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Die Lore-Ley

,Ich weiß nicht, was soll es bedeuten


;dass ich so traurig bin
,ein Märchen aus alten Zeiten
.das kommt mir nicht aus dem Sinn

,Die Luft ist kühl und es dunkelt


;und ruhig fließt der Rhein
der Gipfel des Berges funkelt
.im Abendsonnenschein

Die schönste Jungfrau sitzet


;dort oben wunderbar
,ihr goldnes Geschmeide blitzet
.sie kämmt ihr goldenes Haar

Sie kämmt es mit goldenem Kamme


;und singt ein Lied dabei
,das hat eine wundersame
.gewaltige Melodei

Den Schiffer im kleinen Schiffe


;ergreift es mit wildem Weh
,er schaut nicht die Felsenriffe
.er schaut nur hinauf in die Höh

Ich glaube, die Wellen verschlingen


;am Ende Schiffer und Kahn
und das hat mit ihrem Singen
.die Lore-Ley getan
Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,


Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen


Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,


Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten1 Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht. -
Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,


Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,


Sie achtet's nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Inhalt

Wie schon angedeutet, geht es in dem Gedicht um zwei


verschieden Handelnde, die von einem Erzähler beschrieben
werden. Es handelt sich hierbei zum einen um die personifizierte
Nacht (Göttin der Nacht: Nyx) und zum anderen um die Kinder
derselben, um die Quellen (Hesperiden, Wassernymphen, auch
Najaden genannt).
Die Nacht kommt vom Meer her an das Land und lehnt sich
„träumend“ (Z. 2) an eine Bergwand. Vorerst in der
Vergangenheitsform beschrieben, taucht in den nächstfolgenden
Versen nun nur die Gegenwartsform auf, welche das Geschehnis
und das Ereignis von und zwischen der Nacht und den Quellen als
ein in diesem Moment Passierendes auszeichnet und ihm
Lebendigkeit und Authentizität verleiht.

Während die Nacht zunächst nur Augen für den Horizont hat, an
dem die Sonne unterzugehen scheint, wofür die Bilder der goldnen
Waage der Zeit und den sich gleichenden Schalen (Z. 3-4) ein
Hinweis sein könnten, versuchen die Quellen in „kecker“ und
kindlicher Weise der Mutter vom gewesenen Tage zu berichten,
von dem, was die Mutter verpasst hat.

In den griechischen Göttersagen (Herakles) reist der Sonnengott


Helios in einer solchen „Schale“ von Westen nach Osten über den
Ozean. Die Waage könnte ein Symbol für den jüngsten Gott des
Zeus gewesen sein: Kairos. Er steht für den Zeitpunkt der
günstigen Gelegenheit oder für den rechten Augenblick, und
könnte in Verbindung mit dem Titel „Um Mitternacht“ bedeuten,
dass mit diesem besonderen Augenblick der Wechsel von Tag zu
Nacht gemeint ist, da sich die Nacht nur allmählich ausbreiten
kann.

In der zweiten Strophe findet sich ein weiterer Hinweis auf den
Sonnengott: „Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch“
(Z. 12). Zum einen könnte das Joch ein Hinweis auf die Zugpferde
des Wagens (der Schale) des Helios sein. Die Stunden werden
gleichsam personifiziert, was in Verbindung mit dem Sonnengott
ein sehr naheliegendes Bild ist. Die Stunden (Horen) waren
Bedienstete des Sonnengottes und Schutzgötter der Tageszeiten.
Doch in der griechisch-römischen Mythologie waren es nie die
Stunden, welche den Sonnenwagen führten. 

Nicht sehr hilfreich ist es, wenn man den vorangegangenen Vers
dazu nimmt, wozu der besprochene Vers nur ein Nebensatz ist:
„Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,“ (Z. 11). Das von den
Stunden „gleichgeschwungene Joch“ ist eine nähere Beschreibung
der „Himmels Bläue“ (Z. 11-12). Es handelt sich hierbei um eine
Synästhesie1, mit der ein Objekt des Sehens in das Feld des
akustischen und klingenden gezogen wird.

