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Husserl Studies 14: 179–217, 1998.

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© 1998 Kluwer Academic Publishers. Printed in the Netherlands.

Zeichen und Bedeutung. Zu einer Umarbeitung der Sechsten


Logischen Untersuchung

CORRADO SINIGAGLIA
Università degli Studi di Milano, Dipartimento di Filosofia

1. Vorgeschichte der Umarbeitungen der Logischen Untersuchungen

Seit ihrem Erscheinen hat Husserl die Logischen Untersuchungen als “ein
unfertiges, unausgeglichenes, nicht voll ausgereiftes Werk”,1 als eine “Reihe
von Voruntersuchungen” angesehen, die “nicht mehr als Anregungen und
Anfänge”2 einer Phänomenologie des Logischen bieten könnten. Dieses Ur-
teil wurde nicht nur durch die Unzufriedenheit mit einigen Untersuchungen
motiviert, die “gar nicht dazu bestimmt waren in dieser Form publiziert zu
werden, sondern nur als Grundlagen für eine kürzere, mehr systematische Be-
handlung einer zusammenhängenden Reihe erkenntnistheoretischer Haupt-
probleme dienen sollten”,3 sondern auch durch das Bewußtsein der Notwen-
digkeit, den Sinn und die philosophische Tragweite der Phänomenologie wei-
ter zu klären und “die angesponnenen Problemlinien allseitig weiter zu ver-
folgen” (Hua XVIII, S. 8). Trotzdem nimmt Husserl erst 1911 eine effektive
Revision des Textes von 1901 in Angriff;4 bis zu diesem Zeitpunkt hatte
sich die eigentliche Umarbeitungs- und Vertiefungsarbeit – ausgenommen
die Anmerkungen und Beiblätter, die dem Handexemplar beigelegt waren5
– fast ausschließlich auf die an der Göttinger Universität gehaltenen Vorle-
sungen konzentriert, die oft mit der Absicht ausgewählt wurden, “Entwürfe
für die Publikationen zu gewinnen” (Hua XXIV, S. 447).6 Trotz des stän-
digen Scheiterns dieser Projekte hatte Husserl nämlich noch im März 1911
die Hoffnung nicht aufgegeben, “die inzwischen allseitig gefestigten und zu
umfassenden systematischen Einheiten gediehenen Forschungen zur Phäno-
menologie und phänomenologischen Kritik der Vernunft in nicht zu ferner
Zeit der weiteren Öffentlichkeit vorlegen zu können”.7 In eben diesen Mo-
naten fängt er auch an, die erste Auflage der Logischen Untersuchungen
wieder durchzusehen, die, nebenbei bemerkt, seit einiger Zeit vergriffen war.
In den “Logikvorlesungen” des Wintersemesters 1910/11 – die ihrerseits Zei-
chen einer Umarbeitung im Hinblick auf eine eventuelle Veröffentlichung
aufweisen – findet man nämlich eine Randbemerkung “über die Pläne von
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Osterferien des Jahres 1911”, in der folgendes zu lesen steht: “zunächst haben
wir aber die Drucklegung der zweiten Auflage der Logischen Untersuchun-
gen zu besorgen. Das wird eine schöne Arbeit sein” (Ms. F I 15, S. 4b).8
Schon im Januar hatte Husserl an Hans Vaihinger geschrieben, er wolle in
diesem Jahr “auch die lang zurückgestellte Besorgung der Neuauflage des
Bds. II der Log[ischen] Unt[ersuchungen]” leisten;9 und eine solche Absicht
wird auch von einem am folgenden März an Johannes Daubert geschriebenen
Brief bestätigt.10 Trotzdem geht Husserl über einige einfache Skizzen einer
Umarbeitung nicht hinaus.11
Die folgenden Monate (wie auch die zahlreichen von Ludwig Landgrebe
unter dem Titel “Studien zur Struktur des Bewußtsein” gesammelten Ma-
nuskripte belegen) zeichnen sich durch intensive Forschungsarbeit aus, und,
obwohl er auch diesmal nicht zu einem publikationsreifen Text kommt, lebt
in ihm doch immer noch die Absicht weiter, “eine Reihe systematischer Dar-
stellungen zu geben, die einen Neudruck des alten Werks entbehrlich machen
würden: sofern sein keineswegs preisgegebener Inhalt, gereinigt und sach-
gemäß verteilt, in ihnen zu angemessener Mitteilung käme” (Hua XVIII, S.
9). In diesem Zusammenhang sei auch an den Schlußteil der Vorlesungen
des Wintersemesters 1911/12 erinnert, in dem er für das folgende Semester
eine Vorlesungsreihe über “Urteilstheorie” angekündigt hatte, die “eine Zu-
sammenfassung meiner langjährigen Untersuchungen zur Phänomenologie
des urteilenden Bewußtseins” darstellen sollte, “die ich zugleich für eine
Veröffentlichung vorbereite” (Ms. F I 4, BL. 4a). Dies war in der Tat der
Text, den Husserl ursprünglich für den 1. Band des Jahrbuchs geplant hatte.
“Nachträglich” – kann man allerdings in der Einführungsvorlesung des Som-
mersemesters 1912 lesen – “kamen mir aber Bedenken. Bei den innigen Ver-
flechtungen der höheren theoretischen Bewußtseinsgestaltungen mit den nie-
deren [. . .] ist es nicht möglich eine Urteilstheorie darzustellen, ohne weitge-
hende Kenntnisse in Betreff vorauszusetzen, auf die ich hier nur durch einige
grob bezeichnende Titel wie äußere und innere Wahrnehmung, Erlebnis- und
Zeitbewußtsein, Erinnerung, Erwartung, Aufmerksamkeit, Erfassung, Expli-
kation u. dgl. hindeuten kann. [. . .] Ich ändere demnach den Titel etwa in
‘Ausgewählte Grundprobleme der Phänomenologie’ ” (ebd.).
Es wiederholte sich somit dieselbe Situation, wie schon im Wintersemes-
ter 1904/5, als Husserl gezwungen war, die Vorlesungen über “Urteilstheorie”
auf das folgende Semester zu verschieben und sie durch die unter dem Titel
“Hauptstücke aus der Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis” wohl-
bekannten zu ersetzen. Aber hinter der Änderung der Titel der Vorlesungen
stand in Wirklichkeit die Entscheidung, die kurz vor Beginn des Sommerse-
mesters 1912 gereift war, die Publikationsentwürfe gänzlich umzuändern. Da
die Verwirklichung des ursprünglichen Plans noch viele weitere Jahre in An-
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spruch genommen hätte, zog Husserl es vor, sich der Abfassung eines Textes
zu widmen, der “eine allgemeine und doch inhaltreiche (weil durchaus auf
wirklich ausgeführter Arbeit beruhende) Vorstellung von der neuen Phäno-
menologie [geben sollte]: von ihrer Methode, ihrer systematischen Proble-
matik, ihrer Funktion für die Ermöglichung einer streng wissenschaftlichen
Philosophie, sowie einer rationalen Theoretisierung der empirischen Psycho-
logie” (Hua XVIII, S. 9). Daraus wurden dann die Ideen, deren 1. Band, trotz
Husserls wiederholten, aber widersprüchlichen Versprechen, bekanntlich erst
im April 1913 erschien. Unmittelbar danach begab er sich ein weiteres Mal
an die Umarbeitung der Logischen Untersuchungen.
Im ersten Moment dachte Husserl an eine Neuauflage des Urtextes von
1901 “in einer verbesserten Gestalt, die, dem Standpunkt der Ideen nach der
Möglichkeit angepaßt, dazu verhelfen könne, den Leser in die Art wirkli-
cher phänomenologischer und erkenntnistheoretischer Arbeit einzuführen”
(Hua XVIII, S. 9). Aber dies hätte “ein völliges Neuverfassen des Werkes”
bedeutet und somit “eine Verschiebung ad kalendas graecas”. Wenn auch
widerwillig, entschied sich Husserl dann für einen Mittelweg, “gewisse zum
einheitlichen Stil des Werkes gehörige Unklarheiten und selbst Irrtümer ste-
hen zu lassen” (Hua XVIII, S. 10). Die diese Umarbeitungsphase leitenden
Grundgedanken12 zeigen, daß Husserl hauptsächlich daran gelegen war, den
eigentümlichen Charakter der Logischen Untersuchungen beizubehalten, der
darin bestand, “eine systematisch verbundene Kette von Untersuchungen”
darzustellen und “nicht eigentlich ein Buch oder ein Werk im literarischen
Sinne”. Seine Absicht war, den Leser “zu immer neuen logischen und phäno-
menologischen Einsichten” zu führen, so daß “immer neue phänomenolo-
gische Schichten [hervortreten] und [. . .] die Auffassungen der früheren”
mitbestimmen (Hua XVIII, S. 11). In dieser Hinsicht erwies sich die VI.
Untersuchung mehr denn je als “die wichtigste”, weil sie es dem Leser nicht
nur erlaubte, endgültig auf die Ebene der Ideen zu gelangen, sondern auch
die “Wahrheit” des ganzen durchlaufenen Weges enthüllte.
Trotzdem mußte Husserl gerade während der Umarbeitung dieser Unter-
suchung klar werden, daß er sich nicht mehr an die Kompromisse13 jener
drei Grundgedanken halten konnte, die ihn bei der Überarbeitung der er-
sten fünf Untersuchungen geleitet hatten, die er wahrscheinlich in der ersten
Junihälfte abgeschlossen hatte.14 Er mußte vielmehr “ganz frei” vorgehen
und fügte, “um die großen und in der ersten Ausgabe zu unvollkommen
behandelten Themata wissenschaftlich durchzuführen, ganze Reihen neuer
Kapiteln ein, die den Umfang dieser Untersuchung in besonderem Maße an-
wachsen ließen” (Hua XVIII, S. 15). Aber auch dieses Projekt scheiterte,
so daß Husserl sich gezwungen sah, nach einer weiteren Umarbeitung der
Druckfahnen, den Druck im August 1913 zu unterbrechen.15 Auf der anderen
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Seite hatte er schon im Juli desselben Jahres mit einer zweiten Umarbei-
tung des ersten Kapitels begonnen, die jedoch nicht über die ersten fünf
Paragraphen hinausging.16 Kurz nach der Rückkehr aus den Sommerferien
Mitte September schreibt Husserl den bekannten “Entwurf einer ‘Vorrede’ ”.
Da aber der Text zu umfangreich geworden war und die Untersuchungen
so bald als möglich veröffentlicht werden mußten – die neue Auflage war
schon Ende Juni angekündigt worden –, war er gezwungen, ihn durch das
kürzere, am 20. Oktober 1913 geschriebene, Vorwort zur zweiten Auflage zu
ersetzen.17 In diesem Monat wurden der 1. Band und der erste Teil des 2.
(I.-V. Untersuchung) veröffentlicht. Trotzdem hatte Husserl sein Vorhaben,
die VI. Untersuchung umzuarbeiten, noch nicht völlig aufgegeben; ganz im
Gegenteil, jedoch kam er bald zu der Überzeugung, daß eine solche Arbeit
einen radikalen Bruch mit dem Text der 1. Auflage bedeuten mußte.18
Im März-April 1914 widmet er sich dann einer dritten Umarbeitung des
ersten Kapitels,19 die nichts mehr mit den vorherigen Versuchen gemein hat.
Der Text besteht aus drei Teilen: einer Einleitung, einem Abschnitt zur Ana-
lyse des Bedeutens und Ausdrückens in ihrer Beziehung zum Kommunika-
tionsbereich und einem letzten Abschnitt, der eine Vertiefung der Frage des
Zeichens darstellt. Eher noch als zur VI. fällt der Bezug zur I. Untersuchung
ins Auge, was, wie wir sehen werden, nicht ganz zufällig ist. Doch trotz in-
tensiver Beschäftigung mit der Umarbeitung – wofür auch die zahlreichen
Manuskripte dieser Zeit sprechen, die Husserl zusammen mit einigen aus
früheren Jahren stammenden Texten über dieselben Argumente sammelt und
die nun hauptsächlich im Konvolut A I 17 I/II enthalten sind –, und immer
neuer Pläne für eine Veröffentlichung war auch dieses Projekt zum Schei-
tern verurteilt. Dies beweist, daß noch im Sommer 1914 die “theoretischen
Schwierigkeiten” keineswegs gelöst waren, die schon im Vorjahr die Ver-
wirklichung der ersten Umarbeitungspläne verhindert hatten, denn sie hät-
ten “eingreifende Umgestaltungen des neu entworfenen Textes” nach sich
gezogen.
“In den nun folgenden Kriegsjahren war ich” – schreibt Husserl im Vor-
wort zur zweiten Auflage der VI. Untersuchung – “aber unfähig, für die
Phänomenologie des Logischen jene leidenschaftliche Anteilnahme aufzu-
bringen, ohne die bei mir eine fruchtbare Arbeit unmöglich ist. Ich konnte
den Krieg und den nachgekommenen ‘Frieden’ nur ertragen in allgemein-
sten philosophischen Besinnungen und in der Wiederaufnahme derjenigen
Arbeiten, welche der methodischen und sachlichen Ausgestaltung der Idee
einer phänomenologischen Philosophie, dem systematischen Entwurf ihrer
Grundlinien [. . .] gewidmet waren” (Hua XIX/2, S. 533). Das besagt jedoch
nicht, daß Husserl seine Umarbeitungsmanuskripte völlig vergessen hätte: im
April 1917 schlägt er Edith Stein, die in dieser Zeit seine Assistentin war,
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vor, “aus der VI. Untersuchung Teile, die einen geschlossenen Zusammen-
hang ergeben, als kleine Jahrbucharbeiten umzugestalten”.20 Der von Edith
Stein redigierte Text21 weist jedoch keine Spuren eines direkten Eingriffs
Husserls auf und wahrscheinlich hat er ihn nicht einmal nachgelesen. Im
folgenden Jahr, wahrscheinlich von den Berichten Edith Steins angeregt, stellt
auch Ingarden sich die Frage, “wie die VI. Untersuchung umzuarbeiten wäre,
was in ihr zweifelhaft erscheint und auf das Niveau der Ideen gebracht wer-
den könnte”.22 Sowohl der Brief, mit dem Husserl auf die Vorschläge seines
Schülers antwortete, als auch die anderen, die er ihm seit Ende April bis
Mitte November gesandt hatte, sind leider verlorengegangen. Nur ein Brief
vom 16. November 1918 ist noch erhalten geblieben, doch zeigt dieser in
aller Deutlichkeit, daß Husserl am Ende die Idee, von der er sich bei den
vorigen Umarbeitungsplänen hatte leiten lassen, ganz aufgegeben hatte: “Ich
wäre Ihnen sehr dankbar – schreibt er denn auch an Ingarden –, wenn Sie
dabei blieben, wie früher besprochen, die VI. der Logischen Untersuchun-
gen für mich durchzugehen und die nötigen terminologischen und sachlichen
Angleichungen an die 5 Untersuchungen der 2. Auflage zu vollziehen. Sie
würden sich vielen Dank damit erwerben und mir den Neudruck im J[ahr]
1919 ermöglichen”.23
Die neue Auflage erschien jedoch erst im Frühling 1921 und in einer
vollkommen anderen Form als der, die das Vorwort zur zweiten Auflage des
zweiten Bandes von 1913 angekündigt hatte: “Ich mußte mich dazu entsch-
ließen” – bekennt Husserl denn auch im Vorwort zur zweiten Auflage der
VI. Untersuchung –, “an Stelle der radikalen Umarbeitung, von der damals
schon ein erheblicher Teil gedruckt war, den alten, nur in einigen Abschnitten
wesentlich verbesserten Text zu veröffentlichen” (Hua XIX/2, S. 533). Doch
welche Gründe hatte Husserl, den bequemen Weg einer einfachen stilisti-
schen Verbesserung zu begehen? Warum war er nie mehr imstande, den ur-
sprünglichen Plan einer radikalen Umarbeitung bis zu Ende durchzuführen?
Die Andeutungen des Vorworts reichen zur Erklärung dieses Sachverhalts
nicht aus. Es bleibt in der Tat noch die Hauptfrage offen, die das gesamte
Schicksal der Logischen Untersuchungen ausmachen wird, und zwar die nach
den viel zitierten, aber nie geklärten “theoretischen Schwierigkeiten”, die
Husserl im Sommer 1914 dazu führten, seine Arbeit zu unterbrechen und
seine Manuskripte in einer Schublade abzulegen, so, “als ob er” – dies jeden-
falls sind die Worte Edith Steins – “genug davon gehabt [hätte]”.24 Von dieser
Frage hängt auch die Geltung und die Gültigkeit selbst der ersten Auflage ab.
In diesem Sinne ist auch die Entscheidung, unsere Analysen auf die Frage
nach den Zeichen und den Bedeutungen zu beschränken – so wie sie im
zweiten und dritten Umarbeitungsplan des ersten Kapitels, sowie in den mit
ihm verbundenen Manuskripten behandelt wird – keineswegs zufällig. Die in
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Frage stehenden Texte stellen nämlich nicht nur die fortgeschrittenste Phase
der Umarbeitung dar, sondern behandeln auch die Grundfragen, auf deren
Lösung die ganze Umarbeitung der Untersuchungen von 1901 aus war.

