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JIEHHHfPAA 1962
DUD E N
Grammatik
der deutschen Gegenwartssprache
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coöoh He3HaqHTejibH0 coKpameHHoe nepeH3flaHHe KHHrn «Duden.
Grammatik der deutschen Gegenwartssprache».
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cHTeTax.
VORWORT DES VERLAGES

Zum Lebenswerk Konrad Dudens gehören nicht nur sein berühmtes Buch
über die Rechtschreibung, sondern auch seine Neubearbeitungen der
„Etymologie der neuhochdeutschen Sprache“ und der „Grundzüge der
Neuhochdeutschen Grammatik für höhere Bildungsanstalten und zur
Selbstbelehrung für Gebildete“ von Friedrich Bauer. Konrad Dudens.
Bemühen galt also der Pflege der neuhochdeutschen Schriftsprache im
weitesten Sinne.
Der Verlag hat sich nach Konrad Dudens Tod die Fortführung seines
Lebenswerkes zur Aufgabe gestellt und die Dudenredaktion zur Neu¬
bearbeitung und Neuschöpfung von Nachschlagewerken über die deutsche
Gegenwartssprache ins Leben gerufen. Im Rahmen ihres Auftrages sind
nach dem zweiten Weltkrieg bereits der Band „Rechtschreibung“, der
„Stilduden“ und der „Bilderduden“ als Neubearbeitungen erschienen.
Jetzt folgt die Grammatik als letzter Band der großen Vier.
Die Absicht, die sprachpflegerische Aufgabe der Dudenredaktion auch
auf den grammatischen Bereich auszudehnen, wurde 1935 durch die
von Otto Basler bearbeitete Duden-Grammatik erstmals verwirklicht.
Inzwischen haben sich die Auffassungen über den Aufbau unserer Mutter¬
sprache so grundlegend geändert, daß der jetzt vorgelegte Band gegen¬
über dieser ersten Ausgabe als völlig neues Werk betrachtet werden muß.

Am Ende dieser umfangreichen Arbeit gilt es, zunächst jenen Mitarbeitern


zu danken, die außerhalb der Dudenredaktion stehen und Sonderkapitel
bearbeitet haben. Es sind dies folgende Herren mit folgenden Themen:
Dozent Dr. Max Mangold: Der Laut
Dr. Helmut Gipper: Der Inhalt des Wortes und die Gliederung
des Wortschatzes
Professor Dr. Christian Winkler: Die Klanggestalt des Satzes.
Die übrigen Kapitel wurden von der Dudenredaktion geschrieben. Dabei
fiel Herrn Dr. phil. habil. Paul Grebe neben der Gesamtplanung des
Werkes der Abschnitt über den Satz, Herrn Dr. Rudolf Köster der
Abschnitt über die Wortarten und Herrn Dr. Dieter Berger das
Kapitel über die Wortbildung zu. Fräulein Dipl.-Phil. Gisela Preuss
übernahm die Registerbearbeitung. Fräulein Dr. Isolde Baur half bei
der Aufstellung von Wortlisten und beim Lesen der Korrekturen.
Der Verlag wußte, daß er die schwierige Aufgabe, eine Grammatik der
deutschen Gegenwartssprache zu schreiben, in keine besseren Hände
legen konnte als in die seiner Dudenredaktion. Er wird das von ihr ge¬
schaffene Werk mit gutem Gewissen neben seine in 130 jähriger Tradition
entstandenen Nachschlagewerke stellen können. Dafür sei Herrn Dr.
Paul Grebe und seinen Mitarbeitern der Dank des Hauses ausge¬
sprochen.

Mannheim, im Juni 1959 BIBLIOGRAPHISCHES INSTITUT

VORWORT DES HERAUSGEBERS

Jeder Kenner der germanistischen Forschungslage weiß, daß sich die


Auffassungen über das Wesen der Sprache an sich und über den Aufbau
der deutschen Sprache im besonderen in den letzten Jahrzehnten grund¬
legend gewandelt haben.
Früher ging man fast ausschließlich davon aus, daß es nur allgemein¬
gültige (etwa im indogermanischen Sprachbereich geltende) grammatische
Strukturformen geben könne, die es auch im Deutschen aufzusuchen gelte.
Die Überbewertung dieses Gesichtspunktes führte vor allem-in den Schul¬
grammatiken dazu, daß die Vorstellungen über den Aufbau unserer
Sprache weitgehend der lateinischen Sprache entnommen wurden. Diese
Betrachtungsweise verleitete aber auch zu jener sprachfremden, schema¬
tischen Satzbetrachtung, die uns aus der Schulzeit in so schlechter Er¬
innerung ist.
Demgegenüber hat sich seit den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts
eine neue Sprachauffassung Geltung verschafft, die mit den Namen
G. Schmidt-Rohr, G. Ipsen, W. Porzig, J. Trier und L. Weisgerber ver¬
knüpft ist. Nach ihr gibt es keine Sprache schlechthin, sondern nur eine
Fülle von Einzelsprachen (etwa 3000). Jede Einzelsprache (Mutter¬
sprache) aber ist ein gegliedertes Sinngefüge, hat also bis zu einem ge¬
wissen Grade eine eigene Struktur. Diese Struktur ist das Ergebnis des
sprachlichen Zugriffs der Sprachgemeinschaft gegenüber dem Seienden
in der Welt.
Daraus ergibt sich als Aufgabe einer Grammatik unserer Muttersprache,
„die innere Form des Deutschen“1 bewußt zu machen, d. h. die Grund¬
strukturen zu verdeutlichen, die sich aus der Zuordnung von Form und
Inhalt über lange Zeiträume hinweg ergeben haben.

1 So der Titel des bedeutungsvollen Buches von Hans Glinz, Die innere Form des
Deutschen, Bern 1952.
Die Vertreter dieser inhaltbezogenen Grammatik wissen es aber selbst
am besten, daß sich ihre Auffassungen noch im Aufbau befinden. Wir
hatten deshalb zunächst zu prüfen, welche Ergebnisse dieser Forschungs¬
richtung bereits als gesichert angesehen werden können. Nur sie konnten
Eingang in diese Volksgrammatik finden. Wo dies nicht der Fall war,
zogen wir es vor, zunächst bei den überlieferten Erkenntnissen zu bleiben.
Aber auch dort glauben wir uns von dem bisher weithin bestehenden
Schematismus der Satzbetrachtung genügend entfernt zu haben und
sprachgerechter vorgegangen zu sein. Wenn es uns dabei gelungen sein
sollte, hier und da einen eigenen Beitrag zum grammatischen Bild unserer
Gegenwartssprache zu leisten, so würde uns dies besonders freuen.
Diese Grundfragen gewinnen für die Dudenredaktion im Rahmen der ihr
seit Jahrzehnten zugefallenen Sprachberatung praktische Bedeutung,
weil alle an sie gerichteten Zweifelsfragen aus dem inneren Gefüge der
Gesamtsprache heraus beantwortet sein wollen. Der Sprachpflege galt
deshalb neben der Sprachbeschreibung unsere besondere Aufmerksamkeit.
Das umfangreiche Material unserer Sprachberatungsstelle war hierfür die
beste Quelle. Wer Tag für Tag die zahlreichen Anfragen überprüfen kann,
die aus allen Kreisen der Sprachgemeinschaft bei uns eingehen, erfährt
am besten die Wahrheit des Humboldt Wortes, daß die Sprache kein Ergon
(Werk, statisches Gebilde), sondern eine Energeia (wirkende Kraft) ist,
die das „Worten der Welt“ (Weisgerber) täglich neu vollzieht.
Diese Einsicht hat uns hoffentlich bei der Beantwortung der vielen
Zweifelsfragen vor jeder Beckmesserei bewahrt. Andererseits glauben
wir nicht, in eine übertriebene Toleranz verfallen zu 3ein.
Der Benutzer unserer Grammatik wird also nicht nur erfahren, daß es in
der Sprache große Leitbilder gibt, die weithin gelten, sondern auch, daß
daneben Zonen des Übergangs und sogar des Behelfes bestehen, die außer¬
halb der „logischen“ Ordnung liegen. Eine Volksgrammatik mußte diesen
Zonen besondere Aufmerksamkeit zuwenden, weil sich die Sprachgemein¬
schaft außerhalb der festen Leitbilder am unsichersten fühlt und deshalb
beraten sein will. Der Sprachfreund wird diese Zonen besonders lieben,
weil sie das Gestern und Morgen unserer Sprache offenbaren.
An dieser Stelle gilt es noch jenen zu danken, deren Gedankengut am
stärksten auf unsere Darstellung eingewirkt hat. Es sind dies die Herren
Professoren Leo Weisgerber, Hans Glinz, Hennig Brinkmann
und Walter Porzig. Ihre Arbeiten werden mit aufrichtigem Dank an
den entsprechenden Stellen genannt. Herr Professor Dr. Hugo Moser
hat uns mit seinem guten Rat unterstützt.

Wiesbaden, den 1. Juni 1959


PAUL GREBE
INHALTSVERZEICHNIS

Das Wort
Der Laut 5. Wortbetonung. 35

1. Einleitung. 23 6. Lesestück mit Lautschrift. 36


a) Hochsprache. 23 7. Nichthochsprachliche Aussprache. 37
b) Alphabet. 23 a) Landschaftliche Aussprachen . 37
c) Lautschrift . 24 b) Umgangssprache. 37
2. Grundbegriffe. 25 8. Von den Buchstaben zu den
a) Klangfarbe (Qualität). 25 Lauten (Aussprachelehre). 38
b) Dauer (Quantität). 25
c) Stärke (Betonung, Intensität) 25 Die Wortarten
d) Höhe (Tonhöhe). 25
e) Laute. 26 A. Die Einteilung der Wortarten 77
f) Anzahl der Laute. 26 B. Das Verb. 81
g) Phoneme. 26
I. Grundleistung und Einteilung
h) Stellungsbedingte Varianten . 26
der Verben. 81
i) Freie Varianten .... 27
1. Die Bedeutungsgruppen des
k) Anzahl der Phoneme . 27
Verbs. 81
l) Silben. 27
a) Zustandsverben . 81
m) Silbengrenze. 27
b) Vorgangsverben. 82
3. Vokale (Selbstlaute). 27 c) Tätigkeitsverben. 82
a) Höhe der Zunge. 27 2. Transitive und intransitive
b) Vorder- und Hinterlage der Verben. 82
Zunge. 28 3. Reflexive Verben. 82
c) Lippenstellung.. 29 a) Echte reflexive Verben.. 82
d) Vokalschema. 29 b) Unechte reflexive Verben 83
e) Diphthonge (Zwielaute). 29 4. Vollverben, Hilfsverben
f) Unsilbische Vokale. 29 und modifizierende Verben. 83
g) Nasal vokale . 29 5. Die Aktionsarten des Verbs 83
h) Dauer. 30 a) Die zeitliche Verlaufsweise 84
i) Dauer und Betonung . 30 eines Seins oder Geschehens
4. Konsonanten (Mitlaute). 31 b) Die Wiederholung
a) Artikulationsart . 31 eines Geschehens. 84
b) Artikulationssfcelle. 31 c) Der Grad, die Intensität
c) Stimmhaftigkeit. 32 eines Geschehens. 84
d) Stärke. 32 d) Kennzeichnung der
e) Behauchung (Aspiration) .... 34 Aktionsarten durch
f) Dauer . 34 zusätzliche Wörter. 84
10

II. Die Konjugation der Verben . 84 (7. Das Substantiv (Nomen) ... 138
1. Überblick über die Aufgaben I. Die Grundleistung des Sub¬
und die Formen der Kon¬ stantivs . 138
jugation . 84 II. Die Einteilung der Substan¬
a) Die Endungen . 85 tive . 138
b) Die Veränderungen. 85 1. Konkreta. 138
c) Die Umschreibung. 98 a) Eigennamen. 138
d) Konjugationstabellen... 99 b) Gattungsnamen. 139
2. Die Zeit (Tempus). 107 2. Abstrakta. 140
a) Die 1. Stammform und III. Das Genus der Substantive.. 140
ihr Passiv (Präsens) .... 107 1. Natürliches und gramma¬
b) Die mit „habe“ und „bin“ tisches Geschlecht . 140
+ 2. Partizip umschrie¬ 2. Substantive bestimmter
benen Form und ihr Sachgruppen und ihr
Passiv (Perfekt). 109 Geschlecht. 141
c) Der Unterschied zwischen a) Personen :. 141
der Perfektumschreibung b) Tiere . 141
mit „haben“ und der mit c) Sachen und Abstrakta . 141
„sein“ (im Aktiv). 110 d) Eigennamen.. 142
e) Abkürzungen und Kurz¬
d) Die 2. Stammform und
wörter . 145
ihr Passiv (Präteritum) 111
f) Substantivierte Buch¬
e) Die mit „hatte“ und
staben . 145
„war“ -f 2. Partizip um¬
g) Das Geschlecht bei zu¬
schriebene Form und ihr
sammengesetzten Sub¬
Passiv (Plusquamperfekt) 112
stantiven . 145
f) Die mit „werde“ + In¬
3. Der Geschlechtswandel... 149
finitiv umschriebene Form
a) von der Sache her. 149
und ihr Passiv (1. Futur) 112
b) von der Endung der Sub¬
g) Die mit „werde“ + stantive her . 149
2. Partizip + „haben“ 4. Schwankendes Geschlecht 150
oder „sein“ umschriebene
IV. Der Artikel. 154
Form und ihr Passiv
1. Die Leistung des Artikels . 154
(2. Futur) . 113
2. Die Beugung des Artikels . 155
h) Zusammenstellung der 3. Der Gebrauch des Artikels 155
Formen von der zeit¬ a) Zur Einführung. 155
lichen Leistung her. 113 b) Setzung oder Nicht¬
3. Die Verhaltensrichtung ... 114 setzung des Artikels in
a) Das Aktiv. 114 Einzelfällen. 156
b) Das Passiv. 115 c) Zur Verschmelzung des
c) Das Zustandspassiv .... 117 Artikels mit bestimm¬
d) Ersatzformen des Passivs 117 ten Präpositionen . 162
4. Die Aussageweise (Modus) . 118 V. Der Numerus der Substantive 163
a) Der Indikativ.. 119 1. Allgemeines. 163
b) Der Konjunktiv... 120 2. Der Singular. 164
c) Der Imperativ.. 125 a) Eigennamen. 164
5. Finite und infinite Formen b) Gattungsnamen . 164
Person und Zahl (Numerus) 128 c) Sammelnamen. 165
a) Die finiten Verbformen . 129 d) Stoffnamen. 165
b) Die infiniten Verbformen 132 e) Abstrakta. 166
11

f) Generalisierung . _ 167 III. Die Deklination des Adjektivs 205


g) Maß-, Mengen- und
1. Die Deklination des bei
Münzbezeichnungen ... 167
einem Substantiv stehen¬
3. Der Plural . 169
den Adjektivs. 206
VI. Die Deklination der Substan¬
a) Die Deklinationsarten . 206
tive . 171
1. Die Deklinationsarten ... 171 b) Auswertung eines unbe¬
2. Die Kasus (Fälle).'. 174 tonten „e“ in den
3. Die Deklinationsendungen 176 Deklinationsformen be¬
a) Der Singular.. 176 stimmter Adjektive ... 208
b) Der Plural . 180 c) Ausnahmen, Schwan-:
4. Die Deklination der Fremd¬ kungen und andere
wörter . 185 Schwierigkeiten bei der
a) Allgemeines. 185 Deklination des attri-
b) Bemerkungen zur star¬ butiven'Adjektivs. 208
ken Deklination. 186 2. Die Deklination des sub¬
c) Bemerkungen zur stantivierten Adjektivs
schwachen Deklination 187 (Partizips) . 218
d) Bemerkungen zur ge¬ a) Starke Deklination .... 218
mischten Deklination.. 188
b) Schwache Deklination . 218
e) Die Fremdwörter auf-us 189
c) Deklination nach Pro¬
5. Die Deklination der Eigen¬
nominaladjektiven ... 219
namen . 189
a) Familien-, Personen- d) Das substantivierte
und Vornamen. 189 Adjektiv (Partizip) in
b) Völkernamen. 195 der Apposition . 219
c) Geographische Namen . 196 e) Schwankungen zwischen
d) Die Namen von Straßen adjektivischer und sub¬
Gebäuden, Firmen u. a. 198 stantivischer Deklina¬
6. Die Deklination der Abkür¬ tion . 220
zungen und Kurzwörter .. 198 f) Substantivierte Adjek¬
a) Abkürzungen . 198 tive (Partizipien) ohne
b) Kurzwörter. 199 Deklinationsendung ... 221
7. Die Unterlassung der
3. Die Deklination des Adjek¬
Deklination bei Gattungs¬
tivs als Gleichsetzungs¬
namen . 199
glied.■... 222
a) Annerkannte
Unterlassung der a) Klassifizierende Adjek¬
Deklination. 199 tive . 222
b) Noch nicht aner¬ b) Adjektive, die in Gegen¬
kannte Unterlassung satz zu einem voran¬
der Deklination . 202 gegangenen attributiven
Adjektiv gestellt werden 222
D. Das Adjektiv. 203
I. Die Grundleistung des c) Die Superlative. 222
Adjektivs. 203 d) Die Ordnungszahl¬
II. Die zweifache Verwendung wörter . 223
des Adjektivs. 204 e) Bestimmte Pronomen
a) Begrenzung auf den attri¬ (außer Possessivpro¬
butiven Bereich. 204 nomen) und Adjektive
b) Begrenzung auf die Ver¬ mit demonstrativer Be¬
wendung als Artangabe .. 205 deutung . 223
12
IV. Die Vergleichsformen des E. Begleiter und Stellvertreter
Adjektivs.:. 223 des Substantivs. 236
1. Die regelmäßigen Ver¬ I. Der Artikel [abgehandelt
gleichsformen einfacher beim Substantiv, vgl. 206 bis
Adjektive.. 223 236]. 236
a) Der Positiv. 224
II. Das Pronomen. 236
b) Der Komparativ. 224
1. Leistung und Einteilung
c) Der Superlativ _... 228
der Pronomen. 236
d) Der Elativ (absoluter
2. Allgemeines zur Deklina¬
Superlativ) . 230
tion der Pronomen . 237
e) Weitere sprachliche
3. Die einzelnen Pronomen
Mittel zum Ausdruck
nach Form, Bedeutung
des sehr hohen Grades . 230
und Gebrauch. 238
f) Weitere Gradabschat¬
a) Persönliche Pronomen . 238
tungen . 231
bl Das Possessivpronomen 243
2. Die unregelmäßigen Ver¬
c) Das Demonstrativ¬
gleichsformen einfacher
pronomen . 248
Adjektive ... 232
d) Das Relativpronomen . 255
3. Die Vergleichsformen zu¬ e) Das Interrogativ¬
sammengesetzter oder zu¬
pronomen . 256
sammengeschriebener Ad¬ f) Das Indefinitpronomen 259
jektive (Partizipien) . 232
III. Das Numerale (Zahlwort) ... 275
a) Vergleich des Bestim¬
mungswortes . 232 1. Die Kardinalzahlen. 275
b) Vergleich des Grund¬ a) Die Bildung der Kar¬
wortes . 232 dinalzahlen . 276
c) Schwankungen. 233 b) Die Deklination der
d) Unzulässiger Vergleich Kardinalzahlen. 277
beider Bestandteile.... 233 c) Die Kardinalzahl bei
Jahreszahlen. 281
4. Vergleichsunfähige
d) Die Kardinalzahl bei
Adjektive. 233
der Uhrzeit. 282
a) Nach der Art charakte¬
e) Ausdruck der Unbe¬
risierende Adjektive mit
stimmtheit. 282
bestimmter Bedeutung. 233
2. Die Ordinalzahlen. . 283
b) Adjektive mit begrenz¬
3. Die Bruchzahlen. 284
ter syntaktischer Ver¬
wendung ... 234 4. Die Verteilungszahlwörter 286
c) Partizipien. 234 5. Die Vervielfältigungszahl¬
V. Irrtümlicher Gebrauch des wörter . 286
attributiven Adjektivs.234 6. Die Wiederholungszahl¬
a) Irrtümliche Beugung eines wörter ... 286
Adjektivs, das ein anderes 7. Die Gattungszahlwörter .. 287
näher bestimmt. 234 F. Die Partikeln.. 287
b) Irrtümliche Attribuierung
I. Das Adverb. 288
einer Artangabe. 235
c) Irrtümliche Beziehung 1. Die Aufgabe des Adverbs
eines attributiven Adjek¬ im Satz. 288
tivs auf das Bestimmungs¬ 2. Die durch die Adverbien
wort einer substantivi¬ ausgedrückten Umstände. 288
schen Zusammensetzung.. 235 a) Umstände des Ortes ... 288
13

b) Umstände der Zeit .... 288 f) Fremde Präpositionen 309


c) Umstände der Modalität 289 4. Verstärkung der Präpo¬
d) Umstände des Grundes. 289 sition durch Adverbien
3. Die gelegentlichen Ver¬ (oder andere Präpositionen) 309
gleichsformen des Adverbs 290 5. Zum Gebrauch der Präpo¬
4. Bemerkungen zu bestimm¬ sitionen . 309
ten Adverbien . 291 a) Zwei Präpositionen
a) Die Pronominaladver¬ nebeneinander.. 309
bien .. 291 b) Zwei oder mehrere
b) Die Adverbendung -e .. 295 durch „und“ oder
c) Adverbien in Verbindung „oder“ verbundene Prä¬
mit bestimmten Zahlen 295 positionen vor einem
d) Die attributive Verwen¬ Substantiv . 310
dung bestimmter c) Präpositionen bei mehr¬
Adverbien. 295 teiligen Konjunktionen 311
e) Pleonastische Verwen¬ d) Wiederholung der Prä¬
dung von Adverbien ... 296 position bei aufgezähl¬
f) Falscher Gebrauch von ten Substantiven. 311
Adverbien. 297 6. Bedeutungsschwierig¬
5. Übergang des Adverbs zur keiten bei Präpositionen .. 311
Präposition und Konjunk¬
III. Die Konjunktion. 315
tion .. 298
1. Die Aufgabe der Konjunk¬
II. Die Präposition. 298
tion . 315
1. Herkunft und Aufgabe der
2. Die Arten der Konjunk¬
Präposition. 298
tionen . 316
a) Die Herkunft der Prä¬
3. Die Form der Konjunk¬
positionen . 298
tionen . 316
b) Die Aufgabe der Prä¬
position . 299 4. Die Einteilung der Kon¬
2. Die von den Präpositionen junktionen nach ihrer Ver¬
ausgedrückten Verhältnisse 300 wendung . 316
a) Die Arten der Verhält¬ a) Kopulative (anreihende)
nisse und die zugehöri¬ Konjunktionen. 316
gen Präpositionen. 300 b) Disjunktive (ausschlie¬
b) Die Wahl der richtigen ßende) Konjunktionen. 316
Präposition. 300 c) Adversative (entgegen¬
3. Die Rektion der Präpo¬ setzende) Konjunk¬
sitionen . 301 tionen . 317
a) Präpositionen mit dem d) Lokale (örtliche) Kon¬
Genitiv . 301 junktionen . 317
b) Präpositionen mit dem e) Temporale (zeitliche)
Dativ. 302 Konjunktionen. 317
c) Präpositionen mit dem f) Modale (die Art und
Akkusativ. 302 Weise bestimmende)
d) Präpositionen mit Da¬ Konjunktionen. 318
tiv und Akkusativ. 302 g) Kausale (begründende)
e) Rektionsschwierigkei¬ Konjunktionen. 319
ten bei Präpositionen h) Die Konjunktionen daß
mit einfachem Kasus und ob . 320
(in alphabetischer 5. Bemerkungen zum Ge¬
Reihenfolge). 304 brauch der Konjunktionen 320
14

a) Zur Neben- und Unter¬ c) Verdeutlichende


ordnung . 320 Zusammensetzungen .. 335
b) Über den Gebrauch 4. Verdunkelte Zusammen¬
einzelner nebenordnen¬ setzungen . 335
der Konjunktionen.... 321 IV. Der Bau zusammengesetzter
G. Die Interjektion. 324 Wörter. 335
I. Das Wesen der Interjektion .. 324 1. Zusammensetzungen mit
II. Die Einteilung der Interjek¬ Substantiv oder Adjektiv
tionen nach ihrer Bedeutung . 325 als Grundwort. 336
1. Körperliche und seelische a) Zweigliedrige Zusam¬
Empfindungen, Gemüts¬ mensetzungen . 336
bewegungen u. a. 325 b) Drei- und mehrgliedrige
2. Begehren, Aufforderung (an Zusammensetzungen .. 344
Mensch oder Tier). 326 2. Zusammensetzungen mit
3. Nachahmung von Men¬ einem Verb als Grundwort 346
schen-, Tier- und anderen a) Feste Zusammen¬
Lauten. 327 setzungen . 346
b) Unfeste Zusammen¬
Die Wortbildung setzungen . 346
3. Zusammengesetzte
A. Die Zusammensetzung. 329
Partikeln. 350
I. Zweck und Wesen der
a) Partikel + Partikel .. . 351
Zusammensetzung. 329
b) Präposition + abhängi¬
II. Vorstufen der Zusammen¬ ges Wort . 351
setzung . 330 c) Substantiv + Partikel. 351
III. Die Arten der Zusammen¬ d) Adjektiv + Partikel.. . 351
setzung nach der Bedeutung e) Pronomen (Zahlwort)
und nach dem logischen Ver¬ -I- Partikel. 351
hältnis der Glieder. 331
B. Die Ableitung . 352
1. Die determinativen
Zusammensetzungen .... 331 I. Zweck und Wesen der
a) Das Wesen der deter¬ Ableitung. 352
minativen Zusammen¬ 1. Begriff der Ableitung. 352
setzungen . 331 2. Die Bildungsmittel der
b) Die Rolle des Bestim¬ Ableitung. 352
mungswortes . 332 3. Die Leistung der Ableitung 353
2. Die possessiven Zusam¬ II. Die Ableitung aus Einzel¬
mensetzungen . 333 wörtern . 353
a) Der Sinn der possessi¬ 1. Das abgeleitete Substantiv 353
ven Zusammen¬ a) Geschehens- und Sach-
setzungen . 333 bezeichnungen aus
b) Ihre Herkunft aus der Verben. 353
Namengebung . 333 b) Abstrakta und Sachbe-
c) Adjektivische Possessiv¬ zeichnungen aus Adjek¬
komposita . 333 tiven und Substantiven 358
d) Die Satznamen. 334 c) Personenbezeichnungen
3. Die kopulativen Zusam¬ aus Verben, Substanti¬
mensetzungen . 334 ven und Adjektiven .... 361
a) Eigentliche Kopulativa 334 d) Verkleinerung und Ge¬
b) Uneigentliche Kopula¬ schlechtswechsel mit
tiva . 335 Hilfe von Suffixen. 363
15

2. Das abgeleitete Adjektiv . 365 b) Die Verbalisierung von


a) Die Bedeutungsgruppen Substantiven und Ad¬
abgeleiteter Adjektive . 365 jektiven durch Präfixe 382
b) Die Ableitungsmittel .. 366 2. Die einzelnen Verbal¬
3. Das abgeleitete Verb. 370 präfixe . 382
a) Die Bedeutungsgruppen a) Das Präfix be-. 382
abgeleiteter Verben.... 370 b) Das Präfix er-. 383
b) Die Ableitungsmittel .. 372 c) Das Präfix ent-. 383
4. Die abgeleitete Partikel .. 375 d) Das Präfix ver-. 384
a) Das Suffix -e. 375 e) Das Präfix zer-. 384
b) Das Suffix -lieh. 376 f) Scheinbare Doppel¬
c) Das Suffix -s. 376 präfixe . 384
d) Das Suffix -lings. 376 g) Verbindungen bestimm¬
e) Das Suffix -lei. 376 ter Präfixe mit bestimm¬
f) Substantive und Adjek¬ ten Verbalsuffixen. 385
tive in der Rolle von h) Fremde Verbalpräfixe . 385
Suffixen. 376 III. Präfixe, die bei mehreren
III. Die Ableitung aus Wortgrup¬ Wortarten stehen können ... 385
pen (Zusammenbildung) .. . 376 1. Das Präfix ge-. 385
1. Begriff der Zusammen¬ 2. Das Präfix miß-. 386
bildung . 376
D. Besondere Arten der Wort¬
2. Die Zusammenbildung
bildung . 386
nach Wortarten. 377
I. Wechsel der Wortart. 386
a) Das zusammengebildete
1. Vorbemerkung. 386
Substantiv . 377
b) Das zusammengebildete 2. Übertritt in die Wortart
Adjektiv . 378 Substantiv. 387
c) Das zusammengebildete a) Gelegentliche Substan¬
Adverb . 379 tivierungen . 387
b) Feste Substantivierun¬
C. Die Präfixbildungen. 379
gen . 387
I. Die Präfixe beim Substantiv 3. Übertritt in die Wortart
und Adjektiv (Partizip). 379 Adjektiv. 388
1. Das Präfix un-. 379 4. Übertritt in die Wortart
a) Un-als Verneinungs¬ Partikel . 388
präfix . 379
II. Bildung von Kurzformen und
b) Un- als Verstärkungs¬
Kurzwörtern. 389
präfix .380
c) Ersatz des Präfixes un- a) Ausfall unbetonter Silben. 389
durch andere Partikeln b) Verkürzung zusammen¬
und Präfixe. 380 gesetzter oder langer
2. Das Präfix ur-. 381 Wörter. 389
3. Fremde Präfixe bei Sub¬ c) Wortbildung aus Buch¬
stantiven und Adjektiven. 381 staben und Teilen von
Wörtern. 390
II. Die Präfixe beim Verb. 381
III. Wortbildung durchVer-
1. Die Leistung der Verbal¬
doppelung. 390
präfixe . 381
a) Die Modifizierung von IV. Wortmischung (Konta¬
Vcrbinhalten durch mination) . 391
Präfixe . 381 V. Volksetymologie. 391
16

Der Inhalt des Wortes und die II. Wortfamilie und Fächerung . 413
Gliederung des W ortschatzes
III. Das sprachliche Feld. 415
A. Der Inhalt des Wortes.392 1. Allgemeine Bemerkungen 415
I. Vorbemerkung über Stil- und
2. Beispiele. 415
Sprachschichten . 392
a) Die Zensurenskalen.... 416
II. Der Laut .. .*. 393 b) Die Verwandtschafts¬
III. Die Leistung der lautlichen wörter . 416
Mittel in Wortbildung und c) Das Feld der Färb Wörter 417
Flexion. 396 d) Die Temperaturwörter . 419
IV. Das Wort .. 396 e) Der Sinnbezirk klug
1. Die herkömmliche Wort¬ und dumm. 421
bedeutungslehre. 396
a) Die Semasiologie .396 IV. Gegenwörter oder Oppo¬
b) Die Onomasiologie .... 400 sitionen . 422
2. Die inhaltbezogene Be¬ V. Syntaktische Felder. 423
trachtung . 400
1. Das Wesen des syntak¬
3. Ein praktisches Beispiel .. 401
tischen Feldes. 423
V. Das zusammengesetzte Wort 408
2. Das Sonderproblem der
VI. Stehende Redewendungen .. 409
unpersönlichen Verben
1. Die Arten der stehenden
(Impersonalia) und der
Redewendungen . 409
unpersönlich gebrauchten
a) Zitate. 409
Verben. 425
b) Sprichwörter und
a) Unpersönliche Wendun¬
sprichwörtliche Redens¬
gen mit „es“ als unbe¬
arten . 409
stimmter Ursache eines
c) Redensarten . 410
Geschehens. 426
d) Gemeinplätze (Topoi).. 410
e) Zwillingsformeln und b) Unpersönliche Wendun¬
stereotype Vergleiche .. 410 gen mit „es“ als bloßem
f) Feste Verbindungen ... 410 Einleitewort oder als
2. Herkunft und Deutung der Vorläufer eines Satz¬
stehenden Redewendungen 411 gliedes . 427
c) Schlußbemerkung.428
B. Die Gliederung des Wort¬
schatzes. 411 VI. Wortinhalt und Satz¬
I. Die Wortstände. 412 zusammenhang . 428

Der Satz
A. Die Abgrenzung des Satzes II. Gliederung und Leistung der
gegenüber Rede und Wort ... 431 Grundformen. 436
B. Die Satzarten. 432 1. Der ergänzungslose Satz.. 436
G. Der Satz als gegliederte Sinn¬ 2. Sätze mit einer einglied¬
einheit. 433 rigen Ergänzung . 437
Z>. Die Grundformen deutscher a) Der Gleichsetzungs¬
Sätze. 434 nominativ . 437
I. Die Bestimmung der Grund¬ b) Die Objektergänzungen 438
formen mit Hilfe der Ab¬ c) Die Umstandsergänzun¬
strichmethode . 434 gen . 445
17

3. Sätze mit einer mehrglied¬ v) Die modifizierenden


rigen Eränzung . 446 Umstandsergänzungen 458
a) Akkusativobjekt + III. Eine vergleichende Be¬
Dativobjekt . 446 trachtung der Grundformen. 459
1. Grundformen mit zielen¬
b) Akkusativobjekt +
dem und nichtzielendem
Genitivobjekt. 447
Geschehen. 459
c) Akkusativobjekt +
a) Zielendes Geschehen... 459
Präpositionalobjekt ... 447
b) Nichtzielendes Ge¬
d) Akkusativobjekt + schehen..... 459
Raumergänzung. 450 2. Grundleistungen der
e) Akkusativobjekt + Ergänzungen. 459
Raumergänzung + a) Die Sonderstellung des
Dativobjekt. 450 Akkusativobjekts .... 459
f) Akkusativobjekt + b) Die übrigen Ergän¬
Zeitergänzung . 451 zungen . 459
g) Akkusativobjekt + 3.. Haupt- und Nebenformen 460
Artergänzung. 451 4. Die Verbalbereiche der
h) Akkusativobjekt 4- Grundformen. 460
Artergänzung + Dativ¬ 5. Wechsel der Verbal¬
objekt . 451 bereiche. 461
i) Akkusativobjekt + 6. Die Häufigkeit der einzel¬
Artergänzung + nen Grundformen . 463
Genitivobjekt :. 452 7. Veränderungen und Ver¬
j) Akkusativobjekt + Art¬ schiebungen innerhalb des
ergänzung + Präposi¬ Grundformbereichs.464
tionalobjekt . 452 a) Sterbender Objekts¬
k) Akkusativobjekt 4- genitiv .. . 465
Gleichsetzungsakkusativ 452 b) Akkusativierung . 465
l) Doppeltes Akkusativ¬ 8. Grundformen sind Ganz¬
objekt. 453 heiten . 465
m) Akkusativ + E. Die freien Satzglieder. 470
Infinitiv (a. c. i.). 453 I. Die am Verhalten eines Sub¬
n) Präpositionalobjekt + jekts nur teilnehmenden
Dativobjekt. 454 Wesen oder Dinge. 470
o) Doppeltes Präpositio¬ II. Die das Verhalten eines Sub¬
nalobjekt . 454 jekts nur begleitenden Um¬
p) Raumergänzung + stände . 470
Dativobjekt. 454 F. Das Attribut. 471
q) Artergänzung + I. Bestimmung und Leistung
Dativobjekt. 455 der Attribute. 471
r) Artergänzung + II. Die Attribute des Substantivs 472
Genitivobjekt (Akkusa¬ 1. Das adjektivische Attribut 472
tivobjekt). 455 2. Die Begleiter des Substan¬
s) Artergänzung + Präpo¬ tivs . 473
sitionalobjekt . 456 3. Das substantivische
t) Artergänzung + Prä¬ Attribut im Genitiv. 473
positionalobjekt + 4. Das substantivische At¬
Dativobjekt. 457 tribut als Präpositionalfall 475
u) Artergänzung + Raum¬ 5. Das Adverb als Attribut
ergänzung . 457 zum Substantiv. 476
18

6. Der Infinitiv als Attribut VI. Das Akkusativobjekt. 488


zum Substantiv. 476 1. Die verschiedenen Be¬
7. Das substantivische At¬ deutungsinhalte des Akku¬
tribut im gleichen Kasus sativobjekts . 488
wie das Bezugssubstantiv a) Das Akkusativobjekt ist
(Apposition) . 477 Zielpunkt einer Hand¬
a) Die unmittelbar beim lung. 488
Substantiv stehende b) Das Akkusativobjekt
Apposition . 477 nennt Vorhandenes,
b) Die nachgetragene Inhalt oder Menge,
Apposition . 478 Instrument oder Lage.. 490
c) Kasusabweichung bei 2. Die Form des Akkusativ¬
der Apposition. 479 objekts . 490
III. Die Attribute des Adjektivs VII. Das Dativobjekt. 491
(Partizips) . 480 1. Verben, die ein Dativobjekt
IV. Die Attribute des Adverbs .. 481 als einzige Ergänzung
fordern. 491
O. Redeteile, die außerhalb des 2. Die Form des Dativobjekts 491
eigentlichen Satzverbandes VIII. Das Genitivobjekt. 492
stehen (Parenthesen). 482 1. Verben, die ein Genitiv¬
1. Die Interjektion oder ein objekt als einzige Ergän¬
anderes zum Gefühlsausdruck zung fordern. 492
gebrauchtes Wort. 482 2, Die Form des Genitivobjekts
2. Der Anredenominativ (Vokativ) 482 IX. Das Präpositionalobjekt.... 492
3. Der absolute Nominativ. 482 1. Verben, die ein Prä¬
4. Der Schaltsatz. 483 positionalobjekt als einzige
Ergänzung fordern. 492
H. Die Satzglieder im einzelnen 483
2. Die Form des Prä¬
I. Zur Benennung der Satz¬ positionalobjekts . 495
glieder . 483 3. Zur Abgrenzung der Prä¬
II. Das Subjekt. 483 positionalobjekte von den
1. Das Subjekts wort. 483 Umstandaergänzungen.... 495
2. Der Kasus des Subjekts .. 483 X. Die Umstandsergänzungen
3. Die Form des Subjekts ... 484 und die freien Umstands¬
III. Das Prädikat. 484 angaben. 496
1. Das einteilige Prädikat... 484 1. Die Form der Umstands¬
2. Das mehrteilige Prädikat . 484 ergänzungen und der freien
a) Hilfsverb + 2. Partizip Umstandsangaben . 496
oder reiner Infinitiv ... 484 2. Die Arten der Umstands¬
b) Modalverb + reiner ergänzungen und der freien
Infinitiv... 485 Umstandsangaben . 497
c) Andere Verben, die das a) Raumangaben. 497
Verhalten des Subjekts b) Zeitangaben . 497
nur modifizieren + c) Artangaben. 497
Infinitiv mit ,,zu“. 485 d) Begründungsangaben.. 498
d) Nichtmodale Verben + J. Die Wortreihe. 498
Infinitiv mit „zu“. 486 I. Das Wesen der Wortreihe ... 498
e) Nichtverbale Teile + II. Die Formen einer Wortreihe. 499.
Verb. 486 K. Satzglieder und Gliedteile
IV, Der Gleichsetzungsnominativ 487 unter einem eigenen Teil¬
V. Der Gleichsetzungsakkusativ 488 bogen. 500
19

I. Herausgehobene Attribute a) Der Inhaltssatz als Glied¬


und Satzglieder. 500 satz ohne Einleitewort.. 522
II. Satzwertige Infinitive. 500 b) Der indirekte Fragesatz
1. Die Abgrenzung der satz¬ als Gliedsatz ohne
wertigen Infinitive. 500 Einleitewort. 522
2. Die Leistling der Infinitive c) Umstandssätze als Glied¬
mit „zu“.. 501 sätze ohne Einleitewort . 522
3. Zusammenfassung der 6. Überblick über den Ersatz
Verwendungsmöglich¬ von Satzgliedern oder Glied¬
keiten des Infinitivs im Satz 501 teilen durch Gliedsätze .... 523
III. Satzwertige Partizipien. 504 6. Teilsätze in der Form von
1. Die Abgrenzung der satz¬ Gliedsätzen mit voneinan¬
wertigen Partizipien. 504 der unabhängigen Sachver¬
2. Die syntaktische Verwen¬ halten (weiterführende
dung der satzwertigen Teilsätze). 525
Partizipien. 504 a) Weiterführende Teilsätze
3. Satzwertige Wortgruppen, in der Form eines Rela¬
in denen ein Partizip zu er¬ tivsatzes . 525
gänzen ist . 505 b) Weiterführende Teilsätze
in der Form eines indi¬
L. Der zusammengesetzte Satz.. 505 rekten Fragesatzes .... 526
I. Die Satzreihe. 505 c) Weiterführende Teilsätze
1. Die Satzverbindung. 506 in der Form eines Kon¬
a) Die Arten der Satz¬ junktionalsatzes . 526
verbindung . 506 7. Der mehrfach zusammen¬
b) Besondere Formen der gesetzte Satz (die Periode) . 526
Satzverbindung. 506 8. Zeit und Aussageweise im
Gliedsatz.527
2. Die Gliedsatzreihe. 507
a) Indikativ. 527
3. Die Zusammenfassung b) Konjunktiv. 532
gleichwertiger Sätze. 507
a) Das Wesen der Zusam¬ M. Besonderheiten der Satz¬
menfassung gleichwerti¬ bildung. 557
ger Sätze . 507
b) Die Formen der Zusam¬ I. Die Gestaltungsarten der
menfassung gleichwerti¬ Rede. 557
ger Sätze . 507 a) als direkte Rede. 557
b) als indirekte Rede. 558
II. Das Satzgefüge.508
c) als erlebte Rede. 558
1. Wesen und Leistung des
Satzgefüges . 508 II. Die Verneinung (Negation). . 558
2. Die Rangordnung im Satz¬ 1. Die Arten der Verneinung. 558
gefüge . 509 a) Satzverneinung . 558
b) Wortverneinung. 559
3. Gliedsätze mit
Einleitewörtern. 509 2. Die Verstärkung der
a) Der Relativsatz. 509 Verneinungswörter. 559
b) Der indirekte Fragesatz 3. Die doppelte Verneinung. . 560
(Interrogativsatz). 514 a) Im einfachen Satz. 560
c) Der Konjunktionalsatz . 515 b) Im Satzgefüge. 560

4. Gliedsätze ohne Einleite¬ III. Die Ersparung von Redeteilen


wörter . 522 (Ellipse). 561
20

1. Zum Wesen der Ersparung 561 IV. Die Kongruenz des substan¬
2. Die Arten der Ersparung . 562 tivischen Attributs (Appo¬
a) Ersparung von Rede¬ sition) in Kasus, Numerus
teilen, die im gleichen und Genus. 577
oder in einem benach¬ a) Im Kasus. 577
barten Satz nicht mehr b) Im Numerus. 577
Vorkommen... 562 c) Im Genus. 577
b) Ersparung von Rede¬ V. Die Beziehungskongruenz
teilen, die im gleichen des Pronomens. 578
oder im benachbarten
a) Alleinstehende Pronomen 578
Satz noch einmal Vor¬
b) Possessivpronomen. 578
kommen . 563
c) Besondere Fälle. 578
IV. Der Satzbruch. 565
VI. Die Kongruenz im Numerus
N. Die Kongruenz im Satz. 565 zwischen einem Objekt bzw.
I. Die Kongruenz zwischen Sub¬ einer Umstandsangabe und
jekt und Prädikat . 566 einer pluralischen Personen¬
1. Person. 566 angabe . 580
a) Normale Kongruenz ... 566 0. Die Wortstellung. 581
b) Besondere Fälle. 566
I. Das Satzschema mit der Per¬
2. Numerus. 567 sonalform des Verbs in Zweit¬
a) Normale Kongruenz ... 567 stellung . 581
b) Besondere Fälle. 567
II. Das Satzschema mit der Per¬
II. Die Kongruenz im Gleichset¬ sonalform des Verbs in An¬
zungssatz und in den inhalt¬ fangsstellung . 582
lich dazugehörigen Sätzen... 572
III. Das Satzschema mit der Per¬
1. Die Kongruenz des Prädi¬
sonalform des Verbs in End¬
kats . 572
stellung . 583
a) Person .. 572
1. Die Endstellung in Glied¬
b) Numerus. 572 sätzen . 583
2. Die Kongruenz des Gleich¬ ' 2. Die Endstellung in Haupt¬
setzungsgliedes oder eines sätzen . 583
anderen inhaltlich hierher
IV. Weitere stellungsfeste Satz¬
gehörigen Gliedes mit
teile in den drei Schemata ... 583
Subjekt bzw. Objekt. 573
1. Die nichtpersonalen Prä¬
a) Im Genus. 573
dikatsteile in den Sche¬
b) Im Numerus. 575 mata mit Zweit- und An¬
c) Im Kasus. 575 fangsstellung der Personal¬
III. Die Kongruenz des attributiv form und die durch sie ent¬
gebrauchten Adjektivs, Pro¬ stehende verbale Klammer 584
nomens (einschl. Artikels) und a) Die Prädikatsteile mit
Zahlworts mit ihrem Sub¬ Endstellung . 584
stantiv in Genus, Numerus b) Die verbale Klammer.. 584
und Kasus. 576 2. Die nichtpersonalen Prä¬
a) Adjektiv (Partizip). 576 dikatsteile in dem Schema
b) Pronomen (Artikel). 576 mit Endstellung der Per¬
c) Zahlwort. 576 sonalform .. 586
d) Besondere Fälle. 577 a) Die Rangordnung der
21

Prädikatsteile am Ende II. Der Tonfall... 600


des Satzes. 586 a) Der Spannbogen. 600
b) Die Klammerwirkung b) Der Tonfall. 600
im eingeleiteten Glied¬
c) Die drei Grundformen des
satz . 586
Tonfalls. 601
V. Die Stellung der nicht-
d) Inverse Betonung. 602
verbalen Satzteile. 586
e) Führtöne. 602
1. Allgemeingültiges Stel¬
lungsprinzip . 586 III. Die Schweren und die
Leichten. 603
2. Die Stellung der Satz¬
glieder . 587 1. Beschwerungsweisen. 603
a) Zur Stellung der ein¬ 2. Schwereabstufung . 603
fachen Satzglieder. 587 3. Schwere und Wortton_ 603
b) Zur Stellung der Infini¬ 4. Die Leistung der Schweren
tiv- und Partizipial- und der Leichten. 603
gruppen.. 591 a) Die Leistung im all¬
c) Zur Stellung der Glied¬ gemeinen . 603
sätze . 591 b) Die Leistung im
3. Die Stellung der Glied teile 592 besonderen . 604
a) Adjektiv (Partizip) ... 592 5. Die Verteilung der Schwe¬
b) Pronomen. 594 ren und Leichten im Satz . 607
c) Zahlwort. 594 a) Die Einschaltspitze.... 607
d) Adverb . 594 b) Die Stellung der Über¬
e) Das substantivische schwere. 608
Attribut. 595 c) Der Überschwere fol¬
4. Die Stellung der Präpo¬ gende Leichten, Voil-
sitionen und Konjunk¬ oder Kaumschweren ... 609
tionen . 596 d) Die Binnenschweren ... 610
a) Präpositionen. 596
IV. Die Gliederung. 610
b) Konjunktionen. 597
1. Die Gliederung der Rede.. 610
5. Die Stellung der Inter¬
a) Die phonetischen Mittel
jektionen und der Vokative 598
zur Gliederung. 610
a) Interjektionen. 598
b) Die Gliederungseinheiten 611
b) Vokative. 598
2. Die Gliederung des Spann¬
6. Die Leistung der Wort¬
bogens . 612
stellung ... 598
a) Auf- und Abast. 612
a) Der Satz als Spannungs¬
b) Angelehnte Satzteile... 612
einheit . 598
c) Wachsende Glieder .... 612
b) Die Sicherung des Satzes d) Untergliederung. 613
als ein Miteinander im e) Neuansatz. 613
Nacheinander... 599 f) Rhythmisierung. 613
c) Die rollencharakteri¬
sierende Leistung . 599 3. Der Akzent der Rede. 615
4. Besonderheiten der Gliede¬
P, Die Klanggestalt des Satzes.. 599 rung des Spannbogens bei
I. Zur Klanggestalt der Rede bestimmten Satzteilen und
allgemein. 699 Teilsätzen . 616
22

a) Anredenominativ ... .. 616 i) Doppelsetzungen. 621


b) Interjektion.... .. 616 j) Satzgefüge. 622
c) Einschub. .. 616 k) Die Periode. 626
d) Zusatz. .. 617
e) Vorausstellung. .. 618 Q. Die sprachliche Wirklichkeit
f) Nachtrag. .. 618 des Satzeä. 627
g) Aufzählungen. .. 619 1. Der Satz an sich. 627
h) Gereihte Sätze. .. 620 2. Der Satz im besonderen. 628
Register und Verzeichnis der Fachausdrücke 631

Verwendete Abkürzungen

a. c. i. = Akkusativ mit Jh. = Jahrhundert s. = siehe


Infinitiv kaufm. = kaufmännisch S. = Seite
Akk. = Akkusativ Kinderspr. = Kinder¬ sächs. = sächsisch
Akt. = Aktiv sprache schles. = schlesisch
alemann. = alemannisch Konj. = Konjunktiv schriftspr. = schriftsprachlich
altfranz. = altfranzösisch landsch. = landschaftlich schwäb. = schwäbisch
althochdt. = althoch¬ lat. = lateinisch Schweiz. = schweizerisch
deutsch latinis. = latinisiert Sing. = Singular
Anm. = Anmerkung mask., Mask. = maskulin, sog., sogen. = sogenannt
bayr. = bayrisch Maskulinum span. = spanisch
bergm. = bergmännisch mdal. = mundartlich Sportspr. = Sportsprache
bes. = besonders med. = medizinisch Sprw. = Sprichwort
bzw. = beziehungsweise mhd. = mittelhochdeutsch siiddt. = süddeutsch
ehern. = chemisch milit. = militärisch südwestdt. = südwest
Dat. — Dativ mineral. = mineralisch deutsch
ders. = derselbe mitteldt. = mitteldeutsch techn. = technisch
dicht. = dichterisch . mittellat. = mittellatei¬ thüring. = thüringisch
d. h. = das heißt nisch trans. = transitiv
dt. = deutsch mundartl. = mundartlich u. a. = und andere
eigtl. = eigentlich neutr., Neutr. = neutral, u. ä. = und ähnliche
engl. = englisch Neutrum u. a. m. = und andere mehr
f. = (und) folgende (Kenn¬ nhd. = neuhochdeutsch übertr. — übertragen
ziffer) Nom. = Nominativ übl. = üblich
fern., Fern. = feminin, norddt. = norddeutsch u. E. = unseres Erachtens
Femininum oberdt. = oberdeutsch ugs. =■ umgangssprachlich
ff. = (und) folgende österr. = österreichisch usw. = und so weiter
(Kennziffern) ostmd. = ostmitteldeutsch verächtl. = verächtlich
franz. = französisch Pass. = Passiv veralt. = veraltet
gebr. = gebräuchlich Perf. = Perfekt vgl. = vergleiche
geh. = gehoben Pers. = Person , Wahlspr. = Wahlspruch
Gen. = Genitiv PL, Plur. = Plural weidm. = weidmännisch
Ggs. = Gegensatz Plusq. = Plusquamperfekt Wetterk. = Wetterkunde
griech. = griechisch Präp. = Präposition z. B. = zum Beispiel
Ind., Indik. = Indikativ Präs. = Präsens Ziff. = Ziffer
Inf. = Infinitiv Prät. = Präteritum z. T. = zum Teil
iron. = ironisch roman. = romanisch Zus. = Zusammensetzung
italien. = italienisch russ. =-- russisch z. Zt. = zur Zeit

Die in den Verweisen genannten Zahlen beziehen sich auf die am äußeren Rande der
Seiten stehenden Kennziffern. Wird ausnahmsweise einmal auf eine Seite verwiesen,
dann steht vor der Verweiszahl ein S.
Das Wort

Der Laut

1. Einleitung
a) Hochsprache
Unter Hochsprache verstehen wir die deutsche Aussprache, wie sie in dem 1
Werk „Siebs, Deutsche Hochsprache“, 17. Aufl. (Berlin 1958), beschrie¬
ben ist. Die Hochsprache gilt für Rundfunk, Schulen und Post in Deutsch¬
land, für die deutschsprachige Bühne sowie für Rundfunk und Deutsch¬
unterricht in fast allen nichtdeutschsprachigen Gebieten.
Ob und wie sehr man die Regeln der Hochsprache befolgt, hängt zum Teil
von der Landschaft, der Sprechlage und dem Bildungsgrad des Sprechen¬
den ab. Im Norden und in der Mitte des deutschen Sprachgebietes spricht
man mehr nach der Hochsprache als im Süden Deutschlands. Stärkere
Abweichungen stellen wir in Österreich und vor allem in der deutschen
Schweiz fest. Bei Feierlichkeiten, in offiziellen Reden, im Unterricht
kommt die Hochsprache mehr zur Geltung als in der gewöhnlichen Unter¬
haltung. Der Gebildete hält sich mehr an die Hochsprache als der weniger
Gebildete.
Wir folgen im wesentlichen der Hochsprache. Nur in wenigen Punkten
weichen wir aus Gründen der Einfachheit davon ab.

b) Alphabet
Das Alphabet der Rechtschreibung verwendet folgende Buchstaben: 2
A a [a] J j [jot] s s [eß]
Ä ä [e-] K k [ka] ß [eßzet]
B b [be] L 1 [el] T t [te-]
C c [»•] M m fem] U u [u]
D d [de] N n [en] Ü ü [ü]
E e [e-] 0 o [o] V V [fau]
F f [ef] Ö ö [Ö-] w w [we-]
G g [ge-] P P [pe] X X [ikß]
H h [ha-] Q q [ku-] Y y [jjpßilQn]
I i [i] R r [er] Z z [zet]
Von diesen Buchstaben sind a, ä, e, i, o, ö, u, ü, y Vokalbuchstaben,
die übrigen Konsonantenbuchstaben.
24 Der Laut

Zudem verwendet man vereinzelt auf Vokalbuchstaben die Zeichen


(Akut), ' (Gravis), A (Zirkumflex), z. B. Separee, ä condition, Tete-a-
tete; ferner 9 (c mit Cedille [ßedi-j*]), n (n mit Tilde) und Ä, z. B. Aper9u,
Senor, Ängströmeinheit. In Abweichung von der Rechtschreibung ver¬
wenden wir manchmal einen Bindestrich, um Wörter in Teile zu zer¬
legen: leb-, leb-en, leb-te, er-leben.

c) Lautschrift

3 Da die Rechtschreibung die Aussprache nur unvollkommen wiedergibt,


benutzen wir eine besondere Lautschrift, um die Aussprache zu be¬
schreiben. Die Lautschrift bringen wir in eckigen Klammern. Zum Ver¬
gleich geben wir hier auch die Zeichen der Internationalen Lautschrift,
wie sie von „Siebs, Deutsche Hochsprache“, gebraucht werden.

Zeichen der Beispiel in Beispiel in Internationale


Lautschrift Rechtschreibung Lautschrift Lautschrift

[a] Ratte [ratc] [a]


La] Rate [rat0] [a:]
[ä] Camping fkämping] [ae]
Lei Fett [fet] [e]
Lei spät [schpe-t] [e:]
[e] lebendig [lebendich] [e]
[e] Rede [re*d°] [e:]
n mache [maeh°] [a]
m mich [mich] [I]
m Niveau [niwö • ] [i]
[i*] Niete [ni-ta] [i:]
[öl Hölle [höl°] [oe]
[ö] ökonomisch [ökonö- misch] [0]
[Ö] lösen [lös°n] [o:]
IUI Kürze [kürz0] m
fü] Büro [bürö] [y]
[ü-] Düse [düs0] [y:]
[0] voll [foi] [o]
[Q‘] Shorts [scliQ-rz] [o:]
Lo] Moral [mord-1] [0]
Io-] los [loß] [o:l
tu] kurz [kurz] [u]
[u] brutal [brutd-1] [U]
[u] Mut [mut] [u:]
[ai] Bein [bain] [ae]
[au] Haut [haut] [ao]
[Qi] Heu [hoi] [00)
[a-*] Chance [scha ®*ßc] [d]
[e1**] Mannequin [maneko,,t] m
[ö*] Parfüm [parf$**] [ce]
[Q~] Bon [bo**] [51
[p] Paar [pa-r] [p]
[b] Ball [bal] [b]
[t] Takt [takt] [t]
[d] dann [dan] [dl
[k] kalt [kalt] [k]
[g] Gast [gaßt] lg]
Grundbegriffe 25

[m] Markt [markt] [m]


[n] nein [nain] [n]
[Hg] lang [lang] [Q]
[1] Land [lant] [1]
[r] rauh [rau] [r]
[f] Fall [fal] ff]
[w] Wand [want] [v]
[«*] Commonwealth [konVnwelth] [0]
[ß] lassen [laß°n] [s]
[s] Rasen [ra-s"n] [z]
[sch] Schau [schau] m
[seh] Genie [sehen! •] l3l
[ch] mich [mich] i?]
Ul ja [ja-] ij]
[<*] Bach [baeh] [X]
[h] Hand [hant] [h]
[pf] Pfanne [pfan0] [Pf]
[z] Zahn [za-n] [ts]
[tsch] Tscheche [tschech*] [tJ]
[dseh] Gin [dsehin] [d3l

Ein Punkt auf mittlerer Höhe bedeutet, dato der Vokal davor laut? ist. Rasen
[ra s'n] hat langes [a*l.
Der Akut gibt den Hauptton an, d. h. den Vokal, der im Wort am stärksten
betont ist. Wir setzen den Akut nur dann, wenn der Hauptton nicht auf dem
ersten Vokal des Wortes ist: lebendig [leböndich], aber: Leben [leb°n].
Der senkrechte Strich bezeichnet die Silbengrenze: Mitte [mi|t']
Der waagrechte Strich unter einem Vokal bedeutet, daß der Vokal Silben¬
träger ist: Vase [wa-s'], Haus |hauß].
Der Halbkreis gibt an, daß der Vokal darunter nicht Silbenträger ist: Podium
[po-dipm].
Der senkrechte Strich, der waagrechte Strich und der Halbkreis werden nur
ausnahmsweise gebraucht.

2. Grundbegriffe

a) Klangfarbe (Qualität)
Die einzelnen Laute unterscheiden sich durch verschiedene Klangfarbe. 4
[a] besitzt eine andere Klangfarbe als [o], [b] eine andere als [r].

b) Dauer (Quantität)
Laute können mit verschiedener Dauer gesprochen werden, [a] in Bann 5
[ban] ist kurz, [a*] in Bahn [ban] ist lang.

c) Stärke (Betonung, Intensität)


Laute können mit mehr oder weniger Stärke gesprochen werden. In trag- 6
bar [tra-kba-r] ist [a-] in [tra-k] stärker als [a-] in [ba'r],

d) Höhe (Tonhöhe)
Vokale und stimmhafte Konsonanten können verschieden hoch ge- 7
sprochen werden, so wie man beim Singen oder auf einem Musikinstrument
verschieden hohe Töne (c, cis, d, e usw.) hervorbringt.
26 Der Laut

e) Laute
8 Ein Laut unterscheidet sich von einem anderen durch verschiedene
Klangfarbe. So sind [ch] in dich [dich] und [eh] in Dach [daeh] ver¬
schiedene Laute, sie haben verschiedene Klangfarbe, sie werden vom
menschlichen Gehör als verschieden wahrgenommen. Ebenso sind [r] in
Ratte [rat®] und [1] in Latte [lat®] verschiedene Laute.

f) Anzahl der Laute


9 Die Anzahl der Laute läßt sich nicht bestimmen. Wenn wir die feinsten
Unterschiede zwischen den Lauten — wie etwa den Unterschied zwischen
[k] in Kies [ki ß] und [k] in Kuh [ku-] — wiedergeben wollen, so ergibt
sich eine verhältnismäßig große Zahl von Lauten. Wenn wir aber nur
die auffälligsten Unterschiede in der Klangfarbe — wie etwa den Unter¬
schied zwischen [ch] in dich [dich] und [eh] in Dach [daeh] — berück¬
sichtigen, so kommen wir mit wenig Lauten aus. Die Hochsprache kennt
62, beziehungsweise 73 Laute, eine Zahl, die vor allem darum so^roß ist,
weil versucht wurde, fremde Namen und Wörter mit der fremden Aus¬
sprache anzugeben. Wir beschränken uns auf die Zahl von 57 Lauten.

g) Phoneme
10 Zwei Laute sind verschiedene Phoneme, wenn sie in derselben Stellung
Vorkommen und Wörter unterscheiden. So sind [r] und [1] verschiedene
Phoneme, denn erstens treten sie in derselben Stellung auf wie zum
Beispiel vor [a] in Ratte [rat®] und in Latte [lat®], und zweitens unter¬
scheiden sie verschiedene Wörter wie zum Beispiel Ratte [rat®] und
Latte [lat®]. Phoneme werden zwischen schräge Striche gesetzt: /r/, /1 /.
Phoneme können verschiedene Varianten haben. Es gibt stellungsbe¬
dingte Varianten und freie Varianten.

h) Stellungsbedingte Varianten
11 Stellungsbedingte Varianten können keine Wörter unterscheiden und
können nicht in derselben Stellung auftreten. So sind [ch] — wie in dich
[dich] — und [eh] — wie in Dach [daeh] — stellungsbedingte Varianten
des Phonems, das wir / ch / schreiben. Erstens kommt [ch] in der Stellung
nicht vor, wo [eh] vorkommt, und [eh] kommt in der Stellung nicht vor,
wo [ch] vorkommt; in der Tat tritt [ch] gewöhnlich nach vorderen
Vokalen ([i i e] usw.) und nach Konsonanten auf wie in dich [dich],
manch [manch] usw., während [eh] nach anderen Vokalen ([u y o q a]j
auftritt wie in Buch [bu-eh], Dach [daeh]; somit schließen [ch] und [eh]
in derselben Stellung sich gegenseitig aus. Zweitens kann man mit [ch]
und [eh] keine Wörter unterscheiden; Dach als [dach] und Dach als
[daeh] gesprochen ergeben keine verschiedenen Wörter; höchstens kann
man sagen, daß die Aussprache [dach] in der Hochsprache nicht vor¬
kommt.

i) Freie Varianten
12 Freie Varianten eines Phonems sind voneinander verschiedene Laute, die
in derselben Stellung auftreten, ohne Wörter zu unterscheiden. Das ge-
Vokale (Selbstlaute) 27

rollte Zungenspitzen-R [r] und das gerollte Halszäpfchen-R [R] sind freie
Varianten des Phonems /r/. Man kann in Ratte gerolltes Zungenspitzen-R
[r] oder gerolltes Halszäpfchen-R [R] sprechen. Beide Aussprachen sind
in der Hochsprache möglich. Verschiedene Wörter ergeben sich dadurch
nicht.

k) Anzahl der Phoneme


Während sich die Anzahl der Laute nicht bestimmen läßt, ist die Anzahl 13
der Phoneme beschränkt. Allerdings ist man sich über die genaue Anzahl
der Phoneme nicht einig. Sie hängt unter anderem davon ab, ob und wie
man die Aussprache fremder und seltener Wörter und Namen berück¬
sichtigt. Im folgenden lassen wir den Begriff Phonem außer Betracht,
indem wir den überlieferten Begriff Laut verwenden. Doch dürfte sich
unser Begriff Laut im wesentlichen mit dem Begriff Phonem decken,
wenn man von den stellungsbedingten Varianten [ch] und [eh] des
Phonems / ch / absieht, die wir nicht einfach als [ch], sondern als [ch]
und [eh] schreiben. Für die beiden freien Varianten [r] und [R] des
Phonems / r / schreiben wir in unserer Lautschrift nur ein Zeichen,
nämlich [r].

l) Silben
Die in einem Wort besonders hervortretenden Vokale heißen Silben- 14
träger. Ein Wort besitzt so viele Silben, als es Silbenträger hat. In den
folgenden Wörtern ist der Silbenträger unterstrichen. Einsilbig: a [&•],
oh [o*], hat [hat], Haut [haut]; zweisilbig: Kasten [kaßt!n], Verfall
[fgrfäl]; dreisilbig: Hauptbahnhof [hauptba-nho-f], Politik [politl-k];
viersilbig: Mathematik [matemati-k], Theologe [teolö-g!].

m) Silbengrenze
Die Silbengrenze ist dort, wo eine Silbe auf hört oder beginnt (Zeichen: |), 15
z. B. Mitte [mi|te], Rate [ra |te], Eier [ai|°r], Natron [na*|trQn]. Die
Silbengrenze der Aussprache fällt oft, aber nicht immer mit der Silben¬
trennung der Rechtschreibung zusammen (vgl. Duden, Rechtschreibung,
14. Aufl., erster, verbesserter Neudruck 1957, S. 40 ff.): gel-ten [gel|ten],
aber kämp-fen [kem|pfen].
Im übrigen gibt es in der Hochsprache keine eindeutigen Regeln für die
Silbengrenze.

3. Vokale (Selbstlaute)
Vokale sind Laute, bei denen die Stimmbänder im Kehlkopf schwingen
und die Atemluft ungehindert durch den Mund oder durch Mund und Nase
ausströmt. Die Zunge darf dabei eine gewisse Grenzlinie nach oben nicht
überschreiten. Die Klangfarbe der Vokale hängt vor allem von der Zunge
und den Lippen ab. Drei Faktoren sind wichtig:

a) Höhe der Zunge


Je weiter oben der höchste Punkt der Zunge ist, um so geschlossener ist 16
ein Vokal, [i ] in Kino [ki-no] ist geschlossener als [i] in Bitte [bjt0].
28 Der Laut

Umgekehrt ist [i] offener als [i*]. [u] in brutal [brutä-1] ist geschlossener
als [y] in Butter [byter]. Umgekehrt ist [y] offener als [u]. Man ist ge¬
wohnt, die hier mit dem Zeichen Ä versehenen Vokale als offene Vokale
zu bezeichnen, nämlich offenes e [$], offenes i [i], offenes ö [ö], offenes
ü [y], offenes o [q], offenes u [y]. Die sogenannten geschlossenen Vokale
sind: geschlossenes e [e], geschlossenes i [i], geschlossenes ö [ö], ge¬
schlossenes ü [ü], geschlossenes o [o], geschlossenes u [u].

b) Vorder- und Hinterlage der Zunge


17 Je weiter vorne der höchste Punkt der Zunge ist, um so heller ist ein
Vokal. Je weiter hinten der höchste Punkt der Zunge ist, um so dunkler
ist ein Vokal, [i] ist hell, [u] ist dunkel. Als helle oder vordere Vokale
gelten [ä], [e], [e], [i], [i], [q], [ö]. [y], [ü]; als dunkle oder hintere [qJ, [o],
[y], [u]; als mittlere Vokale [a] und [°],

Hell dunkel
(vorne) (Mitte) (hinten)
Vokale (Selbstlaute) 29

c) Lippenstellung
Vokale werden mit gerundeten oder ungerundeten Lippen gesprochen. 18
Die gerundeten Vokale sind [q], [ö], [ü], [ü], [q], [o], [y], [u], die un¬
gerundeten [a], [ä], [e], [e], [e], [i], [i].

d) Vokalschema
Die Abbildung auf Seite 28 zeigt für die einzelnen Vokale die Höhe der 19
Zunge (geschlossen - offen), Vorder- und Hinterlage der Zunge (hell -
dunkel) und die Lippenstellung. Die ungerundeten Vokale sind mit
einem Punkt, die gerundeten mit einem Kreis dargestellt. Die langen
Vokale [a ], [§•], [e ], [i ], [ö-], [ü-], [q-], [o ], [u ] haben dieselbe Zungen-
und Lippenstellung wie die entsprechenden kurzen Vokale [a], [q], [e],
PL [öl [Ü], [ö], [O], [U].

e) Diphthonge (Zwielaute)
Die Diphthonge [ai], [au], [Qi] bestehen aus zwei kurzen Vokalen, von 20
denen der erste Vokal, der Silbenträger ist, stärker gesprochen wird als
der zweite Vokal, der nicht Silben träger ist und zur Silbe des ersten
Vokals gehört. Über die genaue Aussprache der beiden Teile der
Diphthonge gehen die Meinungen auseinander. Die Hochsprache ver¬
langt die Aussprache [ae], [ao], [qö]: weit [waet], Haut [haot], Heu
[hgö]. Ohne die Aussprache der Hochsprache abzulehnen, ziehen wir
wegen ihrer besseren Verständlichkeit die Umschrift [ai], [au], [Qi] vor:
weit [wait], Haut [haut], Heu [hQi].

f) Unsilbische Vokale
Wenn unbetontes [i], [ü], [o], [u] vor einem Vokal stehen, so werden sie 21
beim schnellen Sprechen oft unsilbisch, d. h., sie sind nicht mehr Silben¬
träger. Die folgenden Wörter z. B. haben beim schnellen Sprechen oft
eine Silbe weniger. Das Zeichen “ bedeutet, daß der Vokal unsilbisch ist.
Beim langsamen Sprechen : Beim schnellen Sprechen
Podium [po-diym] (dreisilbig) [po-dium] (zweisilbig)
sexuell [sekßu£l] (dreisilbig) [seküütfl] (zweisilbig)
Foyer [foaje ] (dreisilbig) [föaj6 ] (zweisilbig)
Habitue [abitüe-] (viersilbig) [abituö ] (dreisilbig)

Stehen unbetontes [i], [ü], [o], [u] zwischen [p b t d k g] | [r 1 m n]


und Vokal, so sind sie auch bei schnellem Sprechen Silbenträger:
Natrium [na-triym] (dreisilbig)
Ganglion [gangglipn] (dreisilbig)
Insignien [insigni°nj (viersilbig)

g) Nasalvokale
Während bei den bisher besprochenen Vokalen die Luft durch den Mund 22
entweicht, strömt sie bei den Nasalvokalen durch Mund und Nase aus.
Die Hochsprache kennt die vier Nasalvokale [a"*], [q"8], [q"*], [q"8]:
Chance [scha^ß6], Teint [te **], Parfüm [parftf*8], Bon [bQ**]. Abgesehen
von ihrem nasalen Charakter besitzen die Nasalvokale mehr oder we¬
niger dieselbe Klangfarbe wie die entsprechenden nichtnasalen Vokale
30 Der Laut

[a], [q], [q], [q]. An Stelle der Nasalvokale hört man oft in nichthoch¬
sprachlicher Aussprache einen nichtnasalen Vokal, dem der nasale Kon¬
sonant [ng] folgt: Teint [t$ng] (wie: eng [eng]) an Stelle des hochsprach¬
lichen [tQ1*8].

h) Dauer
23 Nach ihrer Dauer lassen sich die Vokale in kurze und lange einteilen.
Kurz sind [aäQeeiiQöjjüQOUu]:
Bach [baeh], Camp [kämp], Speck [schpek], senil [seni l], Höhe [hö-c], List [lißtj,
Finale [finäle],möchte [möchte],Ödem [ödö-m], Glück [glük], amüsieren [amüsf-r‘:n],
fort [fort], Olive [oli-we], Butter [but°r], Fusion [fusiö-n]

Lang sind [a- q- e* i- ö- ü- q- o- u*]:


Gabe [gabe], spät [schpe*t], See [se-], Stil [schti-1], böse [bö-se], üben [ü-ben],
Shorts [schQ-rz], Not [no-t], Mut [mu t]

In den Diphthongen [ai au Qi] sind beide Vokale kurz:


Bein [bain], laut [laut], heute [hoitn]

Bei den Nasalvokalen [a*8 q*8 q”8 q”8] hat die Hochsprache nicht fest¬
gelegt, ob sie kurz oder lang sind. Es besteht die Neigung, sie als lang
zu betrachten. Wir geben in unserer Lautschrift diese Länge nicht be¬
sonders an:
Chance [scha^ß6], Teint [te**], Parfüm [parfö**], Bon [bo**]

i) Dauer und Betonung


24 Dauer und Betonung der Vokale verhalten sich folgendermaßen:

Betont kommen vor:


1. Die langen Vokale [a- g- e* i* ö- ü- q- o* u ], die Diphthonge [ai au
Qi], die Nasalvokale [a1*8 q**8 q”8 q”8]:
Base [ba*se], Advokat [atwokä-t], Seife [saif*], Pfarrei [pfaräi], Fasson [faßtf "*]

2. Die kurzen Vokale [a ä q i q ü Q v]:


Wasser [waß°r], Bitte [bit*], kurz [kurz]

3. Selten oder überhaupt nicht die kurzen Vokale [eiöüou]:


allegretto [alegr6to], Aperitif [aperitif], Gulasch [gulasch]

4. Nie der kurze Vokal [e]

Unbetont kommen vor:


1. Die kurzen Vokale [a q e 6 j i q ö ü ü q o » u], die Diphthonge
[ai au Qi], die Nasal vokale [a"8 q"8 q*8 q"*]:
Volumen [wolü-men], Modus [mo*duß], feudal [foidä-1], lancieren [la**ßl-ren]

2. Die langen Vokale [a* e- i- ö- ü- o* u*]. Vor dem betonten Vokal


und am Ende des Wortes werden sie öfters durch die entsprechenden
kurzen Vokale ersetzt:
Heirat [haira-t], Kleinod [klaino-t], Wermut [we-rmu-t]; Präsident [pre*sid^nt]
oder [presid^nt], Diastole [diäßtole ] oder [diäßtole]
Konsonanten (Mitlaute) 31

4. Konsonanten (Mitlaute)
Konsonanten sind Laute, bei denen die ausströmende Atemluft während
einer gewissen Zeit gehemmt oder eingeengt wird. Sie wrerden eingeteilt
nach Artikulationsart, Artikulationsstelle, Stimmhaftigkeit, Stärke, Be¬
hauchung und Dauer.

a) Artikulationsart
Artikulationsart ist die Art und Weise, wie die Konsonanten gebildet 25
(artikuliert) werden.
1. Verschlußlaute
Es wird ein Verschluß gebildet. Die Luft wird während einer gewissen
Zeit am Ausströmen gehindert: [p b t d k g].
2. Nasenlaute (Nasale)
Die Luft entweicht nicht durch den Mund, sondern durch die Nase:
[m n »g],
3. Seitenlaut (Lateral)
Die Luft entweicht nicht durch die Mitte des Mundes, sondern auf
einer oder auf beiden Seiten des Mundes: [1].
4. Schwinglaute (Zitterlaute, Vibranten)
Die Zungenspitze oder das Halszäpfchen schwingen (vibrieren).
Findet nur eine Schwingung (Vibration) statt, so sprechen wir von
angeschlagenen Konsonanten. Schwinglaute sind das Zungenspitzen-R
[r] und das Halszäpfchen-R [R].
5. Reibelaute (Frikative)
Die ausströmendc Luft wird eingeengt. Es entsteht ein Reibegeräusch:
[f w th ß s sch seht ch j eh h].
6. Lautverbindungen
Enge Laut Verbindungen (Affrikaten) sind eng zusammen ausgespro¬
chene Verschluß- und Reibelaute mit ungefähr gleicher Artikulations¬
stelle: [pf], [z] (— [tß]), [tsch], [dsek].
Weite Lautverbindungen sind eng zusammen ausgesprochene Ver¬
schluß- und Reibelaute mit ungleicher Artikulationsstelle: [pß],
[kß].

b) Artikulationsstelle
Artikulationsstelle ist die Stelle, wo die Konsonanten gebildet (artikuliert) 26
werden. Wir unterscheiden:
1. Lippenlaute (Bilabiale)
Unter- und Oberlippe werden zusammengepreßt und verhindern das
Entweichen der Luft durch den Mund: [p b m].
2. Lippenzahnlaute (Labiodentale)
Unterlippe und obere Schneidezähne engen die ausströmende Luft
ein: [f w].
32 Der Laut

3. Zahnlaute (Dentale)
Der Konsonant wird an den Zähnen oder in ihrer Nähe gebildet:
[th t d n 1 r ß s sch sefe]. Im einzelnen werden sie folgendermaßen
artikuliert: [th] (sogenanntes stimmloses englisches th) wird,inter¬
dental (Zungenspitze zwischen oberen und unteren Schneidezähnen)
oder postdental (Zungenspitze gegen die oberen Schneidezähne) ge¬
sprochen. [t d n r 1] spricht man mit der Zungenspitze gegen die
hintere Seite der oberen Schneidezähne (postdental) oder gegen den
Vorsprung hinter den oberen Schneidezähnen (alveolar). Bei [ß s]
strömt die Luft über eine in der vorderen Zunge gebildete Rille auf
die Schneidezähne. Die Zungenspitze befindet sich hinter den oberen
Schneidezähnen oder berührt die hintere Seite der unteren Schneide¬
zähne. Für [sch seh] wird die Zunge etwas zurückgezogen und die
Rille in der vorderen Zunge verbreitert.

4. Vordergaumenlaute (Palatale)
Die Zunge nähert sich dem vorderen Gaumen: [ch j].

5. Hintergaumenlaute (Velare)
Die Zunge artikuliert gegen den hinteren Gaumen: [k g eh].

6. Halszäpfchenlaut (Uvular)
Der Laut wird mit dem Halszäpfchen gegen die hintere Zunge ge¬
bildet: [R], d. h. sogenanntes Halszäpfchen-R. Da man an Stelle von
Halszäpfchen-R [R] in allen Stellungen Zungenspitzen-R [r] sprechen
kann, verwenden wir in unserer Lautschrift nur das Zeichen [r].

7. Kehlkopf laut
Der Laut wird im Kehlkopf gebildet: [h].

c) Stimmhaftigkeit
27 Schwingen die Stimmbänder im Kehlkopf, so ist der Konsonant stimm¬
haft. Das Schwingen läßt sich leicht nachprüfen, indem man die Hand an
den Kehlkopf legt. So ist zum Beispiel der Konsonant [s] in Sonne
[sQne] oder in Hase [ha-se] stimmhaft. Schwingen die Stimmbänder
nicht, so ist der Konsonant stimmlos. In Haß [haß] oder in hasse [haß0]
ist der Konsonant [ß] stimmlos. Man teilt die Konsonanten in stimmhafte
und stimmlose ein. Stimmhaft sind [bdgmnnglrRws seh j],
stimmlos [p t k f th ß sch ch eh h],

d) Stärke
28 Konsonanten können als starke (fortes) oder als schwache (lenes) ge¬
sprochen werden, ein Unterschied, der besonders für Verschlußlaute
und Reibelaute (außer [h]) wichtig ist. Starke Konsonanten sind [p t
k f th ß sch ch eh], schwache Konsonanten sind [b d g w s seh j].
Vgl. die Tabelle der Konsonanten Ziff. 29.
Tabelle der Konsonanten
34 Der Laut

e) Behauchung (Aspiration)
30 Hochsprachlich sind [p t k] im allgemeinen behaucht, also genauer
[ph th kh]:
Tag [tha kh] fragte [fra-khth°] mit ihm [mjth i m]
Klinke [khlingkhC] raspeln [raßphCln] hast [haßth]
stark [schtharkh] redlich [re-thlich] Quark [khwarkh]
abteilen [aphthailen] mit [mjth] lebt [le*phth]
Die Behauchung unterbleibt:
1. Im ersten Teil der langen Konsonanten [pp tt kk] im Wort- und
Satzinnern:
Abprall [apphral], nicht [aphphral]
ab Potsdam [apphQzdam], nicht [aphph0zdam]
mitteilen [mitthailcn], nicht [miththail°n]

2. Wenn im Wort- oder Satzinnern [b] auf [p], [d] auf [t], [g] auf
[k] ohne Pause folgt, so sind [p t k] nicht behaucht:
Abbau [apbau], nicht aphbau]
es wird dunkel [eßwirtdungkhCl], nicht [eßwirthdungkh°l]
Weggang [wekgang], nicht [wekhgang]
3. In engen und weiten Laut Verbindungen [pfz (= tß) tsch pß kß],
deren beide Teile zu derselben Silbe gehören, ist der erste Teil,
d. h. [p t k] nicht behaucht:
Pfand [pfanth], nicht [phfanth]
Apfel [apfel], nicht [aphfel]
knutschen [khnu-tschcn], [nicht khnuthsch°n]
Ist in [pf pß tß tsch kß] zwischen dem ersten Teil und dem zweiten Teil
eine Silbengrenze (also [p|f p|ß t|ß t|sch k|ß], so spricht man [p t k]
behaucht, d. h. [ph th kh]:
Abfall [aphfal], nicht [apfal]
Spätsaison [schphe-t11ßeso"*], nicht [schphe-zeso"*J
Gutschrift [gu-thschrifth], nicht [gu-tschrifth]
Im übrigen werden wir für [p t k] in der Lautschrift die Behauchung
nicht besonders angeben.
f) Dauer
31 In einfachen Wörtern spricht man Konsonanten kurz, gleichgültig, ob
sie in der Rechtschreibung einfach oder doppelt geschrieben werden:
Rate [ra t*] Roggen [rgg'n], nicht [rpgg'n]
Ratte [rat0], nicht [ratt0] fallit [fallt], nicht [falllt]
Wasser [waßer], nicht [waßß°r] Arrest [ar£ßt], nicht [arrgßt]
Stoßen die Konsonanten [ptkmnlrfßs sch eeh ch j eh] mit dem¬
selben Konsonanten in abgeleiteten, zusammengesetzten oder mit Prä¬
fixen gebildeten Wörtern oder im Satz ohne Pause zusammen, so spricht
man nicht zwei [ptk] usw., sondern langes [p t k-] usw., wofür wir in
der Lautschrift Doppelschreibung verwenden, d. h. [pp tt kk] usw.:
abpassen [appaß°n] wahllos [wa llo-ß]
Arzttum [a*rzttu-m] erraten [^rrä-t'n]
Stadttor [schtatto r] Lauffeuer [lauffQier]
entthronen [enttrö*n°n] Paßskandal [paßßkandad]
wegkommen [wekkomen] Waschschüssel [waschschüß‘1]
annehmen [anne m°n] zahm machen [za mmaeh°n]
Fehlleistung [fe-llaißtu»g] mich Chemiker [michch6-mik°r]
Wortbetonung 35

5. Wortbetonung
In mehrsilbigen Wörtern ist eine Silbe stärker als die anderen betont 32
(Hauptton). Die Stärke der einzelnen Silben hängt zudem von der Ge¬
stalt des Satzes ab. Was die Höhe der einzelnen Silben betrifft, so wird
sie von der Gestalt des Satzes bestimmt.

Einfache Wörter
In einfachen Wörtern ist gewöhnlich die erste Silbe betont:
Erde [e rd1] - Acker [akcr]
Elend [e-lent] Ekel [e-kcl]

Abgeleitete Wörter
In abgeleiteten Wörtern ist gewöhnlich die erste Silbe betont:
Mannschaft [manschaft] lesbar [leßbar]
langsam flangsa-m] möglich [möklich]

Prä fixb ildungen


Die Präfixe be-, er-, ent-, ge-, ver-, zer- sind nicht betont:
begreifen [b'gniir'n] entfernen [cntf(Tn°n]
Begriff [b'grifj Verfall [fcrfäl]

Zusammengesetzte Wörter
In zusammengesetzten Wörtern ist gewöhnlich das erste Wort stärker
betont als das zweite, das zweite stärker als das dritte usw.:
Bahnhof (stark - weniger stark)
Hauptbahnhof (stark - weniger stark - noch weniger stark)

Die Partikeln ab-, an-, aus-, bei-, ein-, nach-, wieder- sind meistens betont:
Abweg [apwek] beistehen [baischte-°n]
ausfahren [außfa-r'n] Eingriff [aingrjf]

Die Partikeln da-, dar-, durch-, her-, hier-, hin-, hinter-, in-, miß-, ob-,
über-, um-, un-, voll-, vor-, wider-, zu- kommen betont und unbetont vor:
durchgehen [dyrchge°n j Inbegriff [inbegrif]
durchgehen [dyrehge°n] infolge [infolg0]

Betonte Endungen
Die Endungen -ei und -ieren und Ableitungen davon betonen gewöhnlich
ei [ai] und ie [i-]:
Partei [partdi] polieren [poli r°n]
parteiisch [parteiisch] Polierer [poHr°r]

Abweichende Betonungen
Abweichend von diesen Regeln werden betont:
1. Einige deutsche Wörter:
lebendig [lebendich] Holunder [holynd'r]
Forelle [foryl0] Hornisse [horniß0]
Hermelin [herm'li n] Wacholder [wachtfld°r]

2. Viele Fremdwörter:
Atom [atö-m] Realismus [realißnniß]
Parlament. [Parlament-] Skandal [ßkandd,-ll
36 Der Laut

3. Gewisse Personennamen und geographische Namen:


Roswitha [rQßwi-ta] Berlin [berli-n]
Vandervelde [fand°rf£ldc] Heilbronn [haiibrgn]

4. Aneinanderreihungen und Doppelnamen, in denen der letzte


Teil betont wird:
schwarzweißrot [schwarzwaißröt] Sachsen-Anhalt [sakß,!n|änhalt]

5. Abkürzungen mit voll ausgesprochenen Buchstabennamen:


UKW [u-ka-we-] USA [u*cßd*]

Im übrigen verweisen wir auf die Angabe der Betonung in „Siebs,


Deutsche Hochsprache“ und „Duden, Rechtschreibung“

6. Lesestück mit Laütschrift


33 [scho n bai sainem e rßt'n bo-g'nschtrich hat'n sich di kuliß'n p i n he*r
Schon bei seinem ersten Bogenstrich hatten sich die Kulissen um ihn her
fer|end°rt er schtant mit sain°m musikpult plgzlich in ain°m hait°rcn zim'r
verändert; er stand mit seinem Musikpult plötzlich in einem heiteren Zimmer,
wglch'ß lußtich un|grd“ntlich dekori-rt mit fgrschiiÖrk°ltcn mö*beln im
welches lustig unordentlich dekoriert mit verschnörkelten Möbeln im
pg"*padürgcschmak über|dl klain“ schpig'l fgrgöld“te amorgt°n chindsisch'ß
Pompadourgeschmack: überall kleine Spiegel, vergoldete Amoretten, chinesisches
pgrz°lä*n ain alcrli*p|ßtcß ka*|gß fgn bgnd'rn blu m°ngirland°n waiß°n
Porzellan, ein allerliebstes Chaos von Bändern, Blumengirlanden, weißen
hant|schu*“n zgrriß°nen blgnd'n falsch'n pgrlcn diade-m,>n fgn ggltblgch unt
Handschuhen, zerrissenen Blonden, falschen Perlen, Diademen von Goldblech und
sonßtigem ggt°rflitcrkra*m wi*. man de*rgldicli°n im schtudi-rzimer aincr
sonstigem Götterflitterkram, wie man dergleichen im Studierzimmer einer
primadgna zu* find°n pfle*kt paganl*niß giß°rcß hatc sich e*bcnfalß unt zwa*r
Primadonna zu finden pflegt. Paganinis Äußeres hatte sich ebenfalls, und zwar
aufß alcrftfrtailhaftcßt* f£r|<*.nd“rt er tru-k kurz“ bainklaidcr fgn li*lafarbigcm
aufs allervorteilhafteste, verändert; er trug kurze Beinkleider von lilafarbigem
atlaß ainc silbcrg°schtikt° waiß“ wgßt“ ain“n rgk fon hglblau'm samt mit
Atlas, eine silbergestickte weiße Weste, einen Rock von hellblauem Samt mit
ggltlumschpgn'n'n knöpf “n unt di sgrksam in klain'n lgkch'n frisl*rt°n
goldumsponnenen Knöpfen, und die sorgsam in kleinen Löckchen frisierten
ha*r° umschpHt'n sain g“sicht daß ganz jung unt ro sich blü*t° unt fgn
Haare umspielten sein Gesicht, das ganz jung und rosig blühte und von
sü*ßcr zg rtlichkait ergänzt“ wen er na*eh dem h\ipschen dg-mch'n hin|gig*lt°
süßer Zärtlichkeit erglänzte, wenn er nach dem hübschen Dämchen hinäugelte,
daß ne*bcn im am no t'npult schtant wg*rent er wioli*ne schpi lt“]
das neben ihm am Notenpult stand, während er Violine spielte.
(aus: Heinrich Heine, Florentinische Nächte, Erste Nacht)
Nichthochsprachliche Aussprache 37

7. Nichthochsprachliche Aussprache

a) Landschaftliche Aussprachen
In den verschiedenen Teilen des deutschen Sprachgebietes finden wir 34
Ausspracheformen, die mehr oder weniger stark von der Hochsprache
(HS) abweichen. Diese landschaftlichen Aussprachen besitzen jedoch
keine festgelegte Norm, die sich mit der Norm der Hochsprache ver¬
gleichen ließe. Im folgenden seien einige Hauptzüge der norddeutschen
(ND) und der süddeutschen (SD) nichthochsprachlichen Aussprache er¬
wähnt.

a) Norddeutsche Aussprache
An Stelle von [$•] spricht man [e*]: Bären HS [b$ ren], ND [be ren], 35
d. h., ND werden Bären und Beeren gleich gesprochen, während sie^in
der Hochsprache verschieden gesprochen werden.
g der Rechtschreibung wird nach vorderen Vokalen bzw. nach Konso¬
nanten und vor einem Vokal, der zu demselben einfachen Wort gehört,
vielfach als [j] gesprochen: legen HS [le-g°n], ND. [le-j*n], Sorge HS
[sorg*], ND [sQrje], vor Konsonanten und vor Pause als [ch]: gelegt HS
[g*le-kt], ND [g*le-cht].
g der Rechtschreibung wird nach hinteren Vokalen bzw. nach [a a ] und
vor einem Vokal, der zu demselben einfachen Wort gehört, als [gh]
( = stimmhaftes [eh]) gesprochen: Wagen HS [wa:g*n], ND [wa gh*n],
vor Konsonanten und vor Pause als [eh]: sagte HS [sa-ktc], ND [sa eht*],
lag HS [la*k], ND [la-eh].
sp und st der Rechtschreibung werden weithin in allen Stellungen als
[ßp] und [ßt] gesprochen: Spiel HS [schpi-1], ND [ßpi-1]; Stein HS
[schtain], ND [ßtain].

ß) Süddeutsche Aussprache
Der Unterschied in der Klangfarbe zwischen den geschlossenen Vokalen 36
[e i ö ü o u] und den offenen Vokalen [o i Q Ü 0 v] ist weniger ausgeprägt
als in der Hochsprache.
b, d> g der Rechtschreibung (HS [b d g p t k]) werden als schwache
mehr oder weniger stimmlose Verschlußlaute gesprochen. Bei [p t k] ist
die Behauchung schwächer als in der Hochsprache, [s] ist mehr oder
weniger stimmlos. Die Endung -ig spricht man vor Konsonanten und vor
Pause als [g], nicht als [ch]: einig IIS [ainjeh], SD [ainig], beleidigt
HS [beläidjcht], SD [b*läidjgt].
b) Umgangssprache
Die Hochsprache (HS) ist eine offiziell festgelegte Norm-. Die von ihr ab- 37
weichende lässige Umgangssprache (US) besitzt keine Norm. Wir können
darum nur einige ihrer Hauptzüge erwähnen.

