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Patient

TRUMP
CORONA

Twitter & Co.


Die Angst vor
Wut und Hetze

Seine Rache an
Der unheimliche
BÜRGERMEISTER

und

Ein SPIEGEL-Gespräch
Der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten
Verehrt verhasst
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vwn.de/aktionen-du
Der
Das deutsche Nachrichten-Magazin

KÖNIG
Hausmitteilung
Betr.: Titel, Covid-19, Hass auf Politiker
der
Wohl selten war der Einfluss der Wissen-
schaft auf die Politik so groß wie jetzt
während der Corona-Pandemie. Politiker
brauchen für ihre Entscheidungen mög-
SPIONE
lichst exakte Erkenntnisse. »Ob eine Stu- Auch als
die richtige oder falsche Ergebnisse liefert, E-BOOK
ist nicht mehr bloß eine akademische und
Frage, die Antwort kann Folgen für Mil- HÖRBUCH-
lionen Menschen haben«, sagt Redakteur DOWNLOAD
Bredow, Hackenbroch, Drosten Dirk Kurbjuweit, der die Titelgeschichte erhältlich
zusammen mit Kollegen des Politik- und
des Wissenschaftsressorts recherchiert hat. Einer, der diese Antworten liefert, ist der
Virologe Christian Drosten. Die Medizinredakteurin Veronika Hackenbroch hatte
bereits im April mit dem Charité-Forscher ein SPIEGEL-Gespräch vereinbart. Geplant
war, Ende Mai einmal in Ruhe auf die turbulente Zeit der beginnenden Pandemie zu-
rückzublicken. Es kam anders: Zwei Tage vor dem Gesprächstermin geriet Drosten
ins Kreuzfeuer des Boulevards – die »Bild«-Zeitung schoss sich auf den Wissenschaft-
ler ein, weil er angeblich eine »grob falsche« Studie verbreitet habe. Der Professor
berichtete nun Hackenbroch sowie ihrer Kollegin Rafaela von Bredow, warum ihn
die Attacken nicht aus der Ruhe brächten, Hassmails ihm allerdings doch zusetzten.
»Ganz so dick, wie er es gern hätte, ist sein Fell noch nicht«, sagt Bredow. Seiten 8, 14

Etwa 8500 Menschen sind in Deutschland bislang


im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben, aber
noch immer glauben viele, dass die Krankheit
spurlos an ihnen vorübergehen werde. SPIEGEL-
Mitarbeiter Felix Hutt lebt in München, er sieht
Jugendliche, die an der Isar ohne jede Vorsicht
Partys feiern. Ein Bekannter erzählte Hutt vom
Schicksal des Krankenpflegers Goran Simic aus 320 Seiten mit Abbildungen, gebunden · € 20,00 ( D )
Fürstenfeldbruck. Simic ist erst 33 Jahre alt, hat
keine Vorerkrankungen und musste doch nach
einer Sars-CoV-2-Infektion ins künstliche Koma Er nannte sich Murat Cem. Doch in
versetzt werden. Hutt rekonstruierte seine Krank- Hutt, Braun den Akten heißt er nur VP01. Der Mann,
heitsgeschichte. Mit Oberarzt Georg Braun stand
er auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Augsburg vor Simics Zimmer, der lange Zeit der wohl beste und
durch das schmale Fenster sah er den Patienten, der um sein Leben kämpfte. Die Ge- wichtigste V-Mann Deutschlands war,
schichte Goran Simics zeige, so Hutt, »dass auch junge Menschen von einer Covid-
19-Erkrankung schwer betroffen sein können«. Seite 56
blieb stets ein Phantom. Im verdeckten
Einsatz für die Polizei überführte
Murat Cem nicht nur Drogen- und
Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in der Nacht zum 2. Juni Waffenhändler. Er klärte Morde auf und
2019 war das erste tödliche Attentat von Rechtsradikalen auf einen Politiker in der Ge- wurde zur wichtigsten Polizei-Quelle in
schichte der Bundesrepublik. Ein Jahr danach hat Redakteur Gunther Latsch zusammen
mit einem SPIEGEL-Team die Stimmung in den Städten und Gemeinden recherchiert. der deutschen Islamistenszene. Seine
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister berichten, wie stark der Rechtsextremismus Warnungen vor Anis Amri verhallten
inzwischen die Demokratie bedroht. Erst vergangene Woche erhielten Politiker wieder
Drohungen, betroffen war auch Octavian Ursu, Oberbürgermeister im sächsischen
ungehört: Es kam zum Terroranschlag
Görlitz, den die Redakteurin Annette Bruhns befragt am Berliner Breitscheidplatz. Die
hat. Ein anonymer AfD-Anhänger schrieb auf der
I. CARSTENSEN / DER SPIEGEL

Polizei wollte ihren Zuträger kaltstellen,


Facebook-Seite des gebürtigen Rumänen: »Wenn die
AfD stärkste Kraft in diesem Land wird, bringe ich Sie doch jetzt packt Murat Cem aus.
und Ihre ganze Familie gerne zum Flughafen.« Das
JOHANNES ARLT

Netz, sagt Latsch, sei ein Multiplikator für Hass und


Verschwörungstheorien: »Im Zeitalter der sozialen Me-
dien nimmt das Volk Rache an denen, von denen es
Latsch, Bruhns sich beherrscht statt vertreten fühlt.« Seiten 42, 46, 51

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 3


www.dva.de
Inhalt
74. Jahrgang | Heft 23 | 30. Mai 2020

Titel Digitalisierung Oppositions-


politiker und Experten
Krisenpolitik In der Pandemie wollen mit einem Gesetz die
instrumentalisiert die Akzeptanz der Corona-App
Politik die Wissenschaftler . . . 8 erhöhen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

Experten SPIEGEL-Gespräch Gesellschaft Kommunal-


mit dem Virologen Christian politiker spüren täglich, wie
Drosten über die Lockdown- vergiftet der politische Diskurs
Bilanz, die zweite Welle ist – manche brauchen Polizei-
und seine Rolle als Lebens- schutz, andere werfen hin . . . 42
retter und Hassfigur . . . . . . . . 14
Acht Bürgermeisterinnen
Medien Wie die »Bild«- und Bürgermeister berichten
Zeitung den Forscher Drosten von Hass und Hetze . . . . . . . . 46
attackiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Terrorismus Im Mordfall
Walter Lübcke steht der
Deutschland Prozess bevor, aber der mut-

SAMMY MINKOFF
maßliche Komplize des
Leitartikel Donald Trump Attentäters gibt Rätsel auf 51
bereitet das Ende
der Demokratie vor . . . . . . . . . . 6
Reporter
Rechtsextremisten sollen
schneller aus der Bundeswehr
Ein Kampf der Giganten – Familienalbum / Kommen
fliegen / »Die Partei« und Europa mittendrin jetzt die Ratten? . . . . . . . . . . . . . 54
obsiegt gegen die Bundes-
republik / Staatsanwaltschaft In der Coronakrise verschärfen sich die Spannungen Eine Meldung und ihre
kontra Caritas / Die Gegen- zwischen den USA und China. Zugleich Geschichte Warum eine
darstellung / So gesehen: italienische Hütte plötzlich
Er kann es . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
will Peking seine Macht in Hongkong ausweiten: in der Schweiz liegt . . . . . . . . . 55
Merkels Kurs der Annäherung an China
Außenpolitik Deutschland und ist heikel – und in der EU umstritten. Seiten 26, 80 Schicksale Ein junger Pfleger
die EU suchen ihre neue erkrankt an Covid-19 – und
Rolle im Ringen der Super- kämpft um sein Leben . . . . . . 56
mächte USA und China . . . . 26
Ohne dich Wie tindert man
Ausbildungshilfen Arbeits- in Corona-Zeiten? .......... 62
minister Hubertus Heil kündigt
im SPIEGEL-Gespräch Prämien
für Ausbildungsbetriebe an 30
INGO PERTRAMER / DER SPIEGEL

Wirtschaft

Bewegungen Die Aktivisten Die Regierung muss der Bahn


von »Fridays for viel mehr Geld für Soldaten-
Future« verbrüdern sich tickets zahlen / Energiekonzern
mit Gewerkschaften . . . . . . . . 32 EnBW übt Kritik an Altmaiers
Kohleausstieg . . . . . . . . . . . . . . . 64
Bundeswehr Die Truppe hat
sich auf die Coronakrise Konjunktur Die Frage, wie
gut vorbereitet – viel zu gut 36 »Klare rote Linie« Deutschland nach der Krise
seine Schulden abtragen soll,
Bundesländer Thüringens Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz kritisiert entzweit die Ökonomen . . . . 66
Ministerpräsident die geplanten Corona-Hilfen der EU im
Bodo Ramelow verteidigt im Finanzminister Olaf Scholz
SPIEGEL-Gespräch die SPIEGEL-Gespräch scharf. Er fordert strenge Richt- legt ein üppiges
angekündigten Lockerungen linien bei der Geldvergabe und verdächtigt Konjunkturpaket vor –
der Corona-Maßnahmen . . . 38 Frankreich, eine Schuldenunion anzustreben. Seite 92 ohne Autoprämie . . . . . . . . . . . 69

4 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Umbrüche SPIEGEL-Serie (V): Basketball Satou Sabally –
Die Pandemie beschleunigt ein neuer deutscher Star
die Digitalisierung – und die mit festen Vorsätzen . . . . . . . 100
Machtkonzentration . . . . . . . . 72

Handel Mitarbeiter werfen Wissen


dem Textilkonzern C&A vor,
bei Kurzarbeit zu tricksen 74 Wie leicht Pflanzen zu Fleisch-
fressern werden können /
Wettbewerb Wie zwei Staats- Gefährliche Entzündungen
sekretäre für die Beteiligung durch zu viel Bauchfett /
an der Lufthansa kämpfen 76 Analyse: Die Pandemie
verhindert ökologische
Feldforschung . . . . . . . . . . . . . . 102
Ausland
Fischerei Knast für Kraken –

MARCO LONGARI / AFP


Russland erhöht seinen Forscher versuchen, die
Einsatz im Libyenkrieg / Bei intelligenten Geschöpfe in
Paris wurde ein mutmaßlicher Straßenszene Aquakulturen aufzuziehen 104
Finanzier des Ruanda- in Südafrika
Genozids verhaftet . . . . . . . . . . 78 Geschichte Stress an Bord –
warum es früher auf
China Peking nutzt Der Zorn der Armen hoher See so häufig zu
die Coronakrise, um seinen Revolten kam . . . . . . . . . . . . . . 108
Einfluss auf Hongkong In vielen Ländern trifft die Pandemie die
zu vergrößern . . . . . . . . . . . . . . . 80 Mittellosen am härtesten. Und es
scheint, dass das Virus in Staaten mit ungleichen Kultur
Analyse Nach der Affäre
um seinen Chefstrategen geht Gesellschaften gefährlicher ist als anderswo. Netflix-Dokumentation
der britische Premier Boris Jetzt kocht die Wut darüber hoch. Seite 86 über den Fall Jeffrey Epstein /
Johnson angeschlagen in die Neuer Roman von Jhumpa
Brexit-Verhandlungen . . . . . . 83 Lahriri . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110

USA Im Konflikt mit Twitter Kritiker Marcel Reich-Ranicki


stürzt sich Donald Trump Bürgermeister in Angst wäre 100 geworden – warum
auf die Tech-Elite des Silicon er fehlt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
Valley . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Ein Jahr nach dem Mord am Regierungspräsidenten
Walter Lübcke kommen die Ermittler voran. Pop Feministischer Shitstorm
Ungleichheit Die Pandemie gegen Lana Del Rey . . . . . . . 116
trifft Länder besonders
Aber für viele Kommunalpolitiker gehören
hart, die eine große soziale Hass und Hetze inzwischen zum Alltag: Sie haben #MeToo Kritik an den
Kluft aufweisen – mit allen Grund, sich zu fürchten. Seiten 42, 46, 51 Methoden des Enthüllungs-
verheerenden Folgen für journalisten Ronan Farrow 118
die Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
Entertainer Joe Rogan ist
Österreich SPIEGEL-Gespräch der erfolgreichste Podcast-
mit Kanzler Sebastian Kurz Moderator der Welt . . . . . . . 122
über seinen Widerstand
gegen EU-Corona-Hilfen und Serienkritik Die charmante
Lektionen aus dem Desaster München-Komödie
von Ischgl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 »Der Beischläfer« . . . . . . . . . . 123

Sport
OKAPIA

Schaden Geisterspiele den TV-


Einschaltquoten? / Gut
zu wissen: Wie geht es Fußball-
spielern in der Krise? . . . . . . . 95 Das Kraken-Experiment
SPIEGEL-TV-Programm . . . . . . . 75
Operation Aderlass Münchner Die Menschheit isst immer mehr Tintenfische, Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
Staatsanwälte feierten viele Bestände sind überfischt. Bislang scheiterten Impressum, Leserservice . . . 124
sich für die Enttarnung eines Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Dopingnetzwerks –
Versuche, Oktopusse in Aquakultur aufzuziehen. Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
nun gibt es Zweifel an den Nun stehen Forscher vor einem Durchbruch – ist es Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
Ermittlungen . . . . . . . . . . . . . . . . 96 vertretbar, intelligente Tiere einzusperren? Seite 104 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titelfoto: Jesco Denzel für den SPIEGEL 5


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Er meint es so
Leitartikel Donald Trump weckt Zweifel daran, dass er eine Wahlniederlage akzeptieren würde.

A
ls Donald Trump im Herbst 2016 zum neuen US- vor allem eins: Er will sich die Möglichkeit offenhalten,
Präsidenten gewählt wurde, beruhigten sich viele den Willen des Souveräns zu ignorieren, sollte es einen
Europäer mit dem Gedanken, dass es so schlimm knappen Wahlausgang geben. Die Briefwahl böte dafür
schon nicht kommen werde. Sicherlich: Der Kandi- ein perfektes Alibi: Verläuft die Auszählung der Stimmen
dat hatte im Wahlkampf Mexikaner als Vergewaltiger schleppend, könnte sich Trump vorzeitig zum Sieger er-
bezeichnet und Angela Merkel zur Verrückten erklärt. Er klären. Oder er behauptet einfach, der Triumph seines
leugnete den Klimawandel und tönte, er werde Abkommen Konkurrenten basiere auf manipulierten Briefwahlstim-
kündigen, die Barack Obama mühsam gezimmert hatte. men, weswegen er sich weigere, sein Amt zu räumen.
Aber all dies, so hieß es damals, sei Wahlkampfgetöse, das Wer das für politische Science-Fiction hält, muss nur
verstummen werde, sobald Trump, umringt und eingehegt ins Jahr 2016 zurückblicken. Damals erklärte Trump
von seriösen Beratern, im Weißen Haus sitze. »Mein Plä- im Wahlkampf, dass er keine Niederlage einräumen werde.
doyer ist: Warten wir doch die Später behauptete er, das Ren-
praktischen Handlungen ab«, sag- nen gegen Hillary Clinton sei
te CSU-Chef Horst Seehofer im vor allem deshalb so knapp
November 2016. So wie er dach- gewesen, weil diese von einem
ten viele. Auf beiden Seiten des millionenfachen Wahlbetrug
Atlantiks. profitiert habe. Auch dafür fehl-
Trumps praktische Handlungen te jeder Beleg.
sahen dann so aus: Er begann mit Heute hat Trump eine repu-
dem Bau einer Mauer zu Mexiko, blikanische Partei hinter sich,
kündigte das Pariser Klimaschutz- die bereit ist, jeden Willkürakt
abkommen und belegte viele Län- des Präsidenten zu decken. Mit
der mit Strafzöllen, auch Deutsch- William Barr wurde ein Mann
land. Er feuerte nach und nach zum Justizminister erkoren, der
alle eigenständigen Köpfe in sei- hauptsächlich damit beschäftigt
ner Regierung, auf die Politiker ist, Kumpane des Präsidenten
wie Seehofer gehofft hatten. vor langen Gefängnisstrafen zu
Zuletzt kappte er mitten in der bewahren. Trump hat zwei Män-
schwersten Pandemie seit hundert ner seines Vertrauens in den
ANDREW HARNIK / AP

Jahren die Zuschüsse zur Welt- Supreme Court bugsiert, wo es


gesundheitsorganisation WHO. nun eine solide konservative
Trump ist impulsiv und verhält Mehrheit gibt. Schon einmal, im
sich oft wie ein Sechsjähriger, das Jahr 2000, entschied das Gericht
wissen wir längst. Wer aber noch nach einer knappen Wahl, wer
immer glaubt, er lasse seinen Wor- Anti-Trump-Plakat in Washington ins Weiße Haus einzieht.
ten keine Taten folgen, ist besten- Wir Deutschen sollten uns
falls naiv. Es ist eben kein loser davor hüten, hochnäsig auf
Spruch, wenn Trump nun Tag für Tag beklagt, wie betrugs- die manchmal etwas verrückte und entertainmentsüchtige
anfällig die Präsidentschaftswahl im November sei. Nein, amerikanische Demokratie zu blicken. Sie ist über
es ist der Versuch, einen Coup vorzubereiten. »Noch nie 200 Jahre alt und hat bisher alle Krisen überstanden.
seit dem Zweiten Weltkrieg war die Gefahr so groß, dass Unser erstes demokratisches Experiment flog schon nach
unsere Demokratie kollabiert«, sagt Jacob S. Hacker, der 15 Jahren in die Luft. Es waren die Amerikaner, die es
Politische Wissenschaft an der Yale-Universität lehrt. nach 1945 wiederbelebten.
Laut Umfragen will mehr als die Hälfte der Amerikaner Dennoch wäre es fahrlässig, die Augen vor der Realität
im November per Brief wählen, so viele wie nie zuvor. zu verschließen. Dass die Demokratie in der Finsternis
Trump behauptet nun permanent, diese Art der Stimm- stirbt, gehört zu den politischen Kalenderweisheiten unse-
abgabe sei anfällig für Manipulationen, auch wenn es kaum rer Zeit. Aber nichts trifft die Lage in den USA weniger als
Belege dafür gibt. Es ist nicht mal so, dass die Briefwahl dieser Spruch. Trump hat aus seinen Absichten nie einen
die Republikaner benachteiligen würde, im Gegenteil: Ge- Hehl gemacht, dazu ist er viel zu unbeherrscht. Was in sei-
rade ältere Amerikaner schätzen diese bequeme Form nem Kopf vorgeht, findet sich Minuten später auf Twitter.
zu wählen. Auch Trump selbst hat schon per Brief gewählt. Seine Gegner sollten nicht den Fehler begehen, ihn des-
Wenn er dennoch davon spricht, die Demokraten wür- halb für einen Clown zu halten. Sie sollten seine Twitter-
den einen gigantischen Wahlbetrug vorbereiten, zeigt das Tiraden lieber genau studieren. René Pfister

6 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Die Krankenkasse,
die für Sie anpackt.
Titel

Der Sündendoc
Krisenpolitik Corona vereint zwei Systeme, die sonst wenig verbindet: Politik und Wissenschaft.
Für die Virologen kann das zur schweren Prüfung werden, wie nicht nur Christian Drosten
derzeit erfährt. Sie müssen ständig Tempo machen und erleben eine hysterische Öffentlichkeit.

»Sollte ich mich fürchten? Kann ich mir Vielen ist dabei unbehaglich, nicht alle
nicht vorstellen.« wollen das hinnehmen. Zweifel und Skep-
Die Coronakrise führt in diesen Tagen sis gehören absolut dazu, in einer Demo-
zwei Welten, zwei Systeme zusammen, die kratie muss alles diskutiert werden.

D
nach völlig verschiedenen Prinzipien funk- Aber es gibt auch die Verschwörungs-
tionieren: Wissenschaft und Politik. erzählungen, die zum Beispiel aus Bill
Eine Beziehung gibt es schon sehr lange. Gates den Erschaffer des Coronavirus
Vor allem bei der Waffentechnik haben machen und die allzu oft in Hass münden.
Herrscher die Erkenntnisse von Forschun- Auch Christian Drosten ist eine solche
gen früh genutzt. Heute existieren zu Hassfigur geworden. Das kann er täglich
den meisten Politikfeldern wissenschaft- an seinem Maileingang ablesen. Er sagt:
liche Beraterstäbe, die normalerweise in »Inzwischen sind solche Hassbotschaften
gemütlichen Rhythmen Expertisen vor- zur Normalität geworden, oft handelt es
legen. sich um völlig irre Texte voller Recht-
Aber was jetzt passiert, mutet selbst an schreibfehler, manche Schreiberlinge sind
Der Politiker Karl Lauterbach weiß genau, wie ein Experiment. Getrieben von einem einfach nur bemitleidenswert, andere hoch
was der Virologe Christian Drosten gerade tödlichen Virus, braucht die Politik im Eil- narzisstisch, maliziös und manipulativ.«
durchmacht. »Er wird jetzt als Person tempo wissenschaftliche Erkenntnisse, auf Er hat Anzeige wegen eines Plakats erstat-
angegriffen, man versucht, seinen guten die sie ihre Entscheidungen über immens tet, das ihn zusammen mit dem KZ-Arzt
Ruf zu diskreditieren und zu zerstören.« große Fragen stützen kann: Gesundheit, Josef Mengele zeigt.
Lauterbach, der für die SPD im Bundes- Wohlstand, Freiheit. In diesem Hass wird alles Mögliche ver-
tag sitzt, ist selbst Wissenschaftler, und er Ob eine Studie richtige oder falsche Er- handelt, die Angst mancher Leute vor dem
hat schon oft erlebt, wie grausam politi- gebnisse liefert, ist nicht mehr bloß eine Absturz, das Misstrauen gegen den Staat,
sche Öffentlichkeit sein kann, und er erlebt akademische Frage. In der Coronakrise aber auch eine tiefe Abneigung gegen Bun-
es jetzt wieder, weil er skeptisch gegenüber kann die Antwort Folgen für Millionen deskanzlerin Angela Merkel, als deren
schnellen Lockerungen ist. Menschen haben. Berater Drosten gilt. Damit halten ihn
Am Dienstag fand Lauterbach ein Paket manche für schuldig am Lockdown.
auf seinem Schreibtisch im Deutschen Bun- Drosten, der Wissenschaftler, wurde so
destag. Darin lag ein original Corona-Test- zur Symbolfigur für Merkels Politik, zum
röhrchen, beschriftet mit »positiv«. Dazu Sündenbock. Was seine Rolle überschätzt,
die Botschaft: »Trink das, dann wirst Du auch die von Merkel, da die Ministerprä-
immun.« Lauterbach fand das »makaber« sidenten der Länder die Krisenpolitik stark
und gab die Sendung zur Untersuchung prägen. Aber die Realität spielt in man-
an die Polizei. chen Kreisen nur noch eine geringe Rolle.
Christian Drosten hat ein Paket gleichen Es regiert der Wahnsinn.
Inhalts erhalten. Für ihn ist solcher Hass Für Drosten, 48, ist das eine ziemlich
neu. Bislang hat er beruflich vor allem im steile Karriere, vom der Öffentlichkeit
Wissenschaftsbetrieb gelebt, der längst unbekannten Wissenschaftler zur promi-
nicht so aufgeladen, so hysterisch ist wie nenten Projektionsfläche in der vielleicht
der politische, zumal in Krisenzeiten. größten Krise der Bundesrepublik. Er hat
Aber durch Corona wurde Drosten, Lei- erst Chemietechnik und Biologie studiert,
ter der Virologie an der Berliner Charité, später Humanmedizin. Seit 2017 leitet er
JESCO DENZEL / DER SPIEGEL

selbst zur politischen Figur, weil sein Rat das Institut für Virologie an der Charité in
die Politik in existenziellen Fragen beein- Berlin.
flusst. Und in dieser Rolle ist er schnell bei Im Mittelpunkt seiner jüngsten For-
den Abgründen gelandet. schung stand die Messung der altersabhän-
Am Montag griff ihn die »Bild«- gigen Viruslast und damit auch die Infek-
Zeitung scharf an, weil er bei einer Studie tiosität von Kindern, eine der derzeit wich-
angeblich unsauber gearbeitet habe. Am tigsten Fragen, die darüber entscheidet,
Dienstag kam das Päckchen. Am Mitt- Virologe Drosten wann und unter welchen Bedingungen
woch zeigte er sich in einem SPIEGEL - »Sollte ich mich fürchten?« Kinder wieder in die Kitas und Schulen
Gespräch (siehe Seite 14) unerschrocken: gehen dürfen. Kein anderes Thema greift

8 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

Protest gegen die Corona-Politik: »Hassbotschaften sind inzwischen Normalität geworden«

9
Titel

so tief in das Leben von Eltern ein. Hier


entscheidet sich, ob sie arbeiten können,
wie belastend die Situation zu Hause ist,
wie die Chancen der Kinder auf ein gutes
Leben sein werden.
Um darüber entscheiden zu können, ist
es wichtig zu wissen, wie stark Kinder zum
Infektionsgeschehen beitragen: Wenn sie
das Virus in ihren Familien verbreiten,
dann kann der Schulbetrieb einen neuen
Seuchenzug entfachen. Wenn nicht, dann
ist es höchste Zeit, den Unterricht wieder
aufzunehmen.
Am 11. März hat Bundesinnenminister
Horst Seehofer (CSU) Christian Drosten
und den Leiter des Robert Koch-Instituts, BJÖRN KIETZMANN / ACTION PRESS
Lothar Wieler, in sein Ministerium einge-
laden, knapp 20 Beamte saßen dabei. Es
gab eine bayerische Brotzeit mit Obazda
und Wurstsalat, man redete drei Stunden
lang miteinander. Drosten zeigte sich skep-
tisch gegenüber der Schließung von Schu-
len und Kitas, weil dann Ärzte und Pfleger,
die Kinder haben, nur eingeschränkt ar- Demonstranten gegen Schulschließungen: Wie infektiös sind Kinder?
beiten könnten.
Danach las er jedoch eine Studie aus
den USA, die unter anderem die Auswir- maß. Das Ergebnis: »Kinder könnten ge- und Chemielehrer, auf Wanderungen weist
kungen geschlossener Schulen während nauso ansteckend sein wie Erwachsene.« er Pflanzenarten aus oder referiert über
der Spanischen Grippe untersucht hat. Diese Studie stellte er Ende April vorab Insekten.
Drosten änderte seine Meinung, so wie er als sogenanntes Preprint ins Netz, damit Als einzelne Landesregierungen schon
es öfters tut, wenn er von neuen Erkennt- es Kollegen begutachten und kritisieren die Kitas in ihren Bundesländern öffnen
nissen erfährt. Für ihn ist das normal. können. Eine Gewissheit sollte nicht ver- ließen, wartete er noch auf eine wissen-
An folgenden Tag waren Wieler und kündet werden. schaftliche Studie, die seine Berater vor
Drosten Gäste im Kanzleramt, wo sich Die »Bild«-Zeitung sammelte Zitate aus einem Monat angeregt hatten. Ein Ver-
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Publikationen, die sich kritisch mit der Stu- bund mehrerer Uni-Kliniken untersuchte
Ministerpräsidenten der Länder beriet. die befassten, unter anderem wegen der 2500 Kinder. Ziel war laut der federfüh-
Anders als noch am Vortag legte Drosten geringen Zahl der untersuchten Kinder. renden Universität Heidelberg: »Eine wis-
nun mehr Gewicht auf die Vorteile von Dabei wandte der Autor des Textes aber senschaftliche Basis für die politischen Ent-
Schulschließungen. Manche Politiker nah- selbst offenbar zweifelhafte Methoden an scheidungen zu schaffen.«
men das als Schwenk wahr und zeigten und ließ Drosten nur eine Stunde Zeit für Aber die zeitlichen Vorstellungen von
sich irritiert. Markus Söder, der bayerische eine Stellungnahme (siehe Seite 18). Politik und Wissenschaft gerieten in Kon-
Ministerpräsident, kündigte dann Schul- In seinem NDR-Podcast sagte Drosten flikt. Kretschmann, sonst eher bedächtig,
schließungen an, nach und nach folgten in dieser Woche zum Kinderthema: »Nichts machte diese Woche Druck auf die Er-
die anderen Bundesländer. Genaues weiß man nicht.« Und: »Daraus kenntnissuche. Zwar gelte auch in der Wis-
Inzwischen geht es um die umgekehrte muss die Politik jetzt was machen.« senschaft: »Das Gras wächst nicht schnel-
Frage. Wann und wie macht man Schulen Aber was? ler, wenn man daran zieht.« Jedoch seien
und Kitas wieder auf? Doch noch immer Eine Antwort gab in dieser Woche der die Eltern von Kitakindern stark belastet.
ist ungewiss, wie infektiös Kinder sind. Ministerpräsident von Baden-Württem- »Der Druck ist gewaltig«, sagte Kretsch-
Drosten wollte das in einer Studie klä- berg, Winfried Kretschmann. Er ist ein mann.
ren, bei der er die Konzentration von Sars- gläubiger Katholik der auch den Wissen- Einen Tag vor der wöchentlichen Regie-
CoV-2 im Rachen von infizierten Kindern schaften vertraut. Früher war er Biologie- rungspressekonferenz lieferte die Univer-

Deutschland im Krisenmodus 1. April


16. März 18. März
Covid-19 in Deutschland, Kontaktbeschränkungen
Schulen und Kitas Merkel hält
gemeldete Fälle pro Tag 9. März werden bis 19. April
schließen in fast Ansprache
Bundespresse- verlängert.
allen Bundes- zur Corona-
konferenz mit Jens 6549
27. Januar 26. Februar ländern. krise. 5969
Erster Fall Virologe Christian Drosten Spahn, Lothar Wieler
von Covid-19 startet ersten Podcast zum (Robert Koch-Institut)
in Deutschland Coronavirus im NDR. und Drosten
22. März
1425 Bund und Länder einigen
sich auf umfassende
38 Kontaktbeschränkungen.
Kontaktbeschränkungen

10 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Schritt um Schritt müssen sich die For-
scher auf Neuland vorantasten, unter den
Augen einer bangenden Öffentlichkeit.
Mehr als 20 000 Arbeiten über das Virus
Sars-CoV-2 und die von ihm verursachte
Krankheit Covid-19 wurden laut WHO
inzwischen publiziert. Und jede einzelne
von ihnen gibt vor, der Welt Neues zu prä-
sentieren. Kein Wunder, dass sich da die
Wahrheit von gestern heute schon als Irr-
tum erweisen kann – nicht weil sich die
Meinung eines Forschers ändert, sondern
weil neue Erkenntnisse aufgetaucht sind.
Aber die Politik muss aus dieser Vorläu-
figkeit etwas »machen«, muss entscheiden,
weil das Virus nicht auf Gewissheiten war-
tet, sondern sich wahrscheinlich rasend
schnell verbreitet, wenn man es lässt.

MARCEL KUSCH / DPA


Auch dieses Tempo sorgt für Spannun-
gen zwischen den Systemen Wissenschaft
und Politik. Der Erkenntnisprozess ist
meist zäh und mäandernd, Fortschritte las-
sen sich in vielen Fällen nicht erzwingen.
Virologe Streeck: »Doof gelaufen« Politische Entscheidungen dagegen erlau-
ben gerade in Krisenzeiten keinen Auf-
schub. Deshalb wird schon aufgrund von
sitätsklinik Heidelberg das gewünschte Wort liegt der wohl größte Unterschied Zwischenergebnissen entschieden, siehe
Zwischenergebnis der Covid-19-Studie beider Systeme. Baden-Württemberg.
in Baden-Württemberg. Man habe »auf- »Die Politik muss agieren, die Wissen- Gemessen am Normalbetrieb hat die
grund der hohen Dringlichkeit« der Bitte schaft muss beschreiben und erklären«, Forschung in Corona-Zeiten bereits eine
des Ministerpräsidenten um ein Zwi- schrieb jüngst der Philosoph Julian Nida- unerhörte Beschleunigung erfahren.
schenergebnis entsprochen, sagt eine Spre- Rümelin, der beide Sphären kennt. Er Schnell wie kein Virus zuvor haben die
cherin der Klinik, »mit Betonung darauf, stammt aus dem Wissenschaftsbetrieb und Forscher Sars-CoV-2 identifiziert, sequen-
dass die finalen Ergebnisse noch aus- war für knapp zwei Jahre Kulturstaats- ziert und, unter der Führung von Christian
stehen«. minister von Bundeskanzler Gerhard Drosten, einen Test zu seinem Nachweis
Kretschmann wandte sich daraufhin mit Schröder (SPD). entwickelt. In Rekordzeit wurden neuar-
kraftvollen Sätzen an die Öffentlichkeit: Wissenschaft ist zunächst einmal folgen- tige Impfstoffe hergestellt, die bereits in
»Kinder werden nicht nur seltener krank, los, solange die Ergebnisse der Forschung diesen Wochen klinisch getestet werden.
sie sind auch seltener infiziert als Erwach- im Wissenschaftsbetrieb bleiben. Ungewiss- Und doch geht all das für den Bedarf der
sene.« Und: »Wir können ausschließen, heit ist dort ein Anreiz weiterzuforschen. Politik zu langsam.
dass Kinder besondere Treiber des Infekti- Ein Fehler, ein Irrtum ist vielleicht peinlich, Deshalb wächst die Sorge, dass die Wis-
onsgeschehens darstellen bei diesem Virus.« aber sonst nicht weiter schlimm. Man kor- senschaft noch mehr Beschleunigung nicht
Die Erkenntnisse, bilanzierte Kretschmann, rigiert sich, schreibt ein neues Papier. verträgt. Während Forscher sonst mitunter
»stehen der weiteren Öffnung nicht ent- Irrtümer von Politikern hingegen kön- Jahre mit der Planung klinischer Studien
gegen«. nen schwerwiegende Folgen haben, für die verbringen, werden diese nun binnen
Ein Zwischenergebnis aus dem For- Bürger und für die Politiker selbst, die da- Wochen auf den Weg gebracht. Schon ha-
schungsbetrieb, aber Kretschmann verbin- mit ihre Wiederwahl gefährden. Also hät- ben wissenschaftliche Journale den Begut-
det es schon mit konkreten Maßnahmen. ten sie gern Gewissheiten als Grundlage achtungs- und Publikationsprozess dras-
Er braucht das Ergebnis, um »machen« zu ihrer Entscheidungen, ihres Handelns. Die tisch verkürzt. Und weil auch das vielen
können, wie Drosten in seinem Podcast so aber sind schwer zu bekommen, im Fall Forschern noch nicht schnell genug geht,
nonchalant gesagt hat. Genau in diesem von Covid-19 erst recht. stellen sie einen großen Teil ihrer Arbeiten

9. April 27. April 30. April Quelle: Robert Koch-Institut

Heinsberg-Studie In fast allen Bundes- Kanzlerin und 26. Mai


führt zu Diskussion ländern Maskenpflicht Ministerpräsidenten 2. Mai 13. Mai Beschluss, den
über Lockerung der in Geschäften und im einigen sich auf Sachsen- Innenminister wesentlichen
Einschränkungen. öffentlichen Personen- Lockerungen wie Anhalt lockert Seehofer kündigt Teil der Kontakt-
verkehr die Öffnung von Kontaktbe- Lockerung der beschränkungen
Zoos und Museen. schränkungen. Grenzkontrollen bis 29. Juni
an. beizubehalten
2499
1204
801

11
zu Covid-19 sofort auf Preprint-Servern Am 4. Mai veröffentlichte Streeck die
ins Netz. Endergebnisse der Heinsberg-Studie, die
Nicht immer lässt sich da die notwen- im Wesentlichen den Zwischenergebnissen
dige Sorgfalt garantieren. Die Gefahr, entsprach. Obwohl es nunmehr keine wis-
dass unausgegorene Ergebnisse, verfälsch- senschaftlichen Zweifel gibt, gilt sie wei-
te Daten oder interessengeleitete Studien terhin als die »umstrittene Heinsberg-Stu-
ungefiltert an die Öffentlichkeit gelangen, die«. Die Verbindung mit Storymachine
wächst. hält Streeck heute für einen Fehler, bei
Und die politische Öffentlichkeit ist einem Auftritt vor dem nordrhein-west-
eben eine ganz andere als die wissenschaft- fälischen Gesundheitsausschuss Mitte Mai
liche. Solange Streit akademisch bleibt, sagte er, die Sache sei »doof gelaufen«. Bei

KAY NIETFELD / DPA


hält sich das Drama in Grenzen. Wer hier der Präsentation der Endergebnisse war
in die Kritik gerät oder sich blamiert, kann Laschet nicht mehr dabei.
weiterhin einkaufen gehen, ohne sich schä- »Die Politik missbraucht mitunter die
men zu müssen. Wer erkennt schon einen Wissenschaft«, sagt der Abgeordnete Lau-
Wissenschaftler? Gesundheitsökonom Lauterbach terbach, der Epidemiologe und Gesund-
Was es heißt, in die politische Öffent- »Argumente ohne Umweg durchsetzen« heitsökonom ist. Er hat in Harvard studiert
lichkeit zu geraten, erleben jetzt Christian und wurde mit 35 Jahren Professor an der
Drosten und andere Forscher. Die Folge Universität Köln.
ist Prominenz, die Labung und Fluch sein einer provisorischen Form. »Selbst wenn Als Beispiel nennt Lauterbach die Ex-
kann. das noch nicht begutachtet ist, müsste ja pertenanhörungen im Deutschen Bundes-
Drosten hat die breitere Öffentlichkeit zumindest mal in Manuskriptform eine Zu- tag, die zum Gesetzgebungsprozess gehö-
selbst gesucht. Anfangs täglich, inzwischen sammenfassung präsentiert werden, bevor ren. Dort würden die Parteien meist jene
zweimal wöchentlich kommentiert er in man damit an die breite Öffentlichkeit geht Wissenschaftler einladen, von denen man
seinem NDR-Podcast die letzten Neuig- und auch an die Politik. Sonst ist das ein- sich Zustimmung verspreche. »Wissen-
keiten aus der Welt der Institute und La- fach eine Situation wie jetzt, in der man schaftler werden in der Politik oft benutzt,
bors. Nüchtern, geduldig, mitunter mit einfach nichts weiß.« um die Position zu belegen, die man so-
nervtötender Akribie dröselt er frisch Die Zeitschrift »Capital« unterstellte wieso hat.« So hat es wohl auch Laschet
veröffentlichte Studien aus China, Island Streeck, dass er bei der Veröffentlichung mit Streeck gemacht.
oder den USA auseinander. Während der Bevor Lauterbach Politiker wurde und
Experte über »Attackraten«, »Konfidenz- 2005 in den Bundestag einzog, wurde er
intervalle« und »Spezifität« plaudert, hö-
ren ihm Millionen zu.
In der Wissenschaft selbst oft als Sachverständiger geladen, in
der Regel von SPD oder Grünen. Meist
Zudem twittert er selbst und erklärt den
Rest in Talkshows und Interviews. In kür-
zählen Fakten, in der frustrierten ihn die Veranstaltungen. »Des-
halb fand ich es wirkungsvoller, direkt in
zester Zeit ist Drosten ein Star geworden. Politik Mehrheiten. die Politik zu gehen. Weil ich so die wis-
Die »Gala« schreibt über ihn, »Bild« stellt senschaftlichen Argumente ohne Umweg
ihm nach. durchsetzen kann.«
Weil er nicht nur ein Star geworden ist, der Heinsberg-Studie einem Drehbuch der Er wünscht sich mehr Wissenschaftler
sondern auch eine politische Figur, ist er Agentur Storymachine gefolgt sei, an der in der Politik. Und er wünscht sich, dass
nun der politischen Öffentlichkeit ausge- auch der frühere »Bild«-Chefredakteur die Einschätzung der Wissenschaft in der
setzt. Sie ist wesentlich für die Demokratie. Kai Diekmann beteiligt ist. Politik eine größere Rolle spiele, insbeson-
Alles muss kritisiert, bezweifelt, debattiert Streeck wurde zunehmend geschnitten, dere beim Klimawandel. »Wir werden die
werden können. seine Unabhängigkeit als Wissenschaftler Krisen der Zukunft nicht meistern, ohne
Welche Tücken diese Öffentlichkeit angezweifelt. Sein Podcast zu wissen- dass wir uns noch mehr auf die Wissen-
haben kann, hat vor Drosten der Bonner schaftlichen Fragen der Corona-Forschung schaft beziehen als bisher.«
Virologe Hendrik Streeck erlebt. Anfang wurde vom Bayerischen Rundfunk be- Beim Thema Klima gab es diesen Bezug
April stellte er Zwischenergebnisse seiner endet. schon einmal, im Jahr 2007, als das Wort
Feldstudie »Covid-19 Case-Cluster-Study« Klimakanzlerin geboren wurde.
in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heins- Im Februar 2007 veröffentlichten Wis-
berg vor. Der Landkreis in Nordrhein- senschaftler, die im Auftrag der Uno arbei-
Westfalen war einer der ersten, in dem teten, alarmierende Zahlen zur Erwär-
sich das Virus ausgebreitet hatte. mung der Erde. Im März drängte Bundes-
Streeck präsentierte die Studie gemein- kanzlerin Angela Merkel ihre Kollegen
sam mit Ministerpräsident Armin Laschet, aus der EU bei einem Gipfel in Brüssel
der sich durch die Ergebnisse in seinem zu Klimazielen, die damals halbwegs ehr-
Plädoyer für eine schnellere Lockerung geizig wirkten. Fortan war sie die Klima-
MARC GRUBER / IMAGO-IMAGES

des Lockdowns bestätigt sah. Noch am sel- kanzlerin. Als ehemalige Wissenschaft-
ben Tag nahm Christian Drosten an einer lerin vertraute sie den Zahlen von Wissen-
Pressekonferenz des »Science Media Cen- schaftlern und setzte ihre Forschung in
ter« teil und meldete Zweifel an Streecks Taten um.
Studie an. Doch schon 2008 tauchten andere Zah-
Drosten verwies unter anderem auf len auf, die gleichfalls alarmierend waren.
statistische Mängel, »die Verteilung auf Die Welt versank in der Finanzkrise, und
die Haushalte« sei zum Beispiel nicht auf- Ministerpräsident Kretschmann Merkel kam zu dem Schluss, dass sie den
geklärt worden. Zudem kritisierte er die »Hohe Dringlichkeit« Deutschen angesichts des wirtschaftlichen
schnelle Veröffentlichung der Studie in Einbruchs keine höheren Energiepreise zu-

12
muten könne. Sie glaubte, für eine solche
Politik keine Zustimmung zu finden.
Auch hier liegt ein Unterschied der bei-
den Systeme. In der Wissenschaft zählen
Fakten, in der Politik Mehrheiten. Die
Regierenden brauchen Zustimmung für
ihre Entscheidungen, und damit hängen
an den meisten Themen Machtfragen.
Wer keine Mehrheit findet, verliert seine
Macht.
Als Merkel das Klimathema als Bedro-
hung für ihre Macht ansah, schubste sie es
zurück in den Hintergrund. Deshalb sollte
man nicht überschätzen, dass sie selbst
Wissenschaftlerin ist und als Physikerin an
einem Forschungsinstitut gearbeitet hat.
Sie kann sehr gut erklären, welche Folgen
verschiedene Reproduktionswerte beim
Coronavirus haben. Sie hat natürlich ein
Ohr für Lothar Wieler, den Leiter des Ro-
bert Koch-Instituts, sie nimmt auch den
Rat von Christian Drosten zur Kenntnis.
Aber am Ende würde sie immer als Poli-
tikerin entscheiden, und das heißt: Sie
schaut nervös auf die Machtfrage.
Offenkundig gehen ihr die Lockerungen
zu schnell, aber da sie nicht die Macht hat,
sich gegen die Ministerpräsidenten durch-
zusetzen, führt sie keinen großen Kampf,
GLOBAL PLAYER
GLOBAL PLAYER
sondern sagt: eure Verantwortung. Ein
Wissenschaftler, der von seiner Sache über-
zeugt ist, würde wohl eher sagen: Hier
stehe ich und kann nicht anders.
Aber bei allen Unterschieden der bei-
FAMILIEN-
den Systeme haben Politik und Wissen-
schaft in der Krise bislang ganz gut zusam-
mengespielt. Das offenbart auch ein
UNTERNEHMER
Ländervergleich der Deep Knowledge
Group. Im April hatten Datenanalysten
dieses Londoner Thinktanks das Corona-
Krisenmanagement von mehr als hundert
Staaten verglichen. Als einziges europäi- ALTANA – global führend in reiner Spezialchemie. Mit 50 ei-
sches Land landete Deutschland noch vor
genständig operierenden Gesellschaften weltweit sind wir
Südkorea, Japan und China unter den Top
Ten der Welt. nicht nur immer in Ihrer Nähe, sondern leidenschaftlich wie Fa-
Vor allem in der Anfangsphase der Pan- milienunternehmer für Sie am Werk. Handlungsspielraum und
demie gelang es vergleichsweise gut, die Vertrauen in unsere Mitarbeiter schaffen die besten Vorausset-
vielerorts in Deutschland aufflackernden zungen für Innovationen und Spitzenleistungen. Damit Sie in
Coronafälle zu identifizieren, die Infek- Ihren Märkten durchstarten können.
tionsketten zu verfolgen und so kostbare
Zeit zu gewinnen. Christian Drosten re-
Entdecken Sie dieses Plus für Ihr Geschäft:
klamiert im Gespräch mit dem SPIEGEL
seinen Anteil daran, auch weil er früh vor www.altana.de/plus
Corona gewarnt habe.
Karl Lauterbach, der sich in diesen Ta-
gen häufig mit ihm austauscht, empfiehlt
Drosten, trotz der Angriffe einfach weiter-
zumachen. »Wenn er weiter offen, klar
und transparent mit seinen wissenschaft- ANTONIO NASTASI, GESCHÄFTSFÜHRER IM GESCHÄFTSBEREICH ELANTAS
lichen Ergebnissen umgeht, ohne dass er
selbige verbiegt, wird er das überleben.
Weil er eine ehrliche Person und ein hoch-
karätiger Wissenschaftler ist.«
Markus Feldenkirchen, Jan Friedmann,
Johann Grolle, Marc Hujer, Martin Knobbe,
Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 13


Titel

»Ohne uns Wissenschaftler hätten


wir bis zu 100 000 Tote mehr«
SPIEGEL-Gespräch Der Virologe Christian Drosten erklärt, was wir Forschern wie ihm zu
verdanken haben, warum er sich nicht vor den Attacken der »Bild«-Zeitung fürchtet,
wie sich eine zweite Welle verhindern lässt – und wie er sich so fühlt als Held und Hassfigur.

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL

Wissenschaftler Drosten: »Ich bin nicht der Kapitän, eher der Navigator«

14
SPIEGEL: Herr Professor Drosten, Ihr Pod- gereist war, in Baden-Württemberg. Nie- dass ich die »Bild« gelesen habe, das war
cast wird millionenfach abgerufen, auf mand wusste, wo der Mann sich ange- zu Zeiten von »Bumm-Bumm-Boris«. In
Twitter folgen Ihnen mehr als 300 000 steckt hatte. Damit war klar: Das Virus meinem Alltag kommt die »Bild«-Zeitung
Menschen, jeder Tweet wird hundertfach verbreitete sich bereits unbemerkt in nicht vor. Niemand in meinem Bekannten-
geteilt und tausendfach gelikt – wie gefällt Deutschland. kreis liest das Blatt. Deshalb kenne ich
Ihnen Ihre neue Berühmtheit? SPIEGEL: Hätte man das nicht sowieso mich da auch nicht so aus.
Drosten: Ich bekomme das gar nicht so irgendwann festgestellt? SPIEGEL: Der Artikel »Drosten-Studie
richtig mit. Ich bin kein Social-Media-Typ, Drosten: Ja, aber erst einen Monat später, über ansteckende Kinder grob falsch« soll
und vor der Pandemie hatte ich zwei Jahre wenn sich wie in Italien, Spanien und Sie als Wissenschaftler diskreditieren.
lang nicht mehr getwittert. Ich lese auch Großbritannien die Toten gehäuft hätten. Drosten: Kann schon sein, dass Leute, die
jetzt nur wenig über mich selbst. Und mein So lange dauert es von der Infektion bis ausschließlich die »Bild«-Zeitung lesen,
Podcast fühlt sich eher an wie ein Dialog zum Tod auf der Intensivstation. Und die- denken: Der Drosten ist ein schlechter Wis-
mit der Wissenschaftsjournalistin, die mich sen Monat haben wir – und damit meine senschaftler. Dass ich keine Ahnung habe,
interviewt. Als wären wir nur zu zweit. ich mein Labor – für Deutschland als Vor- dass ich das Schicksal der Republik in eine
SPIEGEL: Werden Sie auf der Straße ange- sprung eingespielt. Das ist der Grund da- falsche Richtung lenke – und was nicht al-
sprochen? für, dass wir heute so gut dastehen. Wenn les an Legenden produziert wird. Aber um
Drosten: Wenn ich in einer Talkshow war, wir nicht so früh hätten testen können, mich als Wissenschaftler zu diskreditieren,
ja, dann erkennen mich die Leute ein paar wenn wir Wissenschaftler nicht die Politik müssten ja andere Wissenschaftler glau-
Tage lang, ich merke dann, dass ich anders informiert hätten – ich glaube, dann hätten ben, dass das stimmt, was in der »Bild«-
angeschaut werde. Manchmal hört man, wir in Deutschland jetzt 50 000 bis Zeitung steht. Da erfahre ich derzeit hin-
wie Leute miteinander tuscheln. Aber im- 100 000 Tote mehr. gegen – bis auf ganz vereinzelte Ausnah-
mer freundlich, niemand sagt: »Du Idiot!«, SPIEGEL: Sie haben sich Ihr Medizinstu- men – nur Unterstützung.
wie in den wütenden E-Mails, die ich dium finanziert, indem Sie auf der Inten- SPIEGEL: In Ihrer Studie geht es darum,
neuerdings oft bekomme. sivstation in der Pflege gearbeitet haben. ob Kinder, die sich mit dem neuartigen
SPIEGEL: Sie haben sich ja freiwillig und Hat Ihnen das geholfen einzuschätzen, wie Coronavirus infiziert haben, genauso an-
schon zu Beginn der Coronakrise auf die gefährlich Covid-19 sein kann? steckend sind wie Erwachsene. Das be-
öffentliche Bühne begeben. Warum? Drosten: Natürlich. Als ich die Bilder von einflusst die Entscheidung, ob Schulen und
Drosten: Es sollte mir später niemand vor- den italienischen Intensivstationen ge- Kitas wieder öffnen dürfen.
werfen können, ich hätte nicht rechtzeitig sehen habe, wo die Patienten reihenweise Drosten: Zu dieser wichtigen Frage fehlen
davor gewarnt, dass die Leute auch bei nebeneinander in Bauchlage beatmet wur- leider brauchbare Studien, immer noch.
uns sterben könnten. Und wer sonst sollte den, wusste ich sofort Bescheid: Das ist Und solange die Schulen geschlossen sind,
die Menschen in Deutschland informieren richtig schlimm. Wer so beatmet wird, der kann man solche Studien auch nicht ma-
und aufklären über die Pandemie? Als je- ist nicht nach drei Tagen wieder fit, der chen. Deshalb haben wir uns einfach mal
mand, der an Coronaviren arbeitet, sah hat wochenlange Verläufe. Damit war klar: angesehen, wie viele Viren im Rachen von
ich mich da einfach in der Pflicht. Deshalb Die Intensivstationen sind lange blockiert infizierten Kindern stecken. Das ist ein
habe ich mich Mitte Januar dafür entschie- und die Überlebenschancen schlecht. Hinweis darauf, wie infektiös sie sind.
den, einen großen Teil meiner Zeit für SPIEGEL: Warum sind Sie Virologe und SPIEGEL: Kaum war Ihr Artikel draußen,
Öffentlichkeitsarbeit zu verwenden und nicht Intensivmediziner geworden? meldeten sich Kritiker zu Wort, in State-
die Kraft meiner Arbeitsgruppe in die Ein- Drosten: Ich habe damals gemerkt, dass ments, Fachartikeln, auf Twitter, per Mail.
führung des Tests zu investieren. ich die Schicksale mit nach Hause nehme, Drosten: Ja, das waren vor allem Statistik-
SPIEGEL: Und Ihre Forschung zu vernach- wenn die Patienten nicht mehr zu retten experten. Teilweise war diese Kritik etwas
lässigen? sind, wenn die Angehörigen sich verab- bizarr. Es meldeten sich Astrophysiker, die
Drosten: Na ja, unsere Entscheidung, im schieden müssen. Zu der Zeit ungefähr uns Statistikmethoden empfahlen, mit de-
Januar ganz viel Arbeit in die Entwicklung habe ich meinen späteren Doktorvater nen sich ein Signal eines Quasars auswer-
des Diagnostiktests zu stecken und ihn in kennengelernt und angefangen, mich für ten lässt, superfein ziselierte Methoden.
die halbe Welt zu verschicken, das war aus Molekularbiologie und später Virologie zu Aber für die Viruslast aus dem Rachen von
wissenschaftlicher Sicht nicht sehr spekta- begeistern. Kindern vielleicht etwas viel. Wir haben
kulär. Das hat wahnsinnig viel Zeit gekos- SPIEGEL: Jetzt haben Sie sich mit der uns angesichts der groben Daten, die wir
tet, ist aber eher eine Serviceleistung als »Bild«-Zeitung angelegt. hatten, für ein gröberes statistisches Werk-
ein Forschungserfolg. Drosten: Sollte ich mich fürchten? Kann zeug entschieden.
SPIEGEL: Wäre Deutschland ohne Sie ich mir nicht vorstellen. Das letzte Mal, SPIEGEL: Die Frage ist: Stimmt das Ergeb-
schlechter vorbereitet in die Pandemie ge- nis Ihrer Studie? Können Kinder genauso
schlittert? ansteckend sein wie Erwachsene?
Drosten: Ja, natürlich. Wir hatten Mitte Gefragter Virologe Drosten: Man sieht in unseren Daten ei-
Februar die Universitätskliniken so weit, Zuwachs an Followern auf dem gentlich auf den ersten Blick, dass Kinder,
dass sie die Diagnostik machen konnten, Twitter-Account von Christian Drosten die keine Symptome haben, mitunter eine
und oft haben die ihr Wissen und Material Viruslast haben, die genauso hoch ist wie
dann an andere Labore weitergegeben. 203 568 die von erwachsenen Covid-19-Patienten.
Mitte Februar waren wir in Deutschland Viele der Anregungen, die wir von den
111 244
in der Lage, dass wir routinemäßig auf Statistikexperten bekamen, waren trotz-
Sars-CoV-2 testen konnten. Das hat es in dem sehr wertvoll für uns. Inzwischen
kaum einem anderen Land gegeben. Um 2396 haben wir die Studie überarbeitet und
Karneval herum gab es dann den ersten Februar März April wollen sie zur Veröffentlichung einreichen.
Treffer, bei jemandem, der vorher nicht Einen der Kritiker konnten wir sogar als
Follower insgesamt 387 614 Co-Autor gewinnen. Am Ergebnis der
Das Gespräch führten die Redakteurinnen Rafaela von Quelle: socialblade.com; Stand: 28. Mai Studie hat sich durch die Überarbeitung
Bredow und Veronika Hackenbroch. nichts geändert.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 15


SPIEGEL: Das sah der »Bild«-Redakteur
Filipp Piatov anders und schrieb Ihnen am
Montag eine Mail …
Drosten: … in der er mich aufforderte,
innerhalb von einer Stunde Stellung zu
nehmen.

CHRISTIAN DITSCH / EPD-BILD


SPIEGEL: Sie haben die Mail des »Bild«-
Redakteurs auf Twitter gepostet und dazu
geschrieben: »Ich habe Besseres zu tun.«

JENS SCHICKE
Drosten: Die Statistik, um die es geht, ist
so komplex, dass man das auf keinen Fall
in einer kurzen Stellungnahme erklärt be-
kommt, auch wenn man sich deutlich mehr Virologe Drosten mit Minister Jens Spahn Mit RKI-Chef Lothar Wieler
Zeit als eine Stunde dafür nimmt. Und ich »Wer sonst sollte die Menschen aufklären?« »Schaut ins Ausland«
hatte auch nicht den Eindruck, als sei die
»Bild«-Zeitung wirklich daran interessiert,
das wissenschaftliche Problem zu verste- Drosten: Das ist nach meiner Meinung ein Drosten: Ich glaube, da wird etwas auf
hen. Es war klar, dass sie einen tendenziö- Straftatbestand, der natürlich sofort zur mich projiziert; das ist keine Wissenschafts-
sen Artikel planten. Nach der Veröffent- Anzeige gebracht worden ist. Ich hoffe, feindlichkeit. Es ist eher so, dass die Men-
lichung zeigte sich dann auch, dass sie mit dass der Täter ermittelt wird. Und ich schen unter den Shutdown-Maßnahmen
den vier kritischen Statistikexperten nicht hoffe, dass ich ihn vor Gericht sehe. in Deutschland gelitten haben, so milde
einmal gesprochen, sondern nur online ver- SPIEGEL: Bislang ist Deutschland sehr gut die auch waren. Viele Leute hatten einfach
fügbare Zitate aus dem Zusammenhang durch die Pandemie gekommen, dennoch das Gefühl, dass da über ihren Kopf hin-
gerissen hatten. Die Kollegen hatten keine wüten nun Corona-Rebellen, Impfgegner weg über drastische Einschränkungen
Ahnung davon und haben sich per Twitter und Rechte auf Demos und im Netz. Aber ihres Lebens entschieden wurde.
sofort von dem »Bild«-Artikel distanziert. auch gemäßigte Kritiker meinen, Forscher SPIEGEL: An denen Sie mitgewirkt haben,
SPIEGEL: »Bild«-Chefredakteur Julian Rei- wie Sie hätten übertrieben und seien schuld indem Sie Angela Merkel und den Minis-
chelt hat erwidert, Sie hätten wegen der am wirtschaftlichen Niedergang. Haben terpräsidenten zu einem Shutdown rieten.
Stellungnahme ja auch um eine Fristver- Sie, hat die Politik falsch kommuniziert? Drosten: Meine Rolle in der Politikbera-
längerung bitten können. Drosten: Ich glaube nicht, dass wir irgend- tung wird heftig übertrieben. Das ist weit-
Drosten: Dafür schien mir die Anfrage etwas falsch gemacht haben. Wir haben gehend eine Legende.
nicht ausreichend von sachlichem Interes- SPIEGEL: Dann hat Horst Seehofer Unsinn
se geleitet. Und wer Herr Reichelt ist, weiß erzählt, als er in einer Talkshow berichtete,
ich auch erst seit Montag.
SPIEGEL: Für Ihre Rolle in der Pandemie
»Es könnte sein, Sie seien zunächst gegen und am nächsten
Tag im Kreis der Ministerpräsidenten für
werden Sie gehasst – und vergöttert. Es
gibt Hashtags wie #TeamDrosten, Leute
dass uns das Schulschließungen gewesen?
Drosten: Ich sage Ihnen, wie’s war. Zum
wollen sich Ihr Gesicht als Tattoo stechen Virus eine Weile einen waren da mehrere Wissenschaftler
lassen. Von vielen werden Sie auch als wis- in dieser Runde. Und was wir gesagt ha-
senschaftliche Eminenz auf ein Podest in Ruhe lässt.« ben, war einfach: Wir können schlicht
gehoben. Gefällt Ihnen das? nicht wissen, wie gefährlich Schulen als
Drosten: Ich glaube, das findet nur in den Infektionsherde sind.
Medien statt und ist für meine Kollegen mit vergleichsweise milden Maßnahmen SPIEGEL: Und wie kam es zu Ihrem Mei-
aus der Wissenschaft nicht relevant. Es gibt eine Pandemiewelle gestoppt, und zwar nungsumschwung?
in Deutschland wirklich bessere Wissen- total effizient, ohne eine große Zahl von Drosten: Ich hatte in der Tat gedacht, dass
schaftler als mich in der Virologie. Ich glau- Toten. Ich finde, man sollte den Corona- wir die Schulen offen lassen könnten und
be, keiner von denen hält mich für den Leugnern sagen: Schaut ins Ausland. Wir erst mal mit Großveranstaltungen anfan-
besten. Ich stehe jetzt nur im Mittelpunkt, haben in Deutschland etwas geschafft, das gen. Aber am Abend zuvor hatte mich
weil ich an diesem Virus arbeite. kein vergleichbares Land der Welt hinbe- eine Wissenschaftlerin aus den USA an-
SPIEGEL: Auf der anderen Seite schlägt kommen hat. geschrieben, und die hat gesagt: Vorsicht,
Ihnen Hass entgegen. Am Dienstag haben SPIEGEL: Viele Menschen haben das Ge- Drosten, du täuschst dich, die Schulen
Sie unangenehme Post bekommen, schrie- fühl: Es ist doch gar nichts passiert. spielen eine Sonderrolle, und hier sind die
ben Sie auf Twitter – was war da drin? Drosten: Ja, Prävention ist paradox: Es ist Argumente. Das hat sie mir erklärt und
Drosten: Das wird das Landeskriminalamt nichts passiert, weil wir es verhindert ha- eine Studie angehängt – und genau diesen
analysieren. Es sah aus wie menschliches ben. Das war ja der Sinn der Maßnahmen. Wissensstand habe ich in der Minister-
Blutserum (lacht) – könnte aber auch von Und wenn wir nun empfehlen, die Maß- präsidentenrunde wiedergegeben. Mehr
einer Ziege stammen. Es kam zusammen nahmen vorsichtig aufzuheben, dann heißt nicht.
mit der Botschaft: »trink das – dann wirst es bei manchen: Ah, die Experten schwen- SPIEGEL: Wollen Sie sagen, Sie hätten gar
du immun.« Inzwischen sind solche Hass- ken um. Drosten rudert zurück. Jetzt emp- keinen Einfluss auf die Politik?
botschaften zur Normalität geworden, oft fiehlt er plötzlich etwas ganz anderes. Ich Drosten: Ich glaube schon, dass mein NDR-
handelt es sich um völlig irre Texte voller meine: Hat irgendjemand ernsthaft ge- Podcast in ministerialen Abteilungen genau
Rechtschreibfehler, manche Schreiberlinge dacht, dass wir einen Shutdown machen, gehört wird. Ich meine: Wie soll ich das,
sind einfach nur bemitleidenswert, andere um den nie wieder aufzuheben? was ich als Forscher zu sagen habe, trans-
hoch narzisstisch, maliziös und manipulativ. SPIEGEL: Äußert sich in dem Hass auf Sie parenter machen als in diesem Podcast?
SPIEGEL: Es gibt ein Plakat, das Sie mit auch eine Wissenschaftsfeindlichkeit, be- SPIEGEL: Sie haben sogar Ihre Viruslast-
dem KZ-Arzt Josef Mengele zusammen feuert von Impfgegnern in den Filterblasen studie dazu benutzt, Empfehlungen an die
abbildet. der sozialen Netzwerke? Politik zu geben. Da steht explizit, dass

16
SPIEGEL: Wie? Indem wir jeden testen,
der ein bisschen hustet?
Drosten: Nein, es geht eher darum, sich
klarzumachen, wo und in welchen Situa-
tionen Ausbrüche geradezu programmiert
sind. Und wie wir die überwachen können.

MICHELE TANTUSSI / REUTERS


Auch das Draufhauen ist leichter gewor-
den. Es gibt neuere Berechnungen, die

AFP / GETTY IMAGES


sehr klar sagen: Wenn ein Ausbruch be-
merkt wird, braucht man gar nicht erst an-
zufangen, alle möglichen Kontaktperso-
nen zu testen. Damit kommt man immer
Mit Vizekanzler Olaf Scholz Mit Bildungsministerin Anja Karliczek zu spät, zwangsläufig. Stattdessen kom-
»Ohne zweite Welle durchkommen?« »Meine Rolle wird übertrieben« men einfach sämtliche Kontaktpersonen
in Quarantäne. Und zwar nicht mehr 14
Tage, sondern nur noch eine gute Woche.
Sie vor einer Wiedereröffnung von Schu- bruch dort schon in der Frühphase verhin- Die Inkubationszeit und die Zeit, in der
len und Kindergärten warnen. dern können – der sonst garantiert kom- man ansteckend ist, das alles ist nämlich
Drosten: Wenn man die gesamte Studie men wird. deutlich kürzer als anfangs gedacht.
liest, dann findet man auch eine detaillier- SPIEGEL: Nicht in der Kirche singen, nicht SPIEGEL: Was sind die größten, noch un-
te Aufzählung der Unsicherheiten. In die- auf Kreuzfahrt gehen, nicht feiern – ist das gelösten Fragen in dieser Pandemie?
sem Kontext steht dieser eine sehr vorsich- unser Leben in den nächsten Monaten? Drosten: Ganz klar: Warum haben Kinder
tig formulierte Satz, dass wir nach jetziger Drosten: Feiern könnte gehen, wenn es keine Symptome? Das scheint nicht daher
Datenlage, so unsicher sie ist, nicht mit gu- draußen stattfindet und es nicht zu viele zu kommen, dass weniger Virus im Rachen
tem Gewissen empfehlen können, die Leute sind, die da zusammenkommen. steckt. Auch dass sie weniger von dem
Schulen unbeschränkt zu öffnen. Das kann man sich durchaus vorstellen für vom Virus angegriffenen Rezeptor in der
SPIEGEL: Der Medienpsychologe Frank diesen Sommer. Nasenschleimhaut haben, ist für mich
Schwab hat Sie im SPIEGEL verglichen mit SPIEGEL: Und nächstes Frühjahr erlöst uns keine Erklärung. Und dann natürlich:
Gandalf in »Herr der Ringe« oder Obi- ein Impfstoff? Welcher Impfstoff ist der beste?
Wan Kenobi in »Star Wars«: Sie kämpfen Drosten: Ich verlasse mich darauf, dass es SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
nicht selber, stehen aber den Helden zur bis dahin nicht nur einen Impfstoff gibt. Drosten: Ein Impfstoff sollte auch in ge-
Seite und bringen Ihre Erfahrung und Ihre Das läuft in Deutschland ein bisschen im ringer Dosis wirken und leicht zu produ-
Weisheit ein. Ist da was dran? Hintergrund, aber wir sind auf einem ex- zieren sein. Und: Welchen Impfstoff gibt
Drosten: Wer ist das? Ich kenne die Figu- trem guten Weg bei der Impfung. man eigentlich, wenn die Pandemie vorbei
ren nicht. SPIEGEL: Davor kommt noch der Winter ist? Muss man dann dauerhaft impfen?
SPIEGEL: Im Ernst jetzt? – und das Virus zurück? SPIEGEL: Gibt es etwas an diesem Virus,
Drosten: »Herr der Ringe« habe ich nicht Drosten: Ja, dass es einen gewissen Tem- das Ihnen Angst macht?
gelesen, »Star Wars« habe ich nicht gese- peratureffekt gibt, ist relativ klar. Die Frage Drosten: Die große Frage ist: Wird es viru-
hen. Und was meine Rolle in der Politikbe- ist: Woher kommt der? Wahrscheinlich lenter? Oder schwächt es sich ab? Es kann
ratung betrifft: Ich bin da nicht der Kapitän, entsteht er durch das Zusammensein in ge- sicherlich optimiert werden durch die Evo-
auch nicht der Steuermann, höchstens viel- schlossenen Räumen im Winter. Aber viel- lution – das macht mir schon ein bisschen
leicht ein Navigator. Ich lese die Karten. leicht haben wir über den Sommer die Angst. Und wie das dann aussieht, ob es
SPIEGEL: Wie wird es weitergehen? Chance, uns darauf einzustellen, indem tödlicher wird – wir wissen es nicht. Ich
Drosten: Wir sind wirklich gerade in einer wir Richtlinien darauf abstimmen, Test- will auch nicht den Teufel an die Wand ma-
guten Situation. Der Shutdown ist weit- logistik neu planen, uns überlegen, wie len, aber man vermutet ja, dass so etwas
gehend aufgehoben, wir öffnen immer wir beginnende Ausbrüche verfolgen. Und auch bei der Spanischen Grippe 1918 pas-
mehr – und es kommt nicht sofort zu ei- wir können uns jetzt schon mal darauf vor- siert ist: dass das Virus gen Winter mutierte.
nem Wiederaufblühen der Seuche. Es bereiten, dass es auch im Herbst und Win- SPIEGEL: Was haben Sie gelernt auf Ihrem
könnte durchaus sein, dass uns das Virus ter noch keine Kongresse und Konferen- Weg aus dem Labor heraus auf die Bühne
jetzt eine ganze Weile in Ruhe lässt. zen geben wird. der Nation?
SPIEGEL: Wie lange? SPIEGEL: Sonst könnte es eine zweite Drosten: Ich glaube, ich habe ein dickeres
Drosten: Nicht dauerhaft. Aber vielleicht Welle geben? Fell bekommen. Das ist für mich ganz gut,
entgehen wir einem zweiten Shutdown. Drosten: Es gibt die theoretische Möglich- weil ich eigentlich nicht der Typ bin, der
Am Anfang, klar, da brauchten wir die gan- keit, dass wir ohne zweite Welle durch- sich gut vor solchen persönlichen Anfein-
ze breite Palette von Maßnahmen, weil kommen. Wegen der Art und Weise, wie dungen schützen kann. Auch wenn einige
wir nicht genau wussten, was hilft. Jetzt die Erkrankung sich verbreitet: Wir haben das anders darstellen. Daran kann man
kennen wir das Virus genauer, wir wissen wenige Leute, die viele andere Menschen schon so ein bisschen, na ja, reifen.
besser, wie es sich verbreitet. infizieren … SPIEGEL: »Bild«-Chef Reichelt hat Sie ja
SPIEGEL: Was ist mit Schulen und Kitas – SPIEGEL: … die sogenannten Supersprea- jetzt laut Medienberichten zum Duell
die würden Sie ja nun doch wieder gern der. gefordert. Machen Sie mit, oder haben Sie
geöffnet sehen? Drosten: Genau. Und ein solches Infek- Besseres zu tun?
Drosten: Ganz klar, die müssen wir öffnen, tionsgeschehen kann man besser kontrol- Drosten: Was soll das heißen, »zum Duell
und zur Hälfte öffnen kann man sie auch lieren als eine gleichförmige Ausbreitung gefordert«? Das klingt nach tiefstem 19.
nicht. Auch wenn wir immer noch nicht unterm Radar, wie wir das am Anfang Jahrhundert. Keine Ahnung, was das soll.
genau wissen, wie ansteckend Kinder sind. angenommen haben. Wenn man merkt, SPIEGEL: Herr Professor Drosten, wir dan-
Und dann müssen wir schauen, mit wel- wo sich ein Ausbruch zusammenbraut, ken Ihnen für dieses Gespräch.
chen Werkzeugen wir einen größeren Aus- muss man gleich voll draufhauen.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 17


Titel

Der Boss und seine Boys


Medien »Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt kämpft mit einer Truppe eingeschworener
Jungredakteure gegen Virologe Christian Drosten. Der Rest der Redaktion hat zu parieren.

