Sie sind auf Seite 1von 12

LV 143.020, 143.021 – ET, TM

PHYSIK

LV 138.029 – MB, VT, WI-MB

PHYSIK FÜR INGENIEURE

3. FEHLERRECHNUNG
3. FEHLERRECHNUNG

WS 2010/11

Vortragende:

N. GURKER, J. CUSTERS

Skriptum:

H. EBEL, N. GURKER, M. MANTLER, J. WERNISCH

Dieses Dokument unterliegt dem Urheberrechtsgesetz. Vervielfältigungen, Übersetzungen, Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen Medien sind nicht erlaubt.

Fehlerrechnung

3. FEHLERRECHNUNG

Mithilfe von Meßgeräten und Meßmethoden ist es möglich, physikalische Größen zahlenmä- ßig zu erfassen. Die gemessenen Werte können – abhängig von der Güte der Meßgeräte und der Meßmethode – mit einer mehr oder weniger hohen Genauigkeit angegeben werden. Eine hohe Genauigkeit bedingt kleine Fehlerwerte und umgekehrt.

Die Fehler sind in zwei Kategorien zu unterteilen:

Systematische Fehler Folge spezifischer Meßmethoden, schlecht geeichter Meßgeräte; geben zu große oder zu klei- ne Meßwerte in prinzipiell vorhersehbarer Richtung und Größe. Systematische Fehler sind (zumindest prinzipiell) korrigierbar.

Stastistische (zufällige) Fehler Treten von Messung zu Messung in verschiedener Richtung und Größe auf; sind prinzipiell nicht vorhersehbar oder korrigierbar. Die statistische Fehlerrechnung erlaubt die Berechnung des Meßfehlers aus mehreren (vielen) Einzelmessungen.

Angabe von Meßergebnissen:

Während etwa die Basis des natürlichen Logarithmus e oder die LUDOLFsche Zahl π prinzi- piell auf beliebig viele Stellen genau angegeben werden können, ist dies bei den physikali- schen Größen, die nur meßtechnisch erfaßbar sind, unmöglich. Aus dieser Sicht sind zu genaue (vielstellige) Zahlenangaben von Meßresultaten nicht sinnvoll.

Beispiel:

experimentell bestimmte Stromstärke i

nicht

i = 1,39452687

A (unsinnig viele Stellen),

sondern

i = 1,395 A, wenn bereits die 4. Stelle unsicher ist,

oder

i = 1,3945 ± 0,0015 A im Zusammenhang mit einer Fehlerrechnung.

Ziel einer Messung ist es, den „wahren Wert“ x 0 einer Größe zu bestimmen. Es ist dies theo- retisch der Mittelwert aus unendlich vielen Einzelmessungen (wenn keine unkorrigierten sy- stematischen Fehler vorliegen).

Für eine endliche Anzahl von Einzelmessungen x i ist deren Mittelwert x die beste Näherung für den wahren Wert x 0 .

1 x = ⋅ n
1
x =
n

(

x

1

+

x

2

+

+

x

n

)

=

1

n

n

i

= 1

x i

Jede Einzelmessung weicht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vom wahren Wert ab.

Definition:

Wahrscheinlichkeit =

günstige Fälle

mögliche Fälle

25

Gaußsches Fehlergesetz

σ

P α ,β

P

α β

,

=

1

σ ⋅ 2 π
σ
2
π

β

α

e

(

x

x

0

)

2

2

σ

2

dx

Standardabweichung

Wahrscheinlichkeit

dafür, daß ein Meßwert x zwischen α und β liegt (geschraffte

Fläche)

( 2 x − x ) 0 − 1 2 σ ψ „Wahrscheinlichkeitsdichte“ ψ (
(
2
x
− x
)
0
1
2
σ
ψ
„Wahrscheinlichkeitsdichte“
ψ
(
x
)
=
e
2 ⋅
σ
2
π
ψ
Halbwertsbreite 2 ⋅
2 ⋅ ln 2 ⋅σ
1
halbe Höhe
x
α
β
x
0

Die Gesamtfläche unter der Gaußschen Glockenkurve beträgt 1, entsprechend der Wahr- scheinlichkeit 1 (= Sicherheit), daß sich der Meßwert zwischen -und +befindet.

p

,

−∞ +∞

=

+∞ +∞ 1 ∫ ψ ( x dx ) = ⋅ ∫ σ ⋅ 2
+∞
+∞
1
ψ
(
x dx
)
=
σ
2
π
−∞
−∞

e

(

x

x

0

)