Vokale
1. [*] kann ausfallen, besonders vor [m n 1 r] am Wortende, wodurch
[m n 1 r] Silbenträger ([m n 1 r]) werden:
hatten HS [hat'n], US [hatn],Esel HS [e-s’l], US [e-sj]
38 Der Laut

2. Unbetonte, nicht vor Vokal stehende [e] und [e] werden zu [e]:
Psyche HS [pßü-che], US [pßüche]
Examen HS [ekßämen], US [ckßä*m°n]
Verkehr HS [ferke r], US [furke‘rj

3. Unbetonte lange Vokale werden gekürzt:


Heimat HS [haima-t], US [haimat]
langsam HS [langsa-m], US [langsam]

Konsonanten
1. Konsonanten mit verschiedener Artikulationsstelle können einan¬
der angepaßt werden, d. h., sie haben jetzt ähnliche oder gleiche Arti¬
kulationsstelle :
haben HS [ha-b°n], US [ha-bm]
anpassen IIS [anpaß'n], US [ampaßn]
konkret HS [konkre t], US [konkre t]
in Berlin HS [inborli-n], US [imbcrh-n]
2. Nach stimmlosen Konsonanten wird stimmhaftes [s] zu stimm¬
losem [ß]:
Absatz HS [apsaz], US [apßaz] (wie in Kapsel [kapßcl])
Drucksache HS [dryksaehL], US [drpkßaeh' ] (wie in Büchse [btikßp])

3. Man behaucht [p t k] vor betontem Vokal: Tal [tha l] und nach


betontem Vokal vor Pause: Tod [tho*th]. In den übrigen Stellungen
behaucht man wenig oder überhaupt nicht:
fragte HS [fra khth°], US [fra-kt']
schrecklich HS [schrekhüch], US [schreklich]
4. Die langen Konsonanten können gekürzt werden:
erraten HS [erra-fn], US ['rA-tn]
Waschschüssel HS [waschschtiß<'l], US [waschlißi]
er kann nicht HS [erkännjcht], US ["rkanicht]
5. Die Silbengrenze kann verschoben werden:
Abfall HS [ap|fal], US [a|pfal] (wie in Apfel [ä|pfcl])
Hutschachtel HS [hu-t|schacht'l], US [hu-Itschachtl] (wie in: knutschen
[knu-|tschcn])

8. Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre)


38 Schrift und Aussprache decken sich nicht. Ein Buchstabe steht bald für
diesen Laut, bald für jenen Laut. So kann s als [ß] gesprochen werden,
etwa in Ast [aßt], während es in Stunde [schtynd®] als [sch] ausge¬
sprochen wird. Ein Buchstabe kann für mehrere Laute stehen. So
spricht man für x in Hexe [h$kße] nicht einen, sondern zwei Laute,
nämlich [k] und [ß]. Andererseits können mehrere Buchstaben einen
Laut ausdrücken; in Phrase [fra-se] schreibt man p und h, d. h. zwei
Buchstaben, es wird aber nur ein Laut ausgesprochen, nämlich [f].
Die folgende Übersicht zeigt, welchen Lauten die Buchstaben ent¬
sprechen. Wollen wir wissen, welchem Laut oder welchen Lauten ein
Buchstabe oder eine Buchstabenfolge entspricht, so müssen wir vor
allem feststellen, ob die Silbe betont oder unbetont ist, welche und wie¬
viele Buchstaben vorausgehen oder folgen, ob der Buchstabe oder die
Buchstabenfolge am Wortanfang, im Wortinneren, am Wortende oder
an der Wortgrenze steht.
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 39

Vorbemerkungen zu folgender Übersicht


Vokal und Konsonant
Vokal und Konsonant bedeuten hier in erster Linie Vokalbuchstaben und Konsonanten¬
buchstaben, in gewissen Fällen auch ausgesprochenen Vokal und ausgesprochenen Kon¬
sonanten. In unklaren Fällen haben wir durch den Zusatz „ausgesprochen“ angedeutet,
daß nicht geschriebene Buchstaben, sondern ausgesprochene Vokale oder Konsonanten
gemeint sind.
Buchstaben und Lautzeichen
Nichteingeklammerte Buchstaben bedeuten Buchstaben, eckig eingeklammerte Buch¬
staben bedeuten Laute. In diesem Sinne bedeutet etwa die Regel 2 für die Aussprache
von ea „Sonst spricht man wie e und a“ nicht, daß man die Laute [e] + [a] spricht.
Vielmehr verweist sie auf die Buchstaben e und a und auf Buchstabenfolgen, die mit e
enden oder mit a beginnen. Dort schaue man nach, wie man im gegebenen Fall zu spre¬
chen hat.
Betonung
Wer die nachstehenden Regeln anwenden will, muß die Wortbetonung kennen, die von
der Rechtschreibung nicht angegeben wird.
Lin zusammengesetztes Wort enthält so viele betonte Silben, als es einfache Wörter ent¬
hält; in ab-gehen [apge-'n] sind ab- [ap] und geh- [ge*] betonte Silben.
Wortgrenze
Die Wortgrenze ist die Stelle, wo ein einfaches, ein abgeleitetes oder ein zusammen¬
gesetztes Wort (vgl. 611 ff.) anfängt oder aufhört.
Wortende
Die Aussprache eines unbetonten Vokals am Wortende wird durch das Hinzutreten einer
Flexionsendung, einer Ableitungssilbe (vgl. 684 ff.) oder eines Wortes nicht verändert:
Auto [auto], Autos [autoßj, Autolein [autolain], Autobahn [autoban].
Die Buchstaben in den Buchstabenjolgen
Der Leser, der wissen will, wie etwa der Buchstabe a zu sprechen ist, schaut unter a und
unter den mit a beginnenden Buchstabenfolgen (aa, ah, ai usw.) nach. Der Buchstabe a
kommt aber auch als nichterstes Glied in nicht mit a beginnenden Buchstabenfolgen
vor. Für solche Fälle benutze man die folgende Liste. Sie zeigt, in welchen Buchstaben¬
folgen ein Buchstabe als nichterstes Glied vorkommt.
a ea, eau, oa m am, ein, im, om, um
c dsch, sch, teil, tsch n ain, an, ein.en, gn, in, kn, oin, on
e 6e, ie, ieh, ier, oe, öe, ocu o ao, gio
f Pf p sp
g igh, ng q kq
h ah, äh, cch, ch, chs, dsch, eh, eih, r er, erc, ier
ieh, igh, oh, öh, ph, rh, rrh, sch, sh, s chs, cs, ds, dsch, ts, tsch
tch, th, tsch, uh, üh, wh t dt, st
i ai, ain, cci, ei, ei, eih, ein, ggi, gio, u au. äu, eau, eu, gu, oeu, ou, qu
gli, oi, oin w aw, ew, ow
k clc y ay, ey, oy
1 gli, il z tz

A. Betont
1. spricht man langes a [a-]:
a) wenn im Stamm nur ein Konsonant (außer x), nur ph oder nur
th folgt:
hab-en [ha-b'n], hab-t [ha-pt], rat-sam [ra-tsa-m]. Tag [ta k], Photograph
[fotogrdf]
40 Der Laut

b) wenn mehrere Konsonanten folgen, aber eine Nebenform oder


der Stamm langes a [a*] hat:
fasle [fa*slc] (Nebenform: fasele [fa-sT])
Wagner [wa*gner] (Stamm: wag(e)n [wa*g(e)n])

c) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -ass-, sondern


-aß- haben:
Maß [ma*ß] (daneben nicht: Masses, sondern: Maßes)

d) vor den Konsonantengruppen bl, br, dl, dr, gl, gr, kl, kr,
phl, phr, pl, pr, qu, thl, thr, tl, tr (einfache Wörter):
Adler [adl'r], Natron [natrpn]

e) vor ausgesprochenem, zur nächsten Silbe gehörendem Vokal:


Ai [a*|i], ais [a*|iß], archaisch [archd*lisch], Chaos [ka*|pß]

f) am Wortende:
da [da*], ja [ja*], Papa [papd*], Ulema [ulemd*]

g) in:
Art, artig, Arzt, brach, Brache, brachliegen, Bratsche, Drasch, drasch,
Gemach, gemach, Harz, Jagd, Karbatsche [karbd*tsche], Kladderadatsch
[klad°radd*tsch], Latsche, latschen, Magd, Master, nach (außer in Nachbar
[nachba r]), Papst, Quarz, Radscha [ra-dseha], Schmach, Schwarte,
sprach, Sprache, stach, Tratsch, Watsche, watscheln, zart

2. spricht man kurzes a [a]:


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter
Absatz A, 1 erfaßt):
lax [lakß], Dach [daeh], Dachs [dakß], hart [hart], fasten [faßt'ri], warten
[wart'n], Zacke [zake], zappeln [zap°ln]

b) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -aß-, sondern


-ass- haben:
Faß [faß] (daneben nicht: Faßes, sondern: Fasses)

c) in
ab, am, Ammoniak [amonidk], an, Ananas [ananaß], Araber [arab°r],
As, as, baß, Claque [klake], Damwild, das, daß, Fiaker, Grammatik
[gramdtik], hat, Januar [janua r], Kaliko, Kanapee, Kanevas [kan*waß],
Kap, Kosak, Madam [maddm], man, Marstall, Paletot [paleto], Paprika,
Salmiak [salmidk], Tram, Tschako, Walfisch, Walnuß,. Walroß, was

3. spricht man in englischen Wörtern


a) den kurzen Vokal [ä] (zwischen a [a] und offenem e [§]; an
Stelle von [ä] spricht man auch kurzes offenes e [§]):
Camping [kämping] neben [kemping]), Cash [käsch] (neben [kesch])

b) langes geschlossenes e [e ]:
Cape [ke p], Lady [le-di]

c) langes offenes o [q-]:


all right [p'l rait]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 41

B. Unbetont
1. spricht man kurzes a [a]:
a) vor der betonten Silbe:
Kanal [kanäl], massieren [maßi-ren]
b) nach der betonten Silbe in nichtletzter Silbe:
Kabbala [kabala], Prostata [proßtata]
c) am Wortende:
Kola [ko-la], Naphtha [nafta]
d) meistens am Wortende vor Konsonant:
Bräutigam [broitigam], Karneval [karncwal], Kaviar [ka-wiar], Monat
[monatl
2. spricht man langes a [a ]:
a) in den deutschen Ableitungssilben -bar, -sal, -sam:
zahlbar [zalbar], Schicksal [schiksa-1], langsam [langsa-m]
b) meistens in -ian:
Grobian [grobia-n], Thymian [tti mia n]
c) in folgenden anfangsbetonten Wörtern:
Balsam, Dual, Februar, Hangar, Heimat, Heirat, Hektar, Jaguar, Januar,
Leichnam, Ozean, Plural, Safran, Singular, Sultan, Zierat

A. Betont
1. spricht man langes offenes e [©•]:
a) wenn im Stamm nur ein Konsonant (außer x), nur ph oder nur
th folgt:
Bär [be-r], gär-te [ge-rtc], Mädchen [me*tchen], Äther [e*tcr]
b) wenn mehrere Konsonanten folgen, aber eine Nebenform oder
der Stamm langes offenes e [$•] hat:
näsle [ne-slc] (Nebenform: näsele [ne-sT])
Mäkler [me-kPr] (Stamm: mäk(e)l [me*k(c)l])
c) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -äss- oder -ass-,
sondern -äß- oder -aß- haben:
säße [se*ß°] (daneben nicht sassen, sondern saßen)
d) wenn verwandte Formen mit langem a [a*] bestehen (vgl. a,
Absatz A, 1, g):
Ärzte[e ist0] (zu: Arzt[a-rzt]),spräche [schpre ch*](zu:sprach [schpra eh])
e) vor ausgesprochenem, zur nächsten Silbe gehörendem Vokal:
trochäisch (trpehc-lisch], Trophäe [trof£T]

f) in:
Gebärde, Grätsche, hätscheln, Kartätsche, Jädt, Rätsel, Städte, tätscheln
2. spricht man kurzes offenes e [s] :
a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter
Absatz A, 1 erfaßt): s
hätte [het°], mästen [meßt'n], Härte [h^rt0], Wäldchen [weltch°n]
b) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -äß- oder -aß-,
sondern -äss- oder -ass- haben:
läßt [leßt] (daneben nicht: läßest, sondern: lässest)
42 Der Laut

B. Unbetont spricht man kurzes offenes e [§] (zum Teil langes offenes
e [«•]):
Ästhet [gßt6t], Äthyl [gttl-1] (auch: [g-tti-1])

a
Man spricht langes a [a-] in tschechischen und ungarischen Wörtern:
Dvoräk [dwQrseha-k], Csärdäs [tschardasch]

\
a
Man spricht kurzes a [a]:
k jour [asehu-r], ä la carte La la kart]

Ä
Man spricht kurzes offenes o [q] :
Ängström [ongßtrö-m]
aa
1. Man spricht langes a [a*] in einfachen deutschen Wörtern:
Aal [al], Waage [wa gcl

2. Man spricht wie a und a in einigen fremden Namen und an der Wort¬
grenze :
Kanaan [ka na|an], Asthmaanfall [aßtma|anfal]

ah
1. Man spricht langes geschlossenes a [a ] in einfachen deutschen Wörtern
(h ist stumm):
mahne [ma n0], nah [na ], sahst [sa ßt]

2. Man spricht wie a und h:


a) in:
aha! [aha-], ahoi! [ahtfi], Ahorn [a-liQrn]
b) an der Wortgrenze:
daher [da|hc r], schemahaft [sche ma|haft]
c) in Fremdwörtern:
Mahagoni [mahagö-ni], Mahonie [maho ni0]

äh
Man spricht langes offenes e [*£•] in einfachen deutschen Wörtern (h ist
stumm):
mähe [me c], näht [ng-t], zäh [zg ]

ai
1. Man spricht den Diphthong [ai] in einfachen deutschen Wörtern und
in einzelnen Fremdwörtern:
Maid [mait], Hai [hai], Taifun [taifü-n]
Von den Buchstaben zu den Laute^ (Aussprachelehre) 43

2. Man spricht betont langes offenes e [§•], unbetont kurzes offenes e [§]
in französischen Wörtern:
Chaise [schg-s®], Defaitist [defetißt]

3. Man spricht langes geschlossenes e [e ] in englischen Wörtern:


Mailcoach [me-lko-tsch]

4. Man spricht wie a und i an der Wortgrenze und in einzelnen Fremd¬


wörtern :
Malariaindex [mala-ria|indckß], prosaisch [prosä,-lisch], Mosaik [mosa|i-k]

am
Man spricht nasales e [q Bg] in französischen Wörtern am Wortende und
vor Konsonant:
Refrain [rcfr£”*], Saint-Simonist [ße "•ßimonfßt]

am
Man spricht nasales a [a,,g] in französischen Wörtern vor Konsonant:
Chambre [scha,,Kbr]

an
Man spricht nasales a [aMg] in vielen französischen Wörtern am Wortende
und vor Konsonant:
Cancan [ka"*kä,"*], Orange [ora^sch®], va banqne [waba**k]

ao
Man spricht wie a and o
Kaolin [ka|oli-n], Kakao [kak&-|o]

au
1. Man spricht den Diphthong [au] in einfachen deutschen Wörtern und
in den meisten nichtenglischen und nichtfranzösischen Fremdwörtern:
Auto [auto], bauen [bau'n], Haus [hauß]

2. Man spricht betont langes geschlossenes o [o-] in französischen


Wörtern:
Hausse [ho-ßc]

3. Man spricht unbetont kurzes geschlossenes o [o] oder kurzes offenes*


o [q] in französischen Wörtern:
Chaussee [schoßc-J, Chauffeur [schofo r]

4. Man spricht wie a und u in einigen fremden Namen und an der


Wortgrenze:
Kapernaum [kapcrnaluni], Galauniform [gala|uniform]
44 Der Laut

äu
1. Man spricht den Diphthong [Qi] in einfachen deutschen Wörtern:
Häuser [hQiser], täuschen [tQisch°n]

2. Man spricht wie ä und u:


Apogäum [apog^ lum], Jubiläum [jubil£-|um], Trochäus [troeh^ luß]

aw
Man spricht langes offenes o [q-] in englischen Wörtern:
Yawl [jQ-1]

ay
1. Man spricht den Diphthong [ai] in deutschen Namen:
Bayer [bai'r], Mayer [mai'r]

2. Man spricht langes geschlossenes e [e*] in englischen Wörtern:


Okay [ok6]

b
1. Man spricht [b]:
a) am Wortanfang:
Bach [baeh], blau [blau]

b) vor Vokal im Inneren einfacher Wörter:


Gabel [ga b*l], Narbe [narbe]

c) vor 1, n, r, wenn sie zum Stamm gehören:


kable [ka ble] (Stamm: kab(e)l), ebnen [e bnen], (Stamm: eb(e)n)

d) in den lateinischen Präfixen ab- (meistens vor Vokal und 1), ob-
(vor Vokal und meistens vor 1), sub- (zum Teil vor Vokal und vor 1):
Abitur [abitü-r], obligatorisch [öbligatörjsch], sublim [subli-m]

2. Man spricht [p]:


a) am Wortende in einfachen und zusammengesetzten Wörtern sowie
vor den Ableitungssilben -bar, -chen, -haft, -heit, -lein, -lieh, -ling,
-lings, -los, -nis, -sal, -sam, -sei, -schaft, -tum, -wärts:
ab [ap], Klub [kipp], Sieb [si-p], Staubtuch [schtauptu-eh], lieblich [liplich]

b) vor stimmlosen Konsonanten, vor d:


Erbse [erpß0], lebte [le-pte], Gelübde [g°lüpdc]

c) in den lateinischen Präfixen ab-, ob-, sub- (ausgenommen die Fälle


unter Absatz 1, d):
absurd [aps^rt], Objekt [Qpjfckt], Subjekt [sppj£kt]

bb
1. Man spricht ein [b] in einfachen Wörtern vor Vokal, 1, r:
Ebbe [ebe], krabblig [krabljch], knabbre [knabre]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 45

2. Man spricht ein [p] vor stimmlosen Konsonanten, am Stammende


in zusammengesetzten Wörtern und vor den Ableitungssilben -bar,
-chen usw. (vgl. b, Absatz 2, a):
ebbt [ept], Schrubbmittel [schrupmit'l], Kräbbcnen [krepch'n]

3. Man spricht wie b und b an der Wortgrenze:


abbrechen [apjbrech'n], Schrubbesen [schrup|be-scn]

C
1. Man spricht [k] vor a, o, u, 1, r:
Cafe [kaf<H. Cour [ku r], Clown [klaun], Crew fkrir]

2. Man spricht [z] vor ä, e, i, y in lateinischen und griechischen Wörtern:


Cäsar [z^-sar], Circe [zirze], Cyrenaika [ztirenä-ika]

3. Man spricht stimmloses („scharfes“) s [ß] vor e, i, y in englischen,


französischen und spanischen Wörtern:
Cent [ßent], Farce [farß0], Centavo [ßentä-wo]

4. Man spricht [tsch] vor e, i in italienischen Wörtern:


Cembalo [tschcmbalo], Cinquecento [tschingkwetsch£nto]

<5
Man spricht stimmloses („scharfes“) s [ß]:
Apercu [aperßü-], Curacao [kuraßäo]

cch
Man spricht [k] in italienischen Wörtern:
Malocchio [tnaltfkio]

CC1
Man spricht [tsch] vor Vokal in italienischen Wörtern:
Boccia [botscha]

ch
1. Man spricht [ch] (Ich-Laut):
a) nach Konsonanten, nach ä, e, i, ö, ü, y und nach den beiden Diph¬
thongen [ai], [Qi] (geschrieben: ai, ei, äu, eu):
manch [manch], nächst [nechßt], Mechanik [mechä*nik], ich [ich]

b) in der Ableitungssilbe -chen:


Frauchen [frauch'n], Häuschen [hoißch'n]

c) in Fremdwörtern vor e, i, y, in seltenen Fremdwörtern (vor allem


griechischer Herkunft) auch vor a, o und vor Konsonanten:
Chemie [chemi ], Chirurg [chiryrk], Chorograpjiie [chorografi ], chthonisch
[chto nisch]; aber: Orchester [qrk^st'r]
46 Der Laut

2. Man spricht [eh] (Ach-Laut):


a) nach a. o. u und nach dem Diphthong [au] (geschrieben au):
mache (.mach0], autoclithon [autoehtö-n], Tuch [tu-ehj, Kauch [raueh]
b) selten am Wortanfang:
Charkow [eharkof], meist [charkof]

3. Man spricht [k]:


a) in griechischen Wörtern (besonders am Wortanfang) vor a, o, 1, r:
Chaos [ka-Qß], Chor [ko-rj, Melancholie [melangkoli*], Chlor [klo-r], Christ
[krißt]

b) in italienischen Wörtern:
Chianti [kiänti], Marchese [marke-sei

4. Man spricht [sch] in französischen Wörtern:


Chassis [schaßi-J, Cochon [koscho"*]

5. Man spricht [tsch] oder [sch] in einigen bekannteren englischen


Wörtern:
chartern [tscharturnj, (oder: [schart°rn])

6. Man spricht [tsch] in den meisten englischen Wörtern:


Chesterkäse [tschestcrke-sL], China-Clay [tschain'kle-]

7. Man spricht [tsch] in spanischen Wörtern:


Gaucho [gautscho], Sancho Pansa [ßantscho panßa]

chs
1. Man spricht [kß] (wie x) in einfachen Wörtern, wenn das s in chs zum
Stamm gehört:
Buchs (Buchsbaum) [bykßj, Ochse [okße], sechs [sykß], wachsen [wakß'n]

2. Man spricht wie ch und s, wenn das s in chs nicht zum Stamm gehört,
oder an der Wortgrenze:
Buch-s (Buches) [bu-ehß], Buch-seite [bu-eh|saitc]

CI

Man spricht [tsch] in italienischen Wörtern vor a, e, o, u:


Ciacona [tschakö-na]

ck
Man spricht [k] in einfachen Wörtern:
Bock [bok], Hecke [hyk°]

CS

Man spricht [tsch] in ungarischen Wörtern:


Csärd'äs [tscha rda-sch]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 47

d
1. Man spricht [d]:
a) am Wortanfang:
Dame [da*mc], drei [drai]
b) vor Vokal im Inneren einfacher Wörter (Ausnahmen vgl. 2, b, c):
baden [ba-d°n], Halde [halde]
c) vor 1, n, r, wenn sie zum Stamm gehören:
Handlung [Handlung] (.Stamm: hand(e)l), rudre [rirdrc] (Stamm: rud(e)r)

d) im lateinischen Präfix ad- vor Vokal oder r:


adoptieren [adoptir'm], Adrenalin [adrenali-n]

2. Man spricht [t]:


a) am Wortende in einfachen und zusammengesetzten Wörtern sowie
vor den Ableitungssilben -bar, -chen usw. (vgl. b, Absatz 2, a):
Bad [ba t], Badball [ra-tbal], leidlich [laitlich]
b) im lateinischen Präfix ad- vor Konsonant (außer vor r):
Adjunkt [atjvmgkc], Advokat. |at\vokä-t]
c) vor m:
Admiral [atmirälf widmen hvitm'nj

3. d ist stumm am Wortende in einigen französischen Wörtern:


Boulevard [bur'wa r), Fond (fo "HJ

1. Man spricht ein |d] in einfachen Wörtern:


Kladde [klad"], paddle [padf]

2. Man spricht wie d und d an der Wortgrenze:


Raddampfer fra-t|dampf"r ]
ds
1. Man spricht [z] am Wortende:
Leids [laiz], Bads |raz]

2. Man spricht wie d und s an der Wortgrenze:


beredsam [b’re • t|sa-m ]

lisch
1. Man spricht fdseh] in einfachen Wörtern:
Dschungel [ds<4iung’i], Badscha Iradseha]

2. An der Wortgrenze spricht man wie d und sch oder wie ds und ch:
Radschlagen [ra t|schla-g'iil, Hundscharakter [hunz|karaktcr]

dt
1. Man spricht ein [t] in einfachen Wörtern:
beredt [b're t], lädt [lc t], Städte [schtg t0]

2. Man spricht wie d und t an der Wortgrenze:


Erdteil [e rt|tail], leidtragend [lait|tra-gcnt]
48 Der Laut

]. spricht man langes geschlossenes e [e ]:


a) wenn im Stamm nur ein Konsonant (außer ß oder x), nur ph
oder nur th folgt (vgl. aber B, 1, g) :
dem [de-m], den [de-n], der [de r] (wenn als Pronomina gebraucht); er
[e r], leb-en [le;bcn], leb-t [le-pt], Weg [we-k], wer [we-r], Ethik [e-tik]

b) wenn mehrere Konsonanten folgen, aber eine Nebenform oder


der Stamm langes geschlossenes e [e*] hat:
edle [e dlc] (Nebenform: edele [e-dT])
regnen [re-gncn] (Stamm: reg(e)n [re-g(e)n])

c) vor den Konsonantengruppen bl, br, dl, dr, gl, gr, kl, kr, phl,
phr, pl, pr, qu, thl, thr, tl, tr (einfache Wörter) :
Allegro [al6-gro], Exequien [<jkß6-kwien], Metrik [me-trik]

d) vor ausgesprochenem, zur nächsten Silbe gehörendem Vokal:


Kreas [kre|aß], Museum [mus6-|lim]

e) am Wortende:
Akme [akm6], je [je ], Koine [koinö-]

f) in:
beredt, Beschwerde, Erde, erst, Erz, Herd, Herde, Kebse, Keks, Krebs,
nebst, Pferd, Schwert, stets, werden, Wert, wert

2. spricht man kurzes offenes e [$]:


a) vor ß, vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht
unter Absatz A, 1 erfaßt):
Dreß [dreß], Hexe [hekß0], Erbse [erpßc], messen [meß°n]
b) in:
ces, Chef, des, es, fes, ges, Herberge, Herzog, Hotel, Karamel, Rebhuhn,
Relief [reli£f], weg, wes

3. spricht man* kurzes geschlossenes e [e] in einigen italienischen


Wörtern (dafür spricht man nach Absatz A, 2, a auch kurzes
offenes e [§]):
Arpeggio [arp6dseho] (neben: [arpedseho])
Grandezza [grandeza] (neben: [grandeza])

4. spricht man langes geschlossenes a [a*] in:


Clerk [kla rk]

B. Unbetont
1. spricht man kurzes geschlossenes e [e]:
a) vor einem Konsonanten (außer x), vor bl, br, dl, dr, gl, gr, kl,
kr, ph, phl, phr, pl, pr, qu, th, thl, thr, tl, tr + Vokal (einfache
Wörter):
Neglig6 [negliseh^ ], Nephritis [nefri tiß], Frequenz [frekwgnz], Methan
[metdn]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 49

b) vor ausgesprochenem, zur nächsten Silbe gehörendem Vokal:


Geograph [ge|ogrd-f], Koffein [kgfe|i-n], Lineal [line|d-l]
c) am Wortende nach ausgesprochenem, zur vorhergehenden
Silbe gehörendem Vokal (Fremdwörter):
Aloe [a-loje], Benzoe [bgnzole]
d) am Wortende nach Konsonant in einigen Fremdwörtern, be¬
sonders in italienischen, griechischen und lateinischen Wörtern,
wenn das e bereits in diesen Sprachen besteht:
"andante [anddnte], Psyche [pßü-che], Faksimile [fak|si*mile]
e) meistens in den lateinischen Präfixen de- und re-:
desperat [deßperd-tl, Reflex [refl£kß]
f) in:
lebendig [lebgndich]
g) in:
dem [dem], den [den], der [der] (wenn als Artikel gebraucht); er [er] (wenn
unbetont)

2. spricht man kurzes offenes e [$] :


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter
Absatz B, 1 erfaßt):
Infektion [infckzid-n]

b) am Wortende vor Konsonant in Fremdwörtern, besonders


wenn das Wort wie in der Fremdsprache endet:
Index [indekß], Karies [ka ri|gß], Präsens [prg-senß], Requiem [re-kwi|em],
Volumen [wolü ingn]
c) in emp-, ent-, er-, her-, ver-, zer-:
Empfang [gmlpfäng], Erlaß [grldß], herein [herdin], Verlust [ferlyßt]

d) in:
Elen [e ien], Elend [elcnt], vollends [fQlenz]

3. spricht man den mittleren Laut [e] („schwaches, dumpfes, ge¬


murmeltes e“):
a) in deutschen Wörtern, vor allem in Endungen :.
Atem [at*m], rostet [rQßtct], saubererer [saub'rVr], unsere [unscrc]
b) in den Präfixen bu- und ge-:
beobachten [b^ baeht^n], geeignet [gedignct], Gewand [g'wdnt]

c) bei griechischen, lateinischen und anderen Fremdwörtern in


der Endung, besonders wenn sie von der fremden Endung ver¬
schieden ist:
Synthese [sünte s®], Plebejer [plebe j*r], Sonate [sond tc]

d) manchmal in griechischen und lateinischen Wörtern vor 1 oder


r bei folgendem Vokal:
kannelieren [kan°H r°n], Dysenterie [düsenteri ], General [gen'rd l]

e) oft in französischen Wörtern in unbetonter, nichtletzter Silbe:


Jeton IfSeh'to "*], Paletot [paPto], Refrain [refr$""]
50 Der Laut

f) oft am Wortende in französischen Wörtern nach Konsonant,


wobei das [e] in gewissen Wörtern auch ausfallen kann:
Garage [gardseh0], Melange [meld"®sehc] (neben: [melä^seb])

C. e ist stumm
1. am Wortende nach Vokal in französischen Wörtern:
Lieue [liö-]> Revue [rcwl'i]

2. manchmal am Wortende nach Konsonant in französischen Wör¬


tern :
Bonhomme [bon<5m], College [kgle-seh]

Man spricht in französichen Wörtern betont langes geschlossenes e [e-],


unbetont kurzes geschlossenes e [e]:
Cafe [kafe-], Seance [ßeä."*ße], Separ6e [ßepare]

e
Man spricht betont langes offenes e [$•], unbetont kurzes offenes e [q]:
Tete-ä-tete [tetaty-t]

ea
1. In englischen Wörtern spricht man:
a) meistens langes geschlossenes i [i-]:
Clearing [kli-riug], Seal [ßil]

b) kurzes offenes e'[e] in:


Commonwealth [kompmvelth]

2. Sonst spricht man wie e und a:


Kornea [kgrne|a], real [re|ä l]

eau
1. ln französischen Wörtern spricht man betont langes geschlossenes
o [o-], unbetont kurzes geschlossenes o [o]:
Niveau [niwö-J, Beautö [botö * ]

2. An der Wortgrenze spricht man wie e und au oder wie ea und u:


beaugapfeln [bcfdugapfcln], Korneaulkus [kornealylkyß]

ee
1. Man spricht in französischen und in einfachen deutschen Wörtern
a) betont langes geschlossenes e [e-]:
Idee [id6 ], leer [1e r], See [se*]

b) unbetont kurzes geschlossenes e [e]:


Kaffee [kafe]
Von den Buchstaben zu den Lauten. (Aussprachelehre) 51

2. Man spricht langes geschlossenes i [i-] in englischen Wörtern:


Jeep [dsehip], Spleen [ßplin]
3. Sonst spricht man wie e und e:
beerben [bu|£rbcn], reell [relcl]
f
ee
Man spricht langes geschlossenes e [e ] in französischen Wörtern:
Dragee [drasehe-]. Separee [ßcpare ]

eh
1. Man spricht langes geschlossenes e [e ] in einfachen deutschen Wörtern
(h ist stumm):
Ehe [e-“], gehen [ge 'nj, wehren [we-r'n], Weh [we-], weht [we t]

2. An der Wortgrenze und in Fremdwörtern spricht man wie e und h:


behaupten [bLMuptcn], Gehilfe [g'hilf1*], Vehikel [wchik‘1]

ei
1. Man spricht den Diphthong [ai] in einigen griechischen und in ein¬
fachen deutschen Wörtern:
Eidetik [aide tik], Bein [bain], Eis [aiß]

2. Man spricht langes offenes e [$•] in französischen Wörtern:


beige [be-seh]

3. An der Wortgrenze und in den meisten Fremdwörtern spricht man


wie e und i:
beirren [bc|ir‘n], Äncide [cne|Hlc], eis [e-|iß], Koffein [kofe|i*n]

eih
1. Man spricht [ai] in einfachen deutschen Wörtern (h ist stumm):
leiht [la.it], Reihe trai1'], Weih [wai]

2. An der Wortgrenze spricht man wie ei und h oder wie e und ih:
Eihaut [ai|hautf Freiheit |frai|hait], geihrzt [g°|i-rzt]

ein
Man spricht nasales e [e"g] vor Konsonant in französischen Wörtern:
Tleinpouvoir [plc1Hrpuwod-r], Teint [tc**]

em
Man spricht nasales a [a**8] vor Konsonant in französischen Wörtern:
Ensemble [a,"*ßdH*bl]
en
In französischen Wörtern spricht man:
1. nasales a [a**8] vor Konsonant:
Detente |deta'"'t|. l’eiulant Ipa^dd**]
52 Der Laut

2. nasales e [$ Bg] nach i oder y am Wortende:


Ancien rögime [a^ßi^resehi-m], Citoyen [ßitoaj£**], Doyen [doaj£"*]

er
In französischen Wörtern spricht man langes geschlossenes e [e ] am
Wortende nach Konsonant:
Baiser [bes6], Diner [dinö ]
ere
1. Man spricht [e-rc] am Wortende in französischen Wörtern:
Portiere [portie r0], Tabatiere [tabatie rc]

2. Man spricht [e re] am Wortende in italienischen Wörtern:


Gondoliere [gondoli£re], Karabiniere [karabinie re]

eu
1. Man spricht den Diphthong [Qi] in einfachen deutschen Wörtern und
in griechischen Wörtern:
euer [Qi*r], heute [hoitc], Euphorie [oifori-]

2. In französischen Wörtern spricht man:


a) betont langes geschlossenes ö [ö*]:
Charmeuse [scharmös], Redakteur [redaktör]
b) unbetont kurzes geschlossenes ö [ö]:
Dejeuner [desehön6 ]

3. An der Wortgrenze und in den meisten anderssprachigen Fremd¬


wörtern spricht man wie e und u:
beurteilen [b0|Cirtail°n], Eheurkunde [e °|u-rkund°], Museum [muse lum]

ew
Man spricht [ju ] in englischen Wörtern:
New Deal [nju- di-1], Steward [ßtju-°rt]

ey
Man spricht kurzes geschlossenes i [i] (häufigere Aussprache) oder kurzes
offenes i [i] (neuere, weniger häufige Aussprache) in englischen Wörtern
am Wortende:
Hockey [hoki] (oder: [hoki])
f
Man spricht [f] in einfachen Wörtern:
auf [auf], Fach [faeh]
fr
1. Man spricht ein [f] in einfachen Wörtern:
Affäre [affc-r6], Affe [afe], Muff [mpf]

2. Man spricht wie f und f an der Wortgrenze:


Lauffeuer [lauf|foicr], Schiffahrt [schif|fa-rt]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelekre) 53

g
1. Man spricht [g]:
a) am Wortanfang (Ausnahmen vgl. Absatz 4 u. 5):
Gas [ga-ß], gleich [glaich], grau [grau]

b) vor Vokal im Inneren einfacher Wörter:


Felge [felg0], Lage [la g0], Sorge [sorg0]

c) vor 1, m, n, r, wenn sie zum Stamm gehören:


segle [se*gl°] (Stamm: seg(e)l), Signal [signäl] (Stamm: sign)

2. Man spricht [k]:


a) am Wortende in einfachen und in zusammengesetzten Wörtern
sowie vor den Ableitungssilben -bar, -chen usw. (vgl. b, Absatz 2, a):
lag [la k], Tragbahre [trakbar0], tragbar [tra kba r]

b) vor stimmlosen Konsonanten, vor d:


bugsieren [bukßir°n], legte [le-kt*], Mägde [me*kdc]

3. Man spricht [ch] in der Endung -ig:


a) am Wortende:
einig [ainich], König [kö-nich], zweisprachig [zwaischpraehich]

b) vor Konsonant, wenn nicht -lieh oder -reich folgt:


vereinigt [feräinicht] (aber: königlich [kö-niklich], Königreich [kö nikraich])

4. Man spricht [seh] vor allem in französischen Wörtern vor e, i:


Garage [garä seh0], Gelee [sehele], Gilet [sehite-]

5. Man spricht [dseh] in italienischen, zum Teil in englischen Wörtern


vor e, i:
Girandola [dsebirdndola], Gentleman [d9ehontrm0n]

gg
1. Man spricht ein [g] in einfachen Wörtern vor Vokal, 1, r:
Egge [eg°], Ros.-gen [rog°n]

2. Man spricht ein [k] vor stimmlosen Konsonanten, am Stammende in


zusammengesetzten Wörtern und vor den Ableitungssilben -bar, -chen
usw. (vgl. b, Absatz 2, a):
eggte [ckt°], Eggzeit [ekzait], eggbar [ekba-r]

3. Man spricht wie g und g an der Wortgrenze:


Berggeist [berkgaißt], Weggang [wekgang]

ggi
Man spricht [dseh] in italienischen Wörtern vor a, o, u, sonst [deehi]:
Arpeggio [arpedseho], Arpeggi [arpedsehi]
54 Der Laut

gio
1. Man spricht [ds<eh] in italienischen Wörtern vor a, o, u:
Adagio [add-dscho]

2. Sonst spricht man wie g, i, o:


Hagiologie [hagiologi • ]

gH
1. Man spricht [lj] in italienischen Wörtern vor a, e, o, u:
Passacaglia [paßakdlja]

2. Sonst wird wie g und li gesprochen:


englisch [englisch], hüglig [hü güch]

gn
1. Man spricht [nj] in französischen und italienischen Wörtern:
Champagner [schampdnj°r], Bagno [banjoj

2. Sonst spricht man wie g und n:


Signal [signd-1], Wegnahme [wekna-me]


1. Man spricht [g] in englischen, französischen und spanischen Wörtern
vor e, i:
Guinee [gine-], Guillotine [gijoti*ne], Guerrilla [gedlja]

2. Sonst spricht man wie g und u:


Gummi [gpmi], Jaguar [ja-guar]

h
1. Man spricht [h] (h wird ausgesprochen):
a) am Wortanfang der deutschen und der meisten Fremdwörter:
Hals [halß], Hausse [ho ßR], Hymne [hümnc]
b) nach der Wortgrenze in nichteinfachen deutschen Wörtern:
da-heim [dahdim], ver-haften [fcrhdft'n]
c) in Ausrufewörtern vor Vokal:
ahoi! [ahtfi], oho! [ohö-]
d) in:
Ahorn [a horn], Oheim [o-haim], Uhu [u-hu]
e) im Inneren der meisten Fremdwörter:
Mahagoni [mahagd ni], Vehikel [wehi k'l]

2. Man spricht h nicht aus (h ist stumm):


a) im Inneren und am Ende einfacher deutscher Wörter:
Ehe [e-c], geht [ge-1], Weh [we-]
b) im Inneren und oft am Anfang französischer Wörter:
Bonhomie [bonomi ], Honneurs [QnÖ-rß]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 55

A. Betont

1. spricht man langes geschlossenes i [i-]:

a) wenn im Stamm nur ein Konsonant (außer x), nur ph oder


nur th folgt:
gib [gip], gib-t [gi pt], Latrine [latrl-n*], Tarif [tarl-f], wider [wid'r], wir
[wir], Sipho [si-fo]

b) vor den Konsonantengruppen bl, br, dl, dr, gl, gr, kl, kr, phl,
phr, pl, pr, qu, thl, thr, tl, tr (einfache Wörter):
Iglu [i-glu], Reliquie [reli kwi*], Mitra [mi tra]

c) vor ausgesprochenem, zur nächsten Silbe gehörendem Vokal:


Trias [tri-laß], Trio [tri|o], via [wi|a]

d) am Wortende:
Kikeriki [kikrriki-], Pi [pi-], Schi [schi ]

e) in:
Haschisch, Nische

2. spricht man kurzes offenes i [i]:

a) vor ß, vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht


unter Absatz A, 1 erfaßt):
Biß [biß], mixen [mikß'h], List [lißt], Wissen [wiß'n]

b) zuweilen in der Fachsprache in der Endung -it (chemisch,


mineralogisch):
Sulfit [sylfit] (neben: [sylff-t])

c) in:
April, bim, cis, Clique [klikc], dis, Finish [fjnisch], Flip, Gambit, gis, Him¬
beere, his, Kapitel, Tip, Trafik

d) in folgenden Wörtern, ob betont oder nicht:


bin, bis, hin, im, in, mit

3. spricht man kurzes geschlossenes i [i] in einigen wenigen Fremd¬


wörtern :
Affiche [afisch0] (neben: [afisch®]), Aperitif [aperitif]

4. spricht man kurzes offenes ö [q] in englischen Wörtern vor r am


Wortende oder bei folgendem Konsonanten:
Sir [ßQr], Flirt [flört]
56 Der Laut

B. Unbetont

1. spricht man kurzes geschlossenes i [i]:


a) vor einem Konsonanten (außer x), vor bl, br, dl, dr, gl, gr,
kl, kr, ph, phl, phr, pl, pr, qu, th, thl, thr, tl, tr + Vokal (ein¬
fache Wörter):
Antiquität [antikwite-t], Diplom [diplö-m]

b) vor ausgesprochenem Vokal:


Natrium [na-tripm], Portion [pprziö-n]

c) am Wortende:
Alibi [alibi], Gummi [gpmi], Juli [juli]

d) in einigen französischen Wörtern vor mehreren Konsonanten:


Ficlm [fisclUr], Klischee [klischc-]

2. spricht man kurzes offenes i [i]:


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter Ab¬
satz B, 1 erfaßt):
fixieren [fikßi-r'n], Kristall [krißtäl], Million [mjliö-n]

b) am Wortende vor Konsonant:


Defizit [de*flzit], gratis [gra tiß], Saphir [sa-fir], Tänzerin [tenz'rin], zeit¬
lich [zaitlich]

c) in dem Suffix -ig am Wortende, vor Vokal oder vor Konsonant


und in dem Suffix -iker:
einig [ainich], einigen [ainig°n], geeinigt [g°äinicht], Techniker [technjkcr]

3. spricht man langes geschlossenes i [i-]:


a) in -im (hebräische Mehrzahl), in -[l]in (Personennamen), in -iv
und in schurigeln:
Cherubim [che rubi m], Hölderlin [h§lderli-n], Passiv [paßi-f]

b) vereinzelt in -in (Gattungsnamen), -ir und -is:


Baldachin [baldaehi n], Vampir [wampi-r], Exlibris [ekßli-bri ß]

ie
A. Man spricht einen Laut in einfachen Wörtern, und zwar:
1. langes geschlossenes i [i-]:
a) wenn im Stamm ein oder mehrere Konsonanten folgen:
parkieren [parki-r'n], Tier [ti r], Biest [bi ßt], riecht [ri eht]

b) wenn e (ausgesprochen [e]) folgt:


geschrieen [g°schri*cn]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprächelehre) 57

c) betont in nichtflektierten Wörtern, in Pronomen, in der Ein¬


zahl von Substantiven, in Verbalformen auf -ie, -ien, -iest, -iet-:
wie [wi-], die [di ], sie [si*], Knie (Einzahl) [kni-J, Kolonie [koloni-]. knie!
[kni-], schrie [schri], knien [kni-n], schriest [schri-ßt], knietest [kni-t'ßt]

2. betont kurzes offenes i [i] in:


Viertel, vierzehn, vierzig

3. unbetont kurzes geschlossenes i [i] in:


die [di] (Artikel), vielleicht [filäicht], vielmehr

B. Man spricht wie i und e:

1. betont in den Mehrzahlformen von Substantiven auf -ie, -ien,


-ier und in -iend:
Knie (Mehrzahl) [kni-f], Kolonien [kolom cn], Schier [schi-*r], kniend [kni-*nt]

2. in Fremdwörtern:
a) bei unbetontem i und e:
dielektrisch [di|el£ktrisch], Studie [schtu di*]

b) bei betontem e:
Diese [dilö s0], Triere [tri|6 r°]

c) vereinzelt, wenn i betont ist:


Chrie [chri-0]

3. an der Wortgrenze:
Gummielastikum [gumi|eläßtikum]

ieh
1. Man spricht langes geschlossenes i [i-] in einfachen Wörtern (h ist
stumm):
lieh [li], ziehst [zi-ßt], ziehen [zi 'n]

2. Man spricht wie ie und h oder wie i und eh an der Wortgrenze:


kniehoch [kni- o-eh], Dreiehe [drai|e-*]

ier
In der französischen Endung -ier spricht man:
1. zum Teil [1t]:
Barbier [barbl-r], Offizier [ofizi-r]

2. zum Teil [ie ]:


Bankier [bangki6-], Portier [porti6 ]

igh
Man spricht [ai] in englischen Wörtern:
all right [q-1 rait]
58 Der Laut

m
Man spricht in französischen Wörtern nach Vokal:
i- m=
mouillieren [mujir'n]

2. [lj]:
Kanaille [kan&lj*]

im
Man spricht nasales e [$ "*] in französischen Wörtern vor Konsonant:
Timbre [te**br]

m
Man spricht nasales e [e Bg] in französischen Wörtern am Wortende und
vor Konsonant:
Bassin [baße**], Inseparables [o"*ßeparabl]

j
1. Man spricht [seh] in französischen Wörtern:
Journalist [sehurnalißt]

2. Man spricht [dsefe] in englischen Wörtern:


Jam [dsekem], Jeep [dsehi-p]

3. Man spricht [eh] in spanischen Wörtern:


Don Juan [don ehudn]

4. Man spricht [j] in anderssprachigen und deutschen Wörtern:


junior [ju nior], Boje [bo*j°], Jagd [ja kt]

k
Man spricht [k]:
kalt [kalt], Kino [ki-no], Kognak [konjak]

kk
1. Man spricht ein [k] in einfachen Wörtern:
Kokke [kok*], Okkasion [okasiö-n]

2. Man spricht wie k und k an der Wortgrenze:


starkknochig [schtark|knoehich], Werkküche [work|küche]

kn
1. Man spricht [n] (k ist stumm) am Anfang englischer Wörter:
knockout [nok&ut]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 59

2. Sonst spricht man wie k und n:


Knie [kni-], Knollen [kngl'n]

kq
Man spricht ein [k] in einfachen Wörtern:
Akquisition [akwisiziö n]
1
1. Man spricht [1]:
Land [lant], Feld [feit], Teil [tail]

2. In den folgenden Wörtern spricht man 1 nicht aus:


Detail [detdi], Fauteuil [fotö-j], Serail [seräi]

11
1. Man spricht ein [1] in einfachen deutschen und in den meisten Fremd¬
wörtern :
alle [alc], fülle [fül°L Kristall [krjßtdl]

2. Man spricht wie 1 und 1 an der Wortgrenze:


wahllos [wa l|lo ß] (Ausnahme: vielleicht [flldicht])

3. Man spricht [lj] in einigen französischen und spanischen Wörtern:


brillant [brjljdnt], Kamarilla [kamarilja]

4. Man spricht [j] in einigen französischen Wörtern:


Guillotine [gijoti-n°]

m
Man spricht [m]:
mischen [misch'n], Lampe [lamp®], kam [ka m]

mm
1. Man spricht ein [m] in einfachen Wörtern:
Amme [am*], kommun [komü-n]

2. Man spricht wie m und m an der Wortgrenze:


Baummarder [baum|mard°r], Ohmmeter [o-m|me-t*r]

n
1. .Man spricht [n]:
a) in einfachen deutschen Wörtern (außer vor g und k):
nein [nain], manch [manch]. Plan [pla n]

b) an der Wortgrenze:
Eingang [aingaug], Methangas [metd-nga-ß]

c) in Fremdwörtern außer vor g, k, qu, x (Ausnahmen vgl. d):


Koncha [koncha], Insulin [insuli n]
60 Der Laut

d) in den lateinischen und griechischen Präfixen in-, kon-, en-, syn-:


Kongress [kongreß], Enkaustik [enkäußtik], Synthese [sünt6-se]

2. Man spricht [ßg]:


a) in einfachen deutschen Wörtern vor k:
sinken [singk*n], wanken [wangk'n]
b) in Fremdwörtern vor g, k, qu, x (Ausnahmen vgl. 1, d; ng, Ab¬
satz 1, b; ng Absatz 2):
Delinquent. [delingkw£nt], Sphinx [ßfingkß], Tango [tanggo]

n
Man spricht [nj]:
Senor [ßenjqr]
ng
1. Man spricht [ng] (einen Laut):
a) in einfachen deutschen Wörtern:
Angst [angßt], bringen [bring'n], Zeitung [zaitung]
b) in einigen Fremdwörtern:
Dschungel [dsehung'l], Gong [gQftg], Swing [ßwjng]

2. Man spricht wie n und g an der Wortgrenze und in einigen Fremd¬


wörtern :
angehen [ange 'n], Ingrainfarbe [ingr^-nfarb*]

nn
1. Man spricht ein [n] in einfachen Wörtern:
Annalen [anä-l'n], Tanne [tan*]

2. Man spricht wie n und n an der Wortgrenze:


Annahme [an|na m8], Bahnnetz [ba n|nez]

o
A. Betont

1. spricht man langes geschlossenes o [o-]:


a) wenn im Stamm nur ein Konsonant (außer x), nur ph oder
nur th folgt:
Lob [lo p], lob-en [lo b"n], lob-t [lo pt], Philosoph [fllosö-f]
b) wenn mehrere Konsonanten folgen, aber eine Nebenform oder
der Stamm langes geschlossenes o hat:
lodre [lo dr°] (Nebenform: lodere [Io-dV])
Jodler [jo dl'r] (Stamm: jod(e)l [jo-d(*)l])
c) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -oss-, sondern
-oß- haben:
groß [gro-ß] (daneben nicht: grosse, sondern: große)
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 61

d) vor den Konsonantengruppen bl, br, dl, dr, gl, gr, kl, kr, phl,
phr, pl, pr, qu, thl, thr, tl, tr (einfache Wörter):
Kobra [ko-bra], Kolloquium [kolö-kwium]
e) vor ausgesprochenem, zur nächsten Silbe gehörendem Vokal:
Boa [bo |a], Oboe [obö |e]
f) am Wortende:
Büro [bürö], Hallo [halb-], so [so-]

g) in:
Fort [fo-r], hoch, Kloster, Koks, Korps [ko-r], Lotse, Mond, Obst, Ostern,
Propst, prost, Ressort [reßö-r], Trost, Vogt

2. spricht man kurzes offenes o [9]:


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter Ab¬
satz A, 1 erfaßt):
Boxe [bokßc], Korb [kQrp], Rost [roßt]

b) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -oß-, sondern -oss-


haben:
Schloß [schloß] (daneben nicht: Schloßes, sondern: Schlosses)
c) in:
Bob, Brombeere, Don, Grog, Gros (12 Dutzend) [groß], Log, Lok, Lorbeer,
Mob, Mop, ob, Rokoko [rokoko], Toque [tok], von, Vorteil

3. spricht man langes offenes o [q ] in sehr wenigen Fremdwörtern:


Ravioli [rawib li] (häufiger: [rawiö li]), Shorts [schQ*rz]

B. Unbetont
1. spricht man kurzes geschlossenes o [o]:
a) vor einem Konsonanten (außer x), vor bl, br, dl, dr, gl, gr, kl,
kr, ph, phl, phr, pl, pr, qu, th, thl, thr, tl, tr + Vokal (einfache
Wörter):
Forelle [for01c], Hoplit [hopli-t], Eloquenz [elokwenz], Kothurn [kotyrn]
b) vor ausgesprochenem Vokal:
Koalition [ko|aliziö-n], Zoologie [zo|ologi ]
c) am Wortende:
Auto [auto], desto [deßto], Trio [tri o]
d) in:
Herzog [hgrzok] (auch: [herzo k])

2. spricht man kurzes offenes o [9]:


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter Ab¬
satz B, 1 erfaßt):
Oxyd [QkßÜ-t], forcieren [forßi-r'n]
b) am Wortende vor Konsonant:
Alkohol [alkohol], Bischof [bischpf], Faktor [faktor]

3. spricht man langes geschlossenes o [o*] in:


Alkoven [alko w’n], Almosen [almoVn], Kleinod [klaino-t], Korridor [kyrido r]
62 Der Laut

1. spricht man langes geschlossenes ö [ö•]:


a) wenn im Stamm nur ein Konsonant (außer x), nur ph oder nur
th folgt:
lös-en [lö s'nj, lös-t [lö ßt], seriös [seriö-ß], Synalö'phe [stinalö fe]
b) wenn mehrere Konsonanten folgen, aber eine Nebenform oder
der Stamm langes geschlossenes ö [ö-] hat:
trödle [trö-dlc], (Nebenform: trödele [trö-dT]), Trödler [trö-dlcr] (Stamm:
tröd(e)l [trö-d(c)l])
c) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -öss- oder -oss-,
sondern -öß- oder -oß- haben:
stößt [schtö ßt] (daneben nicht: stossen, sondern: stoßen)
d) wenn verwandte Formen mit langem geschlossenem o [o-] be¬
stehen (vgl.o, Absatz A, 1, g):
höchst [hö-chßt] (zu: hoch [ho-eh]), trösten [trö ßtcn] (zu: Trost [tro ßt])

e) vor Vokal (Ausnahmen vgl. öe):


böig [bö* lieh], Epopöe [epopÖ-|c]
f) am Wortende:
Bö [bö-]

g) in:
Behörde, Börse [bö-rsc] (neben: [bgrsc]), Gehöft, Österreich [ö-ßt'raich,

2. spricht man kurzes offenes ö [q]:


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter Ab¬
satz A, 1, erfaßt):
Föxchen [fökßch'n], Förster [förßt'r], möchte [möchtc]
b) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -öß- oder -oß-,
sondern -öss- oder -oss- haben:
Schlößchen [schlgßchun] (daneben nicht: Schlößer, sondern: Schlösser)

B. Unbetont

1. spricht man kurzes geschlossenes ö [ö]:


a) vor einem Konsonanten und vor bl: .
Diözese [diöze s0], ökonomisch [ökonö-misch], möblieren [möbli-r°n]

b) in:
Stöchiometrie [ßtöchiometn-]

2. spricht man kurzes offenes ö [q] vor mehreren Konsonanten (so¬


fern nicht unter Absatz B, 1 erfaßt):
Östrogen [ößtroge n]

3. spricht man langes geschlossenes ö [ö*] in:


Bischöfe [bischö-fc] (neben: [bischgf6]), Herzoge [herzö g*]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 63
)

J oa
Man spricht langes geschlossenes o [o-] in einigen englischen Wörtern:
Roastbeef [ro-ßtbi-fj, Toast [to-ßt]

oe
Man spricht:
1. einen Laut, und zwar:
a) kurzes geschlossenes ö [ö] in:
Oeillet [öjC'-]
b) langes geschlossenes ö [ö-] in einigen Namen:
Goethe [götn]

2. sonst wie o und e:


Poet [pole t], Protozoen [protozö-l'n]

öe
Man spricht:

1. einen Laut, und zwar langes geschlossenes ö [ö-] in -rrhöe (nur Ein¬
zahl) :
Diarrhöe [diarö*], Menorrhoe [menprO-l

2. sonst wie ö und e:


Diarrhöen [diarO-|“n], Epopöe [epopd-f]

oeu
Man spricht langes geschlossenes ö [ö]* in einigen französischen Wörtern:
Coeur [kö-rl, Oeuvre [öwr]

oh
1. Man spricht langes geschlossenes o [o-] in einfachen deutschen Wörtern
(h ist stumm):
Lohe [loM, roh [ro-], wohne [wo-n' ]

2. Man spricht wie o und h:


a) in:
Oheim [o-haiin], oho [oho*]
b) an der Wortgrenze:
Autohandcl [auto|handcl]
c) in Fremdwörtern:
Alkohol [alkohpl]
öh
Man spricht langes geschlossenes ö [ö ] in einfachen deutschen Wörtern
(h ist stumm):
Höhe [hö-c], löhnen [lö-ncn], Öhr [ö r]
64 Der Laut

oi
1. Man spricht den Diphthong [Qi]:
ahoi! [ahtfi], Koine [koine*], Konvoi [konwQi]

2. Man spricht betont [oa*], unbetont [oa] in französischen Wörtern:


Memoiren [memoä.*rcn], Toilette [toal£tc]

3. Man spricht sonst wie o und i:


Heroin (Rauschgift) [hero|i-n], Heroin (Heldin) [herö-|in], heroisch [herö-|isch]

orn
Man spricht [oq”8] in französischen Wörtern vor Konsonant:
Point [po^**], Pointe [poe**tc]

om
Man spricht nasales o [q“8] vor Konsonant in französischen Wörtern:
Komtesse [kQ**tgße], ombriert [o**bri-rt]

on
1. Man spricht nasales o [q*8] am Wortende und vor Konsonanten
(außer h) in einigen französischen Wörtern:
Fasson [faßö**], Bonmot [bQ**mö]

2. Man spricht:
Balkon [balkO***], [balkdng] oder [balkö-n]; Beton [bet$**], [bettfng] oder [betö'n];
Salon [ßalQ**], [saldng] oder [salö-n]; Waggon [wagö"*] oder [wagQftg]

3. Sonst spricht man wie o und n:


Telephon [telefö-n], Ton [to-n]

OO

1. Man spricht langes geschlossenes o [o ] in einfachen deutschen Wör¬


tern und in Kurzformen:
Boot [bot], Moos [moß], Zoo [zo*]

2. Man spricht langes geschlossenes u [u*] in englischen Wörtern:


Boom [bu-m], Looping [lu-ping]

3. Sonst spricht man wie o und o:


Zoologie [zo|ologi*]

OU

1. Betont spricht man meistens langes geschlossenes u [u*] in fran¬


zösischen Wörtern:
Ragout [ragü*], Velours [welü-r]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 65

2. Unbetont spricht man meistens kurzes geschlossenes u [u] in fran¬


zösischen Wörtern:
Boudoir [.budod-r]

3. Man spricht kurzes offenes u [u] in französischen Wörtern auf -ouille


und in Ableitungen davon:
Patrouille [patrplj0], patrouillieren [patrylji-rcn]

4. Man spricht [au] in englischen Wörtern:


Couch [kautsch], Count [kaunt]

5. Sonst spricht man wie o und u:


Autounfall [autolunfal]

OW

Man spricht langes geschlossenes o [o-] bzw. [au] in englischen Wör¬


tern :
Bowle [bo lc], Browning [brauning]

oy
1. Man spricht den Diphthong [Qi] in englischen Wörtern:
Boy [boi], Boykott [bpikot]

2. Man spricht [oaj] in französischen Wörtern:


loyal [loajd-1] -

3. Sonst spricht man wie o und y:


Pseudoyankee [pßpidojengki]

P
1. Man spricht [p]:
Panne [pan0], Oper [o-p°r], Mumps [mumpßj

2. p ist stumm am Wortende in französischen Wörtern


Coup [ku ]

pf
1. Man spricht [pf] (einen Laut) in einfachen Wörtern:
Ivopf [köpf], Pfanne [pfanc], Pflaume [pflaum0]

2. Man spricht wie p und f an der Wortgrenze :


Nonstopflug [nonßtop|flu*k]

ph
1. Man spricht [f] in einfachen Wörtern:
Naphthalin [naftalfn], Photo [fo-to]

2. Man spricht wie p und h an der Wortgrenze:


Kapholländer [kap|holend°r]
66 Der Laut

PP
1. Man spricht ein [p] in einfachen Wörtern:
Appell [apgl], Kappe [kape], zapple [zapl°]

2. Man spricht wie p und p an der Wortgrenze:


Kapprovinz [kap|provinz]

qu
1. Man spricht [kw]:
Qual [kwa-l], Quantum [kwantiim], Reliquie [relikwi®]

2. Man spricht [k] in französischen und spanischen Wörtern:


Quadrille [kadrjlj0], Quarantäne [karant£-nc], Quebracho [kebrätscho]

r
1. Man spricht [r]:
Kerbe [kerb®],/und [rpntj, wer [we*r]

2. r ist stumm am Wortende in Monsieur [meßi6*], Messieurs [meßiö ]


und in der französischen Endung -er (ausgenommen einige Wörter auf
_ier):
Diner [din6-J, Portier [portiä*] (aber: Offizier [Qfizi-r])

rh
1. Man spricht [r] in einfachen Wörtern:
Rheuma [rgima], Rhythmus [riitmpß]

2. Man spricht wie r und h an der Wortgrenze:


wahrhaft [wa r|haft]

rr
1. Man spricht ein r in einfachen Wörtern:
Dürre [dyrc], Narr [nar], Terror [terpr]

2. Man spricht wie r und r an der Wortgrenze:


erraten [er|rä-tcn], Ohrring [o-r|riag]

rrh
1. Man spricht ein [r] in einfachen Wörtern:
Arrhythmie [arütmi ], Katarrh [katär]

2. Man spricht wie rr und h oder r und rh an der Wortgrenze:


Sperrholz [schperlhplz], Niederrhein [ni-d®r|rain]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 67

s
1. Man spricht stimmhaftes („weiches“) s [s]:
a) am Wortanfang vor Vokalen, vor b und g:
Sonne [son°], Wertsache [we-rt|saeh°], Sbirre [sbire], Sgrafflto [sgrafi-to]

b) im Wortinneren zwischen Vokalen:


Hase [ha-s°], These [te-s°]

c) in ls, ms, ns, rs vor Vokalen in einfachen Wörtern:


Bremse [brems0], Ferse [fers0]

d) in einfachen deutschen Wörtern vor 1, m, n, r, wenn Nebenformen


stimmhaftes s haben:
fasle [fa sl°] (Nebenform: fasele [fa-sT]), unsre [pnsr0] (Nebenform: unsere
[iins'r0])

e) in den Ableitungssilben -sal, -sam:


Schicksal [schiksa-1], ratsam [ratsam]

f) in der Ableitungssilbe -sei nach 1, m, n, ng, r:


Füllsel [ftils°l], Anhängsel [anhcngs°l]

2. Man spricht stimmloses („scharfes“) s [ß]:


a) am Wortende:
Gas [ga ß], los [lo-ß], Hausarzt [hauß|a rzt]

b) im Wortanfang vor c [k] [z], ch [ch] [k], f, k, 1, m, n,.ph, qu, r, v,


w, z:
Schisma [ßchißma], Smaragd [ßmaräkt]

c) am Wortanfang vor Vokal in weniger häufig gebrauchten Fremd¬


wörtern, die nicht aus dem Griechischen oder Lateinischen stammen:
Sauna [sauna], Soubrette [ßubr(‘t°]

d) am Wortanfang vor p, t in weniger häufigen Fremdwörtern:


Speech [ßpitsch], Stracchino [ß^aki-no]

e) im Wortinneren vor ausgesprochenem Konsonanten, wenn keine


Nebenformen mit stimmhaftem s bestehen:
Asbest [aßbgßt], Atheismus [atefßmuß]

f) im Wortinneren nach b, ch, ck, f, g, k, p:


Erbse [erpßc], höchst [hö chßt], Ochse [okß0]. Kapsel [kapß°l]

g) im Wortinneren vor c [k] [zj, ch [ch], f, k, p, ph, qu, t, z:


Eschatologie [eßchatologi ], Wespe [weßp0], fasten [faßt°n]

h) im Wortinneren nach Nasalvokalen:


Chanson [scha^ßo**]

i) in der Ableitungssilbe -sei nach Konsonanten (außer 1, m, n, ng, r):


rberbloibsel [ü brrblaipß 11
68 Der Laut

3. Man spricht [sch] :


a) Vgl. sp, st
b) in ungarischen Wörtern:
Csärdäs [tscha-rdasch]

4. s ist stumm am Ende französischer Wörter:


Glacis [glaßi-], Gros (Hauptmasse) [gro]

ß
Man spricht stimmloses („scharfes“) s [ß]:
Maß [ma-ß], paßte [paßt0], stoßen [schto-ßen]

sch
1. Man spricht [sch] in einfachen deutschen und in den meisten Fremd¬
wörtern :
rasch [rasch], Schule [schu-T], Scheck [schek]

2. Man spricht [ßk] in italienischen Wörtern:


Scherzo [ßkgrzo]

3. Man spricht wie s und ch:


a) in einigen Fremdwörtern:
Schisma [ßchißma]
b) an der Wortgrenze:
Gaschemie [ga ß|chemi ]

sh
1. Man spricht [sch] in englischen Wörtern:
Shorts [schQ-rz]

2. Sonst spricht man wie s und h:


gashaltig [ga ß|haltich]

sp
1. Man spricht [schp] am Wortanfang in deutschen Wörtern und in häufig
gebrauchten Fremdwörtern:
Spiel [schpi-lj, Spion [schpiö-n]

2. Man spricht [ßp]:


a) im Wortinneren:
Aspirin [aßpiri-n], Wespe [weßp0]
b) am Wortanfang in weniger häufig gebrauchten Fremdwörtern:
spasmodisch [ßpaßmö-djsch], Sputum [ßpu/tpm]

3. Man spricht wie s und p an der Wortgrerize:


Gasprüfer [ga ß|prü fer]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 69

ss
1. Man spricht ein stimmloses („scharfes“) s [ß] in einfachen Wörtern:
lassen [laß°n], Mission [mißiö n]

2. Man spricht wie s und s an der Wortgrenze:


Ortssinn [orz|sin], weissagen [waiß|sagcn]

St
1. Man spricht [seht] am Wortanfang in deutschen Wörtern und in
häufig gebrauchten Fremdwörtern (vgl. jedoch ZifF. 35):
Stein [schtain], Station [schtaziön]

2. Man spricht [ßt]:


a) im Wortinneren und am Wortende:
Bastion [baßtibn], Taste [taßtc], Ast [aßt]
b) am Wortanfang in weniger häufig gebrauchten Fremdwörtern:
Steak [ßte-k], Stigma [ßtigma]

3. Man spricht wie s und t an der Wortgrenze:


Gasturbine [ga-slturbi-n1], Weistum [waiß|tu-m]

t
1. Man spricht [t] in deutschen Wörtern und meistens in Fremdwörtern:
Tat [ta-t], Tomate [toma-tc]

2. Man spricht [z] vor unbetontem i und ausgesprochenem Vokal in


lateinischen Wörtern:
Aktien [akzi°n], Ration [raziö-n], Stimulantia [ßtimuldnzia]

3. t ist stumm am Wortende in französischen Wörtern:


Depot [depo ], Etat [etd ], Point [poe"*]

tch
1. Man spricht [tsch] in englischen Wörtern:
Catch [ketsch], Match [j-gtsch]

2. Sonst spricht man wie t und ch:


Bötchen [bö tlch'n]

th
1. Man spricht [t] in nichtenglischen einfachen Wörtern:
Athlet [atlc t], Thron [tro*n]

2. Man spricht [th] in englischen Wörtern:


Commonwealth [koni'nweltk ]

3. Man spricht [z] in:


Forsythie [forsÜ-zic]
70 Der Laut

4. Sonst spricht man wie t und h:


Nothilfe [no t|hilfe]

ts
1. Man spricht [z] in einfachen Wörtern:
Lotse [lo-z*], Rats [ra-z], Tsetsefliege [zezefli-g*]

2. An der Wortgrenze spricht man wie t und s:


ratsam [ra-t|sa-m], Rotstift [ro t|schtift]

tsch
1. Man spricht [tsch] in einfachen Wörtern:
Tscheche [tschech*], tratschen [tra tschcn]

2. Sonst spricht man wie t und sch oder ts und ch:


fortschieben [fort|schi ben], Ratschronik [ra-z|kro*nik]

tt'
1. Man spricht ein [t] in einfachen Wörtern:
Mitte [mit*], quittieren [kwiti*rcn]

2. An der Wortgrenze spricht man wie t und t:


enttäuschen [ent|t6isch°n]

tz
1. Man spricht [z] in einfachen Wörtern:
Katze [kaze], Spitze [schpjz*]

2. An der Wortgrenze spricht man wie t und z:


fortziehen [fort | zi • *n ]

u
A. Betont

1. spricht man langes geschlossenes u [u*]:


a) wenn im Stamm nur ein Konsonant (außer x), nur ph oder nui
th folgt:
Blut-s [blu-z], nur [nu-r], Rute [ru-t°]

b) wenn mehrere Konsonanten folgen, aber eine Nebenform oder


der Stamm langes geschlossenes u hat:
kugle [ku-gl*] (Nebenform: kugele [ku-gT]);
Hufner [hu-fn*r] (Stamm: huf(e)n [hu-f(*)n])

c) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -uss-, sondern -uß-


haben:
Gruß (daneben nicht: Grusses, sondern: Grußes)
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 71

d) vor den Konsonantengruppen bl, br, dl, dr, gl, gr, kl, kr, phl,
phr, pl, pr, qu, thl, thr, tl, tr:
Nukleus [nu-kleyß], Duplum [du-plym]

e) vor ausgesprochenem, jiur nächsten Silbe-gehörendem Vokal:


Duo [du|o], tue [tu-1°]

f) am Wortende:
du [du ], Kanu [kanü*] (neben: [ka-nu])

g) in:
Blust, Bruch (Sumpfland), Buch. Buche, Buchstabe, Eunuch [yinü-eh],
Fluch, Geburt, Husten, Knust, knutschen, Kuchen, Nutsche, plustern,
prusten, Puste, Schuster, suchen, Tuch, Wucher, Wuchs, wuchs, wusch,
Wust

2. spricht man kurzes offenes u [#.]:


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter Ab¬
satz A, 1 erfaßt):
Lux [lykß], Busch [bysch], Lust [lußt], Mutter [myt°r], Spruch [schpryeh]

b) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -uß-, sondern -uss-


haben:
Fluß [flyß] (daneben nicht: Flußes, sondern: Flusses)

c) in:
Bus, Jus, Klub, Luther, muß, plus, Rum, um, un- [yn] (z. B. unecht un¬
echt]), Urteil, wußte

3. spricht man kurzes geschlossenes u [u] in einigen wenigen Fremd¬


wörtern (man spricht dafür nach Absatz *A, 1, 2 auch langes geschlos¬
senes u [u-] bzw. kurzes offenes u [y]):
Gulasch [gulasch](neben: [gu-lasch]), Notturno [notürno](neben: [notyrno])

4. spricht man langes geschlossenes ü [ü ] in einigen französischen


Wörtern:
Apercu [aperßü ]

5. spricht man kurzes geschlossenes ü [ü] in einigen französischen


Wörtern:
Nocturne [nyktürn], uni [üni] uneben: [üni-])

6. spricht man kurzes, a [a] oder kurzes offenes ö [q] in einigen eng¬
lischen Wörtern:
Cut [kat], Truck [trak], Pumps [pömpß], Turn [töm}

B. Unbetont
1. spricht man kurzes geschlossenes u [u]:
a) vor einem Konsonanten (außer vor x), vor bl, br, dl, dr, gl,
gr, kl, kr, ph, phl, phr, pl, pr, qu, th, thl, thr, tl, tr -f- Vokal (ein¬
fache Wörter) :
Musik [musi-k], Duplikat [duplikä t], Ruthenium [rutc niym]
72 Der Laut

b) vor ausgesprochenemVokal:
Ruine [rui-ne], Statue [schtatu®]

c) am Wortende:
Emu [e-mu], Uhu [uhu]

2. spricht man kurzes offenes u (y]:


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter Ab¬
satz B, 1 erfaßt):
luxieren [lykßir®n], bugsieren [bykßf-r'n], Konkurrent [kynkyr(jnt]

b) am Wortende vor Konsonant:


Konsul [konsyl], minus [mi nyß]

3. spricht man langes geschlossenes u [u ] in deutschen Wörtern auf


-mut und-rtum:
Demut [de-mut], Bistum [bißtu-m]

4. spricht man kurzes geschlossenes ü [ü] in französischen Wörtern:


Bulletin [bült£**], Nuance [nüd^ß®]

5. spricht man kurzes offenes ü [ü] in:


Budget [büdsehd ]

6. spricht man langes geschlossenes ü [ü ] in:


Reaumur [re-omü r]

C. Man spricht den Konsonanten [w]:

1. in qu (ausgenommen qu, Absatz 2):


Antiqua [anti-kwa], Qual [kwa l], Quelle [kwel0], Quotient [kwozi£nt]

2. in einigen französischen Wörtern vor i:


fetui [etwi ], Suite [ßwi-t®]

ü
A. Betont

1. spricht man langes geschlossenes ü |ü-]:


a) wenn im Stamm nur ein Konsonant (außer x) folgt:
Düs-e [dü s®], manikür-t [manikü rt]

b) wenn mehrere Konsonanten folgen, aber eine Nebenform oder


der Stamm langes geschlossenes ü hat:
hüglig [hü-glich](Nebenform: hügelig [hü-g®lieh])
übrig [ü-brich] (Stamm: üb(e)r [ü*b(®)r]

c) bei folgendem ß, wenn verwandte Formen nicht -üss- oder -uss-,


sondern -üß- oder -uß- haben:
Füßchen [fü ßch°n] (daneben nicht: Füsse, sondern: Füße)
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 73

d) wenn verwandte Formen mit langem geschlossenem u bestehen


(vgl. u, Absatz A, 1, g):
hüsteln[hüßt°ln] (zu: Husten [hußten]), Tücher [tü ch°r](zu: Tuch[tueh]>

e) am Wortende:
Menü [menti ], Parvenü [parw6nü*]

f) in:
düster, Küchlein, Nüstern, Plüsch, Rübsen, Rüsche, Rüster, wüst, Wüste

2. spricht man kurzes offenes ü [y]:


a) vor. x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter Ab¬
satz A, 1 erfaßt):
Büx [btikß], Büsche [bUsch6], Hütte [hflt*], Küche [kUchc]
b) bei folgendem ß, wenn andere Formen nicht -üß- oder -uß-,
sondern -üss- oder -uss- haben:
Flüßchen [flyßch9n] (daneben nicht: Flüße, sondern: Flüsse)
c) in:
gebürtig [g’bßrtich], Gelübde [g'lflpd*]

B. Unbetont
1. spricht man kurzes geschlossenes ü [ü] vor einem Konsonanten -f-
Vokal (einfache Wörter):
amüsieren [amüsf-r'n], debütieren [debütf r'n]

2. spricht man kurzes offenes ü [y] vor mehreren Konsonanten:


Küsterei [kUßt°räi], reüssieren [reüßl-ren]

3. spricht man langes geschlossenes ü [ü-] in -mütig und -tüm-:


demütig [de mü-tjch], altertümlich [alt°rtü*mlich)

uh
1. Man spricht langes geschlossenes u [u-] in einfachen deutschen Wör¬
tern (h ist stumm):
Kuh [ku ], Ruhe [ru *], ruht [ru t]

2. Man spricht wie u und h


a) in:
juhe [juh6*]> Uhu [u-hu]
b) an der Wortgrenze:
Bantuhütte [bantu|hUt°]
c) in Fremdwörtern:
Buhurt [bu-hprt]
üh
1. Man spricht langes geschlossenes ü [ü*] in einfachen deutschen Wörtern
(h ist stumm):
früh [frü ], glüht [glü t], Kühe [kü #]
74 Der Laut

2. Man spricht wie ü und h an der Wortgrenze:


parvenühaft [parw*nü-|haft]
11m

1. Man spricht nasales ö [ö®8] in:


Parfüm [parfö"*]

2. Sonst spricht man wie u und m:


Konsum [kQnsü m]
V
1. Man spricht [f]
a) in deutschen und in einigen wenigen Fremdwörtern:
Vogel [fo'g'l], Larve [larf8], Nerv [ngrf], Nerven [nerfen], Vers [fgrß], Vesper
[feßper],
b) in fremden und niederdeutschen Wörtern vor stimmlosen Kon¬
sonanten und am Wortende:
aktivst [aktifßt], luvt [lu-ft], aktiv [akti-f], passivartig [paßi-fjartieh]

2. Sonst spricht man [w] in den meisten fremden und niederdeutschen


Wörtern:
Aktiven [aktiw'n], nervös [n^rwö-ß], Violine [wiolLn8], luven [lu-w n] 8
W

1. Man spricht [w] in deutschen und in den meisten Fremdwörtern:


Wonne [won8], Löwe [löw8], powre [po-wr8], Watt [wat]

2. Man spricht [f ] vor stimmlosen Konsonanten und in russischen Na¬


men auf -ow:
8
Löwchen [lö*fch n], Asow [a-SQf ], Tschechow [tscheehgf ]

3. Man spricht w nicht aus (w ist stumm) in deutschen Namen auf


-ow und ihren Ableitungen:
8
Lützow [liizo-], Teltower [telto- r]

wh
Man spricht [w] in englischen Wörtern:
Whisky [wißki]
X
Man spricht [kß]:
Hexe [hgkß8], Xylophon [kßülofö n]

y
A. Betont
1. spricht man langes geschlossenes ü [ü*]
a) vor einem Konsonanten, vor ch, ph, th, auf die ein Vokal
oder eine mit einem Konsonanten beginnende deutsche Endung
folgen kann:
zynisch [zü-nisch], Äthyl-s letü*lß], Psyche [pßü che]
Von den Buchstaben zu den Lauten (Aussprachelehre) 75

b) vor den Konsonantengruppen bl, br, chl, ehr, dl, dr, gl, gr, ki,
kr, phl, phr, gl, pr, thl, thr, tl, tr (einfache Wörter):
Hydra [hü-dra], Zyklus [zükluß]

c) am Wortende:
My [mü ], Ny [nti]

2. spricht man kurzes offenes ü [ü] vor x und vor mehreren Konso¬
nanten (sofern nicht unter Absatz A, 1 erfaßt):
Pyxis [pükßiß], Myrte [mtirt*], Mystik [miißtjk]

3. spricht man langes geschlossenes i [i ] in:


Ysop [i-SQp]

4. spricht man [ai] in englischen Wörtern:


Nylon [nailon]

B. Unbetont

1. spricht man kurzes geschlossenes ü [ü]


a) vor einem Konsonanten (außer x), vor bl, br, ch, chl, ehr, dl,
dr, gl, gr, kl, kr, ph, phl, phr, pl, pr, th, thl, thr, tl, tr -f Vokal (ein¬
fache Wörter):
Äthylen [etül6*n], Psychologie [pßüchologi ], typhös [tüföß], Typhlitis
[tüfHtiß]

b) vor ausgesprochenem Vokal:


myopisch [mtlö pisch], Ptyalin [ptüali n], Zyan [züä*n]

2. spricht man kurzes offenes ü [ü]


a) vor x und vor mehreren Konsonanten (sofern nicht unter Ab¬
satz B, 1 erfaßt):
Onyxe (o-nUkß°], Hypnose [htfpnös0], hysterisch [hüßtSrisch], Pygmäe
(pügm6°], Satyrn [sa tüm]

b) am Wortende vor Konsonant:


Onyx [o-nilkß], Satyr [satür]

3. spricht man kurzes offenes ü [fi] oder kurzes geschlossenes ü [ü] vor
Vokalen in dys- (Dys-) und in syn- (Syn-):
Dysenterie ldüsent*rf] (oder: [düsent'ri-]), Synode [stfnöd0] (oder: [stinö’d0])

4. spricht man kurzes geschlossenes i (häufigere Aussprache) oder


kurzes offenes i [i] (neuere, weniger häufige Aussprache) in englischen
Wörtern am Wortende:
Dandy [dendi] (oder: [dändi])

C. Man spricht den Konsonanten [j] in einigen nichtgriechischen Fremd¬


wörtern vor Vokal:
ennuyieren [a^nüji r'n], Yawl [jo*l]
76 Der Laut

z
1. Man spricht [z] in deutschen, griechischen, lateinischen, italienischen
und einigen anderssprachigen Wörtern:
Harz [ha-rz], Zahl [za*l], zynisch [zü nisch], Zentrum ]Zentrum], sforzando
[ßforzändo], Zar [za r]

2. Man spricht stimmhaftes (,,weiches“) s [s] in französischen, holländi¬


schen und polnischen Wörtern:
Zero [se-ro], Zuidersee [soid’rse-], Zloty [slgti]

3. Man spricht stimmloses („scharfes“) s [ß] in:


Bronze [brQ**ße]

4. z ist stumm am Wortende in französischen Wörtern:


Cachenez [kaschn6 ]

zz
1. Man spricht ein [z] in einfachen Wörtern:
Mezzotinto [mgzotlnto], Skizze [ßkize]

2. Jazz spricht man [jaz] oder [dsehgs]


3. An der Wortgrenze spricht man wie z und z:
herzzerreißend [herzlzerraiß'nt]
Die Wortarten

A. DIE EINTEILUNG DER WORTARTEN1

Jedes Wort unseres Sprachschatzes gehört einer Gemeinschaft anderer


Wörter gleicher Art an, die man als Wortart bezeichnet.
Die Wörter einer Wortart kennzeichnen entweder die Welt, die durch
die Sprache in unser geistiges Bewußtsein gerückt wird, in einer ihnen
eigentümlichen Weise, oder sie tragen durch ihren gleichbleibenden
Auftrag im Satze dazu bei, die Einzelinhalte in Verbindung mit der
Formenwelt zu einer Ganzheit zusammenzufügen. Diese Unterscheidung
ist Grundlage der folgenden Einteilung. Wir gehen dabei von einem Text
J. v. Eichendorffs aus (Ahnung und Gegenwart):
Bald darauf langten sie an dem Gebirgsstädtchen an, wohin sie wollten. Das Tor
war noch verschlossen. Der Torwäohter trat schlaftrunken heraus, wünschte ihnen
einen guten Morgen und pries die Reisenden glückselig und beneidenswert in dieser
Jahreszeit. In dem Städtchen war noch alles leer und still. Nur einzelne Nachti¬
gallen vor den Fenstern und unzählige von den Bergen über dem Städtchen
schlugen um die Wette. Mehrere alte Brunnen mit zierlichem Gitterwerk rauschten
einförmig auf den Gassen. In dem Wirtshause, wo sie abstiegen, war auch noch nie¬
mand auf. Der Postillon blies daher, uip sie zu wecken, mehrere Stücke, daß es
über die stillen Straßen weg in die Berge hineinschallte.

Beim Lesen dieses Textes treten folgende Wortarten hervor:

L Verben
Im Vordergrund stehen die Wörter, die uns sagen, was sich ereignet oder 40
was ist:
sie langten an, wohin sie wollten; der Torwächter trat heraus, wünschte ihnen einen
guten Morgen, pries die Reisenden; in dem Städtchen ivar noch alles leer und still;
Nachtigallen schlugen; Brunnen rauschten u. a.
Da sich alles Geschehen oder Sein aber in der Zeit vollzieht, sind sie mit
Hilfe ihrer Formenwelt auch nach der Zeit veränderlich: wünsche,
wünschte usw. Man nennt diese Wörter deshalb Zeitwörter oder auch
Verben (vgl. 53ff.).

1 Vgl. hierzu besonders Hans Glinz, Der deutsche Satz, Düsseldorf 1957, S. 28ff.
78 Die Einteilung der Wortarten

2. Substantive
41 a) Fast mit gleicher Stärke treten die Wörter hervor, die Lebewesen oder
Dinge benennen:
Torwächter, Reisende, Nachtigallen, Gebirgsstädtchen, Tor, Fenster u. a.
Wörter dieser Art bezeichnen aber auch „Dinge“1, die nur in der ge¬
dachten Welt des Menschen vorhanden sind:
Wette, Jahreszeit.
Es ist also die Aufgabe dieser Wörter, den Wesen oder Dingen ihren
Namen zu geben. Man nennt sie deshalb zutreffend Nomen oder auch
Substantiv (vgl. 171).

b) Da der Mensch aber die Wesen und Dinge der Welt in seinem Bilde
sieht, verbindet er mit jedem Substantiv eine Geschlechtsvorstellung:
männlich, weiblich oder keines von beiden (sächlich; vgl. 177):
der Torwächter, die Nachtigall, das Gebirgsstädtchen.

c) Zu den Eigentümlichkeiten des Substantivs gehört weiterhin, daß es


die Fähigkeit besitzt, das genannte Wesen oder Ding in der Einzahl oder
Mehrzahl auszudrücken (vgl. 237ff.):
das Tor, die Jahreszeit; aber: die Reisenden, die Nachtigallen.

3. Adjektive
42 In dem gewählten Text begegnen uns weiterhin Wörter, deren Aufgabe
vor allem darin besteht, die im Satz genannten Wesen oder Dinge zu
charakterisieren oder das Geschehen oder Sein zu beurteilen. Geben sie
die Eigenschaft eines Wesens oder Dinges wieder, dann bilden sie in ver¬
änderter Form mit dem Substantiv eine enge Gemeinschaft:
Der Torwächter wünschte ihnen einen guten Morgen.
Drücken sie aber ein Urteil aus, dann stehen sie unverändert beim Verb:
Der Torwächter trat schlaftrunken heraus und pries die Reisenden glückselig und
beneidenswert.
Da diese Wörter in erster Linie aussagen, wie ein Wesen oder Ding ge¬
artet ist oder wie sich ein Geschehen vollzieht, nennt man sie Artwörter
oder auch Eigenschaftswörter oder Adjektive (vgl. 325).

4. Begleiter und Stellvertreter des Substantivs


Neben diesen inhaltsreichen, die Wirklichkeit der Welt in Begriffen
prägenden Wörtern mit ihrer zur Dienstleistung im Satze ausgebauten
Formenwelt finden wir in unserem Text zunächst noch Wörter, die nur
in engster Gemeinschaft mit dem Substantiv zu denken sind:
sie, dem, das, der, ihnen, einen, dieser, die, mehrere, niemand, sich u. a.

1 Wenn wir künftig von Dingen im sprachlichen Sinne sprechen, sind die gedachten
„Dinge“ immer eingeschlossen.
Die Einteilung der Wortarten 79

a) Artikel
Es ist die Aufgabe einiger dieser Wörter, die Substantive, die sie be- 43
gleiten, als bestimmte Einzelwesen und -dinge oder als Vertreter einer
Gattung zu kennzeichnen:
das Tor, der Torwächter, die Wette; aber: einen guten Morgen.
Man nennt diese Wörter Artikel oder, weil ihnen auch die Geschlechts¬
bezeichnung zugefallen ist, Geschlechtswort (vgl. 206).

b) Pronomen
Andere Wörter dieser Gruppe haben vornehmlich die Aufgabe, das Sub- 44
stantiv zu vertreten oder darauf hinzuweisen:
sie langten an; der Torwächter wünschte ihnen einen guten Morgen; in dem Wirts¬
hause war noch niemand auf; daß es in die Berge hineinschallte; in dieser Jahreszeit.
Man nennt sie von ihrer stellvertretenden Aufgabe her Fürwort oder
Pronomen (vgl. 416).

c) Zahlwörter
Schließlich finden sich in dieser Gruppe Wörter, die das Substantiv be- 45
gleiten, um seine Fähigkeit, zwischen Einheit und Vielheit zu unter¬
scheiden, zählend zu unterstützen:
mehrere alte Brunnen. Es könnte auch heißen: zwei, drei alte Brunnen.
Wörter dieser Art nennen wir Zahlwort oder Numerale (vgl. 523).
Gemeinsam ist allen Wörtern dieses Abschnittes, daß sie aus ihrem
Wesen heraus mit dem Substantiv, das sie begleiten, eine enge Gemein¬
schaft bilden oder es sogar zu vertreten vermögen. Wie sehr sie nur mit
dem Substantiv zu denken sind, zeigt sich auch daran, daß sie überwiegend
an seinen beiden Wesensmerkmalen, Genus und Numerus, teilnehmen.
Wir fassen sie deshalb zu einer Wortart als Begleiter und Stellver¬
treter des Substantivs zusammen (vgl.414).

5. Partikeln
Ferner finden wir in unserem Text Wörter, die weder über eine gleich 46
große Aussagekraft verfügen wie die Verben, Substantive und Adjektive
noch über eine Formenwelt wie alle bisher betrachteten Wörter. Sie sind
gleichsam der Restbestand des gesamten Wortschatzes (vgl. jedoch
noch Ziff. 50), den man unter dem Namen Partikeln zusammenfaßt:
bald darauf; an dem Gebirgsstädtchen, wohin sie wollten; war noch geschlossen, und
pries die Reisenden, in dem Städtchen, nur einzelne Nachtigallen vor den Fenstern,
von den Bergen, über dem Städtchen, mit zierlichem Gitterwerk, auf den Gassen.
Der Postillon blies daher, um sie zu wecken, mehrere Stücke, daß es über die stillen
Straßen weg in die Berge hineinschallte.

a) Adverbien
Einige dieser Wörter geben die näheren Umstände eines Geschehens, 47
eines Zustandes oder einer Eigenschaft an:
bald darauf langten sie an; war noch geschlossen; nur einzelne Nachtigallen; über
die stillen Straßen weg.
80 Die Einteilung der Wortarten

Man nennt sie deshalb Umstandswörter oder auch, weil sie meistens
beim Verb stehen, Adverbien (vgl. Ö45).
b) Präpositionen
48 Andere Wörter bezeichnen die Verhältnisse, die zwischen Wesen oder
Dingen bestehen:
sie langten an dem Gebirgsstädtchen an; in dem Städtchen war noch alles leer; nur
einzelne Nachtigallen vor den Fenstern und unzählige von den Bergen über dem
Städtchen schlugen um die Wette; mehrere alte Brunnen mit zierlichem Gitterwerk
rauschten einförmig auf den Gassen.
Man nennt sie deshalb Verhältniswörter oder, nach ihrer Stellung
vor dem von ihnen abhängigen Wort, Präpositionen (vgl. 569).
c) Konjunktionen
49 Wieder andere Wörter verbinden Satzteile oder Sätze:
glückselig und beneidenswert; der Postillon blies daher, um sie zu wecken, mehrere
Stücke, daß es in die Berge hineinschallte.
Man nennt sie deshalb Bindewörter oder Konjunktionen (vgl. 590).

6. Interjektionen
50 Schließlich gibt es noch Wörter, die als Ausdruck von Gefühlsausbrüchen
außerhalb des grammatischen Zusammenhanges stehen:
ah! oh! ach! pfui!
Man nennt sie Ausrufewörter oder Interjektionen (vgl. 606).

7. Die Rangordnung der Wortarten


51 Unter diesen sechs Wortarten heben sich deutlich Verb, Substantiv und
Adjektiv als die drei Hauptwortarten heraus, weil sie am stärksten
dazu beitragen, „die Welt in das Eigentum des Geistes umzuschaffen“
(Humboldt), und weil sie über eine ausgeprägte Formenwelt verfügen,
um den ihnen gestellten wechselnden Aufgaben im Satze gerecht zu
werden. Ihnen gehört deshalb auch die weitaus größte Zahl unserer
Wörter an. Den Hauptwortarten am nächsten stehen die Begleiter und
Stellvertreter des Substantivs, die wegen dieser Aufgaben auch an seiner
Formenwelt teilnehmen. Demgegenüber zeigen die Partikeln durch
ihre schwächere Aussagekraft und durch das Fehlen einer Formenwelt,
daß ihre Leistung im Satze beschränkt ist.
Die Wortart Substantiv ist am umfangreichsten. Ihr ist etwas mehr als die Hälfte des
gesamten Wortschatzes zuzurechnen. Es folgen das Verb, das Adjektiv und das Adverb.
Bei den Präpositionen, Konjunktionen und Pronomen handelt es sich nur um wenige
Hundert Wörter.

8. Der Austausch zwischen den Wortarten und ihre Schichtung


52 Die Wortarten sind weder streng voneinander geschieden noch einheitlich
in sich gestaltet.
Einerseits kann ein ständiger Wechsel zwischen den Wortarten stattfinden.
So kann jedes Wort z. B. substantiviert werden (vgl. 785 ff.). Andererseits
Orundleistung und Einteilung der Verben 81

ist das Verb in der Lage, durch die beiden Partizipien an der Wortart
des Adjektivs teilzunehmen oder durch den Infinitiv Substantive zu
vertreten (vgl. 160; 167f.). Substantive können zu Präpositionen werden
(vgl. 792) u. a. m.
Auch von der Leistung der einzelnen Wortarten her gesehen, findet ein
ständiger Austausch statt. Die Tatsache z. B., daß das Verb das Sein
oder Geschehen in der Welt bezeichnet, schließt nicht aus, daß auch ein
Substantiv an dieser Leistung teilnimmt (der Sturz, die Abfahrt, der Lauf
u. a.; vgl. 176; 689).
Dann können, wie bei den Zahlwörtern, die reinen Sachbezüge die
Wortarten einfach überspielen. Das Zählende ist meist Begleiter des
Substantivs (drei Bücher), es kann aber auch als Substantiv selbst
(die Million) oder auch als Adverb (drittens) auftreten (vgl. 523ff.)..
Schließlich nehmen nicht alle Wörter einer Wortart in gleichem Maße an
der Grundleistung ihrer Wortart teil. Es gibt z. B. Adjektive, die nur in
der Satzaussage stehen und deshalb nur urteilen können, während die
meisten Adjektive daneben in attributiver Stellung auch charakterisieren
können.
Es findet also nicht nur ein reger Austausch zwischen den Wortarten
und auch zwischen ihren funktionellen Untergruppen (z. B. zwischen
Adverbien, Präpositionen und Konjunktionen) statt, sondern die Wort¬
arten selbst sind in sich auch noch vielfältig geschichtet. Die folgende
Einzelbetrachtung wird sich damit noch ausführlich zu beschäftigen
haben.

B. DAS VERB

I. Grundleistung und Einteilung der Verben

Da es dem Verb zufällt, das Sein und Geschehen zu bezeichnen (vgl. 40), 53
bildet es in fast allen Sätzen den grammatischen Kern der Aussage (vgl. 862).
Dadurch kommt ihm eine Bedeutung zu, die es über alle anderen Wörter
erhebt. Das bringt auch das lateinische Wort verbum zum Ausdruck, das
einfach „Wort“ bedeutet.

1. Die Bedeutungsgruppen des Verbs


Von der Bedeutung her lassen sich alle Verben in drei große Gruppen
einteilen, in die Zustands-, Vorgangs- und Tätigkeitsverben.

a) Zustandsverben
Sie stehen zur Verfügung, um das Sein, das Beharren in der Welt zu be- 54
zeichnen:
sein, bleiben, wohnen u. a.
82 Das Verb

b) Vorgangsverben
55 Sie geben das Geschehen wieder, das sich im Gegensatz zum Sein ver¬
ändert, vollzieht:
fallen, wachsen, erfrieren, verblühen, einschlafen u. a.

c) Tätigkeitsverben
56 Verben dieser Art bezeichnen ein Geschehen, das von dem zugehörigen
Subjekt Aktivität verlangt:
Karl kämpfte tapfer.
In sehr vielen Fällen (vgl. transitive Verben, ZifF. 57) ist diese Aktivität
so groß, daß dadurch ein außerhalb des Subjekts stehendes Wesen oder
Ding in seinem bisherigen Zustand verändert wird:
Der Bauer pflügt den Acker (der Acker war bisher ungepflügt).
Verben dieser Art bilden nicht nur den Hauptteil der Wortart Verb,
sondern haben auch unter allen Verben den reichsten Formenbestand
(vgl. 76). Es lag deshalb nahe, daß man mit diesen „Tätigkeitswörtern“
die ganze Wortart zu benennen versuchte.

2. Transitive und intransitive Verben


57 Von der syntaktischen Verwendung her schälen sich aus der Bedeutungs¬
gruppe der Tätigkeitsverben jene Verben heraus, die im Satz ein Ak¬
kusativobjekt (vgl. 872 ff.) nach sich haben. Da das von diesen Verben be-
zeichnete Geschehen auf das Objekt gerichtet ist und sich an ihm voll¬
zieht, nennt man Verben dieser Art transitive1 (zielende) Verben. Alle
Verben, die kein Akkusativobjekt nach sich haben können, heißen dem¬
gegenüber intransitive Verben.
58 Intransitiv sind sinngemäß auch Tätigkeitsverben, wenn sie ohne ihr sonst
mögliches Akkusativobjekt stehen:
Der Bauer pflügt (gegenüber: Der Bauer pflügt den Acker).

3. Reflexive (rückbezügliche) Verben


Es gibt echte und unechte reflexive Verben.

a) Echte reflexive Verben


Bei den echten reflexiven Verben ist das Verb mit einem Reflexiv¬
pronomen im Akkusativ oder im Dativ (vgl. 435 ff.) eine feste Verbindung
eingegangen.
cc) Verben mit einem Reflexivpronomen im Akkusativ
59 Das durch diese Verben gekennzeichnete Geschehen zielt nicht auf ein
Wesen oder Ding außerhalb des Subjekts, wie sonst bei einem Akkusativ¬
objekt (vgl. 874), sondern wendet sich durch das Reflexivpronomen zum
Subjekt zurück:
Er schämt sich, beeilt sich, sorgt sich u. a.
Verben dieser Art sind trotz des Akkusativpronomens intransitiv.

1 Lat. transire = übergehen [auf das Objekt].


örundleistung und Einteilung der Verben 83

ß) Verben mit einem Reflexivpronomen im Dativ


Echte reflexive Verben mit einem Reflexivpronomen im Dativ sind da- 60
gegen immer transitive Verben. Das auf das Akkusativobjekt gerichtete
Geschehen dieser Verben kann allerdings nur dem Subjekt zugewandt
sein:
Ich eigne mir dieses Buch an. Er nimmt sich eine Reise vor.

b) Unechte reflexive Verben


Unechte reflexive Verben sind Verben, bei denen ein Geschehen nur ge¬
legentlich auf das Subjekt zurückbezogen wird.
a) Verben mit einem Reflexivpronomen im Akkusativ
Es sind transitive Verben, bei denen sich die bezeichnet« Tätigkeit auf 61
ein fremdes Objekt wie auf das Subjekt selbst richten kann:
Ich ärgere ihn. Ich ärgere mich. Entsprechend: sich trösten, beruhigen, verbergen.,
waschen u. a.

ß) Verben mit einem Reflexivpronomen im Dativ


Es sind transitive Verben. Die auf das Akkusativobjekt gerichtete 62
Tätigkeit kann sich einem anderen Wesen oder dem Subjekt selbst zu¬
wenden :
Ich kaufe ihm ein Buch. Ich kaufe mir ein Buch. Entsprechend: holen, erlauben,
gestatten u. a.

4. Vollverben, Hilfsverben und modifizierende Verben


Nicht alle Verben nehmen an der sprachlichen Erschließung des Seins 63
oder Geschehens in der Welt gleich starken Anteil. Einige Verben dienen
vorwiegend als Hilfsverben, um den Vollverben bestimmte Aufgaben im
Satz zu ermöglichen (vgl. 75). Es sind „haben“, „sein“ und „werden“
(vgl. S. 104ff.):
Er hat gesungen. Er ist gelaufen. Er wird kommen.

Diese Verben können aber auch als Vollverben stehen:


Karl ist ein Künstler. Wilhelm ist gut. Es wird Licht. Ich habe ein Auto.
Andere Verben dienen vorwiegend (wie: wollen, sollen, können, müssen,
dürfen, mögen) oder nur von Fall zu Fall (wie: pflegen, scheinen, ver¬
mögen) dazu, ein anderes Sein oder Geschehen zu modifizieren (vgl. 1011 f.):
Er pflegt bis in den Morgen hinein zu schlafen.

5. Die Aktionsarten des Verbs


Die Aktionsarten, die an Verben sichtbar werden können, sagen etwas
aus über die Art und Weise, wie das Sein oder Geschehen sich voll¬
zieht. Es handelt sich dabei im einzelnen besonders um die zeitliche
Verlaufsweise eines Seins oder Geschehens, um die Wiederholung und um
den Grad, die Intensität eines Geschehens.
84 Das Verb

a) Die zeitliche Verlaufsweise eines Seins oder Geschehens


64 a) Verben, die eine zeitliche Begrenzung des Geschehens ausdrücken,
nennt man perfektive1 Verben (zu den Mitteln der Wortbildung, mit
deren Hilfe ein Verb perfektiv wird, vgl. 668; 772):
besteigen, entnehmen, erfrieren, verblühen, vollenden.
Die perfektiven Verben werden, je nachdem, ob sie den Beginn oder das
Ende eines Geschehens bezeichnen, ingressiv2 bzw. inchoativ8 oder
resultativ4 genannt.
Inchoativ sind z. B.
erblicken, erblassen, entbrennen, sich setzen, losrennen.
Resultativ sind z. B.
aufessen, verklingen, erschlagen, finden, durchschneiden.
ß) Verben, die das Sein oder Geschehen als ohne zeitliche Begrenzung ab¬
laufend, als unvollendet, als dauernd kennzeichnen, nennt man imper¬
fektiv6 oder durativ6:
schlafen, wachen, frieren, essen, wohnen, blühen, sein, bleiben, andauern.

b) Die Wiederholung eines Geschehens


65 Es gibt Verben, die eine stete Wiederholung von Vorgängen ausdrücken.
Man nennt sie iterativ7 (vgl. 744 f.):
fliegen (ständig mit den Flügeln schlagen), graben (stäiidig mit dem Spaten in die
Erde stoßen und die Erde umwerfen), sticheln (immer wieder stechen).

c) Der Grad, die Intensität eines Geschehens


66 In einigen Fällen stehen Verben zur Verfügung, die den größeren oder
geringeren Grad, die Intensität eines Geschehens kennzeichnen (vgl.744 f.).
Man nennt sie intensiv:
schnitzen (kräftig schneiden), schwenken (hastig schwingen), schluchzen (heftig
schlucken), liebeln (oberflächlich lieben).

d) Kennzeichnung der Aktionsarten durch zusätzliche Wörter


67 Eine Aktionsart wird häufig durch zusätzliche Wörter sichtbar gemacht:
perfektiv: über den See schwimmen,
imperfektiv: er ist am Schreiben (statt: er schreibt),
iterativ: er trinkt eländig,
intensiv: er irrt eich (statt: er irrt; vgl. 438).

n. Die Konjugation der Verben

1. Überblick über die Aufgaben und die Formen der Konjugation


68 Alles Sein und Geschehen, das die Wortart Verb bezeichnet, vollzieht
sich in einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Verhaltensrichtung
und Aussageweise und unter dem Einfluß eines jeweiligen Gesohehens-

1 Lat. perfeetue = geschehen, vollendet. * Lat. ingreeeue = angefangen. ’ Lat. inehoare


« beginnen. 4 Lat. reeultatue =* herausgekommen. 6 Lat. imperfeetue « unvollendet.
4 Lat. durare — dauern. 7 Lat. üerare =* wiederholen.
Die Konjugation der Verben 85

trägere. All dies zusammen macht erst mit den bereits besprochenen
Aktionsarten die sprachliche Wirklichkeit eines Verbs im Satze aus.
In dem Satz Du zogst den Wagen werden durch die Verbform zogst gleichzeitig
ausgedrückt: 1. die Zeit (=■= Vergangenheit); 2. die Handlungsrichtung (= Aktiv);
3. die Aussageweise (= Wirklichkeitsform); 4. die Person < = 2. Person) und 6. die
Zahl (— Singular) des Geschehensträgers du.
Die Kennzeichnung dieser Variationen des Seins oder Geschehens ge¬
schieht durch die Abwandlung des Verbs, die man Konjugation1 nennt.
Bei dieser Abwandlung handelt es sich einmal um Endungen, die dem
Verbstamm angefügt werden, zum anderen um Veränderungen des Verb-
stamjnee selbst und schließlich um Umschreibungen.

a) Die Endungen
«Zu den Endungen des Verbs vgl. die Konjugationstabellen Ziff. 76. 69

b) Die Veränderungen
Je nach den Veränderungen des Verbstammes unterscheidet man starke,
schwache und unregelmäßige Verben.

a) Die starken Verben


Stark nennt man ein Verb, dessen Stammvokal im Präteritum (vgl. 93) 70
sich von dem des Präsens (vgl. 78) unterscheidet (Ablaut) und dessen
2. Partizip (vgl. 162) auf -en ausgeht:
glimme, glomm, geglommen.
Bei der Veränderung des Stammvokals kann man drei Gruppen unter¬
scheiden.

1. In der ersten Gruppe haben Präsens, Präteritum und 2. Partizip


jeweils verschiedenen Stammvokal:
Präsens Präteritum 2. Partizip Präsens Präteritum 2. Partizip
i a 0 schwimme schwamm geschwommen
i a u schwinde schwand geschwunden
i a e bitte bat gebeten
ie a e liege lag gelegen
e a 0 helfe half geholfen
ä a o gebäre gebar geboren

2. In der zweiten Gruppe haben Präsens und 2. Partizip gleichen


Stammvokal, während das Präteritum ab weicht:
Präsens Präteritum 2. Partizip Präsens Präteritum 2. Partizip
a u a fahre fuhr gefahren
a i a fange fing gefangen
a ie a rate riet geraton
e a e gebe gab gegeben
o a o komme kam gekommen
0 ie 0 stoße stieß gestoßen
u ie u rufe rief gerufen
au ie au laufe lief gelaufon
el ie ei heiße hieß geheißen

1 Lat. eoniugalio -= Verbindung, Verknüpfung [des Verbstammes mit den Endungen].


86 Das Verb

3. In der dritten Gruppe haben Präteritum und 2. Partizip gleichen


Stammvokal, während das Präsens abweicht:
Präsens Präteritum 2. Partizip Präsens Präteritum 2. Partizip
e o o : quelle quoll gequollen
i u u schinde schund geschunden
i 0 o : glimme glomm geglommen
ie 0 o : fliege flog geflogen
ä o o : gäre gor gegoren
ö 0 o : schwöre schwor geschworen
ü 0 o : lüge log gelogen
au 0 o : saufe soff gesoffen
ei ie ie : meide mied gemieden
ei i i : reite ritt geritten

ß) Die schwachen Verben


71 Schwach nennt man ein Verb, dessen Stamm bei gleichbleibendem Vokal
im Präteritum die Endung -[e]t und im 2. Partizip die Endung -[e]t hat:
zeige, zeigte, gezeigt; ende, endete, geendet.

y) Schwankungen
72 Ein Schwanken zwischen starker und schwacher Konjugation ist fast
nur bei den starken Verben zu beobachten, weil die Sprachgemeinschaft
zwischen den starken und den schwachen Formen keinen Leistungs¬
unterschied mehr zu erkennen vermag. In vielen Fällen ist die Wandlung
von der starken zur schwachen Form bereits abgeschlossen:
belle, boll, gebollen; heute nur noch: belle, bellte, gebellt.
In anderen Fällen sind wir Zeuge dieser Wandlung:
glimme, glomm, geglommen; heute auch schon: glimme, glimmte, geglimmt.
Gelegentlich ist das Präteritum schon schwach, während das 2. Partizip
noch stark ist:
melke, melkte, gemolken.
Eine gepflegte Sprache wird sich trotz dieser eindeutigen Entwicklungs¬
tendenz bemühen, die klangreichen starken Formen zu erhalten.
Die starken Formen sind nur dort fester gestützt, wo sie sich von der
entsprechenden schwachen Form durch Bedeutungsdifferenzierung ge¬
trennt haben:
schaffen (im Sinne von arbeiten schwach): schaffe, schaffte, geschafft; (im Sinne
von gestaltend hervorbringen stark): schaffe, schuf, geschaffen.

d) Die unregelmäßigen Verben


73 Unregelmäßig nennt man ein Verb, das weder in die starke noch in die
schwache Konjugation eingereiht werden kann. Zu den unregelmäßigen
Verben gehören besonders diejenigen, deren Stammvokal sich trotz
schwacher Beugung ändert:
nenne, nannte, genannt.
Andere unregelmäßige Verben haben daneben im Präteritum und im
2. Partizip noch konsonantische Änderungen:
denke, docAte, gedacAt; bringe, bracAte, gebracAt; ziehe, zog, gezogen; sitze, saß,
gesehen.
Die Konjugation der Verben 87

Die Stammformen von „sein“ werden von verschiedenen Stämmen ge¬


bildet :
bin, war, gewesen.
Unregelmäßig sind ferner die sogenannten Präteritopräsentia (vgl. 157).
Dies sind die modifizierenden Verben „können, dürfen, sollen, mögen,
müssen“ und das Verb „wissen“.

Liste der starken, der unregelmäßigen und der Verben mit


schwankender Konjugation

Bemerkungen
1. In dieser Liste sind die starken, die unregelmäßigen und die Verben mit schwankender
Konjugation in der Reihenfolge: Infinitiv — 2. Stammform (Präteritum) — 3. Stamm¬
form (2. Partizip) aufgeführt. Die einzelnen Formen dagegen sind im 2. Teil der Liste
alphabetisch geordnet und mit dem Verweis auf den betreffenden Infinitiv versehen.
2. Beim Infinitiv stehen die 2. und 3. Pers. Sing. Präs. Akt. sowie der Imperativ in
Klammern, wenn diese Formen im Stammvokal abweichen.
3. Bei der 2. Stammform (Präteritum) steht der Konjunktiv in Klammern, wenn er im
Stammvokal abweicht.
4. Vor der 3. Stammform (2. Partizip) steht „hat“ oder „ist“ in Klammern, je nachdem,
ob Perfekt und Plusquamperfekt mit den Hilfsverben „haben“ oder „sein“ umschrieben
werden.
5. Die zusammengesetzten Verben werden wie die einfachen Verben gebeugt, z. B. ab¬
brechen wie brechen. Ausnahmen sind angegeben.

Infinitiv 2. Stammform 3. Stammform


(Präteritum) (2. Partizip)

backen1 [vgl. 143] backte (er hat) gebacken


(du bäckst, er bäckt) (älter: buk [büke])
befehlen [vgl. 144] befahl (er hat) befohlen
(du befiehlst, er befiehlt; (beföhle, selten:
befiehl!) befähle)
befleißen, sich2 befliß (er hat sich) beflissen
beginnen begann (begönne, (er hat) begonnen
selten: begänne)
beißen biß (er hat) gebissen
bergen [vgl. 144] barg (bärge) (er hat) geborgen
(du birgst, er birgt; Mrg!)
bersten3 [vgl. 144] barst (bärste) (er ist) geborsten
(du birst, er birst;
Imperativ: birst! nicht üblich)
bewegen ( = veranlassen)4 bewog (bewöge) (er hat) bewogen
biegen bog (böge) gebogen (Er ist um die Ecke
gebogen; aber: Er hat das
Rohr gebogen)
bieten bot (böte) (er hat) geboten
binden band (bände) (er hat) gebunden

1 In der Bedeutung „festkleben“ schwach: Der Schnee backt, backte, hat gehackt.
2 Heute selten. Das üblichere „sich befleißigen“ beugt schwach.
* Selten schAvach.
4 „BeAvegen“ = die Lage ändern beugt schwach: bewegte, bewegt.
88 Das Verb

Infinitiv 2. Stammform 3. Stammform


(Präteritum) (2. Partizip)

bitten bat (bäte) (er hat) gebeten


blasen [vgl. 143] blies (er hat) geblasen
(du bläst, er bläst)
bleiben blieb (er ist) geblieben
bleichen (= bleich werden)1 blich (er ist) geblichen
braten [vgl. 143] briet (er hat) gebraten
(du brätst, er brät)
brechen [vgl. 144] brach (bräche) gebrochen (Das Eis ist ge¬
(du brichst, er bricht; brich!) brochen; aber: ErAa/sein
Wort gebrochen)
brennen [vgl. 152] brannte (brennte [selten]) (er hat) gebrannt
bringen [vgl. 153] brachte (brächte) (er hat) gebracht
denken [vgl. 153] dachte (dächte) (er hat) gedacht
dingen (in gehobener Sprache) dang (dänge)* (er hat) gedungen*
dreschen [vgl. 144] drosch (veraltet: drasch) (er hat) gedroschen
(du drischst, er drischt; (drösche, veraltet:
drisch I) dräsche)
dringen drang (dränge) gedrungen (Er hat darauf
gedrungen; aber: Der
Feind ist in die Stadt ge¬
drungen)
dünken4 [vgl. 153] deuchte (ihm hat) gedeucht
dürfen [vgl. 157] durfte (dürfte) (er hat) gedurft
(ich darf, du darfst, er darf)
empfehlen [vgl. 144] empfahl (empföhle, (er hat) empfohlen
(du empfiehlst, er empfiehlt; selten: empfähle)
empfiehl t)
essen [vgl. 144] aß (äße) (er hat) gegessen
(du ißt, er ißt; iß!)
fahren [vgl. 143] fuhr (führe) gefahren (Er ist über die
(du fährst, er fährt) Brücke gefahren; aber:
Er hat einen Mercedes ge¬
fahren)
fallen [vgl. 143] fiel (er ist) gefallen
(du fällst, er fällt)
fangen [vgl. 143] fing (er hat) gefangen
(du fängst, er fängt)
fechten [vgl. 144] focht (föchte) (er hat) gefochten
(du fichtst4, er ficht; ficht 1)
finden fand (fände) (er hat) gefunden
flechten [vgl. 144] flocht (flöchte) (er hat) geflochten
(du flichtst4, er flicht; flicht!)
fliegen flog (flöge) geflogen (Er ist nach Lon¬
don geflogen; aber: Er
hat die Maschine nach
London geflogen)

1 Meist nur noch in Zusammensetzungen und Präflxbildungen wie aus-, er-, verbleichen.
Das trans. „bleichen“ = bleich machen beugt schwach: bleichte, hat gebleicht.
* Heute meist schwach: dingte.
• Seltener schwach: gedingt.
4 Auch regelmäßig: dünkte, gedünkt.
4 Umgangssprachliche Erleichterungsformen, die der Aussprache folgen, sind: flehst,
fliehst.
Die Konjugation der Verben 89

Infinitiv 2. Stammform 3. Stammform


(Präteritum) (2. Partizip)

fliehen floh (flöhe) geflohen (Er tsl geflohen;


aber: Der Schlaf hat mich
geflohen)
fließen floß (flösse) (er ist) geflossen
fragen [vgl. 143] fragte (bes. norddt.: frug) (er hat) gefragt
fressen [vgl. 144] fraß (fräße) (er hat) gefressen
(du frißt, er frißt; friß!)
frieren fror (fröre) (er hat) gefroren
gären1 gor (göre) gegoren (Der Wein hat oder
ist gegoren)
gebären* [vgl. 144] (in ge- gebar (gebäre) (sie hat) geboren
hobener Sprache) (du
gebierst, sie gebiert; gebier!)
geben [vgl. 144] gab (gäbe) (er hat) gegeben
(du gibst, er gibt; gib!)
gedeihen gedieh (er ist) gediehen3
gehen [vgl. 154] ging (er ist) gegangen
gelingen gelang (gelänge) (es ist) gelungen
gelten [vgl. 144] galt (gölte, seltener: gälte) (er hat) gegolten
(du giltst, er gilt; Imperativ:
gilt! nicht üblich)
genesen genas (er ist) genesen
genießen genoß (genösse) (er hat) genossen
geschehen [vgl. 144] geschah (geschähe) (es ist) geschehen
(es geschieht)
gewinnen gewann (gewönne, (er hat) gewonnen
seltener: gewänne)
gießen goß (gösse) (er hat) gegossen
gleichen glich (er hat) geglichen
gleiten4 glitt (er ist) geglitten
glimmen6 glomm (glömme) (es hat) geglommen
graben [vgl. 143] grub (grübe) (er hat) gegraben
(du gräbst, er gräbt)
greifen griff (er hat) gegriffen
haben [vgl. S. 105 f.; 155] hatte (hätte) (er lmt) gehabt
(du hast, er hat)
halten [vgl. 143] hielt (er hat) gehalten
(du hältst, er hält)
hängen intrans.4 hing (er hat) gehangen
hauen [vgl. 143]7 hieb (er hat) gehauen
heben hob (veraltet: hub) (er hat) gehoben
(höbe, veraltet: hübe)
heißen ( = einen Namen tragen) hieß (er hat) geheißen8
helfen [vgl. 144] half (hülfe, selten: hälfe) (er hat) geholfen
(du hilfst, er hilft; hilf!)

