoÂmenon, pará to hepómenon/fallacia conse-
mentationsmuster [28]; die höchste Geschlossenheit er- quentis), (B5) die Schlußfolgerung (logisch inkorrekt)
reicht seine Darlegung jedoch in dieser Schrift. Das bereits als eine Prämisse von dem Gesprächspartner ein-
Werk ist inhaltlich so deutlich zweigeteilt, daß es in frü- fordern (paraÁ toÁ eÆn aÆrxhÄì lambaÂnein, pará to en archē´
hen Editionen auch formal in zwei Bücher gegliedert lambánein/petitio principii), (B6) auf einer unzutreffen-
wurde: In der ersten Hälfte beschreibt Aristoteles 13 den Kausalangabe beruhen (paraÁ toÁ mhÁ aiÍtion vëw aiÍ-
verschiedene Argumentationsmuster (Kap. 1–15); in tion, pará to mē aı́tion hōs aı́tion/fallacia propter non
der zweiten diskutiert er, wie diese Muster in einer dia- causam ut causam) sowie (B7) zwei Fragen zu einer ein-
lektischen Disputation entkräftet werden können (Kap. zigen zusammenfassen (paraÁ toÁ taÁ dyÂo eÆrvthÂmata eÏn
16–34). Unter dem Gesichtspunkt der Manipulation ist poieiÄn, pará to ta dúo erōtē´mata hen poieı́n/plurium in-
darüber hinaus die Betrachtung des jeweiligen und des terrogationum). [32] In einer alternativen Sophismensy-
allgemeinen Täuschungspotentials der Argumentati- stematik führt Aristoteles alle sophistischen Argumen-
onsmuster wichtig (Kap. 7). tationsmuster auf die Unkenntnis der korrekten Form
Als Ziele der Sophisten beim Disputieren beschreibt einer Widerlegung zurück [33]; die (zeitgenössische)
Aristoteles v. a. die Absicht, den Gegner zu widerlegen Aufteilung der Sophismen in Fehler, die entweder auf
oder ihn zu einer falschen oder widersinnigen Aussage dem Wort (proÁw toyÍnoma, pros tū´noma) oder auf dem
zu führen (eÍlegxow, élenchos; ceyÄdow, pseúdos; paraÂ- Sinn (proÁw thÁn diaÂnoian, pros tēn diánoian) beruhten,
dojon, parádoxon). Diesen Zielen dient der Einsatz der weist er jedoch zurück. [34]
diskutierten M. Formal bestimmt Aristoteles die So- Aristoteles geht von einer Vollständigkeit und Red-
phismen schlicht als scheinbare, vermeintliche Schlüs- undanzfreiheit der vorgestellten Sophismensystematik
se [29]: Sie seien insofern keine wirklichen Schlüsse oder aus [35]; allerdings könnten dem System eine Reihe von
Deduktionen (syllogismoiÂ, syllogismoı́), als sie von in- Mustern – wie beispielsweise die Negation des Anteze-
akzeptablen Annahmen ausgingen oder logisch ungültig dens (negatio antecedentis) hinzugefügt werden. Nicht
seien. [30] Eine wichtige Ergänzung dieser Bestimmung zuletzt ist in neuerer Forschung herausgestellt worden,
nimmt Aristoteles in den Kapiteln 8 und 11 des Werks daß die Definition des Sophismus nicht mit den ange-
vor: Als Sophismen bezeichnet er hier auch Folgerun- führten Exemplifizierungen übereinstimmt. [36] Umso
gen, die nur scheinbar sachlich relevant oder methodisch bemerkenswerter bleibt die Wirkungsgeschichte der
angemessen sind. Beide begrifflichen Ergänzungen spie- ‹Sophistischen Widerlegungen›.
geln sich auch in der aktuellen Forschungsdiskussion Zu jedem Sophismentypus führt Aristoteles zahlrei-
wider; sie finden in dem strengen Aufbau der ‹Sophi- che Beispiele an; insgesamt beläuft sich ihre Zahl auf
stischen Widerlegungen› jedoch keine systematische 208. Als Beispiel für einen Homonymie-Sophismus
Berücksichtigung. führt Aristoteles folgende Argumentation an: «[D]as
Die 13 Sophismentypen der ‹Sophistischen Widerle- Übel ist gut; denn was sein muß, ist gut; das Übel aber
gungen› konstituieren den klassischen Kanon eristischer muß sein. Sein müssen bezeichnet nämlich zweierlei: es
Techniken. Aristoteles gliedert die aufgeführten Typen kann heißen: was notwendig ist, was oft auch beim Übel
nach der Art ihrer Fehlerquelle: Sechs der Argumenta- zutrifft – denn es gibt auch ein notwendiges Übel –; dann
tionsmuster beruhen auf Fehlern, die sich aus der aber sagen wir auch von dem Guten, daß es sein muß (in
sprachlichen Formulierung ergeben (paraÁ thÁn leÂjin, dem Sinne, daß es sein soll [Einfüg. d. Übers.]).» [37] Im
pará tēn léxin), sieben Muster gehen auf Fehler außer- Sinne der aristotelischen Erläuterung des Täuschungs-
halb der Formulierung zurück (eÍjv thÄw leÂjevw, éxō tēs potentials dieses Sophismus hat man somit den feinen
léxeōs): Die sechs ausdrucksbasierten Sophismentypen Unterschied der zwei Bedeutungen von «sein müssen»
sind (A1) Homonymie (oëmonymiÂa, homonymı́a/fallacia (deÂon, déon) übersehen [38]: ‹to déon› meint das, was zu
aequivocationis), (A2) Amphibolie (aÆmfiboliÂa, amphi- tun ist; näherhin einerseits das unausweichlich Notwen-
bolı́a/fallacia ambiguitatis), (A3) unzulässige Verbin- dige und andererseits das Schickliche und sich Gezie-
dung (syÂnuesiw, sýnthesis/fallacia compositionis) oder mende. Der Antwortende (Respondent) einer dialekti-
(A4) Trennung (diaiÂresiw, diaı́resis/fallacia divisionis), schen Disputation bestätigt die «Unausweichlichkeit»
(A5) Prosodie (d. h. Aspiration und Akzent im Grie- des Übels und übersieht dabei die in der Disputation ge-
chischen) (prosvdi ì Â a, prosōdı́a/fallacia accentus) sowie fährliche Homonymie des Ausdrucks; sein Gegenüber
(A6) ein – wiederum auf dem Ausdruck beruhender – legt ihm anschließend in den Mund, die «Schicklichkeit»
kategorialer Fehler (sxhÄma leÂjevw, schē´ma léxeōs/falla- des Übels behauptet zu haben. Aristoteles gibt den Wi-
cia figurae dictionis). [31] Nicht ausdrucksbasiert sind derspruch zudem in Form des klassischsten Syllogismus’
die sieben Sophismentypen, die (B1) eine Argumenta- (Modus ‹Barbara›) wieder, den er als «vollkommenen
tion unzulässigerweise auf kontingente Eigenschaften Schluß» versteht, da dessen zwingender Charakter un-
(Akzidenzien) der bezeichneten Sache stützen (paraÁ toÁ mittelbar einleuchtend sei. [39]
symbebhkoÂw, pará to symbebēkós/fallacia accidentis), Die Herbeiführung des semantischen Widerspruchs
(B2) den Prädikationsumfang mißachten, also nicht zwi- («das Übel ist gut») verläuft in einer dialektischen Dis-
schen einer partiellen und einer allgemeinen Aussage putation durch eine Folge geschickt gestellter Fragen,
bezüglich einer Sache unterscheiden (paraÁ toÁ aëplv Äw in der der Antwortende diejenigen Positionen ein-
toÂde hà phÄì leÂgesuai kaiÁ mhÁ kyriÂvw, pará to haplō´s tóde ē nimmt, die abschließend von dem Fragenden zu der
pē légesthai kai mē kyrı́ōs/fallacia simpliciter et secun- widersprüchlichen Aussage zusammengefügt werden.
dum quid), (B3) aus der Unkenntnis der technischen Um eine M. handelt es sich bei diesem Argumentati-
Anforderungen an eine (logisch korrekte) Widerlegung onsmuster insofern, als der sophistisch Fragende durch
hervorgehen (paraÁ toÁ mhÁ divriÂsuai ti eÆsti syllogis- die geschickte Ausnutzung der Homonymie das Ur-
moÂw hà ti eÍlegxow, pará to mē diōrı́sthai tı́ esti syllogismós teilsvermögen des Adressaten, genauer: dessen Fähig-
ē ti élenchos/ignoratio elenchi), (B4) auf der (logisch feh- keit, zwischen den zwei Bedeutungen zu unterscheiden,
lerhaften) Affirmation des Konsequens, also des Be- täuscht.

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Manipulative Techniken Manipulative Techniken

Da jeder Sophismus in der Praxis «aus dem Grunde vielmehr ließen sie sie einige vorgefertigte Elemente
seiner Falschheit» [40] widerlegt werden soll und die auswendig lernen, «die nach ihrer Meinung auf die
‹Sophistischen Widerlegungen› für die theoretische meisten Reden für und wider eine Sache paßten» [52].
Darlegung den gleichen Anspruch verfolgen, zeigt Ari- So sei der Unterricht zwar «kurz, aber ohne die Grund-
stoteles für jeden Sophismentypus im einzelnen auf, lage einer wissenschaftlichen Theorie» [53]. Während
worin sein argumentatives Defizit beruht und wie er aber die Sophisten, folgt man hierin Aristoteles’ Dar-
dementsprechend widerlegt werden kann. [41] Darüber stellung, ihren Schülern nur konkrete Bausteine vorleg-
hinaus beschreibt er aber auch, worin das Täuschungs- ten, abstrahieren die ‹Sophistischen Widerlegungen›
potential einer sophistischen Argumentation im allge- von den einzelnen Elementen und bieten eine formale
meinen begründet ist: Ein zentrales Problem bestehe Beschreibung an.
darin, daß Argumentierende aus Unvermögen oder Un- Das gesamte Projekt der ‹Sophistischen Widerle-
achtsamkeit nicht zwischen einer akzeptablen und einer gungen› scheint in einer kommunikationsethischen
unakzeptablen Argumentation unterscheiden. [42] Der Ambivalenz zu stehen: Die Abbildung der Realität so-
Opponent einer dialektischen Disputation kann dar- phistischen Disputierens kommt nicht umhin, auch rea-
über hinaus dazu beitragen, die Aufmerksamkeit des litätsbildenden Charakter zu haben; dies belegt die ver-
Respondenten für argumentative Defizite zu schwä- feinerte Disputationskunst in der Scholastik deutlich.
chen, indem er (1) eine langwierige oder irreführende Über diese Ambivalenz geht Aristoteles zudem weit
Herleitung wählt, (2) die entscheidende Frage somit erst hinaus, wenn er beispielsweise empfiehlt, Zorn und
als überraschende Wendung zum Abschluß formu- Streitlust bei einem Gegner zu erregen, um ihn leichter
liert [43] oder (3) umgekehrt besonders schnell vorgeht in Widersprüche verwickeln zu können [54]: Sowohl das
und somit die Knappheit der im laufenden Gespräch Mittel als auch der direkte Zweck sind fragwürdig. Je-
verfügbaren Überlegungszeit ausnutzt [44]; darüber hin- doch läßt die Schrift im ganzen keinen Zweifel daran,
aus hilft es dem Opponenten, (4) die Disputation be- daß sie nicht zur Verfolgung illegitimer Ziele anleiten
wußt zu emotionalisieren [45] oder (5) Prämissen für und animieren, sondern ein fundiertes Defensivwissen
verschiedene mögliche Trugschlüsse zu erfragen [46]. und -können vermitteln will. Dieses dient der irrtums-
Aufgrund dieser allzumenschlichen Schwächen, die es in freien Disputation ebenso wie der wirksamen Bloßstel-
der Praxis unmöglich machen, eine Argumentation rein lung von Irrtümern und Sophismen. [55] Gleichwohl
sachlich zu bewerten oder in beliebiger Komplexität zu darf die Apologie der Schrift nicht zu weit ausgreifen:
verfolgen, kann grundsätzlich jedermann durch geeig- Aristoteles befürwortet ein argumentatives Training
nete M. irregeleitet werden – sogar der Fachmann durch (gymnası́a), das eristische Züge trägt, und gibt unum-
einen gewandten Laien. [47] Dementsprechend ist die wunden praktische Umsetzungsratschläge. Hintergrund
Schulung argumentativer Fähigkeiten nützlich [48], und dieser affirmativen Haltung ist nicht nur die praktische
sie wirkt der unehrenhaften Unfähigkeit entgegen, sich Ausbildung einer gegen die Sophisten gerichteten de-
in einer «Logomachie» [49] nicht argumentativ vertei- fensiven Fähigkeit; vielmehr nützt die eristische Übung
digen zu können. [50] auch der Schärfung eigener philosophisch-wissenschaft-
Die analysierten argumentativen Muster hat Aristo- licher Gedankengänge. [56] Darüber hinaus billigt Ari-
teles aus der kommunikativen Praxis zusammengestellt, stoteles eine argumentative Waffengleichheit für die
und die (frühen) platonischen Dialoge bieten noch heu- Zurückweisung öffentlicher Sophistereien und vertritt
te einen – literarisch überformten – Fundus entspre- zudem, daß man «zuweilen lieber einen wahrscheinli-
chender Sophismen. [51] Viele der beschriebenen Mu- chen als einen wahren Schluß ziehen soll» und «zuwei-
ster sind jedoch keine universalen oder situationsinva- len eine wahrscheinliche Lösung mehr als eine wahre
rianten M. Sie können ihre volle Wirksamkeit vielmehr sich empfiehlt» [57]. Die als wahr erscheinende (und in
ausschließlich in dem kommunikativen Kontext der dia- diesem Wortsinn wahrscheinliche) Lösung empfiehlt
lektischen Disputation entfalten, dem sie ursprünglich sich dort, wo in einer öffentlichen Disputation eine fal-
entstammen. Die starke Einschränkung der Interakti- sche Argumentation wirksam zurückgewiesen werden
onsoptionen der Beteiligten in der Disputation begün- soll: Die Überzeugungskraft der Zurückweisung hat
stigte die Nutzung irreführender Argumentationsmu- hier die Priorität vor der logischen Korrektheit. Eine
ster: Im Gegensatz zur Alltagsargumentation war in der falsche Darstellung solle keinesfalls öffentlich stehen-
Disputation weder die Relativierung einer getätigten bleiben, selbst dann, wenn dies nur um den Preis einer
Aussage noch die Abweisung einer zwingenden logi- letztlich unzureichenden Begründung möglich ist.
schen Konsequenz zulässig; durch geschickt erfragte Po- II. Neuzeit. Neuzeitliche Kompendien von M. setzen
sitionen und den Einsatz argumentativer Winkelzüge viele der in den ‹Sophistischen Widerlegungen› bear-
konnten daher Folgerungen gezogen werden, die in der beiteten Themenkreise fort: So wird regelmäßig ein Ma-
Alltagsargumentation aufgrund ihrer offenkundigen nipulationsbegriff, häufig auch ein Begriff ‹M.›, darge-
Absurdität keinen Bestand haben könnten. Die Tatsa- legt oder zumindest skizziert, und einige Autoren er-
che, daß das Manipulationspotential der diskutierten stellen eine Systematik der diskutierten M. Nicht selten
Sophismen situationsgebunden ist, hindert einige mo- werden die antiken Sophismentypen in Variation wie-
derne Rabulistiken jedoch nicht an einer Reproduktion der aufgenommen; ergänzt um wenige zusätzliche Mu-
der antiken Muster. Umgekehrt wird allerdings die in- ster konstituieren sie den erweiterten klassischen Kanon
tensive Rezeption der ‹Sophistischen Widerlegungen› in eristischer Techniken. Darüber hinaus stellen einige
der Scholastik, die mit einer Renaissance der Disputa- Autoren Überlegungen zu der Grundlage der argumen-
tion einherging, aus der Situationsspezifik heraus ver- tativen Manipulierbarkeit an, und viele neuzeitliche und
ständlich. moderne Rabulistiken verfolgen ausdrücklich auch das
Aristoteles stellt ausdrücklich den Technikcharakter Ziel, zur Widerlegung manipulativer Argumentations-
der beschriebenen Argumentationsmuster heraus: Die muster anzuleiten. Im Vergleich zu den ‹Sophistischen
Sophisten unterrichteten ihre Schüler nicht systematisch Widerlegungen› beziehen neuzeitliche und moderne
im Argumentieren – geschweige denn in Sachfragen – Rabulistiken in höherem Maße Techniken ein, die be-

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Manipulative Techniken Manipulative Techniken

wußt auf die Emotionalisierung eines Gesprächs setzen Weitere neuzeitliche Rabulistiken entstehen im Kon-
und damit gänzlich außerhalb einer logisch-argumenta- text der Parlamentsdebatte: Der irische Schatzkanzler
tiven Irreführung liegen. und englische Unterhaus-Abgeordnete W.G. Hamilton
Die erste wichtige Ergänzung der kanonischen anti- (1729–1796) verfaßt eine Sammlung von etwa 550 Hin-
ken Liste der M. formuliert – eher beiläufig – der engli- weisen zur geschickten Förderung der eigenen Sache in
sche Philosoph J. Locke (1632–1704). In seinem ‹Essay einer parlamentarischen Debatte. [65] Die erstmals 1808
Concerning Human Understanding› differenziert er unter dem Titel ‹Parliamentary Logick› veröffentlichte
vier Argumenttypen: argumentum ad verecundiam Sammlung überrascht immer wieder in der Unverblümt-
(Autoritätsargument), argumentum ad ignorantiam, ar- heit ihrer Formulierung. Hamilton hatte offensichtlich
gumentum ad hominem (im Sinne einer Argumentation nicht die Absicht, seine Sammlung zu veröffentlichen;
auf Grundlage des von der Gegenseite Zugestandenen) jedoch hielt ihn offenbar nicht ein ethisches Bedenken,
und schließlich das argumentum ad judicium [sic], das sondern eher die fehlende Ordnung der einzelnen Emp-
sich auf «proofs drawn from any of the foundations of fehlungen von der Publikation ab. [66] Die wesentliche
knowledge or probability» («Beweise, die aus irgendei- Rechtfertigung für den Einsatz zweifelhafter Muster be-
ner Wissensgrundlage oder Wahrscheinlichkeit abge- steht für den Parlamentarier vermutlich in seiner poli-
leitet sind») stützt und damit als alleiniger Argument- tischen Heimat, der Opposition. [67] Für die erfolgrei-
typ wirklich zu einem Erkenntnisgewinn führe. [58] Das che parlamentarische Debatte rät Hamilton – wie schon
«Argument aus dem Nichtwissen» besteht darin, einen Aristoteles in der ‹Topik› [68] – zu der Anlage einer in-
Argumentationsgegner in einer strittigen Frage aufzu- dividuellen und fachspezifischen Topik. [69] Für topi-
fordern, der eigenen Ansicht beizupflichten oder einen sche Muster und die Emotionalisierung der Rede emp-
Gegenbeweis vorzubringen; bleibt dieser aus, soll die fiehlt er weiterhin: «Wegen der Schemata und der Aus-
Position als erwiesen gelten. Mit seiner Beschreibung nutzung von Leidenschaften schlage in der ‹Rhetorik›
des argumentum ad hominem bezieht Locke sich auf des Aristoteles nach.» [70] Die strategische Disposition
die Tradition der dialektischen Disputation – und na- einer Parlamentsrede solle als solche stets verborgen
mentlich auf ihre Konzeptualisierung bei Aristoteles; er bleiben. [71] Sprachliche Mehrdeutigkeiten könne ein
faßt den Begriff allerdings enger als Aristoteles und zu- Redner zum eigenen Vorteil nutzen und sollte im Vor-
dem abweichend von der heute allgemein gebräuchli- trag des politischen Gegners auf sie achten. [72] «Weit-
chen Bedeutung einer Argumentation gegen die Person schweifigkeit ist von Vorteil, wenn man täuschen will,
eines Gegners. Während Locke diese Argumentations- sonst nicht.» [73] Wo Hamilton rät: «Antworte spöttisch
muster nicht als Fallazien darstellt, werden die entspre- auf Ernst und ernst auf Spott» [74], klingt schließlich un-
chenden Bezeichnungen nach ihm jedoch als Fallazien mittelbar das entsprechende Diktum des sophistischen
in den Kanon aufgenommen. Locke fügt seiner kurzen Redelehrers Gorgias an. [75] Vielfach sind Hamiltons
Passage keine Beispiele an, enthält sich ebenso psycho- Ratschläge, bedingt durch ihren klar umrissenen Ent-
logischer Erwägungen zu der menschlichen Manipulier- stehungszusammenhang, auch an den Kontext einer De-
barkeit und gibt keine weiterführenden Hinweise zum batte – speziell einer politischen und parlamentarischen
argumentativen Umgang mit den genannten Argumen- Debatte – gebunden.
ten. Demselben Kontext entstammt auch das ‹Handbook
Die ‹Eristische Dialektik› des deutschen Philo- of Political Fallacies› des englischen Philosophen und
sophen A. Schopenhauer (1788–1860) orientiert sich Sozialreformers J. Bentham (1748–1832). Es ist aus ei-
unter den neuzeitlichen Kompendien am deutlichsten ner Sammlung manipulativer Argumentationspraktiken
an den ‹Sophistischen Widerlegungen›. Schopenhauer hervorgegangen, die Bentham im Laufe mehrerer Jahr-
bestimmt die Dialektik als die «Kunst Recht zu behal- zehnte aus der Beobachtung parlamentarischer Debat-
ten» oder spezieller als «geistige Fechtkunst zum ten zusammengetragen hatte. Der Sammlung ist eine
Rechtbehalten im Disputiren». [59] Da «[d]ie Leute, Einleitung vorangestellt, in der Bentham eine bemer-
wie sie in der Regel sind», nur äußerst ungern eine ein- kenswert rhetorische Fallaziendefinition gibt: «Mit dem
mal eingenommene Position aufgäben, begegne man in Ausdruck Fallazie werden allgemein Argumente oder
Diskussionen nicht allein einer «intellektuellen Unfä- Themen bezeichnet, deren Einsatz dem Zweck dient
higkeit», sondern vor allem einer «moralischen Schlech- oder der es wahrscheinlich macht, daß eine Täuschung
tigkeit», die sich in dem Einsatz vielfältiger «Schliche, entsteht oder daß eine irrige Meinung erzeugt wird, die
Kniffe und Chikanen» äußere. [60] Die antike Sophis- dann von jeder Person geteilt wird, deren Verstand ein
mensystematik übernimmt Schopenhauer nicht und solches Argument vorgelegt wurde.» [76] Die insgesamt
führt ebenso wenig durchgreifende eigene Ordnungs- knapp 30 kritikwürdigen Argumentationsmuster glie-
kriterien ein. Die ersten der 38 «Kunstgriffe» reprodu- dern sich in vier Hauptgruppen: Fallazien, die sich in il-
zieren einige aristotelische Sophismentypen sowie kon- legitimer Weise auf Autoritäten berufen (fallacies of au-
krete Möglichkeiten, den Gegner zu reizen oder unter thority), eine Gefahr heraufbeschwören (fallacies of
Druck zu setzen. [61] Wenn die Diskussion anders nicht danger), den Entscheidungsprozeß verzögern (fallacies
mehr zu gewinnen ist, überziehe man den Gegner of delay) oder generell Verwirrung stiften (fallacies of
schließlich mit einem «sinnlosen Wortschwall» [62] oder confusion). Zu der ersten Kategorie zählt Bentham z.B.
werde «persönlich, beleidigend, grob» [63]. Schopen- das allgemeine Autoritätsargument, ergänzt um «The
hauer stellt nicht nur eristische Argumentationsmuster Wisdom of Our Ancestors, or Chinese Argument» und
zusammen, sondern bietet auch «Paraden zu diesen selbsternannte Autoritäten. [77] Unter den Verzöge-
Finten» an, die er mit einer Vielzahl persönlicher Bei- rungsargumenten nennt er das «Procrastinator’s Argu-
spiele illustriert. [64] Angesichts der Explizitheit der ment, or Wait a Little, This is Not The Time», unter den
Hinweise, verwundert es nicht, daß Schopenhauer seine Verwirrung stiftenden «Non Causa Pro Causa, or Cause
Eristik letztlich doch nicht veröffentlichen wollte und and Obstacle Confounded». [78] Den antiken Sophis-
sie erst posthum aus dem handschriftlichen Nachlaß mentypen billigt Bentham nur ein sehr geringes Poten-
herausgegeben wurde. tial für eine tatsächliche Täuschung zu. [79]

639 640
Manipulative Techniken Manipulative Techniken

Bentham expliziert keine Widerlegungsstrategien, relevance» und «fallacies of ambiguity» vorgeschla-


weil diese sich aus seiner Darlegung fast unmittelbar gen [94], jedoch hat sich diese Einteilung nicht zur
ergeben. Er stellt jedoch eine Betrachtung der Motive communis opinio entwickelt. Auch Anleitungen zur Wi-
an, aus denen heraus manipulative Argumentations- derlegung der diskutierten Fallazien gibt die For-
muster eingesetzt werden. Als wichtigstes Motiv identi- schungsliteratur entsprechend ihrer Fragestellung nicht;
fiziert er ein verborgenes, «dunkles» Eigeninteresse wiederum lassen sich diese jedoch aus der Analyse ein-
(self-conscious sinister interest) eines Redners – speziell zelner Muster ableiten. Kennzeichnend für die moderne
eines Parlamentariers. [80] Im Gegensatz dazu vertritt Forschung ist darüber hinaus, daß sie das unmittelbar an
Bentham aus politischen und anderen ethischen Erwä- die formale Logik angebundene antike Verständnis zu-
gungen einen dezidiert moralischen Standpunkt, auf- gunsten eines differenzierteren logischen Instrumenta-
grund dessen er sich mit äußerstem Nachdruck gegen riums oder gänzlich neuer Paradigmen aufgibt.
die Gleichsetzung seines Werks mit Hamiltons ‹Par- Initialzündung der argumentationstheoretischen Fal-
liamentary Logick› verwehrt, den er einer radikalen lazienforschung ist die Untersuchung ‹Fallacies› des au-
kommunikationsethischen Indifferenz bezichtigt: Zwi- stralischen Logikers und Philosophen Ch. Hamblin
schen beiden bestehe nichts als der Zusammenhang ei- (1922–1985) [95], die aktuell nach wie vor den besten
nes konträren Gegensatzes. [81] Überblick der Disziplingeschichte bietet. Hamblin un-
III. Gegenwart. 1. Wissenschaftlich-theoretische Zu- terzieht die gesamte zeitgenössische Darlegung von
gänge. Im 20. Jh. steigt die Intensität der Auseinander- Trugschlüssen in einführenden Darstellungen der Logik
setzung mit M., die sich in praxisorientierte Ratgeber (logic textbooks) einer radikalen Kritik: «Was wir in den
und wissenschaftlich-theoretische Zugänge aufteilt. So meisten Fällen vorfinden, ich denke, das müssen wir uns
führt beispielsweise die Sozialpsychologie empirische eingestehen, ist eine Behandlung des Themas, die so
Untersuchungen zu dem Phänomen der sprachlichen minderwertig, abgedroschen und dogmatisch ist, wie
Manipulation durch. Hierbei wird das Konzept der Ar- man sie sich nur vorstellen kann – unglaublich traditi-
gumentationsintegrität erarbeitet und in seiner kommu- onsgebunden, dabei mangelhaft im logischen wie histo-
nikativen Realität erforscht. [82] Verbalsprachliche Ma- rischen Sinn und beinahe völlig ohne Anschluß an ir-
nipulationsmuster stehen seit der prägenden Studie von gend etwas aus der modernen Logik. Dies ist der Teil
H. Lasswell [83] im Blickfeld der Propaganda-For- seines Buches, in dem ein Verfasser die Logik wegwirft
schung; die Untersuchung von Manipulationsmustern und die Aufmerksamkeit seines Lesers wenn überhaupt
findet sich darüber hinaus in historischen Studien [84], dann nur dadurch hält, daß er die traditionellen Wort-
film- [85] und musikwissenschaftlichen [86] Arbeiten so- spiele, Anekdoten und geistlosen Beispiele seiner Vor-
wie sprachwissenschaftlichen und rhetorischen Analysen gänger bietet». [96] Die zeitgenössische Literatur sei in
spezifischer sprachlicher Muster [87] und einzelner Red- ihrer Traditionsgebundenheit derart uniform, daß sie
ner. [88] Eine umfassende gesellschaftliche Dimension stets ein im wesentlichen aristotelisches «standard treat-
gewinnt das Phänomen der Manipulation schließlich in ment of the fallacies» wiedergebe. [97] Hamblin formu-
der Zweiten Frankfurter Schule: Als Ziel der Manipula- liert einen eigenen Fallazienbegriff, der auf einer for-
tion beschreibt H. Marcuse, «den Einzelnen mit der malen Dialogspieltheorie basiert und dabei – hinsicht-
Lebensform auszusöhnen, die ihm von der Gesellschaft lich seines Regelcharakters, weniger in Bezug auf die
aufgezwungen wird». [89] Im einschlägigen Jargon heißt dialogische Grundkonstellation – auf spätere dialekti-
es darüber hinaus im Marxismus-Leninismus, Manipu- sche Argumentations- und Fallazienbegriffe voraus-
lation sei die «Herrschaftstechnik der imperialistischen weist. Der Einsatz einer M. kann nach Hamblins Falla-
Bourgeoisie zur Steuerung des Verhaltens großer Mas- zienbegriff als Verletzung einer der formal-dialekti-
sen des Volkes». [90] schen Regeln beschrieben werden. Der Begriff eignet
Die sich seit den frühen 1970er Jahren als eigenstän- sich vor allem zur Beschreibung manipulativer Muster,
dige Disziplin konstituierende Argumentationstheorie denen im weiteren Sinne ein logisches Defizit zugrun-
tritt schließlich in dem Teilbereich, der der Unter- deliegt. [98]
suchung von M. gewidmet ist, das inhaltliche Erbe der Unmittelbar nach Hamblins Studie erscheinen die er-
‹Sophistischen Widerlegungen› an: Sie faßt den Einsatz sten gemeinsamen Arbeiten der kanadischen Logiker J.
einer M. unter dem Begriff der ‹Fallazie› und untersucht Woods und D.N. Walton. In Einzeluntersuchungen zu
dieses Phänomen in einer Vielzahl von Perspektiven. In einer Vielzahl von Fallazientypen setzen sie jeweils un-
der Fallazientheorie wird die erweiterte klassische Liste terschiedliche Instrumente der logischen Analyse ein,
eristischer Techniken um neue Muster ergänzt und zum um für jeden Typus die adäquateste Beschreibung zu
modernen Kanon erweitert, der zwischen 17 und etwa 25 erreichen. Beispielsweise untersuchen sie das ad vere-
Fallazientypen umfaßt. [91] Frühere Logik-Einführun- cundiam-Argument sowie ad ignorantiam, ad hominem,
gen listen mit 34 bzw. 51 Mustern sogar noch deutlich die petitio principii oder das argumentum ad bacu-
mehr Fallazientypen auf. [92] Eine Spezialtopik er- lum. [99] Deutlich formulieren sie die aus der methodi-
forscht schließlich der Historiker D.H. Fischer in seiner schen Vielfalt resultierende theoretische Problematik:
Arbeit ‹Historians’ Fallacies›; mit den weit über 100 Bei- Ohne eine übergreifende Fallaziendefinition kann letzt-
spielen schreibt er seiner Disziplin jedoch nicht generel- lich nicht begründet werden, warum ein bestimmtes Ar-
le Täuschungsabsichten, sondern methodologische De- gument überhaupt als eine Fallazie untersucht werden
fizite zu. [93] soll. [100]
Im Zentrum aller fallazientheoretischen Untersu- Den wichtigsten dialektischen Fallazienbegriff ent-
chungen stehen die Fragen nach der begrifflichen Be- wickeln die Amsterdamer Forscher F. van Eemeren und
stimmung sowie nach der bestmöglichen Konzeptuali- R. Grootendorst ab 1982. [101] Sie entwerfen ein Re-
sierung einzelner oder aller Fallazien. Bemühungen um gelwerk, dessen Befolgung die maximale Verfahrens-
eine sinnvolle Klassifizierung sind dagegen in den Hin- rationalität in der Auflösung eines Standpunkte-Kon-
tergrund getreten; zwar wird in dem einführenden Werk flikts gewährleistet. Der Fallazienbegriff der Pragma-
von Copi und Cohen eine Aufgliederung in «fallacies of dialektik ergibt sich aus der Inversion dieses positiven

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Manipulative Techniken Manipulative Techniken

Argumentationskodexes: Verstößt ein Sprecher gegen botenen Rhetorik›, sie konstituieren eine ‹Dialektische
eine der pragmadialektischen Verfahrensregeln, begeht Rabulistik› oder schließlich eine ‹Satanische Verhand-
er eine Fallazie. Der Amsterdamer Fallazienbegriff bie- lungskunst›. [112] Eine sinnvolle Systematisierung des
tet eine konzise und einheitliche Perspektive, erläutert umfangreichen Materials könnte angesichts des An-
die traditionellen Sophismentypen und erfaßt zusätzlich spruchs der Rabulistiken erwartet werden und wäre im
neue kritikwürdige Argumentationsmuster als Fallazi- Interesse ihrer praktischen Nutzbarkeit hilfreich; aller-
en. Beispielsweise lassen sich die argumenta ad homi- dings sind die Sammlungen häufig nach schwer nach-
nem, ad verecundiam und ad ignorantiam, aber auch die vollziehbaren oder fragwürdigen Kriterien organisiert,
antiken Muster der affirmatio consequentis oder der und die Systematisierung ist in vielen Fällen zurückhal-
Verbindungs- und der Trennungs-Sophismus nach dem tend ausgeführt. Die dargebotenen M. variieren teilwei-
pragmadialektischen Modell beschreiben. [102] In jün- se erheblich hinsichtlich ihrer Komplexität, ihres Ab-
geren Arbeiten bezieht die Pragmadialektik auch eine straktionsgrades und Umfangs.
rhetorische Perspektive in die Argumentations- und Einen älteren Typus des rabulistischen Ratgebers re-
Fallazienanalyse ein. [103] präsentiert O. Erdmanns ‹Kunst, recht zu behalten›: Sie
Weitere Impulse hat die Fallazienforschung aus den ist gekennzeichnet durch ein dichotomisches Argumen-
neueren Arbeiten D.N. Waltons erhalten, in denen er tationsverständnis, in dem es häufig gilt, «unredliche,
Fallazien als bewußte Verstöße gegen die argumentati- störrische oder fanatische Gegner zur Preisgabe ihrer ir-
ven Usancen desjenigen Dialogtyps beschreibt, in dem rigen Anschauungen zu zwingen» [113]. In dem zugrun-
ein Gespräch jeweils steht. [104] In seinem insgesamt degelegten Verständnis gehen Manipulations-Bemü-
enzyklopädischen Werk widmet sich Walton immer hungen stets von der Gegenseite aus, gegen die sich ein
wieder den klassischen, aber auch einigen neuen Falla- gewandter Argumentierender zur Wehr zu setzen weiß.
zienmustern. [105] Essentielle Anstöße bieten auch Die vorgestellten Techniken bewegen sich im erweiter-
die neuesten Arbeiten von J. Woods, in denen in einer ten traditionellen Kanon, beispielsweise mit der «Aus-
fundamentalen Neubewertung die Fehlpassung zwi- nutzung der Mehrdeutigkeit und der Unbestimmtheit
schen der traditionellen Fallaziendefinition und Ele- der Worte», dem Autoritäts- und dem ad hominem-Ar-
menten der traditionellen Fallazientypen-Liste nachge- gument. [114] Als einer der ersten Autoren im 20. Jh.
wiesen [106] und die Fallazie systematisch von dem ubi- beschreibt Erdmann auch die «falsche Verallgemeine-
quitären argumentativen Irrtum abgegrenzt wird. [107] rung» als M. [115] Wie schon Aristoteles sieht auch Erd-
Nach der in der Argumentationstheorie weitgehend mann eine wichtige Ursache für die Wirksamkeit von M.
kanonischen Auffassung fokussiert eine genuin rheto- in einem «auf ungenügender Aufmerksamkeit oder auf
rische Argumentationskonzeption vor allem den Pro- Mangel an geistiger Schärfe und Unterscheidungsgabe
zeßcharakter einer Argumentation – in Absetzung beruhende[n] Verkennen dessen, worum es sich beim
von der Verfahrens- bzw. Produktorientiertheit einer Streit eigentlich handelt» [116]. Erdmann unternimmt
dialektischen bzw. logischen Perspektivierung der Ar- keine weitgehenden Anstrengungen zur Systematisie-
gumentation [108]; jedoch bleibt im kanonischen Ver- rung der beschriebenen Techniken, weist aber regel-
ständnis vage, worin genau diese prozessuale Perspek- mäßig auf Widerlegungsmöglichkeiten hin.
tive besteht, und nicht zuletzt: warum sie genuin rheto- E. Brendl scheint zunächst eine Gegenposition ein-
risch sein soll. In jüngeren Arbeiten gewinnt jedoch zunehmen: sein Werk versteht sich ausdrücklich als An-
auch ein rhetorischer Argumentationsbegriff – und der leitung und Animation zur Manipulation – der Leser sol-
darin einzubettende Fallazienbegriff – an Profil. [109] le, dürfe und müsse manipulieren. [117] «Manipulation
Als zentrales Charakteristikum eines rhetorischen Fall- ist weder gut noch böse.» [118] In den Diskussionen aller
azienbegriffes kann die Fokussierung der Analyse auf Beispiele zeigt sich allerdings, daß Brendl nicht etwa ei-
den Akteur, seine persuasive Absicht und die daraus nen erweiterten, ethisch indifferenten Manipulations-
resultierende Disposition rhetorischer Mittel in Abhän- begriff anlegt; vielmehr arbeitet er letztlich doch an je-
gigkeit von den gegebenen Situationsdeterminanten be- dem Beispiel eine massive ethische Problematik heraus
trachtet werden. und entwirft damit das Bild einer umfassenden gesell-
2. Ratgeber. Die moderne kommunikationspraktische schaftlichen Manipulation. Unter diesem Gesichtspunkt
Ratgeberliteratur ist durch ein explosionsartiges Wachs- reiht sich seine Arbeit trotz der anfänglichen Animation
tum in den vergangenen Jahrzehnten gekennzeich- zur Manipulation in die Reihe der Defensiv-Rabulisti-
net [110]; analog gilt dies für den Teilbereich, der M. ge- ken ein. Im Dienste der beabsichtigten fundierten Wis-
widmet ist. Innerhalb dieses Bereichs zeichnen sich viele sens- und Kompetenzvermittlung entwickelt Brendl
der neuesten Publikationen vor allem dadurch aus, daß eine fünfteilige Kategorisierung M.: manipuliert werde
sie eine möglichst große Anzahl an «Tricks» oder «Tech- durch die Änderung des Bildes der Bezugswelt, durch
niken» zusammenstellen und unter kreative Bezeich- die Beeinflussung von Einstellungen und Stimmungen,
nungen bringen; darüber hinaus nehmen die Darlegun- durch Desinformation und Wahrnehmungstäuschung,
gen zunehmend deutlich zu dem zentralen Gesichts- durch das Antriggern von Automatismen sowie durch
punkt der Manipulativität Stellung. Sie widmen sich «Marionettisieren/[E]pidemisieren» (also ‹totale Mani-
häufig der psychologischen Frage nach der Manipulier- pulation›, durch die der Manipulierte zur Marionette
barkeit und leiten regelmäßig, wenn auch nicht immer, werde). [119]
zum erfolgreichen Umgang mit M. an. Einem speziali- Auch der Jesuit, Theologe, Philosoph und Unterneh-
sierteren Anwendungsfeld von M. widmen sich Ver- mensberater R. Lay vertritt einen weiten Manipulati-
kaufsratgeber [111]; sie unterscheiden sich von allge- onsbegriff, den er im Kontext umfangreicher anthropo-
meinen Werken v. a. durch ihre Spezialtopik sowie eine logischer und sozialkritischer Erörterungen entwik-
geringere, häufig vollständig ausbleibende Reflexion kelt [120]: «Manipulation ist Verhaltensbeeinflussung
des Manipulationsphänomens. zu fremdem Nutzen.» [121] Sie zeige sich in vier distink-
M. werden in den allgemeinen Ratgebern zusammen- ten Typen als politische, ökonomische, soziale und re-
gefaßt zu dem Repertoire einer ‹Schwarzen› oder ‹Ver- ligiöse Manipulation. [122] Bemerkenswert ist also, daß

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Manipulative Techniken Manipulative Techniken

Lay nach den Anwendungsgebieten der M. und nicht tensweisen, die Menschen – bewußt oder unbewußt –
nach argumentationstheoretischen Kriterien differen- gegen andere Menschen einsetzen.» [138] Den aufge-
ziert. Er formuliert acht «Allgemeine Regeln der Men- führten Techniken und Beispielen liegt dennoch ein
schenbeeinflussung». So solle die Beeinflussung einem Manipulationsverständnis zugrunde, in dem ein Mani-
«bestehenden Bedürfnis entsprechen» und «bestehen- pulator bewußt und zur Durchsetzung eigener Ziele be-
den Einstellungen entgegenkommen»; sie «betont die stimmte argumentative Muster einsetzt. Wilhelm und
positiven Seiten der angebotenen Inhalte» und «spricht Edmüller ordnen ihre Sammlung nach einer einfachen
oft ein ‘Wir-Gefühl’ an.» [123] Lay stellt zudem psy- und nachvollziehbaren Systematik, indem sie die disku-
chologisierende Betrachtungen an, bspw. «Über einige tierten Techniken in «Psychologische Manipulationen»
Eigenschaften und Defekte, die eine Person leichter (d. h.: Ausnutzung psychologischer Effekte) und «Logi-
manipulierbar machen» [124]. In seinem populärsten sche Manipulationen» gliedern. In beiden Kategorien
Ratgeber trägt Lay darüber hinaus eine Liste von 32 finden sich zahlreiche Anknüpfungspunkte an die ak-
«klassische[n] Formen des unfairen Angriffs» [125] so- tuelle Fallazienforschung, so bspw. die «Autoritätstak-
wie entsprechende Gegenstrategien zusammen. Zu die- tik» (ad verecundiam), die «Taktik des Nichtwissens»
sen gehören wiederum klassisch-kanonische M. wie das (ad ignorantiam), der «Angriff auf die Person» sowie der
Autoritätsargument, die Fangfrage oder der persönli- «Angriff auf die Unparteilichkeit» (mithin die zwei we-
che Angriff [126] sowie vielfältige Strategien zur Emo- sentlichen Formen des ad hominem-Arguments [139]),
tionalisierung einer Auseinandersetzung. Wie schon ad baculum (Androhung von Gewalt), ad populum
Bentham listet auch Lay zudem verschiedene Strategi- («Appell an populäre Gefühle»), die «Rutschbahntak-
en zur Gesprächsverzögerung auf. [127] Die angebote- tik» (slippery slope) oder etwa die Brunnenvergiftungs-
nen Gegenstrategien lassen vielfach Hochmut und pas- taktik (poisoning the well). [140] Wilhelm/Edmüller fin-
sive Aggressivität erkennen («Nach dem, was Sie bis- den für die beschriebenen M. teils zwar einfache Be-
lang gesagt haben, zeigen Sie Ihre mangelnde Fähigkeit, zeichnungen («Das-ist-mein-letztes-Wort-Trick»); im
zur Sache zu sprechen.» [128]), so daß sie sich eher zum Gegensatz zu anderen Rabulistiken entwickeln sie die
Gegenschlag als zur Konfliktlösung eignen. Phänomene aber auch in einiger Komplexität. Sie stel-
Auch der Ratgeber von G. Beck verfolgt vorgeblich len keine psychologisierenden Betrachtungen zur Ma-
das aufklärerische Ziel einer Offenlegung vermeintlich nipulierbarkeit an, gehen aber ausführlich auf Strategi-
geheimen Wissens. [129] Angesichts der postulierten en zur Widerlegung von M. ein.
Ubiquität der Manipulation findet Beck jedoch über Die modernen Kompendien von M. sind als Ratgeber
einen (ethisch irrelevanten) Wettbewerbsgedanken im Wesentlichen an den Prinzipien der Allgemeinver-
(«Warum nicht in diesem Pool von Manipulierenden ständlichkeit und der Anwendbarkeit orientiert. Dar-
der beste sein?») schnell von einer Defensiv- zur Offen- über hinaus stellen sie zudem ein gerne genutztes Mar-
siv-Rabulistik, die sich als solche bereits im Untertitel ketinginstrument dar. Will man der Textsorte gerecht
des Werks andeutet. [130] Dementsprechend gibt Beck werden, können die geringe Komplexität der Darstel-
keinerlei Anleitung zum Umgang mit M. Ihr Manipu- lung, kategoriale und terminologische Unschärfen, ein
lationsbegriff ist hinsichtlich der Akteurszentriertheit eklektizistischer Traditionsbezug oder die fehlende An-
und der Persuasionsabsicht gerade auch rhetoriktheo- bindung an den aktuellen Forschungsdiskurs den Ra-
retisch interessant: «‘Rhetorisch’ manipulieren bedeutet: bulistiken nicht zum Vorwurf gemacht werden. Auch
Ausgewählte Personen bewußt und zielgerecht zu ma- vereinzelte Falschdarstellungen, wie die Behauptung,
nipulieren unter Anwendung von Manipulationstech- das argumentum ad ignorantiam sei unter diesem Na-
niken nach einem vorgefaßten Plan.» [131] Rhetorik men schon «von antiken Rhetorikern» beschrieben wor-
wird hierbei generell mit Manipulation gleichgesetzt – den [141], sind in praxisorientierter Literatur nicht gra-
ein sachlich wie historisch fragwürdiges Rhetorikver- vierend. Fragwürdig ist jedoch, welchen praktischen
ständnis. [132] Beck will, wie E. Brendl, aktiv zum Ein- Nutzen die Rabulistiken erbringen können. Die Anein-
satz von M. anleiten und animieren; daher empfiehlt anderreihung von Argumentationsmustern leitet häufig
sie, zur Einübung von Manipulationsstrategien ein zu einer formelhaften Schlagfertigkeit in der Reaktion
Selbstverständnis als «Täter» einzunehmen und das Ge- an, ohne aber weiterführende Kompetenzen der Ge-
genüber als «Opfer», zumindest als «Übungsopfer», zu sprächsführung zu vermitteln.
betrachten. Mit dieser «realistischen Ehrlichkeit» soll
der Leser zu einer «Rhetorische[n] Distanz» angeleitet
werden, hinter der sich die Unterdrückung von Empa- Anmerkungen:
thie verbirgt. [133] Beck unternimmt keine Anstrengun- 1 vgl. generell B. Wirkus: Art. ‹Manipulation›, in: HWRh, Bd. 5
gen zur Systematisierung der vorgestellten Techniken. (2001) 930–945; H.-J. Dahme: Art. ‹Manipulation›, in: HWPh,
Neben traditionellen Mustern [134] benennt Beck Bd. 5 (1980) 726–729. – 2 vgl. J.A. Simpson (Hg.): The Oxford
English Dictionary, Bd. 9 (Oxford 21991) 319; P. Robert, A. Rey
auch neue Kategorien, wie die «Kontrasttechnik» (Hg.): Le grand Robert de la langue française, Bd. 6 (Paris
(d. i.: Anstellen von Vergleichen), die «Lügentechnik» 2
1985) 222; S. Battaglia (Hg.): Grande dizionario della lingua
(d. i.: Einsatz von Lügen) oder die «Impression Manage- italiana, Bd. IX (Turin 1975) 679f. – 3 Diderot Encycl. Bd. 10, 40
ment-Technik» [135], also die bewußte Steuerung der s. v. – 4 vgl. G. Wahrig, H. Krämer, H. Zimmermann (Hg.):
Rednerwahrnehmung, die als «Facework» auch Gegen- Brockhaus. Wahrig. Dt. Wtb., Bd. 4 (1982) 578; G. Drosdowski
stand neuester sozialpsychologischer Untersuchungen (Hg.): Duden, Bd. 5 (1994) 2191. – 5 vgl. den hervorragenden
ist. [136] Ihren rhetorischen Horizont bestimmt Beck Forschungsber. v. J.E. Mahon: The Definition of Lying and De-
folgendermaßen: «Achtung: Nicht die Grenze zur Nöti- ception, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Spring
2009, hg. von E.N. Zalta. Online verfügbar unter: http://pla-
gung überschreiten! Die Erfüllung strafrechtlicher Tat- to. stanford.edu/ archives/spr2009/entries/ lying-definition (Zu-
bestände ist nicht mehr rhetorisch.» [137] griff: 19.02.2010). – 6 Ch. Schorno: Autokommunikation (2004);
Eine sehr weite Manipulations-Definition vertreten Ch. Schorno, O. Kramer: Art. ‹Selbstüberredung›, in: HWRh,
auch Th. Wilhelm und A. Edmüller: «Unter Manipu- Bd. 8 (2007) 718–729; vgl. auch B.P. McLaughlin, A. Oksenberg
lation verstehen wir [...] einfach alle Arten von Verhal- Rorty (Hg.): Perspectives on Self-Deception (Berkeley 1988). –

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Manipulative Techniken Manipulative Techniken

