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Hörbuch Identifikation

haltungs-Massenware, der Standard der Sprecher ist


sehr ungleichmäßig, dem im Hören ungeschulten Pu- I
blikum fehlen die Maßstäbe für die Unterscheidung von
gelungenen, bloß durchschnittlichen oder ganz mißlun-
genen Produktionen. Obwohl sich Niveau und Infor- Identifikation (engl., frz. identification; ital. identifica-
mationsgehalt der H.-Beihefte (booklet) gegenüber den zione)
Anfängen sehr verbessert haben, fehlen oft noch die nö- A. Def. – B. Begriffsentwicklung: I. Rhetorische Vorstufen. – II.
tigsten Angaben wie Umfang und Stelle der Kürzungen, Burke, New Rhetoric. – III. Rezeption und Kritik in der Gegen-
Herkunft der Musik- oder Geräuschkulissen, Zeit, Ort wart.
und Umstände der Aufnahme. Auch ungewöhnliche A. Def. I. ist ein von K. Burke in die Rhetorikfor-
Rollenzuschreibungen (etwa einer Sprecherin zu einer schung eingeführter Begriff, der zu einem Leitkonzept
männlichen Rolle oder umgekehrt) und Regiekonzep- der New Rhetoric geworden ist. Burke versteht unter
tionen werden selten so erläutert, wie es z.B. für Thea- I. den Prozeß, in dem ein Redner mit Hilfe symboli-
terprogramme üblich ist. scher Kommunikation Übereinstimmungen zwischen
sich und seinen Adressaten herstellt, die rational,
motivational oder auch rein formal sein können. Fer-
Anmerkungen: ner bezeichnet I. den Zustand, in welchem eine solche
1 U. Rautenberg: Reclams Sachlex. des Buches (2003) 263f. – Übereinstimmung zwischen Redner und Adressat er-
2 Beiheft zur Schallplatte (1954) 5. – 3 U. Rautenberg: Das H. – reicht ist. Burke entwickelt den Begriff vor dem Hin-
Stimme und Inszenierung (2007) 7f. – 4 vgl. Homer, Ilias I, 1ff. –
5 Hesiod, Theogonie V, 31. – 6 Plat. Ion 533e. – 7 Arist. Rhet. I, 3,
tergrund psychologischer und anthropologischer Theo-
1. – 8 Ps.-Plutarch, Vitae X oratorum, 1, p. 833c = VS Antiphon, rien, nach denen menschliches Denken, Empfinden
Frg. A 6. – 9 Celsus, De medicina I, 2, 6; Seneca, Ep. ad Lucilium und Handeln von Motivstrukturen gesteuert ist, und
78, 5. – 10 Cic. De or. III, 213. – 11 Quint. XI, 3, 62. – 12 H.-B. geht davon aus, daß Persuasion nur durch die Beein-
Gerl-Falkovitz: Die zweite Schöpfung der Welt (1994) 92. – flussung solcher Motivstrukturen gelingen kann. I. ge-
13 L. Bruni Aretino: Epistolarum libri, 2 Bde., ed. L. Mehus hört demnach zum Kerngeschehen eines jeden Persua-
(Florenz 1741) II, 94. – 14 Goethe: Dicht. u. Wahrheit, in: F. sionsprozesses. Mit dem Konzept der I. etabliert
Apel u. a. (Hg.): J.W. Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tage- Burke eine Auffassung von Rhetorik, die nicht auf
bücher und Gespräche. Abt. I, Bd. 14, hg. von K.-D. Müller
(1986) 486. – 15 A. Müller: Zwölf Reden über die Beredsamkeit
Agonalität baut. Sofern Persuasion auf I. beruht, ist
und deren Verfall in Deutschland, hg. v. W. Jens (1967) 64. – von einer Angleichung der Handlungsmotive von Red-
16 ebd. 38. – 17 ebd. – 18 ebd. 70. – 19 Nietzsche: Jenseits von Gut ner und Adressat auszugehen, nicht von einem ago-
und Böse. Zur Genealogie der Moral, in: Krit. Studienausgabe, nalen Kampf um Positionen.
Bd. 5, hg. v. G. Colli u. M. Montinari (1988) Nr. 247. – 20 vgl. K. B. Begriffsentwicklung. I. Rhetorische Vorstufen.
Janz-Peschke: H. und Mündlichkeit, in: J. Häusermann, K. Janz- Der Begriff I. ist in der rhetorischen Tradition vor Burke
Peschke, S. Rühr: Das H. Medium – Gesch. – Formen (2010) nicht zentral und hat in der antiken Rhetorik keinen ter-
331ff. – 21 R. Barthes: Der entgegenkommende und der stump- minologischen Stellenwert erlangt. Lediglich Aristote-
fe Sinn. Kritische Essays III (1993) 280. – 22 vgl. T. Schnick-
mann: Vom Sprach- zum Sprechkunstwerk. Die Stimme im H.:
les und Cicero reflektieren zumindest passim und im-
Literaturverlust oder Sinnlichkeitsgewinn, in: Rautenberg [3] plizit, ob für den Vorgang der Persuasion identifikato-
27ff. – 23 D. Meyer-Kahrweg: Wege zum ‹guten› H. – Beurtei- rische Prozesse eine Rolle spielen. Aristoteles legt den
lungskriterien am Beispiel der hr2 Hörbuch Bestenliste, ebd. 80. Gedanken Sokrates in den Mund [1]: dessen Diktum
– 24 vgl. http:// www.hoerjuwel.de/ content/ de/ Hoerbuecher- «Es sei nicht schwer, die Athener vor den Athenern
international.html (Zugriff 17.06.2011). – 25 vgl. http:// selbst zu loben, wohl aber vor den Lazedämoniern» [2].
www. booksalley.com/ bAMain/ bAlleyAwards.php ?awards= thematisiert, wie wichtig Identifikationsmöglichkeiten
yes&nodeid= audie (Zugriff 17.06.2011). zwischen Redner und Adressat sind. Das Fehlen kultu-
reller Gemeinsamkeiten unterminiert die Möglichkeit
zur Persuasion, die im Sinne der Theorie der I. als ein
Literaturhinweise: sozial und kulturell situiertes Geschehen betrachtet
U. Quasthoff: Aspects of Oral Communication (1995). – G. werden muß. Schon Homer weiß, daß das Gefühl ge-
Ueding: «Niemand kann größerer Redner sein als Hörer.» Über meinschaftlicher Verbundenheit Vertrauen schafft, weil
eine Rhet. des Hörens, in: Th. Vogel (Hg.): Über das Hören –
einem Phänomen auf der Spur (21998) 45–68. – K.-H. Göttert:
Menschen Möglichkeiten zur I. suchen. In der Odyssee
Gesch. der Stimme (1998). – R. Meyer-Kalkus: Stimme und wird von Helena berichtet, die ihre Stimme den Stim-
Sprechkünste im 20. Jh. (2001). – M. Spitzer: Musik im Kopf. men der Gemahlinnen der Helden Achaias angleicht
Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen und so allein durch den Klang der Stimme das Vertrauen
Netzwerk (2002). – G. Ueding: Rettung der Lit. durch lebendige der Männer erlangt. [3] Schon die vertraute dialektale
Rede. Rhet. Aspekte des H., in: DU 56 (2004) 17–28. – S. Köh- Färbung kann also ein Mittel der I. sein. Deshalb asso-
ler: Hörspiel und H. Mediale Entwicklung von der Weimarer ziiert das Sokrates-Zitat bei Aristoteles I. mit der gesam-
Republik bis zur Gegenwart (2005). – L. Noetzel: Autorenle- ten Lebensweise. Schon Aristoteles hat ein weitreichen-
sung – Ars und Artefakte (Magisterarbeit Tübingen 2005). – L.
Müller: Die zweite Stimme. Vortragskunst von Goethe bis Kaf-
des Spektrum von Identifikationsmöglichkeiten vor Au-
ka (2007). – G. Ueding: Erzähltes gehört gehört, in: informatio- gen. I. zwischen Redner und Zuhörer wird zunächst
nen zur deutschdidaktik (ide). Zs. f. den Deutschunterricht in durch I. auf der ethos-Ebene erreicht: «Denn in Hin-
Wiss. und Schule (3/2011). blick auf die Glaubwürdigkeit macht es viel aus – beson-
G. Ueding ders bei Beratungen und schließlich vor Gericht –, daß
der Redner in einer bestimmten Verfassung erscheine
und daß die Zuhörer annehmen, er selbst sei in einer
bestimmten Weise gegen sie disponiert, und schließlich,
^ Aussprache ^ Belletristik ^ Hörer ^ Hörfilm ^ Hörspiel ob auch diese sich in einer bestimmten Disposition be-
^ Intonation ^ Mündlichkeit ^ Leser ^ Lesung ^ Pronun- finden.» [4] I. entsteht zudem durch éndoxa, denn was
tiatio ^ Rezitation ^ Rhapsodie ^ Stimme, Stimmkunde allen einleuchtet, wird auch überzeugende Argumente

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ermöglichen. [5] Insofern beruhen éndoxa auf dem iden- zung jedoch nicht explizit an und beeinflußt selbst die
tifikatorischen Potential geteilter Meinungen. psychologische Forschung allenfalls indirekt. Freuds
I. ist also ein sozial fundierter Vorgang, der im Per- These jedoch, daß der Mensch jeweils von Motivstruk-
suasionsprozess von zentraler Bedeutung ist. Daß der turen bewegt wird, ist innerhalb von Burkes ‹Rhetoric of
Terminus sich vor Burke trotzdem nicht in der Rhetorik Motives› ein wichtiger Bezugspunkt für die Ausbildung
etabliert hat, muß wohl vor dem Hintergrund agonaler einer Theorie der I. Laut Freud sei die Seele ein «par-
Rhetorikkonzepte, wie sie etwa das genus iudiciale oder liament», in dem widerstreitende Motive um die Vor-
auch das genus deliberativum definieren, gesehen wer- herrschaft ringen, argumentiert Burke, und hält daher
den. die Ausdifferenzierung einer «Rhetoric of Motives» für
Für Cicero ist I. weniger als Kern des Persuasionsge- notwendig. [13]
schehens von Interesse, vielmehr warnt er, daß der Red- In der Philosophie werden logische I. und phänome-
ner seine Identität gefährdet, wenn er sich fortlaufend nale I. voneinander unterschieden. Burke setzt sich mit
mit anderen identifiziert. Rhetorisch relevant erscheint dieser von F. Brentano stammenden Begriffstradition,
insofern eher die Selbstidentifikation des Orators. [6] die I. als Problem logischen Urteilens oder auch die Fra-
Damit ist bei Cicero die individuelle Funktion der I. an- ge nach der Benennung von Phänomenen berührt,
gedeutet: I. liegt jeder Ausbildung von Identität zu jedoch kaum auseinander. Ihn beschäftigt das Identifi-
Grunde. Zugleich läßt sich I. aber auch strategisch be- kationspotential von Begriffen weniger als logisches
treiben: «So richte auch ich, wenn ich darangehe, bei ei- Problem, als vielmehr in seiner handlungsleitenden
nem ungewissen, problematischen Fall auf die Richter Funktion.
einzuwirken, mein ganzes Sinnen und Trachten auf das II. Burke, New Rhetoric. Burke versucht mit Hilfe des
Ziel, daß ich mit möglichst feiner Witterung erspüre, Begriffs I. zu erklären, worauf Persuasion beruht. Selbst
was sie denken, was sie erwarten, was sie wünschen und vor dem Hintergrund agonaler Auseinandersetzungen
in welche Richtung sie wohl durch die Rede am leich- scheint ihm Persuasion auf die prinzipielle Möglichkeit
testen zu lenken sind.» [7] Indem der Redner seine «Se- zur Einigung angewiesen. Ohnehin ist der Adressat be-
gel setzt in der Richtung, aus der sich eine Brise ständig auf der Suche nach Möglichkeiten zur I.: «Wir
zeigt» [8], setzt er auf die persuasive Wirkung, die jede dürfen niemals die Gegenwart von Streit, Feindschaft,
Übereinstimmung zwischen Redner und Adressat be- Parteisucht als ein charakteristisches Merkmal rhetori-
deutet. Den Terminus ‹I.› benutzt Cicero hier nicht, schen Ausdrucks ablehnen. Wir dürfen nicht unsere Au-
gleichwohl scheint Persuasion unter anderem auf iden- gen vor ihrer beinahe tyrannischen Allgegenwart in den
tifikatorischen Prozessen zu beruhen. menschlichen Beziehungen übersehen; wir sollten im-
Auch in der Spätantike bleibt I. ein Thema, das die mer auf der Hut sein, um zu sehen, wie solche Versu-
Rhetorik allenfalls am Rande streift. So deutet Augu- chungen zu streiten in den Identifikationen impliziert
stinus die unio mystica als Prozeß der I.; er rückt damit sind, die menschliche Beziehungen begründen; doch wir
die identifikatorische Wirkung von Gott, Sohn und Hei- können zur gleichen Zeit immer über diesen Zustand
ligem Geist aber nicht in einen persuasiven resp. rheto- hinaussehen auf das Prinzip der Identifikation im allge-
rischen Kontext, sondern betrachtet ihn vielmehr heils- meinen, eine endgültige Möglichkeit, gerechtfertigt
geschichtlich. durch die Tatsache, daß die Identifikationen in der Ord-
Im 18. Jh. beschreibt Lessing die Wirkung des Dra- nung der Liebe ebenfalls charakteristisch für den rhe-
mas mit Hilfe von I.: Leidenschaften sollen «vor den torischen Ausdruck sind.» [14]
Augen des Zuschauers entstehen», so daß dieser «sym- I. beruht auf dem Bedürfnis des Menschen nach
pathisieren» muß, weil er sich identifizieren kann. [9] Gruppenzugehörigkeit, nach Übereinstimmung mit
Bei Lessing wird I. also ähnlich wie bei Burke in einen Idealen und formalen Strukturen. [15] In den Worten
kommunikativen Wirkungszusammenhang gestellt. Als Fogartys: «Identifikation [...] ist eine Zugehörigkeit zu
ein rhetorisches Phänomen betrachtet Lessing dieses einer Gruppe von Leuten bzw. eine entstehende Zuge-
Streben nach I. jedoch nicht. Eine erste rhetorische hörigkeit zu ihnen durch wenigstens eine Form von ge-
Theorie der I. findet sich dann bei A. Müller, der ar- meinsamem Ziel oder Ideal.» [16] Spaltung, die allen
gumentiert, daß ein Gespräch nur dann gelingt, wenn agonalen Auseinandersetzungen zugrundeliegt, ist in-
zwischen den Beteiligten ein «mächtiges Gemeinschaft- sofern ein Gegenbegriff zur I., treibt das Streben nach I.
liches» sei [10], und betont damit die Notwendigkeit der aber auch an. Ohne ein Identifikationsstreben des
I. innerhalb sozialer Gemeinschaften. Müller bezieht Adressaten könnte Persuasion gar nicht gelingen, wes-
sich vornehmlich auf das Gespräch, das er systematisch halb ein Orator beständig Angebote zur I. entwerfen
nicht von monologischer Rede unterscheidet. Insofern muß: «Man überredet einen Menschen nur insofern wie
liefert er eine frühe Theorie der I., die sozial, kulturell man seine Sprache spricht durch Rede, Gestik, Tonali-
und politisch begründet ist. Fehlende Gemeinsamkeit tät, Rang, Image, Attitüde, Idee, indem man seine
und fehlende Möglichkeiten zur I. gehören im Umkehr- Wege mit den seinigen identifiziert.» [17] Um I. geht es
schluß auch zu den Ursachen für den Verfall der Bered- sowohl im eloquenzrhetorischen als im persuasions-
samkeit. rhetorischen Paradigma, da sie sowohl auf eine Sache
Vorformen des Identifikationskonstrukts von Burke bezogen sein kann als auch auf formale Konventionen.
sind auch in Psychologie und Philosophie formuliert. I. spielt sich auf performativer Ebene genauso ab wie
Der Begriff ‹I.› ist seit S. Freud in der Psychologie ver- auf der argumentativen, emotionalen und sprachlichen.
breitet und bezeichnet die Übernahme von Verhaltens- Identifikationsprozesse laufen dabei wenig bewußt ab,
weisen anderer. I. stellt personale Identität zugleich in so kommt es zur I. mit falschen Idealen, zur I. mit for-
Frage und ist Voraussetzung für die Ausbildung einer malen Prinzipien, die gedanklich nicht durchdrungen
Identität im sozialen und kulturellen Kontext. [11] Noch werden. [18]
E.H. Erikson sieht in der I. mit Modellen und Vorbil- Mit dem Fokus auf I. ist Rhetorik nicht auf die drei
dern eine Voraussetzung für die Identitätsbildung. [12] genera dicendi beschränkt, denn I. ist nicht nur innerhalb
Burke schließt an diese psychologische Auseinanderset- dieser Redegattungen zu finden, verweist vielmehr auf

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psychologische Prozesse, die in alle Kommunikations- stanz einer Person oder eines Dings etwas, das unter ei-
formen involviert sind. Da I. nicht nur auf Argumenta- ner Person oder einem Ding steht und sie stützt.» [27]
tion bezogen ist, lassen sich beispielsweise die emotio- Insofern ist I. auf Handlungen bezogen und es ist auch
nalen Beeinflussungsangebote der Werbung auf den auf der Basis des Substanzdenkens zu erklären, wieso I.
Versuch zurückführen, I. herstellen zu wollen. Durch zu Identität führt.
die Theorie der I. und die Vorstellung, daß Menschen Holocher versteht I. als einen sozialpsychologischen
von Motiven getrieben werden, die ein strategischer Mechanismus «der von Burke sowohl als Ermögli-
Kommunikator ansprechen muß, wenn er Einfluß aus- chungsgrund gesellschaftlicher Kooperation wie auch
üben will, wird produktionstheoretisches Wissen zu- als Ursache des sozialen Zusammenhalts betrachtet
gänglich. Burke verfolgt eine Expansion des Phänomens wird. [...] Die Grundlage für diesen Ansatz bildet wie-
Rhetorik, das eben nicht auf Redeproduktion und -wir- derum die individuelle und gesellschaftliche Wirklich-
kung beschränkt ist. Erst jenseits des Identifikations- keit, die den Aufbau von Beziehungsstrukturen mittels
strebens endet für ihn das Reich der Rhetorik. Der Be- identifikatorischer Prozesse als essentiellen Handlungs-
griff ‹I.› besitzt bei Burke eine erhebliche Spannweite, grund aufweist, d. h. daß der Identifikationsvorgang für
hat durchaus metaphorische Züge. So argumentiert er das psychische Gleichgewicht des Individuums von
auf der einen Seite streng im Sinne des Persuasions- und größter Bedeutung ist.» [28] Zugespitzt bedeutet dies,
des Metabolieprinzips: «Es ist daher klarerweise eine daß sich nur durch I. Identität ausbilden läßt. Individu-
rhetorische Aufgabe, einen Menschen durch Identifizie- elle und soziale Aspekte sind in Identifikationsprozes-
rung seines Interesses mit der eigenen Angelegenheit zu sen eng miteinander verzahnt, an Handlungen gebun-
überreden», wodurch I. als komplexer psychologischer den, die den Menschen substantiell definieren.
Prozeß etabliert wird. [19] Auf der anderen Seite sieht er Für Burke ist ‹I.› ein Schlüsselbegriff der New Rhe-
aber selbst in der Reaktion eines Labortieres auf einen toric und ein Komplement zum Begriff der Persuasion,
konditionierenden Reiz ein Moment von Rhetorik und um den die traditionelle Rhetorik konstruiert ist. [29] I.
I. [20] und Persuasion können sich überschneiden: «Was die
Das Konzept der I. erlaubt auch, Rhetorik als eine Beziehung zwischen ‘Identifikation’ und ‘Persuasion’
kritische Disziplin zu etablieren, die untersucht, welche angeht, sollten wir berücksichtigen, daß ein Sprecher
Motive hinter kommunikativen Handlungen liegen, eine Zuhörerschaft durch den Gebrauch stilistischer
welche identifikatorischen Prozesse Individuen antrei- Identifikationen überredet; sein Persuasionsakt könnte
ben. Rhetorik wird so zu einer kritischen Wissenschaft, den Zweck haben, die Zuhörer zu veranlassen, sich mit
die etwa erkennt, daß naturwissenschaftliche Forschung den Interessen des Redners zu identifizieren, und der
sehr wohl durch die I. mit politischen Idealen korrum- Redner zielt auf eine Identifikation der Interessen, um
piert werden kann. [21] Auch entlarvt sich politische ein Verhältnis zwischen sich und den Zuhörern entste-
Propaganda als ein Versuch simplifizierender I. [22] hen zu lassen.» [30] Doch grundsätzlich ist I. ein weiter
Laut Burke, der hier Freud folgt, steuern Motive, die gefaßter Begriff, wie nicht zuletzt die Verbindung zum
sich als «grobe, knappe Beschreibung für bestimmte ty- Phänomen der Konsubstantialität deutlich macht:
pische Muster diskrepanter und entgegengesetzter Sti- «Aber füge Identifikation und Trennung ungenau zu-
muli» [23] beschreiben lassen, menschliche Handlungen. sammen, so daß du nicht genau wissen kannst, wo eines
Motive sind bei Burke aber auch von der Struktur der endet und das andere beginnt, so hast du die charakte-
Sprache abhängig und daher nicht im rein psychologi- ristische Einladung zur Rhetorik.» [31]
schen Sinne zu deuten. Vielmehr entwickelt Burke ei- Die Tragweite des menschlichen Identifikationsstre-
gene anthropologische Theorien, um Motive zu erklä- bens kann man nur mit Blick auf die anthropologische
ren. Seine Vorstellung von I. geht daher rhetorisch nicht Definition des Menschen erschließen. Burke definiert:
in Fragen der Angemessenheit auf. Insbesondere reine «Der Mensch ist das Symbole gebrauchende (herstel-
I. (pure identification), die von der formalen I. zu unter- lende, mißbrauchende) Lebewesen, Erfinder des Ne-
scheiden ist, führt zur Konsubstantialität der kommu- gativen (oder moralisiert durch das Negative), getrennt
nizierenden Personen und ist somit anthropologisch zu von seinem natürlichen Zustand durch die von ihm ge-
verorten: «gemeinsame Empfindungen, Konzepte, Bil- schaffenen Instrumente, angetrieben durch den Geist
der, Ideen, Haltungen, die sie [d. h. die Menschen, O. K.] der Hierarchie (oder bewegt durch den Sinn für Ord-
als aus einem Stoff bestehend [engl. consubstantial] ma- nung) und korrumpiert durch Perfektion.» [32] Der
chen». [24] Burkes Substanzbegriff ist schwer zu fassen, Mensch zeichnet sich demnach durch die Fähigkeit zur
er behauptet: «Eine Doktrin der consubstantiality, ent- Symbolverwendung aus, die ihn von der natürlichen,
weder explizit oder implizit, mag für jede Art von Leben unmittelbaren Lebensweise trennt, ihn dazu bringt, die
nötig sein. Denn Substanz, in der alten Philosophie, war Realität durch sprachliche Setzungen zu zerteilen und
ein Akt; und eine Lebensart ist das Zusammenhandeln, zur ständigen Produktion von Hierarchisierungen führt.
und im Zusammenhandeln haben die Menschen ge- Sprachlicher Ausdruck ist somit für Burke ein Mittel
meinsame Empfindungen, Konzepte, Bilder, Ideen, zur Etablierung, Aufrechterhaltung und Überwindung
Haltungen, die sie zu einem Wesen machen, das aus ei- hierarchischer Ordnung. Ständiges Separieren und
nem Stoff besteht.» [25] Dieses Substanzdenken bringt Klassifizieren schafft die Basis für das Streben nach
eine metaphysische Annahme in die Theorie und wird I., für den Versuch, gemeinsame Substantialität wie-
entsprechend in der neueren Rezeption des Identifika- der herzustellen. [33] Individualpsychologisch ist I. mit
tionsbegriffes häufig unterschlagen. Es war für Burke einem Gefühl der Zufriedenheit verbunden: «Der
aber keineswegs peripher. Er selbst thematisiert die Mensch, der in der Schlacht stirbt, als Ergebnis einer
Verbindung zu idealistischen Denkformen, ja sogar zur falschen Identifikation, ist besser dran als ein Mensch,
Magie. Laut W. B. Durham ist dem Begriff Substanz bei der sich mit überhaupt keiner gemeinsamen Strömung
Burke ein ganzes «cluster» [26] von Bedeutungen zuzu- identifizieren kann.» [34]
schreiben. Zentral scheint jedoch der Handlungscharak- Neben der reinen I. ist auch die formale I. ein rheto-
ter von Substanz: «Buchstäblich gesehen wäre die Sub- risch relevantes Thema Burkes, mit dem sich sowohl die

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Wirksamkeit dispositiver Regeln erklären läßt als auch Performativität) zu problematisieren, um zu zeigen, daß
die Wirkung rhetorischer Figuren. Solche rekurrente I. kein unschuldiges Konzept ist. Sie argumentiert gegen
Strukturphänomene werden vom Adressaten als Ange- eine zu einfache Verzahnung von öffentlicher und pri-
bote zur I. verstanden, die durch Gewohnheit etabliert vater I. [42]
wurden. Formen erwecken bestimmte Erwartungshal- Die im Feminismus und Poststrukturalismus ange-
tungen, sind Identifikationsangebote. [35] Das Streben stoßene Kritik an der I. greift durchaus schon zuvor be-
nach formaler I. zeigt sich im Bereich der dispositio in kannte Kritikpunkte auf, denn schon Ch. Perelman ver-
der Erwartung bestimmter Formeln in der Einleitung bindet mit I. die strukturelle Gewalt eines Redners, zu-
einer Rede (zum Beispiel captatio benevolentiae und at- mindest insofern sie nicht auf rationale Persuasion
tentum parare) genauso wie in den verschiedenen Mu- zielt. [43] Perelman befaßt sich mit I. vor allem als einem
stern, die die Anordnung von Argumenten regulieren; logischen Problem, verbindet I. mit einem Prozeß der
im Bereich der elocutio lassen sich viele Figuren als sti- Reduktion, der jeder Begriffsbildung zugrunde lie-
listische Identifikationsangebote verstehen. Burke hat ge. [44] Diese logische Auffassung ist aber wiederum mit
die verschiedenen Wirkungsweisen formaler Strukturen Burkes Vorstellung von I. allenfalls partiell zu Deckung
schon in «Counter-Statement» zu fünf Prinzipien zu- zu bringen.
sammengefaßt, die auf das Phänomen formaler Identi- Indem H.W. Johnstone jr. argumentiert, Rhetorik,
fikation verweisen: [36] 1.) «Syllogistic progression» be- sei nicht nur «Keil», sondern «Brücke» [45], und diese
zeichnet die formale Identifikationswirkung, die von Idee mit dem Konzept der I. begründet, ist er ein legi-
wohlgebauten Argumenten ausgeht, 2.) «Qualitative timer Nachfolger Burkes, der über I. nicht-agonale For-
progression» steht für die Wirkung von motivierten in- men der Persuasion thematisieren wollte. Insofern Bur-
haltlichen Steigerungen, 3.) «Repetitive form» ist das ke auch die ‹I.› im Inneren eines Individuums berück-
Prinzip der variierenden Wiederholung, 4.) «Conventio- sichtigt, das sich selbst zum Adressaten wird [46], gerät
nal Form» wirkt als etablierte und bekannte Form auf das Konzept der I. in gedankliche Nähe zu Blumen-
den Rezipienten, als 5.) «Minor or incidental forms» bergs Theorie der Selbstüberredung, zumal I. von Bur-
schließlich betrachtet Burke die Reihe der rhetorischen ke als eine anthropologische Notwendigkeit verstanden
Figuren. wird. Kritisch zu sehen ist vor diesem Hintergrund die
III. Rezeption und Kritik in der Gegenwart. Zwar ge- Funktionalisierung von I. im Bereich der praktischen
hört die Theorie der I. zu den meistdiskutierten Teilen Rhetorik, wenn etwa M.H. Ludwig argumentiert: «Aus
von K. Burkes Werk und meist wird die Erweiterung des der Verschleierung der eigenen Endabsicht läßt sich die
Persuasionkonzeptes der Rhetorik auch positiv be- Methode ableiten, den Verhandlungspartner die eigene
schrieben. Jedoch haben nur wenige Rhetorikforscher Idee als die seine übernehmen zu lassen[...].» [47]
wirklich Studien auf Basis dieser Theorie vorgelegt. H.U. Gumbrecht hat sich mit Blick auf die Reden
Burkes Identifikationstheorie gilt als brillanter Gedan- der Französischen Nationalversammlung im Jahre 1792
ke, aber auch als empirisch kaum überprüfbar. Während mit dem Problem der I. beschäftigt. Für ihn ist die Iden-
L.V. Holland noch argumentiert, daß Burke mit der titätsverteidigung eine besondere Herausforderung für
Ergänzung der rhetorischen Perspektive um das Phä- politische Redner, die sich wechselnden Verhältnissen
nomen I. eine Erweiterung vornimmt, die im Rahmen anpassen und mit «wechselseitiger Bestimmung von
der Aristotelischen Rhetorik bleibt, da weiterhin stra- präsentierten (eigenen) und identifizierten (fremden)
tegische Adressiertheit das entscheidende Merkmal von Rollen» [48] reagieren. Diese Theorien beweisen das
Rhetorizität sei [37], liefert gerade die Adressiertheit, Potential des Konstrukts I. im rhetorischen, ja allge-
die I. impliziert, auch eine Ursache für Kritik am Kon- mein kommunikativen Kontext. So hat H.H. Egge-
zept der I., die vor allem infolge der intensiven Ausein- brecht auf die I. des Zuhörers mit Musik verwiesen, um
andersetzung mit race- und gender-Fragen in der Rhe- die Wirkung von Musik zu erklären. [49] Auch wenn I.
torik verbreitet ist. S. Miller Gearhart etwa sieht die nur schwer empirisch abzubilden ist, hat das Konzept
Notwendigkeit, das Konzept ‹I.› von einem impliziten einen hohen heuristischen Wert, weil es modellhaft er-
persuasiven Hegemonialstreben zu läutern. Statt nach klären kann, weshalb Persuasion gelingt oder auch miß-
I. zu streben, solle ein gemeinsamer Verständigungs- lingt, und weshalb die aptum-Kategorie in der Syste-
prozeß das Ziel eines Redners sein. [38] Überhaupt las- matik der Rhetorik eine zentrale Stellung einnimmt.
sen sich, so M.L. Pratt, in vielen Situationen keine
vorherrschenden Konzepte ausmachen, die miteinan- Anmerkungen:
der in Übereinstimmung gebracht werden können. I. 1 vgl. K. Burke: A Rhetoric of Motives (Berkeley 1969) 55. –
scheint demnach in hegemonialen Denkstrukturen be- 2 Arist. Rhet. 1415b. – 3 vgl. Homer: Odyssee IV, 278ff. – 4 Arist.
fangen. [39] Auch J. Butler verbindet I. vor allem mit Rhet. 1377b. – 5 Arist. EN 1172b. – 6 Cicero, De officiis I, 111. –
hegemonialen Territorialisierungsversuchen: «Sich zu 7 Cic. De or. II, 186. – 8 ebd. 187. – 9 vgl. Lessing: Hamburgische
Dramaturgie, 1. Stück. – 10 A. Müller: Zwölf Reden über die
identifizieren steht nicht im Gegensatz zum Begehren. Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland, hg. von W.
Identifikation ist eine phantasmagorische Flugbahn und Jens (1967) 54. – 11 vgl. K. Haußer: Identitätspsychol. (1995) 99–
ein Entschluß des Begehrens; eine Annahme des Orts; 100. – 12 vgl. E.H. Erikson: Jugend und Krise. Die Psychody-
eine Ortszuweisung eines Objekts, das Identität ermög- namik im sozialen Wandel (1981) 159ff. – 13 vgl. Burke [1] 38. –
licht durch die temporäre Erlösung des Begehrens, das 14 ebd. 20. – 15 vgl. ebd. 65–69. – 16 D. Fogarty: Roots for a New
aber Begehren bleibt, wenn auch nur in seiner abgelehn- Rhetoric (New York 1959) 75. – 17 Burke [1] 55. – 18 vgl. ebd. 35.
ten Form.» [40] K. Ratcliffe untersucht I. im Sinne von – 19 ebd. 24. – 20 ebd. 24. – 21 vgl. ebd. 32–35. – 22 vgl. ebd. 26. –
Burke im Zusammenhang sozialer und kultureller Zu- 23 K. Burke: Permanence and Change (Los Altos 21954) 29–30. –
24 Burke [1] 21. – 25 ebd. 21. – 26 W.B. Durham: K. Burke’s Con-
gehörigkeit, weist dann aber darauf hin, daß der hier im- cept of Substance, in: Quart. J. of Speech 66 (1980) 363. – 27 K.
plizierte Zwang oft übersehen werde. [41] D. Fuss Burke: A Grammar of Motives (New York 1955) 22. – 28 H.
knüpft vor allem an Freud und Lacan an und versucht Holocher: Anfänge der ‹New Rhetoric› (1996) 127. – 29 vgl. K.
die Frage nach der I. mit Geschlechteridentitäten in Burke: Rhetoric – Old and New, in: M. Steinmann (Hg.): New
Hinblick auf «queer performativity» (homosexuelle Rhetorics (New York 1967) 63. – 30 ders. [1] 46. – 31 ebd. 25. –