1 Besonders in übertragener Bedeutung auch schon schwach: gärte, gegärt.


• Auch schon schwach: du gebärst, sie gebärt; gebäre!
• Das alte Partizip ,.gediegen“ (ebenfalls zu: gedeihen) ist zum Adjektiv geworden.
4 Selten schwach: gleitete, gegleitet.
6 Die schwache Beugung ist heute schon üblicher: glimmte, geglimmt.
4 Älter oder mundartlich: hangen. Das trans. „hängen“ ist schwach: Er hängte das Bild
an die Wand; er hat das Bild an die Wand gehängt.
7 In der ugs. Bedeutung „prügeln“ schwach: haute, (landsch.:) gehaut.
8 Das 2. Partizip „gehießen“ ist mitteldeutsch.
90 Das Verb

Infinitiv 2. Stammform 3. Stammform


(Präteritum) (2. Partizip)

kennen [vgl. 152] kannte (kennte [selten]) (er hat) gekannt


klimmen1 * 3 klomm (klömme) (er ist) geklommen
klingen klang (klänge) (es hat) geklungen
kneifen* kniff (er hat) gekniffen
kommen [vgl. 143] kam (käme) (er ist) gekommen
(veraltet: du kömmst, er kömmt)
können [vgl. 157] konnte (könnte) (er hat) gekonnt
(ich kann, du kannst, er kann)
kreischen® krisch (er hat) gekrischen
kriechen kroch (kröche) (er ist) gekrochen
küren4 * (in gehobener Sprache) kor (köre) (er hat) gekoren
laden (= aufladen) [vgl. 143] lud (lüde) (er hat) geladen
(du lädst, er lädt)
laden (= zum Kommen auf- lud (lüde) (er hat) geladen
fordern) [vgl. 143]; (du lädst,
er lädt; gelegentlich noch:
du ladest, er ladet)
lassen [vgl. 143] ließ (er hat) gelassen
(du läßt, er läßt)
laufen [vgl. 143] lief gelaufen (Er ist in den Wald
(du läufst, er läuft) gelaufen; aber: Er hat sich
die Füße wund gelaufen)
leiden litt (er hat) gelitten
leihen lieh (er hat) geliehen
lesen [vgl. 144] las (läse) (er hat) gelesen
(du liest, er liest; lies!)
liegen lag (läge) gelegen (Er hat lange krank
gelegen [vgl.92]; aber:
Das Dorf ist schön gelegen)
löschen intrans.® [vgl. 144] losch (lösche) (es ist) geloschen (veralt.)
(du lischst, er lischt; lisch!)
lügen log (löge) (er hat) gelogen
mahlen mahlte (er hat) gemahlen
meiden mied (er hat) gemieden
melken® [vgl. 144] molk (mölke)6 (er hat) gemolken
(du milkst, er milkt; milk!)
messen [vgl. 144] maß (mäße) (er hat) gemessen
(du mißt, er mißt; miß!)
mißlingen mißlang (mißlänge) (es ist) mißlungen
mögen [vgl. 157] mochte (möchte) (er hat) gemocht
(ich mag, du magst, er mag)
müssen [vgl. 157] mußte (müßte) (er hat) gemußt
(ich muß, du mußt, er muß)
nehmen [vgl. I<f4] nahm (nähme) (er hat) genommen
(du nimmst, er nimmt; nimm 1)

1 Heute auch schon schwach: klimmte, geklimmt.


* Die Formen „kneipen, knipp, geknippen“ sind landschaftlich. „Kneipen“ = in einer
Kneipe verkehren, trinken beugt schwach: kneipte, hat gekneipt.
3 Die starken Formen sind entweder veraltet oder mundartlich. Schriftsprachlich heute
schwach: sie kreischte, hat gekreischt.
4 Die schwache Beugung ist heute üblicher: kürte, gekürt.
6 Meist nur noch in Zusammensetzungen und Präflxbildungen wie aus-, er-, verlöschen.
Das trans. „löschen“ ist schwach: Er löschte das Feuer, hat das Feuer gelöscht.
• Die schwachen Formen „du melkst, er melkt; melkeI; melkte“ sind heute üblicher.
Die Konjugation der Verben 91

Infinitiv 2. Stammform 3. Stammform


(Präteritum) (2. Partizip*)

nennen [vgl. 152] nannte (nennte [selten]) (er hat) genannt


pfeifen pfiff (er hat) gepfiffen
pflegen1 pflog (pflöge) (er hat) gepflogen
preisen pries (er hat) gepriesen
quellen in trans.1 * [vgl. 144] quoll (quölle) (er ist) gequollen
(du quillst, er quillt; quillt)
raten [vgl. 143] riet (er hat) geraten
(du rätst, er rät)
reiben rieb (er hat) gerieben
reißen riß gerissen (Er hat ein Loch in
die Hose gerissen; aber:
Der Strick ist gerissen)
reiten ritt geritten (Er hat den Schim¬
mel geritten; aber: Er ist
in den Wald geritten)
rennen [vgl. 152] rannte (rennte [selten]) (er ist )gerannt
riechen roch (röche) (er hat) gerochen
ringen rang (ränge) (er hat) gerungen
rinnen rann (ränne) (es ist) geronnen
rufen rief (er hat) gerufen
salzen salzte (er hat) gesalzen oder ge¬
salzt (übertr. nur stark:
gesalzen)
saufen (du säufst, er säuft) soff (söffe) (er hat) gesoffen
saugen* [vgl. 143] sog (söge) (er hat) gesogen
schaffen (= gestaltend schuf (schüfe) (er hat) geschaffen
hervorbringen)4 5 [vgl. 143]
schallen scholl (schölle)6 (es hat) geschaht
scheiden schied geschieden (Er hat die Bök-
ke von den Schafen ge¬
schieden; aber: Er ist aus
dem Dienst geschieden)
scheinen schien (es hat) geschienen
scheißen (vulgär) schiß (er hat) geschissen
schelten [vgl. 144] schalt (schölte) (er hat) gescholten
(du schiltst, er schilt; schilt!)
scheren (= abschneiden)6 schor (schöre) (er hat) geschoren
schieben schob (schöbe) (er hat) geschoben
schießen schoß (schösse) (er hat) geschossen
schinden7 schund (schünde) (er hat) geschunden
schlafen [vgl. 143] schlief (er hat) geschlafen
(du schläfst, er schläft)

1 Nur noch stark in der Wendung ,,der Ruhe usw. pflegen“. In der Bedeutung „Kranke
pflegen“ nur schwach: „Er pflegte ihn, hat ihn gepflegt.“
1 Das trans. „quellen“ ist schwach: Die Mutter quellte Bohnen, hat Bohnen gequellt.
* Die schwachen Formen „saugte, gesaugt“ werden heute schon viel gebraucht.
4 In der Bedeutung „arbeiten“ schwach: schaffte, geschafft.
5 Dieses starke Präteritum stammt von mhd. schellen, das heute untergegangen ist,
und ist dem Präteritum des sonst durchgängig schwach beugenden „schallen“ zur Seite
getreten. Die Präflxbildung erschallen hat außerdem neben dem schwachen ein star¬
kes Partizip: Es ist erschollen. „Verschollen“ ist heute isoliert.
6 Die schwache Beugung ist hier noch nicht üblich, dagegen in „sich scheren“: Er scherte
eich, hat sich geschert.
7 Die schwachen Formen „schindete, geschindet“ sind veraltet oder mundartlich.
92 Das Verb

Infinitiv 2. Stammform 3. Stammform


(Präteritum) (2. Partizip)
t'

schlagen [vgl. 143] schlug (schlüge) (er hat) geschlagen


(du schlägst, er schlägt)
schleichen schlich (er ist) geschlichen
schleifen (== schärfen)1 * * schliff (er hat) geschliffen
schleißen* (Federn) schliß (er hat) geschlissen
schließen schloß (schlösse) (er hat) geschlossen
schlingen schlang (schlänge) (er hat) geschlungen
schmeißen (ugs.) schmiß (er hat) geschmissen
schmelzen intrans.* [vgl. 144] schmolz (schmölze) (er ist) geschmolzen
(du schmilzt, er schmilzt;
schmilzt)
schnauben4 [vgl. 143] schnob (schnöbe) (er hat) geschnoben
schneiden schnitt (er hat) geschnitten
schrecken intrans.4 * [vgl. 144] schrak (schräke) (er ist) geschrocken (veralt.)
(du schrickst, er schrickt;
schrick!)
schreiben schrieb (er hat) geschrieben
schreien schrie (er hat) geschrie[e]n
schreiten (in gehobener Sprache) schritt (er ist) geschritten
schweigen schwieg (er hat) geschwiegen
schwellen intrans.4 [vgl. 144] schwoll (schwölle) (er ist) geschwollen
(du schwillst, er schwillt;
schwill!)
schwimmen schwamm (schwömme, geschwommen (Er hat den
seltener: schwämme) ganzen Vormittag ge¬
schwommen; aber: Er
ist über den Fluß ge¬
schwommen)
schwinden schwand (schwände) (er ist) geschwunden
schwingen schwang (schwänge) (er hat) geschwungen
schwören schwor, veraltend: schwur (er hat) geschworen
(veraltend: schwüre7)
sehen [vgl. 144] sah (sähe) (er hat) gesehen
(du siehst, er sieht; sieh[e]l) -
sein [vgl. S. 104 f.; 164] war (wäre) (er ist) gewesen
senden4 [vgl. 162] sandte oder sendete (er hat) gesandt oder
(sendete [selten]) gesendet
sieden4 sott (sötte) (er hat) gesotten
singen sang (sänge) (er hat) gesungen
sinken sank (sänke) (er Ist) gesunken

1 „Schleifen" — über den Boden ziehen beugt schwach: Er schleifte ihn, hat ihn ge¬
schleift.
* Auch schwach: Er schleißte, hat geschleißt.
* Das trans. „schmelzen" — flüssig machen beugte früher regelgemäß schwach (Er
schmelzte das Eisen, hat das Eisen geschmelzt). Heute herrschen jedoch auch hier die
starken Formen: Er schmilzt, schmolz das Eisen, hat das Eisen geschmolzen.
4 Die schwachen Formen „Er schnaubte, hat geschnaubt" sind heute herrschend.
4 Meist nur noch in Präflxbildungen und Zusammensetzungen „er-, zurückschrecken".
Das trans. „schrecken“ = in Schrecken versetzen beugt schwach: Es schreckte ihn, hat
ihn geschreckt.
* Das trans. „schwellen" — größer machen beugt schwach: Er schwellte, hat geschwellt.
7 Der 2. Konj. „schwöre" (von: schwor) ist mit dem 1. KonJ. lautgleich.
4 In der Bedeutung „[durch Rundfunk] übertragen" nur schwach.
* Die schwachen Formen „Er siedete, hat gesiedet" werden daneben öfter gebraucht.
Die Konjugation der Verben 93

Infinitiv 2. Stammform 3. Stammform


(Präteritum) (2. Partizip)
sinnen sann (sänne, veraltend: (er hat) gesonnen1 * *
sönne)
sitzen saß (säße) (er hat) gesessen [vgl. 02]
sollen [vgl. 157] sollte (er hat) gesollt
(ich soll, du sollst, er soll)
spalten spaltete (er hat) gespalten (auch:
gespaltet)8
speien8 spie (er hat) gespie[e]n
spinnen spann (spönne, seltener: (er hat) gesponnen
spänne)
spleißen spliß (er hat) gesplissen
sprechen [vgl. 144] sprach (spräche) (er hat) gesprochen
(du sprichst, er spricht; sprich!)
sprießen sproß (sprösse) (er ist) gesprossen
springen sprang (spränge) (er ist) gesprungen
stechen [vgl. 144] stach (stäche) (er hat) gestochen
(du stichst, er sticht; stich!)
stecken (= sich befinden) stak (stäke)4 * (er hat) gesteckt
stehen [vgl. 154] stand (stünde, jünger: (er hat) gestanden [vgl. 02]
stände)
stehlen [vgl. 144] stahl (stöhle, jünger: (er hat) gestohlen
(du stiehlst, er stiehlt; stiehl!) stähle)
steigen stieg (er ist) gestiegen
sterben [vgl. 144] starb (stürbe) (er ist) gestorben
(du stirbst, er stirbt; stirb!)
stieben6 stob (stöbe) gestoben (Die Funken sind
oder fiaben gestoben)
stinken stank (stänke) (er hat) gestunken
stoßen [vgl. 143] stieß gestoßen (Er ist auf Wider¬
(du stößt, er stößt) stand gestoßen; aber: Er
hat mich gestoßen)
streichen strich gestrichen (Er hat Butter
auf das Brot gestrichen;
aber: Die Schnepfen sind
über den Acker gestrichen)
streiten stritt (er hat) gestritten
tragen [vgl. 143] trug (trüge) (er hat) getragen
(du trägst, er trägt)
treffen [vgl. 144] traf (träfe) (er hat) getroffen
(du triffst, er trifft; triff!)
treiben trieb getrieben (Der Wind hat
den Ballon südwärts ge¬
trieben; aber: Der Ballon
ist südwärts getrieben)
treten [vgl. 144] trat (träte) getreten (Er hat ihn getre-
(du trittst, er tritt; tritt!) ten; aber: Er ist in die
Pfütze getreten)

1 Die Wendung „gesonnen sein“ (Er ist gesonnen) stammt von dem ausgestorbenen Verb
„gesinnen“. „Gesinnt“ (Er ist treu gesinnt) ist eine Ableitung aus dem Substantiv „Sinn“.
8 Die starke Form „gespalten“ steht besonders bei adjektivischem Gebrauch: gespal¬
tenes Holz; Deutschland ist gespalten usw.
8 Gelegentliche schwache Formen sind mundartlich geblieben.
4 Auch schwach: steckte. In der Bedeutung „festheften“ beugt trans. „stecken“ nur
schwach: Er steckte, hat gesteckt.
8 Heute auch schon schwach: stiebte, gestiebt.
94 Das Verb

Infinitiv 2. Stammform 3. Stammform


(Präteritum) (2. Partizip)
triefen1 * * troff (tröffe) (er hat) getroffen
trinken trank (tränke) (er hat) getrunken
trügen trog (tröge) (er hat) getrogen
tun [vgl. 164] tat (täte) (er hat) getan
verderben* [vgl. 144] verdarb (verdürbe) verdorben (Er hat sich den
(du verdirbst, er verdirbt; Magen verdorben; aber:
verdirb!) Das Eingemachte ist ver¬
dorben)
verdrießen verdroß (verdrösse) (es hat) verdrossen
vergessen [vgl. 144] vergaß (vergäße) (er hat) vergessen
(du vergißt, er vergißt; vergiß!)
verlieren verlor (verlöre) (er hat) verloren
wachsen [vgl. 143] wuchs (wüchse) (er ist) gewachsen
(du wächst, er wächst)
wägen [vgl. wiegen]* wog (wöge) (er hat) gewogen
waschen [vgl. 143] wusch (wüsche) (er hat) gewaschen
(du wäschst, er wäscht)
weben4 wob (wöbe) (er hat) gewoben
weichen (= nachgeben)4 * wich (er ist) gewichen
weisen wies (er hat) gewiesen
wenden® [vgl. 152] wandte oder wendete (er hat) gewandt oder
(wendete [selten]) gewendet
werben [vgl. 144] warb (würbe) (er hat) geworben
(du wirbst, er wirbt; wirbl)
werden [vgl. S. 106 f.; 156] wurde (dicht, noch: ward) (er ist) geworden (als Hilfs¬
(du wirst, er wird; werde!) (würde) zeitwort: worden
[vgl. 164])
werfen [vgl. 144] warf (würfe) (er hat) geworfen
(du wirfst, er wirft; wirf!)
wiegen [vgl. wägen]7 wog (wöge) (er hat) gewogen
winden wand (wände) (er hat) gewunden
winken winkte (er hat) gewinkt8
wissen [vgl. 157] wußte (wüßte) (er hat) gewußt
(ich weiß, du weißt, er weiß)
wollen [vgl. 154] wollte (er hat) gewollt
(ich will, du willst, er will)
wringen wrang (wränge) (er hat) gewrungen
zeihen zieh (er hat) geziehen
ziehen [vgl. 73] zog (zöge) gezogen (Er hat den Wagen
gezogen; aber: Er ist aufs
Land gezogen)
zwingen zwang (zwänge) (er hat) gezwungen

1 Heute meist schwach: Seine Nase triefte, hat getrieft.


• Die frühere schwache Beugung des trans. „verderben" = jemanden zugrunde richten,
schlecht machen lebt nur noch im 2. Partizip „verderbt" = sittlich verkommen.
• Die schwache Beugung „wägte, gew&gt" kommt gelegentlich vor.
4 In der Alltagssprache schwach: Er webte, hat gewebt.
6 Das etymologisch nicht hierher gehörende „weichen" = ein-, aufweichen beugt
schwach: Er weichte, hat geweicht.
• In der Bedeutung „einen Mantel usw., Heu wenden" nur schwach: Er wendete, hat
gewendet. „Gewandt" steht auch isoliert (= geschickt).
7 Das etymologisch nicht hierher gehörende „wiegen" = schaukeln beugt schwach:
Er wiegte, hat gewiegt.
• Das starke 2. Partizip „gewunken" ist veraltet und wird heute nur noch scherzhaft
gebraucht.
Die Konjugation der Verben 95

Die einzelnen Formen der starken, der unregelmäßigen


und der Verben mit schwankender Konjugation in
alphabetischer Reihenfolge

Bemerkungen

1. In Klammern stehen die Infinitive, die im 1. Teil der Liste alphabetisch aufgeffihrt
sind und zu denen die hier genannten Formen gehören.
2. Zweite Partizipien, deren Vokal mit dem des Infinitivs übereinstimmt, sind nicht
besonders aufgeführt, z. B. geschlafen (Infinitiv: schlafen), gesalzen (Infinitiv: salzen).

aß, äße (essen) fängst, fängt (fangen)


bäckst, bäckt (backen) ficht, ficht I, fichtst (fechten)
band, bände (binden) fiel (fallen)
barg, bärge (bergen) fing (fangen)
barst, bärste (bersten) flicht, flicht!, flichtst, flocht, flöchte
bat, bäte (bitten) (flechten)
befahl, befähle, befiehl!, befiehlst, be¬ flog, flöge (fliegen)
fiehlt (befehlen) floh, flöhe (fliehen)
befliß, beflissen (befleißen) floß, flösse (fließen)
beföhle, befohlen (befehlen) focht, föchte (fechten)
begann, begänne, begönne, begonnen (be¬ fraß, fräße, friß!, frißt (fressen)
ginnen) fror, fröre (frieren)
bewog, bewöge, bewogen (bewegen) fuhr, führe (fahren)
bin (sein) gab, gäbe (geben)
birg!, birgst, birgt (bergen) galt, gälte (gelten)
birst (bersten) gebar (gebären)
biß (beißen) gebeten (bitten)
bist (sein) gebier!, gebierst, gebiert (gebären)
bläst (blasen) gebissen (beißen)
blich (bleichen) geblichen (bleichen)
blieb (bleiben) geblieben (bleiben)
blies (blasen) gebogen (biegen)
bog, böge (biegen) geboren (gebären)
bot, böte (bieten) geborgen (bergen)
brach, bräche (brechen) geborsten (bersten)
brachte, brächte (bringen) geboten (bieten)
brannte(brennen) gebracht (bringen)
brät, brätst (braten) gebrannt (brennen)
brich!, brichst, bricht (brechen) gebrochen (brechen)
briet (braten) gebunden (binden)
buk, büke (backen) gedacht(denken)
dachte, dächte (denken) gedeucht(dünken)
dang, dänge (dingen) gedieh, gediehen (gedeihen)
darf, darfst (dürfen) gedroschen (dreschen)
deuchte (dünken) gedrungen (dringen)
drang, dränge (dringen) gedungen (dingen)
drasch, dräsche, drisch!, drischst, drischt, gedurft (dürfen)
drosch, drösche (dreschen) geflochten (flechten)
durfte (dürfen) geflogen (fliegen)
empfahl, empfähle, empfiehl!, emp¬ geflohen (fliehen)
fiehlst, empfiehlt, empföhle, empfohlen geflossen (fließen)
(empfehlen) gefochten (fechten)
fährst, fährt (fahren) gefroren (frieren)
fällst, fällt (fallen) gefunden (finden)
fand, fände (finden) gegangen (gehen)
96 Das Verb

gegessen (essen) geschnitten (schneiden)


geglichen (gleichen) geschnoben (schnauben)
geglitten (gleiten) geschoben (schieben)
geglommen (glimmen) gescholten (schelten)
gegolten (gelten) geschoren (scheren)
gegoren (gären) geschossen (schießen)
gegossen (gießen) geschrieben (schreiben)
gegriffen (greifen) geschrie[e]n (schreien)
gehangen (hängen) geschritten (schreiten)
gehoben (heben) geschrocken (schrecken)
geholfen (helfen) geschunden (schinden)
gekannt (kennen) geschwiegen (schweigen)
geklommen (klimmen) geschwollen (schwellen)
geklungen (klingen) geschwommen (schwimmen)
gekniffen (kneifen) geschworen (schwören)
gekonnt(können) geschwunden (schwinden)
gekoren (küren) geschwungen (schwingen)
gekrischen (kreischen) gesessen (sitzen)
gekrochen (kriechen) gesoffen (saufen)
gelang, gelänge (gelingen) gesogen (saugen)
gelegen (liegen) gesonnen (sinnen)
geliehen (leihen) gesotten (sieden)
gelitten (leiden) gespie[e]n (speien)
gelogen (lügen) gesplissen (spleißen)
geloschen (löschen) gesponnen (spinnen)
gelungen (gelingen) gesprochen (sprechen)
gemieden (meiden) gesprossen (sprießen)
gemocht (mögen) gesprungen (springen)
gemolken (melken) gestanden (stehen)
gemußt (müssen) gestiegen (steigen)
genannt (nennen) gestoben (stieben)
genas, genäse (genesen) gestochen (stechen)
genommen (nehmen) gestohlen (stehlen)
genoß, genösse, genossen (genießen) gestorben (sterben)
gepfiffen (pfeifen) gestrichen (streichen)
gepflogen (pflegen) gestritten (streiten)
gepriesen (preisen) gestunken (stinken)
gequollen (quellen) gesungen (singen)
gerannt (rennen) gesunken (sinken)
gerieben (reiben) getan (tun)
gerissen (reißen) getrieben (treiben)
geritten (reiten) getroffen, (treffen, triefen)
gerochen (riechen) getrogen (trügen)
geronnen (rinnen) getrunken (trinken)
gerungen (ringen) gewandt (wenden)
gesandt (senden) gewann, gewänne (gewinnen)
geschah, geschähe (geschehen) gewesen (sein)
geschieden (scheiden) gewichen (weichen)
geschieht (geschehen) gewiesen (weisen)
geschienen (scheinen) gewoben (weben)
geschissen (scheißen) gewogen (wägen, wiegen)
geschlichen (schleichen) gewönne, gewonnen (gewinnen)
geschliffen (schleifen) geworben (werben)
geschlissen (schleißen) geworden (werden)
geschlossen (schließen) geworfen (werfen)
geschlungen (schlingen) gewrungen (wringen)
geschmissen (schmeißen) gewunden (winden)
geschmolzen (schmelzen) gewußt (wissen)
Die Konjugation der Verben 97

geziehen (zeihen) muß, mußt, mußte (müssen)


gezogen (ziehen) nahm, nähme (nehmen)
gezwungen (zwingen) nannte (nennen)
gib!, gibst, gibt (geben) nimm!, nimmst, nimmt (nehmen)
gilt, giltst (gelten) Pfiff (pfeifen)
ging (gehen) pflog (pflegen)
glich (gleichen) pries (preisen)
glitt (gleiten) quill!, quillst, quillt, quoll, quölle (quellen)
glomm, glömme (glimmen) rang, ränge (ringen)
goß, gösse (gießen) rann, ränne (rinnen)
gräbst, gräbt (graben) rannte (rennen)
griff (greifen) rät, rätst (raten)
grub, grübe (graben) rieb (reiben)
half, hälfe (helfen) rief (rufen)
hält, hältst (halten) riet (raten)
hast, hat, hatte, hätte (haben) riß (reißen)
hieb (hauen) ritt (reiten)
hielt (halten) roch (riechen)
hieß (heißen) sah, sähe (sehen)
hilf!, hilfst, hilft (helfen) sandte (senden)
hing (hängen) sang, sänge (singen)
hob, höbe, hub, hübe (heben) sank, sänke (sinken)
hülfe (helfen) sann, sänne (sinnen)
iß!, ißt (essen) saß, säße (sitzen)
ist (sein) säufst, säuft (saufen)
kam, käme (kommen) schalt (schelten)
kannte (kennen) schied (scheiden)
klang, klänge (klingen) schien (scheinen)
klomm, klömme (klimmen) schilt!, schiltst (schelten)
kniff (kneifen) schiß (scheißen)
konnte(können) schläfst, schläft (schlafen)
kor, 1 öre (küren) schlägst, schlägt (schlagen)
krisch (kreischen) schlang, schlänge (schlingen)
kroch, kröche (kriechen) schlich (schleichen)
lädst, lädt (laden) schlief (schlafen)
lag, läge (liegen) schliff (schleifen)
las, läse (lesen) schliß (schleißen)
läßt (lassen) schloß, schlösse (schließen)
läufst, läuft, lief (laufen) schlug, schlüge (schlagen)
lieh (leihen) schmilz!, schmilzt (schmelzen)
lies! (lesen) schmiß (schmeißen)
ließ (lassen) schmolz, schmölze (schmelzen)
liest (lesen) schnitt (schneiden)
lisch!, lischst, lischt (löschen) schnob, schnöbe (schnauben)
litt (leiden) schob, schöbe (schieben)
log, löge (lügen) scholl, schölle (schallen)
losch (löschen) schölte (schelten)
lud, lüde (laden) schor, schöre (scheren)
mag, magst (mögen) schoß, schösse (schießen)
maß (messen) schrak, schräke, schrick!, schrickst,
mied (meiden) schrickt (schrecken)
milk!, milkst, milkt (melken) schrie (schreien)
miß! (messen) schrieb (schreiben)
mißlang, mißlänge, mißlungen (mi߬ schritt (schreiten)
lingen) schuf, schüfe (schaffen)
mißt (messen) schund, schünde (schinden)
mochte, möchte (mögen) schwamm, schwämme (schwimmen)
molk, mölke (melken) schwand, schwände (schwinden)
98 Das Verb

schwang, schwänge (schwingen) trat, träte (treten)


schwieg (schweigen) trieb (treiben)
schwill!, schwillst, schwillt, schwoll, triff!, triffst, trifft (treffen)
schwölle (schwellen) tritt!, tritt, trittst (treten)
schwömme (schwimmen) troff, tröffe (triefen)
schwor, schwur, schwüre (schwören) trog, tröge (trügen)
seid (sein) trug, trüge (tragen)
sieh[e]!, sichst, sieht (sehen) verdarb, verdirb!, verdirbst, verdirbt,
sind (sein) verdorben (verderben)
soff, söffe (saufen) verdroß, verdrösse, verdrossen (ver¬
sog, söge (saugen) drießen)
sonne (sinnen) verdürbe (verderben)
sott, sötte (sieden) vergaß, vergäße, vergiß!, vergißt (ver¬
spann, spänne (spinnen) gessen)
spie (speien) verlor, verlöre, verloren (verlieren)
spliß (spleißen) Avächst (wachsen)
spönne (spinnen) wand, wände (winden)
sprach, spräche (sprechen) wandte (wenden)
sprang, spränge (springen) war (sein)
sprich!, sprichst, spricht warb (werben)
(sprechen) ward (werden)
sproß, sprösse (sprießen) wäre (sein)
stach, stäche (stechen) warf (werfen)
stahl, stähle (stehlen) wäschst, wäscht (waschen)
stak, stäke (stecken) weiß, weißt (wissen)
stand, stände (stehen) wich (weichen)
stank, stänke (stinken) wies (weisen)
starb (sterben) will, willst (wollen)
stich!, stichst, sticht (stechen) wirb!, wirbst, wirbt (werben)
stieg (steigen) wird (werden)
stiehl!, stiehlst, stiehlt (stehlen) wirf!, wirfst, wirft (werfen)
stieß (stoßen) wirst (werden)
stirb!, stirbst, stirbt (sterben) wob, wöbe (weben)
stob, stöbe (stieben) wog, wöge (wägen, wiegen)
stöhle (stehlen) wrang, wränge (wringen)
stößt (stoßen) wuchs, wüchse (wachsen)
Strich (streichen) würbe (werben)
stritt (streiten) wurde, würde (werden)
stünde (stehen) würfe (werfen)
stürbe (sterben) wusch, wüsche (waschen)
tat, täte (tun) wußte, wüßte (wissen)
traf, träfe (treffen) zieh (zeihen)
trägst, trägt (tragen) zog, zöge (ziehen)
trank, tränke (trinken) zwang, zwänge (zwingen)

c) Die Umschreibung

75 Die Konjugationsformen bestehen nicht nur aus einteiligen Formen (den


Stammformen), sondern auch aus mehrteiligen (umschriebenen) Formen.
Zu den Stammformen zählen das Präsens (ich schlafe), das Präteritum
(ich schlief) und das 2. Partizip (geschlafen). Umschriebene Formen sind
die mit den Hilfsverben „haben, sein, werden“ und den infiniten Formen
(vgl. 158ff.) des Verbs gebildeten Gefüge (ich habe geschlafen; ich bin ge¬
flogen; ich werde schlafen). An Stelle der Hilfsverben können auch mo¬
difizierende Verben treten (vgl. 63): Ich muß schlafen; ich kann fliegen;
Die Konjugation der Verben 99

er pflegte nach dem Essen zu schlafen. Zu den Vollverben, die auf dem
Wege sind, Hilfsverben zu werden, oder es nur gelegentlich sind, vgl.
die Ausführungen über das Prädikat (1002 f.).

Zur Erfüllung der Aufgaben, die der Konjugation gestellt sind, werden
also, wie dieser Überblick zeigt, verhältnismäßig wenige formale Mittel
eingesetzt: Endungen, Änderung des Verbstammes und Umschreibungen.
Dies geht nur, weil gleiche Formen oft Verschiedenes leisten.

d) Konjugationstabellen
(Die eingeklammerten Formen werden selten oder gar nicht gebraucht. Dieser Überblick 76
zeigt also, daß das Schema der lateinischen Grammatik für das Deutsche nicht gilt.)
lieben-, schwach, mit „haben“; tragen: stark, mit „haben“; fliegenl: stark, mit „sein“

Aktiv

1. Stammform
(Präsens)
Indik. 1. Konj. Indik. 1. Konj.
1. Pers.Sing. ich lieb e (ich lieb e) ich trage (ich trag e)
2. Pers. Sing. du lieb st (du lieb est) du trägst (du tragest
3. Pers. Sing. er, sie, es lieb t er, sie, es lieb e er, sie, es trag t2 er, sie, es trag e
1. Pers.Plur. wir lieb en (wir lieb en) wir trag en (wir trag en)
2. Pers.Plur. ihr lieb t (ihr lieb et) ihr tragl (ihr trag et)
3. Pers. Plur. sie lieb en (sie lieb en) sie trag en (sie trag en)

2. Stammform
(Präteritum)
Indik. 2. Konj. Indik. 2. Konj.
.l.Pers.Sing. ich Jieb te ich lieb te ich trug ich trüg e
2. Pers. Sing. du lieb test du lieb test du trug st du trüg [e} 9t
3. Pers. Sing. er, sie, es lieb te er, sie, es lieb te er, sie, es trug er, sie, es trüg e
1. Pers.Plur. wir lieb ten wir lieb ten wir trugen wir trüg en
2. Pers. Plur. ihr lieb tet ihr lieb tet ihr trug t ihr trüg [e] t
3. Pers.Plur. sie lieb ten sie lieb ten sie trugen sie trüg en

Umschreibung mit „habe” + 2. Partizip


(bei bestimmten Verben mit „bin“ [sei] vgl. 91)
(Perfekt)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers.Sing. ich habe geliebt (ich habe geliebt)
2. Pers.Sing. du hast geliebt (du habest geliebt)
3. Pers. Sing. er, sie, es hat geliebt er,sie, es habe geliebt
1. Pers.Plur. wir haben geliebt (wir haben geliebt)
2. Pers.Plur. ihr habt geliebt (ihr habet geliebt)
3. Pers.Plur. sie haben geliebt (sie haben geliebt)

1 Von „fliegen“ werden im allgemeinen nur die Formen mit „sein“ angeführt.
2 Vgl. 143.
100 Das Verb

Indikativ Konjunktiv
l.Pers.Sing. ich habe getragen (ich habe getragen)
2.Pers.Sing. du hast getragen (du habest getragen)
3.Pers.Sing. er, sie, es hat getragen er, sie, es habe getragen
l.Pers.Plur. wir haben getragen (wir haben getragen)
2.Pers.Plur. ihr habt getragen (ihr habet getragen)
3.Pers.Plur. - sie haben getragen (sie haben getragen)

l.Pers.Sing. ich bin geflogen ich sei geflogen


2.Pers. Sing. du bist geflogen du sei[e]st geflogen
3.Pers. Sing. er, sie, es ist geflogen er, sie, es sei geflogen
l.Pers.Plur. wir sind geflogen wir seien geflogen
2.Pers.Plur. ihr seid geflogen (ihr seiet geflogen)
3.Pers.Plur. sie sind geflogen sie seien geflogen

Umschreibung mit „hatte” [hätte] + 2. Partizip


(bei bestimmten Verben mit „war“ [wäre] vgl. 91)
(Plusquamperfekt)
Indikativ Konjunktiv
l.Pers.Sing. ich hatte geliebt ich hätte geliebt
2.Pers. Sing. du hattest geliebt du hättest geliebt
3.Pers. Sing. er, sie, es hatte geliebt er, sie, es hätte geliebt
l.Pers.Plur. wir hatten geliebt wir hätten geliebt
2.Pers. Plur. ihr hattet geliebt ihr hättet geliebt
3.Pers. Plur. sie hatten geliebt sie hätten geliebt

l.Pers.Sing. ich hatte getragen ich hätte getragen


2.Pers.Sing. du hattest getragen du hättest getragen
3.Pers.Sing. er, sie, es hatte getragen er, sie, es hätte getragen
l.Pers.Plur. wir hatten getragen wir hätten getragen
2.Pers.Plur. ihr hattet getragen ihr hättet getragen
3.Pers.Plur. sie hatten getragen sie hätten getragen

l.Pers.Sing. ich war geflogen ich wäre geflogen


2.Pers.Sing. du warst geflogen du wär[e]st geflogen
3.Pers. Sing. er, sie, es war geflogen er, sie, es wäre geflogen
l.Pers.Plur. wir waren geflogen wir wären geflogen
2.Pers.Plur. ihr war[e]t geflogen ihr wär[e]t geflogen
3.Pers. Plur. sie waren geflogen sie wären geflogen

Umschreibung mit „werde “ + Infinitiv


(1. Futur)
Indikativ Konjunktiv
l.Pers.Sing. ich werde lieben (ich werde lieben)
2.Pers.Sing. du wirst lieben (du werdest lieben)
3.Pers.Sing. er, sie, es wird lieben er, sie, es werde lieben
l.Pers.Plur. wir werden lieben (wir werden lieben)
2.Pers.Plur. ihr werdet lieben (ihr werdet lieben)
3.Pers.Plur. sie werden lieben (sie werden lieben)

l.Pers.Sing. ich werde tragen (ich werde tragen)


2.Pers. Sing. du wirst tragen (du werdest tragen)
3.Pers. Sing. er, sie, es wird tragen. er, sie, es werde tragen
l.Pers. Plur. wir werden tragen (wir werden tragen)
2.Pers.Plur. ihr werdet tragen (ihr werdet tragen)
S.Pers. Plur. sie werden tragen (sie werden tragen)
Die Konjugation der Verben 101

(Umschreibung mit „werde” + 2. Partizip -f „haben”


[sein], im Deutschen selten)
(2. Futur)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers. Sing. ich werde geliebt haben (ich werde geliebt haben)
2. Pers. Sing. du wirst geliebt haben (du werdest geliebt haben)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird geliebt haben er, sie, es werde geliebt haben
1. Pers. Plur. wir werden geliebt haben (wir werden geliebt haben)
2. Pers. Plur. ihr werdet geliebt haben (ihr werdet geliebt haben)
3. Pers. Plur. sie werden geliebt haben • (sie werden geliebt haben)

1. Pers. Sing. ich werde getragen haben (ich werde getragen haben)
2. Pers. Sing. du wirst getragen haben (du werdest getragen haben)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird getragen haben er, sie, es werde getragen haben
1. Pers. Plur. wir werden getragen haben (wir werden getragen haben)
2. Pers. Plur. ihr werdet getragen haben (ihr werdet getragen haben)
3. Pers.Plur. sie werden getragen haben (sie werden getragen haben)

1. Pers. Sing. ich werde geflogen sein (ich werde geflogen sein)
2. Pers. Sing. du wirst geflogen sein (du werdest geflogen sein)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird geflogen sein er, sie, es werde geflogen sein
1. Pers. Plur. wir werden geflogen sein (wir werden geflogen sein)
2. Pers. Plur. ihr werdet geflogen sein (ihr werdet geflogen sein)
3. Pers. Plur. sie werden geflogen sein (sie werden geflogen sein)

Umschreibung mit „würde” + Infinitiv


1. Konditional [Gegenwart]; Ersatzform für den 2. Konjunktiv; vgl. 120

(liebte) (trüge) (flöge)


l.Pers. Sing. ich würde lieben, wenn . . tragen, wenn ..; fliegen, wenn . ..
2.Pers. Sing. du würdest lieben tragen fliegen
3.Pers. Sing. er, sie, es würde lieben tragen fliegen
l.Pers. Plur. wir würden lieben tragen fliegen
2.Pers. Plur. ihr würdet lieben tragen fliegen
3.Pers. Plur. sie würden lieben tragen fliegen

Umschreibung mit „würde ” + 2. Partizip + haben [sein]


2. Konditional [Vergangenheit]; Ersatzform für den Konjunktiv Plusquamperfekt

(hätte geliebt, getragen) (wäre geflogen)


l.Pers. Sing. ich würde geliebt, getragen haben geflogen sein, wenn ...
2.Pers. Sing. du würdest geliebt, getragen haben geflogen sein
3.Pers. Sing. er, sie, es würde geliebt, getragen haben geflogen sein
l.Pers. Plur. wir würden geliebt, getragen haben geflogen sein
2.Pers. Plur. ihr würdet geliebt. getragen haben geflogen sein
3.Pers. Plur. sie würden geliebt, getragen haben geflogen sein

Imperativ Infinitiv
Sing. liebe! trage! fliege! Präs, lieben, tragen, fliegen
Plur. liebt! tragt! fliegt! Perf. geliebt, getragen haben, geflogen sein

1. Partizip 2. Partizip
liebend, tragend, fliegend geliebt, getragen, geflogen
102 Das Verb

Passiv

Umschreibung mit „werde” + 2. Partizip


(Präsens)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers.Sing. ich werde geliebt (ich werde geliebt)
2. Pers. Sing. du wirst geliebt (du werdest geliebt)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird geliebt er, sie, es werde geliebt
1. Pers. Plur. wir werden geliebt (wir werden geliebt)
2. Pers. Plur. ihr werdet geliebt (ihr werdet geliebt)
3. Pers. Plur. sie werden geliebt (sie werden geliebt)

1. Pers. Sing. ich werde getragen (ich werde getragen)


2. Pers.Sing. du wirst getragen (du werdest getrageh)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird getragen er, sie, es werde getragen
1. Pers. Plur. wir werden getragen (wir werden getragen)
2. Pers. Plur. ihr werdet getragen (ihr werdet getragen)
3. Pers.Plur. sie werden getragen (sie werden getragen)

Umschreibung mit „wurde” [würde] + 2. Partizip


(Präteritum)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers. Sing. ich wurde geliebt ich würde geliebt
2. Pers. Sing. du wurdest geliebt du würdest geliebt
3. Pers. Sing» er, sie, es wurde geliebt er, sie, es würde geliebt
1. Pers. Plur. wir wurden geliebt wir würden geliebt
2. Pers. Plur. ihr wurdet geliebt ihr würdet geliebt
3. Pers.Plur. sie wurden geliebt sie würden geliebt

1. Pers.Sing. ich wurde getragen ich würde getragen


2. Pers. Sing. du wurdest getragen du würdest getragen
3. Pers.Sing. er, sie, es wurde getragen er, sie, es würde getragen
1. Pers. Plur. wir wurden getragen wir würden getragen
2. Pers. Plur. ihr wurdet getragen ihr würdet getragen
3. Pers. Plur. sie wurden getragen sie würden getragen

Umschreibung mit „bin” [sei] + 2. Partizip + worden


(Perfekt)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers.Sing. ich bin geliebt worden ich sei geliebt worden
2. Pers. Sing. du bist geliebt worden du sei[e]st geliebt worden
3. Pers.Sing. er, sie, es ist geliebt worden er, sie, es sei geliebt worden
1. Pers. Plur. wir sind geliebt worden wir seien geliebt worden
2. Pers. Plur. ihr seid geliebt worden (ihr seiet geliebt worden)
3. Pers. Plur. sie sind geliebt worden sie seien geliebt worden

1. Pers. Sing. ich bin getragen worden ich sei getragen worden
2. Pers.Sing. du bist getragen worden du sei[e]8t getragen worden
3. Pers. Sing. er, sie, es ist getragen worden er, sie, es sei getragen worden
1. Pers. Plur. wir sind getragen worden wir seien getragen worden
2. Pers.Plur. ihr seid getragen worden (ihr seiet getragen worden)
3. Pers.Plur. sie sind getragen worden sie seien getragen worden
Die Konjugation der Verben 103

Umschreibung mit „war” [wäre] + 2. Partizip -f worden


(Plusquamperfekt)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers.Sing. ich war geliebt worden ich wäre geliebt worden
2. Pers.Sing. du warst geliebt worden du wär[e]st geliebt worden
3. Pers.Sing. er, sie, es war geliebt worden er, sie, es wäre geliebt worden
1. Pers.Plur. wir waren geliebt worden wir wären geliebt worden
2. Pers.Plur. ihr war [eit geliebt worden ihr wär[e]t geliebt worden
3. Pers.Plur. sie waren geliebt worden sie wären geliebt worden
1. Pers.Sing. ich war getragen worden ich wäre getragen worden
2. Pers.Sing. du warst getragen worden du wär[e]st getragen worden
3. Pers. Sing. er, sie, es war getragen worden er, sie, es wäre getragen worden
1. Pers.Plur. wir waren getragen worden wir wären getragen worden
2. Pers. Plur. ihr war[e]t getragen worden ihr wär[e]t getragen worden
3. Pers.Plur. sie waren getragen worden sie wären getragen worden

Umschreibung mit „werde” + 2. Partizip + werden


(1. Futur)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers. Sing. ich werde geliebt werden (ich werde geliebt werden)
2. Pers. Sing. du wirst geliebt werden (du werdest geliebt werden)
3. Pers.Sing. er, sie, es wird geliebt werden er, sie, es werde geliebt werden
1. Pers.Plur. wir werden geliebt werden (wir werden geliebt werden)
2. Pers.Plur. ihr werdet geliebt werden (ihr werdet geliebt werden)
3. Pers. Plur. sie werden geliebt werden (sie werden geliebt werden)
1. Pers. Sing. ich werde getragen werden (ich werde getragen werden)
2. Pers. Sing. du wirst getragen werden (du werdest getragen werden)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird getragen werden er, sie, es werde getragen werden
1. Pers.Plur. wir werden getragen werdep (wir werden getragen werden)
2. Pers. Plur. ihr werdet getragen werden (ihr werdet getragen werden)
3. Pers.Plur. sie werden getragen werden (sie werden getragen werden)

(Umschreibung mit „werde” 4 2. Partizip + worden sein)


(2. Futur)
ich werde geliebt worden sein usw. Im Deutschen nicht üblich.

Umschreibung mit „würde” H- 2. Partizip + werden


(1. Konditional [Gegenwart])
1. Pers.Sing. ich würde geliebt, ich würde getragen werden, wenn...
2. Pers.Sing. du würdest geliebt du würdest getragen werden
3. Pers.Sing. er, sie, es würde geliebt er, sie, es würde getragen werden
1. Pers.Plur. wir würden geliebt wir würden getragen werden
2. Pers. Plur. ihr würdet geliebt ihr würdet getragen werden
3. Pers. Plur. sie würden geliebt sie würden getragen werden

Umschreibung mit „würde” + 2. Partizip + worden sein


(2. Konditional [Vergangenheit]; Ersatzform für den Konjunktiv
Plusquamperfekt)
1. Pers.Sing. ich würde geliebt worden sein (= wäre geliebt worden), wenn . . .
2. Pers. Sing, du würdest geliebt worden sein
3. Pers.Sing. er, sie, es würde geliebt worden sein
104 Das Verb

1. Pers. Plur. wir würden geliebt worden sein


2. Pers. Plur. ihr würdet geliebt worden sein
3. Pers. Plur. sie würden geliebt worden sein
(Ebenso: ich würde getragen worden sein usw.)

Imperativ Infinitiv
Sing, sei (werde) geliebt 1 Präs, geliebt, getragen werden
Plur. seid (werdet) geliebt! Perf. geliebt, getragen worden sein

Die Konjugation der Hilfsverben „sein“, „haben“, „werden“

1. sein (vgl. 154)


1. Stammform
(Präsens)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers. Sing. ich bin ich sei
2. Pers. Sing. du bist du sei [e] st
3. Pers. Sing. er, sie, es ist er, sie, es sei
1. Pers. Plur. wir sind wir seien
2. Pers. Plur. ihr seid1 (ihr seiet)
3. Pers. Plur. sie sind sie seien
2. Stammform
(Präteritum)
1. Pers. Sing. ich war ich wäre
2. Pers. Sing. du warst du wärst (gewählt: wärest)
3. Pers. Sing. er, sie, es war er, sie, es wäre
1. Pers. Plur. wir waren wir wären
2. Pers. Plur. ihr wart ihr wärt (gewählt: wäret)
3. Pers. Plur. sie waren sie wären
Perfekt
1. Pers. Sing. ich bin gewesen ich sei gewesen
2. Pers. Sing. du bist gewesen du sei [e] st gewesen
3. Pers. Sing. er, sie, es ist gewesen er, sie, es sei gewesen
1. Pers. Plur. wir sind gewesen wir seien gewesen
2. Pers. Plur. ihr seid gewesen (ihr seiet gewesen)
3. Pers. Plur. sie sind gewesen sie seien gewesen
Plusquamperfekt
1. Pers. Sing. ich war gewesen ich wäre gewesen
2. Pers. Sing. du warst gewesen du wär[e]st gewesen
3. Pers. Sing. er, sie, es war gewesen er, sie, es wäre gewesen
1. Pers. Plur. wir waren gewesen wir wären gewesen
2. Pers. Plur. ihr wart gewesen ihr wär[e]t gewesen
3. Pers. Plur. sie waren gewesen sie wären gewesen
1. Futur
1. Pers. Sing. ich werde sein (ich werde sein)
2. Pers. Sing. du wirst sein (du werdest sein)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird sein er, sie, es werde sein
1. Pers. Plur. wir werden sein (wir werden sein)
2. Pers. Plur. ihr werdet sein (ihr werdet sein)
3. Pers. Plur. sie werden 3ein (sie werden sein)

1 Zur Schreibung vgl. 154, 1.


Die Konjugation der Verben 105

2. Futur (selten)
1. Pers. Sing. ich werde gewesen sein (ich werde gewesen sein)
2. Pers. Sing. du wirst gewesen sein (du werdest gewesen sein)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird gewesen sein er, sie, es werde gewesen sein
1. Pers. Plur. wir werden gewesen sein (wir werden gewesen sein)
2. Pers. Plur. ihr werdet gewesen sein (ihr werdet gewesen sein)
3. Pers. Plur. sie werden gewesen sein (sie .werden gewesen sein)

Imperativ Infinitiv Partizip


Sing, sei! Pr&s. sein Präs, (seiend)
Plur. seid l1 Perf. gewesen sein Perf. gewesen

2. haben (vgl. 155)

1. Stammform
(Präsens)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers. Sing. ich habe (ich habe)
2. Pers. Sing. du hast (du habest)
3. Pers. Sing. er, sie, es hat er, sie, es habe
1. Pers. Plur. wir haben (wir haben)
2. Pers. Plur. ihr habt t(ihr habet)
3. Pers. Plur. sie haben (sie haben)

2. Stammform
(Präteritum)
1. Pers. Sing. ich hatte ich hätte
2. Pers. Sing. du hattest du hättest
3. Pers. Sing. er, sie, es hatte er, sie, es hätte
1. Pers. Plur. wir hatten wir hätten
2. Pers. Plur. ihr hattet ihr hättet
3. Pers. Plur. sie hatten sie hätten

Perfekt
1. Pers. Sing. ich habe gehabt (ich habe gehabt)
2. Pers. Sing. du hast gehabt (du habest gehabt)
3. Pers. Sing. er, sie, es hat gehabt er, sie, es habe gehabt
1. Pers. Plur. wir haben gehabt (wir haben gehabt)
2. Pers. Plur. ihr habt gehabt (ihr habet gehabt)
3. Pers. Plur. sie haben gehabt (sie haben gehabt)

Plusquamperfekt
1. Pers. Sing. ich hatte gehabt ich hätte gehabt
2. Pers. Sing. du hattest gehabt du hättest gehabt
3. Pers. Sing. er, sie, es hatte gehabt er, sie, es hätte gehabt
1. Pers. Plur. wir hatten gehabt wir hätten gehabt
2. Per». Plur. ihr hattet gehabt ihr hättet gehabt
3. Pers. Plur. sie hatten gehabt sie hätten gehabt

Zur Schreibung vgl. 154,1.


106 Das Verb

l. Futur
Indikativ Konjunktiv
1. Pers. Sing. ich werde haben (ich werde haben)
2. Pers. Sing. du wirst haben (du werdest haben)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird haben er, sie, es werde haben
1. Pers. Plur. wir werden haben (wir werden haben)
2. Pers. Plur. ihr werdet haben (ihr werdet haben)
3. Pers. Plur. sie werden haben (sie werden haben)

2. Futur (selten)
1. Pers. Sing. ich werde gehabt haben (ich werde gehabt haben)
2. Pers. Sing. du wirst gehabt haben (du werdest gehabt, haben)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird gehabt haben er, sie, es werde gehabt haben
1. Pers. Plur. wir werden gehabt haben (wir werden gehabt haben)
2. Pers. Plur. ihr werdet gehabt haben (ihr werdet gehabt haben)
3. Pers. Plur. sie werden gehabt haben (sie werden gehabt haben)

Imperativ Infinitiv Partizip


Sing, habe! Präs, haben Präs, (habend)
Plur. habt! Perf. gehabt haben Perf. gehabt

3. werden '(vgl. 156)

1. Stammform
(Präsens)
Indikativ Konjunktiv
1. Pers. Sing. ich werde (ich werde)
2. Pers. Sing. du wirst (du werdest)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird er, sie, es werde
1. Pers. Plur. wir werden (wir werden)
2. Pers. Plur. ihr werdet (ihr werdet)
3. Pers. Plur. sie werden (sie werden)

2. Stammform
(Präteritum)
1. Pers. Sing. ich wurde ich würde
2. Pers. Sing. du wurdest du würdest
3. Pers. Sing. er, sie, es wurde er, sie, es würde
1. Pers. Plur. wir wurden wir würden
2. Pers. Plur. ihr wurdet ihr würdet
3. Pers. Plur. sie wurden sie würden

Perfekt
Indikativ Konjunktiv
1. Pers. Sing. ich bin geworden ich sei geworden
2. Pers. Sing. du bist geworden du sei [e] st geworden
3. Pers. Sing. er, sie, es ist geworden er, sie, es sei geworden
1. Pers. Plur. wir sind geworden wir seien geworden
2. Pers. Plur. ihr seid geworden (ihr seiet geworden)
3. Pers. Plur. sie sind geworden sie seien geworden
Die Konjugation der Verben 107

Plusquamperfekt
1. Pers. Sing. ich war geworden ich wäre geworden
2. Pers. Sing. du warst geworden du war [e] st geworden
3. Pers. Sing. er, sie, es war geworden er, sie, es wäre geworden
1. Pers. Plur. wir waren geworden wir wären geworden
2. Pers. Plur. ihr wart geworden ihr wär[e]t geworden
3. Pers. Plur. sie waren geworden sie wären geworden
1. Futur
1. Pers. Sing. ich werde werden, (ich werde werden)
2. Pers. Sing. du wirst werden (du werdest werden)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird werden er, sie, es werde werden
1. Pers. Plur. wir werden werden (wir werden werden)
2. Fers. Plur. ihr werdet werden (ihr werdet werden)
3. Pers. Plur. sie werden werden (sie werden werden)

2. Futur (selten)
1. Pers. Sing. ich werde geworden sein (ich werde geworden sein)
2. Pers. Sing. du wirst geworden sein (du werdest geworden sein)
3. Pers. Sing. er, sie, es wird geworden sein er, sie, es werde geworden sein
1. Pers. Plur. wir werden geworden sein (wir werden geworden sein)
2. Pers. Plur. ihr werdet geworden sein (ihr werdet geworden sein)
3. Pers. Plur. sie werden geworden sein (sie werden geworden sein)

Imperativ Infinitiv Partizip


Sing, werde! Präs, werden Präs, (werdend)
Plur. werdet! Perf. geworden sein Perf. geworden (bei hilfszeit¬
wörtlichem Gebrauch:
worden)

2. Die Zeit (Tempus-1)


Zeityorsteilungen können durch bestimmte Formen des Verbs ausge- 77
drückt werden. Diese Zeitformen entsprechen aber nicht immer den ob¬
jektiven Zeitverhältnissen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Die Sprache folgt auch hier eigenen Gesetzen. Mit den gleichen Zeit¬
formen verbinden sich daher oft ganz verschiedene Zeitvorstellungen.
Das Verb drückt Zeitliches besonders in der Wirklichkeit (im Indikativ)
aus. Die indikativischen Formen, die dies leisten, sind die beiden Stamm¬
formen Präsens und Präteritum und die mit den Hilfsverben „haben“,
„sein“ und „werden“ umschriebenen Formen Perfekt, Plusquamperfekt,
Futur.
Wir berücksichtigen innerhalb der Formenlehre nur die absoluten Tempora des Indi¬
kativs im Hauptsatz. Die relativen Tempora werden in dem Kapitel „Die Tempora des
Indikativs im zusammengesetzten Satz“ (vgl. 1102 ff.), die Tempora des Konjunktivs in
dem Kapitel „Die Tempora des Konjunktivs im Gliedsatz“ (vgl. 1153 ff.) behandelt.

a) Die 1. Stammform und ihr Passiv (Präsens).


Aktiv: ich fahre, lobe, erkranke usw.; Passiv: ich werde gefahren, gelobt usw.
a) Die 1. Stammform und ihr Passiv drücken oft, aber nicht immer ein 78
in der unmittelbaren Gegenwart ablaufendes Geschehen aus. Nach

1 Lat. tempus = Zeit; Plural: Tempora.


108 Das Verb

diesem Gebrauch werden sie auch Präsens1 genannt. Die Gegenwart


wird manchmal noch durch besondere Wörter betont:
Ich schreibe (gerade, eben, jetzt u. a.). Das Kind wird (in diesem Augenblick) ge¬
badet.
79 ß) Die 1. Stammform und ihr Passiv werden auch gebraucht, wenn der
Sprecher ein Geschehen, das vor seinen Augen gerade abgelaufen ist,
schildern will. Literarische Darstellungsformen sind die moderne Repor¬
tage und die sogenannte Teichoskopie im Drama (dem Zuschauer wird
ein Geschehen berichtet, das nicht auf der Bühne stattfindet). Da dieses
Geschehen strenggenommen bereits vergangen sein muß, ehe der Sprecher
es schildern kann, dienen hier also die 1. Stammform und ihr Passiv auch
zur Bezeichnung der eben erst vergangenen Zeit:
Ich linde soeben einen wichtigen Hinweis. Ich höre, du bist krank. Ich werde
gerade darauf aufmerksam gemacht.
Aber auch wenn das Geschehen längst vergangen ist, können für seine
Schilderung die 1. Stammform und ihr Passiv gebraucht werden. Der
Sprecher vergegenwärtigt sich dann das Vergangene so lebhaft, daß er
unwillkürlich die sprachliche Form der Gegenwart wählt (historisches
Präsens):
Und aus einem kleinen Tor, das . .. sich plötzlich aufgetan hatte, bricht—ich wähle
hier die Gegenwartsform, weil das Ereignis mir so sehr gegenwärtig ist — etwas
Elementares hervor . . . (Th. Mann).
Dieses Stümittel ist nicht leicht zu handhaben. Es ist typischer Ausdruck
der Erregung, die sich in kurzen Sätzen äußert, und steht in Gegensatz
zu dem ruhigen Fluß einer epischen Handlung, die gewöhnlich in der
Vergangenheit erzählt wird.
In Chroniken, Geschichtstabellen usw. können die 1. Stammform und
ihr Passiv aber auch rein registrierenden Charakter haben:
49 v. Chr.: Cäsar überschreitet den Rubikon.
44 v. Chr.: Cäsar wird ermordet.
80 y) Die 1. Stammform und ihr Passiv drücken ein Geschehen aus, das in
der Vergangenheit begann, aber in der Gegenwart noch andauert. Das
wird durch besondere Wörter noch betont:
Ich lerne [seit einem halben Jahr] Englisch. Wir warten [schon eine Stunde].

81 <*>) In der 1. Stammform und ihrem Passiv wird weiterhin [zeitlos] All¬
gemeingültiges, beständig oder unter bestimmten Verhältnissen Wieder¬
kehrendes ausgesagt. Deshalb bedienen sich Sprichwörter und allgemeine
Aussagen meist dieser Zeitform (vgl. 85; 94; 98):
Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Er schreibt schön. Peter
geht in die Goetheschule. Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben (Goethe).
82 e) Ufo 1 • Stammform und ihr Passiv können auch Zukünftiges Ausdrücken.
Die Zukunft wird oft durch besondere Wörter mit Zukunftsbedeutung
noch betont:
Ich verreise (morgen, nächstens, in acht Tagen). Ich komme (sofort, bald, gleich,
heute nachmittag) zu dir. Wann kommst du ? Ich werde morgen geprüft.

1 Lat. praesens = gegenwärtig, jetzig.


Die Konjugation der Verben 109

Die 1. Stammform und ihr Passiv drücken auch Zukünftiges in Form einer 83
Vermutung, einer Frage, einer schwächeren oder stärkeren Aufforderung
aus, meist in Verbindung mit Wörtern entsprechender Bedeutung:
Kommst du nicht mit ? Wirst du morgen geprüft? Du fährst (wohl) nach München ?
Du kommst mitt Kommst du [wohl] bald!

b) Die mit „habe” und „bin” + 2. Partizip umschriebene Form und


ihr Passiv (Perfekt)
Aktiv: ich habe gefahren, ich habe gelobt usw.; ich bin erkrankt usw; Passiv: ich
bin gefahren worden, ich bin gelobt worden usw. (Über die mit „bin“ ohne „worden“
gebildete Passivform transitiver Verben vgl. 110).

a) Diese Formen bezeichnen meist Vergangenes, das sich noch irgendwie 84


auf die Gegenwart des Sprechenden bezieht, in die Gegenwart hinein¬
reicht, ein Geschehen, das sich erst in der Gegenwart vollendet hat, Ge¬
schehnisse der jüngsten Vergangenheit. Der Sprecher wendet den Blick
von der Gegenwart aus in die Vergangenheit zurück:
„Es hat geschneit/“ ruft ein Junge, der früh am Fenster den in der Nacht ge¬
fallenen Schnee erblickt. Ebenso: Ich bin eben aus der Stadt gekommen. Jetzt
habe ich den Schlüssel gefunden. Inge iH heute geprüft worden. Gestern ist ein
Eind ertrunken.

Die Verknüpfung eines Geschehens in der Vergangenheit mit der Gegen- 85


wart ist auch dann gegeben, wenn Allgemeingültiges oder Erkenntnisse,
die aus Wissen und Erfahrung geschöpft sind, in der Gegenwart noch
gelten (vgl. 81; 94; 98):
Kolumbus hat Amerika entdeckt. Die Burg ist im 15. Jahrhundert erbaut worden.
Ein Unglück ist bald geschehen.

Formen, die wie in ZifF. 84 u. 85 Vergangenes mit Bezug auf die Gegen- 86
wart bezeichnen, nennt man Perfekt1. Dieser Name trifft jedoch nicht
mehr den Inhalt unserer Formen in den folgenden Fällen.

ß) Mitunter bezeichnet das Perfekt auch den völligen Abschluß eines Ge- 87
schehens ohne Erstreckung in die Gegenwart, was eigentlich dem Präteri¬
tum zukommt (vgl. 93):
Was nicht ist, kann werden; was war, ist für immer gewesen (Börne). Wie sehr
habe ich das einst geliebt! (H. Hesse).

y) Das Perfekt drückt (wie die 1. Stammform für die Gegenwart; vgl. 83) 88
eine Vermutung über vergangenes Geschehen aus, oft in Verbindung mit
Wörtern entsprechender Bedeutung:
Er ist doch nicht etwa ins Wasser gefallen? Du hast den Brief wohl schon gelesen?

ö) Das Perfekt wird ferner gebraucht an Stelle der vollendeten Zukunft 89


(vgl. 100). Die Handlung wird als vollendete Tatsache aufgefaßt, das
Zukünftige, die Voraussage als sicher, als vollendet angenommen:
In einer halben Stunde habe ich den Brief geschrieben. Das hast du bald erledigt.

1 Lat. perfectum = Vollendetes.


110 Das Verb

90 e) Das Perfekt ist ferner die familiäre, umgangssprachliche (bes. süddeut¬


sche) Zeitform des Erzählens auch bei abgeschlossener Handlung gegen¬
über dem schriftsprachlich korrekten (norddt.) Präteritum (vgl. 93):
„Wir haben gezittert am ganzen Leib“, fuhr der braune Schmied fort, „wir haben
ein Vaterunser beten wollen, aber die Zunge ist wie gelähmt gewesen vor Schreck“
(Rosegger).

Eine Mischung zwischen süddeutschem Perfekt und norddeutschem


Präteritum ist die im Grenzgebiet zwischen Süd- und Norddeutschland
zu hörende Wendung ,,Ich war [beim Bäcker usw.] gewesen“ (statt: „Ich
bin beim Bäcker gewesen“ oder: „Ich war beim Bäcker“). Davon zu
trennen ist „war gewesen“ als relatives Plusquamperfekt, das durchaus
korrekt ist (vgl. 1105, dd).

c) Der Unterschied zwischen der Perfektumschreibung1 mit „haben”


und der mit „sein” (im Aktiv)
91 Die transitiven Verben bilden ihr Perfekt im Aktiv mit „haben“:
Ich habe [den Wagen] gefahren. Er hat [den Schüler] gelobt.
Die reflexiven Verben bilden ihr Perfekt ebenfalls mit „haben“, gleich,
ob sie transitiv oder intransitiv sind (vgl. 59 ff.):
Sie hat sich geschämt. Ich habe mich beeilt. Du hast dich verletzt.
Diejenigen intransitiven Verben, die ein Geschehen in seinem unvoll¬
endeten Verlauf, in seiner Dauer ausdrücken, bilden ihr Perfekt ebenfalls
mit „haben“:
Wir haben gut geschlafen. Die Rose hat nur sehr kurz geblüht.

Diejenigen intransitiven Verben, die eine Zustands- oder Ortsveränderung,


einen neuen, erreichten Stand bezeichnen, bilden ihr Perfekt mit „sein“:
Die Rose ist verblüht. Er ist angekommen.
92 Schwanken tritt ein, wenn über die Zugehörigkeit eines Verbs zu einer
dieser beiden letzten Gruppen Unsicherheit besteht oder wenn sich die
Auffassung der Sprachgemeinschaft über die Zugehörigkeit zu einer
dieser beiden Gruppen ändert.
Unsicherheit tritt z. B. ein, wenn das Verb eine allmähliche Veränderung
bezeichnet:
Nach dem Regen hat oder ist es schnell wieder abgetrocknet. Er isi.oder hat gealtert.
Der Wein isfoder hat gegoren.

Ein Beispiel für den Wechsel in der Auffassung der Sprachgemeinschaft


ist der unterschiedliche Gebrauch von „haben“ und „sein“ bei den
Verben „sitzen, liegen, stehen” in Norddeutschland und in Süddeutsch¬
land. Im Norden sagt man:
Ich habe gesessen, gelegen, gestanden.
Im Süden heißt es:
Ich bin gesessen, gelegen, gestanden.
Die Konjugation mit „sein“ ist in diesen Fällen die sprachgeschichtlich
ältere, die mit „haben“ die zur Zeit hochsprachliche.

1 Dasselbe gilt für das Plusquamperfekt und das 2. Futur.


Die Konjugation der Verben 111

Verschiedene Sehweise ist immer möglich bei den Verben der Be¬
wegung:
tanzen, reiten, segeln, paddeln, fahren, fliegen, bummeln, flattern, rumpeln, rudern,
treten u. a.
Sieht der Sprecher den Vorgang als bloßes Verhalten in der Dauer, dann
steht das Verb im Perfekt mit „haben“:
Ich habe als junger Mensch viel getanzt. Er hat den ganzen Vormittag gepaddelt,
gesegelt.
Sieht der Sprecher dagegen eine Veränderung in der Bewegung (einen
Ortswechsel), dann steht das Verb im Perfekt mit „sein“:.
Das Mädchen ist aus der Stube getanzt. Ich bin über den See gepaddelt, gesegelt.
Der Gebrauch von „sein“ nimmt bei den Bewegungsverben immer mehr
zu, weil die Vorstellung von der Veränderung in der Bewegung die der
Dauer der Bewegung überwiegt:
Wir sind den ganzen Tag geschwommen, geklettert, galoppiert u. a., statt: Wir
haben den ganzen Tag geschwommen, geklettert, galoppiert u. a.
Die Verben „sein“ und „bleiben“, die ausgesprochene Zustandsverben
sind, d. h. die Dauer eines Verhaltens kennzeichnen, werden seltsamer¬
weise nicht mit „haben“, sondern mit „sein“ umschrieben:
Ich bin schon in Amerika gewesen. Wir sind in Berlin gewesen. Sie ist lange bei mir
geblieben.

d) Die 2. Stammform und ihr Passiv (Präteritum)


Aktiv: ich fuhr, lobte, erkrankte usw.; Passiv: ich wurde gefahren, gelobt usw.

a) Die 2. Stammform war früher das einzige Mittel, die Vergangenheit 93


auszudrücken, und mußte die Aufgaben des heutigen umschriebenen
Perfekts und Plusquamperfekts mit übernehmen. Sie und ihr Passiv
drücken ein absolut in der Vergangenheit ablaufendes Geschehen ohne
Bezug auf die Gegenwart aus (im Gegensatz zum umschriebenen Perfekt)
und sind daher das eigentliche, neutrale Tempus der Abstand wahrenden
Schilderung, der erzählenden, berichtenden Darstellung. Man nennt sie
deshalb auch Präteritum1, Imperfekt2 oder I. Vergangenheit. In
dieser Zeitform werden vorzugsweise in der schriftlichen Darstellung Er¬
eignisse der Vergangenheit aneinandergereiht3:
Bald darauf langten sie an dem Gebirgsstädtchen an, wohin sie wollten. Das Tor war
noch geschlossen. Der Torwächter trat schlaftrunken heraus, wünschte ihnen einen
guten Morgen und pries die Reisenden glückselig (Eichendorff). Im Alter von
15 Jahren erlebte. Goethe, wie Joseph II. in Frankfurt gekrönt wurde. Es war
einmal ein König . . .
Auch Allgemeingültiges bzw. häufig Wiederkehrendes der Vergangenheit 94
wird in dieser Zeitform ausgedrückt (vgl. 81; 85; 98):
Richard III. hinkte. Die dcutschei Kaiser wurden in Frankfurt gekrönt. Goethe
wurde am 28. August 1749 geboren.

1 Lat. praeterilum = das Vorübergegangene.


3 Lat. imperfeetwn = das Unvollendete, d. h. das in der Vergangenheit Fortdauernde.
3 Diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist. . . unbedingt in der Zeitform der tiefsten
Vergangenheit vorzutragen... je vergangener, desto besser. . . für den Erzähler, den
raunenden Beschwörer des Imperfekts (Th. Mann).
112 Das Verb

95 ß) Die 2. Stammform und ihr Passiv drücken ferner (wie das Perfekt;
vgl. 89) die Gedanken einer Person über ihre Zukunft aus. Die Zukunft
wird damit zu einem Geschehen, das in der lebhaften Phantasie des Spre¬
chers bereits stattgefunden hat (erlebte Rede; vgl. 1144,3, Beachte):
Mein Gott, wie bald, dann sah ich sie nicht mehr, hörte nicht mehr ihren festen,
guten Schritt durchs Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch
(H. Hesse).
Gelegentlich wird für den völligen Abschluß eines Geschehens ohne Er¬
streckung in die Gegenwart auch das Perfekt genommen (vgl. 87).
Das Gefühl für die strenge Scheidung von Perfekt und Präteritum ist
während der ganzen neueren Sprachperiode nie stark ausgeprägt gewesen
(vgl. 90). Da das Präteritum die schriftsprachliche Form des Berichtens
und darüber hinaus durch seine Kürze von größerer Prägnanz als das
Perfekt ist, wird es häufig auch dort gesetzt, wo das Perfekt stehen müßte.
Auch der Rhythmus kann dabei eine Rolle spielen:
Den Umschlag zeichnete K_Gundermann (statt: Den Umschlag hat K. Gunder¬
mann gezeichnet). Gab es eine mittelhochdeutsche Schriftsprache? (Titel der
Habilitationsschrift von H. Paul).
Es wäre bedauerlich, wenn durch das Vordringen des Präteritums in der
Hochsprache (die süddeutschen Mundarten wirken hier allerdings ent¬
gegen) das Perfekt seine Bedeutung verlöre.

e) Die mit „hatte” und „war” + 2. Partizip umschriebene Form und


ihr Passiv (Plusquamperfekt)
Aktiv: ich hatte gefahren, ich hatte gelobt usw.; ich war erkrankt usw.; Passiv: ich
war gefahren worden, ich war gelobt worden.
96 Diese Formen drücken aus, daß ein Geschehen vor einem anderen Ge¬
schehen, das in der Vergangenheit stattgefunden hat, abgelaufen ist oder
sich vollendet hat. Man nennt sie Plusquamperfekt1, vollendete Ver¬
gangenheit, Vollendung in der Vergangenheit, Vorvergangenheit oder
3. Vergangenheit. Man gebraucht das Plusquamperfekt ausschließlich zu
dem Zweck, eine Handlung mit einer anderen zeitlich in Beziehung zu
setzen (relatives Tempus). Seine Verwendung als selbständige Zeitform
ist nicht korrekt. Es wird daher bei den „Tempora im zusammenge¬
setzten Satz“ abgehandelt (vgl. 1102 ff. u. 90). Vgl. noch Ziff. 91 f.

f) Die mit „werde” + Infinitiv umschriebene Form und ihr Passiv


(1. Futur)
Aktiv: ich werde fahren, loben, erkranken usw.; Passiv: ich werde gefahren
werden, ich werde gelobt werden usw.

97 a) Diese Formen und ihr Passiv bezeichnen mitunter ein angekündigtes,


in der Zukunft ablaufendes Geschehen und heißen deshalb Futur2
(1. Futur, unvollendete Zukunft):
Ich- werde ihn morgen besuchen. Das Paket wird morgen ausgetragen werden. Du wirst
noch im Zuchthaus enden !

1 Lat. plusquamperfectum = mehr als vollendet, vergangen


* Lat. futurum = Zukunft.
Die Konjugation der Verben 113

Die Zukunft wird durch besondere Wörter mit Zukunftsbedeutung noch


betont (einst, bald, morgen, nächstens usw.). Dieses Futur wird aber in
der gewöhnlichen Sprache meist durch das Präsens ersetzt (vgl. 82).
Allgemeingültiges kann vom Sprecher auch in die Zukunft gelegt werden 98
(vgl. 81; 85; 94):
Ein guter Mann wird stets das Bessere wählen. Nie wird der Weidenbaum dir
Datteln tragen (Herder).

ß) Viel häufiger wird die Umschreibung mit „werde“ modal verwendet 99


(weil die Zukunft nie ganz sicher ist) und drückt dann meist eine Ver¬
sicherung, eine Vermutung oder eine Aufforderung aus, oft mit Wörtern
entsprechender Bedeutung:
1. ' Versicherung (meist 1. Person):
Ich werde kommen. Wir werden es schaffen.
Ich versichere dem anderen nachdrücklich, daß etwas ganz be¬
stimmt geschehen wird.
2. Vermutung (meist 3. Person):
Morgen wird sicher schönes Wetter sein (Zukunft). Das wird schon stimmen
(Gegenwart). Die Sitzung wird wojil beendet sein (Vergangenheit).

3. Aufforderung (meist 2. Person):


Du wirst mit uns gehen! Du wirst den Apfel schießen von dem Kopf des
Knaben! (Schiller). Wirst du still seinl

g) Die mit „werde” + 2. Partizip + „haben” oder „sein” umschrie¬


bene Form und ihr Passiv (2. Futur)
Aktiv: ich werde gefahren haben, ich werde gelobt haben, ich werde erkrankt sein
usw.; Passiv: ich werde gefahren worden sein, ich werde gelobt worden sein usw.

a) Diese im Deutschen selten gebrauchten Formen verknüpfen die Ver- 100


gangenheit mit der Zukunft und drücken die Zeit einer Handlung aus,
die sich (meist vor einer anderen) in der Zukunft vollendet hat [relatives
Tempus] (2. Futur, vollendete Zukunft). Sie werden daher bei den
„Tempora im zusammengesetzten Satz“ abgehandelt (vgl. 1102 ff. u. 91 f.).

ß) Wie das 1. Futur, so drückt auch das 2. Futur viel häufiger eine 101
Vermutung aus, meist mit dem Wörtchen „wohl“ verbunden:
Er wird es [wohl] gewesen sem. Er wird [wohl] nicht umsonst gelobt worden sein. Sie
wird jetzt [wohl] schon eine halbe Stunde auf mich gewartet haben. Oder als verwun¬
derte Frage: [A.: Wo warst du gestern?] B.: Wo werde ich schon gewesen sein?

h) Zusammenstellung der Formen von der zeitlichen Leistung her


Bei der Untersuchung der vorhandenen Zeitformen des Verbs, wie wir sie 102
eben durchgeführt haben, hat sich gezeigt, daß sich die Namen dieser
Tempora häufig nicht mit ihren Leistungen decken (so besonders Präsens
und Futur). Wir gehen jetzt den umgekehrten Weg und stellen zusammen,
durch welche Formen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft im Deut¬
schen ausgedrückt werden können. Die Zahlen vor den Beispielsätzen
verweisen auf die entsprechenden Kennzahlen.
114 Das Verb

a) Gegenwart
Die Gegenwart im weitesten Sinne wird ausgedrückt, durch die Zeit¬
form :
Präsens (78): Ich schreibe [gerade].
Präsens (81): Er schreibt schön (für die unmittelbare Gegenwart wie für die
allgemeingültige Feststellung).

ß) Vergangenheit
Die Vergangenheit wird ausgedrückt durch die Zeitformen:
Präteritum (93): Der -Torwächter trat schlaftrunken heraus (schriftsprachlich als
Zeit der Erzählung).
Perfekt (84): Es hat geschneit, Ich bin eben aus der Stadt gekommen.
Perfekt (90): Wir haben gezittert am ganzen Leib (umgangssprachlich süddeutsch
als Zeit der Erzählung).
Perfekt (87): Er hat gelebt (völliger Abschluß).
Präsens (80): Ich schreibe schon lange an einem Roman (mit Erstreckung in die
Gegenwart).
Präsens (79): Ich höre, du bist krank. Cäsar überschreitet den Rubikon (historisches
Präsens).
y) Zukunft
Die Zukunft wird ausgedrückt durch die Zeitformen:
1. Futur (97): Ich werde ihn morgen besuchen.
Präsens (82): Ich verreise morgen.
Präteritum (95): Wie bald, dann sah ich sie nicht mehr.
Die Namen, die die „Tempora“ des Deutschen üblicherweise auf Grund
des lateinischen Vorbildes führen, entsprechen also in vielen Fällen
nicht der Sprachwirklichkeit. Wir dürfen die Namen der Formen darum
nicht „wörtlich“ nehmen, sondern müssen uns immer bewußt sein, daß
sich diese Formen leistungsmäßig in mehr oder minder großem Umfang
aufspalten. Wenn wir bedenken, daß das Germanische rur zwei Zeit¬
formen besaß (Präsens und Präteritum) und mit ihrer Hilfe alles Zeit¬
liche ausdrücken mußte, so erkennen wir ohne Mühe, wie sehr sich die
Zeitformen über das Alt- und Mittelhochdeutsche bis zum Neuhoch¬
deutschen entwickelt und differenziert haben1. Ob wir heute in einer
rückläufigen Bewegung stehen (vgl. den Rückgang des Perfekts, Ziff. 95),
muß die Zukunft zeigen.

3. Die Verhaltensrichtung
Man unterscheidet beim Verb zwei Richtungen des Geschehens oder Seins
(Verhaltensrichtungen), das Aktiv und das Passiv.
a) Das Aktiv
103 Das Aktiv hat seinen Namen von jenen Sätzen, in denen das Subjekt
„tätig2“ ist. Dies gilt vor allem für die Sätze, in denen ein transitives Verb
steht:
Fritz schlägt den Hund.

1 Trotzdem ist noch heute das deutsche Tempussystem in der Hauptsache auf der
Gegenüberstellung von Vergangenheit und Nicht Vergangenheit aufgebaut (vgl. Hans
Weber, Das Tempussystem des Deutschen und des Französischen. Übersetzungs¬
und Strukturprobleme. Bern 1954, S. 260).
2 Lat. activus — die Tätigkeit kennzeichnend.
Die Konjugation der Verben 115

Ein tätiges Subjekt kann aber auch bei intransitiven Verben stehen:
. Der Hund beißt.
Man bezeichnet ferner auch jene Sätze als „aktivisch“, in denen das
Subjekt keineswegs tätig ist, sondern in einem Zustand verharrt:
Vater schläft. Die Rosen blühen.
Das Aktiv meint also eine Verhaltensrichtung, die von der Bedeutung
des Verbs unabhängig ist. Man könnte sie als Grundrichtung be¬
zeichnen,. die vom Geschehensträger her gesehen ist. Bei den unter¬
schiedlichen Sehweisen aber, in denen unsere Sprache das Sein und Ge¬
schehen in der Welt betrachtet (vgl. hierzu die gesamte Syntax), kann
man eigentlich nur sagen: Aktivisch ist alles, was nicht passivisch ist.

b) Das Passiv
Beim Passiv ist das Subjekt ebensowenig immer „leidend1“, wie es beim 104
Aktiv „tätig“ ist. Leidend ist das Subjekt in dem Satz:
Der Hund wird geschlagen.
Erfreut ist es aber sicher in dem Satz:
Der Sieger wird gefeiert.
Auch das Passiv muß deshalb unabhängig von der Bedeutung des Verbs
betrachtet werden. Es ist die Gegenrichtung zum x4ktiv.

cc) Das Passiv der transitiven Verben


Daß das Passiv die Gegenrichtung zum Aktiv ist, wird am deutlichsten in 105
den Sätzen mit einem transitiven Verb. Während hier im Aktiv die
Handlung von einem Subjekt ausgeht und sich an einem Objekt vollzieht
(vgl. 874)? wird im Passiv dieses Objekt zum Subjekt des Satzes. Gleich¬
zeitig tritt das Subjekt des früheren aktivischen Satzes im Präpositional-
fall als Urheber des Geschehens in Erscheinung, das sich jetzt am pas- .
sivischen Subjekt vollzieht. Die grammatische Umsetzung des Aktivs
ins Passiy erfolgt mit dem Hilfszeitwort „werden“ und dem 2. Partizip
des betreffenden Verbs:
Aktiv: Der Gärtner bindet —>■ die Blumen.
Passiv: Die Blumen 4— werden vom Gärtner gebunden.
Diese Umkehrung der Verhaltensrichtung ist in allen Zeiten möglich, die
auch im Aktiv gebraucht werden (Präsens, Präteritum, Perfekt, Plus¬
quamperfekt, Futur).
Die meisten Verben mit einem Akkusativobjekt (vgl. 872 ff.) sind voll um¬
kehrbar. Sie bilden deshalb auch ein persönliches Passiv:
Aktiv: Ich schreibe einen Brief. Passiv: Ein Brief wird von mir geschrieben.
Nicht alle Verben, die ein Akkusativobjekt bei sich haben, können jedoch
ein Passiv bilden (vgl. 1017; 1019).

ß) Das Passiv der intransitiven Verben


Von den intransitiven Verben bilden im allgemeinen nur die Verben mit 106
einem tätigen Lebewesen als Subjekt ein Passiv. Dieses Passiv ist jedoch
nicht persönlich, wie bei den transitiven Verben, sondern unpersönlich

1 Lat. passivus = das Leiden kennzeichnend.


116 Das Verb

mit Hilfe des Pronomens es gebildet (das ausfällt, wenn ein anderes Wort
an die Spitze des Satzes tritt; vgl. 847):
Aktiv: Der Sohn dankte dem Vater.
Passiv: Es wurde dem Vater oder demVater wurde [vom Sohne] gedankt.
Zustandsverben bilden gewöhnlich kein Passiv, weil das Subjekt
(gleichgültig, ob Lebewesen oder Sache) im Zustand verharrend, also
bereits ,,passivisch‘; dargestellt wird:
Der Vater schläft (nicht: Es wird vom Vater geschlafen).
Wenn bei Zustandsverben die passivische Rolle des Subjekts besonders
ausgedrückt werden soll, dann geschieht dies meist durch die Versetzung
des Subjekts in die Objektsrolle:
Ich friere — Es friert mich. Ich schaudere — Es schaudert mir.
Auch bei den übrigen intransitiven Verben, die kein Passiv bilden
können, liegt häufig bereits eine ,,passivische'' Bedeutung vor:
Das Eis schmilzt ( das Eis wird von der Sonne geschmolzen). Der Baum fällt
( ^ der Baum wird gefällt).

107 Das unpersönliche Passiv hat vielfach keine eigentliche passivische Be¬
deutung. Es drückt dann ein aktivisches Verhalten oder gar eine energi¬
sche Aufforderung aus:
1. ein aktivisches Verhalten, bei dem der Sprecher das Subjekt nicht
nennen will oder kann:
Es wurde getanzt ( =--- Man tanzte). Im Saal wurde gelacht (•-= Man lachte im
Saal). Bei uns wurde immer viel geschlafen ( Man schlief viel).

2. eine energische Aufforderung, bei der ebenfalls das Subjekt ge¬


mieden wird:
Es wird hiergohlieben! Jetzt wird aber geschlafen!

108 Manche intransitiven Verben neigen zu einem persönlichen Passiv, was


aber noch nicht als völlig korrekt gilt:
Die Kinder mirriot beschert (obwohl: jemandem bescheren). Der Professor betrat
den Hörsaal, gefolgt von seinem Assistenten.
Gelegentlich wird auch aus Scherz ein persönliches Passiv von einem
intransitiven Verb gebildet, wenn ausgedrückt werden soll, daß das Ver¬
halten des Subjekts nicht freiwillig, sondern unter Zwang erfolgt ist:
Er ist gegangen worden.

y) Das Sonderproblem des Passivs bei reflexiven Verben

109 Reflexive Verben sind nicht passivfähig, weil das Objekt mit dem Subjekt-
identisch ist: 1
Ich wasche mich. (Aber nicht, weil sinnlos: Ich werde von mir gewaschen.)
Auch bei ihnen bestehen, wie bei den Zustandsverben, nur zwei Ausnahmen.
Ein unpersönliches Passiv ist möglich, wenn das Subjekt verschwiegen
oder eine energische Aufforderung ausgesprochen werden soll (vgl. 107):
Da wurde ... in zitternder Angst sich verkrochen (C. Viebig).
Jetzt wird sich hingelegt! Jetzt wird sich gewaschen!
Die Konjugation der Verben 117

c) Das Zustandspassiv
Vor einer weiteren passivischen Aussagemöglichkeit stehen wir beim Zu¬ 110
standspassiv. Es sagt aus, in welchen Zustand ein Subjekt geraten ist,
das vorher Objekt einer Handlung gewesen ist. Es wird deshalb auch nicht
mit „werden“, sondern mit „sein“ verbunden:
Das Fenster ist geöffnet (weil jemand das Fenster geöffnet hat). Ich bin ermüdet
(weil das Gehen mich ermüdet hat).
Auch hier sind alle Zeitformen möglich:
Ich bin beteiligt (Präsens), ich war beteiligt (Präteritum), ich bin beteiligt gewesen
(Perfekt), ich werde beteiligt sein (1. Futur), ich wäre beteiligt (2. Konj. Prät.) usw.
Wenn in diesen Fällen ein 2. Partizip Artangabe geworden ist (vgl. 168),
stehen wir nicht mehr vor einer Konjugationsform (mehrteiliges Prädikat;
vgl. 1010), sondern vor einem selbständigen Satzglied (vgl. auch 902).
Konjugationsform: Die Tür ist geöffnet.
Artangabe: Der Mann ist gebildet.

Beachte:
1. Das Zustandspassiv darf nicht durch Auslassung von „worden"4 hervorgerufen
werden, wenn ein Vorgang im Handlungspassiv berichtet werden muß:
Die Sperre ist heute wieder aufgehoben worden (nicht: Die Sperre ist heute wieder
aufgehoben). Falsch ist auch: Die Mitglieder sind (statt: werden) gebeten, pünktlich
zu sein.

2. Manchmal kann die Auffassung schwanken, ob das Zustandspassiv oder das übliche
Passiv eines transitiven Verbs gesetzt werden soll:
Er ist in Hamburg geboren [worden]. So hat auch Gräfin Dubarry . . . mach all
ihren erfüllten Wünschen noch (‘inen: von der ersten Frau des Hofes empfangen zu
sein (St. Zweig).
3. Die Norddeutschen verwenden öfter das Zustandspassiv und bewahren hier einen
älteren Gebrauch. Er gilt jedoch als nicht, hochsprachlich:
Im übrigen gibt der Staatsanwalt, selbst zu, daß in der Nähe, des Postens zweimal
scharf geschossen ist- (Hamburger Nachrichten 1914).
4. Auffällig ist der Gebrauch von „werden“, wenn für unser Gefühl ein Zustand vorliegt:
Durch das Mittehneer wird Europa von Afrika getrennt.
Er ist so zu erklären, daß hier der Tatbestand vom Sprecher immer wieder von neuem
geistig nach vollzogen, d. h. als Vorgang gefaßt wird.
5. Das Hilfsverb „sein“ beim Pass , hat sich gegenüber „werden“ auch in anderen
Fügungen erhalten, weil (las Zuständlicho stärker empfunden wird.
So als Infinitiv nach Modalverben:
Wenn er im Lager-einherging, wollte er nicht gegrüßt sein (Ranke).
Ferner beim Imperativ in der 2. und 3. Person Singular:
Küsse Lieschen und die Kinder und sei geküßt von Deinem Theodor (Fontane).

„Werden“ ist hier seltener:


Ewig werde dein gedacht (Schiller).

d) Ersatzformen des Passivs


Das Bestreben, das Passiv zu ersetzen, ist im Deutschen auffallend stark. 111
Einige Ausweichformen seien hier genannt :
118 Das Verb

a) Aktive Formen von „bekommen, kriegen, erhalten, führen, bringen,


nehmen, gehören“ in Verbindung mit dem 2. Partizip:
Er hat es hundertmal gesagt bekommen (= Es ist ihm hundertmal gesagt worden). Ich
kriege, erhalte meine Auslagen erstattet. Sie brachten ihn getragen. Dem gehört das
Handwerk gelegt (= Dem muß das Handwerk gelegt werden).

ß) Die aktive Form des Infinitivs nach Hilfsverben und modifizie¬


renden Verben hat oft passivische Bedeutung:
Der Schmerz ist kaum zu ertragen (= kann kaum ertragen werden). Es bleibt ab¬
zuwarten (= Es muß abgewartet werden). Das Bild geht nicht zu befestigen (ugs.
= kann nicht befestigt werden). Es gibt viel zu tun (= vieles muß getan werden).

;/) Ein Passiversatz ist ferner die Verbindung eines Nomen actionis
(vgl. 689) mit einem Richtungsverb, wobei letzteres in aktiver Form er¬
scheint :
Das Geschäft kam zum Abschluß (besser: wurde abgeschlossen). Die Bücher ge¬
langten zum Versand (besser: wurden versandt).

4, Die Aussageweise (Modus1)


112 Die allgemeine, normale und neutrale Art und Weise des Sprechenden,
über etwas auszusagen, ist die der Wirklichkeit. Sie ist „die Ruhelage
der Rede“ (Behaghel). Die Form des Verbs, die diese Wirklichkeit aus¬
drückt, nennt man Indikativ2 oder (nicht sehr glücklich verdeutscht)
„Wirklichkeitsform“3:
Peter liest ein Buch. Gisela hat das Abitur bestanden. Goethe wurde 1749 in Frankfurt
geboren. Er sagt, daß er kommt.
Alle diese Verbalformen bezeichnen die objektive Wirklichkeit der Aus¬
sage, eine sachliche Feststellung, die der Sprecher selbst vertritt. Die
Geschehnisse und Vorgänge finden statt, haben wirklich und tatsächlich
stattgefunden.
Es gibt aber für den Sprecher mancherlei Gründe, von der Wirklichkeits¬
form abzuweichen, einen geringeren Sicherheitsgrad der Aussage aus¬
zudrücken, das Geschehen subjektiv nach seinem eigenen Urteil zu bewer¬
ten, kurz: es „problematisch“ zu sehen:
1. die Notwendigkeit, einen Wunsch (der noch nicht Wirklichkeit
geworden ist) auszudrücken;
2. die Notwendigkeit, einen Befehl (der erst Wirklichkeit werden soll)
zu erteilen;
3. die Notwendigkeit, einen Aussageinhalt als zukünftig, als nur
möglich, als unsicher, ungewiß, unbestimmt, als nichtwirklich (irreal)
oder als nur bedingt (konditional) hinzustellen;
4. die Notwendigkeit, die Aussage eines anderen (der selbst nicht
gegenwärtig ist und daher nicht in der 1. Person sprechen kann)
wiederzugeben (indirekte Rede; vgl. 1160).

1 Lat. modus = Art und Weise (Plural: Modi).


2 Lat. indicare = anzeigen, [aus]sagen.
3 Daß die „Wirklichkeitsform“ nicht immer nur die „Wirklichkeit“ ausdrückt, sehen
wir später (vgl. 113).
Die Konjugation der Verben 119

Die Verbform, die fast alle diese Aufgaben übernommen hat, ist der
Konjunktiv1 oder die „Möglichkeitsform“ (eine Verdeutschung, die
nur eine Teilleistung des Konjunktivs kennzeichnet). Sie wird dabei nur
noch unterstützt durch die Befehlsform oder denlmperativ2, der dazu
dient, eine Mahnung, ein Verbot, einen Befehl auszudrücken, und ferner
durch gewisse Gebrauchsweisen des Indikativs. Wir haben also im
Deutschen drei Aussageweisen oder Modi: den Indikativ, den Konjunktiv
und den Imperativ.

a) Der Indikativ
a) Über Endungen, Personalformen und Zeitformen des Indikativs 113
vgl. 76; 139-157 u. 78-102.
ß) Die sprachliche Wirklichkeit ist nicht immer identisch mit der tat¬
sächlich vorhandenen. Der Sprecher kann bewußt oder unbewußt Nicht-
wirkliches als wirklich hinstellen:
Schnell sprang Rotkäppchen aus dem Bauche des Wolfes und die Großmutter auch
(Grimm).

y) Die Wirklichkeitsform steht nicht nur, wenn ein Sachverhalt festge¬


stellt wird, sondern auch, wenn er verneint, erfragt oder als Ausruf gefaßt
wird:
Feststellung: Ich gehe ins Theater.
Verneinung: Ich gehe nicht ins Theater.
Frage: Gehst du [nicht] ins Theater?
Ausruf: Wie schön ist das Theater!

ö) Die Wirklichkeitsform steht sehr häufig auch, wenn ein zukünftiges


(also noch gar nicht Wirklichkeit gewordenes) Geschehen ausgedrückt
werden soll (vgl. 82) oder eine Hypothese in sprichwörtliche Form ge¬
gossen wird:
Dann esse ich und gehe ins Bett (nach meiner Rückkehr). Wenn du das noch einmal
sagst, gebe ich dir eine Ohrfeige. Wer wagt, gewinnt.

e) Sie steht auch für etwas, was nur unter besonderen Bedingungen er¬
wogen wird, für eine bedingte Möglichkeit (vgl. 1109; 1150):
Wenn ich Geld habe, kaufe ich mir ein Faltboot.
Machte ich früher Lärm, so wurde die Pforte besetzt (Immermann).

£) Selten (dichterisch) für eine offensichtliche Nichtwirklichkeit:


Standen ihm damals nicht die Tröstungen der Religion zur Seite, er mußte verzwei¬
feln (Heine).

)]) Die Wirklichkeitsform kann, meist durch Hinzufügung bestimmter


Wörter oder Wortgruppen mit entsprechender Bedeutung bzw. durch
den Ton, modal eingeschränkt, subjektiv abgewandelt werden:
1. Vermutung, Wahrscheinlichkeit, Zweifel, Frage:
Präsens (vgl. 83): Er ist sicher zu Hause. Wahrscheinlich ist sie krank.
Meiner Meinung nach hast du dich hier geirrt.
1. Futur (vgl. 99): Das wird schon stimmen. Morgen wird vielleicht schöneres
Wetter sein.

1 Lat. conjunctivus = abhängig, hypothetisch.


* Lat. imperare — befehlen.
120 Das Verb

2. Futur (vgl. 101): Er wird es sicher gewesen sein. Wo werde ich schon
gewesen sein?
Perfekt (vgl. 88): Er ist doch nicht etwa ins Wasser gelallen?

2. Wille, Versicherung:
1. Futur (vgl. 99): Wir werden es bestimmt schaffen.

3. Aufforderung:
Präsens (vgl. 83): Du kommst mit! Kommst du bald!
1. Futur (vgl. 99): Du wirst jedenfalls mit uns gehen!

b) Der Konjunktiv

cc) Die Formen des Konjunktivs


Es gibt zwei einfache Konjunktivformen, die ohne Umschreibung vom
Verb selbst gebildet werden: den Konjunktiv Präsens und den Kon¬
junktiv Präteritum. Wir sprechen vom 1. und 2. Konjunktiv, ent¬
sprechend der 1. und 2. Stammform.

114 1. Über die Formen und die Endungen des Konjunktivs der starken
und schwachen Verben vgl. die Tabelle ZifF. 76. Viele von ihnen stimmen
mit denen des Indikativs überein. Die Auswertung des „e“ ist im
allgemeinen unstatthaft. Es kann nur dann wegfallen, wenn die Form
durch abweichende Bildung dem Indikativ gegenüber deutlich ab¬
gehoben ist (Umlaut im 2. Konjunktiv). Da aber diese Formen der
gewählten Sprache angehören, bleibt auch hier das „e“ oft erhalten
(nach Zischlauten, d oder t notwendigerweise:)
du schlüg[e]st, du tränk[e]st, ihr trtig[e]t, du läsest, du wüschest, ihr bändet,
du föchtest, du bötest.

115 2. Der 2. Konjunktiv der starken Verben mit nicht umlautfähigem


Stammvokal (i, ie) hat den gleichen Vokal wie der Indikativ:
Indikativ Prät.: er ging, rief, griff
2. Konjunktiv: er ginge, riefe, griffe

Verben mit umlautfähigem Stammvokal (a, o, u) haben jedoch im


2. Konjunktiv Umlaut:
Ind. Prät.: sangfen] Konj. Prät.: sänge[n]
Ind. Prät.: flog[en] Konj. Prät.: flöge[n]
Ind. Prät.: fuhr[en] Konj. Prät.: führe[n]

Da der Stammvokal im Plural des Indik. Prät. früher von dem des
Singulars ab wich, haben sich einige Konjunktivformen mit diesem
älteren Stammvokal erhalten. So erklären sich die Formen:

alt: würbe[nl trotz neu: warbfen]


würfeln] warf[en]
verdürbe [n] verdarb [en]
stürbe[n] starb [en]
beföhle [n], befahl[en]
schölte [n] schalte [n]
Die Konjugation der Verben 121

Bei einigen haben sich jüngere Konjunktivformen neben die älteren


gestellt:
Plur. Ind. Prät.: veraltet: hülfen stunden
heute: halfen standen
2. Konj.: älter: hülfe [n] stünde[n]
jünger: hälfe [n] stände [n]
Ebenso:
älter: schwömme [n] jünger: schwämmefn]
(diese Formen spönne [n] (diese Formen spänne [n]
richteten sich begönne [n] richten sich begänne [n]
nach dem empföhle [n] nach dem empfähle [n]
2. Partizip) sonne [n] Präteritum) sänne[n]
gölte[n] gälte[n]
rönne[n] ränne[n]

Die ältere Form wird dann noch gern gebraucht, wenn der jüngeren
im Präsens eine ähnlich lautende Indikativform zur Seite steht; z. B.
wird statt „hälfe“ lieber „hülfe“ gebraucht, weil „helfe“ mit „hälfe“
lautlich identisch ist.
3. Bei den Verben, deren Stammvokal im Indikativ der 2. und 3. Pers. 116
Sing. Präs. Akt. umlautet oder von e zu i wechselt (vgl. 144), entfällt
dieser Vokalwechsel im Konjunktiv:
2. u. 3. Pers. Sing. Ind. Präs. Akt.: du fällst er fällt
2. u. 3. Pers. Sing. 1. Konj. Akt.: du fallest er falle

4. Der 1. und der 2. Konjunktiv der schwachen Verben haben nie den 117
Umlaut. Deshalb ist die Form „bräuchte“, die man im Süden unseres
Vaterlandes vielfach hört, eigentlich nicht korrekt. Sie ist durch das
Bestreben entstanden, den Konjunktiv „brauchte“ gegenüber der
gleichlautenden Indikativform abzuheben:
Keiner wird mich künftig sehen,
der mich nicht wahrhaftig bräuchte! (Hans Carossa).

5. Der Konjunktiv der unregelmäßigen Verben zeigt ebenfalls Un- 118


regelmäßigkeiten:
a) So hat „hätte“ den Umlaut, obwohl „haben“ schwach ge¬
beugt wird.
b) Bei „rennen, nennen, kennen, brennen, senden, wenden“ be¬
wahren die Formen des 2. Konj. den Vokal des Präsens:
rennte usw., sendete, wendete.

c) Die Verben „bringen“ und „denken“ haben trotz schwacher


Beugung im 2. Konj. Vokalwechsel:
brächte, dächte.

d) Der 2. Konjunktiv von „stehen“ hat zwei Formen: eine ältere,


die auf den .alten Plural des Indikativs „stunden“ zurückgeht
(stünde) und eine jüngere, die sich von der dem Singular ange¬
glichenen Pluralform „standen“ ableitet (stände) (vgl. 115).
e) Zu den Indikativformen des Präsens von „sein“ (ich bin, du
bist, er ist, wir sind, ihr seid, sie sind) lauten die entsprechenden
Konjunktivformen „ich sei, du sei[e]st, er sei, wir seien, ihr seiet,
122 Das Verb

sie seien“. Der 2. Konj. lautet um: ich wäre, du wär[e]st, er wäre,
wir wären, ihr wär[e]t, sie wären. Ebenso bei ,,tun“: ich täte, du
tätest, er täte, wir täten, ihr tätet, sie täten.
f) Der Konjunktiv der Modalverben hat (außer bei „sollen“)
Umlaut bzw. Ablaut:
Ind. Präs.: ich kann, darf, mag, muß, soll
1. Konj.: ich könne, dürfe, möge, müsse, solle
Ind. Prät.: ich konnte, durfte, mochte, mußte, sollte
2. Konj.: ich könnte, dürfte, möchte, müßte, sollte
Ebenso „wissen“:
Ind. Präs.: ich weiß 1. Konj.: ich wisse
Ind. Prät.: ich wußte 2. Konj.: ich wüßte
„Wollen“ bildet den Konjunktiv wie die schwachen Verben:
1. Konj.: ich wolle 2. Konj.: ich wollte

ß) Die gedanklichen Inhalte (Bedeutungen) des Konjunktivs


Die Bedeutungen des Konjunktivs im Hauptsatz zeigt folgende Über¬
sicht. Über die Bedeutungen des Konjunktivs im Gliedsatz vgl. 1108 ff.
Der Konjunktiv erscheint im Hauptsatz:
1. Bei einem Wunsch (voluntativ, optativ1): .
119 a) bei einer Bitte oder einem Wunsch, der in eine Aufforderung,
einen Befehl übergehen kann (imperativisch), als 1. Konjunktiv.
Er tritt in der 1. und 3. Person auf, da für die 2. der lipperativ
(vgl. 128ff.) eintritt. Die Erfüllung wird als möglich betrachtet:
Seien Sic bitte so freundlich: Kdcl sei
der Mensch, hilfreich und gut! (Goethe). Geheiligt ivenle dein Name!
Er lebe hoch! Das bleibe dahingestellt! Grüß' Gott! Gesteh' ich’s nur!
(Goethe). Hoffen wir es!
Dabei stimmen die 1. Pers. JSing. und Plur. mit dem Indikativ
lautlich überein. Der Konjunktiv wird aber deutlich durch die
Wortstellung (Subjekt stehfc nach dem Prädikat; vgl. 1210,4).
Die Aufforderung in der 3. Pers. Sing, unter Verwendung des
Personalpronomens ist veraltet:
Höre Sie, Mamsell! (Schiller). Er sei uns willkommen!
Die Aufforderung in der 3. Pers. Plur. wird heute nur als Anrede
für eine Person gebraucht, die man nicht duzt. Die Form stimmt
lautlich mit dem Indikativ überein:
Schweigen Sie! Nehmen Sie bitte Platz!
Ersatz durch Modalverben:
Das wolle Gott verhüten! (Schiller).
Laßt (Imperativ!) uns gehen!

120 b) Der Wunsch oder die Aufforderung treten hinter einem Zu¬
geständnis, einer Einräumung zurück (konzessiv2).
Es steht der 1. Konjunktiv:
Nun, so sei es! Sei es denn so . . . (Th. Mann). Es komme, was wolle.

1 Lat. voluntas = der Wunsch; lat. optare = wünschen.


2 Lat. concessus = zugestanden.
Die Konjugation der Verben 123

Ersatz durch Modalverben:


Möge (auch Indikativ: mag) kommen, was da wolle? Dann mag (Indikativ!)
der Strom der wildbewegten Welt ans sichre Ufer dieser Berge schlagen!
(Schiller).

c) Die Erfüllung des Wunsches wird als unmöglich oder als weit- 121
gehend unbeeinflußbar betrachtet (irreal). Es stehen die Kon¬
junktivformen der Vergangenheit (der 2. Konjunktiv für die Ge¬
genwart, der Konj. Plusq. für die Vergangenheit):
Hätte er doch noch länger gelebt!
Ersatz durch Modalverben:
Möchte er cs doch endlich einsehen ! Könnten wir Euch nur einmal besuchen!

2. Bei Unbestimmtheit, Möglichkeit, Zweifel, Nicht¬


wirklichkeit (hypothetisch). Es stehen im allgemeinen die Kon¬
junktivformen der Vergangenheit (der 2. Konjunktiv für die Gegen¬
wart, der Konj. Plusq. für die Vergangenheit). Die Bedeutungen
dieser Konjunktive gehen leicht ineinander über.
ä) Bei Unbestimmtheit. Die Tatsachen (besonders auch 122
Wünsche) werden vorsichtig, diplomatisch, höflich, bescheiden im
Unbestimmten gelassen. Der Indikativ ist in solchen Fällen
härter, schroffer:
Ich vninschte, daß Sie nachgäben. (Indikativ: Ich wünsche, daß Sie nach¬
geben). Ich ivollte, es regnete! Das wüßte ich nicht zu sagen. So iväre es
vielleicht besser. Ich ivürde es Ihnen empfehlen. Ich hätte (möchte) gerne
eine Tafel Schokolade. Ich dächte doch! (Lessing). Dazu bedürfte es eines
Vorwandes (St. Zweig).
Beachte:
Dieser Konjunktiv steht auch bei Feststellung eines mühsam erreichten Er¬
gebnisses, obwohl es sich hier doch um eine objektive Tatsache handelt:
Da wären ( = sind) wir endlich. Das iväre ( —- ist) getan. Das hätten ( = haben)
wir endlich überstanden!
Die Erklärung dieser merkwürdigen Verwendung des Konjunktivs liegt viel- '
leicht in der Vorstellung des Sprechers: Da sind wir. Es wäre aber schön, wenn
wir noch weiter wären. Der Gedanke an diese irreale Bedingung tritt schon bei
Feststellung der Tatsache ins Bewußtsein. Die Vorstellung des endgültig Er¬
strebten fehlt. Das erreichte Ergebnis wird daher als unsicher hingestellt.
Ersatz durch Modalverben:
Das möchte schwer ,:u erweisen sein (Schiller). Freilich dürfte noch der Um¬
stand bleiben . . . (G. Keller). Sollte ich mich denn so sehr irren ? (Tieck).
Das könnte gehen.
Vgl. Börne: ,,Die Konjunktive .könnte* und .möchte* machen uns nicht irre,
das ist diplomatischer Stil.“

b) Bei einer Möglichkeit (potential). Der Inhalt des Satzes 123


wird als nur möglicherweise eintretend angesehen. Dies gibt ihm
oft futurische Bedeutung:
Du wärst bestimmt ein guter Beamter! Er hätte auf einem Maskenball er¬
scheinen können.
Ersatz durch Modalverben:
Es dürfte bald schneien. Es sollte doch möglich sein. Es möchte gegen neun
Uhr abends sein.
124 Das Verb

124 c) Bei einem Zweifel, einer Frage (dubitativ1). Die Frage kann
rein rhetorisch und zum zweifelnden Ausruf werden (der Indikativ
ist in allen Fällen möglich):
Das hättest du getan * Du wärst so falsch geweseni (Schiller).

Ersatz durch Modalverben:


Sollte er wirklich schon fort sein? Wer möchte dem Helden der Tragödie
« Fehler anwünschen ? (Lessing).

