Sie sind auf Seite 1von 22

Walter Fanta

Die textgenetische Darstellung des Romans Der Mann ohne


Eigenschaften von Robert Musil auf MUSIL ONLINE

Was gilt es zu edieren? (Abb. 1–5) 1


Die Grundidee von MUSIL ONLINE besteht darin, sämtliche Texte Robert Musils, die
seit dem Ablaufen der siebzigjährigen Sperrfrist am 31.12.2012 nicht mehr urheber-
rechtlich geschützt sind, wissenschaftlich ediert und kommentiert online und open-
access zugänglich zu machen. Dies geschieht im Rahmen einer Hybrid-Konstruktion:
Die Werke Musils werden für die literarische Lektüre in einer neuen Buchausgabe zur
Verfügung gestellt. 2 Für alle Texte – für die vom Autor autorisierten Schriften, für den
gesamten literarischen Nachlass und für die Korrespondenz − werden derzeit am
Robert-Musil-Institut für Literaturforschung / Kärntner Literaturarchiv der Alpen-
Adria-Universität Klagenfurt (RMI / KLA) Lösungen erarbeitet, um sie auf dem
Internetportal M USIL ONLINE in einer digitalen Online-Forschungsumgebung zu prä-
sentieren. Seit 2016 befindet sich MUSIL ONLINE in statu nascendi, das Textkorpus zu
dem Roman Der Mann ohne Eigenschaften ist bereits online verfügbar. 3 Über den Ein-
gang ‚Archiv‘ können Faksimiles der autor-autorisierten Erstausgaben von 1930 und
1932 einschließlich der Seiten aus Musils Handexemplar mit handschriftlichen
Annotationen des Autors eingesehen werden. Dieser bemerkenswerte Ausschnitt aus
der Genese des Romans wird durch MUSIL ONLINE zum ersten Mal in Form von
Abbildungen dargeboten. Außerdem enthält das ‚Archiv‘ auch Faksimiles der Vorab-
drucke einzelner Romankapitel in Zeitungen und Zeitschriften von 1921 bis 1932. Zur
Zeit noch sehr exemplarisch bietet M USIL ONLINE auch Manuskripte zu den Nach-
lassteilen des Romans, im Rahmen der derzeitigen Ausbaustufe bis Ende 2018 werden
nur zwei Nachlassmappen ediert. Doch gerade aus deren Präsentationsweise lässt sich
herauslesen, welche Instrumente M USIL ONLINE bei der Darstellung von Musils zu
Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen Texten aus seinem Nachlass einsetzt. Aktuell
––––––––
1 Die digitale Präsentation zu diesem Beitrag befindet sich unter: http://aau.at/musil/publikationen/
textgenese/fanta/.
2 Robert Musil: Gesamtausgabe in zwölf Bänden. Hrsg. von Walter Fanta. Salzburg 2016–2022. Bisher
erschienen sind: Band 1/2: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch (2016) − Band 3: Der Mann ohne
Eigenschaften. Zweites Buch (2017) – Band 4: Der Mann ohne Eigenschaften. Zweites Buch. Fortsetzung
aus dem Nachlass 1937–1942 (2017) – Band 5: Der Mann ohne Eigenschaften. Zweites Buch. Fortsetzung
aus dem Nachlass 1933–1936 (2018) – Band 6: Der Mann ohne Eigenschaften. Die Vorstufen 1919–1928
(2018) – Band 7: Bücher 1 (2019).
3 Vgl. http://www.musilonline.at/. KuratorInnen von MUSIL ONLINE sind Anke Bosse, Artur Boelderl und
Walter Fanta, die mit der textgenetischen Darstellung von Musils Manuskripten betraute Mitarbeiterin ist
Katharina Godler.

https://doi.org/10.1515/9783110575996-015
Brought to you by | Cambridge University Library
Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
230 Walter Fanta

steht jetzt noch die Präsentation des Romantextes im Vordergrund, die digitale Reprä-
sentation der Dokumente ist diesem Ziel vorläufig noch nachgeordnet.
Der künftige Fokus unserer Arbeiten an MUSIL ONLINE gilt dem großen Ziel, dem
interessierten Publikum einen Open-Access-Zugang zu Musils Nachlass zu verschaf-
fen – weltweit. Der herausragende Status dieses Nachlasses drückt sich auch darin aus,
dass er auf Initiative der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (ÖNB), in deren
Eigentum er sich befindet, als Dokumentenerbe in das UNESCO-Programm Memory
of the World / Gedächtnis der Menschheit aufgenommen worden ist. In der Begründung
für die Aufnahme wird angeführt, dass der Nachlass die Entstehungsgeschichte des
Romans Der Mann ohne Eigenschaften und seiner unabgeschlossenen Fortsetzungs-
versuche dokumentiere, aber darüber hinaus

in seiner Gesamtheit und in seiner Ergänzung durch drei Teilnachlässe als Werk sui generis
zu betrachten [ist], als literarisch-philosophisches Laboratorium. In ihm wird das historische,
soziologische, psychologische, philosophische und naturwissenschaftliche Wissen seiner Zeit
in einem groß angelegten erzählerischen, essayistischen und aphoristischen Verarbeitungs-
versuch durch Robert Musil synthetisiert. 4
Die Doppelzuschreibung ist folgenreich für eine textgenetische Edition. Einerseits
repräsentieren Musils Manuskripte schreibendes Denken oder denkendes Schreiben,
wie es Nachlässe von Philosophen tun, etwa die von Friedrich Nietzsche oder Ludwig
Wittgenstein. Bei ihnen wird eine moderne Edition von Vornherein nicht auf die
Rekonstruktion eines Werks, sondern auf die Darstellung des Schreibprozesses als
eines philosophischen Denkprozesses zielen. Andererseits gelten Musils Manuskripte
aber auch als Zeugnisse einer Werkgenese, nämlich der des Romans Der Mann ohne
Eigenschaften, und zwar auf mehreren Ebenen: a) durch die Manuskripte, die der Ent-
stehung der von Musil in den Druck gegebenen Teile zuordenbar sind – Erstes Buch,
erschienen 1930, und erster Teil des Zweiten Buchs, erschienen 1932 (ca. 2000 Seiten);
b) durch die Manuskripte, die die Fortsetzungsversuche 1933–1942 repräsentieren (ca.
3000 Seiten); c) durch Vorstufenprojekte des Romans von 1902 bis 1928, die Musil für
die Weiterarbeit aufbewahrte (ca. 2000 Seiten); d) durch inhaltliche Bezüge und durch
Musils Verweissystem, über die auch die weiteren Teile des Nachlasses mit dem
Romanprojekt verknüpft sind (ca. 3000 Seiten). Zusätzlich kompliziert wird die Auf-
gabe einer textgenetischen Edition dadurch, dass Musil in Folge der zweimaligen dras-
tischen Veränderungen der Publikationsbedingungen durch das Ende der Weimarer
Republik 1933 und die Annexion Österreichs 1938 durch Nazi-Deutschland am Roman
nicht mehr auf einen Abschluss hin schrieb. Er hielt die Kapitelfolge offen, bewahrte
auch Kapitelentwürfe weiter in seinem Fundus für die Fortsetzung auf, die er bereits
überarbeitet hatte, und er verfasste in der Spätzeit eine stetig wachsende Zahl von die
Entwurfsarbeit begleitenden und reflektierenden ‚Kapitelstudien‘ (ca. 2000 Seiten) und
‚Schmierblättern‘ mit Formulierungsversuchen (ca. 1700 Seiten), während der Anteil
der tatsächlichen Romantextentwürfe an seinem Schreiben sank (ca. 750 Seiten). Aus
––––––––
4 https://www.unesco.at/kommunikation/dokumentenerbe/memory-of-austria/verzeichnis/detail/article/
nachlass-robert-musil (Abruf am 14.06.2018).

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 231
dem Mangel an Teleologie im Romanschreiben Musils ergibt sich die große Heraus-
forderung für die Online-Edition seiner Manuskripte. Die Online-Edition ist zugleich
auf die Darstellung eines Schreibprozesses gerichtet, der sich als schreibendes Denken /
denkendes Schreiben oft selbst genügt, und auf die editorische Rekonstruktion eines
Werkes, an dessen Vollendbarkeit der Autor selbst nicht ganz glaubte, für ein an der
literarischen Lektüre interessiertes Leserpublikum.
Dem Charakter des Nachlasses entsprechend, der eben nicht nur textgenetisches
Material zum Mann ohne Eigenschaften repräsentiert, wird das RMI / KLA mit der
ÖNB eine Kooperation eingehen, um die Faksimiles, geeignete Textwiedergaben und
die Metadaten der philologischen Erschließung gemeinsam mit einem interdiskursiven
Kommentar auf M USIL ONLINE zur Verfügung zu stellen. Dies soll 2019 – beginnend
im Rahmen eines neuen Editionsportals der ÖNB – in einer adäquaten, leser- und
benutzerfreundlichen Form und in einer nachhaltigen, langlebigen Weise open-access
geschehen. Die Darstellung der Textgenese ist nur eines der Ziele der Neuedition, aber
ein wichtiges; im Kontext des schreibenden Denkens / denkenden Schreibens geht es
nicht nur darum, textgenetische Dossiers zu literarischen Werken oder zu einzelnen
Schreibprojekten im Sinne der critique génétique zu präsentieren, sondern neue inte-
grative Darstellungsverfahren für den Nachlass in seiner Gesamthaftigkeit zu finden.