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Inschrift Inschrift

32 K. Burke: Language as Symbolic Action (Berkeley, Los An- (Alphabetisierung, konkurrierende Kommunikations-
geles 1966) 16. – 33 vgl. ders. [1] 22. – 34 ders.: Attitudes Toward medien etc.) beeinflußt wird.
History (Boston 1961) 263. – 35 vgl. ders. [1] 58–59. – 36 vgl. K. Die kommunikative Reichweite der I. ist abhängig
Burke: Counter-Statement (Chicago 21953) 124–128. – 37 L. V.
Holland: Counterpoint. K. Burke and Aristotle’s Theories of
vom Schriftträger (beweglich/unbeweglich) und der
Rhetoric (New York 1959) 107. – 38 S. Miller Gearhart: The räumlichen Lage (öffentlicher Platz, Denkmal, Gebäu-
Womanization of Rhetoric, in: Women’s Studies Int. Quart. 2 de-Außenwand, im Gebäudeinneren etc.) der I. Kon-
(1979) 195–202, hier: 196–198. – 39 M.L. Pratt: Arts of the Con- stitutiv für alle I. ist die unauflösbare Einheit von Wort
tact Zone, in: ADE Bulletin (1988) 33–40. – 40 J. Butler: Bodies und Inschriftträger, der die (durch Sekundärüberliefe-
That Matter. On the Discursive Limits of «sex» (New York rung nur partiell überwindbare) Singularität und Raum-
1993) 99. – 41 vgl. K. Ratcliffe: Rhetorical Listening: Identifica- gebundenheit der I. bedingt: Erst der räumliche und
tion, Gender, Whiteness (Carbondale 2005), Kap. 2. – 42 vgl. D. monumentale Kontext der I. ermöglicht die vollständige
Fuss: Identification Papers: Readings on Psychoanalysis, Se-
xuality, and Culture (New York 1995) 2. – 43 vgl. Ch. Perelman :
Rezeption der intendierten Aussage durch das Publi-
Le Champ de l’argumentation (Brüssel 1969) 43. – 44 ebd. 282. – kum.
45 H.W. Johnstone Jr., M.L. Mifsud: Wedge and Bridge. A Note II. Bereiche und Disziplinen. Als Disziplin der wissen-
on Rhetoric as Distinction and as Identification, in: Rhetoric schaftlichen Bearbeitung von I. in ihrer sprachlichen,
Society Quart. 29, 2 (London 1999) 75–78. – 46 Burke [1] 38. – technischen und kulturellen Dimension hat sich die Epi-
47 M.H. Ludwig: Prakt. Rhet. (21988) 73. – 48 H.U. Gumbrecht: graphik nur für manche Epochen (v. a. griechische und
Über die allmähliche Verfertigung von Identitäten in politi- römische Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit) [2] eta-
schen Reden, in: O. Marquard, K. Stierle (Hg.): Identität (Poe- bliert; daneben ist die Untersuchung von I. einzelner
tik und Hermeneutik VIII) (1979) 117. – 49 H.H. Eggebrecht:
Musik verstehen (1995) 100.
Kulturen Gegenstand der jeweiligen sprach- und kultur-
wissenschaftlichen Fachbereiche. Als Teile von Denk-
Literaturhinweise: mälern, die bildliche und textuelle Darstellung mitein-
D.G. Day: Persuasion and the Concept of Identification, in: ander verbinden, sind I. Gegenstand der Kunstgeschich-
Quart. J. of Speech 46,3 (1960) 270–273. – J.W. Kirk: K. Burke te bzw. der kunsthistorisch arbeitenden archäologischen
and Identification, ebd. 47 (1961) 414–415. Disziplinen. Für die historischen Wissenschaften stellen
I. eine wichtige Quellengattung dar. Aufgrund ihrer
O. Kramer kommunikativen Funktionen und Wirkungsweisen sind
I. auch für die Kommunikationswissenschaften (Rhe-
^ Adressant, Adressat ^ Handlungstheorie ^ Hörer ^ Kom-
munikationstheorie ^ New Rhetoric
torik, Medienwissenschaften, Semiotik etc.) von Inter-
esse.
III. Gattungen. 1. Grabinschriften. Grab-I. sind die
wesentlichen Informations- und Bedeutungsträger des
Grabdenkmals. In Kulturen mit Körperbestattung stel-
Inschrift (griech. eÆpigrafhÂ, epigraphē´; lat. titulus, in- len sie meist die größte I.-Gruppe dar. Sie dienen der
scriptio; engl. inscription, epigraph; frz. inscription; ital. rhetorischen Wirkungsfunktion der Verewigung (me-
epigrafe, iscrizione) moria), der Repräsentation (sozialer Status, Bildungs-
A.I. Def. – II. Bereiche und Disziplinen. – III. Gattungen: 1. grad, Leistungen etc.) der im Grabdenkmal verewigten
Grabinschriften. – 2. Monumentalinschriften. – 3. Bau-, Stif- Person, teilweise auch des I.-Stifters (z.B. in römischen
tungs- und Weihinschriften. – 4. Kleininschriften und Graffiti. – Grab-I.). [3] Daneben werden häufig gesellschaftliche
5. Informationsinschriften. – IV. Form und Sprache. – B. Hi- Werte verhandelt. In den meisten I.-Kulturen finden
storische Entwicklung: I. Frühe Schriftkulturen. – II. Antike. –
III. MA und frühe Neuzeit. – IV. Moderne und Nachmoderne.
sich vor allem in Grab-I. auch Angehörige sozial nicht
privilegierter Schichten und Gruppen individuell re-
A. I. Def. Unter ‹I.› im weiteren Sinne versteht man präsentiert (eine Ausnahme stellt das hohe Mittelalter
Schriftprodukte, die zum Zweck der überzeitlichen Prä- dar). [4]
sentation einer Aussage gegenüber einem anonymen Das formale Spektrum der Grab-I. ist weit und reicht
Publikum auf dauerhaften Schriftträgern öffentlich an- von der häufigsten Form der bloßen Namensnennung
gebracht werden. [1] Im engeren Sinne versteht man un- über biographische Daten, Zitate und Gnomen bis hin
ter ‹I.› meist auf unbeweglichen, monumentalen Schrift- zu an der Lobrede orientierten Grabreden (z.B. die sog.
trägern öffentlich angebrachte Texte. Laudatio Turiae) [5], sermocinatio und fiktionalen Dia-
I. können unterschiedlichen kommunikativen Zwek- logen zwischen Grabstein bzw. bestatteter Person und
ken dienen. Vorherrschend sind I. epideiktischen (Ethos- Betrachter. [6] In der Regel befinden sich Grab-I. im
Darstellung, Repräsentation, Propaganda, Appell etc.) Kontext von Friedhöfen oder Nekropolen an öffentlich
oder informativen (docere) Charakters. I. bezwecken zugänglichen, repräsentativen Orten (bei Tempeln oder
in der Regel nicht die realistische Abbildung von Welt, Kirchen, an Ausfallstraßen außerhalb der Städte etc.),
sondern versuchen bestimmte Sichtweisen zu vermit- sind also als Elemente privater Gedächtniskultur öffent-
teln und so das Publikum zu beeinflussen (persuasiv, lich angebracht. Grab-I. im Kontext einer öffentlichen
belehrend, identitätsstiftend, etc.); I. spiegeln daher Gedächtniskultur gehören als Bestandteile von Reprä-
Idealisierungen von Gesellschaft, Staat und Religion sentativgräbern (Kenotaphe wie im Typus ‹Grab des un-
etc. wider. bekannten Soldaten›) dem Bereich der Monumental-I.
Fast allen I. gemein ist der Anspruch breiter, öffent- an.
licher Rezeption; v. a. politisch motivierte I. können in 2. Monumentalinschriften. Monumental-I. gehören als
vormodernen Gesellschaften eine der modernen Mas- autarke Monumente oder als erläuternde, ergänzende
senkommunikation vergleichbare Funktion erfüllen. oder künstlerische Beischriften unmittelbar zu gegen-
Aufgrund der kommunikativen Funktion von I. wird die ständlich-bildlichen Kunstwerken und/oder zum beson-
kulturelle Bedeutung von I. (bzw. I.-Gattungen) nicht deren Ort des Denkmals. Sie stellen ein wesentliches
nur von den Urhebern gesteuert, sondern auch vom Pu- Medium der öffentlichen Gedächtniskultur dar und
blikums-Interesse, das seinerseits von äußeren Faktoren können wie Grab-I. als komprimierte Gedenkreden be-

379 380
Inschrift Inschrift

trachtet werden. Je nach Stiftungskontext erfüllen Mo- zeption des I.-Textes ermöglichen; ein Verzicht auf
numental-I. neben der Funktion der memoria verschie- Multilingualität kann umgekehrt selektiv und politisch
dene weitere Wirkungsabsichten (Repräsentation, Lob/ anstößig wirken. Daneben kann die Verwendung be-
Tadel, Appell, Information, künstlerische Gestaltung stimmter Sprachen (in der Neuzeit v. a. Latein, Altgrie-
etc.) gegenüber den für den jeweiligen Anbringungsort chisch) der Repräsentation individueller Bildung die-
relevanten Publika. nen. Auch ein Abweichen von der Hochsprache (z.B.
3. Bau-, Stiftungs- und Weihinschriften. Bau-I. werden zugunsten des lokalen Dialekts oder einer archaisieren-
in der Regel im Zusammenhang mit dem Bau oder der den Sprachstufe) ist in I. nicht selten (z.B. in Haus-
Renovation eines Bauwerks auf repräsentativen Gebäu- I.) [11] und beeinflußt die Gesamtaussage, indem sie bei-
deteilen (oberhalb von Türsturzen, auf Friesen etc.) an- spielsweise den Stifter als einheimisch oder als traditi-
gebracht. Formal sind sie in der Regel sachlich-infor- onsbewußt zu erkennen gibt. Metrische Gestaltung von
mativen Charakters (Bau-/Renovationsdatum, Bauher- I. entspringt oft einem religiös-rituellen Kontext und
ren etc.). Die rhetorische Wirkungsfunktion ist jedoch kann mehrere Funktionen erfüllen (Signum religiösen
nicht allein im Bereich der Information zu suchen. Charakters, Memorierbarkeit, Repräsentation von Bil-
Bau-I. haben meist einen epideiktischen Zweck, indem dung etc.).
sie etwa das bezeichnete Bauwerk als religiös (Stiftung Die Bandbreite der inschriftlich verwendbaren Stil-
an eine Gottheit) oder politisch motivierte, gemeindien- formen, Figuren und Topoi ist entsprechend der vari-
liche Leistung des Bauherren darstellen [7], öffentliche ablen monumentalen Kontextualisierung der einzelnen
Gebäude in identitätsstiftender Weise in ihrer Funktion I. zunächst unbegrenzt. Vor allem in narrative I. finden
beschreiben (z.B. die Bau-I. «Dem Deutschen Volke» Gattungskonventionen, Stilmittel und Topoi der zeit-
über dem Westportal des Berliner Reichstagsgebäudes) genössischen Rhetorik unmittelbaren Eingang. Dabei
oder ein positives Bild (als fromm, aufgeklärt, tüchtig bilden sich jedoch innerhalb der jeweiligen I.-Kulturen
etc.) von den Bewohnern eines Hauses vermitteln meist (gattungs-)spezifische Stilformen heraus. Auch
(Haus-I.). Eine ähnliche Funktion haben auch Stiftungs- inventio und dispositio von I. können bestimmte gat-
oder Weih-I., die auf gestifteten/geweihten Gegenstän- tungsspezifische Muster entwickeln. So folgen insbe-
den auf den/die Urheber der Stiftung hinweisen und die- sondere religiösen oder staatlichen Kontexten entstam-
se so in ihrem Einsatz für die jeweilige öffentliche oder mende I. nicht selten festgelegten Formularen, die die
sakrale Einrichtung präsentieren. [8] rituelle oder prozedurale Konformität der I. gewähr-
4. Kleininschriften und Graffiti. Als Klein-I. bezeich- leisten.
net man verschiedene auf beweglichen Gegenständen Auch der materielle Kontext der I. hat Einfluß auf die
angebrachte I., so z.B. Herstellerzeichen (in Worten stilistische Gestaltung: Abhängig von verwendetem
oder Symbolen) oder erbauliche, humoristische, eroti- Schriftträger und monumentalem Kontext steht für I.-
sche etc. Sprüche auf profanen Gebrauchsgegenstän- Texte nur begrenzter Raum zur Verfügung. Dies hat zu
den. Klein-I. haben in der Regel keinen oder einen wirt- spezifisch epigraphischen Formen der Textgestaltung
schaftlich begründeten (Herstellerzeichen) repräsenta- geführt. An erster Stelle sind hier Abkürzungssysteme
tiven Charakter. Graffiti stellen eine andere Kleinform (Akronyme, Ligaturen, Wortzeichen etc.) zu nennen,
von I. dar. Sie erfüllen Zwecke individueller Selbstdar- die besonders bei weitverbreiteten formelhaften Wen-
stellung (z.B. Überwindung großstädtischer Anonymi- dungen die Anbringung auf engstem Raum ermögli-
tät in den Autorensymbolen [engl.: tags] moderner chen. Auch unabhängig von Abkürzungen sind I. in der
Graffiti-Kultur) sowie politischer oder künstlerischer Regel in einem knappen, sachlichen Stil verfaßt (Lapi-
Kommunikation [9], und sie weisen in ihrem Entste- darstil von lat. lapis, Stein). [12] In manchen Kulturen
hungskontext (Spontaneität, Autonomie, bisweilen Il- bilden sich zudem spezifisch epigraphische Schrifttypen
legalität etc.), ihrer materiellen und künstlerischen Ge- aus (ägyptische und hethitische Hieroglyphen, römische
staltung sowie ihrem eher ephemeren Charakter eine Capitalis etc.), deren aufwendige Ausführung meist die
gewisse Differenz zu öffentlich gestifteten I. auf. monumentale Qualität einer I. unterstreicht. Auch die
5. Informationsinschriften. Grab-, Bau-, Stiftungs- oder materielle Ausführung des Schriftträgers kann einen
Monumental-I. haben in der Regel auch informativen Aussagewert gewinnen, etwa indem eine besonders gro-
Charakter. Als eigener I.-Typus sind von diesen solche I. ße oder mit vergoldeten Lettern ausgearbeitete Grab-I.
zu scheiden, deren Wirkungsabsicht einzig oder über- ein Grabdenkmal im Kontext der konkurrierenden Grä-
wiegend in der sachlichen Information zu suchen ist. ber eines Friedhofs/einer Nekropole besonders heraus-
Derartige öffentlich angebrachte Texte (Gesetze, Weg- zuheben vermag. [13] Insofern gehören materielle Aus-
weiser, Kilometersteine, Hinweisschilder etc.) werden führung und baulicher Kontext mit zum stilistischen Re-
nicht immer als I. im eigentlichen Sinne wahrgenom- pertoire einer I.
men, erfüllen jedoch alle Kriterien zur Qualifikation als B. Historische Entwicklung. I. Frühe Schriftkultu-
I. Der fließende Übergang zwischen informativen und ren. Studien zur kommunikativen Funktion liegen für
monumentalen I. wird deutlich am Beispiel solcher In- den mesopotamischen und kleinasiatischen Raum v. a.
formations-I., bei denen die Sachinformation allein die bezüglich der sog. Königs-I. vor. [14] Diese I.-Gattung
dauerhafte Dokumentation als I. nicht erklären kann umfaßt Bau- und Weih-I., Vertrags- und Gesetzestexte
(Gesetze, Dekrete etc.) [10] oder bei denen die Sachin- (vgl. Codex Hammurabi) [15], statuarische sowie histo-
formation zwar im Vordergrund steht, denen jedoch risch-narrative I. (Epen, Hymnen erzählende Tatenbe-
gleichwohl ein monumentaler Charakter zukommt (to- richte von Herrschern). Sie dienen der timokratischen
pographische Markierungen, historische Informations- Legitimation von Herrschaft, der memoria sowie der
tafeln etc.). weltlich manifesten Verewigung der Herrscherperson
IV. Form und Sprache. Die sprachliche Ausgestaltung (vgl. die präventiven Fluchformeln gegen Zerstörung
von I. hängt vom intendierten Publikum und der Aus- der I.). [16] Manche Königs-I. erfüllen außerdem eine
sageabsicht ab. So finden sich in multilingualen Gesell- der Geschichtsschreibung vergleichbare Funktion, wo-
schaften verstärkt mehrsprachige I., die eine breite Re- bei die Präsentation historischer Ereignisse stets einem

381 382
Inschrift Inschrift

übergeordneten Zweck, z.B. der Herrschaftslegitimati- der Repräsentation im frührepublikanischen Rom kei-
on, dient. [17] nen sehr hohen Stellenwert innerhalb der öffentlichen
In den sumerischen und akkadischen Königs-I. ent- Kommunikation einnehmen [29], entwickeln sich sta-
wickeln sich feste Gliederungsformulare [18], sprachli- tuarische Monumente und Bau-I. einflußreicher nobiles
che Formeln (Ich-Perspektive, lexikalische und syntak- in den Konkurrenzkämpfen des 1. Jh. v. Chr. zu einem
tische Repetition, topische Epitheta, Gebete, Fluchfor- wesentlichen Instrument der Selbstdarstellung. [30] Au-
meln etc.) und ein Standardrepertoire an dargestellten gustus greift in dieses Mittel der senatorischen Reprä-
Herrschertugenden. [19] sentation massiv ein. Angehörige der Senatsaristokratie
In der stark religiös geprägten I.-Kultur Ägyptens konnten unter Augustus und seinen Nachfolgern in der
entwickelt sich aus einfachen Namens-, Berufs- und Stadt Rom nur auf kaiserliche Veranlassung mit Statuen
Standesbezeichnungen auf Grabmälern eine ‹autobio- oder Ehren-I. geehrt werden. Trotz dieser Beschrän-
graphische› Form der I., die Teil jedes repräsentativen kung der epigraphischen Praxis in Rom steigt unter Au-
Denkmals (z.B. Tempelstatuen) sein kann. Seit der 5. gustus die Produktion von I. rasant an und bleibt bis ins
Dynastie entwickeln sich die ‹autobiographischen› I. zu 3. Jh. auf konstant hohem Niveau. Dies liegt nicht zuletzt
einem I.-Typus, der neben dem Grundzweck der inner- daran, daß Augustus I. als Repräsentationsmedium
weltlichen Verewigung von Verstorbenen auch Elemen- der domus Augusta im gesamten Imperium intensiv
te der altägyptischen Lehren, Spruchdichtungen und nutzt. [31] Neben Ehren-I. werden auch Bau-I. in Rom
Hymnen aufnimmt und so eine appellative Funktion ge- oder Meilensteine an den Straßen des Imperiums zu ei-
winnt. [20] ner ausschließlich die Leistungsfähigkeit des Kaiserhau-
II. Antike. In den breitere Bevölkerungsschichten po- ses darstellenden Repräsentationsform. [32] In den Rah-
litisch integrierenden Gesellschaftsformen (v. a. Demo- men der augusteischen Selbstdarstellung gehören auch
kratie) der griechischen Poliswelt kommt der inschrift- die ‹Res Gestae Divi Augusti› (RGDA), ein vor dem
lichen Publikation von Gesetzen, Dekreten und sonsti- Augustus-Mausoleum angebrachter Rechenschaftsbe-
gen politisch relevanten Texten eine hohe Bedeutung richt des Princeps, der in Abschriften im gesamten Im-
für die politische Praxis (Information) und die identifi- perium verbreitet wurde. Die RGDA, die in ihrem for-
katorische Stabilisierung der Gemeinwesen zu. [21] mal an der Lobrede orientierten Text [33] ältere Eh-
Griechische Gesetzes-I. stellen dabei in der Regel nicht ren-I. für Augustus reproduzieren [34], belegen, daß
einheitliche Gesetzes-Systeme im Sinne kodifizierten Augustus seine I. als zusammengehörendes System der
Rechts dar, sondern geben spezifische, an konkreten Selbstdarstellung begriff. Den hohen Stellenwert der in-
Einzelkonflikten entstandene Gesetze wieder, die in ih- schriftlichen Repräsentation von Individuen in der rö-
rer dauerhaften Publikation Autonomie und Stabilität mischen Gedächtniskultur verdeutlicht die Methode sy-
der öffentlichen Ordnung repräsentieren. [22] Als Stif- stematischer Tilgung öffentlicher I. unliebsam gewor-
ter öffentlicher I. tritt in klassischer griechischer Zeit dener (meist verstorbener) Personen (z.B. der Kaiser
v. a. die jeweils beschlußfassende politische Körper- Caligula, Nero und Domitian) durch öffentlichen Be-
schaft (Rat, griech. boylhÂ, boulē´ oder Bürgerschaft, schluß (damnatio memoriae), eine Form institutionali-
griech. dhÄmow, dē´mos) auf, so z.B. in inschriftlich fixier- sierten öffentlichen Vergessens. [35]
ten Dekreten, Verträgen und Gesetzen. In ihrem For- Im 3. Jh. n. Chr. ist ein Rückgang der I.-Produktion zu
mular (protokollarische Nennung von beschlußfassen- verzeichnen [36], der auf wachsende Konflikte zwischen
der Instanz, Sitzungsvorsitz, wörtliche Zitation des Senatsaristokratie und Kaisertum [37] sowie auf eine
Antrags) stellen sich diese I. als wortgenaue Aufzeich- Verlagerung der öffentlichen Selbstdarstellung hin zu
nungen politischer und rhetorischer Praxis dar. [23] In ephemeren und performativen Formen zurückgeführt
der Entwicklung der griechischen Ehren-I. im Laufe des wird. [38] Damit im Zusammenhang könnte auch der
5. und 4. Jh. von anfangs kollektiven Ehrungen (z.B. die wachsende Einfluß der zeitgenössischen Rhetorik auf
Gedenk-I. für die Gefallenen bei Poteidaia) [24] hin zu die textliche Gestaltung von Ehren-I. (Wortreich-
I., die das Individuum immer deutlicher als Träger staat- tum, ausformulierte Lobrede, redundante Epitheta zum
licher Ehrungen in den Vordergrund treten lassen, zeigt Zwecke der amplificatio etc.) [39] bei gleichzeitiger Ver-
sich eine fortschreitende Personalisierung der Reprä- nachlässigung der materiellen Gestaltung stehen [40]:
sentation politischen Handelns. [25] Am Ende dieser Die angewandte rhetorische Repräsentation gewinnt
Entwicklung stehen seit dem ausgehenden 4. Jh. v. Chr. das Übergewicht vor dem Denkmal als plastischem Ge-
Ehren-I., die unter Verwendung von Topoi und dispo- samtkunstwerk. [41]
sitio der Lobrede das Individuum als öffentlichen Wohl- In der Spätantike setzt eine christlich motivierte I.-
täter (griech. eyÆergeÂthw, euergétēs) beschreiben. Die Kultur v. a. in Form von Grab- und Bau-I. ein, die sich an
formelhafte Natur dieser I. wird deutlich in Sammlun- den griechischen Epigrammstil anlehnt und bis ins Mit-
gen solcher Ehren-I., beispielsweise in den kaiserzeitli- telalter kontinuierlich weiterentwickelt wird. [42] Die
chen I. des sog. Iason-Monumentes beim lykischen Kya- christlichen I. entwickeln eine eigene Formelsprache,
neai [26] oder auf dem Mausoleum des Lykiers Opra- die sich liturgischer Terminologie bedient. Die Reprä-
moas. [27] sentation des Verstorbenen in seiner irdischen Existenz
In der griechischen I.-Kultur entsteht als besondere tritt in den Grab-I. zurück hinter christliche Jenseitsvor-
Form der (Grab-)Vers-I. das Epigramm, eine von rhe- stellungen. [43]
torischen Stilmitteln wie brevitas, pointierten Antithe- III. Mittelalter und frühe Neuzeit. Die mittelalterliche
sen, sermocinatio etc. geprägte I.-Gattung, die sich seit I.-Kultur entwickelt sich unmittelbar aus den Vorbil-
hellenistischer Zeit auch als literarische Gattung ver- dern der römischen I., insbesondere der christlichen I.
breitet und noch in Neuzeit und Moderne lebendig der Spätantike. Neuentwicklungen im Übergang zu mit-
ist. [28] telalterlichen I. sind beispielsweise Veränderungen in
Kaum eine I.-Kultur wurde so ausführlich unter rhe- expositio und Formular der Grab-I. [44] Das Totenlob
torischen Fragestellungen untersucht wie die lateini- mittelalterlicher Epitaphien präsentiert v. a. gesell-
schen I. seit der späten Republik: Während I. als Mittel schaftliche Werte, enthält kaum individuelle Züge. [45]

383 384
Inschrift Inschrift

Eine Ausnahme stellen die Papstepitaphien dar, die in Identitäten beeinflußt werden, läßt sich exemplarisch
der Schilderung der gesta des jeweiligen Papstes der anhand der I. von Krieger- und Kriegsopferdenkmälern
Darstellung von dessen guter Amtsführung bzw. der im westlichen Kulturraum aufzeigen. So wird im
Bewahrung allgemeiner Erinnerung an diesen die- zwischen nationaler Einigung und Kleinstaatlichkeit
nen. [46] schwankenden Deutschland des 19. Jh. der Wert des Sol-
Ebenfalls vornehmlich aus kirchlichem Kontext datentodes für die Nation deutlicher betont als in Frank-
stammen chronikalische I., die in Wandschriften, auf reich, wo die nationale Identität der Bürger weniger Ge-
Wandteppichen oder auf Triptychen als inschriftliches genstand öffentlicher Kontroverse war und die Gefal-
Pendant der literarischen Chronik zu werten sind (be- lenen in ihrer zivilen Rolle dargestellt wurden. [52] Im
rühmtes Beispiel ist der sog. ‹Teppich von Bayeux› aus Gegensatz zur getrennten inschriftlichen Würdigung ge-
dem 11. Jh.). Daneben existieren auch inschriftliche Ab- fallener Soldaten und Offiziere in Deutschland [53]
schriften von Schenkungsurkunden, Privilegien u. ä. [47] drückt sich außerdem in französischen Kriegsopfer-
Die Kirche als Raum sakraler Weltdeutung erfüllt im denkmälern ein egalitäres Bürgerbewußtsein aus –
Mittelalter somit auch Funktionen geschichtlicher me- Rangunterschiede werden inschriftlich nicht dargestellt,
moria. [48] die Zahl der inschriftlich erwähnten Namen liegt i. d. R.
Seit dem 16. Jh. verbreitet sich im gesamten deutsch- deutlich höher. [54]
sprachigen Raum die I.-Gattung der Haus-I. [49], die Diese republikanisch-egalitäre Repräsentation gefal-
in verschiedenen Ausprägungen vorkommt (Bau-I., lener Soldaten findet sich in besonders ausgeprägter
Spruch-I., Zeichen). Die weitgehend auf den ländlichen Form auch in jüngeren Monumental-I. in den USA. Zu
Bereich beschränkten, dort aber bis ins späte 19. Jh. an nennen ist hier v. a. die I. des 1982 eingeweihten ‹Viet-
fast jedem Hof vorhandenen Haus-I. unterscheiden sich nam Veteran War Memorial› in Washington D.C., die
in Form (beliebt sind neben Bibelzitaten auch Chrono- nicht mehr eine repräsentative Anzahl von Namen auf-
gramme und Spruchrätsel) [50] und Funktion von den listet, sondern die Namen aller 57939 in Vietnam getö-
städtischen Bau-I.; ihre Wirkungsfunktion liegt vor al- teten US-Soldaten in chronologischer Folge ihres To-
lem in der religiösen Bitte um Schutz des Hauses vor desdatums aufführt. [55] Diese I. wurde in den USA zum
Unglück sowie in der appellativen Vermittlung von Le- Vorbild für die I. weiterer nationaler Gedenkstätten, so
bensweisheiten und moralischen Normen. [51] Daneben die I. des ‹Oklahoma City National Memorial› und die I.
erfüllen die ländlichen Haus-I. auch eine Funktion als des (geplanten) ‹World Trade Center Memorial›: Allen
Selbstdarstellungsmedium der I.-Setzer. diesen I. ist gemeinsam, daß sie im Rahmen des Gedenk-
IV. Moderne und Nachmoderne. In der I.-Kultur kontextes die individuelle Repräsentation jedes einzel-
moderner und nachmoderner Gesellschaften spielen in- nen Opfers gewährleisten und gerade in dieser schein-
formative I. eine größere Rolle als in vormodernen Ge- bar aussagelosen egalitären Auflistung gesellschaftliche
sellschaften, während andere I.-Gattungen eher an Be- Werte hervorheben.
deutung verloren haben. So macht erst die gesteigerte In Frankreich und Deutschland kommt es Nach Ende
individuelle Mobilität durch moderne Verkehrsmittel des Zweiten Weltkriegs zu einem Bruch in der monu-
ein durch eigene Zeichen- und Formelsprache gekenn- mentalen Verewigung gefallener Soldaten. Angesichts
zeichnetes System der Verkehrsbeschilderung notwen- von Millionen Toten durch Krieg und staatlichen Mord
dig, während andererseits für die Publikation von Ge- im Dritten Reich setzt sich das monumentale Gedenken
setzen, Dekreten und sonstiger staatlicher Informatio- an unschuldige Kriegsopfer anstelle nationaler Krieger-
nen schon seit Erfindung des Buchdrucks (und verstärkt denkmäler durch – in Frankreich wurde die inschriftli-
seit der Entstehung der modernen Massenmedien) I. che Nichtberücksichtigung gefallener Soldaten sogar
nicht mehr das bestgeeignete Medium darstellen. staatlich dekretiert. [56] In Deutschland wiederum ent-
Moderne Massenmedien können die Singularität und standen I. für gefallene Soldaten des Zweiten Welt-
Ortsgebundenheit von Denkmälern und ihren I. teil- kriegs überwiegend in privater Initiative und zumeist in
weise aufheben, ein Umstand, der bisweilen schon bei Form von Erweiterungen bereits bestehender I. für Ge-
der Planung von Denkmälern berücksichtigt wird. Dies fallene des Ersten Weltkriegs – eine Form, die zwar der
zeigt sich besonders deutlich an der 1969 von den Astro- öffentlichen Ablehnung von Denkmälern für Wehr-
nauten der Apollo-XI-Mission auf dem Mond ange- machtssoldaten geschuldet war, die in ihrer Wirkung je-
brachten I.-Plakette. Die I. selbst kann aufgrund ihres doch faktisch die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs
Standortes nur zukünftige Mondbesucher, also eine äu- mit jenen des Ersten Weltkriegs undifferenziert gleich-
ßerst kleine Öffentlichkeit, adressieren. Erst die Ver- setzt. Bis heute bleibt die monumentale Ehrung gefal-
breitung des I.-Textes durch das Fernsehen, das sozu- lener Soldaten in Deutschland problematisch, was sich
sagen weltweit temporäre Abschriften der Mond-I. pro- nicht zuletzt an den Kontroversen um das 2009 einge-
duzierte, führte zu einer breiten Rezeption auf der Erde. weihte Bundeswehr-Ehrenmal zeigt. Die I. dieses Denk-
Daß diese irdische Rezeption der I., in der die USA als mals enthält sich in ihrer inhaltlichen Gestaltung zwar
Vertreter eines universalen Friedensanspruchs erschei- einerseits jeglichen nationalen Pathos, andererseits aber
nen, im historischen Kontext des Kalten Krieges die we- steht sie darin ganz in der Tradition der Kriegerdenk-
sentliche Wirkungsabsicht der Mond-I. darstellt, ist mäler des 19. Jh., daß sie dem soldatischen Tod eine
nicht zu bezweifeln. Hier zeigt sich, daß die faktische staatliche ratio zu verleihen sucht («Den Toten unserer
Auflösung der ortsgebundenen Rezeption von I. durch Bundeswehr für Frieden, Recht und Freiheit.»). [57]
die modernen Massenmedien einen nachvollziehbaren Kriegsopfer-Denkmälern ist nicht selten eine ab-
Einfluß auf die Gestaltung von I. ausüben kann. strakte Ikonographie und stilistisch schlichte, zurück-
Größere Denkmäler werden i. d. R. aus öffentlichen haltende Verwendung von I. zu eigen. [58] Ein anschau-
Mitteln bestritten und dienen meist der staatstragenden liches Beispiel hierfür – ebenso wie für die beinahe als
Identitätsförderung und/oder historischer Erinnerung. selbstverständlich empfundene Zusammengehörigkeit
Daß umgekehrt I. nicht nur identitätsbildend wirken, von Denkmälern und Inschriften – stellt das Berliner
sondern ihrerseits durch gesellschaftliche und staatliche Holocaust-Mahnmal dar, dem als zentralem Erinne-

