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José Ortega y Gasset

TAGEBUCH EINER SOMMERFAHRT


(Notas del vago estio)

1925

Entnommen aus

Stern und Unstern · Über Spanien


S. 183-248

Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart


1952
UNTERWEGS

Welche Lust, dahinzurollen auf den Landstraßen Ka-


stiliens. Da die Erde so nackt ist, sieht man die Wege sich
unverhüllt den Wellen des Bodens anschmiegen. Kopf-
über stürzen sie sich beherzt in die Schlucht, um federn-
den Sprungs die gegenüberliegende Höhe zu gewinnen,
und man ahnt, daß sie im Fortwandern fröhlich singen,
die unverwüstlich Jungen. Auf dem Rot und Gelb der
weiten Landschaft sehen sie manchmal wie der große
Namenszug des Malers aus.
Im unaufhörlichen Wechsel der Felder zu beiden Sei-
ten sind sie die tugendhafte Beständigkeit. Immer sich
selbst gleich schlingen sie sich, getreu den Weisungen
der Wegebaudirektion, um die Kilometersteine und ver-
binden so die Landschaften; sie verknüpfen die einzelnen
Stücke jeder Provinz und dann die Provinzen untereinan-
der und wirken den großen Teppich Spaniens. Wenn sie
eines Nachts verschwänden, wenn ein Kobold sie ent-
wendete, geriete Spanien in Verwirrung; es würde zur
gestaltlosen Masse, und jede Scholle, in sich selbst ver-
schlossen, kehrte ungesellig und barbarisch allen anderen
den Rücken. Das Wegenetz ist der Blutkreislauf der Na-
tion, der sie zusammenhält und den Strom eines Geistes
in ihrem ganzen Körper zirkulieren läßt. Das haben die
Nationalökonomen in ihren Traktaten hundertmal gesagt,
und man ist baß erstaunt, wenn man plötzlich findet, daß
sie recht haben.

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Tagebuch einer Sommerfahrt

Aber auch ein Weg hat seine Leiden, moralische und


körperliche. Zum Beispiel wenn unvermutet zwei oder
drei andere Wege vor ihm liegen — der Kreuzweg, das
Trivium oder Quadrivium. Was dann? Welchen Weg soll
der Weg nehmen? Unschlüssigkeit ist eine Qual. Maimo-
nides schrieb ein berühmtes Buch, ein Kompendium aller
wesentlichen Weisheit, dem er den Titel gab: Wegleitung
der Unschlüssigen. Kein Zweifel, zum Schlimmsten
im Leben gehört das Schwanken, wenn man sich zwi-
schen mehreren gleichwertigen Möglichkeiten entschei-
den soll. Je heftiger die Vernunft in solchem Falle arbei-
tet, um so tiefer verstrickt sie sich in Ratlosigkeit, und
um so klarer wird ihr, mit Respekt zu sagen, wieviel sie
im Grund vom Esel Buridans hat. Ein paarmal im Leben
ist es uns so ergangen. Dann braucht es einen herzhaften
Entschluß zum Abenteuer und etwas wie Pascals Wette;
man muß sich auf den Kreuzweg stellen und Kopf oder
Wappen spielen.
Unter den physischen Leiden ist eines besonders
scharf und schrecklich. Er geht so sacht für sich hin, der
brave Weg, und auf einmal — ratsch! — durchfährt ihn
der Eisenbahnstrang. Es ist Sache eines Augenblicks,
aber sehr schmerzhaft, sehr chirurgisch, eine doppelte
Eisenspritze, die ihm durch und durch geht. Der Arme,
an dieser Stelle ist er nun für immer krank und muß ge-
schient werden mit den zwei Schranken des Bahnüber-
gangs, und man muß ihm einen Wärter beigeben, der
neben ihm wacht. Oft sehen wir im Vorüberfahren das

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Unterwegs

blutgetränkte rote Tuch, das der Wärter schwingt zum


Zeichen der Gefahr.
Und so weiter. Und so weiter.
Ein Panne. Wir sind in dem Bergland, das hinter dem
Paß gegen Avila abfällt. Die Region goldfarbener Wei-
zenfelder wird brutal unterbrochen von einem wild ge-
türmten Haufen graugrünen Gesteins. Das rauhe Antlitz
der kahlen Felsen erscheint so unvermittelt und plötzlich,
so ungerechtfertigt und unbegreiflich, das sein Gegensatz
zu dem üppigen Gold des Korns die Seele verstimmt.
Man weiß nicht, sind diese Felsbrocken von der Erde
ausgespien oder vom Himmel herabgefallen wie steiner-
ne Flüche.
Während der Chauffeur arbeitet, ein Sukkubus unter
dem Bauch des Wagens, und ich mich gegen das Schick-
sal auflehne und die Sonne grausam herunterglüht, sind
die beiden Kinder verlorengegangen, die ich bei mir ha-
be. Wohin sind die beiden Kinder verschwunden in der
ungeheuren Einsamkeit der Berglandschaft? Mir fällt das
Hai-Kai des toten Kindes ein:

Wo geht mein kleiner Jäger


Heut auf Libellenjagd?

Und die Wildheit der Szenerie jagt mir einen Schauder


über den Rücken.
Aber da sind die Kinder schon wieder; sie stehen auf
dem Gipfel eines der Felsentürme und schwenken mit
lustigem Geschrei die Mühlenflügel ihrer kleinen Arme
im Wind. Auf und ab klettern sie über die rauhe Felshaut,

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Tagebuch einer Sommerfahrt

verstecken sich, tauchen wieder auf, schießen imaginäre


Pfeile aufeinander und spielen Indianer unter dem reinen
Himmel.
Die Welt ist weicher, bildsamer Stoff für die mächtige
Phantasie der Kinder. Vielleicht ist unsere Rührung über
ihr zartes Alter ein wenig unangebracht, und im Grunde
sollten sie uns mit Rührung betrachten, da unser Leben
sich schon abwärts neigt. Sie dagegen . . . Neid, Staunen,
ja Entsetzen regen sich beim Anblick der Lebenskraft des
Kindes, die ganze Landschaften und schwerste Sorgen in
ihre gigantischen Kinnbacken nimmt und mit einer Geste
göttlicher Anmut aus dem wilden grauen Gestein hier ein
zierliches Spielzeug macht.
Ein wenig weiter, und wir sind in Martín Muñoz de las
Posadas, einem Dorf voll interessanter Dinge. Die
Schutzpatronin des Ortes ist die Jungfrau unter einer
sonderbaren Anrufung: Unsere liebe Frau der Verach-
tung, Nuestra Señora del desprecio.
Tierra de Campos. Überall reife Saaten, goldenes Ge-
treide, das im Winde wogt wie ein Meer. Die Mäher dar-
in, Schiffbrüchige unter der sengenden Sonne, die weit
mit den Armen ausholen, um das blaue Ufer des Hori-
zontes zu gewinnen.

BOGENGÄNGE UND REGEN

Spanien muß im Lauf seines Lebens eine hochgemute


Zeit gehabt haben, jene Zeit, da die großen Plätze mit
ihren Arkadengängen gebaut wurden, von denen in

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Bogengänge und Regen

manchen Städten ganze gedeckte Straßenzüge ausstrah-


len. Das adelige Bild der Vergangenheit ist uns so geläu-
fig, daß wir seinen Prunk kaum gewahren. Mir wenig-
stens, muß ich gestehen, ist erst heute aufgegangen, was
für eine Idee hinter dieser Art des Stadtbaus steht und
welchen Schwung ihre Verwirklichung voraussetzt. Ich
frage mich, ob die Gegenwart trotz des Reichtums und
Komforts, womit sie sich brüstet, eine ähnliche Leistung
aufweisen kann.
Der Aufwand war enorm für jene Zeit. Die stolzen
Schäfte der Säulen gaben allen Häusern das Ansehen von
Palästen und zwangen zu einer vorspringenden Konstruk-
tion, die schwierig und kostspielig war. Überdies verzich-
tete man zugunsten einer öffentlichen Straßenanlage auf
einen Teil des Grund und Bodens in einem Stadtgebiet,
wo er am teuersten war.
Als Idee setzt das eine Sänftigung des Gefühls voraus,
derengleichen man heute vergeblich suchte. Es erfordert
das Einverständnis und das gemeinsame Opfer aller Be-
sitzer zugunsten einer Abstraktion, zugunsten der Urbs.
Man wollte die Straße angenehm machen, den Spazier-
gang sichern, über den Regen triumphieren.
In der Stadt ist der Regen widerwärtig; denn er ist ein
unberechtigter Einbruch der urwüchsigen Natur in einen
kleinen, aus dem Kosmos ausgesparten Bereich, der aus-
drücklich geschaffen wurde, um das Natürliche und Ele-
mentare fernzuhalten. An dem Wilden befremdet uns am
meisten, daß er ohne Ekel am Busen der Natur leben
kann und sich im Schlamme niederwirft, unachtend

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Tagebuch einer Sommerfahrt

der Berührung von Kröte und Schlange. Es mußte eine


Zeit genialen Ekels kommen, durch den der halbe Kos-
mos zum Tabu wurde und das Stigma des Widerlichen
empfing. Dieser sublime Ekel ging in erster Linie gegen
das Feuchte. Bachofens großartige Konzeption scheint
sich allgemein zu bestätigen; er setzt eine Urzeit der Kul-
tur an, in welcher diese die Sumpfnatur, worin sie lebt,
aufs äußerste betont. Es ist die dumpfeste und dunkelste
Epoche: man wohnt in Pfahlbauten über toten Gewässern
von monströser Fruchtbarkeit — Pflanzen, Insekten,
Reptile, Menschen. Es ist die Zeit des Matriarchats; das
Weib herrscht, feucht und fruchtbar. Die Götter sind trüb,
und das ganze menschliche Dasein atmet die dicke,
schwüle Luft der Moräste.
Die Stadt ist der Versuch einer Sezession, den der
Mensch macht, um außerhalb der Natur und ihr gegen-
über zu leben, indem er sie nur in ausgewählten und ge-
reinigten Stücken benutzt. Aber . . . es regnet, und das
Wasser hat eine Zaubergewalt, alles zu mischen. Die
feuchte Haut spürt deutlich die Berührung der Dinge —
darum benetzen die Mandarinen genießerisch ihre Finger,
wenn sie die Jadekugeln betasten. Beim Heraustreten aus
dem Haus schwemmt der widerwärtige Guß uns von
neuem in die Natur hinein, und ein vages Erschauern,
vielleicht ein Überrest tausendjähriger Erfahrungen, erin-
nert uns an das Leben im Morast und die schielende,
schmutzige Stunde unserer Freundschaft mit Kröte und
Schlange.

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MADONNA MIT DEM WEIZENSIEB

Auf dem Lande jedoch rauscht der Regen manchmal


mit heiterstem Behagen herunter. In meinem Gedächtnis
klingt noch die Erinnerung an ein Gewitter in Kastilien
wie Musik, wie eine Sonate von Beethoven.
Es ist schon lange her, und das Erlebnis ist mir zum
Bild geworden. Ich folgte auf Eselsrücken den Spuren
des Cid, wie unser Meister Menéndez Pidal sie am Leit-
faden des Poema de Myo Cid festgestellt hat. Von Me-
dinaceli, wo der Dichter des ehrwürdigen Heldenliedes
wahrscheinlich gelebt hat, wandte ich mich nach Bara-
hona de las Brujas. Die Gegend gehört zu den höchsten
in Spanien und zu den ärmsten. Es gibt kaum Wege. Der
Gebrauch des Rades ist unbekannt. Alle Beförderung
geschieht auf dem Rücken von Lasttieren, und so
herrscht hier der Maulesel, der Sohn von Eselin und
Hengst, der wirklich ein verfeinerter Esel ist, recht zier-
lich und hübsch von Huf und Nüstern.
Ich kann die „mulos romos“, die so bodenständig und
altertümlich sind, nicht anschauen, ohne zu denken, daß
sie beinah der Sehnsucht des großen Juan Ramón Jimé-
nez genugtun würden1. Als er die illustrierte Ausgabe
von „Platero y Yo“ vorbereitete — eines bezaubernden

1
Juan Ramón Jimenez (geb. 1781 in Moguér) ist ein großer spani-
scher Lyriker. Platero y Yo, das den Untertitel Elegía Andaluza trägt,
ist die Geschichte eines Dichters und seines Esels. (Anm. d. Übers.)

