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Wie Psychotherapie hilft

Sie hilft aus der Depression, begleitet in schwierigen Lebenslagen, vertreibt Ängste. Die Kraft des
Gesprächs – und wie man sie optimal nutzt
Roboter im OP, künstlicher Ersatz für Gelenke, Labor-Basteleien am Erbgut. Im Zeitalter modernster
Medizin erscheint es simpel und faszinierend zugleich: Zwei Menschen sitzen sich gegenüber und
reden. Und das hilft. Die meisten seelischen Leiden werden vorrangig so behandelt.
Das Spektrum der Patienten ist breit. Manche fühlen sich beschämt, wertlos, sind ihren extremen
Emotionen ausgeliefert oder gefangen in Gedankenspiralen. Manche trauen sich nicht in einen
Fahrstuhl, andere gar nicht mehr aus der Wohnung. Häufige Diagnosen sind Depression, Angst- und
Zwangsstörung. Doch egal worunter jemand genau leidet – wenn die Seele streikt, stolpert das
Leben, steht vielleicht sogar komplett still.
Deutsche Versorgung einzigartig
Etwa jeder Dritte erkrankt im Lauf seines Lebens an einer psychischen Störung. Die Versorgung, die
das deutsche Gesundheitssystem dann bietet, ist weltweit einzigartig. Drei verschiedene
Therapieverfahren stehen Versicherten zur Verfügung, eine vierte Methode kommt demnächst hinzu
(die Systemische Therapie). Etwa eine Million Patienten werden jährlich behandelt. Pro 100.000
Einwohner gibt es 29 Psychotherapeuten. Die gesetzlichen Kassen genehmigen fast alle
Therapieanträge und übernehmen die Kosten.

Aber: Wie wirksam ist Psychotherapie wirklich? Worauf kommt es an, damit sich der Patient
dauerhaft besser fühlt? Wie wichtig sind die Auswahl des Therapeuten und der Methode?
Wartezeit überbrücken
Patienten warten im Durchschnitt 20 Wochen auf eine Psychotherapie. Hilfreich können in dieser
Zeit Beratungsstellen sein. In vielen Städten bieten Caritas, Diakonie, Gesundheitsämter oder
psychotherapeutische Ambulanzen Gespräche mit Psychologen oder Sozialpädagogen an. So kann
man auch herausfinden, welches Verfahren zu einem passen könnte. Teils nennen die Stellen auch
geeignete Therapeuten.
Wie viele andere medizinische Behandlungen wirkt auch Psychotherapie nicht immer und bei jedem.
Dennoch sind die Ergebnisse beachtlich.

"Wir erreichen immerhin etwa jeden dritten Patienten durch unsere Intervention, herausragende
Therapeuten jeden zweiten. Viele Medikamente, die bei körperlichen Erkrankungen eingesetzt
werden, schneiden schlechter ab", sagt Psychotherapeut Dr. Robert Mestel, Leiter für
Qualitätssicherung an den Helios-Kliniken Bad Grönenbach.
Als sehr gut behandelbar gelten Panik- und Angststörungen.

