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LV 143.020, 143.

021 – ET, TM

PHYSIK

LV 138.029 – MB, VT, WI-MB

PHYSIK FÜR INGENIEURE

10. HOLOGRAPHIE

WS 2010/11
Vortragende:
N. GURKER, J. CUSTERS

Skriptum:
H. EBEL, N. GURKER, M. MANTLER, J. WERNISCH

Dieses Dokument unterliegt dem Urheberrechtsgesetz.


Vervielfältigungen, Übersetzungen, Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen Medien sind nicht erlaubt.
10. HOLOGRAPHIE
In der konventionellen Photographie wird das von einem einzelnen Objektpunkt O ausgehen-
de Wellensystem (=Kugelwelle) mit Hilfe eines optischen Systems - idealisierend, d.h. ohne
Berücksichtigung von Abbildungsfehlern - in einem Bildpunkt B fokussiert, bzw. ein licht-
empfindlicher Film an dieser Stelle geschwärzt (Abb.01h). Die Konstruktion des Bildpunktes
kann auf der Grundlage der geometrischen Optik oder der Wellenoptik modellhaft verstanden
werden; während in ersterer Betrachtung zumindest zwei vom Gegenstandspunkt ausgehende
Lichtstrahlen verfolgt und zum Schnitt gebracht werden, erfolgt in letzterer Sichtweise eine
durch das optische System hervorgerufene Transformation einer auseinanderlaufenden in eine
zusammenlaufende Kugelwelle.

Abb.01h

Wie die Abb.02h zeigt, geht bei einem derartigen Abbildungsvorgang die 3-dim. Ortsinforma-
tion verloren, bzw. kann nur auf Grund der Tiefenschärfe des optischen Systems ungenau auf
die Position entlang der optischen Achse geschlossen werden.

Abb.02h

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Holographie

Der Informationsverlust wird dadurch deutlich, daß das von dem betrachteten Objekt stam-
mende und allgemein sehr komplexe Wellensystem - welches durch die 3-dim. Verteilung der
Amplituden und Normalvektoren entlang einer Wellenfront entsprechend dem HUYGENS-
FRESNELschen Prinzip vollständig bestimmt wird (Abb.03h) - beim Abbildungsprozeß auf
eine 2-dim. Schwärzungs- (=Amplituden-) verteilung reduziert wird. Die Richtungsinformati-
on des Wellensystems geht dabei verloren. Der Betrachter eines photographischen Bildes "er-
gänzt" die fehlende Information auf Grund seines Vorwissens über das aufgezeichnete Objekt
bzw. seiner erworbenen Erfahrung in der Interpretation visueller Sinneseindrücke.

Abb.03h

Das Ziel eines "ganzen", holographischen, Abbildungsvorganges (holos = griech. "ganz")


muß es daher sein, die gesamte im Objektwellensystem vorhandene Information zu speichern,
bzw. das Wellensystem selbst aufzuzeichnen ("einzufrieren") und für die Betrachtung wie-
der zu rekonstruieren ("aufzutauen") (Abb.04h). Wenn dies mit ausreichender Genauigkeit
geschieht, kann ein Betrachter das so rekonstruierte Wellensystem vom ursprünglichen, direkt
vom Objekt stammenden, Wellensystem nicht unterscheiden und damit einen "natürlichen"
(3-dim.) Eindruck erhalten. Mit dem symbolisch dargestellten Abbildungsgedanken ist auch
bereits das zweistufige Prinzip der Holographie (Aufzeichnung - Rekonstruktion) angespro-
chen. Die im folgenden näher beschriebene Methodik der Holographie wurde von D. GABOR
um 1947 entwickelt.

Abb.04h

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Aus den oben geführten Überlegungen folgt, daß der "Schlüssel" zur Holographie in der Lö-
sung des Problems liegt, auch die (lokale) Richtungsinformation einer Wellenfront ("Objekt-
welle") zu erhalten. Der grundlegende Gedanke ist es, die (lokale) Richtung in Relation zu
einem ausgezeichneten Wellensystem ("Referenzwelle", z.B. ebene Welle mit definierter
Ausbreitungsrichtung) zu bestimmen, d.h. es sind dazu zwei Wellensysteme (Objektwelle
ψ0(r,t) und Referenzwelle ψR(r,t)) in Wechselwirkung - zur Überlagerung (Interferenz) - zu
bringen. Beide Wellensysteme müssen eine feste Phasenbeziehung aufweisen.

