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Identität der

Identität der Architektur


Die erste Tagung der Reihe im Januar 2017 thematisierte 1. Der vorgefundene Ort
den Ort als eine der grundsätzlichen Einflussgrößen beim Wie lässt sich Wissen um das Potenzial eines Ortes ge-

Architektur
Entwurf und Bau von Architektur und Stadt. nerieren? Welches waren die Methoden und Instrumente,
Gebaute Architektur ist immer an einen realen Ort gebun- mit denen der Ort erforscht wurde und die für den Entwurf
den. Durch die Eigenheiten des Ortes erfolgt die Individu- relevant wurden? Wie konnte der Ort beschrieben, erfasst
alisierung der Aufgabe, entsteht die Besonderheit, die nur und aufgenommen werden? Welche Bedeutung hatte der
im Dialog und in Bezugnahme auf den physischen Kon- Ort? I. Ort
text erschlossen werden kann. Die Auseinandersetzung
mit dem Umfeld erfordert beides, die Wertschätzung des 2. Der entwurfliche Ort
Vorhandenen wie auch das Bewusstsein, dass Architektur Welchen konkreten Einfluss hatten die Gegebenheiten
die gesellschaftlichen Voraussetzungen und technischen und/oder Bedingungen des Ortes auf den Entwurf? Wie
Möglichkeiten ihrer Zeit spiegelt und somit immer auch wurden die Erkenntnisse in das Entwerfen und den Ent- Positionen
Veränderung bedeutet. wurf transferiert? Welche Ideen, Strategien und Konzepte zum Ortsbezug
spielten eine konkrete Rolle? Welchen Einfluss hat der Ort in der Architektur
Wie verhält sich das Neue am Ort? Wie wird auf räum- auf die architektonische Sprache?
lich-lokale Aspekte Rücksicht genommen? Wie gelingt
es, besondere Orte der Identität zu schaffen? Ist es nur 3. Der gebaute Ort
vermeintlich ein Widerspruch, dass die wachsende Indi- Wie wurde der Bau mit dem Ort verbunden und an die
vidualisierung der Architektur zwar einerseits zu immer räumliche Situation angeschlossen? Welche Überlegun-
neuen Orten, dabei aber andererseits zu immer gleichen gen und Techniken kamen zum Einsatz? Welche Bedeu-
Orten führt? In jeder Gegend entstehen Orte dieser Art, tung hat der Bau für den Ort? Welche architektonischen
nicht nur in ein und derselben Stadt, sondern auch von Mittel wurden verwendet und/oder entwickelt, um auf den

I. Ort
Stadt zu Stadt, von Land zu Land und so weiter. Es ist Ort zu reagieren?
diese um sich greifende Form der „Ortlosigkeit“, die Ar-
chitektur und mit ihr ganze Straßen, Plätze und Felder als Mit Beiträgen von: Bayer & Strobel Architekten, Beer
Orte auswechselbar erscheinen lässt. Ist dafür vielleicht Bembé Dellinger, Paul Böhm, Bolles+Wilson,
ein fehlendes Bewusstsein für das Hier und Da, für die Brandlhuber+ Emde, Burlon, Ulrich Brinkmann, Jasper
Eigentümlichkeit des dem Entwurf und dem Bau jeweils Cepl, Diener & Diener Architekten, Max Dudler, F29
vorausgehenden Ortes verantwortlich? Erzeugt das Über- Architekten, Hild und K Architekten, jessenvollenweider,
handnehmen solcher Nichtorte allmählich eine veränder- Kleihues + Kleihues, kleyer.koblitz.letzel.freivogel, Hans
te, neue Sensibilität der Profession gegenüber dem Ort? Kollhoff, Thomas Kröger, Kuehn Malvezzi, Lederer
Ragnarsdóttir Oei, Christoph Mäckler, MGF Architekten,
Diesen Fragen nach dem Ortsbezug der Architektur und Modulorbeat, Thomas Müller Ivan Reimann Architekten,

Hartwig Schneider, Uwe Schröder (Hg.)


