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ISR-Forschungsbericht 15

Heinz FASSMANN und Christiane HINTERMANN


Migrationspotential Ostmitteleuropa. Struktur und Motivation potentieller Migranten
aus Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn.

Zusammenfassung

Der Forschungsbericht "Migrationspotential Ostmitteleuropa" dokumentiert die ersten


Ergebnisse einer breit angelegten empirischen Erhebung in den vier Višegrad-Staaten Polen,
Tschechien, Slowakei und Ungarn. Zentrales Erkenntnisinteresse liegt dabei auf der
Erfassung des Migrationspotentials. Wird nur nach einem allgemeinen Interesse an Migration
gefragt, dann bekennt sich rund ein Fünftel der Bevölkerung in den Višegrad-Staaten dazu,
für kürzere Zeit im Ausland arbeiten zu wollen. Wird das Migrationspotential fokussiert und
nachgefragt, wer konkrete Schritte, zumindest der Informationsbeschaffung, unternommen
hat, dann reduziert sich die Zahl abwanderungsbereiter Menschen von rund 10 Millionen auf
rund 4 Millionen Ostmitteleuropäer. Wird das Potential weiter fokussiert und nur auf jene
Gruppe beschränkt, die sich bereits um offizielle Einreise- und Beschäftigungsgenehmi-
gungen bemüht hat, dann verbleiben lediglich 700.000 Ostmitteleuropäer oder rund 1% der
14- und mehrjährigen Wohnbevölkerung dieser Staaten, die dem tatsächlichen
Migrationspotential zuzurechnen sind. Diese Zahl liegt noch immer über den Werten, die der
Gesetzgeber in Österreich bzw. Deutschland - den beiden wichtigsten Zielstaaten - als
jährliche Zuwanderung vorgesehen hat bzw. die als politisch vertretbar gelten, sie liegt aber
weit unter jenen Zahlen, die das Bild einer neuen Völkerwanderung impliziert haben.

Die "neue" Zuwanderung aus Ostmitteleuropa befindet sich phänomenologisch noch in einer
frühen Phase. Darauf weisen die strukturellen Eigenschaften der abwanderungsbereiten
Bevölkerung hin. Zu zwei Dritteln sind es Männer, die den Wunsch äußern, für kürzere oder
längere Zeit im Ausland leben zu wollen, drei Viertel sind jünger als 40 Jahre und zwei Drittel
wollen alleine, ohne Familienangehörige, das Land verlassen. Charakteristisch ist auch die
hohe Qualifikation derer, die dem Migrationspotential zuzurechnen sind. 12,2% jener, die
einer Wanderung prinzipiell positiv gegenüberstehen, haben ein Universitätsstudium beendet,
34,6% haben Maturaniveau, 8,1% haben eine höhere Schule ohne Maturaabschluß besucht,
31,4% haben eine Berufsschulausbildung hinter sich und lediglich 13,7% verfügen nur über
einen Pflichtschulabschluß. Damit bleibt der Brain-Drain auch weiterhin ein spezifisches
Problem der Transformationsstaaten.

Warum die Bevölkerung an Auswanderung denkt, wird aus der Befragung ebenfalls
erkennbar. Es sind im wesentlichen die Pullfaktoren des westeuropäischen Arbeitsmarktes.
Höherer Verdienst, bessere Arbeitsbedingungen und Karrierechancen sowie
Weiterbildungsmöglichkeiten sind die am häufigsten genannten Motive. Pushfaktoren wie die
hohe Arbeitslosigkeit, die politische Situation oder ungünstige Umweltbedingungen treten
deutlich zurück.

Die Erwartungen an den Auslandsaufenthalt sind nicht allzu optimistisch. Ein Drittel weiß,
daß es sehr schwierig sein wird, eine adäquate Beschäftigung zu finden. Durchschnittlich
77,4% sind sich nicht nur der Tatsache bewußt, daß ausländische Arbeitskräfte vielfach unter
ihrer Qualifikation beschäftigt werden, sondern nehmen dies auch für sich selbst in Kauf.
Damit wird ein Phänomen abermals erkennbar, welches in einer bereits publizierten Studie
des ISR als antizipierte Dequalifikation bezeichnet wurde. Der Preis für die Integration in das
Beschäftigungssystem im Ausland ist die Akzeptanz einer Tätigkeit, deren
Qualifikationserfordernis unter jener des Herkunftslandes liegt. Entsprechend gering sind
ISR-Forschungsbericht 15

auch die Lohnerwartungen, die weit unter dem durchschnittlichen Einkommensniveau des
Ziellandes bleiben.

