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Scheinbar deutliches Deutsch

Auf der Suche nach etymologischen Sonderfällen habe ich einige Beispiele bei Carry van Bruggen 1
gefunden, die mein Vertrauen in der Exaktheit der deutschen (und niederländischen) Sprache
„wahrscheinlich“ nachhaltig erschüttert haben. Die scheinbare Unklarheiten haben mir jedoch die Augen
geöffnet. Hoffentlich habe ich alles klar und deutlich (und fehlerfrei) übersetzt... und nun: Viel Spaß damit!

Scheinbar und Offensichtlich


Es ist schon möglich, dass der Mann, von dem behauptet wird, “dass es den Anschein hat, dass er sein Bein
gebrochen hat”, es tatsächlich gebrochen hat. Falls man aber sagt, “dass er scheinbar sein Bein gebrochen
hat”, dann hat er es gewiss nicht gebrochen.

Wahrlich
Das Wort Wahrlich bedeutet “wirklich” und “nach Wahrheit”. Der Ausgang “-lich” sollte wohl verstanden
werden als “vergleichbar mit” und nicht als “gleichsam”2.

Wahrscheinlich, Anscheinend, Offensichtlich, usw.


“Augenscheinlich, anscheinend, wahrscheinlich, höchst wahrscheinlich”, und ähnliche Adverbs scheinen nur
wahr zu sein und sind deshalb unwahr. “Offensichtlich” ist jedoch genau so wahr als “zweifelsohne”,
“jedenfalls” und “garantiert”.
Der Wahrheitsgehalt einer Aussage mit dem Adverb “gewiss” hängt dagegen im wesentlichen von der
Qualität des “Wissens” beziehungsweise “Gewissens” des Sprechers ab.
“Der Mann hat doch sicherlich sein Bein gebrochen” setzt die Erwartungshaltung auf “ja”, aber sicher ist es
noch lange nicht.

Das Wort “scheinbar” in Kriminalromanen


Falls ein Autor das Wort “scheinbar” in einem Kriminalroman benutzt deutet dieser an, dass das
Geschriebene unwahr ist. Für einen unwissenden Leser bildet diese Nachricht somit eine neue Nachricht, für
den Wissenden ist es dagegen eine redundante Information.
Es gibt jedoch noch eine dritte Möglichkeit, dass der Autor und der Leser die Nachricht schon kennen, aber
ein Dritter noch nicht. Der Autor und der Leser wissen dann zum Beispiel, wer der Mörder ist, aber der
Kommissar sucht immer noch weiter. In diesem Fall hat das Adverb “scheinbar” sehr wohl einen Sinn.

Die Verjüngung der Gesellschaft


Ein älterer Mann ist immer jünger als ein alter Mann. Falls man nun den alten Herrn nun durch einem
älteren Herrn ersetzt, wird die Gesellschaft immer jünger...

Die Offenbarung
Die Offenbarung hängt vielleicht mit der mittelalterlichen Sitte zusammen, in der eine Königin den
Thronfolger in aller Öffentlichkeit vor dem Hofstaat zu gebären hatte...

1Die Zitate (übersetzt) stammen überwiegend aus dem niederländischen Werk Hedendaags fetisjisme von Carry van
Bruggen
2 Dieses Beispiel ist in Deutsch wohl nicht deutlich wie in der niederländischen Sprache.
Redewendungen, die eher geradeaus gehen
• Das Holz hat schwer gelitten, aber jetzt leidet es nicht mehr.
• Man kann eine Stadt oder die Pille einnehmen.

Verknorpelungen
• Beileid ist immer aufrichtig.
• Verlust ist immer schmerzhaft.
• Man verdankt immer etwas Positives einem glücklichen Zufall3.
• Man ist immer todmüde.
• Manches im Leben ist furchtbar schön - was gibt es daran eigentlich zu fürchten?
• Der Tod ist (gelegentlich) gnädig.
• Eine Düsternis ist immer zappenduster.
• Schmerz ist immer herzergreifend.
• Eine körperliche Beschwerde ist immer unüberwindlich.
• Ein Entscheidung ist immer unwiderruflich.
• Eine Sicherheit grenzt immer an einer Wahrscheinlichkeit.