seiner möglichen Verankerung innerhalb der Disziplin O&O Baukunst, ROBERTNEUN, Hartwig Schneider, Uwe
ging die Tagung nach. Unter drei vorgegebenen Frage- Schröder, Schulz und Schulz, Springer Architekten, Eun
stellungen und anhand beispielhafter gebauter Projekte Young Yi, zanderrotharchitekten, Paolo Zermani
sollten die verschiedenen Positionen im Umgang mit dem
Ort aufgezeigt und zur Diskussion gestellt werden: Identität der Architektur - I. Ort, RWTH Aachen University

Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln Hartwig Schneider, Uwe Schröder (Hg.)
What ever Happened to Dirty Realism?
Plädoyer für eine Erweiterung des Blickfeldes
Jasper Cepl

Es wärmt mir das Herz: zu sehen, wie der Ort heute wieder Postmoderne, die in eine verkitschte Märchenwelt entflohen derprallen, um so wahrhaft großstädtische Realität zu schaf- zu sehen, wie sie ist. Doch dazu will dieser „europäisierte“
zu Ehren kommt. Aber es geht mir auch auf die Nerven. Ein oder in die Parallelwelt von Academia abgedreht ist, kön- fen. Einer Großstadt-Architektur. Das ist die Frage, die sich Realismus das genaue Gegenteil von zeichenhaft entkörper-
bisschen viel Harmonieseligkeit, würde ich sagen. Muss das nen noch überzeugen. Ende der 1980er-Jahre, als die Mo- immer mehr in den Vordergrund drängt. licht sein, er will wirklich zurück ins pralle Leben. Es ist ein
denn sein? Geht das nicht auch anders? Müssen wir denn derne schon lange tot und das Strohfeuer der Postmoderne Dreckig oder nicht, der Ruf nach Realismus ist allgegenwär- Realismus, der ohne das Augenzwinkern der Postmoderne
den Ort immer in Ordnung bringen? Gibt es nicht auch Orte, auch schon wieder erloschen ist, scheint es für einen kur- tig:5 Auch Miroslav Šik erklärt 1987, dass sich die „Analoge auskommt, der eine Architektur will, die man wieder ernst
über die man sich hinwegsetzen muss? Orte, die nicht zu zen Moment, als kehre ein neuer Realismus ein. Einer, der Architektur“, für die er eintritt, durch ihre „Sehnsucht nach nehmen kann. Wie sich die „Analoge Architektur“ das vor-
reparieren sind? nicht mehr an die perfekte Stadt der Moderne glaubt, der architektonischem Realismus“6 auszeichne. Verarbeitet stellt, ist dann aber manchem doch noch zu hübsch, zu po-
Daher die Frage: „What Ever Happened to Dirty Realism?“ aber auch nicht in Bildern von früher schwelgen oder sich in werden hier eben nicht nur die Ideen von Aldo Rossi. Hin- etisch – oder eben: nicht dreckig genug.
Was ist nur aus ihm geworden, aus dem Blick auf die raue Sprachspielen ergehen mag. zu kommt, dass Robert Venturi und Denise Scott Brown mit Da gehen insbesondere Fritz Neumeyer und Hans Kollhoff
Wirklichkeit, der doch bisweilen auch gefragt ist, wenn es Die Suche gilt einer Stadt, die ihre Gegenwart bejaht und ihrem Blick auf Las Vegas eine neue Sichtweise eröffnet ha- radikaler zu Werke. Deutlich zum Ausdruck kommt ihre Les-
zur Sache geht und wir dem Ort ins Gesicht sehen müssen. sie ihre Bewohner spüren lässt. Einer Stadt, die weder am ben, die nun gewissermaßen „europäisiert“7 gehört. Das teilt art von Realismus 1987, als sie in Berlin eine Sommerakade-
Und auch wenn das vielleicht aus dem Rahmen dieses Bu- Reißbrett neu entworfen wurde, noch in die Geschichte zu- die „Analoge Architektur“ mit anderen Spielformen des Re- mie veranstalten und dort das Thema „Großstadtarchitek-
ches fällt, erlaube ich mir, kein weiteres Loblied auf den Ort rückwill. Einer Stadt der starken Objekte, die nebeneinander alismus: Man hat von Venturi und Scott Brown gelernt und tur“ auf die Tagesordnung setzen (Abb. 2). Auf die Ideen, die
zu singen. bestehen können, und das ohne Kompromiss; die aufeinan- ist nun bereit, sich dem Alltäglichen zu öffnen und die Welt dabei lanciert werden, kommen wir gleich, aber anzumerken
Stattdessen erinnere ich an einen Blick auf den Ort, der ist zunächst, dass die Veranstaltung auch von Bedeutung
Ende der 1980er-Jahre kurz, aber heftig die Gemüter erhitz- ist, weil sie eine wichtige Brücke schlägt, und zwar zu Josep
te. Ob der mit „Dirty Realism“ treffend beschrieben ist, weiß Lluís Mateo. Der gibt in Barcelona die Zeitschrift Quaderns
ich nicht, aber mangels eines besseren Ausdrucks ist dieses d’arquitectura i urbanisme heraus, und die wird nun zum Fo-
Schlagwort besser als nichts. rum für die weitere Diskussion.