2. Vom zweiten zum dritten Umarbeitungsentwurf: der Ausdruck als


kategoriales Zeichen

Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die Druckfahnen der ersten Umar-
beitung sich nicht wesentlich von der ersten Ausgabe von 1901 unterschei-
den. Wenn man von einigen einfachen stilistischen Änderungen absieht, die
zum Großteil auf die Umarbeitung von 1911 zurückgehen,25 scheinen die
Variationen hauptsächlich von der Notwendigkeit getragen zu sein, die Natur
der phänomenologischen Forschung genauer zu umreißen. Dies gilt auch,
wenn, gegenüber der effektiven Korrelationsanalyse, die “Erhebung” auf die
Ebene der Ideen eher in der expliziten Anerkennung des ausschließlich noe-
tischen Charakters der Forschungen, die in der Erstausgabe zu finden ist,
ans Licht tritt, wo die “reelle Immanenz” den einzigen Forschungsbereich
darstellte. Ganz anders liegen die Dinge hingegen beim zweiten Projekt, in
dem Husserl über eine schlichte Umarbeitung “am Rand” des Textes weit
hinausgeht. Nachdem er in den ersten zwei Paragraphen und auf den ersten
Seiten des dritten die schon in der ersten Ausgabe durchgeführte Analyse
der “dreifachen Bedeutung der Rede vom Ausdruck eines Aktes” wieder
aufnimmt, fügt er nämlich einige wichtige Kurrentblätter hinzu, in denen die
Grundüberzeugung der Logischen Untersuchungen radikal in Frage gestellt
wird, d.h. die Idee, derzufolge die Einordnung in die Klasse der objektivie-
renden Akte als notwendige und zureichende Bedingung für die Klärung des
Aktcharakters des Bedeutens im allgemeinen gelten kann. Die “allgemeinere
Frage” nach dem Wesen des Bedeutungsaktes allerdings erfordert, genauer
bestimmt zu werden: Husserl fragt sich nämlich, “ob es ‘objektivierende’
Akte (Akte der Qualität ‘Glauben’) sein müssen und dann gleich weiter, ob
es alle Akte dieser qualitativen Hauptklasse sein können, oder ob wir nicht
vielmehr auf ‘kategoriale’ Akte, ‘Denkakte’ in einem genau zu begrenzenden
Sinn eingeschränkt sind” (Ms. M III 2 I 1, S. 14a).
Die Abweichung wird noch klarer, sobald man die Analysen des Wahrneh-
mungsurteils im §4 mit in Erwägung zieht. Hier sieht sich Husserl nämlich,
obwohl er sich auf die Argumentation der Erstausgabe bezieht, dazu gezwun-
gen, neuerdings, und nicht zufällig, einige Kurrentblätter hinzuzufügen. Nicht
anders als im Text von 1901 geht er davon aus, daß auf der Grundlage der-
selben Wahrnehmung Aussagen von ganz verschiedener Bedeutung gemacht
werden können und daß, auf der anderen Seite, die Bedeutung des Ausdrucks
auch in der Abwandlung der Wahrnehmung mit sich identisch bleibt. D.h.,
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daß auch da, wo dieselbe Wahrnehmung fortfällt, der Ausdruck nicht aufhört,
"in gleichem Sinn bedeutsam zu bleiben". Damit versucht Husserl zu zeigen,
daß das Wort als solches seinen phänomenologischen Charakter nicht “den
begleitenden oder ihm wie immer angepaßten Anschauungen” verdankt (BL.
16a). Allerdings schließt Husserl nicht mehr, wie in der Erstausgabe und
noch in den Druckfahnen des ersten Entwurfs, unmittelbar zugunsten einer
Auffassung, “welche diese Funktion des Bedeutens einem überall gleich-
artigen Akt zuweist”, wo die Gleichartigkeit von jener Freiheit “von den
Schranken der uns oft versagten Wahrnehmung und selbst Phantasie” (Hua
XIX/2, S. 551) definiert wird, die den bedeutungsverleihenden Akt als leere
Vorstellung auszeichnet. Er gewahrt vielmehr die Notwendigkeit einer weite-
ren Klärung jenes inneren “Sich-Beziehens” des Sinnes der Aussage auf den
Erscheinungsgehalt der Wahrnehmung, da seine Beschreibung innerhalb der
Grenzen eines “Sich-Richtens” nun immer “ungenauer” wird.26 Daraus folgt,
daß wir, wie auch immer der phänomenologische Inhalt der Wahrnehmung
variieren mag, nicht “jede beliebige Wahrnehmung von beliebigem Erschei-
nungsgehalt substituieren” (Ms. M III 2 I 1, BL. 18a) können. Ansonsten
würde gerade jene Einheit der Ausdrucksbeziehung fortfallen, derzufolge die
Aussage Ausdruck der Wahrnehmung ist, wobei diese in jenem ausgedrückt
wird. Die Variation ist immerhin eine Variation innerhalb gewisser Gren-
zen, die nicht so sehr durch die Beziehung auf ein und dieselbe vereinte
Gegenständlichkeit als vielmehr “durch die Einheit des intuitiven Sinnes”
bestimmt werden, aus dem sich “gerade der jeweilige Aussagesinn ‘heraus-
holen’ läßt” (ebd.). Das ‘Sich-Richten’ bestimmt sich somit als Herausholen
eines Sinnes, der “wesensmäßig, wenn auch ‘unexpliziert’, gerade in ihr und
den ihr darin gleichwertigen Erscheinungen [‘liegt’], aber nicht ohne weiteres
in beliebigen Erscheinungen desselben Gegenstands” (ebd.). Die bildliche
Rede vom Ausdrücken erscheint also inadäquat, weil ihrzufolge die Einheit
der Ausdrucksbeziehung auf ein unvermitteltes Sich-Anpassen der Wahrneh-
mung und der Aussage verweisen würde. Vielmehr “gehört zu diesem An-
passen bei jeder echten Wahrnehmungsaussage, und so bei jedem nach einer
schlichten Anschauung sich richtenden Nennen oder Aussagen, daß sich auf
dem Untergrund des Wahrnehmens ein gewisses ‘Denken’ vollziehe, bzw.
daß die Wahrnehmung (hier verstanden als das ‘Wahrgenommene als sol-
ches’) eine gewisse ‘Denkfassung’ annehme” (BL. 20a). Die Vermittlung
einer denkmäßigen Gestaltung als kategorialer Gestaltung stellt sich selbst
als Möglichkeitsbedingung des Ausdrückens heraus: “Soll ein Wahrnehmen
zu einem Wahrnehmungsaussagen werden, so muß es ein eigenartiges Akt-
gebilde fundieren, das als solches seine eigenartige Intentionalität hat” und
das “zwar aus dem fundierenden Wahrnehmen ihre Nahrung [zieht], aber so,
daß dem Aktgebilde ein neuer, in dem Wahrnehmungssinn fundierter Sinn
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entspricht” (ebd.). Was im eigentlichen Sinne zum Ausdruck kommt, ist also
nicht der Wahrnehmungssinn schlechthin, sondern jener Sinn, der in der kate-
gorialen Fassung in ihm gründet. Noematisch gesprochen bedeutet dies, daß
das Wahrgenommene “in der Einheit des intuitiv erfüllten Ausdrucks seine
‘kategoriale Gestalt’, eine ‘gedankliche’ Gestalt als (noematisches) Korrelat
des gestaltenden Denkens” (BL. 19b) hat.
Wir können nun nicht umhin aufzuzeigen, wie eng die Berufung auf die
Kategorialität gerade mit der tieferen Analyse der Unabhängigkeit des Be-
deutens vom Wechsel des perzeptiven Inhalts verbunden ist, der zwar in der
Erstausgabe einen Teil der Argumentation ausmacht, in Wahrheit dort aber
keine Erklärung findet. Wenn Husserl nämlich schon im §13 der I. Untersu-
chung behauptet, daß “dieselbe Anschauung (wie wir später nachweisen wer-
den) verschiedenen Ausdrücken Erfüllung bieten [kann], sofern sie nämlich
in verschiedener Weise kategorial geformt und mit anderen Anschauungen
synthetisch verknüpft werden kann” (Hua XIX/1, S. 55), dann ist allerdings
klar, daß gerade dieser entscheidende Aspekt in der Definition des spezifi-
schen Aktcharakters der Bedeutungsintention nicht adäquat beachtet worden
ist. Besagte Definition scheint vielmehr einzig und allein vom Argument der
Symbolfunktion des Ausdrucks bestimmt zu sein, so als ob das Fortfallen der
Wahrnehmung den Grenzfall der Variation ausmachte. Allerdings ist klar, daß
es sich nicht um dieselbe Freiheit von der Intuition handelt: diese kann also
nicht – wie Husserl es in der Erstausgabe zu tun scheint – ausschließlich in-
terpretiert werden als Unabhängigkeit der intentionalen Ausdrucksbeziehung
von der wirklichen Präsenz des intuitiven Aktes und, in Beziehung dazu, des
Intendierten, sei es auch und vor allem als Freiheit der Denkfassung, der kate-
gorialen Formung, Freiheit als an sich nicht absolute, insofern “es zum Wesen
jedes Wahrnehmungssinnes gehört, gewisse derartige kategoriale Gestalten
anzunehmen, in gewissen durch ihn vorgezeichneten Formen explizierbar und
‘begrifflich’ faßbar zu sein”, so daß er in der Aussage zum Ausdruck kommen
kann, auch wenn diese “in eigentlichem Verstand dem kategorialen Gebilde
Ausdruck gibt” (Ms. M III 2 I 1, BL. 20a).
Man könnte nun zurecht einwenden, daß der Übergang von der ersten
zur zweiten Abteilung der VI. Untersuchung gerade in der Anerkennung
der kategorialen Art der Bedeutungsintention im Fall des Wahrnehmungs-
urteils gründete und daß, wenn in den Analysen der ersten Abteilung von der
Kategorialität keine Rede war, dies nur deshalb der Fall war, weil man es
für methodisch notwendig hielt, “zunächst die einfachsten Bedeutungen als
Ausgang [zu] nehmen und somit von den Formenunterschieden [zu] abstra-
hieren” (Hua XIX/2, S. 541). Allerdings scheinen nun auch die einfachsten
Bedeutungsformen, wie etwa okkasionelle Ausdrücke und Eigennamen, für
Husserl kategorial zu sein: “In der Tat, auch die Eigennennung – um nur die
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sachhaltigen Nominalien zu nennen – [. . .] fordert die Herausfassung des


sich anschaulich Gebenden, ein darauf hinzielendes, setzendes Meinen, und
zwar ist das Gemeinte bald als Gegenstand worüber, demgemäß als Aussage-
subjekt, und bald als ein auf das anderweitige Subjekt bezogenes und damit
identifiziertes Objekt gemeint” (Ms. M III 2 I 1, BL. 33a). Auf der anderen
Seite war auch die Position des Textes von 1901 nicht ohne Schwierigkeiten:
widerspricht nämlich gerade die Definition der Eigenbedeutung als “form-
los” nicht der IV. Untersuchung, derzufolge die syntaktische Formgebung
etwas mehr sei als ein einfaches und gelegentliches Einkleiden? Wenn der
Eigenname ein Ausdruck ist – was Husserl nie bezweifeln wird – und wie
jeder andere nominale Ausdruck als Subjekt in der prädikativen Synthesis
fungieren kann, besitzt er dann diese Möglichkeit nicht a priori, d.h. durch
eine logische Form, die grammatikalische Form der Substantivität, die er
sicherlich nicht aus der sinnlichen Anschauung gewinnt, sondern die auf die
Vermittlung eines kategorialen Aktes verweist, aufgrund dessen das Ange-
schaute allererst geformt und in der Weise des ‘Gegenstands-worüber’, des
Objekt-Subjekts des Diskurses gemeint wird? Mehr noch, daß der Eigen-
name den Gegenstand ‘direkt’ nennt als denjenigen, “der er ‘selbst’ ist”,
bedeutet lediglich, daß er ihn “nicht in attributiver Weise als Träger dieser
oder jener Merkmale” meint, und nicht, wie die Erstausgabe es wollte, daß
der genannte Gegenstand, “so wie ihn die Wahrnehmung vor Augen stellen
würde” gemeint wird (Hua XIX/2, S. 555). In jeder schlichten anschauli-
chen Vorstellung ist der Gegenstand nämlich immer in irgendeiner Weise
gegeben, aber nie als ‘Selbst’, wobei dieser Terminus nicht so sehr auf die
Selbstgegebenheit verweist, in der der Gegenstand selbst, d.h. leibhaft gege-
ben ist, als vielmehr auf das, was das Eigentümliche einer Sache oder einer
Person ausmacht, dieses unveränderbare Eigentümliche, das sie von jeder
anderen unterscheidet.27 Die Einfachheit der Eigenbedeutung kann also nicht
auf die Schlichtheit der Wahrnehmung reduziert werden. Letztere nämlich
kann nicht nur nicht als Bedeutungsintention fungieren, sondern nicht ein-
mal als Bedeutungserfüllung.28 Das bedeutet natürlich nicht, daß sie nicht
in irgendeiner Weise zur Bedeutung des Ausdrucks beitrüge; im Gegenteil,
aber ein solcher ‘Beitrag’ ist nun nur möglich, indem die Wahrnehmung die
‘Unterstufe’ eines auf sie gerichteten kategorialen Aktes darstellt.
Die Bedeutung dieser Behauptungen liegt auf der Hand: in der Erstaus-
gabe stellte der Eigenname nämlich den Modellfall der Ausdrucksbeziehung
dar, auf dem der gesamte Gang der VI. Untersuchung (und selbst die Auftei-
lung in zwei Abteilungen) beruhte, der nun nicht mehr so ‘natürlich’ ist. Wie
ist es in der Tat möglich, “von den Formenunterschieden [zu] abstrahieren”
und somit die Kategorialität erst in einer ergänzenden Untersuchung zu be-
handeln, wenn es die kategoriale Form selbst ist, die das wesentliche Element
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des Bedeutungsbewußtseins darstellt? Unterlag Husserl nicht einer “feinen


Zweideutigkeit”, als er die einfachste Bedeutungsform (den Eigennamen)
als formlos betrachtete? Wie kann die Abstraktion von den verschiedenen
kategorialen Formen überhaupt die Abstraktion vom formalen Element des
Kategorialen als solchem mit sich bringen? Gerade diese Abstraktion von der
Kategorialität führte Husserl dazu, die Bedeutungsintention mit der signitiven
Intention zu identifizieren, wobei er letztere als leere Vorstellung betrach-
tete und dadurch ihre eigentliche Natur verkannte und folglich die Einheit
von Ausdruck und Intention ausschließlich als Erfüllungseinheit interpre-
tierte. Dies allerdings reichte zur Klärung der Ausdruckseinheit als solcher
nicht hin, denn in den Beiblättern des dritten Paragraphen des zweiten Um-
arbeitungsplans gesteht Husserl ausdrücklich zu, daß “es [. . .] sich bei der
Klärung des Ausdrückens einer Anschauung [. . .] bald heraus[stellt], daß
wir in betreff des die Worte als solche beseelenden Bedeutens (‘Bedeutung
Intendierens’, ‘Bedeutungsverleihens’) und des die Bedeutung in der Erfül-
lung Realisierens und dadurch intuitiv Habens noch der tieferen Einsicht
entbehren” (Ms. M III 2 I 1, BL. 12b). Es sind ihm nämlich ernsthafte Zwei-
fel an der Gültigkeit des Ausdrucksmodells von 1901 gekommen, und zwar
besonders, was die Notwendigkeit angeht, zur Klärung der Bedeutungskon-
stitution zwischen bedeutungserfüllendem und bedeutungsverleihendem Akt
zu unterscheiden.29
Obschon ihm die Lösung dieser Probleme als "durchaus unentbehrlich" er-
scheint, gibt auch der zweite Umarbeitungsplan keine befriedigende Antwort.
Die Antwort bleibt aus, weil sie nicht gegeben werden konnte, und Husserl
ist der erste, der sich dessen bewußt wird. In dieser Zeit nämlich kommt er
zu der Überzeugung, daß diese Fragen, eben wegen ihrer Tragweite, keine
wirkliche Lösung finden können ohne eine echte und radikale Aufarbeitung
des Urtextes. Diese hätte vielleicht seinen expositiven Duktus überwinden
können, was im zweiten Plan noch nicht vorgesehen war. Er hätte auf diese
Weise einen weiteren Schritt, oder besser einen “Schritt zurück”, getan in
die Richtung einer Wiederaufarbeitung der vorbereitenden Analysen und der
wesentlichen Unterscheidungen der I. Untersuchung, die den gesamten Ver-
lauf der folgenden Untersuchungen bestimmt hatte. In einer Disposition vom
28.3.1914 erklärt er nämlich, sich “von neuem mit den Fragen von Zeichen
und Ausdruck” auseinanderzusetzen, um “das allgemeine Wesen des Zei-
chens bzw. des Zeichen konstituierenden Bewußtseins” (Ms. A I 18, BL.
55a) zu klären. Diese Absicht wird in einem weiteren Arbeitsplan aus den
Monaten März–April 1914 bestätigt, wo zu lesen steht: “Was scheidet Aus-
druck und Zeichen? Es wird nichts helfen. Ich werde damit anfangen müssen”
(BL. 53a). Dies darf uns in keiner Weise überraschen: entspricht denn die
Rückkehr zur I. Untersuchung im Grunde nicht dem Ausarbeitungsgesetz der
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Logischen Untersuchungen überhaupt, d.h. der Zickzack-Bewegung, welche