Was und wie ist bislang ediert worden? (Abb. 6–10)


Musils postume Editionsgeschichte verlief so kontrovers wie der Streit um die Edi-
tionen anderer deutschsprachiger Fragment-Autor/inn/en wie Hölderlin, Büchner,
Nietzsche, Robert Walser, Wittgenstein, Kafka oder Bachmann. Stets ging es um Fra-
gen des Urheberrechts, der Legitimität (un)erlaubter Methoden bei der Vervollständi-
gung des unvollständigen Werkes und dessen Darbietung. Bei Musil bestimmend
waren von 1950 bis 2012 zum einen der Rowohlt Verlag, der sich mit dem Wieder-
erwerb der Rechte an Musils Texten bis 70 Jahre nach dessen Tod eine verlegerische
Monopolstellung sichern konnte, und zum anderen als zentrale Herausgeberpersön-
lichkeit Adolf Frisé. Dieser leitete vom Autor Musil selbst, dem er 1933 persönlich
begegnet war, von dessen Witwe Martha, den Erben Anne F. Rosenthal und Gaetano
Marcovaldi und nicht zuletzt vom Verlagsleiter Heinrich Maria Ledig-Rowohlt die
Legitimation ab, alles edierender alleiniger Musil-Herausgeber sein zu müssen – eine
Rolle, die er über Jahrzehnte verteidigte. 5 Adolf Frisé nahm 1951 erstmalig Einsicht in
den Nachlass Musils in Rom, 1952 wurde er nach einer Einigung zwischen den Erben
und dem Rowohlt Verlag mit der Veröffentlichung der Fortsetzung des Mann ohne
Eigenschaften aus dem Nachlass betraut und publizierte daraus im Dezember 1952 eine
einbändige Ausgabe des Gesamtromans einschließlich der 1930 bzw. 1932 bereits ver-

––––––––
5 Walter Fanta: „Man kann sich das nicht vornehmen“. Adolf Frisé in der Rolle des Herausgebers Robert
Musils. In: Neugermanistische Editoren im Wissenschaftskontext. Biografische, institutionelle, intel-
lektuelle Rahmen in der Geschichte wissenschaftlicher Ausgaben neuerer deutschsprachiger Autoren.
Hrsg. von Roland S. Kamzelak, Rüdiger Nutt-Kofoth, Bodo Plachta. Berlin, Boston 2011, S. 251–286.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
232 Walter Fanta

öffentlichten Teile. Bestimmend für diese Ausgabe von Nachlassteilen, die als orga-
nische Fortführung der zu Lebzeiten gedruckten Romanteile erscheinen sollten, war das
Konzept einer Gesamtausgabe. Aus retrospektiven Erinnerungen an den Eindruck, den
er im Mai 1951 von den Manuskripten empfangen hatte, geht hervor, dass Frisé an
Musils Nachlass so herangegangen war, als müsse sich in ihm die Ordnungsstruktur
eines geschlossenen Systems verbergen. Die 1951/52 erstmals gesichteten „bereits
fertig getippte[n] Texte, die nur noch auf ihren Platz im Roman zu warten schienen“, 6
erklärte er ohne Umschweife zu Teilen einer Fortsetzung. Dabei bestimmte Frisé inner-
halb einer möglichst großen Menge heranzuziehender Manuskripte deren Reihenfolge
und Zuordnung nach einem wahrscheinlichen/möglichen Vorher/Nachher im fiktio-
nalen Romangeschehen. Mit seiner Editionsweise suggerierte er einen Erzählverlauf,
der quer zu den Stufungen und Schichtungen steht, welche sich aus einer genetischen
Perspektive ergeben. In Frisés Ausgabe gehen die Fortsetzungsteile nahtlos in den
Schlussteil über, der Herausgeber erschloss eine Anordnung, für die sich aus Inhalt,
Anlage und Struktur des Hinterlassenen kaum Anhaltspunkte ergeben. Der Rekonstruk-
tionscharakter seiner Ausgabe führte dazu, dass Frisé für jedes Kapitel aus dem Nach-
lass einen Titel erfand, im Inhaltsverzeichnis darauf verwies, dass „die mit * gekenn-
zeichneten Kapitel bisher unveröffentlicht“7 waren, und im Anhang Nachgelassene
Fragmente ankündigte, was impliziert, die 128 Kapitel des Zweiten Buchs wären
gesicherte Romanfortsetzung und nur das im Anhang Folgende Fragment. Deklarierte
Zielsetzung der Ausgabe von 1952 war, Musils Roman nach dem Zweiten Weltkrieg
einem großen Publikum möglichst schnell und vollständig in Erinnerung zu rufen. Dazu
war es notwendig, ein Maximum der im Nachlass vorfindlichen Entwürfe in leser-
freundlicher Form ohne editorische Raffinessen aufzunehmen. Heute kann man die
Ausgabe von 1952 als eine wichtige Station auf dem Weg der internationalen Ver-
mittlung und Rezeption der Nachlass-Teile des Romans anerkennen, er bot die Grund-
lage für Übersetzungen in mehrere Weltsprachen. Außerdem wurden grundsätzliche
Reflexionen der Schwierigkeiten und Probleme im Zusammenhang mit Fragen der
Erzählanordnung angestoßen. Doch die Frisé-Ausgabe geriet durch massive philo-
logische Einwände öffentlich unter starken Druck. 8 Frisés textkritisches Versagen –
ausgehend vom Vorwurf fehlenden Verständnisses für die Struktur des Romans bis zur
Auflistung von Setzfehlern – wurde vorgeführt.9 Dagegen verfocht Frisé die Über-
zeugung, die Interpretation des Romans und die Spekulation, welche der Optionen im
Nachlass Musils Intentionen am besten entspräche, dürften eine Neuedition nicht be-
stimmen; nötig sei es, Musils Unentschiedenheit zu edieren. Frisé kritisierte Friedrich
Beißner und die Beißner-Schule – Bausingers Studien waren mit Kaiser und Wilkins in

––––––––
6 Adolf Frisé: Ein aktueller Rückblick. In: Benutzerhandbuch zu: Robert Musil. Der literarische Nachlaß.
Hrsg. von Friedbert Aspetsberger, Karl Eibl und Adolf Frisé. Reinbek b. Hamburg 1992, S. 9–14, hier
S. 12.
7 Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Hrsg. von Adolf Frisé. Hamburg 1952.
8 Vgl. Ernst Kaiser, Eithne Wilkins: Robert Musil. Eine Einführung in das Werk. Stuttgart 1962.
9 Vgl. Wilhelm Bausinger: Studien zu einer historisch-kritischen Ausgabe von Robert Musils Roman ‚Der
Mann ohne Eigenschaften‘. Reinbek b. Hamburg 1964.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 233
Rom entstanden und wurden als Tübinger Dissertation bei Beißner 1961/62 abge-
schlossen. Frisé war überzeugt, dass die Zeit für eine historisch-kritische Musil-
Ausgabe nicht gekommen und einer Studienausgabe der Vorzug zu geben sei. Ein
Nachlass wie der zum Mann ohne Eigenschaften sei für Beißners textgenetisches
Stufenmodell zu umfangreich und zu komplex. Was Bausinger gefordert hatte, sei nicht
zu verwirklichen und behindere die Lektüre von Musils Romanfortsetzung durch
normale Leser. Damit behauptete sich Frisé, es kam nach Bausingers Tod 1964 zu
keinem Versuch einer historisch-kritischen Erschließung des Nachlasses zum Mann
ohne Eigenschaften.
Auf das verstärkte Echo, das Musil mittlerweile gefunden hatte, sowie auf die
Forderungen nach professioneller Textkritik reagierte Frisé, indem er während der
1970er Jahre textlich erweiterte Ausgaben mit deutlichen textkritischen Akzenten
vorbereitete: die kommentierte Studienausgabe der Tagebücher (1976), Gesammelte
Werke (1978) in zwei Bänden (bzw. in einer neunbändigen Taschenbuchausgabe) und
Briefe (1981) in einer kommentierten zweibändigen Ausgabe. Die Serie der Neu-
ausgaben 1976−1981 stellt Frisés editorisches Vermächtnis dar, bis heute ist Musils
Mann ohne Eigenschaften in Buchform in zahlreichen seitenidentischen Neuauflagen
in ihnen zu lesen. Die Nachlassfortsetzung des Romans ist in Frisés Edition von 1978
entstehungsgeschichtlich organisiert: erst in zwei Blöcken jeweils letzter Fassung, den
Druckfahnen von 1937/38 zu den Kapiteln 39–58 des Zweiten Buchs und sechs
Kapiteln mit den letzten Genfer Varianten zu den Kapiteln 47–52 von 1941/42.
Anschließend verfolgt Frisés Anordnung das Prinzip einer verkehrten Chronologie,
nach der sie Kapitelkomplex um Kapitelkomplex und Produktionsphase um Produk-
tionsphase bis zu den frühen Vorstufen zurückläuft; das Ende fällt mit dem entstehungs-
geschichtlichen Anfängen von 1919 zusammen. Mit dieser Ausgabe wollte Frisé der
Kritik von Philologen an seinen früheren Ausgaben Rechnung tragen. Sie setzte text-
kritische Akzente, bot keinen emendierten Text, sondern eine Transkription der Manu-
skripte, die der Herausgeber als zugehörig identifiziert und ausgewählt hatte. Die Aus-
gabe brachte einen größeren Anteil des Nachlasskorpus als die von 1952, nämlich nicht
nur Entwürfe, sondern auch umfangreiches Notizmaterial. Vor allem berücksichtigte
sie das textgenetische Prinzip und unterschied in der Anordnung zwischen abgestuften
Graden der Autorisierung und Elaboration. Ihre Raffinesse arbeitete einer Rezeption
zu, die auf erzählerisches Kontinuum weniger Wert legte als auf eine Überfülle an
zitierbaren Stellen. Evident sind damit auch ihre Nachteile, begründete doch diese
Ausgabe erst recht den zweifelhaften Ruf des Mann ohne Eigenschaften, ein Roman zu
sein, den nie jemand zu Ende liest. Des Vorwurfs von Hans Zeller, seine Ausgabe zeige
einen „Mangel an Disposition“,10 hätte Frisé sich unter Verweis auf das im Druck kaum
darstellbare Vernetzungsverhältnis zwischen den Nachlasstexten erwehren können.
Zellers Angriff erfolgte aber grundsätzlicher. Er übte Kritik an der Unklarheit des
Editionstyps, der Vollständigkeit der Ausgaben, deren Aufbau, der Textkonstitution,
––––––––
10 Hans Zeller: Vitium aut virtus? Philologisches zu Adolf Frisés Musil-Ausgaben, mit prinzipiellen
Überlegungen zur Frage des Textbegriffs. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 101, 1982, Sonderheft,
S. 210–244, hier S. 220.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
234 Walter Fanta