D
ass sich die Welt schwertut, Juli- der das Haus bereits verlassen hat. In den deren bei und schließen die Reihen. Am
an Reichelt zu verstehen, kommt vergangenen Monaten hat die Redaktion Montag, nach dem Drosten-Debakel, war
häufiger vor. In den vergangenen einen Aderlass erlebt. Manche gingen im die Tonlage aufgeregter als sonst. Viel-
Tagen ist der umgekehrte Fall Zuge der Sparwelle, die gerade über den leicht, weil sich diesmal kaum jemand au-
eingetreten: »Bild«-Chefredakteur Rei- Axel-Springer-Verlag hinwegrollt. Andere, ßerhalb der Redaktion fand, der »Bild«
chelt versteht die Welt nicht mehr. Und weil sie mit Reichelt nicht klarkamen. verteidigen mochte.
das alles wegen Christian Drosten. Reichelt war früher einmal Kriegsrepor- Björn Stritzel, einer aus der Boygroup,
Seit Wochen arbeitet sich »Bild« an ter, den Schützengraben hat er nie wirklich echauffierte sich in einem Tweet über »die
dem Virologen ab, auf den die Kanzlerin verlassen. Bei Großereignissen schreibt krisengeschüttelten Subjekte, die in Dros-
hört. Die Drosten-Dresche gipfelte am der »Bild«-Chef schon mal an die Mann- ten den Erlöser sehen«. Julian Röpcke,
Montag auf Bild.de in einem Text über schaft: »All Forces«, alle Kräfte bereit. Wer auch er Mitglied im Team Reichelt, bezeich-
dessen Studie von Ende April, die nahe- nach dem Grund fragt, hat schon verloren. nete das SPIEGEL-Interview mit einem
gelegt hatte, Corona-infizierte Kinder sei-
en womöglich genauso ansteckend wie Er-
wachsene. »Schulen und Kitas wegen fal-
scher Studie dicht«, titelte »Bild« am fol-
genden Tag und nannte Drostens Metho-
den »fragwürdig«.
Der Schuss aus der »Bild«-Büchse ging
nach hinten los. Die Statistikprofessoren
und Ökonomen, die das Blatt als Kronzeu-
gen gegen Drosten aufgeboten hatte, dis-
tanzierten sich umgehend von dem Arti-
kel, auf Twitter, einer auch im SPIEGEL-
Interview. Ja, sie hatten Drosten in Auf-

IMAGO SPORT / IMAGO IMAGES/JÖRG SCHÜLER


sätzen kritisiert, so wie das unter For-
schern üblich ist, zumal in einem so frühen
Stadium einer Studie. Es ging um metho-
dische Mängel, die Drosten bereits selbst
eingeräumt hat. Dass die Kritik zum Skan-
dal hochgejazzt wurde, entsetzte die Wis-
senschaftler. Das Medienecho für »Bild«
war verheerend. Und Reichelts Laune ist
seither übelst, zumal er sich als letzten
Aufrechten sieht.
Es ist die Rolle, in der sich »Bild« schon Journalist Reichelt: Erst mal ballern, dann schauen, was passiert
in der Flüchtlingskrise am besten gefiel:
das Blatt, das sich nicht fügt in die ver-
meintlich politisch korrekte, regierungs- Das ist ein Marschbefehl. Mails beendet der entsetzten Professoren als »Dreck«.
treue Einheitsfront. Das sich traut, auch er mit dem militärischen »Yours aye«. Filipp Piatov, Autor des umstrittenen Dros-
Denkmäler wie Drosten hart anzupacken. Nun zieht er wieder in die Schlacht, gegen ten-Texts, hielt sich weitgehend zurück.
»Ich hätte nicht gedacht, dass wir beim Drosten. Es geht um vieles, Reichelt muss Piatov nennen sie intern »Reichelts Blut-
Thema Heiligenverehrung in den Medien zeigen, dass »Bild« noch die alte Kraft hat, hund«, dabei ist er ein eher zarter, feinsin-
so weit gekommen sind«, sagt Reichelt. trotz sinkender Auflage. Dass sie entscheidet, niger Mann. Piatov, 29, wurde in Lenin-
Dass »Bild« eine Anti-Drosten-Kampa- wer in Deutschland zu den Gewinnern zählt grad geboren und wanderte als Einjähriger
gne fahre, sei »Quatsch und frei erfunden«. und wer zu den Verlierern. Dass sie Karrie- mit seiner jüdischen Familie nach Deutsch-
Vielmehr hätten der SPIEGEL und die ren ermöglichen, aber auch zerstören kann. land aus. Reichelt hat ihm eine journalisti-
»FAZ«, die ihn besonders hart anging, eine Den Kampf muss der »Bild«-Chefredak- sche Heimat gegeben, er förderte Piatov.
»üble Kampagne« gegen die »vollkommen teur nicht allein führen. Reichelt hat um Der dankt es ihm, auch wenn bislang nicht
legitime Berichterstattung« von »Bild« in sich eine kleine, handverlesene Truppe jun- alles glatt lief.
Gang gesetzt. Ein typischer Reichelt. ger Männer versammelt, die den Ton und Vor zwei Jahren fiel Piatov auf das Sati-
Falsch liegen immer die anderen. das Tempo von »Bild« prägen. Intern kur- remagazin »Titanic« herein. Das drehte
Man könnte das für eine Pose halten. sieren für sie diverse Spitznamen: »Julians ihm einen gefälschten Mailwechsel an, an-
Doch Empörung ist bei dem 39-Jährigen Boygroup«, »Fassbombenkommando« oder geblich zwischen Juso-Chef Kevin Küh-
selten gespielt. Reichelt betreibe Journa- »Reichelts Kindersoldaten«. Wer Twitter nert und einem Russen namens Juri, der
lismus nach dem Motto: Erst mal ballern, nutzt, kennt die Gang. Wird einer von ih- Kühnert helfen wolle, seine Anti-GroKo-
dann schauen, was passiert, sagt jemand, nen dort angegriffen, springen ihm die an- Kampagne durchzusetzen. Eine Blamage,

18
auch für Reichelt, der die Geschichte über nige wagen, heißt es bei Mitarbeitern und Drosten twitterte stattdessen: »Ich habe
die angebliche »Schmutz-Kampagne bei Ehemaligen. Nicht, dass man mit Reichelt Besseres zu tun.« Dazu die Anfrage – in-
der SPD« druckte. Geschadet hat sie Pia- nicht diskutieren könne, es bringe nur klusive Piatovs Handynummer.
tov nicht: Reichelt beförderte ihn unlängst eben oft nichts. Allenfalls sein enger In den Tagen danach erschien »Bild«
zum Meinungschef. Freund und Nachfolger als Kriegsreporter, mit weiteren Geschichten über Wissen-
Piatov und Reichelt sind sich in vielem Paul Ronzheimer, erlaube sich regelmäßig schaftler, die Kritik an Drosten geübt hat-
einig. Etwa in ihrer unbedingten Kritiklo- Kabbeleien. ten. Darunter Herman Goossens, belgi-
sigkeit gegenüber Israel oder ihrer Abnei- Es fehle ein Korrektiv, das bremst, zwei- scher Professor für Mikrobiologie und Mit-
gung gegen Russlands Präsidenten Wladi- felt, querschießt. Das führe dann eben zu glied einer EU-Taskforce. Der hatte der
mir Putin. Auch das macht die Jungstruppe journalistischen Ausfallschritten wie der belgischen Zeitung »De Standaard« Zitate
aus: Jeder hat seine Funktion, und jeder Geschichte vom angeblich fehlerhaft ar- freigegeben, wonach er Drosten in einer
bildet eine Facette von Reichelt selbst ab. beitenden Virologen Drosten. Reichelt Telefonschalte gesagt habe: »Ihre Statistik
Stritzel und Röpcke bedienen die Faszina- sagt dazu: »Zu anonymer Gifttröpfelei ist nicht gut« und ihn gewarnt habe, dass
tion für alles Militärische. Stritzel ist Ex- kann ich nichts sagen.« seine Rolle als Wissenschaftler besondere
perte für ISIS, al-Qaida und dschihadisti- Laut Reichelt lief die Drosten-Recher- Vorsicht gebiete. »Bild« fragte an, ob die
sche Netzwerke. Auf Röpcke war Reichelt che so: »Bild« habe Hinweise aus Kreisen Zitate korrekt seien, man wolle sie gern
bei Twitter aufmerksam geworden, wo die- der Bundesregierung und der Ministerprä- verwenden, Goossens schickte ein weite-
ser Luftaufnahmen aus Syrien geteilt hatte. sidenten erhalten. Dort sei man unglück- res – nur um sie prompt wieder zurückzu-
Reichelts Jungs verstünden sich als eine lich, dass die Entscheidung, Schulen und ziehen. Bei Twitter verkündete Drosten,
Art Elitetruppe, heißt es in der Redaktion, Kitas größtenteils geschlossen zu halten, Goossens habe ihn nach der »Bild«-Anfra-
gebuhlt wird um die Gunst des Chefs: Wer massiv beeinflusst worden sei von Dros- ge »entsetzt« angerufen.
ist gerade näher dran an Julian? Wer hat tens Studie, die sich nun offenbar als nicht In Wahrheit hat Goossens »Bild« damit
einen Gefallen getan. Reichelt darf sich
nun in seiner Sicht bestätigt sehen, dass
niemand es wage, Drosten öffentlich zu
kritisieren.
Dass die Debatte so hochkocht, führt
Reichelt darauf zurück, dass Deutschland
gerade in zwei Lager zerfällt: auf der einen
Seite die sogenannten Hygiene-Demons-
tranten, die in Stuttgart, Berlin und ande-
renorts auf die Straße gehen, angetrieben
auch von Verschwörungstheoretikern. Die
andere Seite – dazu gehörten viele Jour-
nalisten – »verehrt und vergöttert alles,
was aus dem Komplex Bundesregie-
rung/Christian Drosten an Politik hervor-
gegangen ist, und erwartet, dass das nicht
zu hinterfragen ist«. In wenigen Wochen,
prophezeit Reichelt, würden sich die bei-
den Lager »ähnlich unversöhnlich gegen-
überstehen wie in der Flüchtlingskrise«.
Zimperlich war »Bild« nie, auch nicht
unter Vorgänger Diekmann. »Aber bei Kai
saß es wenigstens handwerklich«, sagt ein
Drosten-Tweet, Berichterstattung in »Bild«: Es fehlt ein Korrektiv früheres »Bild«-Gewächs. Diekmann habe
es geschafft, dass seine Leute sich nicht für
ihre Zeitung schämen mussten. Das sei in-
von ihm spätabends noch eine SMS be- belastbar erweise. Daraufhin habe Piatov zwischen anders. Vor allem die Führungs-
kommen? Es klingt nach einer Welt, wie sich jene Aufsätze vorgenommen, die Dros- kultur soll unter Reichelt stark gelitten ha-
man sie aus Journalistenfilmen kennt. tens Untersuchung genau das vorwerfen. ben. In Konferenzen würden Leute herun-
Weißwein, Bier, Zigaretten, Männergesprä- Das Argument, bei der Studie habe es tergemacht, wenn ihre Meinung von der
che. Eine »Bild«-Redakteurin sagt: »Man sich um einen Pre-Print gehandelt, ein Dis- Reichelts abweiche. Laut Insidern sind
fühlt sich wie in einer Netflix-Serie.« kussionspapier, das einlädt zur Kritik, fin- beim Betriebsrat und beim Vorstand meh-
Reichelt spricht von einem »Team von det Reichelt fadenscheinig: »Dann hätte rere Beschwerden eingegangen.
großartigen, jungen, ehrgeizigen Leuten, Drosten daraus keine politische Hand- Dass er sich nichts sagen lasse, stimmt
Frauen wie Männer«. Doch Frauen gehö- lungsempfehlung ableiten dürfen.« indes nicht ganz. Gerade hat er sich zwei
ren, mit wenigen Ausnahmen, nicht zum Mit Erscheinen seines Texts, sagt Rei- amerikanische Berater geholt, vornehm-
engsten Zirkel, die Zahl der leitenden Re- chelt, habe Piatov massenhaft Drohungen lich für sein neues Projekt Bild TV. Einer
dakteurinnen ist in den vergangenen Mo- erhalten, darunter viele antisemitische. von ihnen ist Duncan Boothby. Es ist eine
naten merklich geschrumpft. Das war auch Drostens Schuld. Der hatte Bekanntschaft aus Kriegstagen. Boothby
Für seinen innersten Kreis hat der am Montagnachmittag, kurz vor Veröffent- war Sprecher von Stanley McChrystal, sei-
»Bild«-Boss eine Atmosphäre geschaffen, lichung des Artikels, bei Twitter eine E- nerzeit US-Kommandeur in Afghanistan.
in der man sich stark fühlt und einander Mail veröffentlicht, die Piatov ihm ge- Mit Führung kennt er sich aus.
in der Weltsicht bestärkt. Außerhalb dieses schickt hatte. Es gebe Vorwürfe von Wis- Isabell Hülsen, Alexander Kühn,
Kreises wittere er überall Verräter, sagt ein senschaftlern, stand darin, Drosten möge Anton Rainer
Ex-Kollege. Widerspruch würden nur we- sich dazu äußern, binnen einer Stunde.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 19


Deutschland

CHRISTIAN MANG
Lichtstarke Demo Aktivisten der Initiative Seawatch haben unter dem Motto »LeaveNoOneBehind« am Dienstag
unter anderem Bilder von Menschen, die im griechischen Flüchtlingslager Moria gestrandet sind, auf ein Transparent
vor dem Berliner Reichstagsgebäude projiziert. Im Camp auf Lesbos harren zurzeit mehr als 17 000 Migranten aus.

Kurzer Prozess mit Rechtsextremen


Bundeswehr Kramp-Karrenbauer legt Änderung des Soldatengesetzes vor.

 Verteidigungsministerin Annegret kurzfristige Entlassung nur bis zum vier- dienst MAD seit Monaten auf die Ände-
Kramp-Karrenbauer (CDU) will rechts- ten Dienstjahr möglich. Die Entlassung rungen. Die Extremismusfahnder frus-
extreme Soldaten schneller als bisher aus von als Rechtsextremisten erkannten Zeit- trierte in den vergangenen Jahren zuneh-
der Bundeswehr werfen können. Ihr soldaten habe zuletzt durchschnittlich mend, dass sich die Entlassung von Zeit-
Ministerium hat dem Kabinett eine Ände- zweieinhalb Jahre gedauert, so das Minis- soldaten trotz eindeutiger Hinweise auf
rung des Soldatengesetzes vorgelegt. Zeit- terium in der Vorlage. ihre rechte Gesinnung oft jahrelang hin-
soldaten, die durch ihre rechtsextreme Auch die Wehrdisziplinarordnung soll zog. Kramp-Karrenbauer bezeichnet die
Haltung aufgefallen sind, sollen danach modifiziert werden. So wird etwa die Gesetzesvorlage in einem Brief an ihre
bis zum achten Dienstjahr ohne langwieri- Höchstgrenze für eine Disziplinarbuße Kabinettskollegen als »wichtige Ände-
ges Disziplinarverfahren fristlos entlassen von einem auf zwei Monatssaläre von rung«, die eine »schnellere und angemes-
werden können. Dabei muss es sich um Soldaten oder Soldatinnen erhöht. Hinter sene Reaktion« gegenüber Extremisten
schwere Fälle handeln. Bisher war eine den Kulissen drängt der Militärgeheim- in der Bundeswehr ermögliche. MGB

20 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Fehmarnbelt-Tunnel gung mit dem umgerechnet Alexander Neubacher Die Gegendarstellung
mehr als sieben Milliarden
Skeptische Dänen
 Neben Klagen in Deutsch-
land droht dem umstrittenen
Euro teuren Projekt im Juni
2018 auf Eis gelegt, auch »aus
Rücksichtnahme auf den Zeit-
Kinder an die Macht
Fehmarnbelt-Tunnel auch in plan der Genehmigung durch Wie lässt sich verhindern, dass vor allem die Jun-
Dänemark Ungemach. Das die deutschen Behörden«, gen für die Pandemie und die Folgen bezahlen
Projekt steht auf der Agenda wie es hieß. Für die deut- müssen? Den interessantesten Vorschlag macht
des zum dänischen Parlament schen Kläger, deren Klagen ein Politiker, der dieses Jahr 80 wird. Hermann
gehörenden Rechnungshofs im September vor dem Bun- Otto Solms, FDP-Finanzexperte und Ex-Bun-
(»Rigsrevision«). »Die Rigsre- desverwaltungsgericht verhan- destagsvizepräsident, will die Generation Corona
vision erwartet, dass die Vor- delt werden, dürfte die Wieder- mitbestimmen lassen. Er fordert: Runter mit dem
untersuchung der Fehmarn- aufnahme also zu spät kom- Wahlalter auf null Jahre. Auf diese Weise könne man ver-
belt-Verbindung im Lauf des men, um neue Argumente zu hindern, dass die Politik weiter vor allem den Alten nach-
Herbstes 2020 wieder aufge- liefern. Stoppen kann die laufe. »Das Ziel ist mehr Generationengerechtigkeit«, sagt
nommen wird«, teilt eine »Rigsrevision« das Projekt Solms.
Sprecherin mit. Die Vorunter- nicht. Im Parlament in Kopen- Er bereitet einen Antrag vor, den eine Gruppe von Abge-
suchung soll Klarheit darüber hagen sind fast alle Fraktionen ordneten nach der Sommerpause einbringen will. Die
geben, ob eine größere Prü- für den Tunnel. Am 1. Januar SPD-Politiker Ingrid Arndt-Brauer und Swen Schulz sowie
fung nötig ist. Die Beamten 2021 sollen auf dänischer Seite Thomas Silberhorn von der CSU machen mit. Für Solms
hatten eine erste Beschäfti- die Bauarbeiten beginnen. APR ist es ein Herzensthema. Schon 2005 und 2009 hat er ver-
sucht, es im Bundestag zu platzieren, doch er fand keine
Mehrheit. Der CDU-Politiker Norbert Röttgen nannte die
Forderung nach einem Kinderwahlrecht »populistisch moti-
Gentechnik vierten Unsinn«.
Lebensmittelunsicherheit Stimmt das? Im Grundgesetz steht, dass alle staatliche
Gewalt vom Volk ausgeht. Vom »volljährigen Volk« steht da
 Deutschlands Lebensmittel- von 2018, in dem klargestellt nichts. Dennoch sind etwa 13 Millionen Bundesbürger von
händler wollen Druck auf wird, dass alle Organismen der Bundestagswahl ausgeschlossen, weil sie zu jung sind.
die EU-Kommission ausüben, als gentechnisch verändert Dass man erst mit 18 wählen darf, ist
damit die gentechnische Be- gelten, die mit neuen »Muta- kein Naturgesetz. Bis 1919 hielt man in
arbeitung von Lebensmitteln geneseverfahren« hergestellt Letztlich han- Deutschland alle Frauen für ungeeignet,
besser entdeckt werden kann. wurden. Dabei muss nicht bis 1970 (West) alle unter 21-Jährigen.
Eine Kennzeichnung solcher unbedingt fremdes Erbgut in
delt es sich Letztlich handelt es sich beim Wahlalter
Produkte könne den Verbrau- die DNA eingebracht werden, bei der Fest- um Willkür. Zu dieser Einschätzung
chern »Wahlmöglichkeiten es reicht schon, Genom- setzung des kamen vor Jahren der frühere Verfas-
und eine eigenverantwort- sequenzen zu bearbeiten. Bis- sungsrichter Paul Kirchhof und der
liche Kaufentscheidung« er- lang ist der Einsatz solcher
Wahlalters verstorbene Bundespräsident Roman
möglichen, heißt es in einer Methoden schwer nachzuwei- um Willkür. Herzog. Beide waren wie Solms für
Stellungnahme des Bundes- sen. Der Verband Lebensmit- ein Wahlrecht ab Geburt; so viel zum
verbands des Deutschen tel ohne Gentechnik begrüßt Thema populistischer Unsinn.
Lebensmittelhandels (BVLH). den Vorstoß des BVLH: »Die Als Vater mache ich mir keine Illusionen: Für die meisten
Hintergrund ist ein Urteil des Menschen wollen wissen, was Kinder sind »Bob der Baumeister«, »Die Eiskönigin 2« oder
Europäischen Gerichtshofs in ihrem Essen steckt.« MIF Schminktipps auf YouTube spannender als die Frage, welche
Partei die Kanzlerin oder den Kanzler stellt. Doch wie es an
den Schulen aussieht, im Verkehr oder bei der Umwelt, finden
auch Zehnjährige interessant. Im Vergleich zu Pegida mach-
ten die Kinder bei »Fridays for Future« jedenfalls keinen düm-
Nachgezählt
meren Eindruck.
Produktion im Baugewerbe
im März, Veränderung
gegenüber dem Vorjahres-
monat, saisonbereinigt
–15%im Euroraum
Solms lässt offen, wie das Wahlrecht ab Geburt genau aus-
geübt werden soll. Eine Möglichkeit wäre, dass jedes Elternteil
eine halbe Stimme extra bekommt, bis sich das Kind selbst
in eine Wählerliste einträgt. Streitet sich die Brut darüber zu
Hause mit den Eltern: umso besser. So schärft sich das politi-
zum Vergleich:
sche Bewusstsein. Im Kinderwahlrecht steckt das Leitbild der
Italien .............................. – 35 %
Aufklärung.
Belgien ........................... – 23 %
Bei der Bundestagswahl nächstes Jahr wird mehr als jeder
Spanien ........................ – 16 %
Großbritannien ........ – 5 %
dritte Wahlberechtigte 60 Jahre oder älter sein. Es ist die Gene-
ration, für die die Bundesregierung gerade wieder das Renten-
niveau erhöht, während viele Jüngere in Kurzarbeit sind und
Einziges EU-Mitglied um den Job zittern.
mit stärkerem Wachstum
ist Rumänien
Allein wegen solcher Entscheidungen hat es der Solms-
Vorschlag verdient, dass man über ihn nachdenkt.
+5%
mit +28 %.

An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen und Alexander Neubacher


Deutschland
Quelle: Eurostat im Wechsel.

21
Windpark-Investments Chappattes Welt
Die große Luftnummer
 Im Fall des mutmaßlichen Windpark-
Betrügers Hendrik Holt hat das Amts-
gericht Osnabrück am vergangenen
Montag einen erweiterten Haftbefehl
erlassen. Neben der Verabredung zu
einem Verbrechen werden dem 30-Jäh-
rigen und drei weiteren Inhaftierten
banden- und gewerbsmäßiger Betrug
vorgeworfen. Holt soll im großen Stil
mit gefälschten Dokumenten und
Urkunden Investments für Windparks
kassiert haben, die es gar nicht gab.
»Mit einem drohenden Schaden in drei-
stelliger Millionenhöhe handelt es sich
um einen der größten Betrugsfälle der
letzten Jahre«, erklärt Osnabrücks
Polizeisprecher Marco Ellermann. Der
Mitte April in einer Suite des Berliner
Adlon-Hotels festgenommene Manager
aus dem niedersächsischen Haselünne
lebte offenbar auf großem Fuß. In ver-
schiedenen Bundesländern beschlag-
nahmte die Polizei drei Bentleys, einen
Porsche und einen Mercedes AMG; sie VW-Dieselaffäre allem nach dem Software-Update. Die
stellte zudem zwei Rolex-Uhren für Kläger sind nun aber in einer wesentlich
90 000 und 21 000 Euro sowie Luxus-
»Bessere besseren Verhandlungsposition. Zumal
Accessoires sicher, darunter einen Ring Verhandlungsposition« der Konzern angekündigt hat, diese Fälle
im Wert von 5000 Euro. Insgesamt rasch abschließen zu wollen; damit hat er
beschlagnahmte die Polizei mobile Ver- Matthias Siegmann, 56, Rechts- sich selbst unter Druck gesetzt. Vermut-
T. GUTSCHALK / AFP

mögenswerte in Höhe von rund einer anwalt beim Bundesgerichtshof lich wird VW auch im Einzelfall etwas
Million Euro. Holt war als Sponsor der (BGH), über die Bedeutung des weniger um den Vergleich ringen – sonst
Münchner Sicherheitskonferenz aufge- VW-Urteils für andere Käufer wäre dieses Ziel ja kaum zu erreichen.
treten, auch mit Ex-US-Außenminister von Dieselfahrzeugen SPIEGEL: Es gibt auch noch einige Tau-
John Kerry. Drei Konzerne sollen send Klagen wegen eines Motors, den
durch Geschäfte mit ihm einen Schaden SPIEGEL: Ihr Mandant hat 2014 einen Audi selbst entwickelt hat. Wie ist es da?
in Höhe von fast zehn Millionen Euro VW Sharan mit dem manipulierten Die- Siegmann: Ähnlich wie bei anderen
erlitten haben. Holt will sich zu den sel-Motor EA189 gekauft. Jetzt hat er vor Herstellern: Auf diese Fälle ist das Urteil
Vorwürfen nicht äußern. GUD dem BGH eine Klage auf Schadensersatz nicht ohne Weiteres übertragbar.
gegen den Autokonzern gewonnen. Was SPIEGEL: Allein gegen Daimler gibt es in
heißt das für andere Kläger? Deutschland etwa 2500 Verfahren.
Siegmann: Die unteren Instanzen wer- Siegmann: Dass der EA189 unzulässig
den sich daran orientieren: Die betreffen- war, war ja im Grunde klar. Ob das mit
den Kläger könnten ihren Autokauf rück- dem, was andere Hersteller gemacht ha-
abwickeln und müssten sich nur die bishe- ben, vergleichbar ist, ist aber umstritten.
rige Fahrzeugnutzung anrechnen lassen. Im Moment befasst sich der Europäische
SPIEGEL: Noch etwa 60 000 Einzelkla- Gerichtshof mit dieser Frage. Falls der
gen wegen dieses Motors sind laut VW in EuGH solche Abschalteinrichtungen nun
Deutschland anhängig, dabei geht es generell für unzulässig erklärt, dürfte
auch um Pkw der VW-Tochtermarken es auch in diesen Fällen Ansprüche auf
Audi und Škoda. Können diese Kläger Rückabwicklung des Kaufes geben.
sich auch auf dieses Urteil berufen? SPIEGEL: Wären neue Klagen möglich?
DPA PICTURECARMEN JASPERSEN / PICTURE ALLIANCE

Siegmann: Prinzipiell ja. Das Entschei- Siegmann: Ja, ein solches EuGH-Urteil
dende ist ja der VW-Motor, auf dessen wäre eine anspruchsbegründende neue
korrekte Zulassung auch der Kunde der Tatsache. Das dürfte einen neuen Ver-
Tochtermarke vertraut hat. jährungsbeginn auslösen. Es ist sogar um-
SPIEGEL: VW hat angekündigt, in etwa stritten, ob auch die Verjährung für den
50 000 Fällen eine Einmalzahlung an- EA189 überhaupt erst mit dem jetzigen
zubieten; Betroffene könnten so ihr Auto Grundsatzurteil des BGH zu laufen be-
behalten. Kann man ihnen empfehlen, gann. Das haben bereits verschiedene un-
sich darauf einzulassen? terinstanzliche Gerichte so entschieden.
Siegmann: Das hängt vom Angebot ab Sollte der BGH demnächst auch dem
und davon, ob die Kunden mit dem Fahr- folgen, könnten betroffene Käufer sogar
Holt zeug an sich noch zufrieden sind, vor noch bis Ende 2023 Klage erheben. HIP

22 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Zeitgeschichte
»Landshut« sucht Heimat
 In der Bundesregierung Boeing 737 fehlt möglicher-
mehren sich Zweifel, ob Ber- weise der Platz. Auch ist
lin-Gatow als Standort für unklar, ob ein Erweiterungs-
die 1977 von Terroristen ent- bau mit den Denkmalschutz-
führte Lufthansa-Maschine vorschriften, die für den
»Landshut« geeignet ist. Weil ehemaligen Militärflughafen
das Dornier-Museum in Fried- gelten, vereinbar wäre. Das
richshafen Finanzschwierig- Flugzeug soll auf jeden Fall
keiten hat, erhielt die Bundes- von einer Ausstellung über
wehr den Auftrag, den ehe- die Geschichte des Terroris-

OLIVER DIETZE / DER SPIEGEL


maligen Militärflughafen in mus in Deutschland begleitet
Gatow als Alternativstandort werden. Derzeit lagert die
für das historische Wrack zu 2017 vom damaligen Außen-
prüfen. Dort betreibt die Bun- minister Sigmar Gabriel
deswehr eine Außenstelle des (SPD) aus Brasilien geholte
Militärhistorischen Museums »Landshut« am Bodensee.
Dresden. Bei einer Begehung Mehr als ein halbes Dutzend
durch Verteidigungsstaats- Standorte wurden bereits Die Augenzeugin
sekretär Peter Tauber (CDU) geprüft und für ungeeignet
zeichneten sich nun erheb-
liche Schwierigkeiten ab: In
den alten Hangars drängen
befunden. Tauber will in
den kommenden Wochen
einen letzten Versuch unter-
»Vieles wird teurer«
sich bereits die Exponate. nehmen, den Standort Gatow Um die Inflationsrate zu ermitteln, sind die Statistik-
Für die Unterbringung der zu retten. CSC, MGB ämter auf Menschen wie Gönül Kuru, 43, angewiesen:
Sie notiert im rheinland-pfälzischen Landau,
was Obst, Heizöl oder eine Busfahrkarte kosten.

 »In Landau gibt es rund 200 Stellen, deren Preise mein


Mann und ich erfassen. Supermärkte, Kaufhäuser, aber
auch Heizöllieferanten und andere Grundversorger. Jeder
von uns beiden übernimmt die Hälfte.
Damit das Statistische Bundesamt die Preise vergleichen
kann, macht es uns genaue Vorgaben. Etwa 60 Stellen
suche ich persönlich auf, und zwar jeden Monat an einem
festen Wochentag. Ich habe fixe Laufwege und ein Tablet,
ANDREAS FRIEDRIC / 7AKTUELL / IMAGO

mit dem ich die Preise notiere. Wie viele ich erfasse, ist
von Laden zu Laden unterschiedlich. Bei Real überprüfe
ich 300 Produkte, dafür brauche ich etwa eine Stunde.
In Bekleidungsgeschäften verbringe ich meist nur 10 oder
20 Minuten. Andere Preise erfrage ich telefonisch.
Das Amt passt meine Warenliste alle fünf Jahre an den
Bedarf der Bürger an. Bei Media Markt zählt derzeit eine
bestimmte Miele-Waschmaschine oder ein Kühlschrank
»Landshut« bei der Rückkehr nach Deutschland von Liebherr dazu. Andere Waren wie Busfahrkarten er-
fasse ich nur einmal jährlich. In den letzten Wochen ist mir
aufgefallen, dass viele Dinge teurer geworden sind, beson-
ders Obst und Gemüse.
Polizei Beamten wegen des Verdachts In Landau sind wir die einzigen Preiserfasser, deutsch-
Fatale Verwechslung der Freiheitsberaubung. Der landweit gibt es mehrere Hundert Menschen, die für die
Flüchtling A. war im Juli Statistikämter unterwegs sind. Es ist ein guter Nebenjob.
 Der Fall des in einer Gefäng- 2018 festgenommen worden. Zu meiner Stelle in der städtischen Bauverwaltung verdiene
niszelle im niederrheinischen Die Behörden hatten ihn aller- ich so rund 450 Euro monatlich dazu. Und es macht auch
Kleve verbrannten Syrers dings mit einem Gesuchten Spaß. Landau ist nicht groß, man kennt sich hier, und oft
Amad A. hat Konsequenzen aus Mali verwechselt und kann man ein Pläuschchen halten.
für einen der beteiligten Poli- zu Unrecht inhaftiert. Der Manche Berichtsstellen mag ich mehr als andere.
zisten. Gegen den Kriminal- Polizist G. soll dabei einen Wenn die Preise klar ausgezeichnet sind, bin ich schnell
beamten Frank G. wird ein eindeutigen Hinweis auf eine fertig. Auf dem Wochenmarkt hingegen muss ich
Disziplinarverfahren eingelei- Verwechslung ignoriert die Verkäufer fragen. Je nach Gemütsverfassung wollen
tet, wie das nordrhein-west- haben. Nach einem Brand in die mir dann manchmal keine Auskunft geben, etwa
fälische Innenministerium mit- seiner Zelle erlag Amad A. wenn gerade viel los ist. Aber mit ein bisschen Charme
teilt. Zusätzlich ermittelt die Ende September 2018 seinen und Witz kriegt man die Sache schon hin.«
Staatsanwaltschaft gegen den Verletzungen. JDL, LE Aufgezeichnet von Sara Wess

23
So gesehen

Er kann es
Der perfekte SPD-Kandidat
 Während die CDU die Wahl eines
neuen Vorsitzenden Corona-bedingt
verschieben musste und CSU-Chef
Markus Söder hartnäckig alle Kanzler-
ambitionen hinter einer weiß-blauen
Gesichtsmaske versteckt, erhöhen die
Sozialdemokraten mit einer Über-
raschungskampagne ihre Chancen auf
die Macht im Bund.
Der Plan trägt die Handschrift des
versierten Spitzenduos Eskia und Wal-
ter Nowabo. Zunächst lancierten sie
einige Fake-Kandidaten, um Verwir-
rung zu stiften. Olaf Scholz erklärte »Die Partei« von Sonneborn (l.)

SMAC-FILM
sich bereit, weil man ihm versprochen bei Geldverkauf 2014
hatte, in jeder denkbaren Konstellation
im Kabinett bleiben zu dürfen. Rolf
Mützenich, der zweite angebliche Kan- »Die Partei« nen Euro erhöhen. In der Folge änderte
didat, macht mit, weil er sich von der Sieg gegen Bundesrepublik der Bundestag das Parteiengesetz. Die von
Erwähnung seines Namens die Erfül- der Partei ausgewiesenen Einnahmen hatte
lung eines Lebenstraums verspricht: die  Die Satirepartei »Die Partei« hat den die Bundestagsverwaltung zwar zunächst
Einladung zu einer Promi-Ausgabe von Rechtsstreit um ihren Geldverkauf gewon- als korrekt angesehen. 2016 aber rügte der
»Wer wird Millionär?«. Im Hintergrund nen. Das Bundesverwaltungsgericht wies damalige Bundestagspräsident Norbert
wird derweil der wahre Kandidat auf- Mitte Mai in einem noch unveröffentlich- Lammert »Die Partei« wegen »Unrichtig-
gebaut. Um ihn bei einem jungen Publi- ten Urteil die Klage der Bundesrepublik keit des Rechenschaftsberichts« und ver-
kum bekannt zu machen, läuft bereits Deutschland zurück. »Die Partei« hatte langte die zu viel erhaltenen Zuschüsse
eine Imagekampagne im Internet. In Ende 2014 Geldscheine zum Verkauf ange- zurück, plus gut 380000 Euro Strafe.
einem Podcast plaudert der Hoffnungs- boten. Da die Parteienfinanzierung an Nachfolger Wolfgang Schäuble trieb das
träger scheinbar die Einnahmen der Parteien gebunden ist, Verfahren trotz einer Niederlage weiter –
Der Mann unpolitisch über sei- konnte sie über die zusätzlichen Einnah- und scheiterte nun endgültig. Die Prozess-
ne Erlebnisse in der men von 204000 Euro ihre Staatszuschüs- kosten für die Bundesrepublik belaufen
wirkt Provinz. Auf Insta- se um mehr als 80000 Euro erhöhen. Die sich nach Berechnungen des Kölner
seltsam gram präsentiert er von Satiriker Martin Sonneborn geführte Rechtsanwalts Sebastian Roßner, der die
jugendlich, sich als Hausmann
und mit gequältem
Partei persiflierte damit den von der AfD
betriebenen Goldverkauf; die erzielte
Partei vertrat, auf etwa 100000 Euro.
Parteichef Sonneborn zufolge hat Lam-
muss aber Gesicht, während daraus zwar ebenfalls praktisch keinen mert zu ihm gesagt, seine Beamten hätten
schon ihm seine Frau die Gewinn, konnte aber aufgrund der damit noch nie einen solchen Prozess verloren.
ziemlich Haare schneidet. Er verbuchbaren Einnahmen im Jahr 2015 Der Satiriker will damals entgegnet haben:
trägt eine maßge- ihre Staatszuschüsse um rund zwei Millio- »Dann lernen sie das jetzt.« HIP
alt sein. schneiderte Stepp-
weste, die vertrau-
ensbildende Signale ins Techno- und
ins Rentnermilieu aussenden soll. Er Corona-Opfer mutmaßlich weil sich das durch Covid-19
wirkt seltsam jugendlich, muss aber Ermittlungen bei der Caritas ausgedünnte Pflegepersonal nicht ausrei-
ziemlich alt sein: Gerüchteweise soll chend um die Bewohner kümmerte. Mehr
er schon mehrere Wahlen gewonnen  Im Zusammenhang mit einem Covid-19- als 30 Heimmitarbeiter hatten sich infi-
haben. Belege fehlen, weil sich nie- Ausbruch im Altenzentrum Augustinus- ziert. Eine 85-jährige Bewohnerin starb
mand an diese Zeit erinnern kann. Den- stift in Wuppertal ermittelt die Staats- am 21. April infolge einer Infektion. Ihre
noch ist die SPD-Führung zuversicht- anwaltschaft. Zwei Angehörige von Heim- Tochter hatte seit Ende März gegenüber
lich: Gerhard Schröder kann Kanzler bewohnern hatten Strafanzeige erstattet, dem Caritasverband und dem Gesund-
werden. Stefan Kuzmany unter anderem gegen den Heimleiter und heitsamt auf Tests bei allen Bewohnern
Verantwortliche des Caritasverbands, der gedrängt, die wurden aber erst Mitte April
Träger des Heims ist. Im Augustinusstift durchgeführt, da lag ihre Mutter bereits im
waren zuletzt mehr als 70 Bewohner Krankenhaus (SPIEGEL 19/2020). Die
Corona-positiv, 24 der Infizierten sind Tochter hat Anzeige wegen des Verdachts
gestorben. Ein Angehöriger moniert die fahrlässiger Tötung und Körperverletzung
Misshandlung von Schutzbefohlenen, in erstattet. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob
dem Fall wurden bereits Ermittlungen ein- ein Anfangsverdacht besteht. Die Caritas
geleitet. Seine Mutter soll unter Nahrungs- will sich nicht äußern und verweist auf
und Flüssigkeitsmangel gelitten haben, möglicherweise laufende Verfahren. LE

24 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


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Kanzlerin Merkel in Wuhan im September 2019: »Erkennen, mit welcher Entschlossenheit China einen führenden Platz beansprucht«

Zwischen den Fronten


Außenpolitik Die Spannungen zwischen den USA und China wachsen. Europa und
Deutschland müssen sich positionieren. Kanzlerin Angela Merkel will die EU-
Ratspräsidentschaft für eine Annäherung an Peking nutzen – die ist aber zunehmend umstritten.

26
Deutschland

N
ein, sie will an dem Gipfel fest- päer müssten erkennen, »mit welcher zess sollten die Europäer ihre Positionen
halten, komme, was wolle. Am Entschlossenheit China einen führenden gegenüber China angleichen und eine ge-
Mittwoch konferiert Angela Platz« beanspruche, sagte die Kanzlerin meinsame Linie entwickeln, während man
Merkel per Video mit den Frak- am Mittwoch in einer Videoansprache bei zugleich das seit Jahren verhandelte In-
tionschefs im Europaparlament, es geht der Konrad-Adenauer-Stiftung. vestitionsabkommen mit China zum Ab-
um die deutsche EU-Ratspräsidentschaft, Deutschland und Europa suchen ihre schluss bringen wollte. Doch dann kam
die im Juli beginnt. Deutschland wird dann Rolle zwischen einem formalen Verbün- Corona.
für ein halbes Jahr in der EU die Agenda deten, der sich immer weniger wie ein Part- Ein Besuch von Kommissionschefin Ur-
setzen, und schon lange ist klar, was dort ner verhält, und einer autoritären Hege- sula von der Leyen in China wurde abge-
aus Sicht der Kanzlerin ganz oben stehen monialmacht, die als Partner eigentlich sagt. Nun soll der Termin womöglich Ende
soll: China. Für den 13. bis 15. September nicht infrage kommt. Gleichzeitig wächst Juni per Video stattfinden. Der angedachte
hat sie in Leipzig einen großen Gipfel ge- der Druck, sich auf eine der beiden Seiten Selbstfindungsprozess der Europäer indes
plant. Dort sollen die 27 Staats- und Regie- zu stellen. So fürchtet man in Berlin, dass lässt sich nicht mehr nachholen.
rungschefs der EU mit dem chinesischen Washington Deutschland und die EU vor Dabei wäre er mehr als nötig. Denn die
Präsidenten Xi Jinping zusammentreffen. die Wahl stellen könnte: mit uns oder ge- Haltung gegenüber China ist in der EU
In der Videoschalte will Ska Keller, die gen uns. »Die USA verlangen Gefolgschaft von Land zu Land unterschiedlich. Zwar
Fraktionschefin der Grünen, wissen, ob in der Chinapolitik, aber die haben wir einigten sich die Staats- und Regierungs-
man den Plan nicht überdenken müsse, nicht im Angebot«, sagt Niels Annen, der chefs im März 2019 darauf, dass die EU
jetzt, da China völkerrechtswidrig seinen sozialdemokratische Staatsminister im China künftig sowohl als »strategischen
Zugriff auf Hongkong stärken wolle. Aber Auswärtigen Amt. Partner« als auch als »systemischen Riva-
Merkel will sich auf diese Diskussion gar Auch von Trumps Bemühungen, China len« versteht. Für viele Länder, vor allem
nicht einlassen, sie weicht der Frage aus. zu isolieren, hält man in Berlin wenig. Der in Ost- und Südeuropa, liegt die Betonung
Am Ende ist klar: Die Chinapolitik soll US-Präsident drohte vor Kurzem sogar da- aber deutlich auf Handelspartner. So sind
der außenpolitische Schwerpunkt der Rats- mit, die gesamte Beziehung mit China zu chinesische Investitionen in Ländern wie
präsidentschaft werden. Basta. beenden. Dieser Idee eines »Decoupling«, Griechenland oder Italien mehr als will-
Nie zuvor in der Geschichte der Ge- eines Entkoppelns, will man nicht folgen. kommen, und ein Viktor Orbán in Ungarn
meinschaft haben die 27 Staats- und Re- »Isolation ist in einer globalen und vernetz- kann nicht nur der Wirtschaft Chinas, son-
gierungschefs alle gemeinsam mit einem ten Welt nie das richtige Instrument«, sagt dern auch dessen autoritärem Gesell-
ausländischen Staatsoberhaupt konferiert. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). schaftsmodell etwas abgewinnen.
Nun soll es nicht der Präsident der Verei- »Eine Politik, die versucht, China zu iso- Frankreich und Deutschland wollen
nigten Staaten sein, der Verbündete, Alli- lieren, ist nicht im deutschen und europäi- dagegen europäische Unternehmen vor
ierte, Nato-Partner, Garant der europäi- schen Interesse«, warnt auch der Vorsit- chinesischen Übernahmen schützen. Auch
schen Sicherheit und westlichen Werte- zende des Auswärtigen Ausschusses im in Brüssel wächst die Furcht vor dem poli-
gemeinschaft, sondern ausgerechnet der Bundestag Norbert Röttgen (CDU). tischen Einfluss, den Peking sich erkauft.
Präsident der autoritär regierten Volks- Merkels Anliegen, Europas Position in Es ist eine Spaltung, die von China aktiv
republik China. dieser Welt zwischen China und den USA gefördert wird. So trifft sich etwa seit 2012
Der Gipfel wäre damit ein Symbol dafür, zu bestimmen, ist durch Corona zugleich der chinesische Ministerpräsident jährlich
wie sich die Gewichte und Allianzen ge- schwieriger und dringender geworden. mit mittlerweile 17 Regierungschefs Ost-
rade verschieben, in einer Weltordnung, »Europa muss endlich eine einheitliche Chi- und Mitteleuropas, darunter Polen, Un-
die zunehmend von der Konkurrenz der napolitik entwickeln«, fordert Röttgen. garn und Griechenland. Die Zusammen-
beiden Großmächte USA und China be- Das genau war Merkels Plan gewesen: arbeit soll vor allem dem Ausbau des Han-
stimmt wird. Die Zusammenkunft würde In einem monatelangen Abstimmungspro- dels dienen, mit dem Peking seine »Belt
definieren, welche Rolle Europa und
Deutschland darin spielen sollen, nicht an
der Seite Chinas natürlich, aber im inten-
siven Dialog mit Peking und in erheblicher
Distanz zum alten Verbündeten USA.
Die Corona-Pandemie hat wie ein Ka-
talysator die Entwicklungen beschleunigt,
die sich seit Langem abzeichnen: den
Rückzug der USA von der internationalen
Bühne, den unverhohlenen Machtan-
spruch Chinas, die wachsende Konfronta-
tion der beiden Großmächte und ihre skru-
pellosen Versuche, den Rest der Welt mit
ihrer Propaganda zu beeinflussen. »Covid-
19 hat die Temperatur zwischen den USA
und China erhöht, die Verwundbarkeiten
des Westens sind stärker geworden«, sagt
ein hochrangiger deutscher Beamter.
Aus deutscher Sicht schreitet einerseits
die Entfremdung mit dem Amerika Do-
GETTY IMAGES

nald Trumps voran, auf der anderen Seite


zeigt China auf der Weltbühne immer
selbstbewusster seinen Machtanspruch
und fordert auch mit seinem Vorgehen in
Hongkong den Westen heraus. Die Euro- Rivalen Xi, Trump: Corona hat die Temperatur erhöht

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 27


Deutschland

and Road«-Strategie (»Neue Seidenstra- bedingungen und eine nachhaltige Ent- Kanzlerin eher auf leise Töne setzt, wenn
ße«) umzusetzen gedenkt. wicklung der Wirtschaftsbeziehungen. es um Kritik an Chinas Menschenrechts-
Aber sie bedient auch die Empfindlich- Doch derzeit deutet nichts darauf hin, verletzungen geht. Wenn sie überhaupt
keiten der Osteuropäer, die sich in einer dass das Abkommen vor dem Abschluss etwas für wirksam hält, sind es Appelle
von Frankreich und Deutschland domi- steht, im Gegenteil. »Das wird frühestens hinter verschlossenen Türen. Aber auch
nierten EU oft außen vor gelassen fühlen. Ende des Jahres etwas«, sagt einer, der diese Art der Hinterzimmerdiplomatie ist
Auch die Corona-Pandemie hat China au- den Stand der Gespräche kennt. »Dass in in Corona-Zeiten schwieriger geworden.
ßenpolitisch geschickt zum eigenen Vorteil Leipzig ein unterschriftsreifes Abkommen Forderungen Washingtons, auf den
gewendet. Mit der Lieferung von dringend vorliegt, ist illusorisch«, glaubt auch Bernd Konfrontationskurs gegen Peking einzu-
benötigter Schutzkleidung machten sich Lange (SPD), Vorsitzender des Handels- schwenken, lehnt die Bundesregierung
die Chinesen in Italien und anderswo be- ausschusses im Europaparlament. »Bes- konsequent ab, rein aus Eigeninteresse:
liebt, zu einem Zeitpunkt, als Deutschland tenfalls ist eine politische Einigung in be- Deutschland ist auf China nicht nur als
kurzzeitig einen Lieferstopp auch an EU- stimmten Wirtschaftssektoren möglich, größten Handelspartner angewiesen. Man
Partner verhängt hatte. zum Beispiel beim Automobilbau.» sieht das Land auch als wichtigen Partner
China kann sein diplomatisches und Bleibt der Klimaschutz, ebenfalls ein für die Lösung internationaler Krisen und
wirtschaftliches Engagement in Europa in- Thema, bei dem die Kanzlerin mit China globaler Probleme. Den Menschenrechten
zwischen in politischen Einfluss ummün- gern vorangekommen wäre. Wenn man in China sei nicht geholfen, wenn die Euro-
zen. So wurde etwa im Juni 2017 eine Pas- das europäische mit dem chinesischen päer den Dialog verweigerten, heißt es.
sage zum Investitionsschutz in der Ab- Emissionshandelssystem verknüpfte, so Nun wird Peking auch bei der Bekämp-
schlusserklärung des Europäischen Rats schwärmte Merkel Ende Januar vor der fung des Virus gebraucht, wenngleich die
auf Drängen Tschechiens und Griechen- schweren Versäumnisse in der ersten Phase
lands abgeschwächt, beides EU-Mitglieder, der Pandemie nicht vergessen sind. So spiel-
die China nahestehen. Berlin weigert sich, auf te Corona bis Mitte Januar bei Gesprächen
Das neue EU-Führungsduo, von der
Leyen und Charles Michel, hat bisher kei-
Washingtons Konfron- deutscher Diplomaten in Peking keine Rol-
le. Nachdem Ende Januar die chinesische
nen klaren Kurs gegenüber China entwi- tationskurs gegen China Führung die Möglichkeit einer Mensch-zu-
ckelt. Zuletzt knickte Brüssel mehrfach einzuschwenken. Mensch-Übertragung zugab, habe sich die
vor dem chinesischen Druck ein: So akzep- Zusammenarbeit in der Pandemiebekämp-
tierte der EU-Botschafter in Peking die fung verbessert, heißt es in diplomatischen
Streichung eines vermeintlich chinakriti- globalen Wirtschaftselite in Davos, hätte Kreisen. Merkel sicherte Staatspräsident
schen Passus aus einem Zeitungsartikel, den man »ein Riesenstück der Welt abge- Xi Jinping in einem Telefonat Anfang April
er mit den Botschaftern der 27 EU-Mitglie- deckt«. Doch wegen der Coronakrise ist deutsche Hilfslieferungen zu, im Gegenzug
der in der staatlichen Zeitung »China Dai- der für November geplante Uno-Klimagip- sorgte Xi dafür, dass Deutschland Zugang
ly« veröffentlicht hatte. Und in einem Re- fel in Glasgow erst mal verschoben. Welt- zu einem staatlichen chinesischen Unterneh-
port des Europäischen Auswärtigen Diens- weit steht statt Klimaschutz die Rettung men beim Kauf von Schutzkleidung erhielt.
tes über staatliche Falschinformation Chi- der Wirtschaft auf der Agenda. Chinas Trumps Furor gegen Chinas Umgang
nas in Sachen Corona wurden einige der Kompromissbereitschaft hat sich verrin- mit der Pandemie sieht die Bundesregie-
härtesten Kritikpunkte gestrichen. gert, Peking setzt weiter auf die Kohle. rung in erster Linie als Wahlkampfmanö-
Das Risiko, dass sich die EU in Leipzig Retten kann den Gipfel, da ist man sich ver. Die Zuspitzung des Konflikts gehe
so zerstritten wie eh und je zeigen könnte, in Brüssel und Berlin einig, nur die Frau, vom US-Präsidenten und seiner Adminis-
ist auch deshalb gewachsen, weil Merkel die ihn sich so sehr wünscht. Als einziger tration aus, nicht von Peking.
dort wohl keine Erfolge präsentieren kann. europäischer Politikerin wird Angela Mer- Dabei macht sich die deutsche Kanzlerin
Es fehlt einfach die Vorbereitung. Das kel in Peking ein gewisser Einfluss nach- über keine der beiden Supermächte Illu-
wichtigste Ziel der Deutschen, endlich das gesagt, vor allem aber hat sie einen direk- sionen. Im vertrauten Kreis soll Merkel die
Investitionsabkommen zu unterzeichnen, ten Draht zu Staatspräsident Xi Jinping. Lage so erklären: Man könne gegen die
über das Chinesen und Europäer seit sie- Noch unklar allerdings ist, ob Merkel wie zwei Supermächte sowieso nichts ausrich-
ben Jahren verhandeln, scheint kaum noch geplant im Sommer zu ihrem 13. Besuch ten. Deutschland könne sich nur aussuchen,
erreichbar. Das Abkommen soll die bila- nach China aufbricht. von wem es sich mehr ärgern lässt.
teralen Verträge zum gegenseitigen Schutz Merkels Wertschätzung im Pekinger Auffällig ist trotzdem die unterschied-
von Investitionen ersetzen. Machtapparat beruht auch darauf, dass die liche Tonlage ihrer öffentlichen Einlassun-
Berlin droht inzwischen sogar damit,
den Gipfel platzen zu lassen, wenn Peking
sich nicht kompromissbereit zeigt. Ob das Auf Abstand
Treffen stattfindet, hänge nicht nur von Umfrage: Wie die Deutschen China und die USA sehen, Angaben in Prozent
der Corona-Lage ab, sondern auch von
der Führung in Peking, sagt Staatsminister »Hat die Corona-Pandemie Ihren Eindruck »Was ist für Deutschland wichtiger:
Annen. Beim Investitionsabkommen müs- von den beiden Weltmächten …?« Enge Beziehungen zu …?«
se sich Peking bewegen. Alternativ ist
…verschlechtert …verbessert …den USA 50
auch die Rede davon, den Gipfel zu ver-
37
schieben. 36
USA 73 5
China müsse mehr Ehrgeiz zeigen, wol-
…zu China 24
le man die Gräben überbrücken, mahnt 18
auch EU-Handelskommissar Phil Hogan. beide gleich 13
China 36 25 wichtig
»Die EU will einen Deal, der es auch wert
ist.« Die Hauptanliegen Brüssels seien be- Antwort »ist gleich geblieben«: 17 (USA), 32 (China) September 2019 April 2020
kannt: mehr Ausgewogenheit beim beid- Kantar Public Deutschland für die Körber-Stiftung, zuletzt vom 3. bis 9. April 2020; jeweils über 1000 Befragte in Deutschland;
seitigen Marktzugang, gleiche Investitions- an 100 fehlende Prozent: »weiß nicht«, keine Antwort

28
Konkret könnte es in der Frage werden,
welche Netzausrüster das ultraschnelle Mo-
bilfunknetz 5G in Deutschland aufbauen
sollen. Die USA bekämpfen den chinesi-
schen Anbieter Huawei. Aus Sicht Berlins
geht es dabei weniger um Sicherheitsbeden-
ken. Washington verteidige vielmehr ag-
gressiv seine Wirtschaftsinteressen, um sei-
ne eigenen Hersteller gegen die technisch
immer besser entwickelten Produkte der
chinesischen Konkurrenz zu schützen.
Durchaus möglich, dass die Deutsche Tele-
kom in den USA mit Sanktionen rechnen
müsste, wenn sie auf Huawei-Technik setzt
statt auf amerikanische Produkte.

JOSHUA WONG / REUTERS


Die Bundesregierung versucht nun einen
Balanceakt: Sie will Huawei nicht pauschal
ausschließen, man behält sich aber eine
Sicherheitsüberprüfung vor, die einen Aus-
schluss zur Folge haben könnte.
Dissident Joshua Wong, Minister Heiko Maas*: Ein Gipfel, ohne über Hongkong zu reden? Ein Balanceakt wird der Gipfel in Leip-
zig auf jeden Fall werden, wenn er denn
stattfindet. Die Gemengelage ist konflikt-
gen. Während sie immer wieder deutlich Wirtschaftsminister Altmaier, »aber die Co- reich: Da ist die Lage in Hongkong, die ag-
macht, wie wenig sie den US-Präsidenten ronakrise hat uns gezeigt, dass wir einseitige gressive Haltung Chinas gegenüber Taiwan,
schätzt, hält Merkel sich mit Kritik am Kurs Abhängigkeiten minimieren und in sensi- das irritierende Verhalten chinesischer Di-
der chinesischen Führung zurück. Und blen Bereichen die nationale Souveränität plomaten in Paris und in Brüssel, und, als
während sie Treffen mit dem US-Präsiden- behaupten oder wiedergewinnen müssen.« sei das alles nicht genug, sind ausgerechnet
ten eher meidet, tauscht sie sich bei ihren Aus Furcht vor chinesischen Übernah- eine Woche vor dem geplanten Termin im
Besuchen in Peking stundenlang mit Xi aus. men hat sein Ministerium in der Corona- September Wahlen in Hongkong angesetzt.
In ihrer Kanzlerschaft hat Merkel sich in- krise das Außenwirtschaftsgesetz ändern »Die Herausforderung besteht darin, un-
tensiv mit China beschäftigt. Zwölfmal reis- lassen. Das Ministerium kann künftig ab sere Werte zu verteidigen und gleichzeitig
te »Moke’er«, wie sie auf Chinesisch ge- einer bestimmten Schwelle einen Ankauf China als Partner nicht zu verlieren«, sagt
nannt wird, bisher ins Reich der Mitte. Da- von Firmenanteilen durch Nicht-EU-Inves- Staatsminister Niels Annen. In Brüssel weiß
bei besuchte sie neben Peking meist auch toren untersagen, und zwar bereits bei man, dass der Gipfel für China wertvolle
eine Provinz. 2010 feierte sie gemeinsam einer theoretischen Gefahr. Propagandahilfe leisten könnte, weil er dem
mit ihrem Ehemann Joachim Sauer ihren »Deutschland ist und bleibt ein offener internationalen Ansehen von Präsident Xi
Geburtstag in Xi’an, südwestlich von Peking. Investitionsstandort, aber wir müssen bes- nützt. »Es gibt keine inhaltlichen Punkte,
Im vergangenen September reiste Mer- ser wissen, welche erfolgreichen und stra- die die Chinesen interessieren«, sagt ein EU-
kel auf dem Höhepunkt der Demonstra- tegisch wichtigen Unternehmen im Fokus Diplomat. »Entscheidend sind die Bilder.«
tionen in Hongkong mit einer großen Wirt- von Übernahmeversuchen stehen, sodass Mancher in Brüssel wünscht sich daher,
schaftsdelegation im Gefolge nach China. wir gegebenenfalls handeln können«, sagt dass Merkels Leipziger Abenteuer ins Was-
Zwar mahnte sie Peking zur Zurückhal- Altmaier. Das gelte zum Beispiel für die ser fällt. »Man kann natürlich versuchen,
tung gegenüber den Protestierenden, die Produktion von Impfstoff und medizini- so einen Gipfel durchzuziehen, ohne dass
Reise sandte aber doch die Botschaft aus, scher Schutzausrüstung. die Worte Uiguren oder Hongkong nur ein-
dass man die Beziehungen zu China nicht Seit der Coronakrise haben sich auch die mal fallen«, sagt der Grünen-Europapoliti-
von Pekings Wohlverhalten in puncto Befürchtungen deutscher Unternehmen ker Reinhard Bütikofer. »Aber wie schaut
Menschenrechte abhängig macht. verstärkt, im Wettbewerb der Supermächte man danach in den Spiegel?«
Dem beispiellosen Aufstieg, der China China und USA zwischen die Fronten zu Auch in Berlin wächst der Unmut, nicht
in den 15 Jahren ihrer Kanzlerschaft ge- geraten. Gefahr droht nicht nur durch die nur über Peking, sondern auch die deut-
lang, bringt Merkel durchaus Respekt ent- Volksrepublik, die ihre Wirtschaftsinteres- sche Diplomatie. Die FDP hat bereits ge-
gegen. Chinas Anteil am Welthandel hat sen rücksichtslos durchsetzt. Sie sehen sich fordert, den Leipziger Gipfel wegen Pe-
sich in dieser Zeit verdoppelt, seine Wirt- auch vom transatlantischen Partner be- kings Vorgehen in Hongkong abzusagen.
schaft stieg zur zweitgrößten der Welt auf, droht, denn US-Präsident Trump, so die »Deutschland und Europa müssen viel
das Bruttoinlandsprodukt versechsfachte Sorge, könnte europäische Unternehmen deutlicher ansprechen, dass China in das
sich, mehr als 200 Millionen Menschen mit Sanktionen überziehen, wenn sie wei- Selbstbestimmungsrecht von Hongkong
stiegen aus absoluter Armut auf. Von die- terhin mit China Geschäfte machen. eingreift und damit einen internationalen
sem Aufstieg profitierte auch Deutschland. Schon seit geraumer Zeit wenden die Vertrag verletzt«, fordert nun auch der
China war im vergangenen Jahr zum vier- USA etwa in der Auseinandersetzung mit CDU-Politiker Röttgen. Das Vorgehen Chi-
ten Mal in Folge größter Handelspartner Russland oder Iran ihre Sanktionsgesetze nas sei eine »dramatische Veränderung«.
der Deutschen, das bilaterale Handelsvolu- auch auf ausländische Unternehmen an. Christiane Hoffmann, Peter Müller,
men belief sich auf 206 Milliarden Euro. Für Ihren Dependancen in den USA drohen Christoph Schult, Gerald Traufetter
96 Milliarden Euro exportierten deutsche heftige Strafen, prominentestes Beispiel
Unternehmen Waren nach China. Das waren kürzlich Firmen, die beim Bau der ‣ Lesen Sie auch auf Seite 80
schafft Abhängigkeit, die man in Berlin auch Gaspipeline Nord Stream 2 mitwirken. China versucht, Hongkong per Gesetz
mit Skepsis sieht. »Es ist keine gute Idee, zu unterwerfen
die Globalisierung zurückzudrehen«, sagt * Im September 2019 in Berlin.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 29


Coronakrise

»Ich weiß, dass es


Grenzen dessen gibt, was ein
Sozialstaat leisten kann«
SPIEGEL-Gespräch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, 47, über die Frage, wer die
Kosten der Krisenbekämpfung bezahlen soll, die unfaire Rollenaufteilung im
Homeoffice und die Renaissance sozialdemokratischer Ideen – von der die SPD nicht profitiert

SPIEGEL: Herr Minister, Ihre Kinder sind


sechs und sieben Jahre alt. Wer hat sich
bei Ihnen zu Hause in den vergangenen
Wochen um den Nachwuchs gekümmert?
Heil: Wir kümmern uns beide darum, al-
lerdings meine Frau mehr als ich, obwohl
sie auch berufstätig ist. Wir erfahren ge-
rade leidvoll, dass Homeoffice und Home-
schooling sich schwer vereinbaren lassen.
Es ist eine riesige Herausforderung für alle
Familien. Eine Zeit lang habe ich aus-
schließlich von zu Hause gearbeitet …
SPIEGEL: … weil Sie wegen Corona-Ver-
dachts in Quarantäne gezwungen waren.
Heil: Ja, am Anfang der Krise, aber Gott
sei Dank war der Test negativ.
SPIEGEL: Sind Sie besorgt, dass es vor al-
lem die Frauen sind, die in der Pandemie
Haushalt und Familie am Laufen halten?
Heil: In dieser Krise sehen wir wie durch
ein Brennglas das, was schon zuvor nicht
in Ordnung war. Wenn jetzt die Heldinnen
und Helden des Alltags gefeiert werden,
kann man oft getrost die weibliche Form
nehmen: Wir reden über Verkäuferinnen,
die jetzt beklatscht werden, aber schon
vorher zu wenig verdient haben. Das muss
sich ändern. Und im Homeoffice, habe ich
den Eindruck, verschieben sich auch viele
Aufgaben zulasten von Frauen.
SPIEGEL: Damit legt die Krise offen, dass
wir in der Gleichstellung nicht so weit sind
wie angenommen.
Heil: Befürchtungen, wie sie die Soziolo-
gin Jutta Allmendinger beschreibt, sind be-
rechtigt: Viele Männer gehen ins Arbeits-
zimmer und schließen die Tür, um nicht
DANIEL HOFER / DER SPIEGEL

gestört zu werden. Frauen arbeiten auch


im Homeoffice, kümmern sich aber zu-
gleich um den Haushalt und die Schulauf-
gaben der Kinder. Deshalb müssen wir
dafür sorgen, dass es in der Arbeitswelt
gerechter zugeht.

