Sie sind auf Seite 1von 64

MAX SCHELER

Die Stellung des Menschen im Kosmos


9 110

Vorrede

T-f lE Annn,lt stellt eine kurze, sehr gedrángte Zusammen-


l,-,, fassung meiner Anschauungen über einige Hauptpunkte
deruPhilosophischen Anthropologie« dar, die ich seit )ahren
unter der Feder habe und die zu Anfang des |ahres 1929 erschei-
nen wird. Die Fragen: »Was ist der Mensch, und was ist seine
Stellung im Sein?« haben mich seit dem ersten Erwachen mei-
nes philosophischen Bewu8tseins wesentlicher und zentraler
bescháftigt als jede andere philosophische Frage. Die langjáh-
t0 rigen Bemühungen, in denen ich von allen móglichen Seiten
her das Problem umringte, haben sich seit dem )ahre tgzz in
der Ausarbeitung eines gró3eren dieser Frage gewidmeten Wer-
kes zusammengefa8t, und ich hatte das zunehmende Glück, zu
sehen, da8 der Gro3teil aller Probleme der Philosophie, die ich
r5 schon behandelt, in dieser Frage mehr und mehr koinzidierten.
Von vielen Seiten wurde mir der Wunsch ausgesprochen, dal3
mein im Apr il ry27 in Darmstadt gelegentlich der Tagung der
Schule der Weisheit gehaltener Vortrag: »Die Sonderstellung des
Menschen« (siehe auch Der Leuchter VIII rgzT) als Sonderdruck
20 erscheine. Diesem Wunsche wird hiermit entsprochen. Will der
Leser die Stufen der Entwicklung meiner Ansichten über den
groSen Gegenstand kennenlernen, so empfehle ich ihm nach-
einand er zvlesen: 1. Die Abhandlung >rZur Idee des Menschen«,
zuerst erschienen in der Zeitschrift ,Summa« r9r8, spáter aufge-
25 nommen in meine gesammelten Aufsátze und Abhandllungen:
»Vom Umstu rz der Werte«, Band r, 3. Auflage L927,Leípzig, Ver-
lag »Neuer Geist«. Ferner meine Abhandlung: »Das Ressenti-
ment im Aufbau der Moralenn (daselbst). - 2. Die entsprechen-
den Abschnitte in meinem Werke: »Formalismus in der Ethik
30 und die materiale Wertethik«, (rgr¡) 3. Aufl., Niemeyer, Halle,

8 und zentraler) L962,5: gestr. 10 móglichen ) 1962,s: gestr. 19 auch ]


1962,s: gestr. 24 spáter) L962,5: gestr.
Vorrede rolrr ulrz Vorrede

Seite 927.r Ferner die entsprechenden Abschnitte über die Sp.- land getreten sind und da3 auch weit hinaus über die philo-
zifitát des menschlichen Gefühlslebens in meinem Buche: sophischen Fachkreise Biologen, Med iziner, Psychologen und
»Wesen und Formen der Sympathie«, 3. Auflage, Cohen, Bonn. Soziologen an einem neuen Bilde vom Wesensaufbau des Men-
3. Über das Verháltnis des Menschen zur Geschichts- und schen arbeiten.
Gesellschaftslehre wáre hera nzuziehen mein Aufs atz »Mensch Aber dessenungeachtet hat die Selbstproblematik des Men-
und Geschichten in »Neue Rundschaun, November :1926, Herbst schen in der Gegenwart ein Maximum in aller uns bekannten
r9z8 voraussichtlich im Verlag der Neuen Schweizer Rundschau, Geschichte erreicht. In dem Augenblick, da der Mensch sich ein-
Zfuich, als Einzelbroschüre erscheinend; und mein Werk: »Die gestanden hat, da3 er weniger als je ein strenges Wissen habe
Wissensformen und die Gesellschaftn, Verlag »Neuer Geist« von dem, was er sei, und ihn keine Móglichkeit der Antwort auf
t926. Über das Verháltnis von Mensch, Wissen und Bildung ver- r0 l0 diese Frage mehr schreckt, scheint auch der neu e Mut der Wahr-
gleiche: »Die Formen des Wissens und die Bildungn, Cohen, haftigkeit in ihn eingekehrt zu sein, diese Wesensfrage ohne die
Bonn, 1925. - 4. Über Entwicklungsmóglichkeiten des Men- bisher übliche ganz-, halb- oder viertelsbewu3te Bindung an
schen áu3erte ich mich in meinem Vortrag: »Der Mensch im eine theologische, philosophische und naturwissenschaftliche
kommenden Zeitalter des Ausgleichesu, abgedruckt in dem Tradition in neuer Weise aufzuwerfen und - gleichzeitigauf der
demnáchst erscheinenden Sammelband: »Ausgleich als I Auf- l5 t5 Grundlage der gewaltigen Schátze des Einzel lwissens, welche
gabe und Schicksal«, herausgegeben von der Hochschule für die verschiedenen Wissenschaften vom Menschen erarbeitet
Politik in der Reihe »Politische Wissenschaftn, Berlin, Verlag W. haben - eine neue Form seines Selbstbewu8tseins und seiner
Rothschild, ry28. Selbstanschauung zu entwickeln.
In meinen an der Universitát Kóln zwischen rg22 - tgz}
gehaltenen Vorlesungen über die ,Grundlagen der Biologie«, 20 Frankfurt am Main, Ende April ry28. MAX SCHELER I

über »Philosophische Anthropologie«, »Erkenntnistheorie«


und »Metaphysik« habe ich - weit hinaus über das hier gege-
bene Fundament - tneine Forschungsergebnisse mehrfach ein-
gehend vorgelegt.
Ich darf mit einiger Befriedigung feststellen, daB die Pro- 25
bleme einer philosophischen Anthropologie heute geradezu in
den Mittelpunkt aller philosophischen Problematik in Deutsch-

' Zu beachten sind hier u. a. die Abschnitte über die Realitátserfah-


rungs- und Wahrnehmungslehre S. ro9 ff.; über die Ablehnung der natu-
ralistischen Theorien vorr Menschen S. 278ff.; über die Schichtung des 30
emotionalen Lebens, S. 34o ff., und über die Person, S. ñ+ff.Vgl. auch
nach dern eingehenden Sachregister zur 3. Aufl. die Hinweise unter dem
Stichwort »Menschu, »physisch«, »psychischu usw. usw.

24 vorgelegt ) L962,6: dargelegt 25 einiger I 1962,0: gestr. 32 einge-


henden ) 1962,6: ausftihrlichen 19 Frankfurt ... SCHELER ) 1947,s: gestr.; L962,7: wieder eingefügt
,¡lr+

Einleitung: Das Problem in der


Idee des »Menschenn

f, nncr MAN einen gebildeten Europáer, was er sich bei dem


I' Worte Mensch denke, so beginnen fast immer drei unter
sich ganz unvereinbare Ideenkreise in seinem Kopfe miteinan-
der in Spannungartreten. Es ist einmal der Gedankenkreis der
jüdisch-christlichen Tradition von Adam und Eva, von Schóp-
fung, Paradies und Fall. Es ist zweitens der griechisch-antike
Gedankenkreis, in dem sich zum erstenmal in der Welt das
10 Selbstbewu8tsein des Mensch en areinem Begriffseiner Sonder-
stellung erhob, und zwar in der These, der Mensch sei Mensch
durch Besitz der ,Vernunftn, logos, phronesis, ratio, mens usw. -
logos bedeutet hier ebensowohl Rede wie Fáhigkeit, das »Was«
aller Dinge zu erfassen. Erg verbindet sich mit dieser Anschau-
l5 ung die Lehre, es liege eine übermenschliche »Vernunftn auch
dem ganzen All zugrunde, an der der Mensch, und von allen
Wesen er allein, teilhabe. Der dritte Gedankenkreis ist der ja
auch lángst traditional gewordene Gedankenkreis der moder-
nen Naturwissenschaft und der genetischen Psychologie, es sei
20 der Mensch ein sehr spátes Endergebnis der Entwicklung des

Erdplaneten, ein Wesen, das sich von seinen Vorformen in der


Tierwelt nur in dem Komplikationsgrade der Mischungen von
Energien und Fáhigkeiten unterscheide, die an sich auch in
der untermenschlichen Natur bereits vorkommen. Diesen drei
25 Ideenkreisen fehlt jede Einheit untereinander. So besitzen wir

denn eine naturwissenschaftliche, eine philosophische und eine


theologische Anthropologie, die sich nicht umeinander küm-
mern. Eine einheitliche ldee vom Menschen aber besitzen I wir
nicht. Die immer wachsende Vielheit der Spezialwissenschaften,

11 und zwar ] Ts 1/2,1v. 1947,9: gestr. 12 usw. ] Ts 1/2,11r. 1947,9: gestr.


17 ju I Ts ll},t u. 1947,g: gestr. 23 auch I Ts ll2,t u. 1947,9: gestr.
27 nicht) L927,rc2 folgt: das mindeste
Einleitung r+lrs r6 Das Problem in der Idee des ,Menschenu

die sich mit dem Menschen bescháftigen, verdecken, so wertvoll ten Gang, Umgestaltung der Wirbelsáule, Aquilibrierung des
sie sein mógen, überdies weit mehr das Wesen des Menschen, Schádels, die máchtige Gehirnentwicklung des Menschen und
als da8 sie es erleuchten. Bedenkt man ferner, da8 die genann- die Organumgestaltungen, die der aufrechte Gang zvr Folge
ten drei Ideenkreise der Tradition heute weithin erschüttert hatte (wie Greifhand mit opponierbarem Daumen, Rückgang
sind, vóllig erschüttert ganz besonders auch die darwinistische des Kiefers und der Záhne usw.), zur Einheit des Menschen
Lósung des Problems vom Ursprung des Menschen, so kann zusammenfa8t, bezeichnet dasselbe Wort »Mensch« in der
man sagen, da8 zu kein er Zeit der Geschichte der Mensch sich so Sprache des Alltags, und zwar bei allezr Kulturvólkern, etwas
problematisch geworden íst wie in der Gegenwart. Darum habe so total anderes, da3 man kaum ein zweites Wort der mensch-
ich es unternommen, auf breitester Grundlage einen neuen Ver- lichen Sprache finden wird, bei dem eine analoge Doppeldeu-
such einer philosophischen Anthropologíe zugeben.. Im folgen- t0 r0 tigkeit vorliegt. Das Wort Mensch soll námlich auch bezeich-
den móchte ich nur einige Punkte, die das Wesen des Menschen nen einen Inbegriff von Dingen, den man dem Begriff des
im Verhaltnis zu Tier und Pflanze, ferner die metaphysische Son- >>Tieres überhaupt« aufs schárfste entgegensetzt, also auch allen
derstellung des Menschen betreffen, erórtern und einen kleinen Sáuge- und Wirbeltieren; und diesen tm selben Sinne wie etwa
Teil der Resultate andeuten, zu denen ich gekommen bin. - dem Infusorium Stentor, obgleich doch wohl kaum bestreitbar
J ScHou DAS Wort und der Begriff Mensch enthált eine tücki- l5 t5 ist, da8 das Mensch genannte Lebewesen einem Schimpansen
sche Zweideutigkeit, ohne deren Durchschauung man die Frage morphologisch, physiologisch und psychologisch unvergleich-
der Sonderstellung des Menschen gar nicht angreifen kann. lich viel áhnlicher ist als Mensch und Schimpanse einem Infu-
Das Wort soll einmal die Sondermerkmale angeben, die der sorium. E,s ist klar, dal3 dieser zweite Begriff Mensch einen vól-
Mensch morphologisch, als eine Untergruppe der Wirbel- und lig anderen Sinn, einen ganz anderen Ursprung haben mu8 als
Sáugetierart, besitzt. Es ist selbstverstándlich, da8, wie immer 20 20 der erst., I der ja nur eine sehr kleine Ecke des Wirbeltierstam-
das Ergebnis dieser Begriffsbildung aussieht, das als Mensch mes bezeichnet.* Ich will diesen zweiten Begriff den Wesens-
bezeichnete Lebewesen nicht nur dem Begriffdes Tieres unter- begriff des Menschen nennen, im Gegens atz zu jenem ersten
geordnef bleibt, I sondern auch eine verháltnismáBig sehr kleine natursystetnatischen Begriff. Ob die ser zweite Regriff, der dem
Ecke des Tierreiches ausmacht. Das bleibt auch dann noch der Menschen als solchem eine Sonderstellung gibt, die mit jeder
Fall, wenn man den Menschen mit Linné sozusagen die »Spitze 25
25
-Vgl. hierzu meine Abhandlung »»Zur Idee des Menschenu in dem
der Wirbel-Sáugetierreihe(( nennt - was übrigens sachlich und
Buche »Der Umsturz der Werte«, Bd. II. Hier ist nachgewiesen, daf3 der
begrifflich sehr bestreitbar ist -, da ja auch diese Spitze wie jede
traditionelle Begriff des Menschen durch die Ebenbildlichkeit mit Gott
Spitze einer Sache noch nt der Sache gehórt, deren Spitze sie ist.
konstituiert ist, da8 er also die Idee Gottes als Bezugszentrum bereits
Aber vóllig unabhángig von einem solchen Begriff, der aufrech- vorauss etzt.

' Das umfassende Werk wird in )ahresfrist erscheinen. 30 5 usw.] Ts 112,2 tr. 1947,10: gestr. 8 so] Ts ll2.,2 tr. 1947,r0: gestr. 10 Das
Wort Mensch] Ts 112,2 u. l947,ll: Es ] Ts I l2,z u. I947,tt
10 námlich
I verdecken) 1962,s: verdeckt 2 sie ] 1962,g: diese 3 erleuchten) gestr. 13 diesen im selben Sinne] Ts ll2,z u. l947,tl: dies im selben
1962,9: erleuchtet 5 auch ] Ts I l2,t u. 1947,10: gestr. 11 móchte ich ] Maf3e; l962,tt: diesen im selben MaBe 13 etwa] Ts ll2,z tt. l947,tt
Ts L l2,t u. l947,to: seien (jeu,eils mit entspr. gerindertem Satzbau) folgt: auch 2l der ja ... bezeichnet I 1947,rt: gestr. 22 jenem) Ts ll2,t
25 sozusagen] Ts 112,2 u. 1947,ro gestr. 28 Sache] 1927,rc1 folgt: wohl u. L947,t l: dem 25 Menschenu ) L962,11: Menschenn (rqr+) 26 Bd.II ]
28 sie ) l927,rot folgt: eben 30 l947,to: Ft$note gestr. l962,rt: gestr. 28 ist ) 1962,1l: wird 28 bereits ] l962,tr: gestr.
10 Einleitung r6 16lry 11

anderen Sonderstellung einer lebendigen Spezies unvergleich- I. Stufenfolge des psychophysischen Seins
bar ist, überhaupt ein Recht habe - das ist das Thema unseres
Vortrags.

T\ rr SouDERSTELLUNG des Menschen kann uns erst deut-


U lich werden, wenn wir den gesamten Aufbau der biopsy-
chischen Welt in Augenschein nehmen. Ich gehe dabei aus von
einer Stufenfolge der psychischen Kráfte und Fáhigkeiten, wie
sie die Wissenschaft langsam herausgestellt hat. Was die Grenze
des Psychischen betrift, so fállt sie mit der Grenze des Lebendi-
gen überhaupt zusammen.. Neben den objektiven wesensPhá-
nomenalen Eigenschaften der Dinge, die wir lebendig nennen
t0 (auf die ich hier nicht genauer eingehen kann, z.B. Selbstbewe-

g u n g, S elb s tl formu n g, Se / b s tdiffer enzieru n g, S elb s tb egr enzu n g

in ráumlicher und zeitlicher Hinsicht), ist die Tatsache, da3


Lebewesen nicht nur Gegenstánde für áu3ere Beobachter sind,
sondern noch ein Fürsich- und Inneseinbesitzen, in dem sie sich
l5 selber inne werden, ein für sie wesentliches Merkmal. Es ist ein
Merkmal, von dem man zeigen kann, da3 es mit jenen objekti-
ven Phánomenen des Lebens an Struktur und Ablaufsform die
innigste Seinsgemeinschaft besitzt. -

- Die Lehre, das Psychische beginne erst mit dem »assoziativen Ge-
20 dáchtnisn, oder erst im Tiere - oder gar erst im Menschen (Descartes),
hat sich als irrig erwiesen. Willkürlich aber ist es, dem Anorganischen
Psychisches zuzuschreiben.

10 auf die ... kann) Ts L12,3 u. l947,tt: auf die hier nicht eingegangen
werden soll 1l Selbstformung ) 1949,t+: Selbstforschung; L962,tt:
Selbstformung 14 noch ) Ts 112,3 u. 1947,t1: auch 16 jenen ) Ts ll2,t
u. L947,11: den 18 besitzt. I Ts Ll2,zu. 1947,tzfolgt: Es ist die psychische
Seite der Selbstándigkeit, Selbstbewegung etc. des Lebewesens überhaupt
- das psychische Urphánomen des Lebens. 19 Ts L3: Fn. in den Text
2 ein Recht habe )Ts 112,3 u. 1947,tr: zu Recht bestehe 3 das ist ... Vor- versetzt; Ts 2,3: im Text durchgestr. und auf Seite iv als Fn. gekennzeich-
trags. ) Ts 112,3 u. l947,rr: das ist unser Thema. net, dann aber wieder durchgestr.; 1962,ll: als Fn.
t2 Stufenfolge des psychophysischen Seins r7lr8 18l19 Gefühlsdrang (Pflanze) 13

Gefühlsdrang (Pflanze) sein« als die elementarsten Grundbestandteile des Psychischen


ansieht - es geschieht das mit Unrecht -, der müBte den Pflan-
Jt' Drn uNTERSTE Stufe des Psychischen, das sich also objektiv zen die Beseeltheit absprechen. Zwar ist der Gefühlsdrang der
(nach auSen) als ,Lebewesen«, subjektiv (nach innen) als »Seeleu Pflanze bereits auf ihr Medium, auf ein Hineinwachsen in ihr
darstellt -zugleich der Dampf, der bis in die lichtesten Hóhen Medium nach den Endrichtungen ,obenn und »unten«, dem
geistiger Tátigkeiten alles treibt, auch noch den reinsten Denk- Lichte und der Erd e ztr, hingeordnet, aber doch nur auf das
akten und zartesten Akten lichter Güte die Tátigkeitsenergie unspezifr,zierte Ganze dieser medialen Richtungen - auf móg-
liefert -, bildet der bewuStlose, empfindungs- und vorstellungs- liche Widerstcinde und Wirklichkeiten (wichtig für das Leben
lose »Gefühlsdrang«. Wie schon das Wort »Drangu besagt, ist des Organismus) in ihnen, nicht aber auf bestimmte Umwelt-
in ihm ,Gefühl« und ,iTrieb<<, der als solcher stets eine spezifi- l0 bestandteile und Reize, denen besondere Sinnesqualitáten und
sche Richtungs- und Zielhaftigkeit rnach« etwas, z.B. Nahrung, t0 Bildelemente entspráchen. Die Pflanze reagiert z.B. spezifisch
Sexualbefriedigung usw., hat, noch nicht geschieden; ein blo3es auf die Intensitát der Lichtstrahlen, nicht aber different auf Far-
»Hinzu <<, z.B. zum Licht, und »Vonw€g,,, eine objektlose Lust ben und Strahlrichtungen. Nach eingehenden neueren Unter-
und ein objektloses Leiden, sind seine zwei einzigen Zustánd- suchungen des hollándischen Botanikers Blaauw kann man
lichkeiten. Von den Kraftzentren und -feldern, die den trans- t5 den Pflanzen keine spezifischen Tropismen, keine Empfindung,
bewufiten Bildern zugrunde liegen, die wir anorganische Kór- l-5 und auch nicht die kleinsten Anfánge eines Reflexbogens,
per nennen, ist der Gefühlsdrang aber bereits scharf geschie- keine Assoziationen und bedingten Reflexe zuschreiben, und
den; diesen kann ein Innesein in keinem Sin ne algesprochen eben darum auch keinerlei »Sinnesorgane«, wie sie Haberlandt
werden. in einer eingehenden Untersuchung zu umgrenzen suchte. Die
Diese erste Stufe des seelischen Werdeseins, wie sie sich im 20 durch Reize ausgelósten Bewegungserscheinungen, die man
Gefühlsdrang darstellt, müssen und dürfen wir schon den I
20 früher I auf solche Dinge bezog, erwiesen sich als Bestandteile
Pflanzen züweisen.* Keineswegs aber geht es an, wie dies Fechner der allgemeine n Wachstumsb ewegungen der Pflanze.
getan hat, den Pflanzen auch bereits Empfindung und Bewu8t- Fragen wir, was der allgemeinste Begriff der Empfindung ist -
sein zuzueignen. Wer wie Fechner »Empfindung« und ,Bewufit- bei hóheren Tieren dürften die durch die Blutdrüsen auf das
25 Gehirn ausgeübten Reize die primitivsten »Empfindungenu
- Der Eindruck, der Pflanze rnangele ein Innenzustand, rührt nur darstellen und sowohl den Organempfindungen als den von
Au8envorgángen zugehenden Empfindungen zugrunde liegen -,
von der Langsamkeit ihrer Lebensvorgánge her. Vor der Zeitlupe ver- 25

schwindet dieser Eindruck vollkomrlen.


5 ihr Mediuml Ts ll2.+ u. 1947,12: es 5 Endrichtungenl Ts 112,4 u.
4 das sich ... darstellt ] Ts 112,3 u. 1947.t2 gestr. 5 Tátigkeiten ) Ts ll2,t l947,tz Grundrichtungen 9 des I Ts ll2,q u. l947,tz
Jolgt: ptlanz-
u. l947,tz: Tátigkeit 8 »Gefühlsdrang,rl Ts ll23: korr. aus »Emp- lichen l0 Reize ] Ts I 12,4 u. 1947,12: -Reize 15 den Pflanzen ] Ts l12,q
firrdungsdrangu 8 Wie schon besagt, ] Ts ll2,s u. 1947,12: gestr. u. 1947,13: der Pflanze 16 und ] Ts ll2,+ u. 1947J3: gestr. 19 in
9 stets I Ts 1 l2,s u. 1947,tz folgt: bereits l0 Richtungs- ) 1947,12: Rich- Untersuchung ] Ts 1/2,q u. 1947,13: gestr. 19 suchte ] Ts |l2,q u. 1947,t3:
tung l0 z.B. ] Ts l,s u. l947,tz folgt: nach; Ts 2,3 u. 1949,14 u. l962,tz: gesucht hat 20 durch l927,tee folgt: die 2l erwiesen ] Ts Il2,+ u.
I
z.B. 11 usw., ] Ts I 123 u. 1947,12: gestr. 2l den Pflanzen) 1947,r2: der 1947,t3: haben sich erwiesen 22 der ] Ts ll2,q u. l947,tl: jener
Pflanze lentsprechend im Folg.) 24 1947,r2 u. 1962,t2: Fn. in den Text 22 Wachstumsbewegungem ] Ts ll2,q u. 1947,t3: Wachstum serscheinun-
versetzt gen; 1962,8: Wach stum sbewegungen
14 Stufenfolge des psychophysischen Seins rylzo zolzt Gefühlsdrang (Pflanze) 15

so ist es der Begriffeiner spezifischen Rückmeldungeines augen- Pflanze nur eines von diesen Dingen, mü3te sie auch das andere,
blicklichen Organ- und Bewegungszustandes des Lebewesens und alle anderen haben. Da es keine Empfindung ohne Trieb-
an ein Zentrum und eine Modifi zierbarkeit der je im náchsten impuls und ohne Mitanfang einer motorischen Aktion gibt,
Zeitmoment folge nde n B ewe g u n ge n kr aft d ie se r Rück meldu n g. mufi da, wo das Machtsystem fehlt (aktiver Beutefang, spon-
Im Sinne dieser Begriffsbestimmung besitzt die Pflanze keine tane Geschlechtswahl), auch ein System von Empfindungen feh-
Empfindung, auch kein über die Abhángigkeit ihrer Lebens- len. Die Mannigfaltigkeit der Sinnesqualitáten, die ein tierischer
zustánde vom Ganzen ihrer Vorgeschichte hinausgehendes Organismus besitzt, ist nie gró3er als die Mannigfaltigkeit sei-
spezifisches »Gedáchtnisu und keine eigentliche Lernfáhigkeit, ner spontanen Beweglichkeit - und eine Funktion der letzteren.
wie solche auch die einfachsten Infusorien bereits an den Tug Die wesenhafte Richtung des Lebens, die das Wort »pflanz-
legen. Untersuchungen, die vermeintlich bei Pflanzen bedingte 10 l0 lichrr, »vegetativ« bezeichnet - da3 wir es hier nicht mit empi-

Reflexe und eine gewisse Dressierbarkeit feststellten, dürften in rischen Begriffen zü tun haben, beweisen die mannigfachen
die Irre gegangen sein. Von dem, was wir bei Tieren Triebleben Übergangserscheinungen zwischen Pflanze und Tier, die schon
nennen, ist in der Pflanze nur der allgemeine Drang zu Wachs- Aristoteles kannte -, ist ein gan z nach auJ3en gerichteter Drang.
tum und Fortpflanzung in den ,Gefuhlsdrang« eingeschlossen. Ich spreche bei der Pflanze daher I von >>ekstatischem« Gef'ühls-
Da3 Leben nicht wesentlich Wille zur Macht ist (Nietzsche), t5 15 drang, um dieses totale Fehlen einer dem tierischen Leben
beweist daher die Pflanze am klarsten, da sie keinerlei spontane eigenen Rückmeldung von Organzustánden an ein Zentrum,
Nahrungssuche und auch bei der Fortpflanzung keinerlei aktive dieses vóllige Fehlen einer Rückwendung des Lebens in sich
Wahl des Partners besitzt. Weder wáhlt sie spontan ihre Nah- selbst, einer noch so primitiven re-flexio eines noch so schwach
rung, noch ver lhált sie sich in der Befruchtung aktiv. Sie wird ,bewuSten« Innenzustandes zu bezeichnen. Denn Bewu8t-
durch Wind, Vógel und Insekten passiv befruchtet, und da sie 20 20 sein wird erst in der primitiven re-flexio der Empfindung, und
die Nahrung, die sie bedarf, im allgemeinen aus anorganischem zwar stets gelegentlich auftretender Widerstiinde gegenüber
Material selbst bereitet, das überall in gewissem MaBe vorhan- der ursprünglichen spontanen Bewegung.* Empfindungen zu
den ist, so hat sie es nicht nótig, sich wie das Tier an bestimmte entbehren aber vermag die Pflanze nur darum, weil sie - der
Orte zu begeben, um Nahrung zu finden. DaB die Pfla nze also gróBte Chemiker unter den Lebewesen - aus den anorganischen
nicht den Spielraum der spontanen Ortsbewegung des Tieres 25 25 Substan zen selber ihr organisches Aufbaumaterial bereitet. So
hat, daB sie keine spezifische Empfindung, keinen spezifischen
Trieb, keine Assoziation, keinen bedingten Reflex und kein . Alles Bewu8tsein gründet tn Leider, und alle hóheren Stufen des
eigentliches Macht- und Nervensystem besitzt, ist ein Ganzes Bewu3tseins in steigendem Leiden.
von Mángeln, das aus ihr er Seins-Struktur heraus vollstándig
klar und eindeutigzubegreifen ist. Man kann zeigen: Hátte die 1 müBtel Ts ll2,s u. 1947,14: so müBte 3 ohne Mitanfangl Ts Ll2,s
u. Mitanheben 5 (aktiver Beutefang, spontane Geschlechts-
1947,t¿:
6 auch ) 1947,t3: gestr. 9 bereits ] Ts ll2,s u. 1947,t3: gestr. 15 ist, ] wahl) ) Ts 112,5 u. L947,r4: gestr. 6 Die I Ts 1,s: Auch die; 1947Jq: Die
Ts ll2,S u. l947,tZ folgt: sondern der Drang zv Fortpflanzung und 8 undl Ts l,s folgt: genetisch; 1947,t+; und 23 Pflanzel Ts 112,6 u.
Tod der Urdrang alles Lebens, 15 (Nietzsche) ] Ts ll2,s u. 1947,t3: L947,t+ folgt: wie gesagt; nicht mehr in |962,ts 26 1947,14: Fn. in den
gestr. 18 da sie ... besitzt.] Ts ll2,s tr. 1947,13: gestr. 2l diel Ts 1/2,s Text versetzt; Ts 112,e folgt im Text nach Bewegung.: Mit dem Bewu8t-
u. 1947,13: deren 23 so hat sie es ] Ts ll2,S u. 1947,t3: hat sie es ja auch sein, der Emptindung fehlt der Pflanze auch alle Lebens,wachheit«, die
24 also] Ts 112,s u. 1947,13: gestr. 27 und)Ts Ll2,s u. 1947,r4: gestr. ja aus der Wáchterfunktion erst herauswáchst.
t6 Stufenfolge des psychophysischen Seins ztlzz zzl z3 Gefühlsdrang (Pflanze) T7

geht in Ernáhrung, Wachstum, Fortpflanzung und Tod (ohne des Lebens an geschlossenen Stoff- und Energiekomplexen in
artspezifizierte Lebensdauer) ihr Dasein auf. Doch findet sich hóherem MaSe bürge als das Tier. Ganz und gar versagt sowohl
bereits im pflanzlichen Dasein das Urphánomen des A usdrucks, für ihre Formen wie für ihre Verhaltungsweisen das von den
eine gewisse Physiognomik ihrer Innenzustánde matt, kraftvoll, Darwinisten wie den Theisten so ma3los überschátzteNützlich-
üppig, arm usw. Der »Ausdruck« ist eben ein Urphiinomen des keitsprinzíp; ganz und gar auch der Lamarckianismus. Die For-
Lebens, und keineswegs, wie Darwin meinte, ein Inbegriff ata- men ihrer blátterigen Teile weisen noch eindringlicher als die
vistischer Zweckhandlungen. Was dagegen der Pflanze wie- Formen- und Farbenfülle der Tiere auf ein phantasievoll spie-
derum ganz fehlt, das sind die Kundgabefunktionen, die wir lendes und nur ásthetisch regelndes Prinzip in der unbekann-
bei allen Tieren finden, die allen Verkehr der Tiere miteinan- ten Wu rzel des Lebens hin. Das für alle Tiere, die in Gruppen
der bestimmen, und die bereits das Tier weitgehend unabhángig l0 l0 leben, wesentliche Doppelprinzip von Pionier und Gefolgschaft,
machen von der unmittelbaren Anwesenheit der Dinge, die für Vormachen und Nachmachen, finden wir hier nicht. Auf Grund
es lebenswichtig sind. Erst beim Menschen aber baut sich auf der mangelnd en Zentralisierung des pflanzlichen Lebens, ganz
Ausdrucks- und I Kundgabefunktionen, wie wir sehen werden, besonders des Fehlens eines Nervensystems, ist die Abhángig-
auch noch die Darstellungs- und Nennfunktion der Zeichen auf. keit der Organe und Organfunktionen gerade bei der Pfl anze
Mit dem Bewul3tsein der Empfindung fehlt der Pfl anze ferner t5 l5 von Hause aus inniger als bei den Tieren. |eder Reiz ándert auf
auch alle Lebensrwachheit«, die ja aus der Wáchterfunktion der Grund ihres reizleitenden Gewebesystems in hóherem Mal3e
Empfindung herauswáchst. Ferner ist ihre Individualisierung, den ganzen Lebenszustand, als es beim Tiere der I Fall ist. Einer
das Ma3 ihrer ráumlichen und zeitlichen Geschlossenheit, weit mechanischen Lebenserklárung ist die Pfla nze daher schwerer,
geringer als beim Tiere. Man darf sagen, da3 die Pfla nze fiur nicht leichter zugánglich als das Tier (im allgemeinen). Denn
die Einheit des Lebens im metaphysischen Sinne und für den 20 erst mit der Zunahme der Zentralisierung des Nervensystems
allmáhlichen Werdecharakter aller Arten von Formblldungen in der Tierreihe wáchst auch jene Ztnahme der Unabhringig-
keit seiner Teilreaktionen - und damit eine gewisse annáhernde
I Ernáhrung] Ts I 12,6 u. 1947,t+ folgt: und 4 Innenzustánde, ] Ts 1,6 Maschinenstruktur des tierischen Kórpers. -
u. folgt: der Zustándlichkeiten des Gefühlsdrangs als des In-
1947,t+
nenseins ihres Lebens, wie 5 usw. ] Ts 1,6 u. 1947,14: gestr.; Ts 2,6: 2 sowohl I Ts Il2,o u. I947,t5: gestr. 5 Nützlichkeitsprinzip,l Ts I 12,6 u.
etc. gestr. 8 wiederum ] Ts I 12,6 u. L947,t5:
6 und ] Ts 1/2,6 tr. 1947,r4: 1947,ts Jolgt: - als sei in einem objektiv-teleologischen Sinne die Pflanze
gestr. 12 aber ] Ts ll2,e u. 1947,15: gestr. 14 wie wir sehen werden, ,für. das Tier, das Tier »für< den Menschen da als sei ein zweckhaftes
-
auch noch ] Ts I 12,6 u. 1947,r5: gestr. 14 auf. ] Ts I ,6 u. 1947,tsfolgf: Das Streben in der Natur auf den Menschen hin - 6 Die Formen ihrer
für alle Tiere, die in Gruppen leben, wesentliche Doppelprinzip von Pio- bláttrigen Teile weisen ] Ts 112,6 u. 1947,15: Die überaus reichen For-
nier und Gefolgschaft, Vormachen und Nachmachen, finden wir in der men ihrer bláttrigen Teile weisen in ihrer Fülle 8 regelndes ] Ts ll},e
pflanzlichen Welt nicht. l9 Ferner ... beim Tiere.] Ts Ll2,e u. 1947,t5: l
u. 1947,16: geregeltes; I962,to: regelndes l hier ) l949,rl u. l962,ts:
gestr.; 1962,t6: wieder eingefügt 19 Man darf sagen, da8 I Ts I 12,6: Da in der pflanzlichen welt 12 ganz) 1947,15 u. 1962,t5: gestr. 14 ge-
die Pflanze keiner aktiven Anpassung an die tote und lebendige Um- rade ] Ts 1 12,6 u. 1947,t5: gestr. 15 den Tieren ] Ts r/2,6 u. r947,t7: dem
welt fáhig ist, darf man bei den gleichwohl bestehenden teleoklinen Tiere 16 ihres ] Ts I 12,6 u. 1947,15: des 16 Gewebesystems ] Ts ll2,o
Beziehungen, die sie zur anorganischen Zusammensetzung ihres Mi- u. 1947,ts folgt: der Pt-lanze 2l in der Tierreihe I Ts I 12,6 u. 1947,15: im
lieus, ferner zu Insekten, Vógeln etc. hat, sagen, da8 lPassage wurde erst Tiere 2l jene Zunahme der] Ts I12,6 u. 1947,15: die 23 annáhernde
an etwas spriterer Stelle in 1947,t5 übernommen.) 20 die ] Ts ll2,o u. Maschinenstruktur des tierischen Kórpers ] Ts ll2,e u. 1947,15: Annáhe-
1947,ts folgt: hinter allen morphologischen Bilderscheinungen stehende rung des tierischen Kórpers an die Maschinenstruktur
18 Stufenfolge des psychophysischen Seins ztl z+ z+l zs Instinkt (Tier) 19

Diese erste Stufe der Innenseite des Lebens, der Gefühls- bares Denken kónnen uns nie etwas anderes als das Sosein und
drang, ist auch im Menschen noch vorhanden. Der Mensch - Anderssein dieser Wirklichkeit indizieren; sie selbst als »Wirk-
wir werden es sehen - fa3t ja alle Wesensstufen des Daseins lichsein« des Wirklichen aber ist uns in einem mit Angst ver-
überhaupt, und insbesondere auch des Lebens, in sich zusam- bundenen allgemeinen Widerstande, beziehungsweise einem
men, und, wenigstens den Wesensregionen nach, kommt in Erlebnis des Widerstandes gegeben. Organologisch stellt das
ihm die ganze Natur z:ur konzentriertesten Einheit ihres Seins. vor allem die Nahrungsverteilung regelnde »vegetative« Ner-
Es gibt keine Empfindung, keine noch so einfache Wahrneh- vensyst€rn, wie schon sein Name sagt, im Menschen die noch
mung, keine Vorstellung, hinter der nicht der dunkle Drang in ihm vorhandene Pflanzlichkeit dar. Eine periodische Ener-
stünde, die er mit seinem Schlaf- und Wachzeiten kontinuier- gieentziehung am animalischen, das áu8ere Machtverhalten
lich durchschneidenden Feuer nicht unterhielte. Selbst die ein- 10 l0 regelnden Systeme zugunsten des vegetativen, ist wahrschein-
fachste Empfindung ist immer auch Funktion einer triebhaf- lich die Grundbedingung der Rhythmik der Schlaf- und Wach-
ten Aufmerksamkeit, nie blo8 Folge des Reizes. Gleichzeitig zustánde; insofern ist der Schlaf ein relativ pflanzlicher Zustand
stellt der Drang die Einheit aller reich gegliederten Triebe und des Menschen. -
Affekte des Menschen dar. Nach neueren Forschern dürfte er
im Gehirnstamm des Menschen, der wahrscheinlich auch Zen- l5
tralstelle ist für die die leiblichen und seelischen Vorgánge ver- Instinkt (Tier)
mittelnden endokrinen Drüsenfunktionen, lokalisiert sein. Fer-
ner ist es der Gefühlsdrang, der auch im Menschen das Subjekt 15 Jf Ars DIE zweite seelische Wesensform, die dem ekstatischen
ist jenes primáren Widerstandserlebnisses, von dem ich einge- Gefühlsdrang in der objektiven Stufenordnung des Lebens folgt,
hend andernorts gezetgthabe, da8 es die Wurzel alles I Habens 20 ist der Instinkt zu bezeichnen, ein seiner Deutung und seinem
von »Realitát« und »Wirklichkeit« ist, und insbesondere auch Sinne nach sehr umstrittenes, dunkles Wort. Wir entgehen die-
der Einheit und des allen vorstellenden Funktionen vorangán- ser Dunkelheit dadurch, da8 wir uns aller Definition mit psy-
gigen Eindrucks der Wirklichkeit.. Vorstellungen und mittel- 20 chologischen Begriffen zunáchst enthalten und den Instinkt