der Gestaltung des Apparats und der Kommentierungspraxis. Die Rowohlt-Ausgaben


des Mann ohne Eigenschaften erfüllen somit textkritische Standards nicht ausreichend
bzw. lösen Ansprüche an eine historisch-kritische Ausgabe nicht ein, und schon gar
nicht können sie Musils Schreibprozess als schreibendes Denken denkendes Schreiben
zur Anschauung bringen.
Die spätere Einsicht, dass Musils Werk aufgrund der komplexen Vernetzungs-
verhältnisse mittels Computer ediert werden müsse, bezog Frisé allein auf den Nach-
lass, der „als eigene[r] Werkteil zu verstehen“ sei und „als eine in sich geschlossene
Werkeinheit […] auch als solche zu präsentieren“ 11: „Musils systematische Arbeits-
weise“ dränge „förmlich hin zu einer Art der Erschließung, wie sie heute durch die
elektronische Datenverarbeitung ermöglicht wird“. 12 Frisé ging eine Kooperation mit
den Germanisten Karl Eibl und Friedbert Aspetsberger ein, die eine computergestützte
Erschließung des Nachlasses zum Ziel hatte. 1984–1990 wurde der gesamte Nachlass
in Trier und in Klagenfurt transkribiert und 1992 in einer CD-ROM-Edition veröffent-
licht. Die erste Ausgabe von 1992 brach aufs Entschiedenste mit dem historisch-
kritischen Anspruch auf Werkrekonstruktion: Der Nachlass ist das Werk. Geboten
wurde das transkribierte Textkorpus in zwei Formaten, WCView und PEP, in auto-
matisch durchsuchbarer Form, mit Diakritika zur Textauszeichnung und erklärenden
Anmerkungen. Das Transkriptionssystem war 1974–1980 in einem Pilotprojekt an der
Universität Klagenfurt entwickelt worden. Daraus stammen auch die Daten zur Be-
schreibung der Manuskripte, welche der PEP-Version als kombiniert abfragbare
Datensätze beigegeben wurden. Die WCView-Version ermöglichte die rasche und ein-
fache Wortsuche im Korpus. Das entscheidende Merkmal dieser elektronischen Aus-
gabe war die ‚flache‘ Editionsform, d. h. der Verzicht auf Hierarchisierungen: Es gab
keinen edierten Text im eigentlichen Sinn, es wurden keine Vorstufen und Endfassun-
gen herauspräpariert, aus den beigegebenen Metatexten ließen sich Werkgrenzen und
chronologische Stufungen kaum ablesen oder in die automatisierte Recherche mitein-
beziehen. Denn das elektronische Korpus der Transkription, die den Nachlass in seiner
mehr oder minder zufällig überlieferten Anlage abbildete, sollte überhaupt erst die
Basis für textgenetische Untersuchungen liefern und einer künftigen historisch-kri-
tischen Erschließung das geeignete Instrumentarium bieten. Doch der Nachlaß-CD-
ROM war kein Erfolg beschieden. Das lag am hohen Verkaufspreis und an der schwer-
fälligen Handhabung; beide Programme operierten auf Grundlage des Betriebssystems
Microsoft DOS, das PC-Nutzer nach 1992 durch Microsoft Windows 3.1 bzw. ab 1995
durch 32-Bit-Windows-Versionen ersetzten. Bald darauf waren Rechner nicht mehr mit
Diskettenlaufwerken ausgestattet, so dass die 3,5”-Diskette, die die zur Installation der
CD-ROM nötige Software enthielt, nicht mehr ausgelesen werden konnte. Damit war
die Edition bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens technisch veraltet. Der Ausweg aus
dem Dilemma schien in der Migration in ein neues, userfreundlicheres Format, in der
Aufklärung über textgenetische Zusammenhänge durch Metadaten-Anreicherung und
in der hypertextuellen Darstellung von Musils Verweissystem zu finden zu sein. Nach
––––––––
11 Frisé 1992 (Anm. 6), S. 13.
12 Ebd., S. 14.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 235
dem Rückzug von Aspetsberger und Eibl und mit Billigung durch Frisé gingen die
Agenden der Musil-Ausgabe 1999 an das RMI / KLA in Klagenfurt über.
Hier wurde in den Folgejahren die Klagenfurter Ausgabe (KA) erarbeitet, die 2009
DVD-ROM-basiert veröffentlicht wurde. Das Konzept der KA beruhte auf der Syn-
these einer klassischen historisch-kritischen Ausgabe mit einem Verfahren, das sich
nicht in Werkrekonstruktion erschöpft, sondern den Blick auf die Dokumente erlaubt.
Die KA erfüllte zwei Funktionen: einerseits die komplexe Materiallage im Nachlass
möglichst unverstellt von editorischen Eingriffen als Faksimile und Transkription dar-
zubieten, andererseits die Texte Musils textkritisch zu präsentieren, im Fall der Frag-
mente mit der exakten Transkription im Hintergrund. Neuartig war neben der digitalen
Form, dass die Texte Musils zweifach konstituiert wurden, als Transkription und als
Lesetext, wobei keine dieser Präsentationsweisen der Gestaltung eines edierten Texts
herkömmlicher Editionen entsprach. Der Lesetext als der für die Lektüre bestimmte,
aus den Textzeugen abgeleitete, emendierte, in der Schreibnorm vereinheitlichte edierte
Text wurde nicht durch eine Programmierungsautomatik generiert; das wäre auf Grund
der komplexen Manuskriptsituation in Musils Nachlass nicht möglich gewesen. Viel-
mehr wurde er als Ergebnis des textgenetischen Studiums durch Autopsie aus der Tran-
skription manuell erzeugt. In einem textgenetisch orientierten Werkkommentar
befanden sich neben abrisshaften Beschreibungen der Entstehungsgeschichte der ein-
zelnen Romanteile und Kapitelprojekte auch Stemma-Tabellen, die mit Hyperlinks zu
Transkription und Lesetext wie Relais funktionieren. Auf diese Weise erfolgte eine fast
lückenlose Aufklärung über die textgenetische Situation und die Darstellung aller
Generierungsschritte des jeweiligen Lesetexts. Die Transkription basierte auf der CD-
ROM-Edition von 1992. Sie wurde für die KA auf Lesefehler überprüft, korrigiert,
ergänzt und mit einem – allerdings noch sehr unvollständigen – genetischen Seiten-
und Stellenkommentar ausgestattet. Das Transkriptionssystem ging auf eine Probe-
transkription zurück, 13 die in adaptierter Form für die Edition von 1992 verwendet und
für die KA beibehalten wurde. Dieses Transkriptionssystem bestand in der Wiedergabe
des handschriftlichen Textes mit diakritischen Textauszeichnungssignalen (Transkrip-
tionssiglen) und beschreibenden metatextuellen Elementen (in sogenannten Pop-ups).
Die Transkription verfuhr nicht zeilenident und enthielt kaum Informationen über die
topographischen Verhältnisse auf den Studienblättern und Schmierblättern mit ihrer
komplexen Schreibanordnung. Alle Manuskripte des Nachlass- und Autographen-
bestands der ÖNB sind in der KA durch Bilddateien vertreten. Dadurch ist die Lektüre
auf drei Ebenen möglich: im Lesetext, in der Transkription und am Faksimile der Origi-
nalhandschriften – allerdings nicht in synoptischer Darstellung. Metadaten wurden in
der Seitendokumentation erfasst, dem Herzstück der Erschließungsarbeit während der
Vorbereitung der Edition. In ihr sind die Ergebnisse der Klassifizierung nach kodiko-
logischen, archivalischen, philologischen und werkgenetischen Kriterien enthalten.

––––––––
13 Vgl. Elisabeth Castex, Anneliese Hille: Dokumentation des Nachlasses Robert Musils. Einführung und
Erläuterungen. Wien 1980.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
236 Walter Fanta

Die neue Darstellungsidee (Abb. 11–12)


Mit MUSIL ONLINE wird nun seit 2015 am RMI / KLA der Anschluss an den state of
the art in den modernen digitalen Editionswissenschaften wieder hergestellt. So weit
wie möglich sollen die Prinzipien von open-access und open-source gelten. Nicht
länger sollen Urheberrechte, Lizenzgebühren und Anschaffungskosten den Zugang zu
den seit 2013 rechtsfreien Musil-Texten behindern. Beliefen sich die Kosten für die
DVD mit der KA noch auf 150 Euro, so werden die Schriften Robert Musils auf M USIL
ONLINE kostenlos geboten. Die Publikation der KA erfolgte mit Folio Views, einem
proprietären Datenformat, welches nur auf Windows-Computern lief, mittlerweile
nicht mehr weiter entwickelt wird und bloß eine sehr eingeschränkte Nachnutzung
erlaubt. Die neue Editionsweise auf M USIL ONLINE sieht dagegen vor, den Datenbe-
stand der alten Nachlasstranskriptionen in eine interoperable, für möglichst alle Arten
von Nachnutzung offene Form zu bringen, die auch den dauerhaften Erhalt der Daten
sichert. Zu diesem Zweck erfolgt derzeit die Migration der Textdaten in das Daten-
format XML und die Textauszeichnung nach dem anerkannten Standard der TEI. 14
Darüber hinaus sollen die digitalen Tools der textgenetischen Darstellung im künftigen
User-Interface von M USIL ONLINE im Rahmen des österreichweiten Kompetenznetz-
werks digitale Edition (KONDE)15 nach den Grundsätzen von open-source entwickelt
werden, wobei den bereits vorhandenen Komponenten von GAMS16 besondere Bedeu-
tung zukommt. Indem die in der Buchausgabe gedruckten Texte − mit Darstellungen
der Überlieferungsvarianten angereichert – auch auf M USIL ONLINE enthalten sind, ist
dem Open-Access-Prinzip in bisher einzigartiger Weise zum Durchbruch verholfen.
Eine wichtige textologische Prämisse soll bei M USIL ONLINE endlich angemessene
Beachtung finden, und zwar die Unterscheidung und Trennung von ‚Text‘ und
‚Dokument‘ bzw. von ‚Repräsentation‘ und ‚Präsentation‘. 17 Text/Dokument bezeich-
nen mediale Aspekte der Quelle, Repräsentation/Präsentation den Modus der Vermitt-
lung. Text ist der in Sprache und Schrift gefasste, gedanklich erfassbare Inhalt – hier
also das Werk, der Roman Der Mann ohne Eigenschaften in allen seinen Bestandteilen.
Dokument ist der Textträger, „materielles Substrat textlicher Überlieferung“ 18 – hier
also die Bücher, die Zeitschriften und Zeitungen, in denen Musil publiziert hat, und –
für die genetische Betrachtung vor allem wichtig − die Manuskripte des Nachlasses.
Edition kann mit Hans Walter Gabler begriffen werden als Akt der Vermittlung zwi-
schen Text und Dokument: „Edieren heißt, Texte von und aus Dokumenten abzulei-
ten.“ 19 Mit den Medien, die zum Einsatz gelangen – Druck oder digitale Medien −,