Ressortchef Heil
»Maulen reicht nicht«

30
SPIEGEL: Damit sind Sie als Arbeitsminis- entlasten damit die Handwerksbetriebe in Handel und Handwerk bis zu den kleinen
ter doch selbst gefordert. dieser schwierigen Situation und sichern Zulieferern. Es reicht nicht, allein den
Heil: Ja, und ich arbeite dafür, dass sich das die Fachkräftebasis von morgen. Motor wieder ins Laufen zu bringen, wir
ändert. Viele Menschen, die jetzt als sys- SPIEGEL: Droht die Rückkehr eines müssen ihn auch erneuern. Ich will die
temrelevant bezeichnet werden, arbeiten Schreckgespenstes: der Langzeitarbeits- Arbeitsplätze langfristig sichern.
in Berufen, die nicht gut bezahlt werden. losigkeit? SPIEGEL: Und wie sähe eine moderne
Es fällt deutlich auf, dass dies vor allem Heil: Wir haben die Instrumente, das zu Autoprämie aus Ihrer Sicht aus?
Frauenberufe sind. Ich habe gerade gelesen, verhindern. Die Arbeitslosigkeit ist leicht Heil: Genau daran wird gerade intensiv
dass von den fünf reichsten Deutschen drei gestiegen, aber im Verhältnis zum wirt- gearbeitet. Neben Kaufanreizen gibt es
Besitzer von Supermarktketten sein sollen. schaftlichen Einbruch ist sie erstaunlich auch die Möglichkeit, in der öffentlichen
Gleichzeitig haben nur 25 Prozent der Be- niedrig. Wir sichern gerade Millionen von Beschaffung mehr auf moderne und effi-
triebe im Einzelhandel einen Tarifvertrag, Arbeitsplätzen mit der Kurzarbeit. Jetzt ziente Fahrzeuge zu setzen und damit die
und nur da ist die Bezahlung besser. Die gilt es, die Wirtschaft schnellstmöglich wie- Nachfrage anzukurbeln.
geringen Löhne in Frauenberufen hängen der hochzufahren und dabei unser Land SPIEGEL: Die Coronakrise greift in Gesell-
auch damit zusammen, dass Tarifverträge im Strukturwandel zu modernisieren. schaft und Wirtschaft ein wie kein anderes
nicht mehr so verbreitet sind. Das ist öko- SPIEGEL: Wollen Sie den Strukturwandel Ereignis seit Jahrzehnten. Müssen wir den
nomisch und sozial nicht vertretbar. etwa politisch verordnen? Sozialstaat neu verhandeln?
SPIEGEL: Sie weichen aus, Tarifverträge Heil: Ich will ihn gestalten. Ich will die Heil: Wir müssen ihn weiterentwickeln, ich
sind Sache von Gewerkschaften und Ar- Kurzarbeit stärker mit Qualifizierung ver- sehe das als Chance. In der Krise besinnen
beitgebern, nicht der Politik. binden. Wir haben bereits den Zugang zur wir uns auf vieles, was lange bürokratische
Heil: Ich war schon vor der Krise dafür, Kurzarbeit erleichtert und die Zahlung Last genannt wurde, etwa den Arbeits-
die Tarifbindung zu stärken. Wir sollten erhöht. Diese veränderten Regeln laufen schutz. Über Jahre wurde er in der Öffent-
die Möglichkeiten erleichtern, Tarifverträ- zunächst bis zum Jahresende. Ich gehe da- lichkeit nur karikiert: ob ein Paternoster
ge in einer Branche für alle Beschäftigten von aus, dass wir sie auch darüber hinaus Gefahren birgt, wie groß eine Teeküche
für allgemein verbindlich zu erklären – beibehalten werden, weil die wirtschaft- sein muss. Eigentlich geht es aber darum,
auch im Einzelhandel. Die deutsche Sozial- liche Krise so tief ist. Aber dann möchte wie Menschen am Arbeitsplatz gesund blei-
partnerschaft ist in vielen Bereichen brü- ich, dass die Zeit der Kurzarbeit stärker ben, körperlich und psychisch. Die Pande-
chig geworden. Diese Entwicklung müssen mie macht sichtbar, wie wichtig Arbeits-
wir umkehren. schutz ist – von Hygienestandards in der
SPIEGEL: In der Automobilindustrie gibt
es gute Löhne, an der Supermarktkasse
»Wir besinnen uns Fleischindustrie bis hin zu Schutzmaßnah-
men in Friseurbetrieben. Die Krise ist ein
schlechte. Sind Frauen selbst verantwort-
lich, weil sie die falschen Berufe wählen?
auf vieles, was lange Weckruf, den Sozialstaat zu stärken, wo
er zu schwach geworden ist.
Heil: Nein. Es gibt noch immer Rollenkli-
schees, das will ich nicht leugnen. Aber
bürokratische SPIEGEL: Es gibt auch eine andere Sicht,
die davor warnt, den Einfluss des Staates
ich glaube nicht, dass es allein eine kultu- Last genannt wurde.« zu überdehnen. Der CDU-Politiker Fried-
relle, sondern auch eine handfeste mate- rich Merz spricht sich dafür aus, alle Leis-
rielle Frage ist. Man könnte ketzerisch sa- tungen auf den Prüfstand zu stellen.
gen: Würde in Erziehungsberufen oder im zur Weiterbildung genutzt wird. Solche Heil: Bei allem Respekt vor Friedrich
Einzelhandel deutlich besser bezahlt, wür- Instrumente müssen wir jetzt an den Start Merz als Person halte ich seine Aussagen
den sich auch mehr Männer dort tummeln. bringen, damit wir möglichst gestärkt aus auch ökonomisch nicht für plausibel. Sol-
SPIEGEL: Krisen produzieren Gewinner dieser Krise herauskommen – und nicht che Sprüche stammen aus einer Welt, die
und Verlierer. Fürchten Sie, dass jetzt eine mit einer verfestigten Arbeitslosigkeit. schon in der Finanzkrise 2009 gescheitert
junge Generation Corona in ein prekäres SPIEGEL: Die Automobilindustrie fordert ist. Unser Sozialstaat wirkt gerade als wirt-
Berufsleben startet? Abwrackprämien, im Zweifel auch für schaftlicher Stabilisator, indem er hilft, Ar-
Heil: Wir haben noch keine Zahlen, dass Verbrennungsmotoren. Einen modernen beit zu erhalten – und damit auch Kauf-
auf breiter Front Ausbildungsplätze weg- Strukturwandel würde die Bundesregie- kraft. In den USA ist das nicht der Fall.
gebrochen sind. Aber angesichts des tiefen rung damit nicht fördern, im Gegenteil. SPIEGEL: Fürchten Sie keine neue Gerech-
wirtschaftlichen Einschnitts ist die Gefahr Heil: Für den Wandel der Automobilindus- tigkeitsdebatte? Während viele Löhne
sehr groß, vor allem bei den Unternehmen, trie brauchen wir eine breit angelegte Stra- durch die Krise sinken, erhöht die Bundes-
die besonders viele junge Menschen aus- tegie. Das geht vom beschleunigten Ausbau regierung Sozialleistungen. Auf Dauer
bilden, und das sind die kleinen Hand- von Ladeinfrastruktur für Elektromobilität kann auch das eine Gesellschaft spalten.
werksbetriebe. Deshalb haben wir in die- über die Wasserstoffforschung bis zum Auf- Heil: Da, wo es notwendig ist, muss ein
ser Woche entschieden, dass Betriebe eine bau von Fabriken für Batteriezellen. Die starker Sozialstaat unterstützen. Selbst-
Prämie erhalten sollen, wenn sie Auszu- Abwrackprämie war 2009 in der damaligen ständige sind jetzt teilweise auf die Grund-
bildende von insolventen Firmen überneh- Form konjunkturell richtig. Aber jetzt ha- sicherung angewiesen. Auch mit dem
men, damit die ihre Ausbildung abschlie- ben wir 2020. Wir müssen Konjunktur- Kurzarbeitergeld haben viele Menschen
ßen können. impulse jetzt stärker mit ökologischer und schmerzhafte Gehaltseinbußen, deswegen
SPIEGEL: Das hilft aber nur Jugendlichen, technischer Erneuerung verbinden. war es richtig, es zu erhöhen. Und die Hel-
die schon eine Lehrstelle haben. SPIEGEL: Wir stellen fest, dass ausgerech- dinnen und Helden des Alltags werden im
Heil: Ja, deshalb möchte ich zusätzlich, net der Arbeitsminister kein Freund der Alter von der Grundrente profitieren. Das
dass wir im Konjunkturpaket eine Ausbil- Abwrackprämie ist. ist gerecht und sichert Kaufkraft. Aber ich
dungsprämie für kleine Unternehmen ver- Heil: Ich bin für eine Kaufprämie und da- weiß, dass es Grenzen dessen gibt, was ein
abreden, die die Zahl ihrer Ausbildungs- für, sie anders zu gestalten als 2009. Meine Sozialstaat leisten kann.
plätze auch in Corona-Zeiten halten. Sie Heimat ist das Autoland Niedersachsen. SPIEGEL: Wo liegen die?
soll ein Anreiz sein, dieses Jahr Ausbil- Ich weiß, was alles am Flaggschiff Auto- Heil: Ein leistungsfähiger Sozialstaat
dungsplätze zur Verfügung zu stellen. Wir mobilbau hängt, vom Maschinenbau über braucht wirtschaftliche Dynamik. Des-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 31


wegen bringen wir jetzt das Konjunktur- langfristige Entwicklung ist erst nach Be-
paket auf den Weg. Langfristig, nach der
Krise, wenn wir die Wirtschaft wieder in
Gang gebracht haben, müssen wir auch
wältigung der Krise überschaubar.
SPIEGEL: Klassische SPD-Themen feiern
Erfolge wie lange nicht. Höhere Löhne für
Öko und
über eine faire Verteilung der Lasten spre-
chen.
SPIEGEL: Und wer sollte aus Ihrer Sicht
Pflegekräfte. Ein starker Staat. Gesell-
schaftliche Solidarität. Warum kann die
SPD selbst keine Erfolge feiern?
sozial
für die Milliardenlasten bezahlen? Heil: Mir ist wichtig, dass wir solide Politik Bewegungen Die Aktivisten von
Heil: Mir ist wichtig, dass wir einen fairen mit sozialdemokratischer Handschrift ma- »Fridays for Future« suchen
Lastenausgleich hinbekommen. Ich bin chen. Die Menschen haben aktuell doch
erst einmal froh, dass über 90 Prozent der kein Interesse an reiner Parteipolitik. Die die Nähe zu den Gewerkschaften.
Menschen mit kleinen und mittleren Ein- wollen gut durch die Krise kommen. Rich- Kann das Bündnis mit
kommen künftig nicht mehr den Solidari- tig ist, dass das Bewusstsein für die Ziele Industriearbeitern funktionieren?
tätszuschlag zahlen müssen. Das ist ein der SPD gewachsen ist. Es gibt eine Nach-
erster, ausbalancierter Schritt. frage nach sozialdemokratischer Politik,
SPIEGEL: Die Union mault aber und will
auch alle höheren Einkommen entlasten.
Heil: Maulen reicht nicht. Es braucht ein
Konzept. Es ist jedenfalls nicht logisch,
und wir machen bei der Bundestagswahl
ein gutes Angebot dafür.
SPIEGEL: Warum wird Ihr Angebot dann
nicht geschätzt? Die SPD-Minister Giffey,
M anchmal scheinen Bilder eindeu-
tig zu sein. Zum Beispiel das von
jungen Menschen in Kanus auf
dem Kanal vor dem Kohlekraftwerk Dat-
wenn Teile der Union klagen, dass der Scholz und Heil sind präsent wie lange teln IV, das in diesen Tagen neu ans Netz
Staat zur Bekämpfung der Krise zu viel nicht, trotzdem dümpelt die SPD in Um- gehen soll. In den Booten sitzen Klima-
Geld aufwende – und sie gleichzeitig die fragen um die 15 Prozent herum. aktivisten von »Fridays for Future« (FFF).
Schieflage bei den öffentlichen Finanzen Heil: Die SPD in der Bundesregierung, im Sie wollen das Kraftwerk verhindern.
durch eine komplette Streichung des Soli Bundestag, in den Ländern und im Willy- In Datteln IV sollen, so sagt es der Be-
noch verschärfen wollen. Brandt-Haus leistet derzeit einen wichti- treiber Uniper, rund 200 Menschen arbei-
SPIEGEL: Sie wollen also Gut- und Besser- gen Beitrag, um unser Land durch schwie- ten. Für sie ist das Vorhaben ein Segen.
verdiener für die Krise zahlen lassen? rige Zeiten zu führen. Und die Bundestags- Die Anordnung sieht also auf den ersten
wahl ist im nächsten Jahr. Blick sehr einfach aus: da Klimaschutz-
SPIEGEL: Die beiden Parteivorsitzenden bewegung, dort Arbeiter; da Umwelt-
haben Sie bei diesem Lob nicht ausdrück- schutz, dort Lohntüte, unterschiedliche
lich erwähnt. Mit Absicht? Interessen, nicht zu versöhnen.
Heil: Da sollten Sie bitte nichts hineinge- So einfach aber ist es nicht. Schon seit
heimnissen. Norbert Walter-Borjans und einer Weile nähern sich Klimabewegung
DANIEL HOFER / DER SPIEGEL

Saskia Esken schließe ich mit ein. Uns alle und Gewerkschaften einander an, auch zu
verbindet, dass wir nach der Bundestags- Sozialverbänden suchen die FFF-Aktivis-
wahl eine SPD-geführte Regierung wollen. ten den Kontakt. Trotz echter Interessen-
SPIEGEL: Derzeit haben Sie noch nicht ein- gegensätze scheint es viele Gemeinsam-
mal einen Kanzlerkandidaten. Walter-Bor- keiten zu geben. Und so arbeiten beide
jans und Esken sollen den SPD-Fraktions- Seiten an einer Art ökosozialer Apo, aller-
vorsitzenden Rolf Mützenich ins Gespräch dings mit Schwierigkeiten.
Heil, SPIEGEL-Redakteure* gebracht haben. Eine gute Wahl? Maximilian Reimers, 21, ist einer der
»Die Krise ist ein Weckruf« Heil: Wir werden zum richtigen Zeitpunkt Aktivisten, die das Projekt vorantreiben.
entscheiden und führen solche Debatten Er sei erst über das Soziale zum Klima-
Heil: Zuerst müssen wir dafür sorgen, dass nicht über den SPIEGEL. schutz gekommen, erzählt er. »Wenn wir
überall anständige Löhne gezahlt werden. SPIEGEL: Und wie stellen Sie sich den rich- die Transformation der Wirtschaft wollen,
Aber nach der Krise werden wir auch über tigen Kandidaten vor? dürfen wir nicht zulassen, dass Menschen
eine andere Verteilung im Steuersystem Heil: Person, Programm und Performance dabei ihre Perspektive verlieren.«
sprechen müssen. Täten wir das nicht, müssen zusammenpassen. Jetzt geht es Hinter der ungewöhnlichen Verbrüde-
wäre die einzige Alternative, die Hand- erst einmal darum, ein Konjunkturpaket rung steckt die Überzeugung, dass man kei-
lungsfähigkeit des Staates zu beschneiden. auf den Weg zu bringen – und Bundestags- ne Gesellschaft umbauen kann, wenn man
Wirtschaft und Gesellschaft aber brauchen wahl ist 2021. deren Arbeiter gegen sich hat. Und dass
einen handlungsfähigen Staat, der auch SPIEGEL: Sie haben schon erklärt, dass Sie man andererseits starken politischen Druck
investieren kann. selbst nicht antreten wollen. braucht, um eine Gesellschaft überhaupt
SPIEGEL: Diese Krise wird die Sozial- Heil: Das gilt unverändert. verändern zu können. »Die große Zahl an
abgaben steigen lassen, wenn der Staat SPIEGEL: Finanzminister Olaf Scholz er- Demonstranten hat die Verantwortlichen
nicht eingreift. Im Koalitionsvertrag steht, reicht die höchsten Zustimmungswerte offensichtlich nicht genug beeindruckt«,
dass die Gesamtbelastung 40 Prozent aller SPD-Politiker. Warum sollte die Par- sagt der Protestforscher Simon Teune
eines Bruttolohns nicht übersteigen darf. tei diesem Urteil nicht einfach vertrauen? von der TU Berlin: »Sich neue Partner zu
Passt diese Grenze in die Corona-Zeit? Heil: Keine Sorge, unseren Kanzlerkandi- suchen ist eine folgerichtige Strategie für
Heil: Die 40-Prozent-Marke ist für diese daten werden wir Ihnen rechtzeitig vor- ›Fridays for Future‹.«
Legislaturperiode vereinbart worden. In stellen. Gehen Sie ganz grundsätzlich da- Ein solches Bündnis verlangt allerdings
diesem und im nächsten Jahr wird es keine von aus, dass ich von Olaf Scholz sehr viel beiden Seiten viel ab. Die großen Interes-
Erhöhung der Sozialbeiträge geben, das halte und ich mich freue, dass das viele senkonflikte wurden durch die Coronakrise
wäre wirtschaftlich kontraproduktiv. Die Menschen in Deutschland genauso sehen. noch verschärft. Wie tief manche Gräben
SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen sind, kann man am Beispiel Datteln IV
* Cornelia Schmergal und Markus Dettmer im Bundes- für dieses Gespräch. sehen. Arbeiter der Bergbauindustrie sind
arbeitsministerium. etwa in der IG BCE organisiert, die ent-

32
von FFF am 20. September zu gehen. Seit
Beginn dieses Jahres gab es Vernetzungs-
treffen, Videokonferenzen, Telefonate.
Die erste große Aktion sollte eigentlich
in diesen Wochen starten. Die Tarifverträ-
ge im öffentlichen Nahverkehr müssen neu
verhandelt werden. Verdi will für bessere
Arbeitsbedingungen kämpfen. FFF wollte
die Gewerkschaft dabei unterstützen. »Es
gibt ein gemeinsames Interesse an guter
Mobilität und einer intakten Umwelt« sagt
Mira Ball, Fachgruppenleiterin Busse und
Bahnen von Verdi.
Doch dann kam Corona. Der Arbeits-
kampf: verschoben. Das Bündnis: zur Un-
tätigkeit verdammt. In dem Moment hätte
alles enden können. Stattdessen intensi-
vierten die Aktivisten ihre Bemühungen.
Die Pandemie mache neue Politik nötig,
heißt es in der Bewegung, aber auch in den
Gewerkschaften. »Viele erleben in den Fa-
milien, was es heißt, wenn plötzlich Exis-

DPA
tenzängste da sind«, sagt die Klimaaktivis-
Umweltdemonstranten am Reichstag im April: »Da muss es Reibungen geben« tin Katharina Stierl. »Wir erwarten große
Verteilungskämpfe spätestens im Herbst«,
sagt Uwe Meinhardt, Chef der Grundsatz-
schlossen für Kohle kämpft. Im Herbst gab schutzbewegung besteht außerdem über- abteilung der IG Metall. Wer mit einem
es ein Treffen mit FFF, aber daraus sei wiegend aus Menschen, die noch zur Schu- Kampf rechnet, braucht Verbündete.
nichts erwachsen, sagt Christian Hülsmei- le gehen oder studieren und das Leben in Aktivisten wie Maximilian Reimers ver-
er von der IG BCE. »Wir haben eine ge- Erwerbsarbeit nicht kennen. Zudem sind suchen deshalb, einen großen Aufschlag
meinsame Erklärung zum Ausbau von mehr Gymnasiasten als Hauptschüler da- zu organisieren: gemeinsame Forderungen
erneuerbaren Energien und Netzen vor- runter, mehr Studierende als Lehrlinge. für ein Konjunkturprogramm gegen die
geschlagen, das wurde abgelehnt.« Auch Auf beiden Seiten gibt es Vorbehalte. Coronakrise. Eine gemeinsame Pressekon-
das Angebot, Kontakt zu Kohlearbeitern »Einige in der Bewegung hatten noch nie ferenz ist geplant. Ein offener Brief. Ein
herzustellen, sei versandet. Da habe man Kontakt zu Gewerkschaften«, sagt Katha- Programm, um vorbereitete E-Mails mit
Fehler gemacht, räumt FFF ein, man ar- rina Stierl von FFF, gelernte Kranken- Forderungen an Politiker schicken zu kön-
beite aber weiter an einer Verständigung. schwester und Verdi-Mitglied. Und Ulrich nen. Anfang Juni soll es losgehen.
Das Verhältnis zur IG Metall ist dagegen Schneider, Geschäftsführer des Paritäti- Die Aktivisten fragten dafür den Paritä-
besser. Allerdings lauern hier ebenfalls schen Wohlfahrtsverbands, räumt ein: »Ich tischen Wohlfahrtsverband an, die Organi-
Themen, die unvereinbar scheinen. So for- satoren der Solidaritätsdemo »#unteilbar«,
dert die Gewerkschaft als Konjunkturmaß- die IG Metall und Verdi. Jede Gruppe sollte
nahme eine Kaufprämie auch für Autos »Der Streit um die Kauf- ihre Expertise und ihre Forderungen ein-
mit Verbrennungsmotor. Bei den Klima- prämie für Autos wird bringen. Doch das ganz große Bündnis gibt
schützern nennt man das Vorhaben »Ab- es noch nicht. Schlechtes Timing heißt es
fuckprämie«. Die IG Metall repräsentiere das Verhältnis nicht bei der IG Metall, man habe einen eigenen
die Branche, die mit am härtesten getrof- dauerhaft beschädigen.« Vorschlag für ein Konjunkturprogramm
fen sei, »da muss es Reibungen geben«, vorgelegt. Auch Verdi ist erst einmal nicht
sagt Klimaaktivist Reimers. »Das ändert dabei. Beide wollen das nicht als grund-
aber nichts daran, dass wir im Grunde in dachte zuerst, die sehen nur das Klima, die sätzliche Absage verstanden wissen.
eine ähnliche Richtung wollen.« haben gar kein Gespür für soziale Fragen.« »Der Streit um die Kaufprämie für Au-
Klimaschützer und Arbeiter der Auto- Die 68er sind vors Werkstor gezogen, um tos wird das Verhältnis nicht dauerhaft
industrie Seit an Seit: Kann so ein Bündnis Arbeiter zu agitieren, ihnen ihr falsches Be- beschädigen«, glaubt Metaller Meinhardt.
funktionieren? Schon jetzt gibt es Aktivis- wusstsein zu erklären und sie zur Revolu- »Wir können so etwas mittlerweile bespre-
ten, die finden, die Gewerkschaften würden tion anzustacheln. Die Aktivisten von »Fri- chen und verstehen jeweils, woher wir
mit der Autoprämie klar eine Grenze über- days for Future« gehen anders vor. »Die kommen.« Die Pariser Klimaziele seien
schreiten. Protestforscher Teune glaubt da- sagen nicht: Folgt unserer Fahne!«, sagt Pro- nicht verhandelbar, sagt er. »Wir haben
gegen, die Bewegung könne sich verbrei- testforscher Teune. Die Annäherung findet großes Interesse an künftiger stetiger Zu-
tern, ohne jemanden zu vergraulen. »Die sanft statt, Beteuerungen, man wolle zuhö- sammenarbeit mit ›Fridays for Future‹.«
Spaltpilze in früheren Bewegungen waren ren und lernen, klingen fast devot. Es habe Auch der Paritätische Wohlfahrtsver-
übersteigertes ideologisches Sendungsbe- bei »Fridays for Future« früh eine Sensibili- band will die Zusammenarbeit. Er vertritt
wusstsein und Uneinigkeit über Aktions- tät für soziale Fragen gegeben, sagt Teune. viele Menschen, die alt sind, krank, arm,
formen, also die Gewaltfrage – beide Pro- Teile von FFF sind sicher: Nur durch Bünd- die ein ganz anderes Leben leben als die
bleme hat ›Fridays for Future‹ nicht.« nisarbeit kann aus der Klimaschutzbewe- jungen Aktivisten von FFF. Das mache den
Zu den Interessenkonflikten kommen gung eine Klimagerechtigkeitsbewegung Reiz des Bündnisses aus, sagt Geschäfts-
allerdings kulturelle Unterschiede. Die werden. Nach und nach ist so Vertrauen ent- führer Schneider. »Da wächst zusammen,
lose Organisation der Bewegung macht standen. IG Metall und Verdi legten ihren was zusammengehört.« Jonas Schaible
Gewerkschaftern zu schaffen. Die Klima- Mitgliedern nahe, zur Großdemonstration

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 33


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Coronakrise

seit Anfang April in Corona-Bereitschaft


gehalten werden, zum Einsatz kommen.
Denn von Woche zu Woche wird deut-
licher, dass auch die Bundeswehr Opfer
des Vorsorgeparadoxons geworden ist.
Wer eine Katastrophe verhindert, muss
sich nachher vorhalten lassen, dass es
doch gar nicht so schlimm gekommen ist.
Als staatliche Großorganisation zur Be-
wältigung von Extremfällen sind die Streit-
kräfte seit März auf das Schlimmste ein-
gestellt. Auf Zustände wie in Bergamo, als
Militärlaster die vielen Leichen aus den
Krankenhäusern abtransportieren muss-
ten. Doch das Schlimmste blieb Deutsch-
land erspart. Damit wirkt der ganze Auf-
wand inzwischen ein wenig absurd.
Nimmt die gewaltige Militärbürokratie

SONJA OCH / DER SPIEGEL


erst einmal Fahrt auf, ist sie kaum noch zu
stoppen. Seit März produzieren die Stäbe
im Berliner Verteidigungsministerium und
in der Truppe Befehle, Lageberichte und
Vorschriften wie am Fließband. Soll nie-
mand sagen, die Bundeswehr wäre nicht
Reservist Wenzel in seiner Kunsthandlung: Nicht depressiv auf dem Sofa gehockt auf alles eingestellt.
In Bonn übernimmt Generalleutnant
Martin Schelleis das Kommando, der Na-
tionale Territoriale Befehlshaber. Der »Co-

In Tur Turs Reich rona-General«, wie seine Kollegen spöt-


teln, aktiviert Krisenstäbe, Lagezentren
und Führungsstäbe, er versucht, die Eitel-
keiten von Heer, Luftwaffe und Marine zu
Bundeswehr 15 000 Soldaten stehen für den Corona-Einsatz bereit, befriedigen, die eifersüchtig auf ihre Zu-
doch nur wenige von ihnen werden gebraucht. Den ständigkeit pochen. »Da muss jeder erst
eigentlichen Kampf gegen das Virus führt die Truppe an anderer Front. mal beweisen, dass er am weitesten pissen
kann«, lästert ein General.
15 000 Männer und Frauen werden in

D er Oberstleutnant der Fallschirm-


jägertruppe hat ein paar schöne
Dinge im Angebot. Eine gotische
Holzskulptur des heiligen Michael, der
Wenzel ganz hinten zwischen zwei Ab-
teilungsleitern und vertritt das Kreisver-
bindungskommando der Bundeswehr. Es
wird nur im Katastrophenfall aktiviert,
Bereitschaft versetzt, und wenn es wirklich
schlimm kommt, könnten noch mal so vie-
le aktiviert werden. »Notice to move«-Zei-
ten zwischen 12 und 72 Stunden werden
den Satan bezwingt. Den höfischen Auf- ausschließlich mit örtlichen Reservisten festgelegt, in denen die Soldaten einsatz-
satzschreibsekretär à deux corps aus dem besetzt und soll den Landrat beraten. bereit sein müssen. In der Berliner Julius-
18. Jahrhundert mit feinsten Elfenbein- Wenzel half dabei, zwei Anträge auf Leber-Kaserne bereitet sich das Komman-
und Perlmuttintarsien. Am liebsten ist Amtshilfe zu stellen. Der erste wurde von do Territoriale Aufgaben auf eine Flut von
Matthias Wenzel das seltene Gamsmänn- der Bundeswehr abgelehnt, der zweite Amtshilfeanträgen vor. Und dann? Bleibt
chen aus Eiche von 1520, dessen Füße in genehmigt. die Katastrophe aus.
Hörner auslaufen, an die man wunderbar Seit Anfang April sind in den elf Alten- In Veitshöchheim bei Würzburg steht
seinen Mantel hängen kann. und Pflegeheimen des Landkreises mehr an einem kühlen Frühjahrsmorgen Briga-
In wenigen Tagen wird Wenzel seinen als 30 Panzersoldaten aus Bayern als »Hel- degeneral Michael Podzus in seinem La-
Gefechtsstand im Bamberger Landratsamt fende Hände« im Einsatz. Das war Wen- gezentrum. »Sie werden hier niemanden
verlassen, den Kampfanzug zurück in den zels Idee. Die Pflegekräfte sind überfor- sehen, der schwitzt«, sagt der stellvertre-
grünen Seesack stopfen und am darauf- dert, und viele Soldaten langweilen sich, tende Kommandeur der 10. Panzerdivi-
folgenden Morgen nach gut zwei Monaten weil sie seit Wochen nicht mehr zum sion. Hinter ihm – im virensicheren Ab-
wieder in seiner Kunsthandlung in der Alt- Dienst kommen dürfen. stand – sitzen ein paar Soldaten an ihren
stadt von Bamberg stehen. Als Zivilist. Jetzt machen einige von ihnen in gelben Computern.
Wenzel ist Corona-Opfer, und er ist Pflegekitteln Küchendienst, sortieren die Etwa 20 000 Männer und Frauen hat
Corona-Helfer. Am 24. März verkaufte er Bettwäsche, schieben die Alten im Roll- Podzus unter seinem Kommando. Auf
noch zwei Barockgemälde an ein Ehepaar stuhl durch den Garten und stellen die dem digitalen Lageplan könnte der Gene-
aus Düsseldorf, einen Tag später musste er Skype-Verbindung zum Enkel her. Damit ral in einem Gefecht verfolgen, wo jeder
sein Geschäft dichtmachen, wie fast alle ist allen geholfen. Den Alten, die unter seiner Panzer steht. Ein Mausklick und
Ladenbesitzer in Bayern. Doch der Kunst- Einsamkeit leiden, den Pflegern, denen die aktuelle Einsatzstatistik erscheint. Die
händler hockte nicht depressiv auf dem die Arbeit über den Kopf wächst, und den 10. Panzerdivision organisiert die Corona-
Sofa, sondern rückte noch am selben Tag Soldaten, die beschäftigt sind. Hilfe der Bundeswehr für Süddeutschland,
als Reserveoffizier im Landratsamt ein. So hat der Bamberger Reservist Wenzel von Sachsen über Bayern und Baden-
Wenn dort im großen Saal der Coro- seinen kleinen Anteil daran, dass we- Württemberg bis ins Saarland. An diesem
na-Krisenstab tagt, sitzt Oberstleutnant nigstens einige der 15 000 Soldaten, die Morgen sind in ihrem gesamten Verant-

36 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


wortungsbereich gerade einmal 29 Män- hörden die Folgen der Pandemie bisher men üben, bevor sie wieder in ihre ver-
ner und Frauen im Corona-Einsatz. gut bewältigen, kommt die Truppe kaum schiedenen Standorte zurückkehren. Wie
Ein paar Stunden später sind zwei die- zum Zuge. Der vertrauliche Corona-Tages- aber soll das funktionieren unter Corona-
ser Soldaten im Seniorenzentrum Sankt bericht des Verteidigungsministeriums Bedingungen?
Elisabeth im Städtchen Scheßlitz bei Bam- vom Montag meldet aktuell 15 000 Solda- Die Panzergrenadiere im mecklenbur-
berg zur Besichtigung freigegeben. Johann ten in Bereitschaft, von denen nur 626 im gischen Hagenow verlegen demnächst
Kalb, der CSU-Landrat, ist gekommen, Einsatz sind. nach Afghanistan. Die große Abschluss-
der Chef der Alten- und Pflegeheime in Der eigentliche Corona-Kampf wird an übung im Gefechtsübungszentrum in der
seinem Kreis, ein Bundeswehrfotograf, einer ganz anderen Front geführt. In den Altmark wurde bereits abgesagt, jetzt trai-
Pressesprecher, Assistenten, Oberstleut- vergangenen Wochen ist der normale Be- nieren sie in kleinen Gruppen an ihrem
nant Wenzel und schließlich die beiden trieb der Streitkräfte weitgehend zum Er- Heimatstandort – unter fast schon absur-
Hauptpersonen, ein weiblicher Feldwebel liegen gekommen. In vielen Einheiten sind den Hygieneauflagen.
und ein Hauptgefreiter vom Panzerbatail- bis zu 80 Prozent der Soldaten nach Hause Auf gut 50 Seiten hat das Sanitätskom-
lon aus Pfreimd in der Oberpfalz. Alle tra- geschickt worden, um dem Virus keine mando penibel aufgelistet, was geht und
gen Gesichtsmaske, alle halten vorschrifts- Chance zu geben. was nicht. Viel geht nicht. Die 192 Män-
mäßig den Abstand ein. ner und Frauen sind in acht »Kohorten«
Dann kann das Interview beginnen, es aufgeteilt. »Wie die Wichtel- und die

425
dauert nicht lange. Ja, es macht große Freu- Bärchengruppe in der Kita«, spottet ein
de hier. Ja, wir spielen Mensch ärgere Dich hoher Offizier. Mitglieder unterschied-
nicht mit den alten Leuten. Ja, endlich licher Kohorten dürfen sich selbst mit
machen wir wieder etwas Sinnvolles und Maske nur auf fünf Meter Entfernung be-
hocken nicht zu Hause rum. Tja, was könn- gegnen.
te man sonst noch fragen? Die beiden Covid-19-Fälle Die Unterkunftsbereiche in der Kaserne
verabschieden sich und verschwinden in meldete die Bundeswehr sind strikt voneinander getrennt, die Ver-
ihrem gelben Kittel im Pflegeheim. pflegung wird vor die Tür gestellt. Für die
Das Medieninteresse an der Corona- bis zum 25. Mai. Benutzung des Treppenhauses gibt es eine
Hilfe der Bundeswehr ist so groß, dass die Art Dienstplan, weil auf der Treppe das
Truppe ihre wenigen Einsätze immer wie- Fünf-Meter-Abstandsgebot nicht einge-
der vorzeigen muss. Ein halbes Dutzend Die Grundausbildung, die im April star- halten werden kann. Einige Männer und
Fernsehteams und Journalisten waren ten sollte, wurde auf Juli verschoben und Frauen, die nicht nach Afghanistan gehen,
schon in Scheßlitz, im Kommando Terri- auf sechs Wochen verkürzt, um die Aus- klettern inzwischen durchs Fenster in ihr
toriale Aufgaben in Berlin scheinen sich bildungsgruppen halbieren zu können. Da- Büro. Kloräume und Duschen dürfen von
die Reporter in den vergangenen Wochen mit kann der Jahrgang 2020 nicht auf dem maximal zwei Soldaten gleichzeitig ge-
die Klinke in die Hand zu geben, und auch gleichen Niveau trainieren wie andere. nutzt werden.
die ABC-Abwehrtruppe aus Bruchsal, die »Mit den Folgen werden wir uns noch In den zwei Wochen vor der Verlegung
in ihren dekorativen Schutzanzügen auf Jahre rumschlagen«, sagt ein General. nach Afghanistan kommt es noch schlim-
dem Gelände der Bundeswehr-Uni in Doch nicht alle Bereiche kann die Bun- mer für die Hagenower. Da werden sie
München Desinfektionsmittel mixt, ist ein deswehr runterfahren. Die Einheiten, die einzeln in Hotelzimmer am Kölner Flug-
beliebtes Fotomotiv. demnächst nach Litauen, Mali oder Af- hafen eingeschlossen, zwei Wochen lang
Die große öffentliche Aufmerksamkeit ghanistan verlegt werden, müssen zwin- in vollständiger Quarantäne. Undenkbar
sorgt für einen Tur-Tur-Effekt, der die Per- gend das obligatorische Abschlusstraining in der zivilen Welt. »Das ist beim Militär
spektive verdreht. Wie der Scheinriese bei durchlaufen. Für die militärische Führung zum Glück relativ einfach«, sagt ein Offi-
Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivfüh- ist das ein Albtraum. Üblicherweise wer- zier aus Hagenow, »da gibt’s einen, der
rer wirkt der Corona-Einsatz der Bundes- den die Einsatzkontingente aus vielen Ein- befiehlt, und dann gibt’s die anderen, die
wehr aus der Ferne viel gewaltiger, als er heiten zusammengewürfelt, die dann für gehorchen.« Konstantin von Hammerstein
es in Wirklichkeit ist. Weil die zivilen Be- zwei Wochen auf engstem Raum zusam-
CARL SCHULZE / BUNDESWEHR

PATRICK JUNKER

Hagenower Panzergrenadiere, ABC-Abwehrsoldat in Neubiberg bei München: »Wie die Wichtel- und die Bärchengruppe in der Kita«

37
NORA KLEIN / DER SPIEGEL

Linkenpolitiker Ramelow in seinem Büro: »Wir wollen einen normalen Alltag plus Absicherung«

38
Coronakrise

»Der Krisenmodus ist überholt«


SPIEGEL-Gespräch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, 64, sagt, er wolle sein Land in einen
Normalzustand überführen. Statt Verboten sollen nur noch Gebote gelten. Aber was bedeutet das?

SPIEGEL: Herr Ramelow, wie haben wir Sie sind aber so verstanden worden, als belhäuser mit 40 000 Quadratmetern öff-
uns das vorzustellen: Sie werden wach und wäre die Gefahr vorbei. nen. Für unser Bundesland sage ich: Wir
beschließen, die Pandemie ist vorbei? Ramelow: Das war in der Tat interessant. sollten umsteuern. Gleichwohl werden wir
Ramelow: Nein, ganz im Gegenteil. Ich Etwas, was ich so nicht gesagt habe, wurde alles tun, um Infektionen zu bekämpfen.
habe mir vorher jeden Tag die Lageberich- Gegenstand einer Empörungswelle. Ob eine Maske nötig ist oder nicht, wird
te angeschaut. Ich lasse mich leiten von SPIEGEL: Sie haben von der Aufhebung sich nach den Infektionszahlen vor Ort rich-
realen Welten und harten Fakten. der Maßnahmen gesprochen und dass Sie ten. Wieso soll ich einen Mund-Nasen-
SPIEGEL: Und was bedeutet das? keine Vorschriften mehr wollen, sondern Schutz für die Fußgängerzone eines Kreises
Ramelow: Dass wir aus dem Krisenstab- Empfehlungen. vorschreiben, in dem es drei Wochen lang
modus aussteigen sollten. Ramelow: Ich finde es richtig, von Verbo- keine Neuinfektion gab? Dazu bin ich nicht
SPIEGEL: Also ist die Krise doch vorüber? ten zu Geboten überzugehen. Verbote mehr bereit. Wir führen die Maßnahmen
Ramelow: Wir haben jetzt eine ganz an- können wieder nötig werden, falls es Hot- dort wieder ein, wo es einen Hotspot gibt.
dere Lage als noch vor zwölf Wochen. Da spots gibt. Damit keine Missverständnisse SPIEGEL: Das ist riskant.
hatte uns das Robert Koch-Institut ein Re- entstehen: Corona ist immer noch da und Ramelow: Wir haben anders als Bayern
chenmodell vorgelegt, bei dem ich von bis gefährlich. Doch wir reden hier von Not- und weitere Länder auch die Baumärkte
zu 60 000 schwer erkrankten Thüringern stand, von Notverordnungen, die massiv offen gelassen, das hat bundesweit nieman-
ausgehen musste. Für die alle hätten wir in die Grundrechte der Bürger eingreifen. den interessiert. Wir haben die Menschen
keine angemessene medizinische Versor- SPIEGEL: Was hat sich verändert? nie gezwungen, in ihrer Wohnung zu blei-
gung sicherstellen können. Das war die Ramelow: Ein Beispiel: Das Oberverwal- ben. Ich habe sie sogar aufgefordert, ihre
Ausgangslage für den Lockdown. Wenn tungsgericht in Weimar hat geurteilt, dass Wohnung zu verlassen und in den Garten
man den Menschen schwerste Belastungen die Schließung eines Fitnessstudios nicht zu gehen. Wir haben sie aber auch auf-
zumutet – dass ein öffentliches Leben länger gerechtfertigt ist. Der Staat muss gefordert, Abstand zu halten. Wir liegen
kaum mehr stattfindet, Kindergärten ge- immer neu begründen, warum er die Ge- niedrig bei den Zahlen der Infizierten. Um
schlossen werden, Schulen, Gaststätten, werbefreiheit beschneidet. Wenn wir bei die zu halten, brauche ich keine allgemei-
Theater –, dann darf es dafür nur eine ein- den Neuinfektionen erreicht haben, was nen Verordnungen mehr.
zige Rechtfertigung geben, nämlich die Ab- wir erreichen wollten, dann ist eine solche SPIEGEL: Was bedeutet das für die Schüler
wehr von Gefahr für Leib und Leben. Einschränkung nicht mehr aufrechtzuer- in Ihrem Land?
SPIEGEL: Waren die Maßnahmen über- halten. Ramelow: Das ist die spannendste Frage,
trieben? SPIEGEL: Deshalb müssen die Menschen die haben wir intensiv im Kabinett debat-
Ramelow: Nein, die Gefahr war real, das jetzt keine Masken mehr tragen? tiert. Wir haben da, ehrlich gesagt, ein ech-
hat uns Italien in bedrückender Weise ge- Ramelow: Mund-Nasen-Bedeckungen tes Problem. Kinder, Schüler, Lehrer und
zeigt. Aber Politik muss sich legitimieren sollten dort getragen werden, wo der Min- Kindergärtnerinnen dürfen derzeit nicht
anhand der weiteren Entwicklung. Am 12. destabstand nicht gehalten werden kann, im Normalbetrieb in Schule und Kinder-
März haben wir über Indikatoren debat- etwa in Bussen und Straßenbahnen. Aber garten gehen. Es ist eine juristische Frage:
tiert: Reproduktionszahl, Verdopplungszeit dafür braucht es keine Krisenstäbe oder Wenn wir die Verordnung aus dem Infek-
und Verhältnis von Infizierten zu Genese- Allgemeinverfügungen des Landes. tionsschutzgesetz zugrunde legen, bleiben
nen. Damals stieg die Zahl der Infizierten SPIEGEL: Aber wer regelt das dann und Theater, Hallenbäder oder Kureinrichtun-
mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. wie? gen weiterhin geschlossen und in der Fuß-
SPIEGEL: Und jetzt? Ramelow: Es gibt Hygienevorschriften für gängerzone muss Abstand gehalten und
Ramelow: Aktuell haben wir 239 Infi- viele Branchen. Nach wie vor sind auch Mundschutz getragen werden. Das muss
zierte im Freistaat, 30 davon sind im Kran- alle von den Berufsgenossenschaften vor- dann aber auch für die Schule gelten. Sonst
kenhaus, 12 werden beatmet. Das ist ein geschriebenen Regeln einzuhalten. Ich kommen die Verwaltungs- und Arbeitsge-
Punkt, an dem ich sage: Der Krisenmodus habe nicht verkündet, dass die Menschen richte und entscheiden, dass diejenigen,
ist überholt. die Masken abnehmen und sich küssen sol- die über 60 sind oder Vorerkrankungen
SPIEGEL: Was folgt daraus? len. Ich habe darauf hingewiesen, dass wir haben, nicht zur Arbeit kommen dürfen.
Ramelow: Wir halten seit März im Innen- das, was wir im Moment durch allgemeine Wenn wir die Schulen regulär öffnen wol-
ministerium und in 23 Kreisen Krisenstäbe Verordnungen einschränken und sogar mit len, müssen wir vorher insgesamt umstei-
vor, die sieben Tage die Woche 24 Stunden Bußgeld ahnden, immer ganz besonders gen und in den Regelbetrieb kommen.
lang erreichbar sind. Das ist ein riesiger begründen müssen. SPIEGEL: Wir verstehen Sie richtig: Solan-
Personalaufwand, der durch die aktuelle SPIEGEL: Damit scheren Sie aus der Linie ge die Krisenverordnungen gelten, können
Entwicklung nicht länger gerechtfertigt ist. der Bundesländer aus. die Schulen nicht regulär öffnen?
Wir haben jetzt alle 239 Infizierten mit ih- Ramelow: Auch die anderen Landesregie- Ramelow: Darauf hat mich unser Bil-
ren Kontakten erfasst, nachverfolgt, und rungen sind frei in ihren Entscheidungen. dungsminister hingewiesen. Wenn die Ab-
wir begleiten sie weiter. Wir in Thüringen orientierten uns an den stände zwischen den Menschen eingehal-
SPIEGEL: Das klingt jetzt so, als wollten vereinbarten 800 Quadratmetern Verkaufs- ten werden sollen, die uns das Gesund-
Sie nur die Verwaltung neu organisieren. fläche als Obergrenze, andere ließen Mö- heitsministerium derzeit durchaus begrün-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 39


Coronakrise

det vorgibt, werden wir zu keinem norma- ropäischen Nachbarn sind wir gut durch Tracing-App schon hätten. Wir müssen
len Schulbetrieb kommen. die Krise gekommen. Aber zur Wahrheit uns aber zugleich auf die Schwerpunkte
SPIEGEL: Sollen die Schulen dann nach gehört auch: Manch eine Videokonferenz der Infektionsgefahr konzentrieren. Ein
den Sommerferien wieder normal laufen? mit der Kanzlerin war noch nicht beendet, aktueller Lagebericht aus Thüringen zeigt
Ramelow: Vorher haben wir zu klären, wel- da haben einige Bundesländer schon das uns, es sind vor allem Pflegeheime und
che Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wer- Gegenteil von dem umgesetzt, was wir in Krankenhäuser, also Orte, wo Menschen
den müssen. Wir wollen einen normalen der Schalte beschlossen haben. eigentlich mit der Virengefahr umgehen
Alltag plus Absicherung. Wer Angst hat, SPIEGEL: Kann es noch eine gemeinsame können sollten. Da muss ich keine Verord-
soll das Recht haben, sich testen zu lassen. Linie der Länder geben? nung erlassen, sondern die Betreiber müs-
Wir wollen auch in Kindereinrichtungen Ramelow: Ich vermag nicht für alle zu spre- sen ihren Patienten Hygiene garantieren.
und Schulen gehen und spontan testen. Das chen. Michael Kretschmer, Ministerpräsi- SPIEGEL: Sehen Sie andere Schwächen im
soll wissenschaftlich begleitet und vom dent aus Sachsen, hat sich gemeldet, der Kampf gegen das Virus?
Land bezahlt werden, dazu brauche ich sehr genau wissen wollte, was wir hier ma- Ramelow: Wir hatten den öffentlichen Ge-
noch die Zustimmung des Parlaments. chen. Und die Kollegin Malu Dreyer aus sundheitsdienst vor der Krise leider viel-
SPIEGEL: Meinen Sie, dass ein Recht auf Rheinland-Pfalz. Die haben übrigens nicht fach aus dem Blick verloren. Wenn in un-
einen Test die Lage beruhigt? mit mir gestritten, sondern angerufen, um seren Landkreisen 50 Amtsarztstellen über
Ramelow: Das ist meines Erachtens der sich über unsere Position kundig zu machen. Jahre hinweg unbesetzt sind, ist das ein
Weg, auf dem wir mit größtmöglicher Sicher- SPIEGEL: Das lauteste Lob kam von der Alarmzeichen. In unserem Hotspot Sonne-
heit wieder in den Normalmodus kommen. AfD in Sachsen. berg hatten wir gar keinen Amtsarzt. Dort
SPIEGEL: Inwieweit hat die Wissenschaft Ramelow: Ja, das bekomme ich jetzt alles gab es zunächst keine Nachverfolgung der
Ihr Regierungshandeln in den letzten Wo- vorgehalten. Das ist albern. Angeblich Infizierten, das hat mich sehr besorgt.
chen beeinflusst? SPIEGEL: Mit der Rückkehr zur Normali-
Ramelow: Na ja. Unsere gesamten Debat- tät könnten auch die Proteste im Land ab-
ten kranken daran, dass wir nur die be-
kannt Infizierten erfassen. Wir wissen
»Das Virus bleibt nehmen. Ist das Ihr Kalkül?
Ramelow: Nein, diese Proteste sind nicht
doch über den Verlauf der Epidemie fast
nichts, weil wir nicht wissen, wie viele
kreuzgefährlich, wir meine Sorge gewesen. Es gibt da sehr berech-
tigte Proteste. Wenn die Beschäftigten der
Menschen erkrankt sind, ohne es zu be-
merken oder getestet worden zu sein. Die
müssen alles tun, um Reisebüros oder der Reisebusunternehmen
vor der Staatskanzlei ihre Sorgen aufzeigen,
Dunkelziffer ist noch unzureichend unter- es zu bekämpfen.« dann findet das meinen höchsten Respekt.
sucht. Das klärt man nur durch Reihen- Es macht mich aber einigermaßen fassungs-
tests, und die machen wir gerade in Neu- los, wenn ich einen Davidstern bei den De-
stadt am Rennsteig, wo es ein großes In- würde ich mir die Merkel-Maske vom Ge- monstrationen sehe. Diesen Antisemitis-
fektionsgeschehen gab. sicht reißen. Dabei war ich derjenige, der mus, der da gezeigt wird, finde ich absto-
SPIEGEL: Was hat Ihnen gefehlt? für den Mund-Nasen-Schutz gekämpft hat. ßend. Ansonsten wundere ich mich, wie es
Ramelow: Ich hätte mir verlässlichere An- Ich habe ihn zu Beginn deshalb nicht flä- mancher Verschwörungsunsinn bis in den
weisungen oder Hinweise erbeten. Ich bin chendeckend eingeführt, weil wir nicht ge- eigenen Freundeskreis schafft. Das ist sehr
kein Mediziner, ich bin gelernter Einzel- nügend Masken hatten. Ich bin auch wei- persönlich, das geht bis in die Familie hinein.
handelskaufmann und brauche einen fun- terhin der Meinung, dass die Bedeckung SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür?
dierten Rat, denn ich muss letztendlich zumutbar ist. Sie sollte da eingesetzt wer- Ramelow: Die Zumutung, diesen Lock-
entscheiden. Was ich in den zwölf Wochen den, wo sie Sinn macht, aber sie macht down aushalten zu müssen, ist riesengroß.
alles gehört habe, wo dieses Virus sich ver- nicht an jeder Ecke Sinn. Wir hatten so etwas noch nicht. Was jetzt
breiten könnte! Und immer, wenn ich ge- SPIEGEL: Ihnen wird vorgeworfen, das Vi- passiert, macht etwas mit der Gesellschaft.
rade dachte, ich hätte es verstanden, kam rus zu verharmlosen. Und da müssen wir alle aufpassen, dass wir
die nächste Wendung. Ramelow: Noch mal und ganz im Ernst, nicht permanent mit dem Faktor Angst ar-
SPIEGEL: Die Wissenschaft hat eben keine das Virus bleibt kreuzgefährlich, wir müs- beiten, weil Angst kein guter Ratgeber ist.
endgültigen Antworten. sen jede Anstrengung unternehmen, es zu SPIEGEL: Sie setzen auf die Vernunft der
Ramelow: Ich habe versucht, das umzu- bekämpfen. Wir haben uns in Thüringen Menschen?
setzen, was dem aktuellen Kenntnis- und selbst um Schutzmasken gekümmert. Wir Ramelow: Jetzt vor einer zweiten Welle
Wissensstand entspricht. Ich versuche haben dafür gesorgt, dass Betriebe in Thü- zu warnen, die dann gar nicht kommt –
mich auf einer rationalen Ebene zu bewe- ringen Schutzausrüstung herstellen. Mitt- das fände ich schwierig. Und dann zu sa-
gen und für eine angemessene Risikovor- lerweile sind die Lager voll. Es hätte sehr gen: Es könnte sein, dass die dritte kommt,
sorge zu sorgen. geholfen, wenn wir die lange versprochene während die Hälfte der Landkreise null In-
SPIEGEL: Die Politiker wirkten in der Kri- fektionen hat – das würde mir doch nie-
se auch nicht immer geschlossen. Teilen mand mehr glauben.
Sie diesen Eindruck? SPIEGEL: Wo werden wir Bodo Ramelow
Ramelow: Der Föderalismus hat hervor- künftig mit Mundschutz sehen?
ragend funktioniert, dabei bleibe ich, un- Ramelow: Überall, wo es notwendig ist,
geachtet dessen, was ich mir die letzten wo ich Menschen nahe komme. Das kann
NORA KLEIN / DER SPIEGEL

Tage anhören musste. Die Kollegen haben beim Autofahren mit der Dienstlimousine
einen guten Job gemacht unter Bedingun- sein, deswegen haben die Sicherheits-
gen, in denen wir der Bevölkerung mehr beamten im Auto ihren Mundschutz. Und
zumuten mussten, als wir uns je haben vor- ich habe ihn auch immer bei mir, in meh-
stellen können. Gemessen an unseren eu- reren Varianten.
SPIEGEL: Herr Ramelow, wir danken Ih-
* Mit den Redakteuren Steffen Winter und Cordula Ramelow beim SPIEGEL-Gespräch* nen für dieses Gespräch.
Meyer in der Thüringer Staatskanzlei in Erfurt. »Ich brauche Rat, ich muss entscheiden«

40
Starthilfe
aktuell noch zwischen 40 und 50 Prozent Die Bundesregierung hält das aber für
der Bürger bereit, sich die App herunter- »nicht notwendig«, wie aus einer Antwort
zuladen. auf eine schriftliche Frage des Grünen-

für Pac-Man
Die Regierung setzt daher auf eine mas- abgeordneten Konstantin von Notz her-
sive Werbekampagne mit Slogans wie: »Die vorgeht. Das Laden der App sei freiwillig,
Corona-Warn-App: Sagt Bescheid, wenn’s und sie müsse ohnehin geltendes Recht
ernst wird.« Zu deren Kosten, heißt es, kön- einhalten. Es bedürfe »keiner wie auch
Digitalisierung Experten ne man erst »nach Abschluss derselbigen« immer verankerten Absichtserklärung,
fordern ein Gesetz, um den Miss- etwas sagen. Auch die technischen Entwick- die eine freiwillige Nutzung betont«, heißt
lungskosten ließen sich »noch nicht ausrei- es darin.
brauch der Corona-Warn-App chend valide benennen«. Kanzleramtsmi- Diese Haltung überzeuge ihn »über-
zu verhindern. Es könnte auch nister Helge Braun (CDU) trommelt derweil haupt nicht«, sagt Notz, dessen Fraktion
Vorbehalte dagegen mindern. bereits bei Verbänden und Gewerkschaften, schon einen Antrag eingebracht hat. Es
sie mögen doch ihre Mitglieder mobilisieren. gehe darum, »massiv verloren gegangenes
Politikern der Opposition im Bundestag Vertrauen« wiederherzustellen. »Die Bun-

V iele dürften sich in diesen Tagen an


Elternabende erinnert fühlen: Bei
Friseuren, in Restaurants und Frei-
bädern tragen sie ihre Namen, Adressen
und Netzexperten reicht die Reklame aller-
dings nicht. Sie fordern gesetzliche Regeln
rund um die staatliche Smartphone-Anwen-
dung. In der Schweiz hat das Parlament
desregierung muss wie bisher schon bei et-
lichen anderen Fragen rund um die App
umschwenken, sonst gefährdet sie deren
Erfolg«, sagt Notz. Auch Anke Domscheid-
und Telefonnummern auf Listen ein. Sie ein derartiges Gesetz zur Bedingung für Berg, Netzexpertin der Linkenfraktion, hält
sollen schnell kontaktiert werden können, die App-Einführung gemacht, in Austra- es »für ein Unding, dass die Regierung bei
falls dort Infektionen bekannt werden. lien wurde es bereits verabschiedet. solch einem zentralen Projekt das Parla-
Die Lockerungen der Corona-Maßnah- ment außen vor lassen will«. Jede Zweck-
men haben ihren bürokratischen Preis – Schweizer App entfremdung durch staatliche Stellen oder
eine blühende Zettelwirtschaft allerorten. »SwissCovid« Dritte müsse gesetzlich ausgeschlossen wer-
Abhilfe soll eine sogenannte Tracing-App den, sagt die Abgeordnete. »Und der Ein-
schaffen, die Nutzer automatisch warnt, satz der App muss für die Dauer der Pan-
wenn sie einem Infizierten zu nahe gekom- demie hart befristet werden.«
men sind. Doch die lässt auf sich warten. Besonders kreativ müssten die Gesetz-

DENIS BALIBOUSE / REUTERS


Sie soll nun, so versichern die Ent- geber gar nicht werden, eine Gruppe von
wickler von Telekom und SAP, Juristen und IT-Expertinnen hat in Eigen-
bis Mitte Juni fertig sein, es initiative bereits einen Gesetzesvorschlag
stünden nur noch »Funktions- formuliert. »Es gibt um die App zu viel
tests« an. Klärungsbedarf, wir können uns nicht
Seit dieser Woche gibt es eine einfach auf den guten Willen der Verant-
Website (coronawarn.app), das wortlichen verlassen«, sagt Malte Engeler,
Logo besteht aus einem dicken C Verwaltungsrichter in Schleswig-Holstein
mit blau-rotem Farbverlauf samt und Mitautor des Entwurfs. Jede – auch
den typischen keulenähnlichen Bin- indirekte – Einflussnahme auf die Nutzen-
dungsproteinen des Virus. Im Netz den müsse gesetzlich »rigoros ausgeschlos-
werden spöttische Vergleiche mit Pac- sen werden«. Dazu zählt Engeler Privile-
Man gezogen, dem Computerspielklas- gien für App-Nutzer wie Steuervorteile
siker aus den Achtzigerjahren. genauso wie Nachteile für Nichtnutzer
Inhaltlich allerdings sind kurz vor der oder gar Zugriffsmöglichkeiten für Sicher-
Einführung noch viele Fragen offen. Die heitsbehörden.
entscheidende ist, wie viele Bürger ange- Umstritten bleibt auch, wie effektiv die
sichts sinkender Infektionszahlen über- App in der Pandemiebekämpfung über-
haupt noch die Dringlichkeit sehen, sich die haupt ist. Erste Erfahrungen in Australien,
App herunterzuladen. Und wie viele sich Singapur und Österreich sind ernüch-
tatsächlich per App als infiziert melden wür- ternd. Wissenschaftlich sei der Nutzen der
den. Organisationen wie Amnesty und Ab- App nicht erwiesen, sagt die Präsidentin
geordnete der Opposition im Bundestag Code gegen Corona der deutschen Gesellschaft für Epidemio-
fordern daher ein Begleitgesetz, das Miss- Anteil der Bevölkerung, der eine logie, Eva Grill. Sie sei dennoch »ein Fan
brauchsmöglichkeiten ausschließen und so Covid-19-Tracing-App freiwillig nutzt, der Idee und dafür, sie auszuprobieren«.
Bedenken zerstreuen soll. in Prozent Allerdings müsse ihr Nutzen vom Start
Laut Modellrechnungen der Uni Ox- weg durch Begleitforschung überprüft wer-
ford müssten sich rund 60 Prozent der Be- Island 39 den. »Wenn die App nicht wirkt wie er-
völkerung beteiligen, damit ein Land das hofft, muss sie überarbeitet oder auch
Infektionsgeschehen technisch beherr- Singapur 27 schnell wieder abgeschaltet werden«, sagt
schen kann. In Deutschland wären das die Wissenschaftlerin.
rund 50 Millionen Bürger. Der lange Streit Norwegen 27 Das wichtigste Element in der Bekämp-
um die technologische Hilfe und die kon- fung des Virus, sagt Grill, bleibe ohnehin
fuse Kommunikation der Bundesregie- Australien 21 die konventionelle Kontaktverfolgung
rung haben aber offenbar die Bereitschaft durch die Gesundheitsämter. Stift und Zet-
mitzumachen deutlich sinken lassen, wie Israel 17 tel werden also auch weiterhin eingesetzt.
Umfragen in den vergangenen Wochen Länder mit den höchsten Beteiligungsraten Marcel Rosenbach
zeigten. Demnach wären je nach Institut Stand: 22. Mai; Quelle: MIT Technology Review

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 41


Deutschland

Auf Attacke
Gesellschaft Vor einem Jahr wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke
ermordet. Seither nehmen Hass und Hetze gegen
Kommunalpolitiker weiter zu – und gefährden die Demokratie.

D
er Hass kam per Post. Der Anlass Seit dem Flüchtlingsjahr 2015 werden Bremssystem von Dienst- und Privatwa-
war banal, ein Leistungszentrum Kommunalpolitikerinnen und Kommunal- gen regelmäßig überprüfen.
für junge Fußballer am Stadtrand, politiker von Teilen der Bevölkerung in Mitte Februar legte die Bundesregie-
das manchen missfiel. Der erste Mithaftung genommen für alles, was in rung ihren Gesetzentwurf zum Thema
Brief kritisierte die »Geldverschwendung« Deutschland angeblich schiefläuft. Überall Hasskriminalität vor. Darin schrieb sie von
und den »Schildbürgerstreich, den wir mit in der Republik werden Bürgermeister be- Morddrohungen gegen »gesellschaftlich
allen Mitteln bekämpfen werden«. pöbelt, beleidigt, bedroht. und politisch engagierte Personen« und ei-
Der zweite Brief erreichte das Rathaus Im Herbst 2015 attackierte ein Mann ner zunehmenden »Verrohung der Kom-
von Halle an der Saale eine Woche später. aus fremdenfeindlichen Motiven die Köl- munikation«, insbesondere in den »soge-
Diesmal schilderten die Absender, wie sie ner Politikerin Henriette Reker mit einem nannten sozialen Netzwerken«, die »letzt-
ihren Kampf führen wollten. »Man müsste Messer, einen Tag vor ihrer Wahl zur Ober- endlich die Meinungsfreiheit gefährdet«.
Sie sofort erschießen oder totschlagen, Sie bürgermeisterin; sie überlebte schwer ver- Bundespräsident Frank-Walter Stein-
sind völlig wahnsinnig geworden«, schrie- letzt. Am 2. Juni jährt sich der Tag, an dem meier hat Drohungen und Hetze zu einem
ben sie im Februar an Oberbürgermeister Rechtsextremisten den Kasseler Regie- wichtigen Thema seiner Amtszeit gemacht.
Bernd Wiegand. »Sie werden sterben, da- rungspräsidenten Walter Lübcke mit ei- Im Mai 2018 lud er die Bürgermeister von
rauf können Sie sich verlassen, irgend- nem Kopfschuss auf der Veranda seines Kandel, Zwickau und Elmshorn nach Ber-
wann werden wir Sie irgend- Hauses exekutierten. Er hatte lin ein, um sich über Attacken gegen die

1674
wo finden und dann kann Ih- sich für Flüchtlinge eingesetzt Mandatsträger und ihre Familien zu infor-
nen niemand helfen.« und war Hetzparolen von Ak- mieren. Im Juli 2019, sechs Wochen nach
Wochenlang joggte Wie- tivisten des Kasseler Pegida- dem Mord von Kassel, ließ er sich von wei-
gand morgens nicht mehr Ablegers entgegengetreten. teren Bürgermeistern aus sieben Bundes-
ohne Begleitung. Der Politi- politisch »Ich würde sagen, es lohnt ländern ihre Erfahrungen schildern.
ker stand unter Polizeischutz, motivierte sich, in unserem Land zu le- Anfang März traf Steinmeier in Zwi-
24 Stunden am Tag. Die Brie- Straftaten ben, da muss man für Werte ckau erneut Kommunalpolitiker und Ex-
fe hat er abfotografiert und eintreten«, so Lübcke auf perten und warnte vor dem Hass: »Es
auf seinem Tablet gespeichert, gegen Politiker *
einer Bürgerversammlung. reicht von Verunglimpfungen per E-Mail
einsortiert in Ordnern: »1. Be- in Deutschland 2019 »Und wer diese Werte nicht bis hin zu dem, was in die Hände des
drohung« und »2. Bedro- davon
vertritt, der kann jederzeit Verfassungsschutzes gehört.« Die Angriffe

609
hung«. Rathausmitarbeiter dieses Land verlassen.« seien »mal ideologisch, mal einfach von
haben sie dem Landeskrimi- Nachdem am selben Abend rasender Wut getrieben«. Der Bundesprä-
nalamt übergeben. Mittler- ein Video der Veranstaltung sident sah ein »Klima der Empörung und
weile wurde ein Tatverdäch- rechts motiviert auf YouTube und Facebook Enthemmung, ein Klima der Herabset-

310
tiger ermittelt. aufgetaucht war, kam es zung und Hetze, ein Klima, das wir nicht
Es war nicht das erste Mal, zu Schmähungen und Hass- länger hinnehmen dürfen«.
dass Beamte den Oberbürger- botschaften in den sozialen Silvia Kugelmann war 2019 Steinmeiers
meister beschützen mussten. links motiviert Netzwerken, monatelang. Es Gast. Die Bürgermeisterin der bayerischen
2018 eskalierte ein Disput *Amts- und Mandatsträger folgte die Hinrichtung auf der Ortschaft Kutzenhausen war wegen ihres
mit Funktionären des Fuß- Quelle: BMI Terrasse. Engagements für Asylbewerber zunächst
ball-Drittligisten Hallescher 1674 politisch motivierte als »Schlampe« und »Hure« beschimpft
FC. Aufkleber in der Stadt Straftaten gegen Amtsträger worden. Dem Wunsch »Verrecke«, eben-
zeigten Wiegands Gesicht in einem Faden- registrierte die Polizei 2019 in Deutsch- falls schriftlich vorgetragen, wollte dann
kreuz. land, 433 mehr als im Vorjahr. 64 Prozent offenbar jemand Nachdruck verleihen: mit
Alltäglicher Ärger, der sich in Morddro- der deutschen Bürgermeister, so das Er- einem Nagel im Autoreifen der Bürger-
hungen entlädt: Das ist landauf, landab gebnis einer repräsentativen Umfrage des meisterin. Bei Tempo 160 auf der Auto-
keine Besonderheit mehr. Lange bevor Magazins Kommunal im Februar 2020, bahn verlor der Reifen an Druck.
Bürger gegen die Corona-Einschränkun- sind »im Rahmen ihrer Tätigkeit schon ein- Die Sache ging glimpflich aus, aber zu
gen mobil machten, war zu spüren, dass mal beschimpft, beleidigt, bedroht oder den Kommunalwahlen am 15. März trat
im Land etwas ins Rutschen geraten ist. sogar tätlich angegriffen worden«. Ten- Kugelmann nicht mehr an. Nach zwölf Jah-
Die Wut mancher Bürger richtet sich ge- denz: steigend. ren im Amt hatte sie genug von Beleidi-
gen die Kanzlerin, die angeblich das Volk Das Landeskriminalamt Rheinland- gungen, Morddrohungen und Katzenkot
austauschen oder eine Gesundheitsdikta- Pfalz veröffentlichte bereits im Jahr 2017 auf ihren Autoscheiben.
tur erschaffen will. Sie richtet sich aber Ratschläge für Bürgermeister, die nach Ka- Immer mehr Bürgermeisterinnen und
auch gegen jene Politiker, die greifbarer, pitulation klangen: keine Spaziergänge an Bürgermeister in Deutschland werfen hin,
näher sind: ihre Bürgermeister und Ge- abgelegenen Orten, den Terminkalender Kommunalverbände warnen vor verwais-
meinderäte. unter Verschluss halten, Radmuttern und ten Rathäusern. Mancherorts sind sie

42 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


[ MONTAGE ] ANDREA GRAMBOW UND JOSCHA KIRCHKNOPF/ DER SPIEGEL AM 8./ 9. MÄRZ

Hannover

Magdeburg
Altena
Zwickau

Altenstadt

Amtsträger Findeiß, Trümper, Onay (vorn), Hollstein, Cyrulnikov

»Hasskommentare kamen im Sekundentakt, auf Twitter, Instagram, Facebook.«

43
Deutschland

schon Realität, besonders dort, wo der


Bürgermeisterposten im Ehrenamt zu be-
setzen ist. In Rheinland-Pfalz fand sich vor
der Kommunalwahl 2019 in mehr als 400
Orten kein Kandidat. Anfang März waren
noch immer 25 dieser Ortsbürgermeister-
stellen frei.
Wenn kommunale Ämter nur noch mit
Mühe zu besetzen sind, werden sie im
schlimmsten Fall zur Beute von Extremis-
ten. Im hessischen Altenstadt hatte im ver-
gangenen Sommer ein FDP-Mann sein
Amt als Vorsteher eines Ortsteils frustriert

HENNING KAISER / DPA


aufgegeben. Als im Ortsbeirat die Wahl ei-
nes Nachfolgers anstand, wollte keiner der
Parlamentarier von CDU, SPD und FDP
den Job. Da hob einer die Hand, dessen
Partei die Demokratie in Deutschland am
liebsten abschaffen würde: Stefan Jagsch, Waffen des Reker-Attentäters, Tatort in Köln-Braunsfeld, Graffito in Bernau mit Drohung
Vizevorsitzender der hessischen NPD.
Jagsch wurde ohne Gegenstimme gewählt.
Jagschs Amtszeit dauerte zwar nur sie- mütigungen waren im Mittelalter ein Pri- ze« und »hohle Nuss« bepöbelt wurde,
ben Wochen, dann wurde er nach heftigen vileg der Herrschenden, um ihre Unterta- »die entsorgt gehört«. Tonlage, Hass und
Protesten und massivem Druck aus den nen zu bestrafen. Im Zeitalter der sozialen Niedertracht sind gleich. Doch das Me-
Parteizentralen wieder abgewählt. Doch Medien nimmt das Volk Rache an jenen, dium unterscheidet sich.
die Folgen spürt seine Nachfolgerin bis von denen es sich beherrscht statt vertre- Die Widerlinge, die ihre Briefe in der
heute. Tatjana Cyrulnikov, 23-jährige Stu- ten fühlt. Die inzwischen auch im Gesetz- Weimarer Republik verschickten, konnten
dentin und Mitglied der Jungen Union, entwurf der Bundesregierung beklagte sich nicht mit jenem minimalen Aufwand
wurde in Mails als »CDU-Schwein« be- Verrohung der Gesellschaft im Netz ist vernetzen, mit dem Wutbürger heute
schimpft und düster bedroht: »Wollt ihr eine Demokratisierung des Prangers – eine Shitstorms auslösen – per Mausklick.
nicht im Guten, dann geht es mit Gewalt.« Entwicklung, die bereits mit der flächen- Wo auch immer jemand seinen Frust in
Cyrulnikov lässt sich davon bisher we- deckenden Verbreitung von Zeitungen ein- die Tastatur seines Computers hämmert,
nig beeindrucken, sie hat sich in die Pflicht herging und in der Weimarer Republik hat er oder sie die Chance, Tausende
nehmen lassen, weil sie die Wahl des NPD- einen ersten beklemmenden Höhepunkt Gleichgesinnte hinter sich zu versammeln.
Manns für einen katastrophalen Fehler erreichte. Ein Mob ist da schnell organisiert.
hielt. Und weil sie es wichtig findet, dass Vor allem kommunistische und national- Hass und Wut, schrieb der Softwareent-
Demokraten sich für die Gemeinschaft en- sozialistische Medien hetzten, in seltener wickler Georg Franck in der »Neuen Zür-
gagieren. Aber sie hat auch Verständnis Einigkeit, gegen den sozialdemokratische cher Zeitung«, fänden im Netz einen fa-
dafür, dass viele Ehrenamtliche den Schritt Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Für die tal-idealen Resonanzraum. »Mit nichts ist
in solche Ämter inzwischen scheuen: Das es leichter, Aufmerksamkeit einzufahren
bringe »viel Arbeit, wenig Ehre« mit sich. als mit der Beihilfe zur populären Empö-
Woher kommen die Wut und die Nie- rung und dem Versprechen der Rache an
dertracht, mit denen Menschen über Amts-
Auch die Dummen, den arroganten Eliten.«
träger in Städten und Gemeinden her- Irren, Frustrierten und Das Verführerische an dieser Rache be-
fallen? Wird die Konkurrenzgesellschaft stehe darin, dass die Täter sich als Opfer
»insgesamt rabiater«, wie der Sozialpsy- Selbstgerechten und deshalb im Recht fühlten. Ihre ver-
chologe Andreas Zick, Leiter des Instituts bekamen eine Stimme. quere Logik: Wer mir die Achtung verwei-
für interdisziplinäre Konflikt- und Gewalt- gert, ist selbst der Achtung nicht wert und
forschung an der Universität Bielefeld, darf – gewissermaßen in Notwehr – gna-
diagnostiziert? Oder ist der Hass, der aus »Sozialistische Republik« aus Köln war denlos attackiert werden.
den sozialen Medien ins wirkliche Leben Ebert ein »aufgedunsener Platzhalter der Auch dort, wo keine Not herrscht, mei-
flutet, »mittlerweile ein Hobby, dem man Hohenzollern, Smoking und Weinfla- nen inzwischen offenbar viele, sich weh-
nach einem harten Tag im Hamsterrad des schenverehrer« mit einem »unverschäm- ren zu müssen. Das zeigt das Beispiel
Spätkapitalismus nachgeht«, wie die briti- ten Schmerbauch«. Großhansdorf in Schleswig-Holstein, eine
sche Feministin Laurie Penny schreibt? Auch manche Leser verloren alle Hem- 9300-Einwohner-Gemeinde im Hambur-
Vieles von dem, was an vermeintlichem mungen. Frevert zitiert aus Schmähbrie- ger Speckgürtel. Die Wohnlage ist begehrt,
Verfall der Sitten zu beobachten ist, fen, die Ebert aus der Bevölkerung erhielt. in manchen Quartieren sind Mindest-
sei nicht neu, schreibt die Historikerin Die Absender bepöbelten den Reichsprä- grundstücksgrößen von 800 Quadratme-
Ute Frevert in ihrem Buch »Die Politik sidenten als »Ochsen, Lumpenplunder« tern für Einzelhäuser vorgeschrieben.
der Demütigung«. Die sozialen Mechanis- oder »alte versoffene Sau« und prophezei- »Weil wir dieses Regenrinne-an-Regenrin-
men von Hetze und Ausgrenzung seien ten ihm, er werde demnächst »zerhackt, ne nicht so gerne möchten, sondern den
seit dem mittelalterlichen Pranger gleich. übern Haufen geschossen« und seine Lei- alten Großhansdorf-Stil bewahren wollen,
Im Kern gehe es darum, Menschen vor che dann »mit Scheiße beschmiert«. große Häuser auf großen Grundstücken«,
Zeugen in die Knie zu zwingen. Am Knapp 100 Jahre liegen zwischen diesen sagt Janhinnerk Voß.
Schandpfahl, auf Facebook. Briefen und jenen Kommentaren auf Face- Der 55-Jährige ist parteilos und seit
Neu sind die Schauplätze, und auch die book, in denen die Grünenpolitikerin Re- 18 Jahren Bürgermeister. Im September
Akteure sind andere. Die öffentlichen De- nate Künast als »Sondermüll, Drecks Fot- wurde er mit 95,9 Prozent der Stimmen