seit 1901 den besonderen Charakter der phänomenologischen Verfahrens-
weise ausmachte? Die Einleitung zum dritten Umarbeitungsplan scheint dies
zu bestätigen: wie in der Einleitung von 1901 betrachtet Husserl nämlich
die I. Untersuchung als “einen ersten Versuch”, der “bei näherer Betrachtung
keineswegs als genügend” (BL. 3a) erscheint und eine weitere Vertiefung er-
fordert. Nur meint er, erst jetzt in der Lage zu sein, “die Probleme zu reinigen,
Halbheiten und Irrtümer auszumerzen” (BL. 10b), so daß die neue Untersu-
chung sich nicht “auf eine Besserung der ursprünglich abschließenden VI.
Untersuchung” beschränken wird, sondern “eine völlig neue, mit ihr die we-
sentlichen Ziele teilende, aber sie in anderer Form mittels reiferer Einsicht
anstrebende Arbeit’ (BL. 4a) darstellen wird.
Ausgangspunkt ist nach wie vor die vorbereitende Analyse der Sprache,
und das ist notwendig, sofern “das Logische [. . .] sich wesentlich in sprach-
licher Form [gibt]” (BL. 7a). Doch jetzt gibt sich Husserl nicht mehr damit
zufrieden anzuerkennen, daß “die Objekte, auf deren Erforschung es die reine
Logik abgesehen hat, zunächst im grammatischen Gewande gegeben” sind
(Hua XIX/1, S. 8), so daß die phänomenologische Analyse nun ausgehen muß
von der Klärung “des Wesensverhältnisses zwischen Ausdruck, Bedeutung,
Bedeutungsintention und Bedeutungserfüllung” (Hua XIX/1, S. 19). Wir wol-
len nicht behaupten, daß diese Themen zweitrangig wären, im Gegenteil.
Allein, die phänomenologische Analyse kann, wenn sie von der Gegebenheit
des Logischen in der natürlichen Einstellung ausgehen will, einzig und al-
lein bei der Betrachtung der intersubjektiven Wechselverständigung ansetzen:
die logische Gegenständlichkeit nämlich, als “Intersubjektivität der Seinsset-
zung und Seinsausweisung” (Ms. A I 18, BL. 5b), verweist als Bedingung
der Möglichkeit auf die Konstitution eines kommunikativen Verbandes, ei-
ner gemeinsamen Sprachwelt, in der jede Erkenntnis und jede Seinsgeltung
intersubjektiv ausweisbar sind. Doch auch wenn der Duktus der Analysen
größtenteils in veränderter Form erscheint (in der Erstausgabe sind diese Pro-
bleme lediglich im §7 behandelt worden), sollte man deswegen nicht denken,
daß die grundlegende Gesamtstrategie verlassen worden wäre, die sowohl
die I. als auch die VI. Untersuchung regelte. Auch in dieser Schrift ist näm-
lich der Weg der eines Abstiegs “vom Logisch-Sprachlichen [. . .] in immer
tiefere [. . .] Unterschichten”, bis man zu jenen Kernschichten gelangt, “die
sich als die für das Verständnis des Denkens radikalen ausweisen und einer
selbständigen Untersuchung fähig sind, ohne eingehende Rücksichtnahme
auf jene Außenschichten” (BL. 10a/11a). Es handelt sich demnach um eine
Suche nach dem Ursprung, wenn auch nicht genetisch, die darauf aus ist, die
verschiedenen intentionalen Implikationen auszumachen, um die wesentli-
chen Charakteristiken der Konstitution des Logischen zu klären, d.h. dessen,
190

“was wirklich zum Wesensbestand eines solchen [logischen] Bewußtsein[s]


als abtrennbares oder unabtrennbares Moment gehört” (ebd.).
Ausgangspunkt ist also die Analyse der Sprache oder besser des Spre-
chens verstanden als “ein Vorkommnis im geselligen Verband [. . .], in dem
Personen (psychische Subjekte überhaupt) einander wechselseitig zugewen-
det sind, die einen zu den anderen sprechend, diese das Gesagte als an sie
Gerichtetes verstehend” (BL. 14a). Wenn wir nun den Standpunkt des Spre-
chenden einnehmen, dann erscheinen die gesprochenen oder geschriebenen
Worte als “phänomenologisch charakterisiert nicht nur überhaupt als wer-
dende und nach ihrem Ablauf gewordene Geschehnisse, sondern als prakti-
sche Geschehnisse, als in Form eines Tuns geschehende bzw. geschehene”
(BL. 16a). Das “ich spreche” ist nämlich nichts anderes als ein Sonderfall
von “sehr viel allgemeineren phänomenologischen Sachlagen” (ebd.), das
“ich tue”: dies ist die praktische Möglichkeit eines Leibes, frei leibliche Be-
wegung, genauer eine Bewegung der Zunge, der Hand usw. zu vollziehen.
So gesehen unterscheidet sich das Wort allerdings in keiner Weise von ei-
nem “Geräusch, das zufällig erschallt”, oder vom “Rollen einer Kugel, die
im Sand eine Spur zurückläßt”. Das “ich tue” ist hier einfach nur ein “ich
mache Lärm”: im eigentlichen Sinne spricht der Mund noch nicht, er äußert
einfach nur einen Laut. “Am Erzeugtsein” – schreibt denn auch Husserl –
“nimmt auch das Bedeuten teil” (BL. 18b): das ‘ich spreche’ ist demnach im
eigentlichen Sinne ein “ich erzeuge die konkrete Einheit der Rede, gebaut aus
den Wortzeichen und denselben ihnen zugehörigen Bedeutungen” (BL. 14b).
Das Wort ist wohl erzeugt worden, aber “im Modus des bloßen Mittels, der
Brücke für die Bedeutung”, die ihrerseits erzeugt wurde, wenn auch “in einer
gewissen Weise” (Ms. A I 17/II, BL. 60b). Die Bedeutung ist nämlich ein
Überschuß, dessen Erzeugtsein ist das eines Mit-den-Worten-gemeint-Seins.
Doch reicht dies alles noch nicht aus, um die Konstitution der kommuni-
kativen Wechselverständigung zu klären: “Mitteilung” – schreibt nämlich
Husserl – “erwächst, wenn ich nicht nur überhaupt ein Zeichen erzeuge oder
hinstelle, um den Anderen zum Vollzug einer Bezeichnung zu bestimmen,
sondern wenn ich es kommunikativ tue, also so, daß er meine Absicht ver-
stehen und ich ihn als mich Verstehenden apperzipieren kann” (BL. 61a). Es
besteht hier keinerlei Unterschied zu dem, was im §7 der I. Untersuchung
gesagt wurde, doch ist Husserl nun in der Lage, den eigentlichen Sinn jenes
“Apperzipierens” eingehender zu erläutern. Vor allem bemerkt er, daß, wenn
wir uns in ein verstehendes Bewußtsein hineinversetzen, wir nicht umhin
können zu bemerken, wie “die Phänomene [. . .] nun offenbar verändert”
sind gegenüber dem “ich spreche”, und zwar insoweit als “die gehörte Rede
[. . .] nun nicht originär als unser Erzeugnis [erscheint], sondern [. . .] dem
Redenden gegenüber ‘einverstanden’ [wird] als die seine” (Ms. A I 18, BL.
191

20b). Beim Zuhören oder beim Lesen stellt sich nicht nur ein einfaches Ver-
ständnis des Sinnes der Rede ein, die kommuniziert wird; dieses Verständnis
verweist in erster Linie auf die einverstehende Auffassung der Rede als Akt
des Sprechenden (oder Schreibenden), der so als das eine “solche Meinung in
eins mit der Rede mitteilendes Subjekt” (ebd.) verstanden wird. Schließlich
verweist dieses Verständnis dann auf die allgemeinere einfühlende Apperzep-
tion, “der gemäß der [Verstehende] den Sprecher nicht als bloßes körperliches
Ding, sondern als Menschen ‘wahrnimmt’ bzw. den Schreibenden sich als
Menschen vergegenwärtigt” (BL. 23a).
In dieser Hinsicht ist der Verlauf der Analyse vollkommen analog zu dem,
den wir im Fall des “ich spreche” antrafen: das Phänomen muß in seinen
verschiedenen intentionalen Implikationen verstanden werden, ohne jedoch
seine Eigenart aus dem Auge zu verlieren. Wenn der Wortlaut nämlich
zunächst als Äußerung einer Innerlichkeit verstanden wird – wobei das Wort
evidenterweise keine zeitliche Beziehung, sondern eine intentionale dar-
stellt –, als ‘Aus-druck’ eines fremden Seelenlebens, dann verweist die sprach-
liche Kommunikation als solche auf die einverstehende Vergegenwärtigung
als ihre eigene Möglichkeit, wodurch die Wortlaute sich als Worte entfalten,
mit denen der Sprechende etwas meint. Aber eine solche einverstehende Auf-
fassung spielt auch für den Sprechenden selbst eine einschneidende Rolle,
denn, indem er “sich mitteilend an seinen Adressaten wendet”, hat er ihn
als solchen, als seine Meinung Verstehenden “in entsprechenden intentio-
nalen Erlebnissen bewußt” (ebd.). Das Wort legt somit eine kommunika-
tive Valenz an den Tag, aufgrund derer es nun nicht mehr ausreicht, vom
Dialog zum Monolog überzugehen, um das reine Bedeutungsbewußtsein zu
erlangen. Das Aufzeigen der Unwesentlichkeit der wirklichen Existenz des
Wortes und der Zwecklosigkeit seiner anzeigenden Funktion in der einsamen
Rede kann nun nicht mehr jene entscheidende Bedeutung haben, die es in
der I. Untersuchung hatte. Es gibt nämlich in der Tat Fälle, in denen, auch
wenn die Worte nur in ‘phantasiegemäßer Form’ vorschweben, eine kom-
munikative Intention vorhanden ist, so wie man beispielsweise eine Rede
im Geiste durchspielt, bevor man sie an jemanden richtet. Auch wenn diese
explizite Intention fortfällt, etwa wenn ich nachdenke und “still spreche ohne
jeden Adressaten”, sei er wirklich oder imaginär, sind darüber hinaus noch
“ ‘dunkle’, leere Intentionen, die auf einen kommunikativen Zusammenhang
gehen, und sei es auch phantasiemäßige, qualitativ neutralisierte Intentionen
vorhanden” (BL. 34b). Und nicht nur dies, denn jedes Wort hat als solches
immer eine apperzeptive Schicht, die auf einen möglichen kommunikativen
Kontext verweist. Es handelt sich immer um das Wort einer Sprache und von
daher einer Sprachgemeinschaft, deren Zugehörigkeit definiert wird durch die
Möglichkeit zu verstehen und deshalb die Ausdrücke in ihrer angemessenen
192

Bedeutung zu verwenden. Gewiß, dies alles bleibt außer Funktion, sofern es


nicht zur Konstitution des reinen Bedeutungsbewußtseins beiträgt, und trotz-
dem macht gerade die Komplexität des kommunikativen Phänomens “ein ge-
naueres Studium der in der konkreten Einheit eines sprachlichen Bewußtseins
bald offen, bald versteckt, bald unmittelbar, bald mittelbar eingewobenen
Intentionalitäten” notwendig (BL. 35a). Man darf also die Kommunikation
nicht verlassen: man muß vielmehr in ihr selbst die Möglichkeit ihrer Auf-
hebung suchen. Husserl gelangt von daher zur Unterscheidung der Reden in
objektive und subjektive, wobei, im Unterschied zu ersteren, zu letzteren ein
expliziter Verweis auf das sprechende Subjekt gehört. Ihrerseits werden nun
die subjektiven Reden in kommunikative und nicht kommunikative Reden un-
terteilt: im ersten Fall gehört das Sich-Adressieren wesentlich zur Bedeutung
der Aussage, zum Aussagethema selbst, während im zweiten Fall dieses Sich-
Adressieren auf die kommunikative Intention zurückgeführt wird, die sich auf
jede Rede beziehen kann und die im eigentlichen Sinne nicht zum Ausdruck
kommt. Es wird somit die Bedeutung des unternommenen Schritts klar. Wenn
nämlich die Analyse des Einverstehens zeigte, wie “der Gesamtbestand der
zum kommunikativen Verhältnis gehörigen Akte [. . .] die den gesprochenen
Worten Bedeutung verleihenden Akte [nur als einen Teil umfaßt]” (BL. 37b),
dann kann nur die Anerkennung folgender Tatsache die Möglichkeit, von
der kommunikativen Sphäre zu abstrahieren, rechtfertigen: die Akte “können,
aber müssen nicht etwas besagen, was auf Verhältnisse der Kommunikation
Beziehung hat” (ebd.).
Allein, nicht nur die Analyse des kommunikativen Phänomens erschien
Husserl “keineswegs genügend”: ein ähnliches Urteil traf auch und vor allem
die Weise, in der die gesamte Zeichenproblematik in der Erstausgabe behan-
delt wurde, und zwar ab dem Punkt, an dem zwischen Anzeichen und Aus-
drücken unterschieden wird.30 Husserl schreibt denn auch: “Wir tun jetzt bes-
ser, noch genauere Scheidungen vorzunehmen, und zwar zunächst zwischen
bloßen Anzeichen und eigentlichen Zeichen” (BL. 38a). Diese genauere Ein-
teilung betrifft jedoch nicht die allgemeine Definition des Anzeigens und der
Bezeichnung. Die Einheit, welche die anzeigende Beziehung auszeichnet,
wird nämlich, genau wie in der I. Untersuchung, als Motivationszusammen-
hang bestimmt: “Die gewöhnliche Rede gestattet es, den Ausdruck ‘Zeichen’
oder ‘Anzeichen’ für etwas überall da zu gebrauchen, wo eine ‘Tatsache’ ‘für
eine andere Tatsache spricht’, wo die Gewißheit oder Wahrscheinlichkeit, daß
A sei (mag es sich um ein Ding oder einen Vorgang oder irgendwelche reale
oder ideale Sachlage handeln) darauf hinleitet, daß nun wohl auch B sei”
(ebd.). Selbst das Beispiel ist dasselbe: “Wildspuren zeigen Wild an”. Die
Spur ist also Spur des Tieres, insofern das Da-sein der Spur die Seinssetzung
des Tieres motiviert: sie ‘erinnert’ “in motivierter Setzung (Erinnerungser-
193

gänzung) an einen intuitiven Zusammenhang, in dem als zugehörig Wild


als Dasein auftritt” (Ms. A I 17/II, BL. 55b). Es mag sein, daß man nicht
zur intuitiven Vergegenwärtigung des Zusammenhangs gelangt, wie im Falle
eines wiederholten Anzeichens, bei dem man gewöhnlicherweise von A zu
B übergeht; es kann auch der Motivationszusammenhang selbst außer Kraft
sein und nur eine blinde Tendenz verbleiben: es ist in jedem Fall evident,
wie die Zugehörigkeit der Glieder der Anzeigebeziehung sachlich (d.h. in re)
begründet ist. Vollkommen anders liegen die Dinge im Falle echter Zeichen,
die nichts anzeigen, sondern etwas bezeichnen, “etwas ausdrückend bedeu-
ten”: Zeichen und Bezeichnetes haben nichts miteinander gemein, und wenn
gelegentlich eine sachliche Affinität auftritt, z.B. eine Ähnlichkeit, dann trägt
sie nicht wesentlich zur Bezeichnung bei. “Hier ist kein Verhältnis unmittel-
baren Hinweisens” – schreibt Husserl – “fundiert in sachlicher Motivation,
[. . .] das die beiden Glieder des Zeichenverhältnisses Verbindende und ihren
Wesenscharakter Ausmachende” (BL. 58a). Das Zeichen bezeichnet mittels
der Bedeutung, sein Verweisen ist demnach also nicht direkt wie im Fall der
Anzeichen, “an denen man das Angezeigte merken, ersehen, erkennen kann”
(BL. 57b), sondern vermittelt durch jenes Meinen (Bedeutungsintention) und
korrelativ zu jener Meinung, die mit den Zeichen zum Ausdruck kommt und
die zuletzt die Bedingung der Möglichkeit jeder Bezeichnung ausmacht.
In dieser Hinsicht, wie auch Husserl anerkennt, “[stimmt] die gemachte
Unterscheidung [. . .] mit der eben dort gemachten Unterscheidung zwischen
bloßen Anzeichen und Ausdrücken [überein]” (Ms. A I 18, BL. 38a). Dies
stimmt allerdings nur, wenn man den Begriff des Ausdrucks in einem wei-
testen Sinne nimmt, so daß er für alle echten Zeichen gilt und nicht nur für
die sprachlichen. Der Umgrenzung des Begriffs des Zeichens - nur inadäquat
kann man nämlich vom Anzeichen als Zeichen sprechen31 – entspricht so-
mit, einer typischen Verfahrensweise Husserls bei der Analyse gemäß, eine
Erweiterung des Bedeutungsbereichs, worin denn auch das herausragende
Merkmal des dritten Umarbeitungsplans besteht. Die Bedeutungsfunktion ist
nämlich nicht mehr nur Vorrecht des sprachlichen Ausdrucks: Husserl meint
nun, daß man auch im Fall der Erinnerungszeichen, der Merkzeichen und der
Signale usw. von echten Zeichen sprechen kann. Mit ihnen ist etwas gemeint,
und zwar: “mit dem Stigma ist gemeint: Das ist ein Sklave. Mit der Fahne
ist gemeint: Das ist ein deutsches Schiff. Mit dem Sturmsignal: Sturm ist
im Anzug” (Ms. A I 17/II, BL. 57b). Nicht daß ihre Verwendung in der I.
Untersuchung als Beispiele der Anzeichen ungerechtfertigt gewesen wäre,
im Gegenteil: das Erinnerungszeichen kann als Anzeichen meiner Entschei-
dung, mich zu erinnern, fungieren, so wie “das Sturmsignal [. . .] freilich auch
als Anzeichen [dient], das Stigma als Anzeichen des Sklaven, die Fahne als
Anzeichen der Nation” (ebd).
194

