Sie sind auf Seite 1von 11

Hebräisches bei Celan: Rekontextualisierung?

Author(s): Christoph Correll


Source: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Vol. 143, No. 1 (1993),
pp. 5-14
Published by: Harrassowitz Verlag
Stable URL: https://www.jstor.org/stable/43378571
Accessed: 15-01-2020 23:28 UTC

JSTOR is a not-for-profit service that helps scholars, researchers, and students discover, use, and build upon a wide
range of content in a trusted digital archive. We use information technology and tools to increase productivity and
facilitate new forms of scholarship. For more information about JSTOR, please contact support@jstor.org.

Your use of the JSTOR archive indicates your acceptance of the Terms & Conditions of Use, available at
https://about.jstor.org/terms

Harrassowitz Verlag is collaborating with JSTOR to digitize, preserve and extend access to
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
Hebräisches bei Celan: Rekontextualisierung?
Anhand einer Fußnote

Von Christoph Correll, Konstanz

Die betreffende Note findet sich, genaugenommen posttextual,


in einem kleinen Essay K. Reicherts (1988: 169, Nr. 7), der he-
bräische Züge in Paul Celans Sprache nachzuweisen sucht, und
besagt, Celan habe, um Übersetzungshilfe unter Beibehalt des
„Organbezugs" für die Joyce'sche Briefwendung „I want to get
rid of my Jewish bowels" befragt - die Eingeweide können ja
tatsächlich im biblischhebräischen Umfeld, das hier vorausgesetzt
wird, den „Sitz der Gefühle" meinen -, den Ausdruck „jüdisches
Geherz" vorgeschlagen; dies nun sei, da me0 eh (sie! Sg.) im bibli-
schen Kontext „immer" parallel zu lev „Herz" gebraucht, ferner
wörterbuchmäßig auch unmittelbar in der Bedeutung „Herzge-
gend" ausgewiesen werde, das Musterbeispiel einer „rücküberset-
zenden" Rekontextualisierung.
Der Gedanke ist so hübsch, daß ich mir erlaubt habe, ihm
nachzugehen.
Drei Situationen, die eine Rückübersetzung wünschenswert
machen, kann ich mir vorstellen:

1. Der Originaltext liegt vor. Die Übersetzung (oder Nachdich-


tung) liegt vor. Der bewußt konstruierende, sich unter Umständen
also sprachlich von ihm distanzierende Rückgriff auf jenen mag
Eigenarten dieser verständlich machen; solcherart lassen sich,
von groben und gröbsten Mißdeutungen einmal ganz abgesehen
(„Chinahunde" für prozellanene Hundefigürchen = engl, china
dogs, vgl. Chesterton 1929: 229 und 1962: 143), vor allem unzu-
lässige Überinterpretationen von Seiten des Übersetzers aufdek-
ken. Ein einschlägiges neutestamentliches Beispiel (zu Mt 6, 27,
bzw. Lk 12,25) bietet Schwarz (1987: 87 und 872).
2. Ein Original besteht nicht (mehr). Es gibt jedoch guten
Grund für die Annahme seiner einstigen Existenz (gleichgültig,

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
6 Christoph Correll

ob schriftlich fixiert, oder nur m


Versuch zu seiner Rekonstrukti
liegenden Übersetzung(en), im A
fältigste Emendation, durchaus
vermuteten Ausgangs- und gleic
verständlich Grundvoraussetzung
rankt sich beispielsweise die Dis
haben in jüngerer Zeit unter ausg
übersetzung insbesondere M.Bl
(1987) Ergebnisse von hohen Plau
bleibt es allerdings; ein endgültig
gemeinhin nicht fuhren.