44
PRESSESTELLE STADT BERNAU / PICTURE ALLIANCE / DPA
FEDERICO GAMBARINI / DPA
gegen den dortigen Bürgermeister 2015: Ein Mob ist schnell organisiert

in seine vierte Amtszeit gewählt. Im Ge- sein wird, dann gibt es vielleicht überhaupt schwang eine Hitzigkeit von sich gibt, aus
meinderat ist die alte Bundesrepublik noch keinerlei Hemmungen mehr.« sozialen Gründen eine Pose einnimmt,
im Amt: CDU, FDP, Grüne und SPD teilen Vor diesem Hintergrund mutet der Op- echte Menschenfeindlichkeit offen aufblit-
sich die Sitze. Alles wirkt geordnet, alles timismus mancher Aktivisten naiv an, die zen lässt oder emotional ein Verbrechen
friedlich, und doch hat sich der Ton geän- das Internet noch vor wenigen Jahren als in der Kohlenstoffwelt vorbereitet«. In ei-
dert. »Die Flüchtlingspolitik 2015 war der Hort der Transparenz feierten – und die nem ist sich Lobo sicher: Bezogen auf
Katalysator, da ist eine Hemmschwelle ver- sozialen Medien als Instrumente, die es ei- Hassmails »trägt das Netz zur gesellschaft-
loren gegangen«, sagt Voß. »2016 hatten ner demokratischen Öffentlichkeit ermög- lichen Verrohung bei, weil sich durch die
wir eine Ausländerquote von sechs Pro- lichen, den Eliten in Echtzeit auf die Finger soziale Vernetzung ein Wettlauf der Roh-
zent, Flüchtlinge eingeschlossen. Davon zu schauen. Bürger sollten in die Lage ver- heit ergeben kann«.
vielleicht die Hälfte Muslime. Und dann setzt werden, Verfehlungen von Konzer- Für den kanadischen Schriftsteller Ste-
haben sich Leute gemeldet, die eine ›voll- nen und Regierungen, Studiobossen und phen Marche ist die Frage, ob das Netz
kommene Islamisierung Großhansdorfs‹ Bischöfen auf globaler Bühne anzupran- zur Verrohung beitragen kann – und falls
befürchteten.« gern. Mit einem Volkstribunal namens ja, wie sehr –, längst beantwortet.
Wenn er mit Zahlen und Fakten dage- Shitstorm. »Gesichtslose Wut«, schreibt Marche in
gengehalten habe, sei es mitunter gruselig »Die Stummen bekamen eine Stimme. der »New York Times«, sei nicht »die Fol-
geworden. Da habe er Sätze gehört wie: Fast war es, als würde es das ganze Rechts- ge eines technischen Versagens«, sondern
»Ich habe ja Verständnis. Sie haben ja system demokratisieren«, schreibt der bri- der dem Internet zugrunde liegenden
auch ihre Order. Frau Merkel hat Sie an- tische Journalist Jon Ronson in seinem Technologie »inhärent«. Twitter, Face-
gerufen. Sie müssen das so sagen.« Das Buch »In Shitgewittern«. book und Co. hätten eine »Epidemie der
seien Bildungsbürger gewesen, konserva- Das war nicht falsch, doch es gibt auch Gesichtslosigkeit« ausgelöst und so die
tive Menschen, nett und zurückhaltend – die andere Seite. Nicht nur die Stummen dem Medium innewohnende Möglichkeit
bis dahin. Und dann, gewissermaßen aus bekamen eine Stimme, sondern auch die zum Monströsen in die freie Wildbahn ent-
dem Stand, »dieser Mix aus Unzufrieden- Dummen, die Niederträchtigen, die Irren, lassen.
heit und Verschwörungstheorien, dieses die Frustrierten und die Selbstgerechten. Für Marche stehen elementare Aspekte
›Ich-glaube-nicht-mehr-was-in-der-Zei- Und sie nutzen sie, im Schutz der Anony- menschlicher Kommunikation im Digital-
tung-steht‹, sondern nur noch das, was ir- mität sozialer Netzwerke, in maximaler zeitalter auf der Kippe. Internet und Social
gendein Typ in Süddeutschland ins Netz Lautstärke. Die Schwärme mutieren zur Media gefährden seiner Ansicht nach so-
gestellt hat«. Meute, manche Menschen treiben sie in gar die Grundlagen unseres Einfühlungs-
Er spüre eine penetrante Besserwisserei die Depression oder in den Selbstmord, vermögens: »Das Gesicht ist seit 2000 Jah-
mittlerweile auch bei alltäglichen Dingen. wie Ronson an zahlreichen und bedrücken- ren die Grundlage von Justiz und Ethik.
Als eine Straßenlaterne ausfiel und nicht den Beispielen zeigt. Das Recht, seinem Ankläger von Ange-
sofort repariert werden konnte, habe ein So weit muss es natürlich nicht kom- sicht zu Angesicht gegenüberzustehen, ist
Bürger gefragt: »Wissen Sie eigentlich, men, aus den meisten niederträchtigen eines der allerersten Prinzipien des
dass die Straßenbeleuchtung am Wöhren- Worten wird zum Glück keine Tat und Rechts.« Die Abwesenheit eines realen,
damm kaputt ist?« Antwort Voß: »Ja, wis- kein Todesfall. Das Problem ist: Die Fol- physischen Gegenübers im Netz sei ein
sen wir, seit drei Tagen.« Bürger: »Und gen sind kaum vorherzusehen. Wer seinen entscheidender Grund für den mitunter
warum tun Sie nichts?« Voß: »Tun wir digital verbreiteten Hass in die Tat umsetzt gnadenlosen Mangel an Empathie in der
doch. Wir haben den Messwagen bestellt. und Gewalttaten begeht und wer bloß ein digitalen Welt.
Das dauert.« Bürger: »Sagen Sie doch Todes-Schwadroneur ist, der sich nur hin- Belit Onay erwischte die gesichtslose
gleich, dass Sie keine Lust haben.« ter seiner Cybermaske stark fühlt, ist Wut bereits am Wahlabend. Die Stimmen
Es ist diese Mischung aus Unzufrieden- schwer zu sagen. Genau darin bestehe »die zur Oberbürgermeisterwahl in Hannover
heit, Argwohn und Rechthaberei, die Voß Essenz des Hassredeproblems«, meint der waren am 10. November gerade ausge-
zunehmend Sorge bereitet. »Wenn ich die Internetaktivist Sascha Lobo. zählt, »da kamen die Hasskommentare im
Entwicklung der letzten zehn Jahre sehe Online lasse sich »schwer unterscheiden, Sekundentakt, auf Twitter, Instagram und
und mir vorstelle, was dann in zehn Jahren ob hier jemand im emotionalen Über- Facebook«, sagt der 39-Jährige. Er ist in-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 45


Deutschland

zwischen seit fast sieben Monaten im


Amt – als erster Chef einer Landeshaupt-
stadt, der einen Migrationshintergrund hat.
Vom »Untergang des Abendlandes« sei
von Beginn an die Rede gewesen. »Das
»Wir wissen,
war schon massiv.« Auch Morddrohungen
waren dabei, wie jene der »Musiker des
Staatsstreichorchesters«, die Onay »per-
sönlich gratulieren« wollten, dass er es nun
wo du wohnst«
auf ihre »Abschussliste geschafft« habe:
»Vaterlandsverräter wie Sie werden wir ja-
Anfeindungen Acht Bürgermeisterinnen und Bürgermeister
gen und hinrichten.« Onay will die Angrif- berichten von alltäglicher
fe nicht kampflos hinnehmen. Er gab der Beschimpfung, Beleidigung, Bedrohung.
Polizei Zugang zu seinen Social-Media-
Accounts und erstattete Strafanzeigen.
Doch selbst wenn es gelingt, die Hass-
aktivisten dingfest zu machen – die Waffen Ashok Sridharan, 54 (CDU), ist seit knapp ungebetener Gast in meinem Vorzimmer
des Rechtsstaats sind nicht allzu scharf. fünf Jahren Oberbürgermeister von Bonn. auf. Es war eine Person, die bei der Polizei
Octavian Ursu, Oberbürgermeister im Er ist der erste Rathauschef mit auslän- einschlägig bekannt war. Wir trafen auf
sächsischen Görlitz, weiß dies aus Erfah- dischen Wurzeln in einer deutschen Empfehlung der Polizei Vorkehrungen:
rung. Seine Wahl zum Oberbürgermeister Großstadt, sein Vater war Diplomat in Früher war der Zugang zu der Etage, in
von Görlitz erfolgte zwei Wochen nach Deutschland. der sich das Büro des Oberbürgermeisters
dem Mord an Walter Lübcke. befindet, frei, heute muss man klingeln
Den ersten Wahlgang hatte der Kandi- Meine Mutter ist Deutsche, ihre Familie und sich anmelden.
dat der AfD für sich entschieden. Ange- lebt seit 1590 in Bonn. Mein Vater kommt Zugenommen haben die Anfeindungen
sichts dieser Lage entschlossen sich Linke, aus Indien, das sieht man mir an – und ich und Vorwürfe 2018. Zusammen mit mei-
und Grüne, den CDU-Mann Ursu zu un- bin stolz darauf. Damit stoße ich meistens, ner Kölner Kollegin Henriette Reker und
terstützen. Nach seiner Wahl attackierten aber nicht immer, auf Verständnis. Im meinem Düsseldorfer Kollegen Thomas
ihn Rechte aus ganz Deutschland. Wahlkampf 2015 zum Beispiel las ich im Geisel schrieb ich einen offenen Brief, in
»Na dann wissen doch ganz bestimmte Internet abfällige Bemerkungen über mich dem wir Kanzlerin Angela Merkel in ihrer
Leute, was zu machen ist (…) er geht be- aufgrund der Herkunft meines Vaters. Ich Flüchtlingspolitik unterstützten.
stimmt mal einkaufen«, giftete ein Mann war befremdet und persönlich berührt, Mich erreichten daraufhin Dutzende
aus Brandenburg auf Facebook. »Unfälle weil ich solche Erfahrungen zuvor so gut Mails und Briefe, in vielen stand sinnge-
passieren so schnell (…) es sind Hunderts- wie nie gemacht hatte. Nicht im Kinder- mäß: Geh doch dahin, wo dein Vater her-
tel, die darüber entscheiden (…) und doch garten, nicht in der Schule oder im Studi- kommt. Oder: Sei froh, dass du mit dei-
sind sie unumgänglich.« um, nicht bei der Bundeswehr. nem Hintergrund überhaupt ein öffent-
Ursu stellte Strafanzeigen. In Görlitz Nachdem ich zum Oberbürgermeister liches Amt bekleiden darfst. Der Kollege
konnte die Polizei einen Handwerker, der gewählt worden war, tauchte zweimal ein Geisel bekam sogar Morddrohungen.
am Wahlabend »hängt ihn höher!« gepos-
tet hatte, dingfest machen. Das Gericht
verurteilte den Mann zu 70 Tagessätzen à
25 Euro. Gegen den Hetzer aus Branden-
burg hat die Staatsanwaltschaft Cottbus
dagegen die Ermittlungen eingestellt: Straf-
tatbestände seien nicht erfüllt gewesen.
Beleidigungen und Drohungen beglei-
ten Ursu bis heute. Ans Aufhören denkt
er nicht. »Die Angriffe sind für mich eher
eine Motivation weiterzumachen.«
Vor 30 Jahren kam der damals 22-Jäh-
rige aus Bukarest nach Görlitz, um als
Solotrompeter in der Neuen Lausitzer
Philharmonie zu arbeiten. 1989, als Stu-
MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL

dent, hatte er sich am Aufstand gegen Ru-


mäniens Diktator Nikolae Ceaușescu be-
teiligt. »Das waren kriegsähnliche Zustän-
de.« Der Stolz, die Demokratie damals im
wahrsten Sinne des Wortes erkämpft zu Bonn
haben, leitet ihn noch immer.
Die Kämpfe in Bukarest, sagt Ursu, hät-
ten ihn zweierlei gelehrt: die Nerven zu
bewahren – und dass es sich lohne, für die Oberbürgermeister Sridharan in seinem Büro
Demokratie den Kopf hinzuhalten.
Matthias Bartsch, Annette Bruhns, »In Mails und Briefen stand: Geh doch dahin,
Jürgen Dahlkamp, Jan Friedmann, Hubert
Gude, Gunther Latsch, Christopher Piltz
wo dein Vater herkommt.«

46
Das ist eine Meinungsäußerung, damit beide Augen ausgestochen wurden. Diese
müssen Politiker leben. Situationen sind leider zu einem täglichen
Pulsnitz Spreche ich das offen an, gelte ich Begleiter geworden. Wenn ich abends aus
schnell als Nestbeschmutzerin. Anfang dem Rathaus komme, schaue ich nach
April bekam ich einen Brief, in dem es links und rechts, bevor ich mich auf den
heißt, ich sei selbst schuld an den Belei- Heimweg mache. In den Wochen nach
digungen und Angriffen, ich würde sie dem Messerangriff auf mich gab es in so-
provozieren, indem ich darüber rede. zialen Netzwerken rund 8000 Einträge zu
Diese Art und Weise schadet, der Um- meiner Person, die der Staatsschutz auf
gang muss sich ändern. Politiker müssen strafrechtliche Relevanz geprüft hat. In un-
über alle Ebenen hinweg über Entschei- gefähr 30 Fällen wurde Anklage erhoben.
dungen und ihre Gründe sprechen und sie Rausgekommen ist: null.
Bürgern erläutern. Ein Beispiel: Einige Ki- Ich dachte, ich stecke den Angriff weg,
lometer von Pulsnitz entfernt wird eine doch ich hatte in den Monaten danach drei
neue Landstraße gebaut, und über die Stra- Hörstürze. Mein Arzt führte das auf das
ße wurden drei Brücken für Fledermäuse erlebte Trauma zurück. Trotzdem kommt
gebaut, nicht weit voneinander entfernt. es für mich nicht infrage, mit der Politik
Das sind riesige Bauwerke, sie kosten al- aufzuhören. Ich lasse mich von rechten
lein schon mehr als vier Millionen Euro. Pöblern nicht beschränken, ich möchte
XCITEPRESS

Damit Fledermäuse die Straße sicher über- kein Opfer sein. Würde ich aufgeben, wür-
queren können – das versteht keiner! de ich alle Werte, für die ich politisch
Bürgermeisterin Lüke in Pulsnitzer Schule Es fehlt in Deutschland ein Konsens, kämpfe, verraten. Nach den Anschlägen
welche Standards auf jeden Fall zu erfüllen in Halle und Hanau gab es viele Solidari-
sind, was den Menschen zur Verfügung tätsbekundungen in den sozialen Medien.
»In der Adventszeit stehen muss. Erst wenn dies erledigt ist, Das war gut und wichtig, aber wir brau-
flogen dreimal die kommt die Kür. Jetzt haben wir die Kür chen mehr als Lippenbekenntnisse. Wir
für die Fledermäuse, und die Schulen kön- als Repräsentanten des Staates haben
Woche Eier gegen mein nen ihre Aufgaben nicht erfüllen. Das Schuld auf uns geladen, der Staat hat viel
Haus.« macht Menschen unzufrieden. Bei denen
kommt das Gefühl auf: Die Fledermaus
zu spät intensiv auf den Rechtsextremis-
mus geschaut. Die Antwort auf die An-
ist wichtiger als ich. Und diese Frustration schläge muss sein, Mut und Haltung zu
bekommen Lokalpolitiker als Erstes ab. zeigen. Auch wenn es nicht leicht ist.
Barbara Lüke, 51 (parteilos), ist seit vier Denn nirgendwo ist Politik greifbarer. Mein Beruf ist für mich eine Gratwan-
Jahren Bürgermeisterin der sächsischen Was mich positiv stimmt: Ich veranstalte derung geworden, ich möchte mir die Poli-
Kleinstadt Pulsnitz. mehrmals im Jahr Stammtische in den Ge-
meinden der Stadt. Da kommen teils bis zu
Unbekannte haben zuletzt Anfang Febru- 30 Bürgerinnen und Bürger. Dort merke
ar Eier gegen mein Haus geworfen. Seit ich: Eine Debatte über Sachargumente ist
über einem Jahr geht das so, in der Ad- möglich. Am Stammtisch wechseln sich
Altena
ventszeit war es am schlimmsten. Da flo- Rede und Widerrede ab, da wird es konkret,
gen teils dreimal die Woche Eier. Jeden bleibt aber fair. Das ist dann das Schönste.
Wurf zeige ich mittlerweile an, bislang
wurde kein Täter ermittelt. Und die At-
tacken gehen ins Geld: Wir müssen die Andreas Hollstein, 57 (CDU), ist Bürger-
Fassade professionell reinigen lassen, die meister von Altena, einer Kleinstadt süd-
Eiermasse greift den Sandstein an. lich des Ruhrgebiets. Der CDU-Politiker
Warum wir privat Ziel werden? Es gibt wird seit Jahren wegen seiner liberalen
keine Botschaften. Früher waren es die Flüchtlingspolitik angefeindet. 2017 griff
großen Themen, die Menschen rasend ihn ein Mann mit einem Messer an und
machten. Die Startbahn West am Frank- verletzte ihn am Hals. Derzeit kandidiert
furter Flughafen etwa oder die Castor- Hollstein für das Amt des Oberbürger-
Transporte. Heute kann es eine gekündig- meisters in Dortmund.
ALEX VÖLKEL / DER SPIEGEL

te Garage sein. Manche Menschen haben


keine Hemmschwelle mehr. Ein Mann Der Hass kommt in Wellen. Manchmal
nennt mich »die Fotze aus dem Rathaus«. habe ich ein paar Wochen Ruhe, dann
Kürzlich stand ich mit einer Bekannten kommen wieder Dutzende Mails, Anrufe
zusammen in der Stadt, da baute sich ein oder böse Sprüche innerhalb weniger
Passant direkt vor mir auf und sagte: »Ge- Tage. Auch jetzt, während der Corona-
hen Sie zurück in den Westen, Sie gehören krise, haben die Pöbeleien zugenommen. Bürgermeister Hollstein in Burgstollen
nicht hierher.« Als ich im April eine Gruppe junger Men-
In unserer Gesellschaft hat sich etwas schen auf der Straße aufforderte, Abstand »Wenn ich abends aus
verändert. Die Sprache wird gröber und voneinander zu halten, rief mir einer nach:
derber. Vor zehn Jahren hätten wir solche »Du bist eine Corona-Hure!«
dem Rathaus komme,
Menschen als extreme Fälle abgetan. Heu- Um den Mord an Regierungspräsident schaue ich nach links
te gibt es den einen Teil, der aufschreit, so- Walter Lübcke herum erhielt ich fünf
bald jemand beleidigt wird. Und der an- Morddrohungen per Mail. Ich bekomme und rechts.«
dere Teil, der Verständnis zeigt, der sagt: Briefe mit einem Foto von mir, auf dem

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 47


Deutschland

tik von den Hetzern nicht kaputt machen war 13 Jahre lang im Landtag, bevor ich tete, das sei keine Zeit für Politik. Das ist
lassen, gleichzeitig habe ich Verantwor- 2012 Oberbürgermeisterin wurde. Als Ab- vorbei! Auch durch unsere Stadt ziehen
tung für meine Familie. Ein Freund hat geordnete kannte ich es nicht, 24 Stunden jetzt »Spaziergänger«, unangemeldete De-
mir geraten, ein Pfefferspray in der Tasche an sieben Tagen die Woche im Dienst zu monstranten mit diesen absurden Parolen
zu tragen. Ich habe es einen Tag lang ver- sein. Als Bürgermeisterin steht man ganz »Mundschutz heißt Maulkorb« oder »Der
sucht, dann habe ich es gelassen. Es passt anders im Feuer. Der Preis, den man zahlt, Staat will uns einsperren«. Solchen Um-
nicht zu dem Verständnis, das ich von mei- ist viel höher. Und nicht nur man selbst. zügen, mit dem NPD-Fraktionsvorsitzen-
nen Bürgern habe: Alle, die ich auf der Auch die Familie zahlt drauf. de Patrick Wieschke vorneweg, schließen
Straße treffe, haben das Recht, dass ich in Kind einer Landtagsabgeordneten zu sich auch ganz normale Bürger an. Corona
ihnen erst mal feine Menschen sehe. sein, das war zu Hause nie Thema, da gab hat etwas mit den Menschen gemacht, et-
es keinen Leidensdruck. Kind der Oberbür- was Ungutes.
germeisterin zu sein bedeutet, als Bote miss- Amtsmüde bin ich nicht. Ich mag das
Katja Wolf, 44 (Linke), ist Oberbürgermeis- braucht zu werden. Meinen Kindern wird Wort zwar nicht, aber ich sage es trotzdem:
terin im thüringischen Eisenach. aufgetragen, dass sie ihrer Mutter sagen sol- Ich bin hier auch die »Stadtmutter«. Men-
len, was alles misslich ist, wer worüber un- schen kommen auf mich zu und sagen mir,
Ich werde mich nicht öffentlich dazu äu- zufrieden ist. Sie werden auch ganz anders an welcher Stelle die Mäuse über die Stra-
ßern, was es schon für Angriffe gab, was angegriffen. Durch die sozialen Medien ist ße laufen oder wo die Abfalleimer über-
für Bedrohungssituationen. Aber ich kann der Ton noch rauer geworden. Die Vehe- quellen. Dieses Vertrauen, diese Nähe zu
sagen, dass mir die Sorge, und ja zum Teil menz, mit der mir und den Kindern Ärger den Menschen, das haben Sie weder im
auch Angst oft im Genick sitzt. Wichtig ist um die Ohren gehauen wird, ist inzwischen Landtag noch im Bundestag.
mir: Ich lasse mich von denen nicht zum enorm. Die Spirale der Entgleisung dreht
Opfer machen. Jeder, der sich in eine Op- sich immer schneller. Das ist meine Beob-
ferrolle begibt, macht sich immer auch ein achtung der letzten acht Jahre. Lutz Trümper, 64 (SPD), ist seit 2001 Ober-
Stückchen klein. Und gönnt den anderen Ein Beispiel: Eine FDP-Stadträtin hatte bürgermeister von Magdeburg. Er erhielt
Triumph. Dagegen setze ich Zeichen. Letz- letzte Woche einen kritischen Beitrag zu in den vergangenen Jahren immer wieder
tes Jahr habe ich zum zweiten Mal den mir gepostet. Dazu kommentierte ein Bür- Morddrohungen.
Stadträten der NPD bei der Amtseinfüh- ger auf Facebook: »Das Aas« – also ich –
rung den vorgeschriebenen Handschlag »muss einfach vom Thron gestoßen wer- Wer wollte, konnte jahrelang ungehindert
verweigert. Obwohl die NPD geklagt und den.« Und die Stadträtin? Löscht den Post zu uns ins Rathaus kommen. Doch Anfang
in der zweiten Instanz recht bekommen nicht, sondern versieht ihn mit einem Smi- März haben wir die Zugangsregeln ver-
hatte. Die Sache liegt jetzt vor dem ley. Da kehre ich nicht einfach entspannt schärft. Es ist eine Reaktion auf eine zu-
Bundesverwaltungsgericht. zur Tagesordnung zurück. Das ist kein de- nehmende Unsicherheit, die wir spüren.
Ja, das Amt ermüdet, ja, es schlaucht, mokratischer Umgang mehr. Zu oft standen in letzter Zeit Fremde in
ja, es ist unglaublich anstrengend. Viel an- Der Shutdown war für zwei, drei Wo- den Büros meiner Mitarbeiter, redeten auf
strengender als ein Landtagsmandat. Ich chen eine Atempause. Sogar die NPD pos- sie ein, beleidigten sie. Ich will vermeiden,
dass die verbale Gewalt in körperliche Ge-
walt umschlägt.
Mein Bürotrakt ist schon länger ab-
gesichert. Vor einigen Jahren stand ein-
mal ein Mann mit einem spitzen Gegen-
stand vor dem Büro, brüllte rum. Eine
Mitarbeiterin konnte ihn beruhigen, die
Polizei führte ihn schließlich ab. Das kann
man natürlich für die Tat eines einzelnen
Irren halten. Aber in den vergangenen
Jahren haben die Bedrohungen zuge-
nommen.
Ich bin jetzt seit fast 19 Jahren Oberbür-
germeister. Ich habe anfangs nicht damit
gerechnet, einmal angegriffen zu werden.
2007 änderte sich das. Damals standen an
einem Abend im Januar etwa 30 Neonazis
STEVE BAUERSCHMIDT / DER SPIEGEL

vor meinem Haus und brüllten: »Trümper


und seine Bande, für Deutschland eine
Schande«. Meine Familie war damals zu
Hause. Das war der erste Moment in mei-
ner Karriere, den ich als bedrohlich emp-
Eisenach funden habe.
In den vergangenen Jahren haben sich
die Morddrohungen gehäuft. 2015 bekam
ich einen Brief, in dem stand: »Ein Baum,
Oberbürgermeisterin Wolf auf dem Marktplatz ein Strick, Trümper.« Und: »Am Montag
werden wir dich hängen. Dein Rathaus ist
»Die Angst sitzt mir oft im Genick. Die Spirale der die Kulisse«. Darunter waren SS-Runen
und ein Hakenkreuz gedruckt. Damals
Entgleisung dreht sich immer schneller.« protestierten gerade jeden Montag auf
dem Marktplatz die Magida-Anhänger,

48
haben rechte Gruppierungen und AfD- sammen mit der protestantischen Kirchen-
Politiker praktisch Woche für Woche gemeinde ein Begegnungszentrum be-
Magdeburg dazu aufgerufen, nach Kandel zu kom- treibt, in dem sich Flüchtlinge und Bürger
men. An einem Wochenende hatten wir treffen können. Die Verfasserin dieses
bis zu vier Kundgebungen und Protest- Pamphlets ist Anfang des Jahres in erster
märsche mit Tausenden Menschen, dabei Instanz wegen Beleidigung zu einer Geld-
hat die Stadt nur 8500 Einwohner. strafe von 2000 Euro verurteilt worden.
Die Teilnehmer wurden zum Teil von Immerhin.
weither mit Bussen angekarrt und zogen Als vor einem Jahr der Kasseler Regie-
dann skandierend durch die Straßen. Die rungspräsident Walter Lübcke auf seiner
Polizei musste mit einem Großaufgebot Terrasse von einem Rechtsextremisten er-
reagieren, Hubschrauber kreisten über mordet wurde, bin ich schon nachdenklich
der Stadt. geworden. Seine Adresse stand im öffent-
Ich selbst wurde bei diesen Veranstal- lichen Telefonbuch, so wie meine. Aber
HARALD KRIEG / DER SPIEGEL

tungen und in Hunderten E-Mails be- als Bürgermeister kann man nicht an einer
schimpft, teilweise richtig übel. »Poß muss Geheimadresse wohnen, jedenfalls nicht
weg«-Sprechchöre waren noch das Harm- in einer kleinen Stadt wie Kandel. Die
loseste. Dazu kamen Mord- und Todes- Menschen erwarten, dass man hier in der
drohungen. In einer E-Mail wurde genau Stadt präsent ist und Flagge zeigt. Und
beschrieben, wie man erst meine Kinder genau das tue ich.
Oberbürgermeister Trümper im Rathaus »abschlachten« werde und dann meine
Frau. In manchen dieser Drohmails stand
auch meine Privatadresse mit dem Hin- Pia Findeiß, 64 (SPD), seit 2008 Oberbür-
»In den vergangenen weis: »Wir wissen, wo du wohnst.« Da germeisterin der sächsischen Stadt Zwi-
Jahren haben sich muss man dann schon schlucken. ckau, hat schon viele Hassattacken erlebt.
Die schlimmsten Drohungen habe ich Sie geht nun vorzeitig in Ruhestand.
die Morddrohungen an die Polizei weitergegeben und Anzeige
gehäuft.« erstattet. Leider wurden die Verfahren ein- Eine Zeit lang hat Corona die Aggressio-
gestellt, weil die Polizei die Verfasser nicht nen gegen uns Kommunalpolitiker offen-
ermitteln konnte. Eine Anzeige war aber bar gedämpft, die Hassmails an mich blie-
erfolgreich. In einer Veröffentlichung des ben in den vergangenen Wochen aus. Aber
der lokale Ableger der Pegida-Bewegung. Bündnisses »Kandel ist überall«, das von man sieht gerade, wie Wut und Verschwö-
Ich nahm die Drohung ernst und schaltete der AfD unterstützt wird, wurde ich als rungsglauben wieder aufleben.
früh die Polizei ein. Sechs Wochen lang »Kuppler von Kandel« beschimpft. Die ha- Wir mussten lange dafür kämpfen, dass
stand ich unter Polizeischutz. ben mir vorgeworfen, dass die Stadt zu- Zwickau nicht den Stempel als braune
Ein anderes Mal, 2017, rief ein Mann Stadt aufgedrückt bekommt, nachdem
im Sekretariat an und drohte, wenn ich hier 2011 die NSU-Terrorzelle aufgedeckt
mich nicht für den Erhalt der Bibliothek worden war. Meine Position war klar:
einsetzte, versähe er einen Baseballschlä- Rechtsradikale und rassistisches Gedan-
ger mit Nägeln und rammte ihn mir ins kengut haben bei uns keinen Platz. Da-
Gesicht. Im vergangenen Jahr hing an mals begannen die persönlichen Anfein-
einer Haltestelle in der Stadt ein Mord- Kandel dungen gegen mich. Mit der Flüchtlings-
aufruf gegen mich und die Chefin der Ver- krise 2015 wurden die Angriffe stärker.
kehrsbetriebe. Da stand: »An den Galgen Ich habe öffentlich erklärt, dass ich es
für die Zerstörung unseres Wohngebie- für eine humanitäre Verpflichtung halte,
tes«. Wir bauten damals eine neue Stra- Flüchtlinge aufzunehmen, was wir auch
ßenbahnstrecke. getan haben.
Auch die Beleidigungen gegen mich ha- Danach wurde es richtig fies: Meine
ben zugenommen, gerade im Netz. Ich fin- Autoscheiben wurden mit Öl verschmiert,
de, dort sollte es untersagt werden, ano- das Schloss an meiner Haustür wurde mit
DANIEL SCHREIBER / DER SPIEGEL

nym etwas zu posten. Zudem hat jeder Leim verklebt, ich hatte einen Nagel im
von uns eine Verantwortung einzuschrei- Autoreifen. Ich wurde als »IS-Schlampe«
ten. Wenn er oder sie etwas liest, etwas beschimpft, jemand schleuderte sogar einen
hört. Wir müssen häufiger unsere Meinung kleinen Pflasterstein durch eine Scheibe
sagen und gegen den Hass vorgehen. bei uns zu Hause, er hätte mein Enkelkind
treffen können.
Die Angriffe kommen meist von einer
Im pfälzischen Kandel erstach im Dezem- extrem rechten Bewegung in Zwickau, da
Bürgermeister Poß in seinen Amtsräumen
ber 2017 ein Flüchtling aus Afghanistan sind Leute aus der »Reichsbürger«-Szene
eine 15-Jährige. Bürgermeister Volker Poß, dabei, auch Ex-AfDler.
59 (SPD), rief nach der Tat dazu auf, »Es wurde genau Einmal hab ich richtig Angst bekommen,
nicht alle Asylbewerber unter General-
verdacht zu stellen.
beschrieben, wie man als ich abends mit meiner Enkelin auf dem
Friedhof war und ein Typ uns mit dem
meine Kinder ›ab- Handy filmte. Er hat die Bilder, auch von
Was seit 2017 passiert ist, hat die Stadt ver- meiner Enkelin, dann ins Netz gestellt, mein
ändert und die Bürger extrem verunsi-
schlachten‹ werde.« Sohn hat ihn deshalb angezeigt. Er wurde
chert. Direkt nach der schrecklichen Tat zu einer Geldstrafe verurteilt, aber insge-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 49


samt bin ich eher enttäuscht von der Justiz. Markus Nierth, 51, trat im März 2015 als
Drei Männer, die mir öffentlich unterstellt Ortsbürgermeister der 2700-Einwohner-
haben, ich würde zu Hause IS-Kämpfer be- Ortschaft Tröglitz in Sachsen-Anhalt
herbergen, habe ich wegen Verleumdung zurück. Tröglitz
angezeigt. Das war 2017. Über einen Be-
schuldigten ist in zweiter Instanz bis heute Viele verletzte Kommunalpolitiker oder
nicht entschieden, ein weiterer wurde frei- bedrohte Menschen schweigen, weil sie
gesprochen. Das Gericht befand, als Bür- das Dogma der Stärke, des ewigen Erfolgs
germeisterin sei ich keine wichtige Person durchhalten wollen. Aber wenn wir uns
des öffentlichen Lebens und beurteilte ei- wegducken, verleugnen wir uns selbst –
nen der Täter deshalb milder. Das hab ich und unsere Gesellschaft bewegt sich in
als echten Tiefschlag empfunden. Nicht nur eine gefährliche Richtung. Ich habe das er-
für mich, für alle kommunalen Amtsträger. leben müssen. Ich spreche deshalb offen

CHRISTOPH BUSSE / DER SPIEGEL


Demokratie funktioniert ja nur, wenn wir über meine Ängste und Schwächen.
Menschen haben, die diese Wahlämter auch Noch heute stelle ich jeden Abend mei-
ausfüllen. Immerhin soll das Strafrecht nun nen Laptop an einen Ort, an dem er vor
in dem Punkt ausgeweitet werden. Löschwasser sicher wäre. Weil ich mir
Ja, bedrohte Kommunalpolitiker müs- nicht sicher bin, ob nicht auch unser Haus
sen besser geschützt werden, aber wir müs- in Brand gesteckt wird. Sachen, die mir
sen auch abwägen. Denn wenn ich als Bür- etwas bedeuten, hatte ich lange brandsicher
germeisterin eine Leibwache brauche, ausgelagert. Das ist doch verrückt.
Ex-Bürgermeister Nierth in seinem Haus
stirbt das Prinzip der Demokratie vor Ort. Dabei war ich jahrelang ein beliebter
Der Bürgermeister muss mitten unter den Bürgermeister, würde ich sagen. Im Jahr
Bürgern sein. Ich kann auch nicht geheim 2009 wurde ich erstmals gewählt. Wir ha- »Die Monate waren
halten, wo ich wohne, das weiß hier jeder, ben Spielplätze saniert und eine Skater- die Hölle, meine Frau
das gehört auch dazu. bahn gebaut, vor allem kamen die Einwoh-
Obwohl ich bis 2022 gewählt bin, gebe ner mit ihren Sorgen zu mir. Das kippte, bekam Briefe voller
ich mein Amt in diesem Jahr auf, aber nicht als Ende 2014 beschlossen wurde, in unse- Kot zugeschickt.«
wegen der Anfeindungen. Ich möchte end- rem Ort Flüchtlinge anzusiedeln. Der Ge-
lich Zeit für meine Familie haben. Ich habe meinderat wurde darüber von Landkreis
mich nie einschüchtern lassen, denn die An- und Bürgermeister informiert – die Bürger
greifer dürfen nicht gewinnen. Und jedem, jedoch nicht. Ich fand das ein Unding, ich chen nach meinem Rücktritt. Damals leb-
der mich fragt, ob man heute noch Bürger- ahnte, dass es Unruhe geben würde und ten noch keine Geflüchteten dort. Ein deut-
meister werden kann, würde ich zuraten. wollte meine Einwohner gewinnen. Im Ge- sches Ehepaar, das dort lebte, kam mit
Denn es ist, trotz allem, ein schönes Amt. meindeblatt schrieb ich auch von meinen dem Schrecken davon. Daraufhin kippte
eigenen Sorgen, um dann deutlich zu ap- die Stimmung komplett, weltweit berich-
pellieren: Gebt den Fremden eine Chance, teten Medien über unseren Ort.
besinnt euch auf eure guten Herzen! Die Leute hatten Angst. Und verstan-
Kurze Zeit später gingen die Ersten den nicht, warum ich mit den Medien über
hier gegen die Flüchtlingsunterkunft die Ereignisse in Tröglitz sprach. Meine
Zwickau protestieren. Anfangs waren es soge- Frau und ich galten als Nestbeschmutzer,
nannte Angst- und Wutbürger aus dem die das Unheil in den Ort gebracht hätten.
Ort, mit denen meine Frau und ich sofort Ich hatte einen wichtigen Grundsatz miss-
das Gespräch suchten. Der Protest wurde achtet, der hier herrscht: Über Fehler
aber schnell von der NPD gekapert. Bald spricht man nicht. Man legt nicht den Fin-
marschierten fast 200 angereiste Rechte ger in die Wunde.
durch unseren Ort. Meine Frau und ich Die folgenden Monate waren die Hölle.
stellten uns mit einigen Unterstützern da- Meine Familie und ich standen neun Mona-
gegen. Der Rest blieb leise. Der Ort duckte te lang unter Polizeischutz, das LKA nahm
sich weg. So wurde meine Familie immer die Bedrohungslage sehr ernst. Meine Frau
CHRISTOPH BUSSE / DER SPIEGEL

mehr zur Zielscheibe der Nazis. bekam Briefe voller Kot zugeschickt, beim
Als ich mitbekam, dass die NPD einen ersten Mal griff sie rein. Durch Stimmungs-
Marsch samt Kundgebung vor meinem Pri- mache verloren wir 30 Prozent unseres Ein-
vathaus plante, hatte ich genug. Die Route kommens. Mit meiner Frau führe ich eine
wurde vom Landkreis nicht verhindert, Tanzschule, dazu bin ich Trauerredner.
wohlwissend, dass ich dort wohne. Ich trat Unzählige Nächte habe ich mit meiner
zurück – die Nazis ließen von ihrem Plan Frau geredet, geweint, gebetet. Bis heute
ab. Mein Rücktritt geschah aber nicht auf- geht meine Frau zum Psychologen, ich
Oberbürgermeisterin Findeiß im Ratssaal
grund des Drucks von rechts – sondern zum Seelsorger. Wir haben begriffen, dass
weil ich mich von den Behörden im Stich wir unsere soziale Verankerung, unsere
»Jemand schleuderte gelassen fühlte. Heimat verloren haben und eines Tages
einen Pflasterstein Meine Frau und ich gaben jedoch nicht
auf. Nach meinem Rücktritt ermutigten
noch einmal woanders komplett neu an-
fangen müssen.
durch eine Scheibe bei uns auch Mitbürger. Wir schafften es, 120 Protokolle: Matthias Bartsch,
uns zu Hause.« Menschen von Patenschaften für Flücht- Annette Bruhns, Lukas Eberle,
linge zu überzeugen. Bis die Flüchtlings- Annette Großbongardt, Christopher Piltz
unterkunft brannte. Das war wenige Wo-

50 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Deutschland

Der zweite Mann


Terrorismus Der Neonazi Markus H. ist wegen Beihilfe zum Mord am CDU-Politiker
Walter Lübcke angeklagt. Aber der Extremist gibt den Fahndern noch Rätsel auf.

A
m 2. Juli 2019 öffneten hessische schen Scharfmacher, der als emotionaler Existenz. Im Jugendalter war er für die
Kriminalbeamte eine Garage an »Anker« für Ernst fungiert, seinen Kum- Neonazi-Partei FAP aktiv, später in der
der Gobietstraße in Kassel. Auf pan auf rechte Demos begleitet und ihn Kameradschaftsszene und bei der NPD.
die Adresse waren sie bei Er- in seinem Tatentschluss bestärkt haben Doch in den vergangenen zehn Jahren war
mittlungen in einem der bedeutendsten soll. Zudem habe er ihm bei der Beschaf- er den Behörden nicht mehr aufgefallen,
Kriminalfälle des Landes gestoßen, dem fung von Waffen geholfen und ihn heim- er galt, wie Ernst, vermeintlich als »ab-
Mord am Kasseler Regierungspräsidenten lich im Wald und in Schützenvereinen gekühlter« Extremist. Zuletzt arbeitete
und CDU-Politiker Walter Lübcke. Einer im Schießen geschult. Dass Markus H. er als Leihangestellter beim Rüstungs-
der Verdächtigen hatte dort Lagerfläche konkret in den Anschlagsplan eingeweiht unternehmen Rheinmetall. Seine Freizeit
angemietet. war, konnten die Ermittler jedoch nicht verbrachte er auf seiner Parzelle in einer
Als die Fahnder das Rolltor der Garage nachweisen. Kasseler Kleingartenkolonie.
Nr. 18-095 hochschoben, fanden sie sich Der Rechtsextremist muss sich daher Doch Markus H. hat offenbar seine
in einer Art Rumpelkammer des »Dritten wegen sogenannter psychischer Beihilfe rechtsextreme Überzeugung nie aufge-
Reiches« wieder. Sie entdeckten unter verantworten, es ist eine vertrackte Rege- geben. Bei Durchsuchungen fanden die
anderem eine silberfarbene Büste mit lung des Strafrechts. Die ehemalige RAF- Ermittler ein Foto, auf dem er Uniform
dem Konterfei Adolf Hitlers, eine Plas- Terroristin Verena Becker wurde 2012 auf trägt und den Hitlergruß zeigt, auf einem
tik von Hermann Görings Kopf sowie dieser Grundlage verurteilt. Die Richter anderen Bild posierte er vor einer Flagge
ein handtellergroßes Hakenkreuz aus sahen es als erwiesen an, dass sie 1977 des rassistischen Ku-Klux-Klans.
Metall. innerhalb der RAF darauf gedrängt hatte, Über die Jahre hatte er sich ein beacht-
Von einer »distanzlosen Verherrlichung den damaligen Generalbundesanwalt Sieg- liches Waffenarsenal zugelegt: Pistolen,
des historischen Nationalsozialismus« fried Buback zu ermorden. Gewehre, Zielfernrohre, Magazine, mehr
zeugten laut Ermittlungsakten auch zahl- Ob die Beweislage bei Markus H. für als 5200 scharfe Patronen – bis auf
reiche Dateien, die Kriminalisten auf eine ähnliche Verurteilung reicht, ist offen. ein Teil einer Maschinenpistole besaß er
den Computern des Mieters der Garage Nikolaos Gazeas, Experte für deutsches alles legal. Vor fünf Jahren klagte er
fanden: »Das kleine ABC des National- und internationales Strafrecht in Köln, sich das Recht auf Waffenbesitz ein. Weil
sozialisten« von Joseph Goebbels etwa, spricht von einem »Grenzfall«. der Verfassungsschutz nur alte Erkennt-
die Hetzschrift »Juden machen Welt- Als die Fahnder Markus H. am 26. Juni nisse über H. bis ins Jahr 2009 vorlegen
politik« oder ein PDF-Dokument mit der festnahmen, lebte er eine kleinbürgerliche konnte, sah das Gericht keine Berech-
Aufschrift »Auschwitz Dachau Buchen-
wald – wir sind mit dem Sonderzug un-
terwegs und machen bei jedem Volksver-
räter halt«.
Die sichergestellten Asservate sind Be-
weismittel in einem Prozess, der dem-
nächst vor dem 5. Strafsenat des Oberlan-
desgerichts Frankfurt am Main verhandelt
werden soll. Der Generalbundesanwalt
wirft Markus H., 44, Beihilfe zum Mord
an Walter Lübcke vor. Am Montag jährt
sich der Tag, an dem der Kasseler Regie-
rungspräsident auf der Terrasse seines
Hauses mit einem Kopfschuss getötet wur-
de. Es war der erste rechtsterroristisch mo-
tivierte Mord an einem Politiker in der Ge-
schichte der Bundesrepublik.
Als Haupttäter ist der Rechtsextremist
Stephan Ernst angeklagt, ein enger Freund
von Markus H. (SPIEGEL 17/2020). Laut
Y. WALSDORF / PICTURE ALLIANCE

der 322-seitigen Anklageschrift hassten


beide Männer den Politiker wegen des-
sen humaner Haltung gegenüber Flücht-
lingen.
Während die Beweislast gegen Lübckes
mutmaßlichen Mörder Ernst erdrückend
scheint, ist der Fall seines Neonazi-Kame-
raden H. kompliziert. In ihrer Anklage
skizzieren die Ermittler ihn als ideologi- Lübcke-Gedenken in Bad Hersfeld 2019: Rechte in die Schranken verwiesen

51
Deutschland

tigung, ihm die Schusswaffen zu ver-


wehren.
Ohne die Aussage des Hauptverdäch-
tigen Ernst wären die Fahnder vielleicht
nie auf die Spur seines möglichen Kompli-
zen gekommen. Der mutmaßliche Mörder

R. WITTEK / EPA-EFE / REX


erwähnte den Namen seines Freundes in
einer ersten Vernehmung eher beiläufig,

EXIF RECHERCHE
beide kennen sich aus früheren Zeiten in
der Kasseler Kameradschaftsszene.
Ernst berichtete den Polizisten, dass er
im Oktober 2015 gemeinsam mit H. bei
einer Bürgerversammlung war, wo Walter Angeklagte Ernst, H.
Lübcke die Aufnahme von Flüchtlingen Schießtraining im Wald
verteidigte und rechte Krawallmacher in
die Schranken wies. Hinterher seien er und Björn Clemens, der Rechtsanwalt von
H. sich einig gewesen, dass man »etwas Markus H. und ein ehemaliger Funktionär
machen« müsse, sagte Ernst aus. der rechtsextremen »Republikaner«, woll-
Belastet wird Markus H. auch von sei- te sich zu den Vorwürfen auf Anfrage
ner ehemaligen Lebenspartnerin. Sie be- nicht äußern. Vor Anklageerhebung hatte
richtete, dass er nach der Versammlung er mitgeteilt, die »bisherigen Ermittlungs-
voller Hass gewesen sei. Lübcke müsse ergebnisse« belegten keine Tatbeteiligung
»erhängt« werden, habe H. zu ihr gesagt. seines Mandanten.
Die Ermittler fanden bei ihm auch Weiterführende Erkenntnisse hätten wo-
ein Buch des rechten Verschwörungs- möglich die Chats zwischen Ernst und
ideologen Akif Pirinçci, der darin gegen Markus H. liefern können. In den zweiein-
»verkommene Subjekte in der Politik« halb Monaten vor dem Mord an Lübcke
hetzte. Lübckes Name war in dem Buch tauschten die beiden über den verschlüs-
mit orangefarbigem Textmarker ange- selten Messengerdienst Threema Dutzen-
strichen. de Nachrichten aus. Zwei Tage nach dem
Markus H. sei ein Rechtsextremist ohne Anschlag löschte Ernst 250 Datensätze,
jegliche Empathie, sagte dessen Ex-Freun- auch auf Markus H.s Handys konnten Kri-
minaltechniker die Chats nicht mehr fin-
den. Die Bundesanwaltschaft glaubt, dass
Die Ermittler fanden es sich bei den gelöschten Daten um »tat-
Pistolen, Gewehre, bezogene Kommunikation« handelte. Be-
weisen kann sie das jedoch nicht.
Zielfernrohre, Magazine Und so bleiben in dem Fall etliche Fra-
und über 5200 Patronen. gen offen. Darunter die, warum sich Mar-
kus H. 2006 so intensiv für die damals
noch ungeklärte Mordserie des National-
din der Polizei. Mit den vielen Pistolen und sozialistischen Untergrunds interessierte.
Gewehren habe er sich auf einen Krieg vor- Auffallend häufig hatte er eine speziell ein-
bereiten wollen, sein Motto habe gelautet: gerichtete Fahndungsseite des Bundeskri-
»Wir Deutsche brauchen Waffen.« minalamts besucht.
Dass Markus H. in der Mordnacht am Rätselhaft sind auch Unterlagen, die
Tatort gewesen sei oder gar selbst geschos- Fahnder nach dem Mord an Lübcke bei
sen habe, wie Ernst den Ermittlern zuletzt Markus H. sicherstellten. Darunter befand
weiszumachen versuchte, halten die An- sich ein Szeneleitfaden, wie Rechtsextre-
kläger für eine Schutzbehauptung. An misten einer Überwachung durch die
Lübckes Kleidung und der Mordwaffe fan- Sicherheitsbehörden entgehen können.
den sie ausschließlich DNA-Spuren von Und ein internes Dokument der hessi-
Ernst, keine von H. schen Polizeihochschule, das zur Krimi-
So bleibt den Anklägern nur, die Indi- nalistenausbildung dient und als »Ver-
zien aneinanderzureihen – und darauf zu schlusssache – nur für den Dienstge-
setzen, dass der Staatsschutzsenat des brauch« eingestuft ist.
Frankfurter Oberlandesgerichts ihre Auf- Auf einer der abfotografierten Seiten
fassung teilt. des Studienskripts ging es um Fahndungen
Demnach müsste Markus H. zumindest in Fällen »terroristischer Gewaltkrimina-
geahnt und somit billigend in Kauf genom- lität von bundesweiter Bedeutung«. Wie
men haben, dass Ernst einen Anschlag ver- das vertrauliche Polizeipapier auf das
üben wollte. Entsprechende Andeutungen Handy des Neonazis gelangte, konnten die
soll der Attentäter ihm gegenüber mehr- Ermittler nicht klären.
fach gemacht haben. Nach Überzeugung Matthias Bartsch, Sven Röbel,
der Ermittler trainierten die beiden auch Fidelius Schmid, Wolf Wiedmann-
mit der späteren Tatwaffe, einem schwar- Schmidt, Steffen Winter
zen Revolver Kaliber .38.

52 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


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Reporter
Karrieren
Kommen jetzt die Ratten,
Herr Corrigan?
Robert Corrigan, 69, Nagetierexperte,
besitzt in New York eine
Firma zur Rattenbekämpfung.

SPIEGEL: Herr Corrigan, in den USA, aber


auch in Deutschland werden derzeit viele
Ratten gesichtet. Woran liegt das?
Corrigan: Stadtratten sind schon seit Jahr-
zehnten auf den Müll von Restaurants und
Touristen angewiesen. Wenn der weniger
wird, wie jetzt durch Corona, ändern sie ihr
Verhalten und dringen in die Reviere ande-
rer Ratten ein. Das kann zu Streit führen.
Es gibt also nicht mehr Ratten als früher, sie
sind einfach nur auffälliger geworden.
SPIEGEL: In manchen Medien war von
»Rattenkriegen« die Rede.
Corrigan: Ratten sind Säugetiere. Kämpfe,
Kannibalismus und auch Kindstötungen
sind möglich. Ich habe die Überreste
solcher Auseinandersetzungen fotografiert.
Das sah brutal aus. Je gestresster Ratten
sind, desto aggressiver werden sie. Das ist
Familienalbum mit Swarovski wegen Russendisko- wie beim Menschen.
T-Shirts mit Glitzersteinen. Aber SPIEGEL: Wie ähnlich sind sich Mensch
Größenwahn, wir waren am Ende doch zu faul, um und Ratte?
Unternehmer zu werden. Von den Corrigan: Menschliche Krankheiten wer-
2002 T-Shirts, die wir auf diesem Foto tra- den schon lange an Ratten erforscht. Ratten
gen, haben wir mehr verschenkt als können planen, Entscheidungen treffen, in
Wladimir Kaminer, 52, aus Berlin: verkauft. Frauen, die uns nach Hause Versuchen Hilfsmittel benutzen, Freude
Ich liebe diese schmuddelige DDR- mitnehmen wollten, sagten wir: und Trauer ausdrücken. Wissenschaftler
Tapete! Sie erinnert mich an mein Nimm lieber ein T-Shirt. Im Publi- haben den Tieren beigebracht, winzige
Kinderzimmer in Moskau. Das Bild kum waren Männer, die russische Rattenautos zu fahren, um ihr Essen ein-
muss 2002 entstanden sein, es ist Frauen kennenlernen wollten, weil zusammeln. Fantastisch, finden Sie nicht
einer unserer ersten Russendisko-Auf- sie glaubten, das würde ihr Leben auch? Sie sind viel schlauer, als wir denken.
tritte im Kaffee Burger in Berlin, defi- ungeheuer bereichern, unverbesser- SPIEGEL: Müssen wir Angst vor Ratten
nitiv Anfang des Jahrtausends, mein liche Romantiker. Für die meisten haben?
Freund Yuriy Gurzhy hat hier noch Deutschen waren Russen damals Corrigan: Nein, Berichte aus den vergange-
Haare. Wir guckten sehr ernst, denn etwas Exotisches. Fremdsein ist immer nen Jahrhunderten, denen zufolge Ratten
wir dachten damals, es komme auf erst vorbei, wenn die Nächsten kom- Menschen attackieren, sind meist Mythen.
die Musik an, wir wollten den Leuten men. Die Russen hatten die Türken Ich war in rattenverseuchten Getreide-
russische Bands näherbringen, abgelöst, dann kamen die Flüchtlinge, speichern, habe mit wilden Ratten auf dem
Schwerpunkt Ska Punk. Heute weiß Syrer wurden zu den neuen Russen. Boden geschlafen. Ich wurde nie gebissen.
ich: Es kommt darauf an, ob der DJ Die Menschen brauchen immer etwas SPIEGEL: Können Mensch und Ratte also
FUSE / GETTY IMAGES

gut drauf ist, Musik können die Leute Fremdes, wovor sie sich fürchten friedlich zusammenleben?
auch in ihrer Küche hören. Von uns können. Nun sind es Viren, die fremd Corrigan: Ich fürchte, nur wenn die
Russen wurden jedenfalls Orgien und unheimlich sind. Was kommt Ratte ein Haustier ist. Mensch und Ratte
erwartet. Dass wir auf den Tischen als Nächstes? sind sehr anpassungsfähig, verbreiten
tanzen, vom Kronleuchter herunter- Aufgezeichnet von Timofey Neshitov sich rasant und transportieren Krankheits-
baumeln. Wir haben diese Erwartung erreger. Beide Arten
immer nach Kräften erfüllt. Wir können füreinander
SIMON WAHORN

‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie


waren größenwahnsinnig, wollten uns Ihre Geschichte erzählen möchten? gefährlich sein.
sogar eine eigene Modekollektion auf Schreiben Sie an: Wir passen
den Markt bringen, verhandelten familienalbum@spiegel.de nicht gut zusam-
men. JST

54
zwischendurch 60 Meter abseilen, so hoch war das Eis. Wenn
Eine Meldung und ihre Geschichte
er das heute Jugendlichen erzähle, sagt Trucco, dann guckten

Truccos
sie ihn an, als wäre er verrückt geworden. Abseilen?
Nur in der Stadt könne man am Klimawandel zweifeln, sagt
er. Hier, in den Bergen, spüre er die Veränderung jeden Tag.

Schmerzgrenze
In den vergangenen Jahren habe die Hitze auch seine Berg-
hütte erreicht, die im höchstgelegenen Skigebiet der Alpen
liegt, wo selbst im Sommer noch gefahren wird. Doch in ein
paar Jahrzehnten werden sie auch schließen müssen, sagt Trucco,
als wohl letztes Skigebiet der Alpen. Es gebe keinen Plan B.
Nach der Gletscherschmelze steht die Berghütte Grenzen werden mit Waffen verteidigt, Mauern werden
eines Italieners auf einmal in der Schweiz. auf ihnen gebaut und meterhohe Zäune. Sie sollen starr
Für den Betreiber ist das ein großes Problem. erscheinen, unüberwindbar. In Wahrheit sind sie Erfin-
dungen des Menschen, und der Mensch orientiert sich oft
an der Natur. Flüsse markieren Grenzen, ebenso Berge.

A ls Lucio Trucco in die Bar kommt, setzt er sich so, dass


er die Tür sehen kann. Es ist Anfang März, draußen in
den dunklen Straßen spielen sie »Summer Holiday«
von Cliff Richard, aber am Himmel kündigt sich ein Schnee-
Doch Flüsse können ihren Lauf verändern, und Berghänge
können abbrechen. Dann müssen sich Nachbarn neu einigen.
In den Alpen werden die Grenzen vielerorts durch die
Fließrichtung des Wassers bestimmt. Als Truccos Berghütte
sturm an, in Breuil-Cervinia, dem letzten Ort vor der Schwei- gebaut wurde, ragte neben der Hütte der große Gletscher
zer Grenze, am Rand des italienischen Aostatals. Trucco, auf und verdeckte den Blick auf die Schweiz, sein Wasser
49 Jahre, ist Bergführer. Seine Haut ist braun gebrannt, seine floss in Richtung Italien. Heute ist der Gletscher an dieser
Haare sind grau. Er ist den ganzen Tag mit dem Rettungs- Stelle geschmolzen, der reine Fels ist sichtbar geworden,
hubschrauber geflogen, hat verletzten Skifahrern geholfen, das Wasser fließt jetzt in Richtung Schweiz.
die nicht mehr weiterkamen. Sein Dass das Auswirkungen auf
Vater war Bergführer, sein Groß- sein Leben haben könnte, erfuhr
vater auch. Im Sommer klettert er, Trucco vor ein paar Jahren, als
im Winter fährt er Ski. Er wirkt eine Handvoll Männer mit Ver-
hier drinnen etwas eingesperrt. messungsgeräten kamen und eini-
Trucco zeigt aus dem Fenster, ge Stunden draußen im Geröll
dort sieht man die Walliser Alpen, herumwerkten, um sich dann in
das Matterhorn. Oben auf dem seiner Hütte aufzuwärmen. Man
Grat liegt sie, seine Hütte, um die teilte ihm erst später mit, dass
es so viel Streit gibt. Ein Punkt im rechtlich gesehen nun zwei Drittel
Eis zwischen krächzenden Alpen- der Hütte auf Schweizer Gebiet
dohlen, auf 3480 Meter über dem stünden.
Meer: das Rifugio Guide del Cer- Trucco fürchtet deshalb, mehr
vino. Es ist eine kleine Schutzhütte Steuern zahlen, Schweizer Ab-
mit Restaurant und ein paar Dut- gaben entrichten, Schweizer Bau-
zend Schlafplätzen. Trucco hat richtlinien beachten zu müssen. Er
sie vor einiger Zeit gepachtet. Er selbst fühle sich aber als Italiener,
schläft dort gern und hört dem sagt er. Auf seiner Karte stehen
Wind zu, der über das Dach streift. Penne, Spaghetti und Tagliatelle.
Als die Hütte 1984 erbaut wurde, Keine Rösti. Sein Kaffee würde nur
befand sie sich zweifellos auf ita- Schutzhütte am Matterhorn 1,50 Euro kosten. Auf Schweizer
lienischem Boden. Das hat sich Seite koste er 4 Euro. Das habe
mittlerweile geändert. Aber nie- auch für die Schweizer Vorteile,
mand habe die Hütte verschoben, sagt Trucco. Sie könnten hier ein
beteuert Trucco. Die Geschichte bisschen Italien genießen, ihren
sei ein bisschen kompliziert. Kaffee, vielleicht einen Arneis trin-
Es geht um das Schweizer Bun- Von der Website Nzz.ch ken und dann zurück auf Skiern
desamt für Landestopografie, den nach Zermatt fahren.
Kaffeepreis zweier Nationen, die Gletscherschmelze und Es sei keine schnelle Lösung für das Problem in Sicht, sagt
Jahrhunderte an diplomatischen Verwicklungen. Die Grenze Trucco. Die Schweiz schlägt einen Gebietsaustausch vor, aber
zwischen Italien und der Schweiz ist bestimmt vom Verlauf die Italiener haben sich noch nicht darauf eingelassen. Er
der Alpen. Sie zieht sich über Hunderte von Kilometern vom würde gern umbauen, renovieren, aber das gehe nicht. Er
Großen St. Bernhard über das Matterhorn und den Lago weiß nicht, an welche Behörde er sich wenden soll.
Maggiore. Fast die Hälfte der Grenzlinie liegt auf Schnee Beide Seiten machen eine Veränderung unmöglich, solange
oder Eis. Lange war es schwer zu glauben, dass sich daran et- die Frage der Grenze ungeklärt ist. Eigentlich sollte im Mai
was ändern könnte. Doch dann passierte etwas, das man im eine schweizerisch-italienische Grenzkommission tagen, aber
19. Jahrhundert noch nicht ahnen konnte: Das Eis schmolz. die ist wegen der Pandemie auf den November verschoben
Sein Großvater, sagt Lucio, hätte nie damit gerechnet, dass worden.
die Gletscher schmelzen würden. Für ihn waren sie unverän- Trucco selbst hätte einen Vorschlag, als Geschäftsmann,
derbare Riesen, eine Plage fast, die mit ihren Schneemassen sagt er. Warum zieht man nicht die Grenze mitten durch das
das Dorf bedrohten. Trucco selbst erinnert sich an 20 Meter Restaurant?, fragt er. Auf der einen Seite könnten sie Rösti
Schnee in manchen Wintern unten im Dorf, er stieg dann essen, auf der anderen Pasta. Es wäre eine Lösung, die merk-
durch das Dachfenster heraus. Als er mit seinem Vater als würdig gut zu Corona-Zeiten passen würde: Man wäre ge-
Kind auf Skiern hinunter nach Zermatt fuhr, konnten sie sich trennt und doch vereint. Jonathan Stock

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 55


Patient Simic mit
Beatmungshelm
Er betet, zum ersten
Mal seit Langem

Lufthunger
Schicksale Goran Simic ist Krankenpfleger, 33 Jahre alt, gesund und gehört keiner
Risikogruppe an. Als er an Covid-19 erkrankt, macht er sich
zunächst keine Sorgen. Dann kämpfen die Ärzte um sein Leben. Von Felix Hutt

56 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Coronakrise

Tag 1 – Dienstag, 24. März 2020 An diesem Freitagmittag beschließt


Der alte Mann, der am Vormittag auf Simic, dass sie die Wohnung nicht mehr
die Intensivstation im zweiten Stock des verlassen, bis er den Befund erhält. Er iso-
Klinikums Fürstenfeldbruck bei München liert sich im Schlafzimmer. Seine Frau
geschoben wird, ist ein Falschnegativer. stellt ihm das Essen vor die Tür. Sie unter-
So nennen die Ärzte hier Sars-CoV-2- halten sich über WhatsApp-Video und
Infizierte, die sie erst später als solche desinfizieren die Toilette vor und nach
erkennen. Der Mann leidet unter star- jeder Nutzung. Er sorgt sich nicht um sich,
ker Atemnot und hat Fieber, aber ein Ab- nur um seine Tochter. Er ist Nichtraucher,
strich aus seinem Rachen wurde negativ macht Fitnesstraining, hat keine Vor-
getestet. Verdacht auf Influenza, lautet erkrankungen. In seinem Alter geht eine
die Diagnose. Corona-Infektion in der Regel vorüber
Vier Pflegefachkräfte und eine Internis- wie eine Erkältung.
tin kümmern sich um den Patienten in
der Box 9, einem abgetrennten Abteil. Sie Tag 5 – Samstag, 28. März
Ehepaar Simic im August 2016
tragen weder Schutzanzüge noch FFP3- »Gogo, gib nie auf!« »Goran«, sagt die Ärztin am Telefon, und
Masken. Der Patient ist kurzatmig, er er weiß sofort, was sie ihm mitteilen wird.
muss mit einer Gesichtsmaske nicht-inva- Er ist der Einzige aus der Gruppe, der
siv beatmet werden. Zwei Tage später liegt positiv getestet wurde. »Brav zu Hause
das Ergebnis der Analyse seines Lungen- bleiben, Goran«, sagt sie, dann legt sie auf.
sekrets vor. Sars-CoV-2 positiv. Die Symptome von Covid-19 variieren,
Einer der Pfleger heißt Goran Simic. Sei- ohne dass man bislang eine Erklärung da-
ne Geschichte wird in diesem Text anhand für hat. Fieber, trockener Husten, Müdig-
von medizinischen Daten, Dokumenten, keit, leichte Atemnot, das alles unterschei-
Erfahrungsberichten von ihm selbst, seiner det sich nicht von einer Grippe.
Frau, den behandelnden Ärzten und Pfle- Bei Goran Simic sind es Kopfschmerzen.
gern und durch Beobachtungen an Klini- Sie nehmen zu, sein Appetit ab. Er ist er-

41 Grad
ken rekonstruiert. schöpft, hat Muskelkater, obwohl er nur
Simic ist 33 Jahre alt, zwei Meter groß, rumliegt. Er nimmt Paracetamol und No-
107 Kilogramm schwer. Er ist Fan von valgin gegen die Schmerzen und um das
Dinamo Zagreb, Ehemann von Ana, Vater Fieber zu senken.
von Marta, sie ist sechs Monate alt. Er ar- Um 17.33 Uhr veröffentlicht Simic einen
beitet seit fünf Jahren als Anästhesie- Fieber bedeuten in seinem Post in der Facebook-Gruppe »Bayern hält
pfleger im Klinikum Fürstenfeldbruck, seit Zustand Lebensgefahr. zusammen«, in der sich Menschen über
einer Woche auf der Covid-Intensivstation. Corona austauschen. Sie hat fast 60 000
Er legt dem alten Mann in Box 9 an die- Ihm muss ein Kühl- Mitglieder. Er will hier Corona-Tagebuch
sem Tag einen Zugang für Infusionen. Er katheter gelegt werden. führen. »Mein Ziel ist, euch zu informie-
berührt ihn am Arm. ren, wie es ist, wenn ein Mensch darunter
Vielleicht ist es da passiert. leidet. Mein Ziel ist nicht, Panik auszubrei-
ten. Im Gegenteil, wir brauchen derzeit
Tag 4 – Freitag, 27. März keine Panik und müssen zusammenhalten.
Das Robert Koch-Institut veröffentlicht Euch muss aber klar sein, das Virus ist
seinen täglichen Lagebericht zur Corona- hochansteckend«, schreibt Simic.
virus-Krankheit 2019 (Covid-19), ausge- Der alte Mann aus Box 9 stirbt an die-
löst durch das Virus Sars-CoV-2. Stand an sem Tag. Er war 79 Jahre alt.
diesem Tag in Deutschland: 42 288 bestä-
tigte Fälle, 253 Verstorbene, Anteil der Tag 6 – Sonntag, 29. März
Verstorbenen: 0,6 Prozent. Das mittlere Goran Simic schreibt bei Facebook: »Die
Alter liegt bei 82 Jahren. Der jüngste Tote Kopfschmerzen werden schlimmer, und
war 42 Jahre alt, der älteste 100. sie sind nicht mehr auszuhalten. Habe wie-
Im Frühdienst fühlt sich Simic abge- der Fieber bekommen, 38,6 Grad. Ich
schlagen. Er hat Kopfschmerzen und er- brauche was gegen Schmerzen, muss 112
höhte Temperatur. Seine Füße brennen. wählen. Der Bereitschaftsdienst braucht
Er wird abgestrichen, wie auch die ande- gegen vier Stunden, um mich zu besuchen.
ren Kollegen, die mit ihm am Dienstag den Es ist nicht auszuhalten (Novalgin und
alten Mann versorgt haben und geht gegen Paracetamol bringen nichts!).«
Mittag nach Hause. Simic packt eine Tasche. Boxershorts,
Die Familie Simic lebt in einer Wohn- T-Shirts, Pyjama, Kulturbeutel, Handy-
anlage, etwa fünf Autominuten vom Kli- ladegerät. Er wird im Rettungswagen in
nikum entfernt. Goran Simic ist Kranken- die Notaufnahme des Klinikums Fürsten-
pfleger geworden, weil er Menschen helfen feldbruck gefahren.
wollte und glaubte, dass er mit der Ausbil- Simic’ Lunge im Röntgenbild Um festzustellen, ob ein Mensch krank
dung überall auf der Welt einen Job finden Dichte Wolkendecke ist, werden seine Vitalparameter gemessen,
könnte. In Kroatien, wo Simic geboren dazu gehören Temperatur, Blutdruck,
wurde, verdiente er 800 Euro netto im Herz- und Atemfrequenz und Sauerstoff-
Monat. In Deutschland ist sein Gehalt sättigung. Bei Simic sind die Werte an die-
mehr als dreimal so hoch. sem Abend stabil. Blutdruck 130/80, Herz-