Ausgerufen wird der „Dirty Realism“ 1988 von Liane Lefa- In Nummer 176 veröffentlicht Mateo ein Gespräch, das er
ivre, in Anlehnung an die Literaturzeitschrift Granta, deren im September 1987, also kurz nach der Sommerakademie,
Herausgeber Bill Buford dieses ‚Label‘ für die amerikanische mit Kollhoff geführt hatte. In einer „Chronik eines Schei-
Gegenwartsliteratur ersonnen hatte (Abb. 1).1 Gleich viermal terns“8 zerpflückt Kollhoff darin die IBA, die Internationale
findet Lefaivres Entdeckung paralleler Tendenzen in der Ge- Bauausstellung, die das Berliner Baugeschehen jener Jahre
genwartsarchitektur ihren Markt: Ihre Texte zum „Dirty Rea- bestimmt hatte. Im selben Heft erkundet er zudem in einem
lism“ erscheinen 1988 in Arquitectura Viva und in Le Carré Gespräch mit Wim Wenders noch einen anderen Blick auf
bleu, 1989 in der Design Book Review, und 1990 schließ- die Stadt9 – die den Filmemacher wie den Architekten glei-
lich noch in der Archithese.2 „Dirty Realism“ – dafür stehen chermaßen fasziniert: Fritz Neumeyer bemerkt dazu rückbli-
für sie unter anderem, in alphabetischer Reihenfolge, Nigel ckend, dass sich Kollhoff und Wenders „als Wahlverwandte
Coates, Zaha Hadid, Hans Kollhoff und Rem Koolhaas – alle begegnet“ seien.10
noch jung und wild und noch nicht auf das eingeschossen, Die darauffolgende, ebenfalls 1988 erschienene Nummer
was sie später ausmachen wird. (177) stellt Mateo unter den Titel „Nova narració / New Narra-
Sie geht dabei von einer Gruppe von Architekten und Theo- tion“. Der Brückenschlag zur Literatur kündigt sich da schon
retikern aus, die Koolhaas im Frühjahr 1988 auf einer Tagung an, und wie sich im Heft zeigt, ist auch er von Bufords „Dir-
zur Frage „Whither Europe“ (Wohin Europa) in Delft zusam- ty Realism“ beeinflusst.11 Er bezieht sich direkt auf ihn und
mengebracht hatte.3 Wie viel Zusammengehörigkeit die von druckt sogar Bufords Editorial – leicht gekürzt und unter an-
Koolhaas Versammelten tatsächlich empfunden haben, und derem Titel – wieder ab.
