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Das Fenster

Annäherung an das Verständnis der Entwicklung


des Fensters im 20. Jahrhundert

Pablo Rica

Inhalt
Vorwort 2
Die Öffnung 3
Vorgeschichte bis 1900 3
Beiträge im 20. Jahrhundert 4
Schlusswort 14
Quellen 15

Vorwort
Die Geschichte des Fensters im 20. Jahrhundert ist in vielen Büchern beschrieben.
Ich bin das Thema anders angegangen und habe mich mit den Menschen befasst
welche die Geschichte des Fensters mitbegründet haben. Ihre Arbeiten, Gedanken
und Bauten sind Geschichte und zeigen interessante Verläufe und Zusammenhänge
auf. Ich habe zu einer Auswahl mir wichtig scheinenden Figuren kleine Beiträge
verfasst. Diese habe ich der Zeit entsprechend eingeordnet und mit persönlichen
Eindrücken und Gedanken ergänzt.

September 1999 Pablo Rica

Die Öffnung 
Die Öffnung bringt Licht und Luft in das Innere eines Gebäudes. Die Bewohner
treten durch sie in Kontakt mit der Aussenwelt. Doch jede Öffnung ist auch eine
Schwachstelle in der Gebäudehülle. 

Klappläden oder Storen schützen heute die Fenster gegen unwillkommene Einflüsse
von Aussen.

Beim frühen, traditionellen Wohnhaus in Mitteleuropa war die Grösse der Öffnungen
gegeben durch die statischen Eigenschaften der damals üblichen Block- oder
Steinbauten. Man war auch des Schutzes wegen bestrebt kleine Öffnungen zu
machen, da man noch kein Glas oder ähnlich qualitativ gute Werkstoffe hatte mit
denen man die Öffnung hätte schliessen und trotzdem noch Licht hinein bringen
können.

In der gegenwärtigen Architektur ist betreffend der Art und Grösse der Öffnung
praktisch alles möglich und es wird bis an die Grenzen der Bautechnik damit
gearbeitet.

Vorgeschichte bis 1900


Die Römer verwendeten als erste das Glas als Raumabschluss. Die Gläser waren
rahmenlos, in Bronze oder in Holz eingefasst. Im Mittelalter fand man Fenster mit
Verglasung fast ausschliesslich in Kirchen und Klöstern.

Das Fenster war in der Gotik ein Filter zwischen Innen und Aussen und Gott (dem
Himmel) und den Menschen. Im Barock löste man die Grenzen des Raumes durch
das Licht grosser Fensteröffnungen auf. Man spielte mit dem Licht und stellte
statische Grundregeln in den Hintergrund. Später im 17. Jahrhundert wurden auch
Schlösser und Stadthäuser mit Fensterglas versehen.

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit der Industrialisierung das Eisen als
vielseitiger Werkstoff entdeckt. Mit Eisen fertigte man Stützen, welche die massiven
Wände ersetzen konnten. Die Wand verliert die Funktion des Tragens und kann als
Lichtdurchlässige Haut aus Glas ersetzt werden. Damit entstanden im 19.
Jahrhundert neue Bauaufgaben wie Bahnhöfe, Markthallen uam.

1851 entstand in London das erste vollkommend aus Glas und Gusseisen
konstruierte Gebäude, den Kristallpalast von Joseph Paxton. 

Alfred Gotthold Meyer (Autor eines Buches über Eisenbauten um 1907) schrieb über
den Kristallpalast:

"Dieser Riesenraum hatte etwas Befreiendes. Man fühlte sich in ihm geborgen und
doch ungehemmt. Man verlor das Bewusstsein der Schwere, der eigenen
körperlichen Gebundenheit... Aber das Stück Atmosphäre, indem wir uns im
Kristallpalast befinden ist doch aus dem Gesamtraum herausgeschnitten; Die
Schranke die sich zwischen uns und die Landschaft gestellt hat, ist eine fast
wesenlose, aber sie besteht doch."