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Tagebuch einer Sommerfahrt

Buches, zugleich einfach und erlesen, demütig und ster-


nenweit, das in allen spanischen Schulen als Prämie ver-
teilt werden sollte —, gelang es dem Illustrator nicht,
einen Esel zu zeichnen, wie ihn der Dichter träumte, und
der Dichter beklagte sich bitter und bat immer wieder, er
solle ihm einen feinen, sanften, anmutigen Esel malen.
„Ich will einen Esel aus Kristall“, flehte Juan Ramón den
verzweifelten Buchkünstler an. Nun, die mulitos romos
sind beinah Kristallesel. Es ist rührend, sie über die stei-
nigen Hänge der Sierra Ministra, Miedes, Barcones tra-
ben zu sehen, wohin nur Schafe und Disteln noch vor-
dringen, die letzten Bewohner des Unbewohnbaren.
Es war Augustwetter, schwül und unruhig, und in je-
nem kalten Land war man noch bei der Ernte. Um die
Ortschaften lag der goldene Gürtel der Felder, auf denen
die Getreidehocken wie gelbe Edelsteine glänzten. Um
Mittag kam ich nach Romanillos, einem Dörfchen, das
verschollen im Äthermeer lag. Ich trat ins Wirtshaus ein,
mich vor dem Übermaß von Sonne zu bergen. Nach der
blendenden Helligkeit draußen war der Flur wie ein fri-
scher Nebel. Dagegen wurde nun von seinem Dunkel her
die Toröffnung zu einer Filmleinwand, lichtgesättigt und
ein wenig unwirklich. Die Schnitter gingen dort vorüber
in kurzer Hose mit dem Halstuch der Leute aus Soria —
schmächtige, holzige Leiber, schwarze Köpfe, elfenbei-
nerne Zähne. Hinter ihnen trabten die Maulesel mit klin-
genden Glöckchen und trugen Säcke voll goldgelber,
frisch geworfelter Gerste. Das ganze Dorf, Män-

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Madonna mit dem Weizensieb

ner und Frauen, war auf dem Felde und arbeitete fieber-
haft; denn in dieser Jahreszeit droht immer Regen, und
die Ernte kann verfaulen, wenn sie nicht rasch genug
eingebracht wird.
Über den Horizont schiebt eine runde Wolke ihre
schwarze Schulter herauf, bös lauernd wie eine Hexe;
und eine sonderbare Spannung kommt in die Landschaft.
Auf einmal fegt ein Windstoß über die Schwelle und ent-
zündet den dämmerigen Flur mit zahllosen goldenen
Funken, winzigen Strohstäubchen, die flimmernd auf und
ab tanzen. Kurze Pause — und wieder ein Windstoß —
und noch einer. Ein paar Tropfen fallen und zerplatzen
im Wegstaub. Die Vorübergehenden beschleunigen ihre
Schritte. Die Tropfen werden rascher, und ein mächtiger
Donner rollt. Die Wolke bedeckt den Horizont. Sie
kommt en carrière, in einem triumphierenden Galopp, als
reise ein barbarischer Gott in ihr. Es regnet. Die Leute
laufen. Der Guß rauscht immer wilder. Abermals der
Donner, als ginge die Welt in Stücke. Ein Blitz peitscht
auf die Windrosse der Wolke ein. Wirbelnder Staub ver-
hüllt alles; auf einmal drängt sich ein Schwarm Männer
und Frauen in den Flur hinein, die Schutz vor dem Un-
wetter suchen. Lachen, Geschrei und die urwüchsige
Ausgelassenheit des Landvolks. Auf der Schwelle, als
Silhouette gegen das Licht, bleibt ein Mädchen stehen.
Der rote Rock preßt sich ihr um die Hüften, das weiße
Hemd bläht sich wie ein Segel unter dem schwellenden
Doppelwind der Brüste. Ihr Haar ist so blond wie die
Gerste, die Augen blau wie Quellen. Sie steht auf

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Tagebuch einer Sommerfahrt

einem Bein, der andere Schenkel ist hochgestellt und


dient einem Getreidesieb als Stütze, das sie im Arm hält.
Aus dem Geschrei dringt die kreischende Stimme ei-
ner Alten hervor; sie hat ein schwarzes, rissiges Gesicht
und Augen wie die Sibylle; von dem elementaren Ge-
schehen erregt, elektrisiert von den Blitzen und der Men-
schenansammlung sprudelt sie Unanständigkeiten, und
ihre geweiteten Pupillen sehen in der Luft die Priape, die
seit Urzeiten den Ernten vorsitzen. Das Mädchen auf der
Schwelle hört es und lächelt, und es ist, als löse in ihrer
unantastbaren Jungfräulichkeit die unflätige Anspielung
sich auf und vergehe. Sie ist so hübsch und unberührt, ich
will sie verehren als Madonna mit dem Weizensieb.
Das Gewitter zieht ab, die Böen lassen nach. Feuchte
Frische verbreitet sich, die nach Stroh und Wolken riecht.
Einzelne treten ins Freie hinaus. Man hört die Glöck-
chen der Esel wieder, und ein neuer Sonnenstrahl ver-
fängt sich im Haar meiner reinen Magd. Dem symphoni-
schen crescendo des himmlischen Aufruhrs folgt ein
sanftes diminuendo. Die Landschaft kehrt zu ihrem
Gleichmaß zurück, und ich reite weiter.
Bei sinkendem Abend sehe ich von einem Eichenge-
hölz aus Barahona de las Brujas vor mir. Aus der Ebene,
einer der höchsten in Spanien, erhebt sich eine kegelför-
mige Anhöhe. Auf ihrem Gipfel späht die Kirche ins
Land hinaus, und unter ihr, den Umriß des Hügels zer-
knitternd, drängt sich das Häusergewirr. Ich reite hinein
und — wunderliche Überraschung, die Einwohner

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Gebärden der Burgen

sind offenbar von Sinnen. In einem dichten Haufen stür-


zen sie bald hierhin, bald dorthin und schauen in die Luft.
Ist der Ort verzaubert? Sehen sie Geister? Welche ele-
mentare Macht hat die Menschen ergriffen? Wie gebannt
starren sie auf eine Erscheinung am Himmel, eine Feuer-
zunge wie jene bei der Ausgießung des Heiligen Geistes
zu Pfingsten.
Aus einem Bienenstand ist ein Schwarm ausgebro-
chen, und groß und klein verfolgt ihn, um ihn einzufan-
gen. Endlich hängt er sich in der höchsten Höhe des Dor-
fes an einem Turmvorsprung, und der letzte Strahl ver-
wandelt ihn in eine brodelnde goldene Traube.

GEBÄRDEN DER BURGEN

Auf der Reise, die eine Jagd nach Eindrücken ist, sind
Burgen und Kathedralen die großen Beutestücke, die wir
erlegen. Dabei wandern wir an Bildern von viel feinerem
Formen- und Farbenspiel vorüber; aber die Erscheinung
der Kathedrale oder der Burg, ungeheuer und phanta-
stisch über der stillen Linie des Horizontes, gibt uns ei-
nen Ruck, daß wir das Auge schärfen und uns bereit ma-
chen für die große Ergriffenheit. Offenbar sind wir alle
nicht frei von einem melodramatischen Erdenrest, der in
Gärung gerät, wenn diese steinernen Ungeheuer gestiku-
lierend in unser Gesichtsfeld treten.
Links in der Ferne segelt die Kathedrale von Segovia
wie ein verzauberter Ozeanfahrer stolz durch ein Meer

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Tagebuch einer Sommerfahrt

gelber Weizenfelder und erdrückt mit ihrer Beleibtheit


alle anderen Gebäude. Um diese Stunde ist sie oliven-
farben und scheint dank einer optischen Täuschung mit
ihrer Apsis die Saaten zu durchschneiden, während zwi-
schen ihren Strebebögen Stücke Himmelsblau durch-
schimmern wie zwischen den Rahen und Tauen eines
Schiffes.
Dann kommen die Burgen: Fuentes de Valdepero,
Monzón, Aguilar de Campóo . . . Allerdings ist die Rou-
te, die ich diesmal gewählt habe, wenig ergiebig an Bur-
gen. Aber das macht nichts; wenn eine auftaucht, wirkt
sie wie eine Beschwörung, und das Gedächtnis bevölkert
sich mit Türmen und zinnengekrönten Mauern. Wie eine
Herde auf den Pfiff des Hirten kommen sie hergetrabt aus
dem dunklen Schoß der Erinnerung, eine nach der ande-
ren, alle die Festen, die an den Straßen früherer Wander-
fahrten lagen. Jede bringt, an ihre Hänge geschmiegt, die
ihr zugeordnete Landschaft mit herauf, und jede hat ihre
eigentümliche Geste, aber alle sind maßlos, gespenstisch
und wie Traumwandler.
Dies ist die Burg Atienza. Sie blüht zuhöchst aus einer
zweiten natürlichen Burg hervor, welche die Felsen mit
ihrem leidenschaftlichen Hinausfahren über die ärmliche
Erde bilden. Atienza, una peña muy fort — Atienza, ein
Fels, stark wie keiner — singt der Dichter des Myo Cid,
und dann weiter mit unbestimmter Trauer: Atienza las
torres que moros los han — Atienza, die Feste gehört
jetzt den Mauren. Das hohe steinerne Fundament hat die
Form einer Barke, auf deren Bug sich die Ruine eines

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Gebärden der Burgen

Turmes erhebt. Man sieht es von weither ungewiß zwi-


schen Himmel und Erde schiffen. — Das ist die Burg
Berlanga, silberfarben aufgereckt auf einer mächtigen
Kalksteinklippe, die von weitem ebenfalls silbern glänzt,
so daß das Ganze wie eine getriebene Arbeit auf metalle-
ner Platte erscheint. Zu ihren Füßen liegen die Mauern
eines Renaissancepalastes, der, wenn ich nicht irre, dem
Kondestable von Kastilien gehörte, und noch tiefer unten
ein Nonnenkloster mit weitläufigem Garten. Wie man-
ches Mal habe ich vom Bergfried am frühen Nachmittag
den Nonnen zugeschaut, wenn sie klein und fern in der
Abgeschiedenheit ihres Obsthains Fangen spielten. Sie
jagten einander wie toll und entatmeten ihre zurückge-
drängte Lebensfreude, diese Gefangenen eines milden
Frauenhauses, die immer bereit sind zur himmlischen
Hochzeit. — Das ist die Burg Mombeltrán. In einer
Schlucht unterhalb Gredos, ganz Zierlichkeit, mit vielen
Rundungen; sie hütet das Tal, worin die fünf Ortschaften
von Mombeltran weiden. — Und Leire, schon nahe den
Pyrenäen, die Wiege des Königreichs Navarra, rauh und
urwüchsig, mit plumpen zwerghaften Gewölben aus dem
Anfang der Romanik, die so eng sind, daß wir im stillen
überschlagen, ob nicht ein Gotenhelm genau in sie hin-
eingepaßt haben mag. Im Hintergrund Buchen- und Na-
delwälder, eine nordalpine Flora; Spanien grenzt hier an
das feuchte Europa. — Und Jadraque. Wieder im dürren
Spanien, bleifarbene oder rote Erde. Ein unvermittelter
Kegel mit fast senkrechten Wänden, und balancierend
auf seiner Spitze das hochfahrende Gemäuer mit

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Tagebuch einer Sommerfahrt

seiner Herausforderung an die Umwelt. — Ungeheure


Gesten, ein gewaltiges Gebärdenspiel, abgesunken in das
Jenseits der Erinnerung. Wie sie dastehen, die Burgen,
auf hohen Warten, fast immer zerbröckelnd, geben sie
der Landschaft mit dem Gebirge im Hintergrund das
Aussehen verkalkter Kiefer, auf denen ein letzter Stock-
zahn übriggeblieben ist.
Jetzt verstehen wir ein wenig besser die sichere melo-
dramatische Wirkung der Burgen auf ein nicht gar zu
verfeinertes Gemüt. In der Fauna der Eindrücke, auf die
der Reisende Jagd macht, sind Burgen und Kathedralen
eine Zwischengattung zwischen der reinen Natur und
dem reinen Menschenwerk. Die Landschaft allein, ohne
irgendwelche Gebäude, ist pure Geologie. Die Häuser-
komplexe der Städte oder Dörfer sind allzu menschlich,
zu gesittet und künstlich. Kathedralen und Burgen dage-
gen sind Natur und Geschichte in einem. Sie scheinen
natürliche Geschöpfe des steinernen Erdgrunds, und ihre
geplante Gestalt hat zugleich menschliche Bedeutung.
Ihre Anwesenheit steigert die Landschaft und verwandelt
sie zur Szenerie. Der Stein hört nicht auf, Stein zu sein,
aber er ist geladen mit geistiger Spannung. Dieser Syn-
these wird immer die heimliche Vorliebe aller jener See-
len gehören, die nicht in einem engen Rationalismus er-
starrt sind. Im Grunde empfindet der Mensch für seine
Vernunft, wenn er sie von innen betrachtet in ihrem täg-
lichen, bürgerlichen Gebrauch, nicht viel Achtung. Da-
gegen erschüttert es ihn, dieselbe Vernunft von außen zu
sehen als eine kosmische Erscheinung, eine Natur-

198
Ideen der Burgen

kraft. Dann begreift er, daß die Vernunft, das heißt das
Vermögen der Selbstbesinnung, letzten Endes eine eben-
so ursprüngliche Gewalt ist wie der Instinkt oder die
Gravitation.
Es gibt Epochen, in welchen die Menschen, selbst die
besten, die Erinnerung hieran verloren haben und nur das
Innermenschliche erleben, blind und taub für den übrigen
Kosmos. Dies sind die Zeitalter der Agora, des Markt-
platzes, der Akademien und Parlamente, in welchen der
Mensch von der unbestimmten Vorstellung ausgeht, daß
die Gesetze seines Kirchsprengels die Welt beherrschen
und sein kleiner Verstand alles entscheidet, ohne irgend-
wo Nebel und Geheimnisse übrigzulassen.
Zweifellos sind es Epochen der Klarheit, aber sie sind
ärmlich und saftlos. Es sind die sogenannten klassischen
Zeitalter, in welchen der Geist ein beschränktes, provin-
zielles Dasein führt und sich selbst allzu ernst nimmt.