ob sie alle mit der Vereinnahmung einverstanden waren, In einem Beitrag mit dem Titel „Realitat i projecte“ erklärt
lassen wir einmal dahingestellt. Dass es zahlreiche Gemein- Mateo kategorisch: „Ausgehend von der Prüfung einiger
samkeiten und einen regen Austausch gab, lässt sich aber Teile jüngeren künstlerischen Schaffens, das unter Bezeich-
nicht von der Hand weisen. (Und dass noch andere Archi- nungen wie Minimalismus, arte povera und Dirty Realism
tekten mit eingereiht werden könnten, darauf weist schon zusammengefasst wurde, beabsichtige ich Charakteristika
Lefaivre hin.4) eines neuen Erzählens zu definieren, das im Moment der
„Dirty Realism“: das steht für ein Aufbegehren, und zwar Auflösung des postmodernen Projekts aufkommt. Dabei
gegen die Ausflüchte der Moderne – sowie der Postmoder- Abb. 2: Umschlag von Großstadtarchitektur. City-Achse Bundesallee. handelt es sich um ein Erzählen, das sich die neue Bewer-
ne. Weder eine Moderne, die mit dem Versprechen auf eine Abb. 1: Umschlag von Granta 8: Dirty Realism: „New Writing From America“, Sommerakademie für Architektur 1987, herausgegeben von Hans Kollhoff tung der Wirklichkeit zum Thema und Knappheit und Direkt-
bessere Welt über die Wirklichkeit hergefallen ist, noch eine herausgegeben von Bill Buford, 1983. und Fritz Neumeyer. heit zum Ton seiner Tätigkeit macht.“12

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Wovon hier erzählt werden soll, ist die städtische Lebens- „Gerade die Konfliktsituationen aber sind es, die heute den nem Spiel von Licht, Farben, Luft, Schatten. Oder es zählt,
welt, und das ungekünstelt, unsentimental und ohne Aus- Normalfall darstellen und aus denen wir einen architektoni- wie bei Neumeyers Foto auf dem Umschlag der Archithese-
flucht. Doch das Zitat zeigt auch, dass sich Mateo den „Dirty schen Funken schlagen können. Deshalb kommt es uns gar Nummer, die dem „Dirty Realism“ gewidmet ist, die skulp-
Realism“ nicht auf die Fahnen schreibt; er baut ihn in sein nicht ungelegen, wenn bis zur Unkenntlichkeit fragmentierte, turale Qualität ungewollter Brüche in der Textur der Stadt.
Programm ein, ohne es unter diesen neuen Namen zu stel- verdrehte, kompromittierte städtebauliche Entwürfe gerade- Endells Anleitung, sich das Hässliche schönzusehen, auf
len. Für ihn ist „Dirty Realism“ nicht mehr als eine von meh- zu eine Schatztruhe architektonischer Möglichkeiten anbie- dass sich wenigstens im Auge des Betrachters Vergnügen
reren Bezeichnungen für eine neue Sensibilität, die sich zu ten. Entscheidend ist, die Möglichkeiten, die darin liegen, einstelle, wird umgemünzt: in ein Verfahren der Aneignung
jener Zeit Bahn bricht. Das zeigt sich auch in den anderen zu entdecken und die Fähigkeit bzw. das Repertoire, sie zu städtischer Un-Orte, die es nun nicht mehr nur zu genie-
Beiträgen, mit denen Mateo das Heft füllt: Marta Cervelló, nutzen. Eine geradezu kannibalische Freude stellt sich dann ßen gilt, sondern die auch in ihrer Eigenart baulich bewältigt
damals Redakteurin bei Quaderns, schreibt über Tankstellen, ein und ein surrealistisches Vergnügen läßt sich nicht unter- werden wollen. Mit anderen Worten: Die Rauheit des Ortes
Marcel Meili schreibt über die Peripherie, und Wim Wenders drücken. In vielen Fällen drängen sich ,Ready-mades‘ auf, wird damit zu einer Qualität, die als solche angemessen sein
spricht (in dem aus der vorherigen Nummer fortgesetzten d. h. der Entwurf ist schon fertig und es genügt ein kleiner mag, und die es folglich zu verstärken gilt. Eine Stadt, in der
Gespräch mit Hans Kollhoff) weiter über die Stadt – in der Kick, auch dem Abgestumpftesten die Augen zu öffnen. Vo- alles nur harmonisch ist, wäre nicht zum Aushalten. Groß-
Tat inspirieren Wenders’ Filme den „Dirty Realism“ letztlich raussetzung aber ist in jedem Fall ein unvoreingenommener stadt: Das ist auch der Abgrund, der andere, schäbige Ort.
wohl mehr als die amerikanische Gegenwartsliteratur, die für Blick, der die ,Schönheit der großen Stadt‘ spürt und ihre Dass einige Jahre vorher – 1984 – Michel Foucaults kurzer,
den Namen Pate gestanden hatte und, mit einem Text von latente Poesie zu schätzen weiß.“15 bereits 1967 gehaltener Vortrag über „Andere Räume“ wie-
Raymond Carver, natürlich auch zu Wort kommt. Kurz: Was der aufgetaucht war,16 ist wahrscheinlich kein Zufall, passt
Mateo zeigt, ist eine Bestandsaufnahme, ein offenes Feld.13 aber in jedem Fall ins Bild: Auch Foucaults Hinweis auf die
Für die Suche nach neuen Wegen ist Mateo, der als Architekt Heterotopien gilt dem Blick hinter die heile Oberfläche der
schließlich auch selbst im Diskurs engagiert ist, mit seinen Stadt.
