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Therapeutische Indikationen des

Yoga
Hedwig H. Gupta

Ursprünglich und grundsätzlich, das soll den Folgenden genannt werden, auf den Hatha-
folgenden Ausführungen vorausgeschickt wer- Yoga beziehen.
den, handelt es sich bei Yoga um Methode zur
spirituellen Entwicklung. Wirkungen auf die
Gesundheit sind daher wie „Nebenwirkungen“ Voraussetzungen für Yoga-
anzusehen, also Wirkungen, die außerhalb des
eigentlichen Zweckes einer Maßnahme liegen. Therapie
Die wichtigste Voraussetzung für den Einsatz
Dennoch wird Yoga heute viel und erfolgreich
von Yoga als Therapie ist zunächst die Mitar-
als Therapie angewandt.
beit des Patienten. Der muß seine Übungen
regelmäßig durchführen, sonst ist die Wirkung
Wir werden uns im Folgenden mit den Fragen
der Therapie – ähnlich wie bei der Kranken-
auseinandersetzen
gymnastik, minimal. Die Effizienz der Therapie
wird zudem durch eine sattvische Lebenswei-
 Wofür ist Yoga gut?
se und Ernährung verstärkt. Auch scheint die
 Wer sollte – aus medizinischen Gründen Auseinandersetzung mit philosophischen Fra-
– Yoga üben? gestellungen des Yoga die Wirkung der Yoga-
 Wie wirkt Yoga bei Erkrankungen? Therapie zu fördern.

 Wann sollte man kein Yoga üben? Um dem Patienten die Mitarbeit zu ermöglichen
 Was für eine Art des Yoga sollte man ist eine gute Aufklärung wichtig, insbesondere
üben? über die Notwendigkeit des täglichen Übens
und der Ruhe beim Üben. Yoga-Übungen ohne
 Was für Voraussetzungen sind für eine
Ruhe und Konzentration degradieren zu kopf-
Yoga-Therapie notwendig?
loser Gymnastik und sind weit weniger wir-
kungsvoll. Dem Patienten sollte ein einfaches
Die meisten wissenschaftlichen Untersuchun-
Übungsprogramm möglichst individuell ange-
gen zu diesem Thema beziehen sich auf den
boten werden, das er unter der Führung eines
Hatha-Yoga. Indem diese Form des Yoga ethi-
Therapeuten oder Arztes zunächst einüben
sche Grundsätze (Yama und Niyama) mit kör-
muß. Auch später sollten immer wieder Kon-
perlichen Übungen (Asanas), Übungen zur
trollen durchgeführt werden, zum einen zur
Atemkontrolle (Pranayama) sowie Relaxations-
Motivationsbestärkung und zum anderen, um
und Konzentrationsübungen (Pratyahara, Dha-
Fehler der Ausführung, die die Wirkung zunich-
rana, Dhyana) verbindet, stellt sie sowohl
te machen könnten, rechtzeitig herauszufin-
einen somatopsychischen als auch einen psy-
den.
chosomatischen Ansatz dar. Man erreicht also
beim Üben von Hatha-Yoga die Psyche über Die enge Zusammenarbeit mit einem kompe-
körperliche Übungen mit und umgekehrt wird tenten Arzt und Therapeuten ist insbesondere
auch der Körper durch psychische Übungen bei stärker psychosomatischen oder rein psy-
mit beeinflußt. chischen Erkrankungen absolut unabdingbar.
Jede Therapie in der Hand eines oberflächlich
Daher werden sich die meisten Indikationen Ausgebildeten ist eine Gefahr für den Patien-
und wissenschaftlichen Ergebnisse, die im ten!