Abb.05h

Die Abb.05h zeigt, wie durch Interferenz von zwei in ihren Ausbreitungsrichtungen fort-
schreitenden ebenen (d.h. in ihren Amplitudenverteilungen homogenen, unstrukturierten)
Wellen im Überlappungsbereich eine neue - zeitunabhängige - Amplitudenstruktur entsteht,
die z.B. entlang der (Film-)Ebene aufgezeichnet werden kann; im Folgenden gelte dabei die
Annahme, daß die beiden Wellen normal zur Zeichenebene polarisiert sind und daß die Film-
schwärzung S proportional zum Quadrat der resultierenden Amplitude sei. Während im Punkt
K die resultierende Amplitude entsprechend der Annahme gleicher Amplituden für beide ebe-

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Holographie

nen Wellensysteme (A0=AR=A) den Wert AK=2A annimmt (konstruktive Interferenz) und da-
mit eine hohe Filmschwärzung folgt, erhält man im Punkt D für die resultierende Amplitude
den Wert AD=0 (destruktive Interferenz) und damit keine Filmschwärzung. Für dazwischen-
liegende Filmpositionen ergibt sich bei einer genauen mathematischen Analyse ein sinusför-
miger Schwärzungsverlauf zwischen "schwarz" (SK =AK2) und "weiß" (SD=AD2=0). Für die
Periode erhält man aus einer geometrischen Überlegung den Wert a=λ/sinα. Damit folgt, daß
die Richtungsinformation der Objektwelle (i.e. der Winkel α) in eine entsprechende Peri-
odenlänge a transformiert und aufgezeichnet wird. Sind die Amplituden der beiden Wellen
nicht gleich (A0 ≠AR), so erhält man für AK=⏐AR+A0⏐ bzw. für AD=⏐AR-A0⏐, d.h. die Schwär-
zungsverteilung variiert nun sinusförmig zwischen "dunkelgrau" und "hellgrau". Im Schwär-
zungskontrast ist demnach auch die Amplitudeninformation gespeichert. Damit wurde eine
Möglichkeit für die Aufzeichnung der ganzen Information (zunächst) für den einfachen
Fall einer ebenen Objektwelle modellhaft beschrieben. Es ist jedoch bereits hier einsichtig,
daß mit zunehmender Komplexität der Objektwelle auch die resultierende Amplitudenstruktur
und damit die Schwärzungsverteilung komplexer aussehen werden und (bei gleicher Refe-
renzwelle) ausschließlich durch die Objektwelle bestimmt werden.
Im Rahmen des Vorlesungsteiles "Optik" wurde die Beugung besprochen und diese als eine
Möglichkeit erkannt, eine ebene Welle (vgl. Referenzwelle) in Abhängigkeit von der Beu-
gungsstruktur (Beugungsgitter) in ein neues Wellensystem umzuformen. Man kann die obige
- sinusförmige, periodische - Schwärzungsstruktur als ein derartiges Beugungsgitter auffas-
sen und den Versuch unternehmen, die ebene Referenzwelle an diesem zu beugen. Man kann
sich nun - auf Grundlage des HUYGENS-FRESNELschen Prinzips - von der zu erwartenden
"Ähnlichkeit" des Beugungsphänomens an einem "rechteckförmigen" Beugungsgitter (Strich-
gitter) mit dem am sinusförmigen Beugungsgitter gleicher Periode leiten lassen und damit das
in Abb.06h dargestellte Ergebnis verstehen:

Abb.06h

Am Rechteckgitter entstehen i.a. mehrere Beugungsordnungen (sinαz = z·λ/a), wobei jeweils


eine ebene Welle in der entsprechenden Richtung αz resultiert; am Sinusgitter erhält man ne-
ben der ungebeugten Welle 0.ter Ordnung nur die gebeugten ebenen Wellen 1. und -1. Ord-
nung und für sinα1=λ/a = λ/(λ/sinα)=sinα. In 1. Beugungsordnung wird damit die (Richtung