Quaderns von größerer Bedeutung als Lefaivre mit ihren Mar- Schlechte Orte kann es nicht geben – denn auch die schlech-
ketingmaßnahmen. In Quaderns findet die Diskussion statt. ten gehören zur Stadt. Und folglich kann man am Ort auch
Fritz Neumeyers programmatischer Text „Realität als Dis- nicht scheitern. Kein Ort ist zu kaputt, um nicht auf diese
ziplin. Großstadtarchitektur und urbane Identität“ erscheint Weise neu interpretiert zu werden. Auch diese Orte – so
zuerst hier – in Heft 183 von Oktober–Dezember 1989, das könnte man sagen, um das größere Thema zu benennen –
dem Thema „Stadt und Projekt“ („Ciutat i projecte“) gewid- haben ihren Geist, einen Genius Loci, der spricht und ver-
met ist –, dann erst, Anfang 1990, in der Archithese (zu der mittelt, was zu tun ist.
Neumeyer allerdings noch die Umschlagabbildung [Abb. 3] Was zu tun ist, das zeigt Kollhoff mit Entwürfen wie dem für
beisteuert). In der Archithese präsentiert Neumeyer auch die Atlanpole in Nantes (1988) oder mit seinen hingerotzten
eine Parade starker Großstadtarchitekturen, wie Schinkels Blättern für Berlin-Moabit, die er im selben Jahr zur Ausstel-
Bauakademie, Mies van der Rohes Hochhaus am Bahnhof lung Großstadtarchitektur in der Galerie A.A.M. Architettura
Friedrichstraße und Mendelsohns Mossehaus. Aber er zeigt Arte Moderna in Rom beisteuert (Abb. 5).17 Es sind die ‚star-
auch zahlreiche Abbildungen vom Aufeinanderprallen von Abb. 3: Umschlag der archithese zum Thema »Dirty Realism«, 1990, mit ken Formen‘, die solchen Orten antworten und sie langfristig
Infrastrukturen und städtischer Bebauung, etwa wie die Ber- Fritz Neumeyers (ausschnitthaft wiedergegebener) Aufnahme einer Berli- Abb. 4: Berlin, Dennewitzstraße, 1905: Zwischen den Bahnhöfen Bülow- stützen können: „Im Gegensatz zu anonymen ,Systemen‘,
liner Hochbahn um 1905 zwischen Bülowstraße und Gleis- ner Straßenszene. Im Hintergrund das Fragment einer Blockbebauung, die straße und Gleisdreieck durchfährt die Berliner Hochbahn ein Mietshaus die scheinbar alle Möglichkeiten offenhalten, deren Identi-
sich als Skulptur aus Brandwänden zeigt, im Vordergrund ein Werbepla- (das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde). Fritz Neumeyer illustriert mit
dreieck durch ein Mietshaus donnerte (Abb. 4). Er schließt kat, von dem aber der untere Teil, der ein Dessous-Modell gezeigt hätte,
fikationswert aber gleich null ist, hat uns die Baugeschich-
dieser (von Waldemar Titzenthaler stammenden) Aufnahme seinen Essay
mit dem Ausblick: „Es wäre den Versuch wert, sich eine Ar- abgeschnitten ist. »Realität als Disziplin. Großstadtarchitektur und urbane Identität«.