7 vgl. Ch. Jørgensen: The Relevance of Intention in Argument (1995) 267–289; dies.: Fairneß beim Argumentieren: Argumen-
Evaluation, in: Argumentation 21.2 (2007) 165–174. – 8 vgl. A. tationsintegrität als Wertkonzept einer Ethik der Kommuni-
Baur, S. Wolf: Art. ‹Beweislast›, in: HWRh, Bd. 10 (2011) Sp. kation, in: Ling. Ber. 147 (1993) 355–382. – 83 H.D. Lasswell:
129–136. – 9 H.P. Grice: Logic and Conversation, in: P. Cole, J.L. The Theory of Political Propaganda, in: The American Political
Morgan (Hg.): Speech Acts (New York 1982) 41–58. – 10 Arist. Science Review 21 (1927) 627–631. – 84 N. Hortzitz: Die Spra-
Rhet. I, 2 (1356a5–6). – 11 Th. D. Beisecker, D.W. Parson (Hg.): che der Judenfeindschaft in der frühen Neuzeit (1450–1700)
The Process of Social Influence (Englewood Cliffs 1972) 219– (2005). – 85 M. Köppen, E. Schütz (Hg.): Kunst der Propaganda.
269. – 12 vgl. A. Bremerich-Vos: Populäre rhet. Ratgeber Der Film im Dritten Reich (22008). – 86 A. Pietsch: Tönende
(1991). – 13 vgl. J. Knape: Zwangloser Zwang, in: G. Ueding, Th. Verführung. NS-Propaganda durch Filmmusik (2009). – 87 V.
Vogel (Hg.): Von der Kunst der Rede und Beredsamkeit (1998) Klemperer: LTI [d. i.: Lingua Tertii Imperii] (192001). – 88 J.
54–69, hier 54 (Verweis auf den Verkaufserfolg der ‹Eristischen Kopperschmidt (Hg.): Hitler der Redner (2003). – 89 H. Mar-
Dialektik› A. Schopenhauers). – 14 vgl. J. Knape: Art. ‹Persua- cuse: Aggressivität in der gegenwärtigen Industrieges., in: ders.
sion›, in: HWRh, Bd. 6 (2003) 874–907, hier 874. – 15 Th. Enos (u. a.): Aggression u. Anpassung in der Industrieges. (1969) 13. –
(Hg.): Encyclopedia of Rhetoric and Composition (New York 90 G. Klaus, M. Buhr (Hg.): Philos. Wtb. (121976) 737. – 91 I.M.
1996); Th. O. Sloane (Hg.): Encyclopedia of Rhetoric (Oxford Copi, C. Cohen: Introd. to Logic (New York 81990) 92 (17 Ty-
2001). – 16 vgl. Knape [14] 889f. – 17 Quint. IV, 2, 119, 126f.; XII, pen); D.N. Walton: A Pragmatic Theory of Fallacy (Tuscaloosa,
9, 5. – 18 vgl. Knape [14] 877; G.A. Kennedy: Classical Rhetoric AL/London 1995) xii; 130–161. – 92 R.H. Thouless: Straight and
and Its Christian and Secular Tradition from Ancient to Modern Crooked Thinking (London 31958) 249–258; W.W. Fearnside,
Times (Chapel Hill 1980) 4–6. – 19 Knape [14] 888. – 20 vgl. W.B. Holther: Fallacy (Englewood Cliffs, NJ 1959). – 93 D.H.
Arist. Rhet. II, 24 (1402a23–27). – 21 Plat. Phaidr. 261d. – Fischer: Historians’ Fallacies (London 1971). – 94 Copi, Co-
22 Aug. Doctr. IV, II, 3. – 23 Diogenes Laertius VII, 44f., 82; vgl. hen [91]. – 95 Ch. L. Hamblin: Fallacies (London 1970; ND 1998
S. Ebbesen: Commentators and Commentaries on Aristotle’s mit Einl. u. Forschungsbibliogr.). – 96 ebd. 12 [Übers. Red.]. –
Sophistici Elenchi, 3 Bde. (Leiden 1981) 21–51. – 24 vgl. ebd. – 97 ebd. 19–49. – 98 ebd. 273–276. – 99 J. Woods, D.N. Walton:
25 vgl. L.M. de Rijk (Hg.): Logica Modernorum: A Contribution Fallacies. Selected Papers 1972–1982 (Dordrecht 1989; 22007). –
to the History of Early Terminist Logic, 2 Bde. in 3 Tbd. (Assen 100 ebd., xvi. – 101 F.H. van Eemeren, R. Grootendorst: Speech
1962/1967). – 26 L.-A. Dorion: Aristote. Les réfutations sophi- Acts in Argumentative Discussions (Dordrecht 1984, nl. 1982);
stiques (Paris 1995) 47–53; D. Hitchcock: The Origin of Profes- dies.: Fallacies in Pragma-Dialectical Perspective, in: Argumen-
sional Eristic, in: Th. M. Robinson, L. Brisson (Hg.): Plato. Eu- tation 1.3 (1987) 283–301; dies.: Argumentation, Communica-
thydemos, Lysis, Charmides (2000) 59–67. – 27 S. Wolf: A Sy- tion, and Fallacies (Hillsdale 1992). – 102 vgl. ebd. (1992). –
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24.1 (2010) 19–40. – 28 vgl. Arist. An. Pr. II, 16–19; Top. VIII, 1; in a Pragma-Dialectical Framework, in: Argumentation 14.3
Rhet. II, 24. Nicht erhalten sind die ‹Eristischen Lösungen›, die (2000) 293–305; dies.: Strategic Maneuvering, in: dies. (Hg.):
‹Sophistischen Einteilungen› und die ‹Eristischen Prämissen›, Dialectic and Rhetoric (Dordrecht 2002) 131–159; dies.: Stra-
die die antike Werkliste des Diogenes Laertius nennt (V 22–27; tegic Maneuvering: A Synthetic Recapitulation, in: Argumen-
Nr. 28/29/47). – 29 Arist. Soph. el. 1 (164a23f). – 30 ebd. 2 tation 20.4 (2006) 381–392. – 104 D.N. Walton: A Pragmatic
(165b7f.) u. ö.; vgl. Top. I, 1 (100b24–25). – 31 Arist. Soph. el. 4 Theory of Fallacy (Tuscaloosa/London 1995). – 105 D.N. Walt-
(165b26–27). – 32 ebd. 4 (166b21–27). – 33 ebd. 6 (168a17– on: Ad hominem Arguments (Tuscaloosa, AL 1998); ders.: Re-
169a21). – 34 ebd. 10 (170b12–171b2). – 35 ebd. 4 (165b24–30). – thinking the Fallacy of Hasty Generalization, in: Argumentati-
36 J. Woods: Lightening Up on the ad hominem, in: Informal on 13.2 (1999) 161–182; ders.: Deceptive Arguments Containing
Logic 27 (2007) 109–134. – 37 Arist. Soph. el. 4 (135b34–38) Persuasive Language and Persuasive Definitions, in: Argumen-
(Übers. Rolfes). – 38 ebd. 7 (169a22–24) (vgl. Kap. 19). – tation 19.2 (2005) 159–186; ders.: Poisoning the Well, in: Argu-
39 Arist. An. Pr. I, 1 (24a22–24). – 40 Arist. Soph. el. 24 mentation 20.3 (2006) 273–307. – 106 J. Woods: The Concept of
(179b23f.). – 41 vgl. ebd. 19–30, 33. – 42 ebd. 7 (169b14–17). – Fallacy is Empty, in: L. Magnani, P. Li (Hg.): Model-Based
43 ebd. 12 (172b16–24); ebd. 15 (174a17–18). – 44 ebd. (174a19– Reasoning in Science, Technology, and Medicine (2007) 69–90.
20); ebd. 33 (183b23–26). – 45 ebd. 15 (174a20–23). – 46 ebd. – 107 J. Woods: Seductions and Shortcuts: Error in the Cogni-
(174a23–26); vgl. Top. VIII, 1 (156a23–26). – 47 Arist. Soph. el. 6 tive Economy [unveröff. Ms., erscheint als Bd. 3 der Reihe ‹A
(168b6f.); vgl. ebd. 8 (169b28f.), 33 (182b22). – 48 vgl. Arist. Top. Practical Logic of Cognitive Systems›]. – 108 J. Wenzel: Perspec-
I, 2 (101a36-b2). – 49 vgl. 1 Tim. 6, 3f.; J. u. K. Lanz: Art. ‹Log- tives on Argument, in: J. Rhodes, S.E. Newell (Hg.): Dimensi-
omachie›, in: HWPh, Bd. 5 (1980) 489–491. – 50 vgl. Arist. Rhet. ons of Argument (Annandale, NY 1980) 112–133; ders.: Three
I, 1 (1355a38-b2). – 51 vgl. exempl. den platonischen ‹Euthyde- Perspectives on Argument. Rhetoric, Dialectic, Logic, in: R.
mos›. – 52 ebd. 34 (183b39–184a1) (Übers. Rolfes). – 53 ebd. – Trapp, J.E. Schuetz (Hg.): Perspectives on Argumentation
54 ebd. 15 (174a20); vgl. generell auch Top. VIII, 1. – 55 ebd. 1 (New York 2006) 9–26. – 109 Ch. W. Tindale: Acts of Arguing
(165a24–28). – 56 vgl. Arist. [48]. – 57 Arist. Soph. el. 17 (175a31– (Albany, NY 1999); R.H. Johnson: Manifest Rationality (Mah-
33); vgl. ebd. 11 (171b7–11). – 58 J. Locke: An Essay Concerning wah, NJ 2000). – 110 vgl. A. Bremerich-Vos: Rhet. Ratgeber für
Human Understanding, hg. v. P.H. Nidditch (Oxford 1975) 685– Beruf u. Alltag, in: HSK 31.2 (2009) 2320–2333. – 111 S. Wolf, R.
687. – 59 A. Schopenhauer: Der handschr. Nachlaß, hg. v. A. Baber: Art. ‹Verkaufsrhet.›, in: HWRh, Bd. 9 (2009) 1074–1082.
Hübscher, Bd. 3: Berliner Mss. (1818–1830) (1970) 675f. – 60 A. – 112 G. Beck: Verbotene Rhet. (2007); K. Bredemeier: Schwar-
Schopenhauer: Werke in fünf Bdn., Bd. 5 (Zürich 1988) 32 (Zur ze Rhet. (2004); W. Ruede-Wissmann: Auf alle Fälle Recht be-
Logik und Dialektik, § 26). – 61 Schopenhauer [59] 679–686. – halten. Dialektische Rabulistik (82000); W. Ruede-Wissmann:
62 ebd. 693 (Kunstgriff 36). – 63 ebd. 694 (Kunstgriff 38). – Satanische Verhandlungskunst u. wie man sich dagegen wehrt
64 Schopenhauer [60]. – 65 W.G. Hamilton: Parliamentary Lo- (72009). – 113 K.O. Erdmann: Die Kunst recht zu behalten
gick (London 1808); neuere Edition hg. v. C.S. Kenny (Cam- (1982) 42. – 114 ebd. 58–60; 94–99; 48. – 115 ebd. 64–71. –
bridge 1927), dt.: Die Logik der Debatte. Übers. u. hg. v. G. 116 ebd. 50. – 117 E. Brendl: Clever manipulieren (22004) 12–16.
Roellecke (41991). – 66 G. Roellecke: Nachw., in: Hamilton [65] – 118 ebd. 30–36, hier 30. – 119 ebd. 99–144. – 120 R. Lay: Ma-
91–122, hier 115f. – 67 ebd. 119f. – 68 Arist. Top. I, 14 (105a34- nipulation durch die Sprache (1977; 51981). – 121 ebd. 17. –
b15). – 69 Hamilton [65] Bem. Nr. 189 der Orig.ausg./dt. Ed. 122 ebd. 167–260. – 123 ebd. 157f.; 160; 161f.; 162–164 (Regeln 1,
(Roellecke) S. 11; vgl. Nr. 430/S. 23. – 70 ebd. Nr. 385/S. 46. – 3, 5, 6). – 124 ebd. 66–144. – 125 ders.: Dialektik für Manager
71 ebd. Nr. 89/S. 13. – 72 ebd. Nr. 366/S. 37. – 73 ebd. Nr. 404/S. 11. (1974; 202003) 132–150, hier 134. – 126 ebd. 141f.; 145f.; 135, 137.
– 74 ebd. Nr. 244/S. 15. – 75 vgl. Arist. Rhet. III, 18 (1419b3). – – 127 ebd. 148f. – 128 ebd. 136. – 129 Beck [112] 8. – 130 ebd. 9. –
76 J. Bentham: Handbook of Political Fallacies, hg. v. H.A. 131 ebd. 10. – 132 vgl. hierzu ebd. 11f. – 133 ebd. – 134 ebd. 281–
Larrabee (Baltimore 1952) 3 [Übers. Verf.]. – 77 ebd. 17–42; 291; 249–256. – 135 ebd. 230–234; 235–238; 207–217. – 136 E.
43–53; 76–80. – 78 ebd. 129f.; 214–218. – 79 ebd. 5. – 80 ebd. 229– Goffman: Interaktionsrituale (51999); H.D. Mummendey: Psy-
234. – 81 ebd. 12–16. – 82 M. Schreier, N. Groeben, U. Christ- chol. der Selbstdarstellung (21995); J.T. Tedeschi: Impression
mann: «That’s Not Fair!» Argumentational Integrity as an Management Theory and Social Psychol. Research (New York
Ethics of Argumentative Communication, in: Argumentation 9 1984). – 137 Beck [112] 311. – 138 T. Wilhelm, A. Edmüller: Ma-

647 648
Medienrhetorik Medienrhetorik

nipulation. Das Trainingshb. (2005) 7. – 139 Copi, Cohen [91] genstände neuerer Medientheorien unter anderen Be-
97–100. – 140 Wilhelm, Edmüller [138] 104–108; 183–188; 195– griffen als dem der ‹Medien› verhandelt. Deshalb
201; 214–223. – 141 Beck [112] 250. scheint es zu Beginn einer Reflexion über M. geboten,
die zentralen, einander teils ergänzenden, teils wider-
Literaturhinweise: sprechenden Praktiken, Theorien und Philosophien in
M. Kellermann: Suggestive Kommunikation (1997). – J.A. einer Auswahl kurz ordnend vorzustellen.
Alt: Richtig argumentieren (2000). – K.-H. Anton: Mit List u. Die expliziten Bezüge ausgewiesener Medientheori-
Tücke argumentieren (22001). – S.G. Schreiber: Aristotle on
False Reasoning (Albany, NY 2003). – H. Schleichert: Wie man
en und Medienphilosophien auf die Rhetorik sind eher
mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu schwach ausgeprägt und beschränken sich in der Regel
verlieren (42004). – M. Pirie: How to Win Every Argument auf Teilbereiche (wie etwa die elocutio und hier beson-
(London 2006). – R.B. Cialdini: Die Psychol. des Überzeugens ders die Figurenlehre). Vergleichbar klein bleibt auch
(52007). – H. Stein: Immer Recht haben! (2008). – A. Thiele: die Reichweite jener Theorien, die mit dem Anspruch
Argumentieren unter Streß (62009). antreten, Rhetorik als Medientheorie nutzbar zu ma-
chen: Auch sie beziehen sich vor allem auf wenige Teil-
S. Wolf bereiche der Rhetorik und adressieren oft nur bestimm-
te (Massen-)Medien wie Radio oder Fernsehen und
^ Agonistik ^ Argument ^ Argumentatio ^ Argumentation
^ Beweis ^ Debatte ^ Dialektik ^ Elenchos ^ Eristik ^
nicht ‘die Medien’ in einer weitergehenden Konzeption.
Fallazien ^ Fangfrage, -schluß ^ Manipulation ^ Polemik ^ Am Beispiel einiger Filmrhetoriken läßt sich dies auf-
Propaganda ^ Psychagogie ^ Überredung/Überzeugung ^ zeigen.
Verkaufsrhetorik In einem weiteren Schritt soll untersucht werden, ob
und wie sich die Rhetorik selbst in ihrem ganzen Ge-
präge auf Medien beziehen läßt. Hierzu wird die Klas-
sische Rhetorik als Medientheorie vor dem Medienbe-
Medienrhetorik griff konzipiert und anschließend als eine mögliche
A.I. Def. – II. Das Verhältnis von Medientheorie und M. – B. Basistheorie der Medientheorie entworfen, die zur Pro-
Historische Bezüge zwischen Medientheorien/-philosophien duktion, zur Analyse und zum Verständnis von Medien
und Rhetorik. – C. Zur Rhetorik als Basis der Medientheorie: I. beitragen könnte. Am Beispiel von Werbeplakaten und
Rhetorik als ‹Medientheorie vor dem Medienbegriff›. – II. Ge- Unterhaltungskino soll kurz aufgezeigt werden, wie be-
genstandsbereiche einer rhetorischen Basistheorie: 1. Werbe- stehende Forschungsdesiderate der Medientheorien mit
plakat. – 2. Unterhaltungskino. – 3. Neue Medien.
den Mitteln der Rhetorik adressiert werden könnten.
A. I. Def. Bei dem Begriff ‹M.› handelt es sich um ei- Abschließend formuliert ein Ausblick mögliche For-
nen dt. Neologismus, bei dem der erste Wortbestandteil schungsfragen angesichts elektronisch-digital basierter
(pl. Medien, sing. Medium) auf lat. medium (Mitte), me- Medien und ihrer Nutzungsszenarien.
dius (dazwischen befindlich) zurückgeht und mit dem B. Historische Bezüge zwischen Medientheorien/-phi-
griech. méson verwandt ist. Der Begriff medium wird in losophien und Rhetorik. Die Überlieferungen und Bild-
der Rhetorik u. a. auch als Bezeichnung des mittleren zeugnisse frühgeschichtlicher wie antiker Gesellschaf-
Stils in den genera dicendi verwendet. Bei Aristoteles ten sind nicht nur selbst medial vermittelt, sondern neh-
meint metaxu das zwischen dem Gegenstand und der men bereits in Teilen Bezug auf diese Medien: So lassen
menschlichen Wahrnehmung Vermittelnde. [1] Histo- sich z.B. alttestamentarische Gebote zur Verwendung
risch ist eine Vielzahl von fachspezifischen Bedeutun- von Bildern oder antike Dichtungen über die Wirk-
gen zu konstatieren: vom Begriff für physikalische macht des Gesangs (Hesiod) als erste Reflexionen über
Grundelemente ab dem 17. Jh. bis zur Nebenbedeutung das Wesen dieser Medien deuten. Das Aufkommen der
als Geistermedium seit der Theosophie des 18. Jh. Bei Schrift und ihre wachsende Bedeutung markiert hierbei
Grimm findet sich kein eigener Eintrag; medium wird einen Wendepunkt in der Medientheorie: In Platons
jedoch in verschiedenen Lemmata aufgeführt. Die bis in Dialog zwischen Sokrates und Phaidros 348 v. Chr. wer-
die Gegenwart reichende Vielfalt und Unschärfe in der den mündliche Kommunikation, Malerei und Schrift
Verwendung des Medienbegriffs ist u. a. dem in der Sa- erstmals eingehend miteinander verglichen und in ihren
che selbst unscharfen, relational definierten (als «da- Vorzügen und Nachteilen diskutiert; dabei werden der
zwischenliegenden») Gegenstand geschuldet. [2] Schrift Defizite gegenüber der Rede unterstellt.
Das Kompositum ‹M.› wird 1987 bei M.M. Nickl zur Mit dem Aufkommen einer systematisch betriebenen
programmatischen Umschreibung der Journalistik ver- Rhetorik steht in ihr die gesprochene Rede im Mittel-
wendet [3] und 1995 bei J. Häusermann als «technisch punkt der medienspezifischen Betrachtungen, wobei
vermitteltes Reden» definiert. [4] Es findet sich zudem einzelne Autoren durchaus auf das Schreiben und die
als Titel eines von J. Knape 2005 herausgegebenen Sam- Schrift Bezug nehmen, wie etwa Quintilian, wenn er
melbandes mit Beiträgen, die sich aus rhetorischer Per- die Rolle des schriftlich fixierten Entwurfs für die me-
spektive mit Medien beschäftigen; mit dem Begriff ‹M.› moria diskutiert oder die Unterschiede zwischen gehal-
wird die These verknüpft, daß «Medien in ihrer Eigen- tenen und veröffentlichten Reden thematisiert. [7] Den-
schaft als Medien rhetorische Effekte entfalten». [5] noch wird das Schreiben in diesen Zusammenhängen
Hiervon abzugrenzen ist der Begriff der ‹Medialrheto- vor allem als ein Hilfsmittel der Rhetorik gesehen und
rik› als Disziplin, die «sich mit den rhetorikrelevanten beansprucht eine geringere Aufmerksamkeit als bspw.
Problemen der Medialität» beschäftige. [6] in den antiken Texten zur Dichtkunst und ihren Poeti-
II. Das Verhältnis von Medientheorie und M. Der Be- ken.
griff ‹Medien› wird in den wissenschaftlichen Diszipli- Als weiterer früher Gegenstandsbereich der Medi-
nen, die sich mit ihm befassen, sehr unterschiedlich ver- entheorie läßt sich das Bild ausmachen. Neben Texten
wendet. So etwas wie eine gemeinsame Begriffstraditi- über spezifische Teilaspekte des Bildes wie die Farben
on, auf die alle Medientheorien aufbauen, gibt es nicht. (Demokrit) oder die Bühnenmalerei (Agatharchos),
Zudem werden in vergangenen Jahrhunderten die Ge- führen Anekdoten und philosophische Betrachtungen

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Medienrhetorik Medienrhetorik

über die Ähnlichkeit zwischen Malerei und Natur (wie Sprache als Medium des Gedankens nach. Beide Ge-
in der Geschichte um die Wette von Parrhasios und Zeu- genstandsbereiche werden in den kommenden Jahr-
xis) zu einer Reflexion über die Bedeutung, die Benut- zehnten in der Philosophie weitergeführt, so bei S. Kier-
zung und den Stellenwert des Bildes als Medium. In kegaard, der bereits einen avancierteren Medienbe-
philosophiehistorischer Perspektive ist hierbei ein ge- griff einführt und verschiedene Künste als Medien der
meinsamer Ursprung von Rhetorik und Bildtheorien im Idee ausmacht. Der Bezugsrahmen dieser Theorien ist
sophistischen Konzept der Téchnē zu konstatieren [8], dezidiert unrhetorisch; bis hin zu W. Benjamin dient
der jedoch in den Produktionstheorien der Antike selbst als Hintergrund solcher philosophisch-medientheoreti-
nicht konzeptionell gefaßt ist. Die genannten Bildtheo- schen Betrachtungen das Kunstsystem. [12] Die Ge-
rien stehen auch nach Entwicklung einer systematischen schichtsteleologien von G.W.F. Hegel und folgend F.
Rhetorik nicht im direkten Zusammenhang mit ihr, sind Nietzsche und K. Marx teilen mit der Rhetorik ledig-
jedoch stets vor dem Hintergrund einer ubiquitär rhe- lich die Gesellschaft als gemeinsamen Bezugsrahmen.
torisch bestimmten Umwelt zu sehen: Architektur, Ma- Eine ganze Reihe von Medientheorien im 20. Jh. fußen
lerei und darstellende Künste unterliegen, wie andere hierauf: Sowohl T.W. Adornos und M. Horkheimers
Belange des öffentlichen Lebens auch, dem decorum normativ-negative Betrachtungen der Mediengesell-
selbst dort, wo es nicht explizit formuliert wird. Dieser schaft als auch spätere Positionen wie die von H.M. En-
‘blinde Fleck’ gegenüber der eigenen Kultur kann auch zensberger und von N. Postman verdanken sich dieser
zur Erklärung dafür herbeigezogen werden, warum kei- Sichtweise. U. Eco kritisiert 1964 in einer Wiederauf-
ne ausdrücklichen Bildrhetoriken größeren Umfangs nahme einiger Gedanken W. Benjamins die ideologisch
aus der Antike überliefert sind. Bis zur Spätantike bil- imprägnierten Positionen der ‹Frankfurter Schule›. Er
den sich auf diese Weise zwei nebeneinanderstehende verweist als erster auf die Notwendigkeit, Produkte der
Traditionen aus, die bis in die frühe Neuzeit hinein na- Massenmedien, ihre Formen und ihren Gebrauch ge-
hezu unverbunden bleiben: auf der einen Seite die theo- naueren Analysen zu unterziehen, ohne diese Befunde
logisch oder philosophisch fundierten Theorien des in gesellschaftskritischer Absicht zu verallgemeinern.
Schönen – auf der anderen die Anweisungsästhetiken Damit wertet er sie – wenn auch vor dem Hintergrund
und Produktionstheorien einzelner Künste oder Téch- des Kunstsystems – als Untersuchungsobjekte auf und
nai wie die der Rhetorik. [9] erweitert den Gegenstandsbereich der Philologie auf
Im Mittelalter finden sich diverse mediale Praktiken, massenmediale Erzeugnisse. Doch bleiben seine Ana-
die sich in das Korpus der Medientheorien weniger lysen vor allem frühe Beispiele für eine dann in den Cul-
prägnant einschreiben. Performanzerfahrungen, bspw. tural Studies weitergeführte Form der Rezeptions-
in der Kirchenmusik, ebenso wie soziale Pragmatiken ästhetik – zu einer deutlichen Vorform einer rhetorisch
und Rollen, die als mittelalterliche Medien verstanden informierten Produktionsästhetik werden sie nicht wei-
werden können [10], sind jedoch im Hintergrund prä- terentwickelt, obschon dies 1972 in seiner ‹Semiotik› zu-
sent, als in der frühen europäischen Neuzeit antike Me- mindest noch als Desiderat anklingt.
dientheorien und -philosophien vor allem als Teil von Einen weiteren wichtigen Strang unter den Medien-
Rhetoriken und anderen Anweisungsästhetiken (wie ontologien des 20. Jh. stellen die Arbeiten der sog. ‹Ka-
etwa Vitruvs Traktat zur Architektur) wieder in die Dis- nadischen Schule› dar (u. a. H.A. Innis, E.A. Havelock,
kurse einfließen. Zentral stellt sich hierbei die Schlie- W.J. Ong, J. Goody, M. McLuhan, D. deKerckhove).
ßung der als Differenz empfundenen Beziehung zwi- Ihnen geht es vor allem um eine gesamthafte, von der
schen künstlerischer Theorie und Praxis dar, wie etwa in Entwicklung der Medien abgeleitete Kulturgeschichte.
den Debatten um das disegno. Die sich dabei vollziehen- Die Untersuchung der Entwicklung und Erfindung von
de Auseinandersetzung mit Kunstwerken und Medien Medien wie der Schrift und dem Buchdruck führt hier
wird dabei aus einer hochgradig rhetorisch informierten zur Perspektive, daß und wie Medien den kulturge-
Perspektive betrieben. Bis zur Ablösung der Rhetorik schichtlichen Verlauf als solchen geprägt und mitbe-
als Leitwissenschaft ab Mitte des 18. Jh. sind damit viele stimmt haben. Medien, so die Vorstellung, prägen den
Ästhetiken Europas praxisbasierte Anweisungsästheti- Inhalt und die Gestalt des von ihnen übermittelten Wis-
ken, die rhetorisch verortet werden können. sens – hierin läßt sich eine Anschlußstelle zur Klassi-
Die ersten dezidierten Medienphilosophien hinge- schen Rhetorik sehen, die jedoch von den Autoren der
gen, die ab 1750 einen eigenen Begriff und Diskurs der Kanadischen Schule nicht explizit genutzt wird. J.
Medien begründen, wie etwa von G.E. Lessing und J.G. Baudrillards Medienphilosophie über die Medien als
Herder, sind antirhetorischen Ästhetiken wie dem Verflechtung historischer Entwicklung ebenso wie F.
Idealismus zuzuordnen. Sie sind als Teil einer ideen- und Kittlers Darstellung der Zusammenhänge von Krieg
philosophiegeschichtlichen und nicht als Teil der anwei- und Medienentwicklung fußen auf diesen Ansätzen.
sungsästhetischen und rhetorischen Tradition zu ver- Auch Knapes Thesen zur ‹M.› 2005 beziehen sich auf die
stehen. Nicht wenige Geschichtsschreibungen der Me- Medientheorie McLuhans und deuten den von ihm auf-
dientheorie im 20. Jh. setzen aus diesem Grund implizit gespannten Rahmen rhetorisch aus. Dabei wird bereits
mit dem Niedergang der Rhetorik ein, und das Wissen als Desiderat benannt, daß das rhetorische Kalkül des
rhetorisch verfaßter ‹Medientheorien vor einem Medi- Redners in der Auswahl seiner Medien noch nicht aus-
enbegriff› gerät dadurch in Vergessenheit. Da sich die reichend erforscht sei. [13]
Mediendiskurse im 20. Jh. jedoch weitgehend auf die Nehmen die oben genannten Theorien eine Makro-
Medientheorien und -philosophien nach 1750 berufen, perspektive ein, so nähern sich eine Reihe von Medi-
sollen ihre zentralen Vertreter kurz umrissen und in ih- enpraktiken und Einzelmedienontologien im 20. Jh.
ren verständlicherweise nur schwach ausgeprägten Be- aus der Mikroperspektive je einem Medium an (u. a. B.
zügen zur Rhetorik dargestellt werden. Während G.E. Balázs, B. Brecht, S. Eisenstein, R. Arnheim, S. Kra-
Lessing den Unterschied zwischen Sprache und Bild be- cauer). Kaum eine dieser Film-, Radio- oder Fernseh-
leuchtet und hierbei auf ihre in Zeit und Raum definier- theorien, Theorien digitaler Medien sowie Anweisungs-
ten Qualitäten verweist [11], geht J.G. Herder der ästhetiken zu einzelnen Medien formuliert hierbei je-

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Medienrhetorik Medienrhetorik

doch den Anspruch, eine Medientheorie von größerer Analogie zwischen Sprache, Text und Film bleiben da-
Reichweite auszubilden. Vielmehr bleiben diese Arbei- bei jedoch ungelöst. Ein eher pragmatisches, an die sei-
ten auch disziplinär einem kleineren Untersuchungsfeld nerzeit üblichen ‘Filmgrammatiken’ angelehntes Kon-
verhaftet. Erst mit dem Aufkommen digitaler Medien zept der Filmrhetorik skizziert J. Harrington 1973 in
scheint wieder das Bedürfnis zu wachsen, von einzelnen ‹The Rhetoric of Film›: Er geht davon aus, daß die Rhe-
Medien aus auf gesamtmediale Zusammenhänge zu torik des Films aus dem Zusammenspiel seiner Teilbe-
deuten. Ein Beispiel hierfür ist V. Flusser, der einzelne reiche und ‘-grammatiken’ entstehe. 1983 schließlich
Massenmedien wie Film, Photographie und Internet aus legt N.R. Clifton eine umfassende, entlang rhetorischer
der Perspektive der Neuen Medien untersucht und ihre Kategorien organisierte Figurenlehre des Films vor. [20]
Medienkultur [14] schließlich wieder zurück an eine Phi- Bemerkenswert ist, wie unverbunden diese Positionen
losophie der Kommunikation bindet. bleiben: Keiner der genannten Autoren führt einen der
In der ersten Hälfte des 20. Jh. kommt es parallel zu anderen Beiträge als Quelle auf. Etwa zeitgleich ent-
den neuen Einzelmedienontologien auch zu einer neu- steht in Deutschland eine neuerliche Beschäftigung mit
erlichen Renaissance der analytischen Rhetorik: Radio, der Rhetorik im Film vor dem Hintergrund der Film-
Zeitung, Werbung, Film und Fernsehen werden zuneh- philologie. Insbesondere H. Barths Studien zur (Re)–
mend auch rhetorisch ausgedeutet. Den Bezugsrahmen Konstruktion früher Spielfilme legen hierbei ein elabo-
hierfür stellt eine verkürzte Sichtweise der Rhetorik zur riertes konzeptionelles Verständnis von Film als Hand-
Verfügung, die sich vor dem Hintergrund der persuasio lungsraum rhetorischer Produktion vor. [21] Dieser
zumeist in der Analogie zur gesprochenen Rede und der Rahmen scheint sich mit K. Kanzogs ‹Grundkurs Film-
Analyse rhetorischer Figuren erschöpft. Gemeinsam ist rhetorik› 2001 wieder zu verengen; der Filmphilologie
diesen Analysen, daß zwei zentrale rhetorische Bezugs- und ihrer Betrachtungsweise von Film als Text bleiben
systeme verwendet werden, in welche die frühneuzeit- mediale Grenzen gesetzt. [22]
lichen ‘Medien’-Debatten und Pragmatiken der Hoch- Keine der genannten Filmrhetoriken geht dezidiert
zeit der Rhetorik zwischen 1400 und 1800 zunächst nicht auf die rhetorischen Spezifika des Mediums Film bzw.
oder nur in kleineren Anteilen einfließen: eine histo- Kino ein: Der Einsatz von Affektbildern als Schauwert,
risch fundierte Klassische Rhetorik der Antike und eine die Varianz der Audiovisualität und ihrer Erzählmuster,
der strukturalistischen Linguistik verpflichtete, syste- die Narrationstopoi der Filmhandlung werden behan-
matische Rhétorique Générale. Die auf der New Rhetoric delt, als seien sie frei von rhetorischen medialen Vor-
basierende, etwas weiter gefaßte anglo-amerikanische gängern und am ehesten in einer direkten Analogie zur
Perspektive auf ‹Rhetorical Dimensions in Media› [15] klassischen elocutio zu beschreiben. Daß und wie jedoch
wiederum betreibt in diesem Kontext mehr oder weni- die wirkungsintentionale Planung und Umsetzung mul-
ger Publizistik- und Kulturwissenschaft. timedialer Ereignisse keine Erfindung des 20. Jh. dar-
Ein umfassender Rückgriff auf den medienprakti- stellt, sondern vielmehr auf eine lange Rhetorikge-
schen Zugang der Rhetorik in der Antike und der Re- schichte von Kirchenmusik, Inthronisationsfeier, Oper
naissance findet somit erst in neuerer Zeit statt; so weist usw. zurückblicken kann, gerät hierbei nicht ins Blick-
N.J. Koch 2007 schließlich darauf hin, daß «die antike feld. Erst neuere Beiträge zur Design- und Filmrhetorik
Produktionstheorie [...] als die systematische Schnitt- seit Mitte der 1990er Jahre nehmen sich dieser Perspek-
stelle zwischen Rhetorik und Kunsttheorie» [16] be- tive vereinzelt an. [23]
trachtet werden kann, was die Konzeption einer Rhe- C. Zur Rhetorik als Basis der Medientheorie. I. Rhe-
torik als Beitrag zu einer umfassenden Medientheorie torik als ‹Medientheorie vor dem Medienbegriff›. Eine
möglich macht. historische Konzeption der Rhetorik als ‹Medientheorie
Mit dem Wiedererstarken der Rhetorik als Disziplin vor dem Medienbegriff› muß, wie weiter oben ausge-
ab der ersten Hälfte des 20. Jh. gehen erste Versuche führt, ihren Anfang in der Konzeption der Téchnē neh-
einher, einzelne Medien außerhalb der Rede rhetorisch men und damit in der Medienvielfalt der Antike, deren
zu deuten. Dabei bleiben diese Beiträge disparat und Einsatz durch diverse Kunsttheorien und Teilgebiete
untereinander unverbunden und weisen zu keiner um- der Rhetorik organisiert wird. Wie sich die Medien hier-
fassenden Rhetorik der Medien. Einzelne Beiträge be- in spezifisch verhalten, wird in diesen Theorien vor al-
fassen sich mit der politischen Rhetorik in Massenme- lem implizit verhandelt – im Vordergrund steht die Me-
dien – insbesondere der Propaganda –, andere widmen dienpraxis. Grundsätzlich liefert die Rhetorik damit den
sich in Folge dessen der Werbung. Bereits erwähnt wur- Rahmen für eine Medientheorie, die beschreibt, daß
de die eingeschränkte Sicht solcher Medienrhetoriken und wie die Medien integraler Bestandteil kommuni-
auf die Pragmatik der Klassischen Rhetorik: Komplexe kativer Praktiken sind. Medienspezifische Rhetoriken
Wissensbestände werden auf die elocutio oder die partes scheinen dabei insbesondere die Affektenlehre, die ac-
orationis verkürzt. Paradigmatisch läßt sich dies an den tio, die Lehre vom decorum sowie die ars memoriae be-
Filmrhetoriken des 20. Jh. aufzeigen: 1946 postuliert reitzustellen. Das leitende Prinzip im Einsatz von Me-
N.R. Clifton in einem Aufsatz in ‹Etc. A Review of dien ist hierbei das der Wirkungsintentionalität. Das
General Semantics› erstmals eine Verbindung zwischen zielgerichtete Handeln mit und durch Medien richtet
rhetorischen Figuren und Film [17]; weder in der Film- sich nach ihr aus und wird vor ihrem Hintergrund theo-
wissenschaft noch in der Rhetorik wird sein Beitrag nen- retisch reflektiert. [24]
nenswert rezipiert. Dasselbe gilt 1967 für O.B. Hardi- Eine systematische Konzeption der Rhetorik als
sons These einer umfassenden rhetorischen Wirkungs- mögliche Basistheorie der Medientheorien muß folge-
intentionalität im Film, anhand derer er das Handwerk richtig ihren Anfang in der spezifischen Beziehung zwi-
von Filmregisseuren beschreibt. [18] Als Seitenzweig schen Theorie und Praxis in der Téchnē nehmen. Das im
der in den 1960er Jahren erstarkenden Zeichentheorie historischen Überblick kurz aufgerufene Unterfangen,
thematisieren einige Autoren (u. a. Chr. Metz) eine in der frühen Neuzeit die Lücke zwischen künstlerischer
Rhetorik des Films in Abgrenzung zu seiner Gramma- Theorie und Praxis durch das Heranziehen antiker An-
tik [19]; grundsätzliche definitorische Probleme der weisungsästhetiken zu schließen, läßt sich als ein solcher

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Medienrhetorik Medienrhetorik

Versuch deuten, den Umgang mit Medien durch Theo- konzipierten Films zuweilen von seiner Erzählform oder
rien zu reflektieren. So wie die oratores der Antike die Ästhetik irritiert – sie reagieren intuitiv richtig auf die
Reden anderer oratores analysieren, um bessere Redner mangelhafte rhetorische Passung in einem anderen Me-
zu werden, beziehen sich auch in der Renaissance An- dium. Gleiches gilt für Fernsehausstrahlungen von
schauung, Reflexion und Praxis im Umgang mit Medien Theateraufführungen usw. Die medienspezifische Rhe-
aufeinander. Die Rhetorik, wie sie im 20. Jh. ‘neu ent- torik greift hier derart dominant in die ‘Produktion des
deckt’ und gelehrt wird, hat diesen Praxisbezug nicht Textes’ ein, daß sich anhand des fertigen Artefakts nur
oder nur in einem begrenzten Umfang realisiert. Sie schwerlich überhaupt noch getrennt von Text und Me-
wird vor allem als Instrument der historischen oder her- dium sprechen läßt. Text und Medium sind in diesen
meneutischen Analyse gedeutet, nicht als gegenwärtige rhetorischen Mechanismen derart stark ineinander ver-
Anweisungsästhetik. Eine Rhetorik als Basistheorie der woben und aufeinander bezogen, daß zu ihrer rhetori-
Medientheorie müßte daher historisch in den rhetori- schen Analyse weitere und andere Kategorien als die
schen Praktiken der Antike und der Renaissance anset- von ‹Text› und ‹Medium› vonnöten sind. Eine Fülle rhe-
zen, um diese praxisbezogene Kompetenz zu entfalten, torischer Medienwirkungen wie etwa die präsentativen
und sie müßte sich empirisch mit heutigen Medienprak- Affekttechniken im Kinofilm, die synästhetischen Sti-
tiken und ihren expliziten wie impliziten Wirkungsin- muli des Singspiels, die politische Wirkmacht des Radi-
tentionalitäten beschäftigen, um ihren Gegenstandsbe- os, die Immersionserfahrungen der augmented reality
reich zu erfassen. u. a. weisen in diese Richtung.
Bestehende rhetorische Konzepte, die Medien vor Zugespitzt könnte man zusammenfassen: Die her-
allem als vermittelnde Instanz zwischen Texturen und meneutische Trennung zwischen Text und Medium hat
Mediensystemen annehmen [25], sind zu dieser empiri- in der rhetorischen Praxis keine Entsprechung. So er-
schen Sicht nur bedingt in der Lage. Zwar können sie scheint es notwendig, aus rhetorischer Perspektive ein
medienspezifische rhetorische Wirkungen von denen neues Verständnis von Medien zu entwickeln, das über
des Textes abgrenzen, indem sie z.B. die Medien als per- die funktionale Beziehung zum Text hinausgeht und
formative Umsetzung des Textes verstehen. [26] Aber Medien selbst als Bestandteile des rhetorischen Kalküls
die hierfür notwendige Unterscheidung auf der Analy- versteht. Hierzu müßte die rhetorische Praxis der Me-
seebene zwischen Text und Medium führt zu drei Pro- dienproduktion nicht in erster Linie hermeneutisch ge-
blemen. deutet, sondern empirisch analysiert werden. Die Rhe-
Erstens ist grundsätzlich in Frage zu stellen, ob und in torik liefert dafür mit dem Konzept der Wirkungsinten-
welchem Ausmaß sich der Begriff ‹Text› (vor allem in tionalität rhetorischen Handelns und der Verschalung
seiner unspezifischen Verwendung) überhaupt eignet, von Theorie und Praxis die passenden Werkzeuge.
um komplexe rhetorische Artefakte wie Tafelbilder, Wenn man dem Primat der Wirkungsintentionalität
Unterhaltungsfilme oder Radiowerbung angemessen zu von Medien folgt, muß des weiteren deutlich sein, daß
beschreiben. die Wirkungsintentionalität nicht immer bewußt durch
Zweitens zeigt ein Blick in die rhetorische Praxis, daß die Produzenten der Medien ausgestaltet wird. Als rhe-
die Produzenten rhetorischer Artefakte nicht in der von tor kann ebenso ein bewußt handelnder orator aktiv sein
den oben genannten Theorien konzipierten Art zwi- wie z.B. ein unbewußt handelndes Kollektiv in einem
schen ‹Text› und ‹Medium› unterscheiden. Die Ent- arbeitsteiligen Prozeß (wie dem Filmemachen). Da
scheidung für ein Medium ist anderen rhetorischen nicht hinter jeder Mediennutzung ein empirischer orator
Operationen in der Produktion mitunter kategorial steht, kann das Medium prinzipiell als Realisationsform
gleichgesetzt, etwa wenn ein Grafikdesigner eine Visi- einer durch eine rhetor-Funktion avisierten spezifischen
tenkarte gestaltet und im selben rhetorischen Prozeß die Wirkung angenommen werden. [27] Zur Erläuterung
Entscheidungen für ein bestimmtes Papier (das Medi- lassen sich die Produktion und die Analyse von Medien
um) wie für den Firmennamen, die Farben und die als ein Kreislauf verstehen: Bei der Produktion gestalten
Schrifttype (die Elemente des ‘Textes’) trifft. Medium, rhetores (bewußt oder unbewußt) mittels ihrer rhetori-
Text und Gestaltung sind hier nicht kategorial geschie- schen Werkzeuge ein Medium, das auf die Adressaten
dene Sphären, denen unterschiedliche rhetorische Prag- Wirkung ausübt. Die Analyse vollzieht diesen Weg nun
matiken zugeordnet werden können. Eine künstliche rückwärts und schließt aus den beobachteten Wirkun-
Trennung von Text und Medium hilft deshalb wenig, gen auf die wirkungsintentionalen Mittel im Medium
den rhetorischen Produktionsprozeß ordnend vorzu- und die zu ihrer Realisierung notwendigen Werkzeuge.
stellen und zu analysieren. Eine Rhetorik als Medien- Die ‘tatsächlichen’ Wirkungsabsichten der rhetores las-
theorie müßte dies berücksichtigen und sorgfältig em- sen sich jedoch auf diesem Wege nicht nachvollziehen:
pirisch untersuchen, welche gestalterischen Regeln im Ob sie unbewußt oder absichtlich handelten, läßt sich
Produktionsprozeß zur Anwendung kommen und sie nur (mehr oder minder plausibel) vermuten. Sehr wohl
unabhängig von der hermeneutisch-analytischen Tren- nachvollziehen jedoch lassen sich die im Medium reali-
nung von ‘Medium’ und ‘Text’ benennen. sierten Wirkungsintentionen, weshalb man als deren
Drittens ist festzustellen, daß sich bestimmte rheto- Ausgangspunkt eine immaterielle rhetor-Funktion an-
rische Regeln erst im Zusammenspiel zwischen Medien nehmen kann – sozusagen eine fiktive Produktionsin-
und ihren Texturen entwickeln und daher beiden Sphä- stanz, der man absichtliches rhetorisches Handeln un-
ren wechselseitig zugeordnet werden müssen. So zieht terstellt. Die aus dieser Analyse abgeleiteten Regeln
bspw. die mediale Entscheidung, einen Spielfilm im ste- können alsbald wieder in einem nächsten Schritt zum
reoskopischen Verfahren zu realisieren, eine ganze Ket- (bewußten) rhetorischen Produktionswerkzeug eines
te (bild)gestalterischer rhetorischer Regeln nach sich, rhetor werden und sich im nächsten Medium realisieren.
die das Instrumentarium der Filmemacher maßgeblich So läßt sich z.B. beobachten, daß ein in Signalrot ge-
auch auf der Ebene des Inhalts und seiner Form bestim- staltetes Warnschild Aufmerksamkeit erzeugt; und
men. Aus diesem Grund zeigen sich Filmzuschauer von ohne zu wissen, ob den Gestaltern die darin wirksame
2D-Vorführungen eines für die Stereo–3D-Projektion rhetorische Regel – «Signalrot erzeugt Aufmerksam-

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Medienrhetorik Medienrhetorik

keit» – auch bewußt war, kann man diese Regel als Pro- setzt. Aus der Anschauung wird eine Anweisungsäs-
duzent bei der Gestaltung eines eigenen Warnschildes thetik formuliert. Solcherart Offenlegungen und ihre
anwenden. anschließende Nutzung als Anweisungs- und Regeläs-
Der Umgang mit Rede, Schrift und Bild, Musik, thetiken sind im Zuge disziplinärer Professionalisierun-
Raum, Geruch etc. wäre damit auch dann per se rheto- gen im Medienbereich häufiger zu beobachten; auf die-
risch zu nennen, wo sich oratores explizit in ihrem Selbst- se Art tradieren sich medienspezifische Rhetoriken.
verständnis außerhalb der Rhetorik stellen; sogar im Eine rhetorische Medientheorie kennt solche Wechsel
Sonderfall der zeitgenössischen Kunst, in deren Rah- traditionellerweise aus der Geschichte der Rhetorik
men polyvalente Bedeutungen entstehen, kann ein Ar- und könnte das Wissen solcher außerhalb des wissen-
tefakt als in einem wirkungsintentionalen Prozeß reali- schaftlichen Diskurses stehenden Beiträge für die
siert beschrieben werden. Auch in Kunstwerken sind Theorie fruchtbar machen, indem sie die Doppelfunk-
rhetorische Regeln wirksam. tion jeder rhetorischen Theorie offenlegt, die darin be-
Zusammenfassend läßt sich festhalten: Mit einer steht, gleichzeitig deskriptiv wie präskriptiv mit der Pra-
Konzeption der Rhetorik als Basistheorie der Medien- xis verbunden zu sein.
theorien könnten verschiedene Gegenstandsbereiche 3. Neue Medien. Es ist zu vermuten, daß auch zukünf-
adressiert werden: die spezifische Rhetorik einzelner tig unterschiedliche Medien nebeneinander und plural
Medien, die Tatsache, daß die Nutzung von Medien per genutzt werden und ihre Entwicklungen einander we-
se als rhetorisch gesteuerte Operation betrachtet wer- niger ablösen als vielmehr ergänzen. Einem Ausblick
den kann, sowie die Beziehung zwischen Theorie und auf die Medienfragestellungen der Gegenwart und na-
Praxis im Bereich der Medienproduktion. Das leitende hen Zukunft sind damit enge Grenzen gesetzt. Dennoch
Paradigma in der praktischen Analyse dieser Gegen- sei ein gegenwärtiges Fragefeld skizziert, das in Zukunft
standsbereiche wäre die Wirkungsintentionalität, wobei an Bedeutung gewinnen könnte: die Nutzung immersiv
die Untersuchungsmethoden im Wesentlichen der Em- wirksamer Medien, also jener Medien, die im besonde-
pirie verpflichtet wären. ren Masse ein Eintauchen und Einblenden in die von
II. Gegenstandsbereiche einer rhetorischen Basistheo- ihnen bereitgestellte Welt ermöglichen. Aus der Ge-
rie. Am Beispiel des Werbeplakats, des Unterhaltungs- schichte kennen wir bestimmte mediale Inszenierungen,
films und einem Ausblick auf zeitgenössische Medien- die in besonderem Maße auf Immersion zielen und ihre
phänomene sollen kurz mögliche Desiderate aufgezeigt rhetorische Wirksamkeit aus einer Grenzverschiebung
werden, die mit einer solchen Rhetorik als Basistheorie zwischen Welterfahrung einerseits und mimetischer
der Medientheorie adressiert werden könnten. Medienerfahrung oder Simulation andererseits bezie-
1. Werbeplakat. Bestehende rhetorische Analysen von hen. Beispiele hierfür sind Passionsspiele, historisches
Werbeplakaten beschränken sich in der Regel auf den re-enactment oder die Architektur von Vergnügungs-
in ihnen realisierten verbalen Text; schwerpunkthaft parks. Mit der Entwicklung neuer Techniken wie etwa
werden hierbei politische Plakate, Propaganda und Pro- der gezielten Beschallung öffentlicher Räume durch
duktwerbungen untersucht, deren persuasio leicht nach- Audiobotschaften, der Verblendung virtueller Raum-
vollziehbar ist. Visuell-verbale und bildrhetorische Ana- darstellungen mit dem Realraum in der augmented rea-
lysen wiederum zielen auf eine Kategorisierung rheto- lity und Kommunikationstechniken auf der Basis der
rischer Figuren ab, die auch für andere Inhalte (wie das selbst für ihre Gestalter unsichtbaren Betriebssysteme
Theaterplakat bei H. Ehses) [28] und andere Formate wird Immersion jedoch zunehmend zu einem rhetori-
(wie die Anzeige bei G. Bonsiepe) [29] gelten sollen und schen Normalfall. Eine Unterscheidung zwischen dia-
als Anweisungsästhetiken in die Praxis hinein wirken phanen (durchsichtigen) Medien wie der klassischen
können. Die mediale Bedingtheit des Plakatformats Rede, bei der der orator selbst sichtbar ist, und opaken
spielt in beiden Bereichen jedoch keine große Rolle. Die (undurchsichtigen) technischen Medien wird dabei hin-
in der Rezeption von Plakaten spezifischen zeitlichen fällig, und der damit verbundene Unterschied zwischen
Prozesse der Wahrnehmung und des Verstehens haben Medien und dem durch sie vermittelten Dritten ist
jedoch rhetorische Qualitäten, die in der gestalterischen schwer aufrechtzuerhalten. Diese Auflösung führt zu
Praxis (implizit) eine Rolle spielen und den gestalteri- einem neuen Zugriff auf die Lebensumwelt durch Me-
schen Entwurf mitbestimmen. Die Entscheidung für ein dien und zwar durch rhetorische Gestaltung. Eine rhe-
Plakatformat z.B. ist eng an die von ihm determinierte torisch informierte Medientheorie könnte die Funk-
Leseentfernung und damit an eine von ihm abhängige tionsweisen dieser Praktiken offenlegen, indem sie sol-
Wahrnehmungsdauer gebunden. Schriftgröße, Robust- che neuen Medien als weitere wirkungsintentionale
heit der Bildidee und Farbwirkungen etwa unterliegen Werkzeuge zur Realisierung eines rhetorischen Kalküls
damit spezifischen rhetorischen Regeln des Mediums. versteht und damit die Frage nach den in ihnen reali-
Die hierbei wirksamen Gestaltungsregeln sind in weiten sierten Wirkungsintentionen in den Vordergrund stellt.
Teilen für die Praxis bereits benannt. [30] Noch ausste- Zeitgenössische Phänomene wie virales Marketing oder
hend ist jedoch eine für die Analyse von Plakaten nütz- auf mobilen Endgeräten realisierte Games, die gleich-
liche Metatheorie solcher zeitbezogenen Effekte grafi- zeitig im virtuellen und im Realraum stattfinden, ver-
scher Artefakte, die aus der Perspektive einer rhetori- lieren damit ihren medienhybriden Nimbus und werden
schen Medientheorie sichtbar gemacht werden könnte. von der Produktionsperspektive aus verhandelbar.
2. Unterhaltungskino. Mit den pragmatischen Studien Gleichzeitig stellt eine Lebensumwelt, in welcher Bil-
S. Fields zum Standard-Erzählparadigma des Spiel- der, Töne, Gerüche und Haptiken zunehmend ohne von
films [31] vollzieht sich in den 1980er Jahren ein Wech- außen erkennbaren orator realisiert sind und in Interak-
sel: Benutzt Field zuerst deskriptiv eine auf der Ana- tion mit Interfaces bedient werden, die sich als solche
lyse US-amerikanischer Spielfilme basierende Erzähl- nicht mehr zu erkennen geben, grundsätzlich die Frage
formel, wird sie im Folgenden präskriptiv in der nach der Tauglichkeit bestehender Medienbegriffe und
(Selbst-)Ausbildung von Drehbuchautoren als gestal- -theorien. Eine empirisch orientierte Rhetorik als Basis-
terische Anweisung verstanden und praktisch umge- theorie der Medien könnte hier nach den Urhebern, den