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der) frühere(n) Objektwelle rekonstruiert. Die ebene Welle der -1. Ordnung entsteht aus
"Symmetriegründen" ("konjugierte" Objektwelle); deren Bedeutung wird erst in der weiteren
Diskussion verständlich werden. Die Rekonstruktion der Amplitudeninformation kann fol-
gendermaßen verstanden werden: für A0 ≈ AR (große Amplitude der Objektwelle) ist der Kon-
trast des Beugungsgitters und damit auch die Amplitude der gebeugten Welle groß (hohe
Beugungseffizienz des Gitters); für A0<<AR (kleine Amplitude der Objektwelle) ist der Kon-
trast des Beugungsgitters und damit auch die Amplitude der gebeugten Welle klein (kleine
Beugungseffizienz); im Grenzfall A0≈0 verschwindet der Kontrast des Beugungsgitters und
damit auch die gebeugte Welle (Beugungseffizienz≈0). Es ist auch hier wieder einzusehen,
daß eine komplexere Beugungsstruktur ein ebenso komplexeres, zugeordnetes, Wellensystem
rekonstruieren kann.
Die bisherige Diskussion kann nun so zusammengefaßt werden: das durch Interferenz der
(ebenen) Objektwelle mit der Referenzwelle entstehende, auf einem Film aufgezeichnete,
Schwärzungsmuster ist das Hologramm der Objektwelle. Die Amplituden- und die Rich-
tungsinformation der Objektwelle werden als Kontrast und Gitterkonstante "codiert" und sind
daher mit einem photographischen Film speicherbar. Die Rekonstruktion der (ebenen) Ob-
jektwelle erfolgt durch Beugung der Referenzwelle am Hologramm (Abb.07h). Die räumli-
che Zuordnung von Referenzwelle und Film/Hologramm muß bei Aufzeichnung und
Rekonstruktion unverändert bleiben.

Abb.07h

Die ebene Objektwelle kann man sich von einem unendlich weit entfernten Objektpunkt
stammend vorstellen. Die bisherige Beschreibung bezieht sich daher auf die Holographie ei-
nes derartigen "Modellobjektes". Im weiteren sollen nun schrittweise "realistischere" Annah-
men getroffen werden.
Zunächst sei der Fall eines (in Relation zum Film) nahen Objektpunktes O behandelt. Ausge-
hend von der in Abb.08h dargestellten Geometrie - z-Achse = optische Achse, x/y-Ebene =
Hologrammebene, quadratische Hologrammfläche mit Mittelpunkt M und Seitenlänge h, die
ebene Referenzwelle breitet sich in positiver z-Richtung aus - werden hier und im weiteren
Rechnersimulationen gezeigt, welche den oben für den Fall zweier ebener Wellen besproche-
nen und graphisch dargestellten Interferenzvorgang für komplexere Objektwellen nachbilden
und die Schwärzung des Filmes als Punktdichte auf einem Laserdrucker darstellen. Die Länge
h entspricht dabei jeweils 800 Punkten, die simulierten Hologramme umfassen damit 640.000
Punkte = Auflösungselemente des Filmes. Nimmt man für ein derartiges Auflösungselement
die charakteristische Größe eines hochauflösenden Filmes von 2,5 x 2,5μm2 an, so entspricht
dies einer Hologrammgröße von 2 x 2mm2! Wenn diese "Größe" zunächst erstaunt, sei daran
erinnert, daß der "natürliche" Maßstab für die Betrachtung des Interferenzmusters die Wellen-

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Holographie

länge λ (Größenordnung 1μm) ist (zum Vergleich: bei Betrachtung eines üblichen photogra-
phischen Bildes mit einem Auflösungselement der Größe 0,1 x 0,1mm2 ergibt sich die gleiche
Informationsmenge für eine Bildgröße von 80 x 80mm2 ). Auf den Einfluß der Hologramm-
größe auf die Eigenschaften der rekonstruierten Objektwelle wird noch weiter unten in diesem
Abschnitt eingegangen.

Abb.08h

Befindet sich der Objektpunkt O in einem Abstand von g=25.000λ (≈25mm) vor der Holo-
grammebene, so erhält man das in Abb.09h dargestellte Interferenzmuster. Die einfallende
ebene Referenzwelle wird dabei am Objektpunkt gestreut (vgl. ein im Sonnenlicht leuchten-
des Staubkorn) und erzeugt eine Objektwelle mit der geometrischen Form einer Kugelwelle,
die mit der ungestörten Referenzwelle interferiert. Mit diesem Beispiel ist nun auch ein fester
Zusammenhang (Kohärenz) der beiden Wellensysteme, der beim früher behandelten Bei-
spiel unausgesprochen vorausgesetzt wurde, hergestellt. Diese Kohärenz ist für das Entstehen
eines stationären und damit auf dem Film scharfen Interferenzmusters eine unbedingte Vor-
aussetzung (siehe auch weiter unten in diesem Abschnitt). Für das unten dargestellte Interfe-
renzmuster wurde weiters angenommen, daß die Amplituden von Referenz- und Objektwelle
im Punkt M der Hologrammebene gleich sind.