Was mit dem im Ausland erarbeiteten Einkommen geschehen soll, ist eindeutig: Es dient in
erster Linie der Finanzierung des täglichen Lebens und der Anschaffung von teuren
Konsumgütern. Bei den zukunftsorientierten Ausgaben dominieren die Investitionen in die
Ausbildung der Kinder. Der geplante Aufbau eines eigenen Betriebes wird jedoch
ausgesprochen nachrangig behandelt. Große Erwartungen hinsichtlich des stimulierenden
Effekts der geplanten Auslandstätigkeit sind daher fehl am Platz.

Die Erhebung belegt sehr deutlich, dass trotz des Rückgangs der realen Migration das
Migrationspotential noch immer beachtlich groß ist. Dies politisch zu ignorieren, erscheint
ungenügend. Die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Migrationspotential und den legalen
Migrationsmöglichkeiten führt entweder zu einer Erhöhung der illegalen Zuwanderung oder
zu einer generellen Abkehr von den Idealen des westlichen Europas, das jahrelang die
Ausreisefreiheit gefordert hat. Eine Hinwendung zu postkommunistischen Parteien, eine
Rückkehr zu Nationalismen und eine gesellschaftliche Destabilisierung mag sich daran
knüpfen. Aber eine solche Entwicklung kann weder im Interesse des Westens noch der
Staaten Ostmitteleuropas sein.

Summary

The research report "Migration Potential in East-Central Europe" gives first results of a wide-
ranging empirical survey in the four Višegrad-countries Poland, Hungary, Slovakia and the
Czech Republic. The main focus of interest was to record the migration potential. If only
asked for a general interest in migration about one fifth of the population of the Višegrad-
countries thinks of working abroad for a shorter period of time. When only those are
considered who have already taken steps - at least gathered information - to realize the
migration the migration potential decreases from about 10 million East-Central Europeans
who are willing to migrate to about 4 million. If the potential is further confined only to those
who have already tried to get official entry and work permits only 700.000 East-Central
Europeans or about 1% of the over 14 year old population there remain. Only these people
can be ascribed to the real migration potential. These figures are still higher than the Austrian
and German legislation - as the two main countries of destination - plan as yearly immigration
and which are supposed to be politically justifiable. Nevertheless they are much smaller than
those numbers that implied the picture of a new migration of nations.

Phenomenologically the "new" immigration from East-Central Europe is in an early stage.


This is indicated by the structural attributes of the population ready to migrate. Two thirds of
the people who want to go abroad for a shorter or longer period of time are men, three fourth
are younger than 40 years and two thirds want to leave their country without family. A further
characteristic feature is the high qualification of those who can be added to the migration
potential. 12,2% of those who are on principle positive about a migration have an university
degree. 34,6% are qualified for university entrance, 8,1% attended a secondary school without
a leaving certificate, 31,4% have passed a vocational school and merely 13,7% have only
gone through compulsory school. Brain-drain will therewith remain a specific problem of the
transformation countries.

The reasons for emigration can also be followed from the survey. Essentially are the pull
factors of the Western European labour market. Higher wages, better working conditions and
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career possibilities as well as better further education possibilities are the motives quoted most
often. Push-factors like high unemployment, the political situation or unfavourable
environmental conditions are clearly of secondary importance.

The expectations of a stay abroad are not too optimistically. One third knows that it is very
difficult to get an adequate employment. 77,4% on average are not only aware of the fact that
foreign workers are very often employed under their qualifications but also accept this for
themselves. A phenomenon is therewith again recognizable which has been named
"anticipating dequalification" in an already published study of the ISR. The price for the
integration in the labour system abroad is the acceptance of jobs that lie under the
qualification requirements of those in the country of origin. Correspondingly low are also the
wage expectations which remain clearly under the average income level of the country of
destination.

The intended purpose of the acquired income abroad is clear: First of all it is used to finance
daily life and to buy expensive consumer goods. The future-oriented expenditures are
dominated by the investment in the education of the children. The planned build-up of an own
business however is treated decidedly negligible. Big expectations concerning the stimulating
effects of the planned working abroad are therefore not very realistically.

The study proves very clearly that despite the decrease in real migration the migration
potential is still a considerable one. To ignore this politically seems insufficient. The
discrepancy between the real migration potential and the legal migration possibilities leads
either to an increase in illegal immigration or to a general break with the ideals of Western
Europe that has demanded the freedom of moving for years. A turning towards post-
communist parties, a revival of nationalisms and a social destabilization may follow. But this
can neither be in the interest of the West nor of the countries of East-Central Europe.