––––––––
14 http://www.tei-c.org/ (Abruf am 16.08.2018).
15 http://www.digitale-edition.at/ (Abruf am 16.08.2018)
16 GAMS = Geisteswissenschaftliches Asset Management System, eine Entwicklung des Zentrums für
Informationsmodellierung - Austrian Centre for Digital Humanities an der Karl-Franzens-Universität
Graz, vgl. http://gams.uni-graz.at/context:gams (Abruf am 30.07.2018).
17 Hans Walter Gabler: Das wissenschaftliche Edieren als Funktion der Dokumente. In: Computerphilologie
online 6, 2007 − http://computerphilologie.digital-humanities.de/jg06/gabler.html (Abruf am 30.07.2018).
18 Ebd.
19 Ebd.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 237
können einerseits Texte, andererseits Dokumente entweder repräsentiert oder präsen-
tiert werden. Der Modus Repräsentation bedeutet die Übertragung des Textes oder des
Dokuments in ein anderes Medium, d. h. Text oder Dokument sind in dem anderen
Medium in allen Einzelheiten vertreten, Texte durch akkurate Wiedergabe aller ihrer
Zeichen, Dokumente durch stellvertretende Wiedergabe aller die Materialität ausdrü-
ckenden optischen Elemente. Der Modus Präsentation bedeutet, Texte oder Doku-
mente in einem anderen Medium so verändert an ein Publikum zu vermitteln, dass sie
von diesem rezipiert (z. B. durch literarische Lektüre oder wissenschaftliche Nach-
nutzung) werden können.
Die genannten Kategorien wurden in der Editionsgeschichte oft genug nicht aus-
reichend reflektiert, miteinander unzulässig vermischt, oder das Ignorieren der texto-
logischen Prämissen wurde vorgeschoben, um tendenziöse Editionen zu produzieren.
Das Aufkommen des textgenetischen Edierens und des Typus der Faksimile-Edition
hat die Verwirrung nur vergrößert. Auch in der Geschichte der Musil-Editionen lässt
sich der tendenziöse Umgang mit den textologischen Axiomen erkennen. Frisé wollte
1952 den Roman aus dem Nachlass rekonstruieren, er war also auf die Präsentation des
Textes aus. 1978 bezog Frisé das Dokument bereits ein und zielte auf eine Vorspiege-
lung seiner Repräsentation. Die CD-ROM von 1992 verschmolz in ihrem Versuch einer
puren Repräsentation den Text und das Dokument. Die DVD-ROM der KA stellte 2009
schließlich den ersten, unvollkommenen Versuch dar, eine Präsentation des Textes (=
Lesetext) getrennt von der (Re)Präsentation des Dokuments (Digitalisate, Transkrip-
tion, Metadaten) zu bieten. Doch haftet diesem Versuch immer noch etwas vom Gießen
alten Weins in neue Schläuche an. „Neuer Wein käme in die neuen Schläuche,“ wenn –
so Hans Walter Gabler –

[…] das Dokument in seiner Leitfunktion für die Edition erkannt und der edierte Text
dementsprechend als Funktion des Dokuments in der elektronischen Ausgabe verortet würde.
Ein solches Modell würde dem virtuellen Medium entsprechen. Überlieferte Texte oder, noch
grundsätzlicher: alles schriftlich Aufgezeichnete würde damit neu begriffen als das von der
Materialität der Überlieferung Bedingte – was es schon immer war, wiewohl in dieser
Konsequenz für Überlieferung und Edition so nicht immer wahrgenommen. 20
Erst die neue Musil-Hybrid-Edition, bestehend aus der Buchausgabe und dem Inter-
netportal M USIL ONLINE, wird dem Anspruch völlig gerecht, indem sie für die Präsen-
tation des Textes in der sechsbändigen Leseausgabe des Mann ohne Eigenschaften das
dafür am besten geeignete Medium (das Buch) bereit hält und indem sie, davon
getrennt, die Repräsentation und die Präsentation der Dokumente im digitalen,
virtuellen Medium M USIL ONLINE bietet. Für die Sonderfälle der deutschsprachigen
literarischen Moderne − die großen Fragmente von Nietzsche, Kafka, Wittgenstein,
Bachmann – hält das digitale Medium durch die Virtualität der Repräsentation beson-
dere Optionen bereit, die darum ihren aufwändigen und sorgfältigen Einsatz recht-
fertigen, weil in diesen Fällen der Text vom Dokument nicht einfach abgeleitet werden
kann, insofern er keine finale Form findet, per se nicht teleologisch strukturiert ist. Den
––––––––
20 Ebd.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
238 Walter Fanta

Text als Fluidum, als schreibendes Denken / denkendes Schreiben zu repräsentieren


und zu präsentieren, gelingt in diesen Fällen im digitalen Medium besser. M USIL
ONLINE bietet dafür drei Eingänge, den Eingang ‚Lesen/Musil-Text‘, um den Roman-
text zu präsentieren, den Eingang ‚Schauen/Archiv‘, um den Nachlass zu repräsentieren
und zu präsentieren, und schließlich den Eingang ‚Verstehen/Kommentar‘, um die
Präsentation interdiskursiv um intertextuelle Konstellationen zu erweitern. Über den
Eingang ‚Schauen/Archiv‘ gelangen die Benützer zu den textgenetischen Zeugnissen:
Die Dokumente (Nachlassmanuskripte) werden in zwei voneinander getrennten Modi
geboten, und zwar einerseits als digitale Repräsentation (Bilddatei) und zugleich als
deskriptive Repräsentation in Schriftzeichen (XML/TEI: Text und Textauszeichnung),
andererseits als textuelle Präsentation in Gestalt einer Textwiedergabe (HTML: Tran-
skription).

Musils Schreibszene (Abb. 13–18)


Wozu überhaupt textgenetisch edieren? Die textgenetische Edition ist eine relativ späte
Erfindung und keine Selbstverständlichkeit. Der ursprüngliche Zweck einer Edition
besteht darin, das zu leisten, wozu der Autor, die Autorin nicht mehr imstande war,
nämlich die Veröffentlichung des Textes. Geschult an den Handschriften aus der Zeit
vor der Erfindung des Buchdrucks ging es zunächst darum, die Vielzahl von Über-
lieferungen der Werke längst Verstorbener korrekt darzustellen. Mit der Edition der
Fragmente moderner AutorInnen übernahm die Editionsphilologie die zusätzliche Auf-
gabe, das unfertige Werk aus dem Manuskript zu publizieren. Das Forschungsinteresse
der ‚critique génétique‘ hat sich nicht zufällig am Moderne-Phänomen des Fragments
orientiert und den neuen Editionstyp der Faksimile-/Fragment-Edition hervorgebracht,
der über den Text hinausgehend das Dokument in den Fokus rückt. Doch berücksich-
tigte bereits die herkömmliche historisch-kritische Edition die Werkgenese und musste
sich bei der Lösung ihrer Aufgabe mit den Dokumenten in allen ihren Einzelheiten
befassen. Die textgenetische Edition zielt wie sie immer noch auf die Präsentation der
Texte, indem sie Dokumente als Repräsentationen ihrer Genese in diachroner Abfolge
präsentiert. In Verbindung mit den Forschungszielen der ‚critique génétique‘ könnte
man sich einen weiteren, noch neueren Editionstypus denken, dem es nicht mehr um
die Edition eines Werks (Präsentation eines Texts) geht, sondern nur mehr um die
Darstellung des Schreibprozesses in Form einer Präsentation der Dokumente. Sie ord-
net sich in einem hohen Maß den Interessen der Erforschung des Schreibens unter, in-
dem sie beispielsweise nicht länger werk- und autor-zentiert ist, sondern über Werk-,
Verfasser-, Genre-, Sprach- und Schriftgrenzen hinweg Dokumente vergleichend
präsentiert. Vielleicht besteht schon immer eine Dialektik zwischen Edieren und For-
schen, nun aber erscheint die Edition als reines Instrument der Forschung. Dokumente
werden digital präsentiert und repräsentiert, um erforscht zu werden; die Ergebnisse der
Forschung werden in digitaler Form visualisiert; das alles geht Hand in Hand und
befindet sich ständig im Fluss.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 239
Im Falle des Nachlasses von Robert Musil ist die genetische Erschließungsarbeit
sehr weit fortgeschritten, ja nahezu abgeschlossen. Die physische Dokumentbeschrei-
bung, die Datierung, die Funktionsbestimmung und die Feststellung der Beziehungen
der mehr als zehntausend Manuskriptseiten zueinander liegen in den Metadaten der KA
vor. Die digitale Darstellung kann sich bereits auf die Präsentation der Ergebnisse kon-
zentrieren, was nicht bedeutet, dass das unter M USIL ONLINE veröffentlichte Daten-
material nicht auch für wissenschaftliche Nachnutzung in Richtung weiterer, vertiefen-
der Einzeluntersuchungen zur Verfügung steht. Der Darstellung müssen Modelle zu
Grunde liegen, die grundsätzliche Antworten auf folgende Fragen bieten: Was ist
Musils Nachlass überhaupt? Warum existiert er? Weshalb und wie ist er zustande ge-
kommen? Aus welchen Bestandteilen setzt er sich zusammen? In welcher prinzipiellen
Beziehung steht das Dokument ‚Nachlass‘ zum Text des Werks Der Mann ohne Eigen-
schaften? Bei der Beantwortung dieser Fragen kommt der Terminus der ‚Schreibszene‘
ins Spiel. Von Rüdiger Campe als ein „Repertoire von Gesten und Vorkehrungen“ oder
als ein „nicht-stabiles Ensemble von Sprache, Instrumentalität und Geste“ 21 um-
schrieben, ist die Schreibszene der historische Akt des Schreibens in Raum und Zeit
mit allen beteiligten Körperteilen, Gesten, Geräten, Materialien, von dem sich im
Schrift-Dokument Spuren befinden; editorisch dargestellt werden nur diese Spuren.
Der Terminus changiert zwischen Innen und Außen, der symbolischen Repräsentation
und dem materiellen Vorgang, womit die Dialektik zwischen Schreiben und Schrift
angesprochen ist; dahinter verbirgt sich das für Musil relevante Innen/Außen-Ver-
hältnis im Schreiben als Geste des Denkens.22 Anke Bosse hat in ihrem Beitrag im
vorliegenden Band das Modell von Campe erweitert und auf die Schreibanfänge von
Josef Winkler angewandt, 23 woraus sich interessante Vergleichsmomente zur Anwen-
dung des Modells auf das Schreiben bei Robert Musil ergeben. Die Erweiterung von
Bosse bezieht sich auf die mediale Dimension, zudem führt sie eine dritte Ebene ein:
Campes Gegenüberstellung von ‚Schreibszene‘ (= realer Akt des Schreibens) und
‚Schreib-Szene‘ (= literarische Inszenierung des Schreibens vor dem Lesepublikum im
Buch) erweitert sie um die „Überlappungszone“ 24 (= Inszenierung des Schreibens, die
der Schreibende während des Schreibens vor sich selbst vollzieht). Auch diese Er-
weiterung des Modells erweist sich als fruchtbar für den Vergleich mit dem Schreib-
prozess Musils und seine editorische Darstellung. 25
Worin besteht Musils Schreibszene? Was ist das Essentielle an Musils Schreiben,
das wert ist, es zu edieren, um es zu erforschen, und es zu erforschen, um es digital zu
präsentieren? Die Antwort auf diese Fragen entspricht insofern auch dem Zugang von
Bosse zur Schreibszene Winklers, als sie ebenfalls eine pars-pro-toto-Lösung bietet: Es
––––––––
21 Rüdiger Campe: Die Schreibszene, Schreiben. In: Schreiben als Kulturtechnik. Hrsg. von Sandro Zanetti.
Berlin 2012, S. 269–282, hier S. 270 bzw. 271.
22 Vilém Flusser: Die Geste des Schreibens. In: Schreiben als Kulturtechnik. Hrsg. von Sandro Zanetti.
Berlin 2012, S. 261–268.
23 Vgl. Anke Bosse: „Die Wortmaschine … wird jetzt in Betrieb genommen“. Schreibszene, Überlappungs-
zone und Schreib-Szene bei Josef Winkler. In diesem Band, S. 293–306.
24 Ebd., S. 295f.
25 Musils ‚Schreib-Szene‘ und den ‚Überlappungszonen‘ in seinem Schreiben widmet sich ausführlich
Walter Fanta: Schreiben wie Musil. München 2019 (Musil-Studien. 48).