IDEEN DER BURGEN

Ist die Schwärmerei und romantische Ergriffenheit,


ein unvermeidlicher Bodensatz bei Leuten mit einer lan-
gen Geschichte im Rücken, glücklich abgeschüttelt, so
beginnen die Burgen, uns Ideen zu offenbaren. Dieselben
überspannten Formen, durch die sie uns erschütterten,
laden uns jetzt zum Nachdenken ein. Ihr ein wenig grau-
siger und banal pittoresker Reiz rührt letzten Endes von
ihrer außerordentlichen Fremdartigkeit her; es geht uns

199
Tagebuch einer Sommerfahrt

mit ihnen wie mit der Giraffe oder dem Okapi. Schließ-
lich sind sie ja Häuser, die einmal Menschen gebaut ha-
ben, um darin zu leben. Aber das ist es: wie muß ein Le-
ben beschaffen sein, damit das Haus, worin es Wohnung
nimmt, eine Burg wird? Offenbar so verschieden von
unserem eigenen wie nur denkbar. Darum wirft uns die
Erscheinung dieser steinernen Ungeheuer mit dem Bi-
zeps ihrer Türme und der struppigen Mähne der Zinnen,
Wasserspeier und Kragsteine unvermittelt an den Gegen-
pol menschlicher Lebensformen.
Ein griechischer oder römischer Portikus, ein Zirkus,
ein Odeon erscheinen unserem eigenen Leben verwand-
ter als diese Herrensitze auf ihren Hochwarten, errichtet
zu Angriff und Verteidigung, finster und kampfbereit, die
ihre uralten Fangzähne unablässig in das Himmelsblau
schlagen.
In der Tat, verglichen mit der Burg steht das Altertum
der Neuzeit verhältnismäßig nahe; die Burg erscheint als
Verkörperung des Nichtmodernen in seiner vollkommen-
sten Ausbildung, und es zeigt sich, daß die Antike mo-
derner ist als diese prachtvolle, unvermischte Barbarei.
Es ist daher nicht erstaunlich, daß sich die Neuzeit vom
klassischen Altertum genährt hat und die modernen Wis-
senschaften und modernen Revolutionen beim Schall
griechisch-lateinischer Namen gemacht worden sind.
Unser öffentliches Leben, das geistige und das politische,
hat mehr von agora und forum als vom Rittersaal.
Und warum? Aus einem sehr einfachen und sehr tie-
fen Grund: wegen einer radikalen Verschiedenheit. Das

200
Ideen der Burgen

Mittelalter war personalistisch, das Altertum war kollek-


tivistisch; und die Neuzeit ist an ihrer Oberfläche, dem
öffentlichen Leben, ebenfalls kollektivistisch.
Der heutige Mensch ist nichts — er hat weder Rechte
noch Eigenschaften —, wenn er nicht Bürger eines Staa-
tes ist. Aber der Staat ist ein Kollektivum, das früher da
ist als jeder einzelne; „die anderen“ gehen dem einzelnen
voraus als eine Bedingung seines rechtlichen, morali-
schen und gesellschaftlichen Daseins. Der ursprüngliche
Nährboden seines Wesens ist also ein Gewebe von Kol-
lektivitäten. Ebenso war es in der antiken Welt; das Indi-
viduum war zunächst Bürger einer Stadt, und nur als sol-
cher besaß es menschliches Dasein.
Für den mittelalterlichen Feudalherrn dagegen gab es
nicht eigentlich einen Staat. Er besaß Rechte von Geburt
an, oder er erwarb sie mit seiner Faust. Diese Rechte ka-
men ihm zu, weil er war, wer er war, vor jeder Anerken-
nung von seiten irgendeiner Autorität. Das Recht haftete
an der Person; es war Privi-legium. Das öffentliche Le-
ben war genau genommen Privatleben, und der Staat ent-
stand nachträglich als eine Verflechtung persönlicher
Beziehungen. Diese Art des Rechtsgefühls zog eine we-
sentliche Instabilität des Rechtes nach sich. Wenn heute
jemand ein Recht besitzt, fühlt er sich sicher. Damals war
ein Recht das Unsichere par excellence, das, was nie-
mand verlieh und bestätigte, dessen Besitz und Bewah-
rung immer neu gewonnen werden mußte. Das Feudal-
recht birgt den Krieg in seinem eigensten Wesen im Ge-
gensatz zu dem antiken und moder-

201
Tagebuch einer Sommerfahrt

nen Recht, die zum Synonym des Friedens geworden


sind.
Doch wäre es ein Mißverständnis, zu glauben, daß der
mittelalterliche Ritter Gewalt für Recht hielt. Es handelt
sich um etwas Subtileres. Jene Menschen besaßen ein
höchst verfeinertes Gefühl für juristische Fragen. Der
vollkommene Ritter, wie er dem Ideal des Zeitalters ent-
sprach, mußte kitzlig sein in allem, was die Rechte an-
ging. Die Unzulänglichkeit, mit der man in Spanien mit-
telalterliche Probleme behandelt hat, ehe Menéndez Pidal
und die jungen Rechtshistoriker auftraten, ist schuld dar-
an, daß an der Gestalt des Cid, des Musterbildes eines
Ritters, seine Eigenschaft als Rechtskundiger nicht mehr
betont worden ist, wiewohl schon der Beiname Campea-
dor diesen Sinn hat; er bedeutet nicht Streiter, sondern
Rechtskundiger. Darum sieht man den Cid beständig in
Rechtshändel verwickelt, beginnend bei dem Eid in Santa
Gadea, der eine Dissertation über ein verfassungsrechtli-
ches Thema ist.
Gewalt ist nicht Recht in den Augen jener Menschen;
aber sie ist die Justiz. Es dauerte lange, bis der Germane
die Einmischung eines Gerichtes hinnahm, das entschied
und bestrafte. Der öffentliche Richter macht den Rechts-
streit zu einer unpersönlichen Angelegenheit. In Überein-
stimmung mit ihrer personalistischen Einstellung hielten
die Völker des Nordens dafür, daß, wer ein Recht besit-
zen will, es selbst verteidigen muß; das Innehaben eines
Rechtes und die Fähigkeit, es geltend zu machen, sind für
sie in gewisser Weise ein und dieselbe Sache.

202
Ideen der Burgen

Und sie denken so von frühesten Zeiten an. Nichts brach-


te die Germanen so heftig gegen ihre Eroberer auf —
sagt Seek in seiner Geschichte des Untergangs der alten
Welt — wie der Umstand, daß auf ihrem Grund und Bo-
den nach römischer Weise Recht gesprochen wurde.
Darum suchten sie aus den Gefangenen der Schlacht am
Teutoburger Wald die Richter heraus, um sie nach den
raffiniertesten Martern hinzurichten. Es war nicht der
Inhalt des Rechts, der diesen Ausbruch hervorrief — das
römische jus gentium war geschmeidig genug, um sich
den Sitten der verschiedensten unterworfenen Völker
anzupassen —; was den „freien“ Germanen unerträglich
schien, war die öffentliche Gerichtsbarkeit als solche und
der Zwang, sich einer Autorität zu unterwerfen, welche
in die Privatangelegenheiten des Individuums eingriff.
In der Tat, wenn wir hinter den Erscheinungen, die
immer verworren und widerspruchsvoll sind, nach dem
Geist suchen, der die wesentlichen Züge des germani-
schen Rechts bestimmt hat, stoßen wir auf den Wider-
stand, das Persönliche im öffentlichen aufgehen zu las-
sen. Cicero versteht unter libertas die Herrschaft der gel-
tenden Gesetze; frei sein heißt auf dem Boden der Geset-
ze leben. Für den Germanen ist das Gesetz immer das
Zweite; es entsteht, nachdem die persönliche Freiheit
anerkannt ist und nun autonom das Gesetz schafft.
Aber ist dies nicht auch der Grundsatz des modernen
Liberalismus? Werden die modernen Demokratien unter
ihrer scheinbaren Übereinstimmung mit denen der alten
Welt nicht von einer ganz anderen Idee geleitet, die völ-

203
Tagebuch einer Sommerfahrt

lig außerhalb des griechischen oder römischen Gesichts-


kreises lag — von der Idee der Freiheit, die dem Gesetz
und dem Staat voraufgeht? Demokratie und Liberalis-
mus! Die beiden Begriffe sind so durcheinandergeraten
in den Köpfen der heutigen Menschen, daß es paradox
klingt, wenn man behauptet, der Liberalismus sei die
Frucht, welche die Burgen auf ihren Horsten getragen
haben. Und doch ist es die reine Wahrheit; wir werden
gleich sehen warum.

Liberalismus und Demokratie

Es ist ein fruchtbares Experiment, das wir hier anstel-


len, indem wir die chemische Verbindung unserer Seele
mit dem Reagens der Burgen in Berührung bringen. Oh-
ne es zu beabsichtigen, erhalten wir einen Niederschlag,
an dem das Gesetz des europäischen Geistes erkennbar
wird.
Im ersten Augenblick erschienen die Burgen uns als
Symptome eines Lebens, das uns im tiefsten fremd ist.
Wir schreckten vor ihnen zurück und suchten Zuflucht
bei den antiken Demokratien, die wir unseren Formen
des öffentlichen Lebens — des Rechtes und des Staates
— verwandter fanden. Aber als wir versuchten, uns als
Bürger Athens oder Roms zu fühlen, entdeckten wir ei-
nen dezidierten Widerstand in uns. Der antike Staat be-
mächtigt sich des ganzen Menschen und läßt ihm auch
nicht den kleinsten Rest zu seinem Privatgebrauch übrig.
In

204
Liberalismus und Demokratie

irgendwelchen unterirdischen Wurzeln unserer Persön-


lichkeit widerstrebt uns dieses vollständige Aufgehen im
Kollektivkörper der Polis oder Civitas. Offenbar sind wir
nicht so rein und ganz Bürger, wie wir im Eifer der Rede
auf Versammlungen und in Leitartikeln beteuern.
So wenden wir uns zurück zu den Burgen und finden,
daß hinter ihren theatralischen Gesten ein Schatz von
Ideen bereit liegt, die mit den tiefsten Bedürfnissen unse-
rer eigenen Seele zusammenstimmen. Ihre Zinnen und
Türme sind errichtet, um die Person gegen den Staat zu
verteidigen. Meine Herren, es lebe die Freiheit!
Aber da wir noch eben gerufen haben, es lebe die De-
mokratie, geraten wir ein wenig in Verwirrung zwischen
unseren beiden Hochrufen. Aus dieser Verwirrung be-
stand, genau besehen, die europäische Geschichte der
beiden letzten Jahrhunderte. Liberalismus und Demokra-
tie sind in unseren Köpfen durcheinandergeraten, und
nicht selten wollen wir das eine und schreien nach dem
anderen.
Darum ist es gut, die beiden Begriffe von Zeit zu Zeit
zu klären und jedem seinen genauen Sinn zu geben. Denn
Liberalismus und Demokratie haben nichts miteinander
zu tun und wirken sich ihrer Tendenz nach in entgegen-
gesetzten Richtungen aus. Sie sind zwei Antworten auf
zwei grundverschiedene Fragen des politischen Rechts.
Die Demokratie antwortet auf die Frage: „Wer soll die
öffentliche Gewalt ausüben?“, und ihre Antwort lau-

205
Tagebuch einer Sommerfahrt

tet: „Die Gesamtheit der Bürger.“ Aber sie sagt nichts


darüber, wie weit die öffentliche Gewalt reichen soll.
Der Liberalismus antwortet auf die Frage: „Ganz ab-
gesehen davon, wer die öffentliche Gewalt ausübt, wie ist
sie zu begrenzen?“, und er entscheidet dahin, daß die
öffentliche Gewalt, liege sie nun in den Händen eines
Autokraten oder des Volkes selbst, auf keinen Fall abso-
lut sein kann; die Personen besitzen Rechte vor jeder
Dazwischenkunft des Staates. Die Tendenz muß dahin
gehen, die Einmischung der öffentlichen Gewalt in be-
stimmten Grenzen zu halten.
Ich denke, daß hierdurch die Verschiedenheit der bei-
den Prinzipe hinreichend deutlich geworden ist. Man
kann sehr liberal und durchaus undemokratisch oder im
Gegenteil sehr demokratisch und nichts weniger als libe-
ral sein.
Die antiken Demokratien waren absolute Herrschaf-
ten, viel absoluter als die irgendeines europäischen Mon-
archen im Zeitalter des sogenannten Absolutismus. Den
Griechen und Römern war die Idee des Liberalismus un-
bekannt. Mehr noch: der Gedanke, daß durch das Indivi-
duum der Staatsgewalt Grenzen gesetzt werden und dar-
um ein Teil der Person stets außerhalb der öffentlichen
Rechtsprechung steht, ist unvereinbar mit dem Geist des
Altertums. Es ist eine germanische Idee, und diese Idee
war die treibende Kraft, welche die Steine der Burgen
aufeinandergetürmt hat. In den Ländern, wohin die Ger-
manen nicht gekommen sind, hat der Liberalismus keine
Wurzeln geschlagen. So ist in Rußland nach

206
Liberalismus und Demokratie

der Vernichtung der absoluten Despotie des Zaren eine


nicht weniger absolute Demokratie entstanden.
Die öffentliche Gewalt ist nie und nirgends geneigt,
irgendwelche Grenzen anzuerkennen, mag sie nun von
einem einzelnen oder von allen ausgeübt werden. Es ist
ein naiver Irrtum, zu glauben, man könne mittels der
Demokratie dem Absolutismus entgehen. Ganz im Ge-
genteil. Es gibt keine grimmigere Autokratie als die un-
greifbare und verantwortungslose des demos. Daher
kommt es, daß der wahrhaft Liberale seine eigenen de-
mokratischen Neigungen mit Mißtrauen und Vorsicht
betrachtet und sie sozusagen auf seine Person beschränkt.
Im Gegensatz zu der öffentlichen Gewalt, dem Recht
des Staates, betont der Liberalismus das private Recht,
das Privi-legium. Die Person bleibt zu einem größeren
oder geringeren Teil den Eingriffen der Souveränität ent-
zogen. Nun wohl, dies Prinzip des Privilegiums, das an
der Person haftet, ist in der Geschichte unbekannt, bis
eine Handvoll gotischer, fränkischer und burgundischer
Adeliger es für sich in Anspruch nehmen. Daß uns heute
der Inhalt dieser oder jener Privilegien unannehmbar
vorkommt, ist eine andere Sache. Das Wichtige und Ent-
scheidende ist, daß damit das Prinzip der Freiheit auf
unserem Stern erschienen war, der Freiheit oder, mit dem
genaueren technischen Ausdruck, der Immunität. Der
spätere Fortschritt bestand in Erörterungen, hinsichtlich
welcher Handlungen und Lebensinhalte die Person frei
sein solle und welchen Individuen das Recht

207
Tagebuch einer Sommerfahrt

auf diese Freiheit zukomme. Hierin wie in vielen anderen


Dingen haben die europäischen Bürgerherrschaften sich
darauf beschränkt, die Lebensformen nachzuahmen, die
von den alten Feudalaristokratien erfunden waren. Die
sogenannten „Menschenrechte“ sind Privilegien und
nichts weiter. In ihnen findet das Rechtsgefühl des Mit-
telalters, von dem unsere Kurzsichtigkeit uns weisma-
chen möchte, daß es unserem eigenen entgegengesetzt
sei, seinen abstraktesten und allgemeinsten Ausdruck.
Die Herren jener ungeheuerlichen Häuser, die wir Bur-
gen nennen, haben die galloromanischen, keltiberischen,
toskanischen Massen zum Liberalismus erzogen.
Es ist aufschlußreich, daß in Frankreich diejenigen,
welche von der geistlichen und antiliberalen Seite her
Geschichte machen möchten, sich immer auf das gallo-
romanische Element berufen, das den absolutistischen
Einschlag in der französischen Nation darstellt. Der libe-
rale Geist andererseits, dessen Blick durch unsere augen-
blicklichen Vorurteile gegen das Mittelalter getrübt ist,
wagt es nicht recht, den fränkischen Bestandteil zu beja-
hen, obwohl er sich heimlich zu ihm hingezogen fühlt.
Und doch kommt die freiheitliche Tradition Frankreichs
nirgends klarer heraus als in den Schriften der Adeligen,
die ihre alten Privilegien gegen die Übergriffe des König-
tums verteidigen. So bei Boulainvilliers oder bei Montlo-
sier. (Ich empfehle als beste Orientierung die Lektüre der
Lettres sur l’histoire de France, die Thierry seinen Narra-
ciones Merovingias vorangesellt hat. Dem Verfasser liegt
die Frage, die wir hier behandeln, voll-

208
Liberalismus und Demokratie

ständig fern; aber gerade darum tritt der liberale Sinn des
Feudalwesens noch ungezwungener hervor, wobei unter
Feudalwesen die ganze Entwicklung verstanden sein soll,
die sich vom Einfalt der Franken bis zum Ende des 14.
Jahrhunderts erstreckt.)
Ich habe den Eindruck, daß wir unsere Ideen vom Mit-
telalter bald gründlich revidieren werden. Bis jetzt ist es
noch nicht gelungen, die Tatsachen einfach und genau,
wie sie sind, zu nehmen. So haben die deutschen Histori-
ker aus Scham über die mangelhafte demokratische Ge-
sinnung ihrer germanischen Vorväter den Tatsachen Ge-
walt angetan, um zu zeigen, daß im Mittelalter das öf-
fentliche Recht bekannt war. Natürlich war es bekannt.
Es ist ein zu wesentlicher Bestandteil des menschlichen
Zusammenlebens, als daß man es unbeachtet lassen
könnte. Die Frage ist, was vorherrscht, das private oder
das öffentliche Recht. Die Germanen waren mehr liberal
als demokratisch, die romanischen Völker mehr demo-
kratisch als liberal. Die englische Revolution ist ein kla-
res Beispiel für den liberalen, die französische für den
demokratischen Geist. Cromwell will die Macht des Kö-
nigs und des Parlaments beschränken, Robespierre will
den Klubs zur Macht verhelfen. So erklärt es sich, daß
die droits de l’homme in die konstituierende Versamm-
lung durch die Vermittlung der Vereinigten Staaten von
England her eindringen. Den Franzosen liegt mehr an der
egalité.