Abb.09h

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Die lokale Struktur des Interferenzmusters (d.h. die lokale Gitterkonstante und der lokale
Kontrast) spiegeln die Richtung und die Amplitude der auf diesem lokalen Hologrammbe-
reich auftreffenden Objektwellenfront wider. An obigem Hologramm erkennt man dies daran,
daß für achsennahe Bereiche eine große Gitterkonstante zu sehen ist (die Objektwelle - Ku-
gelwelle - trifft dort nahezu parallel zur Referenzwelle auf das Hologramm), während für ach-
senfernere Hologrammbereiche die Gitterkonstante kleiner wird (die Wellenfront weist dort
einen größeren Winkel zur Referenzwelle auf). Auf Grund des gewählten großen Abstandes
des Objektpunktes zum Film in Relation zur Filmgröße h variiert dagegen die Amplitude der
Objektwelle auf dem Hologrammausschnitt nur sehr wenig, sodaß sich keine Änderung des
lokalen Kontrastes erkennen läßt. Die Form der ausgedehnten Wellenfront ist an jeder Stelle
durch Beiträge von allen Objektpunkten (in obigem Fall allerdings nur von einem einzigen)
bestimmt, sodaß nun auf den fundamentalen Aspekt der holographischen Informationsspei-
cherung hinzuweisen ist, daß eine "lokale" Objektinformation (Objektpunkt) "nicht-lokal"
(d.h. auf der gesamten Hologrammfläche) gespeichert wird. Dies ist ein kennzeichnendes
Merkmal eines codierenden Abbildungsprinzips. Für das Erkennen einer interpretierbaren
Bildinformation ist in diesem Fall ein Decodierschritt (=Rekonstruktion des Objektwellensy-
stems) grundsätzlich erforderlich.

Abb.10h

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Holographie

Zur Rekonstruktion des Objektwellensystems wird das Hologramm entsprechend der früheren
Vorgangsweise wieder mit der (ebenen) Referenzwelle beleuchtet. Zum einfacheren Ver-
ständnis des resultierenden Beugungsphänomens sei zunächst nur die y/z-Ebene betrachtet
(Abb.10h) und das vorliegende eindimensionale Beugungsgitter variabler Gitterkonstante in
einzelne kleine Abschnitte mit dort näherungsweise gleicher Gitterkonstante zerlegt. Von der
Beugung am periodischen Gitter (siehe oben) ist bekannt, daß die Ablenkung mit kleiner wer-
dender Gitterkonstante größer wird; dies bedeutet für den hier folgenden Beugungsvorgang,
daß die inneren Abschnitte der ebenen Wellenfront wenig und die äußeren Abschnitte zuneh-
mend stärker gebeugt werden. Aus einer genauen mathematischen Analyse folgt, daß sich die
ebene Referenzwelle exakt in eine auseinanderlaufende Kreiswelle - die von einem scheinba-
ren (virtuellen) Bildpunkt B' an der Stelle des früheren Objektpunktes O ausgeht (1. Beu-
gungsordnung = rekonstruierte Objektwelle) - und in eine zusammenlaufende Kreiswelle, die
in einem reellen Bildpunkt B" fokussiert wird (-1. Beugungsordnung = konjugierte Objekt-
welle), transformiert. Stellt man nun eine (zur bisher herausgegriffenen y/z-Ebene) analoge
Überlegung in jeder um die z-Achse gedrehten Ebene an, erhält man immer identische Ver-
hältnisse; aus den entsprechend um die z-Achse gedrehten Kreiswellen ergeben sich dann
Kugelwellen. Man sieht nun, wie die im Falle des unendlich entfernten Objektpunktes beste-
hende Gleichrangigkeit der beiden rekonstruierten Wellensysteme (s.o.) für reale Fälle
aufgehoben wird und die beiden gebeugten Wellensysteme eine unterschiedliche Bedeutung
erhalten. Für den Betrachter ist das in der Hologrammebene entstehende rekonstruierte Ob-
jektwellensystem vom ursprünglichen, vom Objektpunkt ausgehenden Wellensystem, unun-
terscheidbar (vgl. auch mit obiger Abb.04h). Es sei noch ergänzt, daß das Entstehen des
reellen Bildes die Eignung der obigen Beugungsstruktur als "Beugungslinse" mit der Brenn-
weite g demonstriert; diese Beugungsstruktur wird auch als FRESNELsches Zonengitter
bezeichnet.