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
240 Walter Fanta

gilt die eine Schreibszene zu finden, die alle einzelnen Schreibszenen zur Großen
Schreibszene dieses Autors zusammenfassend repräsentiert. Und doch ist der Zugang
zur Schreibszene Musils ein diametral anderer als der Bosses zu Winkler. Während sie
die Schreibanfänge Winklers erforscht und seine ersten Schreibszenen identifiziert,
erwähle ich das Ende von Musils Schreiben zum Ausgangspunkt für die editorische
Darstellung und definiere die Schluss-Szene als Schlüsselszene seiner Großen
Schreibszene. Diese wird repräsentiert durch seinen ganzen großen Nachlass, und zwar
im Moment seines endgültigen Gewordenseins: Das ist der Tag seines Todes in Genf
am 15. April 1942.26
Wie eine Blitzlichtaufnahme in der späten Dämmerung, so erhellt die Ansicht auf
das Arrangement von Musils Papieren auf seinem Schreibtisch in dem Häuschen unter
der Adresse Chemin des Clochettes 1 in Genève-Champel die Struktur seines Schrei-
bens, das in den letzten Lebensmonaten immer langsamer wurde, bis es schließlich ganz
erstarrte. Die Abbildung dieser Schreibanlage existiert tatsächlich, und zwar in Musils
eigener Handschrift im Genfer Übersiedlungsinventar von April 1941 mit der Über-
schrift „Schreibtisch“.27 Exakt ein Jahr vor seinem Tod lieferte Musil in der kommen-
tierten Auflistung der sechs Mappen (von insgesamt 52), die er in Genf noch in Ver-
wendung hatte, implizit eine Beschreibung seines Schreibzustands. Später hat Martha
Musil in einem ersten Register aller Manuskriptmappen ihres verstorbenen Mannes
zum Verzeichnis dieser sechs Mappen vermerkt: „Auf dem Schreibtisch gelegen“. 28
Dazu denken darf man sich die drei (Tagebuch-)Hefte mit den Nummern 30, 32, 34, in
die Musil am Ende auch noch schrieb, und die Mappe mit den Briefkonzepten, zuoberst
der letzte Brief an Henry Hall-Church, den er vielleicht an seinem Todestag erst
entwarf. Aufgeschlagen in der ‚Reinschrift‘-Mappe, die letzte Entwurfsseite des letzten
Romankapitels Atemzüge eines Sommertags mit der Nummer 9; aufgeschlagen das
letzte Notizblatt in der ‚Arbeitsmappe‘ mit der Sigle „K XIII 11“ mit gezählten 7
Verweisen auf die Entwürfe h (= Handschrift), T (= Text) und R (= Reinschrift);
aufgeschlagen das letzte Tagebuchheft mit der letzten Eintragung – „Wem es eine
verlockende Vorstellung ist, eine Zigarette zu rauchen und zu schreiben, wird ohne sie
nicht schreiben können“;29 aufgeschlagen der letzte Briefentwurf mit den letzten
Sätzen, „daß ich bis dahin nur auf meine eigene Stimme höre und dadurch Gefahr laufe
kein Ende finden zu wollen; denn auch die Einsamkeit erzeugt einen Rausch, der red-
selig macht“.30 So paradox es erscheinen mag: Aber wirkt dieses Arrangement nicht
auch wie eine Inszenierung? Gilt die Kategorie der ‚Theatralität‘, von Anke Bosse auf-
gestellt, nicht auch in diesem Fall, selbst angesichts des Todes? Das Arrangement des
––––––––
26 Ob es für die Erforschung und editorische Darstellung des Schreibprozesses einen Unterschied bedeutet,
ob der Autor tot ist wie Musil oder lebt wie Winkler? Die Forscherin und Editorin ist in dem einen Fall
dem Schweigen der Archive ausgeliefert, in dem anderen Fall gerät sie in einen Dialog mit dem Autor,
der sein Schreibzeug noch nicht abgegeben hat, solange er lebt. Schreibforschung unterliegt als
empirische Sozialforschung der methodologischen Prämisse, dass die Erforschung als teilnehmende
Beobachtung den Forschungsgegenstand beeinflusst, bei Lebenden mehr als bei Toten.
27 KA, Transkriptionen, Blaue Mappe 128.
28 KA, Transkriptionen, Mappe VIII, S. 24.
29 KA, Transkriptionen, Heft 30, S. 130.
30 KA, Transkriptionen, Mappe Briefkonzepte IV, S. 11.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 241
Letzten – der letzte Kapitelentwurf, die letzte Arbeitsnotiz, der letzte Querverweis, die
letzte Eintragung, die letzte Briefzeile – umfasst alles, was das Schreiben Musils
ausmacht. In jeder beliebigen Schreibphase seit 1919, dem Jahr, in der Musil seine
Schreibapparatur für den Roman – er bezeichnet sie einmal als „Brennofen“31 – einge-
richtet hat, benutzte er dasselbe „nicht-stabile Ensemble“ für sein Schreiben: Entwurf,
Notiz, Verweis, Heft, Brief. Aus diesen Dokumenten setzt sich Musils Nachlass zusam-
men, und sie liegen seiner spezifischen Schreibszene zugrunde – „ganz in die Symbol-
ordnung von Wiederholungen eingehüllt“.32 Der Fremde, der sich ihr in herausgebe-
rischer Absicht nähert, sieht: nichts. So geschehen im Mai 1950, als Adolf Frisé von
Rom nach Hamburg berichtet, er habe erwartet, in Musils Manuskripten die Fort-
setzung des Mann ohne Eigenschaften vorzufinden, aber was er angetroffen habe, sei
„eine verwirrende Fülle Aphorismen, Aufzeichnungen, Tagebuchnotizen. [...] Es ist
eine Heidenarbeit, zuerst einmal nur das Wesentliche herauszuspüren.“ 33

Die textgenetischen Dossiers (Abb. 20–35)


Dass Musil in seinem Schreiben sich selbst inszenierte, die Theatralik seiner
Schreibszene, geht aus einem kolportierten Diktum aus seinem Mund hervor, „später
einmal werden sich Literaturhistoriker an meinen Notizen den Kopf zerbrechen.“ 34
Elias Canetti schrieb Hermann Broch die stilisierende Beobachtung zu, Musil habe über
seine Manuskripte wie „ein König im Papierreich“ 35 geherrscht. Canetti behauptet von
Musils Schreiben auch, es sei von „Klarheit und Durchsichtigkeit“ 36 geprägt, und es
„herrschte eine bestechende Ordnung in allem […]. Musil hatte Scham und stellte
Inspiration nicht zur Schau.“ 37 Was stimmt nun: bestechende Ordnung oder verwirren-
de Fülle? Beides! Musils Schreibszene ist vor allem die Inszenierung der eigenen
Unentschiedenheit. Sie zwingt seine Herausgeber zur „Heidenarbeit, das Wesentliche
herauszuspüren“. Was ist das Wesentliche? 1) Die Präsentation des Textes, des Werkes
Der Mann ohne Eigenschaften, in Buchform: Das ist bereits geleistet. 2) Die digitale
Darstellung der Schreibszene Musils auf MUSIL ONLINE, das bedeutet die Re-
Inszenierung der Theatralik, die in der Entstehung des Textes liegt.
Das Vehikel dafür ist das ‚textgenetische Dossier‘. In den Worten von Almuth
Grésillon, einer wichtigen Mitbegründerin der ,critique génétique‘, versammelt es
„geschriebene, im Allgemeinen handschriftliche Dokumente, die, in bestimmte Zusam-
menhänge eingeordnet, die ‚Urgeschichte‘ eines Textes und die sichtbare Spur eines
schöpferisches Prozesses darstellen“.38 Im Weiteren definiert Grésillon ein ‚dossier

