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Die europäischen Küstenländer sind derzeit weltweit führend in der Stromgewinnung durch

Windenergie, allerdings ist der Anteil an der Gesamtenergiemenge noch gering. In Deutschland
betrug er 2005 zum Beispiel nur vier Prozent. Auch wenn durch sogenanntes ,,Repowering"
(technische Aufrüstung und Modernisierung bestehender Windkraftanlagen) eine 40_prozentige
Leistungssteigerung seit 1990 erreicht wurde, kann vor allem in Europa eine Ausweitung der
Windenergie nur durch Windparks an Offshore-Standorten erreicht werden (Abb. 119.1). Denn im
Gegensatz zu außereuropäischen Standorten wird in Europa das Land für neue Standorte an der
Küste (und im Binnenland) durch zunehmende Planungseinschränkungen (zum Beispiel Landschafts-
schutz) immer knapper.

Windparks auf hoher See haben zudem den Vorteil, dass konstantere und höhere
Windgeschwindigkeiten vorherrschen. Auch können auf dem Meer größere Anlagen gebaut werden,
die darüber hinaus - im Gegensatz zu Onshore-Anlagen - kaum Anwohner stören. Intensive Einwände
gibt es jedoch von Naturschutzverbänden hinsichtlich einer möglichen Gefährdung von
Nationalparks, Vogelzugrouten oder Auswirkungen von Schallwellen auf Meerestiere. Die Offshore-
Technik orientiert sich an den Erfahrungen aus dem Bereich der Erdöl- und Erdgasförderung und ist
von der Entfernung zur Küste und von der Wassertiefe abhängig. Im Vergleich zu bereits
bestehenden skandinavischen und britischen Anlagen (500 Anlagen mit zusammen 600 MW) werden
Offshore-Parks in Deutschland weit vor der Küste in bis zu 40 Meter tiefem Wasser geplant. Die
technischen Anforderungen (Turmbau, Wartung, Kabellegung) sind dadurch um ein Vielfaches höher
und teurer. In der Nordsee müssen die Anlagen zusätzlich einem Tidenhub von bis zu 4,5 m und in
der Ostsee bisweilen Eisgang widerstehen. Die deutschen Pilotprojekte ,,Borkum West" (bzw. ,,alpha
ventus"), 45 km nördlich von Borkum, und ,,Butendiek" , 34 km westlich von Sylt, liegen jenseits der
nationalen l2-Seemeilen-Zone in der ,,Ausschließlichen Wirtschaftszone (AW Z)" . Damit liegen sie
nicht mehr im deutschen Hoheitsgebiet, aber innerhalb der 200-Seemeilen-Zone, die von
Deutschland bewirtschaftet werden darf. Innerhalb der AWZ konkurrieren die Windenergieanlagen
aber mit anderen Nutzergruppen wie Schifffahrt, Fischerei oder Bergbau (Abb. 118.2).

Im Vergleich zur Windenergie, deren kommerzielle Nutzung schon weit fortgeschritten ist, ist die
technische Realisierung anderer Energiesysteme aufgrund unübersehbarer Kostenfaktoren noch
ziemlich offen. Bisher am weitesten entwickelt sind Gezeiten-, Strömungs- und Wellenenergie-
Anlagen. Sie stehen - zumindest regional und mit kleinen Anlagen - vor einem kommerziellen Einsatz.
Andere Meeresenergiesysteme sind noch Teil von Forschungsprogrammen.

Gezeiten- und Strömungskraftwerke

Gezeiten können in abgesperrten Buchten bei ausreichendem Tidenhub zur Energiegewinnung


genutzt werden. Bereits im 11. Jahrhundert wurde die Kraft des Tidehubs zur Betrieb von
Gezeitenmühlen in England und Frankreich verwendet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in
Frankreich zum ersten Mal mithilfe der Gezeiten Strom gewonnen. Es wird damit die mechanische
Kraft der Wellenbewegung, des ein- und ausströmenden Wassers ausgenützt, um Wasserturbinen
und Generatoren anzutreiben. Bei den wenigen in Betrieb genommenen Anlagen (zum Beispiel St.
Malo in Frankreich (Abb. 119.2), Annapolis Royal/Kanada) wurden die Flussmündungen durch einen
Damm abgesperrt, in den die Turbinen eingebaut wurden. Gründe für die geringe Anzahl von
Gezeitenkraftwerken liegen im Mangel an geeigneten Standorten mit entsprechend hohem
Tidenhub. Dazu kommen hohe Baukosten, die Beeinträchtigung der Schifffahrt sowie der Flora und
Fauna z.B. durch Veränderungen der Uferzonen. Am besten funktionieren Gezeitenkraftwerke in
einer Lagune, da hier Ebbe und Flut optimal ausgenutzt werden können.
1966 wurde in der Mündung die Rance bei St. Malo ein Kraftwerk in Betrieb genommen, das den
Tidenhub von ca. 14 m (deutsche Nordseeküste 5 m) nutzt. Die Anlage liefert mit 24Turbinen
insgesamt 500 Mio. kWh im jahr. Die Turbinen wurden in einen 750 m langen Damm eingebaut, der
den Flussauslauf zum Meer her abtrennt Bei Flut strömt das Wasser durch die Turbinen in das
landesseitige Becken. Bei Ebbe leert sich das Becken in Richtung Meer. Je nach Strombedarf kann das
ablaufende Wasser auch verzögert werden. Durch den ständigen Zulauf der Rance in das abgesperrte
Becken zeigten sich aber Funktionsstörungen bei der Stromgewinnung durch den ,,Flutbetrieb".
Daher erzeugt die Anlage nur im ,,Ebbe-Modus" Strom.