125 d) Bei Nicht Wirklichkeit des Ausgesagten (irreal):


Ich wäre gerne gekommen, aber ich hatte keine Zeit. Beinahe hätte ich dich
nicht erkannt. Es wäre vernünftiger gewesen, das Geld zu sparen.
Hierher gehört auch der konditionale Konjunktiv einer Aussage,
die nur unter einer bestimmten Bedingung Wirklichkeit geworden
wäre:
Ohne seine Beziehungen wäre er nicht Minister geworden. Das täte ich nicht
(wenn ich an seiner Stelle wäre). Mit deiner Hilfe hätte ich mein Ziel erreicht.
Ersatz durch Modalverben:
Häufig sind Umschreibungen mit „sollen, müssen, können“ zur
Angabe eines notwendigen oder möglichen Verhaltens, das nicht
eingetreten ist:
Nie hätte meine Andacht inniger .. . sein sollen als heute; nie ist sie weniger
gewesen, was sie sein sollte (Lessing). Man hätte vorsichtig sein müssen.

y) Die Umschreibung des 2. Konjunktivs im Hauptsatz


(Zur Umschreibung im Gliedsatz vgl. 1115).
126 Der 2. Konjunktiv, der besonders in potentialer, hypothetischer (irrealer)
und diplomatischer Bedeutung gebraucht wird, kann in vielen Fällen
durch Umschreibungen ersetzt werden:
1. Die wichtigste Umschreibung ist die mit „würde“ + Infinitiv.
Sie wird „Konditional“ (Bedingungsform) genannt, wenn sie im be¬
dingten Hauptsatz steht2 (vgl. Ziff. 76, S. 101 u. S. 103):
Ich würde fliegen, wenn ich so wenig Zeit hätte. Es stellte nur neue Anforderungen
an sein Herz und würde ihn während des ganzen Vortrags in Atem halten
(Th. Mann). Würden Sie mir bitte den Mantel halten? Ich würde raten, die alten
Strohsessel nicht etwa hinweg zu tun (G. Keller).
Die einfachen Konjunktivformen werden in der lebendigen Alltagssprache bereits
in großem Umfang mit „würde“ + Infinitiv umschrieben, weil sie als altertümlich
oder als gekünstelt, als geziert empfunden werden. Ein weiterer Grund ist der, daß
viele starke 2. Konjunktive sich lautlich vom Präsens kaum unterscheiden (sähe -
sehe, läse - lese, träte - trete) und die 2. Konjunktive der schwachen Verben sogar
völlig mit dem Indikativ übereinstimmen (lernte, baute, lebte, förderte). Das Be¬
dürfnis nach Deutlichkeit läßt daher den Sprecher nach der umschriebenen Form
greifen. Im bedingten Hauptsatz ist die Umschreibung heute das Übliche (wo die
einfache Form noch verwendet wird, geschieht es in teilweise bewußter Weiter¬
führung alten Gebrauches):
Wenn ich flöhe, würde ich meine Freiheit gewinnen.
Der Liebhaber klanglich schöner und historisch ehrwürdiger Sprachformen wird
die überall im Vorrücken begriffene, für ihn farblose und aufschwemmende Um-

1 Lat. dubitare = zweifeln.


a Dieser Gebrauch reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück.
Die Konjugation der Verben 125

Schreibung mit „würde“ + Infinitiv ablehnen, er kann aber nicht leugnen, daß sich
die einfachen Konjunktivformen auf dem Rückzug befinden. Eine Grammatik der
deutschen Gegenwartssprache muß dieser Entwicklung gerecht werden.
Die 2. Konjunktive der Hilfsverben „haben“ und „sein“ (hätte, wäre), der Modal¬
verben (müßte, könnte, dürfte, möchte, sollte, wollte; vgl. Abschnitt 2) sowie der
umgangssprachlich viel gebrauchte 2. Konjunktiv „täte“ (vgl. 118, e) widerstehen
im allgemeinen der Umschreibung durch „würde“ + Infinitiv, weil sie selbst schon
Mittel der Umschreibung sind. Die Fügung würde dann zu schwerfällig. Die Um¬
schreibung von „hätte“ und „wäre“ kommt in der Literatursprache allerdings vor,
besonders um störende Gleichklänge mit einem „hätte“ oder „wäre“ des Gliedsatzes
zu vermeiden;
... nie würde ich in diesem Hause eine ruhige Stunde haben (St. Zweig). .. . nie¬
mand, der sie gesehen hätte, würde geahnt haben (statt: hätte geahnt), wie Be¬
deutendes es damit auf sich hatte (Th. Mann). . .. und ein Boot würde auch
bereit sein (Raabe).
Aber:
Es dürfte (sollte) kein Zweifel darüber herrschen ... Ugs.: Ich täte mich be¬
schweren. .. . denn trinken täten sie alle, Freunde und Feinde (Freytag). Gern
täte ich ihn ablösen (H. Carossa).

2. Der 2. Konjunktiv kann auch mit Modalverben umschrieben


werden. Vgl. hierzu die entsprechenden Beispiele 119-125.

<f) Das Tempus des Konjunktivs im Hauptsatz


Die eigentliche Leistung des Konjunktivs ist die Aussageweise (der Mo- 127
dus). Der Ausdruck der Zeitverhältnisse, wie wir sie in den Kapiteln 78 ff.
kennengelemt haben, tritt bei ihm völlig zurück. (Der Verlust der Zeit¬
funktion geht bis ins Mittelhochdeutsche zurück.) Dagegen unter¬
scheiden sich die Konjunktivformen der Gegenwart von denen der Ver¬
gangenheit in ihrer modalen Bedeutung, wie aus Ziff. 119ff. hervorgeht.
Die Konjunktivformen der Gegenwart drücken im allgemeinen aus, daß
die Aussage der Verwirklichung näher steht als bei den Konjunktiv¬
formen der Vergangenheit, die die Verwirklichung entweder ganz aus¬
schließen oder in den Bereich der bloßen Vorstellung, des nur Denk¬
möglichen rücken. Aus den Ziff. 119 ff. geht weiter hervor, daß der
1. Konj. gegenüber dem 2. Konj. weit seltener ist. Im Haupt- wie im
Gliedsatz hat in der Tat im Neuhochdeutschen der 2. Konj. sein Gebiet,
im Vergleich zu früheren Sprachperioden, beträchtlich erweitert.

c) Der Imperativ (Befehlsform)


Der Imperativ1 drückt keine objektive, sondern eine subjektive, vom 128
Willen einer Person abhängige Notwendigkeit aus: eine Bitte, einen Rat,
eine Aufmunterung, eine Aufforderung, einen Befehl, eine Mahnung,
eine Warnung, eine Drohung, ein Verbot usw. Seine Formen werden aus
dem Präsens abgeleitet. Sie haben kein besonderes Moduszeichen. Sie
beziehen sich, da der Befehl einen Partner voraussetzt, immer nur auf
die 2. (angerejiete) Person im Singular und im Plural2 und gelten als

1 Lat. imperare = befehlen.


* Die Aufforderung an die eigene' Person (im Singular wie im Plural) wird durch den
Konjunktiv ausgedrückt (vgl. 119).
126 Das Verb

ganzer [Haupt]satz. In ihnen ist Geschehen und Geschehensträger in


einer Verbform vereinigt:
Geh, gehorche meinen Winken, nutze deine jungen Tage, lerne zeitig klüger sein!
(Goethe). Windet zum Kranze die goldenen Ähren, flechtet auch blaue Zyanen
hinein! (Schiller),
129 Der Imperativ des Passivs wird meist mit „sein“, seltener mit „werden“
gebildet (vgl. 10, Beachte 5) :
Sei mir gegrüßt, mein Berg, mit dem rötlich strahlenden Gipfel! (Schiller). Werde
gegrüßt, schönes Amalfl, dreimal werde gegrüßt! (Platen).
130 Da der Aufgeforderte stets gegenwärtiger, unmittelbarer Partner ist,
genügt meist die Form ohne Personenangabe. Die Person wird nur dann
gesetzt, wenn sie besonders herausgehoben werden soll:
Kümmere du dich um deine Angelegenheiten! Sprich du mit ihm, mir graut in seiner
Nähe! (Schiller). Landsmann, tröstet Ihr mein Weib, wenn mir was Menschliches
begegnet. .. (Schiller).
131 Da ein Befehl nur in der gegenwärtig bestehenden Sprechsituation sinn¬
voll ist, gibt es eigentlich keinen Imperativ der Vergangenheit. Er ist
aber von Dichtern zu bilden versucht worden:
In die Ecke! Besen, Besen, seid's gewesen! (Goethe). Habt Euch vorher wohl prä¬
pariert, Paragraphos wohl einstudiert! (Goethe).
132 Die Imperative vieler Verben treten nur oder fast nur in der Verneinung
auf, weil diese Verben selbst schon negative Bedeutung haben und eine
positive Aufforderung der Moral oder der. Logik widerspräche:
stiehl nicht!; beschädige die Uhr nicht!; verschluck dich nicht!
Die Imperative mancher Verben werden überhaupt nicht verwendet,
weil eine Aufforderung in diesen Fällen entweder unlogisch oder un¬
üblich ist. Zu diesen Verben gehören: gelten, geraten, kennen, kriegen,
bekommen, vermissen, Wiedersehen, wohnen u. a. und die unpersön¬
lichen Verben: es regnet, es schneit, es geschieht u. a.
In der Märchen- und Dichtersprache gibt es davon manche Ausnahmen.

Die Formen des Imperativs

133 1. In der 2. Pers. Sing, steht bei den meisten Verben (starken wie
schwachen) in gehobener Sprache in der Endung ein „e“ (Ausnahmen
s. unten):
trinke! wasche! biete! gehe!
In der Umgangssprache fällt das Endungs-e gewöhnlich weg:
trink! wasch! biet! geh!
Aus Gründen des Versmaßes und des Satzrhythmus fällt das „e“ aber
auch in der Schriftsprache nicht selten weg. Vergleiche:
Geh, ich bitte dich, gehe und quäle mich nicht länger! (Baabe).
Das „e“ muß stehen bei den schwachen Verben auf -em, -ein und
-nen (sofern diesen Endungen ein Konsonant vorausgeht):
fördere! handele! zeichne! trockne ab! leugne nicht!
Das „e“ der Bildungssilbe (-el-, -er-) kann jedoch ausfallen, wobei die
Verben auf -ein dem Ausfall leichter zugänglich sind:
handle! sammle! fördre!
Die Konjugation der Verben 127

Starke Verben, deren 2. und 3. Person Sing. Indik. Präs. Akt. dem 134
e (ä, ö)/i-Wechsel unterliegen (vgl. 144), haben im allgemeinen ihren
Imperativ unter Ausfall der Endung „e“ dem i (ie) dieser Personal¬
formen angeglichen:
lies! (du liest); wirf! (du wirfst); birg! stirb! verdirb! sprich! iß! miß! vergiß!
nimm! hilf! quilfl gib! schilt! wirb! sieh! (nur bei Verweisungen in Büchern
und als Ausruf auch: siehe!).

Wenn Klassiker wie Goethe oder Herder die dem Infinitiv ange¬
glichenen Formen mit „e“ (trete, verspreche, schelte, nehme usw.)
gebrauchen, so ist dies aus dem noch nicht fest gewordenen Gebrauch
zu erklären. Heine und Börne gebrauchen sie sogar ausschließlich.
Auch die heutige Umgangssprache bevorzugt sie, sie gelten aber als
nicht schriftsprachlich. Eine Ausnahme von dieser Regel ist „werde!“
(vgl. 156).
Bei einigen Verben ist das „e“ eingedrungen, weil sie zur schwachen
Konjugation neigen oder weil der alte Imperativ unüblich geworden
ist:
schere! (nicht mehr: schier!), melke! (nicht mehr: milk!), schwäre! (nicht mehr:
schwier!), gebäre! (kaum mehr: gebier 1).

Unterscheide bei stark oder schwach konjugierten Verben:


Erschrick nicht!, aber: Erschrecke ihn nicht! Quill empor!, aber: Quelle die
Bohnen! Schmilz!, aber: Schmelze das EisenJ Schwill!, aber: Schwelle den
. Umfang nicht so auf! Lisch aus, mein Licht! (Bürger), aber : Lösche das Feuer!

2. Die 2. Pers. Plur. stimmt mit der 2. Pers. Plur. Indik. Präs. Akt. 135
überein:
ihr geht — geht!

Im Normalfall und nach Zischlauten fällt das Endungs-e heute ge¬


wöhnlich weg. In der alten und in der poetischen Sprache ist es er¬
halten; nach d oder t und bei sonst schwer aussprechbaren Buch¬
stabenverbindungen muß es stehen:
bindeil, rettet!, öffnet!

3. Der Imperativ von „sein“ ist aus der Konjunktivform gebildet: 136
sei!, seid! (zur Schreibung mit ,,d“ vgl. 154, 1).

Die Präteritopräsentia (vgl. 157; außer „wissen“) haben keinen Impe¬


rativ. Der Imperativ von „wollen” (Wolle nur!) kommt selten vor.

4. Umschreibungen des Imperativs mit Modalverben: 137


a) Mit „sollen“ (mehr subjektive Notwendigkeit, Aufforderung):
Du sollst still sein!

b) Mit „müssen“ (mehr objektive Notwendigkeit, Zwang, Gebot):


Du mußt jetzt still sein!

c) Mit „lassen“ (zulassende Aufforderung):


Laß uns tanzen 1 Laßt uns gehen! Laß dich ja nicht wieder sehen!

d) Mit „wollen“ (willensmäßig bestimmte Aufforderung):


Wir wollen lieber zu Fuß gehen! Wollt ihr endlich still sein!
128 Das Verb

e) Mit „dürfen“ (mehr moralisch gefärbte Aufforderung):


Ihr dürft nicht so laut schreien!

f) Mit „mögen“ (wünschende Aufforderung):


Mögest du den ersten Schritt tun!

138 Andere sprachliche Möglichkeiten, einen Befehl aus¬


zudrücken, sind :
1. Die 1. Pers. Sing. Indik. Präs.:
Ich bekomme Rumpsteak mit Salat! (zum Kellner gesprochen).
2. Die 2. Pers. Sing, und Plur. des Indik. Präs. (vgl. 83) als Ausruf oder Frage:
Du siehst dich vor! Du gehst jetzt l Kommt ihr bald ?
3. Die 1. Pers. Plur. Indik. Präs, (zu einem Partner gesprochen; vgl. 424):
Wir sehen uns jetzt immer vor, nicht wahr, Peter? Wir tun so etwas nicht
wieder, Hans I
4. Die 3. Pers. Plur. Indik. Präs.:
Sie sind so nett und nehmen hier Platz I
5. Die 2. Pers. Sing, und Plur. des Futurs (vgl. 99) als Ausruf oder Frage:
Du wirst dich vorsehen! Wirst du still sein! Ihr werdet Euch hüten!
6. Die 3. Pers. Sing, und Plur. des 1. Konj. (vgl. 119):
Er sehe sich vor! Er komme! Man nehme drei Eier ... ! Seien Sie still!
7. Der Infinitiv mit „zu“ + „haben“ oder „sein“ (vgl. 1013):
Du hast dich vorzusehen! Die Tür ist sofort zu öffnen!
8. Das unpersönliche Passiv (vgl. 107; 109):
Jetzt wird sich vorgesehen! Jetzt wird geschlafen!
9. Der Infinitiv (elliptisch):
Vorsehen! (Mit Unterdrückung des Reflexivpronomens). Nur nicht weich
werden! Antreten! Langsam fahren! Einsteigen!
10. Das 2. Partizip (die Aufforderung wird als vollendet betrachtet):
Vorgesehen! (Mit Unterdrückung des Reflexivpronomens). Stillgestanden!
Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessenl (Hölty).
11. Ein einzelnes Substantiv, Adjektiv oder Adverb (elliptisch):
[Übt] Vorsicht! [Gebt] Achtung! [Seid, verhaltet euch] Vorsichtig! Vorwärts
[gegangen]! Schneller!
12. Ein Gliedsatz:
Daß ihr euch ja vor seht! Wenn du das noch einmal tust!
13. Ein Satzgefüge mit einem Verb des Aufforderns:
Ich wünsche (verlange, fordere), daß das geschieht!

5. Finite und infinite Formen


Person und Zahl (Numerus)

139 Wie wir Ziff. 866 sehen werden, zwingt das Substantiv (oder dessen
Stellvertreter) in der Rolle als Subjekt dem Verb Person und Zahl auf:
ich erwache, das Kind erwach*, du erwachs*, die Kinder erwache», das Kind ist er¬
wacht.
Verbformen, die in dieser Weise Person und Zahl enthalten, heißen
finite1 (bestimmte) Formen des Verbs oder auch Personalformen.

1 Lat. finitus = bestimmt, inffniius = unbestimmt.


Die Konjugation der Verben 129

Verbformen, die weder Person noch Zahl enthalten, die deshalb auch
keiner satzbildenden Aussage fähig sind, nennt man demgegenüber
infinit (unbestimmt):
erwachen, erwachend, erwacht.

a) Die finiten Verbformen


a) Der Bestand an finiten Formen

Das Verb besitzt für die drei Personen des Subjekts Personalformen in 140
der Einzahl und in der Mehrzahl durch alle Zeiten (Tempora; vgl. hierzu
die Tabellen Ziff. 76):
1. für die sprechende (erste) Person:
ich erwache, erwachte, wir erwachen, erwachten; ich bin erwacht.

2. für die angesprochene (zweite) Person:


du erwachs«, erwachtes«, ihr erwach«, erwach«e«; ihr seid erwacht.

3. für die besprochene (dritte) Person bzw. Sache:


er, sie, es, das Kind erwach«, erwach«e; sie, die Kinder sind erwacht.

ß) Der Verwendungsbereich der finiten Formen

Nur wenn der Mensch oder ein personifiziertes Wesen bzw. Ding als 141
Subjekt stehen, können alle finiten Formen ins Spiel kommen:
Ich komme, wir kommen u. a. In der Fabel: ,,Das wäre was für uns“, sprach der
Hahn (Grimm).
Dagegen ist das unbekannte „es“ auf die dritte Person Singular be¬
schränkt (vgl. hierzu auch Ziff. 843):
es donner«, blitz«, regne«.
Alles, was zwischen dem Menschen und dem unbekannten „es“ steht,
kann nur in der dritten Person Singular und — wenn möglich — auch in
der 3. Person Plural erscheinen:
Das Wasser rausch«. Die Wasser rauschen. Das Unglück ereigne«e sich um drei Uhr.
An dieser Straßenkreuzung ereignen sich viele Unglücke. Das verdroß mich.

y) Bemerkungen zu einzelnen Personalformen der starken Verben

1. Pers. Sing. Indik. Präs. Akt. 142


Das ,,e“ der Endung fällt bei starken (und schwachen) Verben nur in der Mundart, in
der Umgangssprache und in poetischer Sprache weg:
Ich schreib’ dir bald. Ich wohn’ in einem steinernen Haus (Schiller). Meinen Posten
halt’ ich (Raabe).
Schriftsprachlich bleibt es erhalten.
2. und 3. Pers. Sing. Indik. Präs. Akt. 143
Bei den Verben mit dem Stammvokal a, au, o tritt Umlaut ein:
fallen, du fällst, er fällt; laufen, du läufst, er läuft; stoßen, du stößt, er stößt.
Ausnahmen: schaffen, hauen, saugen, schnauben, kommen.
Das ursprünglich schwache Verb ,,[ein]laden“ = zum Kommen auffordern ist in die
starke Konjugation übergetreten (du lädst, er lädt [ein]), man trifft aber noch öfter die
schwachen unumgelauteten Formen (du ladest, er ladet [ein]). Sie gelten nicht mehr als
korrekt.
130 Das Verb

Da „fragen“ schriftsprachlich nur noch schwach gebeugt wird, sind die starken Formen
„du frägst, er frägt“ (frag) nicht korrekt, auch wenn sie, besonders in Norddeutschland,
öfter gebraucht werden.
144 Die Verben mit dem Stammvokal e (ä, ö) haben ein i (ie). Man nennt diese Erscheinung
e/i- Wechsel (vgl. die betreffenden Verben in der Liste Ziff. 74):
geben, du gibst, er gibt; gebären, du gebierst, sie gebiert; erlöschen, du erlischst,
es erlischt.
Den e/i-Wechsel aufgegeben oder nie gehabt haben u. a. „bewegen, denken, gären,
stecken, weben** und die unregelmäßigen Verben „gehen“ und „stehen“.
Der Wegfall des „e“ in der 2. und 3. Pers. Sing. Ind. Präs., in der 2. Pers. Plur. Ind.
Präs., in der 2. Pers. Sing. Ind. Prät., in der 2. Pers. Plur. Ind. Prät. Akt.:
145 1. Im Normalfall fällt heute das „e“ in den obengenannten Formen weg:
du trinkst, er trinkt^; ihr trinkt; du trankst, ihr trankt.
Das „e“ in diesen Formen ist entweder veraltet oder poetisch, vom Standpunkt der
Umgangssprache aus geziert:
Wer allzu eifrig bekräftigt sein Versprechen, beweiset dir damit den Willen,
es zu brechen (Rückert). Drin liegst du, wie du starbest (Uhland).
146 2. Bei Verben mit Vokalwechsel fällt das ,,e“ in der 2. und 3. Pers. Sing. Ind. Präs,
weg:
du fällst, er fällt; du gibst, er gibt; du fichtst, er ficht (für: flehtt).
147 3. Nach Zischlauten (s, ß, sch, z, tz) ist es unterschiedlich:
In den Präsensformen fällt das -e- oder -es- heute gewöhnlich weg:
du liest (für: liesest), ihr lest (für: leset), du reißt (für: reißest), ihr reißt (für:
reißet), du wäschst (Vokalwechsel!), ihr wascht (für: waschet).
Die Formen mit „e“ gelten als veraltet, poetisch oder geziert:
Wenn du der Stunde dienst, beherrschest du die Zeit (Rückert). ... doch nur
die Anmut sieget (Schiller).
Der Ausfall des „s“ nach „sch“ in Fällen wie „du wäscht“ wird als allzu unge¬
zwungen schriftsprachlich vermieden.
In der 2. Pers. Sing. Ind. Prät. bleibt das „e“ nach Zischlauten meist erhalten:
du lasest, du rissest, du wuschest.
In der 2. Pers. Plur. Ind. Prät. kann es wegfallen:
ihr las[e]t, ihr risset (rißt), ihr wusch[e]t.
148 4. Nach d oder t bleibt in den Präsensformen das „e“ erhalten, wenn kein Vokal¬
wechsel stattflndet:
du findest, du bietest; er findet, er bietet; ihr findet, ihr bietet.
In der 2. Pers. Sing. Ind. Prät. bleibt es nur in ge wählt er‘Sprache erhalten:
du fandst (du fandest), du botst (du botest).
In der 2. Pers. Plur. Ind. Prät. muß es aus lautlichen (gründen erhalten bleiben:
ihr fandet, ihr botet.
149 Das „e“ der Endung -en (1. und 3. Pers. Plur. im Ind. und Konj. des Präsens und des
Präteritums Akt.) kann nach Vokal oder h wegfallen, wenn Versmaß oder Satzrhythmus
es erfordern. Die Umgangssprache bevorzugt diese synkopierten Formen:
wir, sie schrein, schrien; wir, sie fliehn, flohn. ^

<f) Bemerkungen zu einzelnen Personalformen der schwachen Verben

150 Der Stammvokal der schwachen Verben bleibt unverändert. Die Endungen der
Personalfonnen entsprechen denen der starken, außer in der 1. und 3. Pers. Sing. Prät.:
ich suchte, er suchte.
Die Konjugation dev Verben 131

Das „e“ dieser Endung kann nur in dichterischer Sprache oder in süddeutscher Um¬
gangssprache wegfallen:
einen vergänglichen Tag lebt* ich und wuchs ihit den Meinen (Hölderlin).
Eine kleinere Gruppe wirft das ,,e“ zwischen Stamm und Endung nicht aus. Es sind 151
Verben, deren Stamm auf d, t, m, n ausgeht':
badete (aber: fragte), betete, wettete, hustete, geachtet (aber: gefragt), atmete,
leugnete.
Der sonstige Wegfall des „e“ vollzieht sich im allgemeinen wie bei den starken Verben
(vgl. 142; 145; 147 [Präsensformen]; 149 [Präsens]). Verben, deren Infinitiv.auf -ein,
-ern ausgeht (sammeln, ändern), werfen vor st, t und n das Endungs-e aus:
du sammelst (Indikativ und Konjunktiv 1), er, ihr sammelt; du änderst, er, ihr
ändert; wir, sie sammeln; wir, sie ändern.
In der 1. Pers. Sing. Ind. Präs, wird bei den mit -ein gebildeten Verben das „e“ dieser
Bildungssilbe häufiger ausgeworfen (ich sammle) als bei den mit -em gebildeten (ich
ändre).

6) Bemerkungen zu einzelnen Personalformen der unregelmäßigen Verben


Trotz schwacher Beugung ändert sich der Stammvokal bei den Verben „rennen, nennen, 152
kennen, brennen“:
renne, rannte, gerannt; nenne, nannte, genannt.
Bei „senden“ und „wenden“ stehen daneben Formen, die den Vokal des Präsens be¬
wahren :
sende, sandte oder sendete, gesandt oder gesendet; wende, wandte oder wendete,
gewandt oder gewendet.
Die heutige Sprache drängt darauf, diese Formen auph in der Bedeutung zu differen¬
zieren. Es heißt z. B. nur:
Der Schneider hat den Bock gewendet. Der Bundfunk hat ein Hörspiel gesendet.
Aber noch:
Er sandte oder sendete einen B|Oten. Ein Bote wurde; gesandt oder gesendet. Das Glück
wandte oder wendete sich, hat sich gewandt oder gewendet.
Die Verben „bringen, denken, dünken“ haben trotz schwacher Beugung Wechsel des 153
Stammvokals und Veränderung des Stammauslautkonsonanten:
bringe, brachte, gebracht; denke, dacAte, gedacAt; dünken, deucAte, gedeucAt (da¬
neben die regelmäßigen Formen: dünkte, gedünkt).
Die Verben „gehen, stehen, sein, tun, wollen“ sind ganz unregelmäßig: 154
gehe, ging, gegangen; stehe, stand, gestanden; (sein) bin, war, gewesen; tue, tat,
getan.
1. Die 2. Pers. Plur. Ind. Präs, sowie die 2. Pers. Plur. des Imperativs von „sein“
haben statt der lautgesetzlichen Endung auf -t (seit) zur Unterscheidung von der
gleichlautenden Partikel „seit“ ein d erhalten: ihr seid, seid!
2. Im Präs. Ind. wurde früher bei bestimmten Personalformen von „tun“ in Analo¬
gie zu anderen Verben ein „e“ eingeschoben, ebenso im Infinitiv:
ich tu[e], du tust, er tut; wir tu[e]n, ihr tu[e]t, sie tu[e]n; Infinitiv: tu[e]n.
Diese Formen sind bis auf die 1. Person (ich tue) unüblich geworden. Auch der
Imperativ steht meist ohne „e“: tu! Der alte Ind. Prät. „täte“ kommt noch in der
Dichtung vor:
Die Augen täten ihm sinken (Goethe). Er tät’ nur spöttisch um sich [blicken
(Uhland).
3. Bei dem schwach beugenden „wollen“ sind nur die Personalfprmen des Sing, im
Präsens Ind. unregelmäßig:
ich will, du willst, er will.
132 Das Verb

155 Die Unregelmäßigkeit des Verbs „haben“ beruht auf seinen zusammengezogenen
Formen:
Präs. Ind.: du hast (für: ha[be]st), er hat (für: ha[be]t); Prät. Ind.: hatte (für:
h&[be]te).
Die regelmäßigen Formen werden in „sich gehaben“ und „handhaben“ noch gebildet.
156 Das Verb „werden“ geht nach der starken Beugung bis auf drei Abweichungen:
2. Pers. Sing. Präs. Ind.: du wirst (für: wir[de]st)
3. Pers. Sing. Präs. Ind.: er wird (für: wirdt)
2. Pers. Sing. Imperativ: werde! (für: wird!)
Im Sing. Prät. hat sich die ursprünglich starke Form ich „ward“, du „wardst“, er „ward“
an den Plural „wurden“ angeglichen und die Endung „e“ des schwachen Prät. ange¬
nommen (wurde). Die älteren Formen werden noch gelegentlich von Dichtern und
Schriftstellern gebraucht. Aus der Umgangssprache sind sie ganz geschwunden :
Der kleine, sorgfältig gezeichnete Wäscheschatz . . . ward von Schalleen aufs beste
betreut (Th. Mann).
157 Das Präsens der Modalverben „können, dürfen, sollen, mögen, müssen“ und das Voll¬
verb „wissen“ (kann, darf, soll, mag, muß, weiß) ist eigentlich ein früheres, in Ver¬
gessenheit geratenes starkes Präteritum, dessen neue Vergangenheitsformen schwach
beugten (konnte, durfte, sollte, mochte, mußte, wußte). Dazu trat auch ein schwach
gebeugtes 2. Partizip (gekonnt, gedurft, gesollt, gemocht, gemußt, gewußt). Diese
Verben heißen deshalb „Präteritopräsentia“.
Im Präsens unterscheiden sich bei „können, dürfen, mögen“ und bei „wissen“ Einzahl
und Mehrzahl in ihrem Stammvokal:
ich kann, darf, mag, weiß; aber: wir können, dürfen, mögen, wissen.
Das „e“ der Präteritümendung fällt umgangssprachlich gelegentlich weg (vgl. 150):
was soll*’ ich denn sonst auch wohl tun ? (Th. Mann). Da möch<’ ich doch wetten
(ders.).

b) Di© infiniten Verbformen


158 Die drei infiniten Verbformen (erwachen, erwachend, erwacht) können
im Gegensatz zu den finiten Formen für sich allein kein Prädikat bilden
(vgl. 139). Dafür sind sie (wiederum im Gegensatz zu den finiten Formen,
die syntaktisch nur Prädikat sein können) in der Lage, in vielen Fällen
das Substantiv oder Adjektiv syntaktisch zu vertreten. Schließlich
können sie auch im Gegensatz zu den finiten Formen substantiviert
werden (das Erwachen, die Erwachenden, die Erwachten; vgl. aber ZifF.
788). Die infiniten Formen stehen deshalb zwischen Verb und Nomen
(Nomen hier im alten Sinne = Substantiv und Adjektiv) und heißen aus
diesem Grunde auch Nominalformen.
«) Der Infinitiv
159 Die Form, die das gekennzeichnete Sein oder Geschehen nur in seiner
unbestimmten Ausdehnung benennt, ohne Verbindung mit Person, Zahl,
Aussageweise oder Zeit, heißt Infinitiv1. Er ist der reine Ausdruck des
VerbalbegrifFes. Es gibt vier Infinitivformen, von denen drei mit Hilfs¬
verben gebildet werden:
1. loben, erwachen (Inf. Präs. Akt.)
2. gelobt werden (Inf. Präs. Pass.)
3. gelobt haben, erwacht sein (Inf. Perf. Akt.)
4. gelobt worden sein (Inf. Perf. Pass.)

1 Lat. infinitivus = unbestimmt, unbegrenzt.


Die Konjugation der Verben 133

Die 1. Form (der eigentliche und ursprünglich einzige Infinitiv des


Deutschen) drückt nur die Verhaltensrichtung eines als unvollendet auf-
gefaßten Geschehens (Aktiv) aus. Die 3. Form drückt die Vollendung
dieses Geschehens aus. Die 2. und 4. Forrn kennzeichnen die gleichen
Verhältnisse für die Verhaltensrichtung des Passivs.
Die Endung des Infinitivs ist -en (lesen, loben, zeichnen) oder -n (sam¬
meln, ändern). Das „e“ der Endung -en kann nach Vokal oder h weg¬
fallen, wenn Versmaß oder Satzrhythmus es erfordern. Die Umgangs¬
sprache bevorzugt diese synkopierten Formen:
freun, blühn, schrein, ziehn, gehn.
Der Infinitiv kann auftreten: 1. als reiner Infinitiv 2. mit ,,zu“ ver¬
bunden und 3. als substantivierter Infinitiv. Die beiden ersten Arten
heißen auch „nichterweiterter“ Infinitiv im Gegensatz zum „erweiterten“,
bei dem noch Bestimmungen hinzutreten (üm zu loben, ohne zu loben,
anstatt zu loben, um den fleißigen Schüler zu loben).
Über den Gebrauch des Infinitivs vgl. 1040 f.

ß) Die Partizipien

Die beiden anderen infiniten Formen (erwachend, erwacht) haben auf 160
Grund ihrer Mittelstellung zwischen Verb und Adjektiv den Namen
„Mittelwort“ oder „Partizip”1. „Erwachend” ist das 1. Mittelwort oder
Mittelwort der Gegenwart (1. Partizip oder Partizip Präsens), „erwacht”
das 2. Mittelwort oder Mittelwort der Vergangenheit (2. Partizip oder
Partizip Perfekt). Über den Grad der Teilnahme der Partizipien an der
Wortart Adjektiv vgl. 166if.

Das 1. Partizip
Das 1. Partizip wird aus dem Präsensstamm durch Anhängen der Endung 161
-nd gebildet:
lobe-wd, erwache-nd, tadel-ntf.
Es drückt das im Verb genannte Sein oder Geschehen besonders für die
Gegenwart als ablaufend, dauernd, unvollendet und in aktiver Bedeutung
in der Rolle eines Adjektivs aus. Man nennt es daher auch „Ablaufform“:
der lobende Lehrer; sie kam tanzend herein.
Durch Hinzufügen temporaler Adverbialbestimmungen kann es auch auf
Vergangenheit und Zukunft bezogen werden:
die damals stattflndenden Feiern; die künftig stattfindenden Feste.
Daß es zeitlich neutral ist, sieht man auch daraus, daß es bei jeder be¬
liebigen Zeitform des Verbs stehen kann:
Die blühenden Blumen erfreuten uns, werden uns erfreuen.
Dem 1. Partizip gleich gebildet ist die Form „zu billigend, zu fürchtend“.
Sie ist Ausdruck des beginnenden Vorgangs im Passiv und entspricht
daher dem lateinischen Gerundiv [um]2. Diese Form wird in der Schrift¬
sprache ziemlich häufig verwendet:
Das ist ein nicht zu billigender Schritt. Sein anzuerkennender Fleiß . . .

1 Lat. participare = teilnehmen.


2 Lat. gerundivus = zu vollziehend, auszuführend.
134 Das Verb

Dichtung und Umgangssprache gebrauchen sie nicht. Sie drückt in


passivischer Bedeutung stets die Notwendigkeit oder Möglichkeit aus.
Entstanden ist sie dadurch, daß der ursprünglich nur in der Satzaussage
verwendete Infinitiv mit „zu“ (der Schritt ist zu billigen) unter An¬
hängen eines -d attributiv verwendet wurde (der zu billigende Schritt).
Da das Gerundiv immer nur passive Bedeutung hat, kann es nur von
Handlungsverben gebildet werden. Eine deutsche Bezeichnung für diese
Form gibt es nicht.

Das 2. Partizip
162 Das 2. Partizip ist das Partizip des vollendeten Seins oder Geschehens.
Es hat gewöhnlich passivische Bedeutung. Die starken Verben bilden das
2. Partizip mit der Endung -en. (Über den verschiedenen Ablaut dabei
vgl.70.) Die schwachen Verben haben im 2. Partizip die Endung -t oder -et.
Dazu tritt bei beiden Verbklassen gewöhnlich die Vorsilbe ge-:
stark: (binde, band) gebunden; schwach: (lobe, lobte) gelobt; (rede, redete) geredef.
Das „e“ der Endung -en bei starken Verben kann gelegentlich wegfallen,
wenn Versmaß oder Satzrhythmus es erfordern, aber nur nach Vokal
oder h:
gehaun, geschrien, gesehn.
Die Umgangssprache bevorzugt diese Formen. Über unregelmäßige
Bildung des 2. Partizips vgl. 152 ff.

Zur Vorsilbe ge-


163 Verben, die nicht auf der ersten Silbe betont werden, haben kein ge-,
weil sonst zwei oder mehr tonlose Silben vorangingen. Diese Möglichkeit
wird im Deutschen aus klanglichen Gründen innerhalb eines Wortes
meist vermieden:
studieren, nicht: gestudlert, sondern: studiert; hintertröiben, nicht: hintergetrieben,
sondern: hintertrieben.
Man kann die Regel auch umgekehrt fassen. Alle Verben, die den Ton
auf der ersten Silbe tragen, stehen mit ge-. Unfest zusammengesetzte,
anfangsbetonte Verben (vgl. 667) nehmen die Vorsilbe zyischen ihre
beiden Bestandteile:
abhören, ich höre ab, ich habe abgehört.
Dazu gehören auch Verben, die ursprünglich aus einer syntaktischen
Wortfolge bestanden haben. Sie bilden das 2. Partizip so, als stünden sie
getrennt:
teilnehmen, teilgenommen; haushalten, hausgehalten; stattfinden, stattgefunden;
kopfstehen, kopfgestanden.
Bei anfangsbetonten Verben, die von Zusammensetzungen abgeleitet
sind, steht ge- voran:
wetteifern, ich wetteifere, habe gewetteifert.
Bei schwankender Betonung des ursprünglich unfest zusammengesetzten
Verbs schwankt auch die Bildung des 2. Partizips. Die Zusammen¬
setzung wird dann fest:
Ursprüngliches überführen: ich führe'Über, habe übergeführt, überzuführen (unfest)
wird zu überführen: ich überführe, habe überführt, zu überführen (fest).
Die Konjugation der Verben 135

Daher kann man sagen:


Er ist in ein Krankenhaus über^eführt oder überführt worden. Das Kind hat seine
Mutter ^liebkost oder liebkost.
Das unregelmäßige Verb „werden“ verliert das ge-, wenn es Bestandteil 164
einer umschriebenen Verbform ist:
Ich bin betört worden.
Als Vollverb steht es mit ge-:
Er ist Lehrer geworden.
Es gibt Verben, die einen reinen Infinitiv anschließen können. Hierzu 165
gehören die Modalverben (vgl. 1011), die a.c.i.-Verben (vgl. 922) und
Verben, bei denen das Akkusativobjekt in der Gestalt eines reinen In¬
finitivs auftreten kann (lernen, helfen und lehren; vgl. 1020). Diese
Verben bilden im allgemeinen kein 2. Partizip, wenn ihnen der reine
Infinitiv vorangeht. Sie stehen dann ebenfalls im Infinitiv:
Er muß kommen — Er hat kommen müssen (nicht: gemußt). Ich sehe ihn kommen —
Ich habe ihn kommen sehen (nicht: gesehen).
Dieser Gebrauch ist bei den Modalverben noch fest:
Er hat kommen wollen, müssen, sollen u. a.
So verhält sich auch das modal verwendete „brauchen“, selbst dann,
wenn es mit „zu“ verbunden ist (vgl. 1012):
Das hättest du nicht [zu] tun brauchend
Bei den übrigen Verben dieses Bereiches setzt sich das 2. Partizip immer
stärker durch.
Bei „lassen“ und „hören“ ist das 2. Partizip schon fast gleichberechtigt:
Er hat das Buch liegenlassen oder liegengelassen. (Im Passiv nur ge-: Das Buch
wurde von ihm liegengelassen). Ich habe ihn schreien hören oder gehört.
Bei „lehren, lernen, machen“ ist die Form mit ge- bereits üblicher, der
Infinitiv seltener oder veraltet:
Er hat viel von sich reden gemacht (seltener: reden machen). Er hatte sie in Berlin
kennengelernt (veraltet: kennenlernen).

Zur Mittelstellung der Partizipien zwischen Verb und


Adjektiv
Nicht alle Partizipien nehmen an der Wortart Adjektiv teil: 166

1. Die 2. Partizipien derjenigen intransitiven Verben, die mit „haben“


verbunden werden:
Das Kind hat geschlafen oder gespielt (aber nicht: das geschlafene oder ge¬
spielte Kind).
Gelegentlich wird zwar versucht, diese Partizipien attributiv zu ver¬
wenden. Diese Verwendung ist aber inkorrekt oder mundartlich:
Also nicht: die stattgefundene Versammlung, die überhandgenommene Un¬
ordnung. Süddeutsche Umgangssprache ist: ein gestandener (= gesetzter) Mann.

2. Die 2. Partizipien derjenigen intransitiven Verben, die mit „sein“


verbunden werden und imperfektiv sind:
Das Kind ist gelaufen oder geschwommen (aber nicht: das gelaufene oder ge¬
schwommene Kind).'
136 Das Verb

3. Die 2. Partizipien der reflexiven Verben mit dem Reflexiv¬


pronomen im Akkusativ (vgl. 59):
Das Kind hat sich geschämt (aber nicht: das [sich] geschämte Kind). Auch
nicht: die sich dargebotene Gelegenheit.
Für diese Partizipialformen trifft also die Benennung „Mittelwort“ oder
Partizip nicht zu. Man kann deshalb bei ihnen die Bezeichnung „Par¬
tizip“ nur formal nehmen.
167 Die nachstehend aufgeführten Partizipien nehmen an der Wortart Ad¬
jektiv teil. Sie können hier alle syntaktischen Aufgaben des Adjektivs
außer die der subjektbezogenen Artergänzung (vgl. 902 und weiter unten)
übernehmen. Als Attribut werden sie aueh wie ein Adjektiv dekliniert.
Die in dieser Weise an der Wortart Adjektiv teilnehmenden Partizipien
sind:
1. alle 1. Partizipien:
Das schlafende Kind . . . Ich fand meine Schwester schlafend. Sie kam tanzend
ins Zimmer.

2. die 2. Partizipien der transitiven Verben:


Der geprüfte Schüler ... Er traf seinen Freund verwirrt an. Verlassen blieb er
zurück.

Gelegentlich wird ein 2. Partizip transitiver Verben syntaktisch


falsch bezogen, nämlich auf das Subjekt einer vorausgegangenen
Handlung und nicht auf das betroffene Objekt. Dieser Gebrauch ist
inkorrekt:
Das ihn betroffene Unglück (nicht das Unglück ist betroffen worden, sondern
es hat „ihn“ betroffen).
Durch den häufigen Gebrauch ist die eine oder andere attributive
Verwendung dieser Art jedoch umgangssprachlich schon üblich ge¬
worden:
ein gelernter Kaufmann.

3. die 2. Partizipien derjenigen intransitiven Verben, die mit „sein“


verbunden werden und perfektiv sind: *
die verblühte Rose, das untergegangene Schiff.
Hierzu können auch 2. Partizipien imperfektiver Verben mit „sein“
treten, wenn sie durch besondere Wörter perfektiv geworden sind:
das in den Wald gelaufene Kind, der über den See geschwommene Knabe.
Als subjektbezogene Artergänzung können diese Partizipien aus folgenden Gründen
nicht stehen:
Stehen die 2«Partizipien transitiver Verben nach „sein“, dann handelt es sich immer um
das Zustandspassiv (vgl. 110), d. h. um eine Konjugationsform:
Die Tür ist geöffnet.
Stehen die 2. Partizipien der intransitiven Verben mit perfektiver Aktionsart nach
„sein“, dann handelt es sich immer um das Perfekt, also wiederum um eine Konjugations¬
form:
Das Haus ist eingestürzt.
- Die 1. Partizipien werden im Deutschen im allgemeinen nicht in der Aussage gebraucht.
Die Verlaufsform ist bei uns — im Gegensatz etwa zum Englischen — hier nicht üblich:
Also n i c h t: Er ist schlafend, sondern: Er schäftt.
Die Konjugation der Verben 137

Neben den vorstehend genannten Partizipien, die an der Wortart Ad- 168
jektiv teilnehmen, gibt es noch eine Gruppe, die es besonders zu be¬
trachten gilt. Es sind jene Partizipien (1. und 2.), die durch Bedeutungs¬
differenzierung oder durch das Absterben der übrigen Konjugations¬
formen isoliert sind. Diese Partizipien können dann auch fast alle
als subjektbezogene Artangabe stehen und auch gesteigert werden. Die
2. Partizipien werden parallel mit der Isolierung aktivisch verwendet.
Selbstverständlich gibt es hier vielerlei Übergänge:
Das reizende Mädchen . .. Inge ist reizender als ... (Das Verb „reizen“ hat eine
andere Bedeutung.) Er ist ein gedienter Soldat. (Das abgestorbene transitive Verb
„gedienen“ zu diesem Partizip hatte die Bedeutung: jemanden durch Dienen er¬
proben.)
Hierher gehören Partizipien wie: betrunken, verliebt, geeignet, verirrt,
erkältet, ausgeruht, verschwiegen, besorgt, erfahren, spannend u. a.
Diesen Partizipien ist das Tor zur Wortart Adjektiv am weitesten ge¬
öffnet. In der Wortart Verb sind sie dafür allerdings kaum noch be¬
heimatet.

Zur Substantivierung der Partizipien


Partizipien, die nur im Konjugationssystem stehen (vgl. 166), können 169
nicht substantiviert werden:
Also nicht: der, die, das Geschlafene, Gelaufene, Geschämte.
Dies ist aber mit allen Partizipien möglich, die an der Wortart Adjektiv
teilnehmen:
der Betrunkene, der Verliebte, der Schlafende, der Geprüfte, das Spannende.
Dabei werden gelegentlich auch 2. Partizipien, die an sich passivisch
sind, in aktiver Bedeutung verwendet:
der Bediente (ist nicht der Mann, der bedient worden ist, sondern der selbst bedient
bzw. bedient hat).
Andere Substantivierungen dieser Art gelten noch weithin als inkorrekt
oder als umgangssprachlich:
der Unterzeichnete (ist nicht der Mann, der unterzeichnet worden ist, sondern der
unterzeichnet hat). Ebenso (ugs.): ein Studierter.

Schlußbemerkung zu den infiniten Formen


Durch die infiniten Formen wird ein wesentlicher Teil des Austausches 170
zwischen den drei Hauptwortarten bestritten. Während der Infinitiv,
wie wir sehen werden, in vielen Fällen ein Substantiv syntaktisch ver¬
treten kann (vgl. 1040), sind zahlreiche Partizipien Bindeglieder zur Wort¬
art Adjektiv. Die infiniten Formen stehen auf diese Weise eigentlich zwi¬
schen den drei Hauptwortarten, an denen sie je nach dem Grad ihrer Be¬
reitschaft stärker oder schwächer teilhaben, so sehr sie im Grunde in
der Wortart Verb verwurzelt sind.
138 Das Substantiv (Nomen)

•C. DAS SUBSTANTIV (NOMEN)

I. Die Grundleistung des Substantivs


171 Das Wort „Substantiv“ kommt von lat. nomen substantivum, eine Be¬
zeichnung, die eine Reihe von Wörtern nach der Kategorie des „Vor¬
handenseins“ in einer Klasse zusammenfaßt. Es bezeichnet danach in
erster Linie die stofflich vorhandenen und deshalb dem Menschen wahr¬
nehmbaren Dinge oder Lebewesen. Aber auch nichtgegenständliche, bloß
gedachte Erscheinungen, Eigenschaften, Gefühle, Empfindungen, Hand¬
lungen, Zustände, Vorgänge und Beziehungen, Zeitangaben, Wissen¬
schaften, Künste usw. werden vom Menschen als „Dinge“ aufgefaßt und
mit Hilfe des Substantivs benannt. Es ist also die Leistung des Sub¬
stantivs, den „Dingen“ der Welt einen Namen zu geben, mit dem wir
das stofflich oder gedanklich Seiende sprachlich prägen, um es geistig
zu erfassen. Die Bezeichnung „Nomen“1 oder „Nennwort“ trifft diesen
Sinngehalt am besten. Die Bezeichnung „Dingwort“ ist zu eng. Die
gebräuchliche Bezeichnung „Hauptwort“ erweckt allzu leicht die Vor¬
stellung, als ob dem Substantiv eine im Satz bevorzugte Stellung zu¬
komme.

II. Die Einteilung der Substantive


Man unterscheidet nach den (stofflich) vorhandenen (konkreten) und
den bloß gedachten (abstrakten) Dingen, die das Substantiv benennt,
Konkreta2 und Abstrakta3.

1. Konkreta
a) Eigennamen
172 Sie bezeichnen einzelne Dinge oder Lebewesen, die so, wie sie sind, nur
einmal Vorkommen, z. B. Menschen, Länder, Städte, Straßen, Berge,
Gebirge, Flüsse, Seen, Meere, Fluren und andere Örtlichkeiten, Schiffe,
Sterne, menschliche Einrichtungen, geistige Schöpfungen:
Karl, Theodor Storm, Deutschland, Berlin, Kurfürstendamm, Brocken, Harz, Rhein,
Wannsee, Prater, Titanic, Saturn, Firma Berger und Co., CDU, „Faust“.
Da viele Personen „Peter“, „Müller“, „Schmidt“ oder viele Orte „Neustadt“ heißen,
bezeichnet in diesen Fällen der Eigenname zwar nichts absolut Einmaliges mehr, doch
bleibt jede Person und jeder Ort „Individuum“, d. h. ein bestimmtes unteilbares
Einzelnes.
Eigennamen können im allgemeinen nicht übersetzt "werden: Menschen mit den Fa¬
miliennamen Braun, Brown oder Lebrun sind immer drei verschiedene Personen. Eine
Ausnahme machen nur Vornamen und historische Fürstennamen: Anton van Dyck;
Ludwig XIV. für : Louis XIV.
Volkssprache und Märchen geben auch [Haustieren und Dingen Namen: der Schimpanse
Moritz im Zoo, Fallada (Pferd), Karo (Hund), Dicke Berta (Geschütz), Siegfrieds Schwert
Balmung.
Tier-, Pflanzen-, Monats-, Wochentags-, Krankheits-, Schimpf-, Verwandtschaftsnamen
gelten nicht als Eigennamen. Sie gehören den folgenden Gruppen an.

1 Lat. nomen — Name. 2 Lat. concretus = verdichtet, körperlich. 3 Lat. abstractus =


abgezogen [vom Dinglichen, von der Wirklichkeit].
Die Einteilung der Substantive 139

b) Gattungsnamen
Sie bezeichnen eine ganze Gattung gleichgearteter Dinge oder Lebewesen 173
und zugleich jedes einzelne Wesen oder Ding dieser Gattung. Sie können
wieder in verschiedene Arten unterteilt werden:
Personen: Mensch - Europäer - Germane - Deutscher - Mann - Handwerker - Schnei*
der - Damenschneider - Kostümschneider
Tiere: Tier - Säugetier - Affe - Rhesusaffe
Pflanzen: Pflanze - Blume - Rose - Heckenrose
Dinge: Hausrat - Möbel - Tisch - Schreibtisch

Eigennamen können zu Gattungsnamen werden:


Bayreuth ist das Mekka der Wagnerfreunde. Ich bin kein Krösus. Dieser Lastkraft¬
wagen ist ein Diesel, ein Opel. Weitere Beispiele: Duden, Baedeker, Browning, Cel¬
sius, Kognak, Grimm (Wörterbuch), Havanna (Zigarre), Maggi, Mentor (Erzieher),
Quisling (Verräter), Schrapnell, Teddy, Xanthippe, Zeppelin.

Gattungsnamen können umgekehrt zu Eigennamen werden, wie das bei


einem großen Teil unserer Familiennamen geschehen ist:
Müller, Schmidt, Becker, Schreiner, Wagner.
Die Grenze zwischen Eigennamen und Gattungsnamen kann fließend sein. Das wird be¬
sonders deutlich, wenn ein Name ein Adjektiv enthält. Nach den Regeln der Recht¬
schreibung1 wird dieses groß geschrieben, wenn es sich um einen Eigennamen (Goldener
Sonntag), klein geschrieben, wenn es sich um einen Gattungsnamen (goldene Worte)
handelt. Bei manchen Bezeichnungen schwankt nun die Schreibung, weil man sie ent¬
weder noch ajs Gattungsnamen auffaßt oder schon als Eigennamen deutet.

Untergruppen der Gattungsnamen sind die Sammel- und Stoffnamen:

cc) Sammelnamen (Kollektiva)


Sie fassen gleichgeartete Dinge oder Lebewesen in einer Einzahl zu- 174
sammen, mit der das einzelne Stück nicht benannt werden kann:
Wald für: Bestand aus Tannen, Buchen, Eichen u. a.;
Herde für: Ansammlung von Schafen, Kühen, Ochsen u. a.;
Flotte für: Gesamtheit der Schlachtschiffe, Flugzeugträger, Torpedoboote u. a.
Sammelnamen werden insbesondere gebildet mit der Vorsilbe Ge- (Gebirge) und mit den
Nachsilben -schaft und -keit (Beamtenschaft, Geistlichkeit). Vgl. 700; 710 ff.
Zu den Sammelnamen gehören auch die Mengenangaben:
Anzahl, Haufen, Dutzend, Schock, Gros.
Manche Substantive sind im Singular Gattungsname oder Sammelname: ,,Werkzeug“ ist
entweder das einzelne Werkzeug oder eine Menge von Werkzeugen; ebenso Spielzeug,
Gerät. Im Plural sind sie nur Gattungsnamen (vgl. 240).

ß) Stofffiamen
Sie bezeichnen eine gleichartige Stoffmasse und deren Teile: 175
Wasser, Leder, Holz, Gold, Stahl, Wein, Fleisch, Salz, Wolle, Zement.
Wenn Stoffnamen im Plural stehen (vgl. 241), sind sie Gattungsnamen:
Hölzer, Salze, Stähle.

Vgl. Duden, Rechtschreibung, 14. Auflage, erster, verbesserter Neudruck, S. 43 ff.


140 Das Substantiv (Nomen)

2. Abstrakta
176 Abstrakta heißen diejenigen Substantive, die Nichtgegenständliches so
nennen, als ob es Dinge seien, z. B.
Menschliche Vorstellungen: Geist, Seele;
Handlungen: Schlag, Wurf, Schnitt, Boykott;
Vorgänge: Leben, Sterben, Schwimmen, Schlaf, Reise;
Zustände: Friede, Reichtum, Liebe, Alter;
Eigenschaften: Würde, Verstand, Ehrlichkeit, Krankheit, Dummheit;
Verhältnisse oder Beziehungen: Ehe, Freundschaft, Nähe, Unterschied;
Wissenschaften, Künste: Biologie, Mathematik, Musik, Maleret;
Maß- und Zeitbegriffe: Meter, Watt, Gramm; Jahr, Stunde, Mai.
Die Zweiteilung in Konkreta und Abstrakta deckt sich in vielen Fällen
nur dann mit der Sprachwirklichkeit, wenn man den Wortinhalt und
nicht nur das äußere Wortbild beachtet:
„Grund“ bedeutet konkret „Boden“, abstrakt „Ursache“; „Jugend“ ist konkret, wenn
es „die jungen Menschen“, aber abstrakt, wenn es „das jugendliche Alter“ bezeichnet.
Weitere Beispiele sind die Substantive Schönheit, Verwandtschaft, Erscheinung, Wesen,
Heizung u. a.

III. Das Genus der Substantive

1. Natürliches und grammatisches Geschlecht


177 Genus heißt im Lateinischen „Geschlecht“ (griech. = genos), Mehrzahl
Genera. Die Geschlechtsvorstellung ist mit jedem Substantiv untrennbar
verbunden. Die Sprache hat sich jedoch bei der Einteilung der Substan¬
tive nicht ausschließlich an die vorgegebene Zweiteilung des natürlichen
Geschlechtes gehalten. Sie schuf eine dritte, neutrale Gruppe, zu der sie
durch das Vorhandensein lebloser Dinge veranlaßt wurde. Bereits in
indogermanischer Zeit sind die drei Gruppen des grammatischen Ge¬
schlechtes ausgebildet:
Maskulinum (lat. m(asculinus = männlich),
Femininum (lat. femininus — weiblich),
Neutrum (lat. ne-utrum = keines von beiden).
Die Substantive sind jedoch nicht sinngemäß nach den lebenden Wesen
oder den Dingen, die sie benennen, auf diese Gruppen verteilt. Einmal
beseelte der Mensch, vor allem in früher Zeit, die ganze Natur und sprach
vielen Dingen männliche oder weibliche Züge zu, d.h., er prägte die Welt
nach seinem Bilde. Umgekehrt wurde das geschlechtlich Unbestimmte
auch auf Lebewesen übertragen. Zum anderen wurden schon sehr früh
rein formale Gesichtspunkte entscheidend. Das grammatische Geschlecht
richtete sich nach bestimmten Endungen der Substantive, also nach
ihrer Lautform. Das war besonders in altgermanischer Zeit ausgeprägt.
Noch heute vermögen wir diesen formalen Charakter daran abzulesen,
daß z. B. alle Substantive auf -ung, -heit, -keit weiblich, die auf -ling
männlich sind. Die Veränderung der Endungssilben führte deshalb im
Laufe unserer Sprachentwicklung bei vielen Substantiven zum Ge¬
schlechtswandel (vgl. 200). Wir halten also fest, daß sich das heutige
grammatische Geschlecht von der Bindung an das natürliche Geschlecht
Das Oenus der Substantive 141

fast völlig gelöst hat und daß die Genera nichts anderes sind als Klassen
des Substantivs1.
Über die besondere Leistung des grammatischen Geschlechts bei der
Kongruenz vgl. 1178 ff.
Da die Sprachentwicklung dazu geführt hat, daß sich für die Zugehörig¬
keit der Substantive zu bestimmten Geschlechtsgruppen keine festen
Regeln aufstellen lassen, muß man zu jedem Substantiv den geschlechts¬
bezeichnenden Artikel lernen. Dabei sind nachstehende Hinweise von
Nutzen.

2. Substantive bestimmter Sachgruppen und ihr Geschlecht

a) Personen
Das grammatische Geschlecht der Substantive, die Personen benennen, 178
stimmt im allgemeinen mit dem natürlichen Geschlecht der Person über¬
ein:
der Vater, die Mutter; der Sohn, die Tochter; der Bruder, die Schwester; der Onkel,
die Tante; der Mann, die Frau; der Lehrer, die Lehrerin.
Ausnahmen: z. B. das Weib, die Wache (milit.) und alle Verkleinerungsformen auf
-chen, -lein, -el, -le: das Mädchen, das Fräulein, das Mädel, das Schätzle, das
(auch: der) Kasperle.

b) Tier©
Das grammatische Geschlecht der Tiernamen entspricht dem natürlichen 179
Geschlecht der Tiere, wenn der Geschlechtsunterschied wichtig erscheint :
der Ochse, die Kuh; der Löwe, die Löwin; der Hahn, die Henne.
Dieses Unterscheidungsbedürfnis ist in der Jägersprache besonders aus¬
geprägt:
der Bock, die Ricke; der Rüde, die Hündin; der Keiler, die Bache.
Meist steht jedoch ohne Rücksicht auf das natürliche Geschlecht die Ge¬
samtbezeichnung als Maskulinum, Femininum oder Neutrum:
das Pferd (für: Hengst und Stute), der Igel (für: Igelmännchen und -Weibchen), die
Biene (für den weiblichen Weisel, die männliche Drohne und die geschlechtslose
Arbeitsbiene).

c) Sachen und Abstrakta


Für Sachnamen und Abstrakta lassen sich nur wenige Hinweise geben, 180
weil sie allen drei Geschlechtern angehören. Feste Anhaltspunkte bieten
einige Ableitungssilben (vgl. 195) und folgende. Wortgruppen:

Maskulina sind:
die Namen der Jahreszeiten, Monate, Tage:
der Frühling, der Winter, der Lenz, der Januar, der Freitag,der Mittwoch; aber: die
Woche, das Jahr;

} Über den Versuch, diesen Klassen Grundleistungen zuzusprechen, vgl. H. Brinkmann.


Zum grammatischen Geschlecht im Deutschen. Festschrift öhmann. Ann. Acad. Scient.
Fennicae B, 84, 1954, S. 372 und 380 ff.
142 Das Substantiv (Nomen)

die Namen der Himmelsgegenden, Winde, Niederschläge:


der Norden, der Westen; der Föhn, der Taifun, der Passat, der Schirokko, der Monsun,
der Boreas; der Hagel, der Schnee, der Regen, der Tau, der Reif, der Nebel; aber:
die Bora;
die Namen der Erd- und Gesteinsarten:
der Granit, der Basalt, der Kalk, der Sand, der Schiefer, der Lehm, der Ton, der Gneis,
der Kies; aber: die Gur (Kieselgur), die Kreide;
die meisten Geldnamen:
der Heller, der Taler, der Dollar, der Schilling, der Pfennig, der Franken, der Gulden,
der Rubel; aber: die Mark, die Krone, die Drachme, das Pfund.

Feminina sind:
Baumnamen und sehr viele Blumennamen:
die Ulme, die Rüster, die, Eiche, die Tanne, die Linde, die Buche, die Lärche, die
Kiefer, die Fichte, die Erle, die Pappel, die Birke, die Espe, die Eibe, die Palme (aber:
der Ahorn); die Dahlie, die Narzisse, die Nelke;
Substantivierungen von Zahlen:
die Vier, die Zehn.

Neutra sind:
die meisten Namen der Metalle und der chemischen Elemente:
das Gold, das Silber, das Platin, das Blei, das Nickel, das Eisen, das Erz, das Uran, das
Kupfer, das Zink, das Zinn, das Kalzium, das Brom, das Helium; aber: der Stahl, der
Schwefel, die Bronze.
Die Verkleinerungsformen auf -chen und -lein:
das Plauderstündchen, das Brünnlein.
Wörter aus anderen Wortarten, die nur gelegentlich substantiviert
werden:
das Schöne, das Gute; das Gedachte, das Gewünschte; das Lesen, das Schreiben; das
Seine, das vertraute Du; das Ja und Nein, das Drum und Dran, das Auf und Nieder,
das Wenn und Aber, das V^eh und Ach.
Kollektivbegriffe mit der Vorsilbe Ge-:
das Gebirge, das Getier, das Gewürm, das Gewässer, das Gestirn.
Gesamtvorgänge mit der Vorsilbe Ge-:
das Gelaufe, das Geschieße, das Gejodel, das Geschrei.

d) Eigennamen
a) Personennamen
181 Das Geschlecht der Personennamen stimmt meist mit ihrem natürlichen
Geschlecht überein:
der kleine Karl, der reiche Schulze, die fleißige Liese, die alberne Schmidt; Karl V. und
seine Zeit.
Ausnahmen bilden die Neutra der Verkleinerungsformen auf -chen,
-lein, -le:
das vierjährige Karlchen, das doppelte Lottchen (Buchtitel), das niedliche Ingelein,
das arme Hannele (G. Hauptmann).
Die Verkleinerungsform auf -[e]l richtet sich jedoch noch mehr nach dem
natürlichen Geschlecht (vgl. 183; 1200,1):
die fleißige Gretel, die schöne Liesel (aber auch: das schöne Liesel), arme Liesel (Anzen¬
gruber), der dumme Hansel (aber auch: das dumme Hansel).
Das Oenus der Substantive 143

Noch im 18. Jahrhundert gebrauchte man die Endung -in auch bei Fa- 182
miliennamen, um eine weibliche Person der Familie zu bezeichnen:
Luise Millenn (Schiller), die Karschwi, die Neuberin.
Abgeschwächtes -in steckt noch in den heutigen vulgären Bezeichnungen
die Schulzen, die Schmidt’^.
Im Brief können bei einer bestimmten Form des Briefschlusses Zweifel 183
auftreten, ob es heißt:
Ihr getreues Lencheh Schmidt oder: Ihre getreue Lenchen Schmidt.
Man zieht hier formal-grammatische Übereinstimmung vor und schreibt
heute meist:
Ihr getreues Lenchen Schmidt (aber noch Keller: Ihre ergebenste Käthchen Ambach).
Dagegen: Ihre getreue Grete? Müller (vgl. 181).

ß) Geographische Namen
Länder- und Gebietsnamen sind im allgemeinen neutral, seltener 184
feminin oder maskulin:
das schöne Thüringen, das Frankreich Ludwigs XIV., das geheimnisvolle Tibet,
das tropische Afrika, unser ganzes Europa, das Elsaß, das Ries, das Wallis, das
Pandschab.
Feminin sind die auf -ei, -ie oder -e endenden Länder- und Gebietsnamen:
die Tschechoslowakei, die Türkei, die Lombardei, die Walachei, die Mongolei, die
Mandschurei; die Normandie, die Pikardie; die Bretagne, die Champagne, die Gas-
cogne, die Levante, die Provence, die Ukraine.
Außerdem:
die Schweiz, die Lausitz, die Pfalz, die Krim, die Dobrudscha, die Riviera, die [Ant¬
arktis, die Sahara, die Gobi.
Maskulin sind z. B.
der Peloponnes, der Chersones, der Balkan, der Sudan, der Irak, der Iran, der Jemen,
der Hedschas.
Zum Artikel bei Ländernamen vgl. 234.
Das bei Elsaß im 19. Jahrhundert gelegentlich auftretende männliche
Geschlecht ist wieder aufgegeben worden. Einige Ländernamen kommen
nur im Plural vor (vgl. 254):
die Niederlande, die USA.

Ortsnamen sind im allgemeinen neutral, selbst wenn in Zusammen- 185


Setzungen (vgl. 194) das Grundwort ein anderes Geschlecht hat:
das ewige Rom, das herrliche Sevilla, das altertümliche Büdingen, das schöne Salz¬
burg (obwohl: die Burg), das berühmte Heidelberg (obwohl: der Berg).
Städtenämen treten in altertümlich-dichterischem Gebrauch auch als
Feminina auf:
die rege Zürich, die edle Bern (Schiller); die hohe Rom (Klopstock); weil Carthago
alle ihre Kräfte zusammennehmen wird (Wieland).

Bergnamen sind im allgemeinen maskulin, weil das Substantiv „der 186


Berg“ im Bewußtsein mitschwingt:
der Brocken, der Großglockner, der Große Arber, der Kieferle, der Kyffhäuser, der Elm,
der Melibokus, der Säntis, der Ortler, der Piz Palü, der Monte Rosa, der Montblanc,
der Olymp, der Elbrus, der Vesuv, der Kilimandscharo, der Popocatepetl, der Nanga
Parbat.
144 Das Substantiv (Nomen)

Einige auf -a endende Bergnamen sind Feminina:


die Scesaplana, die Marmolata; aber: der Ätna.
Gebirgsnamen sind maskulin, seltener feminin:
der Harz, der Taunus, der Hunsrück, der Spessart, der Jura, der Fläming, der Ith,
der Himalaja; aber: die Rhön, die Hardt, die Eifel, die Silvretta, die Sierra Nevada.
Viele Gebirgsnamen kommen nur im Plural vor (vgl. 254):
die Pyrenäen, die Dolomiten, die Alpen, die Ardennen, die Kordilleren.
187 Deutsche Flußnamen sind im allgemeinen feminin, doch gibt es auch
einige Maskulina, meist vorgermanischen Ursprungs:
die Weser, die Werra, die Fulda, die Donau, die Weichsel, die Spree, die Lahn, die
Elbe, die Oder, die Maas, die Memel, die Mosel, die Nahe; aber: der Rhein, der Main,
der Lech, der Inn, der Neckar, der Regen.
Ausländische Flußnamen sind überwiegend maskulin:
der Nil, der Kongo, der Amazonas, der Orinoko, der Paranä, der Uruguay, der Jenissei,
der Mississippi, der Jangtsekiang, der Ganges, der Indus, der Euphrat, der Tigris, der
Don, der Bug, der Ebro, der Tiber, der Po.
Feminin sind die meisten auf -a und -e endenden:
die Wolga, die Lena, die Moskwa, die Adda (aber: der Paranä); die Loire, die Rhone,
die Seine, die Themse.

y) Namen der Sterne und Sternbilder

188 Sterne und Sternbilder haben ihr Geschlecht von dem betreffenden Wesen
oder Ding, nach dem sie benannt sind:
der Jupiter, der Saturn, der Drache; die Kassiopeia, die Waage, die Venus; das Cha¬
mäleon, das Dreieck.
Wo das Geschlecht aus der Bedeutung nicht abzuleiten ist, steht meist
das maskuline:
der Algol, der Arktur, der Fomalhaut, der Beteigeuze.
Die auf -a endenden sind jedoch weiblich:
die Wega, die Kapella, die Gemma.

6) Schiffsnamen

189 Sie sind im allgemeinen feminin, vor allem bei Schiffen, die nach Städten
und Ländern benannt sind:
die Nautilus; die Bremen, die Hessen, die Europa, die Deutschland.
Nach englischem Vorbild sind die Schiffsnamen heute meist auch dann
feminin, wenn ein männlicher Personenname zugrunde liegt:
die Graf Spee. Seltener: des „Graf Spee“ (H. Mann).
Aber: der ,.Fliegende Holländer“, der „General San Martin“

Bei Sachnamen schwankt das Geschlecht zwischen dem des Namens und
dem weiblichen:
die Seetüchtigkeit des „Pfeil[s]‘‘ oder der „Pfeil“.
Bei Tiernamen tritt meist das betreffende Geschlecht dieser Namen ein:
das „Krokodil“, des „Kormoran“ (G. Hauptmann), des „Windspiels“ (Leip), die
„Möwe“, der „Jaguar“.
Das Genus der Substantive 145

e) Flugzeugnamen
Man muß hier unterscheiden zwischen individuellen Namen und Gat- 190
tungsbezeichnungen (Flugzeugtypen). Wo überhaupt noch individuelle
Namen gebraucht werden, ist das Geschlecht wie bei den Schiffsnamen
weiblich:
die Storch, die Adler, die Pfeil.
Weiblich sind auch die Gattungsbezeichnungen nach dem Hersteller
(dabei ist wohl das Grundwort „Maschine“ erspart):
die Ju[nckers] 52, die He[inkel] 111, die Do[rnier] X, die Focke-Wulf, die Me[sser-
schmidt] 109.
Ist die Gattungsbezeichnung jedoch ein gewöhnliches Substantiv, dann
tritt dessen Geschlecht ein:
der [Fieseier-]Storch, der Condor, die Flying Fortress (weil man an „Festung“
denkt).

5) Namen von Hotels, Kaffees, Kinos


Sie sind, dem Geschlecht dieser drei Wörter entsprechend, neutral: 191
das Continental, das Astoria; ich gehe ins Kranzier, ins Blum; das Capitol.

e) Abkürzungen und Kurzwörter


Abkürzungen richten sich im Geschlecht nach ihrem Grundwort: 192
die CDU ('die Christlich-Demokratische Union), die SPD (die Sozialdemokratische
Partei Deutschlands), das BGB (das Bürgerliche Gesetzbuch).
Kurzwörter richten sich ganz überwiegend nach dem Geschlecht des
vollen Wortes:
der Akku[mulator], der Trafo (der Transformator), der [Auto-, Omni] bus,die Lokomo¬
tive], die Kripo (die Kriminalpolizei), das Auto[mobil], das Velo[ziped] (Schweiz.).
Nur selten setzt sich ein abweichendes Geschlecht durch:
das Kino (obwohl: der Kinematograph), das Foto (obwohl: die Fotografie; Schweiz.:
die Foto), die Taxe, das Taxi (obwohl: der Taxameter).

f) Substantivierte Buchstaben
Substantivierte Buchstaben sind neutral: .193
das A und [das] O, einem ein X für ein U vormachen.

g) Das Geschlecht bei zusammengesetzten Substantiven


Das Geschlecht eines zusammengesetzten Substantivs wird durch das 194
Grundwort bestimmt (vgl. jedoch 185), gleichgültig, ob es dem natürlichen
Geschlecht des Begriffsträgers entspricht oder nicht:
die Mannsperson (weil: die Person), das Frauenzimmer (weil: das Zimmer), der Haus¬
bau (weil: der Bau), die Zugspitze (weil: die Spitze), der Böhmerwald (weil: der Wald),
das Zungen-R (weil: das R).
Hiervon gibt es nur wenige Ausnahmen, z. B.
der Abscheu neben die Abscheu (weil „Scheu“ früher auch maskulin war), der Mitt¬
woch (obwohl: die Woche, weil man an den Tag denkt), die Heirat (obwohl: der Rat;
Luther sagt noch „der Heirat“); die Anmut, die Großmut, die Langmut, die Sanft¬
mut, die Schwermut, die Wehmut (obwohl: der Mut; Analogiebildungen zu: die
146 Das Svbstantiv (Nomen)

Armut, die Demut, deren -mut auf das althochdeutsche Adjektivsuffix -muoti zu¬
rückgeht), das Gegenteil, das Vorderteil, das Hinterteil (obwohl heute meist: der
Teil).
Fällt gelegentlich das Grundwort einer Zusammensetzung fort, dann
bleibt sein Geschlecht erhalten:
der FD [-Zug], die Senoussi[-Zigarette], das Roulett [spiel].

195 Zusammenstellung einiger Endungen, die das Geschlecht des


Substantivs bestimmen (Ausnahmen sind möglich)

Maskulina

a) Substantive mit deutschen (eingedeutschten) Ableitungssilben


-ich: der Teppich, der Bottich, der Kranich, der Rettich, der Lattich, der Fittich, der
Estrich;
-ig: der König, der Käfig, der Honig, der Pfennig, der Essig; aber: das Reisig;
-fing: der Däumling, der Fäustling, der Bückling, der Schädling, der Schmetterling,
der Fremdling, der Zwilling, der Prüfling (aber: die Reling, weil das 1 zum Stamm
gehört!);
-s: der Schnaps, der Klaps, der Knicks, der Schwips.

b) Substantive mit fremden Ableitungssilben


-ant (lat., roman.): der Aspirant, der Brillant, der Adjutant, der Garant, der Fabri¬
kant, der Musikant, der Konsonant, der Foliant;
-är (franz.; soweit Personenbezeichnung) : der Aktionär, der Kommissionär, der Par¬
lamentär, der Militär (aber: das Militär als Sammelname);
-ast (griech.-lat.): der Dynast, der Kontrast, der Morast, der Palast, der Phantast,
der Gymnasiast;
-eur (franz.): der Amateur, der Friseur, der Ingenieur; eingedeutscht: der Likör;
-ier [. . . i<H (franz.): der Bankier, der Routinier, der Conferencier;
-ier [... 1-r] (franz.): der Offizier, der Kavalier, der Grenadier;
-iker (lat.-dt.): der Fanatiker, der Graphiker, der Mechaniker, der Phlegmatiker,'' der
Philharmoniker;
-ikus (lat.): der Musikus, der Kanonikus, der Luftikus;
-Ismus (griech.-lat.): der Idealismus, der Realismus, der Kapitalismus, der Fanatis¬
mus, der Organismus, der Optimismus, der Egoismus;
-ist (griech.-lat.): der Anarchist, der Antagonist, der Artist, der Jurist, der Pietist, der
Optimist, der Hornist, der Pianist;
-or (lat.): der Motor, der Regulator, der Totalisator, der Katalysator, der Rektor.

Feminina

a) Substantive mit deutschen (eingedeutschten) Ableitungssilben


-ei: die Bücherei, die Metzgerei, die Jägerei, die Reiberei, die Plauderei, die Singerei;
-ln: die Löwin, die Freundin, die Lehrerin, die Studentin;
-heit: die Gottheit, die Blindheit, die Faulheit, die Entschlossenheit, die Einheit,
die Kindheit;
Das Genus der Substantive 147

-keit: die Fruchtbarkeit, die Eitelkeit, die Bitterkeit, die Höflichkeit, die Feuchtig¬
keit, die Kleinigkeit;
-schaft: die Freundschaft, die Eigenschaft, die Verwandtschaft, die Herrschaft, die
Kundschaft;
-ung: die Schöpfung, die Achtung, die Nahrung, die Bildung, die Kündigung, die
Vertretung, die Werbung.

b) Substantive mit fremden Ableitungssilben (bzw. Wortendungen)

-a (lat., Italien., span.): die Kamera, die Ära, die Aula, die Prokura, die Lira, die
Ballerina, die Signora, die Senora, die Hazienda;
-ade (franz.): die Ballade, die Fassade, die Maskerade, die Marmelade, die Schoko¬
lade, die Kanonade;
-age (franz.): die Garage, die Bagage, die Courage, die Etage, die Menage, die
Kartonage;
-aille (franz.): die Kanaille, die Journaille, die Bataille, die Emaille;
-aise (franz.): die Frangaise, die Marseillaise; eingedeutscht: die Majonäse, die
Polonäse;
-ance (franz.): die Renaissance, die Mesalliance, die Usance;
-äno (franz.): die Fontäne, die Moräne, die Quarantäne;
-anz (lat., roman.): die Arroganz, die Bilanz, die Brisanz, die Distanz, die Eleganz,
die Prägnanz;
-eile (franz., Italien.): die Bagatelle, die Frikadelle, die Zitadelle, die Morelle;
-enz (lat.): die Audienz, die Existenz, die Exzellenz, die Frequenz, die Konsequenz,
'die Prominenz;
-ette (franz.): die Dublette, die Etikette, die Facette, die Pinzette, die Rosette, die
Toilette;
-euse (franz.): die Friseuse, die Masseuse, die Balletteuse, die Pleureuse, die Mitrail-
leuse;
-ie [. . . i°] (lat.): die Materie, die Folie, die Historie, die Glorie, die Kastanie, die
Pinie, die Fuchsie;
-ie [. . . i-] (griech., lat., roman.): die Kolonie, die Geographie, die Lotterie, die Ka¬
lorie, die Phantasie; aber: das Genie;
-[l]ere (franz.): die Misere, die Garderobiere, die Voliere, die Portiere, die Bon¬
bonniere;
-ik (griech., lat.): die Musik, die Politik, die Lyrik, die Ethik, die Botanik, die Ma¬
thematik, die Dialektik;
-Ille (lat., franz.): die Bastille, die Quadrille, die Pupille, die Kamille;
-ine (griech., lat., franz.): die Margarine, die Latrine, die Blondine, die Maschine, %
die Vitrine, die Kabine;
-Ion (lat., franz.): die Nation, die Explosion, die Dimension, die Kalkulation, die
Religion, die Station;
-isse (lat.): die Kulisse, die Prämisse, die Narzisse, die Kanonisse, die Diakonisse,
die Abszisse, die Mantisse;
-[i]tät (lat.): die Banalität, die Fakultät, die Kapazität, die Qualität, die Rarität,
die Realität, die Vitalität;
-itis [med.] (griech.): die Bronchitis, die Rachitis, die Neuritis, die Nephritis, die
Arthritis;
-ive (lat., franz.): die Defensive, die Offensive, die Alternative, die Direktive, die
Kursive;
148 Das Substantiv (Nomen)

-ose [med.] (griech.): die Sklerose, die Neurose, die Furunkulose, die Tuberkulose;
-se vgl. -sis;
•sis (griech.): die Basis, die Dosis, die Genesis, die Analysis, eingedeutscht -se: die
Base, die Genese, die Analyse, die Katechese;
-ur (lat.): die Natur, die Kultur, die Temperatur, die Karikatur, die Statur, die
Registratur, die Rasur, die Mixtur, die Tortur, die Ligatur, die Fraktur;
-iire (franz.): die Allüre, die Broschüre, die Gravüre, die Bordüre.

Neutra

a) Substantive mit deutschen Ableitungssilben


-eben, -lein, -le: das Mädchen, das Wäldchen, das Frauchen, das Wägelchen, das
Fräulein, das Ingelein, das Ringlein, das Wässerlein, das Mariele;
-lcht: das Dickicht, das Röhricht, das Tannicht, das Spülicht, das Kehricht (seit dem
18. Jahrhundert auch: der Kehricht);
-tel: das Drittel, das Viertel (aus: -teil);
-tum: das Eigentum, das Christentum, das Heldentum, das Volkstum; aber: der
Irrtum, der Reichtum.

b) Substantive mit fremden Ableitungssilben (bzw. Wortendungen)


-ett (franz., italien.; soweit keine Personenbezeichnung: der Kadett): das Amulett,
das Ballett, das Bankett, das Büfett, das Parkett, das Quartett;
-in [meist ehern.] (lat.): das Benzin, das Chinin, das Insulin, das Pepsin, das Ter¬
pentin, das Nikotin;
-[i]um (lat.): das Album, das Datum, das Faktotum, das Faktum, das Fluidum, das
Plenum, das Aquarium, das Gremium, das Stadium.
-ma (griech.): das Asthma, das Dogma, das Paradigma, das Phlegma, das Plasma,
das Klima, das Komma, das Thema;
-ment (lat.): das Argument, das Dokument, das Pigment, das Segment, das Element,
das Experiment; aber: der Zement, fachsprachlich auch noch: das Zement;
-ment [... ma**](franz.): ^^Appartement, das Abonnement, das Bombardement,
das Engagement.

Beachte noch im einzelnen:


196 1. Mit Hilfe des Geschlechtswortes werden gleichlautende Substan¬
tive mit verschiedener Bedeutung auseinandergehalten (vgl. die Listen
Ziff. 203 u. 204). Das Neutrum ist dabei gegenüber dem Maskulinum
häufig pejorativ1, d. h. abschätzig, oder bemitleidend:
abschätzig: das Pack, das Mensch, das Ekel; bemitleidend: das Wurm.
197 2. Ferner dient das Neutrum dazu, das Junge (noch Geschlechtslose)
zu bezeichnen:
das Kind, das Lamm, das Ferkel, das Küken, das Fohlen, das Kalb.
198 3. Das Neutrum wird oft bei substantivierten Adjektiven, beson¬
ders auch bei Pronomen angewendet, wenn man nicht weiß, welches
natürliche Geschlecht vorliegt oder wenn männliche und weibliche
Personen zusammengefaßt werden sollen:
Heute ist Familientag, und dazu muß alles da sein, was unseren Namen trägt
(Ompteda). Vater und Mutter sind jedes ein Mensch für sich (Wildenbruch).

1 Lat. peior = schlechter, schlimmer.


Das Qenus der Substantive 149

Nach dem Nominativ der indefiniten Pronomen „jemand, niemand,


wer“ steht das folgende substantivierte Adjektiv (oder substanti¬
vierte Pronomen) meist im Neutrum, um auszudrücken, daß es sich
um eine Person unbekannten Geschlechts handelt (vgl. 494; 506) oder
daß das Geschlecht unwichtig ist:
Jemand (niemand) Fremdes hat gefragt. Jemand anderes (Benrath); nieman¬
den anderes (Hauptmann).
Im Süddeutschen tritt das „neutrale“ Maskulinum an die Stelle
des Neutrums:
niemand anderer (Arnet); jemand anderer (Schnitzler); wer anderer (Schnitzler);
jemand Fremder.
4. In der Schriftsprache verwendet man auch gern das Maskulinum 199
zu „neutralen“ Geschlechtsangaben. Es generalisiert gleichzeitig:

Teuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen; zeigt mir
der Freund, was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll (Schiller).

Zum Genus im Gleichsetzungssatz vgl. 1190 ff.

3. Der Geschlechtswandel
Viele Substantive haben im Laufe der Sprachgeschichte ihr Geschlecht 200
geändert. Nicht immer können wir die Gründe dafür erkennen. In den
meisten Fällen jedoch wurde der Geschlechtswandel durch Analogie
bewirkt:

a) von der Sache her


mhd. daz sper wird nhd. der Speer (weil: der Spieß, der Ger);
lat. murus (Mask.) wird die Mauer (weil: die Wand);
franz. la douzaine (Fern.) wird dm Dutzend (weil: das Hundert, das Tausend, das
Schock).

b) von der Endung des Substantivs her


Im Mittelhochdeutschen waren z. B. Substantive auf -e weitgehend
feminin. Deshalb glichen sich viele ursprünglich maskuline oder neutrale
Substantive auf -e diesem Geschlecht an:
mhd.: der bluome, nhd.: die Blume; mhd.: der vane; nhd.: die Fahne.
Aus dem gleichen Grunde wurden ursprüngliche Feminina zu Maskulina,
weil sie ihr Endungs-e verloren:
mhd.: diu boteche, nhd.: der Bottich; mhd.: diu phlume, nhd.: der Flaum-.
Schließlich wurden Maskulina oder Neutra zu Feminina, weil ihr ur¬
sprünglicher Singular ohne -e durch eine aus dem Plural abgeleitete weib¬
liche Form auf -e verdrängt wurde:
mhd. Singular: der trän, Plural: die trene, nhd. Singular: die Träne, Plural: die
Tränen.
Fremdwörter unterliegen oft der gleichen Analogiewirkung:
franz. le bagage (Mask.) wird die Bagage; franz. le flanc (Mask.) wird die Flanke;
franz. le cigare (Mask.) wird die Zigarre.
150 Das Substantiv (Nomen)

4. Schwankendes Geschlecht
201 Das Geschlecht schwankt, wenn sich das neue Geschlecht noch nicht
durchgesetzt hat (vgl. 202).
Solche Schwankungen können sich über lange Zeiträume erstrecken:
mhd.: diu oder daz versumnisse, nhd.: das (auch: die) Versäumnis; mhd.: derwulst
oder diu wulste, nhd.: der oder die Wulst; mhd.: daz oder der zepter, nhd.: das
(seltener: der) Zepter.
Oft lebt das absterbende Geschlecht in einem Teil des Sprachraumes oder
im engeren Bereich einer Mundart fort:
mhd.: der oder daz hast, ostmd.: das Bast, schriftspr.: der Bast;
mhd.: diu oder der buter, schwäb.: der Butter, schriftspr.: die Butter;
mhd.: der oder diu bach, mdal. oft: die Bach, schriftspr.: der Bach.
Fremdwörter haben oft deshalb schwankendes Geschlecht, weil das Ge¬
schlecht der Herkunftssprache unbekannt ist:
der oder das Radar; der, das oder die Dschungel; der oder das, auch die Zigarillo,
oder weil man sich zwischen dem Geschlecht der Ursprungssprache und
dem im Deutschen durch Analogie hervorgerufenen Geschlecht nicht ent¬
scheiden kann:
lat. metrum (Neutr.) — das Meter, aber in Analogie zu vielen maskulinen Substan¬
tiven auf -er häufig auch: der Meter.
Bei Übernahme fremder Wörter in den deutschen Text besteht manch¬
mal Zweifel, ob man das fremde Geschlecht beibehalten oder das der be¬
treffenden deutschen Übersetzung wählen soll. In diesen Fällen ist das
letztere meist vorzuziehen:
der Place de la Concorde (seltener: die, obwohl franz. place Femininum istl.dieBanco-
di Credito (seltener: der, obwohl italien. banco Maskulinum ist).

202 Liste gebräuchlicher Substantive mit noch heute schwankendem


Geschlecht in der Schriftsprache

Abscheu, der oder die Haspel, die (seltener: der)


Barock, das oder der Hehl (nur noch in der Wendung: kein,
Bauer (Käfig), das (seltener: der) lauch:] keinen Hehl daraus machen)
Begehr, der oder das Juchten, der oder das
Bonbon, der oder das Kasperle, das oder der
Breisgau, der oder das Katapult, der oder das
Bruch (Sumpfland), der (seltener: das) Katheder, der oder das
Buna, der oder das Kehricht, der oder das
Chor (Kirchenraum), der (seltener: das) Keks, der oder das
Dotter, der oder das Klafter, die (auch: der oder das)
Drangsal, die (seltener: das) Klunker’ die oder der .
Dschungel, der oder das oder die Knäuel, der oder das
Episkopat, der oder das Kompromiß, der oder das
Erbteil, das (BGB: der) Lampion, der oder das
Filter, der (techn. meist: das) Lasso, der oder das
Friesei, der oder das Liter, das oder der
Gelee, das oder der Match, der oder das
Gong, der (auch: das) Meteor, der oder das
Gummi, das (auch: der) Meter, das oder der
Häcksel, das (seltener: der) Mündel, der oder das (seltener: die)
Halfter, die (auch: der oder das) Münster, das (seltener: der)
Das Genus der Substantive 151

Perpendikel, der oder das Spachtel, Spatel, der oder die


Pflichtteil, der oder das Spind, das oder der
Pflugschar, die (landw. auch: das) Teil, der (in bestimmten Wen¬
Plaid, der oder das dungen und Zusammensetzungen
Podest, das oder der auch: das)
Primat, der oder das Tingeltangel, der oder das
Quader, der (auch: die) Traktat, der oder das
Radar, der oder das Trikot, das (auch: der)
Salbei, der oder die Tüpfel, der oder das
Schar vgl. Pflugschar Versäumnis, das (auch: die)
Schmer, der oder das Willkommen, das (auch: der)
Schnippei, Schnipsel, der oder das Wulst, der oder die
Schorlemorle, die oder das Zepter, das (seltener: der)
Sellerie, der oder die Zigarillo, der oder das (auch: die)
Sims, der oder das Zölibat, der oder das
Soda, die (auch: das; süddt.: der) Zubehör, das oder-der

Liste gleichlautender verwandter Substantive mit verschiedenem Geschlecht 203


und verschiedener Bedeutung

Oft ist mit verschiedenem Geschlecht verschiedene Bedeutung ver¬


bunden. Hierzu trug vor allem die neuhochdeutsche Schriftsprache bei,
die das schwankende Geschlecht zur Differenzierung benutzte.
Band, das (Fessel, Gewebestreifen) — Band, der (Buch)
Bauer, der (Landmann) — Bauer, das (Vogelbauer; seltener: der)
Bord, der (Schiffsrand), in Zus.: das — Bord, das (Bücherbrett)
Bund, der (Bündnis) — Bund, das (Gebinde)
Chor, der (Sängergemeinschaft) — Chor, das (Schar, Gesellschaft)
Erbe, der (Erbender) — Erbe, das (Geerbtes)
Erkenntnis, die (Einsicht) — Erkenntnis, das (richterliches Urteil)
Fasson, die (Form, Muster, Art) — Fasson, das (Revers)
Flur, der (Korridor) — Flur, die (Landfläche)
Gefallen, der (Gefälligkeit) — Gefallen, das (Freude)
Gehalt, der (Inhalt, Wert) — Gehalt, das (Monatsgehalt)
Hut, der (Kopfbedeckung) — Hut, die (Schutz)
Junge, der (Knabe) — Junge, das (Tierjunges)
Kaffee, der (Getränk) — Kaffee, das (Kaffeehaus, Cafe)
Kredit, der (Glaubwürdigkeit, — Kredit, das ([Gutjhaben)
Zahlungsfähigkeit, Darlehen)
Kristall, der (mineral. Körper) — Kristall, das (Glas)
Kunde, der (Käufer) — Kunde, die (Nachricht)
Maß, das (richtige Größe, Menge) — Maß., die (Flüssigkeitsmaß), süddt.
Mensch, der (allgemein) — Mensch, das (verächtl. für eine Frau)
Moment, der (Augenblick) — Moment, das (Umstand)
Nickel, der (Münze), veralt. — Nickel, das (Metall)
Ort, der (Ortschaft) — Ort, das (bergm. für: Ende der Strecke)
Pack, der (Packen) — Pack, das (verächtl. für: gemeine, min¬
derwertige Menschen)
Schild, der (Schutzwaffe) — Schild, das (Erkennungszeichen)
See, der (Landsee) — See, die (Meer)
Steuer, das (Lenkvorrichtung) — Steuer, die (Abgabe)
Stift, der (Bleistift, kurzes Stäbchen, — Stift, das (fromme Stiftung)
Halbwüchsiger)
Verdienst, der (Erwerb) — Verdienst, das (anerkennenswerte Leistung)
Wehr, das (Stauanlage) — Wehr, die (Verteidigung)
Weise, der (weiser Mensch) ‘ — Weise, die (Art, Singweise)
Wurm, der (Tier) — Wurm, das (hilfloses Kind)
152 Das Substantiv (Nomen)

204 Liste gleichlautender nichtverwandter Substantive mit verschiedenem


Geschlecht und verschiedener Bedeutung

Alp, der (Alpdrücken) — Alp, die (Bergweide)


Harz, das (Baumabsonderung) — Harz, der (Gebirge)
Heide, die (Ödland) — Heide, der (Nichtchrist)
Kiefer, der (Knochen) — Kiefer, die (Baum)
Koller, das (Kragen) — Koller, der (Wutausbruch)
Lama, das (Tier) — Lama, der (Priester)
Leiter, die (SteigVorrichtung) — Leiter, der (Leitender)
Mangel, der (Fehler) — Mangel, die (Wäscherolle)
Mark, die (Geldeinheit; Grenzland) — Mark, das (Knochenmark)
Marsch, der (Marschieren) — Marsch, die (Niederung)
Mast, die (Mästung) — Mast, der (Mastbaum)
Messer, das (Schneidegerät) — Messer, der (Messender, Meßgerät)
Ohm, der (Oheim) — Ohm, das (Flüssigkeitsmaß)
Otter, der (Marderart) — Otter, die (Schlange)
Reis, der (Getreide) — Reis, das (Zweiglein)
Tau, der (Niederschlag) — Tau, das (starkes Seil)
Taube, die (Vogel) —Taube, der (Gehörloser)
Tor, das (große Tür) — Tor, der (törichter Mensch)

205 Liste verwandter Wörter von etwas abweichender Form mit verschiedenem
Geschlecht und gleicher oder verschiedener Bedeutung

In manchen Fällen sind mit dem verschiedenen Geschlecht besondere


Wortformen verbunden. Es handelt sich hier meist um Substantive, die
ihr früheres maskulines oder neutrales Geschlecht mit abweichender
Endung gegenüber der femininen schriftsprachlichen Form in Um¬
gangssprache, Mundart, Fachsprache oder feststehenden Redewendungen
behaupten. Daneben steht, wie bei den Substantiven in den beiden
vorhergehenden Listen, das Streben nach Bedeutungsdifferenzierung.

Akte, die (Schriftstück) Akt, der (Handlung, Theateraufzug)


Backe, die Backen, der (süddt.); mhd.: der backe
Drohne, die Drohn, der (in der Fachsprache der
Imker); mhd.: der tren
Ecke, die Eck, das (bes. süddt. in Ortsbezeichnungen
[das Deutsche Eck] und in Zusam¬
mensetzungen [Dreieck usw.]); mhd.:
diu oder daz ecke
Etikette, die (Förmlichkeit, Hofsitte; Etikett, das (Zettel)
selten noch für: Etikett)
Gurt, der Gurt[e], die (landschaftl. Fachsprache)
Idyll, däs (idyllische Szene) Idylle, die (Gedichtgattung, auch für
Idyll)
Importe, die (eingeführte Zigarre) Import, der (Einfuhr)
Karre, die Karren, der; mhd.: der oder diu karre

In Norddeutschland leben beide Formen mit Bedeutungsunterschied: Karre ist hier


meist die Schubkarre (auch: schlechtes Fahrrad), Karren ein kleiner Wagen. In Süd¬
deutschland ist für beide Bedeutungen der Karren geläufiger.

Knolle, die Knollen, der (seltenere Nebenform); mhd. :


der knolle
Lüge, die Lug, der (fast nur noch in der Formel: Lug
und Trug); mhd. Nebenform: der luc
Das Oenus der Substantive 153

Maie, die (Birkengrün) Mai, der (Monat)


Maien, der (Schweiz, für: Blumenstrauß)
Muff, der (Handwärmer) Muffe, die (Verbindungsstück zweier
Rohre)
Niete, die (veraltend für: Metallbolzen) Niet, der (techn. nur so); mhd.: der oder
diu niet[e]
Posse, die (Possenspiel, lustiges Possen, der (lustiger Streich, Unsinn,
Theaterstück) Spielerei); mhd.: diu oder der posse
Quaste, die (Troddel am Vorhang usw.) Quast, der (norddt. für: breiter Pinsel);
mhd.: der oder diu quaste
Quelle, die Quell, der (dicht.; jüngere Nebenform)
Ratte, die (ugs.: Ratze) Ratz, der (süddt. mdal.); mhd.: der ratz
Ritze, die Ritz, der (noch in Hautritz, sonst mehr
ugs.); mhd.: diu ritze, der riz
Röhre, die Rohr, das,
ln älterer Sprache wurden beide Wörter unterschiedslos gebraucht. Sich anbahnende
Differenzierung geht aus den Zusammensetzungen hervor: Bambus-, Schilf-, Zuckerrohr;
Blas-, Fern-, Kanonenrohr; Abfluß-, Wasser-, Ofenrohr; aber: Ofenröhre (= Backröhre);
Harn-, Luft-, Speiseröhre; Röntgen-, Radioröhre. Mhd.: diu rcere, daz ror.
Ruine, die (verfallenes Bauwerk) Ruin, der (Zusammenbruch, Untergang,
Verfall)
Scherbe, die Scherben, der (oberdt. auch in der spe¬
ziellen Bedeutung Blumentopf);
mhd.: der oder diu scherbe
Schürze, die Schurz, der (meist nur noch Handwerks¬
sprache) ; mhd.: der schürz
Socke, die Socken, der (oberdt. und ugs.); mhd.: der
socke
Spalte, die (bes. in: Gletscher-, Druck¬ Spalt, der (bes. in: Fenster-, Türspalt);
spalte) mhd.: der spalt, diu spalte
Spanne, die (Längenmaß; landsch. für: Spann, der (Fußrücken). (Jüngeres, in der
Spann; in: Gewinn-, Preis-, Fachsprache der Schuhmacher ent¬
Verdienstspanne) standenes Maskulinum)
Sparren, der Sparre, die (dieses Femininum hat sich
gegenüber dem alten Maskulinum
[mhd.: der sparre] nicht durchgesetzt,
weil das Wort meist nur handwerklich
gebraucht wurde)
Spitze, die Spitz, der (oberdt.; sonst nur in den Be¬
deutungen: Hundeart, leichter
Rausch); mhd.: diu spitze, der spiz
Sprosse, die (Querholz [an der Leiter]; Sproß, der (Pflanzentrieb, Nachkomme)
Sommersprosse) Bereits mhd. in diesen Bedeutungen
differenziert
Stapfe, die Stapfen, der (seltenere Nebenform); mhd.
der oder diu stapfe
Stolle, die (Weihnachtsgebäck) Stollen, der (waagrechter unterirdischer
Gang, seltener für: die Stolle); mhd.:
der stolle
Streife, die (Streifzug, Polizeistreife) Streifen, der (in Stoff-, Papier-, Filmstrei¬
fen) ; mhd.: der strife
Striemen, der Strieme, die (dieses Femininum hat sich
gegenüber dem alten Maskulinum
[mhd.: der strime] nicht durchsetzen
können)
Tapfe, die Tapfen, fler
Jüngere Bildung durch falsche Trennung von Fußs/tapfe; vgl. deshalb Stapfe.
154 Das Substantiv (Nomen)

Trupp* der (größere Menschenansamm¬ Truppe, die (Schauspieler-, Artisten truppe,


lung, Schar) bes. soldatische Einheit [meist PI.])
Typ, der (Gepräge, [Grundjform, Urbild, Type, die (gegossener Druckbuchstabe;
Vorbild, [Eigenjart, Gattung, Bei¬ ugs. für: komische Figur; immer sel¬
spiel) tener für: Typ)
Zacke, die (Spitze) Zacken, der (seltenere Nebenform); mhd.:
der oder diu zacke
Zehe, die Zeh, der (seltenere Nebenform; oft ugs.
und mdal.) In Analogie zii „der Fin¬
ger“; mhd.: diu zehe
Zinke, die (Spitze, Zacke; altes Blas¬ Zinken, der (ugs. für: grobe, dicke Nase;
instrument; Gaunerzeichen; Zinke auch für: Gaunerzeichen); mhd.: der
einer Gabel, eines Kammes) zinke

IV. Der Artikel


1. Die Leistung des Artikels
206 Obwohl der Artikel1 der Wortart Begleiter und Stellvertreter des Sub¬
stantivs angehört (vgl. 43), behandeln wir ihn bereits hier, weil er nur in
Zusammenhang mit dem Substantiv betrachtet werden kann.
Der Artikel dient zunächst zur Unterscheidung des Geschlechtes. Außer¬
dem drückt er, da er beugbar ist, auch den Numerus (vgl. 237 ff.) und den
Kasus (vgl. 259 ff.) aus, denen jedes Substantiv zugänglich ist, und ver¬
stärkt dadurch die Aussagekraft der Substantivendung, die heute für
sich allein nicht immer imstande ist, Singular und Plural oder einzelne
Kasus zu unterscheiden:
der Lehrer - die Lehrer, das Becken - die Becken, das Segel - die Segel; des,
eines fleißigen Knaben; dem, einem fleißigen Knaben.
Die Entstehung des Artikels ist daher auch dem Umstand zuzuschreiben,
daß das Substantiv selbst durch Abschwächung seiner Endungen Genus,
Numerus und Kasus nicht mehr deutlich genug auszudrücken vermochte.
Sprachen, in denen die Endungen voll erhalten blieben, haben deshalb
auch keinen Artikel ausgebildet (indogermanische Grundsprache, Alt¬
indisch, Latein, Russisch). Im Gotischen ist er noch wenig entwickelt,
selbst im Althochdeutschen ist er noch nicht ganz fest geworden. Das ist
erst im Mittelhochdeutschen der Fall. Aus der Not wurde aber eine
Tugend: Wenn wir andere Sprachen, die keinen Artikel besitzen, mit der
deutschen vergleichen, dann merken wir bald, welche feinen, abgetönten
sprachlichen Inhalte wir heute mit der Anwendung oder Nichtanwendung
des Artikels ausdrücken können. Der bestimmte und der unbestimm¬
te Artikel bereichern also unsere stilistischen Ausdrucksmöglichkeiten
sehr.
Die bedeutsame Leistung des Artikels besteht darin, auf bestimmte oder
unbestimmte Wesen oder Dinge vorzubereiten, auf sie hinzudeuten,
sie anzumelden (vgl. 208). Es gibt für diesen Zweck zwei verschiedene
Formen: den bestimmten Artikel (der, die, das, Plural die) und den un¬
bestimmten (ein, eine, ein). Der bestimmte Artikel ist aus dem Demon-

1 Lat. articulus = Gelenk, kleines Satzstück. Dieser Terminus ist also ziemlich nichts¬
sagend.
Der Artikel 155

strativpronomen „der, die, das” durch Abschwächung hervorgegangen,


während der unbestimmte Artikel sich von dem Zahlwort „ein, eine, ein”
herleitet. Diese Herkunft zeigt deutlich, daß der Artikel mit dem Pro¬
nomen und dem Zahlwort in einer Wortgruppe steht.

2. Die Beugung des Artikels


Der bestimmte Artikel wird stark, der unbestimmte Artikel gemischt in 207
folgender Weise gebeugt (vgl. 331):

Singular Plural
Mask. Fern. Neutr. für alle Geschlechter

Nom. der die das die


Gen. des der des der
Dat. dem der dem den
Akk. den die das die

Singular Plural fehlt 1


Mask. Fern. Neutr.

Nom. ein eine ein Die Unbestimmtheit plurali-


Gen. eines einer eines scher Gattungsbezeichnungen
Dat. einem einer einem wird im Deutschen durch die
Akk. einen eine ein bloße Pluralform wiedergege-
ben: Hier blüht eine Blume;
aber nur: Hier blühen Blumen.
Vor bestimmten Indefinitpronomen (vgl. 484) bleibt der unbestimmte
Artikel manchmal ungebeugt:
mit ein wenig Geduld, mit ein paar Mark.