'
Vgl. meine Abhandlungen »Arbeit und Erkenntnis« in »Die Wis- 1 Denken I Ts ll2,z u. l947,re folgt: (Schliefien) 3 aber ist uns ) Ts ll2,z
sensformen und die Gesellschaftn , Lerpzig 1926, und »Das Problem der 25 u. L947,to: ist uns nur 5 gegeben. ] r947,BB folgt als Anm.: vgl. die
Realitát«, Cohen, Bonn ry28. [1962,t2: meine] Abhandlung »Erkenntnis und Arbeit< in dem Buche
,Die Wissensformen und die Gesellschaft<, und »Idealismus - Realis-
2 ist ] Ts I 12,7 u. 1947,te folgt: nicht nur in allen Tieren, sondern 3 wir mus( im »Philosophischen Anzeiger,, 2. fahrgang, Heft 3, Bonn 1927.
werden es sehen] Ts ll2,l u. L947,t6: gestr.; L962,tz: wieder eingefügt 13 Menschen.] Ts ll2,t u. 1947)e folgt: Im Weibe, bei ausgeprágten
4 auch 1947,rc; gestr. 6 Der Mensch ihres Seins. ) Dieser Satz
) Ackerbaustámmen (im Gegensatz zu Tierzüchtern und Nomaden), in
wurde in 1949,18 an eine spiitere Stelle versetzt (rgl. unten 5.90, Lemma dem ganzen (nicht-jüdischen) Asien scheint das pflanzliche Prinzip
zu Z. 14); 1962,16: in Klammern gesetzt 7 noch so einfache ] Ts 1,7 u. (wie schon Fechner bemerkte) auch 1L947,16: auch gestr.) im Menschen
1947,16: gestr. 9 seinem ] Ts ll2,t u. l947,te Jolgt: díe 18 Ferner ist zu überwiegen. 15 dem] Ts L12,8 u. lg47,te folgt: undifferenzierten
es der Gefühlsdrang) Ts L12,7: Der Gefühlsdrang ist ferner; 1947,16 u. 16 des I Ts 112,8 u. l947,tz folgt: seelischen 17 ist der Instinkt zu be-
L962,t7: Der Gefühlsdrang ist auch 20 von dem ... da8 es ] Ts l,z u. zeichnen, ] Ts ll2,B u. l947Jt: haben wir das anzusehen, was wir als
1947,t6: das 2l und ] Ts llL,t u. 1947,16: gestr. 23 Vorstellungen ] »Instinkt< bezeichnen 20 Instinkt ] Ts I/2,g u. 1947,tz
folgt: (wie auch
Ts Ll2,l u. 1947,16: Vorstellen die folgenden Wesensstufen)
20 Stufenfolge des psychophysischen Seins 25 z5lz6 Instinkt (Tier) 21

ausschliel3lich vom sogenannten »Verhaltenn des Lebewesens das folgende Merkmale besitzt: Es mu3 erstens sínngemiiJ3 sein,
aus definieren. I Oas Verhalten eines Lebewesens ist einmal sei es positiv sinnvo//, oder fehlerhaft, oder dumm; d. h. es mu3
Gegenstand áu8erer Beobachtung und móglicher Beschreibung. so sein, dal3 esfür das Ga nze des Lebenstrágers oder das Ganze
Dies Verhalten bei wechselnden Umgebungsbestandteilen ist anderer Lebenstráger teleoklin ist (entweder eigendienlich oder
aber unabhángig von den physiologischen Bewegungseinheiten fremddienlich). Und es mu3 zweitens nach einem Rhythmus I

feststellbar, die das Verhalten tragen, und es ist auch feststellbar, ablaufen. Solchen Rhythmus, solche Zertgestalt, deren Teile sich
ohne da8 physikalische oder chemische Reizbegriffe bei seiner gegenseitig fordern, besitzen die durch Assoziation, Übung,
Charakteristik eingeführt werden. Wir vermógen unabhángig Gewóhnung - nach dem Prinzip, das fennings das Prinzip von
und vor aller kausalen Erklárung Einheiten und Veránderun- »Versuch und Irrtum« genannt hat - erworbenen, gleichfalls
gen des Verhaltens bei veránderlichen Umgebungsbestandteilen r0 t0 sinnvollen Bewegungen nicht. Eine Rückführung instinktiver

festzustellen und gewinnen damit gesetzliche Beziehungen, die Verhaltungsweisen auf kombinierte Einzel- und Kettenreflexe
insofern bereits sinnerfüllt sind, als sie ganzheitlichen und teleo- und auf Tropismen hat sich als unmóglich erwiesen (fennings,
klinen Charakter tragen. Es ist ein Irrtum deruBehaviouristen«, Alverdes usw.). Die Sinnbeziehung braucht nicht auf gegenwár-
wenn sie in den Begriff des Verhaltens bereits den physiologi- tige Situationen zu gehen, sondern kann auch auf zeitlich und
schen Hergang seines Zustandekommens aufnehmen. Wertvoll t5 l5 ráumlich weit entfernte abzíelen. Ein Tier bereitet z.B. für den
an dem Begriff des Verhaltens ist gerade dies, da3 er ein PSy- Winter oder für die Eiablage etwas sinnvoll vor, obgleich man
chophysisch indifferenter Begriff ist. D. h.: ]edes Verhalten ist nachweisen kann, da8 es als Individuum áhnliche Situationen
also immer auch Ausdruck von Innenzustánden. Es kann und noch nie erlebte und da3 auch Kundgabe, Tradition, Nach-
mu3 daher immer doppelt erklárt werden, physiologisch und
psychologisch zugleich; es ist gleich falsch, die psychologische 20
wir auszugehen haben. I sinngemdlS) 1962,18 sinnmiiJ3ig 2 sei es ...
Erklárung der physiologischen oder die letztere der ersteren vor- dumm;] Ts ll2,g u. 1947,17: gestr. 2 es mu8) 1962,18: gestr. 3 Le-
atziehen. In diesem Sinne nennen wir instinktiv ein Verhalten, benstrágers ] Ts ll2,g folgt: selbst, seine Ernáhrung, Fortpflanzung,;
Umstellungen in l947,tt 5 (entweder eigendienlich oder fremddien-
2 einmal] Ts ll2,g u. l947,tt: immer 5 Dies Verhalten ist aber] lich) ) 1949,20: gestr.; l962,tr: (d.h. eigendienlich oder fremddienlich)
Ts ll2,B u. 1947,v: Es ist 6 es ist auch ] Ts 112,8 u. l947,tZ: ebenso vor tel,eoklin 5 zweitens ] Ts ll2,B u. 1947,t7: gestr.; L962,18: zweitens
9 aller] Ts 112,8 u. 1947,tz folgt: sei es physiologischen, sei es psycho- 5 einem ] Ts 112,8u. L947,tt folgt: fbsten unveránderlichen 6 ablaufen. ]
logischen l0 Verhaltens ] Ts 112,8 u. 1947,tt folgt: eines Lebewesens Ts 1/2,9v u. 1947,l7t.folgt: Auf den festen Rhythmus kommt es an; nicht
L2 und I Ts ll2,s u. l947,tz: gestr. 16 des Verhaltens ] Ts ll2,s u. etwa auf die Organe, die zu diesem Verhalten benutzt werden und die
1947,r7: gestr. 16 er ) 1947,17 u. 1962,18: es 18 also ] Ts 1/2,8 u. I947)z: bei Wegnahme dieses oder jenes Organs wechseln kónnen; auch nicht
gestr. 18 Innenzustánden. ) 1949,20 u. 1962,n folgt: denn es gibt kein auf die Kombination einzelner Bewegungen, die je nach der Ausgangs-
Innerseelisches, das sich nicht im Verhalten unmittelbar oder mittelbar Iage des tierischen Kórpers bei gleicher Aufgabe und Leistung wechseln
,ausdrückt,.; Ts L12,8: an andere Stelle versetzt, vgl. überniichste Anm. kónnen. Die amechanische Natur des Instinktes, die Unmóglichkeit,
21 oder) L949,zo u. 1962,18: wie 22 vorzuziehen] Ts ll2,a folgt: Das ihn auf kombinierte Einzel- oder Kettenreflexe (wie Loeb auf »Tropis-
,Verhalten< ist also das deskriptiv »mittlere< Beobachtungsfeld, von men,) zuruckzuführen, ist dadurch gesichert. 8 Prinzip] Ts 112,8 u.
dem wir sowohl für die physiologische wie psychologische Erklárung 1947,tB: gestr. 13 Eine Rückführung ... usw.).] Ts ll2,g u. 1947,rB: gestr.
auszugehen haben. Denn es gibt kein Innerseelisches, das sich nicht im 13 Sinnbeziehung] Ts 2,8 u. 1947,18: Sinnbewegung; Ts 1,8 u. l962,tg:
Verhalten unmittelbar oder mittelbanausdrückt,; in L947,tz gekürzt: Sinnbeziehung 13 braucht nicht ] Ts 1,8: braucht ferner nicht; Ts 2,8:
Das ,Verhalten, ist das deskriptiv mittlere Beobachtungsfeld, von dem braucht dabei nicht; 1947,18: braucht nicht
22 Stufenfolge des psychophysischen Seins z6lz7 z7 lz8 Instinkt (Tier) 23

ahmung und Kopierung seitens anderer Artgenossen dabei aus- nigfaltigkeit solchen Verhaltens mit gról3ter Prázision gegeben.
geschaltet ist - es verhált sich so, wie sich nach der Quantentheo- Dieser Artdienlichkeit entspricht es ferner (viertens) auch, da3
rie schon die Elektronen verhalten, »als obn es einen künftigen der Instinkt in seinen Grundzügen angeboren und erblich ist,
Zustand vorhersáhe. Ein weiteres drittes Merkmal des instink- und zwar als spe zifizierfes Verhaltungsvermógen selbst, nicht
tiven Verhaltens ist es, da3 es nur auf solche typisch wiederkeh- nur als allgemeines Erwerbungsvermógen von Verhaltungswei-
rende Situationen anspricht, die für das Artleben als solches, sen, wie es natürlich auch Gewóhnbarkeit, Dressierbarkeit und
nicht aber für die Sondererfahrung des Individuums bedeutsam Verstándigkeit ist. Die Angeborenheit besagt hierbei nicht, daB
sind. Der Instinkt ist stets artdienlich, sei es der eigenen, sei es das instinktiv zu nennende Verhalten sich sogleich nach der
der fremden Art, oder einer solchen, mit denen die eigene Art Geburt abspielen müBte, sondern bedeutet nur, da3 es bestimm-
in einer wichtigen Lebensbeziehung steht (Ameisen und Gáste; l0 r0 ten Wachstums- und Reifeperioden, eventuell sogar verschie-

Gallenbildungen der Pflanzen; Insekten und Vógel, die Pflan- denen Formen der Tiere (bei Polymorphismus) zugeordnet ist.
zen befruchten usw.). Dieses Merkmal scheidet das instinktive Sehr wichtig als Merkmal des Instinktes ist endlich, da3 er ein
Verhalten scharf erstens von »Selbstdressuro durch Versuch Verhalten darstellt, das von der Zahl der Versuche, die ein Tier
und Irrtum und I allem »Lernen«, zweitens vom Verstandesge- macht, um einer Situation zu begegnen, unabhángig ist; in die-
brauch, die beide primár individualdienlich und nichf artdien- l5 l5 sem Sinne kann er als von vornherein >>fertig« bezeichnet wer-
lich sind. Das instinktive Verhalten ist daher niemals eine Reak- den. I So wenig wie die eigentliche Organisation der Tiere durch
tion auf die von Individuum zu Individuum wechselnden spezi- kleine differentielle Variationsschritte entstanden gedacht wer-
ellen Inhalte der Umwelt, sondern je nur auf eine ganzbesondere den kann, ebensowenig denlnstinkt« durch Addition erfolg-
Struktur, eine art- typische Anordnung der móglichen Umwelt- reicher Teilbewegungen. Wohl ist der Instinkt durch Erfahrung
teile. Wáhrend die speziellen Inhalte weitgehendst ausgewech- 20 20 und Lernen spezialisierbar, wie man z.B. an den Instinkten der

selt werden kónnen, ohne da8 der Instinkt beirrt wird und zu fagdtiere sieht, denen zwar das fagen auf ein bestimmtes Wild,
Fehlhandlungen führt, wird die kleinste Anderung der Struktur nicht aber die Kunst, es erfolgreich auszuüben, fertig angeboren
Beirrungen zur Folge haben. In seinem gewaltigen Werke »Sou- ist. Das, was Übung und Erfahrung hier leistet, entspricht aber
venirs Entomologiques« hat Fabre eine überwáltigende Man- immer nur den Variationen einer Melodie, nicht der Erwerbung
25 einer neuen. Was ein Tier vorstellen und empfinden kann, ist im
I und Kopierung] Ts ll2,g u. 1947,t8: gestr. I seitens anderer )Ts ll2,s
u. 1947,18: von 3 die Elektronen verhalten ] Ts 112,9 u. 1947,t8: das
Elektron verhált 4 drittes I Ts ll2,g u. 1947,t8: gestr. 5 auf ] l949,zt: I solchen ] Ts l12,g u. 1947,t9: solch instinktiven 2 entspricht ... auch ]
gestr.; l962,tg: wieder eingefügt 7 aber ] Ts Ll2,g u. 1947,t8: gestr. Ts Ll2,g: entspricht es ferner; 1947,19: entspricht es 7 ist ) 1947,ts: sind
9 oder einer solchen, ] Ts ll2,g u. 1947,18: gestr. 9 denen ] Ts l/2,9 u. I
7 hierbei ] Ts ll2,g u. r947,tg: indessen I Polymorphismus ] Ts 2,9
1947,18: der 11 diel Ts 112,s folgt: die 12 usw. ) Ts 112,9 u.
u. 1947,rc folgt: (Raupe, Puppe, Schmetterling); Ts 1: hs. wieder gestr., in l947,tg
L947,t8: gestr. l3 Verhalten ] Ts 2,s folgt: wie wir noch náher sehen wer- daher unberücksichtigt geblieben l5 der Tiere I Ts ll2,l0 u. lg47,le: des
den; 1947,tB stattdessen ausTs L,9 eine Zeile spiiter hinter beide,: wie wir Tieres; nach einem Komma folgt: sein-Bartpkn l9 Teilbewegungen ]
sehen werden, 13 erstens ] Ts ll2,g: gestr.; 1947,18: erstens 14 vom ] Ts 1, to folgt: (Selektion); in Ts 2 wieder gestr.; nicht in l947,tg übernom-
Ts 112,9 u. 1947,18: von allem 23 haben. ] Ts ll2,g u. L947,t8f.folgt:Das men 22 fertig] Ts 1l2,to u. r947,t9: gestr. 24 nur ] Ts l/2,10 u. l947,tg
ist es, was man ITs 2,9: auch] als ,Starrheit< des Instinktes bezeichnet, folgt: gleichsam 25 neuen. ] Ts ll2,to u. l947¡ef . Jolgt: Der Instinkt
im Unterschied zu den überaus plastischen Verhaltungsweisen, die auf ist also schon der Morphogenesis der Lebewesen selbst eingegliedert
Dressur, Selbstdressur und auf Intelligenz beruhen. und im engsten Zusammenhang mit den gestaltenden physiologischen
24 Stufenfolge des psychophysischen Seins 28 zsl ze Instinkt (Tier) 25

allgemeinen durch den Bezug seiner Instinkte zur Umweltstruk- Der Instinkt ist ohne Zweifel eine primitivere Form des psy-
tur a priori beherrscht und bestimmt. Dasselbe gilt von seinen chischen Seins und Geschehens als die durch Ass oziationen
Gedáchtnisreproduktionen; sie erfolgen stets im Sinne und im bestimmten seelischen Komplexbildungen. Er ist also nicht -
Rahmerz seiner vorherrschenden »Instinktaufgabenn, und erst in wie Spencer meinte auf Vererbung von Verhaltungswei-
sekundárer Weise ist die Hiiufigkeit der assoziativen Verknüp- sen zurückzuführen, die auf Gewohnheit und Selbstdressur
fungen, der bedingten Reflexe und der Übungen von Bedeu- beruhen. Wir sind in der Lage zu zeigen, daB die psychischen
tung. Alle afferenten Nervenbahnen haben sich auch entwick- Abláufe, die der assoziativen Ges etzmá{lig lkeit folgen, auch im
lungsgeschichtlich erst nach der Anlage von efferenten Nerven- Nervensystem erhebli ch hóher lokalisiert sind als die instinkti-
bahnen und Erfolgsorganen gebildet. ven Verhaltungsweisen. Die Gro3hirnrinde scheint wesentlich
t0 ein Dis soziationsorgan zu sein gegenüber den biologisch ein-
Funktionen tátig, welche die Strukturformen des Tierkórpers allererst heitlicheren und tiefer lokalisierten Verhaltungsweisen, nicht
bilden. Sehr wichtig ist das Verháltnis des Instinktes zu den Empfin- also ein Ass oziatiorusorgan. Ebensowenig aber kann das instink-
dungen, der [1947,19: zur] Tátigkeit der Sinnesfunktionen und -organe, tive Verhalten auf eine Automatisierung verstándigen Verhal-
auch zum Gedáchtnis. DaB Instinkte erst durch ául3ere Sinneserfahrun-
tens zurückgeführt werden. Wir dürfen vielmehr sagen, da3 das
gen entstehen (Sensualismus), ist ausgeschlossen. Der Empfindungsreiz
lóst den rhythmisch festen Ablauf der instinktiven Tátigkeit nur aus,
ohne seinen So-Ablauf a¡ determinieren. Geruchsempfindungsreize, Reflex), jede Rückführung auf kombinierte Einzelreflexe motorischer
optische Empfindungsreize kónnen dabei dieselbe Tátigkeit auslósen - Bahnen und 11949,23 folgt: auf] Kettenreflexe hat sich als unmóglich
es müssen also nicht einmal Empfindungen derselben Modalitát, ge- erwiesen (fennings - Alverdes). Ebensowenig aber ist es móglich, den
schweige denn derselben Qualitát sein, die diese Auslósung besorgen. Instinkt auf Vererbung von Verhaltungsweisen zuruckzuführen, die
Wohl aber gilt der umgekehrte Satz: 1 im allgemeinen] Ts Ll2,to u. auf ,Gewohnheit. und >Selbstdressur( beruhen (Spencer), d.h. in letzter
1947,zo: gestr. I seiner] Ts I l2,to u. 1947,zo folgt: angeborenen 4 »In- Linie auf assoziative Gesetzlichkeit und bedingten Reflex, oder ihn als
stinktaufgabenn, ] Ts Il2,to u. 1947,20 folgt: ihrer Oberdetermination nachtrágliche Automatisierung verstándigen, >intelligenten< Verhaltens
6 Verknüpfungen, ] Ts ll2,to u. 1947,20: Komma gestr. 7 Bedeutung. ] anzusehen (Wundt). Das Werden des Instinktes einer Art ist durchaus
Ts 1 l2,to u. l947,zo folgt: Das Tier, das sehen und hóren kann, sieht und ein Teilprodukt der Artbildung selbst; »in reinen Linien« ist der Instinkt
hórt nur das, was fiir sein instinktives Verhalten bedeutsam ist - auch ganz unveránderlich. Teilschritte, wie es solche der Gewóhnung und
bei gleichen Rei z-11949,23: Reizen] und sensorischen Bedingungen der Übung sind, kónnen ihn nicht verándern, so wenig wie den,Bauplan.
Empfindung. 7 Nervenbahnen ] Ts I l2,to u. l947,zo folgt: und Rezep- eines Tieres. 2 psychischen ] Ts ll2,tt u. L947,zt: gestr. 7 assoziati-
tionsorgane für Reize 9 gebildet. I Ts l12,t0f. u. 1947,zof . folgt: Noch ven I Ts ll2,u u. L947,zt Jolgt: (gewohnheitsmáBigen) 7 auch I Ts l/2,rr
im Menschen liegt dem Sehen der Trieb zum Sehen und diesem der u. 1947,zr: gestr. 8 lokalisiert ] Ts I l2,tt u. 1947,zt folgt: (also genetisch
allgemeine Wachtrieb zugrunde; der Schlaftrieb sperrt Sinnesorgane spáter) l1 Verhaltungsweisen.] Ts ll2,l, tt. I947,zt folgt: Gerade die
und -tunktionen zu. So ist Gedáchtnis wie Sinnesleben ganz vom In- sinneinhei flichen Verhaltungsweisen (Grei fen nach einem Ding, Singen
stinkt gleichsam umschlossen, in ihn eingesenkt. Die sogenannten einer Melodie) kónnen in pathologischen Ausfallserscheinungen noch
,Trieb<handlungen des Menschen sind darin das absolute Gegenteil stattfinden, wo weniger Sinngegliedertes (Einzelbewegungen wie das
der Instinkthandlung, da8 sie, ganzheitlich betrachtet, ganz sinnlos Bewegen eines einzelnen Fingers; oder das Singen der Tonleiter) nicht
sein kónnen (z.B.die Sucht nach Rauschgift). lAbsatz) Iede Ableitung mehr hervorzubringen ist. Diese f-estgegliederten Sinneinheitlichkei-
instinktiver Verhaltungsweisen aus mechanisch gedachten Tropismen ten des Verhaltens sind wesentlich subcortical bedingt. l0 scheint
und Taxen (Loeb), die selbst vielmehr einfachste Instinkte sind (die es ... zu sein] Ts 1l2,tt u. 1947.21: ist 12 also] Ts 1lZ,tt u. rg47,zt: gestr.
nach neueren Forschungen überhaupt nicht gibt - nicht einmal der Pa- 14 Ebensowenig ... zurückgeführt werden. ] Ts Il2,tt u. 1947,zr: gestr.
tellarreflex oder der Augenlidschlul3 ist ein solcher rein mechanischer 14 vielmehr] Ts I l2,tt u. l947,zt: gestr.; 1962,zz: wieder eingefügt
26 Stufenfolge des psychophysischen Seins 29|30 3ol3r Instinkt (Tier) 27

Heraustreten relative r Einzelempfindungen und Einzelvorstel- wie jüngst Alverdes und Buytendijk gezetgt haben, keineswegs
lungen aus diffusen Komplexen (und die assoziative Verknüp- erst bei den hóchsten Sáugetieren, sondern schon im Infusorium
fung zwischen diesen Einzelgebilden), desgleichen das Her- vorhanden. Es ist also so, als ob das, was im Instinkt starr und
austreten eines bestimmten, nach Befriedigung verlangenden artgebunden ist, in der Intelligenz beweglich und individual
Triebes aus ein em instinktiven Sinnverband des Verhaltens, wie bezogen würde, das aber, was im Instinkt automatisch ist, in der
anderseits die Anfánge der Intelligenz, die den nun erst sinnent- Assoziation und dem bedingten Reflex mechanisch, also relativ
leerten Automatismus wieder »künstlich« sinnvoll a¡ machen sinnfrei erst würde - gleich zeitig aber auch viel mannigfaltiger
sucht, beiderseits, genetisch gesehen, gleichursprüngliche Ent- kombinierbar. Das láBt auch verstehen, dal3 die Gliedertiere,
wicklungsprodukte des instinktiven Verhaltens sind. Sie gehen welche auch morphologisch eine ganz andere und viel starrere
im allgemeinen streng gleichen Schritt, sowohl miteinander wie l0 l0 Grundlage ihrer Organisation besitzen, die Instinkte am voll-
mit der Individuierung der Lebewesen, dem Herausfallen des kommensten besitzen, kaum aber Zeichen eines verstándigen
Einzelwesens aus der Artgebundenheit, halten ferner gleichen Verhaltens von sich geben, dagegen der Mensch als plastischer
Schritt mit der Mannigfaltigkeit der individuellen Sondersi- Sáugetiertypus, bei dem die Intelligenz am hóchsten entwickelt
tuationen, in die das Lebewesen gelangen kann. Schópferische ist und nicht minder das assoziative Gedáchtnis, stark zurück-
Dissoziation, nicht Assoziation oder Synthese einzelner Stücke, l5 15 gebildeúe Instinkte besitzt. Versucht man das instinktive Ver-
ist der Grundvorgang der Lebensentwicklung. Und dasselbe halten psychisch zu deuten, so stellt es eine untrennbare Einheit
gilt physiologisch. Der Organismus gleicht auch physiologisch von Vor-Wissen und Handlung dar, soda8 niemal s mehr Wissen
einem Mechanismus um so weniger, je einfacher er organisiert gegeben ist, als in den náchsten Schritt der Handlung gleichzei-
ist, I bringt aber bis zum Eintritt des Todes und der Zytomor- tig eingeht. Ferner scheint das Wissen, das im Instinkte I liegt,
phose der Organe ein - phánomenal - immer mehr mechanis- 20 20 nicht sowohl ein Wissen durch Vorstellungen und Bilder oder
menartiges Gebilde selbst hervor. Es dürfte wohl auch nachweis- gar durch Gedanken zu sein, sondern nur etn Fühlen wertbeton-
bar sein, da8 die Intelligenz keineswegs erst auf einer hóheren
Stufe des Lebens, wie z.B. Karl Bühler meint, zl¡'m assoziativen 3 also so ] Ts ll2,tz u. l947,zz: gestr. 3 Instinkt ] Ts ll2,tz u. l947,zz
Seelenleben hinafiritt. Sie bildet sich vielmehr streng gleich- folgt: sinnvoll, aber 5 individual bezogen ] Ts 1/2 ,r2 u. 1947,zz: indi-
máBig und parallel zum assoziativen Seelenleben aus und ist, 25 viduell-bezogen; l962,zt: individuell bezogen 7 viel ) 1947,22: gestr.
8 kombinierbar. ] Ts ll2,tz u. 1947,22 folgt: DaB also die Instinkte keine
einem ] Ts I lL,tl u. 1947,2t: dem 9 Entwicklungsprodukte ] T.
automatisch gewordenen Verstandes- und Willkürhandlungen sind,
5
Il2,tl u. lg47,2t folgt: (Zerfallsprodukte nicht im Wertsinne) 10 besitzen ] Ts ll2,tz u. I947,zz folgt: als die hóheren Tiere,
ll lndividuie rung ] t 9 49,24: I ndividualisierun g, 19 62,23: I ndividuierung l2 verstándigen I Ts 1 l2,tz u. 1947,zz folgt: (intelligenten) l5 besitzt. l
15 Synthese I Ts ll2,tz u. L947,zt folgt: (Wundt) 16 ist I Ts I l2,tz Ts LlT,tz u. l947,zz Jolgt: Auf alle Fálle ist die seelische Grundfbrm
u. l947,zt folgt: also 16 Lebensentwicklung) Ts llZ,tz u. l947,zt; lL947,zz folgt: des Instinktes] an die tierische und in atavistischen Re-
psychischen Entwicklung 17 gilt I Ts ll2,tz u. l947,zt folgt: auch sten an die menschliche Form des Lebens geknüpft. 17 Handlung)
17 physiologischl Ts t 12,t2 u. 1947,2t: physisch;1962,23: physiologisch 1927,177: Handlungen 19 eingeht. ] Ts ll2,r2v u. l947,zz folgt, in Ts 1
2l ein... Gebilde] Ts 112,12 u. l947,zz; immer mehr phánomenal me- jedoch einige Zeilen spriter hinter Widerstánde eingefügt: Zwar liegt be-
chanismenartige Gebilde und Verhaltungsweisen 2l auch ] Ts ll2,tz reits [Ts 2: schon] der Anfang der Trennung von Sensation und Reaktion
u. 1947,22 gestr.; 1962,23: wieder eingefügt 24 Seelenleben ] Ts I 12,12 u. vor (Reflexbogen), aber es besteht noch der innigste ll949,zs u. l962,zq:
1947,zz folgt: (und seinem physiologischen Analogon, dem bedingten engste] Zusammenhang beider in der Funktion. 21 scheint ... zu sein ]
Reflex,) 25 und I Ts 2, 12 u. l947,zz folgt: sie Ts 1l2,tz u. 1947,22:ist 2l nur] Ts 2,12 ü. 1947,22: gestr., Ts 1,12: mehr
28 Stufenfolge des psychophysischen Seins 3l 3rl|32 Assoziatives Gedáchtnis 29

ter und nach Werteindrücken differenzíerter, anziehender und Assoziatives Gedáchtnis


absto8ender Widerstiinde. Im Verháltnis zum Gefühlsdrang ist
der Instinkt bereits zwar auf artmáBig hciufig wiederkehrende., Jr UNrEn DEN zwei Verhaltungsweisen, die nun beide ur-
aber doch spezifische Bestandteile der Umwelt gerichtet. Er stellt sprünglich aus der instinktiven hervorgehen, námlich das
eine zunehmende Spezialisierung des Gefühlsdrangs und seiner ,gewohnheits«máBige und das »intelligente« Verhalten, stellt
Qualitáten dar. Von ,angeborenen Vorstellungen« bei Instink- s die gewohnheitsmáBige - die dritte psychische Form also, die
ten zu reden, wie es Reimarus getan hat, hat also keinen Sinn. - wir unterscheiden - jene Fáhigkeit dar, die wir als asso ziatives
Gedrichtnis (Mneme) bezeichnen. Diese Fáhigkeit kommt kei-
neswegs, wie Hering und Semon meinte n, allen Lebewesen zu.
Sie fehh den Pflanzen, wie schon Aristoteles richtig gesehen hat.
r0 Ztsprechen müssen wir sie jedem Lebewesen, dessen Verhalten
sich auf Grund früheren Verhaltens gleicher Art in einer lebens-
dienlichen, also sinnvollen Weise langsam und stetigabándert,
also so, da8 das jeweilige MaB, in dem sein Verhalten sinnvoller
2 Widerstiinde. ] Ts t ,t2v folgf: Das gilt zunáchst fiir die relative »Einzel-
wird, in strenger Abhángigkeit steht von der Zahl der Versuche
empfindung(. Das Tier hat wahrscheinlich noch keine Fláchenfarben,
nur Oberfláchenfarben. Beim Menschen stellen sich nach bestimmten rs oder der sogenannten Probierbewegungen. DaJ3 ein Tier über-
pathologischen Ausfallserscheinungen bilaterale, symmetrische E-p- haupt spontan Probierbewegungen macht (auch die spontanen
findungen ein (Schilder). Es bedarf bestimmter Hemmungen, damit Spielbewegungen lassen sich dazu rechnen), da8 es ferner die
|
es zu annáhernd einzelnen Empfindungen kommt. Auch nimmt die Bewegungen zu wiederholen tendiert, gleichgültig ob sie Lust
Reizproportionalitát der Empfindung, ferner die Isolierbarkeit einer oder Unlust im Gefolge haben, beruht nicht auf dem Gedáchtnis,
Sensation von anderen, die >Figur vom Hintergrund,, die Isolierbarkeit
20 sondern ist aller Reproduktion Voraussetzung - ein selbst ein-
und Neukombinierbarkeit einer Vorstellung aus einem Vorstellungs-
ganzen, (z.B.des jeweiligen Urnweltsganzen, auch des menschlichen) geborener Trieb (Wiederholungstrieb). DaB es aber diejenigen
ebensowohl mit der Reifung des Organismus und seinem Altern als Bewegungen, die hierbei Erfolg hatten für irgendeine positive
mit der organisatorischen Hóhe der Tiere, als auch in der Entwicklung Triebbefriedigung, spáter háufige r zv wiederholen sucht, soda3
vom Primitiven zum Civilisierten mit Sicherheit zu. lAbsatz) Dasselbe sie sich in ihm »fixierenu, als diejenig€n, die Mi8erfolg hatten,
gilt auch für den soz[ialen] Trieb. Die sogenannten Triebhandlungen 2s ist eben die Grundtatsache, die wir mit dem Prinzip von »Erfolg
des Menschen sind ja darin das absolute Gegenteil der Instinkthand-
und lrrtum«bezeichnen. Wo wir solche Tatsachen finden, spre-
lungen, dal3 sie ganz sinnlos sein kónnen (Rauschgift, Paralytiker).
Die Bef reiung des Triebes aus der sinneinheitl [ichen] Artgebunden-
heit des Instinktes, z. B. das schon beim hóheren Tiere, erst recht beim I nun ] Ts 1,13 u. 1947,23: wie wir sahen, 2 der instinktiven ] Ts t l2,tz
Menschen eintretende Herausfallen der Sexualbefr[iedigr.g] aus der folgt: Verhaltenlsweise]; 1947,23: dem instinktiven Verhalten 2 nám-
Fortpflanzungs- und Brunstperiodik bedeutet den ,Gang nach oben.. lich I Ts ll2,tz u. r947,zt: gestr. 5 die I Ts ll2,tz u. 1947,2t: das
(Die Verwillkürlichung überhaupt hat wahrscheinl[ich] sogar bei den 5 also ) Ts L12,13 u. l947,zt:gestr. 6 unterscheiden ) Ts ll2,t3 u. 1947,23
Sexualtrieb[en] angefangen).; nicht in 1947,23 4 spezifische) Ts ll2,tz der Tatsachen a
u. 1947,23 (dort ohne Klammern) folgt: (inhaltlich verschiedene, daher d.h. 8wie.. l
nicht ohne Wahrnehmung gegebene) 4 stellt ] Ts I 12,t2 u. 1947,23 Jolgt: u. 1947,23: gest ]
als solcher 6 stellt ... dar I L927,178: ist 6 angeborenen ] Ts I 12,t2 u. 2,r3 u. 1947,23
1947,21: eingeborenen
30 Stufenfolge des psychophysischen Seins tzltt 33 Assoziatives Gedáchtnis 3l

chen wir jenachdem von Übung, wo es sich nur um das Quan- ten eintreten. Solche Tatsachen nennt man »bedingten Reflexn.
titative handelt, jenachdem von Erwerbung von Gewohnheiten, Nur die psychische Analog ie zu ihm ist die sogenannte asso-
jenachdem von Selbstdressur oder, wenn der Mensch eingreift, ziative Gesetzlichkeit, nach der ein Gesamtkomplex von Vor-
von Fremddressur. Das gesamte pflanzliche Leben besitzt, wie stellungen sich wiederherzustellen und seine fehlenden Glieder
wir zeigten, keine dieser Tatsachen und kann es auch gar nicht, zu ergánzen strebt, wenn ein Teil dieses Komplexes sensorisch
da es ja jene Rückmeldung von Organzustánden an ein Zen- oder motorisch wiedererlebt wird. Vollstándig strenge Assozia-
trum = Empfindung nicht hat. Die Grundlage alles Gedácht- tionen von Einzelvorstellungen, die nur dieser Gesetzmál3igkeit
nisses ist der von Pawlow so genannte »bedingte ReJlex«. Z.B. von Berührung und Áhnlichkeit, d. h. partieller Identitát der
sondert ein Hund nicht nur bestimmte Magensáfte ab, wenn das Ausgangsvorstellungen mit früheren Komplexen, unterliegen,
Fressen in seinen Magen gelangt, sondern auch schon, wenn er r0 l0 dürften niemals vorkommen, sowenig wie ein vóllig isolierter,
das Fressen sieht - oder die Schritte des Mannes hórt, der ihm immer gleicher Reflex eines órtlich bestimmten Organs; sowe-
das Fressen zu bringen pflegt. Der Mensch sondert die Verdau- nig auch wie eine streng reiz-proportionale Empfindung, unab-
ungssáfte sogar schon dann ab, wenn ihm im Schlaf suggeriert hángig von allen wechselnden Triebeinstellungen und allem
wird, da3 er die betreffende Nahrung einnehme. LáBt man bei Gedáchtnismaterial. Es handelt sich daher wahrscheinlich bei
einem Verhalten, das durch einen Reiz ausgelóst wird, gleich- t5 r5 allen Assoziationsgesetzen genau so wie bei den Naturgesetzen
zeitigmehrmals ein Signal erklingen, so kann auch ohne den I der Physik, die Gesamtvorgánge betreffen, nur um statistische
adáquaten Rei zbeiEintreten des Signals das betreffende Verhal-

1 jenachdem ) Ts ll2,t3 u. 1947,23: gestr. 2 jenachdem ) Ts l12,l3: oder;


1947,23: gestr. 2 Gewohnheiten ] Ts 1,13 u. L947,zq folgt: in qualitativer 1 Solche I Ts 1,t+ u. folgt: und áhnliche 2 zu ihm I Ts ll2,l4 u.
1947,2+
Hinsicht 4 Fremddressur. ] Ts I 12,t3v u. 1947,2+ folgt: Diese psychische L947,2+: dazs 3 einlTs u. 1947,2+folgt: erlebter 5 Komplexesl
Ll2,t4
urrd physiologische Fáhigkeit allem organischen Leben arzvsprechen Ts I l2,t+ u. L947,2+ folgt: z.B. ein Teil der umwelt 6 wird. ] Ts l,t4 u.
(wie Hering und Semon wollten) wáre richtig nur, wenn man damit 1947,2+f. folgt: Zerfállt ein Komplex in mehrere Teilstücke, so kónnen
sagen will, da8 das Verhalten alles Lebendigen niemals nur von dem sich auch diese Einzelvorstellungen wieder verbinden nach dem Gesetz
zeitlich unmittelbar vorhergehenden Zustand des Organismus, sondern von »Berührung und Áhnlichkeit«. Die sog. Assoziationsges etze für
von sein er ganzen Vorgeschichte abhángig ist, da8 Lebendiges - im Un- die Reproduktion von Vorstellungen resultieren hieraus. So sicher hier
terschied vom (phánomenal) Toten - keine streng soseinsidentischen eine eigentümliche Gesetzlichkeit des psychischen Lebens vorliegt, die
Zustánde besitzt, daB also gleiche Ursachen und gleiche Wirkungen hier bei einigen hóheren Tierarten, besonders den Wirbel- und Sáugetieren
nicht vorkámen. Es ist aber falsch, wenn man damit meint, da8 spezi- eine sehr gro8e Rolle spielt, so hat doch die Forschung gewil3 gemacht:
elle sensomotorische Verhaltungsweisen bei allem Lebendigen einen ll eines ] Ts ll})q u. L947,25 folgt: einzelnen 12 reiz-proportionale ]
bestimmenden Einflu8 auf den jeweilig leichteren Ablauf áhnlicher Ts l,l4 u. l947,zs folgt: »reine< 13 wechselnden] Ts 112,ru u. l947,zs
Verhaltungsweisen besitzen. Denn in diesem Sinne besitzt das gesamte folgt: determinierenden 14 Gedáchtnismaterial ] Ts Ll2,t4v u. 1947,zs
pflanzliche Leben ... 5 wie ... dieser] Ts 2,t: u. 1947,24: keine obiger folgt: ()ede Empfindung ist immer eine Funktion des Reizes und d,er
6 auch ... ja] Ts ll2,t+ u. 1947,2+: auch nicht, da es, ganz nach au3en triebhaften Aufmerksamkeit.) so wenig es [Ts l,r4v fotgt: also] eine
ergossen , 6 von ] Ts Ll2,t3 u. 1947,2+ folgt: jeweiligen 7 Empfin- »reine<isolierte streng reizproportionale Empfindung gibt, so wenig eine
dung I Ts 1 l2,t+ u. 1947,2+ folgt: und ein Motorium 7 alles ) Ts Ll2,l3 u. »reine< Assoziation. Alles assoziative Gedáchtnis steht unter der deter-
1947,2+: des assoziativen ll oder] Ts 2,13 u. L947,zqfolgt: sogar, wenn minierenden Kraft von Trieben, Bedürfnissen und deren Aufgaben, die
er nur 15 einem ] Ts ll2,t3 u. 1947,2+ folgt: solchen 17 Eintreten ] diese selbst (oder der zwang des Dresseurs) [Ts 2,r+v Jolgt: dem orga-
Ts 1 l2,t+ u. L947,24: Auslósen nismus] setzen. 14 daher wahrscheinlich ] Ts Ll2,t+ u. L947,zs: gestr.
32 Stufenfolge des psychophysischen Seins fi134 t+lts Assoziatives Gedáchtnis 33

RegelmáBigkeiten. Alle diese Begriffe (Empfindung, assoziati- plexassoziationen, die ihrerseits dem instinktiven Ablauf etwas
ver Reflex) haben daher den Charakter von Grenzbegriffen, die náherstehen. Genau wie die nüchterne Wahrnehmung von
nur die Richtung einer gewissen Art von psychischen respektive Tatbestánden ohne Phantasieüberschu8 respektive mythische
physiologischen Veránderungen andeuten. Anniihernd reine Verarbeitung ein Spiiúphánomen der seelischen Entwicklung
Assoziationen finden sich wohl nur bei ganz bestimmten Aus- ist für den Einzelnen respektive für ganze Vólker, so ist auch
fallserscheinungen gedanklicher Oberdeterminanten, z. B. bei die assoziative Verbindung ein solches Spátphánomen.. Es hat
áu3eren Klangassoziationen der Sprachworte im Zustande der sich ferner gezergt, daB es fast keine Assoziation gibt, die ganz
Ideenflucht. Ferner kann gezeigtwerden, da3 tm Altern der see- ohne intellektuellen Einflu3 ist. Niemals findet sich der Fall, da8
lische Vorstellungsverlauf sich dem Asso lziationsmodell mehr der Übergang von assoziativer Zufallsreaktio n zu sinnmá3iger
und mehr anniihert, wie die Veránderungen der Schrift, des r0 t0 Reaktio n streng stetig mit der Zahl der Versuche wáchst. Die
Zeichnens, der Malerei, der Sprache im hohen Alter aJ bezeu- Kurven zeigen fast immer Unstetig lkeiten, und zwar in dem
gen scheinen; sie erhalten alle einen zunehmend additiven, Sinne, da3 die Wendung von Zufall zu Sinn schon etwas früher
nicht-ganzheitlichen Charakter. Analog náhert sich im Altern eintritt, als es das reine Prinzip von Versuch und Irrtum nach
die Empfindung der Reizproportionalitát. Geradeso wie der den Wahrscheinlichkeitsregeln erwarten láBt. -
Ieibliche Organismus im Laufe des Lebens immer mehr einen t5

relativen Mechanismus hervorbringt - bis er im Tode ganz in l5


.
Vgl. hierzu meine Abhandlungen »Soziologie des Wissens« und
einen solchen versinkt -, bringt auch unser psychisches Leben »Arbeit und Erkenntnis« in »Die Wissensformen und die Gesellschaftu
immer mehr rein gewohnheitsmriJ3ige Verbindungen von Vor- (Leipzig 19z6).
stellungen und Verhaltungsweisen hervor: der Mensch wird im
l etwasl1962,28: noch 2 Ferner... náherstehen.] Ts 1,15 u. L947,20u.
Altern immer mehr der Sklave der Gewohnheit. Ferner folgen 20
1949,zg: gestr.; 1962,zg: u,ieder eingefiigt 2 Genau ] Ts I l2,ts u. 1947,zs
die Assoziationen von Einzelvorstellungen genetisch den Kom-
folgt: so 3 respektive ] 1927,181: und; Ts ll2,ts u. I947,ze: bzw. ohne
5 Vólker] Ts ll2,t5 u. 1947,z6folgt: - das ganze Leben der Vólker in ih-
I RegelmáBigkeiten I Ts lll,t+ u. l947,zs folgt: nicht um Elemen- rer mythologischen fugendperiode, nicht minder das seelische Leben
targesetze des Seelenlebens (wie Locke, Hume, Mill, die gesamte des Kindes ist dagegen [dagegen hs. eingefiigt, in 1947,26 wieder gestr.)
Assoziationspsychologie rneinten). I diese ] Ts Il2)q u. 1947,25: gestr. überwuchert und zugedeckt von der spontanen ursprünglichen Trieb-
2 (Empfindung, assoziativer Reflex) ] Ts ll2,t+ u. 1947,2s: wie »reine< und Wunschphantasie - 6 die] Ts t l2,ts u. 1947,ze folgt: (gehirnphy-
Empfindung, assoziativer Reflex Í1962,27 folgt: etc.l 4 physiolo- siologisch sehr hoch lokalisierte) 8 Es hat sich ... EinfluB ist. I Ts 1 l2,ts
gischen ] Ts LlZJq u. 1947,2s: physischen; L962,zz: physiologischen u. L947,26: Sie ist [Ts 2,ts folgf: also; in Ts I durchgestr.) nichts weniger
9 Ferner ... Vorstellungsverlauf ] Ts I 12)q u. 1947,25: So wenig ist diese als [1947,26 gestr.: (genetisch)] ein Elementarphánomen, zu dem spáter
Verknüpfungsweise genetisch elementar, da8 erst im Alter [1962,22: Al- synthetisierende Bindungen durch ein sogenanntes »beziehendes Den-
tern) der seelische Vorstellungsverlauf (als Folge der Stárkerninderung ken, oder eine »Oberseele< tráten. Das assoziative Gedáchtnis ist auch
und der Diff-erenzierungsabnahme des Trieblebens) 12 zu bezeugen darin nie »rein,, da8 es, wie sich gezeigt hat, fast keine Assoziation gibt,
scheinen ] Ts lll,t+ u. l947,zs: bezeugen 13 Charakter. ] Ts llLJq u. die ganz ohne intellektuellen Einschlag ist. 9 sinnmáBiger) 1949,29:
1947,26 folgt: (d.h. die Assoziationsgesetze gelten angenáhert für den sinngemáBer; 1962,zB: sinnmá3iger 11 Unstetigkeiten ] Ts ll2, 15
senilen Schwachsinn.); !962,22: (d. h. die Assoziationsgesetzlichkeit gilt u. l947,ze: Unstetigkeit 13 es ] Ts ll2,ts u. l947,zo: gestr. 14 láBt ]
Schwachsinn.) 14 Reizproportionalitát ] Ts llZ,t+ u. 1947,26 folgt Ts ll2,rs: folgt: - so, als sei durch die Zahl der Versuche [Ts z,ts folgf: an
nach einem Komma: der »reinen< Empfindung. 17 bringt ] Ts |l2,t+ u. einer bestimmten Stelle] so etwas wie >Einsicht. geweckt worden.; ohne
1947,ze: so bringt Ergcinzung übernommen in 1947,ze 15 ln Ts 2,ts drei Zeilen spiiter ein-
34 Stufenfolge des psychophysischen Seins :¡>lz6 t6lv Assoziatives Gedáchtnis 35