Abb.11h

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In der Abb.11h ist das rechnersimulierte Hologramm von zwei (streuenden) Objektpunkten
gezeigt (O1 entspricht dabei dem Objektpunkt O in Abb.09h); im zugrundeliegenden Koordi-
natensystem (vgl. mit Abb.08h) ausgedrückt, sind dies die folgenden Annahmen: O1 (0,0,
-25.000λ) und O2 (500λ,500λ,-24.500λ); die Streuamplituden A1 und A2 sind gleich ange-
nommen.
Die Abb.12h zeigt das Ergebnis der Hologramm-Simulation für den Fall, daß Ort und Streu-
amplitude von O2 verändert wurden: O2 (600λ,600λ, -24.400λ) und A2=2/3A1. Damit sei de-
monstriert, daß die Veränderung eines Objektpunktes die Struktur des gesamten
Hologramms ändert.

Abb.12h

Die bisher in den Rechnersimulationen angenommene "Versuchs"- Geometrie - die Refe-


renzwelle wird (teilweise) am Objekt gestreut, die Richtung der Referenzwelle und die (mitt-
lere) Richtung der Objektwelle stimmen überein - entspricht der ursprünglich von GABOR
verwendeten "in-line"-("Geradeaus"-) Anordnung. Die fundamentale Voraussetzung, daß für
eine genaue Rekonstruktion des Objektwellensystems die Referenzwelle bei Aufnahme und
Rekonstruktion übereinstimmen muß, läßt sich in diesem Fall nur unter der Randbedingung
erfüllen, daß während der Hologrammaufzeichnung das Objekt die Referenzwelle nur sehr
wenig stört. Dies bedeutet z.B., daß das Objekt "klein" (in Relation zur Wellenfront der Refe-
renzwelle) und/oder der Abstand von Objekt zu Hologramm "groß" sein muß. Beides erweist
sich in der praktischen Anwendung als nachteilig. Obige Anordnung hat um 1963 durch
LEITH und UPATNIEKS eine Modifikation erfahren, die - obwohl in vielfacher Weise im
Detail geändert - auch heute den grundsätzlichen Aufbau eines Holographie-Experiments re-

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Holographie

präsentiert (Abb.13h): eine ebene Welle (Primärwelle) wird durch einen Strahlteiler
(=halbdurchlässiger ebener Spiegel) in zwei zusammenhängende, kohärente Wellensysteme
aufgeteilt; das eine Wellensystem trifft ohne Wechselwirkung mit dem Objekt auf der Film-
ebene auf (=Referenzwelle), das andere Wellensystem wird durch das Objekt modifiziert (ge-
streut/reflektiert) und trifft erst dann auf die Filmebene (=Objektwelle). Objektwelle und Re-
ferenzwelle treffen nun aus verschiedenen Richtungen auf das Hologramm; die Referenzwelle
wird in dieser Anordnung durch das Objekt nicht beeinflußt. Entsprechend der i.a. Fall sehr
komplexen Struktur der Objektwelle wird nun auch das Interferenzmuster sehr komplex sein;
natürlich gilt auch in diesem Fall, daß die lokale Struktur der Wellenfront (Amplitude, Rich-
tung) mit der lokalen Struktur des Hologramms (Kontrast, Gitterkonstante bzw. lokaler Ab-
stand der Interferenzmaxima) korrespondiert.

Abb.13h

Das Hologramm eines realen Gegenstandes ist ein hochkomplexes Schwärzungsmuster mit
mikroskopischer Struktur und ist mit freiem Auge nicht zu erkennen; erst bei entsprechender
Vergrößerung mit einem Mikroskop erkennt man ein "vollkommen unregelmäßiges" - aller-
dings nicht "zufälliges", sondern mit der Objektwelle direkt korrespondierendes - Muster. In
Abb.13h ist zur Demonstration ein Ausschnitt aus einem Hologramm gezeigt. Damit wird die
oben eingeführte Begriffsbildung der "codierten Abbildung" untermauert.

Zur Rekonstruktion des Objektwellensystems wird nun - wie früher - die Referenzwelle am
Hologramm gebeugt; unter Verwendung der obigen Versuchsgeometrie bedeutet dies, daß das
entwickelte Hologramm wieder in die Aufnahmeposition gebracht und die Objektwelle abge-
blendet wird (Abb.14h). Der Betrachter sieht dann durch das transparente Hologramm wie
durch ein "Fenster" auf das virtuelle Bild des Objektes. Da das rekonstruierte Wellensystem
eine Kopie des vom realen Objekt ausgehenden Wellensystems ist, kann der Betrachter (in-

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nerhalb gewisser Grenzen; s.u.) um das Objekt "herumgehen" und es aus verschiedenen Rich-
tungen ansehen. Dabei sieht er verschiedene Perspektiven und gewinnt z.B. auch den natürli-
chen Eindruck, wie sich nähere Objektbereiche zu entfernteren scheinbar bewegen
(=Parallaxe). Ebenso kann dieses Bild auf konventionelle Weise, z.B. mit Photoappa-
rat/Videokamera, aufgezeichnet oder auch mit einem optischen Instrument (z.B. einer Lupe)
vergrößert werden. Das reelle (konjugierte) Bild des Objektes kann dagegen ohne(!) weitere
Abbildungsoptik auf einen Schirm projiziert bzw. auf einem Film aufgezeichnet werden; hier
ergibt sich natürlich kein "räumlicher" Eindruck des Objektes.