Andererseits gab Husserl schon in der Erstausgabe zu, daß die Anzeichen
“neben der Funktion des Anzeigens noch eine Bedeutungsfunktion erfül-
len” können (Hua XIX/1, S. 30). Doch muß man nichtsdestoweniger darauf
hinweisen, daß Husserl gerade diese Möglichkeit im Urtext eigentlich nicht
in Erwägung gezogen hat und sich auf die Untersuchung der Funktion des
Anzeigens der Worte beschränkt hat. Dies wird, wie wir sehen werden, ent-
scheidend sein. Die Einschränkung unterband nämlich vor allen Dingen eine
endgültige Klärung des echten Sinnes des funktionalen Charakters jener Un-
terscheidung. Daß die Anzeichen und die echten Zeichen “sich vermöge ge-
wisser Bewußtseinsfunktionen in ihrer Eigenheit konstituieren” (Ms. A I 18,
BL. 38a), bedeutet in keiner Weise, daß jedes Anzeichen als echtes Zeichen
fungieren kann, “als ob eine Einstellungsänderung uns das Zeichenbewußt-
sein ergäbe”: “das Hinweisen” ist nämlich “nicht überhaupt in ein Bezeichnen
umzuwenden” (Ms. A I 17/II, BL. 57b). Die Spur etwa kann niemals als
Erinnerungszeichen fungieren, es sei denn, ich will es, d.h. ich will mich
durch die Spur an das Tier erinnern. In diesem Fall ist die Spur nicht mehr
Spur des Tieres, durch die “der geistige Blick fortgerissen, fortgelenkt [wird]
zu dem damit ‘durch Motivation’ verbundenen ‘Es ist B’ ” (BL. 54a); oder,
besser gesagt, sie ist nicht mehr nur dies: sie ist gleichzeitig auch echtes
Zeichen, und zwar in dem Sinn, daß mit ihr etwas gemeint wird, an das ich
von nun ab erinnert werden muß. Das Daranerinnern ist hier nicht unmit-
telbar, d.h. im Motivationszusammenhang fundiert, sondern es ist gestiftet,
gewollt und besitzt, im Gegensatz zum Anzeichen, den Charakter eines Sol-
lens, einer Zumutung, die ich an mich selbst wende und gegebenenfalls an
andere, so daß das “Übergehen in das Hingewiesene, und darin meinende Ter-
minieren, [dasteht] als ‘gemäß’ dem früheren und erinnerungsmäßig wieder
bewußten Entschluß, als Willenserfüllung” (BL. 58a). Dies alles gilt auch für
die konventionellen Zeichen, wozu auch die sprachlichen zählen: die Zeichen
können nämlich auch mit der Absicht erzeugt werden, “nicht nur einmal,
sondern habituell zu fungieren”. Dem ad hoc gestifteten Zeichen gegenüber
ist sicherlich etwas Neues vorgefallen: “das habituelle Zeichen ist von sich
aus Träger einer praktischen Zumutung, und zwar einer unpersonalen, be-
wußtseinsmäßig nicht mehr einen vorgängigen Willen realisierenden” (BL.
60a/b). Husserl spricht auch von einer “blinde[n] Tendenz”, die jedoch von
jeder anderen Art von Tendenz, und zwar auch der einfach habituellen zu
unterscheiden ist, da sie sich nicht in “ein bloßes Fortgezogensein” auflöst
und vielmehr den eigentümlichen Charakter des Sollens hat. Das Zeichen
mutet rein von sich aus etwas zu, d.h. “nicht nur als Korrelat einer personalen
Zumutung”: es steht “von sich aus [. . .] als Träger einer Forderung da”, oder
besser einer “doppelten” Forderung, nämlich der, “es zu fassen, aber auch, es
nur als Mittel zu fassen” (BL. 60b).
195

Obwohl nun jedes Zeichen, vom Knopf (Knoten) im Taschentuch bis zum
Wort, hinsichtlich seiner Stiftung auf eine ursprüngliche Entscheidung ver-
weist – eine in sich doppelte Entscheidung, die auf der einen Seite das betrifft,
was als Zeichen fungieren soll, und auf der anderen das, was mit dem Zeichen
bezeichnet und als solches verstanden werden soll –, bedeutet dies jedoch
nicht, daß zur Bezeichnung als solcher wesentlich ein Sagen-wollen gehört.
Im Gegensatz zum Anzeichen, das sich passiv und unmittelbar ereignet, er-
fordert sie, auch im Fall der sogenannten passiven Bezeichnung, d.h. des
Verstehens, eine Aktivität, und zwar den aktiven Vollzug eines Meinens, das
willentlich sein kann, es aber nicht sein muß. Nicht zufällig definierte Hus-
serl denn auch das ‘Ich spreche’ als ein freies und spontanes ‘Ich tue’, das
“keineswegs zusammenfällt mit dem spezifischen Charakter des ‘Ich tue mit
Willkür, mit Absicht’, ‘Ich handle’ ” (Ms. A I 18, BL. 17a): ist nicht selbst das
Sich-etwas-entfahren-Lassen eine Form des Sprechens, in der etwas, wenn
auch unwillkürlich, gemeint ist? Auf der anderen Seite kann die Berufung auf
den Willen als solchen nicht einmal für die Zeichenstiftung als letztendliches
unterscheidendes Kriterium dienen: es gibt nämlich Fälle, wie den der Wetter-
fahne, “aufgestellt zu dem Zweck, daß man daran die ‘Windrichtung’ ersehen
kann” (Ms. A I 17/II, BL. 54a), in denen man einen zweckvoll hergestellten
Gegenstand hat, der darum jedoch noch nicht als echtes Zeichen fungiert.
Der Wille ist vielmehr für die Zeichenstiftung nur insoweit verantwortlich,
als er Wille zum Sagen ist, d.h. Wille des Mit-den-Zeichen-etwas-Meinens:
also konstituiert nur ein solches Mit-Meinen jene Kernschicht, zu der die
phänomenologische Untersuchung gelangen muß, wenn sie sowohl die Hin-
weistendenz als Sollen klären will, das allen echten Zeichen als solchen eigen
ist, indem sie es so vom Anzeichen unterscheidet,32 als auch die einzelnen
Formen, in denen sich die Bezeichnung vollzieht.
Diesbezüglich sieht sich Husserl denn auch dazu gezwungen, eine neue
und “nähere Differenzierung” vorzunehmen, und zwar jene zwischen kate-
gorialen Zeichen (Sprachzeichen) und nicht-kategorialen (alle verbleiben-
den echten Zeichen). Es leuchtet ein, daß z.B. das Signal, obwohl es auch
eine Meinung zum “Ausdruck” bringt, sie nicht in der Art ausdrückt, “wie
ein mathematischer oder ein wörtlicher Satz die Aussage irgendeiner Spra-
che ausdrückt” (Ms. A I 18, BL. 38b). “Beim Signal lenkt das Zeichen auf
die ‘vergegenwärtigte’ Sachlage”, die “im voraus vorgestellt [wird], aber be-
zeichnet, mit dem Zeichen gemeint nur hinsichtlich eines allgemeinen Typus”
(Ms. A I 17 S. 101a). Das Signal bezeichnet die Sachlage “direkt”, “einfach”,
und zwar in dem Sinne, daß es ganz unempfindlich ist gegen die logischen
Formen, in denen wir uns die Sachlage vorstellig machen. “Beim sprachli-
chen Ausdruck” – auf der anderen Seite – “haben wir nicht nur überhaupt eine
Sachlage, sondern eine bestimmte kategoriale Fassung, und der in dieser Fas-
196

sung vorstellige Sachverhalt ist gemeint und genau in dieser Fassung, derart,
daß Form für Form mit dem Zeichen, mit den entsprechenden Zeichenstücken
und Momenten Bezeichnetes ist” (ebd.).
Im Fall der sprachlichen Zeichen wird nicht nur eine Sachlichkeit bezeich-
net, sondern “ ‘die Sachlichkeit in ihrem kategorialen Wie’, Schritt für Schritt
und mit besonderen Bezeichnungen für alle kategorialen Formungen” (Ms. A
I 17/11, BL. 124a). Es handelt sich hier um eine wesentliche Unterscheidung,
welche die Konstitution des eigentlichen Bedeutungsbewußtseins betrifft: im
Gegensatz zum Ausdruck setzt das Signal keineswegs das begriffliche Auf-
fassen voraus, d.h. die kategoriale Formierung des Gemeinten. Sie kann wohl
vorhanden sein, wird aber nie bezeichnet. “Im Reich der Signale” – beobach-
tet nämlich Husserl – “gibt es keine Grammatik” (Ms. A I 18, BL. 39a), d.h.
das Signal “besteht nicht in einem Zeichensystem, das Formen und Inhalte, in
die jeweils die Sachlage faßbar oder gefaßt ist, ausdrückt und damit festlegt”
(BL. 39b). So komplex es sich auch geben mag, d.h. aus mehreren Teilbe-
zeichnungen zusammengesetzt, oder sogar konventionell festgesetzt, so daß
sowohl seine Formierung als auch seine Interpretation sich auf einen Bestand
von Regeln oder einen Kodex berufen muß, so ist sein Kompositionsgesetz
in keiner Weise logisch, d.h. in den verschiedenen Formen der Bedeutung
fundiert. Nur im sprachlichen Ausdruck als kategorialem Ausdruck spiegelt
sich die logische Gliederung der Bedeutungen wider: diese ‘weist nicht bloß
hin’ auf das Bezeichnete, sondern besitzt eine “wesentliche Einheit zum Ge-
gebenheitsmodus der bezeichneten Gegenständlichkeit” (Ms. A I 17/II, BL.
123b).
Um diese Art von Einheit weiter zu klären, beruft sich Husserl auf den
Vergleich mit dem Abbildungsbewußtsein: “Bei der Bildbetrachtung” – kann
man in einem Umarbeitungsmanuskript von 1914 lesen – “habe ich die dop-
pelte Möglichkeit, einmal im Bild das Original zu fassen, und das andere
Mal herauszugehen und das Bild selbst außer Augen verlieren” (BL. 51b).
Nur im ersten Fall handelt es sich um ein Abbildungsbewußtsein im eigentli-
chen Sinne, insofern eine “bewußtseinsmäßige Deckung von Darstellendem
und Dargestelltem statthat (Innenwendung)” (BL. 121b), während im zwei-
ten Fall der Gegenstand nicht dargestellt, sondern mit-gemeint wird. Dies
bringt natürlich eine veränderte Art der Verweisung mit sich: “Wir gehen
dann aus dem Bildbewußtsein hinaus, statt in dasselbe hinein”. Es gibt hier
keinerlei Unterschied zu anderen echten Zeichen, wie etwa den Signalen oder
den Erinnerungszeichen, auch wenn diese, im Gegensatz zum Abbildungsbe-
wußtsein, keine “Innenwendung” zulassen, da die Verbindung von Zeichen
und Bedeutung rein “äußerlich” ist: “vom Zeichen geht nur ein gerader Pfeil
zur Sachlage” (BL. 122b). Vollkommen anders liegen die Dinge im Falle
der sprachlichen Ausdrücke, in denen wir “innig eins mit den Wortlauten ein
197

Bedeutungsbewußtsein [finden], analog innig eins wie wir im Bild das Abge-
bildete finden, oder im Bildbewußtsein in Deckungseinheit das Bewußtsein
des Abgebildeten: und dabei Moment für Moment Deckung” (ebd.).
Man muß deshalb jedoch nicht Abbildungs- und Ausdrucksbewußtsein
miteinander verwechseln. Die Analogie gilt nur innerhalb gewisser Grenzen,
da es für den sprachlichen Ausdruck kein Analogon der Außenwendung gibt.
Die Analogie bleibt jedoch wesentlich, um die Ausdruckseinheit zu klären,
denn so wie ich im Bildvorstellen “eine Mannigfaltigkeit von Zügen des
Bildes habe, die alle abbildende Funktion üben”, habe ich auch “im sprachli-
chen Vorstellen eine Mannigfaltigkeit von sprachlichen Inhalten und Formen,
die alle Bedeutungsfunktion üben” (BL. 123b). Das Hinweisen ist hier ein
Hinein-weisen und kein Hinaus-weisen in ein zweites Bewußtsein, d.h. in
das Bedeutungsbewußtsein, das von außen her mit dem Zeichenbewußtsein
verbunden wäre. Der Ausdruck weist also nicht über sich hinaus, sondern in
sich hinein, und zwar in dem Sinne, daß in seinem Innern, genauer in seiner
logischen Form, überhaupt erst die Möglichkeit des Ausdrucks wurzelt, als
solcher fungieren zu können. Die sprachliche Bezeichnung beruht somit letzt-
endlich auf einer logischen Grundlage: die kategoriale Form und nicht so sehr
die Bedeutungsintention konstituiert nämlich die Bedingung der Möglichkeit
des Sprechens überhaupt, des Sprechens des Zeichens ebenso wie meines
eigenen Sprechens.

3. Das Problem des Erkennens und die Überwindung des


Deckungsmodells

Es bleibt allerdings noch ein entscheidender Punkt zu klären, von dem zwar
weder im zweiten noch im dritten Umarbeitungsplan eine Spur zu finden ist,
auf den Husserl jedoch laufend in seinen Manuskripten zur Umarbeitung der
VI. Untersuchung zu sprechen kommt: “Wie kommt das Ausdrücken der ka-
tegorialen Gegenständlichkeit zustande, wodurch das aussagende Bewußtsein
seine besondere Weise der Beziehung auf die gesagte (genannte) Gegenständ-
lichkeit gewinnen soll?” (Ms. A I 17/II, BL. 117b). Die alleinige Berufung
auf die Vermittlung des kategorialen Aktes als conditio sine qua non der
Ausdrückbarkeit, die im zweiten Plan enthalten ist, reicht hierzu allerdings
noch nicht aus, denn es dreht sich eben gerade darum, die spezielle Art zu
klären, in der die kategoriale Formung im eigentlichen Sinne ausgedrückt
wird. Für Husserl ist es nämlich immer noch sehr fraglich, “was diese Rede
von Zeichen für Glieder und Formen besagt, da wir anderseits doch die Nen-
nung des Gegenständlichen haben” (ebd.). In welchem Sinn ist also nun der
Ausdruck als kategoriales Zeichen Zeichen des Kategorialen? Wird es ebenso
bezeichnet wie der benannte Gegenstand? Es handelt sich hier keineswegs
198

um eine Randfrage, da von ihr ja die Gültigkeit der Definition von Ausdruck
selbst abhängt, die im dritten Umarbeitungsplan skizziert wurde.33
Wie man weiß, beschäftigte sich Husserl, wenn auch eingeschränkt, auf
die nominalen Ausdrücke, im §6 des ersten Kapitels der VI. Untersuchung
mit der Analyse jenes “ruhenden Einheitsverhältnisses” zwischen dem be-
deutungsverleihenden Akt und der entsprechenden Anschauung, das den “ei-
gentlichen” Ausdruck als solchen auszeichnet. “Die Beziehung” – schreibt
Husserl – “zwischen Namen und Genanntem zeigt in diesem Einheitsstande
einen gewissen deskriptiven Charakter [. . .]: der Name [...] ‘legt sich’ gleich-
sam dem wahrgenommenen Gegenstande ‘auf’, gehört sozusagen fühlbar zu
ihm” (Hua XIX/2, S. 558/559). Dies alles jedoch kann Husserl zufolge nicht
als gegenständliche Einheit gedacht werden, so als ob die Worte “zu dem
objektiven Zusammenhang [. . .], den sie ausdrücken” (S. 559) gehörten (die
Einheit des Ausdrucks würde so nämlich auf eine lediglich anzeigende Be-
ziehung reduziert!). Auf der anderen Seite erfaßt man jedoch die spezifische
Eigenart der Benennung auch nicht, wenn man die Einheitsbeziehung zwi-
schen den Akten der Worterscheinung und denen der Sacherscheinung “als
ein bloßes Zusammen” auffaßt. Diese Einheit, bemerkt Husserl, “erwächst
erst als ein offenbar Neues” (S. 562): sie ist eine intentionale Einheit in
dem Sinne, daß “die beiden Akte, deren einer uns das volle Wort und deren
anderer die Sache konstituiert, [. . .] sich intentional zur Akteinheit zusam-
men[schließen]” (ebd.), die für Husserl den Aktcharakter des Erkennens hat.
“Naturgemäß beschreiben wir das Vorliegende ebensogut mit den Worten:
der Name rot nennt das rote Objekt rot, als mit den Worten: das rote Objekt
wird als rot erkannt und mittels dieses Erkennens rot genannt” (ebd.). So
wird es für Husserl möglich, die sogenannte Allgemeinheit der Wortbedeu-
tungen zu klären, d.h. die Tatsache, daß jeder Ausdruck sich nicht nur auf
eine einzige Anschauung bezieht, sondern auf eine unendliche Mannigfaltig-
keit möglicher Anschauungen: “die Allgemeinheit des Wortes besagt danach,
daß ein und dasselbe Wort durch seinen einheitlichen Sinn eine ideell festbe-
grenzte Mannigfaltigkeit möglicher Anschauungen so umspannt (und, wenn
es widersinnig ist, zu umspannen ‘prätendiert’), daß jede dieser Anschauun-
gen als Grundlage eines gleichsinnigen nominalen Erkenntnisaktes fungieren
kann” (S. 563). Durch Vermittlung des Erkenntnisaktes erhält der Ausdruck
seine volle Verweisung auf die Gegenständlichkeit der Anschauung, und zwar
insofern, als die Bedeutung “sich mit dem Bedeuteten aktuell einigt” (ebd.).
Es tauchen jedoch Probleme auf, sobald man die Weise untersucht, in der
Husserl eine solche Erkenntniseinheit beschreibt. Dies betrifft nicht so sehr
die Verweisung des Erkenntnisaktes auf die entsprechende Anschauung: er
gründet “im Erlebnis” auf ihr, insofern der angeschaute Gegenstand als etwas
erkannt, d.h. begriffen wird. Das Erkennen hat hier die Form des Begreifens,
199