209
Der kriegerische Geist

Schließlich und endlich, sagte ich, sind die Burgen


Häuser, welche ein bestimmte Sorte Menschen sich ge-
baut haben, um darin ihr Leben zu führen. Und wir frag-
ten: Wie muß ein Leben beschaffen sein, damit das Haus
eine Burg wird? Die Art und die Gebräuche unserer
Häuslichkeit sind das beredteste Zeugnis unseres tägli-
chen Lebens. Die Burg setzt täglichen Krieg voraus, ein
Leben als Kampf.
Uns heutigen Menschen macht es große Mühe, uns die
Struktur eines Lebens vorzustellen, für welches Krieg-
führen das tägliche Geschäft war. Bei uns ist es umge-
kehrt. Wir empfinden den Krieg als eine Katastrophe, die
den Gang des Lebens unterbricht. Er erscheint uns so
sehr als Negation alles dessen, was wir unter leben ver-
stehen, daß wir am Krieg kaum etwas anderes sehen als
den Tod.
Seit Spencer pflegt man dem kriegerischen Geist den
Geist des Gewerbefleißes gegenüberzustellen, und nie-
mand zögert, diesem über jenen den Vorrang zu geben.
Der Mensch des vorigen Jahrhunderts war stolz darauf,
für industriell und ganz und gar unkriegerisch zu gelten.
Der Krieg erschien ihm als eine Barbarei — was die rein-
ste Wahrheit ist. Und die Barbarei erschien ihm als das
absolute Böse — was nicht ganz so einleuchtend ist.
Das Wort Barbarei, so wie wir es meist benützen, hat
seine eigentliche Bedeutung verloren und wird nur noch
im herabsehenden Sinn gebraucht; dasselbe Schicksal hat

210
Der kriegerische Geist

das Wort Wildheit gehabt. Man vergißt, daß sie zwei


typische Geisteszustände bezeichnen, die ebenso unver-
meidliche Stufen im Leben der Menschheit sind wie
Kindheit und Jugend im Leben des Individuums. Nie-
mand wird darauf verfallen, nur den Zustand der Reife
als normal und ehrenwert gelten zu lassen und in Kind-
heit und Jugend zwei Krankheiten zu sehen; aber genau
so schief ist es, wenn man auf Barbarei und Wildheit mit
Verachtung herabblickt. Klüger wäre es, recht eingehend
über die Binsenwahrheit nachzudenken, daß die Zivilisa-
tion die Tochter der Barbarei und die Enkelin der Wild-
heit ist. Nur Epochen ohne historischen Sinn, ohne die
Fähigkeit, hinter jeder Wirklichkeit den Prozeß ihrer Ent-
stehung und Entwicklung zu sehen, werden sich auf die
zivilisierten Formen des Lebens beschränken und an der
Barbarei lauter negative Werte entdecken.
Ganz gewiß wäre es beklagenswert, wenn der kulti-
vierte Mensch seine Kultur aufgäbe und wieder zum
Barbaren würde. Aber es hat einen guten Sinn, wenn man
den kultivierten Menschen ermahnt, einen barbarischen
Rest in sich lebendig zu erhalten, ebenso wie es dem rei-
fen Mann wohl ansteht, wenn in seiner Person der Quell
der Kindheit und Jugend nie ganz versiegt. Wer je in sei-
nem Leben dem Genius begegnete, wird mit Erstaunen
gespürt haben, daß er wie von einer Aureole der Kind-
lichkeit umwoben war. Der Fortschritt besteht nicht dar-
in, das Gestern zu zerstören, sondern seine Essenz zu
bewahren, welche die Kraft hatte, das bessere Heute zu
schaffen.

211
Tagebuch einer Sommerfahrt

Diese maßvolle Verteidigung der Barbarei mag para-


dox oder gesucht erscheinen; in Wahrheit enthält sie die
reinste und einfachste Wahrheit. Sie kommt letzten En-
des auf die Feststellung hinaus, daß die Kultur nicht aus
der Kultur geboren wird, sondern aus ursprünglicheren
Anlagen und Kräften, deren Frucht sie ist. Jede Kultur
wurzelt in der Barbarei, und jede Erneuerung der Kultur
quillt aus diesem ihrem barbarischen Grunde; wenn er
erschöpft ist, so vertrocknet die Kultur, erstarrt und stirbt.
Man kann nicht das eine wollen und das andere verach-
ten. Wer eine neue Kultur für morgen erhofft, muß heute
in Europa das unumgängliche Mindestmaß barbarischer
Tugenden sicherstellen.
Die besten Köpfe der Gegenwart empfinden eine ge-
wisse Besorgnis, daß es in Europa mit den vitalen Reser-
ven zu Ende geht, aus denen die Kultur gespeist wird —
und vor allem mit dem kriegerischen Geist.

In jeder Unternehmung spielen zwei Faktoren eine


Rolle, die Lust, sie auszuführen, und die Angst vor der
Gefahr, die damit verbunden ist. Die Frage ist: Was ist
unsere erste Regung, bevor wir noch Zeit haben zu Über-
legung und Nachdenken? Überwiegt in uns die Lust zur
Tat oder die Angst, die sich lieber drückte? Kriegerisch
nenne ich den gewohnheitsmäßigen Lebenszustand, für
den das Wagnis einer Unternehmung kein hinreichender
Beweggrund ist, sie aufzugeben. Für den industriellen

212
Der kriegerische Geist

Geist hingegen entscheidet die Erwägung der Gefahr; für


ihn ist das Leben eine einzige Vorsicht. Der Krieg ist,
konkret betrachtet, eine der vielen Formen, in denen der
kämpferische Geist zutage treten kann. Sein Wesen be-
steht darin, Todesgefahr zu sein. Es ist verständlich, daß
sein Name zum Symbol jedes Wagnisses geworden ist,
da in ihm dem Feind bewußt und vorbedacht Gefahr zu-
bereitet wird.
Im kriegerischen Geist überwiegt die Tatlust alle
Angst vor Gefahr, weil er ein unerschütterliches Vertrau-
en zu sich selbst besitzt. Den industriellen Geist dagegen
beherrscht ein radikales Mißtrauen.
Die Barbarei ist das Zeitalter des Selbstvertrauens,
und diese Tugend sollten wir unserer Epoche einimpfen,
die an allzuviel Vorsicht und Behutsamkeit krankt. So-
wohl dem Wilden, den beständige Angst jagt, wie dem
Kulturmenschen, der von Argwohn und Mißtrauen unter-
höhlt ist, gebricht es an der prachtvollen Gabe des Barba-
ren, auf sich selbst zu bauen.
Der abgelebte Römer in seinen Zweifeln an sich
selbst, seinem Kleinmut und Schwanken sieht an dem
Barbaren vor allem seine Selbstherrlichkeit. Aber diese
Selbstherrlichkeit ist eigentlich nur ein angeborenes un-
erschütterliches Selbstvertrauen und in diesem Sinn —
nicht in dem der Eitelkeit — ein sicheres Bewußtsein des
eigenen Werts. Als es zu der entscheidenden Auseinan-
dersetzung kam, glaubte der Römer — ein Zeichen nie-
dergehenden Lebens — schon nicht mehr an sich selbst,
sondern an seine Kultur; und daß der Germane für diese
nicht den

213
Tagebuch einer Sommerfahrt

geringsten Respekt zeigte, erschien dem feinen Quiriten


als Barbarei, während in Wahrheit der Germane ein viel
zu festes Vertrauen zu sich selbst hatte, als daß er sich
durch ehrfürchtigen Dienst an der Kultur glaubte recht-
fertigen zu müssen. Gestehen wir es uns doch ein, es liegt
viel Götzenverehrung und ängstliches Zauberwesen in
dieser Vergöttlichung der Kultur und den beständigen
Gebeten, die zu ihrer Macht emporsteigen. Wir möchten,
daß sie uns rechtfertigt und rettet, statt uns selbst zu
rechtfertigen und zu retten.

Der Tod als Schöpfer

Es lohnt der Mühe, den Kampf der Meinungen über


den industriellen und den kriegerischen Geist in unserer
Zeit neu zu entfachen. Seit Spencer hat die Welt, und vor
allem der Kern der Welt, unser eigenes Herz, sich sehr
gewandelt, und den kleinsten Neigungsänderungen dieses
Organs entsprechen die gewaltigsten Umstellungen der
allgemeinen Perspektive. Spencer hatte von der Industrie
eine zu gute und vom Krieg eine zu schlechte Meinung.
Heute beginnen wir zu sehen, daß sie trotz ihrer gegen-
sätzlichen Geistesart einander beeinflussen, anregen und
begrenzen und uns weniger zu einer Wahl als zu einer
fruchtbaren Synthese ermuntern. Hier zeigt sich wieder
der eigentümliche Trieb unseres Zeitalters, das überall
auf Vereinigung des Gegensätzlichen und nicht auf An-
schluß drängt. Gegenüber dem „eines oder

214
Der Tod als Schöpfer

das andere“ geht unser Wunsch dahin, „eins und das an-
dere“ zu umfassen.
Der kriegerische Geist, da er von einem Lebensgefühl
des Vertrauens zu sich selbst und zur Umwelt ausgeht,
sollte zu einer lebensbejahenden Weltauffassung führen.
In der Tat war das Mittelalter, das eine unfähige Ge-
schichtsschreibung uns als eine düstere, von Ängsten
erfüllte Welt geschildert hat, die Zeit der optimistischen
Philosophien, während sich bei uns kaum andere als pes-
simistische Stimmen hören lassen. Rührt das Selbstver-
trauen des kriegerischen Geistes vielleicht davon her, daß
ihm die Schattenseiten des Lebens verborgen waren?
Keineswegs; er kennt das Leid der Welt so gut wie Scho-
penhauer, er weiß, daß das Leben Wagnis und Mühsal
ist. Aber, und das ist der springende Punkt, angesichts
der Wirklichkeit von Qual und Bedrohtheit ist seine
spontane Haltung gerade nicht pessimistisch. Dank seiner
prachtvollen Lebenslust schluckt er das Dasein samt all
seinen Schmerzen und Gefahren, ohne mit der Wimper
zu zucken. Sie werden bis zu solchem Grade als dem
Leben wesentlich erkannt, daß man in ihnen nicht den
geringsten Einwand gegen das Leben erblickt; man
nimmt sie hin und rechnet mit ihnen, statt einzig darauf
bedacht zu sein, wie man sie vermeiden kann. Diese Be-
jahung der Gefahr, die dazu führt, daß man sie läuft und
nicht flieht, kennzeichnet die Gewohnheiten des Krie-
gers; sie ist der Ursprung des Hauses als Burg.
Heute fühlen wir eine unvermutete Verwandtschaft

215
Tagebuch einer Sommerfahrt

mit diesem Naturell, das in unserer Zeit einen neuen


Schößling treibt in der durch und durch modernen Form
des Sports. Der Unterschied zwischen Sport und Spiel
scheint mir darin zu bestehen, daß der Sport ein gewisses
Wagnis einschließt, sei es auch nur das der äußersten
Kräfteanspannung. Der Champion schreckt vor der Ge-
fahr nicht zurück, sondern sucht sie.
Es ist wunderlich, daß gerade die Geschöpfe, welche
am wenigsten Lust zum Leben haben und das Dasein als
drückende Last empfinden, wie es bei den meisten heuti-
gen Menschen der Fall ist, doch alles aufbieten, um nur
nicht zu sterben. Die Moral des modernen Zeitalters hat
eine windige Sentimentalität gezüchtet, die als der Übel
größtes den Tod hinstellt. Warum das, wenn das Leben
so schlecht ist? Ist denn das Leben nicht — so wie das
Geld zum Ausgeben — dazu da, daß man es zur rechten
Zeit und mit Anmut verliert? Was für einen Wert hat es,
wenn es, auf keine Karte gesetzt, sich nur in seiner eige-
nen Leere hinzieht und fortschleppt? Wollen wir denn
den Planeten zu einem ungeheuren Hospital, einer einzi-
gen Klinik ausbauen?
Das ist in der Tat das Ideal des industriellen Geistes,
des Bürgers. Er kann sich nicht damit abfinden, daß er in
dem Tod ein wesentliches Attribut des Lebens vor sich
hat; er will leben um jeden Preis, auch um den, das Leben
auf ein Mindestmaß herabzusehen wie manche Tierarten
während ihres Winterschlafes. Die Biologen bezeichnen
einen solchen Zustand als vita minima. Das Leben wird
verlängert auf Kosten seiner Intensität; die