657 658
Medienrhetorik Medizinische Kommunikation

rhetor-Funktionen und den rhetorisch verfaßten Nut- Medizinische Kommunikation


zungskontexten dieser Phänomene fragen und so zu ei- A. I. Begriffsbestimmung und Begriffsverwendung. – II. Allge-
ner differenzierten Begrifflichkeit und damit zu einem meines. – III. Arzt-Patienten-Kommunikation. – B. Geschichte:
erweiterten Verstehen dieser Szenarien beitragen. I. Antike. – II. Mittelalter. – III. Frühe Neuzeit bis Ende 19. Jh. –
IV. Gegenwart.
A. I. Begriffsbestimmung und Begriffsverwendung. Der
Anmerkungen: Begriff ‹M.› ist für alle Bereiche einer in der Medi-
1 Aristoteles: De anima, in: H.G. Zekl (Hg.): Philos. Schr., Bd. 6 zin auftretenden verbalen und nonverbalen Kommuni-
(1995) 45ff. (418a ff.). – 2 vgl. R. Leschke: Einf. in die Medien- kation in Gebrauch. Hierzu zählen insbesondere das
theorie (2003) 18; D. Mersch: Medientheorien zur Einf. (2006) ‹Arzt-Patienten-Gespräch›, ‹Arzt-Arzt-Gespräch› und
18ff. – 3 M.M. Nickl (1987): Journalistik ist professionelle M., in: ‹Arzt-Schwester-Gespräch›, aber auch ‹Arzt- und Pfle-
Publ 4 (1987) 449–476. – 4 J. Häusermann: M., in: Rhetorik 14 gepersonal-Patienten-K. in der Intensivmedizin› sowie
(1995) 30. – 5 J. Knape (Hg.): M. (2005) 7. – 6 ebd. – 7 Quint. XII,
10, 49–57. – 8 N.J. Koch: Die Werkstatt des Humanisten. Zur
spezifische rhetorische Formen und Wendungen zur
produktionstheoretischen Betrachtung der Künste in Antike u. Erklärung von medizinischen Sachverhalten. Für me-
früher Neuzeit, in: J. Knape (Hg.): Bildrhet. (2007) 167. – 9 U. dizinische Vorträge, Business-to-Business- oder Busi-
Heinen: Bildrhet. der Frühen Neuzeit – Gestaltungstheorie der ness-to-Consumer-Kommunikation von Krankenkas-
Antike. Paradigmen zur Vermittlung von Theorie u. Praxis im sen, pharmazeutischen Unternehmen, Klinikbetreibern,
Design, in: G. Joost, A. Scheuermann (Hg.): Design als Rhet. Ärzten und Patienten hat sich ebenso wie für medizini-
Grundlagen, Positionen, Fallstud. (2008) 144. – 10 W. Faulstich: sches Marketing, Public Relations im Gesundheitswesen
Medien u. Öffentlichkeiten im MA 800–1400 (1996). – 11 vgl. und die journalistisch und publizistisch aufbereitete, me-
G.E. Lessing: Laokoon: oder die Grenzen der Poesie u. Malerei
(Berlin 1766). – 12 Leschke [2] 13. – 13 vgl. J. Knape: The Me-
dialisierte ‹M.› zusätzlich der Begriff ‹Gesundheitskom-
dium is the Massage? Medientheoretische Anfragen u. Ant- munikation› etabliert. Als kommunikativer Akt und als
worten der Rhet., in: Knape [5] 17–39. – 14 V. Flusser: Medien- Bestandteil der Arzt-Patienten-Interaktion ist die ‹Ge-
kultur (1997). – 15 vgl. M.J. Medhurst, T.W. Benson (Hg.): sundheitsinformation› der ‹Gesundheitskommunikati-
Rhetorical Dimensions in Media (Dubuque, Iowa 1984). – on› zuzuordnen.
16 Koch [8] 166. – 17 N.R. Clifton [als A. Young]: The Figure in II. Allgemeines. Ärztliche Therapiegespräche oder
Film, in: Etc. A Review of General Semantics 3 (2) (1946) 91– Gespräche, die im Hinblick auf eine anschließende The-
105. – 18 O.B. Hardison: The Rhetoric of Hitchcock’s Thriller, rapie geführt werden, sind wie Gespräche unter Ärzten
in: W.R. Robinson (Hg.): Man and the Movies (Baltimore 1967)
137–152. – 19 u. a. Chr. Metz: Semiologie des Films (1972) 162f. –
oder zwischen Ärzten und Pflegepersonal als Face-
20 N.R. Clifton: The Figure in Film (Newark, Delaware 1983). – to-face-Kommunikation Gegenstand nicht nur der klas-
21 H. Barth: Insinuation. Strategien der Emotionslenkung in sischen Rhetorik generell, sondern im engeren Sinne
den Anfangssequenzen von G.W. Pabsts Die freudlose Gasse neuerdings Objekt der Erforschung der ‹M.› mit den
(1925), in: E. Ledig (Hg.): Der Stummfilm. Konstruktion u. Re- Methoden und Verfahren der Gesprächsrhetorik, Ge-
konstruktion (1988) 9–33; H. Barth: Psychagog. Strategien des sprächsanalyse, Diskursanalyse, zum Teil auch der So-
filmischen Diskurses in G.W. Pabsts Kameradschaft (Deutsch- ziologie und Supervisionsforschung. Handelt es sich um
land, 1931) (1990). – 22 vgl. G. Joost: Bild-Sprache. Die audio- Kommunikation zwischen Pflegepersonal und einem
visuelle Rhet. des Films (2008) 41f. – 23 u. a. J.J. Berns: Film vor
dem Film. Bewegende u. bewegliche Bilder als Mittel der Ima-
kognitiv eingetrübten und verbal nicht reaktionsfähigen
ginationssteuerung in MA u. Früher Neuzeit (2000); A. Nda- Patienten, treten zudem Forschungsaspekte der Semio-
lianis: Neo-Baroque Aesthetics and Contemporary Entertain- tik hinzu (Semantik und Syntaktik para- und nonver-
ment (Cambridge 2004). – 24 vgl. Lausberg El. 14. – 25 wie bei baler Zeichenketten), die zum Teil rhetorischen Regeln
Knape [5]. – 26 ders.: Rhet., Medien, Performanz: Eröffnungs- unterworfen sind und rhetorische Elemente enthalten.
vortrag der 4. Salzburger Rhetorikgespräche 2007, in: G. Kreuz- Weitere Bezüge zur Rhetorik bestehen seit der Antike
bauer, N. Gratzl, E. Hiebl (Hg.): Rhet. Wiss. (2008) 7–20, hier im Vergleich der wissenschaftlichen Disziplinen, in der
insbes. 15. – 27 vgl. A. Scheuermann: Zur Theorie des Filme- medizinischen Terminologie und in der Repräsentation
machens. Flugzeugabstürze, Affekttechniken, Film als rhet. De-
sign (2009) 25ff. – 28 H. Ehses: Representing Macbeth: A Case
der Medizin vor einem fachinternen oder fachexternen
Study in Visual Rhetoric, in: Design Issues 1 (1) (1984) 53–63. – Publikum (Fachkommunikation vs. Experten-/Laien-
29 G. Bonsiepe: Visuell/verbale Rhet., in: ulm. Zs. der Hoch- Kommunikation).
schule für Gestaltung 14/15/16 (1965) 23–40. – 30 K. Grözinger: Eine wissenschaftlich fundierte Orientierung medi-
Gestaltung von Plakaten (1994). – 31 S. Field: Screenplay. The zinischer Gesprächsführung an rhetorischen Kommu-
Foundations of Screenwriting (1979). nikationsmodellen steht bislang aus, aber einige Ergeb-
nisse aus medizinischen Publikationen lassen sich mit
Literaturhinweise: dem rhetorischen Wissen über Kommunikationsstruk-
W. Faulstich: Medientheorien (1991). – ders.: Medienwandel im turen konfrontieren. Den Ansatz für einen solchen Ver-
Industrie- u. Massenzeitalter (1830–1900) (2004). – H. Schanze gleich bieten z.B. Silverman, Dean und Draper, die das
(Hg.): Metzler Lex. Medientheorie Medienwiss. (2002). Arzt-Patienten-Gespräch chronologisch gliedern und
somit eine Vorlage für die partes orationis eines hypo-
A. Scheuermann thetischen Arztgesprächs bieten: ‹Initiating the session›,
‹Gathering information›, ‹Physical examination›, ‹Ex-
planation and planning›, ‹Closing the session›. [1]
Affektenlehre ^ Analyse, rhetorische ^ Ars poetica ^ Äs- In der einschlägigen Fachliteratur (auch der medizi-
thetik ^ Bild, Bildlichkeit ^ Dichtkunst ^ Erzähltheorie ^ nischen) sind häufiger Beschreibungen von spezifischen
Fernsehrhetorik ^ Filmrhetorik ^ Gebrauchsliteratur ^ In- Gesprächsanforderungen zu finden als Analysen der sie
termedialität ^ Internet-Rhetorik ^ Intertextualität ^ Jour-
nalismus ^ Kommunikationstheorie ^ Lasswell-Formel ^
bestimmenden Bedingungen. M. Dorfmüller bietet
Massenkommunikation ^ Online-Journalismus ^ Performanz eine detailierte Auflistung, aus der sich einige Aspekte
^ Photorhetorik ^ Plakat ^ Radiorhetorik ^ Schriftbild ^ extrahieren lassen, die in der Rhetorik signifikante
Schriftlichkeit ^ Synchronisation ^ Telephonrhetorik ^ Text Äquivalenzen haben: 1. «Stillen des Informations- und
^ Trivialliteratur ^ Unterhaltung ^ Werbung Kommunikationsbedürfnisses», «Darstellung der dia-

660

659
Medizinische Kommunikation Medizinische Kommunikation

gnostischen und therapeutischen Maßnahmen inklusive Nutzung der Rhetorik für die Medizin ergeben. Hierzu
Risiken und Nebenwirkungen», Herstellung einer ‹Ver- zählen im Sinne der ‹efficiency› z.B. eine zielgenauere
trauensbasis›, ‹Empathie›: Wirkungsmittel lógos, ē´thos, Diagnostik und damit potentiell kürzere und kostengün-
páthos sowie aptum und parasprachliche Mittel; 2. «ver- stigere Therapie [9], präziser dosierte Medikation und
ständliche Sprache», Berücksichtigung von Biographie genauere Befolgung ärztlicher Anweisungen, die höhe-
und aktueller Situation, «patientenorientiert aktives Zu- re Bereitschaft zur demgemäßen Einnahme von Medi-
hören»: aptum und Redeschmuck sowie parasprachliche kamenten (‹Compliance›) und die Vermeidung falscher
Mittel; 3. «konstruktive Umgangsstrategien», Überzeu- Selbstmedikation. Der Arzt kann neue kostensenkende
gung statt Überredung, Hilfe bei der «Entwicklung in- Maßnahmen wirksamer vermitteln, etwa durch Auf-
dividueller Bewältigungsstrategien», aktive Patienten- klärung des Patienten über kostengünstige Medikamen-
rolle: Telos, Persuasion und Topik. [2] tenbestellung oder weiterführende Informationen im
Für die Entscheidungsfindung bei Therapiegesprä- Internet. Solche ‹externen Gesundheitsinformationen›
chen haben sich die Interaktionsgenera ‹Shared-Deci- können freilich, zumal ohne Anleitung des Arztes, auch
sion-Making›, ‹Paternalistische Entscheidung› und ‹In- eine Konfliktquelle in der Arzt-Patienten-Beziehung
formierte Patientenentscheidung› etabliert, die im Sinne bewirken, wie Dierks und Schwartz sie beschrei-
des rhetorischen aptum von den Bedingungen der ben [10]. Die «Ärzteschaft kann jedoch diese Herausfor-
Krankheit und des Krankheitszustandes eines Patien- derung nutzen, um Stärken und Schwächen dieses neuen
ten, von Motivation und Fertigkeit des Arztes sowie von Informationsmediums in eine verbesserte Arzt-Patien-
«soziodemographischen und psychosozialen Patienten- ten-Kommunikation einzubeziehen.» [11] Gesundheits-
merkmalen» abhängig sind. [3] Die Wahl eines bestimm- information im Rahmen der Arzt-Patienten-Kommu-
ten Interaktionsgenus scheint die ‹Wirksamkeit› bzw. kation kann der Anleitung zur Selbsthilfe dienen [12].
‹efficacy› einer Therapie nur eingeschränkt zu beein- Selbsthilfe findet als ‹M.› z.B. oft in Selbsthilfegruppen
flussen, jedoch wird der ‹Nutzwert› bzw. die ‹efficiency› statt, die in einem therapeutischen Prozeß eine relevan-
stark erhöht, die den «unter Alltagsbedingungen zu er- te Rolle übernehmen können: «Ziele geringer Reich-
wartenden Effekt einer Therapie» beschreibt. [4] weite wie die Unterstützung anderer Mitglieder, Infor-
Bei der Diskussion über den Zusammenhang von mationsaneignung, Menschen zum Reden zu finden,
Kommunikation, medizinischer Therapie und Rhetorik selbstständiger Umgang mit der Krankheit und gemein-
darf nicht übersehen werden, daß eine unsachgemäße same Freizeitgestaltung und Ziele mittlerer Reichweite
oder unangemessene Gesprächsführung bei Patienten wie Einstellungsänderungen bei Betroffenen und im so-
Fehlwirkungen auslösen kann, deren Folgen zwar denen zialen Umfeld sowie Interessenvertretung für Betroffe-
eines fehlerhaft verordneten Medikaments ähnlich sein ne werden in recht hohem Maße verwirklicht.» [13]
können, die aber (noch) nicht als ‹Kunstfehler› bewertet In einem zunehmend privatisierten medizinischen
wird. Solche Folgen können von einer negativen Le- Versorgungsnetz haben Ärzte, Träger und alternative
benseinstellung oder gesundheitlich schädlichen Le- Anbieter, die die Vorzüge einer rhetorisch angemesse-
bensweise über eine fehlerhafte Befolgung ärztlich an- nen und kommunikativ empathischen Begegnung mit
geordneter Medikation oder den Abbruch einer not- ihren Patienten kennen und zu nutzen wissen, erkenn-
wendigen Behandlung (‹Non-Compliance›) bis hin zu bar Wettbewerbsvorteile gegenüber solchen, die sie
Suizidversuchen reichen. Daher gilt noch immer der nicht kennen oder nicht nutzen wollen. Dies setzt eine
Grundsatz: «Sprache ist eine Conditio sine qua non der entsprechend fundierte Ausbildung voraus, auch des
Medizin, Kriterium für Existenz und Qualität des the- ärztlichen Personals in medizinischen Institutionen, weil
rapeutischen Prozesses.» [5] Die gründliche und wissen- die progrediente Ausdifferenzierung therapeutischer
schaftlich fundierte Ausbildung eines Mediziners auch Kompetenzen zu einer Distanz im Arzt-Patienten-Ver-
im Bereich der Kommunikation, die zweifellos einen hältnis führen kann, die wiederum eine latente Unzu-
elementaren und wesentlichen Bestandteil seiner Ar- friedenheit des Patienten zur Folge hat, der sich ihrer
beit ausmacht [6], ist somit geboten und darf im Studium Ursache nicht bewußt ist und vergeblich immer häufiger
und nachfolgender Ausbildung nicht länger vernachläs- verschiedene Ärzte zum selben Symptom oder Syn-
sigt werden: «Worte können unsagbar wohltun und drom konsultiert [14]. Eine verbesserte Verständigung
fürchterliche Verletzungen zufügen.» [7] zwischen Arzt und Patient kann solche Folgen vermei-
Die stärkere Einbeziehung der Rhetorik in die me- den helfen, weil sie mit der auch kommunikativ opti-
dizinische Ausbildung und Praxis ließe dagegen Erfolge mierten Versorgung des Patienten zugleich ökonomi-
in der medizinischen Betreuung erwarten. Aus der Per- schen Fehlentwicklungen (Stichwort ‹Apparatemedi-
spektive des Mediziners sind dies z.B. eine strukturierte zin›) entgegenwirkt: «Sprachvermögen ist das größte
Anamnese, optimierte Diagnose und fokussierte The- ärztliche Kapital.» [15] Eine fundierte Ausbildung indes
rapie, aus der des Patienten seine aktive Rolle in der setzt empirisches Wissen darüber, also eine verstärkte
Therapie und damit verständige Teilhabe am Heilungs- Erforschung der ‹M.› voraus.
prozeß, beides im Sinne einer holistischen, auch präven- III. Arzt-Patienten-Kommunikation. Erst seit den 1970er
tiven, nachhaltigen Medizin: «Sprache bewußt und ge- Jahren wird die Arzt-Patienten-Interaktion als Kommu-
zielt einzusetzen und den hiermit verbundenen Um- nikationsverhältnis wissenschaftlich fundiert erforscht.
denkprozeß hin zu einer anthropologischen Medizin, die Die ersten Arbeiten hierzu stammen aus dem anglo-
den Patienten in seiner biologischen, psychologischen amerikanischen Raum [16] und werden etwa seit Beginn
und sozialen Dimension akzeptiert, halte ich für eine der der 1980er Jahre im deutschsprachigen Raum fortge-
wenigen effektiven Möglichkeiten, unser Gesundheits- setzt [17]. Die Studien der folgenden Jahre befassen sich
wesen zum Wohle des Einzelnen und im Sinne der Ge- erstmals systematisch mit der empirischen Erhebung
sellschaft zu stabilisieren.» [8] und Analyse von Gesprächen zwischen Arzt und Pati-
Dies hätte im übrigen für die Praxis in einem sich dy- ent, Arzt-Arzt sowie Arzt und Patientenangehörigen
namisch ökonomisierenden Gesundheitssystem auch mit modernen Methoden der Soziologie, Psychologie,
wirtschaftliche Vorzüge, die sich aus einer effektiveren Linguistik und Diskursforschung, in der die ‹M.› als insti-

661 662
Medizinische Kommunikation Medizinische Kommunikation

tutionelle Kommunikation gesprächsanalytisch unter- und bei Plinius d. Ä. in der ‹Naturalis Historia› [30]; bei
sucht wird [18]. den beiden letzteren allerdings eindeutig mit Bezug zu
Die Ergebnisse dieser Studien weisen meist einen ne- Aberglauben und ‹Zauberheilkunst›. Galen nutzt die
gativ zu bewertenden Zustand der Kommunikation im Rhetorik, um seinen medizinischen Ansätzen gegen-
medizinischen Bereich aus: strukturelle Asymmetrie der über anderen eine größere Durchsetzungskraft zu ver-
Gesprächspartner und unklare oder verwirrende Ge- leihen. [31] Er ist überzeugt von der Funktion der Rhe-
sprächsstrukturen mit völlig unzureichender ‹Kommu- torik im medizinisch-therapeutischen Prozeß: «Ver-
nikationsbeziehung› zwischen den Gesprächspartnern ständlicherweise rufen sie [die Kranken] [...] nicht nach
seien nur zwei der signifikanten Probleme in der M. heu- den besten Ärzten [...], sondern nach denjenigen, die ih-
te: «Gespräch als Störung ärztlichen Tuns» [19]. nen zugleich am vertrautesten sind und am besten zu
Nach der soziolinguistischen Wende in der Germa- schmeicheln verstehen [...].» [32] Mit ‹Schmeicheln›
nistik bzw. Sprachwissenschaft wird die Untersuchung meint Galen hier weniger das Sich-Einschmeicheln im
der Arzt-Patienten-Kommunikation weiter intensiviert. pejorativen Sinne, sondern eher ein Vertrauen erwek-
Pragmatische, grammatikalische und syntaktische De- kendes Erklären von therapeutischen Maßnahmen. Das
tails werden ebenso erforscht wie sozio-psychologische Gespräch zwischen Arzt und Patient wird damit zu ei-
Zusammenhänge. Die Studien der letzten Jahre be- nem wichtigen Bestandteil der Therapie und soll dazu
schäftigen sich vor allem mit der Aufarbeitung des Sta- beitragen, daß sie zum medizinischen Erfolg führt. Es
tus quo und geben Hinweise für notwendige Verän- gilt, nicht einzelne Symptome isoliert zu behandeln, son-
derungen in der Arzt-Patienten-Kommunikation. [20] dern den Patienten als Ganzes zu sehen, dessen aÆrethÁ,
Dafür böten sich zum Teil auch Begriffe, Regeln und aretē´, das ‹rechte Sein› [33], wieder hergestellt werden
Methoden der klassischen Rhetorik an, um theoriege- muß. Das Therapie-Gespräch wird als elementarer Be-
leitet praxisorientierte Modelle für die Verbesserung standteil des Genesungsprozesses geführt. So berichtet
und Effektivierung der Kommunikation im medizini- Plutarch über Antiphon von Athen: «Während er sich
schen Bereich zu entwickeln. noch mit Poetik befaßte, erfand er seine Kunst der Be-
B. Geschichte. I. Antike. In der Antike lassen sich freiung von Schmerz, ähnlich wie für jene, die krank
drei wesentliche Verknüpfungen von Rhetorik und sind, eine ärztliche Behandlung besteht. In Korinth wur-
Medizin feststellen: Rhetorik im medizinischen Wissen- de ihm ein Haus neben der Agora zugewiesen, auf dem
schaftsdiskurs, rhetorische Mittel in der Arzt-Patien- er ein Schild anbrachte, wonach er Kranke durch Worte
ten-Kommunikation, interdisziplinäre Korresponden- heilen konnte.» [34]
zen zwischen Medizin und Rhetorik. Zum Vergleich der In die Zeit der Antike fällt auch die Begründung der
beiden Wissenschaften findet sich bei Platon im medizinischen Terminologie, die sowohl am medizini-
‹Phaidros› der Hinweis: «Es hat dieselbe Bewandtnis schen Wissenschaftsdiskurs als auch an der Arzt-Arzt-
mit der Redekunst wie mit der Heilkunst. [...] In beiden und Arzt-Patienten-Kommunikation einen besonders
mußt du die Natur auseinanderlegen, die des Leibes signifikanten Anteil hat. Altgriechische und lateinische
in der einen, der Seele in der andern, wenn du nicht Begriffe und Definitionen, die bis heute in der medizi-
nur hergebrachterweise und erfahrungsgemäß, sondern nischen Kommunikation in Gebrauch sind, haben hier
nach der Kunst jenem durch Anwendung von Arznei «in beträchtlicher Zahl» ihren Ursprung [35].
und Nahrung Gesundheit und Stärke verschaffen, die- II. Mittelalter. Zu Beginn des Mittelalters findet eine
ser durch angeordnete Belehrung und Sitten, welche belegbare kommunikative Medizin im Sinne der Inter-
Überzeugung und Tugend du willst, mitzuteilen be- aktion zwischen ärztlichem Akteur und Patient vor al-
gehrst.» [21] Im ‹Gorgias› läßt Platon den Sophisten so- lem in Form von ‹Zaubersprüchen› statt, denen heilen-
gar davon berichten, wie er bei einem Kranken die Ver- de Kräfte zugesprochen werden. Das Vertrauen in
abreichung von Medizin durch eine Rede ersetzt ha- übernatürliche, magische Kräfte des gesprochenen
be. [22] Wortes wird z.B. in den ‹Merseburger Zaubersprüchen›
Rhetorik mit Medizin (auch philosophische Fragen deutlich [36]. Diese Tendenz bleibt bis in das 8. und
mit heilkundlichen) zu vergleichen, ist in der Antike ein 9. Jh. bestehen: «Die Textklasse „Texte medizinischen
beliebter Topos. Er findet sich nicht nur in Platons Inhalts“ besteht im Althochdeutschen aus Vertretern
‹Phaidros›, sondern in «fast allen Schriften, die aus Pla- der Textsorten „Rezept“, „Zauberspruch“, „Glossen-
tons Feder stammen» [23], aber ebenfalls z.B. bei Quin- handschrift“, „Glossar“ und „Schultext“. [...] Bei Re-
tilian [24] und in den ‹Dissoi Logoi› [25]. Auch im me- zepten und Zaubersprüchen steht die Medizin [...] deut-
dizinischen Wissenschaftsdiskurs werden Bezüge zwi- lich im Vordergrund, daher nehmen diese Textsorten in
schen Medizin und Rhetorik hergestellt wie z.B. in der der medizinischen Textlandschaft den breitesten Raum
bekannten These des Hippokrates: «Die Beweise [über ein.» [37] Zaubersprüche übernehmen somit in der früh-
die Hilfskraft der Heilkunst] liefern sie [die Ärzte] lieber und hochmittelalterlichen Medizin noch eine therapeu-
durch Taten als durch Worte, nicht weil sie das Wort ge- tische Funktion, die zwar nicht der modernen Vorstel-
ringachten, sondern weil sie der Meinung sind, für die lung vom kommunikativen Handeln in der Arzt-
Masse der Menschen sei das Vertrauen größer, wenn es Patienten-Interaktion entspricht, aber in der poeti-
aus dem, was sie sehen, entsteht, als aus dem, was sie schen Form unter Rückgriff auf die magische Welt des
hören.» [26] Trotzdem dient die Rhetorik im medizini- Worts durch performative Verben, parataktischen Satz-
schen Diskurs als Grundlage; in seinen Texten (auch im bau, Stabreim und archaischen Wortschatz unterstützt
Werk ‹Über die Kunst›) hält sich Hippokrates stets an wird. [38]
die geläufigen Muster der Redekunst und Dialektik. Mit der zunehmend von den Klöstern übernomme-
Die Rhetorik scheint insgesamt fester Bestandteil der nen Gesundheitsversorgung scheint sich in der kom-
antiken Schulmedizin gewesen zu sein. Weitere Beispie- munikativ-therapeutischen Medizin ab dem Hochmit-
le finden sich bei Rufus von Ephesus in ‹Die Fragen des telalter eine deutliche Wende zu vollziehen. Patienten
Arztes an den Kranken› [27], bei Hippokrates in ‹Der werden im Kloster aufgenommen und aufwendig ge-
Arzt› [28] sowie bei Marcellus in ‹Über Heilmittel› [29] pflegt; dies schließt eine ausgeprägte kommunikative

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Medizinische Kommunikation Medizinische Kommunikation

Zuwendung durch das klinisch tätige geistliche Personal schaften. Im 17. Jh. wird der menschliche Körper dann
ein, denn die Medizin war «in erster Linie eine Medizin eher als mechanische Maschine betrachtet, bei der ein-
der Seele, die den Körper durchzog, ohne sich je auf ihn zelne Fehler durch chirurgische oder pharmazeutische
zu beschränken» [39]. Die Krankenversorgung im Zeit- Eingriffe behoben werden. Dennoch gilt der Grundsatz
alter der ‹Klostermedizin› [40] zielt auf praktische Hilfe, der Antike – daß der Mensch nur im Ganzen als heil
in der die gewissenhaften Pfleger den (verbalen und bzw. geheilt betrachtet werden könne – noch bis weit ins
nonverbalen) kommunikativen Bestandteilen der Pfle- 18. Jahrhundert fort [49]. Aber gleichzeitig rücken die
ge einen beachtlichen Anteil zumessen [41] – ein bemer- Naturwissenschaften durch die zahlreichen neuen Er-
kenswerter Aspekt, wenn bedacht wird, daß Krankhei- kenntnisse in der medizinischen Forschung stärker in
ten im Mittelalter oftmals als Sündenstrafe gewertet den Blick. Eine Ausnahme bildet im 18. Jh. der Arzt
werden [42]. Chr.W. Hufeland, der seine Heilkunst explizit noch in
Im Hinblick auf die Kommunikation zwischen Arzt die Tradition der antiken Lehrmeinung einer ganzheit-
und Patient seien insbesondere die Lehrschriften des sa- lichen Lebensweise stellt und dabei Medizin mit As-
lernitanischen Arztes Archimatheus aus dem 12. Jh. er- pekten der Rhetorik kombiniert. Die ‹Diätik›, also eine
wähnt, allen voran dessen Werk ‹De visitatione infir- medizinisch gesunde Lebensführung, dient ihm dabei als
morum›. Archimatheus beschreibt darin ausführlich die Leitmotiv seiner Arbeit [50]. In Halle disputieren, eben-
(rhetorischen) Strategien eines Arztes zur Verständi- falls im 18. Jh., G.Fr. Meier und J.A. Unzer über die
gung mit dem Patienten: «Sie waren mit Rücksicht auf Zusammenhänge zwischen Körper und Emotionen. Un-
die Interessen des Kranken wie auch die des Arztes of- zer betrachtet menschliche Emotionen dabei in der Tra-
fenbar notwendig, um zu Beginn der Behandlung wie dition der Rhetorik als notwendiges Bindeglied zwi-
auch an deren Abschluß ein Vertrauensverhältnis zum schen Körper und Seele [51], woraus sich folgern ließe,
Patienten und zu seiner Umgebung aufzubauen bzw. zu daß gelingende Medizin eine Therapie im Zeichen der
erhalten.» [43] Ein weiteres medizinisch-kommunikati- rhetorischen Affektenlehre voraussetze. Im Kontext
ves Phänomen stellen im ausgehenden Mittelalter und dieser Lehrmeinungen ist auch die medizinische Arbeit
der Frühen Neuzeit die ‹fahrenden› Ärzte dar, die F. Schillers zu betrachten, der seine Dissertation 1780
gleichsam als ‹Quacksalber› über die Jahrmärkte der mit dem Titel ‹Versuch über den Zusammenhang der
Städte ziehen, um dort Arzneien und Heilkünste feil- tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen› ver-
zubieten. Ein bekanntes Beispiel ist der ‹Wunderdok- öffentlicht. Schiller spricht darin dem bewußt rhetorisch
tor› Eisenbart [44]. Man darf vermuten, daß die Ärzte geführten Therapiegespräch eine wesentliche Aufgabe
in ihren Vorstellungen auf den Jahrmärkten viel rheto- zu: «Das einige Wort wird jugendliche Kraft durch ihre
risches Geschick aufbrachten, um die Zuschauer vom Glieder gießen, die erstorbenen Augen werden Leben
Kauf ihrer Arzneien zu überzeugen. und Feuer funkeln.» [52]
III. Frühe Neuzeit bis Ende 19. Jh. Im wissenschaftli- Die rhetorischen Tropen gewinnen für die medizini-
chen Diskurs der Medizin ab der Frühen Neuzeit lassen sche Terminologie im 18. Jh. (und bis heute) eine beson-
sich trotz der allmählich einsetzenden Hinwendung dere Bedeutung; dies gilt vor allem für die Metapher.
zu den Naturwissenschaften rhetorisch-kommunikative Der Körper wird mal als ‹Zellenstaat›, mal als Eisen-
Elemente sowohl im Bereich der Interaktion zwischen bahn-Verkehrsnetz umschrieben, Krankheit als Krieg
Arzt und Patient als auch als Stilmittel der Forschungs- mit den Leukocytentruppen, das Gehirn als Staat, Bi-
darstellung nachweisen. Häufig stellen diese Elemente bliothek und Verwaltungsapparat [53].Die Metaphern
dabei Entwicklungen dar, die sich parallel zu den natur- dienen dazu, den menschlichen Körper innerhalb und
wissenschaftlichen Erkenntnissen ereignen: Paracelsus außerhalb der Medizin, im wissenschaftlichen Disput
(1493/94–1541) gilt zwar als Begründer einer (seriösen) wie im Arzt-Patienten-Gespräch, verständlich zu ma-
pharmazeutischen Behandlung, zählt zu den ‹4 Säulen› chen.
der Medizin aber auch die ‹Tugend› des Arztes, der das Im 18. und 19. Jh. führen neue Entdeckungen und
Gespräch mit dem Patienten zuzurechnen ist [45]. Auch Fortschritte der Forschung dazu, daß Mediziner ihre
in der Frühen Neuzeit sucht man medizinische Frage- Ergebnisse vor einem großen wissenschaftlichen und/
stellungen (besonders zur Physiologie) durch rhetori- oder fachfremden Publikum darlegen müssen. Seit der
sche Bildhaftigkeit zu verdeutlichen, Organe z.B. durch Aufklärung stehen medizinische Objektivität und per-
Vergleiche mit staatlich-politischen Institutionen zu ver- suasive Rhetorik dabei «in einem gewissen Gegen-
anschaulichen [46]. Umgekehrt wird das Stilmittel ge- satz» [54]. Einige Mediziner begreifen allerdings, daß
braucht, um die Darstellung politischer Zusammenhän- die Rhetorik – wie in der medizinischen Wissenschaft
ge metaphorisch wie Vorgänge im menschlichen Körper der Antike bereits geläufig – nützlich sein kann, um For-
erscheinen zu lassen [47]. Auch die Verbildlichung me- schungsergebnisse überzeugender darzustellen: R. Vir-
dizinischer Aspekte durch rhetorischen Sprachschmuck chow ordnet seine Versuchsbeschreibungen in seinen
wird in der Neuzeit beibehalten, wandelt sich aber bald je Darstellungen beispielsweise dramaturgisch neu, um
nach Vorstellung und Mode. sein Publikum für seine Argumente zu gewinnen [55].
Bis eine moderne, technische Untersuchung des Pa- Nachdem die Medizin aufgrund neuer naturwissen-
tienten möglich wird, bleibt die Patientenbefragung für schaftlicher Erkenntnisse innerhalb kurzer Zeit beacht-
einen Arzt die wichtigste oder gar einzige Möglichkeit, liche Erfolge erzielen kann, kommt es im medizinisch-
Beschwerden, Symptome und mögliche Ursachen einer kommunikativen Bereich am Ende des 19. Jh. zu einer
Krankheit abzuklären. Die detaillierten Befragungen Revolution: S. Freud greift in seiner Psychoanalyse
des britischen Arztes Th. Sydenham sind bis heute er- Rhetorik nicht nur in der komplexen Gesprächssituati-
halten geblieben und gewähren Einblick in die kom- on zwischen Arzt und Patient auf, sondern nutzt rheto-
munikative Arbeit eines gewissenhaften Arztes im Eng- rische Tropen auch für die Verbildlichung von Krank-
land des 17. Jh. [48]. heitssymptomen in Gespräch und Traumdeutung. Das
Im 16. Jh. verstärken die Entdeckungen vor allem in ‹Wort›, das Freud als «wesentliches Handwerkszeug der
der Anatomie die Konzentration auf die Naturwissen- Seelenbehandlung» begreift [56], rückt damit ins Zen-

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Medizinische Kommunikation Medizinische Kommunikation

trum seiner kommunikativen Psychoanalyse: «Wir wol- ten medizinischen Terminologie gerechnet werden,
len übrigens das Wort nicht verachten. Es ist doch ein da sie in einer internationalisierten Standardklassifika-
mächtiges Instrument, es ist das Mittel, durch das wir tion für Diagnosen Krankheiten in Krankheitsgruppen
einander unsere Gefühle kundgeben, der Weg, auf den durch einen alphanumerischen Code systematisch er-
anderen Einfluß zu nehmen. Worte können unsagbar faßt. Die Ursprünge der ICD liegen bereits im 18. Jh.
wohltun und fürchterliche Verletzungen zufügen. [...] Die Ausarbeitung und Etablierung erfolgt dann, zu-
das Wort war doch ursprünglich ein Zauber, ein magi- nächst als ‹Todesursachenverzeichnis›, vor allem im 19.
scher Akt, und es hat noch viel von seiner alten Kraft und zu Beginn des 20. Jh. Bis zur Gegenwart gibt es meh-
bewahrt.» [57] Freud faßt die kommunikative Therapie rere Revisionen der Liste.
also durchaus als ein ‹Instrument› des Arztes auf und
folgt damit bezeichnenderweise der sprachphilosophi- Anmerkungen:
schen Aussage Wittgensteins: «Was wir «Beschreibun- 1 vgl. J. Draper, S. Kurtz, J. Silverman: Skills for Communica-
gen» nennen, sind Instrumente für besondere Verwen- ting with Patients (Abingdon 22005) 117. – 2 M. Dorfmüller: Die
dungen.» [58] ärztliche Sprechstunde (2001) S. 17. – 3 J. Siegrist: Medizinische
Soziol. (62005) 263f. – 4 ebd. 265. – 5 C. Madler: Sprache (in) der
IV. Gegenwart. Im 20. Jh. verstärkt sich noch die na- Medizin, in: Anaesthesist (2006) 55:1037. – 6 vgl. P. Stössel: Das
turwissenschaftliche Gewichtung in der Medizin, aber Ulmer Modell, in: Bild der Wiss. 9 (1981) 90. – 7 S. Freud: Die
einige Wissenschaftler (besonders in Deutschland) wid- Frage der Laienanal., in Schr. zur Behandlungstechnik. Stud.
men sich in ihren Arbeiten unter anderem auch kom- Ausg. Erg.Bd. (1997) 280. – 8 Madler [5] 1038. – 9 K. Birkner:
munikativen Methoden und erlangen damit internatio- Subjektive Krankheitstheorien im Gespräch, in: Gesprächsfor-
nale Aufmerksamkeit. V. von Weizsäcker tritt z.B. für schung 7 (2006) 179. – 10 M.L. Dierks, F.W. Schwartz: Nutzer
die biographische Methode ein, die (individualisieren- und Kontrolleure von Gesundheitsinformationen, in: K. Hur-
de) ‹Einführung des Subjekts› und der Psychoanalyse relmann, A. Leppin (Hg.): Moderne Gesundheitskommunika-
tion (2001) 290–306. – 11 Siegrist [3] 262. – 12 U. Walter: Die
in den Bereich der Inneren Medizin [59]; gewiß eine Sprache der Gesundheitsplanung und ihre Umsetzung, in: S.
Ausnahmeposition in der Medizin der ersten Hälfte des Debus, H.P. Burmeister et al.: Semiotik und Sozialpsychiatrie,
20. Jh., die aber Parallelen zum Ideal der antiken Medi- Loccumer Protokolle 15/03 (2005) 405–416. – 13 B. Borgetto, O.
zin und holistischen Gesundheitsversorgung aufweist. v. d. Knesebeck: Patientenselbsthilfe, Nutzerperspektive und
In der zweiten Hälfte des 20. Jh. finden vor allem die Versorgungsforschung, in: Bundesgesundheitsblatt 52 (2009)
Arbeiten des ungarisch-englischen Mediziners und Psy- 22. – 14 Z. Ben-Sira: Politics and Primary Medical Care (Ave-
choanalytikers M. Balint internationale Beachtung. Er bury 1988). – 15 Madler [5]. – 16 vgl. B.A. Tanner: Language and
wird durch die nach ihm benannten ‹Balint-Gruppen› Communication in General Practice (London 1976); P. Atkin-
son, C. Heath: Medical Work: Realities and Routines (Farnham
bekannt, die Ärzten zum Austausch von Informationen 1981); S. Fisher, A.D. Todd: The Social Organization of Doctor
über den Patienten als Subjekt dienen [60]. Balint be- Patient Communication (New York 1983). – 17 vgl. J. Siegrist,
wirkt mit seinem Ansatz eine neue Wahrnehmung A. Hendel-Kramer: Wege zum Arzt (1979); K. Köhle, H.-H.
des Verhältnisses von Arzt und Patient, das heute Raspe: Das Gespräch während der ärztlichen Visite (1982). –
im Blickpunkt aktueller linguistisch-diskursanalytischer 18 vgl. H. Lörcher: Gesprächsanalytische Unters. zur Arzt-Pa-
Forschung zur Arzt-Patienten-Kommunikation steht. tienten-Kommunikation (1983); J. Heritage, D.W. Maynard
Auch die gegenwärtige medizinisch-soziologische For- (Hg.): Communication in Medical Care: Interaction Between
schung zu der Frage, was ein ‹guter Arzt›, sei, sieht sich Primary Care Physicians and Patients (Cambridge 2006); P. No-
wak, T. Spranz-Fogasy: Gespräche mit Patienten (2008). – 19 J.
dazu auf die Analyse der semantischen und pragmati- Lalouschek: ‹Hypertonie?› – oder das Gespräch mit PatientIn-
schen Elemente der Arzt-Patienten-Beziehung verwie- nen als Störung ärztlichen Tuns, in: R. Fiehler: Verständigungs-
sen, denn die kommunikativen Fähigkeiten gelten als probleme und gestörte Kommunikation (1998) 99ff. – 20 vgl.
wichtiges Attribut ärztlichen Handelns [61]. Bei Balint z.B. T. v. Uexküll: Geleitwort, in: W. Schüffel: Sprechen mit
findet sich auch der Begriff ‹Passung›, der die Motiva- Kranken (1983) IXff.; J. Lalouschek, F. Menz, R. Wodak: Alltag
tion, Gratifikation und ‹passende Ebene› der (auch i. d. Ambulanz (1990) 197ff. – 21 Plat. Phaidr. 270b. – 22 Plat.
nonverbalen) Kommunikation und Interaktion be- Gorg. 456b 23 H. Jenzer: Das ärztliche Ethos im 7. Brief Platos,
schreibt [62]. Die Parallelen zum rhetorischen aptum in: Sudhoffs Archiv, Bd. 46 (1964) 1. – 24 Quint. II, 17, 9 und VI,
4, 19. – 25 Dissoi Logoi I 2–3, in: A. Becker, P. Scholz: Dissoi
könnten in einer zukünftigen Forschung zur Arzt-Pati- Logoi (2004) 49. – 26 Hippokrates, De arte 13, 1. in: ausg. Schr.,
enten-Kommunikation – vom Therapiegespräch bis hin hg. und übers. von Ch. Schubert und W. Leschhorn (2006) 128–
zur Kommunikation mit eingetrübten und (verbal) 129. – 27 Rufus v. Ephesus: Die Fragen des Arztes an den Kran-
nicht reaktionsfähigen Patienten [63] – noch genauer ken 1–9, in: J. Kollesch, D. Nickel: Antike Heilkunst (1994) 140–
herausgearbeitet werden. 150. – 28 Hippokrates, De medico I, 2. in: Kollesch/Nickel [27]. –
Das Latein als ‹Sprache der Medizin› wird in Europa 29 Marcellus: Über Heilmittel, in: Kollesch/Nickel [27] 28,72–74.
schon seit dem 16. Jh. langsam durch moderne Sprachen – 30 Plinius, Naturalis historia, in: A. Önnefors: Antike Zauber-
abgelöst. Zwar ist in der ‹M.› heute nach wie vor eine sprüche (1991) 54–59. – 31 M.D. Grmek: Einf., in: ders.: Die
Gesch. des medizinischen Denkens (1996) 11. – 32 Galen, De
hohe Zahl an Fachtermini griechischen und lateinischen methodo medendi I, 1, in: Kollesch/Nickel [27] 64. – 33 H.-G.
Ursprungs in Gebrauch, aber in Schreibung, Ausspra- Gadamer: Über die Verborgenheit der Gesundheit (1993) 59ff.
che, Betonung und Grammatik wird die medizinische – 34 Antiphon, in VS: Bd. 2, 1. Hälfte (1907) 590. – 35 W. Caspar:
Terminologie oft der jeweiligen Landessprache ange- Medizinische Terminologie (2007) 4. – 36 vgl. W. Braune, K.
paßt. Zudem «treten zahlreiche gemischte [...] deutsch/ Helm, E. Ebbinghaus (Hg.): Ahd. Lesebuch (1875, 171994) 89. –
englisch-lateinisch-griechische und rein deutsche und 37 J. Riecke: Von der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, in:
englische Termini und Bezeichnungen auf, wobei die O. Riha (Hg.): Das MA, Bd. 10 (2005) 1:92. – 38 ebd. 93. – 39 J.
Zahl der Letzteren besonders schnell wächst». [64] Die Le Goff, N. Truong: Die Gesch. des Körpers im MA (2007) 129.
– 40 vgl. K.P. Jankrift: Krankheit und Heilkunde im MA (2003).
durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) heraus- – 41 C. Probst: Das Hospitalwesen in Hohen und Späten MA
gegebene ‹Internationale statistische Klassifikation der und die geistliche und ges. Stellung des Kranken, in: G. Baader,
Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme› G. Keil: Medizin im ma. Abendland (1982) 269. – 42 K.P. Jan-
(ICD, International Statistical Classification of Diseases krift: Mit Gott und schwarzer Magie (2005) 15–22. – 43 H. Gren-
and Related Health Problems) kann zu einer erweiter- semann: Natura sit nobis semper magistra (2001) VII. – 44 K.

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Melancholie Melancholie

Kröll: ‹Kurier die Leut auf meine Art...› Jahrmarktskünste und wird. Die antike M. basiert physiologisch auf dem Prin-
Medizin auf den Messen des 16. und 17. Jh., in: U. Benzenhöfer, zip der ausgewogenen Mischung (Eukrasie, eyÆkrasiÂa,
W. Kühlmann: Heilkunde und Krankheitserfahrung in der frü- eukrasiÂa) der Körpersäfte (humores; Schleim, Blut, Gal-
hen Neuzeit. Stud. am Grenzrain von Literaturgesch. und Me-
dizingesch. (1992) 158. – 45 W. Bruchhausen, H. Schott: Gesch.,
le) als der Voraussetzung für physische und psychische
Theorie und Ethik der Medizin (2008) 71ff. – 46 Caspar [35] 171– Gesundheit. Das psychosomatische Konzept geht von
177. – 47 ebd. 178–190. – 48 K. Dewhurst (Hg.): Dr. Thomas Sy- einer wechselseitigen Beeinflußung von Körpersäften
denham (London 1966). – 49 T. v. Hoorn: Affektenlehre – rhet. und Affekten aus, wobei die quantitative und qualitative
und medizinisch, in: Rhetorik, Bd. 23 (2004) 82f. – 50 Bruchhau- Abweichung der melancholischen Mischung (dyskra-
sen/Schott [45] 91f. – 51 J.A. Unzer: Neue Lehre von den Ge- siÂa, dyskrası́a, Dyskrasie) zu Extremen psychischer und
müthsbewegungen (1746) hg. von C. Zelle (1995); vgl. Kröll [44] somatischer Krankheiten führt: Eine kalte Mischung hat
87ff. – 52 F. Schiller: Versuch über den Zusammenhang der tie- Trägheit und Depression, eine warme Manie und Wahn-
rischen Natur des Menschen mit seiner geistigen, in: ders.:
Theoretische Schr., hg. von R.P. Janz (1992) 143. – 53 vgl. H.-P.
sinn zur Folge. In ihrer Bipolarität ist M. mit einer wei-
Schmiedebach: ‹Zellenstaat› und ‹Leukozytentruppen›, in: DU ten Amplitude von gesteigerten und gedämpften Affek-
(2003) 51ff.; vgl. W.U. Eckart: R. Virchows ‹Zellenstaat› zwi- ten wie Zorn, Raserei, Wahn, Exaltation, Enthusiasmus
schen Biologie und Soziallehre, in: P. Kemper (Hg.): Geheim- auf der einen und Schwermut, Angst, Betrübnis, Trau-
nisse der Gesundheit (1994) 239–353. – 54 V. Hess: Objektivität rigkeit auf der anderen Seite verbunden.
und Rhet., in: Medizinhist. J., Bd. 32 (1997) 3/4:299. – 55 ebd. – Mit der im Rahmen der Säfte- und Vier-Elemente-
56 S. Freud: Psych. Behandlung, in: ders.: Schr. zur Behand- Lehre entstehenden Temperamentenlehre (2.–3. Jh.)
lungstechnik (1975) 17; vgl. ebd.: 26. – 57 Freud [7] 280. – mit ihren Konstitutionstypen Sanguiniker, Melancholi-
58 Wittgenstein: Philos. Unters., in Werksausg. I (1999) 291. –
59 V. v. Weizsäcker: Der Arzt und der Kranke (1987). – 60 M.
ker, Choleriker, Phlegmatiker (12. Jh.) bilden sich phy-
Balint: Der Arzt, sein Patient und die Krankheit (1966, 91996); sische und seelische Charakterbilder heraus. In diesem
vgl. ders.: Analytische Ausbildung und Lehranalyse, in: ders.: Schema nimmt die M. als herausgehobene Reflexions-
Die Urformen der Liebe und die Technik die Psychoanalyse figur eine Sonderstellung ein.
(1981) 333–346; vgl. J. Gutwinski-Jeggle: Das Arzt-Patienten- Eine für den europäischen M.-Diskurs folgenreiche
Verhältnis im Spiegel der Sprache (1987). – 61 K. Dörner: Der Nobilitierung des Melancholikers erfolgt durch die pe-
gute Arzt (2003). – 62 M. Balint: Die Urformen die Liebe [60], ripatetische, ps.-aristotelische Abhandlung im Kapitel
darin: A. Balint: Liebe zur Mutter u. Mutterliebe (1981) 116– XXX 1 der aristotelischen ‹Problemata physica› mit der
135. – 63 vgl. H.-J. Hannich: Medizinische Psychol. in der Inten-
sivbehandlung (1987) 94f. – 64 Caspar [35] 4.
in die Leitfrage gekleideten Behauptung: «Warum sind
alle hervorragenden (perittoiÂ, perittoı́) Männer, ob
Philosophen, Staatsmänner, Dichter oder Künstler, of-
Literaturhinweise: fenbar Melancholiker gewesen?» [1]. Diese Verbindung
L. Fauler: Der Arzt im Spiegel der dt. Lit. vom ausgehenden von M. und Genialität imaginiert den Melancholiker als
MA bis zum 20 Jh. (1941). – H. Lörcher: Gesprächsanalytische einen durch das körperliche Substrat bedingten Geistes-
Unters. zur Arzt-Patienten-Kommunikation (1983). – P. Lö-
ning, F. Sager (Hg): Kommunikationsanalysen ärtzlicher Ge-
menschen, wobei die schwarze Galle sowohl Störpoten-
spräche (1986); A. Redder, I. Wiese (Hg): M. (1994). – D. Jaz- tial als auch Voraussetzung für die produktive Geistes-
binsek (Hg.): Gesundheitskommunikation (2000). – B. v. Ja- aktivität ist. Charakteristisch für die Ambivalenz der M.
gow, F. Steger: Lit. und Medizin (2005). – M. Neises, S. Ditz, T. ist ein labiles Gleichgewicht und der Wechsel von gei-
Spranz-Fogasy (Hg.): Psychosomatische Gesprächsführung in stig-intellektueller Leistungsfähigkeit und pathologi-
der Frauenheilkunde (2005). – M. Sator, Th. Spranz-Fogasy: schem Zustand. Die Traditionsmächtigkeit dieses Prä-
Medizinische Kommunikation, in: K. Knapp: Angewandte Lin- textes der M. beruht mithin auf der bis ins 20. Jh. wäh-
guistik. Ein Lehrb. (32011) renden Annahme der Autorschaft des Aristoteles, der
E.W.B. Hess-Lüttich, J.C.L. König
selbst keine systematische M.-Theorie entwickelt, sich
^ Adressant/Adressat ^ Gesprächsrhetorik ^ Psychoanalyse
aber an mehreren Stellen psychologisch und physiolo-
^ Psychologie gisch mit den Melancholikern (oië melagxolikoiÂ, hoi me-
lancholikoı́) [2] befaßt. Diese Parallelstellen mit ihren
Affinitäten zum peripatetischen M.-Text sind als Sy-
stemstellen zwischen Aristoteles’ anthropologischer,
poetologischer und rhetorischer Reflexion lesbar.
Melancholie (Schwarzgalligkeit; griech. melagxoliÂa, II. Disziplinen und rhetorische Aspekte. Das historisch
melancholı́a; lat. melancolia; engl. melancholy, melan- variable Paradigma der M. ist Gegenstand unterschied-
cholia; frz. mélancolie; ital. malinconia) licher Disziplinen wie Medizin, Seelenlehre, Psychiatrie,
A. I. Def. – II. Disziplinen und rhetorische Aspekte. – B. Ge- Pädagogik, Moralphilosophie, Ethik und Sündentheo-
schichte: I. Antike. – II. Spätantike, Mittelalter. – III. Humanis- logie. Aufgrund der Theorie einer Charakterprägung
mus, Reformation, Gegenreformation. – IV. Barock. – V. Auf- durch die Körpersäfte verbindet sich die Lehre von den
klärung. – VI. 19. Jh. bis Gegenwart. humores mit der Psychologie und, unter der Annahme
A. I. Def. Als medizinisch-anthropologische Kategorie einer Habitualisierung von Affekten, mit der Physio-
bezeichnet M. eine Störung des seelischen Lebens, die und Pathognomik. Als bipolare Seelenlage mit den ihr
von der Antike bis zur frühen Neuzeit humoralpatho- zugehörigen Affekten steht M. mit Ethos (Charakter)
logisch (Säftelehre) erklärt wird und seit dem 18. Jh. als und Pathos (heftige und milde Affekte) und der rheto-
Nervenkrankheit gilt. Die Psychopathologie ersetzt den rischen Affektenlehre, die Teil der Wissenschaft von
tradierten Begriff der M. durch den der Depression, den Seelenvermögen (Psychologie) ist, in Verbindung,
einer affektiven, kognitiv-psychophysiologischen Stö- aber auch mit der Theorie der Gefühlsregungen in der
rung. Als körperlich-seelische Disposition und patho- Rede, der rhetorischen Wirkungslehre (Persuasion, Psy-
logische Verfassung steht M. seit der Antike in einem chagogie), wobei insbesondere die Konzepte der M.-
ursächlichen Zusammenhang mit der Temperatur und Therapie (Gespräch, Ermunterung, Musik) wirkungs-
dem Übermaß der imaginierten schwarzen Galle, der ästhetisch mit dem rhetorischen Persuasionsziel der
zugleich charakterbildendes Vermögen zugeschrieben Dämpfung und Erregung von Affekten, der affektiven

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Melancholie Melancholie

Stimulierung des Zuhörers und damit den Wirkungs- siert die Imagination des Melancholikers als ein Seelen-
prinzipien des delectare und movere verknüpft sind. vermögen, das Tendenzen zu Extremen aufweist, da sie
Zentral für den M.-Diskurs ist die Affinität zum plato- nicht durch Vernunft steuerbar ist. Der Empfänglichkeit
nischen Enthusiasmuskonzept sowie die Verbindung für feste Bildeindrücke korrespondiert die Hartnäckig-
zur poetisch-tragischen Katharsistheorie mit den auch keit, mit der der Melancholiker Vorstellungen und Erin-
physiologisch gedeuteten Elementaraffekten foÂbow, nerungen verfolgt. [13] Dessen Erinnerungsvermögen
phóbos und eÍleow, éleos. Als produktionsästhetische ist von eigenmächtigen Vorstellungen (phantásmata)
Quelle künstlerischen Ausdrucks korreliert M. mit den beherrscht [14], was sich in mangelhafter Redebega-
melancholischen Vermögen von Gedächtnis/Erinne- bung, Geschwätzigkeit [15] und Stottern äußert [16]. Je-
rung (memoria), Imagination, Phantasie. doch resultiert aus der Eigendynamik der Bilder sowie
B. Geschichte. I. Antike. Bei Homer tritt bereits aus «mannigfaltigen Affektationen» [17] die Begabung
eine Beziehung zwischen Galle, der Verfinsterung des des raschen Assoziationsvermögens und – in einem me-
Gemüts und der Farbe Schwarz, die die Affekte Zorn tonymischen Prozeß – die produktive Fähigkeit, Ähn-
und Wut bezeichnet, auf. Die Konzeption des xoÂlow, lichkeiten zu erkennen. [18] Angesichts der Bildlichkeit
chólos in der Doppelbedeutung von Zorn und Galle ist der Vergleiche in Parallelstellen der ‹Rhetorik› und
konstitutiv für den zornigen homerischen Helden. [3] ‹Poetik› ist eine Korrelation von M. und Metapher na-
Ps.-Aristoteles nennt neben der pathologischen M. heliegend: Aristoteles bemerkt, daß die Kunst des Fin-
die der Naturveranlagung und Charakterprägung (hÆuo- dens von Bildern und Metaphern, welche Sache einer
poioÂn, ēthopoión). Voraussetzung für diese Konzeption guten Naturanlage sei, darin bestehe, das Verwandte
ist Platons Trennung von göttlichem Wahn und Wahn und Offensichtliche zu treffen und treffsicher im Ver-
als Seelenkrankheit. Die M. selbst gilt Platon als Ver- schiedenen das Ähnliche zu sehen. [19] Metaphernbil-
rücktheit sowie als Merkmal der schlechten, tyranni- den ist als Abweichung vom Gewöhnlichen (Rede-
schen Seele. [4] Im ps.-aristotelischen Text besitzt der schmuck) mit dem Erhabenen verbunden. [20]
von Natur aus Melancholische ein besonderes Ethos: In Aufgrund der physiologischen Fundierung der Af-
seinem dauerhaft außerordentlichen Zustand, im «Bei- fekte bei Aristoteles (M: Abkühlung; foÂbow, phóbos:
sammensein von Mittelmaß und Äußerstem» [5], ist er mangelnde Wärme; eÍleow, éleos: Feuchtigkeit; uymoÂw,
normalerweise abnorm. Der labile Zustand der Eukra- thymós: Hitze) [21] ist die antike M. wirkungsästhetisch
sie innerhalb der Anomalie (dyskrasiÂa, dyskrası́a) für die aristotelische Tragödientheorie in Hinblick auf
schließt an die aristotelische Mesotes-Lehre an. Aller- die Affekterregung und die kathartische Wirkungsthe-
dings unterscheidet sich die das rechte Maß garantieren- rapie (Affektentladung) von Bedeutung. Daß es sich bei
de Mitte der aristotelischen Ethik von derjenigen des der Katharsis (kaÂuarsiw, kátharsis), einem ursprünglich
ps.-aristotelischen Melancholikers, dessen Ideal in einer medizinisch-therapeutischen Begriff, um eine somatisch
wohlgemischten Anomalie (eyÍkraton, eúkraton) be- und psychisch zu denkende Reinigung von den tragi-
steht. Die Mischung der Überragenden ist eine nur auf schen Leitaffekten phóbos (Angst) und éleos (Jammer,
das mittlere Maß hin abgeschwächte (proÁw toÁ meÂson, Mitleid) handelt, ist, trotz divergierender Auslegungen
pros to méson). [6] Jedoch beschreibt Aristoteles die und Übersetzungen, weitgehend anerkannt. [22] Die
Extreme des bipolaren M.-Konzepts in der ‹Nikoma- Hypothese einer spezifischen M.-Therapie [23] in der
chischen Ethik›, wo er die Unbeherrschtheit (aÆkraÂteia, Katharsis beruht auf der Analyse von Systemstellen in
akráteia) der Jugend mit der von Betrunkenen und Me- ‹Poetik›, ‹Politik›, ‹Rhetorik› und dem ps.-aristoteli-
lancholikern assoziiert [7], sowie in der ‹Rhetorik› bei schen M.-Text sowie einer Übereinstimmung von tragi-
der Charakterisierung der Jugend (tendenziell manisch- schen und melancholischen Affekten unter Einbezie-
enthusiastisch, hitzig, unbeherrscht) und der Alten (ten- hung des Enthusiasmus, dessen Katharsis Aristoteles als
denziell depressiv, unterkühlt). [8] Wirkung der Musik beschreibt. [24] In der ‹Poetik›
Auf der Basis der aristotelischen Naturphilosophie nennt Aristoteles lediglich phóbos und éleos, verweist
und der Annahme des in der Physis begründeten See- aber mit der Wendung «von derartigen Affekten» [25]
lenlebens verknüpft Ps.-Aristoteles die medizinische M. auf eine potentiell größere Anzahl, die er in der ‹Rhe-
mit der platonischen Konzeption des göttlichen Wahns torik› – so u. a. den Zorn – anführt. Phóbos («existenti-
(ueiÂa maniÂa, theı́a manı́a). [9] Bereits Aristoteles stellt in elle Angst») definiert er als Beunruhigung aufgrund ei-
der noch stark unter platonischem Einfluß stehenden ner Vorstellung (fantasiÂa, phantası́a) eines bevorste-
‹Eudemischen Ethik› den Einsichtigen und Weisen die henden Übels. [26] Éleos («erschrockenes, erschüttertes
vom Göttlichen (eÆnuoysiasmoÂw, enthūsiasmós) erfaßten Mitleid» [27]) bezieht sich auf dieselben Unglücke, so-
Wohlbegabten gegenüber, als «diejenigen, deren lógos fern sie anderen zustoßen, allerdings auch den Zuschau-
ausgeschaltet ist». Hier sind erstmals Enthusiasmus und er treffen könnten. [28] In der ‹Rhetorik› äußert sich
die göttliche Natur der Wohlbegabten mit der physio- Aristoteles über die Erregung der Wirkungsqualität des
logischen Disposition der M. (melagxolikoiÂ, melancho- Pathos im Sinne einer Aktualisierung starker Affekte
likoı́) assoziiert. [10] In der ‹Poetik› und ‹Rhetorik› sind und als Mittel der Persuasion. [29] Der ps.-aristotelische
Manie und Enthusiasmus neben Lehre und Naturanlage M.-Text nennt Angst, Mitleid, Zorn, enthusiastische Zu-
in Hinblick auf das páthos präsent: Am überzeugendsten stände (Manie, Ekstase, Raserei) als depressive bzw.
seien die Dichter, «die sich in Leidenschaft (páthos) ver- manische Symptome. [30] Aus diesen Analogien wurde
setzt haben». Die Dichtkunst ist «Sache von phantasie- gefolgert, daß es sich bei den tragischen Affekten um
begabten oder von leidenschaftlichen (manikoÂw, mani- Affekte der M. handelt und die Katharsis als M.-The-
kós) Naturen» [11]. rapie für die Affektpole der übermütig-enthusiastischen
Konstitutiv sind die bei Aristoteles sowohl anthro- und der ängstlich-depressiven Melancholiker, deren Ei-
pologisch als auch poetologisch reflektierten melan- genschaften in der ‹Rhetorik› und im M.-Text in einer
cholischen Vermögen von Gedächtnis/Erinnerung und Typologie und Physiologie der Lebensalter beschrieben
Imagination/Phantasie, die in der Rhetorik zum produk- werden, zu verstehen sei. [31] Psychologisch ist das «tra-
tiven Bereich der inventio gehören. [12] Er charakteri- gische Mitleid [...] als ästhetischer Übertragungs-Affekt