3. Der Gebrauch des Artikels


a) Zur Einführung
Der bestimmte (oder besser: bestimmende) Artikel meldet in erster Linie 208
etwas irgendwie Bestimmtes, Bekanntes oder ein bereits erwähntes Wesen
oder Ding an. Der unbestimmte Artikel hebt ein beliebiges unbestimmtes,
nicht näher definiertes Wesen oder Ding aus mehreren derselben Gattung
heraus, um es neu einzuführen, zum erstenmal vorzustellen. Beide Artikel
individualisieren also, der eine in bestimmter Weise, der andere in unbe¬
stimmter. Darauf beruht der Wechsel der Artikel im Anfang einer Er¬
zählung :
Es war einmal eine Witwe. Die Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön
und fleißig, die andere aber häßlich und faul.
Oder: Ich sehe einen Baum. Der Baum blüht. Er trägt rote und weiße Blüten. Die
Blüten sind schön.
Im Zusammenhang der Rede wird vieles als bekannt vorausgesetzt: Das Buch [, das
du mir vorhin gegeben hast,] ist spannend.
Die Vorstellung der Individualisierung kann so stark werden, daß viele
Abstrakta nur mit dem bestimmten Artikel auftreten:
die Natur, das Schicksal, die Vorsehung, die Ehe, der Tod, die Nachwelt, das Chri¬
stentum.
156 Das Substantiv (Nomen)

Besonders Dinge, die nur einmal Vorkommen, gelten als so bekannt, daß
sie den bestimmten Artikel haben:
die Sonne, die Erde, das Fegefeuer, der Himmel, das Paradies.
Die Voraussetzung der Bestimmtheit und Bekanntheit ist schon dann er-'
füllt, wenn das betreffende Substantiv nur durch seine Zugehörigkeit zu
einer bekannten Gattung, als bloßer Gattungsbegriff bestimmt und damit
generalisiert wird. Diese Funktion übernimmt vor allem der bestimmte
Artikel (besonders in kollektiver Bedeutung) :

. Der Baum ist eine Pflanze. Die Bäume sind Pflanzen. Die Wahrheit sagen. [Die]
Geduld ist eine schöne Tugend. [Das] Gold ist ein Metall. Vgl. zu den zwei letzten
Beispielen Ziff. 213 und 227.
Aber auch der unbestimmte Artikel übt die generalisierende Funktion aus,
allerdings seltener und mehr in disjunktiver (sondernder) Bedeutung:
Das weiß ja ein Kind (= jedes Kind). Kinder dürfen das nicht. Ein Baum ist eine
Pflanze. Bäume sind Pflanzen.
209 Der bestimmte Artikel steht im allgemeinen auch dann, wenn das
betreffende Substantiv (der Gliedkem) durch irgendeinen Zusatz näher
bestimmt wird (attributives Adjektiv, voranstehende Apposition, Geni¬
tivattribut usw.):
das schöne Haus; der Monat Juli; die Liebe einer oder der Mutter; der Zaun des Nach¬
bars; die Belagerung von Paris; er starb im hohen Alter von 85 Jahren (aber ganz
allgemein; er starb in hohem Alter); die Freude, die du mir damit erwiesen hast.. .
Bei vorangestelltem Genitivattribut steht jedoch kein Artikel beim Glied¬
kern:
der Mutter Liebe, des Nachbars Zaun. Viele Hunde sind des Hasen Tod (Sprw.).
210 Im allgemeinen steht der Artikel nicht neben Pronomen, da er ja selbst
aus einem Pronomen entstanden ist. Wo es aber der Fall ist, übt er die
gleichen Wirkungen aus, die wir bereits kennengelemt haben: In „der¬
selbe“, „derjenige“ wird ein einmaliges Einzelwesen bestimmt, in „ein
jeder“, „ein solcher“, „solch ein“, „welch ein“ der Vertreter einer Gat¬
tung. Ähnlich:
all die Leute, all das Volk, die beiden, manch ein, ein jeglicher.
211 Der bestimmte Artikel steht oft nur zur Verdeutlichung des Kasus, auch
dort, wo ihn die Bedeutung des Substantivs gar nicht verlangen würde:
Ich ziehe Wein dem Wasser vor. Dieses Metall gleicht dem Golde; die schöne Tugend
der Geduld; einem Pfau gleichen; er hat sich der Physik gewidmet.
212 Da im heutigen Deutsch der Artikel im allgemeinen gesetzt wird, betrach¬
ten wir in den folgenden Einzelfällen vor allem die Ausnahmen von dieser
Regel. Sie sind stets darauf zurückzuführen, daß das folgende Substantiv
ohne Beziehung auf eine besondere Gegebenheit in allgemeinem, unbe¬
stimmtem, nicht begrenztem Sinne gebraucht wird. Das ist nicht nur eine
grammatische, sondern auch eine stilistische Frage, da sich in der Weg¬
lassung des Artikels das Streben nach Kürze ausdrückt.

b) Setzung oder Nichtsetzung des Artikels in Einzelföllen


Der Artikel fehlt vor allem in folgenden Fällen:
213 Bei Abstrakta, wenn sie ganz allgemein eine Eigenschaft, einen Zustand
bzw. Vorgang oder einen Zeitbegriff bezeichnen:
Tugend besteht, Schönheit vergeht. Widerstand ist nutzlos. Sie hätte Geduld. Durch¬
gang verboten! Ende der Woche, Mitte Oktober, Mittwoch abend, nächsten Dienstag.
Der Artikel 157

Über den generalisierenden Artikel, der auch bei Abstrakta gebraucht


wird, vgl. 208.
Tätigkeiten werden jedoch oft individualisiert, also als Gattungsnamen
aufgefaßt und stehen dann mit Artikel:
Der Hieb drang durch den Helm. Ein Sprung in die Tiefe rettet dich.
Der Artikel kann ferner stehen, wenn ein Abstraktum durch einen quali¬
tativen Unterschied bestimmt und herausgehoben (individualisiert) wird:
Das ist die reine Wahrheit (für: das ist reine Wahrheit); einem eine [große] Freude
machen (aber: einem Freude machen).
Nachahmung des Französischen ist es, näher bestimmte Abstrakta mit
dem unbestimmten Artikel ,,ein“ zu setzen:
mit einer vor Wut zitternden Stimme; eine grausame Hache nehmen; von einem
blinden Haß getrieben.
„Gott“ und „Christus“ sind keine Gattungsbezeichnungen mehr, sondern 214
zu Eigennamen (vgl. 232) geworden. Sie stehen daher ohne Artikel:
Qott ist mein Zeuge. Christus trägt der Welt Sünde.
Aber in heidnischem Sinn:
So wandert’ er an leichtem Stabe aus Rhegium, des Gottes (= Apollo) voll (Schiller).
Bei näherer Bestimmung steht auch bei „Gott“ im monotheistischen Sinn
der Artikel:
der liebe Gott; der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte (Arndt).
Bei manchen Sprichwörtern als urtümlichen Aussageweisen: 215
Not kennt kein Gebot. Zeit ist Geld. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Bei feststehenden oder zufälligen, meist durch „und“ oder durch Prä- 216
Position verbundenen Wortpaaren:
Mann und Frau, Haus und Hof, in Form und Inhalt ungenügend, weder Baum noch
Strauch, Woge auf Woge; Urahne, Großmutter, Mutter und Kind.
Stehen solche Wortgruppen im Genitiv, dann steht der Artikel:
Die Ankunft des Königs, der Königin und des Gefolges.
Bei festen Wendungen mit ganz allgemeinem Sinn und bei formelhaften 217
Akkusativobjekten:
nachts, sonntags, bestenfalls, höheren Orts; Fuß fassen, Widerstand leisten, Frieden
schließen, Feuer machen, guten Tag sagen, Atem holen, Wurzel schlagen.
Bei Substantiven, die bloß angeführt oder definiert werden (vgl. 315): 218
Die Beugung von „Bauer"; wie heißt „Brot" auf englisch?; „Liebe" hat viele Be¬
deutungen; was ist „Freiheit" ?
Beim Gleichsetzungsnominativ (vgl.868) oder bei der Artangabe (vgl. 901) 219
mit „als“, wenn die Allgemeinheit betont wird:
Er ist Schaffner. Wir sind Deutsche. Sie wird Kindergärtnerin. Du bleibst Schlosser.
Er fühlt sich als Held. Ich betrachte ihn als Freund.
Aber: Sie ist die Autorin eines bekannten Frauenbuches; es ist der Briefträger;
er ist ein Narr. Hier hat der Artikel identifizierende Kraft.
Bei Superlativen, wenn diese nicht zu etwas anderem in Gegensatz treten, 220
sondern nur eine sehr hohe Stufe, einen sehr hohen Grad bezeichnen (Ela¬
tiv; vgl. 393):
Dieser Betrieb besitzt modernste Maschinen. Es war tiefster Winter. Einfachste,
ist im Sturm wie in der Windstille (Raabe).
tiefste Harmonie
158 Das Substantiv (Nomen)

Tritt der Superlativ jedoch in Gegensatz zu anderem, dann steht der


Artikel:
Er ist der klügste Schüler in der Eiasse. Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe,
diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen (1. Kor. 13, 13).
221 In der Dichtung:
Suppe kocht und siedet ein, Braten will verbrennen (Goethe). Knabe sprach: Ich
breche dich. Röslein sprach: Ich steche dich (Goethe).
222 In der Kanzlei- und Gerichtssprache u. ä.:
Beklagter hat zugegeben . . . Verfasser dieser Schrift hat... Überbringer ist berech¬
tigt . .. [Endes] Unterzeichneter . . .
223 Norddeutsch umgangssprachlich bei Verwandtschaftsbezeichnungen, die
als Eigennamen aufgefaßt werden (vgl. 232, e; 290):
Vater ist nicht zu Hause. Das sage ich Mutter. Tantes Kleid. Aber emphatisch und
hinweisend: Der Vater kommt!
224 In Über- und Aufschriften, Titeln, Schlagzeilen, Anzeigen usw.:
Metzgerei von E. Schulze. Herbststimmung (Gedichtüberschrift). Mutter und Kind
(Bildunterschrift). Saal im Schloß (Ort einer Theaterszene). Wiedervereinigung ge¬
fordert (Zeitungsschlagzeile). Lehrling gesucht (Zeitungsanzeige).
225 Bei Kommandos, Aufforderungen usw., die zur Kürze drängen:
Gewehr ab! Kopf hoch! Durchgang verboten! Aber: das Gewehr über! die Augen
links! (als Ankündigungskommando, zur Unterscheidung von anderen, artikellosen
Befehlen).
226 Bei Telegrammen (zur Ersparung von Gebühren):
Unterredung mit Direktor günstig verlaufen stop erbitte Weisung für Abschluß
geplanter Verträge.

227 Bei Stoffnamen, wenn sie eine unbestimmte Menge bezeichnen:


Milch ist ein hochwertiges Nahrungsmittel. Ich brauche Geld. Gold schmilzt bei
1063° C.
Werden sie als bestimmte Menge individualisiert, steht der Artikel. Sie
sind dann Gattungsnamen:
DieMilch [in der Tasse] ist heiß. Wieviel kostet das Brot [= der Laib Brot]? Ich
möchte einen Kaffee [= eine Tasse Kaffee]. Das ist ein guter Wein.
Über den generalisierenden Artikel, der auch bei Stoffnamen ^gebraucht
wird, vgl. 208.
228 Bei Präpositionalgefügen, wenn sie ganz allgemeinen Sinn (und zum Teil
die volle sinnliche Bedeutung verloren) haben:
an Bord, an Hand, anstatt; auf Erden, auf Deck, auf Borg leben; aus Liebe, aus Haß,
aus Kindermund; bei Tische, bei Hofe, beiseite; gegen Morgen; in [tiefe] Not ge¬
raten, in Zorn versetzen, in See stechen1; mit Güte, mit Absicht; nach Hause, nach
Wunsch, nach Tisch; über Land, über Bord; unter Dach und Fach bringen; von Her¬
zen, von seiten, von Kopf bis Fuß; vor Augen bringen, vor Anker liegen, vor Freude,
vor Sonnenaufgang; zu Lande, zu Abend essen, 2u Zeiten (aber: zur Zeit = zur
jetzigen Zeit), zu Tode hetzen.
Norddeutsche lassen auch in anderen, nicht fest gewordenen Fügungen
fälschlicherweise den Artikel weg:
nach Schule gehen.

1 Besonders die Zusammenziehung ,,im“ (vgl. 236) oder „in“ -1- Artikel werden jedoch
auch bei allgemeinen Zuständen gebraucht, z. B. im Krieg, im Traum, im Bewußtsein,
im Begriff, sich im Bau befinden, im Einklang stehen, im Urlaub sein, in der Not.
Der Artikel 159

Doch werden auch neuere Fügungen allmählich fest:


auf Jagd, auf Fahrt gehen, von (statt: vom) Stapel lassen.
Bei Verbalsubstantiven mit Präposition, die nähere Bestimmungen bei
sich haben, fehlt ebenfalls meist der Artikel:
auf Anordnung des Lehrers; nach Abschluß der Verhandlungen; seit Beendigung
des Krieges; auf Befehl des Ministers; unter Angabe des Preises; in Anerkennung
seiner Verdienste.
Ebenso bei Verbindung eines partizipialen Attributs mit einem Sub¬
stantiv :
bei eintretender Dunkelheit, nach bestandener Prüfung, hinter verschlossener Tür; nach
getaner Arbeit ist gut ruhn (Sprw.).
Selbst näher bestimmte Sachbezeichnurigen können in der Einzahl ohne
Artikel stehen, wenn Allgemeinheit des Ausdrucks erzielt werden soll:
ein Haus mit flachem Dach; in tiefem Tal, auf schneebedeckten Höhen war stets dein
Bild mir nah (Goethe).
Bei der Anrede1 und im Ausruf: 229
Gnade, Königin! Er hat gelogen, Hpchwürden! Sehr wohl, gnädige Frau! He, Junge!
Hilfe!
Bei Festbezeichnungen: 230
Ostern, Pfingsten, Weihnachten.

Der Artikel vor Eigennamen

Da die Eigennamen schon ganz bestimmte Einzelwesen oder -dinge be- 231
zeichnen, die so, wie sie sind, nur einmal Vorkommen, haben sie im all¬
gemeinen keinen Artikel bei sich.

a) Personennamen
Der bestimmte Artikel fehlt im allgemeinen: 232
Hans ist ein braver Junge. Der Geburtsort Johann Wolfgang Goethes ist Frankfurt
am Main.

a) Der bestimmte Artikel steht aber, um den Kasus zu verdeut¬


lichen:
die Dramen des Sophokles, eine Ausgabe des Horaz (Sophokles’ Dramen, eine
Ausgabe Horaz’ wäre undeutlich).

ß) Er steht bei Werken der Kunst, Literatur usw., die mit Eigennamen
bezeichnet werden. Er drückt hier die Vertrautheit mit bestimmten,
allen bekannten Werken aus:
der Laokoon, die Emilia Galotti (von Lessing). Ich habe den Livius (ein Werk von
Livius) vergessen; den Wallenstein spielen.
Fehlt diese Vertrautheit, dann kann auch der Artikel fehlen:
ein Zitat aus „Oberon“; ich höre heute abend „Rienzi“; die Ouvertüre zu
„Lukrezia
Dejr Artikel fehlt ferner bei Namenspaaren:
die bekannte Stelle aus „Romeo und Julia“.

1 In salopper Umgangssprache begegnet man hier auch dem Artikel: „Hoppla, Achtung
die Herren.!“ sagte Behrens (Th. Mann).
160 Das Substantiv (Nomen)

y) Der bestimmte Artikel steht ferner in der süd- und mitteldeutschen


Umgangssprache und in der Kanzleisprache:
Ich . . . will’s nicht glauben, daß mich der Max verlassen kann (Schiller). Doch
nicht den Teil erblick' ich in der Menge (Schiller). Die Akte des Anton Meier ist
nicht aufzuflnden.

6) Familiennamen von Frauen, die ohne einen das Geschlecht be¬


zeichnenden Zusatz stehen, brauchen mindestens den bestimmten
Artikel, um als weiblich erkannt zu werden; das gilt auch gelegent¬
lich für fremde weibliche Vornamen:
die Werke der Droste-Hülshoff; War das die Hu jus ? (Th. Mann). Auf die Galeone
mit der Myga! (Raabe); aber: die Gedichte von Ricarda Huch (da der Vor¬
name das weibliche Geschlecht bereits deutlich ausdrückt).

e) Der bestimmte Artikel steht weiterhin bei Personennamen, die


mit einem Adjektiv verbunden sind:
der kleine Karl, der reiche Schulze, die alberne Schmidt.
Wenn das Adjektiv aber zu einem Teil des Namens geworden ist, steht
der bestimmte Artikel nicht:
Schön Rotraud (Mörike); Jung Siegfried (Uhland); Klein Erna.
Bei vorangestellter Apposition erhält diese den Artikel:
der Dichter Hölderlin; der Geschichtsschreiber Meinecke; die Schauspielerin
Karoline Neuber.
Ist die vorangestellte Apposition jedoch ein Titel oder eine Verwandt¬
schaftsbezeichnung, dann fehlt der Artikel:
Kaiser Karl, Doktor Schmidt, Herr Wahl, Frau Eck, Fräulein Schneider, Vater
Schulze, Mutter Spohr.
Aber süddeutsch: der Herr Müller, die Frau Schmidt.

£) Der bestimmte Artikel steht, wenn der Personenname zum Gat¬


tungsnamen wird:
Er war der Cicero unserer Zeit. Der Duden (= Wörterbuch der Rechtschreibung
von K. Duden) ist neu bearbeitet.

rj) Der Artikel steht auch beim Plural von Personennamen (vgl. 294 ff.):
die Gretchen, die Hilden, die Heinriche; die Grimm (Jacob und Wilhelm Grimm),
besonders dann, wenn der Plural bekannte Herrschergeschlephter oder
bekannte Familien bezeichnet:
die Ottonen, die Scipionen; Konradlll. war ein Hohenstaufe; die Bismarcks, die
Buddenbrooks (Th. Mann).
Die Bezeichnung für die Mitglieder einer Familie steht meist ohne
Artikel (vgl. 297, Beachte) :
Meyers sind eine schreckliche Familie (doch auch: die Meyers im Sinne von:
diese Meyers).

#) Der unbestimmte Artikel steht vergleichend in der Bedeu¬


tung „ein Mann wie“:
Von den poetischen Klängen eines Körner begleitet (= eines Mannes wie Kör¬
ner). Wer wird nicht einen (= einen Mann wie) Klopstock loben ? (Lessing).
In einem Satz wie „Er ist ein [zweiter] Napoleon“ wird der Personenname zum
Gattungsbegriff. Ebenso: Sie ist eine Xanthippe. Der Wagen ist ein Diesel.
Der Artikel 161

i) Der unbestimmte Artikel kann ferner bei Namen stehen, die das
Werk eines Künstlers bezeichnen:
Dieses Bild ist ein Rembrandt. Das Schauspiel ist ein echter Zuckmayer.

b) Völkernamen
Völkemamen haben den bestimmten oder unbestimmten Artikel: 233
der Deutsche, ein Franzose.
Im Plural kann der Artikel wegfallen, wenn die Namensträger nicht
näher bestimmt sind:
Neuyork ist von Holländern gegründet worden.
Durch „und“ zusammengefaßte pluralische Völkernamen haben keinen
Artikel, wenn sie als Einheit gefaßt werden:
Griechen und Römer.

c) Geographische Namen
a) Länder-, Gebiets- und Städtenamen haben im allgemeinen keinen 234
bestimmten Artikel:
Deutschland, Europa; Thüringen, Wales, Kreta; Rom, Heidelberg.
Es gibt jedoch nicht wenige Ausnahmen. Dabei handelt es sich vielfach
nicht um politische Bezeichnungen, sondern um Landschaftsnamen:
Mask.: der .Darß, der Peloponnes, der Chersones, der Balkan, der Sudan, der
Libanon.
Fern.: die auf -ei, -ie, -e, -a endenden: die Tschechoslowakei, die Türkei; die
Normandie, die Pikardie; die Bretagne, die Champagne; die Riviera,
die Dobrudscha; ferner: die Schweiz, die Lausitz, die Pfalz, die Krim,
die [Antarktis.
Neutr.: das Elsaß, das Ries, das Engadin, das Pandschab.
Pluralische Ländernamen (vgl. 254):
die USA, die Niederlande.
Zusammensetzungen:
die Sowjetunion, der Thurgau, die Steiermark, die Wetterau, das Allgäu, das
Vogtland.
Manche Ländernamen schwanken in der Setzung oder Nichtsetzung
des bestimmten Artikels:
[der] Iran, [der] Irak, [der] Jemen, [der] Hedschas. Der Haag (Hauptstadt der
Niederlande) war früher Gattungsname und hat heute noch den Artikel: im Haag,
in Den Haag (aber auch: in Haag).
Die Mundart gebraucht manchmal den Artikel, wo ihn die Schrift¬
sprache nicht kennt:
ins Tirol hinüber; ins Österreich.
Der bestimmte Artikel steht ferner, wenn der Länder- oder Städtename
mit einem Adjektiv, einer Apposition oder einem Genitivattribut ver¬
bunden ist oder sonst näher bestimmt ist:
das schöne Thüringen, das Land Thüringen, das Frankreich Ludwigs XIV.; das
ewige Rom, das Rom Michelangelos; das Heidelberg, das ich so liebe.
Der Artikel steht, wenn der Länder- oder Städtename zum Gattungs¬
namen geworden ist:
eine [gute] Havanna; Bayreuth ist das Mekka der Wagnerfreünde.
162 Das Substantiv (Nomen)

Bei Ländernamen mit bestimmtem Artikel fällt der Artikel weg, wenn
sie in Paarungen auftreten:
in Rheinland-Pfalz.
Vor „ganz“ und „halb“ sowie in Listen kann der bestimmte Artikel
auch wegfallen:
ganz Deutschland (auch: das ganze Deutschland), halb Europa (auch: das halbe
Europa). Mit je einem Studierenden sind vertreten: Frankreich, Schweiz,
Griechenland, Türkei, Tschechoslowakei.

235 ß) Die Namen der Berge, Gebirge, Flüsse, Seen, Meere, Sterne, Schiffe,
Gebäude, Hotels, Kaffees, Kinos haben den bestimmten Artikel:
der Brocken; der Harz, die Dolomiten; der Main; der Bodensee; die Nordsee; die
Venus; die „Bremen“; der „Schwan“; das Continental; das Kranzier: das Gloria.
Ortsnamen mit vorangestellter Apposition stehen vielfach ohne Artikel:
Schloß Wilhelmshöhe, Burg Stolzenfels, Kloster Banz, Kap Skagen.
Zusammensetzungen stehen jedoch mit Artikel:
die Wartburg, der Regenstein, das Rothaargebirge.
Aufzählungen von zwei oder mehr Namen brauchen nicht unbedingt
den Artikel:
Fulda und Werra vereinigen sich in Münden zur Weser. Harz, Schwarzwald und
Thüringer Wald sind große Waldgebirge.

c ) Zur Vorschmelzung des Artikels mit bestimmten Präpositionen

236 Die Verschmelzung der singularischen Artikelformen dem, den, das und
der mit bestimmten Präpositionen findet statt, wenn der Artikel nur
schwach betont ist. Sie steht also sozusagen zwischen vollem Artikel und
artikellosem Gebrauch. Die Verschmelzung ist in manchen Fällen so fest
geworden, daß sie nicht mehr auflösbar ist:
am Tage der Befreiung; am Dienstag; am Leben bleiben; am Rhein; am besten;
ans Werk gehen; jemandem etwas ans Herz legen; aufs Land reisen; aufs Eis; aufs
Haupt schlagen; Hand aufs Herz; aufs herzlichste; beim Lesen; beim Schopf pak-
ken; beim Wort nehmen; durchs Ziel gehen; fürs erste; fürs Auge; hinterm
Hause; hinterm Schrank; mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten; hinters
Licht führen; hinters Haus gehen; im Krieg; im Ernst; im Vertrauen; im Begriff;
im Walde; im Freien; im Herbst; ins Wanken bringen; ins Stocken geraten; ins
Gewissen reden; ins Blaue hinein; überm Wald; übern Graben springen; übers
Knie brechen; übers Herz bringen; übers Jahr; ums Leben kommen; ums Eck
gehen; unterm Eis; untern Tisch fallen lassen; unters Wasser tauchen; vom
Acker kommen; vorm Tor; vors Tor gehen; zum Heile gereichen; zum Mann
werden; Gasthaus „Zum Roten Hahn“; das ist zum Lachen; zum besten; zur Schule;
zur See; zur Tür hinaus; zur Zeit; zur Warnung dienen; zur Not.
In der Verschmelzung kann der bestimmte Artikel seine bestimmende
Kraft so sehr verlieren, daß er sich dem unbestimmten Artikel nähert
oder Allgemeines ausdrückt:
jemanden zum Künstler (= zu einem Künstler) ausbilden; jemanden zum Arzt be¬
stimmen. Er ist zum Bürgermeister gewählt worden. Der Garten lag am Hang. Im
Krieg (= in einem Krieg) gibt es wenig zu essen. Das Haus befindet sich im Bau
(= in Bau). Am Tage; zur Strafe; im Wege stehen; im Verhältnis.
Der Numerus der Substantive 163

Wo der Artikel auf einen folgenden Gliedsatz hin weist, also demonstra¬
tive Kraft hat, steht die Verschmelzung meist nicht:
an dem Tag, an dem dies geschah; er ging zu der Tür hinaus, durch die er eingetreten
war. Aber dichterisch: Zum Werke, das wir ernst bereiten (Schiller). Vom Rechte,
das mit uns geboren (Goethe).
Man vermeide, von einer Verschmelzung ein nachfolgendes zweites Sub¬
stantiv mit verschiedenem Geschlecht oder verschiedener Zahl abhängen
zu lassen:
Falsch: Man sprach vom Erfolg des Ministers und seinen weiteren Plänen. Wir er¬
kannten sie am Gang und der Haltung. Richtig:. . . und von seinen weiteren Plänen;
. . . und an der Haltung.
Die Grenze zwischen schriftsprachlicher 'und umgangssprachlicher Ver¬
schmelzung ist fließend. Im allgemeinen gelten Verbindungen wie „außerm,
hinterm, hintern, überm, übern, unterm, untern, unters, vorm, vors“ schon
als umgangssprachlich, kommen aber schriftsprachlich vor. Sie werden
alle ohne Apostroph geschrieben. Reine Umgangssprache dagegen sind:
an’n, auf’m, auf’n, aus’m, durch’n, für’n, gegen’s, nach’m, in’n, vor’n, zu'n.
Sie werden stets mit Apostroph geschrieben.
Die Verschmelzungen von ,,in den“, „an den“, „zu den“ zu „in“ (= in’n),
„an“ (= an’n) und „zun“ (= zü’n) waren im 18. Jahrhundert noch sehr
üblich:
Und setz dich in Sessel (Goethe). Laß uns in Himmel kommen (Matthias Claudius).
An Galgen kommen (Lessing). Vom Kopf bis zun Füßen (Schiller).
In der Umgangssprache kann der Artikel auch mit vorangehenden Verben
zusammengezogen werden. Es steht dann ein Apostroph:
Er hat's (= hat das) große Los gewonnen. Er scfdug’n (= schlug den) Nagel in die
Wand.

V. Der Numerus der Substantive

I. Allgemeines
Der Numerus1 „zählt“ das Substantiv, er gibt an, ob das Genannte nur 237
einmal (der Tisch) oder mehrmals (die Tische) vorhanden ist. Diese recht
unvollkommene Mehrzahlangabe, die zudem den Geschlechtsunterschied
verwischt (der Artikel für alle drei Geschlechter heißt „die“), aber der
Sprache vielfach durchaus genügt, kann nur mit Hilfe von Zahlen ge¬
nauer ausgedrückt werden (vgl. 523 ff.).
Das einmalige Vorhandensein eines Wesens oder Dinges wird durch den
Singular2, das mehrmalige durch den Plural3 ausgedrückt. Der Singular
bezeichnet eine Einheit (die gelegentlich in sich eine Vielheit darstellen
kann), der Plural macht die Einheit zu einer Vielheit. Das Indogermanische
kannte noch eine eigene Numerusform für zwei Personen oder Dinge (wie
heute noch das Baltische und das Slawische), den sogenahnten Dual4. Er ist
heute durch den Plural ersetzt (die Eltern, die Gatten) oder durch Um¬
schreibungen (wir beide, wir zwei).

1 Lat. numerus = Zahl. 2 Lat. singularis [numerus] = einfach[e Zahl]. 3 Lat.pluralis


[numerus] = mehrfach[e Zahl]. 4 Lat. duo = zwei.
164 Das Substantiv (Nomen)

Wenn der Numerus nicht deutlich wird, müssen hinzutretende Wörter


(Adjektiv, Pronomen, Artikel) Hilfestellung leisten. Die Formen des
Plurals werden aus denen des Singulars abgeleitet (vgl. 257). Der Singu¬
lar ist zugleich Ersatz für die numeruslose Form der Stoffnamen und
Abstrakta (vgl. 241; 242; 244). Der Plural (der ursprünglich nur den
konkreten Gattungsnamen zukam) ist entweder einteilend (die Stähle)
oder vervielfältigend (die Menschen). Die Sprache kennt noch andere
Mittel, den Plural auszudrücken, z. B. die bestimmte oder unbestimmte
Zahl (zehn Mann, viel Geld) oder Fügungen wie „Mann für Mann“,
„Schritt für Schritt“, Sammelnamen (Kollektiva) wie Vieh, Schreib¬
zeug, Gebirge, Beamtenschaft, Material usw. Zu einer grammatischen
Kategorie wird der Numerus durch die Forderung der Kongruenz (vgl.
1178 ff.), der alle flektierbaren Satzglieder unterliegen.

2. Der Singular
Zu den Wörtern, die auf Grund ihrer Bedeutung nur im Singular Vor¬
kommen oder nur unter bestimmten Voraussetzungen einen Plural
bilden können, gehören:

a) Eigennamen
238 Sie haben auf Grund ihrer Individualität keinen Plural (vgl. 172):
Fritz, Johann Wolfgang Goethe, Berlin, Deutschland, der Brocken, die Weser, der
Kurfürstendamm.
Personennamen und geographische Namen bilden nur dann einen
Plural, wenn sie zu Gattungsnamen geworden sind (vgl. 173; 294):
Die Goethe (= Menschen wie Goethe) sind selten. Die beiden sind keine Krösusse. Drei
Zeppeline wurden gebaut. Diese Havannas sind ausgezeichnet.
Der Plural von Personennamen bezeichnet ferner sämtliche Mitglieder
einer Familie, eines Geschlechtes oder verschiedene Träger des gleichen
Namens (vgl. 294):
die Barrings, die Buddenbrooks; [die] Meyers; die Ottonen; die Heinriche, die Gret-
chen.
Völkernamen sind als Gattungsnamen zu werten, da sie, wie diese,
einen Plural bilden (vgl. 304):
Germane - Gerfnanen.
Ländernamen werden gelegentlich im Plural gebraucht, um verschie¬
dene politische Gebilde innerhalb der Einheit, die der Name ausdrückt,
zu kennzeichnen (vgl. 310):
die politische Geschichte beiden Amerika, die zwei Deutschland [s], das Königreich
beider Sizilien.

b) Gattungsnamen
239 Sie bilden zwar ohne weiteres einen Plural (der Mann, die Männer, die
Frau, die Frauen, das Haus, die Häuser), doch gibt es Sübstantive dieser
Gruppe, deren Plural nur selten gebraucht wird, z. B.
Antlitz, Bräutigam, Strand, Ausguß.
Dazu gehören auch bestimmte Körperorgane oder -teile:
Leber, Milz, Galle, Nabel, Mund, Kinn, Stirn.
Der Numerus der Substantive 165

c) Sammelnamen (Kollektiva)
Es sind Wörter, deren Singular mehrere Wesen oder Dinge umfaßt, sie 240
gewissermaßen in sich sammelt. Eine Vielheit wird hier sprachlich durch
eine Einheit ausgedrückt. Wir sehen daran, daß die Sprache nicht unbe¬
dingt auf den Numerus Plural angewiesen ist, um eine Mehrheit zu be¬
zeichnen :
Getreide, Obst, Wald, Vieh, Herde, Flotte, Gebirge, Adel, Geistlichkeit, Polizei,
Beamtenschaft, Publikum, Anzahl, Haufen, Dutzend, Schock, Tausend.
Diese Wörter bilden nur dann einen Plural, wenn ihre Vielheit (die als Ein¬
heit zusammengefaßt ist) als individualisierte Gruppe aufzutreten vermag:
Wälder, Herden, Flotten, Gebirge, Dutzende, Tausende; aber nicht: Polizeien,
Viehe u. ä.
Es gibt Wörter, die im Singular sowohl Gattungsname wie Sammelname
sind und die dann nur in ihrer Bedeutung als Gattungsname einen Plural
bilden können:
das Spielzeug, das Werkzeug (Sammelname), ohne Plural; das Spielzeug, das Werk¬
zeug (Gattungsname: das einzelne Spielzeug, Werkzeug), Plural: die Spielzeuge, die
Werkzeuge; das Unkraut (Sammelname), ohne Plural; das Unkraut (Gattungsname:
die einzelne Unkrautpflanze), Plural: die Unkräuter.

d) Stoffnamen
Sie stehen nur im Singular, wenn sie ganz allgemein als formlose Masse 241
ohne „Individualität“, ohne Gestalt gebraucht werden:
Milch, Gold, Fleisch, Leder, Butter.
Werden sie zur Unterscheidung von Arten und Sorten im Plural gebraucht
(einteilender Plural), dann sind sie Gattungsnamen:
edle Hölzer, rheinische Weine, feste Game.
Die vor allem aus dem Unterscheidungsbedürfnis der Kaufleute und
Techniker gebildeten Pluralformen sind heute sehr zahlreich:
die Bleie, die Eisen, die Salze, die Stähle, die Zemente.
Wo sich solche Pluralformen nicht gebildet haben, kann die gewünschte
Unterscheidung nur durch die Zusammensetzung mit -Sorten, -arten er¬
reicht werden:
Fleischsorten, Butterarten.
Wenn eine Pluralendung noch nicht üblich geworden ist, werden beide
Möglichkeiten der Pluralbildung nebeneinander gebraucht:
Wollarten - Wollen, Mehlarten - Mehle, Tonsorten - Tone.
Der Übergang vom Stoff zur Gattung, von der unbestimmten Masse zum
gestalteten Einzelding, Einzelstück, Teil ist bei vielen dieser Wörter leicht
vollziehbar. Sie bilden dann einen Plural:
die Lüfte, die Körner, die Gräser, die Dämpfe, die Gase, die Papiere, die Tücher, die
Gläser usw.
Das Brot ist teuer (das Brot ganz allgemein). Aber: Wieviel kostet das Brot (der
Laib Brot)? Wieviel kosten die Brotef
Wenn kein Plural gebildet werden kann (wie besonders bei Naturerschei¬
nungen), müssen Umschreibungen eintreten:
Regen - Regenfälle, -güsse, Schnee - Schneemassen, Asche - Aschenhaufen, Rauch -
Rauchschwaden.
166 Das Substantiv (Nomen)

Manche entziehen sich auch dieser Möglichkeit, z. B. Tau (Niederschlag)*


Ohne nähere Erklärung oder bei gleicher Form der Plurale entsteht manch¬
mal Zweideutigkeit:
Ich habe Kohlen bekommen (nur Briketts, Kohlenstücke der gleichen Art, Gattung,
Plural vervielfältigend).
Ich habe Kohlen bekommen (Briketts, Anthrazit, Braunkohle, verschiedene Koh¬
lensorten; Stoffname, Plural einteilend).
Manchmal werden zur Unterscheidung verschiedene Pluralformen ge¬
braucht:
die Wasser (Plural vervielfältigend); die Wässer (Plural einteilend).
Die Namen der Edelsteine (Diamant, Rubin, Topas, Smaragd u. a.) sind
Gattungsnamen, keine Stoffnamen. Ihre Plurale bezeichnen, wie ihre
Singulare, Stücke und keine Arten.

e) Abstrakta
242 Sie stehen im allgemeinen nur im Singular:
Freiheit, Kälte, Hitze, Kindheit, Jugend, Ruhe, Grausamkeit, Leid, Schutz, Schön¬
heit, Treue, Musik, Geheul, Nähe, das Blau, das Schöne, das Stehen, das Schreiben.
Einen Plural können sie nur dann bilden, wenn sie zum Konkretum, zu
einer zählbaren, umrissenen Einzelerscheinung, zu einer Spielart werden:
das Leiden, die Leiden (= Krankheiten); die Grausamkeit, die Grausamkeiten
(= grausame Handlungen); eine Schönheit (= eine schöne Frau), die Schönheiten
(auch: die Schönheiten einer Landschaft); die Tugenden (= die verschiedenen
Arten der Tugend); früher übliche, heute erstarrte Plurale sind: mit Schanden,
zu Gunsten, in Gnaden.
Abstrakta können im Gebrauch zweideutig sein, je nachdem, ob sie in
ihrer abstrakten oder konkreten Bedeutung verwendet werden. Der Plu¬
ral ist, wo er möglich, dann entweder einteilend oder vervielfältigend:
Das sind große Talente (verschiedene Arten von Talenten, Abstraktum, Plural ein¬
teilend). Das sind große Talente (Menschen von Talent, Konkretum, Plural ver¬
vielfältigend).
Abstrakta, die Tätigkeiten bezeichnen, haben vielfach einen Plural:
die Bemühung - die Bemühungen, der Wurf - die Würfe, der Tanz - die Tänze, der
Gesang - die Gesänge.
Der Plural bezeichnet dann die Mehrheit der einzelnen Tätigkeiten oder
den Übergang zur Sachbedeutung:
die Malerei - die Malereien.
Ohne Begrenzung werden Farbenbezeichnungen und substantivierte Ad¬
jektive gedacht, letztere, soweit sie keine Personen bedeuten:
das Blau, das Grüne, das Gute.
Sie haben aus diesem Grunde keine Mehrzahl. Werden Farbenbezeich¬
nungen im Plural gebraucht, dann treten sie als Arten, Sorten auf:
Die zwei Grün sind ganz verschieden. Das schattige Gesicht voll kranker Blaus
(Rüke).
Der substantivierte Infinitiv drückt einen Vorgang als grenzenlos aus:
das Schlafen. Von ihm kann daher kein Plural gebildet werden.
Auch bei den Abstrakta können Umschreibungen zu Hilfe genommen
werden:
Streit - Streitigkeiten, Rat - Ratschläge; viele Altersstufen, die verschiedenen
Grade der Kälte, Regungen der Scham, Gefühle des Hasses.
Der Numerus der Substantive 167

Es ist mehr und mehr Mode geworden, von Abstrakta Plurale zu bilden,
die früher unbekannt waren. Der Anlaß dazu ist entweder dichterische
Eigenwilligkeit oder nachahmende Manier:
Sehnsüchte ( = verschiedene Arten oder Grade der Sehnsucht), Einsamkeiten
(= verlassene Gegenden), Wirklichkeiten (= verschiedene Arten der Wirklichkeit),
Unglücke (= Unglücksfälle), Unendlichkeiten, Hochmüte u. a.

f) Generalisierung
Oft tritt der Singular für eine Mehrheit ein. Er steht dann generalisierend 243
an Stelle des Plurals (vgl. 208) oder hat rein kollektive Bedeutung:

Bei den Fahrrädern wurde nur die Bremse kontrolliert. Teuer ist mir der Freund,
doch auch den Feind kann ich nützen (Schiller).

g) Maß-, Mengen- und Münzbezeichnungen


Ein ähnlicher Vorgang wie der unter f) ist der Gebrauch einer numerus- 244
losen Form (d. h. des ungebeugten Singulars) bei bestimmten Maß- und
Münzbezeichnungen hinter Zahlen, die größer als 1 sind:
Ich habe drei Glas [Bier] getrunken. Das kostet zwanzig Pfennig. Er hat zehn Mark
verloren. Er wiegt 120 Pfund. Drei Mann hoch. Zwei Handvoll [Erde], 5 Klafter
[Holz], 9 Sack [Kohle], 800 Rubel, 6 Schuß [Munition], 5 Schritt [Abstand].
Da der gezählte Gegenstand durch die Angabe der genauen Zahl genügend
bestimmt ist, besteht kein Bedürfnis nach einer besonderen Pluralform.
Die Konstruktion ist von solchen Fällen ausgegangen, wo eine echte
Pluralform lautlich mit dem Singular zusammengefallen war (Pfund,
Mann). Andere Wörter wie Mark, Mandel, Klafter, Fuß, Zoll usw. folgten
in Analogie.
Fremde oder veraltete Maß- und Münzbezeichnungen werden jedoch 245
häufig, die auf -e auslautenden fremden und deutschen Bezeichnungen
immer gebeugt:
5 Peseten (Singular: Peseta), 100 Lei (Singular: Leu), 10 Lire (Singular: Lira), hun¬
dert Centesimi (Singular: Centesimo); mit guten englischen Pfunden (auch: Pfund);
zwanzig Kronen, sechs Kopeken, zehn Drachmen; drei Ellen Tuch, zwei Flaschen
Wein, drei Tassen Kaffee, drei Tonnen, zwei Kannen Bier.
Bei manchen fremden Schwankt der Gebrauch:
5 Yardfs], 10 InchfsJ, 20 Bus hei [sj.
Nach Präpositionen mit Dativ schwankt der Sprachgebrauch: 246
eine Summe von drei Taler[n]; mit drei Liter[n] reiche ich. Er hat eine Länge von
fünf bis sechs MeterfnJ und ein Gewicht von drei bis vier ZentnerfnJ.
Steht die Maßangabe ohne Zahlwort, dann wird jedoch besser noch ge¬
beugt :
Die Zuteilung erfolgt in Hektolitern. Man mißt heute nach Metern.
Folgt das Gemessene, dann steht die Maßangabe, wenn sie ohne Artikel
ist, meist ohne Endung. Die Beugung ist seltener:
in hundert Meter Höhe; mit drei Liter Milch reiche ich; mit 1000 Taler Gehalt; ein
Schwein von vier Zentner Gewicht; mit vier Fünftel des Gewichtes. Seltener: ein
Sumpf von etwa zehn Kilometern Länge.
Mit Artikel vor der Maßangabe, wird meist noch gebeugt:
von den drei Litern Milch.
168 Das Substantiv (Nomen)

Substantive, die noch nicht ganz feste Maßangaben sind, ziehen ebenfalls
die Beugung vor:
mit einigen Eßlöffeln saurem Rahm.
247 Im Genitiv Singular wird die Maßangabe jedoch stets gebeugt:
eines Glases Wasser, wegen eines Liters Milch, der Preis eines Zentners Weizen.
Dafür tritt oft die Nichtbeugung der Maßangabe und die Beugung des
Gemessenen ein:
eines Glas Wassers, der Preis eines Pfund Fleisches, die Wirkung eines Tropfen Öls,
zum Ankauf eines Stück Viehs (Raabe).

Völlige Nichtbeugung beider Glieder gilt jedoch als nicht korrekt:


der Preis eines Pfund Fleisch.
248 Der Plural tritt dann wieder ein, wenn das betreffende Substantiv den
vollen Begriff enthält, d. h. den konkreten einzelnen Gegenstand be¬
zeichnet. Das ist besonders dann der Fall, wenn ein attributives Adjektiv
usw. bei der Maß-, Mengen- und Münzbezeichnung steht:
Er besaß nur noch einige Pfennige. Zehn leere Fässer. Er zertrümmerte zwei Gläser.
Dutzende von Büchern. Eine Ausnahme ist „Mark“ (bei dem sich Singular und
Plural nicht unterscheiden): Ein Betrag von 500 Deutschen Mark.
Manchmal ist es dem Schreiber bedeutungslos, ob Maßangabe oder voller
Begriff steht. Das ist besonders bei Gefäßen der Fall (Glas, Faß, Sack
usw.):
Er trank noch zwei Gläser Grog. Niemals hatte er bemerkt, daß Brüne mehr als drei
Glas Wein auf einen Sitz trank (zweimal Löns). . . . und aß dann ... zwei Stücke von
einer Torte (Th. Mann).
Aber auch bei Münzbezeichnungen:
Brabanter Spitze für fünf Schillinge die Elle (Schaeffer). . . . mit Hilfe von ein paar
Schilling (Flake).
249 In der Alltagssprache steht oft nur das Gemessene im Singülar (seltener
im Plural) mit der Zahl davor, während die Maßangabe selbst wegge¬
lassen wird:
drei KaffeefsJ, zwei Kognak[sJ, drei Eis, vier Bier. .
Wohl in Analogie hierzu haben sich die fachsprachlichen Zählungen „zwei
bis drei Eigelb“, „zwei Eiweiß“ u. a. gebildet, die bereits fest geworden
sind. Umgangssprachlich wird heute auch oft nur die Zahl genannt, weil
die Maßangabe aus der Sprechsituation hervorgeht:
Hier kann man nicht schneller als 60 fahren. Mein Sohn ist fünfzehn.
250 Bei Zahlen, deren letztes Glied „eins“ ist, z. B. 101, 1001 usw., wird das
folgende Substantiv in den Singular gesetzt, wenn „ein“ durch „und“ mit
dem vorhergehenden Zahlwort verbunden ist und dekliniert auftritt
(vgl. 527, 3):
Ein Märchen aus Tausendundeiner Nascht; hundertundein Buch, hundertundeine
Mark (aber: hundertein Bücher, doch auch: hundertundein Bücher).
251 Zeitangaben in Verbindung mit Zahlen werden stets gebeugt:
fünf Minuten, drei Tage, vier Monate; er ist zehn Jahre alt; nach zwei Jahrhunderten.
Zur Beugung des der Maßangabe folgenden Gemessenen oder Gezählten
vgl. 980,5.
Zur Beugung des den Zahlsubstantiven „Hundert, Tausend, Million“ usw.
folgenden Gezählten vgl. 533,1.
Der Numerus der Substantive 169

3. Der Plural

Es gibt Substantive, die nur oder fast nur in der Pluralform gebraucht 252
werden1:
Ahnen Honoratioren Ränke
Akten Hosenträger Rauchwaren
Aktien Iden Realien
Aktiva Immobilien Recherchen
Alimente Imponderabilien Repressalien
Allotria Importen Röteln
Allüren Ingredienzien Sämereien
Altwaren Insignien Saturnalien
Annalen Jura Scherben
Annaten Kaldaunen Schnippei
Äonen [olle] Kamellen Schnipsel
Auslagen Katakomben Schraffen
Auspizien Kinkerlitzchen Shorts
Bauten ([Sing. Baute' Kollektaneen Skrofeln
veralt.] jetzt als Konsorten Spanten
Plural zu: Bau) Kosten Sperenzien
Blattern Koteletten (Backenbart) Spesen
Briefschaften Kurzwaren Spikes
Brosamen Kutteln Spirituosen
Chemikalien Ländereien Sporen
Dehors Lebensmittel Sporteln
Diäten Leute Stoppeln
Dubiosen Machenschaften Streitigkeiten
Effekten Machinationen Streusel
Eingeweide Manen Subsidien
Einkünfte Masern Thermen
Eltern Memoiren Treber
Exequien Mißhelligkeiten Trester
Fasten Möbel Tropen
Faxen Mobilien Trümmer
Ferien Molesten Umtriebe
Finanzen Moneten Unkosten
Fisimatenten Mores U nstimmigkeiten
Flausen Musikalien Utensilien
Flitterwochen Nach wehen Varia
Formalien Naturalien Vegetabilien
Fossilien Niederschläge Vergnügungen
Frieseln Noten (Notenbücher) Viktualien
Gebrüder Ostern Vorfahren
Genitalien Pandekten Wanten
Gerätschaften Passiva Wehen (Geburtswehen)
Geschwister Penaten Weihnachten
Gewissensbisse Personalien Wirkwaren
Gliedmaßen Pfingsten Wirren
Graupeln Pocken Zeitläuf[t]e
Graupen Präliminarien Zerealien
Hämorrhoiden Pretiosen Zinsen
Händel Pusteln Zutaten
Honneurs Quisquilien Zwillinge

1 Ein solches Substantiv nennt man Pluraletantum, Plur.: Pluraliatantum. It&t. Plurale¬
tantum = nur im Plural.
170 Das Substantiv (Nomen)

253 Bei manchen dieser Wörter wird die pluralische Form so stark als Einheit
gefühlt, daß sie wieder zur Singularform wird. Dies ist ein in der Sprach¬
geschichte häufig beobachteter Vorgang (vgl. 200, b):
die Bibel = lat. biblia (= die Bücher); die Brille = mhd. die b[e]rille (= die
Berylle, PI. von „der Beryll“ [Edelstein]); der Keks = engl, cakes < = die Kuchen);
die Allotria PL wird ugs. zu das Allotria. Die Länderbezeichnungen Bayern, Fran¬
ken, Sachsen usw. waren früher Dative im Plural ([bei den] Bayern usw.). Heute
sind sie singularisch.

Während hier der Plural nur dem Sprachwissenschaftler bewußt wird,


ist er bei anderen Wörtern noch deutlich erhalten oder sogar noch in
Gebrauch:
die ewigen Ostern des Herzens (Gottfried Keller). Aber: Ostern ist vorüber. So waren
wieder Pfingsten gekommen, aber wie waren es diesmal andere Pfingsten I (Stifter).
Aber: Pfingsten war, das Fest der Freude (Uhland). Pfingsten, das liebliche Fest,.
war gekommen (Goethe).

Gelegentlich als Singularform treten auf;


der Ahn das Ostern
die Akte das Pfingsten
die Aktie die Pustel
das Eingeweide die Recherche
das und der Elter die Repressalie
(naturwissenschaftlich und statistisch) die Sämerei
die Faxe die Scherbe
die Flause der oder das Schnippei, Schnipsel
das Fossil die Skrofel
der Gewissensbiß der Spant
der Hosenträger der Sporn
die Importe die Stoppel
das Jus das Streusel
die Kaldaune das Trumm (landsch.)
die Katakombe die Unstimmigkeit
das Lebensmittel der Vorfahr
die Machenschaft die Wehe (Gebürtswehe)
die Machination das Weihnachten
die Mißhelligkeit der Zins
das Möbel der Zwilling
Gelegentlich hat der Singular andere Bedeutung:
Diät = Schonkost; Personal = Gesamtheit der Angestellten; Pocke = einzelne
Pustel; Note = Einzelnote.

254 Auch geographische Namen treten gern in der Pluralform auf, be¬
sonders Länder, Inseln, Gebirge: ,
die Niederlande, die USA; die Azoren, die Bermudas, die Kanaren, die Hebriden,
die Kurilen, die Zykladen; die Alpen, die Apenninen, die Anden, die Kordilleren,
die Rocky Mountains, die Cevennen, die Vogesen, die Karpaten, die Pyrenäen.

255 Wissenschaftliche Bezeichnungen für Tier- und Pflanzenarten werden


meist im Plural gebraucht;
Amphibien, Reptilien, Protozoen, Weichtiere, Stachelhäuter.

Zu den verschiedenen Pluralformen bei deutschen Wörtern vgl. 265ff.;


zum Plural bei Fremdwörtern vgl. 282ff.; zum Plural bei Maß-, Mengen-
und Münzbezeichnungen vgl. 244 ff.
Die Deklination der Substantive 171

VI. Die Deklination der Substantive1


Deklination2 heißt die jeweilige Formveränderung des Substantivs und 256
der anderen deklinierbaren Wortarten, die entsprechend ihrer Satzglied¬
rolle im Zusammenhang des Satzes erforderlich ist. Sie ist ein Teü der
Flexion, d. h. der in bestimmten Regeln ablaufenden Formveränderung,
der alle flektierbaren Wortarten (Verb, Substantiv, Artikel, Pronomen,
Adjektiv, Numerale) überhaupt unterliegen und die sie dazu befähigt,
die sprachlichen Beziehungen im Satz auszudrücken, alle zusammenge¬
hörenden Glieder des Satzes in eine sinnvolle und geordnete Überein¬
stimmung zu bringen. Die Deklination ist also ein wichtiges Beziehungs¬
mittel. Die Veränderungen der'Substantivform drücken sich im heutigen
Deutsch in vier Kasus3 (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) aus, die
jeweils für die zwei Numeri Singular und Plural gelten.

1. Die Deklinationsarten
Es gibt, vom Formalen her gesehen, im heutigen Deutsch drei ver- 257
schiedene Arten, in denen das Substantiv dekliniert. Man erkennt sie an
der Art und Weise, wie der Genitiv Sing, und der Nominativ Plur. ge¬
bildet werden. Der Genitiv Sing, der ersten Gruppe endet auf -es oder -s,
der Nominativ Plur. entweder auf -e, -er, -s oder endungslos, oder er wird
mit Umlaut (mit oder ohne Endung) gebildet. Die zweite Gruppe endet
in allen Fällen auf -en oder -n, außer im Nominativ Sing. Der Genitiv
Sing, der dritten Gruppe endet auf -es oder -s (wie bei der ersten Gruppe),
der Nom. Plural endet jedoch auf -en oder -n (wie bei der zweiten Gruppe);
diese dritte Gruppe ist also eine Mischung zwischen der ersten und der
zweiten4. Wir bringen im folgenden Beispiele für alle drei Gruppen (über
die Deklination der Fremdwörter vgl. 279 ff.):

1. Gruppe (stark)

Maskulina
Sing.: Nom. der Tisch der Bart der Leib
Gen. des Tisches des Bartes des Leibes
Dat. dem Tisch[e] dem Bart[e] dem Leib[e]
Akk. den Tisch den Bart den Leib

Plur.: Nom. die Tische die Bärte die Leiber


Gen. der Tische der Bärte der Leiber
Dat. den Tischen den Bärten den Leibern
Akk. die Tische die Bärte die Leiber

1 Die Beispiele dieses Kapitels sind zum Teil der wertvollen Arbeit „Zur Nominalflexion
in der deutschen Literatursprache nach 1900“ von Ivar Ljungerud (Lund 1955)
entnommen.
* Lat. declinatio = die Neigung, das Biegen, die Beugung.
* Lat. Casus = Fall, Sturz, Beugefall (vgl. S. 174, Anm. 1).
4 Nach Jacob Grimm heißt die erste Deklinationsart auch die starke, weil sie keine kon¬
sonantische Stütze zur Kasusbildung braucht, die zweite die schwache, weil ihre Formen
mit Hilfe von n gebildet werden müssen. Welche sprachliche Leistung von den Deklina¬
tionsarten vollbracht wird, vermögen wir heute nicht mehr zu erkennen.
172 Das Substantiv (Nomen)

Sing.: Nom. der Wald der Garten der Uhu der Lehrer
Gen. des Waldes des Gartens des Uhus des Lehrers
Dat. dem Wald[e] dem Garten dem Uhu dem Lehrer
Akk. den Wald den Garten den Uhu den Lehrer

Plur.: Nom. die Wälder die Gärten die Uhus die Lehrer
Gen. der Wälder der Gärten der Uhus der Lehrer
Dat. den Wäldern den Gärten den Uhus den Lehrern
Akk. die Wälder . die Gärten die Uhus die Lehrer

Neutra

Sing.: Nom. das Schaf das Floß das Brett


Gen. des Schafes des Floßes des Brettes
Dat. dem Schaf[e] dem Floß[e] dem Brett [e]
Akk. das Schaf das Floß das Brett
Plur.: Nom. die Schafe die Flöße die Bretter
Gen. der Schafe der Flöße der Bretter
Dat. den Schafen den Flößen den Brettern
Akk. die Schafe die Flöße die Bretter
Sing.: Nom. das Lamm das Kloster das Hurra das Segel
Gen. des Lammes des Klosters des Hurras des Segels
Dat. dem Lamm[e] dem Kloster dem Hurra dem Segel
Akk. das Lamm das Kloster das Hurra das Segel
Plur.: Nom. die Lämmer die Klöster die Hurras die Segel
Gen. der Lämmer der Klöster der Hurras der Segel
Dat. den Lämmern den Klöstern den Hurras den Segeln
Akk. die Lämmer die Klöster die Hurras die Segel

Feminina (im Singular endungslos)

Sing.: Nom. die Trübsal die Kraft die Mutter" die Mutti
Gen. der Trübsal der Kraft der Mutter der Mutti
Dat. der Trübsal der Kraft der Mutter der Mutti
Akk. die Trübsal die Kraft die Mutter die Mutti
Plur.: Nom. die Trübsale die Kräfte die Mütter die Muttis
Gen. der Trübsale der Kräfte der Mütter der Muttis
Dat. den Trübsalen den Kräften den Müttern den Muttis
Akk. die Trübsale die Kräfte die Mütter die Mutti»

2. Gruppe (schwach)

Maskulina1

Singular: Nominativ der Mensch der Hase


Genitiv des Menschen des Hasen
Dativ dem Menschen dem Hasen
Akkusativ den Menschen den Hasen

1 Reste früherer schwacher Deklination haben sich bei bestimmten männlichen Wörtern,
die heute allgemein stark gebeugt werden, in besonderen Fällen erhalten: Wirtshaus
„Zum Schwanen“, Gasthaus „Zum Storchen“. Mundartlich: Gebratene Hahnen usw.
Auch in Zusammensetzungen: Storchennest, Hahnenfeder, Schwanengesang.
Die Deklination der Substantive 173

Plural: Nominativ die Menschen die Hasen


Genitiv der Menschen der Hasen
Dativ den Menschen den Hasen
Akkusativ die Menschen die Hasen

Feminina1 (im Singular endungslos)


Singular: Nominativ die Frau die Gabe
Genitiv der Frau der Gabe
Dativ der Frau der Gabe
Akkusativ die Frau die Gabe
Plural: Nominativ die Frauen die Gaben
Genitiv der Frauen - der Gaben
Dativ den Frauen den Gaben
Akkusativ die Frauen die Gaben

3. Gruppe (gemischt)

Maskulina und Neutra


Singular: Nominativ der Staat der See das Ohr das Ende
Genitiv des Staates des Sees des Ohres des Endes
Dativ dem Staat [e] dem See dem Ohr[e] dem Ende
Akkusativ den Staat den See das Ohr das Ende

Plural: Nominativ die Staaten die Seen die Ohren die Enden
Genitiv der Staaten der Seen der Ohren der Enden
Dativ den Staaten den Seen den Ohren den Enden
• Akkusativ die Staaten die Seen die Ohren die Enden

Die Maskulina gehören also allen drei Deklinationsarten an, die Feminina
der starken und schwachen, die Neutra der starken und gemischten De¬
klinationsart. Wenn Feminina keinen Plural haben (Geduld, Gunst,
Leinwand, Notdurft, Vernunft, Wucht, Wut, Milch usw.), kann man sie
vom heutigen Standpunkt aus keiner der drei Gruppen zu weisen.

Zwischen starker und schwacher Deklination im Singular schwanken 258


heute nur noch einige Wörter (vgl. dazu noch 279 und 320). Sie sind im
Plural schwach oder stark, seltener noch beides (vgl. 276; 279; 286; 288):

der Bauer / des Bauern (scnriftspr.) PI. die Bauern


(Landmann) \ des Bauers (weniger gebr.)
(aber: des Vogelbauers, die Vogelbauer)
/ des Fexes (übl.) PI. die Fexe (seltener: Fexen)
der Fex
\ des Fexen (seltener)
der Gevatter / des Gevattern (älter) PI. die Gevattern
(veralt.) \ des Gevatters (jünger)

1 Reste früherer Beugung im Singular haben sich in älterer, poetischer Sprache oder in
traditionellen Ausdrücken erhalten: Röslein auf der Heiden (Goethe). Festgemauert
in der Erden (Schiller). Das höchste Glück auf Erden. Von seiten; inmitten; auch
in Zusammensetzungen: Frauenkirche, Sonnenuhr, Lindenblatt, Heidenröschen, Erden¬
rund usw. (vgl. 034).
174 Das Substantiv (Nomen)

/ des Greifs PI. die Greife oder Greifen


der Greif \ des Greifen
/ des Lumpen (älter, selten) PI. die Lumpen
der Lump
\ des Lumps (jünger, übl.) (veralt.: Lumpe)
der Mai / des Mai[e]s od. Mai (schriftspr.) PI. die Maie
(Monat) \ des Maien (dicht.)
/ des März [es] (schriftspr.) PI. die Märze
der März
\ des Märzen (dicht.)
/ des Nachbarn PI. die Nachbarn
der Nachbar
\ des Nachbars
/ des Obersten (älter) PI. die Obersten
der Oberst
\ des Obersts (jünger)
/ des Prahlhanses (übl.) PI. die Prahlhänse
der Prahlhans
\ des Prahlhansen(seltener)
/ des Protzes PI. die Protze oder Protzen
der Protz
\ des Protzen
/ des Truchsesses (übl.) PI. die Truchsesse
der Truchseß
\ des Truchsessen (älter)
/ des Untertans (jünger) PI. die Untertanen
der Untertan
\ des Untertanen (älter)

Gelegentliche landschaftliche Schwankungen finden sich im Singular auch


bei Ahn, Fratz, Hanswurst, Hirsch, Luchs, Pfau, Schelm, Star, Wirt,
Zwerg. Die vom Schriftsprachlichen abweichende Form ist dann meist
mundartlich, dichterisch oder altertümelnd.
Im allgemeinen läßt sich sagen, daß gegenüber der verwirrenden Fülle
der historischen Deklinationsformen und dem uneinheitlichen, ungeregel¬
ten Zustand der letzten zwei- bis dreihundert Jahre sich in der heutigen
Schriftsprache eine starke Neigung zum Ausgleich und zur Vereinheit¬
lichung bemerkbar macht. Immer mehr „Ausnahmen“ werden von den
großen Gruppen aufgesogen, den allgemeinen Gesetzen unterworfen, falls
sie nicht zu Bedeutungsdifferenzierungen verwendet werden.

2. Die Kasus (Fälle)1


259 Die Sprache trifft immer nur eine Auswahl aus den möglichen Mitteln,
die Beziehungen im Satze ausdrücken können. Daher kommt es, daß
verschiedene Sprachen eine verschiedene Zahl von Fällen aufweisen oder
daß ein einzelner Kasus unter Umständen verschiedene Funktionen
übernehmen muß, solange das Verständnis gesichert ist. Das Indo¬
germanische hatte acht Fälle, aber schon hier waren nicht mehr alle
formal geschieden. Schon in jener frühen Zeit bahnte sich also die Ver¬
minderung der Kasuszahl an. Das Finnische hat heute noch mehr Fälle,
als das Indogermanische einst hatte. Das Lateinische und das Russische
haben sechs, das Deutsche kennt nur noch vier. Die Funktionen der
anderen Fälle wurden hier entweder von den übrigbleibenden über¬
nommen, oder es wurden andere sprachliche Hilfsmittel zum Ausdruck

1 Lat. Casus = Fall, d. h. wie die Abwandlung des Substantivs im Zusammenhang des
Satzes „[ausjfällt“. Zu den Endungen der einzelnen Kasus vgl. 261 ff.
Die Deklination der Substantive 175

der Verhältnisse und Beziehungen verwandt. Daneben schritt der Verfall


der Substantivendungen immer weiter fort. Selbst dort, wo sie heute
noch vorhanden sind, werden durch sie Genus, Kasus und Numerus
nicht immer eindeutig bestimmt. Zum Beispiel gehen aus der Deklina¬
tionsendung -es (Tages, Lammes) zwar Numerus und Kasus hervor,
aber nicht das Genus; aus der Endung -en (Staaten, Gaben) geht der Nu¬
merus, aber nicht Kasus und Genus hervor; aus der Endung -e (Tage)
schließlich werden weder Genus noch Kasus noch Numerus deutlich.
Dies geschieht erst mit Hilfe anderer Wortarten, die zum Substantiv
treten (Adjektiv, Pronomen, Artikel). Gelegentlich wird sogar der Fall
nur durch die Wortstellung deutlich (vgl. 1252).
Die Leistung der Kasus ist es besonders, die Wesen oder Dinge, mit
denen das Verhalten in Beziehung gesetzt wird, sprachlich-formal so zu
kennzeichnen, daß die besondere Verhaltensart, die an den Wesen oder
Dingen ausgedrückt werden soll, deutlich hervortritt. Daneben hat der
Kasus andere, weniger wichtige Aufgaben zu erfüllen (der Genitiv und
Akkusativ als Adverbialkasus). Zum Kasus als Mittel der Kongruenz
vgl. 1178 ff.
Man muß zwischen dem reinen (unmittelbaren, direkten) Kasus, dem
Flexionskasus, und dem durch eine Präposition veranlaßten (mittelbaren,
indirekten) Fall, dem Präpositionalfall oder -kasus, unterscheiden:

Heiner Fall (Flexionskasus) Präposition alf all

Ich erinnere mich des Vorgangs. Ich erinnere mich an den Vorgang.
Goethes Gedichte. Die Gedichte von Goethe.
Er ist des langen Hafters müde. Er ist müde von dem langen Hader.
Karl schreibt seinem Vetter. Karl schreibt an seinen Vetter.
Wir bauten ein Haus. Wir bauten lange an dem Haus.

In der Frühzeit der deutschen Sprachgeschichte ist der reine Fall weitaus
verbreiteter gewesen als heute, weil er eine unkomplizierte Ausdrucks¬
form ist. Mit fortschreitender Entwicklung suchte die deutsche Sprach¬
gemeinschaft nach differenzierteren, deutlicheren Formen der Beziehung.
Sie fand sie in dem Präpositionalfall, der wegen seiner sinnlichen Grund¬
lage (er beruht auf konkreten Lage- und Richtungsbezeichnungen mit
Hilfe von Präpositionen) einen schärferen, genaueren Gedankenausdruck
ermöglicht. So kam es, daß der Präpositionalfall den reinen Fall immer
mehr verdrängte. Alltags- und Umgangssprache gehen auf diesem Wege
der Schriftsprache voran, die ja traditionsgebundener ist und daher
stärker an alten Formen hängt. So ist z. B. der Genitiv in Mundart und
Umgangssprache fast völlig ausgestorben. Ähnlich (wenn auch noch
nicht in gleichem Umfang) muß auch der Dativ allmählich dem Prä¬
positionalfall weichen. Bei dem großen Einfluß, den die Umgangs¬
sprache heute auf die Schriftsprache ausübt, bleibt auch diese nicht un¬
berührt von solchem Wechsel. Der Akkusativ hält sich bei der großen
Zahl transitiver Verben zäh, muß aber auch den Präpositionalfall
wenigstens neben sich dulden (ein Haus bauen — an einem Haus bauen).
Wir sind hier Zeugen einer tiefgreifenden sprachlichen Entwicklung, der
langsamen Veränderung einer sprachlichen „Sehweise“. Wir werden uns
in der Syntax eingehend damit zu beschäftigen haben.
176 Das Substantiv (Nomen)

260 Ob in einem Satz der Genitiv, Dativ oder Akkusativ eines Substantivs
gewählt werden muß, wird durch das Wort bestimmt, von dem das betref¬
fende Substantiv abhängig ist. Diese Fähigkeit bestimmter Wortarten (des
Verbs, des Substantivs, des Adjektivs und der Präposition), Fälle zu
„regieren“, d. h. das von ihnen abhängige Wesen oder Ding in seiner
besonderen Lage gegenüber dem Geschehen durch einen bestimmten
Kasus zu kennzeichnen, nennt man „Rektion“1.

3. Die Deklinationsendungen
Die Deklinationsendungen des Substantivs sind, soweit noch vorhanden,
ein wichtiges Mittel, die Funktion des Kasus im Satz zu verdeutlichen.
Die nachstehenden Ausführungen über die Deklination der Substantive
im einzelnen zeigt allerdings, daß die Sprachgemeinschaft in sehr vielen
Fällen den Endungen keine Leistung mehr zuzusprechen vermag und sie
deshalb weiter abbaut (vgl. 313ff.).

a) Der Singular
a) Der Nominativ Singular
261 Der Nominativ2 Singular steht immer ohne Deklinationsendung:
Der Mann ist fleißig.

Beachte:
Doppelformen im Nominativ des Singulars sind bei einigen Substantiven entstanden, die
meist von der schwachen zur starken Deklination übergingen. Das ,,n“ der früheren
schwachen Deklination drang aus den übrigen Fällen auch in den Nominativ ein, weil es
bei starker Deklination als zum Wort gehörig empfunden wurde. Die Analogie zu stark
deklinierenden Wörtern wieWagen oder Regen trug zu dieser Entwicklung bei. Die älteren
Bildungen ohne ,,n“ gehören meist auch heute noch der gehobenen Sprache an, bei einigen
ist die Form mit „n“ die weniger gebräuchliche geblieben:

heute gebräuchlich gehoben, weniger gebräuchlich usw.

Frieden Friede (fast gleich gebr.)


Funke Funken (etwas weniger gebr.)
Gedanke Gedanken (selten)
Gefallen Gefalle (veralt.)
Glaube Glauben (weniger gebr.)
Haufen Haufe (weniger gebr.)
Name Namen (seltener)
Samen Same (geh.)
Schaden Schade (veralt., geh., erhalten in: es ist schade)
Wille Willen (seltener)

„Drache“ (= Fabeltier) und „Drachen“ (= Fluggerät, zanksüchtige Person) sind in den


Bedeutungen differenziert. Ein leichter Unterschied ist auch zwischen „Gehaben“ (= Be¬
nehmen im allgemeinen) und „Gehabe“ (= Ziererei). Der Genitiv von „Buchstabe“ wird
heute meist stark dekliniert (des Buchstabens), in den Nominativ ist jedoch das „n“ der
obliquen Kasus 3 bisher nicht eingedrungen.

1 Lat. rectio = Regierung, Leitung, Lenkung. 2 Lat. nominare = nennen, benennen.


3 Lat. casus obliqui = schiefe, abgebogene Fälle, Bezeichnung für den Genitiv, Dativ
und Akkusativ im Gegensatz zum Nominativ, dem casus rectus = gerader Fall.
Die Deklination der Substantive 177

Doppelformen wie Ball - Ballen, Bolz - Bolzen, Bronn - Bronnen, Fels - Felsen, Fleck -
Flecken, Gelüst - Gelüsten, Kork - Korken, Lump - Lumpen, Nord - Norden, Nutz -
Nutzen, Pfropf - Pfropfen, Reif - Reifen, Schreck - Schrecken, Tropf - Tropfen, Zapf -
Zapfen sind ähnlich zu erklären. Zum Teil haben sie sich zu Wörtern mit verschiedenem
Sinngehalt entwickelt.
Doppelformen im Nominativ entstehen auch durch Abfall von „e“. Viele der e-losen For¬
men sind umgangssprachlich oder mundartlich, manche sind differenziert:
Bursch - Bursche; Scheck - Schecke (scheckiges Pferd oder Rind); Bub (oberdt. für:
Junge) - Bube (Schurke; Spielkarte); Gesell (fahrender Gesell) - Geselle (im Hand¬
werk).
Besonders häufig fällt das „e“ bei den mit der Vorsilbe Ge- gebildeten Substantiven weg:
Gebalg[e], Gebälk[e], Geläüt[e], Geleise - Gleis..
Oft bezeichnet die Form mit -e ein fortgesetztes unangenehmes Tun, das getadelt wird, im
Gegensatz zur e-losen Form (vgl. 694):
das Geschreis, aber: das Geschrei; das Geheule, aber: das Geheul; das Geräusche, aber:
das Geräusch (Umlaut!).
Umgekehrt ist das ,,e“ in Türe, Hirte, Bette, Herze, Hemde usw. nicht mehr schrift¬
sprachlich (vgl. 706).
Ein Unterschied besteht zwischen der endungslosen Form und der Endung auf -e bei
substantivierten adjektivischen Sprachen- und Farbenbezeichnungen:
das Deutsch - das Deutsche; das Blau - das Blaue.
„Das Deutsche“ (Hochdeutsche, Plattdeutsche usw.) bezeichnet die betreffende Sprache
ganz allgemein, während „das Deutsch“ jeweils eine besondere Art der deutschen Sprache
kennzeichnet, die durch irgendeinen Zusatz näher bestimmt wird. Ebenso ist es bei den
Farben:
Das Deutsche gehört zu den indogermanischen Sprachen. Eine Fahrt ins Blaue.
Aber: Sein Deutsch ist schlecht. Sein Blau ist von starker Wirkung. Das jetzige
Deutsch; das tiefe Blau; Heines Deutsch; das Blau des Himmels; das Kauf¬
mannsdeutsch ; das Marineblau.
Über die Substantive mit verschiedener Endung im Nominativ und verschiedenem Ge¬
schlecht (die Backe - der Backen) vgl. 205.

ß) Der Genitiv Singular

Den Genitiv1 Singular kennzeichnet; 262

1. bei starken Maskulina und Neutra die Endung -es oder -s.
Welche Form gewählt wird, hängt von vielerlei Gründen ab, die im
folgenden genannt werden:
a) Die wolle Form auf -es steht immer bei Wörtern, die auf Zisch¬
laut enden (s, ß, x, z, tz):
des Glases, des Überflusses, des Kongresses, des Straußes, des Reflexes, des
Gewürzes, des Sitzes.
Sie wird gern gesetzt nach -sch und -st;
des Busches, des Zwistes.

1 Lat. genüivu8 = angeboren, ursprünglich; von gignere = erzeugen, hervorbringen.


Dieser Name (Zeugefall) ist nicht ausreichend, den Bedeutungsumfang dieses Kasus zu
bestimmen, und zudem eine irrtümliche Übersetzung des griechischen Ausdrucks, der den
Begriff der Gattung, der Klasse, des Teils (Genus) enthält.
178 , Das Substantiv (Nomen)

b) Die volle Form auf -es bevorzugen:


deutsche Substantive mit betonter Endsilbe (das gilt von
vornherein für die einsilbigen), die nicht auf Zischlaut enden:
des Tages, des Leibes, des Gemütes, des Mannes, des Baches, Gottes,
des Ertrages,
besonders auch bei Voranstellung als Attribut:
des Tages Hitze, dieses Mannes Ehre, Gottes Güte
oder wenn drei oder mehr Konsonanten nebeneinanderzustehen
kämen:
des Feldes, des Erfolges, des Kampfes.
Man berücksichtige dabei allerdings den Sprachgebrauch, der
gelegentlich anders entscheidet, weil er die volle Form als
gekünstelt oder geziert empfindet:
des Kerls, des Lärms, des Quarks, des Rahms, des Pechs, des Ulks, des
Verkehrs.

c) Die kürzere Form auf -s steht immer:


aa) bei Substantiven auf -en, -em, -el, -er:
des Wagens, des Lesens, des Atems, des Gürtels, des Lehrers,
bb) in festen, formelhaften Wendungen:
tags darauf, höheren Orts, unterwegs, mittags, von Rechts wegen,
cc) bei Farben- und Sprachbezeichnungen (wenn sie nicht
nach Ziff. 316 überhaupt endungslos stehen und letztere nicht
schwach dekliniert werden):
des Schweinfurter Grüns; die Eigenart seines Deutschs; ein Schwall. ..
heftigen Italienischs (Zuckmayer).
dd) Manche Feminina nehmen in festen Wendungen im Gen.
Sing, ein „s“ an in Analogie zu ähnlichen Fügungen, die ein
stark gebeugtes Mask. oder Neutr. auf -s enthalten. Sie ver¬
halten sich dann so, als wären sie Bestimmungswörter von
Zusammensetzungen (vgl. 637, a):
an Zahlungs Statt (analog zu: an Kindes Statt); von Obrigkeits wegen
(analog zu: von Amts oder Rechts wegen).
ee) In der Umgangssprache werden Genitivformen auf -s ge¬
legentlich für alle Fälle des Singulars gebraucht:
das (dem, das) Dings [da], dieses (diesem, dieses) Zeugs [da],
ff) Zum Genitiv-s bei Fremdwörtern vgl. 280.
gg) Zum Genitiv-s bei Eigennamen vgl. 290ff.

d) Die kürzere Form auf -s bevorzugen:


aa) Substantive, die mit unbetonter Silbe schließen (so beson¬
ders Zusammensetzungen, allerdings nur, wenn sie nicht auf
Zischlaut ausgehen):
des Urteils, des Urlaubs, des Vortrags, des Heilands, des Abends, des
Jünglings, des Königs, des Dornstrauchs, des Alltags; aber: des Erd¬
rutsches, des Fensterglases.
Die Deklination der Substantive 179

Geht in Zusammensetzungen ein Fugen-s des Bestimmungs¬


wortes voraus, darin wird jedoch aus lautlichen Gründen die
volle Form des Grundwortes auf -es bevorzugt:
des Kriegsjahre« 1915, des Kindskopfes, des Blutsfreundes,
bb) Substantive, die auf Vokal oder auf Vokal + h enden:
des Schnees, des Knies, des Schuhs, des Flohs, des Uhus.

2. bei schwachen Maskulina die Endung -en oder -n (wenn der


Stamm bereits auf -e auslautet):
des Menschen, des Boten.

3. Feminine Substantive sind auch im Genitiv endungslos:


der Trübsal, der Frau.

y) Der Dativ Singular


Den Dativ1 Singular kennzeichnet:
263
1. bei starken Maskulina und Neutra die Endung -e (soweit nicht
das Substantiv selbst schon auf -e endet, z. B. Ende). Diese Endung
fällt jedoch immer mehr weg.
Immer ohne e stehen:
aa) starke Substantive auf -en, -em, -el, -er:
dem Garten, dem Atem, dem Gürtel, dem Lehrer,
bb) starke Substantive, die auf Vokal enden:
im Nu, dem Schnee, dem Hurra.
cc) die dichterischen Kurzformen der Himmelsrichtungen und
der danach benannten Winde:
von Nord nach Süd, vom West getrieben,
dd) Substantive, die ohne Artikel von einer Präposition ab-
hängen:
aus Holz, in öl malen, von Haß getrieben, von Ast zu Ast, in Wald und
Flur, von Kopf bis Fuß.
ee) Fremdwörter (vgl. 281).
Überwiegend ohne e stehen:
aa) starke Substaritive, die auf Diphthong enden:
dem Bau, im Heu, dem Ei.
bb) mehrsilbige Substantive, die nicht auf der letzten Silbe be¬
tont werden:
dem Frühling, dem Schicksal, dem Ausflug.

In den übrigen Fällen hängt es vom rhythmischen Gefühl des Schrei¬


benden oder Sprechenden ab, ob das Dativ-e gesetzt wird oder nicht.
In festen Redewendungen und formelhaften Verbindungen hat sich
das Dativ-e meist ziemlich fest gehalten:
zustande kommen, zugrunde gehen, zu Kopfe steigen, zu Rate ziehen, zu Kreuze
kriechen.

1 Lat. dare = geben, also „Gebefall“. Diese Bezeichnung trifft den Sinn des Dativs nur
zum Teil.
180 Das Substantiv (Nomen)

2. bei schwachen Maskulina die Endung -[e]n:


dem Menschen, dem Hasen.
3. Feminine Substantive sind auch im Dativ endungslos:
der Frau, der Heizung.

6) Der Akkusativ Singular


264 Den Akkusativ1 Singular kennzeichnet:
1. bei schwachen Maskulina die Endung -[e]n:
den Menschen, den Hasen.

Beachte:
Männliche Substantive, die der schwachen Deklinationsart aiigehören, also in allen
Fällen außer im Nominativ auf -[e]n enden, müssen auch im Dativ und Akkusativ
des Singulars diese Endung behalten (vgl. 320):
Er gab ihm als Boten eine Belohnung (nicht: als Bote). Man wählte ihn als
Boten (nicht: als Bote).
Das gilt besonders für Fremdwörter:
Er legte ihm als Juristen diese Frage vor (nicht: als Jurist). Man wählte ihn
zum Präsidenten (nicht: zum Präsident).
Die Form ohne -n ist nur möglich, wenn entweder syntaktisch der Nominativ ver¬
langt wird (Man trug seiner Stellung als Präsident Rechnung, vgl. 991) oder wenn
zwei durch „und“ verbundene Substantive von einer Präposition abhängen (Für
Patient und Arzt war die Lage kritisch; die Haltung von Mensch zu Mensch; vgl.
313, 2).
2. Endungslosigkeit bei allen übrigen Substantiven.

b) Der Plural
265 Aus der Deklinationstabelle ZifF. 257 ist zu ersehen, daß es acht verschie¬
dene formale Möglichkeiten gibt, den Plural von Substantiven zu bilden.
Nominativ Plural, Genitiv Plural und Akkusativ Plural sind sich in
allen drei Deklinationsarten stets gleich. Der Dativ endet, außer bei
den im Plural auf -s ausgehenden Substantiven, stets auf -en oder -n.
Doppelte Pluralformen entstehen nicht nur durch das Schwanken
zwischen starker und. schwacher Deklination, sondern auch durch das
Schwanken zwischen den verschiedenen Endungen -e, -er, -s usw. oder
zwischen den umgelauteten und nicht umgelauteten Formen der starken
Deklination. An die verschiedenen Pluralformen knüpfen sich immer
mehr auch verschiedene Sinngehalte. Es kommt auch hier das Bestreben
der Schriftsprache zum Ausdruck, einmal erhaltene Doppelformen in der
Bedeutung zu differenzieren. Man könnte auch umgekehrt sagen, daß nur
die eintretende Differenzierung diese Doppelformen vor dem Untergang
bewahrt hat. Im folgenden betrachten wir die verschiedenen Plural¬
formen mit besonderer Berücksichtigung dieser Doppelformen.
a) Umlaut im Plural
266 Der Umlaut ist ein Kennzeichen starker Deklination. Er hat sein Gebiet
erweitert und viele Wörter erfaßt, denen er ursprünglich nicht zukam.

1 Lat. accusare = anklagen. Dieser Name ist sinnlos und nur eine falsche Übertragung des
griechischen „ptösis aitiatikS“, der Ausdrucksform für das Bewirkte. Der richtige Name
wäre „Effektiv“.
Die Deklination der Substantive 181

Den Umlaut haben die Typen „Bart“ (Bärte), „Wald“ (Wälder), „Garten“
(Gärten), „Kraft“ (Kräfte) und „Mutter“ (Mütter) aus der 1. Deklina¬
tionsgruppe.
Einen Wechsel zwischen umgelauteten starken Formen auf -e und -er zeigt das Wort #
„Balg“:
Balg, der oder das / die Bälge (auch: Tierhäute)
(ugs. für: unartiges Kind) \ die Bälger
Häufiger ist der Wechsel zwischen dem umgelauteten starken Plural auf -er und dem 267
unumgelauteten starken Plural auf -e (vgl. auch 271):

Band, das / die Bande (Fesseln)


\ die Bänder (Gewebestreifen; Eisen-, Leinen-, Halsbänder)
(vgl. Band, der [Buch]: die Bände)
/ die Mäler (Flecke; Zeichen; Monumente; üblich in: Denk-, Ehren-,
Mal, das Grabmäler)
\ die Male (Zeitpunkte; trotzdem üblich in: Brand-, Mutter-, Wund¬
male; gewählt für „Mäler“ als „Monumente“: Denk-,
Ehren-, Grabmale)
/ die Wörter (Einzelwörter, ohne Rücksicht auf Zusammenhang:
/ Haupt-, Zeit-, Eigenschafts-, Schlagwörter usw. Aus-
Wort, das ^ nähme: Sprichwörter)
\ die Worte (Teile zusammenhängender Rede: Dichter-, Text-,
Trost-, Vorworte usw.)
Das Schwanken zwischen Umlaut und Nichtumlaut ist häufig. Die Schriftsprache hat 268
sich hier oft für die eine der beiden Formen entschieden Und die andere, soweit sie noch
lebt, in die Mundart oder in die Umgangssprache abgedrängt, falls sie sie nicht bedeutungs¬
mäßig differenziert hat, z. B.
Schriftspr., üblich: Älter, mundärtl., ugs., seltener
die Böden die Boden (älter, selten)
die Bogen die Bögen (süddt.)
die Erlasse die Erlässe (österr.)
die Hammel oder Häihmel
die Kästen die Kasten (älter, seltener)
die Knuste oder Knüste
die Kragen die Krägen (süddt.)
die Kräne die Krane (seltener)
die Läden die Laden (selten und nur in der Bedeutung
„Fensterladen“)
‘ die Lager die Läger (bes. süddt. und kaufm.)
die Magen oder Mägen
die Nachlässe oder Nachlasse
die Püffe (= Stöße) die Puffe (seltener)
die Schlote die Schlöte (seltener)
die Schlucke die Schlücke (seltener)
die Stähle (techn.) die Stahle (seltener)
die Stäube (techn.) die Staube (techn., seltener)
die Wagen die Wägen (süddt.)
die Zwiebacke oder Zwiebäcke
Differenziert hat die Sprache:
die Bunde (das Bund— Gebinde, in: Schlüsselbunde) - die Bünde (der Bund=Bünd¬
nis); die Drucke (zu drucken: Ab-, Nach-, Neudrucke) - die Drücke (zu drücken: Ab-,
Aus-, Ein-, Händedrücke); die Spünde (FaßVerschlüsse) - die Spunde (tibertr. ugs.
für: junge Kerle); die Wasser (Wassermassen) - die Wässer (meist in: Ab-, Mineral-,
Sauerwässer usw.)
182 Das Substantiv (Nomen)

269 Manchmal stehen den umgelauteten starken Formen unumgelautete schwache auf -n
oder starke auf -s gegenüber:
die Mütter - die Muttem (Schraubenteile); die Säue (meist Hausschweine, bes. auch
übertragen) - die Sauen (meist weidm.: Wildschweine); die Schnüre (tibi.) - die
Schnuren (selten); die Blöcke (Klötze, z. B. in: Fels-, Granit-, Holz-, Eis-, Stein-,
Metallblöcke) - die Blocks (z. B. in Abreiß-, Notiz-, Durchschreibe-, Zeichen-, Wohn-,
Häuserblocks).
270 Eine ausführlichere Betrachtung verdient das Substantiv „Mann“:
/ die Männer (übl.)
Mann, der — die Mannen (dicht, für: Lehnsleute; iron. für: treue Gefolgsleute)
\ Mann (alle Mann an Deck!)
Bei Zusammensetzungen wechseln im Plural -männer und -leute:
-leute bei Berufen, Ständen, Menschengruppen u. ä. (kollektiv):
Bauersleute, Bergleute, Edelleute, Eheleute (Ehemann und Ehefrau),
Geschäftsleute u. a.
-männer bei Betonung des Geschlechtes, der Individualität, der äußeren Gestalt
(vervielfältigend): Biedermänner, Ehemänner, Ehrenmänner, Hampel¬
männer, Lebemänner u. a.
-männer oder -leute, wenn es auf einen Unterschied nicht ankommt:
Amtmänner, Amtleute; Dienstmänner, Dienstleute (Gepäckträger); Dienst¬
mannen, Dienstleute (Lehns-, Gefolgsleute); Ersatzmänner, Ersatzleute;
Fachmänner, Fachleute u. a.
Bildungen wie Obstmann, Milchmann, Gemüsemann usw. werden fast ausschließlich im
Singular verwendet.

ß) Plural auf -er und -e (vgl. auch 266 f.)


271 Der Plural auf -er, der ursprünglich keine Endung, sondern eine
Wortbildungssilbe war, hat sich über die Neutra, auf die er ursprünglich
beschränkt war, hinaus auch auf Maskulina ausgedehnt, weil seine Form
so deutlich erkennbar ist. Er steht ohne und mit Umlaut. Besonders
süddeutsche Mundart und Umgangssprache gehen in seiner Verwendung
noch weiter als die Schriftsprache:
Schriftspr. Mundart, Umgangsspr.
Brote Bröter
Beine Beiner
Stücke Stücker
Scheusale Scheusäler
Scheite Scheiter'
Klötze Klötzer
Steine Steiner
Dinge Dinger (vgl. 272)
Geschmäcke (selten) Geschmäcker (scherzhaft)
Bosse Bösser
Mark Märker
272 Zwischen den starken Formen auf -er und -e schwanken folgende Substantive (über den
Wechsel zwischen umgelautetem Plural auf -er und unumgelautetem Plural auf -e vgl. 267):

Schriftspr. übl. Seltener


die Bösewichter die Bösewichte
die Beste die Bester (kaufm.) [die Besten, Schweiz.]
die Stifte (Altersheime) die Stifter
Die Deklination der Svbstantive 183

Differenziert hat die Sprache die folgenden Formen:

die Dinge (schriftspr. für: Gegenstände) - die Dinger (ugs. verächtl. für bestimmte
Gegenstände, junge Mädchen);
die Gesichte (Visionen, Erscheinungen) - die Gesichter (Antlitze; auch in: Angesichter);
die Lichte (dicht, und veralt. für: Kerzen, Wachslichte) - die Lichter (Lichtquellen
jeder Art, in: Himmels-, Irrlichter; weidm. für: Augen des Haarwildes);
die Schilde (der Schild = Schutzschild) - die Schilder (das Schild = Aushängeschild).

In einigen Fällen hat der Plural auf -e zusammenfassende Bedeutung


(Worte, Lande, Bande usw.), der Plural auf -er dagegen trennende, in¬
dividualisierende Bedeutung (Wörter, Länder, Bänder usw.).
In umgangssprachlichen Verkleinerungen erscheint, wenn das Grundwort 273
den Plural auf -er bildet, das Verkleinerungssuffix -chen oder -lein erst
nach der Pluralendung -er, weil diese ursprünglich gar keine Endung
war (vgl. 724):
die Kinderchen, die KinderZein, die Weiberchen, die Häuserchen, die Würmerchen.

y) Plural auf -s (über das Plural-s bei Fremdwörtern vgl. 283)


Der Plural auf -s bei deutschen Wörtern ist vielfach unterschiedslos ge- 274
tadelt worden. Dem wollen wir uns nicht anschließen. In folgenden
Fällen ist gegen seinen Gebrauch nichts einzuwenden:
1. Bei Substantiven, die auf Vokal oder Diphthong ausgehen, der Deutlichkeit
halber: die Hurras, die Muttis, die Uhus, die Wauwaus, die Nackedeis.
So auch bei den meisten Kurzwörtern, die auf Vokal enden:
die Schupos, die Nazis, die Sozis, die Taxi[s] (vgl. 312, b).

2. Bei Substantiven aus dem Niederdeutschen, der sprachlichen Heimat des


Plurals auf -s. Hochdeutsche Pluralformen auf-e oder-n stehen hier oft gleichberech¬
tigt daneben, manchmal mit Bedeutungsverschiebung:
die Decks - die Decke; die Piers - die Piere; die Wracks - die Wracke; die Knicks
(= Hecken) - die Knicke (= Knickungen); die Haffs - die Haffe; die Blocks -
die Blöcke (vgl. 269); die Jungs - die Jungen.

3. Satzwörter, die kein deklinierbares Grundwort haben, nehmen gern, das Plural-s
zu Hilfe:
die Stelldichein/s/, Fackeln und Lebehochs (Th. Mann), die Lebewohles/, die
Schlagetots, die Dreikäsehoch [sj.

Gelegentlich wird aber auch der Plural auf -e gebildet:


die Vergißmeinnicht/e], die Gernegroße, die Tunichtgute, die Springinsfelde,
die Störenfriede, die Taugenichtse.

4. Bei manchen Substantiven sind nur die Pluralformen auf-s üblich:


die Hochs, die Tiefs (Wetterk.); die Steppkes.

5. Das Plural-s kann stehen bei Abkürzungen, die nicht auf „s“ enden. Es ist hier
aber nicht unbedingt erforderlich (vgl. 312, a):
die PKW[s], die BGB[s].

Auch bei einfachen Buchstaben steht besser kein Plural-s (vgl. 316):
die A, die B.

Ebenso bei substantivierten Konjunktionen und Interjektionen, die nicht auf einen
Vokal enden (vgl. 316):
die Wenn und Aber, die Entweder-Oder, die vielen Ach und Weh.
184 Das Substantiv (Nomen)

Falscher Gebrauch des Plurals auf -s:


275 Die Volkssprache hängt oft an Wörter, deren Plural mit dem Singular gleich lautet,
ein Plural-s an, um den Plural noch besonders zu verdeutlichen:
die Fräuleins (für:' die Fräulein), die Mädels (für: die Mädel), die Mädchens (für:
die Mädchen), die Schlingels (für: die Schlingel), die Kumpels (für: die Kumpel),
die Bengels (für: die Bengel).

Das Plural-s wird aber auch im Wechsel mit an sich deutlichen Pluralformen ge¬
braucht :

die Jungens (für: die Jungen, Sing.: der Junge); die Kerls (für: die Kerle, Sing.:
der Kerl); die Bestecks (für: die Bestecke, Sing.: das Besteck).

In Analogie zu Eigennamen werden in der Umgangssprache Plurale von Titeln und


Berufen auf -s zu Familienbezeichnungen:

Apothekers, Bürgermeisters, Pastors usw.

Über das Plural-s bei Eigennamen vgl. 294-297.

cf) Plural auf -n

276 Der Plural auf -n ist ein Zeichen schwacher Deklination: Er ist nie mit
Umlaut verbunden. Bei manchen Substantiven ist ein Schwanken
zwischen dieser schwachen Form auf -n und der starken Form auf -e
oder -er bzw. der endungslosen Form zu beobachten (vgl. auch 269; oft mit
Bedeutungsdifferenzierung):
die Bauern (Menschen vom Lande) - die Bauer (Vogelbauer, Erbauer usw.) vgl. 258;
die Dornen (Spitzen des Dornbusches), ugs. Dörner - die Dorne (techn. Werkzeuge);
die Kleinode (so immer bei bildlichem Gebrauch) - die Kleinodien (mit latinis.
' Endung aus mittellat. clenodium) vgl. 288; die Masten (übl.) - die Maste (Nebenform);
die Menschen (der Mensch = menschl. Lebewesen) - die Menscher (das Mensch, ver-
ächtl. für: Frau).

Der „Bau“ in der Bedeutung „Bauwerk“ hat jetzt den Plural „Bauten“ (eigtl. Plural zu:
die1 Baute = Gebäude, in: Pfahl-, Prunk-, Schiffs-, Um-, Neubauten; vgl. aber das Wort
Baude), während „Baue“ nur noch die Erdwohnungen bestimmter Tiere bezeichnet:
Fuchs-, Dachsbaue. - Der starke Plural „Flußbette“ wird noch gelegentlich neben der
schriftsprachlichen schwachen Form „Flußbetten“ gebraucht als Rest alter Deklinations¬
weise. Über die Formen Reste, Rester, Resten vgl. 272.

Feminina, die auf -er und -el ausgehen, erhalten die schwache Endung -n, wenn kein Um¬
laut eintritt:

die Muttern (Schraubenteile), Kiefern (Bäume), Blattern, Masern; die Semmeln,


Brezeln, Graupeln, Kutteln, Pusteln, Röteln, Stoppeln. Aber mit Umlaut: die
Mütter, Töchter, vgl. 269.

Maskulina und Neutra auf -er und -el erhalten kein -n. Sie folgen der starken Deklination:

die Teller, Messer, Gitter; die Streusel, Möbel, Kiefer (Knochen), Würfel, Gipfel.

Ausnahmen sind jedoch:

die Bauern, Vettern, Stacheln, Muskeln, Pantoffeln

sowie manche Stammesnamen:

die Pommern, Bayern.

1 Daher kommt es, daß das Sprachgefühl noch schwankt, ob es „in eihem der Pfahlbauten“
oder „in einer der Pfahlbauten“ heißt.
Die Deklination der Substantive 1$5

Mundart und Umgangssprache weichen oft von der Norm der Schriftsprache ab:
Schriftspr. Mundart, Umgangsspr.
die Kartoffel die Kartoffeln (schwach) Kartoffel (stark)
die Semmel die Semmeln (schwach) Semmel (stark)
der Stiefel die Stiefel (stark) Stiefeln (schwach)
der Stummel die Stummel (stark) Stummeln (schwach)
der Muskel die Muskeln (schwach) Muskel (stark)
der Pantoffel die Pantoffeln (schwach) Pantoffel (stark)
der Brösel die Brösel (stark) Bröseln (schwach)
der Ziegel die Ziegel (stark) Ziegeln (schwach)
Ebenso ist „die Trümmern“, „in Trümmern schlagen“ nicht schriftsprachlich, weil
•der dazugehörige Singular „das Trumm“ (nicht: die Trümmer) heißt.

e) Endungsloser Plural
Maskuline Substantive, die auf unbetontes -el, -en, -er enden, neutrale, 277
die auf unbetontes -el, -en, -er, -chen, -lein, -le, -erl ausgehen, und solche
auf -e mit der Vorsilbe Ge- sowie das Substantiv „Käse“ unterscheiden
sich im Nominativ Plural nicht* vom Nominativ Singular (soweit nicht
Umlaut eintritt):
der Flügel — die Flügel das Fenster — die Fenster
der Apfel — die J!pfel das Kloster — die Klöster
der Balken — die Balken das Mädchen — die Mädchen
der Graben — die Gräben das Fräulein — die Fräulein
der Fischer — die Fischer das Kasperle — die Kasperle
der Bruder — die Brüder das Hascherl — die Hascherl
das Segel — die Segel das Gebirge — die Gebirge
das Kissen — die Kissen der Käse — die Käse
Von femininen Substantiven gehören nur „Mutter“ (die Mütter) und „Tochter“ (die
Töchter) hierher.
Neutrale Substantive mit den Verkleinerungssilben -el oder -erl werden in der Mundart 278
oft schwach dekliniert, was gelegentlich in die Schriftsprache übernommen wird:
das Mädel, PI. die Mädeln (I. Kurz, St. Zweig); das Hendel, PI. die Hendeln; das
Mandl, PI. die Mandln; das Gössel, PI. die Gösseln (W. Raabe); das Brettel, PI. die
Bretteln (Carossa); das Hascherl, PI. die Hascherin (Ertl, Anzengruber, Müller-Par¬
tenkirchen) ; das Zuckerl, PI. die Zuckerln (Zuckmayer).

4. Die Deklination der Fremdwörter


a) Allgemeines
Auch die Fremdwörter können stark, schwach oder gemischt dekliniert 279
werden:
stark: der Plural, des Plurals, die Plurale; der Trupp, des Trupps, die Trupps;
schwach: der Student, des Studenten, die Studenten;
gemischt: der Doktor, des Döktors, die Doktören (Betonung!).
Substantive, die im Singular wie im Plural sowohl stark als auch schwach
dekliniert werden, gibt es auch bei den Fremdwörtern:
schwach:
des Papageien die Papageien (übl.)
des Tribunen die Tribunen
des Magneten . die Magneten
des Chrysolithen die Chrysolithen
186 Das Substantiv (Nomen)

stark:
des Papageis die Papageie (selten)
des Tribuns die Tribüne
des Magnets die Magnete
des Chrysoliths die Chrysolithe
Das früher stark gebeugte „Elektrolyt“ (des Elektrolyts, die Elektrolyte) wird im Ge¬
nitiv Singular heute schon dürchgehends schwach gebeugt (des Elektrolyten), während
der Plural noch stark gebraucht wird (die Elektrolyte).
Im Singular wechseln zwischen starker und schwacher Deklination:
des Augurs oder Augur[e]n; PI.: die Augur[e]n - des Satyrs oder Satyrn; PI.: die
Satyrn - des Kakerlaks oder Kakerlaken; PL: die Kakerlaken - des Triumvirs oder
Triumvirn; PL: die Triumvirn - des Partisans oder Partisanen; PL: die Partisanen.
In sprachwissenschaftlichen Büchern werden noch gelegentlich, aber
immer seltener Fachausdrücke wie im Lateinischen dekliniert :
Nominativws Singulam, Accusativws cum Inflnitivo, Indicativws Praeseniis Activi
(heute üblicher: Nominativ Singular, Akkusativ mit Infinitiv, Indikativ Präsens
Aktiv).
Dabei werden lateinische Nominative des Plurals heute allgemein in
allen Kasus gebraucht:
den Pronomina, der Kasus (Gen. Plur.), den Feminina.
Manches ist allgemein üblich:
Korpus delikti, Nervus rerum, Anno Domini usw.
Über Schwankungen im Plural vgl. die nächsten Abschnitte.

b) Bemerkungen zur starken Deklination


280 Zur starken Deklinationsgruppe gehören z. B. Fremdwörter mit den En¬
dungen -är, -ett (soweit keine Personenbezeichnung), -eur, -ier [. . . ie-],
-ier [.. .l r],-iker, -in, -ment (Beispiele vgl. 195).
Die stark (und gemischt; vgl. 288) deklinierten Fremdwörter bilden den
Genitiv Sing, im allgemeinen mit bloßem -s:
des Offiziers, des Plurals, des Doktors, des Hotels, des Typs, des Insekts, \ des
Lexikons, des Klosetts.
Endet das Fremdwort auf -s, -ß, -x oder -st, dann wird der Genitiv
unter Beibehaltung des „e“ nur bei Eindeutschung gebildet:
des Dispenses, des Prozesses, des Komplexes, des Morastes.
Bei anderen stehen eingedeutschte Formen neben ungebeugten:
des Atlas oder Atlasses, des Globus oder Globusses, des Index oder Indexes, des
Rhinozeros oder Rhinozerosses.
281 Das Dativ-e fällt ganz weg:
dem Doktor, dem Hotel, dem Balkon, dem Typ, dem Ingenieur, dem Januar.
Für den Dativ Singular der gemischten Gruppe (vgl. 288) gilt das gleiche.
282 Der Plural bleibt entweder ohne Endung (das Pronomen, des Pronomens,
die Pronomen) oder geht auf -s oder -e (mit oder ohne Umlaut) aus. Ge¬
legentlich tritt noch fremdsprachlicher Plural auf:
die Papyrosy (russ. Zigaretten), die Bambini, die Gondolieri, die Gonfalonieri
(neben: die Gonfalonieres), die Soli (neben: die Solos), die Porti (neben: die
Portos), die Tempi (neben: die Tempos), die Konkreta, die Abstrakta, die Prono¬
mina (neben: die Pronomen), die Examina (neben: die Examen), die Indizes
(neben: die Indexe).
Die Deklination der Substantive 187

Der Plural auf -er ist selten:


die Spitäler, die Hospitäler (daneben: Hospitale), die Regimenter, die Schier
(seltener: Schi).

Scherzhaft sind:
Publikümer, Lokäler.

Noch nicht heimisch gewordene Fremdwörter starker Deklination und 283


solche, die auf Vokal enden, bilden den Plural auf -s.
die Abonnements, die Bankiers, die Salons, die Beefsteaks, die Büros, die Echos,
die Autos, die Sofas.

Wenn der Singular auf stummes ,,s“ ausgeht, wird dieses im Plural ge¬
sprochen :
die Marquis (marki ß), die Korps (ko-rß), die Fonds (fo**ß).

Hat sich das Fremdwort mehr eingebürgert, tritt neben die Endung auf
-s die auf -e:
die Ballons (franz. Aussprache), seltener Ballone (dt. Aussprache); die Kartons
(franz. Aussprache), seltener Kartone (dt. Aussprache); die Balkons (franz. Aus¬
sprache) oder Baikone (dt. Aussprache); die Docks oder Docke; die Karussells
oder Karusselle; die Klosetts oder. Klosette; die Leutnants, seltener Leutnante.

Dabei gibt es Übergangsstufen aller Art:


Parke, Schecke, Schocke, Streike sind bisher noch selten, soviel die einzelnen
Wörter auch gebraucht werden. Wir sehen hier, daß sich die Eindeutschung
manchmal wenig nach der Häufigkeit des Gebrauches richtet. Nicht so häufig
gebrauchte Wörter wie z.B.,,Kollektiv“ ziehen dagegen den deutschen Plural bereits
vor (Kollektive).

Bei häufig gebrauchten Fremdwörtern (auch Lehnwörtern), deren Plu- 284


ralform umlautfähig ist, ist der Umlaut teils fest geworden:
die Jfbte, die Bischöfe, die Altäre, die Choräle, die Kapläne, die Paläste, die
Pröpste, die Kardinäle, die Bässe, die Kanäle,

teils dringt er ein:


die Korporale oder Korporäle. die Moraste oder Moräste, die Generale oder
Generäle, die Chore oder Chöre [Kirchenraum]). Bei ,,Tenor“ (= Männerstimme)
ist der umgelautete Plural gebräuchlicher (Tenöre, seltener: Tenore). Der Plural
„Admiräle“ steht besonders in Verbindung mit „Generäle“: die anwesenden
GeneräZe und AdmiräZe.

Ein häufiger Fehler ist es, das Plural-s an fremdsprachige Pluralendungen 285
zu hängen, die nicht als solche erkannt werden (vgl. 288):
die Portis (Italien, porti ist schon Plural!), die Kollis.

Wechsel zwischen starker und schwacher Pluralform’ (mit gelegentlicher 286


Bedeutungsdifferenzierung) zeigen:
die Atlasse oder Atlanten, die Globusse oder Globen, die Fasane oder Fasanen,
die Juwelen (Edelsteine) - die Juwele (übertr. auf Personen), die Effekte (Wirkun¬
gen) - die Effekten (Sachen, Wertpapiere).

c) Bemerkungen zur schwachen Deklination

Zur schwachen Deklinationsgruppe gehören z. B. maskuline Fremd- 287


Wörter mit den Endungen -ant und -ist (Beispiele vgl. 195) sowie Fremd¬
wörter aus dem Griechischen auf -arch, -agoge, -krat, -löge, -nom, -soph.
188 Das Substantiv (Nomen)

Fremdwörter, deren auslautendes -e erhalten blieb, werfen es heute un¬


gern ab, weil die schwache Beugung daran deutlich wird:
Pädagoge, Psychologe, Theologe, Demagoge, Invalide, Rivale, Matrose, Sklave,
Halunke, Stratege, Rhapsode. Früher waren die gekürzten Formen (Pädagog,
Psycholog usw.) häufiger.

Weibliche Fremdwörter, besonders mit den Endungen -ade, -age,


-aille, -ance, -äne, -anz, olte. -enz, -ette, -euse, -ie [.. .ie], -ie[. ..!•], -iere,
dlle, -ine, -ion, -isse, -[i]tät, -ive, -oac, ur, -üre sind im Singular endungs¬
los, im Plural schwach (Beispiele vgl. 195).
Starken Plural auf -s zeigt daneben:
die Mamsells (oder: Mamsellen).

d) Bemerkungen zur gemischten Deklination


288 Zur gemischten Deklinationsgruppe (im Singular stark, im Plural
schwach) gehören u. a. die sehr zahlreichen Fremdwörter mit der
Endung -or und der Betonung auf der zweitletzten Silbe1:
des Typs, die Typen; des Insekts, die Insekten; des Rektors, die Rektören (mit
Betonungswechsel!); des Doktors, die Doktoren.
Danach müßte „Mötor“ ebenfalls gemischt dekliniert werden (des Mötors, die Motören),
man findet aber auch, besonders bei Süddeutschen, die starke Deklination im Plural
(die Motore), weil man „Motör“ betont (vgl. Anm. 1). „Pastöre“ ist eine norddeutsche
Eigentümlichkeit (sphriftspr.: Pastoren), die ebenfalls auf der veränderten Betonung
„Pastör“ beruht.