Abb.14h

Auf die nicht-lokale - d.h. ganzflächige - Speicherung der Objektinformation im Hologramm


wurde bereits hingewiesen. Daraus folgt, daß auch mit klein(er)en Hologrammausschnitten
eine Rekonstruktion des Wellensystems des gesamten Objektes möglich ist. Aus dem lokalen
Bezug zwischen Objektwellenfront und Interferenzmuster im Hologramm wird jedoch klar,
daß nur der, dem ausgewählten Bereich des Hologramms entsprechende, Ausschnitt der Wel-
lenfront rekonstruiert werden kann. Das bedeutet zunächst, daß - entsprechend der oben ent-
wickelten Vorstellung, daß das Hologramm (bzw. der Hologrammausschnitt) als Fenster für
die Betrachtung des virtuellen Bildes anzusehen ist - dieses Fenster klein(er) wird und damit
ebenso die Variation der Perspektive und der Parallaxe klein(er) werden (Abb.15h).

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Holographie

Abb.15h

Da jedoch entsprechend dem HUYGENS-FRESNELschen Prinzip ein zukünftiger Ausschnitt


der Wellenfront i.a. Fall Beiträge der gesamten früheren Wellenfront enthält, ist es verständ-
lich, daß dort die Beiträge der ausgeblendeten, nicht "aktivierten", Hologrammbereiche fehlen
werden; daraus folgt das sichtbare Ergebnis, daß die Bildinformation des gesamten Objektes
gestört - unscharf, "körnig" - wird (Abb.16h).

Abb.16h

Für den Experimentator sind Referenz- und Objektwelle unterschiedliche Informationsträger.


Aus der "Sicht des Hologramms" sind jedoch beide Wellensysteme gleichrangig. Das bedeu-

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tet z.B., daß nach der Aufzeichnung des Hologramms neben der bisher besprochenen - der
Rekonstruktion der Objektwelle dienenden - Beleuchtung des Hologramms mit der Refe-
renzwelle auch eine Rekonstruktion des Hologramms mit der - vom Objekt, das am Ort der
Aufzeichnung belassen wurde, herrührenden - Objektwelle durchgeführt werden kann
(Abb.17h). Aus der Gleichrangigkeit beider Wellensysteme folgt dann, daß die Referenzwel-
le (in 1. Beugungsordnung) rekonstruiert wird. Die praktische Bedeutung dieses Vorgehens
ergibt sich aus der folgenden Überlegung: hat sich am Objekt zwischen Aufzeichnung und
Rekonstruktion nichts geändert, wird die - einfache - Struktur der ebenen Referenzwelle exakt
rekonstruiert; bei einer zwischenzeitlichen Objektveränderung und damit für die Rekonstruk-
tion geänderten Objektwelle "paßt letztere nicht mit dem Hologramm zusammen" und die
ursprüngliche Referenzwelle kann nicht (exakt) rekonstruiert werden. Auf dieser Grundlage
ist eine das Objekt betreffende, einfach automatisierbare, Entscheidung möglich, die zum Er-
kennen eines - im Hologramm abgespeicherten - Objektes, bzw. von Objektveränderungen,
ausgenutzt werden kann (vgl. auch mit dem Ende dieses Abschnittes).

Abb.17h

Die Kohärenz zwischen Referenz- und Objektwelle ist die fundamentale Voraussetzung für
das Entstehen eines für die Rekonstruktion brauchbaren Interferenzmusters. Dieser Grundge-
danke muß noch erweitert werden. Ändert sich z.B. während der Hologrammaufnahme die
Richtung der auf den Strahlteiler einfallenden ebenen (Primär-) Welle (vgl. mit Abb13h), so
bleiben beide Wellensysteme miteinander wohl kohärent, es ändern sich jedoch beide Rich-
tungen der auf dem Film auftreffenden, interferierenden Wellensysteme. Entsprechend der
Abb.05h wird sich dann auch das Schwärzungsmuster relativ zum Film verschieben, d.h. das
aufgezeichnete Interferenzmuster wird unscharf oder kann ganz verschwinden. Man muß also
voraussetzen, daß die Raumrichtung der einfallenden, von der Lichtquelle kommenden, ebe-
nen Welle konstant bleibt. Diese Bedingung wird als räumliche Kohärenz bezeichnet und
kann auch so interpretiert werden, daß es sich - zumindest in ausreichender Näherung - um
eine punktförmige Lichtquelle handeln muß (eine von einer Punktquelle ausgehende Kugel-
welle kann exakt in eine ebene Welle transformiert werden und umgekehrt; vgl. z.B.
Abb.10h).