3. Die „Übersetzung" ist das Ori


muliert: Ein Text weist Interfere
nes Autors mitsamt deren Assoziationshaushalt auf. Sind diese
Interferenzen offensichtlich und rein sprachlicher Natur - Lehn-
übersetzungen, Überfüllung mit Wortmaterial der Zweitsprache
usw. -, so sehen wir uns schlicht mit einer absichtlichen oder
unabsichtlichen Mißhandlung der Erstsprache konfrontiert; ei-
ner Rückübersetzung bedarf es (beidemal) allenfalls zu Zwecken
der Spracherwerbsforschung. Sind sie wiederum von subtilerer
Art - man denke an die Verwendung von in der Zweitsprache
häufigen, in der Textsprache dagegen zwar erlaubten, doch nor-
malerweise wenig genutzten Syntagmen („ein zu lesendes
Buch"), an hier zwar faßbare, dort aber vielleicht geläufigere,
oder aber auch nur am fremden Material ausgebildete Meta-
phern -, so wird der Nachweis eines direkten Einflusses doch
ganz erheblich erschwert (ist „Flaschenhals" = Engstelle =
bottleneck in meiner Umgangssprache ein englischer „Zug", ha-
be ich's längst irgendwo deutsch gelesen, stelle mithin den An-
glizismus im nachhinein und sekundär fest, oder habe ich es gar,
da das Bild einleuchtet, ganz unabhängig für mich selbst erfun-
den?). Die Lage kompliziert sich noch, wenn die ausstrahlende
Sprache, wie in unserem Falle das vorzugsweise alttestamentli-
che Hebräisch, mit vielfach übertragenen Texten im Bereich der
Erstsprache einen Kulturfaktor von höchstem Rang stellt. Jeder
von uns, der sei es mit der Lutherschen, sei es mit sonst einer
der markanteren AT-Übersetzungen einigermaßen vertraut ist,
vermag ja doch den biblischen Stil, also das, was die Überset-
zungen als „hebräische Diktion" offerieren, nachzuahmen, des-

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
Hebräisches bei Celan: Rekontextualisierung? 7

gleichen innerhalb dieser „Bibelsprache" Assoziationen zu voll-


ziehen; Hebräischkenntnisse sind dazu weder vonnöten, noch
bräuchten sie sich, falls vorhanden, unbedingt formend bemerk-
bar zu machen. Wie nun aber solche indirekten Beeinflussungen
von vorgeblich direkten, auf tatsächlicher Vertrautheit mit der
zugrundeliegenden Sprache beruhenden, scheiden? Man benö-
tigte schon überaus schlagkräftige, nicht zuletzt aus linguistisch-
philologischer Feinarbeit gewonnene Argumente, um hier in der
einen oder anderen Richtung wenigstens zu Wahrscheinlichkei-
ten zu gelangen; darüber hinaus ist ohnehin nichts zu erreichen
- Reicherts Celan-Studie leistet eine solche Arbeit im übrigen
m. E. ebenfalls nicht: Sie verzichtet einerseits auf eine klare Un-
terscheidung zwischen „Bibelsprache" allgemein und dem He-
bräischen der Bibel, krankt andererseits an einem Hebräischbild,
das durch Beiziehung eines der solideren, zeitgemäßen Lehrbü-
cher (z.B. Jenni 1978 oder, reizvoll wegen des Einbringens neue-
rer Tempus-Theorien [Weinreich], Schneider 1980) erheblich
an Modernität gewinnen könnte und in seiner Kargheit beinahe
jenes ins Gedächtnis ruft, welches Spinoza in freilich geradezu
gegenläufiger, vor allzu ausufernder Interpretation warnender
Absicht - „at haec [seil, integra linguae Hebraicae cognitio ] unde
jam petendo ? Antiqui linguae Hebraicae cultores nihil posteritati
de fundameņtis et doctrina hujus linguae reliquerunt ..." - gut 300
Jahre zuvor niedergeschrieben hat (Gawlick-Niewöhner 1989:
250-255 und passim; zur behaupteten „Tempus"-Armut, die sich
naturgemäß recht gut zu dem Wunsche des Philosophen fügt,
sämtliche Wortklassen des Hebräischen als ursprünglich nominal
zu deuten, vgl. Gebhardt 1925: 342-346; dazu die annotierte
französische Übersetzung Askenazi-Askenzi-Gerson 1968: 131-
136). Unberücksichtigt, obwohl expressis verbis anerkannt (157),
bleibt ferner die beachtliche Breite des Celanschen sprachlichen
Horizonts (dokumentiert etwa in Celan 1986: Bd. IV und V), aus
der sich doch ein ganzes Geflecht von schwerlich exakt ausein-
anderzuhaltenden Einwirkungen ergeben mußte; so mochte das
Russische, und nicht das Hebräische, die Sensitivität für die
Möglichkeiten von Verbalpräfixen, das Rumämische, und nicht
das Hebräische, die Neigung zur Adjektivpostposition erweckt
haben ..., usw.
Wir wenden uns wieder den Joyceschen „Jewish bowels" zu
und bestimmen zunächst nach obigem Muster die für die „Rück-
übersetzung" maßgebliche Ausgangslage.