Das Prinzip des Gedáchtnisses ist in irgendeinem Grade allerschrirfste geschieden werden mu3. Wáhrend jene letzteren
bereits bei allen Tieren tátig und stellt sich als unmittelbare Formen von Überlieferung nur dem Menschen eigentümlich
Folge des Auftretens des Reflexbogens, einer Scheidung des sen- sind, tritt die Tradition schon in den Horden, Rudeln und son-
sorischen vom motorischen Systeme dar. In der Verbreitung gibt stigen Gesellschaftsformen der Tiere auf. Auch hier »lernt« die
es nun aber gewaltige Unterschiede. Die typischen Instinkttiere s Herde, was die Pioniere vormachen, und vermag es kommen-
mit kettenartig geschlossenem Bau zeigen es am wenigsten; die den Generationen zü überliefern. Ein gewisser »Fortschrittn
Tiere von plastischer, wenig starrer Organisation, mit gro8er ist schon durch die Tradition móglich. Doch beruht alle echte
breiter Kombinierbarkeit immer neuer Bewegungen aus Teil- menschliche Entwicklung wesentlich auf einem zunehmen-
bewegungen, zeigen es am schárfsten (Sáuge- und Wirbeltiere). den Abbau der Tradition. Bewu3te »Erinnerung<< an indivi-
Erg verbindet sich das Pri nzip vom ersten Augenblick seines r0 l0 duelle, einmalig erlebte Geschehnisse und stetige Identifika-
Auftretens an mit der Handlungs- und Bewegu ngsnachahmung tion einer Mehrheit von Erinnerungsakten untereinander auf
auf Grund des Affektausdruckes und der Signale der Artgenos- ein und dasselbe Vergangene hin, die wahrscheinlich nur dem
sen. ,Nachahmungo und »Kopieren<< sind nur Spezialisierungen Menschen eigen ist, stellt stets die A uflósung,ja die eigentliche
jenes Wiederholungstriebes, der zunách st eigenen Yerhaltungs- Tótung der lebendigen Tradition dar. Die tradierten Inhalte sind
weisen und Erlebnissen gegenüber tátig ist und sozusagen den t5 rs uns ja gleichwohl stets als ,rgegenwiirtigu gegeben, sind zeitlich
Dampf alles reproduktiven Gedáchtnisses darstellt. Durch die undatiert, und erweisen sich wohl als wirksam auf unser gegen-
Verknüpfung beider Erscheinungen bildet sich erst die wich- wártiges Tun, ohne aber selbst dabei in einer bestimmten Zeit-
tige Tatsache der »Tradition<<, die zur biologischen Vererbung distanz gegenstiindlich zo werden. Die Vergangenhei t sugge-
eine ganz neue Dimension der Bestimmung des tierischen Ver- riert uns mehr in der »Tradition«, als dal3 wir um sie wissen.
haltens durch die Vergangenheit des Lebens der Artgenos- 20 20 Die Suggestion, ja nach P. Schilder wahrscheinlich auch die
sen h inzubringt, die jedoch anderseits von aller freibewuJ3ten Hypnose, ist eine schon in der Tierwelt weitverbreitete Erschei-
Erinnerung an Vergangenes (Anamnesis) und von aller über- nung. Letztere dürfte als Hilfsfunktion der Begattung entstan-
lieferung auf Grund I von Zeichen, Quellen, Dokumenten aufs den sein und diente wohl zuerst dem Zie\e, das Weibchen in
einen Zustand der Lethargie zu versetzen. Die Suggestion ist
gefügt; l947,ss: leicht gekürzt im Anhang abgedruckt, so auch in 1949,g+; 2s eine primáre Erscheinung gegenüber der »Mitteilungu z.B. eines
1962,zg: als stark gekürzte Fn.: Vgl. hierzu meine Abhandlung »Erkennt-
Urteils, dessen Sachlverhalt selbst im »Verstehenn erfafit wird.
nis und Arbeit<, Abschn. V. 1 des] Ts 1,15 u. 1947,ze Jolgt: assoziativen
Dieses letztere »Verstehenn von gemeinten Sachverhalten, die in
I I
Gedáchtnisses ] Ts 2,ts folgt: Mneme; in Ts durchgestr.; fehlt in
l947,ze 3 einer ) Ts ll2,l5 u. l947,ze: der 4 der) Ts Ll2,l5 u. r947,zo einem sprachlichen Satz geurteilt werden, findet sich nur beim
folgt: GróBe seiner 5 nun ] Ts ll2,ts u. l947,zo: gestr. 5 Instinkt-
tiere I Ts I l2,ts u. t947,zofolgt: (Gliedertiere) 9 Wirbeltiere). I Ts I l2,ts l jene ) L962,29: diese von Überlieferung ) L927,182: von aller überlie-
2
u. l947,zl folgt: Im Menschen nimmt das Prinzip der Assoziation, ferung; Ts I l2,to u. gestr. 7 ist ] Ts I 12,t6 u. 1947,zt Jolgt: daher
1947,27:
Reproduktion die gróBte Ausdehnung an. 12 Signale ] Ts 2,rs: Kund- 7 Tradition I |927,rc2 Jolgt: selbst l3 die wahrscheinlich ... eigen ist,
]
gabe; Ts 1,15 u. 1947,zt: Signale 14 Wiederholungstriebes, ] Ts U2,ts Ts 1l2,to u. L947,27: ist nur dem Menschen eigen; sie 15 sind )Ts Il2Je
u. L947,zz folgt: angewandt auf fremdes Verhalten und Erleben, u. l947,zt: als; 1962,zg: sind 16 und erweisen sich wohl] Ts ll2,to u.
2l die jedoch anderseits) 1927¡az: und die; Ts 112,rc u. l947,zt: je- l947,zl: sie erweisen sich 24 einen] Ts I l2,to u. 1947,28: den 26 Sach-
doch 23 Dokumenten ] Ts ll2,to u. 1947,27 folgt: (allem Geschichts- verhalt ] Ts I 12,t6 u. 1947,29: Sach-Sinnverhalt 28 geurteilt ] Ts 112,16 u.
wissen) l947,za u. 1962,30: beurteilt
,,38
36 Stufenfolge des psychophysischen Seins 37 ¡8 Assoziatives Gedáchtnis 37

Menschen. Die Abtragung der Traditionsgewalt schreitet in der Es schaflt eine ganzneue Dimensionvon Móglichkeiten des Rei-
menschlichen Geschichte zunehmend fort. Sie ist eine Leistung cherwerdens des Lebens. Das gilt auch für die Triebe. Der vom
der ratio, die stets in ein und demselben Akte einen tradierten Instinkt entbundene Trieb erscheint relativ schon bei den hóhe-
Inhalt objektiviert und dadurch in die Vergangenheit, in die er ren Tieren und damit freilich der Horizont der MaJ3losigkeit
-
gehórt, gleichs am zurückwirft - damit den Boden freimachend s er wird schon hier mógliche Lustquelle, unabhiingigvom Gan-
für je neue Erfindungen und Entdeckungen. In der Geschichte zen der Lebenserfordernisse. Nur solange z.B. der Sexualimpuls
nimmt der Druck, den die Tradition auf unser Verhalten vor- eingebettet ist in die tiefe Rhythmik der mit dem Wandel der
bewu8t ausübt, analog durch die fortschreitende Geschichts- Natur einhergehenden Brunstzeiten, ist er ein unbestechlicher
wissenschaft zunehmend ab. Die Wirksamkeit des assoziativen Diener des Lebens. Aus der instinktiven Rhythmik herausge-
Prinzips bedeutet im Aufbau der psychischen Welt zugleich den l0 r0 lóst, wird er mehr und mehr selbstándige Quelle d,er Lusf und
Verfall des Instinktes und seiner Art von »Sinn«, wie Fortschritt kann schon bei hóheren Tieren, insbesondere bei gezáhmten,
der Zentralisierung und der gleichzeitigen Mechanisierung des den biologischen Sinn seines Daseins weit überwuchern (2.8.
organischen Lebens. Sie bedeutet ferner die zunehmende Her- onanie bei Affen, Hunden usw.). wird das Triebleben, das
auslósung des organischen Individuums aus der Artgebunden- ursprünglich durchaus auf Verhaltungsweisen und Güter und
heit und aus der anpassungslos en Starrheit des Instinktes. Denn l5 ls keineswegs auf die Lust als Gefühl gerichtet ist, prinzip iell als
erst durch den Fortschritt dieses Prinzips vermag das Indivi- Lustquelle benutzt, wie in allem Hedonismus, so haben wir es
duum sich je neuen, d.h. nicht-arttypischen Situationen anar- mit einer spáten Dekadenzerscheinung des Lebens zu tun. Die
passen; es hórt damit auf, nichts weiter zu sein als ein Durch- rein auf die Lust gerichtete Lebenshaltung stellt eine ausge-
gangspunkt von FortpflanzungsProzessen. sprochene Alterserscheinung des individuellen wie des Vólker-
Ist das Prinzip der Assoziation im Verháltnis zur technischen 20 20 Lebens dar, wie etwa der alte Trinker, deruden Tropfen kostet«,
Intellig enzalso ein relatives Prinzip der Starrheit und Gewohn- und analoge Erscheinungen im Erotischen bezeugen. Ebenso ist
heit - ein »konservatives« Prinzip -,so ist es im Verháltnis zum die Trennung der hóheren und niederen seelischen Funktions-
Instinkt jedoch bereits ein máchtiges I Werkzeug der Befreiung. freuden von der Zustandslust der Triebbefriedigung und das
Uberwuchern der Zustandslust über die vitalen und geistigen
2s Funktionsfreuden eine Alterserscheinung. Erst im Menschen
1 Die Suggestion, ja beim Menschen. ] Ts l,16 u. L947,28: als Fn.
4 dadurch ] Ts ll2,r(, u. I947,zs: gestr. 6 Entdeckungen. ] Ts ll2,tt
_fotgt: Die sehr langsame Abtragung der Wirksarnkeit all dieser Máchte, I von Móglichkeitenl Ts ll2,n u. l947,ze: gestr. 2 Triebel Ts ll2,g
welche die »Gewohnheit zur Amme des Menschen( machen, ist ein we- u. l947,ze folgt: Gefühle, Aff-ekte. 4 und damit freilichl Ts tl2,g
sentlicher Teil der [Ts 1,tz: aller] Geschichte.; wie inTs I auch in l947,za u. l947.zg: danrit freilich auch 13 usw. ] Ts ll2,tt u. 1947,2g: gestr.
8 analog Ts ll2.v u. l947,zl: gestr. (Satz wurde umstrukturiert)
] l5 ist,] Ts l,r7 u. 1947,zg Jolgt: vom Menschen; Ts 2,t7: beim Menschen
11 den VerJalllTs Ll2,r7 u. 1947,28: Zer_fall ll wiel Ts I l2,tt u. 1947,zs: 17 des ] Ts I ,t7 v. L947,zg Jolgt: menschlichen 17 zu tun. ) r947,as Fn.:
und 12 der] Ts I l2,v u. 1947,28: gestr. 14 Herauslósung] Ts 2,tt folgt: Vgl. zur Kritik des Hedonismus - Eudámonismus »Der Formalismus
Erlósun g; nicht in l947,za übernomnten l5 aus ] Ts llZ,tt u. 1947,28 in der Ethik und die materiale Wertethik<.; 1962,lt: gestr. 25 Alters-
gestr. 16 dieses ] Ts 2,v folgt: instinktüberlegenen; nicht in l947,zs erscheinung.] Ts 1 l2,tt folgf: Das »Lustpri nzip< ist also nichts Ursprüng-
übernommen. 20 technischen Ts ll2,tt u. l947,Zg: praktischen
] liches, wie der Hedonismus, der [Ts l,l7: ein] Bruder des Sens,.rulirrrrur,
2I also ] Ts ll2,tl (fts.) u. 1947,28: wie wir sehen werden noch meint, sondern eine [Ts l: eine weggelassen) Folge erst gesteigerter as-
23 jedoch ] Ts Il2,t7 u. 1947,28 ¿rlso soziativer Intell igenz.; ohne die Abweichungen in Ts I übernommen in
38 Stufenfolge des psychophysischen Seins ¡sl¡q 3sl 40 Praktische Intel ligenz (Hóhere Tiere) 39

aber nimmt diese I Isolierbarkeit des Triebes aus dem instink- Auch das intelligente Verhalten kónnen wir zunáchst definie-
tiven Verhalten und jene Trennbarkeit von Funktions- und ren ohne Hinblick auf die psychischen Vorgánge. Ein Lebewesen
Zustandslust die ungeheuerlichsten Formen an, soda3 man mit »verhált« sich intelligent, wenn es ohne Probierversuche, oder
Recht gesagt hat, der Mensch kónne immer nur mehr oder weni- je neu hinzutretende Probierversuche, ein sinngemá3es - sei
ger als ein Tier sein, niemals aber - ein Tier. - es ,klug€s«, sei es das Ziel zwar verfehlendes, aber doch merk-
bar anstrebendes, also »tórichtes« Verhalten neuen, weder
art- noch individualtypischen Situationen gegenüber vollzieht,
Praktische Intellig enz (Hóhere Tiere) und zwar pliitzlich, und vor allem unabhángig von der Anzahl
der vorher gemachten Versuche, eine triebhaft bestimmte Auf-
!l' Wo rMMEn die Natur diese neue psychische Form des asso- l0 gabe zu lósen. Wir sprechen von organisch gebundener Intel-
ziativen Gedáchtnisses aus sich hervorgehen lie3, hat sie, wie ligenz I so lange, als das innere und áufiere Verfahren, das das
ich schon oben andeutete, immer auch zugleich das Korrektiv Lebewesen einschlágt, im Dienste einer Triebregung und einer
für ihre Gefahren schon in die ersten Anlagen dieser Fáhigkeit 10 Bedürfnisstillung steht. Wir nennen ferner diese Intellig enz
mithineingelegt. Und dieses Korrektiv ist nichts anderes als auch praktisch, da ihr Endsinn immer ein Handeln ist, durch
die vierfe Wesensform des psychischen Lebens - die prinzipiell 15 das der Organismus sein Trieb-Ziel entweder erreicht oder ver-
noch organisch gebundene praktische Intelligenz, wie wir sie fehlt.. Gehen wir aber auf die psychische Seite hinüber, so kón-
nennen wollen. Erg mit ihr einher geht die Wahlfáhigkeit und nen wir Intelligenz definieren als die plótzlich aufspringende
Wahlhandlung, ferner die Vorzugsfáhigkeit für die Güter oder Einsichf in einen zusammenhángend en Sachverhalt und Wert-
für die Artgenossen im Proze{l der Fortpflanzung (Anfánge des verhalt innerhalb der Umwelt, der weder direkt wahrnehmbar
Eros). 20 gegeben ist noch auch je wahrgenommen wurde, d. h. reproduk-
tiv verfügbar wáre. Positiv ausgedrückt: als Einsichf in einen
l947,zg; l962,ge Fn.: YgL zu »Fühlen, (als Funktion) und »Gefúhl, (als
Zustand) in Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, - Dieselbe
Abschnitt V 2; s[iehe] Sachregister der 4. Auflage 1954, Ges. W. Bd. 2. Intellígenzkann beim Menschen auch in den Dienst spezi-
fisch geistiger Ziele gestellt werden; erst dann erhebt sie sich über Schlau-
1 aber Ts ll2,tz u. l947,zg: gestr. 2 jene Ts ll2,tg u. 1947,29:
] ] heit und List.
die 4 nur ] Ts ll2,tg u. !947,2g; gestr. 9 oben ] Ts ll2,tg u. l947,zg:
gestr. 9 immer auch) 1947,29: gestr. 10 Fáhigkeit] 1949,33: Fáhig-
keiten; 1962,tz: Fáhigkeit 1l mithineingelegt 1927¡as: hineinge-
) I962,ge ergiinzt: Vgl. über »Geschlechtstrieb. und,Geschlechtsliebe.
legt 1l Und I Ts Ll2,ts u. l947,zs: gestr. 12 die vierte Lebens l in Wesen und Formen der Sympathie (s[iehe] Sachregister); ferner die
Ts 1,18: von fremder Hand eingeklammert; 1947,29: ohne Klammern nachgelassene Abhandlung »Von Scham und Schamgefühl<, erstrnalig
iibernommen l3 praktische) In Ts L12,ts u. 1947,2s hinzugefügt veróffentlicht in Schriften aus dem Nachtal3, Berlin 1933, 2. Auflage
14 die I Ts ll2,ts u. L947,2s folgt: ebenso noch organisch gebundene L957 im Francke Verlag in Schriften aus dem NachlaJl Bd I »Zur Ethik
16 ferner die Vorzugsfáhigkeit für die Güter oder für diel Ts 1/2,18 u. und Erkenntnislehre«; s[iehe] Gesammelte Werke Bd. 10. 6 »tórich-
Ig47,2sf.: die Vorzugsfáhigkeit zwischen Gütern und die über den blo- tes« ] Ts ll2,t8 u. l947,lo folgt: (tóricht kann nur sein, wer intelligent ist)
3en Geschlechtstrieb hinausgehende Vorzugsfáhigkeit zwischen den l2 und)Ts ll2,l8 u. 1947,lo: oder 13 ferner] Ts Ll2,tg u. 1947,lo: gestr.
17 (Anfánge des Eros). ) 1947,88 Fn.: Vgl. über Geschlechtstrieb und 16 entweder erreicht oder verfehlt.] Ts ll2,tg u. 1947,30: erreicht (bzw.
Geschlechtsliebe in ,Wesen und Formen der Sympathie<; ferner in der verfehlt). 16 aberl Ts I 12,t8 u. l94T,t0: gestr. 20 jel Ts I 12,te ¡. 1947,30
Abhandlung ,Über Scham und SchamgefühI,, Nachla3band 1933.; I folgt: vorher 22 Ts Ll2,tg u. r947,zo: Fn. in den Text versetzt
40 Stufenfolge des psychophysischen Seins +ol+t +tl +z Praktische Intelligenz (Hóhere Tiere) 41

Sachverhalt auf Grund eines Beziehungsgefüges, dessen Fun- Vorstellung zufolge haben : Beziehungen wie gleich, áhnlich,
damente zu einem Teil in der Erfahrung gegeben sind, zum analog zn x, Mittelfunktion zur Erreichung von etwas, Ursache
anderen Teile antizipatorisch in der VorstellunB, z.B. auf einer von etwas, usw.
bestimmten Stufe optischer Anschauung, hinzu ergánzt werden. Ob die Tiere, insbesondere die hóchsten Menschenaffen,
Für dieses nicht reproduktive, sondern produktive Denken ist s die Schimpansen, die hier geschilderte Stufe des psychischen
also kennzeichnend immer die Antizipation, das Vorherhaben Lebens erreicht haben oder nicht, darüber herrscht heute ein
eines neuen, nie erlebten Tatbestandes (prudentia, providentia, verwickelter und unerledigter wissenschaftlicher Streit, den
Schlauheit, List). Der Unterschied gegenüber dem assoziativen ich hier nur oberfláchlich berühren kann. Seit Wolfgang Kóh-
Gedáchtnis liegt hier klar zutage: Die zu erfassende Situation, ler seine auf der deutschen Versuchsstation in Teneriffa mit
der im Verhalten praktisch Rechnungzu tragen ist, ist nicht nur 10 10 erstaunlicher Geduld und Ingeniositát vorgenommenen lang-
artneu und atypisch, sondern vor allem auch dem lndividuum jáhrigen Versuche mit Schimpansen in den Abhandlungen der
»neu«. Ein solches objektiv sinnvolles Verhalten erfolgt au8er- preu8ischen Akademie der Wissenschaft veróffentlicht hat, ist
dem I plAtzlich und zeitlich vor neuen Probierversuchen und der Streit nicht verstummt, an dem sich fast alle psychologen
unabhángig von der Zahl der vorhergehenden Versuche. Auch beteiligt haben. Kóhler spricht meines Erachtens mit vollem
im Ausdruck, insbesondere des Auges, drückt sich diese Plótz- 15 1s Recht seinen Versuchstieren einfachste Intelligenzhandlun-
lichkeit aus, z.B. im Aufleuchten des Auges, das W. Kóhler sehr gen zu- Andere Forscher bestreiten sie - fast jeder sucht mit
|
plastisch als Ausdruck eines »Ahanerlebnisses deutet. Ferner: anderen Gründen die alte Lehre zu stüt zen,es komme den Tie-
Nicht Verbindungen von Erlebnissen, die mir gletchzeitig gege- ren nichts weiter zu als Gedáchtnis und Instinkt und es sei die
ben waren, rufen die neue Vorstellung hervor, die eine Lósung Intelligenzauch schon als primitive Schlu3folgerung (ohn eZei-
der Aufgabe enthált; auch nicht feste, typische, wiederkehrende 20 20 chen) ein' ia das Monopol des Menschen. Die Kóhlerschen Ver-
Gestaltsstrukturen der Umwelt lósen das intelligente Verhal- suche bestanden darin, da8 zwischen dem Triebzi el (2.B. eine
ten aus - vielmehr sind es vom Triebziel gleichsam ausgewiihlte Frucht, etwa eine Banane) und dem Tiere steigend verwickel-
Sachbeziehungen der Umweltteil e zueinander, welche die neue tere Umwege oder Hindernisse oder als mógliche ,Werkzeuge«

I Sachverhalt ] Ts llZ,ts u. I947,to folgt: (seinern Dasein und zúál- I zufolge ] Ts ll2,tg u. l947,l:: zur Folge 3 usw. ] Ts I l2,ts u. L947,3t:
ligerr Sosein nach) 7 prudentia, providentia ] Ts ll2,tg _folgt: Klug- gestr. 4 die Tiere ) L947,31: das Tier 4 hóchsten I Ts I l2,tg u. 1947,3t:
heit,; 1947,30 pro-videntia, prudentia, Klugheit; L962,33: pro-videntia, hóchstorganisierten 7 wissenschaftlicher ] Ts ll2,tg u. lg47,3t: gestr.
Klugheit 8 Unterschied I Ts ll2,tg u. l947,to _folgt: der Intelligenz 8 den ... berühren] Ts ll2,tg u. 1947,31: der hier nur oberf'láchlici, U.-
t hier] Ts ll2,tg u. 1947,30: gestr. 13 au8erdem I Ts 1lZ,ts u. l947,tt: rührt werden l0 Geduld ] Ts ll2,tg u. l947,tt
folgt:Genauigkeit 12 in
gestr. 14 Auch ] Ts Ll2,tg u. 1947,3t: Schon 15 insbesondere des den ... Wissenschaft] Ts I l2,tg u. 1947,lr: gestr.;1962,3+: als Fn. wieder
Auges, ] Ts t l2,tg u. 1947,tr gestr. 16 Auges ] Ts Il2,tg u. 1947,lt folgt: eingefügt 13 derl Ts I l2,ts u. 1947,3r: dieser l4haben. ) l947,as Fn.:
des Tieres 19 waren ] Ts Ll2,tg u. I947,tt folgt: oder in ihren Teilen Vgl. Wolfgang Kóhler, Abhandlungen der Preu8ischen Akademie der
partiell identisch, d. h. áhnlich sind, l9 rufen I Ts I 12,t9 u.1947,3t folgt: Wissenschaften.; 1962,1+: Fn. gerindert in: ln den Abhandl. d. preuss.
hier 20 feste, typische, wiederkehrende ] Ts ll2,tg u. 1947,1: feste ty- Akad. der Wissenschaften, Berlin Lgl7lL8. 16 Intelligenzhandlu,gen
]
pisch wiederkehrende 22Triebziel) Ts 1l2,tg u. 1947,3t folgt: determi- Ts 1l2,tg u. 1947,tt.folgt: im oben definierten Sinne lg als
)Ts ll2,L9 u.
nierte 23 der ] Ts 112,t9 u. 1947,3t folgt: wahrgenorlmenen einzelnen 1947,lt Jolgt: assoziatives 2l dem ] Ts I 12,tg u. L947,st: gestr.
22 etwa
23 die neue ] Ts I 12,t9 u. L947,3t: die das Aufspringen der neuen eine Banane ) Ts Ll2,l9 u. L947,3t: gestr.
42 Stuf-enfolge des psychophysischen Seins +zl +l +tl ++ Praktische Intelligenz (Hóhere Tiere) 43

dienende Gegenstánde (Kisten, Stócke, Seile, mehrere inein- ein Stück Draht, eine Strohhutkrempe, Strohhalme, eine Decke,
ander schiebbare Stócke, Stócke, die erst herbeizuschaffen oder kurz alles,was die abstrakte Vorstellung erfüllt, »beweglich und
zu solchen zu práparieren waren) eingeschoben wurden, und langgestreckt« zu sein . Die Triebdynamik im Tiere selbst ist es,
dann zu beobachten, ob, wie und mit welchen vermutlichen psy- die sich hier zu versachlichen und in die Umgebungsbestand-
chischen Funktionen das Tier nun sein Triebzi el zu erreichen s teile hinein zu erweitern beginnt. Der Gegenstand, den das Tier
wei8 und wo hier die bestimmten Grenzen seiner Leistungs- gebraucht, erhált den allerdings nur okkasionellendynamischen
fáhigkeiten liegen. Die Versuche erwiesen meines Erachtens Funktionswert eines »Etwas zur Annáherung der Fruchtn. Das
klar, da8 die Leistungen der Tiere nichú alle aus Instinkten und Seil, der Sto ck selbsf scheint sich dem Tiere auf das optisch gege-
dazutretenden assoziativen Vorgángen abgeleitet werden kón- bene Ziel hin zu »richten«, wenn nicht hin zu bewegen.Das Kau-
nen, sondern da8 in einigen Fállen echte Intelligenzhandlun- l0 10 sal- oder Wirkphánomen, das keineswegs in ein regelmáBiges
gen vorliegen. Was an solch praktisch-organisch gebundener Nacheinander der Erscheinungen aufgeht, dürften wir hier in
Intelligenz vorzuliegen scheint, sei kurz skizziert: Indem das seinem ersten Ursprung belauschen. »Wirken« ist also ein Phá-
Triebzi el, z.B. eine Frucht, dem Tiere optisch aufleuchtet und nomen, das in der Vergegenstándlichung der erlebten Trieb-
sich gegenüber dem optischen Umwelt-Felde scharf abhebt und handlungskausalitát des Lebewesens auf die Dinge der Umwelt
verselbstándigt, bilden sich alle Gegebenheiten, die die Umwelt 15 1s beruht, und fállt hier mit »Mittel«-sein noch vollstándig zusam-
des Tieres enthált, insbesondere das gan ze optische Feld zwi- men. Gewi8 findet die beschriebene Umstrukturierung hier
schen Tier und Umwelt, eigenartig um. Es strukturiert sich in nicht durch bewu8te reflexive Tátigkeit statt, sondern durch
seinen Sachbezügen so, erhált ein derarti ges relativ »abstrak- eine Art anschaulich sach llicher »Umstellungn der Umwelt-
tes« Relief, da3 Dinge, die, für sich wahr lgenommen, entweder gegebenheiten selbst. Der gro8e Unterschied der Begabung
gleichgültig erscheinen oder als etwas »zum Bei3en«, etwas 20

>»zurn Spielen«, etwas »zum Schlafen« (2.B. eine Decke, die das
5 Der] Ts Il2,zo u. 1947,32 folgt: betreffende 7 eines] Ts ll2,zo Lr.
Tier aus seinem Schlafraum holt, um eine direkt nicht erreich-
folgt: >Werkzeugs(, eines 7 Frucht«. ] Ts l12,zo u. 1947,32 folgt:
1947,lz
bare, au8erhalb des Káfigs liegende Frucht heran zuziehen), den Er erhált den Charakter der sinnmáBigen Gerichtetheit auf das op-
dynamischen Bezugscharakter »Díng zum Fruchtholenu erhal- tisch gegebene stark aufleuchtende Ziel hin: 9 bewegen Ts ll2,zov t¡.
]
ten; nicht also nur wirkliche Stócke, die den Ásten áhnlich sind, 25 1947,33 folgt: Bei der viel gró3eren Nachgiebigkeit des tierischen (auch

an denen im normalen Baumleben des Tieres Früchte hángen - des kindlichen und primitiv-menschlichen) optischen Kornplexes fúr
Begierden, Triebe, Wunschziele ist es nicht ausgeschlossen, da3 diese
das kónnte noch als Instinkt gedeutet werden -, sondern auch
Verlagerung gleichsam des Triebimpulses in die Umweltdinge hinein (als
'wollten diese selber alle zur Frucht hin., nicht nur das Tier) auch opti-
3 zu solchen ] Ts 1,20 u. l947,zt: als solche 4 zu beobachten ] Ts ll2,zo sche Bewegungserscheinungen des Stockes in die Richtung der Frucht
u. I947,lZ: beobachtet wurde 6 die bestimmten] Ts 1,20 u. 1947,12: die aufireten láBt (eine Erscheinung, die E. R. faensch für die optischen An-
genau bestimmbaren 7 Leistungsfáhigkeiten ] Ts ll2,zo u. 1947,32: schauungsbilder bei Kindern nachwies). l0 Wirkphánomen, Ts Il2,zo
]
Leistungsfáhigkeit 7 erwiesen meines Erachtens ] Ts l/2,20 u. 1947,32: u. l947,tl folgt: ein dynamisches Phánomerl, ll aufgeht, ] Ts ll2,zo u.
erweisen [Ts: erwiesen] nach meiner Ansicht 9 Vorgángen ] Ts I 12,20 u. L947,ll folgt: - wie Hume vermeinte -, l2 »Wirken« ist also Ts ll2,zo
)
19 47,t2 folg f : ( G e d á c ht n i s ko m p o n e nt e n vo rh an de n e r Vo r ste IIu n gsve rb i n - u. l947,ll: als 14 des Lebewesens ] l947,lz: gestr. 16 hier ] Ts I ,2t v.
dungen) 10 sondern da8 ] Ts 1/2,20 u. 1947,32: da8 vielmehr 17 Um- 1947,33: beimTiere 18 anschaulich sachlicher ] t 962Js: anschaulicher
welt ] Ts I l2,zo u. 1947,32: Frucht 19 entweder ] Ts ll2,zo u. 1947,32: dem l9 Ts ll2,2t u. L947,tt folgt: Aber es ist doch echte Intelligenz,
selbst. l
Tier entweder 23 den ] Ts ll2,z0 u. 1947,22 folgf: abstrakten Erfindung, und nicht nur Instinkt und Gewohnheit.
44 Stufenfolge des psychophysischen Seins 44 ++l +s 4s

der Tie re zu solchem Verhalten bestátigt übrigens den intelli- II. Wesensunterschied von »Mensch« und »»Tier«
genten Charakter dieser Handlungen. Ahnliches gilt für Wahl
und Wahlhandlung. Es ist irrig, dem Tiere die Wahlhandlung
abzusprechen , zu meinen, da3 immer nur der je »stárkere« Ein-
zeltrieb es bewege. Das Tier ist kein Triebmechanismus. Nicht LT IER ERHEBT sich nun die für unser ganzes Problem ent-
nur sind seine Triebimpulse nach führenden Obertrieben und I I scheidende Frage: Besteht, wenn dem Tiere Intellig enz
ausführenden Untertrieben und Hilfstrieben, ferner nach Trie- zukommt, überhaupt noch mehr als ein nur gradueller Unter-
ben zu allgemeineren und spezielleren Leistungen bereits scharf schied zwischen Mensch und I Tier? Besteht dann noch ein
gegliedert; es vermag darüber hinaus auch von seinem Triebzen- Wesensunterschied? Oder aber gibt es über die bisher behan-
trum her spo ntan in seine Triebkonstellation einzugreifen und r0 delten Wesensstufen hinaus noch etwas ganz Andere.s im Men-
bis zu einer gewissen Grenze nahewinkende Vorteile zu meiden, schen, ihm spezifisch Zukommendes, was durch Wahlund Intel-
um zeitlich entferntere und nur auf Umwegen zu gewinnende, ligenz überhaupt nicht getroffen und erschópft ist?
aber gró3er e zu erreichen. Das, was das Tier sicher nicht hat, ist l0 Hier scheiden sich die Wege am schárfsten. Die Einenwollen
erst jenes Vorzieh en zwischen Werten selbst - z. B. das Nütz- dem Menschen Intelligenz und Wahl vorbehalten und sie dem
Iiche vor dem Angenehmen - unabhángig von den einzelnen l5 Tiere absprechen. Sie behaupten also zwar einen Wesensunter-
konkreten Güterdingen.In allem Affektiven steht das Tier dem schied, behaupten ihn aber eben da, wo nach meiner Ansicht
Menschen sogar noch viel niiher als in bezug auf Intelligenz; kein Wesensunterschied vorliegt. Die Anderer¿, insbesondere
Geschenk, Versóhnung, Freundschaft und áhnliches kann man alle Evolutionisten der Darwin- und Lamarckschule, lehnen
bereits bei Tieren finden. mit Darwin, Schwalbe und auch W. Kóhler einen letzten Unter-
schied zwischen Mensch und Tier ab, ebe n weil das Tier auch
bereits Intellig enz besitze. Sie hángen eben damit in irgendeiner
Form der gro3en Einheitslehre vom Menschen an, die als Theo-
20 rie des ,rhomo faberu bezeichnet wird - und kennen selbstver-
2 intelligenten I Ts L,2r u. l947,tt folgt: (nicht instinktiven) 5 es l stándlich dann auch keinerlei metaphysisches Sein und keine
Ts ll2,zl u. l947,tt folgt: (nach dem Resultantenprinzip) 5 Trieb-
mechanismus ) Ts ll2,2t u. l947,ll folgt: - so wenig als es ein Instinkt-
automatismus und Assoziations- und Reflexmechanismus ist. 9 dar-
über hinaus ) 1927,190: vielmehr 10 her I Ts I l2,zt u. l947,tz folgt: das es 2 Hier ] Ts r,22 u. r947,t+ folgt: aber 2 Besteht, wenn dem Tiere ]
(im Gegensatz zur Pflanze) entsprechend dem MaB der Einheitsstruktur Ts 2,22: Besteht denn, wenn bereits dem Tiere; 1947,34: Besteht dan.,
seines Nervensystems hat, 13 gró3ere ] Ts ll2,zl u. t947,zl folgf: Vor- wenn dem Tiere bereits 6 die lTs L12,22 u. lg473q: diese; 1962,36: die
teile 15 z. B. das Nützliche ... Angenehmen ] Ts ll2,zl u. l947,lzf .: z.B. 7 Wesensstufen ] Ts I l2,zz folgt: des psychischen Seins; nicht in 1947,t+
das Vorziehen des Nützlichen als Wert vor dem Angenehmen als Wert übernommen 9 überhaupt] Ts l12,z2 u. 1947,lq Jolgt: noch; L962Je:
16 Güterdingen I Ts I l2,zt u. 1947,t+folgt: und die eng dazugehórige »Ge- wieder gestr. 13 Sie behaupten Wesensunterschied ] Ts Il2,zz u.
sinnung<; 1947,88 Fn.: Vgl. über den Unterschied von »Wert< und »Gut< 19473q: sie erkennen zwar einen überquanti[ta]tiven Unterschied, einen
in >Der Formalismus in der Ethik etc.<; l962,eg Fn.: YgL zu »Wert< und wesensunterschied an l3 eben ] Ts l/2 ,22 u. 1947,3+: gestr. 16 auch ]
,Güter,, bzw. >Gesinnung(, in Der Formalismus und die materiale Werte- mit
Ts 1,22 u. 1947,t+Jolgt: lg eben )Ts 112,22 u. l947¡q: gestr. 20 die
thik, a. a. O.; s[iehe] Sachregister. 18 Geschenk, I Ts 1,21 tt. 19473+folgt: ... bezeichnet wird ] Ts r,22 u. 1947,3+: die ich als Theorie des ,homo
Hilfsbereitschaft, l8 Freundschaft ] Ts I 12,2t u. 1947,14: gestr. faber, bezeichne, 2l und ] Ts I 12,22 u. 1947,34: gestr.
46 Wesensunterschied von »Mensch« und »Tier« +sl +6 +6l|+z Pra ktische I ntelligenz ( Hóhere Tiere) 47

Metaphysik des Menschen, d. h. kein auszeichnendes Verháltnis, solches überhaupt nicht auf die »natürliche Lebensevolution«
das der Mensch als so/cher ntm Weltgrunde besá3e. zurückführen kann, sondern das, wenn auf etwas, nur auf den
Was mich betrifr, so mu8 ich die se beiden Lehren auf das obersten Grund der Dinge selbst zurückfállt - auf denselben
entschiedenste zurückweisen. Ich behaupte: Das Wesen des Grund also, dessen Teil-Manifestation auch das »Leben« ist.
Menschen und das, was man seine Sonderstellung nennen kann, Schon die Griechen behaupteten ein solches Pri nzip und nann-
steht hoch über dem, was man Intellig enz und Wahlfáhigkeit ten es »Vernunft«*. Wir wollen lieber ein umfassenderes Wort fúr
nennt, und würde auch nicht erreicht, wenn man sich diese jenes X gebrauchen, ein Wort, das wohl den Begriffder Vernunft
Intellig enz und Wahlfáhigkeit quan ltitativ beliebi g, ja bis ins mitumfaBt, aber neben dem Ideendenken auch eine bestimmte
Endlose gesteigert vorstellte.. Aber auch das wáre verfehlt, wenn Art der Anschauung, die I Anschauung von Urphánomenen
man sich das Neue, das den Menschen zum Menschen macht, r0 l0 oder Wesensgehalten, ferner eine bestimmte Klasse noch zu
nur dáchte als eine zü den bisherigen psychischen Stufen, charakterisierender emotionaler und volitiver Akte, z.B. Güte,
Gefühlsdrang, Instinkt, assoziatives Gedáchtnis, Intelligenz Liebe, Reue, Ehrfurcht usw., mitumfa8t: - das Wort Geist. Das
und Wahl, noch hinzukommende neue Wesensstufe psychi- Aktzentrum aber, in dem Geist innerhalb endlicher Seinssphá-
scher und der Vitalspháre angehóriger Funktionen und Fáhig- ren erscheint, wollen wir als Person bezeichnen, in scharfem
keiten, die zu erkennen also noch in der Kompetenz der Psycho- r5 l5 Unterschied zu allen funktionellen ,Lebens«-zentren, die nach
logie láge. Das neue Prinzip, das den Menschen zum Menschen innen hin betrachtet auch »>seelischen Zentren hei8en.
macht, steht aulSerhalb alles dessen, was wir Leben, von innen-
psychisch oder von au3en-vital, im weitesten Sinne nennen
kónnen. Das, was den Menschen zum Menschen macht, ist ein
allem Leben überhauPt entgegengesetztes Prinzip, das man als 20

- Zwischen . Vgl. dazu den Aufsatz »Der Ursprung


einern klugen Schimpansen und Edison, dieser nur als des Geistbegriffes bei den
Griechen« von fulius Stenzel in der Zeitschrift »Die Antike«.
Techniker genommen, besteht nur ein - allerdings sehr gro8er - Grad-
unterschied.
1 das man als solches ] Ts ll2,z3: eine echte neue Wesenstatsache,
1 auszeichnendes ] Ts ll2,zz u.19473q: ausgezeichnetes 4 so mu8 ... die man als solche; in 1947,35 übernomftten, aber man gestr. 2 zu-
zurückweisen. ) Ts I12,22 u. 1947,3+: so weise ich beide Lehren zurück. rückführen ] Ts ll2,zz u. 1947,3s: zurückgeführt werden 2 das ]
9 Endlosel Ts ll2,zz u. 1947,3+: Unendliche ll bisherigen] Ts |l2,zz Ts ll2,z3 u. 1947,35: gestr. 3 obersten] Ts ll2,zl s. l947,ts
Jolgt: einen
u. 1947,3s: gestr. 14 und ) L947,ls: gestr.; 1962,32: wieder eingefügt 4 also] Ts 1/2,23 u. 1947,zs: gestr. 4 Teil-Manifestation auch] Ts I 12,23
15 noch I 1962,37: gestr. 16 Psychologie) Ts ll2,zz u. l947,ts folgt: u. l947,ts: eine gro8e Manifestation 7 der vernunft ] Ts !l2,zl
und Biologie 17 das den Menschen zum Menschen macht, ] Ts ll2,zz u. 1947,3s: ,vernunft« 9 Anschauung ] Ts ll2,zz u. 1947,3s: gestr.
u. 1947,35: gestr. 18 von innen vital, ] Ts ll2,ZZ u. 1947,35: gestr. l1 noch zu charakterisierender] Ts ll2,z3 u. r947,ls: gestr. ll z.B.)
19 Menschen I Ts ll2,zz u. I947,ts Jolgt: allein 19 macht, I Ts ll2,zt Ts I12,23 u. 1947,t5: wie 12 Ehrfurcht] Ts 1,23 u. lg47,3s
Jolgt: geistige
u. l947,zs folgt: ist nicht eine neue Stufe des Lebens - erst recht nicht Verwunderung, Seligkeit und Verzweiflung, die freie Entscheidung
nur eine Stufe der einer Manif-estationsfbrm dieses Lebens, der ,Psy- l2 usw. ] Ts I 12,23 u. 1947,25: gestr. 14 wollen ... bezeichnen ] Ts 1,23 u.
che. - , sondern es 20 ein allem Leben überhaupr] Ts ll2,zl u. 1947,3s: 1947J5: bezeichnen wir als »Person< 16 hin ) Ts 112,23 u. 1947,3s: gestr.
ein allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen 18 Ts l12,z3: gestr.; 1947,ss u. 1962J8: leicht gekiirzt als Fn.: ygL
fulius
23 Gradunterschied] Ts 1,22: gradueller Unterschied; 19473q: graduel- Stenzel »Der Ursprung des Geistbegriff'es bei den Griechen< in d,er Zeit-
ler Unterschied schrifi >Die Antike<.
48 Wesensunterschied von ,Menschn und ,,Tieru 47 +zl+8 Wesen des ,Geistes« 49

Wesen des »Geistes« - Freiheit, Gegenstands-Sein, erfassen, ohne die Be lschránkung, die diese Gegenstandswelt
SelbstbewuBtsein oder ihre Gegebenheit durch das vitale Triebsystem und die ihm
vorgelagerten Sinnesfunktionen und Sinnesorgane erfáhrt.
,f W¿,s ABER ist nun jener >>Geist<<, jenes neue und so entschei- Geist ist dah er Sachlichkeit, Bestimmbarkeit durch das Sosein
dende Prinzip? Selten ist mit einem Worte so viel Unfug getrie- s von Sachen selbst. Und ein solches Wesen ist »»Trágero des Gei-
ben worden einem Worte, bei dem sich nur wenige etwas stes, dessen prinzipieller Verkehr mit der Wirklichkeit au3er-
Bestimmtes denken. Stellen wir an die Spitze des Geistbegriffes halb seiner sich im Verháltnis zum Tiere dynamisch geradezu
eine besondere Wissensfunktion, eine Art Wissen, die nur er umgekehrt hat.
geben kann, dann ist die Grundbestimmung eines »geistig€D« Beim Tiere - ob es hoch oder niedrig organisiert ist - geht
Wesens seine existentielle Entbundenheit, Freiheit, Abliisbar- r0 jede Handlu ng, jede Reaktion, die es vollzieht, auch die »intel-
keit - oder doch die seines Daseinszentrums - vom Banne, vom l0 ligente«, ous von einer physiologischen Zustándlichkeit seines
Drucke, von der Abhiingigkeit vom Organischen, vom »Leben« Nervensystems, der auf der psychischen Seite Triebimpulse und
und von allem, was zum ,Leben« gehórt, also auch von seiner sinnliche Wahrnehmung zügeordnet sind. Was für diese Triebe
eigenen triebhaften Intelligenz. Ein solches »geistiges« Wesen nichf interessant ist, ist auch nicht gegeben, und was gegeben
ist nicht mehr trieb- und umweltgebunden, sondern ,umwelt- ls ist, ist gegeben nur als Widerstandszentrum für sein Verlan-
frei« und, wie wir es nennen wollen, weltoffen. Ein solches l5 gen und sein Verabscheuen. Der Ausgang also von der physio-
Wesen hat »Welr«. Es vermag die ursprünglich auch ihm gege- logisch-psychischen Zustándlichkeit ist immer der erste Akt
benen »Widerstands-n und Reaktionszentren seiner Umwelt, in des Dramas eines tierischen Verhaltens nJ seiner Umwelt. Die
die das Tier ekstatisch au,fgeht, zu »Gegenstándenn zu erheben, Umweltstruktur ist seiner physiologischen und indirekt seiner
vermag das Sosein dies€r »Gegenstánde« prinzipiell selbst zu 20 morphologischen Eigenart, ist ferner seiner Trieb- und Sinnes-
struktur, die eine strenge funktionelle Einheit bilden, genau und