Beiträge im 20. Jahrhundert

Paul Hankar, 1898


Anfangs des 20. Jahrhunderts war die Zeit des Jugendstils. Das Ornament und die
organischen Formen standen im Vordergrund. Beim Atelierhaus Ciamberlani in
Brüssel sind die Fenster, die Fassade und das Geländer reich verziert. Die Fenster
haben eine eigenartige runde Form. Sie passen sich jedoch gut in das Fassadenbild
ein.

Otto Koloman Wagner, 1899

Bei Otto Wagners Fassade des Majolikahaus in Wien ist die Aussenwand reich
bemalt. Die Fenster bleiben -anders als bei Paul Hankar- im klassizistischen Stil. 

Die Fenster sind sehr hoch und schmal. Sie sind im Sturzbereich zusätzlich verglast
um Licht in die hohen Räumen zu bringen.

Louis Henry Sullivan, 1904


Grundriss

Durch die Erfindung des Liftes (1852 Otis) und der feuergeschützten Stahlskelett-
Bauweise entstand die erste Generation der Hochhäuser in Chicago. Die
Aussenhaut jedoch wurde von Architekten verschieden behandelt. Entweder waren
es Massivwände mit Lochfenstern, wobei das unterste Geschoss die kleinsten
Öffnungen und die dicksten Mauern zeigte. Oder es wurden Skelettbauweisen mit
Fenstern ausgefacht.

Das Warenhaus Carson Pirie & Scott in Chicago zeigt uns der Gedanke von Louis
H. Sullivan.

Durch ein straffes Netz von horizontaler und vertikaler Linien an der Fassade zeigt
er die klare Struktur des Tragwerkes. Damit konnte er grosse Fensteröffnungen
machen, und viel Licht in die Räume bringen. Dieses Grundprinzip, bei dem das
Fenster der Tragstruktur untergeordnet ist, findet später oft Verwendung bei
Hochhausbauten.

Louis Henry Sullivan unterstreicht mit den Fensterarten die Unterteilung des
Gebäudes in Sockel, Mittelteil und Dachabschluss.

Die beiden untersten Geschosse werden als Schaufenster genutzt und bestehen
aus gusseisernen Jugendstil-Ornamentplatten. Im Mittelteil werden die Fenster mit
einem schmalen Terrakotta-Ornament umrahmt. Und das oberste Geschoss enthält
breite in dünnen Metallrahmen eingefassten Fenster, den sogenannten chicago
windows.

Frank Lloyd Wright 1, 1906

"In den Öffnungen meiner Häuser hat das Glas die Stelle inne, die der Edelstahl
unter anderen Materialien einnimmt ... dieses Supermaterial Glas, wie wir es jetzt
verwenden, ist ein Wunder. Luft in der Luft, um Luft abzusperren oder drinnen zu
behalten. Licht selber im Licht, um das Licht zu zerstreuen, zu spiegeln oder
abzulenken."

Wright setzt das Glas noch nicht sprossenlos ein, wie später zum Beispiel Mies van
der Rohe, sondern anfangs kleinteilig, mit kleinen farbigen, bleigefassten Gläsern;
später grosszügiger, aber noch immer mit Sprossen, um die "Grenze vom
geschützten Raum zur freien Natur mit Farben und Strukturen bewusst zu machen.

Das Bild zeigt ein Fenster vom Robie House in Chicago. Frank Lloyd Wright war
der Meinung, dass er beim Essen nicht aus dem Fenster schauen will. Deshalb
setzte er zum Beispiel im Essraum solche Fenster ein.

Adolf Loos, 1911

Er hatte eine andere Ansicht von Innen- und Aussenraum als seine Vorgänger.

Die Häuser von Loos sind introvertiert. Der Innenraum wird somit zum "Theater des
Lebens", ähnlich wie bei Frank Lloyd Wright 1906. Alle Fensteröffnungen sind mit
Vorhängen abgeschirmt, mit opakem Glas versehen oder in kleine Scheiben
unterteilt.