Fremdwörter griechischen Ursprungs mit der Endsilbe -ma gehören


ebenfalls im allgemeinen der gemischten Deklination an:
des Dramas, die.Dramen; des Dogmas, die Dogmen; des Themas, die Themen.
Manche von ihnen bilden jedoch abweichende Pluralformen, und zwar entweder die
starke auf -s (die Kommas, die Aromas, die Klimas) oder die ursprüngliche griechi¬
sche (Kommata, Aromata, Themata). Zwitterformen sind: die Klimate u. ä. „Lexi¬
kon“ hat meist den fremden Plural „Lexika“, daneben: Lexiken. Falsch ist es, an
die griechischen Pluralendungen noch die Pluralendung -s zu hängen, was häufig
aus Unkenntnis geschieht (vgl. auch 285):
die Kommatas, Thematas usw.

Ebenso deklinieren Fremdwörter auf -eum, *[i]um, -al und -il im all¬
gemeinen gemischt:
des Museums, die Museen; des Albums, die Alben; des Datums, die Daten; des
Verb [um ]s, die Verben; des Aquariums, die Aquarien; des Materials, die Mate¬
rialien; des Fossils, die Fossilien.

Auch sie körinen aber den Plural gelegentlich auf -s (die Faktotums,
Albums) oder den ursprünglichen lateinischen Plural bilden:
Adverbia, Verba, Fluida, Skripta, Neutra.

Manche von ihnen neigen zur stark gebeugten Pluralform:


die Mineralien oder Minerals, die Prinzipien oder Prinzips, die Konzilien oder
Konzils, die Kollegien oder Kollegs, die Reptilien oder Reptils, die Konten oder
Kontos (auch Italien. Plural: Konti), die Risiken oder Risikos.

Zum Schwund des „e“ im Genitiv und Dativ vgl. die starke De¬
klinationsgruppe (280; 281).

1 Ist dagegen -or betont, dann gehört das betreffende Wort zur starken Beugung:
des Majörs, die Majöre.
Die Deklination der Substantive 189

e) Die Fremdwörter auf -us


Die Fremdwörter auf -us (griech. -os) behalten im Singular in allen Fällen 289
diese Endung, solange sie noch nicht völlig eingebürgert sind:
der Typus, des Typus, dem Typus, den Typus; der Rhythmus, des Rhythmus, dem
Rhythmus, den Rhythmus; das Epos, des Epos, dem Epos, das Epos.
Dazu gehören auch die Fremdwörter auf -ismus:
der Organismus, des Organismus, dem Organismus, den Organismus.
Gehen die Fremdwörter auf -us aber durch aller Munde, dann stellt sich
oft der stark deklinierte Plural bzw. der starke Genitiv Sing, neben
die ungebeugten Formen oder verdrängt diese sogar. Die Verdrängung
nimmt meist ihren Ausgang vom Plural und erfaßt dann auch den Ge¬
nitiv Singular:
die Krokus oder Krokusse, noch: des Krokus; die Soziusse, noch: des Sozius; die
Zirkusse, noch: des Zirkus; die Fidibus oder Fidibusse, des Fidibus oder Fidibussee;
die [Omnijbusse, des [Omnijbusses.
Nicht eingedrungen ist der starke Genitiv auf -es bei den Fremdwörtern
auf -ismus. Er wird ganz selten gewagt, um den Kasus deutlich zu
machen:
voll packenden Realismusses (Meyrink).
Manche Fremdwörter auf -us haben neben dem deutschen Plural noch den
ursprünglichen lateinischen Plural (manchmal sogar in eindeutschender
Schreibung) bewahrt:
(der Famulus) die Famulusse oder Famuli, (der Musikus) die Musiker oder MusLzi
(lat. musici).
Oder sie haben nur den fremden, wenn sie weniger eingebürgert sind:
(der. Filius) die Filii; (der Modus) die Modi; (der Kasus) die Kasus (lat. casus,
langes u!); (das Tempus) die Tempora.
Andere Fremdwörter auf -us haben die schwache Pluralform auf -en:
der Typus, die Typen; der Nuntius, die Nuntien; der Rhythmus, die Rhythmen; der
Genius, die Genien; der Kaktus, die Kakteen.
Dazu gehören auch die Fremdwörter auf -ismus, falls sie einen Plural
bilden können:
der Organismus, die Organismen; der Antagonismus, die Antagonismen.
Einige Fremdwörter auf -us haben neben der schwachen Pluralform auf
-en eine starke auf -e entwickelt:
die Globen oder Globusse, die Disken oder Diskusse.

5. Die Deklination der Eigennamen

a) Familien-, Persollen- und Vornamen


a) Ohne Bestimmungswort
1. Singular
a) Familien-, Personen- und Vornamen im Singular erhalten, wenn 290
sie ohne vorangehenden Artikel (Pronomen) stehen, nur im
Genitiv die Endung -s, sonst sind sie endungslos:
Goethes Gedichte, der Geburtsort Schillers, Caesars Ermordung, die Nieder¬
lage Hannibals, Karls Heft, Sophias (Sophies) Kleid.
Man ehrte Goethe wie einen Fürsten. Ich besuchte Earl. Die Bürger
Karthagos dankten Hannibal für seinen Sieg. Ich widersprach Fritz.
Das Substantiv (Nomen)

Die schwache Beugung ist veraltet:


Mit Gelierten stand er nicht im besten Vernehmen (Goethe). Börnes Zorn
loderte am grimmigsten gegen Menzeln (Heine). Mit des alten Fritzen
eigenhändigem Krückstock (Fontane). '

In der norddt. Kinder- und Umgangssprache werden manche


Gattungsbezeichnungen aus dem Kreis der Familie (besonders
„Vater“ und „Mutter“) wie Eigennamen behandelt. Sie stehen
dann ohne Artikel und bilden den Genitiv auf -s, den Dativ und
Akkusativ auf -n:
Vaters, Mutter« Ermahnungen; Tante» Kleid; ob er sich zu Vätern oder
Muttern halten soll (Holtei); . . .und sagte, daß er Vätern holen solle
(Fontane).

b) Geht ein Artikel (oder Pronomen) voran, dann bleiben


die Namen heute meist ungebeugt, weil der Kasus durch diese
Begleitwörter deutlich wird (zum Gebrauch des Artikels bei
Eigennamen vgl. 232):
der Sohn des Tydeus (Schiller), die Rolle des Lohengrin, die Erkrankung
unseres Lothar, die Taten des grausamen Nero (Veraltet: die Leiden des
jungen Werther« [Goethe]).

Bei Voranstellung des Genitivs, die nur in der gewählten Sprache


üblich ist, ist das Genitiv-s noch ziemlich fest:
meines Peter« Zeugnisse; des armen Joachim» Augen (Th. Mann).

Daneben stehen allerdings auch hier bereits endungslose Formen:


des alten Wilhelm wohlbekannte Züge (Kleist), des alten Petersen Tochter
(Fontane).

Ist ein männlicher Personenname völlig zu einem Gattungsnamen


geworden, dann muß er wie ein gewöhnliches Substantiv die
Genitivendung -s erhalten:
des Dobermann«, des Zeppelins, des Schrapnell«, des Nestor«, des Nim¬
rod [e]«.

Schwankungen entstehen, wenn der eine noch den Namen, der


andere schon die Sache ausgedrückt empfindet:
des Diesel [s], des Dudenfs], des Ampere [s], des Ohm[s], des Baedeker[s],
des Volt oder Volt[e]s.

c) Gehen die Namen auf s, ß, x, z, tz aus, gibt es fünf Möglich¬


keiten, den Genitiv zu bilden (Namen auf -sch bilden den Genitiv
normal):
aa) durch Auslassungszeichen: Dies ist die besonders beim
Schreiben gewählte Form, weil das Auslassungszeichen deut¬
lich die Abhängigkeit hervorhebt. Der Name muß vorangehen:
Fritz’ Hut, Demosthenes’ Reden, Paracelsus’ Schriften, Perikies’ Tod,
Horaz* Satiren.

Beim Sprechen sind die folgenden Möglichkeiten deutlicher:


bb) durch vorgesetztes „von“ (beim Sprechen die übliche
Form):
der Hut von Fritz, die Operetten von Strauß, die Schriften von Para¬
celsus.
Die Deklination der Substantive 191

cc) durch Vorgesetzten Artikel (Pronomen) mit oder ohne


Gattungsnamen (dies gilt jedoch nicht für Familien- und
Vornamen, die ohne Artikel stehen):
des Horaz Satiren, die Reden des Demosthenes, der Tod des Perikies,
des [Arztes] Paracelsus Schriften.

dd) seltener durch die altertümliche Endung -ens, die aus


schwacher und starker Genitivform gemischt ist:
Vossens „Luise“, Marxens Lehre, Horazens Satiren, Fritzens Streiche,

ee) Bei antiken Personennamen durch Weglassung der Endung


und darauffolgende normale Beugung:
Achill[es], Genitiv: Achills; Priam(us], Genitiv: Priams Feste war ge¬
sunken (Schiller).

d) Fremdsprachliche Deklination von Eigennamen ist 293


nur noch innerhalb des religiösen Bereiches üblich:
Gen.: Jesu Christi, Akk.: Jesum Christum, im Jahre 30 nach Christi
Geburt, Mariä Himmelfahrt, das Evangelium Johannis.

2. Plural
Familien-, Personen- und Vornamen bilden nur dann einen Plural, 294
wenn sie zu Gattungsnamen geworden sind (vgl. 173; 238). Sie bezeich¬
nen dann entweder die reine Gattung (Krösus = ein reicher Mann)
oder Personen, die mit dem ursprünglichen Träger des Namens ver¬
glichen werden (Männer wie . . . ) oder sämtliche Mitglieder einer
Familie, eines Geschlechtes bzw. verschiedene Träger des gleichen
Namens. Der Nom. Plur. wird mit den Endungen -e, -[n]en, -s gebildet
oder ist endungslos. Umlaut oder Plural auf -er tritt niemals ein, höch¬
stens scherzhaft (die Salzmänner, die Wölfe, die Köche u. ä.) oder in
Gattungsbezeichnungen (Prahlhänse, Faselhänse).
a) Personen- und Vornamen
aa) männliche Personen- und Vornamen, die auf einen 295
Konsonanten enden, haben die Endung -e:
die Heinriche, die Rudolfe, die Friedriche, die Krösusse.

Verkleinerungsformen auf -chen und -el sowie Namen auf -er


und -en (vgl. 297) stehen ohne Endung:
die Hänschen, die Fränzchen; die Hansel; die Peter; die Jürgen.

Aus der Umgangssprache dringt der Plural auf -s ein:


die Heinrichs, die Rudolfs.

Dieser steht auch meist bei Personen- und Vornamen, die


auf Vokal enden:
die Albas, die Platos, die Ottos, die Hugos.
Die Endung -nen erhalten männliche Personen- und Vornamen
auf -o, wenn Herrschergeschlechter oder verschiedene berühmte
Träger des gleichen Namens bezeichnet werden sollen:
die Ott orten (die sächsischen Kaiser Otto I., II. und III.); die Scipionen.

bb) weibliche Personen- und Vornamen auf -e bilden 296


den Plural mit -n:
die Mariannen, die Greten, die Lotten, die Isolden, die Ottilien.
192 Das Substantiv (Nomen)

Enden sie auf-einen Konsonanten (außer S-Lauten), dann


bilden sie den Plural mit -en (ugs. auf -s):
die Diethilden, die Adelheiden, die Gertruden (ugs.: die Diethilds, die
Adelheids usw.).

Endet der Name auf einen S-Laut, dann bleibt er im Plural


unverändert:
die beiden Agnes.

Verkleinerungsformen auf -chen und -el stehen ohne Endung:


die deutschen Gretchen (aber ugs.: Gretchens), die beiden Gretel
(ugs.: Gretels).

Nach der Endung -a, -o und -i (y) steht der Plural auf -s :
die Annas, die Marias, die Sapphos, die Emmis, die Liddys.

Wo für das a ein e eintreten kann, steht auch die Endung -n:
die Annen, die Sophien, die Marien.

b) Familiennamen
297 Die Familiennamen bilden den Plural heute meist auf -s:
die Rothschilds, die Buddenbrooks (Th. Mann), die Barrings (Simpson),
die Stoltenkamps und ihre Frauen (Herzog); das sind Holbeins (= Bilder
von Holbein).

Gelegentlich stehen sie ganz ohne Endung, so besonders die auf


-en, -er, -el endenden Namen, weil sie wie gewöhnliche, auf diese
Endungen ausgehende Substantive behandelt werden:
die Goethe, die [Brüder] Grimm, die Confalonieri (R. Huch), die beiden
"Schlegel; die Münchhausen sterben nicht aus.

Die schwache Endung -en ist seltener:


die Manzen (G. Keller).

Die Endung -e ist im allgemeinen veraltet. Sie tritt heute nur


noch gelegentlich auf:
Wir Stillinge (H. Stillings Jugend), die Gottschede (Lessing), die Stol-
berge (Goethe), die Ohrdrufer Bache (heutiger Buchtitel).

Geht der Familienname auf Zischlaut aus, dann steht die Endung
-ens:
Schulzens4, Lauxens, Klotzens.

Beachte:
In Fügungen wie „Ich gehe zu Müllers, besuche Bauers“ usw. liegt eigentlich
ein Genitiv-s vor (= Müllers Familie), das zum Plural-s umgedeutet wurde.

ß) Mit Bestimmungswort
Bei der Deklination der Familien-, Personen- und Vornamen, die bei
einem Bestimmungswort stehen, gilt heute im allgemeinen die Regel,
daß im Genitiv (die anderen Kasus des Singulars bleiben ja bei den Namen
unbezeichnet) entweder nur der Name oder nur das Bestimmungswort
dekliniert wird. Doppelsetzung des Genitiv-s wird überall vermieden. Es
besteht die Tendenz, das Genitiv-s bei den Namen dieser Gruppe weg¬
zulassen, wenn Artikel oder Pronomen den Fall deutlich ausdrücken:
Die Deklination der Substantive 193

1. Vorname + Vorname oder Familienmime


Hat eine Person mehrere Namen, dann wird nur der letzte (Vor- 298
oder Familienname) dekliniert:
Friedrich Karls Erfolge, Klaus Peters Geburtstag, Gotthold Ephraim Lessings
Werke, die Werke Rainer Maria Rilkes.

Wenn vor dem Familiennamen eine Präposition (von, zu, van, de,
ten) steht, dann wird heute gewöhnlich der Familienname gebeugt:
die Gedichte Friedrich von Schillers, Wolfgang von Goethes Balladen, Heinrich
von Kleists Werke, die Bilder Anton van Dycks, der Sieg Hein ten Hoffs.

Ist der Familienname jedoch noch deutlich als Ortsname zu er¬


kennen, dann wird der Vorname gebeugt:
die Lieder Walthers von der Vogelweide, der „Parzival“ Wolframs von Eschen¬
bach, die Geschichte Gottfriedsws von Berlichingen (Goethe), die Erfindungen
Leonardos da Vinci, die Predigten Abrahams a Sancta Clara, die Regierung .
Friedrich Wilhelm« III. (des Dritten) von Preußen.

Wo Zweifel bestehen, neigt man zur Beugung des Ortsnamens:


die Erfindungen Leonardo da Vincis usw.

Steht jedoch der Ortsname unmittelbar vor dem dazugehörigen


Substantiv, dann wird mehr und mehr auch der Ortsname gebeugt,
weil die Genitivendung für das Gehör sonst zu weit entfernt steht:
Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ (auch noch: Wolframs von Eschenbach
Gedichte); Hoffmann von Fallerslebens Gedichte (auch noch: Hoffmanns von
Fallersleben Gedichte).

Die einfache Regel, daß dasjenige Wort gebeugt wird, das neben dem
regierenden Wort steht, wird erstrebt, hat sich aber noch nicht völlig
durchsetzen können:
die Gedichte Friedrichs von Schiller-Friedrich von Schillers Gedichte; Wolfram
von Eschenbachs Parzival - der Parzival Wolframs von Eschenbach.

2. Artikelloses Substantiv + Name


Bei dieser Verbindung wird nur der Name dekliniert, weil die ganze 299
Fügung als Einheit aufgefaßt wird (Ausnahmen: Herr, schwache Sub¬
stantive auf -e und substantivierte Partizipien):
der Sieg Kaiser Karls, Onkel Pauls Hut, Vetter Fritz’ (Fritzens) Frau, die
Mätresse König Ludwigs [des Vierzehnten], Professor Lehmanns Sprechstunde,
Frau Müllers Jüngster, Architekt Müllers Einwand; er sprach mit Graf Hol¬
stein (Dativ!).

Selbst Verbindungen, die keinen Namen im strengen Sinne enthalten,


werden gelegentlich als Einheit aufgefaßt:
Im Dienst Frau Modes (statt: der Frau Mode [Zeitungsnotiz 1958]).

Aber (Ausnahme):
Herrn Müllers Einladung; das müssen Sie Herrn Müller melden; rufen Sie
Herrn Müller!
Bei den auf -e endenden schwachen Substantiven ist die Nichtbeugung
schon stark im Vordringen:
An Kollegen Schulze liegt es nun ... Genossen Meyers Austritt aus der Partei
(auch: An Kollege Schulze liegt es nun . .. , Genosse Meyers Austritt ...).
194 Das Substantiv (Nomen)

Substantivierte Partizipien sind, wenn man sie überhaupt verwendet


(man ersetzt sie besser durch die Fügurigsweise Artikel + Substantiv
-I- Name), zu beugen:
Abgeordneten Mayers Zwischenrufe, Vorsitzenden Schmidts Ausführungen
(besser: die Zwischenrufe des Abgeordneten Mayer).

Steht eine Apposition nach dem Namen, so steht diese im gleichen


Fall:
am Hofe Kaiser Karls des Großen.

Die Unterlassung der Beugung des Namens greift um sich, gilt aber
noch nicht als korrekt:
Kanzler und Erzbischof König Ludwig des Heiligen (Langgässer).
Geht der Name auf einen Zischlaut aus, dann muß man sich entweder
mit dem Auslassungszeichen behelfen (ein Dekret Papst Innozenz’ III.
[des Dritten]), oder man wählt den Artikel (ein Dekret des Papstes
Innozenz III. [des Dritten]).

3. Artikel (Pronomen) 4- [Adjektiv] + Substantiv + Name


300 Bei diesen Fügungen wird das bestimmende Substantiv (der Titel.
Rang usw.) dekliniert, während der Name ungebeugt bleibt:
des Vetters Fritz, des Herrn Meyer, unseres [lustigen] On¬
kels Paul, der Fleiß meines Sohnes Peter, jenes [berühmten] Geologe;« Schardt,
des Architekten Müller Einwand.

Eine Apposition steht im gleichen Fall (vgl. 987):


in den Dienst des Königs Philipp des Zweiten (Münchhausen).
Die Unterlassung der Deklination gilt als nicht korrekt, wenn sie
auch schon häufig erscheint:
das Schloß des Fürst Blücher, die Tochter des Baron Holbach, die Briefe des
Apostel Paulus, ah den Regierungsassistent Georg Müller.
Der Titel Doktor (Dr.) bleibt immer ungebeugt, weil er Bestandteil
des Namens ist. Auch „Fräulein“ wird nicht gebeugt:
die Ausführungen unseres Doktor Meyer. Der Platz Ihres Fräulein Meyer.

4. Zwei oder mehr artikellose Substantive + Name


301 In diesen Fällen wird nur der Name gebeugt:
Regierungsrat Professor Pfeifers Rede, Professor Dr. Lehmanns Sprechstunde,
Privatdozent Dr. Schmidts Abhandlung.

Der Titel „Herr“ wird jedoch immer gebeugt (vgl. 299):


Herrn Regierungsrat Professor Pfeifers Rede, Herrn Professor Dr. Lehmanns
Sprechstunde, Herrn Architekt Müllers Einwand.

In Anschriften (die den Dativ oder Akkusativ erfordern) wird außer


dem Titel „Herr“ der folgende Titel gern noch gebeugt:
Herrn Regierungspräsidenten X (auch schon: Herrn Regierungspräsident X).

Bei substantivierten Partizipien tritt Beugung ein:


Herrn Abgeordneten Meyer.
Die Deklination der Substantive 195

6. Artikel (Pronomen) + [Adjektiv] + zwei oder mehr Substantive +


Name
Hier erhält meist nur das erste Substantiv (Titel, Rang usw.) das 302
Genitiv-s, während das zweite und die folgenden als enger zum Na¬
men gehörig meist ungebeugt bleiben:
die Rede des [Ersten] Vorsitzenden Regierungsrat Professor Doktor Pfeifer,
die Aussage des [verhafteten] Stadtrats Bankier Dr. Schulze.

Ist „Herr“ das erste Substantiv, dann wird der folgende Titel gerne
noch mitgebeugt. Die Nichtbeugung des folgenden Titels ist aber
ebenfalls häufig. Bei substantivierten Partizipien tritt wieder Beu¬
gung ein:
die Bemerkungen des Herrn Generaldirektors Meyer, die Ausführungen des
Herrn Studienrats Schönberg (auch: des Herrn Studienrat Schönberg), die
Abhandlung des Herrn Privatdozenten Dr. Schmidt (auch: des Herrn Privat¬
dozent Dr. Schmidt), die Rede des Herrn Ministers [Dr.] Müller (auch: des
Herrn Minister [Dr.] Müller). Aber: des Herrn Abgeordneten Müller.

In Anschriften (die den Dativ oder Akkusativ erfordern):


An den Herrn Regierungspräsidenten X; Dem Herrn Regierungspräsidenten X
(aber auch schon: An den Herrn Regierungspräsident X; Dem Herrn Re¬
gierungspräsident X). Aber: An den Herrn Abgeordneten E. Müller.

Doktor (Dr.) wird als Bestandteil des Namens auch hier nicht ge¬
beugt (vgl. 300):
der Vortrag des Herrn Dr. ( = Doktor) Meyer.

6. Name 4- Apposition (Artikel + Substantiv [oder substantiviertes


Adjektiv])
Beide Bestandteile werden dekliniert: 303
das Leben Ludwigs des Kindes; ein Enkel Ludwigs des Deutschen; die Regierung
Karls des Großen. ■*

Es ist noch inkorrekt, in diesen Fällen den Namen nicht zu dekli¬


nieren, sondern nur die Apposition, obwohl es schriftsprachlich öfter
vorkommt:
die einzige Tochter Karl des Kühnen, der Bruder Friedrich des Großen (Fon¬
tane), das fuchsrote Haar Wilhelm des Eroberers (Bruckner), seit Widukinjds
und Karl des Großen Zeiten (W. Schäfer).

b) Völkernamen
Die Völkernamen stehen den Gattungsnamen sehr nahe und deklinieren 304
wie diese (vgl. 238) :
Sing, mit Artikel:
der Franzose, ein Franzose; die, eine Französin.

Plur. mit und ohne Artikel:


[die] Franzosen; [die] Französinnen.

Die meisten Völkernamen werden schwach dekliniert:


des, die Deutschen; des, die Franzosen; des, die Sachsen; des, die Schwaben; des, die
Ungarn; des, die Tataren.
196 Das Substantiv (Nomen)

Die meisten auf die Ableitungssilbe -er ausgehenden Völkernamen sowie


die von Ortsnamen gebildeten Einwohnernamen auf -er beugen jedoch
stark:
des Engländers, die Engländer; des Italieners, die Italiener; des Spaniers, die Spanier;
des Berliners, die Berliner; des Wieners, die Wiener.

So auch:
des Negers, die Neger; des Berbers, die Berber.

Völkernamen, bei denen das -er zum Stamm gehört, deklinieren dagegen
schwach;
des, die Bayern; des, die Pommern; des, die Kaffern.

Zur gemischten Deklination gehört:


Zimber (des Zimbers, die Zimbern).

Fremde Völker- und Stammesnamen, die auf Vokal enden, können den
Genitiv Sing, und den Plural auf -s bilden, sie brauchen es aber nicht:
des Eskimo[s], die Eskimo[s]; des Papua[s], die Papuas; des Duala(s], die Duala;
des Zulu|sJ, die Zulu[s].

c) Geographische Namen
Die meisten geographischen Namen kommen* wenn sie nicht von vorn¬
herein pluralisch gebildet sind (vgl. 254), naturgemäß nur im Singular
vor (vgl. 238). Über den gelegentlich auftretenden Plural von Länder¬
namen vgl. 310.
a) Ohne Artikel
305 Die ohne Artikel gebrauchten Länder- und Ortsnamen erhalten, soweit
sie neutral sind, nur im Genitiv die Endung -s, sonst sind sie endungslos:
Preußens Niederlage, die Negerstämme Ugandas, die Verfassung Deutschlands.
Ich wohne in Hessen. Er reiste nach Bayern.

Nach ortsangebenden Präpositionen mit Genitiv steht der Städte- oder


Ländername schon oft ohne Beugungs-s; dies gilt jedoch noch nicht als
korrekt (vgl. 323). Bei alten Belegen muß hier allerdings ein Dativ an¬
genommen werden:
oberhalb Dinkelsbühl, innerhalb Deutschland, unterhalb Gießen, außerhalb Europa
(Herder), unweit Prag.

Geht der Länder- oder Ortsname auf einen Zischlaut (s, ß, z, tz, x) aus, so
gibt es vier Möglichkeiten, den Genitiv zu bilden:
1. Durch Auslassungszeichen bei vorangehendem Namen:
auf Korinthus* Landesenge (Schiller), von Aulis’ Strand (Schiller), Florenz*
Geschichte.

Beim Sprechen sind diese Formen undeutlich.


2. Durch Umschreibung mit „von“:
die höchste Erhebung von Wales, die Fabriken von Chemnitz, die Theater von
Paris.

3. Durch Setzung des Gattungsbegriffes vor den Namen:


die höchste Erhebung der Halbinsel Wales, die Fabriken der Stadt Chemnitz,
die Theater der Hauptstadt Paris.

4. Die Genitivendung -ens ist veraltet:


Grazens Umgebung, Chemnitzens Fabriken, Florenzens Krone.
Die Deklination der Substantive 197

ß) Mit Artikel
Die mit Artikel gebrauchten maskulinen und neutralen geographischen 306
Namen werden meist noch mit dem Genitiv-s gebildet, also wie die
Gattungsnamen dekliniert:
des Balkans, des Iraks, des Engadins, des Rheinlejs, des Brockens.

Die Beugung ist bei deutschen Namen zwar immer noch korrekt, sie fällt
aber, besonders bei fremden, mehr und mehr weg:
des Inn[sl, des Rigi[s], des Ätna[s], des Himalaja[s], des Nil[s], des Kongo[s], des
Hohenstaufen (Raabe).

Gehen die Namen auf Zischlaut aus, dann werden sie entweder unter An¬
hängung von -es oder, gar nicht gebeugt, manche schwanken:
des Elsaß oder Elsasses, des Harzes, des Rieses, des Taunus, des Peloponnes oder
Peloponneses, des Chersones, des Hedschas.

Zusammensetzungen mit -fluß, -ström, -bach, -berg, -gebirge, -wald usw.


müssen immer gebeugt, werden.

y) Artikel + Adjektiv + geographischer Name

Es gilt noch als korrekt, auch in diesen Verbindungen das Genitiv-s zu 307
setzen, doch richtet sich der Sprachgebrauch überwiegend nicht mehr
danach. Man muß daher auch die endungslose Form zulassen, zumal bei
den Familien- und Personennamen die entsprechende Beugung auf -s
bereits veraltet ist (vgl. 291). Die Ortsnamen zeigen noch stärker un¬
flektierte Formen als die Ländernamen:

die Länder des heutigen Europa[s], der Wiederaufbau des zerstörten Frankfurt[sl,
der Gipfel des sagenumwobenen Brocken[s],

cf> Artikelloses Substantiv + Länder- oder Ortsname

Wie bei den Familien- und Personennamen (vgl. 299) wird nur der Name 308
gebeugt. An die Stelle des Genitivs tritt häufig „von“:
Der Betstuhl Kloster Susdals ist ein Sarg (Immermann); die Quellen Bad Orbs
( « von Bad Orb), die Spitze Kap Skagens (= von Kap Skagen).

£) Artikel + [Adjektiv] + Substantiv + geographischer Name

Wie bei den Familien- und Personennamen (vgl. 300), wird bei diesen 309
Fügungen das bestimmende Substantiv dekliniert, während der Name
ungebeugt bleibt:
das Gebiet des Landes Frankreich, der Lauf des Baches Kidron, die Ufer des [hüb¬
schen] Flusses Itz, auf dem Gipfel des Berges Zion.

£) Der Plural von Ländernamen


Der Plural von Ländernamen wird gelegentlich gebraucht, um ver- 310
schiedene [politische] Gebilde oder Gruppen innerhalb eines Landes oder
Gebietes zu bezeichnen. Er wird mit oder ohne -s gebildet:
die politische Geschichte beider Amerika, die zwei Deutschi andfs].
198 Das Substantiv (Nomen)

d) Die Namen von Straßen, Gebäuden, Firmen u. a.


311 Die Beugung der Namen von Straßen, Gebäuden, Firmen, Organisa¬
tionen, Regierungssitzen, Schiffen, Büchern, Zeitungen, Zeitschriften,
Theaterstücken, Opern, Gedichten, Kunstwerken u. a. ist in gutem
Deutsch auch dann notwendig, wenn sie in Anführungszeichen stehen:
Ich wohne in der Langen Gasse (nicht: in der Lange Gasse), im „Europäischen
Hof“ (nicht: im „Europäischer Hof“). Die Bilder des Louvres (nicht: des Louvre),
die Aktien der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik AG (nicht: der Badische Anilin- &
Soda-Fabrik AG); des Kremls, des Vatikans, des Quirinais; die Seetüchtigkeit des
„Pfeils“ (nicht: „Pfeil“); Zitate aus Büchmanns „Geflügelten Worten“ (nicht: „Ge¬
flügelte Worte“); das Titelbild der „Frankfurter Illustrierten“ (nicht: „Frankfurter
Illustrierte“); die neuen Beiträge des „Monats“ (nicht: des „Monat“); in Schillers
„Räubern“ (nicht: „Räuber“); die Wirkung des „Zauberlehrlings“ (nicht: des
„Zauberlehrling“).

Soll der Name unverändert wiedergegeben werden, was bei Firmennamen


unter Umständen von Bedeutung sein kann, dann muß mit einem ent¬
sprechenden Substantiv umschrieben werden, zu dem dann der unge¬
beugte Name in ein appositionelles Verhältnis tritt:
Im Hotel „Europäischer Hof“, aus der Gaststätte „Schwarzer Adler“, die Aktien der
Firma Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG, das Titelbild der Zeitschrift „Frank¬
furter Illustrierte“.

Einfache (eingliedrige) stark gebeugte Namen, Titel usw. ohne nähere


Bestimmungen stehen oft schon ohne Genitiv-s, besonders dann, wenn
sie Eigennamen oder Fremdwörter sind:
die Manuskripte des „Goldmund“ (Hesse); der Dichter des Götz, des Faust; des
Kormoran (Schiffsname bei G. Hauptmann).

312 6. Die Deklination der Abkürzungen und Kurzwörter


a) Abkürzungen
Die Abkürzungen gewinnen im modernen Leben, besonders in der Technik,
im Handel und bei den Behörden, immer mehr an Bedeutung. Es
empfiehlt sich jedoch, sie auch sprachlich in ihrer dienenden Rolle zu be¬
lassen und sie nicht - im Gegensatz zu den Kurzwörtern - durch die
Beugung zu vollwertigen Wörtern zu erhöhen. Es ist nicht notwendig,
die ohne Punkt geschriebenen Abkürzungen, deren einzelne Buchstaben
als Wort gesprochen werden (nur um solche handelt es sich in diesem Zu¬
sammenhang) mit Beugungsendungen zu versehen:
der PKW, des PKW, die PKW; die GmbH, der GmbH, die GmbH; die AG, der
AG, die AG; das EKG, des EKG, die EKG.

Das Bestreben, auch diese Abkürzungen zu echten Substantiven zu


stempeln, äußert sich in der Anhängung besonders der Endung -s (im
Genitiv und im Plural; vgl. 274, 5), aber auch in der Anhängung
anderer Beugungsendungen im Plural (-e, -en):
des PKWs, die PKWs; der GmbH, die GmbHs; der AG, die AGen.

Man beschränke sich jedoch auch bei Abkürzungen, deren ausgeschrie¬


benes Grundwort im Plural auf -en ausgeht (wenn man überhaupt
Endungen gebraucht), auf die Endung -s:
Pl.: die AGs, die THs.
Die Deklination der Substantive 199

b) Kurzwörter
Die Kurzwörter fügen sich besser in die Wortart des Substantivs ein:
der Zoo, des Zoo[s], die Zoos; der Toto, des Totos, die Totos; die Lok, der Lok, die
Loks; der Akku, des Akkus, die Akkus; der Bus, des Busses, die Busse.

7. Die Unterlassung der Deklination bei Gattungsnamen

(Über die Unterlassung der Deklination bei Eigennamen vgl. 290 bis 311; bei Maß-,
Mengen- und Münzbezeichnungen vgl. 244; bei Abkürzungen vgl. 312.)

Man muß unterscheiden zwischen schriftsprachlich anerkannter und nicht


anerkannter Unterlassung der Deklination. Die nicht gebeugte Form
entspricht stets dem Nominativ und ist besonders deutlich beim Genitiv
Singular starker Maskulina und Neutra.

a) Anerkannte Unterlassung der Deklination


a) Bei Wortpaaren
Bei einzahligen Wortpaaren, die mit ,,und“ verbunden sind, gibt es zwei 313
Arten der Nichtbeugung. Im ersten Fall wird nur das erste Glied nicht
gebeugt, im zweiten beide nicht:
1. Nichtbeugung des ersten Gliedes. Das Wortpaar wird als formel¬
hafte Einheit empfunden (vgl. 615):
ein Stück eignen Orund und Bodens (Weinheber), trotz Sturm und Regens, des
Sturm und Drangs, in die Kreuz und Quere (nicht erkennbar!), Verwendung
seines Fleisch und Blutes (Ina Seidel).

Seltener und auffallender in poetischer Sprache bei nicht formelhaft


empfundenen Verbindungen. Hier wird die Pluralendung des ersten
Gliedes aus rhythmischen Gründen erspart:
an Tier und Vögeln fehlt es nicht (Goethe). Dann hört man sie auf Trepp’ und
Gängen stöhnen (Storni). Seid vergessen tag und nächte! (George). Auf den Berg’
und Bäumen (Hesse).

2. Nichtbeugung beider Glieder, besonders im Dativ und Akkusativ


Sing., da weder ein Artikel noch ein Adjektiv die Substantive kon¬
kreter bestimmt und zudem bei schwacher Beugung Verwechslung
mit dem Plural eintreten kann:
Ich sag es Fürst und Edelmann (Münchhausen); ganz von Geist und Wille ge¬
formt (Hesse); von Kameraa z.ü Kamerad (Löns); das Verhältnis zwischen Pa¬
tient und Arzt', die Grenze zwischen Affe und Mensch.
Bei Beugung eines schwachen Substantivs weiß man nicht, ob der
Dativ, Akkusativ Sing, oder der Plural gemeint ist:
die Kluft zwischen Fürsten und Volk. (Ist nur ein Fürst oder sind mehrere
Fürsten gemeint ?) Der Krieg trennt wohl noch viel grausamer Herz von Herzen
(Raabe).

Sie wird deshalb vielfach vermieden.


Die Beugung eines schwachen Substantivs bezeichnet also formal
immer Plural und Singular zugleich:
die Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten; der Unterschied
zwischen Affen und Menschen.
200 Das Svbstanliv (Nomen)

Ist keine Verwechslung möglich, empfindet man auch bei schwach


gebeugten Substantiven die Nichtbeugung als auffallend:
Nun setze dich dahin zwischen Herr und Frau Dörr (Fontane); üblich: zwi¬
schen Herrn und Frau Dörr.

ß) Bei Substantiven nach der Präposition „von“


314 Ein der Präposition „von“ folgendes alleinstehendes, einzahliges Sub¬
stantiv in appositioneller Bedeutung steht in der Nominativform, wenn
das vor der Präposition stehende Substantiv im Nominativ steht;
ein armer Teufel von Philologe (Schücking); eine Seele von Mensch; da wurde er so
eine Art von Sachverständiger (Fallada); ein Prachtmensch von Vater (nicht er¬
kennbar!).

Steht jedoch das vor der Präposition „von“ stehende Substantiv in einem
obliquen Pall (Genitiv, Dativ, Akkusativ; vgl. S. 176, Anm. 3), dann wird
das folgende Substantiv überwiegend gebeugt:
Zuhörer, welche eine Art (Akk.) von Propheten in ihm vermutet hatten (Hesse);
diesen Hohlkopf (Akk.) von Prinzen (Th. Mann); deinem dummen Teufel (Dat.) von
Neffen (I. Kurz).
Im Plural steht schriftsprachlich noch der Dativ:
Und meine Hunde von Reitern (Goethe); Wrackstücke von Mannsbildern (Luserke);
die Halunken von Kriegsleuten (Löns).

Aber auch schon ohne Endung:


die Teufel von Indianer; die Teufelskerls von Amerikaner (Hausmann).
Diese Nichtbeugung geht von Fällen aus, in denen zwischen Dativ Plural
und Nominativ Plural kein Unterschied besteht:
diese armen Hühner von Studentinnen (Vicki Baum); wenn sich Männer in die Affen
von Mädchen verlieben (Ric. Huch).

Steht das Substantiv mit dem unbestimmten Artikel oder einem attribu¬
tiven Adjektiv, dann wird es immer gebeugt:
ein Schurke von einem Soldaten (Lessing); dieser hübsche Ausbund von einem Hirten¬
jungen (G. Hauptmann); diesem hinfälligen Wrack von altem Menschen (Werfel).

y) Bei nur angeführten Substantiven


315 Sie stehen stets in der Nominativform und vielfach in Anführungs¬
zeichen :
die Beugung vort „Dirigent“; „Baum“ ist der Singular zu „Bäume“; was man so
Idealist nennt. Der Wirt nannte mich Gral und dann Exzellenz (Immermann). ... du
strecktest mir die Zunge raus und spieltest Gassenjunge (Münchhausen). Ich habe
Drogist gelernt (Kreuder). ... als hätten sie Ingenieur studiert (H. Mann).

d) Bei Substantivierungen
316 Substantivierungen aller Art können ohne Deklination stehen, weil sie
’ keine ursprünglichen Substantive sind. Die Beugung wird jedoch schon
oft angewendet:
meines geliebten Deutsch[s], des modernen Deutsch (Porzig), des Zelleneiweiß
(Th. Mann), das Gesicht meines Gegenüber (Hesse), eines gewissen JemandfsJ, diese
Niemand, viele Wenn und Aber, die Unbedingtheit dieses Entweder-Oder,
die Philosophie des Als-ob.
Meist ohne Beugung stehen die als Substantive gebrauchten Buchstaben:
das A, des A, die A usw.; Verwandlung des A . . . in O (Flake); anstatt des o
(H. Mann).
Die Deklination der Substantive 201

e) Bei Substantiven nach Maß- und Mengenangaben


Starke männliche und sächliche Substantive, die einer im Genitiv 317
stehenden stark gebeugten Maß- oder Mengenangabe folgen und kein
den Fall anzeigendes Begleitwort haben, bleiben im Genitiv Singular
ungebeugt. Ein doppelter starker Genitiv wird dadurch vermieden:
der Preis eines Pfundes Fleisch (nicht: eines Pfundes Fleisches). Ebenso: eines Stückes
Brot, eines Zentners Weizen, eines Tropfens öl.
In allen übrigen Kasus besteht zwischen den beiden Gliedern ein ap-
positionelles Verhältnis und daher Kasuskongruenz, wenn nicht der
attributive Genitiv gewählt wird (vgl. 980, 5)':
mit einem Tropfen [warmem] Öl; von einem Sack [schlechten] Nüssen.

£) Die Namen der Monate und Wochentage

1. Die Namen der Monate


Die Namen der Monate beugen stark, das Dativ-e tritt nicht mehr auf: 318
in den ersten Tagen des Novembers (Raabe); im Januar.
Sie können aber in Analogie zu den Familien- und Personennamen
die starke Genitivendung -[e]s abstoßen. Diese unflektierten Formen
überwiegen heute bereits. Die -er-Monate bewahren das Genitiv-s eher:
des Januar[s], des März[es], des Mai, des Juni[s], des August, des September[s];
des 6. Juni (Th. Mann), des 24. Dezembers (Th. Mann), des dreizehnten August
(Werfel), des zwölften Novembers (Werfel).
„März“ bildet auch den Genitiv „des Märzes“, weil es auf Zischlaut ausgeht.
Die schwache Form „des Märzen“ (noch in den Zusammensetzungen
„Märzenbier, Märzenschnee“ erhalten) ist veraltet.
„Mai“ und „August“ bilden den Genitiv auch auf -[e]s:
des Maies oder des Mais, des Augustes oder des Augusts.
Die schwache Form „des Maien“ (noch in den dichterischen Zusammensetzungen
„Maienkönigin, Maiennacht“, u. a. erhalten) ist veraltet.
Die ungebeugte artikellose Form steht vor allem dann, wenn ein Sub¬
stantiv vorangeht:
Anfang Mai, Mitte Juli, Ende Oktober.
Die auf -er endenden Monatsnamen (September, Oktober, November,
Dezember) sind im Plural endungslos, die auf -ar (Januar, Februar)
enden mit -e (die Januare, Februare, ebenso: die Märze, Aprile, Maie,
Auguste), Juni und Juli enden auf -s (die Junis, Julis).
Stehen die Monatsnamen in einem appositioneilen Verhältnis zu dem
Gattungsbegriff „Monat'dann bleiben sie uhgebeugt:
des Monats Januar, im Monat April.

2. Die Namen der Wochentage


DieNamen derWochentage beugen ebenfalls stark. Das Genitiv-s bleibt 319
in korrekter Sprache noch erhalten, das „e“ wird jedoch meist ausge¬
stoßen, das Dativ-e selten gesetzt:
die Vorwürfe des Mittwochs (I. Seidel), am folgenden Sonntag.
In Analogie zu den Familien- und Personennamen wird die Genitiv¬
endung mitunter auch schon ganz abgestoßen, was aber noch nicht
als korrekt gilt:
am Morgen des folgenden Mittwoch, mit Ausnahme des Montag.
202 * Das Substantiv (Nomen)

b) Noch nicht anerkannte Unterlassung der Deklination

a) Bei schwach gebeugten Maskulina

320 Es besteht eine ziemlich starke Neigung, bei schwach gebeugten Mas¬
kulina im Dativ und Akkusativ Singular die Deklinationsendung ab¬
zuwerfen und die Substantive dadurch zu starken zu machen:
Die Mütze gehört diesem Bub (statt: diesem Buben). Ich nenne ihn einen Held (statt:
einen Helden).

Dieser Wechsel erstreckt sich auch auf“ den Genitiv:


die Mütze des Bubs (statt: des Buben); das Gefieder des Buckfinks (statt: des Buch¬
finken).

Solange die Sprachgemeinschaft Substantive dieser Art noch über¬


wiegend schwach beugt, empfindet sie diese starken Formen als fehler¬
haft, selbst dann, wenn sie bereits von namhaften Schriftstellern ge¬
legentlich verwendet werden. Bei der Beurteilung dieser Fälle muß aber
bedacht werden, daß sich solche Deklinationsänderungen ständig in der
Sprachgeschichte vollzogen haben und sich auch künftig vollziehen
werden.
Von den Substantiven, die z. Zt. von dem Deklinationswechsel betroffen
sind, nennen wir:
Bär1, Bub, Bursch, Elefant, Fink2, Fürst3, Geck4, Graf5, Held, Hirt, Kamerad,
Mensch, Mohr, Narr, Ochs, PfafF, Prinz, Schenk, Soldat, Spatz, Steinmetz, Tor ( =
törichter Mensch), Vorfahr und Fremdwörter wie Barbar, Diplomat, Dirigent,
Dramaturg, Exponent, Fabrikant, Gendarm6, Gnom, Jurist, Komet, Konimandant,
Konkurrent, Lakai, Leopard, Obelisk7, Paragraph, Patient, Präsident, Regent,
Vagabund, Zar.

ß) Bei stark gebeugten Fremdwörtern und deutschen Wörtern

321 Das Genitiv-s wird bei Fremdwörtern oft weggelassen, obwohl es schrift¬
sprachlich fest ist:
des Barock, des Dativ, des Dynamo, des Enzian, des Festival, des Film, des Inter¬
esse, des Jasmin, des Kaffee, des Klima, des Komitee, des Papa, des Salbei,
des Smaragd, des Vitamin u. v. a.

Besonders die auf einen Zischlaut endenden Fremdwörter stehen oft


ohne Genitivendung, obwohl sie schriftsprachlich fest ist:
eines kleinen Strauß (Vogel), des Gulasch.

Die Weglassung des Genitiv-s greift aber auch schon gelegentlich auf
deutsche Wörter über:
des Heiligen Abend, des Abkommen, des Biedermeier, des Vergnügen, des Barsch,
des Tran, des öhmd, des Gründonnerstag, des Hanswurst, des Holunder, des
Löwenzahn.

1 ,,Da lauerte einst der wilde Urgermane auf den zottigen Bär“ (Raabe).
2 „des Blut/?nfcs“ (Zuckmayer).
3 „den Kurfürst“ (W. Schäfer).
4 „einen ausgemachten Geck“ (Hofmannsthal).
6 „mit des Markgrra/s Weib“ (G. Hauptmann).
6 „den Gendarm“ (Fallada).
7 „seinen schweren Obelisk“ (Gertrud v. le Fort).
Die Grundleistung des Adjektivs 203

y) Bei pluralischen Substantiven auf -er


Endungsschwund tritt auch oft bei pluralischen Substantiven auf -er 322
ein, deren regierendes Wort (Präposition) durch Einschübe von ihnen
getrennt steht:
aus aller Herren Länder (statt richtig: Ländern); wenn sie so in der Leute Mäuler
wäre (Fallada); sie war so in der Leute Mäuler (Storm).

d) Bei starken Substantiven nach Präpositionen mit Genitiv


Das Genitiv-s schwindet häufig auch bei alleinstehenden stark gebeugten 323
Substantiven in der Einzahl in Verbindung mit bestimmten, den Genitiv
regierenden Präpositionen (vgl. 305):
laut Vertrag, mittels Kran, einschließlich Risiko, infolge Kurzschluß, vermittels
Draht, wegen Umbau, inklusive Rabatt.

Über die noch nicht übliche Unterlassung der Beugung bei. Maß- und
Mengenangaben vgl. 247 am Schluß.

Die zu Beginn des Abschnittes über die Deklinationsendungen ge- 324


troffene Feststellung, daß die Sprachgemeinschaft den Endungen nicht
mehr in allen Fällen Leistungen zuzusprechen vermag und sie deshalb
teüweise abbaut, wird in diesem letzten Abschnitt besonders deutlich.
Es zeigt sich hier, daß der Endungsschwund über das Namengut hinaus
bereits das allgemeine Wortgut erfaßt hat. Daß hiervon der Genitiv am
stärksten betroffen ist, überrascht nicht, wenn man sich den Gesamt¬
rückgang dieses Kasus in unserer Sprache vergegenwärtigt (vgl. vor
allem Ziff. 883 ff.).

D. DAS ADJEKTIV

I. Die Grundleistung des Adjektivs1


Auch das Adjektiv nimmt an der „Wortung der Welt“ (Weisgerber) in 325
besonderer Weise teil. Seine Grundleistung besteht darin, die Stellung¬
nahme des Sprechers zu den Wesen oder Dingen (Substantiven), zum
Sein oder Geschehen (Verben), zu Eigenschaften selbst (Adjektiven) oder
auch zu Umständen (Adverbien; vgl. 545) auszudrücken, den Eindruck
zu bezeichnen, den Wesen, Dinge, Geschehen, Eigenschaften und Um¬
stände auf ihn ausüben.
In sehr vielen Fällen besteht diese Stellungnahme durch das Adjektiv
darin, daß es Wesen, Dinge, Eigenschaften oder Umstände, bei denen es
steht, charakterisiert:
das schöne Kind, der abscheulich kalte Wind; das Dorf liegt tief unten.

1 Lat. adiectivum = das [zum Substantiv] Hinzugeworfene, Hinzu-, Beigefügte, daher im


Deutschen auch mit „Beiwort“ übersetzt. Da hiermit aber nur Teilleistungen getroffen
werden, ist es am besten, beim Fremdwort zu bleiben. Der Leistung der Wortart am
nächsten kommen noch die Namen Art wort oder Eigenschaftswort. Vgl. zum Folgenden
besonders H. Brinkmann in „Muttersprache“ 1949, S. 13; Wirk. Wort 1950/51,
S. 70 ff.; Festschrift öhmann, S.376f. und Weisgerber, Weltbild II, 2, 1954, S. 128 ff.
204 Das Adjektiv

Ebensohäufig kann das Adjektiv aber auch über ein Wesen oder Ding
oder über deren Verhalten urteilen:
Das Mädchen ist schön. Karl singt laut. Wilhelm benimmt sich schlecht.
Schließlich kann das Adjektiv auch einfach einen Zustand registrieren,
in dem sich ein Wesen oder Ding befindet oder in den sie geraten
(vgl. 914):
Der Jäger schoß den Hasen tot (der Hase ist tot). Die Mutter macht die Suppe warm
(die Suppe wird warm).
326 Zur Grundleistung des Adjektivs gehört es weiterhin, daß es jede Stel¬
lungnahme dem Grade nach unterscheiden kann. Zu diesem Zweck
kann es Vergleichsformen bilden (die sog. Steigerung1):
ein schönes Haus, ein schöneres Haus, das schönste Haus. Karl spielt gut, besser, am
besten (Vgl. aber 407 ff.).
327 Über die Teilnahme vieler Partizipien an dieser Leistung des Adjektivs
vgl. 167 f.

II. Die zweifache Verwendung des Adjektivs


Die meisten Adjektive können als Gliedteil (attributiv2; vgl. 974 ff.)
oder als selbständiges Satzglied, d. h. als Artangabe3 stehen (vgl.
901 ff.). Diese Adjektive erfüllen die Anforderungen ihrer Wortart voll:
Der fleißige Knabe. Der Knabe ist fleißig. Der Knabe arbeitet fleißig.
Nun gibt es aber Adjektive, die in ihrer Verwendungsfähigkeit begrenzt
sind, und zwar entweder dadurch, daß sie an sich nur attributiv oder nur
als Artangabe verwendet werden können4, oder dadurch, daß die be¬
stimmte Fügung, in der sie stehen, keine andere Verwendung zuläßt.

328 a) Begrenzung auf den attributiven Bereich


1. Nur attributiv stehen Adjektive, die das Substantiv, bei dem sie
stehen, nicht nach seiner Art, sondern nach seiner örtlichen oder zeit¬
lichen Lage charakterisieren (Adverbialadjektive). Attributive Fügun¬
gen dieser Art können deshalb auch nicht aussagend gewendet werden:
das hiesige Theater (aber nicht: Das Theater ist hiesig), der dortige Berg, der
obere Rand, der heutige Tag, der linke Flügel.
2. Ebenfalls nur attributiv stehen Adjektive, die das Substantiv, bei
dem sie stehen, nach Besitz oder Herkunft oder nach dem Stoff
charakterisieren, aus dem es besteht. Auch diese Fügungen lassen
sich nicht aussagend wenden:
das väterliche Haus (= das Haus des Vaters; aber nicht: das Haus ist väterlich).
Ebenso: das bayrische Bier (= das Bier aus Bayern), das silberne Besteck (= das
Besteck aus Silber).

1 Den zu engen Begriff „Steigerung“ lassen wir als nicht für alle Fälle zutreffend fallen
und verwenden dafür den umfassenden Begriff „Vergleichsform“.
* Lat. attribuere = zuteilen, züschreiben, verleihen.
* Wir verdanken diese glückliche Bezeichnung für das Adjektiv als selbständiges Satz¬
glied H. Glinz, Der deutsche Satz, Düsseldorf 1957, S. 116 ff.
4 Wörter, die nicht an allen Möglichkeiten ihrer Wortart teilnehmen, nennt man „defek¬
tiv“ oder „Defektiva“ (lat. defectus = geschwächt).
Die Deklination des Adjektivs 205

Viele dieser Adjektive können jedoch dann wieder aussagend stehen,


wenn sie nach der Art charakterisieren:
Er ist sehr väterlich. Seine Rede war sehr hölzern.

3. Schließlich sind jene Adjektive noch auf den attributiven Bereich


eingeschränkt, die bei Verbalsubstantiven stehen. Sie charakterisieren
die durch das Substantiv benannte Person nicht, sondern beurteilen
sie von ihrer Tätigkeit her, als ob sie als Artangabe beim Verb stün¬
den (vgl. 1032):
Karl ist ein starker Raucher (= er raucht stark). Aber nicht: Der Raucher ist
stark. (Das ergäbe einen anderen Sinn.) Ebenso: Er ist ein scharfer Kritiker
(= er kritisiert scharf), ein guter Redner (= er redet gut), ein schwacher Esser
(= er ißt schwach).

b) Begrenzung auf die Verwendung als Artangabe 329

1. Nur aussagend als Artangabe stehen:


a) nachstehende Adjektive, bei denen es sich teils um Fremdwörter,
teils um umgangssprachliches Wortgut, teils um feststehende Wort¬
paare, teils um Adjektive handelt, die nur noch in der genannten
Wendung Vorkommen:
Er ist fit (Sportspr.), perplex (ugs.), meschugge (ugs.). Wir sind quitt. Das ist
prima (ugs.), futsch (ugs.). Das ist gang und gäbe, klipp und klar, null und nichtig,
recht und billig. Er ist mir gram, untertan, zugetan. Ich bin dieser Sache eingedenk,
gewärtig, teilhaftig. Er wird dieser Sache gewahr, habhaft. Ich bin dazu nicht
gewillt. Er machte ihm seine Kunden abspenstig. Ich machte seinen Wohnort
ausfindig.

ß) Adjektive, die ursprünglich Substantive gewesen sind (vgl. 409):


Mir ist angst. Er ist schuld. Ihm tut es not. Ebenso: fehl [am Ort], freund, feind,
schade, barfuß pleite (ugs.), wett, wurscht (ugs.), schnuppe (ugs;).

2. Vorwiegend als Artangabe stehen die Adjektive:


einem abhold sein, werden. Selten: eine dem Protzigen abholde Gesinnung.
Das Fleisch ist gar. Selten: ein gares Gericht, gares Leder. Ich bin getrost.
Selten: Seien Sie getrosten Mutes! Er ist irre. Nur poetisch: irrer Mut, irre
Befehle. Mir ist weh. Selten: ein wehes Gefühl. Ugs.: Er hat einen wehen Finger.

III. Die Deklination des Adjektivs1

Adjektive werden dekliniert, wenn sie als Attribut ein Substaptiv 330
näher bestimmen (vgl. 331 ff.) oder wenn sie substantiviert werden
(vgl. 363ff.):
der fleißige Knabe, ein schüchternes Mädchen; der Braune, der Abgeordnete.
Über die Ausnahmen vgl. 355ff.; 370.

1 Die modernen Belege in diesem Kapitel und manche andere Anregung verdanken wir
der wertvollen Arbeit von J. Ljungerud, Zur Nominalflexion in der deutschen Lite¬
ratursprache nach 1900, Lund 1955.
206 Das Adjektiv

Adjektive bleiben aber ungebeugt, wenn sie als Artangabe stehen oder
wenn sie als Attribut ein anderes Adjektiv oder ein Adverb näher be¬
stimmen1 :
Wilhelm arbeitet fleißig. Der abscheulich kalte Wind. Die Burg liegt hoch oben.
Über die gelegentliche Beugung des Adjektivs als Gleichsetzungsglied
vgl. 371 ff.

1. Die Deklination des bei einem Substantiv stehenden Adjektivs

331 a) Die Deklinationsarten


Das attributive Adjektiv wird bis auf wenige Ausnahmen (vgl. 355ff.)
dekliniert, wenn es ein Substantiv näher bestimmt. Die Deklination
kann stark oder schwach sein.
Die starke Deklination übernahm ihre Formen vom Pronomen. Sie wird
dann angewendet, wenn das Adjektiv allein vor dem Substantiv steht
oder wenn das voraufgehende Pronomen (Artikel, Numerale) selbst
keine starke (pronominale) Endung aufweist (Ausnahme: Genitiv Sin¬
gular des Maskulinums und Neutrums2):
lieber Freund!, gute Fahrt, gutes Wetter, nach langer Trennung, bei gutem Wetter,
liebe Freunde!, guter Menschen, ein nachdenklicher Mensch, etwas Schönes, mit
nichts anderem.
Die schwache Deklination, die ihre Formen von den schwachen Sub¬
stantiven auf -e hat, zeigt überall, außer im Nominativ Singular (dem der
Akkusativ im Femininum und Neutrum entspricht), die Endung -en. Sie
wird gebraucht, wenn das Adjektiv determiniert ist, d. h., wenn bereits
eine stark deklinierte Form des Artikels oder Pronomens vor dem Ad¬
jektiv steht:
der gute Vater, des guten Vaters, seines alten Vaters, auf dem einsamen Bauernhof,
in einer flachen Mulde, bei unserem guten Vater, in euerem alten Haus, vom alten
Haus (vom = von deml), durchs ganze Land (durchs = durch das), die guten Men¬
schen, alles Gute, dieser aufrechte Mann.

Wir geben im folgenden ein Deklinationsmuster für alle drei Geschlechter :

stark Singular schwach


Maskulinum
Nom. guter Mann der gute Mann
Gen. guten Mannes (Ausnahme t)2 des guten Mannes
Dat. gutem Mann[e] dem guten Mann [e]
Akk. guten Mann den guten Mann

Femininum
Nom. gute Frau die gute Frau
Gen. guter Frau der guten Frau
Dat. guter Frau der guten Frau
Akk. gute Frau die gute Frau

1 Wir rechnen die ungebeugten Adjektive ebenso zur Wortart Adjektiv wie die gebeugten
und nicht zur Wortart Adverb, wie die ältere Grammatik. Vgl. hierzu H. Glinz, Der
deutsche Satz, Düsseldorf 1957, S. 33.
2 Vgl. 333.
Die Deklination des Adjektivs 207

stark Singular schwach


Neutrum
Nom. gute« Kind das gute Kind
Gen. guten Kindes (Ausnahme!)1 des guten Kindes
Dat. gutem Kind[e] dem guten Kind[e]
Akk. gute« Kind das gute Kind

Plural für alle drei Geschlechter


Nom. gute Männer, Frauen, Kinder die guten Männer, Frauen, Kinder
Gen. guter Männer, Frauen, Kinder der guten Männer, Frauen, Kinder
Dat. guten Märtnern, Frauen, Kindern den guten Männern, Frauen, Kindern
Akk. gute Männer, Frauen, Kinder die guten Männer, Frauen, Kinder

An den Formen sehen wir, daß im Akk. Sing. Mask., im Nom. und Akk.
Sing. Fern, und im Dat. Plur. die starken mit den schwachen Endungen
übereinstimmen.
Der bestimmte Artikel z. B. hat in allen Kasus die sogenannte prono¬
minale (starke) Deklination (vgl. 207). Das folgende Adjektiv zeigt daher
überall schwache Endungen (vergleiche die rechte Seite der Tabelle);
ebenso steht die schwache Form nach den Pronomen „dieser, jener, jeder,
jedweder, jeglicher“:
dieser kleine Junge, dies sonderbare Benehmen, jene schönen Tage, jedes kleinen
Jungen; er habe . . . jedwedem stillen Erdenglück entsagt (Schiller). Jegliches ge¬
schichtliche Erleben.
Der unbestimmte Artikel zeigt demgegenüber in seinen Kasusendungen
starke und schwache Beugung gemischt, und je nachdem wird dann das
folgende Adjektiv entweder schwach oder,stark gebeugt. Ebenso: „kein“
und die Possessivpronomen „mein, dein, sein, unser, euer, ihr“ :

Mask. Fern. Neutr.


Nom. ein guter Mann eine gute Frau ein gutes Kind
schw. st. st. schw. schw. st.
(ohne Unterschied)
Gen. eine« guten Mannes einer guten Frau eine« guten Kindes
st. schw. st. schw. st. schw.
Dat. einem guten Mann[e] einer guten Frau einem guten Kind[e]
st. schw. st. schw. st. schw.
Akk. einen guter Mann eine gute Frau ein gute« Kind
st. schw. st. schw. schw. st.
(ohne Unterschied!) (ohne Unterschied!)

Ebenso:
kein freundlicher Anblick, von keiner menschlichen Schuld, keine vergeßlichen Leute,
meine wertvollen Bücher, unser kleiner Bruder, unserem kleinen Bruder, Ihr an das
Amt gerichtete« Schreiben.

Man beachte, daß -er in den Wörtern „jeder, jener, dieser” Endung ist,
während es in „unser, euer“ zum Stamm gehört. Daher:
jeder gute Mann, aber: unser guter Mann.

Vgl. 333.
208 Das Adjektiv

332 b) Auswerfung eines unbetonten „e“ in den Deklinationsformen


bestimmter Adjektive

a) Adjektive auf -el


Die Adjektive auf -el werfen in attributiver Stellung wie auch im Kom¬
parativ (vgl. 377) das „e“ der Ableitungssilbe aus:
,ein dunfcZer (nicht: dunkeier) Wald, einen noblen Herrn, ein eiZZes Beginnen.
Früher warf man bei diesen Adjektiven statt dessen häufig das Endungs-e
aus:
einen dunkeZn Wald.

ß) Adjektive auf -er und -en


Die Adjektive auf -er und -en behalten gewöhnlich das „e“ der Ab¬
leitungssilbe :
ein finsteres Gesicht, ein ebenes Gelände.
Nur in gewählter Sprache und bei fremden Adjektiven wird es aus¬
geworfen :
mit flnsZren Zügen, die lauZre Seligkeit (R. Dehmel), ein ebnes Land; makabre Vor¬
gänge, eine illusZre Gesellschaft.
Früher warf man statt dessen* bei den Adjektiven auf -er (wie bei denen
auf -el) das Endungs-e häufig aus:
mit finstern Zügen, einen muntern Knaben.

c) Ausnahmen, Schwankungen und andere Schwierigkeiten bei der


Deklination des attributiven Adjektivs
Das Deklinationssystem des Adjektivs ist nicht ohne zahlreiche Aus¬
nahmen, Schwankungen und Schwierigkeiten. Das hat wohl auch hier
seinen, tiefsten Grund darin, daß die Sprachgemeinschaft den starken
und schwachen Formen keine echte Leistung mehr zuzuweisen vermag.
Im. einzelnen spielen jedoch auch Gründe der Aussprache, der Zu¬
ordnung zu verschiedenen Wortarten u. a. mit.

a) Das Adjektiv im starken Genitiv Singular


333 Steht das Adjektiv allein, dann müßte es eigentlich im Genitiv Singular
des Maskulinums und Neutrums stark dekliniert werden:
frohes Sinnes, trauriges Herzens.
Die neuere Sprache beugt hier jedoch (in Anfängen seit dem 17. Jahr¬
hundert) schwach, um die zwei S-Laute zu vermeiden:
frohen Sinnes, traurigen Herzens.
Erhalten hat sich die starke Deklination nur noch in einigen fest ge¬
wordenen Fügungen sowie innerhalb von Zusammensetzungen:
reines Herzens (neben: reinen Herzens), gutes Mut[e]s (neben: guten Mutes), ge-
radeswegs (neben: gerade/nywegs).
Ferner vor schwachen Substantiven und vor substantivierten Adjektiven
zur Kennzeichnung des Kasus (selten):
Genanntes Fürsten Macht war groß; reines Menschen Wollen . . .; beim Vergessen
empfangenes Guten (Goethe).
Die Deklination des Adjektivs 209

ß) Das Adjektiv nach Personalpronomen


Nach den Personalpronomen muß das in der unselbständigen Apposition 334
folgende attributive Adjektiv regelgemäß stark stehen, da diese Pro¬
nomen keine starke Endung aufweisen. Es sind aber Störungen einge¬
treten (im Dativ Sing, aller drei Geschlechter und im Nom. Plural):
Bat. Mask. und Neutr.:
mir jungem Kerl, mir närrischem Ding (Th. Mann), von Dir jungem Schnaufer
(Raabe).
In diese Gruppe dringt die schwache Beugung nach „mir“ und besonders bei dem
Adjektiv „arm“ ein:
mir kranken Sohn der Musen (Heine), mir fremden Menschen (Frenssen), mir
armen Idioten (Hesse).
Bat. Fern.:
mir alten erfahrenen Frau (G. Hauptmann), dir alten Frau.
Hier hat sich die schwache Deklination weithin durchgesetzt. Seltener noch: mir
alter Person (I. Seidel).
Nom. Flur.:
wir alten Juristen (Raabe), wir älteren Leute (Carossa).

In dieser Gruppe hat heute die schwache Deklination über die starke gesiegt, bei
„ihr“ noch eindeutiger als bei „wir“.
Nach dem Possessivpronomen „Ihr“ steht jedoch das folgende Adjektiv richtig in der
starken Form, weil hier die Regel nicht durchbrochen ist (vgl. 331):
Ihr an das Finanzamt gerichtetes Schreiben ...

Über die Beugung des Adjektivs in der Apposition mit „als“ nach Per¬
sonalpronomen vgl. 352.

y) Das Adjektiv nach den Zahlwörtern „zwei“ und „drei“


Bei den wenigen Zahlwörtern, die im Genitiv mit Beugungsendungen 335
versehen werden können (zwei, drei; vgl. 528), steht das Adjektiv im
Genitiv Plural nach der starken Endung -er heute meist nicht mehr
schwach, sondern stark, weil die Zahlwörter als eigenschaftswörtlich
aufgefaßt werden:
in der Betreuung zweier weiblicher Wesen (Th. Mann), dreier achtbarer Einwohner
(Kluge). Seltener schwach: zweier liebend erhobenen Arme (Wiechert), Wirkungen
zweier mitgestaltenden Kräfte (Weisgerber).

<f) Das Adjektiv nach unbestimmten Für- und Zahlwörtern

Besonders zahlreich sind die Schwankungen in der Deklination der Ad- 336
jektive nach einer Reihe von Wörtern, die zwischen den Wortarten
stehen. Werden diese Wörter als Pronomen aufgefaßt, dann behandelt
man sie nach der eingangs erwähnten Regel (vgl. 331); werden sie als
Adjektive angesehen, dann werden sie wie zwei nebeneinanderstehende
Adjektive dekliniert (vgl. 353). Wir besprechen im folgenden die wichtig¬
sten Wörter dieser Gruppe, die man auch unter dem Namen Prono¬
minaladjektive zusammenfaßt, am besten in alphabetischer Reihenfolge,
weil die Störungen im Deklinationssystem eine übersichtliche Zusammen¬
fassung in Gruppen nicht recht zulassen.
210 Das Adjektiv

Vorausgeschickt sei noch, daß „einzeln, gewiß, verschieden, derartig,


letztere, öbig, selbig, sonstig, ähnlich, besagt, [so]genannt, gedacht, un¬
gezählt, unzählbar, unzählig, zahllos, zahlreich, weitere“ heute als Ad¬
jektive, nicht mehr, wie früher oft, als Pronomen aufgefaßt werden. Es
heißt heute also nur:
obiges zu unseren Gunsten ausgestelltes Akkreditiv, derartige häßliche Vorkomm¬
nisse, ähnlicher freudiger Ereignisse.
Veraltet und heute nur noch selten vorkommend:
verschiedene zu grellen Züge (Seume), gewisser eintretenden Umstände halber
(Musäus), letzteres harmlose Vergnügen (Raabe), ein Balkenkreuz und sonstiges
treibende Gut (Hausmann).
Besonders im Dativ Mask. und Neutr. und im Gen. Plur. bewirken diese
Adjektive oder Partizipien aber noch gelegentlich schwache Beugung
des folgenden Adjektivs:
in selbigem hessischen Dorf (H. Franck), gewisser allegorischen Darstellungen
(Scheffler).

Alphabetische Zusammenstellung der wichtigsten Pronominaladjektive, nach denen die


Deklination schwankt
all-:
337 Es wird heute ganz überwiegend als Pronomen behandelt, das folgende Adjektiv wird
daher meist schwach dekliniert, im Singular wie im Plural;
aller . . . erzeugte Respekt (Fallada), alles irdische Glück (Carossa), bei allem bösen
Gewissen (Hesse), fern von aller spöttischen Überlegenheit (I. Seidel), alle jungen
Leute. Aller guten Dinge sind drei (Sprw.).
Die starke Form ist veraltet und kommt heute nur noch selten vor:
aller inflationärer Pomp (Th. Mann), trotz aller angewandter Mühe (Raabe), alle
heilige Handlungen (Lessing), aller menschlicher Konflikte (I. Seidel).
Erhalten hat sich dife starke Form bei „halb“ und „solch“:
alle halbe Jahre, alle halbe Meter, alle halbe Stunde[n], (daneben: alle halben Jahre,
Stunden); alle solche Anweisungen (Barlach; vgl. 472, c).

ander-:
338 Es wird heute überwiegend als Adjektiv behandelt, das folgende Adjektiv wird daher
parallel gebeugt:
anderes gedrucktes Material, bei anderer seelischer Verfassung, andere zuverlässige
Quellen, eine Unmenge anderer deutscher Wörter.
Im Dativ Sing. Mask. und Neutr. überwiegt jedoch auch heute noch die schwache
Beugung (vgl. 353):
unter anderem kleinen Privatbesitz (Th. Mann); und begann in anderem berichten¬
den Ton (Rilke); anderm harmlosen Getier (Fallada).
Sonst ist die schwache Deklination veraltet und kommt heute nur noch selten vor:
anderes überholte Gerümpel (Carossa).

beide:
339 Es wird heute überwiegend als Pronomen behandelt, das folgende Adjektiv wird daher
meist schwach gebeugt:
beide abgezehrten Hände, beider jungen Menschen.
Die starke Beugung gilt als veraltend, kommt*aber noch öfter in der modernen Literatur
vor:
beide geschlossene Augen (Hesse), beider sozialistischer Parteien (H. Mann).
Die Deklination des Adjektivs 211

einig-:
1. Im Singular, der seltener gebraucht wird, schwanken die Formen mehr. Im Nom. 340
Mask. und Gen., Dat. Fern, wird das Adjektiv stark gebeugt:
einiger poetischer Geist (Goethe), nach .. . einiger teils erfolgreicher Zurwehrsetzung
(Leip).
Im Nom., Akk. Neutr. überwiegt die schwache Deklination:
Einiges floristische Rüstzeug (Th. Mann), einiges milde Nachsehen (Th. Mann);
doch kommt die starke gelegentlich vor:
einiges slawisches Blut (Th. Mann).
Im Dat. Mask. und Neutr. herrscht die schwache Deklination ausschließlich:
bei einigem guten Willen (Th. Mann).
2. Im Plural wird „einige“ wie ein Adjektiv behandelt:
einige wenige gute Menschen; die Lebenszeiten einiger großer Männer (Alverdes).
Im Gen. Plur. erscheint heute noch gelegentlich schwache Flexion, sie gilt aber als
veraltend:
die Spitzen einiger großen Radnägel (Immermann), den Wünschen einiger extra¬
vaganten Gräfinnen (Werfel).

etlich-:
Stimmt in der Deklination mit „einige“ überein, wird aber im Singular kaum gebraucht. 341
et welch- vgl. welch-.

folgend-:
1. Im Singular tritt ganz überwiegend schwache Deklination des Adjektivs auf, 342
„folgende“ gilt also hier als Pronomen:
folgender überraschende Anblick (Werfel), folgendes schauderhafte Geschehnis
(Penzoldt), nach folgendem . . . wirksamen Prinzip (Kirst), folgender kleinen Be¬
gebenheit (Rilke).
2. Im Plural überwiegt die starke Flexion, hier wird „folgende“ wie ein Adjektiv
behandelt:
folgende auffallende Fakten (Bergengruen).
Doch kommt die schwache Beugung noch vor, zumal im Genitiv:
folgende interessanten Sätze (Kesten), folgender wichtigen Ereignisse.

irgendweich- «vgl. welch-,

kein vgl. 331.

manch-:
1. Im Singular gilt *s als Pronomen, daher dekliniert das folgende Adjektiv nach den 343
flektierten Formen schwach:
mancher heimliche Pfad (Claudius), manches umfangreiche wissenschaftliche Werk
(Wassermann), manches jugendlichen Schäfers Auge (Münchhausen), mit manchem
zärtlichen Seufzer (P. Emst), in mancher heißen Stunde (Blunck).
Veraltet:
manches poetisches Fahrzeug (Herder).
2. Im Plural überwiegt bereits die starke (parallele) Flexion:
Ich knüpfte manche zarte Bande („Bettelstudent“), manche kleine Begegnungen
(Hesse), manche große Bauernhöfe (Keller), mancher schöner Bilder (Frenssen).
Aber auch die ältere schwache tritt noch auf:
manche ziemlich tollen und gefährlichen Laster (Hesse), manche alten Weiber
(Kluge), im Besitz so mancher majestätischen Kleider (Goethe), trotz mancher
bereits ausgesprochenen lieblosen Bemerkungen (Fallada).
212 Das Adjektiv

3. Nach den endungslosen Formen steht regelgemäß die starke Deklination:


manch harter Sturm (P. Gerhardt), manch braven Kindes (Ausnahme!, vgl. 331),
mit manch bravem Kind, manch bunte Blumen (Goethe), manch schöner Mädchen.

mehrere:

344 Es wird wie ein Adjektiv behandelt. Das folgende Adjektiv wird daher stark (parallel)
gebeugt:
mehrere dunkle Kleider.
Im Genitiv Plural erscheint neben der starken auch noch schwache Flexion:

Gravamina . . . mehrerer katholischer Inwohner (v. Handel-Mazzetti), in Beglei¬


tung mehrerer bewaffneter Helfershelfer (H. Mann).

sämtlich-:

345 1. Ini Singular wird es wie ein Pronomen behandelt, das folgende Adjektiv wird
daher schwach gebeugt:
sämtlicher aufgehäufte Mist, sämtliches gedruckte Material (Wassermann), mit
sämtlichem gedruckten Material, mit sämtlicher vorhandenen Energie.
2. Im Plural herrscht die schwache Form vor:
sämtliche vorhandenen Damenstrümpfe (Boree), sämtliche alten Bäume (Zuck¬
mayer), sämtlicher . . . vorhandenen Milchstraßenbildungen (Th. Mann).
Seltener stark im Nominativ und Akkusativ:
sämtliche schwedische Offiziere (Bic. Huch).
Dagegen öfter im Genitiv:
meine exakte Beherrschung sämtlicher bei Karl May vorkommender indianischer
und arabischer Eigennamen (Zuckmayer).

solch-:

346 1. Im Singular wird es wie ein Pronomen behandelt, das folgende Adjektiv wird
daher schwach gebeugt:
solcher weiche Stoff (selten stark: all solcher abergläubischer Spuk [LuserkeJ),
solches herrliche Wetter, in solchem grauen Giebelhause (Th. Mann), aus solcher
übelwollenden Stimmung heraus (H. Mann), in solcher allharmonischen Stille (Jatho).
Im Gen., Dat. Fern, begegnet gelegentlich.starke (parallele) Beugung:
solcher erziehender Beeinflussung (Hesse), in solcher grammatischer Forschung
(Weisgerber).
2. Im Plural überwiegt ebenfalls die schwache Flexion:
solche zahmen Versuche (Barlach), solche unchristlichen Beden (P. Ernst), solcher
geglückten Symbole (Laniggässer).
Aber auch die starke tritt ziemlich häufig auf:
solche prachtvolle Attacken (Hesse), solche geheimnisvolle Beziehungen (Schnitzler),
solcher lärmiger Feste (Hesse), solcher zunächst vereinzelter Beobachtungen (Weis¬
gerber).
3. Nach den endungslosen Formen steht regelgemäß die starke Flexion:
solch guter Mensch, solch herrliches Wetter (A. W. Schlegel), mehr solch alten Ge¬
wispers (Leip; Ausnahme!, vgl. 331), bei solch ausgezeichnetem Arzt (Wassermann),
solch bunte Blumen, solch schöner Mädchen.

viel-:

347 1. Im Singular schwanken die Formen mehr. Im Nom. Mask., der seltener gebraucht
wird, besteht starke (parallele) Beugung:
vieler schöner Putz.
Die Deklination des Adjektivs 213

Im Nom., Akk. Neutr. und im Dat. Mask. und Neutr. herrscht jedoch fast ausschlie߬
lich die schwache Endung:
vieles andere Zeug (Turnier), mit vielem kalten Wasser (Fallada).
Im Gen., Dat. Fern, überwiegt wieder die starke Beugung:
so vieler bisheriger Philosophie (Morgenstern), mit vieler natürlicher Anmut (Goethe).
Aber auch:
mit vieler klassischen Gelehrsamkeit (Lessing).
2. Im Plural werden die Formen mit Endung heute als Adjektiv betrachtet, das
folgende Adjektiv dekliniert stark (parallel):
viele kleine Kümmernisse (Luise Rinser), viele freundliche Namen (Rilke), vieler
heimlicher Witze (Alverdes).
Gelegentlich tritt im Genitiv Plural noch schwache Deklination auf:
vieler anständigen Generationen (Jatho), vieler entzückten Briefe (Schäfer).
Die schwache Beugung im Nom., Akk. ist veraltet:
viele verdeckten Tränen (Jean Paul).
3. Nach den endungslosen Formen steht regelgemäß die starke Flexion:
viel gute« Essen, mit viel gutem Essen, viel treue Freunde. Preisend mit viel schönen
Reden ... (J. Kerner).
Man achte jedoch auf die Beugung von „viel“ (und auch auf die von „wenig“), da die
endungslose Form den gemeinten Sinn ganz verändern kann (vgl. 349):
viele ältere Studenten („viele“ ist mit. „ältere“ koordiniert), aber: viel ältere Studen¬
ten („viel“ bestimmt „ältere“ näher); viele vermögende Personen, aber: viel ver¬
mögende Personen.
welch- (Irgendweich-, etwelch-) (fragend oder unbestimmt):
Es gilt jetzt als Pronomen, besonders im Singular; das folgende Adjektiv wird daher 348
schwach gebeugt:
welcher andere Text, welches reizende Mädchen (Benrath), et welches
kleine Geschenk (H. HofTmann; vgl. 521), welches braven Kindes, mit
welchem unerschütterlichen Willen (A. Neumann), in welcher aufregenden
Stunde (Gollwitzer), aus irgendwelcher inneren Tasche (Th. Mann), welche
herrlichen Glieder (Th. Mann), irgendwelche sinnlosen Schüsse (Th. Mann),
.welcher menschlichen Gebete (Bergengruen).
Im Plural tritt die starke (parallele) Beugung selten auf, da sie veraltet ist:
welche verschiedene Arten und Weisen (G. Hauptmann).
Bei „irgendwelche“, besonders im Genitiv, ist jedoch die starke Beugung wieder häufiger:
irgendwelche neue Arbeiten (Hesse), irgendwelche sinnlose Silben (Th. Mann), um
irgendwelcher erzieherischer Gesichtspunkte willen (Th. Mann).
Nach den endungslosen Formen steht regelgemäß die starke Flexion:
welch guter Mensch, welch schönes Wetter, welch braven Kindes (Ausnahme!,
vgl. 331), mit welch gutem Menschen, welch jämmerliche Pferde (Kellermann),
welch schöner Mädchen.

wenig-:
1. Im Singular und Plural werden die Formen mit Endung heute wie ein Adjektiv 349
behandelt, das folgende Adjektiv dekliniert stark (parallel), mit Ausnahme des Dat.
Sing. Mask. und Neutr::
Weniger schöner Schmuck, weniges gutes Essen, mit weniger geballter Energie,
wenige wilde Jahre (Luserke), weniger hoher Kerzen (Scholz).
Im Dat. Sing. Mask. und Neutr. tritt schwache Deklination auf:
mit wenigem guten Willen.
214 Das Adjektiv

2. Nach den endungslosen Formen steht regelgemäß die starke Flexion:


wenig gutes Essen, wenig schöner Schmuck, mit wenig gutem Essen, wenig treue
Freunde.
Man achte darauf, daß die endungslose Form etwas anderes besagen kann (vgl. 347):
wenig gutes Essen (nähere Bestimmung zu ,,gut“), weniges [, aber] gutes Essen
(mit dem folgenden Adjektiv koordiniert); wenig treue Freunde, wenige [, aber]
treue Freunde^

e) Das Adjektiv hach Demonstrativ- und Relativpronomen


350 Nach den Demonstrativ- und Relativpronomen „dessen“ und „deren“
steht die starke Deklination eines folgenden attributiven Adjektivs, weil
die Pronomen als attributive Genitive keinerlei Einfluß auf die Flexion
der folgenden Wortgruppe ausüben. Das ist besonders im Dativ zu be¬
achten :
Der Künstler, dessen tiefempfundenes Spiel alle begeisterte, . . . Der Künstler,
von dessen tiefempfundenem Spiel alle ergriffen waren, .. . Die Künstlerin, von
deren tiefempfundenem Spiel alle ergriffen waren, . . .

Die bei solchen Fügungen im Dat. Sing, gelegentlich auftretende schwache


Deklination gilt als ungewöhnlich:
Der Ausdruck < .. wird dessen eigentümlichen Stellung . . . vorzüglich gerecht
(Hesse). Ihre . . . Augen . . ., von deren ihm gehörende« Wunderreichtum er nichts
wußte (Baabe).

Falsch ist es, „dessen“ und „deren“ zu einem Pronomen mit starker
Deklinationsendung zu machen (in Analogie etwa zu „seinem“ oder
„diesem“) und das folgende attributive Adjektiv dann schwach zu
beugen:
Der Künstler, von dessem tiefempfundene« Spiel. . . (statt: von dessen tiefemp¬
fundenem . . .). Die Künstlerin, von derem tiefempfundenen Spiel. . .

Diesem Fehler begegnet man zwar kaum in der guten Literatur, aber
gar nicht so selten in Zeitungen, Zeitschriften und sonstigem Tages¬
schrifttum.

5) Das Adjektiv in Verbindung mit verschiedenen anderen Pronomen

351 Stehen „der, ein, kein, dieser, jener“ und die Possessivpronomen zu¬
sammen mit einem Pronominaladjektiv (ander, solch) oder Zahlwort vor
einem folgenden attributiven Adjektiv, dann werden sie für die De¬
klination des attributiven Adjektivs maßgebend, nicht die Pronominal-
adjektive oder Zahlwörter:
der andere kleine Junge, ein solcher unerschöpflicher Schwall (liofmannsthal),
[k]ein solches wichtiges Ereignis, irgendein anderer hoher Beamter (Carossa), diese
beiden treuen Freunde, kein anderer verhaltener Grund (H. v. Kleist), der Verlust
meines vielen gesparten Geldes, unsere drei lieben Kinder.
Tritt aber ein echtes Pronomen an die Stelle des Pronominaladjektivs
oder Zahlwortes, dann wird das Pronomen maßgebend:
ein jeder redliche Mensch.
Tritt das Possessivpronomen hinter „dieser“ oder „jener“, dann wird es
für die Deklination des folgenden Adjektivs maßgebend:
dieses mein großes Glück, dieser unser liebster Freund.
Die Deklination des Adjektivs 215

7]) Das Adjektiv in der Apposition


Steht das artikellose attributive Adjektiv in einer Apposition (vgl. 987), 352
dann muß regelgemäß die starke Deklination eintreten (über das Ad¬
jektiv in der Apposition nach einem Personalpronomen vgl. 334):
Herr Erich Müller, ordentlicher Professor . ein Stück brüchiges Eisen; von Herrn
Erich Müller, ordentlichem Professor . ..; von . . . dessen . . . Weibe Anna, geborener
Weibikin (Raabe); . .. und seiner Ehefrau Wilhelmine, geborener Schmidt; ich, du,
er als ältester Sohn; ihr, dir, mir als ältester Tochter; ihm, dir, mir als ältestem Sohn;
wir als treue Freunde; mit einem Stück brüchigem Eisen; mit einer Art wilder Ironie;
mit einer Art widernatürlicher Wollust (Th. Mann).

Gelegentlich wird aber im Dativ das attributive Adjektiv so sehr auf den
Artikel (Pronomen) des Bezugssubstantivs bezogen, daß es schwach
dekliniert wird:
mit der schönen Baronesse Christine Arne, jüngsten Schwester seines Gutsnach¬
barn Arne (Fontane); und seiner Ehefrau Wilhelmine, geborenen Schmidt; in der
kleinen Gertrud Hackendahl, geborenen Gudde (Fallada); mit einer Art wilden
Ironie (Raabe); mit einem Stück brüchigen Eisen (Raabe).

Weicht das Substantiv in der Apposition im Kasus von seinem Bezugs¬


substantiv ab (vgl. 994), so folgt ihm selbstverständlich das Adjektiv:
und seiner Ehefrau Wilhelmine, [die eine] geborene Schmidt [ist], . . .; Also da liegt
nun dieses mondbeschienene Land vor Frau Emma Pinneberg, geborene Mörschel
(Fallada).

&) Die Deklination mehrerer attributiver Adjektive


Wenn zwei oder mehr gleichwertige (nebengeordnete) attributive Adjek- 353
tive nebeneinanderstehen, dann gehen sie in ihrer Deklination parallel,
d. h., sie erhalten alle die gleichen Endungen und werden durch ein
Komma getrennt:
ein breiter, tiefer Graben; eines breiten, tiefen Grabens; einer hübschen, gepflegten
Frau; nach langem, schwerem Leiden; in dem breiten, tiefen Graben; auf bestem,
holzfreiem Papier; in den breiten, tiefen Graben.

Selbst wenn das zweite Adjektiv im Verhältnis der Einschließung1 steht


und deshalb kein Komma gesetzt wird, werden beide übereinstimmend
gebeugt. Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und
Genitiv Plural das zweite Adjektiv schwach gebeugt werden müsse, gilt
also nicht mehr grundsätzlich:
Früher als Regel: bei dunklem bayerischen Bier, der Genuß hoher künstlerischen
Leistungen. Heute: bei dunklem bayerischem Bier, der Genuß hoher künstlerischer
Leistungen.

Im Dativ Sing. Mask. und Neutr. wird allerdings das zweite Adjektiv
aus lautlichen Gründen noch öfter schwach gebeugt:
auf schwarzem hölzernen Sockel (Carossa), an weiterem leichten Gewichtsverlust
(Th. Mann), in ewigem tödlichen Kampfe (Hesse), bei gelöschtem oberen Licht
(Alverdes), mit frischem, roten Gesicht (Döblin), mit fließendem warmen und kalten
Wasser (Jatho).

1 Als „Einschließung“ pflegt man nach H.Paul solche Fügungen zu bezeichnen, bei
denen die Verbindung eines Substantivs mit einem attributiven Adjektiv als Ganzes
noch einmal durch ein attributives Adjektiv usw. näher bestimmt wird (dunkles / bayeri¬
sches Bier, zwei / arme Studenten, einige / alte Bekannte).
216 Das Adjektiv

Beachte:
354 Bei enger Verbindung von zwei oder mehr attributiven Adjektiven wird mitunter nur
das letzte gebeugt. Diese Fügungsweise ist noch in poetischer Sprache und in festen
Wendungen erhalten. Die Adjektive stehen in getrennter Schreibung nebeneinander (mit
oder ohne „und“):

, in mondlos stillen Nächten (Uhland). Ursprünglich eignen Sinn laß dir nicht rauben 1
(Goethe); in schwarz und weißer Emaille (Th. Mann); im Wechselspiel der Irisch und
müden Kräfte (Hofmannsthal). Er war ein stolz, verdrießlich, schwerer Narr (Schiller).

Heute werden solche Fügungen, soweit sie nicht durch „und“ verbunden sind, meist
zusammen- oder mit Bindestrich geschrieben, weil sie trotz der zwei selbständigen Glieder
eine Gesamtvorstellung ausdrücken:
naßkaltes Wetter, sein dummdreistes Benehmen, mit seiner feuchtfröhlichen Meteoro¬
logie (Th. Mann), das grünbleiche Antlitz (Carossa), eine schaurig-schöne Erzählung,
seine ruhig-ernste Art, deutsch-amerikanische Verhandlungen.
Bei zwei oder mehr attributiven Farbadjektiven geben sich Unterschiede der Bedeutung
durch die Zusammenschreibung oder durch die Anwendung des Bindestriches zu er¬
kennen :
ein blau-rotes Kleid (die Farben Bläu und Rot in beliebiger Verteilung selbständig
nebeneinander: 2 Farben); aber: eine blaurote Na,se (mit einer bläulichen Abschat¬
tung des Rots: 1 Farbe).
Wappenkundliche Farbenzusammensetzungen schreibt man zusammen, obwohl jede
Farbe ihre Eigenbedeutung behält, weil hier, wo es keine Abschattung gibt, Mißver¬
ständnisse nicht möglich sind:
die schwarzrotgoldene Fahne.

i) Das bei einem Substantiv stehende flexionslose Adjektiv


Da das Adjektiv in attributiver Stellung beim Substantiv normalerweise
gebeugt wird, bilden flexionslose attributive Formen in dieser Verwendung
Ausnahmen, die meist als Reste .alten Sprachgebrauchs zu deuten sind.
Die flexionslose Form kennzeichnet entweder eine altertümliche oder eine
volkstümliche Redeweise und wird meist aus rhythmischen Gründen an¬
gewendet:
355 1. In poetischer oder volkstümlicher Sprache, besonders vor neu¬
tralen Substantiven im Nominativ und Akkusativ:
Positiv:
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern (Schiller). Ein garstig Liedl Pfuil
Ein politisch Lied 1 Ein leidig Lied! (Goethe). Abendrot, gut Wetter droht (Sprw.);
von einem steinalt, lieb Mütterlein (Fallada).
Komparativ:
Kein schöner Land ... (Volkslied). Du trägst ein züchtiger, höher Gemüt (Bürger).
Seltener vor maskulinen Substantiven:
ein tätig, höflich Mann (Goethe). War einst ein Riese Goliath, gar ein gefährlich
Mann (M. Claudius).

356 Ebenso nach Substantiven, eine archaisierende dichterische Fügungs¬


weise, die seit der Sturm-und-Drang-Zeit wieder aufgenommen wurde:
Ein Adjektiv:
O Täler weit, o Höhen (Eichendorff). Bei einem Wirte wundermüd . .. (Uhland).
Röslein rot. . . (Goethe). Hänschen klein . .. (Volksweise). Erdspinnchen grau . ..
(Carossa).
Die Deklination des Adjektivs 217

Aber auch in der Werbe- und in der Alltagssprache:


Henkell trocken, Aal blau, Schauma mild.
Zwei Adjektive:
ein Mädchen, schön und wunderbar (Schiller); Fräulein Levi, dünn und elfenbein¬
farben (Th. Mann).
Drei Adjektive:
An dir Gesellen, unhold, barsch und toll, ist wahrlich wenig zu verlieren (Goethe).
Diese Fügungsweise wird bei Adjektiven (Partizipien) mit näheren
Bestimmungen auch noch in der heutigen Prosa gern verwendet,
meist im Nominativ:
Gewehrkugeln, groß wie Taubeneier und klein wie Bienen (Brecht). Dieses
Mädchen, klein, zart, aber sehr bestimmt und energisch, bezauberte ihn völlig.
... die ausgeruhte Arbeitsstätte, morgendlich ernüchtert, neuer Besitzergreifung
gewärtig (Th. Mann).

2. In formelhaften, feststehenden Wendungen und Sprichwörtern: 357


Vor dem (meist neutralen) Substantiv:
auf gut Glück, ein halb Dutzend, ruhig Blut. Out Ding will Weile haben (Sprw.).
Ein gut Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen (Sprw.); alt Bundesrat (Schweiz.).
In Kapitel A, I, 1, b (gelesen: groß A, römisch Eins, arabisch Eins, klein Be).

Häufig sind unflektierte Adjektive auf -isch von Länder- und Orts¬
namen, die vor neutralen Färb-, Stoff- und anderen Bezeichnungen
stehen. Sie werden vielfach schon zusammengeschrieben:
bayrisch Bier, Kölnisch Wasser (auch: Kölnischwasser), Englischleder, Englisch-
pflaster,holländisch Bütten, Preußischblau, Indischrot.
Nach dem Substantiv (veraltet):
fünf Gulden rheinisch (Wassermann), tausend Mark bar.

Noch üblich bei „voll“:


mit einem Kopf voll Sorgen (oder mit der erstarrten gebeugten Form „voller“:
mit einem Köpf voller Sorgen).
Ebenso stehen die lateinischen Adjektive „junior, senior“ ungebeugt
nach Namen:
mit Max Schulze jun., bei Friedrich Schmidt sen.

3. In Zusammensetzungen, deren Bedeutung manchmal von der der 358


getrennten Fügung abweicht.
ein andermal (= ein anderes Mal), Bargeld (auch noch: bar Geld = bares Geld),
Reinschiff (auch noch: rein Schiff), FerZiphaus (aber: fertiges Haus), Jungfrau
(aber: junge Frau).

Diese Zusammensetzungen sind entstanden aus der Stellung des attri¬


butiven flexionslosen Adjektivs zwischen Artikel und Substantiv :
mhd. das wilt swin, nhd. das Wildschwein.

4. In Ortsnamen und geographischen Bezeichnungen: 359


.ZVewruppin; KZein-Ostheim, AZZ-Wien, Groß-Berlin, HannovmcA-Münden, in
ganz England, von halb Deutschland.

5. Bei Vornamen: 360


Schön Suschen (Goethe), Schön Rotraud (Mörike), Jung Siegfried (Uhland).
218 Das Adjektiv

361 6. Bei einigen Pronominaladjektiven, meist neben den gebeugten


Formen, z. B. bei all (vgl. 487), manch (vgl. 343,3; 510), solch (vgl.
346, 3; 473), viel (vgl. 347, 3; 517), welch (vgl. 348; 482), wenig
(vgl. 349, 2; 517).
362 7. Bei bestimmten Adjektiven, die meist aus Substantiven hervor¬
gegangen sind, besonders Farbadjektiven:
diese beige und lila Schinkenbeutel (Fallada), ein rosa Landhaus (Luserke), ein
orange Schleifchen. Ebenso: bleu, chamois, creme, oliv.
In der Umgangssprache wird aber oft die Flexion gewagt, wobei
manchmal ein n zwischen die Vokale geschoben wird:
ein beiges Kleid, ein rosaes (rosanes) Band.

Bei ,,orangen“ findet sich die Beugung auch schon schriftsprachlich:


Blüten mit orangenen Mittelpunkten (Carossä).

In der Schriftsprache hilft man sich durch Zusammensetzung (mit


-färben oder -farbig u. ä.), wenn man die unflektierten Formen ver¬
meiden will:
in rosafarbigem Kleid, eine cremefarbene Tasche, ein olivgrüner Rock.
Ein Substantiv (eigentlich ein Gen. Plural des betreffenden Einwoh¬
nernamens als vorangestelltes Genitivattribut) ist auch die von einem
Orts- oder Ländernamen abgeleitete Form auf -er, die wie ein attri¬
butives Adjektiv verwendet wird, aber immer flexionslos bleibt:
einen guten Krug Merseburger Bieres (Th. Mann), ähnlich den Zeichnungen
Baseler Frauen des jüngeren Holbein (G. Hauptmann), eines Frankfurter Würst¬
chens, den Wiesbadener Finanzämtern, dieser Schweizer Käse.

2. Die Deklination des substantivierten Adjektivs (Partizips)


Substantivierte Adjektive (Partizipien) werden im allgemeinen wie
attributive Adjektive, dekliniert.

a) Starke Deklination
363 ein Glücklicher, ein Angestellter (nach 331), Lieberl (nach 331), mit Bedientem und
Gepäck (Ina Seidel; nach 331); dies grundsonderbare Trio von Dichter, Freund und
Geliebter (Th. Mann; nach 331, Dat. Sing. Fern.; aber Hesse: Ich hatte aber mit des
Grafen Geliebten eine Zusammenkunft); viel, wenig, etwas, nichts Gutes (nach 331).
Zu was Besserem sind wir geboren (Schiller; nach 331); drei Delegierte (nach 331),
unser Kleiner (nach 331); mir völlig Ahnungslosem (Wiechert; nach 334), auch
häufig schon: mir Armen (Th. Mann).

b) Schwache Deklination
364
eines Weisen, eines Angestellten (nach 331), der Weise (nach 331), Verlust der
Vertikalen (Döblin; nach 331), die Weisen (nach 331), in jedem Ganzen (nach 331).
wegen etwas Bösen (nach 331), dir Heiligen (Th. Mann; Dat. Sing. Fern.; nach 334),
Ihr Hochmütigen (Carossa; ? nach 334); abweichend (vgl.
335): zweier Liebenden (P. Ernst), zweier Obern (Hesse), doch auch stark: dreier
Enthaltsamer (Th. Mann).
Die Deklination des Adjektivs 219

c) Deklination nach Pronominaladjektiven


Nach den unter 337-349 genannten Pronominaladjektiven verhält sich 365
das substantivierte Adjektiv im großen und ganzen ebenso wie das
attributive Adjektiv. Doch kommen Abweichungen vor:
a) nach 337: alles Wichtige (Carossa), allem Ekelhaften. (Rinser), alle Anwesenden
(P. Emst), aller Arbeitenden (Fallada).

b) nach 338: manch anderer Gelehrter; abweichend: anderes Wirkliche (Porzig);


mit anderem Neuen, andere Bekannte (Th. Mann), anderer Leidtragender (Bemard v.
Brentano).

c) nach 339: beide Angestellten, beider Reisenden.

d) nach 340: einiges Neue, gelegentlich: einiges Wahres (G. Hauptmann); mit
einigem Neuen, einige besonders Fromme (Leip), einiger Gelehrter.

e) etliche: wie „einige“.

f) nach 342: folgender Angestellte, folgendes Neue, mit folgendem Angestellten,


mit folgender Vorsitzenden; (Plür.:) folgende Angestellte (auch noch: folgende An¬
gestellten^, folgender Angestellter (auch noch: folgender Angestellten).

g) nach 331: keine Bekannten (Bernard v. Brentano), keiner Angestellten (Gen.


Plur.).

h) nach 343: mancher Reisende, manches Neue, mit manchem Schönen, mit mancher
Geliebten, manche Blinde (Carossa), mancher Deutscher, aber häufig auch: manche
Intellektuellen (H. Mann); mancher Deutschen (H. Mann), manch Neues.
i) nach 344: mehrere Beamte, mehrerer Gelehrter (auch noch: Gelehrten).

j) nach 345: sämtliches Schöne, mit sämtlichem Neuen; aber auch:


sämtliche Gefangenen (Döblin); sämtlicher Eingeladenen (Benrath).

k) nach 346: solohes Schöne, mit solchem Schönen; abweichend: solche Verstorbene
(G. Hauptmann), seltener schwach: solche Alten (Mechow); solcher Armen (Thieß),
solch Schönes.

l) nach 347: vieles Seltsame (Scheffler), mit vielem Neuen (Carossa), viele Fremde
(Kluge); vieler Untergebener (H. Franck), gelegentlich: um so vieler Ungerechten
willen (Fallada); viel Schönes.

m) nach 348: welcher Reisende, welches Schöne, mit welchem Neue7i, welche Mäch¬
tigen (H. Mann), irgendwelche Angestellte/n), irgendwelcher Angestellter.

n) nach 349: weniges Gutes, mit wenigem Neuen, wenige Auserwählte QLanggässer),
weniger Überreicher (H. Mann), wenig Gutes.

d) Das substantivierte Adjektiv (Partizip) in der Apposition

Steht das artikellose substantivierte Adjektiv als Apposition, so muß 366


nach Ziff. 352 regelgemäß die starke Deklination eintreten (über das sub¬
stantivierte Adjektiv nach einem Personalpronomen vgl. 363 und 364):
Unser langjähriges Mitglied, Verlagsangeätellter Ludwig Schmidt; ich, du, er als
Ältester; wir als Älteste, ihr als Älteste..

Im Dativ sind die starken Formen wiederum aus lautlichen Gründen


manchen Störungen ausgesetzt:
mit unserem langjährigen Mitglied, Verlagsangestellten Ludwig Schmidt, . . . (selten:
Verlagsangestelltem); als Nachfolger von Herrn Abgeordneten Müller; mir, dir, ihm
als Ältestem; ihm als Verliebtem (Hesse), aber: ihm als Verliebten (Raabe); ihm als
kaum Dreißigjährigen (Werfel).
220 Das Adjektiv

Beim Dat. Sing. Fern, wird die starke Form auf -er gern vermieden, weil
sie mit dem Nom. Mask. gleich lautet:
bei Frau Arndt, Vorsitzende» (eigtl.: Vorsitzender) des Vereins für soziale Fürsorge;
ihr als Älteste» (eigtl.: ihr als Ältester). ■,

Auch die substantivierten Partizipien, die auf dem Wege sind, die sub¬
stantivische Deklination anzunehmen, neigen sehr zur schwachen De¬
klination :
ihm als Beamte», dir als Gesandte».

Manchmal ist bei schwacher Beugung der Numerus des Wortes nicht klar:
Die Chancen in dem Kampf zwischen Richter und Angeklagte» . . . (Edschmid).

„Angeklagten“ kann Dat. Sing, wie Dat. Plural sein. Wo Mißverständ¬


nisse entstehen können, empfiehlt sich daher eine andere Satzkonstruk¬
tion.

e) Schwankungen zwischen adjektivischer und substantivischer De¬


klination
367 Während die substantivierten Adjektive (Partizipien) an sich wie attri¬
butive Adjektive dekliniert werden, gibt es substantivierte Adjektive
(Partizipien), die sich so sehr von ihrer ursprünglichen Wortart gelöst
haben, daß sie wie ein Substantiv dekliniert werden:
der Gläubiger: die Forderungen aller Gläubiger (substantivisch); im Gegensatz zu:
der Gläubige: die Hoffnung der Gläubige» (adjektivisch). Entsprechend: die Blon¬
dine, aber: die Blonde; das Dunkel, aber: das Dunkle. Hierher gehören: die Brü¬
nette, die Kokette, der Invalide, der Falbe, der Jünge, der Oberst u. a.

368 Schwankungen treten bei substantivierten Adjektiven (Partizipien) ein,


die auf der Grenze zwischen adjektivischer und substantivischer De¬
klination stehen. Ursache dieser Schwankungen ist also wieder, wie bei
den Pronominaladjektiven (vgl. 337 ff.), der fließende Übergang zwischen
den Wortarten:
Wir kauften Illustrierte (meist so); aber auch schon: . .. Menschen, die am Kiosk
Zigaretten, Bier und Illustrierte» kauften (Karl Korn). Es waren lauter Beamte,
die . . . (meist so); aber auch schon: Es waren lauter Beamte». Auch drei Angestellte
(meist so; aber auch schon: Angestellte»,) haben den Aufruf unterzeichnet.

Ebenso schwanken:
die Elektrische, die Parallele, die Waagrechte, die Vertikale.

Gelegentlich kann die Entwicklung von der adjektivischen zur sub¬


stantivischen Deklination auch wieder umgekehrt werden:
an ihrer stolzen Rechte (Lessing), bei dieser männlichen Rechte (Schiller); heute nur:
an ihrer Rechte» (rechten Hand).

369 Wenn ein substantiviertes Adjektiv einem stark gebeugten attributiven


Adjektiv folgt * wäre heute die parallele Beugung die allein regelgemäße;
sie tritt auch auf im Nom. Sing. Mask., im Nom., Akk. Plural und über¬
wiegend im Nom., Akk. Sing. Neutr., aber im Dat. Mask., Fern., Neutr.
sowie im Genitiv Plural tritt auch schwache Beugung ein (als Rest
früheren allgemeinen Gebrauches):
Nom. Sing. Mask.:
unser reicher Bekannter, ein tüchtiger Beamter, ein echter Geistesverwandter
(Carossa). Veraltet: Welch ein glücklicher Sterblichei (Heine).'
Die Deklination des Adjektivs 221

Nom., Akk. Sing. Neutr.:


einen Notersatz für fehlendes Sinnliche« (Hesse); vergangenes Unvergängliche«
(Jatho).
Die schwache Deklination tritt hier nur noch bei bestimmten substantivierten
Adjektiven auf, besonders bei „Äußere, Innere, Ganze“. Sonst ist sie veraltet:
ein anmutiges Äußere (Kluge), kein unschönes Äußere (H. Seidel), mein eigenes
Innere (Th. Mann).
Aber auch schon starke Beugung:
mein ganzes Innere« (Th. Mann).
Dat. Sing. Neutr.:
Du . .. hast deiner Magd noch von fernem Zukünftigem geredet (Th. Mann).
Aber auch noch:
ein volles Maß von eigenem Menschlichen (Morgenstern), nach genossenem
Guten (Raabe).
Dat. Sing. Mask.:
Hier herrscht die schwache Deklination noch fast ausschließlich:
Eine Mischung zwischen weltfremdem Gelehrten und geschicktem Diplomaten.
. . . Ich bin . . . zu . .. Michaels notwendigem Vertrauten geworden (Benrath).
.. . das ihn zu jedermanns beliebtem Bekannten machte (H. E. Busse).
Dat. Sing. Fern.:
Auch hier überwiegt noch die schwache Deklination:
mit ausgestreckter Linken (G. Hauptmann), mit spielender Linken . .. mit
spielender Rechten (Hesse), bei dem angeblichen Baron Perotti und dessen
blatternarbiger Geliebten (Schnitzler).
Nom. Akk. Plur.:
gute Bekannte, sonstige Verwandte.
Gen. Plural:
an den Sterbebetten naher Angehöriger (Th. Mann), in Gesellschaft anderer
gleichgültiger Reisender (Schnitzler).
Aber auch noch:
böser Wille untergeordneter Beamten (ders.), eine größere Anzahl. . . des Zu-
schauens wegen gekommener Hausverwandten (Th. Mann).