3 aber ] Ts ll2,zl u. 1947,3s: gestr.; 1962,39: aber 6 wir I Ts 1,23 u. 5 selbst.) Ts ll2,z+ u. l947,to folgt: Geist »hat< nur ein zu vollendeter
L947,35 J'olgt: hier 6 Geistbegriffes I Ts l12,zt folgt: (seiner logischen Sachlichkeit fáhiges Lebewesen. Schárfer gesagt: 5 Und I Ts I 12,2q u.
Seite nach); nicht in 1947,3s übernomnten 7 eine] Ts 112,23 u. 1947,3s: 1947,30: Nur 7 seiner ] Ts 112,2+ u. l947,te folgt: wie mit sich selber
seine 7 eine I 1962,38: die 9 Wesens ] Ts ll2,z3 u. 196238 Jolgt: wie 7 Tierel Ts Ll2,z+ folgt: (mit Einschlu3 seiner Intellige nz); ohne Klam-
immer es psychophysisch beschaffen seí; 1947,36: wie immer es psycho- mern übernommen in l947,la 8 hat. ] Ts 1/2,24 u. l947!e _fotgt: Was ist
logisch beschaffen sei 9 Entbundenheit I Ts l12,zt u. 1947,3e folgt: vorlr diese,Umkehrung<? 9 ob es hoch ... ist] Ts I12,24: ob hoch oder nied-
Orgarrischen, seine L0 vom] Ts t 12,23 u. 1947,36: von dem [so auch vor rig organisiert; 1947,30: ob hoch oder niedriger organisiert l2 Seite ]
ll
Drucke] vom Organischen,] Ts I 12,23 u. 1947,36: gestr.; 1962,lg: wie- Ts Ll2,z+ u. L947,36 folgt: Instinkte, l3 WahrnehmungJ Ts Ll2,2q u.
der eingefügt 12 von] Ts 112,23 u. 1947,36: gestr. 12 seinerl Ts Ll2,zt 1947,lo; Wahrnehmungen l3 diese ) Ts 112,24 u. 1947,30: die Instinkte
u. 1947,30: der; L962,lg: seiner 13 solches ] Ts 1,23 u. 1947,30: gestr. und 15 ist] Ts 112,2+ u. I947,so Jolgt: dem Tier 16 Verabscheuenl
14 ist ] Ts 2,zt folgf: also; in Ts L durchgestr.; in l947,lo übernommen Ts ll2,z+ u. I947,to folgt: d. h. für das Tier als biologisches Zentrum.
16 Es vermag ] Ts 1,2:: Es hei3t ferner: ein solches Wesen; 1947,lo: Ein I7 physiologisch-psychischen ) L9 47,2e: physiologisch-psychologischen;
solches Wesen vermag ferner 18 in die das Tier ekstatisch aufgeht, ]
Ts I12,23 u. 1947,30: die das Tier allein hat und in die es ekstatisch auf-
]
19623a: physiologisch-psychischen 19 seiner Ts ll2,z+ u. 1947,36:
dabei der 20 seiner morphologischen Eigenart ] Ts I12,z+ u. 1947Je:
geht, 19 vermag ] Ts ll2,z3: und es vermag; I947,le: und 19 selbst) der morphologischen Eigenart des Tieres, 20 ist ferner ] Ts 1,24 u.
1949,+o: gestr.; 1962,lg: wieder eingefügt 1947Je: gestr.; 1962,zg: ist
50 Wesensunterschied von ,Mensch« und ,,Tieru +81+g 4e15C, Wesen des ,Geistes« 51

vollstándig geschlossen angemessen. Alles, was das Tier fas- als selbstwertig und endgültig erlebte Veránderung der Gegen-
sen und merken kann von seiner Umwelt, liegt in den sicheren stándlichkeit einer Sache. Diese ,Weltoffenheit« hat also fol-
Ztiunen und Grenzen seiner Umweltstruktur. Der zweite Akt des gende Form'
Dramas des tierischen Verhaltens ist irgendeine Setzung realer
M. = w.
Veránderung seiner Umwelt durch seine Reaktion in Richtung Dies Verhalten ist, wo es einmal vorhanden ist, seiner Natur
auf sein leiten ldes Triebziel. Der dritte Akt ist die dadurch mit- nach unbegrenzt erweiterungsfiihig - soweit eben als die »Welt«
verá nder te physiolo g i sch-psych i s che Zustánd lich keit. D er Ver- vorhandener Sachen reicht. Der Mensch ist also das X, das sich in
lauf eines solchen Verhaltens hat also stets die Form: unbegrenztem MaBe verhalten kann. Das Tier aber
"weltoffezr«
hat keine »Gegenstánden; es lebt nur in seine Umwelt ekstatisch
T.=U. l0 hinein, die es, gleichsam wie eine Schnecke ihr Haus, als Struk-
Ein Wesen aber, das Geisf hat, ist eines Verhaltens fáhig, das l0 tur überall hintrágt, wohin es geht. Die eigenartige Fernstellung
eine genau entgegengesetzte Yerlaufsform besitzt. Der erste Akt und Sublstantivierung einer »Umweltu zuru Welt<< vermag das
dieses neuen Dramas, des menschlichen Dramas ist: das Ver- Tier also nicht zrtvollziehen, ebensowenig die Umwandlung der
halten wird zuerst vom puren Sosein eines zum Gegenstand affekt- und triebum grenzten en zu »Gegen-
"Widerstands«zentr
erhobenen Anschauungskomplexes motiviert, und dies prinzi- r5 stánden«. Ich móchte sagen, das Tier hringt wesentlich an und

piell unabhángig von der physiologischen Zustándlichkeit des in der seinen organischen Zustánden entsprechenden Lebens-
menschlichen Organismus, unabhángig von seinen Triebimpul- wirklichkeit drin, ohne sie je »gegenstándlich« zu fassen. Gegen-
sen und der gerade in ihnen aufleuchtenden, stets modal, also stand-Sein ist also dieformalste Kategorie der logischen Seite des
optisch oder akustisch usw., bestimmten sinnlichen Au8enseite >>Geistesn. Wohl lebt das Tier nicht mehr absolut ekstatisch wie
der Umwelt. Der zweite Akt des Dramas ist freie, vom Person-
zentrum ausgehende Hemmung oder Enthemmung eines zuerst 20
2 Ts ll2,zs u.
Diese ] 1947,32: Die Form eines solchen Verhaltens ist
zurückgehaltenen Triebimpulses. Und der dritte Akt ist eine die der 2 »Weltoffenheit« ] Ts ll2,zs u.L947,tz folgt: der prinzi-
piellen Abschüttelung des Umweltbannes; Ts 2: Maria Scheler er-
t geschlossen ] Ts I l2,zqu. 1947,26f.: »geschlossen. 3 Grenzen)Ts ll2,zq grinzt: der Umwelthypnose gleichsam lnicht in l947,zt übernommen)
u. 1947,32 folgt: dieser; 1962,39: dieser gestr. 5 seiner Umwelt durch 3 hat also folgende Form: ] Ts ll2,zs u. l947,tz: gestr. 5 einmal ]
seine Reaktion] Ts 112,2+ tt. I947,ll: der Umwelt durch eine Reaktion Ts Ll2,zs u. 1947,37 Jolgt: konstitutionell 7 reicht. I Ts ll2,zs folgt:
des Tieres 8 eines solchen ] Ts 1/2,24 u. L947,32: des tierischen 8 also ] Menschwerdung ist also Erhebun g ax Weltoffenheit kraft des Geistes;
Ts 1,24 u. 1947,37 gestr. l0 Ein Wesen aber] Ts 1l2,zs u. 1947,s7: Ganz ohne also auch in l947,lz 7 also ] Ts I 12,2s u. L947,37: gestr. 8 kann. ]
anders ein Wesen 10 hat, ist] Ts ll2,zs u. 1947,3t: Ein solches ist - Ts ll2,zs folgt: (1. Wesensdefinition.); nicht in l947,tt übernommen
wenn und soweit es sich seines Geistes sozusagen auch bedient - 13 zu- 8 aber] Ts ll2,z5 u. 1947,32: gestr. 9 nur] Ts Ll2,2s u. L947,3r: gestr.
erst ] 1947,31: gestr. 14 Anschauungskomplexes motiviert ] Ts 1,25: 1l geht.] Ts Ll2,zs u. 1947,§ folgt: es vermag diese Umwelt nicht
Anschauungs- oder Vorstellungskomplexes motiviert; Ts 2 u. 1947,31: zvm Gegenstande zu machen. ll Die] Ts ll2,z5: Diese; l947,lg: Die
»motiviert« in Anführungszeichen 15 physiologischen] Ts ll2,zs u. 12 und Substantivierung einer] Ts ll2,2s u. 1947,38: diese Distanzie-
l947,tt folgt: und psychischen 17 also ] Ts ll2,zs u. 1947,3t: gestr. rung der 12 »Weh« ] Ts ll2,zs u. 1947,3a _folgt: (resp. zu einem Symbol
19 vom] Ts 1l2,zs u. 1947,37 d.h.vom 21 Hemmung ... Triebimpul- der Welt), deren der Mensch fáhig ist, 13 also] Ts ll2,z5 u. 1947,38
ses.] Ts ll2,z5 u. 1947,31: Hemmung eines Triebimpulses, bzw. Enthem- gestr. l3 ebensowenig ] Ts 1/2,25 u. l947,tl: nicht 17 ohne ] Ts I l2,zs
mung eines zuerst zurückgehaltenen Triebimpulses (und einer entspre- irrtümlich:um; so auch in 1947,18 u. 1962,+t l9 ekstatisch] Ts 112,2su.
chenderr Reaktion). 2l Und ] Ts I l2,zs u. L947,37: gestr. 1947,lg folgt: in seine Umwelt hinein,
52 Wesensunterschied von ,Menschu und ,,Tieru iolsr sr|52 Wesen des ,Geistes« 53

der empfindungs-, vorstellungs- und bewu3tlose Gefühlsdrang stenz, die der Geist móglich macht, ist auch gleich das zweite
der Pflanze in sein Medium hinein, ohne alle Rückmeldung der Wesensmerkmal des Menschen gegeben: Der Mensch vermag
Eigenzustánde des Organismus nach innen. Das Tier, das sahen nicht nur die »Umwelt,< in die Dimension des ,Weltn-seins zu
wir, ist durch die Trennung von Empfindung und Motorium erweitern und »Wider«stánde »gegen«stándlich zu machen,
und durch die stete Rückmeldung seines Leibschemas und sei- sondern er vermag auch, und das ist das Merkwürdigste, seine
ner sensuellen Inhalte sich selbst gleichs am a)rückgegeben. Es eigene physiologische und psychische Beschaffenheit und jedes
besitzt ein Leib-schema; der Umwelt gegenüber aber verhált das einzelne psychische Erlebnis selbst wiede r gegenstiindlich zu
Tier sich immer noch ekstatisch, auch da noch, wo es sich »intel- halten. Nur darum vermag er auch sein Leben frei von sich zu
ligent« verhált. werfen. Das Tier hórt und sieht - aber ohne zu wiss en, daJi es
Der geistige Akt, wie ihn der Mensch vollziehen kann, ist l0 10 hórt und sieht; wir müssen an sehr seltene ekstatische Zustánde
dagegen im Gegens atz zl dieser einfachen Rückmeldung des des Menschen denken - wir finden sie bei abebbender Hypnose,
tierischen Leibschemas und seiner Inhalte wesensgebunden an bei Einnahme bestimmter Rauschgifte, ferner unter Vorausset-
eine zweite Dimension und Stufe des Re-flexaktes. Wir wollen zvng gewisser den Geist inaktivierender Techniken, z.B. orgia-
diesen Akt und sein ZieI zusammennehmen und das Ziel die- stischer Kulte aller Art -, urn uns einigerma3en in den Normal-
ses »Sichsammelnsu Bewu8tsein des geistigen Aktzentrums von t5 l5 zustand des Tieres hineinzuverset zen Auch seine Triebimpulse
sich selbst oder »SelbstbewuJ3tsein<< nennen. Das Tier also hat erlebt das Tier nicht als seine Triebe, sondern als dynamische
wohl Bewul3tsein, im Unterschied von der Pfl anze, aber es hat Zuge und Absto3ungen, die von den Umweltdingen selbst aus-
kein Selbstbewu3tsein, wie schon Leibniz gesehen hat. Es belsitzt gehen. Sogar der primitive Mensch, der in gewissen Zigen dem
sich nichf, ist seiner nicht máchtig - un d deshalb auch seiner Tiere noch nahe steht, sagt nicht, »ich« verabscheue dieses Ding,
nicht bewuBt. Sammlung, Selbstbewu3tsein und Gegenstands- 20 sondern I das Ding »ist tabu«. Einen die Triebimpulse und ihren
fáhigkeit und -móglichkeit des ursprünglichen Triebw iderstan-
des bilden also eine einzige unzerreiJ3bare Struktur, dte als solche
I auch gleich] Ts 112,z6 l. l947,tg: gestr. 2 gegeben: ] Ts I lZ,ze folgt:
erst dem Menschen eigen ist. Mit diesem selbstbewu3twerden,
: nicht in l947,lg übernommen 2 Der Mensch
mit dieser neuen Zurückbeugung und Zentrierung seiner Exi- vermag ] Ts ll2,ze u. 1947,39: Kraft seines Geistes vermag das Wesen,
das wir ,Mensch( nennen, 7 Erlebnis] Ts ll2,zo u. r947,lg .folgt: jede
einzelne seiner vitalen Funktionen 8 halten ] Ts I l2,ze u. 1,947,19: ma-
2 sein ] Ts 1 l2,zs u. 1947,18:ihr 4 Das Tier ... wir, ] Ts I ,26 u. 1947,38: es chen 8 er ] Ts 112,z6 l. l947,zg: dieses Wesen l0 sieht ] Ts ll2,2o u.
4 Empfindung] Ts I l2,ze u. 1947,18: Sensorium 6 seines Leibschemas Die Psyche des Tieres funktioniert [t 947,3g: folgt Komma)
1947,3e _folgt:
urrd seiner ] Ts I l2,zo u. 1947,38: seiner jeweiligen 9 verhált ] Ts l12,zo lebt aber das Tier ist kein móglicher Psychologe und Physiologe!
Jolgt: und seine Intelligenz bleibt organisch-triebhafi-praktisch gebun- lt wir finden sie] Ts ll2,ze u. l947,tg: gestr. 13 ferner Geist]
den. Ts ll2,zo u. 1947,39: bei gewissen den Geist bewu3t (d.h. schon mit
#;ohnedengestr.SatzinI947,38übernommenllda- Hilfe des Geistes) 14 Kulte ) Ts 2,ze Jolgt: (wir wollen sie dionysische
gegen ] Ts ll2,2o u. 1947,38-. gestr. 14 Akt ] Ts ll2,zo u. 1947,38 folgt: und resublimierende Techniken nennen); Maria Scheler ergrinzt: nicht
»Sammlung« nennen 15 und sein Ziel ... »Sichsammelns« ] Ts I12,26: drucken 17 Urnweltdingerz selbst] Ts I l2,zt t. 1947,t9: Dingen der [Jm-
und ihn und sein Zíel, das Ziel dieses »Sichsammelns., zusammenneh- welt selber 18 Zügen ] Ts I12,2t u. 1947,39 seelischen Eigenschaften
mend,; L9473a u. 1962,41: und sein Ziel ... zusammenfassend l7 also 19 sagt I Ts ll2,zt u. l947,lg folgt: noch 19 »ich<, verabscheue dieses
hat wohll Ts Ll2,zo u. 1947,28: hat 21 und -rnóglichkeit ) 1947,38: gestr. Ding] Ts 1l2,zt u. 1947J9: >ich verabscheue dieses Ding< 20 das Ding
22 also ] Ts 1/2,26 tt. 1947,lg: gestr. »ist tabu«.) Ts ll2,zz tt. I947,tg:,das Ding ist tabu<; es Jolgt: Für das
54 Wesensunterschied von ,Mensch« und >»Tier« 52 szlst Wesen des ,Geistes« 55

Wechsel überdauernden »Willenn, der Ko ntinuitiit im Wandel Kraftlinien eines Feldes zusammenlaufen. Dem Gefühlsdrang
seiner psychophysischen Zustánde bewahren kann, hat das Tier der PJlonze ist ein Zentrum Dr eigen und ein Medium, in das, I
nicht. Ein Tier kommt immer sozusagen wo anders an, als es relativ in seinem Wachstum ungeschlossen, das Lebewesen
ursprünglich »will«. Es ist tief und richtig, wenn Nietzsche sagt, hineingesetzt ist, ohne Rückmeldung seiner verschiedenen
»Der Mensch ist das Tier, das versprechen kannrr. - Zustánde. Aber ein »Innesein« überhaupt und damit Beseelt-
Aus dem Gesagten geht hervor, da3 es vier Wesensstufen sind, heit besitzt die Pflanze. Im Tiere íst Empfindung und Bewu8t-
in denen uns alles Seiende in bezug auf sein Inne- und Selbstsein sein und damit eine zentrale Rückmeldestelle der Zustánde sei-
erscheint. A norganische Gebilde haben ein solches Inne- und nes Organismus vorhanden; es ist sich also schon ein zweites
Selbstsein überhaupt nicht; sie haben daher auch kein Zentrum, Mal gegeben. Der Mensch aber ist es noch ein drittes Mal im
das zu ihnen ontisch gehórte. Was wir in dieser Gegenstands- t0 t0 SelbstbewulStsein und in der Gegenstandsfáhigkeit aller seiner
welt als Einheit bezeichnen bis zu Molekülen, Atomen und Elek- psychischen Vorgánge. Die Person im Menschen mu3 daher als
tronen, ist ausschliel3lich abhángig von unserer Macht, die Kór- einZentrum gedacht werden, das über den Gegens atzvonOrga-
per realiter oder doch gedanklich zu zerteilen. |ede Kórperein- nismus und Umwelt erhaben ist.
heit ist es nur relativ auf eine bestimmte Gesetzlichkeit ihres Sieht das alles nicht so aus, als gábe es eine Stufenteiter, auf
Wirkens auf andere Kórper. Dagegen ist ein Lebewesen stets ein 15 l5 der ein urseiendes Sein sich im Aufbau der Welt immer mehr
ontisches Zentrum und bildet stets selbst »seine<( raumzeitliche auf sich selbst zurückbeugt, um auf immer hóheren Stufen und
Einheit und Individualitát; sie stammt nicht von Gnaden unse- in immer neuen Dimensionen sich seiner selbst inne zu werden,
rer selbst biologisch bedingten Zusammenfassung: Es ist ein X, um schliel3lich im Menschen sich selbst ganz zu haben und zu
das sich selbst begren zt. Die unráumlichen, die Erscheinung der erfassen ?

Ausdehnung in der Zeit setzenden Kra ftzentren aber, die wir 20


den Kórperbildern zugrun de zu legen haben, sind Zentren der
gegenseitig aufeinander wirkenden Kráfte-Punkte, in denen die
3 das ] Ts I l2,zz u. l947,qofolgt: pflanzliche 4 hineingesetzt ist ] Ts I,27:
hineinwáchst; nicht in l947,qo übernommen 5 Zustánde ] Ts ll2,zt
tierische Bewu8tsein gibt es nur diese von den Umweltgebilden ausge- u. 1947,qo folgt: an sein Zentrum 6 Beseeltheit ) 1927,198: Psychizitát
henden Lockungen und AbstoBungen. Der Affe, der plótzlich hierhin, 6Pflanze. I Ts l,zz _folgt in fremder Hs.: nicht; nicht in I942,+o u. 1962,+z
dann dorthin springt, lebt sozusagen in lauter punktuellen Ekstasen übernommen 6 Tiere) L947,+o folgt: jedoch 7 damit] Ts ll2,zz u.
(Pathologische Ideenflucht des Menschen). 6 Aus da8 I Ts Ll2,zt 1947,+o folgt: verbunden 7 der ] Ts ll2,zz u. l947,qo
folgt: wechseln-
u. l947,tg gestr. 7 uns ] Ts ll2,zl u. 1947,39: gestr. 9 daher auch ] den 8 Organismus] Ts ll2,2z u. 1947,+o folgt: und eine Modifizier-
Ts I l2,zz u. 1947,te: gestr. 10 gehórte I Ts Ll2,zt u. 1947,ts folgt: daher barkeit seines Zentrums durch diese Rückmeldung 8 also ] Ts I l2,zt
auch kein Medium, keine Umwelt 13 zerteilen ] Ts 1,27 folgt: - +n'd€r u. 1947,+o: gestr. 9 es ] Ts ll2,zt t. 1947,+o folgt: kraft seines Geistes
l0 Gegenstandsfáhigkeit aller I Ts ll2,zs u. L947,qo: Vergegenstándli-
; in B.I.l7, 34 nicht gestr., trotz- chung ll Vorgánge ) Ts 112,28 u. L947,qo folgt: und seines sensomoto-
dem nicht in übernommen l3 |ede I Ts ll2,2l tr. 1947,+o folgt:
1947,+o rischenApparates.;Tst,zafolgtnachVorgánge:
anorganische 16 selbst) 1947,+o gestr.; 1962,+3: wieder eingeJügt 17 ftisr-et€); nicht in l947,qo übernommen l l daher ] Ts rl2,zg u. 1947,+0:
nicht ) Ts L12,27 u. I947,qo folgt: wie beim anorganischen Gebilde 19 dabei 12 ein)Ts 112,28: gestr.; L947,+o: das 14 Sieht ... ausl Ts l l2,z8
begrenzt. ] Ts Ll2,zz u. 1947,+o _folgt: Es hat Individualitát: Es zerteilen, u. l947,qo; Ist das nicht 17 selbst] Ts llz,za u. l947,qo: gestr. 19 er-
hei8t es vernichten, sein Wesen und Dasein aufheben. 21 Kórperbil- fassen? ] Ts 2,za folgt: Der Mensch ist das X, in dem das Urseiende sich
dern ] Ts I 12,zt l. l947,qo Jolgt: metaphysisch selbst erfa8t.; nicht in 1947,+0 u. 1962,+l übernontftten
56 Wesensunterschied von »Mensch« und »Tier« *l s+ s+l ss Beispiele »geistiger« Kategorien 57

Beispiele »geistiger« Kategorien: Substanz; Seh-, Tast-, Hór-, Schmeck- und Geruchsdinge auf ein und
Raum und Zeit als »Leernformen dasselbe konkrete Ding, auf einen identischen Realitátskern
zu beziehen vermóchte. - Der Mensch hat zweitens auch von
Jl' Aus DIESER Seinsstruktur des Menschen - seiner Selbstgege- vornherein einen einigen Raum. Was z.B. der operierte Blind-
benheit - lassen sich eine Reihe menschlicher Besonderheitenver- s geborene lernt, ist nicht eine Zusammenset zung ursprünglich
stándlich machen, von denen ich einige kurz anführe. Nur der geschiedener »Ráum e<<, z.B. kinásthetischer Ráuffi€, Tastráuffi€,
Mensch hat erstens die voll ausgeprágte konkre te Ding- und Sub- Sehráuffie, Hórráume usw. zu einer Raumanschauung, son-
stanzkategorie. Auch die hóchsten Tiere scheinen sie nicht voll- dern nur die Identifizierung seiner Sinnesdaten als Symbole
stándig zu haben. Ein Affe, dem man eine Banane halb geschált für das an einem Ort seiende Ding. Dem Tiere fehlt diese zen-
in die Hand gibt, flieht vor ihr, wáhrend er sie ganz geschált r0 trale Funktion, die dem einigen Raum eine feste Form vor den
fri3t, ungeschált aber selber schált und dann fri3t. Das Ding hat t0 einzelnen Dingen und ihrer Wahrnehmung gibt; vor allem: es
sich nicht für das Tieruverándert«, es hat sich in ein anderes I
fehlt jene Art von Selbstzentriertheit, die alle Sinnesdaten mit
verwandelt.. Es fehlt dem Tiere hier offenbar ein Zentrum, von ihren zugehórigen Triebimpulsen zusammenfaBt und sie auf
dem aus es die psycho-physischen Funktionen seines Sehens, eine substan zartig geordnete »Weltn bezieht. Dem Tiere f-ehlt
Hórens, Riechens und die sich in ihnen darstellenden Greif-, ls eben, wie ich eingehend anderen Orts nachgewiesen habe, ein
eigentlicher Weltraum, der unabhángig von des Tieres eigenen
* Siehe auch H. Volkelts Spinnenversuch. Tatsachen, die Analoges l5 Ortsbewegungen als stabiler Hintergrund verharrte. Es fehlen
beweisen, wird man in gro8er Anzahl in meiner Anthropologie finden. ihm ebenso die Leerformen von Raum und Zeit, in die hinein-
gesetzt der Mensch die Dinge und Ereignisse primár auffa8t -
4 Selbstgegebenheit I Ts ll2,za u. l947,qo folgt: seiner Fáhigkeit, seine
20 und die nur bei einem Wesen móglich sind, dessen Triebun-
Urnwelt und sein ganzes psychophysisches [1947,+o: psychisches und
physisches] Sein und beider Kaursalrelation sich zurn Gegenstande ztr befriedigung I stets überschüssig ist über seine Befriedigung.
machen - 6 erstens ] Ts ll2,zg u. 1947,+t: gestr. 7 Substanzkategorie. ] Die Wurzel der menschlichen Raum- und Zeítanschauung,
Ts Ll2,28v u. 1947,+t folgt: Das Tier besitzt sie nicht: Eine Spinne, die
lauernd in ihrem Netze in dessen Knotenpunkt sitzt, stürzt sich sofort 2 Ding] Ts Ll2,z8 u. I947,+t: Gegenstands-Ding 3 Der Mensch ) Der
auf die Mücke, die sich entfernt von ihr in das Netzverfánst und deren Text der folgentlen zwei Seiten wurde stilistisch vielfuch umstrukturiert
Anwesenheit sich ihr wahrscheinlich an einem leisen Zug durch den (Auflósung von Neben- in Hauptsiitze, Llmstellung votl Satzteilen oder
Tasfsinn verrát. Bringt man aber die Mücke in eine Entfernung, die Sritzen), was hier nicht entwirrt werden soll. 3 zweitens auch Ts I l2,zg
]
innerhalb der Grenzen [1947,+t: des Reiches] ihrer Sehweite liegt, so u. 1947,,11: ferner T z.B. ... usw. ] Ts ll2,z8 u. l947,ql: wie Tastraunr,
ergreifi die Spinne sofbrt die Flucht. (Volkelts Spinnenversuch): es ist Sehraum, Hórraum, kinásthetischer Raum 8 Symbole ] Ts l12,zg
ein anderes Wesen für sie, was sie sieht - und was sie tastet; sie vermag u. l947,qt -folgt: und Eigenschaften 9 seiende ] Ts ll2,za u. l947,qt
Sehraum und Tast-Handlungsraum (kinásthetischer Raum) ebensowe- Jolgt: eine 9 fehlt diese I Ts I 12,28 u. 1947,+l: aber fehlt wiederum die
nig zu identifizieren wie die darin befindlichen Dinge.; geringfügig ab- 10 dem einigen Raum] Ts ll2,zg u. l947,qt: einen einigen Raum als
gewandelt in l962,qq 8 scheinen ... zu haben ] Ts 1,28 u. 1947,+t: haben 1l allem]Ts 1,28 u. r947,qtfolgt: aber 12 jene] Ts 1,28 u. r947,+t: eben
10 Ding] Ts 1l2,zs u. 1947,+t folgt: »Banane< 14 Riechens] Ts Ll2,zs u. jene besondere; Ts 2,28: aber: es f-ehlt gestr.; 1962,+s: jene besondere
1947,qt folgt: Greifens, Tastens, 14 Greif- ] Ts I 12,28 u. 1947,+t: gestr. 14 bezieht. ] Ts 2,28 Fn.: Eineehend nachgewiesen in meinem Aufsatz
15 1927,199: Fn. steht eingeklammert im Text. 1947,+t: Fn. gekürzt in den »Idealismus - Realismus< im Philosophischen Anzeiger von 1927.; Fn.
Text versetzt: (Volkelts Spinnenversuch); 1962,qq: (H. Volkelts Spinnen- in Ts I weggeschnitten; Jehlt in l947,at; vsl. unten S. 60, Lemma zu Z. 17
versuch) 20 einem ) Ts Ll2,2e u. 1947,+z folgt: (geistigen)
58 Wesensunterschied von »Menschn und ,,Tiern 55l|56 s6l sz Beispiele »geistiger« Kategorien 59

die allen áu3eren Sensationen vorhergeht,liegt in der organi- Das Tier vermag die Leerform des Raumes und der Zeit so wenig
schen sPontanen Bewegurzgsmóglichkeit und Tunsmóglichkeit von bestimmten Inhaltlichkeiten der Umweltdinge loszulósen
in einer bestimmten Ordnung. »Leer« nennen wir ursprünglich wie die »Zahl« von einer als gróBer oder kleiner in den Dingen
das Unerfülltbleiben unserer triebhaften Erwartungen. So ist selbst liegenden »An zahlrr. Es lebt ganz in die konkre te Wirk-
die erste »Leere« gleichsam die Leere unseres Herzens. Die selt- s lichkeit seiner jeweiligen Gegenwart hinein. Erst wenn die in
same Tatsache, da3 dem Menschen in der natürlichen Weltan- Bewegungsimpulse sich umsetzenden Trieberwartungen das
schauung Raum und Zeit als Leerformen erscheinen, die allen Übergewicht erhalten vor all dem, was
faktische Trieberfüllung
Dingen vorhergehen, ist nur aus diesem UberschuJ3 der Trieb- in einer wahrnehmung oder Empfindung ist, findet - im Men-
unbefriedigung über die Triebbefriedigung verstándlich. Auch schen - das überaus seltsame Phánomen statt, da8 die ráumliche
die Tatsache, da8, wie man an bestimmten Ausfallserscheinun- l0 r0 Leere, und analog die zeitliche, allen móglichen Inhalten der
gen nachweisen konnte, der Tastraum dem optischen Raum Wahrnehmung und der gesamten Dingwelt als vorhergehend,
nicht direkt zugeordnet ist, sondern die Zuordnung nur durch als ,zugrunde liegendn erscheint. So blickt der Mensch, ohne es
die Vermittlung der kinásthetischen Empfindungen erfolgt, zu ahnen, sein e eigeneHerzensleere als eine ,unendliche Leere«
weist darauf hin, da8 die Leerform des Raumes wenigstens als des Raumes und der Zeit an, als ob diese auch bestünde, wenn es
noch ungeformte »Ráumlichkeit« scho n vor dem Bewu3twerden l5 ls gar keine Dinge gábe! Erst sehr spát korrigiert die Wissenschaft
irgendwelcher Sensationen erlebt wird, auf Grund der erlebten diese ungeheure Táuschung der natürlichen Weltanschauung,
Bewegungsantriebe und des Kónnenserlebnisses, sie hervoÍzu- indem sie lehrt, da8 Raum und zeitnur ordnungen, nur Lage-
bringen. Denn es sind ja jene Bewegungsantriebe, die an erster und Sukzessionsmóglichkeiten der Dinge sind, und. au3er und
Stelle dte kiniisthetischen Empfindungen zur Folge haben. Die- unabhángig von ihnen keinen Bestand haben. - Auch den Welt-
ser primitive Bewegungsraum, das »HerumbewuStsein«, bleibt 20 raum, sagte ich, hat das Tier nicht. Ein Hund mag jahrelang in
auch noch bestehen, wenn der optische Raum, in dem allein einem Garten leben und an jeder Stelle des Gartens schon háu-
die stetige gleichzeitige Mannigfaltigkeit der »Ausdehnungn fig gewesen sein - er wird sich niemals ein Gesamtbild des Gar-
gegeben ist, vollstándig abgebaut wird. Im Übergang von Tier tens und der von seiner Kórperlage unabhángigen Anordnung
zu Mensch finden wir also eine vollstándige Umkehrung von seiner Báume, Stráucher usw. machen kónnen, wie klein und
»Leer<< I und ,Voll«, sowohl der Zeit wie dem Raume nach. 25 2s gro8 der Garten auch sei. Er hat nur mit I seinen Bewegungen
wechselnde [Jmwehráume, die er nicht auf den ganzen, von sei-
5 unseres) 1927,200: des 6 seltsame Ts ll2,zg u. l947,qz: gestr.
] ner Kórperstellung unabhángigen Gartenraum zu koordinieren
15 »Ráumlichkeit« I Ts ll2,2s u. l947,qz folgt: im Menschen 22 der)
Ts 112,29 t. 1947,+z: gestr. 24von Tier zu Mensch] Ts ll2,zg u. 1947,+z: vermag. Der Grund ist, da8 er seinen eigenen Leib und dessen
vom Tier zum Menschen 25 nach.] Ts ll2,zg folgt: Obgleich die hó-
heren Tiere raumartige Mannigfaltigkeiten besitzen (die primitivsterr , d. h. das »Herumerlebnis« übrig bleibt .; mit geringfügigen
haben wohl nur zeitlich geordnete Eindrücke), sind diese doch nicht Anderungen in L947,+z I Leerform ] Ts I 12,29 u. l947,qz: Leerfbrmen
homogen, d.h. so, da3 die Orte als vorgegebenes Stellensystem in der 7 erhalten vor all dem ] Ts ll2,lo u. 1947,+t: haben über all das
optischen Spháre fix bleiben und sich von den sie erfüllenden Qua- ll wahrnehmung] Ts lr2,lo u. 1947,$: wahrnehmungen 14 be-
litáten und Bewegungen der Umweltgebilde scharf loslósen. Nur die stündel Ts I 12,to u. L947,+3: bestünden l9 ihnen )Ts 112,30 u. 1947,43:
hóchste Optik des Menschen (aufrechter Gang!) besitzt dies System, er diesen 20 Tier ] Ts 1,30 u. l947,qz folgt: konstitutiv 24 seiner
]
kann es aber in pathologischen Fállen verlieren, so da8 nur der sozusa- Ts ll23o u. l947,qt: der 2g ist I Ts ll2}o u. t947,qz
folgt: eben der
gen »Urraurn(, 28 er ] Ts I l2,so u. 1947,q3: das Tier
60 Wesensunterschied von ,Mensch« und »>Tier« 57 szlsB Geist als pure Aktualitát 61

Bewegungen nicht nrm Gegenstande Dr machen imstande ist, Dieses Zentrum aber, von dem aus der Mensch die Akte voll-
so da3 er seine eigene Kórperlage als veránderliches Moment zieht, durch die er die Welt, seinen Leib und I seine Psyche ver-
in seine Raumanschauung einbeziehen kónnte und mit dem gegenstándlicht, kann nicht selbst ein »Teil« eben dieser Welt
Zufalle seiner Stellung gleichsam instinktiv so rechnen lernte, sein, kann also auch kein bestimmtes Irgendwo oder Irgend-
wie es der Mensch auch ohne Wissenschaft vermag. Diese Lei- wann besitzen - es kann nur im obersten Seinsgrunde selbst
stung des Menschen ist nur der Anfang dessen, was er in der gelegen sein. So isf der Mensch das sich selbst und der Welt über-
Wissenschaft fortsetzt. Denn das ist das Gro8e der mensch- legene Wesen Als solches Wesen ist er auch der Ironie und des
lichen Wissenschaft, da3 der Mensch in ihr mit sich selbst und Humors fáhig, die stets eine Erhebung über das eigene Dasein
seinem ganzen physischen und psychischen Apparat gleich wie einschlieBen. Schon I. Kant hat in seiner tiefen Lehre von der
mit einem fremden Drnge, das in strengen Kausalverknüpfun- l0 10 transzendentalen Apperzeption jene neue Einheit des cogitare,
gen zu anderen Dingen steht, immer umfassender zu rechnen die »Bedingung ist aller móglichen Erfahrung und darum auch
lernt und damit ein Bild der Welt selbst zu gewinnen wei8, aller Gegenstánde der Erfahrung,< - nicht nur der áu3eren, son-
dessen Gegenstánde von seiner psycho-physischen Organisa- dern auch jener inneren Erfahrung, durch die uns unser eige-
tion, seinen Sinnen und deren Schwellen, seinen Bedürfnissen nes Innenleben zugánglich wird , im wesentlichen klarge-
und deren Interessen an den Dingen, ganz und gar unabhiingig 15 t5 stellt. Er hat damit zuerst den >>Geist<< über die »Psychen erhoben
sind, die also im Wechsel all seiner Stellungen, Zustánde und und ausdrücklich geleugnet, daB er nur eine Funktionsgruppe
Sinneserlebnis se konstant bleiben. Der Mensch allein - sofern einer sogenannten Seelensubstanz sei, die nur unberechtigter
er Person ist - vermag sich über sich - als Lebewesen - empor Verdinglichung der aktualen Einheit des Geistes ihre fiktive
zu schwingen und von einem Zentrum gleichsam jenseits der Annahme verdanke.
raumzeitlichen Welt aus Alles, und darunter auch sich selbst, 20
zum Gegenstande seiner Erkenntnis aJ machen.
20 IGeist als pure Aktualitát]

Damit haben wir bereits eine dritte wichtige Bestimmung des


Geistes gekennzeichnet: Der Geist ist das einzige Sein, das selbst
8 ihrl Ts 1,30 u. 1947,$ folgt: mit seiner Zufallsstellung im Univer-
gegenstandsunfühig ist - er ist reine und pure Aktualitiit, hat
sum [Ts 2 folgt: (Erde)] 12 damitl Ts Ll2,zo u. 1947,+z folgt: langsam
13 dessen Gegenstánde ] Ts ll2,lo u. 1947,++: das und dessen Ge- sein Sein nur im freien Vollzug dieser seiner Akte. Das Zen-
genstánde und deren Gesetze L4 seinen I Ts Ll2,zt u. 1947,++ folgt: 2s trum des Geistes, die Person, ist also weder gegenstándliches
menschlichen 16 Stellungen I Ts 1 l2Jt u. 1947,++ Jolgt: im Universum,
seiner 16 Zustánde ] Ts ll2,zt folgt: Artorganisation; 1947,++: Artor- I Diesesl Ts l l21t u. 1947,+4: Das 2 Weltl Ts l lZlt u. 1947,++folgt: in
ganisationen 17 bleiben. l Ts \,tt folgt: Er stellt sich wahrhaft über ihrer ráumlichen und zeitlichen Fülle 2 seinen ) 1927,zoz folgt: eigenen
sich - als Lebewesen -, €r wird sich selbst ein Punkt auf dem kl[einen] 6 Menscft I Ts I12,tt u. 1947,++ folgt: als Geistwesen 6 selbst) Ts ll2,tt
Plarreten Erde.; inTs 2 gestr.; nicht in 1947,++ übernommen; 1947,aa Jolgt u. 1947,q+: (als Lebewesen) 7 Wesen ] Ts Ll2,z1 u. L947,++: gestr.
als Anm.: Eingehender nachgewiesen in der Abhandlung ,ldealismus - 16 er] Ts Ll2,lt: dieser; I947,qq: der Geist 2l bereits) 1947,+4: gestr.
Realismus( a. a.O.; 1962,9e: Fn. an frühere Textstelle versetzt lvgl. S. 57, 22 gekennzeichnet] Ts I ll,zt u. 1947,+4:bezeichnet 23 und] Ts l lLlt
Lt.i u.ergrinzt: Vgl. zum folgenden die Abhandlung »ldealismus - Realis- u. 1947,++: gestr. 24 dieser] Ts ll2,st u. 1947,+q: gestr. 25 also]
mus< im »Philosophischen Anzeiger<, Bonn 1927,2. lahrg., H. 3. Ts 1 l23t u. 1947,q4: gestr.; 1962,+g: wieder eingefügt
62 Wesensunterschied von »Mensch« und »»Tier« sslsq se l6c, Geist als pure Aktualitát 63

noch dingliches Sein, sondern nur ein in sich selbst stetig selbst menschlichen Bewu8tsein annehmen und dem Urseienden
sich vollziehendes (wesenhaft bestimmtes) Ordnungsgefüge yon selbst als eines seiner Attribute zuschreiben - kónnen wir nur
Akten. Seelisches vollzieht rsich selbst« nicht; es ist eine Ereig- durch Mitvollzug teilgewinnen. Die áltere seit Augustinus herr-
nisreihe | »in« der Zett, der wir, eben aus dem Zentrum unse- schende Ideenphilosophie hatte »ideae ante res« angenommen,
res Geistes heraus, noch prinzipiell zuzuschauen vermógen und s eine »Vorsehung« und einen Plan der Weltschópfung schon yor
die wir in der inneren Wahrnehmung und Beobachtung noch dem Wirklichsein der Welt. Aber die Ideen sind nicht vor, nicht
gegenstiindlich machen kónnen . Zum Sein unsere r Person aber in und nicht nach den Dingen, sondern mit ihnen, und werden
kónnen wir uns nur selbst sammeln, zu ihm hin uns konzen- nur im Akte der stetigen Weltrealisierung (creatio continua) im
trieren, nicht aber es objektivieren. Auch fremde Personen sind ewigen Geiste erzevgt. Darum ist auch unser Mitvollzug die-
als Personen nicht gegenstandsfáhig. Nur dadurch kónnen wir r0 l0 ser Akte, sofern wir »Ideen« denken, nicht ein blo3es Auffin-
an ihnen Teil gewinnen, da3 wir ihre freien Akte nach- und mit- den oder Entdecken eines schon von uns unabhángig Seien-
vollziehen, uns mit dem Wollen, der Liebe usw. einer Person und den und Wesenden, sondern ein wahres Mithervorbrinlgen, ein
dadurch mit ihr selbst, wie wir zu sagen pflege n, >>identifizieren«. Miterzeugen der Ideen und der der ewigen Liebe zugeordneten
Auch an den Akten jenes einen übersinguláren Geistes - den wir Werte aus dem Ursprung der Dinge selbst heraus. -
auf Grund des unverbrüchlichen Wesenzusammenhangs von t5
Idee und Akt anzunehmen haben, wenn wir überhaupt eine in
dieser Welt sich realisierende Ideenordnung unabhiingig vom

I in sich selbst ] Ts ll2,tt u. 1947,++f .: gestr. 3 Akten.l Ts ll2,ztf. u.