2

2

σ

2

dx

= 1

Die Breite der Glockenkurve wird durch die Halbwertsbreite 2

der Glockenkurve wi rd durch die Halbwertsbreite 2 ⋅ 2 ⋅ ln 2 ⋅ σ charakterisiert:

2 ln 2 σ charakterisiert:

breite, flache Kurven (großes σ) = geringe Genauigkeit

schmale, hohe Kurven (kleines σ)

= hohe Genauigkeit

Zur praktischen Rechnung verwendet man folgende Größen und Formeln:

a) Mittelwert x :

26

1

n

i = 1

1

x

=

=

x

i

n

n

(

x

1

+

x

2

+

+

x

n

)

Fehlerrechnung

Aus den Fehlern v i

berechnet man die

v

i

=

x

i

x , v x − x 1 = 1 v = − x 2 x
x
, v
x
x
1 =
1
v
=
x
2 x
2

v n

= x

n

x

b) Streuung s 2 der Messungen um den Mittelwert x :

und die

s

2

=

1

n

i

=

1

v

2

1

i

n

n

=

(

v

1

2

+

v

2

2

+

+

v

n

2

)

c) Standardabweichung σ:

σ

2

=

n

2

1

s

=

n

1

n

1

n

=

i

1

v

i

2

Zur Angabe des Fehlers des Mittelwertes verwenden wir den mittleren Fehler Δx = σ

es verwenden wir den mittleren Fehler Δ x = σ n : Meßergebnis = Mittelwert ±

n :

Meßergebnis = Mittelwert ± mittlerer Fehler

y

=

x

±

Δx

In der Literatur wird statt des mittleren Fehlers häufig ein „σ -Intervall“

y = x ± k σ

mit

k = 1,

k = 2 oder

k = 3

angegeben. Für eine große Anzahl von Meßwerten (n>>) liegen

68,3% aller Meßwerte innerhalb des Intervalls x ± σ ,

95,4% aller Meßwerte innerhalb des Intervalls x ± 2σ und

99,7% aller Meßwerte innerhalb des Intervalls x ± 3σ .

Fehlerfortpflanzungsgesetz

Wird nun eine Größe y nicht direkt gemessen, sondern aus den gemessenen Variablen

, Standardabweichungen wie folgt fort: ξ ,ξ ,ξ mithilfe einer Funktion y = f ξ
,
Standardabweichungen
wie folgt fort:
ξ
mithilfe einer Funktion
y
=
f ξ ,ξ ,
(
)
errechnet, so pflanzen sich deren
1
2
n
1
2
n
σ
,
bzw. mittlere Fehler
Δξ , Δξ
,
,
Δξ
auf die Größe y
1
2
n
1
2
n
∂ y
2
⎟ ⎞
2
2
2
n
y
y
⎛ ∂ y
σ
=
σ
⎞ + ⎜
σ
+
+ ⎜
σ
=
σ
bzw.
y
1
2
n
i
ξ
ξ
ξ
ξ
1
2
n
i
=
1
i
2
2
2
2
n
∂ y
y
y
⎛ ∂ y
Δ
y
=
⋅ Δ
ξ
+ ⎜
⋅ Δ
ξ
+
+ ⎜
⋅ Δ
ξ
=
⋅ Δ
ξ
1
2
n
i
ξ
ξ
ξ
ξ
1
2
n
i
=
1
i
27

Zum Verständnis des Fehlerfortpflanzungsgesetzes ist der Begriff der partiellen Differentia- tion notwendig. Ist eine Funktion y(x) gegeben, so ist (trivialerweise) nur eine Differentiation nach der Varia- blen x möglich:

y'=

dy

dx

.

Ist dagegen eine Funktion von mehreren Variablen abhängig,

Ableitungen nach allen Variablen x i (i = 1, 2, dann beispielsweise

, , n) möglich. Die Ableitung nach x j lautet

, so sind die

(

y x , x

1

2

, x

n

)

y

=

(

dy x , x

1

2

,

, x

n

)

dx

j

wobei in diesem Falle beim Bilden der Ableitung alle anderen Variablen x k (kj) als Konstan- te behandelt werden („partielle“ Ableitung). Um den Unterschied gegenüber einer Funktion mit einer einzigen Veränderlichen hervorzu- heben, wird dafür die Schreibweise

eingeführt.

(

y x

1

,

x

2

,

,

x

n

)

x

j

Vorlesungsexperiment:

Bestimmung der Erdbeschleunigung mithilfe eines schwingenden Fadenpendels. Unter Vorgriff auf den im Abschnitt „Dynamik“ zu behandelnden Stoff, folgt zunächst die erforderliche Herleitung des Zusammenhangs zwischen der Pendellänge l, der Schwin- gungsdauer T und der Erdbeschleunigung g.