––––––––
31 KA, Transkriptionen, Heft 33, S. 83.
32 Campe 2012 (Anm. 21), S. 280.
33 Adolf Frisé an Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, 14.05.1951, zit. n. Fanta 2011 (Anm. 5), S. 264.
34 Martha Musil an Carlo Pietzner, 05.07.1942, zit. n. KA, Dokumente.
35 Elias Canetti: Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931–1937. München, Wien 1985, S. 185.
36 Ebd., S. 184.
37 Ebd., S. 181.
38 Almuth Grésillon: Literarische Handschriften. Einführung in die „critique génétique“. Bern u. a. 1999
(Arbeiten zur Editionswissenschaft. 4), S. 22.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
242 Walter Fanta

génétique‘ als die „Summe der schriftlichen Dokumente, die der Genese eines bestim-
mten Schreibprojektes zugeordnet werden kann, unabhängig davon, ob diese zu einem
vollendeten Werk geführt hat oder nicht.“ 39 Gefordert wird die Lokalisierung, die
Datierung, die chronologische Anordnung und die Entzifferung (d. h. die kodierte
textliche Repräsentation der Dokumente im digitalen Format, also XML/TEI). Im Falle
der Re-Inszenierung von Musils Schreibszene stellt die besondere Herausforderung der
Mangel an Teleologie dar und die daraus resultierende Schwierigkeit, die Dokumente
einem ‚bestimmten Schreibprojekt‘ zuzuordnen, da ja, in abgestufter Weise, der ge-
samte Nachlass als ein einziges großes Schreibprojekt dem Mann ohne Eigenschaften
zugeordnet werden kann. Gelöst wird dieses Problem durch die Festlegung von hier-
archisch zueinander stehenden Ebenen der Romanproduktion: 1) Ebene des Gesamt-
romans; 2) Ebene der Romanprojekte: 2a) Autorautorisierte Bücher des Romans (Erstes
Buch, 1930; Erster Teil des Zweiten Buchs, 1932); 2b) Fortsetzung des Zweiten Buchs
aus dem Nachlass (1933–1942); 2c) Vorstufenprojekte (1919–1928); 3) Ebene der
Kapitelkomplexe der Romanfortsetzung aus dem Nachlass; 4) Ebene der einzelnen
Kapitelprojekte. Das als kleinste, nicht mehr weiter teilbare Einheit zu isolierende
‚Schreibprojekt‘ ist in diesem Modell das ‚Kapitelprojekt‘. Die Kapitelprojekte stehen
zueinander in einem offenen Varianzverhältnis, d. h. die Reihenfolge ist unsicher, kein
Kapitelentwurf gilt für Musil als fallengelassen, auch wenn er ihn umgeschrieben hat;
eine Kapitelvorstufe kann im Prinzip zu einem Folgekapitel werden. Alle Manuskripte
lassen sich entweder einem Kapitel zuordnen oder gehören zu kapitelübergreifenden
Notizmaterialien, die einer der höheren Ebenen zugeordnet werden können. Die prinzi-
pielle, zentrale Bezugsgröße für die Zusammenstellung der textgenetischen Dossiers
sind aber jedenfalls die Kapitelprojekte.
Die einzelnen Kapitelprojekten zugehörigen Manuskripte im Nachlass zu lokali-
sieren, bereitet insofern Schwierigkeiten, als sich die Manuskripte bis heute in der
Anordnung befinden, in der sie sich zum Zeitpunkt von Musils Schluss-Szene am
15. April 1942 befanden, die weder in pragmatisch-sachbezogener noch in genetischer
Betrachtung sofort durchschaubar wird. Die Manuskripte sind nicht durchgängig nach
Alter, nach dem Romanfortgang oder nach Themen- bzw. Handlungslinien geordnet.
Dennoch handelt es sich nicht um ein x-beliebiges Chaos. Die Komplexität ergibt sich
daraus, dass Musil seine Manuskriptblätter zwar siglierte, sortierte und einzelne Blätter
bzw. Konvolute laufend umzuordnen pflegte, doch stets im Bewusstsein der Vor-
läufigkeit. Die bei größter gedanklicher Exaktheit und peinlichstem Ordnungssinn des
Autors dennoch provisorische und improvisierte Hinterlassenschaft zwingt uns bei
ihrer Erschließung und Erforschung dazu, ihre Gegebenheiten anzuerkennen. Statt mit
gewohnten Text-Größen wie Romanabschnitten und -kapiteln bekommt man es un-
weigerlich mit Dokument-Größenordnungen zu tun wie mit Mappengruppen, Mappen,
Konvoluten und mit einem komplexen Siglensystem statt mit einer durchlaufenden
Pagina. Grob betrachtet allerdings folgt die Archivierung nach Mappengruppen (MG)
dem genetischen Prinzip und entspricht der authentischen Schreibszene Musils, da
Musil in der Nähe seines Schreibtisches aufbewahrte, was ihm für die Arbeit im letzten
––––––––
39 Ebd., S. 140.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 243
Stadium nah war, und davon fern, was er kaum mehr zu benötigen glaubte, und die
späteren Nachlassverwalter, allen voran Martha Musil, diese Einteilung bei ihrer
Registrierung und Aufbewahrung beibehielten. MG V mit den ‚Schreibtisch‘-Mappen
ist als jüngster Bestandteil des Nachlasses zu identifizieren. Von insgesamt 1115 Seiten
Entwürfen und Schmierblättern stammen 247 Seiten aus der Zeit vor der Emigration
im Sommer 1938, alle anderen aus der letzten Schreibphase Musils. MG II und Teile
von MG III enthalten Roman-Materialien von 1930–1938, der Rest von MG III
Fragmente aus den Jahren 1918–1938, die nicht dem Mann ohne Eigenschaften zuzu-
ordnen sind. MG I und MG VII setzen sich aus Romanentwürfen der 1920er Jahre und
Fortführungen bis Mitte der 1930er Jahre zusammen. Am Rand angesiedelt sind MG
IV und MG VI, welche die ältesten und am wenigsten mit dem Romanprojekt in
Verbindung stehenden Manuskripte beinhalten. Doch auch bei Musil ist eine ‚Anfangs-
szene‘ im Sinne des von Anke Bosse an der Schreibszene Josef Winklers Festge-
stellten 40 erkennbar, nämlich die Spuren der Einrichtung der Apparatur für die Roman-
arbeit in diesen ältesten Materialien. Die ‚Anfangsszene‘ wäre dann ein Doppeltes: die
Reaktion des Schreibenden auf etwas von außen, nämlich die Auslösung des Schreib-
prozesses, eines Verarbeitungsprozesses, durch ein von außen eintreffendes Ereignis,
das die Schreibszene auf einer semantischen Ebene bedingt: bei Winkler der Doppel-
selbstmord der Jugendlichen in seinem Heimatdorf, bei Musil der Krieg. Die innere
Initiation ins Schreiben besteht bei Musil wie bei Winkler in der je spezifischen
Einrichtung der Apparatur, mit der in der ‚Anfangsszene‘ grundlegende Gelingens-
bedingungen des Schreibens geschaffen werden. Musil richtete seine ‚Anfangsszene‘,
seine ‚Apparatur‘ 1919 und 1920 ein, als er als Beamter der neuen österreichischen
Republik im Archiv des Pressedienstes im Außenministerium und als psychologischer
Fachbeirat im Heeresministerium angestellt war; er benutzte das behördliche Büro,
Papier und Schreibmaschine,41 um seine Hefte aus der Vorkriegszeit auszuwerten, zu
exzerpieren, um weitere Materialsammlungen in Heften und in Mappen anzulegen und
um eben genau die Ordnung mit ihrem Hauptmerkmal, dem Siglen-System, zu
schaffen, an der er bis zu seinem Lebensende festhielt. Er baute sie aus, füllte sie auf;
im Großen und Ganzen könnte man den Genfer Nachlass von 1942 als die erweiterte
Apparatur von 1919 betrachten. Musil behielt auch die Vorstufen des Unfertigen auf –
allerdings nur des Unfertigen. Das, was er erledigt hatte, schied er aus. Es gibt in seinem
Nachlass keine Reinschriften, keine Druckmanuskripte oder Korrekturfahnen von
Texten, die er tatsächlich publiziert hatte. Aus diesem Prinzip erklärt sich das Vor-
handensein der Vorstufen des Mann ohne Eigenschaften in den Mappen und Heften:
Die Manuskripte sind nicht anders zu betrachten und zu bewerten denn als frühe
Fassungen des auch später nicht Verwirklichten. Musil hatte kein Interesse daran,
Entwürfe aufzubewahren, um sich oder anderen zu demonstrieren, was daraus ge-
worden ist. Seine Umarbeitungen waren stets darauf gerichtet, Spuren zu verwischen.