Beschwerden durch Psychotherapie überwinden


"Bei bis zu 80 Prozent der Patienten kommt es zu einer Heilung oder starken Verbesserung, sodass
sie wieder gut leben können", berichtet Winfried Rief, Professor für Klinische Psychologie und
Psychotherapie an der Uni Marburg. Bei Zwangsstörungendagegen bleiben fast immer Symptome
zurück.
Etwa die Hälfte der depressiven Patienten kann durch Psychotherapie die Beschwerden überwinden
oder zumindest deutlich lindern. Allerdings ist bei dieser weit verbreiteten Krankheit das
Rückfallrisiko besonders hoch: Mehr als zwei Drittel der Betroffenen geraten erneut in eine
depressive Episode.
Besonders schwierig gestaltet sich die Behandlung von Menschen, die bereits in der Jugend in ein
schwarzes Loch gefallen sind, ein geringes Selbstwertgefühl haben, sich schwertun, Vertrauen
aufzubauen. Christel G. (59) ist so eine Patientin.
Sie hat eine Kindheit hinter sich mit wenig Zuwendung und wenig gemeinsamer Zeit mit den Eltern.
Später fühlt sie sich ungeliebt und immer an allem schuld. Die Belastungen prasseln auf sie ein:
Scheidung, verfrühte Wechseljahre, Suizidversuch eines Familienmitglieds, zwei Freundinnen
sterben, Stress im Job, der Kollege mobbt, die Schwiegermutter muss gepflegt werden.
Neue Methoden in der Verhaltenstherapie
Immer wieder will Christel "einfach nur tot sein". Sie weiß, dass sie Hilfe braucht. Aber die erste
Psychotherapie bringt nur kurzfristig Erfolg. Bei der zweiten liegt ihr die Therapeutin nicht. Dass es
ihr heute an den meisten Tagen gut geht, schreibt sie großteils ihrer nun endlich erfolgreichen
Behandlung zu: "In den anderen Therapien wurde alles nur irgendwie mit der Gegenwart erklärt.
Jetzt haben wir systematisch geschaut, woher das eigentlich kommt. Und ich habe konkrete
Werkzeuge, wie ich anders mit schwierigen Situationen umgehen kann."

Christel G. hat vom "Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy" profitiert, einer
neueren Methode in der Verhaltenstherapie. Sie modernisiert sich im Vergleich zu den anderen
kassenfinanzierten Verfahren am meisten. Laufend werden neue Ansätze integriert.
Von den Erfahrungen anderer profitieren
Die Schilderungen von Patienten mit ähnlichen Problemen können helfen, die eigene Situation besser
zu verstehen. Typische soziale Schwierigkeiten werden in einer Gruppe offenkundig und können
direkt bearbeitet werden. In Kliniken erfolgt Psychotherapie hauptsächlich in Gruppen, aber auch
ambulante Patienten können eine Gruppentherapie machen. Endlich verstanden fühlen sich viele
Menschen auch in Selbsthilfegruppen. Organisationen vor Ort finden sich unter www.nakos.de.
Online-Begleitung
Psychotherapie soll ab April nach ersten persönlichen Gesprächen online per Video fortgeführt
werden können - etwa für nichtmobile Patienten. Einige Krankenkassen bieten ihren Versicherten
zudem gratis begleitende Online-Programme und Apps. Kostenpflichtige digitale Psycho-Hilfen,
aber auch mögliche Teilnahmen an Studien zu solchen Programmen sind unter www.geton-
training.de aufgeführt.
Dann werden konkrete Situationen aus Christels Leben analysiert. Wie verhielt sich die Patientin?
Welche Erwartungen hatte sie? Warum kam es nicht zum gewünschten Ergebnis? Wie würde ein
objektiver Beobachter die Sache sehen? Zum Teil werden die Erlebnisse noch mal im Rollenspiel
umgesetzt. "Damit die Patientin ins Spüren reinkommt", so Schamong. Mit der Psychologin
entwickelt sich ein vertrauensvolles Verhältnis. "Bei ihr kann ich offen und ehrlich sein", erzählt
Christel.

Eine gute Beziehung zum Therapeuten ist enorm wichtig. "Empathische Behandler, die glaubhaft
Wertschätzung ausdrücken, sich Feedback einholen und auch mit schwierigen Charakteren umgehen
können, sind nach aktuellem Erkenntnisstand die wirksamsten", sagt Mestel. So gut wie keine Rolle
spielen dagegen die angesammelten Berufsjahre. "Erfahrene Psychotherapeuten sind im Schnitt
keineswegs wirksamer als unerfahrene."