57
Coronakrise

frequenz 118 Schläge pro Minute, die Sauer- durch Sars-CoV-2 bedroht ist, hat das nicht Weis hat wenig Zeit. Er muss die Ent-
stoffsättigung ist mit 95 Prozent gut. nur Auswirkungen auf die Behandlung, wicklung seiner Covid-19-Patienten im
Simic gibt seine Schmerzen auf einer sondern auf die Politik, die Gesellschaft, Blick haben und Strategien entwickeln,
Skala von null bis zehn bei neun bis zehn die Forschung. wie er das Klinikum auf den Ansturm an
an. Er verlangt nach einem starken Opioid Simic hat auf der Corona-Intensivsta- Infizierten vorbereitet. Zum ersten Mal
und bekommt Tilidin, ein Schmerzmittel, tion erlebt, wie beeindruckt die Ärzte von liegt da jetzt einer seiner Leute.
das etwa ein Fünftel der Wirkstärke von der Geschwindigkeit waren, mit der Sars- Die Laboranalyse um 8.47 Uhr zeigt,
Morphium hat. Für einen stationären Auf- CoV-2 zuschlug. Innerhalb weniger Stun- dass sich die Situation bei Simic in den
enthalt sieht man keinen Bedarf. Simic den waren Patienten, die mit leichten vergangenen acht Stunden verschlechtert
geht zu Fuß nach Hause. Symptomen ins Klinikum gekommen wa- hat. Das CRP ist auf 113 mg/l angestiegen.
ren, in Lebensgefahr. Jetzt wartet er in
Tag 9 – Mittwoch, 1. April seinem Bett auf der für Covid-19-Patienten Tag 11 – Freitag, 3. April
Das Robert Koch-Institut meldet 732 Ver- vorgesehenen Normalstation E2 im Erd- Abends, nach langen Tagen im Klinikum,
storbene, das jüngste Opfer ist 28 Jahre geschoss auf eine Diagnose, die ihm er- telefoniert Florian Weis auf der Heimfahrt
alt. klärt, was das Virus gerade mit ihm macht. mit anderen Chefärzten aus bayerischen
Goran Simic hat nicht geschlafen, gegen Simic kennt den Ablauf, aber nicht den Krankenhäusern. Sie schicken sich Studien
die migräneartigen Kopfschmerzen kommt Ausgang der Untersuchungen. und Artikel, die er liest, nachdem er mit
kein Opioid mehr an. Mal bohrt sich der Er betet, zum ersten Mal seit langer Zeit. seiner Frau und seinen zwei Söhnen zu
Schmerz von der rechten, mal von der lin- Simic’ Blut wird im Labor untersucht. Abend gegessen hat. Weis hört Podcasts
ken Seite in seinen Schädel. Im Laufe des Bei der Blutanalyse von Covid-19-Patien- mit führenden amerikanischen Wissen-
Tages fällt ihm das Atmen immer schwerer. ten sind verschiedene Akutmarker wichtig, schaftlern wie Anne Schuchat, der stell-
Simic schreibt seiner Frau im Nebenzim- wie die Leukozyten, also die Zahl der wei- vertretenden Direktorin des CDC, oder
mer am Abend eine WhatsApp. Bitte nicht ßen Blutkörperchen, das Interleukin 6, ein Anthony Fauci, einem Experten der Co-
erschrecken, wenn es läute, das sei der Ret- sogenanntes Zytokin, das Prohormon Pro- rona-Taskforce im Weißen Haus. Er teilt
tungsdienst. Er müsse ins Krankenhaus, calcitonin und der CRP-Wert. ihre Meinung, dass man dieser Tage öfter
ihm gehe es nicht gut, Marta solle weiter- Um 0.32 Uhr liegt die erste Analyse vor. den Mut haben sollte zu sagen: »Wir wis-
schlafen. Er nimmt die Tasche, verabschie- Der CRP-Wert beträgt 99 mg/l. CRP ist sen es einfach noch nicht.«
det sich nicht, die Ansteckungsgefahr. ein Eiweiß, das in der Leber gebildet wird Simic sieht nicht gut aus, als Weis ihn
Simic aktualisiert sein Corona-Tage- und das schnell ansteigt, wenn eine Ent- morgens besucht. Er schwitzt, ist grau im
buch bei Facebook zum letzten Mal: »Am zündung vorliegt. Bei einem gesunden Gesicht. Er setzt sich auf, legt sich hin,
01.04. um 21 Uhr habe ich angefangen zu Mensch sollte der CRP-Wert nicht höher aber egal wie er sich positioniert, er leidet
hyperventilieren, konnte nicht zurecht mit als 5 mg/l sein. unter einer Dyspnoe, auch Lufthunger ge-
dem Atmen kommen und letztendlich, ich Eine Stunde später, um 1.33 Uhr, wird nannt. So bezeichnen Mediziner eine un-
wurde ins Krankenhaus gebracht.« in der Radiologie ein computertomografi- angenehm erschwerte Atemtätigkeit. Sei-
2245 Personen gefällt der Eintrag. sches Bild von Simic’ Brustkorb erstellt. ne Sauerstoffsättigung ist abgefallen. Weis
»Nachdem der Goran ins Klinikum ge- Die beiden Lungenflügel sehen aus wie entscheidet, dass er beatmet werden muss.
bracht worden ist, konnte ich Marta nicht schwarze Halbmonde, über denen feine Auf dem Weg zur Intensivstation wird
mehr stillen«, sagt Ana Simic. weiße Wolken schweben. Die Trübungen Simic noch einmal in die Radiologie ge-
sind ein Indiz für eine schwere Lungen- fahren. Das computertomografische Bild
Tag 10 – Donnerstag, 2. April erkrankung. Die Wolken entstehen, weil seines Brustkorbs, erstellt um 10.21 Uhr,
Simic hat mitbekommen, wie sich das klei- Flüssigkeit in die Alveolen, die Lungen- zeigt eine dichte Wolkendecke über bei-
ne Klinikum Fürstenfeldbruck mit seiner bläschen, eindringt und den Gasaustausch den Lungenflügeln.
Intensivstation und seinen 380 Betten auf behindert. Warum die Wolken bei Covid- Die Medikamente schlagen nicht an.
den Ansturm an Covid-19-Patienten vor- 19 aufziehen, wieso sie auch bei jungen Simic werden die Antibiotika Ampicillin/
bereitet hat, von dem keiner wusste, ob Patienten schnell zunehmen können, weiß Sulbactam und Clarithromycin verabreicht,
er kommen und was er bedeuten würde. man nicht. Aber je dichter die Wolken- dazu hat er zwei 200-Milligramm-Tablet-
Eine Situation wie in Norditalien? Bestat- decke, desto gravierender die Lungenent- ten des Malariamittels Hydroxychloroquin
tungswagen, infiziertes Personal, Todes- zündung. bekommen, das bei schweren Covid-19-
angst? Zur Morgenvisite um Viertel nach sie- Verläufen entzündungshemmend wirken
Wie allen Mitarbeitern wurde auch ihm ben kommt Florian Weis. Er ist Chefarzt soll. Eine andere Behandlungsmethode
die »Faktensammlung zu Covid-19« aus- der Anästhesie und Intensivmedizin und haben die Ärzte derzeit nicht. Donald
gehändigt, ein vier Seiten langes Word- leitet als Ärztlicher Direktor das Klinikum Trump sagte in seiner Fernsehansprache
Dokument, das den Gegner erklären soll. Fürstenfeldbruck. Weis erinnert der am 19. März, Hydroxychloroquin könnte
Der letzte Punkt heißt »Therapieoptio- Kampf gegen das Virus an sein Studium. einer der Game-Changer in der Pandemie
nen«. »Aktuell steht keine spezifische Er lerne jeden Tag etwas Neues, sagt er. sein. Er gab an, das Medikament selbst zu
Therapie zur Verfügung«, konnte man Covid-19 sei so schwer einzuschätzen, weil nehmen. Nur wenige Wochen später wird
dort lesen. Und: »Keep calm and provide es unglaublich heterogene Verläufe aufwei- in mehreren Studien berichtet werden,
usual care.« se, die Verbreitung asymptomatisch ver- dass Hydroxychloroquin die Sterblichkeit
Der Kampf gegen Sars-CoV-2 hat etwas laufe, man nicht wisse, wen es befalle und bei Covid-19 erhöht.
von Boxen im Dunkeln. Man sieht den wen nicht. Warum gerade Goran Simic so Bei Simic löst das Hydroxychloroquin
Gegner nicht, man schlägt ins Nichts. Und schwer erkrankt ist, weiß auch er nicht. kurz nach der Gabe heftige Magenkrämp-
wird ohne Vorwarnung selbst erwischt. Weis spricht über das Virus wie ein fe aus und muss abgesetzt werden.
Dass junge Patienten schwer erkranken Bundesligatrainer vor einem schweren Simic wird in Box 13 auf der Intensivsta-
ist noch immer die Ausnahme. Dennoch Auswärtsspiel. Er lobt die Wandelbarkeit tion geschoben, ein paar Meter weiter hatte
werfen diese Fälle ein neues Licht auf den des Gegners, der in der Lage sei, verschie- er dem alten Mann den Zugang für die
Gegner im Dunklen. Und wenn auch das dene Organsysteme gleichzeitig auszu- Infusion gelegt. Gegen Mittag ruft er seine
Leben von jungen, gesunden Patienten schalten. Frau Ana an. Auf der Intensivstation könne

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man sich besser um ihn kümmern, sagt er, aufwacht. Er fragt nach seiner Familie, ob
»mach dir keine Sorgen, ich schaffe das«. er sie infiziert haben könnte. »Du bist
Florian Weis bespricht sich mit Andreas schwer krank, du musst dich jetzt um dich
Gärtner, dem Leiter der Intensivstation. kümmern«, sagt Gärtner.
Die Ärzte glauben, wenn sich Simic’ Zu- Die Sedierung wird erhöht, Simic in
stand in den nächsten 24 Stunden nicht eine tiefe Narkose versetzt. Er ist jetzt im
verbessere, lasse sich eine invasive Beat- künstlichen Koma und bekommt nichts
mung nicht vermeiden. mehr mit. Er wird intubiert und in Bauch-
Weis und Gärtner beschließen, es zu- lage gebracht.
nächst mit einer nicht-invasiven Beatmung Verstorbene meldet »Gogo, gib nie auf! Ich bitte dich! Bit-
zu versuchen. Simic wird ein »StarMed teeee! Wir brauchen dich!«, schreibt Ana
CaStar R«-Helm aufgesetzt, der aussieht das Robert Koch-Institut Simic auf Kroatisch und sendet per Whats-
wie ein Taucherhelm aus Plastik. Ein ge- am 1. April. Das jüngste App ein Foto von Marta. Sie schickt ihrem
schlossenes System, aus dem keine Aero- Mann jetzt jeden Tag ein Bild von seiner
sole entweichen können. Opfer ist 28 Jahre alt. Tochter.
Simic empfindet den Helm als bedroh- Er antwortet nicht mehr.
lich und will ihn sich vom Kopf ziehen.
Um ihn zu beruhigen, wird er leicht se- Tag 13 – Sonntag, 5. April
diert. Über den zentralen Venenkatheter Auf der Intensivstation des Klinikums
auf seiner linken Halsseite fließen nun das Fürstenfeldbruck liegt ein regloser, zwei
Narkotikum Propofol, das Beruhigungs- Meter langer, 33 Jahre alter Körper, der
mittel Dexmedetomidin, das Schmerzmit- über eine Magensonde mit Fresubin er-
tel Sufentanil und der Blutgerinnungshem- nährt wird, einer Flüssigkeit mit Eiweißen,
mer Heparin in seinen Körper. Das Hepa- Kohlehydraten und Fetten, und aus dessen
rin soll Thrombosen und eine Lungen- Luftröhre über den Mund ein Schlauch in
embolie verhindern. eine Maschine führt, die sechs Liter Luft
pro Minute in seine Lungen pumpt und
Tag 12 – Samstag, 4. April ihn so am Leben hält.
Die nicht-invasive Beatmung mit dem Der Körper wird rund um die Uhr über-
Helm führt zu keiner Verbesserung, im wacht. Atem- und Herzfrequenz, Tempe-
Gegenteil. Der Horowitz-Index, der an- ratur, Sauerstoffsättigung. Über einen
gibt, wie gut die Lunge in der Lage ist, Katheter in der Arteria radialis oberhalb
das Blut mit dem von außen zugeführten seines Handgelenks wird der Blutdruck ge-
Sauerstoff anzureichern, sinkt von 130 auf messen und online auf einen Bildschirm
80 mmHg, normal wären 350 bis 500 hinter dem Bett übertragen. Ein Blasen-
mmHg, das ist die Abkürzung für Milli- katheter sammelt Urin, um die Nieren-
meter Quecksilbersäule, eine gebräuchli- funktion zu überprüfen. Ein Fäkalkollek-
che Einheit in der Medizin für Druck. Ein tor klebt über dem After.
Horowitz-Index unter 100 mmHg bedeu- Die Medikation mit Hydroxychloroquin
tet: Die Lunge versagt. Intubiert im künstlichen Koma wird wieder aufgenommen, sie ist auf sie-
Simic ist in Lebensgefahr. Das Virus at- »Wir passen auf dich auf« ben Tage angelegt. Die Tabletten werden
tackiert seinen Körper an mehreren Fron- zermörsert und Simic über die Magen-
ten. Die Lunge funktioniert nicht mehr, sonde verabreicht. Gärtner lässt auf das
wie sie soll. Die Leber- und Nierenwerte Breitbandantibiotikum Piperacillin/Tazo-
verschlechtern sich, die Blutgerinnung er- bactam umstellen, weil ihm Clarithro-
reicht einen kritischen Wert, und der Kreis- mycin und Ampicillin/Sulbactam gegen
lauf droht zu kollabieren. Um seinen Blut- die vermutete Superinfektion zu schwach
druck stabil zu halten, wird ihm über eine erscheinen.
Spritzenpumpe kontinuierlich Noradrena- Die Geräte piepen in Box 13, auf den
lin zugeführt. Bildschirmen zeigen Kurven, wie es Simic
Weis und Gärtner können nicht abschät- geht. Ab und an spricht ihm einer der Pfle-
zen, wie Simic’ Situation in sechs Stunden ger gut zu.
aussieht, wie die nächste Laboranalyse aus- »Wir passen auf dich auf.«
fallen wird. Sie haben Erfahrungswerte für Oder: »Keine Sorge Goran, Marta geht
die Beatmung, und sie können damit um- es gut.«
gehen, wenn Organe versagen. Aber was Das CRP ist auf 276 mg/l angestiegen,
den Kampf gegen Covid-19 so schwierig das Fieber auf 39,1 Grad, obwohl sie sei-
macht, ist, dass mehrere Organsysteme un- nen Körper mit Coolpacks und Waden-
vorhergesehen und gleichzeitig ausfallen wickeln kühlen. Das Noradrenalin muss
können. höher dosiert werden, weil sein Kreislauf
Andreas Gärtner und Goran Simic sind immer wieder zusammenbricht.
füreinander der Goran und der Andi. Dass Bauchlage auf der Intensivstation Der Horowitz-Index hat sich auf
der Andi dem Goran nun erklären muss, Sechs Liter Luft pro Minute 150 mmHg verbessert, liegt aber immer
dass er unter Umständen zwei, drei Wo- noch 200 mmHg unter Soll. Zu den weni-
chen lang invasiv beatmet werden muss, gen Gewissheiten im Kampf gegen das
ist für Gärtner keine einfache Situation. Virus gehört, dass die Bauchlage die Lun-
Simic weiß, dass nicht jeder Patient wieder genfunktion unterstützt. Die Lungenareale

59
Coronakrise

am hinteren und unteren Rücken gestat- Boden liegt eine Matratze mit Decke und Braun hat in einer Veröffentlichung aus
ten in der Bauchlage einen besseren Gas- Kissen, weil es sich für Braun zurzeit oft China über den Einsatz von Rekonvales-
austausch. nicht lohnt, nach der Arbeit nach Hause zenzplasma bei Sars-CoV-2 gelesen. Es ist
Goran Simic ist da, aber auch nicht. Von zu fahren. eine Therapie, die etwas bringen könnte
den Menschen, die aus einem künstlichen Georg Braun ist 41 Jahre alt und hat und bei Sars und Mers erfolgreich ange-
Koma erwachen, haben die meisten wenig zwei kleine Kinder. Zu Beginn der Pande- wandt wurde. Das Verfahren ist jedoch
bis keine Erinnerung. Meist, sagen sie, sei mie belastete ihn die Unsicherheit, die noch nicht ausreichend in kontrollierten
alles schwarz gewesen. Sars-CoV-2 mit sich bringt. Was, wenn klinischen Studien getestet und wider-
Patienten in Bauchlage entwickeln ihnen die Schutzkleidung ausgeht, er sich spricht Brauns Verständnis von evidenz-
schnell Druckstellen. Nach 20 Stunden nicht mehr schützen und nach Hause basierter Medizin. Es gilt als individueller
dreht ein Team aus Ärzten und Pflegern kann? Es stört ihn, wenn er Angehörigen Heilversuch und bedarf einer behördli-
Simic wieder vorsichtig auf den Rücken. wegen der Ansteckungsgefahr den Besuch chen Genehmigung. Bei vielen Patienten
der lebensbedrohlich erkrankten Patien- hat das Plasma nichts bewirkt.
Tag 14 – Montag, 6. April ten verwehren muss. Vor Kurzem hat Simic werden am Nachmittag über sei-
Goran Simic wird am Morgen ein Kühl- er einem älteren Patienten vor dem Intu- nen zentralen Venenkatheter am Hals
katheter in die Leistenvene gelegt, weil bieren geraten, noch einmal seine Frau 200 Milliliter Rekonvaleszenzplasma ver-
das Fieber nicht mehr zu kontrollieren ist. anzurufen. Der Mann ist nicht mehr auf- abreicht, eine gelbliche, klare Flüssigkeit.
Sein Blut läuft jetzt an einem 20 Zenti- gewacht. Bevor Braun nach Hause fährt, bittet er
meter langen Draht vorbei und wird dabei Der neue Patient aus Fürstenfeldbruck seine Kollegen, ihn bei der kleinsten Kom-
gekühlt. wird gegen Mittag auf die Intensivstation, plikation anzurufen. Die Plasmagabe ist
Die Laboranalyse um 8.12 Uhr zeigt Zimmer 26, gefahren und erneut unter- Neuland für ihn, ein Experiment. Er hat
eine weitere Verschlechterung der Situa- sucht. Haben die Kollegen aus Fürstenfeld- Angst, dass eine Nebenwirkung auftritt,
tion. Der CRP liegt bei 334 mg/l. Die sin- bruck etwas übersehen? die Goran Simic schaden könnte. »Diese
kende Thrombozytenzahl, steigende Bili- Der Horowitz-Index hat sich etwas ver- Angst nimmt man mit heim«, sagt er.
rubin- und Kreatininwerte, die Auskunft bessert, die Bauchlage der letzten Nacht Simic liegt auf dem Rücken und schläft.
über Leber- und Nierenschädigung geben, scheint wieder geholfen zu haben. Aber In seinem Blutkreislauf bekriegen sich
deuten an, dass ein Multiorganversagen das Fieber ist auf 41 Grad gestiegen, ein jetzt die Antikörper eines vermeintlich
droht. gefährlicher Bereich. Simic wird in Augs- Genesenen und das Virus. Sein Geist, sei-
Weis und Gärtner beschließen, dass burg ein neuer Kühlkatheter gelegt. Die ne Seele, seine Hoffnungen, all das, was
Simic verlegt werden muss. Das Klinikum Laborwerte sind nach wie vor schlecht. man mit dem Menschsein verbindet, kön-
Fürstenfeldbruck ist kein Maximalversor- Wie bei vielen Covid-19-Patienten atta- nen nichts beitragen, um diesen Kampf
ger. Es verfügt über keine Ecmo, eine kom- ckiert das Virus die Nieren. Das Kreatinin, zu gewinnen. Die Entscheidung, ob es eine
plexe Maschine, die die Herz-Lungen- der Nierenwert, ist bei Simic auf 1,86 mg/dl Zukunft für Goran Simic gibt, wird in ihm,
Funktion ersetzen und Todkranken so Zeit angestiegen, er sollte unter 1,2 mg/dl sein. aber ohne ihn getroffen.
verschaffen kann. Außerdem ist die emo- Wenn Simic’ Nieren weiter abbauen, müs-
tionale Belastung durch die Pflege des sen die Ärzte eine Hämodialyse anordnen, Tag 16 – Mittwoch, 8. April
Kollegen für das Personal sehr hoch. Sollte die ihre Funktion ersetzt. Simic bekommt am Morgen noch einmal
Simic das Virus besiegen können, ist davon Georg Braun ruft am frühen Nachmittag 200 Milliliter Rekonvaleszenzplasma.
auszugehen, dass er beim Aufwachen nach Ana Simic an, weil er herausfinden möch- Wenn die Plasmatherapie nicht funktio-
einer langen Beatmungstherapie ein te, ob bei ihrem Mann nicht doch eine niert, hat Braun nur noch eine letzte Opti-
schweres Delir entwickelt – als hätte sein Grunderkrankung vorliegt. Im Hinter- on. Er würde Simic an die Ecmo anschlie-
Körper im künstlichen Koma vergessen, grund schreit Marta. Ana Simic sagt, dass ßen lassen, die seine Herz-Lungen-Funk-
welcher Mensch er ist. Goran sich die vergangenen Wochen et- tion für eine Weile übernehmen könnte.
Gärtner möchte den Pflegern auf der In- was schlapp gefühlt habe, aber eigentlich
tensivstation ersparen, ihren Kollegen Go- gesund sei. Sie könne ihn immer anrufen, Tag 17 – Donnerstag, 9. April
ran in diesem Zustand zu erleben. Patien- wenn ihr danach sei, sagt Braun. Er veran- Um 6.30 Uhr sieht Georg Braun die ersten
ten im Delir erkennen die Umgebung nicht lasst ein Autoimmunscreening bei Simic, Laborwerte nach der zweiten Plasmagabe
und gefährden sich und andere. Sie ziehen um sicherzugehen, dass sie nichts über- in seinem Büro. Simic’ Zustand hat sich
sich Katheter oder den Beatmungstubus, sehen haben. Sie finden nichts. verbessert.
versuchen aufzustehen und fallen aus dem Braun bleiben nicht viele Möglichkei- Das CRP ist auf 214 mg/l gesunken, die
Bett. Sie spucken, kratzen, beißen. ten. Das Hydroxychloroquin bringt nichts. Bilirubin- und Kreatininwerte haben sich
Remdesivir, ein Wirkstoff gegen das Ebo- verbessert. Der Horowitz-Index ist auf
Tag 15 – Dienstag, 7. April la-Virus, das als vielversprechendes Heil- 277 mmHg gestiegen. Auch klinisch macht
Gruselig, denkt Oberarzt Georg Braun, als mittel gehandelt wird, ist nicht verfügbar. Simic bei der Visite einen stabileren
er in seinem Büro die Bilder von Simic’ Braun beschließt in Absprache mit seinem Eindruck.
Lunge sieht. Das Universitätsklinikum Ärztlichen Direktor, zum ersten Mal einen
Augsburg, 40 Kilometer entfernt, hat sich Covid-19-Patienten am Universitätsklini- Tag 18 – Freitag, 10. April
bereit erklärt, Simic aufzunehmen. Braun kum Augsburg mit Rekonvaleszenzplasma Das CRP ist auf 53,8 mg/l gesunken, das
leitet die Intensivstation 1.1., eine von drei zu behandeln. Kreatinin hat sich mit 0,93 mg/dl norma-
Corona-Intensivstationen. Simic ist der Rekonvaleszenzplasma wird einem Pa- lisiert. Simic braucht keine Dialyse. Die
jüngste Patient in Augsburg. tienten entnommen, der als genesen gilt, Kühlung mit dem Katheter wird beendet,
Auf den zwei Monitoren in seinem Büro und soll wie eine passive Immunisierung das Fieber ist rückläufig.
kann Braun die Daten der Erkrankten ein- wirken. Man gibt dem erkrankten Wirts-
sehen. Neben der Computertastatur steht organismus Antikörper zur Bekämpfung Tag 19 – Samstag, 11. April
eine kleine Karte, die Todesanzeige eines einer Infektion und hofft, dass die Anti- Ist das Immunsystem eines schwer kran-
Covid-19-Patienten: »In lieber Erinnerung körper die Reproduktion des Virus unter- ken Menschen geschwächt, haben andere
an E., gestorben am 1. April«. Auf dem binden. Krankheiten leichtes Spiel. Dann – oder

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wenn die Entzündungsreaktion des Kör- Tag 24 – Donnerstag, 16. April
pers nicht mehr zu kontrollieren ist – spre- Goran Simic muss nicht mehr beatmet wer-
chen Intensivmediziner von einem Second den. Er hat kein Fieber mehr. Die Blut-
Hit, einem zweiten Schlag. Das kommt gerinnungs-, Leber- und Nierenwerte sind
häufiger vor, zum Beispiel wenn bei einer die eines gesunden Menschen.
Lungenentzündung ein Breitbandantibio-
tikum verabreicht wird, das die Darmflora Tag 27 – Sonntag, 19. April
zerstört und eine bakterielle Durchwande- Mit einer Computertomografie wird eine
rung des Darms mit folgender Infektion Lungenarterienembolie im rechten Unter-
auslöst. lappen diagnostiziert. Es ist der Second
Braun beunruhigt, dass sein Patient bei Hit, den Braun lange nicht lokalisieren
der Visite klinisch einen guten Eindruck konnte.
macht, aber die Werte eine Entzündung Simic bekommt weiterhin Gerinnungs-
anzeigen, die er nicht lokalisieren kann. Nach dem Aufwachen hemmer und den Betablocker Bisoprolol,
Sein Ziel, Simic am Wochenende zu extu- »Es fühlt sich an wie eine Entführung« der seine Herzfrequenz verlangsamt, den
bieren und ihn bald auf eine Normalsta- Sauerstoffverbrauch mindert und ihn be-
tion verlegen zu lassen, gibt er auf. ruhigt.
Ana Simic geht zum ersten Mal wieder
mit Marta spazieren. Sie hatte sich nach Tag 33 – Samstag, 25. April
der Infektion ihres Mannes mit dem Kind Goran Simic ist das erste Mal in seinem
14 Tage in Quarantäne begeben. Zweimal eigenen Bett aufgewacht. Gestern wurde
brauchte sie eine Infusion, weil sie nicht es- er aus dem Krankenhaus entlassen.
sen konnte. Ihre Abstriche waren negativ. Mediziner bezeichnen Patienten, die
Goran hat sie seit elf Tagen nicht gesehen, den Aufenthalt auf einer Intensivstation
seit acht Tagen nicht gesprochen. überstehen, als Überlebende, nicht als
Geheilte. In einem schweren Fall wie bei
Tag 20 – Sonntag, 12. April Simic könne es sein, dass der Patient
Gegen 19 Uhr wird in Simic’ Zimmer das Geschehene monatelang verarbeiten
Alarm ausgelöst. Der Pfleger, der für ihn muss, körperlich und psychisch, sagt
zuständig ist, erkennt auf seinem Monitor, Georg Braun. Die Muskeln, die Kondition
dass sich seine Vitalparameter rapide ver- müssten wieder aufgebaut werden; und
schlechtern. Er rennt zum Zimmer 26, wer könne garantieren, dass die Lungen-
sieht durch das schmale Fenster in der Tür, funktion nicht wieder abbaut? Viele litten
dass der Patient sich im Bett bewegt, ver- unter einer posttraumatischen Belastungs-
sucht aufzustehen. »Ich brauche hier einen störung.
scheiß Arzt, sofort«, schreit er, bevor er Simic hat 13 Kilogramm verloren. Über
ins Zimmer stürzt. den Augen und unter seinen Brustwarzen
Simic ist ungeplant aufgewacht. Man vernarben Wunden, Folgen der Lagerungs-
hatte über den Tag die Dosen der Vierfach- schäden der Bauchlage. Er wurde zweimal
sedierung, mit der er narkotisiert war, et- in 24 Stunden negativ getestet. Er ist er-
was vermindert, um den Aufwachprozess Selbstporträt am 15. Mai schöpft und unsicher, misstraut dem, was
langsam einzuleiten. Das hat nicht funk- Wunden an Augen und Brust sich in seinem Körper abspielt, hat Angst,
tioniert. Der Pfleger glaubt, dass sich der dass das Virus zurückschlägt.
Charakter eines Patienten auch in der Nar- Er habe im Delirium einmal geträumt,
kotisierung nicht verbergen lässt. Simic dass er entführt werde, sagt Simic, irgend-
kam ihm die ganze Zeit unruhig vor, wie wie fühle sich das jetzt auch so an.
ein Macher, der alles selbst erledigen will.
Simic hat seinen rechten Arm aus dem Tag 53 – Freitag, 15. Mai
Gurt gerissen und den Schlauch vom »Bloß nicht noch mal Covid!«, schreibt
Tubus entfernt. Die Beatmungsmaschine Simic per WhatsApp.
pustet Luft ins Zimmer. Simic könnte Vor ein paar Tagen bekam er starke
kritisch entsättigen, sich den zentralen Sein CRP hat sich auf Schmerzen, einen trockenen Husten und

106 mg/l
Venenkatheter rausreißen, sich beim konnte nachts nicht mehr auf der Seite
Aufstehen verletzen, weil er noch nicht schlafen, weil es beim Atmen heftig in sei-
wieder laufen kann. nen Bauch und Rücken stach.
Der Pfleger und der Arzt versuchen, ihn Um halb elf an diesem Morgen lässt
zu bändigen und zu beruhigen. Simic wird sich Simic mit dem Taxi ins Klinikum Fürs-
zusätzlich mit einem Bauchgurt fixiert und erhöht. »Bloß nicht tenfeldbruck fahren. Er liegt nun auf Sta-
bekommt ein Beruhigungsmittel. Die Zeit tion 31. Sein CRP hat sich auf 106 mg/l
des Komas ist vorbei. noch mal Covid!«, schreibt erhöht. Er hat eine Rippenfellentzündung.
Tag 21 – Montag, 13. April
er per WhatsApp. Die Ärzte wissen nicht, ob das eine Folge
von Covid-19 ist. Sie nehmen es aber an.
Georg Braun in einer E-Mail am Morgen: Am Tag des Redaktionsschlusses ist
»Hr. Simic ist auf einem sehr guten Weg, Goran Simic wieder zu Hause, immer
über den Berg ist er noch nicht.« noch erschöpft, immer noch ängstlich. Im
Als Ana Simic nach zehn Tagen ihren August will er nach Kroatien, ans Meer.
Ehemann am Telefon spricht, siezt er sie.

61
Coronakrise

»Eine Brieffreundschaft?«
Ohne dich Sie traf gern Männer aus dem Internet. Durch Corona wurde es Susanna Bouchain
zu gefährlich. Nach elf Wochen machte sie eine Ausnahme.

W
enn man Susanna Bouchain fragt, wann das Welt, Tinder hatte die Einstellungen geändert. Sie fragt:
alles begann, muss sie nicht lange überlegen. »Was soll ich denn mit jemandem, den ich auch nach Corona
Es war 2015, sie war 21 Jahre alt und lebte nicht treffen kann? Eine Brieffreundschaft?« Sie schüttelt
in Hattenheim, Hessen. Sie wollte Modedesign den Kopf.
studieren und nach Berlin ziehen. Am 1. April, am Tag Sie sei lange verantwortungsbewusst gewesen und habe
vor dem Umzug, fand sie heraus, dass ihr Freund sie mit niemanden getroffen. Sie schrieb weiter Nachrichten, um
einer Bekannten betrogen hatte. Ihr Verständnis von sich die Zeit zu vertreiben. »Mein Handy ist quasi mein
Liebe habe dadurch Risse bekommen, sagt sie heute. Sie dritter Arm«, sagt sie. Viele würden austesten, wie weit sie
sei misstrauischer geworden. Kurz nachdem sie in Berlin gehen können, ob man sich nicht doch treffen könne.
angekommen war, lud sie die Dating-App Tinder herunter. Manchmal habe sie sich wie eine Missionarin gefühlt.

Mann 1: Was machst du? Lust, mir Mann 3: Wanna meet up ?


beim Umzug zu helfen? 2 metres safety distance of course
Susanna: Ganz spontan nicht. Susanna: It’s Corona Time
Aber ich komm gerne morgen vor- Mann 3: Fuck Corona
bei und guck mir das Ergebnis an
Mann 1: Was bringst du außer Brot Sie vermisse das Kennenlernen,
und Salz als Gastgeschenk mit? den Körperkontakt, das Ausgehen.
Susanna: Mich? Sie sagt: »Ich fühle mich sonst
nie einsam, aber so eine Trocken-
Tinder funktioniert so: Man lädt zeit wie jetzt hatte ich noch
sich die App aufs Handy und legt nie.« Mitte Mai waren es elf
ein Profil mit Fotos und einem Wochen ohne Dates, da sie vor
kurzen Text an. Dann zeigt die den Kontaktbeschränkungen
App andere Profile an, die man im Urlaub war. Ein Rekord, sagt
nach rechts für »gefällt« oder nach sie. Dann hielt sie es nicht
links für »gefällt nicht« wischen mehr aus und beschloss, einen
kann. Wischen zwei Personen Mann zu treffen, nur einen,
einander nach rechts, haben sie den dafür häufiger. Ihre Mitbe-
ein Match und können sich Nach- wohnerinnen nennen ihn den
richten schicken und ein Treffen »Corona-Buddy«. »Überleg dir
vereinbaren. gut, wen du aussuchst«, sagten
Bouchain sagt, eine Freundin sie. Sie entschied sich und ver-
habe ihr gesagt, Tinder sei wie abredete sich zum Spazieren-
Einkaufen. Man suche sich einfach gehen. Er sagte, er treffe sich auch
aus, was man will. Ein bisschen Susanna Bouchain Bestimmt tausend Matches nur mit ihr. Ob es stimmt, weiß
stimme das. Sie habe über die sie nicht.
Jahre bestimmt tausend Matches
gesammelt. Ihr Profil zeigt sie, wie sie an einer Zitrone Mann 4: Was geht bei dir den ganzen Tag? Triffst du dich
leckt, über sich selbst schreibt sie dort: »More naughty mit Menschen in corona Zeiten?
than nice«. Eher unartig als brav. Während Corona machen Susanna: Nein aktuell lebe ich 100% enthaltsam – nach
sich viele Menschen Gedanken über Freiheit, über das, Corona wieder
was man noch darf, und jeder meint damit etwas anderes. Mann 4: Ja ich auch mehr oder weniger. Habe halt 2 Leute
Bouchain sagt, Single zu sein, sei ihre Freiheit. die ich jeden Tag sehe... aber sonst nichts los. Es soll sich
aber bald wieder beruhigen mit der corona Situation. Hast
Susanna: Du siehst aber auch abenteuerlustig aus. Lust am du dann Bock auf ein Treffen?
Sonntag was zu machen?
Mann 2: Was schwebt dir vor? »Es fühlte sich verboten an und so, als wären wir 16«, sagt sie.
Susanna: Kommt drauf an zu welcher Uhrzeit ... Chillig Sie trafen sich im Hamburger Stadtpark. Sie sahen sich nur an,
was trinken oder Picknick oder zum mond fliegen oder sex. unterhielten sich. »Ich weiß viel mehr über ihn, als ich sonst
von meinen Dates weiß, Details über seine Familie zum Bei-
Sie lebt inzwischen in einer WG in Hamburg. Bouchain spiel.« Beim nächsten Treffen küssten sie sich, zum Abschied.
sagt, als die Corona-Maßnahmen zu Kontaktbeschränkun-
gen Mitte März in Kraft traten, habe es eine Weile gedauert, Mann 4: Can’t wait to see you again!
bis sie begriffen habe, wie sich das auf ihre Welt auswirken
wird. Sie sagt: »Es war, als hätte jemand gesagt: Du darfst Ob sie mit dem Tindern aufhören will? Sie sagt Nein. Sie
jetzt alles, was dir Spaß macht, nicht mehr tun.« Norma- sagt, sie wolle keine Beziehung, sie wolle frei sein. Wenn
lerweise zeigte die App ihr Männer an, die sich im Umkreis Corona vorbei ist, soll alles wieder so sein, wie es mal war.
aufhalten. Wegen der Krise sah sie nun Männer aus aller Sie sei damals glücklicher gewesen. Susan Barth

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Wir
Wir tun alles, damit Du im ICE/IC sicher reisen kannst.
Wir tragen Masken, um Euch zu schützen.
Wir reinigen unsere Züge mehrmals am Tag.
Wir sorgen für kontaktlose Ticketkontrollen.
Wir bieten verpackte Speisen und Getränke.
Wir machen kontaktlose Bezahlung möglich.
Wir setzen wieder mehr Züge ein,
um mehr Platz zu haben.
Wir bieten viele Zeitungen und Zeitschriften
digital im ICE Portal.
Wir machen noch viel mehr.
Auch an unseren Bahnhöfen.
Und wir lernen jeden Tag dazu,
um noch besser zu werden.

Du
Du tust das Wichtigste.
Du achtest auf Dich.
Du achtest auf andere.

Sicher reisen.
Gemeinsam geht das.
bahn.de/sicherreisen
Wirtschaft

ARNULF HETTRICH / IMAGO IMAGES


Staat muss mehr für Soldatentickets zahlen
Deutsche Bahn Kosten für die Gratisfahrkarten steigen wegen großer Nachfrage auf 33 Millionen Euro.
 Die von Verteidigungsministerin Anne- die Nutzung von Regionalzügen, so die tickets nutzen werden. Von der Bahn hieß
gret Kramp-Karrenbauer (CDU) durch- Vorlage. Für das Jahr 2020 hatte das es, die Nachfrage nach den Tickets ent-
gesetzten Gratisbahnfahrten für Soldaten Ministerium der Bahn pauschal lediglich wickele sich positiv und sei »höher als
in Uniform kommen den Bund 2021 4 Millionen Euro für die Soldatentickets zunächst angenommen«. Derzeit liefen
wesentlich teurer zu stehen als in diesem im Fernverkehr gezahlt. Das Angebot »erste Gespräche« mit der Bundeswehr,
Jahr. In einer Vorlage für das Bundeskabi- wird aber deutlich mehr genutzt als erwar- ein Abschluss sei aber noch nicht abseh-
nett, mit der das Recht auf die Freifahrten tet. Ende 2019 hatte man eine »jährliche bar. Die zuständigen Beamten im Ministe-
im Soldatengesetz verankert werden soll, Evaluierung der tatsächlichen Nutzung rium hatten Kramp-Karrenbauer bereits
schätzt das Wehrressort die Kosten für durch Soldatinnen und Soldaten und vor einigen Wochen gewarnt, dass die
die Sonderfahrkarten für 2021 auf insge- damit verbundener Ausgaben« vereinbart. Kosten für ihr Projekt wegen neuer Preis-
samt 33 Millionen Euro. Davon würden Für 2021 geht das Ministerium davon aus, vorstellungen der Bahn und regionaler
rund 12 Millionen für Fernverbindungen dass die rund 180 000 Bundeswehr-Sol- Zuganbieter auf bis zu 50 Millionen Euro
berechnet und weitere 21 Millionen für daten 675 000 kostenfreie Fernverkehrs- pro Jahr steigen könnten. GT, MGB

Kohleausstieg Versorgungssicherheit wichtig sind. In Aus emissionsärmerer Kraftwerke beson-


Konzern droht Bund einem harsch formulierten Schreiben an ders in Süddeutschland, heißt es in dem
das Ministerium kritisiert der Konzern, Schreiben. Die Kohlekommission wollte
 Der Stromversorger EnBW (Energie- dass sämtliche Versuche der Branche ge- ursprünglich schmutzige Braunkohlemei-
Baden-Württemberg) kritisiert den Ent- scheitert seien, mit dem Ministerium über ler Jahr für Jahr bis 2038 abschalten. Alt-
wurf des Kohleausstiegsgesetzes von eine Anpassung des Gesetzentwurfes zu maiers Pläne erlauben es nun, dass viele
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier reden. »Das erfüllt uns mit großer Sorge.« Kraftwerke in der vorgegebenen Frist
(CDU) scharf. Sollte das Gesetz unverän- Die von Altmaier aufgeschobene Still- deutlich länger laufen dürfen als zuvor
dert in Kraft treten, droht das Unterneh- legung der verbliebenen Braunkohlekraft- geplant. Altmaier will sein Gesetz in den
men, Kraftwerke stillzulegen, die für die werke führe zu einem deutlich früheren nächsten Wochen durchboxen. FDO, GT

64 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Autoindustrie bilität allein für einen Kon- Antje von Dewitz Das Corona-Tagebuch (8)
junkturimpuls nicht ausreicht,

»Nachhaltigkeit macht
Koalitionsgipfel weil die Konzerne den Wan-
für Kaufprämie del verschlafen und noch

krisenfest«
nicht genügend Elektroautos
 Am Dienstag will der Koali- im Angebot haben. Die von
tionsausschuss von Union den Herstellern geforderten
und SPD über mögliche Kauf- Prämien für Diesel- und Ben- Nach drei Monaten Coronakrise fällt meine Zwischen-
prämien für Autos entschei- zinautos stoßen vor allem bilanz verhalten positiv aus. In Deutschland wird
den. Ein Autogipfel mit Bun- bei Umweltministerin Sven- am meisten gegen die Pandemiepolitik protestiert.
deskanzlerin Angela Merkel, ja Schulze (SPD) und ihrem Aber ich fühle mich bisher gut durch die Krise
der für diesen Tag ursprüng- Parteikollegen, Finanzminis- geführt, von den maßvollen Kontaktbeschränkun-
lich geplant war, wurde abge- ter Olaf Scholz, auf Wider- gen über die Hilfen für die Wirtschaft bis zur Kom-
sagt – alle Argumente seien stand. Der Koalitionsgipfel munikation. Wir sehen sehr genau, dass Vaude in

PHILIP FROWEIN / DER SPIEGEL


bereits ausgetauscht, heißt es soll nun einen Kompromiss Deutschland die geringsten Verluste entstanden sind. In anderen
in Industriekreisen. Nun müs- bringen: Die Regierung will Ländern ist der Umsatz auf null gesunken. Unter dem Strich
se die Regierung entscheiden. den Absatz von Autos för- haben natürlich auch wir gelitten. Von Januar bis April ist der
Zwar sind sich die Minister dern, ohne damit den Klima- Gewinn um 83 Prozent gefallen, der Umsatz um 9,4 Prozent.
grundsätzlich einig, die Auto- schutz zu gefährden. Möglich Das war um eine Million besser als Anfang März angenommen.
industrie beim Verkauf klima- wäre beispielsweise ein Dafür werden die Zahlen ab Juni wohl unter diesem Plan liegen,
freundlicher Elektroautos zu Leasingmodell, das es Kun- weil die Krise länger dauert. Politisch kommt es jetzt darauf an,
unterstützen und den Ausbau den ermöglicht, ihr neu nicht in Strukturen zu investieren, die Deutschland nicht zu-
der Ladeinfrastruktur fördern erworbenes Benzin- oder kunftsfähig machen. Die Bereitschaft der Menschen, nachhalti-
zu wollen. Unglücklich ist die Dieselauto in zwei bis drei ger zu leben und zu konsumieren, nimmt zu, auch das hat sich
Regierung allerdings darüber, Jahren gegen einen Stromer in den vergangenen Wochen gezeigt. Es gibt da draußen grö-
dass die Förderung der E-Mo- einzutauschen. GT, SH ßere Krisen als Corona, den Klimawandel und das Artensterben
etwa. Gerade hat ein Teil der europäischen Plastikrecycling-
industrie die Produktion eingestellt, weil Neukunststoff billig ist
wie nie. Das ist ein alarmierendes Signal für den notwendigen
Agrarrohstoffe dern auch zu Treibstoff ver- Aufbau einer Kreislaufwirtschaft. Wie hat die Pandemie Vaude
Im Sog des Öls arbeitet werden; aus Mais verändert? Wir haben Digitalisierung und Onlinevertrieb voran-
oder Zucker wird der Bio- getrieben. Vor allem aber haben wir erfahren, dass nachhaltiges
 Die Preise vieler Lebens- Alkohol Ethanol hergestellt. Wirtschaften uns krisenfest macht. Es fängt bei den Finanzen
mittel wie Weizen oder Bricht der Bedarf an Benzin an, weil wir unser Eigenkapital über die vergangenen zehn Jah-
Kaffee haben zu Beginn der und Diesel ein, sinkt auto- re verdreifacht haben. Gleichzeitig arbeiten wir weniger hierar-
Coronakrise teils zweistellig matisch auch die Nachfrage chisch, haben eine Vertrauenskultur aufgebaut, auch in den
zugelegt. Mais und Zucker nach Biosprit, der in vielen Beziehungen zu unseren Kunden und Lieferanten. Wir haben
hingegen sind deutlich billiger Ländern beigemischt wird. Homeoffice und flexible Arbeitszeiten zugelassen. All das
geworden; Mais um 23 Pro- Betroffen sind Zuckerrohr- hat sehr geholfen. Ich denke, wir kommen heil durch die Krise.
zent gegenüber dem Vorjahr, bauern in Indien und Brasi- Die Stimmung ist gut. Aufgezeichnet von Martin Hesse
Zucker um 8 Prozent. Ver- lien, aber auch US-Landwirte,
Dewitz, 47, ist Hauptgesellschafterin und Geschäftsführerin des
antwortlich dafür ist der Ab- die auf riesigen Flächen Mais Outdoorspezialisten Vaude. Acht Wochen lang, und nun zum letzten Mal, hat
sturz der Ölpreise, die mit anbauen. Mais dürfte zudem sie für den SPIEGEL geschildert, wie sie und ihre Kollegen die Krise erleben.
aktuell rund 33 Dollar pro auch wegen der Aussicht auf
Fass nur halb so hoch liegen eine Rekordernte »reichlich
wie vor einem Jahr. Die Nied- verfügbar sein«, so die Ana-
rigpreise belasten die Notie- lysten der Commerzbank – Finanzdienstleister
rungen für Mais und Zucker, ausgerechnet im Corona-Jahr: Aktionärsvereinigung greift Wirecard an
weil beide Lebensmittel nicht Hohe Erträge drücken zusätz-
nur als Nahrung dienen, son- lich die Preise. AJU  Die Aktionärsvereinigung Sonderbericht des Wirtschafts-
VEB greift die Führung des prüfers KPMG abgewartet
Dax-Konzerns Wirecard und werden sollte. Der liegt nun
dessen Bilanzprüfer EY scharf seit Wochen vor, dennoch hat
an. Beide müssten dringend Wirecard die Bilanzvorlage
erklären, warum die Ver- erneut verschoben – EY habe
öffentlichung der Wirecard- nicht »alle Prüfungshandlun-
Bilanz für 2019 erneut ver- gen abgeschlossen«. »Wir
schoben wurde, schreibt VEB sind frustriert, wie Wirecard
CAVAN IMAGES MAURITIUS IMAGES

in einem Brief an Wirecard. kommuniziert«, sagt VEB-


Zunächst sollte der Geschäfts- Chef Paul Koster. Fragwürdig
bericht am 8. April publiziert sei zudem, dass Wirecard-
werden; der Termin wurde Chef Markus Braun versiche-
mehrfach vertagt, zuletzt auf re, EY werde die Bilanz ohne
Zuckerrohrernte den 18. Juni. Die ersten Ver- Einschränkungen testieren –
in Brasilien zögerungen hatte Wirecard das aber könne nur der Prü-
damit begründet, dass der fer wissen. BAZ

65
Coronakrise

»Es gibt für den Staat »Die Warnung vor


keinen Grund, die Inflation war damals
Schulden aktiv zurück- falsch und ist es

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zuführen.« Peter Bofinger heute auch.« Jens Südekum

Die Schicksalsfrage
Konjunktur I Der Staat gibt gewaltige Summen aus, damit die Wirtschaft während der Pandemie
nicht kollabiert. Fast alle Ökonomen finden das richtig. Aber wenn es darum geht,
wie die Milliardenschulden finanziert werden sollen, endet die neu gewonnene Harmonie.

U
nter Deutschlands Ökonomen verfassten sie Papiere, wie der Staat mit men um 316 Milliarden geringer ausfallen.
war Peter Bofinger fast immer hohen Krediten einen Kollaps der Kon- Vielleicht auch um noch viel mehr.
ein Außenseiter. Als Mitglied im junktur verhindern kann. Selbst gegen den Die Rechnung hat viele Unbekannte. Si-
Sachverständigenrat nervte der 500-Milliarden-Euro-Fonds, den Kanzle- cher ist nur, dass unterm Strich ein dickes
Professor für Volkswirtschaft seine Kolle- rin Angela Merkel und der französische Minus stehen wird. Aber wer wird die
gen anderthalb Jahrzehnte lang mit Min- Präsident Emmanuel Macron zum Wieder- vielen Schulden am Ende bezahlen?
derheitsvoten. Jetzt, kurz vor dem Ende aufbau Europas vergangene Woche vor- »Das ist die Schicksalsfrage«, sagt Bofin-
seiner Karriere als Hochschullehrer, ist schlugen, regte sich in der Ökonomenkaste ger. Und die Frage, die Deutschlands Volks-
Bofinger plötzlich Teil des Mainstreams. kaum Widerstand. Noch vor wenigen wirte dann doch wieder in die alten Lager
Zumindest in der Frage, wie Deutsch- Monaten wäre das undenkbar gewesen. spaltet. Die einen sagen, der Staat müsse die
land auf die ökonomische Herausforde- Mehr als 350 Milliarden Euro kosten neuen Schulden möglichst schnell wieder
rung der Coronakrise reagieren soll. Bo- die bereits beschlossenen Hilfspakete der abbauen, um für kommende Krisen gewapp-
fingers Antwort gleicht der von fast allen Bundesregierung, dazu kommen Garan- net zu sein. Die anderen halten das nicht nur
seiner Kollegen: mit Schulden in bisher tien in Höhe von rund 800 Milliarden für unnötig, sondern sogar für gefährlich.
kaum vorstellbaren Größenordnungen. Euro. Niemand weiß, wie viele davon fäl- Bofinger ist der exponierteste Vertreter
Es ist noch nicht lange her, da waren lig werden, weil Unternehmen ihre ver- des zweiten Lagers. Wer sich vor den Hy-
Deutschlands Ökonomen in zwei Lager bürgten Kredite nicht zurückzahlen kön- potheken fürchte, die er aufbaue, argu-
gespalten: Die einen sahen das Geldaus- nen; wie viel weitere Stützung noch not- mentiert er, schrecke im Zweifel davor zu-
geben schon immer etwas lockerer. Schul- wendig sein wird – und wie viele Konjunk- rück, wirklich durchgreifende Maßnah-
den sind in ihren Augen kein Problem, und turprogramme aufgelegt werden müssen, men zu beschließen. Soll heißen: Der Staat
wenn es doch mal Schwierigkeiten geben um die Wirtschaft nach der Krise aus der soll jetzt nicht kleckern, sondern klotzen.
sollte, greift eben die Notenbank ein und Rezession zu holen. Schon im Juni will die Die Angst vor der Schuldenlast ist in
haut den Staat wieder raus. Regierung ein solches Programm beschlie- seinen Augen völlig unbegründet. Weder
Die anderen argumentierten nach Art ßen, im Gespräch sind Maßnahmen in gebe es für den Staat einen Grund, die
der schwäbischen Hausfrau: nur ja nicht Höhe von bis zu 150 Milliarden Euro. Schulden aktiv zurückzuführen, sagt er,
mehr ausgeben, als man einnimmt. Schul- Während die Ausgaben dramatisch stei- noch überhaupt eine wissenschaftlich fun-
den sind für sie des Teufels und müssen, gen, brechen gleichzeitig die Steuereinnah- dierte Aussage darüber, von welcher Höhe
wenn sie doch einmal nötig sein sollten, men weg. Bund, Länder und Gemeinden an Staatsschulden für große Volkswirt-
schnellstmöglich getilgt werden. müssen in diesem Jahr mit knapp hundert schaften schädlich seien.
In Zeiten von Corona sind die Vertreter Milliarden Euro weniger auskommen als Jens Südekum sieht das genauso. Der
beider Lager zusammengerückt. Einmütig erwartet, bis 2024 wird das Steueraufkom- Professor für internationale Volkswirt-

66 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


»Das Wachstum allein »Da liegt viel Geld

PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPA


wird nicht genügen, auf der Straße,
um die Schuldenquote das man einsammeln

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zurückzuführen.« Lars Feld kann.« Gabriel Felbermayr

schaftslehre an der Heinrich-Heine-Uni- von einem Minus von sechs bis sieben Pro- trocknen von Steuerprivilegien lasse sich
versität Düsseldorf gehört zu den jüngeren zent aus und im nächsten Jahr von einem einiges einsparen. »Da liegt viel Geld auf
Ökonomen, deren Einfluss auch im poli- Plus in derselben Höhe. Die deutsche Wirt- der Straße, das man einsammeln kann.«
tischen Berlin in den vergangenen Jahren schaft wäre damit wieder auf dem Vor-Co- Die Forderung ist nicht neu, durchset-
stark gewachsen ist. rona-Stand. Aber was kommt nach dem zen lässt sie sich erfahrungsgemäß schwer.
»Im Moment haben wir Staatsschulden Aufholeffekt, wie viel Wachstum bleibt? Wenn Privilegien wie die steuerliche Ab-
in Höhe von 2 Billionen Euro. Wenn die Lars Feld glaubt zwar auch, dass die setzbarkeit von Dienstwagen oder Hand-
auf 2,5, auf 2,8 oder gar auf 3 Billionen Schuldenquote zum größten Teil wieder werkerleistungen richtigerweise gestrichen
steigen, hört sich das erst mal schlimm an«, über das Wachstum zurückgeführt werden würden, »kommt das bei den Betroffenen
sagt er. »Aber was soll’s?« kann, aber er mahnt zur Vorsicht. Feld ist wie eine Steuererhöhung an«, sagt Feld.
Entscheidend sei nicht die Höhe der Vorsitzender des Sachverständigenrats zur »Dann ist Druck im Kessel.«
Schulden, sondern ihre Relation zur Wirt- Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Aber muss der Staat überhaupt gegen-
schaftsleistung des Landes: also die Quote. Entwicklung und damit der führende Ver- steuern, damit er in Zukunft handlungs-
Die Schulden stehen im Zähler, das Brut- treter des konservativen ökonomischen fähig ist? Bofinger hält das Argument für
toinlandsprodukt (BIP) steht im Nenner. Mainstreams. Das Wachstum allein werde nicht stichhaltig. Das Ziel einer Staats-
Wenn der Nenner wächst, sinkt die Quote nicht genügen, glaubt er, denn ab 2025 schuldenquote von 60 Prozent sei willkür-
automatisch. »Das ist der Weg«, sagt Süde- schlage die demografische Entwicklung zu. lich, sagt er, es beruhe allein auf dem
kum. »Es geht gar nicht anders.« Die dämpft, erstens, das Wachstum und Durchschnittswert der EU-Staaten im Jahr
Bevor die Pandemie das Wachstum ab- lässt, zweitens, die Staatsausgaben steigen, 1990. Der wurde in die Maastrichter Ver-
würgte, lag die deutsche Staatsschulden- weil die Rentenversicherung dann höhere träge als Obergrenze für die Schulden der
quote bei rund 60 Prozent, also in etwa Zuschüsse aus der Steuerkasse braucht. Euromitglieder aufgenommen.
auf dem Niveau, das der Stabilitätspakt Den Glauben, der Staat könne einfach Unsinnig sei deshalb auch die Behaup-
den Staaten der Eurozone vorschreibt. aus den Schulden herauswachsen, hält Ga- tung der Regierung, Deutschland könne
Nach der Finanzkrise war es auf rund briel Felbermayr, der Präsident des Kieler jetzt so in die Vollen gehen, weil es zuvor
80 Prozent gestiegen, in den folgenden Instituts für Weltwirtschaft, ebenfalls für so sparsam gehaushaltet habe. »Die Ame-
zehn Jahren sank es wieder auf 60 Prozent. naiv. Die Globalisierung, von der die deut- rikaner machen noch viel mehr«, sagt er.
Dabei war allerdings viel Glück im sche Wirtschaft in den vergangenen Jahren Dabei liegt deren Staatsschuldenquote bei
Spiel: Die deutsche Wirtschaft erlebte stark profitierte, sagt er, sei schon vor der 105 Prozent, in Japan sind es seit Jahren
einen Dauerboom, die Steuereinnahmen Pandemie ins Stocken geraten. schon über 200 Prozent. »Die lachen über
erreichten von Jahr zu Jahr neue Rekord- Felbermayr fordert deshalb für die Zeit Deutschlands Schuldenstand«, sagt Süde-
höhen. Gleichzeitig sanken die Zinsen auf nach Corona einen Tilgungsplan, um die kum. »Dort redet keiner darüber, dass die
ein Rekordtief, was dem Staat Minderaus- Staatsschuldenquote wieder auf 6o Pro- Schulden das Land in Gefahr bringen.«
gaben von 436 Milliarden Euro bescherte. zent zu senken, »bevor eine neue Krise Die These, dass die Höhe der Staats-
Jetzt wird die Schuldenquote wieder auf kommt«, wie er sagt. Die werde ganz an- schulden kein Problem sei, beruht aller-
80, vielleicht sogar auf 90 Prozent des BIP ders sein, »kein Replay von Corona und dings auf drei Voraussetzungen. Erstens:
steigen, so Schätzungen. Doch so leicht kein Replay der Bankenkrise« – »und da- Die Gläubiger dürfen das Vertrauen in die
wie nach der Finanzkrise wird sie sich für brauchen wir fiskalische Spielräume«. Schuldner nicht verlieren. Zweitens: Die
nicht senken lassen. Die Zinsen sind schon Ist das ein Plädoyer für Steuererhöhun- Zinsen müssen weiter niedrig bleiben.
bei null, weitere Zinsersparnisse sind also gen? Das gehe auch anders, sagt Felber- Wenn das nicht der Fall ist, müssen, drit-
weitgehend ausgeschlossen. mayr. Deutschland verteile im Jahr 200 Mil- tens, die Notenbanken als »lender of last
Bleibt die Hoffnung auf Wachstum. Die liarden Euro an Subventionen, manche resort«, als Kreditgeber der letzten In-
meisten Ökonomen gehen in diesem Jahr seien durchaus fragwürdig. Durch das Aus- stanz, eingreifen und die Staatsschulden

67
Coronakrise

aufkaufen. Und selbst dann bleibt die Fra- Gewissens Geldpolitik machen, wie sie es immer billigerem Geld die Wirtschaft auf
ge, ob das auf Dauer gut gehen kann – jetzt macht, ohne ständig mit dem Bun- den falschen Weg gebracht zu haben.
oder irgendwann zu hoher Inflation führt. desverfassungsgericht in Konflikt zu kom- »Aber ich bin auch Realist«, sagt er. »Wel-
Darauf geben die beiden Lager der Öko- men.« Sie könnte dann unbegrenzt Bonds che Möglichkeiten haben wir denn?« Er
nomen völlig konträre Antworten. kaufen. Dafür, sagt Bofinger, gebe es im zählt sie alle auf – um sie sogleich zu
»Die Zinsen sinken seit den Siebziger- Prinzip kein Limit. verwerfen. Rauswachsen? Geht nicht, die
jahren kontinuierlich«, sagt Südekum. In Zeiten des Corona-Schocks rät selbst Dynamik war schon vor der Krise gering
Das liege an der Alterung der Gesellschaft, Daniel Stelter dazu, die Staatsschulden bei und wird danach noch schwächer sein.
einer höheren Sparneigung und dem der EZB abzuladen. Stelter sieht sich selbst Steuereinnahmen? Werden nicht reichen.
Strukturwandel in der Wirtschaft: »Inter- als unabhängigen Ökonomen, weil er nicht Sein Fazit: »Wir brauchen eine kreative
netkonzerne haben nun mal einen gerin- von Staatsgeld abhängig ist. Der ehema- Lösung.«
geren Kapitalbedarf als Stahlwerke und lige Unternehmensberater betreibt einen Kreativ ist seine Lösung tatsächlich,
ganz andere Möglichkeiten, sich zu finan- Blog, schreibt Kolumnen, vor Kurzem ist ziemlich radikal allerdings auch: Alle Euro-
zieren.« Deshalb gebe es Prognosen, dass sein Buch »Coronomics« über die aktuelle länder sollten ihre Staatsschulden bis zu
das Zinsniveau noch 20, 50 Jahre oder Krise erschienen. einem bestimmten Wert des BIPs auf ei-
länger niedrig bleibe. Wenn sie stimmen, Stelter war immer ein Kritiker der nen gemeinsamen Schuldenfonds übertra-
kann sich der Staat auf Dauer hohe Schul- Notenbanken. Er wirft ihnen vor, eine Bla- gen, der von der EZB über hundert Jahre
den leisten. se nach der anderen aufgepumpt und mit zins- und tilgungsfrei gestellt wird. Die
»Das Zinsniveau ist von verschiedenen Schulden müssten bis dahin also nicht zu-
Faktoren abhängig, über die wir keine voll- rückgezahlt werden. Italien und Frank-
ständige Kontrolle haben«, kontert der 2010 2020* reich könnten wieder neue Schulden auf-
Sachverständigenratsvorsitzende Feld. Es
gebe genügend Gründe, warum sich die
82 80 % nehmen, und Deutschland hätte genügend
Spielraum, um massiv in seine Zukunft zu
Einschätzungen der Gläubiger an den Fi- Zurück- investieren. Die Idee habe den Charme,
nanzmärkten von heute auf morgen än- geworfen dass sogar Deutschland profitieren würde,
dern könnten und sie dann höhere Risiko- Deutsch- statt wie bisher in der EU »den Geister-
aufschläge verlangten. »Wenn man dann lands Staats- fahrer zu spielen«, sagt Stelter.
nicht in die Bredouille geraten will«, warnt verschuldung Noch kann niemand verlässlich sagen,
Feld, »sollte man zusehen, dass man eine in Prozent des wie sich eine Ausweitung der Staatsver-
geringe Schuldenquote hat.« BIP schuldung mithilfe der Notenbank lang-
Oder eine Zentralbank, die die Schulden fristig auswirken würde. Ob sie das Wachs-
aufkauft, um die Zinsen niedrig zu halten. tum antreiben würde und sich damit selbst
So machen es die Amerikaner, die Briten finanziert, wie nach dem Zweiten Welt-
und die Japaner. Die Europäische Zentral- krieg in Großbritannien; oder in ungezü-
bank (EZB) darf das streng genommen gelter Inflation enden würde, wie nach
nicht, direkte Staatsfinanzierung ist ihr dem Ersten Weltkrieg in Deutschland.
ausdrücklich verboten. Ihr Mandat besteht Wenn der Staat bei voll laufender Wirt-
ausschließlich darin, die Geldwertstabilität schaft anfange, Geld zu drucken, erzeuge
in der Eurozone zu sichern. das natürlich Inflation, sagt Bofinger. Im
Allerdings legt die EZB dieses Mandat Moment indes liege die Wirtschaft darnie-
weit aus. Um ihr Inflationsziel von knapp der. »Ich habe eher Angst, dass wir Defla-
unter zwei Prozent zu erreichen, kauft sie 2019 tion kriegen.«
auch Staatsanleihen auf, von allen Euro-
2001 60 »Irgendwann«, hält Felbermayr dage-
ländern gleichermaßen und bis zu einer gen, »an einem Punkt, der schwer vorher-
Obergrenze von einem Drittel der jeweili- 58 * Prognose: IWD; Quelle: IWF zusagen ist, wird die Liquidität, die wir be-
gen Staatsschuld. Diese Käufe waren von reitstellen, die Nachfrage stärker hoch-
Anfang an umstritten, Kritiker unterstell- treiben, als das Angebot an Gütern und
ten der EZB eine unzulässige Stützung der Dienstleistungen wächst. Und dann haben
Internationaler Vergleich
Euro-Krisenländer und zogen deshalb vor wir Inflation.«
Staatsverschuldung aus-
den Europäischen Gerichtshof und das 252 gewählter Industrienationen, Aus der Corona- und der Bankenkrise
Bundesverfassungsgericht. Stoppen konn- in Prozent des BIP hat Felbermayr für sich die Lehre gezogen,
ten sie die EZB jedoch nicht. dass auch Dinge, die man für unwahr-
Um den Corona-Schock zu dämpfen, 2019 scheinlich hält, eintreten können. »Preis-
hat die EZB ein weiteres, 750 Milliarden 2020* steigerungen sind ja nicht naturgesetzlich
156
Euro schweres Programm namens Pande- 131 ausgeschlossen.«
mic Emergency Purchase Programme 115 110 Südekum zieht aus der Finanzkrise eine
(PEPP) beschlossen. Es enthält ausdrück- 96 ganz andere Lehre. »Dieselben Leute, die
lich keine Obergrenze für Aufkäufe mehr jetzt wieder vor der Inflation warnen, ha-
und wird wohl wieder vor dem Bundesge- ben das damals auch schon getan«, sagt
richtshof landen. Um den ständigen Streit er. »Das war damals falsch und ist es heute
über die Frage, was die EZB darf und soll, auch. Irgendwann muss man doch aner-
zu beenden, plädiert Südekum für eine kennen, dass die Welt komplexer ist, als
Änderung ihres Mandats: Die EZB solle, es manche veraltete Theorie suggeriert.«
n

ch

da

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pa

lie

ie
US

ei

na

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solange die Preisstabilität nicht gefährdet Dass die jeweils andere Seite der fal-
Ita
Ja

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Ka

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an

sei, das Wachstum und die Beschäftigung schen Theorie folgt, darüber sind sich die
br
Fr

unterstützen – so wie die amerikanische Ökonomen jedenfalls einig. Armin Mahler


Gr

Notenbank Fed. »Dann kann sie guten * Schätzung; Quelle: IWF

68 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Konjunktur II Finanzminister Scholz legt ein umfangreiches Scholz will Personenunternehmen zu-
dem künftig ein Wahlrecht einräumen,
Konjunkturpaket vor – Vorschläge für großzügige Steuerrabatte ob sie sich lieber wie eine Kapitalgesell-
finden sich darin nicht. Die Abwrackprämie auch nicht. schaft versteuern lassen wollen. Die Steu-
ersätze für Gewinne, die im Unternehmen

Liste mit Lücken


bleiben, sind meist niedriger als bei der
Einkommensteuer, der Personengesell-
schaften bislang unterliegen.
Beim Insolvenzrecht plädiert das BMF
für mehr Flexibilität, und auch staatliche
Aufträge sollen künftig unbürokratischer
 Im Bundesfinanzministerium (BMF) und schneller vergeben werden. Private
stehen in diesen Tagen Metaphern aus Haushalte will Scholz bei der EEG-Um-
der Musikwelt hoch im Kurs. So verglei- lage entlasten.
chen die Mitarbeiter von Ressortchef Die dritte Säule schließlich soll die
Olaf Scholz (SPD) ihre Bemühungen, eine Modernisierung der Wirtschaft voran-
Liste mit Maßnahmen für ein Konjunktur- treiben. So will Scholz die nachhaltige
paket zu erstellen, mit der Komposition Mobilität fördern, indem er mehr Geld für
einer Langspielplatte. Singles hätten sie die Bahn und für E-Auto-Ladestationen
bereits ausgekoppelt, witzeln sie. Dazu zur Verfügung stellt. Der Digitalisierung
gehören etwa das Entlastungsprogramm und der Energiewende will er einen Schub
für die Kommunen oder die Kapitalsprit- verleihen, indem er die steuerliche For-
ze für die Deutsche Bahn. schungsförderung großzügiger gestaltet.
Das Gesamtkunstwerk verspricht mehr. Für den Ausbau von Mobilfunknetzen
Auf acht DIN-A4-Seiten listen die BMF- entlang der Bahntrassen will Scholz
Beamten auf, wie sie das Wachstum wie- zusätzliches Geld zur Verfügung stellen.
der ankurbeln wollen. Die Vorlage, die Der Minister schlägt überdies ein In-

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL


in einer Auflage von einem knappen Dut- vestitionspaket Wasserstoff vor. Das Geld
zend auch im Kanzleramt sowie in den soll in Anlagen zur Elektrolyse fließen,
Ministerien für Arbeit und für Wirtschaft aber auch in ein Tankstellennetz für Was-
kursiert, ist für den am Dienstag tagenden serstoffautos. Schließlich will er eine
Koalitionsausschuss bestimmt. Um die Förderoffensive zur Entwicklung von
Weitergabe der Papiere zu verhindern, Impfstoffen starten, um das Übel der
ist der Name des Empfängers in großen SPD-Politiker Scholz Coronakrise an der Wurzel zu packen.
Lettern quer über jede Seite gestanzt. Programm auf drei Säulen Regierungsexperten rechnen damit,
Scholz’ Strategie fußt auf drei Säulen. dass das gesamte Paket den Fiskus
Mit der ersten will er Arbeitnehmer und dienen, also Konsum und Investitionen insgesamt weit mehr als 100 Milliarden
Unternehmen noch stärker unterstützen beleben. Als ersten Punkt führt das Euro kosten dürfte.
als bislang beschlossen. Dabei setzt er vor Papier einen einmaligen Kinderbonus Ebenso interessant wie die aufgeführ-
allem auf Liquiditätshilfen. Wichtigster von 300 Euro auf (SPIEGEL 22/2020). ten Vorhaben sind jene, die noch fehlen.
Posten ist die Verlängerung des Kurzarbei- Außerdem schlagen die Scholz-Beam- So findet sich in dem Papier bisher kein
tergeldes von derzeit maximal einem Jahr ten vor, für dieses und nächstes Jahr die Hinweis auf eine Abwrackprämie für
auf zwei Jahre. Die Liste weist nicht aus, sogenannte degressive Abschreibung wie- Autos – das Thema steht beim Koalitions-
wie teuer die einzelnen Maßnahmen den der einzuführen. Dabei dürfen Unterneh- ausschuss am Dienstag zur Entscheidung
Fiskus zu stehen kommen. Klar ist: Die men jedes Jahr einen bestimmten Prozent- an (siehe Seite 65).
Verlängerung des Kurzarbeitergelds wird satz als Wertminderung ansetzen. Derzeit Die Liste offenbart, wie groß Scholz’
etliche Milliarden kosten. verteilt sich die Abschreibung gleichmäßig Aversion mittlerweile ausgeprägt ist, die
Zusätzliche Milliarden wollen die auf die gesamte Nutzungsdauer der In- Steuern breitflächig zu senken. Weder
Scholz-Beamten mobilisieren, um ein vestition. Aus der Neuregelung ergibt sich die vorzeitige noch die komplette Ab-
Nachfolgeprogramm für das Rettungs- eine größere Steuerersparnis in den An- schaffung des Solidaritätszuschlags findet
paket für Kleinstunternehmen und fangsjahren einer Anschaffung – das böte sich in seinen Vorschlägen, weder die
Solo-Selbstständige aufzulegen. Bisher den Unternehmen einen Anreiz, rasch Begradigung des Mittelstandsbauchs im
hatte Scholz hierfür 50 Milliarden Euro zu investieren. Tarif der Einkommensteuer noch eine
bereitgestellt, doch viele Bedürftige Zusätzlich sollen geringwertige Wirt- niedrigere Körperschaftsteuer.
fallen durchs Raster. Die Lücken will schaftsgüter im Wert von 1000 Euro so- Die weitgehende Tatenlosigkeit des
Scholz nun schließen. Besonders profi- fort abgeschrieben werden dürfen. Bisher SPD-Mannes bei den Steuern wird die
tieren von der neuen Hilfe sollen das liegt die Grenze bei 800 Euro. Forderung der Union nach Abgabe-
Gastgewerbe, Reisebüros, die Veranstal- rabatten beim Koalitionsgipfel nicht
tungslogistik und die Messebranche. verstummen lassen, im Gegenteil. Die
Darüber hinaus plant Scholz ein Ret-
tungs- und Zukunftspaket Kultur, mit dem
Experten rechnen Union verlangt schon lange, den Soli
abzuschaffen.
er alternative Verbreitungsformen für
Kunst aller Art fördern will, beispielswei-
mit Gesamtkosten Sollte sich Scholz doch noch mit klei-
ner Unterstützung der Koalitionsfreunde
se die Übertragung von Veranstaltungen.
Die zweite Säule des Konjunkturpro-
von mehr als zu steuerlichen Erleichterungen durch-
ringen, könnte ihm sogar ein Best-
gramms soll der Stärkung der Nachfrage 100 Milliarden Euro. of-Album gelingen. Christian Reiermann

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Und es hat Zoom gemacht


Umbrüche Die Pandemie beschleunigt die Digitalisierung und macht nicht nur Firmen wie
Zoom zu Krisengewinnern. Das Silicon Valley träumt bereits von einer neuen Blüte.