wenn auch nicht notwendigerweise die des Klassifizierens. Nicht zufällig be-
tont Husserl wiederholt, daß die Allgemeinheit der Bedeutungen nicht mit
der Allgemeinheit der allgemeinen Begriffe verwechselt werden darf. Auch
im Falle des Eigenerkennens gibt es ein Begreifen, ein Unter-Begriff-bringen,
auch wenn der Begriff hier als Eigenbegriff auftritt. Verschieden und nicht
ohne Schwierigkeiten ist demgegenüber die Beziehung des Erkenntnisak-
tes zum bedeutungsgebenden Akt: letzte Bedingung für die Anpassung der
Worte ist, daß der angeschaute Gegenstand so erkannt werde, wie er bedeutet
wird. Doch wie soll man nun dieses “so . . . wie” verstehen? Wie soll man
dieses Eins-sein “in besonders inniger Weise” verstehen, das sich zwischen
bedeutendem Ausdruck und Erkenntnisakt einstellt? Etwa so, daß Bedeutung
und Erkenntnis zusammenfallen? Handelt es sich nicht – wie auch Husserl
später erkennen wird – um eine überflüssige Verdopplung, die auf einem
tiefgehenden Mißverständnis der spezifischen Natur des bedeutenden Aktes
beruht?
In jedem Falle überrascht es, wenn Husserl im §8 die oben beschrie-
bene Erkenntniseinheit als “statische Deckung” von Bedeutung und entspre-
chender Anschauung definiert und behauptet, daß “die Reden von Erkenntnis
des Gegenstandes und Erfüllung der Bedeutungsintention [. . .] also, bloß
von verschiedenen Standpunkten, dieselbe Sachlage aus[drücken]” (S. 567);
da “die Erstere [. . .] sich auf den Standpunkt des gemeinen Gegenstandes
[stellt], während die Letztere nur die beiderseitigen Akte zu Beziehungspunk-
ten nimmt”, und da “phänomenologisch [. . .] jedenfalls die Akte [existieren],
nicht immer die Gegenstände”, gibt “somit [. . .] die Rede von der Erfül-
lung dem phänomenologischen Wesen der Erkenntnisbeziehung den besser
charakterisierenden Ausdruck” (ebd.). Denn aus der Behauptung, daß die
Erfüllung der Bedeutungsintention impliziert, daß “der Gegenstand der An-
schauung durch seinen Begriff erkannt” werde (ebd.), folgt keinesfalls die
Identifizierung von Erkenntnis und Erfüllung. Der Unterschied betrifft nicht
nur die Perspektive oder die Tatsache, daß man im einen Falle eine stati-
sche und im anderen eine dynamische Beziehung hat; die Vermittlung des
Erfüllungserlebnisses selbst erscheint vielmehr vollkommen verschieden von
der Erkenntnisvermittlung zu sein. Im Erfüllungsbewußtsein ist nämlich das
angeschaute Objekt bewußt als dasselbe wie das bedeutete; doch die ob-
jektive Identität konstituiert in keiner Weise das intentionale Korrelat des
Erkenntnisaktes. Das “als” des Identitätsbewußtseins (das “als dasselbe”) hat
in keiner Weise den Charakter des begrifflichen “als”!34 Und nicht nur das,
Husserl spricht in bezug auf die nominalen Ausdrücke von einem schlichten
sich Anpassen des intentionalen Wesens der Anschauung an das bedeutungs-
verleihende Wesen des ausdrückenden Aktes; widerspricht all dies nun aber
nicht womöglich der Berufung auf die Vermittlung des Erkennens, durch
200

welches die Bedeutung ein mehr offenbart, einen Überschuß gegenüber der
schlichten Anschauung, die demnach aus sich selbst heraus keinerlei Erfül-
lung bieten kann? Wäre hierzu denn nicht vielmehr als Voraussetzung, und
nicht als “bleibendes Ergebnis dieses zeitlichen Vorganges” der Erfüllung,
“das Erkennen-als” nötig? Doch wenn all dies zutrifft, ist es denn dann noch
legitim, von der Vermittlung des Erkennens als Bedingung der Anpassung zu
sprechen, und sei es auch nur in bezug auf die stofflichen Elemente? Auf den
abschließenden Seiten des zweiten Umarbeitungsentwurfs – der nicht zufäl-
ligerweise vor dem §6 haltmacht und damit die Tatsache bezeugt, daß hier
grundlegende Schwierigkeiten bestanden, von deren Lösung die Möglich-
keit einer radikalen Umarbeitung der VI. Untersuchung abhing – fragt sich
Husserl denn auch, obwohl er diese Frage im folgenden unbeantwortet läßt,
“ob das (intuitive) Erkennen, von dem hier die Rede ist, die Deckungsein-
heit zwischen Namen und Genanntem als solchem betrifft bzw. die Deckung
zwischen der Bedeutungsintention auf seiten des verbalen Aktes und dem
realisierenden Akt auf seiten des intuitiven, die Intention ‘erfüllenden’ Aktes;
oder ob das Erkennen in diesen realisierenden Akt selbst hineingehört und
seinerseits durch den intendierenden seinen Ausdruck findet” (Ms. M III 2 I
1, BL. 37a).
Es ist nicht schwer zu erkennen, daß Husserl sich hier auf verschiedene
Begriffe des Erkennens bezieht, und es ist deshalb auch unmöglich, irgend-
eine Lösung zu finden, ohne vorher die spezifische Natur des Erkenntnis-
erlebnisses geklärt zu haben. Dies letztere wurde in den §§13 und 16 des
zweiten Kapitels der VI. Untersuchung als identifizierende Synthese defi-
niert, die sich von der puren Identifikation durch die Ungleichwertigkeit der
Glieder der Beziehung unterscheidet: es gibt Erkenntnis nur dort, wo es “eine
Annäherung an ein Erkenntnisziel” gibt, das durch das Ideal der absoluten
Fülle dargestellt wird, “der adäquaten Selbstdarstellung des Erkenntnis-
objekts” (Hua XIX/2, S. 598). Hiermit jedoch wird klar, daß man sich in den
Logischen Untersuchungen progressiv einer vollkommenen Reduktion des
begrifflichen “als” annähert. Und Husserl ist der erste, dies anzuerkennen.
In einem mit aller Wahrscheinlichkeit zwischen 1913 und 1914 verfaßten
Manuskript kann man folgendes lesen: “Was ich Vollkommenheitsstufen der
Erkenntnis nannte, waren Stufen in der Klärung und Erfüllung. Das wird also
wohl vielfache Revisionen erfordern”, und zwar in dem Sinne, daß “für die
Lehre der Vollkommenheitsstufen der Erkenntnis [. . .] ich auch das Fort-
schreiten im Umfang der Erkennungen zu beachten [habe]” (Ms. A I 17/I,
BL. 161a). Die Vollkommenheit der Erkenntnis ist auch und vor allem “Fort-
schreiten in der Begreifung, je mehr ich begreife, um so mehr erkenne ich”
(BL. 160b). Es ist nun allerdings nicht so, als ob Fülle und Einsichtigkeit für
Husserl keinen Erkenntniswert hätten. Im Gegenteil, denn er behauptet, daß
201

“mit dem ersten Begriff von Erkennen (oder Begreifen) ein zweiter zusam-
men[hängt]: Erkennen im Modus des vollkommenen, klaren, einsehenden,
intuitiven Erkennens und Aussagens” (ebd.). Nur denkt Husserl nun im Ge-
gensatz zur Erstausgabe bereits, daß die Erfüllung der Intention nicht aus
sich selbst heraus schon Erkenntnis ist und daß man von daher weder im
Fall eines Wahrnehmungsverlaufs noch in dem einer diskreten Synthese von
Anschauungen, in der sich ein Wachstum an Fülle ereignet, von Erkenntnis
sprechen kann. Das Erkennen ist ein fundierter Akt (nicht jede Auffassung,
beobachtet Husserl, impliziert ein Erkennen, sondern umgekehrt) und hat den
spezifischen Charakter des “als”: “Erkennen ist Erkennen des Gegenstandes
als Haus, als rot, als ein Mensch, als ein Ton oder eine Melodie etc.” (BL.
114a). Es handelt sich um verschiedene Formen der Erkenntnis, vom indivi-
duellen Eigenerkennen – welches Husserl nicht zufällig vom Wiedererkennen
unterscheidet, weil letzteres eine reine identifizierende Synthese ohne begriff-
lichen Charakter ist – bis zum attributiven Erkennen, zum Klassifizieren usw.
Von diesen Formen muß nun desweiteren das unterschieden werden, was
nach Husserl den spezifisch logischen Begriff des Erkennens darstellt, und
zwar das Urteil, das “ein Urteilssubjekt als durch einen Prädikatbegriff als
erkannt bezeichnet” (BL. 114b).
Doch die Verweisung des Erkenntnisbegriffes auf das Begreifen zeigt nicht
nur, daß Erkennung und Erfüllung “auseinanderfallen”, sie erlaubt es aller-
erst, das eigentliche Wesen der Kategorialität zu klären. “Das Spezifische der
kategorialen Akte” – schreibt Husserl – “liegt darin, daß es begreifende oder,
was in gewissem Sinn dasselbe ist, ‘erkennende’ Akte sind” (BL. 47b). Im
Fall des nominalen Erkennens etwa, sei es Eigenerkennen oder Klassifizie-
ren, wird der Gegenstand nicht nur “als” erkannt, sondern gerade kraft eines
solchen Erkennens wird er gemeint als Objekt-worüber, als Substrat aller
möglichen Bestimmung. Auf der anderen Seite hat das Erkennen im Urteil
und in der Attribution einen indirekten und vermittelten Charakter und das,
wodurch das Objekt erkannt wird, hat nicht die Kernform der Substantivität,
sondern die der Adjektivität. Dies bedeutet dann, daß “das Charakteristische
der nicht-kategorialen Akte nicht die ‘Schlichtheit’ [ist]” (ebd.), wie es hinge-
gen die Erstausgabe wollte, sondern die Unbegrifflichkeit. Folglich reicht die
Berufung auf die Synthese nicht mehr aus, um die kategoriale Einheitsfundie-
rung zu klären. Husserl unterscheidet die wirklichen kategorialen Akte von
den “(polythetisch fundierte[n]) Akte[n], wie Kollektionen, Explikationen”:
“kategoriale sind z.B. die pluralen Prädikationen, nicht Explikationen über-
haupt, sondern wieder Prädikationen und Attributionen usw.” Nur letztere
sind “die begreifenden, spezifisch erkennenden Akte”, während wir im Fall
der Explikationen und der Relationen zwar wohl “synthetische” Akte haben,
“aber noch nicht begreifende” (ebd.). Auf diese Weise wird jedoch die ge-
202

samte Lehre von der kategorialen Anschauung, so wie sie in der Erstausgabe
dargestellt wurde, in Zweifel gezogen. Erscheint nun nicht selbst die im §48
getroffene Entscheidung für die explikative und für die beziehende Fassung
als Modelle zur Klärung der Charakteristik der Fundierung der kategoria-
len Akte als vollkommen ungerechtfertigt? Und war es nicht zuletzt diese
Auffassung von der Kategorialität, die es Husserl nicht gestattete, die eigent-
liche kategoriale Natur der nominalen Vorstellungen zu begreifen (die eben
deshalb auf eine Ebene mit den sinnlichen Anschauungen gestellt wurden)?
Und war nicht wiederum diese Auffassung der Grund auch für jene in §49
genannten Schwierigkeiten, die “phänomenologische Änderung” zu verste-
hen, welche die schlichte Anschauung “mit dem Eintritt in den beziehenden
Akt erfahre” (Hua XIX/2, S. 686)? Die Annahme einer “Rolle”, die syntak-
tische Formung, setzt nämlich jene ursprüngliche kategoriale Formung, jene
Kernform, die im begrifflichen “als” ihre letzte Grundlage hat, voraus. Vor
dem Ausdruck gibt es für Husserl notwendigerweise “schon zwei Schichten:
1) die Schicht, wo noch gar kein Erkennen vorhanden ist, obschon bereits
Explikation und ihre Formen; 2) das an den Terminis auftretende und dann
das Ganze charakterisierende Erkennen (das Erkennen durch Begriffe), wo-
durch der apophantische Gegenstand als begriffliche Urteilseinheit erwächst.
3) Und nun kommt erst der Ausdruck” (Ms. A I 17/II, BL. 32a).
Nun jedoch stellt sich das Problem zu klären, in welcher Weise “der Aus-
druck kommt”, und die Schwierigkeiten erscheinen ähnlich oder noch größer
als jene zu sein, die das Ausdrucksmodell der Logischen Untersuchungen
aufgeworfen hatte. Die Erkenntnisakte selbst können “ohne Ausdruck” voll-
zogen werden, und das bedeutet für Husserl, “ohne daß vollständig sei, was
Bedeutsamkeit des Ausdrucks [aus]macht”: “denn ist nicht das Erkennen A
als A schon hinreichend zum Ausdruck A und das Wesentliche seiner Be-
deutung A. Nur die Formen fehlen noch” (Ms. A I 17/I, BL. 118a). Die
Tragweite des letzten Zusatzes liegt auf der Hand, da wir in ihm in noch
präziserer Form jene “heikle Frage” wiederfinden, von der auch wir ausge-
gangen waren und die bis jetzt noch keine Antwort gefunden hat, d.h. die
Frage nach der kategorialen Bezeichnung; und nicht nur das, denn von ihr
hängt die Möglichkeit ab, das Wesentliche des Bedeutens zu klären. Ange-
nommen, das Ausdrücken verweise auf das Erkennen und weiter, daß von
ihm die kategoriale Formung abhänge, wie steht es dann mit dem Ausdruck
einer solchen Erkenntnis, und insbesondere mit den Formen der Erkenntnis?
“Ist es ein psychologisches Faktum” – fragt sich Husserl in einem kurzen
und äußerst wichtigen Manuskript aus dem Jahre 1910 mit dem bedeutsamen
Titel “Erkennen und Ausdrücken” –, “daß wir überall, wo wir eine Substrat-
setzung vollziehen, einen Namen, einen Ausdruck von einer gewissen Form
gebrauchen? [. . .] Oder ist es nicht so, daß, wenn wir etwa das ‘Möge . . .’
203

sagen, wir den Wunsch als Wunsch erkennen, wenn wir sagen, ist S p, wir
die Frage als Frage auffassen und erkennen? Ist es nicht ebenso, wie wir das
Papier als Papier erkennen, indem wir das Wort Papier in Beziehung auf das
angeschaute Papier verwenden?” (BL. 119a). Auch der Ausdruck der Form
selbst setzt also ein Erkennen voraus? Husserl scheint diesbezüglich keine
Zweifel zu haben, auch wenn das nicht so aufgefaßt werden darf, “als ob
wir ausdrückend auf die ‘psychischen Funktionen’, auf das Urteilen [. . .]
reflektierten und diese Akte erkannten” (ebd). Was wir erkennen, ist nämlich
in der Tat das Urteil und nicht das Erlebnis des Urteilens: es ist die Einheit
des Urteilsinhalts, das synthetische kategoriale Ganze, das begrifflich erkannt
werden muß, um ausgedrückt werden zu können. “Die Aussage drückt das
Wahrgenommene und die Synthesis an der Wahrnehmung aus, indem sie
das synthetische Ganze nach Form und Materie begreift” (BL. 120a). Das
heißt für Husserl, daß wir “neben den Erkennungen in der Synthesis [. . .]
Erkennungen der Synthesis selbst (des Urteils selbst als Synthesis) in seiner
formalen Gliederung und nach seiner Form” haben (ebd.).
Es bleibt nun allerdings noch die Natur einer solchen Erkenntnis zu klären.
Werden die Urteilssynthesen denn in derselben Weise erkannt wie der Gegen-
stand, über den geurteilt wird, so daß die Aussage – wie in einem Manuskript
von 1908 zu lesen steht – “gleichsam ‘Eigenname’, Eigenausdruck des prädi-
kativen Urteils” wäre (BL. 71b)? Husserl weist nun eine derartige Hypothese
entschieden zurück: so sehr die Aussage durch die Nominalisierung auch als
Name für den ausgedrückten Sachverhalt fungieren mag, dies impliziert kei-
neswegs das Eigenerkennen. Nicht nur das, denn “wir prädizieren nicht von
dem Urteil (der Synthesis), daß es Urteil der und der Form sei, wir machen
es nicht zum Gegenstand-worüber und attribuieren ihm nicht irgendetwas”
(BL. 120b). Man darf also das ausdrückliche Begreifen nicht mit dem Er-
kennen durch Unterordnen eines Einzelnen unter seinen allgemeinen Begriff
verwechseln und auch nicht mit “dem Bestimmen der bestimmenden ‘Urteils-
kraft’, wobei ein Gegenstand als ein A, als a-seiend bestimmt und erkannt
wird” (BL. 124a). Es setzt sicherlich ein solches Erkennen voraus, aber nicht
in dem Sinne, daß das Erkannte seinerseits zum Gegenstand-worüber eines
weiteren Erkenntnisaktes gemacht werden muß. “Die Form wird nicht als
Gegenstand durch Gegenstandsbegriffe gefaßt, sondern eben durch funktio-
nale Begriffe, Formbegriffe” (BL. 123b). Anders herum, würde nicht selbst
die Erkenntnis der Form ihrerseits eine Formung des Erkannten implizieren?
Ist dies alles nicht widersinnig? Aus demselben Grund ist klar, daß das hier in
Frage stehende Begreifen nicht als ein ideierendes Fassen verstanden werden
kann, wobei es dieses, was die logische Form betrifft, auch nicht voraussetzt.
Auf der anderen Seite müssen selbst die Ideen ‘als’ etwas erkannt werden,
um ausgedrückt werden zu können, und ein solches Ausdrücken kann dann
204