1947,+sfolgt: Die Person ist nur in ihren Akten und durch sie.; L962,ge
als Anm.: Vgl. zu »Person< in Der Formalismus in der Ethik und die
materiale Wertethik, Abschnitt VI A 3. 5 und] Ts rl212 u. L947,+s:
gestr. 7 kónnen. ] Ts 2,lz folgt: zum mindesten in der unmittelbaren
Erinnerung; inTs I durchgestr.; nicht in 1947,+s übernommen; Ts I l21z
u. 1947,+s folgt: Alles Seelische ist gegenstandsfáhig, nicht aber der
Geistesakt, die Intentio, das die seelischen Vorgánge in ihrem Abflu8
selbst noch Schauende.; Ts I u. L947,+5: in ihrem Abflu8 weggelassen
7 aber ] in Ts L,32 nachtrAglich eingefügt, dann gestr.; nicht in L947,qs
übernommen 8 selbst I 1947,+s u.1962,+8: gestr. 10 gegenstandsfáhig ]
Ts I 1232 u. l947,qs folgt: (In diesem Sinne sagt Goethe von Lili, er habe
»sie zu sehr geliebt, als da3 er sie hátte beobachten kónnen.,) I I Teil ] 3 teilgewinnen ] Ts ll2,lz u. 1947,+s folgt: an einer Wesensordnung,
Ts I1232 u. L947,45: wissenden Anteil 12 mit-vollziehen] Ts Il2J2 u. soweit es sich um den erkennenden Geist handelt, an einer objektiven
1947,+s Jolgt: durch das, was ein armes Wort »Gefolgschaft, nennt, oder Wertordnung, soweit es sich um den liebenden Geist, otl einer Ziel-
durch jenes nur durch die Haltung der geistigen Liebe mógliche >Verste- ordnung des Weltprozesses, soweit es sich um den Geist als »wollen-
hen,, das áu8erstes Gegenteil aller Vergegenstándlichung ist, d.h. da- den, handelt. l0 sofern wir Ideen denken ] Ts ll2,lz u. 1947,45: gestr.
durch, da8 wir 14 usw. ] Ts 1/2,32 u. 1947,+s: gestr. 13 identifizieren) I I schon I Ts 112,32 u. 1947,+s: gestr. 14 der ldeen ... heraus. ] Ts ll2,zz
l9629e Fn.: YgL zu Fremdperson - Verstehen »Wesen und Formen der u. 1947,+e: dem ewigen Logos und der ewigen Liebe und dem ewigen
sympathie(, Teil c. vom fremden Ich. 14 einen) 1947,+s gestr; L962,+8: Willen zugeordneten Wesenheiten, Ideen, Werte und Zíele aus dem
wieder eingefügt Zentrum und Ursprung der Dinge selbst heraus.
64 6olor 6r Wesenserkenntnis als Grundakt des Geistes 65

III. Ideierende Wesenserkenntnis als die essentia des Kórpers und seinen Wesensaufbau an einem
Grundakt des Geistes Stück Wachs klarzumachen. Das sind Fragen, wie sie der Geist
als solcher stellt. Eindringlichste Beispiele für Fragen solcher
Art bietet die gesamte Mathematik. Der Mensch vermag die
Dreiheit als »Anzahl« von drei Dingen von diesen Dingen los-
\ Af ownN wIR uns die Besonderheit, die Eigenartigkeit des- zulósen und mit deoZahl« 3 als einem selbstándigen Gegen-
YY sen, was wir »Geist« nennen, noch im einzelnen klarer stand nach dem inneren Erzeugungsgesetz der Re ihe solcher
machen, so knüpfen wir am besten an einen spezifisch geistigen Gegenstánde zu operieren. Das Tier vermag nichfs dergleichen.
Akt an, den Akt der ldeierung. Er ist ein von aller technischen Ideierunghei{3t also, unabhángig von der Zahl der Beobachtun-
Intelligenz vóllig verschiedener Akt. Ein Problem der Intelli- r0 gen, die wir machen, und von induktiven Schlu3folgerungen
genz wáre etwa folgendes: Ich habe jetzthier SchmerzimArm; die essentiellen Aufbauformen der Welt an je einem Beispiel der
wie ist er entstanden, wie kann er beseitigt werden? Das fest- betreffenden Wesensregion miterfassen. Das Wissen, das wir
zustellen, wáre entsprechend eine Aufgabe der positiven Wis- l0 so gewinnen, gilt dann in unendlicher Allgemeinheit von allen
senschaft. Ich kann aber denselben Sch merz auch als Beispiel móglichen Dingen, die dieses Wesens sind, und ganz unabhán-
fassen für den hóchst seltsamen und hóchst verwunderlichen t5 gig von unserenZufallssinnen und der Art und dem MaBe ihrer
Wesensverhalt, daf3 diese Welt überhaupt schmerz-, übel- und
leidbefleckt isr. Dann werde ich anders fragen: Was ist denn
eigentlich der Schmerz selbst, abgesehen davon, da8 ich ihn l5 2 klarzumachen. ] Ts 1,33 u. 1947,+o Jolgt: Das ist eine andere Frage,
jetzt hier habe - und wie mu3 der Grund der Dinge beschaf- als wenn z.B. ein Chemiker einen bestimmten Kórper auf seine Be-
fen sein, da8 so etwas wie ,Schmerz überhaupt« móglich ist? standteile hin untersucht. 3 stellt I 1947,+z u. L962,so folgt: nicht die
Ein gro3artiges Beispiel für solch einen ideierenden Akt gibt schlu8folgernde Intelligenz, die nur Mittel geben kann, sie zu lósen.
die bekannte Bekehrungsgeschichte Buddhas. Der Prinz sieht lErgrinzter Satz ans Absatzende versetztl 3 Eindringlichste ] Ts 1,33
u. L947,qo: Eindringliche 3 solcher ] Ts 1,33 u. L947,+6: essentieller
einen Armen, einen Kranken, einen Toten, nachdem er im 20 4 Mathematik. I Ts l,:: u. L947,+t folgt: Das Tier hat vage Mengenvor-
Palaste des Vaters jahrelang allen negativen Eindrücken fern- stellungen, die aber ganz an den wahrgenornmenen Dingen, ihrer Ge-
gehalten ward; er erfa8t aber jene drei zufálligen, »jetzt-hier-so stalt, Gruppierung etc. haften bleiben. 4 Mensch ] L947,qz folgt: erst
seienden« Tatsachen sofort als blo8 e Beispiele f;úr eine an ihnen 8 operieren. ] Ts 1,33v u. I947,+t folgr: Was so die Mathematik findet an
erfa8ba re essentielle Welt I beschaffenheit. Descartes suchte sich Sátzen über die Beziehungen der unsinnlichen Mannigfaltigkeiten, die
sie untersucht, das ist - wenn heute nicht, so morgen - seltsamer Weise
der strengsten Anwendung fáhig auf alle realen Dinge, die in der (in
4 noch ] Ts 1,33 u. 1947,+e: gestr.; l962,qg: wieder eingefügt 7 Intel- Axiomen definierten) Mannigfaltigkeit stehen. Das alles sind Fragen,
ligenz ] Ts 1,33 u. 1947,+o Jolgt: allem mittelbaren schlu8folgernden wie sie der Geist als solcher stellt, nicht die schluf3folgernde Intelligenz,
,Denken, (dessen erste Anfánge wir schon dem Tiere zuweisen [1947,+e: die nur Mittel geben kann, sie zu lósen. 9 ldeierrng) 1947,ü: Ideie-
zuwiesen]), 8 etwa] Ts 1,33: beispielsweise lnachtrriglich gestr.); den- ren 9 der ] Ts 1,33 u. 1947,+z folgr: GróBe und l0 Schlu8folgerungen l
noch in 1947,+e übernommen 10 entsprechend ] Ts l,:: u. 1947,+6: gestr. Ts 1,33 u. 1947,+z folgt: wie sie die Intelligenz anstellt, ll essentiellen)
ll Wissenschaft I Ts 1,33 u. 1947,q0 folgt: der Physiologie, der Psycho- Ts 1,33 u. 1947,+t _folgt: Beschaffenheiten und 11 Beispiel ] Ts IJ3 folgt:
logie, der Medizin. 11 Schmerz. ] Ts 1,33 u. 1947,+o folgt: - in einer - einem Schmerz, einem Kreis -; in 1947,+z gestr. 12 Wissen] Ts 1,33
distanteren, besinnlichen, kontemplativen Haltung zu diesem selben u. 1947,+z _folgt: aber 13 dann ] Ts 1,33 u. 1947,,11: obschon an einem
Erlebnis - Beispiel gewonnen, l5 unseren ] Ts 1,33 u. L947,+z folgt: menschlichen
66 Wesenserkenntnis als Grundakt des Geistes 6loz 6z Die »phánomenologische Reduktion« 67

Erregbarkeit.. Einsichten, die wir so gewinnen, gelten hinaus schrieben werd en. Diese Fr)higkeit der Trennung von Dasein und
über die Gre nze unserer sinnlichen Erfahrung. Wir nennen sie Wesen macht das Grundmerkrytal des menschlichen Geistes aLts,
in der Schulsprache >>a priori<<. das alle anderen Merkmale erst fundierf. Nicht, da3 er Wissen
Zwei sehr verschiedene Funktionen erfüllen diese Wesens- hat, ist dem Menschen wesentlich, wie schon Leibniz sagte, son-
erkenntnisse: Einmal geben sie für alle positiven Wissenschaf- dern da3 er apriori-Wesen hat oder da3 er es zu erwerben frihig
ten die oberste n Axiome, die uns die Ric htungeiner fruchtbaren ist. Eine ,konstante« Vernunftorganisation, wie sie Kant ange-
Beobachtung, Induktion und Deduktion durch Intellig enz und nommen hat, gibt es dabei keineswegs; sie unterliegt vielmehr
diskursives Denken allererst weisen. I ftir die philosophische prinzipiell dem geschichtlichen Wandel. Nur die Vernunft selbst
Metaphysik aber, deren Endziel die Erkenntnis des absolut sei- als Anlage und Fáhigkeit, durch die Funktionalisierung solcher
enden Seins ist, bilden sie, wie Hegel treffend sagte, die »Fe nster r0 r0 Wesenseinsichten immer neue Denk- und Anschauungs/o rmen,
ins Absolute<<. Denn jedes echte Wesen, das die Vernunft in der Liebens- und Wertungsform en zu bilden und zu gestalten, ist
Welt findet, kann weder selbst, noch kann das Dasein von konstant.
»etwasn solchen Wesens auf empirische Ursachen endlicher Art
zurückgeführt werden. Es kann nur dem einen übersinguláren
Geiste als Attribut des übersinguláren seienden Ens a se atge- I5 Die »phánomenologische Reduktion« als Technik der
Widerstandsaufhebung (Realitát, Widerstand, Bewu8tsein)

l5 Wollen wir von hier aus tiefer in das Wesen des Menschen drin-
*Der Mensch besitzt also sehr wohl jenen »intellectus archetypus«, gen, so haben wir uns das Gefüge der Akte yorztrstellen, die zum
den Kant, der ihn nur als ,Grenzbegriff., anerkannte, ihm bestritt -
Goethe aber ihm ausdrücklich zubilligte.
Akt der Ideierung führen. Bewu8t oder unbewu8t vollzieht der
Mensch eine Technik, die man als versuchsweise A ufhebung des
I Erregbarkeit I Ts 1,33 u. 1947,+t folgt: für alle móglichen geistigen Wirklichkeitscharaktersbezeichnen kann. Das Tier lebt ganz im
Subjekte, die über dasselbe Material denken. I gelten ) I947,+t .folgt:
also 2 Grenze ] Ts 1,33 u. 1947,+t: Grenzen 2 Erfahrung ) r947,+z: Er- Iwerden ] Ts ll2,z+ u. l947,qg folgt: und alles Dasein eines solchen
fahrungen; Ts 1,33 u. 1947,47 folgt: sie gelten nicht nur für diese wirklich Wesens überhaupt als eine Setzung des ewigen Dranges als seines
daseiende Welt, sondern für alle móglichen Welten. 4 sehr ] Ts 1,33 zweiten Attributs aufgefa8t werden. 5 apriori-Wesen] Ts ll2,z+ hs.
u. 1947,+z: gestr.; l962,st: wieder eingef'ügt 4 diese ] Ts r,:: u. r947,qt: korr. aus; apriori-Wissen; so in r947,qe u. l949,sz übernommeu l962,sz:
solche 6 Einmal ... Wissenschaften ] Ts 1,33 u. 1947,+z: Für die posi- Apriori-Wissen [so auch in B.r.r7, 43) 5 da8 er ] Ts ll2¡q u. 1947,+8:
tiven Wissenschaften, deren Feld durch die Prüfbarkeit ihrer deduzier- gestr. 9 diel Ts I l2!q u. L947,+B: gestr. 9 solcherl Ts ll2,z+ u. 1947,+8:
ten 1L947,+z: reduzierten] Sátze vermittels Beobachtung und Messung neuer I0 Wesenseinsichten ] Ts Il2J+ u. 1947,qs folgt: - welche füh-
streng umgrenzt ist, bilden die Wesenserkenntnisse 11947,+z: sie] die rende Pioniere der Menschheit an den erfahrbaren Tatsachen finden und
obersten Voraussetzungen, 6 obersten ] Ts ll2,l+ u. 1947,ql: gestr. von der Menge nach- und mitvollzogen werden auch 18 Mensch ]
6 diel Ts 1123q u. 1947,+z folgt: in den Grenzen der allgemeinsten Ge-
-
Ts I lZ,t+ u. L947,+a Jolgt: dabei 18 versuchsweise I Ts Ll2¡q u. I947,qB:
genstandslogik für alle Gebiete je besondere Gruppen ausmachen und (versuchsweise) 19 Wirklichkeitscharakters] Ts ll2,tq u. 1947,+s
die 10 sie ] Ts I 123q u. 1947,+8: die Wesenserkenntnisse l0 treffend ] folgt:
der Dinge, der Welt 19 kann ) Ts Ll2,34v u. L947,+B folgt: In diesem Ver-
Ts ll2,t+u. 1947,+sfolgt: und bildhaft 14 nurl Ts I l2J+u. 1947,+sfolgt: such, in dieser Technik der Wesenserfassung, schált sich der Logos der
soweit es Wesen ist 15 alsl Ts 1l2J+ u. 1947,+3folgt: dem 16 1947,+z: Wesenheiten aus der konkreten sinnfálligen Dingwelt - sofern sie schon
Fn. gestr.; 1962,51: wieder eingefügt »Gegenstand< geworden - heraus. 19 Tier] Ts ll2,sq
folgt: wir sagten
68 Wesenserkenntnis als Grundakt des Geistes ozl 63 otl a+ Die »phánomenologische Reduktion« 69

Konkreten und in der Wirklichkeit. Mit aller Wirklichkeit ist das Erlebnis des Widerstandes I der schon erschlossenen Welt-
nun je lnachdem eine Stelle im Raum und eine Stelle in der Zeit, spháre - und Widerstand gibt es eben nur für uns er strebendes,
ein letzt und Hier, und zweitens ein zufálliges Sosein verbun- für uns er triebhaftes Leben, für unseren zentralen Lebensdrang.
den, wie es die sinnliche Wahrnehmung je von einem »Aspekt« Das ursprüngliche Wirklichkeitserlebnis als Erlebnis »des
aus gibt. Mensch sein hei8t, dieser Art Wirklichkeit ein kráfti- Widerstandes der Weltn geht allem Be-wu3tsein, geht aller Vor-
ges »Nein<< entgegenschleudern. Das hat Buddha gewuBt, wenn stellung, aller Wahr-nehmun g vorher. Auch die aufdringlichste
er sagt, herrlich sei es, jedes Ding a¿, schatten, furchtbar es zu sinnliche Wahrnehmung ist niemals blo8 bedingt durch den
sein Das hat Platon gewu8t, wenn er die Ideenschau an eine Reiz und den normalen Vorgang im Nervensystem. Eine trieb-
Abwendung der Seele von dem sinnlichen Gehalt der Dinge hafte Zuwendung, sei es Verlangen oder Abscheu, mu8 gleich-
knüpft und an eine Einkehr der Seele in sich selbst, um die t0 t0 falls vorhanden sein, wenn es auch nur zur einfachsten Empfin-
»Ursprünge« der Dinge zu finden. Und nichts anderes meint
auch E. Husserl, wenn er die Ideenerkenntnis an eine »phiino-
menologische Reduktion<<, d. h. eine ,Durchstreichung« oder 2 undl Ts Ll2Js u. 1947,+g folgt: diesen 2 ebenl Ts rl2¡s u. r947,+s:
,Einklammerungn des (zufálligen) Daseinskoeffizienten der gestr. 3 Lebensdrang. ] Ts ll2,ts u. 1947,+gf . folgt: Nicht ein Schlu8

Weltdinge knüpft, url ihre >>essentia« nr gewinnen. Freilich t5


führt z.B. zur Realsetzung der Au3enwelt (die als Spháre z.B. auch im
Traume;-in-der-kasie besteht), nicht der anschauliche Gehalt der
kann ich der Theorie dieser Reduktion bei Husserl im Einzelnen
Wahrnehmung (wie die >Formen(, »Gestalten< [Ts 2 .folgt: Düfte etc.])
nicht zustimmen, wohl aber zugeben, da3 in ihr der Akt gemeint gibt uns das Realitátserlebnis, nicht die Gegenstándlichkeit (die ja auch
ist, der den menschlichen Geist recht eigentlich definiert. Phantasiertes hat), nicht die fixe Stelle im Raume in der Bewegung der
Will man wissen, wie dieser Akt der Reduktion erfolgt, so Aufmerksamkeit usw. , sondern der erlebte Widerstandseindruck
mu3 man wissen, worin unser Wirklichkeitserlebnis eigent- 20 gegen die unterste, primitivste, wie wir sahen, selbst der Pflanze noch
lich besteht. Es gibt für den Wirklichkeitseindruck nicht eine zukommende Stufe des seelischen Lebens, den ,Gefühlsdrang(, gegen
unser nach allen Richtungen ausgreifendes, immer, auch im Schlafe und
besondere angebbare Sensation (blau, hart usw.). Die Wahr-
in den letzten Stufen der Bewu8tlosigkeit noch tatiges Triebzentrum.
nehmung, die Erinnerung, das Denken und alle móglichen In der streng geregelten Ordnung seiner Bestandteile (Farbe, Gestalt,
perzeptiven Akte vermógen uns diesen Eindruck nicht zu ver- Ausdehnung etc.), in der sich, sowohl objektiv wie bei seiner Wahrneh-
schaffen; was sie geben, ist immer nur das Sosein der Dinge, 25 mung für uns, irgendein kórperliches Ding aufbaut - eine Ordnung, die
niemals ihr Dasein. Was uns das Dasein gibt, das ist vielmehr wir z.B. beim pathologischen Abbau der Wahrnehmungsfáhigkeit ITs 2
folgt: genau] studieren kónnen -, ist keiner [L947,s0: keines] ursprüng-
licher als die Realitát, resp. das erlebte Realitátsmoment. Lasset für ein
es; l947,qr: wir sahen es 2 nun ] Ts ll2jq u. 1947,+g: gestr. 3 und Bewu8tsein alle Farben und sinnlichen Materien verbleichen, alle Ge-
zweitens ] Ts ll21+ u. 1947,+8: ferner 8 sein ] Ts I,34 u. 1947,+9: als stalten und Beziehungen zergehen, alle dinglichen Einheitsformen ver-
Zitat gekennzeichnet, es folgt: und eine Technik der Entwirklichung der schweben - das, was schlie8lich gleichsam nackt und vor jeder Art der
Welt und des Selbst entwickelte. l0 um lTs 112,35 u. l947,qg folgt: hier Beschaffenheit frei und ledig noch bleiben wird, das ist der machtvolle
l3 d.h. I Ts Il2Js u. 1947,+g: gestr.; 1962,s3: wieder eingefügt 17 wohl Eindruck der Realitát, der Wirklichkeitseindruck der Welt.; 1947,88 Fn.
aber zugeben, da3 ) 1927,208: DaB aber l8 definiert ] l927,zos Jolgt: zu Lebensdrang: Vgl. ,Erkenntnis und Arbeit« und >Idealismus - Realis-
das sei kurz angedeutet 20 man ] Ts ll2Ss u. 1947,qg folgt: zunáchst mus( a.a.O.; 1962,go Fn.: YgL zum folgenden »Erkenntnis und Arbeit.
22blau, hart usw. ] Ts 1l2,ts u. 1947,+9: hart, fest etc. 22Die] Ts l/2,:s a.a.O. Abschnitt V. 5 gehtl Ts Ll2,zs u. l947,so folgt: also 7 denl
u. l947,qg: Auch die 25 dasl Ts ll2,ts u. 1947,+g folgt: (zufállige) Ts Ll2,zs folgt: (áu8eren); nicht in 1947,so übernommen 10 gleichfalls l
26 Dasein ] Ts ll2,ts u. 1947,+o folgt: (= Wirklichsein) Ts I l21s u. l947,so: gestr.; L962,54: wieder eingeJügt
70 Wesenserkenntnis als Grundakt des Geistes 6+l 6s 65 Der Mensch als »Asket des Lebens« 7t

dung kommen soll. Da also ein Impuls unseres Lebensdranges erscheint und der zugleich die Bedingung ist aller sinnlichen
die unumgángliche Mitbedingung ist für alle mógliche Wahr- Wahrnehmung des zufálligen letzt-Hier-So. Diesen Akt aber
nehmung, kónnen die Widerstánde, welche die den Kórperbil- kann nur eben jenes Sein vollziehen, das wir »Geist« nennen.
dern der Umwelt zugrunde liegenden Kraftzentren und -fel- Nur der Geist in seiner Form als reiner »Willen kann die In-
der - die »Sinnesbildern selbst sind ja gánzlich unwirksam - auf aktualisierungjenes Gefühlsdrangszentrums bewirken, das wir
unseren Lebensdrang ausüben, bereits schon an einer Stelle des als den Zugang ztrm Wirklichsein des Wirklichen erkannten.
zeitlichen Prozesses einer werdendenmóglichen Wahrnehmung
erlebt werden, wo es zu einer bewufiten Bildwahrnehmung noch
nicht gekommen ist. Das Realitátserlebnis ist daher aller unse- Der Mensch als »Asket des Lebensn
rer »Vorstellung« der Welt nicht nach-, sondernvorgegeben. Was 10
hei3t also dann dieses kráftige »Nein((, von dem ich sprach? Was Der Mensch ist also das Lebewesen, das sich zu seinem Leben,
hei8t es, die Welt entwirklichen oder die Welt ,ideieren« ? Es das heftig es durchschauer t, prinzipiell asketisch - die eigenen
hei8t nicht, wie Husserl meint, das Existen zurteil zurückhal- 10 Triebimpulse unterdrückend und verdrángend, ihnen Nah-
ten; es hei8t vielmehr, das Realitritsmoment selbst versuchsweise rung durch Wahrnehmungsbilder und Vorstellungen versa-
aufheben, annihilieren, jenen ganzen, ungeteilten, machtvol- l5 gend - verhalten kann! Mit dem Tiere verglichen, das immer
len Realitátseindruck mit seinem affektiven I Korrelat - hei8t, >>ja<< sagt zum Wirklichsein, auch da noch, wo es verabscheut

jene »Angst des Irdischen« beseitigen, die wie Schiller tief sagt: und flieht, ist der Mensch der ,Ne insagenkiinner<<, der »Asket
,dahin(( nur ist »in jenen Regionen, wo die reinen Formen woh- l5 des Lebens<<, der ewige Protestant gegen alle bloJ3e Wirklichkeit.
nen«. Dieser im Grunde asketische Akt der Entwirklichung
kann, wenn Dasein »Widerstand« ist, nur in der Aufhebung, 20
in der Au3erkraftsetzung eben jenes Lebensdranges bestehen, 2 letzt-Hier-So. ] Ts ll21ov sollte als Fn folgen: Darunt, weil Triebe
und Sinne zusamlnengehóren, meint Platon, es sei Philosophieren ein
im Verhriltnis zu dem die Welt vor allem ,als Widerstand« »ewiges Ersterben< und darum ist jeder ausgeprágte Rationalismus
letzten Endes auf das >asketische Ideal< gegründet.; l947,st: Fn. in den
Text versetzt 2 Aktl Ts llZ,to u. L947,st folgt: der Entwirklichung
I unseres ] Ts Ll2,lo u. I947,s0: des; 1962,5q: unseres 2 die) Ts L12,36 u. 4 kannl Ts ll23o u. 1947,st Jolgt: durch einen Willensakt - und das
1947,so: gestr.; 1962,54: wieder eingefügt 3 mógliche Wahrnehmung] heif3t Hemmungsakt 8 also ] Ts rl2,to u. l947,st: gestr. g das l
Ts 1,36 u. l947,so: móglichen Empfindungen und Wahrnehmungen Ts ll2,le u. l947,st folgt: kraft seines Geistes l0 verdrángend, ]
6 schon ] Ts 1 l21o u. 1947,s0 gestr. 9 daher ) Ts I12,36 u. 1947,so: also Ts ll2,t6 u. 1947,st _folgt: d.h. l5 wirklichkeit. l Ts Ll2,tef. u. l947,stf.:
ll also) I947,s0: aber; 1962,s+: also ll
kráftige] Ts ll2,lo u. 1947,50: folgt: Das ist ganz unabhángig von Weltanschauungs- und Wertfra-
gestr. 13 das I Ts |l23e u. I947,so folgt: (schon in jeder natürlichen gen, ob man (etwa im Sinne Buddhas, der auf alle Fálle diese Frage wie
Wahrnehmung liegende) 14 zurückhalten; I Ts 1 l2J6 u. 1947,so folgt: kaum ein Anderer tief beantwortet hat) diesen Aufschwung des Geistes
das Urteil: »A ist real< fbrdert ja in seinem Prádikat selbst eine Erlebnis- zur unwirklichen Spháre der Essenzen als Endgültigkeitsziel sucht,
füllung, wenn »real, nicht ein leeres Wort sein soll. 14 versuchsweise ] weil man Realitát selbst schon als Übel wertet (»omne ens est malum,),
Ts 1/2,¡o u. I947,so folgt: (für uns) 17 tief) Ts l l2,to u. 1947,50: gestr. oder ob man aus der Spháre der Essenzen - wie ich es für recht halte -
19 wohn€r.« ) Ts ll2,36v u. l947,st folgt: Denn alle Wirklichkeit, schon immer wieder zurück zur Wirklichkeit und ihrem letzt-Hier-so-Sein
weil sie Wirklichkeit ist und ganz gleichgültig, was sie ist, ist für jedes zu kehren sucht, um sie besser zu machen (Dasein zunáchst indifferent
lebendige Wesen zunáchst ein hemmender, beengender Druck und die nehmend gegenüber gut und schlecht), und in dieser ewigen Rhythmik
)reine( Angst (d.h. ohne jedes Objekt) ihr Korrelat. zwischen Idee - Realitát, Geist - Drar-rg - in dent Ausgleich ihrer immer
72 Wesenserkenntnis als Grundakt des Geistes e5lao 66167 73

Er ist zugleich im Verháltnis zum Tiere, dessen Dasein das ver- IV. »Negative« und ,klassische«
kórperte Philisterium isú, der ewige >»Flttst<<, die bestia cupidis-
Theorie vom Menschen
sima rerum novaruln, nie sich beruhigend mit der ihn umrin-
genden Wirklichkeit, immer begierig, die Schranken seines
letzthiersoseins und seiner »Umwelt« I ,u durchb rechen, dar-
unter auch seine eigene jeweilige Selbstwirklichkeit. In diesem IER ABER erhebt sich nun die entscheidende Frage : Ent-
LT
Sinne sieht auch S. Freud in seinem »)enseits des Lustprinzips« I I springt durch die Askese, verdrángung, Sublimierung
im Menschen den >,Triebverdránger«. Und nur weil er das ist, s erst der Geist, oder erhált er durch sie nur seine Energie? Nach
kann der Mensch seine Wahrnehmungswelt durch ein ideelles meiner Überzeugung ist durch jene negative Tátigkeit, jenes
Gedankenreich überbauen, anderseits aber eben hierdurch sei- t0 »Nein« zur Wirklichkeit, keineswegs das Seiru des Geistes, son-
nem ihm einwohnenden Geiste die in den verdrángten Trieben dern nur gleichsam sei ne Belieferung mit Energie, und damit
schlummernd e Energi e steigend zuführen. D. h.: der Mensch seine Manifestationsfáhigkeit bedingt. Der Geist selbst ist, wie
kann seine Triebenergie zu geistiger Tátigkeit sublimieren. l0 wir sagten, in letzter Linie ein Attribut des Seienden selbst, das
im Menschen manifest wird, in der Konzentrationseinheit der
sich zu sich »sammelnden« Person. Aber - a/s solcher ist der
Geist in sein er >>reinen<< Form ursprünglich schlechthi n ohne
alle ,Machf<<, »Kraftn, »Tátigkeit«. Um überhaupt irgendeinen
ls noch so kleinen Grad von Tátigkeit zu gewinnen, mu8 jene
Askese, jene Triebverdrángung und gleichzeitige Sublimierung
hinzukommen, von der wir sprachen. I

3 nun die entscheidende) Ts 2,38: die entscheidendste; Ts 1,38 u. 1947,sz:


wiederum eine entscheidende 4 die Askese, Verdrángung, Sublimie-
rung] Ts 2,:a: diese Askese, Verdrángung, Sublimierung, durch dieses
nicht gelegentliche, sondern konstitutionelle Nein; nicht in 1947,sz
übernommen 5 Energie?l l927,zto folgt: In der Beantwortung dieser
Frage scheider-r sich die Wege in einem entscheidenden Sinne.; Ts 1,38
u. l947,sz folgt: Ist diese innere Technik - wenngleich durch das ,non
wáhrenden Spannung - das wahre Leben und die wah re Bestimmung fiat, des triebhemmenden Wollens selbst schon bedingt nur eine
des Menschen sieht. I Er ist zugleich ] Ts ll2,tt u. l947,sz: Auf alle Dispositionsschaffung für die Manifestation des Geistes im Menschen,
Fálle ist der Mensch 5 und seiner »Umwelt« I Ts ll2,lt u. 1947,s2: gestr. oder aber entspringt der Geist seinem Wesen, seinen Prinzipien und
5 durchbrechen, ] Ts ll23t u. 1947,sz folgt: immer strebend, die wirk- seinen Gesetzen nach erst durch diese 11947,s2 folgt: Art] Verdrángung,
lichkeit, die ihn umgibt, zu transzendieren - 7 in seinem »fenseits des Sublimierung? 7 Wirklichkeit,I Ts I l2}s u. 1947,sz folgt: jene Abstel-
Lustprinzips« ] Ts ll2,lt: gestr.; l947,ag Fn.: YgL S. Freud »fenseits des lung, Inaktivierung der Wirklichkeit und Bild gebenden Triebzentren
Lustprinzips<. 8 ist, ] Ts I l2Jt u. 1947,sz folgt: durch dieses nicht ge- 9 selbst ] Ts 2,:a u. L947,s2: gestr. l0 wir ) Ts 112,38 u. l947,sz folgt: be-
Iegentliche, sondern konstitutionel/e ,Nein< zurn Triebe, 9 Wahrneh- reits 13 »>reinen«) Ts ll2,l8 u. 1947,53: reinen 14 überhaupt ] Ts I l2,lB
mungswelt ] L949,se: Wahrnehmungen; l962,so: Wahrnehmungswelt u. 1947,53: gestr. 15 vonl Ts l l2}s u. L947,st folgt: Kraft und 17 von
l0 anderseits aber ] Ts ll2,lz u. l947,sz: und; l962,se: andererseits der wir sprachen. ] Ts 1,38 u. 1947,s3: gestr.
13 kann ) 1927,2to folgt: zugleich
74 »Negative« und »klassischeu Theorie vom Menschen 6Z eTlet Negative Theorie und Kritik 75

Von hier aus gewinnen wir nun Einsicht in zwei erste Móg- auch alle moralischen, logischen, ásthetisch schauenden und
lichkeiten der Auffassung des Geistes, die in der Geschichte der künstlerisch bildenden Akte ausschlie8lich durchjenes »Nein«
Menschidee eine fundamentale Rolle spielen. Die erste dieser erst erstehen. - Ich wei se beide Tteorien zurück. Ich behaupte,
Theorien, die die Griechen ausgebildet haben, spricht dem Gei- da3 zwar durch jenen negativen Akt die Energisierung des
ste selbsf nicht nur Kraft und Tátigkeit, sondern das Hóchstma3 von Hause aus ohnmáchtig€n, nur in einer Gruppe von reinen
der Macht und Kraft zu - wir nennen sie die ,rklassische« Theorie >>Intentionen<< bestehenden I Geistes erfolg., nicht aber eben
vom Menschen. Sie ist Bestandteil einer Gesamtweltanschau- hierdurch der Geist allererst »entspringe«.
ung, die behauptet, da8 das von vornherein bestehende und
durch den Werdeproze{l der Geschichte unveriinderliche Sein
deruWelt« (Kosmos) so gebaut sei, da3 die hóheren Formen des t0 Negative Theorie und Kritik
Seins von der Gottheit bis zur materia bruta auch die je machti-
geren, kraftvolleren, also dte kausierenden Seinsweisen sind. Der Jt Fün DIE negative Theorie des Menschen nenne ich einige
Hóhepunkt einer solchen Welt ist dann natürlich der geistige r0 in sich allerdings recht verschiedenartige Beispiele: Buddhas
und allmáchtige Gott, der Gott also, der eben durch seinen Geist Erlósungslehre, Schopenhauers Lehre von der rSelbstnegation
auch allmrichtigist. Die zweite entgegengesetzte Auffassung, die l5 des Willens zum Lebenn, das beachtenswerte Buch von Alsberg
wir die »negative Theorie« des Menschen nennen wollen, vertritt »Das Menschheitsrátsel«, endlich auch díe Spriflehre S. Freuds,
die umgekehrte Meinung, dal3 der Geist selbst - soweit dieser besonders in »fenseits des Lustprinzips«. Ich kann auf diese
Begriff dann überhaupt zugelassen wird -, da3 zum minde- 15 Lehren nicht im einzelnen eingehen, ihnen nur einige Worte
r erzeugenden« Tátigkeiten des Menschen, also
sten alle »Kultu widmen. Für Buddha endet der Sinn des menschlichen Daseins
in der Erlóschung seiner als Begierdesubjekt, respektive Erwir-
kung einer nur noch geschauten Wesenswelt, d. h. der Nichtsheit
oder des Nirwana. Eine positive Idee des Geistes besitzt Buddha
1 nun ] Ts llZJB u. 1947,s3: gestr. I erste ] Ts ll2,lg u. 1947,5t: gestr.
5 nur ] Ts I l2,ts u. I947,sl folgt: eine eigentümliche Wesenheit und Au-
20 nicht, weder im Menschen noch im Weltgrunde. Nur die kau-
tonomie, sondern auch 5 Tátigkeit I Ts ll2JB u. l947,st folgt: (voüg
norr¡ttrcóg) 5 sondern Ts 1l2,lg u. 1947,s3:
] ja 6 der Macht und
Kraft ] Ts 1 l2SB u. 1962,57: von Macht und Kraft; 1947,s3: von Macht des
Geistes 6 sie) l927,zll: diese Theorie 7 - wir nennen ... vom Men- I also auch ] Ts I l2JB u. 1947,53: gestr. 4 daf, zwar durch jenen nega-
schen ) 1947,s3: gestr.; 1962,57: wieder eingefügú; Ts 1,38: - wir nennen tiven Akt ] Ts I 12,t8 u. 1947,s3: da8 der Geist zwar eigenes Wesen und
... des Geistes; nicht in 1947,fi übernommen 7 ist I l927,ztt J'olgt: der Gesetzlichkeit hat, aber keinerlei ursprüngliche Eigenenergie; da{3 zwar
l0 (Kosmos) Ts ll2,tg u. l947st gestr.; l962,st: wieder eingefúgt
] durch jenen negativen Akt des (selbst schon geistigen) triebhemmenden
10 die I Ts I l2JB u. l947,ss folgt: je 12 also I Ts I 1238 u. 1947,s3: gestr.; wollens 6 eben )Ts 112,38 u. 1947,sl: gestr. l2 das ] Ts r,39 u. 1947,s3:
l962,st: wieder eingefügt 13 dann natürlich ] Ts ll2,ts u. 1947,s3: ferner das 16 Ich kann ... widmen.] Ts I,39 u. r947,s4: gestr. 16 Bud-
gestr. 14 Gott, der Gott also, ] Ts I 1238 u. 1947,s3: gestr. 15 allmách- dha) Ts 1,39 u. 1947,sq folgt: der mit unvergleichlicher Tiefe erkannte,
tig ist ) l947,st u. 1962,57: allmáchtige Gott 15 Auffassung I Ts 1/2,44 da8 Wirklichkeitsgegebenheit Leiden am Widerstande ist, 17 re-
u. 1947,s3: Lehre 16 des Menschen ] Ts 1,38 u. 1947,s3: des Geistes; spektive ] Ts 1,:s u. L947,s+ folgt: in der; 1962,58: bzw. in der 19 oder ]
1962,57: des Menschen 16 wollen] Ts llZJB u. 1947,s3: gestr. 17 die Ts 1,39 u. 1947,s+ folgt: mythologisch ausgedrückt: 20 Nur] Ts l,3e u.
trmgekehrte ] Ts I l2,tB u. 1947,53: umgekehrt die 17 selbst ] Ts 1/2,38 u. 1947,s+ folgt: seine Technik der Erkenntnis und des leidenüberwinden-
1947,s3: gestr.; 1962,sl: wieder eingefügt den ,heiligen Wissens. und
76 »Negative« und »klassischeu Theorie vom Menschen 68 | 69 6g lto Negative Theorie und Kritik 77

sale Ordnung, in der bei der Technik der Entwirklichung durch bildung kennt, ist ihm eine Folge der Sprache, nicht ihre Wurzel;
innere Aufhebung der Begier und dessen, was er den »Durst« die Sprache selbst sieht er als »immaterielles Werk zeug<< zwecks
nennt, die sinnlichen Qualitáten, die Gestalten, die Relationen, Ausschaltung der Arbeit der Sinnesorgane an. Als Grund für die
Ráumlichkeit und Zeitlichkeit des Seins, Sf¿i ck f;ür Stück weg- Entstehung dieses »Prinzips der Menschlichkeit« oder die Ten-
fallen, hat er tiefsinnig erkan nt. Schopenhauer sieht das Wesens- s denz des Lebens, seine Organe auszuschalten und »Werkzeuge«
merkmal der Verschiedenheit von Tier und Mensch ausschlie8- und »Zeich€n« an die Stelle der lebendigen Organfunktion zu
lich darin, da8 das Tier jene »erlósenden Negation des Willens setzen, und damit auch als Grund der steigenden »Vergehirn-
zrtm Leben nicht zu vollziehen vermag, die der Mensch in sei- lichung« des Menschen im morphologischen und physiologi-
nen hóchsten Exemplaren vollziehen kann - jene Negation, die schen Sinne, sieht Alsberg die besond ers mangelhafte Organan-
Schopenhauer wie seinem Lehrer Bouterweck der Quell ist aller l0 l0 Passung des Menschen an seine Umwelt an (Mangel an Greif-
»hóheren Formenu des Bewu3tseins und Wissens in Metaphy- fu3, Kletterlfu3, Klauen, Eckzáhnen, Haarkleid usw.), d. h. den
sik, Kunst, Mitleidsethos usw. | ,l,lsberg, ein Schüler Schopen- Mangel an jenen spezifischen Organanpassungen, die seine
hauers, erkennt sehr richtig, da3 weder ein morphologisches, náchsten Anverwandten, die Menschenaffen, besitzen. Das,
noch ein physiologisches, noch ein empirisch-psychologisches was man »Geist<« nennt, ist also für Alsberg ein spát entstande-
Merkmal die allgemeine überzeugung der Kulturwelt von 15 ls nes Surrogat fiúr mangelnde Organanpassung - man kónnte im
einem Wesensunterschied von Mensch und Tier rechtfertigen Sinne Alfred Adlers sagen: eine Überkompensation von konsti-
kann. Er hat Schopenhauers Lehre erweitert zu der These, das tutioneller Orsan-Minderwertigkeit der Mensch enart. - Auch
»Prinzip der Menschlichkeit« liege ausschlie8lich darin, da3 die Spátlehre S. Freuds gehórt in den Kreis der negativen Theo-
der Mensch seine Organe aus dem Lebenskampf der Indivi- rien des Menschen. Die Worte Trieb- und Affekt»,verdrángung«
dual- und Arterhaltung auszuschalten gewu8t habe zugunsten 20 20 hatte sogar schon Schopenhauer ausdrücklich gebraucht, um,
des Werkzeugs, der Sprache, der BegriffsbildunS,, welch letztere wie er sich ausdrückt, bestimmte ,Wahnformen << ztr erkláren.
er auf die Ausschaltung der Sinnesorgane und -funktionen und Es ist bekannt, wie gro3artig Freud diesen Gedanken für die
auf das Machsche Prinzip einer móglichsten »Ersparnis« mit Entstehung der Neurose ausbaute. Aber nach Freud sollen diese
sinnlichen Inhalten zurückführt. Ausdrücklich weist Alsberg selben Triebverdrángungen, die nach der einen Richtung die
es ab, den Menschen durch Geist und Vernunft erst zu definie- 25 2s Neurose erkláren sollen, für den Fall, da8 die verdrángte Ener-
ren. Die Vernunft, die er - fálschlich, wie sein Lehrer Schopen- gie der Triebe ,sublimiert« wird, andererseits nichts weniger
hauer - nur als diskursives Denken, insbesondere als Begriffs-
4 oder die ] Ts ll2,qo u. L947,ss: , diese 6 Organfunktion I l947,ss:
Organfunktionen 7 und ] Ts ll2,+o u. l947,ss: gestr. 14 Alsberg I
1 der ] Ts I ,ls folgt: Ausübung seiner; 1947,s+: Ausübung der 2 und ] Ts ll2,qo u. l947,ss folgt: nur 16 Adlers ] Ts rl2,qo u. L947,ss folgt:
Ts I,39 u. 1947,s4: gestr. 3 nennt,] Ts 1,39 u. 1947,sqfolgt: die sinnliche der auf diese Weise gewisse Hochbegabungen des Menschen erklárt,
Wirklichkeitswelt und die Leib- und Seelenvorgánge dahinschwinden - 16 von ] Ts I 12,+o u. 1947,s5: gestr. 18 gehórt] Ts \l2,+o u. l947,ss
folgt:
5 erkannt. ] 1962,go Fn.: YgL den Auf'satz »Vom Sinn des Leides« (1915, wie ich sagte, 19 Theorien ] Ts I l2,qo u. l947,ss: Theorie 2l erkláren ]
erweitert 1922), aufgenommen in Schriften zur Soziologie und Welt- L949,eo: kláren; L962,sg: erkláren 23 ausbaute ] Ts ll2,qo u. l947,ss:
anschauungslehre, 1923, 2. Auflage L962 im Francke Verlag; sliehe] ausgebaut hat 24 Triebverdrángungen ) l947,ss u. 1962,60: Triebver-
Gesammelte werke Bd. 6. 12 usw. ] Ts 1,39 u. l947,sq: gestr. 24 mit ánderurlgen 26 andererseits ] Ts ll2,+o u. I947,ss: gestr. 26 nichts ]
sinnlichen Inhalten ] Ts 1,39 u. 1947,s4: sinnlicher Inhalte 1947,ss: nicht; 1962,eo: nichts
78 »Negativen und »klassischeu Theorie vom Menschen 70l7r ztltz Negative Theorie und Kritik 79