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Melancholie Melancholie

der melancholischen Angst» zu verstehen, als eine Säftelehre wird unter arabischer Vermittlung (Avicen-
«Übertragung der eigenen Angst auf den Helden in na; Constantinus Africanus) zur Lehre der Humo-
Form des erschrockenen Mitleidens [...]» [32]. ralpathologie ausgebaut. [48] In der im Mittelalter fest-
Die psychologische Analyse der Affekte bei Aristo- geschriebenen Temperamentenlehre (Honorius von
teles läßt sich auf Platons Forderung nach psychologi- Autun) erfährt der Melancholiker als depressiver Cha-
schen Kenntnissen des Redners und einer Ausrichtung raktertypus eine vorwiegend negative Beurteilung. In
der persuasiven Rede auf Seelenführung (Psychagogie) dem fragmentarisch erhaltenen Werk ‹Über die M.› des
zurückführen. Platon definiert den Gegenstand der See- Rufus von Ephesos (um 100 n. Chr.) wird, in Umkeh-
le in der Rhetorik analog zum Körper als dem der Heil- rung der ps.-aristotelischen Aussage, die geistige Tätig-
kunst. [33] Mit der Betonung des positiven Effekts auf keit der Scharfsinnigen, ob deren Erregbarkeit und Ein-
die Seelenhygiene durch affektische Teilhabe steht Ari- bildungskraft, zur Ursache der Erkrankung, zur Gelehr-
stoteles jedoch Gorgias näher, der die Wirkung der ten-M., dem späteren ‹Spleen›. [49]
Rede mit der von Giften vergleicht, so daß «die Affekt- Seit dem frühen Christentum versteht man die M. als
erregung in der Rede eine Purgation von negativen Mönchskrankheit (Johannes Cassian), als eine das Heil
Stimmungen bewirken kann» [34]. negierende Verzweiflung (desperatio), als «Überdruß
Mit der Ablehnung der Affekte als von der Vernunft oder Furcht des Herzens» [50]. M. wird zum Laster, so-
unkontrollierten Seelenbewegungen gilt den Stoikern fern sie mit der der tristitia (Betrübnis) verwandten ace-
M. als Krankheit im voraristotelischen Sinn. Jedoch dia (aÂkhÂdeia, akē´deia: Sorglosigkeit, Trägheit, Über-
bleibt M., obgleich nicht Bedingung für überdurch- druß, Apathie) identifiziert wird. Bei Augustinus und
schnittliche Begabung, eine Gefahr des Überragenden, seinem in der Tradition der antik-rhetorischen Affekten-
«ein negatives Privileg des Weisen» [35]. Cicero gibt sich und Actiolehre stehenden Verständnis der Passionen
hinsichtlich der M. der Herausragenden ironisch zurück- bildet die tristitia zusammen mit den Gefühlen cupiditas
haltend, zitiert aber die Autorität: «Aristoteles jeden- (Begierde), timor (Furcht), laetitia (Ausgelassenheit)
falls behauptet, daß alle Hochbegabten Melancholiker den Ursprung allen Übels. [51] Die Moraltheologie dä-
seien.» [36] Ciceros Verbindung von M. und Ingenium, monisiert die M. und rechnet sie als Tochtersünde der
das in der Rhetorik der inventio zugeordnet ist und des acedia zu den Todsünden. Hildegard von Bingen stellt
Korrektivs des iudicium bedarf [37], wird wesentlich für mit dem Konnex von Sündenfall und M. als Erb-
die Konzeption einer Psychologie des Genies. Seine übel eine implizite Verbindung zur tragischen, antiken
Vorstellung des Wahnsinns folgt der Abgrenzung einer Vorstellung des mit Wahnsinn bestraften Götterfrevlers
mit seelischen Erschütterungen einhergehenden M. her. [52] Bei Thomas von Aquin ist acedia eine der
(furor) («quem nos furorem, melagxoliÂan illi vocant» – geistlichen Freude an Gott entgegengesetzte Kapi-
was wir Irrsinn nennen, bezeichnen jene [sc. die Grie- talsünde; eine «Gotteserfahrung im Modus der Negati-
chen] als melagxoliÂa), die den Weisen befallen könne, on» [53]. Ihr sind die Tochteraffekte malitia (Bos-
und einer mit Torheit (stultitia) gepaarten Krankheit heit), rancor (Groll, Auflehnung), pusillanimitas (Klein-
(insania). [38] In der Verknüpfung von platonisch-dich- mütigkeit), desperatio (Verzweiflung), torpor (stumpfe
terischer Inspiration [39] und rhetorischer Affektenleh- Gleichgültigkeit), evagatio mentis (schweifende Un-
re scheint das ps.-aristotelische Konzept von M. und ge- ruhe des Geistes), verbositas (Gerede), curiositas (unver-
nialer Leistung auf: Der Inspirationsvorgang geht mit nünftige Neugierde), inquietudo (Rastlosigkeit) zuge-
heftigen seelischen Affekten einher und äußert sich in ordnet. [54] Als existentielle Traurigkeit bleibt diese
einem nahezu pathologischen Zustand, den Cicero mit sündentheologische M.-Konzeption bis ins 20. Jh. wirk-
den Affektkomponenten Sorge und Furcht (cura et ti- sam.
more) umschreibt. [40] Nur mittelbar erfolgt bei Cicero In der Scholastik rückt mit der Aristotelesrezeption
eine Verbindung von M. mit der heftigen Stillage (genus auch die peripatetische M. mit ihren positiven Vermö-
vehemens) in den die Zuhörer erschütternden Re- gen von Gedächtnisstärke, Intellekt (Alexander Nek-
den. [41] Der wortgewaltige, von Leidenschaft ent- kam) und Einbildungskraft (Heinrich von Gent) in den
flammte Redner besitzt höchste Wirkungsmacht; unter Gesichtskreis. [55] Ein physiopathologisch-cerebrales
Verwendung des M.-Topos des trunkenen Wahnsinns Erklärungsmodell auf der Grundlage der Theorie der
räumt Cicero aber ein, daß dieser eine Figur machen drei Hirnkammern formuliert, unter Verwendung rhe-
könne «wie ein Wahnsinniger vor Vernünftigen, wie ein torischer Termini, Albertus Magnus: Die Krankheits-
trunken Tobender vor Nüchternen» [42]. Seneca spricht materie kehrt die Flußrichtung des Lebensgeistes um.
sich anstelle von aristotelischer Mäßigung (moderatio) Die in der imaginatio und phantasia liegenden Bilder
für eine Ausrottung (extirpatio) der Passionen aus. [43] gelangen so in den in der vorderen Hirnregion befind-
Aber auch er formuliert, daß es keinen «großen Geist lichen sensus communis, der für die Aufnahme und Ko-
ohne Beimischung von Wahnsinn» gegeben habe. Er ordination der von außen kommenden Sinneseindrücke
prägt den Begriff des taedium vitae (Lebensüberdruß, verantwortlich ist, so daß die inneren, erschreckenden
Lebensekel), das mit melancholischer Symptomatik wie Bilder, welche die Urteilskraft blockieren, als äußere
Niedergeschlagenheit (tristitia privata) und Menschen- Sinneseindrücke wahrgenommen werden. [56] Albertus
haß (odium generis humani) assoziiert ist. [44] In der rettet die antike M. als eine Sonderform der krankhaften
Rhetorik steht das taedium dem fastidium-Topos nahe. M. (melancholia adusta). Die günstige Veranlagung der
Dem taedium des Publikums wirkt die Variation (varie- inspirierten M. bewirke jene von Aristoteles vermutete
tas) durch gedanklichen und sprachlichen ornatus entge- Beweglichkeit des Erinnerungsprozesses. [57] Wilhelm
gen. [45] Seneca rät zum demokritischen Lachen als ei- von Auvergne deutet die M. unter den Aspekten der
nem «Durchgangsstadium» des Weisen zur Atara- asketischen Kontemplation und, in Umkehr der plato-
xie. [46] nischen Inspirationslehre, als Gabe der inspirierten Of-
II. Spätantike, Mittelalter. Bei Galen erfolgt im 2. Jh. fenbarung. [58]
eine systematischere Zuordnung von Säften, seelischen III. Humanismus, Reformation, Gegenreformation. Im
Zuständen, Charakteren und Elementen. [47] Die antike 15. Jh. erfolgt – zusammen mit dem anthropologischen

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Melancholie Melancholie

ferische Melancholiker auch von Extremen (Angst,


Depression, Tollkühnheit, Wahn) bedroht. [61] Ficino
empfiehlt daher in Anlehnung an aristotelische M.-
Charakteristika (phantası́a, imaginatio, memoria) als
psychologische Selbsttherapie die bewußte «Verarbei-
tung innerer Vorstellungen, stimmige Gedankengänge
und die ruhige Kontemplation des Geistes» [62]. Das
herausragende Gedächtnis dient der Korrektur der für
die bildhafte Vergegenwärtigung notwendigen Phanta-
sie. Unter dem unmittelbaren Einfluß Ficinos steht die
Schrift ‹De occulta philosophia› des Agrippa von Net-
tesheim. Ausgehend von der hierarchischen Ordnung
der drei Seelenkräfte (imaginatio, ratio, mens) ist für ihn
die M. als Inspiration ein Emporsteigen der Seele hin zu
Kontemplation und Erleuchtung. Nettesheim gilt als
Vermittler zwischen Ficino und Dürer, dessen Kupfer-
stich ‹Melencolia I› der M.-Auffassung Ficinos ver-
pflichtet ist. [63]
In der Reformation erfährt die M. bei Melanchthon
im Anschluß an das antike Konzept zwar eine Nobilitie-
rung als ‹doctrina dulcissima› [64]; Luther versteht sie
jedoch als Wirkung des Teufels. Gegen die «Anfech-
tung» der religiösen M. wirken der Trost des Evangeli-
ums (consolatio, Trostbriefe), Musik (David-Saul-To-
pos) sowie die affektdiätetische contraria-contrariis-
Therapie des Komischen. [65]
In den psychologischen Theorien der frühen Neuzeit
wird – unter Bezugnahme auf Quintilian – der Einfluß
der rhetorischen Affektenlehre zentral. Eine wichtige
Rolle spielt die M. insofern, als mit ihrer Definition Fra-
gen von Normalität verhandelt werden und bei der The-
rapie die Affekte den Ort der Seelenlenkung bilden. Mit
Jacques de Gheyn II: Melancholicus (Saturn), 1596, Kupferstich,
Teil einer Temperamentenfolge. © Rijksmuseum Amsterdam.
der gegenreformatorischen Aufwertung der Affektrhe-
Auf der Grundlage der humanistischen Deutung zeigt de Gheyn torik und der psychologisch-persuasiven Seelenlenkung
den Melancholiker in der Verbindung mit geistiger Potenz als (Psychagogie) gewinnt in der Predigttheorie, besonders
einsamen, in Kontemplation versunkenen Gott Saturn. Die in Italien und Spanien (Luis de Granada), das movere
Beischrift von H. Grotius verweist auf die Gefährdung des vor dem docere und delectare Priorität. [66] Durch das
Geistesvermögens und des seelischen Gleichgewichts durch die affektische Wirken des Predigers sind affekttherapeu-
schwarze Galle. tisch niedere durch edle Affekte auszutreiben. Juan
Luis Vives erörtert in Anlehnung an Aristoteles’ ‹De
anima› die Physiologie der Affekte in einer psycholo-
Interesse an Temperamenten, Affekten sowie einer auf gisch-somatisch fundierten Affektenlehre. Er argumen-
Beobachtung basierenden Psychologie – die Herauslö- tiert mit der wechselseitigen Abhängigkeit von Tempe-
sung der M. aus dem sündentheologischen Kontext der ramenten und Affekten, die ihrerseits Einfluß auf die
acedia. Mit der Neubegründung der Genielehre und der Gesundheit nehmen. [67]
Verknüpfung von ps.-aristotelischer M. und platonisch- Im 16. Jh. wird in Italien mit Baldassare Castiglio-
göttlichem Wahn wird M. zur Bedingung schöpferischer ne, Stefano Guazzo und Giovanni della Casa die
Leistung. Der italienische Humanismus erhebt das Ideal Konversationstheorie rhetorisiert, was auch zu einer
des kontemplativen Lebens (vita contemplativa), das Regulierung und Eliminierung von starken Affekten im
sich von der mittelalterlichen ‹comtemplatio Dei› in sei- öffentlichen Leben führt. [68] Zugleich wird das Bild des
ner Selbstbezogenheit unterscheidet, als ‹vita specula- gelehrten und ungeselligen Melancholikers als Gegen-
tiva sive studiosa› zum Maßstab. Der Neuplatoniker entwurf zum Ideal eines humanistischen «viver civile-
Marsilio Ficino [59] bindet sein Idealbild des ‹homo li- mente» abgewertet. [69] Guazzo distanziert sich vom
teratus› an das produktive Potential der M. und die ‹vita neoplatonischen Ideal der Einsamkeit des Gelehrten
separata›. Seine hierarchisch gegliederte «Graduierten- und betont die Bedeutung der Konversation für die Wis-
theorie» [60] unterscheidet die drei Seelenvermögen senschaft. War das Medium Ficinos noch die Schrift und
imaginatio (vis imaginativa, Einbildungskraft, Mars), ra- nicht die Rede, so gelten nun Gespräch und Konversa-
tio (diskursive Vernunft, Jupiter), mens contemplatrix tion geradezu als präventive und heilende Maßnahmen
(intuitive Vernunft, Saturn), wobei die inspiratorische bei M.
M. in Verbindung zur höchsten intuitiven Denkform IV. Barock. Das 17. Jh. zeigt ein außerordentlich gro-
steht. Wesentlich für die Konzeption künstlerischer ßes Interesse an der M. und an deren empirisch-psycho-
Subjektivität wird Ficinos Verbindung der antiken M. logischer Erfassung. Die bereits im 16. Jh. bei Paracel-
mit dem platonischen Enthusiasmus. Die Assoziierung sus aufkeimenden Zweifel an der Säftelehre, deren To-
der bipolaren M. mit der düster-kontemplativen Dop- pik noch bis ins 18. Jh. verfügbar bleibt, bestätigen sich
pelnatur des Planetengottes Saturn-Kronos befähigt 1628 mit der Entdeckung des Blutkreislaufs (W. Har-
die M. zu Genialität und göttlicher Inspiration. Auf- vey). Nicht mehr primär die humores, sondern Leiden-
grund der astrologischen Determiniertheit ist der schöp- schaften, Imagination, Enthusiasmus gelten als Ursa-

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Melancholie Melancholie

chen der M. Insbesondere in Spanien und England ent- dicule» (Test der Lächerlichkeit) [80] durch Spott, Witz,
wickelt sich eine Kultivierung der schmerzhaft-lustvol- Humor zu prüfen und durch «good humour» zu thera-
len M. Eine Vielzahl an physiologischen, affektpsycho- pieren sei. Als entlarvendes Instrument gilt ihm der ko-
logischen und verhaltensethischen Abhandlungen be- mische Stil, als Therapiekonzept die Erregung gegentei-
faßt sich jetzt mit dem Phänomen. Das tradierte Wissen liger Affekte in einer ästhetischen Komik. [81]
über M. wird von R. Burton enzyklopädisch aufgear- Von Frankreich ausgehend bürgert sich im 17. Jh. der
beitet. Topoi wie die Verknüpfung von Imagination und mit aristokratischer Lebensweise verknüpfte Begriff des
Verstandestäuschung, aber auch die Gedächtnisbega- ennui (Langeweile, taedium, boredom, noia) ein. M.,
bung, sind bestimmend. [70] Zur Therapie empfiehlt acedia und ennui sind bezüglich der Symptomatik
Burton das Studium von Mnemotechniken. (Trübsinn, Grübelei, Schwermut) und der existentiellen
Im 17. Jh. sind beide Spielarten der M., das positive Note (Weltschmerz) eng verwandt. Als eine ständige
Vermögen (poetische Schaffenskraft, Genialität) und Seelenlage haftet dem ennui, im Gegensatz zum deut-
die pathologische Ausprägung (Wahnsinn, Laster), prä- schen Terminus ‹Langeweile›, kein Zeitbezug an, sodaß
sent. R. Descartes stellt in seiner psycho-physiologi- er eine tendenziell existentialistische Sicht von Lebens-
schen Affektenlehre (Leib-Seele-Dualismus) den Zu- überdruß impliziert. Bei B. Pascal ist der ennui als
sammenhang von tradierten negativen Affekten (Geiz, Gottverlust zwar noch in der acedia verwurzelt, ande-
Neid, Niedertracht, Kleinmut, Haß) mit Traurigkeit und rerseits aber Teil der «condition humaine», mit deren
M. her. [71] Ebenso situiert später Chr. Thomasius, der Beschreibung als Unbeständigkeit, Verlassenheit, Un-
als Voraussetzung für Unterweisung und Heilung die ruhe er ein «Basisaxiom der neuzeitlichen Anthropolo-
Kenntnis der «Gemüthsneigungen» fordert, in seiner gie der Rastlosigkeit» [82] formuliert.
Zuordnung von Temperamenten und Affekten die M. Im Zuge der Aufwertung der Affektpoetik und der
auf die niedrigste Stufe seiner ethischen Werteskala. [72] Rhetorisierung der Tragödiendefinition im 16. Jh. (A.S.
Die im 17. Jh. einsetzende Pathologisierung des En- Minturno, J.C. Scaliger) verbinden sich in der Dra-
thusiasmus, der mit religiöser Schwärmerei, Fanatismus mentheorie des barocken Trauerspiels (A. Gryphius,
und einer Habitualisierung der Trauer identifiziert wird, D.C. von Lohenstein) M. und vanitas-Gehalt, wobei die
betrifft auch die melancholische Genie-Konzeption mit aristotelische Katharsislehre aufgenommen und trans-
ihren enthusiastischen Zuständen. Der Melancholiker formiert wird. Affekterregung und Erschütterung des
gerät jetzt ins Visier der Auseinandersetzung um die Zuschauers in der Tragödie und in der barocken Schule
Legitimität der Affektrhetorik. Insbesondere in Eng- der Affekte (palaestra affectuum; D. Heinsius) dienen
land zeigt sich seit dem 16. Jh. – unter dem Eindruck der der Korrektur der Leidenschaften. Als Heilmittel steht
Rezeption des wiederentdeckten Traktats ‹Perı́ hýpsūs› die Tragödie, so bei G.J. Vossius, im Dienst der Tu-
des Ps.-Longinus [73] – ein zunehmendes Interesse am gend. [83] Der melancholische vanitas-Gehalt des Trau-
Pathos- und Persuasiogedanken sowie an der emotio- erspiels ist intentional, provokatorisch, konsolatorisch
nalen Wirkung rhetorischer Figuren. [74] Die aufkom- und besitzt wirkungsästhetisch zusammen mit der ka-
mende Kritik an der Affektrhetorik korreliert mit der thartischen Reinigung von der aegritudo (M., Traurig-
Abwertung von Enthusiasmus, Imagination und M., so keit) eine anti-melancholische, moralische Funktion. In-
daß schließlich die Affektrhetorik unter M.-Verdacht dem das Trauerspiel den Ernstfall antizipiert und «die
gerät. Grundlegend für die von England ausgehende affektische Herausforderung der Vanitas mit allen Mit-
Ablehnung des (religiösen) Enthusiasmus sind M. Ca- teln theatralischer und rhetorischer Schlagkraft artiku-
saubon und H. More. [75] Als natürliche Ursachen gel- liert, provoziert es die konsolatorische Antwort» [84].
ten Casaubon M., Hysterie, Trunkenheit, Wahnsinn, Bereits Minturno bezeichnet die Tragödie als Trost ge-
aber auch die mitreißende Macht rhetorischer Mittel. gen M. [85] Bei G. Guarini vollzieht sich in der Kathar-
Die «enthusiastic rhetoric» verwechsle einen natürli- sis der Tragikomödie eine Reinigung vom Affekt der
chen Überschwang mit übernatürlicher Aktivität. [76] M. [86]
Für More gilt der von der Macht der Affekte ergriffene Die ambivalente Komplexität von M.-Affekten wird
Melancholiker geradezu als leidenschaftlicher und be- im Barock durch Oxymora wie «moeror subridens»
törender Redner, dem eine besondere Begabung zu («lächelnde Trauer»; J. Balde) verdeutlicht. In den
affektpsychologischer Persuasion unterstellt wird. Auf- Rhetoriken zeigt sich zudem eine Nähe von ingenium,
grund seiner rednerischen Kraft besitze er die verfüh- Wahn und Metapher. In Anlehnung an Aristoteles be-
rerisch-manipulative Macht, die Zuhörer in einen affek- tont E. Tesauro in seiner Theorie der scharfsinnigen
tiven, der Verstandeskontrolle entzogenen Zustand zu Metaphernsprache die enge Beziehung von M., die er
versetzen. Die außergewöhnliche Phantasie sowie die mit Geistesschärfe assoziiert [87], acutezza, ingegno und
Neigung zum Assoziieren und Metaphernbilden [77] Metapher. Die tropische Technik des Redens in Bildern
kritisiert More als Affekte der schweifenden Phantasie und das Erzeugen neuartiger Bedeutungen sollen wir-
eines melancholischen Enthusiasmus. [78] J. Locke kungsästhetisch Staunen und Bewunderung evozieren.
führt die gleichen von der Rhetorik beeinflußten Argu- Produktionsästhetisch ist das ingenium mit der platoni-
mente gegen den Enthusiasmus an: die Einbildungs- schen manı́a verbunden, die Tesauro durchaus patho-
kraft, welche Affektstürme verursache, sodaß die Un- logisch als pazzia (Verrücktheit) begreift. Gerade das
terscheidung zwischen «persuasions» und «delusions» Vermögen der Irren, in ihrer Phantasie eine Sache für
zwischen «truth and falsehood» unmöglich werde. [79] eine andere zu halten, befähige diese zur Metaphernbil-
A. Shaftesburys Enthusiasmuskritik orientiert sich be- dung. [88]
züglich der humoralpathologischen Sicht an More. Zu V. Aufklärung. Der sozial-gesellschaftliche und medi-
bekämpfen gilt ihm der von M. begleitete Enthusiasmus, zinisch-philosophische Diskurs des 18. Jh. weist eine
der von «ill-humour» (verdrießliche Gemütsverfassung) Vielzahl an M.-Phänomenen auf (Hypochondrie, Wahn-
und «spleen» herrühre. Er unterscheidet den platonisch- sinn, Spleen, Hysterie, ennui, Englische Krankheit). [89]
inspiratorischen «divine enthusiasm» von dem aus M. Die Formen melancholischer Abweichung gelten auf-
geborenen, fanatisch-religiösen, der in einem «test of ri- grund vehementer, eigenmächtiger Leidenschaften [90],

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Melancholie Melancholie

unkontrollierter Phantasie und dem Hang zur Einsam- das rhetorische ut-moveamur-ipsi-Gebot mobilisiert ein
keit als Antipoden aufklärerischer Vernunft und Gesel- Therapie-Konzept sogar die Selbstaffektation des Arz-
ligkeit, aber auch als Indikatoren für Schwärmertum, In- tes, der sich an den «Wahn anpaßt und davon überzeugt
toleranz und irrationale Glaubensüberzeugungen. Die zu sein scheint, daß die Dinge so sind, wie der Melan-
physiognomische Diagnostizierung der M. sowie die Co- cholische sie sich vorstellt» [102].
difizierung von Affektzeichen [91] führt zur Festschrei- Bereits seit der frühen Neuzeit werden bei M. «Con-
bung eines kulturellen Wahrnehmungsrasters, das im versation und Gespräch» [103] empfohlen. Als Vorläu-
19. Jh. in der psychiatrischen Pathographie des C. Lom- fer der Gesprächspsychologie und der psychotherapeu-
broso in einer kausalen wechselseitigen Beziehung von tischen Führung (A. Kronfeld) basiert das Konzept auf
Genie, Wahnsinn, Kriminalität und ‹Entartung› einen der rhetorischen Psychagogie und einer behutsamen
vorläufigen Höhepunkt finden wird. [92] emotionalen Persuasion.
Die Gemütsforschung fügt der tradierten, negativen Unter der pädagogischen Zielsetzung der Affektre-
Typologie die eingebildete M. sowie die Täuschungsab- gulierung nehmen, neben dem Grundsatz der Mäßigung
sicht durch den Mißbrauch der Affekte hinzu. [93] In sei- von M.-Affekten durch die Vernunft (docere), die Af-
ner Analyse des manisch-depressiven Spektrums der M. fektlenkung durch die Erzeugung von Gemütsbewegun-
erweitert A. Ch. Lorry die thomistischen irasziblen und gen und die Wirkungsprinzipien des delectare und mo-
konkupisziblen Affekte um die admirativen, die «durch vere eine zentrale Rolle ein. Dabei steht der Grundsatz
heftige Bewunderung den Menschen dermaaßen hinrei- der Gegensätzlichkeit im Vordergrund, wobei affekt-
ßen, daß sie ihn gänzlich verändern» [94]. Die wirkungs- psychologisch ein vorherrschender Affekt durch einen
ästhetische Kategorie der admiratio führt zu Kontroll- konträren, stärkeren gedämpft wird. Die Erregung sanf-
verlust; fanatisches Erstaunen, Enthusiasmus, Ekstasis, ter Affekte empfielt bereits das medizinische Schrifttum
Fanatismus werden zu Synonymen. [95] der Antike und des Mittelalters zur Linderung der hef-
Signifikant für das gesamte 18. Jh. ist die Korrelation tig-düsteren Affekte der M. Seit dem 16. Jh. betont man
mit der hypertrophen Einbildungskraft des Melancho- die aufheiternden, antimelancholischen Wirkungen der
likers, dessen Gedächtnisstärke mit eigendynamischer Komödie, die Komik des Hofnarren [104] sowie die
Imagination und reichem Bilderarsenal assoziiert ist, so- der M. kontrastierten heilsamen sanguinischen Affek-
wie die Transformation des platonischen Enthusiasmus te. [105] J. Addison empfiehlt die Erregung milder Af-
in die M. Auch die dichterische Inspiration (furor poe- fekte durch «delightful Scenes», die, ob in der Natur,
ticus) wird als ‹Metromanie› (Dichterwut) [96] inkrimi- Malerei oder Poesie, einen «wohltuenden Einfluß» auf
niert. Jedoch erfährt im Verlauf der Aufklärung die Ver- Körper und Geist hätten. Das Lachen spiele besonders
bindung von M. und Genie mit der Verabsolutierung der bei den zu M. neigenden Briten eine wichtige Rol-
subjektiven Einbildungskraft als produktiver Phantasie le. [106] Die Ansicht einer kathartischen Reinigung in
poetologisch eine Aufwertung. Diderot attestiert dem der Komödie findet sich noch in K.Ph. Moritz’ ‹Maga-
Melancholiker zwar eine existentielle Mangelerfahrung, zin für Erfahrungsselenkunde›, bei J.M.R. Lenz und in
aber auch eine geistige, seelische und ästhetische Hy- Schillers Äußerungen über den «unseligen Spleen»
persensibilität. [97] Im deutschsprachigen Raum verbin- und die Schaubühne, wo «heilsame Leidenschaften» er-
det man aufgrund der Rehabilitierung der Dichterin- schüttern. [107]
spiration als notwendiger Grundkraft (Klopstock, Her- Bei J.-B. Dubos erscheint das Überzeugungsprinzip
der) die M. mit dem Geniegedanken im Sturm und des movere, in der Rhetorik verbunden mit heftigen Af-
Drang. fekten und der Stilqualität des Erhabenen, als mögliche
Die aufklärerische Ablehnung der barocken Affekt- Therapieform des ennui. Dubos gelten die Leidenschaf-
rhetorik und der Stillage des genus grande (Pathos- und ten als Willens- und Handlungsantrieb, deren Blockade
Schwulstkritik) zugunsten eines gemäßigten mittleren durch den ennui erfolgt. Das Vergnügen an schmerzvol-
Stils sowie die Vermeidung von wirkungsästhetischen len Sujets erklärt er emotionspsychologisch. Die starken
Extremen führt auch zur Abwertung der produktiven Reizmittel des Schrecklichen-Erhabenen, verbunden
melancholischen Vermögen wie Assoziationskraft, Pa- mit den Affekten der Erschütterung und des Erstau-
thos, Redeschmuck. So kritisiert Lorry den Redestil des nens, verursachten einen angenehmen Schmerz und sei-
Melancholikers als «metaphorisch und fast im poeti- en imstande den ennui zu vertreiben. [108] Lessing
schen Tone» [98]. J. Stinstra charakterisiert den «en- nennt hinsichtlich der Wirkung des englischen Dramas
thusiastische(n) Stil» der melancholischen Einbildungs- «das Große, das Schreckliche», im Kontrast zur artigen,
kraft der «fanatici» als leere, manierierte Geschwätzig- ermüdenden französischen Poetik, in einem Atemzug
keit; den der Literatur als «schwülstige Schreibart», mit mit dem Melancholischen. [109]
«falsch gezierten Gleichnissen» und «weit hergeholten Mitte des 18. Jh. entwickelt sich eine von der psy-
Sinnbildern». [99] chophysischen Ganzheit des Menschen ausgehende an-
Gleichwohl bedient sich die Medizin des 18. Jh. bei thropologische Konzeption (E. Platner) der M. Mit der
der Formulierung der Heilmethoden rhetorischer Vor- Etablierung der auf empirischen Studien basierenden
schriften und – in Kenntnis der Effekte der páthē und Psychologie (Erfahrungsseelenkunde) werden Diagno-
kathartischer Wirkungen in der Tragödienpoetik – des stik und Therapie auf das Individuum ausgerichtet.
Instruments der Affektrhetorik. Zu den in der rhetori- Durch Beobachtung von Sprache, Gestik, Mimik und
schen Tradition verankerten Therapieempfehlungen Affekten soll Einblick in die Seele gewonnen wer-
gehört das Vorstellen angenehmer Bilder (imaginatio, den. [110] Diese Haltung knüpft implizit an Platons im
phantası́a), durch welche die «Sinne und Gedancken auf ‹Phaidros› formulierte Forderung nach psychologischen
lustige und anmuthige Dinge» [100] zu richten sind. In Kenntnissen des Redners an, ein Ideal, dem auch Gott-
der Rede ist das Prinzip der Anschaulichkeit (yëpo- scheds Redner, der die «Kräfte der Seele recht ken-
tyÂpvsiw, hypotýpōsis) ein Mittel emotionaler Persua- nen» [111] muß, um seine Zuhörer zu lenken, verpflich-
sion und arbeitet mit der Vergegenwärtigung abwesen- tet ist. Ausgehend von einer individuell abgestimmten
der Dinge durch die Phantasie. [101] In Anlehnung an Seelendiätetik erscheint in K.Ph. Moritz’ Wunsch nach

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Melancholie Melancholie

ethischer Verantwortung von «wahre(n) moralische(n) Verknüpfung von Tragödie und M. bei E. Müller und
Ärzte(n)» [112] erneut das rhetorische Postulat vom der medizinisch-pathologischen Lesart der aristoteli-
Ethos des aufrechten Redners. In Moritz’ ‹Magazin für schen Katharsis bei J. Bernays [125] – die Metaphorik
Erfahrungsseelenkunde›, dessen Hauptaugenmerk – der Medizin und den Begriff der ‹Entladung›. Sein Ver-
ausgehend von einer individuell unterschiedlich konsti- ständnis der griechischen Tragödie wurde jüngst als M.-
tuierten Harmonie der Seelenkräfte – auf pathologische Therapeutikum gedeutet, wobei «das zu Heilende in der
Seelenzustände gerichtet ist, ist M. ein dominierendes depressiven M. liegt». [126] Die Tragödie gilt ihm als
Krankheitsbild. Die Einbildungskraft als zentrales See- «Heilmittel», das durch ihre «das ganze Volksleben er-
lenvermögen gewinnt hier eine entscheidende Rolle. In regende[n], reinigende[n] und entladende[n] Gewalt»
Moritz’ psychologischem Roman ‹Anton Reiser› (1785– die «herrliche Mischung» der Griechen ermöglicht. [127]
90) verbindet sich die dichterische Darstellung von M. Wirkungsästhetisch bewirkt die Tragödie die Verwand-
und hypertropher Einbildungskraft mit einer vom Ideal lung durch Affektdämpfung («Alles Übermäßige soll
der Natürlichkeit ausgehenden Kritik an der Regelrhe- sich austönen [...] Ruhigwerden durch Austobenlas-
torik, dem rhetorischen Affektausdruck (Theater, Pre- sen.» [128])
digt) und einem manipulativem Pathosbegriff. Durch Bernays Rückbindung der tragischen Kathar-
Kant nimmt im Anschluß an Shaftesburys Unter- sis in einen therapeutischen Kontext [129], durch dessen
scheidung eines falschen und eines wahren Enthusias- Kritik an Lessings Tragödienkonzept [130] und auch
mus [113] sowie an die Ästhetik des Erhabenen bei E. durch die Umwertung bei Nietzsche erfolgt mit Freud
Burke [114] eine Aufwertung der M. vor. Er ordnet M. und J. Breuer die Übertragung affektrhetorischer und
dem Erhabenen zu, dessen ambivalente Empfindung poetologischer Kategorien auf die psychoanalytische
von Anziehung und Abstoßung er als negatives Wohl- ‹kathartische Methode› (1895), die zur Hysteriebehand-
gefallen und negative Lust beschreibt. [115] Derjenige, lung (‹hysterische M.› [131]) eingesetzt wird. Der auf
«dessen Gefühl ins Melancholische umschlägt», habe dem rhetorischen Mittel der Vergegenwärtigung (ima-
«ein Gefühl für das Erhabene». [116] Das Modell gei- ginatio) und der Suggestion basierende therapeutische
stiger Exzellenz bleibt zwar wirksam, ebenso aber die Wirkungsfaktor der Psychokatharsis beruht auf dem
Gefahren einer pathologisch-enthusiastischen M. [117] Durchleben von Verdrängtem (affektbetontes Erin-
Besitzt Burkes Phänomenologie des Erhabenen Ele- nern) und der Freisetzung von Affekten (Aktualisie-
mente der M. (Dunkelheit, Einsamkeit, Erstaunen, rung des Pathos). [132] Freuds psychoanalytische Deu-
Furcht, Schrecken), so legt Kant den Fokus auf das Er- tung grenzt die M. als pathologische Störung, ausgelöst
habene der M. und die Verbindung zum Tugendbe- durch einen unbewußten primären Objektverlust, von
griff. [118] einem normalen Affekt der Trauer ab: Ist dem Trauern-
VI. 19. Jh. bis Gegenwart In Philosophie und Ästhetik den «die Welt arm und leer geworden», so dem Melan-
entwickelt sich der Terminus ‹Schwermut› zum Folge- choliker «das Ich selbst» [133]. Der bewußten Trauer
begriff der M. und der mittelalterlichen acedia. Insbe- kontrastiert die unbewußt-intransparente und melan-
sondere S. Kierkegaard steht in der sündentheologi- cholische. Freud übernimmt das Bild der Dunkelheit der
schen acedia-Tradition. Er versteht «die Schwermut der M. als Modell der undurchsichtigen Struktur des Unbe-
Ästhetiker als das weltliche Gegenstück der Acedia und wußten, als einer psychoanalytisch zu erhellenden
als Signum der Verzweiflung und Unerlöstheit». [119] Schwärze. [134]
Schopenhauer wertet die Verbindung von Genie W. Benjamin behandelt in seiner Tragödienschrift
und M. als Zustand gesteigerter Erkenntnis auf. Der die M. als psychologisches und sprachliches Paradigma.
männliche Körper besitze anatomische und physiologi- Er spricht von der «seelische[n] Doppelheit der melan-
sche Charakteristika, die das Genie hervorbringen und cholischen Gemütslage», die mit der Bindung des Be-
vom Talent abheben. Er erkennt die Affinität der M. zu griffs an Genialität und Wahnsinn in der Antike «dia-
poetischer Produktivität und künstlerischem Schaffen. lektisch gesehen worden» sei. [135] Die Trauer in der
In Anlehnung an die antiken Autoren (Platon, Aristo- Tragödie des Barock ist ihm gleichsam Paradigma für
teles, Cicero) hebt er die melancholisch Hochbegabten die eschatologische Perspektivlosigkeit des modernen
von den nüchtern-vernünftigen Alltagsmenschen ab. Menschen, dessen melancholische Erfahrung ihn zum
Kennzeichen dieser «Nachthellen» sind deren «über- «Grübler über Zeichen» macht. Der Sinnverlust korre-
große Sensibilität» und der rasche Wechsel heftiger Af- spondiert mit dem Bewußtsein eines sprachlich-reprä-
fekte (Trauer, Freude, Sorge, Furcht, Zorn), welcher ge- sentativen Bedeutungsverlusts. Die Allegorie, das me-
radezu zur Bedingung für das Schaffen «unsterblicher lancholische Zeichen des Metaphysikverlustes, ist Dar-
Werke wird». [120] stellungsmittel und zugleich ästhetische Reflexion von
Auch bei Nietzsche wird die Schwermut zur Eigen- Bedeutungszerfall und Bedeutungsüberschuß, wie er in
schaft des Genies. [121] Seine Kritik gilt dem antik-mit- der barocken Emblematik als einem Zuviel an Bedeu-
telalterlichen Doppelverständnis einer durch die sünd- tung und in der Sprache als «Rebellionen ihrer Elemen-
hafte christliche acedia («Geist der Schwere») transfor- te» [136] zum Ausdruck kommt. Die Auflösung der ar-
mierten M. [122] An die M. der Antike schließt er den biträren, durch Übereinkunft verbürgten Verbindung
dem Tragischen verpflichteten Übermenschen an: «Sei- von Sprache und Bedeutung berührt das pragmatische
ne Traurigkeit bildet die affektive Grundlage des ‘tra- rhetorische Problem der Dichotomie von res und verba
gisch-dionysischen Bewußtseins’. Tragisch aber ist die- sowie das theoretische der semiotischen Differenz von
ses Bewußtsein als Reaktion auf dieselbe Wiederkehr Zeichen und Bezeichnetem: «Der semiotische Ort der
des Gleichen, die Überdruß und Ekel hervorruft.» [123] M. ist [...] die Differenz zwischen Zeichen und Bedeu-
Der Geist der niedergedrückten Schwermut, so die kul- tung, Signifikant und Signifikat.» [137]
turkritische Perspektive, ist mit dem dekadenten Geist Benjamins Korrelierung von M. und der rhetorischen
des Abendlandes identisch. [124] Kulturkritik zeichnet Figur der Allegorie («Armatur der Moderne» [138]) ge-
sich auch in der ‹Geburt der Tragödie› ab. Nietzsche winnt neue Aktualität in der Postmoderne und der post-
übernimmt – in Kenntnis der produktionsästhetischen strukturalistischen Literaturtheorie. P. de Mans Ablö-

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Melancholie Melancholie

sung der Bezeichnungsrelation zwischen Signifikant und 268e; Plat. Pol. IX, 573 c-d; Plat. Phaidr. 248e. – 5 L.F. Földényi:
Signifikat durch eine Beziehung zwischen zwei allego- M. (2004) 21. – 6 Ps.-Arist. [1] 955a 36; 954a 39–954b 1; M. Theu-
rischen Zeichen (Signifikanten) ohne äußeren Sinnbe- nissen: Vorentwürfe von Moderne. Antike M. und die Acedia
des MA (1996) 17. – 7 vgl. Arist. EN, VII, 1154b 5ff.; vgl. Ps.-
zugsrahmen führt zu einer endlosen Reihe allegorischer Aristotels [1] 955a 15ff. – 8 Arist. Rhet. II, 14, 1390b 27ff., vgl.
Zeichen und damit zu einer Unabschließbarkeit end- 1389b 29ff. – 9 Plat. [4]. 244a 3–245c 2; Plat. Ion 533e. – 10 vgl. J.
gültiger Bedeutungszuschreibung. [139] Die Allegorie Croissant: Aristote et les Mystères (Paris 1932) 32; Arist. [2]
wird zu einem Tropus des melancholisch zerrissenen 1248a 35ff., Übers. B. Nüsse: M. und Tragödie (2008) 198. –
Ichbewußtseins, deren Lektüre einem unabschließbar- 11 Arist. Poet. 17, 1455a 32f.; vgl. Arist. [8] III, 1408b 14ff. –
dekonstruktiven Verfahren gleicht. Mit dem Verlust der 12 vgl. M. Wagner-Egelhaaf: Die M. der Lit. Diskursgesch. und
rhetorisch-semiotischen Ordnung, der Inkongruenz der Textfiguration (1997) 202ff. – 13 Aristoteles: De memoria et re-
allegorischen Ähnlichkeitsbeziehung von verba und res, minsicentia 453a 14ff., in: H. Flashar (Hg.): Aristoteles: Werke,
Parva Naturalia, Bd. 14, II, übers. v. R.A.H. King (2004);
die keine angemessene Zuordnung (aptum) erfahren, Arist. [2] 1248a 40; Arist. [7] VII, 1150b 25ff. – 14 vgl. Arist. [7]
scheitert auch die Gestaltung eines beim Memorieren VII, 1150b 25ff.; Arist. [13] 453a 18ff, 19. – 15 Aristoteles: De di-
der Rede zu beschreitenden Erinnerungs- und Ord- vinatione per somnum 463b 15ff., in: Werke [13] Bd. 14, III,
nungsraumes des Gedächtnisses (memoria), in dem je- übers. v. Ph. J. van der Eijk (1994), hier: Übers. Nüsse [10] 200. –
dem Signifikat seine Position (tópoi, loci) durch ein Bild 16 Aristoteles: Problemata physica XI, 38, in: Werke [13] Bd. 19
zugewiesen ist. [140] Die Störung der Relation von Bild, (1962) 117. – 17 Arist. [15] 463b 15ff, Übers. Nüsse [10] 200. –
Wort (verbum, Signifikant) und Sache (res, Signifikat), 18 Arist. [15] 463b 15ff; 464a 34–464b 6. – 19 Arist. [11] 1459a 5–8;
führt beim melancholischen Mnemoniker zur Unkennt- Arist. [8] 1412a, 10–18; vgl. J. Pigeaud: Une physiologie de l’in-
spiration poétique: de l’humeur au trope, in: Les Etudes Clas-
nis der eigenen, labyrinthischen Gedächtnistopogra- siques 46 (1978), 23–31, 26. – 20 Arist. [8] 1404b 2; Arist. [11]
phie. [141] Das Labyrinth, ein Zentraltopos der M. [142], 1458a 22. – 21 Aristoteles: De somno, 457a 27ff, Werke [13] Bd. 2,
ist Symbol für den «Verlust der aus ihren universalen vgl. Nüsse [10] 209; Aristoteles: De anima 403 b1, Werke [13]
sprachlichen Ordnungen gestürzten Welt» [143]. Bei J. Bd. 13, übers. v. W. Theiler; vgl. H. Flashar: Die medizin. Grund-
Starobinski wird das Labyrinth zum Bild der Bewußt- lagen der Lehre von der Wirkung der Dicht. in der griech. Poe-
seinsstruktur des Melancholikers. [144] In produktions- tik, in: Hermes 84 (1956) 12–48, 37f. – 22 vgl. W. Schadewaldt:
ästhetisch-poetologischer Perspektive ist die für die Furcht und Mitleid? Zur Deutung des Aristotelischen Tragö-
Postmoderne emblematische Figur des Rhizom-Laby- dienansatzes, in: Hermes 83 (1955) 129–171; vgl. J. Bernays:
Grundzüge der verlorenen Abh. des Aristoteles über Wirkung
rinths (U. Eco, G. Deleuze, F. Guattari) – analog zum der Tragödie (1857); vgl. Flashar [21]; vgl. Nüsse [10] 131; vgl. W.
melancholischen Wahrnehmungs- und Strukturmodell – Rösler: Art. ‹Poetik›, in: HWRh, Bd. 6 (2003) 1311. – 23 vgl. Nüs-
die Figuration des poststrukturalistischen Textverständ- se [10] 123–181. – 24 Arist. Pol. VIII, 7, 1341 b 34–1342 a 11. –
nisses vom ‹Text als Gewebe› (R. Barthes). [145] Die 25 Arist. [11] 6, 1449b 24–28, 27f. – 26 Arist. [8] II, 2–11, 1378a –
Zielrichtung von J. Kristeva gilt besonders der Klärung 1388b; 5, 1382a 21ff. – 27 Übers. Nüsse [10] 133ff. – 28 Arist. [8] II,
der sprachlichen Disposition und des kreativen Poten- 8, 1385b 13ff., 1386a 5ff. – 29 Arist. [8] II, 1383a 8ff. – 30 Ps.-
tials des Melancholikers. Ausgangspunkt ist die psy- Arist. [1] 954a 24f; 954b 6; 954b 12–16; 954b 31f.; 953a 36f.; 953b
choanalytische Hypothese einer dem Spracherwerb vor- 13; 953b 20; 953b 4, 954a 36; 954a. – 31 Nüsse [10] 174ff.; Ps.-
Arist. [1] 955a 15ff; Arist. [8] II, 1388b 31–1390a 25; 1389b 7, 29ff.
ausgehenden und diesen bedingenden Verlusterfah- – 32 Nüsse [10] 217; vgl. S. Freud: Bruchstück einer Hysterie-
rung. Der Verlust wird verneint (dénégation) und in der Analyse, in: Studienausg. Ges. Werke, Bd. 6 (1964) 180–182. –
Sprache aufgehoben. Der Melancholiker leugnet hin- 33 Plat. Phaidr. 261a 8; 271c 10; 270 b. – 34 Ueding/Steinbrink 18;
gegen die Verneinung (déni), so daß in Folge der dop- Gorgias Fr. 23. – 35 Panofsky [1] 95. – 36 Cicero: Tusculanae dis-
pelten Negation die Sprachentwicklung gestört ist, was putationes, übers. v. E.A. Kirfel (1997) I, 33, 80; vgl. Cicero: De
sich in einer «Verleugnung des Signifikanten», des Sym- divinatione, übers. v. Chr. Schäublin (1991), 1, 80. – 37 Quint.
bolischen und der kommunikativen, bedeutungsstiften- VIII, 3, 56; vgl. H. Weinrich: Art. ‹Ingenium›, in: HWPh, Bd. 4
den Funktion von Sprache manifestiert. Kristeva be- (1976) 360–363, 360. – 38 Cic. Tusc. [36] III, 5, 11. – 39 Cic.: Pro
Archia 8, 18; vgl. B. Kositzke: Art. ‹Enthusiasmus›, in: HWRh,
schreibt das melancholische Sprechen als «repetitiv und Bd. 2 (1994) 1187. – 40 Cic. div. [36] I, 80, 81; vgl. D. Chalkomatas:
monoton», versinkend «in der Leere der Asymbolie Ciceros Dichtungstheorie. Ein Beitr. zur Gesch. der antiken Li-
oder in der Überfülle eines Gedankenchaos» [146]. Al- teraturästhetik (2007) 260f. – 41 Cic. div. [36] 80. – 42 Cic. Or. 132;
lerdings erkennt sie, wie Aristoteles, eine «signifikante 97; 99. – 43 Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, ep. 116. –
Hyperaktivität im Assoziieren semantisch auseinan- 44 Seneca: De tranquillitate animi 3,6; 15,1; Übers.: Philosoph.
derliegender Wortfelder» sowie einen «beschleunigten Schr., Bd. 2, hg. v. M. Rosenbach (1971) 17, 10; 15, 1. – 45 vgl.
und kreativen kognitiven Prozeß». [147] Kristeva folgt Quint. X, 2, 1; vgl. H.F. Plett: Rhet. der Affekte. Engl. Wirkungs-
letztlich Starobinski, wenn sie die Kreativität des Melan- ästhetik im Zeitalter der Renaissance (1975) 6. – 46 Rütten [3]
19f. – 47 vgl. D. Goltz: Art. ‹Säfte, Säftelehre›, in: HWPh, Bd. 8
cholikers als Überschreitung und Schaffung neuer se- (1992) 1119–1126, 1121. – 48 vgl. H. Kalverkämper: Art. ‹Phy-
miotischer Strukturierungen begreift. [148] Das schöp- siognomik›, in: HWRh, Bd. 6 (2003) 1083–1190. – 49 vgl. J. Ilberg:
ferische Potential äußert sich in einer poetischen Spra- Rufus von Ephesos (1930) 457, 18. – 50 J. Cassianus: De institutis
che, die die symbolische Ordnung der Sprache in Frage coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis libri XII,
stellt, diese wiederum durch das Einbrechen des Semio- X, 1ff. – 51 Aug.: De civitate Dei XIV, 3; vgl. Kalverkämper [48]
tischen (Affekte, Rhythmik, Melodie) modelliert und 1120. – 52 P. Kaiser (Hg.): Hildegardis ‹Causae et curae› (1903)
reflektiert. [149] 145, 27; vgl. Panofsky [1] 141f. – 53 Theunissen [6] 28. –
54 Thomas von Aquin: Summa theologica, II-II, 35, 28. – 55 A.
Neckam: De naturis rerum libri duo, hg. v. T. Wright (London
Anmerkungen: 1863) 42; vgl. Panofsky [1] 126ff; Heinrich von Gent: Quodlibeta
1 Ps.-Aristoteles: Problem XXX, 1 (953a–955a) 953a 10, in: II, 9. – 56 vgl. P. Theiss-Abendroth: Zur Kontinuität biologischer
Aristoteles: Werke, Problemata Physica, Bd. 19, übers. von H. Modelle in der Psychiatrie. Die M. als Hirnkrankheit in der
Flashar, hg. von E. Grumach (1962). Im Folg. zit. nach der Übers. scholastischen Psychol., in: Psychiatrische Praxis 27 (2000) 107–
von R. Klibanski, E. Panofsky, F. Saxl: Saturn und M. (1992) 111, 109. – 57 Albert der Große: De animalibus libri XXVI, hg. v.
59–76. – 2 Aristoteles: Eudemische Ethik 1248a 38ff. – 3 Homer: H. Stadler (1916–21) I, 330; II 1305. – 58 Wilhelm von Auvergne:
Ilias I, 103; vgl. Th. Rütten: Demokrit – Lachender Philosoph De universo, II, 3, 20 (Venedig 1591) 993; vgl. Panofsky [1] 133ff.
und sanguinischer Melancholiker (1992) 16. – 4 Plat. Phaidr. – 59 M. Ficino: De vita libri tres (1489), in: ders.: Opera Omnia, 2