385 386
Inschrift Interkulturelle Kommunikation

rungsort an das historische Verbrechen des Holocaust 434f. – 34 Alföldy [31] (1991) 306–310. – 35 E.R. Varner: Muti-
zugleich auch eine identitäre Relevanz für die Berliner lation and Transformation (Leiden 2004). – 36 R. MacMullen:
Republik zukommt. [59] Interessant am Beispiel des The Epigraphic Habit in the Roman Empire, in: AJPh 103
(1982) 233–246; Meyer [3]; B. Borg, C. Witschel: Veränderun-
Holocaust-Mahnmals ist das Fehlen jeglicher I. am ei- gen im Repräsentationsverhalten röm. Eliten während des
gentlichen Denkmal selbst – weswegen dem Mahnmal 3. Jh. n. Chr., in: Alföldy, Panciera [31] 48–78. – 37 Alföldy [31]
bisweilen gar der Charakter als Denkmal abgesprochen (2001) 39. – 38 Borg, Witschel [36] 90–93. – 39 vgl. Niquet [5]
wurde. [60] Der Architekt des Mahnmals, Peter Eisen- 158f. – 40 vgl. ebd. 106f. – 41 Borg, Witschel [36] 48–79, 103f. –
man, benennt Sprachlosigkeit im Angesicht des Grau- 42 Pohl [28] 35f.; Niquet [5] 178–185. – 43 Meyer [3] 91. –
ens des Holocaust als Wirkungsabsicht des Denk- 44 Favreau [1] 102f., 291–312; H. Drös: Biogr. in mlat. Grabi.
mals [61], so daß gerade der Verzicht auf eine I., mithin Südwestdeutschlands, in: W. Berschin u. a. (Hg.): Mlat. Biogr.
das Schweigen im richtigen Moment als rhetorisches und Epigraphik (2005) 121–132. – 45 Drös [44] 121–132; S.
Scholz: Totengedenken in ma. Grabi., in: Marburger Jb. für
Mittel mit konkreter Wirkungsfunktion (hier: Erzeu- Kunstwiss. 26 (1999) 37–58. – 46 S. Scholz: Papstepitaphien
gung emotionaler und rationaler Desorientierung) auf- vom 6. bis zum 10. Jh., in: Berschin u. a. [44] 89–106. –
zufassen ist. 47 Favreau [1] 32–42. – 48 H. Boockmann: ‹Historiae› auf Ta-
feln, in: J. Wenta (Hg.): Die Geschichtsschreibung in Mitteleu-
Anmerkungen: ropa (1999) 41–51. – 49 Widera [11]; S. Becker: Die Hausi. von
1 vgl. R. Favreau: Épigraphie médiévale (Turnhout 1997) 5. – Kehna, in: Heimatwelt 28 (2003) 7–26. – 50 Widera [11] 53–57,
2 W. Koch: Die ma. und neuzeitliche Epigraphik, in: Archiv für 101; Becker [49] 14. – 51 Widera [11] 13f., 61–67, 300; Beck-
Diplomatik 50 (2004) 547–577. – 3 W. Eck: Römische Grabin- er [49] 7. – 52 M. Jeismann, R. Westheider: Wofür stirbt der
schriften, in: H. von Hesberg, P. Zanker (Hg.): Röm. Gräber- Bürger?, in: R. Koselleck, M. Jeismann (Hg.): Der politische
straßen (1987) 61–83; E.A. Meyer: Explaining the Epigraphic Totenkult (1994) 23–50; A. Becker: Der Kult der Erinnerung
Habit in the Roman Empire, in: J. of Roman Studies 80 (1990) nach dem großen Krieg, ebd. 316; L. de Libero: Triumph und
75–78. – 4 vgl. R. Fuchs: Adel und Nicht-Adel in epigraph. Rache (2010). – 53 M. Hettling: Bürger oder Soldaten?, in: Ko-
Zeugnissen des MA, in: K. Andermann, P. Johanek (Hg.): Zwi- selleck, Jeismann [52] 147–193. – 54 R. Koselleck: Einleitung,
schen Nicht-Adel und Adel (2001) 390. – 5 D. Flach: Die sog. ebd. 10–13. – 55 Koselleck [54] 19; R. Wagner-Pacifici, B.
Laudatio Turiae (1991); H. Niquet: Monumenta virtutum titu- Schwartz: Die Vietnam-Gedenkstätte, in: Koselleck, Jeis-
lique (2000) 194–196. – 6 z.B. Supplementum Epigraphicum mann [52] 393–424, bes. 413–415. – 56 Jeismann, Westhei-
Graecum VIII (Leiden 1937) 530; vgl. E.A. Judge: The Rhe- der [52] 49f. – 57 vgl. S. Koldehoff: Es ist «ein Vermeidungs-
toric of Inscriptions, in: S.E. Porter (Hg.): Handbook of Clas- denkmal» – Bundeswehr-Ehrenmal in Berlin eingeweiht. Mi-
sical Rhetoric in the Hellenistic Period (Leiden u. a. 1997) 808f. chael Jeismann im Gespräch mit Stefan Koldehoff, in:
– 7 z.B. Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 896. – 8 P. Witz- Deutschlandfunk Kultur (08.09.2009); R. Koselleck: Krieger-
mann: Kommunikative Leistungen von Weih-, Ehren- und denkmäler als Identitätsstiftungen der Überlebenden, in: O.
Grabi., in: M. Braun u. a. (Hg.): Moribus antiquis res stat Ro- Marquart, H. Stierle (Hg.): Identität (1979) 257. – 58 Kosel-
mana (2000) 57–61. – 9 C. Steinat: Graffiti. Auf Spurensuche im leck [54] 19f. – 59 M. Haardt: Zwischen Schandmal und natio-
urbanen Zeichendschungel (2007). – 10 W. Eck: Administrative naler Sinnstiftung (2001). – 60 S. Berg, C. Emke: Sinno aus der
Dokumente, in: ders.: Die Verwaltung des Röm. Reiches in der Tiefe, in: Der Spiegel (18/2005) 174–176; ähnlich: J. Ahr: Me-
Hohen Kaiserzeit, Bd. 2 (1997) 359–381, 361–364. – 11 J. Wi- mory and Mourning in Berlin (2005), in: Modern Judaism 28
dera: Möglichkeiten und Grenzen volkskundlicher Interpreta- (2008) 283. – 61 C. Hawley, N. Tenberg: «Es ist kein heiliger
tion von Hausi. (1990) 69–72. – 12 vgl. Judge [6] 808. – 13 Eck [3] Ort». Interview mit Mahnmal-Architekt P. Eisenmann, in:
76–81. – 14 D.O. Edzard, J. Renger: Art. ‹Königsi.›, in: Reallex. Spiegel Online (04.05.2005).
der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie, Bd. 6 Th. Blank
(Berlin/New York 1980–1983) 59–77; R. da Riva: The Neo-
Babylonian Royal Inscriptions (2008). – 15 H.-D. Viel (Hg.): ^ Appell ^ Architektur ^ Brevitas ^ Chronogramm ^
The Complete Code of Hammurabi (2005). – 16 da Riva [14] 26, Denkmalsrhetorik ^ Dialekt ^ Epideiktische Beredsamkeit ^
36f. – 17 E. von Schuler: Art. ‹Lit. bei den Hethitern›, in: Re- Epigramm ^ Epitaph ^ Graffiti ^ Lapidarstil ^ Lobrede ^
allex. [14] Bd. 7 (1987–1990) 68–73; B. Oded: War, Peace and Massenkommunikation ^ Memoria ^ Öffentlichkeit ^ Pro-
Empire (1992) 188–190; da Riva [14] 24, 28–31, 114f. – paganda ^ Repräsentation ^ Sermocinatio ^ Spruchdichtung
18 Edzard, Renger [14] 63; da Riva [14] 92–98. – 19 Oded [17] ^ Vergessen
181–184, 189; da Riva [14] 46–59, 98–107. – 20 E. Brunner-
Traut: Altägyptische Lit., in: Neues Hb. der Literaturwiss.,
Bd. 1 (1978) 74–76. – 21 vgl. K.-J. Hölkeskamp: Arbitrators,
Lawgivers, and the Codification of Law in Archaic Greece, in:
Mètis 7 (1992) 49–81; ders.: Schiedsrichter, Gesetzgeber und Interkulturelle Kommunikation
Gesetzgebung im archaischen Griechenland (1999) 262–285. –
A. I. Def. – II. Rhetorik und I.: 1. Rhetorische Situation. – 2.
22 Hölkeskamp [21] (1992) 73–77; ders. [21] (1999) 278–280. –
Redner. – 3. Topik. – 4. Metaphern und andere Tropen. – B.
23 N. Loraux: The Invention of Athens (New York 2006) 226f. –
Geschichte: I. Fachgeschichte. – II. Entdeckungsreisen und Kul-
24 Inscriptiones Graecae I2 945. – 25 Loraux [23] 161–165, 358f.
turkontakt.
Anm. 69. – 26 IG III, 704–706; L.G. Berling: Das Iason-Mo-
nument von Kyaneai, in: Lykische Stud. 1 (1993) 25–37. –
27 Ch. Kokkinia: Die Opramoas-I. von Rhodiapolis (2000);
A. I. Def. I. kann als Gegenstand einer sehr jungen
Eck [10] 371f. – 28 G. Pohl: Monument und Epigramm, in: ders.: Fachdisziplin mit explizitem Ziel der erfolgsorientierten
Elemente der griech. Epigraphik (1968) 1–57; H. Korte: Vom Anwendung in professionellen, oft an Management und
Warnspruch zur elegischen I., in: German Life & Letters 60 geschäftlichen Beziehungen orientierten Kontexten
(2007) 383–400. – 29 Witzmann [8] 68–77. – 30 M.J. Payne: oder in einem weiten Sinne als anthropologische Kon-
ARETAS ENEKEN (Ann Arbour 1984); H. Niquet: I. als Me- stante im Rahmen des Kulturkontakts verstanden wer-
dium von Propaganda, in: G. Weber, M. Zimmermann (Hg.): den. [1] Dazwischen liegen Ansätze, die Interkulturalität
Propaganda – Selbstdarstellung – Repräsentation (2003) 152f. – als Aspekt in andere wissenschaftliche Felder (z.B. Ge-
31 G. Alföldy: Augustus und die I., in: Gymnasium 98 (1991)
291f., 314f.; ders.: Pietas immobilis erga principem, in: ders., S.
schichte, Betriebswirtschaftslehre, Pädagogik [2]) ein-
Panciera (Hg.): Inschriftliche Denkmäler als Medien der zufügen suchen. Eine einzelne, klare Definition ist somit
Selbstdars. in der röm. Welt (2001) 17–33. – 32 Alföldy [31] ausgeschlossen, lediglich die Diskussion von Arbeits-
(2001) 14. – 33 Judge [6] 824–827; I. Lauer: Ritual and Power in und Interessenfeldern sowie historischer Entwicklungen
Imperial Roman Rhetoric, in: Quarterly J. of Speech 90 (2004) kann die Bezeichnung ‹I.› definitorisch erhellen.

387 388
Interkulturelle Kommunikation Interkulturelle Kommunikation

Die im Fach I. existierende Tendenz zur engen Ver- ‹Volk›) zurückgeführt. Dieses Verfahren erlaubt, klare
wendungsweise des Begriffs stellt aus der Sicht der Rhe- Einheiten zu postulieren und komparative, typologisie-
torik ein verkürztes Verständnis des Themas dar. Daher rende Systematiken zu erstellen, läßt aber zugleich die
ist es notwendig, über die Betrachtung neuerer syste- theoretischen Bemühungen im Fach I. oft um die vorab
matischer Ansätze hinaus das Grundproblem kulturel- definierten Anwendungsziele kreisen und erschwert da-
ler Differenzen und Grenzen für kommunikatives Han- durch die Grundlagenforschung. Manche Autoren [10]
deln (auch aus der Sicht anderer Disziplinen) einzube- versuchen diese Schwierigkeit zu umgehen, indem sie
ziehen und in einem methodologischen Schritt über die interkulturelle Aspekte von kleineren und homogene-
«etische» (d. h. von außen schauende) Analyse solcher ren ‹Diskurssystemen› statt von ‹Kulturen› untersuchen
Fälle hinaus die «emischen», sprich durch die Akteure und anerkennen, daß sich jeder Mensch in mehre-
selbst formulierten Reflexionen ihres Handelns zu ren solcher Diskurssysteme (oder soziolinguistisch
betrachten. Auch die Rhetorik kann daher in einem «speech communities» [11]) kompetent bewegt und de-
solchen Zusammenhang nicht auf die Systematik der ren Register, Sprachstile, Genres, Soziolekte o. ä. be-
griechisch-römischen Schultradition verengt werden, herrscht. [12] Dies wird allerdings in gängigen Studien
sondern muß als universal-menschliche und damit prin- zur I. selten praktiziert, und selbst solche Ansätze gehen
zipiell für empirisch begründete Neuerungen offene, re- nur wenig auf wichtige Aspekte konkreter Interaktio-
flektierte Praxis verstanden werden. Die Überlegungen nen ein, wie etwa auf die Situationalität von Identität
der I. im Bereich der Fremdsprachendidaktik, des Ma- und Zugehörigkeit. Nach Blommaert ist es «bemerkens-
nagement-Trainings und der Medienanalyse werden wert», wie sehr die Disziplin I. noch Homogenitätsmo-
also als Sonderfälle der I. und nicht als deren empiri- dellen von Kultur anhängt, die in anderen Bereichen der
sches Kerngebiet betrachtet. Besonders die Ethnologie, Sozial- und Kulturwissenschaft schon länger als proble-
die – obgleich dies bisweilen ignoriert wird [3] – maß- matisch identifiziert worden sind. [13] Mehrere Autoren
gebliche Impulse zur Entwicklung des Fachs I. geliefert haben daher die Termini ‹Transkulturalität› bzw. ‹Trans-
hat, bietet entsprechend einen breiteren Zugang zur kulturelle Kommunikation› als mögliche Alternative
Problematik, der die philosophisch bedeutsamen Fra- zur ‹I.› vorgeschlagen [14], so daß das Konzept von Ein-
gen des Kulturrelativismus und der Inkommensurabili- zelkulturen und a priori gegebenen Unterschieden zwi-
tät von Weltauffassungen mitbehandeln kann. schen diesen (was auch der Begriff der ‹Multikulturali-
Die historische Entwicklung von Kommunikation tät› suggeriert) durch die Vorstellung von Hybridität
über wie auch immer subjektiv wahrgenommene kultu- und Verflechtung der Merkmale abgelöst wird. Diese
relle Grenzen hinweg kann hier nur exemplarisch dar- Autoren kritisieren die ideologischen Aspekte des ‹her-
gestellt werden, vor allem wenn der Anspruch auf- derianischen› Modells, das dem verbreiteten «Verlan-
rechterhalten werden soll, über die jeweilige(n), auch gen nach spezifischer Identität» [15] und der «Politik der
national unterschiedlich geprägte(n) Fachgeschichte(n) Anerkennung» [16] leichter entgegenkommt als die von
hinaus die anthropologische Fragestellung ernst zu ihnen vertretenen, komplexeren Modelle. Eine breitere
nehmen. Aufnahme der transkulturellen Perspektive und damit
Grundsätzlich ist weiterhin noch auf ein konzeptio- die Ablösung der I. zeichnet sich jedoch noch nicht ab,
nelles Problem hinzuweisen, das den im Bereich der I. auch wenn die gegenwärtige Konjunktur des ‹Kosmo-
verwendeten Kulturmodellen innewohnt. Das Präfix politismus›-Begriffs dafür spricht, daß die Transkultur-
«inter-» postuliert eine Diskontinuität, hier zwischen alität auf Resonanz stoßen könnte. Das Weltbürgertum
«Kulturen», und suggeriert damit die Existenz von klar beruht auf der Idee einer Überwindung des letztlich
umrissenen, kohärenten und konsistenten kulturellen chauvinistischen Verharrens in der eigenen «Kul-
Einheiten, deren Zwischenräume es zu überbrücken tur» [17] und stellt somit ebenfalls ein Gegenmodell zum
gilt. Erster Kritikpunkt ist, daß eine derartige Betonung in der I. verankerten Verständnis der Gebundenheit des
von kulturellen Differenzen in der Regel mit einer Re- Individuums an seine Kultur dar.
lativierung von Geschlecht, Klasse, und anderen mögli- Ein weiteres Problem der Grundkonzeption der I. ist
chen sozialen Klassifikationen einhergeht. [4] Sie kann die Vernachlässigung der Aspekte von Kommunikation,
somit zur Leugnung der Wichtigkeit dieser Klassifika- die nicht kulturalistisch reduziert werden können. Hier
tion politisch eingesetzt werden. Blommaert zufolge le- sind als Beispiele zunächst E. Goffmans ‹Interaction
ben wir allerdings heute in einer Welt, in der die «Dif- Order› und H. Sacks’ ‹Turn-Taking Machinery› sowie
ferenz» die «Ungleichheit» als Strukturierungsmerkmal später S.J. Levinsons ‹Interaction Engine› zu nennen,
abgelöst hat, in der horizontale Unterschiede also ver- die auf unterschiedliche Arten die raumzeitliche (statt
tikale überlagern. [5] Die gegenwärtige wissenschaftli- wie in Halls ‹Proxemik› bloß die räumliche) Gebun-
che wie mediale Präsenz von I. ist damit ein Teil dieses denheit von interpersoneller Kommunikation proble-
neuen, auch als «kulturelle Wende» [6] bezeichneten matisieren und universal-menschliche Muster identifi-
Trends. Zweitens werden durch Vorstellungen von ‹In- zieren. [18] Das hier angesprochene Phänomen von kon-
terkulturalität› Grenzen zwischen Menschen gezogen versationalen Zugzwängen, die zwar anthropologisch
und grundsätzliche Verständigungsschwierigkeiten an- konstante Universalien darstellen, aber auch kulturell
genommen, die teilweise erst durch eine solche Model- geprägt sind, scheint von der gängigen I.-Doktrin nicht
lierung Realität erlangen. [7] Bereits der Begriff ‹I.› ent- bedacht zu werden. Obwohl diese Theorie auch auf der
spricht damit einem in der Tendenz veralteten, oft als Mikro-Ebene arbeitet, stellen für die I. weder Situatio-
«herderianisch» bezeichneten Kulturmodell [8], in dem nalität und Individualität noch universelle Modalitäten
jedes Individuum einer «Kultur» angehört, eine «Spra- zentrale Fragestellungen dar, da sie eher auf generelle,
che» spricht, und so gewissermaßen als Repräsentant typische und über gegebene «Kulturen» verallgemeiner-
der Kultur selber betrachtet wird. [9] In vielen Texten bare Ergebnisse abzielt.
zur I. werden Aspekte des Handelns kausal auf die (sel- II. Rhetorik und I. Aus Sicht der Rhetorik fehlt der I.
ten problematisierte) Zugehörigkeit zu einer als singu- trotz ihrer starken Betonung von Kommunikation ein
lär aufgefaßten Kultur (und damit letztlich einem Verständnis von der Kreativität und der Handlungsfä-

389 390
Interkulturelle Kommunikation Interkulturelle Kommunikation

higkeit des Redners. Dieser wird stattdessen als von sei- ist die altgriechische Bezeichnung ‹Barbar›. Während in
ner ‹Kultur› geprägt oder gar determiniert angesehen. der Onomatopöie dieses Worts der Fremde als Frosch-
Es sind lediglich die Rezipienten der Lehren der I. (ty- laute («bar-bar») ausstoßendes Wesen erscheint, von
pischerweise europäische, amerikanische oder japani- dem man sich (nicht unbedingt negativ) abgrenzt [25],
sche Geschäftsleute), die aufgrund dieser Annahmen kann die kunstvolle Verwendung des Fremdwortes
durch eine Sensibilisierung für die vorgeblich unwan- (‹barbarismos›) durchaus unterhaltsame und abwechs-
delbaren – da unbewußten – Gepflogenheiten des An- lungsreiche Wirkung entfalten (vgl. Quint. I,5,1–6). In-
deren zu besseren Manipulatoren werden sollen. terkulturelles Wissen war ferner konstitutiv und inspi-
Außerdem erscheint die I. auch historisch als paral- rierend für die Benennung der klassischen Stilebenen:
lele, aber in entscheidenden Punkten zugleich diver- Sie wurden topographisch bezeichnet als nüchterner
gierende Strömung zur Rhetorik. Die Sophisten, deren ‹attischer›, gemäßigter ‹rhodischer› und schwülstiger
Aktivitäten maßgeblich zur Entwicklung der klassi- ‹asianischer› Stil. [26] Die ‹afrikanische› Stilform (afri-
schen Rhetorik beitrugen, zeichneten sich durch ihre citas) soll nach Vives und später Sittl u. a. die ‹asianische›
Reisetätigkeit aus, die sie «in Kontakt mit ganz sogar an übermäßigem Schmuck noch übertreffen. [27]
divergierenden Moralvorstellungen und Rechtssyste- Bereits in dieser Anleihe an der klassischen Rhetorik
men» [19] brachte. Zur selben Zeit kam, wie Ueding eröffnet sich also die Frage nach dem Zweck der I. heute
mit Verweis auf Nestle betont, begünstigt «durch Han- und ihrer politischen, ethischen, aber auch wissenschaft-
del und Verkehr mit dem Orient und fremden Völkern lichen Bedeutung.
und den damit verbundenen wirtschaftlichen Verände- Im Anschluß an diese generellen Aspekte sollen noch
rungen, schließlich durch die Erfahrung, daß die Sitten einige besonders wichtige Unterschiede zwischen I. und
und Bräuche in diesen fremden Ländern ganz anders Rhetorik angesprochen werden.
waren» [20], ein kultureller wie auch moralischer Rela- 1. Rhetorische Situation. Die I. richtet sich an Situatio-
tivismus in Griechenland auf. Somit lag einer der Ur- nen aus, in denen die Dialogpartner unterschiedlichen
sprünge der Rhetorik in der interkulturellen Begeg- ‹Kulturen› angehören, und stellt somit zumindest poten-
nung ihrer Protagonisten selber. Dieses Moment führte tiell eine maßgebliche Bereicherung für die Rhetorik
zur Relativierung der eigenen Position, einer Akzep- dar. Wie Beasly vermerkt, wurde die klassische Rheto-
tanz der Zufälligkeit eigener Praktiken und Werte und rik oft von Rednern vor einer Gruppe ihnen sehr ähn-
der Entwicklung einer Außenperspektive auf die eigene licher Bürger angewandt. [28] Auch wenn sie durch Kon-
Kultur. Das Resultat war gerade nicht wie in der I. eine takt mit Fremden inspiriert wurde, waren doch die Re-
Absolutsetzung und Dramatisierung der kulturellen dekontexte in der Regel monokulturell. Somit standen
Differenz zwischen dem Selbst und dem Anderen, denn die Redner vor keinen besonderen Schwierigkeiten in
als Rhetoriklehrer wie auch als Rhetoren erreichten es Bezug auf Sprache und Topik, denn es bestand nur in
die Sophisten, daß Griechenland sich seiner eigenen geringem Ausmaß die Gefahr, ein Mißverständnis zu er-
Kultur bewußt wurde. [21] zeugen. Ihr Bemühen war vielmehr auf die kairotische
Abgesehen von diesem (in Einzelfällen überwunde- Nutzung der Situation ausgerichtet, nämlich das rheto-
nen) Unterschied im Kulturmodell und Menschenbild rische Ziel der Konsensstiftung und den Versuch, dem
beider Disziplinen ist anzumerken, daß sowohl die Rhe- Bewußtsein der Beteiligten eine Orientierung zu ge-
torik wie auch die I. im Spannungsfeld zwischen empi- ben. [29] Dies ist die Grundlage der Rhetorik als Praxis
rischer, konzeptuell offener Wissenschaft (in der Rhe- und leitet deren Erkenntnisinteresse als Wissenschaft.
torik z.B. bei Aristoteles) und eher normativer und Die I. dagegen zielt in der Regel nicht auf Umstände ab,
normierender Praxis (z.B. bei Quintilian) stehen. Ci- in denen man von einer wirkungsorientierten Rede in
cero hatte in seinem Dialog ‹De oratore› als «Haupt- diesem Sinne sprechen könnte. Sie untersucht eher for-
gegner [...] die römischen Rhetorik-Trainer» im Blick, melhafte, typische Begegnungen, die in vielen Fällen sta-
«die die Beredsamkeit auf ein technisches Vermögen, tistisch erfaßbar sind und aus deren Generalisierung sich
eine Art Sozialtechnologie reduzieren, also reines Re- Erkenntnisse über die interkulturelle Varianz zwischen
dehandwerk betreiben» [22]. Er strebte stattdessen ein Erwartungen von Gesprächsteilnehmern ergeben.
an die Sophisten und vor allem Isokrates angelehntes 2. Redner. Anders als die klassische Rhetorik strebt
rhetorisches Bildungsideal des kulturell umfassend ge- die I. als Lehre keinen umfassend ausgebildeten Redner
bildeten «perfekten Redners» an. Damit griff er zurück an, der sich die Überzeugung anderer zum Ziel setzt,
auf eine griechische Tradition, die – wie Kennedy fest- sondern beschränkt sich auf die Ausbildung von kultu-
stellt – ebenso wie in Ägypten, China und Indien keine rell sensiblen Rednern, die Mißverständnisse erkennen
klare Unterscheidung zwischen dem Studium der Rhe- und vermeiden können. Sie liefert somit wichtige Bei-
torik, Ethik, Logik, Politik und anderen Fächern mach- träge für eine zeitgemäße Rhetorik vor allem bezogen
te. [23] Cicero ergänzt allerdings, daß er es den «Red- auf Adaptation und kulturelle Sensibilisierung und ba-
nern, [...] deren Zeit von den Geschäften des Staatsle- siert damit vor allem in ihren anwendungsorientierten
bens so sehr in Anspruch genommen wird», durchaus Bereichen stark auf einem hierarchischen und nicht aus-
gönnen würde, «einiges nicht zu wissen» [24]. Eine I., die balancierten Bild der Kommunikationssituation. Dies
lediglich darauf abzielt, typischen Mißverständnissen erinnert wiederum an die Kontakte der frühen For-
zwischen Fremden durch formelhafte Regeln vorzubeu- schungsreisenden mit den Einheimischen, bei denen
gen, steht der Rhetorik somit inhaltlich fern. Es ist zwar jene sich als die einzige reflexionsfähige Partei ansahen.
kein zentrales Thema der zeitgenössischen I., wohl aber Ähnlich zielt die I. darauf ab, die Verstricktheit des An-
in der klassischen Rhetorik, daß die Sprechweise des deren in seinen unwandelbaren Eigenheiten (nach dem
Anderen nicht bloß kontextualisiert und decodiert wer- Motto: «Er ist kulturell, wir sind interkulturell.») einsei-
den muß, sondern auch zu positiven Einflüssen auf das tig kompensieren zu können. Auch die Rhetorik geht
eigene Sprechen oder das eigene Meta-Verständnis von nicht von egalitären Verhältnissen aus und interessiert
Sprechweisen führen und damit zur Rekonzeptualisie- sich im Normalfall (mit Ausnahme der Gesprächsrhe-
rung der eigenen Identität beitragen kann. Ein Beispiel torik [30]) eher für den Redner als «Solisten oder Diri-