E
ric Yuan, 50, Gründer und Chef Neben den Big Five (Google, Apple, Zum verabredeten Videochat erscheint
derVideokonferenzplattformZoom, Amazon, Microsoft, Facebook), die ihre er auf dem Zoom-Bildschirm. Thrun weiß
hat die Nase voll. Von Zoom-Mee- Marktmacht in der Pandemie noch ver- natürlich um die enormen Verwüstungen,
tings. »Ich hasse das«, gestand stärken, gehören zu den Krisengewinnern die das Virus in der analogen Welt hinter-
Yuan dem Wirtschaftsnachrichtendienst auch Anbieter, die bisher eher ein Rand- lässt, um die vielen Millionen Arbeitslosen,
Bloomberg vor Kurzem in einem Zoom- dasein in der Tech-Ökonomie gefristet die Zehntausenden von Toten. »Das alles
Interview. Wie Millionen andere Men- haben. ist schrecklich«, sagt er, vor einer getäfelten
schen sitzt der Tech-Chef derzeit im So wurden auch einst schrullige Team- Holzwand seines Arbeitszimmers in Los
Homeoffice, in seinem Haus im Silicon work-Plattformen wie eben Zoom zu ei- Altos Hills. Aber Thrun sieht darin eine
Valley, auf dem Bildschirm reiht sich ein nem essenziellen Teil der gesellschaftli- Chance, die Welt zum Besseren zu wenden.
virtuelles Gespräch an das nächste. chen Infrastruktur. Telemedizin und On- Er selbst sei jetzt »sozialer als je zuvor«, er
In Webinars namens »Ask Eric Any- linebildung, die lange als vage Verheißun- hätte nicht gedacht, dass man per Video-
thing« stellt er sich den Fragen von Nut- gen galten, erobern den Massenmarkt. Lie- bildschirm »tatsächlich eine persönliche Be-
zern, natürlich via Zoom, im digitalen Hin- ferdienste wie Grubhub, DoorDash oder ziehung aufbauen kann«. Bei seinem Flug-
tergrund ist die Golden Gate Bridge zu se- Delivery Hero, die das Essen zur Haustür taxi-Start-up Kitty Hawk müsse die Arbeit
hen. In Interviews erzählt er, dass seine bringen, erleben ihr Blitz-Scaling. Wäh- zwar gerade ruhen, »aber es wird wieder
drei Kinder, die wegen geschlossener Schu- rend viele alte Industrie-Ikonen leiden, nach oben gehen«, da sei er sicher.
len auch zu Hause seien, mit ihren Com- sind manche Kurse an der US-Tech-Börse Seine 2011 gegründete Onlineakademie
putern das heimische Netz überlasteten. Nasdaq explodiert. Es ist, als hätte das Si- Udacity profitiert enorm von der Krise.
Der Mann scheint dieselben Zumutungen licon Valley nur auf dieses Virus gewartet. Dort kann sich jedermann vom Sofa aus
der Quarantäne zu erleben wie so viele, Die Skandale um Datenmissbrauch, zum Programmierer ausbilden lassen. Seit
die seine Software nutzen, seitdem das Vi- Desinformation und Steuervermeidung dem Shutdown habe die Plattform »in ei-
rus sie vom Büro fernhält. die die Tech-Branche vor der Coronakrise ner Woche mehr Neuanmeldungen regis-
»Niemals hätte ich gedacht«, sagte Yuan, geplagt hatten, scheinen beinahe verges- triert als im ganzen Quartal davor«, sagt
»dass über Nacht die ganze Welt anfängt, sen. Die Sinnkrise des Techlash weicht ei- Thrun. Das Wachstum, glaubt er, werde
Zoom zu nutzen.« nem neuen alten Optimismus: Alles wird getrieben von den vielen amerikanischen
Der Zoom-Bildschirm, mit seiner Gale- digital, also wird alles gut. Corona-Arbeitslosen, die sich nun weiter-
rie von Gesichtern und Einblicken in Pri- Die Vision einer »möglichen guten Zu- bilden wollten, um einen besseren, siche-
vatwohnräume, ist in Corona-Zeiten für kunft« dank Corona vertwittert etwa Ba- reren Job zu finden, wenn die Krise irgend-
viele zum digitalen Ersatz für menschli- laji Srinivasan, Silicon-Valley-Investor und wann vorbei sei. Die Arbeitsplätze in der
chen Kontakt geworden. Zählte die Platt- zuvor Partner des Risikokapitalfonds An- Gastronomie, im Einzelhandel, in der Ho-
form Anfang des Jahres noch 10 Millionen dreessen Horowitz, in euphorischem Stak- tel- und Reiseindustrie kommen vermut-
Teilnehmer pro Tag über alle Sitzungen kato: »Rausziehen in ländliche Gebiete; lich so bald nicht zurück – aber die Nach-
hinweg, sind es inzwischen 300 Millionen. von zu Hause arbeiten; Jobs leichter wech- frage nach IT-Fachleuten, Webdesignern,
Der Börsenwert ist in die Höhe geschossen. seln in einem wahrhaft globalen Arbeits- Content-Moderatoren dürfte steigen. Von
Schulen und Universitäten halten via markt; weniger, aber längere Autofahrten der Rezeptionistin zur Digitalfachkraft:
Zoom ihren Unterricht ab. Das britische mit autonomen Autos; Lieferdrohnen Die entlassene Erwerbsbevölkerung muss
Parlament tagt auf Zoom. Die Menschen rund um die Uhr; sozialer Umgang online einfach nur umlernen.
feiern Geburtstage, sprechen mit ihren und in der virtuellen Realität«. So jedenfalls stellen sich das die Tech-
Therapeuten, gehen zu Beerdigungen, ver- Ist das die schöne neue Welt, das gelob- Lenker des Silicon Valley vor. Microsoft-
lieben sich auf Zoom. Die Tech-Branche, te Land Digitalien? Chef Satya Nadella meint, dass »wir gera-
sie hat es ja schon immer gesagt, hat für Sebastian Thrun gehört zu den notori- de in zwei Monaten die technologische
jedes Problem eine Lösung. schen Optimisten. Der 53-Jährige, einer Transformation von zwei Jahren« erlebt
Während Covid-19 große Teile ganzer der wichtigsten Tech-Vordenker und pro- haben. Facebook-Boss Mark Zuckerberg
Volkswirtschaften lahmlegt, wirkt das Vi- minenter deutscher Name im Silicon Valley, erwartet, dass wir »unser Leben stärker
rus auf die Digitalbranche wie eine Vita- hat bei Google die Innovationsabteilung online leben werden und mehr Geschäfte
minspritze. Die an die Bildschirme daheim und die Sparte für autonome Fahrzeuge online erledigen«. Weshalb der Social-Me-
gefesselten Menschen stillen ihre Bedürf- mitgegründet und erfand die Onlineakade- dia-Gigant die Gunst der Stunde für einen
nisse jetzt hauptsächlich online: Sie shop- mie Udacity. Als CEO von Kitty Hawk ist Vorstoß ins Onlineshopping (»Facebook
pen, chatten, arbeiten und streamen übers Thrun gerade dabei, ein fliegendes Auto Shops«) nutzt, um Amazon Konkurrenz
Internet. zu entwickeln. zu machen. Was dessen Chef Jeff Bezos

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JOHN LOCHER / AP
Besucherin der Tech-Messe
CES Las Vegas im Januar

kaum beeindrucken dürfte: Die Quartals- ne, sieht Turner als immer wiederkehren- nimmt, die Polizei, das FBI«, sagt Turner.
umsätze seines Konzerns sind um 26 Pro- den Verführungsversuch des Silicon Valley. Jetzt, da die Digitalisierung in immer
zent gestiegen gegenüber dem Vorjahr: Dahinter steht die Vorstellung, dass es den weiteren Bereichen des Lebens Anwen-
Die Krise hat den E-Commerce-Riesen Staat nicht braucht, um Probleme zu lösen. dung findet, fürchtet er, dass Menschen
zum Grundversorger gemacht für so viele, Die Coronakrise, so Turner, »bietet die den Maschinen mehr Kompetenz zutrau-
die den Gang zum Supermarkt meiden. ideale Gelegenheit, diese Vision glaubwür- en als der Politik: »Sie denken: Die Tech-
Zahllose andere Unternehmen stehen dig erscheinen zu lassen«. nologie wird es schon richten.« Es wäre
dagegen vor einem Dilemma. Sie wissen, Beispiele hierfür erkennt er zu Genüge: ein Primat des Digitalen über die Politik:
dass jetzt der Zeitpunkt wäre, womöglich Das öffentliche Bildungssystem verlässt Digital First.
schon lange aufgeschobene Investitionen sich in vielen Ländern zwecks Fernunter- Die Politik scheint diese Gefahr erkannt
in die digitale Transformation ihrer Ar- richt derzeit auf private Datenfirmen wie zu haben, selbst in Washington. Für sie sind
beitsabläufe und Kundenbeziehungen zu Zoom oder Google. Facebook definiert Konzerne wie Facebook, Amazon und
stecken, aber sie haben in der Krisenzeit zusehends die Regeln des gesellschaft- Google Versorgungsbetriebe, die genau wie
weder das Geld noch den Mut. Die Pan- lichen Diskurses, legt fest, was Meinungs- Wasserwerke oder Elektrizitätsanbieter als
demie könnte deshalb einem digitalen Dar- freiheit ist und beschäftigt viele Tausend Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge staat-
winismus Vorschub leisten: Die großen Mitarbeiter, die die Inhalte seiner Nutzer lich reguliert und eingehegt gehören. Das
Unternehmen gewinnen, die Kleinen rin- mehr oder weniger gründlich nach Hass, US-Justizministerium plant offenbar, be-
gen ums Überleben. Hetze und anderen Dingen absuchen, die reits in diesem Sommer Klage gegen Goo-
Einem, der mittendrin sitzt im Silicon gegen die Hausregeln verstoßen – »eine gle zu erheben, es geht um die dominieren-
Valley, macht der beschleunigte Siegeszug Aufgabe, die üblicherweise der Staat über- de Stellung des Konzerns bei Onlinewer-
der Digitalwirtschaft besonders große Sor- bung. Es wäre das erste große wettbewerbs-
gen. Fred Turner, 59, ist Professor für Kom- rechtliche Verfahren der US-Regierung seit
munikation in Stanford und eine Art skep- + 138 Digitale Zukunft den Neunzigerjahren, als die Justiz Micro-
tischer Haushistoriker des Valley. Er fürch- Kursveränderung von soft in die Schranken gewiesen hatte.
tet, dass sich der Tech-Industrie gerade Tech-Firmen in Prozent, »Wir müssen die ökonomischen Struk-
»die dunkle Gelegenheit bietet, einige ihrer 27. Mai gegenüber turen kontrollieren, bevor sie uns kontrol-
alten Utopien in die Tat umzusetzen«. Die Jahresbeginn lieren«, warnt Tim Wu, Wettbewerbsjurist
Pandemie sei der »perfekte Vorwand, eine und Professor an der Columbia Law
Art Big-Data-Überwachungsgesellschaft School. Schon vor der Pandemie trat er
zu schaffen«. Das Virus helfe, die Akzep- für eine Zerschlagung der Tech-Konzerne
tanz entsprechender Technologien zu be- ein. Die Forderung dürfte alsbald lauter
flügeln: Tracing-Apps, wie Google und + 30 Dow werden. Guido Mingels
Apple sie jetzt gemeinsam ermöglichen, + 15 Jones
um das Virus digital zu bekämpfen, gelten Index ‣ Lesen Sie in der nächsten Folge
als Hilfe in der Not. Wird der Kapitalismus die Coronakrise
Das Versprechen, dass Technologie ge- Zoom Amazon Microsoft überleben?
sellschaftliche Infrastruktur ersetzen kön- Quelle: Refinitiv Datastream – 10

73
Wirtschaft

der »C&A DNA« meistern zu können, wie

Schlapp wie nie er in seiner E-Mail schreibt. Doch was ist


die DNA von C&A?
Mit Mode für jeden, günstig, aber kleid-
sam, wurde die Firma groß und die Familie
Handel Der Textilkonzern C&A rutscht immer tiefer in die Krise. reich. Doch inzwischen diktieren Textil-
Mitarbeiter werfen dem Management Betrug bei der Kurzarbeit vor, discounter wie Primark und Kik noch nied-
Lieferanten in Bangladesch beklagen das aggressive Geschäftsgebaren. rigere Preise, die bürgerliche Mitte kauft
bei Trendsettern wie H&M und Zara. Da-
zwischen sitzt C&A – und leidet.
In der Onlinewelt ist die Kette bis heute
nicht angekommen, das rächt sich jetzt.
Obwohl jedes Jahr wieder eine Online-
offensive angekündigt wird, macht C&A
gerade 4 Prozent seines Umsatzes digital.
H&M schafft bereits 14 Prozent.
Auf der Suche nach einer Idee, wie das
Erbe zu retten wäre, hat C&A immer neue
Führungskräfte verschlissen. Die kamen
lange aus den Reihen der Familie. 2017
holten die Brenninkmeijers in ihrer Not
erstmals einen Fremden für das Europa-
geschäft: den Ex-Rewe-Manager Alain Ca-
parros. Er probierte es mit neuen Artikeln
vom Bobbycar bis hin zu Heimwaren, ei-
nem Billig-Label und Fremdmarken wie
Mustang. Nichts half. Vor gut einem Jahr
trat Caparros nach einem Herzinfarkt ab,
seither regiert wieder ein Spross aus der
Sippe: Edward Brenninkmeijer.
Der führt offenbar ein hartes Regiment.
Mitarbeiter werfen der Führungsriege je-
denfalls vor, in der Coronakrise moralische
STEFAN BONESS / IPON

und rechtliche Grenzen zu überschreiten.


Am 16. April zur Mittagszeit erreichte
den Personalchef von C&A-Europa, Mi-
chael Bönte, eine E-Mail mit alarmieren-
der Betreffzeile: »Kurzarbeitsbetrug«. In
C&A-Filiale in Berlin im April: »Hier sind alle am Anschlag« dem für die Damenkollektion zuständigen
Geschäft in Deutschland würden »trotz
Kurzarbeit systematisch Überstunden ein-

D ie Worte von Edward Brenninkmei-


jer klangen fast beruhigend. C&A
habe in den 179 Jahren seiner Fir-
mengeschichte schon viele Krisen gemeis-
beit verordnet – allerdings berichten Mit-
arbeiter, Manager verlangten gleichzeitig
Mehrarbeit von ihnen, ohne das korrekt
anzugeben. Das wäre Trickserei auf Kos-
gefordert und nicht abgerechnet«, klagen
Mitarbeiter in dem Schreiben, das auch an
den Betriebsrat ging. In verschiedenen Ab-
teilungen würden »die Anforderungen des
tert, schrieb der Europachef des Konzerns ten von Angestellten und Staat. Arbeitsumfangs an die Teams nicht entspre-
den Mitarbeitern Anfang April. Auch den Bei der Textilkette müssen die Kosten chend der gesenkten Kurzarbeit angepasst«.
Ausbruch von Covid-19 werde der Textil- runter, egal wie. Denn C&A ist so schlapp Das Management kommuniziere gar
händler verkraften, mit Opferbereitschaft: wie nie. Seit Jahren schrumpft der Umsatz explizit, dass ja »alle Überstunden ma-
»Ich weiß, dass jeder die Extra-Meile geht, in Deutschland, 2018 kamen nur noch 2,3 chen«. Dennoch schreite der Betriebsrat
weil wir alle zum Wohlergehen unseres Milliarden Euro zusammen. Brenninkmei- nicht ein, »obwohl diese Praxis weit be-
Unternehmens beitragen wollen.« jer glaubt dennoch, die Situation mithilfe kannt und sichtbar« sei. »Das ist inakzep-
Einen Monat später folgte eine weitere tabel und illegal«, schreiben sie und un-
E-Mail, da klang Brenninkmeijer schon terzeichnen mit: »Ihre tief enttäuschten
ganz anders. »Drastische Entscheidungen«
+ 7,3 April Arbeitnehmer«.
seien nötig, Kurzarbeit, Diskussionen mit Jan. 2020 Im Betriebsrat will man von derlei Pro-
Lieferanten und Vermietern, sogar an die Mai Juli blemen nichts wissen. Auf eine SPIEGEL-
»finanziellen Reserven« müsse er ran. 2019 Anfrage weist ein Arbeitnehmervertreter
Für den Brenninkmeijer-Clan (geschätz- Informationen zu Überstunden trotz Kurz-
tes Vermögen: 14 Milliarden Euro) wird Außer Mode arbeit zurück und verweist an die PR-Ab-
der finanzielle Schaden verkraftbar sein. Veränderung der Ausgaben teilung. Die schreibt später in einer Warn-
Opfer müssen vor allem die Mitarbeiter für Bekleidung gegenüber Mail an die Mitarbeiter, sie sollten bloß
bringen. Die Verkäuferinnen und Verkäu- dem Vorjahresmonat, nicht mit der Presse sprechen.
fer der 1400 Filialen in Europa verzichte- in Prozent – 48,0 Wie viele andere Händler schickte C&A
ten wegen geschlossener Läden bereits auf Beschäftigte in Kurzarbeit, als die Filialen
Gehalt. Den Angestellten in der Zentrale Mitte März schließen mussten. Die Bun-
in Düsseldorf hat C&A ebenfalls Kurzar- Quelle: TextilWirtschaft/GfK –62,8 desagentur für Arbeit gleicht in solchen

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Programm
Fällen den Großteil der Gehaltseinbuße
aus. Mehr Stunden zu arbeiten, als bei der
Agentur für die Kurzarbeit abgerechnet
wird, ist verboten. Es drohen Strafen.
Dass zuletzt auch in der Europazentrale
Kurzarbeit eingeführt wurde – im Produkt-
management, im Design, bei Einkäufern –,
verwundert viele. Denn dort sorgt die Kri-
se für zusätzliche Arbeit: Waren mussten
umgesteuert, mit Lieferanten verhandelt,
die Kollektionen für einen Neustart der
Läden geplant werden.
»Wir sollten Arbeit von sonst fünf Tagen
in zwei oder drei Arbeitstage quetschen«,
sagt ein Mitarbeiter. Also habe man eben
doch Überstunden gemacht.

SPIEGEL TV
In einer internen Anweisung an C&A-
Führungskräfte heißt es zwar, Überstun-
den seien nicht gestattet. Mehrere Mitar-
beiter, mit denen der SPIEGEL gesprochen Wildtierhalterin Chernega mit Luchs Freya
hat, werfen dem Konzern jedoch vor, auf
Beschwerden nicht ausreichend reagiert
zu haben. Es sei um Telefonkonferenzen SPIEGEL TV WISSEN ARTE RE:
am späten Abend gebeten worden, als die SONNTAG, 31. 5., 20.15 – 21.10 UHR, SKY MONTAG, 1. 6., 19.40 – 20.15 UHR, ARTE
Kurzarbeitszeit längst vorbei sein sollte. und bei allen führenden Kabelnetzbetreibern
Arbeitstage hätten mitunter mehr als zehn Raubkatzen im Wohn-
Stunden gedauert. Update für einen zimmer – Russen und ihre
Die Listen, in die Mitarbeiter ihre ge- Kampfkoloss exotischen Haustiere
leistete Arbeitszeit eintragen müssen, sei- 18 Monate hat die Generalüber- Ein Leopard in der Badewanne, ein
en in einigen Fällen mit der für die Kurz- holung des französischen Flugzeug- Luchs im Wohnzimmer. Viele Russen
arbeit geplanten Stundenzahl ausgefüllt trägers »Charles de Gaulle« gedauert. wie Anastasija Chernega hegen eine
worden statt mit der tatsächlichen. In einer Rund vier Millionen Arbeitsstunden Leidenschaft für exotische Tiere, ob
Anweisung an Führungskräfte verlangt das und der Einsatz von 2000 Arbeitern als Statussymbol oder als Acces-
Management, Arbeitszeiten für April so- waren geplant. Eine technische, soire für extravagante Fotoshootings.
gar blanko vorab in Listen einzutragen. militärische und menschliche He- Was für Händler und Käufer ein
»In den Zeiten, die für uns offiziell ange- rausforderung. lukratives Geschäft bedeutet, ist für
setzt wurden, ist die Arbeit gar nicht zu die Tiere meist eine Qual.
schaffen«, sagt eine Mitarbeiterin. »Hier
sind alle am Anschlag und machen mehr.«
Das Unternehmen weist jegliche Verfeh-
lung zurück. Zudem stamme das anonyme SPIEGEL TV REPORTAGE
Schreiben an den Personalchef von einer DIENSTAG, 2. 6., 23.10 – 0.15 UHR, SAT.1
einzelnen Person. Anhaltspunkte für die An-
SIRPA MARINE

schuldigungen habe man nicht finden können. Papa wird eine Frau – Wenn
Vor allem das Hin und Her bei der Lie- plötzlich alles anders ist
ferung neuer Kleidung hielt die Mitarbei- Sandra, Svenja und Kristine: drei Frau-
ter in der Zentrale auf Trab. Als Mitte Fe- Flugzeugträger »Charles de Gaulle« en, die jahrelang als Familienväter
bruar klar wurde, dass China als Lieferant gelebt haben, aber stets das Gefühl
ausfällt, versuchte C&A hektisch, an Ware hatten, mit dem falschen Geschlecht
zu kommen. Dass die womöglich gar nicht geboren zu sein. Sie ziehen einen
gebraucht würde, weil der Shutdown we- SPIEGEL GESCHICHTE Schlussstrich unter ihr Leben als
nige Wochen später Europa erreichen wür- MONTAG, 1. 6., 17.50 – 18.35 UHR, SKY Mann und wagen einen Neuanfang
de, sah die Geschäftsleitung nicht. als Frau. Was bedeutet das Outing
Stattdessen suchte der Textilhändler fah- Verbrechen im Rampenlicht: für ihre Familie? SPIEGEL-TV-Reporte-
rig nach neuen Fertigungsstätten, wie in- Der UNA-Bomber rin Sanja Hardinghaus hat mit den
terne E-Mails zeigen. Noch am 14. Februar Jahrelang verschickt Ted Kaczynski Ehefrauen und Kindern gesprochen.
ordnete eine Managerin an, die Produk- Briefbomben und versetzt die US-
tion sofort (»ASAP!«) nach Bangladesch, Bürger in Angst und Schrecken. Drei
Indien, Sri Lanka und in die Türkei zu ver- Menschen sterben, mehr als 20 wer-
legen. Ende Februar wurden türkische Pro- den zum Teil schwer verletzt. Trotz
duzenten gebeten, ihre Lieferungen zu intensiver und langwieriger Ermitt-
SPIEGEL TV

»beschleunigen«. Es war der Tag, an dem lungen gelingt es dem FBI nicht, den
in Berlin die Internationale Tourismus- Fall zu lösen. Doch dann erhalten
Börse abgesagt wurde. die Beamten einen Tipp, der sie in die
Als Deutschland vier Wochen später Wildnis Montanas führt. Protagonistin Svenja
die Läden schloss, konnte es den Düssel-
dorfern mit den Abbestellungen gar nicht

75
schnell genug gehen. Am 23. März schrieb
Einkaufschef Martijn van der Zee den Lie-
feranten in aller Welt in herrischem Ton,
alle Aufträge »sind hiermit mit sofortiger
Wirkung gecancelt«.
Ende März summierten sich die ab-
gesagten Aufträge bei den rund 150 Liefe-
ranten in Bangladesch auf 166 Millionen
Dollar, hat das Center for Global Workers’
Rights ermittelt. Nur die irische Billigkette
Primark lag darüber.
Man mühe sich, »die Auswirkungen auf
unsere Lieferanten zu minimieren«, teilte

ARNE DEDERT / POOL / REUTERS


C&A im April auf Anfrage mit. Der Tex-
tilhandelsverband BGMEA warnt derweil
vor einer »apokalyptischen« Lage in Ban-
gladesch. Auf seiner Website zeigt ein Ti-
cker die Katastrophe: Bei über drei Milli-
arden Dollar liegen die stornierten und
ausgesetzten Aufträge, jedem Zweiten der
vier Millionen Textilarbeiter wurde gekün-
digt oder droht der Jobverlust.
Zwei C&A-Schlüssellieferanten in Bang-
ladesch berichten, wie sie von C&A hinge-
halten wurden. Sie wollen anonym bleiben,
Geld gegen Mitsprache
dem SPIEGEL sind sie bekannt. Anders als Wettbewerb Die Verstaatlichung der Lufthansa wird zur Blaupause für
C&A habe etwa der Handelskonzern Otto
in der Krise stets Kontakt gehalten und Dutzende weitere Rettungsaktionen des Bundes. Geprägt haben den
nichts storniert. Otto habe sogar zuvor hö- Deal zwei Staatssekretäre, die Quereinsteiger aus der Wirtschaft sind.
here Preise akzeptiert, weil die Mindest-
löhne angehoben wurden, C&A habe das
nicht interessiert. Im Gegenteil: Brennink-
meijers Firma habe von beiden Lieferanten
vergangenes Jahr zwei Prozent Rabatt und
längere Zahlungsziele gefordert, weil das
U lrich Nußbaum fällt auf den Fluren
des Bundeswirtschaftsministeriums
auf. Der Mann trägt Anzüge aus
edlem Stoff und stets ein passendes Sei-
men, fünf Prozent plus eine Aktie wären
dann noch möglich. Dafür erhielte er zwei
Sitze im Aufsichtsrat. Insgesamt neun Mil-
liarden Euro will der Staat zahlen, drei in
Geschäft nicht mehr so gut laufe. C&A be- dentuch im Revers. Es signalisiert den Form eines KfW-Kredits, sechs als Stille
streitet das, Preise seien »nicht neu verhan- Beamten schon von Weitem: Hier kommt Einlage und in Aktien.
delt«, Zahlungsmodalitäten einvernehm- ein Mann aus der Wirtschaft. Nur die EU-Kommission zierte sich zu-
lich erneuert worden. Wenn er erzählt, schiebt Nußbaum gern letzt, sie hat hohe Auflagen gemacht. Luft-
Mitte April entschuldigte sich der Ein- den Satz ein: »Ich bin ja eigentlich Fisch- hansa soll ausgerechnet an Konkurrenten
kaufschef dann für den »Schock«, den sei- händler.« Das soll bescheiden klingen, da- wie Ryanair Maschinen und Landerechte
ne Mail vom März ausgelöst hatte: Man bei hat er mit edlen Meeresfrüchten ein an ihren Drehkreuzen Frankfurt und Mün-
wolle die guten Geschäftsbeziehungen Millionenvermögen erwirtschaftet. chen abtreten. Bis zum Redaktionsschluss
nicht aufs Spiel setzen und biete einen Dia- In diesen Tagen hantiert er mit Sum- war unklar, ob das Gepoker zwischen Brüs-
log an, den einer der beiden Lieferanten men, die auch für Nußbaum ungewöhnlich sel, Berlin und dem Lufthansa-Sitz in Frank-
als »Feilschen« beschreibt. sind. Der 63-Jährige ist Staatssekretär im furt bis Pfingsten entschieden sein würde.
Laut C&A sind weniger als sieben Pro- Bundeswirtschaftsministerium und einer Die Rettung der Airline mit ihren über
zent der bestellten Ware storniert worden. der Architekten des sogenannten Wirt- 135 000 Mitarbeitern ist aber so schon ein
Das bestreiten die beiden Lieferanten aus schaftsstabilisierungsfonds, kurz: WSF. Lehrstück ohne ordnungspolitisches Vor-
Bangladesch. Von den Millionen Shirts, Der Rettungsfonds soll Unternehmen bild. Nie zuvor ging es bei der staatlichen
die er fertigen sollte, habe der Konzern auffangen, die in der Coronakrise ins Wan- Hilfe für einen deutschen Konzern um so
noch im April etwa 65 Prozent stornieren ken geraten sind. 600 Milliarden Euro ste- viel Geld, um so viele Jobs.
wollen, erzählt einer der beiden, inzwi- hen bereit. Mit einem Teil des Geldes darf Neben Nußbaum zieht dabei ein weite-
schen seien es noch immer knapp die Hälf- die Regierung Konzerne verstaatlichen, rer Quereinsteiger im Hintergrund die Fä-
te. Zudem solle er einige Hunderttausend um sie vor der Insolvenz zu bewahren. den für seinen Minister: Jörg Kukies, vor-
Stück einlagern bis zum kommenden Jahr. Der WSF ist noch gar nicht offiziell ge- mals Deutschlandchef der Investmentbank
Eine absurde Idee, findet der Unterneh- startet, da hat Nußbaum »einen richtigen Goldman Sachs, jetzt enger Vertrauter des
mer: »Die kann ich bei der Luftfeuchtig- Klopper« auf dem Tisch. Es geht um die sozialdemokratischen Finanzministers
keit hier wegschmeißen.« Lufthansa, »Inbegriff von ›made in Ger- Olaf Scholz.
Edward Brenninkmeijer hat für seine many‹«, essenziell für die deutsche Export- Was bei Nußbaum das Einstecktuch, ist
Lieferanten und Mitarbeiter noch ein paar nation, so Nußbaum. Seit Wochen schon bei Kukies die dicke Breitling-Uhr. Damit
tröstende Worte. In seiner E-Mail Anfang laufen die Verhandlungen, vor Pfingsten passt der kantige Mann, der sein dunkles
Mai schrieb er, unter solchen Umständen spitzten sie sich dramatisch zu. Haar immer streng nach hinten gekämmt
sei seine Strategie stets, »für das Beste zu Zwar wurden der Bund und die Luft- trägt, besser in einen Banktower als in
hoffen und zu beten«. hansa sich einig: Der WSF soll mit 20 Pro- den düsteren Monumentalbau des Finanz-
Kristina Gnirke, Nils Klawitter zent bei der Airline einsteigen und eine ministeriums. Der 52-Jährige ist Leiter des
Option über eine Wandelanleihe bekom- Lenkungsausschusses. Das sechsköpfige

76 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Coronakrise

Gremium entscheidet für den WSF über ergehen wie dem Kollegen aus Rheinland- gen heraushalten, darf aber sehr wohl öko-
den staatlichen Einstieg bei notleidenden Pfalz, der am Nürburgring viel Geld ver- logische oder soziale Ziele verfolgen. Er
Konzernen. »Im Einvernehmen«, so steht senkt hatte und vor Gericht landete. muss das Unternehmen dafür nur fair ent-
es im Gesetz, führt er den Ausschuss mit Anfang Mai hatten Kukies und Nuß- lohnen. Ansonsten ist es nicht seine Auf-
seinem Stellvertreter Nußbaum. baum Spohr folgendes Angebot vorgelegt: gabe, Finanzlöcher zu stopfen, die durch
Auch wenn der nur den Vizeposten ab- Man wolle sich mit 25 Prozent plus einer Missmanagement entstanden sind.
bekommen hat – seinem Ministerium Aktie beteiligen, dazu kämen Stille Einla- Was das heißt, bekam die Lufthansa ver-
kommt eine Schlüsselrolle zu. Alle Firmen, gen und ein KfW-Kredit, insgesamt gut gangene Woche zu spüren. Da weigerte
die unter den Schutzschirm des Staates acht Milliarden Euro. Im Gegenzug forder- sich Spohr plötzlich, die schon bei Airbus
drängen, müssen ihren Antrag im Bundes- ten sie aber auch: zwei Aufsichtsratsposten bestellten Flugzeuge abzunehmen. Die Mi-
wirtschaftsministerium stellen. Hier wird für den Bund. Sicher ist sicher. nisterialen machten Druck: Der Kauf der
ausgewählt, wer die Anforderungen an öf- Das empfand Lufthansa-Chef Spohr als bestellten Flugzeuge helfe, das Überleben
fentliches Geld erfüllt. »Wir haben das al- Zumutung. Er mobilisierte den bayeri- von Airbus zu sichern. Das sei für Deutsch-
leinige Vorschlagsrecht«, sagt Nußbaum. schen Ministerpräsidenten Markus Söder land mindestens genauso wichtig wie das
Rund 30 Unternehmen sollen bislang und Bundesverkehrsminister Andreas Wohlergehen der Lufthansa.
beim WSF vorstellig geworden sein, heißt Scheuer (beide CSU). Sie polterten gegen Die Regierung setzte sich durch, die Air-
es. Dazu gehört nach Informationen eines eine vermeintlich übergriffige SPD. So, als line muss in den nächsten drei Jahren 80
Insiders beinahe die gesamte Zuliefer- brächte das Coronavirus auch gleich Plan- neue Flugzeuge abnehmen. Bezahlt wer-
industrie des Flugzeugbauers Airbus in wirtschaft und Sozialismus mit sich. den die Flieger mit dem Geld des Steuer-
Deutschland. Auch Werften, Textilunter- Doch damit unterlief Spohr gleich sein zahlers, doch das stört weder Kukies noch
nehmen und Reiseveranstalter streben un- zweiter politischer Fehler. Denn zwischen Nußbaum. Die Lage der Lufthansa ist nach
ter den Rettungsschirm. dem SPD-geführten Finanz- und dem Einschätzung der Bundesregierung ohne-
Beim Thema Lufthansa sei man sich mit CDU-regierten Wirtschaftsministerium be- hin so kritisch, dass bald eine weitere Mil-
den beteiligten Ressorts »völlig einig ge- stand von Anfang an eine Arbeitsteilung. liardenspritze fällig werden dürfte.
wesen«, sagt Kukies. Man habe »große Scholz und sein Ex-Banker Kukies, eben- Damit die Staatshilfe in den kommen-
Schnittmengen« gefunden, sagt Nußbaum. falls SPD-Mitglied, hatten den Gewinn, den Jahren nicht den Wettbewerb in
»Wir wollten nie in das operative Geschäft den die Lufthansa nach zwei oder drei Jah- Europas Luftfahrt verzerrt, haben sich
des Konzerns hineinregieren.« Aber es ren abwerfen würde, fest in ihre Kalkula- Bund und Management verpflichtet, dass
könne auch nicht sein, dass der Staat neun tion eingerechnet. »Es kann nicht sein, die Lufthansa keine anderen europäischen
Milliarden Euro investiere und keinerlei dass der Staat alle Risiken und mögliche Airlines aufkauft, solange der Staat mit-
Kontrolle über sein Geld ausüben dürfe. Verluste trägt, am Erfolg aber nicht teil- wirkt. Das sollte auch EU-Wettbewerbs-
Wenn der Deal zwischen dem Bund und hat«, sagt Kukies. Der Staat müsse »auch kommissarin Margrethe Vestager besänf-
der Lufthansa fliegt, wird die Airline ein von steigenden Aktienkursen profitieren«. tigen. Dass Brüssel zudem forderte, die
öffentliches Unternehmen sein. Nur die Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Lufthansa müsse wertvolle Slots abtreten,
Lufthanseaten, so sieht man das in der Re- seinen Beamten ging es dagegen vorrangig überraschte die Deutschen.
gierung, hätten das noch nicht verstanden. darum, Schaden von der Exportnation Seitdem der Aufsichtsrat der Lufthansa
Vor allem der Auftritt von Carsten Spohr Deutschland fernzuhalten und die Luft- am Mittwoch wegen der EU-Auflagen sei-
sorgte in Berlin für Irritation. hansa vor einer möglichen Übernahme zu ne Zustimmung zu dem Deal verweigert
Der Lufthansa-Chef wollte zwar das schützen. Kukies Forderung fanden sie hat, operieren die Verhandlungspartner
Staatsgeld, aber keine Beamten, die ihm nicht unberechtigt. buchstäblich am Abgrund. Die Zeit rennt.
fortan ins Geschäft reinreden. Sein Ver- Nußbaum, ein Studienfreund Altmaiers, Selbst we nn ein Kompromiss mit Brüssel
handlungsangebot hätte das Risiko beim ist kein CDU-Gewächs. Als Parteiloser gelingt und der Aufsichtsrat einverstanden
Bund abgeladen. Nußbaum und Kukies diente er für die SPD in Berlin als Finanz- ist, müssen die Aktionäre zustimmen. Das
mauerten. So wie er, Spohr, den Aktionä- senator und stand dort im Ruf eines prag- Gesetz sieht für die Sitzung eine Frist von
ren verpflichtet sei, seien die Staatssekre- matischen Sanierers. Gleich nach seinem zwei Wochen vor. Was aber, wenn die Zu-
täre dem Bürger zur Treue verpflichtet, Amtsantritt 2009 musste er die Berliner stimmung verfehlt wird?
ließen die zwei staatlichen Emissäre den Wasserbetriebe rekommunalisieren. Die Beim Bund hat Lufthansa schon mal an-
Lufthansa-Chef wissen. In stundenlangen Infrastruktur eines Landes gehöre als Teil gemeldet, dass sie nur noch Geld bis zum
Videoverhandlungen machte Nußbaum der Daseinsvorsorge in die öffentliche 15. Juni habe. Danach drohe der Airline
den Konzernmanagern klar, was das für Hand, findet Nußbaum. Nur clever müsse die Insolvenz.
einen Staatsdiener bedeuten kann: Seien man es eben anstellen. Das heißt: Der Christian Reiermann, Gerald Traufetter
die neun Milliarden futsch, könne es ihm Staat muss sich aus täglichen Entscheidun-
ANS BRYS / NYT / REDUX / LAIF

PHOTOTHEK / IMAGO IMAGES


MARKUS SCHREIBER / AFP

Wirtschaftsminister Altmaier, Staatssekretär Nußbaum, EU-Kommissarin Vestager, Staatssekretär Kukies, Finanzminister Scholz
»Es kann nicht sein, dass der Staat alle Risiken und mögliche Verluste trägt, am Erfolg aber nicht teilhat«

77
Ausland

ERIC MILLER / REUTERS


Bei Protesten gegen Polizeigewalt in Minneapolis ist dieser Mann verletzt worden. Tausende demonstrierten hier,
weil ein weißer Polizist bei einer Kontrolle den 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd derart misshandelt
hatte, dass er nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus starb. Auf einem Video ist zu hören, wie Floyd immer wieder
»Ich kann nicht atmen« sagt, während der Polizist seinen Kopf minutenlang mit dem Knie zu Boden drückt.

Die Russen legen nach


Anhängsel ihrer internationalen Verbündeten: Tripolis wird von
der Türkei unterstützt, Haftar von der Allianz. Beide Seiten
lassen den Krieg weiter eskalieren, in dem es weniger ums Land
als gegen die ausländischen Konkurrenten geht. Den Libyern
Analyse In Libyen steht der kleine Weltkrieg bleibt die Rolle des Fußvolks, und sie verzeichnen die Todesopfer.
vor der nächsten Runde. Erst wurde Haftar von der einen Seite aufmunitioniert für sei-
nen Sturm auf die Hauptstadt: Russland schickte Söldner, die
 Nun also russische Kampfjets: In Libyens Krieg hatte zuletzt VAE besorgten Kampfdrohnen aus China, Armeeeinheiten aus
die Türkei mit Kampfdrohnen und Söldnern aus Syrien wichtige dem Sudan, Söldnerfirmen, Waffen und Munition. Dann zog die
Geländegewinne erzielt gegen die Allianz aus Russland, Ägyp- Türkei nach – nun steigert Russland wieder den Einsatz.
ten und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Doch nun Warum führen mehr als ein halbes Dutzend Staaten – Katar,
veröffentlicht das Pentagon Aufnahmen von russischen SU-24- Italien und Frankreich mischen dezenter mit – in einem Land
und MIG-29-Jets auf dem Weg nach Ostlibyen – dort sollen sie Krieg, das sie nicht bedroht? Es geht um geostrategischen Ein-
vermutlich die militärische Übermacht wiederherstellen. fluss, Öl- und Gasvorkommen. Aber sie tun es auch: weil sie es
Nominell stehen sich in Libyen die international anerkannte können. Weil sie niemand daran hindert. Und weil das Vakuum
Regierung der »Nationalen Einheit« in Tripolis und Warlord der sich allerorten zurückziehenden USA nicht von einer neuen
Khalifa Haftar im Osten mit seiner »Nationalarmee« gegenüber. Supermacht gefüllt wird, sondern von einer kleinen Schar der
Das »National» darf nicht fehlen im Namen. In Wirklichkeit sind Mittelmächte, die ähnlich wie im Jemen nun Libyen zur Bühne
die beiden Kontrahenten, gestützt auf Milizen und Stämme, nur ihres Größenwahns und ihrer Eitelkeit machen. Christoph Reuter

78 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Ruanda wiederaufleben – auch wenn
sie erst jetzt kommt.
»Mastermind des SPIEGEL: Was macht Kabuga
Völkermords« zu solch einer zentralen Figur?
Segun: Er gilt als Finanzier der
Bis zu eine Mil- Radiostation, über die zu
lion Menschen Gewalt gegen die Minderheit
starben beim Völ- der Tutsi aufgerufen wurde.
kermord in Kabuga soll auch in großem
Ruanda 1994. Umfang Macheten importiert
Der Geschäfts- haben, die gegen die Opfer ein-
mann Félicien gesetzt wurden. Schließlich
Kabuga zählt zu wird ihm vorgeworfen, die

BENOIT PEYRUCQ / DPA


den wichtigsten Finanziers des Ausbildung der Interahamwe
Genozids. Nahe Paris, wo er finanziert zu haben, jener
lange unter falscher Identität Hutu-Miliz, die für viele der
lebte, wurde er gefasst. Das Tötungen verantwortlich war.
komme spät, sei aber wichtig, SPIEGEL: Wie konnte er so
sagt Mausi Segun, Afrikachefin lange unentdeckt bleiben? Kabuga vor einem Pariser Gericht
der Menschenrechtsorgani- Segun: Offenbar lebte er über
sation Human Rights Watch. die Jahre in mehreren Ländern SPIEGEL: Vor französischen Arusha der Prozess gemacht
und nutzte dabei eine Reihe Richtern bestritt Kabuga die werden. Seine Anwälte wer-
SPIEGEL: Welche Bedeutung falscher Identitäten. Verwand- Vorwürfe und gab an, schon den aber alle Möglichkeiten
hat die Festnahme Kabugas? te unterstützten ihn wohl. 87 Jahre alt zu sein statt 84, nutzen, die das französische
Segun: Es ist absolut bemer- Und Kabuga ist ein sehr reicher wie bisher angenommen. Für Rechtssystem bietet, um seine
kenswert, dass dieser Mann, Mann. Er konnte Leute dafür Ruanda mahlen die Mühlen Auslieferung zu verhindern
der als ein Mastermind des bezahlen, ihm zu helfen, seine der internationalen Justiz lang- oder zu verzögern. Es könnte
Völkermords gilt, 26 Jahre spä- Identität und seine Spuren zu sam. Könnte Kabuga einem also noch dauern. Dennoch
ter an einem so fernen Ort wie verwischen. Dennoch bleiben Prozess entgehen? bietet Alter keinen Schutz vor
Frankreich ergriffen wurde. vor allem für die Überleben- Segun: Gemäß Haftbefehl soll Verantwortung. Hunderttau-
Für die Opfer und Überleben- den Fragen, wie er der Justiz ihm vor dem Nachfolgegremi- sende verloren beim Völker-
den lässt die Festnahme die länger als zwei Jahrzehnte ent- um des Internationalen Straf- mord ihr Leben, und sie ver-
Hoffnung auf Gerechtigkeit gehen konnte. gerichtshofs im tansanischen dienen Gerechtigkeit. ASA

Myanmar Der Konflikt zwischen der Saudi-Arabien Dessen Gefolgsmann Jabri


Regierung und den Rebellen hatte die Gefahr kommen
Jagd auf Milizen schwelt seit Jahren. Myan-
Die Geiseln des sehen. 2017 hatte er sich abge-
und Zivilisten mars De-facto-Regierungs- Prinzen setzt, als er während einer
chefin Aung San Suu Kyi Auslandsreise von bin Nayefs
 Die Armee geht erneut äußerte sich nicht zu den Vor-  Der IT-Experte Saad al- Enthebung hörte. Er lebt nun
gegen die eigene Bevölkerung würfen, warf der »Arakan- Jabri war bis vor wenigen Jah- in Kanada und schweigt. Sei-
vor – mit einer Brutalität, die Armee« aber ein »zerstöreri- ren ein mächtiger Mann in ne zwei in Saudi-Arabien ver-
an die Vertreibung der musli- sches Vorgehen« vor. Derzeit Saudi-Arabien. Der Berater bliebenen Kinder, Omar und
mischen Minderheit der muss sich die Regierung vor des damaligen Kronprinzen Sara, damals 18 und 17, woll-
Rohingya vor fast drei Jahren dem Internationalen Gerichts- Mohammed bin Nayef galt als ten ihm 2017 folgen. Doch sie
erinnert. Die Angriffe be- hof in Den Haag verantwor- dessen Verbindungsmann zu wurden am Flughafen aufge-
treffen nun hauptsächlich ten – wegen der Verbrechen westlichen Geheimdiensten. halten – wie Geiseln durften
Buddhisten im westlichen an den Rohingya. Zuletzt soll- So kennt er wohl auch viele sie das Königreich nicht ver-
Bundesstaat Rakhine. Dort ist te sie nachweisen, dass sie die Geheimnisse des Königreichs. lassen. Wie jetzt erst bekannt
ein Konflikt zwischen dem verbliebenen Rohingya vor Doch 2017 fiel sein Förderer wurde, holten saudi-arabische
Militär und der sogenannten einem Genozid schütze. KKU in Ungnade: Mohammed bin Sicherheitskräfte die beiden
Arakan-Armee eskaliert, Nayef wurde vom jetzigen am 16. März nachts aus
einer Rebellengruppe, die für Thronfolger Mohammed bin den Betten und nahmen sie
Selbstbestimmung kämpft. Salman, genannt MbS, abge- fest. Seitdem sind sie ver-
Die Uno-Sonderberichterstat- löst. MbS gibt sich seither als schwunden. Zudem wurde
terin für Myanmar, Yanghee der neue starke Mann im am 12. Mai Saad al-Jabris
Lee, wirft den Militärs vor, im Königreich, er setzt wirt- Bruder ohne Erklärung ver-
Schatten der Coronakrise schaftliche und gesellschaftli- haftet. Auch er hatte seit 2017
möglicherweise »Kriegsver- che Reformen um – geht aber nicht mehr ins Ausland reisen
brechen« zu begehen. Zeugen gleichzeitig brutal gegen poli- dürfen. Experten glauben,
aus Rakhine berichten von tische Gegner vor. Diesen dass die Kinder und der Bru-
abgebrannten Dörfern, Luft- März warf MbS den früheren der verhaftet wurden, um
angriffen, verhafteten und Kronprinzen ins Gefängnis, Saad al-Jabri zur Rückkehr zu
AP

verschwundenen Zivilisten. Brennendes Dorf in Rakhine der Vorwurf: Hochverrat. zwingen. RAS

79
Ausland

Ende eines Experiments


China 23 Jahre nach Hongkongs Rückgabe an China unternimmt Peking erstmals rechtliche
Schritte, um die ehemalige britische Kronkolonie zu unterwerfen.
Damit belebt die chinesische Führung die Protestbewegung – und fordert die USA heraus.

A
m Mittwochmorgen steigt James
To, 57, in sein Auto und macht
sich auf den Weg ins Parlament.
Seit fast 30 Jahren ist der Anwalt
Abgeordneter des Hongkonger Legislativ-
rats. Knapp eine halbe Stunde ist er nor-
malerweise unterwegs. An diesem Morgen
ist das anders, kaum Verkehr auf der sonst
dicht befahrenen Stadtautobahn, kaum ein
Fußgänger zwischen den Wolkenkratzern.
Nur Polizeiwagen stehen an jeder größe-
ren Kreuzung. Je näher To dem Zentrum
kommt, desto mehr Polizisten sieht er.
Sie winken ihn durch. Acht Minuten nach-
dem er losgefahren ist, parkt To in der Tief-
garage des Parlaments.
»Die Stadt sah sehr merkwürdig aus heu-
te früh«, berichtet To ein paar Stunden
später am Telefon. »Fast wie zu Beginn
der Coronakrise, als niemand auf die Stra-
ße ging. Fast wie im Ausnahmezustand.«
Es könnte ein Blick in Hongkongs Zu-
kunft sein: Ruhe und Ordnung, Polizei und
Überwachungskameras an jeder Ecke.
Hongkong, die pulsierende Metropole am
Perlflussdelta, Asiens Finanz-, Shopping-
und Vergnügungszentrum, jahrzehntelang
Vorbild für das aufstrebende China – nur
noch eine chinesische Millionenstadt unter
vielen. Und vor allem: unter Kontrolle der
Kommunistischen Partei.
Vor einer Woche hatte der Nationale
Volkskongress in Peking beschlossen, dass
die frühere britische Kronkolonie, seit
1997 eine Sonderverwaltungsregion der
Volksrepublik China, ein »Sicherheits-
gesetz« erhalten soll, das in Wahrheit ein
Kontrollgesetz ist. Damit könnte Chinas
Staatssicherheit anders als bislang Büros
in Hongkong unterhalten und offen ope-
rieren. Laut Entwurf soll das Gesetz künf-
tig »Separatismus«, »Untergrabung der
Staatsgewalt« verbieten, »terroristische
Aktivitäten« und die »Einmischung aus-
ländischer Kräfte«. Das ist in den meisten
Staaten so, doch in China werden diese
Begriffe viel weiter ausgelegt als in Rechts-
staaten westlicher Prägung.
Mit dem Beschluss des Volkskongresses
beginnt ein Prozess, der auf das »Ende
von Hongkong« hinauslaufen könnte, wie
James To und andere Oppositionspolitiker
befürchten. Das Ende eines historischen
Experiments, das vor 35 Jahren unter dem
Motto »Ein Land, zwei Systeme« begon- Festnahme eines Demonstranten vergangene Woche in Hongkong:

80 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


nen hatte: hier China, der Einparteienstaat, monstranten nun zurückgekehrt. Mehrere hohe Maß an Autonomie«, das Peking
in dem Zensur und Kapitalverkehrskon- Tausend zwar nur, weit weniger als im ver- Hongkong einst versprochen habe, warnte
trollen herrschen; dort Hongkong, wo Mei- gangenen Jahr. Doch kampflos wird sich US-Außenminister Mike Pompeo. Hong-
nungsfreiheit gilt und unabhängige Richter diese Bewegung nicht ergeben. kong verdiene nicht länger die Vorzugs-
Recht sprechen. Weit über Hongkong hinaus verschärft behandlung aus Washington.
Damit wird auch die Protestbewegung das geplante »Sicherheitsgesetz« zudem Die US-Regierung droht also recht un-
wiederbelebt, die sich vor einem Jahr ge- den Konflikt zwischen China und den verhohlen damit, Handels- und Wirt-
gen Hongkongs Regierung erhoben hatte USA, das Ringen der beiden Supermächte schaftsbeziehungen zu Hongkong einzu-
und die nun Peking selbst gegenübersteht. um politischen und wirtschaftlichen Ein- schränken, falls Peking nicht einlenkt. Es
Während der Coronakrise fast aus dem fluss im Pazifik. Der Beschluss des Volks- wäre eine weitere Eskalation in einem oh-
Straßenbild verschwunden, sind die De- kongresses läute »die Totenglocke für das nehin schon heiklen Konflikt. Die »strate-
gische Konfrontation« zwischen China
und den USA trete in eine »Hochrisiko-
periode« ein, gab Chinas Verteidigungs-
minister Wei Fenghe zurück. »Wir müssen
unseren Kampfgeist stärken und den
Kampf nutzen, um Stabilität zu fördern.«
Der Hongkonger Legislativrat, dem
James To angehört, berät am Mittwoch
über ein Gesetz gegen die Verunglimpfung
der chinesischen Nationalhymne, einen
Vorboten der neuen Kontrolle durch Pe-
king. Proteste gegen die Hymne sollen mit
bis zu drei Jahren Haft und Geldbußen ge-
ahndet werden. »Ich habe keinen Zweifel,
dass das Gesetz angenommen wird«, sagt
To. Das Peking-Lager hat die Mehrheit im
Legislativrat, denn nur die Hälfte der Sitze
wird in freier Wahl vergeben.
Während To spricht, füllen sich rund um
das Parlamentsgebäude allmählich die
Straßen. Angestellte sehen sich auf dem
Weg in ihre Büros einer überwältigenden
Polizeipräsenz gegenüber. Beamte in grü-
ner Uniform, viele mit Schutzweste und
Schlagstock, drängen sie zur Eile: »Nicht
stehen bleiben! Weitergehen!«, ruft ein
Polizist. Nicht nur das Parlamentsgebäude
selbst ist in eine Festung verwandelt, die
halbe Innenstadt wirkt wie belagert.
In einiger Entfernung vom Parlament
kommt es zu kleinen Protesten. Die De-
monstranten haben sich an diesem Tag
nicht in Schwarz gekleidet wie sonst üb-
lich, wohl in der Hoffnung, dann keinen
Ärger mit der Polizei zu bekommen. Aber
auch das ist anders an diesem Tag: Dut-
zende Männer und Frauen werden festge-
nommen, 360 sind es im Lauf des Tages.
»Unsere Strategie war sehr effektiv«, zi-
tieren Hongkonger Medien den Polizei-
chef später. »Die Aufrührer dachten, sie
könnten wieder Ärger machen, aber wir
waren ihnen die ganze Zeit über voraus.«
Hongkongs Polizei greift nun früher und
massiver als in der Vergangenheit ein, um
erst gar keine kritische Masse an Demons-
tranten entstehen zu lassen.
Noch sind es Hongkonger Polizisten,
die Hongkonger Bürger festnehmen. Aber
dabei, fürchten jetzt manche, wird es nicht
ISAAC LAWRENCE / AFP

bleiben. »Ein nationales Sicherheitsgesetz


wird uns den letzten Schutz nehmen«, sagt
ein Mann namens Cheng, 26. Wenn bald
die »guo’an« genannten Beamten der chi-
nesischen Staatssicherheit Hongkonger
»Nicht stehen bleiben, weitergehen!« Bürger festnehmen und verhören, fragt

81
14140

Cheng, wer ist dann befugt, sie zu kontrol- Einverleibt Zweitens steht wirtschaftlich viel
lieren? »Wer wagt es denn, einem guo’an auf dem Spiel. Zwar ist Hongkongs
Bruttoinlandsprodukt*
entgegenzutreten?« in Mrd. Dollar Anteil an Chinas Wirtschaftsleis-
Begonnen hatte die Protestbewegung tung in den vergangenen Jahren
vor einem Jahr mit dem Schlachtruf China stark gesunken, von gut 18 Pro-
»gayau!«, »Gebt Gas!« Daraus wurde Hongkong 373 zent 1997 auf knapp 3 Prozent
»Hongkonger, widersteht!« und später, un- 2019. Doch der Börsenstandort
ter dem Eindruck des immer härteren Vor- 965 Hongkong ist für Chinas Unter-
gehens der Polizei, der Aufruf »Hongkon- nehmen entscheidend – und der
ger, rächt euch!« Schließlich fassten die Finanzplatz unverzichtbar für Chi-
Protestierenden ihre zentralen Forderun- 177 nas Außenhandel. Etwa 60 Prozent
gen, darunter die nach freien Wahlen und aller Auslandsinvestitionen strömen
einer unabhängigen Untersuchung der 1997 2019 über Hongkong nach China. Peking braucht
Polizeigewalt, in dem Slogan »Fünf Forde- * in jeweiligen Preisen; Quelle: IWF (2019 geschätzt) diese Stadt – nicht zuletzt, um seine ambi-
rungen, keine weniger!« zusammen. tionierten Wirtschaftsprojekte entlang der
Inzwischen stellen Demonstranten eine Neuen Seidenstraße zu finanzieren.
noch viel radikalere Forderung auf: »Un- wegsetzen kann«, sagt der Hongkonger Damit verbindet sich, drittens, das geo-
abhängigkeit für Hongkong!«, rufen sie. Anwalt Martin Lee, 81, der an der Abfas- politische Risiko. Bislang ist der internatio-
»Hongkong kann nicht frei sein, solange sung des Basic Law beteiligt war. Hong- nale Protest gegen Pekings Vorstoß verhal-
es von Chinas Kommunistischer Partei be- kongs mächtige Rechtsanwaltskammer un- ten, auch wenn die britische Regierung
herrscht wird, was immer sie uns auch ver- terstützt Lee in dieser Haltung. erwägt, die Visumsbestimmungen für Hong-
spricht«, sagt ein Demonstrant, der sich Aber am Ende ist Chinas Entscheidung konger Bürger, die nach Großbritannien
Jonathan nennt. Er steht in einer Shopping- keine juristische, sondern eine politische – wollen, zu lockern. Doch Chinas Führung
mall in Causeway Bay und hat ein blaues und politisch ist der Zeitpunkt aus Pekings setzt vor allem die USA unter Zugzwang.
Transparent enthüllt, auf dem »Hongkong Sicht offenbar günstig: Durch die Corona- Washington hat Peking mehrfach vor ei-
Unabhängigkeit« steht. Das faltet er zu- krise sind fast alle Regierungen mit sich nem Durchgriff in Hongkong gewarnt. Im
sammen und verstaut es in seinem Ruck- selbst beschäftigt. Und hat nicht auch das November unterschrieb Präsident Donald
sack, bevor er auf die Straße geht. Je grö- wirtschaftlich ungleich schwächere Russ- Trump ein Gesetz, das die für Hongkong be-
ßer der Druck vom Festland wird, desto land die Sanktionen überstanden, die nach sonders vorteilhaften Handelsbeziehungen
trotziger zeigen sich viele in der Bewe- der Annexion der Krim 2014 verhängt zu den USA an die Lage der Menschenrech-
gung. Und desto einfacher wird es für Pe- wurden? So oder so ähnlich dürften die te und der Demokratie in der Stadt bindet.
king, Millionen Chinesen zu überzeugen, Überlegungen in Peking lauten, auch Inzwischen könne aber kein vernünftiger
dass in Hongkong gewalttätige Separatis- wenn darüber nicht einmal hinter vorge- Mensch noch behaupten, so US-Außen-
ten am Werk seien. haltener Hand gesprochen wird. minister Mike Pompeo, dass Hongkong »ein
Warum aber hat Peking das Gesetz aus- Trotzdem bleibt Chinas Handstreich hohes Maß an Autonomie« genieße.
gerechnet jetzt auf den Weg gebracht? »Xi aus mindestens drei Gründen hochriskant. Noch ist unklar, wie die US-Regierung
Jinping und seine Berater wollen diese An- Erstens birgt er enorme soziale Spreng- auf Pekings Schritt reagieren wird, doch
gelegenheit seit Langem hinter sich brin- kraft in Hongkong. Bei der Bezirkswahl reagieren muss sie – entweder, indem sie
gen«, sagt der Hongkonger China-Experte im vergangenen November erzielte das pe- Hongkong zollrechtlich mit China gleich-
Willy Lam. 2021 feiere die Kommunisti- kingkritische Lager einen überwältigenden stellt, dieselben Ausfuhrbeschränkungen
sche Partei ihr hundertjähriges Bestehen, Sieg. Umfragen zufolge ist diese Mehrheit wie gegen China verhängt oder chinesi-
im Jahr darauf trete Xi seine dritte Amts- in den vergangenen Monaten sogar noch sche Politiker mit Visasperren bestraft.
zeit an. »Xi hat begonnen, über sein Ver- gewachsen. Fast 60 Prozent der Befragten China scheint das in Kauf zu nehmen.
mächtnis nachzudenken. Er will als nächs- unterstützen inzwischen die Proteste. So Anders sind weder die martialischen Äu-
ter Mao Zedong in die Geschichte ein- massiv Chinas Sicherheitskräfte der örtli- ßerungen von Verteidigungsminister Wei
gehen. Hongkong und Taiwan endgültig chen Polizei unter die Arme greifen könn- Fenghe zu verstehen noch ein anderes De-
ans Mutterland zu binden spielt in diesen ten – in einer Weltstadt wie Hongkong tail, das Chinakennern auffiel: Wie jedes
Überlegungen eine große Rolle.« wird sich schwerlich ein so brutales Unter- Jahr hatte Premier Li Keqiang in seiner
Wenn alles im Sinne Pekings läuft, und drückungsregime etablieren lassen wie im Rede vor dem Volkskongress die »Wieder-
daran hat Lam keinen Zweifel, dürfte das entlegenen Tibet oder Xinjiang. vereinigung« des chinesischen Festlands
Gesetz Ende August in Kraft treten. Im mit Taiwan beschworen. Doch diesmal
September findet die nächste Wahl zu fehlte eine entscheidende Vokabel: das
Hongkongs Legislativrat statt. Alle Beob- Wort »friedlich« vor »Wiedervereini-
achter rechnen mit einem Erdrutschsieg gung«. Auch das setzt Washington unter
der Demokraten; das Gesetz dann noch Druck, denn anders als mit Hongkong ver-
in Hongkong durchzubringen ist praktisch bindet die USA mit der Inselrepublik Tai-
ausgeschlossen. wan ein Sicherheitsabkommen.
Es gibt massiven Widerstand gegen das »Wir sind nicht so dumm anzunehmen,
juristische Verfahren, das Peking einge- dass Peking all das nicht sehr bewusst ist«,
schlagen hat. Hongkongs Grundgesetz, sagt der Hongkonger Abgeordnete James
XINHUA / ACTION PRESS

das sogenannte Basic Law von 1990, ver- To. Chinas Führung habe gewiss einen
pflichtet die Stadt, »von sich aus« Gesetze »umfassenden Plan«. Hongkong sei nun
zu erlassen, die Separatismus, Aufruhr und zwischen die Fronten zweier Supermächte
Subversion gegen die Zentralregierung geraten. »Und ich gehe davon aus, dass
verbieten. Das hat Hongkongs Regierung auch die andere Seite einen Plan hat.«
bislang unterlassen. »Aber das bedeutet Staatschef Xi (M.) Holmes Chan, Bernhard Zand
nicht, dass Peking sich darüber einfach hin- »Totenglocke für die Autonomie«

82 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Coronakrise

Johnson und sein Brexit-Zwilling


Analyse Um seinen Berater Dominic Cummings zu schützen, hat der britische
Regierungschef sich kleingemacht. Warum? Womöglich, um sein Lebenswerk nicht zu gefährden.

D
a fährt also ein Corona-infizierter Regierungs- In den kommenden Wochen gilt es nun erneut, in Brüssel
berater während des striktesten Lockdowns mal mit Bluffs das meiste rauszuholen – und gleichzeitig die durch
eben durch ganz England, um sich auf der Farm Corona aufgeweichte Heimatfront im Blick zu behalten. Spä-
seiner Eltern auszukurieren. Da beschimpft er, als testens Ende Juni müssen das Vereinigte Königreich und die
es bekannt wird, die Fake-News-Medien, räumt dann EU entscheiden, ob sie die Brexit-Übergangsperiode verlän-
doch ein, dass er während seiner Quarantäne noch Ausflüge gern wollen, die am 31. Dezember endet. Bis dahin sind die
mit dem Auto unternommen hat, angeblich um sein Augen- Briten noch weitgehend mitsprachelos an die EU gebunden,
licht zu testen, sieht aber keinen Grund, sich dafür zu ent- die Mitgliedsbeiträge laufen weiter. Alles deutet auf einen
schuldigen. Da heulen landesweit Briten auf, die seit Ende Showdown Mitte Juni beim EU-Rats-Treffen hin.
März nicht mal ihre sterbenden Kinder oder Eltern hatten Johnson wird nicht entgangen sein, dass laut einer Umfrage
sehen können. Da rebelliert ein erklecklicher Teil der Tory- inzwischen zwei Drittel der Briten – und sogar rund die Hälfte
Partei, deren Umfragewerte praktisch über Nacht fast zwei- der Brexit-Befürworter – eine Verlängerung der Frist wün-
stellig absacken. schen. Er selbst will das auf keinen Fall und hat sogar gute
Und was macht der Chef dieses Gründe dafür. Bliebe sein Land
Regierungsberaters? Was macht ein oder gar zwei Jahre länger ein
Boris Johnson? De-facto-Mitglied, müsste es bis zu
Er bewertet die Affäre als »politi- 800 Millionen Pfund monatlich in
sches Ding-Dong« und erklärt sie den EU-Haushalt einzahlen. Auch
kraft Amtes für beendet. am milliardenschweren Rettungs-
Und so war Dominic Cummings schirm, den die EU für die am
auch, als dieses Heft in den Druck schlimmsten betroffenen Corona-
ging, noch His Master’s Voice. Wobei Krisenländer plant, müssten sich die
inzwischen nicht mehr restlos klar ist, Briten beteiligen. Handelsverträge
wer in 10 Downing Street Koch ist. mit anderen Nationen, allen voran
Und wer Kellner. den USA, rückten in die Ferne.
DANIEL LEAL-OLIVAS / AFP

Selbst treue Borisianer sind im Viele in der Konservativen Partei


Lauf dieser absonderlichen Woche wollen daher, dass am 31. Dezember
ins Grübeln geraten: Wieso tut John- Schluss ist. Sie glauben zudem, dass
son das? Warum macht er sich sich die Mühe nicht lohnt, mit der
klein vor einem Untergebenen, des- EU bis dahin einen ehrgeizigen Ver-
sen Erzählungen so offensichtliche trag über die künftigen Beziehungen
Schwachstellen haben? Weshalb Anti-EU-Kämpfer Cummings, Johnson auszuhandeln. Man ist bislang keinen
nimmt er in Kauf, als ein Regierungs- Millimeter vorangekommen, nächste
chef dazustehen, der einen Bürger schützt, wo er doch alle Woche geht das Geschacher in eine neue Runde. Die Tory-
schützen sollte? Hardliner plädieren für ein »australisches Modell«, die vor-
Es mag mehrere Antworten darauf geben, aber eine drängt nehme Umschreibung für No Deal, was deutsche Autos, fran-
sich auf: Womöglich sieht sich Johnson außerstande, das zösischen Käse und vieles mehr schlagartig massiv verteuern
größte Werk, das er je begonnen hat, ohne Cummings zu würde, erhebliche Grenz- und Zollkontrollen nach sich zöge
vollenden. Der Brexit, der ja durch die Coronakrise nicht und große Teile der britischen Wirtschaft zu einem Radikal-
verschwunden ist, bleibt Dreh- und Angelpunkt in Johnsons umbau zwänge.
politischem Schaffen. Und die endgültige Form des EU- Egal, sagen die No-Deal-Apologeten, für die Corona keine
Austritts Großbritanniens wird sich sehr bald entscheiden. Krise, sondern eine Gelegenheit ist. Nie sei ein Ausstieg güns-
Ausgerechnet jetzt auf Cummings zu verzichten wäre für tiger gewesen als jetzt, da Lieferketten ohnehin neu gedacht,
Johnson offenbar ein zu großes Risiko. Checks an Flug- und Fährhäfen obligatorisch würden und
Johnson und Cummings sind die siamesischen Zwillinge die Welt insgesamt protektionistischer werde. Und das Beste
des Brexits – keiner wäre ohne den anderen, wo er jetzt ist. daran, so die Lesart der größten Zyniker: Was immer der ultra-
Und im Zweifel gilt für Johnson, den Spieler: Never change harte Brexit an Zumutungen bringe, lasse sich zum kommen-
a winning team – ändere niemals ein siegreiches Team. den Jahreswechsel auf die Pandemie schieben – in ein oder
Es war Cummings, der Drei-Wort-Stratege, der Johnson im zwei Jahren gehe das nicht mehr.
Juni 2016 mit der Parole »Take Back Control« zum triumphalen Wie üblich weiß in London niemand, ob es Boris Johnson
Frontmann der Anti-EU-Bewegung machte. Es war Cummings, darauf ankommen lassen wird. Aber es gibt viele, die es ihm
der seinem Chef im Dezember 2019 zu einem unwahrscheinli- zutrauen. Sollte er diesen Weg gehen, wird er Menschen an
chen »Get Brexit Done«-Wahlsieg verhalf. Cummings ist John- seiner Seite brauchen, die gewohnt sind, nach ganz eigenen
sons Schlachtenplaner und politischer Tatortreiniger, und beide Regeln zu spielen, die erfindungsreich Meinungen manipu-
verstehen sich offenkundig auch deshalb so gut, weil sie auf ih- lieren können und sich nicht darum scheren, ob das, was sie
rem Marsch nach oben nie vor Mummenschanz, modifizierten heute predigen, morgen noch gilt.
Wahrheiten und faustdicken Lügen zurückschreckten. Menschen wie Dominic Cummings. Jörg Schindler

83
Ausland

Twitterdämmerung
USA Der US-Präsident will weiter ungestört Unwahrheiten verbreiten dürfen. Deshalb legt er sich
nun mit seinem Lieblingsmedium an – und bedroht die sozialen Netzwerke.