seinerseits nicht mit der Ideation identifiziert werden. Verführe man so, dann
würde man die spezifische Allgemeinheit der Formen verkennen, d. h. ihre
ideale Natur.
Es ist nicht zu schwierig zu erkennen, daß diese Untersuchungen großen-
teils die Argumentationen des §67 der Erstausgabe wieder aufnehmen (die
wir dann auch im §1 des zweiten Umarbeitungsentwurfs wiederfinden), in
dem Husserl erklärt, er wolle nicht mehr “der Versuchung” unterliegen, “das
Bedeuten der Ausdrücke in gewisser Weise als ein Erkennen oder sogar als
ein Klassifizieren” zu betrachten (Hua XIX/2, S. 734). Wenn die Denkakte
nämlich für ihren Ausdruck in Anspruch nehmen würden, ihrerseits gedacht
und erkannt zu werden, dann wären diese neuen Denkakte die echten “Be-
deutungsträger [. . .], zunächst wären sie ausgedrückt, bedürften also wieder
neuer Denkakte und so in infinitum” (S. 735). Doch ist Husserl nun über-
zeugt, diese Schwierigkeiten beseitigen zu können dank eines “ganz neuen
und andersartigen Begriffs von Erkenntnis”, der sowohl vom prädikativen
Erkennen verschieden ist als auch von der Deckungseinheit, von jenem “im-
pliziten Erkennen”, in dem, dem Text von 1901 zufolge, die Bezeichnung des
Kategorialen zustande käme. “Das mit den Wortlauten einige Bedeuten als
Ausdrücken ist [. . .] ein eigenartiges Erkennen, das in überall gleicher Weise
alle Teile und Formen der im eigentlichen Bedeuten zugrundeliegenden Ur-
teilssynthesen erkannt und sich nach der Artung dieser Teile und Formen
differenziert” (Ms. A I 17/I, BL. 121b). Was also das ausdrückende Erkennen
auszeichnet, ist die Tatsache, daß es “überall dasselbe ist”, im Sinne, daß
“die Unterschiede [. . .] in dem [liegen], was zugrundeliegt” (BL. 123b).
Das ausdrückliche Vorstellen ist immer nur ein Vorstellen, ebenso wie “das
ausdrückliche Urteilen [. . .] Urteilen [ist], das ausdrückliche Wünschen [. . .]
Wünschen” usw. Dasselbe gilt auch für die verschiedenen Urteilsformen.
Folglich ist “das Ausdrücken [. . .] keine neue Stellungnahme, [es] bringt
keine neue ‘Aktqualität’ herein, es ist kein neuer Akt in dem Sinn, in dem
Wahrnehmen, Prädizieren, Wünschen, Wollen ein Akt ist” (BL. 125a). Nicht,
daß es keine Veränderung impliziere, im Gegenteil, nur betrifft es die Materie
und “in korrelativer Hinsicht die Apperzeption, die Auffassung”. Das Aus-
drücken “spiegelt” also lediglich das Substrat “wider”, d.h. die kategoriale
Gliederung der Erkenntnis. In dieser Hinsicht ist es – um einen Ausdruck der
Ideen zu gebrauchen, deren Untersuchungen großenteils den Text von 1910
wieder aufnehmen – “nicht produktiv”, und zwar in dem Sinne, daß “ihre
Produktivität, ihre noematische Leistung, [. . .] sich im Ausdrücken und der
mit diesem neu hereinkommenden Form des Begrifflichen [erschöpft]” (Hua
III/1, S. 287).
Der Unterschied zu den Logischen Untersuchungen liegt klar auf der Hand:
die Bedeutung des Wortes “ist nicht eine zweite Vorstellung, die von der
205

Wahrnehmung zu trennen wäre, als ob zwei getrennte Vorstellungen sich auf


den Gegenstand bezögen und durch die Einheit des Gegenstandes, also durch
Identifizierung verbunden wären”; sie ist vielmehr “eine neue Weise der mei-
nenden Beziehung, welche die wahrnehmende Auffassung zur Grundlage hat
und so ohne Sonderung und besondere Identifizierung sich auf deren Gegen-
stand bezieht” (Ms. A I 17/I, BL. 21a). Als Begreifen ist es also vollkommen
eins mit jener “geistigen Überschicht”, durch die das Auszudrückende “in das
Reich des ‘Logos’, des Begrifflichen und damit des ‘Allgemeinen’ ” erhoben
und somit ausgedrückt wird (Hua III/1, S. 286). Auch in diesem Fall spricht
Husserl von einem “Sich-Decken”, doch es ist klar, daß er sich nicht so sehr
auf die Einheit des Erfüllungserlebnisses bezieht, als vielmehr darauf, daß
sich die Ausdrucksüberschicht auf das Substrat abstimmt, welches eben auf-
grund einer solchen Übereinstimmung ausgedrückt wird. Es bleibt allerdings
die Frage offen, ob all dies nicht auch in diesem Fall zu einer überflüssigen
Verdopplung führt: ist denn nicht schon der kategoriale Akt ein begrifflicher
Akt? Warum muß man sich dann auf ein weiteres Begreifen berufen? Für den
Ausdruck der kategorialen Formen vielleicht?
Schon in den Randglossen zum Text von 1910, die höchstwahrschein-
lich einer erneuten Durchsicht im Jahre 1913 entspringen, verwirft Husserl
wiederholt die Idee, daß ein solcher Ausdruck irgendeine Art von Erkennen
impliziere, einschließlich also jenes undifferenzierte Begreifen; und in einem
Manuskript aus derselben Zeit, das auch einige “Überlegungen zur Einleitung
der Neuauflage der VI. Untersuchung” enthält, kann man lesen: “Das mit dem
‘Erkennen’ war ein großer Fehler” (Ms. A I 17/I, BL. 102b). Fällt damit nicht
auch die Identifikation von Ausdrücken und Begreifen fort? Lassen auf der
anderen Seite nicht gerade diese Identifikation und die mit ihr verbundene von
Ausdrücken und Bedeuten, aufgrund derer der Ausdruck aufhört, Aus-druck
im wörtlichen Sinne zu sein, das ungeklärt, was seit 1901 als der eigentlichste
Aspekt des Ausdrückens erschien, nämlich daß das Ausdrücken immer ein
Mit-den-Worten-Meinen sei, indem sie es auf eine tiefere Ebene versetzen?
Wie steht es mit der Beziehung zwischen der “sinnlichen, sozusagen physi-
schen Seite des Ausdrucks”, dem, was aus dem Ausdrücken eine Äußerung
macht, und der “geistigen Seite”, seinem Bedeuten? Zwar erkennt Husserl
ihre phänomenologische Tragweite an, doch sowohl im Text von 1910 wie
auch in den Ideen sagt er, daß er sich nicht auf eine genauere Behandlung
dieser Probleme einlassen will: man muß sich allerdings fragen, ob nicht
gerade diese Reduktion der Analyse des Zeichencharakters des Ausdrucks
die Wurzel aller Schwierigkeiten bildet, die mit dem neuen Ausdrucksmodell
verbunden sind. Diese Hypothese scheint von den Seiten der Umarbeitungs-
manuskripte vom Sommer 1913 und 1914 bestätigt zu werden, denn gerade
die Untersuchung dieses Aspektes des Ausdrückens bringt Husserl zu ei-
206

ner erneuten Kritik des Deckungsmodells und zur Überwindung der ganzen
Bedeutungslehre sowohl der Logischen Untersuchungen als auch der Ideen.
Schon im Manuskript von 1910 beobachtet er in bezug auf den Text von 1901
folgendes: die Behauptung, daß “zum Ausdruck als solchen (also dem Wort-
lautphänomen) ein und dasselbe ‘Bedeuten’ [gehöre], etwa so, daß dieses
Bedeuten im Fall des leeren Gebrauchs des Wortes allein da ist, während im
Fall der Anwendung des Ausdrucks auf anschaulich neben diesem selben
Bedeuten (das den leeren Ausdruck ausmacht) noch ein sich mit ihm zu-
sammenpassendes Anschauen verbindet”, und daß demnach “ein Ausdruck
auf gegebene Gegenständlichkeit (konstituiert in einem ‘anschaulichen’ Vor-
stellen) dadurch Anwendung [finde], daß diese mittels des zum Ausdruck
gehörenden Bedeutens ‘erkannt’ und so ‘unter’ die Bedeutung gebracht wird”
– dies alles sind “sehr bedenkliche Reden!” (BL. 115b). Es handelt sich näm-
lich immer um “ein schlichtes Passen des Ausdrucks zum Ausgedrückten, der
Ausdruck gehört zum Ausgedrückten, mag es nun leer gedacht sein oder in
eigentlicher und in mehr oder minder expliziter Weise angeschaut, gegeben,
quasi-gegeben sein” (BL. 116a). Die Anpassung des Ausdrucks ist in sich
selbst also nicht durch ein Erkennen vermittelt, zumindest nicht im Sinne
jener Deckungseinheit, von der in der Erstausgabe die Rede war: “Die ‘Hin-
weistendenz’ dieses Gehörens darf man nicht verwechseln mit dem leeren
Bewußtsein von dem Ausgedrückten” (ebd.).
Diese letzte Präzisierung wird von Husserl nun nicht weiter vertieft, doch
in den folgenden Umarbeitungsmanuskripten wird sie sich für die Entwick-
lung eines neuen Ausdrucksmodells als entscheidend herausstellen. Auch in
diesen Texten nämlich fährt er fort, die unnützen Komplikationen der Auf-
fassung der Logischen Untersuchungen zu unterstreichen, derzufolge “das
Wortbewußtsein ein komplexes Bewußtsein ist, ein intendierendes Bedeuten,
fundiert in einem Wortlautbewußtsein” und “also auch im Status der erfüllten
Sättigung dieses intendierte Bedeuten noch reell vorhanden ist, nur in der
Deckung durch den entsprechenden intuitiven Akt eigentümlich modifiziert,
nämlich ‘gesättigt’ ” (Ms. A I 17/II, BL. 24a). Könnte man nicht vielmehr
sagen, “das sprachliche Bewußtsein sei in allen Fällen, ob es anschaulich
sei oder nicht, zweigliedrig” und daß demnach “im allgemeinen die Akte
leeren Aussagens und die intuitiven Aussagens gleichgebaut seien?” (ebd.)
Aus welchem Grund sollten wir bei der Klärung der Ausdruckseinheit auf
die Vermittlung einer Bedeutungsintention rekurrieren, die als leere Vorstel-
lung gedacht wird? Sie wurde in der Erstausgabe durch die symbolische
Funktion des Ausdrucks motiviert: die Feststellung, daß das Fortfallen der
entsprechenden Anschauung die intentionale Beziehung zur ausgedrückten
Gegenständlichkeit nicht betrifft, brachte Husserl dazu, “zwischen die Wahr-
nehmung und Wortlaut noch ein Akt” einzuschieben, der für die intentionale
207

Beziehung verantwortlich ist, die “zum sinnvoll fungierenden Ausdruck als


das wesentliche Bestandstück [gehört] und bedingt es, daß der Sinn iden-
tisch derselbe ist, ob zu ihm belegende Wahrnehmung sich gesellen mag oder
nicht” (Hua XIX/2, S. 552).
Doch jetzt erscheint ein solcher Einschub nicht nur vollkommen überflüs-
sig, sondern auch phänomenologisch falsch: “ ‘Fällt die Anschauung fort’ ” –
stellt Husserl fest, indem er den gängigen Ausdruck der Logischen Untersu-
chungen wieder aufnimmt –, “so bleibt nicht der bloße Ausdruck mit seinen
Bedeutungsintentionen”, und dies deshalb, “weil das anschauliche Bewußt-
sein nicht einfach ‘fortfällt’, sondern sich in ein leer vorstellendes Bewußtsein
wandelt, das nun die Funktion des Bedeutens übernimmt” (Ms. A I 17/II, BL.
24b). Für das Bedeutungsbewußtsein gilt dasselbe wie für alle anschaulichen
Akte, die “sich ‘verdunkeln’ und schließlich in leer vorstellende übergehen
können, in denen alle Anschaulichkeit schwindet, obschon der Akt immerfort
lebendiger Akt ist und als solcher seine Intentionalität hat” (ebd.). Folglich
muß auch der erfüllende Übergang von einem unanschaulichen in ein an-
schauliches Sprachbewußtsein anders interpretiert werden: “Die ‘Sättigung’
[besser: die Erfüllung] findet so statt, daß das leere Bedeutungsbewußtsein in
das entsprechende anschauliche übergeht. Aber im ‘Deckungs’-stadium finde
keine eigentliche ‘Deckung’ statt. Vielmehr sei hier das Wortlautbewußtsein
direkt auf das anschauliche Bewußtsein bezogen, das Leerbewußtsein sei
durch das anschauliche abgelöst, das nun selbst, ohne Vermittlung durch das
fortlaufend vorhandene leere, als Bedeutung fungiere” (ebd.). Mit anderen
Worten: “Das leere ist darin [im vollen Bedeuten] nicht enthalten” (BL. 30a)
und der Wortlaut bezieht sich unmittelbar auf das Bedeuten. Dies heißt je-
doch nicht, daß die Worte und das Bedeutungsbewußtsein einfach wie eines
neben dem anderen da sind; im Gegenteil, nur daß die Anerkennung, daß
das Ausdrücken “eine neue intentionale Schicht hinein[bringt], in der sich
freilich in gewisser Weise alles spiegelt, was im Vermeinten, im Sinn des
Ausgesagten an Gliedern und Formen liegt”, veranlaßt Husserl nicht mehr
dazu zu behaupten, “zu den Worten gehörten Bedeutungsintentionen, die sich
in den wirklich vollzogenen kategorialen Akten erfüllen, derart, daß im intui-
tiven Aussagen zwei ablösbare Schichten vorliegen: eine Reihe von Akten,
die wortkonstituierenden, die auch für sich sein können; die andere Reihe,
die die intuitive Erkenntnis konstituierenden Akte” (BL. 31a), wie es demge-
genüber in der Erstausgabe geschehen war. Im anschaulichen Aussagen ist in
der Tat “nichts von Bedeutungsintentionen zu finden, die über den vollstän-
dig genommenen kategorialen Anschauungen noch liegen” (BL. 22a). Was
man findet, ist denn auch eher “das Wortlautbewußtsein mit seiner Hinweis-
, Bedeutungseinheit, mit dem intuitiv kategorialen Akt. Das Bedeuten ist
hierbei die eigentümliche Fundierungsform, anderseits findet sich im Fall
208

leeren Aussagens keine Doppelheit” (ebd.). Die Einheit des Ausdrucks ist
also “eine eigentümliche Einheit [. . .], eine eigentümliche intentionale Ver-
schmelzung, die Wortlautbewußtsein und Erkenntnisbewußtsein, die jedes für
sich möglich sind, eingehen können” (BL. 31a). Der Wortlaut als solcher ist
mehr als ein einfaches sinnliches Objekt, da er Gegenstand einer Intention ist,
die ihn dazu veranlaßt, über sich selbst hinauszuweisen auf seine Bedeutung.
Allerdings sind diese Wortintentionen – die für Husserl nach wie vor eine un-
bezweifelbare phänomenologische Gegebenheit sind – “nichts für sich”, d.h.
es sind keine Akte, seien sie auch fundiert, sie sind vielmehr als “Übergangs-
intentionen”, “Hinweisintentionen” Verbindungsformen, d. h. unabhängige
Aktformen.
Damit fällt eine der Grundüberzeugungen der Logischen Untersuchungen
fort, derzufolge jede Akteinheit ihre Fundierung in einem weiteren Akt fände.
Der Ausdruck als solcher ist nicht von einer Bedeutungsintention beseelt, die
als ein in der sinnlichen Vorstellung des Wortlauts gründender Akt “reell”
zum Ausdruckserleben gehörte: es handelt sich nicht um jenen Akt, der als
Vermittler zwischen dem reinen phonetischen Bewußtsein und der ausge-
drückten Gegenständlichkeit fungiert und dessen Erfüllung demnach die Ver-
wirklichung der Ausdrucksbeziehung garantierte. Diese ist nämlich in sich
unmittelbar, und zwar in dem Sinne, daß das intentionale Medium nicht mehr
den Aktcharakter der Bedeutungsintention hat: “wir haben” – steht in einem
Manuskript aus dem Jahre 1914 zu lesen – “Wortlautbewußtsein in Verknüp-
fung mit leerem oder vollem Bedeutungsbewußtsein und die Verknüpfung
besteht in der eigentümlichen Übergangstendenz, die vom Wort(laut) aus in
das Bedeutungsbewußtsein (voll und leer) hineingeht” (BL. 29a.). Auf diese
Weise jedoch ist es immer noch derselbe Begriff von Ausdruck, der hier aller-
dings gegenüber dem Text von 1901 eine neue Bedeutung bekommt: “Denn
uns [d.h. was die Konzeption der Logischen Untersuchungen betrifft] drückt
das volle Wort, und des näheren seine Bedeutungsintention aus; es drückt
wirklich und eigentlich aus, wo eine belegende Anschauung (und eventuell,
wie noch zu besprechen sein wird, ein sonstwie belegender Akt derselben
Materie) sich anschmiegt” (BL. 25a). Jetzt hingegen “gibt es also kein ‘geisti-
ges’ Ausdrücken”, d. h. “ein durch Bedeutungsintention statthabendes”: “nur
der Wortlaut kann hier als das Ausdrückende gelten, vermöge seiner Ein-
heitsbeziehung zu dem einmal leeren und das andere Mal anschaulichen Akt,
der in eben dieser Beziehung bedeutungsgebender heißt” (ebd.). Die Bedeut-
samkeit des Ausdrucks besteht also nicht in der leeren Bedeutungsintention,
sondern in jenem Verweisen, “das zu jedem Zeichen als solchem gehört” und
das von daher das “Wesensmoment der bezeichnenden und somit auch der
sprachlich ausdrückenden Phänomene” ausmacht (BL. 25b). Folglich wird
nicht nur der erfüllende Sinn, sondern generell das Bedeutungsbewußtsein,
209