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
8 Christoph Correll

Joyces Formel läßt sich nicht e


Beiwort legt es nahe, auf hebräis
damit unter (3) einzureihen; eben
mere" bowels eine Tabureaktion
guts „Eingeweide, Gedärme" dar
[„Mut, Nerv"], I can't stand his g
se"], gut-reaction [„Gefühlsreak
einem innerenglischen würde. Im
„Jewish" in Verbindung mit der
lan mußte für diesen ein zwar fi
real anzusehendes, „verlorengeg
erzeugen, d. h. einen Sonderfall d
Celan hatte für die eventuelle (s
zung des letztlich allein in Frage
keiten zur Verfügung (zum allzu
noch u. S. 13): rah"mīm und *mē
Gesenius-Buhl 1915: s. v.; das Wo
sivsuffixen, bzw. im Status const
belegt; das Verb kongruiert plur
Formen mēcā und mci sind spät
strukte, ersteres nach dem Mus
letzeres nach etwa kēlīm „Geräte
satz eines Sg. měac , wie dēac, „W
dêcõt, erwähnt Mandelkern 1937
s. vv.; rrfī Jes 17,1 soll „Schutt
Bedeutung als ghost word in der
ist aber textkritisch umstritten un
vgl. Gesenius-Buhl: s.v.). Die eng
dort ihre Entsprechung. An Sing
besinneren standen weiter lēb
meinhin „Bauch"), qäräb (gemein
nes ausschließlich femininen Bez
ausscheidend, rähäm, raham („M
nius-Buhl 1915: s. vv.); der ein
„mein Inneres" hat wohl für die
Pseudodual qräbayim erzeugt (Ja
weils s.v. qäräb), dafür jedoch de
(Kittel 1973: 1063, Apparat): De
sich in Übereinstimmung mit d
singularisch qirbf lesen; daß Cela
rade dieses Unikum beigezogen h

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
Hebräisches bei Celan: Rekontextualisierung? 9

scheinlich gelten. Wir verbleiben folglich, soll der - englische -


Plural gewahrt werden, in der Tat mit ratfmīm und *mēcīm .
Celan hat - im Rückübersetzungsfalle - offenbar letzteres ge-
wählt. Das wäre auch ohne Reicherts (ausdrückliche?) Mittei-
lung sofort einsehbar: ralfmim besitzt zwar ebenfalls die gefor-
derte Doppelbedeutung, ist aber qua „Sitz der Gefühle"
verhältnismäßig stark auf deren zartere Varianten, insbesondere
das Mitgefühl und hier wieder vor allem auf das göttliche Erbar-
men eingeengt, daher für einen rein menschlichen Kontext ent-
schieden weniger geeignet (Gesenius-Buhl 1915: s. v. rähäm).
*mēcīm also. Paul Celan bietet „Geherz". Reichert vermutet
den Anlaß zu dieser Bildung in der biblisch-hebräischen Konti-
guität *mēcīm - lěb. Sehen wir zu, wie es realiter um diese bestellt
ist.
Auch auf die Gefahr des Vorwurfs von Alexandrinertum und
Byzantinismus hin - die Veranstaltung eines kleinen „Belegfried-
hofs" ist dazu unumgänglich.
Mandelkerns Konkordanz (1937: 696) notiert für *mēcīm (in
jeweils vorliegender Flexionsform) insgesamt dreißig Bibelstellen;
verwandt wirkendes mcõtãw Jes 48, 19 wird, obzwar dort im Laut-
spiel mit unserem Worte gebraucht, allgemein von mãcã „Körn-
chen" hergeleitet (Genesius-Buhl 1915: s. v.), ist somit von ande-
rer Wurzel und entfällt hier. Ich zitiere in der Reihenfolge der
biblischen Bücher, gebe die Übersetzung, wo nötig mit Kurzkon-
text, und füge eventuelle Parallelismen, bzw. Kontiguitäten, not-
falls knapp kommentiert, hinter (:) in Klammer hinzu:
Gen 15,4
„Lenden des Mannes" (aus denen die Nachkommenschaft
hervorgeht) : ( - ) ;
Gen 25, 23
„Mutterleib" : ( bätän );
Nu 5, 22
„Inneres, Eingeweide, Gedärme der Ehebrecherin" : {bätän,
allerdings nicht parallel, vielmehr umfassenderer Oberbe-
griff):
2 S 7, 12
„Lenden des Mannes" : ( - );
2 S 16,11
„Lenden des Mannes" : ( - );