E
igentlich ist der Streit zwischen fugnis, Trumps Wünschen in dieser Form jetzt ist klar, dass Trump im Kampf gegen
Donald Trump und Twitter eine nachzukommen. die Technologiekonzerne aus Kalifornien
Liebesgeschichte. Denn in Wahr- Ausgelöst wurde die Kontroverse dabei ein neues Kapitel eröffnet.
heit können der Mann und sein durch einen Vorstoß von Twitter selbst. Es geht um die großen Fragen der ame-
Medium ohneeinander nicht sein. Aller- Erstmals hatte der Konzern vor einigen rikanischen Demokratie im Social-Media-
dings ist die Liebe in Aggression und Ent- Tagen zwei irreführende Tweets des Prä- Zeitalter: Wie weit reicht das Recht auf
täuschung umgeschlagen. sidenten mit einem Warnhinweis versehen. Meinungsfreiheit im Netz? Darf der Präsi-
Der übliche Tagesablauf des Präsiden- Unter die Falschbehauptung von @real- dent der Vereinigten Staaten dort irrefüh-
ten beginnt in Washington oft vor der DonaldTrump, dass die Methode der rende Behauptungen verbreiten? Oder
Dämmerung. Noch bevor die Beamten, Briefwahl hochgradig betrugsanfällig sei, müssen Twitter und andere Plattformen
Medienleute und Politiker in den Vororten setzte die Firma ein Ausrufezeichen und die Botschaften ihrer Nutzer korrigieren
der amerikanischen Hauptstadt ihren ers- den Satz: »Holen Sie sich die Fakten zur oder sogar entfernen, wenn sie nachweis-
ten Kaffee schlürfen, gibt Donald Trump brieflichen Stimmabgabe.« Der Link führ- lich falsch sind?
ihnen quasi von der Bettkante das Thema te auf eine Sammlung von Berichten aus Trumps Twitter-Nachricht gegen Social
des Tages vor. Das ist für ihn ganz einfach: Traditionsmedien wie CNN. Media wurde von einem regelrechten
Er schreibt einen Tweet. Trump inszeniert sich gern als Opfer ei- Sperrfeuer an Kommentaren rechter Sen-
Trumps Twitter-Account ist die Haupt- ner angeblichen Verschwörung von ver- der wie Fox News oder von republikani-
bühne seiner weltpolitischen Ein-Mann- meintlich linksliberalen Medien und Kon- schen Abgeordneten begleitet. Bei Fox
Horrorshow, eine nie versiegende Quelle zernen des Silicon Valley. Im großen Kul- News warnte der Kommentator und
an Beleidigungen, Unwahrheiten, Selbst- turkampf, den er täglich befeuert, nutzt Trump-Freund Lou Dobbs, es sei unglaub-
lob und Gezeter. Mehr als 80 Millionen ihm der Aufruhr um Twitter, um seiner Ba- lich, auf welche Weise die Techfirmen den
Menschen folgen dem Account, Journa- sis einen weiteren Feind zu präsentieren. Präsidenten und andere Konservative be-
listen auf der ganzen Welt multiplizieren Und doch zeigt sich in Trumps Erlass ein nachteiligen würden.
durch ihre Berichterstattung seine Wir- beispielloser Angriff auf die Tech-Elite des
kung. Politische Feinde und Freunde kom- Silicon Valley: Rechtzeitig vor der Wahl zet- Für Twitter ist der Vorstoß gegen Trump
mentieren die Tweets, Regierungen be- telt er einen Streit um die Frage an, ob die eine kleine Revolution. Der Gründer Jack
halten die Nachrichten nervös im Auge, speziellen Rechte, die die Social-Media-Gi- Dorsey hatte Faktenchecks bis vor Kur-
Börsenkurse reagieren auf einzelne Äuße- ganten bei der Veröffentlichung von Inhal- zem nicht für nötig befunden. Twitter war
rungen des Präsidenten. ten genießen, eingedämmt werden könnten. lange berüchtigt für seine passive Neutra-
Am Donnerstag war es wieder so weit. Bislang können die Plattformen – anders lität, selbst wenn Rassisten oder Antisemi-
Diesmal ging es aber nicht um Trumps Ri- als traditionelle Medien – mehr oder weni- ten ihre Weltsicht verbreiteten.
valen Barack Obama oder Joe Biden – aus- ger selbst entscheiden, welche Inhalte sie Am 11. Mai wurden nun die neuen Fak-
nahmsweise machte Trump seine Lieb- löschen oder mit Warnhinweisen versehen. tenchecks eingeführt, zunächst als Maß-
lingsplattform selbst zum Kern seiner Bot- Auch dürfen sie für Aussagen von Nutzern nahme gegen Falschinformationen zum
schaft. In knappen Worten kündigte der auf ihren Plattformen in der Regel nicht Coronavirus. Der Ansatz von Twitter war
Präsident einen »großen Tag für die sozia- haftbar gemacht werden. Damit soll nach und ist speziell, festgehalten in mehreren
len Medien an«, einen Tag der »Fairness«. Trumps Willen Schluss sein. Richtlinien, die das inkonsistente Vorge-
Das klang erst mal harmlos, war aber nicht Zwar dürfte die Exekutivanordnung hen des Unternehmens erklären sollen. Da
weniger als eine Kriegserklärung an den schon bald vor Gerichten angefochten wer- wären zum Beispiel die »Ausnahmen im
Techkonzern aus San Francisco. den. Es ist höchst umstritten, ob Trumps öffentlichen Interesse«, mit denen Twitter
Wenige Stunden später unterschrieb Vorstoß rechtlich zulässig ist. Doch schon begründet, warum es Tweets von Politi-
Trump eine Exekutivanordnung, mit der kern, die es normalen Nutzern nicht durch-
er US-Regulierungsbehörden veranlassen gehen lassen würde, bisweilen unangetas-
will, härter gegen Twitter und andere Platt- tet lässt. Oder die Prinzipien für den Um-
formen vorzugehen. Eine Handvoll Kon- gang mit »World Leaders on Twitter«, die
zerne kontrolliere einen Großteil der Kom- es Politikern erlauben, straflos gegen Nut-
munikation, sagte Trump. »Das können zungsbestimmungen zu verstoßen.
wir nicht zulassen.« Behörden sollen nun Wenn Twitter dann doch einschreitet,
ANUSHREE FADNAVIS / REUTERS

ermitteln, ob die sozialen Netzwerke ihre macht das Schlagzeilen. So geschehen, als
Neutralität wahren und nicht bestimmte es Ende März einen Tweet von Nicolás
Nutzer benachteiligen. Zudem soll eine Maduro löschte, in dem der venezolani-
Arbeitsgruppe die Regularien für die Tech- sche Präsident ein Gebräu anpries, das
firmen überprüfen. Es ist aber fraglich, ob »die infektiösen Gene« des Coronavirus
Trumps Anordnung überhaupt ernsthafte »eliminiere«. Einige Tage später löschte
Konsequenzen für Twitter haben wird. Twitter zwei Posts von Brasiliens Präsi-
Rechtsexperten zufolge haben die Auf- Twitter-Chef Dorsey denten Jair Bolsonaro, ebenfalls wegen
sichtsbehörden nämlich gar nicht die Be- Eine kleine Revolution der Verbreitung falscher Behauptungen.

84
tion 230 des »Communications Decency
Act« davor geschützt, für die Informatio-
nen, die Dritte auf ihren Plattformen ver-
breiten, haftbar gemacht zu werden. Wäre
Twitter verantwortlich für Schäden seiner
Nutzer, würde es rasch in Grund und Bo-
den geklagt. »Section 230 ist der Grund,
warum Twitter überleben kann«, sagt Li.
Trumps Verbündete fordern indes, die
Gesetze zu verschärfen. Marco Rubio, ein
Senator aus Florida, ließ verlauten, dass
soziale Medien, die als Faktenprüfer auf-
träten, »nicht länger von der Haftung ab-
geschirmt werden sollten«. Dafür brauch-
ten die Republikaner allerdings auch die
Unterstützung des Repräsentantenhauses,
wo die Demokraten die Mehrheit haben.
Solange es kein neues Gesetz gibt, ist auch
Trumps Exekutivanordnung vorerst nur als
Warnschuss in Richtung Silicon Valley zu
verstehen. Der Vorstoß soll vor allem dazu
dienen, die Chefs der Techgiganten einzu-
schüchtern. Sie sollen es nicht wagen, ihn
oder seine Fans im Wahlkampf zu regulieren.
Trump ist auf Twitter angewiesen, wenn er
am 3. November gegen seinen Rivalen Joe
Biden gewinnen will. Und letztlich könnte
es dem Präsidenten am meisten schaden,
wenn Twitter sich gezwungen sieht, die Posts
der Nutzer aggressiver danach zu filtern, ob
sie rechtlich bedenkliche Inhalte enthalten.
Rechte Aktivisten haben zwar immer
wieder darüber nachgedacht, ob Trump
und seine Anhänger nicht auf ein Konkur-
renznetzwerk umziehen könnten – zum
Beispiel das als zensurfreie Twitter-Alter-
native angepriesene Portal »Parler«. Doch
EVAN VUCCI / AP

die Gefahr ist groß, dass er von dort aus


ins Off senden würde. So schnell ver-
schiebt man nicht 80 Millionen Follower –
Politiker Trump: Wie weit reicht die Meinungsfreiheit? und die dringend benötigten Verstärker
aus den Medien sind auf Twitter.
Vielleicht sollte Twitter Bahtiyar Duy-
Aber bei keinem Account sieht die Öf- Faktenprüfverfahren eingeführt, bei dem sak aus Paderborn wieder bei sich arbeiten
fentlichkeit so genau hin wie bei dem von unabhängige Redaktionen wie Agence lassen. Der junge Deutsche ist der Einzige,
Trump. Das setzt den Konzern offensicht- France-Press die Nachrichten überprüfen. der es bisher fertigbrachte, Donald Trumps
lich unter Druck. Am Donnerstag ergänzte Auch das funktioniert eher schlecht als Account abzuschalten – wenn auch unab-
das Unternehmen den Faktencheck der recht. Facebook-CEO Mark Zuckerberg sichtlich und nur für elf Minuten. Zweiein-
Trump-Tweets mit einem expliziten Hin- setzte sich rasch von Twitter ab: »Ich glaube halb Jahre ist es her, dass der damals 29-
weis auf seine neue »Civic integrity poli- stark daran, dass Facebook nicht Schieds- Jährige das Twitter-Konto des Präsidenten
cy«, gegen die Verbreitung von falschen richter über die Wahrheit sein sollte.« der Vereinigten Staaten deaktivierte, das
oder irreführenden Behauptungen zu Tiffany C. Li, Expertin für Internetrecht er für einen Fake-Account hielt.
Wahlen und Referenden. an der Boston University School of Law, Duysak arbeitete bei der Diskussions-
Twitter-Chef Jack Dorsey selbst wies glaubt nicht, dass Twitter ein Interesse da- plattform für eine Abteilung, die Nutzer
auf diese nachträgliche Erklärung zum Ein- ran hat, die Inhalte auf der Plattform kon- sperrt, die gegen die Hausregeln verstoßen.
schreiten seines Unternehmens hin. »Wir sequenter zu überwachen. Zum einen, so Die Firma bemerkte den Irrtum rasch und
werden weiterhin inkorrekte oder umstrit- Li, würde das enorme Ressourcen erfor- schaltete ihren prominentesten Schreihals
tene Informationen zu Wahlen in aller dern, personell wie finanziell: »Twitter wieder live. Die Geschichte ging um die
Welt kennzeichnen«, schrieb Dorsey, »und könnte diese Rolle niemals erfüllen.« Zum Welt, und manche schlugen Duysak gar
wir werden unsere Fehler zugeben und da- andern würde sich die Firma mit einem für den Friedensnobelpreis vor: Er hatte
für geradestehen.« solchen Schritt »wegbewegen von der So- der Welt elf Minuten Ruhe geschenkt. Das
Dorseys Factchecking wirft allerdings cial-Media-Plattform in Richtung eines tra- einzige Mal also, dass Twitter hart gegen
Fragen auf. Es ist nicht bekannt, wer die ditionellen Medienhauses«, was wiederum Donald Trump vorging, geschah aus Ver-
Fakten überprüft, wie groß das Team ist seine rechtliche Immunität und damit sei- sehen und mithilfe eines Deutschen.
und wer letztlich entscheidet, was kritik- ne Existenz gefährden könnte. Patrick Beuth, Guido Mingels,
würdig ist oder gelöscht gehört. Der Rivale In den USA sind private Unternehmen Roland Nelles
Facebook hat schon vor einiger Zeit ein wie Twitter oder Facebook durch die Sec-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 85


Coronakrise

Das Armuts-
zeugnis
Ungleichheit Das Virus trifft weltweit auf geschwächte
Gesellschaften, ihre Vorerkrankung: eine tiefe
Kluft zwischen Arm und Reich. Die Pandemie verschärft die
Unterschiede dramatisch. Vielerorts wächst die Wut –
auch sie kann ansteckend sein.

A
ls es Marie Darrieussecq zu un- das Geld nicht mehr. Deshalb steht sie nun
wohl wurde, ging sie aufs Land. zum zweiten Mal bei der Lebensmittel-
Mit ihrem Mann und den beiden ausgabe. »Schreiben Sie ruhig, dass ich
Kindern türmte sie aus dem Seu- große Wut in meinem Herzen trage«, sagt
chenherd Paris in ihr Landhaus bei Ba- die 45-Jährige.
yonne, versteckte das verräterische Auto Sie bekommt eine Plastiktüte ausgehän-
mit Pariser Kennzeichen in der Garage, digt, auf der »Supermarché Istanbul« steht,
nahm den Zweitwagen und fuhr an die bas- darin sind Mehl, Zucker, Kaffee, Nudeln,
kische Küste. »Das Meer schlägt tief, stark Milch. Heute ist zudem ein Firmenvertre-
und gleichgültig«, schwärmte die Schrift- ter da, der den Wartenden strahlend Ein-
stellerin in ihrem Tagebuch, das sie in »Le Liter-Flaschen Badegel mit nachhaltigen
Point« veröffentlichte. »Der Strand ist ver- Lavendelölen in die Hand drückt. Celes-
lassen. Ich stelle mir einen Planeten ohne tine schaut verdutzt. In Clichy-sous-Bois
Menschen vor.« haben die wenigsten eine Badewanne.
Corona – ein Idyll. Corona – eine Zumutung.
Daheim, 15 Kilometer östlich von Paris,
steht an einem Mittwochmorgen Mitte Als das Virus sich um die Welt verbreitete,
Mai Celestine Bodji in einer Schlange mit als klar wurde, dass weder ein Impfstoff
vielleicht 200 Menschen. Sie alle ziehen noch ein Medikament dagegen existieren,
Einkaufstrolleys hinter sich her. Erst vor da machte in den Ländern des Nordens
zwei Tagen hat die Regierung die strenge eine schöne Erzählung die Runde. »We’re
Ausgangssperre aufgehoben. In den wohl- all in this together«, sprach Donald Trump.
habenderen Vierteln der Hauptstadt trau- »We’re all in this together«, sprach Boris
en sich diejenigen, die geblieben sind, bis- Johnson. Stars schlossen sich virtuell zu
her nur zögerlich auf die Straße. Hier aber, einem Chor zusammen und sangen in-
in Clichy-sous-Bois, haben die Menschen brünstig »Imagine No Possessions«. Und
keine Wahl. Wer essen will, muss raus. Um Madonna räkelte sich in einer Badewanne
Punkt elf wird die kostenlose Lebensmittel- voller Rosenblüten und hauchte: »Das Vi-
ausgabe beginnen. rus schert sich nicht darum, wie reich du
Celestine lebt mit ihrem Mann und ih- bist, wie berühmt du bist … Das Wunder-
ren vier Kindern, 6, 10, 13 und 18 Jahre volle daran ist, dass es uns alle in vieler
alt, seit 2005 in Clichy-sous-Bois. Das war Hinsicht gleich gemacht hat.«
das Jahr, in dem erst hier, dann in den rest- Dieses Virus? Ein großer Gleichmacher?
lichen Banlieues und schließlich im ganzen Leider zu schön, um wahr zu sein. Makler im Umland von London berich-
Land Autos brannten und zornige Men- Gut fünf Monate nachdem Sars-CoV-2 ten, dass die Nachfrage nach Villen im Grü-
schen die Straßen besetzten. Die Regie- erstmals auftauchte, rund zwei Monate nen zuletzt stark zugenommen habe.
rung geriet ins Grübeln und ließ die he- nachdem große Teile der Welt praktisch Wozu auch das lästige Pendeln ins Büro,
runtergekommenen Mietskasernen reno- über Nacht den Betrieb einstellten, wird wenn sich die Geschäfte per Zoom regeln
vieren. Aber die Arbeitslosigkeit und die immer deutlicher, dass das Gegenteil der lassen?
miserable Gesundheitsversorgung blieben. Fall ist. Jetzt, da der Lockdown in vielen Für eine viel größere Anzahl von Men-
Die letzten acht Wochen hat Celestine, Ländern des reichen Nordens allmählich schen dagegen ist die Krise noch lange
die aus der Elfenbeinküste stammt, mit wieder aufgehoben wird, zeigt sich: Die nicht vorbei. Da sind die Arbeiter, die den
ihrer Familie auf 65 Quadratmetern ver- überwältigende Mehrheit der Elite hat die- Laden während des Lockdowns am Lau-
bracht. Ihnen ging es vergleichsweise gut. se Phase einstweilen unbeschadet über- fen hielten; Busfahrer, Krankenpfleger, Su-
Ihr Mann hat auch während des Lock- standen. Millionen haben die Ausgangs- permarktkassierer wurden als Helden be-
downs als Wachmann gearbeitet. Sie sperre bei voller Bezahlung und mit Breit- klatscht, sie waren »too little to fail«. Aber
selbst wird wieder putzen gehen. Aber bandanschluss ausgesessen, und viele sind werden sie das bleiben, wenn sich der
seitdem alles teurer geworden sei, reiche dabei auf den Geschmack gekommen. Staub legt und die Regierungen sich da-

86 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


TOMMY TRENCHARD / DER SPIEGEL
Wartende vor einer Essensausgabe in der südafrikanischen Township Gugulethu: »Es gibt eine bessergestellte Rasse und den Rest«

ranmachen, die Abermilliarden an Hilfs- rende Sozial- und Gesundheitssysteme viel- gedient, sich regelmäßig die Hände zu wa-
geldern wieder einzusparen? fach unbekannt sind, zeigt sich noch scho- schen und dabei »Happy Birthday« zu sin-
Und da sind die Freigestellten, die Kell- nungsloser, wie unterschiedlich das Virus gen. Schon gar nicht, wenn der nächste
ner und Köche, die Flug- und Zugbegleiter, wütet. Auch in den Ländern Afrikas und La- Brunnen kilometerweit entfernt ist.
die kleinen Ladenbesitzer und ihre An- teinamerikas, wo der Höhepunkt der Pan- Das alles ist nicht neu. Schon vor Coro-
gestellten, die noch am Tropf des Staates demie vielfach erst noch erwartet und der na waren die grotesk ungleichen Lebens-
hängen, von denen aber viele bereits wis- Lockdown womöglich noch Monate andau- bedingungen kein Geheimnis. Neu ist, wie
sen, dass sie dauerhaft nicht mehr ge- ern wird, hat sich die Elite spielend damit grell diese Krise – und das einzigartige Ex-
braucht werden. Wenn nichts geschieht, arrangiert. Für Hunderte Millionen Tagelöh- periment, Abermillionen in die Untätig-
werden sie bald schon das neue Millionen- ner jedoch bedeutet zu Hause bleiben, dass keit zu zwingen – die Verhältnisse aus-
heer der Arbeitslosen stellen. sie abends nichts zu essen haben. Wenn sie leuchtet. Und in welch atemberaubendem
Und das, wie gesagt, ist nur der Ausblick nicht an Covid-19 sterben, dann an Hunger. Tempo sie sich verschlimmert haben.
für den reichen Norden. Den rund zwei Milliarden Menschen, Viel war zuletzt von den beiden ent-
Schaut man auf den armen Süden, wo die von weniger als 3,20 Dollar am Tag le- scheidenden Risikofaktoren für die Töd-
Kurzarbeitergeld, Mindestlöhne, funktionie- ben müssen, ist nicht mit der Aufforderung lichkeit des Virus die Rede, hohes Alter

87
Coronakrise

und körperliche Vorerkrankungen. Aber weit sei die Kluft zwischen Arm und Reich türmen der Bronx bis zu 200 Menschen
es gibt einen dritten Faktor, und er wird durch Corona bereits größer geworden. täglich infiziert haben, dass auf Hart Island
von Woche zu Woche sichtbarer. Die Vor- Das alles bietet ungeheuren sozialen Massengräber ausgehoben wurden, um
erkrankung zahlloser Gesellschaften heißt: Sprengstoff. Vor allem die Regierungen New Yorker Covid-19-Tote hastig zu ver-
soziale Ungleichheit. des Nordens werden gefordert sein, wollen scharren, wirkt von Carnegie Hill aus be-
Es gab bisher fast überall auf der Welt sie eine Eruption der Wütenden und wo- trachtet wie ein Roland-Emmerich-Film.
die meisten Covid-19-Toten dort, wo zwi- möglich Flüchtlingswanderungen unge- Schaurig, aber kaum zu glauben.
schen Armen und Reichen die Kluft am kannten Ausmaßes verhindern. Villen wie diese sind derzeit ungemein
größten ist. Brasilien, das ungleichste Land Allen, die bislang gut durch die Krise ge- gefragt. »Der Trend geht zum Townhouse«,
Lateinamerikas, hat mit Abstand die meis- kommen sind, sollte klar sein: Auch gegen sagt Steinau. Die Luxus-Penthouses in
ten Infizierten. Dasselbe gilt für Südafrika soziale Unruhen kann sich niemand immu- Midtown würden von ihren Besitzern neu-
und für die USA. Dort und anderswo lässt nisieren. Nicht einmal die Allerreichsten. erdings mit anderen Augen betrachtet.
sich der Zusammenhang zwischen Un- »Wer weiß, wer da zuletzt im Aufzug war?«
gleichheit und hohen Infektionsraten bis Ganz oben, über der fünften Etage, ha- Die Frage muss sich in dieser 600 Qua-
auf regionale, manchmal sogar lokale Ebe- ben sie ein weißes Treibhaus gepflanzt. Es dratmeter großen Villa an der 93. Straße
ne hinunter belegen. thront mit seinem geschwungenen Giebel keiner stellen. Gut zehn Millionen Dollar
Auch in Asien ist die Einkommens- und über der braunen Dachlandschaft von Car- hat der Investmentbanker vor vier Jahren
Vermögensungleichheit in den vergange- für sein Refugium bezahlt. Der jetzige Co-
nen Jahrzehnten dramatisch gewachsen, rona-Preis: 20 Millionen.
vor allem in China. Die am stärksten be-
troffenen Länder Westeuropas wiederum
»Die Pest der Snobs« Das Doppelstadthaus wurde 1893 er-
baut und hat damit bereits eine Pandemie
sind Großbritannien, Spanien und Italien;
in ihnen ist der Reichtum ebenso am un-
heißt das überstanden: die Spanische Grippe von
1918/19, bei der 30 000 New Yorker star-
gleichsten verteilt. Zufall? Virus in Südamerika. ben. Sieben Schlafzimmer, sechs Bäder,
In diesen Ländern sind es diejenigen am Aufzug, Weinkeller, Speisekammer, Gar-
unteren Ende der Leiter, die sich fragen: ten, Terrasse. Bei gesundheitlichen Pro-
Wie hält man soziale Distanz, wenn man negie Hill; die Terrasse bietet einen exklu- blemen kann man den Concierge Medical
mit achtköpfiger Familie in einem übervol- siven Blick auf den Central Park. Es ist ein Service kontaktieren. Dann kommt ein
len Wohnsilo, einer Favela, einem Slum wunderbarer Ort, um den Sonnenunter- Privatarzt. Schöner wohnen in der Pan-
haust? Wie ernährt man seine Kinder, gang über New York City zu erleben. demie.
wenn Schulen und Straßenmärkte geschlos- Der Besitzer, ein Investmentbanker, ge- Auf Socken führt Steinau durch die Räu-
sen sind, aber die Supermärkte zu teuer? nießt ihn derzeit allerdings anderswo. Er me, einer luxuriöser als der andere. Auf
Wie hält man sich über Wasser, wenn man ist, samt Familie und Kindermädchen, in dem marmornen Kaminsims im Wohnsaal
bislang von Gelegenheitsarbeit gelebt hat, sein Landhaus in den Hamptons geflohen. steht in Metallicpink einer der berühmten
die es gerade nicht mehr gibt? Sicher ist sicher. Ballon-Hunde von Jeff Koons. Aber die
In einem aktuellen Bericht hat die Welt- »Alle in diesem Viertel sind Millionäre«, Haushälterin achtet darauf, dass die sozia-
bank mitgeteilt, dass sie aufgrund der sich sagt der Makler Sebastian Steinau, der le Distanz dazu eingehalten wird. Die Frau
verschärfenden Ungleichheit in diesem durch die Villa führt. Die Rockefellers und wurde vom Hausherrn zurückgelassen, da-
Jahr mit zusätzlich 40 Millionen bis 60 Mil- Astors residierten in Anwesen um die Ecke. mit sie während des Lockdowns nach dem
lionen absolut Armen rechnet. Als absolut In Manhattans Upper East Side sind die Rechten sieht. Sie lebt im Keller.
arm gilt, wer von weniger als 1,90 Dollar durchseuchten Stadtteile New York Citys Die Viertel der reichen New Yorker sind
am Tag leben muss. Selbst der Internatio- mit ihren mehr als 16 000 Corona-Toten leerer geworden in den vergangenen Mo-
nale Währungsfonds warnte jüngst, welt- weit weg. Dass sich in einzelnen Hochhaus- naten. Bis zu 40 Prozent der Bewohner
warten in ihren Zweit- oder Drittwohnsit-
zen im Grünen darauf, dass die Seuche
vorbeizieht. Nicht überall sind sie mit of-
fenen Armen empfangen worden. In den
Hamptons wüteten Einheimische gegen
die Corona-Flüchtlinge, die aus lokalen
Läden palettenweise Lebensmittel in ihre
Landhäuser schleppten. Und dabei wo-
möglich das Virus zurückließen. Von »to-
talem Klassenkampf« schrieb die »New
York Post«.
Er tobt auch anderswo. Und er verdeut-
licht einmal mehr, für wie viele die USA
ein Land mit sehr begrenzten Möglich-
keiten geworden sind. Heute besitzen die
20 reichsten US-Amerikaner so viel wie
die ärmste Hälfte der Bevölkerung. Nach
DIDIER BIZET / DER SPIEGEL

Angaben der Federal Reserve haben 40 Pro-


zent der Erwachsenen nicht genug Geld,
um sich eine plötzliche 400-Dollar-Aus-
gabe leisten zu können.
Und das war vor Corona.
Trumps Amerika habe in Sachen Un-
Hilfsbedürftige im französischen Clichy-sous-Bois: Die Krise ist noch lange nicht vorbei gleichheit womöglich »einen Punkt ohne

88 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Wiederkehr« erreicht, sagt der britische
Gesundheitswissenschaftler Richard Wil-
kinson. »Kolossale politische Verwerfun-
gen« könnten die Folge sein – »es ist ja be-
zeichnend, dass dort eine der sichtbarsten
Reaktionen auf die Pandemie die massive
Zunahme der Waffenverkäufe ist«.
Wieso das Coronavirus ausgerechnet in
grotesk ungleichen Ländern wie den Ver-
einigten Staaten leichtes Spiel haben wür-
de, haben Wilkinson und seine Kollegin
Kate Pickett bereits vor zehn Jahren ge-
wissermaßen vorhergesehen. In ihrem auf-
sehenerregenden Buch »The Spirit Level«
verglichen die beiden Sozialepidemiolo-
gen Bevölkerungsdaten Dutzender Länder

MIKE SEGAR / REUTERS


seit Mitte des 20. Jahrhunderts.
Das Ergebnis: Je ungleicher Einkommen
und Vermögen verteilt sind, desto größer
waren praktisch alle sozialen und gesund-
heitlichen Probleme in den betroffenen
Staaten. In den Hochburgen der Ungleich- Straßenmusiker an New Yorks 5th Avenue: Die Viertel der Reichen sind leer geworden
heit waren mehr Menschen psychisch
krank, drogenabhängig, suizidgefährdet
als anderswo. Sie wurden längst nicht so In Mexiko brachten anscheinend etliche Dabei kennen viele Afrikaner nur einen
alt wie Menschen im egalitären Skandina- Gutbetuchte das Virus aus dem Skiresort Alltag mit der Gefahr, sich tödlich zu infi-
vien oder in Japan. Sie waren sogar kleiner. Vail in Colorado mit nach Hause, darunter zieren. Malaria, Aids, Ebola, man lebt da-
Und: Sie litten viel häufiger an Überge- der Börsenchef und der Vorsitzende des mit, so gut es geht. In Südafrika sind seit
wicht, Herz- und Atemwegserkrankungen; Mutterkonzerns der Tequilamarke José Ende März schätzungsweise mehr als
Risiken, die in der jetzigen Pandemie eine Cuervo. 10 000 Menschen an Tuberkulose gestor-
entscheidende Rolle spielen. Und bei der mutmaßlich ersten Covid- ben, einer Krankheit, für die es, anders als
»Ungleiche Gesellschaften sind fast im- 19-Toten im brasilianischen Rio de Ja- im Fall Corona, Medikamente gibt. Aber
mer ungesunde Gesellschaften«, schrieben neiro handelte es sich um die 63-jährige niemand ist je auf die Idee gekommen, des-
Wilkinson und Pickett. Cleonice Gonçalves, die sich in Rios No- halb das Leben als solches zu verbieten.
Das Coronavirus traf auf Länder mit ge- belviertel Leblon als Hausangestellte ver- Wegen des Coronavirus aber erließ die Re-
schwächten Abwehrkräften. dingte. Ihre Arbeitgeberin war mit Symp- gierung eine der striktesten Ausgangssper-
Und innerhalb dieser Länder wütet das tomen aus Italien zurückgekehrt, erzählte ren weltweit. Dabei sind bislang erst rund
Virus sehr viel stärker unter den Armen. ihren Bediensteten aber offenbar nichts 550 Südafrikaner daran gestorben.
Für die Wohlhabenden sei das allerdings davon. Gonçalves starb, kurz bevor die
kein Grund aufzuatmen, sagt Richard Wil- Dame des Hauses ihr positives Testergeb- An dem Ort, der die »Mordhauptstadt« ge-
kinson. Denn der überraschendste Befund nis erhielt. nannt wird, sitzt Thembalethu auf einem
seiner Studie von 2009 war dieser: Die »La peste de los chetos«, die Pest der Plastikstuhl in der Auffahrt eines Hauses,
Probleme ungleicher Gesellschaften tref- Snobs, wird die Pandemie in Argentinien das seiner Tante gehört, und ist noch wü-
fen in abgemilderter Form auch deren rei- und Uruguay genannt. Schon vor der Co- tender als sonst. Ein flacher Bau aus ver-
che Mitglieder, unter anderem weil die Sta- ronakrise war in Lateinamerika vielerorts blichenen Klinkern, im Hof zwei Well-
tuskämpfe quer durch alle Schichten ihren ein gefährliches soziales Gemisch entstan- blechhütten. Kaltes Herbstlicht liegt auf
Tribut fordern. den. Argentinien steht erneut vor dem der Sackgasse. »Der Lockdown«, sagt er,
Im Fall der Coronakrise ist die Ungleich- Bankrott, Venezuela ist auf dem Weg zum »hat uns großes Leid gebracht.«
heit zwischen Arm und Reich besonders »failed state«. In Ecuador, Chile, Bolivien, Der 32-Jährige hat sein Geld bislang mit
drastisch zum Ausdruck gekommen. In et- Kolumbien sind im vergangenen Jahr vor sporadischen Malerarbeiten verdient, aber
lichen Staaten waren es offenbar Angehö- allem junge Menschen auf die Straße ge- es hat nie gereicht, um genug Essen für sei-
rige der Elite, die sich das Virus auf Reisen, gangen, um gegen soziale Ungleichheit zu ne Frau und die zwei Kinder auf den Tisch
gern nach Europa, einfingen und dann in demonstrieren. zu stellen. Er hat deshalb regelmäßig klei-
ihre Heimat importierten. Auf Twitter Jetzt herrscht Lockdown. Und er wird ne Überfälle begangen, später dann Ein-
machte der Satz einer indischen Ärztin die von mehreren Regierungen auf dem Kon- brüche. Er ist nicht stolz darauf. Aber jetzt,
Runde: »Eine Seuche, die von reichen tinent oft mit brutaler Polizeigewalt durch- da legale Jobs praktisch über Nacht ver-
Weltreisenden mitgebracht wurde, wird gesetzt. Der Zorn darüber wächst. Was, schwunden sind, ist er froh, seine 9-Milli-
nun Millionen Arme töten.« wenn er sich irgendwann ein Ventil sucht? meter-Pistole zu haben. »Ich brauche sie
Haiti, eines der ärmsten Länder der Es ist eine Frage, die sich auch in Afrika zum Überleben«, sagt Thembalethu.
Welt, meldete seine ersten beiden Covid- stellt, je länger das gewohnte Leben dort Nyanga: enge Straßen, einstöckige Häu-
19-Fälle am 19. März. Einer betraf den be- stillsteht. Dort haben viele Regierungen ser hinter Betonmauern; selbst die Farben
kannten Musiker »Roody Roodboy«, der ihre Grenzen ebenfalls früh abgeschottet wirken hier grau. Die brutalste Township
gerade aus Frankreich zurückgekehrt war. und ihre Bürger unter Androhung dra- Südafrikas. Straßen, in denen die Mitfah-
Roodboy, der seither Todesdrohungen er- konischer Strafen in den Hausarrest ge- rer bitten, schneller zu fahren, weil jeder-
halten hat, begab sich in Quarantäne. Eine zwungen. Wer dagegen verstößt, wird von zeit geschossen werden könnte.
Maßnahme, die sich wohl 99 Prozent sei- der Polizei vielerorts gehetzt, gedemütigt, Laut Weltbank ist Südafrika das un-
ner Landsleute nicht leisten könnten. geschlagen. gleichste Land auf dem Globus. Die reichs-

89
Coronakrise

ten zehn Prozent besitzen knapp drei Vier-


tel des Vermögens. Die Kluft verläuft, auch
26 Jahre nach dem Ende der Apartheid,
weitgehend zwischen Schwarzen und Wei-
ßen. Und die Pandemie hat das Zeug dazu,
sie weiter zu vertiefen.
Nyanga, die »Mordhauptstadt«, ist nur
eine von vielen Townships, die sich in
der Ebene vor Kapstadt erstrecken. Man
sieht von hier aus den Tafelberg. Dort,
keine 15 Kilometer westlich, stehen die
Häuser, in denen die Menschen aus den
Townships putzen, liegen die Bars und

FOTOS: TOMMY TRENCHARD / DER SPIEGEL


Restaurants, in denen sie kellnern; wo sie
Taxi fahren oder in Callcentern arbeiten.
Normalerweise.
Aber seit dem 26. März ist nichts mehr
normal. Da verhängte die Regierung das
rigide Ausgehverbot, das am 1. Juni zwar
abermals gelockert werden soll; für viele
Südafrikaner bedeutet es jedoch noch im-
mer, zur Untätigkeit verdammt zu sein.
Schon vor Wochen begannen Auseinan- Mediatorin Badli, Räuber Thembalethu in Südafrika: »Wir überfallen sogar Kindergärten«
dersetzungen zwischen wütenden Bewoh-
nern der Townships und der Polizei. Steine
flogen, Straßenbarrikaden wurden errich- Pandemien haben immer schon die Ar- legendes geändert. Das Coronavirus traf auf
tet, der Rauch brennender Reifen verdun- men und Schutzlosen überproportional ge- eine Welt, in der das Verhältnis zwischen
kelte den Himmel. Die Polizei schoss mit troffen. Die Spanische Grippe tötete in den Arm und Reich schon vorher aus den Fugen
Gummigeschossen in die Menge. Gegen Jahren 1918 bis 1920 vermutlich mehr als war. Seit Ronald Reagan und Margaret That-
rund 230 000 Südafrikaner ist die Polizei 50 Millionen Menschen. In Indien aller- cher Anfang der Achtzigerjahre ihren De-
bereits wegen Verstößen gegen die Aus- dings traf es knapp sechs Prozent der Be- regulierungsfeldzug begannen, seit viele
gangssperre vorgegangen. völkerung, in Europa etwa ein Prozent. Staaten ihre Institutionen privatisierten,
»Nahrungsmittel von der Regierung kom- In Frankreich rätselten Forscher lange, ihre Gewerkschaften zerrieben und den Fi-
men an. Aber die Leute, die sie hier vertei- wieso es entlang der Pariser Reichenbou- nanzmärkten freie Hand ließen, hat sich die
len, geben sie nur Leuten, die sie kennen«, levards derart viele Tote gegeben hatte. Schere zwischen oben und unten immer
sagt Thembalethu. Die Ziele seiner Raub- Bis sie herausfanden: Es waren nicht die weiter geöffnet. Daran hat auch die Finanz-
züge haben sich verändert in den vergange- Wohlhabenden, die das Virus hinwegge- krise vor gut zehn Jahren nichts geändert.
nen Wochen. Es sind nun Fleischereien und rafft hatte, sondern ihre Zofen und Diener, Seither hat sich nach Berechnungen von
kleine Supermärkte. »Wir überfallen sogar die in engen Gesindestuben hausten. Oxfam die Zahl der Milliardäre auf der
Kindergärten und stehlen dort das Essen.« »Die Grippe mag demokratisch gewesen Welt verdoppelt, ihr Gesamtvermögen ver-
Es ist ein Alltag, der nichts zu tun hat sein – die Gesellschaft, auf die sie traf, war mehrt sich um 2,5 Milliarden Dollar – pro
mit dem Leben in den wohlhabenden Vier- es nicht«, schreibt der französische Histori- Tag. Das Vermögen der ärmsten Hälfte
teln von Kapstadt. Auch dort haben Men- ker Patrick Zylberman. Hundert Jahre spä- der Weltbevölkerung ist dagegen allein im
schen zuletzt Gesetze gebrochen, zum Bei- ter hat sich an diesem Befund nichts Grund- Jahr 2018 um elf Prozent geschrumpft.
spiel um per illegalem Lieferservice Wein
und frische Langusten zu verkaufen.
Ein paar Freunde haben sich zu Them- Ungerechte Welt * jeweils letzter verfügbarer Wert
balethu gesellt. Einer sagt: »Wir wollen Quelle: Weltbank
Deutschland
alle gern in die Stadt, um die Reichen aus- Groß- 31,9
zurauben, aber wir dürfen nicht hinein.« britannien
34,8
»Wir werden uns gefälschte Passierscheine Italien
besorgen«, sagt Thembalethu. USA 35,9
Eine Frau kommt über die Straße und 41,4 Spanien
34,7
läuft die Einfahrt hinauf. Ayamangalisa China
38,5
Badli ist die Mediatorin der Gemeinde. Zu
ihr kommen die Menschen mit ihren Kla- Indien
37,8
gen. Sie lehnt sich an die Betonwand und
verschränkt die Arme. »Schauen Sie sich
die Stadt an. Und schauen Sie sich die
Townships an. Das sind zwei Welten. Die
Menschen sehen: Es gibt eine besserge- Brasilien Südafrika
53,9 63,0
stellte Rasse, und es gibt den Rest. Und
die Rassen sind nun noch stärker getrennt. Einkommens-
Früher konnten wir in die Stadt fahren, verteilung
Spanne zwischen höchsten und niedrigsten Einkommen nach Gini-Index *:
konnten uns frei bewegen.« Seit Corona 0 (völlige Gleichheit) bis 100 (maximale Ungleichheit)
aber seien die Townships ein Gefängnis.
»Es erinnert viele an die Apartheid.« unter 30 30 bis unter 35 35 bis unter 40 40 bis unter 45 45 bis unter 50 50 und mehr keine Daten

90 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Das Coronavirus hatte unter diesen Um-
ständen leichtes Spiel. Schon lange hat
Flexibel bleiben.
kein einzelnes Ereignis mehr das obszöne
Gefälle zwischen Wohlhabenden und Ha-
Lesen Sie den SPIEGEL,
benichtsen derart ausgeleuchtet. Aber
wird diese Erkenntnis dazu führen, dass
sich die Weltgemeinschaft besinnt? Dass
solange Sie möchten.
sie dem Rat von Papst Franziskus folgt, Frei Haus.
der Ungleichheit als »Wurzel der sozialen
Übel« bezeichnet hat? Ist denkbar, dass
Der SPIEGEL jede Woche direkt nach Hause
das Virus im Nachspiel doch zu einem gro- 7 % sparen.
ßen Gleichmacher wird? Für nur € 5,10 pro Ausgabe statt € 5,50 im Einzelkauf
In seinem Buch »Nach dem Krieg sind
alle gleich« argumentiert der österreichische Ohne Risiko.
Historiker Walter Scheidel, wann immer in Jederzeit kündbar, Urlaubsservice möglich
der Geschichte der Menschheit zu große
Vergünstigte Tickets.
Ungleichheiten beseitigt wurden, sei das
durch eine von vier »gewaltsamen Erschüt- Für ausgewählte SPIEGEL-Veranstaltungen
terungen« ausgelöst worden. Scheidel nennt auf www.spiegel-live.de
sie die »vier apokalyptischen Reiter der Ni-
vellierung«: große Kriege, Revolutionen,
den Kollaps von Staaten – oder Pandemien.
Könnte Corona so ein heilsamer Schock
sein? Nicht, wenn man Scheidel folgt. Er
schrieb schon 2018, dass eine neue Seuche,
so zynisch es klinge, Hunderte Millionen Einfach jetzt anfordern:
töten müsste, um Arbeit so zu verknappen,
dass die Besitzlosen nennenswerte Forde-
rungen stellen könnten. Und selbst wenn,
abo.spiegel.de/flexibel
sei es im 21. Jahrhundert durchaus mög- oder telefonisch unter 040 3007-2700
lich, dass die dann fehlenden Menschen
(Bitte Aktionsnummer angeben: SP-FLEX)
durch Maschinen ersetzt würden.
Zu größerer Gleichheit wird die Coro-
nakrise also eher nicht führen, zumindest Keine
nicht gleichsam automatisch. Es wird, wie Mindest-
immer, in den Händen der Regierungen
liegen, wie sie auf die beispiellosen wirt- laufzeit
schaftlichen und sozialen Verheerungen
reagieren, die durch das Virus und seine
Abwehr angerichtet worden sind.
Eine Möglichkeit ist, dass es, wie nach
der Finanzkrise, ein neues Zeitalter der
Austerität geben wird, mit tiefen Einschnit-
ten in das, was vom sozialen Netz mancher
Staaten geblieben ist. Eine hoffnungsvol-
lere Möglichkeit ist das, wofür sich Intel-
lektuelle wie der französische Kapitalis-
muskritiker Thomas Piketty aussprechen:
eine Restauration des Sozialstaats in den
Industrieländern und sein Aufbau in ar-
men Ländern, mit einem fairen Steuersys-
tem, ohne Schlupflöcher für Konzerne und
steuerscheue Milliardäre.
Die großen Pandemien der Geschichte
sind stets in Zeiten großer sozialer Un-
gleichheit aufgetaucht. Eine Wiederholung
zu vermeiden sollten Staatslenker als
Pflichtaufgabe begreifen. Sie könnten sich
dabei an Dr. Rieux orientieren, dem fikti-
ven Arzt in Camus’ »Die Pest«.
»Das ist eine Idee, über die man lachen
kann«, sagt Rieux an einer Stelle des Ro-
mans, »aber die einzige Art, gegen die Pest
anzukämpfen, ist der Anstand.«
Marc Pitzke, Britta Sandberg,
Fritz Schaap, Jörg Schindler

91
Coronakrise

»Wie viel soll eine


österreichische Friseurin von
ihrem Steuergeld für
andere Länder aufbringen?«
SPIEGEL -Gespräch Österreichs Kanzler Sebastian Kurz über rote Linien bei Corona-Finanzhilfen,
die politischen Sonderwege seines Landes und die Konsequenzen aus dem Chaos in Ischgl

E
ine Dreiviertelbillion Euro möchte vor Jahren sagte, solange sie lebe, werde ten haben natürlich als Ziel eine komplette
die EU-Kommission für die Be- es keine Eurobonds geben? Vergemeinschaftung der Schulden und
kämpfung der Coronakrise in Kurz: Lassen Sie’s mich so sagen – solange würden jede Bewegung in diese Richtung
Europa ausgeben. Es wäre, käme ich politisch verantwortlich bin, werde ich dankbar annehmen.
der Vorschlag durch, eine Summe von his- keinen Eurobonds zustimmen. SPIEGEL: Allen voran Frankreich und die
torischem Ausmaß – in einer Phase, in der SPIEGEL: Wie stehen Sie zu dem 750-Mil- Mittelmeerstaaten?
etliche Länder unter den wirtschaftlichen liarden-Euro-Programm, das EU-Kommis- Kurz: Macron hat nie einen Hehl daraus ge-
Folgen der Pandemie leiden, darunter Ita- sionspräsidentin Ursula von der Leyen am macht, dass er das möchte. Das ist sein gutes
lien, Spanien und Frankreich. Die Mittel Mittwoch vorgestellt hat? Recht, genauso ist es das Recht von Deutsch-
sollen nach dem Willen der Kommission Kurz: Der wichtigste Punkt für uns ist, dass land, Österreich oder den Niederlanden
zu zwei Dritteln als Zuschuss an schwer es keine Schuldenunion durch die Hinter- klarzustellen, dass sie das nicht möchten.
betroffene Länder ausgezahlt werden. tür gibt. Das halten wir für den gänzlich Wir sehen, dass es eine Notsituation gibt.
Das Paket aus Brüssel liegt deutlich falschen Weg. Wir sind bereit zu helfen, wir sind solida-
über dem Vorschlag von Kanzlerin Angela SPIEGEL: Sehen Sie Ihre Forderung in risch. Wir sind Nettozahler in der EU und
Merkel und dem französischen Präsiden- diesem Kommissionsentwurf erfüllt, der unter den Ländern, die die Hauptlast dieser
ten Emmanuel Macron, die Hilfen von 500 Milliarden Euro an nicht zurückzu- Aufgabe schultern werden. Aber es wird ja
500 Milliarden Euro in Aussicht gestellt zahlenden Zuschüssen vorsieht? Würde wohl noch legitim sein, dass diejenigen, die
hatten. Nicht alle sind damit einverstan- Österreich zustimmen? etwas bezahlen, auch mitreden dürfen.
den, der lauteste Protest kommt aus dem SPIEGEL: Fühlen Sie sich von Merkel und
Kreis der »Sparsamen Vier«: aus Öster- Macron übergangen?
reich, Dänemark, Schweden und den Nie-
derlanden. Österreichs Bundeskanzler Se-
»Am Ende muss das Kurz: Es ist in Ordnung, dass große Staa-
ten wie Deutschland und Frankreich sich
bastian Kurz, 33, hat sich an die Spitze der
Kritiker gestellt. Er empfängt in seinem
Ergebnis passen.« zusammentun und Vorschläge machen.
Aber die EU besteht aus mehr als nur zwei
Amtszimmer am Wiener Ballhausplatz. Mitgliedstaaten. Ich finde es wichtig, dass
Kurz: Was noch verhandelt werden muss, die Kommissionspräsidentin diesen Pro-
SPIEGEL: Herr Bundeskanzler, für Ihre Ab- ist die Höhe und das Verhältnis zwischen zess mit dem EU-Ratspräsidenten Charles
lehnung des Corona-Hilfsprogramms ha- Zuschüssen und Krediten sowie eine klare Michel geleitet hat und dass beide versu-
ben Sie massive Kritik geerntet. Selbst Ihre Befristung, damit dies eine einmalige Not- chen, Brücken zu bauen und ehrlich für
Freunde von der CDU werfen Ihnen Popu- hilfe bleibt. Es ist ja keine Überraschung, Europa zu kämpfen.
lismus vor. Haben Sie den Gegenwind un- dass die EU-Länder, die das Geld bekom- SPIEGEL: Was will Österreich?
terschätzt? men, eher für Zuschüsse sind, während Kurz: Klar ist, dass wir erst am Beginn von
Kurz: Überhaupt nicht. Die EU ist eine le- jene, die zahlen müssen, eher für Kredite langen Verhandlungen stehen und dass am
bendige demokratische Gemeinschaft, in plädieren. Wir sprechen uns aus Verant- Ende das Ergebnis für alle Mitgliedstaaten
der es zulässig ist, unterschiedliche Mei- wortung gegenüber unseren Steuerzahlern passen muss, inklusive für die »Sparsamen
nungen zu haben. Am Ende des Tages gibt klar für Kredite aus. Vier«.
es hoffentlich einen Kompromiss, der für SPIEGEL: Warum sprechen Sie eigentlich SPIEGEL: Wie könnte ein Kompromiss
alle tragbar ist. Wir vertreten im Übrigen von einer »Schuldenunion durch die Hin- funktionieren, angesichts der Gräben zwi-
nur das, was noch vor wenigen Wochen tertür« – es wird doch recht offen kommu- schen Nord- und Südländern?
auch die deutsche Position war. niziert, dass das nicht der Fall sein soll? Kurz: Es ist eine besondere Herausforde-
SPIEGEL: Sie finden, dass Angela Merkel Kurz: Ich war jahrelang Außen- und Euro- rung. Die Coronakrise hat eine noch nie
eine Kehrtwende hingelegt hat, als sie ih- paminister und bin nun schon seit einiger da gewesene Dimension, wir müssen
ren Wiederaufbauplan mit dem französi- Zeit Bundeskanzler, ich kenne die Positio- schnell und möglichst intensiv darauf rea-
schen Präsidenten vorlegte – weil sie noch nen aller EU-Staaten. Viele Mitgliedstaa- gieren. Das ist in unser aller Interesse, um

92 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


INGO PERTRAMER / DER SPIEGEL

Politiker Kurz: »Keine Schuldenunion durch die Hintertür«

93
Coronakrise

die europäische Wirtschaft und den Bin- Kurz: Nicht jedes Land, das nicht in allen lienischen Stränden? Der Kampf um die
nenmarkt zu stärken. Wir sind solidarisch Sachfragen auf deutscher Linie ist, befin- Sommertouristen zwischen Ihnen und Ih-
mit Ländern, die von der Krise besonders det sich auf einem gefährlichen Sonder- rem Parteifreund Markus Söder in Bayern
hart getroffen wurden; Länder wie Italien, weg. Deutschland ist unser wichtigster lief ja zum Beispiel recht ruppig ab.
die als Erstbetroffene keine Chance hatten, Nachbar und soll eine Führungsrolle in der Kurz: Der Tourismus macht bei uns 15 Pro-
oder Länder, die den Fehler gemacht ha- EU haben. Sowohl in der Migrationsfrage zent des Bruttoinlandsprodukts aus. Na-
ben, sehr spät zu reagieren. Wir wollen als auch bei der Coronakrisen-Hilfe gibt türlich ist das ein Thema für uns, wir
helfen. Aber mit einem einmaligen Hilfs- es unterschiedliche Ansätze. Österreich ist durchlaufen da im Moment eine fordern-
programm und klarer zeitlicher Befristung. ein kleines Land, und so vertreten wir un- de Situation und tun alles, um sicheren
SPIEGEL: Letzteres ist doch im Merkel-Ma- sere Positionen im Regelfall nicht alleine. Urlaub in Österreich möglich zu machen.
cron-Plan genau so vorgesehen. SPIEGEL: Warum wollte Österreich die ge- Wir haben sehr viel Geld in die Hand ge-
Kurz: Es ist noch längst nicht beschlossen. plante EU-Erklärung, in der die Annexions- nommen, um hohe Testkapazitäten zu
Wenn Merkel und Macron das so sehen pläne Israels im Westjordanland kritisiert schaffen. Mitarbeiter, die im Sommer am
wie wir – schön! Ich war in unzähligen Sit- wurden, nicht unterzeichnen? Gast arbeiten, sollen regelmäßig getestet
zungen, wo eine Vergemeinschaftung der Kurz: Wir haben aufgrund des Holocaust werden können.
Schulden von vielen Regierungschefs ge- eine besondere Verantwortung gegenüber SPIEGEL: Sie betonen sehr häufig, dass
fordert worden ist. Außerdem gibt es da Israel. Uns liegt am direkten Kontakt, wir Österreich schneller, früher, insgesamt bes-
eine irrsinnige Dynamik – wie war denn versuchen, Meinungsverschiedenheiten ser als andere Länder auf die Krise reagiert
die Position Deutschlands vor zwei Wo- wie in der Frage einer Annexion zunächst habe. Wäre nicht ein wenig mehr Beschei-
chen? Uns geht es darum, eine klare rote einmal auf bilateralem Weg zu besprechen denheit angebracht, wenn man bedenkt,
Linie aufzuzeigen, unabhängig von der und nicht mit großen internationalen Ver- dass vom Tiroler Skiort Ischgl aus das Vi-
Dynamik in Deutschland. urteilungen zu arbeiten. rus über halb Europa verbreitet wurde?
SPIEGEL: Ab jetzt wird EU-intern wie auf Kurz: Wir sind jeden Tag bemüht, noch
dem Basar gefeilscht werden? besser zu werden. Wenn Sie den Versuch
Kurz: Ich bin überrascht davon, wie wenig machen, es so darzustellen, als sei Ischgl
öffentliche Diskussion es bisher dazu gibt. schuld an einer Pandemie, dann tun Sie
Oft werden in EU-Staaten über Kleinst- das ruhig. Mein Eindruck ist, dass dieses
beträge lange innenpolitische Debatten ge- »blame game«, dieses Sich-gegenseitig-Be-
führt. Wir aber reden hier jetzt von Mil- schuldigen, nichts bringt. Wenn Sie in
liardenverschiebungen für kleine Länder Ischgl jemandem sagen: »Ihr seid schuld«,
wie Österreich, für Deutschland dürfen Sie dann werden die, wahrscheinlich zu Recht,
noch eine Null dranhängen. Relevant ist antworten, dass es in Tirol die Italiener
übrigens auch: Was passiert mit dem Geld? eingeschleppt haben, und die Italiener wer-
Wenn in Ökologisierung, Digitalisierung, den den Chinesen die Schuld geben.
Gesundheit investiert wird, ist das gut. SPIEGEL: Befürchten Sie wegen verspäte-
INGO PERTRAMER / DER SPIEGEL

Wenn notwendige Reformen damit auf ter Schließung der Tiroler Skigebiete straf-
den Weg gebracht werden – umso besser. rechtliche Konsequenzen für Mitglieder
SPIEGEL: Dem hoch verschuldeten Italien Ihrer Regierung?
wird mit Krediten anstelle von Zuschüssen Kurz: Nein.
nicht zu helfen sein. SPIEGEL: Wer hat konkret die überstürzte
Kurz: Langfristig gedacht, und das sage Abreise von Gästen und Saisonarbeitern
ich als 33-Jähriger, wird das alles nur funk- am 13. März zu verantworten?
tionieren, wenn jeder seine Budgets unter Kurz beim SPIEGEL-Gespräch* Kurz: Es gab eine gemeinsame Entschei-
Kontrolle bringt. Wir sind solidarisch und »Was passiert mit dem Geld?« dung der Gesundheitsbehörden in Tirol
als Nettozahler per se großzügig, weil wir und im Bund, dass es sinnvoll ist, dieses
mehr einzahlen, als wir herausnehmen. Gebiet unter Quarantäne zu stellen, weil
SPIEGEL: Wollen Sie die Mittelmeerländer SPIEGEL: Am 15. Juni soll endgültig die es dort einen massiven Ausbruch des Vi-
finanziell disziplinieren durch weitgehen- Grenze zwischen Deutschland und Öster- rus gab. Die Kritik ging ja später in zwei
den Verzicht auf Zuschüsse? reich geöffnet werden … Richtungen: Warum habt ihr die Men-
Kurz: Der Spruch »Spare in der Zeit, dann Kurz: Gott sei Dank! schen nicht früher informiert? Und: Wa-
hast du in der Not« bewahrheitet sich in der SPIEGEL: Was ist heute anders als vor ei- rum habt ihr die Menschen überhaupt in-
Krise wieder einmal dramatisch. Länder wie nem Monat? formiert, anstatt das ganze Gebiet kurzer-
Österreich oder Deutschland, die zuletzt gut Kurz: Deutschland und Österreich haben hand abzuriegeln? Unsere Gesundheits-
gewirtschaftet haben, werden die laufende sehr niedrige Infektionszahlen, sind sehr gut behörden haben daraus gelernt. Was wir
Krise besser verkraften als Länder, die sich durch diese Krise gekommen, und daher bin heute garantieren können, ist, dass wir un-
schon in wirtschaftlich guten Zeiten hoch ich froh über die Entscheidung der deut- ser Bestes tun, damit sich unsere Gäste im
verschuldet haben. Wenn wir diesen Trend schen Regierung. Das Gleiche haben wir mit Urlaub nicht anstecken können. Bezie-
nicht in den Griff bekommen, wird irgend- dem Großteil unserer Nachbarländer ver- hungsweise dass eine bestmögliche und
wann nicht einmal mehr Deutschland Euro- einbart. Eine besondere Situation gibt es komfortable Rückreise ins Heimatland or-
pa retten können. Wie viel soll eine öster- nach wie vor in Italien, aber auch da hoffen ganisiert wird. Oder, wenn es wirklich me-
reichische oder deutsche Friseurin von ih- wir, dass die Grenze geöffnet werden kann, dizinische Unterstützung braucht, dass
rem Steuergeld für die anderen Länder auf- sobald die Infektionszahlen das zulassen. alle Gäste die Möglichkeit haben, in einem
bringen? Diese Debatte müssen wir führen. SPIEGEL: Fürchten Sie nicht auch die Kon- erstklassigen Gesundheitssystem behan-
SPIEGEL: Unter Ihrer Führung scheint kurrenz zwischen Kärntner Seen und ita- delt zu werden.
Österreich Europa zu spalten – erst in der SPIEGEL: Herr Bundeskanzler, wir danken
Flüchtlingspolitik, wo Sie als Hardliner gel- * Mit den Redakteuren Walter Mayr und Maximilian Ihnen für dieses Gespräch.
ten, jetzt bei den Corona-Hilfen. Popp in Wien.

94 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Sport
Einschaltquoten bei den Spielen der Fußballbundesliga
Marktanteil in Prozent zum Vergleich:
Durchschnitt
Sky-
1. Geisterspieltag 2. Geisterspieltag
26. Spieltag 27. Spieltag Rückrunde 2018/19 Zuschauer
beim Einzelspiel
27,0% 20,5 10,7 Borussia Dortmund
gegen Bayern München
Zuschauer*
in Millionen 3,8 3,2 1,7
am 28. Spieltag:
2,2 Mio.
19,1 16,6 21,4
Zuschauer
in Millionen 4,1 3,8 4,8
JÜRGEN FROMME / DPA PICTURE-ALLIANCE

11,7 9,4 12,5


Zuschauer
in Millionen 2,1 1,8 2,2

*Liveübertragungen am Samstagnachmittag, Geisterspieltage inklusive Sky Go, Rückrunde 2018/19 exklusive Sky Go Quellen: Sky, ARD, ZDF

Fußball im Fernsehen funktioniert auch ohne Stadionpublikum. Sky verzeichnete an den ersten beiden Geisterspiel-
tagen am Samstagnachmittag 3,81 Millionen beziehungsweise 3,2 Millionen Zuschauer. Das waren Rekordzahlen
für den Bezahlsender, er erreichte 27 beziehungsweise über 20 Prozent Marktanteile. Die Konferenz der Spiele war
im Gegensatz zu sonst frei empfangbar. Das Geschenk ging auf Kosten der Konkurrenz. Bis zur Unterbrechung
der Saison hatte die ARD-»Sportschau« im Schnitt noch fast 22 Prozent Marktanteil, die wurden nun nicht erreicht.

Ex-Profis als Taxifahrer Fußball spielen werden, sie wissen nicht,


ob die Fußballsaison wieder beginnt, sie
sind sich nicht sicher, was los ist.«
Gut zu wissen Wie geht es Fußballspielern in der Krise? Hinzu kommt die finanzielle Situation.
Einige kleinere Klubs hatten ihre Spieler
 Alle drei deutschen Profiligen, so steht auch in Vertragsfragen. Drei von vier Spie- beurlaubt, Existenzsorgen waren die
es seit dieser Woche fest, sollen die Saison lern gaben an, nervös zu sein oder Ängste Folge. »Wir haben eine Reihe von Spie-
trotz der Pandemie zu Ende spielen. Ganz zu haben. Fast ein Viertel meinte, in der lern, die von Gehaltsscheck zu Gehalts-
anders sieht es im europäischen Ausland Corona-Pause depressiv scheck leben«, sagt
aus: Die Meisterschaftsrunden in Frank- geworden zu sein oder Bennett. In England gibt
reich, den Niederlanden und Belgien sind gar an Selbstverletzung es vier Profiligen.
abgesagt; andere Ligen ringen noch um die gedacht zu haben. Fast Traumgagen werden
Entscheidung, wann, wie und ob es über- jeder zehnte Profi hatte nur in der Premier Lea-
haupt mit dem Fußball weitergehen kann, nach eigenen Angaben gue gezahlt. In den Klas-
England will ab 17. Juni wieder spielen. mit Suchtproblemen zu sen darunter haben die
Ein Schlaglicht darauf, was diese Un- kämpfen. Zwei Drittel meisten Profis oft zu
ANDREW POWELL / LIVERPOOL FC / IMAGES

sicherheit bei den Profis auslösen kann, machten sich Sorgen um geringe Einkünfte, um
wirft eine Umfrage der PFA, einer Art ihre Fußballkarriere und Rücklagen für das Kar-
Spielergewerkschaft für Fußballprofis auf ihren Lebensunterhalt. riereende zu bilden.
der Insel. Die PFA wollte von ihren Mitglie- »Für die aktuellen »Von den ehemaligen
dern wissen, wie sie sich in der Pandemie Spieler ist es ein Problem, Spielern haben jetzt vie-
fühlten, ob sie Probleme bekommen hät- dass sie keine Struktur le Angst um ihren Job«,
ten, etwa durch Glücksspiel oder Alkohol. mehr in ihrem Leben ha- sagt Bennett, »viele sind
Von 262 aktiven und ehemaligen Spie- ben«, sagt PFA-Direktor Selbstständige, fahren
lern sagten 177, dass sie Unterstützung Michael Bennett, »sie wis- Reisebusse, sind Taxifah-
bräuchten – für ihr Wohlergehen, aber sen nicht, ob sie wieder Liverpooler Spieler bei Training rer oder Ähnliches.« ULU

95
Sport

»Wenn’s läuft, dann läuft’s«


Operation Aderlass Die Enttarnung eines Doping-Netzwerks wurde als riesiger
Erfolg gefeiert. Doch nicht nur der Umgang mit einem Sportler nährt Zweifel am Ablauf
der Ermittlungen. Welche Rolle spielte dabei ein bekannter ARD-Reporter?