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Indikationen für Yoga als niken helfen vor allem auch unter der Geburt,
indem Schmerzen „veratmet“ werden können
Therapie und die Preßwirkung der Wehen je nach Phase
abgeschwächt oder verstärkt werden kann. So-
Yoga als Therapie kann in einem breiten Spek-
mit wirkt Yoga geburtserleichternd.
trum von Indikationen angewandt werden. Da-
zu zählen insbesondere
Auch in der Zeit nach der Geburt unterstützt
Yoga die Mutter. Die Rückbildung wird geför-
 Gesunderhaltung und Prävention von Er-
dert, der Beckenboden gekräftigt, Streß abge-
krankungen
baut und einer Wochenbettdepression vorge-
 Rehabilitation beugt.
 Sportmedizin  
 
 Chronische und sogenannte idiopathische
Erkrankungen
 Schmerzsyndrome
 Psychische Erkrankungen und
 Onkologische Erkrankungen.

Yoga zur Gesunderhaltung


Die Wirkungsweise von Yoga ist unspezifisch.
Yoga wirkt auf Körper, Geist und Psyche aus-
gleichend, harmonisierend und kräftigend. Die
Konzentration wird gefördert, die Wahrneh-
mung geschärft. Yoga wirkt streßabbauend
und tiefenentspannend.

Damit fördert Yoga die allgemeine Gesundheit.


Jeder gesunde Mensch kann also Yoga gewinn-
bringend für seine Gesunderhaltung üben. Son-
derfälle in der Gesundheitsförderung durch Yo-
ga sind etwa Kinderyoga und die Schwanger-  
 
schaftsbegleitung mit Yoga. Dr. med. Hedwig Gupta arbeitet seit fast 20 Jahren auf dem 
Gebiet von Ayurveda und Yogatherapie. Ihre Ausbildungen 
Die kindliche Entwicklung wird durch Yoga in diesem Bereich hat sie sowohl im Gurukula‐System bei 
gefördert und zwar sowohl motorisch – die Dr. O.P. Tiwari als auch im universitären System an der Ba‐
Kinder werden spielerisch motorisch geschick- naras Hindu University, Varanasi absolviert. Sie ist Fachärz‐
ter und haben eine bessere Körperkontrolle tin für Orthopädie mit Schwerpunkt Rheumatolgie und führt 
die  Zusatzbezeichnungen  Akupunktur  und  Manuelle  Thera‐
und –wahrnehmung – als auch geistig und
pie.  Seit  dem  Jahr  1997  wirkt  Hedwig  Gupta  als  Dozentin 
sozial. Kinder lernen frühzeitig sich zu konzen- und Fachautorin für Ayurveda und Yogatherapie an verschie‐
trieren, sich zu erleben und sich mit friedlichen denen Institutionen und gründete im Jahr 2008 in Ludwigs‐
Mitteln in der Gesellschaft zu behaupten. burg das Purnam Institut, welches seither eine Gesamtaus‐
bildung Yogatherapie für YogalehrerInnen anbietet. 
In der Schwangerschaft wird durch Yoga zu-
 

Hedwig Gupta wirkt als Hauptkursleuterin des Ausbildungs‐
nächst die Muskulatur gekräftigt und damit ganges Yogatherapie des Schweizer Yogaverbandes in Vil‐
vielen Schmerzen in der Schwangerschaft leret. 
vorgebeugt. Yoga steigert die willkürliche  

 
Kontrolle über Muskeln und ermöglicht der
Schwangeren damit, gezielt bestimmte Mus-
kelgruppen anzuspannen und zu entspannen. Yoga in der Rehabilitation
Wichtig ist auch die emotionale Festigung der
Schwangeren in dieser Zeit der hormonellen In der Rehabilitation kann Yoga auch vielseitig
und auch sozialen Umstellung. Die Atemtech- angewandt werden.