683 684
Melancholie Melancholie

Bde. (Basel 1576) (ND Turin 1952–1962). – 60 Panofsky [1] 491. – The Spectator, hg. von H. Morley, 3 Bde. (London 1891): Nr. 411
61 Ficino [59] I, 5, 497. – 62 Ficino [59] III, 22; zit. Panofsky [1] (21. Juni 1712) Bd. 2; Nr. 179 (25. Sept. 1711) Bd. 1. – 107 Gnothi
389. – 63 Agrippa v. Nettesheim: De occulta philosophia (1510) sautón oder Magazin für Erfahrungsseelenkunde, hg. von K.Ph.
(21985); vgl. Panofsky [1] 406. – 64 Ph. Melanchthon: Liber de Moritz, K.F. Pockels (1783) I, 3, 103; VIII, 3, 98ff; J.M.R. Lenz:
anima II, in: Ausg. Corpus Reformatorum, Bd. 13 (1846) Sp. 85. – Abgerissene Beobachtungen über die launigen Dichter (1777),
65 M. Luther: Tischreden, Nr. 1089, 547f, in: D. Martin Luthers in: ders.: Werke und Schr., hg. v. B. Titel, H. Haug, Bd. 1 (1967)
Werke: Krit. Gesamtausg. I (1912–1921); vgl. J.A. Steiger: M., 464; Schiller: Was kann eine gute stehende Schaubühne eigent-
Diätetik und Trost (1996). – 66 vgl. Plett [45] 40–45. – 67 J.L. Vi- lich wirken? (1785), in: Schillers Werke, hg. v. B. v. Wiese, Bd. 20
ves:. De anima et vita III (1538), in: ders: Opera omnia III, hg. v. (1962) 99f. – 108 J.-B. Dubos: Réflexions critiques sur la poésie et
G. Majansius (Valencia 1782–1790) 463f. – 68 B. Castiglione: Il sur la Peinture (Paris 71770; Genf 1967); dt. Übers.: Krit. Be-
libro del cortegiano (1528) (Florenz 1947); S. Guazzo: La civil trachtungen über die Poesie und die Mahlerey (Kopenhagen
conversazione (1574) (Modena 1993); G. della Casa: Galateo 1760) 1, 12f. – 109 G.E. Lessing: Briefe, die neueste Lit. betref-
(1558), hg. v. S. Orlando (1988); vgl. E. Bader: Rede-Rhet., fend, 17. Brief (1759), in: Lessings Werke, hg. v. K. Balser, Bd. 3
Schreib-Rhet., Konversationsrhet. (1994) 112–164. – 69 Della (1982) 82. – 110 vgl. M. Herz: Etwas Psychol.-Medizinisches.
Casa [68] 23; vgl. R. Casale: Erziehung von der Moralerziehung. Moritz’ Krankengesch. (Jena 1798), in: Journ. der pract. Arz-
Konversation gegen Kommunikation, in: D. Horster, J. Oelkers neykunde und Wunderarzneykunst, hg. von C.W. Hufeland,
(Hg.): Päd. und Ethik (2005) 25–48. – 70 R. Burton: The Ana- Bd. 5 (1798) 3–73, 10. – 111 J.Chr. Gottsched: Akadem. Rede-
tomy of Melancholy (1621) (London 161840), 281. – 71 R. Descar- kunst (1759) 41. – 112 K.Ph. Moritz: Werke in zwei Bänden, hg.
tes: Traité des passions de l’âme (Amsterdam 1649) Art. 62, 92, von H. Hollmer u. A. Meier Bd. 1 (1999) 794. – 113 I. Kant: Ver-
182, 184. – 72 Ch. Thomasius: Ausübung der Sittenlehre (Halle such über die Krankheiten des Kopfes (1764; ND 1912), in:
1696) (1968) 39, 173. – 73 Ps.-Long. Subl. – 74 T. Wilson: The Kants gesammelte Schr., hg. von der Berlin-Brandenburgischen
Arte of Rhetorique (London 1553); C. Butler: Oratoriae libri Akad. der Wiss., Bd. 2, 257–272, 267. – 114 E. Burke: A Philo-
duo (Oxford 1629); Peacham (1577). – 75 M. Casaubon: A Trea- sophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and
tise Conc. Enthusiasm (1655) (London 21656); H. More: En- Beautiful (London 1757). – 115 Kant KU, B 75, B 76, B 117. –
thusiasmus triumphatus (1656), in: ders.: A Collection of Several 116 I. Kant: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und
Philosophical Writings (London 1662) 2–47. – 76 Casaubon [75] des Erhabenen (1764; ND 1912), in: Kants gesammelte
178, 36. – 77 More [75] Sect. LXI, 44; LIV, 38; XXI, 15; XXIV, 18. Schr. [113] Bd. 2, 205–256, 220. – 117 ebd. 222. – 118 vgl.
– 78 vgl. H.-J. Schings: M. und Aufklärung (1977) 156–165. – 79 J. Schings [78] 54. – 119 vgl. V.A. McCarthy: ‘Melancholy’ and ‘Re-
Locke: An Essay Conc. Human Understanding (1690) IV, 19, ligious Melancholy’, in: A. Anderson: Kierkegaard’s Teachers
§ 3, 5, 6, 14 (Oxford 1975, hg. v. P.H. Nidditch). – 80 A. Shaftes- (1982) 152–164. – 120 A. Schopenhauer: Die Welt als Wille und
bury: A Letter Conc. Enthusiasm (1708), in ders.: Characteri- Vorstellung II (1819), in: ders.: Sämtl. Werke, hg. von A. Hüb-
stics, hg. v. Ph. Ayres, I (Oxford 1999) II, 11f.; VII, 32; II, 11. – scher, Bd. 3 (31972) 430ff. – 121 F. Nietzsche: Nachlaß 1875–1879,
81 vgl. E. Müller: Ästhet. Religiosität und Kunstrel. (2004) 26f. – in: ders.: Krit. Studienausg., hg. von G. Colli u. M. Montanari,
82 M. Kessel: Langeweile. Zum Umgang mit Zeit und Gefühlen Bd. 8 (1967–1988) 138. – 122 F. Nietzsche: Also sprach Zarathus-
in Deutschland vom späten 18. bis zum frühen 20. Jh. (2001) 22; tra (1883–1885), in: Krit. Studienausg. [121] Bd. 4 (1980). –
B. Pascal: Gedanken (frz. Pensées, postum 1669) (1947) 84f. – 123 Theunissen [6] 39–44. – 124 vgl. ebd. 43, 40. – 125 E. Müller:
83 G.J. Vossius: Poeticarum institutionum libri III (1647) II, 13, Gesch. der Theorie der Kunst bei den Alten, Bd. 2 (1837); Ber-
65; H.-J. Schings: Consolatio Tragoediae. Zur Theorie des ba- nays [22]. – 126 Nüsse [10] 290. – 127 F. Nietzsche: Die Geburt der
rocken Trauerspiels, in: R. Grimm (Hg.): Dt. Dramentheorien 1 Tragödie aus dem Geiste der Musik, in: Krit. Studienausg. [121]
(31980) 19–55, 26. – 84 Schings [83] 37. – 85 A.S. Minturno: De Bd. 1 (1980) 138, 130, 122. – 128 F. Nietzsche: Nachlaß Winter
poeta (1559) (1970) 65; vgl. Schings [83] 36. – 86 G.B. Guarini: Il 1869 – Frühjahr 1870, in: Krit. Studienausg. [121] Bd. 7 (1980) 69.
compendio della poesia tragicomica (1603), zit. V. Intonti: For- – 129 Arist. [24] 1342a, Übers. Bernays [22] 139; vgl. Flashar [21]
me del tragicomico nel teatro tardo elisabettiano e giacomiano 26ff. – 130 Bernays [22] 136. – 131 vgl. Art. ‹Hysterie›, in: Brock-
(Neapel 2004) 17. – 87 E. Tesauro: La filosofia morale (1670) haus Kl. Konversations-Lex. 1 (51911) 845. – 132 vgl. E. Bleuler:
(Venedig 1689) 326. – 88 E. Tesauro: Il Cannocchiale Aristote- Lehrbuch der Psychiatrie (151983) 146. – 133 S. Freud: Trauer
lico (1654; ND 1968) 90, 93. – 89 vgl. J.U. Bilguer: Nachrichten an und M. (1917), in: ders.: Studienausg., hg. von A. Mitscherlich,
das Publicum in Absicht der Hypochondrie (Kopenhagen 1767); Bd. 3 (1975) 193–212, 197, 200f. – 134 Wagner-Egelhaaf [12] 22. –
vgl. G. Cheyne: The English Malady (London 1733). – 90 vgl. J.F. 135 W. Benjamin: Ursprung des dt. Trauerspiels (1978) 130; 127.
Zückert: Medicinische und moralische Abh. von den Leiden- – 136 ebd. 172; 183. – 137 Wagner-Egelhaaf [12] 205. – 138 W.
schaften (1764) 32. – 91 vgl. J.W. Appelius: Hist.-Moralischer Benjamin: Ch. Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hoch-
Entwurff der Temperamenten (1737); J.A. Hillig: Anatomie der kapitalismus (51990) 177. – 139 P. de Man: The Rhetoric of Tem-
Seelen (1737); A.C. Lorry: Von der M. und den melancholischen porality, in: ders.: Blindness and Insight. Essays in the Rhetoric
Krankheiten, 2 Bde. (1770); J. Kämpf: Kurze Abh. von den Tem- of Contemporary Criticism (Minneapolis 21983) 187–228; vgl. M.
peramenten (1760); J.C. Lavater: Physiognomische Fragmente, Kahl: Der Begriff der Allegorie in Benjamins Trauerspielbuch
Bd. 4 (1775–1778). – 92 C. Lombroso: Genio e follia (Mailand und im Werk P. de Mans, in: W. van Reijen (Hg.): Allegorie und
1864); ders.: Genio e degenerazione (Palermo 1897), dt. Entar- M. (1992) 292–316, 305. – 140 vgl. Cic. [42] 2, 355, 433, 437; Quint.
tung und Genie (1894). – 93 J.G. Gregorius: Curieuser Affecten- XI, 2, 17–22; F.A. Yates: Gedächtnis und Erinnern (62001) 18ff. –
Spiegel (1715) 101; vgl. Th. Müller: Rhet. und bürgerliche Iden- 141 vgl. A.M. Heydenreich: Wachstafel und Weltformel (2007)
tität (1990) 115ff. – 94 Lorry [91] Bd. 1, 177, zit. Schings [78] 67. – 132; vgl. Arist. [16] XI, 38, 117; Arist. [15] 463b 15ff. – 142 vgl.
95 vgl. Schings [78] 68. – 96 Lorry [91] 198f., zit. Schings [78] 69. – Burton [70]. – 143 R. Lachmann: Gedächtnis und Weltverlust, in:
97 Diderot Encycl.: Mélancolie (Neufchastel 1765) Bd. 10, 307– dies., A. Haverkamp: Memoria – Vergessen und Erinnern
311; 307f. – 98 Lorry [91] Bd. 1, 73, zit. Müller [93] 127. – 99 J. (1993) 492–520, 514. – 144 J. Starobinski: L’encre de la mélan-
Stinstra: Warnung vor dem Fanaticismus (Berlin 1752) 134, zit. colie, in: La Nouvelle Revue Française 11, 123 (1963) 410–423. –
Schings [78] 186; 390. – 100 Fortunander: Der galante und in die- 145 Wagner-Egelhaaf [12] 21; R. Barthes: Die Lust am Text
ses Welt-Leben recht sich schickende Mensch (Leipzig 1706) (1974) 94; U. Eco: Postille a il nome della rosa (1983) 32; G. De-
347, zit. Müller [93] 129. – 101 vgl. Quint. VI, 2, 29; Ps.-Long. [73] leuze, F. Guattari: Rhizom (1977). – 146 J. Kristeva: Schwarze
15, 1. – 102 Diderot [97]; vgl. Quint. VI, 2, 26; vgl. Hor. Ars 102f. – Sonne. Depression und M. (2007) 61, 48, 43. – 147 ebd. 67. –
103 L. Garon: Chasse-Ennui (Paris 1600); dt. Übers.: Exilium 148 Starobinski [144] 419; vgl. Wagner-Egelhaaf [12] 17. –
Melancholiae (Straßburg 1669); F. Neumayr: Curatio Melan- 149 Kristeva [146] 48; vgl. dies.: Die Revolution der poet. Spra-
choliae (1758). – 104 vgl. J. Katzschius: De gubernanda sanitate che (1978) 32ff.
(Frankfurt a. M. 1570) 29. – 105 Paracelsus: Sämtl. Werke, hg. v.
K. Sudhoff, W. Matthiessen, Bd. 2 (1929 ff.) 452; vgl. H.-G.
Schmitz: Die Heilwirkung von Scherz und Lachen nach den Leh- Literaturhinweise:
ren der Medizin, in: D. Schöttker (Hg): Philos. der Freude. Von G. Mattenklott: M. in der Dramatik des Sturm und Drang
Freud bis Sloterdijk (2003) 56–64. – 106 J. Addison, R. Steele: (1968). – W. Lepenies: M. und Ges. (1969). – G. Bader: M. und

685 686
Methode Methode

Metapher. Eine Skizze (1990). – Ph. van der Eijk: Aristoteles allmählich verschwindet, und beschränken sich nicht auf
über die M., in: Mnemosyne 43 (1990) 33–72. – R. Lambrecht: die Philosophie, sondern durchdringen, verstärkt seit
Geist der M. Eine Herausforderung philos. Reflexion (1996). der Entstehung der ‹New Rhetoric› um die Mitte des
B. Bressa
20. Jh. [10], alle Bereiche der Literatur-, Sprach-, Medien-
und Kommunikationswissenschaft [11]. Dabei ist immer
^ Affektenlehre ^ Enthusiasmus ^ Erhabene, das ^ Genie ^ eine doppelte Perspektive leitend, in der sich die Auf-
Pathos ^ Phantasie ^ Psychologie ^ Stillehre ^ Tempera- klärung der Rhetorik über ihre Grundlagen und die
mentenlehre ^ Tragödie Voraussetzungen ihrer Traditionsbestände mit einer Er-
weiterung und methodologischen Anwendung von Rhe-
torik auf neue Gebiete verbindet.
Wissenschafts- und philosophiegeschichtlich ist im
Methode (griech. meÂuodow, méthodos; lat. methodus, ra- Folgenden das Unterscheidende rhetorischer M. in die-
tio; dt. 1. Verfahren zur Erlangung von wissenschaftli- sem zweifachen Sinne im Vergleich zu anderen bekann-
chen Erkenntnissen oder praktischen Ergebnissen, 2. ten M. herauszustellen. Das breite Spektrum etablierter
Art und Weise eines Vorgehens; engl. method; frz. mé- Methodenbegriffe umfaßt nichtfachspezifische Verfah-
thode; ital. metodo) rensweisen wie die analytische und synthetische M. so-
A. Def. – B.I. Antike. – II. Mittelalter und frühe Neuzeit. – III. wie Verfahren, die zur Topik eines Gegenstandsgebiets
Vom Barock bis zum Vormärz: 1. Pädagogik. – 2. Ästhetik. – IV. (auch im allgemeinen Sinne) gehören, z.B. die geome-
20. Jh. bis Gegenwart. trische, hermeneutische oder experimentelle M. Manch-
A. Def. Der Ausdruck ‹M.› ist rhetorisch gesehen in mal werden in einem engeren Sinne auch die artifiziellen
zwei grundlegend verschiedenen Hinsichten wichtig. und inartifiziellen Beweisverfahren der Rhetorik oder
Erstens kann damit ‹M. der Rhetorik› gemeint sein. Da- deren moderne argumentationstheoretische Adaption
bei ist M. ein bestimmter Aspekt der unterschiedlichen abkürzend als rhetorische M. bezeichnet. [12] Dieser
Konzeptionen der Redekunst, nämlich der Teil der Sprachgebrauch sieht jedoch von der spezifisch rheto-
Kunst, der sich als planendes Handeln bestimmen läßt. rischen Verknüpfung von Argument und Figur ab, die
Bereits Aristoteles erörtert den methodischen Aspekt im Folgenden aber als kennzeichnend für rhetorische M.
der teÂxnh, téchnē ausdrücklich, indem er die Kunst als herausgestellt wird. Rhetorikgeschichtlich ist außerdem
eine methodisch zu entwickelnde Naturanlage be- von dem Befund auszugehen, daß die zweite Bedeutung
stimmt. [1] Zwischen dem Redevermögen als Naturan- von ‹M.› im Laufe des 18. Jh. die erste Verwendungs-
lage (dyÂnamiw, dýnamis) und dessen Verwirklichung in weise allmählich ergänzt und zum Teil ablöst. Deshalb
Artikulationsakten (eÆneÂrgeia, enérgeia) steht demnach werden im Folgenden Ansätze zur Rhetorik als M. auf-
die Besinnung auf die Naturanlage als ein Vermögen bauend auf die historisch älteren M. der Rhetorik (= M.
und das in ihr liegende Entwicklungspotential. Dieses der Redegestaltung) dargestellt. Für die Rezeption der
Potential des Redevermögens steht wiederum in Bezie- Rhetorik im Rahmen der logischen Methodenlehre als
hung zu einem weiteren Kreis des Möglichen, nämlich eines Teils der vormodernen Logik sei auf den entspre-
dem, was Redegegenstand sein kann und was als solcher chenden Teilartikel hier im Rhetorik-Lexikon verwie-
potentiell Glaubwürdiges enthält, das in der Realisie- sen. [13]
rung der Rede darzustellen ist. Reden im Sinne der B. I. Antike. In den antiken Traditionen der Rhetorik
Kunst kann daher als intentionales Handeln, dessen Zie- entwickelt sich neben der Definition der Rhetorik als
le dem Handelnden ausdrücklich verfügbar sein müs- Kunst (téchnē, ars) noch kein unabhängiger Methoden-
sen [2], bestimmt werden. Unter ‹M. der Rhetorik› ver- begriff. M. der Rhetorik finden sich entsprechend in al-
stehen wir in dieser ersten Hinsicht das, was zur Besin- len fünf Bereichen der klassischen officium-Lehre, und
nung auf diese Ziele und die Mittel zu ihrer Erreichung zwar in inventio, dispositio, elocutio, memoria und actio
gehört. Weiter kann man mit einem gewissen Recht den als Felder einer methodischen Ausbildung des natürli-
Aspekt der Modifikation in den Mittelpunkt eines rhe- chen Redevermögens. [14] Dabei stoßen die M. der
torischen Methodenbegriffs stellen und die M. der Rhe- Rhetorik insbesondere in der Inventionslehre an ihre
torik als die Hilfsmittel ansehen, Überzeugungen zu ver- Grenzen, da die gelungene Erfindung ein stark entwik-
ändern, insofern diese von der Rede abhängen. [3] Die keltes natürliches ingenium voraussetzt. [15] Dieses lei-
Kunst umfaßt noch mehr, nämlich auch die Fähigkeit stet in späterer Zeit als ‹Witz› der reflektierenden Ur-
der Ausführung und alles, was dazu gehört, wie die Bil- teilskraft dem Bemühen um methodische Heuristik Wi-
dung des Redners. Insbesondere in der klassischen Rhe- derstand, welchem die Kunst nur nachhelfen kann. [16]
torik wird ‹Kunst› (téchnē, ars) fast im Sinne von ‹M.› Aristoteles hebt schon hervor, daß sich beim Auffin-
verwendet. Cicero identifiziert ratio mit ars und räumt den von treffsicheren Metaphern, was nicht von Ande-
dieser bei der Erfindung «nur sehr wenig Spielraum» ren erlernt werden kann, das ingenium und nicht die
zwischen ingenium und Fleiß ein. [4] Kunst zeigt. [17] Umgekehrt sind wiederum nicht alle M.
Zweitens kann ‹M.› aber auch ‹Rhetorik als M.› mei- der Rhetorik spezifisch rhetorische M. So sind rhetori-
nen. Dabei geht es um methodische Orientierung durch sche Beweistheorien eng mit M. der Dialektik (Topik)
Rhetorik in Kontexten, die nicht genuin rhetorisch sind, und Logik verzahnt. Die eigentümlichen M. der Rheto-
aber in Analogie zur artikulierten Rede methodisch rik entstehen aus der Frage nach der möglichen argu-
durchdrungen werden. Das gilt für die Philosophie im mentativen Wichtigkeit des nicht ursprünglich Argu-
allgemeinen [5], aber auch für bestimmte ihrer Diszipli- mentativen wie narrativer Vergegenwärtigung und sti-
nen, wie Handlungstheorie und Ethik [6], Erkenntnis- listischer Gestaltung vor allem durch Gedankenfiguren.
theorie und Ästhetik [7], Wissenschaftstheorie und Me- Bereits in der Sophistik sind Erweiterungen der Ar-
thodenlehre [8] sowie auch, wie später noch deutlich gumentation z.B. in der Philosophie durch den Einsatz
wird, Kulturphilosophie [9]. Methodologische Adaptio- der Rhetorik erkennbar. So bemüht sich Gorgias um
nen klassischer Schulrhetorik breiten sich in dem Maße eine Destruktion der eleatischen Lehre von der absolu-
aus, in dem die Rhetorik seit dem 18. Jh. als Kunstlehre ten Einheit allen Seins, wobei er einen Inbegriff vernei-

687 688
Methode Methode

nender Behauptungen über Sein, dessen Einfachheit für ihn durch den illegitimen Gebrauch dieser Verfah-
und Erkennbarkeit durch eine rhetorische Widerlegung ren entstehen. Die Widerlegung ist logisch gesehen
der Unmöglichkeit von deren Gegenteil begründet. [18] durch den Folgerungsbegriff definiert. Die Folgerung
Im ‹Lob der Helena› und in der ‹Apologie des Palame- sagt aufgrund von Prämissen mit Notwendigkeit etwas
des› wird diese M. auf speziellere Sachverhalte ange- von diesen Prämissen Verschiedenes aus. [26] Eine Wi-
wandt. [19] In der klassischen Rhetorik gewinnt die in- derlegung ist eine Folgerung, deren Konklusion einer
direkte Beweismethode in der Gattung und Praxis der zuvor erreichten Folgerung widerspricht. [27] Folgerun-
Gerichtsrede sowie in der politischen Beratschlagung gen und Widerlegungen können nun je nach Ziel didak-
große Bedeutung. tisch, dialektisch, peirastisch, oder auch eristisch ge-
Die Frage nach der Möglichkeit einer argumentativen braucht werden. Nur letzteres, das Streitgespräch um
Verwendung von Stilmitteln ist in der nachsophistischen des Streites willen, verursacht einen illegitimen Ge-
Rhetorikgeschichte der Mittelpunkt spezifischer M. der brauch, indem es dazu verleitet, vom nur scheinbar Ein-
Rhetorik, wie insbesondere die methodologisch heraus- leuchtenden aus (richtig) zu folgern, oder auch regel-
gehobene Stellung der Sentenz (sententia), und des damit recht Scheinschlüsse (die nicht folgerichtig sind) zu
eng verwandten Sinnspruchs für die Argumentation bilden. Aristoteles benennt folgende Kriterien echter
(griech. paroimiÂa, paroimı́a bzw. gnvÂmh, gnō´mē und lat. Widerlegungen, die helfen können, sophistische Wider-
sententia bzw. proverbium) zeigt. [20] Als Anleitung zum legungen zu identifizieren [28]: Eine Widerlegung soll
Verfassen von Chrien wirkt die Sentenzenlehre durch sich auf denselben Sachverhalt richten wie die Behaup-
Spätantike und Mittelalter hindurch bis in die rationali- tung, die sie bestreitet, und sich nicht bloß gegen die ver-
stische und neuhumanistische Pädagogik der Aufklä- wendeten Zeichen (Worte) richten. Wenn schon der
rung fort. In der ‹Rhetorica ad Alexandrum› [21], dem Sprachgebrauch angegriffen wird, dürfen nicht ungefähr
mutmaßlich ältesten Lehrbuch der Rhetorik (4. Jh. gleichbedeutende Worte an die Stelle der ursprüngli-
v. Chr.), sieht Anaximenes die Funktion der Sentenz chen gesetzt werden. Weiter soll eine Widerlegung auf-
darin, daß sie den persönlichen Standpunkt des Redners grund des Vorausgesetzten, das sie unangetastet lassen
in der Antwort auf eine allgemeine Frage ausdrückt. [22] soll, mit Notwendigkeit folgen. Ferner soll eine Wider-
Eine Sentenz ist für Anaximenes nicht notwendig ein legung in derselben Hinsicht, auf dieselbe Weise und in
Zitat oder ein belegbarer Ausspruch. Es kann sich auch Bezug auf dieselbe Zeit geführt werden wie die Folge-
um eine von einem Redner oder Autor selbst gebildete rung, die sie bestreitet. Diese Kriterien richten sich of-
Analogie oder Hyperbel handeln, die aber in jedem Fall fenkundig gegen den häufig mit der sophistischen Tech-
durch den Gebrauch des Personalpronomens als persön- nik verbunden Anspruch, zwingende Widerlegungen zu
liche Einstellung gekennzeichnet ist. Sentenzen kom- führen. Aristoteles’ Kritik am Widerlegungsschluß in
men den artifiziellen und inartifiziellen Beweismitteln zu der ‹Topik› durch Umkehrung einer Folge erklärt einige
Hilfe, indem sie diese subjektiv färben. Sie können eher Argumente für illegitim, die in der ‹Rhetorik› erlaubt
der etablierten Meinung entsprechen oder aber eine sind. In der ‹Topik› wird hervorgehoben, daß die irrige
Pointe enthalten und sind in diesem Fall zu begründen. Annahme, die Folge ließe sich umkehren (Verwechs-
Da das Enthymem bei Anaximenes nicht als Beweis, lung von hinreichender und notwendiger Bedingung) in
sondern als Widerlegung erscheint, übernimmt die Sen- Bezug auf Wahrnehmungsurteile zu Täuschungen füh-
tenz einen Teil der argumentativen Funktion des En- re, die zur Verbreitung falscher Meinungen beitrügen.
thymems als einer Beweisform. In der ‹Rhetorik› gehen aber die Beweise aus den An-
Für Aristoteles gehören Sentenz und Proverbium zeichen (aië kataÁ toÁ shmeiÄon aÆpodeiÂjeiw, hai katá to sē-
zusammen mit dem Beispiel zur rhetorischen Beweis- meı́on apodeı́xeis) auf dieselbe Weise vor. [29] Ein
führung, die er allgemein mit dem Terminus des En- Ehebruch wird z.B. aus einigen seiner Folgen (der Ehe-
thymems belegt und die in allen drei Redegattungen an- brecher/die Ehebrecherin macht sich schön u. dgl.) auf-
wendbar ist. [23] In einem spezifischeren Sinne sind En- gewiesen. Offensichtlich ist dieses Argumentschema für
thymeme rhetorische Beweise, die sich im Unterschied Aristoteles nur dann fehlerhaft, wenn es mit dem An-
zu den Beispielen am Argumentschema des Syllogismus spruch auf logische Notwendigkeit benutzt wird. Als
orientieren. Nach Aristoteles, der nicht zuletzt das Ziel Schema plausibler Folgerung, das lediglich Zustimmung
verfolgt, die Rhetorik gegen den sophistischen Miß- unter Vorbehalt ermöglichen und keine vorbehaltlose
brauch der Rede abzugrenzen, sollen Sentenzen nicht Zustimmung erzwingen soll, ist es durchaus erlaubt.
der persönlichen Färbung dienen, sondern das Allge- Die ‹Rhetorica ad Herennium› gibt die moralische
meine (meistens eine praktische Regel oder ein ethi- Ausrichtung der Sentenzenlehre an das Mittelalter wei-
sches Prinzip) exemplifizieren, z.B.: «Wenn ein Mann ter. [30] Später betont Cicero, daß sich Aussagen von
rechtschaffen geboren ist, ist es nicht nötig, daß seine Rednern, Dichtern, Philosophen oder Geschichtsschrei-
Kinder im Überfluß zu Weisen ausgebildet werden.» bern als Argumente aus der Autorität verwenden las-
(Euripides) [24] Sentenzen können als Prämisse oder als sen. [31] Für Quintilian ist die Sentenz ein Enthymem
Konklusion eines Enthymems verwendet werden oder aus einer Entgegensetzung, das zugleich schmückende
aber ein Enthymem ersetzen. Als Verknüpfung des All- und argumentative Funktion erfüllt, indem es eine be-
gemeinen mit dem Besonderen mittels einer sprachli- reits eingeführte Aussage auf den Punkt bringt. [32] Sen-
chen Figur demonstriert die gelungene Sentenz prakti- tenzen können Aussagen sein, die aus anderen Sinnzu-
sche Einsicht und Urteilskraft (froÂnhsiw, phrónēsis) ei- sammenhängen in einen in Rede stehenden Kontext
nes hinreichend erfahrenen Redners. Sentenzen dienen übertragen und kreativ gebraucht werden, indem sie es
sowohl der narrativen Vergegenwärtigung als auch der ermöglichen, Ähnlichkeit und Unähnlichkeit verschie-
Beweisführung und verknüpfen diese mit dem Redner- dener Kontexte aufzuweisen. [33] Am Leitfaden dieses
ethos. [25] Gedankens, der sich im Konzeptismus der frühen Neu-
Für die begriffliche Schärfung des Methodenbegriffs zeit findet, in den romantischen Witz eingeht und sich
ist es entscheidend, auch Aristoteles’ Kritik sophisti- noch in der modernen Konzeption einer metaphori-
scher Widerlegungsverfahren zu berücksichtigen, die schen Exemplifikation nachweisen läßt, zeigt sich bei-

689 690
Methode Methode

spielhaft die Erweiterung von speziellen Argumentati- der Wissenschaft (scientiarum instrumenta) in eine alte
onsmethoden der Rhetorik zur Allgemeinheit einer (topische) und eine neue (kritische) M. einteilt, die kri-
Rhetorik als M. tisch verfahrende (rationalistische) Philosophie an, weil
II. Mittelalter und frühe Neuzeit. Der neben Priscian diese ein ‹primum verum› verkünde, wohingegen die auf
vielfach kommentierte, u. a. für die Überlieferung der den sensus communis zielende M. dem Prinzip ‹verum
Rhetorik innerhalb des mittelalterlichen Triviums wich- est factum› und dem darin enthaltenen grundsätzlichen
tige Donat (4. Jh.) faßt die Sentenz wie Quintilian als Vorbehalt in Bezug auf alle Zustimmungs- und Behaup-
vox universalis auf, die einen Einzelfall mit Blick auf alle tungsakte Rechnung trägt. [45] Innerhalb des Jesuiten-
Menschen verallgemeinert. [34] Die Funktion der Tro- ordens kann die Rhetorik überdauern. Sie wird mit ge-
pen, als parabola Sinnebenen miteinander zu verknüp- genreformatorischem Impuls zu einer Methodisierung
fen und daher einerseits dem Redeschmuck, anderer- des ingenium genutzt, der im Konzeptismus der ersten
seits der Beweisführung zu dienen, bleibt im Mittelalter Hälfte des 17. Jh. bei M. Sarbiewski, M. Peregrini, B.
leitend, so im Donat-Kommentar Robert Kilwardbys, Gracián und E. Tesauro systematisch mit dem acumen
des Kontrahenten des Thomas von Aquin. [35] Das gilt zu einer Erfindungskunst von concetti bzw. conceptos
auch für die ethisch-moralische Legitimation des Ge- verknüpft wird. [46] Ähnlich wie die Sentenz ist ein con-
brauchs von Sentenzen. cetto eine Schnittstelle von Enthymem und Tropus.
In der Renaissance entstehen aufbauend auf den hu- Nach Gracián ist es Produkt eines Verstandesaktes, der
manistischen Begriff des Wissens im Sinne allseitiger eine Korrespondenz oder kunstreiche Korrelation zwi-
Bildung zahlreiche methodologische Traktate [36], die schen Gegenständen ausdrückt und gewissermaßen die
die natürliche Weltordnung in einer universellen Topik objektive ‹Subtilität› ist. [47] Bei dieser Korrespondenz
repräsentieren sollen [37]. Die Vorstellung, Methodik geht es um das Ineinsfallen eines Entgegengesetzten.
mit einer Gesamtdarstellung des verfügbaren Wissens Entsprechend bestimmt Sarbiewski das acumen als eine
zu verbinden, findet sich vereinzelt schon ab dem 12. Jh., Rede, in der das Logische mit dem Unlogischen ver-
beispielsweise bei Hugo von St. Viktor. [38] Im Sinne knüpft wird, «eine zwieträchtige Eintracht oder ein-
seiner ‹natürlichen Dialektik›, die als ars artium eine M. trächtige Zwietracht». [48]
zur Entzifferung der Welt sein soll, teilt P. Ramus dann Eine weitere Entwicklungslinie, in der die M. der
das ‹Organon› entgegen der Aristotelischen Einteilung Rhetorik in Konzeptionen einer Rhetorik als M. über-
(Analytiken und Topik) in inventio und dispositio bzw. gehen, ist die empiristische Erkenntnistheorie, insbe-
ingenium und iudicium, wobei das methodische Poten- sondere wenn es um die Begründung experimenteller
tial der Rhetorik durch deren Reduktion auf Stillehre Wissenschaft geht. Bereits F. Bacon stützt sich beim
zunehmend preisgegeben wird. [39] Zum ersten Mal Aufbau induktiver M. in Abgrenzung gegen begriffliche
kann jetzt von einem spezifisch rhetorischen Methoden- Haarspaltereien der Scholastik ausdrücklich auf die
begriff gesprochen werden. Rhetorik sowie ihre Ornatuslehre und spricht ihr eine
Der Begriff ‹M.› im Sinne von M. der Rhetorik wird heuristische Erkenntnisfunktion zu, die die Logik, die
allerdings noch einmal unterschiedlich verwendet. Zu- ausschließlich an der Begründung des Urteils interes-
nehmend bezeichnet er von nun an den Weg und die siert ist, nicht an der Auffindung dessen, was gesucht
Ordnung, in denen Untersuchungen auszuführen und wird, hindert. [49] Im Kontext des Bemühens um die
Begriffe, Propositionen oder Fragen zu explizieren sind, Begründung induktiver M., die die logisch nicht be-
so bei Ph. Melanchthon [40], der an die von L. Valla gründbare Verknüpfung von Tatsachenwahrheiten er-
und R. Agricola verfaßten rhetorisch-dialektischen möglichen sollen, kommt den M. der Rhetorik trotz J.
Lehrbücher anknüpft. [41] Der Umstand, daß die hu- Lockes abweisender Haltung gegenüber der Redekunst
manistischen Traktate die perspicuitas einer synopti- durch D. Hume und insbesondere G. Campbell viel
schen Darstellung allen Wissens zum Kriterium für de- größere Bedeutung zu als in den rationalistischen Tra-
ren Verläßlichkeit gemacht haben, explizit im Traktat ditionen. Campbell bestimmt die Begründung der mo-
‹De Methodo› von J. Anconico [42], hat der neuzeitli- ralischen Gewißheit (als einer enargetischen, der funk-
chen Entwicklung unverkennbar vorgearbeitet [43]. Für tionierenden Rede durch Tatsachen entspringenden
die der Reformation zugehörenden Autoren wie Melan- Evidenz) mit Bezug auf stabile Tatsachenverknüpfun-
chthon ist jedoch das Potential der Rhetorik für die Be- gen (z.B. einer Prognose aufgrund einer empirischen
gründung einer kritischen Bibelexegese ungleich wich- Gesetzmäßigkeit) als das spezifische Feld (province) der
tiger. Dabei dient die Ausbildung in der Stillehre der Rhetorik und nicht der Logik. [50]
Stärkung der dazu erforderlichen hermeneutischen Ur- III. Vom Barock bis zum Vormärz. 1. Pädagogik.
teilskraft: «Die elementare Ausbildung in den Figuren Seit jeher lehrte die Rhetorik Techniken der Persuasion.
und in der ganzen Methode des Sprechens» erfolge nur, Sie war, insofern einerseits gelingende Persuasion Bil-
«damit man lernt, eine Äußerung zu beurteilen und ir- dung von Redner und Hörern voraussetzt, andererseits
gendeinen einzigen und festen Sinn aus jedem beliebi- Bildung als Beherrschung der Technik verwirklicht wird,
gen Satz herauszuholen.» [44] Letztlich geht es dabei bereits in der Antike zugleich Bildungstheorie und Phi-
darum, strenge Gewißheit über den Sinn der Heiligen losophie. [51] Unter ‹Bildung› ist dabei Bildungsprozeß,
Schrift zu erlangen. Bildungszustand und Bildungsinhalt zusammengefaßt.
Die am Leitfaden einer Rhetorisierung der Logik be- Bildung bezieht sich auf einen Einzelnen unter Voraus-
ginnende Emanzipation der Wissenschaft von der setzung von Kultur als einem Inbegriff menschlicher Er-
Scholastik trennt sich unter Berufung auf die ‹Elemen- rungenschaften. [52] Seneca drückt mit der Sentenz
te› Euklids und deren demonstrative M. in der Entwick- «Oratio est cultus animi» (Die Rede ist der Schmuck des
lung von Melanchthon bis R. Descartes, wieder von der Geistes) den Zusammenhang von Bildung, Rhetorik und
Rhetorik. Descartes verbindet die sapientia unversalis Ethik verdichtet aus. [53] In der Neuzeit wird die Päd-
endgültig mit dem Methodenideal einer Gewißheit ver- agogik zudem zu einem der Felder, auf dem die Ausein-
bürgenden demonstrativen Geometrie. Als Antwort auf andersetzung des Cartesianischen Ideals klarer und
diese Entwicklung greift G.B. Vico, der die Instrumente deutlicher Erkenntnis, das durch Selbstdenken realisiert

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werden soll, mit der pauschal als ‹Scholastik› verurteilten gesprochen werden, die eine Entstehungsbedingung für
Tradition stattfindet. Der Konzeption Descartes’, die Bildungstheorien der Romantik und des Vormärz ist,
ausschließlich Intuition und Demonstration als Mittel die (exemplarisch etwa bei A.L.F. Mallinckrodt) Re-
zur Erlangung wissenschaftlicher Erkenntnis anerkennt, de, Bildung und politische Emanzipation als zusammen-
wird von Seiten einer an der Rhetorik orientierten Päd- gehörig herausstellen. [63]
agogik widersprochen. Die Rhetorik wird dabei zum me- 2. Ästhetik. Mit den Wandlungsprozessen in der zwei-
thodischen Paradigma einer Opposition gegen Konzep- ten Hälfte des 18. Jh. geht eine Anwendung der Rheto-
tionen rationalistischer Pädagogik. rik auf andere Gebiete einher, die zu Adaptionen der
Ausgangspunkt der Entwicklung sind D. Bouhours’ Redekunst u. a. in Ästhetik und Kulturphilosophie füh-
Schriften ‹Entretiens d’Ariste et d’Eugène› [54] und ‹La ren, in denen sie zunehmend als M. in Erscheinung tritt.
manière de bien penser dans les ouvrages d’esprit› [55] Die komplexe Wechselwirkung zwischen Rhetorik und
die, in ausdrücklicher Absetzung von der Logik von Ästhetik läßt sich exemplarisch an der Begründung der
Port-Royal – die Rhetorik als ‹Logik ohne Dornen› zu Ästhetik als Wissenschaft von der zugleich sinnlichen
einer Kunst der Ausbildung des bon sens machen. Da- und schönen Erkenntnis durch A.G. Baumgarten ver-
durch wird der abstrakten Kunst des Denkens der Car- deutlichen. Er rechnet die Rhetorik unter die besonde-
tesianer entgegengetreten. Nicht die Dressur von Zög- ren «Nutzanwendungen» (usus) der Ästhetik als der
lingen, die lediglich die sture Anwendung von Kunstre- Wissenschaft der sinnlichen (klaren und verworrenen)
geln erlernen sollen, sondern die Schulung des ingenium Erkenntnis. [64] Im Gegensatz zur deutlichen Erkennt-
an Beispielen, ist vorrangiges Ziel der Ausbildung. [56] nis, die auf eine Definition durch Merkmalszerlegung
Seit dem Barock ist die Rhetorik auch im deutschen eines Begriffs gegründet ist, unterscheidet die verwor-
Sprachraum fest im Bildungssystem verankert. Dabei rene Vorstellung (perceptio confusa) die Merkmale
geht es darum, Kenntnisse der klassischen Literatur nicht deutlich. [65] Sie ist nur insofern klar, als sie zwar
durch Rede- und Schreibaufgaben im Schul-, Gymnasial- ermöglicht, einem Gegenstand Prädikate richtig zu- und
und akademischen Unterricht in lateinischer Sprache zu abzusprechen, jedoch dunkel im Blick auf die Merk-
vermitteln. Die freie Rede soll durch auswendig gelernte male, durch die sich die Vorstellung einer Sache von je-
Sentenzen ausgebildet werden; das Schreiben übt man der anderen unterscheidet. [66] Erstmals wird bei Baum-
durch die Verfassung von Chrien nach festen Regeln. garten der Wert verworrener Erkenntnis gewürdigt. Die
Chr. Weise zielt mit dem ‹Politischen Redner› auf die confusio ist ausdrücklich nicht mehr nur «Mutter des Irr-
Ausbildung des rede- und schriftkundigen Hofmannes, tums», sondern «conditio, sine qua non, inveniendae ve-
dessen iudicium zu schulen ist, damit er in allen vorkom- ritatis». [67] Die Ästhetik ist die umfassende Theorie
menden Situationen bei Hofe das decorum einhalten verworrener Erkenntnis und umfaßt das, was Rhetorik,
kann. [57] Für Weise ist die Rhetorik damit nicht mehr Poetik und anderen Künsten gemeinsam ist. [68] Dabei
bloßes Lehrfach, sondern eine «universale, den ganzen erweist sich die Rhetorik zugleich als allgemeiner Leit-
Menschen betreffende Disziplin» bzw. eine auf Bered- faden, an dem sich die Ästhetik bereits in ihrem Aufbau
samkeit gegründete Bildungskonzeption. [58] von der Heuristik in der ‹Theoretischen Ästhetik›, die
Emanzipatorisches Potential für ein zunehmend po- der Inventiolehre entspricht, bis zur ästhetischen Über-
litisch agierendes Bürgertum erhält die Rhetorik erst redung (persuasio aesthetica) in der ‹Praktischen Äs-
mit dem Neuhumanismus, im deutschen Sprachraum thetik› immer wieder orientiert. Baumgartens Konzept
etwa durch J.A. Ernesti und J.M. Gesner, vor allem ist durch die Unterscheidung zwischen natürlicher und
aber durch J.G. Herder, der, an diese anknüpfend, die erworbener Ästhetik (die wiederum in eine lehrende
Schulrhetorik des 18. Jh. kritisiert und deren Reform hin und eine ausübende eingeteilt wird) vom rhetorischen
zu einer liberalisierten, deutschsprachigen rhetorischen Begriffspaar ars vs. natura abhängig. Für die Klärung
Bildung anstößt. [59] Das gilt insbesondere für die Pre- des Bezugs des Prädikators ‹schön› greift Baumgarten
digtrhetorik, von der sich Herder am meisten für eine auf die aus der klassischen Rhetorik stammende Unter-
Humanisierung des Menschen zum Mitglied einer scheidung zwischen res und verbum zurück. Die Schön-
Sprach- und Kulturnation und für eine Erneuerung an- heit ist nämlich erstens eine solche der Sachen bzw.
tiker Öffentlichkeit erhofft: «Der Lehrer tritt ein Amt Gedanken (res) als dasjenige, was als Inhalt eines Ur-
an, das nach unserer bürgerlichen Verfassung noch das teils in einem Behauptungssatz (verbum) ausgedrückt
einzige ist, was auf die innere Gestalt des Menschen, auf wird. [69] Dabei hebt Baumgarten die res absichtlich als
die Pflanzung christlicher, bürgerlicher und National- objektive (allgemeine) Inhalte von subjektiven Vorstel-
tugenden einen Einfluß haben kann, oder es hat nichts lungen wie Gefühlen sowie von materiellen Dingen ab.
mehr Einfluß.» [60] Unter methodischem Gesichtspunkt Den Gedanken kommt schon insofern Schönheit zu, als
ist der entscheidende Einschnitt der, daß Herder die sie abgesehen von jeglicher Ordnung, in die sie sich stel-
grundlegende Parteilichkeit jeglicher Rhetorik erkennt len lassen, eine Zusammenstimmung (consensus) auf-
und gegen das naive Konzept einer unparteiischen, le- weisen. Insofern charakterisiert die Fülle der Merkmale
diglich spielerisch simulierten Öffentlichkeit verficht, in der Vorstellung eines Gegenstandes (perceptio prae-
um einer ‹echten› Rhetorik gegen die durch die Schule gnans) diesen nicht als bloße Fülle, sondern erst in der
in Verfall geratene Rhetorik zum Durchbruch zu ver- Fülle zusammenstimmender Vorstellungen als einen
helfen. [61] Die politische Bedeutung dieser Entwick- schönen Gegenstand. Zweitens kann die Schönheit auch
lung zeigt sich an ihrem Affekt gegen den ‹Seelendes- der Ordnung bzw. Disposition der Gedanken zukom-
potismus› bisheriger Predigtrhetorik. Zugleich leitet sie men, wobei sich ein enger Zusammenhang zwischen äs-
den Übergang zu romantischen Erneuerungen der Rhe- thetischer Schönheit und rhetorischer Durchsichtigkeit
torik ein, die die Stilmittel nicht länger als äußerlichen, (perspicuitas) andeutet. [70] Drittens kennt Baumgarten
zu den Ausdrucks- und Bedeutungsfunktionen der Zei- Schönheit als eine Eigenschaft der Zeichen, die zur Ar-
chen hinzutretenden, Schmuck betrachten. [62] Im Ver- tikulation und Darstellung (dictio et elocutio) der Ge-
gleich zum Barock kann für die Zeit von 1750 bis 1850 danken gebraucht werden. Die Rhetorik ist demnach
von einer allmählichen Pädagogisierung der Rhetorik nicht nur ein spezieller Anwendungsbereich der Ästhe-

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tik (das ist sie nur als Theorie, schön bzw. gut zu reden), deutlichung durch den logischen Scharfsinn entziehen.
sondern auch die methodische Disziplin, in der das ka- In einer gewissen Anlehnung an die Symboltheorien
tegoriale Unterscheidungswissen, das zum Aufbau der Goethes und Cassirers und in expliziter Anknüpfung
Ästhetik benötigt wird, bereit liegt. an I.A. Richards [80], den Begründer der New Rheto-
Der methodische Aufbau der Ästhetik ermöglicht ric, bestimmt N. Goodman solchen kreativen Zeichen-
wiederum ihre methodische Anwendung am Leitfaden gebrauch als metaphorische Exemplifikation [81]. Dabei
der Rhetorik. Eine der Hauptaufgaben der Ästhetik in ist einerseits ein ästhetischer Gesichtspunkt der inhalt-
der zweiten Hälfte des 18. Jh. ist es, angesichts der indi- lichen Fülle oder Prägnanz leitend. Die perceptio prae-
viduellen Verschiedenheit subjektiver Geschmackser- gnans Baumgartens wird hier zu einem ganzen «Fami-
lebnisse zu klären, ob und in welchem Sinne Ge- lienbesitz» von Prädikaten, die in der metaphorischen
schmacksurteile begründet werden können, d. h. wie der Exemplifikation eine «glückliche und belebende, wenn
Streit über Geschmacksfragen möglich ist. [71] Im Un- auch bigamistische Zweite Ehe» mit Gegenständen ein-
terschied zu Kant, der nicht zuläßt, daß ein Geschmacks- gehen, auf die sie üblicherweise nicht Bezug neh-
urteil einen Gegenstand der sinnlichen Anschauung men. [82] Andererseits verbindet sich der Tropus Me-
überhaupt bestimmt [72], behauptet Baumgartens wich- tapher im Begriff der Exemplifikation, der als «Besitz
tigster Schüler, G.F. Meier, eine Objektivität des Ge- plus Bezugnahme» definiert ist, mit einem logischen As-
schmacks. Dieser ist das Vermögen, die Vollkommen- pekt des Zeichengebrauchs: Ein Gegenstand, z.B. ein
heit eines Gegenstandes sinnlich zu beurteilen. [73] Bild, exemplifiziert ein Etikett (Prädikat) demnach ge-
Allerdings wird die Schönheit eines Gegenstandes nie nau dann, wenn er dieses Prädikat bzw. die Eigenschaft,
unvermittelt, sondern immer nur im Rahmen schöner für die es ein Etikett ist, direkt besitzt (z.B. ein graues
(vervollkommneter sinnlicher) Erkenntnis aufgefaßt. Bild ist) und wenn das Prädikat auf den Gegenstand Be-
Diese Erkenntnis der Schönheit muß durch methodi- zug nimmt (d. h. wenn es unter ‹grauer Gegenstand›
sche Übung ausgebildet und argumentativ begründet fällt). Der figurative Besitz (z.B. ein trauriges Bild)
werden können. Die Gedankenfigur (figura dictionis) ist kommt zustande, indem das Prädikat auf etwas bezogen
für Baumgarten ein Argument (Schema), das die Schön- wird, was normalerweise nicht unter es fällt (Trauer als
heit der Gedanken, ihrer Ordnung, oder ihrer Bezeich- etwas, das grau ist). Damit ist exemplarisch gezeigt, wie
nung aufweist. [74] Vollkommen ausgebildet stellt die sich der Übergang von M. der Rhetorik zur Rhetorik als
ästhetische Überredung (persuasio aesthetica) das Mit- M. (hier zu einer Symboltheorie bzw. Semantik der
tel zur Erlangung der «sinnlichen Gewißheit» (certitudo Kreativität) vollzieht.
sensitiva) dar, die für Baumgarten ein «Analogon der Doch nicht nur die Ästhetik, auch die Kulturphilo-
Vernunft», d. h. der Begründung durch Schlüsse ist. [75] sophie wird im 20. Jh. zum Paradigma für die Funktion
Bei Meier [76] verschiebt sich die Balance vom erkennt- der Rhetorik als Beschreibungsmethode. Seit Anfang
nistheoretischen Interesse an einer Theorie der Sinn- des Jahrhunderts wird Kulturphilosophie zur umfassen-
lichkeit als analogon rationis zur Rhetorik als einer M. den Analyse der Lebensgestaltung in Sprache, Mythos,
des Findens, wobei das ingenium gegenüber Baumgar- Kunst, Wissenschaft und Politik, wobei sie implizit oder
ten allerdings wieder auf das Vermögen der freien, neu- explizit das Redehandeln zum Modell für Gestaltung
artigen Kombination des sinnlich Gegebenen reduziert überhaupt macht. Anders als noch bei Isokrates, der
wird. Die methodische Aufgabe beschränkt sich jetzt eine Kulturentstehungstheorie aus der Rhetorik abge-
darauf, den ungebundenen, «flatterhaften» Witz an Re- leitet hatte [83], wird Rhetorik jetzt aber nicht mehr zur
geln seiner Ausübung zu binden. [77] Erklärung der Kultur aus dem menschlichen Redever-
Der Versuch, den Witz durch Regeln zu zähmen und mögen verwendet, sondern als eine Theorie der artiku-
methodisch faßbar zu machen, wird von den Romanti- lierten Rede aufgefaßt, die immun gegen dualistische
kern, für die es keine Identitätskriterien der Ähnlichkeit Anthropologien ist. [84] Dabei wird diese Rede zum
geben kann, später kritisiert. In der ‹Vorschule der Äs- Modellfall kreativen Handelns. Cassirer nimmt eine
thetik› schreibt etwa Jean Paul: «Denn ferne Ähnlich- Schlüsselposition für die Überführung des vielfach
keit ist, aus dem Bildlichen übersetzt, eine unähnliche, verborgenen rhetorischen Erbes der neuhumanistischen
d. i. ein Widerspruch; soll es eine schwache oder schein- Anthropologie und Sprachphilosophie in die moder-
bare bedeuten, so ist es falsch, da Ähnlichkeit, als solche, ne Kulturphilosophie ein. Er bestimmt den symboli-
ewig wahre Gleichheit, obwohl nur von wenigern Teilen schen Ausdruck als Unterscheidungskriterium zwischen
ist, Gleichheit aber, als solche, keinen Grad und Schein Mensch und Tier. Ein Symbol ist eine sinnlich erfahr-
zulässet.» [78] Jedenfalls ist Ähnlichkeit (der Witz, der bare, raum-zeitlich erscheinende Repräsentation eines
im allgemeinen als lebenspraktische Klugheit aufgefaßt geistigen Inhalts in einem Zeichen. Die Symbolisierung
wird, erhält bei Baumgarten außerdem den besonderen ermöglicht es dem Menschen, sich von der Natur zu di-
Sinn eines Vermögens der Entdeckung des Ähnlichen stanzieren und «aus dem engen Regelkreis von Reiz und
im Verschiedenen) [79] eine problematische Kategorie, Reaktion herauszutreten». [85] Menschliches Verhalten
wenn es darum geht, speziell die heuristische Funktion ist damit nicht mit denselben Mitteln zu interpretieren
von Metaphern zu fassen: Ähnlichkeit ist eine symme- wie natürliche Ereignisse. Es läßt sich nicht mehr auf das
trische und reflexive Beziehung, während eine Meta- aus einer Situation sich unmittelbar ergebende Gelegen-
pher in erster Linie eine davon abweichende Form der heitshandeln zurückführen, das auch bei vielen höheren
Repräsentation von etwas durch etwas Anderes ist. Tieren anzutreffen ist. Menschliches Handeln steht un-
Graue Farbe kann Traurigkeit darstellen, aber in diesem ter dem Anspruch, als intentional auf Ziele gerichtet
Fall ist es noch nicht so, daß Traurigkeit auch graue Far- und von Repräsentationen dieser Ziele begleitet aufge-
be darstellt. Ebenso repräsentiert Traurigkeit nicht sich faßt zu werden. Die Rede ist nicht nur anthropologisch
selbst. das den Menschen Unterscheidende, sie macht den
IV. 20. Jh. bis Gegenwart. Mit den Theorien des Witzes Menschen auch zum Gestalter seiner eigenen Symbol-
wurden erste Schritte zur Entschlüsselung einer Seman- systeme. Im Sinne des spezifisch neuhumanistischen
tik der Heuristik und Kreativität getan, die sich der Ver- Selbstverständnisses Cassirers, das die Zukunftsorien-