––––––––
40 Vgl. Bosse (Anm. 23), S. 295–297.
41 Auch hier besteht eine Parallele zu Josef Winkler. Er zweckentfremdete die Büro-Infrastruktur der
Verwaltung an der Universität für Bildungswissenschaften in Klagenfurt, wo er als Schreibkraft angestellt
war, vgl. ebd., S. 298.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
244 Walter Fanta

Wenn er etwas änderte, so war das Alte hinfällig, es sei denn, es enthielt etwas, das
wieder Potential für etwas Neues in sich trug.
Die erhaltenen 32 Hefte des Nachlasses sind zum überwiegenden Teil nicht einfach
Tagebücher. 42 Nur auf 283 der insgesamt 2077 beschriebenen Heftseiten finden sich
mit Datumsangaben versehene Aufzeichnungen. Einen breiten Raum nehmen in den
Heften Notizen ein, die nicht von Tagesabläufen des Autors berichten, sondern Ein-
drücke von der Außenwelt und Lektüre verarbeiten (530 Heftseiten). Etwa 188 Seiten
lassen sich als Materialsammlung bezeichnen, Exzerpte und Reflexionen zu wissen-
schaftlicher und belletristischer Lektüre, möglicherweise zur Verarbeitung in Auf-
sätzen gedacht, aber noch ohne erkennbare Verbindung zu einer bestimmten Arbeit.
Notizen, Skizzen und Entwürfe zu – z. T. später tatsächlich realisierten – Essaypro-
jekten bergen die Hefte ebenfalls im Ausmaß von ca. 100 Seiten. Ideen, Motive,
Skizzen und Anfänge zu literarischen Projekten sind in den Heften auf insgesamt knapp
900 Seiten verzeichnet: Sie machen also einen beträchtlichen Anteil aus. Etwa die
Hälfte davon lässt sich Vorstufen des Mann ohne Eigenschaften zuordnen. Was schrieb
Musil in Hefte und was auf Blätter? Wann und warum ging er dazu über, für den Roman
auf Blättern zu schreiben? Die Antwort hängt eng mit den äußeren Begleitumständen
der Einrichtung der Apparatur in den Ministerien 1919/1920 zusammen; mit den Vor-
teilen des Heftschreibens auf Reisen, im Krieg; mit der Verfügbarkeit von Papier und
Schreibmaschine; mit der Entscheidung, nun nicht mehr Vorbereitendes aufzuschrei-
ben, sondern zu beginnen, bereits den für die spätere Veröffentlichung bestimmten Text
des Romans handschriftlich reinzuschreiben und abzutippen. Doch die beiden Schreib-
zonen, Hefte und Blätter, überlappen sich in Musils Schreibszene, eine Zeitlang
schreibt er Romantextentwürfe noch in Hefte und tippt Notizmaterial für seinen Zettel-
kasten bereits ab.
Kehren wir zurück zur Schluss-Szene, zum Schreibtisch am 15. April 1942. Wir
bemerken zunächst die auffallend lange Zeitspanne, in der die Schreibszene Musils
Bestand hatte: mehr als zwanzig Jahre! Die chronologischen Verhältnisse hat die
Forschung mittlerweile sehr genau erschlossen, jedes einzelne Manuskript ist einem
Datierungsabschnitt (DA) zugewiesen, der durch eine Schreibrichtung bestimmt und
eine Zäsur begrenzt ist; das Datierungsraster besteht aus 9 Hauptabschnitten und insge-
samt 44 Unterabschnitten. Ohne auf Datierungsfragen hier näher eingehen zu können,
sei darauf hingewiesen, dass die Schluss-Szene mit dem letzten Datierungsabschnitt
übereinstimmt: DA 9-6 von Mitte Januar 1942 bis 15. April 19942. In ihm tat Musil
kaum etwas anderes, als Änderungen an der letzten Fassung des Romankapitels Atem-
züge eines Sommertags anzubringen. Dazu schrieb er auf Blätter in zwei Mappen, oben
als ‚Arbeitsmappe‘ mit ‚Notizen‘ und als ‚Reinschriftmappe‘ mit ‚Entwürfen‘ zu sechs
Romankapiteln benannt. ‚Entwurf‘ und ‚Notiz‘ bezeichnen zentrale Kategorien von
Musils Schreibszene, elementar für die Modellbildung, die Zusammenstellung der
textgenetischen Dossiers und die editorische Darstellung. In der bisherigen Erschlie-

––––––––
42 Vgl. Arno Dusini: Tagebücher/Arbeitshefte. In: Robert-Musil-Handbuch. Hrsg. von Birgit Nübel und
Norbert C. Wolf. Berlin 2016, S. 450–459.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 245
ßungsgeschichte des Nachlasses als ‚Textstufen‘ bezeichnet, auch als Grade der ‚Text-
ausreifung‘, ist mit ihnen das Produktionsstadium angesprochen, das Maß an Elabo-
riertheit, das ein bestimmtes Manuskript annimmt, auch die Funktion, die eine Nieder-
schrift innerhalb der Organisation des Schreibprozesses erfüllt. Um der teleologischen
Konnotation von ‚Textstufe‘ auszuweichen, schlage ich den Terminus ‚Manuskripttyp‘
(MT) vor. Auszugehen ist davon, dass der Nachlass Musils keine fertigen Texte enthält.
Wir haben es mit zwei Haupttypen zu tun: MT ‚Notiz‘ und MT ‚Entwurf‘. Mit MT
‚Notiz‘ ist etwas Geschriebenes gemeint, das nicht der Intention unterliegt, einen Teil
des zu verfassenden, für die Publikation bestimmten Textes zu formulieren. Bei MT
‚Entwurf‘ dagegen handelt es sich eine Niederschrift, die mit der Absicht entsteht, den
Text des Werkes selbst, zumindest in einer vorbereitenden oder vorläufigen Fassung,
zu formulieren. 43
MT ‚Notiz‘ manifestiert sich in den Materialien zum Mann ohne Eigenschaften in drei
Untergruppen:
1a) MT ‚Anfangsnotiz‘: Der Autor notierte Einfälle und Ideen, die (potentielle)
Ausgangspunkte für Entwürfe bilden; dazu zählen vor allem Einzeleintragungen
von Einfällen und Ideen in den Heften und in einem mit Siglen ausgestatteten
Zettelkastensystem in der Frühphase der Romanproduktion bis 1923; je nach-
dem, ob mit Bleistift, mit Tinte oder mit Schreibmaschine geschrieben, ließe
sich eine weitere Abstufung vornehmen (906 Ms.).
1b) MT ‚Studienblätter‘: Musil fertigte Notizen an, welche das Niederschreiben des
Romantextes planen, konzeptualisieren, die bisherige Produktion reflektieren,
die weitere Produktion von Entwürfen begleitend kommentieren bzw. struktu-
relle Festlegungen zur Fortführung treffen sowie das Material verwalten;
erhalten aus den Schreibphasen ab 1923; geschrieben fast ausschließlich mit
schwarzer Tinte (2013 Ms.).44
1c) MT ‚Schmierblätter‘: Musil notierte während der Abfassung und der Über-
arbeitung von Entwürfen Formulierungsvarianten; vor allem erhalten aus den
späteren Schreibphasen ab 1930; das Hauptkennzeichen ist Inkohärenz im
Seitenaufbau und in der Schreibanordnung, durch über die Seite verteilte Listen
und Kolumnen mit Worten, Wortgruppen, Satzteilen; wenn verarbeitet, dann
durchgestrichen; geschrieben fast ausschließlich mit schwarzer Tinte (1683
Ms.).
Neben den drei charakteristischen Notiztypen existieren zwei Sonderformen:
––––––––
43 Vgl. Walter Fanta: Die Entstehungsgeschichte des Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Wien
2000, S. 54–89; Walter Fanta: Nachlass. In: Robert-Musil-Handbuch. Hrsg. von Birgit Nübel,
Norbert C. Wolf. Berlin 2016, S. 470–497, hier S. 473–474.
44 Die STUDIENBLÄTTER enthalten nicht nur, nein, sie bilden geradezu die ‚Überlappungszone‘
zwischen ‚Schreibszene‘ und ‚Schreib-Szene‘, wie sie Anke Bosse an Hand der Schreibzeugnisse Josef
Winklers beschrieben hat. Was geschieht, wenn die Überlappung so überhand nimmt, zum wuchernden
Krebsgeschwür wird, so dass dies das Schreiben blockiert, wie beim späten Musil? Ist es dann noch
Überlappung?

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
246 Walter Fanta

1d) MT ‚Exzerpt‘: Musil verarbeitete in den Exzerpten seine Lektüren; sie dienen
als Reservoir zur Zwischenlagerung von Zitaten, bevor er sie in die Roman-
entwürfe einbaute; geschrieben vorwiegend mit schwarzer Tinte (790 Ms.). 45
1e) MT ‚Eintragung‘: Zusätzlich zu Anfangsnotizen enthalten die Hefte mit
Datumsangaben versehene regelrechte Tagebuch-Eintragungen mit schwarzer
Tinte (440 Ms.).
Der MT ‚Entwurf‘ erscheint ebenfalls in drei Ausprägungen:
2a) MT ‚Rohentwurf‘ dient zur Skizzierung der Handlung, stilistisch nicht elabo-
riert, noch ohne Kapiteltitel; erhalten aus den früheren Schreibphasen bis 1928;
geschrieben mit Bleistift (seltener), vorwiegend schwarzer Tinte und auch mit
Schreibmaschine (1136 Ms.).
2b) MT ‚Kapitelfragment‘: Unvollständiger Kapitelentwurf, kein fixer Kapiteltitel,
keine fixe Kapitelnummer; erhalten aus den späteren Schreibphasen ab 1932;
geschrieben mit schwarzer Tinte unter zusätzlicher Verwendung von Farbstiften
(640 Ms.).
2c) MT ‚Kapitelreinschrift‘: Vollständiger Reinschriftentwurf; fixer Kapiteltitel;
fixe Position innerhalb der Kapitelanordnung; vertreten ist dieser MT vor allem
durch die sechs Kapitel der dritten Genfer Ersetzungsreihe 1940–1942; ge-
schrieben mit schwarzer Tinte (112 Ms.).
Einen Sonderstatus innerhalb der Entwürfe nehmen die 145 korrigierten ‚Druckfahnen‘
von 1938 ein, die bereits im Begriff der Autorisierung waren und wieder ins Entwurfs-
stadium zurückfielen. Eine weitere Sondergruppe bilden die ‚Abschriften‘ Martha
Musils von Manuskripten ihres Mannes (286 Ms.).
Das Wesen von Musils Schreibszene besteht im Umschreiben, in der permanenten
Verwandlung des Textes, deren Spuren alle Kapitelentwürfe tragen. Von ihnen, den
Textrevisionen, die sich in die Schichten der Manuskripte eingetragen haben, war
bisher noch nicht die Rede. Das zu beschreiben, sprengt den Rahmen dieses Beitrags,
obwohl die Streichungen, die Ersetzungen, die Umstellungen, die am Rand notierten
Alternativvarianten und Autornotate, die Beilagenseiten mit Neufassungen des Ge-
strichenen, die Verweise auf zugehörige Schmier- und Studienblätter − all das den
Mikrokosmos von Musils Schreibszene ausmacht.
Um den Prozess der Verwandlung von Kapitelfassung zu Kapitelfassung darzu-
stellen, bedarf es der textgenetischen Dossiers. In der digitalen Editionsform funk-
tionieren sie wie Relaisstationen; als Beispiel möge das textgenetische Dossier des
ersten der sechs Kapitel in der Genfer Reinschriftmappe dienen, mit der Nummer 47
und dem Titel Wandel unter Menschen. Vom Kapitelprojekt dieses Titels entstanden