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Nach Operationen, Schlaganfall oder Herzin- reich der großen Gruppe der chronischen Er-
farkt kann Yoga helfen, zum einen die Belas- krankungen und der Erkrankungen unbekann-
tung durch das Erlebte besser zu verarbeiten, ter Ursache, den idiopathischen Erkrankungen.
und zum anderen den Körper langsam wieder Unter diese Gruppen fallen eine Vielzahl von
zu einer besseren Belastbarkeit zu bringen. Krankheiten im Herzkreislaufsystem, Stoffwech-
Dies muß natürlich sanft und schrittweise selerkrankungen, Atemwegserkrankungen, Er-
geschehen, insbesondere bei Herzkreislaufge- krankungen des muskuloskelettalen Systems
schehen. und viele andere mehr. Alle diese Krankheiten
können unmöglich im Rahmen dieses Artikels
Auch können mit Hilfe von Yoga die Proble- angesprochen werden. So sollen nur einige als
me, die die Operation notwendig oder den Beispiel dienen.
Schlaganfall mit ausgelöst haben, wie Streß,
schlechte Ernährungsgewohnheiten, Rauchen
oder Übergewicht angegangen werden. Bei Koronare Herzkrankheit
Rehabilitation nach einem Schlaganfall oder
Unter der koronaren Herzkrankheit versteht
einer Operation nach Rückenmarkverletzung,
man eine Mangeldurchblutung des Herzens
bei der wichtige neurologische Fähigkeiten
durch eine Verengung der Herzkranzgefäße.
soweit wie möglich wieder erlangt werden müs-
Sie stellt die häufigste Todesursache in den
sen, bei Verläufen also, in denen ein Mensch
westlichen Industrienationen dar. Als ursächli-
aus vollständiger Gesundheit plötzlich zum
che Faktoren für die Entstehung der Erkrankung
Pflegefall auf unbestimmte Zeit geworden ist,
werden arterieller Hochdruck, Übergewicht,
können besonders auch die emotional stabili-
Bewegungsmangel, Fettstoffwechselstörungen,
sierenden Wirkungen von Yoga hilfreich sein.
Zigarettenrauchen, Diabetes mellitus, Typ-A-
Auch wird Yoga bereits im Behindertensport
Verhalten und Streß angeführt.
angewandt sowie in der Rehabilitation von
geistig oder körperlich retardierten Kindern.
Yoga wirkt über eine positive Beeinflussung
fast aller dieser Faktoren: Yoga kann einen er-
Yoga in der Sportmedizin höhten Blutdruck senken, insbesondere, wenn
die Störung noch nicht zu lange besteht. Durch
Yoga und Sportmedizin klingt zunächst wie das Yoga werden die Blutfettwerte normalisiert
Zusammenbringen zweier diametral entgegen- sowie die Blutzuckerspitzenwerte gesenkt.
gesetzter Begriffswelten. Tatsächlich wird Yo- Die krankhaft erhöhte Gerinnbarkeit, die bei
ga auch von Spitzensportlern verschiedener einer grenzwertigen Verengung über die Bil-
Wettkampfdisziplinen mit Erfolg angewandt. dung von Blutgerinnseln zu einer lebensgefährli-
Ein berühmtes Beispiel stellt Carl Lewis dar, chen Verstopfung der Gefäße führen kann,
der sich mittels mentalem Training mit Medita- wird durch Yoga normalisiert. Die nach dem
tionstechniken wieder an die Spitze der Sprint- Verschluß kleiner Gefäße des Herzens notwen-
welt gebracht hat. Yoga wirkt in der Sportme- dige Revaskularisation, also Bildung neuer Blut-
dizin vor allem über die Förderung von Diszi- gefäße wird gefördert. Übergewicht wird ab-
plin und Selbstwahrnehmung. Dies gilt sowohl gebaut. Yoga an sich stellt eine Bewegungs-
was die exakte Körperkontrolle angeht und therapie dar und wirkt damit dem Bewegungs-
damit das Nutzen exakt der Muskelgruppen, mangel entgegen. Wie schon zuvor besprochen,
die für bestimmte Bewegungsabläufe erford- wirkt Yoga über Streßabbau und die Förderung
erlich sind, was deutliche Krafteinsparungen gesunder Verhaltensweisen.
zur Folge hat, als auch, was die Konzentration
und emotionale Wettkampfdisziplin betrifft. Die Wirkung von Yoga tritt nicht sofort ein,
Mit yogischen Techniken der Visualisation sondern macht sich etwa nach 14 Tagen bei
kann ein mentales Training zur Wettkampf- regelmäßigem Üben bemerkbar. Sie hält an
vorbereitung ideal und in tiefer Entspannung solange geübt wird. Nach Abbruch der Übun-
durchgeführt werden. gen läßt sie langsam wieder nach.