Im Geschäftshaus Goldman & Salatsch (heute Raifeisenbank) in Wien


verwentete er im 1. Stock Fenster mit kleinen, quadtratischen Scheibenteilen, den
sogenannten Bay-windows.

Er wollte damit ein erhöhtes Sicherheitsgefühl auslösen: "Man fürchtet nicht, aus
dem ersten Stock auf die Strasse zu stürzen."

Diese kleinteiligen Fenster rufen die Assoziation von mit Bleiruten eingefasten
Butzenscheiben im Mittelalter, oder japanischen Aussenwänden aus Papier.

Bruno Taut 1, 1914


Für die Architekten um Bruno Taut hat das Material Glas weniger Bedeutung wegen
des Potentials, Energie einzusparen oder wegen seiner Durchsichtigkeit, sondern
vielmehr als Sinnbild für "das Fliessende, Grazile, Kantige, Funkelnde...". Glas gilt
für sie, im Sinne der Gotik, als höchstes Symbol der Reinheit und des Todes.

Der Pavillon der Werkbundausstellung in Köln bestand vollkommend aus Glas.


Die Kuppel aus mit Glas ausgefachten Betongerippen liegt auf Wänden aus
Glasbausteinen. Die Treppen sind ebenfalls in Glasbausteinen ausgebildet. Mit
diesem Pavillon baute Bruno Taut seine Vision einer gläsernen Stadtkrone wie sie in
seinen utopischen Schriften vorkommt.

Walter Gropius, 1914

Gleich wie bei Bruno Taut stellte Walter Gropius das Glas symbolisierend für
Reinheit, Freiheit und Offenheit hin.

Er brachte bei der Schuhleistenfabrik Fagus in Alfeld die Glas/Metallhaut-


Fassade gut zum Einsatz. Das "Fenster" war nicht mehr der Aussenwand
untergeordnet, sondern war komplementär zum Rohbau ein eigenständiges
Subsystem der Gebäudehülle. Die tragenden Pfeiler sind hinter der Glasebene. Die
Fassade wirkt somit sehr leicht. 

Weil es damals üblicher war verwendete er jedoch in den dreissiger Jahren


gleichwohl Lochfenster in Ausfachungen von Stahlbauten, wie zum Beispiel in der
Stuttgart-Siedlung. 

Gerrit Thomas Rietveld, 1924


In Holland war De Stjil eine Gruppe von Maler und Architekten, die den Raum mit
Hilfe von rechteckigen Scheiben und Platten definierten. Löcher in den Wänden
seien als "tote Räume" zu vermeiden. Öffungen zwischen Wandscheiben und
Deckenplatten entstehen so als Kontrast zu den raumdefinierenden Flächen. Gerrit
Rietveld gelang es mit dem Wohnhaus Schröder in Utrecht die Umsetzung dieser
Idee am besten. 

Erich Mendelsohn, 1928

Der Architekt Erich Mendelsohn sah sich als Schöpfer einer neuen Ordnung.

Tief sind die Fenster in die kurvigen Ausbuchtungen des Einsteinturms in


Potsdam geschnitten. Sie unterstreichen das organische Bild des Gebäudes. Der
Turm avancierte zum Inbegriff des gebauten Expressionismus. 

Siegfried Giedion, 1929

Buchdeckel

Befreites Wohnen war ein Motto aus den zwanziger Jahren, das mit der Typisierung
und Rationalisierung der Wunsch nach mehr Licht und Luft in der Wohnung
verbindet.
"SCHÖN ist ein Haus, das unserem Lebensgefühl entspricht. Dieses verlangt
LICHT, LUFT, BEWEGUNG, ÖFFNUNG. 

SCHÖN ist ein Haus, das leicht aufruht und allen Bedingungen des Terrains sich
anpassen kann.

SCHÖN ist ein Haus, das gestattet, mit Himmel und Baumkronen zu leben.

SCHÖN ist ein Haus das an Stelle von Schatten (Fensterpfeiler) Licht hat
(Fensterwände).