––––––––
45 Vgl. Walter Fanta: Musils Umkodierungen. Wissenstransfer im Schreibfeld als Form der Intertextualität.
In: Medien, Technik, Wissenschaft. Wissensübertragung bei Musil und in seiner Zeit. Hrsg. von
Ulrich J. Beil, Michael Gamper, Karl Wagner. Zürich 2011 (Medienwechsel – Medienwissen. 17),
S. 323–344.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 247
von 1934 bis 1941 neun Entwurfsfassungen, mit einer riesigen Zahl von Studien- und
Schmierblättern.
Musils Schreibszene ist durchdrungen von allen Arten von Retardierung. Das
kommt unter anderem auch im Wuchern des MT ‚Studienblatt‘ zum Ausdruck, den
Notizen, die der Verwaltung des Materials mit Hilfe des Verweissystems dienen. Das
Netz der mehr als 100.000 Verweise durchzieht alles; zusammengehalten wird es von
den Knoten der Seitensiglen. Buchstäblich jede Manuskriptseite hat eine Sigle, also
einen Namen, mit dem sie aufgerufen werden kann. Dies geschieht durch eine un-
bestimmt große Anzahl von Verweissiglen. Sie können sich überall befinden, am Rand
der Entwürfe, auf den Schmierblättern, auf den Studienblättern, ja gerade auf diesen;
es gibt sogar welche, die nichts anderes sind als kommentierte Auflistungen dieser
Verweise. Die Siglen bestehen aus einer Chiffre in Form einer Buchstabenkombination
und Zahlen, Nummern. Die Chiffren lassen sich auflösen, also verstehen – das letzte
Exemplar dieses vertrackten Inbegriffs von Musils Schreibszene, die Chiffre auf der
letzten Seite, die Musil siglierte, ist „K XIII 11“.46 Sie bedeutet: Seite 11 von Korrektur
XIII, also des dreizehnten Korrekturdurchgangs der Mappe mit den Druckfahnen-
kapiteln, jener Zwischenfortsetzung des Zweiten Buchs, die schon in Druck gegangen
wäre, beinah, wenn Musil 1938 nicht ins Exil hätte flüchten müssen …

Präsentationstechnologien und Nachnutzungsperspektiven (Abb. 36–38)


Die textgenetische Darstellung des Mann ohne Eigenschaften auf MUSIL ONLINE
kommt im Prinzip mit drei digitalen Open-Source-Formaten aus. Die Bilddateien der
Nachlassmanuskripte werden an der ÖNB im JPEG-Format erzeugt und in deren
Repositorium online abgelegt; die einzige Metadaten-Information ist im Dateinamen
enthalten, der aus Archivsignatur und Nachlasspagina zusammengesetzt und als
‚identifier‘ dient. Die Präsentation der Manuskripte auf M USIL ONLINE erfolgt unter
‚Schauen/Archiv‘ nach der überlieferten authentischen Anordnung. Die textliche
Repräsentation der Dokumente liegt im XML-Format mit TEI-Auszeichnung vor;
dabei entspricht der Inhalt einer Nachlassmappe bzw. eines Heftes jeweils einer XML-
Datei. Die Kodierung mit TEI basiert auf einem 2018/2019 am RMI / KLA neu
entwickelten ODD-Schema. 47 Dafür wurden folgende Module der TEI ausgewählt:
‚core‘, ‚header‘, ‚textstructure‘, ‚msdescription‘, ‚transcr‘, ‚linking‘. Die Auszeichnung
im <body> des XML-Dokuments (Modul ‚transcr‘) fokussiert auf die textgenetische
Dimension der Manuskripte, d. h. die Räumlichkeit und Materialität betreffenden
Aspekte des Dokuments sind entweder nicht berücksichtigt oder als Attributwerte
nachrangig behandelt, während die Aspekte der Textrevision durch Musil in der
Kodierungspraxis möglichst höherrangig behandelt werden. Es handelt sich um
––––––––
46 KA, Transkriptionen, Mappe V/5, S. 250.
47 ODD (= One Document does it all) bedeutet, dass alle verwendeten Kodierungs-Regeln hierarchisch nach
Modulen, Klassen, Elementen, Attributen und nicht-variablen Attributwerten angeordnet in einem XML-
Dokument als Schema zusammengefasst sind – vgl. Implementation of an ODD System in den TEI-
Guidelines. In: http://www.tei-c.org/release/doc/tei-p5-doc/en/html/USE.html - IM (Abruf am
01.08.2018). Am RMI / KLA ist Katharina Godler mit der Modellierung betraut.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
248 Walter Fanta

folgende Textrevisionstypen: Tilgungen (<del>), Ergänzungen (<add>, Ersetzungen


(<subst>), Umstellungen (<transpose>), Alternativvarianten, Autornotate
(<note>).48 Die komplexen Beziehungen zwischen den Nachlassmanuskripten
(Makrovarianz) und die in jahrzehntelanger Erschließungsarbeit angesammelten
Metadaten sind im <tei-header> in der <msdescription> verankert. Nach der
Fertigstellung des XML-TEI-Datenmodells auf der Grundlage zweier exemplarischer
Mappen des Musil-Nachlasses wird das gesamte Textkorpus der Transkription aus dem
Folio-Views-Flatfile-Format nach XML/TEI migriert, indem die Folio-Formatierungs-
Codes und die Diakritika der Transkription von 1992 durch die entsprechenden TEI-
Codes ausgetauscht werden. Es ist daran gedacht, das Skript für den Code-Austausch
auch für die programmgesteuerte Kodierung von Musils Verweissystem zu benutzen.
Neben dem ODD-Schema für den Nachlass wird ein zweites ODD-Dokument für die
Schematisierung der XML/TEI-Versionen der autorautorisierten Musil-Texte ent-
wickelt, in denen die Überlieferungsvarianten kodiert sind.
Die Verwendung der Auszeichnungssprache XML und die Kodierung nach den
Regeln der TEI erfüllen einen doppelten Zweck: sie garantieren die Langlebigkeit der
Daten und gewährleisten Interoperabilität, d. h., die Auszeichnungselemente können
dauerhaft dafür verwendet werden, um aus dem in den XML-Dateien enthaltenen
Textkorpus und den Metatext-Informationen im <tei-header> Präsentationen auf der
Interface-Ebene zu generieren. Aus naheliegenden Gründen erfolgt die Präsentation
von Nachlasstexten auf der Benutzeroberfläche von M USIL ONLINE auf der Basis von
HTML; die Erzeugung von HTML-Codes aus den XML/TEI-Versionen geschieht
mittels XSLT-generierter Style-Sheets. Generiert werden die Darstellungen der aus der
Schreibbewegung Musils resultierenden Schichtung am Manuskript, die wir als
‚Textwiedergaben‘ bezeichnen, in bewusster Abgrenzung vom Terminus ‚Transkrip-
tionen‘. Aus der textgenetischen Perspektive kommt in diesem Datenmodell den
Verzeichnissen der textgenetischen Dossiers zu den Kapitelprojekten bzw. Kapitel-
komplexen des Romans eine Brückenfunktion zu, indem sie wie Relaisstationen die
Beziehungen zwischen den Dokumenten des Nachlasses und den Texten des Romans
sowie die Beziehungen der Dokumente untereinander verwalten. Es ist vorgesehen,
diese Beziehungen in XML-Dateien eines eigenen Typs (Meta-XML) zu dokumen-
tieren, aber auch, diese Verzeichnisse auf der Benutzeroberfläche zu präsentieren, mit
Hyperlinks zu den Bilddateien und den Textwiedergaben der aufgelisteten einzelnen
Dokumente des Dossiers, ergänzt um eine kurze ausformulierte Textgeschichte des
jeweiligen Kapitelprojekts.
Wie das künftige User-Interface von M USIL ONLINE gestaltet sein wird, lässt sich
heute kaum absehen. Die derzeitigen Bemühungen des Projekt-Teams am RMI / KLA
sind darauf gerichtet, das Datenmaterial für möglichst viele Formen der Nachnutzung

––––––––
48 Vgl. dazu den Beitrag von Clausen/Klug in diesem Band (Schreiberische Sorgfalt: Der Einsatz digitaler
Verfahren für die textgenetische Analyse mittelalterlicher Handschriften, S. 137–150). Es stellt sich
überraschender Weise heraus, dass man für die Auszeichnung von Textrevisionen in mittelalterlichen
Codices und Nachlässen der literarischen Moderne mit demselben Satz von Auszeichnungselementen
auskommt.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Textgenetische Darstellung auf MUSIL ONLINE 249
interoperabel zu halten. Zu diesen wird in Zukunft unter anderem auch die programm-
gesteuerte Analyse gehören, eine ‚critique génétique‘ als ‚distant reading‘ der als
XML/TEI digital repräsentierten Nachlassdokumente. Spezifische Navigations- und
Recherchetools wären zu entwickeln, die vertikale Lektüren der Texte auf der dia-
chronen Ebene von Fassung zu Fassung ermöglichen und über herkömmliche Such-
masken hinausreichend Abfragen für hochspezifische textgenetische Fragestellungen
unterstützen. Auch für die weniger forschungsorientierte Nachnutzung wären Innova-
tionen denkbar. Ohnehin wird der interdiskursive Kommentar die Entwicklung neuer
Arten von Benutzerschnittstellen begünstigen, in Richtung auf Dialog, auf ‚social
edition‘. Es stellt sich die Frage: Wo endet die Aufgabe der Edition? Wo beginnt der
Auftrag der Nachnutzung, entsprechende Tools zu (er)finden? Für den Bereich der
Nachlassmanuskripte und deren vermittelnder Darstellung wäre eine Art Lesarten-
Kontrolle durch Crowd-Sourcing denkbar. Animierte, dynamische 3D-Textwiederga-
ben lassen sich denken, in denen die Beschriftung einzelner Seiten, der Prozess des
Zustandekommens ganzer Mappen oder Hefte oder Metamorphosen innerhalb be-
stimmter Produktionsphasen simuliert werden. Der Fantasie sind keine Grenzen
gesetzt, Edition wird im digitalen Archiv, im Online-Museum zu einem Spiel, zu einem
Experiment werden, wie das Schreiben selbst es war.

Brought to you by | Cambridge University Library


Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM
Brought to you by | Cambridge University Library
Authenticated
Download Date | 12/18/19 10:55 AM