Yoga in der Therapie chronischer und


sogenannter idiopathischer Erkrankungen Diabetes mellitus – Zuckerkrankheit
Sicherlich den größten Anteil der bekannten „Diabetes mellitus“ ist ein Sammelbegriff für
Ergebnisse zur Yoga-Therapie gibt es im Be- Stoffwechselstörungen, die zu einer Hypergly-

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kämie, einer Überzuckerung des Blutes, füh- zu einem Zeitpunkt, zu dem die Lungen noch
ren. Dabei gibt es zwei Hauptmechanismen. gut mit Luft gefüllt sind. Daher kann nur wenig
Beim Typ I sterben die insulinproduzierenden neue Luft eingeatmet werden, die Ausatmung
Zellen in der Bauchspeicheldrüse ab. Damit wird durch die resultierende Überblähung der
entsteht ein absoluter Insulinmangel, der Blut- Lunge und des Brustraumes weiter erschwert
zucker, den der Körper nur über das Hormon und der Sauerstoffgehalt der Luft in den Lun-
Insulin senken kann, kann nicht negativ beein- gen wird geringer. Der Patient reagiert mit hek-
flußt werden. tischem Nach-Luft-Ringen. Dies führt zu wei-
terer Muskelverkrampfung und endet in der
Beim Typ II handelt es sich um eine gestörte objektiven Ateminsuffizienz.
Insulinsekretion, meist verbunden mit einer
Resistenz gegen Insulin, so daß Insulin zwar Yoga kräftigt die Atemmuskulatur und verbes-
vorhanden ist, aber nicht ausreichend wirkt. sert die Lungenfunktionsparameter (das Atem-
In Deutschland leiden 4% der Bevölkerung an minutenvolumen, die alveoläre Ventilation, die
einem Diabetes mellitus, zu über 90% am Typ Brustkorbexpansion, Vitalkapazität, den Atem-
II. anhalte- und –grenzwert, die Einsekundenka-
pazität etc.). Der Patient lernt im Yoga, den
An der Entstehung des Typ II-Diabetes sind Atem bewußt zu kontrollieren. Damit kann er
Übergewicht, Fehlernährung, Bewegungsar- die Atmung deutlich verlangsamen und den
mut und Streß ursächlich beteiligt. Streß führt Atemwiderstand vermindern. Er behält damit
zur Ausschüttung antiinsulinär wirkender, also die Kontrolle bei einem leichten Asthmaanfall
blutzuckersteigernder Hormone (Kortisone, Ca- und gerät durch die verlangsamte Ausatmung
techolamine) und hebt damit indirekt den Zu- nicht in Panik. Der Teufelskreislauf von Panik
ckerspiegel. und zu schneller Einatmung und Überblähung
ist damit unterbrochen. Daneben scheint Yoga
