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BERUF

DOLMETSCHER

Hören, übersetzen, mitsprechen


Ob Fachkongress oder Filmpreis: Simultan-Dolmetscher
übersetzen live. Länger als 30 Minuten am Stück hält kaum einer
durch, es ist der drittstressigste Job der Welt.
VON Markus Schleufe | 26. Juni 2012 - 13:03 Uhr
© Maryam Schumacher/dpa

Übersetzerin bei der EU in Brüssel


Ungefähr vier Stunden wird der Einsatz von Sabine Nonhebel dauern. Ihre erste Pause
hat sie schon nach einer halben Stunde. Was nach sehr moderaten Arbeitszeiten klingt, ist
allerdings ein Knochenjob: Denn Sabine Nonhebel arbeitet als Konferenzdolmetscherin
und dieser Beruf ist nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem
Jahr 2007 der drittstressigste Job der Welt – gleich hinter Pilot und Fluglotse.
© Tim Boyle/Getty Images

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"Die Arbeit ist anstrengend. Wir sitzen immer zu zweit in der Dolmetscherkabine und
wechseln uns alle 30 Minuten ab", erzählt die Dolmetscherin. Viele Konferenzen, bei denen
sie übersetzt, dauern länger als sechs Stunden. Dazu gehören internationale Konferenzen
und Kongresse, Jubiläumsveranstaltungen und auch Preisverleihungen. "Wir werden im
Grunde bei allen mehrsprachigen Veranstaltungen eingesetzt", sagt Nonhebel. Sie selbst
spricht Deutsch, Französisch und Englisch. Simultan-Dolmetschen erfordert höchste
Konzentration. Über Kopfhörer hören die Übersetzer, was die Redner sagen. Sie müssen
dann das Gesprochene simultan – also parallel zum Redner – für das Publikum verständlich
in die jeweils andere Sprache übersetzen. Gleichzeitig zuhören, übertragen und verständlich
darstellen, das fordert den Übersetzern einiges ab. Darum sind die Pausen sehr wichtig,
der Körper und das Gehirn brauchen diese Zeit zur Regeneration. Richtige Auszeiten sind
die Pausen, in denen sich die Dolmetscher abwechseln, aber nicht. Einfach aufstehen und
gehen oder machen, was sie wollen – das geht nicht. Weil die Übersetzer immer zu zweit in
den Kabinen sitzen und das Mikro immer an ist, sind alle Hintergrundgeräusche zu hören.
Da wird selbst Wasser einschenken und trinken zur Herausforderung.

Vor jeder Veranstaltung müssen sich die Übersetzer außerdem in das Fachthema
einarbeiten. Gerade bei internationalen Kongressen kommt es oft auf Fachvokabular
an. Das müssen die Simultanübersetzer kennen. "Wenn beispielsweise hochkarätige
Wissenschaftler über ihr Fachthema referieren, muss ich wissen, worum es geht und was
ich da gerade übersetze", sagt Nonhebel.

Konzentration ist alles

Schlicht Vokabeln zu pauken, reicht da nicht. Die Dolmetscherin muss die Wörter im
Kontext verstehen. Darum bereitet sie sich mit Lesen von Fachpublikationen auf die
Thematik vor. Ziemlich aufwendig – denn je nach Veranstaltung variieren die Themen
sehr stark. Heute ein Juristenfachkongress, morgen Klimawandel, übermorgen ein
Filmpreis. Nonhebel war schon auf Anwalts- und Ärztekongressen, Fischereitagungen,
Architekturmessen und Aktionärsversammlungen als Konferenzdolmetscherin tätig. "Die
Vorbereitung dauert mitunter länger als der eigentliche Auftrag."

Nicht zu verwechseln ist die Arbeit von Dolmetschern übrigens mit der Arbeit von
Übersetzern. Denn während Übersetzer ausschließlich Texte aus einer Sprache in
eine andere schriftlich übertragen, befassen sich Dolmetscher mit gesprochenen,
fremdsprachlichen Äußerungen und ihrer mündlichen Übertragung, wie es die
Berufsdefinition beschreibt.

Für die Arbeit als Konferenzdolmetscher sind unter anderem starke Nerven, eine gute
Allgemeinbildung, der sichere Umgang mit der eigenen Mutter-, sowie der Fremdsprache
und die Fähigkeit, sich schnell in fremde Themengebiete einarbeiten zu können, nötig.
Außerdem brauchen die Dolmetscher interkulturelle Kompetenzen, müssen über Bräuche

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und Gepflogenheiten Bescheid wissen. Die Arbeit ist also sehr anspruchsvoll. Geistige
Ausdauer und starke Konzentration sind Grundvoraussetzung für diesen Job.

Dolmetscher ist keine geschützte Berufsbezeichnung, theoretisch kann jeder in diesem


Beruf arbeiten. Die Chancen, in der Branche Fuß zu fassen, sind allerdings ohne ein
entsprechendes Studium sehr gering. Ein solches bieten Universitäten, Fachhochschulen,
aber auch Privatschulen an. Hier werden neben der Perfektion der sprachlichen Fähigkeiten
vor allem Techniken zum Dolmetschen in unterschiedlichen Situationen gelehrt. Wie gehe
ich mit Schnellrednern um? Wie mit Rednern, die nuscheln?

Die meisten Dolmetscher sind freiberuflich tätig und kümmern sich selbstständig um
Aufträge und Kunden. Abgerechnet wird, unabhängig von der Dauer eines Auftrages,
grundsätzlich ein Tageshonorar. Darin enthalten sind Aufwand für das Einarbeiten vorab
und der Einsatz vor Ort. Reisekosten kommen zusätzlich hinzu. Die Höhe des Honorars
variiert und ist abhängig von der Sprache und von der Erfahrung des Dolmetschers.

" Selbstvermarktung ist alles in der Branche. Man braucht auch ein gutes Netzwerk, denn
viele Aufträge kommen von Kollegen, die fragen: Willst du mit auf eine Veranstaltung?",
sagt Nonhebel.

Mentoren helfen beim Einstieg

Entsprechend schwierig ist es für Newcomer. Deshalb bietet der Verband der
Konferenzdolmetscher ein Nachwuchsprogramm für Einsteiger. Hier arbeiten junge
Dolmetscher mit erfahrenen Kollegen zusammen und können sich mit allen Fragen an diese
wenden. Wo bekomme ich Kunden her? Wie läuft ein Auftrag ab? Wie habe ich mich vor
Ort zu verhalten?

Hat man es erst geschafft und erste Auftraggeber gefunden, bleiben viele mit Begeisterung
dabei. Denn jeder Auftrag ist eine Herausforderung, sagt Nonhebel. "Wir haben viel
mit interessanten Menschen zu tun und bekommen Einblicke in viele unterschiedliche
Branchen und Berufe. Das macht die Arbeit besonders spannend."

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ADRESSE: http://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-06/beruf-dolmetscher