216
Der Tod als Schöpfer

Moral des langen Lebens triumphiert über die des starken


Lebens.
Weder in der Ethik noch in der Biologie hat man bis
jetzt die Tatsache der Unabwendbarkeit des Todes genü-
gend beachtet. Das Leben läßt sich nicht definieren ohne
den Tod. Es ist eine Kette chemischer Prozesse, von de-
nen ein jeder unausweichlich den folgenden auslöst, bis
die ganze vorbestimmte Reihe abgelaufen ist. Vom ersten
Augenblick an fliegt das Leben, wie eine Kugel auf ihrer
Bahn, seinem Ende entgegen; man kann mit dem glei-
chen Recht sagen, daß man lebt, wie daß man ablebt; der
Prozeß des Sterbens setzt mit der Empfängnis ein. Der
Ablauf ist unerbittlich, er läßt sich nur künstlich verzö-
gern, in der Weise, daß alle Reaktionen langsamer vor
sich gehen. Ein Dasein in tempo lento mag länger dauern
als eines im prestissimo; aber chemisch gesprochen ist
gleichviel Leben in beiden. Der Gehalt an Reaktionen
bleibt derselbe, ebenso wie die Anzahl der Bilder auf
einem Film dieselbe ist, gleichgültig ob er schnell oder
langsam gedreht wird. Leidenschaften und Gedanken
sind die mächtigen Beschleuniger des Gefühls-Che-
mismus; sie sind die dahinstürmenden Rosse, die durch-
gehen mit dem Sonnenwagen unseres Schicksals.
Aber wenn chemisch gesehen die Langsamkeit oder
Raschheit des biologischen Tempos auch keinen Unter-
schied macht, so bildet das konzentrierte Leben doch
andere Formen aus als das dünn auf lange Zeit verteilte;
diese Formen sind die verschiedenen Arten der frei-

217
Tagebuch einer Sommerfahrt

willigen Vorwegnahme des Todes, die wir als Heldentum


bezeichnen.
Es ist unverständlich, warum der Imperativ, der uns
gebietet, das Leben willentlich zu formen und zur Erfül-
lung hoher Schicksale zu benutzen, sich nicht auch auf
die Gestaltung des Todes erstreckt. Wenn der Tod auf so
wesentliche Weise Teil des Lebens ist, sollten wir auch
ihn als Werkzeug unseres Heils gebrauchen.
Eine würdigere Moral als die herrschende müßte den
Grundsatz verwerfen, dank dessen wir jedem Wagnis aus
dem Weg gehen, um nur ja eines natürlichen Todes zu
sterben. Der natürliche Tod ist der chemische, zwangs-
läufige, unfreiwillige Tod, der Tod des Tieres und der
Pflanze, vielleicht des Universums. Aber der menschli-
chen Würde ist es angemessener, die Tatsache und die
Kraft des Todes fruchtbar zu machen, indem man ihn
bejaht und meistert. Eine solche höhere Moral müßte
dem Menschen zeigen, daß er sein Leben besitzt, um es
sinnvoll in Gefahr zu bringen.
Der industrielle Geist hilft, ohne sich dessen bewußt
zu sein, an der Verwirklichung dieser Norm des kriegeri-
schen Geistes mit. Unter der Wirkung der Todesfurcht
hat er wunderbare Mittel zur Beherrschung der Natur
erfunden: die Technik, dank derer Menschenkraft gespart
wird; die Medizin, die sinnloses Sterben an irgendeiner
Krankheit unwahrscheinlich macht; die verschiedenen
Arten sozialer Assekuranz, welche die materielle Exi-
stenz erleichtern und die Angehörigen eines Mannes si-
cherstellen, über deren Dasein er kein Recht hat, die

218
Ehre und Vertrag

ihm aber, da er für sie sorgen muß, ein möglichst langes


Leben zur gemeinen Pflicht machen. Alle diese ausge-
zeichneten Vorkehrungen gegen den chemischen Tod
geben uns, da sie die natürlichen Gefahren in hohem
Grade ausschalten, mehr Freiheit, andere von unserer
eigenen Erfindung aufzusuchen. So vereinigen sich die
beiden entgegengesetzten Impulse zur Schöpfung einer
neuen Moral. Aber nach zwei Jahrhunderten der Todes-
flucht tut es not, eine Kunst des Sterbens zu entwickeln.
Neben den zahllosen Krankenhäusern, Sparkassen und
Versicherungsanstalten sollte man die Gefahranstalten
nicht vergessen. Der Sport hat hier wie in manchem an-
deren als erster die Aufgabe unserer Zeit in Angriff ge-
nommen und sich damit befaßt, die Gefahr zu organisie-
ren.
Der chemische Tod ist untermenschlich, die Unsterb-
lichkeit ist übermenschlich. Die Vermenschlichung des
Todes kann nur darin bestehen, daß man ihn mit Freiheit,
Großherzigkeit und Grazie zu nutzen weiß. Laßt uns
Dichter unseres Daseins sein und zu unserem Leben das
genaue Reimwort finden in einem hochgemuten Tode.

Ehre und Vertrag

Im Mittelalter ruhten die Beziehungen zwischen Men-


schen auf dem Grundsatz der Treue, der seinerseits in
dem der Ehre wurzelte. Die moderne Gesellschaft dage-
gen ist auf den Vertrag gegründet. Nichts kann klarer

219
Tagebuch einer Sommerfahrt

den Gegensatz zwischen den Grundgefühlen zeigen, aus


denen die beiden Weltalter lebten. Treue, ihr Name sagt
es, ist das zur Norm erhobene Trauen. Der Mensch ver-
bindet sich mit dem Menschen durch ein Band, das in
ihrer beider innerstem Herzen verankert ist. Der Vertrag
dagegen ist die kaltblütige Erklärung, daß wir unserem
Nächsten im Umgang mit ihm mißtrauen und ihn zu bin-
den suchen kraft eines materiellen Objektes — des Ver-
tragspapiers —, das außerhalb der beiden vertragschlie-
ßenden Personen bleibt und sich in all seiner armseligen
Dinglichkeit gegen sie erheben kann. Welch Geständnis
ist damit abgelegt! Unser Zeitalter traut der Materie mehr
als dem Menschen, just weil sie keine Seele hat und nicht
Person ist. Nicht umsonst hat es die Physik zum Rang
einer Theologie zu erheben gesucht.
In Einklang hiermit heißt derjenige, der den Vertrag
nicht erfüllt, ein Verbrecher, und es wird eine automa-
tisch festgelegte Strafe über ihn verhängt, eine äußere,
das heißt eine Geld- oder Körperstrafe. Wer jedoch eine
Untreue, eine Felonie, begangen hat, heißt treulos, und
mit dieser Benennung ist die Strafe im Prinzip erschöpft.
Sie besteht aus einer öffentlichen Entehrung, denn nur
die Entehrung ist eine Strafe, welche die Person in ihrem
Innersten trifft.
Vielleicht wird man hier einwenden, daß unter den
mittelalterlichen Burgherren zwar viel von Ehre gespro-
chen wurde, daß sie in Wirklichkeit aber von schamloser
Habgier und die abgefeimtesten Schurken waren. Natür-
lich waren sie das. Auch in unserer Zeit werden Ver-

220
Der Sport der Ideale

träge häufig gebrochen oder verdreht; darum die Not-


wendigkeit des enormen Apparats der Rechtsprechung.
Wenn man Zeitalter vergleicht, muß man ein doppeltes
Spiel spielen. Man muß die Tatsachen und getrennt von
ihnen die Ideale oder gültigen Normen der betreffenden
Epochen gegeneinanderhalten. Das Soll für sich und das
Haben für sich; ein anderes Vorgehen wäre unfair. Es
gehört zum Wesen des Ideals, daß es sich nicht verwirk-
lichen läßt; seine Rolle besteht darin, daß es sich jenseits
der Wirklichkeit erhebt und sie symbolisch beeinflußt
wie die Gestirne den Kurs des Schiffs. Norden und Süden
sind keine Häfen, in denen man anlaufen kann; sie sind
Fixpunkte, welche Wege festlegen und Richtungen ge-
ben.
Dieses Projizieren von Idealen auf den unendlich fer-
nen Grund eines Jenseits der Wirklichkeit ist eine natür-
liche Funktion der menschlichen Physis. Wie wir ein
System von Gliedmaßen haben, so sind wir auch mit ei-
nem Vorrat von Normen ausgestattet; und wie jene uns
ein bestimmtes Aussehen geben, so besitzen auch diese
ihre eigentümliche Gestalt.

Der Sport der Ideale

Zuweilen, wenn wir bei der Betrachtung vergangener


Zeiten bemerken, wie darin die Normen, die wir auf
Schritt und Tritt gepriesen finden, immer wieder mißach-
tet werden, können wir uns des Gefühls nicht erwehren,
daß all dies Gerede von hohen Idealen nur dazu da ist,
ein rhetorisches Doppelleben zu ermöglichen, einer

221
Tagebuch einer Sommerfahrt

rauschhaften, künstlichen Begeisterung stattzugeben und


uns den Genuß großer Gesten zu verschaffen. Man hat so
viele Menschen gesehen, denen es ein Bedürfnis ist, ih-
rem wirklichen Schicksal in gutem Glauben eine Art
imaginären zweiten Stockwerks aufzusetzen, worin sie in
großem Stil Komödie spielen und lebende Bilder der
Tugend, Enthaltsamkeit und Opferfreude stellen können.
Diese Funktion der Ideale als Ersatz ist häufiger, als es
scheint. Der Mensch, der in seinem wirklichen Schicksal
zu kurz gekommen ist, benutzt sie als Entschädigung,
und gerade weil er weder stark noch gesund ist, probiert
er vor dem Spiegel die Gebärden strotzender Kraft. Ich
gestehe, mir ist Tugend und Sendung nur erträglich,
wenn ihr Besitzer sich ihrer so sehr schämt, daß er unab-
lässig bemüht ist, sie zu verheimlichen und hinter ande-
ren Masken zu verstecken.

Dieser gauklerische Charakter sublimen Spiels oder


Sports, den die Ideale besitzen, enthüllt sich mehr und
mehr, wenn ein Zeitalter seinem Ende zugeht. Nehmen
wir als Beispiel das Ideal des Rittertums. Sein Bombast,
seine Schiefheit und Rhetorik äußern sich nie übertriebe-
ner als am Ausgang des 15. Jahrhunderts, just weil die
gesellschaftliche Wirklichkeit damals bereits eine Form
angenommen hatte, die sich mit einem Gehaben dieser
Art nicht mehr vertrug. Gerade in den Schriftstellern,
welche die ritterlichen Ideale am feurigsten preisen und

222
Der Sport der Ideale

vor Rührung vergehen bei der Beschreibung von Turnie-


ren, Frauendienst, Kreuzzügen gegen die Ungläubigen,
Ehrenhändeln usw., stoßen wir unversehens auf die Gri-
masse des Spotts. „Das späte Mittelalter ist eine der End-
perioden, in denen das Kulturleben der höheren Kreise
fast ganz zum Gesellschaftsspiel geworden ist. Die Wirk-
lichkeit ist heftig, hart und grausam; man führt sie auf
den schönen Traum des Ritterideals zurück und baut dar-
auf das Lebensspiel auf. Man spielt in der Maske des
Lancelot; es ist ein ungeheurer Selbstbetrug, dessen
schreiende Unwahrheit nur dadurch ertragen werden
kann, daß ein leiser Spott die eigene Lüge verleugnet.“
(I.Huizinga: Herbst des Mittelalters, 1928; S. 107).
Und derselbe Ton klingt aus dem Gedicht des Jean de
Beaumont:

„Sind wir in den Schenken, jene starken Weine trinkend,


Mit den Damen uns zur Seite, die uns anschauen,
Mit ihren glatten Busen, mit den verführerischen Hals
bändern,
Mit den schillernden Augen, die vor lächelnder Schön-
heit leuchten,
Dann treibt uns Natur, ein tatenlustiges Herz zu haben,
. . . Dann besiegen Wir Yaumont und Agoulant,
Und andere gar Olivier und Roland.
Wenn wir aber im Feld sind auf den schnellen Rossen,
Die Schilde am Hals und die Lanzen gesenkt,
Wenn der scharfe Frost uns ganz einfrieren läßt,
Wenn die Glieder uns brechen, so vorn wie hinten,
Und die Feinde an uns herankommen,

223
Tagebuch einer Sommerfahrt

Dann möchten wir in einem so großen Keller sein,


Daß wir nie auch nur ein bißchen gesehen würden!“

Der mißtrauische Zweifel am eigenen Ideal führt zu


Übertreibungen und gibt Anlaß zu den krausesten Aus-
wüchsen. So ergötzte man sich an Abenteuern wie dem
des Prinzen Wilhelm von Oranien, wenn ich mich recht
erinnere, der in einem Turnier so viele Hiebe empfing
und austeilte, daß er den Helm nicht mehr abnehmen
konnte und sich schnurstracks in eine Schmiede begeben,
den Kopf auf den Amboß legen und eine gehörige Tracht
Hammerschläge erdulden mußte. Oder die Geschichte
des Hemds, die ein belgischer Troubadour erzählt. Eine
Dame schickte ihren drei Liebhabern nacheinander ein
Hemd von sich, das sie statt jeglicher Rüstung im Turnier
tragen sollten. Nur der dritte läßt sich auf die harte Probe
stellen; er wird verwundet, und sein Blut tränkt das
Hemd. Sein Heldenmut wird mit der Gunst der Dame
belohnt. Aber der Liebende verlangt Gegenseitigkeit des
Opfers und fordert die Dame auf, das Hemd, blutrot wie
es ist, auf dem Fest zu tragen, das die Waffenspiele be-
schließt.