sei es leer oder voll, mit den Worten “ausgedrückt”. Man muß also das Be-
deuten des Wortes als Hindeuten, als Hinweisen (bzw. Hinweis-Tendenz)
radikal von dem Bedeutungsbewußtsein unterscheiden, welches als solches
nur in der Einheitsbeziehung mit dem Wort besteht, und zwar als Terminus ad
quem seines Verweisens. Die eigentliche signitive Intention als Hinweisten-
denz ist in der Tat “nicht etwa eine Vorstellung, die sich in der rechtseitigen
Anschauung erfüllt, wie eben eine leere oder unvoll[kommene] anschauliche
Vorstellung sich erfüllt, und” – setzt Husserl hinzu – “es war der Fehler der er-
sten Ausarbeitung dieser Untersuchung, der noch in der ersten Untersuchung
merklich ist, daß signitive und signifikative Intention verwechselt worden
[sind]” (BL. 78b). Signitiv ist also keineswegs ein Synonym von signifikativ,
wie es hingegen in der Anmerkung 1 zum §8 des ersten Kapitels der VI.
Untersuchung heißt; auch gibt es auf der anderen Seite keinen “passenden
terminologischen Gegensatz zu intuitiv” (Hua XIX/2, S. 567).35 Denn so sehr
auch “im Bezeichnen als solchem [. . .] eben als Tendenz zum Übergang in ein
thematisches Bewußtsein ein Tendieren auf Erfüllung [liegt]” (Ms. A I 17/II,
BL. 79a), sollte man dennoch die Sättigung der Hinweistendenz, die sich im
Vollzug des Bedeutungsbewußtseins vollzieht, nicht mit der Erfüllung dieses
letzteren verwechseln. Die eine setzt die andere nicht voraus.
Der gesamte Verlauf der ersten Sektion der VI. Untersuchung, und insbe-
sondere der Übergang vom ersten zum zweiten Kapitel, erscheint in diesem
Licht als vollkommen “unbrauchbar”: Husserl selbst erklärt in einem Arbeits-
plan des Sommers 1914, “die Frage der ‘Intention und Erfüllung’ beiseite
lassen” zu wollen (Ms. A I 17/I, BL. 30a). Die Klärung der Ausdrucksein-
heit erfordert vielmehr, insofern die signitive Tendenz “ein spezieller Fall
einer weit umfassenden Klasse von Tendenz überhaupt” ist, eine tiefer ge-
hende phänomenologische Untersuchung der verschiedenen Tendenzformen,
um die spezifische Charakteristik des signitiven Verweisens, und insbeson-
dere des ausdruckshaften, zu begreifen. Auf der anderen Seite kann die Ein-
ordnung in die Klasse der Intentionen, d.h. in die Klasse jener intentionalen
Erlebnisse, “welche durch die Eigentümlichkeit charakterisiert sind, Erfül-
lungsverhältnisse fundieren zu können” (Hua XIX/2, S. 572), nicht einmal
mehr für die Bedeutungsintentionen selbst den Sinn haben, den sie in der
Erstausgabe hatte, wo, einem typischen Verlauf der Logischen Untersuchun-
gen zufolge, das besondere Phänomen auf das allgemeinere zurückgeführt
wurde, um in seiner spezifischen Eigenart verstanden werden zu können. Was
das Bedeutungsbewußtsein auszeichnet, ist nicht so sehr die Tatsache, “eine
erfüllungsbedürftige Intention”, “ein Grenzfall der [anschaulichen] Vorstel-
lungen” zu sein; selbst die Unterscheidung zwischen leer und voll ist nicht
mehr so “fundamental”, wie sie es in der I. Untersuchung noch war; denn
es hat auch keinen Sinn mehr, “die Bedeutungsfunktion im weiteren Sinn”
210

in Bedeutungsfunktion und in Bedeutungserfüllung zu unterscheiden. Die


Bedeutungsfunktion betrifft also nicht das leere Vorstellen, sondern den ka-
tegorialen Akt, sei er nun intuitiv oder nicht. Im einen wie im andern Fall
fungiert der kategoriale Akt ganz analog zum Bedeutungsbewußtsein. Man
könnte nun sagen, daß immer noch die Erkenntnissynthese die Klasse der
Bedeutungsakte definiert, jedoch nur dann, wenn man sie nicht mehr im Sinne
der Logischen Untersuchungen versteht und auch nicht in dem der Ideen: die
Erkenntnisvermittlung, auf die sich Husserl in seinen Umarbeitungsmanu-
skripten aus den Jahren 1913/14 bezieht, verweist nämlich in der Tat auf jene
kategoriale Vermittlung, die im zweiten Umarbeitungsentwurf beschrieben
worden ist. Das Erkennen als kategorialer Akt (d.h. das nominale, prädikative
Erkennen) ist also letzte Voraussetzung für jedweden Ausdruck und demnach
für jede Erfüllung: im anschaulichen Aussagen wird nämlich “die schlichte
Anschauung [. . .] passend [besser: kategorial] geformt und es gesellen sich
die Wortlauterlebnisse dazu mit ihren Hinweistendenzen, die in dem Ange-
schauten, bzw. in den Formen [in dem kategorial geformten Angeschauten]
terminieren” (Ms. A I 17/II, BL. 24b). Nur den Erkenntnisakten kommt also
die Bedeutungsfunktion zu.
Doch gilt dies auch für die symbolischen Ausdrücke? In der Erstausgabe
nämlich lehnte Husserl die Identifikation von Erkennen und Bedeuten ab:
“in dem rein symbolischen Wortverständnis wird ein Bedeuten vollzogen
(das Wort bedeutet uns etwas), aber es wird nichts erkannt” (Hua XIX/2,
S. 556), denn das Erkennen als solches verweist, der Konzeption von 1901
zufolge, auf eine anschauliche Grundlage. Nun allerdings sieht er ein, daß
das Erkennen als solches "in verschiedenen Modis vollzogen sein [kann],
leer, unklar, von dem Hintergrund einheitlich auftauchend, in einem Strahl,
dann expliziert und vollzogen im eigentlichen Sinn, schließlich ‘anschaulich’
vollzogen, erfüllt: evident” (Ms. A I 17/I, BL. 47b). Insofern also das “Erken-
nen im prägnanten Sinn das evidente Urteilen” ist, ist auch klar, daß man in
jedem der oben zitierten Fälle immer noch von Erkenntnis sprechen kann und
dies auch tun muß. Diese Erkenntnisakte können natürlich ganz “wortfrei”,
“signifikativ ungebunden”, nicht “von Wortlauten aus laufende” sein; dies
bedeutet jedoch nicht, daß im Aussagen “bloß [. . .] jenes Erkennen ohne
Ausdruck [vorhanden sei] [. . .] und daneben bloß Wortlautenerscheinungen”:
vielmehr sind hier die Worte “mit ihren ‘Intentionen’ ‘entspannt’, befriedigt,
gedeckt mit entsprechenden aktuellen Erkennungen Schritt für Schritt” (Ms.
A I 17/II, BL. 30a).
Daß Husserl hier von “Deckung” spricht, darf nicht verwundern, da schon
die Untersuchungen des dritten Umarbeitungsentwurfs und die folgenden über
die Analogie des Ausdrucks zur Abbildung gezeigt hatten, daß gerade sie die
Bedingung der Möglichkeit jedweder ausdrücklichen Bezeichnung darstellte.
211

“Die verbale Intention-auf” – und zwar in krassem Gegensatz zu den eigentli-


chen Hinweisintentionen der anderen echten Zeichen (Signale, Erinnerungs-
zeichen usw.) – “ist eine eigentümliche Form, die sich ein gewisses Dirigiert-
sein auf die intentionale Materie besorgt, das ja freilich eine Art Spiegelung
des Rechts-Stehenden [kategorialen Aktes] ist, sofern jeder Komponente und
Form desselben ein Moment im Dirigieren entspricht” (BL. 21b). Es scheint
jedoch klar zu sein, daß Husserl mit dem Terminus “Deckung” nun, im Ge-
gensatz zur Erstausgabe, das Auslaufen der Hinweistendenz in ein Bedeu-
tungsbewußtsein meint, und somit keinesfalls ein Erkennen und nicht einmal
jenes Erkennen, auf das noch in einigen Umarbeitungsmanuskripten aus dem
Jahre 1913 angespielt wurde.36 Der kategoriale Akt, der zuvor ohne Aus-
druck vollzogen wurde, wird nun ausgedrückt, indem ich ihn “Schritt für
Schritt” nochmals verbal vollziehe. In diesem Sinne muß das Überall-eines-
Sein des Ausdrückens verstanden werden: es erheischt in keinerlei Hinsicht
die Vermittlung eines undifferenzierten Begreifens.
Somit fällt also die ‘angebliche’ Doppelschicht des Ausdrucks (Wortlaut
und geistige Bedeutung) fort, sowie auch die gesamte Grundvoraussetzung
der Husserlschen Bedeutungslehre, d.h. die enge Parallele zwischen Aus-
drückendem (Bedeutung) und Ausgedrücktem (Anschauung). Wenn es einen
Parallelismus gibt – und es gibt ihn ohne Zweifel, weil eben dieser Paral-
lelismus den eigentlichen Charakter des sprachlichen Ausdrucks gegenüber
anderen Zeichen ausmacht –, betrifft er nur die Beziehung zwischen Zeichen
und Bedeutung, zwischen kategorialer Gliederung des Zeichens und der des
fundierten Erkenntnisaktes, der mit ihm zum Ausdruck gebracht wird. Wenn
man genauer hinsieht, ist es also das Problem der Anpassung, das, im Gegen-
satz zu den Logischen Untersuchungen, wo es als Anwendung des sinnhaften
Ausdrucks angesetzt wurde, eine vollkommen neue Form erlangt, und das
auch im Gegensatz zu den Ideen, wo es sich auf die Deckung von ausdrucks-
hafter Überschicht und anschaulicher Unterschicht bezog. “Das bestimmte
‘Sich-richten-Mittels’ ist das medium intentionale, durch welches das Aus-
drücken zustandekommt. Es wiederholt in neuer Weise die Differenzen der
Bedeutungen, aber nur die Differenzen der Bedeutungen”, und zwar in fol-
gendem Sinne: “es ist völlig unempfindlich gegen Unterschiede der Klarheit,
der Fülle und Leere” (BL. 78a). Der Ausdruck als solcher paßt sich keines-
wegs schlechthin der schlichten Anschauung an; auch fällt er mit ihr nicht
zusammen; er weist vielmehr über sich hinaus zum kategorialen Bewußtsein,
welches als seine Bedeutung fungiert. “Das Auflegen des Wortes auf das
Bedeutete”, d.h. die Verwirklichung der Sinnbeziehung auf die angeschaute
Gegenständlichkeit, erscheint keineswegs problematisch und bedarf auch in
keiner Weise der Vermittlung eines weiteren Aktes. Sie erheischt vielmehr
eine anschauliche Fundierung des kategorialen Aktes. Unabhängig von sei-
212

ner Fülle oder seiner Leere ist das Bedeutungsbewußtsein immer dasselbe,
ebenso wie die intentionale Hinweisungstendenz sich immer gleich ist: In
beiden Fällen, im vollen wie im leeren Aussagen, ist für das Ausdrücken
das Sich-Anpassen der Worte an ihre Bedeutungen, an ihre kategoriale Glie-
derung ausschlaggebend. Von diesem Sich-Anpassen wurde schon in den
Untersuchungen der Erstausgabe und denen aus dem Jahre 1910 gesagt,37 daß
es keinen Erkenntnischarakter habe, und nun enthüllt es endlich sein eigent-
liches Wesen als Sättigung der vom Wortlaut ausgehenden Hinweistendenz.

Acknowledgements

Zu danken habe ich den Herren Professoren S. IJsseling und R. Bernet dafür,
daß sie mir die unveröffentlichten Manuskripte des Husserl-Archivs Leu-
ven zugänglich gemacht haben. Darüber hinaus möchte ich Herrn Profes-
sor U. Melle für seine Unterstützung während meiner Forschungen danken
und dafür, daß er mich seine zu jener Zeit noch unveröffentlichte Schrift
“Husserls Umarbeitung der VI. Logischen Untersuchung. Unveröffentlichtes
Manuskript, Löwen 1993” hat einsehen lassen. Weiterhin danke ich Herrn
Dr. S. Spileers, der mir immer eine geduldige Hilfe war. Zuletzt möchte
ich noch Herrn Dr. M. Ophälders für seine Unterstützung bei der Abfas-
sung dieses Aufsatzes danken. Etwaige unterlaufene Fehler sind allerdings
nur mir zuzuschreiben. Fehler der Orthographie und Zeichensetzung wurden
stillschweigend korrigiert.

Notes
1. Brief an P. Natorp 1.V.1901, in Edmund Husserl, Briefwechsel (Husserliana Dokumente
III), hrsg. von K. Schuhmann, Kluwer, Dordrecht 1994, Band V, S. 76. Husserl setzt, so als
ob er die Schwierigkeiten einer radikalen Umarbeitung schon vorausgesehen hätte, hinzu:
“Es ist immerhin ein erstes Buch, das Anderen den Zugang zu den Zielen erleichtern mag,
bis zu welchen ich nicht vordringen konnte. Im Übrigen arbeite ich fort; ich bin mit der
Erkenntniskritik nicht fertig, ich fühle mich nun erst recht als Anfänger. Genug, daß ich
kann; ich glaube, es sind wirkliche Anfänge, die ein gesundes Wachsthum zulassen: Also
in 10 Jahren ein neuer Band!” (S. 77).
2. Brief an W. E. Hocking 7.IX.1903, in Edmund Husserl, Briefwechsel, Band III, S. 143.
3. Brief an P. Natorp 1.V.1901. Über die ursprünglichen Pläne und die Entstehungsgeschichte
der ersten Auflage der Logischen Untersuchungen siehe E. Holenstein, “Einleitung des
Herausgebers”, Logische Untersuchungen. Erster Band: Prolegomena zur reinen Logik
(Husserliana XVIII), Nijhoff, Den Haag 1975, S. XXX–XXXVII.
4. Schon im Februar 1905 hatte Husserl dem amerikanischen Philosophen W. B. Pitkin auf
seinen Vorschlag, die Logischen Untersuchungen ins Englische zu übersetzen, geantwor-
tet, er wolle “den Urtext selbst einer sorgfältigen Revision unterwerfen und diejenigen
Partien, die zu Mißverständissen Anlaß gegeben haben, oder die durch gelegentliche
213

Entgleisungen und Selbstmißverständnisse enstellt sind, bessernd umgestalten” (Entwurf


eines Briefes an W. B. Pitikin 12.II.1905, in Edmund Husserl, Briefwechsel, Band VI,
S. 335/36). Er fragte auch bei seinem deutschen Verleger M. Niemeyer an, “wie es mit
den Aussichten einer deutschen Auflage [stehe]” (Entwurf eines Briefes an M. Niemeyer
9.2.1905, in Edmund Husserl, Briefwechsel, Band VIII, S. 253). Aber sowohl die Über-
setzung als auch die Umarbeitung scheiterten, vor allem an den Schwierigkeiten, auf die
Pitkin bei seiner Suche nach einem amerikanischen Verleger stieß. “Endlich” – schreibt
Pitkin im August 1905 an Husserl – “hat der einzige Verleger, auf dessen Entschluß ich
große Hoffnung gesetzt habe, das Unternehmen endgültig abgelehnt, und zwar aus dem
Grunde, daß allem Voraussehen nach 1000 Exemplare der Übersetzung nicht zu verkaufen
wären. In dieser Meinung ist er auch von James unterstützt” (S. 342). Über die Rolle
James’ vgl. H. Spiegelberg, “What William James knew about Edmund Husserl. On the
Credibility of Pitkin’s Testimony”, in Life-World and Consciousness. Essays for Aron
Gurwitsch, ed. by L.E. Embree, Evanston 1972, S. 407–422.
5. Vgl. dazu U. Panzer, “Einleitung der Herausgeberin”, Logische Untersuchungen. Zweiter
Band: Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis (Husserliana
XIX/1), Nijhoff, Den Haag 1984, S. XIX–XXXI und auch den Textkritischen Anhang,
ibd., S. 922 ff.
6. Für einen differenzierten Überblick zu Husserls Publikationsplänen jener Jahre vgl. K.
Schuhmann, Die Dialektik der Phänomenologie II, Reine Phänomenologie und phäno-
menologische Philosophie. Historisch-analytische Monographie über Husserls “Ideen I”
(Phaenomenologica 57), Nijhoff, Den Haag 1973, S. 26–35; von demselben Verfasser,
“Einleitung des Herausgebers”, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänome-
nologischen Philosophie (Husserliana III/1), Nijhoff, Den Haag 1976, S. XVI–XXXIII;
U. Melle, “Einleitung des Herausgebers”, Einleitung in die Logik und Erkenntniskritik
(Husserliana XXIV), Nijhoff, Dordrecht 1984, S. XIV–XXV.
7. Philosophie als strenge Wissenschaft, in Aufsätze und Vorträge (1911–1921) (Husserliana
XXV), Nijhoff, Dordrecht 1987, S. 37. Und im Januar schreibte Husserl an Vaihinger:
“Ich arbeite nun schon das 10t e Jahr, mit Aufwand aller Kräfte an einer systematischen
Begründung der Phänomenologie, bzw. der phänomenol[ogischen] Theorie u. Kritik der
gesammten Vernunft. Ich glaube die wesentlichsten Schwierigkeiten überwunden zu ha-
ben und bin dabei, die vielen, sehr umfassenden Vorarbeiten systhematisch für Publikatio-
nen auszuarbeiten” (Brief an H. Vaihinger 15.I.1911, in Edmund Husserl, Briefwechsel,
Band V, S. 207).
8. Vgl. dazu auch das Vorwort zur zweiten Auflage, in dem Husserl sich bei Adolf Reinach
bedankt, “der mir vor zwei Jahren, bei den ersten eingehenden Überlegungen für die
Möglichkeit einer Neubearbeitung, mit Eifer und Sachkunde zur Seite stand” (Hua XVIII,
S. 16).
9. Brief an H. Vaihinger 15.I.1911, in Edmund Husserl, Briefwechsel, Band V, S. 207.
10. “In den übernächsten Wochen kann ich aber nicht mehr reisen, vor allem weil ich die
Arbeit für die Neuauflage des II. B [ands] d[er] Log[ischen] U[ntersuchungen] nicht mehr
hinausschieben kann.” (Brief an J. Daubert 4.III.1911, in Edmund Husserl, Briefwechsel,
Band II, S. 62).
11. Auf dieses Jahr gehen zwei Fragmente aus der Umarbeitung zu §25 der I. Auflage, “In-
tuition und Leerobjektivation” (Ms. K II 2, Bl. 59, 60, 61, 58, 63 und 62) und “Die
Leerobjektivation” (Ms. K II 2, Bl. 65–69) zurück, die 1917 von Edith Stein in ihre
Umarbeitung des dritten Kapitels mit aufgenommen werden. Aus derselben Zeit stammen
zahlreiche Manuskripte, die mehr oder weniger mit den Logischen Untersuchungen zu
214

