Sie sind auf Seite 1von 1

30 Nr.288,15.12. 2010-11.1.2011 art. ist.

in AU4USTIN
~ --------------~--------------------------------------------------

Crazy Island: «Gnarr-Effekt» von der Hauptstadt auf das ganze Land übertragen?
Ironische Realpolitik

• Vor fast einem halben Jahr In dieser Situation fragt man sich
stellte der Augustin die Fra- nun, ob die Möglichkeit einer Re-
ge: Können Surrealisten re- form tatsächlich existiert oder die
gieren? Entgegen dem euro- Menschen nicht schon enttäuscht
päischen Trend der WahlerJolge genug sind?
rechtspopulistischer Volksverhet- Die Geschichte lehrt uns, dass die
zer hatte die «Beste Partei», eine Parteien schwer veränderbar sind.
Gründung des ehemaligen Punk- Selten sterben Parteien ab, weit öf-
sängers und Schauspielers fon ter finden Prozesse der Anpassung
Gnarr, die Kommunalwahlen in statt. sobald eine neue Situation ent-
Reykjavik haushoch gewonnen. steht, etwa eine tiefgehende Frust-
Die EingangsJrage ist noch nicht ration der Bevölkerung. Die große
ultimativ zu beantworten. Ein Ausnahme war Italien in den frühen
wenig aber schon. Ein Interview 90er Jahren. Da blieb nichts, wie es
von Anna Anderson aus der eng- war. Das Worst-Case-Szenario für
~ lischsprachigen Zeitschrift «The
~ die etablierten Parteien sieht so aus,
Reykjavik Grapewine», übersetzt ~ dass die Leute zum Schluss kommen,
von fe/la fost. j dass die Schufte in der konventionel-
len Politik dermaßen schädlich sind,
Parodieren des Systems als Warnung vor konventioneller Politik dass es schlimmer nicht sein kann.
estern haben wir uns auf Fa- oder steckt noch mehr dahinter? Deshalb können die Menschen al-

G cebook herumgetrollt und


stießen dabei auf die For-
mulierung Der Gnarr-Ef-
fekt. Es interessierte und, was dar-
unter zu verstehen sei. Wir stießen
erhalten. «Der Gnarr-Effekt» ver-
deutlicht die Auswirkung. die der
extreme Erfolg der .:Besten Partei~
auf die anderen Parteien ausübt.
umzusetzen. Eine weitere Bedeu-
tung des «GDarr-Effekts~ besteht da-
rin, dass sich die alten Parteien, alle
von ihnen, fragen müssen: «Was ha-
les Mögliche wählen. Zum Beispiel
die «Beste Partei ~ . Zum Beispiel eine
xenophobische Partei. Zum Beispiel
eine neue Partei der Mitte. Unmög-
lich vorauszusagen.
bei unserer Recherche auf 6lafur ben wir falsch gemacht? ~
1>. Han3arson - jenen Politologen, Warum war die «Beste Partei» so un- Glauben Sie, dass die «Beste Par-
r- der das Schlagwort kreierte. Er ist gewöhnlich erfolgreich? War der Wirtschafts-Zusammen- tei» Aussicht auf Erfolg hat bei den
Vorsitzender des Institutes für So- Erstens gab es extremes Misstrau- bruch Islands nicht Anlass genug, nächsten Parlamentswahlen?
zialwissenschaften an der Universi- en gegenüber den etablierten Par- um in sich zu gehen? Ob die Isländerinnen Gnarr auch
tät von Island, und wir fragten ihn, teien. Zweitens war das Profil der Bis zu einem gewissen Grad. Es gab als Premierminister haben wollen.
was der Erfolg der «Besten Partei» «Besten Partei» ein völlig anderes den SIC- (Special Investigative Com- ist die Frage. Die meisten Wahler
für lsland und für die anderen Par- als zum Beispiel das der oppositio- mittee) Report, der äußerst kritisch und Wahlerinnen sind wohl nicht
teien bedeute. neUen Parteien in Europa, die in den das politische System, die Parteien, bereit, das Risiko einzugehen, eine
meisten FäUen 10 bis 15 Prozent der die politische Kultur untersuchte, im Partei zu wählen, deren Repräsen-
Reykjaviks Bürgermeister Jan Gnarr Stimmen kriegen. Die meisten die- Wesentlichen die letzten Dekaden tanten scheinbar wenig Erfahrung
schreibt im Tagebuch auf Face- ser Parteien punkten mit Xenopho- isländischer Politik. Und dann gibt haben. Es steht mehr auf dem Spiel,
book, er habe erstaunt feststellen bie. sie sind extrem rechts. Der Un - es auch den Bericht der Parlaments- wenn du das Land regierst, als wenn
müssen, dass sein Name zur poJit- terschied hier ist grundsätzlich der, kommission. Dieser kam zu dem du die Stadt verwaltest. Wie groß
wissenschaftlichen Beschreibung dass die ~ Beste Partei ~ sich als eine Schluss, dass das politische Klima in ist die Wahrscheinlichkeit, dass J6n
eines neuen Phänomens verwen- Partei ohne Ideologien präsentiert. Island ernsthaft gefahrdet ist und es Gnarr und aU diese liebenswerten,
.. detwerde. Ich habe auch den Eindruck, dass einiger Reformen bedarf, sowohl in respektablen KünstlerInnen tat-
Viele ausländische Journalisten fra- sie relativ gewissenhafte Kandida- der Gesetzgebung wie im politischen sächlich dazu fahig sind, die Wirt-
gen mich nach der ~ Besten Partei» tinnen au_fboten. Viele WahlerInnen Verfahren. Ein Krisenbewältigungs- .schaft wieder ins Laufen zu bringen,
und nach dem ~ Phänomen Gnarn~ . realisierten dieses plötzliche Ange- Komitee, bestehend aus Vertretern das Land zu reorganisieren? Einer
Und in den Gesprächen mit den bot, gegen die etabHerten Parteien aller Parteien, war zu demselben Er- der faszinierendsten Aspekte J6n
Journalisten habe ich wohl den zu stimmen, ohne damit ein großes gebnis gekommen, 63 Parlaments- Gnarrs und seiner Partei ist, dass
Ausdruck ~ Der Gnarr-Etfekt» ge- Risiko ~inzugehen. mitglieder stimmten einer Resolu- das ganze Unternehmen mehrdeu -
prägt. Demzufolge ist es also kein tion zu , die die Verantwortung der tig ist - man weiß nie genau, wann
theoretisch untermauerter Termi- Zum «Gnorr-Effekt» also: Welchen alten Parteien für den Niedergang sie ernsthaft und wann sie ironisch
nus (lacht). Für eine neue Partei, die Einfluss hat er im Besonderen aufdie Islands feststellte. Die völlig andere sind. Parodieren sie das System als
.. sich gegen das Establishment positi- etablierten Parteien? Frage ist nun: Werden sie wirklich Warnung vor konventioneller Poli-
oniert, und zwar ironisch, satirisch Erstens, der Erfolg der «Besten Par- etwas unternehmen? Bisher habe ich tik oder steckt noch mehr dahinter?
und komödiantisch, ist es höchst un- tei» schreckt die alten Parteien ab, den Eindruck, sie nehmen die Sache Wir bewegen uns auf völlig unbe-
üblich. ein Drittel der Stimmen zu ihr Verlangen nach Neuwahlen nicht ernst genug. kanntem Terrain. . . I