Das Dienstwesen

Orthodoxe Demokraten erröten, wenn sie lesen, daß


Cervantes sich einen Diener des Grafen de Lemos nann-
te. Mit dem Mangel an historischem Sinn, der ihnen ei-
gen

224
Das Dienstwesen

ist, meinen sie, hinter diesem Wort die Demütigung und


Erniedrigung seines ganzen Standes zu sehen. Und doch
klingt in Cervantes’ Wort noch leise und fern der Sinn
einer der schönsten und edelsten Einrichtungen nach, die
auf den Burgen entstanden sind.
Bei ihrer Betrachtung wird es besonders klar, wie un-
möglich es ist, eine menschliche Tatsache aus dem Zu-
sammenhang aller anderen zu lösen, die in dasselbe Zeit-
alter gehören und ihm seine eigentümliche Färbung ge-
ben. Denn das Gesinde des Mittelalters diente seinem
Herrn nicht anders als die modernen Dienstboten, und
doch hat der gleiche Akt des Dienens in den beiden Epo-
chen einen grundverschiedenen Sinn.
Daß ein Mensch einem anderen dient, erscheint uns
heute als eine untergeordnete und in gewisser Weise er-
niedrigende Handlung. Es ist nicht schwer zu verstehen,
wie es dazu kommt, denn wir stehen unter dem Eindruck
der fable convenue, daß alle Menschen gleich sind. Da
Dienen Unterwerfung voraussetzt und eine Handlung ist,
die moralisch genommen von unten nach oben geht, be-
deutet es so viel wie ein Hinabsinken unter das Niveau
der allgemeinen Gleichheit und damit eine Erniedrigung.
Aber stellen wir uns einen Augenblick auf den entgegen-
gesetzten Standpunkt, daß die Menschen ihrem Wesen
nach ungleich sind, daß die einen mehr sind und mehr
gelten als die anderen; dann bringt jede Annäherung an
den Höheren Gewinn für den Niederen und bedeutet ei-
nen Aufstieg in der Rangordnung. Eine organische und
nicht dem bloßen Zufall überlassene Form

225
Tagebuch einer Sommerfahrt

solcher Annäherung aber ist das Dienstverhältnis. Es ist


die Form des Zusammenlebens, dank welcher der Ge-
meine an der Vortrefflichkeit des Edlen teilhat. Das ist
der tiefere Grund, warum im Mittelalter der Dienst nicht
entehrte, sondern adelte: er ist ein Mittel der Erhöhung
auf der Stufenleiter des menschlichen Ranges.
In den Burgen galt der Dienst nicht als Arbeit und
wurde infolgedessen nicht bezahlt. Aber seit jenen Zeiten
haben die wirtschaftlichen Ideen sich bedenklich verein-
facht und vergröbert: wir kennen fast keine andere Form
der Entschädigung als die Bezahlung. Man bezahlt die
Bemühung eines Menschen in demselben Sinn, wie man
eine Ware bezahlt: das eine hat seinen Handelswert so
gut wie das andere. Im Mittelalter belohnte man einen
Dienst — aber nicht in der Absicht, ihn zu bezahlen. Wie
soll man die Mühewaltung eines Menschen für einen
anderen bezahlen! Es hieße, sie aller Feinheit und Würde
berauben. Am nächsten verwandt mit der mittelalterli-
chen Dienstbelohnung sind in unserer Zeit, soviel ich
sehe, die Ausgaben für Repräsentation. Und das ist es,
was Cervantes von dem Grafen von Lemos erwartete. Im
Mittelalter nahm jeder Mensch, der nicht dem Handarbei-
terstand angehörte, einen genau umschriebenen Platz in
der Gesellschaft ein, mit dem eine bestimmte Art und
Höhe der Lebenshaltung verknüpft war, und es herrschte
die Meinung, daß die Gesellschaft verpflichtet sei, jedem
einzelnen die dazu notwendigen Mittel zur Verfügung zu
stellen, nicht so sehr zu seinem eigenen

226
Das Dienstwesen

Nutzen als zum Wohl der Gesellschaft selbst; und das


galt für alle, auch die höchsten Ämter. Nach Thomas von
Aquins trefflicher Lehre von der Verteilung des Reich-
tums soll man billigerweise nicht, wie wir es tun, von der
Arbeitsmenge ausgehen, welche das Individuum leistet,
sondern von dem Maß von Freigebigkeit und Prachtent-
faltung, das sein Rang ihm auferlegt. Der Reichtum und
seine Bemessung gründete sich nicht auf ein Anrecht auf
Besitz, er war keine Erwerbung im eigentlichen Sinn,
sondern richtete sich nach den Ausgaben, zu denen die
jeweilige soziale Stellung verpflichtete. Diese Vorstel-
lung wurzelt in der allgemeinen Form der Wirtschaft:
man begann mit einem Voranschlag für die Ausgaben
und nicht, wie der moderne Kapitalismus, für die Ein-
nahmen. Die Gütererzeugung richtete sich nach dem
Verbrauch und nicht der Verbrauch nach der Produktion,
was, nach Aussage der Fachleute, ein wesentlicher Zug
des Kapitalismus und, nach meiner unmaßgeblichen
Meinung, eine Verdrehung der richtigen und natürlichen
Ordnung ist. Denn Reichtum ist nur das Mittel zum Er-
werb dessen, was man haben muß oder haben möchte. In
der natürlichen Reihenfolge hat man zuerst das Bedürfnis
oder den Wunsch, ein Ding zu besitzen, und dann sieht
man zu, sich die dazu nötige Summe zu verschaffen.
Aber der moderne Mensch strebt zunächst nach Reich-
tum, das heißt nach dem, was nur Mittel zum Zweck sein
sollte. Er vergrößert die Produktion unbegrenzt, nicht
weil er ihre Produkte braucht, sondern um immer mehr
Reichtümer anzusammeln. Die

227
Tagebuch einer Sommerfahrt

Folge ist, daß die Ware zum Mittel und der Reichtum
zum Endzweck wird.
Doch ist mit allem diesem der wichtigste und feinste
Zug des mittelalterlichen Dienstwesens noch unerwähnt
geblieben. Es gab verschiedene Arten von Vasallen, die
erworbenen, die sich durch einen Pakt in den Schutz und
Dienst eines Mächtigeren gestellt hatten, und die natürli-
chen, welche in der Gefolgschaft einer anderen Person
geboren waren und ihren Herrn, außer durch einen Treu-
bruch, nicht verlassen konnten. Dieser pflegte einige sei-
ner natürlichen Vasallen dadurch auszuzeichnen, daß er
ihre Kinder von frühester Jugend an in seine vornehmere
Haus- und Familiengemeinschaft aufnahm und in der
sittlichen Tradition erzog, die sich darin ausgebildet hat-
te. Diese jungen Knappen besorgten die häuslichen Ge-
schäfte und gehörten als eine Art Adoptivkinder zu der
Familie ihres Herrn. Nach dem gewöhnlichen Brauch
sandte ein Adliger seine Kinder in das Haus seines umit-
telbaren Gefolgsherrn, der den nächst höheren Rang auf
der großen Stufenleiter der Gesellschaft einnahm. Fälle
wie der des Cid, welcher seine Töchter, obgleich er zum
niederen Adel gehörte, an den Hof des Königs bringen
durfte, bedeuteten eine besondere Auszeichnung.
Dies ist der Sinn des Dienstmannentums, einer unver-
gleichlichen sozialen und pädagogischen Einrichtung, die
jahrhundertelang auf den Burgen blühte.

228
WEITERFAHRT

Kantabrien, das Land der Wappenschilder

Die Burgen haben uns allzu lange aufgehalten mit der


beredten Gebärdensprache ihrer Ruinen; wir müssen wei-
ter. Mein Auto ist ein betagter Wagen, der schon viele
Male kreuz und quer durch Spanien gefahren, über fast
alle Pässe geklettert und in Tälern ohne Zahl zur Seite
unserer siechen Flüsse dahingerollt ist. Er ist wie ein alter
Diener; er murrt, aber er tut seine Pflicht. Ab und zu
springt ihm ein Rad ab, das wie durch Zauberkraft auf
eigene Faust durch das knackende Buschwerk rollt und
so entschlossen seinen Weg verfolgt, daß man es für For-
tunens höchsteigenes Glücksrad halten könnte.
Das dürre Spanien bleibt hinter uns, und wir gelangen
über das Gebirge in ein feuchtes Spanien. Das eben noch
nackte, braungelbe oder rote Land bedeckt sich mit üppi-
gem Grün und verengt sich zugleich und zerbricht in
kleine, eng aneinandergedrängte Täler. Hier gibt es keine
streitbaren Burgen mehr, die mit der schartigen Zahnrei-
he ihrer Zinnen in das Himmelsblau beißen, aber statt
ihrer erscheinen die Herrenhäuser aus schwärzlichen oder
hochroten Quadern. Die Burgen Kastiliens sehen aus wie
hungrige Krieger, die Edelsitze hier künden von Frieden
und mäßigem Wohlstand — von Reichtum niemals. Ich
kenne nirgends in Spanien eine Landschaft, die als Gan-
zes den Eindruck von Pracht vermit-

229
Tagebuch einer Sommerfahrt

telte, höchstens tun es hier und da Ausschnitte oder ein


einzelnes Bauwerk wie der Eskorial.
Der Typus des Herrenhauses, eines finsteren, unwir-
schen Gebäudes, wiederholt sich mit leichtenVarianten
von Asturien bis Navarra und kann daher wohl als die
charakteristische Bauweise ganz Kantabriens angespro-
chen Werden. Es ist im Grund kein besonders großes
Haus, und doch versteht man ohne weiteres, warum es
einen so starken Eindruck hinterläßt. Die Größe dieser
Häuser liegt nicht in ihren absoluten Maßen, sondern in
dem Anspruch und den Verhältnissen, gewissermaßen in
der Idee, die sie von sich selber haben. (Villiers de l’Île
Adam definiert den Ruhm als die Idee, die ein jeder von
sich selbst im Busen trägt.) In der Tat, sie erscheinen so
würdevoll und stolz in sich selber ruhend, daß wir sofort
bereit sind, sie für Schlösser zu halten. Die Burgen der
weiträumigen kastilischen Landschaft wirken neben ih-
nen unruhig und gespannt, ihrer Rolle in der Welt nicht
ganz sicher. Es geht mit diesen Gebäuden wie mit man-
chen Menschen, dem Keramiker Daniel Zuloaga zum
Beispiel, dem Bruder Ignacios, des großen Malers; er war
ein sehr kleiner Mann, fast ein Zwerg, aber er hatte die
Gesichtszüge eines Riesen, michelangelesk, so daß er,
wenn man ihn ohne Vergleichsmaßstab auf dem leeren
Himmel der Erinnerung sah, monumentale Formen an-
nahm. Er war ein gigantischer Zwerg — wie die kleinen
Häuser, die in feierlicher Größe an den Landstraßen Kan-
tabriens stehen.
Was veranlaßt diese ernsten, gewichtigen Mauern,

230
Kantabrien, das Land der Wappenschilder

daß sie sich plötzlich kräuseln in dem phantastischen


Linienwerk eines Wappenschilds? Die großen Burgen im
trockenen Spanien tragen keine oder doch nur unschein-
bare Wappen; aber die Häuser des kantabrischen Adels
brüsten sich mit gewaltigen heraldischen Bildern, deren
Zauberflora wie ein plastischer Ausschlag, ein Geschwür
der Prahlsucht, den kahlen, keuschen Stein überwuchert.
Alle verwegenen Abenteuer sind längst bestanden, man
genießt behaglich die wohlgelungene Gegenwart und
träumt von alten Heldentaten. Und der heroische Traum
einer Seele, die den Heroismus aufgegeben hat, sickert
aus den Mauern hervor als die Phantasmagorie einer un-
erschöpflichen heraldischen Fauna: biskayische Löwen,
die Walfische Guipuzcoas, asturische Bären oder Helm-
stutzen mit hohen Federbüschen, Schiffskiele, schwerter-
schwingende Arme. Wir können kein halbes Duzend
Schritte tun, ohne auf eine Mauer zu stoßen, die uns pa-
thetisch ihr Wappenschild entgegenreckt.
Und man beachte, daß die Linie, an welcher das Ge-
wimmel der Wappen beginnt, mit dem Seltnerwerden der
Städte zusammenfällt. Corpus Barga hat vor einiger Zeit
darauf hingewiesen, daß dem Baskenland die Urbs im
eigentlichen Sinne fehlt. Einem Anwohner des Mittel-
meers würde es schwerfallen, in diesen zerstreuten Be-
hausungen, die voreinander zu fliehen scheinen, seine
Idee der Stadt wiederzuerkennen. Die andalusische oder
kastilische Stadt ist ein kompaktes Gebilde; die kanta-
brische ist eher eine Landschaft, eine zentrifugale Stadt,

231
Tagebuch einer Sommerfahrt

in der jedes einzelne Gebäude einen Stoß gegen das freie


Feld zu bekommen hat. (Eine Morphologie der Städte —
welch anziehender Gegenstand!)
Die echte Stadt ist undenkbar ohne einen Marktplatz
als Mittelpunkt — die Agora, das Forum. Wie man eine
Kanone definiert als ein Loch mit Stahl drum herum, so
ist die Stadt ein Platz mit Fassaden drum herum. Was die
Fassade birgt, das Haus dahinter, ist für die Stadt unwe-
sentlich. (Der Leser vergegenwärtige sich nur recht deut-
lich das Bild, das ihm von Athen oder Rom vorschwebt.)
Das heißt, daß es nur dort Städte gibt, wo das öffentliche
vor dem Privaten, der Staat vor der Familie den Vorzug
hat. In ganz Kantabrien ist das Gegenteil der Fall. Der
Instinkt der Blutsgemeinschaft ist stärker als der politi-
sche Instinkt, und das erklärt uns mit einem Schlag so-
wohl die Zerstreuung der baskischen Stadt wie die Hy-
pertrophie der Wappen. Die Kantabrer und Basken sind
stolz auf ihre Familientradition und erhoffen alles von
dem Heil des Stammes. Aber die Familie klammert sich
an ein Stück Erde, denn sie braucht tiefe Wurzeln zur
Ernährung ihres tausendjährigen pflanzenhaften Daseins.
Irgendwo bei Guevara — ich weiß nicht, ist es in seinen
Briefen oder in dem Buch „Verachtung des Hoflebens
und Lob des Dorfes“ — meine ich gelesen zu haben, daß
man sich in jener Zeit als einen Kastilier ausgab, wenn
man für reich, und als einen Basken, wenn man für adlig
gelten wollte. Heute ist der Reichtum — ein sehr relati-
ver Reichtum, in Spanien gibt es keine reichen Leute —
nach Kantabrien ausgewandert, aber der Stam-

232
Santillana del Mar

messtolz lebt weiter, wo er damals zu Hause war, und


hält das innere Fieber in Gang, dessen Phantasien aus den
Wappenschildern der Herrenhäuser herausschlagen.