Der passende Therapeut


Der Therapeut sollte von seiner Methode überzeugt sein; sowohl er als auch der Patient sollten
erwarten, dass ihre gemeinsame Arbeit Erfolge zeigen wird. Große Studien belegen, dass solche
Faktoren bedeutsamer sind für positive Effekte als etwa die Art des Verfahrens. Dennoch eignen sich
bestimmte Methoden nachweislich besser für bestimmte psychische Erkrankungen als andere – etwa
Verhaltenstherapien bei Phobien. In der Realität entscheidet allerdings oft eher der Zufall, bei
welchem Therapeuten ein Patient landet und welches Verfahren ihm angeboten wird. "Unglaublich",
findet Professor Martin Keck das. "Stellen Sie sich vor, wir würden so bei Brustkrebs vorgehen. Man
schaut, wer Zeit hat, und macht dann die Therapie, die derjenige zufälligerweise am besten kann",
sagt der Direktor und Chefarzt der Klinik des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Er
will Patienten zu passenderen und effektiveren Therapien in kürzerer Zeit verhelfen. Dafür braucht es
vor allem eine bessere Diagnostik.

Bisher beschränkt sich diese auf die Einschätzung von Therapeut und Patient mittels Fragebogen und
Gespräch. Dabei wissen Forscher jetzt schon, dass sich eine psychische Störung und die Veränderung
durch eine Behandlung auch körperlich zeigen.

"Psychotherapie ist neues Lernen, das Überschreiben gemachter Erfahrungen. Das sind
neurobiologische Vorgänge, die sich messen lassen", erklärt Keck. Doch welche Werte sind
aussagekräftig? Das soll die weltgrößte Studie zu Psychotherapie zeigen, die derzeit unter Kecks
Leitung läuft.
Qualifikation prüfen
Profis sind "Psychologische Psychotherapeuten" und "Ärztliche Psychotherapeuten". Erstere haben
Psychologie studiert und eine drei bis fünf Jahre dauernde Ausbildung in ihrem Verfahren gemacht.
Letztere haben Medizin studiert und sich in ihrer Facharzt- Ausbildung mit Psychotherapie befasst.
Nicht immer überzeugend sind die Qualifikationen von Heilpraktikern und Coaches, die
Privatzahlern Beratung anbieten.
Die Wissenschaftler schauen den Probanden dabei ins Gehirn: Welche Regionen sind besonders
aktiv? Was tut sich, wenn Patienten sich schreckliche Erlebnisse vorstellen? Zudem wird das Herz
beobachtet, Stresshormone und Entzündungswerte werden gemessen, Risiko-Gene und
Veränderungen im Erbgut analysiert (siehe Grafik). All das lässt sich im Blut zeigen. Die Forscher
hoffen deshalb, eine einfache Methode für bessere Diagnose und Therapie zu finden. Keck:
"Praktisch wäre, wenn ein Bluttest ausreicht."

Mut zur Veränderung


Eines wissen Therapeuten und Forscher bereits heute: Ob und wie schnell sich etwas zum Positiven
wandelt, hängt auch stark von der Bereitschaft des Patienten ab. "Viele haben eine Therapie--
Motivation, aber zunächst keine Veränderungs-Motivation", sagt Psychotherapeutin Dr. Natalie
Philipp aus Regensburg. Der Behandler sensibilisiert, ordnet ein, unterstützt. Doch der Patient muss
selbst handeln: herausfinden, was genau ihm nicht guttut, was er ändern will, an seinen Denkmustern
und seinem Verhalten arbeiten. Philipp: "Wie aktiv und schnell die Leute das angehen, ist sehr
unterschiedlich."

Doch auch wenn Patienten engagiert dabei sind, bleibt die Umsetzung ein herausfordernder Prozess –
der auch nach der Therapie weitergehen sollte. "Kleinigkeiten, die anderen gar nicht auffallen, sind
für mich enorme Schritte", erzählt Christel. Wenn sie wieder ewig über Erlebnisse grübelt und sich
selbst anklagt, stoppt sie sich: "Bin ich noch in der Realität?"