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
1 0 Christoph Correll

2 S 20, 10
„Gedärme, die zur Erde fallen" : (
Jes 16,11
„Inneres, Sitz der Gefühle" : ( qärä
Jes 48, 19
„Lenden des Mannes" : (indirekt, da aufs Regens in sā>āsā'ē
mêcãkã „die Sprößlinge deiner Lenden" bezüglich, zarcãkã
„deine Nachkommenschaft") ;
Jes 49, 1
„Mutterschoß" : {bätän);
Jes 63, 15
„Inneres, Sitz der Gefühle" : ( rah"mīm);
Jer 4, 19
„Inneres (anatomisch und fīgurativ)" : {lēb: qirõt libbī „die
Wände meines Herzens" ; Kurzdiskussion und einleuchtende
Deutung des textlich problematischen Passus bei Kautzsch-
Bertholet 1922: 734, Apparat);
Jer 31,20
„Inneres, Sitz der Gefühle, die sich zugunsten Ephraims re-
gen" : ( rahem ,arah"männü „ich muß mich doch seiner er-
barmen") ;
Ez 3, 3
„Eingeweide, Gedärme": {bätän) ;
Ez 7, 19
„Eingeweide, Mägen" : {näpäs „Selbst") ;
Jona 2, 1
„das Innere des Fischs" : ( - ) ;
Jona 2, 2
„das Innere des Fischs" : ( - ) ;
Ps 22,15
„Inneres, Leib" : {lēb, allerdings nicht im Parallelismus, son-
dern als in *mēcīm enthalten vorgestellt; die „Herzgegend"
der Wbb ist ad locum) ;
Ps 40,9
„Inneres (figurativ)" : (40, 11 in paralleler Konstruktion und
gleicher Bedeutung lēb);
Ps 71,6
„Mutterleib" : {bätän);
Hi 20, 14
„Eingeweide, Magen" : {qäräb);

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
Hebräisches bei Celan: Rekontextualisierung? 1 1
Hi 30, 27
„Sitz düsterer Gefühle" : ( - ) ;
Ruth 1,11
„Schoß der Frau" : ( - ) ;
Cant 5, 4
„Inneres (konkret und figurativ)": ( - );
Cant 5, 14
„Leib, Unterleib" : ( im Rahmen einer Beschreibung kör-
perlicher Vorzüge) ;
Thr 1,20
„gärende Eingeweide, Sitz negativer Gefühle" : ( qäräb , im-
merhin als Behältnis für leb) ;
Thr 2, 11
„gärendes Innere" : ( kābēd „Leber");
2 Chr 21, 15
„kranke Eingeweide" : ( - ) ;
2 Chr 21,18
„kranke Eingeweide" : ( - ) ;
2 Chr 21,19
„kranke Eingeweide" : ( - ) ;
2 Chr 32,21
„Lenden des Mannes" : ( - ).

Bereits der erste Blick lehrt es: Von einem steten Parallelismus
zwischen *mēcīm und lēb kann gar nicht die Rede sein. Damit
verliert der Gedanke jedenfalls einer spontanen Rekontextuali-
sierung jegliche Grundlage: *mēcīm löst nicht automatisch lēb
aus. Der Wahl des letzteren mußte Reflexion vorausgehen; dann
aber verdient das Verfahren wohl kaum noch jene Bezeichnung:
Der um adäquate deutsche Wiedergabe Bemühte leistete ja
nichts anderes als die durchaus philologische Synonymensuche
des Übersetzers, der, im Konflikt mit einer fremden und nicht
unmittelbar übertragbaren Metaphorik, sich nicht so sehr über
Kontext-, als vielmehr über Bedeutungsparallelen in der Aus-
gangssprache einen Ausweg aus dem Dilemma erhofft. In un-
serem Falle, da der in althebräischer poetischer Sprache ja in
hohem Maße gepflegte Parallelismus Membrorum in der Tat
häufig genug die Synonyma innerhalb ein und desselben Kon-
textes gleich mitliefert, hieß das: Aussonderung aller Belege mit
rein anatomischem und bloßem Lokalbezug und Überprüfung
der jeweiligen „Parallelglieder" auf Brauchbarkeit. Diese Tech-