SCHÖN ist ein Haus, dessen Räume kein Gefühl von EINGESPERRTSEIN
aufkommen lassen.

SCHÖN ist ein Haus dessen Reiz aus dem Zusammenwirken wohlerfüllter
Funktionen besteht."

Ludwig Mies van der Rohe 1, 1929

Auch Ludwig Mies van der Rohe strebte das Vergrössern der Öffnung an, um – wie
Frank Lloyd Wright später– transparente, ineinander-fliessende Räume zu erhalten.
Der Barcelona Pavillon besteht aus Scheiben und Platten wie bei Gerrit Rietvelds
Schröderhaus. Die Öffnungen sind jeweils von Boden bis Unterkante Deckenplatte,
und von einer Wandscheibe zur anderen als "Lücke" zwischen den Elementen
ausgebildet. Mit dieser Art der Öffnung schafft er starke und gelenkte Beziehungen
von Innen und Aussenräumen.

Pierre Chareau, 1931

Ein Teil der Maison de verre in Paris ist zum Innenhof gerichtet. Um Licht in die
Wohnung zu bringen, den unatraktiven Innenhof nicht in die Wohnung
einzubeziehen und gleichzeitig die Privatsphäre vor Einblicken zu schützen führte
Pierre Chareau diesen Teil der Aussenhülle in Glasbaustein aus.

Noch heute ist der Glasbaustein ein spezielles, luxuriöses Produkt.


Bruno Taut 2, 1932

Das Kastenfenster entwickelte sich aus dem Winterfenster. Durch entsprechende


Rahmenausbildung ist eine zweite Fensterebene fest installiert. Die stehende
Luftschicht im Zwischenraum verringert den Wärmeverlust entscheidend. Darüber
hinaus formuliert das Kastenfenster den Übergang von innen nach aussen räumlich
und gestalterisch am stärksten. Der Raum dazwischen scheint der richtige Ort, um
Blumen, Gläser oder anderes ins "rechte Licht" zu rücken.

Das schwierige beim Kastenfenster blieb die Handhabung beim Lüften. Vorallem in
Räumen mit der Anforderung von erhöhtem Luftaustausch, wie zum Beispiel bei
Küchen, sind Sonderkonstruktionen nötig. Man hilft sich mit dem Einbau von kleinen
beweglichen Schiebern, Drehflügeln in den Fensterflügeln oder setzt in Teile des
Fensters, oben oder unten, Kipp- oder Schiebefenster, drehbare
Lamellenverglasungen oder Holzlamellen mit dahinterliegendem Abschluss ein.

Beim Küchenfenster in der Onkel-Tom-Siedlung in Berlin teilt er den Blendrahmen


in vier Felder: Zwei grössere Fenster, oben zur Stosslüftung und unten zum
Gespräch am Küchenfenster; zwei kleine Flügel für die kontinuierliche Be- und
Entlüftung der kleinen Küche.

Le Corbusier, 1929

1926 postulierte Le Corbusier seine fünf Punkte zu einer Neuen Architektur: Stützen,
Dachgarten, freier Grundriss, freie Fassade und Bandfenster, welche er an der Villa
Savoye in Poissy exemplarisch verwendet hat.

Mit dem Bandfenster zeigt Le Corbusier die Möglichkeit zwischen zwei Stützen ein
Fenster zu machen. Im Gegensatz dazu liegt die freie Fassade vor der eigentlichen
Tragkonstruktion und ist von dieser völlig unabhängig. 

Le Corbusier gilt als einer der Begründer der industriellen Produktion. Er wollte
vorallem das Fenster industriell vorfertigen. 

Es sollte Motor bei der Industrialisierung des Bauens sein. Dazu ist es zunächst zu
standardisieren. Das ideale Fenster für alle Wohnzwecke ist das horizontale
Schiebefenster, 2.50 m lang, ein minimales Raummass; der einzelne Flügel von
1.25 m entspricht der zweifachen menschlichen Armlänge, so dass ein Flügel
bequem von beiden Seiten aus vollständig gereinigt werden kann. Die lästigen
Flügel ragen nicht mehr in die ohnehin kleinen Räume hinein und ein plötzlicher
Wind schlägt sie nicht zu. Dieses Grundelement lässt sich einzeln oder addiert als
Fensterwand verwenden.