te gelehrt, daß Strukturen einer ausgeprägten individuellen
chitektur vorzustellen, die mit neuem urbanen Optimismus Gestalt und Präsenz unter der Voraussetzung einer gewis-
nicht nur Flächen, sondern auch einen Körper freisetzt, dem damals noch ein junger Wilder, veröffentlicht damit gewis- Wenn die „Schönheit der großen Stadt“ hier in Anführungs- sen Großzügigkeit und Solidität immer die flexibelsten Ge-
grossstädtische Funktion und grossstädtisches Bewusst- sermaßen das Manifest des „Dirty Realism“. Und das finde zeichen steht, dann als Hinweis auf das gleichnamige, 1908 häuse waren, die zum Teil Jahrhunderte überdauerten, mit
sein gegeben sind: als provozierender Ausdruck von Realität ich immer noch herzerfrischend. erschienene Büchlein von August Endell, dessen Ideen of- einem ständig wechselnden Nutzungsspektrum.“18 So Koll-
und als vermittelndes Instrument der Wahrnehmung.“14 Enttäuscht von der IBA, die sich unter Josef Paul Kleihues fenbar wegweisend waren. Gefragt ist, wie schon bei Endell hoff damals zu seinem Entwurf für Nantes, und da ist doch
Dasselbe Quaderns-Heft, in dem Neumeyers Text zuerst einer „kritischen Rekonstruktion“ der Stadt verschrieben (der auch von Neumeyer zitiert wird), ein anderer Blick auf immer noch was dran, auch wenn einem klar sein muss,
erscheint, enthält auch Kollhoffs Beitrag „Architektur kontra hatte, erklärt Kollhoff, dass Städtebau als Disziplin „keine den Ort, einer, der die Schönheit auch dort findet, wo sie dass die Großform – als Haus, das die Stadt in sich trägt
Städtebau“, den er im selben Jahr auch in der Dokumen- Daseinsberechtigung“ mehr habe, weil sie sich „ausschließ- sich nur finden lässt, wenn man vergisst, was die Dinge sind, – nicht am Platz gewesen wäre, hätte es da bereits einen
tation der Sommerakademie veröffentlicht, die er 1987 ge- lich als affirmative Konfliktkaschierung“ äußere, und wendet und für den nur noch gilt, wie sie scheinen. Dann wird die Ort mit „Identifikationswert“ gegeben. Und das ist natürlich
meinsam mit Neumeyer in Berlin veranstaltet hatte. Kollhoff, ein: Brandwand, die an sich keinen Wert hat, umgewertet zu ei- auch ein Grund, warum einer wie Kollhoff nach der Wieder-

16 17
vereinigung, als es um die Mitte Berlins geht, andere Saiten mit den Schlagworten „Fuck Context“ und „Bigness“ belegt erteilt wird, zumindest vorher geprüft wurde; oder, um die 7
Vgl. Fabio Reinhart und Miroslav Šik, im Gespräch mit Paolo Fumagalli
aufzieht und neue Wege sucht, um seine Aufgaben zu be- wird.19 Aus diesen Überlegungen speist sich dann später drastische Formulierung aufzugreifen: wenn auf den Kontext und Ernst Hubeli, „,Analoge Architektur‘ – Venturi europäisiert?“, in: Werk,
Bauen + Wohnen, 75. Jg., H. 5, Mai 1988, S. 21–22.
wältigen. sein Manifest für das große Haus, in dem es heißt: „Bigness erst geschissen wird, wenn klar ist, dass er nichts hergibt. 8
Hans Kollhoff im Gespräch mit Josep Lluís Mateo, „Berlin 1988 (Cró-
Er wäre aber ohnehin nicht so weit gegangen wie Koolhaas, ist nicht mehr Teil eines wie auch immer definierten urbanen Doch kommen wir zurück zum Thema, und damit zum Ende. nica d’un fracás) / Berlin 1988 (Chronicle of a Failure)“, in: Quaderns
dessen Entwürfe zu dieser Zeit ebenfalls das große Haus Zusammenhangs. Sie existiert; bestenfalls koexistiert sie. Ihr Festzuhalten bleibt, dass es auch Orte gibt, die eben nichts d’arquitectura i urbanisme, Nr. 176, 1988, S. 84–101.
untersuchen. Der Wettbewerbsentwurf für die „Très Grande Subtext lautet: Scheiß auf den Kontext!“20 Und da geht er ei- vorgeben, wo Stadtreparatur versagt. Oder wo es vielleicht 9
Wim Wenders im Gespräch mit Hans Kollhoff, „Una ciutat ha d’estar
Bibliothèque“ (die neue französische Nationalbibliothek in nen Schritt weiter, denn damit sagt er ja, dass sich Entwürfe gar dem Genius Loci entspricht, dass Brüche und Widersprü- constantment provocant / A City Should Constantly Excite“, in: Quaderns
d’arquitectura i urbanisme, Nr. 176, 1988, S. 102–107.