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
12 Christoph Correll

nik, auf obiges Material angewandt


stellen ein: Jes 16,11; Jes 63,15; J
Thr 1,20; Thr 2,11. Zusätzlich in
und Cant 5,4 stehen isoliert und h
zeigt leb und *mēcīm zweifellos in
allel, und weist überdies deutlich a
daß die Überinterpretation *mēcīm
dieser Passage verdankt, wurde erw
allelstücken" erhalten wir also (
ra h" mīm ; lēb; rahem ,arah"männü
setzung [nicht etwa: Verbalisierung
nicht aber Parallele, mit lēb; kābēd
1, 20, ein minimaler statistischer Vor
wir es mit der nahezu vollständige
tun (vgl. Kedar 1981: 170-171). Mit
ser philologisches Vorgeplänkel e
nunmehr spontane, rekontextualis
ist nach wie vor judizierend zu tre
Entsprechung Jes 16,11 : Jer 48,3
z.B. Kautzsch-Bertholet 1922: 848), die einmal *mēcīm, das
andere Mal lēb in beinah wörtlich gleichem Kontext aufweist
(cal-kēn mēcay l-Mö'äb kak-kinnõr yähämü : cal-kēn libbī l-Mo'āb
ka-h"līlīm yähämä „darob erbrausen/erbraust meine Eingewei-
de/mein Herz über Moab wie eine Leier/Flöten"), ändert daran
nichts; sie beweist nur, was wir schon wissen, daß nämlich me-
tonymisch angewendetes *mēcīm unter anderen auch durch
lēb ersetzbar ist.
Das - zugegeben: einzige - positive, d.h. durch gute Indizie
untermauerbare Resultat der vorliegenden Untersuchung ist mi
hin ein negatives:
Eigentliche, unreflektierte Rekontextualisierung ist für unseren
Fall schlicht auszuschließen.
Der Versuch dagegen, die Frage zu beantworten, wie denn nun
wohl im einzelnen Paul Celan auf seinen Vorschlag „Geherz"
geraten sei, führt auf schwanken Hypothesenboden. Doch sei's
drum.
Folgende Möglichkeiten bieten sich an:
a) Celan hat tatsächlich im (biblisch-)hebräischen Kontext nach
Entsprechungen zu *mēcīm gesucht:
Man wird davon ausgehen dürfen, daß er, der Hebräischkenner
(die Tatsache, daß er sich bei seinen Übersetzungen aus dem

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
Hebräisches bei Celan: Rekontextualisierung? 13

Neuhebräischen der Mitwirkung des Dichters versicherte [Celan


1986: V, 595-609], spricht für seine Integrität gegenüber dem
fremden Text und deutet keineswegs auf mangelnde Sprachkennt-
nis), seine „Innereienpalette" von vorneherein parat hatte und
des oben vorgeführten, umständlichen Umwegs entraten konnte.
Warum wählt er lēbl Von seiner Bedeutungsbreite her paßt dieses
ja gar nicht allzu gut zu *mēcīm (bzw. bowels) ; wir finden neben
„Sitz der Gefühle" und „Inneres" allgemein: „anatomisches
Herz", „Brustpartie, die das Herz einschließt", „Sitz der Lebens-
kraft", „Zentrum des geistig-sinnlichen Lebens", „Sitz der Ge-
danken, Vorstellungen, Neigungen, Entschlüsse, Pläne", u.a.m.
(Gesenius-Buhl 1915: s.v.); es entsteht fast der Eindruck, lēb sei,
im Gegensatz zum eher instinkthaften *mēcīm, weitgehend den
rationaleren, einigermaßen definierbaren, innerlichen Vorgängen
vorbehalten (man vergleiche das etymologisch korrespondierende
arabische lubb „Einsicht, Verstand" und zugehöriges labīb „ver-
ständig"). Nun, die Entscheidung, wofern denn in dieser Art eine
fiel, ist bei Betrachtung der Restauswahl (hinzuzunehmen ist
wohl noch klãyõt „Nieren", z.B. Jer 11,20; 12,2; Ps 73,21, das
zwar mit lēb zusammen den bekannten, längst auch sogar in ge-
wöhnlicher deutscher Umgangssprache heimischen Topos „Herz
und Nieren" [Jer 11,20 u.ö.] bildet - ihn allerdings über eine
Pars-pro-toto-Assoziation zum Ausgangspunkt der Celanschen
Prägung zu machen, wäre wahrhaft höchst unbefriedigend -,
nicht aber in Verbindung mit *mē°īm auftritt) leicht zu begrün-
den: Keines dieser Wörter besitzt eine im geforderten Zusammen-
hang nutzbare, deutsche Entsprechung ( raifmīm entfällt über-
dies wegen des stark theologischen Bezugs, s.o. S.9; daß das
ansonsten farblose qäräb gelegentlich mit arabischem qalb
„Herz" zusammengestellt wird, hat Celan wohl gar nicht gewußt)
- lēb hingegen hat sie. Im Deutschen ist das Herz nun einmal der
„Sitz der Gefühle". Wenn Celan anstelle des einfachen Nomens
das Kollektiv „Geherz" vorschlägt, so reagiert er damit einerseits
auf den Plural der (englischen und hebräischen) Vorlage, ande-
rerseits auf die unvermeidliche Banalität, die den üblichen Sin-
gular auszeichnet.
b) Celan hat von *mēcīm = „Sitz der Gefühle" ausgehend so-
fort nach dem deutschen Ausdruck für diesen gegriffen und ihn
dann wie in (a) behandelt.
c) Celan hat die englische Metonymie, ohne das Hebräische
bewußt überhaupt heranzuziehen, unmittelbar erfaßt und in ihrer