142
Holographie

Eine weitere notwendige Bedingung für das Entstehen von Interferenzmustern ist die zeitli-
che Kohärenz der einfallenden Primärwelle: ohne nähere Diskussion wurde bisher ein statio-
närer, d.h. unendlich langer Wellenzug der Primärwelle (und damit auch der durch Teilung
entstehenden Wellen) unausgesprochen vorausgesetzt. In Wirklichkeit werden von Lichtquel-
len jedoch "Wellenpakete" endlicher Länge ausgesandt, die umso länger werden, je "reiner" -
monochromatischer - das Wellenlängenspektrum der Quelle ist (vgl. mit dem Spektrum eines
schwarzen Strahlers = Temperaturstrahlers bzw. mit dem Linienspektrum von Atomen).
Wenn nun z.B. nur "kurze" Wellenzüge von der Lichtquelle auf den Strahlteiler treffen und
dann als "Referenz-Wellenpaket" und "Objekt-Wellenpaket" die entsprechenden Wegstrecken
der Aufnahmeanordnung durchlaufen, kann auf Grund der beiden unterschiedlichen Weglän-
gen der Fall eintreten, daß beide Wellenzüge erst nacheinander auf die Filmebene treffen und
damit keine Interferenz auftritt (Abb.18h). Es muß daher eine ausreichende Länge der Wel-
lenpakete (Kohärenzlänge) und damit eine ausreichende Interferenzzeit vorliegen, d.h. die
Lichtwelle muß ausreichend monochromatisch sein. Die beiden obigen Kohärenzbedingungen
werden von konventionellen Lichtquellen (z.B. Glühlampen) nicht, von einer Laser-
Lichtquelle (z.B. einem Helium/Neon Gaslaser) jedoch ausgezeichnet erfüllt. Die von LEITH
und UPATNIEKS im Jahre 1963 vorgeschlagene Holographieanordnung konnte daher erst
mit der Verfügbarkeit von Laser-Lichtquellen ausreichender Kohärenz praktisch realisiert
werden; der erste Laser (Rubin-Laser) wurde im Jahre 1960 von MAIMAN entwickelt. Von
einer Holographie-Versuchsanordnung ist weiters noch eine hohe mechanische Stabilität,
insbesondere eine Entkopplung von mechanischen Schwingungen der Umgebung, zu fordern.
Eine alternative Möglichkeit ist die Verwendung von Hochleistungslasern, mit denen die Be-
lichtung des Hologramms in sehr kurzen Zeitintervallen erfolgt, die klein gegen eine Schwin-
gungsdauer der Versuchsanordnung sind.

Abb.18h

Der Strahlengang und die erforderlichen Baugruppen eines einfachen, modernen, Hologra-
phie-Experimentes ("table-top holography", Holographie"baukasten") sind in den
Abbn.19h(1) und 19h(2) gezeigt. An dieser Stelle ist noch darauf hinzuweisen, daß die Refe-

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renzwelle nicht notwendigerweise eine ebene Welle sein muß, sondern auch ein durch opti-
sche Elemente (Linsen) transformiertes Wellensystem, z.B. eine Kugelwelle, sein kann.

Abb.19h(1)

Die Interferenz von zwei sehr unterschiedlichen, kohärenten Wellensystemen (z.B. der Refe-
renz- und der Objektwelle) führt, wie aus der bisherigen Diskussion folgt, zu einem hoch-
komplexen, von einem Betrachter nicht direkt interpretierbaren Interferenz"bild" (z.B. dem
Hologramm). Dies ändert sich, wenn zwei kohärente Wellensysteme interferieren, die sich
nur "geringfügig" unterscheiden. Es soll nun gezeigt werden, wie in letzterem Fall ein Be-
trachter auch einen direkt auswertbaren, messenden Vergleich durchführen kann (Interfero-
metrie).