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tierung menschlicher Existenz zum zentralen Bestand- von Teil und Ganzem (Synekdoche), oben und unten,
teil seiner Humanität macht, ist «der Wille zur Gestal- vorne und hinten sowie der linearen Ordnung. Die ko-
tung» der rhetorisch fundierte Beweggrund der Kultur- gnitionswissenschaftliche Theoriebildung hat durch ihre
philosophie. [86] Schon in der ‹Philosophie der Symbo- These einer grundlegenden Metaphorizität der Begriffs-
lischen Formen› wird die Lautsprache durch Cassirers bildung eine gewisse Verwandtschaft mit dem postmo-
Definition von «Laut als Mittel und sinnliches Substrat dernen ‹Rhetorical Turn› [93] (die u. a. im Anschluß an
symbolischer Darstellung» zum Modell, an dem sich die P. de Man [94] von einer figurativen Verfaßtheit jegli-
kreative Darstellungsfunktion von Symbolen zeigt und chen Sprachgebrauchs ausgeht), allerdings ohne deren
ablesen läßt. [87] Auch hier zeigt sich die Verwandt- generelle (häufig als übertrieben kritisierte [95]) Skepsis
schaft des Phänomens einer «symbolische[n] Prägnanz», gegenüber der Bildung scharf begrenzter Begriffe in
d. i. die «ideelle Verwobenheit, diese Bezogenheit des Wissenschaftssprachen zu teilen.
einzelnen, hier und jetzt gegebenen Wahrnehmungs- Mit rhetorischen Methoden verknüpfte Ansätze der
phänomens auf ein charakteristisches Sinnganzes» mit Kognitionswissenschaft können in Zukunft wichtig wer-
der rhetorischen Figurenlehre, genauer mit dem Tropus den für Theorien der kulturellen Evolution. Die höhe-
Synekdoche. [88] ren menschlichen kognitiven und praktischen Fähigkei-
Ist bei Cassirer von einer impliziten Rhetorik als Kul- ten, wie Denken, Sprechen und die Benutzung von
turphilosophie zu sprechen, so kann beim frühen M. Werkzeugen haben sich evolutionsgeschichtlich in einer
Heidegger mit Bezug auf dessen Vorlesung über Ari- so kurzen Zeitspanne entwickelt, daß sie sich nicht aus-
stoteles’ ‹Rhetorik› (1924) von einer expliziten Begrün- schließlich durch genetische Variation und natürliche
dung der Rhetorik als M. in anthropologischer und kul- Selektion erklären lassen. [96] Deshalb wird allgemein
turphilosophischer Absicht gesprochen werden. Rheto- eine doppelte, biologische und kulturelle Evolution an-
rik wird dabei nicht mehr als Kunst des ‘guten’ Redens, genommen. Die Weise, wie etwas gelernt und das Er-
sondern als Theorie der artikulierten Rede aufgefaßt, lernte tradiert wird, ist dabei von entscheidender Be-
was sie nach Heidegger schon bei Aristoteles gewesen deutung. Durch die Verschränkung von Imitation und
ist. Die Griechen «machten Ernst mit der Möglichkeit Simulation wird beim spezifisch menschlichen Simula-
des Sprechens. Das ist der Ursprung der Logik, der Leh- tionslernen ein ‹Wagenhebereffekt› erzielt, der die
re vom loÂgow.» [89] Problemgeschichtlich geht Heideg- Evolution beschleunigt und bestimmte Rückfälle aus-
ger (in dieser Phase vor der Abfassung von ‹Sein und schließt. Das Simulationslernen ist nun als eine Leistung
Zeit›) davon aus, daß eine Anthropologie, die sich auf definiert, die aus rhetorischer Sicht typischerweise dem
das zugleich geistige und materielle Phänomen der ar- heuristischen Witz (ingenium) zuzuschreiben ist. M. To-
tikulierten Rede stützt, gegen neuzeitliche Philosophien masello erläutert es als genau die Fähigkeit, das Ähn-
der Subjektivität und des Selbstbewußtseins auszuspie- liche im Verschiedenen zu entdecken: «In dem Maße, in
len ist. Die Selbstbezüglichkeit menschlichen Daseins dem ich eine äußere Entität als ‘mir ähnlich’ auffasse
soll als Bezogenheit auf das eigene Dasein im Medium und dieser Entität dieselben inneren Vorgänge zu-
des Logos, der sich ursprünglich als artikulierte Rede schreiben kann, die in mir stattfinden, in diesem Maße
manifestiert, expliziert werden. Die Rhetorik tritt damit kann ich ein zusätzliches besonderes Wissen darüber er-
als die Disziplin in Erscheinung, die zeigt, wie Selbst- werben, wie diese Entität funktioniert.» [97] Unter me-
beziehung mittels Rede möglich ist. Durch die in den thodischem Gesichtspunkt erweist sich rhetorisches Un-
genera dicendi enthaltenen Zeitbezüge konstituiert die terscheidungswissen als ausschlaggebend für eine Theo-
Rede die Zeitlichkeit menschlicher Existenz und die rie kultureller Evolution (selbst wenn ihre Verfasser das
Möglichkeit des planenden, gestaltenden Handelns. nicht ausdrücklich einräumen und es möglicherweise
Dazu marginalisiert Heidegger systematisch den bei gar nicht bemerken). Der fundamentale Unterschied
Aristoteles leitenden Aspekt einer Kunst oder Tech- zwischen tierischem und menschlichem Lernen kann
nik. [90] durch die Elocutiolehre (die u. a. eine Theorie der Si-
Die Rede von Rhetorik als Kulturphilosophie recht- mulation enthält) erläutert werden, weil es dabei um
fertigt sich auch dadurch, daß sich die Redelehre heute Unterschiede geht, die denen vertraut sind, die über
nicht nur für die Analyse artikulierter Rede, sondern die technische Fähigkeit verfügen, ihre Rede absichts-
auch für andere Symbolsysteme wie Schriftsprache, bil- voll zu gestalten. Die sich während der Neunmonatsre-
dende Kunst, Wissenschaft, Religion und Politik frucht- volution beim Menschen entwickelnde soziale Auf-
bar machen läßt. Exemplarisch sei die Rhetorik als M. merksamkeit (joint attention) [98], die sich aus den drei
der Filmanalyse hervorgehoben, die hier deswegen von aufeinander folgenden Interaktionen ‹Prüfen der Auf-
Interesse ist, weil sie die Gestaltung in anderen Medien merksamkeit›, ‹Verfolgen der Aufmerksamkeit› und
von der Gestaltung durch artikulierte Rede aus als de- ‹Lenken der Aufmerksamkeit› aufbaut, begründet nicht
fizitär kritisiert (z.B. weil die Möglichkeiten der Distan- nur die Möglichkeit des Simulationslernens, sondern,
zierung in der filmischen Darstellung einer Szene hinter wie der rhetorische Tropus Ironie zeigt, auch diejenige
dem breiten Arsenal rednerischer Gestaltungsmittel zu- einer Dissimulation des Erlernten. Zwischen dem 13.
rückbleiben). [91] und 15. Lebensmonat fangen Kinder sogar schon an,
Ein weiteres Feld, auf dem die Rhetorik als M. heute Dissimulationen mit mimischen und gestischen Ironie-
fruchtbar wird, ist die Kognitionswissenschaft. Rhetori- anzeichen zu versehen. [99] Was Kognitionswissenschaft
sche Tropen spielen eine wichtige Rolle in der Prototy- und wissenschaftliche Anthropologie bei einer noch
pentheorie der Kategorienbildung. G. Lakoff erklärt ausstehenden Auseinandersetzung mit der Rhetorik ge-
die Kategorienbildung mit Hilfe von bildlich aufgefaß- winnen könnten, wäre vor allem eine Befreiung von
ten Schemata (vergleichbar mit Kants Schemata der problematischen Annahmen überkommener philoso-
Einbildungskraft). [92] Dabei werden imaginativ erfaßte phischer Anthropologie, von denen sie in ihren nichtem-
Raum-Schemata metaphorisch auf Begriffe (den Bezug pirischen Aussagen abhängig bleiben. Dazu gehört we-
von Prädikaten) abgebildet (spatialization). Zu diesen sentlich der Restbestand eines privilegierten Zugangs
strukturbildenden Schemata gehören die Relationen zum Selbst als erkennendem und handelndem Subjekt,

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den Tomasello ausdrücklich als «Schlüsselannahme» matische Ähnlichkeit und M. Sarbiewskis Traktat ‹De acuto et
der Simulationstheorie bezeichnet hat. [100] Aus rheto- arguto› (1619–23) im Kontext concettistischer Theorien, in:
rischer Sicht basiert Simulation nicht auf einer privile- dies.: Die Zerstörung der schönen Rede. Rhet. Trad. und Kon-
zepte des Poetischen (1994) 101–134; Knörer [15] 63–116. – 47 B.
gierten Selbsterkenntnis, die auf andere übertragen Gracián: Agudeza y Arte de Ingenio, hg. von E. Calderón (Ma-
wird, sondern (zumindest vielmehr) auf der existentiel- drid 1969) Bd. 2, 55 (übers. Knörer [15] 26). – 48 M.K. Sarbiews-
len Notwendigkeit, kognitive und praktische Intentio- ki: De acuto et arguto sive Seneca et Martialis, in: Wykladi Poe-
nalität unter kontingenten Bedingungen zu koordinie- tyki (Praecepta poetica), hg. u. übers. von St. Skiminia (Breslau/
ren. Dabei dürfte die Identifikation der Intentionalität Krakau 1958) hier Übers. Knörer [15] 57. – 49 F. Bacon: Of the
anderer viel weniger auf der Erfassung persönlicher Advancement and Proficience of Learning, in: Works Bd. 1, hg.
Identität als auf Klassifikation Anderer z.B. als Klassen- von J. Spedding (London 1989) 158. – 50 G. Campbell: The Phi-
kameraden, Gelehrte, potentielle Partner, Angehörige losophy of Rhetoric, hg. von L.F. Bitzer (Amsterdam 1963) 43. –
51 Robling [6] 76ff. – 52 M. Fuhrmann: Bildung. Europas kultu-
sozialer Gruppen und dgl. beruhen. Solche Klassifika- relle Identität (2002) 37. – 53 Seneca: Epistulae ad Lucilium
tionen werden oft durch metaphorische Transfers er- 115,2; vgl. Robling [6] 77. – 54 D. Bouhours: Entretien d’Ariste et
möglicht, z.B. die Identifikation einer sozialen Gruppe d’Eugène (1671; Paris 1962). – 55 ders.: La manière de bien pen-
als Fremdkörper. Die Entstehung «geteilter Intentio- ser dans les ouvrages d’esprit (1687, Paris 1715). – 56 Knörer [15]
nalität» [101] beim Menschen stellt die Kognitionswis- 146. – 57 Weise 2. – 58 Barner 191. – 59 B. Hambsch: «... ganz
senschaft vor Herausforderungen, die sie möglicherwei- andere Beredsamkeit». Transformationen antiker und moder-
se nur mit Hilfe der Rhetorik bestehen wird. ner Rhet. bei J.G. Herder (2007) 34, 166f. – 60 J.G. Herder: Brief
an Kant (1768), in: Werke, hg. von B. Suphan (1877–1913)
Anmerkungen: Bd. 31, 147. – 61 ders.: Kalligone, in: Werke, hg. von G. Arnold
1 Arist. Rhet. II,1, 1355b. – 2 T. Vierkant u. a.: Willenshandlun- (1985–2000) Bd. 8, 799; Hambsch [59] 162. – 62 vgl. R. Klausnit-
gen (2008) Kap. 1. – 3 B. Hölzl: Die rhet. M. Theorien und Mo- zer: «Im Styl des echten Dichters ist nichts Schmuck, alles not-
delle zur Pragmatik argumentativer Diskurse (1987) 21. – 4 Cic. wendige Hieroglyphe». Theorie und Praxis metaphorischer
De or. II, 147–150. – 5 P.L. Oesterreich: Fundamentalrhet. Rede in der Frühromantik, in: Rhetorik 20 (2002) 40f. – 63 I.
(1992). – 6 R. Weaver: The Ethics of Rhetoric (Chicago 1953); Lohmann: Bildung, bürgerliche Öffentlichkeit und Beredsam-
F.-H. Robling: Redner und Rhet. Stud. zur Begriffs- und Ide- keit. Zur päd. Transformation der Rhet. zwischen 1750 und 1850
engesch. des Rednerideals (2007) 193–258. – 7 G. Gabriel: Logik (1993). – 64 A.G. Baumgarten: Ästhetik, hg. u. übers. von D.
und Rhet. der Erkenntnis (1997). – 8 T. van Zantwijk: Heuristik Mirbach (2007) § 4, 13. – 65 ders.: Metaphysik § 510; vgl. G. Ga-
und Wahrscheinlichkeit in der logischen Methodenlehre (2009). briel: Art. ‹Klar und deutlich›, in: HWPh, Bd. 4 (1976) Sp. 846. –
– 9 F.-H. Robling: Rhet. Kulturtheorie nach E. Cassirer, in: R. 66 ebd. – 67 Baumgarten [64] § 7, 14. – 68 ebd. § 5, 13. – 69 ebd.
Lachmann, R. Nicolosi, S. Strätling (Hg.): Rhet. als kulturelle § 18, 23. – 70 ebd. § 19, 23. – 71 G.F. Meier: Gedanken über die
Praxis (2008) 45–62. – 10 I.A. Richards: The Philosophy of Rhe- Frage: Ob ein Kunstrichter seine Urtheile jederzeit erklären und
toric (London 1936); S.I. Hayakawa: Language in Thought and beweisen müsse (1744), in: Frühe Schr. zur ästhet. Erziehung der
Action (New York 1949); K. Burke: The Rhetoric of Motives Deutschen. Bd. 1., hg. von H.-J. Kertscher und G. Schenk (1999)
(New York 1950); vgl. dazu H. Holocher: Anfänge der ‹New 49–61. – 72 Kant, KU, Akad. Ausg., Bd. 5 (1902) 203. –
Rhetoric› (1996). – 11 vgl. z.B. W. Schramm (Hg.): The Science 73 Meier [71] 51. – 74 Baumgarten [64] § 26, S. 27. – 75 ebd. § 829,
of Human Communication (New York 51963). – 12 vgl. Hölzl [3]. 849. – 76 G.F. Meier: Anfangsgründe aller schönen Wiss. (1754–
– 13 vgl. T. van Zantwijk: Art. ‹Philos. VII. Logische Methoden- 59; 1976). – 77 ebd. § 399. – 78 J. Paul: Vorschule der Ästhetik, in:
lehren des 19. Jh.›, in: HWRh, Bd. 6 (2003) Sp. 1037–1040. – Sämtl. Werke Abt. I, Bd. 5, hg. von W. Miller u. W. Höllerer
14 vgl. G. Ueding u. a.: Einf. in die Rhet. Gesch., Technik, Me- (2000) 169; Knörer [15] 213. – 79 G. Gabriel: Art. ‹Witz›, in:
thode (1976) 2. Teil, 199–286. – 15 E. Knörer: Entfernte Ähn- HWPh, Bd. 12 (2004) Sp. 985. – 80 N. Goodman: Sprachen der
lichkeiten. Zur Gesch. von Witz und Ingenium (2007) 15. – Kunst. Entwurf einer Symboltheorie (1976) 76. – 81 ebd. 77, 81. –
16 vgl. G. Gabriel: Der Witz der reflektierenden Urteilskraft, in: 82 ebd. 77. – 83 Robling [6] 46f.; vgl. Isokrates: Rede des Nikokles
F. Rodi (Hg.): Urteilskraft und Heuristik in den Wiss. Beitr. zur oder Rede an die Zyprioten 6. – 84 M. Schlette, M. Jung (Hg.):
Entstehung des Neuen (2004). – 17 Arist. Poet. 1459a. – Anthropol. der Artikulation (2005) 13. – 85 Robling [9] 48. –
18 Gorgias 39; vgl. H. Niehues-Pröbsting: Die antike Philos. 86 ebd. 50. – 87 E. Cassirer: Philos. der symbolischen Formen,
Schrift, Schule, Lebensform (2004) 54f. – 19 Gorgias 3ff., 17ff. – Bd. 1, Ges. Werke Bd. 11, hg. von B. Recki (2001) 132f. – 88 ebd.,
20 vgl. G. Kalivoda: Art. ‹Gnome, Gnomik›, in: HWRh, Bd. 3 Bd. 3, Ges. Werke Bd. 13 (2002) 131. – 89 M. Heidegger: Grund-
(1996) Sp. 1014f. – 21 Anax. Rhet. – 22 S. Hallik: Sententia und begriffe der aristotelischen Philos. Marburger Vorles. 1924, hg.
Proverbium. Begriffsgesch. und Textheorie in Antike und MA von M. Michalski. GA 18 (2002) 109. – 90 ebd. 116. – 91 O. Jahr-
(2007) 48ff. – 23 Arist. Rhet. II,20,1, 1393a 22–25. – 24 ebd. aus: Bild-Film-Rhet. Medienspezifische Aspekte persuasiver
II,21,1, 1394a 21–29. – 25 ebd. III,17,9, 1418a 18–22; Hallik [22] Strukturen und die Eigendynamik einer bildgestützten Konzep-
59. – 26 Arist. Top. IX, 165a 1–6. – 27 ebd. – 28 ebd. 167a 23–27. – tion von Filmrhet., in: Rhetorik 26 (2007) 19. – 92 G. Lakoff:
29 ebd. 167b 8–10. – 30 Hallik [22] 66f. – 31 Cic. Top. 20,78, in: Women, Fire and Dangerous Things. What Categories Reveal
Werke, hg. von W. Friedrich (1891) 425–449. – 32 Quint. VIII, 5, about the Mind (Chicago 1987) 283f. – 93 H.W. Simons (Hg.):
9–10. – 33 Ueding/Steinbrink 270. – 34 A. Donatus: Commentum The Rhetorical Turn: Invention and Persuasion in the Conduct
Terenti, hg. von P. Wessner, Bd. 1 (1902) 180; Hallik [22] 101, of Inquiry (Chicago/London 1990). – 94 P. de Man: Semiologie
117f. – 35 R. Kilwardby: In Donati artem maiorem III, hg. von L. und Rhet., in: Allegorien des Lesens (1988) 31–51. – 95 vgl. B.
Schmücker (Brixen 1984). – 36 vgl. P. Ptassek u. a.: Macht und Schmidt-Haberkamp: Rhetorizität. Moderne und Postmoderne,
Meinung. Die rhet. Konstitution der politischen Welt (1992) in: G. Ueding (Hg.): Rhet. Begriff – Gesch. – Internationalität
93ff. – 37 W. Schmidt-Biggemann: Topica Universalis. Eine Mo- (2005) 327–329. – 96 M. Tomasello: Die kulturelle Entwicklung
dellgesch. humanistischer und barocker Wiss. (1983). – 38 Hugo des menschlichen Denkens (2002) 13. – 97 ebd. 87. – 98 vgl. M.
von St. Viktor: Didascalicon de studio legendi. Übers. T. Offer- Carpenter, K. Nagell, M. Tomasello: Joint Attention and Imi-
geld (1997). – 39 P. Ramus: Dialecticae Institutiones (Paris 1543; tative Learning in Children, Chimpanzees and Enculturated
ND 1964). – 40 Ph. Melanchthon: Erotemata Dialectices, in: Chimpanzees, in: Social Development 4 (1995) 217–237. –
Philippi Melanthonis Opera quae supersunt omnia, hg. C.G. 99 Tomasello [96] 105. – 100 ebd. 94. – 101 vgl. auch M. Toma-
Bretschneider, Bd. 13 (1846) 515–752, hier 574–578. – 41 L. Val- sello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation (2009)
la: Dialecticae Disputationes (1439); R. Agricola: De Inventione 168.
Dialectica Libri tres (1480, 1515). – 42 Basel 1558, zit. Ptassek T. van Zantwijk
u. a. [36] 94. – 43 ebd. – 44 Ph. Melanchthon: Elementa Rhetori-
ces. Grundbegriffe der Rhet., hg. u. übers. von V. Wels (2001) ^ Beispiel ^ Conceptismo ^ Concetto ^ Iudicium ^ Klug-
199. – 45 G.B. Vico: De nostri temporis studiorum ratione (1963) heit ^ Logik ^ Philosophie ^ Res-verba-Problem ^ Rheto-
21. – 46 vgl. R. Lachmann: Polnische Barockrhet. Die proble- rische Anthropologie ^ Urteil ^ Witz

699 700
Minnesang, Minnerede Minnesang, Minnerede

Minnesang, Minnerede B. I. Geschichte des Minnesangs. Mit den Liedern der


A. Def. – B.I. Geschichte des Minnesangs. – II. Minnesang und Trobadors, die zugleich die ersten literarischen Belege
Rhetorik. – III. Geschichte und rhetorische Aspekte der Min- für eine neue, laikal orientierte Adelskultur darstel-
nerede. len [3], beginnt um 1100 im okzitanischen Sprachraum
A. Als ‹Minnesang› werden deutschsprachige höfische die europäische Gattungsgeschichte der hochmittelal-
Liebeslieder aus der Zeit zwischen etwa 1150 und etwa terlichen höfischen Liebeslyrik. Das charakteristische
1350 bezeichnet, deren Texte zum größten Teil in nach konzeptionelle Grundmodell ist bereits in den Liedern
Autorkorpora geordneten Sammelhandschriften des des ältesten namentlich bekannten Trobadors Guilhem
späten 13. und 14. Jh. überliefert sind; Melodieüberlie- de Peiteus (Herzog Wilhelm IX. von Aquitanien, Graf
ferung ist eine seltene Ausnahme. Oft wird der Begriff im von Poitou) prägnant entfaltet; um 1150 wird es von den
Deutschen auch für die häufiger mit Melodien überlie- Trouvères in den französischen, um 1170 von den Min-
ferten Liebeslieder der okzitanischen Trobadors und der nesängern in den deutschen Sprachraum importiert.
französischen Trouvères des 12. und 13. Jh. gebraucht, Okzitanische Texte nennen es regelmäßig fin’amors
auf deren Vorbild der deutschsprachige Minnesang seit (vollkommene, reine Liebe) [4], mittelhochdeutsche
etwa 1170 gründet. Zum europäischen Traditionszusam- nur gelegentlich hohe minne (im sozialen und ethischen
menhang gehören wegen der Orientierung an der Tro- Sinn vornehme Liebe): Ein adeliger Mann liebt eine
badorlyrik ferner die auf toskanisch überlieferten, zwi- adelige Dame (okzitanisch domna, mittelhochdeutsch
schen den 20er und 50er Jahren des 13. Jh. auf sizilianisch frouwe), mit der er nicht verheiratet ist. Der vom Mann
gedichteten Texte der sogenannten ‹Sizilianischen Dich- gewünschten körperlichen Erfüllung der Liebe stehen
terschule› sowie die zwischen 1270 und 1310 in Bologna deshalb die zeitgenössischen gesellschaftlichen Normen
und Florenz entstandenen Liebesgedichte des von Dan- entgegen. Um seine Aufrichtigkeit gegen den mögli-
te so bezeichneten ‹Dolce stil nuovo›; auch Petrarcas chen Verdacht unehrenhafter Verführungsabsichten
‹Canzoniere› steht auf dem Trobador-Fundament. Für unter Beweis zu stellen, dient der Liebende der Dame:
die gesamte okzitanische, französische und deutsche Er unterwirft sich ihrem Willen und nimmt das abwei-
Gattungsgeschichte ist die Gestalteinheit von Text und sungsbedingte Leid dauerhaft auf sich. Vor allem aber
Musik im Lied und damit auch der mündliche Gesangs- dichtet und komponiert er Lieder zu ihrer Ehre, die er
vortrag vor einem Publikum als primäre Kommunikati- einem Publikum entweder selbst vorsingt oder – so die
onsform konstitutiv. Die traditionelle Lehrmeinung, daß in manchen Trobadorliedern anzutreffende Bestim-
schon die sizilianischen Dichter und nicht erst die Stil- mung – von einem Sänger vortragen läßt. Romanische
novisten und Petrarca anstelle von Liedtexten Lesege- wie deutsche Minnelieder präsentieren sich damit selbst
dichte verfaßt hätten, wurde in jüngerer Zeit angezwei- als zugleich reflektierendes und instrumentelles Medi-
felt. [1] Das Augenmerk der folgenden Darstellung gilt um des Frauendienstes. Daß Dichtung, Komposition
dem deutschsprachigen Minnesang und seinen okzita- und öffentlicher Vortrag von Liedern unmittelbar der
nischen und französischen Voraussetzungen. angestrebten Erfüllung einer notwendigerweise ver-
Minnesang ist dem eigenen Anspruch nach eine de- heimlichungsbedürftigen Liebe dienen sollen, stellt die
zidierte Adelskunst, die aristokratische Einstellungen eigentliche historische Besonderheit des gesamten poe-
und Normsetzungen zum Ausdruck bringt. Die Konzen- tischen Systems dar. Sie läßt sich nicht von einem Vor-
tration auf die zum höchsten adeligen Lebenswert stili- bild ableiten. Nur insofern der Frauendienst als ein
sierte geschlechtliche Liebe (mittelhochdeutsch min- auf Belohnung zielendes Unterwerfungsverhältnis ge-
ne, altokzitanisch und altfranzösisch amors) bedingt dacht ist, kommen drei historische Impulse in Frage:
eine ausgesprochen weltlich-laikale Grundhaltung. Die die als Verpflichtung zu Dienst und Lohn gedachte und
Textdichter sind im deutschsprachigen Raum zugleich verschiedentlich als metaphorisches Modell benutzte
Komponisten und Sänger. Zum überwiegenden Teil Vasallität, der in Kreuzliedern ausdrücklich mit dem
handelt es sich um Adelige oder um Ministeriale, in ei- Frauendienst kontrastierte ritterliche Gottesdienst des
nigen Fällen um Fürsten. Seltener lassen sich deutsche Kreuzzugs und die in Ovids Formulierung «militat om-
Minnesänger als fahrende Berufsdichter identifizieren. nis amans» (‹Amores› I,1,9; jeder Liebende leistet
Sein Publikum fand der Minnesang an Adels- und Für- Kriegsdienst) kondensierte Dienstmetaphorik der rö-
stenhöfen, um die Wende zum 14. Jh. auch unter Stadt- mischen Liebeselegie.
adeligen. Die Sozialgeschichte der okzitanischen Tro- Im zentralen Liedtypus der romanischen und deut-
badorlyrik nimmt sich wegen der größeren Anzahl von schen Gattungstradition, der oft ausdrücklich an ein Pu-
Berufsdichtern, der nur fakultativen Identität von Dich- blikum und nur selten an die Dame gerichteten Minne-
terkomponist und Sänger sowie der schon im 12. Jh. er- kanzone (okzitanisch cansò), beklagt der Sänger sein
heblich stärker als im französischen und deutschen Leid, rühmt die adeligen Qualitäten der Dame und be-
Sprachraum städtisch geprägten kulturellen Topogra- teuert die ethische Qualität seiner Liebe. Meistens er-
phie komplizierter aus. [2] scheint die Abweisung durch die Dame dabei als be-
‹Minnereden› sind deutschsprachige Texte in vierhe- klagenswertes Unrecht, während die im Dienst erbrach-
bigen Reimpaarversen – selten auch in Strophen –, die te emotionale und ethische Leistung einen Anspruch auf
thematisch an den Minnesang anschließen, jedoch zum Lohn rechtfertigt. Die Minnekanzone pflegt deshalb in
gesprochenen Vortrag oder zur Privatlektüre bestimmt der Regel einen dezidiert argumentativen Gestus, der
sind. Nach vereinzelten Vorläufern seit der Zeit um 1200 auf die Zustimmung des Publikums zum Standpunkt des
konstituiert sich die Gattung im späten 13. Jh. und bleibt Sängers zielt.
bis zum Ende des 15. Jh. produktiv. Anders als Minne- In der romanischen Gattungsgeschichte wird die
lieder sind Minnereden zum überwiegenden Teil an- Minnekanzone durch weitere Liedtypen ergänzt [5], un-
onym überliefert, so daß sich Autoren nur in wenigen ter denen einige die Argumentation noch markanter in
Fällen identifizieren lassen. Die Rezipienten stammen, den Vordergrund rücken und dabei den Anschluß an
wie die Überlieferung zeigt, aus denselben Gruppen wie Lehrbestände des lateinischen Grammatik-, Rhetorik-
die des Minnesangs. und Dialektikunterrichts respektive davon beeinflußte

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Minnesang, Minnerede Minnesang, Minnerede

lateinische Textproduktionspraktiken zu erkennen ge- schen Liedkunst. In der nur in Gestalt weniger Texte
ben: Eine Streitfrage disputieren zwei oder mehr Tro- überlieferten ältesten Schicht des sogenannten donau-
badors in der Tenzone (tensò) und dem auf eine der ländischen Minnesangs ist das Frauendienst-Konzept
scholastischen quaestio ähnliche Alternative zugespitz- mit seinen ethischen Ansprüchen nicht greifbar. Es geht
ten Partimen (joc parti). [6] Das Kreuzlied kann die ar- jedoch ebenfalls um eine unerlaubte Liebe zwischen
gumentative Topik des Kreuzzugsaufrufs einsetzen, die Adeligen und ihre affektiven Konsequenzen. [14] For-
zuvor in lateinischen Predigten und Liedern entwickelt menrepertoire, thematische Konstruktion und Formu-
wurde, und wägt oft die unsicheren Aussichten des lierungsverfahren haben ein geringeres Komplexitäts-
Frauendienstes gegen den sicheren Lohn des Gottes- niveau als die zeitgleiche Trobadorlyrik; markante
dienstes ab. [7] Der salutz d’amor ist als Liebesbrief an Reflexe lateinischer Bildungstradition sind nicht zu er-
die Dame formuliert und aktualisiert inventive und dis- kennen. Um 1170 rezipieren Liederdichter, die sich von
positionelle Muster, die auf die ars dictandi zurückführ- der heutigen Westschweiz bis zum Niederrhein in der
bar sind. [8] Der planh, in dem der Sänger den Tod eines Nähe der Sprachgrenze lokalisieren lassen, das romani-
Gönners oder der Dame beklagt, steht in der lateini- sche Modell (‹rheinischer Minnesang›). [15] Für den
schen planctus-Tradition. [9] Die von vielen Trobadors Transfer könnte auch Oberitalien eine wichtige Rolle
gepflegte Gattung Sirventes (okzitanisch, von lat. servi- gespielt haben, das zum Wirkungsraum der Trobadors
ens: dienend), die für ein breites Themenspektrum jen- gehörte und Objekt staufischer Herrschaftsansprüche
seits der höfischen Liebe offen ist, dokumentiert beson- war. Aus dem seit den Anfängen der Germanistik als
ders bei Lob, Invektive und Moralsatire schulrhetori- Blütezeit der Gattungsgeschichte eingeschätzten Zeit-
sche Kompetenzen, die selbstverständlich auch durch raum um 1200 sind relativ große Korpora auffallend
Dichtungspraxis vermittelt sein können. [10] komplexer Lieder unter den Namen Reinmar (der Al-
Abgesehen vom Kreuzlied werden allerdings gerade te), Heinrich von Morungen und Walther von der
diese offenkundig der lateinischen Bildungstradition na- Vogelweide erhalten. [16]
hestehenden Typen nicht in den deutschsprachigen Der bei weitem größte Teil des überlieferten Text-
Minnesang übernommen. Neben die dominierende bestands stammt jedoch von Liederdichtern des 13. Jh.,
Minnekanzone treten hier, ebenfalls nach romanischen die der Germanistik lange als bloße Epigonen galten.
Vorbildern, insbesondere das Frauenlied, in dem der Erst H. Kuhns [17] – in jüngster Zeit in Zweifel gezoge-
Minnesänger den Widerspruch zwischen Frauendienst ne [18] – These von der ‹Wende› der Gattung zum ob-
und gesellschaftlichen Normen in einer Rollenrede aus jektivierenden ‹Formalismus› nach Walther von der
der weiblichen Perspektive thematisiert; das Dialoglied, Vogelweide ermöglichte einen produktiveren Zugriff:
das den Liebenden und die Dame in einem Werbungs- Demnach konstituierte der spätere Minnesang die hö-
gespräch zeigt; und das Tagelied, das von der geglückten fische Exklusivität der Liederdichter und ihres Publi-
Liebeserfüllung erzählt. kums nicht mehr vorrangig durch den – in den Texten
Dem okzitanischen Sirventes entspricht kein Liedtyp freilich fortgesetzten – Bezug auf die höfischen Ideale,
des deutschsprachigen Minnesangs. Einem Teil seines sondern in zunehmendem Maß durch kunstvolle poeti-
Themenspektrums steht die deutsche Sangspruchdich- sche Verfahrensweisen; höfische Exklusivität zeigte sich
tung nahe, ohne daß sich direkte Abhängigkeiten absi- folglich in literarischer Kennerschaft.
chern ließen. Trotz einiger Dichter, die sowohl Minne- Als wichtigste Innovation der späteren Gattungsge-
lieder als auch Sangsprüche im Repertoire haben, und schichte etabliert Neidhart in der ersten Hälfte des
mancher Gattungsinterferenzen wird die Sangspruch- 13. Jh. mit dem dörper-Lied einen neuen, höchst erfolg-
dichtung von einem anderen Autorentypus betrieben reichen Liedtypus. [19] Anregungen könnten die roma-
als der Minnesang. Im Lauf des 13. Jh. entfaltet sie auch nischen Pastourellen geliefert haben, die von der Begeg-
ein eigenes musikalisches Formenrepertoire, dessen nung eines Ritters mit einer Hirtin erzählen. Neidharts
Tradition bis zum städtischen Meistergesang der frühen Konstruktionsmuster unterscheidet sich davon aller-
Neuzeit reicht. [11] Als fahrende Berufsdichter, deren dings markant: Die – zweifellos ebenfalls vor einem hö-
Texte oft auf einen Zugang zur lateinischen Bildungs- fischen Publikum vorgetragenen – Lieder lassen einen
tradition schließen lassen, sind die Sangspruchdichter Minnesänger auftreten, der Bauern auf dem Dorf zum
darauf angewiesen, am Hof durch Wissens- und Kunst- Tanz aufspielt und in Konkurrenz mit den Burschen in
demonstration zu Anerkennung zu gelangen. Deshalb höfischer Manier mit seinen Liedern um Mädchen wirbt.
entwickeln sie ein mit dem meister-Begriff assoziiertes, Die höfische Diktion erweist sich dabei als bloße Ver-
Wissensvermittlung und Sprachkunst akzentuierendes führungstaktik des Sängers, der in Konflikte mit den
Dichterkonzept, das sich in seiner Gattungsspezifik von adelige Standesattribute usurpierenden, aber stets ge-
dem der Minnesänger deutlich unterscheidet. [12] Dich- waltbereiten Burschen kommt. Mit der zum satirischen
tungspraktisch geben viele Sangspruchdichter eine er- Objekt stilisierten, in einer fiktionalen Bauernwelt agie-
kennbar größere Neigung zur demonstrativen Verwen- renden Minnesänger-Figur stellt Neidhart seinem höfi-
dung rhetorischer Techniken insbesondere aus der or- schen Publikum eindringlich vor Augen, wie Minnesang
natus-Lehre zu erkennen als die meisten Minnesänger, und Minne jenseits des Hofs degenerieren.
deren Geltungsanspruch auf einem in der Regel adeli- Liebeslieder nach den immanenten poetologischen
gen oder ministerialen Status und dem vornehmen The- Regeln des Minnesangs werden auf Deutsch bis um die
ma beruht. [13] Die kunstvolle Gestaltung von Minnelie- Mitte des 14. Jh. produziert. Danach setzt eine Phase der
dern braucht nicht unbedingt demonstrativ auszufallen, Umorientierung ein, die zum Jahrhundertende im Lied-
weil Minnesänger nicht für materiellen Lohn auftreten korpus des historisch nicht identifizierten Mönchs von
und keine ‹meisterlichen› Fertigkeiten nachweisen müs- Salzburg in ein neues, bis in die Jahrzehnte um 1600 pro-
sen. duktives liebeslyrisches Modell münden, in dessen Mit-
Die Geschichte des deutschsprachigen Minnesangs telpunkt eine auf gegenseitiger Treue basierende, sich
beginnt um 1150 im bayerisch-österreichischen Donau- gegen äußere Hindernisse bewährende Liebe steht. [20]
raum zunächst offenbar unabhängig von der romani- Nur Oswald von Wolkenstein dichtet um die Wende

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Minnesang, Minnerede Minnesang, Minnerede

vom 14. zum 15. Jh. noch einmal Liedtexte, die das Lie- tikenrezeption gegründete kulturelle Einheit des abend-
beskonzept des Minnesangs aufgreifen. [21] ländischen Mittelalters zu erfassen suchte. [34] Auch
II. Minnesang und Rhetorik. Das rhetorische Paradig- wenn romanische und deutsche Minnelieder in dieser
ma der romanistischen und germanistischen Minnesang- wirkungsmächtigen Konzeption keine größere Rolle
Forschung operiert auf der Schwelle zwischen Bildungs- spielen, liegt es doch nahe, sie als eine Kunst der Kom-
geschichte und historischer Poetologie; seit den Arbei- bination ‹topischer› Versatzstücke zu beschreiben. Un-
ten H. Brinkmanns zielt es darauf, die Trobadorlyrik abhängig von Curtius legte R. Guiette dies mit dem Be-
samt ihren französischen und deutschen Folgeerschei- griff einer ‹poésie formelle› der Trobadors nahe, deren
nungen mit der lateinischen Unterrichts- und Dichtungs- Thema nur ein Vorwand für Formkunst gewesen
tradition in Verbindung zu bringen. Brinkmann wollte sei. [35] Auf die Minnekanzone der französischen Trou-
zunächst in den lateinischen Gedichten der sogenannten vères applizierte R. Dragonetti das Beschreibungsmo-
Loire-Schule des 11. Jh. (Marbod von Rennes, Hilde- dell mit dem prägnanten Fazit, daß das höfische Liebes-
bert von Lavardin, Baudri von Bourgueil) das unmit- lied als Poesie der Topoi von der Tradition der mittelal-
telbare Vorbild der frühen Trobadors ausmachen. [22] terlichen Rhetorik abhängig sei. [36] In Abgrenzung
Später stellte er dann die gesamte volkssprachliche hö- zum poésie formelle-Konzept, aber doch im Rahmen ei-
fische Dichtung des 12. und 13. Jh. in einen engen Zusam- ner rhetorisch begründbaren historischen Poetologie
menhang mit der mittellateinischen Dichtungspraxis beschrieb J. Gruber die Trobador- und Trouvère-Lyrik
und den artes poetriae (Matthäus von Vendôme, Gal- als eine Imitations- und Überbietungskunst inhaltlicher
frid von Vinsauf u. a. [23]) als Produkten des gramma- wie formaler Virtuosität, die sich an ein Publikum von
tisch-rhetorischen Schulunterrichts. [24] Dies eröffnete Kennern richtet. [37]
beispielsweise die Möglichkeit, Gemeinsamkeiten zwi- Das rhetorische Paradigma der Minnesang-For-
schen der bei den Trobadors greifbaren Stildebatte um schung verlor in dem Maß an Bedeutung, in dem sich das
die Begriffe trobar leu, trobar clus und trobar ric (die Interesse in den vergangenen Jahrzehnten auf die Va-
‹leichte›, ‹verschlossene› und ‹reiche› Art des Lieder- riabilität der Texte in der handschriftlichen Überliefe-
dichtens) und der seit Galfrid von Vinsauf belegten Un- rung und die Bedeutung des mündlichen Vortrags (‹Per-
terscheidung zwischen ornatus facilis und ornatus diffi- formanz›) richtete. [38] Im Anschluß an P. Zumthor [39]
cilis zu prüfen [25] oder die Figurierung von Liedtexten verfolgten zahlreiche Untersuchungen das Ziel, die
auf lateinische Dichtungspraxis und -lehre zurückzufüh- Textualität volkssprachlicher Dichtung von derjenigen
ren. [26] Die erste belegte Adaptation rhetorischer Ka- lateinischer Schriftlichkeit abzurücken, mit der die rhe-
tegorien auf die Trobadorlyrik fand im Übrigen noch torische Vorstellung von der Textkonstitution eng as-
in ihrem historischen Traditionszusammenhang statt: soziiert ist. Die Neigung, sich den Liederdichter am
Guilhelm Molinier läßt in seinen um 1330 in okzitani- Schreibpult bei jener tractatio materiae zu denken, die
scher Prosa verfaßten ‹Leys d’amors› (Gesetze der Lie- die mittellateinischen artes poetriae im Rekurs auf die
be), einer grammatisch-rhetorischen Poetik der Troba- antike Produktionsstadienlehre konzipieren, geriet un-
dordichtung, die personifizierte Rhetorik als domna auf- ter einen Anachronieverdacht, der zunehmend radikale
treten, die für die Geburt von Tropen und Figuren Konsequenzen zeitigt: F. Benozzo etwa hält die Abhän-
sorgt. [27] gigkeit der Trobadors von der lateinischen Rhetorik-
Die «Macht der Rhetorik» (Brinkmann) auch über und Dichtungstradition für ein gelehrtes Phantasma und
den deutschen Minnesang machen Phänomene wie die glaubt stattdessen an eine – nicht erhaltene – mündliche
Schönheitsbeschreibung (effictio) [28] oder der Lustort keltische Vorgängertradition. [40]
(locus amoenus) [29] augenfällig, die in höfischen Ro- Einwände gegen das rhetorische Paradigma liegen
manen allerdings erheblich häufiger anzutreffen sind. umso näher, als die Quellen es kaum erlauben, den Zu-
Beides ist in der ‹Ars versificatoria› des Matthäus von gang einzelner Trobadors, Trouvères und Minnesänger
Vendôme ausdrücklicher Gegenstand der lateinischen zur lateinischen Bildungstradition jenseits der Reflexe
Schulpoetik und könnte den deutschen Liederdichtern in den Texten selbst zu konkretisieren. Über die meisten
sowohl durch romanische als auch durch lateinische okzitanischen Liederdichter etwa geben nur die vidas –
Textvorbilder vermittelt worden sein. Im Gefolge Lebensbeschreibungen aus der Trobadortradition –
Gottfrieds von Neifen gehört im 13. Jh. eine Ornie- Auskunft [41], deren Wahrheitsgehalt in den meisten
rung mit Laut- und Satzfiguren zum Repertoire der For- Fällen nicht überprüfbar ist. Von Giraut de Borneil
mulierungsverfahren, die H. Kuhn mit dem Profil des (späteres 12. Jh.) etwa berichtet die vida, daß er jeden
ornatus facilis in Verbindung brachte [30]; als Reflexe Winter in der Schule war und Literatur studierte («esta-
des ornatus difficilis-Konzepts interpretierte er forcierte va en escola et aprendia lettras»), während er sommers
Metaphorik und allegorische Szenarien etwa in den Lie- mit zwei Sängern, die seine Lieder vortrugen, über die
dern Burkhards von Hohenfels und Frauenlobs Höfe zog. [42] Dies belegt immerhin, daß man sich der-
(Heinrich von Meißen). [31] Mit dem von den Troba- gleichen im 13. Jh. vorstellen wollte oder angenommen
dors früh eingesetzten, im deutschen Minnesang des hat. Bei Chrétien de Troyes, der als Liederdichter zur
13. Jh. fast allgegenwärtigen Natureingang verfügt das ersten Trouvère-Generation gehört und außerhalb der
höfische Liebeslied über eine charakteristische Initial- literarischen Überlieferung nicht nachweisbar ist, do-
topik, deren motivische Bestandteile auch in zeitgenös- kumentieren die Artusromane gelehrte Wissensbestän-
sischen lateinischen Liebesliedern anzutreffen sind. [32] de. [43] Ähnlich verhält es sich mit Hartmann von Aue,
In der romanischen und deutschen höfischen Epik und der um 1200 Minnelieder verfaßte und als deutscher
Lyrik ebenso weit verbreitet wie in mittellateinischen Artusroman-Bearbeiter ausdrücklich als gelehrter Rit-
Liebesliedern ist die auf Ovid zurückgehende, topische ter auftritt. [44] In der zweiten Hälfte des 13. Jh. zeigen
Metaphorik der Liebesaffektion (Verwundung, Fessel, die epischen Werke Konrads von Würzburg einen so
Krankheit). [33] breiten Zugang zur lateinischen Literatur, daß es nahe-
Etliche der genannten Phänomene fügen sich zwang- liegt, auch die inventive, dispositionelle und elokutio-
los dem Toposbegriff, mit dem E.R. Curtius die auf An- näre Faktur seiner Liedtexte auf schulrhetorische Fer-

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Minnesang, Minnerede Minnesang, Minnerede

tigkeiten zurückzuführen. [45] Frauenlob vermittelt um Handlungsmustern des Liebenden, sondern zugleich in
1300 in Sangsprüchen, Leichdichtungen und Minnelie- der Rede des Sängers zeigt, bietet der Minnesang eine
dern gelehrtes Wissen auf einem extremen spracharti- höfische ars amatoria, die sich zugleich stets als höfische
stischen Komplexitätsniveau; eine Schulbildung kann ars dicendi darstellt: Der Minnesänger ist der im höfi-
hier nicht in Frage stehen. [46] schen Sinn exemplarisch redende und handelnde Lie-
Eine Herausforderung für das rhetorische Paradigma bende. Für eine rhetorische Interpretation besteht darin
stellt außerdem die germanistische Debatte über den und nicht in der Referenzialisierbarkeit der Geltungsan-
Wahrheitsanspruch des Minnesangs in den letzten bei- spruch seiner Rede.
den Jahrzehnten dar. [47] Die seit den 1960er Jahren er- III. Geschichte und rhetorische Aspekte der Minnere-
zielte Übereinkunft, wonach Minnelieder fiktionale de. Deutschsprachige Minnereden sind als Gattung im
Rollenlyrik waren und der Sänger nicht auf seine tat- Sinn einer historischen Textreihe vom späten 13. und bis
sächliche Lebenswirklichkeit referierte, wurde seit den zum Ende des 15. Jh. belegt. [50] Voraus gehen wenige
1990er Jahren teils vorsichtig, teils radikal in Zweifel ge- Einzeltexte, deren Autoren (Hartmann von Aue, Ul-
zogen. Wenn der Minnesänger leibhaftig vor seinem Pu- rich von Liechtenstein) auch Minnelieder gedichtet
blikum steht und emphatisch behauptet, wahrheitsge- haben. Die Gattung schließt eng an thematische Topoi
mäß über sich selbst als Liebenden zu singen, gibt er das und poetische Verfahrensweisen des Minnesangs, ins-
tatsächlich vorgetragene Minnelied als Instrument sei- besondere der Minnekanzone an, löst den zu ge-
nes Frauendienstes aus, das dann nicht völlig problemlos sprochenem Vortrag oder Privatlektüre bestimmten
als erfunden gelten kann. Im rhetorischen Paradigma Text jedoch von der für den Minnesang konstitutiven
wurde dagegen stets ein einfacher historischer Fiktio- Bindung an die Musik ab. Konzeptionell beziehen sich
nalitätskontrakt vorausgesetzt, der der praktizierten Minnereden zunächst auf die aus dem Minnesang über-
Poetik einer ‹poésie formelle› oder einer Imitations- nommene hohe Minne, im 15. Jh. zunehmend auf das
und Überbietungskunst entsprach: Wenn der Minnesän- seit dem Liedkorpus des Mönchs von Salzburg greifbare
ger mit Topoi, Figuren und Tropen jongliert, um seine Liebesmodell. Die Form der Minnerede ist der vierhe-
Kunstfertigkeit zu demonstrieren oder mittels einer sub- bige Reimpaarvers, ausnahmsweise auch die der Dich-
tilen Kommunikation unter Eingeweihten die kulturelle ter-imitatio dienende Titurelstrophe (Hadamar von La-
Exklusivität seines Publikums zu pflegen, kann die aus- ber). Während die Abhängigkeit des deutschsprachigen
drücklich in Anspruch genommene Referenzialisierbar- Minnesangs von den romanischen Vorbildern offen-
keit seiner Rede ebensogut als Prätention gelten. sichtlich ist, scheinen die Minnereden kaum von ver-
Im Licht der jüngeren Forschungsdebatten hat eine gleichbaren französischen Texten – etwa den Minne-
rhetorische Interpretation des Minnesangs die explizi- allegorien vom Typus des ‹Rosenromans› – beeinflußt
ten persuasiven Strategien der Texte entschiedener in zu sein. Der gesellschaftliche Ort der Gattung entspricht
den Blick zu nehmen, die nicht in erster Linie darauf zie- dem des Minnesangs. Im 15. Jh. belegt die Textüberlie-
len, das Publikum von der artistischen Qualität des ferung auch eine Rezeption in stadtpatrizischen Krei-
Lieds, sondern von der emotionalen und ethischen Qua- sen. Anders als Minnelieder des 12. und 13. Jh., aber
lität der Liebe zu überzeugen. Bei den Topoi vor allem genauso wie die Liebeslieder des Mönch von Salzburg-
der Minnekanzone handelt es sich keineswegs nur um Typus, sind Minnereden zum überwiegenden Teil an-
konventionalisierte Motive im Sinn von Curtius’ To- onym überliefert.
posbegriff, sondern um veritable Argumentationstopoi Minnereden sind meistens als Monolog eines männ-
im Sinn der klassischen Rhetorik. Sie dienen allesamt lichen Liebenden, gelegentlich auch dialogisch kon-
dazu, einen Anspruch auf diesseitige Freude (altokzita- struiert. Die Textstrukturierung kann argumentative
nisch joi, altfranzösisch joie, mittelhochdeutsch vröide) (Rechtfertigung der Liebe, Liebeswerbung), deskriptive
zu begründen, deren Gewährung der Liebende von der (Frauenpreis) und explizit präskriptive (Liebeslehre)
Dame einfordern kann, wenn er sich an die von der Gat- Verfahrensweisen umfassen. Narrative Strukturen die-
tung selbst konstruierten Regeln der höfischen Liebe nen der Konstruktion topischer Eingangshandlungen
und ihrer öffentlichen Thematisierung hält. [48] Wie die (Spaziergangs-, Traumeinleitung). Nur in Gestalt alle-
Topik steht auch die elokutionäre Gestalt des Liedtexts gorischer Handlungen personifizierter Tugendbegriffe
nicht vorrangig im Dienst der Kunstdemonstration, son- können sie den gesamten Text dominieren. Mit ihren
dern der argumentativ funktionalen Evokation von Evi- Strukturmerkmalen weisen sich Minnereden als dem ei-
denz und Emphase. genen Anspruch nach vorrangig wissensvermittelnde
Im Begründungszusammenhang zwischen höfischer Texte aus.
Vorbildlichkeit und diesseitigem Liebesglück bringt der Ebenso wie die Textlängen (10 bis 6000 Verse) un-
Minnesang eine laikale Tugendethik zum Ausdruck, die terscheiden sich auch die literarischen Ansprüche der
seine eigentliche historische Leistung darstellt. Das Ziel Texte erheblich. Ein großer Teil des Überlieferungsbe-
der in den Liedern entfalteten Argumentationen läßt stands variiert, wie auch die Liebeslieder des 14. und
sich in diesem Rahmen durchaus als Hinweis auf die kul- 15. Jh., konventionalisierte Stereotype. [51] Vor allem
turelle Funktion der Gattung verstehen [49]: In der frei- im 15. Jh. zielt die Diktion vieler Texte zudem eher auf
willigen Selbstunterwerfung des höfischen Liebenden Einfachheit als auf rhetorisch durchgeformte Artifizia-
zeigt sich eine Souveränität kultivierter Männlichkeit, lität. Dem steht insbesondere in längeren Minnereden
die zum einen den gesellschaftlichen Exklusivitätsan- ein demonstrativer Künstlichkeitsanspruch gegenüber,
spruch des Adels durch die standesspezifische Fähigkeit der unmittelbarer als beim Minnesang die Verfügbar-
zur Selbstbeherrschung bestätigt und die zum andern keit lateinischer Bildungstradition einschließlich rheto-
das sexuelle Begehren durch seine Integration in ein rischer Lehre und Praxis erkennbar macht. Die um 1300
zum höchsten diesseitigen Wert erhobenes Modell emo- entstandene ‹Minnelehre› Johanns von Konstanz [52]
tional und ethisch anspruchsvoller, aristokratisch-vor- etwa gibt sich als ars amatoria nach dem Vorbild der
nehmer Liebe rechtfertigt. Insofern sich die Vorbildlich- Lehrdichtungen Ovids, läßt Cupido und Venus als Leh-
keit nicht nur in den Wahrnehmungs-, Emotions- und rer normgerechter Liebeswerbung auftreten und bietet