SANTILLANA DEL MAR

Vor der Höhle von Altamira

Santillana del Mar, das aussieht wie eine altertümliche


Theaterdekoration, erstellt, um endlose Jamben davor zu
rezitieren, läßt uns nach einem Gegengewicht in der Höh-
le von Altamira suchen. Die überlieferte Kunst langweilt
uns, wir haben sie schon so oft betrachtet, daß wir bei
ihrem Anblick schwerlich noch einen Schauder der Er-
griffenheit zu erwarten haben. Romantik, Gotik, Renais-
sance, unsere Reaktionen darauf laufen so gewohnheits-
mäßig ab, daß sie fast schon Reflexe sind. Wir wissen im
voraus, welche Platte in uns spielen wird, wenn das
Kunstwerk erscheint. Auf Abenteuer und Wunder zu hof-
fen, haben wir längst verlernt. Aber wo diese beiden feh-
len, gibt es keinen echten Kunstgenuß. Was man heute so
zu nennen pflegt, ist ein behaglicher, sicherer, sozusagen
ehelicher Genuß, der sich unfehlbar einstellt, wenn ein
höchst bekannter, höchst trefflicher und jeder geistigen
Spannung höchst barer Gegenstand in das Gesichtsfeld
tritt. Es handelt sich um eine ein für allemal festgelegte
Wirkung, die genau genommen in der Seele bereitliegt,
ehe noch das Kunstwerk erblickt wird. Und der wackere
Bürger will gar nichts anderes; er will dar-

233
Tagebuch einer Sommerfahrt

über beruhigt sein, daß die Dinge wirklich ihrem Ruf


entsprechen, daß der schiefe Turm von Pisa tatsächlich
schief ist, daß die gotische Kathedrale Spitzbogen hat
und das Gemälde von Velázquez sich gelehrig wie ein
Hund den Beschreibungen im Baedeker bequemt.
Aber zur echten ästhetischen Erschütterung kann es
nur kommen, wenn man nicht von vornherein innerlich
darauf vorbereitet ist, sie zu empfinden, und die Gebärde
der Bewunderung schon bereithält. Unwillkürlich sagt
man sich: wenn es wirklich so viel schöne Dinge gibt,
wie die Leute behaupten, muß dann nicht eines von bei-
den zutreffen, entweder sollte das Übermaß von Genuß
uns längst getötet haben, oder die Schönheit ist eine so
laue und langweilige Angelegenheit, daß es nicht der
Mühe lohnt, darüber zu reden. Ich glaube, der Sinn für
die Kunst ist uns verlorengegangen, weil sie allzu häufig
und billig geworden ist. Wieviel reizender ist es, sie als
ein Abenteuer anzusehen, das ab und zu — sehr selten im
Grunde — wie ein Blitz aus heiterem Himmel nieder-
fährt. Wir leben so dahin, unseren Geschäften nachge-
hend, und auf einmal packt uns etwas, wirft uns aus unse-
rem täglichen Selbst und reißt uns fort wie der göttliche
Wirbelwind die Propheten in eine jenseitige Welt. Kunst
ist nicht denkbar ohne Ekstase, was wörtlich außer-sich-
sein heißt.
Die Menschheit muß periodisch den Baum der Kunst
schütteln, damit die verfaulten Früchte abfallen. Zum
Besten der Kunst selbst ist Strenge gefordert; ihre Würde
verlangt, daß wir sie zwingen, mit uns zu kämpfen, bis

234
Vor der Höhle von Altamira

wir sie segnen. Wenn wir hemmungslos fortfahren zu


bewundern, mehrt jedes Jahrhundert die Last des angeb-
lich Schönen, und nach weiteren tausend Jahren gibt es
auf dem Planeten nur noch Friedhöfe und Museen. Die
Kunst ist in die Hände des braven Bürgers gefallen; man
muß sie ihm entreißen und wieder unbehaglich machen,
das heißt sich selbst zurückgeben.
Diese Haltung mag übertrieben scheinen; gleichwohl
erlaube man mir, hier einen Augenblick zu verweilen.
Die Frage ist nicht so verspielt, wie sie auf den ersten
Blick aussieht. Sie ist sogar recht ernst, denn was in der
Kunst geschieht, hat, wenn auch in geringerem Maß, sein
Gegenbild in der Wissenschaft, und vielleicht tun wir
besser, an dieser zu exemplifizieren.
Ich bin wieder und wieder dafür eingetreten, daß man
ein Ende machen sollte mit dem Kult der Wissenschaft,
den das 19. Jahrhundert betrieben hat. Denn ein solches
Vorurteil zugunsten der Wissenschaft bewirkt, daß man
zu nachsichtig mit ihr ist, und verbreitet andererseits eine
falsche und übertriebene Vorstellung von ihrer Macht
und Sendung. Aber der Tag muß kommen, an dem der
Betrug ruchbar wird, und dann proklamiert der brave
Bürger den Bankrott der Wissenschaft und den Schiff-
bruch der Kultur und entlarvt die ganze Pseudo-Wis-
senschaft, die sich im Schutz des Kultes angesiedelt hat.
Das ist keine bloße Phantasie. Der Weltkrieg gab bereits
Gelegenheit zu solchen Deklamationen; denn der brave
Bürger war der Meinung, die Wissenschaft und allge-
mein die Kultur sei dazu da, die Kriege abzuschaf-

235
Tagebuch einer Sommerfahrt

fen und ihm sein Leben zu verschönern. Wer weiß, wahr-


scheinlich denkt er auch, die Kunst sei dazu da, seine
Töchter glücklich und tugendhaft zu machen. Und da das
nicht der Fall ist, wird er sich eines Tages gegen die
Kunst wenden und sie zum Tabu erklären.
Ist es nicht klüger, zuzugeben, daß die Kunst und mu-
tatis mutandis die Wissenschaft zwei höchst fragwürdige
Dinge sind, von zweifelhafter Existenz, eigentlich nur
Bemühungen einiger weniger Personen, die sie betreiben,
weil sie Geschmack daran finden, aber ohne irgendwel-
che feierlichen Ansprüche — als spielten sie Schach oder
jagten Schmetterlinge. Was sich von dieser bescheidenen
Grundlage aus behaupten läßt, ist jedem Angriff gewach-
sen. Kunst und Wissenschaft sind unvorhersehbare Ge-
schenke, die dem Menschen in den Schoß fallen, man
weiß nicht, wie, wann und aus welchen geheimnisvollen
Reichen. Darum ist es nicht ratsam, mit ihnen zu rechnen
und das tägliche Leben auf so unsicheren Grund zu bau-
en.
Aber gefordert ist, daß ihnen die Spende des Trinkop-
fers dargebracht werde. Im Altertum vergoß man ein we-
nig des besten Weines zu Ehren der abwesenden Götter,
ohne darum etwas Besonderes von ihnen zu erwarten.
Kunst und Wissenschaft brauchen keine allgemeine
Gunst und Verherrlichung, nur von Zeit zu Zeit ein we-
nig feine, helläugige Beachtung und Kritik — damit es
kund wird, wenn das Wunder geschehen ist.
Nur eine Ausnahme ist zu machen: die Experimental-
wissenschaften. Die Frage nach dem Rang, den sie im

236
Vor der Höhle von Altamira

Stufenbau der Erkenntnis einnehmen, lassen wir füglich


beiseite, wir empfehlen sie nicht als Wissen, sondern als
Werkzeug. Sie enthalten den Schlüssel zur Technik, und
die Technik geht uns alle an. So ist es nur billig, daß man
die große Menge aufruft zur Mitarbeit am Fortschritt der
Technik, der weder fraglich noch ein Wunder ist. Es un-
terliegt keinem Zweifel: wenn die Laboratorien verdop-
pelt und besser dotiert werden und den Forschern Reich-
tum und Ehre winkt, läßt sich fast der Tag voraussagen,
an welchem Krebs und Tuberkulose heilbar sind, an wel-
chem die Erfindung neuer Energieformen die Beanspru-
chung der Menschenkraft weiter herabsetzt usw. Die Be-
geisterung der Massen für diese Art Wissenschaft zu ge-
winnen, ist kein Betrug; in ihr opfern sie einer Macht, die
sie wirklich angeht: die Technik gibt Lösungen.
Aber Kunst und reine Wissenschaft leben von ihrer
Problematik und können nur die kleinen Fähnlein glor-
reicher Abenteurer zu echter Begeisterung entflammen.
Gründen wir die Dinge lieber auf Ehrlichkeit; sie ist die
feste Erde. Man wird mir einwenden, daß auch Kunst und
Wissenschaft Geld und soziale Anerkennung brauchen.
Ausgezeichnet. So möge ihnen beides von besonderen
Gruppen der Gesellschaft zuteil werden, die wahrhaft
empfänglich sind für solche göttlichen Abenteuer.
Angesichts der Höhle von Altamira, in welcher die
Malerei geboren wurde, laßt uns zugeben, daß die Kunst
ein erlauchter Zufall ist. Man kann sie nicht planen wie
ein Verbrechen oder ein Geschäft. Jene Menschen fanden

237
Tagebuch einer Sommerfahrt

sie, ohne sie zu suchen. Sie fiel sie an wie eine Offenba-
rung — wie ein Büffel.

Der Schatten des Zauberstöckchens

Der Führer schlägt das Tor auf, das wie ein Lid über
dem schwarzen Auge der Höhle liegt, und wir treten ein.
Der Fuß tastet sich vorwärts über feuchtes, schlüpfriges
Gestein, und schon fühlen wir uns verschlungen von der
Finsternis, die uns mit ungreifbaren Kiefern packt. Ein
Eingang wie dieser muß zu dem Ort geführt haben, den
die keltische Sage das Purgatorium des heiligen Patri-
zius nennt. Die von dorther wiederkehrten, lachten nie
mehr. Und das soll ein Museum sein! Unsere Abneigung
gegen Kunstsammlungen sänftigt sich ein wenig. Ausge-
zeichnet! Ein Museum im Dunkeln. Die Hände greifen
Finsternis und öffnen sich Wege darin, während der Fuß
abwärts stolpert und gleitet, dem Mittelpunkt der Erde
entgegen.
Indessen steckt der Führer eine Azetylenlampe an.
Unsere Begierde, die berühmten Büffel zu sehen, duldet
keinen Aufschub. Wir blicken zur Decke der Höhle hin-
auf. Da sind sie. Phantastisch, ungeheuer. Sie bewegen
sich auf der Oberfläche des Steins. Doch nein, es ist ein
Irrtum. Was wir sehen, sind unsere eigenen schwanken-
den Schatten, welche die am Boden stehende Lampe an
die Decke wirft. Und die Büffel? Sie scheinen eine ironi-
sche Zurückhaltung zu üben, diese urweltlichen Ko-

238
Der Schatten des Zauberstöckchens

losse, und sich dem profanen Auge nicht ohne weiteres


darzubieten. Offenbar hat sich der Boden der Höhle ge-
hoben, und man ist den Zeichnungen, die meist von be-
trächtlicher Größe sind, zu nahe, als daß man sie mit ei-
nem Blick erfassen könnte. Der Führer muß unserem
Auge zu Hilfe kommen, indem er aus der Ferne mit ei-
nem Zeigestock an dem Umriß des Tieres entlang fährt.
Da das auf die Dauer das Wunderwerk zerstören müßte,
ist er auf eine Auskunft verfallen, die gut zu der Szene,
dem Ort und dem magischen Sinn der Bilder stimmt. Die
Lampe legt über die Schildereien von Altamira die Schat-
ten der Touristen in phantastischen Verzerrungen, so daß
sie als erstes an diesem Ort ihre eigene gewöhnliche Sil-
houette entdecken. (Der Lehrling von Sais durchwandert
die Welt auf der Suche nach der Wahrheit. Verzweifelt
und am Ende seiner Kraft kehrt er zurück zum Tempel
von Sais, betritt das innerste Heiligtum und, den Schleier
zerreißend, der das Geheimnis der Isis verhüllt, findet er
— sein eigenes Bild, das ihm aus einem Spiegel entge-
genstarrt.) Unter den Schatten bewegt sich auch der eines
Stockes in der Hand des Führers, und die Spitze dieses
Schattens gleitet, unwirklich und körperlos, über die
Decke hin und erweckt dort wie durch Zauberei die gan-
ze paläolithische Fauna, die sich seit zwanzigtausend
Jahren in dem nun geöffneten Bauch der Höhle verbarg.
Ich bin zum zweitenmal hier, aber der Eindruck, den
ich das erstemal empfing, ist nur noch stärker geworden.
Die Vollkommenheit und Formenfülle dieser Felsen-

239
Tagebuch einer Sommerfahrt

kunst erschüttert in uns eine ganze Welt erstarrter Vor-


stellungen, die ihrer selbst allzu sicher waren. Kein Zwei-
fel: die Höhle von Altamira ist eines der großen Mensch-
heitsdokumente, die unserer Zeit in den Schoß gefallen
sind. Sie hat auf einen Schlag den Gesichtskreis des
menschlichen Gedächtnisses, der Geschichte und der
Zivilisation verdreifacht. Und wie jede neue Tatsache
großen Formats erfordert sie eine gewaltige Erweiterung
unseres Ideensystems, wenn sie sich darin einfügen soll.
Es läßt sich nicht leugnen, daß sie skandalöse Perspek-
tiven eröffnet. Denn ist es nicht ein Skandal, daß die Ma-
lerei — eine so schwierige Kunst nach Aussage der Ma-
ler — mit dem Vollkommenen beginnt? Genau genom-
men gab schon die ägyptische Kunst einen Fingerzeig in
dieser Richtung. Auch sie erreicht gleich im ersten An-
lauf die plastische Vollkommenheit. Woher nahmen die
Wilden von Altamira die Feinheit, Beschwingtheit und
siegreiche Schönheit dieser Figuren? Aber gestehen wir
es nur, unsere Verwunderung ist ein klein wenig rheto-
risch. Haben wir nicht an manchen der besten heutigen
Künstler bei näherem Umgang steinzeitliche Züge ent-
deckt? Das ist ohne böse Absicht gesagt; viele Leser
werden die gleiche Beobachtung gemacht haben. Herrli-
che Schöpfungen entstehen nicht selten in Menschen von
unbeschreiblicher Primitivität. Es überläuft einen kalt,
wenn man sie über ihre eigenen Werke reden hört; fast
möchte man zweifeln, daß sie wirklich die Urheber sind.
Hierin wie überhaupt besteht ein großer Unterschied zwi-
schen der Literatur und den anderen Künsten.