Paris), den OMA 1989 vorlegt, ist auch als eine solche Über- für bestimmte Bauaufgaben, ab einer bestimmten Dimensi- che vorherrschen. Da gibt es noch manches, was wir vom 10
Fritz Neumeyer, „Dem Bauen verschrieben“, in: Hans Kollhoff, Das ar-
windung des Ortes zu verstehen. Im Tagebuch, das Kool- on, eben grundsätzlich nicht aus dem Ort entwickeln lassen; „Dirty Realism“ lernen können. Auch wenn wir ihn mit Vor- chitektonische Argument. Texte und Interviews, hg. von Fritz Neumeyer,
haas während der Arbeit am Wettbewerb führt, zeigt sich, wo auch etwas dran ist, aber das wäre ein anderes Thema. sicht genießen sollten. Aber dazu rät seinerzeit auch schon Zürich 2010, S. 7–30, hier S. 13.
wie sich die Überlegung immer weiter klärt und schließlich Da ist es schon moderater, wenn der Ort, dem eine Absage Fritz Neumeyer. Wenn er anregt, „die chaotische Realität der 11
Zu Mateos Bezug zum „Dirty Realism“ vgl. auch Josep Lluís Mateo,
Stadt als eine provozierende Voraussetzung (nicht als Me- „Conversación con Iñaki Ábalos / A Conversation with Iñaki Ábalos“, in:
2G, Nr. 25, „Josep Lluís Mateo: Obra reciente / Recent Work“, S. 130–143,
thode!) zu akzeptieren“,21 dann steckt in der Einschränkung,
hier S. 137–138.
die er in Klammern setzt, auch eine Warnung vor einem blin- 12
Josep Lluís Mateo, „Realitat i projecte“, in: Quaderns d’arquitectura i ur-
den Realismus, der die Realität bloß verherrlicht und sich banisme, Nr. 177, 1988, S. 13–17, hier S. 13: „Intentaré, a partir de l’examen
ihr willenlos hingibt; der es zum Programm erhebt, sich der de part de la producció artística recent, englobada sota denominacions
Realität, wie sie ist, zu unterwerfen. Davor müssen wir uns com minimalisme, arte povera o dirty-realism, definir les característiques
d’una nova narrativa emergent en el moment de dissolució del projecte
natürlich auch hüten. Denn das wäre, schlechterdings, doch
postmodern. Narrativa que farà de la nova valoració de la realitat tema
zu wenig. i de la reducció i sequedat, to de la seva activitat.“ Übersetzung Jasper
1
Vgl. Granta, 8, „Dirty Realism: New Writing From America“, hg. von Bill Cepl. Die unter dem Titel „Wirklichkeit und Projekt“ erschienene Überset-
Buford, 1983. zung des Textes (in: José Lluis Mateo, Bauen und Denken, Luzern 2002, S.
2
Vgl. Liane Lefaivre, „Foro en Delft: Otro realismo sucio“, in: Arquitectura 12–16) erscheint mir an dieser Stelle zu ungenau.
Viva, Nr. 3, 1988, S. 9–15. Eine gekürzte Zusammenfassung ihres auf Eng- 13
Dazu veröffentlicht Mateo noch einen Vortrag des spanischen Philoso-
lisch verfassten Texts erscheint unter dem Titel „l’architecture du réalisme phen Eugenio Trías, der allerdings nicht direkt zum Thema beiträgt.
hideux“ in: Le Carré bleu, 1988, H. 2, S. 31–36. Weiter ausformuliert er- 14
Fritz Neumeyer, „Realität als Disziplin. Grossstadtarchitektur und ur-
scheinen ihre Gedanken in: „Dirty Realism in European Architecture Today: bane Identität“, in: Archithese, 20. Jg., H. 1, Januar 1990, S. 22–27, hier
Making the Stone Stony“, in: Design Book Review, Nr. 17, 1989, S. 17–20. S. 27. Zuerst (in etwas knapperer Form) als: „La realitat com a disciplina:
Eine weitere Fassung ihres Texts erscheint auf Deutsch als „,Dirty Realism‘ arquitectura metropolitana i identitat urbana / Reality as Discipline: Met-
in der Architektur: Den Stein steinern machen!“, in: Archithese, 20. Jg., H. ropolitan Architecture and Urban Identity“, in: Quaderns d’arquitectura i
1, Januar 1990, S. 14–21. urbanisme, Nr. 183, Oktober–Dezember 1989, S. 136–143.