28

0 r F G r = m ⋅ α F G r = m ⋅
0
r
F
G
r
=
m
α
F G
r
=
m
F t
l
r
mb
m
α
r
F
t
r
F
G

g

g

Schwerkraft

r

e

sinα

g

r

e

t

r

F

t

= m

g

sinα

ds

= l

d

α

 

ds

l

d

α

 

= ⋅

 

dt

dt

b =

d

2

s

l

d

2

α

   

=

dt

2

dt

2

r

e

t

= −

m

b

e r

t

Prinzip von actio und reactio

Fehlerrechnung

d 2 α g ⋅ sin α =− l ⋅ 2 dt für kleine Werte
d 2
α
g
sin
α =−
l
2
dt
für kleine Werte von α kann sinα
mit geringem Fehler durch α ersetzt
werden
d 2
α
g
α =−
l
2
Differentialgleichung
dt
αα
=
⋅ cos
ω
t
max
ist die Lösung der obigen Differenti-
algleichung
d
α
= α
⋅−
(
1
)
ωω
sin
t
α
maximaler Pendelausschlag
max
max
dt
d 2
α
= α
⋅−
(
2
1
)
ω
cos
ω
t
2
max
dt
2
d
α
Setzen wir die Werte für α und
in die Diffentialgleichung ein, so resultiert:
2
dt

g α

max

2

cosωtl=⋅αω

max

cosωt .

Daraus folgt:

mit

g = l ω

2

ω = 2π

f

= 2π

1

.

T

folgt:

ω Kreisfrequenz

f

T Schwingungsdauer

Frequenz

(Anzahl der Pendelschwingungen je Zeiteinheit)

(Zeit für eine volle Pendelschwingung)

2 1 g = l ⋅ 4 ⋅π ⋅ 2 T l T = 2⋅π
2 1
g = l ⋅
4 ⋅π
2
T
l
T = 2⋅π ⋅
g

Dies ist der gesuchte Zusammenhang. Er enthält u.a. folgende

systematische Fehlerquellen:

a) Gilt genau nur für unendlich kleine Pendelausschläge (α sinα ).

b) Nichtberücksichtigung der Dämpfung, die zu einer Erhöhung der Schwingungsdauer Anlaß gibt.

c) Der Pendelfaden ist nicht masselos und müßte deshalb in der Rechnung mitberück- sichtigt werden.

Statistische Fehlerquellen resultieren aus

d) der Messung von l und

e) der Messung der Schwingungsdauer T.

29

Im Weiteren betrachten wir anhand praktisch durchgeführter Messungen den statistischen Fehler.

Um die Erdbeschleunigung g zu erhalten, müssen wir die Schwingungsdauer T und die Pen- dellänge l messen. Wir stellen dabei fest, daß bei aufeinanderfolgenden Messungen von ein und demselben oder aber verschiedenen Beobachtern unterschiedliche T- und l-Werte gefun- den werden.

In n =

versuch) die folgenden Werte gefunden:

Messungen haben wir für die Schwingungsdauer unseres Pendels (Vorlesungs-

( ) 2 2 T [s] T i − T [s] T i − T
(
)
2
2
T
[s]
T i −
T
[s]
T i −
T
[s
]
i
2
T
=
[s]
2
s
=
[s
]
T
2
2
σ
=
[s]
ΔT =
[s]
σ
=
[s
]
T
T
T
=
±
[s]

30

Fehlerrechnung

Ähnlich wurden in n' = Messungen folgende Werte für die Pendellänge l erhalten: l [m]
Ähnlich wurden in n' =
Messungen folgende Werte für die Pendellänge l erhalten:
l
[m]
l
l
[m]
(
)
2
2
i
i −
l
l
[m
]
i −
2
l =
[m]
s l =
[m
2 ]
2
[m]
Δl =
[m]
σ
=
[m
2 ]
σ l =
l
l =
±
[m]

Für die Erdbeschleunigung g errechnet sich daraus

4 ⋅ π 2 ⋅ l g = 2
4 ⋅
π 2 ⋅ l
g =
2

=

[ms

-2

] .

T Welcher mittlere Fehler Δg resultiert nun aus den mittleren Fehlern ΔT und Δl ? Dazu benöti- gen wir das Fehlerfortpflanzungsgesetz:

2 2 ⎛ ∂ g ⎞ ⎞ Δ g = ⎜ ⋅ Δ T ⎟
2
2
⎛ ∂ g
Δ
g
=
⋅ Δ T ⎟
+ ⎛ ⎜ ∂ g
Δ l ⎟
T
l
2
2
g
4
π
⋅ l
8 ⋅
π
⋅ l
=
= −
2
3
T
∂ T
T
T
2
2
g
∂ 4 ⋅
4
π
⋅ l
π
=
=
2
2
∂ l
l
T
T

Somit ergibt sich für Δg

31

bzw.