Stehen das Adjektiv und das ihm folgende substantivierte Adjektiv vor der
starken Form eines der unter Ziff. 337-349 aufgeführten unbestimmten
Für- und Zahlwörter, dann wird die ganze Wortgruppe heute meist in
Parallelschaltung ebenfalls stark gebeugt, wenn nicht che dort genannten
Ausnahmen eintreten:
manche kaufmännisch« Angestellte (häufig auch: manche kaufmännischen An¬
gestellten, aber nicht: manche kaufmännische Angestellten); nach der Meinung
mancher kaufmännischer Angestellter (häufig auch: mancher kaufmännischen
Angestellten, aber nicht: mancher kaufmännischer Angestellten); einige mitleidige
nahe Verwandte, durch die Hilfe einiger mitleidiger naher Verwandter.

Ebenso bei der Apposition (mit den unter 366 genannten Ausnahmen):
ich als ältester Angestellter, wir als gute Deutsche, mir als technischem Angestellten,
mir als ältester Angestellten (Dat. Fern.).

f) Substantivierte Adjektive (Partizipien) ohne Deklinationsendung


Ohne Deklinationsendungen stehen formelhafte Substantivierungen des 370
Maskulinums, besonders von Adjektiven, die als Gegensatzpaare auf-
treten:
Strafanzeige gegen Unbekannt erstatten, arm und reich (= jedermann), klein uild
groß (= jedermann), alt und jung (= jedermann), Unstimmigkeiten zwischen Alt
und Jung (= zwischen Alten und Jungen), hoch und niedrig, vornehin und gering.
Aber auch Verdoppelung des Adjektivs kommt vor:
Gleich und gleich gesellt sich gern.
Ebenso stehen formelhafte Verbindungen und Wendungen des N eutrums
vielfach ohne Endung:
jenseits von Gut und Böse, ohne Arg, von jung (klein) auf; was man schwarz auf
weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen (Goethe); von fern und nah, durch
dick und dünn.
Diese Wendungen sind jedoch zu unterscheiden von der bloßen Nennung
von Eigenschaftswörtern ohne Beziehung auf ein Wesen oder Ding:
auf schuldig, plädieren; Ehrlich währt am längsten (Sprw.). Allzu scharf macht
schartig (Sprw.). Die Begriffe „recht“ und „unrecht“.

3. Die Deklination des Adjektivs als Gleichsetzungsglied


371 Das in der Rolle eines Gleichsetzungsgliedes stehende Adjektiv (Ordnungs¬
zahlwort, Pronomen) wird immer gebeugt (mit oder ohne Artikel und
mit Kongruenz in Numerus, Genus und Kasus, vgl. 1190ff.). Es lassen sich
dabei folgende Gruppen unterscheiden:

372 a) Klassifizierende Adjektive


Adjektive, die klassifizieren, eine Art oder Sorte unterscheidende Be¬
deutung ausdrücken sollen, wobei die Art, von der sie sich unterscheiden;
genannt sein kann, werden als Gleichsetzungsglied gebeugt. Die Aussage
wird durch die Flexion des Adjektivs betont und herausgehoben und
anderen Arten gegenübergestellt:
Diese Weise zu leben ist nicht die rechte für dich. Dieses Problem ist ein Öffentliches
[, kein privates]. Die ganze Frage scheint mir keine politische, sondern eine pädago¬
gische zu sein. Denn das Reich des Geistes ist ein heiteres und freies, . . . (A. Stifter).
xDie Betonung der attributiv stehenden Adjektive erfüllt oft den gleichen
Zweck, die Nuance der Klassifizierung fällt dann allerdings weg:
Das ist ein öffentliches [, kein privates] Problem.

Die Beugung des Subjekt- oder objektbezogenen Adjektivs sollte bei


normalen Aussagen ohne Klassifizierungsbedeutung vermieden wer¬
den. Sie ist vorwiegend süddeutscher Sprachgebrauch, der sich aber
auch in der Literatur findet:
Wenn auch dein Eintritt hier ein etwas ungewöhnlicher war (Ewers); statt:. . . etwas
ungewöhnlich war. Diese Tage im Waldlager wurden ihm plötzlich ganz seltsame
(Doderer); statt: ganz seltsam. Deine Meinungen nenne ich weibische (G. Hauptmann);
statt: nenne ich weibisch.

b) Adjektive, die in Gegensatz zu einem vorangegangenen attri¬


butiven Adjektiv gestellt werden
Ein neues Buch ist nicht immer ein gutes (Lessing).

Aber auch:
Ein neues Buch ist nicht immer gut.

c) Die Superlative (vgl. 392)


Dieser Schüler ist der beste [oder am besten]. Seine Auffassung vom Eheleben war
die strengste (H. Mann).
Die Vergleichsformen des Adjektivs 223

Die Fügung mit „am“ wird vor allem dann gebraucht, wenn der höchste
Grad einer Eigenschaft mit einer freien Umstandsangabe verbunden ist:
Der Starke ist am mächtigsten allein (Schiller). Das Kleid ist bei künstlichem Licht
am schönsten.

d) Die Ordnungszahl Wörter, (vgl. 537)


Fritz ist der erste, der dritte.

e) Bestimmte Pronomen (außer Possessivpronomen) und Adjektive mit


demonstrativer Bedeutung
Es ist immer dasselbe . . . Seine Absicht war diese . . . Mein Plan ist lolgender
Seine Worte waren ganz andere. Der einzig mögliche Weg ist der genannte. Der Er¬
folg war ein doppelter.

IV. Die Vergleichsformen des Adjektivs1 2 3 4 (Komparation)

1. Die regelmäßigen Vergleichsformen einfacher Adjektive


Durch die Vergleichsformen des Adjektivs werden Beziehungen und 373
Verhältnisse bestimmter Art zwischen zwei oder mehr Wesen oder Dingen
sprachlich gekennzeichnet. Dies geschieht in den folgenden Formen :
1. a) Fritz ist groß.
b) Fritz ist so groß wie Lotte.
2. Fritz ist größer als Lotte.
3. Fritz ist der größte unter (von) seinen Mitschülern.
4. Der Betrieb arbeitet mit modernsten Maschinen.

Im ersten Fall wird in Satz a) nur die Eigenschaft eines Wesens ge¬
geben. Diese einfache Setzung der Eigenschaft ist der Positiv2 (Grund¬
stufe). Vom Positiv geht auch Satz b) aus. In Satz b) wird die Gleichheit
zweier (oder mehrerer) Wesen in bezug auf ihre Größe festgestellt. Die
Grundstufe des Adjektivs steht hier zwischen den Vergleichspartikeln
„so“ und „wie“: so groß wie.
Im zweiten Fall wird die Ungleich hei t. zweier (oder mehrerer) Wesen in
bezug auf ihre Größe festgestellt: Fritz übertrifft Lotte an Größe. Dies
ist der Komparativ3 (1. Steigerungsstufe, Höher-, Mehrstufe).
Im dritten Fall wird gesagt, daß Fritz alle seine Mitschüler an Größe
übertrifft. Diese Vergleichsform kennzeichnet also den höchsten Grad,
der überhaupt oder innerhalb einer getroffenen Auswahl (mindestens
aber drei) zu erreichen ist. Sie heißt Superlativ4 (2. Steigerungsstufe,
Höchst-, Meiststufe).
Im vierten Fall wird ein sehr hoher Grad ausgedrückt: Die Maschinen,
mit denen der Betrieb arbeitet, sind (nicht die modernsten von allen

1 In den Beispielen ist nicht unterschieden, wie das Adjektiv syntaktisch auftritt. Über
die Vergleichsformen des Adverbs vgl. 553.
2 Lat. positio = [normale] Lage, [Grundstellung.
3 Lat. comparare = vergleichend zusammenstellen, vergleichen.
4 Lat. superlatum, wörtlich = das über etwas hinaus Getragene, das Übertriebene.
224 Das Adjektiv

Maschinen überhaupt, sondern nur) sehr modern. Diese Vergleichsform


heißt absoluter Superlativ oder Elativ1. Sie stimmt formal mit der des
Superlativs überein. Zu den einzelnen Vergleichsformen wird folgendes
bemerkt:
a) Der Positiv
374 Er wird mit der normalen, unveränderten Form des Adjektivs gebildet.
Die Vergleichspartikeln sind in der heutigen Schriftsprache im allge¬
meinen „so-wie“ (nicht: „so-als“). „Als“ wird nur noch gebraucht in
traditionellen Wendungen, die bis heute’ korrekt geblieben sind:
sowohl - als (auch), neben: sowohl - wie (auch); so wenig als, neben: so wenig wie;
so bald [schnell, gut, viel, weit, lange usw.] als möglich, neben: . .. wie möglich.
Und ich halte sie so fest, als der Respekt es zuläßt (Th. Mann)... so günstig . . .als
möglich (ders.)

Die Vergleiehspartikel „als wie“ statt des bloßen „wie“ ist heute nicht
mehr schriftsprachlich:
... und bin so klug als wie zuvor (Goethe).
„So“ kann durch Grad- und Zahladverbien näher bestimmt werden:
ebenso, genauso, geradeso, doppelt so, dreimal so ...

Nach doppelt oder dreimal so [groß] steht „wie“ oder „als“, je nachdem,
ob die Gleichheit oder Ungleichheit betont wird; man neigt heute jedoch
mehr zur Betonung der Gleichheit:
Die Ernte ist doppelt so groß wie (seltener: als) im vorigen Jahr.
Der gleiche Grad zweier Eigenschaften eines Wesens oder Dinges wird
ebenfalls durch so - wie ausgedrückt:
Er ist so dumm wie faul. Der Versuch ist so kostspielig wie nutzlos.
Die Gleichheit kann auch verneint werden:
Dieses Bild ist nicht so schön wie jenes.
Bei formelhaft gewordenen Vergleichen kann „so“ wegbleiben:
Er ist [so] hart wie Stahl, [so] kalt wie Eis, [so] schlau wie ein Fuchs.
Die Umstellung „wie Schnee so weiß“ ist dichterisch.

b) Der Komparativ
a) Bildung, Umlaut
375 Der Komparativ wird durch Anhängen von -er an die Grundstufe ge¬
bildet, wobei bei den umlautfähigen Wörtern überwiegend Umlaut
eintritt (ebenso beim Superlativ):
frei - freier; fleißig - fleißiger; alt - Älter (- Älteste); groß - größer (- größte); jung
- jünger (- jüngste).

Der Umlaut tritt nicht auf:


1. bei Adjektiven auf -el, -er, -en, -e, -bar, -sam, -lieh, -ig, -haft und
mit dem Diphthong au:
dunkel - dunkler (- dunkelste); mager - magerer (- magerste); offen - offener
(- offenste); lose - loser (- loseste); dankbar - dankbarer (-dankbarste); spar¬
sam - sparsamer (- sparsamste); tunlich - tunlicher (- tunlichste); artig - artiger
(-artigste); boshaft - boshafter (-boshafteste); schlau - schlauer (-schlauste);
laut - lauter (- lauteste).

1 Lat. elatum = das Empor-, Herausgehobene, Erhabene.


Die Vergleichs formen des Adjektivs 225

2. bei allen Partizipien:


passend - passender (- passendste); gewandt - gewandter (- gewandteste).

3. bei den folgenden einzelnen Adjektiven:


Stammvokal a: barsch, blank, brav, fahl, falb, falsch, flach, gemach, kahl, klar,
knapp, lahm, matt, platt, rasch, sacht, sanft, satt, schlaff, schlank, starr,
straff, wahr, zahm, zart.
Stammvokal o: froh, hohl, hold, morsch, roh, schroff, stolz, toll, voll.
Stammvokal u: bunt, dumpf, plump, rund, stumpf, stur, wund.

4. bei allen fremden Adjektiven:


logischer, galanter, rigoroser, obskurer.

Manche Adjektive schwanken besonders im Komparativ (aber auch 376


im Superlativ):
banger oder bänger (bangste oder bängste); blasser, auch: blässer (blässeste, auch:
blässeste); frommer oder frömmer (frommste oder frömmste); gesunder, auch: ge¬
sunder (gesündeste, auch: gesundeste); glatter, auch: glätter (glatteste, auch:
glätteste); karger, auch: kärger (kärgste, auch: kärgste); krummer, auch: krümmer
(krummste, auch: krümmste); nasser oder nässer (nässeste oder nässeste); röter,
röteste (seltener, vor allem übertragen: roter, röteste); schmaler oder schmäler
(schmälste, auch: schmälste).

Die Schriftsprache bevorzugt hier allerdings immer mehr die nicht-


umgelauteten Formen (abgesehen von „gesund“, bei dem die umge¬
lauteten Formen vorherrschen). Im Zweifelsfalle wähle man daher
stets die nichtumgelautete Form. Der Umlaut ist in diesen Fällen,
sprachgeschichtlich betrachtet, in starkem Rückgang.
In den Vergleichsformen umlautende Adjektive verlieren in Zusammen¬
setzungen gelegentlich den Umlaut:
Er ist klftger, aber: Er ist noch altkluger als sie.

ß) Auswertung des „e“


Adjektive, die auf -el ausgehen, werfen im Komparativ das „e“ der Ab- 377
leitungssilbe aus:
ein dünnerer (nicht: dunkelerer) Wald; eines edleren Menschen.

Adjektive auf -er und -en können das „e“ der Ableitungssilbe behalten,
werfen es aber oft aus, um drei unbetonte „e“ zu vermeiden:
ein heit[e]reres Wetter; fin8t[e]rere Gesichter; ein trock[e]neres Handtuch.

Da in der nichtdeklinierten Form nur zwei „e“ stehen, wird hier meist
die volle Form gebraucht:
Sie Ist nicht heiterer als ich. Dieses Handtuch ist trockener.

Das Endungs-e auszuwerfen, ist nur in besonderen Fällen, wie z. B. in der


Dichtung üblich:
dem bessern Rat, den kürzern Weg.

Man vermeide aber, das „e“ der Komparativendung -er wegzulassen:


also nicht: beßre, größre, längre.

y) Vergleichspartikel
Die Vergleichspartikel beim Komparativ ist in der heutigen Schrift- 378
spräche „als“ (daneben wird in der Alltagssprache allerdings häufig
auch „wie“ verwendet):
Fritz ist größer als Lotte.
226 Das Adjektiv

„Als“ steht auch nach „anders, niemand, keiner, nichts, umgekehrt, ent¬
gegengesetzt“ und nach „zu“ + Positiv, die alle ebenfalls zwei Wesen
oder Dinge in vergleichende Beziehung setzen:
Er ist anders als ich. Nichts als Ärger hat man davon. Die Sache ist umgekehrt, als
man sie darstellt, . .. zu groß, als daß .. .
Die Vergleichspartikel „denn“ ist veraltet. Sie findet sich noch in der
formelhaften Wendung „mehr denn je“ und manchmal, wenn zwei „als“
nebeneinanderstehen würden:
Er sprach mit mir mehr als Freund denn als Vorgesetzter.
Sonst trifft man sie nur noch in gewählter Sprache:
. . . mehr aus Klugheit denn aus Überzeugung (Th. Mann). Wir sind ärmer denn
die armen Tiere (R. M. Rilke).
Die Vergleichspartikel „als wie“ statt des bloßen „als“ ist heute nicht
mehr schriftsprachlich:
. . . geschwinder als wie der Wind (Immermann).

6) Verstärkung und Negation des Komparativs


379 Der Komparativ kann durch Gradadjektive und -adverbien ver¬
stärkt werden ([noch] viel, [noch] weit, bei weitem, erheblich, bedeutend,
entschieden, wesentlich, ungleich, noch, wenig, etwas):
Fritz ist viel größer als Lotte. Er ist noch fleißiger als Karl. Sie ist etwas hübscher
als Lilo.
Der negative (geringere) Grad wird stets mit „weniger“ oder „minder“
umschrieben:
Dieses Bild ist weniger (minder) schön als jenes. In dem nicht minder fesselnden
zweiten Teil des Romans . ..

Beachte:
Die Fügung „nicht[s] weniger als“ hat zwei Bedeutungen:
1. „Nicht weniger als“ dient zur umschreibenden Hervorhebung der Ganzheit eines
Begriffes (gelegentlich tritt auch „nichts“ an die Stelle von „nicht“):
Ich habe nicht weniger als 100 DM dabei eingebüßt (= Ich habe ganze, volle
100 DM eingebtißt). Es hatten nämlich nicht weniger als drei von uns . . . den
Versuch gemacht, eine Geschichte unserer Reise zu geben (Hesse) (= ganze drei
von uns). Was ihm equestrisch dabei zur Verfügung stand, war freilich nichts
weniger als ein Dänenroß voll Kraft und Feuer (Fontane) ( = ein ganzes, wirk¬
liches Dänenroß, nichts Geringeres als ein Dänenroß).
2. „Nichts weniger als“ dient aber auch zur verstärkenden Verneinung. Der nega¬
tive (tadelnde) Satzinhalt „Ich bin mit allem zufriedener als mit deinen Leistungen“
wird durch die doppelte Verneinung „Ich bin mit nichts weniger zufrieden als mit
deinen Leistungen“ noch verstärkt (wobei „weniger zufrieden“ auch durch „un¬
zufriedener“ ausgedrückt werden könnte):
Ich marschierte rüstig und leicht, aber nichts weniger als ruhig durch die Dörfer
(Seume) (= ganz und gar nicht ruhig). Ein solcher war nun zwar der Pfarrer
meines Heimatdorfes nicht, auch nichts weniger als ein reicher Mann (G. Keller)
(= Er war ganz und gar nicht reich).
Man vermeide; die Fügung ,,nicht[s] weniger als“ zu gebrauchen, wenn Mißver¬
ständnisse dadurch auftreten könnten. Der Satz „Das Fahrzeug war nichts weniger
als ein Rennwagen“ ist mißverständlich, wenn der Sinn nicht aus dem Zusammen¬
hang hervorgeht. Ist das Fahrzeug kein Rennwagen oder nichts Geringeres als
ein Rennwagen?
Die Vergleichsformen des Adjektivs 227

e) Besondere Verwendungen des Komparativs

1. Die Komparativform wird auch dann gebraucht, wenn sich der 380
Vergleich nicht auf die Grundstufe des betreffenden Adjektivs, son¬
dern auf sein Gegenwort, sein polares Gegenüber bezieht. Dieser
Gebrauch betrifft aber nur die geläufigsten Extrempaare (ebenso bei
Ziff. 381). Der Komparativ „besser“ z. B. steigert in diesen Fällen nicht
das Wort „gut“, sondern sein Gegenteil „nicht gut, schlecht“, jedoch
in positivem Sinne:
Gestern ging es dem Kranken gar nicht gut, heute geht es ihm aber schon wesent¬
lich heuer (aber immer noch schlechter, als wenn es ihm gut ginge!).

Ebenso:
Es ist wärmer geworden (im Vergleich zu der früheren Kälte).
Es findet also eine regelrechte Umkehrung statt.

2. Von etwas anderer Art ist die Wortgruppe „ein älterer Herr“ u. ä. 381
Zwischen den gegensätzlichen. Größen alt - jung wird eine Zwischen¬
größe gesucht, da Zweifel über das zu wählende Adjektiv besteht:
alt - älter - jünger - jung.

Der Komparativ hat hier abschwächende, mindernde, einschränkende


Bedeutung: Ein „älterer“ Herr ist jünger als ein alter, aber auch älter
als ein junger; er ist etwas alt, eher alt als jung. Ebenso:
seit längerer Zeit, eine größere Zahl; das Buch ist schon länger vergriffen; diese
Schreibungen treten häufiger auf.

3. Der Vergleichsgegenstand ist manchmal aus dem Zusammenhang 382


zu ergänzen, etwa mit „als gewöhnlich“ o. ä.:
Seine Ansprüche werden größer [als gewöhnlich]. Die reicheren Familien [die
reicher sind als die gewöhnlichen Familien] wohnen in diesem Stadtviertel.
Der Komparativ nähert sich hier absoluter Bedeutung (vgl. 393) und
steht nur noch als Attribut.

4. Der Komparativ stellte in unseren Beispielen bisher stets die Un- 383
gleichheit zweier Wesen oder Dinge fest. Soll jedoch der ungleiche
Grad zweier Eigenschaften eines Wesens oder Dinges gekennzeichnet
werden, dann bedient man sich der komparativischen Gradadverbien
„mehr“ (eher) und „weniger“ vor der Grundstufe der Adjektive:
Ich war mehr tot als lebendig. Er ist eher faul als dumm. Sie handelte weniger
leichtsinnig als unüberlegt.

Doch kommt auch die reine Komparativform vor:


Vielleicht hat er wahrer als klug und fromm gesprochen (Goethe). Das zwei¬
fenstrige Gemach war bedeutend länger als breit (Raabe).

Der mit „als“ angeschlossene Vergleich kann fehlen:


mehr praktische [als theoretische] Ziele verfolgen; Wüllersdorf war wieder darauf
aus, das Gespräch auf mehr gleichgültige Dinge zu lenken (Fontane).

Die Eigenschaften können auch durch Substantive oder Verben aus- 384
gedrückt werden:
Er ist mehr Kaufmann als Offizier. Es war mehr Spaß als Emst. Er redet mehr
als er handelt.
228 Das Adjektiv

5) Die Beugung des Komparativs


385 Die Komparative werden wie die Positive stark und schwach gebeugt:
Es gibt kein schöneres Land. Du kannst es einem ärmeren Menschen schenken.
Sie bilden auch flexionslose Formen, die als Artangabe gebraucht werden:
Eva wird immer reizender. Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor (Goethe).

c) Der Superlativ

a) Bildung, Umlaut

386 Der Superlativ wird durch Anhängen von -st oder -est an die Grundstufe
gebildet:
fleißig - fleißigste; alt - älteste; frei - frei[ejste.
Über den Umlaut beim Superlativ vgl. Komparativ Ziff. 375 f.

ß) Auswertung des ,,e“

387 Ob -st oder -est gebraucht wird, bestimmen Auslaut und Silbenzahl des
Adjektivs:
Die meist einsilbigen Adjektive auf -d, -s, -ß, -st, -t, -tz, -x, -z und die
mehrsilbigen, die den Ton auf der letzten Silbe tragen, erhalten -est:
hold - holdeste, kraus - krauseste, süß - süßeste, dreist - dreisteste, sanft - sanfteste,
spitz - spitzeste, lax - laxeste, schwarz - schwärzeste, berühmteste, gespreizteste, ver¬
störteste, behendeste.

Ausnahme:
größte (für: größeste).
Beibehaltung des „e“ kommt aber doch gelegentlich vor:
mit dem größesten Vergnügen (Baabe), mit dem allergrößesten Eifer (Wildenbruch).

Die auf -sch endenden können das „e“ auch auswerfen:


rasch[e]ste, frisch[e]ste.
Adjektive, die auf Diphthong oder ailf Vokal (Diphthong) + h enden,
stoßen das „e“ überwiegend aus, behalten es aber auch bei besonderer
Betonung des Superlativs:
freiste - freieste, frohste - froheste, rauhste - rauheste.
Alle anderen, vor allem auch mehrsilbige, nicht auf der letzten Silbe be¬
tonte Adjektive haben -st:
kleinste, längste, edelste, verworrenste, gefürchtetste, passendste, fleißigste, komischste.

Die Adjektive auf -el, -en, -er werfen ebenfalls im Superlativ das „e“ der
Endung -est aus:
edelste, erhabenste, bitterste.
Bei auf -sch endenden Adjektiven wurde früher in ungezwungener Aus¬
sprache das „s“ der Endpng -st ausgeworfen (vgl. Preußisches Regel¬
buch) :
hübschte, nftrrischte.
Dies ist heute unüblich geworden.
Die Vergleichsformen des Adjektivs 229

y) Verstärkung und Negation des Superlativs

Noch verstärkt wird der Superlativ durch Vorsetzen von „aller [aller]-, 388
weitaus, bei weitem, denkbar“:
die allerschönste, der allergrößte, das aller aller schönste, weitaus der beste, bei wei¬
tem d'.r größte, in denkbar kürzester Frist.
Der geringste Grad wird stets mit „am wenigsten“ oder „am mindesten“
umschrieben:
Dieses Bild ist am wenigsten (am mindesten) schön.

b) Zum Gebrauch des Superlativs

1. Der Superlativ ist nur dort sinnvoll, wo ein Wesen oder Ding 389
mit mehreren anderen verglichen wird. Beim Vergleich von nur zwei
Wesen oder Dingen ist er überflüssig, weil das Mehr oder Weniger
xdes einen bereits durch den Komparativ deutlich wird. Früher war
man hier unbedenklicher (wie heute noch in der Umgangssprace) :h
Früher: Wir wollen sehen, welcher Genius der stärkste ist, dein schwarzer oder
mein weißer (Goethe). Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste klug
und gescheit (Grimm). Jetzt: Fritz ist der größere von beiden (nicht: der größte).

2. „Erste“ und „letzte“ würden nicht mehr als ausgesprochene Super r 390
lative gefühlt, sondern als Positive aufgefaßt. Man bildete daher neue
Komparativformen „ersterer - letzterer“, die auf das Näher- oder
Fernerliegen zweier Wesen oder Dinge hinweisen im Sinne von „jener -
dieser“ oder „der eine - der andere“. Sie halten sich hartnäckig, da
sie deutlicher sind als diese und daher einem Bedürfnis entsprechen.
Falsch steht jedoch „letzterer“ nach mehr als zwei Wesen oder
Dingen und als Umschreibung eines Pronomens. Also nicht:
Karl, Fritz, Anna und Elisabeth gingen spazieren. Letztere war eben erst. . .
Ein Garten, der durch eine Lücke in der Mauer des Schloßgartens an den schat¬
tigsten Teil des letzteren stößt (statt: an dessen schattigsten Teil).

e) Andere sprachliche Mittel zum Ausdruck des höchsten Grades

Der höchste Grad kann auch durch andere sprachliche Mittel ausge- 391
drückt werden, z. B. durch den hinweisenden, stark hervorhebenden
Gebrauch des Artikels:
Persil ist das Waschmittel (= das beste Waschmittel).
Oder durch den Genitiv der Steigerung (vgl. 980, 2):
das Buch der Bücher (= das bedeutendste Buch).
Über die Umschreibung des Superlativs bei Partizipien vgl. 410.

§) Beugung des Superlativs

Die Superlative werden wie die Positive stark und schwach gebeugt, 392
bilden aber im allgemeinen keine flexionslosen Formen (Ausnahme:
allerliebst) und müssen, auch wenn sie aussagend verwendet werden,
ebenfalls gebeugt werden:
Dieser Tag ist der kürzeste (nicht: ... ist kürzest). Die Tage sind im Winter am kür¬
zesten (vgl. 372, c). Es steht mit ihm nicht zum besten. Aber: Der>Junge ist allerliebst.
230 Das Adjektiv

d) Der Elativ (absoluter Superlativ)


393 Der Elativ stimmt in der Form mit dem Superlativ überein, bezeichnet
aber nicht den höchsten, sondern nur einen sehr hohen Grad. Weil bei
ihm das Vergleichsglied fehlt, nennt man ihn auch den absoluten Super¬
lativ :
[Meine] liebste Mutter!, Ihr ergebenster...» in tiefster Trauer, nur beste Weine. Auf
fadeste Dummköpfe machte er Eindruck (6. Hauptmann).
Der Elativ steht besonders nach „ein“, „jeder“ und anderen Pronominal-
adjektiven:
Es ist ein tiefster Zug der Unternehmungswirtschaft, einen endlos anwachsenden
Markt für ihre Industrieerzeugnisse zu ersehen (Lamprecht). Jede leiseste Anspielung;
viele erste Autoritäten.
394 Absolute Bedeutung haben auch flektierte und unflektierte Superlativ¬
formen des Adjektivs, die als Umstandsangaben stehen:
Ich grüße dich auf das (aufs) herzlichste. Man spielt aufs schändlichste mit dir(Schiller).
Bei einem Wirte wundermild, da war ich jüngst zu Gaste(Uhland). Ebenso: gehör-
samst (mil.), ergebenst (Briefschlußformel), weitestgehend
und Ableitungen auf -ig und -lieh, besonders in Ergebenheits- und Höf¬
lichkeitsfloskeln :
gefälligst, gütigst, baldigst, billigst, herzlichst, freundlichst, höflichst, höchlichst,
möglichst (vgl. 402), tunlichst.

e) Weitere sprachliche Mittel zum Ausdruck des sehr hohen Grades


Der sehr hohe Grad wird auch ausgedrückt :
395 a) durch bestimmte Gradadjektive und -adverbien wie „sehr, höchst,
äußerst, überaus, ungemein, [ganz] besonders, außerordentlich, unge¬
wöhnlich, wirklich, erstaunlich, wunder[s] wie usw. + Positiv:
ein sehr geschickter Tischler, eine höchst einflußreiche Persönlichkeit, ein ganz be¬
sonders schönes Geschenk.
Man hüte sich vor unpassenden, stillosen Übertreibungen beim Gebrauch
solcher Wörter:
riesig oder schrecklich nett, phantastisch schön, furchtbar interessant, fabelhaft belesen,
kolossal appetitlich, verblüffend ehrlich, enorm aufschlußreich.

396 ß) durch Zusammensetzung von verstärkenden Bestimmungswörtern


mit dem Positiv:
wordsschwer, goldrichtig, «rzdumm, siegreich, urkomisch.

397 y) durch Zusammensetzung von vergleichenden. Bestimmungswörtern


mit dem Positiv:
steinhart, /ederleicht, zentnerschwer, bettelarm.

398 ö) durch zwei nebeneinanderstehende gleiche Positive (vgl.553 am Ende):


eine lange, lange Reihe; meine süße, süße Braut (Raabe). Wohl in fernen, fernen Tagen
(Uhland).

Gelegentlich werden die Adjektive zusammengezogen, und nur das


letzte wird gebeugt:
Das Lied vom rotroten Mohn (Löns)... lieb-liebste Mutter (Th. Mann).
Diese Ausdrucksweise ist volkstümlich, poetisch und kindersprachlich.
Die Vergleichsformen des Adjektivs 231

e) Durch entsprechende Wortwahl: 399


eine vollendete Haltung, ein vollkommener Körper, eine absolute Unmöglichkeit, ein
winziges Teilchen, ein gewaltiger Aufschwung.

f) Weitere Gradabschattungen

Weitere Gradabschattungen sind:

a) Der zu hohe Grad


Dieser Grad wird ausgedrückt: 400
1. durch das Gradadverb „zu, allzu“ 4- Positiv:
Sie war allzu schön. Br ist zu vorlaut.
2. durch den Komparativ eines Adjektivs, dessen Grundstufe oder
Eigenschaftsträger als Vergleichsgegenstand genannt wird:
Der ist klüger als klug. Er ist päpstlicher als der Papst.
3. durch Zusammensetzung von „über“ mit dem Positiv:
überreif, übereifrig, übervoll, überwach.

ß) Der gesteigerte Grad


Der gesteigerte Grad einer Eigenschaft wird auch durch „mehr als“ -f 401
Positiv bezeichnet. Die folgende Erläuterung dazu kann fehlen:
Er ist mehr als durchtrieben [er ist unehrlich, ein Betrüger]; eine mehr als leichtsinnige
Auffassung.

y) Der möglichst hohe Grad


Dieser Grad wird ausgedrückt durch „so + Positiv 4- wie (als) möglich“, 402
durch „möglichst 4- Positiv“ oder durch eine Zusammensetzung:
so grdß wie möglich - möglichst groß - größtmöglich.
Für „baldestmöglich“ tritt „baldmöglichst“ ein. Die Zusammensetzungen „größt¬
möglich, bestmöglich“ usw. hat die Sprachgemeinschaft geschaffen, um sie mit dem
bestimmten Artikel davor attributiv verwenden zu können:
die größtmögliche Glätte und Ebenmäßigkeit (Th. Mann).
Statt der umständlichen Konstruktion „Warten Sie die beste Gelegenheit ab, die mög¬
lich ist“ sagt man kürzer und nicht schlechter „Warten Sie die bestmögliche Gelegen¬
heit ab“. Wo diese Notwendigkeit nicht vorliegt, begnüge man sich mit den nicht
zusammengesetzten Formen:
Kommen Sie möglichst bald (nicht: baldmöglichst).
Man vermeide, „möglichst“ neben Begriffen zu gebrauchen, die nicht verglichen werden
können. Falsch ist also:
Vertreter gesucht, möglichst verheiratet. . .; möglichst unter freiem Himmel.
Hier muß „wenn möglich“, „wo möglich“ oder „nach Möglichkeit“ eintreten.

ö) Der beständig zunehmende Grad


Der beständig zunehmende Grad einer Eigenschaft wird außer durch 403
„immer“ 4- Komparativ auch durch die Verbindung von Positiv 4- Kom¬
parativ oder noch häufiger durch Komparativ 4- Komparativ desselben
Adjektivs ausgedrückt:
Immer enger . .. ziehen sich die Lebenskreise ... (Th. Fontane). Und ihr Hals wird
lang und länger. Ihr Gesang wird bang und bänger (Busch). Sie wurde schöner und
schöner, je näher man vor ihr stand (Wieland).
232 Das Adjektiv

Daneben ist auch zweimaliges durch „und“ verbundenes „mehr“ + Po¬


sitiv üblich:
Die Sache wird mehr und mehr bedenklich,

e) Der eingeschränkte, ermäßigte Grad


404 Dieser Grad wird durch Gradadjektive wie „mäßig“ oder ;,ziemlich“ +
Positiv ausgedrückt:
Er ist mäßig groß, ziemlich reich.
Über den eingeschränkten Grad, den die doppelte Verneinung ausdrückt,
vgl. 1166.

2. Die unregelmäßigen Vergleichsformen einfacher Adjektive


405 Bestimmte, in der Zähl sehr beschränkte Adjektive und Pronominal-
adjektive zeigen unregelmäßige Vergleichsformen, d. h. Komparativ und
Superlativ werden von anderen Wortstämmen oder durch Veränderung
eines Konsonanten gebildet. Es handelt sich um die Adjektive „gut“,
„hoch“, „nahe“ und um die Pronominaladjektive „viel“ und „wenig“
(vgl. 514 ff.):
gut - besser - best, viel - mehr - meist, wenig - minder - mindest (daneben: weniger -
wenigst).
Den Konsonanten verändern:
hocA - höAer - höchste, naAe - näAer - näcAste.
Die eigentlichen Komparative „äußere, innere, obere, untere, vordere,
hintere, mittlere, niedere“ wurden schon in althochdeutscher Zeit als
Positive aufgefaßt. Sie bilden die Superlative „äußerste, innerste“ usw.,
aber keinen Komparativ.

406 3. Die Vergleichsformen zusammengesetzter oder zusammen¬


geschriebener Adjektive (Partizipien)

a) Vergleich des Bestimmungswortes


Bei zusammengesetzten oder zusammengeschriebenen Adjektiven (vgl.
650) setzt man den ersten Bestandteil in die Vergleichsform, wenn jedes
von den beiden Gliedern noch seinen eigenen Sinn bewahrt hat:
ein acAwerverständlicher Text, ein noch schwerer verständlicher Text, der am
schwersten verständliche Text; der verbietende - der verbietende Käufer; eine
AocAgestellte - AdcAelgestellte Persönlichkeit.
Zur Steigerung „größtmöglich“ vgl. 402.

b) Vergleich des Grundwortes


Man setzt das Grundwort und damit die ganze Fügung in die Vergleichs¬
form, wenn die Zusammensetzung einen einheitlichen Begriff, zumal
einen Begriff mit neuem, übertragenem Sinn ergibt:
in sXtmodischster Kleidung, die weit tragendsten Entscheidungen, mit den viel-
sagendsten Gesichtern, wohlfeilste Waren, die hoch fliegendsten Pläne, der Wohl-
gesinnteste von ihnen, zartfühlender als du.
Die Vergleichs formen des Adjektivs 233

c) Schwankungen
Man setzt die Vergleichsform nach persönlichem Ermessen bei Parti¬
zipien, die verschieden (nach a oder nach b) empfunden werden
können:
schwerer wiegende oder schwerwiegendere Gründe, weitestgehende oder weitgehendste
Einschränkungen. Sie ist zarter besaitet oder zartbesaiteter als Inge.
Man beachte den Unterschied zwischen der konkret-sinnlichen und der
übertragenen Bedeutung:
höher fliegende Flugzeuge, aber: hochfliegendere (= ehrgeizigere) Pläne.

d) Unzulässiger Vergleich beider Bestandteile


Vergleichsformen bei beiden Bestandteilen sind unzulässig:
das nächstliegende (nicht: nächstliegendste) Problem, das meistgelesene (nicht:
meistgelesenste) Buch, in größtmöglicher (nicht: größtmöglichster) Eile, weiter¬
reichende (nicht: weiterreichendere) Befugnisse.

4. Vergleichsunfähige Adjektive

a) Nach der Art charakterisierende Adjektive mit bestimmter


Bedeutung
Vergleichsformen können nur Adjektive bilden, die ein Wesen oder Ding 407
nach der Art zu charakterisieren vermögen (vgl. 326). Ausgenommen
hiervon sind lediglich Adjektive, die zwar nach der Art charakterisieren,
deren Bedeutung aber einen Gradunterschied nicht zuläßt. Dies sind:
a) Adjektive, die bestimmte Verfahrens- oder Zustandsweisen aus-
drücken:
schriftlich, mündlich, wörtlich, ledig, sterblich, viereckig, rund, tot, lebendig, leblos,
stumm, nackt.
Hierher gehören auch zusammengesetzte Adjektive, deren Bestimmungs¬
wort bereits eine Verstärkung bezeichnet:
schneeweiß, Muljung, «leinreich, urkomisch, riesengroß
und Adjektive, die bereits einen höchsten oder geringsten Grad aus-
drücken:
maximal, minimal, total, absolut, erstklassig.
Die letzteren werden trotzdem gelegentlich gesteigert, weil sich der
Sprecher entweder der Bedeutung des Fremdwortes nicht bewußt ist
oder weil er aus bestimmten Gründen (so besonders bei der Werbung) den
höchsten (geringsten) Grad noch verstärken will:
minimalster Verschleiß; erstklassigste Ausführung.
Diese Superlative sollten in der gepflegten Sprache gemieden werden.
Anders zu beurteilen sind jedoch die Vergleichsformen der Adjektive, die
an sich einen höchsten (geringsten) Grad ausdrücken, aber auch in re¬
lativer Bedeutung verwandt werden können:
Was leer ist, kann an sich nicht leerer sein; was still ist, kann nicht am stillsten sein.
Gebraucht der Sprecher aber das Wort nicht in seiner absoluten, sondern ln einer
relativen Bedeutung (das Eino ist leer [obwohl einige Sitzreihen gefüllt sind]), dann
kann er auch vergleichen: Das Eino ist heute leerer als gestern. In den stillsten
Stunden der Nacht...
234 Das Adjektiv

ß) Adjektive, die ein mögliches Geschehen verneinen:


unrettbar, unüberhörbar, unverlierbar.

y) Zahladjektive:
letzt, einzig, neunfach, ganz, halb (vgl. aber 390).

ö) Indeklinable Farbadjektive (vgl. 362):


oliv, rosa, lila.

b) Adjektive mit begrenzter syntaktischer Verwendung


408 Alle Adjektive, die nur attributiv oder nur als Artangabe verwendet
werden (vgl. 328; 329), können (bis auf die unter 328, 3 aufgeführten
Adjektive bei Verbalsubstantiven) nicht gesteigert werden.

409 Die unter a) und b) genannten Adjektive können jedoch dann Vergleichs¬
formen bilden, wenn sie in übertragener Bedeutung verwendet werden:
eine lebendigere Darstellung . . . Die Straße ist lebloser als gestern. Er arbeitet mit
eisernstem Fleiß. Einzigstes, einzigstes Mädchen . . . (Goethe).

Vergleichsformen werden auch gelegentlich gewagt, wenn Adjektive, die


an sich nur die Herkunft charakterisieren (vgl. 328, 2), als Artadjektive
gebraucht werden:
Er ist der schwäbischste unter diesen Dichtem.

Die von Substantiven herkommenden Adjektive (vgl. 329,1, ß) können


Gradunterschiede nur durch Ümschreibungen ausdrücken:
Er ist weniger schuld als ich. Ihm tut es am meisten not.

c) Partizipien
410 Partizipien, die an der Wortart Adjektiv teilnehmen (vgl. 167 f.), können
nicht gesteigert werden, es sei denn, daß sie innerhalb der Wortart Verb
isoliert sind (vgl. 168):
Nur: das schreiende Kind, der ausgesprochene Tadel; aber (isoliert): das reizendste
Mädchen, der gelehrteste Mann.

Nicht steigerungsfähige Partizipien können jedoch Gradunterschiede


durch Umschreibungen ausdrücken, wenn die Bedeutung des Verbs dies
zuläßt:
der mich am meisten verdrießende Umstand.

V. Irrtümlicher Gebrauch des attributiven Adjektivs

a) Irrtümliche Beugung eines Adjektivs, das ein anderes näher


bestimmt
411 Ein Adjektiv, das ein anderes näher bestimmt, bleibt immer ungebeugt
(vgl. 330). Gelegentliche Beugungen gehören der Umgangssprache an:
Er ist ein rechter geiziger Kerl. Statt richtig: Er ist ein recht geiziger Kerl. Die
Wendung „Ich habe schöne warme Hände“ ist allerdings auch schriftsprachlich
schon fest geworden.
Irrtümlicher Gebrauch des attributiven Adjektivs 235

b) Irrtümliche Attribuierung einer Artangabe


Eine Konstruktionsverschiebung ist es, wenn eine Artangäbe, die verbal 412
zu beziehen ist, einem Substantiv attribuiert wird:
Das hieße tatsächlichen Selbstmord begehen. Statt: Das hieße tatsächlich Selbstmord
begehen. Ich wäre deshalb dankbar, wenn hierzu eine verbindliche Stellung genom¬
men würde. Statt: . . . verbindlich Stellung genommen würde.
Gelegentlich kann diese Verschiebung Sinnänderung hervorrufen:
Mein Gewissen gab mir eindeutig Antwort (verbal bezogen: das eindeutige Geben).
Mein Gewissen gab mir eindeutige Antwort (Attribut zu Antwort).

c) Irrtümliche Beziehung eines attributiven Adjektivs auf das Be¬


stimmungswort einer substantivischen Zusammensetzung
Steht das attributive Adjektiv vor substantivischen Zusammensetzungen, 413
dann bezieht sich das Adjektiv auf das Grundwort der Zusammensetzung.
Man darf deshalb keine Zusammensetzung so attribuieren, daß sich das
Adjektiv auf das Bestimmungswort bezieht. Also nicht:
„kleines Kindergeschrei“, sondern „das Geschrei kleiner Kinder“.
Das Lächerliche solcher Wendungen hat gelegentlich zu absichtlichen
Erfindungen gereizt, die zum Teil sprachüblich geworden sind:
des chemischen Fabrikbesitzers, in der sauren Gurkenzeit, dem vierstöckigen Haus¬
besitzer, des geräucherten Fischladens.
Nicht so auffällig sind:
der armen Sünderglocke, der roten Kreuzschwester, die schwarze Meerflotte, die
höhere Schulreform, im alten Weibersommer, des alten Herrenverbandes.
Die falsche Beziehung in diesen attributiven Fügungen wird durch die
falsche Getrenntschreibung noch verstärkt. Auch Schriftsteller haben,
teils mit, teils ohne Absicht, solche Bildungen gebraucht:
Der halbe Mond . . . war meist von treibendem Wolkendunkel überzogen (Storm).
Ein ehemaliger bonnetier, d. h. baumwollener Nachtmützenfabrikant (Heine).
Korrekt werden diese Verbindungen nur, wenn man sie durch Zusammen¬
schreibung oder durch Setzung von Bindestrichen notdürftig zu drei¬
gliedrigen Zusammensetzungen machen kann (vgl. 659 ff.). Dabei
tritt das Adjektiv unflektiert und flektiert auf:

a) Unflektiert (Adjektiv in der Stammform)


KZeüikinderspielzeug (Isolde Kurz), AZ/frauenge sicht (Borchert), unter diesem
AZZ-Damen-Erröten (Th. Mann).

ß) Flektiert
1. mit der (erstarrten) flektierten Form auf -e:
ein Armeleuteschloß (Wassermann), Gelberübenbrei (Heimeran), die Tracht der
Rote-Kreuz-Schwestern (Plievier), die Vorteile einer Loseblattausgabe, Grund¬
züge einer Geschichte der Hoheliedauslegung (Ohly), ein Bauer mit der-Rote-
Kreuz-Binde (Zuckmayer).
Schriftsprachlich werden die Möglichkeiten a und ß, 1 bevorzugt.
2. in Kongruenz mit dem Grundwort (mehr Alltagssprache):
eine Dumme-August-Fratze (Wassermann), der Gute-Wetter-JEind (Boree), ein
DitmmerjungensZmcA, Armersünderweg (Straßenname), in dieser Sawrengurken-
zeit, einen Armensxm&eigang (Barlach), nach AUend&menspeisen (Kluge).
236 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Man sollte die Zusammensetzung aber stets durch die entsprechende


syntaktische Fügung ersetzen, wenn kein besonderer Anlaß zu ihr vor¬
liegt:
Die Manöver fanden an der Küste des Stillen Ozeans statt. Nicht: Die Manöver
fanden an der Stillen-Ozean-Küste statt. Das Gasthaus „Roter Hahn“, nicht: das
Rote-Hahn-Gasthaus.
Andere solche Fügungen sind sprachüblich und korrekt geworden, weil
das Adjektiv [zur Not] auch beim Grundwort Sinn hat und zum zu¬
sammengesetzten Wort paßt:
die deutsche Sprachwissenschaft, das Bürgerliche Gesetzbuch, das evangelische
Pfarrhaus, medizinische Buchhandlung, das geheime Wahlrecht.

E. BEGLEITER UND STELLVERTRETER


DES SUBSTANTIVS

414 In dieser Wortart fassen wir alle Wörter zusammen, die nur vom Sub¬
stantiv her verständlich sind. Wörter dieser Art sind ausschließlich für
das Substantiv geschaffen, um es in ganz bestimmter Weise näher zu
kennzeichnen oder sogar zu vertreten. Für die einzelnen Aufgaben, die
dieser Wortart gestellt sind, haben sich drei „Funktionsgruppen“ ge¬
bildet, zwischen denen es allerdings zahlreiche Übergänge gibt: der Ar¬
tikel, das Pronomen und das Zahlwort.

I. Der Artikel
415 Zur Wortart „Begleiter und Stellvertreter des Substantivs“ gehört auch
der Artikel. Da er aber nur in unmittelbarem Zusammenhang mit dem
Substantiv betrachtet werden kann, haben wir ihn bereits dort be¬
handelt (vgl. 206-236).

II. Das Pronomen

1. Leistung und Einteilung der Pronomen


416 Die wichtigste Leistung des Pronomens ist es, ein Substantiv zu ver¬
treten. Es bezeichnet dann das gemeinte Wesen oder Ding nur noch
ganz allgemein:
. Ein Kind ging über die Straße. Es war sehr unachtsam.
Hinter dem gleichen Pronomen können sich auf diese Weise Substantive
verschiedenster Bedeutung verbergen:
ich kann ein Mann, eine Frau, ein Kind, ein Bauer oder ein Minister sein; er ein
Mann, ein Lehrer, ein Tisch oder der Mut.
417 Die Pronomen nehmen als Stellvertreter des Substantivs am gramma¬
tischen Geschlecht ganz unterschiedlich teil, je nachdem, welche Be¬
deutung dieser Unterscheidung zugemessen wird. Die persönlichen Für¬
wörter, die im persönlichen Gespräch verwendet werden, können z. B.
Das Pronomen 237

auf diese Unterscheidung verzichten, weil der oder die Gemeinte stets
„da“ ist (ich, du, wir, ihr). Wird von einem Dritten (unter Umständen
Abwesenden) gesprochen, wird der Unterschied wieder wichtig (er, sie,
es). Die Pluralformen kennzeichnen jedoch, wie auch sonst beim Sub¬
stantiv, nirgends das grammatische Geschlecht. Ebenso verzichten die
Fragepronomen natürlicherweise auf das weibliche Geschlecht, da es ja
dem Fragenden nicht bekannt sein kann (Wer hat es gesehen ? Wen, was
habt ihr gesehen ?).
Das Pronomen vertritt aber nicht nur das Substantiv, sondern begleitet 418
es auch wie der Artikel oder das Zahlwort (vgl. 523):
Das Ist das Haus meines Vaters. Dieser Mann wird uns helfen. Welcher Junge hat
das getan?

Wie sich aus den beiden Verwendungsmöglichkeiten des Pronomens er- 419
gibt, trifft der Name „Pronomen“1 nur für die erste Leistung der Stell¬
vertretung zu. Er trifft also auch hier nicht das Ganze.
Nach den Beziehungen zwischen dem Pronomen und dem zugehörigen 420
Substantiv unterscheidet man:
1. die stellvertretende Nennung einer Person [oder Sache] (Personal¬
pronomen) ;
2. die Kennzeichnung eines Eigentumsverhältnisses (Possessiv¬
pronomen) ;
3. die Kennzeichnung eines Ortsverhältnisses (Demonstrativpro¬
nomen) ;
4. die Kennzeichnung der Zugehörigkeit einer verbalen Aussage zu
einem Substantiv (Relativpronomen);
5. die Kennzeichnung einer Frage nach einem Wesen oder Ding
(Interrogativpronomen).
6. Schließlich kann man zu diesen Beziehungen auch noch die
zahlenmäßig sehr unbestimmte Kennzeichnung eines Substantivs
rechnen (Indefinitpronomen), wenn man sich nicht entschließen will,
diese Pronomen den Zahlwörtern zuzuordnen. Gerade hier zeigt sich,
daß zwischen den drei „Funktionsgruppen“ (Artikel, Pronomen,
Zahlwort) keine festen Grenzen zu ziehen sind.

2. Allgemeines zur Deklination der Pronomen


Die Deklination der Pronomen stimmt vielfach weder mit der des Sub- 421
stantivs noch mit der des Adjektivs überein. Die Formen der nur allein¬
stehend gebrauchten Personalpronomen weichen völlig voneinander ab,
sie bestehen aus ganz verschiedenen Stämmen:
ich, du, ihm, uns.
Die Formen anderer Pronomen, die alleinstehend oder attributiv ge¬
braucht werden, zeigen meist die starke (pronominale) Adjektivae-
klination:
dieser, manche, jene«.

1 Lat. pronomen = [Wort] für das Nomen (vgl. 171).


238 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Eine Ausnahme ist der Gen. Sing. Mask. und Neutr., der abweichend
von dem des Adjektivs (vgl. 333) stark ist:
dieses Menschfen, jenes Kindes.
Doch neigen besonders Indefinitpronomen hier zur schwachen Beugung
(vgl. 486; 494; 498; 502; 505; 509; 513; 515):
allen geistigen Lebens usw., dessen.
Andere Pronomen wieder können flexionslos stehen:
dies, manch, solch, welch, ein, kein, mein
oder sind überhaupt indeklinabel:
etwas, nichts, man, selbst, selber, ein paar.
Nach einem anderen Pronomen werden die Pronomen in der Regel nur
dann schwach gebeugt, wenn sie auch attributiv mit dem bestimmten
Artikel davor stehen können:
alle anderen Menschen (weil auch: die anderen Menschen), diese wenigen Blätter;
aber: diese alle (weil nicht: die allen), alle jene Gestalten.

3. Die einzelnen Pronomen nach Form, Bedeutung und Gebrauch

a) Persönliche Pronomen
Zu den persönlichen Pronomen gehören das eigentliche Personalpro¬
nomen, das Reflexivpronomen und das reziproke Pronomen.

a) Das Personalpronomen
1. Die Deklination des Personalpronomens
422 Wir geben im folgenden eine Übersicht über die Deklination der
Personalpronomen:
1. Person 2. Person 3. Person
Mask. Fern. Neutr.
Sing. Nom. ich du er sie es
Gen. meiner deiner seiner ihrer seiner
(veralt.: mein) (veralt.: dein) (veralt. : sein) (veralt.: sein)
Dat. mir dir ihm ihr ihm
Akk. mich dich ihn sie es
Plur. Nom. wir ihr sie
Gen. unser euer ihrer (veralt.: ihr)
Dat. uns euch ihnen
Akk. uns euch sie

Der Name „Personalpronomen“ weist auf die Hauptleistung dieses


Pronomens hin: auf die stellvertretende Nennung von Personen.
Wie so oft, deckt er aber nicht die Gesamtleistung: „er, sie, es” be¬
zeichnen neben Personen auch Sachen. Die Nennung von Personen
ist auch nicht den Personalpronomen allein vorbehälten. Demonstrativ¬
pronomen wie „der, dieser, jener” können ebenfalls stellvertretend
Personen bezeichnen. Singular und Plural des Personalpronomens
werden unterschieden, das Genus wird teils ausgedrückt (er, sie, es),
teils nicht ausgedrückt (ich, du). Die vertretene Person ist entweder
Das Pronomen 239

die sprechende (1. Person: Ich möchte . . wir möchten . . .), die an¬
gesprochene (2. Person: Du sollst. . ihr sollt. . .) oder die be¬
sprochene (3. Person: Er meinte ...» sie meinten).
Uber den Ersatz der Verbindungen (des Dativs und Akkusativs
der) Personalpronomen + Präposition durch Pronominaladverbien
vgl. 558, a.
Zur Verstärkung des Personalpronomens durch „selbst“ vgl. 466.
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach einem Personal¬
pronomen vgl. 334.

2. Bemerkungen zu einzelnen Formen des Personalpronomens


a) Ich, du, wir, ihr
aa) Zur Auslassung der Subjekte „ich, du, wir“ vgl. 1170, a.
bb) „Du” ist als stellvertretende Bezeichnung für die ange- 423
sprochene Person heute nur nöch in vertraulich-familiärer
Sprache und in der Dichtung üblich. Man duzt sich in der Fa¬
milie, zwischen Verwandten, Freunden, Jugendlichen; Er¬
wachsene duzen Kinder. Auch in Leichenreden verwendet man
noch „du“, wenn man den Gestorbenen anredet, ebenso ist
„du“ die Anrede an heilige Personen, an Tiere, Dinge oder Ab¬
strakta :
Und du, du Menschenschifflein du, fahr immer, immer zu (Goethe).
Der du von dem Himmel bist, . . . Süßer Friede . . . (Goethe).

Kollektive Bedeutung hat es in Fällen wie:


Was du nicht willst, daß man dir tu’, das füg auch keinem andern zu
(Sprw.).
Sonst ist an seine Stelle die 3. Person Plural (Sie) getreten
(vgl. 431).
Über „du“ beim Imperativ vgl. 130.
cc) „Wir“ bezeichnet gelegentlich auch den Sprechenden und 424
den Angesprochenen, meint aber im Grunde nur den Ange¬
sprochenen :
Was haben wir Neues, Marihelli? (Lessing). Wir tun das nicht wieder,
nicht wahr, Fritz ?
Weiterhin whd „wir“ als Plural der Majestät und als Plural
der Bescheidenheit auch für eine Person gebraucht (Pluralis
m.ijestatis, Pluralis modestiae):
Wir kommen damit zu einer sehr wichtigen Frage, auf die wir etwas näher
eingehen müssen (d. h. ich und meine Zuhörer; der Sprechende will in der
.Menge aufgehen).

Der Pluralis modestiae wird auch „Autorenplural“ genannt.


dd) „Ihr“ gilt heute nur im vertrauteren Verkehr für mehrere 425
Personen, die man duzt. Gelegentlich wird es auch bei Per¬
sonen gebraucht, von denen man die einzelnen siezt, so be¬
sonders als Anrede des Geistlichen an die Gemeinde.
240 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

b) Meiner, deiner, seiner, ihrer, unser, euer


426 aa) Die veralteten Formen „mein, dein, sein“ sind die ur¬
sprünglichen. Heute gebraucht man dafür die Formen „meiner,
deiner, seiner“, die durch Angleichung an die Plurale „unser,
euer“ entstanden sind. Die alten Kurzformen leben noch in
der Dichtung und in fest gewordenen Ausdrücken:
Mein selbst und der Welt vergessend (Lied „An die Weser“). Ewig
werde dein gedacht, Bruder, bei der Griechen Festen (Schiller). Sein
bedarf man, leider meiner nicht (Goethe). Das Vergißmeinnicht (Blume).
427 bb) Bei Verbindung mit -wegen, -willen, -halben wird des
Wohlklangs halber ein t eingeschoben:
meinetwegen, um deinetwillen, seinethalben, ihretwegen, um unsert¬
willen, euerthalben.
428 cc) In die Genitiv-Plural-Formen „unser“ und „euer“ wird
gelegentlich das „er“ aus der Deklination des attributiv ge¬
brauchten Possessivpronomens übernommen. Diese Formen
gelten aber nicht als korrekt; bei „ihrer“ ist die Vermengung
allerdings durchgedrungen:
Wir waren unser (nicht: uns[e]rer) fünf. Erbarme dich unserI Sie
spotteten euer (nicht: eu[e]rer). Veraltet: Eurer, wahrlich, hätt’ ich
nicht gefehlt (Schiller). Es waren ihrer sechs (Titel eines Romans von
A. Neumann).
Die Kurzform „ihr“ ist veraltet und gilt heute nur noch poe¬
tisch:
ihr beider Gefühl, ihr beider Ungestüm,

c) Er, sie, es; sie (Plur.)


429 Diese Pronomen dienen besonders dazu, Substantive zu ver¬
treten, wenn sie wiederholt werden müßten1. Sie haben dann satz¬
verbindende Funktion. Man vermeidet es, „er, sie, es“ auf artikel¬
los gebrauchte Substantive zu beziehen, deren konkrete Bedeutung
verblaßt ist: *
Nicht: Er traf ihn nicht zu Hause, es war verschlossen,
aa) „Er“ und „sie“ wie ihre flektierten Formen werden in der
Umgangssprache oft in der Bedeutung „Mann-Frau“ oder
„Geliebter-Geliebte“ gebraucht:
Da wohnten die beiden. Et; ein Lump und sie nichts wert (B. v. Münch¬
hausen). Alle Liebende reden nur von ihm oder von ihr, sind aber äußerst
sparsam mit dem Namen (Heine). Bücher von „ihm“ - für „sie" (Zei¬
tungsanzeige 1957).
Das großgeschriebene „Er“ ist „Gott“:
... und Er wird mir verzeihen (Liliencron).
bb) „Sie“ (Plur.) steht häufig ohne Beziehung auf ein vorauf¬
gehendes Substantiv für „die Leute“, „man“, „der Staat“,
„das Gericht“ usw.:
Sie können mir doch nicht einfach das Haus wegnehmen. Diese Nacht
sind sie mir wieder im Hohl und unter den Kartoffeln gewesen (Raabe).

* Über die dichterische Wiederaufnahme des Subjekts durch die 3. Person des Personal¬
pronomens vgl. 1037, d; 1200, 1.
Das Pronomen 241

Großgeschriebenes „Sie“ ist, obwohl es eigentlich pluralisch


ist, auch zum Anredepronomen für eine Person geworden. Es
ist die höfliche Anredeform zwischen Personen, die sich ferner
stehen.
cc) Es
1. „Es“ kann sich auf ein einzelrles Wort und auf einen 432
ganzen Satzinhalt beziehen, und zwar als Subjekt wie als
Objekt.
a) Auf ein einzelnes Wort:
Subjekt: Lies das Buch, es wird dir bestimmt gefallen. Objekt:
Wo ist nur das-Buch? Du hast es sicher verlegt.
Im Gleiolisetzungssatz (vgl. 868 ff.) ersetzt es als Subjekt
auch ein vorausgehendes nicht neutrales Substantiv:
Seine Mutter lebt noch. Es (sie) ist eine tüchtige Frau.
ß) Auf einen ganzen Satzinhalt :
Meine Mutter liebte mich nicht und verhehlte es keinen Augen¬
blick (Goethe).
Zur Setzung vqn „es“ nach Präpositionen vgl. 558, a.
2. Ferner steht „es“ als Subjekt unpersönlicher oder un¬
persönlich gebrauchter Verben (vgl. 843 ff.).
3. „Es“ ist unbestimmter, ganz allgemeiner Objekts- 433
akkusativ:
Mit dir nehme ich es noch auf. Etliche, die 's redlich meinen (Schiller).
4. „Es“ ist schließlich noch alter (heute für den Akkusativ 434
oder Nominativ gehaltener) Objektsgenitiv, der sich in
bestimmten Redewendungen erhalten hat:
Ich bin es zufrieden, satt, müde, los, überdrüssig, überzeugt. Es
nimmt mich wunder. Er ist es würdig. Sie wollen es nicht Wort
haben (Goethe).
Da dieses „es“ heute als Akkusativ aufgefaßt wird, wählt
man häufig auch den Akkusativ eines anderen Objektes,
besonders den des Demonstrativpronomens:
Das bin ich überzeugt. Er war das zufrieden. Das Geld bin ich los.
Ich bin das Treiben satt (Vgl. 933).

ß) Das Reflexivpronomen (vgl. 59 ff.)

1. Es handelt sich hier um keine selbständige Pronomenart, da in 435


der 1. und in der 2. Person Sing, und Plur. die Formen des Per¬
sonalpronomens verwandt werden. Nur die 3. Person hat ein eigenes
Reflexivpronomen „sich“ für den Dativ und Akkusativ des Singulars
wie des Plurals. Das Reflexivpronomen steht überall dort, wo sich
ein Geschehen auf das Subjekt des Satzes zurückbezieht1. Es kann
außer im Nominativ in allen Fällen auftreten:
Akkusativ:
Ich wasche mich. Du hast dich verletzt. Er, sie, es hat sich geweigert. Wir
waschen uns. Ihr habt euch verletzt. Sie haben sich geweigert.

1 Lat. reflexivum — das rückwärts Gebeugte, Gewendete.


242 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Dativ:
Ich diene mir damit am besten. Du gefällst dir selbst nicht. Er, sie, es hat
sich nur geschadet. Wir haben uns allein geholfen. Ihr huldigt damit nur
euch selbst. Sie gefielen sich gar nicht in dieser Rolle.
Genitiv:
Ich spotte meiner. Du spottest deiner. Er, es war seiner [selbst] nicht mäch¬
tig. [Die Chemie] spottet ihrer selbst und weiß nicht wie (Goethe). Wir
spotten unser. Ihr spottet euer. Sie spotten ihrer [selbst].
Präpositionalfall:
Ich habe etwas bei mir. Du denkst zu sehr an dich [selbst]. Er, sie, es zwei¬
felte an sich. Wir vertrauten auf uns. Ihr kämpft mit euch. Sie lachten über
sich [selbst].
Wie aus den Beispielen hervorgeht, wird das Reflexivpronomen oft
durch „selbst“ verstärkt (vgl. 466).
Das Reflexivpronomen kann sich ferner auf das Akkusativobjekt
eines Satzes beziehen:
Die Bitte brachte den wilden Mann außer sich (Goethe). Wir überlassen die beiden
am besten sich selbst. Den Quotienten multipliziere man mit sich selbst.

2. Gelegentlich bereitet die Frage Schwierigkeiten, ob das Reflexiv¬


pronomen oder das Personalpronomen stehen soll.
a) Reflexiv- oder Personalpronomen beim a. c. i.
436 Beim a. c. i. (vgl. 922) ist es üblich, daß bei der-Beziehung eines
Pronomens auf das Akkusativobjekt das Reflexivpronomen steht:
Er sah den Fremden sich entfernen (= Er sah den Fremden. Er entfernte
sich.),
bei Beziehung auf das Subjekt aber das Personalpronomen:
Er sah seine Frau ihm noch einmal zu winken (= Er sah seine Frau. Sie
winkte ihm noch einmal zu.).
Es wird jedoch öfters das Reflexivpronomen an Stelle des Per¬
sonalpronomens gewählt, weil die Beziehung zum Subjekt oder
zum Objekt nicht streng unterschieden wird:
Er hörte jemanden die Treppe zu sich (eigentlich: zu ihm) heraufsteigen.
In Fällen, wo das Akkusativobjekt des a. c. i. nicht genannt ist,
bleibt nur die Subjektsbeziehung übrig:
Er läßt sich überzeugen. (Obwohl = Er läßt es zu. Man überzeugt ihn.)
Durch diese Möglichkeit der doppelten Beziehung des Pronomens
können allerdings Mißverständnisse entstehen:
Er ließ den Bauern für sich arbeiten. (Für wen arbeitet der Bauer ? Für sich
selbst oder für das Subjekt „er“ ?)

b) Reflexiv- oder Personalpronomen im Attribut


437 Im substantivischen Attribut als Präpositionalfall (vgl. 982) steht
gewöhnlich das Personalpronomen:
Karl traf seine Freunde im Gespräch über ihn. (Karl traf seine Freunde, die
über ihn sprachen.)
Überwiegt jedoch die Vorstellung der Subjektsbeziehuhg, dann
wird oft auch das Reflexivpronomen gesetzt:
Der Erzähler hatte die ganze Gesellschaft um sich her vergessen (statt: um
ihn her; denn eigentlich: die Gesellschaft, die um ihn her war).
Das Pronomen 243

3. In der Schriftsprache wird bei manchen Verben das Reflexiv- 438


pronomen entweder gesetzt oder weggelassen. Gelegentlich wirkt es
bedeutungsverstärkend:
Er irrt [sich]. Der Betrunkene fand [sich] nicht mehr nach Hause.

Die Umgangssprache setzt es öfter, wo es die Schriftsprache nicht


kennt:
Er badet sich gerade. Da hört sich doch alles auf.

Über den Gebrauch von „sich“ im Passiv ohne Beziehungswort


(jetzt wird sich gewaschen) vgl. 109.
Über die Stellung des Reflexivpronomens vgl. 1225, Beachte.

y) Das reziproke Pronomen

Das reziproke Pronomen bezeichnet nicht, wie das reflexive, eine Rück- 439
bezüglichkeit, sondern eine gegenseitige Bezüglichkeit1 von gesonderten
Subjekten. Seine Formen sind jedoch die gleichen wie die des Reflexiv¬
pronomens (sich, uns, euch).. Zur Vermeidung von Mißverständnissen
treten oft „einander“, „einer dem oder den andern“ oder „gegenseitig“
für das reziproke Pronomen ein oder daneben auf:
Heute umarmt ihr euch als Brüder (Schiller). Wir grüßten uns gar freundlich, wir
drückten uns die Hand (Grillparzer). Zweideutig: Sie rauften sich die Haare aus
(jeder seine eigenen oder gegenseitig?) Eindeutig: Sie rauften einander die Haare
aus (gegenseitig). Verwaltung und Gäste unterstützten einander in diesem Bestreben
(Th. Mann). Die Menschen kennen sich einander nicht (Goethe).

„Einander gegenseitig“ gilt als Pleonasmus (vgl. 563). In Verbindung mit


einer Präposition gebraucht man meist „einander“:
Die Kinder standen nebeneinander (nicht: neben sich).

Vom Plural wird der reziproke Gebrauch auch auf singularische Kollek-
tiva ausgedehnt:
Pack schlägt sich. Pack verträgt sich.

b) Das Possessivpronomen

Das Possessivpronomen ist die attributive Form zum substantivischen 440


Personalpronomen und zeigt den Besitz2 des Wesens oder Dinges, bei
dem es steht, jeweils für die sprechende, angesprochene oder besprochene
Person an. Es vertritt dadurch den Namen des Besitzers. Die einzelnen
Wortformen leiten sich vom Genitiv Singular des Personalpronomens ab
(mein, dein, sein, ihr, sein, unser, euer, ihr). Sie stehen nichtreflexiv oder
reflexiv:
Ich bin gern in deinem Garten. Ich bin gern in meinem Garten.

1 Lat. recilprocus = rückwärts -f vorwärts, auf demselben Wege zurückkehrend.


1 Lat. possidere = besitzen.
244 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

a) Die Deklination des Possessivpronomens


441 Die Possessivpronomen nehmen wie die Adjektive bei der Deklination
Rücksicht auf Genus, Kasus und Numerus der Substantive, bei denen
sie stehen. Die folgende Tabelle möge dies veranschaulichen:

1. Person Singular (ungeschlechtig [ich])


Mask. Neutr. Fern. .
Sing. Nom. mein Freund mein Buch meine Schwester
Gen. meines Freundes meines Buches meiner Schwester
Dat. meinem Freundfe] meinem Buch[e] meiner Schwester
Akk. meinen Freund mein Buch meine Schwester
Plur. Nom. meine Freunde Bücher Schwestern
Gen. meiner Freunde Bücher Schwestern
Dat. meinen Freunden Büchern Schwestern
Akk. meine Freunde Bücher Schwestern

1. Person Plural [wir]


Mask. Neutr. Fern.
Sing. Nom. unser Schrank unser Haus unsere1 Trübsal
Gen. uns[e]resx Schrankes unseres1 Hauses unsiejrer1 Trübsal
Dat. unserem1 Schränkte] unserfejm1 Haus[e] unstejrer1 Trübsal
Akk. unser [ejn1 Schrank unser Haus unsfejre1 Trübsal
Plur. Nom. unsfejre1 Schränke Häuser Trübsale
Gen. unstejrer1 Schränke Häuser Trübsale
Dat. unseren1 Schränken Häusern Trübsalen
Akk. unstejre1 Schränke Häuser Trübsale

2. Person Singular (ungeschlechtig [du])


Mask. Neutr. Fern.
Sing. Nom. dein Stein dein Ohr deine Tasche
Gen. deines Steines deines Ohres deiner Tasche
Dat. deinem Stein [e] deinem Ohrfe] deiner Tasche
Akk. deinen Stein dein Ohr deine Tasche
Plur. Nom. deine Steine Ohren Taschen
Gen. deiner Steine Ohren Taschen
Dat. deinen Steinen- Ohren Taschen
Akk. deine Steine Ohren Taschen

2. Person Plural [ihr]


Mask. Neutr. Fern.
Sing. Nom. euer Stuhl euer Bett eu[e]re2 Mutti
Gen. eu[e]res2 Stuhles eu[e]res2 Bettes eu[e]rer* Mutti
Dat. euer[e]m2 Stuhl[e] euer[e]m2 Bett[e] eu[e]rer2 Mutti
Akk. euer[e]n2 Stuhl euer Bett eu[e]re2 Mutti

Plur. Nom. eu[e]re2 Stühle Betten Muttis


Gen. eu[e]rer2 Stühle Betten Muttis
Dat. euer[e]n2 Stühlen Betten Muttis
Akk. eu[e]re2 Stühle Betten Muttis

1 Vgl. 445.
a Vgl. 445.
Das Pronomen 245

3. Person Singular Mask. und Neutr. [er, es]


Mask. Neutr. Fern.
Sing. Nom. sein Hut sein Heft seine Sorge
Gen. seines Hutes seines Heftes seiner Sorge
Dat. seinem Hut[e] seinem Heft[e] seiner Sorge
Akk. seinen Hut sein Heft seine Sorge

Plur. Nom. seine Hüte Hefte Sorgen


Gen. seiner Hüte Hefte Sorgen
Dat. seinen Hüten Heften Sorgen
Akk. seine Hüte Hefte Sorgen

3. Person Singular Fern, [sie]


Mask. Neutr. Fern.
Sing. Nom. ihr Topf ihr Kleid ihre Nadel
Gen. ihres Topfes ihres Kleides ihrer Nadel
Dat. ihrem Topf[e] ihrem Kleid [e] ihrer Nadel
Akk. ihren Topf ihr Kleid ihre Nadel
Plur. Nom. ihre Töpfe Kleider Nhdeln
Gen. ihrer Töpfe Kleider Nadeln
Dat. ihren Töpfen Kleidern Nadeln
Akk. ihre Töpfe Kleider Nadeln

3. Person Plural [sie]


Mask. Neutr. Fern.
Sing. Nom. ihr Hund ihr Herz ihre Besitzung
Gen. ihres Hundes ihres Herzens ihrer Besitzung
Dat. ihrem Hund[e] ihrem Herzen ihrer Besitzung
Akk. ihren Hund ihr Herz ihre Besitzung
Plur. Nom. ihre Hunde Herzen Besitzungen
Gen. ihrer Hunde Herzen Besitzungen
Dat. ihren Hunden Herzen Besitzungen
Akk. ihre Hunde Herzen Besitzungen

Aus der Tabelle ersieht man, daß die Wahl des Possessivpronomens von 442
der Person, dem Genus und dem Numerus des Substantivs abhängig ist,
das es vertritt; seine Deklination und die Bildung seiner Geschlechts¬
formen dagegen wird in Numerus, Genus und Kasus von dem Substantiv,
bestimmt, bei dem es attributiv steht (vgl. 1198).
Aus der Tabelle geht ferner hervor, daß das Possessivpronomen bei 443
attributivem Gebrauch wie der unbestimmte Artikel „ein“ stark de¬
kliniert wird:
Er hatte nicht erwartet, daß jemand, der seines Blutes war, ihn verachten würde
(Wiecherth
Die starke Deklination tritt auch auf, wenn sich das Possessivpronomen
auf ein bereits genanntes Substantiv bezieht:
Ich sorge schon für mein Kind, sorgen Sie nur für Ihres! Nach einer Weile schob er
seinen Arm unter meinen (W. Flex).
Es wird aber auch schwach dekliniert, nämlich dann, wenn der Artikel
vor ihm steht. Das ist aber nur möglich bei substantivischer Verwendung
des Pronomens:
Er liebt die Seinen. Ewig der Deine! — Kardinal I Ich habe das Meinige getan. Tun
Sie das Ihre (Schiller).
246 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Heute stehen dafür häufiger die entsprechenden Formen auf -ig. Sie haben stets den
Artikel vor sich und werden ebenfalls substantivisch gebraucht:
Mische dich nicht in fremde Dinge, aber die deinigen tue mit Fleiß (Matthias Claudius).
Wie parteiisch eure Geschichtschreiber sein müssen! Die unsrigen erzählen diese
Historie ganz anders (Lessing).
Diese -ig-Formen werden von süddeutschen Schriftstellern allerdings auch attributiv
gebraucht:
ein unsriger Sprachbildner (Carossa), ein Ihriger Brief (Rilke). Hierum liegen lauter
meinige Verwandte (Hofmannsthal).
Stehen „all[er], dieser, jener, selbst“ vor dem attributiven Possessiv¬
pronomen, dann beeinflussen sie dessen Beugung nicht:
all meines Besitzes, mit aller meiner Kunst (Waggerl), diesem ihrem eigentlichen
Leben (G. v. le Fort), diese seine Worte (Bonseis). Selbst unsere Bekannten wußten
es nicht.
444 Das Possessivpronomen bleibt in den folgenden Fällen flexionslos (hi¬
storisch gesehen, handelt es sich hier um die Genitive der Personal¬
pronomen) :
1. In aussagender Verwendung:
Aber der Stoff ist doch mein (W. Schäfer). Du bist unser (Schiller).
Sind „es“ oder „das“ Subjekt, dann wird jedoch das in der Aussage
stehende Possessivpronomen flektiert, und zwar stark:
Wem gehört dieses Buch? Es ist meines. Wem gehört der Bleistift? Das ist
meiner. Wem sind die Hefte hier? Es sind meine.
2. In attributiver Verwendung nach dem Substantiv. Dies ist heute
veraltet und lebt nur noch in der Bibelsprache und in der Poesie,
besonders im Anruf:
Nimm auf meine Seel’ in die Hände dein (b hland). Schöne Schwester mein
(Penzoldt).
3. Durch „und“ verbundene substantivisch gebrauchte Possessiv¬
pronomen :
Mein und dein verwechseln oder nicht unterscheiden können (ugs. Euphemismus
für: stehlen).. . . wenn Verwandte ums Mein und Dein gefühllos hadern (Goethe).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach dem Possessiv¬
pronomen vgl. 331.

ß) Auswerfung des „e“


445 In der Deklinationstabelle Ziff. 441 sind diejenigen Formen gekennzeich¬
net, die ein unbetontes „e“ auswerfen können. Es handelt sich um die flek¬
tierten Formen von „unser“ und „euer“. Im Nom., Akk. Sing. Fern., im
Gen. Singi aller Geschlechter, im Dat. Sing. Fern, und im Nom., Gen.,
Akk. Plur. kann das Wortbildungs-e, dagegen im. Dat. Sing. Mask.,
Neutr., im Akk. Sing. Mask. und im Dat. Plur. das Endungs-e ausge¬
stoßen werden. Andere Auswertungen kommen gegenüber diesen häufig¬
sten seltener vor.

y) Zum Gebrauch des Possessivpronomens


446 1. Ein Ersatz des Possessivpronomens durch ein Demonstrativ¬
pronomen ist unnötig, wenn kein Zweifel auftritt:
Der Sohn hörte auf des Vaters Mahnung und folgte seinen [unnötig: dessen]
Worten.
Das Pronomen 247

Das Demonstrativpronomen muß jedoch stehen, wenn die Be¬


ziehungen nicht deutlich würden:
Grete verabschiedete sich von Begine und deren Mann {„ihrem Mann“ kann
sowohl Gretes wie Begines Mann bedeuten!). Herr Müller, Herr Schulze und
dessen (nicht: sein) Sohn waren anwesend (= der Sohn des Herrn Schulze).

2. Man beachte bei Verwendung noch nicht ganz formelhafter Rede- 447
Wendungen mit Possessivpronomen (seine Reize haben, seine Richtig¬
keit haben), daß bei femininem Subjekt „ihre“ gewählt werden muß:
Das hat seine Bichtigkeit. Aber: Die Sacke hat ihre Bichtigkeit. Eine Reise in
die Schweiz hat ihre (nicht: seine) Beize.

Das zusammengeschriebene „seinerzeit“ (= damals, dann) ist jedoch


unveränderlich, weil völlig formelhaft:
Frau Müller war seinerzeit ein sehr hübsches Mädchen.

Ans Nachlässigkeit werden ganz allgemein öfter Rückbeziehungs-


fehler gemacht:

daß . . . das große Pariser Blatt Le Monde es vorgezogen hat, den Namen ihres
(falsch statt: seines) Chefredak teurs nicht mehr zu notieren (Zeitungsnotiz).

3. Das Possessivpronomen kann mit einem anderen Possessiv- 448


pronomen oder mit einem Genitivattribut verbunden werden:
Meine und deine Wohnung, unsere und euere Einnahmen, meine und meiner
Frau gute Wünsche. Er sprach von seinem und des Landes Leid (Immermann).

4. Der „Besitz“, den das Possessivpronomen ausdrückt, umfaßt über 449


die eigentliche konkrete Bedeutung des Wortes hinaus alle möglichen
übertragenen und allgemeineren:
Konkret: Das ist mein Haus (= Es ist mein Eigentum, es gehört mir). Über¬
tragen : Das ist mein Haus (= in dem ich wohne). Mein Leipzig lob’ ich mir
(Goethe). Mein Betrieb (den ich selbst nicht besitze, in dem ich nur arbeite)
schließt um 17 Uhr. Ich muß gehen, mein Zug (= mit dem ich fahren muß)
fährt pünktlich. Der Apparat kostet seine 1000 Mark.

Wie durch den sogenannten „ethischen“ Dativ das Interesse einer


Person mit der Satzaussage verknüpft wird (vgl. 968), so wird es
durch das sogenannte „ethische“ Possessivpronomen mit einer öder
mehreren Personen verbunden:
Drauf spricht der Engel meinen Knaben an (H. Kurz; d. h. den Knaben, von
dem der Autor spricht.) Was taten da meine Spitzbuben ? (= die Spitzbuben,
von denen ich gerade rede).

Mit „unser“ beteiligt der Autor sich selbst und seine Leser oder Hörer,
er berichtet mit ihnen gemeinsam :
Darauf hatt’ unser Pflanzer auf der Jagd im Walde sich verirrt (Seume). . . . und
unsere beiden Helden sind ... Jan Norris und Myga van Bergen (Baabe).

„Mein“ steht ferner in der Anrede und in Ausrufen:


Guten Tag, meine Herren! Wie alt bist du, mein lieber Junge?

Zur Umschreibung des Genitivs durch ein Substantiv im Dativ (auch


Genitiv) mit folgendem Possessivpronomen (meinem Vater sein Hut)
vgl. 980,1.
248 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

c) Das Demonstrativpronomen
a) Allgemeines
450 Die Leistung des Demonstrativpronomens besteht darin, auf ein Wesen
. oder Ding hinzuweisen, sozusagen mit dem „Zeigefinger“ darauf zu
deuten1. Es ist daher auch nur ein Pronomen der 3. Person. Es unter¬
scheidet sich von dem Personalpronomen der 3. Person durch seine
nachdrücklich demonstrierende Bedeutung. Demonstrativpronomen sind:
der, die, das; dieser, diese, dieses; jener, jene, jenes; derjenige, diejenige, das¬
jenige; selbst, selber; derselbe, dieselbe, dasselbe; solcher, solche, solches.
Das Demonstrativpronomen weist auf ein schon bekanntes oder noch
näher zu kennzeichnendes Wesen oder Ding hin; seine neutralen For¬
men können sich (wie „es“) auch auf den Inhalt eines ganzen Satzes be¬
ziehen:
Stets war er da und half, wo er konnte. Solch ein treuer Freund war er. Wähle solche
Freunde, denen du vertrauen kannst.
Die Demonstrativpronomen können attributiv oder allein stehen:
Dieser Junge war es! Doch dem war kaum das Wort entfahren . . . (Schiller).
Stilistisch sehr schlecht ist es, wenn das Demonstrativpronomen die
Subjektstelle im Satz an sich reißt und das eigentliche Substantivsubjekt
in einen abhängigen Fall hinunterdrückt:
Bei der Abreise des Vaters sah dieser (derselbe) sehr vergnügt drein (statt: Der Vater
sah bei der Abreise sehr vergnügt drein).
Über den Ersatz der Verbindungen des Dativs und Akkusativs der De¬
monstrativpronomen der, dieser, derselbe + Präposition durch ein
Pronominaladverb vgl. 558, a.

ß) Bemerkungen zu den einzelnen Demonstrativpronomen


1. dert die, das
Aus diesem Demonstrativpronomen sind der bestimmte Artikel
(vgl. 206) und das Relativpronomen (vgl. 477) entstanden.

451 a) Deklination
Attributiv gebraucht, dekliniert das Demonstrativpronomen stark
wie der bestimmte Artikel (vgl. 207):
Das sei dein Stolz, des Adels rühme dich (Schiller).
Steht es allein, treten im Gen. Sing, sowie im Gen. und Dat.
Plural erweiterte Formen auf -en und -er auf (dessen, deren, derer,
denen), die von der Adjektivdeklination beeinflußt sind. Die alten
kurzen Formen kommen noch in der Dichtung vor, der alte kurze
Genitiv Singular auch noch vor einem attributiven Genitiv (der
durch „von“ ersetzt sein kann) und in Zusammensetzungen:
Des freut sich das entmenschte Paar (Schiller). Wes Brot ich ess\ des Lied
ich sing’ (Sprw.). Die Karosserie meines Wagens und des meines Bruders.
Auf Grund der Eingabe von X und der von vielen anderen Schriftstellern.
In Zusammensetzungen: deswegen, deshalb, desgleichen, indessen], unter¬
dessen].

1 Lat. demonstrare — auf jemanden weisen, zeigen.


Das Pronomen 249

Bei Verbindung mit -wegen, -willen, -halben wird des Wohlklangs


halber ein t eingeschoben:
dessentwegen, um derentwillen, derenthalben.

b) Leistung
Die Leistung von „der, die, das“ ist es, auf etwas voraus- oder 452
zurückzuweisen, und zwar so, daß die Lage in bezug auf den
Sprechenden (sei es Nähe, sei es Ferne) nicht berücksichtigt wird.
Sie sind also lagemäßig neutral. Bei Vorausweisung folgt dem
Pronomen ein Relativsatz, der das angekündigte Wesen oder Ding
genauer bestimmt (vgl. auch 464):
Nicht der ist auf der Welt verwaist, dessen Vater und Mutter gestorben, son¬
dern der für Herz und Geist keine Lieb' und kein Wissen erworben (Rückert).
Bei Rückweisung ist der Bezug auf ein einzelnes Wort, bei
„das“ auch der auf einen ganzen Satzinhalt möglich. Im ersteren
Fall steht das Pronomen oft vor einem Genitiv oder einem Prä-
positionalfall:
Meine Anschauungen und die meiner .Freunde. Gebt euch mit dem nicht ab!
(Goethe). Die Erinnerung an ihn ist für mich immer mit der an seine Mutter
verknüpft. Die Fürsten sind versöhnt, das ist die Wahrheit (Schiller).
„Das“ bezieht sich (wie „es“) auch auf ein nichtneutrales Sub- 453
stantiv, das als Gleichsetzungsnominativ steht (vgl. 461):
Das ist die Liebe. Das ist der Wagen. Siehst du diesen Mann dort ? Das ist
mein Chef.
„Das“ ist Subjekt unpersönlicher oder unpersönlich gebrauchter
Verben:
Wie das blitzt und donnert l

Auf Personen bezogen:


Da sieh nur, wie das jubelt und lacht! (Fontane).
Die substantivische Rückweisung im Nom. Sing, und Plural wird 454
oft als umgangssprachlich bezeichnet, obwohl sie auch in der
Schriftsprache viel angewendet wird:
Na, der kann mir gestohlen bleiben.. .. auch der blieb verschont (G. Keller).
. . . auch der hatte jetzt keine Zeit mehr (H. Hesse).
Die Formen „derer“ und „deren“ (Gen. Sing. Fern, und Gen. 455
Plural) werden gelegentlich vertauscht. „Derer“ wird gebraucht
bei Vorausweisung im Gen. Sing. Fern, und im Gen. Plural aller
drei Geschlechter:
Das Schicksal derer, die diesen Namen trug . . . Verächtlich blickte sie auf
die Schar derer, die zu Fuß gehen mußten.
„Deren“ wird gebraucht (vgl. 446) bei Rückweisung im Gen. Sing.
Fern, und im Gen. Plural aller drei Geschlechter:
Meine Mutter und deren Freundin, meine Freunde und deren Anschauungen.
Der Hinweis bei dem Demonstrativpronomen „der“ kann durch 456
Adverbien (da, hier, eben usw.) verstärkt werden:
Der da hat es getan. Die hier war es. Ebendas meine ich.
Vgl. noch 462; 468.
250 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

457 Mit „und“ verbundene Doppelungen kennzeichnen die Unbe¬


stimmtheit :
Ich bin der und der. Ich habe die und die getroffen, das und das gehört. Er
sprach von dem und jenem.

2. dieser, diese, dieses; jener, jene, jenes


a) Deklination
458 „Dieser“ und „jener“ können alleinstehend oder attributiv ge¬
braucht werden und deklinieren stark:
Dieses Abends erinnere ich mich heute (Schnitzler). . . . mit Mädchen jenes
Standes (Lernet-Holenia). Segnen wollen wir also jenes Unbequeme (Goethe).
Statt „dieses“ wird auch das unflektierte „dies“ in gleicher Be¬
deutung gebraucht, vor allem, wenn es alleinstehend verwendet
wird. Entscheidend für die Wahl ist der Satzrhythmus. Der Genitiv
„dieses“ wird schriftsprachlich nur attributiv gebraucht:
der Besitzer dieses Hauses.
Der substantivische Gebrauch ist kanzleisprachlich:
der Überbringer dieses (d. h. dieses Schreibens usw.).
Stark beugen „dieser“ und „jener“ auch nach ,,all[er]“:
all diesem; allem diesem (Wiechert); in Übertreibung alles dieses CBarlaöh);
aller dieser Kinder (Carossa); all jenem Neuen stand er aufgeschlossen
gegenüber.
Das „dieser“ und „jener“ folgende attributive Adjektiv beugt
stet» schwach (vgl. 331).

b) Leistung
459 „Dieser“ weist auf ein dem Sprechenden oder Schreibenden
näheres Wesen oder Ding, „jener“ auf ein entfernteres hin. Für
den Sprechenden äußert sich das konkret in Raum oder Zeit:
Diese Bank ist gegenüber jener Bank die räumlich nähere, ebenso: diese
[irdische] Welt - jene [himmlische] Welt. Dieser Tag ist gegenüber jenem
Tag der Gegenwart des Sprechenden näher gerückt.
Die Grenze zwischen „näher“ und „entfernter“ ist allerdings
nicht immer klar zu ziehen. Manchmal wählt man „jener“ an
Stelle eines sinnvolleren „dieser“, weil man sich innerlich von der
- betreffenden Sache entfernt hat und sie nachdrücklich-feierlich
der Vergangenheit zuordnet :
Ich hatte das Vergnügen, bei dem Kinde meiner Angebeteten . . . Gevatter
zu stehen ... Da mehr als vierundzwanzig Stunden seit jenem (man erwartet:
diesem) feierlichen Moment hingegangen sind ... (W. Raabe).
Oft ist es auch ohne Belang, ob eine Sache „näher“ oder „ent¬
fernter“ ist:
Jener Menschen Denkart ist auch die meinige. (Auch wenn erst vorher von
ihnen die Bede war!)
460 Wenn von zwei Wesen oder Dingen im Satz die Rede ist, bezieht
man sich oft mit „dieser - jener“ darauf zurück. Von den rein
räumlichen Verhältnissen auf dem Papier geht auch der Schrei-
Das Pronomen 251

bende aus: Das zuletzt genannt© Weseii oder Ding ist „dieser“,
das zuerst genannte „jener“:
Sie wundern sich über die Veränderung meines Aufenthalts und beklagen
sich über mein Stillschweigen. Der Grund von diesem liegt in jener, der
Grund von jener aber in hundert kleinen Zufällen (Goethe).

Da „dieser - jener“ nicht allzu deutlich in der Klarstellung der


Beziehungen sind, werden oft „ersterer — letzterer“ dazu ge¬
nommen, die den Vorzug der Eindeutigkeit haben (vgl. 390).
Das Neutrum „dies[es]“ und „jenes“ kann sich auch auf den 461
Inhalt eines ganzen Satzes beziehen:
Ein anderes ist, sich mit den Regeln abflnden, ein anderes, sie wirklich be¬
obachten. Jenes tun die Franzosen, dieses scheinen nur die Alten verstanden
zu haben (Lessing).

Es bezieht sich auch auf ein nichtneutrales Substantiv, das als


Gleichsetzungsnominativ (vgl. 453) steht:
Dies hier ist der Stall, jenes dort die Scheune.

Auch „dieser“ und „jener“ können durch Adverbien verstärkt 462


werden (vgl. 456; 468):
Beschränket Euch auf dieses Eiland hier (C. F. Meyer). Gib mir dies Buch
da! An ebendieser Stelle.

Die Paarungen „dieser und (oder) jener“, „der und jener“, 463
„dies und das“ charakterisieren wieder etwas Unbestimmtes (vgl.
457):
Er begrüßte diesen und jenen ( = einige); in dem und jenem Hotel (Th. Mann).
Drum denken wir gern an dies und das. (= an einiges)^

3. derjenige, diejenige, dasjenige


Dieses Pronomen ist gebildet aus „der“ + „jener“ + ,,-ig“, eine Form, 464
die es bei „derselbe“ (vgl. 470) auch gegeben hat, die sich aber, wie
wir noch sehen werden, nicht durchgesetzt hat. Wie bei „derselbe“
bewirkt auch bei „derjenige“ das selbst stark deklinierende „der“ die
schwache Beugung von „jenig“. Das Pronomen hat auswählende,
determinierende Kraft. Die nähere Bestimmung erfolgt durch einen
Relativsatz1. Es ist nachdrücklicher, wenn auch etwas schwerfälliger
als das einfache „der“, das die gleiche Aufgabe erfüllt» ist aber zur
Verdeutlichung des gemeinten Sinnes gelegentlich nicht zu entbehren.
Wenn ich schreibe:
Der Antiquar verkaufte die Bücher, die beschädigt waren, um die Hälfte ihres
Wertes,

dann geht aus dem einfachen „die“ nicht hervor, ob Artikel oder De¬
monstrativpronomen gemeint ist. Der Artikel besagt, daß es sich nur
um beschädigte Bücher und um keine anderen handelt, das De¬
monstrativpronomen dagegen hebt die beschädigten unter anderen
Büchern heraus. Meine ich das letztere, dann schafft die Wahl von
„diejenigen“ sofort Klarheit.

1 Wobei die etwas schwerfällige Fügung „derjenige, der“ durch einfaches „wer“ (sel¬
tener durch „der“) ersetzt werden kann (vgl. 1060; 1065).
252 Begleiter nnd Stellvertreter des Substantivs

465 Das überaus schwerfällige „derjenige, welcher“ wird heute nur noch
ironisch gebraucht:
Ah, du bist also derjenige, welcher [das getan hat] I - Da aber empörte sich Guste.
„Das sagen Siel Sie sind derjenige, welcher und haben immer gegen ihn gehetzt
(H. Mann).

4. selbst, selber
466 Diese Pronomen sind undeklinierbar und werden wie eine Apposition
gebraucht. Sie treten zu einem Substantiv oder zu einem anderen
Pronomen (Personal-, Reflexivpronomen). Sie drücken aus, daß kein
anderes Wesen oder Ding gemeint ist als das, bei dem sie stehen,
und schließen ein anderes nachdrücklich aus. Sie stehen immer nach
ihrem Bezugswort, wenn auch nicht immer unmittelbar dahinter,
und tragen den Ton:
Fritz selbst hat es gesagt. Fritz hat es selbst gesagt.

In „von selbst“ ist „sich“ ausgefallen (eigentlich = von sich selbst):


Dies versteht sich von selbst. Das wird schon von selbst kommen.
Das Bezugswort kann gelegentlich fehlen, weil kein bestimmtes Wesen
oder Ding gemeint ist:
Selber essen macht fett.
„Selbst“ gehört mehr der Schriftsprache, „selber“ mehr der Alltags¬
sprache sowie der Mundart an:
Schriftspr.: Er hat sich selbst für seine Idee geopfert. Alltagsspr.: Das glaubst
du doch selber nicht 1
„Selbst“ kann sich auch noch mit Pronominaladverbien verbinden.
Diese Formen klingen uns aber schon etwas altertümlich:
daselbst, hierselbst, woselbst.
467 Zu unterscheiden von dem pronominalen hinweisenden Gebrauch von
„selbst“ ist der mehr adverbielle. „Selbst“ bedeutet dann soviel wie
„sogar“. Das folgende (seltener da vorstehende) Substantiv trägt den
Hauptton:
' Selbst in der Schule haben wir immer bloß .Tapferkeit' gesagt, wenn ,virtus‘
im Buche stand (Th. Mann). Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens
(Schiller).

5. derselbe, dieselbe, dasselbe


468 „Derselbe“ ist eine Zusammenrückung aus „der“ und,, selber“. Dar¬
aus ist die schwache Deklination von „selber“ in Abhängigkeit von
dem stark deklinierenden Artikel.„der“ zu erklären:
derselbe, desselben, demselben, dieselben.
Wenn der Artikel in eine Präposition hineingezogen wird, wird
„selber“ abgetrennt:
zur selben (= zu derselben) Zeit, ins selbe (= in dasselbe) Dorf, vom selben (=
von demselben) Verlag.
Das Demonstrativpronomen „derselbe“ kennzeichnet die strenge
Identität:
Das sind dieselben Topf’ und Krüge, oft an der Heimat Born gefüllt (Freiligrath).
Das Pronomen 253

Es wird aber, besonders in der Umgangssprache, oft auch für die


bloße Ähnlichkeit gebraucht, da diese Begriffe vom Sprecher nicht
immer deutlich getrennt werden. „Gleich“; das nicht nur „ähnlich“,
sondern auch „identisch“ bedeutet, kann deshalb für „derselbe“ ein-
treten, aber nicht immer „derselbe“ für „gleich“. So kann man zwar
sagen:
Es läuft auf dasselbe oder auf das gleiche hinaus. Sie trafen sich heute um dieselbe
oder die gleiche Uhrzeit wie gestern. Er hat denselben oder den gleichen Vornamen
wie sein Vater,
weil in allen Beispielen die Identität ausgedrückt werden soll. „Der¬
selbe“ darf aber nicht stehen, wenn die bloße Ähnlichkeit gekenn¬
zeichnet werden soll. Umgangssprachlich ist das allerdings sehr häufig:
Also nicht: Ich trage denselben Hut wie mein Kollege. Sondern: Ich trage den
gleichen Hut wie mein Kollege.
Verstärkt wird „derselbe“ durch „eben“ (vgl. 456; 462):
von ebenderselben Heimat zu ebenderselben Empfindung (Schiller),
und durch die Paarung mit „ein“ (ein und derselbe).
Schwerfällig ist „derselbe“ als Ersatz für ein Personal- oder Possessiv- 469
pronomen. Manchmal wird es gewählt, um ein doppeltes gleich¬
lautendes Pronomen zu vermeiden:
Sie brachte sie (die Brieftasche) ihm unter die Augen, und erst nachdem er an den
Anblick des Gegenstandes gewöhnt schien, legte sie dieselbe (statt: sie sie) am
Rande des Schreibtisches nieder (H. Mann). Aber nicht: Das höchste Bauwerk
von Paris ist der Eiffelturm. Die Höhe desselben (statt: seine Höhe) beträgt
300 m.
Manchmal wird es so noch ironisierend verwendet: .
Er hat einerseits eine breite Stirn . . ., andererseits aber schwarze Haare in
derselben (H. Mann).
Die erweiterte Form „derselbige“ ist veraltet: 470
Wir saßen um dasselbige Tischchen (Goethe).
Neuere Schriftsteller verwenden es nur altertümelnd-komisch:
er besaß eine biedere . . . Visage, und der Enthusiasmus der letzten Stunden
hatte dieselbige sogar noch sehr verschönert (Raabe).
Ebenso bloßes „selbig-“ (ohne Artikel und deshalb stark gebeugt):
Selbiger Fall trug sich zu unserem Kummer nicht mit Herrn Schulze zu, sondern
mit Herrn Ministerpräsidenten X (Zeitungsnotiz 1959).

. ,
6 solcher solche, solches
Dieses Pronomen weist ganz allgemein, ohne besondere konkrete 471
Bedeutungsangabe, auf die Beschaffenheit (Qualität) hin, oft auch
auf den Grad (die Intensität) im Sinne von „so beschaffen, so groß“.
Es vertritt ein gradbezeichnendes Adjektiv mit „so“:
Dieses Schiff rannte mit solcher (= so großer) Heftigkeit gegen die Brücke, daß
es sie wirklich auseinandersprengte (Schiller).
Es dekliniert wie ein Adjektiv: 472
a) Alleinstehend und ohne Artikel stark:
Ich habe solchen Hunger, solche Kopfschmerzen 1 Solche« Wetter, solche«
häßliche Wetter habe ich noch nicht erlebt; bei solchem unmotivierten Herz¬
klopfen (Th. Mann).
254 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Im Genitiv jedoch heute schon überwiegend schwach vor stark


gebeugten Substantiven:
Hohlheit all solchen Plänemachens (Bergengruen); Bestätigung solchen
Traums (Jatho); solchen Adels Glanz (Uhland).

Seltener und älter:


das Ende solches Säumens (R. A. Schröder), die Zerstörung solches Friedens¬
tages (Goethe).

Vor schwach gebeugten Substantiven bleibt die starke De¬


klination erhalten, weil der Genitiv deutlich werden muß:
Die Taten solches Helden.

Dafür tritt jedoch meist „eines solchen . . ein.


b) Nach „ein“ oder „kein“ gemischt:
Ein solches Wetter habe ich noch nicht erlebt; eines solchen Glaubens
(Bonseis), kein solcher Streich; keines solchen Streiches (Ric. Huch).

c) Nach „all-“ stark (vgl. aber 337):


alle solche Anweisungen(Barlach); all solcher abergläubischer Spuk(Luserke).

d) Nach „jeder“ schwach:


jeder solche Transport (V. Baum); jedes solche Geräusch (Hesse).

Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „solcher“ vgl. 346.


473 Die flexionslose (nicht ganz so stark betonte) Form „solch“ steht
nur in bestimmten Fällen:
a) Vor dem unbestimmten Artikel:
Solch ein Wetter habe ich noch nicht erlebt; solch ein prominenter Stern
(Werfel); mit solch einem Freunde (Goethe).

b) Vor einem attributiven oder substantivischen Adjektiv. „Ein“


kann davorstehen:
solch herrliches Wetter (A. W. Schlegel), mehr solch alten Gewispers (Leip);
eines solch außerordentlichen Kindes Pflegerin (Mampell); solch Schönes.

c) Vor einem meist neutralen (seltener maskulinen) Substantiv


im Nominativ oder Akkusativ Singular:
Nom. Neutr.: Solch Wetter ist wirklich schwer zu ertragen. Nom. Mask.:
solch Theaternarr (Löns); Akk. Neutr.; solch Ding (Leip); ein solch Gefühl
(Raabe); Akk. Mask.: solch Leckerbissen (Leip).

474 Substantiviert und alleinstehend ist es kaum mehr üblich. Dafür


treten andere hinweisende Pronomen ein wie „dies“.
Die ältere Literatur- und Kanzleisprache verwandte es viel als Ersatz
für ein einfaches Personalpronomen:
Franz (dringt ihm einen Beutel auf). Hermann (wirft ihm solchen verächtlich
vor die Füße) . . . (Schiller). Als sie die Mooshütte erreichten, fanden sie solche
auf das lustigste ausgeschmückt (Goethe).

Als Verstärkung von „eines“ kommt es heute meist nur noch im, Ge¬
schäftsdeutsch vor:
Unter den vielen Telegrammen war auch ein solches (statt: eines) aus London.
Das Pronomen 255

Umgangssprachlich tritt meist das Adverb „so“ für „solcher“ ein. 475
Der Gebrauch findet sich aber auch schriftsprachlich, vielfach um der
Charakterisierung des Sprechenden willen:
Ich habe einen Hunger, so hab' ich mein Lebtag keinen verspürt (Auerbach;
statt: solch einen . . . nicht). Aber wir reden so unangenehmes Zeug (Th. Mann).
So was (statt: solches) ist doch nicht zu glauben 1 So einer ist dasl
„So“ allein vor einem Substantiv ist besonders volkstümlich (vgl.
562):
So Zeug kann ich nicht essen. Es gibt so Leute. Das sind so Sachen.

d) Bas Relativpronomen
Das Relativpronomen (der; welcher; wer; was) bezieht den Gliedsatz, 476
den es einleitet, auf ein Substantiv (Pronomen) des übergeordneten Satzes
zurück1 (vgl. 1057):
Der Postbote, der das Telegramm gebracht hatte, fuhr rasch wieder weg. Die Frau,
welche das gesagt hat, sollte sich schämen. Wer das tut,*[der] hat die Folgen zu
tragen. Das ist edles, was wir besitzen.
Mit dem Bezugswort muß es in Genus und Numerus übereinstimmen,
der Kasus wird dagegen durch die Konstruktion des Relativsatzes be¬
stimmt (vgl. 1204):
Der Vater, dessen Telegramm wir heute erhielten, . . . Die Frau, der dies zugemutet
wurde, . . . Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt
(Eichendorff). Alle Fabriken, deren Besitzer enteignet wurden, . . .

a) der, die, das; PI.: die


Das älteste und häufigste Relativpronomen ist das in den Gliedsatz überge- 477
tretene Demonstrativpronomen „der, die, das“. Es bringt durch den
Übertritt die beim Demonstrativpronomen nebengeordneten Sätze in
Abhängigkeit voneinander und verbindet sie. Es ist also Pronomen und
„unterordnende Konjunktion“ zugleioh:
Nebenordnung (zwei Hauptsätze, demonstrativ): Du sprichst von Zeiten. Die sind
vergangen.
Unterordnung (Hauptsatz und Gliedsatz, relativ): Du sprichst von Zeilen, die ver¬
gangen sind (Schiller).
„Der, die, das“ werden nur alleinstehend gebraucht. Sie jleklinieren
ebenso wie das gleichlautende Demonstrativpronomen (vgl. 451), aus¬
genommen der Genitiv Plural, der „deren“ heißt. Wie beim Demonstra¬
tivpronomen, so gibt es auch beim Relativpronomen „der, die, das“ beson¬
ders im Genitiv Singular Maskulinum (Neutrum) alte kurze Formen,
die in der Poesie noch Vorkommen:
Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang? (Goethe). Ersah den Feind im Sande,
des Kugel ihn bedroht (Hebbel).
Ein Fehler ist es, „deren“ und „dessen“ als deklinierbar aufzufassen:
Falsch: Die Künstlerin, von derem tiefempfundenen (-m) Spiel. . .
Richtig: Die Künstlerin, von deren tiefempfundenem Spiel.. .
Fälsch: Der Autor, mit dessem vollen (-m) Einverständnis . . .
Richtig: Der Autor, mit dessen vollem Einverständnis ...