391 392
Interkulturelle Kommunikation Interkulturelle Kommunikation

genten» als für das «Konzert der kommunikativen Für dieses Programm ist mit Ellingsworth festzu-
Welt». [31] Allerdings wurde hier eine Vormachtstel- halten, daß alle Kommunikation einen gewissen Grad
lung des Redners nur selten dergestalt auf spezifische an kultureller Variabilität enthält und daß es daher ge-
historische Kontexte und soziale Hintergründe zurück- raten scheint, sowohl in der Analyse als auch in der
geführt. Ein Rednermodell, wie es in den Texten zur Theoriebildung der I. bei interpersonaler Kommunika-
praktischen I. erscheint, ist somit problematisch und tion zu beginnen, und kulturelle Faktoren je nach em-
entspricht weniger der Rolle der Akteure in der Kom- pirisch gegebenem Bedarf einzuführen. [37] Die I. un-
munikationstheorie, als eher dem Alltagsverständnis terscheidet sich qualitativ nicht von anderen Formen der
und der Selbstwahrnehmung der Rezipienten der I. Kommunikation. Gudykunst schlägt daher vor, keine
3. Topik. Auch die Topoi, die in Entwürfen kultureller Theorien der I. zu entwickeln, sondern sich auf Theorien
Eigenarten entstehen, sind nicht bloß «eine spezifische mittlerer Reichweite innerhalb der I. zu beschrän-
Art von Stereotypen» [32], wie sie beiden Parteien zur ken. [38] In einem solchen Rahmen wird auch die von
Verfügung stehen, um das Verhalten ihres Gegenübers Koester und Holmberg geforderte «Rückkehr zur Rhe-
zu erklären. Vielmehr sind sie konzeptuell vor allem ein torik» der I. möglich. [39]
Werkzeug nur einer der beiden Seiten, die damit das B. Geschichte. I. Fachgeschichte. Die disziplinare Ge-
kulturell partikulare Benehmen des Gegenübers kom- schichte der I. ist kurz: die erste Dissertation mit die-
pensieren kann. Entwürfe zum interkulturellen Lernen ser spezifischen Ausrichtung wurde 1973 abgeschlos-
zielen dagegen darauf ab, den Weg von ethnozentri- sen. [40] Die ersten Bücher mit der Bezeichnung «Inter-
schen Vorstellungen über «Verstehen» und «Wertschät- cultural Communication» im Titel stammen ebenfalls
zung» bis hin zur möglichen «gezielten Annahme [...] aus den frühen 1970er Jahren. [41] In dieselbe Zeit
fremdkultureller Werte, Standards und Symbolsyste- (1967–1972) fällt die vergleichende Studie des Nieder-
me» [33] zu eröffnen. Von dieser Art sind mehr Arbeiten länders G. Hofstede über IBM-Mitarbeiter weltweit,
nötig, welche die I. als ausgeglichenen Prozeß verstehen, aus der ein Standardwerk über unterschiedliche kultu-
der nicht nur auf kurze Vorbereitungskurse für Aus- relle Wertehierarchien hervorgeht. [42] Die Hauptwer-
landsaufenthalte reduziert werden kann, sondern als ke E.T. Halls, der oft als Begründer der I. betrachtet
eine Begegnung gleichermaßen reflexionsfähiger Part- wird, erscheinen in den Jahren 1959 und 1966. [43] In
ner, die nicht vorab durch ihre ‹Kultur› kommunikativ H.J. Lüsebrinks aktueller Einführung wird die Entste-
getrennt sind. hung des Fachs vage auf die 1960er Jahre in den Ver-
4. Metaphern und andere Tropen. Soweit sie dieses einigten Staaten und Kanada verortet, und in Europa
Feld beachten, gehen Vertreter der I. von einer Kultur- folgt eine ähnliche Institutionalisierung sogar erst in den
gebundenheit der Metaphern und anderer Tropen aus. 1980er Jahren. Von Beginn an sind die I.-Institutionen
«In einer gleichkulturellen Situation agiert die Meta- und -Zeitschriften stark regionalen Prägungen unter-
pher als praktischer Filterprozeß und Abkürzung zur worfen, und oft werden aktuelle gesellschaftliche Ent-
Erzeugung von Bedeutung. In einer interkulturellen Si- scheidungen als Anregungen für das Fach aufgegriffen.
tuation weist die Metapher die Teilnehmer auf unter- Lüsebrink verweist konkret auf die «aus der Immigra-
schiedliche Konzeptionen hin.» [34] Als Beispiel hierfür tion und der Herausbildung einer multikulturalen Ge-
zieht Fox die Metapher der «Geschichte als Wasserbek- sellschaft entstehenden Probleme» als Auslöser dieser
ken» heran, wohinein der Angehörige eines Naturvolks akademischen Innovation. [44] Daher überrascht es
vielleicht eintauchen will, um Geschichte zu verstehen, nicht, daß die I. kein auch nur annähernd geschlossenes
während ein Europäer etwas Wasser abschöpft, es Feld mit einer klar nachvollziehbaren Geschichte dar-
analysiert, und wieder zurückgießt. Auch zahlreiche stellt. Eine Affinität zur Rhetorik ist zwar allgemein zu
Ethnologen haben sich mit interkultureller Metaphorik erkennen, sie wird jedoch in nur wenigen Fällen explizit
befaßt und versucht, zentrale Metaphern aus den von ih- aufgegriffen. [45]
nen erforschten Lebenswelten zu entschlüsseln, um be- Als wichtigster Vordenker der I., der auch den Be-
sonders tiefe Einblicke in sonst verborgene, da implizite griff selber popularisiert hat, gilt der US-Anthropologe
Vorstellungen zu erhalten. [35] Es ist evident, daß für die E.T. Hall (1914–2009), der nach Feldforschungen bei
interkulturelle Untersuchung elaborierter Reden ein den Navajo, Hopi und in anderen Weltregionen ab den
Verständnis der eingesetzten Tropologie nötig ist. Dies 1950er Jahren für das amerikanische Außenministerium
ist jedoch bis jetzt kein zentraler Teil des Programms der am sog. Foreign Service Institute (FSI) Diplomaten für
I., die nur selten an der spezifischen Analyse einzelner, den Auslandseinsatz ausbildete. [46] Bereits nach dem
kunstvoller Reden ansetzt. Die Untersuchungen von Zweiten Weltkrieg kam Hall in direkten Kontakt mit
Lakoff und Johnson zu kulturübergreifenden, ‹konzep- amerikanischen Ethnologen, die ihn und seine Arbeit
tuellen› Metaphern wie z.B. «oben ist gut», «Argumen- nachhaltig beeinflußten, unter ihnen R. Benedict, nach
tieren ist Krieg» und «Wissen ist ein Container» bieten Prosser die «Großmutter» der I. [47] Als frühe Grund-
hier ein geeignetes Feld. Die von ihnen aus der engli- lage der I. wird daher auch die Arbeit US-amerikani-
schen Sprache heraus ermittelten «Sprachbilder» eignen scher Ethnologen um und im Anschluß an F. Boas
sich direkt zum interkulturellen Vergleich und zur em- (1858–1942) genannt. [48] Den Forschungsansatz von
pirischen Untersuchung der interkulturellen Begeg- Boas, dessen Schülerin Benedict war, bezeichnet man
nung. [36] als «historischen Partikularismus», denn er betont die
Auch andere Grundlagen der Rhetorik werden in der Eigenständigkeit und Einzigartigkeit der historischen
I. nicht direkt als Vorarbeiten aufgegriffen. Es wäre da- Entwicklung von Kulturen. Die Bedeutung dieses An-
her interessant, zentrale Themen der Rhetorik wie die satzes für die gegenwärtige I. ist evident, doch muß be-
fünf Arbeitsschritte des Redners, die Tropen- und Fi- dacht werden, daß sich Boas mit seinem Kulturrelativis-
gurenlehre, die persuasive Funktion von Pathos, Ethos mus gegen den zu seiner Zeit verbreiteten Evolutionis-
und Logos oder die Theorie der Redegattungen und mus positionierte, aus dessen Entwicklungsmodell sich
Redeteile systematisch unter Gesichtspunkten der I. rassistische Annahmen rechtfertigen ließen. Für Hall
neu zu bedenken. ergab sich aus der Theorie von Boas und seinen Schü-

393 394
Interkulturelle Kommunikation Interkulturelle Kommunikation

lern der Leitsatz, daß Kommunikation der Kern von teilen kommen können, sind andere Reisende entweder
Kultur sei. [49] Boas-Schüler wie M. Mead hatten be- auf zeitverzögerte Übersetzung angewiesen oder müs-
reits vor Hall ihre Dienste der US-amerikanischen Ar- sen die Herausforderung der I. ohne gemeinsame Spra-
mee angeboten und arbeiteten daran, die Psychologie che meistern. Gestik und Mimik kommt dann eine große
des Feindes [50] oder Freundes [51] verständlich zu ma- Bedeutung für die Begegnung zu, auch wenn komple-
chen, aber sie widmeten sich auch der psychologischen xere Kommunikation so nicht möglich ist. [60] G. For-
Kriegsführung. [52] Die Arbeit von B.L. Whorf, Boas- ster hat auf seiner Reise mit Kapitän Cook jedoch sehr
Schüler und Vertreter des «linguistischen Relativis- genaue Beobachtungen von ihm völlig unverständlichen
mus» [53], hatte nach Hall ebenfalls nachhaltigen Ein- Reden (inklusive gestischer Elemente) mitgeteilt und
fluß auf die Entwicklung der I. Während nach Whorfs dabei der spezifischen Ausdrucksweise der Insulaner
Theorie unsere (Mutter-)Sprache unser Denken und hohen Wert beigemessen. [61]
Wahrnehmen prägt, so ist es nach Hall unsere ‹Kultur›. Viele interkulturelle Kontakte scheinen allein über
Auch die Freudsche Psychoanalyse sowie die biologi- kommunikative Gesten und Onomatopoetika ausge-
sche Verhaltensforschung haben Hall beeinflußt. [54] handelt worden zu sein. Auch wenn die Quellen oft nicht
Dieser Entstehungskontext hat die I. bis heute dahin- auf die Details der verwendeten Formen eingehen, so
gehend geprägt, daß zahlreiche Vertreter der I. die Be- gilt es doch für Besucher wie für Besuchte gewisse Re-
deutung des Fachs vor allem in aktuellen Entwicklun- gularien zu beachten, da die Seeleute stets Wasser, Es-
gen verankert sehen (zur Zeit besonders in Problemen sen, Feuerholz etc. benötigen, geographische Informa-
der Globalisierung). So faßt ein aktuelles Lehrbuch tionen verlangen und technologische Überlegenheit
die «Problembereiche und Herausforderungen» der I. demonstrieren wollen. Einheimische ihrerseits signali-
u. a. unter folgende Schlagworte: «Problemfelder Im- sieren Interesse an Gütern, laden sie ein oder weisen
migration und Multikulturalität», «Die neue Geopoli- sie ab. Hewes merkt hier an, daß die Forscher sich
tik», «Postkoloniale Interkulturalität», «Interkulturelle von «oberflächlichen Unterschieden in Bräuchen und
Kompetenz und Interkulturelles Lernen», sowie «Inter- Sprechweisen» gerne dazu verleiten lassen, tiefgreifen-
kulturelle Wirtschaftskommunikation» [55]. Ziel ist ein de Diskontinuitäten anzunehmen, wogegen Menschen
kulturell sensibilisiertes Kommunikationsverhalten. auf der ganzen Welt anscheinend selbstverständlich an-
II. Entdeckungsreisen und Kulturkontakt. Die I. ist nehmen, daß eine grundlegende Kommunikation mit-
praktisch ein universal-menschliches Phänomen. Text- einander problemlos herzustellen sei. [62] Hier zeigt
liche Zeugnisse der und Reflexionen über die I. finden sich, daß die Redekunst schon an sich, d. h. auch ohne
sich bereits in den frühesten Schriften der Menschheit. Inhaltsverständnis, in der interkulturellen Begegnung
Vermehrt treten sie in der Zeit der Forschungs- und erkannt und als sinnhaft ernstgenommen wird. Fabian
Entdeckungsreisen seit dem 15. Jh. auf, die hier exem- verweist auf die komplexe Rolle des Dolmetschers auf
plarisch behandelt wird. Expeditionsreisen in Afrika, der eine notwendige, aber
In den Berichten von Forschern und Entdeckern wie oft nicht honorierte Leistung bot. Nur wenige Reisende
auch von Missionaren sind Verweise auf die Eloquenz hatten die Zeit oder die Bereitschaft, eine oder gar meh-
der ‹Eingeborenen› oder deren Mangel häufig. [56] Die rere der lokalen Sprachen zu erlernen. Andererseits
Präsenz dieses Topos verweist auf die Bedeutung der trauten sie ihren Dolmetschern nicht zu, ihre Aufgabe
Rhetorik für die interkulturelle Begegnung, da die Ein- gründlich und gewissenhaft zu erledigen. Die Einsicht
schätzung des Anderen oft stark auf dessen Redefähig- aber, daß vor allem im interkulturellen Kontakt «Spra-
keit beruhte. Während die bekannten evolutionären che und Kommunikation nicht rein instrumentell funk-
Modelle die Rhetorik nicht als Merkmal für kulturelle tionieren» [63], erschloß sich nur wenigen Forschern, die
‹Entwicklung› berücksichtigen, scheinen Forscher, Pio- dann sogar Versuche unternahmen, selbst in der frem-
niere, Händler und Missionare – selbst bisweilen rheto- den Kultur heimisch zu werden.
risch erzogen – aufgrund ihrer unmittelbarer Erfahrung Andere Reisende beurteilen die Redekompetenz der
mit der Redesituation, durchweg diesen Maßstab ange- ‹Eingeborenen› in ihren Berichten eher negativ und ver-
legt zu haben. Kennedy berichtet ausführlich von der wenden dies als Rechtfertigung für deren umfassende
Erkundung Nordamerikas und zitiert Quellen, nach de- Abwertung. Der Österreicher L. von Höhnel lobt die
nen die oft nicht direkt verstandenen Reden großartig von ihm und dem Expeditionsleiter Graf Teleki ange-
gewesen seien, als ob die indianischen Redner bei den troffenen Redner der Region um den ostafrikanischen
Athenern in die Lehre gegangen seien oder schon mit Turkana-See, deren Worte er zunächst nicht verstehen
den großen Politikern Roms debattiert hätten. [57] Be- kann. [64] In höfischer Zurückhaltung geben v. Höhnel
sonders bekannt wurde das Werk des Jesuiten J.F. La- und Teleki ihren Gegenübern stets Zeit, sie auf eine lo-
fitau, der nach fünfjährigem Missionsaufenthalt im frü- kal angemessene Weise zu begrüßen, und sie richten sich
hen 18. Jh. den Irokesen Nordamerikas einen «kompe- abwartend und beobachtend nach ihren Gastgebern.
tenten und rationalen Umgang mit der Rhetorik» [58] Der bald danach dieselbe Region bereisende Amerika-
bescheinigte. Der Fall der Irokesen ist illustrativ, da sich ner A. Donaldson Smith hingegen nimmt sich durch-
hier fremdkulturelle Beobachter uneins waren und die weg wenig Zeit für Höflichkeiten und ist auch in deutlich
Beobachtungen mehr über die Beobachter als die Beob- mehr gewalttätige Konflikte verwickelt. Zu den rheto-
achteten aussagten. Meyer verweist auf das abweichen- rischen Fähigkeiten der Einheimischen vermerkt er
de Urteil des frühen Rechtsethnologen L.H. Morgan, kurz: «Die Wilden verfügen über kein besonderes
der die indianische Eloquenz zwar auch anerkannte, sie Sprachvermögen, sondern drücken ihre Emotionen
allerdings vor dem Hintergrund des Evolutionismus durch Pantomime aus, und begleiten jede Geste mit lau-
im 19. Jh. nicht als ‹rational› gebildet, sondern als eine ten Schreien.» [65] Diese beiden unterschiedlichen Hal-
Art vorzivilisatorischen, ‹leidenschaftlichen› Impuls be- tungen markieren einen unterschiedlichen Zugang zu I.
schrieb. [59] und der eigenen, persönlichen Rolle dabei: während die
Während diese Beobachter die Sprache ihres Gegen- beiden Aristokraten die Begegnung offen annehmen,
übers beherrschen und so zu einigermaßen exakten Ur- verharrt Donaldson Smith im Anspruch alleiniger Deu-

395 396
Interkulturelle Kommunikation Interkulturelle Kommunikation

tungshoheit sowohl gegenüber der Situation als auch der New Questions of Old Texts. Presidential Rhetoric and the De-
Kompetenz seiner Gesprächspartner. Die Geschichte mands of Multiculturalism, in: González, Tanno [1] 49. – 29 J.
der I. ist, wie dieses Beispiel zeigt, eher von Hochmut Knape: Was ist Rhet.? (2000) 16. – 30 W. Kallmeyer (Hg.): Ge-
sprächsrhet. Rhet. Verfahren im Gesprächsprozeß (1996). –
und Gewalt als von einer «Rhetorik der Vernunft und 31 Knape [29] 34. – 32 Lüsebrink [2] 91. – 33 ebd. 68. – 34 C. Fox:
des Verstehens» geprägt. [66] The Authenticity of Intercultural Communication, in: Intern. J.
of Intercultural Relations 21, 1 (1997) 96. – 35 vgl. u. a. V. Tur-
ner: Dramas, Fields, and Metaphors. Symbolic Action in
Anmerkungen: Human Society (Ithaca/London 1974); J. Fernandez (Hg.): Be-
1 vgl. M.M. Garrett: Some Elementary Methodological Reflec- yond Metaphor. The Theory of Tropes in Anthropology (Stan-
tions on the Study oft the Chinese Rhetorical Tradition, in: A. ford 1991); J.D. Sapir, J.C. Crocker (Hg.): The Social Use of
González, D.V. Tanno (Hg.): Rhetoric in Intercultural Con- Metaphor. Essays on the Anthropology of Rhetoric (Philadel-
texts (Thousand Oaks u. a. 2000) 53–63. – 2 vgl. H.-J. Lüsebrink: phia 1977); I. Strecker: Tenor in Culture, in: Chr. Meyer, F.
I. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer (2008) 5. – Girke (Hg.): The Rhetorical Emergence of Culture. Studies in
3 vgl. W. Leeds-Hurwitz: Writing the Intellectual History of Rhetoric and Culture, Vol. 4 (Oxford 2011). – 36 vgl. G. Lakoff,
Intercultural Communication (Vortragsman. Montreal 2008) 1. M. Johnson: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch
– 4 vgl. bereits G. Bateson: Culture Contact and Schismo- von Sprachbildern (1980; ND 2008) 22–28, 12, 18–19. – 37 H.W.
genesis, in: Man 35 (1935) 178–183. – 5 J.M. Blommaert: Ellingsworth: Adaptive Intercultural Communication, in: W.B.
Different Approaches to Intercultural Communication. A Cri- Gudykunst (Hg.): Intercultural Communication Theory (Be-
tical Survey (1998). [URL: http://www.flw.ugent.be/ cie/CIE/ verly Hills 1983) 195–204. – 38 W. Gudykunst: Intercultural
blommaert1.htm, abgerufen am 12.08.2010]. – 6 D. Bachmann- Communication: Current Status and Proposed Directions, in:
Medick: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwiss. Global Economic Review 14,1 (1985) 129–130. – 39 J. Koester,
(2009). – 7 vgl. das Beispiel in A. Moosmüller: Kulturen in In- C. Holmberg: Returning to Rhetoric, in: W. Gudykunst (Hg.):
teraktion. Dt. und US-amerikanische Firmenentsandte in Ja- Intercultural Communication Theory. Current Perspectives
pan (1997) 207, zit. Lüsebrink [2] 176. – 8 vgl. J.G Herder: Ideen (Thousand Oaks u. a. 1983) 119–129. – 40 W.J. Starosta: On the
zur Philos. der Gesch. der Menschheit (1989); A. Wimmer: Eth- Intersection of Rhetoric and Intercultural Communication. A
nische Grenzziehungen in der Immigrationsges., in: Migration 25-Year Personal Retrospective, in: González, Tanno [1] 149. –
und Integration. Kölner Zs. für Soziol. und Sozialpsychol., Spe- 41 Zu nennen wären L.A. Samovar, R.E. Porter (Hg.): Inter-
cial Issue 48 (2008) 57–80; A.-M. Brandstetter et al.: Zur rhet. cultural Communication. A Reader (Boston 1972), sowie L.S.
Anal. von Kulturkontakt. Eine ethnologische Perspektive, in: Harms: Intercultural Communication (New York 1973). –
W. Bisang et al. (Hg.): Kultur, Sprache, Kontakt (2004); W. 42 G.H. Hofstede: Culture’s Consequences. International Dif-
Welsch: Transkulturalität. Zwischen Globalisierung und Parti- ferences in Work Related Values (Newbury Park 1980); vgl. B.
kularisierung, in: A. Wierlacher (Hg.): Jb. Dt. als Fremdspra- McSweeney: Hofstede’s Model of National Cultural Differen-
che (2000). – 9 vgl. R.E. Young: Intercultural Communication. ces and Their Consequences. A Triumph of Faith. A Failure of
Pragmatics, Genealogy, Deconstruction (Clevedon 1996) 37. – Analysis, in: Human Relations 55, 1 (2002) 89–119. – 43 ders.:
10 z.B. R. Scollon, S. Wong Scollon: Intercultural Communica- The Silent Language (New York 1959); E.T. Hall: The Hidden
tion: A Discourse Approach (Cambridge 1995). – 11 J.J. Gum- Dimension (New York 1966). – 44 Lüsebrink [2] 3–6. – 45 vgl.
perz: The Speech Community, Int. Encyclopedia of the Social González, Tanno [1]. – 46 E.M. Rogers et al.: Edward T. Hall
Sciences (New York 1968) 381–6; P.L. Patrick: The Speech and the History of Intercultural Communication. The United
Community, in: J.K. Chambers et al. (Hg.): Handbook of Lan- States and Japan, in: Keio Communication Review 24 (2002)
guage Variation and Change (Oxford 2004) 573–598. – 3–26. – 47 M. Prosser: Foundations of Intercultural Communi-
12 Scollon, Wong Scollon [10]; vgl. D. Hymes: Ethnography, cation (2009). – 48 K. Kitao: A Brief History of the Study of
Linguistics, Narrative Inequality: Toward an Understanding of Intercultural Communication in the United States, in: Human
Voice (London 1996) 67. – 13 J. Blommaert [5]; vgl. D.G. Moon: Communication Studies (J. of the Communication Association
Concepts of ‘Culture’: Implications for Intercultural Commu- of Japan) 14 (1987) 45–61; Leeds-Hurwitz [3] 1. – 49 Hall (1966)
nication Research, in: M.K. Asante et al. (Hg.): The Global In- 1. – 50 z.B. R. Benedict: The Chrysanthemum and the Sword.
tercultural Communication Reader (New York 2008) 14–18. – Patterns of Japanese Culture (Boston 1946). – 51 M. Mead: The
14 vgl. Welsch [8]; C. Thurlow: «I Don’t Have One – It’s Just American Troops and the British Community (London 1944). –
Normal.» Young Teenagers’ Ideas about ‘Culture’. Critical 52 D.H. Price: Gregory Bateson and the OSS. World War II
Transcultural Communication Awareness and the Exoticisati- and Bateson’s Assessment of Applied Anthropology, in:
on of Self, in: D. Killick, M. Parry (Hg.): Mapping the Territory. Human Organization 57, 4 (1998) 379–384. – 53 vgl. H. Gipper:
The Poetics and Praxis of Languages and Intercultural Com- Gibt es ein sprachliches Relativitätsprinzip? Unters. zur Sapir-
munication (Glasgow 2001). – 15 Welsch [8]. – 16 C. Taylor: Whorf-Hypothese (1972); B.L. Whorf: Language, Thought and
Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung (1993). – Reality. Selected Writings of B.L. Whorf. Edited by J.B. Car-
17 vgl. K.A. Appiah: Der Kosmopolit. Philos. des Weltbürger- roll (New York 1956). – 54 Rogers et al. [46] 6–7. – 55 Lüse-
tums (2007) 13,20; U. Beck, E. Grande: Das kosmopolitische brink [2] 171–179. – 56 Chr. Meyer: Art. ‹Rhet., außereuropäi-
Europa. Ges. und Politik in der Zweiten Moderne (2007). – sche: Orale Kulturen›, in: HWRh, Bd. 8. (2007) Sp. 16–67. –
18 E. Goffman: The Interaction Order. American Sociological 57 Kennedy [23] 84. – 58 Chr. Meyer: «Mahnen, Prahlen, Dro-
Association, 1982 Presidential Address, in: American Sociolo- hen...» Rhet. und Politische Organisation amerikanischer In-
gical Review 48, 1 (1983) 1–17; Chr. Meyer: Self, Sequence and dianer (2005) 49; vgl. J.F. Lafitau: Die Sitten der amerikani-
the Senses. Universal and Culture-Specific Aspects of Conver- schen Wilden im Vergleich zu den Sitten der Frühzeit (1752). –
sational Organization in a Wolof Social Space (Unveröff. Ha- 59 L.H. Morgan: League of the Ho-De‘-No-Sau-Nee or Iro-
bilitationsschr. Univ. Bielefeld 2010). – 19 G. Ueding: Klassi- quois (New York 1851; ND 1901); Meyer [58] 49. – 60 G. He-
sche Rhet. (1996) 19f. – 20 Ueding/Steinbrink 15. – 21 J. Poula- wes: Gesture Language in Culture Contact, in: Sign Language
kos: Toward a Sophist Definition of Rhetoric, in: PaR 16, 1 Studies 4 (1974) 1–34. – 61 vgl. Diskussionen von Strecker [48];
(1983) 35. – 22 Ueding [19] 42. – 23 G. Kennedy: Comparative F.-H. Robling: In Defense of the Orator. A Classicist Out-
Rhetoric. An Historical and Cross-Cultural Introd. (New York look on Rhetoric Culture, in: Meyer, Girke [35] 259–61. –
et al. 1998) 209. – 24 Cic. De or. I,6,21, übers. v. R. Küher 62 Hewes [60] 26–28. – 63 J. Fabian: Im Tropenfieber. Wiss. und
(21873). – 25 vgl. H.D.F. Kitto: The Greeks (New Jersey 2009) Wahn in der Erforschung Zentralafrikas (2001) 186. – 64 L. v.
7–8; F. Nietzsche: Sämtliche Werke. KSA 7 (1980) 515. – 26 vgl. Höhnel: Zum Rudolf-See und Stefanie-See (Wien 1891). –
Ueding/Steinbrink 35f. – 27 J.L.Vives: De tradendis disciplinis 65 A. Donaldson Smith: Through Unknown African Countries.
(1531), zit. in: S. Lancel: Y-a-t-il une ‘Africitas’?, in: Revue des The First Expedition from Somaliland to Lake Namu (New
études latines, Bd. 63 (1985) 161–182; K. Sittl: Die lokalen Ver- York 1897) 161f; vgl. F. Girke: Respect and Humiliation: Two
schiedenheiten der lat. Sprache: mit besonderer Berücksichti- ‘First-Contact’ Situations in Southern Ethiopia, in: I. Strecker,
gung des afrikanischen Lateins (1882). – 28 V.B. Beasly: Asking J. Lydall (Hg.): The Perils of Face. Cultural Contact, Respect,

397 398
Intermedialität Intermedialität

and Self-Esteem in Southern Ethiopia (2006) 109–49. – 66 L. nem neuen Medium entstehen oder in sich widersprüch-
Samovar et al.: Approaches to Intercultural Communication, liche Einheiten; in jedem Fall aber spielen die Schwel-
in: dies.: (Hg.): Intercultural Communication. A Reader (Bos- lenphänomene, die Zwischenräume, Passagen und Ver-
ton 2009) 1–5; A. Henn: Jesuit Rhetorics. Translation versus
Conversion in Early-Modern Goa, in: Meyer, Girke [35] 210–
netzungen eine entscheidende Rolle. Sie werfen nicht
224. nur Fragen nach dem Arrangement als solchem, son-
F. Girke, Chr. Meyer dern auch nach dem «Status des Ich, des medialen Sub-
jekts und damit des so genannten Rezipienten bzw.
^ Actio ^ Erziehung, rhetorische ^ Gestik ^ Kommunika- ‹Nutzers› der Medien» [3] auf. Denn es bleibt der Wahr-
tionstheorie ^ Kultur ^ Rhetorik, außereuropäische nehmung des Subjekts vorbehalten und seiner kulturel-
len und persönlichen Kompetenz, die intermediale
Konstellation aufzunehmen und für sich mit Sinn zu fül-
len.
Intermedialität (engl. intermedia, intermediality, inter- ‹I.› wird in einem weit gefaßten Sinn als Ober- oder
medial studies; frz. intermedia; ital. intermedia, inter- Sammelbegriff für zahlreiche, teilweise synonym, teil-
medium, intermediale) weise aber auch mit deutlichen Akzentverschiebungen
A. Def. Aspekte. – B. Bereiche und Disziplinen: I. Rhetorik. – gebrauchte Begriffe wie Crossmedialität, Transmedia-
II. Film-, Fernsehwissenschaft. – III. Literaturwissenschaft. – C. lität, Multimedialität, Plurimedialität, mixed media, in-
Historische Entwicklung. termedia, Medienwechsel, Medientransfer u. ä. verwen-
A. Der Begriff ‹I.› – aus lat. inter (zwischen) und lat. det. Die fachspezifisch und wissenschaftsgeschichtlich
medius (Mittler, dazwischen) – ist ein terminologischer divergierenden Verwendungen verweisen auf konkur-
Neologismus aus der zweiten Hälfte des 20. Jh. I. ver- rierende Theorieansätze. Sie können auch Bedeutungs-
weist auf spezifische Formen und Eigenschaften der Be- verengungen auf bestimmte Medienmodelle oder Ob-
ziehungen zwischen mindesten zwei unterschiedlichen jektbereiche implizieren wie beispielsweise I. als «wech-
Medien im Sinne ihrer Kombination, Fusion, Interak- selseitige Erhellung der Künste» [4], als Medienwechsel
tion, Transformation oder Überlagerung. Der Begriff zwischen Literatur und Film oder als Kombination von
kann in diesem ganz allgemeinen und weit gefaßten Medien in Theater, Oper oder Installationen.
Sinn mit I. Rajewsky definiert werden «als Hyperonym Voraussetzung für einen Begriff von ‹I.› ist eine nä-
für die Gesamtheit aller Mediengrenzen überschreiten- here Bestimmung von ‹Medium›. Gegenüber Auffas-
den Phänomene [...], also all der Phänomene, die, dem sungen, die dazu tendieren, Medien als externe Instru-
Präfix ‹inter› entsprechend, in irgendeiner Weise zwi- mente oder technische Apparate für die Aufzeichnung
schen Medien anzusiedeln sind.» [1] Er rückt die Wech- und Übertragung von Informationen ohne Auswirkun-
selbeziehung von Medien in den Blick und fokussiert gen auf deren Sinn und Gestalt zu betrachten, heben die
Phänomene im ‘Dazwischen’ zwischen den Medien und meisten Definitionen heute stärker darauf ab, den ma-
ihren unterschiedlichen materiellen und kommunikati- terialen und technischen Aspekt mit dem vermittelnden
ven semiotischen Systemen. ‹I.› hat sich im Kontext ei- und damit auch formenden Charakter von Medien zu
ner umfassenderen text- und medienwissenschaftlichen verknüpfen. Dies gilt zum einen für den Medienkon-
Debatte um die poststrukturalistische Begriffsbildung struktivismus der soziologisch ausgerichteten Kommu-
der ‹Intertextualität› durch J. Kristeva [2] bzw. deren nikationswissenschaft: «Medien konstituieren Sinn im
Weiterentwicklung zu einer Theorie der Beziehungen Rahmen von institutionalisierten Handlungszusammen-
zwischen Texten seit den siebziger Jahren des letzten hängen, die an technische Vermittlungskanäle gebun-
Jahrhunderts als eigenständiges interdisziplinäres For- den sind», und sie nach professionellen Regelwerken
schungsparadigma herausgebildet. Variierend zwischen organisieren, formen und gestalten. [5] Zum andern
geistes- und kulturwissenschaftlichen, kommunikations- hat sich nach S. Krämer bzw. J. Paech für die geistes-
und medienwissenschaftlichen Konzeptualisierungen und kulturwissenschaftlichen Medienwissenschaften N.
wird I. mit unterschiedlichen theoretischen und empi- Luhmanns systemtheoretische Unterscheidung von
rischen Verfahren und fächerspezifischen Analysen Medium und Form als sinnvoll erwiesen. [6] Sie erlaubt
von medialen Hybridformen verknüpft. Gemeinsam ist es, Medien aufzufassen «als kulturelle Strukturen [...],
ihnen die Überzeugung, daß Literatur, Künste sowie die die Bedingungen der Möglichkeit von Formbildun-
öffentliche und private Kommunikationsprozesse sich gen bieten» [7], bzw. Medien als untrennbar mit Form
nicht mehr auf der Basis von in sich abgeschlossenen verknüpft zu verstehen, insofern Formen, nach Luh-
Einzelmedien behandeln und verstehen lassen, wo mann, immer nur in einem Medium erscheinen, Medien
neue Medientechnologien komplexe Koppelungen und selbst immer nur in Formen aktualisiert existieren. [8]
Gleichzeitigkeiten von Text-, Bild- und Ton-Verfahren Geht man von einer solchen Unabdingbarkeit der
in den Institutionen der medialen Praxis zusammenwir- konstitutiven Wechselseitigkeit von Medium und Form
ken lassen wie in Film, Radio, Theater, Oper, Video, aus, so läßt sich daraus ein Begriff von ‹Medialität› ab-
Computer oder Television und wo darüber hinaus die leiten, mit dem die mediale Spezifik von Formen in den
digitalen Simulationsmöglichkeiten die technisch ap- Blick zu nehmen bzw. die Formierungsleistung von Me-
parativen Grenzen zwischen den Medien obsolet ma- dien wie Schrift, Musikinstrument oder Leinwand für
chen. Vor diesem Hintergrund wird als Gegenbegriff zu unterschiedliche Formen näher zu bestimmen sind. In-
‹I.› die Bezeichnung ‹Monomedialität› für die Wir- termedialitätstheoretisch gilt es, aus dieser Perspektive
kungsweise der konventionell als distinkt wahrgenom- zu beobachten, in welcher Weise Medien konkret an der
menen Medien verwendet, bzw. ‹Intramedialität› für Gestaltung der Formprozesse beteiligt sind. Dies gilt zu-
die Beziehungen, die nur innerhalb eines Mediums be- mal auch in den alltäglichen vielgestaltigen Konstella-
stehen. I. findet grundsätzlich als Grenzüberschreitung, tionen wie Filmen, Foto-Texten oder Werbe-Collagen.
als Bruch zwischen zwei oder mehr Medien statt, als Auch M. McLuhans berühmte Formulierung, wonach
Transgression oder auch als Transformation. Dabei «der ‹Inhalt› eines Mediums immer ein anderes Medium
können integrative Verbindungen wie die Fusion zu ei- ist» [9], jede Form also ihrerseits wieder zum Medium,