Yoga senkt nachgewiesenermaßen die Blutzu- auch die übersteigerte Reagibilität der Atem-
ckerwerte, und zwar den Nüchternblutzucker wege, die für die Verengung verantwortlich
ebenso wie die Maximalwerte. Dies geschieht ist, abzusenken.
nicht über eine Veränderung der Insulinsekre-
Durch Yoga kann damit die Anzahl und Dauer
tion sondern über eine Steigerung der periphe-
der Asthma-Anfälle sowie den Medikamenten-
ren Insulinkonzentration. Blutfettwerte und
verbrauch signifikant vermindern, die Lungen-
Blutzucker hängen indirekt voneinander ab.
funktion bedeutend verbessern und den Be-
Somit führt die Senkung der Blutfettwerte
schwerdedruck lindern.
durch Yoga automatisch auch zu einer Sen-
kung des Blutzuckerspiegels. Über Streßabbau
werden die antiinsulinären Hormone gesenkt,
was wieder die Insulinwirkung fördert. Letzt-
Chronisch-degenerative Rücken-
lich wird das Übergewicht über Förderung der schmerzen
Bewegung und Entwicklung besserer Ernäh-
Etwa jeder 3. Bundesbürger leidet an Rücken-
rungsstrategien abgebaut.
schmerzen, auch Kinder und Jugendliche sind
nicht verschont. Ursache dieses Leidens ist vor
Asthma bronchiale allem die Insuffizienz der Rumpfmuskulatur,
die durch Übergewicht und fehlerhafte, lang-
Unter Asthma bronchiale versteht man eine an- andauernde Haltungen überlastet ist und we-
fallsweise auftretende Atemnot durch Vereng- gen Bewegungsmangel nicht ausreichend ge-
ung der Atemwege als Überreaktion auf Reize. kräftigt ist. Gerade unser gesellschaftsbeding-
Je nach Typ wird es durch Allergene, Infektio- tes langes Sitzen ist für den Rücken schwer
nen, Kälte- oder Staubeinwirkung oder Über- zu ertragen. Vielfach sind chronische Rücken-
anstrengung ausgelöst. Dieser Reiz führt zu schmerzen auch psychosomatisch mitbedingt.
einer Verkrampfung der Atemwegsmuskulatur
und einer massiven Schleimbildung. Die zen- Yoga kräftigt die Muskulatur. Dies geschieht
tralen Atemwege werden dabei so verengt, gerade durch den Wechsel von gezielter Mus-
daß die Ausatmung nur sehr langsam möglich kelent- und –anspannung besonders effektiv.
ist und eine subjektive Luftnot entsteht. Das Eine verspannte Muskulatur läßt sich nicht kräf-
führt zu einer hektischen Einatmung bevor tigen. Yoga fördert die periphere Durchblutung
überhaupt die Ausatmung vollständig ist, also und damit die Ernährung der Gewebe. Über eine