3
Teilgenommen hatten Enrique Ciriani, Nigel Coates, Kees Christiaanse, 15
Hans Kollhoff, „Architektur kontra Städtebau. Bundesallee“, in: Hans
Laurids Ortner, Fritz Neumeyer, Zaha Hadid, Bernard Tschumi, Hans Koll- Kollhoff und Fritz Neumeyer (Hg.), Großstadtarchitektur. City-Achse Bun-
hoff, Carel Weeber, Myrto Vitart und Stanislaus von Moos. Vgl. Lefaivre desallee. Sommerakademie für Architektur 1987, Berlin 1989, S. 93–98,
in Arquitectura Viva 1988 (wie Anm. 2), S. 9. Die direkte Bezugnahme auf hier S. 93.
Koolhaas’ Veranstaltung schleift sich in den späteren, weiterentwickelten 16
Vgl. Michel Foucault, „Des Espaces Autres“, Vortrag vor dem Cercle
Veröffentlichungen ihres Textes ab und wird nicht mehr so deutlich. d’études architecturales am 14. März 1967. Erstveröffentlichung in: Ar-
4
Von Lefaivre genannt werden Frank Gehry, Lars Lerup, Craig Hodgetts chitecture, Mouvement, Continuité, H. 5, Oktober 1984, S. 46–49. Deutsch
und Morphosis. Vgl. Lefaivre 1990 (wie Anm. 2), S. 17–18. unter dem Titel „Andere Räume“, in: Agnes Kohlmeyer und Felix Zwoch
5
Und er kommt nicht unvorbereitet. Die Archithese hatte bereits in den (Hg.), Idee Prozess Ergebnis. Die Reparatur und Rekonstruktion der Stadt,
1970ern zwei Nummern zum Thema veröffentlicht, eine unter dem Titel „Las Berlin 1984, S. 337–340.
Vegas etc., oder Realismus in der Architektur“ (Heft 13, 1975) und eine wei- 17
Vgl. dazu Jasper Cepl, „Hans Kollhoff: Studie Moabit“, in: Carsten Krohn
tere zum Thema „Realismus in der Architektur“ (Heft 19, 1976). Das erste (Hg.), Das ungebaute Berlin. Stadtkonzepte im 20. Jahrhundert, Berlin
Heft widmet sich Venturi, das zweite eröffnet den Blick auf weitere Lesarten 2010, S. 266–268.
von ‚Realismus‘. Vgl. dazu Irina Davidovici, „Issues of Realism: Archithese, 18
Hans Kollhoff, „Atlanpole Nantes“, in: Arch+, Nr. 105/106, Oktober 1990,
Postmodernism and Swiss Architecture, 1971–1986“, wird erscheinen in: S. 47.
Véronique Patteeuw und Léa-Catherine Szacka (Hg.), Mediating Messa- 19
Rem Koolhaas, „Strategy of the Void“, in: Office for Metropolitan Ar-
ges: On the Role of Exhibitions and Periodicals in Critically Shaping Post- chitecture, Rem Koolhaas und Bruce Mau, S, M, L, XL: Small, Medium,
modern Architecture, London 2018. Mein herzlicher Dank gilt Irina Davi- Large, Extra Large, hg. von Jennifer Sigler, Rotterdam 1995, S. 602–661,
dovici, die so freundlich war, mir ihr Manuskript zur Verfügung zu stellen. hier S. 640–642.
6
Miroslav Šik, „An die Seelenmaler“, in: ders., Altneue Gedanken. Texte 20
Rem Koolhaas, „Bigness oder Das Problem der Größe“, in: Arch+, Nr.
Abb. 5: Hans Kollhoffs Vision für Moabit. Fundstücke aus der Encyclopédie lin. Studie für die Ausstellung Großstadtarchitektur in der Galerie A.A.M. und Gespräche 1987–2001, Luzern 2002, S. 18–27, hier S. 20. Zuerst in: 132, Juni 1996, S. 42–44, hier S. 42.
von Diderot und D’Alembert, vor dem Hintergrund eines Luftbilds von Ber- Architettura Arte Moderna in Rom, 1988. ders. (Hg.), Analoge Architektur, Zürich 1987. 21
Neumeyer 1990 (wie Anm. 14), S. 27.

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