399 400
Intermedialität Intermedialität

jedes Medium wiederum zur Form werden kann, er- mationale I. oder auch Re-repräsentation hebt demge-
schließt sich aus diesem Blickwinkel als Formel für In- genüber auf die Repräsentanz eines Mediums in einem
termedialität: «Der Inhalt der Schrift ist Sprache, genau- anderen Medium ab durch die Transformation formaler
so wie das geschriebene Wort Inhalt des Buchdrucks ist Strukturen im repräsentierenden Medium. Wenn z.B.
und der Druck wieder Inhalt des Telegrafen ist.» [10] ein Film ein Gemälde zunächst abfilmt, dann einen Prot-
Bleibt hier Medium letztlich immer noch an den mate- agonisten den Bildinnenraum betreten und sich dort be-
riellen Träger gebunden, der Form und Inhalt der kom- wegen läßt, wie im Fall der berühmten ‹Krähen›-Epi-
munizierten Informationen prägt, zeigt sich bei Luh- sode von ‹Dreams› (A. Kurosawa, 1990), so stellt der
mann selbst die Tendenz zur Abspaltung von Medialität Film mit dieser Szene einerseits die Differenz von ab-
von der Materialität, wodurch der Medienbegriff zu ei- bildenden/nicht-abbildenden Eigenschaften der Male-
nem zwischen Medium und Form changierenden Begriff rei und des Films heraus, transformiert aber zugleich
wird. auch das für das Gemälde spezifische mediale Verfah-
Mit vielen Überschneidungen zwischen verschiede- ren in ein filmisches Verfahren und verändert es da-
nen Ausrichtungen lassen sich vor allem in der jüngsten mit. [15] Grundlegend ist für Schröter die Annahme, daß
Entwicklung zwei große Forschungsfelder konzeptio- Monomedien nicht der I. vorausgehen, sondern dieser
nell und methodologisch unterscheiden: zum einen jene nachfolgen, da die Bestimmung des spezifisch «‹Eige-
Ansätze, die im engeren Sinne medienwissenschaftlich nen› eines Mediums die differentielle Abgrenzung von
orientiert sind und auf die Exploration von Eigenart, anderen Medien voraussetzt.» [16]
Materialität, Geschichte und Funktion der an den inter- Der Gedanke dieser, von Schröter als ‹ontologisch›
medialen Konstellationen beteiligten Medien zielen; bezeichneten I. findet sich auch in dem «systematischen
zum andern jene, die vor allem in den literatur- und Neuansatz», den I. Rajewsky mit einer umfassen-
kunstwissenschaftlichen Disziplinen I. als Kategorie den Typologie der «Intermedialen Bezüge» vorgelegt
für konkrete Interpretationen und Form-Analysen hat. [17] Sie unterscheidet I. von der benachbarten
fruchtbar machen wollen. [11] Vor allem die besondere ‹Transmedialität›, ihrer Bezeichnung für das Auftreten
Gewichtung der Vermittlung, des Dazwischen in der medienunspezifischer Diskurselemente in verschiede-
Beziehung zwischen Medium und Form bzw. zwischen nen Medien, und von der ‹Intramedialität›, worunter
Medium und Inhalt hat sich als fruchtbar erwiesen. Ge- Rajewsky Phänomene faßt, die nur ein Medium invol-
genüber der daraus hervorgegangenen vielgestaltigen vieren. I. versteht sie als Bezeichnung für «Verfahren
interdisziplinären Forschung sind vor allem drei Versu- der Bedeutungskonstitution eines medialen Produkts
che der Systematisierung hervorzuheben. durch Bezugnahme auf ein Produkt (= Einzelreferenz)
J. Schröter hat eine Typologie von I.-Modellen vor- oder das semiotische System bzw. bestimmte Subsyste-
geschlagen, mit deren Hilfe er drei bzw. vier Konzepte me (=Systemreferenz) eines konventionell als distinkt
intermedialer Konstruktion unterscheidet, durch die wahrgenommenen Mediums». I. stellt einen «kommu-
Formen wie literarische, musikalische, malerische, fil- nikativ-semiotischen Begriff [dar], wobei per definitio-
mische und entsprechende Verfahren in unterschiedli- nem immer nur ein Medium (das Objektmedium) in sei-
chen I.-Figurationen zusammenwirken können: «1. Syn- ner Materialität präsent ist». [18] Besondere Bedeutung
thetische I., 2. Formale oder trans-mediale I., 3. Trans- für die Untersuchung intermedialer Bezüge mißt Ra-
formationale I. und 4. Ontologische I. Der dritte und der jewsky drei grundlegenden methodischen Verfahren
vierte Typ sind dabei eher als verschiedene Seiten der- bei: der Notwendigkeit zur Historisierung von Medien
selben Medaille aufzufassen.» [12] Die synthetische I. und Medienerfahrung [19], der «Identifizier- und Nach-
thematisiert das Nebeneinander mehrerer, konventio- weisbarkeit» der Medien-Bezugnahmen [20] sowie dem
nell als distinkt wahrgenommener Monomedien zu ei- «Als-ob-Charakter» des Fremdmedialen, d. h. der im-
ner neuen Medien-Summe innerhalb eines gemeinsa- mer nur als Illusion fremder Medialität möglichen Prä-
men medialen Rahmens oder auch deren Fusion zu ei- senz eines Mediums in einem anderen [21].
nem neuen, die Konventionen der Kunstwahrnehmung Einflußreich vor allem in den auf die Deskription,
verfremdenden Intermedium. In diesem Sinne verwen- Interpretation und Analyse von Texten und anderen
den die Künstler der Happening- oder Fluxusbewegung Artefakten zielenden Disziplinen ist auch die I.-Typo-
I. für ihre Kunstauffassung, mit der sie sich gegen die logie von W. Wolf. In seinen Beiträgen zur Theoriedis-
Vereinzelung der Künste ebenso wie gegen die Ratio- kussion geht er von der besonderen Rolle der Literatur-
nalisierung und Entfremdung vom ‹Leben› wenden (D. wissenschaft für einen differenzierten I.-Begriff aus,
Higgins, J. Yalkut). Als intermediale Fusionen werden überschreitet den engeren Geltungsbereich einer «lite-
vor allem auch die Figurengedichte (Konkrete Poesie) raturzentrierten Intermedialität» aber dadurch, daß er
oder die Calligramme (G. Apollinaire) der visual po- als ‹intermedial› nicht schon die bloße Thematisierung
etry bezeichnet. Unter formaler oder trans-medialer I. eines fremden Mediums, etwa eines Gemäldes in einem
faßt Schröter Auffassungen zusammen, die eine durch Roman, sondern erst generell die «Inszenierung eines
die Vorherrschaft des Auges und des Blicks generierte Fremdmediums in einem Werk (in Form von Imitation,
Analogie zwischen Medien wie Malerei, Photographie Integration oder wenigstens Kombination)» als ‹I.› an-
und Film hervorheben, die trans-medial vergleichbare, spricht. [22] Historisch knüpft er an die Abkehr des Mo-
durch gemeinsame Partizipation an einer historisch dernismus von den Normen der wirklichkeitsgetreuen
gegebenen «Ordnung des Sichtbaren», einem skopi- Nachbildung und an die stärker werdende Medienre-
schen Regime [13], bedingte Darstellungsweisen erzeu- flexion und Medienselbstreflexion in den Künsten
gen. Ihre Form-Seite (das literarische oder das filmische an [23]; systematisch entwirft er ein ganzes Spektrum
Erzählen z.B.) ist relativ autonom, d. h. ‘trans-medial’, von Unterscheidungen intermedialer Konfigurationen:
gegenüber der medialen Basis. Dimensionen wie Nar- nach den beteiligten Medien, nach der Dominanzbil-
ration, Zentralperspektive, Fiktionalität, Rhythmizität dung eines Mediums vor einem oder mehreren anderen,
u. a. können so als tertium comparationis Bezüge zwi- nach der partiellen oder totalen Quantität der Bezug-
schen verschiedenen Medien eröffnen. [14] Die transfor- nahmen oder, als wichtigstes Differenzkriterium, nach

401 402
Intermedialität Intermedialität

der Qualität ihres Auftretens in manifester oder ver- ordnete Gedächtnis der technisch kulturellen memoria
deckter Form. [24] umfassend und rhetorisch neu zu konzipieren. [37]
Vor allem in jüngerer Zeit schält sich aus den bisher Weitergehend zu diskutieren ist an dieser Stelle, ob
behandelten theoretischen Begründungen der I. der be- solche Modelle rein formal bleiben müssen, oder ob sich
sondere Status der Digitalität für die I.-Bestimmung über die formale Ordnung hinaus der wissenschaftliche,
heraus. Denn angesichts des Vordringens von Computer soziokulturelle und ethische Gestaltungs- und Deu-
und Internet stellt sich die Frage, ob I. «auf die Bezie- tungsanspruch der Rhetorik als tragfähig erweist. Zu
hung analoger Künste und technischer Medien reduziert klären ist hier insbesondere, ob Rhetorik im Bereich
werden müsste, weil nur hier die Materialität oder eine von Computer-, Kino-, Fernseh- oder Videokommuni-
apparative Technik als Grundlage medialer Formpro- kation über eine Beschreibungssprache hinaus Einblick
zesse vorauszusetzen ist.» [25] Die herkömmlichen ana- geben kann in medientechnologisch bedingte Funk-
logen Medien erscheinen im Universalmedium Compu- tionen von Mutationen, Tropen und Figuren bzw. in
ter zwar noch als «deutlich unterscheidbare Effekte auf die komplexen Zusammenhänge von Glaubwürdigkeit,
einer multimedialen Oberfläche», doch sind sie von ih- Persuasion oder Angemessenheit. [38]
rer Materialität gelöst und «in diesem Sinne virtuell». II. Filmwissenschaft, Fernsehwissenschaft. Besonders
Sie können digital verformt, ihre mediale Spezifik und von der Filmwissenschaft sind maßgebliche Anstöße für
intermedialen Beziehungen simuliert werden, wobei die die Entwicklung des I.-Begriffs ausgegangen. Als Leit-
Wahrnehmung ihrer spezifischen Formen bestehen medium der Medienwissenschaften hat der Film mit
bleibt. [26] seiner technisch-apparativ zusammengesetzten Medien-
B. I. Rhetorik. Für die Herausbildung des I.-Begriffs – struktur und der bewegten, audio-visuellen Konterka-
wie auch des Medienbegriffs – hat die Rhetorik keine rierung eines sprachlich-textuell orientierten Medien-
Rolle gespielt. Die New Rhetoric betont zwar die purismus die Notwendigkeit deutlich gemacht, eine den
strukturelle Affinität der Rhetorik als gelehrte Be- medialen Relationen des Films entsprechende Begriff-
schreibungs- und Analyse-Instanz von sprachlicher lichkeit zu entwerfen. Die daraus entstandene Diskus-
Kommunikation mit der massenmedien- und kommu- sion hat in den 80er Jahren des 20. Jh. den Film zusam-
nikationswissenschaftlichen Forschung, arbeitet selbst men mit Medien wie Fernsehen, DVD und Video tech-
aber keinen Medienbegriff und auch keine explizite nisch, ästhetisch und kulturell zu einem intermedialen
Sicht auf die intermedialen Erscheinungsformen von Paradigma verbunden. Mit J. Paech definiert I. «den
Kommunikationsprozessen aus. Erst in jüngster Zeit Film auf unterschiedlichen Ebenen der Technik und
zeigt die Rhetorik ein explizites Interesse daran, ihre der Wissenschaften, der Institutionen (Unterhaltung,
stark sprach- und textorientierte Ausrichtung um me- Kunst) oder konzeptionellen Interpretationen (Phäno-
dienspezifische Fragestellungen zu ergänzen oder sogar menologie, Zeichen- und Medientheorie), die einander
zu modifizieren und den Anteil des Medialen an den als dominante Beschreibungen des Films ablösen» [39],
Prozessen der Kommunikation aus einer rhetorischen dabei zugleich immer auch auf die intermediale Struk-
Perspektive zu profilieren. turverschränkung mit anderen Medien und Formen ver-
Während für die ältere europäische Rhetorik- und weisend.
Poetikforschung noch der Anspruch bzw. die Legitimi- In der wichtigen Frage der Position und räumlichen
tät rhetorischer Systematik und Begrifflichkeit für die Anordnung, von der aus ein Betrachter zur Kinolein-
Gestaltung von Artefakten der unterschiedlichen Me- wand oder zum Bildschirm und damit zur Wahrneh-
dien wie der Dichtkunst, Malerei oder Musik im Vor- mung der Wirklichkeit der Bilder in Bezug gesetzt wird,
dergrund stand [27], reklamiert die Rhetorik heute ihre hat die Filmtheorie von der rhetorischen Tradition pro-
methodologische Zuständigkeit für die produktions-, fitiert. [40] Der Begriff des ‹Dispositivs› ist inzwischen
wirkungs- und handlungstheoretischen Grundbedin- auch über den Kontext der I.-Forschung hinaus zu einer
gungen der verschiedenen Kommunikationsmedien. einflußreichen medientheoretischen Kategorie gewor-
Den Schwerpunkt bilden bisher allerdings eher mono- den. Ursprünglich von der französischen kritischen
mediale Herangehensweisen wie im Fall der Medien- Filmtheorie für die Beschreibung des Kinos mit seiner
rhetorik [28], Bildrhetorik [29], Filmrhetorik [30] oder technisch-apparativen Raumanordnung entwickelt [41],
der Rhetorik der Musik [31]. Grundsätzlicher stellen ist der Dispositiv-Ansatz in den letzten Jahren medien-
Konzepte wie die Medialisierung der Rhetorik [32], die wissenschaftlich verallgemeinert worden für räumliche
Interrhetorik [33] oder die Medialrhetorik [34] die Frage Anordnungen von intermedial vernetzten apparativen
nach der rhetoriktheoretischen Perspektivierung von Konstellationen. Es geht um die «exemplarische Ent-
Medialität und I. Bevorzugt befassen sie sich mit I. unter faltung verschiedener dispositiver Anordnungen (szeni-
technisch-elektronischem Vorzeichen und unter dem sches Dispositiv, perspektivisches Dispositiv, Struktu-
Begriff Multimedialität [35]. Das bedeutet, die I. der her- ren der Spiegel-Identifikation etc.)» [42], um die räum-
kömmlichen Analogmedien überspringend, interme- liche Beweglichkeit der Apparate wie auch des Betrach-
diale Strukturen, und seien sie auch simuliert, auf der ters, Lesers oder Hörers und um die Auswirkungen der
digitalen Oberfläche zu beobachten und ein aus der Anordnungskonstellationen auf die rezeptive Wahrneh-
Rhetorik hergeleitetes Produktions- und Wirkungskon- mung und Verarbeitung bei photographischen, phono-
zept für die virtuelle Kommunikation zu entwickeln. graphischen oder filmischen Verfahren. Anders als in
Neue Ansätze zeichnen sich ab, die tradierte rhetorische der traditionellen Rhetorik operiert der dispositio-Be-
Klassifikations- und Begriffssystematik für die Compu- griff hier nicht auf der Ebene der semantisch inhaltli-
terkommunikation zu formalisieren und sie in die chen Ordnung innerhalb des Diskurses, sondern auf der
multimedialen Operationen der verschiedenen Ebenen Ebene der medialen Kommunikationsstrukturen.
und semiotischen Systeme des web-design zu übertra- Das Dispositiv-Konzept – wie das I.-Konzept – stellt
gen [36]: eine machina rhetorica anstelle des personalen auch für andere Kulturwissenschaften das traditionell
orator, die Suchmaschine als Navigator der inventio von vorherrschende Modell der zentralperspektivischen
Information und Wissen oder die Datenbank als das ge- Raumdarstellung und Bildansicht in Frage. Zunehmend

403 404
Intermedialität Intermedialität

ist an diese Stelle eine differenziertere Betrachtung des ßerkünstlerischen Bereich, rekurriert letztlich aber im-
Zusammenspiels von heterogenen Perspektivierungen mer wieder auf die genannten Grundmuster.
getreten. Während sich für die Rhetorik der Anschluß Die Theoretisierung des Text-Bild-Verhältnisses hat
an diese Debatte erst anbahnt – nicht zuletzt, weil sie auch neue Ebenen der Reflexion erschlossen, so daß die
damit auch an die Grenzen ihrer textzentrierten Topo- Generalisierung der literarischen I.-Erfahrung zu einem
logie stößt – registriert die jüngere rhetorische Internet- allgemeinen I.-Begriff, wie W. Wolf sie vorgelegt
Forschung unter dem Stichwort der dispositio die «Auf- hat [48], nur eine der signifikanten Ausweitungen und
lösung der linearen Rezeptionsweise» und die alterna- Verschiebungen der I.-Theorie in den Literaturwissen-
tiven Möglichkeiten der vielperspektivischen digitalen schaften bildet. Indem das literarische wie das wissen-
Arrangements für die Datenaufbereitung und Nutzer- schaftliche Interesse nicht mehr nur dem Inhalt und der
positionierung. [43] Auch die extreme ‘Zentrifugalität’ mimetischen Referenz gelten, sondern auf die Medien,
der «verschiedenen Kommunikationsmodi und -kanäle ihre selbstreflexiven Dimensionen und spezifischen me-
wirkt bereits auf der technischen Ebene und vollends in dialen Formierungsleistungen gerichtet sind, rücken
den kommunikativen Prozessen selbst». [44] Sie beför- Überlegungen zur Funktion der textuellen und visuellen
dert damit eine Rhetorik der Wahrnehmungs- und Sinn- Medienpräsenz in den Mittelpunkt. Besonders durch die
sprünge, der Solözismen und Metaplasmen, die den tra- Auseinandersetzung mit den sogenannten ‹literarischen
ditionellen normativen Ordnungszusammenhang des Foto-Texten›, die gehäuft in der Erinnerungsliteratur
rhetorischen Regelgefüges zu provozieren und zu irritie- des späten 20. Jh., aber auch in der Pop-Literatur der
ren geeignet ist und sich vielfältig im Netz beobachten zweiten Jahrhunderthälfte auftreten [49], hat sich der
läßt. Umgang mit dem Verhältnis von Wort, Bild und Erin-
Versteht man wie für Film oder Fernsehen die Me- nerung in der Literatur stark gewandelt und den An-
dienkombination einer Formgebung und Rezeptions- schluß der literaturwissenschaftlichen I.-Diskussion an
konstellation nicht als einfache Addition von Medien, das kulturwissenschaftliche Konzept der memoria, des
sondern als «komplexe, überstrukturierte Form von In- kulturellen Gedächtnisses, geöffnet.
termedialität» [45] bzw. von in sich inhomogenen und C. Historische Entwicklung. Das anwachsende theo-
beweglichen Interdependenzen, so zeigt sich, wie durch retische Interesse für die medialen Formen von I. und
das gleichzeitige Ansprechen mehrerer und verschie- Hybridität seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. ist «zwei-
denartiger Medieneffekte die intermedialitätstheoreti- fellos vor dem Hintergrund der historischen Entwick-
sche Fokussierung des Zwischenraums, der Überlage- lung medialer Apparate (die zum digitalen Schein der
rung und der Interaktion ihre Berechtigung erhält. postmodernen Hybrid-Medien geführt hat) und dem
III. Literaturwissenschaft. Neben der Filmwissen- Hintergrund moderner wissenschaftlicher Differenzie-
schaft hat in erster Linie die Literaturwissenschaft die rungen, Arbeitsteiligkeiten und Spezialisierungen» zu
Entwicklung der Intermedialitätsforschung vorange- sehen. [50] Die Entwicklung hat im 19. Jh. mit der Aus-
trieben. Vor allem die alte literarische Praxis medialer breitung der funktechnischen und audiovisuellen Me-
Mischformen von Wort und Bild bzw. von Wort, Schrift dien eingesetzt und beschleunigt sich im 20. Jh. mit den
und Bild – prominentes Beispiel schon der frühen Neu- analogen und digitalen elektronischen Medientechni-
zeit ist die Emblematik – führt im Kontext der Moderne ken. Dabei betreffen die verschiedenen technologischen
und Postmoderne in großem Umfang zu künstlerischen Schritte nicht nur die materielle und instrumentelle
Medienexperimenten. Das bedeutet auf der literari- Seite von Medien, nicht weniger stark prägen sie auch
schen Seite die gehäufte Thematisierung der medialen die ‹Medienwirklichkeit› selbst, d. h. die durch die spe-
Differenzen und Korrespondenzen, auf der akademi- zifischen Selektions-, Konstruktions- und Präsentations-
schen Seite die wissenschaftliche Konkretisierung von prozesse der unterschiedlichen Medien vermittelte
medialen Merkmalen, Formen und medienspezifischen Wirklichkeit. [51] Die Pluralisierung durch immer neue
ästhetischen Eigenschaften. Seit der Slawist A. Hansen- Medientechniken zieht auf diese Weise eine nicht still-
Löve 1983 erstmals die «intermediale Beziehung zwi- zustellende Zirkulation von Informationen und Wissen
schen Gattungen (bzw. Einzeltexten) verschiedener und die Zerstückelung von Inhalten und Sinndeutungen
Kunstformen» [46] in der russischen Moderne heraus- nach sich.
gestellt hat, ist ‹I.› analog zu ‹Intertextualität› zu einem Die entstehenden erkenntnistheoretischen und em-
Schlüsselbegriff der Literaturwissenschaften geworden. pirischen Probleme sind in ihrer Bedeutung für die Er-
Hansen-Löves Untersuchungsgegenstand sind Bildge- fahrungswelt weit früher von den alten und neuen tech-
dichte und lettristische Texte, die ein Bild nicht verbal nischen Künsten als von den etablierten Kunst- und
erzeugen oder evozieren, sondern Text und Bild in einer Geisteswissenschaften reflektiert worden. I. als explizite
gemeinsamen Konstellation entweder klar gegeneinan- künstlerische und massenmediale Praxis kennzeichnet
der abgegrenzt in sich aufnehmen oder wie im Lettris- die hybriden Umschmelzungsprozesse in den herkömm-
mus zu einer neuen ikonischen Form verschmelzen. lichen Wort-, Bild- und Tonkünsten durch die europäi-
Für einige Möglichkeiten von intermedialen Text-Bild- schen Avantgarden des frühen 20. Jh., aber auch die me-
Beziehungen hat der Anglist M. Pfister [47] eine Typo- diale und theoretisch reflektierte Synthese der technisch
logie vorgeschlagen, nach der entweder Text und Bild neuen Medien von Fotografie, Theater, Film und Gram-
nur in Verweisform und nicht kopräsent auftreten mophon wie in der Kinematographie oder auf der Büh-
(Ekphrasis), oder Text und Bild kopräsent sind, aber ne. In vielen Bereichen der Künste reagieren kubisti-
getrennt und von einander abgesetzt (Emblem), oder sche, symbolistische, expressionistische, surrealistische
Bild und Text ineinander übergehen und verschmelzen oder futuristische Formtendenzen auf den Verlust der
(Schrift als Teil eines Bildes oder als Bild). Inzwischen naiven Wirklichkeitsgewissheit und auf die problema-
hat sich der literaturwissenschaftliche Gebrauch von I. tisch gewordene Darstellbarkeit des sinnlich Wahrge-
für Bild-Text-Formen weiter ausdifferenziert. Er ent- nommenen. Die zunehmende Abkehr von den Konven-
wickelt terminologische Unterformen nach der Art der tionen der Abbildung von Welt und Wirklichkeit lenkt
beteiligten Bildmedien und umfaßt zudem auch den au- die Reflexion auf die Mittel, das Material und die Me-

405 406
Intermedialität Intermedialität

kung des Medienverständnisses der philosophischen


Ästhetik des 18. und 19. Jh., wie in O. Walzels Formel
von der «wechselseitigen Erhellung der Künste» (1917),
die an die Stelle der medialen Besonderheiten den ‹Stil›
der autonomen Einzelmedien und ihrer gegenseitigen
‹erhellenden› Einwirkung setzt und ihre idealtypische
Einheit im ‹Kunst›-Begriff theoretisch festhält. [54] Der
Anschluß an eine eigenständig medienwissenschaftlich
orientierte Betrachtung der Wechselbeziehungen und
Transformationen der Künste gelingt erst 1983 mit A.
Hansen-Löves umfangreicher Untersuchung der russi-
schen Moderne, mit der er I. erstmals konzeptualisiert
und terminologisch legitimiert. [55] Dennoch bleibt der
Begriff noch eine ganze Weile dem Kontext der bereits
etablierten Intertextualitätsthematik und einer grund-
sätzlichen Dominanz des Textmediums verhaftet, bevor
er sich in den späten 80er und den 90er Jahren vehement
und auf den unterschiedlichsten Ebenen der Geistes-
und Kulturwissenschaften durchsetzt.

Anmerkungen:
1 I.O. Rajewsky: I. (2002) 12. – 2 J. Kristeva: Bachtin, das Wort,
der Dialog u. der Roman, in: J. Ihwe (Hg.): Lit.wiss. u. Ling.
Ergebnisse u. Perspektiven, Bd. 3 (1972) 345–375. – 3 V. Roloff:
I. u. Medienanthropol. Anm. zu aktuellen Problemen, in: J. Pa-
ech, J. Schröter (Hg.): I. analog/digital. Theorien – Methoden –
Analysen (2008) 15–29, hier 18. – 4 O. Walzel: Wechselseitige
Erhellung der Künste (1917); dazu P.V. Zima: Ästhetik, Wiss. u.
«wechselseitige Erhellung der Künste». Einl. in: ders. (Hg.): Lit.
intermedial. Musik, Malerei, Photographie, Film (1995). – 5 I.
Neverla: Das Netz – eine Herausforderung für die Kommuni-
kationswiss., in: U. Maier-Rabler, M. Latzer (Hg.): Kommuni-
kationskulturen zwischen Kontinuität u. Wandel. Universelle
Netzwerke für die Zivilges. (2001) 29–46, hier 33; vgl. U. Saxer:
Medienges.: Verständnisse u. Mißverständnisse, in: U. Sarci-
nelli (Hg.): Politikvermittlung u. Demokratie in der Medienges.
Raoul Hausmann: ABCD, Collage, Musée National d’Art (1998) 53; vgl. S. Weischenberg: Journalistik, Bd. 2: Medien-
Moderne, Centre Georges Pompidou, Paris (1923–24). technik, Medienfunktionen, Medienakteure (1995). – 6 S. Krä-
© VG-Bild-Kunst, Bonn 2011. mer: Form als Vollzug oder: Was gewinnen wir mit Niklas Luh-
manns Unterscheidung von Medium und Form?, in: Rechtshist.
J., 17 (1998) 558–573; J. Peach: I. des Films, in: J. Felix (Hg.):
Moderne Film Theorie (2002) 287–316, hier 296f. – 7 W. Voss-
dialität der Artefakte und intensiviert das künstlerische kamp: Lit.wiss. als Kulturwiss., in: A. Nünning, V. Nünning
Interesse an Pluralisieren, Überschreiten und Vermi- (Hg.): Konzepte der Kulturwiss. Theoretische Grundlagen –
schen über Zwischenräume und Grenzen hinweg. Ansätze – Perspektiven (2003) 73–85, hier 79; vgl. N. Luhmann:
Auch in terminologischer Hinsicht stehen Künstler Die Ges. der Ges., Bd. 1 (1997) 198. – 8 vgl. J. Schröter: I.
am Beginn der I.-Debatte, wenn auch erst nach der Ära Facetten u. Probleme eines aktuellen medienwiss. Begriffs,
des Nationalsozialismus und der Negierung der ästheti- in: montage/av 7 (1998) 129–154, hier 137; vgl. N. Luhmann: Die
Kunst der Ges. (1995) 168ff. – 9 M. McLuhan: Die magischen
schen Moderne in den 1930er und 1940er Jahren. ‹Ak- Kanäle. Understanding Media (1994) 22. – 10 ebd.; vgl.
tionskunst› und ‹Fluxus›-Bewegung greifen die Impulse Paech [6]. – 11 I.O. Rajewsky: I. u. remediation. Überlegungen
der früheren Jahrzehnte wieder auf und erweitern ihren zu einigen Problemfeldern der jüngeren Intermedialitätsfor-
Reflexionshorizont. Programmatisch wird dafür 1966 schung, in: Peach, Schröter [3] 47–60, hier 48. – 12 Schröter: [8]
das New Yorker Manifest ‹Intermedia› von D. Higgins. 129; vgl. A. Todorow: Ein Essay als «Theorie in Bildern»? Über
Er verknüpft ‹Intermedia› mit der «dialectic» der so- ein Intermedialitätsparadigma von J. Schröter u. den Foto-
zialen Verhältnisse und der Massenmedien von «televi- Essay «Sozio-Design» von B. Brock, in: Peach, Schröter [3] 273–
sion and the transistorradio, [...]. Happenings, event pie- 290. – 13 M. Jay: Scopic Regimes of Modernity, in: H. Foster
(Hg.): Vision and Visuality (1988) 3–28. – 14 Schröter [8] 137. –
ces, mixed media films» sowie mit deren materialen und 15 ebd. 146. – 16 ebd. 147. – 17 Rajewsky [1]. – 18 ebd. 199. –
apparativen Aspekten. [52] Begrifflich greift Higgins 19 ebd. 32ff. – 20 ebd. 37. – 21 ebd. 195. – 22 W. Wolf: I. als neues
auf den älteren Gebrauch des Terminus ‹intermedium› Paradigma der Literaturwiss.?, in: AAA 1 (1996) 85–116, hier
zurück, der sich mindestens bis zu dem englischen Dich- 88; ders.: Intermediality, in: D. Herman, M.-L. Ryan (Hg.): The
ter und Philosophen S.T. Coleridge zurückverfolgen Routledge Encyclopedia of Narrative Theory (2005) 252–256. –
läßt. [53] Er verweist zwar auf das zeitgenössische Auf- 23 W. Wolf: I.: Ein weites Feld u. eine Herausforderung für die
kommen eines Begriffs von Medium und auf die roman- Lit.wiss., in: H. Foltinek, Chr. Leitgeb (Hg.): Lit.wiss.: inter-
tische Poetik von Gattungs- und Medienmischungen, medial – interdisziplinär (2002) 163–192, hier 179. – 24 W. Wolf:
Art. ‹I.›, in: A. Nünning (Hg.): Metzler Lex. Lit.- u. Kulturtheo-
aber noch kaum auf den späteren technikgeprägten Me- rie (32004) 284f. – 25 J. Peach, J. Schröter: I. analog/digital – ein
dienbegriff. Vorwort, in: dies. [3] 10f. – 26 J. Schröter: Das ur-intermediale
Relativ spät erst folgt die wissenschaftliche Begriffs- Netzwerk u. die (Neu-)Erfindung des Mediums im (digitalen)
geschichte der medientechnischen und künstlerischen Modernismus. Ein Versuch, in: Peach, Schröter [3] 579–601,
Entwicklung. Charakteristisch ist die lange Nachwir- hier 584; P. Gendolla: Zur Auflösung intermedialer Differenzen