 
Durch dieses Stilmittel wird wiederum eine Verbindung zu
vorherigen Versen hergestellt. Die singenden Quellen werden von
der Mutter nicht gehört. Gleichzeitig wird der Gesang vom
gewesenen Tage als Schlummerlied bezeichnet. Darüber hinaus
wird dieses als „uralt“ und „alt“ bestimmt: eine Verdeutlichung der
Langsamkeit, welche in der ersten Strophe schon beschrieben
wurde. Die Nacht ist der Gegenpart zu den frechen Quellen. Sie
hat nur Augen für des „Himmels Bläue“ und beachtet den Gesang
ihrer Kinder nicht. Auch das Adjektiv süß, gerade in Verbindung
mit „klingen“ (Z. 11) weist auf das gelassen-träumerische
Verhalten der Nacht hin. 

Der Leser hat sich das im Gedicht beschriebene Bild vielleicht so


vorzustellen: Die Nacht kommt als ein übergroßer Schatten vom
Meer an das Land und bleibt vorerst hinter einem Berg, wo das
Licht der Sonne schon nicht mehr hingelangt. Mit dem
fortschreitenden Untergang der Sonne am Horizont, wächst auch
die Größe der Nacht. Bald ist der Berg überwunden und die
personifizierte Nacht erblickt die gebogene Form der Sonne (als
Schale) am Horizont. Doch schon ist die Sonne ganz
verschwunden und die Nacht blickt nun in den Himmel. Sie
bedeckt jetzt das ganze Land; vielleicht hat sie sich auf den
Rücken gelegt, um den Sternenhimmel zu betrachten.
Währenddessen wird der Nacht von den Töchtern ins Ohr
gesungen.

Interpretation
Doch im Gedicht wird mehr gesagt. Es wird das Verhältnis beider
Sinnbilder geschildert. Der Tag steht der Nacht gegenüber. Die
Nacht scheint prädestiniert dafür, den Himmel zu bemerken, denn
sie hat mit dem Tag nichts zu tun, während die Quellen am Tage
wach sind und in der Nacht schlafen. Der Himmel und sein
„gleichgeschwungenes Joch“ hat auch Einfluss auf den Tag und
auf dessen Stunden. Er überwölbt die Erde Tag und Nacht.

 
Doch warum kann nur die Nacht den Himmel klingen hören? Es
ist, weil hier der „rechte Augenblick“ erreicht worden ist. Die Zeit
ruht.

 
Aber stimmt es, dass die Nacht nichts mit dem gewesenen Tage
zu tun hat? Die Nacht ist abhängig vom Tag und kann erst zum
Vorschein kommen, wenn die Sonne verschwindet. Der Tag in
seinem zweifachen Verhältnis als Zeitlichkeit und als ewig Neues
(und damit als uralt altes Schlummerlied) ist Vorraussetzung für
den genussvollen Anblick des Himmels während/von der Nacht.
Die personifizierte Nacht nimmt den Platz der Sonne ein, ein Platz
auf der Erde. Der Leser merkt: Man muss mit beiden Beinen auf
der Erde stehen bleiben, wenn man seinen Blick zum Erhabenen
emporheben möchte.

Nicht wie ein Historiker, sondern wie ein Poet bedient sich Eduard
Mörike der griechisch-römischen Sagenwelt. Er verfängt sich nicht
in Details, welche bei dem hohen Anspruch Mörikes fehl am Platze
wären. Er schafft es innerhalb von 16 Versen das Erhabene der
Welt und das Majestätische in sein Licht zu rücken. Mörike muss
als einer der größten Dichter der Weltgeschichte gelten. Das
Gedicht „Um Mitternacht“ scheint ein schlagender Beweis dafür zu
sein.