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Protestierende in Budapest

BERNADETT SZABO / REUTERS (O.); ROBERT B. FISHMAN / PICTURE-ALLIANCE / DPA (U.)

„Erstickung der Pressefreiheit“

angenehm sein, dessen Vermächtnis aber,


staatliche Machtvollkommenheit, ist ih-
nen nicht fremd und nicht verhasst, es
könnte sogar nostalgische Gefühle we-
cken. Freilich müssen sie sich die Frage
stellen: Wie kann man einen Parteienstaat
schaffen, der dennoch wie Demokratie
aussieht und sich dazu geschickt in die
Rahmenbedingungen der Europäischen
Union einfügt?
Wir sprechen von einem Mediengesetz,
doch im Wesentlichen geht es um die
Erstickung der Presse- und kulturellen
Freiheit. Gestohlen wird uns das, was das
Ziel und die Errungenschaft der öffentli-
chen und illegalen demokratischen Bewe-
gung sowie das Wunder von 1989 war.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen und
ZENSUR
der Rundfunk unterliegen bereits einer
strengen Zensur und gestalten sich zu-

Eine neuartige Diktatur nehmend nichtssagend.


Die Rede ist von einer neuartigen
Diktatur. Ihre Neuartigkeit besteht darin,
dass sie versucht, innerhalb der Euro-
György Konrád über das ungarische Mediengesetz päischen Union zu existieren und zu wir-
ken. Ungarn bietet auch den im Westen
Konrád, 77, ist einer der auf dem Briefkopf. Offenbar ist an eine Europas existierenden Vorstellungen von
bekanntesten ungarischen große Aufsichtsbehörde mit verschiede- einem starken Mann einen Stützpunkt.
Schriftsteller („Melinda nen Abteilungen gedacht. Die Beaufsich- Das ungarische Regime wird der Union
und Dragoman“). Der tigung eines Werks wird vermutlich ein- nicht feierlich den Rücken kehren, aber
Friedenspreisträger des träglicher sein als dessen Verfassen. es trotzt ihr und will das skandalöse Ge-
Deutschen Buchhandels Stolzerfüllt kann Regierungschef Vik- setz nicht ändern. Mehrere Hundert mei-
und ehemalige Präsident des Internatio- tor Orbán dann auf die von ihm ge- ner Schriftstellerkollegen, unter ihnen all
nalen PEN lebt in Budapest. führten Beamtenscharen herabblicken. diejenigen, deren Namen den deutschen
Wer aufmuckt, wird gefeuert. Die Ent- Literaturfreunden vertraut sind, haben in

D
as neue Gesetz wiegt schwer. Sein lassung bedarf keiner Begründung. Wer der vergangenen Woche folgende Erklä-
Gewicht lässt den Arm lahm wer- dem Hinausgeflogenen Arbeit gibt, rung unterzeichnet und veröffentlicht:
den. 180 Seiten. Und dann noch macht sich selbst verdächtig. Gegner ist „Protest. Der Verband der Belletristen
die sich daran anschließenden Erläuterun- auch der Freund des Gegners. Das Ober- protestiert gegen das vom Parlament
gen. Auf Fragen und Kritik reagieren die haupt des Parteienstaats wird umgeben angenommene Mediengesetz. Das Ge-
Zuständigen nach dem Motto: „Solange vom Strahlenkranz der Allmacht. Sakra- setz verletzt grob das in internationa-
Sie den gesamten Gesetzestext nicht lisierung der Macht – eine uralte Ge- len Verträgen festgehaltene Grundrecht
gründlich gelesen haben, gibt es nichts, schichte. Wo es einen Oberbefehlshaber auf freie Meinungsäußerung. Unter Ver-
worüber wir uns unterhalten könnten.“ braucht, wenn man so will: einen Füh- wendung von Steuergeldern schafft es
Da der Text des Mediengesetzes zunächst rer, dessen Meinung bei der Entschei- institutionelle Möglichkeiten, die Presse
nur auf Ungarisch vorlag, wurden die In- dung jedweder Angelegenheit ausschlag- ständig zu beobachten und einzuschüch-
teressenten mit dem Hinweis auf die ent- gebend ist. Ein Amtsträger wäre im In- tern, den regierenden Parteien unange-
stehende englische Übersetzung hinge- teresse der Karriere nicht klug beraten, nehme Zeitungen zu beseitigen. Es stellt
halten. nach eigenem Gutdünken zu verfahren, die Zensur wieder her, missachtet das
Schon jetzt wurde gegen einen Sünder ohne die Instruktion des Vorsitzenden Prinzip der Gewaltenteilung, widersetzt
ein Verfahren eingeleitet, gegen „Tilos abzuwarten. sich mit allen Mitteln den Grundprin-
Rádió“, das „Verbotene Radio“, weil es Jedenfalls besteht zwischen dem 1989 zipien der Demokratie und dem Geist
einen Song des US-Rappers Ice-T gesen- gestürzten Staatssozialismus und der neu- der Freiheit.“
det hatte, dessen Text angeblich für Ju- en Rechten insofern eine große Ähnlich- Früher war der Samisdat, die im Un-
gendliche ungeeignet sei. Schlimmsten- keit, als beide Etatisten sind. So viel wie tergrund entstandene konspirative Lite-
falls kann sich der Sender nicht mehr neu möglich wollen sie erneut verstaatlichen ratur, die Antwort des Papierzeitalters
um eine Frequenz bewerben. und zentralisieren. Der Staatssozialismus auf die Herausforderungen der Willkür.
Die Verfasser, Kommentatoren und Hü- war eine politische Gesellschaft, in der Das elektronische Zeitalter heute bietet
ter des Gesetzes tun so, als verstünden es keine gesetzlichen, von der Regierung neue Möglichkeiten, von denen die jun-
sie nicht, warum die Kritiker im In- und unabhängigen Kontrollmechanismen gab. gen Zeitgenossen Gebrauch machen kön-
Ausland wegen einer derartigen Aggres- Es ist gelungen, das Mediengesetz aus- nen, noch dazu flinker als die Zensoren.
sion gleichermaßen empört sind. gerechnet an dem Tag zu verabschieden, Die Aufgebrachten werden nach gar nicht
Ich bekam die Kopie eines amtlichen an dem in der Sowjetunion Stalins Ge- so langer Zeit eine eigene Sprache finden,
Schreibens der neu eingerichteten Me- burtstag gefeiert wurde. mit der die Hochmütigen unrettbar der
dienbehörde in die Hand, der Hauptab- Den Schöpfern des Textes dürfte die Lächerlichkeit – einem Synonym von
teilung Inhaltsüberwachung. So steht es Assoziation mit dem Sowjetführer nicht Lähmung – preisgegeben werden. �
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