Frank Lloyd Wright 2, 1936

Der Raum wird nicht mehr durch vier Wände bestimmt. Er wird "aufgelöst" in
Scheiben- und stabförmige Elemente. Dort wo keine Wand ist, steht ein
Glasabschluss. 

Im Gegensatz zu seiner früheren Auffassung (siehe F.L.W. 1906) wollte er den


Innen- und Aussenraum in einen fliessenden, offenen Raum verschmelzen lassen.
Er nannte es "Die Zerstörung der Kiste".

Glas war ihm das wertvollste Material, weil es eine neue Beziehung zwischen
Mensch und Natur ermöglichen kann.

Das Wohnhaus Falling Water in Pennsylvania unterstreicht mit den ineinander


gestellten und fliessenden Räumen ihre Transparenz, im Sinn von Rowe und
Slutzky.

Alvar Aalto, 1939

Bei Alvar Aaltos Kastenfenster (siehe Bruno Taut 2, 1932) der Villa Mairea in
Noormarkku sind beide Fensterebenen nach aussen gestülpt und durch eine
Festverglasung verbunden.

Diese "Lichtfallen" geben der Fassade eine spezielle Struktur. In der gegenwärtigen
Architektur ist dieses Element neu entdeckt worden.

Charles & Ray Eames, 1949


Beim Wohnhaus in Pacific Palisades bei Los Angeles verwendeten sie
überwiegend kleinformatige, handelsübliche Stahlfenster. Dadurch ergaben sich eng
gerasterte Fensterflächen. Die Füllungen der querformatigen Elemente wechseln
von transparent zu transluszent, bis zu geschlossenen Paneelen. Die Glasfenster
des Ateliergebäudes daneben sind völlig in Drahtglas gehalten.

Fassadenschema

Die Idee war es, alle Fenster industriell vorzugfertigen, was ihnen nicht gelang.
Zahlreiche Bauteile mussten als zeitaufwendige Einzelanfertigungen hergestellt
werden. Auch das Einsetzen der als Fertigprodukt bezogenen Fenster und deren
Anschluss an die Stahlkonstruktion erforderten viel Schweissarbeit von Hand.

Das Eames House ist ein Experiment und Architekturmanifest das die Bauphysik
ignoriert. Schon bald stellen sich erhelbliche Bauschäden ein.

Ludwig Mies van der Rohe 2, 1951

Der Radikalste Einsatz von Glas bot Ludwig Mies van der Rohe in den fünfziger
Jahren am Haus Farnsworth in Plano/Illinois. Es ist vielmehr ein Experiment als
ein Wohnhaus. Das Haus hat keine Wände. Der Innenraum ist nur von Glas
umgeben. Hier bilden nicht mehr die Innenansichten der Aussenwände, sondern die
beinahe unberührten Landschaft der Umgebung die Kulisse zum Wohnen.

Wobei die Bauherrin es gar nie bewohnt hat. Sie fand ein solches Haus unzumutbar.

Carlo Scarpa, 1957

"Ich wollte das Blau des Himmels zerschneiden" komentierte Carlo Scarpa die
Gipsoteca Canoviana in Possagno. Dafür verwendete er gezielt gesetzte
Öffnungen, für deren Gestaltung er Wandverbindungen so ausschnitt, dass sich
Fenster–Eckkörper ergaben. Die Ecken lösen sich auf, der Aussenraum greift in den
Innenraum hinein.

Albert Frey, 1964

Die Verbindung von Landschaft und Innenraum wurde noch weiter geführt.

In Albert Freys eigenem Wohnhaus in Palm Springs ragen riesige Felsen durch
die Glasfläche in die Wohnräume.