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verbesserte Selbstwahrnehmung wird auto- dieser Form der Neurose leiden – bei hoher
matisch eine bessere Haltung gefördert. Das Dunkelziffer – ca. 2-4% der Bevölkerung. Als
Übergewicht wird abgebaut und der gesamte ursächliche Faktoren werden eine früh erfah-
Mensch – auch psychisch – entspannt. rene Lebensunsicherheit, die mangelnde Ent-
wicklung des Urvertrauens, die Verstärkung
von Ängsten durch konditionierende Lerner-
Yoga in der Therapie von Schmerz- fahrung (lernpsychologischer Ansatz) und die
syndromen Ablehnung unannehmbarer sexueller Impulse
(tiefenpsychologischer Ansatz) diskutiert. Die
Schmerzsyndrome sind Beschwerdebilder, die Neurose ist oft mit depressiven Elementen ge-
mit chronischen Schmerzen einhergehen. Der koppelt.
Schmerz hat dann seinen Warncharakter verlo-
ren und ist physiologisch nicht mehr sinnvoll. Durch Yoga kann neben dem schon oft ange-
Es werden verschiedene Formen unterschie- führten Spannungsabbau ein Sinken des allge-
den, wie etwa Entzündungsschmerzen, spas- meinen Angstniveaus erreichen. Die depressi-
tische Schmerzen, Nervenschmerzen, Fehlre- ve Stimmungslage wird statistisch signifikant
gulationsschmerzen oder psychosomatische gehoben, das subjektive Gefühl von Kontrolle
Schmerzen. Diese beruhen auf unterschiedli- über die Situation sowie das Selbstvertrauen
chen, oft nur teilweise verstandenen Patho- steigen.
mechanismen uns sind äußerst therapieresi- Damit führt Yoga zu einer Abnahme der An-
stent. zahl und der Schwere der Panikattacken. Die
Wirkung ist bei regelmäßigem Üben nach ca.
Yoga kann in der Therapie adjuvant eingesetzt 6-8 Wochen nachweisbar und entfaltet sich
werden zur körperlichen und seelischen Ent- dann am besten, wenn die Dauer der Erkran-
spannung sowie zur allgemeinen Kräftigung. kung 2 Jahre nicht überschreitet.
Es konnte nachgewiesen werden, daß Yoga
das vegetative Nervensystem ausgleicht. Bei
Schmerzsyndromen liegt meist eine Dysbalan- Sucht
ce im Sinne eines überaktiven Sympathikus
vor. Diese Überaktivität kann durch yogische Unter Sucht wird die körperliche oder/und psy-
Techniken besänftigt werden. Durch regelmä- chische Abhängigkeit von Stoffen oder Verhal-
ßige körperliche Übungen nimmt die Geschick- tensweisen verstanden.
lichkeit wieder zu. Schmerzhervorrufende Be-
wegungen können besser kontrolliert werden Yoga kann bei der Suchttherapie zur Reduktion
und die Unabhängigkeit steigt. Damit wird auch von vegetativen Begleiterscheinungen im Ent-
der Angst, vollständig von fremder Hilfe abzu- zug bei körperlicher Abhängigkeit eingesetzt
hängen, entschärft. Dazu führen Entspannungs- werden. Die Willenstärke und psychische Wi-
techniken, die auch mit Autosuggestionen kom- derstandskraft, die notwendig sind, um von
biniert werden können, zu einer Änderung der den Suchtmitteln fernzubleiben, wird gestärkt.
Schmerzwahrnehmung. Der Schmerz wird nicht Daneben wird durch Yoga eine verbesserte Kör-
mehr als so bedrohlich empfunden und verliert per- und Selbstwahrnehmung erreicht. Dies
damit – trotz eventuell unveränderter Intensi- führt zu der Entwicklung eines Widerwillens
tät – viel von der Übermächtigkeit, die ihn vor- gegen Stoffe und Verhaltensweisen, die einem
her unerträglich machte. Man nennt diesen Pro- nicht wirklich guttun und unterstützt damit
zeß Reframing, das Erleben in einen neuen Rah- den Weg zu dauernder Freiheit von den sucht-
men setzen. erzeugenden Dingen. Yoga hilft weiterhin den
oft hoffnungslosen Patienten, neue Wege für
sich zu entdecken.
Yoga in der Therapie psychischer
Studien zeigen, daß durch Yoga eine geringe-
Erkrankungen re Komplikationsrate im Entzug erzielt wird,
die Abstinenzzeiten im Vergleich zu anderen
Angstneurose Therapieansätzen im Durchschnitt länger sind.
Auch läßt sich in einem hohen Prozentsatz
Hierunter versteht man eine gesteigerte, diffu- eine vollständiger Abwendung von den Sucht-
se, also nicht objektgerichtete Angst. Unter mitteln nachweisen.