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Minnesang, Minnerede Minnesang, Minnerede

als deren Instrument Muster-Liebesbriefe nach den Re- Identität (1999); H. Irler: Minnerollen – Rollenspiele. Fiktion
geln der ars dictandi. So unverkennbar der gesamte Text und Funktion im Minnesang Heinrichs von Morungen (2001);
in seinen literarischen Verfahrensweisen ein Kind latei- M.G. Scholz: Walther von der Vogelweide (22005). – 17 H.
Kuhn: Minnesangs Wende (1952, 21967). – 18 G. Hübner: Min-
nischer Schulbildung ist, vermittelt er freilich keinen nesang im 13. Jh. (2008). – 19 J. Warning: Neidharts Sommerlie-
ovidianischen, sondern einen dezidiert höfischen Lie- der. Überlieferungsvarianz und Autoridentität (2007); A.K.
besbegriff. Bleuler: Überlieferungskritik und Poetologie. Strukturierung
Fusionen lateinisch-gelehrter und volkssprachlich- und Beurteilung der Sommerliedüberlieferung Neidharts auf
höfischer Literaturtraditionen sind insbesondere für die der Basis des poetologischen Musters (2008). – 20 H. Brunner:
anspruchsvolleren Minnereden des 14. Jh. charakteri- Das dt. Liebeslied um 1400, in: H.-D. Mück, U. Müller (Hg.):
stisch. Die in der ersten Jahrhunderthälfte entstandene, Gesamm. Vorträge der 600-Jahrfeier Oswalds von Wolkenstein
anonym überlieferte ‹Minneburg› [53] etwa weist sich (1978) 105–146; B. Wachinger: Liebeslieder vom späten 12. bis
zum frühen 16. Jh., in: W. Haug (Hg.): MA und frühe Neuzeit.
schon durch die Gliederung in fünf Kapitel als gelehrtes Übergänge, Umbrüche und Neuansätze (1999) 1–29; G. Hüb-
Buch aus. In der allegorischen Handlung erobert das ner: Die Rhet. der Liebesklage im 15. Jh. Überlegungen zu Lie-
von freiem Willen und Vernunft gezeugte Minnekind, beskonzeption und poetischer Technik im ‹mittleren System›,
das die männliche Liebe personifiziert, zusammen mit in: G. Hübner (Hg.): Dt. Liebeslyrik im 15. und 16. Jh. (Am-
einem Heer von Tugenden eine Burg, die als Allegorie sterdam/New York 2005) 83–117; J. Janota: Ich und sie, du und
zugleich für das Wesen der Liebe, die Geliebte und das ich. Vom Minnelied zum Liebeslied (2009). – 21 J. Spicker: Os-
Glück sexueller Erfüllung steht. Vor der Eroberung er- wald von Wolkenstein: Die Lieder (2007). – 22 H. Brinkmann:
teilt ein alter Meister dem Minnekind eine lange Min- Entstehungsgesch. des Minnesangs (1926). – 23 D. Kelly: The
Arts of Poetry and Prose (Brepols 1991). – 24 H. Brinkmann: Zu
nelehre, die Aspekte des höfischen, des naturphiloso- Wesen und Form ma. Dicht. (1928). – 25 U. Mölk: Trobar clus,
phischen und des theologischen Liebesbegriffs zu einem trobar leu. Stud. zur Dichtungstheorie der Trobadors (1968);
integrativen Konzept der Liebe als weltbeherrschendem L.M. Paterson: Troubadours and Eloquence (Oxford 1975). –
Prinzip verbindet. Der dezidiert gelehrte konzeptionelle 26 N.B. Smith: Figures of Repetition in Old Provençal Lyric. A
Anspruch geht mit einer rhetorisch durchgeformten, de- Study in the Style of the Troubadours (Chapel Hill 1976). –
monstrativ sprachartistischen Diktion einher; die Alle- 27 N.B. Smith: Rhetoric, in: Akehurst/Davis [4] 400–420, hier
gorie ermöglicht es, höfische Werbungshandlung und 404f. – 28 H. Tervooren: Schönheitsbeschreibung und Gattungs-
abstrakte philosophische Begrifflichkeit miteinander zu ethik in der mhd. Lyrik, in: H. Tervooren: schoeniu wort mit
süezeme sange. Philol. Schr. (2000) 96–113. – 29 Walther von der
verbinden. Konzeptionell weniger gelehrt, jedoch mit Vogelweide: Leich, Lieder, Sangsprüche, hg. v. Chr. Cormeau
einem nicht geringeren Artifizialitätsanspruch tritt Ha- (1996) Nr. 51 (L 74,20); Der Dichter Tannhäuser: Leben – Ge-
damars von Laber im selben Zeitraum entstandene dichte – Sage, hg. v. J. Siebert (1934) Nr. 3. – 30 Kuhn [17]; Hüb-
‹Jagd› auf [54], die die Minnedame als ein Wild allego- ner [13]; M. Stock: Das volle Wort – Sprachklang im späteren
risiert, das von einem Jäger und einer aus Tugendbe- Minnesang. Gottfried von Neifen, Wir suln aber schône en-
griffen bestehenden Hundemeute gejagt wird. phâhen, in: A. Hausmann u. a. (Hg.): Text und Handeln. Zum
kommunikativen Ort von Minnesang und antiker Lyrik (2004)
Anmerkungen: 185–202; Hübner [18]. – 31 Kuhn [17]; Hübner [13]; S. Köbele:
1 J. Schulze: Sizilianische Kontrafakturen. Versuch zur Frage Frauenlobs Lieder. Parameter einer literarhist. Standortbestim-
der Einheit von Musik und Dicht. in der sizilianischen und der mung (2003); R. Bauschke (Hg.): Die Burg im Minnesang und
sikulo-toskanischen Lyrik des 13. Jh. (1989); J. Schulze: Amici- als Allegorie im dt. MA (2006); Hübner [18]. – 32 W. Adam: Die
tia vocalis. Sechs Kap. zur frühen ital. Lyrik mit Seitenblicken ‹wandelunge›. Stud. zum Jahreszeitentopos in der mhd. Dicht.
auf die Malerei (2004). – 2 L. Paterson: The World of the Trou- (1979). – 33 H. Kugler: Ovidius Naso, P., in: VerfLex2, Bd. 7
badours. Medieval Occitan Society c. 1100 – c. 1300 (Cambridge (1989) 247–273. – 34 vgl. Curtius 89ff., 155ff. – 35 R. Guiette:
1993). – 3 J. Bumke: Höfische Kultur. Lit. und Ges. im hohen D’une poésie formelle en France en Moyen Age, in: Revue des
MA (122008). – 4 M. Lazar: fin’amor, in: F.R.P. Akehurst, J.M. Sciences humaines 54 (1949) 61–69. – 36 R. Dragonetti: La tech-
Davis (Hg.): A Handbook of the Troubadours (Berkeley 1995) nique poétique des trouvères dans la chanson courtoise. Con-
61–100; L. Paterson: Fin’amor and the Development of the tribution à l’étude de la rhétorique médiévale (Brügge 1960)
Courtly canso, in: S. Gaunt, S. Kay (Hg.): The Troubadours. An 544. – 37 J. Gruber: Die Dialektik des Trobar. Unters. zur Struk-
Introduction (Cambridge 1999) 28–46. – 5 D. Rieger: Gattungen tur und Entwicklung des occitanischen und frz. Minnesangs des
und Gattungsbez. der Trobadorlyrik (1976); E. Köhler (Hg.): 12. Jh. (1983). – 38 H. Haferland: Minnesang bis Walther von der
Grundriß der romanischen Lit. des MA, Bd. 2: Les genres lyri- Vogelweide. Eine Forschungsdiskussion, in: H.-J. Schiewer
ques, Fasc. 5: La lyrique occitane (1979). – 6 S. Neumeister: Das (Hg.): Forschungsber. zur Germanist. Mediävistik, Teil 2 (Bern
Spiel mit der höfischen Liebe. Das altprovenzalische Partimen 2003) 54–160. – 39 P. Zumthor: Essai de poétique médiévale
(1969). – 7 P. Hölzle: Die Kreuzzüge in der okzitanischen und dt. (Paris 1972); P. Zumthor: La Poésie et la voix: de la littérature
Lyrik des 12. Jh. Das Gattungsproblem ‹Kreuzlied› im hist. médiévale (Paris 1987). – 40 F. Benozzo: Cartografie occitani-
Kontext (1980). – 8 E. Ruhe: De amasio ad amasiam. Zur Gat- che. Approssimazione alla poesia dei trovatori (Neapel 2008). –
tungsgesch. des ma. Liebesbr. (1975). – 9 E. Schulze-Busacker: 41 E.W. Poe: The Vidas and Razos, in: Akehurst/Davis [4] 185–
La Complainte des morts dans la littérature occitane, in: C. Sut- 197. – 42 R.V. Sharman (Hg.): The cansos and sirventes of the
to (Hg.): Le sentiment de la mort au moyen âge (Montréal 1979) troubadour Giraut de Borneil: a critical edition (Cambridge
228–248. – 10 S. Thiolier-Méjean: Les Poésies satiriques et mo- 1989) 488. – 43 D. Kelly: The Art of Medieval French Romance
rales des troubadours (Paris 1978). – 11 H. Brunner, B. Wachin- (Madison 1992). – 44 J. Wolf: Einf. in das Werk Hartmanns von
ger (Hg.): Repertorium der Sangsprüche und Meisterlieder des Aue (2007). – 45 Hübner [18] 132–145. – 46 Köbele [31]. – 47 H.
12. bis 18. Jh., 16 Bde. (1986–2009). – 12 S. Obermaier: Von Haferland: Hohe Minne. Zur Beschreibung der Minnekanzone
Nachtigallen und Handwerkern. ‹Dicht. über Dicht.› in Min- (2000); J.-D. Müller: Minnesang und Literaturtheorie (2001);
nesang und Sangspruchdicht. (1995). – 13 G. Hübner: Lobblu- Haferland [38]; Hausmann u. a. (Hg.) [30]. – 48 G. Hübner: Frau-
men. Stud. zur Genese und Funktion der ‹Geblümten Rede› enpreis. Stud. zur Funktion der laudativen Rede in der mhd.
(2000). – 14 A. Hensel: Vom frühen Minnesang zur Lyrik der Minnekanzone (1996). – 49 G. Hübner: Minnesang als Kunst.
Hohen Minne (1997). – 15 I. Kasten: Frauendienst bei Troba- Mit einem Interpretationsvorschlag zu Reinmar MF 162,7, in:
dors und Minnesängern im 12. Jh. Zur Entwicklung und Adap- Hausmann u. a. [30] 139–164. – 50 T. Brandis: Mhd., mittelnie-
tion eines lit. Konzepts (1986); N. Zotz: Intégration courtoise. derdt. und mittelniederländische Minnereden. Verzeichnis der
Zur Rezeption okzitanischer und frz. Lyrik im klassischen dt. Hss. und Drucke (1968); I. Glier: Artes amandi. Unters. zu
Minnesang (2005). – 16 A. Hausmann: Reinmar der Alte als Gesch., Überlieferung und Typologie der dt. Minnereden
Autor. Unters. zur Überlieferung und zur programmatischen (1971); L. Lieb: Minnerede, in: RDL3, Bd. 2 (2000) 601–604; W.

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Miszellen Miszellen

Achnitz: Minnerede, in: Schiewer [38] 197–255; J. Klingner, L. M.-Sammlungen meist eine nichtlineare Lektüre. Viele
Lieb (Hg.): Hb. Minnerede (voraussichtlich 2010). – 51 L. Lieb, M. sind bewußt nicht originell, d. h. sie bestehen zu wei-
O. Neudeck (Hg.): Triviale Minne? Konventionalität und Tri- ten Teilen aus kommentierten oder unkommentierten
vialisierung in spätma. Minnereden (2006). – 52 Die Minnelehre
des Johann von Konstanz. Nach der Weingartner Liederhs. un-
Kompilationen, Übersetzungen und Nacherzählungen
ter Berücksichtigung der übrigen Überlieferung, hg. v. D. Hu- anderer, nicht vom Autor stammender Texte.
schenbett (2002). – 53 A. Sommer: Die Minneburg. Beitr. zu ei- B. Geschichte. I. Antike. Erste Anfänge der M.-Li-
ner Funktionsgesch. der Allegorie im späten MA (1999). – 54 U. teratur zeigen sich bereits in der Antike, wobei zwei
Steckelberg: Hadamars von Laber ‹Jagd›. Unters. zu Überlie- Stränge unterschieden werden können: ein poetischer
ferung, Textstrukturen und allegorische Sinnbildungsverfahren und ein enzyklopädischer. Kulminationspunkt im Auf-
(1998). treten beider Versionen sind die ersten nachchristlichen
G. Hübner Jahrhunderte, in denen das Wissen bereits auf ein für die
meisten Menschen unüberschaubares Ausmaß ange-
^ Allegorie, Allegorese ^ Ars poetica ^ Ars versificatoria ^
Chanson de geste ^ Höfische Rhetorik ^ Liebesrede, -brief ^
wachsen ist. [2] Das Bedürfnis nach schnellem und un-
Lied ^ Lyrik ^ Mittelalter ^ Ornatus ^ Personifikation ^ kompliziertem Zugang zu Bildungsinhalten läßt eine
Sangspruchdichtung ^ Topos Reihe von Werken entstehen, die in meist anekdoten-
hafter Form Bildungsgut kolportieren. [3] Diese Werke
können als Vorläufer der Enzyklopädien gewertet wer-
den [4], unterscheiden sich aber durch eine nichtlineare
Miszellen (dt. auch Vermischtes; engl. miscellanies; frz. Leseprozesse befördernde, bewußt herbeigeführte Un-
miscellanées; ital. miscellanea) ordnung, in der sie präsentiert werden. Als Zeugin für
A. Def. – B. Geschichte: I. Antike. – II. Mittelalter. – III. Re- den Wert dieser scheinbar willkürlichen Ordnung wird
naissance, Humanismus. – IV. Barock, Aufklärung, 19. Jh. – V. meist Pamphila aus Epidauros herangezogen [5], die
Gegenwart. in ihrem aus gemischten Episoden der griechischen
A. Der Begriff ‹M.›, auch ‹Miszellaneen›, (von lat. mis- Geschichte bestehenden, nicht erhaltenen Werk ëIstori-
cellus = gemischt; miscellanea = Vermischtes) dient als kaÁ yëpomnhÂmata, Historiká hypomnē´mata (Historische
Titel, Gattungsbezeichnung oder unspezifischer Sam- Denkwürdigkeiten) eine feste Ordnung mit der Begrün-
melbegriff für eine Vielzahl handschriftlicher oder ge- dung abgelehnt haben soll, daß sich dadurch der ästhe-
druckter, meist kurzer Schriften vermischten Inhalts. tische Wert des Werkes steigern ließe. [6] Der Grad der
Dabei unterliegen Reichweite und Deutung des Begriffs Ordnungslosigkeit ist in der M.-Literatur jedoch durch-
historischen Schwankungen; der Gebrauch ist entspre- aus variabel, und zumindest thematische Makrogruppie-
chend uneinheitlich. Der moderne M.-Begriff bezeich- rungen sind nicht unüblich (vgl. etwa die ‹Naturalis hi-
net in der Regel Kurztexte, die sich mit Themen von storia› des älteren Plinius oder die ‹Epistulae morales›
hauptsächlich wissenschaftlichem Interesse beschäfti- des Seneca).
gen, ohne dabei notwendigerweise den formellen An- Als Musterbeispiel der antiken M. gilt das im 2. Jh.
sprüchen der Wissenschaftlichkeit zu genügen. Mangels n. Chr. erschienene Werk ‹Noctes Atticae› des Aulus
einheitlicher Sprachregelung werden M. oft durch die Gellius. In der Einleitung reiht Gellius sein Werk in
bloße Nennung des M.-Begriffs im Titel einer Arbeit als eine große Gruppe von Werken ein, die «variam et mis-
solche kenntlich gemacht. Im englischsprachigen Raum cellam et quasi confusaneam doctrinam» (bunt gemisch-
bezeichnet der Begriff ‹miscellany› zudem noch heute ten und gleichsam formlosen Lehrstoff) [7] vermitteln
hauptsächlich Anthologien meist anonymer Autoren, und gibt so einen Überblick über die zur damaligen Zeit
worauf die 1557 erstmals erschienene, von R. Tottel her- verbreitete M.-Literatur. [8] Damit sind bereits die
ausgegebene Gedichtsammlung ‹Tottel’s Miscellany› wichtigsten Elemente der enzyklopädischen M.-Litera-
maßgeblichen Einfluß ausgeübt hat. Im wissenschaftli- tur genannt: Bildungsinhalte (doctrinae) aus einem bunt
chen Sprachgebrauch wird er aber auch dort im oben ge- gemischten Themenspektrum werden ohne erkenn-
nannten Sinne verwendet. Überschneidungs-, Einschlie- bare Ordnung aneinandergereiht. [9] Auch rhetorische
ßungs- und Verwandtschaftsverhältnisse existieren etwa Lehren und Techniken sind Bestandteil dieses Spek-
zu Enzyklopädien, wissenschaftlichen Aufsätzen, Lexi- trums. [10] Selektives Lesen ist dabei bereits vorgese-
konartikeln, Essays, Rezensionen, Nachrufen, Danksa- hen; dezidiert gibt Gellius seinem Werk ein Inhaltsver-
gungen, Kollektaneen, Florilegien sowie internetbasier- zeichnis bei. [11] Zwar ist diese Praxis gerade in den da-
ten Publikationen wie Blogs, Forenbeiträgen, Kurz- maligen Nachschlagewerken keineswegs unüblich [12],
videos usw. doch steht bei der M.-Literatur eine gegenüber den
Abgrenzungsmerkmale von M. gegenüber anderen Nachschlagewerken andere Wissenskonzeption im Hin-
Textsorten sind Kürze – sowohl des Textes als auch der tergrund. Sie begreift Wissen als in seiner Gesamtheit
Herstellungszeit – sowie die Varianz ihrer Themen und undarstellbar und versteht die in den M. genannten Ein-
ihrer Anordnung. Rhetorisch erfüllen M. damit insbe- zelfälle als wesentlich (pars pro toto) für die conditio
sondere die Gebote der brevitas und variatio, die dem humana. [13] Ähnliche Werke sind die etwas späteren
taedium entgegenwirken sollen und der memoria die- ‹Varia historia› (PoikiÂlh iëstoriÂa, Poikı́lē historı́a) und
nen. Da der Schwerpunkt meist auf angenehmem Ler- die Schrift ‹De natura animalium› (PeriÁ zvÂì vn iÆdioÂ-
nen liegt, gehen dabei Belehren (docere) und Erfreuen thtow, Perı́ zō´ōn idiótētos) des C. Ailianos, die ‹Dei-
(delectare) Hand in Hand. Die bei M. üblichen Ver- pnosofistaiÂ, Deipnosophistaı́› (‹Gelehrtenmahl›) des
sprechungen der Neuheit und Außergewöhnlichkeit Athenaios, die stark von Gellius inspirierten ‹Saturna-
dienen zudem der Aufmerksamkeitserregung (attentum lia› des Macrobius sowie zahlreiche verschollene Wer-
parare). Der mit dem Format verbundene Anspruch ei- ke wie die ‹PandeÂktai, Pandéktai› des Tullius Ti-
ner vermeintlich kurzen Produktionszeit wird ferner oft ro. [14] Ein zweiter, von Gellius ebenfalls in seine Auf-
auch als Bescheidenheitstopos eingesetzt. [1] Durch die zählung aufgenommener Strang der M.-Literatur findet
mehr oder weniger willkürliche Anordnung (ordo arti- sich in antiken Gedichtsammlungen. Anthologien von
ficialis) und den geringen Kohärenzgrad provozieren kurzen Gelegenheitsgedichten waren bereits in den vor-

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Miszellen Miszellen

christlichen Jahrhunderten bekannt. [15] Typisch für hier in bunt gemischten Kurztexten Wissenswertes
diese Art der M.-Literatur ist die Verwendung von me- (meist aus der Antike) verarbeitet. Der stark subjektive
taphorischen Titeln aus dem Bereich der Vegetation wie Einschlag bei Montaigne entspricht jedoch nicht der
‹LeimvÂn, Leimō´n› (poet. Wiese, Weide), die sowohl gängigen M.-Konvention.
Schönheit und Nutzen des Inhalts als auch Vielfalt und IV. Barock, Aufklärung, 19. Jh. M. als Sammlungen
Beliebigkeit von Anordnung und Lesereihenfolge aus- vermischter Texte mit lehrhaftem Inhalt existieren zwar
drücken sollen. [16] Das bekannteste Beispiel dieser Art weiterhin; jedoch verändern Existenz und Erfolg der sy-
von M. sind die im 1. Jh. n. Chr. erschienen ‹Silvae› (Wäl- stematisch geordneten Enzyklopädien die Inhalte, die in
der) des Statius, eine Sammlung von hastig geschrie- derartigen Werken behandelt werden. Da Enzyklopä-
benen Gedichten zu verschiedenen, oft alltäglichen The- dien gerade das Gewöhnliche, Alltägliche behandeln,
men, die die sog. ‹Silven›-Literatur begründete. In sei- wendet sich die M.-Literatur zunehmend dem Unge-
nem Vorwort beteuert Statius, an keinem der Gedichte wöhnlichen zu. So entsteht ab dem 17. Jh. eine Vielzahl
länger als zwei Tage gearbeitet zu haben. [17] Quinti- von Werken, die sich fast ausschließlich Kuriositäten
lian wiederum tadelt die zu seiner Zeit in Mode kom- widmen und damit einen in der antiken M.-Literatur be-
menden ‹silvae› als hastige Entwürfe. [18] reits angelegten Aspekt zur vollen Entfaltung bringen.
II. Mittelalter. Im Mittelalter wird das Konzept der Beispiele sind etwa ‹Die lustige Schaubühne von aller-
Wissenssammlung unter dem maßgeblichen Einfluß Isi- hand Curiositäten› sowie ‹Der hohe Traur-Saal› des E.
dors von Sevilla zur geordneten Enzyklopädie weiter- Finx oder ‹Der grosse Schauplatz lust- und lehrreicher
entwickelt. Gleichzeitig existieren aber verschiedene Geschichte› von G.P. Harsdörffer.
Loseblattsammlungen, die in knapper Form – gelegent- Unter dem Einfluß der aufkommenden Genieästhe-
lich durch Illustrationen unterstützt – sowohl klassische, tik gerät im 18. Jh. das bloße Sammeln allerdings zuneh-
zum Teil rhetorische Bildungsinhalte als auch die christ- mend in Mißkredit. So lehnt F.A. Hallbauer in seiner
liche Glaubenslehre behandeln. Bekanntestes Beispiel ‹Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie› von
ist der ‹Liber floridus› des Lambert de Saint-Omer aus 1725 die beliebte Miszellaneen- und Kollektaneenlite-
dem frühen 12. Jh., der einerseits als erstes enzyklopä- ratur rigoros ab und verwirft sie als nutzlos für Rhetorik
disches Werk des Mittelalters seit Hrabanus Maurus und Bildung. [25] In der Folge rücken moderne Themen
‹De rerum naturis› ein umfassendes Bildungsziel ver- immer stärker in den Interessensbereich der M. Durch
folgt, zugleich aber ohne erkennbare Systematik abge- die Erfindung der Druckerpresse können sich aufgrund
faßt ist. In jüngerer Zeit ist jedoch umstritten, ob die neuer medialer Möglichkeiten die schnellebigen M. bes-
Ordnungslosigkeit beabsichtigt war oder nicht. [19] Die ser verbreiten. Insbesondere die Zeitschriften greifen
Tradition von gemischten Bildungsinhalten als Lose- auf diese Tradition schnell produzier- und konsumier-
blattsammlungen bleibt auch in den folgenden Jahrhun- barer Kurztexte zurück. In der frühen Neuzeit erlebt zu-
derten bestehen; rhetorisch geprägte M. finden sich nächst der Begriff der ‹Silvae› in eingedeutschter Vari-
etwa im sog. ‹Wellcome Manuskript 49› [20] aus dem ante als Zeitschriftentitel eine neue Blüte, so etwa in den
15. Jh. Liedersammlungen werden ebenfalls gelegent- ‹Poetischen Wäldern› des C. Gryphius (1698), in Her-
lich zur M.-Literatur gezählt, so die ‹Sterzinger Miszel- ders ‹Kritischen Wäldern› (1769) oder den ‹Altdeut-
laneen-Handschrift›. [21] schen Wäldern› der Gebrüder Grimm (1813–1816).
III. Renaissance, Humanismus. Mit der Wiederent- An der Schwelle zum 19. Jh. tritt schließlich erstmals
deckung des antiken Bildungsguts treten die beiden der heute gebräuchliche M.-Begriff in deutscher Vari-
klassischen Stränge der M.-Literatur erneut hervor. Der ante auf. ‹Miscellen› wird zu einem beliebten Zeitschrif-
italienische Humanist A. Poliziano vereinigt beide tennamen. Dabei sammelt man meist wissenschaftliche
Richtungen. Eine Kopie des 1417 von P. Bracciolini und gesellschaftliche Neuigkeiten aus dem Ausland und
wiederentdeckten Manuskripts der ‹Silvae› nimmt er bereitet sie für das deutsche Publikum auf. Bereits 1795
zum Anlaß, seine Professur für Poetik und Rhetorik am ediert J.W. von Archenholz in seinen ‹Miscellen zur
Florentiner Studio 1480 mit einer Einführungsvorle- Geschichte des Tages› Flugblätter zur französischen Re-
sung über Quintilians ‹Institutio Oratoria› sowie das volution und bemerkt im Vorwort zum zweiten Band:
Werk des Statius zu beginnen. [22] Poliziano gibt zudem «[...] es scheint ein Wettstreit zu seyn, wer den Andern in
eine kommentierte Version der ‹Silvae› heraus und ver- Hinsicht merkwürdiger Blätter des Auslands, durch die
öffentlicht eine eigene Gedichtsammlung unter glei- Geschwindigkeit der Verdeutschung, den Rang ablau-
chem Titel – eine Mode, die bis in die Barockzeit hin fen könne.» [26] Zur Blüte kommt diese Mode mit den
anhalten sollte und zu der Namen wie Lorenzo de Me- von J.Chr. Hüttner 1800 ins Leben gerufenen ‹Engli-
dici, B. Tasso, L. Alamanni, T. Folengo, aber auch H. schen Miscellen›, die bis 1807 im Cottaschen Verlags-
Lauretus gehören. [23] Bei Poliziano läßt sich zudem haus erscheinen. In ihnen soll «aus der ganzen Maße
deutlich die Verwendung des ‹Silvae›-Titels als Be- von Zeitschriften und neuen Büchern, das Wichtigste für
scheidenheitstopos nachweisen, beteuert er doch einer- Deutschland ausgezogen, und so früh als möglich zur
seits die Kürze der Produktionszeit, um Anerkennung öffentlichen Bekanntmachung herüber geschifft wer-
zu finden, gibt gegenüber dem kritisch gesinnten unga- den» [27], um dort für «Unterhaltung und Beleh-
rischen König Matthias Corvinus aber zu, durchaus län- rung» [28] zu sorgen. Dabei sind die ‹Englischen Mis-
ger an den Gedichten gearbeitet und gefeilt zu ha- cellen› bewußt als eine Art Fortsetzung von Archenholz’
ben. [24] Zudem ediert Poliziano auf Anregung Loren- ‹Annalen der britischen Geschichte der neuesten Zeit›,
zo de’ Medicis eine Sammlung seiner Lesefrüchte unter jedoch ohne systematische Ordnung konzipiert. [29] Lob
dem Titel ‹Miscellanea› – eine der frühsten Veröffent- und Anklang sind groß; doch stößt diese vermeintliche
lichungen von M., die den Begriff bereits im Titel tra- Unübersichtlichkeit auch auf Kritik. [30] Dennoch ent-
gen. Zur M.-Literatur des Humanismus im weiteren stehen in der Folge zahlreiche Produktionen nach dem
Sinne können auch die ‹Adagia› des Erasmus von Rot- gleichen Modell, so etwa ‹Italienische Miscellen›, ‹Nor-
terdam und die darüber hinausgehenden ‹Essais› Mi- dische Miscellen›, ‹Russische Miscellen› oder ‹Franzö-
chel de Montaignes gerechnet werden, wird doch auch sische Miscellen›. [31]

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Miszellen Mobbing

V. Gegenwart. Mit dem Anbrechen des 20. Jh. läßt sich Koptische Miscellen (1972). – 33 http://www.aegyptologie.uni-
schließlich eine zunehmend wissenschaftliche Ausrich- goettingen.de/index.php/de/publikationen/gm (abgerufen am
tung des M.-Begriffs feststellen. M. werden vermehrt 1.5.2010). – 34 vgl. etwa D. von Liliencron: GW, Bd. 8 (1912); B.
von Clairvaux: M. Ansprachen über verschiedene Gegenstände
thematisch gruppiert bzw. gesammelt und beschäftigen (1936); G. Simmel: Gesamtausg., Bd. 17 (2004). – 35 vgl.
sich mehr und mehr mit wissenschaftlichen Themen. [32] Perspicuitas. Internet-Periodicum für mediävistische Sprach-,
Dabei überlebt die oben skizzierte Zeitschriftentraditi- Lit.- und Kulturwiss. (http://www.uni-due.de/perspicuitas/mis-
on in einer wissenschaftlich geprägten Variante, etwa in zellen.shtml; abgerufen am 5.5.2010).
den seit 1972 bestehenden ‹Göttinger M. Beiträge zur
ägyptologischen Diskussion›, die eine «schnelle und ko- R.B. Kremer
stengünstige Publikation neuer Funde und wissenschaft-
licher Hypothesen» [33] anstreben. Die M. definieren ^ Anekdote ^ Bescheidenheitstopos ^ Blütenlese ^ Brevitas
sich allerdings immer weniger über die thematische Ab- ^ Enkyklios paideia ^ Entwurf, Skizze ^ Epitome ^ Essay ^
Hypomnemata ^ Fachprosa ^ Kollektaneen ^ Literatur ^
weichung von benachbarten M. in einer Sammlung. So Poikilographie ^ Traktat
ist es heute durchaus auch möglich und üblich, M. (ent-
gegen dem Sinn des Begriffs) einzeln zu publizieren. Der
M.-Begriff ist zudem beliebter Titel von Festschriften
oder Bücherreihen zu einem meist philologisch gepräg- Mobbing (engl. bullying, harassment at work; frz. har-
ten Themenkomplex, so etwa ‹Miscellanea mediaevalia› cèlement moral; ital. mobbing)
(‹-nederlandica›, ‹-bulgarica›). Eine häufige Praxis ist es A. Def. – B. I. M. im interdisziplinären Kontext. – II. M. als
ebenfalls, nicht näher zuzuordnende, kurze Texte in rhetorisches Phänomen. – III. M.-Techniken. – IV. Historische
Ausgaben der Werke eines Autors – meist in einem der Aspekte. – V. Cyber-M.
letzten Bände – unter dem Titel ‹M.› zu sammeln. [34]
Auch andere Bereiche der älteren M.-Tradition leben in A. Def. Der Begriff ‹M.› benennt ein negatives grup-
modernisierter und abgewandelter Form weiter, etwa pendynamisches Kommunikationsverhalten, bei dem
die weit verbreiteten Allgemeinbildungs- und Kuriosi- bestimmte verbale und/oder non-verbale Handlungen
tätenbücher. Auch das Internet wird zunehmend als einer oder mehrerer Personen wiederholt gegen eine
Publikationsforum für M. jeglicher Art genutzt. [35] andere gerichtet werden. Häufig an Organisationen ge-
Viele der neueren Textformen im Internet können zu- bunden tritt es insbesondere im Kontext von Arbeits-
dem bei einem weiter gefaßten M.-Begriff als solche platz und Schule auf. Eine bedeutende Rolle spielen da-
klassifiziert werden. Insbesondere die neuen Blogs und bei Zeugen, die den/die Mobber passiv oder aktiv un-
Diskussionsforen haben kurzen Texten ohne feste Ord- terstützen, z.B. durch das Unterlassen von Hilfe oder
nung ein breites Forum gegeben. Zudem stellt sich die Weitertragen von Gerüchten. Die Situation kann für die
Frage, ob nicht auch multimediale Publikationen wie betroffene Person zu gravierenden psychischen wie
Kurzvideos auf speziellen Videopublikationsplattfor- auch körperlichen Gesundheitsschäden führen.
men als M. gefaßt werden können. Charakteristische Merkmale von M. sind Konfron-
tationen, ein repetitives Moment, sowie eine Täter-
Anmerkungen: Opfer-Relation zwischen Mobbendem und Gemobb-
1 vgl. Quint. IV,1,8f. – 2 vgl. etwa Quint. I,8,18–21; früher schon tem, die häufig auf ein Machtungleichgewicht zurück-
in Cic. De or. I,8ff. – 3 vgl. L. Holford-Strevens: Aulus Gellius
(Chapel Hill 1989) 21f.; A. Vardi: Genre, Conventions, and Cul-
zuführen ist. M. kann weiterhin als Handlungsablauf mit
tural Programme in Gellius Noctes Atticae, in: L. Holford- spiralischer Struktur verstanden werden, bei dem zum
Strevens, A. Vardi (Hg.): The Worlds of Aulus Gellius (Oxford einen die Reaktion des Opfers wiederum neue M.-
2004) 159–186, hier 166f.; S. Swain: Bilingualism and Bicultu- Handlungen provoziert. Zum anderen nimmt im Ver-
ralism in Antonine Rome, ebd. 3–40, hier 29f.; Aulus Gellius, lauf des M.-Prozesses für alle Beteiligten die emotionale
Noctes Atticae. Vorrede 12. – 4 vgl. Vardi [3] 161f. – 5 ebd. 172f. – Intensität, besonders jedoch der Leidensdruck des Op-
6 vgl. Photius, Bibliotheke 175; ähnlich C. Aelianus: De natura fers zu. Neben die triadische Interaktionsstruktur aus
animalium, Epilog. – 7 Gellius [3] Vorrede 5; Übers. aus Aulus Tätern, Opfern und Zeugen treten spezifische gesell-
Gellius: Die Attischen Nächte, übers. von F. Weiss (1987/1875).
– 8 ebd. 6ff. – 9 vgl. Vardi [3] 161f. – 10 vgl. G. Anderson: Aulus
schaftliche und organisatorische Strukturen, die das
Gellius. A Miscellanist and his World, in: ANRW, Teil 2 Prin- Auftreten von M. begünstigen oder erschweren können.
cipat, 34.2 (1994) 1834–1862, hier 1848f.; W.H. Keulen: Gellius M. findet sowohl auf gleicher hierarchischer Ebene (z.B.
the Satirist (Leiden 2009) 135ff. – 11 vgl. Gellius [3] Vorrede 25. – unter Kollegen) wie auch in asymmetrischen Relationen
12 vgl. etwa Plinius, Naturalis historia, Prooem. 33. – 13 Vardi [3] (vom Vorgesetzten zum Mitarbeiter und umgekehrt)
178f. – 14 ebd. 164; Holford-Strevens [3] 21f. – 15 vgl. Vardi [3] statt, wobei das M. von oben nach unten (‹Bossing›) be-
166. – 16 ebd. 171. – 17 Status, Silvae I, Praefatio, 2. – 18 vgl. sonders häufig auftritt. Die Zielrichtung hat Einfluß dar-
Quint. X,3,17. – 19 vgl. A. Derolez: Lambertus qui Librum fecit auf, mit welchen Mitteln gemobbt werden kann, wobei
(Brüssel 1978) 454. – 20 vgl. A. Seebohm-Désautels: Texts and
Images in a Fifteenth-Century German Miscellany (Wellcome
der psychische Druck je nach Häufigkeit, Dauer, Art
MS 49) (London 1982). – 21 vgl. M. Zimmermann: Die Sterzin- und Intensität der M.-Handlungen variiert.
ger Miszellaneen-Hs. (Innsbruck 1980) 21. – 22 T. Leuker: A. Etymologisch läßt sich M. zurückführen auf das eng-
Poliziano (1997) 4. – 23 vgl. N.K. Zeiner: Nothing Ordinary lische Verb ‹to mob› (dt. ‹herfallen über› bzw. ‹sich stür-
Here. Statius as Creator of Distinction in the ‹Silvae› (New zen auf›) [1], sowie auf das auch im Deutschen gebräuch-
York/London 2005) 4. – 24 vgl. Leuker [22] 5f., 137. – 25 vgl. liche Substantiv ‹mob›, im Sinne von ‹Pöbel› [2]. Wäh-
Hallbauer Orat. 289ff. – 26 vgl. J.W. von Archenholz: Miscellen rend im Skandinavischen, Deutschen und Italienischen
zur Gesch. des Tages (1979) II, Vorw. – 27 J.C. Hüttner: Engl. meist der Terminus ‹M.› verwendet wird, ist im Engli-
M. Vorw. zur 1. Ausg. (30. Sept. 1800). – 28 ebd. – 29 ebd. –
30 vgl. Rez. in: Allg. Lit.-Ztg. 241 (August 1802) 451–454,
schen hauptsächlich der Begriff ‹bullying› gebräuchlich.
hier 453f. – 31 vgl. P. Müller: J.Chr. Hüttners ‹Englische M.› Dieser findet sich auch im europäischen Sprachraum,
(1939) 12; E. Heyck: Die Allg. Ztg. 1798–1898 (1898) 134; 141. – wird hier jedoch meist in Bezug auf M. unter Kindern
32 vgl. etwa F. Poulsen: Ikonographische M., in: Historisk-Fi- und Jugendlichen in der Schule verwendet. [3] Häufig
lologiske Meddeleser 4 (Kopenhagen 1921–22); O. von Lemm: wird M. mit Begriffen wie ‹Schikane›, ‹Drangsalierung›,

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Mobbing Mobbing

‹Erniedrigung›, ‹Quälerei› oder ‹Psychoterror› assozi- dem, ob bzw. inwieweit das Geschlecht Einfluß auf M.
iert. [4] Erstmals verwendet wird der Begriff 1963 von hat: Werden Mädchen/ Frauen öfter gemobbt als Jun-
dem österreichischen Verhaltensforscher K. Lorenz. [5] gen/ Männer? Hat das Geschlecht einen Einfluß auf die
In seiner heutigen Bedeutung wird er jedoch erst An- Art der überwiegend eingesetzten M.-Handlungen? Die
fang der 80er Jahre von dem nach Schweden emigrierten Antworten auf diese Fragen fallen jedoch sehr unter-
deutschen Psychologen H. Leymann geprägt. [6] Dieser schiedlich aus. [25]
nimmt in Bezug auf die M.-Forschung eine bedeutende In Bezug auf den Umgang mit M. werden sowohl prä-
Rolle ein: zwar existiert bis heute keine allgemein aner- ventive Maßnahmen als auch Möglichkeiten der Inter-
kannte Definition von M., die meisten Forscher fassen vention thematisiert. Sowohl in Bezug auf M. in der
das Phänomen jedoch in Anlehnung an oder Abgren- Schule als auch auf M. am Arbeitsplatz wurden in die-
zung von Leymanns Konzept. sem Zusammenhang Antimobbingprogramme entwik-
Die Forschung zum Thema M. nimmt damit ihren kelt. [26] Die vorgeschlagenen Maßnahmen beziehen
Anfang im skandinavischen Raum. Ab Mitte der 90er sich dabei sowohl auf die individuelle als auch auf die
Jahre gewinnt das Thema auch in anderen Ländern wie organisatorische Ebene. Zu den Präventionsmaßnah-
Deutschland, Japan, England, den Niederlanden, Ka- men auf individueller Ebene gehört v. a. die Aufklärung
nada, den USA und Australien verstärkt die Aufmerk- durch Broschüren, Plakate, Fachartikel, Vorträge und
samkeit von Öffentlichkeit und Wissenschaft. [7] Vom Diskussionen sowie Seminare und Kommunikations-
‘traditionellen’ M. zu unterscheiden ist dabei das Phä- trainings im Rahmen beruflicher Fortbildung. [27] Auf
nomen des ‹Cyber-M.› bzw. ‹Cyberbullying›, das im an- organisatorischer Ebene werden etwa die Einrichtung
gloamerikanischen Raum seit Ende der 90er Jahre in einer betriebsinternen Infrastruktur gegen M. sowie die
das öffentliche Bewußtsein rückt, in Deutschland dage- Neugestaltung von Arbeitsmethoden und Verantwort-
gen erst ab etwa 2007 Beachtung findet. [8] ‹Cyber-M.› lichkeiten vorgeschlagen. [28] In Bezug auf Möglichkei-
kann als medienvermitteltes M. im virtuellen Raum ver- ten der Intervention bei M. werden zunächst vor allem
standen werden, das z.B. über Computer oder Handy zwanglose Lösungen über Gespräche mit vertraulichen
erfolgt. Zwischen beiden Phänomenen bestehen durch- Beratern sowie Mediation thematisiert. [29] Auf orga-
aus Gemeinsamkeiten, allerdings führt der Einsatz neu- nisatorischer Ebene können durch Einbezug der Vorge-
er Medien beim Cyber-M. zu strukturellen Unterschie- setzten Sanktionen wie Verwarnungen, Versetzungen
den. oder Entlassungen gegen den Mobbenden zur Lösung
B. I. M. im interdisziplinären Kontext. Vor allem die beitragen. [30]
Psychologie und die Pädagogik nehmen von Beginn an Angaben zur Häufigkeit von M.-Fällen sowie die ge-
regen Anteil am M.-Diskurs. Der Fokus der Pädagogik nerelle Erhebung genauer Daten gestalten sich schwie-
liegt dabei vor allem auf M. im Schulbereich und in die- rig. In den meisten Ländern gibt es nach wie vor keine
sem Rahmen überwiegend auf dem Umgang mit M. so- Untersuchungen zu diesem Thema, die als repräsentativ
wie möglichen Mitteln zur M.-Prävention und -Interven- gelten können. Die Vielzahl der vorhandenen Studien
tion. [9] In der Psychologie wird M. hauptsächlich in der unterscheidet sich sowohl in Bezug auf Größe und Zu-
Sozialpsychologie [10] und der angewandten Psycholo- sammensetzung der Stichproben als auch bezüglich der
gie thematisiert, wobei in Bezug auf letztere vor allem zur Datengewinnung eingesetzten Methoden und der
die Teilbereiche Arbeits- und Organisationspsycholo- zugrunde gelegten Erhebungsstrategien. Ein Ansatz be-
gie [11], pädagogische Psychologie [12], klinische Psy- steht z.B. darin, den Befragten eine Definition von M.
chologie [13] sowie Psychiatrie und Psychotherapie [14] mitzuliefern um deutlich zu machen, was abgefragt wer-
zu nennen sind. Die psychologische Literatur befaßt sich den soll. Eine andere Methode erläutert Begriffe dieser
dabei sowohl mit M. in der Schule [15] als auch am Ar- Art während der Befragung nicht genauer und überläßt
beitsplatz [16]. In den Wirtschafts- und Sozialwissen- deren Interpretation den Befragten. Die angeführten
schaften dagegen wird M. bisher kaum verhandelt. Er- Gründe tragen dazu bei, daß die Ergebnisse der ver-
wähnung findet das Phänomen in diesem Zusammen- schiedenen Studien zum Thema M. deutlich voneinan-
hang überwiegend im Rahmen von Organisations- und der abweichen. [31] Zudem wird von einer großen Dun-
Managementforschung. [17] Weiterhin hat auch die Kri- kelziffer an M.-Fällen ausgegangen, denn M.-Opfer
minologie Anteil am M.-Diskurs. [18] Zunehmend wird können sich sowohl vor sich selbst als auch vor andern
in den angeführten Disziplinen auch das Phänomen des weigern einzugestehen, daß sie M. ausgesetzt sind. [32]
Cyber-M. diskutiert. [19] Das Thema fällt zudem in den II. M. als rhetorisches Phänomen. In Abgrenzung zu
Geltungsbereich der Medien- bzw. Kommunikations- anderen Erklärungsansätzen [33] fallen aus rhetorischer
wissenschaften, wo es vor allem unter medienpädagogi- Perspektive diskriminierende und schädigende Arbeits-
schen, -ethischen und -rechtlichen Aspekten verhandelt bedingungen an sich nicht unter den M.-Begriff. Um von
wird. [20] ‹M.› als rhetorischem Phänomen sprechen zu können, ist
Großen Raum nimmt in der interdisziplinär geführ- ein rhetorisch Handelnder (orator) Voraussetzung. Un-
ten Diskussion die Frage nach den möglichen Ursachen abhängig von den konkreten Motiven des M.-Täters und
von M. ein. Verschiedene Ansätze gehen in diesem Zu- dem Grad der Bewußtheit über das eigene Handeln
sammenhang von der Beliebigkeit der Wahl des Opfers kann diesem aufgrund der Zielgerichtetheit der M.-
aus (z.B. Frustrations-Aggressions-Hypothese [21], Sün- Handlungen gegen ein bestimmtes Opfer eindeutig eine
denbockhypothese [22]). Andere zählen die Persönlich- bestimmte Wirkungsintention (finis, utile) zugeschrie-
keit des Opfers bzw. Täters zu den M. beeinflussenden ben werden. [34] Für die Umsetzung dieser Intention
Faktoren. [23] Ein weiterer Ansatz besteht darin, die macht er – bewußt oder unbewußt – «Gebrauch von den
Ursachen für M. eher in organisatorischen bzw. betrieb- Regeln und Techniken, die im historisch entstandenen
lichen Sachgesetzlichkeiten, Rollenanforderungen und System der Rhetorik formuliert sind». [35] Die Motive
-widersprüchen begründet zu sehen. [24] Häufig wird je- des Mobbenden können dabei durchaus unterschiedlich
doch von einer Mischung aus verschiedenen Ursachen- und sowohl an erfolgsorientierten Zielsetzungen ausge-
faktoren ausgegangen. Die M.-Forschung diskutiert zu- richtet als auch eher defensiv in eigenen Ängsten und

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Mobbing Mobbing

Unsicherheiten begründet sein. [36] Die Forschungsli- ist, handelt es sich im zweiten Fall um eine Form von
teratur weist außerdem immer wieder darauf hin, daß Macht, die unabhängig von organisatorischen Struktu-
nicht hinter jedem M. zwangsweise eine Schädigungsab- ren nur auf dem Einverständnis der Mehrheit aller Be-
sicht stecken muß, sondern dies auch «unabsichtlich im teiligten gründen kann. In diesem Zusammenhang wird
Rahmen der Selbsterhaltung oder für normal gehalte- deutlich, weshalb Dritte in Bezug auf M. eine bedeuten-
nen Selbstdurchsetzung einzelner Personen in Unter- de Rolle spielen. Denn ob Gesprächsstrukturen wie im
nehmen und in Arbeitsteams» [37] geschehen kann. Fäl- zweiten Fall und das mit ihnen einhergehende Macht-
le, in denen hingegen von einer expliziten M.-Intention ungleichgewicht zwischen zwei Parteien als legitim oder
auszugehen ist, lassen sich besonders gut aus persua- illegitim betrachtet werden, hängt vor allem von ihrem
sionsrhetorischer Perspektive heraus untersuchen. Urteil ab.
M. ist in erster Linie ein gesprächsrhetorisches Kom- III. M.-Techniken. In Bezug auf Art und Anzahl der
munikationsphänomen, das eng mit dem rhetorischen möglichen M.-Handlungen herrscht keine Einigkeit. So
Setting der Organisation verbunden ist, die räumlich wie führt Leymann lediglich 45 einzelne M.-Handlungen
institutionell den Rahmen für das Zusammenspiel von an [47], während die Liste von Esser und Wolmerath
logos, ethos und pathos bildet. [38] In einzelnen Fällen mehr als doppelt so viele umfaßt [48]. Die einzelnen
kann M. jedoch auch über den rhetorischen Raum der M.-Handlungen werden meist in verschiedene Klassen
Organisation hinausgehen, indem z.B. nächtliche Tele- zusammengefaßt, die teilweise auch als «Mobbingstra-
fonanrufe getätigt oder der Betroffene bei Familienan- tegien» [49] bezeichnet werden. Die Verwendung des
gehörigen bzw. Freunden schlecht gemacht wird. [39] Strategiebegriffs ist in diesem Zusammenhang jedoch
Organisationen können nach N. Luhmann verstan- problematisch, da dieser sich auf die Kalkulation grund-
den werden als «soziale Systeme besonderer Art, die be- legender «Situation-Adressat-Ziel-Widerstand-Mittel-
sondere Leistungen erbringen und dazu Verhaltenswei- Relationen» auf der obersten kognitiven Planungsebe-
sen motivieren und koordinieren, die nur aufgrund der ne bezieht. [50] Von M.-Strategien kann damit nur im
Mitgliedschaft in solchen Systemen erwartet werden persuasionsrhetorischen Spezialfall eines vorsätzlichen
können». [40] Ein charakteristisches Merkmal von Or- M. gesprochen werden. Zudem gestaltet sich im Unter-
ganisationen ist in diesem Zusammenhang zunächst, schied zu monologischer Rede in Bezug auf Gespräche
daß über «den eigentümlichen Inklusions-/Exklusions- strategische Planung als schwierig, «weil hier aufgrund
mechanismus der Mitgliedschaft» [41] das Verhalten der der situativen Interaktivität die Anforderungen an das
Mitglieder durch Kommunikation relativ unabhängig kurzfristig-spontane, also taktische Handlungsgeschick
von ihren sozialen Rollen außerhalb der Organisation des Orators ungleich höher sind.» [51] Im folgenden
geregelt werden kann. [42] In Bezug auf Schulen und werden deshalb die Begriffe ‹Technik› und ‹Taktik›
Unternehmen als rhetorische Räume von M. bedeutet verwendet.
dies, daß in Form einer Schul- oder Geschäftsordnung Entsprechend ihres Adressatenbezugs können direk-
Zutritt und Ausschluß von Rednern und Publikum, der te und indirekte M.-Techniken unterschieden werden.
geregelte Gang der Gespräche und Verhandlungen, die Während erstere sich direkt an den Betroffenen richten,
Anordnung von Rednern und Zuhörern sowie das Re- ist dieser bei indirekten M.-Taktiken eher der Gegen-
derecht festgelegt sind. [43] Ein weiteres Merkmal von stand der Rede, indem vor Dritten über ihn gesprochen
Organisationen ist in diesem Zusammenhang ihre hier- wird. Direkte M.-Techniken können sich auf verschie-
archische Struktur, die wiederum die Kommunikation dene Phasen der Kommunikation zwischen Mobben-
der Mitglieder bestimmt. So ist vor allem bei M. zwi- dem und Gemobbtem beziehen. Eine mögliche M.-
schen Vorgesetztem und Mitarbeiter auf Grund der un- Technik besteht darin, vom M.-Opfer angestrebte (zu
terschiedlichen hierarchischen Ebenen die Gesprächs- diesem Zeitpunkt noch potentielle) Gespräche bereits
struktur eine asymmetrische. Das Recht auf bestimmte in der Eröffnungsphase im Keim zu ersticken, indem auf
Sprechakte wie ‘Anordnungen’ oder ‘Zuweisungen’ [44] Ansprache nicht bzw. nur durch Schweigen reagiert
(Weisungsbefugnis) steht dabei meist nur dem Vorge- wird. Schweigen, in der Kommunikation planmäßig ein-
setzten zu. Esser und Wolmerath führen verschiedene gesetzt und mit symbolischer Bedeutung behaftet, kann
Formen derartiger Sprechakte an, wie z.B. die Anord- eine starke rhetorische Wirkung ausüben. Eine ähnliche
nung, keine Tätigkeit während der Arbeitszeit auszu- Funktion kann auch ständiges Unterbrechen des Ge-
üben, sowie die Zuweisung von objektiv zu viel Arbeit. sprächspartners erfüllen. Auf die Kernphase von Ge-
Weitere Möglichkeiten sind die Anordnung von syste- sprächen beziehen sich dagegen M.-Techniken wie ver-
matisch überfordernden oder unterfordernden Tätig- schiedene Formen destruktiver Kritik.
keiten oder die gezielte Zuweisung von sinnlosen, unan- Als häufigste M.-Techniken gelten das Lächerlich-
genehmen, demütigenden oder schmutzigen Tätigkei- Machen des Betroffenen, das Verbreiten von Klatsch
ten. und Gerüchten, sowie Beschimpfungen, Beleidigungen
Auch bei Gesprächen unter Kollegen kann die Ge- oder Drohungen. [52] Dabei handelt es sich um Facetten
sprächsstruktur asymmetrisch sein bzw. im Verlauf des der menschlichen Kommunikation, die innerhalb der
M.-Prozesses werden, indem dem Betroffenen z.B. rhetorischen Tradition seit der Antike diskutiert wer-
durch ständiges Unterbrechen das Rederecht entzogen den. [53] Allerdings stellen sie für sich genommen noch
oder dieser gänzlich aus der Kommunikation ausge- kein M. dar, sondern werden erst durch die Frequenz
schlossen wird. [45] In solchen Fällen handelt es sich um ihrer Verwendung (repetitives Moment) zur M.-Hand-
Gesprächsstrukturen, die nicht organisatorisch legiti- lung. Dem Grundprinzip der rhetorischen Tugendlehre
miert sind. In jedem Fall ist die asymmetrische Ge- entsprechend wird damit nicht die sprachliche Struktur
sprächsstruktur mit einem Machtungleichgewicht zum an sich, sondern deren pragmatische Verwendungsweise
Vorteil des Mobbenden verbunden. [46] Während im innerhalb eines spezifischen Kommunikationskontextes
ersten Fall die Macht durch die Struktur der Organisa- bewertet. [54] In diesem Zusammenhang können alle
tion (und damit gleichzeitig durch das Einverständnis M.-Handlungen in erster Linie als Verstoß gegen die
der Mehrheit der Organisationsmitglieder) legitimiert Stilqualität der Angemessenheit (aptum) verstanden