Eine völlig übertriebene Haltung zeigt uns der Lichtschalter, der im tonnenschweren
Felsen eingebaut ist. Wahrscheinlich ein Zeichen der Macht der Technologie über
die wilde Natur.

Herman Hertzberger, 1965

 
Fensterstrukturen

Das Fensterelement bei Herman Hertzberger ist zunächst Teil des "Baukasten
Hauses". Beim Altersheim 'De Drie Hoven' in Amsterdam sind die Rahmen
vorstrukturiert in Bezug zum stehenden, sitzenden und liegenden Menschen. Es gibt
eine Palette von Füllungen, die je nach Bedarf in diesen Rahmen eingesetzt werden.

Dabei sind die Fensterelemente so tief, dass sie Raum zur Möblierung durch die
Bewohner lassen. Sie können zum Schaufenster werden, aufgestellte Gegenstände
filtern das Licht, machen es erlebbar und beleben die Fassade.

Aldo Rossi, 1982

Ein Element, das in der Postmoderne viel zitiert wird sind die Fenster von Aldo
Rossi. An der Schule in Brioni verwendet er ein solches primitives Fenster, das von
jedem Mensch als typisches Urfenster wahrgenommen wird. Es ist quadratisch hat
einen markanten Rahmen und Sprossen die das Glas in vier gleich grosse Teile
teilen. Die Strenge und Klarheit des Fensters wird durch die Farbgebung
abgeschwächt und zieht das Element ins Spielerische.

Jean Nouvel, 1987


Die Glasfassade des Institut du monde Arabe in Paris ist vollständig mit einem
neuartigen Sonnenschutzsystem verkleidet. Durch automatisch gesteuerte
Metallblenden wird das Tageslicht reguliert. Das Fenster als solches tritt in den
Hintergrund. Der Sonnenschutz strukturiert die Fassade. 

Die Sonneneinstrahlung erzeugt interessante Lichtspiele im Innenraum. 

Jacques Herzog & Pierre de Meuron, 1994

Die Kunstsammlung Goetz in München von Herzog & de Meuron liegt als frei
stehender Baukörper in einem parkähnlichen Garten. Zwei opake, grüngetönte
Glasbänder umziehen das Gebäude in jedem Geschoss, getrennt von einer
Verkleidung aus Birkenholzplatten. Je nach Lichtverhältnissen zeigt sich das Haus
mal als geschlossenes, flächiges Volumen, dann wieder transparent und
schwebend. Die Verglasung im Erdgeschoss ist gleichzeitig der Lichtgaden des
Untergeschosses.

James Carpenter, 1995

Dass die Arbeit mit Glas auch Gestalten mit Licht heisst, nutzt der Künstler und
Ingenieur James Carpenter aus. Er braucht Gläser, die mit Hologrammen oder
dichrotischen* Filmen beschichtet sind, um spezielle Farbeffekte auf den Gläsern
oder im Innenraum zu erzeugen. Die Metalloxidbeschichtungen zerlegen das Licht
durch Interferenzvorgang in die Spektralfarben und lassen es je nach Einfallswinkel
passieren oder reflektieren.

Das Bild zeigt die Aussenwand eines Fitnessstudios in New York. Duch die diffuse
Oberfläche werden die wechselnden Lichtstimmungen des Himmels reflektiert. 216
senkrecht stehende, dichroische, laminierte Glasschwerter schaffen permanent
wechselnde Farbfelder. Von Norden gesehen reicht das Spektrum von Blassgrün bis
Indigo, aus südlicher Richtung von Gold bis Magenta.

*Dichroismus: Eigenschaft vieler Kristalle, Licht nach verschiedenen Richtungen in


zwei Farben zu zerlegen.

Marcus Diener & Roger Diener, 1995

Das Basler Architekturbüro Diener & Diener setzen einen gelben Betonkubus an die
Ecke des Barfüsserplatzes in Basel. 

Auffällig sind die schwarzgerahmten Schiebefenster, die hier zum Thema werden.
Von Aussen betrachtet geben die zueinander versetzten Fenster ein interessantes
Spiel in der Fassade, welches den neuen Baukörper beinahe unauffällig in die
bestehende Baustruktur der Stadt einbindet.