DOMINIK BUTZMANN / DER SPIEGEL

Ehemaliger Eisschnellläufer Lehmann-Dolle in Berlin: »Es war eine sehr unangenehme Situation«

96
E
r war im Urlaub, knapp 8000 Ki- jetzt sieht er den Zeitpunkt gekommen, Mitte Januar 2019 hatte die ARD einen
lometer weit weg von seinem sich zu wehren. »Denn ich habe mittler- Film über den Wintersportler mit dem Ti-
Wohnort Berlin, als das Handy weile jedes Vertrauen verloren, dass man tel »Gier nach Gold« ausgestrahlt. Autor:
von Robert Lehmann-Dolle inner- mich fair behandelt«, sagt der Student der Hajo Seppelt. Darin erzählte Dürr über
halb weniger Minuten immer wieder klin- Sportwissenschaft und Sportpsychologie. seine Dopingerfahrungen im Leistungs-
gelte. Es war der 23. März 2019. Der ehe- Als die Nada im Mai mitteilte, dass ein sport, unter anderem wie er an bayeri-
malige Eisschnellläufer kannte die Num- sportrechtliches Verfahren gegen ihn eröff- schen Autobahnraststätten und thüringi-
mer auf dem Display nicht. »Was ist?«, net wurde, berichtete auch der SPIEGEL schen Parkplätzen Eigenblut injiziert be-
schrieb er per WhatsApp an den Anrufer. über die Vorwürfe gegen den Berliner. kommen hatte.
Minuten später erreichte den 36-Jähri- In der »Operation Aderlass« kommt Später kam heraus, dass Dürr, der an-
gen eine Sprachnachricht, 36 Sekunden Lehmann-Dolle eine besondere Bedeutung geblich geläuterte Dopingsünder, parallel
lang. Absender: der ARD-Dopingexperte zu: Er war der erste deutsche Profisportler, zu den Dreharbeiten wieder mit verbote-
Hajo Seppelt. Der Reporter bat in einer dessen Name bekannt wurde. Und auch nen Blutinjektionen begonnen hatte. Ende
»eiligen Angelegenheit« um Rückruf, die an seiner Geschichte lässt sich aufzeigen, Januar 2020 wurde er deshalb vom Lan-
»zunächst erst mal eine vertrauliche« sei. dass es gute Gründe gibt, die Ermittlungen desgericht Innsbruck zu einer Bewährungs-
Ein kurzes Telefonat folgte. Lehmann- in diesem Verfahren zu hinterfragen. strafe verurteilt.
Dolle erinnert sich, wie Seppelt, 56, ihn Dabei geht es um das Vorgehen der Glaubt man den Angaben der Schwer-
damit konfrontierte, dass er in seiner akti- Nada, aber auch um die sehr engen Drähte punktstaatsanwaltschaft München, die auf
ven Zeit gedopt haben soll. Lehmann- zwischen der Anti-Doping-Agentur, den deutscher Seite die Ermittlungen über-
Dolle fragte ihn dann sinngemäß: Wie Ermittlern und dem Journalisten Seppelt. nahm, war die Ausstrahlung der TV-Do-
kommen Sie darauf? Seppelt habe geant- Dass die Nada und die Ermittler zusam- kumentation der Startschuss der »Opera-
wortet, jemand habe ihn belastet. »Er hat menarbeiten, ist durchaus erwünscht, tion Aderlass«. Sendetermin war der
mich dann immer wieder gefragt, was ich doch fraglich ist, wie in diesem Fall Infor- 17. Januar von 16 bis 17 Uhr in der ARD.
dazu zu sagen habe, aber ich meinte nur: mationen verwertet, wie schnell Indizien Noch am selben Tag will der Oberstaats-
Ich sage dazu nichts und habe aufgelegt«, zu vermeintlichen Wahrheiten wurden. anwalt Kai Gräber die Ermittlungen ein-
erklärt Lehmann-Dolle. »Danach habe ich geleitet und die Nada Anzeige gegen un-
mich erst mal hingesetzt und überlegt, was bekannt erstattet haben, wegen Verstößen
ich jetzt machen soll.« gegen das Anti-Doping-Gesetz.
Am Tag darauf meldete die »Sport- Erfurter Netzwerk Dem Oberstaatsanwalt Gräber, 55, kam
schau«, dass ein deutscher Eisschnellläufer Vom Blutdoping durch den Sportarzt Mark das Dopingnetzwerk womöglich mehr als
mutmaßlicher Kunde des Erfurter Doping- Schmidt betroffene Sportler gelegen. Das zehnjährige Bestehen seiner
arztes Mark Schmidt war. Zwei Tage spä- Schwerpunktstaatsanwaltschaft stand kurz
ter erhielt Lehmann-Dolle ein Schreiben Radsport Skilanglauf bevor. Für gewöhnlich hat diese mit illega-
der Nationalen Anti-Doping-Agentur len Pillen in Fitnessstudios zu tun. »Ein
(Nada), dass er sich wegen Doping verant- 12 unglaubliches Timing«, sagte Gräber bei
worten müsse. Nach einem weiteren Me- der ersten Pressekonferenz zur »Opera-
dienbericht, in dem von »Robert L.« die nach tion Aderlass«, die auf den Tag der Jubi-
Rede war und somit deutlich wurde, um Sportarten läumsfeier terminiert war. »Wenn’s läuft,
wen es sich handelt, suspendierte der Biathlon, 8 dann läuft’s.« Direkt neben ihm auf dem
Olympiastützpunkt Berlin Lehmann-Dol- Eisschnelllauf, je 1 Podium saß sein Vorgesetzter, der bayeri-
le. Seinen Job als Nachwuchstrainer ist er Leichtathletik, sche Justizminister Georg Eisenreich.
seitdem los. Triathlon, Von Beginn an war die Rede von einem
Er aber sagt: »Ich habe nie gedopt.« Skibergsteigen weltumspannenden Netzwerk, das enttarnt
Ob das der Wahrheit entspricht, weiß in worden sei. Was an sich nicht falsch ist, bei
erster Linie nur Lehmann-Dolle. Klar ist, genauerem Hinsehen stellt sich jedoch he-
dass es keinen Beleg dafür gibt, dass er ma- Scheinbar im Nu gelangten immer wieder raus, dass dieses Etikett zu großspurig war:
nipuliert hat – keinen positiven Blut- oder vertrauliche Erkenntnisse an den ARD-Re- Die Tatorte liegen fast ausschließlich in
Urintest. Alles, was es gibt, ist die Aussage porter. Und zumindest in einem Fall war Europa, und darüber hinaus sind die Be-
eines mutmaßlichen Betrügers in U-Haft. es offenbar andersherum: Wie es aussieht, schuldigten weitestgehend Unbekannte.
Es ist Mark Schmidt, offenbar der wanderten vertrauliche Informationen aus Auch gab es zunächst keine deutschen
Drahtzieher eines Dopingzirkels, der An- Recherchen von Journalisten zu den Er- Doper. Zumindest war dies das Fazit aus
fang des vergangenen Jahres im Rahmen mittlern. den ersten Vernehmungen des Arztes
der »Operation Aderlass« enttarnt wurde. Dass Medien und Behörden auch mal Schmidt. Mehrfach wurden er und seine
Schmidt wird vorgeworfen, etwa zwei Dut- kooperieren, um Sachen aufzudecken, ist mitbeschuldigten Helfer nach deutschen
zend Athleten aus acht Nationen unter an- nicht ungewöhnlich. Wenn aber Journalis- Athleten gefragt. Das wird von mehreren
derem mit Eigenblut gedopt zu haben. Bei ten, um ihre Geschichten zu pushen, staat- Verteidigern unabhängig voneinander be-
Durchsuchungen im Februar 2019 nahm liche Stellen mit brisantem Material belie- zeugt. Schmidts Anwalt, der Erfurter Straf-
die Polizei ihn, einige Helfer und fünf Ski- fern und sich damit zu deren Gehilfen ma- verteidiger Juri Goldstein, sagt: »Man
langläufer fest. chen, ist das ein Dammbruch. kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
Das Landgericht München hat jetzt die Einen solchen Vorgang jedenfalls legt als ginge es der Staatsanwaltschaft Mün-
Anklage gegen den beschuldigten Arzt und in der »Operation Aderlass« ein Aktenver- chen ausschließlich darum, dass deutsche
seine mutmaßlichen Mittäter zugelassen, merk nahe. Er stammt aus einem Innsbru- Namen genannt werden, damit sie daraus
der Prozess soll im September beginnen. cker Verfahren gegen Johannes Dürr, ei- eine Sensation machen können.«
Einige Sportler wurden inzwischen ge- nen ehemaligen österreichischen Skilang- Die Ermittler brachten auch den Namen
sperrt, viele räumten den Betrug ein – läufer, der ebenfalls in dieser Geschichte Claudia Pechstein ins Gespräch. Die Eis-
nicht so Lehmann-Dolle, der bislang stets eine zentrale Rolle einnimmt. Denn mit schnellläuferin, fünfmalige Olympia-
zu den Vorwürfen geschwiegen hat. Doch Dürr fing alles an. siegerin, sieht sich seit Jahren Doping-

DER SPIEGEL Nr. 23/ 30. 5. 2020 97


Sport

vorwürfen ausgesetzt – ihr Name hätte die Warum hat sich Lehmann-Dolle nicht öf- In einem Schriftsatz hat der Jurist ge-
»Operation Aderlass« noch bedeutsamer fentlich gewehrt? »Ich hatte sehr, sehr lange fordert, die Schiedsklage gegen seinen
erscheinen lassen. Doch Schmidt konnte die Hoffnung, dass die Sache gut ausgeht«, Mandanten abzuweisen. Seine Argumen-
nicht liefern. Über Pechstein wisse er nichts. sagt er. »Ich habe mich zurückgezogen, tation: Es gebe keinerlei Beweise. Es gebe
Auf Nachfrage betont die Staatsanwalt- nicht weil ich etwas zu verbergen habe, son- nur Schmidt, und der sei nach Aktenlage
schaft, sie sei ergebnisoffen vorgegangen. dern weil es eine sehr unangenehme Situa- unglaubwürdig.
Der Mediziner stand unter hohem tion war. Vielleicht war das falsch.« In seiner Einlassung greift Anwalt Partsch
Druck. Seine Existenz stand auf dem Spiel. Lehmann-Dolle war im Frühjahr 2019 auch den Münchner Chefermittler Gräber
Wie aus den Akten hervorgeht, wollte er als Nachwuchstrainer am Olympiastütz- an, der als Zeuge bei der Schiedsgerichts-
so schnell wie möglich aus der U-Haft ent- punkt in Berlin beschäftigt. Im November verhandlung aufgetreten war. Dieser habe
lassen werden, um wieder in seiner Erfur- wurde er fristlos entlassen. Gegen die Kün- im Rahmen der mündlichen Verhandlung
ter Praxis arbeiten zu können, seine Kre- digung geht er gerichtlich vor. »die Vernehmungen von Dr. Schmidt in
dite zu bedienen. Zudem hat er einen klei- Strafrechtlich hat er nichts mehr zu be- allen wesentlichen Punkten falsch« geschil-
nen Sohn. fürchten, weil die Gesetzeslage zum ver- dert, sagt Partsch. Unter anderem habe die-
Hatte er zuvor explizit ausgesagt, dass meintlichen Tatzeitpunkt eine andere war. ser zunächst behauptet, in den Vernehmun-
es keine deutschen Namen gebe, belastete Sportrechtlich aber muss er sich verant- gen sei nicht nach deutschen Wintersport-
er plötzlich am 19. März 2019 Lehmann- worten: Im März wurde sein Fall vor dem lern gefragt worden – was jedoch eindeutig
Dolle. Schweren Herzens, wie er zu Pro- Schiedsgericht der Nada verhandelt. Darin aus den Akten hervorgehe.
tokoll gab, man sei befreundet. Eine Sai- sei nichts Substanzielles gegen seinen Man- Die Staatsanwaltschaft sagt, sie könne
son habe dieser das mitgemacht, eventuell sich auch deshalb nicht dazu äußern, weil
auch im Winter vor den Olympischen Spie- sie Unterlagen dieser Verhandlung nicht
len in Sotschi. vorliegen habe. Auch die Nada wollte
Die beiden Männer kennen sich von ei- grundsätzlich nicht Stellung beziehen, mit
ner Radtour auf Mallorca 2005. Lehmann- Verweis auf das noch laufende Verfahren.
Dolle hatte sich dort für Olympia vorbe- Der Mann, der Lehmann-Dolle als Ers-
reitet. Danach sei man auch mal zusam- ter mit den Vorwürfen konfrontiert hat,
men in den Skiurlaub gefahren. Lehmann- berichtet weiterhin regelmäßig über den
Dolle: »Natürlich habe ich ihn auch mal Fortgang der Ermittlungen in der »Opera-
um Rat gefragt, etwa als ich Pfeiffersches tion Aderlass«.
Drüsenfieber hatte. Aber behandelt hat er Hajo Seppelt ist ein renommierter Re-

GETTY IMAGES
mich nie.« porter. Er arbeitet seit rund 35 Jahren für
Bleibt die Frage, warum Schmidt eine die ARD, etablierte sich als Experte für Do-
Falschaussage tätigen sollte. »Das wurde ping. Für seine Arbeiten gewann er Preise,
ich immer wieder gefragt, auch von der 2018 ehrte ihn Bundespräsident Frank-Wal-
Nada«, sagt Lehmann-Dolle. »Ich weiß es ter Steinmeier mit dem Verdienstkreuz am
nicht. Ich habe keine Erklärung dafür.« Bande. Zwei Jahre zuvor hatte Seppelt die
Der Anwalt des Sportlers, der Berliner TV-Produktionsfirma EyeOpening.Media
Jurist Christoph Partsch, sieht im Druck gegründet und beliefert die Öffentlich-
der U-Haft die Antwort. »Es liegt sehr Rechtlichen mit Filmen über Doping und
nahe, dass Schmidt in der Kooperation mit Korruption im Sport. Die Inhalte treibt er
ZOLLFAHNDUNGSAMT MÜNCHEN

den Ermittlern den Schlüssel zur Freiheit selbst auf. Je exklusiver, desto besser.
sah«, sagt Partsch. »Das erklärt auch, wa- Investigativer Journalismus ist kein
rum er kurz darauf jede weitere Aussage leichtes Geschäft. Oftmals ist es sehr zäh,
verweigerte, laut Akten ›stocksauer‹ war.« an brisante Informationen heranzukom-
Schmidts Verteidiger sagt: »Auch wenn men. Die Geschichte des österreichischen
es zwischenzeitlich mal anders berichtet Skilangläufers Johannes Dürr war dagegen
wurde, mein Mandant schweigt seit Lan- ein leichter Fang. Im Sommer 2018 hatten
gem, weil seine Aussagen ihm bis dato ARD-Reporter Seppelt, Blutbeutel in Erfurt sich der Journalist und der Sportler ken-
nichts gebracht haben.« »Ich könnte hier allenfalls spekulieren« nengelernt. Dürr trainierte zu der Zeit für
Lehmann-Dolle, geboren in Erfurt, ist ein Comeback und arbeitete zusammen
für Deutschland dreimal bei Olympia an- danten vorgebracht worden, sagt sein Ver- mit Martin Prinz, einem befreundeten
getreten, 2006, 2010 und 2014. Nach einem teidiger. Vielmehr hätte die Nada einge- Schriftsteller, an einem Buch über den
27. Platz in Sotschi beendete er seine Kar- stehen müssen, dass kein verwertbares Weg zurück in den Leistungssport. Beide
riere. »Das war lange geplant. Ich wollte Blutprofil von Lehmann-Dolle vorläge, an- Seiten einigten sich auf ein TV-Projekt, ein
danach Trainer werden.« Wollte er zum hand dessen sich mögliches Doping nach- »Psychogramm« des vermeintlichen Ex-
Schluss noch einmal glänzen? »Damit ich weisen ließe. Sie hätten nur drei Blutpro- Dopers Dürr, wie sie sich gegenseitig
dann auf Platz 19, 20 oder 25 lande?«, ent- ben von dem ehemaligen Eisschnellläufer, schriftlich zusagten. Namen von Hinter-
gegnet er, »tut mir leid, aber ich weiß nicht, bräuchten aber vier, um Aussagen treffen männern und Beteiligten der Betrugs-
ob sich das Risiko lohnt.« Er sei am Ende zu können. maschinerie sollten nur vertraulich aus-
seiner Karriere einfach »so weit weg« ge- Lehmann-Dolles Verteidiger zeigt sich getauscht und nicht öffentlich werden.
wesen von der Weltspitze. fassungslos: »Die Sportler werden bis zur Genau diese Namen gelangten dann
Zwei Tage nachdem Schmidt in seiner Unendlichkeit gepikst, und zum Schluss doch an die Ermittler. Am 21. September
Vernehmung Lehmann-Dolle belastet hat- kommt jemand und sagt, diese Blutproben 2018 hatte Seppelt den Langläufer im thü-
te, schwärzten zwei anonyme Hinweis- seien nicht verwertbar?« Seinen Vorschlag, ringischen Oberhof interviewt. Dort er-
geber Lehmann-Dolle bei der Nada an, Proben von der Welt-Anti-Doping-Agen- wähnte Dürr mit Gerald Heigl und Harald
woraufhin die Dopingjäger aktiv wurden. tur und der Internationalen Eislaufunion Wurm einen Trainer und einen Kollegen,
Inhaltlich waren die Hinweise extrem dünn. hinzuzuziehen, lehnte die Nada ab. beides Dopingkollaborateure. Rund zwei

98 DER SPIEGEL Nr. 23/ 30. 5. 2020


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Sport

Monate später, am 13. November, legt ein an, bekam Einblick in die Akten – und
Ermittler des österreichischen Bundeskri-
minalamts einen Amtsvermerk an, der
sich später in den Strafakten zu Dürrs Pro-
fand den Vermerk. »Das zu lesen hat mich
nicht überrascht«, sagt Prinz, der seine
Entdeckung im Zuge seiner Aufarbeitung
Angriff der
zess findet: »Dürr Johannes soll im Sep-
tember 2018 durch ein Journalistenteam
zu (...) seinen Dopingpraktiken und sei-
in der »Neuen Zürcher Zeitung« publizier-
te. »Vielmehr bildete es für mich das letzte
Puzzleteil in dem Bild, das sich bei mir
Aktivistin
nem versuchten Comeback als Spitzen- im Hinblick auf die ›Operation Aderlass‹ Basketball Die Berlinerin Satou
sportler im Langlaufsport interviewt wor- nach und nach ergeben hatte.« Prinz ver- Sabally hat es in die beste
den sein«, heißt es dort. »Demnach habe mutet, dass Dürr hintergangen wurde.
Dürr sämtliche Dopingpräparate wie Denn: Nur sechs Tage nach Ausstrah- Profiliga der Welt geschafft. Sie
EPO, Wachstumshormone (…) von sei- lung der ARD-Dokumentation hatten Er- will zeigen, dass sie mehr als
nem damaligen ÖSV Langlauf Cheftrainer mittler Dürr in Innsbruck vernommen – nur eine exzellente Athletin ist.
Gerald Heigl erhalten. (…) Dürr gab im als Zeuge. Während der Befragung, bei
Interview des Weiteren bekannt, dass sein der auch der Münchner Oberstaatsanwalt
Zimmerkollege und Freund Harald Wurm
dieselben Dopingpräparate (...) erhalten
habe.«
Und: »Durch den Informanten wurden
Gräber anwesend war, sollen sie Dürr jene
vertraulichen Interviewpassagen vorge-
halten haben, in denen er über Heigl und
Wurm spricht – vor Seppelts Kamera. Dies
E ine der wichtigsten Lektionen für
ihr Leben habe sie in den USA ge-
lernt, erzählt Satou Sabally: »Wenn
du gewinnen willst, musst du auch mal
(...) auch Videoauszüge aus dem Interview stützen E-Mails, die Dürr dem Reporter dreist sein, die Ellenbogen auspacken und
mit Dürr gezeigt bzw. vorgespielt, worin daraufhin schickte und in denen er diesen das Unmögliche versuchen.«
die oben angeführten Angaben von Dürr damit konfrontierte, » (...) sonst habe ich Auf dem Basketballfeld gelang ihr das
glaubhaft und ohne Zweifel in einer Inter- das noch nie irgendwo und niemandem bereits an einem Nachmittag vergangenen
viewsituation getätigt wurden.« gesagt!!« November. Da bewies sie der Welt, dass
Die vertraulichen Videoaufnahmen kön- Wie konnten die Passagen zu den Er- sie eine der Größten ihres Sports werden
nen wohl nur aus Seppelts Produktions- mittlern gelangen? Seppelt antwortet da- könnte. Sabally spielte noch für die Uni-
firma stammen. Doch Hajo Seppelt sagt: rauf: »Ich könnte hier allenfalls spekulie- versity of Oregon, und ihr Team hatte die
»Ich habe dem Wunsch entsprochen, ver- ren. Ich habe keine Kenntnis darüber, ob US-Nationalmannschaft für ein Testspiel
trauliche Informationen nicht zu veröffent- und gegebenenfalls wie Inhalte aus Inter- zu Gast.
lichen.« Er habe »Informationen zu den views an außenstehende Dritte gelangt In der Arena auf dem Campus in Eu-
Recherchen nicht mit staatlichen Ermitt- sein sollten.« gene wollten 11 530 Zuschauer sehen, wie
lern geteilt.« Dürr jedenfalls knickte unter dem sich die Amateure gegen den achtmaligen
Öffentlich wurde der Amtsvermerk Druck in der Vernehmung ein und nannte Olympiasieger schlagen. »Wir waren auf-
durch Martin Prinz, Dürrs einstigen Ver- einen weiteren Namen: Mark Schmidt. geregt wie kleine Kinder«, erzählt Sabally,
trauten. Die beiden hatten sich entzweit, Seppelt war dieser Name da offenbar »diese Frauen sind unsere Idole.«
als bekannt geworden war, dass Dürr auch schon lange bekannt, wie jedenfalls aus ei- Keinem Collegeteam war es in den ver-
während des gemeinsamen Buchprojekts ner Abschrift eines Audiomitschnitts her- gangenen 20 Jahren gelungen, die US-
weiter gedopt hatte. vorgeht, die einer österreichischen Kanzlei Auswahl zu besiegen. Doch Sabally traf
Prinz schloss sich als Nebenkläger dem vorliegt. Demnach erzählte Dürr dem spektakulär, oft aus der Distanz, erzielte
Dopingprozess gegen Dürr in Innsbruck Journalisten Seppelt schon bei einem wei- 25 Punkte. »Es fühlte sich an wie im
teren Treffen im Oktober 2018, wie er Rausch«, so beschrieb sie es. Oregon ge-
Blutdoping in Deutschland praktizierte – wann 93:86.
und wer ihm dabei half. »Das war der »Nach diesem Spiel war klar, dass Satou
Mark Schmidt, den kennen Sie«, so Dürr bereit für die Profiliga ist«, sagt Oregons
laut Abschrift. Antwort Seppelt: »Klar, Cheftrainer Kelly Graves, ein runder
den kenn’ ich.« Mann mit sonorer Stimme. Seit Mitte
Interessant ist die Passage deshalb, weil April gehört Satou Sabally, 22, nun zum
Seppelt in seinem 2019 erschienenen Buch Kader der Dallas Wings, einem von zwölf
»Feinde des Sports« schreibt, Dürr habe Klubs der amerikanischen Frauenliga
ihm bei dem Treffen gesagt, er werde die WNBA, das Pendant zur NBA.
Namen seiner Dopinghelfer öffentlich 6500 Zuschauer besuchen die WNBA-
nicht nennen. »Immerhin«, heißt es in Spiele im Schnitt, gut 2000 mehr als in
dem Buch, »räumte er ein, auch ein deut- der Basketball-Bundesliga der Männer.
scher Arzt sei beteiligt gewesen. Den Na- Und die Berlinerin macht sich dort auf
men behielt er für sich.« Seppelt streitet den Weg zu einer Weltkarriere, in einer
ab, den Ermittlern den Namen Mark Disziplin, in der die Deutschen bisher nur
Schmidt genannt zu haben. Mitläufer waren.
IMAGEBROKER.COM / ACTION PRESS

Schmidt sitzt derweil weiterhin in Un- Als Dallas Sabally verpflichtete, gratu-
tersuchungshaft, seit 15 Monaten. Die Län- lierte Dirk Nowitzki, der zwei Jahrzehnte
ge der U-Haft ist für viele Juristen nicht lang für die Dallas Mavericks gespielt hatte.
nachvollziehbar. Schmidts Verteidiger hat Die »New York Times« erklärte sie zu
deshalb das Bundesverfassungsgericht an- einem Talent, das die WNBA prägen wer-
gerufen. Die Entscheidung steht noch aus. de. Sabally sagt: »Ich wäre froh, wenn ich
Udo Ludwig, Antje Windmann mal mit der Mannschaft trainieren könnte.«
Mail: udo.ludwig@spiegel.de, Die Coronakrise zwingt auch die WNBA
Athlet Lehmann-Dolle bei der WM 2011 antje.windmann@spiegel.de zur Pause. Der Saisonstart, der für den
Am Ende »so weit weg« von der Weltspitze 15. Mai geplant war, ist auf unbestimmte

100 DER SPIEGEL Nr. 23/ 30. 5. 2020


dem Feld, ihre Durchsetzungskraft, der
Erfolgshunger. Es sei auch ihr Charakter.
Oregons Coach Graves erzählt, wie er mit
dem Team im Muhammad-Ali-Museum
in Louisville, Kentucky, gewesen sei. Die
meisten Spielerinnen seien wortlos durch
die Ausstellung über den Boxer und Bür-
gerrechtler gerannt. Sabally habe sich
jede Tafel durchgelesen, Zusammenhänge
hinterfragt.
Oft genug hat Sabally die Welt nicht
verstanden. Sie erzählt, wie sie in Berlin
mit ihren kleinen Brüdern in den Zoo ge-
gangen sei und man ihr zugerufen habe,
sie möge die Jungen zurück ins Affen-
gehege stecken. Oder wenn man sie we-
gen ihrer Hautfarbe angestarrt und drei-
mal gefragt habe, woher sie wirklich kom-
me. »Für manche Menschen werde ich nie
deutsch genug sein.«
Sabally hat die Sticheleien ertragen.
Schon deshalb sieht sie jetzt erst recht
keinen Anlass, sich wegzuducken. »Man
muss den Leuten ihre Engstirnigkeit wie

AP / PICTURE ALLIANCE
einen Spiegel vorhalten.« Das habe sie von
ihrem Vater gelernt. Und so kommentiert
und postet Sabally in sozialen Netzwerken,
was sie von Rassismus hält. »Ich will nicht
nur als Basketballerin gesehen werden,
Oregon-Spielerin Sabally (l.) im März: »Auch mal die Ellenbogen auspacken« sondern auch als Aktivistin«, sagt sie.
Sabally gehört zu einer neuen Athleten-
generation, die ihre Bekanntheit nutzt, um
Zeit verschoben, den Klubs ist der Trai- stammt aus Gambia, wo die Familie ein Missstände in der Gesellschaft anzupran-
ningsbetrieb untersagt. Sabally hält sich mit paar Jahre lebte. Vor ihrer Einschulung gern. Ihr Vorbild ist der inzwischen arbeits-
einem Privatcoach fit: täglich eine Stunde zogen sie nach Berlin, dort nahm ihr Vater lose NFL-Profi Colin Kaepernick, der wäh-
werfen, passen, dribbeln. Die meisten der Gelegenheitsjobs auf dem Bau oder in rend der Nationalhymne kniete, um gegen
neuen Teamkollegen kennt sie nur aus der Landwirtschaft an. Sabally wuchs in Polizeigewalt und Diskriminierung zu pro-
Videochats. Schöneberg mit sechs Geschwistern auf, testieren. Sie erzählt, wie ungerecht es sei,
An einem Montagmorgen hockt die jun- die Wohnung war eng, die Kinder waren dass die Fußballerinnen des US-National-
ge Frau mit den langen schwarzen Haaren viel draußen. teams schlechter bezahlt werden als ihre
im Schneidersitz auf dem Fußboden eines Die Trainerin des lokalen Basketballver- männlichen Kollegen, obwohl sie inter-
Apartments in Dallas. Es ist die Wohnung eins DBC entdeckte Satou Sabally auf ei- national viel erfolgreicher sind.
ihres Freundes Jalen Jelks, der für die Dal- nem Spielplatz, sprach sie auf ihre Größe Mit rund 65 000 Dollar pro Saison ver-
las Cowboys in der Football-Liga NFL an und lud sie zu einem Probetraining ein. dient auch Sabally einen Bruchteil des-
spielt. sen, was die Männer in der NBA erhalten.
Sabally sagt im Skype-Gespräch, sie Dort liegt das Mindestgehalt bei 900 000
spüre, welch große Erwartungen die Dallas »Für manche Dollar, der Durchschnittsverdienst bei sie-
Wings an sie haben, der Cheftrainer wolle ben Millionen.
sie zu einer Führungsfigur aufbauen.
Menschen werde Über die Wintermonate, wenn die
Schon im College galt Sabally wegen ihrer ich nie deutsch WNBA pausiert, wird Sabally wohl bei
Vielseitigkeit als Ausnahmetalent. Ihre
Teamkameraden tauften sie »Einhorn«,
genug sein.« einem Klub in Europa anheuern und da-
zuverdienen. Immerhin winke ihr bald ein
weil Spielertypen wie sie so selten sind. Werbevertrag mit einer Schuhfirma, sagt
Trotz ihrer Größe von knapp 1,90 Me- »Danach wollte ich nur noch Bälle in den sie. Mit dem Geld wolle sie die Familie
tern ist sie extrem flink, beherrscht den Korb werfen«, erzählt Sabally. daheim in Berlin unterstützen.
Ball wie eine Spielmacherin und kann sich Anfangs spielte sie nur gegen Jungs, Frauensport müsse mehr wert sein, fin-
unter dem Korb durchsetzen wie eine Cen- weil es kein Mädchenteam gab. In der sieb- det die deutsche Nationalspielerin. Doch
terspielerin. ten Klasse schickte ihre Mutter sie auf die der Weg dorthin sei weit, da genüge ein
Oregon-Coach Kelly Graves bezeichnet Sportschule im Stadtteil Weißensee, wo Blick auf das eigene Nationalteam.
die Linkshänderin als »die außergewöhn- die erste Übungseinheit um 7.45 Uhr be- Die aktuelle Auswahl gilt als die talen-
lichste Basketballerin«, die er je trainiert gann, abends trainierte sie bei TuS Lich- tierteste seit Jahren. Trotzdem fehlt seit
habe. Er habe Spielzüge extra auf sie zu- terfelde, lief mit 14 in der zweiten Liga der Februar ein Cheftrainer. »Offenbar hat der
geschnitten, aber er habe sie oft einfach Frauen auf. Drei Jahre später spielte sie Verband andere Prioritäten«, sagt Sabally.
machen lassen, weil er wusste, dass die für den USC Freiburg in der ersten Bun- »Aber das geht so nicht. Da werde ich mal
Deutsche liefern würde. desliga und machte nebenbei Abitur. mit den Verantwortlichen reden.«
Satou Sabally wurde in New York ge- Wegbegleiter sagen, das Besondere an Matthias Fiedler
boren, ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Sabally seien nicht nur ihr Können auf

101
Wissen

ROUELLE UMALI / XINHUA / EYEVINE / LAIF


179 Tablets mit Absolventenhüten, auf Roboterkörper montiert, vertraten Schülerinnen und Schüler am 22. Mai
nahe der philippinischen Hauptstadt Manila bei einer »Cyber-Graduation«. Nur per Facebook konnten die
Highschool-Absolventen an ihrer Abschlussfeier teilnehmen, denn zu Corona-Zeiten sind Großveranstaltungen
verboten. Zeugnisse gab es auch – sie wurden an den Körpern der Androiden angebracht.

Verpasste Chancen
Gerade einmal 8,5 Prozent der Feldstudien, ergab eine Twit-
ter-Umfrage unter gut 450 Forschern, können in Corona-Zeiten
wie geplant durchgeführt werden. Die Wirtschaftskrise, fürchten
Umweltschützer, könnte den Effekt noch verstärken, wenn
Analyse Wie das Coronavirus die Forschung zu dadurch Fördermittel ausblieben.
Ökologie und Artenschutz behindert Zugleich verpassen Ökologen Forschungschancen, die sich
erst durch die Krise ergeben: Der Lockdown bedeutet weniger
G Wohl selten in der Menschheitsgeschichte wurde mehr Hoff- Luftverschmutzung, weniger menschlichen Einfluss auf Lebens-
nung in Forscherinnen und Forscher gesetzt als in dieser Zeit – räume aller Art – das wäre eine einmalige Gelegenheit für ver-
in Virologen, Modellierer, Epidemiologen, Kliniker. Es ist die schiedene Disziplinen. Es sei so, als hätte man ein Raumschiff
Stunde der Wissenschaft. Doch auf der anderen Seite bremst der auf eine Reise zum Saturn geschickt, so Halpern, und müsste
globale Stillstand Artenschutz und Ökologie in ungeahntem Aus- nun ausgerechnet im Moment des Vorbeiflugs alle Instrumente
maß, warnen die Herausgeber der Fachzeitschrift »Biological abschalten.
Conservation«. Überall auf der Welt müssen Forscher derzeit Doch viele Forscher haben auch Hoffnung: Sie setzen auf Bür-
Feldstudien unterbrechen, Expeditionen absagen, Konferenzen gerwissenschaftler, die ihnen in diesen Monaten verstärkt durch
verschieben. Bedrohte Tierarten und Gebiete könnten nicht Beobachtungen in Wald, Feld und Vorgarten zuarbeiten. Und
weiter überwacht werden. Niemals zuvor, mahnt der kaliforni- die Pandemie könnte auch zu neuen Allianzen führen zwischen
sche Ökologe Ben Halpern im Fachblatt »Science«, »gab es Infektiologen und Artenschützern. Denn die Zerstörung von
einen so essenziellen globalen Einbruch bei Datenerhebungen Lebensräumen und der illegale Wildtierhandel machen es wahr-
über Arten und Ökosysteme«. scheinlicher, dass neue Seuchen entstehen. Julia Koch

102 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Gesundheit dern auch absterbende Zellen. den resistent gegen das Hor-
In der Kulturschale haben wir mon Insulin und können aus
»Gefährliche Entzündung« Makrophagen und Fettzellen diesem Grund keine Fette aus
zusammengebracht. Die der Nahrung mehr aufnehmen
Die Ulmer SPIEGEL: Stirbt das betroffene Makrophagen befielen die Fett- und speichern.
Biologin Pamela Gewebe ab? zellen und nahmen dann deren SPIEGEL: Ist das nicht sogar
Fischer-Posov- Fischer-Posovszky: Nein, Bestandteile in sich auf. Das gut?
szky, 47, hat zumindest nicht sofort. Eine geschieht vermutlich auch im Fischer-Posovszky: Nein,
herausgefunden, akute Sauerstoffunterversor- Gewebe von Menschen mit denn diese Fette werden nicht
wie genau Speck- gung – wir sprechen von einer starkem Übergewicht. wieder ausgeschieden, son-
polster den Hypoxie – fördert zunächst SPIEGEL: Führt das nicht dern sie lagern sich im Körper
ganzen Körper krank machen sogar die Bildung neuer Blut- dazu, dass die sterbenden Fett- ab: in der Leber, in der Musku-
können. gefäße und sorgt dafür, dass es zellen vertilgt werden und latur, am Herzen. Darüber
zu einer weiteren und die Entzündung anschließend hinaus breitet sich die Insulin-
SPIEGEL: Frau Fischer-Posov- zunächst gesunden Expansion abklingt? resistenz vom Fettgewebe auf
szky, das weiße Fettgewebe des Fettgewebes kommen Fischer-Posovszky: Sofern den ganzen Körper aus. Das
ist der größte Energiespeicher kann. Doch wenn das zu das Übergewicht bestehen kann das Risiko für die Entste-
des Körpers und hilft beim schnell geht, können neue bleibt, wird die Entzündung hung häufiger Begleiterkran-
Überleben. Warum schadet zu Blutgefäße nicht rasch genug leider chronisch. Es wandern kungen des Übergewichts
viel Speck im Bauch? nachwachsen; das Fettgewebe nicht nur immer neue Immun- erhöhen: Typ-2-Diabetes oder
Fischer-Posovszky: Fettgewe- ist chronisch unterversorgt zellen ins Fettgewebe, sondern Gefäßerkrankungen.
be ist sehr dynamisch und und verändert sich krankhaft. es kommt auch zu vorzeitigen SPIEGEL: Was hilft gegen krank-
kann bei Bedarf größer wer- SPIEGEL: Mit welcher Folge? Alterungsprozessen in den haft verändertes Fettgewebe?
den. Die Probleme beginnen, Fischer-Posovszky: Es kommt Fettzellen. Die Fettzellen wer- Fischer-Posovszky: Alle adi-
wenn eine kritische Grenze zu einer Entzündung. Unsere pösen Menschen, aber insbe-
überschritten wird. Bei Fett- Ergebnisse deuten darauf hin, sondere diejenigen mit Anzei-
leibigkeit werden Fettzellen dass Fresszellen des Immunsys- chen einer Entzündung, soll-
immer größer und können tems durch absterbende Fettzel- ten gegensteuern. Körperliche

SCIENCE PHOTO LIBRARY


einen Durchmesser von mehr len in das Fettgewebe gelockt Bewegung und eine Verringe-
als 200 Mikrometern errei- werden. Diese sogenannten rung des Körpergewichts kön-
chen. Sauerstoff aus den Gefä- Makrophagen sind unsere kör- nen die Sauerstoffversorgung
ßen kann dann nicht mehr ein- pereigene Müllabfuhr. Sie der Fettzellen verbessern und
dringen – die Fettzellen wer- erkennen und bekämpfen nicht auf diese Weise die Entzün-
den nicht ausreichend versorgt. nur Viren oder Bakterien, son- Fettzellen dung abklingen lassen. BLE

Botanik fügen alle Arten über die glei- und kommuniziert mit elektri- Fußnote

44,2
che Grundausstattung an schen Signalen wie wir Men-
Gefräßige Genen, die für die karnivore schen.« Grundsätzlich könn-
Gewächse Lebensweise entscheidend ten auch andere Pflanzen
ist. »Es ist faszinierend, wie trickreiche Fangmethoden
 Normalerweise dienen viel etwa die Venusfliegen- entwickeln und zu Fleischfres-
Pflanzen anderen Lebewesen falle aus diesen wenigen sern werden, so Hedrich: Terabit Daten pro Sekunde
als Nahrung. Doch statt sich Genen macht«, sagt Hedrich, »Die Innovationsschranke haben Forscher von den
selbst fressen zu lassen, »sie hat ein Nervensystem dafür scheint nicht sehr hoch australischen Universitäten
haben einige Arten die Fähig- wie manche primitiven Tiere zu sein.« JKO Monash, Swinburne und
keit entwickelt, Tiere zu ver- RMIT in Melbourne mittels
speisen. Forscher um Botani- eines neuartigen optischen
ker Rainer Hedrich und Bio- Chips per Glasfaser übertra-
informatiker Jörg Schultz von gen. Das berichten sie im
der Julius-Maximilians-Uni- Fachblatt »Nature Communi-
versität Würzburg haben jetzt cations«. Der Weltrekord
ergründet, durch welche glückte ihnen nicht nur im
H. DUTY / BLICKWINKEL / PICTURE ALLIANCE / DPA

genetischen Veränderungen Labor, sondern unter Ver-


Venusfliegenfalle, Sonnentau wendung von bereits existie-
und Wasserfalle im Laufe render Glasfasertechnik auch
der Evolution zu Fleischfres- auf einer Strecke von gut
sern wurden. Wie die For- 76 Kilometern. Die Übertra-
scher herausfanden, genügen gungsrate entspricht dem
offenbar erstaunlich wenig Herunterladen von 1000 HD-
Gene, um Gewächse gefräßig Kinofilmen in einer Sekunde.
zu machen. Obwohl sie völlig Die Technologie könnte bei-
unterschiedliche Methoden spielsweise 1,8 Millionen Haus-
einsetzen, um Insekten einzu- halte in der südaustralischen
fangen und zu verdauen, ver- Venusfliegenfalle, Beute Metropole zugleich versorgen.

103
Fischerei Der Appetit auf Oktopusse wächst. Biologen
forschen daher daran, die Tiere in
Aquakulturen zu züchten. Doch ist es ethisch vertretbar,
solch intelligente Geschöpfe einzusperren?
DAVE FLEETHAM / PLAINPICTURE

104
Wissen

D
ie erste Bekanntschaft zwischen ein globales Geschäft; zu ihnen gehören bewegen sich Trauben Hunderter milchig-
dem Biologen Carlos Rosas und neben Oktopussen auch Sepien und Kal- weißer Eier.
einem Oktopus endete nach we- mare. An vielen Orten der Welt gehören Die Konstruktion ist seine Erfindung,
nigen Wochen mit dem Tod. Ro- die Weichtiere zur traditionellen Küche, jahrelang hat er an ihr getüftelt. Ein steter
sas kaufte das Tier im Hafen des Dorfes werden gekocht und gebraten, dampf- Wasserstrom schützt das Gelege vor Bak-
Sisal auf der mexikanischen Halbinsel gegart und gegrillt, mariniert und fermen- terienbefall. Rosas, ein Mann mit tiefer,
Yucatán einem Fischer ab und setzte es in tiert. Auch in Deutschland, den USA und väterlicher Stimme, sagt: »In einer knap-
ein Becken an seinem Forschungsinstitut. Australien haben Köche das fettarme pen Woche werden sie schlüpfen.«
Er nannte es Octavio. Fleisch der Oktopusse entdeckt. Dem Oktopusnachwuchs steht eine ge-
Als Futter gab Rosas ihm einen Mix aus Die Fangmenge wächst seit Jahrzehn- fährliche Zeit bevor.
Fischmehl und Soja, so wie er es aus der ten; manche Gebiete vor Japan und Ma- Die größte Hürde auf dem Weg zu einer
Garnelenzucht kannte. Doch Octavio rokko gelten schon als überfischt. Befür- kommerziellen Oktopusfarm sind bislang
nahm nicht zu, so viel Futter er auch be- worter der Aquakultur argumentieren, die hohen Sterberaten. Manche Oktopus-
kam. Stattdessen, erzählt Rosas, sei der nur eine Massenhaltung könne die wach- arten gehen im Laufe ihres Lebens durch
Oktopus immer träger geworden. Eines sende Nachfrage nach Oktopussen de- mehrere Stadien, leben in verschiedenen
Morgens fand er ihn neben seinem Becken cken. Gegner fürchten, dass andere Tier- Wassertiefen und fressen unterschiedliches
auf dem Boden, völlig entkräftet. Jede Hil- bestände geplündert werden, um die Futter. Ihr Ökosystem nachzubilden ist
fe kam zu spät. Zuchttiere satt zu bekommen. Und Tier- extrem anspruchsvoll. Spanische Wissen-
Knapp 16 Jahre nach diesem Fehlschlag ethiker fragen sich, ob der Mensch schaftler waren vor wenigen Jahren die
wirft eine Mitstreiterin von Carlos Rosas Oktopusse, diese mysteriösen Kreaturen, Ersten, denen es gelang, den kompletten
in einem Flachdachgebäude der Nationa- überhaupt einsperren darf. Lebenszyklus der Art Octopus vulgaris in
len Autonomen Universität von Mexiko Carlos Rosas geht über das Gelände Gefangenschaft ablaufen zu lassen.
in Sisal einen Fleischwolf an. Ein Antriebs- der Universität, vorbei an Hallen mit Be- Es war ein Fortschritt, doch nur ein Drit-
riemen setzt sich in Bewegung, und die cken, in denen Seepferdchen und Um- tel der Tiere überstand die ersten 40 Tage,
Frau steckt gefrorene Stücke Meeresgetier berfische leben und Mikroalgen in wenn sie als sogenannte Paralarven wie
in den Schlund der ratternden Maschine. allen Grüntönen wachsen. In einem Plankton durch das Wasser treiben und
Immer wieder schaut sie auf einen Zettel kreisrunden Behälter drücken sich eine große Mengen an Lebendfutter vertilgen.
und überprüft die Mengenangaben: 630 Handvoll Oktopusse an den Rand. Einige Zu viele Tiere auf zu engem Raum werden
Gramm Kalmar, 270 Gramm Krebsfleisch, zwängen sich in schmale Röhren am sich oft gegenseitig gefährlich: Es gibt Re-
70 Gramm Gelatine, 30 Gramm Vitamine Grund, schneeweiß die einen, dunkel- ports von Laboroktopussen, in deren Haut
und Nährstoffe. rosa die anderen. Es wirkt, als suchten große Wunden klaffen. Manchmal fraßen
Das Rezept kenne sie noch nicht aus- sie größtmöglichen Abstand. Oktopusse sie sich gegenseitig die Arme ab.
wendig, sagt die Frau, denn Doktor Carlos schließen keine Freundschaften unter- Carlos Rosas hat den Vorteil, dass er
ändere ständig die Zutaten. Sie wiegt eini- einander. Carlos Rosas nennt sie »territo- mit der Art Octopus maya, dem Mexika-
ge Pulver ab und schüttet sie mit den klein riale Tiere«. nischen Vieraugenkraken, experimentiert,
gehackten Meerestieren in eine Schüssel, Schließlich führt Rosas in die Kinder- der im Golf von Mexiko heimisch ist. Die-
als würde sie einen Kuchen backen. Ein stube, seinen ganzen Stolz. Der Raum ist ser umgeht das Stadium der Paralarve,
alter Küchenmixer rührt eine braune Pam- nachtschwarz, im Lichtkegel seiner Stirn- schlüpft als eine Miniversion des erwach-
pe zusammen: spezielles Kraftfutter für lampe tauchen Regale und Wasserbassins senen Tieres und siedelt sofort am Meeres-
die Oktopusse. auf. Rosas leuchtet in ein schuhkartongro- grund. Er wird bis zu fünf Kilogramm
Die Rezeptur, Ergebnis jahrelanger Füt- ßes Becken. In einem speziellen Gehäuse schwer und ausgestreckt mitunter 1,30 Me-
terungsexperimente, könnte das Schicksal ter groß. Im Gegensatz zu anderen Spezies
der Kraken nachhaltig verändern – ob ist er friedfertiger. Kannibalismus beob-
zum Guten oder zum Schlechten, das muss achte er kaum, sagt Rosas – solange die
sich erst noch zeigen. Tiere satt sind.
Die massenhafte Aufzucht von Okto- Nach dem Tod seines ersten Oktopus
pussen gehört zu den großen Herausfor- ging Rosas die Suche nach dem perfekten
derungen der Fischindustrie. Der Mensch Futter systematisch an. Er erforschte den
sperrt Lachse zu Tausenden in schwim- Verdauungstrakt der Tiere, untersuchte
mende Netzgehege ein, er hat die Mast die dort wirkenden Enzyme. Dabei fand
von Garnelen perfektioniert und züchtet er heraus, dass die Zersetzungshelfer de-
sogar einen der größten Raubfische der nen von Wirbeltieren stärker ähneln als
Meere, den Blauflossenthun. Inzwischen denjenigen anderer Wirbelloser; hoch ver-
stammt ein Viertel des Meeresgetiers für arbeitetes Fischpulver können Oktopusse
den menschlichen Konsum aus einer nur schwer verdauen.
Farm. Immer wieder passte Rosas sein Rezept
Seit Jahrzehnten arbeiten Forscher welt- an, die Sterblichkeit sank. Inzwischen le-
weit daran, diesen Erfolg mit Oktopussen gen die Jungtiere innerhalb der ersten drei
zu wiederholen. Doch sämtliche Versuche Monate, die für den Erfolg einer Aquakul-
in einem kommerziell großen Maßstab tur entscheidend sind, von wenigen Milli-
THOMAS LINKEL / LAIF

sind bislang gescheitert. Bis heute wird gramm Gewicht auf anderthalb Gramm
jeder Oktopus, der auf einem Teller landet, zu. Bei ihm überleben schon jetzt deutlich
im Meer gefangen. Doch nun wähnt sich mehr Tiere als bei den spanischen Wissen-
das Team um Carlos Rosas vor dem Durch- schaftlern, rund 70 Prozent. Carlos Rosas
bruch. sieht sich auf einem guten Weg.
Die Industrie wittert mit der Mast von Delikatesse Oktopus an Süßkartoffelpüree Wenn die Massenzucht gelingt, rückt
Cephalopoden, zu Deutsch Kopffüßern, Die Fangmenge steigt seit Jahrzehnten eine Frage in den Vordergrund: Ist diese

DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020 105


JAKE NAUGHTON
JAKE NAUGHTON

Babyoktopus, Biologe Rosas im Forschungsinstitut in Sisal: »Schweine sind auch intelligent, und wir essen sie trotzdem«

Haltung ethisch vertretbar? Die faszinie- darüber streiten die Experten. Mather Carlos Rosas selbst hat kein Problem
renden Kopffüßer sind die intelligentesten spricht den Tieren eine Persönlichkeit zu damit, Oktopusse zu essen. Am liebsten
wirbellosen Tiere des Planeten. Rund ein wie einigen Säugetieren, mit einem Schatz bereitet er sie im heimischen Ofen zu, in
Drittel aller Nervenzellen eines Oktopus an Erfahrungen und Erinnerungen. Eben- einem Sud aus Knoblauch und Zwiebeln.
befindet sich in seinem Zentralgehirn, die so wie bei Nutztieren wie Rindern oder Er sagt, gewiss seien Oktopusse sehr kluge
restlichen verteilen sich hauptsächlich auf Schweinen über eine artgerechte Haltung Tiere. »Aber Schweine sind auch intelli-
die acht Arme und steuern diese weitge- gestritten werde, müsse man diese Frage gent, und wir essen sie trotzdem.«
hend unabhängig. Hunderte Saugnäpfe auch bei Oktopussen debattieren. Der Wissenschaftler Rosas hat seit je
dienen als Tastsinn und Sensor für Mole- Die Forscherin Mather lehnt eine Hal- eine eher unsentimentale Haltung zu Tie-
küle zugleich. Ein Oktopus lebt in einer tung in Becken zwar nicht grundsätzlich ab, ren. Er wuchs zusammen mit acht Ge-
Welt der chemischen Botschaften, die für mahnt aber: »Je mehr Raum wir ihnen ge- schwistern bei seiner Mutter in Mexiko-
den Menschen unzugänglich ist. ben für ihre Entfaltung und je mehr Rück- Stadt auf. Das Geld sei ständig knapp ge-
Wie diese eigentümlichen Meeresge- zugsmöglichkeiten, desto besser.« In einem wesen, erinnert er sich, und erzählt von
schöpfe zu ihrer erstaunlichen Intelligenz Kommentar zu einer EU-Richtlinie für Tier- einem Freund, der zu Hause ein paar Fi-
kamen, ist Verhaltensforschern bis heute sche hielt. Als diese Nachwuchs bekamen,
ein Rätsel. Im Unterschied zu vielen an- verkauften die Kinder die Jungtiere an ein
deren hochentwickelten Tieren sind die Wenn die Meere sich benachbartes Aquarienhaus. So besserten
meisten Cephalopoden Einzelgänger. Sie durch den Klimawandel sie sich ihr Taschengeld auf.
erkennen weder sich noch ihre Artgenos- Die Faszination für Meerestiere bestimm-
sen im Spiegel und kommen sich bloß ein weiter erwärmen, sind te bald Rosas’ Leben. Nach seinem Biolo-
einziges Mal im Leben absichtlich nahe: die Bestände in Gefahr. giestudium baute er am Golf von Mexiko
während der Paarung. Biologen vermuten eine provisorische Forschungsstation in ei-
hinter der Intelligenz eine Anpassung an ner Garage auf. Dort widmete er sich der
die feindliche Unterwasserwelt. Ständig in haltung zu Forschungszwecken schreiben Aufzucht von Krustentieren. Manchmal gab
Gefahr, entwickelten sie nicht nur die Fä- Wissenschaftler, dass eine naturähnliche Be- er ihnen Elektroschocks, um an Samenzel-
higkeit, sich täuschend echt zu tarnen, son- hausung den Oktopus vor Stress bewahrt – len für künstliche Befruchtungen zu kom-
dern auch Probleme zu lösen. auch wenn niemand genau weiß, wie stark men. »So wurde ich Spezialist für die Sper-
In Experimenten gelangen Oktopusse Kopffüßer eigentlich unter Stress leiden. mienqualität von Garnelen«, sagt Rosas.
an Futter, das im Innern von drei ineinan- Aquakulturentwickler Rosas sagt, er Anfang des Jahrhunderts erhielt er den
der verschachtelten Gefäßen eingeschlos- werde sich zwar an der Richtlinie orientie- Auftrag, das Institut in Sisal aufzubauen,
sen war. »Sie haben eine wundervolle Art, ren. Doch als Behausungen hält er einfa- um die Aufzucht von Oktopussen zu er-
Dinge zu erkunden«, sagt die kanadische che Plastikrohrstücke für angemessen, wie forschen. Rosas sprach einige Frauen aus
Psychologin Jennifer Mather, eine der er sie bereits in seinen Becken einsetzt. In dem Dorf an, die in einem Gemeinschafts-
renommiertesten Expertinnen für das Ver- nachgebauten Riffen sieht er vor allem garten Rüben und Kohl anbauten. Er frag-
halten von Oktopussen. »Jedes Mal, wenn Kosten, denn sie müssen instand gehalten te sie, ob sie ihm bei seinem Projekt helfen
wir ihnen eine Aufgabe geben, finden sie und gereinigt werden. Die Diskussion um könnten, und versprach ihnen ein kleines
eine Lösung.« eine mögliche Persönlichkeit von Oktopus- Einkommen, sollte die Zucht gelingen.
Was das geistige Vermögen der Tiere sen hält er für überzogen. Man dürfe die Rosas sagt, die Frauen hätten ihn ange-
für ihre Haltungsbedingungen bedeutet, Weichtiere nicht vermenschlichen. schaut wie einen Außerirdischen.

106 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Wissen

Das kleine Dorf Sisal lebt seit Genera- entlang der Küste. »Die Oktopusfischerei Carlos Rosas kennt die Argumente sei-
tionen vom Oktopusfang. An einem hei- ist eine Haupteinkommensquelle in Yuca- ner Gegner. Er gibt zu, dass Futter aus
ßen Morgen verlassen Dutzende Barken tán«, sagt Sébastien Proust, der Krebsfleisch und Kalmar weder öko-
den Hafen und steuern hinaus aufs Meer. Mexikokoordinator des Uno-Programms. logisch noch wirtschaftlich tragbar sei.
In einem mintgrünen Boot sitzt Antonio »Wir wollen eine Überfischung verhindern Er experimentiert deshalb mit Bei-
Cob, 60, die Haut sonnengegerbt. Seine und gleichzeitig den Fischern eine Alter- mengungen aus Silage oder Mehl aus
Frau gehört zu jener Gruppe, die bei native bieten.« Schlachtresten wie Federn und Blut, die
Carlos Rosas angeheuert hat. Als der Die Frage, ob Meerestierfarmen der bereits für anderes Tierfutter verwendet
Fischer von dem Forschungsprojekt erfuhr, Natur schaden oder nutzen, ist umstritten. werden. Für am besten geeignet hält er
reagierte er entgeistert: »Das wird nicht Je mehr Aquakulturen es gibt, desto stär- allerdings Fischabfälle. Rosas sagt, sie
funktionieren.« ker treten die ökologischen Nebenwir- würden an der Küste ohnehin in rauen
Nach einer knappen Stunde ist das Fest- kungen zutage. Für den Hunger der Mengen anfallen: »Die Fischer filetieren
land zu einem Strich am Horizont ge- Menschen auf Garnelen werden Mangro- ihren Fang und werfen den Rest weg,
schrumpft, und Cob wirft einen Anker aus. venwälder abgeholzt, Chemikalien, Kot die Köpfe, die Gräten, die Haut.« Rosas’
Er spannt vier Fangleinen, schnürt jeweils und Antibiotika aus Lachskäfigen flie- Ziel ist es, das Krebsfleisch vollständig zu
einen Krebs als Köder an ihre Enden und ßen häufig ungefiltert in die Meere, und ersetzen. »Wir sind etwa bei der Hälfte«,
wirft sie aus. Geduldig wartet er, bis sich immer wieder brechen Tiere aus und ver- sagt er.
die Leine strafft. Es dauert nur ein paar mischen sich mit wilden Populationen. Ein Problem aber bleibt: Wer Okto-
Minuten, dann zieht er die Leine zügig Doch das größte Problem liegt darin, pusse von einer Farm isst, der nimmt den
zu sich heran. Acht Arme umschließen dass die meisten Zuchtmeerestiere mit Fischereidruck von einer Art, doch er ge-
seine Hand. anderen Meerestieren gefüttert werden fährdet gleichzeitig den Bestand anderen
Cob erzählt davon, wie sein Vater die müssen. Meeresgetiers.
Fischerei von seinem Großvater lernte, Besonders schlecht ist die Verwertung Auf dem Schreibtisch in Carlos Rosas’
und er wiederum von seinem Vater. Der des Futters beim Thunfisch, der weit oben Büro rollt der Techniker des Aquakul-
brachte ihm bei, wie er mit einer Schnur in der Nahrungspyramide steht. Er muss turprojekts einen Plan aus. Die Karte
die vielversprechendste Wassertiefe findet, bis zu 15 Kilogramm Fisch fressen, um zeigt ein hektargroßes Gelände in den
genau sechs Armlängen, oder wie er an ein Kilo Gewicht zuzulegen, bei Okto- Dünen, nur wenige Hundert Meter von
einem der acht Arme Weiblein von Männ- pussen beträgt das Verhältnis etwa 3:1. seinem Forschungsinstitut entfernt. 16
lein unterscheidet. Mit ihm, sagt Cob, wer- Auch wenn er im Vergleich besser ab- runde Becken sind zu sehen, Büroge-
de die Tradition jedoch enden. schneidet, warnt die Umweltökonomin bäude, ein Kindergarten für die Entwick-
Cob weiß, dass vor den Oktopusfi- Jennifer Jacquet von der New York Uni- lung der Oktopuseier. Rosas sagt, der
schern von Yucatán eine schwere Zeit lie- versity vor einer Aufzucht im Becken. »Es Vertrag für das Grundstück sei unter-
gen könnte. Noch steigern sie ihre Fang- gibt keine Belege dafür, dass Fischfarmen zeichnet.
menge; und mit einem jährlichen, sieben- die Bestände in den Meeren entlasten«, Zu Beginn streben die Forscher keinen
monatigen Fangverbot versucht die Regie- sagt Jacquet. »Die Aquakultur ersetzt die geschlossenen Zyklus an. Um an Oktopu-
rung, den Bestand zu schützen. Fischerei nicht, stattdessen kommt sie ein- seier zu kommen, werden sie Wildtiere
Doch die Experimente in Rosas’ Labor fach obendrauf.« paaren; Antonio Cob wird deshalb wei-
liefern beunruhigende Erkenntnisse für terhin mit seiner Barke aufs Meer hinaus-
die Fischerei: Als der Forscher einige fahren. Zudem plant die Kooperative, die
Oktopusweibchen in 30 Grad Celsius Kopffüßer nur bis zu einem Schlachtge-
warme Becken setzte, hörten sie auf, Eier wicht von 50 Gramm großzuziehen. Sie
zu legen; und als er Oktopuseier wärme- möchte sie als Minioktopusse an die ge-
rem Wasser aussetzte, schlüpfte kaum hobene Gastronomie verkaufen. Er ste-
noch Nachwuchs, und die wenigen he schon mit mehreren Küchenchefs in
Jungtiere waren missgebildet. Rosas’ Kontakt, sagt Rosas, die Nachfrage sei
Schluss ist eindeutig: Wenn die Meere groß.
sich durch den Klimawandel weiter er- Acht Arme In den kommenden Monaten wird man
auf dem Gelände Baumaschinen sehen,
wärmen, sind die Bestände im Golf von
Mexiko in Gefahr. Oktopus-Arten, die für die Aquakultur die den Boden für die Becken ebnen. Die
Inzwischen hält sogar Antonio Cob für infrage kommen* *Auswahl
Männer und Frauen der Koooperative
möglich, dass die Zukunft des Dorfes in Mexikanischer Vieraugenkrake werden Leitungen bis zum Meer legen
der Aquakultur liegt. Er ist zu einem der und zwei mächtige Pumpen anschließen.
fleißigsten Helfer in der Kooperative ge- Verbreitung: Golf von Mexiko (vor Yucatán) Über die Becken wollen sie Stoffe span-
worden. Körpergewicht: bis 5 kg nen, damit sich das Wasser in der sengen-
Rosas’ Mitstreiter nennen sich Molus- Anzahl der Eier: 2000 den Sonne nicht zu stark aufheizt. Mithilfe
cos del Mayab, Weichtiere der Halbinsel einer Videokamera sollen Eindringlinge
Yucatán. Die Kooperative besteht aus Ei-Größe: 17 mm von der Farm ferngehalten werden. Und
sechs Mitgliedern. Alle arbeiten ehren- Nahrung: Krabben, Fische, Schnecken wenn der Bau nach Plan läuft, wird der
amtlich, einige Frauen kommen täglich Forscher Carlos Rosas im September wie-
JANE BURTON / DORLING KINDERSLEY

ins Institut und bereiten stundenlang Gemeiner Krake der darauf warten, dass in einem dunklen
Futter für die Oktopusse vor, andere Raum aus einer Traube von Eiern Jung-
Verbreitung: Mittelmeer, Atlantik
wie Antonio Cob fischen im Auftrag der tiere schlüpfen.
Wissenschaftler. Körpergewicht: bis 10 kg Für die ersten 1400 Bewohner der
Seit September fördert ein Entwick- Anzahl der Eier: 100000 bis 500000 Spezies Octopus maya soll dann alles
lungsprogramm der Vereinten Nationen bereit sein. Martin Schlak
Ei-Größe: 2 mm
das Projekt mit 50 000 US-Dollar. Es soll Mail: martin.schlak@spiegel.de
ein Vorbild werden für weitere Anlagen Nahrung: Krabben, Garnelen, Muscheln

107
Wissen

goldenen Zeitalter der Segelschifffahrt. Dennoch seien tyrannische Einzelgän-


Teufel an »Ich sitze auf einem Kosmos spannender
Geschichten«, sagt der Gelehrte, der die
ger nach der Art Käpt’n Ahabs wahrschein-
lich eher die Ausnahme gewesen, so
verblasste Tinte auf den Dokumenten mit- Schmidt. »Die Royal Navy hätte nicht so
Bord unter nur mühsam entziffern kann.
Das unter dieser Fragestellung nie zuvor
erfolgreich sein können, wenn die Herr-
schaft an Bord allein auf Gewalt und
analysierte Material ergibt ein faszinieren- Unterdrückung beruht hätte«, sagt der His-
Geschichte Bislang unbekannte des Panorama seemännischen Ungehor- toriker. Tatsächlich sind es den alten Akten
Gerichtsakten zeigen, sams in früheren Zeiten. Seine Arbeit spei- zufolge häufig sogar die Kapitäne gewesen,
wie es auf Schiffen früher se sich aus einer »gehörigen Portion ›Boun- die heikle Situationen durch Augenmaß,
ty‹-Frust«, meint er mit Blick auf die my- Erfahrung oder auch Charisma wieder be-
zuging. Bei vielen thisch verklärte Meuterei auf dem Drei- ruhigten. Als etwa Leutnant Tobias Lisle
Fahrten drohte eine Revolte. master im Jahr 1789. »Der Fokus der For- an Bord der HMS »Oxford« im Jahr 1704
schung lag bisher auf spektakulären versuchte, sich bei Offiziersanwärtern fort-
Einzelfällen«, kritisiert Schmidt. Vernach- während durch Prügel Respekt zu ver-

E s war ein handfester Skandal, der die


britische Royal Navy gleich zu Be-
ginn des 18. Jahrhunderts erschütter-
te. An Bord seines eigenen Schiffs, der
lässigt worden sei hingegen das Alltags-
leben an Bord, bei dem sich Matrosen und
Führung ständig in einer »Grauzone zwi-
schen totalem Befehl und Gehorsam einer-
schaffen, ließ ihn Kapitän Joshua Moore
kurzerhand in seine Kabine sperren.
Durch unhaltbares Betragen fiel 1704
auch der Schiffskaplan der HMS »Assu-
HMS »Fox«, war Kapitän George Colt von seits und offenem kollektiven Aufruhr an- rance«, John Cruickshank, auf. Der Geist-
seinem Leutnant James Hutchinson atta- dererseits« bewegten, sagt Schmidt. Dem- liche torkelte häufig nur über Deck. Ein-
ckiert worden. Immer wieder zerrte Hut- nach gerieten Mannschaft und Kapitän mal saß er Pfeife rauchend auf einem Sta-
chinson an den Kleidern seines Chefs und weit häufiger aneinander als bekannt. pel Handgranaten; der Hinweis, das Schiff
schubste ihn auf dem Achterdeck mehr- Allein die nun erstmals erzählte Ge- könne explodieren, machte den Akten zu-
mals zu Boden – ein ungeheurer Vorgang. schichte des irrlichternden Kapitäns folge kaum Eindruck auf den Kaplan.
Mehr noch: Der Untergebene beschimpf- George Colt könnte ein Buch füllen. Der Als er sich weigerte, eine zusätzliche
te den Kommandanten vor den Augen der Royal-Navy-Kommandant ging mit einem Predigt zu halten, war das Maß voll: Kapi-
Mannschaft als »Irren« und »altes Weib«. Degen auf seine Matrosen los, knüppelte tän Robert Hancock ließ den Widerspens-
Offenbar war die Ordnung an Bord des mit einem Gehstock auf Leutnant Hutchin- tigen unter Arrest stellen. Cruickshank
Kriegsschiffs völlig aus den Fugen geraten. son ein und ließ sogar auf ein Handels- drohte mit »göttlicher Verdammnis« und
Im Oktober 1711 befand ein Kriegs- schiff des eigenen Landes feuern. Befehle giftete, Hancock trage »Satan im Herzen«.
gericht über den Fall groben Ungehorsams. der Admiralität überging er selbstherrlich. Seiner dauerhaften Abberufung von der
Das überraschende Urteil: Das vermeint- Es war aber letztlich ein anderer Umstand, Seelsorge im Schiffsdienst durch ein
liche Opfer, Käpt’n Colt, durfte nie wieder der seine Mannschaft davon überzeugte, Kriegsgericht konnte der Trunkenbold da-
ein Schiff befehligen. Der Leutnant hin- dass er den Verstand verloren hatte. durch nicht entgehen.
gegen wurde freigesprochen. Colt war der festen Überzeugung, vom Konflikte an Bord waren nahezu unver-
Diesen und Hunderte ähnliche Fälle Teufel verfolgt zu werden. Er spannte so- meidbar. Alkohol war als fester Teil der
hat der Historiker Patrick Schmidt von gar seine Mannschaft ein, um ihn bei der Bordverpflegung eingeplant. Den briti-
der Universität Rostock im Zuge eines Jagd auf seinen eingebildeten Gegner zu schen Matrosen stand täglich eine Gallone
Forschungsprojekts in den Nationalarchi- unterstützen. Einmal feuerte der offenbar Dünnbier (gut vier Liter) zu. Alternativ
ven in London aufgespürt; sie stecken Geisteskranke gar mit einer Pistole auf sei- erhielten sie einen halben Liter Rotwein
in Kriegsgerichtsakten aus dem späten ne Koje, begleitet von dem Ausruf: »Bes- oder einen Viertelliter Rum. »Das militä-
17. und frühen 18. Jahrhundert, dem ser ich töte dich, als dass du mich tötest.« rische System förderte den Alkoholkon-
sum systematisch, schritt aber sofort rigide
ein, wenn es bei Trunkenheit Fehlverhal-
ten gab«, sagt Historiker Schmidt.
Dünnhäutig reagierte die Crew, wenn
der gewohnte Speiseplan verändert wurde.
Jeder Matrose hatte täglich Anspruch auf
etwa 4500 Kilokalorien. Eine eintönige
Versorgung mit Pökelfleisch, Schiffszwie-
back, trockenen Bohnen, Käse, Dörrobst
und wohl zumeist ranziger Butter hielt die
Besatzung halbwegs bei Laune.
Wie schnell die Stimmung kippen konn-
UNITED ARCHIVES / IFTN / PICTURE ALLIANCE / DPA

te, zeigt der Fall der 1703 vor Tunis in


Nordafrika ankernden HMS »Flambo-
rough«. Kapitän Joseph Mighells hatte fri-
sche Lebensmittel einbehalten, im Glau-
ben, sie seien ein Geschenk der Behörden
an ihn persönlich.
Die Strafe folgte einige Zeit später
durch ein Kriegsgericht: Drei Monats-
gehälter des Kommandanten wurden ein-
behalten und einem Invalidenheim der
Royal Navy gestiftet. Frank Thadeusz
Filmszene aus »Meuterei auf der Bounty«, 1962: Täglich vier Liter Dünnbier

108 DER SPIEGEL Nr. 23 / 30. 5. 2020


Ist Impfen eine
moderne Erfindung?
Neues aus der SPIEGEL-Welt: Die SPIEGEL EDITION »Pest, Cholera, Corona« zeigt,
wie die Menschheit sich über Jahrtausende gegen Epidemien gewehrt hat.

ROCKY MOUNTAIN LABORATORIES, NAT / SCIENCE PHOTO LIBRARY; THREE LIONS / GETTY IMAGES (L.)
Experimentelle Pockenimpfung in England 1796 Herstellung von Gelbfieber-Impfstoff in den USA 1940

I
mpfungen gehören zu den wirksamsten medizinischen Leben. 1807 führte das Königreich Bayern deshalb
Verfahren überhaupt. Früher lebensbedrohliche, hoch als erstes Land weltweit eine Impfpflicht gegen Pocken ein.
ansteckende Krankheiten wie die Pocken oder Polio Lesen Sie mehr zum Thema in der neuen Ausgabe
(Kinderlähmung) wurden durch Impfungen ganz oder von SPIEGEL EDITION: »Pest, Cholera, Corona. Die größ-
fast ganz ausgerottet. Nicht zuletzt deshalb ist die Hoffnung ten Epidemien aller Zeiten«.
auf einen Impfstoff gegen das derzeit grassierende Corona-
virus so groß. Durch eine Impfung lernt das Immunsystem
quasi unter Trainingsbedingungen, mit einem Krankheits- Weitere Themen der aktuellen
erreger umzugehen – und ist so gewappnet, wenn es zu einem Ausgabe »Pest, Cholera, Corona«
echten Wettkampf mit Viren oder Bakterien kommt.  Ägypten: Was weiß man über
Was klingt wie eine moderne Entdeckung der medizi- Seuchen im Pharaonenreich?
nischen Forschung, ist ein ziemlich altes Prinzip – schon dies  Venedig: Der lange Kampf gegen die
entkräftet die These vieler Verschwörungstheoretiker, die mittelalterliche Pest
globale Pharmaindustrie stecke mit ihren Wirtschaftsinteressen  Hamburg: Die falsche Cholerapolitik
hinter den heute üblichen Schutzimpfungen. Spätestens  Alaska: Wie Schlittenhunde
Mitte des 16. Jahrhunderts kannte man in China die Methode, Diphtheriepatienten retteten
Gesunden den gemahlenen Schorf von Pockenpusteln in die
Nase zu blasen, um sie vor einer Ansteckung zu schützen. SPIEGEL EDITION vertieft gesellschaftlich relevante
Im 18. Jahrhundert gingen Angehörige europäischer Königs- Themen und stellt dafür die besten Texte aus
häuser bei der weiterentwickelten »Inokulation« gegen die SPIEGEL, SPIEGEL GESCHICHTE und den Digitalangeboten
Pocken vor, nicht zuletzt um den Fortbestand ihrer Dynastien des SPIEGEL zusammen.
zu sichern. Diese im Vergleich zu heute primitiv wirkenden Erhältlich im Zeitschriftenhandel und
Immunisierungsverfahren retteten damals schon unzählige unter amazon.de/spiegel. 156 Seiten; 12,90 Euro.

109
Kultur

ANNETTE MESSAGER / VG BILD-KUNST, BONN, 2020 / FOTO: REBECCA FANUELLE


MARKUS SCHINWALD / BILDRECHT, WIEN, 2020

Werke von Schinwald, 2010, Messager, 2019/20

Ausstellungen stellende Apparaturen im Gesicht oder auch Masken. Der in


Berlin lebende Libanese Rabih Mroué wiederum hat mit Kreide
Ahnung und Gegenwart lauter Selbstporträts geschaffen und ist doch nicht als Individu-
um erkennbar, eher als schemenhafte Gestalt im dunklen Nichts.
 Wenn das Kunsthaus Bregenz am 5. Juni nach Corona-beding- Noch an anderer Stelle löst sich das Persönliche im Allgemeingül-
ter Schließung wieder öffnet, wird es bereits erste Bilder zur tigen auf. Nach einer Kopfoperation im Oktober hatte die Pari-
Krise präsentieren. Die Schau heißt »Unvergessliche Zeit«. Eini- ser Künstlerin Annette Messager angefangen, Schädel zu malen,
ge dafür ausgewählte Werke wurden während der vergangenen denn ihr sei klar geworden, »dass ich wirklich sterblich bin«.
Wochen geschaffen, andere sind eine Spur älter, wirken aber wie Sie setzte die Serie fort, als die Pandemie sich ausbreitete; einer
eine Vorwegnahme des Ausnahmezustands. So malt der öster- ihrer Totenköpfe trägt eine Maske. Es sind Bilder, die für die
reichische Künstler Markus Schinwald schon länger altmeister- Angst vor Krankheit und Tod stehen, aber auch für das verfrem-
lich wirkende Porträts, doch tragen seine Protagonisten oft ent- dete Antlitz – und so erschreckend gut zum Heute passen. UK

Literatur Straßenpflaster vor der Kirche. ren, ins Schwimmbad oder zur wird. Wohin führt das Leben?
Stiller Eigensinn Die Erzählerin von Jhumpa Psychoanalytikerin. Mit jedem Diese Frage schwingt in allen
Lahriris neuem Roman »Wo weiteren Kapitel dieses schma- Erzählungen und Romanen
 Eine Stadt in Italien, das ich mich finde« (Rowohlt), len, intensiven Romans wird der Schriftstellerin Jhumpa
Meer ist nicht weit. Und wer eine Unidozentin, schaut deutlicher, wie viel Selbstbe- Lahiri mit. Als Kind indischer
genau hinschaut, kann im genau hin. Sie verbringt ihr stimmung in ihrer eigensinni- Einwanderer wurde sie in Lon-
Straßenbild leicht jene Details Leben als beobachtende Fla- gen Zurückgezogenheit liegt. don geboren und wuchs in den
entdecken, die Italiens Atmo- neurin, und so folgt der Leser Doch die Stadt um sie herum USA auf, heute lebt sie in Ita-
sphäre ausmachen: ein Mar- über den Zeitraum etwa eines verändert sich – ein alter lien