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Mobbing Mobbing

werden, die sich sowohl auf sprachliche Äußerungen als Falschem zu bewegen sowie ihn zur Äußerung von Para-
auch auf die Qualität sozialen Verhaltens bezieht. doxien, Solözismen oder leerem Geschwätz zu verlei-
Verbales M. kann sich sowohl auf den Stoff bzw. In- ten. [63] Die von Aristoteles mit der Sophistik assozi-
halt der Rede (inventio) als auch auf ihre Anordnung ierten und kritisierten Fallazien werden in modifizierter
bzw. ihren Aufbau (dispositio) sowie stilistische oder Form im Verlauf der Geschichte immer wieder aufge-
prosodische Elemente (elocutio/ actio) beziehen. Ent- griffen und je nach historischem Kontext unterschied-
sprechend der rhetorischen Topik (loci communes) kön- lich bewertet. Schopenhauer etwa, der 1830/31 seine
nen sich Äußerungen hierbei entweder an der Person Abhandlung ‹Die Kunst, Recht zu behalten› – und zwar
(loci a persona) oder dem Sachverhalt (loci a re) orien- «mit rechten wie mit unrechten Mitteln» – veröffent-
tieren. M. kann sich jedoch auch auf non-verbaler Ebene licht, begründet den Einsatz eristischer Techniken mit
abspielen, z.B. durch gestische oder mimische Inszenie- der «natürlichen Schlechtigkeit des menschlichen Ge-
rung (actio). Dies kommt v. a. beim Klatsch oder Lä- schlechts». [64] Auch in der modernen Ratgeberliteratur
cherlich-Machen des Betroffenen zum Tragen, wenn werden derartige Techniken vermittelt und mit ähnli-
dieser nachgeahmt oder karikiert wird. chen Begründungen legitimiert. [65] Eristische und ma-
Für Leymann ist das Ziel sämtlicher M.-Handlungen nipulative Techniken können im Rahmen des Gri-
die Manipulation anderer. [55] Diese These steht und ce’schen Kooperationsprinzips als Verstöße gegen die
fällt jedoch mit dem zugrundeliegenden Manipulations- Aufrichtigkeitsbedingung verstanden werden. Sie erfül-
begriff. So stellt ‹Manipulation› z.B. nach Knape einen len damit auf individueller Ebene das Manipulations-
Verstoß gegen das Grice’sche Kooperationsprinzip [56] kriterium der bewußten Täuschungsabsicht. Ob derar-
dar und bezeichnet lediglich «Akte der Beeinflussung, tige Gesprächstechniken als verwerflich gelten oder
deren Motive und Techniken nicht der Aufrichtigkeits- nicht, muß jedoch zusätzlich durch gesellschaftliche
bedingung gehorchen, unredlich oder betrügerisch sind Übereinkunft festgelegt werden. [66] Im Rahmen sol-
bzw. deren Interaktionsformen von der Mehrheit aller cher Überlegungen werden seit der Antike auch einzel-
Gruppenmitglieder nicht akzeptiert sind.» [57] Von der- ne sprachliche Phänomene thematisiert, die im Zusam-
artigen manipulativen Techniken sind kommunikative menhang mit M. eine Rolle spielen, wie z.B. Lügen oder
Aggressionshandlungen zu unterscheiden, die sich da- Gerüchte und Klatsch. Im Hinblick auf die Frage, ob M.
durch auszeichnen, daß «formal die Grice’schen Kon- ein Phänomen ist, das es schon immer gegeben hat [67],
versationsmaximen eingehalten sind und nicht unbe- kann folgendes festgehalten werden: Die Rhetorik als
dingt betrügerische Absicht von Seiten der aggressiv téchne liefert dem rhetorisch Handelnden immer schon
eingestellten Oratoren angenommen werden muß.» [58] die Instrumente wirkungsvoller Kommunikation; ob
Ein Fall von aggressiven, aber nicht manipulativen M.- diese verantwortlich oder unverantwortlich eingesetzt
Taktiken liegt z.B. bei von offenkundigen Beleidigun- werden, hängt sowohl von der individuellen Entschei-
gen oder Drohungen vor, in denen der rhetorisch Han- dung des Redners als auch von den jeweiligen gesell-
delnde sein Telos deutlich offenbart. Im Fall solcher schaftlichen Konventionen ab, weshalb Rhetorik als
M.-Techniken handelt es sich um Sprechhandlungen, Disziplin seit ihren Anfängen immer auch in ihrer Be-
die «nicht nur Auslöser oder Begleiterscheinung von ziehung zur Ethik diskutiert wird. [68]
nonverbaler Aggression, sondern selbst Träger aggres- V. Cyber-M. Wie oben bereits angedeutet, stellt die
siver Akte sein [können].» [59] Als Aggression können Erforschung des ‹Cyber-M.› bzw. ‹Cyberbullying› noch
in diesem Zusammenhang neben derartigen punktuell «wissenschaftliches Neuland» dar. [69] Aufgrund deut-
kommunikativen auch nicht-kommunikative Handlun- licher struktureller Unterschiede durch die Wirkungs-
gen verstanden werden, die Menschen in der Ausübung bedingungen und -funkionen der neuen Medien greift
ihres Selbstbestimmungsrechtes einschränken. [60] Um eine bloße Übertragung der Definition von traditionel-
manipulative Rhetorik handelt es sich dagegen bei per- lem M. auf Cyber-M. allerdings zu kurz. [70] So ist bspw.
manenter Kritik sowie gezielt eingesetzten Gerüchten beim Cyber-M. aufgrund der (vermeintlichen) Anony-
oder Lügen, bei denen dem Betroffenen z.B. Fehler mität im Netz die Hemmschwelle für M. geringer. [71]
oder negative Vorfälle unterstellt werden. Die einzelnen Auch die Bedeutung des Rezipienten nimmt zu: dessen
M.-Techniken können sich also hinsichtlich ihrer Inten- Möglichkeiten, im virtuellen Raum «selbst Spuren zu
sität deutlich voneinander unterscheiden. Dabei spielen hinterlassen, sei es auf Formularen, in Gästebüchern
vor allem der Grad der Aggressivität sowie der Grad der oder Diskussionsforen [sind] zahlreich, und so kann aus
durch das jeweilige Mittel beim Adressaten erzeugten dem Rezipienten schnell ein orator werden.» [72] Je
emotionalen Stimulation eine Rolle. nach Situation bzw. Grad der Öffentlichkeit – ob z.B.
IV. Historische Aspekte. Seit der Begründung der privater Chat, halböffentliche virtuelle Netzwerke oder
Rhetorik als Disziplin werden in der rhetorischen Theo- offener Cyberspace – kann durch kommunikative
rie und Praxis immer auch Aspekte des sprachlichen Handlungen im virtuellen Raum zudem ein viel größe-
Umgangs mit anderen berücksichtigt, v. a. wenn es um res Publikum erreicht werden als in der Face-to-face-
die Verhandlung eines strittigen Sachverhaltes geht. Kommunikation. Im Gegensatz zu traditionellem M. ist
Rhetorische Überlegungen zu diesem Thema werden Cyber-M. außerdem orts- und zeitunabhängig. Es gibt
unter Konzepten wie ‹Agonistik›, ‹Dialektik›, ‹Eristik› jedoch durchaus Gemeinsamkeiten. So kann auch beim
und ‹Disputation› thematisiert. [61] Vor allem der Be- Cyber-M. zwischen direkten und indirekten M.-Hand-
griff ‹Eristik› bezieht sich hierbei auf Argumentations- lungen unterschieden werden [73], wobei die M.-Tech-
formen, die den Erfolg um jeden Preis garantieren niken im Kern dieselben bleiben: zu nennen sind hier
sollen. Als eristische Techniken gelten Fangfragen, z.B. ‹Denigration› (Gerüchte verbreiten, Anschwär-
Trugschlüsse oder die Dissimulation unsachlicher Ar- zen), ‹Outing and Trickery› (Bloßstellen und Betrüge-
gumente. [62] Die bekannteste Kritik eristischer Tech- rei), ‹Flaming› (Beleidigung, Beschimpfung), sowie ‹Cy-
niken stammt von Aristoteles, der verschiedene Trug- berthreats› (offene Drohungen). Im virtuellen Raum
schlüsse (Fallazien) unterscheidet, die den Zielen die- sind jedoch auch Techniken möglich, die im traditionel-
nen, den Gegner zu widerlegen, ihn zur Behauptung von len M. nur schwer anwendbar sind. Zu diesen gehört

721 722
Mobbing Moderation

z.B. ‹Impersonation› (Auftreten unter falscher Identi- ster [12] 99f. – 28 vgl. Seydl [24] 117ff. – 29 ebd. 122ff. – 30 ebd.
tät). [74] Auch virtuelle M.-Handlungen können als Ver- 120, 123. – 31 Für einen Überblick zum Stand der europäischen
letzungen zentraler rhetorischer Prinzipien verstanden Forschung über M. in Organisationen bis 1999 vgl. Zapf [4].
Neuere dt. Stud. zu M. am Arbeitsplatz sowie im schulischen
werden, denn «[w]irkungsvolle Kommunikation im In- Kontext: vgl. z.B. B. Meschkutat, M. Stackelbeck, G. Langen-
ternet muss sich wie jede Art von Kommunikation um hoff: Der M.-Report. Eine Repräsentativstud. für die BRD
Angemessenheit bemühen.» [75] (62005); Jäger, Riebel [19]. – 32 vgl. Seydl [24] 21; S.B. Matthiesen
u. a.: The Escalation of Conflict: A Case Study of Bullying at
Anmerkungen: Work, in: Int. J. of Management and Decision Making 4 (1)
1 W. Scholze-Stubenrecht: Duden-Oxford-Großwtb. Englisch. (2003) 100, 109. – 33 vgl. z.B. Neuberger [16] 40. – 34 vgl. G.
Engl.-dt.: dt.-engl. (1990) 458. – 2 ebd. – 3 vgl. z.B. D. Olweus: Ueding: Aufklärung über Rhet. Versuche über Beredsamkeit,
Bullying at School. What We Know and What We Can Do (Ox- ihre Theorie u. praktische Bewährung (1992) 205: «Rhetorisch
ford/ Cambridge 1993) 9. – 4 vgl. B. Zuschlag: Mobbing. Schi- wird Rede durch ihre Wirkungsintentionalität, so daß mit ihr
kane am Arbeitsplatz (1994) 6; D. Zapf: M. in Organisationen – nicht allein der zweckhaft-pragmatisch und ästhetisch geformte
Überblick zum Stand der Forschung, in: Zs. für Arbeits- u. Or- Sprechakt gemeint, sondern auch die Beziehung zwischen der
ganisationspsychol. 43 (1) (1999) 3; J. Riebel: Spotten, Schimp- sprachlichen Produktion und ihren Adressaten eingeschlossen
fen, Schlagen ... Gewalt unter Schülern – Bullying u. Cyberbul- ist.» – 35 A. Kirchner: Art. ‹Rhet., angewandte›, in: G. Ueding
lying (2008) 1; R. Schlack, H. Höllig, F. Petermann: Psychosoz. (Hg.): Rhet. Begriff – Gesch. – Int. (2005) 211. – 36 zu möglichen
Risiko- u. Schutzfaktoren bei Kindern u. Jugendlichen mit Ge- Mobbingmotiven vgl. Zuschlag [4] 25ff. – 37 ebd. 23. – 38 vgl. M.
walterfahrungen. Ergebnisse aus der KiGGS-Studie, in: Psy- Llanque: Art. ‹Rhet. Räume›, in: HWRh, Bd. 10. (2011) Sp. 719. –
chol. Rundschau 60 (3) (2009) 138; N. von Marées, F. Petermann: 39 vgl. A. Esser, M. Wolmerath: M. Der Ratgeber für Betroffene
Bullying an Grundschulen. Formen, Geschlechtsunterschiede u. u. ihre Interessenvertretung (42001) 31. – 40 N. Luhmann: Art.
psychosoz. Korrelate, ebd. 152; H. Leymann: M. Psychoterror ‹Organisation›, in: HWPh, Bd. 6 (1984) Sp. 1327. – 41 N. Luh-
am Arbeitsplatz u. wie man sich dagegen wehren kann (132006); mann: Die Ges. der Ges. (1997) 132. – 42 ebd. – 43 vgl. Llan-
H. Bosetzky: Mensch u. Organisation. Aspekte bürokratischer que [38]. – 44 vgl. Esser, Wolmerath [39] 26ff. Umgekehrt kön-
Sozialisation (62002) 267. – 5 vgl. K. Lorenz: Das sogenannte Bö- nen bei M. von Vorgesetzten durch Mitarbeiter z.B. Anordnun-
se. Zur Naturgesch. d. Aggression (101983) 32. – 6 vgl. Ley- gen der Vorgesetzten sabotiert werden. – 45 vgl. ebd. 29. – 46 vgl.
mann [4] 21. – 7 vgl. Olweus [3] 1. – 8 vgl. N. Fawzi: Cyber-M. den Machtbegriff von J. Knape: Gewalt, Sprache u. Rhet., in: J.
Ursachen u. Auswirkungen von M. im Internet (2009) 30. – 9 vgl. Dietrich, U. Müller-Koch (Hg.): Ethik u. Ästhet. der Gewalt
H. Kasper: M. in der Schule. Probleme annehmen, Konflikte lö- (2006) 59. – 47 vgl. Leymann [4]. – 48 vgl. Esser, Wolmerath [39]. –
sen (1998); K. Gebauer: M. in der Schule (2005); W. Kindler: 49 vgl. Zapf [11] 63. – 50 vgl. J. Knape u. a.: Art. ‹Strategie›, in:
Schnelles Eingreifen bei M. Strategien für die Praxis (2009); M. HWRh, Bd. 9 (2009) Sp. 163. – 51 ebd. Sp. 164. – 52 vgl. z.B. Rie-
Jannan: Das Anti-M.-Buch. Gewalt an der Schule – vorbeugen, bel [4] 9; in Bezug auf Cybermobbing: P. Grimm, E. Clausen-
erkennen, handeln (32010). – 10 vgl. K.J. Jonas, M. Boos, V. Muradian: Cyber-M. – psychische Gewalt via Internet: «Ja, Be-
Brandstätter (Hg.): Zivilcourage trainieren! Theorie u. Praxis leidigungen, Drohungen. So was halt.», in: Kinder- u. Jugend-
(2007). – 11 vgl. D. Zapf: M. u. Whistleblowing in Organisatio- schutz in Wiss. u. Praxis 54 (2) (2009) 33. – 53 vgl. J. Bergmann:
nen, in: Jonas u. a. (Hg.) [10]; S. Einarsen u. a. (Hg.): Bullying and Art. ‹Klatsch›, in: HWRh, Bd. 10 (2011) Sp. 447–458. – 54 vgl. B.
Harassment in the Workplace. Developments in Theory, Re- Hambsch: Art. ‹Virtutes-/Vitia-Lehre›, in: HWRh, Bd. 9 (2009)
search, and Practice (Boca Raton u. a. 22010). – 12 vgl. B. Schu- Sp. 1146. – 55 vgl. Leymann [4] 22. – 56 vgl. H.P. Grice: Logik u.
ster: Bullying/M. in der Schule. Ein Überblick über neuere Er- Konversation, in: G. Meggle: Handlung, Kommunikation, Be-
kenntnisse zu Formen, Ursachen, Konsequenzen u. Interventio- deutung (1993) 249f. – 57 Knape [46] 61. – 58 ebd. 76. – 59 ebd. 67.
nen bei sozialer Aggression, in: Jonas u. a. (Hg.) [10]. – 13 vgl. H. – 60 ebd. 60. – 61 vgl. W. Nothdurft: Art. ‹Konflikt›, in: HWRh,
Scheithauer, T. Hayer, F. Petermann: Bullying unter Schülern. Bd.4 (1998) Sp. 1234. – 62 vgl. R. Dietz: Art. ‹Eristik›, in: HWRh,
Erscheinungsformen, Risikobedingungen u. Interventionskon- Bd. 2 (1994) Sp. 1389. – 63 vgl. Arist. Soph. el.; dt. übers. u. mit
zepte (2003). – 14 vgl. P. Teuschel: M. Dynamik – Verlauf – ge- Anm. versehen v. E. Rolfes (21968) 4. – 64 A. Schopenhauer: Die
sundheitliche u. soz. Folgen (2010). – 15 vgl. hierzu z.B. auch Kunst, Recht zu behalten. In achtunddreißig Kunstgriffen dar-
Olweus [3]; Schlack u. a. [4]. – 16 vgl. hierzu bspw. auch Zu- gestellt, hg. v. F. Volpi (1995) 19f. – 65 vgl. z.B. G. Beck: Ver-
schlag [4]; O. Neuberger: M. Übel mitspielen in Organisationen botene Rhet. Die Kunst der skrupellosen Manipulation (2005) 8.
(21995); S. Einarsen: The Nature and Causes of Bullying at – 66 vgl. Knape [46] 61. – 67 vgl. Zapf [4] 2; Olweus [3] 1. – 68 vgl.
Work, in: Int. J. of Manpower 20 (1999) 16–27; R.D. Brinkmann: J.-P. Wils: Art. ‹Ethik›, in: HWRh, Bd. 2 (1994) Sp. 1468. – 69 vgl.
M., Bullying, Bossing. Treibjagd am Arbeitsplatz (22002). – Fawzi [8] 43. – 70 vgl. Willard [19]; Fawzi [8]. – 71 vgl. Grimm,
17 vgl. Bosetzky [4] 266ff. – 18 vgl. H.-D. Schwind: Kriminologie. Clausen-Muradian [52] 34. – 72 O. Kramer: Rhet. im virtuellen
Eine praxisorientierte Einf. mit Beispielen (182008); D.P. Far- Raum. Das Internet in medialrhet. Perspektive, in: J. Knape
rington, M.M. Ttofi: Reducing School Bullying: Evidence-Based (Hg.): Medienrhet. (2005) 206. – 73 vgl. Fawzi [8] 38. – 74 vgl.
Implications for Policy, in: Crime and Justice. A Review of Re- Grimm u. a. [20]; Willard [19]. – 75 Kramer [72] 200.
search 38 (2009) 281–346. – 19 vgl. N.E. Willard: Cyberbullying
and Cyberthreats. Responding to the Challenge of Online Social K. Kanellopoulos
Aggression, Threats, and Distress (Champaign, Illinois 2007); F.
Staude-Müller, T. Bliesener, N. Nowak: Cyberbullying u. Op- ^ Drohrede ^ Eristik ^ Ethik ^ Klatsch ^ Konflikt ^ Ma-
fererfahrungen von Kindern- u. Jugendlichen im Web 2.0, in: nipulative Techniken ^ Rhetorische Räume ^ Strategie ^
Kinder- u. Jugendschutz in Wiss. u. Praxis 54 (2) (2009) 42–47; J. Virtutes-/ Vitia-Lehre
Riebel, R.S. Jäger: Cyberbullying als neues Gewaltphänomen.
Definitionen, Erscheinungsformen, Tätereigenschaften u. Im-
plikationen für die Praxis, in: Kinder- u. Jugendschutz in Wiss. u.
Praxis 54 (2) (2009) 38–41. – 20 vgl. P. Grimm, S. Rhein, E. Clau- Moderation (engl. presentation; am.-engl. moderation;
sen-Muradian: Gewalt im Web 2.0: der Umgang Jugendlicher frz. présentation; ital. presentazione, moderazione)
mit gewalthaltigen Inhalten u. Cyber-M. sowie die rechtliche
A.I. Def. – II. Bereiche und Disziplinen. – 1. Rhetorik. – 2. All-
Einordnung der Problematik (2008); Fawzi [8]. – 21 vgl. z.B.
gemeine Grundlagen der Moderationstheorie. – 3. M. in der
Schwind [18] 130f. – 22 vgl. z.B. Bosetzky [4] 269. – 23 vgl. z.B.
Unternehmenskommunikation. – 4. M. in den Medien. – B. Hi-
Olweus [3] 31ff.; Schuster [12] 90ff.; Riebel [4] 22ff. – 24 vgl.
storische Entwicklung. – I. M. als Vermittlung von Inhalten. – II.
Chr. Seydl: M. im Spannungsverhältnis sozialer Normen. Eine
M. als Vermittlung zwischen Personen.
dissonanztheoretische Betrachtung mit Unters. (Linz 2007);
Leymann [4] 141f. – 25 vgl. z.B. Zapf [4] 6f.; Schuster [12] 88f.; A. I. Def. Der Begriff ‹M.› stammt ab von lat. mode-
Riebel [4] 18ff., von Marées, Petermann [4] 153. – 26 vgl. z.B. rare (‹mäßigen›, aber auch ‹regulieren›, ‹steuern›). No-
Olweus [3]; Schuster [12] 98ff. – 27 vgl. Seydl [24] 116f.; Schu- minale Ableitungsformen beziehen sich auf beide Be-

723 724
Moderation Moderation

deutungskomponenten. So heißt im 16. Jh. der Leiter zum Mediator ist an dieser Stelle durchaus sichtbar,
einer Lateinschule ludi moderator [1], während man im der jedoch in seiner Rolle deutlich stärker auf Vermitt-
18. Jh. politisch Gemäßigte als ‹Moderierte› bezeich- lung, Ausgleich und Versöhnung ausgerichtet ist. [7]
net [2]. Bis ins 20. Jh. hinein bleibt für ‹moderieren› zu- Für beide Formen der Gruppenmoderation ist die ten-
nächst die Bedeutung ‹mäßigen› vorherrschend. [3] Erst denzielle Neutralität des Moderators eine wichtige Vor-
in der Mitte des Jahrhunderts wird ‹to moderate› im Sin- aussetzung, um das Gelingen des Gesprächs zu gewähr-
ne einer ‹Versammlungsleitung› aus dem Englischen leisten.
übernommen und prägt den deutschen Moderationsbe- II. Bereiche und Disziplinen. 1. Rhetorik. Im Zen-
griff entscheidend. [4] Im englischen Sprachgebrauch trum der rhetorischen Betrachtung steht der Orator als
sind dahingegen andere Begriffe mit unterschiedlichem strategischer Kommunikator. [8] Die von ihm vollführ-
Bedeutungshorizont üblich und zwar sowohl für die Tä- ten Persuasionsoperationen bilden den analytischen
tigkeit des Moderierens als auch für die Bezeichnung Kern der Rhetorik. Persuasion ist demnach Wechseler-
eines professionellen Moderators (z.B. ‹presenter›, ‹fa- zeugung von einem mentalen Zustand in einen ande-
cilitator›, ‹anchorman›, ‹host›, ‹MC› oder ‹emcee› = ren. [9]
‹master of ceremonies›). Am ehesten anwendbar ist diese rhetorische Sicht-
Im Deutschen sind heute für ‹M.› zwei grundlegende weise auf den Moderator im Sinne von (1). Die Form der
Bedeutungsvarianten zu unterscheiden: M. bewegt sich dabei innerhalb der drei klassischen Wir-
(1) M. als Leitung einer öffentlichen Aufführung, ins- kungsweisen docere, movere, delectare. Unabhängig von
besondere einer Sendung in Radio oder Fernsehen. Hier der Art der moderierten Themen ist der Moderator dar-
gestaltet die M. die Übergänge zwischen verschiedenen an interessiert, die Aufmerksamkeit auf sich und seine
Beiträgen (Lieder, Nachrichten im Film, [Kurz-]Repor- Themen zu lenken (attentum parare), also zumindest so-
tagen, Features). Der Moderator «liefert Kontexte, ord- viel Zustimmung zu seiner Präsentation zu erhalten, daß
net ein, verbindet, pointiert und orientiert» [5]. Die die Adressaten seinem Vortrag folgen.
Form der M. (sachlich-seriös, harmoniebetonend, sati- Der Moderator im Sinne von (2) erhebt hingegen for-
risch etc.) ist dabei maßgeblich verantwortlich für die mal gerade nicht den Anspruch, persuasiv wirken zu
Charakteristik einer Sendung. In einer erweiterten wollen. Allerdings kann er selbstverständlich mehr oder
Form tritt der Moderator nicht nur als Vermittler zwi- weniger direkt versuchen, die Meinungsbildung zu be-
schen Beiträgen auf, sondern interagiert mit verschie- einflussen, indem er seine Gesprächsimpulse so wählt,
denen Personen, z.B. im Gespräch mit einem Reporter daß sie die Teilnehmer in eine bestimmte Richtung len-
vor Ort oder als Interviewer eines Gastes. Im Extremfall ken (z.B. unter Rechtfertigungsdruck bringen). Im üb-
kann es zu Übergängen in die zweite Bedeutungsvari- rigen streben zumindest Moderatoren in öffentlichen
ante kommen. Zudem kann eine M. auch von mehreren Gesprächsrunden den Aufbau eines eigenen Images an,
(in der Regel zwei) Moderatoren durchgeführt werden, das die Zuschauer motiviert, auch bei der nächsten M.
die einander abwechseln bzw. mehr oder weniger mit- wieder einzuschalten. Selbst bei einer völlig ‘neutralen’
einander interagieren (‹Ping-Pong-M.›, wie z.B. in den Gesprächsleitung bleibt das Kommunikationsverhalten
Hauptnachrichten auf N-TV). des Moderators insofern strategisch, als er das Ziel ver-
(2) M. als Gesprächsleitung in einer Gruppe. Im Ge- folgt, den Gesprächsteilnehmern zu ermöglichen, ihre
gensatz zum Moderator einer Sendung vermittelt der Persuasionsoperationen gleichberechtigt ausüben zu
Moderator als Gesprächsleiter nicht zwischen einzelnen können. Schon die Möglichkeit, zu jedem Zeitpunkt
Beiträgen, sondern verschiedenen Personen. (Wobei es korrigierend in das Gespräch einzugreifen, stellt einen
auch hier zu Überschneidungen mit der ersten Bedeu- rhetorisch wirksamen Einflußfaktor dar.
tungsvariante kommen kann, wenn beispielsweise zu Methodisch zentral für die rhetorischen Steuerungs-
Beginn einer Talkshow ein Feature als thematischer Im- techniken ist besonders die Art und Weise des Fragens,
pulsgeber gezeigt wird.) Je nach der Zielsetzung des die sehr stark von der persönlichen Eigenart des Mo-
Gruppengesprächs sind bei der Gesprächsleitung zwei derators abhängt. Fragende, die ‘gut ankommen’, be-
Formen zu unterscheiden: herzigen allgemein jedoch folgende Regeln: freundlich-
In öffentlichen, vor Publikum stattfindenden Podi- positiv und sachlich fragen, nie jedoch persönlich; Fra-
umsdiskussionen oder Talkshows steht die Selbstpräsen- gen verständlich, kurz, prägnant formulieren; Fragen
tation der Teilnehmer im Vordergrund. Der Moderator aus der Gruppe an die Gruppe zurückgeben (außer: Or-
hat hierbei vor allem die Aufgabe, als Impulsgeber für ganisation/Tagesordnung); Fragen prinzipiell an die
die einzelnen Meinungsäußerungen zu dienen und für Gruppe richten; die Person ansprechen, die sich zuerst
jeden Teilnehmer eine gleichberechtigte Diskussions- meldet; niemanden ansprechen, der sich nicht gemeldet
teilnahme zu gewährleisten (z.B. in Bezug auf die Re- hat; bleiben Antworten aus, Fragen umformulieren;
dezeit). Zweck des Gesprächs ist es weniger, die Mei- offene Fragen stellen; W-Fragen stellen (wann, was,
nungsbildung der Podiumsteilnehmer voranzubringen, warum, wozu, wie, wer?); durch Fragen schrittweise wei-
als vielmehr dem Publikum eine Meinungsbildung zu terführen; Fragen durch Gestik und Mimik verstärken;
ermöglichen. Entsprechend ist der Moderator letzten aggressive Fragen ‘neutralisieren’; die Gruppe durch
Endes auch vorrangig dem Publikum verpflichtet. sachlich gestellte Fragen provozieren. [10]
In nicht-öffentlichen Moderationssituationen (z.B. Fragen werden in der M. grundsätzlich wertschätzend
bei Besprechungen in Unternehmen) steht die Pro- formuliert (und durch eine entsprechende Haltung
blemlösung im Vordergrund. Ihr sind alle Teilnehmer symbolisiert), um Ressourcen zu mobilisieren und zu
verpflichtet. Neben der zielführenden Gesprächsleitung stärken. In besonderer Weise zeigt sich dies in der so-
gehört es hierbei zu den vorrangigen Aufgaben des genannten ‹Appreciative Inquiry›, in der durch wert-
Moderators, Vermittlungschancen zwischen den Ge- schätzende Interview-Formen die Stärken und Visionen
sprächsteilnehmern zu gestalten und dafür Sorge zu tra- einer Organisation hervorgehoben werden, um in krea-
gen, daß sich die Teilnehmer in der am Ende gefunde- tiver Weise Organisationswandel zu gestalten und um-
nen Lösung wiederfinden. [6] Die Nähe des Moderators zusetzen. [11]

725 726
Moderation Moderation

2. Allgemeine Grundlagen der Moderationstheorie. Gruppe dabei, Ergebnisse zu erzielen, Verantwortung


Neben einer gezielt pragmatisch ausgerichteten Orien- für diese zu übernehmen und sie umzusetzen. Kontinu-
tierung ist das Konzept ‹M.› auch an theoretische Dis- ierliche Visualisierung und die Sicherung der erzielten
kussionen und Traditionslinien gebunden. Der theore- Ergebnisse (deixis) dienen dem Moderator und der
tische Bezug ist gleichzeitig ein unabdingbares Zeichen Gruppe als Strukturhilfe (intellectio, dispositio). We-
für die Professionalität von Moderatoren. Es gibt aller- sentliche Kennzeichen des Moderators sind hierbei
dings keine festgelegte Theorie, die als allgemeingültig Neutralität, Kommunikationskompetenz, Authentizi-
anerkannt wäre. Moderatoren nutzen vielmehr bereits tät, Souveränität und generell rhetorische wie gruppen-
vorhandene wissenschaftliche Theorien und eigene Be- dynamische Methodenkenntnis. [15]
obachtungen zur Praxis von Moderationsprozessen, um 4. M. in den Medien. In den elektronischen Medien
den Weg ihres individuellen Handelns zu finden. Theo- sind sowohl Form (1) als auch (2) präsent. Der lineare
riebildung hängt hier mit subjektiver Wahrnehmung und vom Rezipienten nicht steuerbare Ablauf von Radio-
und Wirklichkeitsdeutung sowie spezifischem Vorwis- und Fernsehprogrammen läßt es offenbar an bestimm-
sen und Erfahrungen zusammen; gleichzeitig muß sich ten Gelenkstellen des Programms notwendig erschei-
die Bewertung der Theorien nach Nützlichkeit und Be- nen, einen Moderator als Vermittler zwischen verschie-
währung in der Praxis richten können. Trotz der Viel- denen Beiträgen einzusetzen, um zu abrupte Wechsel zu
fältigkeit der Ansätze können derzeit einige Ausgangs- vermeiden. Daß im Fernsehen die Programmansagerin
punkte theoretischer Art herausgestellt werden, mit de- verschwunden ist, zeigt allerdings, daß diese Form der M.
nen sich Moderatoren auf der Suche nach Orientierung nicht zwingend erforderlich ist, sondern – wohl auch auf-
immer wieder auseinandersetzen. Diese Ausgangspunk- grund veränderter Sehgewohnheiten – durch andere
te sollen im folgenden kurz skizziert werden. Mittel ersetzt werden kann.
M. im nicht-öffentlichen Raum findet ihre theoreti- Vorrangig dient der Moderator der Generierung ei-
schen Hintergründe v. a. in den Traditionen und Ent- ner spezifischen Sendungscharakteristik mit dem Ziel
wicklungen, die mit Kommunikation und Lernen zu tun einer entsprechenden Adressatenbindung. Dabei haben
haben. Ein wichtiger Theoriestrang gründet sich z.B. in sich sehr unterschiedliche Moderatorentypen mit je-
dem Ansatz der ‹Themenzentrierten Interaktion› (R. weils spezifischen Eigenschaften herausgebildet: Nach-
Cohn), der die Tradition der humanistischen Psycholo- richtenmoderator, Moderator von Quizshows, Talk-
gie in die M. trägt [12], sowie in kommunikationspsycho- shows, Volksmusik- oder Kindersendungen, Sportmo-
logischen Ansätzen, wie sie etwa F. Schulz von Thun derator etc. [16]
repräsentiert. [13] B. Historische Entwicklung. I. M. als Vermittlung
M. hat es mit der Entwicklung von Kommunikation von Inhalten. Für den Moderator im Sinne von (1) dürf-
unter spezifischen Bedingungen zu tun. Diese Bedin- ten die Ursprünge in schaustellerischen Traditionen lie-
gungen ergeben sich aus dem Auftrag und der Zielset- gen (Programmansager im Zirkus, Conférencier im Va-
zung der M. (teÂlow, télos) sowie der räumlichen Umge- rieté). [17] Der Moderator im modernen Sinne ist aller-
bung und Zusammensetzung der Gruppe, mit der es der dings ein Berufsbild, das sich erst mit dem Aufkommen
Moderator zu tun hat (rhetorische Situation/aptum). des Radios entwickelt. Zentral sind hier besonders die
M. leistet dabei einen Beitrag zur Konstruktion eines 1950er und 1960er Jahre, in denen sich eine neue Gene-
neuen (geistigen) Produkts, welches von einer Gruppe ration von Moderatoren etabliert, die eine dezidiert po-
in einem gemeinsamen Arbeitsprozeß hergestellt wird puläre Publikumsansprache pflegt (z.B. A. Cronauer).
(dóxa/Konsens). Ausgangspunkte sind zunächst mögli- Damit beginnt die heute zu beobachtende Ausdifferen-
cherweise sehr unterschiedliche Wirklichkeitskonstruk- zierung verschiedener Moderatorentypen. Diese Aus-
tionen, welche die Teilnehmer (und der Moderator) mit- differenzierung wurde auch im Fernsehen nachvollzo-
bringen. Einflußreich in diesem Zusammenhang sind gen: von der Programmansagerin bis zum professionel-
daher theoretische Ansätze, die mit dem Sammelbegriff len Showmaster.
des ‹Konstruktivismus› in Verbindung gebracht werden, II. M. als Vermittlung zwischen Personen. In kulturhi-
z.B. die Neurobiologie (Maturana, Varela), die Ge- storischer Perspektive verweist Ziegler auf den ety-
hirnforschung (Roth, Singer), die Kognitionsforschung mologischen Hintergrund des Wortfeldes um ‹M.›:
(Glasersfeld, Mandl), die Emotionsforschung (Ci- Demnach wurzelt M. im indogermanischen ‹me(d)›
ampi), die Kommunikationswissenschaft (Watzlawick), (wandern, abschreiten, abstecken, messen). [18] Das la-
die Systemtheorie (Luhmann) und die konstruktivistisch teinische modus (Maß, Art und Weise) findet sich im
aufgefaßte Erwachsenenbildung [14]. ‹modus vivendi›, ‹modus operandi› und ‹modus proce-
3. M. in der Unternehmenskommunikation. M. im Sin- dendi›: «Diese drei lateinischen Redewendungen wei-
ne von (2) ist insbesondere in der Unternehmenskom- sen darauf hin, daß, wer eine Form des erträglichen Zu-
munikation von großer Bedeutung. Die angestrebte sammenlebens erreichen will (modus vivendi), auch um
Enthierarchisierung von Entscheidungsstrukturen und eine geeignete Art und Weise des Handelns (modus
die damit korrespondierende Forcierung der Teamar- operandi) und des Vorgehens (modus procedendi) be-
beit führen zu einem steigenden Moderationsbedarf bei sorgt sein muß». [19] Diese Redewendungen symbolisie-
den Führungskräften. ren durchaus das Aufgabenspektrum moderner Mode-
M. kann in Meetings, Besprechungen, Sitzungen, ratoren in ihren unterschiedlichen Funktionen.
Klausurtagungen u. v. m. eingesetzt werden. Sie eignet Die Griechen gehören zu den ersten, die die Erfor-
sich als Krisenintervention, um stockende Arbeitspro- dernisse der Gesprächsrhetorik reflektieren; auch in der
zesse wieder auf den richtigen Weg zu bringen und vor- Folgezeit setzt sich die Rhetorik trotz ihrer schwer-
anzutreiben. Sie unterstützt Gruppen in besonderem punktmäßigen Ausrichtung auf monologisch orientierte
Maße bei strategischen Entscheidungen, bei der Klä- Kommunikationsstrukturen immer wieder mit dem
rung und Festsetzung von Zielen und in Veränderungs- ‹Gespräch› auseinander. [20] Zwar steht in der mono-
prozessen. Der Moderator ist verantwortlich für die Ge- logischen wie dialogischen Rhetorik die Agonistik im
staltung des Gruppenprozesses und unterstützt die Vordergrund, die sich scheinbar nur bedingt mit dem

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Moderation Moderation

neutralen Moderator im Sinne von (2) in Einklang brin- fen zu unterscheiden: Zunächst geht es in einer ersten
gen läßt; dennoch besitzt die klassische Rhetorik mit ih- Stufe darum, sich ‹anmeldende› Aussagen überhaupt
ren methodischen Überschneidungen zur Dialektik und erst zur Sprache zu bringen (Klärung von Begriffen und
einem eigenen technischen Arsenal reichlich Anknüp- Urteilen auf der Basis von Erfahrungen der Teilneh-
fungspunkte für jegliche Form dialogischen Sprachhan- menden; vgl. hierzu den status finitionis der klassisch-
delns und Problemlösens. Als Bezugspunkte zu nennen rhetorischen Statuslehre). Dies läßt sich als ‹Verständi-
sind hier u. a. ‹Topik›, ‹Statuslehre› (generell rhetori- gungsprüfung› bezeichnen. In der zweiten Stufe werden
sche Argumentationstechnik und -logik), ‹Sprachnor- die gewonnenen Urteile weiter geklärt, auf ihre Voraus-
men› (z.B. Latinitas, brevitas, perspicuitas, evidentia), setzungen befragt, kritisch geprüft und begründet. Dies
‹Redner- und Zuhörerpsychologie› (z.B. éthos/páthos, läßt sich als «Zustimmungsprüfung» bezeichnen [23]
Affektenlehre, captatio benevolentiae, attentum parare, (vgl. hierzu v. a. den status qualitatis). Die Aufgabe des
docilem parare) oder einzelne Anweisungen zu ‹Wech- Leiters/Moderators im Sokratischen Gespräch ist inso-
selrede› (altercatio) und ‹Fragetechnik› (quaestiones). fern eine maieutische, als er eine «Gedanken-Geburts-
Ein deutlicher Rückbezug auf die Griechen findet hilfe» leistet und nicht etwa sein inhaltliches, sondern
sich im ‹Sokratischen Gespräch› nach L. Nelson, das in sein methodisches Wissen einbringt: Ziel ist also «das
der Aufklärungsphilosophie wurzelt. Dieses zu Beginn Aufzeigen des Unklaren und Unbegründeten, um ein
des 20. Jh. eingeführte, didaktisch-gesprächsrhetorische klares und begründetes Urteilen zu ermöglichen, u. U.
Konzept zielt darauf ab, ganz im Sinne der sokratischen auch in der Begleitung durch Umwege hindurch». [24]
Philosophie Menschen dazu zu bewegen, die eigene Während es sich hier zunächst um eine philosophisch
Vernunft und den eigenen Verstand zu gebrauchen: geprägte Tradition mit besonderem Schwerpunkt in der
«Die sokratische Methode ist nämlich nicht die Kunst, Erwachsenenbildung handelt, stellt J. Kessel den Zu-
Philosophie, sondern Philosophieren zu lehren, nicht die sammenhang zu Problemen in Unternehmen her, z.B.
Kunst, über Philosophen zu unterrichten, sondern Schü- wenn es um die soziale Verantwortung von Banken
ler zu Philosophen zu machen.» [21] In dieser Konzep- geht. [25] Am Beispiel der Schließung einer Bankfiliale
tion des Sokratischen Gesprächs hat der Leiter der zeigt er auf, wie die Maieutik zu konsensuellen Ent-
Gruppe eine moderierende Funktion, die sich u. a. in scheidungen auch im ökonomischen Kontext führen
spezifischen Regeln ausdrückt, welche im Anschluß an kann, indem das gemeinsame Gespräch das Wissen der
L. Nelson durch G. Heckmann entwickelt werden. Die- Entscheidungsträger hebt: «Die Kunst des sokratischen
se Regeln versteht Heckmann als «pädagogische Auf- Gesprächs liegt darin, dieses Wissen zum Vorschein zu
gabe» (ein Hinweis darauf, daß der Moderatorenrolle bringen, indem man die richtigen Fragen stellt, Fragen,
auch eine pädagogische Professionalität zugeschrieben die ein Wissen bewußt machen, das man immer schon
werden kann). Diese Regeln sind: besaß.» [26]
Erstens: das Gebot der Zurückhaltung (damit Teil- M. wurde Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhun-
nehmer das Selbstdenken lernen); zweitens: im Kon- derts auf der Suche nach mehr Beteiligungsmöglichkei-
kreten Fuß fassen (Ausgangspunkte sind die Wahrneh- ten kompetenter Mitarbeiter bei Entscheidungsprozes-
mungen und Erfahrungen der Teilnehmenden, um zum sen und auf der Suche nach kreativen und effektiven
Wesentlichen der Sache oder zum Prinzip des Handelns Methoden in der Teamarbeit entwickelt. Der Kontext
zu kommen); drittens: das Gespräch als Hilfsmittel des dieser Entwicklung ist einerseits in der Nähe zu der
Denkens voll ausschöpfen (Herstellen einer vollen durch die Studentenbewegung deutlich gewordenen
wechselseitigen Verständigung der Teilnehmenden); Notwendigkeit demokratischer Partizipationsforderung
viertens: Festhalten der gerade erörterten Frage (der zu sehen, andererseits auf die nach größerer Effizienz
Leiter/Moderator muß dafür sorgen, daß der rote Faden zielenden Führungsmodelle zurückzuführen. M. führt
des Gesprächs sichtbar bleibt, die Teilnehmenden müs- beide Aspekte zusammen und entwickelt ein dement-
sen bei einem Abweichen von der gewählten Thematik sprechendes methodisches Instrumentarium. [27]
immer wieder zurückgeführt werden); fünftens: Hin- Heute gehören Moderationsmethoden und -techni-
streben auf den Konsens (Streben danach eine Antwort ken zu den Grundqualifikationen von Führungskräften,
zu formulieren, die für die Teilnehmenden der Gruppe Trainern, Coaches und Erwachsenenbildnern. M. zieht
wahr ist); sechstens: Lenkung (der Leiter/Moderator überdies auch mehr und mehr in Schulen und Hoch-
hat die Aufgabe zuzuhören und zu erkennen, wo im Ge- schulen ein, die sich ihrer Vorteile für selbst organisierte
spräch fruchtbare Gedanken auftauchen und sorgt da- Lernprozesse bedienen. M. ist ein Ansatz, mit dem die
für, daß diese nicht untergehen); sowie siebtens: Meta- Kommunikation in Gruppen so strukturiert werden
gespräch (in dem das thematisiert wird, was das eigent- kann, daß die Ressourcen aller Teilnehmenden in opti-
liche Sachgespräch stört, also im wesentlichen Fragen maler Weise dem Arbeitsprozeß der Gruppe zur Ver-
des Gruppenprozesses). [22] Mit seinem Ansatz rekur- fügung gestellt werden. Durch die Partizipation aller
riert das Sokratische Gespräch auf die sokratische Teilnehmenden an Entscheidung, Zielsetzung und Um-
‹Maieutik› (Hebammen-Kunst). Die sprachlich-kogni- setzung wird ein hoher Identifikationsgrad der Beteilig-
tiven Techniken (logisches Abhandeln einer Streitfrage ten mit den anzustrebenden Zielen erreicht.
[quaestio], die Verpflichtung auf Klarheit und Verständ- Die Arbeit mit moderierten Gruppen entspricht der
lichkeit [perspicuitas], die Herstellung eines Konsenses heute besonders wichtigen Selbststeuerung des Lernens
[dóxa]) spiegeln letztendlich rhetorisches Methodenin- und Arbeitens in idealer Weise. [28]
ventar. Der Moderator ist derjenige, der an der Ent- Eine besondere Veranstaltungsform, die den theo-
Bindung der Gedanken einzelner Teilnehmender mit- retischen Hintergrund, die historischen Bezüge, die me-
wirkt, aber nicht um der einzelnen Person willen, son- thodische Breite und die individuellen wie gruppenbe-
dern im Diskurs der Gruppe, welche sich zum Auffinden zogenen gesellschaftlichen Ziele der M. repräsentiert,
einer Wahrheit zu einem bestimmten, gemeinsam defi- ist die ‹Zukunftswerkstatt› – eine Veranstaltungsart, die
nierten Sachverhalt trifft. In diesem durch einen Mo- seit Beginn der 70er Jahre mit großem Erfolg in Bildung,
derator angeleiteten maieutischen Prozeß sind zwei Stu- Wirtschaft, Kultur und Politik eingesetzt wird. Sie zeich-

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Moderation Narratologie

net sich durch viele Besonderheiten aus; ihr hervorste- dem Moderieren einer (Radio-)Sendung in Verbindung ge-
chendes Merkmal jedoch ist es, eine Gruppe von Men- bracht; vgl. hierzu Schulz [2]. – 4 A. Ziegler: Wer moderieren will,
schen dazu zu bringen, aus einer radikalen Kritik heraus muß Maß nehmen und Maß geben: Kulturgesch. Hinweise zum
heutigen Verständnis der M., in: A.C. Wohlgemuth (Hg.): M. in
über verschiedene Stufen neue Ideen zu produzieren, Organisationen (1993) 17–49, hier 19. – 5 M. Lünenborg: Art.
um diese dann gemeinsam zu realisieren. Entwickelt von ‹M.›, in: G. Bentele u. a. (Hg.): Lex. Kommunikations- und Me-
dem Zukunftsforscher R. Jungk ist ihr Hintergrund zu- dienwiss. (2006) 192. – 6 vgl. J.W. Seifert: Besprechungen erfolg-
nächst politisch motiviert: Die Zukunftsforschung als reich moderieren (82003) 9f. – 7 vgl. G. Altmann, H. Fiebiger, R.
Feld für Experten geht häufig an den Interessen der Be- Müller: Mediation (1999) 12. – 8 vgl. J. Knape: Was ist Rhet.?
völkerung vorbei – es fehlt an einer kommunikativ- (2000) 33. – 9 vgl. ders.: Art. ‹Persuasion›, in: HWRh, Bd. 6 (2003)
rhetorischen Brücke. Die Zukunftswerkstatt, so wie sie Sp. 874. – 10 H. Börkircher: M. kommt von Mäßigung, in: Hb.
R. Jungk versteht, soll dem entgegenwirken. Sein Kon- Hochschullehre. Loseblattslg. (1995) 21. – 11 vgl. M. zur Bonsen,
C. Maleh: Appreciative Inquiy (AI): Der Weg zu Spitzenleistun-
zept setzt auf die Kritikfähigkeit der Bevölkerung, wo- gen (2001) 38ff. – 12 vgl. B. Langmaack: Einf. in die themenzen-
mit Jungk unbewußt ein traditionell rhetorisches Ver- trierte Interaktion (2001) 38. – 13 vgl. u. a. F. Schulz von Thun:
ständnis vom mündigen Polisbürger teilt: Jeder einzelne Miteinander reden 1 (1981); ders.: Miteinander reden 3 (1998). –
Mensch wird als Experte für seine eigenen Angelegen- 14 vgl. H. Siebert: Päd. Konstruktivismus (1999) 8. – 15 vgl. G.
heiten angesehen. Die Zukunftswerkstatt bringt Men- Graeßner: M. – das Lehrb. (2008) 9f. – 16 zu einer linguistischen
schen zusammen, welche die lokalen, aber auch die glo- Unters. der Unterschiede von Moderatorensprache in Talk- und
balen Probleme im Blick haben und mit Phantasie ge- Quizshows vgl. C. Jonas: Das sprachliche Verhalten von Mode-
meinsam lösen wollen. In ihrem Ursprung ist sie also ratoren in Talk- und Quizshows. Eine diskursanal. Unters. zu
Frageverhalten und Wortwahl (2006) 153. – 17 vgl. W. Beck: Art.
eine demokratische, auf Veränderung angelegte und da- ‹Conférencier›, in: M. Brauneck, G. Schneilin (Hg.): Theaterlex.,
mit genuin rhetorische Veranstaltung: «Ziel der Arbeit Bd. 1 (42001) 266. – 18 Ziegler [4] 19. – 19 ebd. 21. – 20 einen hist.
in Zukunftswerkstätten ist, jeden interessierten Bürger Überblick bietet H. Geißner: Art. ‹Gesprächsrhet.›, in: HWRh,
in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen, die Bd. 3 (1996) Sp. 955ff. – 21 L. Nelson: Gesamm. Schr. in neun
sonst nur Politikern, Experten und Planern vorbehalten Bdn. (1970ff.) Bd. 1, 271; ND: L. Nelson: Die Sokratische Me-
ist. Wir wollen dem Einzelnen Mut machen und ihm zei- thode, in: D. Birnbacher, D. Krohn: Das sokratische Gespräch
gen, daß er durchaus über große Ziele mitreden (2002) 21–72, hier 21. – 22 G. Heckmann: Lenkungsaufgaben des
kann». [29] Die Zukunftswerkstatt ist somit ein effekti- sokratischen Gesprächs, in: Birnbacher, Krohn [21] 73–91, hier
74ff.; vgl. auch D. Horster: Das sokratische Gespräch in der Er-
ves rhetorisch-politisches Instrument, das besonders in wachsenenbildung (1984) (Schriftenreihe d. Fachbereichs Erzie-
ihren Anfängen von neuen sozialen Bewegungen – hier hungswiss. I, Univ. Hannover, hg. v. M. Bönsch, L. Schäffner,
v. a. der Umweltbewegung – gezielt genutzt wird. Sie fin- Bd. 11) 23ff. – 23 G. Raupach-Strey: Das Sokratische Paradigma
det aber auch Eingang in Schulen und in die Erwachse- und die Diskurstheorie, in: Birnbacher, Krohn [21] 106–139, hier
nenbildung, genauso wie in Unternehmen, Kirchen, Ge- 117. – 24 ebd. 118. – 25 J. Kessels: Die Macht der Argumente
werkschaften, Parteien und Verbände. Sie wird genutzt, (2001) 65ff. – 26 ebd. 83. – 27 vgl. M. Neuland: Neuland-M. (2001)
um innovative Lösungen für bestehende Probleme zu 56ff. – 28 vgl. M. Walber: Selbststeuerung im Lernprozeß und
finden. Der politische Ansatz der Zukunftswerkstatt ist Erkenntniskonstruktion (2007) 76ff. – 29 R. Jungk, N.R. Müllert:
Zukunftswerkstätten (1989) 17. – 30 vgl. Graeßner [15] 186ff. –
heute nach wie vor vorhanden. Allerdings wird die Zu- 31 vgl. F. Busch, Th. B. Mayer: Der Online-Coach (2002) 60. –
kunftswerkstatt auch ohne ihren politischen Charakter 32 vgl. Graeßner [15] 302ff.
für spezifische Zwecke genutzt. [30]
Eine neue Form der M. entwickelt sich im Zuge der Literaturhinweise:
Internet-Kommunikation. In Online-Foren oder chat- U. Kammann: Die Schirm-Herren. 12 polit. TV-Moderatoren
rooms sorgt der Moderator (auch: E-Moderator) für die (1989). – St. Wachtel: Sprechen und Moderieren in Hörfunk und
Einhaltung der Gesprächsregeln. Seine Aufgabe kann Fernsehen (42000). – I. Hermann u. a.: Das Moderationshb.
aber auch den technischen Support umfassen. Im Fern- (2002). – J.K. Pawlowski: Grundlagen der Hörfunk-M. (2004). –
A. Edmüller: M. (42007). – A.D. Myhsok, A.E. Jäger: Moderie-
lernen bzw. -coaching plant der E-Moderator Kommu- ren in Gruppen & Teams. Effektiv und human kommunizieren.
nikationsabläufe, berät bei der Lernorganisation oder Ein Hb. für M. (2008). – J.W. Seifert: 30 Minuten für professio-
entwickelt selbst Lerninhalte. [31] nelles Moderieren (72009).
Die genannten Ausgangspunkte und die damit ver- G. Graeßner, T. Werner
bundenen Haltungsfragen der M. lassen folgendes Re-
sümee zu: Der M. in ihren verschiedenen Spielarten geht ^ Dialog ^ Diskussion ^ Fernsehrhetorik ^ Gespräch ^ Ge-
es darum, neue Wege zu eröffnen vor dem Hintergrund sprächserziehung ^ Gesprächsrhetorik ^ Mediation ^ Radio-
der beruflichen und biographischen Erfahrungen ihrer rhetorik ^ Talkshow ^ Unternehmenskommunikation ^ Ver-
Adressaten. M. zielt darauf ab, in Alternativen zu den- handlungsführung ^ Verkaufsrhetorik
ken und sich nicht nur auf einen Weg festzulegen – letzt-
lich eine Wiederbelebung rhetorisch-dialektischer Tra-
dition. M. beruht darauf, Adressaten mit Hilfe eines
breiten Methodeninstrumentariums die Bildung neuer
Perspektiven zu ermöglichen, sich in der Gruppe über
N
die Bedeutung neuen Wissens zu verständigen. Dies ge-
schieht nicht nur durch die Sprache und Logik, sondern
auch durch die Nutzung möglichst vieler Sinneskanä- Narratologie (engl. narratology; frz. narratologie, sci-
le. [32] Hier scheint nicht zuletzt das umfassende rheto- ence du récit; ital. narratologia)
rische Menschenbild, das neben lógos auch ē´thos und A. Def. – B. Gesch. und Forschungsgegenstände. – C. N. und
Rhetorik.
páthos mit einbezieht, wieder auf.
A. Def. Der Begriff ‹N.› leitet sich von dem lat. Verb
Anmerkungen: narrare ab und bezeichnet zunächst allgemein die Wis-
1 vgl. F. Kluge: Etym. Wtb. (242002) 626. – 2 vgl. Schulz, Bd. 2 senschaft, die sich mit dem Erzählen beschäftigt. Die
(1942) 133. – 3 Noch 1942 wird der Begriff ‹moderieren› nicht mit Bezeichnung steht in Konkurrenz zu Begriffen wie ‹Er-

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