hervorbringen als die Fáhigkeit zu jeder Art hóherer Kultur- Der Grundmangel jeder Art dieser negativen Theorie des
gestaltu rlg, ja, wie Freud ausdrücklich sagt, die Spe zifitat der Menschen ist die Tatsache, da3 sie keine Spur Antwort auf fol-
menschlichen Konstitution selbst. So heiBt es ausdrücklich im gende Fragen gibt: Was denn im Menschen negiert , was denn
»|enseits des Lustprinzips«: »Die bisherige Entwicklung des verneint den Willen Leben, was verdrángt Triebe, und aus
z;'l't;:,
Menschen scheint mir keiner anderen Erklárung zu bedür- s welchem verschieden en Letztgrunde wird das eine Mal die ver-
fen als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl von drángte Triebenergie Neurose, das andere Mal aber sublimiert
menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Ver- zu kulturgestaltender Tátigkeit? Wohin wird sublimiert, und
vollkommnung beobachtet, lál3t sich ungezwungen als Folge der wieso stimmen die Prinzipien des Geistes zvm mindesten par-
Triebverdrángung verstehen, auf welcher das Wertvollste an der tiell mit den Seinslprinzipien zusammen? Endlich: wozu wird
menschlichen Kultur aufgebaut ist« usw. (S.+o). Man hat noch l0 l0 verdrángt, sublimiert, der Lebenswille negiert - um welcher
wenig I darauf geachtet, da8 der spáte Freud, seit Aufstellung Endwerte und Endziele willen? Auch Alsberg mu8 man fragen:
seiner dualistischen Grundlehre von den zwei Grundtrieben Was leistet denn die Organausschaltung, was erfindet denn
Libido und Todestrieb, nicht nur mit Schopenhauer, sondern die materiellen und immateriellen Werkzeuge? Das »Bedürf-
selbst direkt mit Buddhas Lehre einen seltsamen Zusammen- nis«, das schon Lamarck für Organneubildung so ma8los über-
hang gewinnt. Nach beider Lehre sind im Grunde alle Formen l5
des Geistes vom materiellen Ding an über Pflanze, Tier, Mensch
I Der) Am Beginn dieses Absatzes heil3t es inTs ll2,+l u. 1947,s6: Auch
bis zu dem das »heilige Wissen« besitzenden Weisen gleichsam
nicht einer dieser Thesen der ,negativen Theorie, des Geistes [Ts 2,+t:
Gruppen eines erstarrten Festzugs in die stille Nichtsheit, in den vom Menschen] kann ich meine Zustimmung geben. Es sind lauter
ewigen Tod. Ist doch nach Freud, der fálschlich, wie ich glaube, Thesen einseitiger, nur auf Lebenswerte bezogener »Psychiker( - wenn
dem Organismus überhaupt eine Tendenz schlechthinniger 20 ich den alten Unterschied von Psychiker und Pneumatiker hier anwen-
Soseins erhaltung, eine Tend enz zvr Ruhelage, zu Reizschutz den darf. Selbst Buddha war ein ausgeprágter Psychiker. Ich bin sogar
und »Reizverweigerung« beilegt, schon das Machtsysteftt, das der Meinung, da8 die gesamte indische Kultur die spezifisch griechi-
sche und abendlándische Kategorie des »Geistes« nicht besaB. Alle indi-
beim Tiere zu den Ernáhrungs-, Wachstums- und Fortpflan- schen Systeme sind entweder positiver oder negativer Biologismus, und
zungssystemen hinzutritt und sich zwischer sie und die Umwelt dies sowohl der Eigenart des Anorganischen gegenüber, wie der Eigen-
einschaltet (im Gegens atz ztr Pflanze), eine relative Leistung 25 art des Geistigen. Doch dies nebenbei. Der I dieser negativen ]
des im Grunde sadistischen, zerstórenden Todestriebes als der Ts ll2,+t u. I947,se: von negativer 2 Menschen ] L947,se: Geistes
Ursehnsucht des Lebens »ins Anorganische zurück«. 3 folgende ] Ts ll2,+t u. l947,so: die fundamentalen 4 und I l947,so:
gestr.; l962,ot: wieder eingefügt 6 aber ) L947,s6: gestr. 7 sublimiert. ]
1962,g0 Fn.: YgL das Kapitel »Zu Freuds Ontogenie< in Wesen und For-
men der Sympathie (bereits in der Erstauflage von 1913 »Zur Phánome-
4 in »fenseits des Lustprinzips« ] Ts I 12,+o u. 1947,s5: gestr.; l962,eo Fn.: nologie und Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe und HaB«).
Vgl. »|enseits des Lustprinzips< (1918), S.40. 10 usw. (S.40) ) Ts Ll2,+o 9 zusammen] Ts Ll2,q u. l947,se: überein 12 Was leistet denn die
u. L947,ss gestr.; vgl. vorangegangene Anm. l0 noch ] Ts ll2,+o u. Organausschaltung ] Ts 1/2,41 u. 1947,se: Was ist es denn, was die Or-
l947,ss folgt: viel zu L2 Grundlehre ] Ts rl2,qo u. L947,ss: Lehre ganausschaltung leistet l3 Werkzeuge? ] Ts ll2,q u. L947,se f .
14 seltsamen, ] Ts l/2,40 u. 1947,56 folgt: zuweilen zu klarer Bewu3theit
folgt:
Und werden die Organe denn wirklich »ausgeschaltet< - und nur um
gelangenden 16 Geistes vom materiellen Ding] Ts Il2,+o u. 1947,se: derselben Werte und Ziele willen, die auch dem Tiere eigen sind: zur
Daseins, von materiellen Dingen 17 Weisen ) L927,zts: Menschen Individual- und Arterhaltung auf dieser Erdrinde? 14 für lTs Ll2,4t u.
26 zerstórenden ] Ts 1 12,+t u. 1947,s6: zerstórerischen l947,sz folgt: die
80 »Negative« und »klassischeu Theorie vom Menschen 72 rultt Negative Theorie und Kritik 81

schátzte, wenn er es selbst als letzte »Ursache seiner eige- der bereits die Triebverdrringung einleitef, indem der ideen- und
nen Befriedigung« ansieht, allein genügt keineswegs. Warum wertgeleitete Wille all den ideewiderstreitenden Impulsen I des
starb denn die so schlecht angepa8te Art nicht aus, wie hun- Trieblebens die zu einer Trtebhandlung notwendigen Vorstel-
dert andere Arten ausstarben? Wie war es móglich, da3 sich lungen versagt und anderseits die den Ideen und Werten ange-
dieses schon fast zum Tode verurteilte Wesen, dieses kronke, s messenen Vorstellungen den lauernden Trieben wie Kóder vor
zurückgebliebene, leidende Tier, mit der Grundhaltung ángst- Augen stellt, um die Triebimpulse auf diese Weise so zu koor-
licher Selbstumhüllung, Selbstschutzes seiner schlecht angepa8- dinieren, da3 sie das geistgesetzte Willensprojekt ausführen.
ten, überverletzlichen Organe, in das »Prinzip der Menschlich- Diesen eben geschilderten Grundvorgang wollen wir Lenkung
keit« und damit in die Zivilisation und Kultur rettete? Man hat nennen, die in einem »Hemmen(( und »Entheffrrr€n« von Trieb-
gesagt, der Mensch habe einen Triebüberschu3 als ursprüng- l0 10 impulsen besteht; und unter Leitung wollen wir verstehen die
liches Artmerkmal (A. Seydel), und daher habe er verdrán- Vorhaltung - gleichsam - der Idee und des Wertes selbst, die
gen müssen Aber - dieser Triebüberschu3 dürfte doch wohl je durch die Triebbewegungen sich verwirklichen. Was aber der
gerade umgekehrt erst die Folge der bereits vollzogenen Trieb- Geist nichf vermag, ist dies: selbst irgendwelche Triebenergie
verdrángung sein und keineswegs ihre Ursache. Die negative erzeugen oder aufheben. Aber nicht nur diese Verdrángung
Theorie des Menschen setzt das, was durch sie erklárt werden t5 ls vom Geiste aus, auch das Endziel ist wieder etwas Positives:
soll, immer schon voraus : die Vernunft, den Geist, eine eigene
selbstiindige Gesetzlichkeit des Geistes und die teilweise Identi-
I ideen- ) 1947,s7 u. 1962,02: idee- 2 wertgeleitete ] Ts 1i2,42 u. 1947,st
folgt: geistige 2 alll Ts Il2,qz u. 1947,st: gestr. 2 ideewiderstreiten-
tát seiner Prinzípien mit denen des Seins. Eben der Geist ist es, den ] Ts 1 ll,qz u. L947,52: idee-wertwiderstreitenden 4 und ] Ts I 12,+z
u. l947,sz: gestr. 5 die den ... Trieben ] Ts ll2,+z u. l947,sz: den lau-
ernden Trieben idee- und wertangemessene Vorstellungen gleichsam
1 selbst ] Ts 1/2,41 u. l947,st: gestr.; 1962,6t: wieder eingefügt I Ursache ]
6 auf diese Weise ] Ts I 12,+2 u. l947,sz: gestr. 7 ausführen. ] Ts I 12,q2
Ts ll2,q u. L947,sz folgt: auch 2 allein genügt keineswegs.] Ts Ll2,+zu. u. l947,st folgt:, in Wirklichkeit überführen. 8 eben geschilder-
r947,sz: genügt keineswegs als Erklárung. 3 die ) Ts 112,42 u. 1947,5t: ten ] Ts llL,qz u. 1947,52: gestr. 9 wollen wir ... nennen ] Ts ll2,qz t.
diese organisch 3 Art ] Ts I 12,42 u. 1947,st folgt: die »Mensch, hei8t, I947,sz: nennen wir 9 »Hemmen« ] Ts 1l2,qz u. l947,st folgt: (non fiat)
4 hundert andere Arten ] Ts 1 l2,qz u. 1947,57: Hunderte anderer Arten 9 »Enthemmen« ] Ts ll2,+z u. l947,st folgt: (non non fiat) f O Trieb-
auch 7 Selbstschutzes ) Ts 112,42 u. L947,sz: des Selbstschutzes 9 ret- impulsen I Ts ll2,qz u. l947,sz folgt: durch den geistigen Willen
tete?)Ts 112,42u. l947,st folgt: - und das heiBt doch: in das Prinzip eines 10 wollen wir verstehen ] Ts ll2,qz u. 1947,s8: gestr. 12 je] Ts l/2, 42 u.
objektiven Fortschritts und Wachstums der Sinngebilde des objektiven L947,ss: dann je erst 12 verwirklichen. I Ts 2,+z folgf: (Ursprüngliche
Geistes? Wie rettete es sich aus dieser »Sackgasse( (die ich als solche Lenkdetermination hat das, was wir zentrales geistiges »Wollen( nen-
rein biologisch zugebe) einer Lebensrichtung? Sicher doch nicht durch nen, also nicht auf die Triebe selbst, sondern nur auf die Abwandlung
Vernunfl, durch Geist, der ja erst durch Askese, Verdrángung, Organ- der Vorstellungen.); Ts 1: durchgestr.; nicht in l947,sa übernommen
ausschaltung entsprungen sein soll! 11 (A. Seydel) ) l962,so Fn.: Vgl. 14 aufheben ] Ts Ll2,+z folgt: vergróBern oder verkleinern. Er vermag
die (von H. Prinzhorn herausgegebene) nachgelassene Schrift des jun- nur je verschiedene Triebgestalten hervorzurufen, die eben das den Or-
gen Alfred Seidel »Bewusstsein als Verhángnis<, Bonn L927. 12 doch ganismus handelnd vollziehen lassen, was er - der Geist ,will,. (Depres-
wohl I Ts 112,+z gestr.; l947,st u. 1962,62: wieder eingefügt 14 Triebver- sion: Unansprechbarkeit der Triebe); bis auf den Zusatz in Klammern so
drángung ] 1962,62: Triebveránderung l5 des Menschen ] Ts Il2,q2 u. auch in l947,ss l5 diese Verdrángung vom Geiste aus)Ts ll2,+t: diese,
1947,5t: gestr. l5 setzt ] Ts 1/2,42 u. 1947,sl folgr: eben in jeder Form, in durch die Vorstellungsregulation vermittelte Triebregulation geht vom
der sie auftritt, l7 teilweise ] Ts rl2,+2 t. 1947,57: gestr.; l962,ez: wieder Geiste aus; l947,sg u. L962,ez: diese durch die Vorstellungsregulation
eingefügt 18 Seins I Ts 1 12,+2 u. 1947,st Jolgt: selbsr vermittelte, vom Geiste ausgehende Triebregulation
82 »Negative« snd »klassische« Theorie vom Menschen nlZ+ Klassische Theorie und Kritik 83

das innere Frei- und Selbstándigwerden und die Macht- und diese klassische Theorie des Geistes auftritt bei Plato und Aristo-
Tátigkeitsgewinnung - sagen wir kurz: dte Verlebendigung des teles, wo die Ideen und die Formen zuerst als gestaltende Krrifte
Geistes. Das allein verdient rechtmriflis Sublimierung des Lebens auftreten, die aus ein€rl » pr1 óv« respektive dem »Móglichsein«
zum Geiste genannt zu werden - nicht aber ein mystischer Vor- der prima materia die Weltdinge formen; ob sie in der theisti-
gang, der neue geistige Qualitáten schaffen soll. s schen Form jüdisch-christlicher Religiositát erscheint, die Gott
nur reinen Geist sein lá3t und ihm als solchem nicht nur Lei-
tung und Lenkung (Hemmen und Enthemmen), sondern einen
Klassische Theorie und Kritik positiven, schópferischen, ja sogar allmiichtigen Willen beilegt;
ob sie in mehr pantheistischer Form auftritt wie bei I. G. Fichte
tl' Daulr KoMMEN wir zur sogenannten »klassischen Theorie« l0 oder in Hegels Panlogismus, nach dem die Weltgeschichte auf
zurück. Sie ist, wie ich bereits sagte, ebenso falsch wie die nega- der Selbstexplikation der góttlichen Idee nach einem Gesetz der
tive Theorie. Da aber diese klassische Theorie fast die ges amte Dialektik beruhen soll, der Mensch aber in seinem Kerne nur
Philosophie des Abendlandes beherrscht, ist ihr Irrtum für l0 das werdende Selbstbewu8tsein ist, das die ewige geistige Gott-
uns ein viel gefáhrlicherer. Diese Theorie mit ihrem Ursprung heit von sich selbst »in ihm« gewinnt - die klassische Theorie
im griechischen Geist- und Ideenbegriff ist die Lehre von der ls krankt überall und immer an demselben lrrtum, es bes itze Geist
»Selbstmacht der ldee«, ihrer ursprünglichen Kraft und Tátig- und Idee eine ursprüngliche Machf. Diese klassische Menschen-
keit, I ihrer Wirkfáhigkeit, die die Griechen zuerst konzipierten lehre tritt vor allem in zwei Hauptformen auf: in der Lehre von
und die durch sie hindurch zu einer Grundauffassung des gró3- l5
ten Teiles des abendlándischen Bürgertums geworden ist.. Ob 2 und ] Ts ll2,ql u. l947,sg respektive; 1962,ol: bzw. 2 zuerst ]
Ts I12,+3 u. L947,s8: zugleich 7 (Hemmen und Enthemmen) ] Ts 112,+t
. Soziologisch ist die klassische Theorie zugleich eine Klassenideo- u. r947,ss: gestr.; L962,oz: (Hemmen und Guthemmen) t!] Lz aber ]
logie, die Ideologie einer Oberklasse, des Bürgertums. Vgl. meine »Sozio- Ts ll2,+z u. 1947,s8: gestr. 13 Selbstbewu8tsein ] Ts ll2,+3 u. l947,ss
logie des Wissens« in »Wissen und Gesellschaftu (S. zoz ff.). folgt: das werdende Bewu8tsein der Freiheit 14 ihm«] Ts Ll2,+t u.
l947,sg folgt: in seiner Geschichte, 15 lrrtum,) Ts ll2,+l u. l947,sg
1 Frei- und Selbstándigwerden ] Ts ll2,+t u. 1947,s8: Freier- und Selbst- Jolgt: den abzutun der Menschheit die schwersten Erfahrungen kostet:
stándigerwerden 2 Tátigkeitsgewinnung )Ts 112,43 u. 1947,sB folgf : des 16 Machúl Ts |l2,+t: Selbstmacht; es folgt [Ts l,+:] mit Maria Schelers
Geistes 4 des Lebens zum Geiste] Ts I12,43 u. 1947,58: gestr; 1962,oz: Hinweis auf die »sehr gekürzten« Seiten von 8.1,17, 63/64: - er sei auch
wieder eingefilgt 5 der ] Ts lll,qz folgt: den {Jrsprung4es Geistes aus ohne den Lebensdrang [Ts 1: Drang] ein máchtiges, ja im{rheis,mrs ein
der Triebverdrángung entspringen lassen und; korr. Text in 1947,sa allmáchtiges Prinzip. Hier beginnt das relative Recht der gro8en G.g-
übernommen 7 sogenannten ] Ts I 12,+3 u. L947,s8: gestr. 7 Theorie«) ner der klassischen Lehre, der Triebnaturalisten, von Epicur, Hobbes,
Ts 2,43 u. L947,ss folgt: des Geistes 9 Theorie ] Ts ll2,$ u. l947,es: Machiavell, Lammetrie bis zu Schopenhauer, Marx und Freud, die aber
gestr.; L962,6t: wieder eingefügt 9 aber ... Theorie ] Ts ll2,+t u. l947,sl: in ihrer reaktiven Opposition gegen die klassische Lehre ihrerseits ge-
sie aber ll für uns] Ts Ll2,+3 u. l947,sg: gestr. 13 ursprünglichen] rade die Wahrheit preisgaben, die in dieser Lehre liegt: die Autonomie
I927,2tt: inneren 17 ist I 1962,« folgt: also L7 zugleich I l962,ot: des Geistes in seiner Essentia und seinen Gesetzen. Damit aber haben
gestr. 17 eine I Ts I,$ folgt: einseitige 18 meine »] L947,ag folgt: sie [Ts 1: diese] ihre eigene Theorie - wie jede Theorie überhaupt - ent-
Probleme einer 19 Wissens« ) in Druckvorl. für l962,ss folgf: a. a. O. wertet. Denn die Autonomie des Geistes ist die oberste Voraussetzung
Abschn. II A. 19 (S.zozff.) I l947,sg folgt: und den Aufsatz »Der für die Idee der,Wahrheit< und ihre mógliche Erkennbarkeit.; mit ge-
Mensch im Weltalter des Ausgleichs. in >Philosophische Weltanschau- ringfügigen Abweichungen in 1947,sg übernommen l7 Diese klassische
ung(, Bonn t929,S.ru. Menschenlehre ] Ts I ,44 u. L947,sg: Die klassische Lehre
84 »Negativeu und »klassischeu Theorie vom Menschen ruiS zslfi Verháltnis von Geist und Macht 85

der geistigen Seelensubstanz des Menschen und jenen Lehren, háltnis zu den untermenschlichen Bewu3tseinsformen im Men-
nach denen nur ein ein ziger Geist existiert, im Verháltnis zu s Menschen _ genetisch
dem alle einzelnen Geister nur Modi oder I fatigkeitszentren z die zu den niedrigeren
dieses Geistes sind (Averroes, Spinoza, Hegel). Die Substanz- g nd Naturalismus) - wi
lehre der Seele beruht ihrerseits auf einer vóllig unberechtigten sa Seinsformen seien (Jrsa
Anwendung der áu8eren Ding-kategorie oder - in ihrer álteren rigeren, es I gebe z.B.je eine Lebens kraft, eine Bewu8tseinsfá-
Form - der organismenhaften Scheidung und Anwendung der tigkeit, einen von Hause aus máchtigen tátigen Geist (Vitalismus
Kategorien von »Stoff<< und »Form<. auf das Verháltnis von Leib und Idealismus). Führt die negative Theorie zu falscher mecha-
und Seele (Thomas von Aquino). Beide Anwendungen kosmo- nistischer Allerklárung, so führt die klassische zu dem haltlo-
logischer Kategorien auf das zentrale Sein des Menschen ver- IO l0 sen Unsinn einer sogenannten »teleologischenu Weltanschau-
fehlen ihr Ziel. Die Person des Menschen ist keine »Substanz<<,
sondern nur eine monarchische Anordnung von Akten, unter
denen je einer die Führung und Leitung besitzt. Aber sehen
wir ab von der Kritik der Einzelgestaltung dieser Lehren. Der
Grundirrtum, aus dem die ,klassischen Theorie des Menschen I5
stammt, ist ein tiefer, grundsiitzlicher, mit dem ganzen Welt-
bild zusammenhángender: anzunehmen, da3 diese Welt, in der
wir leben, von Hause aus und konstanf so geordnet sei, da8 die verháltnis von Geist und Macht in Natur, Mensch,
Seinsformen nicht nur an Sinn und Wert, sondern auch an Kraft Geschichte und Weltgrund
und Macht zunehmen, je hóher sie sind. 20

Für uns also ist es ein ebenso groJ3er lrrtum, einerseits die je Jr Dpn KnÁFrE- und Wirkstrofrt,der allein Dasein und zufálli-
hóhere Seinsform - z.B. das Leben gegenüber dem Anorgani- ges Sosein zu setzenvermag,
láuft in der Welt, die wir bewohnen,
schen, das Bewu3tsein gegenüber dem Leben, den Geist im Ver- 20 nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben! In
stolzester Unabhángigkeit steht die anorganische Welt in ihrer
I des Menschen und Ts ll2,+q u. 1947,s9: im Menschen und in
] Eigengesetzlichkeit da an ganz wenigen Punkten so etwas
4 Hegel ] Ts 1 12,++ u. 1947,s9 zusiitzlich erwiihnt: Kant, Fichte, Schelling,
wie
v. Hartmann 5 ihrerseits auf einer vóllig] Ts I l2,qq u. 1947,59: auf der 'Lebendiges« enthaltend. In stolzer Unabhángigkeit steht
Pflanze und Tier dem Menschen gegenüber, wobei das Tier weit
ll Ziel.l Ts I12,44 u. 1947,sg folgt: Das geistige Aktzentrum, l2 nurl
Ts ll2,q+ u. l947,sg: gestr. 13 besitzt ] Ts ll2,++ u. I947,sg _folgt: und 2s mehr vom Dasein der Pfl anze abhángig ist als umgekehrt. Die
auf denjenigen Wert und die Idee ausgerichtet ll947,ss: gerichtet] ist, tierische Lebensrichtung bedeutet eben nicht nur einen Gewinn,
mit denen der Mensch sich je »identifi ziert<. 14 Einzelgestaltung sondern auch einen Verlust gegenüber der pflanzhchen Richtung,
dieser Lehren ] Ts ll2,q+ u. I947,sg: Einzelgestaltungen dieser Lehre da sie den direkten Verkehr mit dem Anorganischen nicht mehr
t5 des Menschen ] Ts ll2,++ folgt: in ihrer Gesamtheit; L947,sg u. I962,os:
des Menschen gestr. 17 zusammenhángender] Ts ll2,+q u. l947,sg
Jolgt: Irrtum 18 die ] Ts 1,44 u. l947,sg .folgt: hóheren 19 sondern ]
Ts ll2,++u. l947,so _folgt: - hier beginnt der Irrtum - 21 also I Ts I 12,++ 2 Men ,44 u. 1947, 6 jr) Ts ll2,+4 u. 1947,60:
u. l947,sg: gestr. 2l einerseits] Ts ll2,++ u. 1947,s9: gestr. 23 dem] gestr. I Ts Il2,++ Lehre 13 hatte, jüngst l
Ts ll2,qa u. 1947,eo folgf: unbewu8ten Ts ll2, habe, 26 u. 1947,60: gestr.
86 »Negativeu und ,klassischeu Theorie vom Menschen ftln nlzs Verháltnis von Geist und Macht 87

besitzt, den die Pflanze durch ihre Art von Ernáhrung hat. In kann der Geist durch den Proze{3 der Sublimierung Macht
gleicher Unabhángigkeit steht analog die Masse als solche in gewinnen.Die Lebenstriebe kónnen in seine Gesetzlichkeit und
der Geschichte da in der E,igengesetzlichkeit ihrer Bewegungen in die Ideen- und Sinnstruktur, die er leitend ihnen vorenthált,
gegenüber den hóheren Formen des menschlichen Daseins. Kurz eingehen (oder nicht eingehen), und im Verlaufe dieses Einge-
und selten I sind die Blüteperioden der Kultur in der mensch- hens und Durchdringens im Individuum wie in der Geschichte
lichen Geschichte. Kurz und selten ist das Schóne in seiner Zart- kónnen sie dem Geiste Kraft ver-leihen - aber yon Hause aus
heit und Verletzlichkeit - Die ursprüngliche Anordnung der und ursprünglich hat der Geist keine eigene Energie. Die hóhere
Beziehungen, die zwischen den hóheren respektive den nie- Seinsform »determiniert« wohl sozusagen das Wesen und die
deren Seinsformen und Wertkategorien und den Kráften und Wesensregionen der Weltgestaltun g, verwirklicht wird sie aber
Máchten bestehen, in denen sich diese Formen verwirklichen, l0 l0 durch ein anderes, ein zweites Prinzip, das ebenso ursprüng-
ist gekennzeichnet mit dem Satze: ,rMiichtig ist ursprünglich das lich dem Urseienden eigen ist: dem Realitát schaffenden
zufállige Bilder bestimmenden Prinzip, das wir »Drang«""J
¡

Niedrige, ohnmiichtig das Hóchste.« fede hóhere Seinsform ist im n€rl-


Verháltnis zu der niedrigeren relativ kraftlos, und sie verwirk- nen, respektive bilderschaffende Drangphantasie.
lichf sich nicht durch ihre eigenen Kráfte, sondern durch die Das Mrichtigste, was es in der Welt gibt, sind also die ide€r-,
Kráfte der niedrigeren. Der Lebensproze& ist an sich ein gestal- I5 l5 formen- und gestalt» blinden« Kraftzentren der anorganischen
teter Vorgang in der Zeit von eigener Struktu r: verwirklicht wird Welt als unterste Wirkpunkte jenes »Dranges((. Nach einer
er aber ausschliefilich durch die Stoffe und Kráfte der anorgani- immer stárker sich verbreitenden Auffassung unserer heu-
schen Welt. Ganz analog aber steht der Geist zum Leben. Wohl tigen theoretischen Physik unterliegen diese Zentren wahr-
scheinlich überhaupt keiner ontischen Gesetzlichkeit in ihrem
1 von ] Ts 1/2,45 u. l947,oo: der 2 gleicher] Ts ll2,qs u. 1947,00: analo- 20 Zu- und Gegeneinander, sondern nur einer Zufallsgesetzlich-
ger 2 analogl fs ll2,+s u. l947,eo: gestr. 3 Geschichte] Ts ll2,+s u.
keit statistischer Art. Erst das Lebewesen bringt dadurch, da3
1947,eo folgt: des Menschen 3 ihrer] Ts ll2,qs u. 1947,eo folgt: histo-
risch trágen 4 Daseins. ] Ts ll2,q5 u. l947,oof. folgt: Fast nur wie ein seine Sinnesorgane und seine Sinnesfunktionen mehr die regel-
glückhafter 11962,66: glücklicher,] gnadenreicher Zufall erscheint es máBigen als die unregelmáBigen Vorgánge der Welt indizieirn,
zunáchst unseren endlichen Augen, wenn die Erde oder irgendein ferner
Stern ,lebensreif« wird, reif, Leben zu tragen, oder wenn der eigengesetz-
liche Zug menschlicher Massenbewegungen in eine Richtung gerát, in 3 vorenthált ] Ts Ll2,qe u. l947,et: vorhált 4 (oder nicht eingehen)
]
der die Masse den Genius auch nur zu dulden vermag - geschweige denn Ts 1 12,+6 u. 1947,6t: gestr.; 1962,eo: wieder eingefügt 5 im Indivicluum
darüber hinaus ihre Interessen und Leidenschaften seine Ideen und wie in der Geschichte] Ts ll2,qo u. l947,ot: in Individuum und Ge-
Werte aufzunehmen vermógen, um sich durch sie befruchten zu lassen! schichte 6 aber) l947,er: gestr.; l962,oe: wieder eingefügt g wird
l
Welch seltener Glücksfall, wenn in dieser Welt der sittlich Gutwillige Ts ll2,qo u. l947,el: werden; l962,ez: wird l0 ein zweites, Ts ll2,+e
]
und gut Gesinnte auch Erfolg hat - das erreicht, was wir »historische u. L947,et: gestr. I I ursprünglich ] Ts Ll2,qe u. 1947,a
folgt: wie das
Gróf3e. nennen, d. h. erhebliche Wirkmacht auf die Geschichte. 6 ist) geistige I I dem I Ts ll2,+o u. l947,et: durch das 12 zufállige Bilder
Ts I 12,+5 u. l947,er gestr.; l962,oe: wieder eingefügt 7 Verletzlichkeit.) bestimmenden ] Ts ll2,+o u. l947,et: die zufálligen Bilder bestim-
Ts 2,4s u. 1947,et folgt: »Ileirr{ Das ursprünglich aller Macht, aller Wirk- mende t3 respektive ] l947,ot: gestr. 14 also ] Ts ll2,qe u. l941,et;
samkeit Bare ist gerade der Geist, je reiner er Geist ist. 7 Dle) Ts ll2,+s gestr. 16 jenes ] Ts ll2,+o u. l947,et: dieses zl das ] Ts Ll2,+e: der
u. 1947,ot folgt: wahre, 8 respektive den ] Ts 1/2,45: resp. den; L947,6t: Mensch gua; l947,oz: der Mensch als; so auch in 1962,o1 2l bringt
]
respektive; 1962,66:bzw. l7 aber ] Ts 1 12,+s u. 1947,ot-. gestr. l8 aber ] Ts ll2,+o u. l947,az folgt: - nicht aus rationaler, sondern biologis.ñ.,
Ts ll2,q5 ur. 1947,6t: gestr. Notwendigkeit, d. h. um handeln zu kónnen -
88 »Negativeu und »klassischeu Theorie vom Menschen ftlZg Tglso IVerháltnis von Geist und Macht in der Geschichte] g9
jene »Naturgesetzlichkeit« in die Welt hinein, die der Verstand sich abspielenden Kráfte in den Dienst der Ato mgestalr, oder die
nachher abliest. Nicht das Gesetz ist es, das hinter dem Chaos innerhalb der anorganischen Welt tátigen Kráfte in den Dienst
von Zufall und Willkür im ontologischen Sinne liegt, sondern der Lebens struktur. Die Menschwerdung und die Geistwer-
das Chaos ist es, das hinter dem Gesetz formalmechanischer Art dung müBte dann als der bislang letzte Sublimierungsvorgang
gelegen ist. Würde sich die Lehre, da3 alle Naturgesetzlichkei- der Natur angesehen werden, - gleichzeitig sich áufiernd in der
ten formalmechanischer Struktur im letzten Grunde nur sta- immer gróBeren Zuwendung der vom organismus aufgenom-
tistische Bedeutung haben und dal3 alle Naturvorgánge (auch menen áu8eren Energien in die kompliziertesten Prozesse, die
in der Mikrospháre) schon Vorgánge sind, die aus der Wech- wir kennen, in die Erregungsprozesse der Gehirnrinde, und in
selwirkung willkürlicher Krafteinheiten resultieren, durchset- dem analogen Psychischen Vorgang der Triebsublimierung als
zen, so würde unser gesamtes Naturbild eine ungeheure Wand- 10 l0 umsetzung der Triebenergie in »geistige« Tátigkeit.
lung erfahren. Als die wahren ontischen Gesetze erwiesen sich
dann die sogenannten Gestaltqesetze, d. h. Gesetze, die eine
gewisse Zeitrhythmik des Geschehens und, von ihr abhángig Iverháltnis von Geist und Macht in der Geschichte]
wieder, gewisse statische Gestalten des kórperlichen Daseins
vorlschreiben.* Da innerhalb der Lebensspháre, sowohl der phy- 15 In anderer Form treffen wir denselben Vorgang der Ausein-
siologischen wie der psychischen, sicher nur Gesetze von der andersetzung von Geist und Leben wieder I in der Menschen-
Art der Gestaltges etze (obzwar nicht notwendig nur die mate- geschichte an. Sicher gilt auch fúr sie nicht die These Hegels,
rialen Gesetze der Physik) gelten, so würde die Gesetzlichkeit ls da8 sie auf einer Explikation blo8er Ideen auseinander beruhe,
der Natur durch diese Auffassung wieder eine streng einheit- vielmehr, wie ich eingehend in meiner »Wissenssoziologie«
liche. Es wáre dann nicht ausgeschlossen, den Begriff der Subli- 20 gezergt habe, durchaus der satz von Karl Marx, da8 Ideen, die
mi e r ung auf alle s Weltge s ch eh en zu fo r m ali s i er e n. Subl im ieru n g keine Interessen und Leidenschaft hinter sich hátten und das
-
fánde dann in jedem Grundvorgang statt, durch den Kráfte hei8t Máchte, die aus der Vital- und Triebsphrire des Menschen
einer niedrigeren Spháre des Seins im Werdeproze{l der Welt 20 stamm€D -, sich in der Weltgeschichte unweigerlich ,zu blamie-
allmiihlich in den Dienst eines hóher gestalteten Seins und Wer- r€n« pflegen. Trotzd di ne im gro_
dens gestellt würden - wie z.B. die zwischen den Elektronen 25 Ben und ganzen zun ric nunft,aber
eben nur durch und er Aneignung
-Vgl. hierzu meine Ausführungen in der Abhandlung »Arbeit und
Erkenntnis< in »Die Wissensformen und die Gesellschaft..

5 das gelegen ist. ] Ts 1,46 u. l947,oz: das sich hinter dem Gesetz
formalmechanischer Art türmt. 6 formalmechanischer Struktur ]
Ts ll2,+e u. l947,ez: gestr. 8 Vorgánge] Ts ll2,qe u. I947,oz: Ge-
sarntvorgánge 15 Da] Ts ll2,+o u. l947,ez: Und da 16 physiologi-
schen ] Ts 1,46: physischen; so auch in 1947,62; 1962,67: physiologischen
20 dannl Ts 112,+o u. 1,947,62 folgt: aber 26 1947,8e: Vgl. die Abhand- Zitat gesetzt 18 Leidenschaft ] Ts L12,+z u. 1947,03: Leidenschaften
lung »Erkenntnis und Arbeit< a. a. O. ; 1962,67: Ygl. meine Ausführungen 18 hátten I Ts tl2,+z u. 1947,63: haben 2t pflegen. I Ts 2 folgt Fn._
in der Abhandlung »Erkenntnis und Arbeit<, Abschn. V. Zffir, inTs 7 wieder gestr. und auch in L947,et nicht ausgefühh.lgez,oa
90 »Negative« und »klassischen Theorie vom Menschen So I Sr 8r lsz [verháltnis von Geist und Macht im weltgrund] qr

der Ideen und Werte durch die gro3en triebhaften Gruppen- lál3t und der die Energie des Mensch en anzieht, auf die blo3e
tenden zenund Interessenverzahnungen zwischen ihnen. Auch Bekrimpfung, Negierung eines Triebes richtet, dessen Ziel als
hier müssen wir uns eine weit bescheidenere Auffassung von »schlecht« vor dem Gewissen steht. So mu8 der Mensch auch
der Bedeutung des menschlichen Geistes und Willens auf den sich selber dulden lernen, auch diejenigen Neigung€n, die er als
Gang geschichtlicher Dinge zü eigen machen. Menschengeist schlecht und verderblich in sich erkennt. Er darf sie nicht durch
und Menschenwollen kann - ich sagte es - nie mehr bedeuten direkteru Kampf angreifen, sondern mu8 sie indirekt überwin-
als Leitung und Lenkung. Und das bedeutet immer nur, da3 der den lernen durch Einsatz seiner Energie für wertvolle Aufgaben,
Geist als solcher den Triebmáchten Ideen vorhált und das Wol- die sein Gewissen als gut und trefflich erkennt und die ihm
len den Triebimpulsen, die schon vorhanden sein müssen, solche zugánglich sind. In der Lehre vom »Nichtwiderstand« gegen
Vorstellungen zuwendet oder entzieht, die die Verwirklichung 10 10 das Bóse schlummert, wie schon Spinoza in seiner Ethik tief-
dieser Ideen konkretisieren kónnen. Ein direkter Kampf des rei- eführt hat, eine gro3e Wa egriff
nen Willens gegen die Triebmáchte aber ist eine Unmóglichkeit; ierung gebracht, stellt di e uns
wo er intentioniert wird, regt er im Gegenteil die Triebmáchte óchste Sublimierung und Eini_
noch weit mehr in ihrer einseitigen Richtung auf. Das war schon gung aller Wesensregionen der Natur dar. Vor einem Weltbild,
die Erlfahrung des Paulus, als er sagte, das Gesetz ginge wie ein 15 l5 wie es hier angedeutet ist, zergeht der Gegensatz, der so viele
brüllender Lówe herum, um die Menschen mit Sünde anzufal- |ahrhunderte beherrscht hat: der Gegensatz einer »teleologi-
len. In jüngster Zett hat u. a. William |ames über diesen Punkt schenn und »mechanischen« Erklárung der Weltwirklichkeit..
I
tiefe Bemerkungen gemacht. Das Wollen erwirkt das Gegenteil
von dem, was es will, wenn es sich, anstatt einen hóheren Wert
zu intendieren, dessen Verwirklichung das Schlechte vergessen 20 Iverháltnis von Geist und Macht im weltgrund]

Fn.: Ich habe dies eingehend in meinen »Problemen einer Wissensso- J' snrBSTVERsrÁNDLrcH KANN dieser Gedankengang auch
ziologie< gezeigt; s[iehe] Teil I
2 undl Ts ll2,qz u. 1947,* folgt: die 20 vor dem hiichsten Sein
dem Weltgrunde nicht stillehalten.
6 Menschengeist und Menschenwollen] Ts l,4T u. 1947,el; Geist und Auch das Sein, das nurudurch sich selbst« ist und von dem alles
Wollen des Menschen 6 - ich sagte es - ] Ts ll2,+t u. 1947,03: gestr.;
1962,09: wieder eingefügt 7 Leitung und Lenkung) L962,se Fn.: YgL die
oben zu S.6 zitierte Schrift »Die Formen des Wissens und die Bildung. , Vgl. dazu meine Abhandlung »Arbeit und Erkenntnis« in ¿em
(1925), vor allem auch die Anmerkungen des Verfassers. ll kónnen.] Buche »Die wissensformen und die Gesellschaftu.
Ts I 12,,t7 u. L947,03 folgt: Ursprüngliche determinierende Lenkdetermi-
nation hat also das zentrale geistige Wollen nicht auf die Triebe selbst, I der] Ts ll2,qs u r947,e3: gestr. l0 Ethik I r927,zz+ folgt: so; erst i¡
sondern auf die Abwandlung der Vorstellungen. L2 Triebmáchte ] l2 Menschwerdung ] Ts
Ts 1 12,47 u. L947,ot folgt: d. h. ohne solche Vorhaltung von Ideen bzw. ar.) Ts 1,48 u. L947,0+ fo
Zuwendung oder Entziehung von Vorstellungen 12 aber] Ts ll2,qt Daseins überhaupt, ins
u. 1947,63: gestr. 13 intentioniert ] Ts Ll2,+l u. 1947,03: intendiert in sich zusammen, wenigstens den Wesensregionen nach, nicht deren
14 Triebmáchte noch] Ts ll2,qt u. 1947,03: Triebe 14 war] Ts I,47; zufálliger Ausgestaltung und noch weniger quantitativer Verteilung
ist ... gewesen; so auch in l947,oz 15 als er sagte] Ts 112,+8 u. 1947,e3: nach. 19 selbstverstándlich ] Ts r,48 u. L947,0+: gestr. 22 l947,gg:
wenn er sagt 16 ginge ... herum] Ts 112,48: ginge umher; 1947,61: gehe vgl. ,Probleme einer soziologie des wissens« o. ?. o.; 1962,68: vgl. d,azu
umher 18 erwirkt ] Ts llL,+s u. L947,et folgt: immer meine Abhandlung ,Erkenntnis und Arbeit< a. a. O.
92 »Negativen und »klassischen Theorie vom Menschen Sz | 83 8¡ I 8+ [verháltnis von Geist und Macht im weltgrund ) gl

andere abhángt, kann, sofern ihm das Attribut des Gei stes zuge- mene Leib des ewigen Geistes und Dranges geworden sein wird.
sprochen wird , als geistiges Sein keinerl ei ursprüngliche Macht Erst in der Bewegureg dieses gewaltigen Wettersturmes, der die
oder Kraft besitzen. Es ist vielmehr jenes ande re zweite Attribut, »Welt« isf, kann eine Angleichung der Ordnung der Seinsfor-
von dem ich sprach - es ist die >>nAtura naturams« im hóchsten men und der Werte an die tatsrichlich wirksamen Máchte, und
Sein, der allmáchtige, mit unendlichen Bildern geladen e Drang, umgekehrt dieser an jene erfolgen. Ia, im Verlauf dieser Ent-
der die Wirklichkeit und das durch Wesensges etze und Ideen wicklung kann eine allmáhliche Umkehrung des ursprünglichen
niemals eindeutig bestimmte zufiillige Sosein dieser Wirklich- Verhiiltnisses eintreten, nach welchem die hóheren Seinsformen
keit zuverantworten hat. Nennen wir das rein geistige Attribut die schwácheren, die niedrigeren aber die stárkeren sind. Anders
im obersten Grunde alles endlichen Sein s >>deitas«, so kommt ausgedrückt: Die gegenseitige Durchdringungdes ursprünglich
ihr, kommt dem, was wir den Geist und die Got t-heit in diesem 10 t0 ohnmiichtigen Geistes und des ursprüngl ich drimonischen,
d,.h.
Grund nennen, keinerlei positive schópferische Macht zu. Der gegenüber allen geistigen Ideen und Werten blinden Dranges
Gedanke einer »Weltschópfung aus nichts« zerfállt vor dieser durch die werdende Ideierung und Vergeistigung der Drangrilr,
Folgerung. Wenn in dem Sein ,durch sich selbst« diese Urspan- die hinter den Bildern der Dinge stehen, und die gleichzáitige
nungvon Geist und Drang gelegen ist, dann mu3 das Verháltnis Ermrichtigungf,) d. h. Verlebendigung des Geistes, ist d,as Ziel
dieses Seins zur Welt ein anderes sein. Wir drücken dies Verhált- l5 l5 und Ende endlichen Seins und Geschehens. Der Theismus
stellt
nis aus, wenn wir sagen: Der Grund der Dinge mul3te, wenn er es fálschlicherweise an sein en Ausgangspunkt.
l
seine deitas, die in ihr angelegte Ideen- und Wertfülle, verwirk-
lichen wollte, den weltschaffenden Dran g enthemmen, um im
zeithaften Ablauf des Weltprozesses sich selbst zu verwirklichen
- er mu3te den Weltproze{l sozusagen in Kauf nehmen, um in 20
und durch diesen Prozef3 sein eigenes Wesen zu verwirklichen.
Und nur in dem MaSe wird das ,Sein durch sich« zu einem
Sein, das würdig wáre, I góttliches Da sein zu hei3en, als es im
Drange der weltgeschichte im Menschen und durch den Men-
schen die ewige Deitas verwirklicht. Und nur im selben MaSe 25
kann dieser an sich zeitlose, aber sich für endliches Erleben zeit-
haft d ar st ell e n d e P r oze{J sei nem Ziele, der S elb stverwi rkl ichu n g
der Gottheit, náher rücken, als auch die Welt selbst der vollkom-