Stocktaub
Deutsche Schwerhörende sind immer stocktaub4, obwohl ein Stock bei Taubheit nicht wirklich hilft.
In der Niederlande kann man aber auch so taub wie eine Wachtel sein, weil die Wachtel sich bei
Gefahr im Unterholz taub stellt.
Stockblind
Stocktaub stammt offensichtlich von “Schlecht-sehende sind stockblind”5, weil sie ab einem
gewissen Behinderungsgrad einen Stock brauchen. Stockblind wird in Niederländisch als
“stekeblind” übersetzt. Die Niederländer würden jedoch „stekeblind“ eher mit „Stechen“ als mit
„Stecken“ assoziieren.

Ein geadelter Rhein oder ein schlichter Rein?


„Weil die viel bewunderten Griechen jedem anlautenden R ein h-Zeichen anfügten, glaubte man die
Wörter zu adeln, wenn man ähnlich, vor allem in Fremdwörtern, anlautendes Rh setzte. (Rhömer,
Rheims, Rhätier). Der gute Vater Rhein schleppt dieses „h“ noch heute mit sich herum, ebenso der
Eigenname Rhode, den man deshalb seine eigentliche Bedeutung, seine Röte gar nicht mehr
ansieht.“6

3 Ein Unglück ist dagegen immer einem unglücklichen Zufall zuzuschreiben.


4 in der Niederlande aber auch so taub wie eine Wachtel, weil die Wachtel sich bei Gefahr im Unterholz taub stellt.
5 Stockblind wird in Niederländisch als “stekeblind” übersetzt.
6 Zitat aus dem niederländischen Werk Hedendaags fetisjisme von Carry van Bruggen
Zur Etymologie des Wortes Man7
Wer und Wif
Das altenglische Wort „Wer“ ursprünglich Mann und das zugehörige Wort „Wif“ sein Weib beschreiben. Das
englische „man“, das in der modernen Sprache sowohl Mann als Mensch bedeutet und sorgt ebenso sehr für
Verwirrung wie für ein schlechtes Gewissen, in dem es die Überlegenheit des Mannes voraussetzt.
In der deutschen Sprache unterscheidet man „Mann“ und „Mensch“. In englischer Sprach gab es
ursprünglich auch einen solchen Unterschied mit dem Wort „mennisc“, aber dieses ist im 13e Jahrhundert
verschwunden.
Werwolf
Das Wort „Wer“ für Mann hat in dem Werwolf8 überlebt und merkwürdigerweise auch in den
niederländischen Wörtern „Wereld“ (die Welt, buchstäblich: die Menschen), und vermutlich auch in
folgenden Begriffen:
• „Die Person denkt sie sei wer“, die eine höhergestellte bedeutende Person bezeichnet. Vielleicht ist
damit auch ein Mann gemeint, und sollte man „wer“ wohl eher als Substantiv mit einem
Großbuchstaben schreiben?
• (Niederländisch:) zich weren = sich wehren,sich anstrengen (vielleicht wie ein Mann ?). Vergleiche
auch: (Niederländisch) weerbaar = wehrhaft
Bis zum 13en Jahrhundert hat die englische Sprache Mann und Mensch noch unterschieden. Danach wurde
der Mensch mit dem Mann gleichgesetzt. Ist es Zufall, dass just zu dieser Zeit das androgyne Ego-Pronomen
Y in ein männliches „I“ verwandelt wurde?9

7Bereits am 15.8.2007 hatte ich auf der Web-Seite Oldenglisch einige interessante Beispiele für die Etymologie der
Wörter Mensch, Mann und Frau gesichtet.
8 Ein Mensch, der sich in einen bösartigen Wolf verwandelt hat.
9 Die Leitfäden zum Leben und Lieben - Die Suche nach den Lebensfäden