407 408
Intermedialität Internet-Rhetorik

im Simulationsraum, ebd. 509–520. – 27 A.K. Varga: Rhet., Poe- J. Fohrmann, E. Schüttpelz (Hg.): Die Kommunikation der Me-
tik u. die Kunsttheorie, in: C. Wagenknecht (Hg.): Zur Termi- dien (2004). – G. Rippl: Beschreibungskunst. Zur intermedialen
nologie der Lit.wiss. Akten des IX. Germanistischen Symposi- Poetik angloamerikanischer Ikontexte (1880–2000) (2005).
ons der DFG (1989) 209–222. – 28 J. Knape (Hg.): Medienrhet.
(2005); vgl. auch die Beitr. zu einzelnen Medien im HWRh. – A. Todorow
29 J. Knape (Hg.): Bildrhet. (2007); W. Brassat (Hg.): Bild-
Rhet. (2005) (= Rhetorik 24). – 30 K. Kanzog: Grundkurs Film- ^ Bild, Bildlichkeit ^ Filmrhetorik ^ Intertextualität ^ In-
rhet. (2001); H.-E. Friedrich (Hg.): Rhet. u. Film (2007) (= Rhe- ternet-Rhetorik ^ Kommunikationstheorie ^ Medienrhetorik
torik 26); G. Joost: Bild-Sprache: Die audio-visuelle Rhet. d. ^ Photorhetorik ^ Radiorhetorik
Films (2008). – 31 S. Hörr: Musik-Rhet. Melodiestruktur u. Per-
suasion (2009); vgl. auch C. Caduff u. a.: Die Künste im Ge-
spräch. Zum Verhältnis von Kunst, Musik, Lit. u. Film (2007)
91ff. – 32 H. Schanze: Medialisierung der Rhet., in: H.F. Plett
(Hg.): Die Aktualität der Rhet. (1996) 48–56. – 33 H.F. Plett: Internet-Rhetorik
Einf. in die rhet. Textanalyse (92001) 134ff. – 34 J. Knape: Was A. Definition. – B. Historischer Abriß. – C. Eigenschaften des
ist Rhet.? (2000) 90–106. – 35 O. Kramer: Rhet. im virtuellen Internets und Konsequenzen für die Rhetorik: I. Multimedia-
Raum. Das Internet in medialrhet. Perspektive, in: Knape [28] lität. – II. Vernetzung: 1. Hypertext-Prinzip. – 2. Communities. –
195–210; G. Braungart: Multimedia-Rhet. u. hist. Medienäs- III. Interaktivität.
thet., ebd. 211–229; F. Vidal: Kommunikative Kompetenzen für A. Definition. I. betrachtet das Internet als neues Me-
virtuelle Welten, in: J. Krause, S. Pinkau (Hg.): Architecture of dium, das professionellen wie privaten Kommunikato-
Medial Spaces, Bauhaus Lectures Dessau (2007) 114–124; dies.: ren gleichermaßen zur Verfügung steht und sich im Ver-
Rhet. d. Virtuellen. Die Bedeutung rhet. Arbeitsvermögens in
der Kultur der konkreten Virtualität (2010); J. Schmid: Inter-
gleich zu den ‘alten’ Medien insbesondere durch Multi-
net-Rhet.: Chancen u. Widerstände des Orators auf der digita- medialität, Vernetzung von Daten und Menschen sowie
len Agora (2007). – 36 Kramer [35] 198ff.; H. Schanze: Rhet. u. Interaktivität auszeichnet. ‹Internet›, kurz für ‹intercon-
Kinematographie, in: R. Lachmann, R. Nicolosi, S. Strätling nected network›, bezeichnet hierbei die Gesamtheit
(Hg.): Rhet. als kulturelle Praxis (2008) 241–253. – 37 Plett [33] aller Netzwerke und Computer, die über das TCP/IP-
136; vgl. Kramer [35] 204. – 38 Kramer [35] 200. – 39 Peach [6]. – Protokoll miteinander kommunizieren können. ‹I.› be-
40 J. Peach: Überlegungen zum Dispositiv als Theorie medialer schäftigt sich mit den durch die Bedingungen des Me-
Topik, in: Medienwiss. 4 (1997) 401–420; vgl. auch K. Hicke- diums veränderten Produkten des (Online-)Orators,
thier: Dispositiv Fernsehen. Skizze eines Modells, in montage/
av 4 (1995) 63–83. – 41 J.-L. Baudry: Ideologische Effekte er-
aber auch mit den Auswirkungen des Internets auf die
zeugt vom Basisapparat, in: Eikon. Int. Zs. für Photographie u. Rolle des Orators. I. gehört damit sowohl zur Medial-
Medienkunst 5 (1993) 34–43 (frz. Cinéthique 6/7 [1970]). – wie auch zur Kasualrhetorik. [1]
42 Peach [40] 415. – 43 Kramer [35] 204f.; J. Metelmann: Die Kir- B. Historischer Abriß. Der Ursprung des Internets
che der Postmoderne. Das Dispositiv Kino/Film in der Micro- wird in der Regel auf 1969 datiert, als das ARPA-Net,
soft-Galaxis, in: Knape [28] 141–157. – 44 G. Braungart: Multi- eine Verbindung von vier Computern an vier For-
media-Rhet. u. hist. Medienästh., in: Knape [28] 211–229, hier schungseinrichtungen in den USA, in Betrieb genom-
227f. – 45 R. Schnell: Medienästh. Zu Gesch. u. Theorie audio- men wird. Weitere Meilensteine: 1977 wird durch die
visueller Wahrnehmungsformen (2000) 160. – 46 A. Hansen-
Löve: I. u. Intertextualität. Probleme der Korrelation von Wort-
Etablierung von TCP/IP als einheitlichem Protokoll für
u. Bildkunst. Am Bsp. der russischen Moderne, in: W. Schmid, den Datentransfer der Netzwerkverkehr ausgeweitet.
W.-D. Stempel (Hg.): Dialog der Texte. Hamburger Kolloqui- 1982 erfolgt mit der Gründung des EUnets die flächen-
um zur Intertextualität, Wien (1983) 291–360, hier 291. – 47 M. mäßige Erweiterung. [2]
Pfister: The Dialogue of Text and Image. Antoni Tapiès u. An- Das Internet wird für verschiedene Dienste und
selm Kiefer, in: K. Discherl (Hg.): Text u. Bild im Dialog (1993) Funktionen verwendet, z.B. E-Mail, Datentransfer, Chat
321–345, hier 321. – 48 Wolf [22]. – 49 Th. v. Steinaecker: Lit. und World Wide Web, die als ‹Internet-Modi› bezeich-
Foto-Texte. Zur Funktion der Fotografien in den Texten Rolf net werden können. [3] Neben der E-Mail ist das World
Dieter Brinkmanns, Alexander Kluges und W.G. Sebalds
(2007); zum Begriff ‹Erinnerungslit.› S. Horstkotte: Fotografie,
Wide Web (WWW) der bekannteste und bedeutendste
Gedächtnis, Postmemory. Bildzitate in der dt. Erinnerungslit., Internet-Modus. Er wird 1990 von T. Berners-Lee am
in: dies., K. Leonhard (Hg.): Lesen ist wie Sehen. Intermediale europäischen Kernforschungszentrum CERN entwik-
Zitate in Bild u. Text (2006) 177–195. – 50 J.E. Müller: I. als poe- kelt. Da im Hypertextsystem des WWW, basierend auf
tologisches u. medientheoretisches Konzept. Einige Reflexio- der Hypertext Markup Language (HTML), verschie-
nen zu dessen Gesch., in: J. Helbig (Hg.): I. Theorie u. Praxis dene Codes (Schrift, Bild, Ton etc.) übermittelt und dar-
eines interdisziplinären Forschungsgebietes (1998) 31–40, hier gestellt werden können, entwickelt es als einziger Inter-
32. – 51 K. Merten, S.J. Schmidt, S. Weischenberg (Hg.): Die net-Modus «mediale Präsenz im Sinne eines audiovisu-
Wirklichkeit der Medien. Eine Einf. in die Kommunikations-
wiss. (1994). – 52 D. Higgins: Statement on Intermedia, in:
ellen Systems» [4]. Andere Modi des Internets, z.B.
Something Else Newsletter 1 (New York 1966), danach in: E-Mail, Chat, Foren, werden zunehmend zurückge-
ders.: Horizons. The Poetics and Theory of the Intermedia drängt bzw. in das WWW integriert (in Form von Web-
(Carbondale, IL 1984); vgl. auch weitere Beitr. von Higgins im mail, Webchat (vgl. C.I. Multimedialität), so daß heute
Band ‹Horizons›. – 53 Coleridge’s Miscellaneous Criticism, ed. häufig ‹Internet› und ‹WWW› synonym verwendet wer-
T.M. Raysor (Folcroft, PA 1936) 33; zit. Müller [50] 31. – den. Auch I. ist zu großen Teilen WWW-Rhetorik.
54 Walzel [4]. – 55 Hansen-Löve [46]. In engem Zusammenhang mit der technischen Ent-
wicklung des Internets steht die Machart der im Internet
Literaturhinweise: vorhandenen Inhalte, die aus rhetorischer Sicht hin-
E.W.B. Hess-Lüttich (Hg.): Text Transfers: Probleme inter- sichtlich des aptum-Gebots relevant ist: «Neue Medien
medialer Übersetzung (1987). – K. Prümm: I. u. Multimediali- stellen zunächst eine Form dar, der es an angemessenen
tät, in: R. Bohn (Hg.): Ansichten einer künftigen Medienwiss.
(1988). – Th. Eicher, U. Bleckmann (Hg.): I.: Vom Bild zum
Inhalten mangelt, und die Inhalte, die in einem neuen
Text (1994). – H. Brüggemann: Lit. u. mediale Wahrnehmung in Medium anfangs transportiert werden, besitzen oft nicht
kulturwiss. Perspektive, in: M. Mertens: Forschungsüberblick die angemessene Form.» [5] Für die I., verstanden als
‹I.›. Kommentierungen u. Bibliogr. (2000) 11–26. – M. Kim: Lehre von angemessener Kommunikation im neuen
Mediale Konfigurationen. Ein Beitr. zur Theorie der I. (2003). – Medium Internet, können zwei Tendenzen festgehalten

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Internet-Rhetorik Internet-Rhetorik

werden: Tradierte rhetorische Strategien und Überzeu- über Webdesign hinaus und umfaßt die strategische Ge-
gungsmittel wie brevitas, tua res agitur, attentum parare staltung aller zur Verfügung stehenden Ausdrucksfor-
behalten weiterhin ihre Relevanz, müssen aber modifi- men, sei es Textinhalt oder -form. [17] Auch Schrifttexte
ziert werden (s. u.). Gleichzeitig sind die Möglichkeiten behalten in diesem Umfeld ihre Bedeutungen, gehen
der I. an die technische Entwicklung des Internets ge- aber in eine «Synthese aus akustischer und typografi-
koppelt und müssen mit ihr Schritt halten, so daß – da scher Kultur, ein Neben- und Miteinander von stum-
die Entwicklung des Internets noch nicht abgeschlossen men, zu lesenden Texten [...] einerseits und von action,
ist [6] – auch die Bestandsaufnahme über eine I. nur vor- Animation und sound andererseits» ein. [18]
läufig sein kann. Vor allem durch die seit 2003 unter dem Trotz der Möglichkeit zur Übermittlung verschiede-
Schlagwort ‹Web 2.0› zusammengefaßten technischen ner Codes bleibt das Internet ein Medium der Distanz-
Neuerungen sind rasante Entwicklungen zu beobach- kommunikation, was bedeutet, daß der Bereich der ac-
ten, die neben Veränderungen von Form und Inhalten tio/ pronuntiatio wegfällt bzw. transformiert wird. Eine
der Internet-Texte auch Auswirkungen auf die Rolle der auffälligsten Entwicklungen hierbei ist der Einsatz
des Orators haben. Da es sich hierbei um «Internet- einer internetspezifischen Parasprache, die häufig dazu
applikationen [handelt], die hohe Gestaltungs- und dient, den ‘Mangel’ an körperlicher Präsenz auszuglei-
Kommunikationsmöglichkeiten für den User bereitstel- chen, indem non- und paraverbale Kommunikationssi-
len» [7], werden diese Nutzungsmöglichkeiten auch als gnale im ASCII-Code nachgeahmt oder explizit be-
‹Social Web› [8] bezeichnet. Der Zugang zur Internet- schrieben werden. [19] Wichtige Elemente der internet-
Öffentlichkeit, der bereits im ‹Web 1.0› technisch-theo- spezifischen Parasprache sind: (1) Emoticons/ Smileys
retisch gegeben war, wird durch leicht handhabbare als Ersatz für die Mimik, wobei eine ganze Palette von
Veröffentlichungsformen, Blogplattformen und Com- ‘Gesichtsausdrücken’ zur Verfügung steht, die von :–) (=
munities weiter vereinfacht. Zwar schätzten im Jahr Lachen) über ;–) (= Zwinkern) bis :–( (= Traurig sein)
2009 nur 13 Prozent aller Internetnutzer die Möglich- reicht. Daneben werden (2) Aktionswörter/ Körperme-
keit, selbst aktiv etwas zu veröffentlichen als «sehr in- taphern zur Simulation körperlicher Zustände und
teressant» [9] ein, doch die Zahl der Internetnutzer Handlungen genutzt; dazu wird der Wortstamm zwi-
insgesamt steigt weiter an [10], und mit der fortschrei- schen Asterisken gesetzt (*schluchz*, *knuddel*, *rot-
tenden Verbreitung mobiler Endgeräte durchdringt das werd*). Eine weitere Technik ist die (3) Nutzung von
Internet mehr und mehr alle Lebensbereiche. Klein- und Großschreibung zur Symbolisierung von
Bei der wissenschaftlichen Erforschung der Kom- Lautstärke, wobei Großbuchstaben selten verwendet
munikation im Internet ist daher interdisziplinäre werden, da diese als ‘Schreien’ gelten (HAAALLLOO).
Zusammenarbeit – neben Medien- und Kommunikati- Schließlich werden häufig (4) Akronyme/ Abkürzungen
onswissenschaft z.B. Psychologie, Soziologie, Politikwis- von Körper- und Gefühlzuständen eingesetzt, z.B. lol =
senschaft und Informatik – erforderlich, so daß K. ‹laughing out loud› oder rotfl = ‹rolling on the floor,
Scherfer z.B. gar die Einführung einer neuen interdis- laughing›.
ziplinären Forschungsrichtung, der ‹Webwissenschaft›, Alle genannten Ausdrucksformen spielen v. a. bei
vorschlägt. [11] synchronen und 1:1-Kommunikationsformen wie Chat
C. Eigenschaften des Internets und Konsequenzen für oder E-Mail eine wichtige Rolle, weniger in asynchro-
die Rhetorik. Aus rhetorischer Perspektive sind drei we- nen und 1:many-Formen wie Webseiten. Darüber hin-
sentliche Eigenschaften des Mediums Internet relevant, aus läßt sich bei den erstgenannten Formen eine der
die dieses von den ‘alten’ Medien unterscheiden: Mul- mündlichen Sprache angenäherte Sprachverwendung
timedialität, Vernetzung und Interaktivität. feststellen (z.B. Verwendung von Dialekt, Abkürzun-
I. Multimedialität. Unter diesen Begriff lassen sich gen), so daß das Thema insgesamt unter dem Begriff
zwei Modalitäten fassen: (1) ‹Multicodalität› und (2) ‹schriftliche Mündlichkeit›/ ‹Oraliteralität› diskutiert
‹Medienkonvergenz›. wird. [20]
(1) WWW-Inhalte sind meist aus unterschiedlichen, Neben sprachlichen und parasprachlichen Mitteln
digitalen Codes zusammengesetzt (Text, [bewegte] Bil- steht dem Online-Orator statt Stimme, Proxemik, Ge-
der, Töne). Entsprechend der von Knape eingeführten stik etc. zur «Aufführung» seiner Botschaft das Web-
Trennung von ‹Medium› und ‹Code› könnte diese Be- design zur Verfügung: Die HTML-Tags weisen den
deutung des Begriffs Multimedialität auch als ‹Multi- schriftlichen Elementen Attribute (Größe, Farbe etc.)
codalität› bezeichnet werden. [12] Das Internet, v. a. das zu, die vom Browser ausgelesen und «aufgeführt» wer-
WWW, kann für die Übermittlung aller digitalen Codes den. [21] Ähnlich wie die körperliche Präsenz des Ora-
genutzt werden, wodurch es zu Wechselwirkungen zwi- tors trägt die Optik von Internet-Inhalten außerdem
schen den Codes kommen kann, die sich gegenseitig un- zum Image bzw. zur Glaubwürdigkeit des Orators
terstützen, verstärken, aber auch behindern können. Be- bei. [22] Allein die Farben, die Schriftart und Anord-
sondere Beachtung findet das Verhältnis von Text und nung einer Webseite, also Look & Feel («Anmutung»),
Bild auf dem Bild-Schirm, über den Internet-Inhalte re- geben dem Nutzer bereits darüber Auskunft, ob er sich
zipiert werden. So befürchtet U. Schmitz, die Schrift auf einer für ihn passenden Seite befindet. Traditionelle
verliere ihre Selbständigkeit und gehe in komplexe Zei- Medienorgane profitieren vom Imagetransfer, wenn sie
chengebilde ein. [13] Ergebnisse der Aufmerksamkeits- neben den Inhalten auch die bekannte Optik (z.B. Zei-
forschung bestätigen: Schrift wird im Internet nicht tungslayout oder Sendeformate) – soweit möglich – im
mehr linear, sondern eher flächig, wie ein Bild wahrge- WWW übernehmen. [23] Nicht nur aufgrund des Ange-
nommen. [14] Skeptiker befürchten daher, Schrift werde messenheitspostulats, das die adäquate Nutzung vor-
im WWW zu einem Oberflächenphänomen, einem handener Möglichkeiten vorsieht, sondern auch aus
«Meer von Signifikanten ohne Signifikat» [15] und de- Gründen der Glaubwürdigkeitserweckung ist Webde-
finieren I. – im Sinne eines ornatus-orientierten Rheto- sign daher ein wesentlicher Bestandteil von I.
rik-Verständnisses – als bloße Oberflächenveredelung (2) Die technischen Voraussetzungen des Internets
mit Hilfe von Farben, Bildern etc. [16] I. geht jedoch ermöglichen zudem eine weitere Form von Multime-

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Internet-Rhetorik Internet-Rhetorik

Abb. 1

dialität: Im WWW verschwimmen die Grenzen zwi- Darüber hinaus haben sich neuartige, internetspezifi-
schen bisher getrennten Medien wie ‹Zeitung›, ‹Fern- sche Formen entwickelt, wozu v. a. Foren und verschie-
sehen› und ‹Brief›. Zum einen gibt es online verschie- dene Arten von Plattformen gehören. Allen gemeinsam
dene Nutzungsformen, die dem traditionellen Zeitung- ist, daß sie jedermann offen stehen, daß sie ohne hohen
lesen, Fernsehen oder Briefeschreiben ähneln; zum technischen Aufwand zu verwenden sind und daß alle
anderen umfaßt das Internet auch Angebote von Zei- Beteiligten gleichermaßen als Sender und als Empfän-
tungsverlagen und Rundfunkanstalten parallel zu den ger fungieren, die z.B. Fragen stellen und Antworten
klassischen Distributionswegen. Die Begriffe ‹Multi- geben oder Kurznachrichten veröffentlichen und diese
modalität› (verschiedene Nutzungsformen/ Modi des kommentieren. Auf diese Weise bilden sich Kommuni-
Internet) und ‹Medienkonvergenz› (Internet als Hyper- kations- und Beziehungsnetze mit aktiven und weniger
Medium) treffen diesen Sachverhalt exakter als ‹Mul- aktiven Mitgliedern (s. u.). Kommunikation verläuft in-
timedialität›. nerhalb dieser ‹virtuellen Gemeinschaften›, orientiert
In den einzelnen Internet-Modi haben sich verschie- sich an den jeweiligen Themen und Gepflogenheiten
dene internetspezifische Kommunikationsformen mit je und wendet sich an die anderen Gemeinschaftsmitglie-
eigenen Regeln herausgebildet, die sich zum Teil an ih- der – im Unterschied zu alternativen Online-Medien wie
rem Pendant in der ‘realen Welt’ orientieren, zum Teil einer E-Mail, die für einen begrenzten Adressantenkreis
alte Kommunikationskonventionen aber auch unterlau- verfaßt wird oder einer WWW-Präsenz, die die gesamte
fen (vgl. Abb. 1). Öffentlichkeit im Blick hat. Prinzipiell ist die Kommu-

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Internet-Rhetorik Internet-Rhetorik

nikationsstruktur asynchron; sehr aktive, permanent zen eine ‹Einstiegsseite› (Homepage); doch da der Leser
‹eingeloggte› Mitglieder nähern sich jedoch durch einen nicht unbedingt von dieser Seite aus im Online-Angebot
raschen Wechsel von Meldung und Reaktion der syn- navigiert, sondern z.B. über einen Link von einer an-
chronen Kommunikation an. deren Internetpräsenz gezielt ein einzelnes Modul an-
Für jede der genannten Kommunikationsformen gibt steuert, müssen die Module in sich verständlich und ko-
es – fixierte oder unausgesprochene – Regeln, die man häsiv geschlossen sein. [28] Eine Bezugnahme auf an-
im Sinne einer (Regel-)Rhetorik interpretieren bzw. an dere Textmodule ist nicht durch sprachliche Mittel wie
bekannte rhetorische Strategien anschließen könnte. etwa Personalpronomina, sondern nur durch Links
Für Internet-‘Neulinge’ existierten lange Zeit Leitfäden möglich.
zur ‹Netiquette›, für ‘Profis’ gibt es zahlreiche Ratgeber, (2) Verlinkung: Der Link ist nach Storrer das «wich-
die Leitlinien für die Gestaltung von WWW-Seiten, tigste neue Gestaltungs- und Strukturierungsmittel in
journalistischen Texten im Internet oder Blogs geben. Hypertexten». [29] Nielsen nennt drei Hauptformen
Zu den wichtigsten Strategien gehören: (1) Kürze: von Links [30]: Links zur strukturellen Navigation, die es
Aufgrund der schlechteren Lesbarkeit am Bildschirm dem Benutzer ermöglichen, innerhalb einer Webprä-
und der geringeren Aufmerksamkeit der Rezipienten senz zu navigieren, Links zu zusätzlichen Referenzen,
wird empfohlen, daß Texte im Web nur halb so lang sein die auf weitere, ähnliche Webseiten verweisen und as-
sollten wie gedruckte Texte. (2) Übersichtlichkeit: Um soziative Links, die weiterführende Informationen zum
sich im vielbeschworenen Informationsdschungel nicht Haupttext bieten. Die letztgenannte Form, bei der in der
zu verirren, muß der Nutzer Angaben zur Navigations- Regel ein Wort innerhalb des Texts als Link fungiert, ist
ebene erhalten. [24] 3) Aufmerksamkeitsgewinnung: aus rhetorischer Perspektive besonders interessant, da
Angesichts knapper Zeitressourcen ist die Aufmerk- sie die Vertextungsmöglichkeiten des Online-Orators
samkeit der Nutzer die wichtigste Währung im Internet, erweitert: Links können gezielt gesetzt werden, um Le-
weshalb die Produzenten die «Aufmerksamkeitsgeset- ser zu lenken, zusätzliche Informationen zu vermitteln
ze» beachten sollten. [25] Alle drei lassen sich auf Prin- oder eine weitere Textebene einzubeziehen.
zipien zurückführen, die aus der Rhetorik bekannt sind: Links gehören damit zu den Gestaltungsmitteln des
brevitas, perspicuitas, dispositio, attentum parare. strategischen Kommunikators, so daß es naheliegt, eine
Wie bereits angedeutet kann das Medium ‹Internet› Analogie zu rhetorischen Figuren herzustellen [31]:
durch das einheitliche TCP/IP-Protokoll als technische Kramer unterscheidet Periphrase (Umschreibung von
Basis für verschiedene Formen von Kommunikation ge- Informationen durch andere Informationen), Synekdo-
nutzt werden. Neben neu entstandenen Formen wie che (Spezifizierung oder Verallgemeinerung) und Anti-
WWW und E-Mail werden auch ‘alte’ Medien in das In- stasis (Erschließen unterschiedlicher Bedeutungsebe-
ternet übertragen, wie z.B. Web-TV oder Voice over IP nen). [32] Schmid untersucht das Verhältnis der beiden
(VOIP) als Alternative zum Telefon. [26] Da in der Re- Ebenen – Text und Link – zueinander und bezieht dabei
gel das Internet für diese Nutzungsformen nur den tech- auch die optische Gestaltung der Links mit ein. [33] Auf
nischen Kanal bildet, haben sich kaum spezifische Kom- diese Weise lassen sich vier Arten von Links unter-
munikationsformen entwickelt; so werden z.B. für das scheiden, die jeweils eine andere Strategie verfolgen:
Fernsehen produzierte Beiträge unverändert auf Inter- Ergänzende Links weisen auf zusätzliche Informationen
netportalen präsentiert. Die Entwicklung netzspezifi- hin, explizite Links fordern ausdrücklich zur Lektüre
scher Soaps beispielsweise, die das Potential des Hyper- des verlinkten Texts auf. Beide Link-Arten sind im Text
texts ausschöpfen und etwa Links zu Online-Shops etc. deutlich erkennbar (z.B. blaue Schriftfarbe, Unterstrei-
enthalten, steht noch am Anfang. chung, Angabe der URL). Implizite Links dagegen
II. Vernetzung. Das Internet vernetzt nicht nur Netz- zeichnen sich durch eine zurückhaltende optische Ge-
werke und Computer, sondern auch Texte und Men- staltung aus und sind häufig erst auf den zweiten Blick
schen. Während die Vernetzung von (Schrift-)Texten als solche erkennbar (z.B. durch Mouse-over-Effekt).
mit anderen Texten, Bildern etc. im WWW neuartige Der Ursprungstext wirkt auf diese Weise geschlossener,
Darstellungsformen und Rezeptionswege ermöglicht obwohl sich hinter den Links durchaus für das Textver-
und erfordert und auf der Ebene der rhetorischen Pro- ständnis relevante Hinweise verbergen können. Inte-
dukte von Interesse ist, führt die Vernetzung von Men- grale Links schließlich sind diejenigen, die der Leser fast
schen im global village zur Frage nach der Position des gezwungenermaßen öffnen muß, da sich der Textinhalt
rhetorisch-strategischen Kommunikators innerhalb die- nur auf diese Weise erschließt: Der Ursprungstext ist
ses Netzes. mehr Kommentar zum verlinkten Text als eigenständi-
1. Hypertext-Prinzip. Die grundlegenden Operationen ger Text.
der ‹Hypertextrhetorik› sind (1) Modularisierung und Storrer befaßt sich mit Strategien der Link-Darstel-
(2) Verlinkung [27], wobei verschiedene Arten von Mo- lung und unterscheidet eingebettete Anzeige (kleine
dularisierung (thematisch, perspektivisch, funktional) Zusatzinformationen, z.B. Definitionen, Beispiele), pa-
und Verlinkung (thematisch, nach Wissensvorausset- rallele Anzeige von Linkursprung und Linkziel (z.B. bei
zungen, nach Handlungsabläufen) unterschieden wer- einem Pro- und einem Kontra-Textmodul) und erset-
den können. zende Anzeige, bei der der Linkursprung durch das
Beide Operationen haben Konsequenzen für die Linkziel ersetzt wird. [34] Je nach Inhalt und Funktion
Textproduktion: des Links bieten sich unterschiedliche Varianten an.
(1) Modularisierung: Die Zerlegung eines Textes in Auch hier zeigt sich, daß die Wahl von Linkursprung,
mehrere Module hat zur Folge, daß sich der Kommuni- Linktypus, Linkgestaltung etc. strategische Operatio-
kator zum einen nicht mehr an klassisch-rhetorischen nen sind und von einer I. berücksichtigt werden müssen.
Mustern der dispositio orientieren kann, und daß er zum Als Leitlinie gilt dabei: «Die multimediale Technik soll
anderen jede einzelne Informationseinheit so gestalten zur Botschaft hin- und nicht von ihr wegführen». [35]
muß, daß sie von verschiedenen Seiten zugänglich und Das Hypertextprinzip, die Verlinkung zwischen Text-
verständlich ist. Zwar haben die meisten WWW-Präsen- modulen, Webseiten etc., ist aber nicht nur eine neue

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Internet-Rhetorik Internet-Rhetorik

Möglichkeit der Vertextung, sondern spiegelt die im Sinne des aristotelischen Überzeugungsmittels Ethos
Grundstruktur des WWW: «Eine Website ist keine In- zum Instrumentarium gehört, ergeben sich unter den
sel» [36]; jede Seite ist in das Netz eingebunden. Bedingungen des Internet medienspezifische Chancen
Dieses ‘Auf-andere-Verweisen’ als Prinzip anzuer- und Widerstände:
kennen stellt in der Anfangszeit des WWW insbeson- a) Kontrolle der Kommunikationssignale: Durch das
dere für professionelle Kommunikatoren wie z.B. Jour- dimissive Basissetting, in dem körpergebundene Zei-
nalisten eine große Herausforderung dar und wird zu- chen fehlen, dominieren bei der Internetkommunika-
nächst besonders in der wissenschaftlichen Diskussion tion im Unterschied zur Face-to-Face-Kommunikation
um Online-Journalismus thematisiert. [37] Journalisten, die intentionalen Signale («cues given»), da die nicht-
die gewohnt waren, Strategien zu entwickeln, um die kontrollierbaren Kommunikationssignale wie z.B. Er-
Rezipienten an ihr Angebot zu binden (Systase), sahen röten oder Blinzeln, häufig non- oder paraverbal
sich im WWW zum einen einer stärkeren Konkurrenz sind. [43] Für den Kommunikator bedeutet dies ein
ausgesetzt und mußten zum anderen das Prinzip des großes Simulationspotential, d. h. die Möglichkeiten
Verweisens und Verlinkens umsetzen und damit die der Gestaltung einer ‘idealen’ virtuellen Identität, aber
‘Konkurrenz’ einbeziehen. Dies und der Glaubwürdig- auch die Notwendigkeit, non- und paraverbale Sig-
keitsvorsprung, den klassische Medien aufgrund eines nale zu verschriftlichen, wie z.B. durch Emoticons
Imagetransfers im WWW hatten [38], führt zu einem (s. o.). [44]
Rollenwandel des Journalisten: Vom Gatekeeper, der b) Egalität/ Uniformität: Soziale Hinweisreize wie
seinen Rezipienten Informationen zugänglich macht, Alter, Geschlecht, Kaufkraft oder Hautfarbe sind in der
entwickelt er sich zum Navigator, der den Surfern Internetkommunikation entweder nicht ersichtlich oder
Orientierung in der Informationsflut des WWW bie- können manipuliert werden, so daß zwar prinzipiell
tet. [39] jeder Internetnutzer mit den gleichen Voraussetzungen
2. Communities. Weiteren Einfluß auf die Rolle des in die Kommunikation eintritt, die jeweilige Sprach-
Online-Orators nimmt eine andere Entwicklung, die gewandtheit und Kommunikationskompetenz jedoch
durch das Internet ermöglicht wurde: die Vernetzung noch stärker ins Gewicht fällt.
von Menschen weltweit. Die Internetnutzer bilden je- Schon zu Beginn des Internetzeitalters konnte fest-
doch nicht ein einziges global village (McLuhan); gestellt werden, daß Selbstdarstellung ein zentrales Mo-
vielmehr bilden sich viele virtuelle Gemeinschaften, in tiv für das Internet-Engagement ist [45]; im Zeitalter des
denen Menschen Erfahrungen austauschen, zusammen- Web 2.0 zeigt sich, daß von allen Möglichkeiten der Ak-
arbeiten, gemeinsamen Interessen nachgehen etc. Un- tivitäten vor allem private Communities genutzt wer-
abhängig vom Medienmodus, den sie verwenden (z.B. den, die fast ausschließlich aus Formen der Selbstdar-
Mailingliste, Community-Plattform), zeichnen sich die- stellung bestehen (Profilseite, Statusmeldungen etc.).
se Gemeinschaften durch eine Zentrum-Peripherie- Die Produktion eigener Inhalte steht dagegen nur bei
Struktur aus: Das Kommunikationsnetz ist nicht gleich- knapp einem Drittel der Onliner im Vordergrund. [46]
mäßig dicht, sondern besteht aus Knotenpunkten und Dennoch ist die (Inter-)Aktivität der Internet-Nutzer
unterschiedlich starken Verbindungen zwischen diesen ein weiterer wesentlicher Unterschied zu den ‘alten’
Punkten. [40] Aus rhetorischer Perspektive ist diese Medien.
Struktur relevant, da diejenigen Kommunikatoren, die III. Interaktivität. Das Konzept von Interaktivität in
die Knotenpunkte besetzt halten, ihre Botschaften bes- den Neuen Medien enthält sowohl Elemente des Inter-
ser durch das Netz leiten können und mehr Aufmerk- aktionsbegriffs aus der Soziologie wie auch aus der In-
samkeit erfahren als solche, die sich lediglich am Rande formatik [47], so daß ganz unterschiedliche Phänomene
der Gemeinschaft bewegen. Bei der Besetzung der zen- als «Interaktivität» bezeichnet werden, von der «inter-
tralen Positionen spielt der zeitliche Verlauf der Ge- aktiven» Lektüre von Hypertexten, bei denen der Leser
meinschaftsbildung eine wesentliche Rolle: Aufgrund den Rezeptionsverlauf selbst steuert, bis hin zur Um-
von Schließungstendenzen ist es für neu hinzukommen- kehrung der Sender- und Empfänger-Rollen. Grund-
de Mitglieder schwerer, in das Zentrum der Gemein- sätzlich können zwei Typen von Interaktivität unter-
schaft zu gelangen. [41] Aber auch kommunikative Stra- schieden werden: die Kommunikation zwischen Mensch
tegien können dazu beitragen, zentralere Positionen zu und Computer und die Kommunikation zwischen Men-
erlangen und zu behaupten. Zu erfolgversprechenden schen mit Hilfe des Computers.
Strategien gehören z.B. die Wahl eines Themas, das in 1. Interaktivität als Mensch-Maschine-Kommunikati-
der Gemeinschaft auf großes Interesse stößt, die – di- on. Hypertexte bieten eine Form der Interaktion zwi-
rekte oder indirekte – Aufforderung zu Reaktionen und schen Mensch und Computer, da der Leser – stärker als
Kommentaren, etwa durch Fragen, Provokationen oder bei ‘alten’ Medien – auf die Reihenfolge, die Dauer oder
Appelle, und die rege Beteiligung an bereits bestehen- das Tempo der Lektüre Einfluß nehmen kann. Ange-
den Diskussionen. [42] sichts dieser größeren Gestaltungsfreiheit des Lesers
Neben der Gestaltung seiner Kommunikationsbei- befürchten manche einen Bedeutungsverlust des Au-
träge sollte der Online-Orator auch die Möglichkeiten tors [48]; aus rhetorischer Perspektive bleibt aber fest-
der Selbstdarstellung im Internet in seine Strategie ein- zuhalten, daß auch Hypertexte strategisch gestaltet wer-
beziehen, die sich z.B. durch ein persönliches Profil auf den. Links werden nicht willkürlich gesetzt, sondern mit
Community-Plattformen (Facebook, StudiVZ etc.), die einer bestimmten Intention plaziert (s. o. Kap. C.II.1.,
Gestaltung eines Avatars in virtuellen Welten, aber Sp. 415–417). Das zusätzliche Gestaltungsmittel ‹Link›
auch in der Kommunikation mit anderen Mitgliedern kann sogar einen Vorteil bieten: Mit einem Hypertext
ergeben. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Möglich- kann die Heterogenität des Lesepublikums, etwa ein un-
keiten des Ich-Ausdrucks und der Authentizität im In- terschiedlicher Wissensstand, aufgefangen werden, da
ternet im Vergleich mit der Face-to-Face-Situation be- der Hypertext sowohl einen groben Überblick über ein
schränkt oder zumindest verändert sind. Für den rhe- Thema bietet als auch, mit Hilfe von Links, vertiefte In-
torischen Kommunikator, für den die Selbstdarstellung formationen.