3 vielmehr jenes andere zweite ] Ts 1,48 u. I947,0+:jenes andere; 1962,70:


vielmehr jenes andere 4 von dem ... es ist ] Ts 1,48 u. L947,0+: gestr.
16 verháltnis ) 1947,e+f. u. 1962,70: gestr. 19 um im zeithaften ... ver- I als auch die Welt selbst der vollkommene Leib des ewigen Geistes
wirklichen ] 1947,6s: gestr.; 1962,zo: wieder eingefügt 2l diesen Prozel3 und Dranges ] Ts l,+e u. 1947,e5: als das, was wir die »Welt, nennen, der
sein eigenes ] Ts l,4g: diesen Proze8 sein; l947,es u. 1962,zo: den zeit- vollkommene Leib der ewigen Substanz g aber ] Ts L,4g u. l947,es:
haften Ablauf dieses Prozesses sein 26 aber ] Ts 1,49 u. 1947,6s: gestr.; gestr. 12 Dranses durch) 1962,65: Dranges:
19 62,t t: wi ed er eingefügt
94 8+ s+lss Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes 95

V. Identitát von Leib und Seele - herausgeworfen. Die Welt besteht für Descartes aus nichts als
Kritik Descartes aus denkenden Punkten und einem gewaltigen geometrisch zu
erforschenden Mechanismus. Wertvoll an dieser Lehre ist nur
eins: I die neue Autonomie und Souverrinitrit des Geistesund die
Erkenntnis dieser seiner Uberlegenheit über alles Organische
\Af r* sIND ein wenig hoch gestiegen. Kehren wir zurück und nur Lebendige. Alles andere ist gró3te Verkehrtheit.
V Y zu dem der Erfahrung náherliegenden Problem der Wir dürfen heute sagen, da3 das Problem von Leib und Seele,
menschlichen Natur. Für die Neuzeithat die klassische Theorie das so viele |ahrhunderte in Atem gehalten hat, für uns seinen
des Menschen ihre wirksamste Form gefunden in der Lehre des metaphysischen Rang verloren hat. Die Philosophen, Medizi-
Descartes, einer Lehre, die wir eigentlich erst in jüngster Zeit l0 ner, Naturforscher, die sich mit dieser Frage bescháftigen, kon-
vollstrindig und restlos abzuschütteln begriffen sind. Dadurch, vergieren immer mehr zur Einheit einer Grundanschauung.
da8 er alle Substan zen in ,denkenden odenausgedehnte« ein- DaB es eine órtlich bestimmte Seelensubstan z - wie sie Des-
teilte, hat Descartes in das abendlándische Bewu8tsein ein l0 cartes annimmt - nicht gibt, ist deshalb schon selbstverstánd-
ganzes Heer von Irrtümern schwerster Art über die mensch- lich, weil es weder im Gehirn noch sonstwo im menschlichen
liche Natur eingeführt. Mu8te er doch selbst auf Grund dieser l5 Leibe eine Zentralstelle gibt, in der alle sensiblen Nervenfasern
Einteilung der gesamten Umwelt den Unsinn in Kauf nehmen, zusammenlaufen und sich alle nervósen Prozesse tref[en. Aber
allen Pflanzen und Tieren die psychische Natur abzusprechen, auch das ist grundfalsch an der Descartesschen Lehre, da3 das
und den »Schein« der Beseelung von Tier und Pflanze, den die l5 Psychische nur in »Bewu8tsein« bestehe und ausschlie8lich an
ganze zeit vor ihm für wirklichkeit genommen hatte, durch die Gro8hirnrinde gebunden sei. Eingehende Forschungen der
anthropopathische »Einfühlung« unserer Lebensgefühle in 20 Psychiater haben uns gezeigt, da8 die für die Grundlage des
die áu8eren Bilder der organischen Natur erkláren, anderseits menschlichen »Charaktersn ausschlaggebenden psychischen
alles, was nicht menschliches Bewu8tsein und Denken ist, rein Funktionen, insbesondere alles, was zrtm Triebleben und zur
»mechanischu erkláren. Nicht nur die widersinnigste Überstei- Affektivitát gehórt, die wir ja als Grund- und Urform des psy-
gerung der Sonderstellung des Menschen und seine Herausrei- chischen erkannt haben, seine physiologischen Parallelpro-
Sung aus den Mutterarmen der Natur war die Folge, sondern es
wurde dadurch auch die Grundkategorie des Lebens und sei-
ner Urphiinomene mit einem Federstrich einfach aus der Welt 2 geometrisch ] Ts 1,50 u. l947,oo: mathematisch 3 dieser Lehre ]
Ts 1,50 u. l947,oe: der Lehre Descartes 4 Geistes) Ts 1,50 u. l947,ee
folgt: (allerdings bei ihm auf Ratio reduziert und diese mit Intelligenz
7 einer Lehre ] Ts ll2,qg u. l947,os: gestr. 8 vollstiindig wd restlos) vermischt), 5 dieser seiner überlegenheit ] Ts l,so u. 1947,e6: der
Ts u. 1947,e6: gestr. 8 begriffen ] 1962,n: im Begritf t0 einteilte ]
1,49 Überlegenheit des Geistes 6 Lebendige ] Ts l,so u. l947,oo
Ts 1,49 u. l947,oe folgt: und lehrte, dal3 der Mensch allein von allen folgt: die
er bei der mittelalterlichen Identifizierung der forma corporeitatis mit
Wesen aus diesen beiden in Wechselwirkung stehenden Substanzen der Geistseele nicht besaB. I I Wir dürfen heute Grundanschau-
bestehe, 13 Einteilungl Ts 1,50 u. r947,oe folgt: selbst 13 der gesam- ung. l Die beiden Scitze versetzt nach l928,gs an das Ende des Abschnitts
ten umwelt ] Ts 1,50 u. l947,oe: gestr. l8 anderseits ] Ts 1,50 u. r947,ee: 13 annimmt I Ts 1,s0 u. I947,eo Jolgt: (Zirbeldrüse) 13 deshalb schon l
und 21 und I Ts 1,50 u. l947,oo: gestr. 22 war die Folge ] r927,zzt: ist Ts 1,50 u. r947,ee: schon aus dem Grunde 14 weil] Ts 1,50 u. r947,ae:
hierdurch erfolgt 23 sondern es wurde dadurch ] Ts 1,50 u. 1947,eo: da8 16 Aberl Ts 1,50 u. r947,oe: gestr. 20 Eingehende ... uns] Ts I,50
gestr. 24 Urphiinomene ] Ts l,-so u. l947,eo folgt: wurde dadurch u. 1947,e6: Eingehende psychiatrische Forschungen haben
96 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes a5lao 86187 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes 97

zesse überhaupt nicht im GroShirn hat, sondern in der Hirn- nen und zum alten Eisen geworfenen mechanischen Natur-
stammgegend, teils im zentralen Hóhlengrau des dritten Ven- lehre des Galilei-Newton-Zeitalters; überlsieht man anderseits
trikels, teils im Thalamus, der als zentrale Schaltung zwischen wie Descartes und alle, die ihm folgten, die Selbstrindigkeif und
den Sensationen und dem Triebleben vermittelt. Ferner hat sich sicher nachgewiesene Prioritiit des gesamten Trieb- und Affekt-
das System der Blutdrüsen ohne I Ausgang (Schilddrüse, Keim- s lebens vor allen »bewu3tenn Vorstellungsbildern; schránkt man
drüse, Hypophyse, Nebenniere usw.), deren Funktionsart das alles Seelenleben auf das Wachbewu8tsein ein, die gewaltigen
menschliche Triebleben und die Affektivitát, ferner Hóhen- und Abspaltungen ganzer zusammenhángender Funktionsgruppen
Breitenwuchs, Riesen- und Zwergwuchs, wahrscheinlich auch des seelischen Geschehens vom Bewu3tseins-Ich übersehend;
die Rassencharaktere determiniert, als die eigentliche Vermitt- leugnet man ferner die Affektverdrángung€n, und übersieht
lungsstelle erwiesen zwischen dem ganzen Organismus samt l0 r0 rnan die für ganze Lebensphasen móglichen Anamnesien wie
seiner Gestaltungsform und jenem kleinen anhangenden Teil die bekannten Spaltungserscheinungen des Bewu8tseins-Ich
des Seelenlebens, den wir WachbewuJ3tsein nennen. Es ist der selber - dann kommt man allerdings auf den falschen Gegen-
ganze Kórper, der heute wieder das physiologische Parallelfeld satz: hier Einheit und Einfachheit ursprünglicher Art, dort nur
der seelischen Geschehnisse geworden ist, keineswegs nur das Vielheit erst sekundár verbundener Kórperteile und in ihnen
Gehirn. Von einer so áu3eren Zusammenbindung einer Seelen- 15 rs erstfundierter Prozesse. Dieses Seelenbild ist genau so irrig wie
substan z mit einer Kórpersubstan z, wie sie Descartes annahm, das Bild des physiologischen Geschehens, das sich die áltere
kann also gar nicht mehr ernstlich die Rede sein. Ein und das- Physiologie gemacht hat.
selbe Leben ist es, das in seinem »Innesein« psychische, in sei- Im áu8ersten Gegens atz zu all diesen Theorien dürfen wir
nem Sein für Andere leibliche Formgestaltung besitzt. Man nun sagen: Der physiologische und der psychische Lebenspro-
fúhre nicht dagegen an, da3 das ,Ich« doch einfach und eins 20 zefi sind ontologisch streng identisch, wie es schon Kant vermu-
sei, der Kórper aber ein verwickelter ,rZellenstaat«. Die heutige tet hatte. Sie sind nur phiinomenal verschieden, aber auch phü-
Physiologie hat die Zellenstaatvorstellung vollstándig abgebaut, nomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und in der
wie sie auch mit der Grundanschauung gebrochen hat, da3 die Rhythmik ihres Ablaufs : Beide Prozesse sind amechanisch, die
Funktionen des Nervensystems nur summativ, also nicht ganz- physiologischen so gut wie die psychischen; beide sind teleoklin
heitlich, zusammentráfen und jeweilig streng órtlich und mor- 25 2s und auf Ganzheif eingestellt. Die physiologischen Prozesse sind
phologisch in ihrem Ausgangspunkfe bestimmt seien. Hált man es um so mehr, je niedriger (nicht also je hóher) die Segmente
freilich wie Descartes den physischen Organismus für eine Art
Maschine, und zwar in dem starren Sinne der alten, heute schon 3 folgten, ] Ts 2,sr u. r947,s folgt: auf der psychischen seite g Be-
von der theoretischen Physik und Chemie selbst überwunde- wu8tseins-Ich ] Ts 2,st u. 1947,oa folgt: vom einheitlichen Ichganzen
9 Affektverdrángungen ] Ts 2,5r u. l947,es: Affektverdrángung
6 usw. ] Ts 1,50 u. 1947,67: gestr. 15 áu8eren ] Ts 2,5r u. l947,et: ául3er- lO Anamnesien) 1947,e8: Amnesien 15 Prozesse] Ts 2,sr u. l947,og
licherr 17 also ] Ts 2,51 u. l947,ot: gestr. 17 sein. ] Ts 2,st u. l947,ol folgt: hier eine Seelensubstanz - dort unendlich viele kórperliche Ein-
folgt: Die Philosophen, Mediziner, Naturforscher, die sich heute mit zelsubstanzen. 15 Dieses] Ts 1,52 u. l947,oe _folgt: überzentralistische
dem Problem von Leib und Seele bescháftigen, konvergieren immer 16 das ] Ts l,sz u. L947,oe folgt: übermechanistische 18 áu8ersten ]
mehr zur Einheit einer Grundanschauung. 20 nicht dagegen ] Ts 2,st 1949,13: áu8eren; 1962,74: áu{Sersten 19 nun ] Ts 1,52 u. l947,e}: gestr.
u. 1947,e7: gegen diese Einheit nicht als Argument 20 doch] Ts 2,st u. L9 der) 1947,68: gestr.; 1962,2+: wieder eingefügt 24 so gut ] Ts I ,52 u.
L947,el: gestr.; L962,13: wieder eingefügt 1947,68: sowohl
98 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes BZ - gg 8g Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes 99

des Nervensystems sind, in denen sie ablaufen; die psychischen Die Kluft, die Descartes zwischen Kórper und Seele auf-
Prozesse sind gleichfalls um so ganzheitllicher und zielhafter, richtete, hat sich heute fast bis zur Greifbarkeit der Einheit des
je primitiver sie sind. Beide Prozesse sind nur zwei Seiten des Lebens geschlossen. Wenn ein Hund ein Stück Fleisch sieht und
nach seiner Gestaltung und nach dem Zusammenspiel seiner derweil bestimmte Magensáfte sich in seinem Magen bilden, so
Funktionen einen übermechanischen Lebensvorgangs. Was wir ist das für Descartes, der aus der »Seelen das gesamte Trieb- und
also »physiologischn und ,psychischn nennen, sind nur zwei Sei- Affektleben herauswarf und gleichzeitig eine rein chemisch-
ten der Betrachtung eines und desselben Lebensvorgangs. Es gibt physikalische Erklárung der Lebenserscheinungen auch nach
eine »Biologie von innen« und eine »Biologie von auBenn. Die ihren Strukturgesetzen forderte, natürlich ein absolutes Wunder.
Biologie von au3en schreit et zwar in der Erkenntnis von der Warum? Weil er auf d er einen Seite den Triebimpuls des Appetites
Formstruktur des Organismus zu den eigentlichen Lebenspro- r0 l0 ausgeschaltet hat, der im selben Sinne eine Bedingungist für das
zessen fort, darf aber nie vergessen, da3 jede lebendige Form Zustandekommen der optischen Wahrnehmung des Fressens,
von den letzt unterscheidba ren Zellelementen an übe r Zellen, wie es der áu8ere Reiz ist - der überdies niemals, wie Descartes
Gewebe, Organe bis zum ganzen Organismus hinauf in jedem glaubt, Bedingung des Inhalts der Wahrnehmung, sondern nur
Augenblick dynamisch getragen und neu geformf ist durch die- der |etzthier-Wahrnehmun g dieses Inhalts ist, der als Teil des
sen lebensprozeJ3, und da8 in der Entwicklung die von den 15 l5 ,Bildes« vor allem »Bewu8tsein« ganz unabhángig besteht
-,
Betriebsfunktionen der Organe scharf zu scheidenden »gestal- trnd weil er auf der anderen Seite die Magensaftbildung, die
tenden Funktioller« es sind, welche die statischen Formen des dem Appetit entspricht, nicht für einen echt en Lebensyorgang
organischen Stoffes erst unter Mitwirkung der chemisch-phy- hált, verwur zelt in der physiologischen Funktionseinheit und
sikalischen »Situation« hervorbringen. Der verstorbene Heidel- ihrer Struktur, sondern für einen Vorgang, der ganz unabhán-
berger Anatom Braus und von der Physiologie her A. v. Tscher- 20 20 gig vom zentralen Nervensystem rein chemisch-physikalisch
mak haben diesen Gedanken mit Recht in den Mittelpunkt ihrer im Magen abláuft. Was würde aber Descartes dazu sagen, wenn
gesamten Forschung gestellt. Man darf sagen, dal3 sich dieselbe man ihm Heyers Feststellung vor Augen führte, da8 sogar die
Auffassung heute in allen Wissenschaften durchsetzt, die es mit blo8e Suggestion des Essens einer Speise die gleiche Wirkung
dem berühmten Problem zu tun haben. Der alte ,psychomecha- nach sich ziehen kann wie das wirkliche Essen ? Man sieht den
nische Parallelismus<< gehórt heute genau so zum alten Eisen 25
wie die durch Lotze aufgefrischte rWechselwirkungslehreu
oder die scholastische Lehre von der Seele als ,forma corporei- I Descartes ] Ts 1,52 u. l947,og folgt: durch seinen Dualismus von
Ausdehnung und Bewu8tsein als Substanzen 2 aufrichtete ] Ts l,s2
tatis«. I
u. l947,eg: aufgerichtet hatte 8 natürlich ] Ts ll2,sz u. l947,eg: gestr.
9 einen) Ts 112,53 u. 1947,69: seelischen l0 ausgeschaltet hat ] Ts ll2,sl
u. l947,og: ausschaltetll Fressens] Ts ll2,ss u. l947,og folgt: durch
das Tier ist ll2,st u. l947,og folgt: auch 14 des I Ts I 12,s3
12 es I Ts
6 »psychisch« ] Ts 1,52 u. l947,es: psychologisch 9 zwar) 1947,68: gestr. u. l947,og folgt: Kórper- l5 bestehtl l962,gt als Anm.: Vgl. »Erkennt-
14 diesen ] Ts 1,52 u. l947,eg: den 17 statischen] Ts 1,52 u. l947,eg nis und Arbeit« a. a. o.; s[iehe] Sachregister. L6 anderen) Ts I 12,53 u.
fotgt:
(anatomischen) l9 verstorbene ] Ts I ,52 u. L947,eg: gestr. 22 gesam- 1947,og Jolgt: physiologischen 20 chemisch-physikalisch
I Ts I 12,s3 u.
ten Forschung ] Ts I ,52 u. 1947,69: Forschungen 22 dieselbe ] Ts I ,52 u. 1947,e9: chemikalisch 2l abláuft I Ts ll2,sz u. l947,es.folgt: sobald nur
L947,eg: diese 23 heute ] Ts 1,52 u. L947,eg: gestr.; l962,ts: wieder ein- die Speise in den Magen gelangt sei ll947,oo: ist). 22Heyd,ersl l949,zs:
gefügt 24 Parallelismus« ] Ts 1,52 u . 1947,eg fotgt: von »Leib und Seele, Heyers; 1962,le: Heyders
100 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes sg I qo 90191 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes l0l

Fehler - Descartes' Grundfehler -, das Triebsystem der Men- Nach meiner Meinung ist der Forschung heute geradezu das
schen und Tiere vóllig I zu übersehen, das eben die Vermittlung methodische Ziel zu stellen, einmal im weitesten Mal3e zu prü-
bildet und die Einheit ausmacht zwischen jeder echten Lebens- fen, wieweit die gleichen Yerhaltungsweisen des Organismus
bewegung und den Inhalten des BewuBtseins. Die physiologi- einmal durch physikalisch-chemische Reize von au3en her, ein
sche ,Funktion« ist ihrem Grundbegriff nach eine selbstándige s andermal durch psychische Reizung - Suggestion, Hypnose,
rhythmisierte Ablaufsgestalt, eine dynamische Zeitgestalt, die alle Art von Psychotherapie, Veránderungen der gesellschaft-
keineswe3's von Hause aus órtlich starr gebunden ist, die sich lichen Umgebung, von der viel mehr Krankheiten abhángen,
vielmehr weitgehend an den vorhandenen Zellsubstraten ihr als man ahnt - herbeigefúhrt und abgeándert werden kónnen.
Funktionsfeld erst aussondern,ja allererst gestalten kann. Eine Hüten wir uns also gar sehr vor einer falschen übersteigerung
summative Organreaktion bestimmter und starrer Art besteht 10 l0 ausschlie3lich »psylchologischer« Erklárungen. Es kann ein
auch bei denjenigen physiologischen Funktionen nicht, die kei- Magengeschwür nach unserer Erfahrung ebensowohl psychisch
nerlei Bewufitseinskorrelat besitzery ja sie bestehen, wie man bedingt sein wie durch einen gewissen chemisch-physikalischen
neuerdings gezeigthat, nicht einmal für so einfache Reflexe wie Proze{l; und nicht nur Nervenkrankheiten, sondern auch orga-
den Patellarreflex. Phánomenologisch ist ferner das physiologi- nische Erkrankungen haben je ganzbestimmte psychische Kor-
sche Verfahren des Organismus genau so »sin ngemriJ3« wie die 15 15 relate. Auch quantitativ kónnen wir beide Arten unseres Einflus-
bewu8ten Abláufe, und diese ebenso oft genau so ,dumm« wie ses auf den eigentlichen einheitlichen Lebens proze{!, námlich
die organischen Abláufe. durch den Korridor des Bewul3tseins und durch den Korridor
der áu8eren Kórperreizung, so abwcigen, da8 wir mit der einen
2 der Menschen und Tiere I Ts t12,53 u. l947,zo: in Mensch und Tier«; Reizung im selben MaBe sparen, als wir die andere mehr ver-
es Jolgt: (trotz seiner Schrift über die »Passiones<) 4 Bewu8tseins.
] 20 wenden. Selbst der fundamentale Lebensvorgang, der Tod hei8t,
Ts I 12,fi u. l947,to folgt: Er und alle áltere Physiologie hált die physio-
logische Funktionseinheit für ein Punkt für Punkt im Sinne eines for- kann durch einen plótzlichen Affektchock ebensowohl herbei-
mal-mechanischen Nahewirkungsprinzips von irgendwelchen morpho- geführt werden wie durch einen Pistolenschu8; sexuelle Erre-
logisch schon vollstándig bestimmten starren Teilen des organischen gung kann durch Einnahme gewisser Mittel ebensowohl her-
Kórpers je ausgehendes und so viel [1947,t0: so gut] wie vóllig mecha- beigeführt werden wie durch unzüchtige Bilder und Lektüre.
nisch determiniertes Geschehen. Das aber ist sie eben nicht. 9 erst ] 2s Das alles sind nur verschiedene Zugangsweisen, die wir in unse-
Ts ll2,s3 u. l947,zo: gestr. 12 bestehen ] Ts ll2,s3 u. L947,to: besteht
rer Erfahrung und Lenkung zu ein und demselben ontisch ein-
14 Patellarreflex I Ts I lZ,st u. 1947,zo folgt: (Kniescheibenreflex). Auch
physiologisch kann der Organismus dieselbe n Ziele erreichen bei weit- heitlichen Lebensproze8 haben. Auch die hóchsten psychischen
gehender Auswechslung der kórperlichen Strukturen und Substrate, Funktionen, wie das sogenannte »beziehende Denken«, entzie-
mit denen er arbeitet, auch bei Ablenkung durch eine neue Ursache. hen sich einer strengen physiologischen Parallelisierun g nicht.
14 f'erner ] Ts l12,sl u. I947,to: gestr.; l962,ze: wieder eingefügt
15 des organisrnus ] Ts ll2,s+ u. l947,to: gestr. 15 wie ] Ts ll2,sq u. Wiederholungstrieb, z.B. analoge Scenen immer wieder herzustellen
1947,to folgt: das psychische bzw. l6 ebenso ] Ts l,s4 u. 1947,to: gestr. (der stets >Betrogene., das ewige ,Opfer< usw.) 2 einmal) l947,to: gestr.
17 Abláufe. ] Ts 1,s4v u. l947,to folgt: Wenn z.B. bei Regenerationsvor- 5 psychische ] Ts I lZ,s+: korr. aus: physische in l928,go 6 Veránderun-
gángen [Ts 2: Regenerationserscheinungen] des Organismus an der gen ] Ts I l2,s+ u. 1947,70: Veránderung l0 »psychologischern ) 1947,zt
wundstelle zwei Kópfe anstatt einem [1947,t0: eines; l962Je: des einen] u. 1962,ll: ,physiologischer« ll unserer] Ts ll2,s+ u. l947,zt Jolgt:
entstehen, so finden wir dasselbe in Fállen der Wiederherstellung eines heutigen 16 námlichl Ts Ll2,s4 u. l947,zl: den 17 und) 1947,7t folgt:
psychischen Komplexes, nach Gegebenheit eines Teiles, in dem blinden den 18 Kórperreizung ] Ts 1,54 u. r947,zr: Reizung (p. Schilder)
L02 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes 9rl 92 gzl gt Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes 103

Und endlich müssen auch nach unserer Lehre die geistigenAkte, istische »Kreatianismus« und die herkómmliche Lehre von
da sie ja ihre ganze Tcitigkeitsenergie aus der lebendigen Trieb- der »Unsterblichkeit(( es tun, dazl besteht nicht der mindeste
spháre beziehen und ohne irgende ine >»F,nergie« sich für unsere Grund. Die Mendelschen Gesetze bestehen für den Aufbau des
Erfahrungen, auch für die eigene, nicht manifestieren kónnen, psychischen Charakters im selben MaBe wie für irgendwel-
stets ein physiologisches und psychisches Parallelglied besitzen. che kórperlichen Merkmale. Die vorhandenen Verschieden-
Das psycho-physische Leben also ist I eins. Letzte philosophische heiten zwischen Mensch und Tier im Ablauf der psychischen
vertiefung dieser Theorie mu8 ich mir hier ersparen. - Funkltionen sind allerdings sehr erheblich; aber - sehr erheb-
Diese Einheit der physischen und psychischen Funktionen ist lich, und zwar weit erheblicher als die morphologischen Unter-
eine Tatsache, die für alle Lebewesen, also auch fúr den Men- schiede zwischen Tier und Mensch, sind auch die physiologi-
schen unbedingt gilt. DaB sich die abendkindische Wissenschaft r0 10 schen Unterschiede. Es wird beim Menschen im Verháltnis ztrr.r,
vom Menschen als Naturwissenschaft und Medizin vor allem Tier ein unverháltnismá3ig gro8er Mehrteil des gesamten Assi-
mit seiner Kórperseite bescháftigt hat und die Lebensvorgánge milationsmaterials zur Bildung nervóser Substanz verbraucht.
besonders durch den Korrid or von auJ3en her zu beeinflussen Die Ausbeute aber dieses Materials für Form- und Strukturbil-
suchte, ist eine Teilerscheinung des überaus einseitigen Interes- dung anatomisch sichtbarer Einheiten ist dabei auffállíg gering.
ses, das der abendlándischen Technik überhaupt eigen ist. Wenn I5 15 Ein im Verháltnis zum Tier viel gró3erer Teil dieses Materi-
uns die Lebensvorgánge von au8en her um soviel zugánglicher als wandelt sich in rein funktionelle Gehirnenergie um. Dieser
erscheinen als über den Korridor des Bewu3tseins, so braucht Vorgang aber stellt nur das physiologische Korrelat dar für eben
das aber eben gar nicht auf dem tatsrichlichen Verháltnis zwi- denselben Vorgang, den wir in psychologischer Sprach e ,rVer-
schen Seele und Physis zu beruhen, sondern es kann auch in drringung« und nennen. Wáhrend der mensch-
einem jahrhundertelang einseitig eingestellten Interesse begrün-
"Sublimierung«
20 liche Organismus in seinen sensomotorischen Funktionen dem
det sein. Die indische Medizin etwa zeigt die entgegengesetzte Tiere nicht wesentlich überlegen ist, ist die Energieverteilung
psychische, nicht minder einseitige Einstellung. Den Menschen zwischen seinem GroBhirn und allen sonstigen Organsyste-
seinem Seelenleben nach mehr als gradweise vom Tier zu tren- men eine vollstándig andere. Das menschliche Gehirn genie8t
nen, seiner Leib-Seele etwa eine besondere Art von Herkunft den unbedingten Vorzug in der Ernáhrung in einem viel ausge-
und zukünftigem Schicksal zrrzvschreiben, wie es der the- 25 25 prágteren MaBe als das tierische - genie8t ihn, da es die inten-
sivsten und vielseitigsten Energiegefálle besitzt und eine Ver-
1 undl Ts I l2,sq u. l947,zt: gestr. 2 dal Ts 112,54 u. l947,zt
folgt: und laufsform seiner Erregungen, die rein órtlich viel weniger starr
sofern 4 Erfahrungen I l947,zt: Erfahrung 7 Letzte ersparen. ]
Ts 1,54 u. l947,zl: gestr.; 1962,28: als Fn., ersparen durch versagert ersetzt umgrenzt ist. Bei allgemeiner Assimilationshemmung wird das
8 der physischen und psychischen Funktionen ] Ts I l2,s+: gestr. Gehirn zuletzt gehemmt und, verglichen mit anderen Organen,
l0 gilt. ] Ts 2,s+ folgf: sie ist im Menschen nicht im mindesten unter- am wenigsten. Die Rinde des menschlichen Gro8hirns bewahrt
brochen.; Zusatz nicht in l947,zt l2 seiner Kórperseite ] Ts ll2,ss u.
l947Jt: der Kórperseite des Menschen 13 besonders ] Ts ll2,ss u. I Kreatianismus] Ts 1,55: Kreationismus; 1947,zz: Kreatianismus;
l947,lt: in erster Linie 14 suchte ] Ts ll2,ss u. r947,tt: gesucht hat 1962,18: Kreationismus 2 es tun ] Ts ll2,ss u. 1947,72: tut 15 viel
l8 aber eben gar nicht ] Ts U2,ss u. L947,tt: eben nicht 19 Seele ] gróBerer ] Ts ll2,ss u. 1947,22: sehr gro8er 18 denselben Vorgang ]
Ts rlZ,ss u. l947,zt: Psyche 19 es kann auch ] Ts ll2,ss u. l947,tz: Ts llZ,ss u. 1947,tz: den Vorgang im Menschen 25 ausgeprágteren]
kann 24 etwa] Ts Ll2,s5 u. 1947,22: gestr. 25 zukünftigem ) l947,zz: Ts I 12,55 u. 1947,72: ausgedehnteren 25 tierische ] Ts I 12,ss u. 1947,22
künfiigem Gehirn 28 ist. I Ts I l2,ss u. I947,zz _folgt: (Goldstein)
folgt:
104 Identitát von Leib und seele - Kritik Descartes gtlg+ g+l gs [Gegensatz von Leben und Geist] tOS

und konzentriert die gan ze Lebensgeschichte des Organismus gen vollziehen kann, die beim Menschen in dies em Zustande
und seiner Vorgeschichte. Da jeder Sonderlablauf der Erregun- ausfallen. Nicht also Leib und Seele oder Kórper und Seele I oder
$en im Gehirn je die ganze Erresungsstruktur wanclelt, kann Gehirn und Seele im Menschen sind es, die irgendeinen onti-
nie »derselben Verlauf physiologisch wiederkehren - ein Tat- schen Gegensatz bilden.
bestand, der genau dem Grundgesetz psychischer Kausalitát s
entspricht, da3 nur die ganze Erlebniskette in der Vergangen-
heit, niemals aber nur der zeitlich vorangehende Einzelvorgang
IGegensatz von Leben und Geist]
das folgende psychische Geschehen erklárt. Da die Erregun-
gen in der Rinde nie aufhóren, auch nicht im schlafe, und die
J Dpn GEcTNSATZ, den wir im Menschen antreffen und der
Strukturelemente in jedem Augenblick neu auferbaut werden, r0 auch subjektiv als solcher erlebt wird, ist von viel hóherer und
so ist ein máchtiger PhantasieüberschulS - der auch ohne áu3ere tiefgreifenderer Ordnung - es ist der Gegensatz von Leben und
Reize weiters trómt und der bei Abbau des Wachbewuf3tseins Geist. Dieser Gegens atz dirfte auch viel tiefer in den Grund aller
und seiner Zensur (Freud) sofort hervortritt, der ferner, wie ich 10 Dinge hineinreichen als der Gegens atzvon Leben und Anorga-
andernorts zeigte,* als durchaus ursprünglichanzusehen ist und nischem, den in neuerer Zeit besonders H. Driesch in falscher
durch die Sinneswahrnehmung nur zunehmend eingeschrrinkt, 15 Weise übersteigert hat. Wenn wir Psychisches und Physiologi-
nicht aber hervorgebracht wird, - auch physiologisch zu erwar- sches nur als zwei Seiten desselben Lebensvorganges nehmen,
ten. Der seelische Strom láuft ferner ebenso kontinuierlich wie denen zwei Betrachtungsweisen desselben Vorganges entspre-
die physiologische Erregungskette durch den Rhythmus von l5 chen, so muB das X, das eben diese beiden »Betrachtungswei-
Schlaf- und Wachzustánden hindurch. Das Gehirn scheint beim sen(( selbst vollziehf, dem Gegens atz von Leib und Seele über-
Menschen auch im hóheren MaSe als beim Tiere das eigent- 20 legen sein. Dieses X ist nichts anderes als der selber nie gegen-
liche Todesorgan zu sein, wie es bei der viel stárke ren Zentrali- stándlich werdende, alles »vergegenstándlichenden Geist. Ist
sierung und Gebundenheit aller seiner Lebensvorgánge an die schon das Leben unriiumliches Sein ,der Organismus ist
Gehirntátigkeit ja auch zu erwarten ist. Wissen wir doch durch ein Vorgang«, bemerkt |ennings treftend, und alle scheinbar
eine Reihe von Untersuchungen, da3 der künstlich groBhirnlose
Hund oder das groShirnlose Pferd noch eine Fülle von Leistun - 2s
2 ausfallen. ] Ts ll2,se u. 1947,tl folgt: Diese und áhnliche Tatsachen
- sind voll genügend erklárt durch die gesf sigerte Einheit des menschli-
Vgl. meine Abhandlung >Arbeit und Erkenntnis<. chen Seelenlebens gegenüber dem tierischen, ohne da8 man dafür eine
besondere Seelensubstanz beim Menschen anzunehmen hátte. 4 bil-
2 seiner ] Ts ll2,so u. 1947,23: seine 7 aber ] Ts ll2,se u. l947,zl: den. ] Ts I 12,s6: Maria Scheler fügt den Satz ein, der einige Seiten vorher
gestr. l0 auferbaut] 1949,78: aufgebaut; 196279: auferbaut lz und (1928,ss) den Absatz eingeleitet hatte: Wir dürfen heute sagen, da8 das
der ] Ts ll2,so u. 1947,23: gestr. 14 der ferner ... zeigte] Ts ll2,se u. Problem von Leib und Seele, das so viele ]ahrhunderte in Atem gehalten
1947,23: und; durch die streichung entfiel auch die Fn. 16 physio- hat, für uns seinen metaphysischen Rang verloren hat.; 1962,80: als Fn.
logisch I Ts ll2,ss u. 1947,23: psychologisch 17 ferner ] Ts tj2,so u. gesetzt l2 Dieser Gegensatz... übersteigert hat.] 1947,2+: als Fn. ge-
u. 1947,tz folgt: (nicht un- setzt; 1962,go: wieder in den Text versetzt 13 Physiologisches ] Ts ll2,st
) Ts 112,56 u. 1947,t3: gestr. u. 1947,t+: Physisches; 1962,80: Physiologisches l3 desselben ] Ts I l2,st
tellt und Fn. ergiinzt: Vgl. u. 1947,t4: ein und desselben l5 so ) 1947,7a u. 1962,Bo: dann l7 der]
B. Ts 712,s7 u. 1947,t+ folgf: wie wir sahen,
106 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes gslg6 g6lgz Kritik der »naturalistischenn Auffassungen 107

ruhende Form ist von diesem Lebensvorgang in jedem Augen- Kritik der rnaturalistischen« Auffassungen :

blick getragen und unterhalten -, wohl aber zeitliches Sein, so ihres formal-mechanischen Typrt
ist das, was wir Geist nennen, nicht nur überrriumlich, sondern
auch überzeitlich. Die Intentionen des Geistes schneiden sozu- t!' DIp FIRMAL-MECHANTscH¿iv Auffassungen des Verháltnis-
sagen den Zeitablauf des Lebens. Nur indirekt ist auch der gei- ses von Geist und Leben, die an erster Stelle die Eigenart der
stige Akt, sofern er Tritigkeit beansprucht, auch abhángig von Lebenskategorie übersehen und daher auch den Geist mi3ver-
einem zeitlichen Lebensvorgang und gleichsam in ihn einge- stehen müssen, treten in der abendlándischen Geschichte wie-
bettet. Aber so wesensverschieden ,Leben« und »Geist« sind, derum in zwei Formen auf. Die eine kommt aus dem Alter-
so sind nach unserer dargelegten Auffassung I doch beide Prin- tum, aus den Lehren eines Demokrit, Epikur und Lucretius
zipien im Menschen aufeinander angewiesen: Der Geist ideiert t0 Carus, und hat ihre vollkommenste Darstellung wohl in dem
das Leben. Das Leben allein aber vermag es, den Geist von seiner l0 Buche Lamettries gefund en >>L'homme machine«. Hier wird ver-
einfachsten Aktregung an bis zur Leistung eines Werkes, dem wir sucht, wie schon der Name des Buches sagt, die psychischen
geistigen Sinngehalt zuschreiben, in Tritigkeit zu setzen und zu Erscheinungen, ohne sie vom Geistig en zvscheiden, auf Begleit-
verwirklichen. - erscheinungen der im Organismus waltenden physikalisch-
Dieses Verhaltnis von Geist und Leben, wie wir es soeben l5 chemischen Gesetzlichkeit zurückzuführen. Die andere Form I

umschrieben, ist nun von einer ganzen Gruppe philosophi- 15 der formal-mechanischen Auffassung ist im englischen Sensua-
scher Grundauffassungen des Menschen verfehlt und mi8ach- lismus am schárfsten ausgebildet; der ,,Traktat über die mensch-
tet worden. Hier seien zunáchst alle jene Theorien des Menschen liche Natur« von David Hume stellt ihre vollkommenste Aus-
andeutungsmáBig charakterisiert, die man als rrnaturalistischu prágung dar. In neuester Zeít ist Ernst Mach einer solchen Auf-
bezeichnen kann. Innerhalb dieser Theorien lassen sich zwei 20 fassung des Menschen am náchsten gekommen, wenn er das Ich
Grundarten unterscheiden: eine einseiti g formal-mechanische 20 als einen Knotenpunkt darstellt, in dem die sensualen Weltele-
Auffassung des menschlichen Verhaltens und eine einseitig mente in besonderer Dichtigkeit zusammenhángen. In beiden
vitalistische. Lehren, hier wie dort, wird das formal-mechanische Prinzip
bis auf die áu8erste Spitze getrieben, nur mit dem Unterschied,
da8 das eine Mal die Empfindungsvorgánge aus Vorgángen
25 verstanden werden sollen, die nach den Prinzipien der physi-
kalischen Mechanik verlaufen, wáhrend das andere Mal die
I Forrn I Ts ll2,sz u. 1947,t+ folgt: des Kórpers 5 auch I Ts ll2,sz Grundbegriffe der anorganischen Naturwissenschaft aus den
u. 1947,2+: gestr. 8 Aber ] Ts rl2,sl u. 1947,t+: gestr. g wesensver- als letzte Gegebenheiten geltenden Empfindungsdaten und aus
schieden] Ts ll2,st folgt: aber auch; r947,zt: auch; l962,sl: aber auch
9 nach ... Auffassung] Ts l l2,st u. 1947,24: gestr. 15 Dieses] Ts ll2,st 6 die müssen ] Ts ll2,sz u. 1947,75 Auflósung des Relativsatzes:
u. 1947,74: Das; Maria Scheler wollte nach verwirklichen eine Leerzeile übersehen und müssen mi8verstehen. 7 wiederum] Ts Ll2,sl
einfügen, in die sie eintrug: Der Lahme (Geist) und der Blinde (Leben); u. l947,zs: gestr. 10 dern Buche ] Ts ll2,sa t. l947,ls: gestr. 11 Hier
nicht in l947,zq übernommen 15 soeben ] I962,at: hier 16 umschrie- wird versucht, ] Ts ll2,sg u. L947,25: LJmwandlung in Relativsatz: in dem
ben ] Ts rl2,s7 tr. 1947,t+ Jolgt: haben l6 nun ] Ts I l2,st u. 1947,t4: gestr. versucht wird, 15 der formal-mechanischen Auffassung ) Ts 112,58 u.
19 >>naturAlistisch«] Ts Il2,sl u. 1947J+: >»nAturAlistischen Theorien 1947,zs; gestr. 20 darstellt I Ts ll2,sB u. 1947,7s: auff-a8t 2r Dichtig-
20 Theorien ] Ts I l2,sT u. 1947,t4: gestr. keit ] Ts I12,s8 u. 1947,7s: Dichte
108 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes gllgg sslqq [Kritik] ihres vitalistischen Typrr 109