1 Lat. relativum = das wieder Zurückgebrachte, Zurückgeführte, das auf etwas Bezogene.
256 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Über das Personalpronomen beim Relativpronomen vgl. 1182.


Über das relativische „der“ im Sinne von „derjenige, der“ vgl. S. 251,
Anmerkung 1.

ß) welcher, welche, welches; PI.: welche


478 Dieses Relativpronomen wird seit dem 15. Jahrhundert gebraucht, zuerst
als Ersatz für das fehlende attributive Relativpronomen. In dieser
Funktion ist es aber heute selten geworden (vgl. unten); meist wird es
jetzt im gleichen Sinne wie „der“, d. h. alleinstehend gebraucht. Es de¬
kliniert stark; im Genitiv treten heute die Formen „dessen“ und „deren“
ein, weil der Gen. Sing, „welches“ auch Nom. oder Akk. Sing. Neutr., der
Gen. Fern. Sing, „welcher“ auch Dat. Fern. Sing., Nom. Mask. Sing,
oder Gen. Plural sein kann:
, Singular Plural
Mask. Eem. Neutr.
Nom. welcher welche welches welche
Gen. dessen deren dessen deren
Dat. welchem welcher welchem welchen
Akk. welohen welche welches welche

Die attributive Verwendung von „welcher“ im Relativsatz ist nicht


sehr gebräuchlich:
Welcher Held von ihnen bemerkt zu werden das Glück hatte, dessen Name war un¬
sterblich (Lessing).
Sie tritt heute meist bei Abstrakta auf, die ein Verhalten des überge¬
ordneten Satzes wiederaufnehmen:
Sie möchte ihr Haar färben lassen, mit welcher Absicht ich gar nicht einverstanden
bin. Er sagte „Guten Abend“, welchen Oruß sie mit einem Nicken erwiderte.

y) wer, was
479 „Wer“ und „was“ sind verallgemeinernde Relativpronomen:
Wer wagt, gewinnt (Sprw.). Was du sagst, stimmt nicht.
Es fehlen, wie beim Interrogativpronomen, die Formen für das Fe¬
mininum und den Plural. „Wer“ und „was“ werden alleinstehend ge¬
braucht, oft in Verbindung mit „[auch] immer“. Die Deklination stimmt
mit der des Interrogativpronomens überein (vgl. 481). Im Genitiv steht
heute die erweiterte Form „wessen“, die alte kurze Form „wes“ hat
sich nur noch in Resten erhalten:
Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über (Luther). Wes Brot ich ess’, des Lied
ich sing' (Sprw.). JTeshalb, weswegen.

480 d) Auch Pronominaladverbien können in relativischer Funktion ge¬


braucht werden (vgl. 555).

e) Das Interrogativpronomen
Das Interrogativpronomen fragt1 in einer ganz allgemeinen Weise nach
einem Wesen oder Ding. Es gehört verständlicherweise zu den ältesten
Pronomen, die wir kennen. Zum Interrogativadverb vgl. 555 u. 558, b.

1 Lat. irUerrogare =» fragen.


Das Pronomen 257

Wir unterscheiden :
cc) wer? was?
„Wer?“ und „was?“ werden nur alleinstehend gebraucht. „Wer?“ 481
fragt nach männlichen oder weiblichen Personen, gleich, ob diese in der
Einzahl oder in der Mehrzahl vorhanden sind:
Wer war das ? (Ilse oder Michael?) Wer von euch will mitfahren? (Inge? oder: Inge
und Gisela ?) Wessen Buch ist das ? Wem gehört das Buch ? Wen können wir schicken ?
Besondere Formen für das Femininum, für Singular oder Plural gibt es
also nicht, ebenso nicht bei „was?“, das nach Sachen oder nach einem
Verhalten fragt:
Was ist das ? Ein Hammer! Eine Blume! Ein Buch! Was. hast du getan ? Ich habe das
Geschirr gespült; ich habe geschlafen.

„Wer?“ und „was?“ deklinieren folgendermaßen:


Mask. + Fern. Neutr.
Hom. wer was
Gen. wessen (veralt.: wes) wessen (veralt.: wes)
Dat. wem —
Akk. wen was

Der Dativ Neutrum fehlt. Für ihn tritt öfter in der älteren Literatur¬
sprache sowie heute noch meist in der Umgangssprache die Form „was“
ein, die für den Akkusativ gilt:
An was, ihr Herrn, gebricht’s? (Schwab). Zu was die Posse? (Goethe). Wie willst
du sonst leben? Von was? (Brecht).

In der Schriftsprache treten für die Verbindung Präposition + was


(Dativ oder Akkusativ) die sogenannten Pronominaladverbien ein (vgl.
558, b):
Woran fehlt es? Worauf wartet ihr? Womit kann ich dienen? Worüber lachst du?
Worum handelt es sich ? Wovon willst du leben ? Wozu die Posse ?

Der veraltete Genitiv „wes“ findet sich alleinstehend nicht mehr, attri¬
butiv hat er sich in einigen alten Redewendungen und in Zusammen¬
setzungen erhalten:
Wes Geistes Kind sind Sie eigentlich? Wes Namens, Standes, Wohnorts seid Ihr?
(Kleist). Weshalb, weswegen hast du das getan ?

Die Allgemeinheit des Fragens wird noch betont durch die erstarrte
(wohl ursprüngliche Genitiv-)Form „alles“, die überdies die Frage nach
einer Mehrzahl von Personen oder Sachen andeutet. In der Stellung ist
sie unfest:
Er ahnte nicht, wie sorgfältig und von wem alles sein Brief würde gelesen werden
(Hesse). Wcts gibt es denn dort alles zu sehen?

Da „wer“ nach jemandem fragt, der nicht bekannt ist, hat sich in der
Umgangssprache die Bedeutung des Unbestimmten (einer, irgendeiner,
jemand) eingestellt. Es ist hier zum Indefinitpronomen geworden (vgl.
522)’.
„Was“ verblaßt in der Alltagssprache oft ganz zum Frageadverb im
Sinne von „warum“ oder „wozu“:
Was hinkt er denn so ? (Th. Mann). Was braucht’s da Hand' und Füß’ ? (Immermann).
258 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Der Übergang zum Ausruf liegt Jbei „wer ?“ und „was ?“ sehr nahe, da der
Ausruf meist aus einer ungeklärten, fraglichen Situation entspringt (vgl.
482; 483):
Wer könnte das auseinanderhaltenI (I. Seidel). Was du nicht sagst!

ß) welcher ? welche ? welches ?; was für ein ?


.
1 welcher?
482 Die Frage „welcher ?“ hat vor allem aussondemde, auswählende Be¬
deutung. Sie fragt nach einem ganz bestimmten Einzelwesen oder
-ding aus einer jeweiligen Klasse, Art und Gattung. Hierbei kann
„welcher ?“ attributiv oder allein stehen:
„Welchen Pullover soll ich nur nehmen ?“ - „Den blauen.“ „Ich habe mir einen
Rechtsanwalt genommen.“ - „Welchen denn?“ Wir suchten einen Feind und
wußten nicht, welchen (J. Stinde).
„Welcher?“ dekliniert stark (zum Genitiv vgl. unten):
Singular Plural
Mask. Fern. Neutr.
Nom. welcher ? welche ? welches ? welche ?
Gen. welches od. welchen ? welcher ? welches od. welchen ? welcher ?
Dat. welchem ? welcher ? welchem ? welchen ?
Akk. welchen ? welche ? welches ? welche ?
Im Genitiv Mask. und Neutr. Sing, überwiegt vor stark gebeugten
Substantiven die schwache Form „welchen“:
Welchen Blicks empfange ich sie ? (Uhland). Die Verhältnisse welchen Staates ?
Aber nicht vor schwach gebeugten, weil hier der Genitiv deutlich
werden muß:
welches Zeugen ?
Die neutrale Form „welches“ fragt auswählend nach allen drei Ge¬
schlechtern, gleich, ob im Singular oder im Plural (vgl. 432; 453; 461):
Welches ist der größte [Tisch] ? Welches ist die schönste [Frau] ? Welches ist das
jüngste [Kind] ? Welches (aber auch: welche) sind die schönsten [Bilder] ?
Auch „welcher“ ist (wie „wer“) infolge der Unbestimmtheit der Frage
zum Indefinitpronomen geworden (vgl. 519), und auch bei ihm
finden wir den Wechsel von der Frage zum Ausruf, den wir schon bei
„wer“ und „was“ trafen (vgl. 481; 483):
Frau Kommerzienrätin - Welche Ehre -»! (Fontane). Welche Wohltat für den
menschlichen Geist! (Schopenhauer).
Die ungebeugte Form „welch“ tritt besonders im Ausruf vor „ein“
und vor attributiven Adjektiven auf:
Sehet, welch ein Mensch! (Joh.19,0). Welch düstere Härte... I (Langgässer). Welch
ein würdiger Mann ist doch der . . . verspottete Christian Wolf (Schopenhauer).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „welcher“ vgl. 348.
2 . was für ein?
483 „Was für ein ?“ fragt nach der Beschaffenheit, nach der Eigenschaft,
nach dem Merkmal eines Wesens oder eines Dinges und steht in dieser
Funktion daher attributiv:
Was für eine Sprache führst du? (Eine anmaßende). Mit was für einer Feder
schreibst du denn nur ? (Mit einer beschädigten).
Das Pronomen 259

Gelegentlich wird umgangssprachlich „was für ein“ auch im ausson-


dernden Sinne gebraucht. Dann steht es attributiv oder allein:
„Was für ein Abendkleid ziehst du an ?“ - „Das rote“. „Ich vermisse ein Buch“.-
Was für eines denn ?“
Umgekehrt wird auch „welcher“ oft im Sinne von „was für einer“ ge¬
braucht :
„Welches Kleid ziehst du an?“ „Mein Abendkleid.“
Bei „was für ein ?“ fällt im Plural „ein“ weg:
Was für Autos parken denn dort ? Was für Möglichkeiten ergeben sich hier ?
Meist auch vor Stoffnamen:
Was für Papier willst du ? Was für Wein trinkt er am liebsten ?
Die Trennung des „für“ von „was“ geht auf die ursprüngliche, mittel¬
hochdeutsche Wortfolge zurück und ist heute noch sehr volkstümlich:
Was bracht’ es dem Kaiser für Gewinn? (Schiller). Was er für Vokabeln ge¬
braucht! (Th. Mann).
Dekliniert wird nur „ein“:
vor einem Substantiv wie der unbestimmte Artikel:
Was für ein Mensch ist er ? Von was für einer Art Philosophie ? Mit was für
einem Auto ?
alleinstehend wie das starke Zahlwort „einer“:
Was für einer t Was für einest
Diese alleinstehenden Formen von „einer“ bzw. die betreffenden Sub¬
stantive werden besonders in Norddeutschland gern durch „welcher“
ersetzt:
„Wir haben ausgezeichneten Wein getrunken.“ „Was für welchen?'' (statt: Was
für einen?) „In diesem Park stehen viele schöne Bäume.“ „Was für weichet"
(statt: Was für Bäume?)
Der Wechsel von der Frage zum Ausruf tritt auch bei „was für ein“
auf (vgl. 481; 482) :
Was für eine herrliche Aussicht! Was für eine stolze Eroberung hab’ ich gemacht
an der feisten Signora dort! (Raabe).
Das Interrogativpronomen tritt auch satzverbindend auf (wie das
Relativpronomen). Uber die von ihm eingeleiteten Gliedsätze (in¬
direkte Fragesätze) vgl. 1068 ff.

f) Das Indefinitpronomen
a) Allgemeines
Die Indefinitpronomen bezeichnen ein Wesen oder Ding in jganz allge¬ 484
meiner, unbestimmter1 Weise, wenn der Sprecher es nicht näher bestim¬
men kann oder will. Zu ihnen rechnen wir auch die Zahlwörter, die eine An¬
zahl oder ein Maß in ganz unbestimmter Weise ausdrücken. Sie werden teils
alleinstehend, teils attributiv gebraucht. Einen Zahlbegriff drücken die¬
jenigen Indefinitpronomen aus, die auf eine Gesamtheit oder das Gegen¬
teil davon unbestimmt hinweisen:
all, jeder, jedermann, jedweder, jeglicher, sämtliche; kein, nichts, nieinand;

1 Lat. indefinüum = das nicht näher Bestimmte, Definierte. „


260 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

ebenso diejenigen, die eine beschränkte Anzahl, ein beschränktes Maß


unbestimmt ausdrücken:
einer (irgendeiner), beide, einige, etliche, manche, welche, viel[e], wenig[e], mehrere,
ein paar, etwas.

Demgegenüber betonen „wer, man, jemand, ander“ mehr die bloße Un¬
bestimmtheit der Gattung.
Man pflegt die gesamte Gruppe der Indefinitpronomen auch als „unbe¬
stimmte Für- und Zahlwörter“ zu bezeichnen. Hier zeigt sich besonders
deutlich, daß die Grenzen zwischen den Funktionsgruppen der Wortart
„Begleiter und Stellvertreter des Substantivs“ fließend sind. Wörter
dieser Art werden deshalb auch in den einzelnen Grammatiken gelegent¬
lich anders eingereiht.
Zu den Indefinitpronomen gehören jedoch nicht mehr die Wörter „ein¬
zeln, einzig, übrig, verschieden, gewiß, gesamt, ganz, halb“, weil sie zu
Adjektiven geworden sind.

ß) Die Indefinitpronomen im einzelnen


all
485 „All“ bezeichnet eine Zusammenfassung, eine Gesamtheit einzelner
Wesen oder Dinge im Unterschied zu „ganz“, das das gesamte Wesen oder
Ding im Gegensatz zu seinen Teilen meint:
alle Bäume, aber: der ganze Baum.

Im Singular verwischt sich dieser Unterschied, zumal bei Abstrakta.


Hier berühren sich „all“ und „ganz“:
Mit aller (= ganzer) Kraft. Es bedurfte allen (= des ganzen) Mutes. Vergleiche: alle
Welt (--= jedermann), die ganze Welt (= das Universum).

486 „AU“ steht entweder attributiv vor dem Substantiv (Pronomen) oder
allein. Es dekliniert im allgemeinen stark (Ausnahmen werden genannt)
und hat nie den Artikel vor sich:
Aller Gram, alle Gier, alles Leid (Meyrink). Jn aller Schnelligkeit wurden die Arbeiten
vollendet. Alle kamen ange laufen. Wir alle haben schuld.
Alles, was Ich besitze, habe ich verloren.
Die neutrale Form „alles“ wird alleinstehend auch in der Bedeutung
„alle Menschen“ gebraucht:
Alles rennet, rettet, flüchtet (Schiller).

Der Genitiv des vor einem starken Substantiv attributiv stehenden ,,aU“
neigt heute sehr zur schwachen Beugung. Man muß sie neben der starken
anerkennen:
Stark: trotz alle» Widerstrebens (Raabe); Geiz ist die Wurzel alle« Übels (Spfw.),
Aber schon oft schwach: Hebel allen Unheils, Ratgeber allen Übels (Feuchtwanger).
die unerbittliche Ablehnung allen Unernstes (Jatho), das spannungserfüllte Bild
allen geistigen Lebens (H. Moser).

Völlig gesiegt hat sie in „aUen Ernstes“ und in „aUenfaUs“.


Vor einem substantivierten Adjektiv beugt „all“ jedoch wieder stark,
weil der Genitiv deutlich werden muß:
Urheber alle« Schlechten (Feuchtwanger), Entbehrung alle« Gewohnten (Goethe).
Das Pronomen 261

Attributiv steht „all“ ferner vor einem Substantiv mit bestimmtem Ar- 487
tikel oder mit einem Pronomen. Dabei kann es flexionslos auftreten. Im
Singular sind heute überwiegend die flexionslosen Formen üblich:
all der Fleiß; der Anblick all des Jammers (Börne). Es bedurfte all seines Mutes.
.. .all das Gold und all das Gut (M. Claudius); aber auch: Wozu alles dieses Ge¬
schwätz? (Lessing). .. . bei all seinem Eifer; aber auch; mit allem seinem Eifer
(Mechow).
Im Nominativ, Akkusativ Plural überwiegen dagegen die flektierten
Formen, in den übrigen Fällen halten sich die flektierten und die un¬
flektierten Formen etwa die Waage:
alle die Menschen der Schwedenküste (Luserke). Wer hat für alle deine Bedürfnisse
gesorgt und alle deine Launen ertragen? (v. Handel-Mazzetti). Erentsann sich noch
all[er] seiner Jugendstreiche. . . . mit all den Aufsätzen, mit allen den Feuilletons
(Hesse).
Ein größerer Bedeutungsunterschied zwischen flektierten und nicht-
flektierten Formen liegt nicht vor. Entscheidend für die Wahl der einen
oder der anderen ist der Satzrhythmus. In einigen Fällen können die
flektierten Formen allerdings bedeutungssteigemde (intensivierende)
Wirkung haben.
In Verbindung mit einem Personalpronomen steht „all“ hinter diesem: 488
sie alle, uns alle, wir andern alle, unser aller Leben. Aber hervorhebend: Alle tragen
wir die Schuld.
Die Nachstellung ist (neben der Voranstellung) auch möglich im Nom., 489
Akk. Plural von „diese“ wie auch im Neutrum bei „das“, ,,dies[es]“
und seinen Deklinationsformen:
Nachstellung: das alles, dieses alles, bei dem allem, mit diesem allem, diese alle.
Voranstellung: alles das, alles dies, alles dieses, bei allem dem, mit allem diesem,
alle diese.
Dabei treten bei Voranstellung auch flexionslose Formen auf :
all das, all dies, bei all dem, mit all diesem, all diese.
Bei den Verbindungen „dem allem“ und „diesem allem“ ist heute die
schwache Beugung „dem allen“ bereits häufiger als die starke „dem allem“,
die schwache Beugung „diesem allen“ etwa gleich häufig wie die starke
„diesem allem“. Der Genitiv ist, wenn er vorkommt, schwach:
des allen völlig unbewußt (Frenssen); ... als habe sie sich dieses allen bedient
(Wiechert).
„All“ kann auch flektiert hinter das Substantiv oder hinter die Personal- 490
form des Verbs treten. Im Singular besteht diese Möglichkeit nur umgangs¬
sprachlich bei Neutrum und Femininum:
Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch (Schiller). Wir tragen
alle die Schuld. Ugs.: Das Geld ist alles verloren. Sie'hat die Milch alle verschüttet.
Die voranstehende erstarrte Form „alle“ ist ziemlich unüblich geworden: 491
Auf alle den Ruhm verzichte ich gern. Laut wehklagte der Wirt mit alle den Seinen
(P. Heyse). Bei alle den deutlichen Worten (Löns).
In der Zusammenschreibung „alledem“ hat sie sich erhalten (bei alledem,
trotz alledem).
Eine erstarrte Form liegt auch vor bei dem am Oberrhein, am Main, an
der Mosel und in Hessen vielgebrauchten mundartlichen „alls“ (meist
262 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

„als“ geschrieben), das selten in die Schriftsprache dringt und hier nur
zur Charakterisierung gebraucht wird. Es hat die Bedeutung von „immer-
[fort]“:
Er hat al[l]s getanzt.
„Alle“ in der ugs. Bedeutung „zu Ende, erschöpft“ ist heute ebenfalls
erstarrt. Die Redensart ist besonders nord- und mitteldeutsch:
Mein Geld ist alle. Die Dummen werden nicht alle (Sprw.).
492 Verstärkend tritt „all“ zu „ein“ und „jeder“ in den formelhaften Wen¬
dungen:
Er ist mein ein und [mein] alles; all und jeder; all [es] und jedes; ein Mensch ohne all
und jede Bildung (Th. Mann).
493 „All“ ist der sinngemäße zusammenfassende Plural zu dem vereinzelnden
„jeder“:
jedes Buch — alle Bücher.
Berührung mit „jeder* ‘ findet sich besonders beim Singular von Abstrakta:
Dinge aller (= jeder) Art. Aller (= jeder) Anfang ist schwer (Sprw.). Alle zehn
Schritte (= ugs.: jede zehn Schritte), mitteldt.: aller zehn Schritte.
Über die Deklination des attributiven Adjektivs nach „all-“ vgl. 337.
Über die Deklination von solch- nach „all-“ vgl. 472, c.

ander
494 Es bedeutet, daß ein Wesen oder Ding nicht dasselbe, ist wie das, dem es
gegenübergestellt wird. Es verneint die Identität:
der eine — der andere.
Es bezeichnet ferner etwas artmäßig Verschiedenes:
Heute sind andere Zeiten.
„Ander“ wird attributiv und alleinstehend gebraucht. Es dekliniert wie
ein Adjektiv:
Es war ein anderer. Jeder andere. Das ist etwas anderes; nichts anderes; mit etwas
anderem. Bist du denn andern Sinns geworden ? (P. Ernst).
In Gen. Sing. Mask. und Neutr. ist die starke Deklination veraltet und
kommt heute nur noch selten vor:
. . . wenn der Kaiser etwa gar ander«« Sinnes würde (Ric. Huch).
Nach den persönlichen Pronomen „wir“ und „ihr“ dekliniert „ander“
schwach (vgl. 334):
wir, ihr ander[e]n.
Vor -n fällt meist das Endungs-e weg:
des, dem, den, die ander/«/?! [Jungen].
Sonst das „e“ der Ableitungssilbe:
in and/e/rer Weise, kein and/e/rer, keine and/«/re, and/e/rer Menschen.
Das Neutrum heißt jetzt meist nur „and[e]res“, im Unterschied zu dem
alten neutralen Genitiv „anders“, der zum Adverb geworden ist, besonders
in Verbindung mit „jemand“ und „niemand“:
jemand anders, niemanden anders, aber auch noch: jemand andere« (Benrath);
niemanden andere« (Hauptmann); wer anders, wo anders, mit niemand[em] anders,
jemandem anders, für niemand anders.
Das Pronomen 263

Die Süddeutschen gebrauchen dagegen bei ^jemand, niemand“ die mas¬


kuline Form „anderer“. Sie hat dann vom Süden gelegentlich auf anderes
deutsches Sprachgebiet übergegriffen:
jemand anderer (Schnitzler), niemand anderer (Arnet), jemand anderm (Werfel),
jemand anderen (Hesse, Werfel), jemanden anderen (Werfel), wer anderer
(Schnitzler).
Im Dativ wird doppelte starke Flexion (mit niemandem anderem) ver¬
mieden, „ander“ beugt hier immer schwach, wenn diese Fügungsweise
überhaupt gebraucht wird:
mit niemandem anderfejn; jemandem andern.
Über die Deklination des attributiven Adjektivs nach „ander“ vgl. 338.
Über die Paarung von „ein“ mit „ander“ vgl. 497.

beide
„Beide“ faßt zwei Wesen oder Dinge zusammen und setzt sie als be- 495
kannt voraus. Nach dem Artikel oder einem anderen stark deklinierten
Pronomen wird es schwach gebeugt, sonst stark (Ausnahmen unten). Es
steht allein oder attributiv, überwiegend pluralisch:
die beiden Mädchen, diese beiden Räume. Aber was konnte zu beider Rettung ge¬
schehen ? (Raabe).
Über die Deklination von „beide“ nach einem. Personalpronomen ist fol¬
gendes zu bemerken:
Nach „wir“ dekliniert es meist stark:
Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf (H. Mann).
Die schwache Endung ist selten:
Wir beiden schwiegen natürlich über die Gründe (Andres).
Nach „ihr“ schwanken die Formen zwischen stark und schwach, die
schwache überwiegt jedoch etwas, besonders in der Anrede:
Ihr beide solltet miteinander nicht verkehren (Werfel). Ihr beiden geht mir zu schnell
(I. Kurz). Ihr seid große Klasse, ihr beiden l (Hausmann).

Zwischen „wir“ bzw. „ihr“ und einem Substantiv dekliniert „beide“


jedoch wie ein gewöhnliches Adjektiv schwach (vgl. 334):
wir beiden Brüder (Fallada), wir beiden Spieler (Hesse), ihr .. . beiden Kinder (Fallada).

Nach „sie, unser, euer, ihrer“ (vgl. 428), „uns“ (Akk.), „euch“ (Akk.)
dekliniert „beide“ stark:
sie beide allein (I. Seidel), mit unser beider gemeinsamer Schuld (Barlach), euer beider
leben (George), durch ihrer beider Erhöhung (Th. Mann), für uns beide (Bonseis),
euch beide hübschen Schätzchen (Fallada).

Nach dem Neutr. Sing. ,,dies[es]“ und „alles“ sowie nach „alle“ steht
„beide“ stark:
dies[es] beide«, alles beide«, alle beide; es braucht .. . aller beider (Bergengruen).

Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „beide“ vgl. 339.


Man vergleiche: 496
Beide Brüder sind gefangen (nicht bloß der eine) = betont, vereinzelnd. Aber: Die
beiden Brüder sind gefangen (nicht gefallen) = unbetont, zusammenfassend.
264 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Die Stellung des betonten vereinzelnden „beide“ ist verhältnismäßig frei


(wie bei alle); es kann auch nach der Personalform des Verbs stehen:
Beide Schwestern kommen. Die Ehefrauen ... waren damals bereits beide tot
(Baabe).
In Verbindung mit einem Pronomen steht es immer nach diesem:
Da wir beide keine redseligen Menschen sind (Fallada). Wir sind doch beide ein bi߬
chen verrückt (Langgässer). Es gibt tatsächlich nur diese beiden Möglichkeiten
(Th. Mann).
Der neutrale Singular „beides“ ist noch üblich:
Beides ist möglich; in beidem bewandert sein. Warst du stumm oder taub ? — Keines
von beidem (Musäus).

einer
497 Es handelt sich hier um das ursprüngliche Zahlwort „ein“, das, ohne
Nachdruck und Betonung gesprochen, unbestimmt eine andere Person
(im Sinne von „man“ [vgl. 508] oder „jemand“) oder die eigene Person
(im Sinne eines Personalpronomens) kennzeichnet. Es steht nur allein;
vor einem Substantiv wird es zum unbestimmten Artikel. Die Grenze
zum Zahlwort ist fließend. Ohne bestimmten Artikel dekliniert es stark,
mit bestimmtem Artikel schwach. Viele Gebrauchsweisen gehören der
Umgangssprache an:
Was soll einer (= ich) dazu schon sagen!
Volkstümlich: Das ist einer! (halb tadelnd, halb bewundernd). Nach den Aussagen
eines (= jemandes), der dabei war ... Er tut einem (= mir) wirklich leid. Was man
nicht weiß, macht einen (auch: einem) nicht beiß (Sprw.). Auf ein andermal lassen
Sie einen (= mich) mit Ihren Dummheiten ungeschoren! (Immermann).
„Einer“ steht häufig vor einem Relativpronomen und in Gliedsätzen.
Gern steht „einer“ ferner vor dem Genitiv Plural eines Substantivs (oder
Pronomens) oder vor einem diesen vertretenden Präpositionalfall. Hier
berührt es sich mit dem Zahlwort (vgl. 527):
einer dieser Burschen, einfejs von uns Kindern. Der Wagen gehört einem unserer
Nachbarn (C. Boß). Ist ein schön Spiel und herrlich Kurzweil für einen vom Adel
(G. Hauptmann).
Altertümlich und heute noch poetisch steht „einer“ auch nach dem
Genitiv Plural:
Ist es der Winzerinnen eine, die sich loslöste aus dem Chor ? (Jatho). Wenn ihrer
einer über den Gutshof ging .. . (Münchhausen).
In der Schriftsprache erhalten hat sich die Verbindung „unsereiner“
(= einer von uns):
Er meint . .. wahrhaftig, er sei aus einem andern Teig gebacken als wie unsereiner
(H. Kurz). .. . jenen Best von Freiheit. . ., der unsereinem übrigbleibt (Th. Mann).
Im Nom. und Akk. Neutrum steht die kurze Form „eins“ gleichberechtigt
neben „eines“:
Eins der reichsten Häuser.. . repräsentierte diese Firma (Baabe). Du brauchst dir
nur eins (= ein Thermometer) zu kaufen (Th. Mann). „Kennen Sie ein Mittel da¬
gegen?“ — „Ich kenne ein[ejs“.
Umgangssprachlich und mundartlich bezeichnet „eins“ auch soviel wie
„einer“ oder „eine“. Von Schriftstellern wird diese Form zur Charakteri¬
sierung verwendet:
Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben! (Goethe)_wenn eins hier oben
in dem armen Lande mit sieben Kindern sitzt (E. v. Wolzogen).
Das Pronomen 265

Sonst bedeutet „eins“ soviel wie „etwas“:


Eins noch, du Verächter der freien Künste nnd des Wortes (Kolbenheyer). Ein»
jedoch fehlt mir nicht: die Sonntagsseele (G. Fock).
„Einer“ steht ferner umgangssprachlich als Ersatz für die Verbindung
unbestimmter Artikel + Substantiv. Dann steht es stellvertretend für
einen aus der Redesituation leicht zu verstehenden Begriff:
einen (= einen Schnaps) nehmen; jemandem eine (= eine Ohrfeige) ’runterhauen.
He, singt eins, junges Volk 1 (Lulu v. Strauß und Torney).
Das Neutrum „eins“ drückt dabei oft ein ganz unbestimmtes Objekt aus,
es braucht sich jedenfalls nicht notwendigerweise auf ein neutrales Objekt
zu beziehen:
Und wer sein Maul zu Schimpf verzieht, der bekommt eins drüber mit dem Schwert
(Kolbenheyer). . . . und dann ah meine Brust gedrückt, und weidlich eins geküßt
(Goethe).
Nach dem bestimmten Artikel steht „einer“ schwach. Hier berührt es
sich mit dem Zahlwort „ein“ (vgl. 527):
Die einen schikanieren die andern. Was dem einen sin Uhl (Eule) ist, ist dem andern
sin Nachtigall (Sprw.).
Mit „ander“ steht es überhaupt häufig gepaart, entweder verstärkend
oder in Gegenüberstellung:
einer und (oder) der and[e]re (auch: ein und [oder] der and[e]re), der eine und [oder]
der andere (auch: der ein und [der] and[e]re); ein oder der andere Blick (Th. Mann).
Die schönen Sommertage gingen einer um den andern hin (Hesse).
Auch die Paarung „ein und derselbe“ ist üblich.
Zur Verstärkung der Unbestimmtheit wird auch „irgend“ gebraucht:
Irgendeiner muß es doch getan haben I
Das unbestimmte „einer“ finden wir auch in den Verbindungen:
so einer (vgl. 475), was für einer (vgl. 483), manch einer (vgl. 610, 2).

einige
„Einige“ ist eine Weiterbildung des vorigen „ein“. Der Plural „einige“ 498
hat die Bedeutung „etliche, ein paar“ und kennzeichnet eine bestimmte,
aber nicht große Anzahl, mehr als zwei bis drei, aber nicht viele. Der
Singular bedeutet soviel wie „etwas, ein wenig“ und steht heute meist bei
Stoff- und Zustandsbezeichnungen. „Einige“ dekliniert meist stark (Aus¬
nahmen s. unten) und steht allein oder attributiv:
Dort drüben, in einiger Höhe, lag der . . . Friedhof (Th. Mann). Einiges Geld konnte
ich ja dort verdienen (W. Lange wies che).
. . . einige meiner Freunde; einige von den vornehmsten Männern der Stadt (Ranke);
einiges Gute; doch schien mir einiges davon geeignet (Carossa).
Das Pronomen wird auch ironisierend im Sinne von „nicht unbeträcht¬
lich, ziemlich groß“ usw. verwendet:
Das wird einigen Ärger kosten! Es gehört schon einiger Humor dazu, um das er¬
tragen zu können!
Im Genitiv Singular des Maskulinums und Neutrums herrscht schwache
Beugung vor, in Anlehnung an die Flexion der Adjektive:
einigen Verständnisses gewiß sein (Bergengruen). Das boshafte Wort . . . entbehrte
nicht einigen Grundes (Wassermann).
266 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Die starke ist selten:


... daß er einiges Behagens bedurfte (Th. Mann).
Ebenfalls schwach dekliniert „einige“, wenn es - was jedoch nicht häufig
ist - nach dem bestimmten Artikel oder nach einem Monomen steht:
die einigen hundert Exemplare (Salomon). Einige auf dieser Erde sind auserwählt...
Diese Einigen müssen den Mut haben . . . (Skutsch).
„Einige tausend“ sind etliche tausend. Die Verbindung „Es waren so
einige zwanzig“ (d. h. zwanzig und noch einige) ist veraltet oder
umgangssprachlich. „Einige“ verleiht hier dem bestimmten Zahlwort
Unbestimmtheit:
einige vierzig Winkel von der Stadt anstecken (Schiller).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „einige“ vgl. 340.

ein paar
499 Es hat die Bedeutung „einige wenige“ oder „etliche“ und'ist indeklinabel:
mit ein paar kühlen Tropfen.
Oft steht es in Verbindung mit Zahlen:
Ein paar tausend Mark würden genügen.
Bas großgeschriebene „Paar“ ist dagegen ein deklinierbares Substantiv
und bezeichnet die Zweiheit, zwei gleiche oder entsprechende, einander
ergänzende oder zwei zusammengehörige Wesen oder Dinge. Der be¬
stimmte oder unbestimmte Artikel davor wird stets dekliniert:
mit einem (zwei) Paar schwarzen Schuhen (oder: schwarzer Schuhe).
Die Bedeutungsverschiebung „von ein paar“ zu „einige“ beruht auf
ungenauer Zählung, auf der Abschwächung der bestimmten Zahlenangabe
zu einer unbestimmten.
In der Verbindung „die (diese) paar“, die bestimmte, zahlenmäßig ge¬
ringe Einzelgrößen, oft in herabsetzendem oder verächtlichem Sinn, zu¬
sammenfaßt, wird der bestimmte Artikel oder das Pronomen stets ge¬
beugt:
Ich soll ja mitmachen die paar Wochen (Th. Mann). In den (diesen) paar Tagen
habe ich viel erlebt. Mit den paar Mark soll ich auskonimen ?

etliche
500 Es bezeichnet, wie „einige“, eine unbestimmte, aber nicht große Anzahl,
steht attributiv oder allein (hier besonders im Plural) und dekliniert
stark. Attributiv verbindet es sich im Singular heute meist nur noch mit
Zahl-, Zeit- und Maßbegriffen. Es hat etwas altertümelnde Färbung und
weicht vor „einige“ immer mehr zurück:
Es verging etliche Zeit, ehe er wieder herauskam. Etliche der jungen Leute (J. Stinde);
etliche von, unter den Burschen; in etlichen hundert Jahren. Etliche tausend Mark
sind draufgegangen ^ Ich habe schon etliches gesammelt.
Seltener im Plural mit Artikel:
Die etlichen Schriftsteller, die .. . (Henrik Becker).
Die veraltete Form „etzlich“ wird nur noch altertümelnd oder, scherz¬
haft-ironisch gebraucht.
„Etliche zwanzig“ wird wie „einige zwanzig“ gebraucht (vgl. 498).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „etliche“ vgl. 341.
Das Pronomen 267

etwas
„Etwas“ ist ein “»indeklinables Neutrum (das auch als Adverb gebraucht 501
wird). Es ist eine unbestimmte, sehr allgemeine Mengenbezeichnung,"oft
im Sinne von „ein wenig“, aber auch von „etwas Rechtes“. Es steht*
attributiv oder allein im Nominativ, Akkusativ und vor Präpositionen:
etwas Neues, etwas anderes, etwas Salz, etwas von dieser Liebe; gib mir etwas davon 1;
er gilt etwas; an, auf, in, mit, von etwas; mit etwas Gutem; mit dem Gefühl der
zweifellosen Erwartung von etwas Wichtigem (I. Seidel).

Umgangssprachlich wird es zu *,was“ verkürzt. Das wird von Schrift¬


stellern übernommen, um zu charakterisieren:
Ich will dir mal was sagen. Schäm dich was! Da kannst du aber was erlebenI Keiner
versteht was vom Bauen (Kluge). Wie kannst du nur so was zu deiner Mutter sagen
(Billinger). ... so was Ziviles ..., so was Komfortables (Th. Mann).
Mit Präposition:
Zu was Besserem sind wir geboren (Schiller). Zu was anderem taugt er nicht.

Die Unbestimmtheit nooh verstärkend, tritt „irgend“ zu ,‘,[et]was“:


Irgend etwas (irgendwas) war doch losl

Nach ,,[et]was“ dekliniert das folgende substantivierte Adjektiv stark


(wie aus den Beispielen oben bereits hervorgeht), mit Ausnahme des
Genitivs, weil hier sonst Zusammenfall mit dem Nominativ eintreten
würde:
für etwas Neu«*, aber: anstatt etwas Neuen,

jeder, jedermann, jedweder, jeglicher


Sie bedeuten alle das gleiche: Im Gegensatz zu „alle“ (vgl. 485), das zu¬
sammenfaßt, vereinzeln sie die Gesamtheit und bedeuten „jeder einzelne“
[von allen]. Einen Plural kennen sie daher nicht. Wenn er bei „jeder“
auftritt, steht er umgangssprachlich für „alle“.
„Jeder“ wird alleinstehend und attributiv gebraucht. Sein Gegenwort 502
ist „keiner“ oder „niemand“:

Er . . . trat in jedes Seele wie in ein wohlbekanntes Haus (Frenssen). Jeder leiseste
Lufthauch ist spürbar. Ugs.: Die Straßenbahn kommt jede (= alle) zehn Minuten.

Die alleinstehende männliche Form „jeder“ kann generell jedes Ge¬


schlecht mit bezeichnen:
Jeder hebe nun sein Glas I (Männer, Frauen, Kinder),

gelegentlich auch noch die neuträle Form „jedes“:


Jede« hebe nun sein Glas 1 ... obwohl sich jede* (=* Vater und Mutter) nach seiner
Art bemühte (H. Stehr).
Oft tritt der unbestimmte Artikel davor. Starke und schwache Beugung
richten sich dann nach den entsprechenden Formen des Artikels:
Ein jeder muß mithelfen. Die Mithilfe eine* jeden einzelnen von euch ist notwendig.
Ich freute mich bei einem jeden Schritte (Goethe).

Vor einem Substantiv dekliniert „jeder“ stark (besonders vor schwachen


Substantiven und substantivierten Adjektiven), nur vor dem Genitiv
Singular Maskulinum und Neutrum starker Substantive ist die schwache
268 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Deklination daneben schon in ziemlichem Umfange eingedrungen. Man


muß sie hier neben der starken gelten lassen:
Stark: Korrektur jede« Staatsabsolutismus (Th. Mann), Leiden jede« Grades (Vicki
* Baum), die Aufgabe jede« einzelnen (H. Moser; stark, weil ein schwach gebeugtes
Adjektiv folgt I).
Schwach: Stetiger Wandel gehört zum Wesen jeden Kulturgutes (H. Moser).
Blumen jeden Aussehens (Vicki Baum), Verachtung jeden Anstandes (Schaeffer).
In der Zusammensetzung „jedenfalls“ hat die schwache Beugung auf
Grund von Analogiewirkung gesiegt.
Die endungslose Form „jed“ kommt sehr selten vor und dann auch nur
poetisch im Nominativ oder Akkusativ Neutrum:
jed Körnlein (Billinger). Jed Blatt schaut noch zum Himmel hinauf (Dauthendey).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „jeder“ vgl. 331. Zur
Beugung von „solch“ nach „jeder“ vgl. 472, d. Zur Verbindung und Be¬
rührung mit „all“ vgl. 493.
503 „Jedermann“ ist im 14. Jahrhundert aus „jeder Mann“ zu einem
Wort zusammengetreten und lebt heute vorzugsweise in der Sprache der
Gebildeten. Der Genitiv heißt „jedermanns“ (in jedermanns Händen),
Dativ und Akkusativ lauten gleich dem Nominativ. Es hat die gleiche
Bedeutung wie „jeder“.
504 „Jedweder“ ist ein besonders nachdrückliches „jeder“ und gehört nur
noch der gehobenen Schriftsprache an. Es steht allein oder attributiv
und dekliniert stark, nur der Genitiv Singular ist vor starken Substan¬
tiven schwach:
Jedwedem zieht er seine Kraft hervor (Schiller). Jedwede Art von Sünde (Hauke),
von den Geheimnissen jedweden Mannes (Brecht), Nutznießer . . . jedweden Luxus
(Th. Mann).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „jedweder“ vgl. 331.
505 „Jeglicher“ ist überall vor „jeder“ auf dem Rückzug. Es ist in tlie ge¬
hobene, feierliche Schriftsprache verwiesen. Es wird formal wie „jeder“
verwendet. Im Genitiv Singular beugt es allerdings vor starken Substan¬
tiven schwach:
Jetzt, da jeglicher liest (Goethe); ein Schützer und Segner jeglichen Getiers (Bergen -
gruen); von allem und jeglichem das Höchste (Immermann).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „jeglicher“ vgl. 331.

jemand (niemand)
506 „Jemand“ meint irgendeinen beliebigen völlig Unbestimmten, gleich,
welchen Geschlechtes. Es steht nur allein (vgl. aber weiter unten!), ge¬
legentlich mit näheren Bestimmungen (Präpositionalfall):
Es hat jemand geklingelt. Das kann jemand von euch machen.
Der Genitiv lautet „jemand[e]s“, der Dativ und der Akkusativ wie der
Nominativ, daneben treten aber seit dem 18. Jahrhundert deklinierte
Formen auf (Dat. = jemandem, Akk. = jemanden), die heute über¬
wiegen. Das gleiche gilt für „niemand“. „Jemand“ steht jedoch im
ganzen noch häufiger endungslos als „niemand“, und die endungslosen
Formen stehen auch häufiger im Akkusativ als im Dativ. Vor „anders“
oder einem flektierten Adjektiv ist die endungslose Form „jemand“
(niemand) sogar üblicher als die mit Endung.
Das Pronomen 269

Ein schwacher Dativ „jemanden“ (niemanden) kommt schriftsprachlich


selten vor; er gehört vorzugsweise der gesprochenen Umgangssprache an:
Nichts war darin, was jemanden etwas sagen konnte (Muschler).
In den Fügungen „jemand anders“, „jemand Fremdes“ usw. sind „anders“
und „Fremdes“ ursprüngliche Genitive des Neutrums, die jetzt erstarrt sind
und als Adverb bzw. als Nominativ oder Akkusativ Neutrum aufgefaßt
werden. Sie können deshalb auch in anderen Kasus stehen:
Ich bin von jemand anders gesehen worden. Der Brief muß von jemand Fremdes
sein.
Über „jemand anders“ vgl. noch 494.
Statt des gewöhnlichen „jemand Fremdes“ gebraucht der Süddeutsche
auch das Maskulinum des Adjektivs:
jemand Fremder.
In den übrigen Kasus ist die Beugung des Adjektivs allgemeiner:
Das war jemandes anderen Werk. Ich habe mit jemand Fremdem gesprochen; mit
jemand Unsichtbarem (Glaeser); jemand Fremden (Stefan Zweig).
Die Unbestimmtheit verstärkend, tritt „irgend“ zu'„jemand“:
Wir werden schon irgend jemand[enj treffen.
Flexion und Konstruktion von „niemand“ stimmt mit der von „jemand“
übefein.

kein
„Kein“ bedeutet „auch nicht einer“, negiert also das Zahlwort, das un- 507
bestimmte Fürwort und den unbestimmten Artikel „ein“. Es steht
allein oder attributiv; allein wird es statt des gewählteren „niemand“ ge¬
braucht. Sein Gegen wort ist „jeder“. Es beugt im Singular gemischt wie
der unbestimmte Artikel (vgl. 331):
Mir kann keiner helfen. Kein Ausweg — keine Hilfe — keine, im ganzen Umkreis
der Natur I (Schiller). Er ist kein gesunder Mensch. Von ihm erwart' ich keine frohen
Tage (Goethe). Keiner von uns war dabei. . .. fehlt ihm keins der Erfordernisse
(Goethe). Es ist noch keine fünf Minuten her. Das kostet keine zehn Mark.
Da „kein“ im Singular gemischt wie der unbestimmte Artikel gebeugt
wird, ist auch der schwache Genitiv hier noch nicht eingedrungen (auch
nicht in die Zusammensetzung „keinesfalls“).
Verstärkend tritt „einziger“ zu „kein“:
Kein einziger ist dageblieben.
Gepaart wird es mit „ander“ und „dieser“:
Keiner will vom andern etwas wissen.
Gegensätzlich :
Diese oder keine will er.
Das Neutrum „kein[e]s“ kann gelegentlich auf verschiedene Geschlechter
bezogen werden (vgl. „jedes“ ZifF. 502 und „eines“ Ziff. 497):
Keines wagte, das Licht anzuzünden (H. Stehr). Keines der viere steckt in dem Tiere
(Goethe). Was jedoch daraus werden sollte, wußte . . . keines von beiden zu sagen
(Baabe).
Über die Verschiebung der Satzverneinung „nicht“ zur attributiven Ver¬
neinung „kein“ vgl. 1163, Beachte. Zur doppelten Verneinung „kein -
nicht (nie, nirgends“ usw.) vgl. 1165.
270 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

man
508 „Man“ ist der zum unbestimmten Pronomen der 3. Person gewordene
Nominativ Singular des Substantivs „Mann“, bedeutet also ursprünglich
„irgendein Mensch“. Es ist indeklinabel, d. h. es kommt nur im Nominativ
Singular vor und steht nur allein, nicht attributiv. Der Dativ wird durch
„einem“, der Akkusativ durch „einen“ ersetzt:
Je älter man wird, um so rätselhafter wird einem das Leben (G. Schröer).
„Man“ umfaßt singularische und pluralische Vorstellungen und reicht
von der Vertretung des eigenen Ich1 2 bis zu der der gesamten Menschheit:
Bei diesem ewigen Gekneter wachte man ja alle fünf Minuten auf (Hausmann).
Man bittet, die feine Symbolik seiner Kleidung zu beachten (Th. Mann).

mancher
509 Dieses Pronomen vereinzelt eine unbestimmte Menge; es ist „ein und der
andere“ unter vielen. Es steht allein oder attributiv und flektiert wie ein
Adjektiv:
Es hat schon mancher einen Schatz gehabt und sieben Jahr um ihn gedient
(L. Finckh). Frauen waren für ihn ein begrifflicher Plural. . . Manche kriegt man,
manche kriegt man nicht (Spoerl). Mancher der Anwesenden; mancher von den
Anwesenden. Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel (Schiller). . . . man¬
ches Mal (Hesse). Ich habe um dieser Höhle willen manche Schelte und 'manche
Hiebe bekommen (H. Claudius).
„Gar, so, wie“ treten verstärkend zu „mancher“:
Gar mancher steht lebendig hier (Goethe). Nun bin ich durch so manches Land ge¬
zogen (Münchhausen). Wie mancher stürzet seine Seel’ . . . (P. Gerhardt).
Im Genitiv Singular des Maskulinums und Neutrums überwiegt bei
attributivem Gebrauch bereits die schwache Beugung:
in manche« Mannes Bart (Uhland); auf Grund manchen Einverständnisses (Th.
Mann); manchen Pferdes Widerrist (Münchhausen).
Aber auch die ältere starke tritt noch auf:
Sie entäußerte sich auch manches Möbelstücks (Th. Mann); . . .manches jugend¬
lichen Schäfers Auge (Münchhausen).
Die starke Beugung muß aber vor schwach gebeugten Substantiven und
substantivierten Adjektiven stehen:
manches Menschen; die Erinnerung so manches Vergangenen (Goethe).

510 Ohne Flexionsendung steht „manch“ noch in folgenden Fällen (meist


poetisch):
1. Im Nominativ oder Akkusativ Singular des Neutrums (selten im
Maskulinum):
Es weiß Homer von seinen Helden manch Abenteuer zu vermelden (E. Roth).
Manch Ritter ist ein Bösewicht (Bürger). Ebenso: manchmal.

2. Vor dem imbestimmten Artikel:


manch ein Alter (Scheffel); noch manch ein Mal (Raabe); manch eine Geschichte
(Kreuder). Es war manch einer gut zu uns (Gmelin).
Das Pronomen 271

3. Vor „anderer“:
manch anderer, manch andere.

4. Vor Adjektiv + Substantiv:


manch harter Sturm (P. Gerhardt); manch bunte Blumen sind an dem Strand
(Goethe);.... und gewann manch reich beladenes Kauffahrteischiff, manch armes
Fischerboot (Raabe).

Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „mancher“ vgl.


343.

mehrere
ist etwa gleichbedeutend mit „einige, ein paar“/Zu dieser Verwendung 511
kam es dadurch, daß es in Vergleich zu „einer“ gesetzt wurde (mehr als
einer). Es steht attributiv oder allein und dekliniert wie ein Adjektiv:
Mehrere Stunden war ich in der Kathedrale (Seume). Edeltraut . . . wurde auf
mehreren Reisen mitgenommen (H. Hauser). Mehrere kamen herbeigelaufen. . . . meh¬
rere seiner Stücke (Seume). Mehrere von seinen Freunden begleiteten ihn.
Das zusammenfassende Neutrum im Singular ist veraltet:
. . . bemerkten wir alles dieses und noch mehreres (Immermann).
Ebenfalls veraltet ist der Plural mit bestimmtem Artikel, er erscheint
aber gelegentlich noch heute:
die mehreren Fälle (Schiller) [ = die Mehrzahl der Fälle], einer der mehreren Schlüssel
(Barlach), die weitaus mehreren hohen Offiziere (Feuchtwanger)[ =••= die Mehrzahl der
Offiziere]. Erzähle den Mehreren deine Träume (Th. Mann).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „mehrere“ vgl. 344.

nichts

„Nichts“ bedeutet „kein Ding“, „nicht etwas“ und ist wie „etwas“ ein 512
indeklinables Neutrum. Es steht allein oder attributiv im Nominativ,
Akkusativ und vor Präpositionen. Das folgende substantivierte Adjektiv
dekliniert stark:
Der prophezeite dem armen Bengel handgreiflich nichts Gutes iur seine Seefahrt
ih. Leip). Ich hab’ mein' Sach' auf nichts gestellt (Goethe). Aus nichts wird nichts
(Sprw.).
Die Umformung zu „nix“ (Assimilation des t an das s) ist allgemein
umgangssprachlich, was von Schriftstellern zur Charakterisierung be¬
nutzt wird:
Sowas ist nämlich nix for mich (Hausmann).
Die Umformung zu „nischt“ ist mitteldeutsch, besonders berlinisch:
Es kömmt doch nischt dabei heraus (Aus einem Brief an Lessing 1769).
Verstärkend tritt „gar“, „ganz und gar“ oder „rein gar“ zu „nichts“:
Der Jung ist faul, für gar nichts hat er Sinn (Fontane). Sie hatten sich in Berlin ernst¬
lich Sorge um ihn gemacht, als sie rein gar nichts von ihm hörten (Spoerl).

niemand vgl. jemand

paar vgl. ein paar


272 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

sämtlich
513 „Sämtliche“ ist ein nachdrücklicheres „alle“ und faßt, wie dieses, zu¬
sammen. Im .Singular wird es meist durch „ganz“ ersetzt. Es steht
attributiv oder allein und dekliniert wie ein Adjektiv:
Sämtlicher Mist muß hier weg; eine Versammlung fast sämtlichen in Frankreich
zurzeit auf bringbaren Geistes (Bartsch); dazu bimmelten sämtliche Kirchenglocken
(Gaudy); mit sämtlichen (etwa: Bewohnern) stehe ich auf gutem Fuße.
Häufig steht ein Possessivpronomen voran, seltener der bestimmte Ar¬
tikel (üblicher: „gesamt“ mit Artikel):
meine sämtlichen Hausgenossen (Fallada), die sämtlichen Geschöpfe (Haushofer).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „sämtliche“ vgl. 345:

viel, (Ggs.:) wenig


514 „Viel“ bedeutet eine ziemlich große Menge oder Fülle, „wenig“ eine
ziemlich geringe. Beide werden attributiv oder alleinstehend gebraucht
(letzteres im Nominativ, Dativ, Akkusativ Neutrum des Singulars und im
ganzen Plural):
Vielen Dank! Das hat mich viele Mühe gekostet. Viele Menschen waren unterwegs.
Wenige Gute gleichen vielchlechie aus (Spe Srw.). Ich habe vieles erlebt. Viele sind
berufen, aber wenige sind auserwählt (Matth. 20.6). Viele dieser Bücher sind vergriffen.
Sich mit wenigem begnügen ist schwer, sich mit vielem begnügen unmöglich (M. von
Ebner-Eschenbach).
515 Mit vorstehendem bestimmtem Artikel bzw. Pronomen flektiert „viel“
(wenig) schwach wie ein gewöhnliches Adjektiv:
All das viele Geld ist verloren. Das wenige Gute und das viele Schlechte in seinem
Leben wurde alles wieder lebendig (Kluge). Die vielen Bücher! Welche vielen Men¬
schen! Dreimal stündlich zum wenigsten umarmte sie ihre zukünftige Schwägerin
(Th. Mann). . . . (er) starrte die wenigen Zeilen an, in denen sein Name durch Sperr¬
druck hervorgehoben war (Bergengruen). Die wenigsten wissen das.

Nach den endungslosen Formen des Possessivpronomens werden „viel“


und „wenig/“ natürlich stark gebeugt:
mein vieles Bitten (Carossa), unser vieles Geld.

Ohne vorstehenden Artikel flektiert „viel“ (wenig) entweder stark, oder


es steht flexionslos. In bestimmten Kasus kommen jedoch Schwankungen
vor:
516 1. Starke Deklination:
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen (Goethe). Mit vielem hält man
haus, mit wenig kommt man aus (Sprw.). Mit vieler Anstrengung erreichten wir
unser Ziel. Es waren viele Menschen unterwegs. Viele von diesen Büchern sind
sehr billig. Das Geheimnis ist im Besitz weniger Personen.

Im Genitiv Singular Mask. und Neutr. deklinieren „viel“ und „wenig“


jedoch schwach:
Der alte Mensch bedarf nur wenigen Schlafes.. .. dem sanften, fettigen Glänzen
vielen Brokates (Doderer).

Starke Flexioü im Nom. Mask. ist veraltet und kommt heute selten
vor:
wenig Taten, vieler Schein (Liliencron).
Das Pronomen 273

2. Flexionslos: 517
a) Singular
aa) Der Nom. Mask. erscheint heute nur so:
Wo viel Licht ist, da ist viel Schatten (Sprw.). Dazu gehört wenig Mut.

bb) Der Akk. Mask. erscheint meist flexionslos:


Ich habe viel (wenig) Kummer in meinem Leben gehabt.

Aber nur:
vielen Dank!

cc) Im Nom., Akk. Fern, und Neutr. überwiegt ebenfalls


Flexionslosigkeit:

Viel Geschrei und wenig Wolle (Sprw.). Ich habe wenig Hoffnung.
Er hat viel Gutes getan. Viel Vergnügen! Ich habe nur noch wenig
Geld.

Seltener:
Das hat mich viele (wenige) Mühe gekostet. Ich meine nicht vieles
(= vieles einzelne), sondern viel •( = ein Gesamtes) (Lessing). Vieles
Rauchen schadet.

dd) Im Dat. Mask. und Neutr. erscheint die flektierte Form


ziemlich häufig neben der unflektierten:
Mit vielem hält man haus, mit wenig kommt man aus (Sprw.). Mit
vielfem] Fleiß kannst du es erreichen.

ee) Im Dat. Fern, überwiegt dagegen wieder die flexionslose


Form:
Ich habe es mit viel (wenig) Mühe erreicht. (,,Mit weniger Mühe“
könnte mißverständlich sein!).
Aber auch:
Mit vieler Anstrengung erreichten wir unser Ziel.

ff) Im Genitiv überwiegt die Beugung, weil der Fall dadurch


deutlicher wird:
Der Kranke bedarf vielen Schlafes. Er erfreut sich vieler Gunst. Er er¬
freut sich leider immer nur wenigen Beifalls.

b) Plural
Die flektierten Formen überwiegen. Im Genitiv stehen sie aus¬
schließlich. „Viel“ ist oft zusammenfassend, „viele“ vereinzelnd:
Viele Hunde sind des Hasen Tod (Sprw.). Sie machte sich nicht viel Ge¬
danken darüber (Musil). Die Kleidung vieler (weniger) Menschen ist dürf¬
tig. Das wissen nur wenige. Er gab mir einige wenige Ratschläge (Hesse).
Aber auch: Im Grunde interessieren mich ja so furchtbar wenig Dinge
außer meiner eigenen Arbeit (E. Langgässer). Mit wenigEdelknechten
zieht er ins Land hinaus (Uhland). . . . mit ganz wenig Ausnahmen
(Fontane).

Die Verbindung „ein wenig“ bleibt gewöhnlich unflektiert: 518


Es schien, als hätten wir uns ein wenig entfremdet (Leip); mit ein wenig Geduld;
ein wenig mehr Freundlichkeit (W. v. Scholz). Verstärkt: ein [ganz] klein wenig.
274 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Wird „ein wenig“ alleinstehend gebraucht, dann kann allerdings auch


(starke) Deklination auftreten:
Meine Aufzeichnungen sollen dazu ein weniges beitragen (Hesse).
Zu den Mißverständnissen, die durch die flexionslosen Formen entstehen
können vgl. 347; 349. Zur Steigerung von „viel“ und „wenig“ vgl. 405.
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „viel“ und „wenig“
vgl. 347 u. 349.

welcher

519 Der Gebrauch von „welcher“ als Indefinitpronomen ist Alltagssprache,


die auch'von Schriftstellern aufgenommen wird. „Welcher** bedeutet soviel
wie „[irgend] ein“, im Plural „einige, manche“. Es vertritt ein vorher ge¬
nanntes Substantiv. Es steht immer allein und dekliniert stark. Der Ge¬
nitiv Singular wird vermieden :
Je mehr Geld sie verloren, desto sehnsüchtiger wünschten sie welches zu haben
(G. Keller). Manchmal waren gar keine Zigaretten im Haus . .. Albert mußte am
Automaten welche ziehen (H. Böll).
Im Süddeutschen wird das Indefinitpronomen gelegentlich ausgelassen:
Dort standen allerlei Schächtelchen mit guten Hustenbonbons . . , „Nimm dir
[welche]*‘, sagte sie (Ebner-Eschenbach). Jetzt hast du Ohrringe. Wart einmal, ich
hänge mir auch [welche] an (Anna Schieber).

520 Die Verstärkung „irgendwelcher“ wird auch attributiv gebraucht:


aus irgendwelcher inneren Tasche (Th. Mann); um irgendwelcher erzieherischen
Gesichtspunkte willen (Th. Mann).
Der Genitiv Singular ist, wenn er überhaupt gebraucht wird, überwiegend
schwach (Leip, Th. Mann, Ina Seidel), doch kommt die starke Beugung
auch vor:
mangels irgendwelches zuverlässigen Kompasses (Barlach).

521 Die Form „etwelch“ ist veraltet und kommt nur noch altertümelnd in
der gehobenen Schriftsprache vor:
etwelches ökonomisches Interesse (Th. Mann); (Überlegenheit), die nicht einmal
durch etwelche Verliebtheit seinerseits auszugleichen war (Ric. Huch); etwelche
Portionen Kaffee (Fontane).
Schweizerisch mit bestimmtem oder unbestimmtem Artikel:
Wegen der etwelchen Unsicherheit, in welcher die Männer die Welt halten . . .
(Keller). Hierauf trat eine etwelche Besserung ein (Keller).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs nach „welcher“, „irgendwel¬
cher“ und „etwelcher“ vgl. 348.-

wenig vgl. viel

wer (was)
522 Es ist nur umgangssprachlich und hat die Bedeutung von „jemand,
einer“ (vgl. 481). Es steht fast nur allein. Der Genitiv wird nicht gebraucht:
Da vorn ist jetzt wer ins Wasser gesprungen (Billinger). „(Du) könntest schon sechs
Jahre verheiratet sein.“ „Ja..., das könnt' ich, wenn mich wer gewollt hätte*'
(Fontane). Oft trifft man wen, der Bilder malt, viel seltner wen, der sie bezahlt
(W. Busch). Selten: wer anderer (Bartsch, Schnitzler, Lernet-Holenia), wer Be¬
kannter (Schnitzler), wen anderen (Hausmann. Schnitzler).
Das Numerale 275

Verstärkend tritt „irgend“ zu „wer“:


Irgendwer wird schon kommen. Irgendwen wird er ja schicken.
Zu dem Gebrauch von „[irgend]was“ vgl. 501.

III. Das Numerale1 (Zahlwort)

Zu den Begleitern und Stellvertretern des Substantivs im Sinne unserer 523


Wortart gehören neben dem Artikel und dem Pronomen auch die reinen
Zahlwörter. Diese Wörter sind überall dort unentbehrlich, wo ein Sub¬
stantiv über den Singular und den Plural hinaus zahlenmäßig näher be¬
stimmt werden soll:
null Grad/ ein Haus, zwei Bücher, zehn Jahre, hundert Mark.
Hierher gehören alle Wörter, die Zahlen von null bis 999 999 bezeichnen.
Über die unbestimmten Zahlwörter (manche, mehrere, andere, viele u. a.)
vgl.die Indefinitpronomen (484 ff.). Sie wurden dort abgehandelt, weil sie
viele pronominale Eigentümlichkeiten zeigen.
Die Aufgabe, ein Substantiv zahlenmäßig zu bestimmen, kann aber auch 524
von Wörtern anderer Wortarten erfüllt werden:
Aus der Wortart Substantiv: Hunderte "von Menschen, zwei Millionen Ein¬
wohner. Ein Drittel des Weges. Aus der Wortart Adjektiv: das zweite Mal, die
vierfache Menge, ein halber Liter, in den achtziger Jahren.
Schließlich gibt es aber auch Zahlwörter, die ein Geschehen oder eine
Eigenschaft näher bestimmen können. Sie gehören der Wortart Partikel
(Adverbien) an:
Er kam jede Woche dreimal hierher (= sein dreimaliges Kommen). Ich habe ihn
tausendmal lieber als dich.
Es ist aus vielen Gründen zweckmäßig, auch diese Zahlwörter zusammen
mit den reinen Zahlwörtern zu betrachten. Es handelt sich also in den
folgenden Abschnitten nicht mehr um die Wortart „Begleiter und Stell¬
vertreter des Substantivs“ allein, sondern um die Sachgruppe Zahlwort,
die Wörter aus mehreren Wortarten in sich vereinigt.

1. Die Kardinalzahlen (Grundzahlen)


Die Kardinalzahl wird attributiv oder alleinstehend gebraucht. Sie 525
antwortet auf die Frage: Wie viele ?
Attributiv:
Null Fehler im Aufsatz haben. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer
(Sprw.). Drei Wochen war der Frosch so krank (W. Busch). Der Tag hat vier¬
undzwanzig Stunden, die Stunde sechzig Minuten, die Minute sechzig Sekunden.
Die Kirche ist schon ein paar hundert Jahre alt..
Alleinstehend:
Dreißig Tage bilden einen Monat, sieben eine Woche. Gedulden Sie sich eine
Woche oder zwei! Es waren ihrer sechs (Titel eines Romans von A. Neumann).
Aller guten Dinge sind drei (Sprw.).

1 Lat. numerus = [An]zahl.


276 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

a) Die Bildung der Kardinalzahlen


526 Die Grundzahlwörter von 0 bis 10 heißen:
null, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn.

Die Zahlen „elf“ und „zwölf“ weichen in der Bildung von den Zahlen 13
bis 19 ab, die aus den Verbindungen der Zahlen 3 bis 9 mit „zehn“ be¬
stehen :
dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn (nicht: sechszehn), siebzehn (nicht: sieben¬
zehn), achtzehn, neunzehn.

Die Zehnerzahlen von 20 bis 90 werden durch Anhängen der Nachsilbe


-zig (got. tigus = Dekade, Zehnzahl) an die Einerzahlen gebildet:
zwanzig (ahd.: zweinzug), dreißig (nicht: dreizig, weil das t von tigus hier nicht
nach einem Konsonanten, sondern nach einem Vokal stand und sich deshalb nicht
zur Affrikata „z“, sondern zur Spirans ,,ß“ verschob), vierzig, fünfzig, sechzig
(nicht: sechszig), siebzig (siebenzig ist veraltet), achtzig, neunzig.

Die Zahlen zwischen den Zehnern werden dadurch gebildet, daß die Einer¬
zahl durch „und“ mit der Zehnerzahl verbunden wird:
einundzwanzig (nicht: zwanzigeins, wie z. B. im Englischen), zweiundzwanzig,
dreiunddreißig, vierundvierzig, Sechsundsechzig, siebenundsiebzig, neunundneunzig.
Hundert ist ursprünglich ein Substantiv, das dann attributiv gebraucht
wurde. Die Hundertzahlen werden durch Verbindung der Einerzahlen
mit hundert gebildet:
[ein]hundert (hundert[und]eins, hunderteinundzwanzig), zweihundert, dreihundert
usw., neunhundert.

Tausend bedeutet eigentlich „großes Hundert“ und ist ebenfalls ur¬


sprünglich ein Substantiv. Die Tausenderreihe wird wie die Hunderter¬
reihe gebildet:
[eintausend (tausend[und]eins, tausendeinundzwanzig), zweitausend, dreitausend
usw., neuntausend, zehntausend, zwanzigtausend usw., neunzigtausend, [ein]-
hunderttausend, zweihunderttausend usw., neunhunderttausend;

eine Million (italien. milione von lat. mille = tausend, also eigentlich: großes Tau¬
send), zwei Millionen, zehn Millionen, hundert Millionen, neunhundert Millionen;
eine Milliarde (= 1000 Millionen; franz. milliard), zehn, hundert, neunhundert
Milliarden;
eine Billion (= 1000 Milliarden; franz. billion), hundert Billionen;
eine Billiarde (= 1000 Billionen; franz. billiard), hundert Billiarden;
eine Trillion (= 1000 Billiarden; italien.), hundert Trillionen, tausend Trillionen,
neunhunderttausend Trillionen;
eine Quadrillion (= 1 Million Trillionen; franz.);
eine Quinquillion oder Quintillion (= 1 Million Quadrillionen; lat.);
eine Sextillion (= 1 Million Quintillionen; lat.);
eine Septillion (=1 Million Sextillionen; lat.);
eine Oktillion ( = 1 Million Septillionen; lat.) usw.;
eine Myriade (= eigentlich 10000; griech.; heute nur noch unbestimmt im
Sinne von „ungeheuer viel“, vgl. 536).

Zur Beugung des Gezählten hinter den Substantiven „Million“, „Mil¬


liarde“ usw. und hinter den substantivisch gebrauchten „Hundert“ und
„Tausend“ vgl. 533. Zur Beugung von Maß-, Mengen- und Münzbezeich¬
nungen nach Kardinalzahlen vgl. 244.
Das Numetale, 277

b) Die Deklination der Kardinalzahlen

Die Deklination der Kardinalzahlen ist immer mehr verkümmert.

a) ein
„Ein“ hat die volle Flexion bewahren können, weil der unbestimmte Ar- 527
tikel gleich lautet. Es berührt sich mit dem Indefinitpronomen „einer“, .
besonders in der Gegenüberstellung mit „anderer“ (vgl. 497). Es ist
als Zahlwort immer stark betont und flektiert stark, wenn es allein steht;
schwach dagegen, wenn der bestimmte Artikel oder ein Pronomen mit
starker Endung vorausgeht:
eine8 Buches. Wir baten um den Besuch eines Ihrer Herren. Ich habe jetzt zwei
Freunde statt eines. . . . daß der Preuße mit dem Adel unter einer Decke liege
(Treitschke). Mit einem Worte. Die beiden Länder hatten einen König. . . . des
einen Buches, dieses einen Umstandes, meines einen Sohnes; seines einen Mund¬
winkels (Th. Mann).

1. Im Nominativ des Maskulinums sowie im Nominativ und Akku¬


sativ des Neutrums werden bei attributivem Gebrauch die starken
Formen „einer“ und „eines“ zu „ein“ gekürzt. Sie stimmen damit
mit den Formen des unbestimmten Artikels überein (vgl. 207):
ein Schüler. Sie waren ein Herz und eine Seele.

Wenn „ein“ allein steht, treten jedoch die vollen Formen wieder ein:
Das Ganze ist wichtig, einer ist nichts (Burte). Nur einer kann den Vorsitz
führen. Auch nicht einer der Burschen rührte sich. Eines schickt sich nicht für
alle (Goethe).

2. Neben der gehobeneren Vollform „eines“ wird auch „eins“ ge¬


braucht :
Eins tut not. Auf eins muß ich noch aufmerksam machen. Zwei Augen sehen
mehr als eins (Sprw.).

Ebenso in der Bedeutung „gleich“:


Sie sehen und sie lieben war für Gustav eins (O. Ernst). Schließlich kommt es
auf eins hinaus (G. Schröer).

Ferner in den Bedeutungen „einig, zusammenstimmend“ (Gegen¬


teil: uneins) und „gleichgültig“:
Und doch war sein Geist zu jener Stunde ganz eins mit dem Geiste Englands
(A. SchaefFer). Es ist mir alles eins.

Die kürzere, alleinstehend gebrauchte Form „eins“ dient zum Rechnen


und Zählen:
Ein mal eins ist eins. Eins, zwei, drei! im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen
mit (W. Busch). ... und als die Glocke schlug eins (Münchhausen); 2,1 (gelesen:
zwei Komma eins).

Sie steht.auch, wenn hundert, tausend usw. vorausgeht:


hundert [und ]eins, tausend [und ] eins.

Folgt jedoch die größere Zahl, dann wird unflektiertes „ein“ gebraucht:
einundzwanzig, einhundert, eintausend.
278 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

3. Wenn „und“ und eine größere Zahl (hundert, tausend usw.) vor¬
ausgehen, steht das attributive „ein“ flektiert (im Nom. Mask. und
Nom., Akk. Neutr. allerdings wieder die gekürzte Form „ein“):
hundertundwi Salutschuß; er hatte tausendiindeiwe/i Grund (Zschokke);
hundertundewe Seite, mit tausendundeinem Weizenkorn, ein Märchen aus
Tausendundeiner Nacht.

Es kann aber auch dem Sinne nach der Plural des Substantivs stehen,
dann bleibt „ein“ stets flexionslos, „und“ fällt dabei häufig weg:
mit hundert [und ]ein Salutschüssen, mit tausend [ und ]ein Weizenkörnern.

4. „Ein“ bleibt flexionslos vor Bruchzahlen und vor dem Substantiv


„Uhr“:
Ein Sechstel multipliziert mit ein Viertel. Wir treffen uns nach ein Uhr.

5. Flexionsloses „ein“ steht gewöhnlich auch, wenn es durch „oder“,


„bis“, „und“ u. a. an „zwei“ und „ander“ gekoppelt ist:
Gedulden Sie sich noch ein bis zwei Tage. Du mußt noch ein oder zwei Wochen
warten. Ein und dem andern kann man es schon sagen.

In Verbindung mit „mehrere“ steht meist flektiertes „ein“:


mit einer oder mehreren Nuten versehen; für einen oder mehrere Betriebe.

6. Verstärkend tritt „derselbe“ zu „ein“ mit „und“ als Verbindung.


„Ein“ kann in diesem Falle auch flektiert auftreten (mit den unter 1
erwähnten Ausnahmen). Die Beugung intensiviert noch:
Sie wohnen in einferj und derselben Straße. Es ist einfe] und dieselbe Größe.
Sie schneiden mit ein fern] und demselben Messer.

Ebenso „alles“:
Der Junge ist mein ein und [mein] alles. Meinem ein und alles kann ich doch
nichts abschlagen.

ß). zwei, drei usw.


528 1. Von den weiteren Kardinalzahlen können nur „zwei“ und „drei“
im Genitiv gebeugt werden, meist, wenn der Kasus nicht bereits
durch ein anderes Wort (best. Artikel, Demonstrativpronomen)
kenntlich gemacht ist:
Durch zweier Zeugen Mund wird allerwegs die Wahrheit kund (Goethe). Nach
den schattenhaften Gestalten zweier Polizisten . . . (Dürrenmatt).

Aber:
Nach der Aussage der zwei Zeugen stimmt das nicht. Das Schicksal dieser drei
ist unbekannt.
Der flektierte Genitiv ist jedoch gebräuchlicher vor einem attributiven
Adjektiv, obwohl dieses den Fall anzeigen würde:
das Bruchstück eines Gespräches zweier spitzmäuliger Damen (Tucholsky);
der Puls dreier kräftiger Männer (E. v. Handel-Mazzetti).

In der Zusammensetzung mit -lei (vgl. 543) können allerdings alle


Kardinalzahlen den Genitiv auf -er bilden:
mit Speck und siebenerlei Gewürzen (R. Schaumann):
hunderterlei Erinnerungen (Federer); tausenderlei Dinge (Hesse).
Das Numercde 279

Die Form „zwei“, die wir heute (seit Ende des 18. Jahrhunderts) verwenden, stand
ursprünglich nur vor neutralen Substantiven. Für Maskulinum und Femininum gab
es abweichende Formen:
mhd. Mask.: zwene man; Fern.: zwo frouwen; Neutr.: zwei kint.
Verfasser historischer. Romane und Dichter verwenden gelegentlich noch die alten
Formen, teils richtig, teils falsch:
Zwo mächt’ge Feien nahten dem schönen Fürstenkind (Uhland). Ein Hifthorn
hing ihm um die Schulter, zween Messer an der Seite (Alexis). Drum sandten
wir zwo Späher auf dem Fuß ihm nach (Scheffel).
Heute wird im Fernsprechverkehr, beim Heer u. a. vielfach „zwo“ für alle drei Ge¬
schlechter gesagt, um Verwechslungen mit „drei“ zu vermeiden. D>anach sagt man
auch schon'„zwote“, obwohl „zweite“ mit „dritte“ gar nicht verwechselt werden
kann.
Für „die zwei“ tritt zur Zählung bereits bekannter Wesen oder
Dinge oft das kollektive „beide“ mit dem Wert eines Duals ein (vgl.
495; ^96). Die tautologische Kopplung „die zwei beiden“ oder „wir
zwei beide[n]“ ist mundartlich und umgangssprachlich, besonders in
Nord- und Mitteldeutschland.
Der heute noch umgangssprachliche neutrale Singular „dreies“ faßt
(analog „beides“) zusammen:
Das Theaterstück fordert alles dreies zusammen (Goethe). . . . alles dreies auf
einmal (Lessing). Und ich bin eigentlich alles drei’s ( = Kind, Narr, Poet;
Fontane).
Zur Deklination des attributiven Adjektivs im Genitiv nach „zweier“
und „dreier“ vgl. 335.
2. Im Dativ können bei substantivischem Gebrauch alle Zahlwörter 529
von zwei bis zwölf gebeugt werden, besonders wenn der Kasus sonst
nicht deutlich würde:
Weniger Worte sind zwischen ziveien, die einander lieben, wohl nie gemacht
worden (Ebner-Eschenbach). Was zweien zu weit, ist dreien zu eng (Sprw.).
Wir gingen zu vieren auf und ab (Goethe). ... auf allen vieren in die Schule
krabbeln (Penzoldt); falls es bei fünfen sein Bewenden haben würde (Th.Mann);
er fährt mit achten (acht Pferden). Ich sage dir ja, daß sie zu zehnen sind und
nicht zu eilen (Th. Mann).
Neben den Formen auf -en in „zu zweien“ usw. finden sich indeklinable
Starrformen auf -t, die von den Ordinalzahlen abgeleitet sind:
zu zweit, zu dritt. Sonst sitzen wir Abend für Abend zu sechst im Kasino (Renn).
Wir saßen zu dritt in einer Schenke des Dorfes Eschenbach (Jatho).
Man unterscheidet bereits vielfach, aber nicht durchgehends:
zu zweien (je zwei und zwei): zu zweien 'her die Straße gehen; zu zweit (nur
zwei Personen betreffend): zu zweit in den Wald gehen.
Die auf -zehn und -zig endenden Kardinalzahlen werden im allge¬
meinen weder im Genitiv noch im Dativ gebeugt. Ausnahmen kommen
beim Dativ vor:
einer von zehnen oder zwanzigen (Lernet-Holenia).
Das gleiche gilt für die Substantivierung:
Das Frauenzimmer mochte noch in den Siebzigen sein (Meyrink).
Beugung bei attributivem Gebrauch ist veraltet und kommt heute
nur ganz selten im Dativ vor:
Und zweien Knechten winket er (Schiller). Nach dreien Tagen .. . (Th. Mann).
Über „hundert“, „tausend“, „Million“ usw. vgl. 533.
280 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

530 3. Die substantivisch gebrauchten Formen auf -e, die bei den Zahl¬
wörtern 2-12 möglich sind, finden sich nur noch in alter oder in
volkstümlicher Sprache. Sie werden für den Nominativ, Genitiv und
Akkusativ verwandt:
. . . und zweie kehrten zurück (Jatho); . . . vielleicht gelinge es einmal, alle
neune (= Jungen) einzufangen (Carossa). Es schlägt zwölfe. Ringel, Ringel,
Reihe! Sind der Kinder dreie (Des Knaben Wunderhorn). Keines der viere
steckt in dem Tiere (Goethe).
Fest gewordene volkstümliche Redewendungen sind:
alle viere von sich strecken, alle neune werfen (beim Kegeln).

531 4. Die Kardinalzahlen haben eine indeklinable Starrform auf -er


entwickelt, die attributiv gebraucht wird. Sie ist aus der Substan¬
tivierung auf -er entstanden:
eine fünf zehner Birne (Böll).
-ziger kann dabei die Dekade ausdrücken:
Das ist ein achtziger Jahrgang (aus dem Jahre 80 eines Jahrhunderts). Es ge¬
schah in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (d. h. zwischen 1880 und
1890). ... in den zwanziger Tagen des September (Th. Mann).

532 5. Die Kardinalzahlen von vier an werden in keinem Falle mehr ge¬
beugt, wenn sie mit einem Substantiv verbunden sind:
die Stimmen von zehn Funktionären; die vier Elemente. Mit seinen achtund¬
achtzig Jahren ist er noch sehr rüstig.

y) Hundert, Tausend, Million usw.


533 „Hundert“ und „tausend“ werden auch als Substantive verwendet.
„Million“, „Milliarde“ usw. treten nur als Substantive auf, ebenso
„Dutzend, Schock, Mandel, Gros“ usw.:
1. das Hundert, das Tausend:
ein halbes Hundert; vier vom Hundert', Hunderte und aber Hunderte. Es geht
in die Hunderte. Die Zustimmung vieler Tausende ist gewiß.

Als Maßeinheit werden „Hundert“ und „Tausend“ im Nom. und Akk.


Plural seltener auch unflektiert gebraucht, wenn der Fall durch ein
Begleitwort deutlich wird:
Viele Hundertfe], mehrere TausendfeJ umsäumten die Straßen. Einige Hundert
Zigarren (Packungen von je hundert Stück).

Über den Genitiv „Hunderter, Tausender, Dutzender“ s. unter b).


a) Das Gezählte kann auf dreierlei Weise von den Zahlsubstan¬
tiven (auch „Million“ usw.) abhängen:
aa) Das Gezählte steht im Genitiv, wenn es mit einem ad¬
jektivischen Attribut verbunden ist (Genitivus partitivus;
vgl. 980,5). Diese Konstruktion ist von den dreien die seltenste:
das Gekreisch von Tausenden entfesselter Bauern (Bartsch); die Mann¬
schaft der Hunderte kleiner und großer Kähne (Fr. Wolf); ein halb
Dutzend der Gäste oder der Auf Wärter (Schiller); Millionen silberner
Perlen (Jatho).
Das Numerale 281

bb) Den Genitiv ersetzt in der gewöhnlichen Sprache „von“


(mit oder ohne attributives Adjektiv). Diese Konstruktion
wird unter allen dreien am häufigsten angewandt:
die Hunderte von Marmorheiligen (Hesse); alle diese Hunderte und
Tausende von durchnäßten Soldaten (Inglin); viele Tausende von
Kriegsgefangenen (Gollwitzer); .trotz Hunderttausender von Armen
(Thieß).

cc) Das Gezählte steht als Apposition im gleichen Fall wie das
Zahlsubstantiv (mit oder ohne attributives Adjektiv). Diese
Konstruktion ist stark im Vordringen. Die Kleinschreibung des
Zahlsubstantivs ist sehr häufig, aber noch nicht amtlich:
auf den nackten Körpern von Hunderten schwitzenden und lachenden
Trägern (Vicki Baum); tausende Herzen (Jatho),

b) Wenn „Hundert“, „Tausend“ und „Dutzend“ im Genitiv


stehen und dieser Fall durch kein anderes Wort deutlich wird,
nehmen sie adjektivische Flexion an. Die Kleinschreibung ist hier
ebenfalls schon sehr häufig, gilt aber noch als unzulässig;
trotz der Tapferkeit Tausender (Franck). Aber um einen Kindertag im
Gedächtnis wiederherzustellen, bedürfte es tausender Bilder (Hesse). Der
deutsche Gelehrte bedient sich hunderter, tausender von Fremdwörtern.

2. „Million“, „Milliarde“ usw. werden immer dekliniert:


einer halben Million, eine dreiviertel Million, mit 0,8 Millionen DM, mit 2,1
(gelesen: zwei Komma eins) Millionen DM, vier Millionen Menschen, eine
Summe von zehn Millionen DM; mit hundert Milliarden Dollar.

Steht der bestimmte Artikel u. ä. vor „Million“, dann wirkt er


auf die Beugung des folgenden Adjektivs (bei „Hundert“ und
„Tausend“ wird diese Konstruktionsweise vermieden):
die Millionen zarten Märzenflecklein (Federer); der einstigen sechzig Mil¬
lionen Deutschen (H. Mann); die Millionen Toten (Werfel).

c) Die Kardinalzahl bei Jahreszahlen

Bei Angabe von Jahreszahlen sagt man statt ,,[ein]tausendneunhundert- 534


sechzig“ gewöhnlich „neunzehnhundertsechzig“. Die Jahreszahl schließt
sich an die [Tag- und] Monatsangaben unmittelbar an:
Am 28. August 1749 . . . kam ich . . . auf die Welt (Goethe).

„Das Jahr“ oder „im Jahre“ versteht sich von selbst und wird daher
vielfach ausgelassen:
Wir schreiben jetzt 1950.1813 war die Schlacht bei Leipzig.

Bloßes „in 1948 (in neunzehnhundertachtundvierzig)“ statt „im Jahre


1948“ ist Nachahmung des Englischen und gilt nicht als korrekt.
282 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

d) Die Kardinalzahl bei der Uhrzeit

535 Zur Angabe der Uhrzeit dienen die flexionslosen Kardinalien (eins bis
£wölf) mit oder ohne „Uhr“. Die Formen auf -e sind veraltet oder volks¬
tümlich (vgl. 530) und stehen immer ohne „Uhr“:
Es ist eins, aber: Es ist ein Uhr. Um fünf [Uhr] aufstehen (volkst.: um fünfe auf¬
stehen; veraltet: Er geht vor zwölfe schlafen [Platen]). Der Zug fährt Punkt zwölf
[Uhr] ab. Es ist jetzt halb elf [Uhr]. Es schlägt, [ein] Viertel vor sechs. Es ist [ein]
Viertel nach sieben. Es ist fünf Minuten vor drei Viertel (dreiviertel) acht. Es ist [ein]
Viertel [auf] neun (bes. mitteldt. für: ein Viertel nach acht). Von Köllen war ich
drei Viertel auf acht des Morgens abgereist (Heine).

Für die zweite Hälfte der Tageszeit gebraucht man adverbielle Angaben,
wenn Verwechslungen mit der ersten möglich sind und umgekehrt:
Der Zug fährt um halb acht [Uhr] abends. Ich wartete bis zwei Uhr nachmittags. Um
fünf Uhr morgens. Um sechse des Morgens ward er gehenkt, um sieben ward er ins
Grab gesenkt, sie aber schon um achte trank roten Wein und lachte (Heine).

Die Zahlen 0 bis 24 (nach dem ersten Weltkrieg eingeführt) werden amt¬
lich viel gebraucht, dringen aber in die Umgangssprache nur schwer ein.
Sie stehen noch meist mit „Uhr“:
Der Zug fährt 1715 von Köln ab (gesprochen: siebzehn Uhr fünfzehn [Minuten]).
Ich komme um 20 Uhr zu dir (nicht: um 20).

„Minute“ und „Sekunde“ werden auch nach Zahlen gebeugt (vgl. 251):
fünf Minuten vor zwölf, zehn Sekunden vor halb fünf.

536 e) Ausdruck der Unbestimmtheit

a) Bestimmte Zahlen in unbestimmtem Gebrauch


Einige bestimmte Zahlen können auch eine unbestimmte Menge angeben
(vgl. noch 543). Die genaue Zahl wird nicht genau genommen:
Eine große Zahl:
Viel hundert weiße Lilien im Klostergarten blühn (= hundert und noch viele
mehr [H. Löns]). Ich habe es Dir schon hundertmal gesagt. Aus tausend Perlen
blinkt und blitzt der Morgenröte Glut (Vogl). Es grüßt und küßt Dich tausend¬
mal Deine Gretel. Zu Dutzenden', mit Myriaden Stimmen (Jatho; vgl. 526); über
Millionen Sternen (Hölty).

Eine geringe Zahl:


Das Glück dauerte nie länger als zwei Minuten (G. Keller). Nun, Freund, zwei
Worte noch! (Grillparzer). Das kannst du mit zwei [oder], drei Stichen fest¬
nähen. Das kann ich dir mit drei Worten sagen. Sie müssen noch fünf Minuten
warten. Ich packte meine Siebensachen. ; . . das Dutzend Bücher, so der alte
Herr besaß (G. Keller).

Ebenso mit Voranstellung von „einige“:


Er ist höchstens einige dreißig Jahre alt (Heine; = dreißig und einige).

Über „halb“ vgl. 539 am Ende.


Zur unbestimmten Angabe von Zehnerstellen dient umgangssprachlich
auch die Nachsilbe -zig:
nach motorischer Raffung weiterer .. . zig Kilometer (Jatho).
Das Numerale 283

ß) Unbestimmtheit durch Adverbien

Sonst wird die bestimmte Zahl durch Hinzufügung zum Teil einschrän¬
kender oder erweiternder Adverbien unbestimmt gemacht (vgl. auch
560):
gegen hundert, über zwölf, unter zehn, nahezu fünfzig, um die zwanzig, ungefähr zehn,
etwa tausend. An hundfert verschiedene Leucht- und Leitfeuer bezeichnen nachts
dem Kundigen den Weg (Leip). . . . aber Warenhaus Mandel hat auch an die tausend
Angestellte (Fallada).

Ein unbestimmter Zwischen wert zwischen zwei Zahlen wird durch „bis“
ausgedrückt :
in drei bis vier Wochen, des zwölften bis fünfzehnten Jahrhunderts.

Einschränkend, mit Angabe der Höchstgrenze:


Bis zu fünf Lehrern kann gleichzeitig Urlaub gewährt werden.

2. Die Ordinalzahlen (Ordnungszahlen)


Diese Zahlen geben, konkret oder übertragen, eine bestimmte Reihen- 537
folge an. Sie werden attributiv oder alleinstehend gebraucht:
der erste [Mensch]; der zweite (vgl. 528), der dritte [Turner]; der siebte, älter: siebente.

Bei zusammengesetzten Ordinalzahlen wird nur die letzte Zahl flektiert:


der hundert|und)erst.e: der [einjtausendzweihundertfünfundmemgste Besucher.

Die Ordinalzahlen 1 bis 19 werden gebildet, indem an die betreffenden


Kardinalzahlen das Suffix -t tritt:
der zweite, der vierte, der neunzehnte Februar.

Abweichende Bildungen sind jedoch:


der erste (statt: einte; eigentlich ein Superlativ), der dritte (statt: dreite, entstanden
durch Kürzung des „ei“ und nachfolgende Verdoppelung des ,,t“), der achte (statt:
achtte).

Statt „hundertunderste“ wird landschaftlich (besonders norddeutsch)


auch „hundertundeinte“ oder „hundertundeinste“ gesagt.
Von 20 an tritt -st an die Kardinalzahlen (vgl. die Bildung des Super¬
lativs Ziff. 386):
der zwanzigste, der dreißigste uBw., der hundertste, der tausendste, der millionste.

Analog wird „der wievielte“ (seltener: wievielste) gesagt.


Bei der Nennung des Datums wird die Angabe „Tag“ ausgelassen. Der
Monatsname kann zur Erläuterung stehen:
Morgen ist der Zwanzigste (= der zwanzigste Tag des Monats). Am Achten [des Mo¬
nats] ist eine Feier. Am ersten April (= am ersten Tag des Aprils).

Die Ordinalzahlen deklinieren schwach, wenn der bestimmte Artikel oder


ein Pronomen mit starker Endung davor steht, sonst stark:
Heinrich der Achte, Heinrichs des Achte», am Achte», zum dritte» Mal[e]; Karl ist
erster. Siebzigste Geburtstage von Gelehrten pflegt man mit Festschriften zu feiern.
Heute ist Erster Mai.
284 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

Wie die Superlative (vgl. 392) können sie nicht flexionslos gebraucht
werden, auch nicht aussagend:
der erste Schüler — der Schüler ist der erste. Fritz ist der Erste oder Erster in der
Klasse.
Die Zusammensetzungen der Ordinalzahl mit „selb-“ sind veraltet:
selbdritt (= ich [er, sie] selbst als dritter), selbviert, selbander (= selbzweit) usw.
Gelegentlich erscheint „selbdritt“ noch als Unterschrift unter Bildern,
z. B.
Anna selbdritt (von Leonardo da Vinci), d. h. die heilige Anna mit Maria und Jesus.
Neuere Schriftsteller gebrauchen die Formen altertümelnd:
Dann schritten sie selbzweit dahin (A. Schieber).
Durch Anfügen der Endung -ens an die Ordinalzahlen entstehen Ad¬
verbien, die die ordnende Reihenfolge bezeichnen., Von zwanzig an werden
sie unüblich:
erstens, zweitens, drittens usw.
Zum gelegentlichen Ersatz der Ordinalzahl durch die Kardinalzahl vgl.
1239.

3. Die Bruchzahlen

538 Die Bruchzahlen von „drei“ an entstehen durch Anfügen der Endung
-tel (= Teil) an die Ordinalzahl, deren „t“ dabei wegfällt. Da das Sub¬
stantiv „Teil“ zugrunde liegt, sind auch die Bruchzahlen ursprünglich
(neutrale) Substantive (vgl. aber unten). Statt „Zweitel“ (zweitel) sagt
man gewöhnlich „Hälfte“ (halb):
ein Drittel, drei Viertel, vier Fünftel, sechs Siebtel (älter: Siebentel), neun Zehntel,
ein Zwanzigstel, ein Hundertstel, Tausendstel, Millionstel.
„Eintel“ und „Zweitel“ werden in der Mathematik gebraucht:
2 3
zwei Hunderteintel (-j^-), drei Hundertztm'teZ (^^).

Die substantivischen Bruchzahlen werden wie gewöhnliche starke Sub¬


stantive dekliniert; Das Gezählte steht als Genitivattribut (das durch
die Konstruktion mit „von“ ersetzt werden kann) oder als Apposition:
Der Mond ist im letzten Viertel. Ich bedurfte nur eines Drittels der Masse. Ein
Drittel von der Masse ist genug. Er war mit einem Viertel Huhn zufrieden.
Im Plural wird die Bruchzahl als Maßangabe gebraucht, die nach Ziff. 244
in der Form des Singulars auftritt:
Mit der Zahlung von vier Fünftel des Betrages bin ich einverstanden. Die Ware kam
mit drei Zehntel Gewichtsverlust an.
Der Plural steht nur, wenn die Vorstellung der genauen Maßangabe
zurücktritt:
In drei Vierteln aller Lustspiele wird gehorcht (Fontane).
In Verbindung mit immer wiederkehrenden Substantiven wird die sub¬
stantivische Bruchzahl häufig zum Bestimmungswort einer Zusammen¬
setzung, die dann zum Maßbegriff wird:
Vierteljahr, Viertelpfund, Viertelstunde, Viertelliter, Achtelliter, Achtelzentner,
Zehntelpackung, Sechzehntelnote usw.
Das Numerale 285

Besonders häufige Begriffe wie Pfund, Liter, Maß können dabei weg¬
fallen, so daß die Bruchzahl allein vor dem Gemessenen steht:
Ein Viertel Leberwurst, bitte! (= ein Viertelpfund). Ich möchte ein Achtel sauren
Rahm (= einen Achtelliter), ein Viertel Rotwein (= einen Viertelliter).
Aus diesen Zusammensetzungen entwickeln sich besonders bei Maßen
und Gewichten Fügungen, in denen die kleingeschriebene Bruchzahl als
indeklinable Starrform attributiv gebraucht wird:
ein achtel Kilo, ein viertel Zentner, neun zehntel Gramm, [drei und) fünf siebtel Meter.
Eine Soiiderentwicklung hat „drei Viertel“ durchgemacht: Sowohl in
substantivischer Verwendung wie als attributiv gebrauchte Starrform
wird diese Wortgruppe als Einheit gefühlt und zusammengeschrieben.
Man schreibt also
als Substantiv: in Dreiviertel der Länge, mit Dreiviertel der Masse;
als attributive Starrform (hinter der das Substantiv dann im Singular steht I): Aus
„drei Vierteljahre“ wird ,.dreiviertel Jahr“; aus ,,in drei Viertelstunden“ wird ,,in
[einer] dreiviertel Stunde“; eine und eine dreiviertel Million Menschen; aber: ein-
[undjdreiviertel Millionen Menschen.
Die Starrform ,,dreiviertel“ kann wiederum als Bestimmungswort einer
Zusammensetzung auftreten:
eine Dreiviertelstunde, dreiviertelfett (Buchdruck).
„Halb“ wird wie ein Adjektiv dekliniert (zu seiner Deklination nach 539
„alle“ vgl. 337):
Wir .trafen uns auf halbem Wege. Ich bin nur noch ein halber Mensch. Der halbe
Mond . . . war meist von treibendem Wolkendunkel überzogen (Storm).
Steht „halb“ nach der Zahl „ein“, dann wird es, analog „ein“, entweder ge¬
beugt oder nicht gebeugt (vgl. 527):
Zwei und ein halber Großbauer (Lilien fein); zwei und ein halbes Jahr
(Th. Mann); vor zwei und einer halben Stunde, eine und eine halbe Million.

Aber:
zehn mit ein halb multipliziert, drei[und]einhalb Seiten, vor zwei[und]einAaM
Stunden, ein[und]einAaZ6 Millionen.
Für „ein[und]einhalb“ (bzw. zweitehalb = das zweite [andere] nur halb)
wird auch „anderthalb“ gesagt:
Cläre wagte den ungeheuer kühnen Schritt, nach anderthalb Jahren in ihrer eigenen
Vaterstadt ... als erste Liebhaberin aufzutreten (Fr. Reuter). . . . anderthalb Mi¬
nuten (Wassermann).
„Anderthalb“ wird seltener flektiert, meist, wenn es substantivisch ge¬
braucht wird:
auf einen Schelmen anderthalbe (Goethe); anderthalbe Bahnstunden (Schaeffer).

Die Zusammensetzungen „dritt[e]halb“ (= das dritte nur halb, d. h.


zweieinhalb), viert[e]halb (= dreieinhalb) usw. sind veraltet:
Das sind schon dritthalb Jahre (Hebbel) | um dritthalb Jahre (Fontane). In neunt-
halben Stunden verlor er Land und Leut’ (Uhland).
Unbestimmte Zahlangabe wird „halb“ in den folgenden Beispielen:
Die halbe Stadt strömte auf dem Platze zusammen. Halb Paris war auf den Beinen.
Frisch gewagt ist halb gewonnen (Sprw.).
Zum flexionslosen Gebrauch von „halb“ vgl. noch 357.
286 Begleiter und Stellvertreter des Substantivs

4. Die Verteilungszahlwörter
540 Die Verteilungszahlwörter werden durch Voranstellen des Wörtchens
„je“ vor die Zahl gebildet. Sie drücken eine zahlenmäßig gleiche Ver¬
teilung aus:
Je zwei von ihnen wurden liereingeführt. Die beiden Bettler erhielten von ihm
je fünf Mark. Je dreimal.
Die Verbindung mit der Ordinalzahl ist veraltet:
In dieser Not beschloß die Landsgemeine, daß je der zehnte Bürger nach dem Los
der Väter Land verlasse (Schiller).

5. Die Vervielfältigungszahlwörter
541 Die Vervielfältigungszahlen werden von der Kardinalzahl und der Nach¬
silbe -fach (veralt.: -fältig) gebildet. Sie werden nicht nur wie ein Adjek¬
tiv, sondern auch wie ein Adverb gebraucht:
einfach, einfältig (Bedeutungsverschiebung 1); zweifach (veraltend: zwiefach),
dreifach, hundertfach, hundertfältig, tausendfach, millionenfach usw.
Unbestimmt:
mehrfach, vielfach (vielfältig), mannigfach (mannigfaltig).
Für „zweifach“ tritt seit dem 16. Jahrhundert auch „doppel(t)“ ein.
Heute unterscheidet man - aber nicht durchgehend - so, daß „zweifach“
verschiedene Begriffe, „doppelt“ den gleichen Begriff noch einmal aus¬
drückt.
Das ist ein zweifaches Verbrechen (Mord und Raub).
Aber:
Geteilte Freude, doppelte Freude (Sprw.). Doppelt genäht hält besser (Sprw.). Ein
Koffer mit doppeltem Boden.

6. Die Wiederholungszahlwörter
542 Die Wiederholungszahlwörter werden von der Kardinalzahl und dem
Substantiv „Mal“ gebildet. Wortartmäßig gehören sie zu den Adverbien.
Sie antworten auf die Frage: Wie oft ?
einmal (aber: einmal = zu irgend einer Zeit), zweimal, dreimal, zehnmal, dutzend¬
mal, hundertmal, tausendmal, millionenmal usw.
Unbestimmt:
vielmal, manchmal, allemal, einigemal, keinmal, x-mal (ugs.), beidemal, jedesmal,
etlichemal, mehreremal, unzähligemal, verschiedenemal, ein andermal, ein paarmal.
„Vielmals“ und „mehrmals“ haben die Adverbendung -s angenommen.
Durch Anfügen der Nachsilbe -ig können die Wiederholungszahlwörter
auch attributiv verwandt werden:
einmalig, dreimalig usw.
Von den unbestimmten:
jedesmalig, mehrmalig.
Die Wiederholung drückt auch der Akkusativ oder eine präpositionale
Wortgruppe mit Ordinalzahl aus:
das erste Mal oder das.erstemal, zum ersten Mal[e] oder zum erstenmal usw. (= erst¬
mals).
Unbestimmt:
viele Male, mehrere Male; zu vielen, verschiedenen, mehreren, wiederholten Malen.
Das Numerale 287

7. Die Gattungszahlworter
Die Gattungszahlwörter bezeichnen nicht die Zahl der einzelnen Gegen- 543.
stände, sondern die Zahl der Gattungen, der Arten, aus denen etwas
besteht. Sie sind zusammengesetzt aus den Genitiven der Kardinalzah¬
len oder der unbestimmten Zahlwörter und der Nachsilbe -lei (mhd.
lei[e] = Art).
Sie stehen als undeklinierbare Attribute,, werden aber auch als selbstän¬
dige Satzglieder verwendet:
(ein Schluß) von einerlei Kost zu einerlei Neigung (Schiller); ihn singen hören oder
trinken aus Lethes Flut war einerlei (Wieland); er hatte zweierlei zu tun (Leip); (er)
tut zehnerlei gleichzeitig (Spoerl).

Unbestimmt sind allerlei, beiderlei, keinerlei, mancherlei, mehrerlei,


vielerlei, auch hunderterlei, tausenderlei (vgl. 536):
allerlei besondere Gedanken, junge Leute beiderlei Geschlechts, keinerlei Zweifel,
mancherlei Ziele, aus mehrerlei Gründen. Der Knabe fragte vielerlei (Zillich). . . . mit
hunderterlei solcher Vorsätze (Hauptmann); seine tausenderlei Dumpfheiten und
Narreteien (Carossa).

Da -lei (= Art) zur Nachsilbe herabgesunken ist, empfinden wir heute


Wendungen wie „auf keinerlei Weise, auf mancherlei Art und Weise“ usw.
nicht mehr als Pleonasmus.

F. DIE PARTIKELN

Bereits in Ziff. 46 ff. hatten wir jene Wörter, die nicht zu den drei Haupt- 544
Wortarten oder zu den Begleitern und Stellvertretern des Substantivs ge¬
hören, als Restgruppe erkannt. Gemeinsam ist diesen Wörtern, daß sie
- von geringen Ausnahmen abgesehen - keiner Formveränderung unter¬
liegen. Dies läßt bereits darauf schließen, daß ihre Verwendung im Satz
eng begrenzt ist.
Eine dieser Wortart zukommende Grundleistung ist kaum zu erkennen.
Hans Glinz hat sie mit den Begriffen „Lage, Situation“ zu umreißen
versucht.1 Wahrscheinlich aber wird man nur negativ sagen können, daß
es dieser Restgruppe zufällt, alle Aufgaben im Satz zu übernehmen, die
von den anderen Wortarten nicht erfüllt werden können. Da diese Auf¬
gaben unterschiedlich sind/haben sich bestimmte Wörter dieser Rest¬
gruppe für bestimmte Aufgaben spezialisiert, so daß auch hier, wie bei
den Begleitern und Stellvertretern des Substantivs (vgl. 414), Funktions¬
gruppen unterschieden werden müssen, nämlich die Adverbien, die Prä¬
positionen und die Konjunktionen.
Manche Wörter der Gesamtgruppe vermögen in mehreren dieser Funk¬
tionsgruppen zu stehen. Daraus ergeben sich zahlreiche Einordnungs¬
schwierigkeiten. Man kann aber der Leistung dieser Wortart für den Satz
nur von den Teilleistungen, d. h. von den Funktionsgruppen her gerecht
werden.

1 H. Glinz, Der deutsche Satz, S. 43. Die Bezeichnung „Partikel“ (lat. particula =
Stückchen, kleiner Teil) sagt über diese Leistung nichts aus.
288 Die Partikeln

I. Das Adverb

1. Die Aufgabe des Adverbs im Satz


545 Dem Adverb fällt die Aufgabe zu, die im Satz genannten Umstände nach
den allgemeinsten Umrissen zu kennzeichnen. (Über die sprachlichen For¬
men, in denen die Umstände sonst ausgedrückt werden können, vgl. 1029).
Da das Adverb bei dieser Aufgabe meist als selbständiges Satzglied (Um¬
standsangabe; vgl. 969) beim Verb steht, hat es von hier aus auch seinen
Namen erhalten1:
Karl singt gern.
Es kann aber ebensogut in der Rolle eines Attributs (vgl. 998) ein Substan¬
tiv, ein Adjektiv oder ein anderes Adverb näher bestimmen:
das Buch dort; ein besonders schönes Buch. Dein Bruder kommt sehr oft.
Auch der Name Adverb kann deshalb nicht in allen Fällen wörtlich ge¬
nommen werden.
Eine besondere Gruppe unter den Adverbien, die Pronominaladverbien
(vgl. 554 ff.), vermögen über die bereits genannte Aufgabe hinaus stell¬
vertretende Funktionen auszuüben:
Ich habe nicht darauf geachtet.

2. Die durch die Adverbien ausgedrückten Umstände


Von der Sache her kennzeichnen die Adverbien folgende Umstände:

a) Umstände des Ortes


546 Sie können mit den Fragen Wo ?, Wohin?, Woher ? erfragt werden:
Wo? (Verharren): hier, da, dort, hie[r] und da, darin, oben, unten, draußen, nir¬
gends, überall, links, rechts.
Wohin? (Richtung): hin, hierhin, dahin, dorthin, darein, aufwärts, abwärts, hinauf,
hinunter, nieder, hinein, hinaus, heim, überallhin, nach links, links hin.
Woher? (Herkunft): her, hierher, daher, dorther, von oben [her], von unten [her],
herauf,