Im Innenraum erscheinen die grossen Fenster als in schwarze Rahmen gefasste


Bilder, die das Geschehen der Stadt zeigen. 

Das Fenster als Bild des Aussenraumens zu gestalten ist ein beliebtes Thema in der
gegenwärtigen Architektur, und wird oft verwendet.

Wiel Arets, 1996


Wiel Arets ordnet das Fenster seinen stark gerasterten Fassaden unter. Das Fenster
ist immer ein Teil des Rasters. Er arbeitet viel mit Glasbausteinen welche ihm
ebenfalls eine gleichmässige Struktur ergeben . Beim Headquarters AZL
Pensionfound in Heerlen geht er sogar soweit, dass die Fenster einer Fassade
unter der Verkleidung aus rechteckigen, Platten "versteckt" sind. Die Platten müssen
hochgehoben werden, damit das Fenster darunter zum Vorschein kommt.
Normalerweise ist die Verkleidung geschlossen.

Annette Gigon & Mike Guyer, 1996

Detailschnitt durch Fenster

Gigon und Guyer befassen sich viel mit dem Thema Fenster und entwickeln oft
eigene Konstruktionen, um die Öffnung auf ihren Entwurfsgedanken abzustimmen.
In der Wohnüberbauung Broëlberg in Kilchberg verwendeten sie Fenster, die
Aussen eine rahmenlose Glasfläche zeigen und wie Bilder an der Fassade
"aufgehängt" sind. Das Glas wird von einem hervorstehenden, weissen
Aluminiumrahmen eingefasst, und die Fensterelemente als Bestandteil der
Gebäudeoberfläche und nicht als Füllungen in den Öffnungen einer Lochfassade zu
zeigen.

Valentin Bearth & Andrea Deplazes, 1998


Wie bei Charles & Ray Eames 1949 arbeiten die beiden Architekten am Wohnhaus
Willimann-Lötscher in Sevgein GR mit industriell vorgefertigten Normfenstern. Sie
verwenden Norm-Dachflächenfenster in der Fassade, die ökonomisch und
funktionell interessant sind. Dies ist eine völlig neue Art, mit dem Fenster
umzugehen.

Schlusswort
Alle diese Beiträge zeigen mir wichtige Punkte in der Geschichte des Fensters im
20. Jahrhundert auf. Es war sehr interessant nachzuforschen und zu hinterfragen,
was das Fenster für eine Rolle in der Architektur spielt.

Das Fenster ist weit mehr als eine Öffnung, die Licht und Luft in einen Raum bringen
muss. Die Fenster sind die Augen der Häuser. An ihnen erkennt man den Charakter
eines Gebäudes. Sie beeinflussen die Menschen die sich in ihm aufhalten. 

Diese Fensterarbeit motiviert mich, in meinen zukünftigen Arbeiten als Student und
Architekt, die Öffnung stärker zu gewichten. Ich habe gesehen wie interessant,
aktuell und endlos dieses Thema ist. 

Vielleicht habe ich den Einen oder Anderen Leser meiner Arbeit angesteckt. 

September 1999 Pablo Rica 

Quellen
Historische Fenster: Entwicklung, Technik, Denkmalpflege, Manfred Gerner; Dieter
Gärtner, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1996

Glasbauatlas, Christian Schittich; Gerald Staib, Birkhäuser 1998

Architektur des 20. Jahrhunderts, Peter Gössel; Gabriele Leuthäuser, Benedikt


Taschen Verlag 1990

Öffnungen, Heinz Ronner, Birkäuser 1991

Detail 4/96, Fassade, Fenster

Archithese 5/97, Das Fenster

Das Detail in der Architektur der Moderne, Edward R. Ford, Birkäuser 

Fenster Fassade, Annette Gigon; Mike Guyer, ETHZ 1998

Arch+ 4/96, 134/135, Glas