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Yoga in der Therapie onkologischer Beispiel die Schizophrenie oder Borderline-Per-
Erkrankungen sönlichkeiten, sollten nur unter hochqualifizier-
ter und erfahrener Begleitung mit meditativen
Bösartige Tumore können durch Yoga nicht Techniken experimentieren. Auch während
geheilt werden, auch wenn immer wieder von einer schweren endogenen Depression sind die-
solchen Wunderheilungen berichtet wird. Den- se Techniken nicht zu empfehlen. Körperliche
noch ist Yoga auch bei bösartigen Erkrankun- Übungen können jedoch geübt werden und
gen therapeutisch sinnvoll im Sinne eines pal- sich positiv auswirken.
liativen Ansatzes. Yoga mindert die Angst, die
durch die Krankheit und deren Prognose aus- Krankheiten, die mit schwerer Zerstörung der
gelöst wird, ebenso die Depressivität. Der Le- Gewebe und Struktur einhergehen, sind mit
bensmut wird gesteigert, die Sinnsuche er- yogischen Techniken nur sehr bedingt zu the-
leichtert. Wie zuvor beschrieben, ist Yoga bei rapieren.
der Schmerzbehandlung sinnvoll. Die allgemei-
nen Körperfunktionen werden gefördert, ein Es ist also wichtig, Yoga nicht blind als All-
verfrühter Abbau und Verfall auf körperlicher heilmittel jedem zu empfehlen – und schon
und seelisch-geistiger Ebene wird verhindert. gar nicht, es auf eigene Faust therapeutisch
Die Abwehrkraft steigt. Über neuropsychoim- anwenden zu wollen. Für jede gute Therapie
munologische Wege ist auch nachvollziehbar, braucht man einen Ansprechpartner – sei es
warum Daten darauf hindeuten, daß die Über- ein beschlagener Arzt oder ein gut ausgebilde-
lebenszeit von Krebskranken verlängert sein ter Yoga-Therapeut -, der mit dem Patienten
können. individuell die Therapie bespricht, entwickelt
und begleitet. Sonst kann selbst eine so sanfte
Therapieform wie Yoga, die selbständig zu üben
ist und an sich Gesunde nicht krank macht,
Kontraindikationen zur Verschlechterung der Situation beitragen.
Nun wurden so viele Indikationen und Anwen-
dungsbeispiele genannt, daß es fast scheint, Zusammenfassung
als sei Yoga für alle gut. Eine Art Allheilmittel.
Völlig gefahrlos jedem zu empfehlen. Aber Fassen wir noch einmal die wichtigsten Aus-
dem Eindruck kann man so nicht recht geben. sagen des Artikels zusammen:
Es gibt zwar keine absoluten Kontraindikatio-
nen für Yoga, das heißt keine Situation, in der  Yoga ist ursprünglich kein Therapiesy-
alle Yoga-Techniken auf keinen Fall angewandt stem, besitzt aber therapeutisch nutz-
werden dürfen. Relative Kontraindikationen, bare Wirkungen
also Erkrankungen, in denen Yoga nur mit Ein-  Die Wirkungen von Yoga sind unspezi-
schränkungen ausgeübt werden darf, gibt es fisch somatisch und psychisch, so daß
hingegen viele! Yoga als eine ganzheitliche und funktio-
nelle Therapie angesehen werden kann
Darunter fallen vor allem alle akuten Erkran-
kungen. Hier können manche Atemübungen  Yoga besitzt ein breites Spektrum an
und Relaxationstechniken meist weiter geübt Anwendungsmöglichkeiten in der Ge-
werden, aber auch längst nicht alle. Körperli- sunderhaltung, Rehabilitation und The-
che Übungen sollten zunächst ruhen. Erkran- rapie
kungen, die mit Fieber und Erschöpfung ein-  Yoga kann als Mittel zur Durchsetzung
hergehen, verbieten ebenso körperliche Übun- von Therapiezielen eingesetzt werden
gen und anstrengende Yoga-Techniken. Das
gleiche gilt für schwere Erkrankungen der vi-  Yoga kann bei bestimmten Erkrankungen
talen Organe. Jedem wird einleuchten, daß kausal therapeutisch wirken, kann aber
ein Patient nach einem Herzinfarkt zunächst auch zur Palliation unheilbarer Krankhei-
ruhen sollte und nicht gleich das Herz aufs ten eingesetzt werden.
Neue überlasten. Sehr wichtig ist auch zu  Es gibt Kontraindikationen für Yoga
bedenken, daß schwere psychiatrische Er-
krankungen eine Kontraindikation für Yoga  Yoga darf als Therapie nur von kompe-
darstellen. Besonders solche Erkrankungen, tenten Ärzten oder Yoga-Therapeuten
die mit Ich-Störungen zu tun haben, wie zum angewandt werden. 

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