tun haben: vgl. dazu K. Schuhmann, Husserl-Chronik. Denk- und Lebensweg Edmund
Husserls (Husserliana Dokumente I), Nijhoff, Den Haag 1968, S. 155–159.
12. “1. Nichts für den Neudruck zuzulassen, von dem ich nicht völlig überzeugt sein konnte,
daß es eines genauen Studiums würdig sei. [. . .] 2. Alles zu verbessern, was gebessert
werden konnte, ohne den Gang und Stil des alten Werkes von Grund aus zu ändern;
[. . .] 3. Den Leser im Fortgange der Darstellungen allmählich zu einem relativ steigenden
Gesamtniveau der Einsicht zu erheben, darin der ursprünglichen Eigenart des Werkes
folgend” (Hua XVIII, S. 10–11).
13. “Ich beneide Sie nicht minder herzlich” – schreibt Husserl in einem Brief an H. Rickert
vom 11.VI.1913 –, “nämlich daß Sie die unerquickliche Umarbeitung hinter sich haben,
während ich bei meinen Log[ischen] U[ntersuchungen] nocht etwa 10 Druckbogen durch-
zubessern habe. Diese greulichen Kompromisse mit dem alten Text! Fast bedaure ich, daß
ich nicht den bequemen Ausweg eines anastathischen Neudrucks gewählt habe” (Edmund
Husserl, Briefwechsel, Band V, S. 174).
14. Am 23. Juni 1913 schreibt Husserl an J. Daubert: “Ich stehe jetzt in der Revision d[er] VI.
U[ntersuchung]. Bedauern Sie mich! Ich muß mit dem Druck bis Ende Juli fertig sein. Die
U[ntersuchungen] II-V habe ich erheblich ausgeglichen u. in ihrem eigenen Stil gebessert.
Bei VI gehts am schwersten, aber ich hoffe, es wird auch gelingen: nützlicher zu machen
ohne den Stil zu verderben” (Edmund Husserl, Briefwechsel, Band II, S. 65). Und etwa
einen Monat später, am 19.VIII, teilt Husserl wiederum Daubert mit: Ich arbeite an einer
“gründlichen Umarbeitung der VI U[ntersuchung] (bin ich jetzt erst bei den Kapiteln über
Möglichkeit, Evidenz u. dgl.). Hoffentlich kann ich am 15. Aug[ust] abreisen, ich bin am
Rande meiner Kräfte.” (Edmund Husserl, Briefwechsel, Band II, S. 67–68).
15. Aus dieser ersten Umarbeitungsphase sind erhalten geblieben: außer vier nicht bearbei-
teten Druckfahnen der Einleitung, die Druckfahnen des ersten Kapitels (Schlußteil §1,
§§2–12), einige des zweiten (ein Fragment des §15 und der §§16–19), die des ganzen
dritten Kapitels (§§20–45), die der ersten vier Paragraphen des vierten und das ganze
stenographierte Manuskript des fünften Kapitels.
16. In dieser zweiten Umarbeitungsphase integrierte Husserl einige der schon korrigierten
und intensiv überarbeiteten Druckfahnen der ersten fünf Paragraphen des ersten Kapitels
mit zahlreichen Kurrentblättern, die einen ersten Versuch einer wirklichen Überwindung
des ursprünglichen Ansatzes von 1901 darstellen. Dieser Text ist in den Ms. M III 2 I
1, BL. 1–37 enthalten. Auch in dem Druckfahnenfragment des zweiten Kapitels, in den
Druckfahnen des dritten und in denen der ersten vier Paragraphen des vierten Kapitels
befinden sich Korrekturen und Zusätze.
17. Für eine detaillierte Untersuchung der Entstehungsgeschichte der “Vorrede”, die 1939 von
E. Fink unter dem Titel “Entwurf einer ‘Vorrede’ zu den ‘Logischen Untersuchungen’ ”
(in Tjidschrift voor Philosophie, 1/2, SS. 106–133 und 319–339) veröffentlicht wurde,
vgl. K. Schuhmann, “Forschungsnotizen über Husserls Entwurf einer ‘Vorrede’ zu den
‘Logischen Untersuchungen’ ”, Tjidschrift voor Philosophie, 3, 1972, S. 513–524.
18. “Ich arbeite” – schreibt Husserl im April 1914 an Vaihinger – “diese Ferien mit äußer-
ster Anspannung, um den Entwurf für einen völlig neuen Schlußband meiner Logischen
Untersuchungen fertig zu bekommen (die bloße Revision der noch ausstehenden VI. Un-
tersuchung der ersten Auflage konnte mich nicht befriedigen. Schon im Druck befindliche
erhebliche Stücke mußte ich sogar eingehen lassen. Ich habe mich entschlossen, statt
solchen Stückwerks einen völlig neuen Band zu schreiben, der meinen jetzigen sehr fort-
geschrittenen Anschauungen volle Rechnung trägt).” (in Edmund Husserl, Briefwechsel,
Band V, S. 212).
215

19. Das stenographische Manuskript, das außer dem Text des dritten Entwurfs auch vier
Beilagen enthält, befindet sich im Konvolut A I 18, BL. 2a–56b und ist von Husserl,
wahrscheinlich während der Zeit seiner Niederschrift, stark überarbeitet worden.
20. E. Stein, Briefe an Roman Ingarden, Herder, Freiburg 1991, S. 49. Schon im Februar hatte
Husserl, wie E. Stein selbst sagt, ihr angeboten, “mir zu meiner Belustigung die Entwürfe
zur Neubearbeitung der VI. Untersuchung mitzugeben” (S. 43). In der Tat nahm Stein
die Umarbeitungsmanuskripte während ihres Aufenthaltes in Breslau zur Hand, wenn
auch wahrscheinlich nur die des dritten und vierten Kapitels, wobei sie jedoch lediglich
die Absicht hatte, “die Blätter für eine künftige Durcharbeitung zu ordnen”. Erst nach
ihrer Rückkehr nach Freiburg nimmt sie wirklich eine Revision des dritten und vierten
Kapitels mit der Absicht in Angriff, sie im Jahrbuch unter dem Titel “Leermodifika-
tion” (drittes Kapitel) und “Möglichkeit und Möglichkeitsbewußtsein” (viertes Kapitel)
zu veröffentlichen. Diese Entscheidung, die, wie wir gesehen haben, von Husserl selbst
suggeriert wurde und die seinen endgültigen Verzicht auf eine integrale Umarbeitung
der VI. Untersuchung mit sich brachte, erschien E. Stein als der einzig mögliche Weg:
“Die VI. Untersuchung” – schreibt sie nämlich -“enthält einige Ausführungen, die in
sich geschlossen sind und aus dem Zusammenhang herausgelöst werden können. Da das
Hauptproblem noch weit von einer befriedigenden Erledigung entfernt ist, hielte ich es
für ganz gut, das, was fertig ist, schon jetzt herauszubringen” (S. 54).
21. Wenn sich Stein bei der Umarbeitung des vierten Kapitels auf einige Zusätze und Kor-
rekturen beschränkte, so schob sie in das dritte Kapitel Texte ein, die nicht zu den Druck-
fahnen von 1913 gehörten (besonders Seiten aus den Umarbeitun gsfragment en zum
dritten Kapitel aus dem Jahre 1911 und aus dem zweiten Kapitel, §§16–19, die zu den
Druckfahnen von 1913 gehörten). Hierbei ließ sie viele der Paragraphen aus, die zum
Druckfahnenkomplex von 1913 gehörten.
22. R. Ingarden, “Erläuterungen zu den Briefen an Husserl”, in E. Husserl, Briefe an Roman
Ingarden (Phaenomenologica 25), Nijhoff, Den Haag 1968, S. 140.
23. E. Husserl, Briefe an Roman Ingarden, S. 12 (jetzt auch in E. Husserl, Briefwechsel, Band
III, S. 201f.).
24. E. Stein, Briefe an Roman Ingarden, S. 45.
25. Von ihnen ist in dem Text von 1921 jedoch keine Spur mehr zu finden. Dies bestätigt, daß
Husserl bei der Ausarbeitung der Neuauflage nicht einmal auf jene Texte zurückgegriffen
hat, die sich auf eine einfache stilistische Verbesserung beschränkten.
26. In der Erstausgabe ging Husserl bei der Definition der Einheit von Ausdruck und aus-
gedrücktem Akt nicht über die generelle Behauptung hinaus, derzufolge der Sinn der
Aussage “sich nach dem Erscheinungsgehalt der Wahrnehmung [‘richtet’]” (Hua XIX/2,
S. 551).
27. Waren eben diese Schwierigkeiten im Grunde nicht schon im §3 der IV. Untersuchung
vorhanden, wo Husserl, nachdem er die Zusammengesetztheit der Vorstellungsbestände
der Eigenvorstellung von der Einfachheit der Eigenbedeutung unterschieden hatte, fest-
stellte, daß das konkrete Bedeutungsbewußtsein, “auch das völlig unanschauliche, not-
wendig einen gewissen intentionalen Gehalt mit sich führt, durch den das Individuum
nicht als gänzlich leeres Etwas, sondern als irgendwie bestimmtes und nach gewissen
Typen (als physisches Ding, als Tier, als Mensch usw.) bestimmbares vorgestellt, wenn
auch nicht bedeutet ist” (Hua XIX/1, S. 307)? Wie soll man die Einheit rechtfertigen, die
das konkrete Bedeutungsbewußtsein auszeichnet, ohne die nominale Intention als einen
fundierten Akt anzuerkennen, der als solcher nicht auf derselben Ebene der schlichten
Anschauung stehen kann?
216

28. Die Tatsache, daß “die verbale Bedeutungsintention und die Wahrnehmung nicht ohne
weiteres zur Einheit <kommen>” kann, erkennt Husserl auch in seinem Text von 1901
an, wo er zugesteht, daß im Fall der Eigennamen der Bezug auf eine entsprechende
Anschauung nicht weniger vermittelt ist als im Fall der anderen Ausdrücke (vgl. Hua
XIX/2, S. 564). Doch, wie zu zeigen sein wird, das unangemessene Verständnis dieser
Vermittlung wird Husserl in der Erstausgabe daran hindern, das eigentümliche kategoriale
Wesen der Bedeutungsintentionen zu verstehen.
29. “Es wird fraglich” – beobachtet Husserl – “ob die im Fall anschaulich gesättiger Aussagen
‘bedeutungserfüllend’ genannten Akte nicht ganz in dem Sinn bedeutungsverleihend sind
wie im Gegenfall unanschaulich vollzogener Aussagen, die ‘bedeutungsintendierenden’
Akte; als ob nicht wesentlich dasselbe Wortlautbewußtsein einmal verbunden sei mit an-
schaulichen, das andere Mal mit unanschaulichen Urteilen (Subjektakten, Prädikatakten
usw.) von demselben intentionalen Wesen” (Ms. M III 2 I 1, BL. 12b).
30. Zur Umarbeitung der Theorien des Zeichens siehe auch R. Bernet, “Husserl’s Theory of
Signs Revisited”, in Husserl and Phenomenological Tradition. Essays in Phenomenology,
ed. R. Sokolowski, The Catholic University of America Press, Washington D.C. 1988, S.
1–24.
31. Die Unterscheidung betrifft allerdings nicht die verschiedenen Arten des Zeichenseins:
letzteres hat immer eine Bedeutung, und sei es auch “in einem weiteren Sinn”, was nicht
für Anzeige gilt. All dies widerspricht jedoch nicht dem, was Husserl in der I. Untersu-
chung geschrieben hat: in diesem Text fehlt nämlich eine letzte Definition des Zeichens
im allgemeinen, und selbst die Unterscheidung Anzeige-Ausdruck konnte schwerlich
als spezifischer Unterschied innerhalb der einheitlichen Art Zeichen verstanden werden.
Die Verschiedenartigkeit der Hinweisformen war so groß, daß es unmöglich war, sie
auf ein einheitliches gemeinsames Wesen zurück zuführen. Auch konnte sie auf der an-
deren Seite nicht von jenem generellen Vorverständnis der Zeichenfunktion vorgestellt
werden, als Für-etwas-anderes-Stehen, das lediglich den natürlichen und notwendigen
Ausgangspunkt für die phänomenologische Untersuchung darstellte.
32. Obschon er den willentlichen und kommunikativen Ursprung der Zeichenstiftung aner-
kennt, unterstreicht Husserl an mehreren Stellen die Notwendigkeit, das kommunikative
Sollen, “das Sollen der sich adressierende Zumutung”, von der “ ‘Sollens-Tendenz’ des
Übergangs von Zeichen zu Bezeichnetem” zu unterscheiden, welche die Voraussetzung
für die Kommunikation selbst darstellt, und zwar insofern sie die letzte Möglichkeit der
Bezeichnung begründet.
33. Über die Probleme der “kategorialen Bezeichnung” und die verschiedenen Lösungver-
suche Husserls siehe auch R. Parpan, Zeichen und Bedeutung. Eine Untersuchung zu
Edmund Husserls Theorie der Sprachzeichen, Diss. Heidelberg 1985, S. 338–419. Die
reichhaltigen und tiefgehenden Untersuchungen Parpans bildeten für den Autor einen
konstanten Bezugspunkt und eine ständige Anregung.
34. Nachdem Husserl behauptet hatte, daß die Erfüllung der Bedeutungsintention dem in
der Anschauung erscheinenden Objekt ‘den Charakter der Erkannten’ gibt, hätte es nun
allerdings keinen Sinn, sich – wie er es tut – auf die objektive Reflexion zu berufen, die, da
sie “statt auf den Akt des Bedeutens, auf die Bedeutung selbst hin[weist]”, die genauere
“Bezeichnung des ‘als-was’ des Erkanntensein” ermöglichen würde (vgl. Hua XIX/2, S.
569). Das “als-was” ist nämlich selbst für das Erkanntsein konstitutiv und kann demnach
nicht auf einen bloß reflexiven Moment reduziert werden.
35. In dieser Hinsicht ist es denn auch kein Zufall, daß Husserl diese Stelle schon im er-
sten Umarbeitungsentwurf nicht wieder aufnimmt und die Identifizierung von “signitiv”
und “signifikativ” ausdrücklich verwirft, wobei er dort, wo der Text zu Mißverständ-
217

nissen führen könnte, die Worte Signifikation und Intuition durch “unanschauliche und
anschauliche Objektivation” oder durch “Leervorstellung” und “Anschauung” ersetzt.
36. In einem Manuskript aus eben jenen Jahren schreibt Husserl: “Die Worte haben Anpas-
sung an diesen Erkenntnisinhalt, an eine Einheit der Erkenntnis, an ein Urteil oder eine
Einsicht. Diese Anpassung ist aber selbst eine implizite Erkenntnis und somit wesens-
mäßig von derselben Gattung wie das explizite Erkennen, dem sich die Worte anschmie-
gen. Wir haben also in jeder Aussage (und in jedem Aussageglied) eine Verwebung zweier
Erkenntnisse, einer, die ausgedrückt ist, und einer, die im Ausdrücken selbst liegt” (Ms.
A I 17/II, BL. 34a). So sehr Husserl aber auch hinzusetzt, daß die Anpassung “norma-
lerweise nicht als ein Akt des Anpassens (in dem wir leben) vollzogen [wird]”, weil
“wir nicht die Worte für sich oder das verbal Vermeinte für sich zum Thema [machen]”,
sondern “durch sie hindurchgehen”, so erscheint ihm diese “zweite Theorie”, wie aus
einer nachher hinzugesetzten Randbemerkung hervorgeht, als “aufgegeben” und “falsch”
(ebd.).
37. “Indem der Wortlaut die und die Bedeutung hat, ‘gehört sie zu ihm’, paßt sie. Das wird
man wohl nicht als Erkennen bezeichnen. In jedem Ausdrücken natürlich finden wir das
vor, in jedem passen sich Wortlautphänomen und sein Bedeuten zusammen” (Ms. A I
17/I, BL. 115a–b).