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms
14 Christoph Correll

Bildstärke und Pluralität durch d


cheren deutschen Äquivalent nac
Was freilich allessami nicht zu beweisen ist.
Einzig Paul Celan vermöchte Auskunft zu geben.

Bibliographie

Askenazi, J. u. J. Askenazi-Gerson. 1968. Spinoza. Abrégé de grammaire hébraï-


que. Introduction traduction française et notes. Paris: Librairie philosophique
J.Vrin (= bibliothèque des textes philosophiques).
Black, Matthew. 1982. Die Muttersprache Jesu. Das Aramäische der Evangelien.
Stuttgart: Kohlhammer (= Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen
Testament, 6. F., 15).
Celan, Paul. 1986. Gesammelte Werke in fünf Bänden. Frankfurt: Suhrkamp (=
suhrkamp TB 1331, 1332).
Chesterton, Gilbert K. 1929. The poet and the lunatics. London: Cassell and Co.
ders. 1962. Der Dichter und die Verrückten. Freiburg: Herder (= Herder-Bücherei
121).
Elmaleh, Abraham. 1965. Nouveau dictionnaire complet hébreu-français. Tel-Aviv:
Yavneh.
Gawlick, Günter u. Friedrich Niewöhner, Hrsg. 1989. Tractatus theologico-po-
liticus. Theologisch-politischer Traktat. Darmstadt: Wiss. Buchges. (= Spinoza.
Opera: lateinisch und deutsch, 1).
Gebhardt, Carl, Hrsg. 1925. Spinoza. Opera. Bd. 1. Heidelberg: Winter.
Gesenius, Wilhelm u. Frants Buhl. 1915. Hebräisches und aramäisches Handwör-
terbuch über das Alte Testament. 17. Aufl. Nachdr. Berlin: Springer 1959.
Jastrow, Marcus. 1967 A dictionary of the Targumim, the Talmud Babli and
Yerushalmi, and the Midrashic literature. Brooklyn, N. Y. : Shalom Pb. Inc.
Jenni, Ernst. 1978. Lehrbuch der hebräischen Sprache des Alten Testaments. Basel,
Stuttgart: Helbing & Lichtenhahn.
Kautzsch, E. u. A. Bertholet. 1922. Die Heilige Schrift des Alten Testaments.
Bd. 1. Tübingen: Mohr.
Kedar, Benjamin. 1981. Biblische Semantik Eine Einführung. Stuttgart: Kohlham-
mer.

Kittel, Rudolf. 1973. Biblia Hebraica. 16. Aufl. Stuttgart: Württember


belanstalt.
Mandelkern, Solomon. 1937. Veteris testamenti concordantiae hebraicae atque
chaldaicae. Berlin: Schocken.
Reichert, Klaus. 1988. Hebräische Züge in der Sprache Paul Celans. In: Hama-
cher, Werner u. Winfried Menninghaus, Hrsg. Paul Celan. Frankfurt: Suhr-
kamp (= suhrkamp TB 2083), 156-169.
Schneider, Wolfgang. 1980. Grammatik des Biblischen Hebräisch. München:
Claudius Verl.
Schwarz, Günther. 1987. „Und Jesus sprach/* Untersuchungen zur aramäischen
Urgestalt der Worte Jesu. Stuttgart: Kohlhammer (= Beiträge zur Wissenschaft
vom Alten und Neuen Testament, 6. F., 18).

This content downloaded from 202.96.31.9 on Wed, 15 Jan 2020 23:28:13 UTC
All use subject to https://about.jstor.org/terms