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Internet-Rhetorik Internet-Rhetorik

Auch im Bereich der fiktionalen Texte, der ‹Hyper- WWW trifft dies v. a. auf Firmen, Politiker, Institutionen
fictions›, gilt, daß der Autor die «Navigationsalternati- etc. zu, die nun ihre Anliegen direkt kommunizieren
ven», also alle möglichen Lesepfade, vorausbedenken können und nicht mehr auf die Vermittlung durch Jour-
und seinen Text für alle Varianten schlüssig gestalten nalisten angewiesen sind. Danach und daneben treten
muß. [49] Nicht selten führt dies zu einem «Dilemma aber zunehmend auch Privatpersonen als Kommunika-
zwischen Spannung und Leserautonomie» [50]: Möchte toren im Internet auf. Dabei entwickelt sich eine inter-
der Autor eine Geschichte erzählen, einen Spannungs- netspezifische Mischform des «produsers» [60] oder
bogen aufbauen, muß er mögliche und sinnvolle Lese- «prosumers» [61]: Internetnutzer, die sowohl Texte le-
pfade vorgeben; gibt es keine vorgegebenen Pfade, muß sen als auch Kommentare zu diesen Texten verfassen, in
der Leser ständig Auswahlentscheidungen treffen und eigenen Texten Bezug auf andere nehmen und diese
Sinn rekonstruieren, was als anstrengend empfunden verlinken etc. Prototypisch für diese Art der Internet-
werden kann. [51] Auch Hyperfictions sollten daher kommunikation, die auch als ‹partizipativer Journalis-
zwar mit mehr Wahlmöglichkeiten für den Leser als ge- mus› [62] bezeichnet wird, sind Blogs. Daneben existie-
druckte Texte, aber dennoch gezielt gestaltet werden. ren weitere Formen und Foren, wie Nutzer im Internet
2. Interaktivität als ‹Rückkanal›. Eine weiterreichende Texte veröffentlichen können, seien es eigene Home-
Form von Interaktivität ist die Reaktion eines Nutzers pages, seien es Plattformen für literarische Texte o. ä.
auf Massenkommunikation. Die Voraussetzung dafür, Beide Formen, die Kommunikation von Politikern,
die Gleichberechtigung aller Nutzer auf der technischen Unternehmen etc. wie auch von Privatpersonen, führen
Ebene, ist beim Internet gegeben. Was Brecht in Bezug zu einer deutlich höheren Anzahl von Oratoren und da-
auf das Radio («Hörer als Lieferanten» [52]) oder En- mit zu einer stärkeren Konkurrenz um das knappe Gut
zensberger in Bezug auf die elektronischen Medien «Aufmerksamkeit». [63] Die Technik allein sorgt noch
(«jedermann zum Drucker» [53]) gefordert hatten, wird nicht dafür, daß alles, was geschrieben wird, auch Leser
damit im Internetzeitalter umgesetzt: Jeder Internetnut- findet, vielmehr ist auch hier strategische Kommunika-
zer kann sowohl als Empfänger wie auch als Sender tion wesentlich. Bei der Wahl der Strategie muß berück-
agieren. Im Unterschied zu früheren Möglichkeiten der sichtigt werden, daß der Prozeß der Selektion im Ver-
Nutzerbeteiligung an Massenkommunikation (Leser- gleich zu traditionellen Massenmedien umgekehrt ist:
brief, Hörertelefon u. a.) ist dafür kein Medienwechsel Die «Prüfung von Informationen und Meinungen» fin-
erforderlich. Zum Verfassen von Forenbeiträgen, Kom- det «erst nach der Publikation» statt. [64] Leser kom-
mentaren zu Texten etc. wird die gleiche Hard- und Soft- mentieren und bewerten Texte, leiten sie an andere wei-
ware verwendet wie für das Lesen von Beiträgen und ter, verweisen darauf in eigenen Veröffentlichungen.
Artikeln. Dadurch gerät ein viel gelesener, viel kommentierter
Die vereinfachten Reaktions- und Beteiligungsmög- und viel zitierter Text immer mehr in die Mitte der Zen-
lichkeiten der Internetnutzer bedeuten zum einen eine trum-Peripherie-Struktur und findet Beachtung. Ein er-
Veränderung des klassischen rhetorischen Basissettings, folgsorientierter Kommunikator muß sich auf diesen
das einen Redner und eine mehr oder weniger große Prozeß einlassen und die Kriterien, die für eine positive
Zuhörerschaft vorsieht. Zum anderen kann aber das In- Bewertung von Nutzern sorgen könnte, antizipierend
teraktivitätspotential des Internets auch ernst machen berücksichtigen. Diese Kriterien orientieren sich, wie
mit der ebenfalls rhetorischen Auffassung der Rede als die Analyse von user generated content von Schmid ex-
Dialog mit dem Publikum. [54] In dieser Hinsicht kann emplarisch gezeigt hat, an traditionellen rhetorischen
Interaktivität sogar als Vorteil gewertet werden, da der Kategorien wie z.B. die Beachtung des Adressatenkal-
Orator im Internet im Gegensatz zu den One-way- küls oder die Einhaltung des Angemessenheitspostu-
Medien wie Fernsehen oder Zeitung seine «Interventi- lats. [65] Weitere, internetspezifische Strategien kom-
onsmöglichkeit» [55] behält und das Feedback der Re- men hinzu, etwa Strategien der «kommunikativen Öff-
zipienten als Anregung für die weitere Kommunikation nung», d. h. das aktive Einfordern von Kommentaren,
und zur Justierung des Adressatenkalküls nutzen kann. um im oben beschriebenen Prozeß des gegenseitigen
Neben Kommentaren von Lesern erhält der Online- Verweisens in eine zentrale Position innerhalb der vir-
Orator aber auch durch technische Instrumente eine tuellen Gemeinschaft zu gelangen. [66] Obwohl im In-
Rückmeldung zu seinem Angebot: Die Daten, die Nut- ternet prinzipiell jedermann als Kommunikator agieren
zer beim Besuch einer Seite hinterlassen, können durch kann, zeigt sich, daß erfolgreiche (‘zentrale’) Kommu-
Methoden des ‹Usertracking› ausgewertet werden. [56] nikatoren strategisch handeln und sich bei der Textge-
Durch Nutzerfeedback und Nutzertransparenz entsteht staltung und der Selbstpräsentation von rhetorischen
so eine hohe «Sensitivität für Publikumsverhalten und Prinzipien leiten lassen.
-wünsche» [57], was wiederum dazu führt, daß das On-
line-Angebot den Bedürfnissen der Leser angepaßt wird
Anmerkungen:
und das – explizite und implizite – Feedback der Leser 1 J. Knape: Was ist Rhet.? (2000) 87ff. u. 90ff. – 2 vgl. M. Bunz:
die Arbeit des Kommunikators beeinflußt. [58] Um er- Vom Speicher zum Verteiler. Die Gesch. des Internet (22009);
folgreich agieren zu können, ist es für den Online-Ora- T. Alby: Technikgesch. des Webs, in: K. Scherfer (Hg.): Web-
tor sogar hilfreich, Feedback explizit einzufordern: Er wiss. Eine Einf. (2008) 102–114. – 3 W. Wirth, W. Schweiger:
kann seine weiteren Texte nicht nur besser auf die Leser Selektion neu betrachtet: Auswahlentscheidungen im Internet,
einstellen, sondern manövriert sich, z.B. durch Leser- in: dies. (Hg.): Selektion im Internet. Empirische Analysen zu
kommentare, Erwähnungen in Blogs u. ä., in eine zen- einem Schlüsselkonzept (1999) 43–74, hier 48. – 4 J. Venus: As
trale Rolle innerhalb der virtuellen Gemeinschaft We May Think About It. Zur Zukunft des Internets im System
der Medien, in: Navigationen. Siegener Beitr. zur Medien- u.
(s. o.). [59] Kulturwiss., Jg. 2, 2 (2002) 69–82, hier 75. – 5 O. Kramer: Rhet.
3. Interaktivität als Umkehrung des Sender/Empfänger- im virtuellen Raum. Das Internet in medialrhet. Perspektive, in:
Verhältnisses. In ihrer weitestgehenden Form bedeutet J. Knape (Hg.): Medienrhet. (2005) 195–210, hier 198. –
Interaktivität einen Rollenwechsel des vormals passiven 6 Bunz [2] 116. – 7 S. Haas u. a.: Web 2.0: Nutzung u. Nutzerty-
Empfängers zum aktiven Sender. In der Anfangszeit des pen. Eine Analyse auf der Basis quantitativer u. qualitativer

419 420
Internet-Rhetorik Internet-Rhetorik

Unters., in: Media Perspektiven 4 (2007) 215–222, hier 215. – 8 J. timedial, online u. interaktiv: Die Zukunft des Journalismus?,
Schmidt: Was ist neu am Social Web? Soziol. u. kommunikati- in: R. Pfammatter (Hg.): Multi Media Mania. Reflexionen zu
onswiss. Grundlagen, in: ders., A. Zerfaß, M. Welker (Hg.): Aspekten Neuer Medien (1998) 173–180; B. Dernbach: Braucht
Kommunikation, Partizipation u. Wirkungen im Social Web, die Multimedia-Ges. Berufskommunikatoren? Aufgaben u.
Bd. 1 (2008) 18–40. – 9 K. Busemann, Chr. Gscheidle: Web 2.0: Anforderungen im Wandel, in: dies., M. Rühl, A.M. Theis-
Communitys bei jungen Nutzern beliebt. Ergebnisse der ARD/ Berglmair (Hg.): Publizistik im vernetzten Zeitalter. Berufe –
ZDF-Onlinestud. 2009, in: Media Perspektiven 7 (2009) 356– Formen – Strukturen (1998). – 40 Chr. Stegbauer, A. Rausch:
364, hier 357. – 10 B. van Eimeren, B. Frees: Fast 50 Millionen Die Konstitution sozialer Netzwerke durch Threads, in: B. Ba-
Deutsche online – Multimedia für alle?, in: Media Perspektiven tinic u. a. (Hg.): Online Research. Methoden, Anwendungen u.
7–8 (2010) 334–349. – 11 Scherfer [2]. – 12 Knape [1] 62; J. Ergebnisse (Göttingen/Bern/Toronto/Seattle 1999) 201–212;
Schmid: Internet-Rhet. Chancen u. Widerstände des Orators Chr. Stegbauer: Grenzen virtueller Gemeinschaft. Strukturen
auf der digitalen Agora (2007) 21. – 13 U. Schmitz: Schriftl. Tex- internetbasierter Kommunikationsfaktoren (2001); ders., A.
te in multimedialen Kontexten, in: R. Weingarten (Hg.): Rausch: Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation (2009). –
Sprachwandel durch Computer (1997) 131–158, hier 132. – 41 vgl. Stegbauer 2009 [40] 173ff. – 42 Schmid [12] 142ff. – 43 vgl.
14 Th. Wirth: Missing Links. Über gutes Webdesign (22004); vgl. E. Goffman: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im
G. Braungart: Multimedia-Rhet. u. hist. Medienästhet., in: Kna- Alltag (1969); H. Volpers, K. Wunder: Das ICH im Web. Aus-
pe [5] 211–229, hier 217f. – 15 E. Gehring: Medienmetaphorik. wirkungen virtueller Identitäten auf soziale Beziehungen, in:
Das Internet im Fokus seiner räumlichen Metaphern (2004) Scherfer [2] 91–101. – 44 vgl. S. Misoch: Online-Kommunikation
154. – 16 E. Esposito: Rhet., das Netz u. die Entleerung der Sub- (2006) 115ff. – 45 P. Rössler, N. Klövekorn, T. Rebuzzi: Wie ar-
jektivität, in: M. Sandbothe, W. Marotzki: Subjektivität u. Öf- beiten Web-Kommunikatoren?, in: U.-D. Reips u. a. (Hg.): Cur-
fentlichkeit. Kulturwiss. Grundlagenprobleme virtueller Wel- rent Online Science. Trends, Techniken, Ergebnisse (1999), on-
ten (2000) 171–190. – 17 Schmid [12]. – 18 Braungart [14] 227. – line unter: http://gor.de/gor99/tband99/inhalt.html (Zugriff: 19.
19 vgl. z.B. C. Funken: Körpertext oder Textkörper – Zur ver- 02. 2011). – 46 Busemann, Gscheidle [9] 359. – 47 vgl. L. Goertz:
meintlichen Neutralisierung geschlechtl. Körperinszenierungen Wie interaktiv sind Medien? Auf dem Weg zu einer Def. von
im elektron. Netz, in: B. Becker, I. Schneider (Hg.): Was vom Interaktivität, in: Rundfunk u. Fernsehen 43/4 (1995) 477–493. –
Körper übrig bleibt. Körperlichkeit – Identität – Medien (2000) 48 vgl. z.B. S. Winko: Lost in Hypertext? Autorkonzepte u. neue
103–147; S. Krämer: Virtualisierung oder: Über die Verwand- Medien, in: F. Jannidis u. a. (Hg.): Rückkehr des Autors. Zur
lung von Körpern in Zeichen für Körper, in: A. Barkhaus, A. Erneuerung eines umstrittenen Begriffs (1999) 511–533. – 49 R.
Flaig (Hg.): Grenzverläufe. Der Köper als Schnitt-Stelle (2002) Simanowski: Interfictions. Vom Schreiben im Netz (2002) 65. –
143–152. – 20 J. Wehner: Medien als Kommunikationspartner. 50 H. Schmundt: Strom, Spannung, Widerstand. Hyperfictions –
Zur Entstehung elektron. Schriftlichkeit im Internet, in: L. die Romantik des elektron. Zeitalters, in: M. Klepper, R. May-
Gräf, M. Krajewski (Hg.): Soziol. des Internet. Handeln im er, E.-P. Schneck: Hyperkultur. Zur Fiktion des Computerzeit-
elektron. Web-Werk (1997) 125–149, hier 126; W.J. Ong: alters (1996) 44–67, hier 56. – 51 H.-J. Yoo: Text, Hypertext,
Oralität u. Literalität. Die Technologisierung des Wortes, Hypermedia. Ästhet. Möglichkeiten der digitalen Lit. mittels
übers. v. W. Schömel (1987); P. Koch, W. Oesterreicher: Schrift- Intertextualität, Interaktivität u. Intermedialität (2007) 95. –
lichkeit u. Sprache, in: H. Günther, O. Ludwig (Hg.): Schrift 52 B. Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede
u. Schriftlichkeit (1994) 587–604; vgl. D. Langham: The Com- über die Funktion des Rundfunks (1932), in: ders.: Werke.
mon Place MOO: Orality and Literacy in Virtual Reality, in: Hg. v. W. Hecht u. a., Bd. 21: Schr. 1 (1967) 552–557, hier 553. –
Computer-Mediated Communication Magazine 1 (1994), onli- 53 H.M. Enzensberger: Bausteine zu einer Theorie der Medien,
ne unter: http://www.ibiblio.org/ cmc/ mag/1994/jul/ moo.html in: Kursbuch 20 (1970) 159–186, hier 160. – 54 vgl. z.B. C. Pe-
(Zugriff: 18.02.2011). – 21 Schmid [12] 217. – 22 J. Nielsen: Jakob relman: Das Reich der Rhet. Rhet. u. Argumentation (1980) 24.
Nielsen’s Web-Design – Erfolg des Einfachen (2000) 91ff. – – 55 Knape [1] 91. – 56 B. Frees, M. Fisch, A. Ebbes: ‹Usertrak-
23 vgl. z.B. Wirth [3] 62; B. van Eimeren, H. Gerhard: ARD/ king›: Nutzungspfade im Webangebot. Anwendung eines In-
ZDF-Online Studie 2000: Gebrauchswert entscheidet über In- struments der Onlineforschung im Rundfunkbereich, in: Media
ternetnutzung, in: Media Perspektiven 8 (2000) 338–349, hier Perspektiven 6 (2005) 284–289. – 57 Chr. Neuberger: Formate
346; Chr. Neuberger u. a.: Die dt. Tagesztg. im World Wide der aktuellen Internetöffentlichkeit. Über das Verhältnis von
Web, in: Media Perspektiven 12 (1997) 652–662, hier 661, online Weblogs, Peer-to-Peer-Angeboten u. Portalen zum Journalis-
unter: http://www1.ku-eichstaett.de/SLF/JOUR/projekt/ergeb- mus – Ergebnisse einer explorativen Anbieterbefragung, in:
nis/main.htm (Zugriff: 18.02.2011). – 24 vgl. z.B. D. Kratz: Qua- Medien- u. Kommunikationswiss. 53, 1 (2005) 73–92, hier 77. –
lität im Web. Interdisziplinäre Website-Bewertung, in: Scher- 58 J. Trappel: Online-Medien. Leistungsprofil eines neuen Mas-
fer [2] 154–169; S.R. Alkan: Texten für das Internet. Ein Praxisb. senmediums (2007) 93f. – 59 vgl. Schmid [12] 167f. – 60 J.
für Online-Redakteure u. Webtexter (22004); J. Jacobsen: Web- Schmidt, M. Welker: Einl.: Grundlagen u. Methoden des Social
site-Konzeption. Erfolgreiche Websites planen u. umsetzen Web, in: Zerfaß u. a. [8] 12–17, hier 13. – 61 B. Blättel-Mink,
[mit Usability-Test-Video u. Webseite zum Buch www.benut- K.-U. Hellmann: Prosumer revisited. Zur Aktualität einer De-
zerfreun.de] (42007); M. Wieland, M. Spielkamp: Schreiben fürs batte (2010). – 62 vgl. S. Engesser: Partizipativer Journalismus.
Web. Konzeption – Text – Nutzung (2003); Wirth [14]; Niel- Eine Begriffsanalyse, in: Zerfaß u. a. [8] Bd. 2 (2008) 47–71. –
sen [22] 100–112; Kramer [5] 202. – 25 Wirth [14] 145ff. – 26 vgl. 63 G. Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf
Bunz [6] 113. – 27 A. Storrer: Rhet.-stilist. Eigenschaften der (München/Wien 1998). – 64 Neuberger [57] 80 [Hervorhebung i.
Sprache des Internets, in: U. Fix, G. Ungeheuer, H.E. Wiegand Orig.]. – 65 Schmid [12] 130, 217. – 66 ebd. 157.
(Hg.): Hb. zur Sprach- u. Kommunikationswiss., Bd. 2 (2009)
2211–2226. – 28 R. Kuhlen: Hypertext. Ein nicht-lineares Me-
dium zwischen Buch u. Wissensbank (1991) 87. – 29 Storrer [27]
2216. – 30 Nielsen [22] 51ff. – 31 vgl. N. Bachleitner: Hypertext
als Herausforderung der Lit.wiss. Probleme der Rezeption ei- Literaturhinweise:
ner Form digitaler Lit., in: H. Foltinek, Chr. Leitgeb (Hg.): S. Turkle: Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet
Lit.wiss. – intermedial – interdisziplinär (Wien 2002) 245–266, (1998). – N. Bolz: Die Rhet. des Cyberspace, in: P.L. Oester-
hier 263f. – 32 Kramer [5] 203. – 33 Schmid [12] 199ff. – reich, Th.O. Sloane (Hg.): Rhetorica movet, FS H.F. Plett (Lei-
34 Storrer [27] 2217. – 35 Schmitz [13] 152. – 36 Nielsen [22] 15. – den/Boston/Köln 1999) 481–488. – J.B. Killoran: @home among
37 vgl. K. Riefler: Ztg. online – Chance oder Risiko?, in: Media the .coms. Virtual Rhetoric in the Agora of the Web, in: L.
Perspektiven 10 (1996) 537–549. – 38 vgl. P. Rössler, E. Ogni- Gray-Rosendale, S. Gruber (Hg.): Alternative Rhetorics. Chal-
anova: Die journalistische Identität als Qualitätskriterium im lenges to the Rhetorical Tradition (New York 2001) 127–144. –
World Wide Web. Ein Experiment zur Glaubwürdigkeit des N. Döring: Sozialpsychol. des Internet. Die Bedeutung des In-
Markenartikels Journalismus, in: P. Rössler, W. Wirth (Hg.): ternet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Bezie-
Glaubwürdigkeit im Internet. Fragestellungen, Modelle, empi- hungen u. Gruppen (22003). – K. Beck (Hg.): Gute Seiten –
rische Befunde (1999) 111–122. – 39 z.B. J. Tonnemacher: Mul- schlechte Seiten. Qualität in der Onlinekommunikation (2004).

421 422
Iustum Iustum

– T. Berners-Lee u. a.: A Framework for Web Science, in: Foun- II. Iustum als Thema. ‹I.› ist, wie bereits angesprochen,
dations and Trends in Web Science 1, 1 (2006) 1–130. – B. War- als ein vermittelnder Begriff zwischen Billigkeit (aequi-
nick: Rhetoric online. Persuasion and Politics on the World tas, ‹Fairness›) [6] einerseits und Gleichheit («quod sit
Wide Web (New York 2007). – A. Bruns: Blogs, Wikipedia, Se-
cond Life, and Beyond. From Production to Produsage (New
par» [7]) bzw. (im Bereich juristischer Beredsamkeit)
York 2008). – R. Küpper: Angewandte Hypertext-Rhet. (2008). reiner Gesetzlichkeit (ius) andererseits einzuordnen. [8]
– J. Schmidt: Das neue Netz. Merkmale, Praktiken u. Folgen des Ist das Gerechte rhetorisch zu behandelndes Thema,
Web 2.0 (2009). können Billigkeit, Gleichheit und Gesetzlichkeit jeweils
J. Gassner zur Quelle (parteigünstiger) rhetorischer Argumentati-
on werden, je nachdem wie ein konkreter (Rechts-)Fall
^ Glaubwürdigkeit ^ Intermedialität ^ Intertextualität ^ gelagert ist. Dabei gilt seit der Antike jedenfalls für die
Journalismus ^ Kommunikationstheorie ^ Medienrhetorik ^ Gerichtsrede das förmlich erlassene Gesetz als der rhe-
Online-Journalismus ^ Performanz torisch wirkungsmächtigste Fundort für persuasive Ge-
rechtigkeitsargumente [9], vereint das Gesetz doch be-
sondere Autorität (auctoritas) mit der Garantie von
Gleichbehandlung, wie sie durch abstrakt-generelle Re-
Iustum (dt. das Gerechte, Gerechtigkeit, Recht; engl. gelungen (Gesetze im formellen Sinne) ermöglicht wird.
justice; frz. justice, droit; ital. giustizia, diritto) Die aequitas, die teilweise mit Naturrecht gleichgesetzt
A. Def.: I. Allgemeines. – II. Iustum als Thema. – III. Iustum als wird [10], zumindest jedoch im rhetorischen Kontext
Topos. – B. Geschichte: I. Antike und Mittelalter. – II. Neuzeit. –
III. Moderne.
besser unter Betonung ihrer emotionalen Konstituiert-
heit als menschliches Gerechtigkeits- und Fairnessemp-
A. Def. I. Allgemeines. Die Übertragung des latei- finden umschrieben werden sollte [11], ist als Ergänzung
nischen Begriffs ‹I.› ins Deutsche, aber auch in andere und Korrektiv [12] zu (gesetzlich garantierter) Gleich-
moderne Sprachen bereitet Schwierigkeiten. In seinem heit zu denken [13]: Fehlt ein paradigmatischer Ver-
Bedeutungsgehalt steht I. in einem semantischen Span- gleichsfall oder gibt es im Bereich der juristischen Be-
nungsfeld der deutschen Begriffe ‹Recht› und ‹Gerech- redsamkeit keine bzw. nur lückenhafte oder sich wider-
tigkeit›; auch ‹Gleichbehandlung› und ‹Gesetzlichkeit› sprechende gesetzliche Regelungen [14], gewinnt die
einerseits und ‹Billigkeit› und ‹Fairness› andererseits Billigkeit als Fundort persuasiver Mittel an Bedeutung;
werden vom (rhetorisch verstandenen) I.-Begriff mitan- gibt es zwar Vergleichsfälle oder eindeutige gesetzliche
gesprochen. Regelungen, werden diese aber als parteiungünstig oder
In der Rhetorik begegnet I. in zweifacher Gestalt: es auch als objektiv unangemessen empfunden, kann eben-
kann sowohl rhetorisch zu behandelndes Thema (I. als falls auf die Billigkeit zurückgegriffen werden. Sodann
persuasives Ziel) als auch rhetorischer Topos (I. als ar- ist aber mit erhöhtem Argumentationsaufwand (onus
gumentativ-persuasives Mittel) sein. Anders als der Phi- probandi, Beweislast [15]) zu begründen, warum Gleich-
losophie geht es der Rhetorik dabei in beiden Fällen behandlung bzw. die Anwendung einer bestehenden
nicht um Herleitung, Begründung und argumentative (gesetzlichen) Regelung im konkreten Einzelfall so un-
Verwendung einer ethisch-moralisch letztverbindlichen billig wäre, daß man dies nicht mehr als gerecht bezeich-
(einzigen) Gerechtigkeit. Die Rhetorik bekennt sich nen könnte. Dies dürfte in der Regel einen Appell an das
vielmehr zu einem Gerechtigkeitsrelativismus, der sei- Billigkeitsempfinden der Adressaten notwendig ma-
ne Entsprechung in der fundamentalrhetorischen Ab- chen, der versuchen muß, diejenige Differenz des kon-
kehr von einer (philosophisch verstandenen) Wahrheit kreten Einzelfalls herauszuarbeiten, die eine pure
und der Hinwendung zur (sozial-empirisch vorhande- Gleichbehandlung ungerecht erscheinen ließe. [16] I. ist
nen) Wahrscheinlichkeit findet (Rhetorik als die Kunst, mit anderen Worten das wertende Resultat eines rhe-
im Bereich des Meinungsmäßigen Verbindlichkeit zu torischen und gegebenenfalls parteiisch motivierten
schaffen). [1] Grund für diesen rhetorischen Gerechtig- Auswahl- und Abwägungsprozesses zwischen (gesetz-
keitsrelativismus kann einerseits eine erkenntnisskep- lich garantierter) Gleichheit und Billigkeit.
tizistische Grundposition sein [2], andererseits aber Ist I. rhetorisch zu behandelndes Thema, so ist über
auch eine sozialfunktionale Selbstbeschränkung des Er- dieses Resultat bei den (entscheidungsbefugten) Adres-
kenntnisinteresses: im Bereich menschlichen (Alltags-) saten schließlich noch ein Konsens herzustellen. Für die
Handelns ist aufgrund ständig prekären Handlungs- Auswahl der rhetorischen Mittel dieser Konsensherstel-
und Entscheidungsdrucks die Erkenntnis philosophi- lung sind die Adressaten, auf die persuasiv eingewirkt
scher Gerechtigkeit weder möglich noch erstrebens- werden soll, handlungsweisend. Auszuwählen ist das,
wert. [3] Die Unterscheidung von philosophischer und was bei den Adressaten die größte Wahrscheinlichkeit
rhetorischer Gerechtigkeit findet bis heute ihren Aus- für sich hat, daß diese am Ende eine bestimmte (partei-
druck in der Trennung von Ethik als (rechts-)philoso- günstige) Lösung als gerecht werten und vor allem als
phischer Disziplin und Jurisprudenz (Rechtsprechung) gerecht empfinden. Damit angesprochen ist auch, daß
als Subsystem sozialer Ordnung, das Gerechtigkeit im die Rhetorik sich bei der Behandlung des Themas Ge-
menschlichen Alltagshandeln gewährleisten soll. Philo- rechtigkeit ausdrücklich zu emotionshaltigen Überzeu-
sophisches Gerechtigkeitsideal und rhetorischer Ge- gungsmitteln (Ethos, aber auch Pathos) bekennt.
rechtigkeitsbegriff sind dabei aufeinander verwiesen. III. Iustum als Topos. I. kann seinerseits zum Topos
So dient der philosophische Diskurs nicht nur als Quelle und damit zum rhetorisch nutzbaren Fundort für per-
formeller und materieller Gerechtigkeitstopoi [4], son- suasive Mittel werden. I. ist bei diesem Verständnis ne-
dern spiegelt, ordnet und systematisiert die geltenden ben Nützlichkeit (utile) und moralischer Schönheit
Vorstellungen über Gerechtigkeit und kann damit rhe- (honestum) ein dritter großer (materieller) Topos. [17]
torisch nicht nur der inventio dienen, sondern bereits Die Wirkungsmächtigkeit des Topos I. hängt nicht zu-
für Verständnis und Analyse des Redethemas (intellec- letzt mit dessen emotionaler Mehrdimensionalität zu-
tio) hilfreich sein (inventiv-heuristisches Toposver- sammen, wie sie auch von der modernen sozialpsycho-
ständnis [5]). logischen Gerechtigkeitsforschung betont wird. [18] Als