240
Der Schatten des Zauberstöckchens

Es ist nicht unmöglich, aber ungewöhnlich, daß ein gutes


Buch einen groben und ungebildeten Verfasser hat. Wie
das zu erklären ist, ich weiß es nicht; aber mir ahnt, daß
diese Erfahrung eines Tages ein ernsthafter Einwand ge-
gen Malerei und Plastik werden wird. Vielleicht hat das
vorige Jahrhundert der tatsächlichen Ordnung Gewalt
angetan und diese beiden Künste, indem es sie ungebühr-
lich im Rang erhöhte, sehr zu Unrecht auf die gleiche
Stufe mit der Dichtkunst gestellt. Unbildung an einem
guten Tischler oder Tapezier setzt niemanden in Erstau-
nen. Es ist sehr wohl möglich, daß die bevorstehende
Revision der Wertordnung aller menschlichen Dinge den
Künsten wieder verschiedenen Rang zuteilen und auf
diese Weise manche wunderliche Verwirrung auflösen
wird. Es gibt Fälle, in denen das argumentum ad homi-
nem große Kraft besitzt.
Wir brauchen nicht zu versichern, daß die Maler von
Altamira an der Schönheit, für die wir sie preisen, un-
schuldig sind. Was ihnen bei ihrer Arbeit vorschwebte,
war nicht Schönheit, sondern etwas viel Wichtigeres:
Magie. Zwischen den Büffeln, Hirschen, wilden Pferden
und Ziegen finden sich einige Menschenhände. Man ver-
suchte zuerst, sie rational zu erklären als Abdrücke einer
Hand, die der Künstler, noch feucht von der Substanz,
mit welcher er malte, gegen die Decke gestützt habe.
Aber später fand man dieselbe Hand in anderen prähisto-
rischen Malereien, und außerdem ist es kein Negativ,
nicht die Spur einer Hand, sondern eine gemalte Hand.

241
Tagebuch einer Sommerfahrt

Das Geheimnis, in das wir eindringen, wenn wir die


Höhle von Altamira betreten, ist nicht das Kellerdunkel
der unterirdischen Grotte; es ist die Seele des primitiven
Menschen. In ihr beginnt die Wissenschaft heute ihre
ersten ungeschickten Schritte zu machen; die Hände vor-
gestreckt, sucht sie sich zurecht zu tasten. Aber der Ab-
stand zwischen jenen Seelen und unserer eigenen scheint
immer nur zu wachsen.
Für uns haben zwei Dinge, die sich in etwas ähneln,
darum noch nichts miteinander zu tun. Blitz und Waffe
stimmen darin überein, daß beide töten; aber darum hal-
ten wir sie noch nicht für ein und dasselbe. Unsere Ob-
jekte besitzen eine gewisse Starrheit und Abgeschlossen-
heit. Nicht so im Denken des Wilden. Die Ähnlichkeit
zweier Dinge bedeutet für ihn Identität, ein Teilhaben an
der gleichen Substanz. Was man mit dem einen tut, hallt
im anderen wider, da sie ein und dieselbe Wirklichkeit
sind. Die Liane umschlingt den Baumstamm wie die Ar-
me des Liebenden die Geliebte. Das heißt, daß der Mann,
der einen Lianenaufguß trinkt, die Frau umarmen wird,
die ihn ihm kredenzt. So entsteht der Liebeszauber. Und
da die Dinge auch noch mit sehr entfernten anderen Ähn-
lichkeit haben können, bilden sie Zauberreihen oder –ket-
ten und verbinden sich zu sonderbaren Gruppen, die
durch ihre gleiche magische Substanz geeint sind. Die
Welt des primitiven Menschen hat eine durchaus andere
Ordnung als unsere Wirklichkeit; sie würde am ersten
noch der Welt unserer Dichtung gleichen, wenn wir die-
selbe ernst nähmen. Der Biß in

242
Der Schatten des Zauberstöckchens

eine Rose verletzt gleichzeitig die Wange des Mädchens,


die der Blume gleicht. Bei gewissen wilden Völkern darf
das Mädchen, das um die Rundung seines Busens besorgt
ist, nicht ans Meeresufer gehen, denn die Wellen sind
rund wie Brüste, und da sie beim Zurückfluten der Bran-
dung hohl werden, sind sie Brüste, die welken und ster-
ben.
Für die primitive Seele besitzen die Dinge eine All-
durchdringlichkeit, als wären sie voller metaphysischer
Poren oder von Natur gasförmig. Ein solcher Zustand der
Welt ermöglicht die Technik des Zauberers und die Me-
tapher des Dichters.
Aber es gibt gewisse Dinge, die gewissen anderen in
höchstem Maße gleichen; das sind ihre Bilder, Für uns
besitzt die gemalte Gestalt nicht die geringste eigentliche
Wirklichkeit, und vielleicht sind wir darin unserer Sache
ein wenig zu gewiß. Aber man versteht, daß der Mensch
Jahrtausende brauchte, ehe er sich davon überzeugte, daß
ein gemalter Büffel schließlich doch kein Büffel ist. Es
geht damit wie mit dem Namen, der für die primitive
Seele eine Daseinsform des Dinges bedeutet. Die Eski-
mos glauben, daß ein Mensch aus drei Teilen besteht:
dem Körper, der Seele und dem Namen. Wenn man den
Namen ausspricht, hat man auf gewisse Weise das Ding
selbst. Darum ist es eine allgemein verbreitete Sitte in
primitiven Epochen, dem Kind zwei Namen zu geben,
einen falschen, bei dem es von allen genannt wird, und
einen anderen, wahren, den nur die Mutter kennt und
später der Gattin anvertraut. Einen Überrest

243
Tagebuch einer Sommerfahrt

dieses Namenszaubers übt der fromme Leser, wenn er


sich bekreuzigt im Namen des Vaters, des Sohnes und
des Heiligen Geistes.
So sind wir denn gerüstet, die magische Hieroglyphe
der Höhle von Altamira zu lesen. Ein Büffel und eine
Hand daneben, das bedeutet: Ei, daß wir den Büffel fin-
gen! Es ist die Formel eines Nahrungs- und, wer weiß,
vielleicht schon eines Stierkampfzaubers.

AM STRAND

Der Strand ist der weibliche Teil der Küsten, die Vor-
gebirge verkörpern ihre Männlichkeit.
Der große Strand von Biarritz biegt sich wie eine ge-
schwungene Peitsche, um seine abgerichteten Felsen in
Schach zu halten. Es sind ein halbes Dutzend Ungeheuer
mit ockerfarbenem Fell, die aus dem Wasser auftauchen
und sehr nach künstlicher Staffage aussehen. Sie sind
allzu notwendig in diesem Meer ohne Schiffe und ohne
die Schwermut klippiger Vorgebirge, als daß ihre Ge-
genwart nicht Verdacht wecken sollte. Warum haben sie
so gezierte Formen? Warum sehen sie aus wie die
Traumgriffe kleiner Schreibmaschinenfräuleins? Und da
ganz Biarritz mehr oder weniger ein Kunstprodukt ist,
bin ich überzeugt, daß diese Felsen, die allzu gelegen
kommen, keinem spontanen geologischen Einfall ent-
stammen, sondern vom Verschönerungsverein hier auf-
gestellt sind zur Zierde des Badestrandes und damit all

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In der Bar Basque

dem Blau Gelegenheit wird, beim Anprall zu zischen-


dem Weiß zu zerstäuben. In der Tat, der Schaum legt
sich in unschuldsreiner Krause um ihren Hals und gibt
ihnen das Aussehen dressierter Seelöwen.

In der Bar Basque

Über dem Strand im Erdgeschoß des Grand Hotel liegt


die Bar Basque, wo wir essen wollen. Eine große Holz-
haube auf ein paar Masten überdeckt die Tische. Der sal-
zige Wind weht geradeswegs vom Meer an den freien
Seiten herein und spielt mit den Markisen, daß sie wie
Segel schlagen. Es ist wie auf einem Schiff. An der Tür
nimmt eine junge Baskin uns die Hüte ab, ein schönes
Exemplar ihrer Rasse. Die Augen ein wenig schräg, ein
plattes Näschen, die Haut straff gespannt über den Bak-
kenknochen, das ganze Geschöpf mit einer leichten An-
deutung des mongolischen Typus, ein häufiger Zug bei
baskischen Frauen.
Wir merken gleich, daß gerade im Augenblick unseres
Eintritts alles in voller Fahrt ist. Alle Tische sind besetzt.
Die Manöver überstürzen sich. Bootsmaate mit wehen-
den Schößen geben rasche Befehle an Matrosen und
Schiffsjungen, die eilig kommen und gehen, ein wenig
aufgescheucht offenbar von dem Ernst der Lage. An ei-
nem Tisch sitzt steif und ungerührt mit der Miene des
Kapitäns ein Engländer und blitzt mit seinem enormen
Monokel die Umgebung an.

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Tagebuch einer Sommerfahrt

Aber schau, ein Befrackter nähert sich unserem Tisch


unter Vorantritt eines Leichnams. Wir sahen schon, daß
der Ritus auch an anderen Ankömmlingen vollzogen
wurde. Es mag sich um das Sühneopfer handeln, das bei
gewissen wilden Stämmen dem Fremdling als Zeichen
der Wohlgesinntheit dargebracht wird. Auf einer Schüs-
sel ruht ein mächtiger Fisch von weißlicher Farbe; er ist
eingebettet in lithurgisches Gelee, und sein eisgekühlter
Leib ist mit Substanzen verschiedener Farbe tätowiert.
Ein Kunstwerk, in der Tat. Er könnte von Picasso ge-
kocht sein. Wir bewundern ihn, und er schwebt weiter zu
anderen Tischen auf seinem posthumen Triumphzug.
Unter den Gästen herrschen die Amerikanerinnen vor.
Der alte Kontinent wimmelt von Amerikanerinnen, die
von jenseits des Meeres kommen, entschlossen, alles
durcheinanderzubringen. Sie schwimmen, rudern, trin-
ken, rauchen, spielen Golf, tanzen ohne Aufhören, tore-
ïren in Spanien und beweisen ihre Kultur, indem sie von
Spiritismus reden.
Uns gegenüber sitzen zwei Jüdinnen und nicht weit
davon zwei argentinische Damen. Beide Gruppen äußerst
modern in ihrer exquisiten, weichen, fast unwirklichen
Zartheit und ihrer tadellosen Kleidung. Und doch kann
ich sie nicht anschauen, ohne hinter ihren zierlichen Ge-
stalten endlose Schafherden zu erblicken. Immer ist für
mich die Hebräerin begleitet von den Lämmern der Bibel
und die Kreolin von den unendlichen Merinos der Pam-
pas. All diese Vornehmheit und Eleganz ist nur möglich
auf dem Hintergrund gewaltiger Herden, die ihr

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In der Bar Basque

Vlies nicht für sich selber tragen. Mein Freund und ich
plaudern eine Weile über den Sieg der Hirtenvölker, über
die Zisternen von Kanaan und australische Nandus.
Es liegt eine festliche Heiterkeit in der Luft, die den
Geist frisch und behend macht. Man kann nicht leugnen,
die Franzosen verstehen es, einer Mahlzeit allen feinen
Schwung zu geben, dessen sie fähig ist, besonders seit sie
ein Bündnis mit dem angelsächsischen cock-tail ge-
schlossen haben.
Doch beginnt unsere allgemeine Begeisterung, sich
bestimmten Gegenständen zuzuwenden, und ihr bester
Teil beugt sich huldigend vor einer Frau, die eben herein-
tritt, begleitet von einer Freundin und dem korrektesten
aller Greise. Warum erregt diese Frau unsere Aufmerk-
samkeit, eine zarte, respektvolle Aufmerksamkeit? War-
um möchten wir ihr befreundet sein und die Bemerkung
auffangen, die sie eben gemacht haben muß, mit einem
Lächeln, so leicht und beherrscht, als würde es von einem
geistigen Zügel verhalten? Die anderen eleganten Frauen
ließen uns völlig kalt. Warum? Die Antwort ist nicht
leicht und zwingt zur Lüftung ein wenig unhöflicher Ge-
heimnisse. Man müßte zugeben, daß die elegante Frau in
der Tat häufig nicht die fesselndste ist, und das verlangt
eine Erklärung; denn man macht sich über die Eleganz
recht irrige Vorstellungen. Eleganz wird leicht zum Beruf
und dadurch zu einer beständigen harten Knechtschaft.
Die elegante Frau steht von morgens bis abends im
Dienst ihrer Eleganz. Sie muß an den fünfzehn Orten
erscheinen, wo sich die elegante Welt trifft;

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Tagebuch einer Sommerfahrt

sie ist immer in Eile. Schon das genügt, um sie uninteres-


sant zu machen. Aus dem Wesen der Frau, die wir eben
bewundern, spricht eine Fülle einsamer Stunden; man
fühlt, daß sie jeden Tag viel Zeit für sich selbst bewahrt
und sich von der Tyrannei der „anderen“ befreit. In der
Chemie gibt es Reaktionen, die nur an ganz stillen, von
Erschütterungen freien Orten im verborgensten Winkel
des Laboratoriums vor sich gehen können. Ebenso ver-
langen die besten geistigen Reaktionen, welche die Seele
bereichern und verfeinern, Ruhe und tiefe Muße, ein Stil-
lehalten, damit das Wunder geschehen kann. Diese Frau
wird sicher den ganzen Rest des Sommers nicht mehr
hierher kommen. Man sieht, daß sie nicht überall dabei
ist, daß sie das gewöhnliche Unterhaltungsprogramm
nicht mitmacht, sondern auswählt und nur weniges dar-
aus entnimmt. Und diese feine Geste des Wählens —
vieles zu lassen, eines zu behalten — prägt ihre ganze
Person. Ihre Kleidung folgt der Mode, aber um einen
Grad gedämpft; und der wichtigste Unterschied: die an-
deren Frauen sind ganz und gar hier, sie dagegen bleibt
immer ein wenig fern, mit ihrem besten Teil ist sie nicht
hier, sondern bei sich, in ihrer Einsamkeit, gleich den
Dryaden Griechenlands, die den Baum, in dem sie lebten,
nie ganz verlassen konnten. Und darum ist sie so fes-
selnd; denn wir sind gefesselt, wenn wir ahnen und noch
nicht klar sehen.

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