den Gesetzen der Vorstellungsassoziation (mit Einschlu8 aller aller hierhergehórigen Auffassungen, so findet man wieder drei
Substanz- und Kausalbegriffe) allererst hergeleitet werden. Der Untertypen dieser naturalistisch-vitalistischen Menschenidee,
Fehler bei der Typ", der mechanischen Theorie aber ist es, das jenachdem die Forscher das System der Nahrungstriebe oder das
Wesen des Lebens in seiner Eigenart und Eigengesetzlichkeit zu System der Fortpflanzungs- und Geschlechtstriebe oder endlich
überseherr. - das System der Machttriebe fur das ursprüngliche und leitende
Triebsystem des menschlichen Trieblebens überhaupt halten.
»Der Mensch ist, was er il3t«, hat Vogt grob erklárt. Unver-
IKritik] ihres vitalistischen Typ,rc in seinen drei Unterarten gleichlich vertieft und in die Hegelsche Geschichtslehre hin-
eingearbeitet, hat insbesondere Karl Marx die analoge Auffas-
tf DtE ZrttBvv¿ Abart der naturalistischen Theorie, die vitali- l0 sung vertreten, da8 der Mensch nicht sowohl die Geschichte
stische, macht im Gegenteil hierzu die Kategorie des »Ie bensn mache, sondern die Geschichte den Menschen jeweilig verschie-
zur Urkategorie der Gesamfauffassung des Menschen und somit den gestalte, und zwar an erster Stelle die Wirtschaftsqeschichte,
auch des Geistes - sie überschátztdie Tragweite des Lebensprin- l0 die Geschichte der rmateriellen Produktionsverháltnisse«. Eine
zips. Der rnenschliche Geist soll sich nach ihr in letzter Linie innere Eigen-Logik und Kontinuitát kommt nach dieser Auf-
aus dem rmenschlichen Triebleben als dessen spátes »Entwick- t5 fassung der Geschichte der geistigen Hervorbringungen in der
lungsprod uktu vollstándig verstehen lassen. So etwas will I der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, dem I Recht usw.
englisch-a merikanische Pragmatismus, erst Peirce, dann Wil- überhatpt nicht zu. Diese Kontinuitát und eigentliche Kausa-
liam |ames, F. C. Schiller und Dewe¡ die Denkformen und die t5 litát ist ganz und gar verlegt in den Ablauf der Wirtschaftsfor-
Denkgesetze aus den jeweiligen Arbeitsformen des Menschen men, von denen nach Marx jede ausgeprágte historische Form
ableiten (homo faber). So will anderseits Nietzsche in seinem 20 eine eigentümliche geistige Welt als den bekannten »Überbaun
»Willen zL)r Machtn die Denkformen als notwendige lebens- zur Folge hat.. Die Auffassung des Menschen als eines primár
wichtige F unktionen aus dem Machttrieb des Lebens verstánd- vom Machttrieb und vom Geltungstrieb beherrschten Wesens
lich machen; in etwas veránderter Weise ist ihm hierin neuer- ist geschichtlich besonders von Machiavelli, Thoma s Hobbes
dings Han s Vaihinger gefolgt.. Überblickt man die Gesamtheit
- Vgl. meine Kritik des historischen Materialismus in meiner »Sozio-
'
Vgl. hicrzu meine Abhandlung »Arbeit und Erkenntnis« in »Die logie des Wissens« in »Die Wissensfbrmen und die Gesellschaftu.
Wissensforrren und die Gesellschaftu.
I aller] Ts LlZ,sB u. l947,ze: der I wieder] Ts ll2,sg u. I947,te: gestr.
3 mechanischen ] Ts I 12,s8 u. 1947,25: mechanistischen; l949,al: mecha-
3 die Forscher ] Ts ll2,sg u. 1947,26: gestr. 4 oder das System ] Ts l12,sg
nischen; 1962,82: mechanistischen 3 aber ) Ts L12,58: gestr.; in l9471s u. I947,te: das 5 endlich das System ] Ts ll2,sg das System; L947,26:
beibehalten 8 Gegenteil hierzu] Ts l12,s8 u. 1947,zs: Gegensatz zum das 6 Triebsystem ] Ts ll2,sg u. l947,ze: System 6 halten ] Ts 1/2,ss
fbrmal-mectranischen Typus t I sie Lebensprinzips ] Ts ll2,s8 u. u. l947Jo: gehalten wird ll sondern] Ts |lL,sg u. 1947,16: als vielmehr
1947,ls: die Tragweite des Lebensprinzips weit überschátzend I I nach
16 der Kunst . .. Recht ] l947,to: alle Artikel gestr. 22 vom I Ts I l2,sg
ihr] Ts rl2,sB u. l947,ts: gestr. 13 etwas] Ts ll2,ss u. l9471s: gestr. u. 1947,26: gestr. 24 Ts 2,59: »Vgl. meine Kritik des historischen Ma-
17 (homo faber)) Ts ll2,s8 u. l947,zo: gestr.; 1962,g2: wieder eingefügt
terialismus in >Soziologie des Wissens<.; 1947,gg: Vgl. »Probleme einer
17 anderseit s ] Ts Ll2,sg u. 1947,t6: gestr. 22 Ts 2,s8 u. L947,gg: Vgl. die
Soziologie des Wissens< a.a.O.; 1962,91 rihnlich wie in 1928: Vgl. meine
Abhandlung »Erkenntnis und Arbeit< a. a. O.; 1962,82: Vgl. zu Obigem Kritik des historischen Materialismus in »Probleme einer Soziologie des
meine Abha ndlung ,Erkenntnis und Arbeit< a. a. O. Wissens, a. a. O.
110 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes 99 | roo roo I ror Kritik der anthropologischen Theorie von L. Klages l ll

und den gro3en Politikern des absoluten Staates ausgegangen wie der Gruppe vor allem abhángt von der Kontinuitát dieser
und hat in der Gegenwart ihre Fortset z\ng in den Machtlehren Vorgánge und ihrer symbolischen Bildkorrelate - wie auch der
Friedri ch Nietzsches und, mehr nach der medizinischen Seite dunkle Mythos nicht sowohl ein Produkt der Geschichte ist, als
hin, in Alfr ed Adlers Lehre vom Primat des Geltungstriebes vielmehr er den Gang der Geschichte der Vólker weitgehend
gefunden. Die dritte mógliche Auffassung ist diejenige, die das bestimmt. Alle diese Theorien jedoch haben darin geirrt, da3
geistige Leben als Forrn sublimierte r Libido auffa8t, als deren sie nicht nur die Tiitigkeit, die Kraftsewinnung des Geistes und
Symbolik und luftigen Überbau, und damit auch die ganze seiner Ideen und Werte, sondern auch diese Ideen selbst nach
menschliche Kultur und ihre E rzeugnisse als Produkt verdráng- ihrem inhaltlichen Sinnbestande, ferner die Gesetze des Geistes
ter und sublimierter Libido ansieht. Hatte schon Schopenhauer und sein inneres Wachstum, aus diesen Triebmáchten herleiten
die Geschlechtsliebe als den »Brennpunkt des Willens zum r0 t0 wollten. Wenn der Irrtum des abendlándischen ldealismus der
Lebenn bezeichnet, ohne indes dem Naturalismus vollstán dígzu ,klassischenu Theorie mit seiner máchtigen Überschátzung des
verfallen - daran hinderte ihn sei ne negative Theorie des Men- Geistes die tiefe Wahrheit Spin ozas übersah, daB die Vernunft
schen -, so hat der frühe Freud, der noch keinen selbstándigen unfáhig ist, die Leidenschaften zu regeln, es sei denn, da8 sie -
Todestrieb annahm, diese Auffassung des Menschen bis in die kraft Sublimierung, wie wir es heute nennen würden - selbst zu
áu8ersten Konsequenzen ausgebaut.. l l5 15 einer Leidenschaft werde, so haben die sogenannten Naturalisten
Alle diese naturalistischen Lehren, seien sie nun des mecha- ihrerseits die Ursprünglichkeit und Selbstándigkeit des Geistes
nischen oder des vitalistischen Typus, müssen wir vollstándig vollstán dig miJsachtet. - I

zurückweisen. Zwar kommt dem »vitalistischen« Typus der


naturalistischen Menschenauffassung das hohe Verdienst zu,
zur Einsicht gebracht zu haben, da8 das, was im Menschen im Kritik der anthropologischen Theorie von L. Klages
eigentlichen Sinne schópferisch und máchtig ist, nicht das ist,
was wir Geist (und die hóheren Bewu3tseinsformen) nennen, Jl' Irvr GEcENSATz zu all diesen Theorien hat ein neuerer Schrift-
sondern die dunklen unterbewuJ3ten Triebmiichte der Seele, 20 steller, der eigenwillig, aber nicht ohne Tiefe ist, den Menschen
und da8 die menschliche Sch icksalsbildung des Einzelwesens (áhnlich wie wir selbst.) vor allem unter den beiden irreduziblen
Grundkategorien von »Leben und Geist« zu verstehen gesucht -
. Vgl. meine Kritik der Freudschen Liebestheorie in meinern Buche 25
»Wesen und Formen der Sympathie«. III. Aufl.
-
Die Scheidung von »Geist« und ,Leben.< liegt schon meiner Erst-
lingsschrift »Transzendentale und psychologische Methode«, ferner mei-
2 der Gegenwart ] Ts ll2,sg u. l947,ze: Neuzeit und Gegenwart 25 ner ,Ethik« zugrunde. Mit den Begriffen von Klages deckt sie sich nicht,
3 medizinischen ] Ts llL,sg u. 1947,7e: medizinisch-psychologischen da Klages »Geisf« - »IDtelligenz«, »lch« und »Wollen« setzt.
5 mógliche I Ts ll2,se u. L947,to folgt: naturalistische 7 auch I Ts ll2,ss
u. l947Je: gestr.; 1962,83: wieder eingefügt 14 diese 1949,82: die;
) I wie I Ts 1,oo u. l947,zz folgt: die 4 der Vólker I Ts l/2,60 u. l947,zt:
1962,83: diese 16 nun ] Ts ll2,sg u. l947,ll: gestr. 19 der naturali- gestr. 7 sondern ] Ts 2,60 _folgt: - hier beginnt der Irrtum -; in Ts 1

stischen Menschenauffassung ] Ts llT,sg u. 1947,27: gestr. 2r und ] durchgestr. u. nicht in L947,tz übernommen 16 haben die ihrer-
Ts ll2,5g u. l947,zt: gestr. 25 1947,89: Fn. gekürzt, in 1962,83 wieder seits ) Ts 112,60 u. 1947,zz: hat der sogenannte Naturalismus seinerseits
der ursprüngl. Fassung angeniihert: YgL meine Kritik der Freudschen 2l vor allem I Ts 112,60 u. 1947,zt: gestr. 24 Methodeu ) 1962,8+ folgt:
Liebestheorie in meinem Buche >Wesen und Formen der Sympathie<. (r8qq)
rt2 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes ror I roz roz I ro3 Kritik der anthropologischen Theorie von L. Klages 113

ich meine Ludwig Klages. Er ist es vor allem, der in Deutschland einem Verháltnis gegenseitiger Ergiinzung. In diesem KamPf-
jene Panromantische Denkarf über das Wesen des Menschen zustande aber erscheint der Geist als das Leben und Seele im
philosophisch fundiert hat, die wir heute bei so vielen Forschern Ablauf der menschlichen Geschichte immer tiefer zerstiirende
verschiedenster Wissenschaften antreffen, z.B. bei Dacqué, Fro- Prinzip, so da3 schlie8lich die menschliche Geschichte als eine
benius, Iung, Prinzhorn, Th. Lessing*, in einer gewissen Rich- Décadence, ja als eine fortschreitende Erkrankungserscheinung
tung auch bei O. Spengler. Die Eigenart dieser Auffassung, auf des im Menschen sich darstellenden Lebens erscheint. Wáre Kla-
die ich hier nicht náher eingehe, besteht vor allem in zwei Punk- ges ganz konsequent - was er nichú ist, da er seltsamerweise den
ten: Der Geist wird zwar als ursprünglich angenommen, aber Geist erst nach der Menschwerdung an einer bestimmten Stelle
durchaus wie bei den Positivisten und Pragmatisten mit Intel- der Geschichte »hereinbrechen« láBt, so da8 der Geschichte des
ligenz und Wahlfiihigkeit gleichgesetzt. DaB der Geist primár 10 l0 homo sapiens also schon eine gewalti ge Vorgeschichte vorher-
nicht nur vergegen lstándlicht, sondern auch Schau von ldeen geht, die mit Bachofenschen Augen gesehen wird -, so mü3te
und Wesenheiten auf Grund von Entwirklichung ist, wird von er den Beginn dieser >>Tragódie des Lebens«, die nach ihm der
Klages nichf anerkannt. Der so seines eigentlichen Wesens und Mensch isf, schon in die Menschwe rdung selbst hineinverlegen.
Kernes beraubte Geist wird sodann vóllig bei ihm entwertet. Einen solchen dynamischen und feindlichen Gegens atz zwi-
Er befindet sich nach Klages mit allem Leben und was zu ihm 15 15 schen Leben und Geist anzunehmen, verbietet uns nach unse-
gehórt, mit allem Seelenleben schlichten automatischen Aus- rer oben dargelegten Auffassung dieses Verháltnisses schon die
drucks, in einem ursprünglichen Kampfzustand , nicht aber in eine Tatsache, da8 dem Geist als solchem überhaupt keinerlei
,Kraft und Machtn, keine ursprüngliche I fatigkeitsenergie
zukommt, durch die er dies e >>Zerstórung« vollziehen kónnte.
' Theodor Lessing bringt in der 4. Auflage seines Buches: »Geschichte
20 Was Klages in seinen an feinen Beobachtungen reichen Schrif-
als Sinngebung des Sinnlosenu S.28, den Grundgedanken der Theorie
auf den Ausdruck: »So verfestigte sich immer mehr mein Grundge- ten an wirklich beklagenswerten Erscheinungen geschichtlicher
20
danke, da8 die Welt des Geistes und seiner Norm nur die unentbehr- Spátkultur anführt, ist nicht dem »Geiste << znr Last zu legen,
liche Ersatzwelt eines am Menschen erkrankten Lebens sei, nur das Mittel sondern in Wirklichkeit auf einen Vorgan g zurickzuführen,
zu.r Errettung einer in sich f ragwürdig gewordenen, nach kurzem Wach- den ich , Übersublimierung« nenne - einen Zustand so über-
bewu3tsein spurlos wieder versinkenden Gattung durch Wissenschaft 25 máBiger Vergehirnlichung, da3 auf Grund ihrer und als Reak-
gróf3enwahnsinn ig gewordener Raubaffen.u 25

5 Dacqué ... Prinzhorn ] Ts Ll2,oo u. 1947,78 einige Vornamen hinzuge- 2 aber I Ts I 12,6t u. 1947,28: gestr. 4 schlie3lich I Ts ll2,6t tt. l947Js:
fügt: Edgar Dacqué, Leo Frobenius, bei lung und Prinzhorn jedoch erst gestr. l0 also ] Ts I l2,et u. 1947,t8: gestr. l3 hineinverlegen ] Ts ll2,ot
in 1962,8s: C.G. Iung, Hans Prinzhorn 6 o. spengler] Ts rl2,oo u. u. L9473B: hineinlegen 16 nach unserer Verháltnisses ] Ts ll2,et
1947,28: Oswald Spengler 7 auf die ... eingehe] Ts I,60 u. r947,tg: auf u. 1947,78: gestr. 19 >>Zerstórung« ] Ts Il2,Ot u. 1947,lg folgt: allererst
die hier nicht náher eingegangen werden kann 8 aber] Ts 2,eo folgt: 24 nenne] L947,ag Anm.: Vgl. zu den Problemen der Resublirnierung
erstens; in Ts l,60 durchgestr. u. nicht in 1947,lg übernommen 17 ur- und Übersublimierung »Der Mensch im Zeitalter des Ausgleichs,
sprünglichen ] Ts I l2,ot u. 1947,za folgt: und grundsátzlichen 17 aber ] a. a. O.; priiziser in 1962,g7: Vgl. zü ,Übersublimierung, (und »Resub-
Ts 1 l2,ot u. L947,28: gestr. l8 in der 4. Auflage seines Buches ) 1947,78 lirnierung.) den oben zu 5.6 [in der Vorrede] zitierten Aufsatz »Der
u. Ts 1,60: ersetzt durch: im Buche;1962,95: in seinem Buche; S.z8 gestr.; Mensch im Zeitalter des Ausgleichs, (1927) a. a. O.
24 einen] Ts I l2,ot,
l962,as folgt am Ende: (ugl. 4. Aufl. Leipzig 1927, S. 2S). 24 Wach- u. l947Jg: auf einen 25 Yergehirnlichung ] Ts Il2,6t u. 1947,tg folgt:
bewu8tsein ) 1962,8-5: kurzer Wachbewufitheit des Menschen 25 ihrer ] Ts 1l2,et u. 194779: seiner
ll4 Identitát von Leib und Seele - Kritik Descartes ro3 | ro4 ro4 | ro5 Kritik der anthropologischen Theorie von L. Klages 115

tion auf sie jeweilig die bewuJ3t romantische Fluchf in einen sung, aller Auffassung des Menschen als ,homo faber(<, wird
meist vermeintlich in der Geschichte gefundenen Zustand ein- in diesem fundamentalen Punkte ein unkritischer Schül er der
setzt, in dem diese Übersublimierung, insbesondere «l as über- Grundanschauung, die er so scharf bekámpft. Auch verkennt
ma8 der diskursiven intellektuellen Tátigkeit, noch nicht vor- Klages, dal3 überall da, wo das Dionysische und die dionysi-
liegt. Eine solche Fluchtbewegung war schon die dio nysische sche Form des menschlichen Dasein s ursprünglich und naiv ist -
Bewegung in Griechenland, war ferner die hellenistische Dog- und das ist sie vollstándig niemals, da die ausdrückliche Trieb-
matik, die das klassische Griechentum mit áhnlichen Augen enthemmung ebensowohl vom Geiste aus eingeleitet ist wie die
sah, wie die deutsche Romantik das Mittelalter gese hen hat. rationale Trieb askese; das Tier kennt einen solch enthemmten
DaB solche Geschichtsbilder weitgehendst nur auf einer durch Zustand nicht -, der dionysische Zustand selbst auf einer kom-
die eigene Uberintellektualisierung geborenen Sehnsu cht nach 10 t0 pliziert en bewuJlten Willenstechnik beruht, also mit demsel-
»fugend und Primitivitát« beruhen, mit der geschic htlichen ben »Geiste« arbeitet, der ausgeschaltet werden soll. Geist und
Wirklichkeit aber nie ibereinstimmen, das scheint mir Klages Leben sind aufeinander hingeordnet, und es ist ein Grundirr-
nicht genug zu würdigen. Eine andere Gruppe von Erscheinun- tum, sie in eine ursprüngliche Feindschaft oder einen Kampf-
8€n, die Klages als Folgen der zerstórlichen Macht des Geistes zustand zu bringen. >rWer das Tiefste gedacht, liebt das Leben-
ansieht, besteht darin, dafi überall, wo geistige Tátigkeiten ein- 15 t5 digste« (Hólderlin). l

gesetzt werden gegenüber gemeinhin automatisch ablaufenden


Tritigkeiten der Vitalseele, diese letzteren in der Tat weitgehend
gestórt werden. Einfache Grundsymlptome sind z.B. die Stó-
rung des Herzschlags, des Atems und andere r ganz oder halb
automatischer Tátigkeiten durch die Aufmerksamkeit; ferner 20
Stórungen, die entstehen, wenn sich der Wille direkt gegen die
Triebimpulse selbst richtet, anstatt sich je neuen wertbetonten
Inhalten zvztrwenden. Das aber, was Klages hier Geist nennt,
ist in Wirklichkeit nur eine komplizierte technische Intelligenz
im Sinne unserer vorhergehenden Ausführungen. Gerade er, 25
der schárfste Gegner aller positivistischen Menschenauffas-

I sie jeweilig die ] Ts ll2,ot u. 1947,29: ihn jeweilig eine; 1962,86: ihn
jeweilig die 9 weitgehendst nur ] Ts ll2,el u. l947,zg: weitestgehend
I I mit ] Ts ll2,ot u. l947,zg: da3 sie mit; L962,ge: mit 12 aber
]
Ts I lZ,ot u. 1947,79: gestr.; 1962,go: wieder eingefügt 14 zerstórlichen ]
Ts ll2,oz u. 1947,29: zerstórerischen 17 Yitalseele ) Ts ll2,oz 3 erl Ts Ll2,oz u. L947,so folgt: im übrigen 6 da] Ts ll2,e2 u. L947,zg
folgt: (Aus-
drucksbewegungen), nicht in L947,lg übernommen l7 diese letzteren ]
folgt: wir sahen €s, 7 ebensowohl ] Ts ll2,ez u. I947,tg; ebensosehr
Ts I12,62 u. 1947,79: erstere 18 Grundsymptome ) Ts 112,62 tt. l947,zg 7 eingeleitet ] 1949,85: geleitet; l962,se: eingeleitet l0 also ] Ts ll2,oz
J'olgt: solcher Art 22 selbst I Ts ll2,oz u. 1947,ze: gestr. 24 ist in Wirk- u. L947,29: d. h. 12 und ] Ts ll2,e2 u. L947,go: gestr. 13 oder einen ]
lichkeit nur eine ) Ts 112,62 u. I947,Bo: das ist in Wirklichkeit nicht der Ts I12,e2 u. 1947,80: in einen ursprünglichen 15 (Hólderlin) )Ts ll2,ez
Geist, sondern nur die u. 1947,go: gestr.
r16 105 ro5 lro6 Spháre eines absoluten Seins t17

VI. Zur Metaphysik des Menschen - so wendet er sich gleichsam erschaulernd um und fragt: »Wo
»Metaphysik« und »Religion« stehe ich denn selbsú? Was ist denn mein Standort?« Er kann
nicht eigentlich mehr sagen: »Ich bin ein Teil der Welt, bin von
ihr umschloss€fl((, denn das aktuale Sein seines Geistes und
p tsr die Aufgabe einer philosophischen Anthropologie, genau
s seiner Person ist sogar den Formen des Seins dieser »Welt« in
I-J zu zeigen, wie aus der Grundstruktur des Menschseins, wie Raum und Zeit überlegen. Und so schaut er gleichsam bei die-
sie in diesen unseren obigen Ausführungen kurz umschrie- ser Umwendung hinein ins Nichfs. Er entdeckt in diesem Blicke
ben wurde, alle spezifischen Monopole, Leistungen und Werke gleichsam die Móglichkeit des ,absoluten Nichts« und dies
des Menschen hervorgehen: so Sprache, Gewissen, Werkzeug, treibt ihn weiter zu der Fra ge: >>Warum ist überhaupt eine Welt,
Waffe, Ideen von Recht und Unrecht, Staat, Führung, die dar- r0 warum und wieso bin »ich< überhaupt?« Man erfasse die strenge
stellenden Funktionen der Künste, Mythos, Religion, Wissen- Wesensnotwendigkeit dieses Zusammenhangs, der zwischen
schaft, Geschichtlichkeit und Gesellschaftlichkeit. Darauf kann l0 dem Welt-, dem Selbst- und dem formalen Gotúesbewu8tsein
hier nicht eingegangen werden. Wohl aber soll zum Abschlu3 des Menschen besteht, wobei Gott hier nur als ein mit dem Prá-
noch der Blick gelenkt sein auf die Folgerungen, die sich aus dikat »heilig(( versehenes ,>Sein durch sich selbst« erfa3t wird,
dem Gesagten für das metaphysische Verhiiltnis des Menschen t5 das natürlich tausendfáltige bunteste Ausfüllungen annehmen
zum Grunde der Dinge ergeben. kann. Diese Sphrire aber eines absoluten Seins überhaupt, gleich-
Es ist eine der schónsten Früchte des sukzessiven Aufbaus l5 gültig ob sie dem Erleben oder Erkenn en zügánglich ist oder
der menschlichen Natur aus den ihr untergeordneten Daseins- nicht, gehórt ebenso konstitutiv züm Wesen des Menschen wie
stufen, wie ich ihn soeben zu geben versuchte, dal3 man zeigen sein SelbstbewuJ3tsein und WeltbewuJ3tsein Was W. von Hum-
kann, mit welcher inneren lüof wendigkeit der Mensch in dem- 20 boldt von der Sprache gesagt hat, da8 der Mensch sie darum
selben Augenblick, in dem er durch Welt- und Selbstbewu3t- nicht habe ,erfinden(( kónnen, da der Mensch nur durch die
sein und durch Vergegenstándlichung auch seiner eigenen psy- 20 Sprache Mensch isf, das gilt mit genau derselben Strenge für die
cho-physischen Natur - den spezifischen Kundmerkmalen des formale Seinsspháre eines alle endlichen Erfahrungsinhalte und
Geistes - Mensch geworden ist, er auch die formalste ldee eines das zentrale Sein des Menschen selbst überragenden, schlecht-
überweltlichen, unendlichen und absoluten Seins erfass en muJ3.
Hat sich der Mensch - und das gehórt ja zu seinem Wesen, isf
der Akt der Menschwerdung selbst - einmal aus der gesamten 2s
I so ... fragt ] Ts ll2,et u. l947,gt: so mu8 er sich gleichsam erschau-
ernd umwenden und fragen 6 Und ] Ts ll2,ol u. 1947,8t: gestr.
Natur herausgestellt und sie zu seinem »Gegenstande« gemacht, 10 überhaupt? ) 1947,8s Anm.: Vgl. hierzu in dem Bande »Vom Ewigen
im Menschen, ll962,tsfolgt: (t. eufl. l92I;4. Aufl. 1954, Ges. W. Bd.5)l
3 die ] Ts 1 12,62 u. 1947,80: gestr. 5 diesen unseren obigen Ausführun- aus der Abhandlung »Vom Wesen der Philosophie < 11962 folgt: (1917))
gen ] Ts Ll2,ez u. 1947,Bo: diesen unseren Ausführungen nur; 1962,Bl: das Kapitel >Vom Gegenstand der Philosophie und die philosophische
unseren Ausf ührlrngen nur I I zum Abschlul3 ] Ts ll2,oz u. 1947,80: Erkenntnishaltung« 11962 folgt:) und in der Abhandlung ,Probleme
gestr. 13 metaphysische] Ts ll2,ez u. l947,Bo: gestr. 17 wie ich der Religion< (s. Sachregister) l5 natürlich ] Ts I 12,63 u. 1947,st: gestr.
versuchte ] Ts ll2,ol u. l947,go: wie er hier zu geben versucht wurde 15 Ausfüllungen ) 1949,at: Ausführungen; 1962,ss: Ausfüllungen
2l Kundmerkmalen ] l947,BO u. 1962,8g: Grundmerkmalen 22 er] Ts 16 Diese] Ts 112,63 u. I947,gt: Die 17 oder) Ts 112,63 u. I947,at folgt:
ll2,* u. L947,go: gestr. 24 und ] Ts I l2,ol u. 1947,80: gestr. 26 seinem ] dern; 1962,88: gestr. l8 oder nicht ) Ts I12,63 u. 1947,gt: gestr. 19 undl
l949,ge: einem; 1962,88: seinem Ts 112,a u. 1947,Bt folgt: sein
118 Zur Metaphysik des Menschen rc61rc7 ro7 lro8 Ursprung der Metaphysik 119

hin in sich selbstcindigen Seins von Ehrfurcht gebietender Hei- konstituierte; genau im selben Augenblicke, als das weltofene
ligkeit. Versteht man unter den Worten »Ursprung der Religion Verhalten und die nie ruhende Sucht entstan d, grenzenlos in
und Metaphysik« | nicht nur die Erfüllung dieser Spháre mit die entdeckte »Welt«spháre vorzudringen und sich bei keiner
bestimmten Annahmen und Glaubensgedanken, sondern einen Gegebenheit zu beruhigen; genau im selben Augenblicke, als
Ursprung dies er Sphiire selbsf, so fiele also dieser ihr Ursprung der werdende Mensch die Methoden alles ihm vorhergehenden
mit der Menschwerdung selbst vollstándig in eins zusammen. tierischen Lebens, der Umwelt angepaflt zu werlden oder ihr
Der Mensch mufi den eigenartigen Zufall, die Kontingen z der sich anzvpassen, zerbrach und die umgekehrfe Richtung ein-
Tatsache, da8 ,überhaupt Welt ist und nicht vielmehr nicht schlug, die Anpassung der entdeckten >>Welt, an sich und sein
ist«, und da8 ,er selbst ist, und nicht vielmehr nichf ist«, mit organis ch stabil gewordenes Leben; in genau demselben Augen-
anschaulicher Notwendigkeit in demselben Augenblicke entdek- r0 l0 blicke, da sich der Mensch aus der Natur heraus stellte, um sie
ken, wo er sich überhaupt der »Welt« und seiner selbst bewu8t zum Gegenstand seiner Herrschaft und des neuen Kunst- und
geworden ist. Daher ist es ein vollstándiger Irrtum, das »Ich Zeichenprinzips zu machen, - in eben demselben Augenblicke
binu (wie Descartes) oder das »Die Welt ist« (wie Thomas von muJ3te der Mensch auch sein Zentrum irgendwie aulSerhalb und
Aquin) dem allgemeinen Satz, »Es gibt absolutes Sein« vorher- jenseits der Weltverankern. Konnte er sich doch nun nicht mehr
gehen zu lassen und diese Spháre des Absoluten allererst durch l5 l5 als einfaches »Glied« oder als einfachen »Teil« der Welt erfassen,
SchluJ3folgerung aus jenen ersteren Seinsarten erreichen zu über die er sich so kühn gestellt hatte !
wollen. Nach dieser Entdeckung der Weltkontingenz und des selt-
Welt-, Selbst- und GottesbewuJltsein bilden eine unzerreiJsbare samen Zufalls seines nun weltexzentrisch gewordenen Seinsker-
Struktureinheif - genau so, wie Transzendenz des Gegenstandes nes aber war dem Menschen noch ein doppeltes Verhalten móg-
und Selbstbewu8tsein in genau demse/ben Akte, derudritten 20 20 lich. Er konnte sich einmal darübe r verwundern (Oou¡rc(erv) und
Reflexio«, entspringen. Im selben Augenblicke, als jene s >>Nein, seinen erkennenden Geist in Bewegung setzen, das Absolute zu
nein<< zur konkreten Wirklichkeit der Umwelt eintrat, in dem erfassen und sich in es einzugliedern - das ist der Ursprung der
sich das geistige aktuale Sein und seine ideellen Gegenstánde Metaphysik jeder Art. Sehr spát erst in der Geschichte ist sie auf-
getreten und nur bei wenigen Vólkern. Der Mensch konnte aber
25 auch aus dem unbezwinglich en Drang nach Bergung, nicht nur
3 »Ursprung der Religion und Metaphysiku ] Ts ll2,olf. u. l947,Bt: seines Einzel-Seins, sondern zuvórderst seiner ganzen Gruppe,
,Ursprung der Religion. und >Ursprung der Metaphysik. 4 einen ]
Ts ll2,e+ u. l947,gt: den 9 nicht ist«) r947,ag Anm.: vgl. hierzu in auf Grund und mit Hilfe des ungeheur en Phantasieüberschus-
dem Bande »Vom Ewigen im Menschen, aus der Abhandlung ,Vom ses, der von vornherein im Gegensatz zvm Tier in ihm ange-
Wesen der Philosophie., das Kapitel »Vom Gegenstand der Philosophie legt ist, diese Seinsspháre mit beliebigen Gestalten bevólkern,
und die philosophische Erkenntnishaltung<.; 1962,97: zu 1928,r06t. zu- um sich in deren Machf durch Kult und Ritus hineinzubergen,
sammen_fassend die Annl.: Vgl. in Vom Ewigen im Menschen, (1. Aufl.
l92L; 4. Aufl. 1954, Ges. W. Bd. 5) in der Abhandlung ,Vom Wesen
der Philosophie( (1917) das Kapitel »Der Gegenstand der Philosophie., I konstituierte] Ts ll2,o+ u. 1947,82: konstituierten I im ] Ts 1,64 u.
und in der Abhandlung ,Probleme der Religion, (s[iehe] Sachregister) 1947,82: in dem I als ) 1947,82: da 4 als ) 1947,82: da L2 heraus stellte,
13 wie] Ts ll2,6q u. 1947,82: gestr. 13 wie] Ts 112,64 u. l947,gz: gestr. um zu machen] Ts ll2,eq u. l947,gz: herausstellte und machte
l5 diese ] Ts I l2,e+ u. 1947,82: die 16 ersteren ] Ts ll2,oq u. 1947,g2: gestr. 14 nun )Ts 112,64 u. L947,82: gestr. 19 aber ) L947,Bz: gestr. 20 einmal ]
20 genau] 1947,82: eben 2l als] Ts 1,64 u. l947,gz da Ts ll2,e a u. 1947,82: gestr. 24 Der Mensch ) Ts 112,65 u. l947,gz: Er
r20 Zur Metaphysik des Menschen ro8 | ro9 ro9 - 1r1 Haupttypen der religiósen Ideen r2l
um etwas von Schutz und Hilfe »hinter sich« zu bekommen, uns dabei nur auf die Stufe des abendlándisch-kleinasiatischen
da er im Grundakt I seiner Naturentfremdung und Naturver- Monotheismus. Da finden wir Vorstellungen wie die, da3 der
gegenstándlichung - und dem gleichzeitigen Werden seines Mensch einen »Bund« mit Gott schlo8, nachdem Gott ein Volk
Se/bsfseins und SelbstbewuBtseins - ja ins pur e Nichts zu fallen bestimmter Art zu dem seinigen erkoren hatte (Alteres |uden-
schien. Die Überwindung dieses Nihilismus in der Form solcher tum). Oder: Der Mensch erscheint je nach der sozialen Struktur
Bergung€n, Stützungen ist das, was wir »Religion<< nennen. Sie der Gesellschaft als rSklave Gottes«, der mit List und niedlriger
ist primiir Gruppen- und ,Volksreligionn und wird erst spáter, Prostration sich vor ihm niederwirft, ihn durch Bitten und Dro-
gemeinsam mit dem Ursprung des Staates , »Stifterreligion«. So hungen oder mit magischen Mitteln zu bewegen suchend. In
sicher aber, wie die Welt zunáchst uns als Widerstand für unser etwas hóherer Form erscheint er sich als der »getreue Knecht«
praktisches Dasein im Leben gegeben ist, früher denn als Gegen- l0 10 des obersten souveránen »Herrn«. Die hóchste und reinste Vor-
stand der Erkenntnis, ebenso sicher mu3ten auch solche Gedan- stellung, die in den Grenzen des Monotheismus móglich ist,
ken- und Vorstellungsgebilde über jene neuentdeckte Spháre, erreicht die Idee der Kindschaft aller Menschen im Verháltnis
die dem Menschen Kraft leihen, sich in der Welt zu behaup- zu Gott-Vater, vermittelt durch den wesensgleichen >>Sohn«, der
ten - solche Hilfe leistete der Menschheit primár der Mythos, den Menschen Gott in seinem inneren Wesen verkündigte und
spáter die sich aus ihm herausschálen de Religion -, allen vor- 15 15 selber mit góttlicher Autoritát ihnen gewisse Glaubensmeinun-
nehmlich auf Wahrheit ausgerichteten Erkenntnissen oder Ver- gen und Gebote vorschreibt.
suchen zu solchen von der Art der »Metaphysik« geschichtlich Alle Ideen solcher Art müssen wir für unsere philosophi-
vorhergehen. sche Betrachtung dieses Verháltnisses zurückweisen, müssen
es schon darum, weil wir die theistische Voraussetzung leug-
20 nen: »einen geistigen, in seiner Geistigkeit allmáchtigen persón-
IHaupttypen der religiósen Ideen über das lichen Gott«. Für uns liegt das Grundverhriltnis des Menschen
Verháltnis Mensch - Gottl 20 zum Weltgrund darin, da8 dieser Grund sich im Menschen,
der als solcher sowohl als Geist- wie als Lebewesen nur je ein
Í NcHMEN wrR nun noch ein paar Haupttypen der Verhált- Teilzentrum des Gei stes und Dranges des ,durch sich Seiendenu
nisideen, die sich der Mensch zwischen sich und einem ober- 25 ist - ich sage, sich im Menschen selbst unmittelbar erfal3t und
sten Grundsein der Dinge gebildet hat, und beschránken wir verwirklicht. Es ist der alte Gedanke Spinozas, Hegels und vie-
ler anderer: das Urseiende wird sich im Menschen seiner selbst
3 Naturvergegenstándlichung ) Ts 112,65: Vergegenstándlichun g; 1947,at inne, tm selben Akte, in dem der Mensch sich in ihm gegründet
-Vergegenstándlichung 4 j^]
Ts l,6s u. 1947,83: gestr. 7 und wird] schaut. Wir müssen nur diesen bisher viel zu einseitig intellek-
Ts Ll2,os: wird; L947,81 u. 1962,g0: nach volksreligion neuer Satz: Sie 30 tualistisch vertretenen Gedanken dahin umgestalten, da3 die-
ward 8 »Stifterreligion« ] 1962,s7 Anm.: Vgl. ,Probleme einer Soziolo- ses Sichgegründetwi ss en erst eine Folge ist der aktiven Einlset-
gie des Wissens., s[iehe] Sachregister. 9 aber ) Ts 112,65 u. 1947,83: gestr.
9 zunáchst uns ] Ts ll2,os u. 1947,83: primár I I solche ] Ts I,65 u.
r947,st: alle diese 12 jene] Ts l/2,65 u. r947,as: die 14 leistete) 1947,83: Ts Ll2,os u. gestr. 5 sozialen ] Ts ll2,os u.
1 nur ] 1947,83: 1947,83:
leistet 2l nun noch ] Ts 1 12,6s t¿,. l947,Bt: gestr. 22 Yerháltnisideen ] gestr. verkündigte I Ts I l2,os u. 1947,83: verkündigt 18 dieses Ver-
14
Ts 1,65 u. 1947,gz: religiósen Ideen 22 Mensch ] Ts 1,65 u. L947,al folgt: háltnisses ] Ts ll2,oe u. 1947,8+: des Verháltnisses des Menschen zurl
von dem Verháltnis 23 Grundsein] Ts l12,es u. 1947,83: Grund-Sein obersten Grunde
r22 Zur Metaphysik des Menschen rrr I rrz nzIu3 Der Mensch als metaphysischer Ort r23

zung unseres Seinszentrums fü, die ideale Forderung der Deitas den gegenseitigen Durchdringung - als Ziel -, auch in sich nicht
und des Versuches, sie zu vollstrecken, und izl dieser Vollstrek- fertigz sie wachsen an sich selbst eben in diesen ihren Mani-
kung den aus dem Urgrun de werdenden »Gott« als die steigende festationen in der Geschichte des menschlichen Geistes und in
Durchdringung von Drang und Geist allerers t mitzuerzeugen. der Evolution des Lebens der Welt. -
Man wird mir sagen und man hat mir in der Tat gesagt, es
sei dem Menschen nicht móglich, einen unfertigen Gott, einen
IDer Mensch als metaphysischer Ort des werdenden Gott, zu ertragen ! Meine Antwort darauf ist, da3
Zusammenspiels von Drang und Geist] Metaphysik keine Versicherungsanstalt ist für schwache, stüt-
zungsbedürftige Menschen. Sie setzt bereits einen kriiftigen,
tr DEn Onr also dieser Selbstverwirklichung, sagen wir gleich- t0 hochgemuten Sinn im Menschen voraus. Darum ist es auch
sam jener Selbstvergottung, die das durch sich seiende Sein sucht wohlverstándlich, da3 der Mensch erst im Laufe seiner Ent-
und um deren Werden willen es die Welt als eine ,Geschichte« wicklung und seiner wachsenden Selbsterkenntnis zu jenem
in Kauf nahm - das eben ist der Mensch, das menschliche Selbst l0 BewuJ3tsein seines Mitkrimpfertums, seine s Miterwirkens der
und das menschliche Herz. Sie sind der einzige Ort der Gott- »Gottheit« kommt. Das Bedürfnis der Bergung und der Stüt-
werdung, der uns zugánglich ist - aber ein wahrer Teil dieses l5 zung in eine au8ermenschliche und au8erweltliche Allmacht,
transzendenten Prozesses selbst. Denn obzwar alle Dinge im die mit Güte und Weisheit identisch gesetzt wird, ist zu grol3, als
Sinne einer kontinuierlichen Kreation in jeder Sekunde aus dem da8 es in Zeiten der Unmündigkeit nicht alle Dámme des Sin-
durch sich seienden Sein hervorgehen, und zwar aus der funk- t5 nes und der Besinnung durchbrochen hátte. Wir aber setzen an
tionellen Einheif des Zusammenspiels von Drang und Geist, so die Stelle jener halb kindlich, halb schwáchlich distanzierenden
sind doch erst im Menschen und seinem Selbst die beiden - uns 20 Beziehung des Mensch en zür Gottheit, wie sie in den objekti-
erkennbaren - Attribute des Ens per se lebendig aufeinander vierenden und darum ausweichenden Bezíehungen der Kontem-
bezogen. Der Mensch ist ihr Trffiunkt.In ihm wird der Logos, plation, der Anbetung, des Bittgebetes gegeben sind - den ele-
,nach« dem die Welt gebildet ist, mitvollziehbarer Akt. Von 20 mentaren Akt des persiinlichen Einsatzes des Menschen für die
vornherein also ist nach unserer Anschauung díe Mensch- und Gottheit, die Selbstidentifizierung mit ihrer geistigen Aktrich-
die Gottwerdung gegenseitig aufeinander angewiesen. So wenig 25 tung in jedem Sinne. Das letzte »wirklichen Sein des durch
der Mensch zu seiner Bestimmung gelangen kann, ohne sich sich I Seienden ist eben nicht gegenstandsfáhig - so wenig wie
als Glied jener beiden Attribute des obersten Seins und dieses das einer Fremdperson. Man kann an sein em Leben und seiner
Sein sich selbst einwohnend zu wissen, so wenig das Ens a se 25 geistige n AktualitAt teilhab en nur durch Mitvollzug, nur durch
ohne Mitwirkung des Menschen. Geist und Drang, jene beiden den Akt des Einsatzes und der tritigen ldentifizierung. Zur Stüt-
Attribute des Seins, sie sind, ab lgesehen von ihrer erst werden- zung des Menschen und als blo8e Ergán züng seiner Schwáchen

L auch] Ts 1,66 u. l947,gs: aber auch; 1962,gz: auch 3 in diesen ihren


7 also ) Ts u. r947,sq: gestr. 15 und zwar] Ts I 12,66 u. l947,Bq:
112,66 Manifestationen ] Ts 1,66f.: gestr.; 1947,85 u.
1962,gz wieder eingefügt
gestr. 17 díe) Ts 112,66 u. 1947,8+: diese 19 Treffpunkt.In I Ts ll2,oe l8 aber ] Ts I ,67 u. 1947,gs: gestr. 25 »wirkliche« Sein ] Ts 1,oz u. 1947,85:
u. L947,s+: Treffpunkt, und in 22 die Mensch- und die Gottwerdung) wirkliche >Sein< 26 eben ] Ts 1,67 u. l947,Bs: gestr. 27 das] Ts l,6T
Ts l12,oo u. 1947,84: Mensch- und Gottwerdung 25 Sein ) rg47,B5: Seins u. l947,ss folgt: Sein 30 und als blo3e I Ts 1,67: als blo3e; l947,ss u.
26 jene) 1947,ts: die 1962,gz: zur blo8en
124 Zur Metaphysik des Menschen 113

und Bedürfnisse, die es immer wieder zu einem Gegenstande


machen wollen, ist das absolute Sein nicht da. Wohl gibt es auch
für uns eine »Stützung« - : es ist die Stützung auf das ges amte
Werk der Wertverwirklichung der bisherigen Weltgeschichte,
so weit es das Werden der »Gottheit<< zur einem »Gotte« bereits
gefórdert hat. Nur suche man in letzter Linie nie theoretische
Gewi3heiten, die diesem Selbsteinsatz vorhergehen sollten. Erst
im Einsatz der Person ist die Móglichkeit eróffnef, um das Sein
des durch sich Seienden auch zu >>wissen<<. -
Es ist nicht Sache dieses Vortrags, den Kern dieser metaphy- 10

sischen Grundvorstellung náher auszuführen.

2 Wohl I Ts 1,oz u. L947,80 folgt: aber 7 sollten I Ts 1,62 u. 1947,86: sol-


len 8 Person] Ts 1,67 u. l947,aafolgt: selbst 11 Es ist ... auszuführen. ]
Ts 1,67 u. L947,96 u. 1962,93: gestr.
MAX SCHELER

Die Stellung des Menschen


im Kosmos

Mit einer Einleitung und Anmerkungen


herausgegeben von
WOLFHART HENCKMANN

FELIX MEINER VERLAG


HAMBURG