423 424
Iustum Iustum

einziger der drei genannten Topoi hat I. zugleich eine den und in der breiten Bevölkerung bzw. den relevan-
korrespondierende (antike) Kardinaltugend, die iusti- ten Bevölkerungsteilen anerkannten Sitte («in mores
tia. [19] Dies verdeutlicht, daß I. in besonderem Maße recepta sunt» [30], in moderner Terminologie: law in
mit der Person des Redners, dessen Glaubwürdigkeit practice) geworden sind bzw. zumindest nicht stark von
und Rednerethos verknüpft ist. I. als Topos nimmt so dieser abweichen. Entscheidend ist daher in der Antike
eine vermittelnde Stellung zwischen hoher Rationalität weniger eine gesetzlich determinierte Gerechtigkeit,
(Nützlichkeitserwägungen) und hoher Emotionalität sondern die Frage, wie das sozial geltende Wertesystem
(ästhetisch-moralisches Empfinden) ein und kann je das I. für den konkreten Fall und zum konkreten Zeit-
nach Akzentuierung zwar alle rhetorischen Überzeu- punkt definiert («Quid est iustum hic et nunc?» [31]);
gungsregister (Logos, Ethos und Pathos) bedienen, positives Recht ist in der Antike mithin allenfalls ein
dürfte aber in der Regel vor allem mit mittlerer Emotio- systematisierender und im besten Falle fachlich reflek-
nalität und dem damit einhergehenden Vertrauen in die tierter Kristallisations- und Ausgangspunkt (Sekundär-
Person des Redners (confidence) in Verbindung zu brin- topos [32]) für das, was im Einzelfall eine konsensfähige
gen sein. und gerechte Lösung ist.
B. Geschichte. I. Antike und Mittelalter. I. ist seit der In der Spätantike spielt das I. insbesondere beim
Sonderung in die drei klassisch-antiken Redegattungen Herrscherlob eine Rolle. Dabei sind als gerecht zu be-
(genera causarum) durch Aristoteles Hauptziel und wertende Handlungen des Herrschers nur insofern von
-zweck des genus iudiciale. [20] Bereits Aristoteles, stär- Bedeutung, als sie den Rückschluß auf eine lobenswerte
ker jedoch später Quintilian, betont, daß nicht nur die Charaktereigenschaft des Herrschers zulassen. [33] I.
Gerichtsrede sich am Gerechten orientiere, sondern das wird damit zunehmend mit der korrespondierenden Tu-
Gerechte auch in den anderen beiden genera causarum gend iustitia gleichgesetzt; eine Trennung von gerechter
von Bedeutung sei; für das genus laudativum führt er Handlung und gerechter Persönlichkeit findet kaum
beispielhaft aus: «Denn alles beruht gewissermaßen auf mehr statt.
wechselseitiger Aushilfe: auch beim Loben wird ja Ge- Seit der Spätantike gewinnt mehr und mehr auch ein
rechtigkeit und Nutzen behandelt.» [21] Umgekehrt christlich-theologisches Gerechtigkeitsverständnis an
spielen bereits in der Antike und nicht erst seit der Neu- Bedeutung. Noch Luther sondert eine theologische
zeit auch Nützlichkeitserwägungen im genus iudiciale iustitia evangelica von einer lebensweltlich-sozialen iu-
eine Rolle. [22] stitia civilis. [34] Göttliche Gerechtigkeit wird so zum
Traditionell gliedert sich seit Aristoteles der philo- rhetorisch abzuhandelnden Thema einer christlichen
sophische Gerechtigkeitsbegriff in abstrakte und insti- Beredsamkeit, aber auch selbst zum persuasiv in weltli-
tutionelle Gerechtigkeit. [23] Abstrakte Gerechtigkeit cher Rede verwendbaren Topos. Im Bereich der juri-
beinhaltet neben der iustitia universalis die iustitia par- stischen Beredsamkeit wird so aus der antiken Zweitei-
ticularis, die sich ihrerseits in Verteilungs- (iustitia dis- lung in gesetzliches und natürliches Recht (Billigkeit)
tributiva) und Austauschgerechtigkeit (iustitia commu- unter Ergänzung des göttlichen Rechts eine Dreitei-
tativa, auch in der erzwungenen Spielart einer iustitia lung. [35] Dabei kommt dem göttlichen Recht – anders
correctiva) unterteilt. Bei der institutionellen Gerech- als der Billigkeit – unbedingter Anwendungsvorrang zu:
tigkeit unterscheidet Aristoteles weiter zwischen ge- Tritt menschlich gesetztes Recht in Widerspruch zum
setzlich garantierter und naturrechtlich verbürgter Ge- göttlichen Recht, so ist erstgenanntes zwingend als lex
rechtigkeit. Mit seiner Topikschrift, in der er Probleme corrupta zu derogieren. [36] Die argumentative Heraus-
des I. terminologisch abweichend unter dem Stichwort arbeitung dieses Widerspruchs zwischen menschlichem
der Billigkeit (de aequo et iniquo) verhandelt, überführt und göttlichem Recht bleibt dabei ureigenste Aufgabe
Cicero diese Unterteilung in die Rhetoriktradition. [24] der Rhetorik. Das göttliche Recht hält somit Topoi vor,
Die aequitas besteht nach Cicero aus ius naturale (Na- die ebenso wie die Billigkeit der Korrektur und Ergän-
turrecht, bestehend aus Verteilungs- und Vergeltungs- zung positiven Rechts dienen können. I. ist damit seit
gerechtigkeit) und institutio (positivem Recht, beste- der christlichen Spätantike das, was im Spannungsfeld
hend aus Gesetzen, Verträgen und Sitten). Beide kön- von Gesetzlichkeit, Billigkeit und göttlichem Recht rhe-
nen zum Fundort parteigünstiger Argumente werden. torisch konsensfähig gemacht werden kann.
Im Bereich der Gerichtsrede, etwa bei der Beurteilung II. Neuzeit. In der Neuzeit beginnt sich zunächst die
der rechtlichen Qualität einer Handlung (status quali- Gleichsetzung von Gerechtigkeit der Person und ge-
tatis) [25], kann so nicht allein vom positiven Recht her rechten Handlungen, wie sie seit der Spätantike vermit-
gedacht werden, sondern es können immer auch Fragen telt über das Herrscherlob entstand, wieder zu lö-
der Billigkeit (aequitas) korrigierend oder bekräftigend sen. [37] Mit der zunehmenden Ablehnung göttlicher
berücksichtigt werden. Durch gesetzliche Abstraktion Gerechtigkeitsvorstellungen, der Betonung der Er-
kann so zwar Gleichheit quasi mechanisch hergestellt kenntnisfähigkeit menschlicher Vernunft und dem Auf-
werden; da bei jeder Abstraktion jedoch maßgebliche kommen utilitaristischen Denkens entsteht daneben
Aspekte des besonderen Falls unberücksichtigt blei- mehr und mehr das Ideal einer objektiv gültigen und
ben [26], bietet sich dem Gerichtsredner die Möglich- gleichsam mathematisch errechenbaren Gerechtigkeit,
keit, im Einzelfall korrigierend in die gesetzliche Re- der ein rhetorischer Gerechtigkeitsrelativismus natur-
gelung einzugreifen [27] und dieses Eingreifen über Bil- gemäß fremd sein muß. Mathematisch darstellbare Nut-
ligkeitserwägungen zu rechtfertigen. [28] Für das an- zenmaximierung und Gerechtigkeit gehen so zusehends
tike Rechtssystem mit seiner umfangreichen Beteili- ineinander über. Praktisch zeigt sich dies insbesondere
gung nicht fachjuristisch ausgebildeter Laien ist diese im Strafrecht, das nicht länger losgelöst von Nutzener-
Orientierung am alltäglichen Gerechtigkeitsempfinden wägungen bloß zur Wiederherstellung von Gerechtig-
der entscheidungsbefugten Adressaten für den Persua- keit straft (absolute Straftheorien). Galt bei Kant noch,
sionserfolg kritisch. Gesetze sind damit zwar ein be- daß auch der letzte «im Gefängnis befindliche Mörder
deutender Fundort für rhetorische Überzeugungsmit- hingerichtet werden müsste», selbst dann wenn «ein
tel [29], allerdings nur dann, wenn sie auch zur gelten- Volk beschlösse, auseinander zu gehen» [38], ist Strafe

425 426
Iustum Iustum

in der Folgezeit nur noch dann (ethisch) zu rechtferti- und Langfristigkeit angelegten Sozialbeziehungen zu
gen, wenn sie gesellschaftlich von Nutzen ist (relative einem fundamentalrhetorisch wirksamen Korrektiv ge-
Straftheorien). [39] Im Zivilrecht beginnt an dieser Stel- gen einseitig manipulative Interessendurchsetzung wer-
le die Denktradition ökonomischer Rechtsanalyse, wie den. [47]
sie bis heute existiert und sogar Alltagsrelevanz für kon- Anders als die Aristotelische Taxonomie unterschei-
krete Rechtsentscheidungen besitzt; Nützlichkeitser- det die sozialpsychologische Gerechtigkeitsforschung
wägungen beginnen so auch in der Rhetorik bei der per- distributive (Verteilungsgerechtigkeit, wiederum auch
suasiven Behandlung von Gerechtigkeit verstärkt eine denkbar in ihrer strafenden Spielart einer retributiven
Rolle zu spielen. [40] Gerechtigkeit), prozedurale (Verfahrensgerechtigkeit)
Im Bereich der Rechtstheorie beginnt die Rheto- und interaktionale (kommunikativ etablierte Gerech-
rik zusehends ihre Bedeutung zu verlieren. Angeregt tigkeit in sozialen Handlungsgefügen und interperso-
vom Ideal der exakten Wissenschaften, versucht das nalen Beziehungen) Gerechtigkeit als Erscheinungsfor-
Recht sich seinerseits zu systematisieren [41] und sagt men des Gerechten. [48] Als empirisch gesichert wird
zugleich einem rhetorischen Gerechtigkeitsrelativismus man annehmen können, daß subjektiv wahrgenommene
den Kampf an. Das Gerechte verwirklicht sich nach die- Verfahrensgerechtigkeit durch einheitlich verteilte Par-
ser Idealvorstellung in einem systematisch geordneten tizipationsrechte am Verfahren bei gleichzeitiger Ent-
Recht und ist aus diesem durch rein logische Operatio- scheidung einer neutralen dritten Partei, die ihrerseits
nen deduzierbar. Weder das Rechtsgefühl noch ein fun- nach sozial anerkannten Regeln (Gerechtigkeitsnor-
damental menschliches Gerechtigkeitsempfinden spie- men) entscheidet, Garant für größtmögliche (Gerech-
len hier eine Rolle: Der Richter wird vom Rhetor zum tigkeits-)Akzeptanz eines bestimmten Ergebnisses ist.
‘Subsumtionsautomaten’. Im Bereich der prozeduralen Gerechtigkeit finden sich
III. Moderne. 1. Psychologie. Die moderne (sozial)- dabei durchaus theoretische Überschneidungslinien zu
psychologisch-empirische Gerechtigkeitsforschung be- normativ denkenden Diskurstheorien in ihrer juristi-
tont ebenso wie antike Autoren und moderne Rheto- schen Ausformung und geltenden juristischen Verfah-
riktheoretiker [42] die emotionale Mehrdimensionalität rensordnungen. Distributive und retributive Gerechtig-
und partielle Irrationalität des Gerechten. Damit ist keitsnormen finden hingegen ihren Platz im materiellen
eine Abkehr von der neuzeitlichen Betonung logischer Recht. Zusätzlich zu den Anforderungen prozeduraler
Rationalität und eine erneute Hinwendung zu einem Gerechtigkeit müssen demnach das Verfahren, die kon-
genuin rhetorischen Gerechtigkeitsbegriff zu konstatie- krete Entscheidung, insbesondere aber auch die der
ren. Verhandelt werden diese Phänomene in der psy- Entscheidung zugrunde liegenden Gerechtigkeitsnor-
chologischen Forschung unter dem Begriffspaar ‹ko- men akzeptiert und verständlich gemacht werden.
gnitiver› versus ‹emotionaler› Zugang zu Gerechtigkeit, Diese letztgenannte Vermittlungsleistung steht im
wobei sich zunehmend die Auffassung eines interakti- Zentrum interaktionaler Gerechtigkeit, die sich vor al-
ven Verhältnisses beider Verarbeitungsprozesse durch- lem kommunikativ ausbildet; sie läßt sich definieren als
setzt. [43] Dem Paradigmenwechsel hin zur neurobiolo- «[t]he extent to which persons [...] explain or justify
gischen Psychologie entsprechend gilt im Bereich der their decisions and show considerateness and courte-
Gerechtigkeitsforschung das Hauptaugenmerk der Su- sy» [49]. Ebenso wie bereits antike Rhetoriktheoretiker
che nach neurobiologischen Korrelaten des menschli- betont damit auch die moderne psychologische Gerech-
chen Gerechtigkeitsempfindens. Wenngleich die For- tigkeitsforschung, daß zumindest die interaktionale Ge-
schung hier am Anfang steht, kann man als vorläufiges rechtigkeit eng mit Eigenschaften des Redners (Ethos)
Ergebnis festhalten, daß bei gerechtigkeitsrelevanten verknüpft ist. Rhetorisch ist die interaktionale Gerech-
Inhalten sowohl Hirnstrukturen aktiv sind, die mit ra- tigkeit von besonderem Interesse, da hier im Kern ein
tional-kognitiver Verarbeitung in Verbindung gebracht Entscheidungsvermittlungsprozeß zu denken ist, dessen
(dorsolateraler Präfrontalkortex), als auch solche, die Zentrum die argumentativ herzustellende Persuasion
für emotionales Erleben mitverantwortlich gemacht von der formellen Gerechtigkeit des Verfahrens und
werden (anteriore Insula). [44] der materiellen Gerechtigkeit der konkreten Entschei-
Das Empfinden und Erleben von Gerechtigkeit wird dung ist. Dabei spielt nicht zuletzt die Erläuterung und
man als besonders verhaltensrelevante menschliche persuasive Durchsetzung der zugrundeliegenden Ge-
Grundemotion bezeichnen dürfen. Das zeigt schon die rechtigkeitsnormen die entscheidende Rolle.
empirisch robust belegte Just-World-Hypothese. Sie Hinzuweisen ist schließlich auf die kulturelle Varianz
postuliert, daß Handlungen und Ereignisse (insbeson- von Gerechtigkeitsnormen. [50] Die sozialen (Wert-)
dere ‹Schicksalsschläge›) möglichst als gerecht inter- Vorstellungen über das Gerechte differieren kulturell
pretiert werden. [45] Im Bereich der Kriminalität be- erheblich. Die distributive Verteilungsgerechtigkeit
gegnet man hier beispielsweise dem Phänomen, dem orientiert sich etwa an unterschiedlichen Allokations-
Opfer einer Straftat die Verantwortung für seine Op- normen (absolute Gleichheit, relationale Chancen-
ferwerdung zuzuschreiben («blame the victim»), um so gleichheit oder individuelles Bedürfnis als gerechtes
eine offenbare Ungerechtigkeit in einem globalen Sin- Verteilungsziel). Kulturell unterschiedliche Konzepte
ne doch als gerecht deuten zu können und damit indi- des Gerechten können dabei in wertpluralen Massen-
viduell erträglich zu machen. Hiermit korrespondiert, gesellschaften nicht nur zwischen-, sondern auch inner-
daß als ungerecht empfundene Situationen und Bezie- gesellschaftlich erhebliches Konfliktpotential bergen
hungen avers empfunden und entsprechend gemieden und stellen denjenigen, der von der Gerechtigkeit eines
werden; für die dauerhafte Aufrechterhaltung interin- bestimmten Ergebnisses (rhetorisch) überzeugen möch-
dividueller Beziehungen ist Gerechtigkeit daher ein te, vor eine zunehmend komplexe Aufgabe.
kritischer Faktor. Soll demnach dauerhafte Bindung 2. Rechtsrhetorische Aspekte. Die Gewährleistung von
(Systase [46]) erreicht werden, ist (die rhetorisch- (Alltags-)Gerechtigkeit in ihren Einzelfallentscheidun-
kommunikative Inszenierung von) Gerechtigkeit maß- gen ist für die Rechtsprechung eine grundlegende Gelin-
geblich. Damit kann das I. zumindest in auf Mittel- gens- und Funktionsbedingung; andernfalls erodierte

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Iustum Iustum

die Verbindlichkeit des Rechts als Instrument indivi- ner Teile der Rechtsordnung gehen; so postuliert die
dueller Konfliktlösung und es büßte seine soziale Steu- auch in der Rechtspraxis durchaus gebräuchliche ‹Rad-
erungsfunktion ein. Die von Th. Viehweg im 20. Jh. neu bruchsche Formel›, daß ein Richter dann nicht mehr an
begründete rhetorische Rechtstheorie postuliert dabei, das Gesetz gebunden sei, wenn dieses als «unerträglich
daß ausgehend von der Frage nach dem situativ und ungerecht» empfunden werde. [55]
temporal Gerechten («Quid est iustum hic et nunc?») All diese Korrekturvorgänge sind jedoch mit einer
das Recht aktiv-rhetorisch eine den Konflikt lösende, stark erhöhten Argumentations- und Begründungsauf-
gerechte Entscheidung herstellt und diese nicht passiv- last verbunden (erhöhtes onus probandi [56]). Die prak-
erkennend aus einem systematisch geordneten Gesetz tisch verbindliche Orientierung an Gesetz und Ent-
deduziert. scheidungsleitlinien und die im Einzelfall dennoch mög-
Problematisch ist dabei das Verhältnis dieses rhe- liche Abweichung reguliert so über das Konstrukt des
torischen Rechtsherstellungsprozesses zum allgemein- onus probandi das Verhältnis von Mikro- und Makro-
verbindlichen Gesetz. [51] Jenseits rechtstheoretischer gerechtigkeit: Einschränkungen im Bereich der Ma-
Grundfragen (demokratisch erlassenes Gesetz als letzt- krogerechtigkeit müssen rhetorisch als gerecht akzep-
verbindliche Quelle der Rechts- oder sogar ‹Gerechtig- tierbar gemacht werden können. Entscheidend ist bei all
keitserkenntnis›?) stellt sich diese Frage auch innerhalb dem also wiederum ein interaktionaler Aspekt von Ge-
der Rhetorischen Rechtstheorie, ist aber von Theoreti- rechtigkeit (B.III.1.). Die Frage nach dem «hier und
kern bislang kaum berücksichtigt. So mag die Aus- jetzt Gerechten» ist damit zu präzisieren: Rhetorisch
gangsfrage zwar tatsächlich «Quid est iustum hic et herzustellen ist diejenige Lösung, die situativ und tem-
nunc? » lauten und die Antwort auf die Frage vom Ein- poral sowohl mikro- als auch makrogerecht akzeptier-
zelfall ausgehend aktiv hergestellt werden. Der sugge- bar zu machen ist.
rierte freie Dialog mit dem geltenden Recht und dem Adressat dieser Vermittlungsleistung sind dabei nicht
demokratisch erlassenen Gesetz ist jedoch nicht mög- die rechtsuchenden Parteien, sondern das Rechtssystem
lich; vielmehr ist die Zahl möglicher Antworten auf die und dessen Akteure als Stellvertreter des Rechtssystems
Frage nicht nur extrem reduziert, sondern auch in ihrer (systemische Stellvertreteradressierung). Gesetze und
Qualität stark reduktionistisch. Dieser zweifache Re- rechtspraktische Entscheidungsleitlinien dienen hierbei
duktionsimus hängt dabei einerseits mit dem Zeit- und als Fundorte formal-prozeduraler sowie materiell-dis-
Handlungsdruck zusammen, unter dem das Rechts- tributiver Gerechtigkeitsnormen (B.III.1.) und können
system seine Konfliktlösungen herzustellen hat [52], somit als spezifische formelle wie auch materielle Se-
gleichzeitig aber auch genuin mit Gerechtigkeitserwä- kundärtopik des Rechts (Protasen) für das Gerechte
gungen. I. kann für die Rechtsrhetorik nicht nur absolut bezeichnet werden. Gesetz und rechtspraktisch entwik-
gesetzte Einzelfallgerechtigkeit bedeuten, sondern muß kelte und gegebenenfalls rechtswissenschaftlich reflek-
im Verhältnis zu den Lösungen vergleichbarer Konflik- tierte Entscheidungsleitlinien können daher als Teil
te gesehen werden: Gerecht kann eine rechtsförmige einer ausgelagerten bzw. vorweggenommenen Gerech-
Entscheidung nur dann sein, wenn sie gleiche Konflikte tigkeitsargumentation gesehen werden, die den Begrün-
vergleichbar und ungleiche Konflikte ihrer Unter- dungsaufwand des entscheidenden Richters stark redu-
schiedlichkeit gemäß ungleich löst und daneben die Ge- ziert.
sellschaft die rechtsförmige Konfliktlösung und deren Problematisch dabei ist, daß diese Gerechtigkeitsse-
Ergebnis als gerecht empfindet (Makrogerechtigkeit). kundärtopik nur bedingt deckungsgleich mit der allge-
Dies hat nichts mit der Setzung einer normativen An- mein gesellschaftlich verankerten Gerechtigkeitstopik
forderung im Sinne eines Gleichheitssatzes zu tun, son- ist und daher regelmäßig ein weiterer rhetorischer Ver-
dern ergibt sich zwanglos aus der Rhetorischen Rechts- mittlungsprozeß vonnöten ist: Die an das Rechtssystem
theorie selbst, zumindest dann, wenn man Konflikte adressierte Entscheidung ist auf einer individuellen
nicht als rein interindividuelles, sondern als soziales – Ebene den rechtsuchenden Parteien zu vermitteln
oder nach Knape «contionales» [53] – Phänomen be- (Sicherung der individuellen Befriedungsfunktion des
greift. Spätestens dann, wenn ein individueller Konflikt Rechts). Daneben ist jede (contionale) Einzelfallent-
dem Rechtssystem zur Lösung überantwortet wird, scheidung aber auch auf der Makroebene an die Gesell-
tritt mit rechtlicher Contionalisierung unabwendbar schaft und deren faktisch geltendes soziales Werte-
eine großräumige und intensive soziale Vernetzung des system zu vermitteln, da dies Grundbedingung für sozi-
individuellen Konflikts ein, die sodann nicht mehr nur alsystemische Steuerungsprozesse des Rechts (soge-
individuelle Mikro-, sondern auch soziale Makroge- nanntes social engeneering) ist. [57] Die Gerechtigkeits-
rechtigkeit einfordert. Im Spannungsfeld von indivi- sekundärtopik muß hierfür in die allgemeine Topik
duell-absoluter und sozial-relationaler Gerechtigkeit gleichsam zurückübersetzt werden und mit Hilfe dieser
offenbart sich so die Rolle des Gesetzes für die allgemeinen Topik wiederum im Sinne einer interaktio-
rhetorische Rechtsgewinnung: Die Berücksichtigung nalen Gerechtigkeit vermittelt werden. Diese system-
des generell-abstrakt geltenden Gesetzes und von in transzendierende Vermittlungsleistung kann nur so
der Rechtspraxis entwickelten Entscheidungsleitlinien lange gelingen, wie rechtsspezifische und allgemeine Ge-
(etwa in Form obergerichtlicher Leitentscheidungen rechtigkeitsnormen nicht zu sehr voneinander abwei-
und Präzedenzfällen) garantiert weitgehende Makro- chen; andernfalls hat das Recht seine Gerechtigkeitsse-
gerechtigkeit. Mit der damit verbundenen Abstraktion, kundärtopik anzupassen, will es seine soziale Verbind-
die zwar Makrogerechtigkeit garantiert, geht zwangs- lichkeit nicht gefährden. Interkulturell unterschiedliche
läufig allerdings eine Unschärfe in der Mikrogerechtig- Gerechtigkeitsnormen (interkulturell differente Ge-
keit einher: Das Gesetz nimmt Einzelfälle «sozusagen rechtigkeitstopik) erschweren diese Vermittlungslei-
en bloc, ohne allerdings zu übersehen, daß damit eine stung des Rechts zusehends.
Fehlerquelle gegeben ist» [54], die es im Sinne einer aus- Im Unterschied zu rechtsförmigen Lösungsverfahren
gewogen gerechten Lösung zu korrigieren gilt. Diese sind alternative Konfliktlösungsmodelle (Verhandlung,
Korrektur kann bis hin zur völligen Ablehnung einzel- Mediation, Schlichtung o. ä.) nur vermindert contional

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Iustum Kabarett

und damit weniger intensiv sozial vernetzt. Für die im S.R. Quartz: The Right and the Good: Distributive Justice and
Rahmen alternativer Konfliktlösung entstehende res Neural Encoding of Equity and Efficiency, in: Science 320
privata tritt der gesellschaftliche Kontext hinter die in- (2008) 1092–1095. – 45 vgl. u. a. M.J. Lerner, D.T. Miller: Just
World Research and the Attribution Process: Looking back
dividuellen Konfliktbeziehung zurück. Die weitgehende and ahead, in: Psychological Bulletin 85 (1977) 1030–1051. –
Unabhängigkeit von der Makrogerechtigkeit kann ent- 46 J. Knape: Art. ‹Persuasion›, in: HWRh, Bd. 6 (2003) 1ff. –
sprechend frei genutzt werden. So kann der zweifache 47 vgl. ders.: Was ist Rhetorik? (2000) 81ff. – 48 Baron, Byr-
Reduktionismus rechtsförmiger Lösungen vermieden ne [18] 502; K. Leung, W.G. Stephan: Perceptions of Injustice in
und durch die Einbeziehung konfliktperipherer Um- Intercultural Relations, in: Applied & Preventive Psychology 7
stände die Zahl möglicher (gerechter) Lösungen ver- (1998) 195ff. – 49 Baron, Byrne [18] 502. – 50 Leung, Ste-
mehrt werden. phan [48] 195f. – 51 B. Rüthers: Rechtstheorie (2005) 406ff. –
3. Politische Beredsamkeit. Auch außerhalb der juri- 52 Kopperschmidt [3] 1072. – 53 vgl. Knape [46] passim. –
54 Arist. EN V, 14. – 55 Radbruch [8]. – 56 vgl. Baur, Wolf [15]. –
stischen Beredsamkeit spielt I. eine bedeutsame Rolle. 57 vgl. Th. Vesting: Rechtstheorie (2007) passim; insbes. 57ff.
So ist auch im Bereich der politischen Rede Gerechtig-
keit als Thema und Fundort für persuasive Argumen-
tation von Bedeutung. Dabei läßt sich eine zunehmende Literaturhinweise:
Aufgliederung in unterschiedliche Gerechtigkeitssub- J. Stroux: Summum ius summa iniuria. Ein Kap. aus der Gesch.
typen erkennen: Die klassische ‹juristische› Gerechtig- der interpretatio iuris (Leipzig 1926); ND in ders.: Röm. Rechts-
wiss. und Rhet. (Potsdam 1949) 7–66. – K.F. Röhl: Die Gerech-
keit wird ergänzt durch neue Konstrukte wie die soziale, tigkeitstheorie des Aristoteles aus der Sicht sozialpsychologi-
politische Gerechtigkeit oder die Generationengerech- scher Gerechtigkeitsforschung (1992). – J. Sanders, L. Hamil-
tigkeit. Diese neuen Gerechtigkeitstypen können alle- ton: Justice Research in Law (New York u. a. 2001).
samt rhetorisch verhandelt oder persuasiv gebraucht
werden. Dabei ist kaum ein politisches Thema denkbar, A. Baur
das nicht zumindest reflexhaft Fragen der Gerechtigkeit
mitverhandelt. Um im Bereich politischer Beredsamkeit ^ Beweislast ^ Gerichtsrede ^ Honestum ^ Juristische Rhe-
rhetorisch erfolgreich agieren zu können, sind die sozial torik ^ Rhetorische Rechtstheorie ^ Statuslehre ^ Topik ^
geltenden Gerechtigkeitsnormen (gleichsam die ‹allge- Utile
meine Topik des Gerechten›), die rhetorisch verwendet
oder verändert werden sollen, zu antizipieren und stra-
tegisch einzusetzen.

Anmerkungen:
K
1 Arist. Top. I, 1, 18. – 2 so etwa der moderne Dekonstruktivis-
mus: vgl. J. Derrida: Gesetzeskraft. Der «mystische Grund der
Autorität» (1991). – 3 J. Kopperschmidt: Art. ‹Philosophie›,
Kabarett (engl. cabaret bzw. satirical revue; frz., ital. ca-
B.VIII.5: Anthropologie, in: HWRh, Bd. 6 (2003) 1067–1073. – baret)
4 so schon Quint. X, 1, 35; vgl. auch Quint. I, pr. 16; II, 21, 12. – A. Def. – B. Bereiche und Disziplinen: I. Rhetorik. – II. Lite-
5 J. Jost: Topos und Metapher (2007) 187. – 6 Quint. III, 6, 84; rarische Aspekte. – III. Theater, Musik. – C. Historische Aspek-
IV, 3, 11; VI, 5, 5; VII, 1, 63; XII, 2, 19; Arist. EN V, 14. – te.
7 Quint. VII, 4, 6. – 8 Arist. Rhet. I, 13, 1373b; vgl. für die mo-
derne Rechtstheorie: H. Kelsen: Reine Rechtslehre (1934); G.
A. Def. Von den vier bis zum 15. Jh. überlieferten Be-
Radbruch: Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht deutungen von ‹cabaret› (Kellereingang, Holzschläger
(1946). – 9 Cic. Top. 90. – 10 E. Zundel: Clavis Quintilianea zum Waschen der Wäsche, Vordach, Schenke) wird im
(1989) 54. – 11 Ch. Perelmann: Über die Gerechtigkeit (1967) 17. Jh. aus der Bedeutung ‹Schenke› gleichsam als Met-
83f. – 12 Arist. EN V, 14. – 13 O. Höffe: Gerechtigkeit (2007) 58. onym ‹Gasthaus› herausgelöst sowie – als neue Variante
– 14 Cic. Top. 95f. – 15 A. Baur, S. Wolf: Art. ‹Beweislast›, in: – ‹Servierplateau›, d. h. eine runde Platte mit kreisför-
HWRh, Bd. 10 (2011) Sp. 129–136. – 16 Quint. VII, 4, 5. – 17 im mig angeordneten Schüsseln. Im 19. Jh. geht diese Spe-
Ergebnis ebenso: J. Knape: Allg. Rhet. (2000) 40; Quint. III, 4, zifizierung noch weiter: Ausgehend von ‹Servierpla-
16. – 18 R. A. Baron, D. Byrne: Social Psychology (Boston,
Mass. 102003) 502ff. – 19 Arist. EN V, 3. – 20 Arist. Rhet. III, 1,
teau› bezeichnet Cabaret auch die Orte, in denen diese
5, 1358b; Cic. Top. 91f. – 21 Quint. III, 4, 16; vgl. auch Arist. Speisen serviert wurden: ‹literarische Kneipe› und
Rhet I, 9, 4, 1366a. – 22 Cic. Inv. I, 68f. – 23 Quint. III, 6, 10. – ‹Kleinkunstbühne› sind als gleichzeitige Bedeutungen
24 Cic. Top. 84; 90; vgl. auch Cic. Inv. I, 12; De or. I, 86. – 25 Cic. nachweisbar. Erst 1894 taucht das Wort als ‹K.› im Deut-
Inv. I, 12. – 26 Arist. EN V, 14. – 27 ebd. – 28 Arist. Rhet. I, 13, schen auf, aber der nicht-deutsche Begriff ‹Cabaret›
1373b. – 29 Cic. Top. 95. – 30 Quint. V, 10, 13. – 31 Th. Viehweg: wird programmatisch bis in die 20er Jahre weiter ver-
Topik und Recht (1974) 96. – 32 K. v. Schlieffen: Art. ‹Rhe- wendet.
torische Rechtstheorie›, in: HWRh, Bd. 7 (2005) 316. – Mit J. Henningsens Monographie zum K. (1967)
33 Menander, passim. – 34 vgl. M. Luther: Vorlesungen über
den Römerbrief (1515/16) passim. – 35 A. Kaufmann: Rechts-
liegt ein erster fachlich-theoretischer Zugriff auf dieses
philosophie (1997) 23f. – 36 Augustinus, De civitate Dei IV, 4; Genre vor, der als zentrales Definitionsmerkmal das
vgl. auch Th. v. Aquin, Summa theologica I, II, 95, 2. – 37 H.K. Spiel mit dem «erworbenen Wissenszusammenhang
Kohlenberger: Art. ‹Gerechtigkeit›, in: HWPh, Bd. 3 (1974) des Publikums» [1] ansieht. Von seiner Entstehungsge-
334. – 38 Kant: Metaphysik der Sitten, A 200. – 39 vgl. F. v. schichte her ist das K. sowohl dem Drama wie auch der
Liszt: Der Zweckgedanke im Strafrecht, in Zs. für die gesamte satirischen Publizistik zuzuordnen, denn es teilt mit dem
Strafrechtswiss. 3 (1883) 1ff.; P.J.A. v. Feuerbach: Revision der einen Bereich die Dramaturgie, die Szene als theatrali-
Grundsätze und Grundbegriffe des positiven peinlichen Rechts sche Einheit sowie Dialog und Monolog als Darbie-
(1799/1800). – 40 vgl. Urteil des deutschen Bundesgerichtshofs,
abgedruckt in Neue Juristische Wochenschrift 2007, 389ff. –
tungsformen, mit dem anderen den ständigen Bezug auf
41 K. Seelmann: Rechtsphilosophie (32004) 62. – 42 Perel- die Tagesaktualität. Im Gegensatz zum Drama inte-
man [11] 83f. – 43 anstelle vieler: A.G. Sanfey u. a.: The Neural griert das K. Elemente der Musik (Lied, Couplet, Chan-
Basis of Economic Decision-Making in the Ultimatum Game, son) und lebt von der (auch für die satirische Publizistik)
in: Science 300 (2003) 1755–1758. – 44 anstelle vieler: M. Hsu, zentralen Aktualität und Halbfiktionalität, die Wissen

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