Ergänzung:

4 2 4 64 ⋅ π ⋅ l 16 ⋅ π 2 2 2 Δ
4
2
4
64
π
⋅ l
16 ⋅
π
2
2
2
Δ
g =
⋅ Δ
T
+
⋅ Δ
l
=
[ms
]
6
4
T
T
4
2
4
64
π
⋅ l
16 ⋅
π
2
2
2
=
σ
+
σ
=
[ms
σ g
T
l
6
4
T
T
Computersimulation („Modellmessung“)
Erzeugung von GAUSSverteilten Zufallszahlen x i :
(x = 0,

]

σ = 1)

2 3 n = 10 n = 10 n j -5 -1 0 1 5
2
3
n
= 10
n = 10
n j
-5
-1
0
1
5
ξ j
ξ j+1
4
5
n
= 10
n = 10
6
n = 10

Die Histogramme geben die Häufigkeitsverteilung der erzeugten Zufallszahlen (ZZ) an. n ist

x i fallen in das Intervall ξ j bis

jeweils die Gesamtzahl der erzeugten (ZZ). n j der erzeugten

ξ j+1 .

32

Fehlerrechnung

Ergebnisse eines Vorlesungsexperimentes

In n =

versuch) die folgenden Werte gefunden:

7 Messungen haben wir für die Schwingungsdauer unseres Pendels (Vorlesungs-

( ) 2 2 T [s] T i − T [s] T i − T
(
)
2
2
T
[s]
T i −
T
[s]
T i −
T
[s
]
i
1,827
-0,001
0,000001
1,814
-0,014
0,000196
1,824
-0,004
0,000016
1,826
-0,002
0,000004
1,832
0,004
0,000016
1,838
0,010
0,000100
1,835
0,007
0,000049
2
T
=
[s]
0,000055
2
s
=
[s
]
T
2
0,008
0,003
0,00064
2
σ
=
[s]
ΔT =
[s]
σ
=
[s
]
T
T
1,828 ± 0,003
T
=
[s]

33

Ähnlich wurden in n' =

7 Messungen folgende Werte für die Pendellänge l erhalten:

l

i

[m]

l

i

l

[m]

(

l

i

l

)

2

[m

2

]

 

0,835

 

0,000

 

0,000000

 
 

0,837

 

0,002

   

0,000006

 
 

0,834

 

-0,001

 

0,000000

 
 

0,835

 

0,000

 

0,000000

 
 

0,834

 

-0,001

 

0,000000

 
 

0,835

 

0,000

 

0,000000

 
 

0,832

 

-0,003

 

0,000007

 

l

=

0,835

[m]

s

l

2

=

2

σ l =

0,000002

[m

2

]

σ

l

=

0,002

[m]

Δl =

. 0,835 ± 0,001 l = .[m] Für die Erdbeschleunigung g errechnet sich daraus 4
. 0,835 ± 0,001
l =
.[m]
Für die Erdbeschleunigung g errechnet sich daraus
4 ⋅
π 2 ⋅ l
9,860 ± 0,033
-2
g =
=
[ms
]
2
T

.

0,000002

0,001

[m

2

]

[m]

Welcher mittlere Fehler Δg resultiert nun aus den mittleren Fehlern ΔT und Δl ? Dazu benöti- gen wir das Fehlerfortpflanzungsgesetz:

2 2 ⎛ ∂ g ⎞ ⎞ Δ g = ⎜ ⋅ Δ T ⎟
2
2
⎛ ∂ g
Δ
g
=
⋅ Δ T ⎟
+ ⎛ ⎜ ∂ g
Δ l ⎟
T
l
2
2
g
4
π
⋅ l
8 ⋅
π
⋅ l
=
= −
2
3
T
∂ T
T
T
2
2
g
∂ 4 ⋅
4
π
⋅ l
π
=
=
2
2
∂ l
l
T
T

Somit ergibt sich für Δg

34

bzw.

4 2 4 64 ⋅ π ⋅ l 16 ⋅ π 2 Δ g =
4
2
4
64
⋅ π
⋅ l
16 ⋅
π
2
Δ
g
=
⋅ Δ
T
2 +
4 ⋅ Δ
l
=
T 6
T
2
4
64
π 4
⋅ l
16 ⋅
π
2
=
2 +
=
σ g
σ T
σ l
6
4
T
T

0,033

0,088

Fehlerrechnung

[ms

[ms

2

2

]

]

35