Abb.19h(2)

Die Ähnlichkeit zweier Wellensysteme (bzw. zweier Wellenfronten) muß dabei auf dem "na-
türlichen Maßstab" der Wellenlänge gegeben sein. Für zwei reale Objekte bzw. deren Wellen-
systeme kann dies nicht erzielt werden, da diese i.a. Fall weder auf obigem Maßstab ähnlich
sein werden, noch am gleichen Ort gleichzeitig präsent sein können. Mit der Methode der
Holographie wurde jedoch eine Möglichkeit gefunden, das Wellensystem eines Objektes voll-
ständig zu speichern und später als identische Kopie zu rekonstruieren, sodaß - zumindest im
Prinzip - sogar eine Gleichheit zweier Wellensysteme dann erreicht werden kann, wenn das

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Holographie

aufgezeichnete Objekt während der Rekonstruktion des Hologramms am ursprünglichen Ort


der Aufzeichnung geblieben ist: ein durch das Hologrammfenster blickender Beobachter sieht
dann sowohl das reale Objekt als auch seine holographische Rekonstruktion am gleichen Ort.
Für die beiden kohärenten Wellensysteme bedeutet das konstruktive Interferenz, d.h. Verstär-
kung (Abb.20h).

Abb.20h

Abb.21h(1) Abb.21h(2)

Der soeben beschriebene Grundgedanke ist die Ausgangsposition für die holographische
Interferometrie: zum grundsätzlichen Verständnis sei dazu zunächst wieder das einfachste
Objekt - ein Objektpunkt - betrachtet (Abb.21h(1) und Abb.21h(2)). Während die Abb.21h(1)
die obige Situation - gleiche Position von realem Objekt und virtuellem Bild, konstruktive

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Interferenz beider Wellensysteme - für dieses Modellobjekt spezifiziert, ist in Abb.21h(2) die
Situation dargestellt, daß sich der Objektpunkt zwischen Aufzeichnung und Rekonstruktion
des Hologramms "geringfügig" verändert hat, d.h. um λ/2 verschoben ist. Da die beiden kohä-
renten Wellensysteme nun eine Phasenverschiebung von λ/2 aufweisen, erhält man eine de-
struktive Interferenz, d.h. Auslöschung, sodaß dieser Objektpunkt nun für den Betrachter
unsichtbar wird!
Diese Verhältnisse lassen sich nun (näherungsweise) auch auf komplexere Objekte (Objekt-
oberflächen) übertragen, sodaß Objektausschnitte, die sich um Werte kλ, (k=0,1,2,...) ver-
schoben haben, sichtbar bleiben und jene Objektausschnitte, die sich um Werte (2k+1)·λ/2
(k=0,1,2,...) verschoben haben, unsichtbar sind. Das Bild eines derart betrachteten Objekts ist
dann mit dunklen Interferenzstreifen überzogen. In Abb.22h ist als Beispiel ein Druckgefäß
zu sehen: die Veränderung des Objektes geht hier auf eine kleine Variation des Innendruckes
zurück. Auf diese Weise kann ein früherer und ein - vom Experimentator auch interaktiv ver-
änderter - gegenwärtiger Zustand eines Objektes mit dem feinen Längenmaßstab der Licht-
wellenlänge verglichen werden. Die zuletzt beschriebenen Grundgedanken finden vielfältige
Abwandlungen und technische Applikationen in der Werkstoffprüfung. Die erzielbaren Ge-
nauigkeiten in der Bestimmung von Objektveränderungen liegen bei ≈λ/10 (d.h. bei
≈0,05μm!).
Laserlicht mit Wellenlängen um den Bereich des sichtbaren Lichtes kann (im Gegensatz zu
Röntgenstrahlung, deren Wellenlänge λ viel kleiner ist) i.a. nicht in das Objekt eindringen,
sodaß prinzipiell nur Objektoberflächen auf diese Weise direkt meßtechnisch erfaßt werden
können. Die außerordentlich hohe Genauigkeit dieser Untersuchungen kann jedoch auch im
Inneren eines Werkstückes vorhandene Defekte indirekt sichtbar machen, wenn diese Inho-
mogenitäten bei einer variierenden Beanspruchung des Werkstückes (siehe oben: Druckände-
rung) zu kleinen, lokalen Unregelmäßigkeiten der darüberliegenden Oberflächenform führen.
Letztere äußern sich in einer lokalen Störung ("Singularität") eines sonst regelmäßigen Inter-
ferenzstreifensystems. Die Abb.23h demonstriert eine solche Singularität am Beispiel eines
Autoreifens; dabei wurde der Reifendruck zwischen Aufnahme und Betrachtung geringfügig
verändert; dieser Befund läßt z.B. auf einen Lufteinschluß in der Reifenwand schließen. Die
Interpretation solcher Messungen erfordert jedoch große Erfahrung.

Abb.22h Abb.23h

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